Johann Gottfried Schnabel
Wunderliche Fata einiger SeeFahrer absonderlich Alberti Julii eines geborenen
Sachsens auf der Insel Felsenburg
Wunderliche FATA einiger SeeFahrer
absonderlich
ALBERTI JULII
eines gebohrnen Sachsens
Welcher in seinem 18den Jahre zu Schiffe gegangen durch SchiffBruch selb 4te
an eine grausame Klippe geworffen worden nach deren Ubersteigung das schönste
Land entdeckt sich daselbst mit seiner Gefährtin verheiratet aus solcher Ehe
eine Familie von mehr als 300 Seelen erzeuget das Land vortrefflich angebauet
durch besondere Zufälle erstaunenswürdige Schätze gesammlet seine in
Deutschland ausgekundschaften Freunde glücklich gemacht am Ende des 1728sten
Jahres als in seinem Hunderten Jahre annoch frisch und gesund gelebt und
vermutlich noch zu dato lebt
entworffen
Von dessen BrudersSohnesSohnesSohne
Mons Eberhard Julio
Curieusen Lesern aber zum vermutlichen
GemütsVergnügen ausgefertiget auch par Kommission dem Drucke übergeben
Von
GISANDERN
Vorrede
Geneigter Leser
Es wird dir in folgenden Blättern eine GeschichtsBeschreibung vorgelegt die
wo du anders kein geschworner Feind von dergleichen Sachen bist oder dein
Gehirne bei Erblickung des TitulBlates nicht schon mit wiederwärtigen
Præjudiciis angefüllet hast unfehlbar zuweilen etwas ob gleich nicht alles
zu besonderer GemütsErgötzung überlassen und also die geringe Mühe so du dir
mit Lesen und Durchblättern gemacht gewisser maßen recompensiren kann
Mein Vorsatz ist zwar nicht einem oder dem andern dieses Werck als einen
vortrefflich begeisterten und in meinen HochDeutschen Stylum eingekleideten
Staats Körper anzuraisoniren sondern ich will das Urteil von dessen Werte
dem es beliebt überlassen und da selbiges vor meine Partie nicht allzu
vorteilhaftig klappen sollte weiter nichts sagen als Haud curat Hippoclides
Auf Teutsch
Sprecht was ihr wolt von mir und Julio dem Sachsen
Ich lasse mir darum kein graues Härlein wachsen
Allein ich höre leider schon manchen der nur einen Blick darauf schießen
lassen also raisoniren und fragen Wie hälts Landsmann kann man sich auch
darauf verlassen dass deine Geschichte keine bloßen Gedichte Lucianische
SpaasStreiche zusammen geraspelte RobinsonadenSpäne und dergleichen sind
Denn es werffen sich immer mehr und mehr Scribenten auf die einem
neubegierigen Leser an diejenige Nase so er doch schon selbst am Kopffe hat
noch viele kleine mittelmäßige und große Nasen drehen wollen
Was gehört nicht vor ein Baumstarcker Glaube darzu wenn man des Herrn von
Lydio trenchirte Insul als eine Wahrheit in den BackOfen seines physicalischen
Gewissens schieben will Wer muss sich nicht vielmehr über den Herrn
GeschichtSchreiber PL als über den armen Einsiedler Philipp Quarll selbst
verwundern da sich der erstere ganz besondere Mühe gibt sein nur den
Mondsüchtigen gläntzendes Mährlein unter dem Hute des Hrn Dorrington mit
demütigstergebensten Flatterien als eine brennende Historische
WahrheitsFackel aufzustecken Die Geschicht von Joris oder Georg Pines hat seit
ao 1667 einen ziemlichen Geburts und BeglaubigungsBrief erhalten nachdem
aber ein Anonymus dieselbe aus dem Englischen übersetzt haben will und im
Deutschen als ein Gerichte SauerKraut mit Stachelbeeren vermischt aufgewärmet
hat ist ein solche Ollebutterie daraus worden dass man kaum die ganz zu
Matsche gekochten Brocken der Wahrheit noch auf dem Grunde der langen Titsche
finden kann Woher denn kommt dass ein jeder der diese Geschicht nicht schon
sonsten in andern Büchern gelesen selbige vor eine lautere Fiction hält mithin
das Kind samt dem Badewasser ausschüttet Gedencket man ferner an die fast
unzählige Zahl derer Robinsons von fast allen Nationen so wohl als andere
LebensBeschreibungen welche meistenteils die Beiwörter Wahrhaftig
erstaunlich erschrecklich noch niemals entdeckt unvergleichlich unerhört
unerdencklich wunderbar bewundernswürdig seltsam und dergleichen führen so
möchte man nicht selten Herr Ulrichen als den Vertreiber eckelhafter Sachen
ruffen zumahlen wenn sich in solchen Schrifften lahme Satyren elender Wind
zerkauete Moralia überzuckerte LasterMorsellen und öfters nicht 6
rechtschaffene oder wahre Historische Streiche antreffen lassen Denn
Halt inne mein Freund Was geht mich dein gerechter oder ungerechter
Eiffer an Meinest du dass ich dieserwegen eine Vorrede halte Nein keines
weges Lass dir aber dienen Ohnfehlbar musst du das von einem Weltberühmten
Manne herstammende Sprichwort Viel Köpffe viel Sinne gehört oder gelesen
haben Der liebe Niemand allein kann es allen Leuten recht machen Was dir nicht
gefällt charmirt vielleicht 10 ja 100 und wohl noch mehr andere Menschen
Alle diejenigen so du anitzo getadelt hast haben wohl eine ganz besondere
gute Absicht gehabt die du und ich erstlich erraten müssen Ich wollte zwar ein
vieles zu ihrer Defension anführen allein wer weiß ob mit meiner
Treuhertzigkeit Danck zu verdienen sei Uber dieses da solche Autores
vielleicht klüger und geschickter sind als Du und ich so werden sie sich
daferne es die Mühe belohnt schon bei Gelegenheit selbst verantworten
Aber mit Gunst und Permission zu fragen Warum soll man denn dieser oder
jener eigensinniger Köpffe wegen die sonst nichts als lauter Wahrheiten lesen
mögen nur eben lauter solche Geschichte schreiben die auf das kleineste Jota
mit einem cörperlichen Eyde zu bestärcken wären Warum soll denn eine geschickte
Fiction als ein Lusus Ingenii so gar verächtlich und verwerfflich sein Wo mir
recht ist halten ja die Herren Teologi selbst davor dass auch in der Heil
Bibel dergleichen Exempel ja ganze Bücher anzutreffen sind Sapienti sat Ich
halte davor es sei am besten getan man lasse solcher Gestalt die Politicos
ungehudelt sie mögen schreiben und lesen was sie wollen sollte es auch gleich
dem gemeinen Wesen nicht eben zu ganz besonderen Vorteil gereichen genug wenn
es demselben nur keinen Nachteil und Schaden verursachet
Allein wo gerate ich hin Ich sollte Dir geneigter Leser fast die
Gedanken beibringen als ob gegenwärtige Geschichte auch nichts anders als pur
lautere Fictiones wären Nein dieses ist meine Meinung durchaus nicht jedoch
soll mich auch durchaus niemand dahin zwingen einen Eyd über die pur lautere
Wahrheit derselben abzulegen Vergönne dass ich deine Geduld noch in etwas
missbrauche so wirst du erfahren wie diese Fata verschiedener SeeFahrenden mir
fato zur Beschreibung in die Hände gekommen sind
Als ich im Anfange dieses nun fast verlauffenen Jahres in meinen eigenen
Verrichtungen eine ziemlich weite Reise auf der LandKutsche zu tun genötigt
war geriet ich bei solcher Gelegenheit mit einen Literato in Kundschaft der
eine ganz besonders artige Konduite besaß Er ließ den ganzen Tag über auf den
Wagen vortrefflich mit sich reden und umgehen so bald wir aber des Abends
gespeist musste man ihm gemeiniglich ein Licht alleine geben womit er sich von
der übrigen Gesellschaft ab und an einen andern Tisch setzte solchergestalt
beständig diejenigen geschriebenen Sachen lass welche er in einem zusamen
gebundenen Paquet selten von Abhänden kommen ließ Sein Beutel war vortrefflich
gespickt und meine Person deren damahliger Zustand eine genaue Wirtschaft
erforderte profitirte ungemein von dessen generositeé welche er bei mir als
einem Feinde des Schmarotzens sehr artig anzubringen wusste Dannenhero geriet
ich auf die Gedanken dieser Mensch müsse entweder ein starcker Kapitaliste
oder gar ein Adeptus sein indem er so viele güldene Species bei sich führte
auch seine besondere Liebe zur Alchymie öfters in Gesprächen verriet
Eines Tages war dieser gute Mensch der erste der den blasenden Postillon zu
Gefallen hurtig auf den Wagen steigen wollte da mittlerweile ich nebst zweien
Frauenzimmern und so viel KauffmannsDienern in der Tür des GastHofs noch ein
Glas Wein ausleereten Allein er war so unglücklich herunter zu stürtzen und
da die frischen Pferde hierdurch schüchtern gemacht wurden gingen ihm zwei
Räder dermaßen schnell über den Leib und Brust dass er so gleich halb tot
zurück in das GastHaus getragen werden musste
Ich ließ die Post fahren und blieb bei diesen im größten Schmerzen
liegenden Patienten welcher nachdem er sich um MitternachtsZeit ein wenig
ermuntert hatte alsofort nach seinem PaquetSchrifften fragte und so bald man
ihm dieselben gereicht sprach er zu mir Mein Herr nehmt und behaltet dieses
Paquet in eurer Verwahrung vielleicht füget euch der Himmel hierdurch ein
Glücke zu welches ich nicht habe erleben sollen Hierauf begehrete er dass man
den anwesenden Geistlichen bei ihm allein lassen sollte mit welchen er denn
seine Seele wohl beraten und gegen Morgen das Zeitliche mit dem Ewigen
verwechselt hatte
Meinen Gedanken nach hatte ich nun von diesem andern Jason das güldene Fell
ererbet und vermeinte ein Besitzer der allersichersten alchimistischen
Processe zu sein Aber weit gefehlt Denn kurtz zu sagen es fand sich sonst
nichts darinnen als Albert Julii GeschichtsBeschreibung und was Mons
Eberhard Julius zur Erläuterung derselben diesem unglücklichen Passagier
sonsten beigelegt und zugeschickt hatte
Ohngeacht aber meine Hoffnung in kurtzer Zeit ein glücklicher Alchymiste
und reicher Mann zu werden sich gewaltig betrogen sah so fielen mir doch
beim Durchlesen dieser Sachen verschiedene Passagen in die Augen woran mein
Gemüt eine ziemliche Belustigung fand und da ich vollends des verunglückten
Literati besonderen BriefWechsel den er teils mit Mons Eberhard Julio
selbst teils mit Herrn GvB in Amsterdam teils auch mit Herrn HWW in
Hamburg dieses Wercks wegen eine Zeit her geführet dabei antraff entbrandte
sogleich eine Begierde in mir diese Geschicht selbst vor die Hand zu nehmen in
möglichste Ordnung zu bringen und hernach dem Drucke zu überlassen es möchte
gleich einem oder den andern viel wenig oder gar nichts daran gelegen sein
denn mein Gewissen riet mir diese Sachen nicht liederlicher Weise zu
vertuschen
Etliche Wochen hierauf da mich das Glück unverhofft nach Hamburg führte
geriet ich gar bald mit dem Herrn W in Bekandtschaft eröffnete demselben
also die ganze Begebenheit des verunglückten Passagiers wie nicht weniger dass
mir derselbe vor seinem Ende die und die Schrifften anvertraut hätte wurde
auch alsobald von diesem ehrlichen Manne durch allerhand Vorstellungen und
Persuasoria in meinem Vorhaben gestärckt anbei der Richtigkeit dieser
Geschichte vermittelst vieler Beweisstümer vollkommen versichert und
belehret wie ich mich bei Edirung derselben zu verhalten hätte
Also siehst du mein Leser dass ich zu dieser Arbeit gekommen bin wie
jener zur Maulschelle und merckest wohl dass mein Gewissen von keiner
Spinnewebe gewürckt ist, indem ich eine Sache die man mir mit vielen Gründen
als wahr und unfabelhaft erwiesen dennoch niemanden anders als solchergestalt
vorlegen will dass er davon glauben kann wie viel ihm beliebt Demnach wird
hoffentlich jeder mit meiner generositeé zu frieden sein können
Von dem übrigen was sonsten in Vorreden pflegt angeführet zu werden noch
etwas weniges zu melden so kann nicht leugnen dass dieses meine erste Arbeit von
solcher Art ist, welche ich in meiner Hertz allerliebsten Deutschen Frau
MutterSprache der Presse unterwerffe Nimm also einem jungen Anfänger nicht
übel wenn er sein erstes Händewerck so frei zur Schaue darstellet selbiges
aber dennoch vor kein untadelhaftes MeisterStücke ausgibt
An vielen Stellen hätte ich den Stylum selbst ziemlich verbessern können und
wollen allein man forcirte mich die Herausgabe zu beschleunigen Zur Mundi
rung des Koncepts ließ mir anderweitige wichtige Verrichtungen keine Zeit
übrig selbiges einem Kopisten hinzugeben möchte vielleicht noch mehr Händel
gemacht haben Hier und dort aber viel auszustreichen einzuflicken Zeichen zu
machen Zettelgen beizulegen und dergleichen schien mir zu gefährlich denn wie
viele Flüche hätte nicht ein ungedultiger Setzer hierbei ausstoßen können die
ich mir alle ad animum revociren müssen
Ich weiß was mir Mons Eberhard Julii kunterbunde Schreiberei quoad formam
vor Mühe gemacht ehe die vielerlei Geschichten in eine ziemliche Ordnung zu
bringen gewesen Hierbei hat mir nun allbereits ein guter Freund vorgeworffen
als hätte ich dieselben fast gar zu sehr durch einander geflochten und etwa das
Modell von einigen RomainenSchreibern genommen allein es dienet zu wissen
dass Mons Eberhard Julius selbst das Kleid auf solche Facon zugeschnitten hat
dessen Gutbefinden mich zu widersetzen und sein Werck ohne Ursach zu
hofemeistern ich ein billiges Bedenken getragen vielmehr meine Schuldigkeit
zu sein erachtet dieses von ihm herstammende Werck in seiner Person und Nahmen
zu demonstriren Uber dieses so halte doch darvor und bleibe dabei dass die
meisten Leser solchergestalt desto besser divertirt werden Beugen doch die
PostKutscher auch zuweilen aus und dennoch moquirt sich kein Passagier drüber
wenn sie nur nicht gar stecken bleiben oder umwerffen sondern zu gehöriger
Zeit fein wieder in die Gleisen kommen
Nun sollte mich zwar bei dieser Gelegenheit auch besinnen ob ich als ein
Recroute unter den Regimentern der Herrn GeschichtsBeschreiber dem s Tp
Hochgeöhrten und Wohlnaseweisen Herrn Momo wie nicht weniger dessen
DutzBruder Herrn Zoilo bei bevorstehender Revüe mit einer Spanischen
Zähnfletzschenden grandezze oder Pohlnischen SubSubmission entgegen gehen
müsse Allein weil ich die Zeit und alles was man dieser Konfusionarien halber
anwendet vor schändlich verdorben schätze will ich kein Wort mehr gegen sie
reden sondern die übrigen in mente behalten
Solte aber geneigter Leser dasjenige was ich zu diesem Wercke an Mühe und
Fleiße beigetragen von Dir gütig und wohl aufgenommen werden so sei
versichert dass in meiner geringen Person ein solches Gemüt anzutreffen
welches nur den geringsten Schein einer Erkänntlichkeit mit immerwährenden
Dancke zu erwidern bemüht lebt Was an der Vollständigkeit desselben annoch
ermangelt soll so bald als möglich hinzu gefügt werden woferne nur der
Himmel Leben Gesundheit und was sonsten darzu erfordert wird nicht abkürtzet
Ja ich dürffte mich eher bereden als meinen Ermel ausreißen lassen künftigen
Sommer mit einem curieusen SoldatenRomain heraus zu rutschen als wozu
verschiedene brave Offiziers allbereit Materie an die Hand gegeben auch damit
zu continuiren versprochen Vielleicht trifft mancher darinnen vor sich noch
angenehmere Sachen an als in Gegenwärtigen
Von den vermutlich mit einschleichenden DruckFehlern wird man mich gütigst
absolviren weil die Druckerei allzuweit von dem Orte da ich mich aufhalte
entlegen ist doch hoffe der sonst sehr delicate Herr Verleger werde sich
dieserhalb um so viel desto mehr Mühe geben solche zu verhüten Letzlich bitte
noch die in dieser Vorrede mit untergelauffenen SchertzWorte nicht zu Poltzen
zu drehen denn ich bin etwas lustigen humeurs aber doch nicht immer Sonsten
weiß vor dieses mahl sonderlich nichts zu erinnern als dass ich nach
Beschaffenheit der Person und Sachen jederzeit sei
Geneigter Leser
den 2 Dec
1730
Dein
dienstwilliger
GISANDER
Erstes Buch
Ob denenjenigen Kindern welche um die Zeit geboren werden da sich Sonnen
oder MondFinsternissen am Firmamente præsentiren mit Recht besondere Fatali
täten zu prognosticiren sein Diese Frage will ich den gelehrten NaturKündigern
zur Erörterung überlassen und den Anfang meiner vorgenommenen
GeschichtsBeschreibung damit machen wenn ich dem Geneigten Leser als etwas
merckliches vermelde dass ich Eberhard Julius den 12 May 1706 eben in der
Stunde das Licht dieser Welt erblickt da die bekandte große SonnenFinsternis
ihren höchsten und fürchterlichsten grad erreicht hatte Mein Vater der ein
wohlbemittelter Kauffmann war und mit meiner Mutter noch kein völliges Jahr im
Ehestande gelebt mochte wegen gedoppelter Bestürtzung fast ganz außer sich
selbst gewesen sein Jedoch nachdem er bald darauf das Vergnügen hat meine
Mutter ziemlich frisch und munter zu sehen mich aber als seinen erstgebohrnen
jungen gesunden Sohn zu küssen hat er sich wie mir erzählt worden vor
Freuden kaum zu bergen gewust
Ich trage Bedenken von denenjenigen tändeleien viel Wesens zu machen die
zwischen meinen Eltern als jungen Eheleuten und mir als ihrer ersten Frucht der
Liebe in den ersten KinderJahren vorgegangen Genung ich wurde von ihnen
wiewohl etwas zärtlich jedoch christlich und ordentlich erzogen weil sie mich
aber von Jugend an dem studieren gewidmet so musste es keines weges an gelehrten
und sonst geschickten LehrMeistern ermangeln deren getreue Unterweisung nebst
meinen unermüdeten Fleiße so viel würckte dass ich auf Einraten vieler
erfahrner Männer die mich examinirt hatten in meinem 17den Jahre nämlich um
Ostern 1723 auf die Universität Kiel nebst einem guten Anführer reisen konnte
Ich legte mich auf die Jurisprudentz nicht so wohl aus meinem eigenen Antriebe
sondern auf Begehren meiner Mutter welche eines vornehmen RechtsGelehrten
Tochter war Allein ein hartes Verhängnis ließ mich die Früchte ihres über meine
guten Progressen geschöpfften Vergnügens nicht lange genießen indem ein Jahr
hernach die schmertzliche Zeitung bei mir einlieff dass meine getreue Mutter am
16 Apr 1724 samt der Frucht in KindesNöten todes verblichen sei Mein Vater
verlangte mich zwar zu seinem Troste auf einige Wochen nach Hause weilen wie er
schrieb weder meine einzige Schwester noch andere Anverwandte seinen
Schmerzen einige Linderung verschaffen könnten Doch da ich zurücke schrieb dass
um diese Zeit alle Kollegia aufs neue angiengen weswegen ich nicht allein sehr
viel versäumen sondern über dieses seine und meine HertzensWunde ehe noch
weiter aufreißen als heilen würde erlaubte mir mein Vater nebst übersendung
eines Wechsels von 200 spec Ducaten noch ein halbes Jahr in Kiel zu bleiben
nach Verfliessung dessen aber sollte nach Hause kommen über Winters bei ihm zu
verharren so dann im FrühJahre das galante Leipzig zu besuchen und meine
studia daselbst zu absolviren
Sein Wille war meine RichtSchnur dannenhero die noch übrige Zeit in Kiel
nicht verabsäumete mich in meinen ergriffenen studio nach möglichkeit zu cultivi
ren gegen Martini aber mit den herrlichsten Attestaten meiner Professoren
versehen nach Hause reiste Es war mir zwar eine hertzliche Freude meinen
werten Vater und liebe Schwester nebst andern Anverwandten und guten Freunden
in völligen GlücksStande anzutreffen allein der Verlust der Mutter tat
derselben ungemeinen Einhalt Kurtz zu sagen es war kein einziges
divertissement so mir von meinem Vater so wohl auch andern Freunden gemacht
wurde vermögend das einwurtzelende melancholische Wesen aus meinem Gehirne zu
vertreiben Deswegen nahm die Zuflucht zu den Büchern und suchte darinnen mein
verlohrnes Vergnügen welches sich denn nicht selten in selbigen finden ließ
Mein Vater bezeigte teils Leid teils Freude über meine douce Aufführung
resolvirte sich aber bald nach meinen Verlangen mich ohne Aufseher oder wie es
zuweilen heißen muss Hofmeister mit 300 fl und einem WechselBriefe auf
1000 Tl nach Leipzig zu schaffen allwo ich den 4 Mart 1725 glücklich
ankam
Wer die Beschaffenheit dieses in der ganzen Welt berühmten Orts nur
einigermaßen weiß wird leichtlich glauben dass ein junger Pursche mit so
vielem baaren Gelde versehen daselbst allerhand Arten von vergnügten
ZeitVertreibe zu suchen Gelegenheit findet Jedennoch war mein Gemüte mit
beständiger Schwermütigkeit angefüllet außer wenn ich meine Kollegia
frequentirte und in meinem Museo mit den Toten conversirte
Ein LandsMann von mir Mons H genannt merkte mein malheur bald
weil er ein Mediciner war der seine Hand allbereit mit größter raison nach dem
DoctorHute ausstreckte Deswegen sagte er einmals sehr vertraulich Lieber
Herr LandsMann ich weiß ganz gewiss dass sie nicht die geringste Ursach haben
sich in der Welt über etwas zu chagriniren ausgenommen den Verlust ihrer seel
Frau Mutter Als ein vernünftiger Mensch aber können sie sich dieserwegen so
heftig und langwierig nicht betrüben erstlich weil sie deren Seeligkeit
vollkommen versichert sind vors andere da sie annoch einen solchen Vater
haben von dem sie alles erwarten können was von ihm und der Mutter zugleich zu
hoffen gewesen Anderer motiven voritzo zu geschweigen Ich setze aber meinen
Kopf zum Pfande dass ihr niedergeschlagenes Wesen vielmehr von einer übelen
Disposition des Geblüts herrühret weswegen ihnen aus guten Hertzen den Gebrauch
einiger Artzeneien hiernächst die Abzapffung etlicher Untzen Geblüts
recommendirt haben will Was gilts rieff er aus wir wollen in 14 Tagen aus
einem andern Tone mit einander schwatzen
Dieser gegebene Rat schien mir nicht unvernünftig zu sein deswegen
leistete demselben behörige Folge und fand mich in wenig Tagen weit
aufgeräumter und leichtsinniger als sonsten welches meinen guten Freunden
höchst angenehm und mir selbst am gefälligsten war Ich wohnete ein und anderm
Schmause bei richtete selbst einen aus spatzirte mit auf die Dörffer kurtz
ich machte alles mit was honette Pursche ohne prostitution vorzunehmen pflegen
Jedoch kann nicht leugnen dass dergleichen Vergnüglichkeiten zum öffteren von
einem bangen HertzKlopffen unterbrochen wurden Die Ursach dessen sollte zwar
noch immer einer Vollblütigkeit zugeschrieben werden allein mein Hertz wollte
mich fast im voraus versichern dass mir ein besonderes Unglück bevorstünde
welches sich auch nach verfluss weniger Tage und zwar in den ersten Tagen der
Mess in folgenden Briefe den ich von meinem Vater empfing offenbarete
Mein Sohn
Erschrecket nicht sondern ertraget vielmehr mein uñ euer unglückliches
Schicksal mit großmütiger Gelassenheit da ihr in diesen Zeilen von mir selbst
leider versichert werdet dass das falsche Glück mit dreien fatalen Streichen
auf einmal meine Reputation und WohlStand ja mein alles zu Boden geschlagen
Fraget ihr wie und auf was Art so wisst dass mein Kompagnon einen Banquerott
auf 2 Tonnen Goldes gemacht dass auf meine eigene Kosten ausgerüstete Ost
Indische Schiff bei der Retour von den SeeRäubern geplündert und letztlich zu
completirung meines Ruins der Verfall der Actien mich allein um 50000 Tl
spec bringt Ein mehreres will hiervon nicht schreiben weil mir im schreiben
die Hände erstarren wollen Lasst euch innliegenden WechselBrief â 2000 Frfl
in Leipzig von Hrn H gleich nach Empfang dieses bezahlen Eure Schwester habe
mit eben so viel und ihren besten Sachen nach Stockholm zu ihrer Baase
geschickt ich aber gehe mit einem wenigen von hier ab um in Ost oder West
Indien entweder mein verlohrnes Glück oder den tot zu finden In Hamburg bei
Hrn W habt ihr vielleicht mit der Zeit Briefe von meinem Zustande zu finden
Lebet wohl und bedauert das unglückliche Verhängnis eures treugesinnten Vaters
dessen Redlichkeit aber allzustarcker hazard und Leichtglaubigkeit ihm und
seinen frommen Kindern dieses malheur zugezogen Doch in Hoffnung GOTT werde
sich eurer und meiner nicht gänzlich entziehen verharre
Dd 5 Apr 1725
Euer
biss ins Grab getreuer Vater
Frantz Martin Julius
Ich fiel nach Lesung dieses Briefes als ein vom Blitz gerührter rückwarts auf
mein Bette und habe länger als 2 Stunden ohne Empfindung gelegen Selbigen
ganzen Tag und die darauf folgende Nacht wurde in größter desperation
zugebracht ohne das geringste von Speise oder Getränke zu mir zu nehmen da
aber der Tag anbrach beruhigte sich das ungestüme Meer meiner Gedanken
einigermaßen Ich betete mein MorgenGebet mit hertzlicher Andacht sung nach
einem MorgenLiede auch dieses GOTT der wirds wohl machen etc schlug hernach
die Bibel auf in welcher mir so gleich der 127 Psalm Davids in die Augen fiel
welcher mich ungemein rührete Nachdem ich nun meine andächtigen ungeheuchelten
Penseen darüber gehabt schlug ich die Bibel nochmals auf und traf ohnverhofft
die Worte Prov 10 der Seegen des HERRN macht reich ohne Mühe etc
Hierbei traten mir die Tränen in die Augen mein Mund aber brach in
folgende Worte aus Mein GOTT ich verlange ja eben nicht reich an zeitlichen
Gütern zu sein ich gräme mich auch nicht mehr um die verlohrnen setze mich
aber wo es dir gefällig ist nur in einen solchen Stand worinnen ich deine
Ehre befördern meinen Nächsten nützen mein Gewissen rein erhalten reputirlich
leben und seelig sterben kann
Gleich denselben Augenblick kam mir in die Gedanken umzusatteln und an
statt der Jurisprudentz die Theologie zu erwählen weswegen ich meine Gelder ein
cassiren zwei teile davon auf Zinsen legen und mich mit dem übrigen auf die
Wittenbergische Universität begeben wollte Allein der plötzliche Uberfall eines
hitzigen Fiebers verhinderte mein eilfertiges Vornehmen denn da ich kaum Zeit
gehabt meinen Wechsel bei Hrn H in Empfang zu nehmen und meine Sachen etwas
in Ordnung zu bringen so sah mich gezwungen das Bette zu suchen und einen
berühmten Medicum wie auch eine WartFrau holen zu lassen Meine LandsLeute so
etwas im Vermögen hatten bekümmerten sich nachdem sie den Zufall meines Vaters
vernommen nicht das geringste um mich ein armer ehrlicher Studiosus aber so
ebenfalls mein LandsMann war blieb fast Tag und Nacht bei mir und muss ich ihm
zum Ruhme nachsagen dass ich in seinen mir damals geleisteten Diensten mehr
Liebe und Treue als Interesse gespüret Mein Wunsch ist ihn dermahleins
auszuforschen und Gelegenheit zu finden meine Erkänntlichkeit zu zeigen
Meine Kranckheit daurete inzwischen zu damaligen großen Verdrusse und
doch noch größeren Glücke biss in die dritte Woche worauf ich die freie Luft
wiederum zu vertragen gewohnete und deswegen mit meinem redlichen LandsManne
täglich ein paar mahl in das angenehme Rosental doch aber bald wieder nach
Hause spatzirete anbei im Essen und Trincken solche Ordnung hielt als zu
völliger wieder herstellung meiner Gesundheit vor ratsam hielt Deñ ich war
nicht gesiñet als ein halber oder ganzer Patient nach Wittenberg zu komen
Der Himmel aber hatte beschlossen dass so wohl aus meinen geistl studieren
als aus der nach Wittenberg vorgenommenen Reise nichts werden sollte Denn als
ich etliche Tage nach meinen gehaltenen KirchGange und erster Ausflucht mein
MorgenGebet annoch verrichtete klopffte der BrieffTräger von der Post an
meine Tür und nach Eröffnung derselben wurde mir von ihm ein Brieff
eingehändiget welchen ich mit zitterenden Händen erbrach und also gesetzt
befand
Dd 21 May 1725
Monsieur
Ihnen werden diese Zeilen so von einer ihrer Familie ganz unbekannten Hand
geschrieben sind unfehlbar viele Verwunderung verursachen Allein als ein
Studirender werden sie vielleicht besser als andere Ungelehrte zu begreiffen
wissen wie unbegreifflich zuweilen der Himmel das Schicksal der sterblichen
Menschen disponiret Ich Endes unterschriebener bin zwar ein Teutscher von
Geburt stehe aber vor itzo als SchiffsKapitain in Holländischen Diensten und
bin vor wenig Tagen allhier in ihrer GeburtsStadt angelanget in Meinung dero
Herrn Vater anzutreffen dem ich eine der allerprofitablesten Zeitungen von der
Welt persönlich überbringen wollte Allein ich habe zu meinem allergrößten
MissVergnügen nicht allein sein gehabtes Unglück sondern über dieses noch
vernehmen müssen dass er allbereit vor MonatsFrist zu Schiffe nach WestIndien
gegangen Diesem aber ungeachtet verbindet mich ein geleisteter cörperlicher
Eyd Ihnen Mons Eberhard Julius als dessen einzigen Sohne ein solches
Geheimnis anzuvertrauen krafft dessen sie nicht allein ihres Herrn Vaters
erlittenen Schaden mehr als gedoppelt ersetzen und vielleicht sich und ihre
Nachkommen biss auf späte Jahre hinaus glücklich machen können
Ich versichere noch einmal Monsieur dass ich mir ihre allerlei Gedanken
bei dieser Affäre mehr als zu wohl vorstelle allein ich bitte sie inständig
alle Hindernisse aus dem Wege zu räumen und sich in möglichster Geschwindigkeit
auf die Reise nach Amsterdam zu machen damit sie längstens gegen St Johannis
Tag daselbst eintreffen Der 27 Jun wo Gott will ist zu meiner Abfahrt nach
OstIndien angesetzt Finden sie mich aber nicht mehr so haben sie eine
versiegelte Schrifft von meiner Hand gestellt bei dem Banquier Herrn GvB
abzufordern wonach sie Ihre Messures nehmen können Doch ich befürchte dass
ihre importanten Affairen weitläufftiger werden und wohl gar nicht glücklich
laufen möchten woferne sie verabsäumeten mich in Amsterdam auf dem
OstIndischen Hause allwo ich täglich anzutreffen und bekannt genug bin
persönlich zu sprechen Schließlich will ihnen die Beschleunigung ihrer Reise zu
ihrer zeitlichen Glückseeligkeit nochmals freundlich recommendiren sie der
guten Hand Gottes empfehlen und beharren
Monsieur
votre Valet
Leonhard Wolffgang
PS
Damit Monsieur Julius in meine Citation kein Misstrauen zu setzen Ursach habe
folgt hierbei ein Wechselbrief a 150 spec Ducaten an Herrn S in Leipzig
gestellt welche zu ReiseKosten aufzunehmen sind
Es wird vielleicht wenig Mühe kosten jemanden zu überreden dass ich nach
Durchlesung dieses Briefes eine gute Zeit nicht anders als ein Träumender auf
meinem Stuhle sitzen geblieben Ja es ist zu versichern dass diese neue und vor
mich so profitable Zeitung fast eben dergleichen Zerrüttung in meinem Gemüte
stifftete als die vorige von dem Unglücke meines Vaters Doch konnte mich
hierbei etwas eher fassen und mit meinem Verstande ordentlicher zu Rate gehen
derwegen der Schluss in wenig Stunden dahinaus fiel mit ehester Post die Reise
nach Amsterdam anzutreten Hierbei fiel mir so gleich der tröstliche Vers ein
Es sind ja Gott sehr schlechte Sachen etc welcher mich anreitzete Gott
herzlich anzuflehen dass er meine Jugend in dieser bedencklichen Sache doch ja
vor des Satans und der bösen Welt gefährlichen Stricken List und Tücken
gnädiglich bewahren und lieber in gröstes Armut als Gefahr der Seelen
geraten lassen wolle
Nachdem ich mich solchergestalt mit Gott und meinem Gewissen wohl beraten
blieb es bei dem gefassten Schluße nach Amsterdam zu reisen Fing deswegen
an alles aufs eiligste darzu zu veranstalten Bei Herrn S ließ ich mir die
150 Duc spec noch selbigen Tages zahlen packte meine Sachen ein bezahlete
alle diejenigen so mir Dienste geleistet hatten nach meinen wenigen Vermögen
reichlich verdung mich mit meiner Equippage auf die Kasselische oder
Holländische Post und fuhr in Gottes Nahmen mit besonderen GemütsVergnügen
von Leipzig ab
Auf dieser Reise begegnete mir nichts außerordentliches außer dem dass ich
mich resolvirte teils Mattigkeit teils Neugierigkeit wegen die berühmten
Seltenheiten in und bei der LandGräfl HessenKasselischen ResidentzStadt
Kassel zu betrachten einen PostTag zu verpassen Nachdem ich aber ziemlich
ausgeruhet und das magnifique Wesen zu admiriren vielfältige Gelegenheit
gehabt verfolgte ich meine vorhabende Reise und gelangete noch vor dem mir
angesetzten Termine glücklich in Amsterdam an
Mein Logis nahm ich auf recommendation des KoffreTrägers in der
WermutsStraße im Wapen von OberYssel und fand daselbst vor einen ermüdeten
Passagier sehr gute Gelegenheit Dem ungeacht vergönnete mir das heftige
Verlangen den Kapitain Wolffgang zu sehen und ausführlich mit ihm zu sprechen
kaum 7 Stunden Zeit zum Schlaffe weil es an sich selbst kräfftig genug war
alle Mattigkeit aus meinen Gliedern zu vertreiben Folgendes Tages ließ ich mich
von müßigen Purschen vor ein gutes TrinckGeld in ein und anderes SchenckHaus
wohin gemeiniglich SeeFahrer zu kommen pflegten begleiten Ich machte mich mit
guter manier bald an diesen und jenen um einen Vorbericht von des Kapitain
Wolffgangs Person und ganzen Wesen einzuziehen doch meine Mühe war überall
vergebens Wir hatten binnen 3 oder 4 Stunden mehr als 12 biss 16 Teé
Koffeé Wein und BrandteweinsHäuser durchstrichen mehr als 50 SeeFahrer
angeredet und doch niemand angetroffen der erwähnten Kapitain kennen wollte
Mein Begleiter fing schon an zu taumeln weil er von dem Weine den ich ihm
an verschiedenen Orten geben ließ ziemlich betruncken war weswegen vors
dienlichste hielt mit demselben den Rückweg nach meinem Quartiere zu suchen Er
ließ sich solches gefallen kaum aber waren wir 100 Schritte zurück gegangen
als uns ein alter BootsKnecht begegnete welchem er zurieff Wohlauf Bruder
Kanst du Nachricht geben von dem Kapitain Wolffgang Hier ist ein TrinckGeld zu
verdienen Well Bruder antwortete der BootsKnecht was soll Kapitain
Wolffgang soll ich nicht kennen soll ich nicht wissen wo er logirt habe ich
nicht 2 Fahrten mit ihm getan habe ich nicht noch vor 3 Tagen 2 fl von ihm
geschenckt bekommen Guter Freund fiel ich ihm in die Rede ists wahr dass ihr
den Kapitain Leonhard Wolffgang kennet so gebet mir weitere Nachricht ich will
Mar Dübel replicirte der Grobian meint ihr dass ich euch belügen will
so geht zum Teuffel und sucht ihn selber Diese mit einer
verzweiffeltboshaftigen und scheelen Mine begleiteten Worte waren kaum
ausgesprochen als er sich ganz negligent von uns abwandte und in einen
WeinKeller verfügte Mein Begleiter riet mir nachzugehen ihm gute Worte und
etliche Stüver an Gelde zu geben auch etwa ein Glas Wein zuzutrincken mit der
Versicherung er würde mir sodann schon aufs neue und viel höfflicher zur Rede
stehen Indem mir nun ein so gar vieles daran gelegen war überwand ich meinen
innerlichen Verdruss den ich über die grausame Grobheit dieses Menschen
geschöpfft hatte und gehorchte meinem halb betrunckenen Ratgeber
Paul so hieß der grobe BootsKnecht hatte kaum einen halben Gulden nebst
einer tüchtigen Kanne Wein und die erste Sylbe von einem guten Worte bekommen
als er so gleich der allerhöflichste Klotz von der ganzen Welt zu werden
schien Er küsste meine Hand mit aller Gewalt wohl 50 mahl hatte wider die
Gewohnheit dieser Leute seine Mütze stets in Händen und wollte alles meines
Bittens ungeacht sein Haupt in meiner Gegenwart durchaus nicht bedecken Mein
Begleiter tranck ihm auf meine Gesundheit fleißig zu Paul tat noch fleißiger
Bescheid erzehlete mir aber dabei alles Haarklein was er von des Kapitain
Wolffgangs Person Leben und Wandel in dem innersten seines Hertzens wusste und
diese Erzählung dauerte über zwei Stunden worauf er sich erbot mich so fort
in des Kapitains Logis zu führen welches nahe an der Börse gelegen sei
Allein ich ließ mich verlauten dass ich meine Visite bei demselben noch
etliche Tage aufschieben und vorher erstlich von der Reise recht ausruhen
wollte Hierauf bezahlte noch 6 Kannen Wein den die beiden nassen Brüder
getruncken hatten verehrete dem treuhertzigen Paul noch einen Gulden und begab
mich allein wieder auf den Weg nach meinem Quartiere weil mein allzu stark
besoffener Wegweiser gar nicht von der Stelle zu bringen war
Ich ließ mir von dem Wirte die Mahlzeit auf meiner Kammer vor mich alleine
zubereiten und wiederholte dabei in Gedanken alles was mir Paul von dem
Kapitain Wolffgang erzählt hatte Hauptsächlich hatte ich angemerckt dass
derselbe ein vortrefflich kluger und tapfferer SeeMann anbei zuweilen zwar
sehr hitzig doch aber bald wieder gelassen gütich und freigebig sei wie er
denn zum öffern nicht allein seine Freunde und BootsKnechte sondern auch
andere ganz frembde mit seinen größten Schaden und Einbusse aus der Not
gerissen Dem ungeacht hätten seine Untergebenen vor wenig Jahren unter Wegs
wider diesen ehrlichen Mann rebellirt demselben bei nächtlicher Weile Hände und
Füße gebunden und ihn bei einem wüsten Felsen ausgesetzt zurück gelassen Doch
hätte vor einigen Monaten das Glücke den Kapitain wieder gesund zurück
geführet und zwar mit vielem Geld und Gütern versehen auf was vor Art er
selbiges aber erworben wusste Paul nicht zu sagen Im übrigen sei er ein Mann
von mittler Statur wohl gebildet und gewachsen Teutscher Nation etwas über
40 Jahr alt und Luterischer Religion
Wie ich nun mit allem Fleiß dahin gestrebet bevor ich mich dem Kapitain zu
erkennen gäbe erstlich bei frembden Leuten sichere Kundschaft wegen seines
Zustandes Wesens Gemüts und LebensArt einzuziehen so konnte mir diese
Nachricht als ein Konfortativ meines ohne dem starken Vertrauens nicht anders
als höchst angenehm sein Die Speisen und Buteille Wein schmeckten mir unter
diesen Gedanken vortrefflich wohl ich machte meinem auf der Post ziemlich
zerschüttelten Körper nach der Mahlzeit dennoch eine kleine Motion hielt aber
darauf ein paar Stunden MittagsRuhe
Gegen Abend ließ ich mich von meinem vorigen Begleiter der seinen Rausch
doch auch schon ausgeschlaffen hatte abermals ausführen und zwar in ein
berühmtes reputirliches KoffeéHaus wo sich unzählige Personen auf verschiedene
Arten divertirten Ich meines Orts sah mich nach Niemanden anders als See
Officianten um war auch so glücklich einen Tisch anzutreffen welcher mit 6
Personen von dergleichen Schlage besetzt unten aber noch Platz genung vor mich
vorhanden war
Ich nahm mir die Freiheit mich nach gemachten höflichen Kompliment mit
meinem KoffeéPotgen zu ihnen zu setzen Ihre gewöhnliche Freiheit verleitete
sie gar bald mich wiewohl in ganz leutseeligen terminis zu fragen wer und
woher ich wäre was meine Verrichtungen allhier Ob ich mich lange in Amsterdam
aufzuhalten gedächte wie es mir allhier gefiele ud gl Ich beantwortete alle
ihre Fragen nach meinem Gutachten und zwar mit sittsamer Bescheidenheit keines
wegs aber mit einer Sclavischen Submission Hiernächst drehten sie das Gespräch
auf die Beschaffenheit verschiedener Etaaten und Örter in Deutschland da ich
ihnen denn auf Befragen nach meinem besten Wissen hinlängliche Satisfaction
gab Auch fielen sie auf die unterschiedlichen Universitäten und Studenten
wobei ihnen ebenfalls zu sattsamer Nachricht nichts schuldig blieb Wesswegen
der Vornehmste unter ihnen zu mir sprach Monsieur ich bekenne dass ihr mir
älter am Verstande als an Jahren vorkommt Bei Gott ich halte viel von
dergleichen jungen Leuten
Ich mochte über diesen unverhofften Spruch etwas rot werden machte aber
ein höflich Kompliment und antwortete Mein Herr Sie belieben allzu
vorteilhaftig von ihrem Diener zu sprechen ich kann freilich nicht leugnen
dass ich erstlich vor wenig Wochen in mein 20stes Jahr getreten bin und
ungeacht mich fast von meiner Kindheit an eiffrig auf die studia gelegt so
weiß ich doch gar zu wohl dass mir noch allzuviel an Konduite und
Wissenschaften mangelt welches ich aber mit der Zeit durch emsigen Fleiß und
den Umgang mit geschickten Leuten zu verbessern trachten werde
Wo ihr Mittel habt setzte ein anderer hinzu wäre es Schade um euch wenn
ihr nicht wenigstens noch 2 oder 3 Jahr auf Universitäten zubrächtet nach
diesen Gelegenheit suchtet die vornehmsten Länder von Europa durchzureisen
Denn eben durch das Reisen erlernet man die Kunst seine erlangte
Wissenschaften hier und dar glücklich anzubringen Eben dieses versetzte ich
ist mein propos und ob gleich meine eigenen Mittel dabei nicht zulänglich sein
möchten so habe doch das feste Vertrauen zu Gott dass er etwan hier oder dar
gute Gönner erwecken werde die mir mit gutem Rat und Tat um meinen Zweck zu
erreichen an die Hand gehen können Ihr meritirt es sehr wohl replicirte der
erstere und ich glaube es wird euch hinführo selten daran mangeln Hiermit
wurde der Discours durch ein auf der Straße entstandenes Lermen unterbrochen
welches sich jedoch bald wiederum stillete die Herrn SeeOffiziers aber blieben
eine kleine Weile ganz stille sitzen Ich tranck meinen Koffeé auch in der
Stille und rauchte eine Pfeiffe KanasterToback da aber merkte dass einer von
ihnen mich öfters sehr freundlich ansah nahm mir die Kühnheit ihn zu fragen
Ob sich nicht allhier in Amsterdam ein gewisser SchiffsKapitain Nahmens
Leonhard Wolffgang aufhielte Mir ist antwortete er dieser Nahme nicht
bekandt Wie fiel ihm derjenige welchen ich vor den vornehmsten hielt in die
Rede soltet ihr den berühmten Kapitain Wolffgang nicht kennen welches jener so
wohl als die andern mit einem KopfSchütteln verneineten Monsieur redete er
zu mir ist Wolffgang etwan euer Befreundter oder Bekandter Mein Herr
versetzte ich keins von beiden sondern ich habe nur unterwegs auf der Post
mit einem Passagier gesprochen der sich vor einen Vetter von ihm ausgab und
dabei sehr viel merckwürdiges von seinen Avanturen erzehlete
Messieurs fuhr also der ansehnliche SeeMann in seiner Rede fort ich kann
euch versichern dass selbiger Kapitain ein perfecter SeeOffizier u dabei
recht starcker Avanturier ist welcher aber doch sehr wenig Wesens von sich
macht und gar selten etwas von seinen eigenen Begebenheiten erzählt es sei
denn dass er bei außerordentlich guter Laune anzutreffen Er ist ein special
Freund von mir ich kann mich aber deswegen doch nicht rühmen viel von seinen
Geheimnissen ausgeforscht zu haben Bei was vor Gelegenheit er zu seinem großen
Vermögen gekommen kann ich nicht sagen denn ich habe ihn vor etliche 20
Jahren da er auf dem Schiffe der Holländische Löwe genandt annoch die Feder
führte als einen pauvre diable gekennet nach diesen hat er den Degen
ergriffen und sich durch seine bravoure zu dem Posten eines Kapitains
geschwungen Seine Konduite ist dermaßen angenehm dass sich jederman mit ihm in
Gesellschaft zu sein wünschet Vor kurzen hat er sich ein vortrefflich neues
Schiff unter dem Nahmen der getreue Paris ausgerüstet mit welchen er eine
neue Tour auf die Barbarischen Küsten und OstIndien zu tun gesonnen und wie
ich glaube in wenig Tagen abseegeln wird Hat einer oder der andere Lust ihn
vor seiner Abfahrt kennen zu lernen der stelle sich morgenden Vormittag auf dem
OstIndischen Hause ein allwo ich notwendiger Affairen halber mit ihm zu
sprechen habe und Abrede nehmen werde an welchem Orte wir uns Nachmittags
divertiren können Hiermit stund der ansehnliche Herr von seiner Stelle auf um
in sein Logis zu gehen die andern folgten ihm ich aber blieb nachdem ich von
ihnen höflichen Abschied genommen noch eine Stunde sitzen hatte meine eigenen
vergnügten Gedanken über das angehörte Gespräch und ging hernachmahls mit
meinem abermals ziemlich berauschten Begleiter zurück in mein Logis allwo mich
so gleich niederlegte und viel sanfter als sonst gewöhnlich ruhte
Folgenden Morgen begab mich in reinlicherer Kleidung in die neue Luterische
Kirche und nach verrichteter Andacht spatzirte auf das OstIndische Haus zu da
nun im Begriff war die Kostbarkeiten desselben ganz erstaunend zu betrachten
hörte ich seitwerts an einem etwas erhabenen Orte die Stimme des gestern mir so
ansehnlich gewesenen SeeOffiziers zu einem andern folgendes reden Mon Frere
seht dort einen wohl conduisirten jungen Deutschen stehen welcher nur vor
wenig Tagen mit der Post von Leipzig gekommen und gestrigen Abend in meiner
Kompagnie nach euch gefragt hat weil er unterwegs einen eurer Vettern
gesprochen Es wurde gleich hierauf etliche mahl gepistet so bald nun
vermerckte dass es mich anginge machte ich gegen die 2 neben einander stehende
Herren meinen Reverence Sie danckten mir sehr höflich beuhrlaubten sich aber
so gleich von einander. Der Unbekandte kam augenblicklich auf mich zu machte
mir ein sehr freundlich Kompliment und sagte Monsieur wo ich mich nicht irre
werden sie vielleicht den Kapitain Wolffgang suchen Mon Patron antwortete
ich ich weiß nicht anders und bin dieserhalb von Leipzig nach Amsterdam
gereist Um Vergebung fragte er weiter wie ist ihr Nahme Meine Antwort
war Ich heiße Eberhard Julius Den Augenblick fiel er mir um den Hals küsste
mich auf die Stirn und sagte Mein Sohn an mir findet ihr denjenigen so ihr
sucht nämlich den Kapitain Leonhard Wolffgang Gott sei gelobet der meinen
Brieff und eure Person die rechten Wege geführet hat doch habt die Güte eine
kleine Stunde hier zu verziehen biss ich nachdem ich meine wichtigen Geschäffte
besorgt wieder anhero komme und euch abruffe Ich versprach seinem Befehl zu
gehorsamen er aber ging eilends fort und kam ehe noch eine Stunde
verstrichen wieder zurück nahm mich bei der Hand und sagte So komet denn
mein Sohn und folgt mir in mein Logis allwo ich euch ein solches Geheimnis
entdecken werde welches je unglaublicher es anfänglich scheinen desto
kostbarer vor euch sein wird Die verschiedenen GemütsBewegungen so bei
dieser Zusammenkunft in mir ganz wunderlich durch einander gingen hatten
meinen Kopf dermaßen verwirret dass fast nicht mehr wusste was ich antworten
oder wie mich stellen wollte doch unterwegens da der Kapitain bald mit diesen
bald mit jenen Personen etwas zu schaffen hatte bekam ich Zeit mich etwas
wieder in Ordnung zu bringen So bald wir demnach in seinem Logis eingetreten
waren umarmete er mich aufs neue und sagte Seid mir vielmahls willkommen
allerwertester Freund und nehmt nicht ungütig wenn ich euch hinführo Mein
Sohn nenne weilen die Zeit lehren soll dass ich als ein Vater handeln und euch
an einen solchen Ort führen werde wo ihr den GrundStein zu eurer zeitlichen
Glückseeligkeit finden könnt welche wie ich glaube durch das Unglück eures
Vaters auf schwachen Fuß gesetzt worden Jedoch weil ich nicht gesonnen bin
vor eingenommener MittagsMahlzeit von unsern importanten Affairen ausführlich
mit euch zu sprechen so werdet ihr euch belieben lassen selbe bei mir
einzunehmen inzwischen aber biss die Speisen zubereitet sind mir eine kurtze
Erzählung von eurem Geschlechte und eigener Auferziehung tun Ich wegerte mich
im geringsten nicht seinem Verlangen ein Genügen zu leisten und fasste zwar
alles in möglichste Kürtze brachte aber dennoch länger als eine Stunde darmit
zu war auch eben fertig da die Speisen aufgetragen wurden
Nachdem wir beiderseits gesättiget und aufgestanden waren befahl der
Kapitain Toback und Pfeiffen her zu geben auch Koffeé zurechte zu machen er
aber langete aus seinem Kontoir einen dreimal versiegelten Brieff und
überreichte mir selben ohne einiges Wortsprechen Ich sah nach der
Uberschrifft und fand dieselbe zu meiner größten Verwunderung also gesetzt
Dieser im Nahmen der heiligen Dreifaltigkeit versiegelte Brieff soll von
niemand anders gebrochen werden als einem der den Geschlechts Nahmen
Julius führt von dem ao 1633 unschuldig entaupteten Stephano Julius
NB erweisslich abstammet und aus keuschem Ehe Bette gezeuget worden
NB
Der Fluch sehr alter Leute die da Gott fürchten tut gottlosen und
betrügerischen Leuten Schaden
Dergleichen Titul und Uberschrifft eines Briefes war Zeit meines Lebens
nicht vor meine Augen kommen doch weil ich ein gut gewissen hatte konnte mich
gar bald in den Handel schicken Der Kapitain Wolffgang sah mich starr an ich
aber machte eine freudige Mine und sagte Mon Pere es fehlt nichts als Dero
gütige Erlaubnis sonsten hätte ich die Macht und Freiheit diesen Brieff zu
erbrechen Erbrechet denselben antwortete er im Nahmen der heil
Dreifaltigkeit Weiln er versetzte ich im Nahmen der heil Dreifaltigkeit
geschrieben und versiegelt worden und mein Gewissen von allen Betrügereien rein
ist so will ich doch nicht anders als auf Dero Befehl denselben auch im
Nahmen der heil Dreifaltigkeit erbrechen Mit Aussprechung dieser Worte löste
ich die Siegel und fand den Innhalt also gesetzt
Mein Enckel
Anders kann und will ich euch nicht nennen und wenn ihr gleich der mächtigste
Fürst in Europa wäret deñ es fragte sich ob mein glückseliger Charakter dem
eurigen nicht vorzuziehen sei indem ich ein solcher Souverain bin dessen
Untertanen so viel Liebe als Furcht und so viel Furcht als Liebe hegen über
dieses an baaren Gelde und Jubelen einen solchen Schatz aufzuweisen habe als
ein großer Fürst seinen Etaat zu formiren von nöten hat Doch was nützet mir
das Prahlen ich lebe vergnügt und will vergnügt sterben wenn nur erst das
Glück erlebt einen von denenjenigen welche meinen GeschlechtsNahmen führen
gesehen zu haben Machet euch auf und kommt zu mir ihr möget arm oder reich
krum oder lahm alt oder jung sein es gilt mir gleich viel nur einen Julius
von Geschlechte der Gottesfürchtig und ohne Betrug ist verlange ich zu
umarmen und ihm den größten Teil der mir und den Meinigen unnützlichen Schätze
zuzuwenden Dem Herrn Leonhard Wolffgang könnt ihr sicher trauen weil er seine
lincke Hand auf meine alte Brust gelegt die rechte aber gegen Gott dem
Allmächtigen in die Höhe gereckt und mir also einen cörperlichen Eyd
geschworen diejenigen Forderungen so ich an ihn getan nach Möglichkeit zu
erfüllen Er wird alles was ich an euch zu schreiben Bedenken trage besser
mündlich ausrichten und eine ziemliche Beschreibung von meinem Zustande machen
Folget ihm in allen was er euch befiehlet seid gesund und kommt mit ihm bald
zu mir Dat Felsenburg den 29 Sept Anno Christi 1724 Meiner Regierung im
78 und meines Alters im 97 Jahre
LS
Albertus Julius
Ich überlass den Brieff wohl 5 biss 6 mahl konnte mir aber dennoch in meinen
Gedanken keinen völligen und richtigen Begriff von der ganzen Sache machen
welches der Kapitain Wolffgang leichtlich merkte und deswegen zu mir sprach
Mein Sohn alles euer Nachsinnen wird vergebens sein ehe ihr die auflösung
dieses Rätzels von mir in Erzählung der wunderbaren Geschicht eures Vettern
Albert Julius vernehmet setzt euch demnach nieder und hört mir zu
Hiermit fing er an eine meines Erachtens der wunderbarsten Begebenheiten
von der Welt zu erzählen die ich dem geneigten Leser als die HauptSache
dieses Buchs am gehörigen Orte ordentlicher und vollständiger vorlegen werde
Voritzo aber will nur melden dass da der Kapitain über zwei Stunden damit
zugebracht und mich in erstaunendes Vergnügen gesetzt hatte ich mich auf eine
recht sonderlich verpflichtete Art gegen ihn bedanckte in allen Stücken seiner
gütigen Vorsorge empfahl anbei allen kindlichen und schuldigen Gehorsam zu
leisten versprach
Nachdem aber fest gestellt war mit ihm zu Schiffe zu gehen ließ er meine
Sachen aus dem Gasthofe abholen und behielt mich bei sich in seinem eigenen
Logis er bezeugte eine ganz besondere Freude über einige schrifftl Documenta
und andere Dinge, welche Zeugnis gaben dass ich und meine Vorfahren in
richtigen graden von dem Stephano Julio herstammeten weil derselbe meines
Großvaters Großvater Johann Baltasar Julius aber als meines leiblichen Vaters
Großvater der anno 1630 geboren ein leiblicher Bruder des Alberti Julii und
jüngster Sohn des Stephani gewesen
Unsere Abfart blieb auf den 27 Jun fest gestellt binnen welcher Zeit
ich 200 Stück deutsche 100 Stück Englische Bibeln 400 Gesang und
Gebetnebst vielen andern so wohl geistl als weltlichen höchst nützlichen
Büchern alle sauber gebunden kauffen und zum mitnehmen einpacken musste über
dieses musste noch vor etliche 1000 Tlr allerhand so wohl künstliche als
gemeine Instrumenta vielerlei HausRat etliche Ballen weiß Pappier Dinten
Pulver Federn Bleistiffte nebst mancherlei Kleinigkeiten erhandeln welches
alles wozu es gebraucht worden am gehörigen Orte melden will
Mein werter Kapitain Wolffgang merkte dass ich nicht gerne müßig ging
überließ mir demnach alle Sorgfalt über diejenigen Puncte so er nach und nach
wie sie ihm beigefallen waren auf ein Papier verzeichnet hatte und zeigte sich
die wenigen Stunden so ihm seine wichtigen Verrichtungen zu Hause zu sein
erlaubten meines verspürten Fleißes und Ordnung wegen sehr vergnügt
Am 24 Jun gleich am Tage Johannis des Täuffers ließ sich da wir eben
Mittags zu Tische saßen ein fremder Mensch bei dem Kapitain melden dieser
ging hinaus denselben abzufertigen kam aber sogleich wieder zurück ins Zimmer
brachte eine ansehnliche Person in Priester habite an der Hand hinein geführet
und nötigte denselben sich bei uns zu Tische zu setzen Kaum hatte ich den
frembden Priester recht ins Gesicht gesehen als ich ihn vor meinen ehemahligen
Informator Herrn Ernst Gottlieb Schmeltzern erkannte umarmete und zu
verschiedenen mahlen küsste denn er hatte von meinem zehenten biss ins 14te
Jahr ungemein wohl an mir getan und mich herzlich geliebt
Als er mich gleichfals völlig erkannt und geküsset gab er seine
Verwunderung mich allhier anzutreffen mit Worten zu verstehen Ich tat ohne
ihm zu antworten einen Blick auf den Kapitain und nahm wahr dass ihm über
unser hertzliches Bewillkommen die Augen voll FreudenTränen stunden Er
sagte setzt euch meine lieben und speiset denn wir hernach noch Zeit genung
haben mit einander zu sprechen
Dem ungeacht konnte ich die Zeit nicht erwarten sondern fragte bald
darauf meinen lieben Herrn Schmeltzer ob er bei denen Luteranern allhier in
Amsterdam seine Beförderung gefunden Er antwortete mit einigem Lächeln Nein
Der Kapitain aber sagte Mein Sohn dieser Herr soll auf dem Schiffe unser
nach diesem an gehörigem Orte auch eurer Vettern und Muhmen Seelsorger sein
Ich habe die Hoffnung von ihm dass er nächst Göttl Hilfe daselbst mehr Wunder
tun und sein Ammt fruchtbarlicher verrichten werde als sonsten unter 100
Luterischen Predigern kaum einer Und in der Tat hatte ihn der Kapitain in
ordentliche Bestallung genommen auf seine Kosten behörig zum Priester weihen
lassen und in Amsterdam bei uns einzutreffen befohlen welchem allen er denn
auch aufs genauste nachgekommen war
Indem aber nunmehr fast alles was der Kapitain entworffen in behörige
Ordnung gebracht war wandte derselbe die 2 letztern Tage weiter sonderlich zu
nichts an als seinen guten Freunden die AbschiedsVisiten zu geben wobei Herr
Schmeltzer und ich ihn mehrenteils begleiteten am 27ten Jun 1725 aber
verließen wir unter dem stärcksten Vertrauen auf den Beistand des Allmächtigen
die Weltberühmte Stadt Amsterdam und kamen den 30 dito auf dem Texel an allwo
wir 14 Tage verweileten den 15 Jul unter Begleitung vieler andern Schiffe
unter Seegel gingen und von einem favorablen Winde nach Wunsche fort getrieben
wurden Nach Mitternacht wurde derselbe etwas stärcker welches zwar niemand von
SeeErfahrnen groß achten wollte jedoch mir der ich schon ein paar Stündgen
geschlummert hatte kam es schon als einer der größten Stürme vor weswegen alle
meine Kourage von mir weichen wollte jedoch da ich nicht gesonnen selbige
fahren zu lassen entfuhr mir folgende Tage nach einander sv alles was in
meinen Magen und Gedärmen vorhanden war Dem Herrn Schmeltzer und vielen andern
so ebenfalls das erste mal auf die See kamen ging es zwar eben nicht anders
allein mir dennoch am allerübelsten weil ich nicht eher außer dem Bette dauern
konnte biss wir den Kanal völlig passiret waren dahingegen die andern sich in
wenig Tagen wieder gesund und frisch befunden hatten
Meinem Kapitain war im rechten Ernste bange worden bei meiner so lange
anhaltenden Kranckheit und indem er mir beständig sein hertzliches Mittleiden
spüren ließ durfte es an nichts was zu meinem Besten gereichte ermangeln
biss meine Gesundheit wiederum völlig hergestellet war da ich denn sonsten
nichts bedaurete als dass mich nicht im Stande befunden hatte von den
Frantzösischen und Englischen Küsten im vorbei fahren etwas in nahen
Augenschein zu nehmen
Nunmehr sah nichts um mich als Wasser Himmel und unser Schiff von den
zurück gelegten Ländern aber nur eine dunckele Schattirung doch hatte kurtz
darauf das besondere Vergnügen bei schönem hellen Wetter die Küsten von
Portugall der Länge nach zu betrachten
Eines Tages da der Kapitain der SchiffLieutenant Horn Johann Ferdinand
Kramer ein gar geschickter Chirurgus von 28 biss 29 Jahren Friedrich
Litzberg ein artiger Mensch von etwa 28 Jahren der sich vor einen
Matematicum ausgab und ich an einem bequemlichen Orte beisammen saßen und
von diesen und jenen discoutirten sagte der Lieutenannt Horn zu dem Kapitain
Mein Herr ich glaube sie könnten uns allerseits kein größeres Vergnügen machen
als wenn sie sich gefallen ließ einige ihnen auf dero vielen Reisen gehabte
Avanturen zu erzählen welche gewiss nicht anders als sonderbar sein können
mich wenigstens würden sie damit sehr obligiren woferne es anders s
ihrer ohne Verdruss geschehen kann
Der Kapitain gab lächelnd zur Antwort Sie bitten mich um etwas mein Herr
das ich selber an Sie würde gebracht haben weilen ich gewisser Ursachen wegen
schon 2 biss drei Tage darzu disponirt gewesen will mir also ein geneigtes
Gehör von ihnen ausgebeten haben und meine Erzählung gleich anfangen so bald
Mons Plager und Harckert unsere Gesellschaft verstärckt haben Litzberg
welchem so wohl als mir Zeit und Weile lang wurde etwas erzählen zu hören
lief stracks fort beide zu ruffen deren der erste ein Uhrmacher etliche 30
Jahr alt der andere ein Posamentirer von etwa 23 Jahren und beides Leute sehr
feines Ansehens waren Kaum hatten sich dieselben eingestellet da sich der
Kapitain zwischen uns einsetzte und die Erzählung seiner Geschichte
folgendermaßen anfing
Ich bin kein Mann aus vornehmen Geschlechte sondern eines Posamentiers oder
Bortenwürckers Sohn aus einer mittelmäßigen Stadt in der Marck Brandenburg
mein Vater hatte zu seinem nicht allzu überflüssigen Vermögen 8 lebendige
Kinder nämlich 3 Töchter und 5 Söhne unter welchen ich der jüngste ihm
auch weil er schon ziemlich bei Jahren der liebste war Meine 4 Brüder
lerneten nach ihren Belieben Handwercke ich aber weil ich eine besondere
Liebe zu den Büchern zeigte wurde fleißig zur Schule und privatInformation
gehalten und brachte es so weit dass in meinem 19 Jahre auf die Universität
nach Franckfurt an der Oder ziehen konnte Ich wollte Jura musste aber auf
expressen Befehl meines Vaters Medicinam studieren ohne zweifel weil nicht
mehr als 2 allbereit sehr alte Medici oder deutlicher zu sagen privilegirte
Liferanten des Todes in unserer Stadt waren die vielleicht ein mehreres an den
Verstorbenen als glücklich curirten Patienten verdient haben mochten Einem
solchen dachte mich nun etwa mein Vater mit guter manier und zwar per genitivum
zu substituiren weilen er eine einzige Tochter hatte welche die allerschönste
unter den hässlichsten Jungfern salvo errore calculi war und der die dentes
sapientiæ oder deutsch zu sagen die letzten Zähne nur allererst schon vor 12
biss 16 Jahren gewachsen waren
Ich machte gute progressen in meinen studieren weilen alle Quartale nur 30
Tlr zu vertun bekam also wenig debauchen machen durfte sondern fein zu
Hause bleiben und fleißig sein musste
Doch mein Zustand auf Universitäten wollte sich zu verbessern mine machen
denn da ich nach andertalbjährigen Absein die PfingstFerien bei meinen Eltern
celebrirte fand ich Gelegenheit bei meinem zu hoffen habenden Hrn
SchwiegerVater mich dermaßen zu insinuiren dass er als ein Mann der in der
Stadt etwas zu sprechen hatte ein jährliches stipendium von 60 Tlr vor mich
heraus brachte welche ich nebst meinen Väterlichen 30 Tlr auf einem Brete
bezahlt in Empfang nahm und mit viel freudigern Hertzen wieder nach
Franckfurt eilete als vor wenig Wochen davon abgereiset war
Nunmehr meinte ich keine Not zu leiden führte mich demnach auch einmal
als ein rechtschaffener Pursch auf und gab einen Schmauss vor 12 biss 16 meiner
besten Freunde wurde hierauf von ein und andern wieder zum Schmause invitirt
und lernete recht pursicos leben das ist fressen sauffen speien schreien
wetzen und dergleichen
Aber Aber meine Schmauserei bekam mir wie dem Hunde das Grass denn als ich
einsmals des Nachts ziemlich besoffen nach Hause ging und zugleich mein
Mütlein mit dem Degen in der Faust an den unschuldigen Steinen kühlete kam
mir ohnversehens ein eingebildeter Eisenfresser mit den tröstlichen Worten auf
den Hals Bärenheuter steh Ich weiß nicht was ich nüchterner Weise getan
hätte wenn ich Gelegenheit gesehen mit guter manier zu entwischen so aber
hatte ich mit dem vielen getrunckenen Weine doppelte Kourage eingeschlungen
setzte mich also weil mir der Pass zur Flucht ohnedem verhauen war in positur
gegen meinen Feind offensive zu agiren und legte denselben nach kurzen chargi
ren mit einem fatalen Stosse zu Boden Er rieff mit schwacher Stimme
Bärenhäuter du hast dich gehalten als ein resoluter Kerl mir aber kostet es
das Leben GOTT sei meiner armen Seele gnädig
Im Augenblicke schien ich ganz wieder nüchtern zu sein ruffte auch
niemanden der mich nach Hause begleiten sollte sondern schlich viel hurtiger
davon als der Fuchs vom Hüner Hause Dennoch war es ich weiß nicht quo fato
heraus gekommen dass ich der Täter sei es wurde auch stark nach mir gefragt
und gesucht doch meine besten Freunde hatten mich nebst allen meinen Sachen
dermaßen künstlich versteckt dass mich in 8 Tagen niemand finden vielweniger
glauben konnte dass ich noch in loco vorhanden sei Nach verfluss solcher
ängstlichen 8 Tage wurde ich eben so künstlich zum Tore hinaus practiciret
ein anderer guter Freund kam mit einem Wagen hinter drein nahm mich unterwegs
dem Scheine nach aus Barmhertzigkeit zu sich auf den Wagen und brachte meinen
zitterenden Körper glücklich über die Grentze an einen solchen Ort wo ich
weiter sonderlich nichts wegen des Nachsetzens zu befürchten hatte Doch allzu
sicher durfte ich eben auch nicht trauen deswegen practicirte mich durch
allerhand Umwege endlich nach Wunsche in die an der OstSee gelegene Königl
Schwed Unniversität Grypswalda allwo ich in ganz guter Ruhe hätte leben
können wenn mir nur mein unruhiges Gewissen dieselbe vergönnet hätte denn
außer dem dass ich die schwere BlutSchuld auf der Seele hatte so kam noch die
betrübte Nachricht darzu dass mein Vater so bald er diesen Streich erfahren
vom Schlage gerühret worden und wenig Stunden darauf gestorben sei Meinen
Teil der Erbschaft hatten die Gerichten confiscirt doch schickten mir meine
Geschwister aus commiseration jedes 10 Tlr von dem ihrigen und baten mich
um GOTTES willen so weit in die Welt hinein zu gehen als ich könnte damit sie
nicht etwa eine noch betrübtere Zeitung von Abschlagung meines Kopffs bekommen
möchten
Ich hatte nach verlauf fast eines halben Jahres ohnedem keine Lust mehr in
Grypswalde zu bleiben weilen mir nicht so wohl hinlängliche subsidia als eine
wahre GemütsRuhe fehleten entschloss mich demnach selbige auf der unruhigen
See zu suchen und dessfals zu Schiffe zu gehen Dieses mein Vorhaben entdeckte
ich einem Studioso Teologiæ der mein sehr guter Freund und Sohn eines starken
HandelsMannes in Lübeck war selbiger recommendirte mich an seinen Vater der
eben zugegen und seinen Sohn besuchte der Kauffmann stellte mich auf die
Probe da er nun merkte dass ich im schreiben und rechnen sauber und expedit
auch sonsten einen ziemlich verschlagenen Kopf hatte versprach er mir jährlich
100 Tlr SilberMüntze beständige defrayirung so wohl zu Hause als auf
Reisen und bei gutem Verhalten dann und wann ein extraordinaires ansehnliches
Accidens
Diese schöne Gelegenheit ergriff ich mit beiden Händen reiste mit ihm nach
Hause und insinuirte mich durch unermüdeten Fleiß dermaßen bei ihm dass er in
kurtzer Zeit ein starckes Vertrauen auf meine Konduite setzte und mich mit den
wichtigsten Kommissionen in diejenigen SeeStädte versendete wo er seine
vornehmsten Verkehr hatte
Nachdem ich 2 Jahr bei ihm in Diensten gestanden wurde mir da ich nach
Amsterdam verschickt war daselbst eine weit profitablere Kondition angetragen
ich acceptirte dieselbe reiste aber erstlich wieder nach Lübeck forderte von
meinem Patron ganz höfflich den Abschied welcher ungern daran wollte im
Gegenteil mir jährlich mein salarium um 50 Tlr zu verbessern versprach
allein ich hatte mir einmal die Fart nach OstIndien in den Kopf gesetzt und
solche war gar nicht heraus zu bringen So bald ich demnach meinen ehrlichen
Abschied nebst 50 Tlr Geschenke über den Lohn von meinem Patron erhalten
nahm ich von denselben ein recht zärtliches Valet wobei er mich bat ihm bei
meiner Retour ich möchte glücklich oder unglücklich gewesen sein wieder
zuzusprechen und reiste in GOTTES Nahmen nach Amsterdam allwo ich auf dem
Schiffe der Holländische Löwe genannt meinen Gedanken nach den kostbarsten
Dienst bekam weilen jährlich auf 600 Holländische Gulden Besoldung sichern
Etaat machen konnte
Mein Vermögen welches ich ohne meines vorigen Patrons Schaden zusammen
gescharret belieff sich auf 800 Holländ fl selbiges legte meistens an lauter
solche Waren womit man sich auf der Reise nach OstIndien öfters 10 biss 20
fachen profit machen kann fing also an ein rechter wiewohl annoch ganz
kleiner Kauffmann zu werden
Immittelst führte ich mich so wohl auf dem Schiffe als auch an andern Orten
dermaßen sparsam und heimlich auf dass ein jeder glauben musste ich hätte nicht
10 fl in meinem ganzen Leben an meiner Hertzhaftigkeit und freien Wesen
aber hatte niemand das geringste auszusetzen weil ich mir von keinem er mochte
sein wer er wollte auf dem Munde trommeln ließ Auf dem Kap de bonne esperence
allwo wir genötigt waren etliche Wochen zu verweilen hatte ich eine
verzweiffelte Rencontre und zwar durch folgende Veranlassung Ich ging eines
Tages von dem Kap zum Zeitvertreib etwas tieffer ins Land hinein um mit meiner
mitgenommenen Flinte ein anständiges stückgen Wildpret zu schießen und geriet
von ungefähr an ein nach dasiger Art ganz zierlich erbautes LustHaus so
mit feinen Gärten und Weinbergen umgeben war es schien mir würdig genung zu
sein solches von außen rings herum zu betrachten gelangete also an eine halb
offenstehende kleine GartenTür trat hinnein und sah ein gewiss recht schön
gebildet und wohl gekleidetes Frauenzimmer nach dem klange einer kleinen
Trommel die ein anderes Frauenzimmer ziemlich Tactmäßig spielete recht
zierlich tantzen
Ich merkte dass sie meiner gewahr wurde jedennoch ließ sie sich gar nicht
stöhren sondern tantzte noch eine gute Zeit fort endlich aber da sie
aufgehöret und einer alten Frauen etwas ins Ohr gesagt hatte kam die letztere
auf mich zu und sagte auf ziemlich gut Holländisch Wohl mein Herr ihr habt
ohne gebetene Erlaubnis euch die Freiheit genommen meiner gnädigen Frauen im
Tantze zuzusehen deswegen verlangt sie zu wissen wer ihr seid nächst dem
dass ihr deroselben den Tantz bezahlen sollt Liebe Mutter gab ich zur Antwort
vermeldet eurer gnädigen Frauen meinen untertänigsten Respekt nächst dem dass
ich ein UnterOffizier von dem hier am Kap liegenden Holländischen Schiffen sei
und das Vergnügen so mir dieselbe mit ihrem zierlichen tantzen erweckt
herzlich gerne bezahlen will wenn nur die Forderung mein Vermögen nicht
übersteiget
Die Alte hatte ihren Rapport kaum abgestattet als sie mir auf Befehl der
Täntzerin näher zu kommen winckte Ich gehorsamte und musste mit in eine dick
belaubte Hütte von WeinReben eintreten auch sogleich bei der gnädigen Frau
Täntzerin Platz nehmen Der nicht weniger recht wohlgebildete Tambour so zum
Tantze aufgetrummelt hatte führte sich von selber ab war also niemand bei
uns als die alte Frau in deren Gegenwart mich die gnädige Täntzerin mit der
allerfreundlichsten mine auf geradebrecht Holländisch anredete und bat ich
möchte die Gnade haben und ihr selber erzählen wer woher was ich sei und
wohin ich zu reisen gedächte ich beantwortete alles so wie es mir in die
Gedanken kam weil ich wohl wusste dass ihr ein wahrhaftes Bekänntniss eben so
viel gelten konnte als ein erdachtes Sie redete hierauf etwas weniges mit der
Alten in einer mir unbekandten Sprache welche etliche mal mit dem Kopffe
nickte und zur Hütte hinaus ging Kaum hatte selbige uns den Rücken zugekehret
da die Dame mich sogleich bei der Hand nahm und sagte Mein Herr die jungen
Europäer sind schöne Leute und ihr sonderlich seid sehr schön Madame gab ich
zur Antwort es Beliebt euch mit euren Sklaven zu schertzen denn ich weiß dass
aus meinen Ansehen nichts sonderliches zu machen ist Ja ja war ihre Gegenrede
ihr seid in Wahrheit sehr schön ich wünschte im Ernste dass ihr mein Sklave
wäret ihr soltet gewiss keine schlimme Sache bei mir haben Aber fuhr sie fort
sagt mir wie es kommt dass auf diesem Kap lauter alte übel gebildete und
keine schönen jungen Europäer bleiben Madame versetzte ich wenn nur auf
diesem Kap noch mehr so schönes Frauenzimmer wie ihr seid anzutreffen wäre so
kann ich euch versichern dass auch viel junge Europäer hier bleiben würden Was
fragte sie sagt ihr dass ich schöne sei und euch gefalle Ich müsste war
meine Antwort keine gesunde Augen und Verstand haben wenn ich nicht gestünde
dass mir eure Schönheit recht im Hertzen wohl gefällt Wie kann ich dieses
glauben replicirte sie ihr sagt dass ich schöne sei euch im Hertzen wohl
gefalle und küsset mich nicht einmal da ihr doch alleine bei mir seid und
euch vor niemand zu fürchten habt Ihre artige lispelende wiewol unvollkomene
Holländis Sprache kam mir so lieblich der Innhalt der Rede aber nebst denen
charmanten Minen dermaßen entzückend vor dass an statt der Antwort mir die
Kühnheit nahm einen feurigen Kuss auf ihre Purpurroten und zierlich
aufgeworffenen Lippen zu drücken an statt dieses zu verwehren bezahlete sie
meinen Kuss mit 10 biss 12 andern weil ich nun nichts schuldig bleiben wollte
wechselten wir eine gute Zeit mit einander ab biss endlich beide Mäuler ganz
ermüdet auf einander liegen blieben wobei sie mich so heftig an ihre Brust
drückte dass mir fast der Atem hätte vergehen mögen Endlich ließ sie mich los
und sah sich um ob uns etwa die Alte belauschen möchte da aber niemand
vorhanden war ergriff sie meine Hand legte dieselbe auf die wegen des tieff
ausgeschnittenen habits über halb entblösseten Brüste welche durch das
heftige auf und niedersteigen die Glut des verliebten Hertzens abzukühlen
suchten deren Flammen sich in den kohlpechschwartzen schönen Augen zeigten Das
Küssen wurde aufs neue wiederholet und ich glaube dass ich dieses mal ganz
gewiss über dass 6te Gebot hingestürtzt wäre so aber war es vor diesesmal nur
gestolpert weil sich noch zum guten Glücke die Alte von ferne mit Husten hören
ließ daher wir uns eiligst von einander trenneten und so bescheiden da
saßen als ob wir kein Wasser betrübet hätten
Die Alte brachte in einem Korbe 2 Bouteillen delicaten Wein eine Bouteille
Limonade und verschiedene Früchte und Konfituren wozu ich mich gar nicht
lange nötigen ließ sondern so wohl als die Dame welche mir nun noch 1000 mal
schöner vorkam mit größten Appetit davon genoss So lange die Alte zugegen war
redeten wir von ganz indiffirenten Sachen da sie sich aber nur noch auf ein
sehr kurtzes entfernete um eine gewisse Frucht von der andern Seite des Gartens
herzuholen gab mir die Dame mit untermengten feurigen Küssen zu vernehmen Ich
sollte mir Morgen ungefähr zwei Stunden früher als ich heute gekommen ein
Gewerbe machen wiederum an dieser Stelle bei ihr zu erscheinen da sie mir denn
eine gewisse Nacht bestimmen wollte in welcher wir ohne Furcht ganz alleine
beisammen bleiben könnten Weiln mir nun die Alte zu geschwinde auf den Hals kam
musste die Antwort schuldig bleiben doch da es mich Zeit zu sein dünckte
Abschied zu nehmen sagte ich noch Madame ihr werdet mir das Glück vergönnen
dass Morgen Nachmittags meine Auffwartung noch einmal bei euch machen und vor
das heut genossene gütige Tractament einige geringe Raritäten aus Europa
præsentiren darff Mein Herr gab sie zur Antwort eure Visite soll mir lieb
sein aber die Raritäten werde nicht anders annehmen als vor baare Bezahlung
Reiset wohl GOTT sei mit euch
Hiermit machte ich ein nochmahliges Kompliment und ging meiner Wege die
Alte begleitete mich fast auf eine halbe Stunde lang von welcher ich unter
weges erfuhr dass diese Dame eine gebohrne Prinzessin aus der Insul Java wäre
Der auf dem Kap unter dem Holländischen Gouverneur in Diensten stehende
Adjutant Nahmens Signor Kanengo ein Italiener von Geburt hätte sich bereits
in ihrem 12ten Jahre in sie verliebt da ihn ein Sturm gezwungen in Java die
aussbesserung seines Schiffs abzuwarten Er habe die zu ihr tragende heftige
Liebe nicht vergessen können deswegen Gelegenheit gesucht und gefunden sie
vor 2 Jahren im 17den Jahre ihres Alters auf ganz listige Art von den
ihrigen zu entführen und auf das Kap zu bringen Das LustHaus worinnen ich
sie angetroffen gehöre nebst den meisten herum liegenden Weinbergen und
Gärten ihm zu allwo sie sich die meiste Zeit des Jahres aufhalten müsste weilen
er diese seine liebste Maitresse nicht gern von andern MannsPersonen sehen
ließe und selbige sonderlich verborgen hielte wenn frembde Europäische
Schiffe in dem Kap vor Ancker lägen Er weiß zwar wohl setzte die Alte letztlich
hinzu dass sie ihm ungeachtet er schon ein Herr von 60 Jahren ist dennoch
allein getreu und beständig ist jedoch zu allem Uberfluss hat er mich zur
Aufseherin über ihre Ehre bestellt allein ich habe es heute vor eine Sünde
erkannt wenn man dem armen Kinde allen Umgang mit andern frembden Menschen
abschneiden wollte deswegen habe ich euch weil ich weiß dass mein Herr vor
Nachts nicht zu Hause kommt diesen Mittag zu ihr geführet Ihr könnt auch
morgen um selbige Zeit wieder kommen aber das sage ich wo ihr verliebt in sie
seid so lasset euch nur auf einmal alle Hoffnung vergehen denn sie ist die
Keuschheit selber und würde eher sterben als sich von einer frembden
MannsPerson nur ein eintzig mal küssen lassen da doch dieses bei andern ein
geringes ist Inzwischen seid versichert dass wo ihr meiner Gebieterin etwas
rares aus Europa mitbringen werdet sie euch den Wert desselben mit baaren
Gelde doppelt bezahlen wird weil sie dessen genung besitzet
Ich sah unter währenden Reden der lieben Alten beständig ins Gesichte da
aber gemerckt dass dieselbe im rechten einfältigen Ernste redete wird ein jeder
mutmaßen was ich dabei gedacht habe doch meine Antwort war diese Liebe
Mutter glaubt mir sicherlich dass sich mein Gemüte um LiebesSachen wenig
oder soll ich recht reden gar nichts bekümmert ich habe Respekt vor diese
Dame bloß wegen ihres ungemeinen Verstandes und großer Höfflichkeit im
übrigen verlange ich nichts als vor das heutige gütige Tractament deroselben
morgen ein kleines Andencken zu hinterlassen und zum Abschiede ihre Hand zu
küssen denn ich glaube schwerlich dass ich sie und euch mein lebtage wieder
sehen werde weil wir vielleicht in wenig Tagen von hier abseegeln werden
Unter diesen meinen Reden drückte ich der Alten 3 neue Spanische
CreutzTaler in die Hand weil sie wie ich sagte sich heute meinetwegen so
viel Wege gemacht hätte So verblendet sie aber von dem hellen glantz dieses
Silbers stehen blieb so hurtig machte ich mich nach genommenen Abschiede von
dannen und langete nach Zurücklegung zweier kleinen deutschen Meilen
glücklich wieder in meinem Logis an
Ich musste nachdem ich mich in mein apartement begeben über die heute
gespielte Komoedie herzlich lachen kann aber nicht leugnen dass ich in die
wunderschöne brunette unbändig verliebt war denn ich traff bei derselben
seltene Schönheit Klugheit Einfalt und Liebe in so artiger Vermischung an
dergleichen ich noch von keinem Frauenzimmer auf der Welt erfahren Deswegen
wollten mir alle Stunden zu Jahren werden ehe ich mich wieder auf den Weg zu ihr
machen konnte Folgenden Morgen stund ich sehr früh auf öffnete meinen Kasten
und nahm allerhand Sachen heraus als 2 kleine und 1 mittelmäßigen Spiegel
von der neusten façon 1 SonnenFechel mit güldner Quaste 1 Zinnerne
SchnupffTobacks Dose in Gestalt einer TaschenUhr 2 Gesteck saubere
FrauenzimmerMesser 3erlei artige Scheeren 20 Elen SeidenBand von 4erlei
coleur allerhand von Helffenbein gedresseltes FrauenzimmerGeräte nebst
Spiel und andern KinderSachen deren mich voritzo nicht mehr erinnern kann
Alle diese Ware packte ich ordentlich zusammen begab mich nach Anweisung
meiner TaschenUhr die ich ihr aber zu zeigen nicht willens hatte 2 Stunden
vor dem Mittage auf die Reise und gelangete ohne Hindernis bei dem LustHause
meiner Prinzessin an Die drei Spanischen Tlr hatten die gute Alte so
dienstfertig gemacht dass sie mir über 100 Schritte vor der GartenTür
entgegen kam mich bei der Hand fasste und sagte Willkommein lieber Herr
Landsmann sie war aber eine Holländerin und ich ein Brandenburger ach eilet
doch meine Gebieterin hat schon über eine halbe Stunde auf euren versprochenen
Zuspruch gehoffet und so gar das Tantzen heute bleiben lassen Ich schenckte
ihr 2 große gedruckte LeinwandHalsstücher 2 paar Strümpffe ein Messer
einen Löffel und andere bagatelle worüber sie vor Freuden fast rasend werden
wollte doch auf mein Zureden mich eiligst zu ihrer Frau führte
Dieselbe saß in der LaubHütte und hatte sich nach ihrer Tracht recht
propre geputzt ich muss auch gestehen dass sie mich in solchen Aufzuge ungemein
charmirte Die Alte ging fort ich wollte meine 7 Sachen auspacken da aber
meine Schöne sagte es hätte hiermit noch etwas Zeit nahm ich ihre Hand und
küsste dieselbe Doch dieses schiene ihr zu verdrießen weswegen ich sie in
meine Arme schloss und mehr als 100 mahl küsste wodurch sie wieder völlig
aufgeräumt wurde Ich versuchte dergleichen Kost auch auf ihren wiewohl harten
jedoch auch zarten Brüsten da denn nicht viel fehlete dass sie vor Entzückung
in eine würckliche Ohnmacht gesuncken wäre doch ich merkte es bei Zeiten und
brachte ihre zerstreueten Geister wieder in behörige Ordnung und zwar kaum vor
der Ankunft unserer Alten welche noch weit köstlichere Erfrischungen brachte
als gestern
Wir genossen dieselben mit Lust immittelst legte ich meinen Krahm aus über
dessen Seltenheit meine Prinzessin fast erstaunete Sie konnte sich kaum satt
sehen und kaum satt erfragen wozu dieses und jenes dienete da ich ihr aber
eines jeden Nutzen und Gebrauch gewiesen zehlete sie mir 50 Holländische spec
Ducaten auf den Tisch welche ich sollte sie anders nicht zornig werden mit
aller Gewalt in meine Tasche stecken musste Die Alte bekam eine Kommission
etwas aus ihren Zimmer zu langen und war kaum fort da meine Schöne noch einen
Beutel mit 100 Ducaten nebst einem kostbaren Ringe mit diesen Worten an mich
lieferte Nehmet hin mein AugApffel dieses kleine Andencken und liebt mich
so werdet ihr vor eurer Abreise von mir noch ein weit mehreres erhalten Ich
mochte mich wegern wie ich wollte es halff nichts sondern ich musste ihren Zorn
zu vermeiden das Geschenck in meine Verwahrung nehmen Sie zeigte sich
dieserhalb höchst vergnügt machte mir alle ersinnliche Karessen und sprach mit
einem verliebten Seuffzer Saget mir doch mein Liebster wo es herkommt dass
eure Person und Liebe in mir ein solches entzückendes Vergnügen erwecket Ja ich
schwere bei dem heiligen Glauben der Christen und der Tommi dass meine Seele
noch keinen solchen Zucker geschmecket Ich versicherte sie vollkommen dass es
mit mir gleiche Bewandtnis hätte welches sich denn auch wirklich also befand
Inzwischen weil mir das Wort Tommi in den Ohren hangen geblieben war fragte ich
ganz treuhertzig was sie darunter verstünde und erfuhr dass selbiges eine
gewisse Secte sei wozu sich die Javaner bekenneten und sich dabei weit höher
und heiliger achteten als andere Mahometaner mit welchen sie doch sonsten was
die HauptSätze der Lehre anbelangete ziemlich einig wären Ich stutzte in
etwas da in Betrachtung zog wie ich allem Ansehen nach mit einer Heidin
courtoisirte doch die heftige Liebe so allbereit meine Sinnen bezaubert
hatte konnte den kleinen Funcken des ReligionScrupels gar leicht auslöschen
zumahlen da durch ferneres Forschen erfuhr dass sie ungemeine Lust zu dem
Christlichen Glauben hegte auch sich herzlich gern gründlich darinnen
unterweisen und tauffen lassen wollte allein ihr Liebhaber der Signor Kanengo
verzögerte dieses von einer Zeit zur andern hätte auch binnen einem Jahre fast
gar nicht mehr daran gedacht ungeacht es anfänglich sein ernstlicher Vorsatz
gewesen er auch dessfalls viele Mühe angewendet Nechst diesen klagte sie über
ihres Liebhabers wunderliche Konduite sonderlich aber über seine zwar willigen
doch ohnmächtigen LiebesDienste und wünschte aus einfältigen treuem Hertzen
dass ich bei ihr an seiner Stelle sein möchte So bald ich meine Brunette aus
diesem Tone reden hörte war ich gleich bereit derselben meine so wohl
willigen als kräfftigen Bedienungen anzutragen und vermeinte gleich stante
pede meinen erwünschten wiewohl straffbarn Zweck zu erlangen jedoch die Heidin
war in diesem Stücke noch tugendhafter als ich indem sie sich scheute
dergleichen auf eine so liederliche Art und an einem solchen Orte wo es fast
so gut als unter freien Himmel war vorzunehmen immittelst führten wir
beiderseits starke Handgreiffliche Discurse wobei ich vollends so hitzig
verliebt wurde dass bei nahe resolvirt war nach und nach Gewalt zu brauchen
alleine die nicht weniger erhitzte Brunette wusste mich dennoch mit so artigen
Liebkosungen zu bändigen dass ich endlich Raison annahm weil sie mir teuer
versprach morgende Nacht in ihrem SchlaffGemache alles dasjenige was ich
jetzo verlangete auf eine weit angenehmere und sicherere Art zu vergönnen
Denn wie sie vernommen würde ihr Amant selbige Nacht nicht nach Hause kommen
sondern bei dem Gouverneur bleiben übrigens wüste sie alle Anstalten schon so
zu machen dass unser Vergnügen auf keinerlei Weise gestöhret werden sollte ich
dürffte mich demnach nur mit andringender Demmerung getrost vor der Tür ihres
LustHauses einfinden
Kaum waren wir mit dieser Verabredung fertig als uns die Zurückkunft der
Alten eine andere Stellung anzunehmen nötigte es wurde auch das Gespräch auf
unser Europäisches Frauenzimmer gekehret deren Manier zu leben Moden und
andere Beschreibungen die Dame mit besonderer Aufmercksamkeit anhörete
zumahlen da die Alte mit ihren DarzwischenReden dieses und jenes bekräfftigte
oder wohl noch vergrößerte Immittelst hatten wir uns in solchen andächtigen
Gesprächen dermaßen vertiefft dass an gar nichts anders gedacht wurde
erschracken also desto heftiger als der Signor Kanengo ganz unvermutet zur
LaubHütte und zwar mit funckelenden Augen eintrat Er sagte anfänglich kein
Wort gab aber der armen Alten eine dermaßen tüchtige Ohrfeige dass sie zur
Tür hinaus flog und sich etliche mahl überpurtzelte Meine schöne Brunette
legte sich zu meiner größten GemütsKränckung vor diesen alten MaulEsel auf
die Erde und kroch ihm mit niedergeschlagenem Gesichte als ein Hund entgegen
Doch er war so complaisant sie aufzuheben und zu küssen Endlich kam die Reihe
an mich er fragte mit einer imperieusen Mine Wer mich hieher gebracht und was
ich allhier zu suchen hätte Signor gab ich zur Antwort Niemand anders als
das Glücke hat mich von ungefähr hieher geführet indem ich ausgegangen ein
und andere curieuse Europäische Waren an den Mann zu bringen Und etwa setzte
er selbst hinzu andern ihre Maitressen zu verführen Ich gab ihm mit einer
negligenten Mine zur Antwort dass dieses eben meine Sache nicht sei Demnach
fragte er die Dame ob sie die auf dem Tische annoch ausgelegten Waren schon
bezahlt hätte Und da diese mit Nein geantwortet griff er in seine Tasche
legte mir 6 Ducaten auf den Tisch und zwar mit diesen Worten Nehmet diese
doppelte Bezahlung und packet euch zum Teuffel lasset euch auch nimmermehr bei
dieser Dame wieder antreffen wo euch anders euer Leben lieb ist Signor
replicirte ich es ist mir wenig an solchen BagatellGelde gelegen euch zu
zeigen dass ich kein Lumpenhund bin will ich diese Sachen der Dame geschenckt
haben euch aber bitte ich mich etwas höflicher zu tractiren wo ich nicht
gleiches mit gleichem vergelten soll Er sah mich trefflich über die Achsel an
die Koller aber lief Fingers dicke auf er legte die Hand an den Degen und
stieß die heftigsten SchimpffWorte gegen mich aus Meine Kourage kriegte
hierbei die Sporen wir zohen fast zu gleicher Zeit vom Leder und tummelten uns
vor der Hütte weidlich mit einander herum doch mit dem Unterschiede dass ich
ihm mit einem kräfftigen Hiebe den rechten Arm lähmete und deren noch zweie auf
dem Schedel versetzte Ich tat einen Blick nach der Dame welche in Ohnmacht
gesuncken war da ich aber vermerckte dass Kanengo sich absentirte und in
Hottentottischer Sprache vielleicht Hilfe schrye nahm ich meine im Grase
verdeckt liegende Flinte warff noch ein paar LauffKugeln hinein und eilete
durch eine gemachte Öffnung der Pallisaden womit der Garten umsetzt war des
Weges nach meinem Quartiere zu
Anfangs lief ich ziemlich hurtig hernachmahls aber tat meine ordentlichen
Schritte wurde aber gar bald inne dass mich 2 Hottentotten die so geschwinde
als Windspiele laufen konnten verfolgten der vorderste war kaum so nahe
kommen dass er sich seiner angebohrnen Geschicklichkeit gegen mich gebrauchen
konnte als er mit seiner Zagaye welches ein mit Eisen beschlagener vorn sehr
spitziger WurffSpieß ist nach mir schoss zu großen Glück aber indem ich eine
hurtige Wendung machte nur allein meine RockFalten durchwarff Weil der Spieß
in meinen Kleidern hangen blieb mochte er glauben mich getroffen zu haben
blieb deswegen so wohl als ich stille stehen und sah sich nach seinen Kamerad
en um welcher mit eben dergleichen Gewehr herzu eilete Doch da allbereit
wusste wie accurat diese Unfläter treffen können wollte dessen Annäherung nicht
erwarten sondern gab Feuer und traff beide in einer Lienie so glücklich dass
sie zu Boden fielen und wunderliche Kolleraturen auf dem Erdboden machten Ich
gab meiner Flinte eine frische Ladung und sah ganz von weiten noch zwei
kommen Ohne Not Stand zu halten wäre ein großer Frevel gewesen deswegen
verfolgte unter sehr öffteren Zurücksehen den Weg nach meinem Quartiere
gelangete auch ohne ferneren unglücklichen Zufall eine Stunde vor Abends
daselbst an Ohne Zweiffel hatten meine zwei letztern Verfolger bei dem
traurigen Verhängnisse ihrer Vorläuffer einen Eckel geschöpfft mir weiter
nachzueilen
So bald ich in meinem Quartiere das ist in einer derer Hütten welche
nicht weit vom Kap zur Bequemlichkeit der SeeFahrenden errichtet sind arrivi
ret war kleidete ich mich aus und ging in meiner Kommoditeé spazieren
setzte mich am Ufer des Kaffarischen Meeres zwischen etliche dickbelaubte
Sträucher machte meine heut erworbene GoldBourse auf und hatte mein
besonderes Vergnügen die schönen gelben Pfennige zu betrachten indem mir aber
die Liebe zu meiner charmanten Brunette dabei in die Gedanken kam sprach ich
Ach du liebes Geld wie viel schöner wärest du wenn ich dich nur mit ruhigen
Hertzen besäße Ich machte meinen Beutel nachdem ich das Geld hinein den
sauberen Ring aber an meinen Finger gesteckt hatte wieder zu stützte den Kopf
mit beiden Händen und sonne nach ob ich meiner heftigen Liebe ferner
nachhängen und Mittel selbige völlig zu vergnügen suchen oder wegen der
damit verknüpfften grausamen Gefährlichkeiten ganz und gar davon abstrahiren
wollte
Es wollte schon anfangen Nacht zu werden da ich mich aus meinen tieffen
Gedanken zwar in etwas ermuntert jedoch deswegen noch gar keinen richtigen
Schluss gefasst hatte stund aber auf um in meinem Logis die Ruhe zu suchen
Ich hatte selbiges noch lange nicht einmal erreicht da ein Offizier mit 6
Mann von der Guarnison gegen mich kamen und meine Personalität mit Gewalt in
die Festung einführeten Die ganze Nacht hindurch hatte ich eine eigene
Schildwacht neben mir sitzen welche auf meine allergeringsten Movements Achtung
gab und niemanden weder mit mir zu sprechen oder an mich zu kommen erlaubte
Wer sollte nicht vermeinen dass ich um der mit dem Adjutanten und den
Hottentotten gehabten Händel halber in Arrest kommen wäre ich zum wenigsten
hatte mich dessen in meinem Hertzen völlig überredet jedoch an der
HauptUrsache weit gefehlet Denn kurtz zu sagen folgenden Morgens in aller
frühe ließ mich unser SchiffsKapitain zu sich bringen und tat mir jedoch
ohne jemands Beisein folgende Proposition Mein lieber Monsieur Wolffgang Ich
weiß dass ihr ein armer Teuffel seid deswegen mag euch die Begierde reich zu
werden verleitet haben einen Diebstahl zu begehen Glaubet mir dass ich etwas
von euch halte indem ich mehr als zu viel Kommiseration und Liebe vor euch
hege allein seid nur auch aufrichtig und stellt mir den Beutel mit den 100
Ducaten so dem William van Raac verwichene Nacht entwendet worden mit
freimütiger Bekändtniss in meine sichern Hände ich schwöre bei Gott die Sache
auf eine listige Art zu vermänteln und euch völlig bei Ehren zu erhalten weil
es Schade um eure Jugend und Geschicklichkeit ist
Ich hätte wegen heftiger Alteration über diese Reden den Augenblick in
Ohnmacht sincken mögen Mein Gewissen war rein indem ich mit Wahrheit sagen
kann dass Zeit Lebens vor keinem Laster mehr Abscheu gehabt als vor der
schändlichen Dieberei dergleichen Verdacht aber ging meiner Seelen gar zu nahe
So bald mich nun von meiner Verwirrung die der Kapitain vor eine gewisse Marque
meines bösen Gewissens hielt einiger maßen erholt hatte war ich bemüht
denselben meiner Unschuld mit den kräfftigsten Beteuerungen zu versichern wie
ich denn auch wirklich nichts davon gehört oder gesehen hatte dass dem William
van Raac der ein Kauffmann und unser Reise Kompagnon war Geld gestohlen sei
Allein der Kapitain schiene sich über meine Entschuldigungen zu erzürnen und
sagte Ich hätte nicht vermeint Wolffgang dass ihr gegen mich so verstockt
sein soltet da euch doch nicht allein euer ganzes Wesen sondern auch euer
selbst eigener Mund zur Gnüge verraten hat Sagt mir ob ihr leugnen könnt
dass ihr gestern am MeerUfer in der Einsamkeit das dem van Raack gestohlene
Geld überzehlet und diese nachdencklichen Worte dabei gebraucht habt Ach du
liebes Geld wie viel schöner wärest du wenn ich dich nur mit ruhigen Hertzen
besitzen könnte Mein Herr gab ich zur Antwort ich ruffe nochmals Gott und das
ganze himmlische Heer zu Zeugen an dass mir dieser Diebstahl unrechtmässiger
Weise Schuld gegeben wird dasjenige aber was ihr mir itzo zuletzt vorgehalten
habt befindet sich also ich habe einen Beutel mit 150 spec Ducaten bei mir
und gebe denselben zu eurer sichern Verwahrung biss meine Unschuld wegen des
Diebstahls ans Licht gekommen Seid aber so gütig eine besondere Avanture von
mir anzuhören und mich eures kräfftigen Schutzes genießen zu lassen
Hiermit überreichte ich ihm den Beutel mit 150 Ducaten und erzehlte sodann
nach der Länge was ich als ein junger Amadis Ritter seit 3en Tagen vor
besondere Zufälle gehabt hatte welches er alles mit ziemlicher Verwunderung
anhörete und letztlich sagte Ich muss gestehen dass dieses ein verwirrter Handel
ist und sonderlich wird mir die Affäre wegen des blessirten Adjutanten und der
erschossenen Hottentotten ganz gewiss Verdruss machen doch verspreche ich euch
wegen des letztern meinen Schutz allein was den William van Raac anbelanget so
braucht dieses eine fernere Untersuchung weswegen ich euch so wenig als noch
andere deswegen arrestirte drei Personen in Freiheit setzen kann
Ich war und musste auch damit zu frieden sein inzwischen verdross mich die
schändliche und so schlecht gegründete DiebstahlsBeschuldigung weit grausamer
als die andere Affäre jedoch zu meinem größten Vergnügen lief gegen Mittag
die Zeitung ein dass William van Raac seinen Beutel mit den 100 Ducaten an
einem solchen Orte wo er ihn in Gedanken selbst hin versteckt hatte wieder
gefunden und dennoch solches gern verschwiegen hätte wenn ihn nicht andere
dabei ertappt und sein Gewissen geschärfft hätten Demnach mussten Raac ich und
die 3 andern Nachmittags bei dem Hauptmann erscheinen welcher die Sache
beilegen wollte weil die 3 Mitbeschuldigten dem William van Raac den Tot
geschworen hatten es wurde auch glücklich verglichen denn Raac erbot sich
einem jeden von uns 10 Spanische Tlr vor den Schimpff zu geben nächst dem
seine Ubereilung kniend abzubitten welches er auch so gleich in Gegenwart des
Kapitains bewerckstelligte doch ich vor meine Person wollte meine Großmut sehen
lassen und gab ihm seine 10 Tlr wieder zurück ließ ihm auch seine Abbitte
bei mir nicht kniend sondern stehend verrichten
Da also dieser verdrüssliche Handel zu allerseits ziemlichen Vergnügen
geschlichtet war und wir uns in Freiheit von dem Kapitain hinweg begeben
wollten nötigte mich derselbe noch etwas bei ihm zu bleiben bat mit den
allerhöflichsten Worten um Verzeihung dass er auf Angeben eines wunderlichen
Menschen fast gezwungen worden mich solchergestalt zu prostituiren und
versprach mir in Zukunft desto größere und stärckere Marquen seines Eftims zu
geben weil er bei dieser Affäre meiner wie ihm zu reden beliebte
vortrefflichen Konduite erstlich vollkommen überzeugt worden Er gab mir anbei
mit einem freundlichen Lächeln den Beutel worinnen sich meine 150 Ducaten
befanden wieder zurück nebst der Nachricht wie zwar der Gouverneur schon
Wissenschaft von einer mit dem Adjutanten vorgefallenen Rencontre erhalten
auch dass die 2 Hottentotten fast tötlich blessirt wären der Täter sei ihm
aber annoch unbekandt und müsste man nun erstlich erwarten was weiter passieren
würde Inzwischen gab er mir den getreuen Rat alle meine Sachen nach und nach
heimlich in sein des Kapitains Logis zu schaffen auch mich selbst bei ihm
verborgen aufzuhalten biss man fernere Mittel erfände der zu befürchten
habenden Gefahr zu entkommen
Es wurde noch selbigen Tages des redlichen Kapitains Mutmaßungen gemäß
nicht ein geringes Lermen wegen dieser Affäre man hatte mich als den Täter
dermaßen accurat beschrieben dass niemand zweiffelte Monsieur Wolffgang sei
derjenige welcher den Signor Kanengo als er von ihm bei seiner Maitresse
erwischt worden zu schanden gehauen zweien Hottentotten tödtliche Pillen
eingegeben und welchen der Gouverneur zur exemplarischen Bestraffung per force
ausgeliefert haben wollte
Jedoch der redliche Kapitain vermittelte die Sache dergestalt glücklich dass
wir einige Tage hernach ohne die geringste Hindernis von dem Kap abseegeln und
unsere Straße nach OstIndien fortsetzen konnten Ich weiß ganz gewiss dass er
dem Gouverneur meiner Freiheit und Sicherheit wegen ein ansehnliches Præsent
gemacht allein er hat gegen mich niemals etwas davon gedacht vielweniger mir
einen Stüver Unkosten abgefordert im Gegenteil wie ich ferner erzählen werde
jederzeit die größte Konsideration vor mich gehabt
Inzwischen führte mir die auf dem Kap gehabte Avanture zu Gemüte was vor
Gefährlichkeiten und üble Suiten daraus entstehen können wenn man sich durch
eine geile LiebesBrunst auf verbotene Wege treiben lässt Meine
bräunlichschöne Prinzessin klebte mir zwar noch ziemlich am Hertzen da ich sie
aber auf der andern Seite als eine Heidin und Hure eines alten Adjutanten
betrachtete verging mir zugleich mit Wiedererlangung meines gesunden
Verstandes auf einmal der Appetit nach solcher falschen Müntze doch stund ich
noch lange nicht in dem gradu der Heiligkeit dass ich mein bei ihr erworbenes
Geld den Armen ausgeteilet hätte sondern verwahrete es zum Gebrauch und
wünschete ihr davor viel Vergnügen bedaurete auch zum öffteren der schönen
Brunette feine Gestalt wunderliche fata und sonderlich das zu mir getragene
gute Gemüte
William van Raac mochte nachdem er mich recht kennen lernen etwas an mir
gefunden haben das ihm gefiele weswegen er sich öfters bei mir aufhielt und
seinen Zeitvertreib in ein und andern politischen Gesprächen suchte auch bei
Gelegenheit mit besonders guter Manier allerhand Raritäten verehrte Ich
revangirte mich zwar mit diesen und jenen nicht weniger artigen Sachen
verspürete aber doch dass er nicht eher ruhte biss er wieder so viel bei mir
angebracht das den Wert des Meinigen vielfältig überstieg
Ein gewisser Sergeant auf dem Schiffe Nahmens David Böckling mit welchem
William vorher starke Freundschaft gehalten seit meinem Arrest aber sehr mit
ihm zerfallen war sah unser öffteres Beisammensitzen mit gröstem Verdrusse an
brauchte auch allerhand Räncke uns zusammen zu hetzen weil er ein sehr wüster
Kopf und eben derjenige war welcher mich am MeerUfer da ich meine Ducaten
gezehlet und oberwähnte Worte gesprochen beschlichen und verraten hatte wie
mir van Raac nunmehr solches alles offenhertzig gestund Doch alle seine
angestiffteten Bosheiten waren nicht vermögend unsere Freundschaft zu trennen
sondern es schien als ob dieselbe hierdurch immer mehr befestiget würde ich
aber hatte mir fest vorgesetzt dem Sergeanten bei erster bequemer Gelegenheit
den Kopf zu waschen doch ich ward dieser Mühe überhoben weil er da wir uns
eine Zeitlang in Batavia auf der Insul Java aufhalten mussten daselbst von einem
andern erstochen und ich von dem Kapitain an dessen Stelle als Sergeant gesetzt
wurde
Weiln ich solchergestalt doppelte Gage zoge konnte schon Etaat machen in
wenig Jahren ein ziemlich Kapital zu sammlen Nechst dem so marchandirte zwar so
fleißig doch nicht so schelmisch als ein Jude und erwarb damit binnen 3
Jahren ein feines Vermögen Denn so lange waren wir auf dieser meiner ersten
Reise unterwegs Sonsten begegnete mir dabei nichts eben sehr ungewöhnliches
weswegen auch um Weitläufftigkeit zu vermeiden davon weiter nichts gedenken
will als dass wir auf dem rückwege um die Gegend der Kanarischen Insuln von
zweien Saleeischen RaubSchiffen attaquiret wurden Das Gefechte war ungemein
hitzig und stunden wir in größter Gefahr nebst unserer Freiheit alles Gut wo
nicht gar das Leben zu verlieren Endlich wendete sich das Blat nachdem wir den
grimmigsten Widerstand getan so dass sie zwar die Flucht aber dabei unsere
reich beladene Barque mitnehmen wollten Allein da wir ihre Absicht zeitig
merckten und allbereit in Avantage saßen ward nicht allein ihre Arbeit und
Vorhaben zunichte gemacht sondern das beste Schiff mit allen dem was darauf
war erobert
Wenn mein naturell so beschaffen wäre dass ich mich selbst gern lobte oder
loben hörte könnte bei dieser Gelegenheit schon etwas vorbringen das einen
oder den andern überreden sollte ich wäre ein ganz besonderer tapfferer Mann
allein ich versichere dass ich niemals mehr getan als ein rechtschaffener
Soldat dessen Ehre Leben und Freiheit nebst allen bei sich habenden Vermögen
auf der Spitze steht bei dergleichen Affairen zu tun schuldig ist
Jedoch man kann unter dem prætext dieser Schuldigkeit auch der guten Sache
zuweilen zu viel oder zu wenig tun mein Beispiel zum wenigsten kann andern
eine vernünftige Behutsamkeit erwecken denn als wir uns an dasjenige
RaubSchiff welches wir auch nach diesen glückl eroberten angehengt und bloß
noch mit dem Degen in der Faust wider einander agirten hatte sich ein einziger
Räuber auf seinem in letzten Zügen liegenden Schiffe einen eigenen
KampffPlatz erwehlet indem er durch etliche gegenund übereinander gesetzte
Kasten seinen Rücken frei machen lassen und mit seiner MordSense dergestalt
hausete dass alle von unsern Schiffe überspringenden Leute entweder tot
niederfallen oder sich stark blessirt reteriren mussten
Ich war unter dem Kapitain mit etwa 12 Mann von den Unserigen auf dem
vorderteil des feindl Schiffs beschäfftiget rechtschaffen Posto zu fassen
merkte aber dass wir mehr Arbeit fanden als wir bestreiten konnten indem der
einzige Satan unsern succurs recht übermenschlich abzuhalten schien deswegen
drang als ein Blitz durch die Feinde hindurch nahm meinen Vorteil ungefähr in
Obacht und vermeinte sogleich meinen Pallasch in seinen Gedärmen umzuwenden
allein der MordBube war überall stark geharrnischt und gepantzert daher ich
nach abgeglitschten Stosse mich selbst in der größten LebensGefahr sah doch
fasste ihn in dieser Angst von ungefähr in das weit aufgesperrete Maul riss
die rasende Furie zu Boden suchte am UnterLeibe eine öffnung und stieß
derselben meinen Pallasch so tieff in den Rantzen hinein als ich konnte
Kaum war dieses geschehen als nach einander etliche 20 und immer mehr von
den Unserigen in das Feindl Schiff gesprungen kamen mich secundirten und noch
vor völlig erhaltenen Siege Victoria schryen Doch es vergieng nicht eine
halbe Stunde so konnten wir dieses FreudenWort mit Recht und in vollkommener
Sicherheit ausruffen weil wir überhaupt Meister vom Schiffe und die annoch
lebenden Feinde unsere Sklaven waren Ich vor meine Person hatte zur ersten
Beute einen ziemlichen Hieb über den Kopf einen über die lincke Schulter und
einen PiquenStich in die rechte Hüffte bekommen darzu hatte der irraisonable
Flegel dem ich doch aus besonderen StaatsUrsachen ins Maul zu greiffen die
Ehre getan mir die vordersten Gelencke zweier Finger lincker Hand zum
Zeitvertreibe abgebissen und da dieselben wie man sieht noch biss dato
fehlen ich dieselben auch auf der Wahlstatt nirgends finden können so kann
nicht anders glauben als dass er sie par hazard verschlungen habe
Ich konnte ihm endlich diese teuer genug bezahlte zwei Bissen noch so
ziemlich gönnen und war nur froh dass an meinen zeitero gesammleten Schätzen
nichts fehlete über dieses wurde ich noch mit dem größten Ruhm und Ehren fast
überhäufft weilen nicht nur der Kapitain sondern auch die meisten andern
Mitarbeiter und Erfechter dieses Sieges mir wegen des einzigen gewagten
Streichs den besten Preis zu erkandten Mein Gemüte wäre der überflüssigen
LobesErhebungen gern entübriget gewesen und hätte an dessen statt viel lieber
eine geschwinde Linderung der schmertzenden LeibesWunden angenommen weil ich
als ein auf beiden Seiten blessirter kaum auf dem Rücken liegend ein wenig
rasten konnte doch ein geschickter Chirurgus und meine gute Natur brachten es
nächst Göttl Hilfe so weit dass ich in wenig Tagen wiederum auf dem oberen
SchiffsBoden herum zu spazieren vermögend war Der Kapitain so mir gleich bei
meiner ersten Ausflucht entgegen kam und mich so munter sah sagte mit lachen
Monsieur Wolffgang ich gratulire zum aussgange und versichere dass nichts als
der Degen an eurer Seite fehlt uns zu überreden dass ihr kein Patient mehr
seid Monseigneur gab ich gleichfalls lächelnd zur Antwort wenn es nur daran
fehlt so will ich denselben gleich holen Bemühet euch nicht versetzte er
ich will davor sorgen Hiermit gab er seinem Diener Befehl einen Degen vor mich
zu langen dieser brachte einen propren silbernen Degen nebst dem Gehencke und
ich musste denselben meinen Gedanken nach zum Spaß umgürten So bald dieses
geschehen befahl er das SchiffsVolck zusammen zu ruffen und da selbiges in
seiner gehörigen Ordnung war sagte er Monsieur Wolffgang ihr wisst so wohl
als alle Gegenwärtigen dass in letzterer Action unsere beiden Lieutenants
geblieben sind deswegen will euch en regard eures letzthin erwiesenen
HeldenMuts hiermit als PremieurSchiffsLieutenant vorgestellt haben jedoch
biss auf confirmation unserer Obern als wovor ich guarantire Inzwischen weil
ich weiß dass niemand von Gegenwärtigen etwas hierwider einzuwenden haben wird
will auch der erste sein der euch zu dieser neuen Charge gratuliret Hiermit
reichte er mir die Hand ich aber wusste anfänglich nicht wie mir geschahe doch
da ich vermerckte dass es Ernst war machte ich das gebräuchliche Gegen
Kompliment und ließ mir immerhin belieben Lieutenant zu sein
Kurtz drauff gelangten wir nebst unserer gemachten Prise glücklich wieder
in Amsterdam an Ich bekam nicht allein die Konfirmation meiner Charge sondern
über dieses einen unverhofften starken Recompens außer meiner zu fordern
habenden doppelten Gage die mir teils die Feder teils der Degen verschafft
hatte Die aus meinen mitgebrachten Waren gelöseten Gelder schlug ich darzu
tat die helffte davon als ein Kapital in Banco die andere helffte aber
wandte zu meinem Unterhalt an nächst diesen die Equippage auf eine frische
Schiffart anzuschaffen
Biss hierher war der Kapitain Wolffgang damals in seiner Erzählung kommen
als er wegen einbrechender Nacht vor dieses mal abbrach und versprach uns
bei erster guten Gelegenheit den übrigen Rest seiner Avanturen wissend zu
machen Es suchte deswegen ein jeder von uns seine gewöhnliche RuheStelle
hatten aber dieselbe kaum 3 Stunden gedrückt als wegen eines sich erhebenden
Sturmes alle ermuntert wurden damit wir uns gegen einen solchen ungestümen
Stöhrer unserer Ruhe in behörige positur setzen könnten Wir verließen uns zwar
auf die besondere Stärcke und Festigkeit des getreuen Paridis als welchen
Nahmen unser Schiff führte da aber das grausame wüten des Windes und die
einmal in Raserei gebrachten Wellen nachdem sie nunmehr 2 Nacht und 2 Tage
ohne einzuhalten getobet auch noch keinen Stillstand machen wollten im
Gegenteil mit hereinbrechender 3ten Nacht ihre Wut vervielfältigten ließ
wir die Hoffnung zu unserer Lebensrettung gänzlich sincken bekümmerten uns
fast gar nicht mehr um welche Gegend wir wären und erwarteten teils mit
zitterenden teils mit gelassenen Hertzen die erschreckliche Zerscheiterung
des Schiffs und das mehrenteils damit sehr genau verknüpffte jämmerliche Ende
unseres Lebens Allein die ErhaltungsKrafft des Himmels zeigte sich weit
kräfftiger als die Krafft des Windes und der berstenden Wolcken denn unser
Schiff musste nicht allein ohne besonderen HauptSchaden bleiben sondern auch zu
unserer größten Verwunderung wieder auf die rechte Straße geführet werden
ungeacht es Wind und Wellen bald hier bald dorthin verschlagen hatten denn
etwa 2 Stunden nach Mitternacht legte sich das grausame Brausen die dicken
Wolcken zerteilten sich und bei anbrechenden schönen hellen Tage machten die
BootsLeute ein FreudenGeschrei aus Ursachen weil sie den Pico so unverhofft
erblickten und wir uns ganz nahe an der Insul Teneriffa befanden Vor meine
Person wusste nicht ob ich mehr Freude oder Erstaunung hegte da mir diese
ungeheure Machine in die Augen fiel Der biss in den Himmel reichende
entsetzliche Berg schien oben herum ganz weiß weilen er Sommers und Winters
hindurch mit Schnee bedeckt ist man konnte den aus seinem Gipffel steigenden
Dampff ganz eigentlich observiren und ich konnte mich an diesem hochmütigen
Gegenstande meiner Augen die ganze Zeit nicht satt sehen biss wir gegen Abend
an die Insul anfuhren um so lange daselbst auszuruhen biss die zerrissenen und
beschädigten Sachen unsers Schiffs wieder ausgebessert wären
Ich fand ein besonderes Vergnügen die raritäten auf dieser Insul zu
betrachten sonderlich aber den Pico an dessen Fuß eine Art von Bäumen stund
deren Holtz in keinem Wasser verfaulen soll Jedoch die Spitze des Berges mit zu
erklettern und dessen RauchLoch so Kaldera genannt wird in Augenschein zu
nehmen konnte mich niemand bereden ungeachtet es annoch die schönste
JahrsZeit dazu sein mochte Entweder war ich nicht so sehr neugierig als Kajus
Plinius Secundus beim Vesuvio gewesen oder hatte nicht Lust mich dergleichen
fatalitäten wie er gehabt zu exponiren oder war nicht Willens eine Historiam
naturalem aus eigener Erfahrung zu schreiben Kurtz ich war hierbei entweder zu
faul zu furchtsam oder zu nachlässig
Hergegen kann ich nicht leugnen dass ich mir bei dem Kapitain den KanariSect
vortrefflich gut schmecken ließ welcher mir auch besser bekam als andern der
SchwefelDampf auf dem Pico bekommen war wir nahmen eine gute quantität dieses
berühmten Getränckes nebst vielem Zucker und andern delicatessen von dieser
Insul mit und fuhren den 12 7br recht vergnügt auf das Kabo Verde zu
Es war um selbige Zeit ungemein stille See und schönes Wetter weswegen der
Kapitain Wolffgang auf unser heftiges Ansuchen sich gefallen ließ seine
GeschichtsErzählung folgender maßen zu continuiren
Wo mir recht ist Messieurs fing er an so habe letztens gemeldet wie ich
mich in Stand gesetzt eine neue Reise anzutreten allein weil die Herrn General
Etaaten seit kurzen mit Franckreich und Spanien in würcklichen Krieg verwickelt
waren kriegten alle Sachen eine ganz andere Gestalt ich hielt mich zwar
beständig an meinen Wohltäter nämlich an denjenigen Kapitain der mich biss
hieher glücklich gemacht hatte konnte aber die Ursache seines Zauderns so wenig
als sein künftiges Vornehmen erraten Doch endlich brach er los und eröffnete
mir dass er treffliche Pasporte erhalten gegen alle Feinde der Republique als
ein FreiBeuter zu agiren weswegen er sich auch allbereit durch Zuschuss
anderer Wagehälse ein extraordinair schönes Schiff mit allem Zubehör
angeschafft hätte so dass ihm nichts fehlete als genungsame Leute Wolte ich
nun setzte er hinzu als sein PremieurLieutenant mit reisen so müsste mich
Bemühen zum wenigsten 10 biss 12 Freiwillige aufzutreiben wo mir dieses aber
unmöglich schiene oder ich etwa keine Lust zu dergleichen Streichen hätte als
die FreiBeuter vorzunehmen gemüssigt wären so wollte er mir zwar bald einen
OffiziersDienst auf einem KriegsSchiffe schaffen allein ob es vor mich eben
so profitable sein möchte davon wisse er nichts zu sagen Augenblicklich
versicherte ich hierauf den Kapitain allen Fleiß anzuwenden mein Glück oder
Unglück unter und mit ihm zu suchen auch mit ihm zu leben und zu sterben Er
schien vergnügt über meine Resolution ich ging von ihm und schaffte binnen
wenig Tagen an statt der geforderten Zwölffe drei und zwantzig vollkommen gute
freiwillige Wagehälse deren die meisten schöne Gelder bei sich führten Mein
Kapitain küsste mich vor Freuden da ich ihm dieselben præsentiret hatte und
weil er binnen der Zeit auch nicht müßig gewesen sondern alles Benötigte
vollends angeschafft seegelten wir frölich von dannen
Wir durfften aus Furcht vor den Frantzosen den Kanal nicht passieren
sondern mussten unsere Fart um die Brittannischen Insuln herum nehmen und ob
der Kapitain schon treffliche Lust hatte den Spaniern auf der Straße nach
America ein und andern Possen zu spielen so wollte er doch vorher erstlich
genauere Kundschaft einziehen allein ehe dieses geschahe taten wir einen
herrlichen Zug an einer Frantzösischen nach Irrland abgeschickten Fregatte auf
welcher 16000 Louis dor nebst andern trefflichen Sachen und etlichen Etaats
Gefangenen unsere Beute wurden Die vornehmsten Gefangenen nebst den
Briefschaften lieferten wir gegen Erlegung einer billigen discretion an einen
Engelländer aus der lange Zeit vergeblich auf diese Fregatte gelauret hatte
besetzten dieselbe nachdem wir die übrigen Gefangenen verteilt mit etlichen
von unsern Leuten worunter auch ich war also ein NebenSchiff zu commandiren
hatte und richteten unseren Kours in dem Mexicanischen Meere zu kreutzen
Auf der Portugisischen Insul Madera nahmen wir frisches Wasser ein und
fanden daselbst gleichfalls ein Holländisches doch von den Spaniern sehr übel
zugerichtetes FreiBeuterSchiff dessen Kapitain nebst den besten Leuten
geblieben waren unter dem übrigen LumpenGesinde aber war eine solche
Verwirrung dass niemand wusste wer Koch oder Keller sein wollte Wir führten
ihnen ihren elenden Zustand worinnen sie sich befanden zu Gemüte und
brachten sie mit guter Art dahin sich mit uns zu vereinigen und unter unsers
Kapitains Kommando alles mit zu wagen halffen also ihr Schiff wieder in
vollkommen guten Stand setzen und seegelten voll großer Hoffnung auf die
Bermudischen Insuln zu Unterweges bemächtigten wir uns eines Spanischen
JagdSchiffs welches die Sicherheit der See ausspüren sollte indem sich die
Spanische SilberFlotte bei der Insul Cuba versammelt und fast im Begriff war
nach Europa zu schiffen Wir nahmen das Wenige so nebst den Gefangenen auf
dieser Jagd gefunden wurde auf unsere Schiffe und bohrten die Jagd zu grunde
weil sie uns nichts nützen konnte eileten aber uns bei Cuba einzufinden und wo
möglich von der SilberFlotte etwas abzuzwacken Es vereinigten sich noch 2
Holländische und ein Englischer FreiBeuter mit uns so dass wir damals 6 wohl
ausgerüstete Schiffe stark waren und auf selbigen ingesamt 46 Kanonen nebst
482 wohlbewehrten Leuten aufzeigen konnten hiermit konnte man nun schon ein
Hertz fassen etwas wichtiges zu unternehmen wie wir denn auch in der Tat die
Hände nicht in den Schoss legten sondern die Cubaner Hispaniolaner und andere
feindliche Insuln stark allarmirten und alle Spanische HandelsSchiffe Preis
machten so dass auch der Geringste unter uns seine dessfals angewandte Mühe
reichlich belohnt schätzte und niemand von Armut oder Mangel zu reden Ursach
hatte
Wir erfuhren demnach dass das Glück den WageHälsen öfters am geneigtesten
sei Denen Herrn Spaniern aber war wegen ihrer SilberFlotte nicht eben
allzuwohl bei der Sache indem sie sich unfehlbar unsere SchiffsArmade weit
stärcker einbilden mochten rüsteten deswegen wie wir gar bald in Erfahrung
brachten 10 biss 12 leichte KriegsSchiffe aus um uns als unangenehme und
gefährliche Gäste entweder wo nicht Gefänglich einzubringen doch zu
zerstreuen Der EngelsMann als unser bissheriger Kompagnon mochte entweder zu
wenig Hertze haben oder aber sich allbereit reich genung schätzen deswegen
treñete er sich mit seinem Schiff und Barque worauff er ingesamt 120 Mann
nebst 12 Kanonen hatte von uns und war Willens sich zwischen Cuba und
Hispaniola durch zu practiciren von dar aus gewissen Ursachen nach Virginien
zu gehen Allein man hat uns bald hernach versichert dass ihn die Spanier
ertappt geplündert und schändlicher weise ermordet haben
Unsere Kapitains fanden indessen nicht vor ratsam einen Angriff von den
Spaniern zu erwarten weil ohnedem unsere Schiffe nicht allein eine baldige
Aussbesserung vonnöten hatten sondern auch viele von unsern Leuten deren wir
doch seit der abreise aus Amsterdam nicht mehr als 14 eingebüßt von denen
vielen fatiguen sehr merode waren Wir stelleten demnach unsere Fart auf die
unsern LandsLeuten zuständige Insul Curacao oder wie sie einige nennen
Curassau zu machten aber unterwegs noch ein mit Kacao Banille Marmelade
Zucker und Toback beladenes Schiff zu angenehmer Beute Wenig Tage darauf
favorisirte das Glück noch besser indem ganz von ungefähr und ohne vieles
Blutvergießen 3 Barquen mit PerlenAustern in unsere Hände fielen womit wir
denen Herren Spaniern die Mühe erspareten selbige ausmachen zu lassen und
dieser Arbeit bei müßigen Stunden uns gar im geringsten nicht zu schämen
willens waren
Mit allen diesen Reichtümern nun landeten wir glücklich bei Curacao an
der Gouverneur daselbst empfing uns nachdem wir ihm unsere Pasporte gezeiget
auch von ein und andern richtigen rapport abgestattet hatten mit großen
Freuden zumahlen da er von uns ein ansehnliches Præsent empfing Jedoch
nachdem unsere Kapitains die damalige Beschaffenheit der Sachen und der Zeit
etwas genauer überlegten befanden wir auf einraten des Gouverneurs vor
nützlicher die Insul Bonatry zu unserm RuhePlatz zu erwählen und unsere
Schiffe daselbst auszubessern Es wurde deswegen aller möglichste Fleiß
angewendet nachher aber beschlossen eine rechte Niederlage daselbst
aufzurichten weswegen wir mit Hilfe der daselbst wohnenden nicht
ungeschickten Indianer anfiengen kleine Häuser zu bauen auch vor den Anlauff
eine gar artige Festung anlegten und dieselbe nach und nach immer zu verbessern
willens waren Die Indianer erzeigten sich ungemein Dienstfertig gegen uns wir
gaben ihnen von dem unserigen was sie brauchten und wir entbehren konnten
hergegen waren sie wiederum fleißig das Feld zu bauen und Mahis James
Palates auch Guineisch Korn zu zeuge welches uns trefflich wohl zu statten
kam nächst dem legten sie sich auch mehr als sonsten auf die ordentliche
Hausshaltung und Viehzucht denn es gab daselbst Ochsen Kühe Pferde Schweine
vor allem andern aber Ziegen im Uberfluss so dass nicht nur wir zulängliche
NahrungsMittel hatten sondern auch unsere LandsLeute auf den benachbarten
Insuln mit eingesaltzenen Fleische und andern Sachen besorgen konnten Anbei
taten wir manchen Stich in die See und bereicherten uns nicht allein mit
lauter Spanischen und Frantzösischen Gütern sondern taten beiden Nationen
allen ersinnlichen Schaden und gebranntes Hertzeleid an
Ich vor meine Person hatte mir einen ziemlichen Schatz an Gold Silber
Perlen und andern kostbaren Sachen gesammlet wovon ich das meiste auf der
Insul an unterschiedliche Örter vergrub wo ich nicht leicht befürchten
durfte dass es ohne meine Anweisung jemand finden würde Ubrigens lebten wir
ingesamt so vergnügt auf der Insul dass es nachdem wir 3 Jahr lang darauf
zugebracht das Ansehen hatte als sehnete sich kein einziger wieder nach
seinem Vaterlande
Nach so langer Zeit wurde Kundschaft eingebracht dass die Spanier abermals
mit einer reich beladenen SilberFlotte zurück nach Europa seegeln wollten also
machten wir einen Anschlag etwas davon zu erhaschen gingen mit zwei der
Besten und wohl ausgerüsteten Schiffe auch der resolutesten Mannschaft in See
und laureten um die Gegend der Karibisschen Insuln auf dieselbe brauchten anbei
alle möglichste Vorsicht um nicht entdeckt zu werden Unsere Bemühung war
dessfalls so wenig als sonsten vergebens indem wir eines Morgens sehr frühe
nach vorher ausgestandenen ziemlichen Sturme ein von der Flotte verschlagenes
Spanisches Schiff mit List erhaschten mit Gewalt eroberten und an gediegenen
Silber auch andern Kostbarkeiten mehr darauf antraffen als wir uns fast
hätten einbilden können Die Flotte hatte aus dem heftigen Donnern des
Geschützes Unrat vermerckt und erraten dass eins von ihren Schiffen in
Action begriffen sei deswegen auch zwei von ihren Schiffen zum Succurs dahin
geschickt allein wir waren mit unserer Prise allbereit zur Richtigkeit
gekommen da wir den succurs noch ganz von ferne erblickten hielten aber nicht
vor ratsam dessen Ankunft zu erwarten sondern nahmen die Flucht auf recht
verwegene Art bei Porto Ricco hindurch und gelangeten mit vielen Vergnügen
wieder bei unserer zurückgelassenen Mannschaft auf der Insel Bonatry an
Nunmehr waren wir erstlich eifriger als jemals beflissen nicht allein
unsere Wohnungen FeldBau und ViehZucht mit Beihülffe der Indianer in
vollkommen bequeme Form zu bringen sondern avancirten auch in weniger Zeit mit
unsern VestungsBau dermaßen dass wir diese Insul wider alle feindliche Anfälle
ungemein sicher machten Etliche von den Unsern hatten bei Gelegenheit Spanische
und Frantzösische ledige WeibesPersonen erwischt sich mit selbigen
verheiratet und Kinder gezeuget dieses erweckte bei vielen andern eben
dergleichen Begierde weswegen sie unsern Kapitain als selbst erwehlten
Gouverneur unserer Insul forcirten eine Landung auf Hispaniola zu wagen weil
sich daselbst ungemein schönes so wohl Spanisches als Frantzösisches
Frauenzimmer befinden sollte
Ob nun schon der Kapitain dieses Unternehmen anfangs vor allzu verwegen und
gefährlich erkañte so sah er sich doch letztlich fast gezwungen dem eifrigen
Verlangen der verliebten VenusBrüder ein Genüge zu tun und zwei Schiffe
hierzu auszurüsten deren eines ich als UnterHauptmann commandirte Wir lieffen
aus und kamen auf Hispaniola glücklich an Land Es erreichten auch die
Verliebten ihren erwünschten Zweck indem sie etliche 30 junge WeibsPersonen
zu Schiffe brachten ich aber der ich hiebei die ArrierGuarde führte war so
unglücklich von den nachsetzenden Spaniern einen gefährlichen Schuss in die
rechte Seite und den andern durch die lincke Wade zu bekommen weswegen ich
nebst noch zweien der Unsern von den Spaniern erhascht gefangen genommen und
zu ihrem Gouverneur gebracht wurde
Ein großes Glück war es bei unserm Unglück dass uns derselbe in der ersten
furie nicht gleich auffhencken ließ weil er ein verzweiffelt hitziger Mann war
Jedoch wurden wir nach völlig erlangter Gesundheit wenig besser ja fast eben so
schlimm als die Türckischen Sklaven tractiret Am allerschlimsten war dieses
dass ich nicht die geringste Gelegenheit finden konnte meinem redlichen Kapitain
Nachricht von meinem wiewol elenden Leben zu geben weil ich versichert war dass
er nichts sparen würde mich zu befreien Nachdem ich aber 3 Jahr in solchen
jämmerlichen Zustande hingebracht erhielt Zeitung dass mein redlicher Kapitain
nebst meinen besten Freunden die Insul Bonatry oder Bon Ayres auch Bon air wie
sie andere nennen verlassen und zurück nach Holland gegangen wäre um sich
das rechtmäßige Gouvernement darüber nebst andern Vollmachten auszubitten
Anbei wurde mir der jetzige Zustand auf selbiger Insul dermaßen schön
beschrieben dass mein sehnliches Verlangen auf solche wieder zu kommen als
ganz von neuen erwachte zumahlen weñ mich meiner daselbst vergrabenen Schätze
erinnerte Jedoch ich konnte ohne meine Person und Vermögen in die größte Gefahr
zu setzen nicht erdencken auf was vor Art ich den Gouverneur etwa einen
geschickten Vorschlag wegen meiner Ranzion tun wollte Muste also noch zwei Jahr
als ein PferdeKnecht in des Gouverneurs Diensten bleiben ehe sich nur der
geringste practicable Einfall in meinem Gehirne entsponn wie ich mit guter
manier meine Freiheit erlangen könnte
Die Not erwecket zuweilen bei den Menschen eine GemütsNeigung der sie
von Natur sonsten sehr wenig ergeben sind Von mir kann ich mit Warheit sagen
dass ich mich auch in meinen damaligen allerbesten Jahren um das Frauenzimmer
und die Liebe fast ganz und gar nichts bekümmerte War auch nichts weniger
als aus der intention mit nach Hispaniola gegangen um etwa eine Frau vor mich
daselbst zu holen sondern nur bloß meine Hertzhaftigkeit zu zeigen und etwas
Geld zu gewinnen Allein itzo da ich in größter Not stack und kein sicheres
Mittel zu meiner Freiheit zu gelangen sah nahm meine Zuflucht endlich zu der
Venus weil mir doch Apollo Mars und Neptunus ihre Hilfe gänzlich zu
verwiegern schienen
Eines Tages da ich des Gouverneurs Tochter nebst ihren Kammer Mägdgen auf
ein nah gelegenes LandGut spazieren gefahren und im Garten ganz allein bei
der ersteren war setzte sich dieselbe auf eine grüne Banck nieder und redete
mich auf eine freie Art also an Wolffgang sagt mir doch was ihr vor ein Lands
Mann seid und warum man euch niemals so lustig als andere StallBedienten
sieht Ich stutzte anfänglich über diese Anrede gab aber bald darauf mit
einem tieffgeholten Seuffzer zur Antwort Gnädiges Fräulein ich bin ein
Teutscher von Geburt zwar von mittelmäßigen Herkommen habe mich aber in
Holländischen Diensten durch meine Kourage biss zu dem Posten eines
UnterHauptmanns geschwungen und letztens auf dieser Insul das Unglück
empfunden gefährlich blessirt und Gefangen zu werden Hierauff erwiderte sie
mit einer niedergeschlagenen und etwas negligent scheinenden mine Ich hätte
euch zum wenigsten wegen eurer guten Visage Adelichen Herkommens geschätzt
Stund damit auf und ging eine gute Zeit in tiefen Gedanken ganz allein vor
sich spazieren Ich machte allerhand Glossen über ihre Reden und war mir fast
leid dass ich von meinem Stande nicht etwas mehr geprahlet hatte doch
vielleicht gedachte ich geht es in Zukunft mit guter manier besser an Es
geschahe auch denn ehe wir wieder zurück fuhren nahm sie Gelegenheit mir mit
einer ungemeinen verliebten Mine noch dieses zu sagen Wolffgang Wo euch an
eurer Freiheit Glück und Vergnügen etwas gelegen so scheuet euch nicht mir
von eurem Stande und Wesen nähere Nachricht zu geben und seid versichert dass
ich euer Bestes eilig befördern will und kann absonderlich wo ihr einige
Zärtlichkeit und Liebe vor meine Person heget Sie wurde bei den letztern Worten
Feuerrot sah sich nach ihren Mägdgen um und sagte noch zu mir Ihr habt die
Erlaubnis mir in einem Briefe euer ganzes Hertz zu offenbaren und könnt
denselben morgen meinem Mägdgen geben seid aber redlich und verschwiegen
Man wird mich nicht verdencken dass ich diese schöne Gelegenheit meine
Freiheit zu erlangen mit beiden Händen ergriff Donna Salome so hieß das
Fräulein war eine wohlgebildete Person von 17 biss 18 Jahren und sollte
einen zwar auch noch jungen aber einäugigen und sonst überaus hesslichen
Spanischen wohlhabenden Offizier heiraten welches ihre eigene Mutter selbst
nicht billigen wollte aber doch von dem eigensinnigen Gouverneur darzu gezwungen
wurde Ich könnte diesem nach eine ziemlich weitläufftige LiebesGeschicht von
derselben und mir erzählen allein es ist mein Werck nicht Kurtz Ich schrieb
an die Donna Salome und machte mich nach ihrem Wunsche selbst zum Edelmanne
entdeckte meine zu ihr tragende heftige Liebe und versprach alles was sie
verlangen könnte wo sie mich in meine Freiheit setzen wollte
Wir wurden in wenig Tagen des ganzen Krahms einig Ich tat ihr einen Eyd
sie an einen sichern Ort und so bald als möglich nach Europa zu führen mich
mit ihr ordentlich zu verheiraten und sie Zeit Lebens vor meine rechte
EheGemahlin zu ehren und zu lieben Hergegen versprach sie mir nebst einem
BrautSchatze von 12000 Ducaten und andern Kostbarkeiten einen sichern
Frantzösischen Schiffer auszumachen der uns vor gute Bezahlung je ehe je lieber
nach der Insul Bon air bringen sollte
Unser Anschlag ging glücklich von statten denn so bald wir erlebten dass
der Gouverneur in eigener Person jene Seite der Insul visitirte packten wir des
Nachts unsere Sachen auf leichte darzu erkauffte Pferde und jagten von sonst
niemand als ihren Mägdgen begleitet in etlichen Stunden an dasjenige Ufer
allwo der bestellte Frantzösische Schiffer unserer mit einem leichten
JagdSchiffe wartete uns einnahm und mit vollen Seegeln nach Bon air zu
eilete Daselbst landeten wir ohne einig auszustehende Gefahr an man wollte uns
zwar anfänglich das Aussteigen nicht vergönnen jedoch so bald ich mich melden
ließ und erkannt wurde war die Freude bei einigen guten Freunden und Bekandten
unbeschreiblich welche dieselben über mein Leben und glückliche Wiederkunft
bezeigten Denn man hatte mich nun seit etlichen Jahren längst vor tot
gehalten
Monsieur van der Baar mein ganz besonderer Freund und ehemaliger
SchiffsQuartierMeister war Vice Gouverneur daselbst und ließ mir vor mich
und meine Liebste sogleich ein fein erbautes Haus einräumen nach etlichen
Tagen aber so bald wir uns nur ein wenig eingerichtet musste uns einer von den
zwei daselbst befindlichen Holländischen Priestern ehelich zusammen geben Ich
ließ auf mehr als 50 Personen eine nach dasiger Beschaffenheit recht kostbare
Mahlzeit zurichten vor alle andern aber auch so gar vor die Indianischen
Familien weiß Brod Fleisch Wein und ander stark Getränke austeilen damit
sich nebst mir jederman zu erfreuen einige Ursach haben möchte Der
ViceGouverneur ließ mir zu Ehren beim Gesundheit Trincken die Stücken auf den
Batterien tapffer abfeuren damit auch andere Insulaner hören möchten dass in
selbiger Gegend etwas Besonderes vorgienge kurtz wir lebten etliche Tage auf
meine Kosten rechtschaffen lustig Meine nunmehrige EheLiebste die Donna
Salome war so herzlich vergnügt mit mir als ich mit ihr indem ich nun erst
in ihren süßen Umarmungen empfand was rechtschaffene Liebe sei Es sollte
mancher vermeinen ich würde am allerersten nach meinen vergrabenen Schätzen
gelauffen sein allein ich bin warhaftig so gelassen gewesen und habe dieselbe
erst 8 Tage nach unserer Hochzeit gesucht auch ohnversehrt glücklich wieder
gefunden und meiner Liebste dieselben in der Stille gezeiget Sie erstaunete
darüber indem sie mich nimmermehr so reich geschätzt nunmehr aber merkte
dass sie sich an keinen BettelMann verheiratet habe und deswegen vollkommen
zufrieden war ungeacht ich ihr offenbarete dass ich kein Edelmann sondern nur
aus Bürgerlichen Stande sei
Vier Monat nach meiner glücklichen Wiederkunft nachdem wir unsere
Hausshaltung in vortrefflichen Stand gesetzt hatte ich die Freude meinen alten
Kapitain zu umarmen welcher eben aus Holland wieder zurück kam und nicht
allein die Konfirmation über seine GouverneurCharge sondern auch weit
wichtigere Vollmachten nebst vielen höchstnötigen Dingen in 3 Schiffen mit
brachte Er erzehlete mir dass nach der Versicherung meines Todes er alsofort
mein zurückgelassenes Vermögen durch redliche und teils gegenwärtige Personen
taxiren lassen welches sich auf 6 tausend Tlr wert belauffen hiervon habe
er meinem jüngeren Bruder den er nach Amsterdam zu sich verschrieben vor ihn
und das andere Geschwister 5000 Tlr gezahlet ein tausend aber vor sich
selbst zur Erbschaft vor die meinetwegen gehabte Mühe behalten welche er mir
aber nunmehr da er die Freude hätte mich wieder zu finden gedoppelt bezahlen
wollte Allein ich hatte eine solche Freude über seine Redlichkeit dass ich ihn
beschwur hiervon nichts zu gedenken indem ich weil ich vergnügt wäre mich
reich genug zu sein schätze und wohl wüste dass ihm selbst ein noch weit
mehreres schuldig sei
Wir lebten nachher in der schönsten Einträchtigkeit beisammen Monsieur van
der Baar musste mit 50 Mannen und allerhand ihm zugegebenen notdürfftigen
Sachen eine andere kleine Insul bevölckern ich aber wurde an dessen Statt
ViceGouverneur und war fast nicht mehr willens in Zukunft auf FreiBeuterei
auszugehen sondern bei meiner Liebenswürdigen Salome mein Leben in Ruhe
zuzubringen wie denn dieselbe ihr Verlangen nach Europa gänzlich fahren ließ
und nichts mehr wünschte als in meiner beständigen Gegenwart Lebenslang auf
dieser Insul zu bleiben Allein o Jammer mein innigliches Vergnügen währete
nicht lange denn da meine Hertzallerliebste EheFrau im zehenden Monat nach
unserer Kopulation durch eine entsetzliche schwere Geburt eine tote Tochter
zur Welt gebracht hatte vermerckte sie bald darauf die Anzeigungen ihres
eigenen herran nahenden Todes Sie hatte sich schon seit etlichen Wochen mit den
Predigern der Religion wegen fast täglich unterredet und alle unsere
GlaubensArticul wohl gefasst nahm deswegen aus hertzlichen Verlangen nach
dem heiligen Abendmahle die Protestantische Religion an und starb folgenden
Tages sanft und seelig
Ich mag meinen Schmerzen den ich damals empfunden in Gegenwart anderer
voritzo nicht erneuern sondern will nur so viel sagen dass ich fast nicht zu
trösten war und in beständiger Tieffsinnigkeit nirgends Ruhe zu suchen wusste
als auf dem Grabe meiner Liebsten welches ich mit einem ziemlich wohl
ausgearbeiteten Steine bedeckte und mit eigener Hand folgende Zeilen darauf
meisselte
Hier liegt ein schöner Raub den mir der Tot geraubt
Nachdem der FreiheitsRaub den LiebesRaub erlaubt
Es ist ein seelig Weib Wer raubt ihr diesen Orden
Doch ich als Wittber bin ein Raub des Kummers worden
Unten drunter meisselte ich fernere Nachricht von ihrer und meiner Person
nebst der JahrZahl ein um die Curiosität der Nachkommen zu vergnügen ich
hergegen wusste weiter fast nichts mehr von einigen Vergnügen in der Welt ward
dannenhero schlüssig wieder nach Europa zu gehen um zu versuchen ob ich
daselbst als in der alten Welt einige GemütsRuhe finden und meine
Schmerzen bei der begrabenen geliebten Urheberin derselben in der Neuen Welt
zurück lassen könnte Dieses mein Vorhaben entdeckte ich dem Kapitain als unsern
Gouverneur welcher mir nicht allein die hierzu benötigten freiwilligen Leute
sondern auch eins der besten Schiffe mit allen Zubehör versehen auszulesen
ohne die allergeringste Schwierigkeit vielmehr mit rechten Freuden erlaubte
Jedoch mich inständig bat bald wieder zu kommen zumahlen wenn ich meine
Meublen und Barschaften wohl angelegt hätte
Ich versprach alles was er von mir verlangte und seegelte nachdem er mich
mit vielen wichtigen Kommissionen und guten Pasporten versehen im Nahmen des
Himmels von der mir so lieb gewesenen Insel nach Europa zu und kam ohne
besondere Hindernis nach verflossener ordentlicher Zeit glücklich in Amsterdam
an
Binnen 2 Monaten richtete alle mir aufgetragene Kommissionen aus überließ
das Schiff an meines Kapitains Kompagnons und gab ihnen zu verstehen dass
erstlich in mein Vaterland reisen und mich allda resolviren wollte ob es weiter
mein Werck sein möchte wieder in See zu gehen oder nicht Packte nachher alles
mein Vermögen auf und ging nach Lübeck zu meinem ehemahligen Patrone der mich
mit größten Freuden empfing in sein Haus auf so lange aufnahm biss ich einen
richtigen Schluss gefasst wohin mich nunmehr wenden wollte Da mir aber dieser
mein Patron erzehlete dass sein Sohn mit dem ich ehemahls in Grypswalde studi
ret nunmehr vor ein paar Jahren einen ansehnlichen Dienst in Dantzig bekommen
hätte machte mich auf die Reise ihn daselbst zu besuchen nachdem ich vorher
meinem Bruder der ohne mich der jüngste war schrifftlich zu wissen getan dass
er mich in Dantzig antreffen würde
Derselbe nun hatte sich nicht gesäumet sondern war noch zwei Tage eher als
ich bei dem beschriebenen guten Freunde eingetroffen indem nun ich auch arrivir
the weiß ich nicht ob ich bei dem Bruder oder dem Freunde mehr Freude und
LiebesBezeugungen antraff wenigstens stelleten sie sich einander gleich
Nachdem wir uns aber etliche Tage rechtschaffen mit einander ergötzt schickte
ich meinen Bruder mit einem ansehnlichen Stück Geldes nach meinem Vaterlande
und überließ ihn die Sorge durch einen geschickten Juristen einen PardonBrief
bei der höchsten LandesObrigkeit vor mich auszuwircken wegen des in Franckfurt
erstochenen Studenten Weil nun mehrenteils auf der Welt das Geld alles
ausmachen kann so war auch ich in diesem Stück nicht unglücklich sondern
erhielt nach Verlauff etlicher Wochen den verlangten PardonBrief und konnte
nach genomenen zärtlichen Abschiede von meinem Freunde sicher in meine
GeburtsStadt reisen nachdem ich in Dantzig die Zeit ungemein vergnügt
zugebracht und mit den vornehmsten Kauff und andern Leuten genaue Kund und
Freundschaft gepflogen hatte
Meine Geschwister Bluts und MutsFreunde empfingen mich mit ganz
außerordentlichen Vergnügen konnte also in den ersten 4 Wochen wenig tun als
zu Gaste gehen nachher ließ mich zwar bereden daselbst in Ruhe zu bleiben zu
welchem Ende ich ein schönes Gut kauffen und eine vorteilhaft Mariage treffen
sollte allein weil es vielleicht nicht sein sollte musste mir eine unverhoffte
Verdriesslichkeit zustossen die zwar an sich selbst wenig importirte allein ich
ward auf einmal capricieus setzte meinen Kopf auf resolvirte mich wieder
zur See zu gehen und reiste nachdem ich mich über ein Jahr zu Hause
aufgehalten meine Verwandten und Freunde auch reichlich beschenckt ohne
ferneren ZeitVerlust wieder nach Amsterdam
Es hielt daselbst nicht schwer einen neuen Brief vor mich als Kapitain
eines FreiBeuter Schiffs heraus zu kriegen zumahl da mich selbst equippiren
wollte ich warb Leute an bekam aber wie ich nachher erfahren musste zu meinem
Unglücke den Abschaum aller Schelmen Diebe und des allerliederlichsten
Gesindels auf meinem Schiff mit selbigen wollte ich nun eine neue Tour nach
WestIndien vornehmen so bald mich aber nur auf dem großen Atlantischen Meere
befand änderten sie auf Einraten eines Ertzverruchten Bösewichts der sich
Jean le Grand nennete und den ich wegen seines guten Ansehens und verstellten
rechtschaffenen Wesens zum nächsten Kommandeur nach mir gemacht hatte ihre
Resolution und zwungen mich sie nach OstIndien zu führen Ihr ungestümes
Wesen ging mir zwar sehr im Kopffe herum jedoch ich musste klüglich handeln und
mich in die Zeit schicken da aber ihre Bosheit überhand nahm und von einigen
die verzweiffeltesten und liederlichsten Streiche gemacht wurden ließ ich die
RädelsFührer exemplarisch bestraffen setzte auch hiermit meines Bedünckens
die übrigen alle in ziemliche Furcht Immittelst waren wir allbereit die Linie
passiret als uns ein entsetzlicher Sturm von der OstIndischen Straße ab im
Gegenteil nach dem Brasilischen Meere hin wo das Mittägliche America liegt
getrieben hatte Ich brauchte alle meine Beredsamkeit diesen uns von dem Glück
gewiesenen Weg zu verfolgen und versicherte dass wir in America unser Konto
weit besser finden würden als in OstIndien allein meine Leute wollten fast
alle anfangen zu rebelliren und durchaus meinem Kopffe und Willen nicht folgen
weswegen ich ihnen auch zum andern mahle nachgab allein sie erfuhren es mit
Schaden weil wir in öffteren Stürmen bei nahe das Leben und alles verloren
hätten Endlich erholeten wir uns auf einer gewissen Insul in etwas und waren
allbereits den Tropicum capricorni passiret da mir die unruhigsten Köpffe
abermals allerhand verfluchte Händel auf dem Schiffe machten Ich wollte die
ehemalige Schärffe gebrauchen allein Jean le Grand trat nunmehr öffentlich
auf und sagte Es wäre keine Manier FreiBeuter also zu tractiren ich sollte
mich moderater aufführen oder man würde mir etwas anders weisen
Dieses war genung geredet mich völlig in Harnisch zu jagen kaum konnte mich
enthalten ihm die Fuchtel zwischen die Ohren zu legen doch ließ ihn durch
einige annoch Getreuen in Arrest nehmen und krumm zusammen schließen Hiermit
schien es als ob alle Streitigkeiten beigelegt wären indem sich kein einziger
mehr regte allein es war eine verdammte List mich und diejenigen die es
annoch mit mir hielten recht einzuschläffern Damit ich es aber nur kurtz
mache Einige Nachte hernach machten die Rebellen den Jean le Grand in der
Stille von seinen Ketten los erwehleten ihn zu ihrem Kapitain mich aber
überfielen sie des Nachts im Schlaffe banden meine Hände und Füße mit
Stricken und legten mich auf den untersten SchiffsBoden allwo zu meinem
LebensUnterhalte nichts anders bekam als Wasser und Brod Die Leichtfertigsten
unter ihnen hatten beschlossen gehabt mich über Boord in die See zu werffen
doch diejenigen so noch etwa einen halben redlichen BlutsTropffen im Leibe
gehabt mochten diesen unmenschlichen Verfahren sich eifferig widersetzt haben
endlich aber nach einem abermals überstandenen heftigen Sturme da das Schiff
nahe an einem ungeheueren Felsen auf den Sand getrieben worden und nach 2 Tagen
erstlich wieder Flott werden konnte wurde ich vermittelst eines kleinen Boots
an dem wüsten Felsen ausgesetzt und musste mit tränenden Augen die rebellischen
Verräter mit meinem Schiffe und Sachen davon seegeln mich aber von aller
menschlichen Gesellschaft und Hilfe an einen ganz wüsten Orte gänzlich
verlassen sehen Ich ertrug mein unglückliches Verhängnis dennoch mit ziemlicher
Gelassenheit ungeacht keine Hoffnung zu meiner Erlösung machen konnte zudem
auch nicht mehr als etwa auf 3 Tage Proviant von der Barmhertzigkeit meiner
unbarmhertzigen Verräter erhalten hatte stellte mir deswegen nichts
gewissers als einen baldigen Tot vor Augen Nunmehr fing es mich freilich an
zu gereuen dass ich nicht auf der Insul Bon air bei dem Grabe meiner liebsten
Salome oder doch im Vaterlande das Ende meines Lebens erwartet so hätte doch
versichert sein können nicht so schmählich zu sterben und da ich ja gestorben
ehrlich begraben zu werden allein es halff hier nichts als die liebe Geduld und
eine christliche Hertzhaftigkeit dem Tode getrost entgegen zu gehen dessen
Vorboten sich in meinem Magen und Gedärme ja im ganzen Körper nach
aufgezehrten Proviant und bereits 2 tägigem Fasten deutlich genung spüren
ließ
Die Hitze der Sonnen vermehrete meine Mattigkeit um ein großes weswegen
ich an einen schattigten Ort kroch allwo ein klares Wasser mit dem größten
Ungestüm aus dem Felsen heraus geschossen kam hiermit und dann mit einigen
halbverdorreten Kräutern und Wurtzeln die doch sehr sparsam an dem rings herum
ganz steilen Felsen anzutreffen waren konnte ich mich zum ValetSchmause auf
der Welt noch in etwas erquicken Doch unversehens hörte die starke
WasserFlut auf einmal auf zu brausen so dass in Kurtzen fast kein einziger
WasserTroffen mehr gelauffen kam Ich wusste vor Verwunderung und Schrecken
nicht was ich hierbei gedenken sollte brach aber in folgende wehmütige Worte
aus So muss denn armseeliger Wolffgang da der Himmel einmal deinen Untergang
zu beschleunigen beschlossen hat auch die Natur den ordentlichen Lauff des
Wassers hemmen welches vielleicht an diesem Orte niemals geschehen ist weil
die Welt gestanden hat ach so bete denn und stirb Ich fing also an mit
weinenden Augen den Himmel um Vergebung meiner Sünden zu bitten und hatte den
festen Vorsatz in solcher heißen Andacht zu verharren biss mir der Tot die
Augen zudrückte
Was kann man doch vor ein andächtiger Mensch werden wenn man erstlich aller
menschlichen Hilfe beraubt und von seinem Gewissen überzeugt ist dass man der
Göttlichen Barmhertzigkeit nicht würdig sei Ach da heist es wohl recht Not
lernet beten Doch ich bin ein lebendiger Zeuge dass man die Göttliche Hilfe
sodann erstlich rechtschaffen erkennen lerne wenn uns alle Hoffnung auf die
menschliche gänzlich entnommen worden Doch weil mich Gott unfehlbar zu einem
Werckzeuge ausersehen verschiedenen Personen zu ihrer zeitlichen noch mehreren
aber zu ihrer geistlichen Wohlfart behülfflich zu sein so hat er mich auch in
meiner damaligen allergrößten LebensGefahr und zwar folgender Gestalt
wunderlich erhalten
Als ich mich nach Zurückbleibung der WasserFlut in eine FelsenKlufft
hinein geschmieget und unter beständigen lauten Seuffzen und Beten mit
geschlossenen Augen eine baldige Endigung meiner Quaal wünschte hörte ich eine
Stimme in Teutscher Sprache folgende Worte nahe bei mir sprechen Guter Freund
wer seid ihr und warum gehabt ihr euch so übel So bald ich nun die Augen
aufschlug und 6 Männer in ganz besonderer Kleidung mit Schiessund
SeitenGewehr vor mir stehen sah kam mein auf der Reise nach der Ewigkeit
begriffener Geist plötzlich wieder zurücke ich konnte aber ich glaube teils
vor Schrecken teils vor Freuden kein eintzig Wort antworten sie redeten mir
deswegen weiter zu erquickten mich mit einem besonders wohlschmeckenden
Getränke und etwas Brodt worauf ihnen meine gehabten Fatalitäten kürtzlich
erzehlete um alle möglichste Hilfe gegen bevorstehende Gefahr zu verhungern
anhielt und mich anbei erkundigte wie es möglich wäre an diesem wüsten Orte
solche Leute anzutreffen die meine MutterSprache redeten Sie bezeugten durch
Gebärden ein besonderes Mitleiden wegen meines gehabten Unglücks sagten aber
Guter Freund sorget vor nichts ihr werdet an diesem wüste und unfruchtbar
scheinenden Orte alles finden was zu eurer LebensFristung nötig sein wird
geht nur mit uns so soll euch in dem was ihr zu wissen verlanget
vollkommenes Genügen geleistet werden
Ich ließ mich nicht zweimahl nötigen wurde also von ihnen in den Schlund
des WasserFalles hinein geführet allwo wir etliche Stuffen in die Höhe
stiegen hernach als in einem finsteren Keller zuweilen etwas gebückt immer
aufwarts gingen so dass mir wegen unterschiedlicher einfallender Gedanken
angst und bange werden wollte indem ich mir die 6 Männer bald als Zauberer
bald als böse bald als gute Engel vorstellete Endlich da sich in diesem
düstern Gewölbe das TagesLicht von ferne in etwas zeigte fasste ich wieder
einen Mut merkte dass je höher wir stiegen je heller es wurde und endlich
kamen wir an einem solchen Orte heraus wo meine Augen eine der allerschönsten
Gegenden von der Welt erblickten An diesem Ausgange waren auf der Seite etliche
in Stein gehauene bequeme Sitze auf deren einen ich mich niederzulassen und zu
ruhen genötigt wurde wie sich denn meine Führer ebenfals bei mir
niederliessen und fragten Ob ich furchtsam und müde worden wäre Ich
antwortete Nicht sonderlich Hatte aber meine Augen beständig nach der schönen
Gegend zugewand welche mir ein irdisch Paradiess zu sein schien Mittlerweile
bliess der eine von meinen Begleitern 3 mahl in ein ziemlich großes Horn so er
an sich hangen hatte da nun hierauf 6 mahl geantwortet worden ward ich mit
Erstaunen gewahr dass eine gewaltige starke WasserFlut in dem leeren
WasserGraben hergeschossen kam und sich mit grässlichen Getöse und grausamer
Wut in diejenige Öffnung hinein stürtzte wo wir herauf gekommen waren
So viel ists Messieurs sagte hier der Kapitain Wolffgang als ich euch vor
diessmahl von meiner LebensGeschicht erzählt haben will den übrigen Rest
werdet ihr bei bequemerer Gelegenheit ohne Bitten erfahren geduldet euch nur
biss es erstlich Zeit davon ist. Hiermit nahm er weil es allbereit ziemlich
spät war Abschied von den andern mich aber führte er mit in seine Kammer und
sagte Mercket ihr nun mein Sohn Monsieur Eberhard Julius dass eben diese
Gegend welche ich itzo als ein irrdisches Paradiess gerühmet dasjenige Gelobte
Land ist worüber euer Vetter Albertus Julius als ein Souverainer Fürst
regieret Ach betet fleißig dass uns der Himmel glücklich dahin führt und wir
denselben noch lebendig antreffen denn den weitesten Teil der Reise haben wir
fast zurück gelegt indem wir in wenig Tagen die Linie passieren werden Hierauf
wurde noch ein und anderes zwischen mir und ihm verabredet worauf wir uns
beiderseits zur Ruhe legten
Es traff ein was der Kapitain sagte denn 5 Tage hernach kamen wir unter
die Linie allwo doch vor dieses mahl die sonst gewöhnliche excessive Hitze
nicht eben so sonderlich war indem wir unsere ordentliche Kleidung ertragen
und selbige nicht mit leichten LeinwandKitteln verwechseln durfften Unsere
Matrosen hingegen vergaßen bei dieser Gelegenheit ihre wunderlichen Gebräuche
wegen des Tauffens nicht sondern machten bei einer lächerlichen Masquerade mit
denenjenigen so die Linie zum ersten mahle passirten und sich nicht mit Gelde
lösen wollten eine ganz verzweiffelte Wäsche ich nebst einigen andern blieb
ungehudelt weilen wir jeder einen Species Taler erlegten und dabei angelobten
Zeit Lebens so oft wir an diesen Ort kämen die Zeremonie der Tauffe bei den
Neulingen zu beobachten
Die vortrefflich schöne Witterung damahliger Zeit verschafte uns wegen
der ungemeinen Windstille zwar eine sehr langsame doch angenehme Fahrt der
größte Verdruss war dieser dass das süße Wasser so wir auf dem Schiffe
führten gar stinckend und mit eckeln Würmern angefüllet wurde welches
Ungemach wir so lange erdulden mussten biss uns der Himmel an die Insul St
Helenæ führte Diese Insul ist von gar guten Leuten Englischer Nation
bewohnt und konnten wir daselbst nicht allein den Mangel des Wassers sondern
auch vieler andern Notwendigkeiten ersetzen welches uns von Hertzen
wohlgefiel ungeacht wir binnen denen 12 Tagen so wir daselbst zubrachten
den GeldBeutel beständig in der Hand haben mussten
Wenn der Kapitain den wollüstgen Leuten unsers Schiffs hätte zu gefallen
leben wollen so lägen wir vielleicht annoch bei dieser Insul vor Ancker indem
sich auf derselben gewiss recht artig Frauenzimmer antreffen ließ allein er
befand ehe sich dieselben ruinirten vor ratsam abzuseegeln da wir denn am
15 Octobr den Tropicum Kapricorni passirten allwo die Matrosen zwar wieder
eine neue Tauffe anstelleten doch nicht so scharffe Lauge gebrauchten als
unter der Linie
Wenig Tage hernach fiel ein verdrüssliches Wetter ein und ob es wohl nicht
beständig hintereinander her regnete so verfinsterte doch ein anhaltender
gewaltigdicker Nebel fast die ganze Luft und konnten wir um MittagsZeit die
Sonne sehr selten und trübe durch die Wolcken schimmern sehen Wenn uns der Wind
so ungewogen als das Wetter gewesen wäre hätten wir uns des übelsten zu
befürchten gnugsame Ursach gehabt doch dessen gewöhnliche Wut blieb in
ziemlichen Schrancken obgleich der Regen und Nebel biss in die dritte Woche
anhielt
Endlich zerteilte sich zu unsern allerseits größten Vergnügen so wohl Regen
als Nebel indem sich die Sonne unsern Augen in ihrer schönsten Klarheit der
Himmel aber ohne die geringsten Wolcken als ein blaugemahltes Gewölbe zeigte
Und gewisslich diese AllmachtsGeschöpffe erweckten in uns desto größere
Verwunderung weil wir außer denselben sonst nichts sehen konnten als unser
Schiff die offenbare See und dann und wann einige schwimmenden Kräuter Wir
bekamen zwar einige Tage hernach auch verschiedene Seltsamkeiten nämlich
SeeKühe SeeKälber und SeeLöwen Delphine rare Vögel und dergleichen zu
Gesichte aber nichts fiel mir mit mehreren Vergnügen in die Augen als da der
Kapitain Wolffgang eines Tages sehr frühe mit aufgehender Sonne mir sein
Perspectiv gab und sagte Seht mein Sohn dorten von ferne denjenigen Felsen
worauf nächst Gott eure zeitliche Wohlfahrt gegründet ist Ich wusste mich vor
Freuden fast nicht zu lassen als ich diesen vor meine Person so glücklichen Ort
nur von ferne erblickte ungeacht ich nichts wahrnehmen konnte als einen
ungeheueren aufgetürmten SteinKlumpen welcher auch je näher wir demselben
kamen desto fürchterlicher schien doch weil mir der Kapitain in Geheim
allbereis eine gar zu schöne Beschreibung davon gemacht hatte bedünckten mich
alle Stunden Jahre zu werden ehe wir diesem Trotzer der Winde und stürmenden
MeeresWellen gegen über Ancker wurffen
Es war am 12 Novemb 1725 allbereit nach Untergang der Sonnen da wir in
behöriger Weite vor dem Felsen die Ancker sincken ließ weil sich der
Kapitain vor den ihm ganz wohlbekandten SandBäncken hütete So bald dieses
geschehen ließ er kurtz auf einander 3 KanonSchüsse tun und bald hernach 3
Raqueten steigen Nach Verlauff einer Vierteils Stunde mussten abermals 3
Kanonen abgefeuert und bei jedem 2 Raqueten gezündet werden da denn alsofort
von dem Felsen mit dreien KanonenSchüssen geantwortet wurde wobei zugleich 3
Raqueten gegen unser Schiff zugeflogen kamen welches bei denen so keinen
Bescheid von der Sache hatten eine ungemeine Verwunderung verursachte Der
Kapitain aber ließ noch 6 Schüsse tun und biss gegen MitterNacht alle Viertel
Stunden eine Raquete steigen auch LustKugeln und WasserKegel in die See
spielen da denn unsern Raqueten allezeit andere von dem Felsen entgegen kamen
um MitterNacht aber von beiden Seiten mit 3 KanonenSchüssen beschlossen
wurde
Wir legten uns hierauf mehrenteils zur Ruhe biss auf einige welche von des
Kapitains generositeé überflüssig profitiren wollten und sich teils bei einem
Glase Brandtewein teils bei einer Schaale Koffeé oder KanarienSect noch
tapffer lustig machten biss der helle Tag anbrach Demnach hatten wir schon
ausgeschlaffen da diese nassen Brüder noch nicht einmal müde waren Kapitain
Wolffgang ließ so bald die Sonne aufgegangen war den Lieutenant Horn nebst
allen auf dem Schiffe befindlichen Personen zusammen ruffen trat auf den
Oberlof und tat ungefähr folgende Rede an die sämtlich Versammleten
Messieurs und besonders gute Freunde Es kann euch nicht entfallen sein was
ich mit einem jeden ins besondere hernach auch mit allen insgesamt öffentlich
verabredet da ich euch teils in meiner Kompagnie zu reisen teils aber in
meine würcklichen Dienste aufgenommen habe Die meisten unter euch haben mir
einen ungezwungenen Eyd über gewisse Puncte die ich ihnen wohl erkläret habe
geschworen und ich muss euch allen zum immerwährenden Ruhme nachsagen dass nicht
ein einziger nur mit der geringsten Gebärde darwider gehandelt sondern einer
wie der andere vom größten biss zum kleinesten sich dergestalt gegen mich
aufgeführet wie ich von honetten rechtschaffenen Leuten gehofft habe Nunmehr
aber lieben Kinder ist Zeit und Ort vorhanden da ich nebst denen die ich
darzu auf und angenommen von euch scheiden will Nehmet es mir nicht übel
denn es ist vorher so mit euch verabredet worden Seht ich stelle euch hier
an meine Statt den Lieutenant Philipp Wilhelm Horn zum Kapitain vor ich kenne
seine treffliche Konduite Erfahrenheit im SeeWesen und andere zu solcher
Charge erforderliche Meriten folgt meinem Rate und seinem Anführen in guter
Einträchtigkeit so habt ihr mit Göttl Hilfe an glücklicher Aussführung eures
Vorhabens nicht zu zweiffeln Ich gehe nun an meinen auserwehlten Ort allwo ich
die übrige Zeit meines Lebens ob GOTT will in stiller Ruhe hinzu bringen
gedencke GOTT sei mit euch und mir Ich wünsche euch allen und einem jeden ins
besondere tausendfaches Glück und Seegen gedencket meiner allezeit im Besten
und seid versichert dass ich eure an mir erwiesene Redlichkeit und Treue
allezeit danckbar zu erkennen suchen werde denn wir können einander in Zukunft
dem ungeacht wohl weiter dienen Inzwischen da ich mein Schiff nebst allen dem
was ihr zur OstIndischen Reise nötig habt an den Kapitain Horn vermöge eines
redlichen Kontracts überlassen habe wird hoffentlich niemand scheel sehen wenn
ich diejenigen Meublen so vor mich allein mitgenommen davon abführe
hernachmals freundlichen Abschied nehme und euch ingesammt Göttl Schutz
empfehle
Man hätte nachdem der Kapitain Wolffgang diese seine kleine Oration
gehalten nicht meinen sollen wie niedergeschlagen sich alle und jede auch die
sonst so wilden BootsKnechte bezeugten Ein jeder wollte der erste sein ihn mit
Tränenden Augen zu umarmen dieser fiel ihm um den Hals jener küsste ihm die
Hände andere Demütigten sich noch tieffer so dass er selbst weinen und mit
manier Gelegenheit suchen musste von allen Liebkosungen los zu kommen Er hielt
hierauf noch eine kleine Rede an den neuen Kapitain stellte ihm das Behörige
zum Uberflusse nochmals vor ließ allen die sich auf dem Schiffe befunden
abermals Wein und ander starckes auch gelinderes und lieblicher Getränke
reichen aus den Kanonen aber tapffer Feuer geben Währender Zeit wurden unsere
Sachen von dem Schiffe auf Boote gepackt und nach und nach hinüber an den
Felsen geschafft womit wir zwei vollkommene Tage zubrachten ungeachtet von
Morgen biss in die Nacht aller Fleiß angelegt wurde
Am allerwundersamsten kam es einen jeden vor dass der Kapitain an einem
solchen Felsen bleiben wollte wo weder Grass Kraut noch Bäume vielweniger
Menschen zu sehen waren weswegen sich auch einige nicht enthalten konnten ihn
darum zu befragen Allein er gab ihnen lächelnd zur Antwort Sorget nicht
lieben Kinder vor mich und die ich bei mir habe denn ich weiß dass uns GOTT
wohl erhalten kann und wird Wer von euch in des Kapitain Horns Gesellschaft
wieder mit zurück kommt soll uns ob GOTT will wieder zu sehen und zu sprechen
kriegen
Nachdem also alle Personen und Sachen so am Felsen zurück bleiben sollten
hinüber geschafft waren lichtete der Kapitain Horn seine Ancker und nahm mit 4
KanonenSchüssen von uns Abschied wir danckten ihm gleichfalls aus 4 Kanonen
die Herr Kapitain Wolffgang mit an den Felsen zu bringen befohlen hatte dieses
aber war am vergnüglichsten dass die unsichtbaren Einwohner des Felsens auch
kein Pulver spareten und damit anzeigten dass sie uns Bewillkomen jenen aber
Glück auf die Reise wünschen wollten
Kaum hatte sich das Schiff aus unsern Augen verloren als indem sich die
Sonne bereits zum Untergange geneiget die sämtlich Zurückgebliebenen ihre
begierigen Augen auf den Kapitain Wolffgang worffen um solchergestat
stillschweigend von ihm zu erfahren was er nunmehr mit uns anfangen wollte Es
bestunde aber unsere ganze Gesellschaft aus folgenden Personen
1 Der Kapitain Leonhard Wolffgang 45 Jahr alt
2 Herr Mag Gottlieb Schmeltzer 33 Jahr alt
3 Friedrich Litzberg ein Literatus der sich meistens auf die Matematique
legte etwa 30 Jahr alt
4 Johann Ferdinand Kramer ein erfahrner Chirurgus 33 Jahr alt
5 Jeremias Heinrich Plager ein Uhrmacher und sonst sehr künstlicher
Arbeiter in Metall und anderer Arbeit seines Alters 34 Jahr
6 Philipp Harckert ein Posamentirer von 23 Jahren
7 Andreas Klemann ein Pappiermacher von 36 Jahren
8 Willhelm Herrlich ein Drechsler 32 Jahr alt
9 Peter Morgental ein Kleinschmied aber dabei sehr künstlicher
EisenArbeiter 31 Jahr alt
10 Lorentz Wetterling ein Tuchmacher 34 Jahr alt
11 Philipp Andreas Krätzer ein Müller 36 Jahr alt
12 Jacob Bernhard Lademann ein Tischler 35 Jahr
13 Joh Melchior Garbe ein Büttner von 28 Jahren
14 Nicolaus Schreiner ein TöpfferGeselle von 22 Jahren
15 Ich Eberhard Julius damals alt 1912 Jahr
Was wir an Gerätschaften Tieren und andern Sachen mit ausgeschifft
hatten wird gehöriges Orts vorkommen deswegen erinnere nur nochmals das
besondere Verlangen so wir allerseits hegten nicht allein das Gelobte Land
darinnen wir wohnen sollten sondern auch die berühmten guten Leute zu sehen
Kapitain Wolffgang merkte solches mehr als zu wohl sagte deswegen wir
möchten uns nur diese Nacht noch auf dieser Städte zu bleiben gefallen lassen
weilen es ohnedem schon späte wäre der morgende Tag aber sollte der Tag unsers
frölichen Einzugs sein
Indem er nun wenig Worte verlieren durfte uns alle nach seinen Willen zu
lencken setzte sich ein Teil der Unsern bei das angemachte Feuer nieder
dahingegen Herr M Schmeltzer ich und noch einige mit dem Kapitain am Fuße des
Felsens spazieren gingen und den herabschiessenden WasserFluss betrachteten
welches gewiss in dieser hellen Nacht ein besonderes Vergnügen erweckte Wir
hatten uns aber kaum eine halbe Stunde hieran ergötzt als unsere
zurückgelassenen Leute nebst dreien Frembden die große Fackeln in den Händen
trugen zu uns kamen
Ermeldte Frembde hatten bei den Unserigen nach dem Kapitain Wolffgang
gefragt und waren nicht allein dessen Anwesenheit berichtet sondern auch aus
Neugierigkeit biss zu uns begleitet worden So bald die Frembden den Kapitain
erblickten warffen sie sogleich ihre Fackeln zur Erden und lieffen hinzu
selbigen alle drei auf einmal zu umarmen
Der Kapitain so die 3 Angekommenen sehr wohl kennete umarmete und küsste
einen nach dem andern worauf er nach kurtz gefasseten Gruße sogleich fragte
Ob der Altvater annoch gesund lebte Sie beantworteten dieses mit Ja und baten
er möchte doch alsofort nebst uns allen zu ihm hinauff steigen Allein der
Kapitain versetzte Meine liebsten Freunde ich will die bei mir habenden Leute
nicht zur NachtsZeit in diesen LustGarten der Welt führen sondern erwarten
biss Morgen so Gott will die Sonne zu unsern frohen Einzuge leuchtet und uns
denselben in seiner natürlichen Schönheit zeigt Erlaubet uns solches fuhr er
fort und empfanget zuförderst diesen euren BlutsFreund Eberhard Julium
welchen ich aus Deutschland mit anhero geführet habe
Kaum hatte er diese Worte gesprochen als sie vor Freuden in die Höhe
sprungen und einer nach dem andern mich umfiengen und küsseten Nachdem
solchergestalt auch alle unsere ReiseGefährten bewillkommet waren bat der
Kapitain meine frembden Vettern dass einer von ihnen hinauf steigen dem
Altvater seinen Gehorsam vermelden anbei Erlaubnis bitten sollte dass er Morgen
frühe mit Aufgang der Sonnen nebst 14 redlichen Leuten bei ihm einziehen
dürffe Es lief also Augenblicklich einer hurtig davon um diese Kommission
auszurichten die übrigen zwei aber setzten sich nebst uns zum Feuer ein Glas
KanariSect zu trincken und ließ sich vom Kapitain erzählen wie es uns auf
der Reise ergangen sei
Ich vor meine Person da in vergangenen 2 Nächten nicht ein Auge zugetan
hatte konnte nunmehr da ich den Hafen meines Vergnügens erreicht haben sollte
unmöglich mehr wachen sondern schlieff bald ein ermunterte mich auch nicht
eher biss mich der Kapitain beim Aufgange der Sonnen erweckte Meine
Verwunderung war ungemein da ich etliche 30 ansehnliche Männer in frembder
doch recht guter Tracht um uns herum sah sie umarmeten und küsseten mich alle
ordentlich nach einander und redeten so feines HochTeutsch als ob sie
gebohrne Sachsen wären Der Kapitain hatte indessen das FrühStück besorgt
welches in Koffeé FrantzBrandtewein ZuckerBrod und andern Konfituren
bestund So bald dieses verzehret war blieben etwa 12 Mann bei unsern Sachen
die übrigen aber gingen mit uns nach der Gegend des Flusses bei welchen wir
gestern Abend gewesen waren Ich ersah mit größter Verwunderung dass derselbe
ganz trocken war besonn mich aber bald auf des Kapitains vormahlige Erzählung
mitlerweile stiegen wir aber ohne ferneren Umschweiff die von dem klaren Wasser
gewaschenen FelsenStuffen hinauff und marchirten in einer langen jedoch mit
vielen Fackeln erleuchteten FelsenHöle immer aufwärts biss wir endlich
ingesammt als aus einem tieffen Keller an das helle TagesLicht herauff kamen
Nunmehr waren wir einigermaßen überzeugt dass uns der Kapitain Wolffgang
keine Unwahrheiten vorgeschwatzt hatte denn man sah allhier in einem kleinen
Bezierck das schönste LustRevier der Welt so dass unsere Augen eine gute Zeit
recht starr offen stehen der Mund aber vor Verwunderung des Gemüts
geschlossen bleiben musste
Unsern SeelSorger Herr M Schmeltzern traten vor Freuden die Tränen in
die Augen er fiel nieder auf die Knie um dem Allerhöchsten gebührenden Danck
abzustatten und zwar vor die besondere Gnade dass uns derselbe ohne den
geringsten Schaden und Unfall gesund anhero geführet hatte Da er aber sah dass
wir gleiches Sinnes mit ihm waren nahm er seine Bibel verlass den 65 und 84
Psalm Davids welche beiden Psalmen sich ungemein schön hieher schickten Betete
hierauf einige kräfftige Gebete und schloss mit dem Liede Nun dancket alle GOTT
etc Unsere Begleiter konnten so gut mit singen und beten als wir woraus
sogleich zu mutmaßen war dass sie im Christentum nicht unerfahren sein
müssten So bald wir aber dem Allmächtigen unser erstes Opffer auf dieser Insul
gebracht setzten wir die Füße weiter nach dem auf einem grünen Hügel fast
mitten in der Insul liegenden Hause zu worinnen Albertus Julius als
StammVater und Oberhaupt aller Einwohner so zu sagen residirte
Es ist unmöglich dem Geneigten Leser auf einmal alles ausführlich zu
beschreiben was vor Annehmlichkeiten uns um und um in die Augen fielen
deswegen habe einen kleinen GrundRiss der Insul beifügen wollen welchen
diejenigen so die Geometrie und ReissKunst besser als ich verstehen passieren
zu lassen gebeten werden denn ich ihn nicht gemacht habe etwa eine
eingebildete Geschicklichkeit zu zeigen sondern nur dem curieusen Leser eine
desto bessere Idee von der ganzen Landschaft zu machen Jedoch ich wende mich
ohne weitläufftige Entschuldigungen zu meiner GeschichtsErzählung und gebe dem
Geneigten Leser zu vernehmen dass wir fast eine Meilwegs lang zwischen einer
Alleé von den ansehnlichsten und fruchtbarsten Bäumen die recht nach der
Schnur gesetzt waren fortgiengen welche sich unten an dem ziemlich hoch
erhabenen Hügel endigte worauf des Alberti Schloss stund Doch etwa 30 Schritte
lang vor dem Ausgange der Alleé waren die Bäume mit Fleiß dermaßen zusammen
gezogen dass sie oben ein rechtes Europäisches KirchenGewölbe formirten und an
statt der schönsten SommerLaube dieneten Unter dieses ungemein propre und
natürlich kostbare Verdeck hatte sich der alte Greiss Albertus Julius von
seiner ordentlichen Behausung herab uns entgegen bringen lassen denn er konnte
damals wegen eines geschwollenen Fußes nicht gut fortkommen Ich erstaunete
über sein Ehrwürdiges Ansehen und venerablen weißen Bart der ihm fast biss auf
dem Gürtel herab reichte zu seinen beiden Seiten waren noch 5 ebenfalls sehr
alt scheinende Greisse nebst etlichen andern die zwar etwas jünger doch auch
50 biss 60 Jahr alt aussahen Außer der SommerLaube aber auf einem schönen
grünen und mit lauter Palmen und LatanBäumen umsetzten Platze war eine
ziemliche Anzahl erwachsener Personen und Kinder alle recht reputirlich
gekleidet versammelt
Ich wüste nicht Worte genung zu ersinnen wenn ich die zärtliche
Bewillkommung und das innige Vergnügen des Albert Julii und der Seinigen
vorstellen sollte Mich drückte der ehrliche Alte aus getreuem Hertzen dermaßen
fest an seine Brust dass ich die Regungen des aufrichtigen Geblüts sattsam
spürte und eine lange Weile in seinen Armen eingeschlossen bleiben musste
Hierauff stellte er mich als ein Kind zwischen seinen Schoss und ließ alle
Gegenwärtigen so wohl klein als groß herzu ruffen welche mit Freuden kamen und
den BewillkommungsKuss auf meinen Mund und Hand drückten Alle andern
Neuangekommenen wurden mit nicht weniger Freude und Aufrichtigkeit empfangen so
dass die ersten HöfflichkeitsBezeugungen biss auf den hohen Mittag daureten
worauff wir Einkömmlinge mit dem Albert Julio und denen 5 Alten in dem auf
dem Hügel liegenden Hause die MittagsMahlzeit einnahmen Wir wurden zwar nicht
Fürstlich doch in der Tat auch nicht schlecht tractiret weilen nebst den 4
recht schmackhaften Gerichten die in Fleisch Fischen gebratenen Vögeln und
einem raren Zugemüse bestunden die delicatesten Weine so auf dieser Insul
gewachsen waren aufgetragen wurden Bei Tische wurde sehr wenig geredet mein
alter Vetter Albert Julius aber dem ich zur Seite sitzen musste legte mir stets
die allerbesten Bissen vor und konnte wie er sagte vor übermässiger Freude
itzo nicht den vierdten Teil so viel als gewöhnlich essen Es war bei diesen
Leuten nicht Mode lange zu Tische zu sitzen deswegen stunden wir nach
ordentlicher Ersättigung auf der Altvater betete nach seiner Gewohnheit so wohl
nach als vor Tische selbst ich küsste ihm als ein Kind die Hand er mich aber
auf den Mund nach diesen spatziereten wir um das von festen Steinen erbauete
Haus auf dem Hügel herum allwo wir bei nahe das ganze innere Teil der Insul
übersehen konnten und des Merckwürdigsten auf derselben belehret wurden Von dar
ließ sich Albert Julius auf einem TragSessel in seinen angelegten großen
Garten tragen wohin wir ingesammt nachfolgeten und uns über dessen
annehmliche nützliche und künstliche Anlegung nicht wenig verwunderten Denn
diesen Garten der ungefähr eine Vierteils Teutsche Meile lang auch eben so
breit war hatte er durch einen CreutzWeg in 4 gleiche Teile abgeteilet in
dem ersten quartier nach Osten zu waren die auserlesensten Fruchtbaren Bäume
von mehr als hundert Sorten das 2te quartier gegen Süden hegte vielerlei
schöne Weinstöcke welche teils rote grüne blaue weiße und anders gefärbte
extraordinair große Trauben und Beeren trugen Das 3te quartier nach Norden
zu zeigte unzehlige Sorten von BlumenGewächsen und in dem 4ten quartire
dessen Ecke auf Westen stieß waren die allernützlichsten und delicatesten
KüchenKräuter und Wurtzeln zu finden
Wie brachten in diesem kleinen Paradiese die NachmittagsStunden ungemein
vergnügt zu und kehreten etwa eine Stunde vor Untergang der Sonnen zurück auf
die AlbertusBurg speiseten nach der Mittäglichen Art und setzten uns
hernachmals vor dem Hause auf artig gemachte grüne Rasen Bäncke nieder allwo
Kapitain Wolffgang dem Altvater von unserer letzten Reise ein und anderes
erzehlte biss uns die hereinbrechende Nacht erinnerte BetStunde zu halten
und die Ruhe zu suchen
Ich musste in einer schönen Kammer neben des Alberti Zimmer schlaffen
welche ungemein sauber meublirt war und gestehen dass Zeit meines Lebens noch
nicht besser geruhet hatte als auf dieser Stelle
Folgenden Morgen wurden durch einen KanonenSchuss alle Einwohner der Insul
zum Gottesdienst beruffen da denn Herr M Schmelzer eine ziemliche lange
Predigt über den 122 Psalm hielte die übrigen KirchenGebräuche aber alle auf
Luterische Art ordentlich in Acht nahm Den Albert Julium sah man die ganze
Predigt über weinen und zwar vor großen Freuden weilen ihm der Höchste die
Gnade verliehen noch vor seinem Ende einem Prediger von seiner Religion
zuzuhören ja so gar denselben in seiner Bestallung zu haben Die übrigen
versammleten waren dermaßen andächtig dass ich mich nicht erinnern kann
dergleichen jemals in Europa gesehen zu haben
Nach vollbrachten Gottesdienste da die Auswärtigen sich alle auf den Weg
nach ihren Behausungen gemacht und wir die MittagsMahlzeit eingenommen hatten
behielt Albertus Herrn M Schmeltzern allein bei sich um mit demselben wegen
künftiger KirchenOrdnung und anderer die Religion betreffenden höchstnötigen
Anstalten Unterredung zu pflegen Monsieur Wolffgang der itzo durchaus nicht
mehr Kapitain heißen wollte ich und die andern Neuangekommenen wollten
nunmehr bemüht sein unsere Packen und übrigen Sachen auf die Insul herauff zu
schaffen welches uns allerdings als ein sehr Beschwerlich Stück Arbeit fürkam
allein zu unserer größten Verwunderung und Freude fanden wir alle unsere Güter
in derjenigen großen SommerLaube besammen stehen wo uns Albertus zuerst
bewillkommet hatte Wir hatten schon gezweiffelt dass wir binnen 4 biss 5 Tagen
alle Sachen herauff zu bringen vermögend sein würden und sonderlich stelleten
wir uns das Aufreissen der großen Packe und SchlagFässer sehr mühsam vor
wussten aber nicht dass die Einwohner der Insul an einem verborgenen Orte der
hohen Felsen zwei vortrefflichstarke Winden hatten durch deren force wohl
ein ganzer FrachtWagen auf einmal hätte hinauff gezogen werden können. Mons
Litzberg hatte sich binnen der Zeit die Mühe genommen unser mitgebrachtes Vieh
zu besorgen so aus 4 jungen Pferden 6 jungen Stücken RindVieh 6
Schweinen 6 Schaafen 2 Böcken 4 Eseln 4 Welschen Hünern 2 Welschen
Hähnen 18 gemeinen Hünern 3 Hähnen 6 Gänsen 6 Endten 6 Paar Tauben 4
Hunden 4 Katzen 3 Paar Kaninichen und vielerlei Gattungen von Kanari und
andern artigen Vögeln bestund Er war damit in die nächste Wohnstädte Alberts
Raum genannt gezogen und hatte bereits die daselbst wohnenden Leute völlig
benachrichtiget was diesem und jenen vor Futter gegeben werden müsste Selbige
verrichteten auch in Warheit diese in Europa so verächtliche Arbeit mit ganz
besonderen Vergnügen weilen ihnen dergleichen Tiere Zeit ihres Lebens nicht vor
die Augen kommen waren
Andere da sie merckten dass wir unsere Sachen gern vollends hinauff in des
Alberti Wohnhaus geschafft haben möchten brachten so fort ganz bequeme
Rollwagen herbei luden auf was wir zeigten spanneten zahmgemachte Affen und
Hirsche vor diese zohen es mit Lust den Hügel hinauff ließ auch nicht eher
ab biss alles unter des Alberti Dach gebracht war
Immittelst hatte Mons Wolffgang noch vor der AbendMahlzeit das SchlagFass
worinnen die Bibeln und andere Bücher waren aufgemacht und præsentirte dem
alten Alberto eine in schwartzen Samt eingebundene Bibel welche aller Orten
stark mit Silber beschlagen und auf dem Schnitt verguldet war Albertus
Küssete dieselbe drückte sie an seine Brust und vergoss häuffige
FreudenTränen da er zumal sah dass wir noch einen so starken Vorrat an
dergleichen und andern geistl Büchern hatten auch hörte dass wir dieselben
bei ersterer Zusammenkunft unter die 9 Julischen Familien welche dem G
Leser zur Erläuterung dieser Historie auf besondere zu Ende dieses Buchs
angehefftete Tabellen gebracht worden austeilen wollten Nächst diesem wurden
dem Alberto und denen Alten noch viele andere köstliche Sachen eingehändiget
die so wohl zur Zierde als besonderer Bequemlichkeit gereichten worüber alle
insgesamt eine Verwunderungs volle Dancksagung abstatteten Folgenden Tages als
an einem Sonnabend musste ich auf Mons Wolffgangs Ersuchen in einer bequemen
Kammer einen vollkommenen Krahm so wohl von allerhand nützlichen Sachen als
Kindereien und Spielwerck auslegen weilen er selbiges unter die Einwohner der
Insul vom Grösten biss zum Kleinsten auszuteilen willens war Mons Wolffgang
aber ließ indessen die übrigen Dinge als Victualien Instrumenta Tücher
Leinwand KleiderGeräte und dergleichen an solche Orte verschaffen wo ein
jedes vor der Verderbung sicher sein konnte
Der hierauf einbrechende 25 Sonntag post Trin wurde früh Morgens bei
Aufgang der Sonnen denen Insulanern zur Andächtigen SabbatsFeier durch 2
KanonenSchüsse angekündiget Da sich nun dieselben 2 Stunden hernach ingesammt
unter der AlbertusBurg auf dem mit Bäumen umsetzten grünen Platze versammelt
hatten fing Herr M Schmeltzer den Gottesdienst unter freien Himmel an und
Predigte über das ordentliche Sonntags Evangelium vom Greuel der Verwüstung
fast über 2 Stunden lang ohne sich und seine Zuhörer zu ermüden als welche
Letztere alles andere zu vergessen und nur ihn noch länger zuzuhören begierig
schienen Er hatte ganz ungemeine meditationes über die wunderbaren Wege
GOTTES Kirchen zu bauen und selbige wiederum zu verwüsten brachte anbei die
application auf den gegenwärtigen Zustand der sämbtlichen Einwohner dieser Insul
dermaßen beweglich vor dass, wenn auch die Helffte von den Zuhörern die
gröbsten Ateisten gewesen wären dennoch keiner davon ungerührt bleiben können
Jedwedes von ausswärtigen Zuhörern hatte sich nach vollendeten
Gottesdienste mit benötigten Speisen versorgt wem es aber ja fehlete der
durfte sich nur bei dem Altvater auf der Burg melden als welcher alle nach
Notdurfft sättigen ließ Nachmittags wurde abermals ordentlicher Gottesdienst
und KatechismusExamen gehalten welches über 4 Stunden lang währete und
hätten nebst Herrn M Schmeltzern wir Einkömmlinge nimmermehr vermeint dieses
Orts Menschen anzutreffen welche in den GlaubensArticuln so trefflich wohl
unterrichtet wären wie sich doch zu unseren größten Vergnügen so wohl Junge als
Alte finden ließ Da nun auch dieses vorüber war beredete sich Albertus mit
den Ältesten und Vorstehern der 9 Stämme und zeigten ihnen den Platz wo er
gesonnen wäre eine Kirche aufbauen zu lassen Derselbe wurde nun unten an Fuße
des Hügels von Mons Litzbergen Lademannen und andern BauVerständigen
ordentlich abgesteckt worauff Albertus sogleich mit eigenen Händen ein Loch in
die Erde grub und den ersten GrundStein an denjenigen Ort legte wo der Altar
sollte zu stehen kommen Die Ältesten und Vorsteher gelobten hierbei an gleich
morgenden Tag Anstalten zu machen dass die benötigten BauMaterialien eiligst
herbei geschafft würden und an fleißigen Arbeitern kein Mangel sein möchte
Worauff sich bei herannahenden Abende jedes nach seiner Wohnstätte begab
Albertus der sich wegen so viel erlebten Vergnügens ganz zu verjüngern
schiene war diesen Abend absonderlich wohl aufgeräumt und ließ sich aus dem
FreudenBecher unsern mitgebrachten KanariSect herzlich wohl schmecken doch
so bald er dessen Kräffte nur in etwas zu spüren begunte brach er so wohl als
wir ab und sagte Meine Kinder nunmehr hat mich der Höchste bei nahe alles
erleben lassen was ich auf dieser Welt in zeitlichen Dingen gewünschet da aber
mercke dass ich noch bei ziemlichen Kräfften bin habe mir vorgenommen die
übrige Zeit meines Lebens mit solchen Verrichtungen hin zu bringen die meinen
Nachkommen zum zeitlichen und ewigen Besten gereichen diese Insul aber in den
beglücktesten Zustand setzen können
Demnach bin ich gesonnen in diesem meinem kleinen Reiche eine General
Visitation zu halten und so GOTT will morgenden Tag damit den Anfang zu
machen Monsieur Wolffgang wird nebst allen neu angekommenen mir die
Gefälligkeit erzeigen und mit reisen Wir wollen alle Tage eine Wohnstatt von
meinen Abstammlingen vornehmen und ihren jetzigen Zustand wohl erwegen ein
jeder mag sein Bedenken von Verbesserung dieser und jener Sachen aufzeichnen
und hernach auf mein Bitten an mich liefern damit wir ingesammt darüber
ratschlagen können Wir werden in 9 aufs längste in 14 Tagen damit fertig
sein und hernach mit desto bessern Verstande die Hände an das Werck unserer
geistlichen und leiblichen Wohlfahrt legen Nach unserer Zurückkunft aber will
ich alle Abend nach der Mahlzeit ein Stück von meiner LebensGeschicht zu
erzählen Zeit anwenden hierauf BetStunde halten und mich zur Ruhe legen
Monsieur Wolffgang nahm diesen Vorschlag so wohl als wir mit größten
Vergnügen an wie denn auch gleich folgenden Morgen mit aufgehender Sonne nach
gehaltener MorgenGebetsStunde Anstalt zum Reisen gemacht wurde Albertus
Herr M Schmeltzer Mons Wolffgang und ich saßen beisammen auf einem artigen
Wagen welcher von 4 Zahm gemachten Hirschen gezogen wurde unsere übrige
Gesellschaft aber folgte mit Lust zu Fuße nach Der erste und nächste Ort den
wir besuchten war die Wohnstatt AlbertsRaum genannt es lag gleich unter der
AlbertsBurg nach Norden zu gerade zwischen den zweien gepflantzten Alleen und
bestund aus 21 Feuerstätten wohlgebaueten Scheunen Ställen und Gärten doch
hatten die guten Leute außer einer wunderbaren Art von Böcken Ziegen und
Zahmgemachten Hirschen weiter kein ander Vieh Wir traffen daselbst alles in
der schönsten HausshaltungsOrdnung an indem die Alten ihre Arbeit auf dem Felde
verrichteten die jungen Kinder aber von den Mittlern gehütet und verpfleget
wurden Nachdem wir die Wohnungen in Augenschein genommen trieb uns die
Neugierigkeit an das Feld und die darauf Arbeiteten zu besehen und fanden
das Erstere trefflich bestellt die Letzten aber immer noch fleißiger daran
bauen Um MittagsZeit aber wurden wir von ihnen umringet in ihre Wohnstatt
geführet gespeist getränckt und von dem größten Hauffen nach Hause
begleitet Monsieur Wolffgang schenckte dieser Albertinischen Linie 10 Bibeln
20 Gesang und GebetBücher außer den verschiedene nützlichen auch
SpielSachen vor die Kinder und befahl dass diejenigen so etwa leer ausgiengen
selber zu ihm kommen und das Ihrige abholen möchten
Nachdem wir nun von diesen Begleitern mit freudigem Dancke verlassen worden
und bei Alberto die AbendMahlzeit eingenommen hatten ließ dieser AltVater
sonst niemand als Herr Mag Schmeltzern Mons Wolffgangen und mich in seiner
Stube bleiben und machte den Anfang zu seiner GeschichtsErzählung
folgendermaßen
Ich Albertus Julius bin anno 1628 den 8 Januar von meiner Mutter Maria
Elisabeta Schlüterin zur Welt geboren worden Mein Vater Stephanus Julius
war der Unglückseeligste EtaatsBediente eines gewissen Printzen in Deutschland
indem er in damaliger heftiger KriegsUnruhe seines Herren Feinden in die Hände
fiel und weil er seinem Fürsten vielweniger aber seinem GOTT ungetreu werden
wollte so wurde ihm unter dem Vorwande als ob er in seinen Briefen an den
Fürsten den respect gegen andere Potentaten beiseit gesetzt der Kopf ganz
heimlicher und desto mehr unschuldiger Weise vor die Füße gelegt mithin meine
Mutter zu einer armen Wittbe 2 Kinder aber zu elenden Wäysen gemacht Ich
ging dazumal in mein sechstes mein Bruder Johann Baltasar aber in sein
vierdtes Jahr weilen wir aber unsern Vater der beständig bei dem Printzen in
Kampagne gewesen ohnedem sehr wenig zu Hause gesehen hatten so war unser
Leidwesen damaliger Kindheit nach nicht also beschaffen als es der jämmerlich
starke Verlust den wir nachher erstlich empfinden lerneten erforderte ob
schon unsere Mutter ihre Wangen Tag und Nacht mit Tränen benetzte
Meines Vaters Principal welcher wohl wusste dass mein Vater ein schlechtes
Vermögen würde hinterlassen haben schickte zwar an meine Mutter 800 Tlr
rückständige Besoldung nebst der Versicherung seiner beständigen Gnade allein
das KriegsFeuer geriet in volle Flammen der Wohltätige Fürst wurde weit von
uns getrieben der Tot raubte die Mutter der Feind das übrige blutwenige
Vermögen alle Freunde waren zerstreuet also wussten ich und mein Bruder sonst
kein ander Mittel als den BettelStab zu ergreiffen
Wir mussten also bei nahe anderthalb Jahr das Brod vor den Türen suchen
von einem Dorffe und Stadt zur andern wandern und letztlich fast ganz ohne
Kleider einher gehen biss wir ohnweit Naumburg auf ein Dorff kamen allwo sich
die PriesterFrau über uns erbarmete ihren Kindern die alten Kleider vom Leibe
zog und uns damit bekleidete ehe sie noch gefragt woher und wess Standes wir
wären Der Priester kam darzu lobte seiner Frauen Mitleiden und redliche
Wohltaten erhielt aber auf sein Befragen von mir zulänglichen Bericht wegen
unsers Herkommens weil ich dazumal schon 10 Jahr alt war und die betrübte
Historie von meinen Eltern ziemlich gut zu erzählen wusste
Der redliche Geistliche welcher vielleicht nunmehr schon seit vielen
Jahren unter den Seeligen als des HimmelsGlantz leuchtet mochte vielleicht
von den damaligen Läufften und sonderlich von meines Vaters Begebenheiten
mehrere Nachricht haben als wir selbst schlug deswegen seine Hände und Augen
gen Himmel führte uns arme Wäysen in sein Haus und hielt uns nebst seinen 3
Kindern so wohl als ob wir ihnen gleich wären Wir waren 2 Jahr bei ihm
gewesen und hatten binnen der Zeit im Christentum Lesen Schreiben und andern
studien unserm Alter nach ein ziemliches profitiret worüber er nebst seiner
Liebsten eine sonderliche Freude bezeigte und ausdrücklich sagte dass er sich
unsere Aufnahme niemals gereuen lassen wollte weilen er augenscheinlich gespüret
dass ihn GOTT seit der Zeit an zeitlichen Gütern weit mehr als sonsten gesegnet
hätte doch da wenig Wochen hernach sein Befreundter ein Amtmann aus dem
Braunschweigischen diesen meinen bisherigen PflegeVater besuchte an meinem
stillen Wesen einen Gefallen hatte meine 12 jährige Person von seinem Vetter
ausbat und versicherte mich nebst seinen Söhnen studieren zu lassen mithin
den Mitleidigen PriestersLeuten die halbe Last vom Halse nehmen wollte ließ
sich diese bereden und ich musste unter Vergiessung häuffiger Tränen von ihnen
und meinem lieben Bruder Abschied nehmen mit dem Amtmanne aber ins
Braunschweigische reisen Daselbst nun hatte ich die ersten 2 Jahre gute Zeit
und war des Amtmanns Söhnen die doch alle beide älter als ich auch im Studiren
weit voraus waren wo nicht vor doch ganz gleich gekommen Dem ungeacht
vertrugen sich dieselben sehr wohl mit mir da aber ihre Mutter starb und statt
derselben eine junge StieffMutter ins Haus kam zog zugleich der
UneinigkeitsTeuffel mit ein Denn diese Bestie mochte nicht einmal ihre
StieffKinder vielweniger mich den sie nur den Bastard und Fündling nennete
gern um sich sehen stifftete deswegen immerfort Zanck und Streit unter uns
wobei ich jederzeit das meiste leiden musste ungeacht ich mich so wohl gegen
sie als andere auf alle ersinnliche Art demütigte Der Informator welcher es
so herzlich wohl mit mir meinte musste fort an dessen Stelle aber schaffte
die regierende Domina einen ihr besser anständigen Studenten herbei Dieser gute
Mensch war kaum zwei Wochen da als wir Schüler merckten dass er im
Lateinischen Griechischen Historischen Geographischen und andern
Wissenschaften nicht um ein Haar besser beschlagen war als die so von ihm
lernen sollten deswegen klappte der Respekt welchen er doch im höchsten Grade
verlangte gar schlecht Ohngeacht aber der gute Herr Præceptor uns keinen
Autorem vorexponiren konnte so mochte er doch der Frau Amtmännin des Ovidii
Libr de arte amandi desto besser zu erklären wissen indem beide die Privat
Stunden dermaßen öffentlich zu halten pflegten dass ihre freie Aufführung dem
Amtmanne endlich selbst Verdacht erwecken musste
Der gute Mann erwehlete demnach mich zu seinem Vertrauten nahm eine
verstellete Reise vor kam aber in der Nacht wieder zurück unter das
KammerFenster wo der Informator nebst seinen Schülern zu schlaffen pflegte
Dieser verliebte VenusProfessor stund nach Mitternacht auf der Frau Amtmännin
eine Visite zu geben Ich der ihn zu belauschen noch kein Auge zugetan
hatte war der verbotenen Zusammenkunft kaum versichert als ich dem unter
dem Fenster stehenden Amtmanne das abgeredete Zeichen mit Husten und
Hinunterwerffung meiner SchlaffMütze gab welcher hierauf nicht gefackelt
sondern sich in aller Stille ins Haus herein practiciret Licht angeschlagen
und die beiden verliebten Seelen ich weiß nicht in was vor positur ertappet
hatte
Es war ein erbärmlich Geschrei in der Frauen Kammer so dass fast alles
HausGesinde herzu gelauffen kam doch da meine MitSchüler wie die Ratzen
schlieffen wollte ich mich auch nicht melden konnte aber doch nicht unterlassen
durch das SchlüsselLoch zu gucken da ich denn gar bald mit Erstaunen sah wie
die Bedienten dem Herrn Præceptor halb tot aus der nächtlichen PrivatSchule
heraus schleppten Hierauf wurde alles stille der Amtmann ging in seine
SchreibeStube hergegen zeigte sich die Frau Amtmännin mit blutigen Gesichte
verwirrten Haaren hinckenden Füßen ein groß Messer in der Hand haltend auf
dem Saale und schrye Wo ist der Schlüssel Albert muss sterben dem verfluchten
Albert will ich dieses Messer in die Kaldaunen stoßen
Mir wurde grün und gelb vor den Augen da ich diese höllische Furie also
reden hörte jedoch der Amtmann kam einen tüchtigen Prügel in der rechten
einen bloßen Degen aber in der lincken Hand haltend und jagte das verteuffelte
Weib zurück in ihre Kammer Dem ungeacht schrye sie doch ohn Unterlass Albert
muss sterben ja der Bastard Albert muss sterben ich will ihn entweder selbst
ermorden oder demjenigen hundert Taler geben wer dem Hunde Gift eingibt
Ich meines Orts gedachte Sapienti sat kleidete mich so hurtig an als Zeit
meines Lebens noch nicht geschehen war und schlich in aller Stille zum Hause
hinaus
Das Glücke führte mich blindlings auf eine große HeerStraße meine Füße
aber hielten sich so hurtig dass ich folgenden Morgen um 8 Uhr die Stadt
Braunschweig vor mir liegen sah Hunger und Durst plagten mich wegen der
getanen starken Reise ganz ungemein doch da ich nunmehr auf keinem Dorffe
sondern in Braunschweig einzukehren gesonnen war tröstete ich meinen Magen
immer mit demjenigen 24 MarienGroschenStücke welches mir der Amtmann vor 2
Tagen geschenckt als ich mit ihm aus Braunschweig gefahren und dieses vor mich
so fatale Spiel verabredet hatte
Allein wie erschrack ich nicht da mir das helle TagesLicht zeigte dass
ich in der Angst unrechte Hosen und anstatt der Meinigen des Herrn Præceptoris
seine ergriffen Wiewohl es war mir eben nicht um die Hosen sondern nur um
mein schön Stücke Geld zu tun doch ich fand keine Ursache den unvorsichtigen
Tausch zu bereuen weil ich in des Præceptors Hosen bei nahe 6 Tlr
SilberGeld und über dieses einen Beutel mit 30 spec Ducaten fand Demnach
klagte ich bei meiner plötzlichen Flucht weiter nichts als dass mir nicht
erlaubt gewesen von dem ehrlichen Amtmanne der an mir als ein treuer Vater
gehandelt mündlich danckbarn Abschied zu nehmen Doch ich tat es schrifftlich
desto nachdrücklicher entschuldigte mein Versehen wegen der vertauschten Hosen
aufs beste kauffte mir in Braunschweig die nötigsten Sachen ein dung mich auf
die geschwinde Post und fuhr nach Bremen allwo ich von der beschwerlichen und
ungewöhnlich weiten Reise sattsam auszuruhen willens hatte
Warum ich nach Bremen gereist war wusste ich mir selbst nicht zu sagen
Außer dem dass es die erste fortgehende Post war die mir in Braunschweig
aufstiess und die ich nur deswegen nahm um weit genung hinweg zu kommen es
mochte auch sein wo es hin wollte Ich schätzte mich in meinen Gedanken weit
reicher als den großen Mogol ließ deswegen meinem Leibe an guten Speisen und
Getränke nichts mangeln schaffte mir ein ziemlich wohl conditionirtes Kleid
nebst guter Wäsche und andern Zubehör an behielt aber doch noch etliche 40
Tlr ZehrungsGeld im Sacke wovon ich mir so lange zu zehren getrauete biss
mir das Glück wieder eine Gelegenheit zur Ruhe zeigte denn ich wusste mich
selbst nicht zu resolviren was ich in Zukunft vor eine Profession oder
LebensArt erwählen wollte da wegen der annoch lichterloh brennenden
KriegesFlamme eine verdrüssliche Zeit in der Welt war zumahlen vor einen von
allen Menschen verlassenen jungen Purschen der erstlich in sein 17des Jahr
ging und am SoldatenLeben den greulichsten Eckel hatte
Eines Tages ging ich zum Zeitvertreibe vor die Stadt spazieren und geriet
unter 4 ansehnliche junge Leute welche vermutlich in Betracht meiner guten
Kleidung zierlicher Krausen und HosenBänder auch wohl des an der Seite
tragenden Degens sehr viel Achtbarkeit vor meine Person zeigten und nach
langen Herumgehen mich zu sich in ein WeinHaus nötigten Ich schätzte mir vor
eine besondere Ehre mit rechtschaffenen Kerlen ein Glas Wein zu trincken ging
deswegen mit und tat ihnen redlich Bescheid So bald aber der Wein die
Geister in meinem Gehirne etwas rege gemacht hatte mochte ich nicht allein mehr
von meinem Tun und Wesen reden als nützlich war sondern beging auch die
grausame Torheit alles mein Geld so ich im Leben hatte heraus zu weisen
Einer von den 4 redlichen Leuten gab sich hierauf vor den Sohn eines reichen
Kauffmanns aus und versprach mir unter dem Vorwande einer besonderen auf mich
geworffenen Liebe die beste Kondition von der Welt bei einem seiner
Anverwandten zu verschaffen weilen derselbe einen Sohn hätte dem ich meine
Wissenschaften vollends beibringen und hernach mit ihm auf die Universität
nach Leiden reisen sollte allwo wir beide zugleich ohne dass es mich einen
Heller kosten würde die gelehrtesten Leute werden könnten Er tranck mir hier
auf Brüderschaft zu und mahlete meinen vom WeinGeist benebelten Augen
vortreffliche LuftSchlösser vor biss ich mich dermaßen aus dem Zirckel
gesoffen hatte dass mein elender Körper der Länge lang zu Boden fiel
Der hierauf folgende Morgen brachte sodann meine Vernunft in etwas wieder
zurücke indem ich mich ganz allein auf einer Streu liegend vermerckte
Nachdem ich aufgestanden und mich einiger maßen wieder in Ordnung gebracht
hatte meine Taschen aber alle ausgeleeret befand wurde mir verzweiffelt bange
Ich ruffte den Wirt fragte nach meinem Gelde und andern bei mir gehabten
Sachen allein er wollte von nichts wissen und kurtz zu sagen Es lief nach
genauer Untersuchung dahinaus dass ich unter 4 Spitzbuben geraten welche zwar
gestern Abend die Zeche bezahlt und wiederzukommen versprochen doch biss itzo
ihr Wort nicht gehalten und allem Ansehen nach mich beschneutzet hätten
Also war derjenige Schatz den ich unverhofft gefunden auch unverhofft
wieder verschwunden indem ich außer den angeschaften Sachen die in meinem
Quartiere lagen nicht einen blutigen Heller mehr im Beutel hatte Ich blieb
zwar noch einige Stunden bei dem Weinschencken sitzen und hoffte auf der Herrn
SauffBrüder fröliche Wiederkunft allein mein Warten war vergebens und da
der Wirt gehört dass ich kein Geld mehr zu versauffen hatte gab er mir noch
darzu scheele Gesichter weswegen ich mich eben zum Hinweggehen bereiten wollte
als ein ansehnlicher Kavalier in die Stube trat und ein Glas Wein forderte Er
sagte mit einer freundlichen Mine doch schlecht deutschen Worten zu mir Mein
Freund geht meinetwegen nicht hinweg denn ich sitze nicht gern allein
sondern spreche lieber mit Leuten Mein Herr gab ich zur Antwort ich werde an
diesem mir unglückseligen Orte nicht länger bleiben können denn man hat mich
gestern Abend allhier verführet einen Rausch zu trincken nachdem ich nun
darüber eingeschlaffen ist mir alles mein Geld so ich bei mir gehabt
gestohlen worden Bleibet hier wiederredete er ich will vor euch bezahlen doch
erweiset mir den Gefallen und erzählt umständlicher was euch begegnet ist
Weiln ich nun einen starken Durst verspürete ließ ich mich nicht zweimahl
nötigen sondern blieb da und erzehlete dem Kavalier meine ganze
LebensGeschicht von Jugend an biss auf selbige Stunde Er bezeigte sich
ungemein vergnügt dabei und belachte nichts mehr als des Præceptors Liebes
Avantüre nebst dem wohlgetroffenen HosenTausche Wein und Konfect ließ er
genung bringen da er aber merkte dass ich nicht viel trincken wollte weilen in
dem gestrigen Rausche eine Haare gefunden welche mir alle die andern auf dem
Kopffe verwirret ja mein ganzes Gemüte in tieffe Trauer gesetzt hatte sprach
er Mein Freund habt ihr Lust in meine Dienste zu treten so will ich euch
jährlich 30 Ducaten Geld gute Kleidung auch Essen und Trincken zur Gnüge
geben nebst der Versicherung dass wo ihr Holländisch und Englisch reden und
schreiben lernet eure Dienste in weiter nichts als Schreiben bestehen sollen
Ich hatte allbereit so viel Höflichkeit und Verstand gefasst dass ich ihm
augenblicklich die Hand küsste und mich mit Vergnügen zu seinem Knechte
anbot wenn er nur die Gnade haben und mich ehrlich besorgen wollte damit ich
nicht dürffte betteln gehen Hierauf nahm er mich sogleich mit in sein Quartier
ließ meine Sachen aus dem GastHofe holen und behielt mich in seinen Diensten
ohne dass ich das geringste tun durfte als mit ihm herum zu spatziren weilen
er außer mir noch 4 Bedienten hatte
Ich konnte nicht erfahren wer mein Herr sein möchte biss wir von Bremen ab
und in Antwerpen angelanget waren da ich denn spürete dass er eines reichen
Edelmanns jüngster Sohn sei der sich bereits etliche Jahr in Engelland
aufgehalten hätte Meine Verrichtungen bei ihm bestunden anfänglich fast in
nichts als im guten Essen und Trincken da ich aber binnen 6 Monaten recht
gut Engell und Holländisch reden und schreiben gerlernt musste ich diejenigen
Briefe abfassen und schreiben welche mein Herr in seines Herrn Vaters Affairen
öfters selbst schreiben sollte Er warff wegen meiner Fähigkeit und besonderen
DienstGeflissenheit eine ungemeine Liebe auf mich erwehlete auch da er gleich
im Anfange des Jahrs 1646 abermals nach Engelland reisen musste sonsten
niemanden als mich zu seinem ReiseGefährten Was aber das nachdencklichste war
so musste ich ehe wir auf dem Engelländischen Erdreich anlangeten in
WeibesKleider kriechen und mich stellen als ob ich meines Herrn EheFrau
wäre Wir gingen nach Londen und logirten daselbst in einem GastHofe der das
Kastell von Antwerpen genannt war ich durfte wenig aus dem Hause kommen
hergegen brachte mein Herr fast täglich fremde MannesPersonen mit sich in sein
Logis wobei ich meine Person dermaßen wohl zu spielen wusste dass jedermann
nicht anders vermeinte als ich sei meines Herrn junges EheWeib Zu seiner und
meiner Aufwartung aber hatte er zwei Englische Mägdgen und 4 Laqueien
angenommen welche uns beide nach Hertzens Lust bedieneten
Nachdem ich nun binnen etlichen Wochen aus dem Grunde gerlernt hatte die
Person eines Frauenzimmers zu spielen sagte mein Herr eines Tages zu mir
Liebster Julius ich werde euch morgenden Nachmittag unter dem Titul meines
Eheweibes in eine gewisse Gesellschaft führen ich bitte euch sehr studiret
mit allem Fleiß darauf wie ihr mir alle behörige Liebkosungen machen wollt
denn mein ganzes Glück beruhet auf der Komoedie die ich itzo zu spielen
genötigt bin nehmt einmal die Gestalt eurer AmtmannsFrau an und caressi
ret mich also wie jene ihren Mann vor den Leuten den Præceptor aber mit
verstohlenen Blicken caressiret hat Seid nochmals versichert dass an dieser
lächerlichscheinenden Sache mein ganzes Glücke und Vergnügen haftet welches
alles ich euch redlich mit genießen lassen will so bald nur unsere Sachen zu
Stande gebracht sind Ich wollte euch zwar von Hertzen gern das ganze Geheimnis
offenbaren allein verzeihet mir dass es biss auf eine andere Zeit verspare weil
mein Kopf itzo gar zu unruhig ist Machet aber eure Dinge zu unserer beider
Vergnügen morgendes Tages nur gut
Ich brachte die ganze hierauf folgende Nacht mit lauter Gedanken zu um zu
erraten was doch immermehr mein Herr mit dergleichen Possen ausrichten wollte
doch weil ich den Endzweck zu ersinnen unvermögend war ihm aber versprochen
hatte allen möglichsten Fleiß anzuwenden nach seinem Gefallen zu leben machte
sich mein Gemüte endlich den geringsten Kummer aus der Sache und ich schlieff
ganz geruhig ein
Folgendes Tages nachdem ich fast den ganzen Vormittag unter den Händen
zweier alter Weiber die mich recht auf Engelländische Art ankleideten
zugebracht hatte wurden mein Herr und ich auf einen neumodischen Wagen
abgeholet und 3 Meilen von der Stadt in ein propres GartenHaus gefahren
Daselbst war eine vortreffliche Gesellschaft vorhanden welche nichts beklagte
als dass des Wohltäters Tochter Jungfer Koncordia Plürs von dem schmertzlichen
KopfWeh bei uns zu sein verhindert würde Hergegen war ihr Vater als unser
Wirt nebst seiner Frauen 3 übrigen Töchtern und 2 Söhnen zugegen und
machten sich das größte Vergnügen die ankommenden Gäste zu bewirten Ich will
diejenigen Lustbarkeiten welche uns diesen und den folgenden Tag gemacht
wurden nicht weitläufftig erwähnen sondern nur so viel sagen dass wir mit
allerlei Speisen und Getränke Tantzen Springen Spatzirengehen und Fahren
auch noch andern Zeitvertreibungen allerlei Abwechselung machten Ich merkte
dass die 3 anwesenden schönen Töchter unseres Wohltäters von vielen Liebhabern
umgeben waren mein Herr aber bekümmerte sich um keine sondern hatte mich als
seine ScheinFrau mehrenteils an der Seite liebkoseten einander auch
dermaßen dass ein jeder glauben musste wir hielten einander als rechte
EheLeute von Hertzen wert Einsmahls aber da mich mein Herr im Tantze vor
allen Zuschauern recht herzlich geküsset und nach vollführten Tantze an ein
Fenster geführet hatte kam ein junger artiger Kauffmann herzu und sagte zu
meinem Liebsten Mein Herr van Leuven ich verspüre nunmehr dass ihr mir die
Koncordia Plürs mit gutem Recht gönnen könnt weil ihr an dieser eurer Gemahlin
einen solchen Schatz gefunden den euch vielleicht viele andere MannsPersonen
missgönnen werden Mein liebster Freund antwortete mein Heer ich kann nicht
leugnen dass ich eure Liebste die Koncordiam von Grund der Seelen geliebt
habe und sie nur noch vor weniger Zeit ungemein gern zur Gemahlin gehabt hätte
weilen aber unsere beiden Väter und vielleicht der Himmel selbst nicht in unsere
Vermählung einwilligen wollten so habe nur vor etliche Monaten meinen Sinn
geändert und mich mit dieser Dame verheiratet bei welcher ich alle diejenigen
Tugenden gefunden habe welche ihr als Bräutigam vielleicht in wenig Tagen bei
der Koncordia finden werdet Ich vor meine Person wünsche zu eurer Vermählung
tausendfaches Vergnügen und zwar so wie ich dasselbe mit dieser meiner
Liebsten beständig genieße beklage aber nichts mehr als dass mich meine
Angelegenheiten so eilig wiederum nach Hause treiben mithin verhindern eurer
Hochzeit als ein fröhlicher Gast beizuwohnen
Der junge Kauffmann stutzte und wollte nicht glauben dass der Herr von
Leuven so bald nach Antwerpen zurück kehren müsse da er aber den Ernst
vermerckte und seinen vermeinten SchwiegerVater Plürs unsern Wohltäter
herzu ruffte ging es an ein gewaltiges Nötigen jedoch der Herr von Leuven
blieb nach vielen dargetanen Entschuldigungen bei seinem Vorsatze morgenden
Mittag abzureisen und nahm schon im Voraus von der ganzen Gesellschaft
Abschied
Es war die ganze LandLust auf 8 Tage lang angestellet da aber wir nur
den 3ten Tag abgewartet hatten und fort wollten erboten sich die meisten uns
das Geleite zu geben allein der Herr von Leuven nebst denen Hoffnungs vollen
SchwiegerSöhnen des Herrn Plürs brachten es durch vieles Bitten dahin dass wir
des folgenden Tages bei Zeiten abreisen durfften ohne von jemand begleitet zu
werden daher die ganze Gesellschaft ohngestöhrt beisammen blieb
So bald wir wiederum in Londen in unsern Quartier angelanget waren ließ
mein Herr einen schnellen PostWagen holen unsere Sachen in aller Eil
aufpacken und Tag und Nacht auf Douvres zu jagen allwo wir des andern Abends
eintraffen unsere Sachen auf ein parat liegendes Schiff schafften und mit
guten Winde nach Kalais abfuhren
Vor selbigen Hafen wartete allbereit ein ander Schiff weswegen wir uns
nebst allen unsern Sachen dahinein begaben das vorige Schiff zurück gehen
ließ und den Weg nach OstIndien erwehleten Es war allbereit Nacht da ich
in das neue Schiff einstieg allwo mich der Herr von Leuven bei der Hand
fasste und in eine Kammer führte worinnen eine ungemein schöne WeibsPerson
bei einer jungen 24 jährigen Manns Person saß Mein liebster Albert Julius
sagte der Herr von Leuven zu mir nunmehr ist der HauptActus von unserer
gespielten Komoedie zum Ende seht dieses ist Koncordia Plürs das schönste
Frauenzimmer welches ihr gestern vielmahls habt erwähnen hören Kurtz es ist
mein liebster Schatz dieser bei ihr sitzende Herr ist ihr Bruder wir reisen
nach Ceilon und hoffen daselbst unser vollkommenes Vergnügen zu finden ihr
aber mein lieber Julius werdet euch gefallen lassen an allen unsern
Glücksund UnglücksFällen gleichen Teil zu nehmen denn wir wollen euch nicht
verlassen sondern so Gott will in OstIndien reich und glücklich machen
Ich küsste dem Herrn von Leuven die Hand grüssete die nunmehr bekandten
Frembden wünschte Glück zu ihren Vorhaben und versprach als ein treuer Diener
von ihnen zu leben und zu sterben
Wenige Tage hierauf ließ sich der Herr van Leuven mit mir in größere
Vertraulichkeit ein da ich denn aus seinen Erzehlungen umständlich erfuhr dass
seine Sachen folgende Beschaffenheit hatten Der alte Herr van Leuven war unter
den KriegsVölckern der vereinigten Niederländer seit vielen Jahren als ein
hoher Offizier in Diensten gewesen und hatte in einer blutigen Action den
rechten Arm eingebüßt weswegen er das SoldatenHandwerck niedergelegt und in
Antwerpen ein geruhiges Leben zu führen getrachtet weil er ein Mann der große
Mittel besaß Seine 3 ältesten Söhne suchten dem ungeacht ihr Glück unter den
KriegsFahnen und auf den KriegsSchiffen der vereinigten Niederländer der
jüngste aber als mein gütiger Herr Karl Franz van Leuven blieb bei dem Vater
sollte ein StaatsMann werden und wurde deswegen in seinen besten Jahren hinüber
nach Engelland geschickt allwo er nicht allein in allen Adelichen
Wissenschaften vortrefflich zunahm sondern auch seines Vaters Engelländisches
Negotium mit ungemeiner Klugheit führte Hierbei aber verliebt er sich ganz
außerordentlich in die Tochter eines Englischen Kauffmanns Plürs genannt
erweckt durch sein angenehmes Wesen bei derselben eine gleichmäßige Liebe Kurtz
zu sagen sie werden vollkommen unter sich eins schweren einander ewige Treue
zu und Mons van Leuven zweiffelt gar nicht im geringsten so wohl seinen als
der Koncordiæ Vater dahin zu bereden dass beide ihren Willen zur baldigen
EheVerbindung geben möchten Allein so leicht sie sich anfangs die Sachen auf
beiden Seiten einbilden so schwer und sauer wird ihnen nachher der Fortgang
gemacht denn der alte Herr van Leuven hatte schon ein reiches Adeliches
Fräulein vor seinen jüngsten Sohn ausersehen wollte denselben auch durchaus
nicht aus dem RitterStande heiraten lassen und der Kauffmann Plürs
entschuldigte seine abschlägige Antwort damit weil er seine jüngste Tochter
Koncordiam allbereit in der Wiege an eines reichen Wechslers Sohn versprochen
hätte Da aber dennoch Mons van Leuven von der herzlich geliebten Koncordia
nicht ablassen will wird er von seinem Herrn Vater zurück nach Antwerpen
beruffen Er gehorsamet zwar nimmt aber vorher richtigen Verlass mit der
Koncordia wie sie ihre Sachen in Zukunft anstellen und einander öfftere
schrifftliche Nachricht von beiderseits Zustande geben wollen
So bald er seinem Herrn Vater die Hand geküsset wird ihm von selbigem ein
starcker Verweis wegen seiner niederträchtigen Liebe gegeben mit der
Versicherung dass er ihn nimmermehr vor seinen Sohn erkennen wolle wenn sich
sein Hertze nicht der gemeinen KauffmannsTochter entschlüge im Gegenteil das
vorgeschlagene Adeliche Fräulein erwehlete Mons van Leuven will seinen Vater
mit allzu starcker Hartnäckigkeit nicht betrüben bequemet sich also zum
Scheine in allen Stücken nach dessen Willen im Hertzen aber tut er einen
Schwur von der Koncordia nimmermehr abzulassen
Inzwischen wird der alte Vater treuhertzig gemacht setzt in des Sohnes
verstellten Gehorsam ein völliges Vertrauen committirt ihn in wichtigen
Verrichtungen einige Reisen an verschiedene Örter in Deutschland wobei es denn
eben zutraff dass er mich in Bremen zu sich von dar aber mit zurück nach
Antwerpen nahm Einige Zeit nach seiner Zurückkunft musste sich der gute
Monsieur van Leuven mit dem wiederwärtigen Fräulein welche zwar sehr reich
aber von Gesichte und LeibesGestalt sehr hesslich war versprechen die
Vollziehung aber dieses ehelichen Verbindnisses konnte nicht sogleich geschehen
weil sich der Vater gemüssigt sah den jungen Herrn von Leuven vorher
nochmals in wichtigen Verrichtungen nach Engelland zu schicken Er hatte ihm
die ernstlichsten Vermahnungen gegeben sich von der Koncordia nicht etwa wieder
aufs neue fangen zu lassen auch den Umgang mit ihren Anverwandten möglichstens
zu vermeiden allein Mons van Leuven konnte der heftigen Liebe ohnmöglich
widerstehen sondern war Vorhabens seine Koncordiam heimlich zu entführen
Jedoch in Engelland dessfals niemanden Verdacht zu erwecken musste ich mich als
ein Frauenzimmer ankleiden und unschuldiger Weise seine Gemahlin heißen
So bald wir in Londen angelanget waren begab er sich zu seinen getreuen
Freunden in deren Behausung er die Koncordiam öfters doch sehr heimlich
sprechen konnte Mit ihrem mittelsten Bruder hatte Mons Leuven eine dermaßen
feste Freundschaft gemacht dass es schiene als wären sie beide ein Hertz und
eine Seele und eben dieser Bruder hatte geschworen allen möglichsten Fleiß
anzuwenden dass kein anderer Mann als Karl Franz van Leuven seine Schwester
Koncordiam ins EheBette haben sollte Wie er denn aus eigenem Triebe sich
bemüht einen Priester zu gewinnen welcher ohne den geringsten Scrupel die
beiden Verliebten eines gewissen Abends nämlich am 9 Mart ao 1646
ordentlich und ehelich zusammen gibt und zwar in ihrer Baasen Hause in
Beisein etlicher Zeugen wie dieses Priesters eigenhändiges Attestat und beider
Verliebten EheKontract den ich von 6 Zeugen unterschrieben annoch in meiner
Verwahrung habe klar beweiset Sie halten hierauf in eben dieser ihrer Baasen
Hause ordentlich Beilager machen sich in allen Stücken zu einer baldigen Flucht
bereit und warten auf nichts als eine hierzu bequeme Gelegenheit Der alte
Plürs wusste von dieser geheimen Vermählung so wenig als meines Herrn eigener
Vater und ich da ich mich doch sein vertrautester Bedienter zu sein rühmen
konnte
Imittelst hatte sich zwar Monsieur van Leuven ganz nicht heimlich in London
aufgehalten sondern so wohl auf der Bourse als andern öffentlichen Orten fast
täglich sehen lassen jedoch alle Gelegenheit vermieden mit dem Kauffmanne
Plürs ins Gespräche zu kommen
Demnach beginnet es diesem eigensinnigem Kopffe nahe zu gehen dass ihm ein
so guter Bekandter von dessen Vater er so manchen Vorteil gezogen gänzlich
aus dem Garne gehen sollte Gehet ihm deswegen einsmahls ganz hurtig zu Leibe
und redet ihn also an Mein Herr von Leuven Ich bin unglücklich dass auf so
unvermutete Art an euch einen meiner besten Herrn und Freunde verlieren müssen
aber bedencket doch selbst meine Tochter hatte ich allbereit versprochen da
ihr um sie anhieltet da ich nun allezeit lieber sterben als mein Wort brechen
will so sagt mir doch nur wie ich euch meiner Tochter und mir hätte helfen
sollen Zumahlen da euer Herr Vater selber nicht in solche Heirat willigen
wollen Lasst doch das vergangene vergessen sein und verbleibet mein wahrer
Freund der Himmel wird euch schon mit einer weit schöneren und reichern Gemahlin
zu versorgen wissen Mons Leuven hatte hierauf zur Antwort gegeben Mein
wertester Herr Plürs gedencket an nichts von allen vergangenen ich bin ein
getreuer Freund und Diener von euch vor eure Tochter die schöne Koncordia
habe ich zwar annoch die größte Achtbarkeit allein nichts von der auf eine Ehe
abzielenden heftigen Liebe mehr weil ich von dem Glücke allbereits mit einer
andern nicht weniger annehmlichen Gemahlin versorgt bin die ich auch itzo bei
mir in London habe
Plürs hatte vor Verwirrung fast nicht reden können da er aber von Mons
Leuven einer guten Freundschaft und dass er im puren Ernste redete nochmahlige
Versicherung empfing umarmete er denselben vor großen Freuden und bat
seinem Hause die Ehre zu gönnen nebst seiner Gemahlin bei ihm zu logiren
allein van Leuven danckte vor das gütige Erbieten mit dem Bedeuten dass er sich
nicht lange in London aufhalten mithin sein Logis nicht erstlich verändern
könne doch wollte er dem Herrn Plürs ehester Tages so bald seine Sachen
erstlich ein wenig expediret in Gesellschaft seiner Gemahlin die itzo etwas
Unpass wäre eine Visite geben
Hierbei bleibt es Plürs aber der sich bei des von Leuven guten Freunden
weiter erkundiget vernimmt die Bekräfftigung dessen was er von ihm selbst
vernommen mit größten Vergnügen macht Anstalt uns aufs beste zu bewirten da
mitlerweile Mons von Leuven seine Liebste und ihr Bruder Anton Plürs auch
die beste Anstalt zur schleunigen Flucht und mit einem OstIndienFahrer das
Gedinge machten der sie auf die Insul Ceilon verschaffen sollte Indem Mons von
Leuvens Vaters Bruder ein Gouverneur oder Konsul auf selbiger Insul war und er
sich bei demselben alles kräfftigen Schutzes getröstete
Der 25 May war endlich derjenige gewünschte Tag an welchem Mons de Leuven
nebst mir seiner ScheinGemahlin auf des Herrn Plürs Vorwerg 3 Meilen von
London gelegen abfuhren und allda 8 Tage zu Gaste bleiben sollten Und eben
selbigen Abend wollten auch Anton Plürs und Koncordia über Douvres nach Kalais
passieren Denn Koncordia hatte diese Land Lust zu vermeiden nicht allein
heftige KopfSchmerzen vorgeschützt sondern auch ihren Eltern ins Gesicht
gesagt Sie könne den van Leuven unmöglich vor Augen sehen sondern bäte man
möchte sich nur binnen der Zeit um sie unbekümmert lassen weil sie so lange
die Lust währete bei ihrer Baase in der Stille verbleiben wollte welches ihr
denn endlich zugestanden wurde
Wie wir hingegen auf dem Vorwerge unsere Zeit hingebracht ingleichen wie
wir allen Leuten unsere Verbündnis glaubend gemacht auch dass ich mit meinem
Herrn welcher alle seine Dinge schon vorher in Ordnung gebracht ohne allen
Verdacht abreisete und beide glücklich bei dem vor Kalais wartenden
OstIndienFahrer anlangeten dieses habe allbereit erwehnet deswegen will nur
noch mit wenigen melden dass Mons Anton Plürs gleich Abends am 25 May seine
Schwester Koncordiam mit guten Vorbewust ihrer Baase und anderer 4
Befreundten entführet und in MannsKleidern glücklich aus dem Lande gebracht
hatte Die guten Freunde stunden zwar in den Gedanken als sollte Koncordia nach
Antwerpen geführet werden allein es befand sich ganz anders deñ van Leuven
Anton und Koncordia hatten eine weit genauere Abrede mit einander genommen Was
man nach der Zeit in London und Antwerpen von uns gedacht und geredet hat kann
ich zwar wohl Mutmassen aber nicht eigentlich erzählen Jedoch da wir bei den
Kanarischen Insuln und den Insuln des grünen VorGebürges glücklich vorbei
passiret waren also keine so heftige Furcht mehr vor den Spanischen
KriegesSchiffen hegen durfften bekümmerten sich unsere erfreuten Hertzen
weiter um nichts waren Lustig und guter Dinge und hofften in Ceilon den Haafen
unseres völligen Vergnügens zu finden
Allein meine Lieben sagte hier Albertus Julius es ist nunmehr Zeit auf
dieses mal abzubrechen deswegen wollen wir beten zu Bette gehen und so GOTT
will Morgen die Einwohner in DavidsRaum besuchen Nach diesem werde in der
Erzählung meiner LebensGeschicht und der damit verknüpfften Umbstände
fortfahren Wir danckten unserm lieben AltVater vor seine Bemühung folgten
dessen Befehle und waren nach wohlgehaltener Ruhe des folgenden Morgens mit
Aufgang der Sonnen wiederum beisammen Nachdem die MorgenGebetsStunde und ein
gutes FrühStück eingenommen war reisten wir auf gestrige Art den
allerlustigsten Weg in einer Allee biss nach DavidsRaum dieses war eine von den
mittelmäßigen PflantzStädten indem wir 12 Wohnhäuser darinnen antraffen
welche alle ziemlich geraumlich gebaut auch mit schönen Gärten Scheuern und
Ställen versehen waren Alle Winckel zeugten dass die Einwohner keine
Müßiggänger sein müssten wie wir denn selbige mehrenteils auf dem
wohlbestellten Felde fanden Doch muss ich allhier nicht vergessen dass wir allda
besondere Schuster in der Arbeit antraffen welche vor die anderen Insulaner
gemeine Schue von den Häuten der MeerTiere und dann auch StaatsSchue von
Hirsch und RehLeder machten und dieselben gegen andere Sachen die ihnen zu
weit entlegen schienen vertauschten In dasigem Felde befand sich ein
vortreffliches KalckTon und LeimenGebirge worüber unser mitgebrachter
Töpffer Nicolaus Schreiner eine besondere Freude bezeigte und so gleich um
Erlaubnis bat morgendes Tages den Anfang zu seiner Werckstadt zu machen Die
Gräntze selbiger Einwohner setzte der Fluss der sich gegen Westen zu durch den
Felsen hindurch ins Meer stürtzte Sonsten hatten sie ihre Waldung mit ihren
Nachbarn zu AlbertsRaum fast in gleichen Teile anbei aber mussten sie auch mit
diesen ihren GräntzNachbarn die Last tragen die Küste und Bucht nach Norden
hin zu bewahren Dieserwegen war unten am Felsen ein bequemliches WachtHaus
erbauet worinnen sie im Winter Feuer halten und schlafen konnten Mons
Wolffgang ich und noch einige andere waren so curieux den schmalen Stieg zum
Felsen hinauf zu klettern und fanden auf der Höhe 4 metallene mittelmäßige
Stücken gepflantzt und dabei ein artiges SchilderHäussgen auf ein paar Personen
in den Felsen gehauen da man ebenfalls Feuer halten und ganz wohl auch im
Winter darinnen bleiben konnte Nächst diesen eine ordentliche ZugBrücke nach
der verborgenen Treppe zu von welcher man herab nach der SandBanck und See
steigen konnte und selbiger zur Seiten zwei vortreffliche Kloben und Winden
vermittelst welcher man in einem Tage mehr als 1000 Centner Waren auf und
nieder lassen konnte Der angenehme prospect auf die SandBanck in die offenbare
See und dann lincker Hand in die schöne Bucht welche aber einen sehr
gefährlichen Eingang hatte war ganz ungemein außer dem dass man allhier auch
die ganze Insul als unser kleines Paradiess völlig übersehen konnte
Nachdem wir über eine gute Stunde auf solcher Höhe verweilet und glücklich
wieder herunter kommen waren ließ sich unser Altvater nebst Herr M
Schmeltzern bei einer Kreissenden Frau antreffen selbige kam bald darauf mit
einer jungen Tochter nieder und verrichtete Herr Mag Schmeltzer allhier so
gleich seinen ersten Tauff Actum wobei Mons Wolffgang ich und die nechste
Nachbarin TauffPaten abgaben selbiges junge Töchterlein welches das erste
Kind war so auf dieser Insul durch Priesters Hand getaufft worden und die
Nahmen Eberhardina Maria empfing ist auf der untersten Linie der IX Genealogi
schen Tabelle mit NB bezeichnet Wir wurden hierauf von dem
KindtauffenVater mit Wein weißem Brodte und wohlschmeckenden Früchten tracti
ret reisten also gegen die Zeit des Untergangs der Sonnen vergnügt zurück auf
Alberts Burg
Herr Mag Schmeltzer war sehr erfreut dass er selbiges Tages ein Stück
heilige Arbeit gefunden hatte der Altvater vergnügte sich herzlich über diese
besondere Gnade GOTTES Mons Wolffgang aber schickte vor mich und sich noch
selbigen Abend unserer kleinen Pate zum Geschenke 12 Elen feine Leinewand 4
Elen Kattun ein vollgestopfftes Küssen von GänseFedern nebst verschiedenen
kräfftigen Hertzstärckungen und andern dienlichen Sachen vor die Wöchnerin wie
denn auch vor die ganze Gemeine das deputirte Geschenck an 10 Bibeln und 20
Gesang und GebetBüchern ausgegeben wurde Nachdem wir aber nunmehr unsere
TagesArbeit verrichtet und die AbendMahlzeit eingenommen hatten setzte unser
AltVater die Erzählung seiner LebensGeschicht also fort
Wir hielten eine dermaßen glückliche Fart dergleichen sich wenig
SeeFahrer zur selben Zeit getan zu haben rühmten Indem das VorGebirge der
guten Hoffnung sich allbereit von ferne erblicken ließ ehe wir noch das
allergeringste von Regen Sturm und Ungewitter erfahren hatten Der Kapitain
des Schiffs machte uns Hoffnung dass wir aufs Längste in 3 oder 4 Tagen
daselbst anländen und etliche Tage auf dem Lande ausruhen würden Allein die
Rechnung war ohne den Wirt gemacht und das Verhängnis hatte ganz ein anderes
über uns beschlossen denn folgenden Mittag umzohe sich der Himmel überall mit
schwartzen Wolcken die Luft wurde dick und finster endlich schoss der Regen
nicht etwa Tropffen sondern StrohmWeise auf uns herab und hielt biss um
Mitternacht ohne allen Unterlass an Da aber die sehr tieff herab hangenden
Wolcken ihrer wichtigsten Last kaum in etwas entledigt uñ besänftigt zu sein
schienen erhub sich dagegen ein dermaßen gewaltiger SturmWind dass man auch
vor dessen entsetzlichen Brausen wie ich glaube den Knall einer Kanone nicht
würde gehört haben Diese unsichtbare Gewalt musste meines Erachtens unser
Schiff zuweilen in einer Stunde sehr viel Meilen fortführen zuweilen aber
schiene selbes auf einer Stelle zu bleiben und wurde als ein Kreusel in der See
herum gedrehet hernachmals von den Erstaunenswürdigen Wellen bald biss an die
Wolcken hinan augenblicklich aber auch herunter in den aufgerissenen Rachen der
Tiefe geworffen Ein frischer und noch viel heftigerer Regen als der Vorige
vereinigte sich noch zu unserm desto größeren Elende mit dem SturmWinden und
kurtz zu sagen es hatte das Ansehen als ob alle Feinde und Verfolger der
SeeFahrenden unsern Untergang auf die erschrecklichste Art zu befördern
beschlossen hätten
Man sagt sonst Je länger das Unglück und widerwärtige Schicksal anhalte je
besser man sich darein schicken lerne jedoch dass dieses damals bei uns
eingetroffen kann ich mich nicht im geringsten erinnern Im Gegenteil muss
bekennen dass unsere Hertzhaftigkeit nachdem wir 2 Nachte und drittalben Tag
in solcher Angst zugebracht vollends gänzlich zerfloss weil die mit Donner und
Blitz abermals herein brechende Nacht schlechten Trost und Hoffnung versprach
Koncordia und ich waren vermutlich die allerelendesten unter allen indem wir
währenden Sturms nicht allein keinen Augenblick geschlaffen hatten sondern auch
dermaßen matt und taumelnd gemacht waren dass wir den Kopf ganz und gar nicht
mehr in die Höhe halten konnten und fast das Eingeweide aus dem Leibe brechen
mussten Mons de Leuven und Anton Plürs konnten von der höchst sauren und
letztlich doch vergeblichen Arbeit auf dem Schiffe kaum so viel abbrechen dass
sie uns zuweilen auf eine Minute besuchten wiewol auch ohnedem nichts vermögend
war uns einige Linderung zu verschaffen als etliche Stunden Ruhe Wir hörten
auf dem Schiffe so oft der Sturm nur ein wenig inne hielt ein grausames
Lermen kehreten uns aber an nichts mehr weil sich unsere Sinnen schon bereitet
hatten das jämmerliche Ende unseres Lebens mit Geduld abzuwarten Da aber die
erbärmlichen Worte ausgeruffen wurden GOTT sei uns gnädig nun sind wir alle
des Todes vergieng so wohl mir als der Koncordia der Verstand solchergestalt
dass wir als Ohnmächtige da lagen Doch habe ich in meiner Schwachheit noch so
viel verspüret dass das Schiff vermutlich an einen harten Felsen zerscheiterte
indem es ein grausames Krachen und Prasseln verursachte das Hinterteil aber
worinnen wir lagen mochte sehr tieff unter Wasser gekommen sein weil selbiges
unsere Kammer über die Helffte anfüllete jedoch alsobald wieder zurück lief
worauff alles in ganz verkehrten Zustande blieb indem der FußBoden zu einer
SeitenWand geworden und wir beiden Krancken uns in den Winckel der Kammer
geworffen befanden Weiter weiß ich nicht wie mir geschehen ist, indem mich
entweder eine Ohnmacht oder allzustarcker Schlaf überfiel aus welchem ich mich
nicht eher als des andern Tages ermuntern konnte da sich mein schwacher Körper
auf einer SandBanck an der Sonne liegend befand
Es kam mir als etwas recht ungewöhnliches vor da ich die Sonne am
aufgeklärten Himmel erblickte und von deren erwärmenden Strahlen die
allerangenehmste Erquickung in meinen Gliedern empfing Ich richtete mich auf
sah mich um und entsetzte mich gewaltig da ich sonst keinen Menschen als die
Koncordia Mons van Leuven und den SchiffsKapitain Lemelie ohnfern von mir
schlaffend hinterwärts einen grausamen Felsen seitwärts das Hinterteil vom
zerscheiterten Schiffe sonsten aber nichts als SandBäncke Wasser und Himmel
sah Da aber die Seite auf welcher ich gelegen nebst den Kleidern annoch
sehr kalt und nass war drehete ich selbige gegen die Sonne um und verfiel aufs
neue in einen tieffen Schlaf aus welchem mich gegen Untergang der Sonnen
Mons van Leuven erweckte Er gab mir einen mäßigen Topf mit Weine und eine
gute Hand voll Konfect welches ich noch halb schläferig annahm und mit großer
Begierde in den Magen schickte maßen nunmehr fast in 4 Tagen weder gegessen
noch getruncken hatte Hierauff empfing ich noch einen halben Topf Wein nebst
einem Stück Zwieback mit der Erinnerung dass ich mich damit biss Morgen
behelffen müsste weilen ein mehreres meiner Gesundheit schädlich sein möchte
Nachdem ich auch dieses verzehret und mich durchaus erwärmt auch meine
Kleider ganz trucken befand kam ich auf einmal wieder zu Verstande und
bedünckte mich so stark als ein Löwe zu sein Meine erste Frage war nach unsern
übrigen ReiseGefährten weil ich außer uns vier vorerwähnten noch niemand
mehr sah Muste aber mit größten Leidwesen anhören dass sie vermutlich
ingesammt würden ertruncken sein wenn sie Gott nicht auf so wunderbare Art als
uns errettet hätte Denn vor Menschlichen Augen war es vergeblich an eines
einzigen Rettung zu gedenken weilen die Zerscheiterung des Schiffs noch vor
Mitternacht geschehen der Sturm sich erstlich 2 Stunden vor Aufgang der Sonnen
gelegt hatte das Hinterteil des Schiffs aber worauff wir 4 Personen allein
geblieben mit aller Gewalt auf diese SandBanck getrieben war Ich beklagte
sonderlich den ehrlichen Mons Anton Plürs der sich bei uns nicht sicher zu
sein geschätzt sondern nebst allzuvielen andern Menschen einen leichten Nachen
erwehlt doch mit allen diesen sein Begräbnis in der Tiefe gefunden Sonsten
berichtete Mons van Leuven dass er so wohl mich als die Koncordiam mit größter
Müh auf die SandBanck getragen weil ihm der eigensinnige und
Verzweiffelungsvolle Kapitain nicht die geringste Handreichung tun wollen
Dieser wunderliche Kapitain Lemelie saß dorten von ferne mit unterstützten
Haupte und an statt dass er dem Allmächtigen vor die Fristung seines Lebens
dancken sollte fuhren lauter schändliche gottlose Flüche wider das ihm so
feindseelige Verhängnis aus seinem ruchlosen Munde wollte sich auch mit nichts
trösten lassen weilen er nunmehr so wohl seine Ehre als ganzes Vermögen
verloren zu haben vorgab Mons de Leuven und ich verließen den närrischen
Kopf wünschten dass er sich eines Bessern besinnen möchte und gingen zur
Koncordia welche ihr EheMann in viele von der Sonne erwärmte Tücher und
Kleider eingehüllt hatte Allein wir fanden sie dem ungeacht in sehr
schlechten Zustande weil sie sich biss diese Stunde noch nicht erwärmen auch
weder Speise noch Getränke bei sich behalten konnte sondern vom starken Froste
beständig mit den Zähnen klapperte Ich zog meine Kleider aus badete durch das
Wasser biss an das zerbrochene Schiff und langete von selbigem etliche stücken
Holtz ab welche ich mit einem darauf gefundenen breiten Degen zersplitterte
und auf dem Kopffe hinüber trug um auf unserer SandBanck ein Feuer anzumachen
wobei sich Koncordia erwärmen könnte Allein zum Unglück hatte weder der Kapitain
Lemelie noch Mons Leuvens ein Feuerzeug bei sich Ich fragte den Kapitain auf
was vor Art wir etwa Feuer bekommen könnten allein er gab zur Antwort Was
Feuer ihr habt Ehre genug wenn ihr alle Drei mit mir crepiret Mein Herr gab
ich zur Antwort ich bin vor meine Person so hochmütig nicht Besann mich aber
bald dass ich in unserer Kajute ehemals eine Rolle Schwefel hengen sehen badete
deswegen nochmals hinüber in das Schiff und fand nicht allein diese sondern
auch ein paar wohl eingewickelte Pistolen welche mir nebst dem Schwefel zum
schönsten Feuerzeuge dieneten an statt des Strohes aber brauchte ich meinen
schönen Baumwollenen in lauter Streiffen zerrissenen BrustLatz machte Feuer
an und bliess so lange biss das ziemlich klein gesplitterte Holtz in volle
Flamme geriet
Mons van Leuven war herzlich erfreut über meinen glücklichen Einfall und
badete noch zwei mal mit mir hinüber um so viel Holtz aus dem SchiffsStücke zu
brechen wobei wir uns die ganze Nacht hindurch gemächlich wärmen könnten Die
Witterung war zwar die ganze Nacht hindurch dermaßen angenehm als es in
Sachsen die besten SommerNächte hindurch zu sein pfleget allein es war uns nur
um unsere frostige Patientin zu tun welche wir der Länge lang gegen das Feuer
legten und aufs allerbeste besorgten Der tolle Kapitain kam endlich auch zu
uns eine Pfeiffe Toback anzustecken da ich ihn aber mit seinen Tobackrauchen
schraubte indem er ja zu crepiren willens wäre ging er stillschweigend mit
einer scheelen mine zurück an seinen vorigen Ort
Koncordia war indessen in einen tieffen Schlaf gefallen und forderte
nachdem sie gegen Morgen erwacht war einen Trunck frisch Wasser allein weil
ihr solches zu verschaffen unmöglich beredete Mons van Leuven dieselbe ein
wenig Wein zu trincken sie nahm denselben weil er sehr Frisch war begierig zu
sich befand sich aber in kurzen sehr übel drauff maßen sie wie eine Kohle
glüete und ihr ihrem sagen nach der Wein das Hertze abbrennen wollte Ihr
EheHerr machte ihr die größten Liebkosungen allein sie schien sich wenig darum
zu bekümmern und fing unverhofft also zu reden an Karl Frantz geht mir aus
den Augen damit ich ruhig sterben kann die übermäßige Liebe zu euch hat mich
angetrieben das 4te Gebot zu übertreten und meine Eltern biss in den tot zu
betrüben es ist eine gerechte Strafe des Himmels dass ich auf dieser elenden
Stelle mit meinen Leben davor büßen muss GOTT sei meiner und eurer Seele
gnädig
Kein Donnerschlag hätte Mons van Leuven erschrecklicher in die Ohren
schmettern können als diese Centner schweren Worte Er konnte nichts darauf
antworten stund aber in vollkommener Verzweiffelung auf lief nach dem Meere
zu und hätte sich ganz gewiss ersäufft wenn ich ihm nicht nachgelauffen und
durch die kräfftigsten Reden die mir GOTTES Geist eingab damals sein Leib und
Seele gerettet hätte
So bald er wieder zurück auf die trockene SandBanck gebracht war legte ich
ihm nur diese Frage vor Ob er denn sein Leben welches ihm GOTT unter so vielen
wunderbarer Weise erhalten nunmehr aus Ubereilung dem Teufel samt seiner
Seele hingeben wollte Hierzu setzte ich noch dass Koncordia wegen übermässiger
Hitze nicht alle Worte so geschickt wie sonsten vorbringen könnte auch
vielleicht in wenig Stunden ganz anders reden würde usw Worauff er sich
denn auch eines andern besonn und mir hoch und teuer zuschwur sich mit
christl Geduld in alles zu geben was der Himmel über ihn verhängen wolle Er
bat mich anbei alleine zur Koncordia zu gehen und dieselbe mit Gelegenheit auf
andere Gedanken zu bringen Ich bat ihn noch einmal seine Seele Himmel und
Hölle zu bedencken und begab mich zur Koncordia welche mich bat Ich möchte
doch aus jenem Mantel etwas RegenWasser ausdrücken und ihr solches zu trincken
geben Ich versicherte ihr solches zu tun und begehrete nur etwas Geduld von
ihr weil diese Arbeit nicht so hurtig zugehen möchte Sie versprach wiewohl in
würcklicher Phantasie eine halbe Stunde zu warten Aber mein GOTT da war weder
Mantel noch nichts woraus ein einziger Tropffen Wassers zu drücken gewesen
wäre Deswegen lief ich ohn ausgezogen durch die See nach dem Schiffe zu und
fand zu meinen selbst eigenen größten Freuden ein zugepichtes Fass mit süßen
Wasser worvon ich ein erträgliches Lägel füllete aus unserer Kajute etwas
Tee Zucker und Zimmet zu mir nahm und so hurtig als möglich wieder zurück
eilete Ohngeacht ich aber kaum eine halbe Stunde ausgeblieben war sagte doch
Koncordia indem ich ihr einen Becher mit frischen Wasser reichte Ihr hättet
binnen 5 Stunden keine Tonne Wasser aussdrücken dürffen wenn ihr mich nur mit
einem Löffel voll hättet erquicken wollen aber ihr wollt mir nur das Hertze
mit Weine brechen GOTT vergebe es euch Doch da sie den Becher mit frischen
Wasser ausgetruncken hatte sagte ihr lechzender Mund Habet Danck mein lieber
Albert Julius vor eure Mühe nun bin ich vollkommen erquickt deckt mich zu und
lasset mich schlafen Ich Gehorsamete ihrem Begehren machte hinter ihren Rücken
ein gelindes Feuer an welches nicht eher ausgehen durfte biss die Sonne mit
ihren kräfftigen Strahlen hoch genung zu stehen kam
Immittelst da sie wiederum in einen ordentlichen Schlaf verfallen war
ruffte ich ihren EheHerrn der sich wohl 300 Schritt davon gesetzt hatte
herzu tröstete denselben und versicherte dass mich seiner Liebsten Zustand
gänzlich überredete sie würde nachdem sie nochmals erwacht sich ungemein
Besser befinden
Damals war ich ein unschuldiger aber doch in der Wahrheit recht glücklicher
Prophete Denn 2 Stunden nach dem Mittage wachte Koncordia von sich selbst auf
forderte ein klein wenig Wein und fragte zugleich wo ihr Karl Frantz wäre
Selbiger trat Augenblicklich hervor und Küssete dieselbe kniend mit tränenden
Augen Sie trocknete seine Tränen mit ihrem HalsTuche ab und sprach mit
frischer Stimme Weinet nicht mein Schatz denn ich befinde mich itzo weit
Besser GOTT wird weiter helfen
Ich hatte binnen der Zeit in zweien Töpffen Tee gekocht weilen aber keine
Schaalen vorhanden waren reichte ich ihr selbigen Tranck an statt des
gefoderten Weins in dem WeinBecher hin Ihr lechzendes Hertze fand ein
besonderes Labsal daran Mons van Leuven aber und ich schmauseten aus dem
einen irrdenen Topffe auch mit und wussten fast vor Freuden nicht was wir tun
sollten da wir die halb tot gewesene Koncordia nunmehr wiederum außer Gefahr
halten und bei vollkommenen Verstande sehen konnten
Lemelie hatte sich binnen der Zeit durch das Wasser auf das zerbrochene
Schiff gemacht wir hofften zwar er würde vor Abends wiederum zurück kommen
sahen und hörten aber nichts von ihm weswegen Mons van Leuven Willens war hin
zu baden nach demselben zu sehen und etwas Holtz mit zu bringen da aber ich
versicherte dass wir auf diese Nacht noch Holtz zur Gnüge hätten ließ ers
bleiben und wartete seine Koncordia mit den trefflichsten Liebkosungen ab biss
sie abermals einschlieff worauff wir uns beredeten wechselsweise bei
derselben zu wachen
Selbige Nacht wurde schon weit vergnügter als die vorige hingebracht mit
aufgehender Sonne aber wurde ich gewahr dass die See allerhand Packen und Küsten
auf die nah gelegenen SandBäncke und an das große FelsenUfer auch an unsere
SandBanck ebenfalls nebst verschiedenen Waren einen mittelmäßigen Nachen
gespielt hatte Dieses kleine FahrZeug hieß wohl recht ein vom Himmel
zugeschicktes Glücks Schiff denn mit selbigen konnten wir doch wie ich so
gleich bedachte an den nah gelegenen Felsen fahren aus welchen wir einen
ganzen Strohm des schönsten klaren Wassers schießen sahen
So bald demnach Mons van Leuven aufgewacht zeigte ich ihme die Merckmahle
der wunderbaren Vorsehung GOTTES worüber er so wohl als ich die allergröste
Freude bezeigte Wir danckten GOTT bei unsern MorgenGebete auf den Knien davor
und so bald Koncordia erwacht auch nach befundenen guten Zustande mit etwas
Wein und Konfect gestärckt war machten wir uns an den Ort wo das kleine
Fahrzeug ganz auf den Sand geschoben lag Mons de Leuven erkannte an gewissen
Zeichen dass es eben dasselbe sei mit welchem sein Schwager Anton Plurs
untergangen sei konnte sich nebst mir hierüber des Weinens nicht enthalten
Allein wir mussten uns über dessen gehabtes Unglück gezwungener Weise trösten
und die Hand an das Werck unserer eigenen Errettung ferner legen weilen wir zur
Zeit eines Sturms auf dieser niedrigen SandBanck bei weiten nicht so viel
Sicherheit als am Felsen hoffen durfften
Es kostete nicht wenig Mühe den so tieff im Sande steckenden Nachen heraus
ins Wasser zu bringen da es aber doch endlich angegangen war banden wir
selbiges an eine tieff in den Sand gesteckte Stange machten aus Bretern ein
paar Ruder fuhren da alles wohl eingerichtet war nach dem Stücke des
zerscheiterten Schiffs und fanden den Lemelie der sich dermaßen voll Wein
gesoffen dass er alles was er im Magen gehabt wieder von sich speien müssen im
tieffsten Schlafe liegen
Mons van Leuven wollte ihn nicht aufwecken sondern suchte nebst mir alles
was wir von Victualien finden konnten zusammen packten so viel als der Nachen
tragen mochte auf und taten die erste Reise ganz hurtig und glücklich nach
dem Ufer des Felsens zu fanden auch dass allhier weit bequemlicher und sicherer
zu verbleiben wäre als auf der seichten SandBanck So bald der Nachen
ausgepackt war fuhren wir eilig wieder zurück um unsere kostbareste Ware
nämlich die Koncordia dahin zu führen wiewol vor ratsam befunden wurde
zugleich noch eine Last von den notdürfftigsten Sachen aus dem Schiffe mit zu
nehmen Diese andere Fart ging nicht weniger glücklich von statten deswegen
wurde am Felsen eine bequme Klufft ausgesucht darinnen auch zur Zeit des Regens
wohl 6 Personen oberwarts bedeckt ganz geräumlich sitzen konnten Allhier musste
Koncordia bei einem kleinen Feuer sitzen bleiben wir aber taten noch 2
Fahrten und holeten immer so viel als auf dem Nachen fortzubringen war
herüber Bei der 5ten Ladung aber welche ganz gegen Abend getan wurde
ermunterte sich Lemelie erstlich und machte große Augen da er viele Sachen
und sonderlich die Victualien mangeln uns aber annoch in völliger Arbeit
auszuräumen sah Er fragte was das bedeuten sollte warum wir uns solcher Sachen
bemächtigten die doch nicht allein unser wären und ob wir etwa als SeeRäuber
agiren wollten Befahl auch diese Verwegenheit einzustellen oder er wolle uns
etwas anders weisen Monsieur Lemelie vorsatzte van Leuven hierauf ich kann
nicht anders glauben als dass ihr euren Verstand verloren haben müsst weil
ihr euch weder unseres guten Rats noch würcklicher Hilfe bedienen wollt
Allein ich bitte euch sehr hört auf zu brutalisiren denn die Zeiten haben
sich leider verändert euer Kommando ist zum Ende es gilt unter uns dreien
einer so viel als der andere die meisten Stimmen gelten die Victualien und
andern Sachen sind gemeinschaftlich will der 3te nicht was 2 haben wollen so
mag er elendiglich crepiren Schweiget mir auch ja von SeeRäubern stille
sonsten werde mich genötigt sehen zu zeigen dass ich ein Kavalier bin der das
Hertze hat euch das Maul zu wischen Lemelie wollte über diese Reden rasend
werden und Augenblicklich vom Leder ziehen doch van Leuven ließ ihn hierzu
nicht kommen sondern riss den Grossprahler als ein Kind zu Boden und ließ ihm
mit der vollen Faust auf Nase und Maule ziemlich stark zur Ader Nunmehr
hatte es das Ansehen als ob es dem Lemelie bloß hieran gefehlet hätte weil er
in wenig Minuten wieder zu seinem völligen Verstande kam sich mit uns dem
Scheine nach recht Brüderlich vertrug und seine Hände mit an die Arbeit legte
so dass wir noch vor Nachts wohlbeladen bei Koncordien in der neuen
FelsenWohnung anlangeten Wir bereiteten vor uns ingesammt eine gute
AbendMahlzeit und rechneten aus dass wenigstens auf 14 Tage Proviant vor 4
Personen vorhanden sei binnen welcher Zeit uns die Hoffnung trösten musste dass
der Himmel doch ein Schiff in diese Gegend uns in ein gut Land zu führen
senden würde
Koncordia hatte sich diesen ganzen Tag wie auch die darauf folgende Nacht
sehr wohl befunden folgenden Tag aber wurde sie abermals vom starken Frost
und darauf folgender Hitze überfallen wobei sie stark phantasirte doch
gegen Abend ward es wieder gut also schlossen wir daraus dass ihre ganze
Kranckheit in einem gewöhnlichen kalten Fieber bestünde welche Mutmaßungen
auch in so weit zutraffen da sie selbiges Fieber wohl noch 3 mal allezeit über
den 3ten Tag hatte und sich nachher mit 48 Stündigen Fasten selber curire
the Immittelst schien Lemelie ein aufrichtiges Mitleiden mit dieser Patientin zu
haben suchte auch bei allen Gelegenheiten sich uns und ihr aus dermaßen
gefällig und dienstfertig zu erzeigen An denen Tagen da Koncordia wohl auf war
fuhren wir 3 MannsPersonen wechselsweise an die SandBäncke und langeten die
daselbst angeländeten Packen und Fässer von dar ab und schafften selbige vor
unsere FelsenHerberge Wir wollten auch das zerstückte Schiff nach und nach
vollends aussladen jedoch ein nächtlicher mäßiger Sturm war so gütig uns
solcher Mühe zu überheben maßen er selbiges ganze Stück nebst noch vielen
andern Waren ganz nahe zu unserer Wohnung auf die SandBanck geschoben hatte
Demnach brauchten wir voritzo unsern Nachen so nötig nicht mehr führten also
denselben in eine Bucht allwo er vor den Winden und Wellen sicher liegen konnte
Vierzehen Tage und Nächte verstrichen also doch wollte sich zur Zeit bei uns
noch kein RettungsSchiff einfinden ungeacht wir alle Tage fleißig Schildwache
hielten über dieses ein großes weißes Tuch an einer hoch aufgerichteten
Stange angemacht hatten Koncordia war völlig wieder gesund doch fand sich nun
nicht mehr als noch etwa auf 3 oder 4 Tage Proviant weswegen wir alle
Fässer Packen und Küsten ausräumten und durchsuchten allein ob sich schon
ungemein kostbare Sachen darinnen fanden so war doch sehr wenig dabei welches
die bevorstehende HungersNot zu vertreiben vermögend war
Wir armen Menschen sind so wunderlich geartet dass wir zuweilen aus bloßen
Mutwillen solche Sachen vornehmen von welchen wir doch im voraus wissen dass
dieselben mit tausendfachen Gefährlichkeiten verknüpfft sind Im Gegenteil weñ
unser Gemüte zu anderer Zeit nur eine einfache Gefahr vermerckt die doch eben
so wohl noch nicht einmal gegenwärtig ist stelle wir uns an als ob wir schon
lange Zeit darinnen gesteckt hätten Ich will zwar nicht sagen dass alle
Menschen von dergleichen Schlage wären bei uns 4en aber braucht es keines
Zweiffels denn wir hatten wiewol nicht alles aus der Erfahrung, jedoch vom
hören und lesen dass man auf der Schiffart nach OstIndien die
Gefährlichkeiten von Donner Blitz Sturmwind Regen Hitze Frost Sklaverei
Schiffbruch Hunger Durst Kranckheit und Tod zu befürchten habe doch deren
keine einzige konnte den Vorsatz nach OstIndien zu reisen unterbrechen nunmehr
aber da wir doch schon ein vieles überstanden noch nicht den geringsten Hunger
gelitten und nur diesen einzigen Feind binnen etlichen Tagen zu befürchten
hatten konnten wir uns allerseits im voraus schon dermaßen vor dem Hunger
fürchten dass auch nur das bloße dran dencken unsere Körper auszuhungern
vermögend war
Lemelie tat nichts als essen und trincken Toback rauchen und dann und
wann am Felsen herum spazieren wobei er sich mehrenteils auf eine recht
närrische Art mit Pfeiffen und Singen hören ließ vor seine künftige
LebensErhaltung aber trug er nicht die geringste Sorge Mons van Leuven
machte bei seiner Liebsten lauter tieffsinnige Kalender und wenn es nur auf
sein speculiren ankommen wäre hätten wir glaube ich in einem Tage mehr Brod
Fleisch Wein und andere Victualien bekommen als 100 Mann in einem Jahre kaum
aufessen können oder es sollte uns unfehlbar entweder ein Luft oder
SeeSchiff in einem Augenblicke nach Ceilon geführet haben Ich merkte zwar
wohl dass die guten Leute mit dergleichen LebensArt der bevorstehenden
HungersNot kein Quee vorlegen würden doch weil ich der jüngste unter ihnen
und auch selbst nicht den geringsten guten Rat zu ersinnen wusste unterstund
ich mich zwar nicht die LebensArt älterer Leute zu tadeln wollte aber doch
auch nicht so verdüstert bei ihnen sitzen bleiben kletterte deswegen an den
Felsen herum so hoch ich kommen konnte in beständiger Hoffnung etwas neues und
guts anzutreffen Und eben diese meine Hoffnung Betrog mich nicht Denn da ich
eine ziemlich hohe Klippe worauff ich mich ziemlich weit umsehen konnte
erklettert hatte erblickte ich jenseit des Flusses der sich Westwärts aus dem
Felsen ins Meer ergoss auf dem Sande viele Tiere welche halb einem Hunde und
halb einem Fische ähnlich sahen Ich säumte mich nicht die Klippe eiligst
wieder herunter zu klettern lief zu Mons van Leuven und sagte Monsieur wenn
wir nicht eckel sein wollen werden wir allhier auch nicht verhungern dürffen
denn ich habe eine große Menge MeerTiere entdeckt welche mit Lust zu
schießen so bald wir nur mit unsern Nachen über den Fluss gesetzt sind Mons
Leuven sprang hurtig auf nahm 2 wohlgeladene Flinten vor mich und sich und
eilete nebst mir zum Nachen welchen wir los machten um die Klippe herum
fuhren und gerade zu queer durch den Fluss hindurch setzen wollten allein hier
hätte das gemeine Sprichwort Eilen tut kein gut besser beobachtet werden
sollen denn als wir mitten in den Strohm kamen und außer zweien kleinen
Rudern nichts hatten womit wir uns helfen konnten führte die Schnelligkeit
desselben den Nachen mit unserer größten LebensGefahr dermaßen weit in die
offenbare See hinein dass alle Hoffnung verschwand den geliebten Felsen jemals
wiederum zu erreichen
Jedoch die Barmhertzigkeit des Himmels hielt alle Kräffte des Windes und der
Wellen gänzlich zurücke daher wir endlich nach eingebrochener Nacht jenseit
des Flusses an demjenigen Orte anländeten wo ich die MeerTiere gesehen hatte
Wiewohl nun itzo nichts mehr daselbst zu sehen so waren wir doch froh genung
dass wir unser Leben gerettet hatten setzten uns bei hellen Mondscheine auf eine
kleine Klippe und beratschlagten auf was vor Art wiederum zu den Unserigen zu
gelangen wäre Doch weil kein anderer Weg als durch den Fluss oder durch den
vorigen Umschweiff zu erfinden wurde die Wahl biss auf den morgenden Tag
verschoben
Immittelst da unsere Augen beständig nach der See zu gerichtet waren
merckten wir etwa um MitternachtsZeit dass etwas lebendiges aus dem Wasser kam
und auf dem Sande herum wühlete wie uns denn auch ein oft wiederholtes Blöcken
versicherte dass es eine Art von MeerTieren sein müsse Wir begaben uns
demnach von der Klippe herab und gingen ihnen biss auf etwa 30 Schritt
entgegen sahen aber dass sie nicht verweigerten Stand zu halten weswegen wir
um sie desto gewisser zu fassen ihnen noch näher auf den Leib gingen zu
gleicher Zeit Feuer gaben und 2 davon glücklich erlegten worauf die übrigen
groß und kleine ganz langsam wieder in See gingen
Früh Morgens besahen wir mit anbrechenden Tage unser Wildpret und fanden
selbiges ungemein niedlich trugen beide Stück in den Nachen getraueten aber
doch nicht ohne stärckere Bäume und bessere Ruder abzufahren doch Mons van
Leuvens Liebe zu seiner Koncordia überwand alle Schwürigkeiten und da wir ohne
dem alle Stunden die allhier vorbei strichen vor verloren schätzten befahlen
wir uns der Barmhertzigkeit des Allmächtigen setzten behertzt in den Strom
traffen aber doch dieses mahl das Gelencke etwas besser und kamen nach Verlauff
dreier Stunden ohnbeschädiget vor der Felsen Herberge an weil der heutige
Umschweiff nicht so weit als der gestrige genommen war
Koncordia hatte die gestrigen Stunden in der größten Bekümmernis zugebracht
nachdem sie wahrgenommen dass uns die strenge Flut so weit in die See
getrieben doch war sie um MitternachtsZeit durch den Knall unserer 2 Flinten
der sehr vernehmlich gewesen ziemlich wieder getröstet worden und hatte die
ganze Nacht mit eiffrigen Gebet um unsere glückliche Zurückkunft
zugebracht welches denn auch nebst dem unserigen von dem Himmel nach Wunsche
erhöret worden
Lemelie erkandte das mitgebrachte Wildpret sogleich vor ein paar SeeKälber
und versicherte dass deren Fleisch besonders wohlschmeckend wäre wie wir denn
solches nachdem wir die besten Stücken ausgeschnitten gebraten gekocht und
gekostet hatten als eine Wahrheit bekräfftigen mussten
Dieser bisher sehr faul gewesene Mensch ließ sich nunmehr auch in die
Gedanken kommen vor LebensMittel zu sorgen indem er aus etlichen aus Bretern
geschnitzten Stäbigen 2 AngelRuten verfertigte eine davon der Koncordia
schenckte und derselben zur Lust und ZeitVertreibe bei der Bucht das Fischen
lernete Mons van Leuven und ich machten uns auch dergleichen da ich aber
sah dass Koncordia allein geschickt war nur in einem Tage so viel Fische zu
fangen als wir in etlichen Tagen nicht verzehren konnten ließ ich diese
vergebliche Arbeit bleiben kletterte hergegen mit der Flinte an den Klippen
herum und schoss etliche Vögel mit ungewöhnlichgroßen Kröpffen herunter
welche zwar Fleisch genug an sich hatten jedoch da wir sie zugerichtet sehr
übel zu essen waren Hergegen fand ich Abends beim Mondschein auf dem Sande
etliche SchildKröten vor deren erstaunlicher Größe ich mich anfänglich
scheuete deswegen Mons van Leuven und Lemelie herbei rieff welcher letztere
sogleich ausrieff Abermahls ein schönes Wildpret gefunden Monsieur Albert ihr
seid recht glücklich
Wir hatten fast alle drei genung zu tun ehe wir auf des Lemelie
Anweisung dergleichen wunderbare Kreatur umwenden und auf den Rücken legen
konnten Mit anbrechenden Morgen wurde eine mittelmäßige geschlachtet Lemelie
richtete dieselbe seiner Erfahrung nach appetitlich zu und wir fanden hieran
eine außerordentlich angenehme Speise an welcher sich sonderlich Koncordia
fast nicht satt essen konnte Doch da dieselbe nachher besondere Lust verspüren
ließ ein FederWildpret zu essen welches besser als die KropffVögel
schmeckte gaben wir uns alle drei die größte Müh auf andere Arten von Vögeln
zu lauern und selbige zu schießen
Im Klettern war mir leichtlich Niemand überlegen weil ich von Natur gar
nicht zum Schwindel geneigt bin als nun vermerckte dass sich oben auf den
höchsten Spitzen der Felsen andere Gattunge Vögel hören und sehen ließ war
meine Verwegenheit so groß dass ich durch allerhand Umwege immer höher von einer
Spitze zur andern kletterte und nicht eher nachließ biss ich auf den
allerhöchsten Gipffel gelangt war allwo alle meine Sinnen auf einmal mit dem
allergrößten Vergnügen von der Welt erfüllt wurden Denn es fiel mir durch
einen einzigen Blick das ganze LustRevier dieser FelsenInsul in die Augen
welches rings herum von der Natur mit dergleichen starken Pfeilern und Mauren
umgeben und so zu sagen verborgen gehalten wird Ich weiß gewiss dass ich
länger als eine Stunde in der größten Entzückung gestanden habe denn es kam mir
nicht anders vor als wenn ich die schönsten blühenden Bäume das herum
spatzirende Wild und andere Annehmlichkeiten dieser Gegend nur im bloßen
Traume sähe Doch endlich wie ich mich vergewissert hatte dass meine Augen und
Gedanken nicht betrogen würden suchte und fand ich einen ziemlich bequemen
Weg herab in dieses angenehme Tal zu steigen ausgenommen dass ich an einem
einzigen Orte von einem Felsen zum andern springen musste zwischen welchen
beiden ein entsetzlicher Riss und grausam tieffer Abgrund war Ich erstaunete so
bald ich mich mitten in diesem Paradiese befand noch mehr da ich das Wildpret
als Hirsche Rehe Affen Ziegen und andere mir unbekandte Tiere weit zahmer
befand als bei uns in Europa fast das andere Vieh zu sein pfleget Ich sah
zwei oder dreierlei Arten von Geflügel welches unsern Rebhünern gleichte
nebst andern etwas größeren FederVieh welches ich damals zwar nicht kannte
nachher aber erfuhr dass es BirckHüner wären weilen aber der letztern wenig
waren schonte dieselben und gab unter die Rebhüner Feuer wovon 5 auf dem
Platz liegen blieben Nach getanem Schusse stutzten alle lebendigen Kreaturen
gewaltig gingen und flohen jedoch ziemlich bedachtsam fort und verbargen sich
in die Wälder weswegen es mich fast gereuen wollte dass mich dieser angenehmen
Gesellschaft beraubt hatte Zwar fiel ich auf die Gedanken es würden sich an
deren Statt Menschen bei mir einfinden allein da ich binnen 6 Stunden die
ganze Gegend ziemlich durchstreifft und sehr wenige und zweiffelhafte
Merckmahle gefunden hatte dass Menschen allhier anzutreffen oder sonst da
gewesen wären verging mir diese Hoffnung als woran mir wenn ich die rechte
Wahrheit bekennen soll fast gar nicht viel gelegen war Im Gegenteil hatte
allerhand teils blühende teils schon Fruchttragende Bäume Weinstöcke
GartenGewächse von vielerlei Sorten und andere zur Nahrung wohl dienliche
Sachen angemerckt ob mir schon die meisten ganz frembd und unbekandt vorkamen
Mittlerweile war mir der Tag unter den Händen verschwunden indem ich wegen
allzu vieler Gedanken und Verwunderung den Stand der Sonnen gar nicht in acht
genommen biss mich der alles bedeckende Schatten versicherte dass selbige
untergegangen sein müsse Da aber nicht vor ratsam hielt gegen die Nacht zu
die gefährlichen Wege hinunterzuklettern entschloss ich mich in diesem
irdischen Paradiese die Nacht über zu verbleiben und suchte mir zu dem Ende auf
einen mit dicken Sträuchern bewachsenen Hügel eine bequeme LagerStatt aus
langete aus meinen Taschen etliche kleine Stücklein Zwieback pflückte von einem
Baume etliche ziemlich reife Früchte welche rötlich aussahen und im Geschmacke
denen Morellen gleichkamen hielt damit meine AbendMahlzeit tranck aus dem
vorbei rauschenden klaren Bächlein einen süßen Trunck Wasser darzu befahl mich
hierauf Gott und schlieff in dessen Nahmen gar hurtig ein weil mich durch das
hohe Klettern und viele Herumschweiffen selbigen Tag ungemein müde gemacht
hatte
Hierbei mag vor dieses mahl sagte der AltVater nunmehr da es ziemlich
späte war meine Erzählung ihren Aufhalt haben Morgen geliebt es Gott wollen
wir wo es euch gefällig die Einwohner in StephansRaum besuchen und Abends
wieder da anfangen wo ich itzo aufgehöret habe Hiermit legten wir uns
allerseits nach gehaltener BetStunde zur Ruhe folgenden Morgen aber ging die
Reise abgeredter maßen auf StephansRaum zu
Hieselbst waren 15 Wohnhäuser nebst guten Scheuern und Ställen auferbauet
aber zur Zeit nur 11 bewohnt Durch die Pflantz Stadt welche mit den schönsten
Gärten umgeben war lief ein schöner klarer Bach der aus der großen See wie
auch aus dem ErtzGebirge seinen Ursprung hatte und in welchem zu gewissen
Zeiten eine große Menge GoldKörner gesammlet werden konnten wie uns denn die
Einwohner fast mit einem ganzen Hute voll dergleichen deren die größten in der
Form eines WeitzenKorns waren beschenckten weil sie es als eine artige und
gefällige Materie zwar einzusamlen pflegten doch lange nicht so viel Wercks
draus machten als wir Neuangekomenen Mons Plager der einige Tage hernach die
Probe auf allerhand Art damit machte versicherte dass es so fein ja fast noch
feiner wäre als in Europa das Ungarische Gold Gegen Westen zu stiegen wir auf
die Klippen allwo uns der Altvater den Ort zeigete wo vor diesen auf beiden
Seiten des Flusses ein ordentlicher und bequemer Eingang zur Insul gewesen doch
hätte nunmehr vor langen Jahren ein unbändig großes FelsenStück denselben
verschüttet nachdem es zerborsten und plötzlich herab geschossen wäre wie er
uns denn in den Verfolg seiner GeschichtsErzählung dessfals nähere Nachricht zu
erteilen versprach Immittelst war zu verwundern und lustig anzusehen wie
dem ungeacht der starke Arm des Flusses seinen Ausfall allhier behalten
indem das Wasser mit größter Gewalt und an vielen Orten etliche Ellen hoch
zwischen dem Gesteine heraus stürtzte Ohnfern vom Fluße betrachteten wir das
vortreffliche und so höchstnutzbare SaltzGebirge in dessen gemachten Gruben
das schönste Sal gemmæ oder SteinSaltz war und etwa 100 Schritt von demselben
zeigte man uns 4 Lachen oder Pfützen worinnen sich die schärffste Sole zum
SaltzSieden befand welche diejenigen Einwohner so schön Saltz verlangten in
Gefässen an die Sonne setzten das Wasser abrauchen ließ und hernach das
schönste reinste Saltz aus dem Gefäße heraus schabten gewöhnlicher Weise aber
brauchten alle nur das feinste vom SteinSaltze Sonsten fand sich in dasigen
Feldern ein WeinGebirge von sehr guter Art wie sie uns denn nebst allerhand
guten Speisen eine starke Probe davon vortrugen durch den Wald war eine
breite Straße gehauen allwo man von der AlbertsBurg her auf das unten am
Berge stehende WachtHaus gegen Westen sehen konnte Wie denn auch oben in die
FelsenEcke ein SchilderHaus gehauen war weil aber der Weg hinauf gar zu
unbequem stiegen wir dieses mahl nicht hinauf zumahlen auch sonsten nichts
gegen Westen zu sehen als ein steiler biss in die offenbahre See hinunter
steigender Felsen
Nachdem wir nun solchermassen zwei Drittel des Tages hingebracht und bei
guter Zeit zurück gekehret waren besichtigten wir die Arbeit am KirchenBau
und befanden daselbst die Zeichen solcher eifferiger Anstalten dergleichen wir
zwar von ihren Willen hoffen von ihren Kräfften aber nimmermehr glauben können
Denn es war nicht allein schon eine ziemliche Quantität Steine Kalck und Leimen
herbei geschafft sondern auch der Grund allbereits sehr weit ausgegraben Unter
unsern sonderbaren FreudensBezeugungen über solchen angenehmen Fortgang rückte
die Zeit zur AbendMahlzeit herbei nach deren Genuss der Altvater in seinem
Erzehlen folgender maßen fortfuhr
Ich hatte mich wie ich gestern Abend gesagt auf dieser meiner Insul zur
Ruhe gelegt und zwar auf einem kleinen Hügel der zwischen Alberts und Davids
Raum befindlich ist itzo aber ein ganz ander Ansehen hat Indem die Einwohner
nicht allein die Sträucher darauf abgehauen sondern auch den mehresten Teil
davon abgearbeitet haben Meine Ruhe war dermaßen vergnügt dass ich mich nicht
eher als des andern Morgens etwa zwei Stunden nach Aufgang der Sonnen
ermuntern konnte Ich schämete mich vor mir selbst so lange geschlaffen zu
haben stund aber hurtig auf nahm meine 5 gestern geschossene Rebhüner schoss
unter Wegs noch ein junges Reh und eilete dem Wege zu welcher mich zu meiner
verlassenen Gesellschaft führen sollte
Mein Rückweg fand sich durch unverdrossenes Suchen weit leichter und
sicherer als der gestrige den ich mit Leib und LebensGefahr hinauf gestiegen
war deswegen machte ich mir bei jeder Umkehrung ein gewisses Zeichen um
denselben desto eher wieder zu finden weil die vielen Absätze der Felsen von
Natur einen würcklichen Irrgang vorstelleten Mein junges Reh wurde ziemlich
bestäubt indem ich selbiges wegen seiner Schwere immer hinter mir drein
schleppte die Rebhüner aber hatte mit einem Bande an meinen Hals gehenckt weil
ich die Flinte statt eines WanderStaabs gebrauchte Endlich kam ich ohn allen
Schaden herunter und traff meine zurück gelassene Gesellschaft eben bei der
MittagsMahlzeit vor der FelsenHerberge an Mons van Leuven und Koncordia
sprangen so bald sie mich nur von ferne erblickten gleich auf und kamen mir
entgegen gelauffen Der erste umarmte und küsste mich sagte auch Monsieur
Albert der erste Bissen den wir seit eurer Abwesenheit gegessen haben steckt
noch in unsern Munde weil ich und meine Liebste die Zeit eurer Abwesenheit mit
Fasten und größter Betrübnis zugebracht haben Fraget sie selbst ob sie nicht
seit MitternachtsZeit viele Tränen eurentwegen vergossen hat Madame gab ich
lachend zur Antwort ich will eure kostbaren Tränen in Abschlag mit 5 delicat
en Rebhünern und einem jungen Reh bezahlen aber Monsieur van Leuven wisst
ihr auch dass ich das schöne Paradiess entdeckt habe woraus vermutlich Adam und
Eva durch den Cherub verjagt worden Monsieur Albert schrye van Leuven habt
ihr etwa das Fieber bekommen oder phantasirt ihr auf andere Art Nein
Monsieur wiederredete ich bei mir ist weder Fieber noch einige andere
Phantasie sondern lasset mich nur eine gute Mahlzeit nebst einem Glase Wein
finden so werdet ihr keine Phantasie sondern eine wahrhaftige Erzählung von
allen dem was mir Gott und das Glücke gewiesen hat aus meinem Munde hören
können
Sie ergriffen beide meine Arme und führten mich zu dem sich kranck
zeigenden Lemelie welcher aber doch ziemlich wohl von der zugerichteten
SchildKröte und SeeKalbe essen konnte auch dem WeinBecher keinen Zug schuldig
blieb Ich meines Teils ersättigte mich nach Notdurfft stattete hernachmahls
den sämtlichen Anwesenden von meiner getanen Reise den umständlichen Bericht
ab und dieser setzte meine Gefährten in so große Freude als Verwunderung
Mons van Leuven wollte gleich mit und das schöne Paradiess in meiner
Gesellschaft besehen allein meine Müdigkeit Koncordiens gute Worte und des
Lemelie Faulheit fruchteten so viel dass wir solches biss Morgenanbrechenden Tag
aufschoben immittelst aber desto sehnlicher auf ein vorbei seeglendes Schiff
Achtung gaben welches zwar immer in unsern Gedanken auf der See aber desto
weniger zum Vorscheine kommen wollte
So bald demnach das angenehme SonnenLicht abermals aus der See empor
gestiegen kam steckte ein jeder an LebensMitteln Pulver Blei und andern
Notdürfftigkeiten so viel in seine Säcke als er sich fortzubringen getrauete
Koncordia durfte auch nicht ledig gehen sondern musste vor allen andern in der
Hand eine scharffe Radehaue mitschleppen Ich führte nebst meiner Flinte und
Rantzen eine HoltzAxt und suchte noch lange Zeit nach einem kleinen
HandBeile womit man dann und wann die verhinderlichen dünnen Sträucher abhauen
könnte weil aber die HandBeile ich weiß nicht wohin verlegt waren und meine
3 Gefährten über den langen Verzug ungedultig werden wollten beschenckte mich
Lemelie um nur desto eher fortzukommen mit einem artigen 2 Finger breiten
zweischneidigen und wohlgeschliffenen Stillet welches man ganz wohl statt
eines HandBeils gebrauchen und hernachmahls zur Gegenwehr wider die wilden
Tiere mit dem Griffe in die Mündung des FlintenLauffs stecken konnte Ich
hatte eine besondere Freude über das artige Instrument danckte dem Lemelie
fleißig davor er aber wusste nicht dass er hiermit ein solches kaltes Eisen von
sich gab welches ihm in wenig Wochen den LebensFaden abkürtzen würde wie ihr
in dem Verfolg dieser Geschichte gar bald vernehmen werdet Doch da wir uns
nunmehr völlig ausgerüstet die Reise nach dem eingebildeten Paradiese
anzutreten ging ich als Wegweiser voraus Lemelie folgte mir Koncordia ihm
und van Leuven schloss den ganzen Zug Sie konnten sich allerseits nicht gnugsam
über meinen klugen Einfall verwundern dass ich die Absätze der Felsen welche
uns auf die ungefährlichsten Stege führten so wohl gezeichnet hatte denn
sonsten hätte man wohl 8 Tage suchen wo nicht gar Hals und Beine brechen
sollen Es ging zwar immer je höher wir kamen je beschwerlicher sonderlich
weil uns Koncordiens Furchtsamkeit und Schwindel sehr viel zu schaffen machte
indem wir ihrentwegen hier und dar Stuffen einhauen mussten Doch erreichten wir
endlich die alleroberste Höhe glücklich allein da es an den Sprung über die
FelsenKlufft gehen sollte war aufs neue Not vorhanden denn Koncordia konnte
sich aus Furcht zu kurtz zu springen und hinunter zu stürtzen unmöglich darzu
entschließen ungeacht der Platz breit genug zum Ausholen war deswegen
mussten wir dieselbe sitzen lassen und unten im nächsten Holtze einige junge
Bäume abhauen welche wir mit größter Mühe den Felsen wieder hinauf schleppten
QueerHöltzer darauf nagelten und bunden also eine ordentliche Brücke über
diesen Abgrund schlugen auf welcher nachher Koncordia wiewohl dennoch mit
Furcht und Zittern sich herüber führen ließ
Ich will die ungemeinen FreudensBezeugungen meiner Gefährten welche
dieselben da sie alles weit angenehmer auf dieser Gegend fanden als ich ihnen
die Beschreibung gemacht mit Stillschweigen übergehen und ohne unnötige
Weitläufftigkeit ferner erzählen dass wir nunmehr ingesamt anfingen das ganze
Land zu durchstreichen wobei Mons van Leuven glücklicher als ich war gewisse
Merckmahle zu finden woraus zu schließen dass sich unfehlbar vernünftige
Menschen allhier aufgehalten hätten wo selbige ja nicht noch vorhanden wären
Denn es fand sich jenseit des etwa 12 biss 16 Schritt breiten Flusses an dem
Orte wo itzo ChristiansRaum angebauet ist ein mit zugespitzten Pfälen
umsetzter GartenPlatz in welchen sich annoch die schönsten GartenGewächse
wiewohl mit vielen Unkraut verwachsen zeigten wie nicht weniger schöne rare
Blumen und etliche Stauden von HülsenFrüchten Weitzen Reiss und andern
Getrayde Weiter hinwarts lagen einige Scherben von zerbrochenen Gefässen im
Grase und Sudwerts auf dem WeinGebirge welches itzo zu Christophs und
RobertsRaum gehört fanden sich einige an Pfähle fest gebundene WeinReben
doch war dabei zu mutmaßen dass das Anbinden schon vor etlichen Jahren müsse
geschehen sein Hierauf besahen wir die See aus welcher der sich in 2 Arme
teilende Fluss entspringet bemerckten dass selbige nebst dem Fluße recht voll
Fischen wimmelte kehreten aber weil die Sonne untergehen wollte und Koncordia
sehr ermüdet war zurück auf vorerwähntes erhabene WeinGebirge und
beschlossen weil es eine angenehme Witterung war daselbst über Nacht
auszuruhen Nachdem wir zu Abends gespeist hatten und das schönste Wild
häuffig auf der Ebene herum spatziren sahen beurteilten wir alles was uns
heutiges Tages zu Gesicht kommen war und befunden uns darinnen einig dass
schwerlich ein schöner Revier in der Welt anzutreffen wäre Nur wurde beklagt
dass nicht noch einige Familien zugegen sein und nebst uns diese fruchtbare
Insul besetzen sollten Lemelie sagte hierbei Ich schwere bei allen Heiligen
dass ich Zeit Lebens allhier in Ruhe zu bleiben die größte Lust empfinde es
fehlen also nichts als zwei Weiber vor mich und Mons Albert jedoch Monsieur
sagte er zu Mons van Leuven was sollte es wohl hindern wenn wir uns bei
dergleichen Umständen alle 3 mit einer Frau behülffen fleißig Kinder zeugten
und dieselbe sodann auch mit einander verheirateten Mons van Leuven
schüttelte den Kopf weswegen Lemelie sagte ha Monsieur man muss in solchen
Fällen die Eyfersucht den Eigensinn und den Eckel bei Seite setzen denn weil
wir hiesiges Orts keiner weltlichen Obrigkeit unterworffen sind auch leichtlich
von Niemand beunruhiget zu werden fürchten dürffen so können wir uns Gesetze
nach eigenem Gefallen machen dem Himmel aber wird kein Verdruss erwecket weil
wir ihm zur Danckbarkeit darvor dass er uns von allen Menschen abgesondert hat
eine ganz neue Kolonie erzeugen
Monsieur van Leuven schüttelte den Kopf noch weit stärcker als vorher und
gab zur Antwort Mons Lemelie ihr erzürnet den Himmel mit dergleichen
sündlichen Reden Gesetzt aber auch dass dieses was ihr vorgebracht vor
Göttlichen und weltlichen Rechten wohl erlaubt wäre so kann ich euch doch
versichern dass ich so lange noch Adelich Blut in meinen Adern rinnet meine
Koncordia mit keinem Menschen auf der Welt teilen werde weil sie mir und ich
ihr allein auf LebensZeit beständige Treue und Liebe zugeschworen
Koncordia vergoss mittlerzeit die bittersten Tränen schlug die Hände über
den Kopffe zusammen und schrye Ach grausames Verhängnis so hast du mich denn
aus dem halb überstandenen Tode an solchen Ort geführet wo mich die Leute an
statt einer allgemeinen Hure gebrauchen wollen O Himmel erbarme dich Ich vor
meine Person hätte vor Jammer bald mit geweinet legte mich aber vor sie auf die
Knie und sagte Madame ich bitte euch um Gottes willen redet nicht von allen
da ihr euch nur über eine Person zu beschweren Ursach habt denn ich ruffe Gott
und alle heiligen Engel zu Zeugen an dass mir niemals dergleichen frevelhafte
und höchstsündliche Gedanken ins Hertz oder Haupt kommen sind ja ich schwere
noch auf itzo und folgende Zeit dass ich eher dieses Stillet selbst in meinen
Leib stoßen als euch den allergeringsten Verdruss erwecken wollte Verzeihet
mir guter Albert war ihre Antwort dass ich unbesonnener Weise mehr als einen
Menschen angeklagt habe Gott weiß dass ich euch vor redlich keusch und
tugendhaft halte aber der Himmel wird alle geilen Frevler straffen das weiß
ich gewiss Worauf sich aus ihren schönen Augen ein neuer TränenStrohm ergoss
der den Lemelie dahin bewegte dass er sich voller Trug und List doch mit
verstellter Aufrichtigkeit auch zu ihren Füßen warff und folgende Worte
vorbrachte Madame lasset euch um aller Heiligen willen erbitten euer
Betrübnis und Tränen zu hemmen und glaubt mir sicherlich alle meine Reden
sind ein bloßer Schertz gewesen vor mir sollt ihr eure Ehre unbefleckt
erhalten und wenn wir auch 100 Jahr auf dieser Insul allein beisamen bleiben
müssten Monsieur van Leuven euer Gemahl wird die Güte haben mich wiederum bei
euch auszusöhnen denn ich bin von Natur etwas frei im Reden und hätte
nimmermehr vermeint euch so gar sehr empfindlich zu sehen Er entschuldigte
seinen übel geratenen Schertz also auch bei Mons van Leuven und nach einigen
WortWechselungen wurde unter uns allen ein vollkommener Friede gestifftet
wiewohl Koncordia ihre besondere Schwermut in vielen nachfolgenden Tagen noch
nicht ablegen konnte
Wir brachten die auf selbigen streitigen Abend eingebrochne Nacht in süßer
Ruhe hin und spatzirten nach eingenommenen Frühstück gegen Süden um die See
herum traffen abermals die schönsten Weinberge und Metall in sich haltende
Steine an wie nicht weniger die SaltzLachen und Berge welche ihr heute nebst
mir in dem StephansRaumer Felde besichtigt habt Allhier konnte man nicht durch
den Arm des Flusses kommen indem derselbe zwar eben nicht breiter doch viel
tieffer war als der andere durch welchen wir vorigen Tages ganz gemächlich
hindurch waden können Demnach mussten wir unsern Weg wieder zurück um die See
herum nach demjenigen RuhePlatze nehmen wo es sich verwichene Nacht so sanft
geschlaffen hatte Weil es aber annoch hoch Tag war beliebten wir etwas weiter
zu gehen setzten also an einem seichten Orte durch den Fluss und gelangeten auf
gegenwärtigem Hügel der itzo meine so genannte AlbertsBurg und unsere Personen
trägt
Dieser mitten in der Insul liegende Hügel war damals mit dem allerdicksten
wiewol nicht gar hohem Gepüsche bewachsen indem wir nun bemüht waren eine
bequeme RuheStädte daselbst auszusuchen gerieten Mons van Leuven und
Koncordia von ungefähr auf einen schmalen durch das Gesträuche gehauenen Weg
welcher dieselben in eine der angenehmsten SommerLäuben führte Sie riefen
uns beide zurückgebliebenen dahin um dieses angenehme Wunderwerck nebst dessen
Bequemlichkeit mit uns zu teilen da wir denn sogleich einstimmig bekennen
mussten dass dieses kein von der Natur, sondern von Menschen Händen gemachtes
Werck sein müsse denn die Zacken waren oben allzukünstlich als ein Gewölbe
zusammen geflochten so dass wegen des sehr dick auf einander liegenden
Laubwercks kein Tropffen Wasser durchdringen konnte über dieses gab der
Augenschein dass der Baumeister vor diesen an 3en Seiten rechte FensterLöcher
gelassen welche aber nunmehr ganz wild verwachsen waren zu beiden s des
Eingangs hingegen stunden 2 oben abgesägte Bäume deren im Bogen geschlungene
Zweige ein ordentliches TürGewölbe formirten
Es war in diesem grünen LustGewölbe mehr Platz als 4 Personen zur Not
bedurfften weswegen Mons van Leuven vorschlug dass wir sämtlich darinnen
schlaffen wollten allein Lemelie war von solcher unerwarteten Höfflichkeit dass
er so gleich heraus brach Mons van Leuven der Himmel hat euch beiden
Verliebten aus besonderen vorbedacht zuerst in dieses angenehme Quartier
geführet deswegen brauchet eure Bequemlichkeit alleine darinnen Mons Albert
wird euch so wenig als ich darinnen zu stöhren willens sein hergegen sich
nebst mir eine andere gute SchlafStelle suchen Wie sehr sich nun auch Mons
van Leuven und seine Gemahlin darwider zu setzen schienen so mussten sie doch
endlich uns nachgeben und bewilligen dass dieses artige Quartier des Nachts vor
sie allein am Tage aber zu unser aller Bequemlichkeit dienen sollte
Also ließ wir die beiden alleine und baueten etwa 30 Schritte von
dieser in der Geschwindigkeit eine andere ziemlich bequeme SchlafHütte vor
Lemelie und mich brachten aber selbige in folgenden Tagen erstlich recht zum
Stande Von nun an waren wir eifrigst bemüht unsere nötigsten Sachen von der
SandBanck über das FelsenGebirge herüber auf die Insul zu schaffen doch diese
Arbeit kostete manchen SchweißTropffen indem wir erstlich viele Stuffen
einarbeiten mussten um mit der tragenden Last recht fussen und fortkommen zu
können Da aber dergleichen Vornehmen wenig förderte und die Felsen in einem
Tage nicht wohl mehr als 2 mal zu besteigen waren fiel uns eine etwas
leichtere Art ein wobei zugleich auch ein weit mehreres hinauff gebracht
werden konnte Denn wir machten die annoch beibehaltenen Tauen und Stricke von
dem SchiffsStücke vollends los bunden die Sachen in mäßige Packe legten von
einem Absatze zum andern Stangen an und zohen also die Ballen mit leichter Mühe
hinauf wobei Lemelie seinen Fleiß ganz besonders zeigte Mittlerweile war
Koncordia ganz allein auf der Insul übte sich fleißig im Schießen denn wir
hatten eine gute quantität unverdorbenes Pulver im Vorrat fing anbei so viel
Fische als wir essen konnten und ließ uns also an gekochten und gebratenen
Speisen niemals Mangel leiden obschon unser Zwieback gänzlich verzehret war
welchen Mangel wir aber mit der Zeit schon zu ersetzen verhofften weil wir die
wenigen Waitzen und andern GeträydeÄhren wohl umzäunt und vor dem Wilde
verwahrt hatten deren Körner im Fall der Not zu Saamen aufzuheben und selbige
zu vervielfältigen unser hauptsächliches Absehen war
Der erste Sonntag den wir laut Anzeigung der bei uns führenden Kalender
auf dieser Insul erlebten war uns ein höchst angenehmer erfreulicher RuheTag
an welchen wir alle gewöhnliche WochenArbeit liegen ließ und den ganzen
Tag mit beten singen und Bibellesen zubrachten denn Koncordia hatte eine
Englische und ich eine Hochteutsche Bibel nebst einem Gesang und GebetBuche
mit gerettet welches beides ich auch noch biss auf diesen Tag GOTT lob als ein
besonderes Heiligtum aufbehalten habe Die Englischen Bücher aber sollen euch
ehester Tages in RobertsRaum gezeiget werden
Immittelst ist es etwas nachdenckliches dass dazumal auf dieser Insul unter
uns 4 Personen die 3 HauptSecten des christlichen Glaubens anzutreffen
waren weil Mons van Leuven und seine Frau der Reformirten ich Albert Julius
als ein gebohrner Sachse der damals so genannten Luterischen und Lemelie als
ein Frantzose der Römischen Religion des Pabsts beipflichteten Die beiden
EheLeute und ich konnten uns im beten und singen ganz schön vereinigen indem
sie beide ziemlich gut teutsch verstunden und redeten Lemelie aber der doch
fast alle Sprachen außer den Gelehrten HauptSprachen verstehen und ziemlich
wohl reden konnte hielt seinen Gottesdienst von uns abgesondert in selbst
erwehlter Einsamkeit worinnen derselbe bestanden weiß ich nicht denn so lange
wir mit ihm umgegangen hat er wenig Gottgefälliges an sich merken lassen
Am gedachten Sonntage gegen Abend ging ich unten an der Seite des Hügels
nach dem großen See zu etwas lustwandeln herum schurrte von ungefähr auf dem
glatten Grase und fiel in einen mit dünnen Sträuchern verdeckten Graben über 4
Ellen tieff hinunter worüber ich anfänglich heftig erschrack und in einem
Abgrund zu sein glaubte doch da ich mich wieder besonnen und nicht den
geringsten Schaden an meinem Leibe vermerckt rafften sich meine zittrenden
Glieder eilig auf Im Umkehren aber wurden meine Augen einer finsteren Höle
gewahr welche mit allem Fleiße in den Hügel hinein gearbeitet zu sein schiene
Ich ging biss zum Eintritt derselben getrost hin da aber nichts als eine
dicke Finsternis zu sehen war über dieses eine übelriechende Dunst mir einen
besonderen Eckel verursachte fing meine Haut an zu schauern und die Haare
begonten Berg auf zu stehen weswegen ich eiligst umwandte und mit fliegenden
Schritten den Rückweg suchte auch gar bald wiederum bei Mons van Leuven und
Koncordien ankam Beide hatten sogleich meine blasse Farbe und heftige
Veränderung angemerckt weswegen ich auf ihr Befragen alles erzehlte was mir
begegnet war Doch Mons van Leuven sagte Mein Freund ihr seid zuweilen ein
wenig allzu neugierig wir haben nunmehr Gott sei Lob genung gefunden unser
Leben so lange zu erhalten biss uns der Himmel Gelegenheit zuschickt an unsern
erwehlten Ort zu kommen deswegen lasset das unnütze Forschen unterwegen denn
wer weiß ob sich nicht in dieser Höle die gifftigen Tiere aufhalten welche
euch augenblicklich ums Leben bringen könnten Ihr habt recht mein Herr gab ich
zur Antwort doch dieses mal ist mein Vorwitz nicht so viel schuld als das
unverhoffte Hinunterfallen damit auch dergleichen hinführo niemanden mehr
begegnen möge will ich die Sträucher rund herum abhauen und alltäglich eine
gute Menge Erde abarbeiten biss diese eckle Grufft vollkommen zugefüllet ist
Mons van Leuven versprach zu helfen Koncordia reichte mir ein Glässlein von
dem noch sehr wenigem Vorrate des Weins nebst 2 Stücklein Hertzstärckenden
Konfects welches beides mich gar bald wiederum erquickte so dass ich selbigen
Abend noch eine starke Mahlzeit halten und nach verrichteten AbendGebet mich
ganz aufgeräumt neben den Lemelie schlafen legen konnte
Allein ich habe Zeit meines Lebens keine ängstlichere Nacht als diese
gehabt Denn etwa um Mitternacht da ich selbst nicht wusste ob ich schlieff oder
wachte erschien mir ein langer Mann dessen weißer Bart fast biss auf die Knie
reichte mit einem langen Kleide von rauchen TierHäuten angetan der auch
dergleichen Mütze auf dem Haupte in der Hand aber eine große Lampe mit 4
Dachten hatte dergleichen zuweilen in den SchiffsLaternen zu brennen pflegen
Dieses SchreckensBild trat gleich unten zu meinen Füßen und hielt mir
folgenden Sermon von welchen ich noch biss diese Stunde wie ich glaube kein
Wort vergessen habe Verwegner Jüngling was wilstu dich unterstehen diejenige
Wohnung zu verschütten woran ich viele Jahre gearbeitet ehe sie zu meiner
Bequemlichkeit gut genung war Meinestu etwa das Verhängnis habe dich von
ungefähr in den Graben gestoßen und vor die Tür meiner Höle geführet Nein
keines wegs Denn weil ich mit meinen Händen 8 Personen auf dieser Insul aus
christlicher Liebe begraben habe so bistu auserkohren meinem vermoderten Körper
eben dergleichen LiebesDienst zu erweisen Schreite deswegen ohne alle
Bekümmernis gleich morgenden Tages zur Sache und durchsuche diejenige Höle ohne
Scheu welche du gestern mit Grausen verlassen hast woferne dir anders deine
zeitliche Glückseligkeit lieb ist Wisse auch dass der Himmel etwas besonderes
mit dir vor hat Deine Glückseeligkeit aber wird sich nicht eher anheben biss du
zwei besondere UnglücksFälle erlitten und diesem deinen SchlafGesellen zur
bestimmten Zeit den Lohn seiner Sünden gegeben hast Mercke wohl was ich dir
gesagt habe erfülle mein Begehren und empfange dieses Zeichen um zu wissen
dass du nicht geträumet hast
Mit Endigung dieser letzten Worte drückte er mich der ich im größten
Schweiße lag dermaßen mit einem seiner Finger oben auf meine rechte Hand dass
ich laut an zu schreien fing wobei auch zugleich Licht und alles verschwand
so dass ich nun weiter nichts mehr als den ziemlich hellen Himmel durch die
LaubHütte blicken sah
Lemelie der über mein Geschrei auffuhr war übel zufrieden dass ich ihm
Unruh verursachte da ich aber aus seinen Reden vermerckt dass er weder etwas
gesehen noch gehört hätte ließ ich ihn bei den Gedanken dass ich einen
schweren Traum gehabt und stellte mich an als ob ich wieder schlaffen wollte
wiewol ich nachfolgende Zeit biss an hellen Morgen ohne Ruh mit Uberlegung
dessen was mir begegnet war zubrachte an meiner Hand aber einen stark mit
Blut unterlauffenen Fleck sah
So bald zu mutmaßen dass Mons van Leuven aufgestanden verließ ich ganz
sachte meine Lagerstatt verfügte mich zu ihm und erzehlete nachdem ich ihn
etwas ferne von der Hütte geführet alles aufrichtig wie mir es in vergangener
Nacht ergangen Er umarmete mich freundlich und sagte Mons Albert ich lerne
immer mehr und mehr erkennen dass ihr zwar das Glück selbiges aber euch noch
weit mehr suchet deswegen biete ich mich zu euren Bruder an und hoffe ihr
werdet mich nicht verschmähen wir wollen gleich itzo ein gut præservativ vor
die bösen Dünste einnehmen und die Höle in Gottes Nahmen durchsuchen denn das
Zeichen auf eurer Hand hat mich erstaunend und glaubend gemacht dass der Verzug
nunmehr schädlich sei Aber Lemelie Lemelie sagte er weiter macht mir das
Hertze schwer so oft ich an seine übelen GemütsRegungen gedencke wir haben
gewiss nicht Ursach uns seiner Gesellschaft zu erfreuen GOTT steure seiner
Bosheit wir wollen ihn zwar mit zu diesem Wercke ziehen Allein mein Bruder
verschweiget ihm ja euer nächtliches Gesichte und sagt ihr hättet einen
schweren Traum gehabt welcher euch schon wieder entfallen sei
Dieser genommenen Abrede kamen wir in allem genau nach beredeten
Koncordien an den Fluss fischen zu gehen eröffneten dem Lemelie von unserm
Vorhaben so viel als er wissen sollte und gingen alle 3 gerades Wegs nach der
unterirrdischen Höle zu nachdem ich in eine mit ausgelassenen SeeckalbsFett
angefüllte eiserne Pfanne etliche angebrannte Tochte gelegt und dieselbe an
statt einer Fackel mitgenommen hatte
Ich ging voran Lemelie folgte mir und Mons van Leuven ihm nach so bald
wir demnach in die fürchterliche Höle welche von meiner stark brennenden Lampe
überall erleuchtet wurde eingetreten waren erschien ein starcker Vorrat
allerhand Haussgeräts von Kupffer Zinn und Eisenwerck nebst vielen
PackFässern und zusammen gebundenen Ballen welches alles aber ich nur oben
hin betrachtete und mich rechter Hand nach einer halb offenstehenden
SeitenTür wandte Nachdem aber selbige völlig eröffnet hatte und gerade vor
mich hingieng tat der mir folgende Lemelie einen lauten Schrei und sanck
ohnversehens in Ohnmacht nieder zur Erden Wolte GOTT seine lasterhafte Seele
hätte damals den schändlichen Körper gänzlich verlassen so aber riss ihn van
Leuven gleich zurück an die frische Luft rieb ihm die Nase und das Gesicht so
lange biss er sich etwas wieder ermunterte worauff wir ihn allda liegen
ließ und das Gewölbe rechter Hand aufs neue betraten Hier kam uns nun
dasjenige wovor sich Lemelie so grausam entsetzt hatte gar bald zu Gesichte
Denn in dem Winckel lincker Hand saß ein solcher Mann dergleichen mir
vergangene Nacht erschienen auf einem in Stein gehauenen Sessel als ob er
schlieffe indem er sein Haupt mit dem einen Arme auf den dabei befindlichen
Tisch gestützt die andere Hand aber auf dem Tische ausgestreckt liegen hatte
Uber dem Tische an der Wand hing eine 4 eckigte Lampe und auf demselben
waren nebst etlichen Speise und TrinckGeschirren 2 große und eine etwas
kleinere Tafel mit Schrifften befindlich welche 3 letztern Stücke wir heraus
ans Licht trugen und in der ersten Tafel die dem Ansehen nach aus einem
Zinnern Teller geschlagen und sauber abgeschabt war folgende Lateinische
Zeilen eingegraben sehen und sehr deutlich lesen konnten
Mit diesen Worten stund unser Altvater Albertus Julius auf und langete aus
einem Kasten verschiedene Brieffschaften ingleichen die erwähnten 3 Zinnern
Tafeln welche er biss daher fleißig aufgehoben hatte überreichte eine große
nebst der kleinen an Herr M Schmeltzern und sagte Mein Herr ihr werdet
allhier das Original selbst ansehen und uns selbiges vorlesen Dieser machte
sich aus solcher Antiquität eine besondere Freude und lass uns folgendes ab
Advena
quisquis es
si mira fata the in meum mirum domicilium
forsitan mirum in modum ducent
sceleto meo præter opinionem conspecto
nimium ne obstupesce
sed cogita
the noxa primorum parentum admissa iisdem
fatis
eidemque mortalitati esse obnoxium
Quod reliqvum est
reliqvias mei corporis ne sine insepultas
relinqui
Mortuus enim me mortuum ipse sepelire
non potui
Christianum si Christianus vel ad minimum
homo es decet
honesta exsequiarum justa solvere Christiano
qui totam per vitam laboravi
ut in Christum crederem Christo viverem
Christo denique morerer
Pro tuo labore parvo magnum feres præmium
Nimirum
Si tibi fortuna mihi multos per annos negata
contingit
ut ad dissociatam hominum societatem
iterum consocieris
pretiosissimum operæ pretium ex hac spelunca
sperare in spem longæ felicitatis tecum
auferre poteris
Sin vero mecum cogeris
In solitudine solus morti obviam ire
nonnulla memoratu dignissima scripta
quæ in mea sella saxo incisa jacent
recondita
Tibi fortasse erunt gaudio usui
En
grato illa accipe animo
Aura secunda tuæ navis vaga vela secundet
sis me felicior
quamvis me nunquam adeo infelicem dixerim
Vale Advena vale
manda rogatus me terræ
Et crede Deum qvem colui daturum
ut bene valeas
Auf dem kleinen Täfflein aber welches unsers Altvaters Aussage nach halb
unter des Verstorbenen rechter Hand verdeckt gelegen waren diese Zeilen zu
lesen
Natus sum d IX Aug CIC CCCC LXXV
Hanc Insulam attigi d XIV Nov CIC IC XIIII
Sentio me ætate confectum brevi moriturum
esse licet nullo morbo nullisque doloribus
opprimar Scriptum id est d XXVII Jun CIC ICC VI
Vivo quidem sed morti proximus d XXVIII XXIX XXX Junii
Adhuc d I Jul II III IV
Nachdem wir über diese sonderbare Antiquität und die sinnreiche Schrifft
welche gewiss aus keinem ungelehrten Kopffe geflossen war noch ein und anderes
Gespräch gehalten hatten gab mir der Altvater Albertus die drei Zinnern Tafeln
wovon die eine eben dasselbe in Spanischer Sprache zu vernehmen gab was wir
auf der großen Lateinisch gelesen nebst den übrigen schrifftlichen Urkunden
in Verwahrung mit dem Befehle Dass ich alles was Lateinisch wäre bei
künftigen müßigen Stunden ins HochTeutsche übersetzen sollte welches ich auch
mit ehesten zu liefern versprach Worauff er uns nach verrichteten AbendGebet
beurlaubte und sich zur Ruhe legte
Ich Eberhard Julius hingegen war nebst Hn M Schmeltzern viel zu neugierig
um zu wissen was die alten Brieffschaften in sich hielten da wir denn in
Lateinischer Sprache eine LebensBeschreibung des Spanischen Edelmanns Don
Cyrillo de Valaro darunter fanden welches eben der 131 jährige Greiss war
dessen Körper damals in der Höle unter dem AlbertsHügel gefunden worden und
biss zu Mitternacht ein Teil derselben mit gröstem Vergnügen durchlasen Ich
habe dieselbe nachher so zierlich als es mir damals möglich ins HochTeutsche
übersetzt allein um den geneigten Leser in den Geschichten keine allzugrosse
Verwirrung zu verursachen vor besser gehalten dieselbe zu Ende des Wercks als
einen Anhang beizufügen weil sie doch hauptsächlich zu der Historie von dieser
FelsenInsul mit gehört Inzwischen habe einiger im Lateinischen vielleicht
nicht allzu wohl erfahrner Leser wegen die auf den Zinnern Tafeln eingegrabene
Schrifft teutsch anhero zu setzen vor billig und nötig erachtet Es ist mir
aber solche Verdollmetschung dem WortVerstande nach folglich geraten
Ankommender Freund
wer du auch bist
Wenn dich vielleicht das wunderliche Schicksal in
diese wunderbare Behausung wunderbarer
Weise führen wird
so erstaune nicht allzusehr über die unvermutete
Erblickung meines Gerippes
sondern gedencke
dass du nach dem Fall der ersten Eltern eben dem
Schicksal und eben der Sterblichkeit
unterworffen bist
Im übrigen
lass das Uberbleibsel meines Leibes nicht unbegraben liegen
Denn weil ich gestorben bin habe ich mich
Verstorbenen nicht selbst begraben können
Einen Christen
wo du anders ein Christ oder zum wenigsten ein
Mensch bist
steht zu
einen Christen ehrlich zur Erde zu bestatten
Da ich mich in meinem ganzen Leben bestrebt
dass ich an Christum gläubte Christo lebte
und endlich Christo stürbe
Du wirst vor deine geringe Arbeit eine große
Belohnung erhalten
Denn wenn dir das Glücke dasjenige was es mir
seit vielen Jahren her verweigert hat
wiederfahren lässt
nämlich dass du dich wieder zu der abgesonderten
Gesellschaft der Menschen gesellen könnest
So wirstu dir eine kostbare Belohnung zu
versprechen und dieselbe aus dieser Höle
mit hinweg zu nehmen haben
Wenn du aber so wie ich gezwungen bist
In dieser Einsamkeit als ein Einsiedler dem Tode
entgegen zu gehen
So werden doch einige merckwürdige
Schrifften
die in meinem in Stein gehauenen Sessel
verborgen liegen
dir vielleicht erfreulich und nützlich sein
Wohlan
Nimm dieselben mit danckbaren Hertzen an
der gütige Himmel mache dich beglückt
und zwar glücklicher als mich
wiewohl ich mich niemals vor recht unglücklich
geschätzt habe
Lebe wohl ankommender Freud Lebe wohl
höre meine Bitte begrabe mich
Und glaube dass GOTT welchem ich gedienet
geben wird
Dass du wohl lebest
Die Zeilen auf der kleinen Tafel bedeuten in teutscher Sprache so viel
Ich bin geboren den 9 Aug 1475
Auf diese Insul gekommen den 14 Nov 1514
Ich empfinde dass ich Alters halber in kurtzer Zeit sterben werde
ungeacht ich weder Kranckheit noch einige Schmerzen empfinde
Dieses habe ich geschrieben am 27 Jun 1606
Ich lebe zwar noch bin aber dem Tode sehr nahe d 28 29 und 30 Jun und
noch d 1 Jul 2 3 4
Jedoch ich fahre nunmehr in unsern eigenen Geschichten fort und berichte dem
geliebten Leser dass wir mit Anbruch folgendes Donnerstags d 22 9br uns
nebst dem Altvater Albert Julio aufmachten und die PflantzStädte JacobsRaum
besuchten welche aus 9 WohnHäusern die mit allem Zubehör wohl versehen waren
bestund
Wiewol nun dieses die kleineste PflantzStadt und schwächste Gemeine war so
befand sich doch bei ihnen alles in der schönsten HausshaltungsOrdnung und
hatten wir an der Einrichtung und besonderen Fleiße ihrem Verstande nach nicht
das geringste auszusetzen Sie waren beschäfftiget die Gärten Saat Felder
und sonderlich die vortrefflichen Weinstöcke welche auf dem dasigen Gebirge in
großer Menge gepflantzt stunden wohl zu warten indem es selbiger Zeit etwa 9
oder 10 Wochen vor der gewöhnlichen WeinErndte bei den FeldFrüchten aber
fast ErndteZeit war Mons Litzberg und Plager untersuchten das Eingeweide des
dasigen Gebürges und fanden verschiedene Arten Steine welche sehr reichhaltig
von Kupffer und SilberErtz zu sein schienen die sie auch nachher in der Probe
unvergleichlich kostbar befanden Nachdem wir aber auf der Rückkehr von den
Einwohnern mit dem herrlichsten Weine verschiedenen guten Speisen und Früchten
aufs beste tractirt waren ihnen gleich wie allen vorher besuchten Gemeinen
10 Bibeln 20 Gesang und GebetBücher auch allerhand andere feine nützliche
Sachen so wohl vor Alte als Junge verehret hatten kamen wir bei guter Zeit
wiederum in der AlbertsBurg an besuchten die Arbeiter am KirchenBau auf eine
Stunde nahmen die AbendMahlzeit ein worauff unser Altvater nachdem er das
TischGebet getan unsere Begierde alsofort gemerckt sich lächelnd in seinen
Stuhl setzte und die gestern abgebrochene Erzählung also fortsetzte
Ich bin wo mir recht ist gestern Abend dabei geblieben Da wir die
Zinnernen Tafeln an das TagesLicht trugen und die eingegrabenen Schrifften
ausstudirten Mons van Leuven und ich konnten das Latein Lemelie aber der
sich von seinem gehabten Schrecken kaum in etwas wieder erholet das Spanische
welches beides doch einerlei Bedeutung hatte ganz wohl verstehen Ich aber kann
mit Warheit sagen dass so bald ich nur des letzten Willens des Verstorbenen Don
Cyrillo de Valaro hieraus völlig versichert war bei mir im Augenblicke alle
annoch übrige Furcht verschwand Meine Herren sagte ich zu meinen Gefährten
wir sind schuldig dasjenige zu erfüllen was dieser unfehlbar seelig
verstorbene Christ so sehnlich begehret hat da wir außer dem uns eine
stattliche Belohnung zu versprechen haben Mons van Leuven war so gleich
bereit Lemelie aber sagte Ich glaube nicht dass die Belohnung so sonderlich
sein wird denn die Spanier sind gewohnt wo es möglich ist auch noch nach
ihrem Tode rodomontaden vorzumachen Deswegen versichere dass mich eher und
lieber mit zwei SeeRäubern herum schlagen als mit dergleichen Leiche zu tun
haben wollte Jedoch euch als meinen Gefährten zu Gefallen will ich mich auch
bei dieser hässlichen Arbeit nicht ausschlüssen
Hierauf lief ich fort langete ein großes Stück alt SeegelTuch nebst
einer Hacke und Schauffel welche 2 letztern Stück ich vor der Höle liegen
ließ mit dem Tuche aber begaben wir uns abermals in die unterirrdische Höle
Mons van Leuven wollten den Körper bei den Schultern ich aber dessen Schenckel
anfassen allein kaum hatten wir denselben etwas angeregt da er auf einmal
mit ziemlichen Geprassele in einen Klumpen zerfiel worüber Lemelie aufs neue
dermaßen erschrack dass er seinen Kopf zwischen die Ohren nahm und so weit
davon lief als er laufen konnte Mons van Leuven und ich erschracken zwar
anfänglich auch in etwas da wir aber überlegten dass dieses natürlicher Weise
nicht anders zugehen und weder von unserm Versehen noch andern übernatürlichen
Ursachen herrühren könnte Lasen und strichen wir die Gebeine und Asche des
seeligen MitBruders zusammen auf das ausgebreitete SeegelTuch trugen selbiges
auf einen schönen grünen Platz in die Ecke wo sich der aus dem großen See
entspringende Fluss in zwei Arme teilt machten daselbst ein feines Grab
legten alles ordentlich zusammen gebunden hinein und beschlossen ihm nach
erlangten ferneren Urkunden mit ehesten eine GedächtnisSäule zu setzen Ob nun
schon der gute van Leuven durch seinen frühzeitigen und bejammerenswürdigen Tod
dieses Vorhaben mit auszuführen verhindert wurde so ist es doch nachher von
mir ins Werck gerichtet worden indem ich nicht allein dem Don Cyrillo de
Valaro sondern auch dem ehrlichen van Leuven und meiner seel EheFrau der
Koncordia jedem eine besondere Ehren dem gottlosen Lemelie aber eine
SchandSäule zum Gedächtnis über die Gräber aufgerichtet habe
Diese Säulen nebst den Grabschrifften sagte hier Albertus sollen euch
meine Freunde ehester Tages zu Gesichte kommen so bald wir auf dem Wege nach
ChristophsRaum begriffen sein werden Jedoch ich wende mich wieder zur
damaligen Geschicht
Nachdem wir wie bereits gedacht dem Don Cyrillo nach seinem Begehren den
letzten LiebesDienst erwiesen seine Gebeine wohl verscharret und einen
kleinen Hügel darüber gemacht hatten kehreten wir ganz ermüdet zur Koncordia
welche uns eine gute MittagsMahlzeit bereitet hatte Lemelie kam auch gar bald
herzu und entschuldigte seine Flucht damit dass er unmöglich mit verfauleten
Körpern umgehen könne Wir lächelten hierzu da aber Koncordia gleichfals wissen
wollte was wir heute vor eine besondere Arbeit verrichtet hätten erzehlten wir
derselben alles umständlich Sie bezeugte gleich nach der Mahlzeit besondere
Lust mit in die Höle zu gehen da aber Mons van Leuven wegen des annoch
darinnen befindlichen übelen Geruchs ihr davon abriet und ihre Begierde biss
auf ein paar Tage zu hemmen bat gab sie sich gar bald zu frieden ging wieder
aus aufs Jagen und Fischen wir 3 Manns Personen aber in die Höle weil unsere
große Lampe annoch darinnen brandte
Nunmehr war nachdem wir den moderigen Geruch zu vertreiben etliche mahl
ein wenig Pulver angezündet hatten unsere erste Bemühung die alten Urkunden
welche in den steinernen Sessel verwahrt liegen sollten zu suchen Demnach
entdeckten wir im Sitze ein viereckigtes Loch in welches ein wohlgearbeiteter
Deckel eingepasset war so bald nun derselbe ausgehoben fanden sich oben auf
die in Wachs eingefütterten geschriebenen Sachen die ich euch mein Vetter und
Sohn gestern Abend eingehändiget habe unter denselbigen ein güldener Becher
mit unschätzbaren Kleinodien angefüllet welcher in den schönsten güldenen
Müntzen vielerlei Gepräges und Forme vergraben stund Wir gaben uns die Mühe
dieses geraumliche Loch oder den verborgenen SchatzKasten ganz auszuräumen
weil wir aber weiter weder Brieffschaften noch etwas anders fanden schütteten
wir 18 Hüte voll GoldMüntze wieder hinein nahmen den GoldBecher nebst den
Brieffschaften zu uns und gingen um die letztern recht durch zu studieren
hinauf in Mons van Leuvens grüne Hütte allwo wir den übrigen Teil des Tages
biss in die späte Nacht mit Lesen und Verteutschen zubrachten und allerhand
höchstangenehme Nachrichten fanden die uns und den künftigen Bewohnern der
Insul ganz vortreffliche Vorteile versprechen konnten
Es war allbereit an dem dass der Tag anbrechen wollte da van Leuven und ich
wiewohl noch nicht vom Lesen ermüdet sondern morgender Arbeit wegen die Ruhe zu
suchen vor dienlich hielten indem Koncordia schon schlieff der faule Lemelie
aber seit etlichen Stunden von uns zu seiner SchlafStätte gegangen war Ich
nahm deswegen meinen Weg auch dahin fand aber den Lemelie unter Weges wohl
10 Schritt von unserer Hütte krum zusammen gezogen liegen und als einen Wurm
winseln Auf Befragen was er da mache fing er entsetzlich zu fluchen und
endlich zu sagen an Vermaledeiet ist der verdammte Körper den ihr diesen Tag
begraben habt denn das verfluchte Scheusal über welches man unfehlbar keine
Seelmessen gehalten hat ist mir vor etlichen Stunden erschienen und hat meinen
Leib erbärmlich zugerichtet Ich gedachte gleich in meinen Hertzen dass dieses
seiner Sünden Schuld sei indem ich von Jugend auf gehört dass man mit
verstorbenen Leuten kein Gespötte treiben solle wollte ihn auch aufrichten und
in unsere Hütte führen doch weil er dahin durchaus nicht wollte brachte ich den
elenden Menschen endlich mit großer Mühe in Mons van Leuvens Hütte Wiewohl
ich nicht vergessen hatte ihn zu bitten um der Koncordia willen nichts von
dem was ihm begegnet wäre zu sagen sondern eine andere Unpässlichkeit
vorzuwenden Er gehorchte mir in diesem Stücke und wir schlieffen also ohne
die Koncordia zu erwecken diese Nacht in ihrer Hütte
Lemelie befand sich folgenden Tages todtkranck und ich selber habe noch
selbigen Tag fast überall seinen Leib braun und blau mit Blute unterlauffen
gesehen doch weil es ihm leid zu sein schien dass er mir sein ausgestandenes
entdeckt versicherte ich ihm selbiges so wohl vor Mons van Leuven als dessen
Gemahlin geheim zu halten allein ich sagte es doch gleich bei erster
Gelegenheit meinem besten Freunde
Wir mussten ihn also diesen und viele folgende Tage unter der Koncordia
Verpflegung liegen lassen gingen aber beide zusammen wiederum in die
unterirrdische Höle und fanden beschehener Anweisung nach in einem
verborgenen Gewölbe über 3 Scheffel der auserlesensten und kostbarsten Perlen
nächst diesen einen solchen Schatz an gediegenen Gold und SilberKlumpen edlen
Steinen und andern Kostbarkeiten worüber wir ganz erstaunend ja fast
versteinert stehen blieben Uber dieses eine große Menge von allerhand vor
unsere Personen höchstnötigen Stücken wenn wir ja allenfalls dem Verhängnisse
auf dieser Insul Stand halten und nicht wieder zu anderer menschlicher
Gesellschaft gelangen sollten
Jedoch was will ich hiervon viel reden die Kostbarkeiten kann ich euch
meine Freunde ja noch alle unverletzt zeigen Worzu aber die übrigen nützlichen
Sachen angewendet worden davon kann meine und meiner Kinder Hausshaltung und
nicht vergeblich getane Arbeit ein sattsames Zeugnis abstatten Ich muss demnach
nur eilen euch meinen Lieben den ferneren Verlauff der damaligen Zeiten noch
kürtzlich zu erzählen ehe ich auf meine einseitige Geschicht und die
anfänglich betrübte nachher aber unter Gottes Fügung wohl ausgeschlagene
Hausshaltung komme
Mittlerweile da Lemelie kranck lage räumeten Mons van Leuven und ich alle
Sachen aus dem unterirrdischen Gewölbe herauf ans TagesLicht und an die Luft
damit wir sehen möchten was annoch zu gebrauchen wäre oder nicht Nach diesen
reinigten wir die unterirrdische Höle die außer der kleinen SchatzKammer aus
3 geraumlichen Kammern bestund von aller Unsauberkeit Ermeldte SchatzKammer
aber die wir dem Lemelie nicht wollten wissen lassen wurde von unsern Händen
wohl vermauret auswendig mit Leimen beschlagen und so zugerichtet dass niemand
vermuten konnte als ob etwas verborgenes darhinter steckte Mons van Leuven
erwehlete das Vorgemach derselben worinnen auch der verstorbene Don Cyrillo
sein LebensZiel erwartet zu seinem SchlaffGemach ich nahm vor mich die
Kammer darneben und vor Lemelie wurde die dritte zugerichtet alle aber mit
Pulver und SchiffPech etliche Tage nach einander wohl ausgeräuchert ja so zu
sagen gar ausgebrandt denn dieser ganze Hügel bestehet aus einem
vortrefflichen SandSteine
So bald wir demnach alles in recht gute Ordnung gebracht hatten wurde
Koncordia hinein geführet welche sich ungemein darüber erfreuete und so gleich
ohne die geringste Furcht darinnen Haus zu halten versprach Wolte also der
wunderliche Lemelie nicht oben alleine schlaffen musste er sich halb gezwungener
Weise nach uns richten
Indessen da er noch immer kranck war schafften Mons van Leuven und ich
alltäglich noch sehr viele auf der SandBanck liegende nützliche Sachen auf die
Insul und kamen öfters nicht eher als mit sinckenden Tage nach Hause Da
immittelst Lemelie sich kräncker stellt als er ist doch aber soviel Kräffte
hat der Koncordia einmal über das andere so viel vorzuschwatzen um sie dahin
zu bewegen seiner Wollust ein Genüge zu leisten und an ihrem EheManne untreu
zu werden
Koncordia weiset ihn anfänglich mit Gottes Wort und andern tugendhaften
Regeln zurücke da er aber eins so wenig als das andere annehmen und fast gar
Gewalt brauchen will sie auch kaum Gelegenheit sich seiner zu erwehren
gefunden und in größten Eiffer gesagt dass sie ehe ihren Ehrenschänder oder
sich selbst ermorden als an ihren Manne untreu werden und so lange dieser
lebte sich mit einem andern vermischen wollte wirfft er sich zu ihren Füßen
und bittet seiner heftigen Liebe wegen um Verzeihung verspricht auch ihr
dergleichen nimmermehr wieder zuzumuten woferne sie nur die einzige Gnade vor
ihn haben und ihrem Manne nichts davon entdecken wollte Koncordia stellt sich
besänftiget an gibt ihm einen nochmahligen scharffen Verweis und verspricht
zwar ihrem Manne nichts davon zu sagen allein ich selbst musste noch selbigen
Abend ein Zeuge ihrer Ehrlichkeit sein indem sie bei guter Gelegenheit uns
beiden alles was vorgegangen war erzehlete und einen Schwur tat viel lieber
mit an die allergefährlichste Arbeit zu gehen als eine Minute bei dem Lemelie
hinführo alleine zu verbleiben Mons van Leuven betrübte sich nicht wenig über
die grausame Unart unsers dritten Mannes und sagte dass er von Grund des
Hertzens gern seinen Anteil von dem gefundenen Schatze missen wollte wenn er
nur mit solchen den Gottesvergessenen Menschen von der Insul hinweg kauffen
könnte Doch wir beschlossen ihn ins künftige besser in acht zu nehmen und bei
der Koncordia niemals alleine zu lassen
Immittelst konnte doch Mons van Leuven seinen deshalb geschöpfften Verdruss
wie sehr er sich auch solches angelegen sein ließ unmöglich gänzlich
verbergen weswegen Lemelie bald vermerckte dass Koncordia ihrem Manne die Treue
besser als ihm ihr Wort zu halten geartet jedoch er suchte seinen begangenen
Fehler aufs neue zu verbessern denn da er wenig Tage hierauf sich völlig
genesen zeigte war von da an niemand fleißiger dienstfertiger und höflicher
als eben der Lemelie
Wir hatten aber in des Don Cyrillo schrifftlichen Nachrichten unter andern
gefunden dass durch den Ausfall des Flusses gegen Mitternacht zu unter dem
Felsen hindurch ein ganz bequemer Ausgang von der Insul nach der SandBanck
und dem Meere zu anzutreffen sei Wenn man vorher erstlich in den heißen
Monaten da der Fluss am schwächsten lieffe einen Damm gemacht und dessen
Wasser durch den Kanal welchen Cyrillo nebst seinen Gefährten vor nunmehr 125
Jahren gegraben in die kleine See zum Ausflusse führte Dieses nun in
Erfahrung zu bringen sahen wir gegenwärtige Zeit am allerbequemsten weil uns
der seichte Fluss einen Damm hinein zu machen Erlaubnis zu geben schien Demnach
fälleten wir etliche Bäume zersägten dieselben und rammelten ziemlich große
Plöcke um die Gegend in den Fluss wo wir die Wahrzeichen des Dammes unserer
Vorfahren mit großen Freuden wahrgenommen hatten Vor die mit allergröster Müh
eingeramleten Plöcke wurden lange Bäume über einander gelegt von solcher Dicke
als wir dieselbe fortzuschleppen vermögend waren und diese mussten die
vorgesetzten RasenStücke nebst dem vorgeschütteten fettem Erdreiche aufhalten
Mit solcher Arbeit brachten wir biss in die 4te Woche zu binnen welcher Zeit der
Damm seine nötige Höhe erreichte so dass fast kein Tropffen Wasser hindurch
konnte hergegen alles durch den Kanal sich in die kleine See ergoss Lemelie
hatte sich bei dieser sauren Arbeit dermaßen fleißig in übriger Aufführung
aber so wohl gehalten dass wir ingesamt glaubten sein voriges übeles Leben
müsse ihm gereuet und er von da an einen bessern Vorsatz gefasst haben
Nunmehr war es an dem dass wir die große Lampe anzündeten und uns in eine
abermahlige FelsenHöle wagen wollten welches auch des nächsten Tages früh
Morgens geschahe Koncordia wollte allhier nicht alleine zurücke bleiben sondern
sich unsers Glücks und Unglücks durchaus teilhaftig machen deswegen traten
wir unsern Weg in Gottes Nahmen an fanden denselben ziemlich bequem zu gehen
ob gleich hie und da etliche hohe Stuffen befindlich welchen doch gar mit
leichter Müh nachzuhelffen war Aber o Himmel wie groß war unsere Freude da
wir ohne die geringste Gefahr das Ende erreichten Himmel und See vor uns sehen
und am Ufer des Felsens bei unsern annoch rückständigen Sachen herum spatziren
auch mit vielweniger Müh und Gefahr zurück auf unsere Insul kommen konnten
Ihr seid meine lieben Kinder fuhr unser AltVater Albertus in seiner
Erzählung fort selber durch diesen Gang in die Insul kommen deswegen könnt
ihr am besten von dessen Bequemlichkeit und Nutzen urteilen wenn ihr zumahlen
die gefährlichen und beschwerlichen Wege über die Klippen dagegen betrachtet
Uns war dieser gefundene Gang zu damaligen Zeiten wenigstens ungemein
tröstlich da wir in wenig Tagen alles was annoch auf der SandBanck lag
herauf brachten das Hinterteil des zerscheiterten Schiffs zerschlugen und
nicht den kleinesten Nagel oder Splitter davon zurück ließ so dass wir
weiter außerhalb des Felsens nichts mehr zu suchen wussten als unsern Nachen
oder kleines Boot und dann und wann einige SchildKröten SeeKälber nebst
andern MeerTieren wovon wir doch weiter fast nichts als die Häute und das
Fett zu gebrauchen pflegten
Solchergestalt wandten wir die ferneren Tage auf nichts anders als nach und
nach immer eine bessere Ordnung in unserer Hausshaltung zu stifften sammleten
von allerlei nutzbarn Gewächsen die SaamKörner ein pflegten die WeinStöcke
und ObstBäume aufs beste als worinnen ich bei meinen lieben PflegeVätern dem
DorffPriester und dem Amtmanne ziemliche Kunstgriffe und Vorteile abgemerckt
Lebten im übrigen in der Hoffnung künftiger noch besserer Zeiten ganz geruhig
und wohl beisammen Allein in der Nacht zwischen den 8ten und 9ten Novembr
überfiel uns ein entsetzliches Schrecken Denn es geschahe ungefähr um
MitternachtsZeit da wir ingesamt im süßesten Schlaffe lagen ein dermaßen
großer Knall in unserer unterirrdischen Wohnung als ob das allerstärckste
Stück Geschützes lossgebrannt würde so dass man die Empfindung hatte als ob der
ganze Hügel erschütterte Ich sprang von meinem Lager auf und wollte nach der
beiden EheLeute Kammer zu eilen selbige aber kamen mir so gleich im Dunckeln
ganz erschrocken entgegen und eileten ohne ein Wort zu sprechen zur Höle
hinaus da der Schein des Monden fast alles so helle als am Tage machte
Ich kann nicht leugnen dass Mons van Leuven Koncordia und ich vor Furcht
Schrecken und Zittern kein Glied stille halten konnten unsere Furcht aber wurde
noch um ein großes vermehrt da sich gegen Süden zu eine weiße lichte Flamme
sehen ließ welche immer ganz sachte fort zohe und endlich um die Gegend wo
wir des Don Cyrillo Körper begraben hatten verschwand
Die Haare stunden uns hierüber zu Berge doch nachdem wir uns binnen einer
Stunde in etwas erholet hatten brach Mons van Leuven endlich das lange
Stillschweigen indem er sagte Mein Schatz und Mons Albert ich weiß dass ihr
euch über dieses NachtSchrecken so wohl als ich unterschiedene Gedanken werdet
gemacht haben allein ich glaube dass der sonst unerhörte Knall von einem
Erdbeben herrühret wobei unser SandSteinHügel unfehlbar einen starken Riss
bekommen Die weiße Flamme aber so wir gesehen halte ich vor eine
SchwefelDunst welche sich nach dem Wasser hingezogen hat Monsieur van Leuven
bekam in diesen Meinungen Seiten meiner starken Beifall allein Koncordia gab
dieses darauf Mein Schatz der Himmel gebe nur dass dieses nicht eine
Vorbedeutung eines besonderen Unglücks ist denn ich war kurtze Zeit vor dem
grausamen Knalle durch einen schweren Traum den ich im Schrecken vergessen
habe ermuntert worden und lag mit wachenden offenen Augen an eurer Seite als
eben dergleichen lichte Flamme unsere Kammer mit einer ganz außerordentlichen
Helligkeit erleuchtete und die sonst alle Nacht hindurch brennende große Lampe
auslöschte worauf sogleich der grausame Knall und die heftige Erschütterung zu
empfinden war
Uber diesen Bericht nun hatte ein jedes seine besondere Gedanken Mons van
Leuven aber unterbrach dieselben indem er sich um den Lemelie bekümmerte und
gern wissen mochte wo sich dieser aufhielte Meine Mutmaßungen waren dass er
vielleicht noch vor uns durch den Schrecken aus der Höle gejagt worden und
sich etwa hier oder da auf der Insul befände Allein nachdem wir den übrigen
Teil der Nacht ohne ferneren Schlaff hingebracht und nunmehr das SonnenLicht
mit Freuden wieder empor kommen sahen kam auch Lemelie unverhofft aus der Höle
heraus gegangen
Dieser bekannte auf unser Befragen so gleich dass er weder etwas gesehen
noch vielweniger gehört habe und verwunderte sich ziemlich da wir ihm von
allen Begebenheiten voriger Nacht ausführliche Nachricht gaben Wir hielten ihn
also vor glücklicher als uns stunden aber auf und besichtigten nicht allein
die Höle sondern auch den ganzen Hügel fanden jedoch nicht das geringste
Versehr Ritze oder Spalte sondern alles in unveränderten guten Stande Lemelie
sagte deswegen Glaubet mir sicher meine Freunde es ist alles ein pures
GauckelSpiel der im Fegefeuer sitzenden Seele des Don Cyrillo de Valaro Ach
wie gern wollte ich einem RömischKatolischen Priester 100 CreutzTaler
SeelMessGelder zahlen um dieselbe daraus zu erlösen wenn er nur gegenwärtig
wäre und uns in vollkommene Ruhe setzen könnte
Van Leuven und ich hielten nicht vor ratsam diesem einfältigen Tropffen zu
widersprechen ließ ihn deswegen bei seinen 5 Augen beschlossen aber
dennoch etliche Nacht in unsern grünen Hütten zu schlaffen biss man sähe was
sich ferner wegen des vermeintlichen Erdbebens zeigen und die dessfalls bei uns
entstandene Furcht nach und nach verschwunden sein würde welches auch dem
Lemelie ganz vernünftig vorkam
Allein der ehrliche van Leuven schlieff nur noch 2 Nachte bei seiner
liebsten EheFrauen in der LauberHütte Denn am 11 Novembr ging er etwa 2
Stunden nachdem die Sonne aufgegangen war mit einer Flinte fort um ein oder
zwei große wohlschmeckende Vogel welche sich gemeiniglich auf den obersten
Klippen sehen ließ herunter zu schießen die wir selbigen Abend an statt
der MartinsGänse braten und verzehren wollten Lemelie war etwa eine Stunde
vorher ebenfalls darauf ausgegangen ich aber blieb bei der Koncordia um ihr
beim Kochen mit HoltzSpalten und andern Handreichungen die Arbeit zu
erleichtern
Zwei Stunden über Mittag kam Lemelie mit zwei schönen großen Vogeln
zurücke über welche wir uns sogleich hermachten und dieselben reinigten
Mittlerweile fragte Lemelie Koncordien wo ihr Mann hingegangen und erhielt von
selbiger zur Antwort dass er gleichergestalt auf solch Wildpret ausgegangen sei
wobei sie sich erkundigte ob sie einander nicht angetroffen Lemelie antwortet
mit Nein Doch habe er auf jener Seite des Gebürges einen Schuss vernomen woraus
er gemutmasset dass sich gewiss einer von uns daselbst aufhalten würde
Koncordia machte noch einen Spaass hierbei indem sie sagte Wenn nun mein
Karl Franz kommt mag er seine geschossene Martins Gänse biss auf Morgen
aufheben Allein da die Sonne bereits unterging und unsere beiden Braten zum
Speisen tüchtig waren stellte sich dem ungeacht unser guter van Leuven noch
nicht ein wir warteten noch ein paar Stunden da er aber nicht kam verzehreten
wir den einen Vogel mit guten Appetit und spareten den andern vor ihn und
Koncordien Allein die Nacht brach endlich auch ein und van Leuven blieb immer
außen Koncordien begunte das Hertze schwer zu werden indem sie genug zu tun
hatte die Tränen zurück zu halten ich aber tröstete sie so gut ich konnte
und meinte weil es heller MondenSchein würde ihr EheSchatz schon noch
zurücke kommen Sie aber versetzte Ach es ist ja wider alle seine gewöhnliche
Art was wird ihm der MondenSchein helfen Und wie kann er zurücke kommen wenn
er vielleicht Unglück genommen hat Ja ja fuhr sie fort mein Hertze sagt es
mir mein Liebster ist entweder tot oder dem Tode sehr nahe denn itzo fällt
mir mein Traum auf einmal wieder in die Gedanken den ich in der Schreckens
seit dem aber gänzlich vergessen gehabt Diese ihre Worte wurden mit einer
gewaltsamen Tränen Flut begleitet Lemelie aber trat auf und sagte Madame
verfallet doch nicht so gleich auf die ärgsten Gedanken es kann ihn ja
vielleicht eine besonders glückliche Begebenheit oder Neugierigkeit etwa hier
oder dar aufhalten Stehet auf wir wollen ihm alle drei entgegen gehen und
zwar um die Gegend wo ich heute von ferne feinen Schuss gehört wir wollen
schreien ruffen und schießen was gilts er wird sich bald melden und uns zum
wenigsten mit einem Schuss oder Laut antworten Koncordia weinete dem ungeacht
immer noch heftiger und sagte Ach wie kann er schießen oder antworten wenn
er tot ist Doch da wir beide ihr ferner zuzureden nicht unterliessen stund
sie endlich auf und folgte nebst mir dem Lemelie wo er uns hinführete
Es wurde die ganze Nacht hindurch an fleissigem Suchen Schreien und
Schießen nichts gesparet die Soñe ging zwar darüber auf doch van Leuven wollte
mit selbiger dennoch nicht zum Vorscheine kommen Wir kehreten zurück in unsere
LauberHütten und unterirrdische Wohnung fanden aber nicht die geringste Spur
dass er Zeit seines Hinwegseins wiederum da gewesen Nunmehr begunte mir auch
das HertzBlat zu schießen Koncordia wollte ganz verzweiffeln und Lemelie
selbst sagte Es könne unmöglich richtig zugehen sondern Mons van Leuven müsste
unfehlbar etwa ein Unglück genommen haben Derohalben fingen wir ingesamt ganz
von neuen an ihn zu suchen und dass ich es nur kurtz mache am dritten Tage
nach seinem letzten Ausgange entdeckten wir mit grausamsten Schrecken seinen
entseelten Körper gegen Süden zu außerhalb an dem Absatze einer jähen
SteinKlippe liegen als von welcher er unserm damaligen Vermuten nach herab
gefallen war Ich fing vor übermässiger Betrübnis bei diesem jämmerlichen
Anblicke überlaut zu schreien und zu heulen an und rauffte mir als ein
unsinniger Mensch ganze Hände voll Haare aus dem Kopffe Koncordia die meine
Gebärden nur von ferne sah weil sie die hohen Felsen nicht so wie ich
besteigen konnte sanck augenblicklich in Ohnmacht hin Lemelie lief geschwind
nach frischen Wasser ich aber blieb als ein halbverzweiffelter Mensch ganz
sinnloss bei ihr sitzen
Endlich halff doch des Lemelie oft wiederholtes Wasser gießen und sprengen
so viel dass Koncordia sich wieder in etwas ermunterte Allein meine Freunde
so unterbrach allhier der AltVater Albertus seine Erzählung in etwas ich
befinde mich biss diese Zeit noch nicht im Stande ohne selbst eigene heftige
GemütsBewegungen der Koncordia schmertzliches Klagen und mit wenig Worten zu
sagen Ihre fast gäntzliche Verzweiffelung auszudrücken wiewol solches ohnedem
besser mit dem Verstande zu fassen als mit Worten auszusprechen ist Doch ich
setzte bei ihrem übermäßigen Jammer mein eigenes dabei geschöpfftes Betrübnis
in etwas bei Seite und suchte sie nur erstlich dahin zu bereden dass sie sich
von uns nach der LaubHütte führen ließe Wiewol nun in dem ersten Auflauff
ihrer GemütsBewegungen nichts von ihr zu erhalten war indem sie mit aller
Gewalt ihren Karl Frantz sehen oder sich selber den Kopf an einem Felsen
einstossen wollte so ließ sie sich doch endlich durch Vorstellung einiger
Biblischen Sprüche und anderer VernunftLehren dahin bewegen dass ich und
Lemelie welcher vor verstellter Betrübnis kein Wort reden doch auch kein Auge
nass machen konnte oder wollte sie mit sinckenden Tage in die Laubhütte führen
durfften Nachdem ich auf ihr sehnliches Bitten versprochen alle Mühe und Kunst
anzuwenden den verunglückten Körper ihres werten Schatzes herauff zu schaffen
Ohngeacht aber Koncordia und ich in vergangenen Nachten fast wenig oder
nichts geschlaffen hatten so konnten wir doch auch diese Nacht wegen des allzu
großen Jammers noch keinen Schlaf in unsere Augen kriegen sondern ich nahm
die Bibel und lass der Koncordia hieraus die kräfftigsten TrostPsalmen und
Kapitel vor wodurch ihr vorheriges unruhiges und zur Verzweiffelung geneigtes
Gemüte in merckliche Ruhe gesetzt wurde Indem sie obschon das Weinen und
Klagen nicht unterließ dennoch so viel zu vernehmen gab dass sie allen Fleiß
anwenden wollte sich mit Geduld in ihr klägliches Verhängnis zu schicken indem
freilich gewiss wäre dass uns ohne Gottes Willen kein Unglück begegnen könne
Ihre damaligen reformirten GlaubensGründe trugen gewisser maßen ein vieles zu
der von mir gewünschten Beruhigung bei doch nachher hat sie diese verdächtigen
HülffsMittel besser erkennen und sich durch mein Zureden aus GOTTES Wort
kräfftiger trösten lernen
Gegen Morgen schlief die biss in den Tod betrübte Kordia etwa ein paar
Stunden ich tat dergleichen Lemelie aber der die ganze Nacht hindurch als
ein Ratz geschlaffen hatte stund auf wünschte der Koncordia zum guten Morgen
Dass sie sich bei einer Sache die nunmehr unmöglich zu ändern stünde bald
vollkommen trösten und in ruhigern Zustand setzen möchte wollte hiermit seine
Flinte nehmen und spazieren gehen doch ich hielt ihn auf und bat er möchte
doch der Koncordia die Gefälligkeit erzeigen und den Körper ihres Liebsten mir
herauff bringen helfen damit wir ihn ehrlich zur Erden bestatten könnten
Allein er entschuldigte sich und gab zu vernehmen wie er zwar uns in allen
Stücken Gefälligkeit und Hilfe zu leisten schuldig wäre doch damit möchte man
ihn verschonen weilen uns ja zum voraus bewust dass er einen ungewöhnlichen
natürlichen Abscheu vor toten Menschen hätte auch ungeacht er schon lange
Zeit zu Schiffe gedienet niemals im Stande gewesen einen frischen Toten in
die See zu werffen vielweniger einen solchen anzugreiffen der schon etliche
Tage an der Sonne gelegen Hiermit ging er seine Wege Koncordia aber hub von
neuen an sich aufs allerkläglichste zu gebährden da ich ihr aber zugeredet
sich zu mäßigen und mich nur allein machen zu lassen weil ich weder Gefahr
noch Mühe scheuen sondern ihr unter Gottes Schutz den Körper ihres Liebsten
in ihre Hände liefern wollte musste sie mir erstlich zuschweren sich Zeit meines
Abseins selbst kein Leid zuzufügen sondern gedultig und stille zu sitzen auch
vor mich wegen bevorstehender Gefahr fleißig zu beten Worauff so viel Seile
und Stricke als zu ertragen waren nebst einem stücke SeegelTuch nahm und
nebst Koncordien die eine HoltzAxt nebst etwas Speise vor uns beide trug nach
den Felsen hin eilete Daselbst ließ ich sie unten an einem sichern Orte sitzen
und kletterte nach und nach zur Höhe hinauff zohe auch die Axt etliche spitz
gemachte Pfähle und die übrigen Sachen von einem Absatz zum andern hinter mir
her An der auswendigen Seite musste ich mich aber viel größerer Gefahr
unterwerffen weil daselbst die Felsen weit steiler und an vielen Orten gar
nicht zu beklettern waren weswegen ich an drei Orten in die FelsenRitzen
Pfähle einschlagen ein langes Seil dran binden und mich 3 mal 8 10 biss 12
Elen tief an selbigen herunter lassen musste Solchergestalt gelangete ich
endlich zu meines lieben Herrn van Leuvens jämmerlich zerschmetterten Körper
der weil ihm das Gesicht sehr mit Blut unterlauffen war seine vorige Gestalt
gänzlich verloren hatte und allbereit wegen der großen Hitze einen üblen
Geruch von sich gab jedoch ich hielt mich nicht lange dabei auf sondern
wickelte ihn eiligst in das bei mir habende Tuch bewunde dasselbe mit Stricken
band ein Seil daran und zohe diese Last nach und nach hinauff Zu meinem Glücke
hatte ich in die vom Felsen herab hangenden Seile verschiedener Weite nach
Knoten gebunden sonst wäre fast unmöglich gewesen wieder hinauff zu kommen
doch der Himmel bewahrete mich in dieser besonderen Gefahr vor allem Unfall und
ich gelangte nach etwa 6 oder 7 Stunden verlauff ohnbeschadet doch sehr
schwer beladen und ermüdet wiederum bei Koncordien an Durch vielles Bitten und
vernünftige Vorstellungen erhielt ich endlich so viel von selbiger dass sie
sonst nichts als ihres seel EheMannes Gesichte und die Hand woran er annoch
seinen SiegelRing stecken hatte zu sehen begehrte Sie wusch beides mehr mit
Tränen als mit Wasser aus dem vorbei rinnenden Bächlein ab und küsste ihn
ungeacht des übelen Aussehens und Geruchs vielfältige mal zohe den Ring von
seinem Finger und ließ endlich unter heftigen JammerKlagen geschehen dass ich
den Körper wieder einwickelte und auf vorige Art umwunde
Sie halff mir denselben biss in unsere unterirrdische Höle tragen woselbst
er weil ich nicht allein sehr ermüdet sondern es auch allbereit ziemlich spät
war liegen blieb und von uns beiden bewacht wurde Mit anbrechenden Tage
machte ich ein Grab neben des Don Cyrillo seinem worein wir diesen lieben
verunglückten Freund unter vergiessung häuffiger Tränen begruben
Lemelie der unserer Arbeit von ferne zugesehen hatte kam erstlich des
folgenden Tages wieder zu uns und Bemühete sich mit Erzählung allerhand
lustiger Geschichte der Koncordia Kummer zu vertreiben Doch dieselbe sagte ihm
ins Gesicht Dass sie lieber mit dergleichen Zeitvertreibe verschonet bleiben
möchte indem ihr Gemüte nicht so leichtsinnig geartet dergleichen höchst
empfindlichen Verlust solchergestalt zu verschmertzen Deswegen führte er zwar
nachher etwas vernünftigere Reden doch Koncordia die bisher fast so wenig
als nichts geruhet verfiel darüber in einen tieffen Schlaf weswegen Lemelie
und ich uns gleichfalls in einer andern Ecke der Höle zur Ruhe legten Jedoch
es schien als ob dieser Mensch ganz besondere Anfechtungen hätte indem er so
wohl diese als viele folgende Nachte fast keine Stunde nach einander ruhig
liegen konnte Er fuhr sehr öfters mit ängstlichen Geschrei aus dem schlafe auf
und wenn ich ihn deswegen befragte klagte er über sonst nichts als schwere
Träume wiewol man ihn nach und nach sehr abgemattet und fast an allen Gliedern
ein starckes Zittern verspürete jedoch binnen 2 oder 3 Wochen erholete er
sich ziemlich so dass er nebst mir unserer künftigen Nahrung wegen sehr
fleißig arbeiten konnte
Bei dem allen aber lebten wir 3 von ganz unterschiedenen GemütsRegungen
eingenommene Personen in einer vollkommenen Verwirrung da es zumal das
gäntzliche Ansehen hatte als ob alle unsere vorige Geduld ja unser völliges
Vergnügen mit dem van Leuven begraben wäre Wir saßen öfters etliche Stunden
beisammen ohne ein Wort mit einander zu sprechen doch schien es als ob immer
eines des andern Gedanken aus den Augen lesen wollte und dennoch hatte niemand
das Hertze der andern und dritten Person HertzensMeinung auszufragen Endlich
aber da nach des van Leuvens Beerdigung etwa 4 Wochen verlauffen waren hatte
sich Lemelie bei ersehener Gelegenheit die Freiheit genommen der Koncordia in
Geheim folgende Erklärung zu tun Madame sagt er ungefähr Ihr und ich haben
bisher das unglückliche Verhängnis eures seel EheMannes zur gnüge betrauret
Was ist nunmehr zu tun Wir sehen kein ander Mittel als vielleicht noch lange
Zeit unserm Schicksal auf dieser Insul Gehorsam zu leisten Ihr seid eine Wittbe
und darzu hoch schwanger zu euren Eltern zurück zu kehren ist so unmöglich als
schändlich einen Mann müsst ihr haben der euch bei Ehren erhält niemand ist
sonsten vor euch da als ich und Albert doch weil ich nicht zweiffele dass ihr
mich als einen Edelmann diesem jungen Lecker der zumal nur eine privatPerson
ist vorziehen werdet So bitte ich um eures eigenen Bestens willen mir zu
erlauben dass ich die erledigte Stelle eines Gemahls bei euch ersetzen darff so
werden wir nicht allein allhier unser Schicksal mit Geduld ertragen sondern in
Zukunft höchst vergnügt leben können wenn wir das Glück haben dass uns
vielleicht ein Schiff von hier ab und zu mehrerer menschlicher Gesellschaft
führen wird Albert sagt er ferner wird sich nicht einmal die hochmütigen
Gedanken einkommen lassen unserer beider Verbindung zu widerstreben deswegen
bedencket euer Bestes in der Kürtze weil ich binnen 3 Nachten als EheMann mit
euch zu Bette zu gehen entschlossen und zugleich eure tragende LeibesFrucht
so gut als die Meinige zu achten entschlossen bin
Koncordia die sich aus seinen feurigen Augen und erhitzen
GemütsBewegungen nichts guts propheceiet bittet ihn um GOTTES
Barmhertzigkeit willen ihr wenigstens eine halbjährige Frist zur Trauer und
BedenckZeit zu verstatten allein der erhitzte Liebhaber will hiervon nichts
wissen sondern spricht vielmehr mit größter Vermessenheit Er habe ihre
Schönheit ohne würcklichen Genuss lange genug vergebens vor Augen gehabt
nunmehr aber da ihn nichts als der elende Albert daran verhinderlich sein
könnte wäre er nicht gesonnen sich länger Gewalt anzutun und kurtz wollte sie
haben dass er ihr selbst nicht Gewalt antun sollte müsste sie sich
entschließen ihn ehe noch 3 Nächte verlieffen als seine EheFrau
beizuwohnen Anbei tut er die vorsichtige Warnung dass Koncordia mir hiervon ja
nichts in voraus offenbaren möchte widrigenfalls er meine Person bald aus dem
Wege räumen wolle Jedoch die Angstvolle Koncordia stellt sich zwar als ob
sie seinen Drohungen ziemlich nachgäbe so bald er aber etwas entfernet war
erfuhr ich das ganze Geheimnis Meine Erstaunung hierüber war unsäglich doch
ich glaube eine besondere Krafft des Himmels stärckte mich augenblicklich
dermaßen dass ich ihr den Rat gab allen seinen Anfällen aufs äuserste zu
widerstreben im übrigen sich auf meinen Beistand gänzlich zu verlassen weilen
ich von nun an fleißig auf sie Acht haben und ehe mich um mein Leben als sie
um ihre Ehre bringen lassen wollte
Immittelst war Lemelie drei Tage nach einander lustig und guter Dinge und
ich richtete mich dermaßen nach ihm dass er in meine Person gar kein böses
Vertrauen setzen konnte Da aber die fatale Nacht herein brach in welcher er
sein gottloses Vorhaben vollbringen wollte Befahl er mir auf eine recht
Herrschaftliche Art mich nun zur Ruhe zu legen weilen er nebst mir auf
morgenden Tag eine recht schwere Arbeit vorzunehmen gesonnen sei Ich erzeigte
ihm einen verstellten Knechtischen Gehorsam wodurch er ziemlich sicher gemacht
wurde sich gegen Mitternacht mit Gewalt in der Koncordia Kammer eindrange und
mit Gewalt auf ihrem Lager Platz suchen wollte
Kaum hatten meine aufmerckenden Ohren dieses gehört als ich sogleich in
aller Stille aufstund und unter beiden einen langen WortStreit anhörete da
aber Lemelie endlich allzu brünstig wurde und weder der unschuldigen Frucht
noch der kläglich winselenden Mutter schonen sondern die Letztere mit Gewalt
notzüchtigen wollte stieß ich nachdem dieselbige abgeredter maßen GOTT und
Menschen um Hilfe anrieff die Tür ein und suchte den ruchlosen Bösewicht mit
vernünftigen Vorstellungen auf bessere Gedanken zu bringen Doch der
eingefleischte Teufel sprang auf ergriff einen Säbel und versetzte mir einen
solchen Hieb über den Kopf dass mir Augenblicklich das Blut über das Gesichte
herunter lief Ich eilete zurücke in meine Kammer weil er mich aber biss dahin
verfolgen und seinem Vorsatze nach gänzlich ertödten wollte ergriff ich in der
Angst meine Flinte mit dem aufgesteckten Stillet hielt dieselbe ausgestreckt
vor mich und mein Mörder der mir inzwischen noch einen Hieb in die lincke
Schulter angebracht hatte rannte sich im finsteren selbst dergestalt hinein dass
er das Stillet in seinem Leibe steckend behielt und darmit zu Boden stürtzte
Auf sein erschreckliches Brüllen kam die zitternde Koncordia aus ihrer
Kammer mit dem Lichte gegangen da wir denn gleich wahr namen wie ihm das
Stillet vorne unter der Brust hinein und hinten zum Rücken wieder heraus
gegangen war Dem ungeacht suchte er nachdem er solches selbst heraus
gezogen und in der lincken Hand behalten hatte mit seinem Säbel entweder der
Koncordia oder mir einen tötlichen Streich beizubringen Jedoch ich nam die
Gelegenheit in acht machte indem ich ihm den einen Fuß auf die Kähle setzte
seine verfluchten Hände wehrloss und dieselben nebst den Füßen mit Stricken
fest zusammen und ließ das Aas solchergestalt eine gute Zeitlang zappeln nicht
zweiffelnd dass er sich bald eines andern besinnen würde Allein es hatte fast
das Ansehen als ob er in eine wirklich Raserei verfallen wäre denn als mir
Koncordia meine Wunden so gut sie konnte verbunden und das heftige Bluten
ziemlich gestillet hatte stieß er aus seinem verfluchten Rachen die
entsetzlichsten Gotteslästerungen und gegen uns beide die hesslichsten
SchandReden aus ruffte anbei unzehlige mal den Satan um Hilfe an verschwur
sich denselben auf ewig mit Leib und Seele zum Eigentume woferne nur derselbe
ihm die Freude machen und seinen Tod an uns rächen wollte
Ich hielt ihm hierauf eine ziemlich lange Predigt mahlete sein verruchtes
Leben mit lebendigen Farben ab und stellte ihn sein unglückseeliges Verhängnis
vor Augen indem er da er mich zu ermorden getrachtet sein selbst eigener
Mörder worden ich aber von GOTTES Hand erhalten wäre Koncordia tat das ihrige
auch mit größten Eifer dabei verwiese ihn aber letztlich auf wahre Busse und
Erkenntnis seiner Sünden vielleicht sagte sie ließe sich die Barmhertzigkeit
GOTTES noch in seiner letzten TodesStunde erweichen ihm Gnade und Vergebung
wiederfahren zu lassen Doch dieser Bösewicht drückte die Augen feste zu
knirschete mit den Zähnen und kriegte die heftigsten Anfälle von der schweren
Not so dass ihm ein gresslicher Schaum vor dem Maule stund worauff er biss zu
anbrechenden Tage stille liegen blieb nachher aber mit schwacher Stimme etwas
zu trincken foderte Ich gab ihm einen Trunck von unsern besten Getränke
welches der aus den PalmBäumen gelauffene Safft war Er schluckte denselben
begierig hinein und hub mit matter Stimme zu sagen an Was habt ihr vor
Vergnügen Mons Albert mich ferner zu quälen da ich nicht die allergeringste
Macht habe euch ferneren Schaden zu tun erzeiget mir deswegen die
Barmhertzigkeit meine Hände und Füße von den schmertzlichen Banden zu erlösen
ich will euch so dann ein offenhertziges Bekänntniss meiner abscheulichen
Missetaten tun nach diesem aber werdet ihr mich meiner Bitte gewähren und
mir mit einem tödtlichem Stosse den wohlverdienten Lohn der Bosheit geben
mithin meiner Leibes und GewissensQuaal ein Ende machen denn ihr seid dessen
eurer Rache wegen wohl berechtiget ich aber will solches annoch vor eine
besondere Gnade der Menschen erkennen weil ich doch bei GOTT keine Gnade und
Barmhertzigkeit zu hoffen habe sondern gewiss weiß dass ich in dem Reiche des
Teuffels welchem ich mich schon seit vielen Jahren ergeben auf ewig verbleiben
werde
Es stunden uns bei diesen seinen letzten Worten die Haare zu Berge doch
nachdem ich alle mir verdächtig vorkommende Sachen auf die Seite geschafft und
versteckt hatte wurden seine Hände und Füße der beschwerlichen Bande
entlediget und der tötlich verwundete Körper auf eine Matratze gelegt Er
empfand einige Linderung der Schmerzen wollte aber seine empfangene Wunde weder
anrühren noch besichtigen lassen hielt im gegenteil an die Koncordia und mich
ungefähr folgende Rede
Wisst sagte er dass ich aus einem der allervornehmsten Geschlechte in
Franckreich entsprossen bin welches ich indem es mich als einen rechten Greuel
der Tugenden erzeuget nicht einmal nahmhaft machen will Ich habe in meinem
18den Jahre meine leibliche Schwester genotzüchtiget und nachher da es ihr
gefiel in die 3 Jahr BlutSchande mit derselben getrieben Zwei HurenKinder
die binnen der Zeit von ihr kamen habe ich ermordet und in SchmeltzTiegeln
als eine besondere kostbare Massam zu Asche verbrannt Mein Vater und Mutter
entdeckten mit der Zeit unsere abscheuliche Blutschande ließ sich auch
angelegen sein eine fernere Untersuchung unsers Lebens anzustellen doch weil
ich alles bei Zeiten erfuhr wurden sie beide in einer Nacht durch beigebrachtes
Gift in die andere Welt geschickt Hierauff wollten meine Schwester und ich als
EheLeute unter verwechselten Nahmen nach Spanien oder Engelland gehen allein
eine andere wollüstige Hure zohe meine gestilleten Begierden vollends von der
Schwester ab und auf sich weswegen meine um Ehre Gut und Gewissen betrogene
Schwester sich nebst ihrer dritten von mir tragenden LeibesFrucht selbst
ermordete denen Gerichten aber ein offenhertziges Bekänntniss meiner und ihrer
Schand und Mordtaten schrifftlich hinterließ ich aber hatte kaum Zeit mich
nebst meiner neu erwehlten Hure und etlichen kostbaren Sachen unter
verstellter Kleidung und Nahmen aus dem Lande zu machen Hier wollte dem
Bösewicht auch seine eigene schändliche Zunge den Dienst versagen weswegen ich
selbige zu stärcken ihm noch einen Becher PalmenSafft reichen musste worauff
er seine Rede also fortsetzte
Ich weiß und mercke sagte er dass ich nicht eher sterben kann biss ich auch
den sterblichen Menschen den meisten Teil meiner schändlichen LebensGeschicht
offenbaret habe wisst demnach dass ich in Engelland als wohin ich mit meiner
Hure geflüchtet war nicht allein diese wegen ihrer Untreue sondern nebst
derselben 19 Seelen allein durch Gift hingerichtet habe
Indessen aber hatte mich doch am Englischen Hofe auf eine ziemliche Stuffe
der Glückseligkeit gebracht allein mein Ehrgeitz und ausschweiffende Wollust
stürtzten den auf üblen Grunde ruhenden Bau meiner zeitlichen Wohlfart gar
bald darnieder so dass ich unter abermals verwechselten Nahmen und in
verstelleter Kleidung als ein BootsKnecht sehr arm und elend aus Engelland
abseegeln musste
Ein ganz besonderes Glücke führte mich endlich auf ein Holländisches Kaper
Schiff und machte nach und nach aus mir einen ziemlich erfahrnen SeeMann
allein wie ich mich durch Giftmischen MeuchelMord Verräterei und andere
Rancke mit der Zeit biss zu dem Posten eines Kapitains erhoben ist wegen der
kurzen Frist die ich noch zu leben habe unmöglich zu erzählen Der letztere
Sturm dergleichen ich noch niemals ihr aber nebst mir ausgestanden hätte mich
bei nahe zur Erkenntnis meiner Sünden gebracht allein der Satan dem ich mich
bereits vor etlichen Jahren mit Leib und Seele verschrieben hat mich durchaus
nicht dahin gelangen lassen im Gegenteil mein Hertze mit immerwährenden
Bosheiten angefüllet Er forderte hierbei nochmals einen Trunck
PalmenSafft tranck sah hierauf die Koncordia mit starren Augen an und
sagte Bejammernswürdige Koncordia Nehmet den Himmel zu einem Artzte an indem
ich eure noch nicht einmal verblutete HertzensWunde von neuen aufreisse und
bekenne dass ich gleich in der ersten Minute da eure Schönheit mir in die Augen
gefallen die verzweiffeltesten Anschläge gefasst eurer Person und Liebe
teilhaftig zu werden Mehr als 8 mal habe ich noch auf dem Schiffe
Gelegenheit gesucht euren seeligen Gemahl mit Giffte hinzurichten doch da er
ohne eure Gesellschaft selten gegessen oder getruncken hat euer Leben aber
mir allzukostbar war sind meine Anstalten jederzeit vergeblich gewesen
Oeffentlich habe niemals mit ihm anzubinden getrauet weil ich wohl gemerckt dass
er mir an Hertzhaftigkeit überlegen und ihn hinterlistiger Weise zu ermorden
wollte auch lange Zeit nicht angehen da ich befürchten musste dass ihr deswegen
einen tötlichen Hass auf mich werffen möchtet Endlich aber gab mir der Teuffel
und meine verfluchte Begierde bei ersehener Gelegenheit die Gedanken ein
euren seeligen Mann von der Klippe herunter zu stürtzen Koncordia wollte
bei Anhörung dieser Beichte ohnmächtig werden jedoch der wenige Rest einer bei
sich habenden balsamischen Artzenei stärckte sie nebst meinem zwar
ängstlichen doch kräfftigen Zureden dermaßen dass sie das Ende dieser
jämmerlichen und erschrecklichen Geschicht mit ziemlicher Gelassenheit vollends
abwarten konnte
Lemelie fuhr demnach im reden also fort Euer EheMann Koncordia kam
indem er ein schönes MorgenLied sang die Klippe hinauff gestiegen und
erblickte mich Seitwarts mit der Flinte im Anschlage liegen Er erschrack
heftig ungeacht ich nicht auf ihn sondern nach einem gegen mir über
sitzenden Vogel zielete dem er mit seiner Ankunft verjagte Wiewohl mir nun
der Teuffel gleich in die Ohren bliess diese schöne Gelegenheit ihn
umzubringen nicht vorbei streichen zu lassen so war doch ich noch listiger
als hitzig warff meine Flinte zur Erden eilete und umarmete den van Leuven
und sagte Mein edler Freund ich spüre dass ihr vielleicht einen bösen Verdacht
habt als ob ich nach eurem Leben stünde Allein entweder lasset selbigen
fahren oder erschiesset mich auf der Stelle denn was ist mir mein
verdriessliches Leben ohne eure Freundschaft auf dieser einsamen Insul sonsten
nütze Van Leuven umarmete und küsste mich hierauf gleichfalls versicherte
mich seiner aufrichtigen und getreuen Freundschaft setzte auch viele gute
Vermahnungen hinzu vermöge deren ich mich in Zukunft tugendhafter und
Gottesfürchtiger aufführen möchte Ich schwur ihm alles zu was er vermutlich
gern von mir hören und haben wollte weswegen wir dem äuserlichen Ansehen nach
auf einmal die allerbesten Freunde wurden unter den vertraulichsten Gesprächen
aber lockte ich ihn unvermerckt auf den obersten Gipffel des Felsens und zwar
unter dem Vorwande als ob ich ein von ferne kommendes Schiff wahrnähme da nun
der höchsterfreute van Leuven um selbiges zu sehen auf die von mir angemerckte
gefährlichste Stelle kam stürtzte ich ihn mit einem einzigen stoße und zwar
an einem solchen Orte hinab wo ich wusste dass er augenblicklich zerschmettern
musste Nachdem ich seines Todes völlig versichert war ging ich mit zittern
zurücke weil mir die Worte seines gesungenen Morgen Liedes
Nimmstu mich GOTT in deine Hände
So muss gewiss mein Lebens Ende
Den Meinen auch zum Trost gedeihn
Es mag gleich schnell und kläglich sein
gar nicht aus den Gedanken fallen wollten biss der Teuffel und meine unzüchtigen
Begierden mir von neuen einen Mut und wegen meines künftigen Verhaltens
ferner Lehren einbliesen Jedoch sprach er mit seufftzender und heiserer
Stimme mein Gottesund Ehrvergessenes Aufführen kann euch alles dessen
nachdrücklicher und besser überzeugen als mein beschwerliches Reden Und Mons
Albert euch war der Tot ebenfalls schon vorlangst geschworen insoweit ihr
euch als einen Verhinderer meines Vergnügens angeben und mir nicht als einem
Befehlshaber gehorchen würdet jedoch das Verhängnis hat ein anders beschlossen
indem ihr mich wiewol wieder euren willen tötlich verwundet habt Ach macht
deswegen meiner zeitlichen Marter ein Ende rächet eure Freunde und euch
selbst und verschaffet mich durch den letzten TodesStich nur bald in das vor
meine arme Seele bestimmte Quartier zu allen Teuffeln denn bei GOTT ist vor
dergleichen Sünder wie ich bin weder Gnade noch Barmhertzigkeit zu hoffen
Hiermit blieb er stille liegen Koncordia aber und ich setzten allen unseren
anderweitigen Jammer bei Seite und suchten des Lemelie Seele durch die
trostreichsten Sprüche aus des Teufels Rachen zu reißen Allein seine Ohren
waren verstopfft und ehe wir uns dessen versahen stach er sich mit einem bei
sich annoch verborgen gehaltenen Messer in etlichen Stichen das Hertze selbst
vollends ab und bliess unter grässlichen Brüllen seine unfehlbar ewig verdammte
Seele aus Koncordia und ich wussten vor Furcht Schrecken und überhäuffter
Betrübnis nicht was wir anfänglich reden oder tun sollten doch nachdem wir
ein paar Stunden vorbei streichen lassen und unsere Sinnen wieder in einige
Ordnung gebracht hatten schleppte ich den schändlichen Körper bei den Beinen an
seinen Ort und begrub ihn als ein Vieh weil er sich im Leben noch viel ärger
als ein Vieh aufgeführet hatte
Das war also eine zwar kurtze doch mehr als Erstaunenswürdige Nachricht
von dem schändlichen Leben Tode und Begräbnis eines solchen Menschen der der
Erden eine verfluchte unnütze Last dem Teuffel aber eine desto nützlichere
Kreatur gewesen Welcher Mensch der nur ein Füncklein Tugend in seiner Seelen
heget wird nicht über dergleichen Abschaum aller Laster erstaunen und dessen
durchteuffeltes Gemüte verfluchen Ich vor meine Person hatte recht vom Glücke
zu sagen dass ich seinen MordStreichen noch so zu sagen mit blauen Augen
entkommen war wiewohl ich an meinen empfangenen Wunden die wegen der sauren
Arbeit bei dem Begräbnisse dieses Höllenbrandes stark erhitzt wurden nachher
Angst und Schmerzen genung auszustehen hatte
Meine annoch einzige UnglücksGefährtin nämlich die Koncordia traff ich
bei meiner Zurückkunft sich fast in Tränen badend an weil ich nun der
einzige Zeuge ihres Jammers war und desselben Ursprung nur allzu wohl wusste
wegen ihrer besonderen Gottesfurcht und anderer Tugenden aber in meiner Seelen
ein heftiges Mitleiden über ihre unglückliches Verhängnis hegte und mein
selbst eigenes Teil ziemlich dabei hatte so war mir um so viel desto leichter
ihr im klagen und weinen Gesellschaft zu leisten also vertiefften wir uns
dermaßen in unserer Betrübnis dass wir den ganzen Tag biss zu einbrechender
Nacht ohne Essen und Trincken bloß mit seuffzen weinen und klagen hinbrachten
Endlich da mir die vernünftigen Gedanken wiederum einfielen dass wir mit allzu
übermässiger Betrübnis unser Schicksal weder verbessern noch verschlimmern die
höchste Macht aber dadurch nur noch mehr zum Zorne reitzen könnten suchte ich
die Koncordia so wohl als mich selbst zur Geduld zu bewegen und dieses gelunge
mir auch in so weit dass wir einander zusagten alles unser Bekümmernis dem
Himmel anzubefehlen und mit täglichen fleißigen Gebet und wahrer
GOTTGelassenheit zu erwarten was derselbe ferner über uns verhängen würde
Demnach wischeten wir die Tränen aus den Augen stelleten uns recht
hertzhaftig an nahmen Speise und Tranck und suchten nachdem wir mit einander
andächtig gebetet und gesungen ein jedes seine besondere RuheStelle und zwar
beide in einer Kammer Koncordia verfiel in einen süßen Schlaff ich aber konnte
wegen meiner heftig schmertzenden Wunden die in Ermangelung guter Pflaster und
Salben nur bloß mit Leinwand bedeckt und umwunden waren fast kein Auge zutun
doch da ich fast gegen Morgen etwa eine Stunde geschlummert haben mochte fing
Koncordia erbärmlich zu winseln und zu wehklagen an da ich nun vermeinte dass
sie solches wegen eines schweren Traumes etwa im Schlaffe täte und sie
sanfte zu ermuntern aufstund richtete sich dieselbe auf einmal in die Höhe
und sagte indem ihr die größten TränenTropffen von den Wangen herunter
rolleten Ach Monsieur Albert Ach nunmehr befinde ich mich auf der höchsten
Staffel meines Elendes Ach Himmel erbarme dich meines Jammers Du weist ja
dass ich die Unzucht und Unkeuschheit Zeit Lebens von Grund der Seelen gehasset
und die Keuschheit vor mein bestes Kleinod geschätzet Zwar habe mich durch
übermäßige Liebe von meinen seel EheMann verleiten lassen mit ihm aus dem
Hause meiner Eltern zu entfliehen doch du hast mich ja dieserwegen auch hart
genug gestrafft Wiewohl gerechter Himmel zürne nicht über meine unbesonnenen
Worte ists noch nicht genung Nun so straffe mich ferner hier zeitlich aber
nur nur nur nicht ewig
Hierauf rang sie die Hände aufs heftigste der AngstSchweiß lief ihr über
das ganze Gesichte ja sie winselte schrye und wunde sich auf ihren Lager als
ein armer Wurm
Ich wusste vor Angst Schrecken und Zittern nicht was ich reden oder wie
ich mich gebärden sollte weil nicht anders gedenken konnte als dass Koncordia
vielleicht noch vor Tages Anbruch das Zeitliche gesegnen mithin mich als den
allerelendesten Menschen auf dieser Insul allein ohne andere als der Tiere
Gesellschaft verlassen würde Diese kläglichen Vorstellungen nebst ihren
schmertzhaften Bezeigen rühreten mich dermaßen heftig dass ich auf Knie und
Angesicht zur Erden fiel und dermaßen eiffrig zu Gott schrye dass es fast das
Ansehen hatte als ob ich den Allmächtigen mit Gewalt zwingen wollte sich der
Koncordia und meiner zu erbarmen
Immittelst war dieselbe ganz stille worden weswegen ich voller Furcht und
Hoffnung zu Gott aufstund und besorgte sie entweder in einer Ohnmacht oder
wohl gar tot anzutreffen Jedoch zu meinem größten Troste lag sie in
ziemlicher Linderung wiewohl sehr ermattet da nahm und drückte meine Hand
legte selbige auf ihre Brust und sagte unter heftigem HertzKlopffen Es ist
an dem Mons Albert dass eure und meine Tugend von der Göttlichen Fürsehung auf
eine harte Probe gesetzt wird Wisst demnach mein einziger Freund und
Beistand auf dieser Welt dass ich in KindesNöten liege Auf euer hertzliches
Gebet hat mir der Höchste Linderung verschaffet ich glaube dass ich bloß um
eurent willen noch nicht sterben werde Allein ich bitte euch um Gottes
Barmhertzigkeit willen lasset eure Keuschheit Gottesfurcht und andere
Tugenden bei meinem itzigen Zustande über alle FleischesLust unkeusche
Gedanken ja über alle Bemühungen die ich euch zu machen von der Not
gezwungen bin triumphiren Denn ich bin versichert dass alle äußerliche
Versuchungen unsern keuschen Seelen keinen Schaden zufügen können so fern
dieselben nur an sich selbst rein von Lastern sind
Hierauf legte ich meine lincke Hand auf ihre bekleidete Brust meine rechte
aber reckte ich in die Höhe und sprach Liebste Koncordia ich schwere hiermit
einen würcklichen Eyd dass ich zwar eure schöne Person unter allen
WeibsPersonen auf der ganzen Welt aufs allerwerteste achte und liebe auch
dieselbe jederzeit hoch zu achten und zu lieben gedencke wenn ich gleich mit
Gottes Hilfe wieder unter 1000 und mehr andere Weibs und MannsPersonen
kommen sollte Allein wisst dass ich euch nicht im geringsten aus einer
wollüstigen Absicht sondern bloß eurer Tugenden wegen liebe auch alle geile
Brunst dergleichen Lemelie verspüren lassen aufs heftigste verfluche Im
Gegenteil verspreche so lange wir beisammen zu leben gezwungen sind aus guten
Hertzen euch in allen treulich beizustehen und sollte ja wider Vermuten in
Zukunft bei mir etwa eine Lust entstehen mit eurer Person verehligt zu sein
so will ich doch dieselbe um euch nicht verdrießlich zu fallen beständig
unterdrücken hingegen allen Fleiß anwenden euch mit der Helffte derjenigen
Schätze die wir in Verwahrung haben dahin zu verschaffen wo es euch belieben
wird weilen ich lieber ZeitLebens unvergnügt und Ehelos leben als eurer Ehre
und Tugend die geringste Gewalt antun mir aber in meinem Gewissen nur den
kleinesten Vorwurff verursachen wollte Verlasset euch deswegen sicher auf mein
Versprechen worüber ich Gott und alle heiligen Engel zu Zeugen anruffe fasset
einen frischen Mut und fröliches Hertze Gott verleihe euch eine glückliche
Entbindung trauet nechst dem auf meinen getreuen Beistand tut eurer
Gesundheit mit unnötiger und vielleicht gefährlicher Schamhaftigkeit keinen
Schaden sondern verlasset euch auf euer und meine tugendhafte Keuschheit
welche in dieser äusersten Not unverletzt bleiben soll Ich habe das feste
Vertrauen der Himmel werde auch diese höchste Staffel unseres Elendes glücklich
übersteigen helfen und euch mir zum Trost und Beistande gesund und vergnügt
beim Leben erhalten Befehlet mir deswegen nur ohne Scheu was ich zu eurem
Nutzen etwa tun und herbei schaffen soll Gott wird uns in dieser schweren
Sache ganz unerfahrnen Leuten am besten zu raten wissen
Diesemnach küsste die keusche Frau aus reiner Freundschaft meine Hand
versicherte mich dass sie auf meine Redlichkeit ein vollkommenes Vertrauen
setzte und bat dass ich außen vor der Kammer ein Feuer anmachen anbei so wohl
kaltes als warmes Wasser bereit halten möchte weil sie nechst Göttlicher Hilfe
sich einer baldigen Entbindung vermutete Ich eilete so viel mir menschlich
und möglich ihrem Verlangen ein Genügen zu leisten so bald aber alles in
völliger Bereitschaft und ich wiederum nach meiner Kreissenden sehen wollte
fand ich dieselbe in ganz anderer Verfassung indem sie allen Vorrat von ihren
Betten in der Kammer herum gestreuet sich mitten in der Kammer auf ein
UnterBette gesetzt die große Lampe darneben gestellt und ihr neugebohrnes
Töchterlein in zwei Küssen eingehüllet vor sich liegen hatte welches seine
jämmerliche Ankunft mit ziemlichen Schreien zu verstehen gab Ich wurde vor
Verwunderung und Freude ganz bestürtzt musste aber auf Koncordiens sehnliches
Bitten allhier zum ersten mahle das Amt einer BadeMutter verrichten welches
mir auch sehr glücklich von der Hand gegangen war indem ich die kleine
wohlgebildete Kreatur ihrer Mutter ganz rein und schön zurück lieferte
Mittlerweile war der Tag völlig angebrochen weswegen ich nachdem Koncordia
auf ihr ordentliches Lager gebracht und sich noch ziemlich bei Kräfften befand
ausgehen ein Stücke Wild schießen und etliche gute Kräuter zum Zugemüse
eintragen wollte indem unser SpeiseVorrat fast gänzlich aufgezehret war Doch
selbige bat mich noch eine Stunde zu verziehen und erstlich das
allernötigste nämlich die heilige Tauffe ihres jungen Töchterleins zu
besorgen inmassen man nicht wüste wie bald dergleichen zarte Kreatur vom Tode
übereilet werden könnte Ich konnte diese ihre Sorge selbst nicht anders als vor
höchst wichtig erkennen nachdem wir uns also wegen dieser heiligen und
christlichen Handlung hinlänglich unterredet vertrat ich die Stelle eines
Priesters tauffte das Kindlein nach Anweisung der heiligen Schrifft und legte
ihm ihrer Mutter Nahmen Koncordia bei
Hierauf ging ich mit meiner Flinte wiewohl sehr taumelend matt und
kraftlos aus und da mir gleich über unsern gemachten Damme ein ziemlich
stark und feister Hirsch begegnete setzte ich vor dieses mahl meine sonst
gewöhnliche Barmhertzigkeit bei seite gab Feuer und traff denselben so
glücklich in die Brust hinein dass er so gleich auf der Stelle liegen blieb
Allein dieses große Tier trieb mir einen ziemlichen Schweiß aus ehe ich
selbiges an Ort und Stelle bringen konnte Jedoch da meine Wöchnerin und ich
selbst gute KrafftSuppen und andere gesunde KräuterSpeisen höchst von nöten
hatte musste mir alle Arbeit leicht werden und weil ich also kein langes
Federlesen machte sondern alles aufs hurtigste wiewohl nicht nach den Regeln
der Sparsamkeit einrichtete war in der MittagsStunde schon eine gute
stärckende Mahlzeit fertig welche Koncordia und ich mit wunderwürdigen und
ungewöhnlichen Appetite einnahmen
Jedoch meine Freunde sagte hier der AltVater Albertus ich mercke dass
ich mich diesen Abend etwas länger in Erzählung als sonsten aufgehalten habe
indem sich meine müden Augen nach dem Schlafe sehnen Also brach er ab mit dem
Versprechen morgendes Tages nach unserer Zurückkunft von JohannisRaum
fortzufahren und diesemnach legten wir uns auf gehaltene AbendAndacht
ingesamt wie er zur Ruhe
Die abermals aufgehende und alles erfreuende Sonne gab selbigen Morgen
einem jeden das gewöhnliche Zeichen aufzustehen So bald wir uns nun versammelt
das MorgenGebet verrichtet und das FrühStück eingenommen hatten ging die
Reise in gewöhnlicher Suite durch den großen Garten über die Brücke des
Westlichen Flusses auf JohannisRaum zu Selbige PflantzStädte bestunde aus
10 Häusern in welchen allen man wahrnehmen konnte dass die EigentumsHerrn
denen andern so wir bisher besucht an guter Wirtschaft nicht das geringste
nachgaben Sie hatten ein besseres Feld als die in JacobsRaum jedoch nicht so
häuffigen Weinwachs hergegen wegen des naheliegenden großen Sees den
vortrefflichsten Fischfang herrliche Waldung Wildpret und Ziegen in starcker
Menge Die Bäche daselbst führten ebenfalls häuffige GoldKörner worvon uns
eine starke Quantität geschenckt wurde Wir machten uns allhier das Vergnügen
in wohl ausgearbeiteten Kähnen auf der großen See herum zu fahren und zugleich
mit Angeln auch artigen Netzen die vom Bast gewisser Bäume gestrickt waren zu
fischen durchstrichen hierauf den Wald bestiegen die oberste Höhe des Felsens
und traffen daselbst bei einem wohlgebaueten WachHause 2 Stücken Geschützes
an Etliche Schritt hiervon ersahn wir ein in den Felsen gehauenes großes
Creutze worein eine zinnerne Platte gefügt war die folgende Zeilen zu lesen
gab
Auf dieser unglückseeligen Stelle
ist im Jahre Christi 1646
am 11 Novembr
der fromme Karl Franz van Leuven
von dem gottlosen SchandBuben Lemelie
meuchelmörderischer Weise
zum Felsen hinab gestürtzt und
elendiglich zerschmettert worden
Doch seine Seele
wird ohne Zweiffel bei Gott
in Gnaden sein
Unser guter AltVater Albertus hatte sich mit großer Mühe auch an diesen
Ort bringen lassen und zeigete uns die Stelle wo er nunmehr vor 79 Jahren
und etlichen Tagen den Körper seines Vorwirts zerschmettert liegend
angetroffen Wir mussten erstaunen da wir die Gefahr betrachteten in welche er
sich gesetzt denselben in die Höhe zu bringen Voritzo aber war daselbst ein
zwar sehr enger doch bequemer Weg biss an die See gemacht welchen wir hinunter
stiegen und in der Bucht SudWestwärts ein ziemlich starckes Fahrzeug
antraffen womit die Unserigen öfters nach einer kleineren Insul zu fahren
pflegten indem dieselbe nur etwa 2 Meilen von der FelsenInsul entlegen war
in Umfange aber nicht vielmehr als 5 oder 6tehalb deutsche Meilen haben mochte
Es wurde beschlossen dass wir nächstens das Fahrzeug ausbessern und eine
SpatzierFahrt nach besagter kleinen Insul welche Albertus klein FelsenBurg
benennet hatte vornehmen wollten Vor diesmal aber nahmen wir unsern Rückweg
durch JohannisRaum reichten den Einwohnern die gewöhnlichen Geschenke wurden
dagegen von ihnen mit einer vollkommenen guten Mahlzeit bewirtet die uns weil
die MittagsMahlzeit nicht ordentlich gehalten worden trefflich zu statten kam
nahmen hierauf danckbarlichen Abschied und kamen diesen Abend etwas später als
sonsten auf der AlbertusBurg an
Dem ungeacht und da zumalen niemand weiter etwas zu speisen verlangete
sondern wir uns mit etlichen Schaalen Koffeé nebst einer Pfeiffe Toback zu
behelffen beredet setzte bei solcher Gelegenheit unser Altvater seine
GeschichtsErzählung dergestalt fort
Ich habe gestern gemeldet wie wir damaligen beiden Patienten die Mahlzeit
mit guten Appetit verzehret jedoch Koncordia befand sich sehr übel drauff
indem sie gegen Abend ein würckliches Fieber bekam da denn der abwechselende
Frost und Hitze die ganze Nacht hindurch währete weswegen mir von Hertzen
angst und bange wurde so dass ich meine eigenen Schmerzen noch lange nicht so
heftig als der Koncordiæ Zufall empfand
Von Artzeneien war zwar annoch ein sehr weniges vorhanden allein wie konnte
ich wagen ihr selbiges einzugeben da ich nicht den geringsten Verstand oder
Nachricht hatte ob ich meiner Patientin damit helfen oder schaden könnte Gewiss
es war ein starckes Versehen von Mons van Leuven gewesen dass er sich nicht mit
einem bessern Vorrat von Artzeneien versorgt hatte doch es kann auch sein dass
selbige mit verdorben waren genung ich wusste die ganze Nacht nichts zu tun
als auf den Knien bei der Koncordia zu sitzen ihr den kalten Schweiß von
Gesicht und Händen zu wischen dann und wañ kühlende Blätter auf ihre Stirn und
Arme zu binden nächst dem den allerhöchsten Artzt um unmittelbare kräfftige
Hilfe anzuflehen Gegen Morgen hatte sie zwar so wohl als ich etwa 3 Stunden
schlaff allein die vorige Hitze stellte sich Vormittags desto heftiger wieder
ein Die arme kleine Koncordia fing nunmehr auch wie ich glaube vor Hunger
und Durst erbärmlich an zu schreien verdoppelte also unser Hertzeleid auf
jämmerliche Art indem sie von ihrer Mutter nicht einen Tropffen NahrungsSafft
erhalten konnte Es war mir allbereit in die Gedanken kommen ein paar melckende
Ziegen einzufangen allein auch diese Tiere waren durch das öfftere schießen
dermaßen wild worden dass sie sich allezeit auf 20 biss 50 Schritt von mir
entfernt hielten also meine 3 stündige Mühe vergeblich machten also traf ich
meine beiden Koncordien bei meiner Zurückkunft in noch weit elendern Zustande
an indem sie vor Mattigkeit kaum noch lechzen konnten Solchergestallt wusste ich
kein ander Mittel als allen beiden etwas von dem mit reinen Wasser vermischten
PalmSaffte einzuflößen indem sie sich nun damit ein wenig erquickten gab mir
der Himmel einen noch glücklichern Einfall Denn ich lief alsobald wieder fort
und trug ein Körblein voll von der den Europäischen Apricosen oder Morellen
gleichförmigen doch weit größeren Frucht ein schlug die harten Kernen entzwei
und bereitete aus den inwendigen welche an Annehmlichund Süßigkeit die süßen
Mandeln bei weiten übertreffen auch noch viel gesünder sein eine
unvergleichlich schöne Milch so wohl auch ein herrliches Gemüse mit welchen
beiden ich das kleine Würmlein ungemein kräfftig stärcken und ernehren konnte
Koncordia vergoss teils vor Schmerzen und Jammer teils vor Freuden dass
sich einige Nahrung vor ihr Kind gefunden die heißesten Tränen Sie kostete
auf mein Zureden die schöne Milch und labete sich selbst recht herzlich daran
ich aber so bald ich dieses merkte setzte alle unwichtige Arbeit bei seite
und tat weiter fast nichts anders als dergleichen Früchte in großer Menge
einzutragen und Kernen aufzuschlagen jedoch durfte nicht mehr als auf einen
Tag und Nacht Milch zubereiten weil die Übernächtige ihre schmackhafte Krafft
allezeit verlor
Solchergestalt befand sich nun nicht allein das Kind vollkommen befriediget
sondern die Mutter konnte 4 Tage hernach selbiges zu aller Freude aus ihrer
Brust stillen und am 6ten Tage frisch und gesund das Bette verlassen auch
wiewol wider meinen Rat allerhand Arbeit mit verrichten Wir danckten dem
Allmächtigen herzlich mit beten und singen vor dessen augenscheinliche Hilfe
und meinten nunmehr in so weit außer aller Gefahr zu sein Allein die Reihe
des kranckliegens war nun an mir denn weil ich meine HauptWunde nicht so wohl
als die auf der Schulter warten können geriet dieselbe erstlich nach 12 Tagen
dermaßen schlimm dass mir der Kopf heftig auffschwoll und die innerliche
große Hitze den ganzen Körper aufs grausamste überfiel
War mein Bezeugen bei Koncordiens Unpässlichkeit ängstlich und sorgfältig
gewesen so muss ich im gegenteil bekennen dass ihre Bekümmernis die meinige zu
übertreffen schien indem sie mich besser als sich und ihr Kind selbst pflegte
und wartete Meine Wunden wurden mit ihrer Milch ausgewaschen und mit darein
getauchten Tüchleins bedeckt mein ganzes Gesichte Hande und Füße aber
belegte sie mit dergleichen Blättern welche ihr so gute Dienste getan hatten
suchte mich anbei mit den kräfftigsten Speisen und Getränke so nur zu erfinden
war zu erquicken Allein es wollte binnen 10 Tagen nicht das geringste
anschlagen sondern meine Kranckheit schien immer mehr zu als ab zu nehmen
welches Koncordia ungeacht ich mich stärcker stellte als ich in der Tat
war dennoch merkte und deswegen vor Hertzeleid fast vergehen wollte Ich bat
sie instandig ihr Betrübnis zu mäßigen weil ich das feste Vertrauen zu GOTT
hätte und fast ganz gewiss versichert wäre dass er mich nicht so früh würde
sterben lassen Allein sie konnte ihrem Klagen Seufzen u Tränen durchaus
keinen Einhalt tun wollte ich also haben dass sie des Nachts nur etwas ruhen
sollte so musste mich zwingen stille zu liegen und tun als ob ich feste
schlieffe obgleich offters der großen Schmerzen wegen in 2 mal 24 Stunden
kein rechter Schlaf in meine Augen kam Da ich aber einsmals gegen Morgen sehr
sanft eingeschlummert war träumte mich als ob Don Cyrillo de Valaro vor
meinem Bette säße mich mit freundlichen Gebärden bei der rechten Hand
anfassete und spräche Ehrlicher Albert sage mir doch warum du meine
hinterlassenen Schrifften zu deinem eigenen Wohlsein nicht besser untersuchest
Gebrauche doch den Safft von diesem Kraut und Wurtzel welches ich dir hiermit
im Traume zeige und welches häuffig vor dem Aussgange der Höle wächset glaube
dabei sicher dass dich Gott erhalten und deine Wunden heilen wird im übrigen
aber erwege meine Schrifften in Zukunft etwas genauer weil sie dir und deinen
Nachkommen ein herrliches Licht geben
Ich fuhr vor großen Freuden im Schlafe auf und streckte meine Hand nach
der Pflantze aus welche mir meinen Gedanken nach von Don Cyrillo vorgehalten
wurde merkte aber sogleich dass es ein Traum gewesen Koncordia fragte mit
weinenden Augen nach meinem Zustande Ich bat sie sollte einen frischen Mut
fassen weil mir GOTT bald helfen würde nahm mir auch kein Bedenken ihr
meinen nachdencklichen Traum völlig zu erzählen Hierauff wischete sie
augenblicklich ihre Tränen ab und sagte Mein Freund dieses ist gewiss kein
bloßer Traum sondern unfehlbar ein Göttliches Gesichte hier habt ihr des Don
Cyrillo Schriften durchsuchet dieselben aufs fleissigste ich will inzwischen
hingehen und vielerlei Kräuter abpflücken findet ihr dasjenige darunter
welches ihr im schlafe gesehen zu haben euch erinnern könnt so wollen wir
solches in GOTTES Nahmen zu euerer Artzenei gebrauchen
Mein Zustand war ziemlich erleidlich nachdem sie mir also des Don Cyrillo
Schrifften nebst einer brennenden Lampe vor mein Lager gebracht und eilig
fortgegangen war fand ich ohne mühsames suchen diejenigen Blätter welche van
Leuven und ich wenig geachtet in Lateinischer Sprache unter folgenden Titul
»Verzeichnis wie und womit ich die mir in meinen mühseeligen Leben gar
öfters zugestossenen LeibesGebrechen und Schäden geheilet habe« Ich lief
dasselbe so hurtig durch als es meine nicht allzuvollkommene Wissenschaft der
Lateinischen Sprache zuließ und fand die Gestalt Tugend und Nutzbarkeit eines
gewissen WundKrauts so wohl bei der Gelegenheit da dem Don Cyrillo ein Stück
Holtz auf dem Kopf gefallen war als auch da er sich mit dem Beile eine
gefährliche Wunde ins Bein versetzt nicht weniger bei andern Beschädigungen
dermaßen eigentlich und ausführlich beschrieben dass fast nicht zweiffeln
konnte es müsste eben selbiges Kraut und Wurtzel sein welches er mir im Traume
vorgehalten Unter diesem meinen Nachsinnen kam Kordia mit einer ganzen
Schürtze voll Kräuter von verschiedenen Arten und Gestallten herbei ich
erblickte hierunter nach wenigen herum werffen gar bald dasjenige was mir Don
Cyrillo so wohl schrifftlich bezeichnet als im Traume vorgehalten hatte
Deswegen richteten wir selbiges nebst der Wurtzel nach seiner Vorschrifft zu
machten anbei von etwas Wachs SchiffPech und HirschUnschlit ein Pflaster
verbanden damit meine Wunden und legten das zerquetschte Kraut und Wurtzel
nicht allein auf mein Gesicht sondern fast über den ganzen Leib worvon sich
die schlimmen Zufälle binnen 4 oder 5 Tagen gänzlich verloren und ich nach
Verlauff zweier Wochen vollkommen heil und gesund wurde
Nunmehr hatte so wohl ich als Koncordia recht erkennen lernen was es vor
ein edles tun um die Gesundheit sei Als wir deswegen unser Te Deum laudamus
abgesungen und gebetet hatten wurde Rat gehalten was wir in Zukunft täglich
vor Arbeit vornehmen müssten um unsere kleine Wirtschaft in guten Stand zu
setzen damit wir im fall der Not sogleich alles was wir brauchten bei der
Hand haben könnten Tag und Nacht in der unterirrdischen ob zwar sehr bequemen
Höle zu wohnen wollte Koncordien durchaus nicht gefallen deswegen fing ich
an oben auf dem Hügel neben der schönen LauberHütte ein bequemes Häusslein
nebst einer kleinen Küche zu bauen auch einen kleinen Keller zu graben in
welchen letztern wir unser Getränke so wohl als das frische Fleisch und andere
Sachen vor der großen Hitze verbergen könnten Hiernechst machte ich vor die
kleine Tochter zum Feierabende an einem abgelegenen Orte eine bequeme wiewol
nicht eben allzu zierliche Wiege worüber meine Hausswirtin da ich ihr dieselbe
unverhofft brachte eine ungemeine Freude bezeigte und dieselbe um den
allergrößten GoldKlumpen nicht vertauscht hätte denn das Wiegen gefiel den
kleinen Mägdelein dermaßen wohl dass wir selbst unsere einzige Freude daran
sahen
Unser ganzer GeträydeVorrat welchen wir auf dieser Insul unter den
wilden Gewächsen aufgesammlet hatten bestund etwa in drei Hütten voll
Europäischen Korns 1 Hut voll Weitzen 4 Hütten Gerste und zwei ziemlich
großen Säcken voll Reiss als von welchem letztern wir Mehl stampften solches
durchsiebeten und das Kind damit nehreten einen Sack Reiss aber nebst dem
andern Geträyde zur Ausssaat spareten Uber dieses alles fanden sich auch bei
nahe 2 Hüte voll Erbsen sonsten aber nichts von bekandten Früchten desto mehr
aber von unbekandten deren wir uns zwar nach und nach zur LeibesNahrung in
Ermangelung des Brodtes gebrauchen lerneten doch ihre Nahmen als Plantains
James Patates Bananes und dergleichen mehr nebst deren bessern und
angenehmern Nutzung erfuhren wir erstlich in vielen Jahren hernach von Robert
Hulter der kleinen Koncordia nachherigem EheManne
Inzwischen wandte ich damaliger Zeit jedes Morgens frühe 3 Stunden und
gegen Abend eben so viel zu Bestellung meiner Aecker an und zwar in der Gegend
wo voritzo der große Garten ist weil ich selbigen Platz wegen seiner Nähe und
Sicherheit vor dem Wilde am geschicktesten darzu hielt Die übrigen
TagesStunden aber außer den MittagsStunden in der größten Hitze welche ich
zum Lesen und aufschreiben aller Dinge die uns begegneten anwandte machte ich
mir andern Zeitvertreib indem ich einige kleine Plätze stark verzäunete und
die auf listige Art gefangenen Ziegen nebst andern jungen Wildpret hinein
sperrete welches alles Koncordia täglich mit größter Lust speisete und tränckte
die Milchtragenden Ziegen aber nach und nach so zahm machte dass sie sich ihre
Milch gutwillig nehmen ließ die wir nicht allein an sich selbst zur Speise
vor klein und große gebrauchen sondern auch bald einen ziemlichen Vorrat von
Butter uñ Käse bereiten konnten indem ich biñen MonatsFrist etliche 20 Stück
melckende halb so viel andere und 9 Stück jung Wildpret eingefangen hatte
Wir ergötzten uns ganz besonders wenn wir an unsere zukünftige Saat und
Erndte gedachten weil der Appetit nach ordentlichen Brodte ganz ungemein war
gebrauchten aber mittlerweile an dessen statt öfters die gekochten
WildpretsLebern als wozu wir unsere Käse und Butter vortrefflich genießen
konnten
Solchergestalt wurden die heißesten SommerMonate ziemlich vergnügt
hingebracht ausgenommen wenn uns die erlittenen TrauerFälle ein betrübtes
Zurückdencken erweckten welches wir aber immer eines dem andern zu gefallen so
viel möglich verbargen um unsere in etwas verharrschten HertzensWunden nicht
von neuen aufzureissen mithin das ohne dem einsame Leben zu verbittern oder
solche Leute zu heißen die wider das Verhängnis und StraffGerichte Gottes
murren wollten
Der gütige Himmel schenckte uns mittler Zeit einen angenehmen ZeitVertreib
mit der WeinErndte indem wir ohne die Trauben deren wir täglich viel
verzehreten wider alles Vermuten ungefähr 200 Kannen Most ausdrücken und 2
ziemlich große Säcke voll aufgetrocknete Trauben samlen konnten welches gewiss
eine herrliche Sache zu unserer Wirtschaft war Unsere Untertanen die Affen
schienen hierüber sehr verdrießlich zu sein indem sie vielleicht selbst große
Liebhaber dieser edlen Frucht waren hatten auch aus Leichtfertigkeit viel zu
Schanden gemacht doch da ich mit der Flinte etliche mahl blind Feuer gegeben
gerieten sie in ziemlichen Gehorsam und Furcht
Ich weiß nicht wie es kommen war dass Koncordia eines Tages einen
mittelmäßigen Affen unter einem Baum liegend angetroffen welcher das rechte
Hinterbein zerbrochen und sich jämmerlich geberdet hatte Ihr gewöhnliches
weichhertziges Gemüt treibt sie so weit dass ungeacht dergleichen Tiere ihre
Gnade sonsten eben nicht sonderlich hatten sie diesen verunglückten allerhand
Liebkosungen macht sein zerbrochenes Bein mit einem Tuche umwindet ja so gar
den armen Patienten in ihren Schoss nimmt und so lange sitzen bleibt biss ich
darzu kam und die ganze Begebenheit vernahm Wir trugen also denselben in
unser WohnHaus verbunden sein Bein mit Pflastern Schindeln und Binden und
legten ihn hin auf ein bequemes Lager deckten auch eins von unsern HauptKüssen
über seinen Körper und gingen wieder an unsere Arbeit Gegen Mittag aber da
wir zurück kamen erschrack ich anfänglich einiger maßen da sich 2 alte
Affen welche ohne Zweiffel des Patienten Eltern sein mochten bei demselben
aufhielten Ich wusste anfänglich nicht ob ich trauen durfte oder nicht Doch
da sie sich ungemein betrübt und demütig stelleten nahete ich mich hinzu
strich den Patienten sanft auf das Haupt sah nach seinem Beine und befand
dass er unverrückt liegen geblieben war weswegen er noch ferner von mir
gestreichelt und mit etlichen guten Früchten gespeist wurde Die 2 Alten so
wohl als der Patient selbst ließ mich hierauf ihre Danckbarkeit mit Leckung
meiner Hände spüren streichelten auch mit ihren VorderPfoten meine Kleider und
Füße sehr sanfte und bezeugten sich im übrigen dermaßen untertänig und
klug dass ich fast nichts als den Mangel der Sprache bei ihnen auszusetzen
hatte Koncordia kam auch darzu und hatte nunmehr ein besonderes Vergnügen an
der Treuhertzigkeit dieser unvernünftigen Tiere der Krancke streckte seine
Pfote gegen dieselbe aus so dass es das Ansehen hatte als ob er sie willkommen
heißen wollte und da sie sich zu ihm nahete schmeichelte er ihr mit Leckung
der Hände und andern Liebkosungen auf solche verbindliche Art dass es mit Lust
anzusehen war Die zwei Alten lieffen hierauf fort kamen aber gegen Abend
wieder und brachten uns zum Geschenck 2 große Nüsse mit deren jede 5 biss 6
Pfund wog sie zerschlugen dieselben recht behutsam mit Steinen so dass die
Kernen nicht zerstückt wurden welche sie uns auf eine recht liebreiche Art
præsentirten und sich erfreuten da sie aus unsern Gebärden vermerckten dass
wir deren Annehmlichkeit rühmeten Ob ich nun gleich damals noch nicht wusste
dass diese Früchte KocosNüsse hießen sondern es nachher erst von Robert
Hulter erfuhr so reizte mich doch deren Vortrefflichkeit an den beiden alten
Affen so lange nachzuschleichen biss ich endlich an den Ort kam wo in einem
kleinen Bezirck etwa 15 biss 18 Bäume stunden die dergleichen Früchte trugen
allein Koncordia und ich waren nicht so näschig alle Nüsse aufzuzehren sondern
steckten dieselben an vielen Orten in die Erde woher denn kommt dass nunmehr
auf dieser Insul etliche 1000 KocosBäume anzutreffen sind welches gewiss eine
ganz besondere Nutz und Kostbarkeit ist Jedoch wiederum auf unsere Affen zu
kommen so muss ich ferner erzählen dass ungeacht der Patient binnen 5 oder 6
Wochen völlig gerade und glücklich curirt war jedennoch weder derselbe noch die
zwei Alten von uns zu weichen begehreten im Gegenteil noch 2 junge
mitbrachten mithin diese fünffe sich gänzlich von ihrer andern Kameradschaft
absonderten und also anstelleten als ob sie wirklich bei uns zu Hause
gehöreten
Wir hatten aber von den 3 erwachsenen weder Verdruss noch Schaden denn
alles was wir taten afften sie nach wurden uns auch nach und nach ungemein
nützlich indem von ihnen eine ungemeine Menge der vortrefflichsten Früchte
eingetragen wurden so oft wir ihnen nur ordentlich darzu gemachte Säcke
anhingen außer dem trugen sie das von mir klein gespaltete Holtz öfters von
weiten Orten her zur Küche wiegten eins um das andere unser Kind langeten die
angehängten Gefäße voll Wasser in Summa sie taten ohne den geringsten
Verdruss fast alle Arbeit mit die wir verrichteten und ihnen zu verrichten
lehreten so dass uns dieses unser HausGesinde welches sich zumahlen selbst
beköstigte nicht allein viele Erleichterung in der Arbeit sondern auch außer
derselben mit ihren possirlichen Streichen manche vergnügte Stunde machten Nur
die 2 jüngsten richteten zuweilen aus Frevel mancherlei Schaden und Unheil an
da wir aber mit der allergrößten Verwunderung merckten dass sie dieserwegen von
den 2 Alten recht ordentlicher Weise mit Gebärden und Schreien gestrafft ja
öfters so gar geschlagen wurden vergriffen wir uns sehr selten an ihnen wenn
es aber ja geschahe demütigten sich die jungen wie die zahmen Hunde bei den
Alten aber war dieserwegen nicht der geringste Eiffer zu spüren
Dem allen ungeacht war doch bei mir immer ein geheimes Misstrauen gegen
dieses sich so getreu anstellende halb vernünftige Gesinde deswegen bauete
ich vor dieselben einen geraumlichen festen Stall mit einer starken Türe
machte vor jedweden Affen eine bequeme LagerStätte nebst einem Tische
Bäncken ingleichen allerhand Spielwerck hinein und verschloss unsere Bedienten
in selbigen nicht allein des Nachts sondern auch bei Tage so oft es uns
beliebte
Immittelst da ich vermerckte dass die Sonne mit ihren hitzigen Strahlen
einiger maßen von uns abzuweichen begunte und mehr RegenWetter als bisher
einfiel bestellete ich mit Koncordiens treulicher Hilfe unser Feld nach des
Don Cyrillo schrifftlicher Anweisung aufs allersorgfältigste und behielt an
jeder Sorte des Getreides auf den äusersten Notfall wenn ja alles ausgesäete
verderben sollte nur etwas weniges zurücke Vom Reiss aber als wormit ich 2
große Aecker bestellt behielten wir dennoch bei nahe zwei gute Scheffel
überlei
Hierauf hielten wir vor ratsam uns auf den Winter gefast zu machen
deswegen schoss ich einiges Wildpret und saltzten dasselbe wie auch das
ausgeschlachtete ZiegenFleisch ein wobei uns so wohl die alten als jungen
Affen gute Dienste taten indem sie das in den StephansRaumer SaltzBergen
ausgehauene Saltz auf ihren Rücken biss in unsere unterirrdische Höle tragen
mussten Hiernächst schleppten wir einen großen Hauffen BrennHoltz zusammen
baueten einen Kamin in unserem Wohnhause auf dem Hügel trugen zu den allbereits
eingesammleten Früchten noch viel Kräuter und Wurtzeln ein die teils
eingemacht teils in Sand verscharret wurden und kurtz zu sagen wir hatten
uns dergestalt angeschickt als ob wir den allerhärtesten Winter in Holland oder
andern noch viel kältern Ländern abzuwarten hätten
Allein wie befanden sich doch unsere vielen Sorgen große Bemühungen und
furchtsame Vorstellungen wo nicht gänzlich doch meistenteils vergeblich
Denn unser Herbst welcher dem Holländischen Sommer bei nahe gleich kam war
kaum verstrichen als ein solcher Winter einfiel welchen man mit gutem Recht
einen warmen und angenehmen Herbst nennen konnte offtermahls fiel zwar ein
ziemlicher Nebel und RegenWetter ein allein von durchdringender Kälte Schnee
oder Eis spüreten wir so wenig als gar nichts der grasigte Boden blieb immer
grün und der guten Koncordia zusammen getragene große HeuHauffen dieneten zu
nichts als dass wir sie hernach den Affen zum LustSpiele Preis gaben da sie
doch nebst vielen aufgetrockneten BaumBlättern unserem eingestalleten Viehe zur
WinterNahrung bestimmt waren Unsere Saat war nach hertzensLust aufgegangen
und die meisten Bäume veränderten sich fast nicht diejenigen aber so ihre
Blätter verloren waren noch nicht einmal völlig entblösset da sie schon
frische Blätter und Blüten austrieben Solchergestalt wurde es wieder Frühling
da wir noch immer auf den Winter hofften weswegen wir die WunderHand Gottes in
diesem schönen Revier mit erstaunender Verwunderung erkandten und verehreten
Es war uns aber in der Tat ein wunderbarer Wechsel gewesen da wir das
heilige WeihnachtsFest fast mitten im Sommer Ostern im Herbst wenig Wochen
nach der Weinlese und Pfingsten in dem so genannten Winter gefeiert hatten
Doch weil ich in meinen SchulJahren etwas weniges in den LandCharten und auf
dem Globo gerlernt auch unter Mons van Leuvens hinterlassenen wenigen
LandCharten und Büchern eins fand welches mir meinen natürlichen Verstand
ziemlicher maßen schärffte so konnte ich mich nicht allein bald in diese
Veränderung schicken sondern auch die Koncordia dessen belehren und meine
TageBücher oder Kalender auf viele Jahre in Voraus machen damit wir doch
wissen möchten wie wir uns in die Zeit schicken und unsern Gottesdienst gleich
andern Christen in der weiten Welt anstellen sollten
Hierbei kann unberühret nicht lassen dass ich nach der mit der Koncordia
genommenen Abrede gleich in meinen zu erst verfertigten Kalender auf das Jahr
1647 Drei besondere FestBet und FastTage anzeichnete als erstlich den 10
Sept an welchen wir zusammen in diese schöne Insul eingestiegen waren und
deswegen Gott vor die sonderbare LebensErhaltung so wohl im Sturme als
Kranckheit und andern UnglücksFällen den schuldigen Danck abstatten wollten
Zum andern den 11 Novembr an welchen wir jährlich den erbärmlichen Verlust
unsers lieben van Leuvens zu beklagen verbunden Und drittens den 11 Dec der
Koncordiens glücklicher Entbindung hiernächst der Errettung von des Lemelie
Schand und MordStreichen auch unser beiderseits wieder erlangter Gesundheit
wegen angestellet war Diese drei FestBet und FastTage nebst andern
besonderen Feiertagen die ich Gedächtnisses wegen noch ferner hinzu gefüget
sind biss auf gegenwärtige Zeit von mir und den Meinen allezeit unverbrüchlich
gefeiert worden und werdet ihr meine Lieben kommenden Dienstag über 14 Tage
da der 11 Dec einfällt dessen Zeugen sein
Jedoch fuhr unser AltVater Albertus fort ich kehre wieder zu den
Geschichten des 1647 Jahres und erinnere mich noch immer dass wir mit dem
neuen FrühJahre so zu sagen fast von neuen anfingen lebhaft zu werden da
wir uns nämlich der verdrießlichen WintersNot allhier auf dieser Insul
entübriget sahen
Wiewohl nun bei uns nicht der geringste Mangel weder an LebensMitteln
noch andern Bedürffnissen und Bequemlichkeiten vorhanden war so konnte doch ich
nicht müßig sitzen sondern legte einen geraumlichen KüchenGarten an und
versetzte verschiedene Pflantzen und Wurtzeln hinein die wir teils aus des Don
Cyrillo Beschreibung teils aus eigener Erfahrung vor die annehmlichsten und
nützlichsten befunden hatten um selbige nach unsern Verlangen gleich bei der
Hand zu haben Hiernächst legte ich mich stark auf das Pfropffen und Fortsetzen
junger Bäume brachte die WeinReben in bessere Ordnung machte etliche
FischKästen setzte allerhand Arten von Fischen hinein um selbige so oft wir
Lust darzu hatten gleich heraus zu nehmen bauete Schuppen und Ställe vor das
eingefangene Wildpret und Ziegen zimmerte FressTröge WasserRinnen und
SaltzLecken vor selbige Tiere und mit wenig Worten zu sagen ich führte mich
auf als ein solcher guter HausWirt der Zeit Lebens auf dieser Insul zu
verbleiben sich vorgesetzet hätte
Inzwischen ob gleich bei diesem allen Koncordia mir wenig helfen durfte
so saß sie doch in dem Hause niemals müßig sondern nehete vor sich die kleine
Tochter und mich allerhand nötige KleidungsStücke denn wir hatten in denen
auf den SandBäncken angeländeten Ballen vieles Tuch SeidenZeug und Leinwand
gefunden so dass wir vor unsere und wohl noch 20 Personen auf LebensZeit
notdürfftige Kleider daraus verfertigen konnten Es war zwar an vielen Tüchern
und seidenen Zeugen durch das eingedrungene SeeWasser die Farbe ziemlich
verändert worden jedoch weil wir alles in der Sonne zeitlich abgetrocknet
hatten ging ihm an der Haltbarkeit ein weniges ab und um die Zierlichkeit
bekümmerten wir uns noch weniger weil Koncordia das schlimste zu erst
verarbeitete und das beste biss auf künftige Zeiten versparen wollte wir aber
der Mode wegen einander nichts vor übel hielten
Unsere SaatFelder stunden zu gehöriger Zeit in erwünschter Blüte so dass
wir unsere besondere Freude daran sahen allein die frembden Affen gewöhneten
sich stark dahin rammelten darinnen herum und machten vieles zu schanden da
nun unsere HausAffen merckten dass mich dieses gewaltig verdross indem ich
solche Freveler mit Steinen und Prügeln verfolgte waren sie täglich auf guter
Hut und unterstunden sich ihre eigenen Anverwandten und Kameraden mit
Steinwerffen zu verjagen Diese wichen zwar anfänglich etliche mahl kamen aber
eines Tages etliche 20 stark wieder und fingen mit unsern getreuen
HausBedienten einen ordentlichen Krieg an Ich ersah dieses von ferne lief
geschwinde zurück und langete aus unserer Wohnung zwei geladene Flinten
kehrete mich etwas näher zum KampffPlatze und wurde gewahr dass einer von den
unsern die mit roten HalsBändern gezeichnet waren stark verwundet zu Boden
lag gab deswegen 2 mahl auf einander Feuer und legte darmit 3 Feinde
darnieder weswegen sich die ganze feindliche Partei auf die Flucht begab
meine 4 unbeschädigten siegend zurück kehreten und den beschädigten Alten mit
traurigen Gebärden mir entgegen getragen brachten der aber noch ehe wir unsere
Wohnung erreichten an seiner tödlichen HauptWunde starb
Es war das Weiblein von den 2 Ältesten und ich kann nicht sagen wie sehr
der Wittber und die vermutlichen Kinder sich über diesen TodesFall betrübt
bezeugten Ich ging nach unserer Behausung erzehlete der Koncordia was
vorgegangen war und diese ergriff nebst mir ein Werckzeug um ein Loch zu
machen worein wir die auf dem HeldenBette verstorbene Aeffin begraben wollten
allein wir traffen bei unserer Dahinkunft niemand an sondern erblickten von
ferne dass die Leiche von den 4 Leidtragenden in den WestFluss geworffen wurde
kehreten deswegen zurück und sahen bald hernach unsere noch übrigen 4
Bedienten ganz betrübt in ihren Stall gehen worinnen sie bei nahe zweimahl 24
Stunden ohne Essen und Trincken stille liegen blieben nachher aber ganz
freudig wieder heraus kamen und nachdem sie tapffer gefressen und gesoffen
ihre vorige Arbeit verrichteten Mich ärgerte diese Begebenheit dermaßen dass
ich alle frembden Affen täglich mit Feuer und Schwert verfolgte und dieselben
binnen MonatsFrist in die Waldung hinter der großen See vertrieb so dass sich
gar kein einziger mehr in unserer Gegend sehen ließ mithin konnten wir nebst
unsern HausDienern in guter Ruh leben wiewohl der alte Wittber sich in wenig
Tagen verlor doch aber nebst einer jungen Gemahlin nach 6 Wochen wiederum bei
uns einkehrete und den lächerlichsten Fleiß anwandte biss er dieselbe nach und
nach in unsere Hausshaltung ordentlich gewöhnete so dass wir sie mit der Zeit so
aufrichtig als die verstorbene erkandten und ihr das besondere GnadenZeichen
eines roten HalsBandes umzulegen kein Bedenken trugen
Mittlerzeit war nunmehr ein ganzes Jahr verflossen welches wir auf dieser
Insul zugebracht deswegen auch der erste FestBet und FastTag gefeiret
wurde der andere als unser besonderer TrauerTag lief ebenfalls vorbei und
ich muss gestehen dass da wir wenig oder nichts zu arbeiten hatten unsere
Sinnen wegen der erneuerten Betrübnis ganz niedergeschlagen waren Dieselben
um wiederum in etwas aufzumuntern ging ich fast täglich mit der Koncordia die
ihr Kind im Mantel trug durch den FelsenGang an die See spatziren wohin wir
seit etlichen Monaten nicht gekommen erblickten aber mit nicht geringer
Verwunderung dass uns die Wellen einen starken Vorrat von allerhand
eingepackten Waren und zerscheiterten SchiffsStücken zugeführet hatten Ich
fasste so gleich den Vorsatz alles auf unsere Insul zu schaffen allein da
mir ohnverhofft ein in ziemlicher Weite vorbei fahrendes Schiff in die Augen
kam geriet ich auf einmal ganz außer mir selbst so bald aber mein Geist
sich wieder erholte fing ich an zu schreien zu schießen und mit einem Tuche
zu wincken trieb auch solche mühsame wiewohl vergebliche Bemühung so lange
biss sich gegen Abend so wohl das vorbei fahrende Schiff als die Sonne aus unsern
Gesichte verlor da ich denn meines Teils ganz verdrießlich und betrübt zurück
kehrete in lauter verwirrten Gedanken aber unterwegs mit Koncordien kein Wort
redete biss wir wieder in unserer Behausung anlangten allwo sich die 5 Affen
als Wächter vor die Tür gelagert hatten
Koncordia bereitete die AbendMahlzeit wir speiseten und hielten hierauf
zusammen ein Gespräch in welchem ich vermerckte dass sich dieselbe wenig oder
nichts um das vorbei gefahrne Schiff bekümmerte auch größere Lust auf dieser
Insul zu sterben bezeugte als sich in den Schutz frembder und vielleicht
barbarischer Leute zu begeben Ich hielte ihr zwar dergleichen Gedanken als
einer furchtsamen und schwachen WeibsPerson die zumahlen ihres unglücklichen
Schicksals halber einen Eckel gegen fernere Lust gefasst zu gute aber mit mir
hatte es eine ganz andere Beschaffenheit Und was habe ich eben Ursach meine
damaligen natürlichen Affecten zu verleugnen Ich war ein junger starcker und
fast 20 jähriger Mensch der Geld Gold Edelgesteine und andere Güter im
größten Uberfluss besaß also gar wohl eine Frau ernehren konnte allein der
Koncordia hatte ich einen würcklichen Eyd geschworen ihr mit Vorstellung meiner
verliebten Begierden keinen Verdruss zu erwecken verspürete über dieses die
stärcksten Merckmahle dass sie ihren seel EheMann noch nach dessen Tode
herzlich liebte auf die kleine Koncordia aber zu warten schien mir gar zu
langweilig obgleich dieselbe ihrer schönen Mutter vollkommenes Ebenbild
vorstellete Wer kann mich also verdencken dass meine Sehnsucht so heftig nach
der Gesellschaft anderer ehrlichen Leute anckerte um mich unter ihnen in guten
Stand zu setzen und eine tugendhafte Ehegattin auszulesen
Es verging mir demnach damals fast alle Lust zur Arbeit verrichtete auch
die allernötigste so zu sagen fast gezwungener Weise hergegen brachte ich
täglich die meisten Stunden auf der FelsenHöhe gegen Norden zu machte daselbst
ein Feuer an welches bei Tage stark rauchen und des Nachts helle brennen
musste damit ein oder anderes vorbei fahrendes Schiff bei uns anzuländen
gereitzet würde wandte dabei meine Augen beständig auf die offenbare See und
versuchte zum Zeitvertreibe ob ich auf der von Lemelie hinterlassenen Zitter
von mir selbst ein oder ander Lied könnte spielen lernen welches mir denn in
weniger Zeit dermaßen glückte dass ich fast alles was ich singen auch
zugleich ganz wohlstimmig mit spielen konnte
Koncordia wurde über dergleichen Aufführung ziemlich verwirrt und
niedergeschlagen allein ich konnte meine Sehnsucht unmöglich verbannen
vielweniger über das Hertze bringen derselben meine Gedanken zu offenbaren
also lebten wir beiderseits in einem heimlichen Missvergnügen und verdeckten
Kummer begegneten aber dennoch einander nach wie vor mit aller ehrerbietigen
tugendhaften Freundschaft und Dienstgeflissenheit ohne zu fragen was uns
beiderseits auf dem Hertzen läge
Mittlerweile war die ErnteZeit heran gerückt und unser Geträyde vollkommen
reiff worden Wir machten uns deswegen dran schnitten es ab und brachten
solches mit Hilfe unserer getreuen Affen bald in große Hauffen Eben
dieselben mussten auch fleißig dreschen helfen ungeacht aber viele Zeit
vergieng ehe wir die reinen Körner in Säcke und Gefäße einschütten konnten so
habe doch nachher ausgerechnet dass wir von dieser unserer ersten Ausssaat
ungefähr erhalten hatten 35 Scheffel Reiss 10 biss 11 Scheffel Korn 3
Scheffel Weitzen 12 biss 14 Scheffel Gersten und 4 Scheffel Erbsen
Wie groß nun dieser Seegen war und wie sehr wir uns verbunden sahen dem
der uns denselben angedeihen lassen schuldigen Danck abzustatten so konnte doch
meine schwermütige Sehnsucht nach demjenigen was mir einmal im Hertzen Wurtzel
gefasst hatte dadurch nicht vermindert werden sondern ich blieb einmal wie
das andere tieffsinnig und Koncordiens liebreiche und freundliche jedoch
tugendhafte Reden und Stellungen machten meinen Zustand allem Ansehen nach nur
immer gefährlicher Doch blieb ich bei dem Vorsatze ihr den getanen Eyd
unverbrüchlich zu halten und ehe zu sterben als meine keusche Liebe gegen ihre
schöne Person zu entdecken
Unterdessen wurde uns zur selbigen Zeit ein grausames Schrecken zugezogen
denn da eines Tages Koncordia so wohl als ich nebst den Affen beschäfftiget
waren etwas Korn zu stoßen und eine Probe von Mehl zu machen ging
erstgemeldte in die Wohnung um nach dem Kinde zu sehen welches wir in seiner
Wiege schlaffend verlassen hatten kam aber bald mit erbärmlichen Geschrei
zurück gelauffen und berichtete dass das Kind nicht mehr vorhanden sondern aus
der Wiege gestohlen sei indem sie die mit einem höltzernen Schloss verwahrte
Türe eröffnet gefunden sonsten aber in der Wohnung nichts vermissete als das
Kind und dessen Kleider Meine Erstaunung war dieserwegen ebenfalls fast
unaussprechlich ich lief selbst mit dahin und empfand unsern kostbaren
Verlust leider mehr als zu wahr Demnach schlugen wir die Hände über den Köpffen
zusammen und stelleten uns mit einem Worte nicht anders als verzweiffelte
Menschen an heuleten schryen und riefen das Kind bei seinem Nahmen allein da
war weder Stimme noch Antwort zu hören das eiffrigste Suchen auf und um den
Hügel unserer Wohnung herum war fast 3 Stunden lang vergebens doch endlich da
ich von ferne die Spitze eines großen HeuHauffens sich bewegen sah geriet
ich plötzlich auf die Gedanken Ob vielleicht der eine von den jüngsten Affen
unser Töchterlein da hinauff getragen hätte und fand nachdem ich auf einer
angelegten Leiter hinauf gestiegen mich nicht betrogen Denn das Kind und der
Affe machten unterdessen da sie zusammen ein frisches Obst speiseten allerhand
lächerliche Possen Allein da das verzweiffelte Tier meiner gewahr wurde nahm
es das Kind zwischen seine VorderPfoten uñ rutschte mit selbigem auf jener
Seite des Hauffens herunter worüber ich Schreckens wegen fast von der Leiter
gestürtzt wäre allein es war glücklich abgegangen Denn da ich mich umsah
lief der KinderDieb mit seinem Raube aufs eiligste nach unserer Behausung
hatte als ich ihn daselbst antraff das fromme Kind so geschickt aus als
angezogen selbiges in seine Wiege gelegt saß auch dabei und wiegte es so
ernstaftig ein als hätte er kein Wasser betrübt
Ich wusste teils vor Freuden teils vor Grimm gegen diesen Freveler nicht
gleich was ich machen sollte mittlerweile aber kam Koncordia so die ganze
Komoedie ebenfalls von ferne mit angesehen hatte mit Zittern und Zagen herbei
indem sie nicht anders vermeinte es würde dem Kinde ein Unglück oder Schaden
zugefügt sein da sie es aber Besichtigte und nicht allein frisch und gesund
sondern über dieses außerordentlich gutes Muts befand gaben wir uns endlich
zufrieden wiewol ich aber beschloss dass dieser allerleichtfertigste Affe seinen
Frevel durchaus mit dem Leben büßen sollte so wollte doch Koncordia aus
Barmhertzigkeit hierein nicht willigen sondern bat Dass ich es bei einer
harten LeibesZüchtigung bewenden lassen möchte welches denn auch geschahe
indem ich ihn mit einer großen Rute von oben biss unten dermaßen peitschte
dass er sich in etlichen Tagen nicht rühren konnte welches so viel fruchtete dass
er in künftigen Zeiten seine freveln Streiche ziemlicher maßen unterließ
Von nun an schien es als ob uns die zwar jederzeit herzlich lieb gewesene
kleine Koncordia dennoch um ein merckliches lieber wäre zumahlen da sie
anfing allein zu laufen und verschiedene Worte auf eine angenehme Art her zu
lallen ja dieses kleine Kind war öfters vermögend meinen innerlichen Kummer
ziemlicher maßen zu unterbrechen wiewol nicht gänzlich aufzuheben
Nachdem wir aber einen ziemlichen Vorrat von RockenReiss und WeitzenMehle
durchgesiebt und zum Backen tüchtig gemacht ich auch einen kleinen BackOfen
erbauet worinnen auf einmal 10 oder 12 drei biss 4 Pfündige Brodte gebacken
werden konnten und Koncordia die erste Probe ihrer Beckerei zu unserer größten
Erquickung und Freude glücklich abgeleget hatte Konten wir uns an dieser
allerbesten Speise so über Jahr und Tag nunmehr nicht vor unser Maul kommen
war kaum satt sehen und essen
Dem ungeacht aber verfiel ich doch fast ganz von neuen in meine
angewöhnte Melancholei ließ viele ArbeitsStücken liegen die ich sonsten mit
Lust vorzunehmen gewohnt gewesen nahm an dessen statt in den
NachmittagsStunden meine Flinte und Zitter und stieg auf die NordFelsenHöhe
als wohin ich mir einen ganz ungefährlichen Weg gehauen hatte
Am Heil 3 KönigsTage des 1648ten Jahres Mittags nach verrichteten
Gottesdienste war ich ebenfalls im Begriff dahin zu steigen Koncordia aber
die solches gewahr wurde sagte lächelnd Mons Albert ich sehe dass ihr
spazieren gehen wollt nehmt mir nicht übel wenn ich euch bitte eure kleine
PflegeTochter mit zu nehmen denn ich habe mir eine kleine nötige Arbeit
vorgenommen wobei ich von ihr nicht gern verhindert sein wollte sagt mir
aber wo ihr gegen Abend anzutreffen seid damit ich euch nachfolgen und selbige
zurück tragen kann Ich erfüllete ihr Begehren mit größter Gefälligkeit nahm
meine kleine Schmeichlerin die so gern bei mir als ihrer Mutter blieb auf den
Arm versorgte mich mit einer Flasche PalmenSafft und etwas übrig gebliebenen
WeihnachtsKuchen hängte meine Zitter und Flinte auf den Rücken und stieg also
beladen den NordFels hinauf Daselbst gab ich dem Kinde einige tändeleien zu
spielen stützte einen Arm unter den Kopf sah auf die See und hing den
unruhigen Gedanken wegen meines Schicksals ziemlich lange nach Endlich ergriff
ich die Zitter und sang etliche Lieder drein welche ich teils zu Ausschüttung
meiner Klagen teils zur GemütsBeruhigung aufgesetzt hatte Da aber die
kleine Schmeichlerin über dieser Musik sanft eingeschlaffen war legte ich um
selbige nicht zu verstöhren die Zitter beiseite zog eine BleiFeder und
Pappier aus meiner Tasche und setzte mir ein neues Lied folgenden Innhalts auf
1
Ach hätt ich nur kein Schiff erblickt
So wär ich länger ruhig blieben
Mein Unglück hat es her geschickt
Und mir zur Qvaal zurück getrieben
Verhängnis wilstu dich denn eines reichen Armen
Und freien Sclavens nicht zu rechter Zeit erbarmen
2
Soll meiner Jugend beste Krafft
In dieser Einsamkeit ersterben
Ist das der Keuschheit Eigenschaft
Will mich die Tugend selbst verderben
So weiß ich nicht wie man die lasterhaften Seelen
Mit grössrer Grausamkeit und Marter sollte quälen
3
Ich liebe was und sag es nicht
Denn Eid und Tugend heist mich schweigen
Mein ganz verdecktes LiebesLicht
Darf seine Flamme gar nicht zeigen
Dem Himmel selber ist mein Lieben nicht zuwieder
Doch Schwur und Treue schlägt den HoffnungsBau darnieder
4
Koncordia du WunderBild
Man lernt an dir die Eintracht kennen
Doch was in meinem Hertzen qvillt
Muss ich in Wahrheit Zwietracht nennen
Ach ließe mich das Glück mit dir vereinigt leben
Wir würden nimmermehr in Hass und Zwietracht schweben
5
Doch bleib in deiner stillen Ruh
Ich suche solche nicht zu stöhren
Mein eintzigs Wohl und Weh bist du
Allein ich will der Sehnsucht wehren
Weil deiner Schönheit Pracht vor mich zu Kostbar scheint
Und weil des Schicksaals Schluss mein Wünschen glatt verneinet
6
Ich gönne dir ein bessres Glück
Verknüpfft mit noch viel höheren Stande
Führt uns der Himmel nur zurück
Nach unserm werten VaterLande
So wirstu letztlich noch dis harte Schicksal loben
Ist gleich vor deinen Freund was schlechters aufgehoben
Nachdem aber meine kleine PflegeTochter aufgewacht und von mir mit etwas
PalmSafft und Kuchen gestärckt war bezeigte dieselbe ein unschuldiges
Belieben den Klang meiner Zitter ferner zu hören deswegen nahm ich dieselbe
wieder auf studierte eine Melodei auf mein gemachtes Lied aus und wiederholte
diesen Gesang binnen etlichen Stunden so ofte biss ich alles fertig auswendig
singen und spielen konnte
Hierauff nahm ich das kleine angenehme Kind in die Arme vor mich drückte es
an meine Brust küsste dasselbe viele mal und sagte im größten LiebesAffect
ungefähr folgende laute Worte Ach du allerliebster kleiner Engel wollte doch
der Himmel dass du allbereit noch ein Mandel Jahre zurückgelegt hättest
vielleicht wäre meine heftige Liebe bei dir glücklicher als bei deiner Mutter
aber so lange Zeit zwischen Furcht und Hoffnung zu warten ist eine würckliche
Marter zu nennen Ach wie vergnügt wollte ich als ein anderer Adam meine ganze
LebensZeit in diesem Paradiese zubringen wenn nur nicht meine besten
JugendJahre ohne eine geliebte Eva zu umarmen verrauchen sollten Gerechter
Himmel warum schenckestu mir nicht auch die Krafft den von Natur allen
Menschen eingepflantzten Trieb zum Ehestande gänzlich zu ersticken und in
diesem Stücke so unempfindlich als van Leuvens Wittbe zu sein Oder warum
lenckestu ihr Hertze nicht sich vor deinen allwissenden Augen mit mir zu
vereheligen denn mein Hertze kennest du ja und weist dass meine sehnliche
Liebe keine geile Brunst sondern deine heilige Ordnung zum Grunde hat Ach was
vor einer harten Probe unterwirffstu meine Keuschheit und Tugend indem ich bei
einer solchen vollkommen schönen Wittfrau Tag und Nacht unentzündet leben soll
Doch ich habe dir und ihr einen teuren Eyd geschworen welches Gelübde ich denn
ehe mit meinem Leben bezahlen und mich nach und nach von der brennenden
LiebesGlut ganz verzehren lassen als selbiges leichtsinniger Weise brechen
will
Einige hierbei aus meinen Augen rollende Tränen hemmeten das fernere Reden
die kleine Koncordia aber welche kein Auge von meinem Gesichte verwand hatte
fing dieserwegen kläglich und bitterlich an zu weinen also drückte ich selbige
aufs neue an meine Brust küsste den mitleidigen Engel und stund kurtz hernach
mein und ihrer GemütsVeränderung wegen auf um noch ein wenig auf der
FelsenHöhe herum zu spazieren Doch wenig Minuten hierauf kam die 3te Person
unserer hiesigen menschlichen Gesellschaft herzu und fragte auf eine zwar sehr
freundliche doch auch etwas tieffsinnige Art Wie es uns gienge und ob wir
heute kein Schiff erblickt hätten Ich fand mich auf diese unvermutete Frage
ziemlich betroffen so dass die Röte mir wie ich glaube ziemlich ins Gesichte
trat sagte aber Dass wir heute so glücklich nicht gewesen wären Mons Albert
gab Koncordia darauf Ich bitte euch sehr seht nicht so oft nach vorbei
fahrenden Schiffen denn selbige werden solchergestallt nur desto länger
ausbleiben Ihr habt seit einem Jahre vieles entdeckt und erfahren was ihr
kurtz vorher nicht vermeint habt bedencket diese schöne ParadiessInsul
bedencket wiewol uns der Himmel mit Nahrung und Kleidern versorgt bedencket
noch dabei den fast unschätzbaren Schatz welchen ihr ohne ängstliches Suchen
und ungedultiges Hoffen gefunden Ist euch nun von dem Himmel eine noch fernere
gewünschte Glückseligkeit zugedacht so habt doch nebst mir das feste Vertrauen
dass selbige zu seiner Zeit uns unverhoft erfreuen werde
Mein ganzes Hertze fand sich durch diese nachdencklichen Reden ganz
ungemein gerühret jedoch war ich nicht vermögend eine einzige Sylbe darauf zu
antworten deswegen Koncordia das Gespräch auf andere Dinge wendete und
endlich sagte Kommet mein lieber Freund dass wir noch vor Sonnen Untergang
unsere Wohnung erreichen ich habe einen ganz besonders schönen Fisch gefangen
welcher euch so gut als mir schmecken wird denn ich glaube dass ihr so starken
appetit als ich zum Essen habt
Ich war froh dass sie den vorigen ernstaften discours unterlassen hatte
folgte ihren Willen und zwang mich einiger maßen zu einer aufgeräumtern
Stellung Es war wirklich ein ganz besonders rarer Fisch den sie selbigen
Mittag in ihren ausgesteckten Angeln gefangen hatte dieser wurde nebst zweien
Rebhünern zur AbendMahlzeit aufgetragen wobei mir denn Koncordia um mich
etwas lustiger zu machen etliche Becher Wein mehr als sonst gewöhnlich
einnötigte und endlich fragte Habe ich auch recht gemerckt Mons Albert dass
ihr übermorgen euer zwantzigstes Jahr zurück legen werdet Ja Madame war meine
Antwort ich habe schon seit etlichen Tagen daran gedacht GOTT gebe versetzte
sie dass eure zukünftige LebensZeit vergnügter sei allein darff ich euch wohl
bitten mir euren ausführlichen LebensLauff zu erzählen denn mein seel
EheHerr hat mir einmals gesagt dass derselbige teils kläglich teils lustig
anzuhören sei
Ich war hierzu sogleich willig und vermerckte dass bei Erwähnung meiner
Kinderjährigen UnglücksFälle Koncordien zum öffteren die Augen voller Tränen
stunden doch da ich nachher die Geschichten von der Ammtmanns Frau der
verwechselten Hosen und den mir gespielten SpitzbubenStreich mit oft
untermengten SchertzReden erzehlete konnte sie sich fast nicht satt lachen
Nachdem ich aber aufs Ende kommen sagte sie Glaubet mir sicher Mons Albert
weil eure JugendJahre sehr kläglich gewesen so wird euch GOTT in künftiger
Zeit um so viel desto mehr erfreuen wo ihr anders fortfahret ihm zu dienen
euren Beruff fleißig abzuwarten geduldig zu sein und euch der unnötigen und
verbotenen Sorgen zu entschlagen Ich versprach ihrer löblichen Vermahnung
eiffrigst nachzuleben wünschte anbei dass ihre gute Propheceiung eintreffen
möchte worauff wir unsere AbendBetStunde hielten und uns zur Ruhe legten
Weiln mir nun Koncordiens vergangenes Tages geführten Reden so christlich
als vernünftig vorkamen beschloss ich so viel möglich alle Ungedult zu
verbannen und mit aller Gelassenheit die fernere Hilfe des Himmels zu
erwarten Folgendes Tages arbeitete ich solchergestalt mehr als seit etlichen
Tagen geschehen war und legte mich von aushauung etlicher Höltzerner Gefäße
ziemlich ermüdet abermals zur Ruhe da ich aber am drauff folgenden Morgen
nämlich den 8ten Jan 1648 aus meiner abgesonderten Kammer in die so genannte
WohnStube kam fand ich auf dem Tische nebst einem grünen seidenen
SchlafRocke und verschiedenen andern neuen KleidungsStücken auch vieler
weißer Wäsche ein zusammen gelegtes Pappier folgendes Innhalts
Liebster Hertzens Freund
Ich habe fast alles mit angehöret was ihr gestern auf dem NordFelsen in
Gesellschaft meiner kleinen Tochter oft wiederholt gesungen und geredet habt
Euer Verlangen ist dem Triebe der Natur, der Vernunft, auch Göttl und Menschl
Gesetzen gemäß Ich hingegen bin eine Wittbe welcher der Himmel ein hartes
erzeiget hat Allein ich weiß dass Glück und Unglück von der Hand des HERRN
kommt welche ich bei allen Fällen in Demut küsse Meinem seel Mann habe ich
die geschworne Treu redlich gehalten dessen GOTT und mein Gewissen Zeugnis
gibt Ich habe seinen jämmerlichen Tod nunmehr ein Jahr und zwei Monat aus
auffrichtigen Hertzen beweint und beklagt werde auch denselben Zeitlebens so
oft ich dran gedencke schmertzlich beklagen weil unser EheBand auf GOTTES
Zulassung durch einen MeuchelMörder vor der Zeit zerrissen worden Ohngeacht
ich aber solchergestalt wieder frei und mein eigen bin so würde mich doch
schwerlich zu einer anderweitigen Ehe entschlossen haben wenn nicht eure reine
und hertzliche Liebe mein Hertz aufs neue empfindlich gemacht und in Erwegung
eurer bisherigen tugendhaften Aufführung dahin gereitzet hätte mich selbst zu
eurer künftigen Gemahlin anzutragen Es steht deswegen in eurem Gefallen ob
wir sogleich Morgen an eurem GeburtsTage uns in Ermangelung eines Priesters
und anderer Zeugen in Gottes und der Heil Engel erbetener Gegenwart selbst
zusammen trauen und hinführo einander als eheliche ChristenLeute beiwohnen
wollen Denn weil ich eurer zu mir tragenden Liebe und Treue völlig versichert
bin so könnt ihr im Gegenteil vollkommen glauben dass ich euch in diesen
Stücken nichts schuldig bleiben werde Eure Frömmigkeit Tugend und
Auffrichtigkeit dienen mir zu Bürgen dass ihr mir dergleichen selbst eigenen
Antrag meiner Person vor keine leichtfertige Geilheit und ärgerliche Brunst
auslegen werdet denn da ihr aus Ubereilung mehr gelobet habt als GOTT und
Menschen von euch forderten doch aber ehe löblich zu sterben als solches zu
brechen gesonnen wart Habe ich in dieser Einsamkeit uns beide zu vergnügen
den Aussspruch zu tun mich gezwungen gesehen Nehmet demnach die von euch so
sehr geliebte Wittbe des seel van Leuvens und lebt nach euren Versprechen
führohin mit derselben nimmermehr in Hass und Zwietracht GOTT sei mit uns
allezeit Nach Verlesung dieses werdet ihr mich bei dem Damme des Flusses
ziemlich beschämt finden und ein mehreres mündlich mit mir überlegen können
allwo zugleich den GlückWunsch zu eurem GeburtsTage abstatten wird die euch
auffrichtig ergebene
Geschrieben
den 7 Jan
1648
Koncordia van Leuvens
Ich blieb nach Verlesung dieses Briefes dergestalt entzückt stehen dass ich
mich in langer Zeit wegen der unverhofften frölichen Nachricht nicht begreiffen
konnte wollte auch fast auf die Gedanken geraten als suchte mich Koncordia nur
in Versuchung zu führen da aber ihre bisherige aufrichtige Gemüts und Lebens
Art in etwas genauere Betrachtung gezogen hatte ließ ich allen Zweifel fahren
fasste ein besonders frisch Hertze machte mich auf den Weg und fand meinen
allerangenehmsten Schatz mit ihrer kleinen Tochter beim Damme in Grase sitzend
Sie stund so bald sie mich von ferne kommen sah auf mir entgegen zu gehen
nachdem ich ihr aber einen glückseeligen Morgen gewünschet erwiderte sie
solchen mit einem wohlersonnenen GlückWunsche wegen meines GeburtsTages Ich
stattete dieserwegen meine Dancksagung ab und wünschte ihr im gegenteil ein
beständiges Leibes und SeelenVergnügen Da sie sich aber nach diesen auf einen
daselbst liegenden Baumschafft gesetzt und mich neben ihr Platz zu nehmen
gebeten hatte brach mein Mund in folgende Worte aus Madame eure schönen Hände
haben sich gestern bemüht an meine schlechte Person einen Brieff zu schreiben
und wo dasjenige was mich angehet keine Versuchung sondern eures keuschen
Hertzens aufrichtige Meinung ist so werde ich heute durch des Himmels und eure
Gnade zum allerglückseeligsten Menschen auf der ganzen Welt gemacht werden Es
würde mir schwer fallen gnungsame Worte zu ersinnen um damit den unschätzbaren
Wert eurer vollkommen tugendhaften und Liebenswürdigsten Person einigermaßen
auszudrücken darum will ich nur sagen Dass ihr würdig wäret eines großen
Fürsten Gemahlin zu sein Was aber bin ich dagegen Ein schlechter geringer
Mensch der
Hier fiel mir Koncordia in die Rede und sagte indem sie mich sanft auf
die Hand schlug Liebster Julius ich bitte fanget nunmehr nicht erstlich an
viele unnötige Schmeicheleien und ungewöhnliches WortGepränge zu machen
sondern seid fein aufrichtig wie ich in meinem Schreiben gewesen bin Eure
Tugend Frömmigkeit und mir geleisteten treuen Dienste weiß ich mit nichts
besser zu vergelten als wenn ich euch mich selbst zur Belohnung anbiete und
versichere dass eure Person bei mir in höheren Werte steht als des größten
Fürsten oder andern Herrn wenn ich auch gleich das Ausslesen unter tausenden
haben sollte Ist euch nun damit gedienet so erkläret euch damit wir uns
nachher fernerer Anstallten wegen vertraulich unterreden und auf alle etwa
bevorstehende Glücks und UnglücksFälle gefast machen können
Ich nahm hierauf ihre Hand küsste und schloss dieselbe zwischen meine
beiden Hände konnte aber vor übermäßigen Vergnügen kaum so viel Worte
vorbringen als nötig waren sie meiner ewig währenden getreuen Liebe zu
versichern anbei mich gänzlich eigen zu geben und in allen Stücken nach dero
Rat und Willen zu leben Nein mein Schatz versetzte hierauf Koncordia das
Letztere verlange ich nicht sondern ich werde euch nach Gottes Ausspruche
jederzeit als meinen Herrn zu ehren und als meinen werten EheMann beständig zu
lieben wissen Ihr sollt durchaus meinem Rat und Willen keine Folge leisten
in so ferne derselbe von euren Gottlob gesunden Verstande nicht vor gut und
billig erkannt wird weil ich mich als ein schwaches Werckzeug zuweilen gar
leicht übereilen kann
Unter diesen ihren klugen Reden küsste ich zum öffteren dero schönen Hände
und nahm mir endlich die Kühnheit einen feurigen Kuss auf ihre RosenLippen zu
drücken welchen sie mit einem andern ersetzte Nachhero stunden wir auf um zu
unsern heutigen HochzeitFeste Anstalten zu machen Ich schlachtete ein jung
Reh eine junge Ziege schoss ein paar Rebhüner schaffte Fische herbei steckte
die Braten an die Spieße welche unsere Affen wenden mussten setzte das
KochFleisch zum Feuer und lass das Beste frische Obst aus mittlerweile meine
Braut Kuchen Brod und allerlei Gebackens zurichtete und unsere Wohnstube aufs
herrlichste auszierete so dass gegen Abend alles in schönster Ordnung war
Demnach führten wir genommener Abrede nach einander in meine
SchlafKammer allwo auf einen reinlich gedeckten Tische ein Kruzifix stunde
welches wir mit unter des Don Cyrillo Schätzen gefunden hatten Vor selbigen lag
eine aufgeschlagene Bibel Wir knieten beide vor diesem kleinen Altare nieder
und ich verlass die 3 ersten Kapitel aus dem 1 Buch Mose Hierauff redete ich
meine Braut also an Liebste Koncordia ich frage euch allhier vor dem Angesicht
GOTTES und seiner Heil Engel ob ihr mich Albert Julium zu einem ehelichen
Gemahl haben wollt gleich wie ich euch zu meiner ehelichen Gemahlin nach
Göttlicher Ordnung aus reinem und keuschen Hertzen innigst begehre Koncordia
antwortete nicht allein mit einem lauten Ja sondern reichte mir auch ihre
rechte Hand welche ich nach verwechselten TrauRingen in die meinige fügte und
also betete »Du heiliger wunderbarer GOTT wir glauben ganz gewiss dass deine
Vorsicht an diesem von aller andern menschlichen Gesellschaft entlegenen Orte
unsere Seelen vereiniget hat und in dieser Stunde auch die Leiber mit dem
heiligen Bande der Ehe zusammen füget darum soll unter deinem Schutze nichts
als der Tod vermögend sein dieses Band zu brechen und sollte ja auf dein
Zulassen ein oder anderer UnglücksFall die Leiber von einander scheiden so
sollen doch unsere Seelen in beständiger Treue mit einander vereinigt bleiben
Koncordia sprach hierzu Amen« Ich aber schlug das 8 Kap im Buch Tobiä auf
und betete des jungen Tobiä Gebet vom 7 biss zu ende des 9ten Verses wiewol
ich etliche Worte nach unserm Zustande veränderte auch so viel zusetzte als mir
meines Hertzens heilige Andacht eingab Koncordia machte aus den Worten der
jungen Sara die im folgenden 10ten Vers stehen ein schönes Hertzbrechendes
und kräfftiges Gebet Nach diesem beteten wir einstimmig das Vater Unser und den
gewöhnlichen Seegen der Christlichen Kirche über uns sungen das Lied Es woll
uns GOTT genädig sein etc küsseten uns etliche mahl und führten einander
wieder zurück bereiteten die Mahlzeit setzten uns mit unserer kleinen
Koncordia die unter währenden TrauActu so stille als ein Lamm gelegen hatte
zu Tische und nahmen unsere Speisen nebst dem köstlichen Getränke in solcher
Vergnüglichkeit ein als wohl jemals ein BrautPaar in der ganzen Welt getan
haben mag
Es schien als ob aller vorher ausgestandener Kummer und Verdruss
solchergestalt auf einmal verjagt wäre wir vereinigten uns von nun an
einander in vollkommener Treue dergestalt hülffliche Hand zu leisten und unsere
Anstalten auf solchen Fuß zu setzen als ob wir gar keine Hoffnung von hier
hinweg zu kommen hätten hergegen aus bloßer Lust ZeitLebens auf dieser
Insul bleiben im übrigen alles der Vorsehung des Himmels anbefehlen und alle
ängstlichen Sorgen wegen des Zukünftigen einstellen wollten
Indem aber die Zeit zum Schlaffengehen herbei kam sagte meine Braut mit
liebreichen Gebärden zu mir Mein allerliebster EheSchatz ich habe heute mit
Vergnügen wahrgenommen dass ihr in vielen Stücken des jungen Tobiä Sitten
nachgefolget seid deswegen halte vor löblich züchtig und andächtig dass wir
diesen jungen EheLeuten noch in dem Stücke nachahmen und die 3 ersten Nachte
mit Beten zubringen ehe wir uns ehelich zusammen halten Ich glaube ganz
gewiss dass GOTT unsern Ehestand um so viel desto mehr segnen und beglückt machen
wird
Ihr redet mein Engel gab ich zur Antwort als eine vollkommen
tugendhafte gottesfürchtige und keusche Frau und ich bin eurer Meinung
vollkommen deswegen geschehe was euch und mir gefällig ist Solchergestalt
saßen wir alle drei Nachte beisamen und vertrieben dieselben mit andächtigen
Beten Singen und BibelLesen schlieffen auch nur des Morgens einige Stunden
in der vierdten Nacht aber opfferte ich meiner rechtmäßigen EheLiebste die
erste Krafft meiner Jugend und fand in ihren Liebesvollen Umarmungen ein
solches entzückendes Vergnügen dessen unvergleichliche Vollkommenheit ich mir
vor der Zeit nimmermehr vorstellen können
Wenige Tage hierauf verspürete sie die Zeichen ihrer Schwangerschaft und
die kleine Koncordia gewehnete sich von sich selbst von der Brust gänzlich ab
zu andern Speisen und Getränke Mittlerweile bescherete uns der Himmel eine
abermahlige und viel reichere WeinErndte als die vorige denn wir presseten
über 500 Kannen Most aus truckneten biss 6 Scheffel Trauben auf ohne was von
uns und den Affen die ganze Weinlese hindurch gegessen auch von den frembden
diebischen Affen gestohlen und verderbt wurde Denn dieses lose Gesindel war
wiederum so dreuste worden dass es sich nicht allein Schaarenweise in unsern
Weinbergen und SaatFeldern sondern so gar ganz nahe um unsere Wohnung herum
sehen und spüren ließ Weil ich aber schon damals 3 leichte StückGeschützes
auf die Insul geschafft hatte pflantzte ich dieselben gegen diejenigen Örter
wo meine Feinde öfters zu zwanzig biss funfzigen beisammen hin zu kommen
pflegten und richtete mit oft wiederholten Ladungen von auserlesenen runden
Steinen starke Niederlagen an so dass zuweilen 8 10 12 biss 16 tote und
verwundete auf dem Platze liegen blieben Am allerwundersamsten kam mir hierbei
dieses vor dass unsere Haus und ZuchtAffen nicht das allergeringste Mitleiden
über das Unglück ihrer Anverwandten im Gegenteil ein besonderes Vergnügen
bezeugten wenn sie die Verwundten vollends tot schlagen und die sämtlichen
Leichen in den nächsten Fluss tragen konnten Ich habe solchergestalt und auf noch
andere listige Art in den ersten 6 Jahren fast über 500 Affen getötet und
dieselben auf der Insul zu ganz raren Tieren gemacht wie sie denn auch
nachher von den Meinigen zwar aufs heftigste verfolgt doch wegen ihrer
Possierlichkeit und Nutzung in vielen Stücken nicht gar vertilget worden
Nach glücklich beigelegten AffenKriege und zu gut gemachter TraubenFrucht
auch abermahliger Bestellung der Weinberge und SaatFelder war meine tägliche
Arbeit diejenigen Waren welche uns Wind und See von den in verschiedenen
Stürmen zerscheiterten Schiffen zugeführet hatte durch den hohlen FelsenWeg
herauf in unsere Verwahrung zu schaffen Hilff Himmel was bekamen wir nicht
solcher Gestalt noch vor Reichtümer in unser Gewalt Gold Silber edle Steine
schöne Zeuge Böckel und geräuchert Fleisch nebst andern Victualien war
dasjenige was am wenigsten geachtet wurde hergegen Koffeé Teé Chocolade
Gewürtze ausgepichte Kisten mit Zucker Pech Schwefel Oehl Talg Butter
Pulver allerhand eisern zinnern kupffern und messingen HausGeräte dicke und
dünne Seile höltzerne Gefäße ud gl ergötzte uns am allermeisten
Unser HausGesinde das nunmehr da sich der ehemahlige Patient auch eine
Frau geholet aus 6 Personen bestund tat hierbei ungemeine Dienste und meine
liebe EheFrau brachte in der unterirrdischen Höle alles was uns nützlich an
gehörigen Ort und Stelle was aber von dem SeeWasser verdorben war mussten ein
paar Affen auf einen darzu gemachten RollWagen so gleich fortschaffen und in
den nächstgelegenen Fluss werffen Nach diesem da eine große Menge
zugeschnittener Bretter und Balcken von den zertrümmerten Schiffen vorhanden
erweiterte ich unsere Wohnung auf dem Hügel noch um ein großes bauete auch der
Affen Behausung geräumlicher und brachte kurtz zu sagen alles in solchen
Stand dass wir bevorstehenden Winter wenig zu schaffen hatten sondern in
vergnügter Ruhe beisammen leben konnten
Unser Zeitvertreib war im Winter der allervergnügteste von der Welt denn
wenn wir unsers Leibes mit den besten Speisen und Getränke wohl gepflegt und
nach Belieben ein und andere leichte Arbeit getrieben hatten konnten wir
zuweilen etliche Stunden einander in die Arme schließen und mit untermengten
Küssen allerhand artige Geschichte erzählen worüber denn ein jedes seine
besondere Meinung eröffnete so dass es öfters zu einem starken WortStreite
kam allein wir vertrugen uns letztlich immer in der Güte zumahlen wenn die
Sachen ins geheime KammerGerichte gespielt wurden
Im Frühlinge nämlich am 19 Octobr des Jahres unserer Verehligung wurde
so wohl ich als meine allerliebste EheGattin nach ausgestandenen 4 stündigen
ängstlichen Sorgen mit inniglichen Vergnügen überschüttet indem sie eben in der
MittagsStunde ein paar kurtz auf einander folgende ZwillingsSöhne zur Welt
brachte Sie und ich hatten uns zeitero so viel als erdencklich darauf
geschickt gemacht deswegen befand sich unter Göttlichen Beistande meine
zarte Schöne bei dieser gedoppelten KinderNot dennoch weit stärcker und
kräfftiger als das erste mahl Ich gab meinen herzlich geliebten Söhnen gleich
in der ersten Stunde die heil Tauffe und nennete den ersten nach mir
Albertus den andern aber nach meinem seel Vater Stephanus tat anbei alles
was einem getreuen Vater und EheGatten gegen seine lieben Kinder und werteste
EheGemahlin bei solchen Zustande zu tun oblieget war im übrigen höchst
glücklich und vergnügt dass sich weder bei der Mutter noch bei den Kindern
einige besorgliche Zufälle ereigneten
Ich kann nicht sagen wie frölich sich die kleine Koncordia so allbereit
wohl umher laufen und ziemlich vernehmlich plaudern konnte über die
Anwesenheit ihrer kleinen StieffBrüder anstellete denn sie war fast gar nicht
von ihnen hinweg zu bringen unsere Affen aber machten vor übermäßigen Freuden
ein solches wunderliches Geschrei dergleichen ich von ihnen sonst niemals
gehört als da sie bei dem ersten Kriege siegend zurück kamen erzeigten sich
nachher auch dermaßen geschäfftig dienstfertig und liebkosend um uns und die
Kinder herum dass wir ihnen kaum genung zu verrichten geben konnten
So weit war unser AltVater Albertus selbigen Abend in seiner Erzählung
kommen als er die Zeit beobachtete sich zur Ruhe zu legen worinnen wir andern
ihm Gesellschaft leisteten Des darauf folgenden Sonnabends wurde keine Reise
vorgenommen indem Herr Mag Schmelzer auf seine Predigt studierte wir übrigen
aber denselben Tag auch nicht müßig sondern mit Einrichtung allerhand nötiger
Sachen zubrachten und uns des Abends auf die morgende SabbatsFeier præparir
ten Selbiges war der 26 Sonntag p Trinit an welchem sich etwa eine Stunde
nach geschehenen KanonenSchusse fast alle gesunde Einwohner der Insel unter der
AlbertsBurg versammleten und den Gottesdienst mit eiffrigster Andacht
abwarteten wobei Herr Mag Schmelzer in einer vortrefflichen Predigt die den
Frommen erfreuliche den Gottlosen aber erschröckliche Zukunft Christi zum
Gerichte dermaßen beweglich vorstellete dass sich Alt und Jung ungemein
darüber vergnügten Nachmittags wurde KatechismusExamen gehalten in welchen
Hr Mag Schmelzer sonderlich den Articul vom heil Abendmahl Christi durchnahm
und diejenigen Menschen welche selbiges zu genießen zwar niemals das Glück
gehabt dennoch von dessen heiliger Würde und Nutzbarkeit dermaßen wohl
unterrichtet befand dass er nach einem gehaltenen weitläufftigen Sermon über
diese hochheilige Handelung denen beiden Gemeinden in Alberts und DavidsRaum
ankündigte wie er sich diese ganze Woche hindurch alle Tage ungefähr zwei
oder drei Stunden vor Untergang der Sonnen in der Alleé auf ihrer
GräntzScheidung einstellen wollte deswegen möchten sich alle diejenigen,
welche beiderlei Geschlechts über 14 Jahr alt wären zu ihm versammlen damit
er sie insgesamt und jeden besonders vornehmen und erforschen könnte welche
mit guten Gewissen künftigen Sonnabend zur Beichte und Sonntags darauf zum
heil Abendmahle zu lassen wären indem es billig dass man das neue KirchenJahr
mit solcher höchst wichtigen Handlung anfinge Es entstund hierüber eine
allgemeine Freude zumahlen da er versprach in folgenden Wochen mit den übrigen
Gemeinden auf gleiche Art zu verfahren und immer 2 oder 3 auf einmal zu
nehmen biss er sie ingesamt dieser unschätzbaren Glückseeligkeit teilhaftig
gemacht Hierauf wurden die anwesenden kleinen Kinder von Mons Wolffgangen mit
allerhand Zuckerwerck und SpielSachen beschenckt nach einigen wichtigen
Unterredungen mit den StamVätern aber kehrete ein jeder vergnügt in seine
Behausung
Der anbrechende Montag erinnerte unsern AltVater Albertum nebst uns die
Reise nach ChristophsRaum vorzunehmen als wir deswegen unsern Weg durch den
großen Garten genommen gelangeten wir in der Gegend an welche derselbe zum
GottesAcker und Begräbnis vor die auf dieser Insel verstorbenen ausersehen
hatte Er führte uns so fort zu des Don Cyrillo de Valaro aufgerichteten
GedächtnisSäule die unten mit einem runden Mauerwerck umgeben und woran eine
Zinnerne Tafel geschlagen war die folgende Zeilen zu lesen gab
Hier liegen die Gebeine
eines vermutlich seelig verstorbenen Christen
und vornehmen Spanischen Edelmanns
Nahmens
Don Cyrillo de Valaro
welcher dessen Uhrkunden gemäß
den 9 Aug 1475 geboren
Auf dem Wege aus WestIndien nebst 8 andern
MannsPersonen den 14 Nov 1514 in dieser
Insel angelanget
In Ermangelung eines tüchtigen Schiffs allhier
bleiben müssen
Seine Gefährten die ihm in der Sterblichkeit
vorgegangen ehrlich begraben
und ihnen endlich
ao 1606 ohne Zweiffel in den ersten Tagen
des Monats Julii gefolget
Nachdem er auf dieser Insel
weder recht vergnügt noch gänzlich unvergnügt
gelebt 92 Jahr
Sein ganzes Alter aber gebracht
über 130 Jahr und 10 Monate
Den Rest seines entseelten Körpers haben erstlich
nach 40 Jahren gefunden und auf dieser
Stätte aus christl Liebe begraben
Karl Franz van Leuven und Albertus Julius
Von dieser des Don Cyrillio GedächtnisSäule stunde etwa 4 Schritt
Ostwärts eine ungefähr 6 Elen hohe mit ausgehauenen Steinen aufgeführte
Pyramide auf der eingemauerten großen Kupffernen Platte aber folgende
Schrifft
Unter diesem Grabmahle
erwartet der frölichen Auferstehung zum ewigen
Leben
eine Königin dieses Landes
eine Krone ihres hinterlassenen Mannes
und eine glückseelige StammMutter
vieler Lebendigen
nämlich
CONCORDIA gebohrne PLÜRS
die wegen ihrer Gottesfurcht seltsamen Tugenden
und wunderbaren Schicksals
eines unsterblichen Ruhms würdig ist
Sie ward geboren zu Londen in Engelland
den 4 Apr 1627
Vermählete sich zum ersten mahle mit Herrn
Karl Franz van Leuven den 9 Mart 1646
Gebahr nach dessen kläglichen Tode am 11 Dec
selbigen Jahres von ihm eine Tochter
Verknüpffte das durch MördersHand zerrissene
adeliche EheBand nachher mit
Albert Julio
am 8 Januar 1648
Zeugete demselben 5 Söhne 3 lebendige und
eine tote Tochter
Ersah also in ihrer ersten und andern 68 jährigen
weniger 11 tägigen Ehe 9 lebendige und
1 todes Kind
87 KindesKinder 151 KindesKindesKinder
und 5 KindesKindesKindesKinder
Starb auf den allein seeligmachenden Glauben an
Christum ohne Schmerzen sanft und seelig
den 28 Dec 1715
Ihres Alters 88 Jahr 8 Monat und 2 Wochen
Und ward von ihrem zurückgelassenen getreuen
EheManne und allen Angehörigen unter
tausend Tränen allhier in ihre
Grufft gesenckt
Gleich neben dieser Pyramide stund an des van Leuvens GedächtnisSäule diese
Schrifft
Bei dieser GedächtnisSäule
hoffet auf die ewige glückseelige Vereinigung
mit seiner durch MördersHand
getrenneten Seele
der unglückliche Körper
Herrn CARL FRANZ van LEUVENS
eines frommen tugendhaften und tapffern
EdelManns aus Holland
Der mit seiner herzlichgeliebten Gemahlin
Koncordia geb Plürs
nach Ceilon zu seegeln gedachte
und nicht bedachte
wie ungetreu das Meer zuweilen an denjenigen
handele die sich darauf wagen
Er entkam zwar dem entsetzlichen Sturme 1646
im Monat Augusto glücklich und setzte seinen
Fuß den 10 Sept mit Freuden auf diese Insel
hätte auch unfehlbar dem Verhängnisse
allhier mit ziemlichen Vergnügen
stille gehalten
Allein sein vermaledeiter Gefährte Lemelie der
seine gegen die keusche Koncordia loderenden
geilen Flammen nach dessen Tode gewiss
zu kühlen vermeinte
stürtzte diesen redlichen Kavalier
am Tage Martini 1646
von einem hohen Felsen herab
der nach dreien Tagen erbärmlich zerschmettert
gefunden von seiner schwangern keuschen Gemahlin
und getreuen Diener Albert Julio auf
diese Stätte begraben und ihm gegenwärtiges
Denckmahl gesetzt worden
Etwa anderthalb hundert Schritt von diesen 3 Ehren und Gedächtnis Säulen
fanden wir nahe am Ufer des WestFlusses des Lemelie SchandSeule um welche
herum ein großer Hauffen FeldSteine geworffen war so dass wir mit einiger
Mühe hinzu gelangen und folgende daran genagelten Zeilen lesen konnten
Speie aus gegen diese Seule
Mein Leser
Denn
Allhier muss die unschuldige Erde
das tote Aas des vielschuldigen Lemelie
in ihrem Schoss erdulden
welches im Leben ihr zu einer schändlichen Last
gedienet
Dieses MordKindes rechter Nahme
auch wo wenn und von wem es geboren
ist unbekandt
Doch kurtz vor seinem erschrecklichen Ende
hat er bekannt
Dass Vater Mutter Kinder und vieler andern
Menschen Mord BlutSchande Hurerei Gifftmischen
ja alle ersinnliche Laster sein Handwerck
von Jugend an gewesen
Karl Franz van Leuvens unschuldigvergossenes
Blut schreiet auf dieser Insul biss an den
jüngsten Tag
Rache über ihn
Indem aber dasselbe kaum erkaltet war
hatte sich der MordHund schon wiederum gerüstet
eine neue MordTat an dem armen Albert
Julio zu begehen weil sich dieser unterstund seiner
geilbrünstigen Gewalttätigkeit bei der
keuschen Koncordia zu widerstehen
Aber
da die Bosheit am größten
war die Straffe am nächsten
denn das Kind der Finsternis lief in der Finsternis
derselben entgegen
und wurde
von dem unschuldigverwundeten
ohne Vorsatz
tötlich doch schuldig verwundet
Dem ungeacht schien ihm
die Busse und Bekehrung unmöglich
das Zureden seiner Beleidigten unnützlich
Gottes Barmhertzigkeit unkräfftig
die Verzweiffelung aber unvermeidlich
stach sich deswegen mit seinem Messer selbst das
ruchlose Hertz ab
Und also
starb der HöllenBrand als ein Vieh
welcher gelebt als ein Vieh
und wurde allhier eingescharrt als ein Vieh
den 10 Decembr 1646
von
Albert Julio
Der HErr sei Richter zwischen
uns und dir
Wir bewunderten hierbei allerseits unsers AltVaters Alberti besonderen Fleiß
und Geschicklichkeit brachten noch über eine Stunde zu die andern
GrabStätten welche alle mit kurzen Schrifften bezeichnet waren zu besehen
und verfolgten hernachmahls unsern Weg auf ChristophsRaum zu Selbige
PflantzStätte bestund aus 14 WohnHäusern und führten die Einwohner gleich
den andern allen eine sehr gute Hausshaltung hatten im übrigen fast eben
dergleichen Feld Weinbergs und WasserNutzung als die JohannisRaumer
Sonsten war allhier die erste HauptSchleuse des NordFlusses nebst einer
wohlgebaueten Brücke zu betrachten Im GartenBau und Erzeugung herrlicher
BaumFrüchte schienen sie es fast allen andern zuvor zu tun Nachdem wir aber
ihre FeldFrüchte Weinberge und alles merckwürdige wohl betrachtet und bei
ihnen eine gute MittagsMahlzeit eingenommen hatten kehreten wir bei guter Zeit
zurück auf AlbertsBurg
Herr Mag Schmeltzer begab sich von dar versprochener maßen in die Davids
Raumer Alleé um seinen heiligen Verrichtungen obzuliegen wir andern halffen
indessen mit größter Lust bei der GrundMauer der Kirche dasjenige verrichten
was zu besserer Fortsetzung dabei vonnöten war Nach Untergang der Sonnen aber
da Herr Mag Schmeltzer zurück gekommen war und die AbendMahlzeit mit uns
eingenommen hatte setzten wir uns in gewöhnlicher Gesellschaft wieder
zusammen und hörten dem AltVater Alberto in Fortsetzung seiner
GeschichtsErzählung dergestalt zu
Meine Lieben fing er an ich erinnere mich dass meine letzten Reden das
besondere Vergnügen erwehnet haben welches ich nebst meiner lieben EheGattin
über unsere erstgebohrnen Zwillinge empfand und muss nochmals wiederholen dass
selbiges unvergleichlich war zumahl da meine Liebste nach redlich
ausgehaltenen 6 Wochen ihre gewöhnliche HausArbeit frisch und gesund
vornehmen konnte Wir lebten also in dem allerglückseeligsten Zustande von der
Welt indem unsere Gemüter nach nichts anders sich sehneten als nach dem was
wir täglich erlangen und haben konnten das Verlangen nach unserm Vaterlande aber
schien bei uns allen beiden ganz erstorben zu sein so gar dass ich mir nicht
die allergeringste Mühe mehr gab nach vorbei fahrenden Schiffen zu sehen Kam
uns gleich die TagesArbeit öfters etwas sauer an so konnten wir doch Abends
und des Nachts desto angenehmer ausruhen wie sich denn öfters viele Tage und
Wochen ereigneten in welchen wir nicht aus dringender Not sondern bloß zur
Lust arbeiten durfften
Die kleine Koncordia fing nunmehr an da sie vollkommen deutlich und zwar
so wohl Teutsch als Englisch reden gerlernt das angenehmste und
schmeichelhafteste Kind als eines in der ganzen Welt sein mag zu werden
weswegen wir täglich viele Stunden zubrachten mit selbiger zu schertzen und
ihren artigen KinderStreichen zuzusehen ja zum öffteren uns selber als Kinder
mit anzustellen genötigt waren
Allein meine lieben Freunde sagte hier unser AltVater indem er ein
großes geschriebenes Buch aus einem Behältnis hervor langete es kommt mir
teils unmöglich teils unnützlich und allzu langweilig vor wenn ich alle
Kleinigkeiten die nicht besonders merckwürdig sind vorbringen wollte deswegen
will die Weitläufftigkeiten und dasjenige worvon ihr euch ohnedem schon eine
zulängliche Vorstellung machen könnt vermeiden mit Beihülffe dieses meines
Zeit aber nur die denckwürdigsten Begebenheiten nachfolgender Tage und Jahre
biss auf diese Zeit erzählen
Demnach kam uns sehr seltsam vor dass zu Ende des Monats Junii 1649 auf
unserer Insel ein ziemlich kalter Winter einfiel indem wir damals binnen 3
Jahren das erste Eis und SchneeFlocken auch eine ziemliche kalte Luft
verspüreten doch da ich noch im Begriff war unsere Wohnung gegen dieses
Ungemach besser als sonsten zu verwahren wurde es schon wieder gelinde
Wetter und dieser harte Winter hatte in allen kaum 16 oder 17 Tage gedauret
Im Jahr 1650 den 16 Mart beschenckte uns der Himmel wiederum mit einer
jungen Tochter welche in der heil Tauffe den Nahmen Maria bekam und im
folgenden 1651ten Jahre wurden wir abermals am 14 Dec mit einem jungen Sohne
erfreut welcher den Nahmen Johannes empfing Dieses Jahr war wegen ungemeiner
Hitze sehr unfruchtbar an Getreide und andern Früchten gab aber einen
vortrefflichen WeinSeegen und weil von vorigen Jahren noch starcker
GetreideVorrat vorhanden wussten wir dennoch von keinen Mangel zu sagen
Das 1652te Jahr schenckte einen desto reichlichern GetreideVorrat
hergegen wenig Wein Mitten in der Weinlese starben unsere 2 ältesten Affen
binnen wenig Tagen kurtz auf einander wir bedaureten diese 2 klügsten Tiere
hatten aber doch noch 4 Paar zu unserer Bedienung weil sich die ersten 3 Paar
stark vermehret wovon ich aber nur 2 paar junge Affen leben ließ und die
übrigen heimlich ersäuffte damit die Gesellschaft nicht zu mächtig und
mutwillig werden möchte
Im Jahr 1653 den 13 May kam meine werte EheGattin abermals mit einer
gesunden und wohlgestallten Tochter ins WochenBette die in der Heil Tauffe
den Nahmen Elisabet empfing Also hatten wir nunmehr 3 Söhne und 3 Töchter
welche der fleißigen Mutter Arbeit und Zeitvertreib genung machen konnten
Selbigen Winters fing ich an mit Koncordien Albert u Stephano täglich
etliche Stunden Schule zu halten indem ich ihnen die Buchstaben vormahlete und
kennen lehrete fand auch dieselben so gelehrig dass sie mit Ausgang des
Winters schon ziemlich gut Teutsch und Englisch buchstabiren konnten außer dem
wurden ihnen von der Mutter die nützlichsten Gebeter und Sprüche aus der Bibel
gelehret so dass wir sie mit größten Vergnügen bald Teutsch bald Englisch die
Morgen Abend und TischGebeter vor dem Tische konnten beten hören und sehen
Meine liebe Frau durfte mir nunmehr bei der Feld und andern sauren Arbeit
wenig mehr helfen sondern musste sich schonen um die Kinder desto besser und
geduldiger zu warten ich hergegen ließ es mir mit Beihülffe der Affen desto
angelegener sein die nötigsten NahrungsMittel von einer Zeit zur andern zu
besorgen
Am ersten Heil ChristTage anno 1655 brachte meine angenehme EheLiebste
zum andern mahle ein paar ZwillingsSöhne zur Welt die ich zum Gedächtnis ihres
schönen GeburtsTages den ersten Christoph und den andern Christian tauffte
die arme Mutter befand sich hierbei sehr übel doch die Krafft des Allmächtigen
halff ihr in etlichen Wochen wiederum zu völliger Gesundheit
Das 1656te Jahr ließ uns einen ziemlich verdrießlichen Herbst und Winter
verspüren indem der Erstere ungemein viel Regen der Letztere aber etwas
starke Kälte und vielen Schnee mit sich brachte es war deswegen so wohl die
darauf folgende Erndte als auch die WeinLese kaum des vierdten Teils so
reichlich als im vorigen Jahren und dennoch war vor uns unsere Kinder Affen
und ander Vieh alles im Uberflusse vorhanden
Im 1657ten Jahre den 22 Septembr gebahr meine fruchtbare EheLiebste noch
eine Tochter welche Christina genannt wurde und im 1660ten Jahre befand sich
dieselbe zum letzten mahle schwangeres Leibes denn weil sie eines Tages da wir
am Ufer des Flusses hinwandelten unversehens strauchelte einen schweren Fall
tat und unfehlbar im Fluße ertruncken wäre woferne ich sie nicht mit selbst
eigener LebensGefahr gerettet hätte war sie dermaßen erschreckt und innerlich
beschädigt worden dass sie zu unser beiderseits größten Leidwesen am 9 Jul
eine unzeitige tote Tochter zur Welt nachher aber über zwei ganzer Jahr
zubrachte ehe die vorige Gesundheit wieder zu erlangen war
Nach Verlauf selbiger Zeit befand sich mein werter EheSchatz zwar
wiederum bei völligen Kräften und sah in ihrem 35ten Jahre noch so schön und
frisch aus als eine Jungfrau hat aber doch niemals wiedrum ins WochenBette
kommen können Gleichwol wurden wir darüber nicht ungeduldig sondern danckten
GOTT dass sich unsere 9 lieben Kinder bei völliger LeibesGesundheit befanden
und in Gottesfurcht und Zucht heran wuchsen wie ich denn nicht sagen kann dass
wir Ursach gehabt hätten uns über eins oder anderes zu ärgern oder die
Schärffe zu gebrauchen sondern muss gestehen dass sie bloß auf einen Winck und
Wort ihrer Eltern alles taten was von ihnen verlanget wurde und eben dieses
schrieben wir nicht schlechter dings unserer klugen Auferziehung sondern einer
besonderen Gnade Gottes zu
Meine StiefTochter Koncordia die nunmehr ihre Mannbaren Jahre erreichte
war gewiss ein Mägdlein von aussbündiger Schönheit Tugend Klugheit und
Gottesfurcht und wusste die Hausshaltung dermaßen wohl zu führen dass ich und
ihre Mutter sonderlich eine große Erleichterung unserer daher gehabten Mühe
und Arbeit verspüreten Selbige meine liebe EheGattin musste sich also mit
Gewalt gute Tage machen und ihre Zeit bloß mit der kleinsten Kinder Lehrung und
guter Erziehung vertreiben Meine zwei ältesten Zwillinge hatte ich mit
Göttlicher Hilfe schon so weit gebracht dass sie den kleineren Geschwister das
Lesen Schreiben und Beten wiederum beibringen konnten ich aber informirte
selbst alle meine Kinder früh Morgens 2 Stunden und Abends auch so lange Ihre
Mutter löste mich hierinnen ordentlich ab die übrige Zeit mussten sie mit
nützlicher Arbeit so viel ihre Kräffte vermochten hinbringen das
SchiessGewehr brauchen lernen Fische Vogel Ziegen und Wildpret einfangen in
Summa sich in Zeiten so gewöhnen als ob sie so wohl als wir Zeit Lebens auf
dieser Insul bleiben sollten
Immittelst erzehlten wir Eltern unsern Kindern öfters von der LebensArt
der Menschen in unsern Vaterländern und andern WeltTeilen auch von unsern
eigenen Geschichten so viel als ihnen zu wissen nötig war spüreten aber
niemals dass nur ein eintziges von ihnen Lust bezeigte selbige Länder oder
Örter zu sehen worüber sich meine EheFrau herzlich vergnügte allein ich
unterdrückte meinen seit einiger Zeit wieder aufgewachten Kummer biss eines
Tages unsere ältesten zwei Söhne eiligst gelauffen kamen und berichteten Wie
dass sich ganz weit in der offenbaren See 3 große Schiffe sehen ließ
worauff sich unfehlbar Menschen befinden würden Ihre Mutter gab ihnen zur
Antwort Lasst sie fahren meine Kinder weil wir nicht wissen ob es gute oder
böse Menschen sind Ich aber wurde von meinen GemütsBewegungen dergestalt
übermeistert dass mir die Augen voll Tränen lieffen und solches zu verbergen
ging ich stillschweigend in die Kammer und legte mich mit Seuffzen aufs Lager
Meine Koncordia folgte mir auf dem Fuße nach breitete sich über mich und
sagte nachdem sie meinen Mund zum öffteren liebreich geküsset hatte Wie ists
mein liebster Schatz seid ihr der glückseeligen LebensArt und eurer bisher
so herzlich geliebten Koncordia vielleicht schon auch gänzlich überdrüssig
weil sich eure Sehnsucht nach anderer Gesellschaft aufs neue so stark verrät
Ihr irret euch meine Allerliebste gab ich zur Antwort oder wollt etwa die
erste Probe machen mich zu kräncken Glaubet aber sicherlich zumahl wenn ich
GOTT zum Zeugen anruffe dass mir gar nicht in die Gedanken kommen ist von hier
hinweg zu reisen oder euch zum Verdruss mich nach anderer Gesellschaft zu
sehnen sondern ich wünsche von Hertzen meine übrige LebensZeit auf dieser
glückseeligen Städte mit euch in Ruhe und Friede hin zu bringen zumal da wir
das schwerste nunmehr mit GOTTES Hilfe überwunden und das größte Vergnügen an
unsern schönen Kindern annoch in Hoffnung vor uns haben Allein sagt mir um
Gottes willen warum sollen wir uns nicht nunmehr da unsere Kinder ihre
Mannbaren Jahre zu erreichen beginnen nach andern Menschen umsehen glaubt ihr
etwa GOTT werde sogleich 4 Männer und 5 Weiber vom Himmel herab fallen
lassen um unsere Kinder mit selbigen zu begatten Oder wollt ihr dass
dieselben so bald der natürliche Trieb die Vernunft und Frömmigkeit
übermeistert BlutSchande begehen und einander selbst heiraten sollen Da sei
GOTT vor Ihr aber mein Schatz sagt mir nun wie eure Meinung über meine
höchst wichtigen Sorgen ist ob wir nicht Sünde und Schande von unsern bisher
wohlerzogenen Kindern zu befürchten haben und ob es Wohlgetan sei wenn wir
durch ein und andere Nachlässigkeit Gottes Allmacht ferner versuchen wollen
Meine Koncordia fing herzlich an zu weinen da sie mich in so
ungewöhnlichen Eifer reden hörte jedoch die treue Seele umfassete meinen Hals
und sagte unter hundert Küssen Ihr habt recht mein allerliebster Mann und
sorget besser und vernünftiger als ich Verzeihet mir meine Fehler und glaubt
sicherlich dass ich dergleichen Blutschändlich Ehen zu erlauben niemals
gesinnt gewesen allein die Furcht vor bösen Menschen die sich etwa unseres
Landes und unserer Güter gelüsten lassen euch ermorden mich und meine Kinder
schänden und zu Sklaven machen könnten hat mich jederzeit angetrieben zu
wiederraten dass wir uns frembden und unbekannten Leuten entdeckten die
vielleicht auch nicht einmal Christen sein möchten Anbei habe mich beständig
darauf verlassen dass Gott schon von ungefähr Menschen hersenden würde die
uns etwa abführeten oder unser Geschlecht vermehren hülffen Jedoch mein
allerliebster Julius sagte sie weiter ich bekenne dass ihr eine stärckere
Einsicht habt als ich darum geht hin mit unsern Söhnen und versuchet ob ihr
die vorbeifahrenden Schiffe anhero ruffen könnt GOTT gebe nur dass es
Christen und redliche Leute sind
Dieses war also der erste und letzte Zwietracht den ich und meine liebe
EheFrau untereinander hatten wo es anders ein Zwietracht zu nennen ist So
bald wir uns aber völlig verglichen lief ich mit meinen Söhnen weil es noch
hoch am Tage war auf die Spitzen des NordFelsens schossen unsere Gewehre los
schryen wie törichte Leute machten Feuer und Rauch auf der Höhe und trieben
solches die ganze Nacht hindurch allein außer etlichen Stückschüssen hörten
wir weiter nichts sahen auch bei aufgehender Sonne keines von den Schiffen
mehr wohl aber eine stürmische düstere See woraus ich schloss dass die Schiffe
wegen widerwärtigen Windes unmöglich anländen können wie gern sie vielleicht
auch gewolt hätten
Ich konnte mich deswegen in etlichen Tagen nicht zufrieden geben doch meine
EheFrau sprach mich endlich mit diesen Worten zufrieden Bekümmert euch nicht
allzusehr mein werter Albert der HErr wirds versehen und unsere Sorgen
stillen ehe wirs vielleicht am wenigsten vermuten
Und gewiss der Himmel ließ auch in diesem Stücke ihre Hoffnung und festes
Vertrauen nicht zu schanden werden denn etwan ein Jahr hernach da ich am Tage
der Reinigung Mariä 1664 mit meiner ganzen Familie Nachmittags am MeerUfer
spazieren ging ersahn wir mit mäßiger Verwunderung dass nach einem daherigen
heftigen Sturme die schäumenden Wellen nachdem sie sich gegen andere
unbarmhertzig erzeiget uns abermals einige vermutlich gute Waren zugeführet
hatten Zugleich aber fielen uns von ferne zwei Menschen in die Augen welche
auf einen großen SchiffsBalcken sitzend sich an statt der Ruder mit ihren
bloßen Händen äußerst bemüheten eine von den vor uns liegenden SandBäncken
zu erreichen und ihr Leben darauf zu erretten Indem nun ich nur vor wenig
Monaten das kleine Boot durch dessen Hilfe ich am allerersten mit Mons van
Leuven bei dieser FelsenInsul angelanget war aussgebessert hatte so wagte ich
nebst meinen beiden ältesten Söhnen die nunmehr in ihr 16tes Jahr gingen
hinnein zu treten und diesen Notleidenden zu Hilfe zu kommen welche unserer
aber nicht eher gewahr wurden biss unser Boot von ungefähr sehr heftig an
ihren Balcken stieß so dass der eine aus Mattigkeit herunter ins Wasser fiel
Doch da ihm meine Söhne das Seil woran wir das Boot zu befestigen pflegten
hinaus wurffen raffte er alle Kräffte zusammen hielt sich feste dran und ward
also von uns ganz leichtlich ins Boot herein gezogen Dieses war ein alter fast
ganz grau gewordener Mann der andere aber dem dergleichen Gefälligkeit von
uns erzeigt wurde schien ein Mann in seinen besten Jahren zu sein
Man merkte sehr genau wie die TodesAngst auf ihren Gesichtern ganz
eigentlich abgemahlet war da sie zumal uns ganz starr ansahen jedoch nicht
ein eintziges Wort aussprechen konnten endlich aber da wir schon einen
ziemlichen Strich auf der Zurückfart getan fragt ich den Alten auf deutsch
Wie er sich befände allein er schüttelte sein Haupt und antwortete im
Englischen dass er zwar meine Sprache nicht verstünde gleichwol aber merkte
wie es die teutsche Sprache sei Ich fing hierauf sogleich an mit ihm Englisch
zu reden weswegen er mir augenblicklich die Hände küsste und mich seinen Engel
nennete Meine beiden Söhne klatschten deswegen in ihre Hände und fingen ein
FreudenGeschrei an gaben sich auch gleich mit dem jungen Manne ins Gespräche
welcher alle beide umarmete und küsste auch ihnen auf ihre einfältigen Fragen
liebreiche Antwort gab Doch da ich merkte dass die beiden Verunglückten vor
Mattigkeit kaum die Zunge heben und die Augen auftun konnten ließ wir
dieselben ungestöhrt und brachten sie halb schlaffend an unsere FelsenInsul
Meine Koncordia hatte binnen der Zeit beständig mit den übrigen Kindern auf
den Knien gelegen und GOTT um unsere glückliche Zurückkunft angerufft weil sie
dem sehr alten und geflickten Boote wenig zu getrauet deswegen war alles desto
frölicher da wir in Gesellschaft zweier andern Menschen bei ihnen ankamen Sie
hatte etwas Vorrat von Speisen und Getränke vor unsere Kinder bei sich
welches den armen Frembdlingen gereicht wurde So bald nun selbiges mit größter
Begierde in ihren Magen geschickt war merkte man wohl dass sie herzlich gern
weiter mit uns reden wollten allein da sie bereits so viel zu verstehen gegeben
wie sie nunmehr 3 Nächte und 4 Tage ohne Schlaff und Ruhe in den Meeres
Wellen zugebracht hätten konnten wir ihnen nicht verargen dass sie uns fast
unter den Händen einschlieffen brachten aber doch beide wiewol mit großer
Mühe durch den holen Weg hinauff in die Insul
Daselbst suncken sie als recht ohnmächtige Menschen ins Grass nieder und
verfielen in den tieffsten Schlaff Meine beiden ältesten Söhne mussten bei ihnen
sitzen bleiben ich aber ging mit meiner übrigen Familie nach Hause nahm zwei
Rollwagen spannete vor jeden 4 Affen kehrete damit wieder um legte die
Schlaffenden ohne einzige Empfindung drauff und brachte dieselben mit
einbrechender Nacht in unsere Behausung auf ein gutes Lager welches ihnen
mitlerweile meine HausFrau bereitet hatte Beide wachten fast zu gleicher Zeit
nicht früher auf als andern Tages ungefähr ein paar Stunden vor Untergang der
Sonnen und so bald ich dessen vergewissert war ging ich zu ihnen in die
Kammer legte vor jeden ein gut Kleid nebst weißer Wäsche hin bat sie möchten
solches anlegen nachher zu uns heraus kommen
Indessen hatte meine HausFrau eine köstliche Mahlzeit zubereitet den
besten Wein und ander Getränke zurechte gesetzt auch sich nebst ihren Kindern
ganz sauber angekleidet Wie demnach unsere Gäste aus der Kammer traten fanden
sie alles in der schönsten Ordnung und blieben nach verrichteter Begrüßung als
ein paar steinerne Bilder stehen Meine Kinder mussten ihnen das WaschWasser
reichen welches sie annahmen und um Erlaubnis baten sich vor der Tür zu
reinigen Ich gab ihnen ohne eitle Zeremonien zu verstehen wie sie allhier als
unfehlbar gute christliche Menschen ihre beliebige Gelegenheit brauchen
könnten weswegen sie sich außerhalb des Hauses in der freien Luft völlig
ermunterten nachher wieder zu uns kehreten da denn der alte ungefähr 60
jährige Mann also zu reden anfing O du gütiger Himmel welch ein schönes
Paradiess ist dieses sagt uns doch o ihr glückseeligen Einwohner desselben ob
wir uns unter Engeln oder sterblichen Menschen befinden denn wir können biss
diese Stunde unsere Sinnen noch nicht überzeugen ob wir noch auf der vorigen
Welt leben Oder durch den zeitlichen Tod in eine andere Welt versetzt sind
Liebsten Freunde gab ich zur Antwort es ist mehr als zu gewiss dass wir eben
solche mühseelige und sterbliche Menschen sind als ihr Vor nunmehr fast 18
Jahren hat ein besonderes Schicksaal mich und diese meine werte EheGattin auf
diese Insul geführet die allhier in Ordnung stehenden 9 Kinder aber sind
binnen solcher Zeit und in solcher Einsamkeit von uns entsprossen und außer
uns die wir hier beisammen sind ist sonst keine menschliche Seele mehr auf der
ganzen Insul anzutreffen Allein fuhr ich fort wir werden Zeit und
Gelegenheit genung haben hiervon weitläufftiger mit einander zu sprechen
deswegen lasset euch gefallen unsere Speisen und Getränke zu kosten damit
eure in dem Meere verlohrnen Kräffte desto geschwinder wieder hergestellet
werden
Demnach setzten wir uns zu Tische aßen und truncken ingesammt mit größten
appetite nach billigen vergnügen So bald aber das DanckGebet gesprochen war
und der Alte vermerckte dass so wohl ich als meine Koncordia von beiderseits
Stande und Wesen gern benachrichtiget sein möchten vergnügte er unsere
Neugierigkeit mit einer weitläufftigen Erzählung die biss Mitternacht währete
Ich aber will von selbiger nur kürtzlich so viel melden dass er sich Amias
Hulter nennete und vor etlichen Jahren ein Pachtmann verschiedener Königlicher
KüchenGüter in Engelland gewesen war Sein Gefährte hieß Robert Hulter und war
des Amias leiblichen Bruders Sohn Ferner vernahmen wir mit Erstaunen dass die
aufrührischen Engelländer im Jahr 1649 den 30 Jan also 2 Jahr und 8 Monat
nach unserer Abreise ihren guten König Karln grausamer Weise entauptet und
dass sich nach diesem einer Nahmens Oliverius Cromwel von Geschlecht ein
bloßer Edelmann zum Beschützer des Reichs aufgeworffen hätte dem anno 1658
sein Sohn Richard Cromwel in solcher Würde gefolget aber auch bald im
folgenden Jahr wieder abgesetzt wäre worauff vor nunmehr fast 3 Jahren die
Engelländer einen neuen König nämlich Karln den Andern erwählet und unter
dessen Regierung itzo ziemlich ruhig lebten
Der gute Amias Hülter welcher ehedessen bei dem entaupteten König Karln in
großen Gnaden gewesen ein großes Gut erworben doch aber niemals
geheiratet war in solcher Unruhe fast um alles das Seinige gekommen aus dem
Lande gejagt worden und hatte kaum so viel gerettet eine kleine Handlung über
Meer anzufangen wobei er nach und nach zwar wiederum ein ziemliches erworben
und dasselbe seinem Bruder Joseph Hülter in Verwahrung gegeben Dieser sein
Bruder aber hatte die Reformirte Religion verlassen sich nach Portugall
gewendet daselbst zum andern mahle geheiratet und sein zeitliches Glück
ziemlich gemacht Allein dessen Sohn Robert war mit seines Vaters LebensArt
und sonderlich mit der ReligionsVeränderung nicht allerdings zufrieden
gewesen deswegen annoch in seinen JünglingsJahren mit seinem Vetter Amias zu
Schiffe gegangen und hatte sich bei demselben in WestIndien ein ziemliches an
Gold und andern Schätzen gesammlet Da aber vor einigen Monaten die
Versicherung eingelauffen dass nunmehr unter der Regierung König Karls des
Andern in Engelland wiederum gute Zeiten wären hatten sie Brasilien verlassen
und sich auf ein Schiff verdingt um mit selbigen nach Portugall von dar aber
zurück nach Engelland als in ihr Vaterland zu reisen und sich bei dem neuen
König zu melden Allein ihr Vorhaben wird durch das widerwärtige Verhängnis
zeitlich unterbrochen indem ein grausamer Sturm das Schiff von der ordentlichen
Straße ab und an verborgene Klippen führt allwo es bei nächtlicher Zeit
zerscheitert und seine ganze Ladung an Menschen und Gütern in die wilden
Fluten wirfft In solcher TodesAngst ergreiffen Amias und Robert denjenigen
Balcken von welchen wir sie nachdem die armen Menschen 3 Nachte und 4 Tage
ein Spiel des Windes und der Wellen gewesen endlich noch eben zur rechten Zeit
zu erlösen das Glück hatten
Meine Koncordia wollte hierauf einige Nachricht von den Ihrigen einziehen
konnte aber nichts weiter erfahren als dass Amias ihren Vater zwar öfters
gesehen gesprochen auch ein und andern GeldVerkehr mit ihm gehabt im übrigen
aber wusste er von dessen HausWesen nichts zu melden außer dass er im 1648ten
Jahre noch im guten Stande gelebt hätte Hergegen wusste Robert der bisher
wenig Worte gemacht sich noch ganz wohl zu erinnern dass er zu der Zeit als
er noch ein Knabe von 12 oder 13 Jahren gewesen vernommen wie dem Banquier
Plürs eine Tochter Nahmens Koncordia von einem Kavalier entführet worden sei
wo sie aber hin oder ob dieselbe wieder zurück gebracht worden wisse er nicht
eigentlich zu sagen
Wir berichteten ihnen demnach dass sie allhier eben diese Koncordia Plürs
vor sich sähen versprachen aber unsere Geschichte morgendes Tages ausführlicher
zu erzählen und legten uns nachdem wir die AbendBetStunde in Englischer
Sprache gehalten sämtlich zur Ruhe
Ich nahm mir nebst meiner HausFrauen von nun an nicht das geringste
Bedenken diesen beiden Gästen und LandsLeuten welchen die Redlichkeit aus
den Augen leuchtete und denen die Gottesfurcht sehr angenehm zu sein schien
alles zu offenbaren was sich von Jugend an und sonderlich auf dieser Insul mit
uns zugetragen hatte Nur eintzig und allein verschwiegen wir ihnen des Don
Cyrillo vermaureten großen Schätze hatten aber dennoch außer diesem so viel
Reichtümer an Gold Silber edlen Steinen und andern Kostbarkeiten aufzuweisen
dass sie darüber erstauneten und vermeinten es wäre weder in Engelland noch
sonst wo ein Kauffmann oder wohl noch weit größere StandesPerson außer
großen Potentaten anzutreffen die sich Bemittelter zeigen könnte als wir Dem
ungeacht gab ich ihnen deutlich zu vernehmen dass ich und meine HausFrau
diese Sachen sehr gering das Vergnügen aber auf dieser Insul in Ruhe ohne
Verfolgung Kummer und Sorgen zu leben desto höher schätzten und bäten GOTT
weiter um keine mehrere Glückseeligkeit als dass er unsern Kindern fromme
christliche Ehegatten anhero schicken möchte die da Lust hätten auf dieser
Insul mit ihnen in Ruhe und Friede zu leben weil dieselbe im Stande sei ihre
Einwohner fast mit allem was zur Leibes Nahrung und Notdurfft gehörig
reichlich und überflüssig zu versorgen
Ich vermerckte unter diesen meinen Reden dass dem jungen Hülter das Geblüte
ziemlich ins Angesichte trat da er zugleich seine Augen recht sehnlich auf
meine schöne und tugendvolle StieffTochter warff jedoch nicht eher als nach
etlichen Tagen durch seinen Vetter Amias bei mir und meiner Frauen um selbige
anhalten ließ Da nun ich und dieselbe schon dessfalls mit einander geheime
Abrede genommen ließ wir uns die Werbung dieses wohlgebildeten und frommen
jungen Mannes gefallen versprachen ihm binnen 4 Wochen unsere Tochter ehelich
zuzuführen doch mit der Bedingung wenn er mit guten Gewissen schweren könnte
und wollte dass er 1 noch unverheiratet sei 2 Unserm Gottesdienste und
Glauben sich gleichförmig erzeigen 3 Friedlich mit seiner Frau und uns
leben und 4 Sie wieder ihren willen niemals verlassen oder von dieser
Insul außer der dringenden Not hinweg führen sondern Zeit Lebens allhier
bleiben wolle Der gute Robert schwur und versprach alles zu erfüllen was wir
von ihm begehreten und setzte hinzu Dass dieses schöne TugendBild nämlich
seine zukünftige EheLiebste Reitzungen im Uberflusse besäße alle Sehnsucht
nach andern Ländern Menschen und Schätzen zu vertreiben Hierauff wurde das
Verlöbnis gehalten wobei wir alle vor Freuden weineten absonderlich der alte
Amias welcher hoch beteuerte Dass wir bei unserm SchwiegerSohne das
allerredlichste Gemüte auf der ganzen Welt angetroffen hätten welches sich
denn auch GOTT sei Danck nachher in allen Fällen also eräusert hat
Nun beklage ich sagte der alte Amias dass von meinen LebensJahren nicht
etwa 30 oder wenigstens 20 können abgekaufft werden um auch das Glück zu
haben euer SchwiegerSohn zu sein jedoch weil dieser Wunsch vergeblich ist und
ich einmal veraltet bin so will nur GOTT bitten dass er mich zum Werckzeuge
gebrauchen möge Vor eure übrigen Kinder Ehegatten anhero zu schaffen Ich habe
verfolgte er keine törichten Einfälle hierzu will also nur GOTT und etwas
Zeit zu Hilfe nehmen
Folgende Tage wurde demnach alles zu dem abgeredeten Beilager veranstalltet
und am 14 Mart 1664 solches ordentlich vollzogen an welchem Tage ich als
Vater und Priester das verlobte Paar zusammen gab Ihre Ehe ist so vergnügt und
glücklich als Fruchtbar gewesen indem sie in folgenden Jahren 14 Kinder als
nämlich 5 Söhne und 9 Töchter mit einander gezeuget haben welches mir und
meiner lieben HausFrau zum stetigen Troste und Lust gereichte zumal da unser
SchwiegerSohn aus eigenen Antriebe und hertzlicher Liebe gegen uns seinen
eigenen Geschlechts Nahmen zurück setzte und sich gleich am ersten
HochzeitTage Robert Julius nennete
Wir baueten noch im selbigen Herbst ein neues schönes und räumliches Haus
vor die jungen EheLeute Amias war ihr HausGenosse und dabei ein kluger und
vortrefflicher Arbeiter der meine gemachten Anstalten auf der Insul in kurtzer
Zeit auf weit bessern Fuß bringen halff so dass wir in erwünschten Vergnügen
mit einander leben konnten
Unser Vorrat an Wein Geträyde eingesaltzenen Fleische Früchten und
andern LebensMitteln war dermaßen zu gewachsen dass wir fast keine Gefäße
auch keinen Platz in des Don Cyrillo unterirrdischen Gewölbern selbige zu
verwahren weiter finden konnten dem ungeacht säeten und pflantzten wir doch
Jahr aus Jahr ein und speiseten die Affen deren nunmehr etliche 20 zu
unsern Diensten waren von dem Uberflusse hätten aber dennoch im 1666ten Jahre
ohne unsern Schaden gar wohl noch hundert andere Menschen ernehren können da
sich aber niemand melden wollte mussten wir zu unsern größten Leidwesen eine
große Menge des besten Geträydes liederlich verderben lassen
Amias erseuffzete hierüber öfters und sagte eines Abends da wir vor
unsern HausTüren die kühlen AbendLüffte zur Erquickung abwarteten Wie
wunderbar sind doch die Fügungen des Allmächtigen Ach wie viel tausend und
aber tausend sind doch unter den Christen anzutreffen die mit ihrer saueren
HandArbeit kaum so viel vor sich bringen dass sie sich nach Vergnügen
ersättigen können Die wenigsten Reichen wollen den Armen von ihrem Uberflusse
etwas ansehnliches mitteilen weil sie sich befürchten dadurch selbst in
Armut zu geraten und wir Einwohner dieses Paradieses wollten gern unsern
Nächsten alles was wir haben mitgeniessen lassen so muss es uns aber nur an
Leuten fehlen die etwas von uns verlangen Allein mein wertester Julius fuhr
er fort steht es zu verantworten dass wir allhier auf der faulen Bank liegen
und uns eine kleine Mühe und Gefahr abschrecken lassen zum wenigsten noch so
viel Menschen beiderlei Geschlechts hieher zu verschaffen als zur Beheiratung
eurer Kinder von nöten sein welche ihren mannbaren Alter entgegen gehen und
ohne große Sünde und Schande einander nicht selbst eheligen können Auf
deswegen Lasst uns den behertzten Entschluss fassen ein Schiff zu bauen und
unter starken Vertrauen zu Göttlichem Beistande an das nächstgelegenste Land
oder Insul anfahren wo sich Christen aufhalten um vor eure Kinder Männer und
Weiber daselbst auszusuchen Meine Gedanken sind auf die Insul S Helena
gerichtet allwo sich Portugiesen niedergelassen haben und wenn ich nebst der
Land und SeeCharte die ich bei euch gesehen alle andern Umstände in
Betrachtung ziehe so versichert mich ein geheimer Trieb dass selbige Insul
unsern Wunsch nicht allein erfüllen sondern auch nicht allzu weit von hier
entlegen sein kann
Meine HausFrau und ich stutzten ziemlich über des Amias etwas allzu
gefährlich scheinenden Anschlag ehe wir ihm gehörig darauf antworten und gar
behutsame Einwürffe machen konnten da er aber alle dieselben sehr vernünftig
widerlegte und diese Sache immer leichter machte gab endlich meine Koncordia
den Ausschlag indem sie sagte Lieben Freunde wir wollen uns dieserwegen den
Kopf vor der Zeit nicht zerbrechen versuchet erstlich wie weit es mit eurem
Schiffbau zu bringen ist wird dasselbe fertig und in solchen Zustand gebracht
dass man sich vernunftmäßig darauf wagen und dergleichen gefährliche Reise
vornehmen kann und der Himmel zeigt uns binnen solcher Zeit keine andere Mittel
und Wege unserer Sorgen los zu werden so haben wir nachher noch Zeit genung
Rat zu halten wie es anzufangen auch wer und wie viel von uns mit reisen
sollen
Nachdem diese Meinung von einem jeden gebilliget worden fingen wir gleich
des folgenden Tages an Bäume zu fällen und nachher zu behauen woraus Balken
Bohlen und Breter gehauen werden konnten Auch wurde dasjenige Holz welches uns
die See von zerscheiterten Schiffen zugeführet hatte fleißig zusammen gesucht
doch ein bald darauf einfallendes RegenWetter nebst dem nötigen Acker und
WeinBau verursachten dass wir den SchiffsBau biss zu gelegener und besserer
Zeit aufschieben mussten
Im AugustMonat aber anno 1667 da des Roberts EheFrau allbereit mit der
zweiten Tochter ins WochenBette gekommen war setzten unsere fleißigen Hände
die SchiffsArbeit aufs neue eifferig fort so dass wir mit den vornehmsten Holz
Stücken im April des 1668ten Jahres nach des Amias Abrisse fast völlig fertig
wurden Dem zu Folge wurde unter seiner Anweisung auch eine Schmiede WerkStätte
zu bauen angefangen in welcher die Nägel und anderes zu SchiffBau gehöriges
Eisenwerk geschmiedet und zubereitet werden sollte hatten selbige auch allbereit
in ziemlich guten Stande als eines Tages meine 3 jüngsten Söhne welche
bestellt waren die leichtesten HolzStücke mit Hilfe der Affen ans Ufer zu
schaffen gelauffen kamen und berichteten dass sich nahe an unserer Insul ein
Schiff mit Menschen besetzt sehen ließe weswegen wir ingesamt zwischen Furcht
und guter Hoffnung hinab zum Meer lieffen und ersahn wie bemeldtes Schiff auf
eine der vor uns liegenden SandBänke aufgelauffen war und nicht weiter von der
Stelle kommen konnte Zwei darauf befindliche Männer schienen uns mit ängstlichen
Winken zu sich zu nötigen deswegen sich Robert mit meinen beiden ältesten
Söhnen in unser kleines Boot setzte und zu ihnen hinüber fuhr ein langes
Gespräch hielt und endlich mit 9 frembden Gästen als 3 Weibsund 6
MannsPersonen wieder zu uns kam Allein diese Elenden schienen allesamt den
Toten ähnlicher als den Lebendigen zu sein wie denn auch nur ein WeibsBild
und zwei Männer noch so viel Kräffte hatten mit uns hinauf in die Insul zu
steigen die übrigen sechs welche fast nicht auf die matten Füße treten
konnten mussten hinauf getragen werden
Der alte hocherfahrene Amias erkannte so gleich was sie selber gestehen
mussten nämlich dass sie nicht allein vom Hunger sondern auch durch eine
schlimme See Kranckheit welche der Schaarbock genannt würde in solchen
kläglichen Zustand geraten wären deswegen wurde ihnen so gleich Roberts
Wohnhaus zum KranckenHause eingeräumet anbei von Stund an zur besten
Verpflegung alle Anstalt gemacht
Wir bekümmerten uns in den ersten Tagen so wenig um ihren Stand und Wesen
als sie sich um das unserige doch konnte man mehr als zu wohl spüren wie
vergnügt und erkenntlich ihre Hertzen wegen der guten Bewirtung wären dem allen
ungeacht aber sturben so gleich noch ehe 8 Tage verlieffen eine Weibs und
zwei MannsPersonen und in folgender Woche folgte die 3te MannsPerson weil
das Ubel vermutlich allzu stark bei ihnen eingerissen oder auch wohl keine
Maße im Essen und Trinken gehalten war Die Toten wurden von uns mit großen
Leidwesen ehrlich begraben und die annoch übrigen sehr schwachen desto
fleißiger gepflegt Amias machte ihnen Artzeneien von unsern annoch grünenden
Kräutern und Wurtzeln gab auch keinem auf einmal mehr Speise und Trank als er
vor ratsam hielt woher es nebst Göttlicher Hilfe endlich kam dass sich die
noch übrigen 5 Gäste binnen wenig Wochen völlig erholeten und nicht die
geringsten Merckmale einer Kranckheit mehr verspüreten
Nun sollte ich zwar meine Lieben sagte hiermit unser AltVater Albertus
euch billig noch berichten wer die Frembdlinge gewesen und durch was vor ein
Schicksal selbige zu uns gekommen wären allein mich bedünkt meine Erzählung
möchte solcher Gestalt auf heute allzu lange währen darum will Morgen so es
GOTT gefällt wenn wir von RobertsRaum zurücke kommen damit den Anfang machen
Wir als seine Zuhörer waren auch damit vergnügt und traten folgendes Tages
auf gewöhnliche Weise den Weg nach RobertsRaum an
Hieselbst fanden wir die leiblichen Kinder und fernere Abstammlinge von
Robert Hülter und der jüngeren Koncordia in 16 ungemein zierlich erbaueten
Wohnhäusern ihre gute Wirtschaft führen indem sie ein wohlbestelltes Feld um
und neben sich die Weinberge aber mit den ChristophsRaumern gemeinschaftlich
hatten Der älteste Sohn des Roberts führte uns in seiner seel Eltern Haus
welches er nach deren Tode in Besitz genommen hatte und zeigete nicht allein
eine alte Englische Bibel Gesangund GebetBuch auf welches von dem ganzen
Geschlecht als ein besonderes Heiligtum gehalten wurde sondern nächst diesem
auch allerhand andere kostbare und sehenswürdige Dinge die der StammVater
Robert zum Andencken seiner Klugheit und Geschicklichkeit denen Nachkommen
hinterlassen hatte Auf der äusersten FelsenHöhe gegen Osten war ein
bequemliches WachtHaus erbauet welches wir nebst denen dreien dabei
gepflanzten Stücken Geschützes in Augenschein nahmen und uns dabei über das
viele im Walde herum lauffende Wild sonderlich ergötzten nachher in dem
Robertischen StammHause aufs köstlichste bewirtet wurden doch aber nachdem
diese Gemeine in jedes Haus eine Englische Bibel und GesangBuch nebst andern
gewöhnlichen Geschenken vor die Jugend empfangen hatte zu rechter Zeit den
Rückweg auf AlbertsBurg antraten
Mittlerweile da Herr Mag Schmeltzer in die DavidsRaumer Allee seine
Geistlichen Unterrichtungen fortzusetzen spatzieret war und wir andern mit
größter Begierde am KirchenBau arbeiten halffen hatte unser AltVater Albertus
seine beiden ältesten Söhne nämlich Albertum und Stephanum nebst ihren annoch
lebenden EheWeibern ingleichen den David Julius sonst Rawkin genannt mit
seiner EheFrau Christina welche des AltVaters jüngste Tochter war zu sich
beschieden um die AbendMahlzeit mit uns andern allen einzunehmen da sich nun
selbige nebst Herrn Mag Schmeltzern eingestellet und wir sämtlich gespeist
auch unsere übrige Gesellschafter sich beurlaubt hatten blieben der AltVater
Albertus dessen Söhne Albertus und Stephanus nebst ihren Weibern David und
Christina Hr Mag Schmeltzer Mons Wolffgang und ich also unser 10 Personen
beisammen sitzen da denn unser AltVater also zu reden anfing
Ich habe meine lieben Freunde gestern Abend versprochen euch nähern
Bericht von denjenigen Personen zu erstatten die wir im 1668ten Jahre als
ausgehungerte und krancke Leute aufzunehmen das Glück hatten weil aber drei
von demselben annoch am Leben und allhier gegenwärtig sind als nämlich dieser
mein lieber SchwiegerSohn David und denn meine beiden lieben
SchwiegerTöchter des Alberti und Stephani Gemahlinnen so habe vor annehmlicher
erachtet in eurer Gegenwart selbige zu bitten dass sie uns ihre
LebensGeschichte selbst erzählen möchten Ich weiß meine fromme Tochter sagte
er hierauf zu des Alberti jun Gemahlin wie die Kräffte eures vortrefflichen
Verstandes Gedächtnisses und der Wohlredenheit annoch so vollkommen bei euch
anzutreffen sind als alle andere Tugenden ungeacht die Zeit uns alle auf
dieser Insul ziemlich verändert hat Deswegen habt die Güte diesem meinem
Vettern und andern werten Freunden einen eigenmündlichen Bericht von den
Begebenheiten eurer Jugend abzustatten damit sie desto mehr Ursach haben sich
über die WunderHand des Himmels zu verwundern
Demnach stund die bei nahe 80 jährige Matrone deren Gesichts und
LeibesGestalt auch in so hohen Alter noch viele Annehmlichkeiten zeigete von
ihrem Stuhle auf küsste erstlich unsern AltVater setzte sich nachdem sie
sich gegen die übrigen höflich verneiget wiederum nieder und fing ihre
Erzählung folgender maßen an
Es ist etwas schweres meine Lieben dass eine Frau von solchen Jahren als
ich bin annoch von ihrer Jugend reden soll weil gemeiniglich dabei viele
Torheiten vorzukommen pflegen die einem reiffern Verstande verächtlich sind
doch da das menschliche Leben überhaupt ein Zusammenhang vieler Torheiten
wiewohl bei einem mehr als bei dem andern zu nennen ist will ich mich nicht
abschrecken lassen dem Befehle meines herzlich geliebten SchwiegerVaters
Gehorsam zu leisten und die Aufmerksamkeit edler Freunde zu vergnügen welche
mir als einer betagten Frauen nicht verüblen werden wenn ich nicht alles mehr
in behöriger Zierlichkeit und Ordnung vorzubringen geschickt bin
Mein Nahme ist Judit van Manders und bin 1648 eben um selbige Zeit
geboren da die vereinigten Niederländer wegen des allgemeinen
FriedensSchlusses und ihrer glücklich erlangten Freiheit in größten Freuden
begriffen gewesen Mein Vater war einer der ansehnlichsten und reichsten Männer
zu Middelburg in Seeland wohnhaft der der Republic so wohl als seine Vorfahren
gewiss recht wichtige Dienste geleistet hatte auch dieserwegen zu einem
MitGliede des hohen Rats erwehlet worden Ich wurde nebst einer älteren
Schwester und zweien Brüdern so erzogen wie es der Stand und das große
Vermögen unserer Eltern erforderte deren HauptZweck einzig und allein dieser
war aus ihren Kindern Gottesfürchtige und tugendhafte Menschen zu machen Wie
denn auch keines aus der Art schlug als unser ältester Bruder der zwar
jederzeit von außen einen guten Schein von sich gab in Geheim aber allen
Wollüsten und liederlichem Leben oblage Kaum hatte meine Schwester das 16te und
ich mein 14 des Jahr erreicht als sich schon eine ziemliche Anzahl junger
vornehmer Leute um unsere Bekanntschaft bewarben indem meine Schwester
Philippine vor eine der schönsten Jungfrauen in Middelburg gehalten wurde von
meiner GesichtsBildung aber ging die Rede als ob ich ohne Ruhm zu melden
nicht allein meine Schwester sondern auch alles andere Frauenzimmer im Lande an
Schönheit übertreffen sollte Doch schrieb man mir als einen besonders großen
Fehler zu dass ich eines allzu stillen eigensinnigen melancholischen daher
verdrießlichen temperaments wäre dahingegen meine Schwester eine aufgeräumte und
muntere Lebensart blicken ließe
Wiewohl ich mich nun um dergleichen Vorwürfe wenig bekümmerte so war
dennoch gesinnt dergleichen Aufführung bei ein oder anderer Gelegenheit
möglichstens zu verbergen zumalen wenn mein ältester Bruder William dann und
wann frembde Kavaliers in unser Haus brachte Solches war wenige mahl geschehen
als ich schon an einem Jan van Landre genannt einen eiffrigen Liebhaber
wahrnahm dessen ganz besonderer HertzensFreund Joseph van Zutphen meine
Schwester Philippinam ebenfalls aufs äuserste zu bedienen suchte Eines Abends
da wir solcher Gestalt in zulässigen Vergnügen beisammen saßen und aus einem
GlücksTopffe den Joseph van Zutphen mitgebracht hatte allerhand lächerliche
Loose zohen bekam ich unter andern eines worauf geschrieben stund Ich müsste
mich von demjenigen der mich am meisten liebte 10 mahl küssen lassen
Hierüber entstund unter 6 anwesenden MannsPersonen ein Streit welcher mir zu
entscheiden anheim gestellt wurde allein um viele Weitläufftigkeiten zu
vermeiden sprach ich Meine Herren Man gibt mir ohnedem Schuld dass ich
eigensinnig und allzu wunderlich sei deswegen lasset es dabei bewenden und
erlaubet mir dass ich mein Armband auf den Boden der Kammer werffe wer nun
selbiges am ersten erhaschet soll nicht allein mich 10 mahl küssen sondern
auch das Armband zum Angedencken behalten
Dieser Vorschlag wurde von allen mit besonderen Vergnügen angenommen Joseph
aber erwischte am allergeschwindesten das ArmBand welches Jan van Landre der
es an dem äusersten Ende nicht fest halten können ihm überlassen musste Jedoch
er wandte sich zu ihm und sagte mit großer Bescheidenheit Uberlasset mir
mein Bruder nebst diesem Arm Bande euer darauf haftendes Recht wo es euch
gefällig ist zumal da ihr allbereits euer Teil habet und versichert sein
könnt dass ich dergleichen Kostbarkeit nicht umsonst von euch zu empfangen
begehre Allein Joseph empfand dieses Ansinnen dermaßen übel dass er in
heftigster Erbitterung gegen seinen Freund also heraus fuhr Wer hat euch die
Briefe vorgelesen Jan van Landre da ihr behaupten wollt wie ich allbereits
mein Teil habe Und was wollt ihr mit dergleichen niederträchtigen Zumutungen
bei mir gewinnen meint ihr etwa dass mein Gemüt so Pöbelhaft beschaffen als
das eure und dass ich eine Kostbarkeit verkaufen soll die doch weder von euch
noch eurer ganzen Freundschaft nach ihrem Wert bezahlet werden kann?
Verschonet mich deswegen in Zukunft mit solchen törichten Reden oder man
wird euch zeigen wer Joseph van Zutphen sei
Indem nun von diesen beiden jungen Stutzern einer so viel Galle und Feuer
bei sich führte als der andere kam es gar geschwind zum heftigsten
WortStreite und fehlete wenig dass sie nicht ihre DegenKlingen in unserer
Gegenwart gemessen hätten doch auf Zureden anderer wurde unter ihnen ein
ScheinFriede gestifftet der aber nicht länger währete biss auf folgenden
Morgen da beide mit erwählten Beiständen vor der Stadt einen Zwei Kampff unter
sich vornahmen in welchem Joseph von seinem vormahligen HertzensFreunde dem
Jan tötlich verwundet auf dem Platze liegen blieb der Mörder aber seine Flucht
nacht Frankreich nahm von wannen er gar bald an mich die verliebtesten Briefe
schrieb und versprach seine Sachen aufs längste binnen einem halben Jahre
dahin zu richten dass er sich wiederum ohne Gefahr in Middelburg dürffte sehen
lassen wenn er nur sichere Rechnung auf die Eroberung meines Hertzens machen
könnte
Allein bei mir war hinführo weder an die geringste Liebe noch Aussöhnung
vor Jan van Landre zu gedenken und ob ich gleich vor der Zeit seinetwegen mehr
Empfindlichkeit als vor Joseph und andere MannsPersonen in mir verspüret so
löschete doch seine eigene mit Blut besudelte Hand und das klägliche Angedencken
des meinetwegen jämmerlich Entleibten das kaum angezündete Fünklein der Liebe in
meinem Hertzen auf einmal völlig aus mithin vermehrete sich mein angebohrnes
melancholisches Wesen dermaßen dass meinen Eltern dieserhalb nicht allzu wohl
zu Mute wurde indem sie befürchteten ich möchte mit der Zeit gar eine Närrin
werden
Meine Schwester Philippine hergegen schlug ihren erstochenen Liebhaber in
wenig Wochen aus dem Sinne entweder weil sie ihn eben noch nicht stark genug
geliebt oder Lust hatte dessen Stelle bald mit einem andern ersetzt zu sehen
denn sie war zwar voller Feuer jedoch in der Liebe sehr behutsam und eckel
Wenige Zeit hernach stellte sich ein mit allen GlücksGaben wohlversehener
Liebhaber bei ihr dar er hatte bei einer Gasterei Gelegenheit genommen meine
Schwester zu unterhalten sich in sie verliebt den Zutritt in unser Haus
gefunden ihr Herz fast gänzlich gewonnen und es war schon soweit gekommen
dass beiderseits Eltern das öffentliche Verlöbnis zwischen diesen Verliebten
anstellen wollten als dieser mein zukünftiger Schwager vor dem ich mich
jederzeit verborgen gehalten hatte meiner Person eines Tages unverhofft und
zwar in meiner Schwester Zimmer ansichtig wurde Ich wäre ihm gerne entwischt
allein er verrannte mir den Pass so dass ich mich recht gezwungen sah seine
Komplimenten anzuhören und zu beantworten Aber welch ein Unglück entstunde
nicht hieraus Denn der törichte Mensch welcher nicht einmal eine völlige
Stunde mit mir umgangen war veränderte so fort sein ganzes Vorhaben und
wirfft alle Liebe die er bisher eintzig und allein zu meiner Schwester
getragen hatte nunmehr auf mich ließ auch gleich folgendes Tages offenhertzig
bei den Eltern um meine Person anhalten Dieses machte eine ziemliche Verwirrung
in unserm Hause Unsere Eltern wollten diese herrliche Partie durchaus nicht
fahren lassen es möchte auch unter ihren beiden Töchtern betreffen welche es
wollte Meine Schwester stellte sich über ihren ungetreuen Liebhaber halb rasend
an und ungeacht ich hoch und teuer schwur einem solchen Wetterhahne nimmer
mehr die ehlige Hand zu geben so wollte sich doch dadurch keines von allen
Interessenten befriedigen lassen Meine Schwester hätte mich gern mit den Augen
ermordet die Eltern wandten allen Fleiß an uns zu versöhnen und versuchten
bald den wankelmütigen Liebhaber auf vorige Wege zu bringen bald mich zu
bereden dass ich ihm mein Hertz schenken sollte Allein es war so wohl eines als
das andere vergeblich indem ich bei meinem einmal getanen Schwure beständig
zu verharren beschloss und wenn es auch mein Leben kosten sollte
Wie demnach der Wetterhahn sah dass bei mir durchaus nichts zu erhalten
war fing er wiederum an bei meiner Schwester gelinde Sayten aufzuziehen und
diese spielete ihre Person dermaßen schalckhaft biss er sich aus eigenem
Antriebe bequemete sie auf den Knien um Vergebung seines begangenen Fehlers
und um die vormahlige GegenLiebe anzusprechen Allein diese vermeinte
nunmehr erstlich sich völlige Genugtuung vor ihre beleidigte Ehre zu
verschaffen sagte deswegen so bald sie ihn von der Erde aufgehoben hatte
Mein Herr ich glaube dass ihr mich vor einiger Zeit vollkommen geliebt auch so
viel Merckmahle einer hertzlichen GegenLiebe von mir empfangen habt als ein
rechtschaffener Mensch von einem honetten Frauenzimmer verlangen kann Dem
ungeachtet habt ihr euer veränderliches Gemüte unmöglich verbergen können
Jedoch es ist vorbei und es soll euch Seiten meiner alles herzlich vergeben
sein Ich schwere auch zu GOTT dass ich dieser wegen nimmermehr die geringste
Feindschaft gegen eure Person hegen anbei aber auch nimmermehr eure EheGattin
werden will weil die Furcht wegen der zukünftigen Unbeständigkeit so wohl euch
als mir bloß zur beständigen Marter und Quaal gereichen würde
Alle Anwesenden stutzten gewaltig hierüber wandten auch so wohl als der
NeuVerliebte allen Fleiß und Beredsamkeit an meine Schwester auf bessern Sinn
zu bringen jedoch es halff alles nichts sondern der unbeständige Liebhaber
musste wohlverdienter Weise nunmehr bei beiden Schwestern durch den Korb zu
fallen sich belieben lassen
Solcher Gestalt nun wurden wir beiden Schwestern wiederum ziemlich einig
wiewohl die Eltern mit unsern eigensinnigen Köpffen nicht allerdings zufrieden
waren indem sich bei uns nicht die geringste Lust zu heiraten oder wenigstens
mit MannsPersonen umzugehen zeigen wollte
Endlich da nach erwähnten unglücklichen HeiratsTractaten fast
andertalbes Jahr verstrichen war fand ein junger etwa 28 Kavalier allerhand
artige Mittel sich bei meiner Schwester einzuschmeicheln Er hielt starke
Freundschaft mit meinen Brüdern nennete sich Alexander de la Marck und war
seinem Vorgeben nach von dem Geschlecht des Grafens Lumay de la Marck der sich
vor fast 100 Jahren durch die Eroberung der Stadt Briel in Diensten des
Printzen von Oranien einen unsterblichen Ruhm erworben und so zu sagen den
Grund zur Holländischen Republic gelegt hatte Unsere Eltern waren mit seiner
Anwerbung wohl zufrieden weil er ein wohlgestalter bescheidener und kluger
Mensch war der sein großes Vermögen bei allen Gelegenheiten sattsam hervor
blicken ließ Doch wollten sie ihm das Jawort nicht eher geben biss er sich
dessfalls mit Philippinen völlig verglichen hätte Ob nun diese gleich ihre
Resolution immer von einer Zeit zur andern verschob so wurde Alexander dennoch
nicht verdrießlich indem er sich allzuwohl vorstellete dass es aus keiner andern
Ursache geschähe als seine Beständigkeit auf die Probe zu setzen und
gegenteils wusste ihn Philippine jederzeit mit der holdseeligsten doch
ehrbarsten Freundlichkeit zu begegnen wodurch seine Geduld und langes Warten
sehr versüsset zu werden schien
Meiner Schwester Brüdern und ihm zu Gefallen ließ ich mich gar öfters mit
bei ihren angestellten Lustbarkeiten finden doch aber durchaus von keinem
Liebhaber ins Netz bringen ob sich schon viele deswegen ziemliche Mühe gaben
Gallus van Witt unser ehemaliger Liebster gesellete sich nach und nach auch
wieder zu uns ließ aber nicht den geringsten Unmut mehr wegen des empfangenen
Korbes spüren sondern zeigte ein beständiges freies Wesen und sagte
ausdrücklich dass da es ihm im Lieben auf doppelte Art unglücklich ergangen er
nunmehr fest beschlossen hätte nimmermehr zu heiraten Meine Schwester
wünschte ihn also einsmahls dass er dergleichen Sinnen ändern hergegen uns alle
fein bald auf sein HochzeitFest zu seiner vollkommen schönen Liebste einladen
möchte Da er aber hierbei mit dem Kopffe schüttelte sagte ich So recht Mons
de Witt nunmehr bin ich euch vor meine Person desto günstiger weil ihr so
wenig Lust als ich zum Heiraten bezeiget Er errötete hierüber und versetzte
Mademoiselle ich wäre glücklich genung wenn ich nur den geringsten Teil eurer
beider Gewogenheit wieder erlangen könnte und euch zum wenigsten als ein Freund
oder Bruder lieben dürfte ob ihr gleich beiderseits mich zu lieben und ich
gleichfalls das Heiraten überhaupt verredet und verschworen Es wird euch
sagte hierauf Philippine mit solchen Bedingungen jederzeit erlaubt uns zu
lieben und zu küssen
Auf dieses Wort unterstund sich van Witt die Probe mit küssen zu machen
welches wir ihm als einen Schertz nicht verweigern konnten nachher führte er
sich aber bei allen Gelegenheiten desto bescheidener auf
Eines Tages brachten de la Marck und meine Brüder nicht allein den Gallus
de Witt sondern auch einen unbekannten vornehmen SeeFahrer mit sich der erst
neulich von den Bantamischen und Moluccischen Insuln in Middelburg angelanget
war und wie er sagte ehester Tages wieder dahin seegeln wollte Mein Vater
hatte so wohl als wir andern alle ein großes Vergnügen dessen wundersame
Zufälle und den glückseeligen Zustand selbiger Insuln die der Republic so
Vorteilhaftig wären anzuhören schien sich auch kein Bedenken zu nehmen mit
der Zeit einen von seinen Söhnen auf einem Schiffe dahin auszurüsten wozu
denn der Jüngere mehr Lust bezeigte als der Aeltere Damit er aber mit diesem
erfahrnen SeeManne in desto genauere Kundschaft kommen möchte wurde derselbe
in unserm Hause 3 Tage nach einander aufs beste bewirtet Nach deren Verlauff
bat sich der SeeFahrer bei meinem Vater aus derselbe möchte seinen vier
Kindern erlauben dass sie nebst Alexander de la Mark und Gallus van Witt auf
seinem Schiffe selbiges zu besehen einsprechen dürfften allwo er dieselben
zur Danckbarkeit vor genossene EhrenBezeugung so gut als möglich bewirten und
mit einigen ausländischen geringen Sachen beschencken wollte
Unsere Eltern ließ sich hierzu leichtlich bereden also wurden wir gleich
folgenden Tages um MittagsZeit von unsern aufgeworffenen Wohltäter abgeholet
und auf sein Schiff geführet wiewohl mein jüngster Bruder der sich vergangene
Nacht etwas übel befunden hatte zu Hause bleiben musste Auf diesem Schiffe
fanden wir solche Zubereitungen deren wir uns nimmermehr versehen hatten denn
die Segel waren alle vom schönsten seidenen Zeuge gemacht und die Tauen mit
vielerlei farbigen Bändern umwunden Ruder und anderes Holzwerk gemahlet und
verguldet und das Schiff inwendig mit den schönsten Tapeten ausgeschlagen wie
denn auch die BootsLeute in solche Liberei gekleidet waren dergleichen de la
Mark und Witt ihren Bedienten zu geben pflegten Ehe wir uns hierüber sattsam
verwundern konnten wurde die Gesellschaft durch Ankunft noch zweier Damen und
eines wohlgekleideten jungen Menschen verstärkt welchen mein Bruder William
auf geheimes Befragen vor einen französischen jungen Edelmann Nahmens Henry de
Frontignan das eine Frauenzimmer aber vor seine Schwester Margarite und die
andere vor dessen Liebste Antonia de Beziers ausgab Meine Schwester und ich
hatten gar kein Ursach an unsers Bruders Bericht zu zweiffeln ließ uns
deswegen gar bald mit diesen schönen Damen ins Gespräche ein und fanden
dieselben so wohl als den vermeinten Frantzösischen Edelmann von ganz
besonderer Klugheit und Beredsamkeit
Es war angestellet dass wir auf dem OberDeck des Schiffs in freier Luft
speisen sollten da aber ein in Seeland nicht ungewöhnlicher Regen einfiel musste
dieses unter dem Verdeck geschehen Mein Bruder tat den Vorschlag was maßen
es uns allen zu weit größeren Vergnügen gereichen würde wenn uns unser Wirt
bei so guten Winde eine Meile oder etwas weiter in die See und gegen Abend
wieder zurück führen ließe welches denn niemanden von der Gesellschaft zuwider
war vielmehr empfanden wir so wohl hiebei als an den herrlichen Tractamenten
wohlklingender Musik und nachher an allerhand ehrbaren LustSpielen einen
besonderen Wohlgefallen Weil aber unser Wirt Wetters und Windes wegen alle
SchauLöcher hatte zu nageln und bei hellem Tage WachsLichter anzünden lassen
so kunten wir bei so vielen Lustreichen Zeitvertreibungen nicht gewahr werden
ob es Tag oder Nacht sei biss die Sonne allbereit vor 2 oder 3 Stunden
untergegangen war Mir kam es endlich sehr bedencklich vor dass unsere
MannsPersonen einander den Wein ungewöhnlich stark zutranken auch dass die
beiden Frantzösischen Damen fast so gut mit sauffen konnten als das MannsVolk
Deswegen gab ich meiner Schwester einen Winck welche sogleich folgte und mit
mir auf das Oberdeck hinauff stieg da wir denn zu unser beider größten
Missvergnügen einen schwartz gewölckten Himmel nebst annoch anhaltenden
starken Regen um unser Schiff herum lauter schäumende Wellen entsetzlich von
ferne aber den Glantz eines kleinen Lichts gewahr wurden
Es wurde gleich verabredet unsern Verdruss zu verbergen deswegen fing meine
Schwester so bald wir wieder zur andern Gesellschaft kamen nur dieses zu
sagen an Hilff Himmel meine Freunde es ist allbereits Mitternacht Wenn wollen
wir wieder nach Middelburg kommen und was werden unsere Eltern sagen Gebet
euch zufrieden meine Schwestern antwortete unser Bruder William ich will bei
den Eltern alles verantworten folgt nur meinem Beispiele und lasset euch von
euren Liebhabern also umarmen wie ich diesen meinen HertzensSchatz umarme Zu
gleicher Zeit nahm er die Margarite vom Stuhle und setzte sie auf seinen
Schoss welche alles geduldig litte und als die ärgste SchandMetze mit sich
umgehen ließ Der vermeinte Edelmann Henry tat mit seiner Buhlerin ein
gleiches jedoch Alexander und Gallus scheueten sich dem Ansehen nach noch in
etwas mit uns beiden Schwestern auf eben diese Art zu verfahren ungeachtet
sie von unsern leiblichen Bruder hierzu trefflich angefrischet wurden
Philippine und ich erstauneten über dergleichen Anblick wussten aber noch
nicht ob es ein Schertz heißen sollte oder ob wir im Ernst verraten oder
verkaufft wären Jedennoch verließen wir die unkeusche Gesellschaft rufften
Gegenwärtige meine Schwägerin des edlen Stephani noch itzige EheGemahlin
damals aber als unsere getreue Dienerin herbei und setzten uns in lauter
verwirrten Gedanken bei einer auf dem Oberlof des Schiffs brennend stehenden
Laterne nieder
Der verfluchte Wohltäter nämlich unser vermeintlicher Wirt welcher sich
als ein Vieh besoffen hatte kam hinauff und sagte mit stammlender Zunge Sorget
nicht ihr schönen Kinder ehe es noch einmal Nacht wird werdet ihr in euren
BrautBette liegen Wir wollten weiter mit ihm reden Allein das überflüssig
eingeschlungene Getränke suchte seinen Ausgang bei ihm überall auf so
gewaltsame Art dass er auf einmal als ein Ochse darnieder stürtzte und uns
den grässlichen Gestank zu vermeiden eine andere Stelle zu suchen zwunge
Philippine und ich waren bei dergleichen schändlichen spectacul fast außer
Sinnen gekommen und fielen in noch stärckere Verzweiffelung als gegenwärtige
unsere getreue Sabina plötzlich in die Hände schlug und mit ängstlichen
Seuffzen schrye Ach meine liebsten Jungfrauen Wir sind allem Ansehen nach
schändlich verraten und verkaufft werden auch ohne ein besonderes Wunderwerk
des Himmels weder eure Eltern noch die Stadt Middelburg jemals wieder zu sehen
kriegen Deswegen lasset uns nur den festen Entschluss fassen lieber unser
Leben als die Keuschheit und Ehre zu verlieren Auf ferneres Befragen gab sie
zu verstehen Dass ein ehrliebender auf diesem Schiffe befindlicher Reisender ihr
mit wenig Worten so viel gesagt Dass sie an unsern bevorstehenden Unglücke nicht
den geringsten Zweifel tragen könne
Wie gesagt wir hätten solchergestalt verzweiffeln mögen und mussten unter
uns Dreien alle Mittel anwenden der bevorstehenden Ohnmacht zu entgehen als
ein resoluter Teutscher Nahmens Simon Heinrich Schimmer Jacob Larson ein
Schwede und gegenwärtiger David Rawkin ein Engelländer welche alle Drei
nachher allhier meine werten Schwäger worden sind,) nebst noch 2 andern
redlichen Leuten zu unserm Troste bei uns erschienen Schimmer führte das Wort
in aller stille und sagte Glaubet sicherlich schönsten Kinder dass ihr durch
eure eigenen Anverwandten und Liebhaber verraten worden Zum Unglück haben ich
und diese redlichen Leute solches itzo erst vor einer Stunde von einem getreuen
BootsKnechte erfahren da wir schon sehr weit vom festen Lande entfernet sind
sonsten wollten wir euch gar bald in Freiheit gesetzt haben Allein nunmehr ist
es unmöglich wir hätten denn das Glück uns in künftigen Tagen einen stärckern
Anhang zu verschaffen Solte euch aber immittelst Gewalt angetan werden so
ruffet um Hilfe und seid völlig versichert dass zum wenigsten wir 5
wehrhaften Leute ehe unser Leben dran setzen als euch schänden lassen wollen
Wir hatten kaum Zeit drei Worte zu bezeugung unserer erkänntlichen
Danckbarkeit gegen diese 5 vom Himmel zugesandten redlichen Leute
vorzubringen als unser leichtfertiger Bruder von de la Mark und Witt
begleitet herzu kamen uns hinunter zu holen Witt stolperte über den in seinem
Unflat liegenden Wirt her und balsamierte sich und seine Kleider so dass er
sich als eine Bestie hinweg schleppen lassen musste William sank gleichfalls da
er die freie Luft empfand zu Boden de la Mark aber war noch bei ziemlichen
Verstande und brachte es durch viele scheinheilige Reden und Liebkosungen
endlich dahin daa Philippine ich und unsere Sabina uns endlich betäuben
ließ wieder hinunter in die Kajute zu steigen
Aber o welch ein schändlicher Spectacul fiel uns allhier in die Augen Der
saubere Frantzösische von Adel saß zwischen den zweien verfluchten
SchandHuren Mutternackend vor dem Kamine und zwar in einer solchen
ärgerlichen Stellung dass wir mit lauten Geschrei zurück fuhren und uns in
einen besonderen Winckel mit verhülleten Angesichtern versteckten
De la Mark kam hinter uns her und wollte aus der Sache einen Schertz machen
allein Philippine sagte Bleibet uns vom Halse ihr vermaledeiten Verräter oder
der erste der uns angreifft soll auf der Stelle mit dem BrodMesser erstochen
werden Weiln nun de la Mark spürete dass wenig zu tun sei erwartete er so
wohl als wir in einem andern Winckel des Tages Dieser war kaum angebrochen
als wir uns in die Höhe machten und nach dem Lande umsahn allein es wollte sich
unsern begierigen Augen außer dem Schiffe sonsten nichts zeigen als Wasser
und Himmel Die Sonne ging ungemein hell und klar auf fand alle andern im
festen schlafe liegen uns drei Elenden aber in schmertzlichen Klagen und
heißen Tränen die wir anderer Menschen Bosheit wegen zu vergießen Ursach
hatten
Kaum hatten die vollen Sauen den Rausch ausgeschlafen da die ganze ehrbare
Zunft zum Vorscheine kam und uns mit ihnen Kaffee zu trinken nötigte An
statt des MorgenGrusses aber lasen wir unserm gottlosen Bruder ein solches
Kapitel worüber einem etwas weniger ruchlosen Menschen hätten die Haare zu
Berge stehen mögen Doch dieser SchandFleck der Natur verlachte unsern Eifer
anfänglich nahm aber hernach eine etwas ernstaftere miene an und hielt
folgende Rede Lieben Schwestern seid versichert dass außer meiner Liebsten
Margareta mir auf der Welt niemand lieber ist als ihr und meine drei besten
Freunde nämlich Gallus Alexander und Henry Der erste welcher dich Judit
aufs allerheftigste liebt ist zur gnüge bekannt Alexander ob er gleich
bisher so wohl als Henry nur ein armer Schlucker gewesen hat alle
Eigenschaften an sich Philippinen zu vergnügen und vor die gute Sabina wird
sich auch bald ein braver Kerl finden Deswegen lieben Seelen schicket euch
in die Zeit Nach Middelburg wiederum zu kommen ist unmöglich alles aber was
ihr nötig habt ist auf diesem Schiff vorrätig anzutreffen Auf der Insul
Amboina werden wir unsere zukünftige LebensZeit ingesamt in größten Vergnügen
zubringen können wenn ihr nur erstlich eure eigensinnigen Köpffe in Ordnung
gebracht und nach unserer LebensArt eingerichtet habt
Nunmehr war mir und meiner Schwester ferner unmöglich uns einer Ohnmacht
zu erwehren also sanken wir zu Boden und kamen erstlich etliche Stunden
hernach wieder in den Stand unsere Vernunft zu gebrauchen da wir uns denn in
einer besonderen SchiffsKammer allein unter den Händen unserer getreuen Sabina
befanden Diese hatte mittlerweile von den beiden schändlichen Dirnen das ganze
Geheimnis und zwar folgenden Umständen nach erfahren
Gallus van Witt als der HauptUrheber unsers Unglücks hat gleich nach
seinem bei beiden Schwestern umgeschlagenen LiebesGlücke die
allervertrauteste Freundschaft mit unserm Bruder William gemacht und demselben
vorgestellt Dass er ohnmöglich leben könne er müsse denn eine von dessen
Schwestern zur Frau haben und sollte er auch sein ganzes Vermögen welches bei
nahe in 2 Tonnen Goldes bestünde dran setzen William versichert ihn seines
geneigten Willens hierüber verspricht sich in allen zu seinen Diensten und
beklagt nur dass er kein Mittel zu erfinden wisse seines HertzensFreundes
Verlangen zu stillen Gallus aber der seit der Zeit beständig so wohl auf
einen gewaltsamen als listigen Anschlag gesonnen führt den William zu dem
liederlichen KomoediantenVolcke nämlich Alexandern Henry Antonien und
Margariten da sich denn derselbe sogleich aufs allerheftigste in die Letztere
verliebt ja sich ihr und den übrigen schändlichen Verrätern ganz zu eigen
ergibt Alexander wird demnach als der Ansehnlichste auf des Gallus Unkosten
in solchen Stand gesetzt sich als einer der vornehmsten Kavaliers aufzuführen
und um Philippinen zu werben mittlerweile kleiden sie einen alten verunglückten
SeeRäuber vor einen erfahrnen OstIndienFahrer an der unsere Eltern und uns
betrügen helfen ja uns armen einfältigen Kinder in das verfluchte Schiff
locken muss welches Gallus und mein Bruder zu unserm Raube so fälschlich mit
großen Kosten ausgerüstet hatten um damit einen Fart nach den Moluccischen
Insuln vorzunehmen Der letztere nämlich mein Bruder hatte nicht allein den
Eltern eine erstaunliche Summe Geldes auf listige Art entwendet sondern auch
Philippinens und meine Kleinodien und Barschaften mit auf das Schiff
gebracht damit aber doch ja unsere Eltern ihrer Kinder nicht alle auf einmal
beraubt würden gibt der verteuffelte Mensch dem jüngeren Bruder Abends vorher
unvermerckt ein starckes BrechPulver ein damit er künftigen Tages bei der
SchiffsLust nicht erscheinen und folglich in unserer Entführung keine
Verhinderung machen könne
Bei solchen unerhörten schändlichen Umständen sahen wir also vollkommen dass
vor uns keine Hoffnung übrig war diesem Unglücke zu entgehen deswegen ergaben
wir uns fast gänzlich der Verzweiffelung und wollten uns in der ersten Wut mit
den BrodMessern selbst ermorden doch dem Himmel sei Danck dass unsere liebste
und getreuste Sabina damals weit mehr Verstand als wir besaß unsere Seelen aus
des Satans Klauen zu erretten Sie wird sich annoch sehr wohl erinnern können
was sie vor Arbeit und Mühe mit uns beiden unglücklichen Schwestern gehabt und
wie sie endlich da nichts verfangen wollte in solche Heldenmütige Worte
ausbrach Fasset ein Hertze meine gebietenden Jungfrauen Lasst uns abwarten
wer sich unterstehen will uns zu schänden und solche Teufels erstlich ermorden
hernach wollen wir uns der Barmhertzigkeit des Himmels überlassen die es
vielleicht besser fügen wird als wir vermeinen
Kaum hatte sie diese tapffern Worte ausgesprochen so wurde ein großer
Lermen im Schiffe und Sabina zohe Nachricht ein dass ein SeeRäuber uns
verfolgte auch vielleicht bald Feuer geben würde Wir wünschten dass es ein
Frantzose oder Engelländer sein der immerhin unser Schiff erobern und alle
Verräter tot schlagen möchte so hätten wir doch ehe Hoffnung gegen
Versprechung einer starken ranzion von ihm Ehre und Freiheit zu erhalten
Allein weil der Wind unsern Verrätern günstiger außerdem auch unser Schiff
sehr wohl bestellt leicht und flüchtig war so brach die Nacht abermals herein
ehe was weiters vorgieng
Wir hatten den ganzen Tag ohne Essen sind Trincken zugebracht ließ uns
aber des Nachts von Sabina bereden etwas zu genießen und da weder William
noch jemand anders noch zur Zeit das Hertz hatte vor unsere Augen zu kommen so
verwahreten wir unsere Kammer aufs Beste und gönneten den von Tränen
geschwächten Augen eine wiewohl sehr ängstliche Ruhe
Folgendes Tages befanden sich Philippine und Sabina so wohl als ich in
erbärmlichen Zustande denn die gewöhnliche SeeKranckheit setzte uns dermaßen
heftig zu dass wir nichts gewissers als einen baldigen und höchstgewünschten
Tod vermuteten Allein der Himmel hatte selbigen noch nicht über uns verhänget
denn nachdem wir über 15 Tage im ärgsten phantasieren ja völligen Rasen
zugebracht ließ es sich nicht allein zur Besserung an sondern unsere
Gesundheit wurde nachher binnen etlichen Wochen wider unsern Willen völlig
hergestellet
Zeitwährender unserer Kranckheit hatten sich nicht allein die ehrbaren
Damen sondern auch die übrigen Verräter wegen unserer Bedienung viele Mühe
geben wollen waren aber jederzeit garstig empfangen worden Indem wir ihnen
öfters ins Gesichte gespyen alles was wir erlangen können an die Köpffe
geworffen auch allen Fleiß angewendet hatten ihnen die verhurten Augen
auszukratzen Wesswegen sie endlich vor dienlicher erachtet sich abwesend zu
halten und die Bedienung einer schon ziemlich alten Magd welche vor Antonien
und Margariten mitgenommen war zu überlassen Nachdem aber unsere Gesundheit
wiederum gänzlich erlangt und es eine fast unmögliche Sache war beständig in
der düstern SchiffsKammer zu bleiben begaben wir uns auf unserer liebsten
Sabine öffteres Bitten auf das Oberteil des Schiffs um bei damaligen schönen
Wetter frische Luft zu schöpffen Unsere Verräter waren dieses kaum gewahr
worden da die ganze Schaar hertzu kam zum neuen guten Wohlstande Glück
wünschte und hoch beteuerte dass sich unsere Schönheit nach überstandener
Kranckheit gedoppelt hervor täte Wir beantworteten aber alles dieses mit
lauter verächtlichen Worten und Gebärden wollten auch durchaus mit ihnen keine
Gemeinschaft pflegen ließ uns aber doch endlich durch alltägliches
demütiges und höffliches Zureden bewegen in ihrer Gesellschaft zu essen und
zu trinken hergegen erzeigten sich unsere standhaften Gemüter desto
ergrimmter wenn etwa Gallus oder Alexander etwas verliebtes vorbringen wollten
William unterstund sich uns dieserwegen den Text zu lesen und
vorzustellen wie wir am klügsten täten wenn wir den bisherigen Eigensinn und
Widerwillen verbanneten hergegen unsern Liebhabern gutwillig den Zweck ihres
Wunsches erreichen ließ ehe sie auf verzweiffelte uns vielleicht noch
unanständigere Mittel gedächten denen wir mit aller unserer Macht nicht
widerstehen könnten da zumahlen alle Hoffnung zur Flucht oder anderer Erlösung
nunmehr vergebens sei Allein dieser verfluchte Kuppler wurde mit wenigen doch
dermaßen hitzigen Worten und Gebärden dergestalt abgewiesen dass er als ein
begossener Hund wiewohl unter heftigen Drohungen zurücke ging und seinen
Absendern eine ganz unangenehme Antwort brachte Sie kamen hierauf selbst um
ihr Heil nochmals in der Güte und zwar mit den allerverliebtesten und
verpflichtetsten Worten und Beteuerungen zu versuchen da aber auch diesesmal
ihr schändliches Ansinnen verdammet und verflucht auch ihnen der verwegne
JungfrauenRaub behertzt zu Gemüte geführet und zugeschworen wurde dass sie in
alle Ewigkeit kein Teil an uns überkommen sollten hatten wir uns abermals auf
etliche Wochen Friede geschafft
Endlich aber wollte die geile Brunst dieser verhurten SchandBuben sich
weiter durch nichts unterdrücken lassen sondern in volle Flammen ausbrechen
denn wir wurden einstens in der Nacht von dreien Schelmen nämlich Alexander
Gallus und dem Schiffs Quartiermeister plötzlich überfallen die uns nunmehr
mit Gewalt ihren vermaledeiten geilen Lüsten aufopffern wollten Indem wir uns
aber dergleichen Bosheit schon vorlängst träumen lassen hatten so wohl
Philippine und Sabina als ich beständig ein bloßes TaschenMesser unter dem
Haupte zurechte gelegt und selbiges allbereit zur Wehre gefasst da unsere
Kammer in einem Augenblicke aufgestoßen wurde Alexander warff sich auf meine
Schwester Gallus auf mich und der Quartiermeister auf die ehrliche Sabinen
Und zwar mit solcher furie dass wir Augenblicklich zu ersticken vermeinten Doch
aus dieser angestellten schändlichen Komoedie ward gar bald eine blutige
Tragoedie denn da wir nur ein wenig Luft schöpfften und das in den Händen
verborgene Gewehr anbringen konnten stießen wir fast zu gleicher Zeit auf die
verfluchten HurenHängste los so dass unsere Kleider von den schelmischen
hitzigen Geblüte ziemlich bespritzt wurden
Der Quartiermeister blieb nach einem einzigen aussgestossenen brüllenden
Seuffzer stracks tot auf der Stelle liegen weil ihm die tapffere Sabina
allen Vermuten nach mit ihrem großen und scharffen Messer das Hertz gänzlich
durchstossen hatte Alexander den meine Schwester durch den Hals und Gallus
welchen ich in die lincke BauchSeite gefährlich verwundet wichen taumelnd
zurück wir drei Zitterenden aber schryen aus vollem Halse Zeter und Mordio
William und Henry kamen hertzu gelauffen und wollten Miene machen ihrer
schelmischen MitBrüder Blut mit dicken Knütteln an uns zu rächen zu gleicher
Zeit aber erschienen der tapffere Schimmer Larson Rawkin und etwa noch 4 oder
6 andere redliche Leute welche bald Stillestand machten und uns in ihren
Schutz nahmen auch Angesichts aller andern teuer schwuren unsere Ehre biss auf
die letzte Minute ihres Lebens zu beschirmen William und Henry mussten also
nicht allein mit ihrem Anhange zu Creutze kriechen sondern sich so gar mit
ihren Huren aus der besten SchiffsKammer heraus werffen lassen in welche wir
eingewiesen und von Schimmers Anhang Tags und Nachts hindurch wohl bewahret
wurden Das schändliche Aas des Quartiermeisters wurde als ein Luder ins Meer
geworffen Alexander und Gallus lagen unter den Händen des SchiffsBarbieres
Schimmer aber und sein Anhang spieleten den Meister auf dem Schiffe und setzten
die andern alle in ziemliche Furcht ja da der alte sogenannte SchiffsKapitain
nebst William und Henry sich von neuen mausig machen wollten fehlete es nicht
viel dass beide Parteien einander in die Haare geraten wären ungeacht niemand
sichere Rechnung machen konnte welches die stärkste wäre
Solcher Verwirrung ungeacht wurde die Reise nach OstIndien bei favorablen
Winde und Wetter dennoch immer eifferig fortgesetzt welches uns zwar höchst
missfällig war doch da wir gezwungener Weise dem Verhängnis stille halten
mussten richteten sich unsere in etwas ruhigere Sinnen einzig und allein dahin
dessen Ziel zu erraten
Die um die Gegend des grünen VorGebürges sehr scharf kreuzenden SeeRäuber
verursachten so viel dass sich die streitigen Parteien des Schiffes auf gewisse
Puncte ziemlich wieder vereinigten um den gemeinschaftlichen Feinden desto
bessern Widerstand zu tun worunter aber der HauptPunkt war dass man uns 3
Frauenzimmer nicht im geringsten kräncken sondern mit geziemenden Respekt alle
selbst beliebige Freiheit lassen sollte Demnach lebten wir in einigen Stücken
ziemlich vergnügt kamen aber mit keinem Fuße an Land ungeacht schon 3 mal
unterwegs frisch Wasser und Victualien von den herum liegenden Insuln
eingenommen worden Gallus und Alexander die nach etlichen Wochen von ihren
gefährlichen Wunden völlig hergestellet waren scheuen sich uns unter Augen zu
treten William und Henry redeten ebenfalls so wenig als ihre Huren mit uns
und kurtz zu sagen Es war eine recht wunderliche Wirtschaft auf diesem
Schiffe biss uns ein Ætiopischer SeeRäuber dermaßen nahe kam dass sich die
Unserigen genötigt sahen mit möglichster Tapferkeit entgegen zu gehen
Es entstunde dannenhero ein heftiges Treffen worinnen endlich gegen Abend
der Mohr überwunden wurde und sich mit allen auf seinem RaubSchiffe
befindlichen zur Beute übergeben musste Hierbei wurden 13 ChristenSklaven in
Freiheit hergegen 29 Mohren in unsere Sklaverei gebracht anbei verschiedene
kostbare Waren und Kleinodien unter die Siegenden verteilt welche nicht mehr
als 5 Tote und etwa 12 oder 16 Verwundete zehleten Nachhero entstund ein
großer Streit ob das eroberte Schiff versenckt oder beibehalten werden sollte
Gallus und sein Anhang verlangten das Versencken Schimmer aber setzte sich mit
seiner Partei dermaßen stark darwider biss er in so weit durchdrunge dass
alles Volk auf die zwei Schiffe ordentlich geteilet wurde Also kam Schimmer
mit seinem Anhange worunter auch ich Philippine und Sabina begriffen waren
auf das Mohrische Schiff konnte aber dennoch nicht verwehren dass Gallus und
Alexander auf selbigem das Kommando überkamen dahingegen William und Henry
nebst ihren SchandMetzen auf dem ersten Schiffe blieben und aus besonderer
Güte eine erbeutete SchandHure die zwar dem Gesichte nach eine weiße
Christin aber ihrer Aufführung nach ein von allen Sünden geschwärztes Luder
war an Alexandern und Gallus zur Notelfferin überließen Dieser Schand Balg
deren Geilheit unaussprechlich und die so wohl mit dem einem als dem andern
das verfluchteste Leben führte ist nebst uns noch biss hieher auf diese Insul
gekommen doch aber gleich in den ersten Tagen verreckt
Jedoch behöriger Ordnung wegen muss in meiner Erzählung melden dass damals
unsere beiden Schiffe ihren Lauff eiffrigst nach dem Vorgebürge der guten
Hoffnung richteten aber durch einen lange anhaltenden Sturm davon abgetrieben
wurden Das Middelburgische Schiff verlor sich von dem Unsern kam aber am
fünften Tage unverhofft wieder zu uns und zwar bei solcher Zeit da es
schiene als ob alles Ungewitter vorbei wäre und das schönste Wetter zum
Vorscheine kommen wollte Wir ruderten ihm mit möglichsten Kräfften entgegen
weil unsern Kommandeurs die nebst ihren wenigen Getreuen wenig oder gar
nichts von der künstlichen Seefahrt verstunden an dessen Gesellschaft nur
allzu viel gelegen war Allein nach meinen Gedanken hatte die AllmachtsHand
des Allerhöchsten dieses Schiff keiner andern Ursache wegen wieder so nahe zu
uns geführet als uns allen an demselben ein Zeichen seiner strengen
Gerechtigkeit sehen zu lassen denn wir waren kaum noch eines BüchsenSchusses
weit von einander, als es mit einem entsetzlichen Krachen plötzlich
zerschmetterte und teils in die Luft gesprengt teils Stück weise auf dem
Wasser aus einander getrieben wurde so dass hiervon auch unser Schiff sich
grausamer Weise erschütterte und mit Pfeilmäßiger Geschwindigkeit eines
KanonenSchusses weit zurück geschleudert wurde Dennoch richteten wir unsern
Weg wieder nach der unglückseeligen Stelle um vielleicht noch einige im Meere
zapplende Menschen zu erretten allein es war hieselbst keine lebendige Seele
auch sonsten nichts als noch einige zerstückte Balcken und Breter anzutreffen
Was dieser unverhoffte Streich in unsern und der übrigen Gesellschaft
Gemütern vor verschiedene Bewegungen mag verursachet haben ist leichtlich zu
erachten Wir Schwestern beweineten nichts als unsers in seinen Sünden
hingerafften Bruders arme Seele erkühneten uns aber nicht über die
StraffGerichte des Allerhöchsten Beschwerde zu führen Wie Alexandern und
Gallus zu Mute war ließ sich leichtlich schließen indem sie von selbigem
Tage an keine fröliche Miene mehr machen auch sich um nichts bekümmern konnten
sondern das Kommando an Mons Schimmern gutwillig überließen der gegen den
nochmals entstehenden Sturm die besten und klügsten Verfassungen machte
Selbiger hielt abermals biss auf den 6ten Tag und hatte alle unsere Leute
dermaßen abgemattet dass sie wie die Fliegen dahin fielen und nach gehaltener
Ruhe im Essen und Trincken die verlohrnen Kräffte wieder suchten ob schon kein
einziger eigentlich wissen konnte um welche Gegend der Welt wir uns befänden
Fünff Wochen lieffen wir also in der Irre herum und hatten binnen der Zeit
nicht allein viele Beschädigungen an Schiffe erlitten sondern auch alle Ancker
Mast und besten Seegel verloren und zum allergrößten Unglücke ging mit der
6ten Woche nicht allein das süße Wasser sondern auch fast aller Proviant zum
Ende doch hatte der ehrliche Schimmer die Vorsicht gebraucht in unsere Kammer
nach und nach heimlich so viel einzutragen worvon wir und seine Freunde noch
einige Wochen länger als die andern gut zu leben hatten dahingegen Alexander
Gallus und andere allbereit anfangen mussten Leder und andere noch eckelere
Sachen zu ihrer Speise zu suchen
Endlich mochte ein schändlicher Bube unsere liebe Sabina an einem harten
Stücke Zwieback haben nagen sehen weswegen so gleich ein Lermen entstund so
dass viele behaupten wollten es müsste noch vor alle Vorrat genug vorhanden sein
Deswegen rotteten sich etliche zusammen brachen in unsere Kammer ein und da
sie noch vor etwa zehn Personen auf 3 Wochen Speise darinnen fanden wurden wir
dieser wegen erbärmlich ja fast biss auf den Tod von ihnen geprügelt Mons
Schimmer hatte dieses Lerm nicht so bald vernommen als er mit seinen Freunden
herzu kam und uns aus ihren Händen retten wollte da aber so gleich einer von
seiner Partei darnieder gestochen wurde kam es zu einem solchen entsetzlichen
Blutvergießen dass, wenn ich noch daran gedencke mir die Haare zu Berge
stehen Alexander und Gallus welche sich nunmehr als öffentliche RädelsFührer
und abgesagte Feinde darstelleten auch Schimmern ziemlich ins Haupt verwundet
hatten mussten alle beide von seinen Händen sterben und da die andern seiner
Löwenmäßigen Tapfferkeit nachahmeten wurden ihre Feinde binnen einer Stunde
meistens vertilget die übrigen aber baten mit Aufzeigung ihrer blutigen
Merckmahle um Gnade und Leben
Es waren nunmehr in allen noch 25 Seelen auf dem Schiffe worunter 5
Mohren und das schändliche WeibsBild begriffen waren diese letztere wollte
Schimmer durchaus ins Meer werfen allein auf mein und meiner Schwester Bitten
ließ ers bleiben Aller SpeiseVorrat wurde unter die Guten und Bösen in zwei
gleiche Teile geteilet ungeacht sich der Frommen ihrer 14 der Bösen aber
nur 11 befanden nachdem aber das süße Wasser ausgetrunken war und wir uns nur
mit zubereiteten SeeWasser behelfen mussten riss die schädliche Kranckheit
nämlich der Schaarbock als mit welchen ohnedem schon viele befallen worden
auf einmal dermaßen heftig ein dass in wenig Tagen von beiden Teilen 10
Personen sturben Endlich kam die Reihe auch an meine liebe Schwester welche
ich mit bitteren Tränen und Sabinens getreuer Hilfe auf ein Bret band und
selbige den wilden Fluten zum Begräbnis übergab Es folgten ihr kurtz darauf
noch 5 andere die teils vom Hunger teils von der Kranckheit hingerafft
wurden und da wir übrigen nämlich Ich Sabina Schimmer Larson Rawkin
Schmerd Hulst Farding und das schändliche WeibsBild die sich Klara nennete
auch nunmehr weder zu beißen noch zu brocken hatten über dieses von
erwähnter Kranckheit heftig angegriffen waren erwarteten wir fast täglich die
letzte Stunde unseres Lebens Allein die sonderbare gnädige Fügung des
barmhertzigen Himmels führte uns endlich gegen diesen von außen wüste
scheinenden Felsen in der Tat aber unsern werten Errettern in die Hände
welche keinen Augenblick versäumten die allerelendesten Leute von der ganzen
Welt nämlich uns in beglücktern ja in den allerglückseeligsten Stand auf
Erden zu versetzen Schmerd Hulst und Farding die 3 redlichen und frommen
Leute mussten zwar so wohl als die schandbare Klara gleich in den ersten Tagen
allhier ihren Geist aufgeben doch wir noch übrigen 5 wurden durch Gottes
Barmhertzigkeit und durch die gute Verpflegung dieser frommen Leute erhalten
Wie nachher ich meinem liebsten Alberto der mich auf seinem Rücken in dieses
Paradies getragen und wie diese liebe Sabina ihrem Gemahl Stephano der ihr
eben dergleichen Gütigkeit erwiesen zu Teile worden auch was sich weiter mit
uns damals neu angekommenen Gästen zugetragen wird vielleicht ein andermal
bequemlicher zu erzählen sein wiewohl ich nicht zweiffele dass es mein liestber
SchwiegerVater geschickter als ich verrichten wird Voritzo bitte nur mit
meinem guten Willen zufrieden zu sein
Also endigte die angenehme Matrone vor dieses mahl ihre Erzählung weil es
allbereits ziemlich späte war Wir danckten derselben darvor mit einem
liebreichen HandKusse und legeten uns hernach sämtlich zur Ruhe nahmen aber
nächstfolgenden Morgen unsere LustFahrt auf ChristiansRaum zu Hieselbst waren
nicht mehr als 10 wohl erbauete FeuerStätten nebst darzu gehörigen Scheuern
Ställen und ungemein schönen GartenWercke anzutreffen anbei die
HauptSchleusen des NordFlusses nebst dem Kanal der das Wasser zu beliebiger
Zeit in die kleine See zu führen durch MenschenHände ausgegraben war wohl
Betrachtenswürdig Diese PflanzStadt lag also zwischen den Flüssen ungemein
lustig hatte zwar in ihrem Bezirck keine Weinberge hergegen so wohl als andere
ein vortrefflich wohlbestelltes Feld Holtzung Wild und herrlichen Fischfang
Vor die gute Aufsicht und Besorgung wegen der Brücken und Schleusen mussten
ihnen alle andern Einwohner der Insul sonderlich verbunden sein auch davor
einen gewissen Zoll an Weine Saltz und andern Dingen die sie nicht selbst in
der Nähe haben konnten entrichten
Wir hielten uns allhier nicht lange auf sondern reisten nachdem wir ihnen
das gewöhnliche Geschenke gereicht und die MittagsMahlzeit eingenommen
hatten wieder zurück Abends zu gewöhnlicher Zeit aber fing David Rawkin auf
Erinnerung des AltVaters denen Versammleten seine LebensGeschicht folgender
maßen zu erzählen an
Ich stamme sagte er aus einem der vornehmsten LordsGeschlechte in
Engelland her und bin dennoch im Jahr 1640 von sehr armen Eltern in einer
BauerHütte auf dem Dorffe geboren worden weilen das Verbrechen meiner
VorEltern so wohl väterlicher als mütterlicher Seite ihre Nachkommen nicht
allein um alles Vermögen sondern so gar um ihren sonst ehrlichen
GeschlechtsNahmen gebracht indem sie denselben aus Not verleugnen und sich
nachher schlecht weg Rawkins nennen müssen um nur in einer frembden Provinz
ohne Schimpff ruhig obschon elend zu leben Meine Eltern ob sie gleich
unschuldig an allen Ubeltaten der Ihrigen gewesen waren doch durch derselben
Fall gänzlich mit niedergeschlagen worden so dass sie einem fürchterlichen
Gefängnisse und andern Beschwerlichkeiten zu entgehen mit ihren besten Sachen
die Flucht genommen hatten Doch wenn sich das Verhängnis einmal vorgesetzt
hat unglückseelige Menschen nachdrücklich zu verfolgen so müssen sich auch auf
der allersichersten Straße ihre Feinde finden lassen So war es meinen Eltern
ergangen denn da sie allbereit weit genung hinweg also von ihren Verfolgern
sicher zu sein vermeinen werden die armen Leute des Nachts von einer Rotte
StraßenRäuber überfallen und biss aufs bloße Hembde ausgeplündert und
fortgejagt so dass sie kaum mit anbrechenden Tage eine Mühle antreffen können
in welche sie von der barmhertzigen Müllerin aufgenommen und mit etlichen alten
Kleidern bedeckt werden Weiln aber der darzu kommende närrische Müller hierüber
scheele Augen macht und sich so wenig durch meiner Eltern gehabtes Unglück als
durch meiner Eltern Schönheit und Zärtlichkeit zum Mitleiden bewegen lässt
müssen sie nachdem er doch aus besonderen Gnaden ihnen ein halbes Brod und 2
Käse gegeben ihren Stab weiter setzen werden aber von einer ViehMagd die
ihnen die barmhertzige Müllerin nachgeschickt in eine kleine BauerWohnung des
nächstgelegenen Dorffs geführet anbei wird ihnen eine halbe Guinee an Gelde
überreicht und der BauersFrau befohlen diese Gäste auf der Müllerin Unkosten
bestens zu bewirten
Also haben meine armen Eltern allhier Zeit genung gehabt ihr Unglück zu
bejammern anbei aber dennoch die besondere Vorsorge Gottes und die Gütigkeit
der Müllerin zu preisen welche fromme Frau meine Mutter wenigstens wöchentlich
ein paar mal besucht und unter der Hand wider ihres Mannes Wissen reichlich
versorget weilen sie als eine betagte Frau die weder Kinder noch andere Erben
als ihren unvernünftigen Mann dem sie alles zugebracht hatte sich ein
Vergnügen machte armen Leuten von ihrem Uberflusse gutes zu tun
In der dritten Woche ihres dasigen Aufenthalts kommt meine Mutter mit mir
ins WochenBette die Müllerin nebst andern BauersLeuten werden zu meinen
TauffZeugen erwehlet welche erstere die ganze Ausrichtung aus ihren Beutel
bezahlet und meiner Mutter aufs äuserste verbietet ihr großes Armut
niemanden kund zu geben sondern jedermann zu bereden ihr Mann als mein Vater
sei ein von einem unruhigen Bischoffe vertriebener Schulmeister
Dieser Einfall scheint meinem Vater sehr geschicklich seinen Stand Person
und ganzes Wesen allen erforderlichen Umständen nach zu verbergen deswegen
macht er sich denselben von Stund an wohl zu Nutze und passieret auch solcher
Gestalt vor allen Leuten als ein abgedanckter Schulmeister zumal da er sich
eine darzu behörige Kleidung verfertigen lässt Er schrieb eine sehr feine
Hand deswegen geben ihm die daherum wohnenden PfarrHerren und andere
Gelehrten so viel abzuschreiben dass er das tägliche Brod vor sich meine Mutter
und mich damit kümmerlich verdienen kann und also der wohltätigen Müllerin
nicht allzu beschwerlich fallen darff die dem ungeacht nicht unterließ meine
Mutter wöchentlich mit Gelde und andern Bedürffnissen zu versorgen
Doch etwa ein halbes Jahr nach meiner Geburt legt sich diese Wohltäterin
unverhofft aufs krancken Bette nieder und stirbt nachdem sie vorher meine
Mutter zu sich kommen lassen und derselben einen Beutel mit GoldStücken die
sich am Werte höher als 40 Pfund Sterlings belaufen zu meiner Erziehung
eingehändiget und ausdrücklich gesagt hatte dass wir dieses ihres heimlich
gesammleten SchatzGeldes würdiger und bedürfftiger wären als ihr ungetreuer
Mann der ein weit mehreres mit Huren durchgebracht und vielleicht alles was
er durch die Heirat mit ihr erworben nach ihrem Tode auch bald durchbringen
würde
Mit diesem kleinen Kapitale sehen sich meine Eltern bei ihren damaligen
Zustande ziemlich geholffen und mein Vater läst sich in den Sinn kommen seine
Frau und Kind aufzupacken und mit diesem Gelde nach Holland oder Franckreich
überzugehen um daselbst entweder zu Lande oder zur See KriegsDienste zu
suchen allein auf inständiges Bitten meiner Mutter läst er sich solche
löbliche Gedanken vergehen und dahin bringen dass er den erledigten
SchulmeisterDienst in unsern Dorffe annimmt der jährlich alles zusammen
gerechnet etwa 10 Pfund Sterlings Einkommens gehabt
Vier Jahr lang verwaltet mein Vater diesen Dienst in stillen Vergnügen weil
sich sein und meiner Mutter Sinn nun gänzlich in dergleichen LebensArt
verliebet Jedermann ist vollkommen wohl mit ihm zufrieden und bemüht seinen
Fleiß mit außerordentlichen Geschencken zu vergelten weswegen meine Eltern
einen kleinen Anfang zu Erkauffung eines Bauer machen und ihr bisher zusammen
gespartes Geld an Ländereien legen wollen weil aber noch etwas weniges an den
bedungenen KauffGeldern mangelt sieht sich meine Mutter genötigt das
letzte und beste gehänckelte GoldStück so sie von der Müllerin bekommen bei
ihrer Nachbarin zu versetzen
Diese falsche Frau gibt zwar so viele kleine Münze darauf als meine Mutter
begehret weil sie aber das sehr kennbare GoldStück sehr öfters bei der
verstorbenen Müllerin gesehen über dieses mit dem Müller in verbotener
Buhlschaft leben mag zeigt sie das GoldStück dem Müller der dasselbe gegen
ein ander Pfand von ihr nimmt zum OberRichter trägt meinen Vater und Mutter
eines Diebstahls halber anklagt und es dahin bringt dass beide zugleich
plötzlich unwissend warum gefangen und in Ketten und Banden geschlossen
werden
Anfänglich vermeint mein Vater seine Feinde am königlichen Hofe würden ihn
allhier ausgekundschaft und feste gemacht haben erschrickt aber desto
heftiger als man ihn so wohl als meine Mutter wegen des Diebstahls den sie
bei der verstorbenen Müllerin unternommen haben sollten zur Rede setzt Sintemal
aber in diesem Stücke beide ein gutes Gewissen haben und fernere
Weitläufftigkeiten zu vermeiden dem OberRichter die ganze Sache offenbaren
werden sie zwar nach ferneren weitläufftigen Untersuchungen von des Müllers
Anklage los gesprochen jedennoch so lange in gefänglicher Hafft behalten biss
sie ihres Standes und Wesens halber gewissere Versicherungen einbrächten weilen
das Vorgeben wegen eines vertriebenen Schulmeisters falsch befunden worden und
der OberRichter ich weiß nicht was vor andere verdächtige Personen in ihrer
Haut gesucht
Mittlerweile lief ich armer 6 jähriger Wurm in der Irre herum und nehrete
mich von den Brosamen die von frembder Leute Tische fielen hatte zwar öfters
Erlaubnis meine Eltern in ihren Gefängnisse zu besuchen welche aber so oft
sie mich sahen die bittersten Tränen vergossen und vor Jammer hätten vergehen
mögen Da ich nun solcher Gestalt wenig Freude bei ihnen hatte kam ich künftig
desto sparsamer zu ihnen gesellete mich hergegen fast täglich zu einem
GänseHirten bei dem ich das Vergnügen hatte im Felde herum zu laufen und
mit den mir höchst angenehmen Kreaturen nämlich den jungen und alten Gänsen zu
spielen und sie hüten zu helfen wovor mich der GänseHirte mit aller
Notdurfft ziemlich versorgte
Eines Tages da sich dieser mein Wohltäter an einen schattigten Orte zur
Ruhe gelegt und mir das Kommando über die Gänse allein überlassen hatte kam
ein Kavalier mit zweien Bedienten geritten welchen ein großer englischer Hund
folgte Dieser tummelte sich unter meinen Gänsen lustig herum und biss fast in
einem Augenblick 5 oder 6 Stück zu Tode So klein als ich war so heftig
ergrimmte mein Zorn über diesen Mörder lief deswegen als ein junger Wüterich
auf denselben los und stieß ihm mit einen bei mir habenden spitzigen Stock
dermaßen tieff in den Leib hinein dass er auf der Stelle liegen blieb Der eine
Bediente des Kavaliers kam deswegen schrecklich erbost zurück geritten und gab
mir mit der Peitsche einen ziemlichen Hieb über die Lenden weswegen ich noch
ergrimmter wurde und seinem Pferde etliche blutige Stiche gab
Hierauf kam so wohl mein Meister als der Kavalier selbst herbei welcher
letztere über die Herzhaftigkeit eines solchen kleinen Knabens wie ich war
recht erstaunete zumahlen ich denjenigen der mich geschlagen hatte noch immer
mit grimmigen Gebärden ansah Der Kavalier aber ließ sich mit dem GänseGeneral
in ein langes Gespräch ein und erfuhr von demselben mein und meiner Eltern
Zustand Es ist Schade sagte hierauf der Kavalier dass dieser Knabe dessen
GesichtsZüge und angeborene Herzhaftigkeit etwas besonderes zeigen in seiner
zarten Jugend verwahrloset werden soll Wie heissest du mein Sohn fragte er
mit einer liebreichen Miene David Rawkin gab ich ganz trotzig zur Antwort Er
fragte mich weiter Ob ich mit ihm reisen und bei ihm bleiben wollte denn er
wäre ein Edelmann der nicht ferne von hier sein Schloss hätte und gesinnt sei
mich in einen weit bessern Stand zu setzen als worinnen ich mich itzo befände
Ich besonne mich nicht lange sondern versprach ihm ganz gern zu folgen doch
mit dem Bedinge wenn er mir vor dem bösen Kerl Friede schaffen und meinen
Eltern aus dem Gefängnis helfen wollte Er belachte das erstere und
versicherte dass mir niemand Leid zufügen sollte wegen meiner Eltern aber wolle
er mit denn OberRichter reden
Demnach nahm mich derjenige Bediente welcher mein Feind gewesen nunmehr
mit sehr freundlichen Gebärden hinter sich aufs Pferd und folgten dem Kavalier
der dem GänseHirten 2 Hände voll Geld gegeben und befohlen hatte meinen
Eltern die Helffte davon zu bringen und ihnen zu sagen wo ich geblieben wäre
Es ist nicht zu beschreiben mit was vor Gewogenheit ich nicht allein von
des Edelmanns Frau und ihren zwei 8 biss 10 jahrigen Kindern als einem Sohne
und einer Tochter sondern auch von dem ganzen HausGesinde angenommen wurde
weil mein munteres Wesen allen angenehm war Man steckte mich so gleich in
andere Kleider und machte in allen Stücken zu meiner Auferziehung den
herrlichsten Anfang Mein Herr nahm mich wenig Tage hernach mit sich zum
OberRichter und würckte so viel dass meine Eltern die derselbe im Gefängnisse
fast ganz vergessen zu haben schien auf neue zum Verhör kamen Kaum aber hatte
mein Herr meinen Vater und Mutter recht in die Augen gefasst als ihm die
Tränen von den Wangen rolleten und er sich nicht enthalten konnte vom Stuhle
aufzustehen sie beiderseits zu umarmen
Mein Vater sah sich solcher Gestalt entdeckt hielt deswegen vor weit
schädlicher sich gegen dem OberRichter ferner zu verstellen sondern
offenbarete demselben seinen ganzen Stand und Wesen Mein Edelmann der sich
Eduard Sadby nennete sagte öffentlich Ich bin in meinem Hertzen völlig
überzeugt dass diese armen Leute an dem Laster der beleidigten Majestät welches
ihre Eltern und Freunde begangen haben unschuldig sind man verfähret zu
scharff indem man die Straffe der Eltern auch auf die unschuldigen Kinder
ausdehnet Mein Gewissen läst es unmöglich zu diese Erbarmenswürdigen
StandesPersonen mit verdammen zu helfen ungeacht ihre Vorfahren seit hundert
Jahren her meines Geschlechts TotFeinde gewesen sind
Mit allen diesen Vorstellungen aber konnte der ehrliche Eduard nichts mehr
ausrichten als dass meinen Eltern alle ihre verarrestirten Sachen wiedergegeben
und sie in einer ihrem Stande nach leidlichern Verwahrung gehalten wurden
weil der OberRichter zu vernehmen gab dass er sie seiner Pflicht gemäß nicht
eher völlig los geben könne biss er die ganze Sache nach Londen berichtet und
von da her Befehl empfangen hätte was er mit ihnen machen sollte Hiermit mussten
wir vor dieses mahl alle zu frieden sein ich wurde von ihnen viele hundert mahl
geküsset und musste mit meinem gütigen PflegeVater wieder auf sein Schloss
reisen der mich von nun an so wohl als seine leiblichen Kinder zu verpflegen
Anstalt machte auch meine Eltern mit hundert Pfund Sterlings ingleichen mit
allerhand Standesmäßigen Kleidern und andern Sachen beschenckte
Allein das Unglück war noch lange nicht ermüdet meine armen Eltern zu
verfolgen denn nach etlichen Wochen lief bei dem OberRichter ein Königlicher
Befehl ein welcher also lautete Dass ungeacht wider meine Eltern nichts
erhebliches vorhanden wäre welches sie des Verbrechens ihrer Verwandten
mitschuldig erklären könne so sollten sie dem ungeacht verschiedener
Mutmaßungen wegen in das StaatsGefängnis nach London geliefert werden
Diesemnach wurden dieselben unvermutet dahin geschafft und mussten im Tour
obgleich als höchstunschuldig befundene dennoch ihren Feinden zu Liebe die
ihre Güter unter sich geteilet so lange schwitzen biss sie etliche Monate nach
des Königs Entauptung ihre Freiheit nebst der Hoffnung zu ihren ErbGütern
wieder bekamen allein der Gram und Kummer hatte seit etlichen Jahren beide
dermaßen entkräfftet dass sie sich in ihren besten Jahren fast zugleich aufs
KranckenBette legten und binnen 3 Tagen einander im Tode folgeten
Ich hatte vor dem mir höchstschmerzlichen Abschiede noch das Glück den
Väterlichen und Mütterlichen letzten Seegen zu empfangen ihnen die Augen
zuzudrücken anbei ein Erbe ihres ganzen Vermögens das sich etwa auf 150
Pfund Sterl nebst einem großen Sacke voll Hoffnung belieff zu werden
Eduard ließ meine Eltern Standesmäßig zur Erden bestatten und nahm sich
nachher meiner als ein getreuer Vater an allein ich weiß nicht weswegen er
hernach im Jahre 1653 mit dem Protector Cromwel zerfiel weswegen er ermordet
und sein Weib und Kinder in ebenso elenden Zustand gesetzt wurden als der
meinige war
Mit diesem Pfeiler fiel das ganze Gebäude meiner Hoffnung wiederum in den
Stand meiner VorEltern zu kommen gänzlich darnieder weil ich als ein 13
Knabe keinen einzigen Freund zu suchen wusste der sich meiner mit Nachdruck
annehmen möchte Deswegen begab ich mich zu einem Kauffmanne welchen Eduard
meinetwegen 200 Pfund Sterlings auf Wucher gegeben hatte und verzehrete bei
ihm das Interesse Dieser wollte mich zwar zu seiner Hantierung bereden weil
ich aber durchaus keine Lust darzu hatte hergegen entweder ein Gelehrter oder
ein Soldat werden wollte musste er mich einem guten Meister der Sprachen
übergeben bei dem ich mich dergestalt angriff dass ich binnen Jahres Frist mehr
gefasst als andere die mich an Jahren weit übertraffen
Eines Tages da ich auf denjenigen Platz spazieren ging wo ein neues
Regiment Soldaten gemustert werden sollte fiel mir ein Mann in die Augen der
von allen andern Menschen sonderbar respectieret wurde Ich fragte einen bei mir
stehenden alten Mann Wer dieser Herr sei und bekam zur Antwort Dass dieses
derjenige Mann sei welcher der ganzen Nation Freiheit und Glückseeligkeit
wieder hergestellet hätte der auch einem jeden Unterdrückten sein rechtes Recht
verschafte Wie heißt er mit Nahmen war meine weitere Frage worauf mir der
Alte zur Antwort gab Er heißt Oliverius Cromwell und ist nunmehr des
ganzen Landes Protector
Ich stund eine kleine Weile in Gedanken und fragte meinen Alten nochmals
Solte denn dieser Oliverius Cromwell im Ernste so ein redlicher Mann sein
Indem kehrete sich Cromwell selbst gegen mich und sah mir starr unter die
Augen Ich sah ihn nicht weniger starr an und brach plötzlich mit
unerschrockenem Mute in folgende Worte aus Mein Herr verzeihet mir ich höre
dass ihr derjenige Mann sein sollt der einem jeden, er sei auch wer er sei
sein rechtes Recht verschaffe deswegen liegt es nur an euch dieserwegen eine
Probe an mir abzulegen weil schwerlich ein geborner vornehmer Engelländer
härter und unschuldiger gedrückt ist als eben ich
Cromwell ließ seine Bestürzung über meine Freimütigkeit deutlich genug
spüren fasste aber meine Hand und führte mich abseits allwo er meinen
Nahmen Stand und Not auf einmal in kurzen Worten erfuhr Er sagte weiter
nichts darzu als dieses Habt kurze Zeit Geduld mein Sohn ich werde nicht
ruhen biss euch geholffen ist und damit ihr glaubt dass es mein rechter Ernst
sei will ich euch gleich auf der Stelle ein Zeichen davon geben Hiermit
führte er mich mitten unter einen Troupp Soldaten nahm einem Fähndrich die
Fahne aus der Hand übergab selbige an mich machte also auf der Stätte aus mir
einen Fähndrich und aus dem vorigen einen Lieutenant
Mein Monatlicher Sold belieff sich zwar nicht höher als auf 8 Pfund
Sterlings doch Cromwells Freigebigkeit brachte mir desto mehr ein so dass
nicht allein keine Not leiden sondern mich so gut und besser als andere Ober
Offiziers aufführen konnte Immittelst verzögerte sich aber die Wiedereinsetzung
in meine Güter dermaßen biss Cromwell endlich darüber verstarb sein
wunderlicher Sohn Richard verworffen und der neue König Karl der andere
wiederum ins Land geruffen wurde Bei welcher Gelegenheit sich meine Feinde aufs
neue wider mich empöreten und es dahin brachten dass ich meine KriegsBedienung
verließ und mit 400 Pfund Sterl baaren Gelde nach Holland überging des
festen Vorsatzes mein mir und meinen Vorfahren so widerwärtiges Vaterland
nimmermehr wieder mit einem Fuße zu betreten
Ich hatte gleich mein zwanzigstes Jahr erreicht da mich das Glücke nach
Holland überbrachte allwo ich binnen einem halben Jahre viele schöne Städte
besah doch in keiner derselben einen andern Trost vor mich fand als mein
künftiges Glück oder Unglück auf der See zu suchen Weil aber meine Sinnen
hierzu noch keine vollkommene Lust hatten so setzte meine Reise nach
Deutschland fort um selbiges als das Hertz von ganz Europa wohl zu betrachten
Mein HauptAbsehen aber war entweder unter den Kayserl oder ChurBrandenburgl
Völckern KriegsDienste zu suchen jedoch zu meinem größten Verdrusse wurde eben
Friede und mir zu gefallen wollte keinem einzigen wiederum Lust ankommen Krieg
anzufangen
Inzwischen passirete mir auf dem Wege durch den beruffenen Thüringer Wald
ein verzweiffelter Streich denn als ich eines Abends von einem grausamen
DonnerWetter und PlatzRegen überfallen war so sah mich bei hereinbrechender
Nacht genötigt vom Pferde abzusteigen und selbiges zu führen biss endlich da
ich mich schon weit verirret und etwa gegen Mitternacht mit selbigen meine Ruhe
unter einem großen Eichbaume suchen wollte der Schein eines von ferne
brennenden Lichts durch die Sträucher in meine Augen fiel der mich bewegte
meinen Gaul aufs neue zu beunruhigen um dieses Licht zu erreichen Nach
verfliessung einer halben Stunde war ich ganz nahe dabei und fand selbiges in
einem Hause wo alles herrlich und in Freuden zugieng indem ich von außen eine
wunderlich schnarrende Musik hörte und durch das Fenster 5 oder 6 paar
Menschen im Tantze erblickte Mein vom vielen Regen ziemlich erkälteter Leib
sehnete sich nach einer warmen Stube deswegen pochte an bat die heraus
guckenden Leute um ein NachtQuartier und wurde von ihnen aufs freundlichste
empfangen Der sich angebende Wirt führte mein Pferd in einen Stall brachte
meinen blauen MantelSack in die Stube ließ dieselbe warm machen dass ich meine
nassen Kleider trocknen möchte und setzte mir einige eben nicht unappetitliche
Speisen für die mein hungeriger Magen mit größter Begierde zu sich nahm
Nachhero hätte mich zwar gern mit drei anwesenden ansehnlichen MannsPersonen
ins Gespräche gegeben da sie aber weder Engel noch Holländisch vielweniger
mein weniges Latein verstehen konnten und mit zerstückten Deutschen nicht
zufrieden sein wollten legte ich mich auf die Streu nieder und zwar an die
Seite eines Menschen welchen der Wirt vor einen bettlenden Studenten ausgab
blieb auch bei ihm liegen ungeacht mir der gute Wirt nachher unter dem
Vorwande dass ich allhier voller Ungeziefer werden würde eine andere Stelle
anwiese
Ich hatte die Torheit begangen verschiedene GoldStücke aus meinem Beutel
sehen zu lassen jedoch selbige nachher so wohl als mein übriges Geld um den
Leib herum wohl verwahret meinen MantelSack unter den Kopf Pistolen und Degen
aber neben mich gelegt Allein dergleichen Vorsicht war in so weit vergeblich
da ich in einen solch tiefen Schlaf verfalle der wo es GOTT nicht sonderlich
verhütet mich in den TodesSchlaf versenckt hätte Denn kaum zwei Stunden nach
meinem niederliegen machten die drei ansehnlichen MannsPersonen welches in
der Tat Spitzbuben waren einen Anschlag auf mein Leben hätten mich auch mit
leichter Mühe ermorden können wenn nicht der ehrliche neben mir liegende
studiosus welches der nunmehr seelige Simon Heinrich Schimmer war im
verstellten Schlafe alles angehöret und mich errettet hätte
Die Mörder nehmen vorher einen kurzen Abtritt aus der Stube deswegen
wendet Schimmer allen Fleiß an mich zu ermuntern da aber solches unmöglich
ist nimmt er meine zum Häupten liegenden Pistolen und Degen unter seinen Rock
welcher ihm zur Decke dienete vermerkt aber bald dass alle drei wieder zurück
kommen und dass einer mit einem großen Messer in der Hand mir die Kehle
abzuschneiden miene macht
Es haben sich kaum ihrer zwei auf die Knie gesetzt einer nämlich mir den
tödlichen Schnitt zu geben der andere aber SchimmersBewegung in acht zu
nehmen als dieser Letztere plötzlich aufspringet und fast in einem tempo alle
beide zugleich darnieder schießt weil er noch vor meinem niederliegen wahr
genommen dass ich die Pistolen ausgezogen und jede mit 2 Kugeln frisch geladen
hatte Indem ich durch diesen gedoppelten Knall plötzlich auffuhr erblickte
ich dass der dritte HauptSpitzBube von Schimmern mit dem Degen darnieder
gestochen wurde Dem ungeacht hatten sich noch 3 Mannes und 4 WeibsPersonen
vom Lager erhoben welche uns mit Höltzernen Gewehren darnieder zuschlagen
vermeinten allein da ich unter Schimmers Rocke meinen Degen fand und zum Zuge
kam wurde in kurzen reine Arbeit gemacht so dass diese 7 Personen
elendiglich zugerichtet auf ihr voriges Lager niederfallen mussten Am
lächerlichsten war dieses bei dem ganzen Streite dass mich eine WeibsPerson
mit einer ziemlich stark angefüllten Katze voll Geld über den Kopf schlug so
dass mir fast hören und sehen vergangen wäre da aber diese Amazonin durch einen
gewaltigen Hieb über den Kopf in Ohnmacht gebracht hatte ich Zeit genung mich
ihres kostbaren Gewehrs zu bemächtigen und selbiges in meinem Busen zu
verbergen
Mittlerweile da Schimmer mit dem von mir geforderten Kraut und Lot die
Pistolen aufs neue pfefferte kam der Wirt mit noch zwei Handfesten Kerln
hertzu und fragte Was es gäbe Schimmer antwortete Es gibt allhier Schelme
und Spitzbuben zu ermorden und derjenige so die geringste miene macht uns
anzugreiffen soll ihnen im Tode Gesellschaft leisten Demnach stelleten sich
der Wirt nebst seinen Beiständen als die ehrlichsten Leute von der Welt
schlugen die Hände zusammen und schryen O welch ein Anblick Was hat uns das
Unglück heute vor Gäste zugeführet Allein Schimmer stellte sich als ein
anderer Hercules an und befahl dass der Wirt sogleich mein Pferd gesattelt
hervor führen sollte mittlerweile sich seine zwei Beistände als ein paar Hunde
vor der StubenTür niederlegen mussten Wir beide kleideten uns inzwischen
völlig an ließ mein Pferd heraus führen die Tür eröffnen und durch den
Wirt den MantelSack aufbinden reisten also noch vor Tages Anbruch hinweg
und bedachten hernach erstlich dass der Wirt vor großer Angst nicht ein mahl
die ZehrungsKosten gefordert hatte vor welche ihm allen Ansehen nach 3 oder
4 Tote und 6 sehr Verwundete hinterlassen waren
Wir leiteten das Pferd hinter uns her und folgeten Schritt vor Schritt
ohne ein Wort miteinander zu reden dem gebähnten Wege auch unwissend wo uns
selbiger hinführete biss endlich der helle Tag anbrach der mir dieses mal mehr
als sonsten mit ganz besonderer Schätzbarkeit in die Augen leuchtete Doch da
ich mein Pferd betrachtete befand sichs dass mir der Wirt statt meines
blauen MantelSacks einen grünen aufgebunden hatte Ich gab solches dem
redlichen Schimmer mit dem ich auf dem Wege in Erwegung unserer beiderseits
Bestürzung noch kein Wort gesprochen hatte so gut zu verstehen als mir die
Lateinische Sprache aus dem Munde fließen wollte und dieser war so neugierig
als ich zu wissen was wir vor Raritäten darinnen antreffen würden Deswegen
führten wir das Pferd seitwärts ins Gebüsche packten den MantelSack ab und
fanden darinnen 5 verguldete silberne Kelche 2 silberne OblatenSchachteln
vielerlei Beschläge so von Büchern abgebrochen war nebst andern kostbarn und
mit Perlen gestickten KirchenOrnaten ganz zuletzt aber kam uns in einem
Bündel zusammen gewickelter schwartzer Wäsche ein lederner Beutel in die Hände
worinnen sich 600 Stück species Ducaten befanden
Schimmern überfiel bei diesem Funde so wohl als mich ein grausamer
Schrecken so dass der AngstSchweiß über unsere Gesichter lief und wir
beiderseits nicht wussten was mit diesen mobilien anzufangen sei Endlich da wir
einander lange genung angesehen sagte mein Gefährte Wehrter Frembdling ich
mercke aus allen Umständen dass ihr so ein redliches Hertze im Leibe habt als
ich deswegen wollen wir Gelegenheit suchen die zu Gottes Ehre geweiheten
Sachen und Heiligtümer von uns ab und an einen solchen Ort zu schaffen von
wannen sie wiederum an ihre Eigentümer geliefert werden können, denn
diejenigen, welche vergangene Nacht von uns getötet und verwundet worden, sind
unfehlbar KirchenDiebe gewesen Was aber diese 600 spec Ducaten anbelanget
so halte darvor dass wir dieselben zur recreation vor unsere ausgestandene Gefahr
und Mühe wohl behalten können Saget sprach er mir deswegen euer Gutachten
Ich gab zu verstehen dass meine Gedanken mit den Seinigen vollkommen überein
stimmeten also packten wir wiederum auf und setzten unsern Weg so eilig als
es möglich war weiter fort da mir denn Schimmer unterwegs sagte Ich sollte
mich nur um nichts bekümmern denn weil ich ohne dem der deutschen Sprache
unkundig wäre wollte er schon alles so einzurichten trachten dass wir ohne
fernere Weitläufigkeit und Gefahr weit genug fortkommen könnten wohin es uns
beliebte
Es kam uns zwar überaus Beschwerlich vor den ganzen Tag durch den
fürchterlichen Wald und zwar ohne Speise und Tranck zu reisen jedoch endlich
mit Untergang der Sonnen erreichten wir einen ziemlich großen Flecken allwo
Schimmer sogleich nach des Priesters Wohnung fragte und nebst mir vor
derselben halten blieb
Der Ehrwürdige etwa 60 jährige Priester kam gar bald vor die Tür welchen
Schimmer in Lateinischer Sprache ungefähr also anredete Mein Herr Es möchte
uns vielleicht vor eine Unhöfflichkeit ausgelegt werden bei euch um ein
NachtQuartier zu bitten indem wir als ganz frembde Leute in das ordentliche
Wirtshaus gehören allein es zwinget uns eine ganz besondere Begebenheit in
Betrachtung eures heiligen Amts bei euch Rat und Hilfe zu suchen Deswegen
schlaget uns keins von beiden ab und glaubt gewiss dass in uns beiden keine
Bosheit sondern zwei redliche Hertzen befindlich Habt ihr aber dieser
Versicherung ungeacht ein Misstrauen welches man euch in Erwegung der vielen
herum schweiffenden Mörder Spitzbuben und Diebe zu gute halten muss so brauchet
zwar alle erdenckliche Vorsicht lasset euch aber immittelst erbitten unser
Geheimnis anzuhören
Der gute ehrliche Geistliche machte nicht die geringste Einwendung sondern
befahl unser Pferd in den Stall zu führen uns selbst aber nötigte er sehr
treuhertzig in seine Stube allwo wir von seiner Haussfrau und bereits
erwachsenen Kindern wohl empfangen wurden Nachdem wir auf ihr heftiges
Bitten die AbendMahlzeit bei ihnen eingenommen führte uns der ehrwürdige
Pfarrer auf seine StudierStube und hörte nicht allein die in vergangener
Nacht vorgefallene MordGeschicht mit Erstaunen an sondern entsetzte sich noch
mehr da wir ihm das auf wunderbare Weise erhaltene KirchenGeschmeide und
Geräte aufzeigeten denn er erkannte sogleich an gewissen Zeichnungen dass es
unfehlbar aus der Kirche einer etwa 3 Meilen von seinem Dorffe liegenden Stadt
sein müsse und hofte dessfalls sichere Nachricht von einem vornehmen Beamten
selbiger Stadt zu erhalten welcher Morgendes Tages unfehlbar zu ihm kommen und
mit einer seiner Töchter Verlöbnis halten würde
Schimmer fragte ihn hierauf ob wir als ehrliche Leute genung täten wenn
wir alle diese Sachen seiner Verwahrung und Sorge überließen selbige wiederum
an gehörigen Ort zu liefern uns aber da wir uns nicht gern in fernere
Weitläufftigkeiten verwickelt sähen auf die weitere Reise machten Der Priester
besonne sich ein wenig und sagte endlich Was maßen er derjenig nicht sei der
uns etwa Verdrießlichkeiten in den Weg zu legen oder gar aufzuhalten gesonnen
sondern uns vielmehr auf mögliche Art fortelffen und die KirchenGüter so bald
es tunlich wieder an ihren gehörigen Ort bringen wollte Allein meine Herrn
setzte er hinzu da euch allen beiden die Redlichkeit aus den Augen leuchtet
eure Begebenheit sehr wichtig und die Auslieferung solcher kostbaren Sachen
höchst rühmlich und merckwürdig ist warum lasset ihr euch einen kleinen
Auffentalt oder wenige Versäumnis abschrecken GOTT zu Ehren und der Weltlichen
Obrigkeit zum Vergnügen diese Geschichte öffentlich kund zu machen Schimmer
versetzte hierauf Mein Ehrwürdiger Herr ich nehme mir kein Bedenken euch
mein ganzes Herz zu offenbaren Wisst demnach dass ich aus der Lippischen
Grafschaft gebürtig bin und vor etlichen Jahren auf der berühmten Universität
Jena dem studieren obgelegen habe im Jahr 1655 aber hatte das Unglück an
einem nicht gar zu weit von hier liegenden Fürstlichen Hofe allwo ich etwas zu
suchen hatte mit einem jungen Kavalier in Händel zu geraten und denselben im
ordentlichen Duell zu erlegen weswegen ich flüchtig werden und endlich unter
Kayserlichen KriegsVölckern mit Gewalt Dienste nehmen musste Weil mich nun
dabei wohl hielt und über dieses ein ziemlich Stück Geld anzuwenden hatte gab
mir mein Obrister gleich im andern Jahre den besten UnterOffiziers Platz nebst
der Hoffnung dass, wenn ich fortführe mich wohl zu halten mir mit ehesten eine
Fahne in die Hand gegeben werden sollte Allein vor etwa 4 Monaten da wir in
Oesterreichischen Landen die WinterQuartiere genossen machte mich mein
Obrister über alles vermuten zum Lieutenant bei seiner LeibKompagnie welches
plötzliche Verfahren mir den bittersten Hass aller andern denen ich
solchergestalt vorgezogen worden über den Hals zohe und da zumalen ein
Luteraner bin so wurde zum öffteren hinter dem Rücken vor einen verfluchten
Ketzer gescholten der des Obristen Hertz unfehlbar bezaubert hätte Mitin
verschworen sich etliche mir bei ehester Gelegenheit das LebensLicht
auszublasen wollten auch solches einesmahls da ich in ihre Gesellschaft
geriet zu Wercke richten allein das Blat wendete sich indem ich noch bei
zeiten mein SeitenGewehr ergriff zwei darnieder stieß 3 sehr stark
verwundete und nachher ebenfalls sehr verwundete in Arrest kam
Es wurde mir viel von harquibousieren vorgeschwatzt deswegen stellte
mich ungeacht meine Wunden bei nahe gänzlich curieret waren dennoch immer
sehr kranck an biss ich endlich des Nachts Gelegenheit nahm zu entfliehen meine
Kleider bei Regensburg mit einem armen Studioso zu verwechseln und unter dessen
schwarzer Kleidung in ärmlicher Gestalt glücklich durch und biss in diejenige
MordGrube des Thüringer Waldes zu kommen allwo ich diesen jungen Engelländer
aus seiner MörderHänden befreien zu helfen das Gluck hatte Seht also mein
werter Herr verfolgte Schimmer seine Rede bei dergleichen Umständen will es
sich nicht wohl tun lassen dass ich mich um hiesige Gegend lange aufhalte oder
meinen Nahmen kund mache weil ich gar leicht den vor 5 Jahren erzürneten
Fürsten der seinen erstochenen Kavalier wohl noch nicht vergessen hat in die
Hände fallen könnte In Detmold aber allwo meine Eltern sein will ich mich
finden lassen und bemüht leben meine Sachen an erwähnten Fürstlichen Hofe
auszumachen
Habt ihr sonsten keine Furcht versetzte hierauf der Priester so will ich
euch bei GOTT versichern dass ihr um diese Gegend vor dergleichen Gefahr so
sicher leben könnt als in eurem Vaterlande Da er auch über dieses versprach
mit seinem zukünftigen SchwiegerSohne alles zu unsern weit größeren Vorteil
und Nutzen einzurichten beschlossen wir uns diesem redlichen Manne völlig
anzuvertrauen die 600 spec Ducaten aber biss auf ferneren Bescheid zu
verschweigen als welche ich nebst der im Streit eroberten GeldKatze in
welcher sich vor fast drittalb hundert teutscher Taler SilberMüntze befand
in meine ReitTaschen verbarg und Schimmern versprach so wohl eins als das
andre redlich mit ihm zu teilen
Mittlerweile schrieb der Priester die ganze Begebenheit an seinen
zukünftigen Eidam und schickte noch selbige Nacht einen reitenden Boten zu
selbigem in die Stadt von wannen denn der hurtige und redliche Beamte folgenden
Morgen bei guter Zeit ankam und die KirchenGüter welche nur erstlich vor drei
Tagen aus dasiger StadtKirchen gestohlen worden mit größten Freuden in Empfang
nahm Schimmer und ich ließ uns sogleich bereden mit ihm nebst ungefähr 20
wohl bewehrten Bauern zu Pferde die vortreffliche Herberge im Walde noch
einmal zu besuchen welche wir denn gegen Mitternacht nach vielen suchen
endlich fanden Jedoch nicht allein der verzweiffelte Wirt mit seiner ganzen
Familie sondern auch die andern GalgenVögel waren alle ausgeflogen biss auf 2
Weibs und eine MannsPerson die gefährlich verwundet in der Stube lagen und
von einer Stein alten Frau verpflegt wurden Diese wollte anfänglich von nichts
wissen stellte sich auch gänzlich taub und halb blind an doch endlich nach
scharffen Drohungen zeigete sie einen alten wohlverdeckten Brunnen aus welchen
nicht allein die vier käntlichen Körper der von uns erschossenen und
erstochenen Spitzbuben sondern über dieses noch 5 teils halb teils
gänzlich abgefaulte MenschenGerippe gezogen wurden Im übrigen wurde so wohl
von den Verwundeten als auch von der alten Frau bekräfftiget dass der Wirt
nebst den Seinigen und etlichen Gästen schon gestrigen Vormittags mit Sack und
Pack ausgezogen wäre auch nichts zurück gelassen hätte als etliche schlechte
Stücken HausGeräte und etwas LebensMittel vor die Verwundeten die nicht mit
fortzubringen gewesen Folgenden Tages fanden sich nach genauerer Durchsuchung
noch 13 im Keller vergrabene menschliche Körper die unfehlbar von diesem
höllischen Gastwirte und seinen verteuffelten Zunftgenossen ermordet sein
mochten und uns allen ein wehmütiges Klagen über die unmenschliche Verfolgung
der Menschen gegen ihre NebenMenschen auspresseten Immittelst kamen die von
dem klugen Beamten bestellte 2 Wagens an auf welche da sonst weiter allhier
nichts zu tun war die 3 Verwundeten nebst der alten Frau gesetzt und unter
Begleitung 10 Handfester Bauern zu Pferde nach der Stadt zugeschickt wurden
Der Beambte welcher nebst uns und den übrigen das ganze Haus Hoff und
Garten nochmals eiffrig durchsucht und ferner nichts merckwürdiges angetroffen
hatte war nunmehr auch gesinnt auf den Rückweg zu gedenken Schimmer aber
der seine in Händen habende RadeHaue von ungefähr auf den KüchenHeerd warff
und dabei ein besonderes Getöse anmerckte nahm dieselbe nochmals auf tat
etliche Hiebe hinein und entdeckte wider alles Vermuten einen darein
vermaureten Kessel worinnen sich da es nachher überschlagen wurde 2000
Tlr Geld und bei nahe eben so viel Gold und Silberwerck befand Wir
erstauneten alle darüber und wussten nicht zu begreiffen wie es möglich dass
der Wirt dergleichen kostbaren Schatz im Stich lassen können mutmasseten
aber dass er vielleicht beschlossen denselben auf ein ander mal abzuholen
Indem trat ein alter Bauer auf welcher erzehlete Dass vor etliche 40 Jahren in
KriegsZeiten ebenfalls ein Wirt aus diesem Hause Mord und Dieberei halber
gerädert worden der noch auf dem RichtPlatze kurtz vor seinem unbussfertigen
Ende versprochen hätte einen Schatz von mehr als 4000 Tlr Wert zu
entdecken daferne man ihm das Leben schencken wolle Allein die
GerichtsHerren welche mehr als zu viel Proben seiner Schelmerei erfahren
hätten nichts anhören wollen sondern das Urteil an ihm vollziehen lassen
Demnach könne es wohl sein dass seine Nachkommen hiervon nichts gewust und
diesen unverhofft gefundenen Schatz also entbehren müssen
Der hierdurch zuletzt noch ungemein erfreute Beamte teilete selbigen
versiegelt in etliche FutterSäcke der Bauern und hiermit nahmen wir unsern Weg
zurück er in die Stadt Schimmer und ich nebst 4 Bauern aber zu unsern
guttätigen Pfarrer der über die fernere Nachricht unserer Geschicht um so viel
desto mehr Verwunderung und Bestürzung zeigte
Wir hatten dem redlichen Beamten versprochen seiner daselbst zu erwarten
und dieser stellte sich am 3ten Tage bei uns ein brachte vor Schimmern und
mich 200 spec Ducaten zum Geschenke mit angleichen ein ganz Stück Scharlach
nebst allem Zubehör der Kleidungen die uns zwei Schneiders aus der Stadt in der
PfarrWohnung sogleich verfertigen mussten Mittlerweile protocollierte er unsere
nochmahlige Ausssage wegen dieser Begebenheit hielt darauf sein Verlöbnis mit
des Priesters Tochter welches FreudenFest wir beiderseits abwarten mussten
nachher aber da sich Schimmer ein gutes Pferd erkauft und unsere übrige
Equippage völlig gut eingerichtet war nahmen wir von dem gutertzigen Priester
und den Seinigen danckbarlich Abschied ließ uns von 6 Handfesten
wohlbewaffneten und gut berittenen Bauern zurück durch den Thüringer Wald
begleiten und setzten nachher unsere Reise ohne ferneren Anstoß auf Detmold
fort allwo wir von Schimmers Mutter die ihren Mann nur etwa vor 6 oder 8
Wochen durch den Tod eingebüßt hatte herzlich wohl empfangen wurden
Hierselbst teilten wir die auf unserer Reise wunderbar erworbenen Gelder
ehrlich miteinander und lebten über ein Jahr als getreue Brüder zusammen binnen
welcher Zeit ich dermaßen gut Teutsch lernete dass fast meine MutterSprache
darüber vergaß wie ich mich denn auch in solcher Zeit zur
EvangelischLuterischen Religion wandte und den verwirrten Englischen Secten
gänzlich absagte
Schimmers Bruder hatte die Väterlichen Güter allbereit angenommen und ihm
etwa 3000 teutscher Taler heraus gegeben welche dieser zu Bürgerlicher
Nahrung anlegen und eine Jungfrau von nicht weniger guten Mitteln erheiraten
mich aber auf gleiche Art mit seiner einzigen schönen Schwester versorgen
wollte Allein zu meinem größten Verdrusse hatte sich dieselbe allbereits mit
einem wohlhabenden andern jungen Menschen verplempert so dass meine zu ihr
tragende aufrichtige Liebe vergeblich war und da vollends meines lieben
Schimmers Liebste etwa 3 Wochen vor dem angestellten HochzeitFeste durch den
Tod hinweg gerafft wurde fasseten wir beiderseits einen ganz andern Schluss
nahmen ein jeder von seinem Vermögen 1000 spec Ducaten legten die übrigen
Gelder in sichere Hände und begaben uns unter die Holländischen
OstIndienFahrer allwo wir auf zwei glücklichen Reisen unser Vermögen ziemlich
verstärckten deswegen auch gesonnen waren die dritte zu unternehmen als uns
die verzweiffelten Verräter Alexander und Gallus das Maul mit der Hoffnung
eines großen Gewinstes wässerig machten und dahin brachten in ihrer
Gesellschaft nach der Insul Amboina zu schiffen
Was auf dieser Fahrt vorgegangen hat meine werte Schwägerin des Alberti
II Gemahlin mit behörigen Umständen erzählt deswegen will nur noch dieses
melden dass Schimmer und ich eine heimliche Liebe auf die beiden tugendhaften
Schwestern nämlich Philippinen und Judit geworffen hatten ingleichen dass sich
Jacob Larson der unser dritter Mann und besonderer HertzensFreund war nach
Sabinens Besitzung sehnete Doch keiner von allen dreien hatte das Hertze
seinem Geliebten Gegenstande die verliebten Flammen zu entdecken zumahlen da
ihre Gemüter durch damahlige ängstliche Bekümmernisse einmal über das andere
in die schmerzlichsten Verdrießlichkeiten verfielen In welchem elenden Zustande
denn auch die fromme und keusche Philippine ihr junges Leben kläglich
einbüssete welches Schimmern als ihren ehrerbietigen Liebhaber in geheim 1000
Tränen auspressete indem ihm dieser TodesFall weit heftiger schmertzte als
der plötzliche Abschied seiner ersten Liebste Ich und Larson hergegen
verharreten in dem festen Vorsatze so bald wir einen sichern Platz auf dem
Lande erreicht unsern beiden LeitSternen die Beschaffenheit und Leidenschaft
der Hertzen zu offenbaren und allen Fleiß anzuwenden ihrer ungezwungenen
schätzbaren GegenGunst teilhaftig zu werden Dieses geschahe nun so bald wir
auf hiesiger FelsenInsul unsere Gesundheit völlig wieder erlangt hatten Der
Vortrag wurde nicht allein gutertzig aufgenommen sondern wir hatten auch
beiderseits Hoffnung bei unsern schönen Liebsten glücklich zu werden Doch Amias
und Robert Hüll brachten es durch vernünftige Vorstellungen dahin dass wir
insgesamt guter Ordnung wegen unsere Hertzen beruhigten und selbige auf andere
Art vertauschten Also kam meine innigst geliebte Middelburgische Judit an
Albertum II Sabina an Stephanum Jacob Larson bekam zu seinem Teile weil er
der älteste unter uns war auch die älteste Tochter unsers teuren Altvaters
Schimmer nahm mit größten Vergnügen von dessen Händen die andere und ich
wartete mit innigsten Vergnügen auf meine ihren zweien Schwestern an Schönheit
und Tugend gleichförmige Christina bei nahe noch 6 Jahr weil ihr beständig
zarter und kränklicher Zustand unsere Hochzeit etliche Jahr weiter biss ins
1674te hinaus verschobe Wie vergnügt wir unsere Zeit beiderseits biss auf diese
Stunde zugebracht ist nicht auszusprechen Mein Vaterland oder nur einen
einzigen Ort von Europa wieder zu sehen ist niemals mein Wunsch gewesen
deswegen habe mein weniges zurück gelassenes Vermögen so wohl als Schimmer
gern im Stich gelassen und frembden Leuten gegönnet bin auch entschlossen biss
an mein Ende dem Himmel unaufhörlichen Danck abzustatten dass er mich an einen
solchen Ort geführet allwo die Tugenden in ihrer angeborenen Schönheit
anzutreffen hergegen die Laster des Landes fast gänzlich verbannet und
verwiesen sind
Hiermit endigte David Rawkin die Erzählung seiner und seines Freundes
Schimmers LebensGeschicht welche wir nicht weniger als alles Vorige mit
besonderen Vergnügen angehöret hatten und uns deswegen aufs höfflichste gegen
diesen 85 jährigen Greiss der seines hohen Alters ungeacht noch so frisch und
munter als ein Mann von etwa 40 Jahren war auffs höfflichste bedanckten Der
Altvater aber sagte zu demselben Mein werter Sohn ihr habt eure Erzählung
voritzo zwar kurtz doch sehr gut getan jedennoch seid ihr denen zuletzt
angekommenen lieben Freunden den Bericht von euren zweien OstIndischen Reisen
annoch schuldig blieben und weil selbiger viel merkwürdiges in sich fasset
mögen sie euch zur andern Zeit darum ersuchen Was den Jacob Larson anbelanget
so will ich mit wenigen dieses von ihm melden Er war ein gebohrner Schwede und
also ebenfalls Luterischer Religion seines Handwercks ein Schlösser der in
allerhand Eisen und StahlArbeit ungemeine Erfahrenheit und Kunst zeigete In
seinem 24 Jahre hatte ihn die ganz besondere Lust zum Reisen aufs Schiff
getrieben und durch verschiedene Zufälle zum fertigen SeeManne gemacht
Ostund WestIndien hatte derselbe ziemlich durchkrochen und dabei öfters
großen Reichtum erworben welchen er aber jederzeit gar plötzlich und zwar
öfters aufs gefährlichste nicht selten auch auf lächerliche Art wiederum
verloren Dennoch ist er einmal so standhaft als das andere auf Besehung
frembder Länder und Völker geblieben und ich glaube dass er nimmermehr auf
dieser Insul Stand gehalten wenn ihm nicht meine Tochter die er als seine Frau
sehr heftig liebte sonderlich aber die bald auf einander folgenden
LeibesErben eine ruhigere LebensArt eingeflösset hätten Es ist nicht
auszusprechen wie nützlich dieser treffliche Mann mir und allen meinen Kindern
gewesen denn er hat nicht allein Eisen und MetallSteine allhier erfunden
sondern auch selbiges ausgeschmelzt und auf viele Jahre hinaus nützliche
Instrumenten daraus verfertigt dass wir das SchiessPulver zur Not selbst
wiewohl nicht so gar fein als das Europäische machen können haben wir
ebenfalls seiner Geschicklichkeit zu dancken ja noch viel andere Sachen mehr
welche hinführo den Meinigen Gelegenheit geben werden seines Nahmens Gedächtnis
zu verehren Er ist nur vor 6 Jahren seiner seeligen Frauen im Tode gefolget
und hat den seeligen Schimmer etwa um 3 Jahre überlebt der vielleicht auch
noch nicht so bald gestorben wäre wenn er nicht durch einen umgeschlagenen
Balcken bei dem Gebäude seiner Kinder so sehr beschädigt und ungesund worden
wäre Jedoch sie sind unfehlbar in der ewig seeligen Ruhe welche man ihnen des
zeitlichen Lebens wegen nicht missgönnen muss
Nunmehr aber meine Lieben sagte hierbei unser Altvater wird es Zeit sein
dass wir uns sämtlich der Ruhe bedienen um Morgen geliebtes Gott des seel
Schimmers und seiner Nachkommen Wohnstädte in Augenschein zu nehmen Demnach
folgten wir dessen Rate in diesem Stück desto williger weil es allbereit
Mitternacht war folgenden Morgens aber da nach genossener Ruhe und
eingenommenen FrühStück der jüngere Albertus Stephanus und David mit ihren
Gemahlinnen dieses mal Abschied von uns nahmen und wiederum zu den ihrigen
kehreten setzten wir übrigen nebst dem Altvater die Reise auf SimonsRaum fort
Allda nahmen wir erstlich eine feine Brücke über den NordFluss in
Augenschein nebst derjenigen Schleuse welche auf den Notfall gemacht war
wenn etwa die HauptSchleusen in ChristiansRaum nicht vermögend wären den Lauf
des Flusses welcher zu gewissen Zeiten sehr heftig und schnelle trieb
gnugsamen Widerstand zu tun Die PflanzStadt selbst bestunde aus 13
Wohnhäusern worunter aber 3 befindlich die vor junge Anfänger nur kürtzlich
neu aufgebauet und noch nicht bezogen waren Ihr Hausshaltungs Wesen zeigte sich
denen übrigen Insulanern der Nahrhaftigkeit und accuratesse wegen in allen
gleichförmig doch fanden sich außerdem etliche Künstler unter ihnen welche
die artigsten und nützlichsten Geschirre nebst andern Sachen von einem
vermischten Metall sauber gießen und ausarbeiten auch die Formen selbst darzu
machen konnten welches der seel Simon Heinrich Schimmer durch seine eigene
Klugheit und Larsons Beihülffe erfunden und seine Kinder damit belehret hatte
Im übrigen waren alle in der BauKunst und andern nötigen Handtierungen nach
dasiger Art ungemein wohl erfahren
Nachdem wir allen Hausswirten daselbst eine kurtze Visite gegeben und ihr
ganzes Wesen wohl beobachtet hatten begleiteten uns die Mehresten in den
großen TierGarten den der Altvater bereits vor langen Jahren in der
NordOstEcke der Insul angelegt und einiges Wild hinein geschaffet hatte
welches nachher zu einer solchen Menge gediehen und dermaßen Zahm worden dass
man es mit Händen greiffen und schlachten konnte so oft man Lust darzu bekam
Dieser schöne TierGarten wurde von verschiedenen kleinen Bächlein
durchstreifft die aus der kleinen Oestlichen See gerauschet kamen und sich in
den äusersten Felsen Löchern verloren Wir nahmen ermeldte kleine See welche
etwa tausend Schritte im Umfange hatte wohl in Augenschein passierten über den
OstFluss vermittelst einer verzäunten Brücke und bemerckten dass sich selbiger
Fluss mit entsetzlichen Getöse in die holen FelsenKlüffte hinein stürtzte
wobei uns gesagt wurde was maßen er außerhalb nicht als ein Fluss sondern in
unzehlige Strudels zerteilt in Gestalt der allerschönsten fontaine wiederum
zum Vorscheine käme und sich solchergestalt in die See verlöhre Die andere
Seite der See nach OstSüden zu war wegen der vielen starken Bäche die ihren
Ursprung im Walde aus vielen sumpffigten Oertern nahmen und durch ihren
Zusammenfluss die kleine See machten nicht wohl zu umgehen deswegen kehreten
wir über die Brücke des OstFlusses durch den TierGarten zurück nach Simons
Raum wurden von dasigen Einwohnern herrlich gespeist und getränckt reichten
ihnen die gewöhnlichen Geschenke und kehreten nachher zurücke Herr Mag
Schmelzer nahm seinen Weg in die DavidsRaumer Alleé um daselbst seine
KatechismusLehren fortzusetzen wir aber kehreten zurück und halffen biss zu
dessen Zurückkunft am KirchenBau arbeiten nahmen nachher auf der Albertus
Burg die AbendMahlzeit ein worauff der Altvater uns Versammleten den Rest
seiner vorgenommenen LebensGeschicht mitzuteilen folgender maßen anhub
Nunmehr wisst ihr meine Geliebten wer diejenigen HauptPersonen gewesen
sind die ich im 1668ten Jahre mit Freuden auf meiner Insul ankommen und bleiben
sah Also befanden wir uns sämtliche Einwohner derselben 20 Personen stark
als 11 männliches Geschlechts unter welchen meine beiden jüngsten Zwillinge
Christoph und Christian im 13den Jahre stunden und dann 9 WeibsBilder
worunter meine 11 jährige Töchter Christina und Roberts zwei kleinen Töchter
annoch in völliger Unschuld befindlich waren Unsere zuletzt angekommenen
Frembdlinge machten sich zwar ein großes Vergnügen mit an die erforderliche
NahrungsArbeit zu gehen auch bequemliche Hütten vor sich zu bauen jedennoch
konnten weder ich und die Meinigen noch Amias und Robert eigentlich klug werden
ob sie gesinnt wären bei uns zu bleiben oder ihr Glück anderwärts zu suchen
Denn sie brachten nicht allein durch unsere Beihülffe ihr Schiff mit größter
Mühe in die Bucht sondern setzten selbiges binnen kurtzer Zeit in
Seegelfertigen Zustand Endlich da der ehrliche Schimmer alles genauer
überlegt und von unserer Wirtschaft völlige Kundschaft eingezogen hatte
Verliebte er sich in meine Tochter Elisabet und brachte seine beiden
Gefährten nämlich Jacob und David dahin dass sie sich nicht allein auf sein
sondern der übrigen Frembdlinge Zureden bewegen ließ ihre beiden Geliebten
an meine ältesten Zwillinge abzutreten hergegen ihre Hertzen auf meine zwei
übrigen Töchter zu lencken Demnach wurden im 1669ten Jahre Jacob Larson mit
Maria Schimmer mit Elisabet mein ältester Sohn mit Judit und Stephanus mit
Sabinen von mir ehelich zusammen gegeben der gute David aber dessen
zugeteilte Christina noch allzu jung war geduldete sich noch etliche Jahr und
lebte unter uns als ein unverdrossener redlicher Mann
Die Lust ein neues Schiff zu bauen war nunmehr so wohl dem Amias als uns
andern allen vergangen indem das zuletzt angekommene von solcher Güte schiene
mit selbigem eine Reise um die ganze Welt zu unternehmen jedoch es wurden alle
Schätze an Gelde und andern Kostbarkeiten Waren Pulver und Geschütze
gänzlich ausgeladen und auf die Insul das Schiff selbst aber an gehörigen Ort
in Sicherheit gebracht Nachhero ergaben wir uns der bequemlichsten HausArbeit
und dem LandBaue dermaßen und mit solcher Gemächlichkeit dass wir zwar als
gute HausWirte aber nicht als eitele Bauch und MammonsDiener zu erkennen
waren Das ist so viel gesagt wir baueten uns mehrere und beqvemlichere
Wohnungen bestelleten mehr Felder Gärten und Weinberge brachten verschiedene
Werckstädten zur HolzSteinMetall und SaltzZurichtung in behörige Ordnung
trieben aber damit nicht den geringsten Wucher und hatten solchergestalt gar
keines Geldes von nöten weil ein jeder mit demjenigen was er hatte seinen
Nächsten umsonst und mit Lust zu dienen geflissen war
Im übrigen brachten wir unsere Zeit denmassen vergnügt zu dass es keinem
einzigen gereuete von dem Schicksal auf diese Insul verbannet zu sein Meine
liebe Koncordia aber und ich waren dennoch wohl die allervergnügtesten da wir
uns nunmehr über die Einsamkeit zu beschweren keine fernere Ursache hatten
sondern unserer Kinder Familien im besten Wachstum sahen und zu Ende des
1670ten Jahres allbereit 9 KindesKinder nämlich 6 Söhne und 3 Töchter
küssen konnten ungeacht wir dazumahl kaum die Helffte der schrifftmässigen
menschlichen Jahre überschritten hatten also gar frühzeitig GroßEltern
genannt wurden
Unser dritter Sohn Johannes trat damals in sein zwantzigstes Jahr und
ließ in allen seinen Wesen den natürlichen Trieb spüren dass er sich nach der
LebensArt seiner älteren Brüder das ist nach einem EheGemahl sehnete Seine
Mutter und ich ließ uns dessen Sehnsucht ungemein zu Hertzen gehen wussten
ihm aber weder zu raten noch zu helfen biss sich endlich der alte Amias des
schwermütigen Jünglings erbarmete und die SchiffFahrt nach der HelenenInsul
von neuem aufs Tapet brachte sintemahl ein tüchtiges Schiff in Bereitschaft
lag welches weiter nichts als behörige Ausrüstung bedurffte Meine Koncordia
wollte hierein anfänglich durchaus nicht willigen doch endlich ließ sie sich
durch die trifftigsten Vorstellungen der meisten Stimmen so wohl als ich
überwinden und willigte wiewohl mit tränenden Augen darein dass Amias
Robert Jacob Simon nebst allen unsern 5 Söhnen zu Schiffe gehen sollten um
vor die 3 Jüngsten Weiber zu suchen wo sie selbige finden könnten David
Rawkin weil er keine besondere Lust zum Reisen bezeugte wurde von den andern
selbst ersucht seiner jungen Braut wegen zurück zu bleiben hergegen gaben sich
Stephani Jacobs und Simons Gemahlinnen von freiem Willen an diese Reise mit zu
tun und bei ihren Männern gutes und böses zu erfahren Roberts und Alberts
Weiber aber die ebenfalls nicht geringe Lust bezeigten dergleichen Fahrt mit
zu wagen wurden genötigt bei uns zu bleiben weil sie sich beide
hochschwangern Leibes befanden
Dennoch gingen binnen wenig Tagen alle Anstalten fast noch hurtiger von
statten als unsere vorherige Entschließung und die erwähnten 12 Personen
waren den 14 Januar 1671 überhaupt mit allen fertig in See zu gehen weil das
Schiff mit gnugsamen LebensMitteln Gelde notdürfftigen Gütern Gewehr und
dergleichen vollkommen gut ausgerüstet auch weiter nichts auf demselben
mangelte als etwa noch 2 mahl so viel Personen
Jedoch der tapffere Amias als Kapitain dieses wenigen SchiffsVolcks war
dermaßen mutig dass die übrigen alle mit Freuden auf die Stunde ihrer Abfahrt
warteten
Nachdem also Amias Robert Jacob und Simon mir einen teuren Eyd
geschworen keine weitern Abendteuern zu suchen als diejenigen so unter uns
abgeredet waren im Gegenteil meine Kinder so bald nur vor dieselben 3
anständige WeibsPersonen ausgefunden eiligst wieder zurück zu führen gingen
sie den 16ten Jan zur MittagsZeit freudig unter Segel stießen unter
unzehligen Glückwünschungen von dieser Insul ab und wurden von uns
Zurückbleibenden mit tränenden Augen und ängstlichen Gebärden so weit
begleitet biss sie sich nach etlichen Stunden samt ihren Schiffe gänzlich aus
unsern Gesichte verloren
Solcher Gestalt kehreten ich David und die beiden Koncordien zurück in
unsere Behausung allwo Judit und meine jüngste Tochter Christina auf die
kleinen 9 Kinder Achtung zu haben geblieben waren Unser erstes war so gleich
sämtlich auf die Knie nieder zu fallen und GOTT um gnädige Erhaltung der
Reisenden wehmütigst anzuflehen welches nachher Zeit ihrer Abwesenheit
alltäglich 3 mahl geschahe David und ich ließ es uns mittlerweile nicht
wenig sauer werden um unsere übrigen Früchte und den Wein völlig einzuerndten
auch nachero so viel Feld wiederum zu bestellen als in unsern und der
wohlgezogenen Affen Vermögen stund Die 3 Weiber aber durfften vor nichts
sorgen als die Küche zu bestellen und die unmündigen Kinder mit Christinens
Beihülffe wohl zu verpflegen
Jedoch weil sich ein jeder leichtlich einbilden kann dass wir die Hände
allerseits nicht werden in Schoss gelegt haben und ich ohnedem schon viel von
unserer gewöhnlichen Arbeit und HausshaltungsArt gemeldet so will voritzo nur
erzählen wie es meinen Seefahrenden Kindern ergangen Selbige hatten biss in
die 8te Woche vortrefflichen Wind und Wetter gehabt dennoch müssen die meisten
unter ihnen der See den gewöhnlichen Zoll liefern allein sie erholen sich
dessfalls gar zeitig wieder biss auf die einzige Elisabet deren Kranckheit
dermaßen zunimmt dass auch von allen an ihren Leben gezweiffelt wird Simon
Schimmer hatte seine getreue eheliche Liebe bei dieser kümmerlichen Gelegenheit
dermaßen spüren lassen dass ein jeder von seiner Aufrichtigkeit und Redlichkeit
Zeugnis geben können indem er nicht von ihrer Seite weicht und den Himmel
beständig mit tränenden Augen anflehet das Schiff an ein Land zu treiben weil
er vermeint dass seine Elisabet ihres Lebens auf dem Lande weit besser als auf
der See versichert sein könne Endlich erhöret Gott dieses eiffrige Gebet und
führt sie im mittel der 6ten Woche an eine kleine flache Insel bei welcher sie
anländen jedoch weder Menschen noch Tiere ausgenommen SchildKröten und
etliche Arten von Vögeln und Fischen darauf antreffen Amias führt das Schiff
um so viel desto lieber in einen daselbst befindlichen guten Hafen weil er und
Jacob als wohlerfahrene SeeFahrer aus verschiedenen natürlichen Merckzeichen
einen bevorstehenden starken Sturm mutmaßen Befinden sich auch hierinnen
nicht im geringsten betrogen da etwa 24 Stunden nach ihrem Aussteigen als sie
sich bereits etliche gute Hütten erbauet haben ein solches Ungewitter auf der
See entstehet welches leichtlich vermögend gewesen diesen wenigen und teils
schwachen Leuten den Untergang zu befördern
In solcher Sicherheit aber sehen sie den entsetzlichen Sturm mit ruheriger
Gemächligkeit an und sind nur bemüht sich vor dem öfters anfallenden Winde
und Regen wohl zu verwahren welcher letztere ihnen doch vielmehr zu einiger
Erquickung dienen muss da selbiges Wasser weit besser und annehmlicher befunden
wird als ihr süßes Wasser auf dem Schiffe Amias Robert und Jacob schaffen
hingegen in diesem Stücke noch bessern Rat indem sie an vielen Orten
eingraben und endlich die angenehmsten süßen WasserBrunnen erfinden An
andern erforderlichen LebensMitteln aber haben sie nicht den geringsten Mangel
weil sie mit demjenigen was meine Insul Felsenburg zur Nahrung hervor bringt
auf länger als 2 Jahr wohl versorgt waren
Nachdem der Sturm dieses mahl vorbei auch die krancke Elisabet sich in
ziemlich verbesserten Zustande befindet halten Amias und die übrigen vors
ratsamste wiederum zu Schiffe zu gehen und ein solches Erdreich zu suchen
auf welchem sich Menschen befänden doch Schimmer der sich stark darwider
setzt und seine Elisabet vorher vollkommen gesund sehen will erhält endlich
durch heftiges Bitten so viel dass sie sämtlich beschließen wenigstens noch
8 Tage auf selbiger wüsten Insul zu verbleiben ungeacht dieselbe ein
schlechtes Erdreich hätte welches denen Menschen weiter nichts zum Nutzen
darreichte als einige schlechte Kräuter aber desto mehr teils hohe teils
dicke Bäume die zum SchiffBau wohl zu gebrauchen gewesen
Meine guten Kinder hatten nicht Ursach gehabt diese ihre Versäumnis zu
bereuen denn ehe noch diese 8 Tage vergehen fällt abermals ein solches
SturmWetter ein welches das vorige an Grausamkeit noch weit übertrifft da
aber auch dessen 4 tägige Wut mit einer angenehmen und stillen Witterung
verwechselt wird hören sie eines Morgens früh noch in der Demmerung ein
plötzliches Donnern des groben und kleinen Geschützes auf der See und zwar
aller Mutmaßungen nach ganz nahe an ihrer wüsten Insul Es ist leicht zu
glauben dass ihnen sehr bange um die Hertzen müsse gewesen sein zumahlen da sie
bei völlig herein brechenden SonnenLichte gewahr werden dass ein mit
Holländischen Flaggen bestecktes Schiff von zweien Barbarischen Schiffen
angefochten und bestritten wird der Holländer wehret sich dermaßen dass der
eine Barbar gegen Mittag zu Grunde sincken muss nichts desto weniger setzt ihm
der Letztere so grausam zu dass bald hernach der Holländer in letzten Zügen zu
liegen scheint
Bei solchen Gefährlichen Umständen vermercken Amias Robert Jacob und
Simon dass sie nebst den Ihrigen ebenfalls entdeckt und verloren gehen würden
daferne der Holländer das Unglück haben sollte unten zu liegen fassen deswegen
einen jählingen und verzweiffelten Entschluss begeben sich mit Sack und Pack in
ihr mit 8 Kanonen besetztes Schiff schlupffen aus dem kleinen Hafen heraus
gehen dem Barbar in Rücken und geben zweimahl tüchtig Feuer auf denselben
weswegen dieser in entsetzliches Schrecken gerät der Holländer aber neuen Mut
bekommt und seinen Feind mit frischer recht verzweiffelter Wut zu Leibe geht
Die Meinigen lösen ihre Kanonen in gemessener Weite noch zweimahl kurtz auf
einander gegen den Barbar und helfen es endlich dahin bringen dass derselbe
von dem Holländer nach einem rasenden Gefechte vollends gänzlich überwunden
dessen Schiff aber mit allen darauf befindlichen Gefangenen an die wüste und
unbenahmte Insel geführet wird
Der Hauptmann nebst den übrigen Herren des Holländischen Schiffs können kaum
die Zeit erwarten biss sie Gelegenheit haben meinen Kindern als ihren tapffern
LebensErrettern ihre danckbare Erkänntlichkeit so wohl mit Worten als in der
Tat zu bezeugen erstaunen aber nicht wenig als sie dieselben in so geringer
Anzahl und von so wenigen Kräfften antreffen erkennen derohalben gleich dass
der kühne Vorsatz nebst einer geschickten und glücklich ausgeschlagenen List das
beste bei der Sache getan hätten
Nichts desto weniger bieten die guten Leute den Meinigen die Helfte von
allen eroberten Gut und Geldern an weil aber dieselben außer einigen geringen
Sachen sonsten kein ander Andencken wegen des Streits und der Holländer
Höflichkeit annehmen wollen werden die letztern in noch weit größere
Verwunderung gesetzt indem sich die ihnen zugeteilte Beute höher als 12000
Tlr belauffen hatte
Immittelst da die Holländer sich genötigt sehen zu völliger Ausbesserung
ihres Schiffs wenigstens 14 Tage auf selbiger Insul stille zu liegen
beschließen die Meinigen anfänglich auch biss zu deren Abfahrt allda zu
verharren Zumahlen da Amias gewahr wird dass sich verschiedene teils noch
gar junge teils schon etwas ältere FrauensPersonen unter ihnen befinden Er
sucht so wohl als Robert Jacob und Simon mit selbigen ins Gespräch zu kommen
doch der Letztere ist am glücklichsten indem er gleich andern Tags darauf
eine von ermeldten WeibsBildern hinter einem dicken Gesträuche in der
Einsamkeit höchst betrübt und weinend antrifft Schimmer erkundigt sich auf
besonders höfliche Weise nach der Ursach ihres Betrübnissses und erfährt so
gleich dass sie eine Wittbe sei deren Mann vor etwa 3 Monaten auf diesem
Schiffe auch in einem Streite mit den SeeRäubern tot geschossen worden und
die nebst ihrer 14 jährigen StieffTochter zwar gern auf dem Kap der guten
Hoffnung ihres seel Mannes hinterlassene Güter zu Gelde machen wollte allein
sie würde von einem auf diesem Holländischen Schiffe befindlichen Kauffmanne
dermaßen mit Liebe geplagt dass sie billig zu befürchten hätte er möchte es
mit seinem starken Anhange und Geschencken also listig zu Karten trachten dass
sie sich endlich gezwungener Weise an ihm ergeben müsse Schimmer stellt ihr
vor dass sie als eine annoch sehr junge Frau noch gar füglich zur andern Ehe
schreiten und einen Mann der sie zumahlen heftig liebte glücklich machen
könne ob auch derselbe ihr eben an Gütern und Vermögen nicht gleich sei Allein
die betrübte Frau spricht Ihr habt recht mein Herr ich bin noch nicht
veraltert weil sich mein ganzes LebensAlter wenig Wochen über 24 Jahr
erstreckt und ich Zeit meines EheStandes nur zwei Kinder zur Welt gebracht
habe Deswegen würde mich auch nicht wegern in die andere Ehe zu treten
allein mein ungestümer Liebhaber ist die allerlasterhafteste MannsPerson von
der Welt der sich nicht scheuen sollte Mutter Tocher und Magd auf einmal zu
lieben demnach hat mein Herz einen recht natürlichen Abscheu vor seiner Person
ja ich wollte nicht allein meines seel Mannes Verlassenschaft die sich höher
als 10000 Tlr belauffen soll sondern noch ein mehreres darum willig
hergeben wenn ich entweder in Holland oder an einem andern ehrlichen Orte in
ungezwungener Einsamkeit hinzubringen Gelegenheit finden könnte
Schimmer tut hierauf noch verschiedene Fragen an dieselbe und da er diese
Frau vollkommen also gesinnt befindet wie er wünscht ermahnet er sie ihr
Herz in Geduld zu fassen weil ihrem Begehren gar leicht ein Genügen geleistet
werden könne daferne sie sich seiner Tugend und guten Rats völlig anvertrauen
wolle Nur müsste er vorher erstlich mit einigen seiner Gesellschafter von
dieser Sachen reden damit er etwa Morgen um diese Zeit und auf selbiger Stelle
fernere Abrede mit ihr nehmen könne
Die tugendhafte Wittbe fängt hierauf gleich an diesen Mann vor einen ihr
von GOTT zugeschickten menschlichen Engel zu halten und wischet mit hertzlichen
Vertrauen die Tränen aus ihren bekümmerten Augen Schimmer verläst also
dieselbe und begibt sich zu seiner übrigen Gesellschaft welcher er diese
Begebenheit gründlich zu Gemüte führt und erwähnte Wittbe als ein
vollkommenes Bild der Tugend heraus streicht Amias bricht solcher Gestalt auf
einmal in diese Worte aus Erkennet doch meine Kinder die besondere Fügung
des Himmels denn ich zweiffele nicht die schöne Wittbe ist vor unsern
Johannem und ihre StieffTochter vor Christoph bestimmt hilfft uns nun der
Himmel allhier noch zu der dritten WeibsPerson vor unsern Christian so haben
wir das Ziel unserer Reise erreicht und können mit Vergnügen auf eine fügliche
Zurückkehr dencken
Demnach sind sie allerseits nur darauf bedacht der jungen Wittbe eine gute
Vorstellung von ihrem ganzen Wesen zu machen und da dieselbe noch an eben
demselben Abend von Marien und Sabinen in ihre Hütte geführet wird um die
annoch etwas kränckliche Elisabet zu besuchen kann sich dieselbe nicht gnungsam
verwundern daselbst eine solche Gesellschaft anzutreffen welche ich als ihr
StammVater wegen der Wohlgezogenheit Gottesfurcht und Tugend nicht selbst
weitläufftig rühmen mag Ach meine Lieben rufft die fromme Wittbe aus sagt mir
doch wo ist das Land aus welchen man auf einmal so viel Tugendhafte Leute
hinweg reisen lässt Haben euch denn etwa die gottlosen Einwohner desselben zum
Weichen gezwungen Denn es ist ja bekannt dass die böse Welt fast gar keine
Frommen mehr sie mögen auch jung oder alt sein unter sich leiden will Nein
meine schöne Frau fällt ihr der alte Amias hierbei in die Rede ich versichere
dass wir die hier vor euren Augen sitzen der Tugend wegen noch die geringsten
heißen denn diejenigen so wir zurück gelassen sind noch viel vollkommener
und wir leben nur bemüht ihnen gleich zu werden Dieses war nun sagte hierbei
unser AltVater Albertus eine starke Schmeichelei allein es hatte dem
ehrlichen Amias damals also zu reden beliebt die Dame aber sieht denselben
starr an und spricht Mein Herr euer Ehrwürdiges graues Haupt bringt vielen
Respekt zu wege sonsten wollte sagen dass ich nicht wüste wie ich mit euch dran
wäre ob ihr nämlich etwa mit mir schertzen oder sonsten etwas einfältiges aus
meinen Gedanken locken woltet
Diese Reden macht sich Amias zu Nutze und versetzt dieses darauf Madam
dencket von mir was ihr wollt nur richtet meine Reden nicht ehe nach der
Schärffe biss ich euch eine Geschicht erzählt die gewiss nicht verdrießlich
anzuhören und dabei die klare Wahrheit ist Hierauf fängt er an als einer der
meine und der Meinigen ganze LebensGeschicht vollkommen inne hatte alles
dasjenige auf dem Nagel her zu sagen was uns passieret ist und worüber sich
die Dame am Ende vor Verwunderung fast nicht zu begreifen weiß Hiermit aber ist
es noch nicht genung sondern Amias bittet dieselbe von allen dem was sie
anitzo gehört bei ihrer Gesellschaft nichts kundbar zu machen indem sie
gewisser Ursachen wegen sonst Niemanden als ihr alleine dergleichen
Geheimnisse wissen lassen vielmehr einem jeden bereden wollten sie hätten auf
der Insul St Helenae ein besonderes Gewerbe auszurichten Virgilia van Katmers
so nennet sich diese Dame verspricht nicht allein vollkommene Verschwiegenheit
sondern bittet auch um Gottes willen sie nebst ihrer StiefTochter welches ein
Kind guter Art sei mit in dergleichen irdisches Himmelreich also hatte sie
meine FelsenInsul genannt zu nehmen und derselben einen tugendhaften Mann
heiraten zu helfen Ich vor meine Person setzt sie hinzu kann mit Wahrheit
sagen dass ich mein übriges Leben eben so gern im tugendhaften ledigen Stande
als in der besten Ehe zubringen wollte weil ich von Jugend an biss auf diese
Stunde Trübsal und Angst genug ausgestanden habe mich also nach einem ruhigern
Leben sehne Meine StieffTochter aber deren StieffMutter ich nur seit 5
Jahren bin und die ich ihres sonderbaren Gehorsams wegen als mein eigen Kind
liebe möchte ich gern wohl versorgt wissen weil dieselbe im Fall wir das Kap
der guten Hoffnung nicht erreichen sollten von ihrem väterlichen Erbteile
nichts zu hoffen hat als diejenigen Kostbarkeiten welche ich bei mir führe
und sich allein an Golde Silber Kleinodien und Gelde ungefähr auf 16000
Ducaten belaufen die uns aber noch gar leicht durch Sturm oder SeeRäuber
geraubt werden können.
Amias antwortet hierauf dass dergleichen zeitliche Güter bei uns in großer
Menge anzutreffen wären doch aber nichts geachtet würden weil sie auf unserer
Insul wenigen oder gar keinen Nutzen schaffen könnten im übrigen verspricht er
binnen 2 Tagen völlige Resolution von sich zu geben ob er sie nebst ihrer
Tochter unter gewissen Bedingungen ohne Gefahr und mit guten Gewissen mit
sich führen könne oder nicht lässt also die ehrliche Virgiliam vor dieses mahl
zwischen Furcht und Hoffnung wiederum von der Gesellschaft Abschied nehmen
Folgende zwei Tage legt er unter der Hand und zwar auf ganz klügliche Art
genaue Kundschaft auf ihr von Jugend an geführtes Leben und Wandel und
erfähret mit Vergnügen dass sie ihn in keinem Stücke mit Unwahrheit berichtet
habe Demnach fragt er erstlich den Johannem ob er die Virgiliam zu seiner
EheFrau beliebte und so bald dieser sein treuhertziges JaWort mit besonderen
fröhlichen GemütsBewegungen von sich gegeben sucht er abermahlige
Gelegenheit Virgiliam nebst ihrer Tochter Gertraud in seine Hütten zu locken
welche letztere er als ein recht ungemein wohlgezogenes Kind befindet
Demnach eröffnet er der tugendhaften Wittbe sein ganzes Hertze wie er
nämlich gesonnen sei sie nebst ihrer StieffTochter mit größten Freuden auf
sein Schiff zu nehmen doch mit diesen beiden Bedingungen dass sie sich gelieben
lassen wolle den Johannem welchen er ihr vor die Augen stellt zum EheManne
zu nehmen und dann sich zu bemühen noch die 3te keusche WeibsPerson die
unfehlbar in ihrer Aufwärterin Blandina anzutreffen sein würde mit zu führen
Im übrigen dürffte keines von ihnen vor das HeiratsGut sorgen weil alles was
ihr Herz begehren könne bei den Seinigen in Uberfluss anzutreffen wäre
Meine Herren versetzt hierauf Virgilia ich mercke und verstehe aus allen
Umständen nunmehr zur Gnüge dass es euch annoch nur an 3 WeibsPersonen
mangelt eure übrigen und ledigen MannsPersonen zu beweiben deswegen sind
euch so wohl meine StieffTochter als meine 17 jährige Aufwärterin hiermit
zugesagt weil ich gewiss glaube dass ihr sonderlich die erstere mit dem
Ehestande nicht übereilen werdet Was meine eigene Person anbetrifft sagt sie
ferner so habe ich zwar an gegenwärtigen frommen Menschen der wie ihr sagt
Johannes Julius heißt und ehrlicher Leute Kind ist nicht das allergeringste
auszusetzen allein ich werde keinem Menschen er sei auch wer er sei weder
mein Wort noch die Hand zur Ehe geben biss mein TrauerJahr um meinen seeligen
Mann und einen 2 jährigen Sohn der nur wenig Tage vor seinem Vater
verstorben zu Ende gelauffen ist Nach diesem aber will ich erwarten wie es
der Himmel mit meiner Person fügen wird Ist es nun bei dergleichen Schluße
euch anständig mich nebst meiner Tochter und Magd vor deren Ehre ich Bürge
bin heimlich mit hinweg zu führen so soll euch vor uns dreien ein
BrautSchatz von 16000 Ducaten wert binnen wenig Stunden eingeliefert
werden
Amias will so wohl als alle die andern nicht das geringste von Schätzen
wissen ist aber desto erfreuter dass er ihrer Personen wegen völlige
Versicherung erhalten nimmt deswegen diesen und den folgenden Tag die
sicherste Abrede mit Virgilien so dass weder der in sie verliebte Kauffmann
noch jemand anders auf deren vorgesetzte Flucht Verdacht legen kann
Etliche Tage hernach da die guten Holländer ihr Schiff um selbiges desto
bequemer auszubessern auf die Seite gelegt die kleineren Boote nebst allen
andern Sachen aufs Land gezogen und ihr Pulver zu trocknen solches an die
Sonne gelegt haben kommt Amias zu ihnen und meldet wie es ihm zu beschwerlich
falle bei diesem guten Wetter und Winde allhier stille zu liegen Er wolle
demnach in Betrachtung dass sie wenigstens noch 3 biss 4 Wochen allhier
verharren müssten seine Reise nach der Insel S Helenæ fortsetzen seine Sachen
daselbst behörig einrichten nachher auf dem Rückwege wiederum allhier
ansprechen und nebst den Seinigen in ihrer Gesellschaft mit nach einer
OstIndischen guten Insul schiffen Inzwischen wolle er sie gegen baare
Bezahlung um etwas Pulver und Blei angesprochen haben als woran es ihm
ziemlich mangele
Die treuhertzigen Holländer setzen in seine Reden nicht das geringste
Misstrauen versprechen einen ganzen Monat auf ihn zu warten weil erwähnte
Insel ohnmöglich über 100 Meilen von dar liegen könne verehren dem guten Manne
4 große Fass Pulver nebst etlichen Centnern Blei wie auch allerhand
treffliche Europäische Victualien welche er mit andern die auf unserer Insul
gewachsen waren ersetzet und dabei Gelegenheit nimmt von diesem und jenen
allerhand Sämereien FruchtKernen und BlumenGewächse auszubitten gibt anbei
zu verstehen dass er unfehlbar des 3ten Tages aufbrechen und unter Seegel
gehen wollte Allein der schlaue Fuchs schiffet sich hurtiger ein als die
Holländer vermeinen und wartet auf sonst nichts als die 3 bestellten
WeibesPersonen Da sich nun diese in der andern Nacht mit Sack und Pack
einfinden lichtet er seine Ancker und läufft unter guten Winde in die offenbare
See ohne dass es ein einziger von den Holländern gewahr wird Mit anbrechende
Tage sehen sie die wüste Insul nur noch in etwas von ferne weswegen Amias 2
Kanonen löset um von den Holländern ehrlichen Abschied zu nehmen die ihm vom
Lande mit 4 Schüssen antworten woraus er schliesset dass sie ihren kostbaren
Verlust noch nicht empfänden deswegen desto freudiger die Seegel aufspannet
und seinen Weg auf Felsenburg richtet
Die RückReise war dermaßen bequem und geruhig gewesen dass sie weiter
keine Ursach zu klagen gehabt als über die um solche Zeit ganz ungewöhnliche
WindStille welche ihnen da sie nicht vermögend gewesen der starken
RuderArbeit beständig obzuliegen eine ziemlich langsame Fahrt verursachet
hatte
Es begegnet ihnen weder Schiff noch etwas anderes merckwürdiges auch will
sich ihren Augen weder dieses oder jenes Land offenbaren und da nachher
vollends ein täglicher heftiger Regen und Nebel einfällt wird ihr Kummer noch
größer ja die meisten fangen an zu zweiffeln die Ihrigen auf der FelsenInsul
jemals wieder zu sehen zu kriegen Doch Amias und Jacob lassen wegen ihrer
besonderen Wissenschaft und Erfahrenheit im Kompass SeeCharten und andern zur
SchiffFahrt gehörigen Instrumenten den Mut nicht sincken sondern reden den
übrigen so lange tröstlich zu biss sie am 9ten Maji in den MittagsStunden
dieses gelobte Land an seinen von der Natur erbaueten Türmern und Mauern von
weiten erkennen Jacob der so glücklich ist solches am ersten wahrzunehmen
brennet abgeredter maßen gleich eine Kanone ab worauf die im Schiff
befindlichen 15 Personen sich so gleich versammlen und zu allererst in einer
andächtigen BetStunde dem Höchsten ihr schuldiges DanckOpffer bringen
Es ist ihnen selbiges Tages unmöglich die FelsenInsul zu erreichen
weswegen sie mit herein brechender Nacht Ancker werffen um bei der Finsternis
nicht etwa auf die herum liegenden verborgenen Klippen und SandBäncke
aufzulauffen Indem aber hiermit erstlich eine kurtz darauf 2 und abermals 3
Kanonen von ihnen gelöst wurden musste solches und zwar eben als wir
Insulaner uns zur Ruhe legen wollten in unsere Ohren schallen David kam mir
demnach in seinem NachtHabit entgegen gelauffen und sagte Mein Herr wo ich
nicht träume so liegen die Unserigen vor der Insel denn ich habe das abgeredte
Zeichen mit Kanonen vernommen Recht mein Sohn gab ich zur Antwort ich und
die übrigen haben es auch gehört Alsofort machten wir uns beiderseits auf
nahmen etliche Raqueten nebst Pulver und Feuer zu uns lieffen auf die Höhe des
NordFelsens gaben erstlich aus zweien Kanonen Feuer zündeten hernach 2
Raquetten an und hörten hierauf nicht allein des Schiffs 8 Kanonen lösen
sondern sahen auch auf demselben allerhand artige LustFeuer welches uns die
gewisse Versicherung gab dass es kein anders als meiner Kinder Schiff sei
Diesem nach verschossen wir ihnen und uns zur Lust alles gegenwärtige Pulver
und gingen um Mitternachts Zeit wieder zurück stunden aber noch vor Tage
wieder auf verschützten die Schleuse des NordFlusses machten also unsere
TorFahrt trocken und gingen hinab an das MeerUfer allwo in kurzen unsere
Verreiseten glücklich an Land stiegen und von mir und David die ersten
BewillkommungsKüsse empfingen So bald wir nebst ihnen den fürchterlichen
hohlen FelsenWeg hinauff gestiegen waren und unsere Insul betraten kam uns
meine Koncordia mit der ganzen Familie entgegen indem sie die 9 Enckel auf
einen großen Rollwagen gesetzt und durch die Affen hierher fahren lassen
Nunmehr ging es wieder an ein neues Bewillkommen jedoch es wurden auf mein
Zureden nicht viel Weitläufftigkeiten gemacht biss wir ingesamt auf diesem Hügel
in unsern Wohnungen anlangeten
Ich will meine Lieben sagte hier unser Altvater die FreudenBezeugungen
von beiden Teilen nebst allen andern was biss zu eingenommener
MittagsMahlzeit vorgegangen mit Stillschweigen übergehen und nur dieses
Berichten Dass mir nachher die Meinigen einen umständlichen Bericht von ihrer
Reise abstatteten worauff die mit angekommene junge Wittbe ihren wunderbaren
LebensLauff weitläufftig zu erzählen anfing Da aber ich meine Lieben
entschuldigte sich der Altvater mich nicht im Stande befinde selbigen so
deutlich zu erzählen als er von ihrer eigenen Hand beschrieben ist so will ich
denselben hiermit meinem lieben Vetter Eberhard einhändigen damit er euch
solche Geschicht vorlesen könne
Ich Eberhard Julius empfing also aus des Altvaters Händen dieses in
Holländischer Sprache geschriebene FrauenzimmerManuskript welches ich sofort
denen andern in Teutscher Sprache also lautend herlass
Im Jahr Christi 1647 bin ich von Jugend auf sehr Unglückseelige nunmehr
aber da ich dieses auf der Insul Felsenburg schreibe sehr ja vollkommen
vergnügte Virgilia van Kattmers zur Welt geboren worden Mein Vater war ein
RechtsGelehrter und Prokurator zu Rotterdam der wegen seiner besonderen
Gelehrsamkeit die Kundschaft der vornehmsten Leute um ihnen in ihren
StreitSachen beizustehen erlangt und Hoffnung gehabt mit ehesten eine
vornehmere Bedienung zu bekommen Allein er wurde eines Abends auf freier
Straße Meuchelmörderischer Weise mit 9 DolchStichen ums Leben gebracht und
zwar eben um die Zeit da meine Mutter 5 Tage vorher abermals einer jungen
Tochter genesen war Ich bin damals 4 Jahr und 6 Monat alt gewesen weiß mich
aber noch wohl zu erinnern wie jämmerlich es aussah Da der annoch stark
blutende Körper meines Vaters von darzu bestellten Personen besichtiget und
dabei öffentlich gesagt wurde dass diesen Mord kein anderer Mensch angestellet
hätte als ein Gewissen loser reicher Mann gegen welchen er Tags vorher einen
rechtlichen Prozess zum Ende gebracht der mehr als hundert tausend Taler
anbetroffen und wobei mein Vater vor seine Mühe sogleich auf der Stelle 2000
Taler bekommen hatte
Vor meine Person war es Unglücklich genung zu schätzen einen treuen Vater
solchergestalt zu verlieren allein das unerforschliche Schicksal hatte noch ein
mehreres über mich beschlossen denn zwölff Tage hernach starb auch meine liebe
Mutter und nahm ihr jüngst gebohrnes Töchterlein welches nur 4 Stunden vorher
verschieden zugleich mit in das Grab Indem ich nun die einzige Erbin von
meiner Eltern Verlassenschaft war so fand sich gar bald ein wohlhabender
Kauffmann der meiner Mutterwegen mein naher Vetter war und also nebst meinem
zu Gelde geschlagenen Erbteile die Vormundschaft übernahm Mein Vermögen
belief sich etwa auf 18000 Tlr ohne den Schmuck KleiderWerck und schönen
HausRat den mir meine Mutter in ihrer wohlbestellten Hausshaltung zurück
gelassen hatte Allein die Frau meines PflegeVaters war nebst andern Lastern
dem schändlichen Geitze dermaßen ergeben dass sie meine schönsten Sachen unter
ihre drei Töchter verteilete denen ich bei zunehmenden Jahren als eine Magd
auffwarten und nur zufrieden sein musste wenn mich Mutter und Töchter nicht
täglich aufs erbärmlichste mit Schlägen tractirten Wem wollte ich mein Elend
klagen da ich in der ganzen Stadt sonst keinen Anverwandten hatte frembden
Leuten aber durfte mein Herz nicht eröffnen weil meine Aufrichtigkeit schon
öfters übel angekommen war und von denen 4 Furien desto übler belohnet wurde
Solchergestalt ertrug ich mein Elend biss ins 14 Jahr mit größter Geduld
und wuchs zu aller Leute Verwunderung und bei schlechter Verpflegung dennoch
stark in die Höhe Meiner PflegeMutter allergröster Verdruss aber bestund
darin dass die meisten Leute von meiner GesichtsBildung LeibesGestalt und
ganzen Wesen mehr Wesens und rühmens machten als von ihren eigenen Töchtern
welche nicht allein von Natur ziemlich hesslich gebildet sondern auch einer
geilen und leichtfertigen LebensArt gewohnt waren Ich musste dieserwegen viele
SchmachReden und Verdrießlichkeiten erdulden war aber bereits dermaßen im
Elende abgehärtet dass mich fast nicht mehr darum bekümmerte
Mittlerweile bekam ich ohnvermutet einen Liebhaber an dem vornehmsten
HandelsDiener meines PflegeVaters dieses war ein Mensch von etliche 20
Jahren und konnte täglich mit Augen ansehen wie unbillig und schändlich ich
arme Wäyse vor mein Geld welches mein PflegeVater in seinen Nutzen verwendet
hatte tractiret wurde weilen ihm aber alle Gelegenheit abgeschnitten war mit
mir ein vertrautes Gespräch zu halten steckte er mir eines Tages einen kleinen
Brief in die Hand worinnen nicht allein sein heftiges Mitleiden wegen meines
Zustandes sondern auch die Ursachen desselben nebst dem Antrage seiner treuen
Liebe befindlich mit dem Versprechen Dass wo ich mich entschließen wollte eine
Heirat mit ihm zu treffen er meine Person ehester Tages aus diesem
JammerStande erlösen und mir zu meinem Väter und Mütterlichen Erbteile
verhelffen wolle um welches es ohnedem itzo sehr gefährlich stünde da mein
PflegVater allem Ansehen nach in kurtzer Zeit banquerot werden müsste
Ich armes unschuldiges Kind wusste mir einen schlechten Begriff von allen
diesen Vorstellungen zu machen und war noch darzu so unglücklich diesen
aufrichtigen Brief zu verlieren ehe ich denselben weder schrifftlich noch
mündlich beantworten konnte Meine PflegeMutter hatte denselben gefunden ließ
sich aber nicht das geringste gegen mich merken außerdem dass ich nicht aus
meiner Kammer gehen durfte und solcher gestalt als eine Gefangene leben musste
wenig Tage hernach aber erfuhr ich dass man diesen HandelsDiener früh in seinem
Bette tot gefunden hätte und wäre er allen Umständen nach an einem SteckFluße
gestorben
Der Himmel wird am besten wissen ob dieser redliche Mensch nicht seiner zu
mir tragenden Liebe wegen von meiner bösen PflegeMutter mit Gift hingerichtet
worden denn wie jung ich auch damals war so konnte doch leichtlich einsehen
was vor eine ruchlose LebensArt zumahlen in Abwesenheit meines PflegeVaters
im Hause vorgieng Immittelst traff dennoch ein was der verstorbene
HandelsDiener vorher geweissaget hatte denn wenig Monate hernach machte sich
mein Vetter oder PflegeVater aus dem Staube und überließ seinen Gläubigern ein
ziemlich ausgeleertes Nest dessen Frau aber behielt dennoch ihr Haus nebst
andern zu ihm gebrachten Sachen so dass dieselbe mit ihren Kindern annoch ihr
gutes Auskommen haben konnte Ich vor meine Person musste zwar bei ihr bleiben
durfte mich aber niemals unterstehen zu fragen wie es um mein Vermögen stünde
biss endlich ihr ältester Sohn aus OstIndien zurück kam und sich über das
verkehrte HausWesen seiner Eltern nicht wenig verwunderte Er mochte von
vertrauten Freunden gar bald erfahren haben dass nicht so wohl seines Vaters
Nachlässigkeit als die üble Wirtschaft seiner Mutter und Schwestern an diesem
Unglück Schuld habe deswegen fing er als ein tugendhaftiger und verständiger
Mensch gar bald an ihnen ihr übles Leben anfänglich ziemlich sanftmütig
hernach aber desto ernstlicher zu Gemüte zu führen allein die 4 Furien bissen
sich weidlich mit ihm herum mussten aber doch zuletzt ziemlich nachgeben weil
sie nicht Unrecht vermuten konnten dass er durch seinen erworbenen Kredit und
großes Gut ihr verfallenes Glück wiederum hertzustellen vermögend sei So bald
ich dieses merkte nahm ich auch keinen ferneren Aufschub diesem redlichen
Manne meine Not zu klagen und da es sich eben schickte dass ich ihm eines
Tages auf Befehl seiner Mutter ein Körbgen mit sauberer Wäsche überbringen
musste gab solches die beste Gelegenheit ihm meines HertzensGedanken zu
offenbaren Er schien mir diesen Tag etwas aufgeräumter und freundlicher als
wohl sonsten gewöhnlich nachdem ich ihm also meinen Gruß abgestattet und die
Wäsche eingehändiget hatte sprach er Es ist keine gute Anzeigung vor mich
artige Virgilia da ihr das erste mal auf meiner Stube mit einem Körbgen
erscheinet gewiss dieses sollte mich fast abschrecken euch einen Vortrag meiner
aufrichtigen und ehrlichen Liebe zu tun Ich schlug auf diese Reden meine Augen
zur Erden nieder aus welchen alsofort die hellen Tränen fielen und gab mit
gebrochenen ängstlichen Worten so viel darauf Ach mein Herr Nehmet euch nicht
vor mit einer unglückseeligen Person zu schertzen erbarmet euch vielmehr einer
armen von aller Welt verlassenen Waise die nach ihren ziemlichen Erbteil
nicht ein mal fragen darff über dieses vor ihr eigen Geld als die geringste
Magd dienen und wie von Jugend auf so noch biss diesen Tag die erbärmlichsten
Schläge von eurer Mutter und Schwestern erdulden muss Wie Was hör ich gab er
mir zur Antwort ich vermeine euer Geld sei in Banco getan und die Meinigen
berechnen euch die Zinsen davon Ach mein Herr versetzte ich nichts weniger
als dieses euer Vater hat das Kapital nebst Zinsen und allen meinen andern
Sachen an sich genommen wo es aber hingekommen ist danach habe ich biss auf
diese Stunde noch nicht fragen dürffen wenn ich nicht die erbärmlichsten
Martern erdulden wollen Das sei dem Himmel geklagt schrye hierauf Ambrosius
van Keelen denn also war sein Nahme schlug anbei die Hände über dem Kopffe
zusammen und saß eine lange Zeit auf dem Stuhle in tieffen Gedanken Ich wusste
solchergestalt nicht wie ich mit ihm daran war fuhr deswegen im Weinen fort
fiel endlich nieder umfassete seine Knie und sagte Ich bitte euch um Gottes
willen mein Herr nehmt es nicht übel dass ich euch mein Elend geklagt habe
verschaffet nur dass mir eure Mutter auf meine ganze gerechte Forderung etwa
zwei oder drei hundert Taler zahle so soll das übrige gänzlich vergessen
sein ich aber will mich alsobald aus ihrem Hause hinweg begeben und andere
Dienste suchen vielleicht ist der Himmel so gnädig mir etwa mit der Zeit einen
ehrbaren HandwerksMann zuzuführen der mich zur Ehe nimmt und auf meine
LebensZeit ernehret denn ich kann die Tyrannei eurer Mutter und Schwestern
ohnmöglich länger ertragen Der gute Mensch konnte sich solchergestalt der
Tränen selbst nicht enthalten hub mich aber sehr liebreich von der Erden auf
drückte einen keuschen Kuss auf meine Stirn und sagte Gebt euch zufrieden meine
Freundin ich schwere zu GOTT dass mein ganzes Vermögen biss auf diese wenigen
Kleider so ich auf meinem Leibe trage zu eurer Beruhigung bereit sein soll
denn ich müsste befürchten dass GOTT bei so gestalten Sachen die Misshandlung
meiner Eltern an mir heimsuchte indessen geht hin und lasset euch diesen Tag
über weder gegen meine Mutter noch Geschwister nicht das geringste merken ich
aber will noch vor Abends eures Anliegens wegen mit ihnen sprechen und gleich
morgendes Tages Anstalt machen dass ihr Standesmässig gekleidet und gehalten
werdet
Ich trocknete demnach meine Augen ging mit getrösteten Hertzen von ihm er
aber besuchte gute Freunde und nahm noch selbigen Abend Gelegenheit mit seiner
Mutter und Schwestern meinetwegen zu sprechen Wiewohl nun dieselben mich auf
sein Begehren um sein Gespräch nicht mit anzuhören beiseits geschafft hatten
so habe doch nachher vernommen dass er ihnen das Gesetz ungemein scharff
geprediget und sonderlich dieses vorgeworffen hat Wie es zu verantworten
stünde dass sie meine Gelder durchgebracht Kleider und Geschmeide unter sich
geteilet und über dieses alles so jämmerlich gepeiniget hätten Allein auf
solche Art wurde die ganze Hölle auf einmal angezündet denn nachdem Ambrosius
wieder auf seine Stube gegangen ich aber meinen Henckern nur entgegen getreten
war redete mich die Alte mit funckelnden Augen also an Was hastu verfluchter
Findling vor ein geheimes Verständnis mit meinen Sohne und weswegen willstu mir
denselben auf den Hals hetzen Ich hatte meinen Mund noch nicht einmal zur
Rechtfertigung aufgetan da alle 4 Furien über mich herfielen und recht
Mörderisch mit mir umgingen denn außerdem dass mir die helffte meiner
HauptHaare ausgeraufft das Gesichte zerkratzt auch Maul und Nase Blutrünstig
geschlagen wurden trat mich die Alte etliche mahl dergestalt heftig auf den
UnterLeib und Magen dass ich unter ihren MörderKlauen ohnmächtig ja mehr als
halb tot liegen blieb Eine alte DienstMagd die dergleichen MordSpiel weder
verwehren noch in die Länge ansehen kann laufft alsobald und rufft den
Ambrosius zu Hilfe Dieser kommt nebst seinem Diener eiligst herzu und findet
mich in dem allererbärmlichsten Zustande läst deswegen seinem gerechten Eiffer
den Zügel schießen und zerprügelt seine 3 leiblichen Schwestern dergestalt
dass sie in vielen Wochen nicht aus den Betten steigen können mich halb tote
Kreatur aber trägt er auf den Armen in sein eigenes Bette lässt nebst einem
verständigen Artzte zwei WartFrauen holen machte also zu meiner besten
Verpflegung und Cur die herrlichsten Anstalten Ich erkannte sein redliches
Gemüte mehr als zu wohl indem er fast niemals zu meinem Bette nahete oder
sich meines Zustandes erkundigte dass ihm nicht die hellen Tränen von den
Wangen herab gelauffen wären so bald er auch merkte dass es mir unmöglich wäre
in diesem vor mich unglückseeligen Hause einige Ruhe zu genießen vielweniger
auf meine Genesung zu hoffen ließ er mich in ein anderes nächst dem seinen
gelegenes Haus bringen allwo in dem einsamen HinterGebäue eine schöne
Gelegenheit zu meiner desto bessern Verpflegung bereitet war
Er ließ es also an nichts fehlen meine Genesung aufs eiligste zu beförderen
und besuchte mich täglich sehr öfters allein meine Kranckheit schien von Tage
zu Tage gefährlicher zu werden weilen die FußTritte meiner alten PflegeMutter
eine starke Geschwulst in meinem Unterleibe veruhrsacht hatten welche mit
einem schlimmen Fieber vergesellschaftet war so dass der Medicus nachdem er
über drei Monat an mir curiret hatte endlich zu vernehmen gab es müsse sich
irgendwo ein Geschwür im Leibe angesetzt haben welches nachdem es zum
Aufbrechen gediehen mir entweder einen plötzlichen Tot oder baldige Genesung
verursachen könnte
Ambrosius stellte sich hierbei ganz Trostloss an zumahlen da ihm sein
Kompagnon aus Amsterdam berichtete wie die Spanier ein Holländisches Schiff
angehalten hätten worauff sich von ihren gemeinschaftlichen Waren allein
noch mehr als 20000 Tlr Wert befänden demnach müsse sich Ambrosius in aller
Eil dahin begeben um selbiges Schiff zu lösen weilen er nämlich der Kompagnon
wegen eines BeinBruchs ohnmöglich solche Reise antreten könnte
Er hatte mir dieses kaum eröffnet da ich ihn umständig bat um meiner
Person wegen dergleichen wichtiges Geschäffte nicht zu verabsäumen indem ich
die stärckste Hoffnung zu GOTT hätte dass mich derselbe binnen der Zeit seines
Abwesens vielleicht gesund herstellen würde sollte ich aber ja sterben so bäte
mir nichts anders aus als vorher die Verfügung zu machen dass ich ehrlich
begraben und hinkünftig dann und wann seines guten Andenckens gewürdiget
würde Ach sprach er hierauf mit weinenden Augen sterbt ihr meine
allerliebste Virgilia so stirbt mit euch alles mein künftiges Vergnügen denn
wisst Dass ich eure Person eintzig und allein zu meinem EheGemahl erwehlet
habe soferne ich aber euch verlieren sollte ist mein Vorsatz nimmermehr zu
Heiraten sagt deswegen ob ihr nach wieder erlangter Gesundheit meine
getreue Liebe mit völliger GegenLiebe belohnen wollt Ich stelle gab ich
hierauf zur Antwort meine Ehre zeitliches Glück und alles was an mir ist in
eure Hände glaubt demnach dass ich als eine arme Waise euch gänzlich eigen
bin und macht mit mir was ihr bei GOTT eurem guten Gewissen und der ehrbaren
Welt verantworten könnt Uber diese Erklärung zeigte sich Ambrosius dermaßen
vergnügt dass er fast kein Wort vorzubringen wusste jedoch erkühnete er sich
einen feurigen Kuss auf meine Lippen zu drücken und weilen dieses der erste war
den ich meines wissens von einer MannsPerson auf meinen Mund empfangen ging es
ohne sonderbare Beschämung nicht ab jedoch nachdem er mir seine beständige
Treue aufs heiligste zugeschworen hatte konnte ich ihm nicht verwehren
dergleichen auf meinen blassen Wangen Lippen und Händen noch öffter zu
wiederholen Wir brachten also fast einen halben Tag mit den treuhertzigsten
Gesprächen hin und endlich gelückte es mir ihn zu bereden dass er gleich
Morgendes Tages die Reise nach Spanien vornahm nachdem er von mir den
allerzärtlichsten Abschied genommen 1000 Stück Ducaten zu meiner Verpflegung
zurück gelassen und sonsten meinetwegen die eiffrigste Sorgfalt vorgekehret
hatte
Etwa einen Monat nach meines werten Ambrosii Abreise brach das Geschwür in
meinem Leibe welches sich des Artzts und meiner eigenen Meinung nach am Magen
und Zwerchfell angesetzt hatte in der Nacht plötzlich auf weswegen etliche
Tage nach einander eine erstaunliche Menge Eiter durch den Stuhlgang zum
Vorschein kam hierauf begunte mein dicker Leib allmählig zu fallen das Fieber
nachzulassen mithin die Hoffnung meiner volligen Genesung wegen immer mehr
und mehr zuzunehmen Allein das Unglück welches mich von Jugend an so grausam
verfolget hatte sich schon wieder aufs neue gerüstet mir den
allerempfindlichsten Streich zu spielen denn da ich einst um Mitternacht im
süßen Schlummer lag wurde meine Tür von den GerichtsDienern plötzlich
eröffnet ich nebst meiner WartFrau in das gemeine StadtGefängnis gebracht
und meiner großen Schwachheit ungeacht mit schweren Ketten belegt ohne zu
wissen aus was Ursachen man also grausam mit mir umginge Gleich folgendes Tages
aber erfuhr ich mehr als zu klar in was vor bösen Verdacht ich arme unschuldige
Kreatur gehalten wurde denn es kamen etliche ansehnliche Männer im Gefängnisse
bei mir an welche nach weitläufftiger Erkundigung meines Lebens und Wandels
endlich eine rot angestrichene Schachtel herbei bringen ließ und mich
befragten Ob diese Schachtel mir zugehörete oder sonsten etwa känntlich sei
Ich konnte mit guten Gewissen und freien Mute Nein darzu sagen so bald aber
dieselbe eröfnet und mir ein halb verfaultes Kind darinnen gezeiget wurde
entsetzte ich mich dergestalt über diesen eckelhaften Anblick dass mir
Augenblicklich eine Ohnmacht zustiess Nachdem man meine entwichenen Geister aber
wiederum in einige Ordnung gebracht wurde ich aufs neue befragt Ob dieses Kind
nicht von mir zur Welt geboren nachher ermordet und hinweggeworffen worden
Ich erfüllete das ganze Gemach mit meinem Geschrei und bezeugte meine Unschuld
nicht allein mit heftigen Tränen sondern auch mit den nachdrücklichsten
Reden allein alles dieses fand keine statt denn es wurden zwei mit meiner
seel Mutter Nahmen bezeichnete TellerTüchlein zwar als stumme doch der
Richter Meinung nach allergewisseste Zeugen dargelegt in welche das Kind
gewickelt gewesen ich aber konnte nicht leugnen dass unter meinem wenigen
weißen Zeuge eben dergleichen TellerTücher befindlich wären Es wurde mir
über dieses auferlegt mich von zwei WehMüttern besichtigen zu lassen da nun
nichts anders gedachte es würde durch dieses höchste empfindliche Mittel
meine Unschuld völlig an Tag kommen so musste doch zu meinem allergrößten
Schmerzen erfahren wie diese ohne allen Scheu bekräfftigten dass ich allen
Umständen nach vor weniger Zeit ein Kind zur Welt geboren haben müsse Ich
beruffte mich hierbei auf meinen bisherigen Artzt so wohl als auf meine zwei
WartFrauen allein der Arzt hatte die Schultern gezuckt und bekennet dass er
nicht eigentlich sagen könne wie es mit mir beschaffen gewesen ob er mich
gleich auf ein innerliches MagenGeschwür curieret hätte die eine WartFrau
aber zog ihren Kopf aus der Schlinge und sagte Sie wisse von meinem Zustande
wenig zu sagen weil sie zwar öfters bei Tage selten aber des Nachts bei mir
gewesen wäre schob hiermit alles auf die andere Wart Frau die so wohl als ich
in Ketten und Banden lag
O du barmhertziger GOTT rieff ich aus wie kanstu zugeben dass sich alle
ängstlichen Umstände mit der Bosheit der Menschen vereinigen müssen einer
höchst unschuldigen armen Waise Unglück zu befördern O ihr Richter schrye ich
übereilet euch nicht zu meinem Verderben sondern hört mich an auf dass euch
Gott wiederum höre Hiermit erzehlete ich ihnen meinen von Kindes Beinen an
geführten JammerStand deutlich genung allein da es zum Ende kam hatte ich
tauben Ohren geprediget und sonsten kein ander Lob davon als dass ich eine sehr
gewitzigte Metze und gute Rednerin sei dem allen ungeacht aber sollte ich mir
nur keine Hoffnung machen sie zu verwirren sondern nur bei Zeiten mein
Verbrechen in der Güte gestehen widrigenfalls würde ehester Tage Anstalt zu
meiner Tortur gemacht werden Dieses war der Bescheid welchen mir die
allzuernstaften Inquisiteurs hinterliessen ich armes von aller Welt
verlassenes Mägdlein wusste mir weder zu helfen noch zu raten zumahlen da ich
von neuen in ein solches hitziges Fieber verfiel welches meinen Verstand biss in
die 4te Woche ganz verrückte So bald mich aber durch die gereichten guten
Artzeneien nur in etwas wiederum erholet hatte verhöreten mich die Inquisiteurs
aufs neue bekamen aber Seiten meiner keine andere Erklärung als vormals
weswegen sie mir noch drei Tage BedenckZeit gaben nach deren Verlauff aber in
Gesellschaft des ScharffRichters erschienen der sein peinliches Werckzeug vor
meine Augen legte und mit grimmigen Gebärden sagte Dass er mich in kurtzer Zeit
zur bessern Bekänntniss meiner Bosheiten bringen wolle
Bei dem Anblicke so gestallter Sachen veränderte sich meine ganze Natur
dergestalt dass ich auf einmal Lust bekam ehe tausendmal den Tod als
dergleichen Pein zu erleiden demnach sprach ich mit größter Herzhaftigkeit
dieses zu meinen Richtern Wohlan ich spüre dass ich meines zeitlichen Glücks
Ehre und Lebens wegen von GOTT und aller Welt verlassen bin auch der
schmählichen Tortur auf keine andere Art entgehen kann als wenn ich alles
dasjenige was ihr an mir sucht eingestehe und verrichtet zu haben auf mich
nehme deswegen verschonet mich nur mit unnötiger Marter und erfraget von mir
was euch beliebt so will ich euch nach eurem Belieben antworten es mag mir nun
zu meinem zeitlichen Glück und Leben nützlich oder schädlich sein Hierauff
taten sie eine klägliche Ermahnung an mich GOtte wie auch der Obrigkeit ein
wahrhaftiges Bekenntnis abzustatten und fingen an mir mehr als 30 Fragen
vorzulegen allein so bald ich nur ein oder andere mit guten Gewissen und der
Wahrheit nach vermeinen und etwas gewisses zu meiner Entschuldigung vorbringen
wollte wurde alsobald der ScharffRichter mit seinen MarterInstrumenten näher
zu treten ermahnet weswegen ich aus Angst augenblicklich meinen Sinn änderte
und so antwortete wie es meine Inquisiteurs gerne hören und haben wollten Kurtz
zu melden es kam so viel heraus dass ich das mir unbekannte halb verfaulte Kind
von Ambrosio empfangen zur Welt geboren selbst ermordet und solches durch
meine WartFrau in einen Kanal werffen lassen woran doch in der Tat Ambrosius
und die WartFrau so wohl als ich vor GOTT und allen heiligen Engeln unschuldig
waren
Solchergestalt vermeinten nun meine Inquisiteurs ihr Ammt an mir
rechtschaffener Weise verwaltet zu haben ließ derowen das Gerüchte durch die
ganze Stadt erschallen dass ich nunmehr in der Güte ohne alle Marter den
KinderMord nebst allen behörigen Umständen solchergestalt bekennet dass niemand
daran zu zweiffeln Ursach haben könnte demnach war nichts mehr übrig als zu
bestimmen, auf was vor Art und welchen Tag die arme Virgilia vom Leben zum Tode
gebracht werden sollte Immittelst wurde noch zur Zeit kein Priester oder Seel
Sorger zu mir gesendet ungeacht ich schon etliche Tage darum angehalten hatte
Endlich aber nachdem noch zwei Wochen verlauffen stellte sich ein solcher
und zwar ein mir wohl bekandter frommer Prediger bei mir ein Nach getanem
Gruße war seine ernsthafte und erste Frage Ob ich die berüchtigte junge
RabenMutter und KinderMörderin sei auch wie ich mich so wohl in meinem
Gewissen als wegen der LeibesGesundheit befände Mein Herr gab ich ihm sehr
freimütig zur Antwort in meinem Gewissen befinde ich mich weit besser und
gesunder als am Leibe sonsten kann ich GOTT eintzig und allein zum Zeugen
anruffen dass ich niemals eine Mutter weder eines toten noch lebendigen Kindes
gewesen bin vielweniger ein Kind ermordet oder solches zu ermorden zugelassen
habe Ja ich ruffe nochmals GOTT zum Zeugen an dass ich niemals von einem Manne
erkannt und also noch eine reine und keusche Jungfrau bin jedoch das grausame
Verfahren meiner Inquisiteurs und die große Furcht vor der Tortur haben mich
gezwungen solche Sachen zu bekennen von denen mir niemals etwas in die
Gedanken kommen ist und noch biss diese Stunde bin ich entschlossen lieber mit
freudigen Hertzen in den Tod zu gehen als die Tortur auszustehen Der fromme
Mann sah mir starr in die Augen als ob er aus selbigen die Bekräfftigung
meiner Reden vernehmen wollte und schärfte mir das Gewissen in allen Stücken
ungemein nachdem ich aber bei der ihm getanen Aussage verharrete und meinen
ganzen LebensLauff erzählt hatte sprach er Meine Tochter eure
RechtsHändel müssen ob GOTT will in kurzen auf andern Fuß kommen ich
spreche euch zwar keineswegs vor Recht dass ihr aus Furcht vor der Tortur euch
zu einer Kinder und SelbstMörderin macht allein es sind noch andere eurer
Einfalt unbewusste Mittel vorhanden eure Schuld oder Unschuld ans Licht zu
bringen Hierauff setzte er noch einige tröstliche Ermahnungen hinzu und nahm
mit dem Versprechen Abschied mich längstens in zweien Tagen wiederum zu
besuchen
Allein gleich folgenden Tages erfuhr ich ohnverhofft dass mich GOTT durch
zweierlei HülffsMittel mit ehesten aus meinem Elende heraus reißen würde
denn vors erste war meine Unschuld schon ziemlich ans Tages Licht gekommen da
die alte DienstMagd meiner PflegeMutter aus eigenem GewissensTriebe der
Obrigkeit angezeiget hatte wie nicht ich sondern die mittelste Tochter meiner
PflegeMutter das gefundene Kind geboren selbiges vermittelst einer großen
Nadel ermordet eingepackt und hinweg zu werffen befohlen hätte und zwar so
hätten nicht allein die übrigen zwei Schwestern sondern auch die Mutter selbst
mit Hand angelegt dieweiln es bei ihnen nicht das erste mahl sei dergleichen
Taten begangen zu haben Meine andere tröstliche Zeitung war dass mein bester
Freund Ambrosius vor wenig Stunden zurück gekommen und zu meiner Befreiung die
äusersten Mittel anzuwenden allbereits im Begriff sei
Er bekam noch selbigen Abends Erlaubnis mich in meinem Gefängnisse zu
besuchen und wäre bei nahe in Ohnmacht gefallen da er mich Elende annoch in
Ketten und Banden liegen sah allein er hatte doch nach Verlauff einer halben
Stunde so wohl als ich das Vergnügen mich von den Banden entlediget und in
ein reputierlicher Gefängnis gebracht zu sehen Ich will mich nicht aufhalten zu
beschreiben wie jämmerlich und dennoch zärtlich und tröstlich diese unsere
Wiederzusammenkunft war sondern nur melden dass ich nach zweien Tagen durch
seine ernstliche Bemühung in völlige Freiheit gesetzt wurde Uber dieses ließ er
es sich sehr viel kosten wegen meiner Unschuld hinlängliche Erstattung des
erlittenen Schimpffs von meinen allzu hitzigen Inquisiteurs zu erhalten empfing
auch so wohl von den geistlichen als weltlichen Gerichten die herrlichsten
EhrenZeugnisse vor seine und meine Person am allermeisten aber erfreuete er
sich über meine in wenig Wochen völlig wieder erlangte Gesundheit
Nach der Zeit bemühete sich Ambrosius seine lasterhafte Mutter und
schändliche Schwestern vermittelst einer großen GeldSumme von der ferneren
Inquisition zu befreien zumahlen da ich ihnen das mir zugefügte Unrecht von
Hertzen vergeben hatte allein er konnte nichts erhalten sondern musste der
Gerechtigkeit den Lauff lassen weil sie nach der Zeit überzeugt wurden dass
dieses schon das dritte Kind sei welches seine zwei ältesten Schwestern
geboren und mit Beihülffe ihrer Mutter ermordet hätten weswegen sie auch
ihren verdienten Lohn empfingen indem die Mutter nebst den zwei ältesten mit
dem Leben büßen die jüngste aber in ein ZuchtHaus wandern musste
Jedoch ehe noch dieses geschahe reiste mein Ambrosius mit mir nach
Amsterdam weil er vermutlich dieses traurige Spectacul nicht abwarten wollte
ließ sich aber doch noch in selbigem Jahre mit mir ehelich verbinden und ich
kann nicht anders sagen als dass ich ein halbes Jahr lang ein recht stilles und
vergnügtes Leben mit ihm geführet habe indem er eine der besten Handlungen mit
seinem Kompagnon daselbst anlegte Allein weil das Verhängnis einmal
beschlossen hatte dass meiner Jugend Jahre in lauter Betrübnis zugebracht werden
sollten so musste mein getreuer Ambrosius über Vermuten den gefährlichsten
Anfall der roten Ruhr bekommen welche ihn in 17 Tagen dermaßen abmattete
dass er seinen Geist darüber aufgab und im 31 Jahre seines Alters mich zu einer
sehr jungen aber desto betrübtern Wittbe machte Ich will meinen dieserhalb
empfundenen Jammer nicht weitläufftig beschreiben genung wenn ich sage dass
mein Herz nichts mehr wünschte als ihm im Grabe an der Seite zu liegen Der
getreue Ambrosius aber hatte noch vor seinem Ende vor mein zeitliches Glück
gesorget und meine Person so wohl als sein ganzes Vermögen an seinen Kompagnon
vermacht doch mit dem Vorbehalt dass wo ich wider Vermuten denselben nicht
zum Manne verlangete er mir überhaupt vor alles 12000 Tlr auszahlen und mir
meinen freien Willen lassen sollte
Wilhelm van Kattmer so hieß der Kompagnon meines seel Ehemannes war ein
Mann von 33 Jahren und nur seit zweien Jahren ein Wittber gewesen hatte von
seiner verstorbenen Frauen eine einzige Tochter Gertraud genannt bei sich
die aber wegen ihrer Kindheit seinem HausWesen noch nicht vorstehen konnte
deswegen gab er mir nach verflossenen TrauerJahre so wohl seine aufrichtige
Liebe als den letzten Willen meines seel Mannes sehr beweglich zu verstehen
und drunge sich endlich durch tägliches Anhalten um meine GegenGunst solcher
Gestalt in mein Hertz dass ich mich entschloss die Heirat mit ihm einzugehen
weil er mich hinlänglich überführete dass so wohl der WittbenStand als eine
anderweitige Heirat mit Zurücksetzung seiner Person vor mich sehr gefährlich
sei
Ich hatte keine Ursach über diesen andern Mann zu klagen denn er hat mich
nach der Zeit in unsern 5 jährigen EheStande mit keiner Gebärde vielweniger
mit einem Worte betrübt Zehen Monat nach unserer Vereheligung kam ich mit einer
jungen Tochter ins KindBette welche aber nach anderthalb Jahren an Masern
starb doch wurde dieser Verlust bald wiederum ersetzt da ich zum andern mahle
mit einem jungen Sohne nieder kam worüber mein Ehemann eine ungemeine Freude
bezeigte und mir um so viel desto mehr LiebesBezeugungen erwiese Bei nahe
zwei Jahr hernach erhielt mein Wilhelm die betrübte Nachricht dass sein
leiblicher Vater auf dem Kap der guten Hoffnung Todes verblichen sei weil nun
derselbe in ermeldten Lande vor mehr als 30000 Taler wert Güter angebauet und
besessen hatte als beredete er sich dieserwegen mit einem einzigen Bruder und
einer Schwester fasste auch endlich den Schluss selbige Güter in Besitz zu
nehmen und seinem Geschwister zwei Teile des Werts heraus zu geben Er fragte
zwar vorher mich um Rat auch ob ich mich entschließen könnte Europam zu
verlassen und in einem andern WeltTeile zu wohnen beschrieb mir anbei die
Lage und LebensArt in selbigem fernen Lande aus dermaßen angenehm so bald ich
nun merkte dass ihm so gar sehr viel daran gelegen wäre gab ich alsofort
meinen Willen drein und versprach in seiner Gesellschaft viel lieber mit ans
Ende der Welt zu reisen als ohne ihn in Amsterdam zu bleiben Demnach wurde
aufs eiligste Anstalt zu unserer Reise gemacht wir machten unsere besten Sachen
teils zu Gelde teils aber ließ wir selbige in Verwahrung unsers Schwagers
der ein wohlhabender Jubelier war und reisten in Gottes Nahmen von Amsterdam
ab dem Kap der guten Hoffnung oder vielmehr unserm Unglück entgegen denn
mittlerweile da wir an den Kanarischen Insuln uns ein wenig zu erfrischen
angelandet waren starb unser kleiner Sohn und wurde auch daselbst zur Erde
bestattet Wenig Tage hierauf wurde die fernere Reise fortgesetzt und mein
Betrübnis vollkommen zu machen überfielen uns zwei Räuber mit welchen sich
unser Schiff ins Treffen einlassen musste auch so glücklich war selbigen zu
entgehen ich aber sollte doch dabei die allerunglückseeligste sein indem mein
lieber Mann mit einer kleinen Kugel durch den Kopf geschossen wurde und
dieserwegen sein redliches Leben einbüßen musste
Der Himmel weiß ob mein seeliger William seinen tötlichen Schuss nicht
vielmehr von einem MeuchelMörder als von den SeeRäubern bekommen hatte denn
alle Umstände kamen mir dabei sehr verdächtig vor jedoch Gott verzeihe es mir
wenn ich den Severin Water in unrechten Verdacht halte
Dieser Severin Water war ein junger Holländischer sehr frecher und
wollüstiger Kaufmann und hatte schon öfters in Amsterdam Gelegenheit gesucht
mich zu einem schändlichen EheBruche zu verführen Ich hatte ihn schon
verschiedene mahl gewarnet meine Tugend mit dergleichen verdammten Ansinnen zu
verschonen oder ich würde mich genötigt finden solches meinem Manne zu
eröffnen da er aber dennoch nicht nachlassen wollte bat ich wirklich meinen
Mann inständig seine und meine Ehre gegen diesen geilen Bock zu schützen
allein mein William gab mir zur Antwort Mein Engel lasset den Haasen laufen
er ist ein wollüstiger Narr und weil ich mich eurer Tugendvollkommen
versichert halte so weiß ich auch dass er zu meinem Nachteil nichts bei euch
erhalten wird indessen ist es nicht ratsam ihn noch zur Zeit zum offenbaren
Feinde zu machen weil ich durch seine Person auf dem Kap der guten Hoffnung
einen besonderen wichtigen Vorteil erlangen kann Und eben in dieser Absicht
sah es auch mein William nicht ungern dass Severin in seiner Gesellschaft mit
dahin reiste Ich indessen war um so viel desto mehr verdrießlich da ich diesen
geilen Bock alltäglich vor mir sehen und mit ihm reden musste er führte sich
aber bei meines Mannes Leben noch ziemlich vernünftig auf jedoch gleich
etliche Tage nach dessen jämmerlichen Tode trug er mir sogleich seine eigene
schändliche Person zur neuen Heirat an Ich nahm diese Leichtsinnigkeit sehr
übel auf und bat ihn mich zum wenigsten auf ein Jahr lang mit dergleichen
Antrage zu verschonen allein er verlachte meine Einfalt und sagte mit frechen
Gebärden Er frage ja nichts danach ich möchte schwanger sein oder nicht
genung er wolle meine LeibesFrucht vor die seinige erkennen über dieses wäre
man auf den Schiffen der Geistlichen KirchenCensur nicht also unterworfen als
in unsern Vaterlande und was dergleichen Geschwätzes mehr war mich zu einer
gleichmäßigen schändlichen Leichtsinnigkeit zu bewegen da ich aber ungeacht
ich wohl wusste dass sich nicht die geringsten Zeichen einer Schwangerschaft bei
mir äuserten dennoch einen natürlichen Abscheu so wohl vor der Person als dem
ganzen Wesen dieses Wüstlings hatte so suchte ihn vermöge der verdrüsslichsten
und schimpfflichsten Reden mir vom Halse zu schaffen Allein der freche Bube
kehrete sich an nichts sondern schwur ehe sein ganzes Vermögen nebst dem
Leben zu verlieren als mich dem WitwenStande oder einem andern Manne zu
überlassen sagte mir anbei frei unter die Augen so lange wolle er noch Geduld
haben biss wir das Kap der guten Hoffnung erreicht hätten nach diesem würde
sich zeigen ob er mich mit Güte oder Gewalt ins EheBette ziehen müsse
Ich Elende wusste gegen diesen Trotzer nirgends Schutz zu finden weil er die
Befehlshaber des Schiffs so wohl als die meisten andern Leute durch Geschenke
und Gaben auf seine Seite gelenckt hatte solcher Gestalt wurden meine
jämmerlichen Klagen fast von jedermann verlacht und ich selbst ein Spott der
ungehobelten Boots Knechte indem mir ein jeder vorwarff meine Keuschheit wäre
nur ein verstelltes Wesen ich wollte nur sehr gebeten sein würde aber meine
Tugend schon wohlfeiler verkauffen so bald nur ein junger Mann
Ich scheue mich an die lasterhaften Reden länger zu gedenken welche ich
mit größter HertzensQuaal von diesen Unflätern täglich anhören musste über
dieses klagte mir meine Aufwärterin Blandina mit weinenden Augen dass ihr
Severin schändliche Unzucht zugemutet und versprochen hätte sie auf dem Kap
der guten Hoffnung nebst mir als seine KebsFrau beizubehalten allein sie
hatte ihm ins Angesicht gespyen davor aber eine derbe Maulschelle hinnehmen
müssen Meiner zarten und fast noch nicht mannbaren StieffTochter der
Gertraud hatte der SchandBock ebenfalls seine Geilheit angetragen und fast
Willens gehabt dieses fromme Kind zu notzüchtigen der Himmel aber führte
mich noch bei Zeiten dahin diese Unschuldige zu retten
Solcher Gestalt war nun mein JammerStand abermals auf der höchsten Stuffe
des Unglücks die Hilfe des Höchsten aber desto näher Ich will aber nicht
weiter beschreiben welcher Gestalt ich nebst meiner Tochter und Aufwärterin von
den Kindern und Befreunden des teuren AltVaters Albert Julii aus dieser Angst
gerissen und errettet worden weil ich doch versichert bin dass selbiger solches
alles in seiner GeschichtsBeschreibung so wohl als mein übriges Schicksal
nebst andern mit aufgezeichnet hat sondern hiermit meine LebensBeschreibung
schließen und das Urteil darüber andern überlassen GOTT und mein Gewissen
überzeugen mich keiner mutwilligen und groben Sünden wäre ich aber ja eine
lasterhafte WeibsPerson gewesen so hätte töricht gehandelt alles mit
solchen Umständen zu beschreiben woraus vielleicht mancher etwas schlimmeres
von mir mutmaßen könnte
Dieses war also alles was ich Eberhard Julius meinen Zuhörern von der
Virgilia eigenen Hand geschrieben vorlesen konnte worauf der AltVater seine
Erzählung folgender maßen fortsetzte
Unsere allseitige Freude über die gewünschte Wiederkunft der Meinigen war
ganz unvergleichlich zumahlen da die mitgekommene junge Wittbe nebst ihrer
Tochter und einer nicht weniger artigen Jungfrau bei unserer LebensArt ein
vollkommenes Vergnügen bezeugten Also wurde der bevorstehende Winter so wohl
als der darauf folgende Sommer mit lauter Ergötzlichkeit zugebracht Das Schiff
luden meine Kinder aus und stießen es als eine nicht allzu nötige Sache in
die Bucht weil wir uns nach keinen weitern Handel mit andern Leuten sehneten
Dahingegen erweiterten wir unsere alten Wohnungen baueten noch etliche neue
versperreten alle Zugänge zu unserer Insul und setzten die HausWirtschaften
in immer bessern Stand Amias hatte von einem Holländer ein Glas voll
LeinSaamen bekommen von welchen er etwas aussäete um Flachs zu zeugen damit
die Weiber Spinnwerck bekämen über dieses war seine größte Freude dass
diejenigen Blumen und andere Gewächse zu ihrer Zeit so schön zum Vorschein
kamen zu welchen er die Saamen Zwiebeln und Kernen von den Holländern
erbettelt und mitgebracht hatte Seiner Vorsicht guter Wartung und besonderen
Klugheit habe ich es eintzig und allein zu dancken dass mein großer Garten zu
welchen er im Jahr 1672 den Grund gelegt in guten Stande ist
Doch eben in selbigem Jahre ließ sich die tugendhafte Virgilia van
Kattmers und zwar am 8 Jan nämlich an meinem GebuhrtsTage mit meinem
Sohne Johanne durch meine Hand ehelich zusammen geben und weil der jüngste
Zwilling Christian seine ihm zugeteilte Blandina an seinen älteren Bruder
Christoph gutwillig überließ anbei aber mit ruhigem Hertzen auf die Gertraud
warten wollte so geschahe dem Christoph und der Blandina die einander allem
Ansehen nach recht herzlich liebten ein gleiches so dass wir abermals zwei
HochzeitFeste zugleich begingen
Im Jahre 1674 wurden endlich die letzten zwei von meinen leiblichen Kindern
vereheliget nämlich Christian mit Gertraud und Christina mit David Rawkin als
welcher letztere genungsam Proben seiner treuen und geduldigen Liebe zu Tage
gelegt hatte Demnach waren alle die Meinigen dermaßen wohl begattet und
beraten dass es unser aller vernünftigen Meinung nach unmöglich besser
erdacht und ausgesucht werden können, jedoch waren meine Koncordia und ich
ohnstreitig die allervergnügtesten zu nennen denn alle die Unserigen erzeigten
uns aus willigen ungezwungenen Hertzen den allergenausten Gehorsam der mit
einer zärtlichen Ehrerbietung verknüpfft war wollten auch durchaus nicht
geschehen lassen dass wir uns mit beschwerlicher Arbeit bemühen sollten sondern
suchten alle Gelegenheit uns derselben zu überheben von selbst so dass eine
vollkommene Liebe und Eintracht unter uns allen anzutreffen war Der Himmel
erzeigte sich auch dermaßen gnädig gegen uns von allen andern abgesonderte
Menschen dass wir seine barmhertzige Vorsorge in allen Stücken ganz sonderbar
verspüren konnten und nicht die geringste Ursache hatten über Mangel oder
andere dem menschlichen Geschlecht sonst zustossende betrübte Zufälle zu klagen
hergegen nahmen unsere Familien mit den Jahren dermaßen zu dass man recht
vergnügt überrechnen konnte wie mit der Zeit aus denselben ein großes Volck
entstehen würde
Im Jahr 1683 aber begegnete uns der erste klägliche Zufall und zwar
solcher Gestalt Wir hatten seit etlichen Jahren her bei müßigen Zeiten alle
diejenigen Örter an den auswendigen Klippen wo wir nur vermerckten dass jemand
dieselben besteigen und uns überfallen könnte durch fleißige HandArbeit und
Sprengung mit Pulver dermaßen zugerichtet dass auch nicht einmal eine Katze
hinauf klettern und die Höhe erreichen können hergegen arbeiteten wir zu
unserer eigenen Bequemlichkeit 4 ziemlich verborgene krumme Gänge an 4 Orten
nämlich Gegen Norden Osten Süden und Westen zu zwischen den FelsenKlippen
hinab die niemand so leicht ausfinden konnte als wer Bescheid darum wusste und
dieses geschahe aus keiner andern Ursache als dass wir nicht die Mühe haben
wollten um aller Kleinigkeiten wegen die etwa zwei oder drei Personen an der
See zu verrichten hätten allezeit die großen und ganz neu gemachten Schleusen
auf und zu zu machen Jedoch wie ihr meine Lieben selbst wahrgenommen habt
verwahreten wir den Aus und Eingang solcher bequemlicher Wege mit tieffen
Abschnitten und andern Verhindernissen solcher Gestalt dass niemanden ohne die
herab gelassenen kleinen ZugBrücken die doch von eines einzigen Menschen
Händen leicht zu regieren sind weder herüber noch hinüber zu kommen vermögend
ist. Indem nun alle Seiten und Ecken durch unermüdeten vieljährigen Fleiß in
vollkommen guten Stand gesetzt waren biss auf noch etwas weniges an der
WestSeite allwo auf des Amias Angeben noch ein ziemlich Stück Felsen
abgesprengt werden sollte versah es der redliche Mann hierbei dermaßen
schlimm dass da er sich nicht weit genung entfernet hatte sein linckes Bein
durch ein großes fliegendes SteinStücke erbärmlich gequetscht und
zerschmettert wurde welcher Schade denn in wenig Tagen diesem redlichen Manne
ungeacht aller angewandten kräfftigen WundMittel die auf unserer Insul in
großer Menge anzutreffen sind und die wir so wohl aus des Don Cyrillo
Anweisung als aus eigener Erfahrung ziemlich erkennen gerlernt sein edles
Leben wiewohl im hohen Alter doch bei gesunden Kräfften und frischem Hertzen
uns allen aber noch viel zu früh verkürtzte
Es war wohl kein einziger ausgenommen die ganz jungen Kinder auf dieser
Insel anzutreffen der dem guten Robert als dessen Bruders Sohne im
wehmütigsten Klagen wegen dieses unverhofften Todes und UnglücksFalles nicht
eifrige Gesellschaft geleistet hätte Jacob Simon und David die alle drei in
der TischlerArbeit die geschicktesten waren machten ihm einen recht schönen
Sarg nach Teutscher Art worein wir den zierlich angekleideten Körper legten
und an denjenigen Ort welchen ich vor längst zum Begräbnis der Toten
ausersehen ehrlich zur Erde bestatteten
Robert der in damahligem 19ten Jahre seines Ehestandes mit der jüngeren
Koncordia allbereit 11 Kinder als 3 Söhne und 8 Töchter gezeuget hatte war
nunmehr der erste der sich von uns trennete und vor sich und sein Geschlechte
eine eigene PflantzStadt jenseit des Kanals gegen Osten zu anlegte weil uns
der Platz und die Gegend um den Hügel herum fast zu enge werden wollte Mein
ältester Sohn Albert folgte dessen Beispiele mit seiner Judit 6 Söhnen und
2 Töchtern am ersten und legte seine PflanzStadt Nordwerts an Diesem tat
Stephanus mit seiner Sabina 4 Söhnen und 5 Töchtern ein gleiches nach und
zwar im Jahr 1685 da er seine Wohnung jenseit des WestFlusses aufschlug Im
folgenden Jahre folgte Jacob und Maria mit 3 Söhnen und 4 Töchtern ingleichen
Simon mit 3 Söhnen und 2 Töchtern auch Johannes mit der Virgilia 2 Söhnen
und 5 Töchtern
Ich ersah meine besondere Freude hieran und weil sie alle als Brüder
einander im HausBauen und andern Dinge redlich zu Hilfe kamen so machte auch
ich mir die größte Freude daraus ihnen kräfftige Handreichung zu tun Bei uns
auf dem Hügel aber wohnete also niemand mehr als David und Christina mit 3
Söhnen und 3 Töchtern Christoph mit 3 Söhnen und 4 Töchtern und letztlich
Christian mit 2 Söhnen und einer Tochter ingesamt meine Koncordia und mich
mit gerechnet 24 Seelen außerhalb des Hügels aber 59 Seelen Summa im Jahr
1688 da die erstere HauptVerteilung vollendet wurde aller auf dieser Insul
lebenden Menschen 83 Nehmlich 39 Mannes und 44 WeibsPersonen
Ich habe euch aber meine Lieben diese Rechnung nur dieserwegen
vorgehalten weil ich eben im 1688ten Jahre mein Sechzigstes LebensJahr und
das Vierzigste Jahr meines vergnügt geführten Ehestandes zurück gelegt hatte
auch weil außer meinem letzten Töchterlein biss auf selbige Zeit kein einziges
noch mehr von meinen Kindern oder KindesKindern gestorben war welches doch
nachher eben so wohl unter uns als unter andern sterblichen MenschenKindern
geschahe wie mein ordentlich geführtes TotenRegister solches bezeuget und
auf Begehren zur andern Zeit vorgezeiget werden kann.
Nun sollte zwar auch von meiner KindesKinder fernerer Verheiratung
ordentliche Meldung tun allein wem wird sonderlich mit solchen allzu großen
Weitläufftigkeiten gedienet sein zumahlen sich ein jeder leichtlich einbilden
kann dass sie sich mit Niemand anders als ihrer Väter und Mütter Brüders und
SchwesterKindern haben vereheligen können welches so viel mir wissend
Göttlicher Ordnung nicht gänzlich zuwider ist und wozu mein erster
SohnesSohn Albertus der dritte allhier anno 1689 mit Roberts ältesten
Tochter den Anfang machte welchen die andern Mannbaren zu gehöriger Zeit biss
auf diesen Tag nachgefolget sind
Es mag aber ließ sich hierauf der AltVater hören hiermit auf diesen Abend
sein Bewenden haben doch Morgen geliebt es Gott und zwar nach verrichteten
MorgenGebet und eingenommenen Frühstück da wir ohnedem einen RastTag machen
können will ich den übrigen Rest meiner Erzählung von denjenigen
Merckwürdigkeiten tun die mir biss auf des Kapitain Wolffgangs Ankunft im Jahr
1721 annoch Erzehlenswürdig scheinen und ungefähr beifallen werden
Demnach legten wir uns abermals sämtlich zur Ruhe da nun dieselbe nebst
der von dem AltVater bestimmten Zeit abgewartet war gab er uns den Beschluss
seiner bisher ordentlich an einander gehenckten Erzählung also zu vernehmen
Im Jahr 1692 wandten sich endlich die 3 letzten Stämme auch von unserm
Hügel und baueten an selbst erwehlten Orten ihre eigene PflantzStädten vor
sich und ihre Nachkommen an damit aber meine liebe Koncordia und ich nicht
alleine gelassen würden schickte uns ein jeder von den 9 Stämmen eins seiner
Kinder zur Bedienung und Gesellschaft zu also hatten wir 5 Jünglinge und 4
Mägdleins nicht allein zum Zeitvertreibe sondern auch zu täglichen
LustArbeitern und KüchenGehülffen um und neben uns denn vor Brodt und andere
gute LebensMittel durfften wir keine Sorge tragen weil die StammVäter alles
im Uberflusse auf den Hügel schafften Die Affen machten bei allen diesen neuen
Einrichtungen die liederlichsten Streiche denn ob ich gleich dieselben
ordentlich als Sklaven meinen Kindern zugeteilet und ein jeder Stamm die
seinigen mit einem besonderen HalsBande gezeichnet hatte so wollten sich
dieselben anfänglich doch durchaus nicht zerteilen lassen sondern versammleten
sich gar öfters alle wieder auf dem Hügel bei meinen zweien alten Affen die
ich vor mich behalten hatte biss sie endlich teils mit Schlägen teils mit
guten Worten zum Gehorsam gebracht wurden
Im Jahr 1694 fingen meine sämtlichen Kinder an gegenwärtiges viereckte
schöne Gebäude auf diesem Hügel vor mich als ihren Vater und König zur
Residentz aufzubauen mit welchen sie erstlich nach 3en Jahren völlig fertig
wurden weswegen ich meine alte Hütte abreißen und ganz hinweg schaffen ließ
das neue hergegen bezohe und es AlbertusBurg nennete nachher habe in
selbigem durch den Hügel hindurch biss in des Don Cyrillo unterirrdische Höle
eine bequemliche Treppe hauen den auswendigen Eingang derselben aber biss auf
ein LuftLoch vermauren und verschütten lassen so dass mir selbige kostbare
Höle nunmehr zum herrlichsten KellerGewölbe dienet
So bald die Burg fertig wurde der ganze Hügel mit doppelten Reihen der
ansehnlichsten Bäume in der Rundung umsetzt ingleichen der Anfang von mir
gemacht zu den beiden Alléen zwischen welchen AlbertsRaum mitten inne liegt
und die nunmehr seit etliche 20 Jahren zum zierlichsten Stande kommen sind
wie ich denn nebst meiner Koncordia manche schöne Stunde mit Spatzierengehen
darin zugebracht habe
Im 1698ten Jahre stieß uns abermals eine der merckwürdigsten Begebenheiten
vor Denn da David Rawkins drei ältesten Söhne eines Tages den NordSteg hinnab
an die See gestiegen waren um das Fett von einem ertödteten SeeLöwen
auszuschneiden erblicken sie von ungefähr ein Schiff welches auf den
SandBäncken vor unsern Felsen gestrandet hatte Sie laufen geschwind zurück
und melden es ihrem Vater welcher erstlich zu mir kam um sich Rats zu
erholen ob man daferne es etwa Notleidende wären ihnen zu Hilfe kommen
möchte Ich ließ alle wehrhafte Personen auf der Insul zusammen ruffen ihr
Gewehr und Waffen ergreiffen und alle Zugänge wohl besetzen und begab mich mit
etlichen in eigener Person auf die Höhe Von dar ersahn wir nun zwar das
gestrandete Schiff sehr eigentlich wurden aber keines Menschen darauf gewahr
ungeacht einer um den andern mit des seel Amias hinterlassenen Perspectiv
fleißig Acht hatte biss der Abend herein zu brechen begunte da wir meisten uns
wiederum zurück begaben doch aber die ganze Nacht hindurch die Wachten wohl
bestellt hielten indem zu besorgen war es möchten etwa SeeRäuber oder andere
Feinde sein die vorigen Tages unsere jungen Leute von ferne erblickt deswegen
ein Boot mit Mannschaft ausgesetzt hätten um den Felsen auszukundschaften
mitlerweile sich die übrigen im Schiffe verbergen müssten
Allein wir wurden weder am andern dritten vierdten fünften noch sechsten
Tage nichts mehr gewahr als das auf einer Stelle bleibende Schiff welches weder
Masten noch Segel auf sich zeigte Deswegen fasseten endlich am siebenten Tage
David nebst noch 11 andern wohl bewaffneten starken Leuten das Hertze in
unser großes Boot welches wir nur vor wenig Jahren zu Ausübung unserer
StrandGerechtigkeit verfertigt einzusteigen und sich dem Schiffe zu nähern
Nachdem sie selbiges erreicht und betreten kommen dem David sogleich in
einem Winckel zwei Personen vor Augen welche bei einem toten menschlichen
Körper sitzen mit großen Messern ein Stück nach dem andern von selbigen
abschneiden und solche Stücken als rechte heisshungerige Wölffe eiligst
verschlingen Uber diesen grässlichen Anblick werden alle die Meinigen in nicht
geringes Erstaunen gesetzt jedoch selbiges wird um so viel mehr vergrößert da
einer von diesen MenschenFressern jählings aufspringet und einen von Davids
Söhnen mit seinem großen Messer zu erstechen sucht doch da dieser Jüngling
seinen Feind mit der Flinte als einen leichten StrohWisch zu Boden rennet
werden endlich alle beide mit leichter Müh überwältiget und gebunden hingelegt
Hierauff durchsuchen sie weiter alle Kammern Ecken und Winckel des Schiffs
finden aber weder Menschen Vieh noch sonsten etwas wovor sie sich ferner zu
fürchten Ursach hätten Hergegen an dessen statt einen unschätzbaren Vorrat an
kostbaren Zeug und GewürtzWaren schönen TierHäuten zugerichteten Ledern
und andern vortrefflichen Sachen Uber dieses alles trifft David auf die
fünftehalb Centner ungemüntzet Gold 14 Centner Silber 2 Schlag voll
Perlen und drei Kisten voll gemüntztes Gold und Silber an von dessen Glantze
indem er an seiner JugendJahre gedenckt seine Augen ganz verblendet werden
Jedoch meine guten Kinder halten sich hierbei nicht lange auf sondern
greiffen zu allererst nach den kostbarn Zeug und GewürtzWaren tragen so viel
davon in das Boot als ihnen möglich ist nehmen die zwei Gebundenen mit sich
und kamen also nachdem sie nicht länger als etwa 4 Stunden außen gewesen
wieder zurück und zwar durch den WasserWeg auf die Insul Wir vermerckten gar
bald an den zweien Gebundenen dass es rasende Menschen wären indem sie uns die
grässlichsten Gebärden zeigten so oft sie jemand ansah mit den Zähnen
knirscheten diejenigen Speisen aber welche ihnen vorgehalten wurden hurtiger
als die Kraniche verschlungen weswegen zu AlbertsRaum ein jeder in eine
besondere Kammer gesperret und mit gebundenen Händen und Füßen aufs Lager
gelegt dabei aber allmählig mit immer mehr und mehr Speise und Tranck gestärckt
wurde Allein der schlimmste unter den Beiden reißt folgende Nacht seine
Bande an Händen und Füßen entzwei frisset erstlich allen herum liegenden
SpeiseVorrat auf erbarmt sich hiernächst über ein Fässlein welches mit einer
besonderen Art von eingemachten Wurtzeln angefüllet ist und frist selbiges
ebenfalls biss auf die Helffte aus bricht hernach die Tür entzwei und läufft
dem NordWalde zu allwo er folgendes Tages gegen Abend jämmerlich zerborsten
gefunden und auf selbiger Stelle begraben wurde Der andere arme Mensch schien
zwar etwas ruhiger zu werden allein man merkte doch dass er seines Verstandes
nicht mächtig werden konnte ungeacht wir ihn drei Tage nach einander aufs Beste
verpflegten Endlich am 4ten Tage da ich Nachmittags bei ihm in der Kammer
ganz stille saß kam ihm das Reden auf einmal an indem er mit schwacher
Stimme rief JESUS Maria Joseph Ich fragte ihn erstlich auf Deutsch hernach
in Holländischer und letztlich in Englischer wie auch Lateinischer Sprache Wie
ihm zu Mute wäre jedoch er redete etliche Spanische Worte welche ich nicht
verstund deswegen meinen SchwiegerSohn Robert herein ruffte der ihn meine
Frage in Spanischer Sprache erklärete und zur Antwort erhielt Es stünde sehr
schlecht um ihn und sein Leben Robert versetzte weil er JESUM zum Helfer
angerufft werde es nicht schlecht um ihn stehen er möge sterben oder leben
Ich hoffe es mein Freund war seine Antwort daher ihn Robert noch ferner
tröstete und bat wo es seine Kräffte zuliessen uns mit wenig Worten zu
berichten Was es mit ihm und dem Schiffe vor eine Beschaffenheit habe Hierauf
sagte der arme Mensch Mein Freund das Schiff ich und alles was darauf ist
gehört dem Könige von Spanien Ein heftiger Sturm hat uns von dessen
WestIndischen Flotte getrennet und zweien RaubSchiffen entgegen geführet
denen wir aber durch Tapfferkeit und endliche Flucht entgangen sind Jedoch die
ferneren Stürme haben uns nicht vergönnet einen sichern Hafen zu finden
vielweniger den Abgang unserer LebensMittel zu ersetzen Unsere Kameraden
selbst haben Verräterisch gehandelt denn da sie von ferne Land sehen und
selbiges mit dem übel zugerichteten Schiffe nicht zu erreichen getrauen werffen
sich die Gesunden ins Boot und lassen etliche Krancke ohne alle LebensMittel
zurücke Wir wünschten den Tod da aber selbiger zu Endigung unserer Marter
sich nicht bei allen auf einmal einstellen wollte mussten wir uns aus Hunger an
die Körper derjenigen machen welche am ersten sturben hierüber hat unsere
Kranckheit dermaßen zugenommen dass ich vor meine Person selbst nicht gewust
habe ob ich noch lebte oder allbereits tot wäre
Robert versuchte zwar noch ein und anderes von ihm zu erforschen da aber
des elenden Spaniers Schwachheit allzugross war mussten wir uns mit dem
Bescheide Er wolle Morgen wenn er noch lebte ein mehreres reden begnügen
lassen Allein nachdem er die ganze Nacht hindurch ziemlich ruhig gelegen
starb er uns mit anbrechende Tage sehr sanft unter den Händen und wurde
seiner mit wenig Worten und Gebärden bezeigten christlichen Andacht wegen an
die Seite unseres GottesAckers begraben Solchergestalt war niemand näher die
auf dem Schiff befindlichen Sachen in Verwahrung zu nehmen als ich und die
Meinigen und weil wir dem Könige von Spanien auf keinerlei Weise verbunden
waren so hielt ich nicht vor klug gehandelt meinen Kindern das StrandRecht zu
verwehren welche demnach in wenig Tagen das ganze Schiff nebst allen darauf
befindlichen Sachen nach und nach Stückweise auf die Insul brachten
Ich teilete alle nützliche Waren unter dieselben zu gleichen Teilen aus
biss auf das Gold Silber Perlen Edelgesteine und Geld welches von mir um
ihnen alle Gelegenheit zum Hoffart Geitz Wucher und andern daraus folgenden
Lastern zu benehmen in meinen Keller zu des Don Cyrillo und andern vorher
erbeuteten Schätzen legte auch dieserwegen von ihnen nicht die geringste
scheele mine empfing
Der erste Jan im Jahre Christi 1700 wurde nicht allein als der Neue
JahresTag und Fest der Beschneidung Christi sondern über dieses als ein
solcher Tag an welchen wir ein neues Jahr hundert und zwar das 18te nach
Christi Gebuhrt antraten recht besonders frölich von uns gefeiert indem wir
nicht allein alle unsere Kanonen löseten deren wir auf dem letztern Spanischen
Schiffe noch 12 Stück nebst einem starken Vorrat an SchiessPulver überkommen
hatten sondern auch nach zweimahligen verrichteten Gottesdienste unsere Jugend
mit BlumenKräntzen ausziereten und selbige im Reihen herum singen und tantzen
ließ Folgendes Tages ließ ich vor die junge Mannschaft von 16 Jahren und
drüber die annoch gegenwärtige VogelStange aufrichten einen höltzernen Vogel
daran häncken wonach sie schießen mussten da denn diejenigen, welche sich
wohl hielten nebst einem BlumenCrantze verschiedene neue KleidungsStücke
Aexte Sägen und dergleichen derjenige aber so das letzte Stück herab schoss
von meiner Koncordia ein ganz neues Kleid und von mir eine kostbare Flinte zum
Lohne bekam Diese Lust ist nachher alljährlich einmal um diese Zeit
vorgenommen worden
Am 8 Jan selbigen Jahres als an meinen Gebuhrts und VereheligungsTage
beschenckte mich der ehrliche Simon Schimmer mit einem neugemachten artigen
Wagen der von zweien zahmgemachten Hirschen gezogen wurde also sehr bequem
war mich und meine Koncordia von einem Orte zum andern spazieren zu führen
Schimmer hatte diese beiden Hirsche noch ganz jung aus dem TierGarten
genommen und selbige durch täglichen unverdrossenen Fleiß dermaßen Kirre
gewöhnet dass sie sich Regieren ließ wie man wollte Ihm haben es nachher
meine übrigen Kinder nach getan und in wenig Jahren viel dergleichen zahme
Tiere auferzogen
Nun könnte ich zwar noch vieles anführen als nämlich von Entdeckung der
Insul KleinFelsenburg Von Erzeugung des Flachses und wie unsere Weiber
denselben zubereiten spinnen und wircken lernen Von allerhand andern
Handwercken die wir mit der Zeit durch öffteres Versuchen ohne Lehrmeisters
einander selbst gelehret und zu Stande bringen helfen Von allerhand Waren und
Gerätschaften die uns von Zeit zu Zeit durch die Winde und Wellen zugeführet
worden Von meiner 9 Stämme Vermehrung und immer besserer
WirtschaftsEinrichtung im AckerGarten und WeinBau Von meiner eigenen
Wirtschaft Schatz Rüst und VorratsKammer und dergleichen Allein meine
Lieben weil wir doch länger beisammen bleiben und GOTT mir hoffentlich noch
das Leben eine kleine Zeit gönnen wird so will selbiges biss auf andere Zeiten
versparen damit wir in künftigen Tagen bei dieser und jener Gelegenheit
darüber mit einander zu sprechen Ursach finden vor jetzo aber will damit
schließen wenn ich noch gemeldet habe was der Tod in dem eingetretenen 18den
Seculo vor HauptPersonen aus diesem unsern irrdischen in das Himmlische
Paradiess versetzt hat solches aber sind folgende
1 Johannes mein dritter leiblicher Sohn starb 1706 seines Alters 55 Jahr
2 Maria meine älteste Tochter starb 1708 ihres Alters 58 Jahr
3 Elisabet meine zweite Tochter starb 1711 ihres Alters 58 Jahr
4 Virgilia van Kattmers Johannis Gemahl starb 1713 ihres Alters 66 Jahr
5 Meine seel EheGemahlin Koncordia starb 1715 ihres Alters im 89ten
Jahre
6 Simon Heinrich Julius sonst Schimmer starb 1716 seines Alters 84
Jahr
7 Die jüngere Koncordia und
8 Robert Julius sonst Hilter sturben binnen 6 Tagen als treue
EheLeute 1718 ihres Alters sie im 72 und Er im 84 Jahre
9 Jacob Julius sonst Larson starb 1719 seines Alters 89 Jahr
10 Blandina Christophs Gemahl starb 1719 ihres Alters 65 Jahr
11 Gertraud Christians Gemahl starb 1723 ihres Alters 66 Jahre
Nunmehr mein Herr Wolffgang sagte hierauf der Altvater Albertus indem
er sich wegen Erinnerung seiner verstorbenen Geliebten mit weinenden Augen zum
Kapitain Wolffgang wandte werdet ihr von der Güte sein und dasjenige anführen
was ihr binnen der Zeit eurer ersten Anwesenheit auf dieser Insul angetroffen
und verbessert habt
Demnach setzte selbiger redliche Mann des Altvaters und seine eigene
Geschicht folgender maßen fort Ich habe euch meine wertesten Freunde sagte
er zu Herr Mag Schmeltzern und mir meine LebensGeschicht zeitwährender
unserer Schiffahrt biss dahin wissend gemacht Da ich von meinen schelmischen
Gefährten an diesen vermeintlichen wüsten Felsen ausgesetzt nachher aber von
hiesigen frommen Einwohnern erquickt und aufgenommen worden Diese meine
merckwürdige Lebens Erhaltung nun kann ich im geringsten nicht einer ohngefähren
GlücksFügung sondern eintzig und allein der sonderbaren Barmhertzigen Vorsorge
GOTTES zuschreiben denn die Einwohner dieser Insul waren damals meines vorbei
fahrenden Schiffs so wenig als meiner Aussetzung gewahr worden wussten also
nichts davon dass ich elender Mensch vor ihrem WasserTore lag und
verschmachten wollte Doch eben an demselben Tage welchen ich damaligen
Umständen nach vor den letzten meines Leben hielt regieret GOTT die Hertzen
6 ehrlicher Männer aus Simons und Christians Geschlechte mit ihrem Gewehr
nach dem in der Bucht liegenden Boote zu gehen auf selbigen eine Fahrt nach der
WestSeite zu tun und allda auf einige SeeLöwen und SeeKälber zu lauren
Diese waren also kurtz gesagt die damaligen Werckzeuge GOTTES zu meiner
Errettung indem sie mich erstlich durch den WasserWeg zurück in ihre Behausung
führten völlig erquickten und nachher dem Altvater von meiner Anwesenheit
Nachricht gaben Dieser unvergleichliche Mann den GOTT noch viele Jahre zu
meinem und der Seinigen Trost erhalten wolle hatte kaum das vornehmste von
meinen Glücks und UnglücksFällen angehöret als er mich sogleich herzlich
umarmete und versprach Mir meinen erlittenen Schaden dreifach zu ersetzen
weil er solches zu tun wohl im Stande sei und da ich keine Lust auf dieser
Insul zu bleiben hätte würde sich mit der Zeit schon Gelegenheit finden wieder
in mein Vaterland zurück zu kommen Immittelst nahm er mich sogleich mit auf
seinen Hügel gab mir eine eigene wohl zubereitete Kammer ein zog mich mit an
seine Tafel und versorgte mich also mit den köstlichsten Speisen Getränke
Kleidern ja mit allem was mein Hertz verlangen konnte recht im überflusse Ich
bin jederzeit ein Feind des Müssiggangs gewesen deswegen machte mir alltäglich
bald hier bald dar genung zu schaffen indem ich nicht allein etliche 12 biss
16 jährige Knaben auslase und dieselben in allerhand nützlichen
Wissenschaften welche zwar allhier nicht gänzlich unbekannt doch ziemlich
dunckel und Beschwerlich fielen auf eine weit leichtere Weise unterrichtete
sondern auch den Acker Wein und GartenBau fleißig besorgen halff Mein
Wohltäter bezeugte nicht allein hierüber seinen besonderen Wohlgefallen sondern
ich wurde bei weiterer Bekandtschaft von allen Einwohnern Jung und Alt fast
auf den Händen getragen weswegen ein Streit in meinen Hertzen entstund Ob ich
bei ereigneter Gelegenheit diese Insul verlassen oder meine übrige LebensZeit
auf derselben zubringen wollte als welches Letztere alle Einwohner sehnlich
wünscheten allein meine wunderlich herum schweiffenden Sinnen konnten zu keinem
beständigen Schluße kommen sondern ich wanckte zwei ganzer Jahre lang von
einer Seite zur andern biss endlich im dritten Jahre folgende LiebesBegebenheit
mich zu dem festen Vorsatze brachte alles Gut Ehre und Vergnügen was ich
etwa noch in Europa zu hoffen haben könnte gänzlich aus dem Sinne zu schlagen
und mich allhier auf LebensZeit feste zu setzen Der ganze Handel aber fügte
sich also Der StammVater Christian hatte eine vortreffliche schöne und
tugendhafte Tochter Sophia genannt um welche ein junger Geselle aus dem
Jacobisschen Geschlecht sich eifrig bemühete dieselbe zur Ehe zu haben allein
da diese Jungfrau denselben so wohl als 4 andere die schon vorher um sie
angehalten hatten höflich zurück wiese und durchaus in keine Heirat mit ihm
willigen wollte bat mich der Vater Christian eines Tages zu Gaste und trug mir
an Ob ich als ein kluger Frembdling nicht etwa von seiner Tochter ausforschen
könne und wolle weswegen sie diesen Junggesellen der ihrer so eiffrig
begehrte ihre eheliche Hand nicht reichen möchte Ich nahm diese Kommission
willig auf begab mich mit guter manier zu der schönen Sophie welche im Garten
unter einem grünen schattigen Baume mit der Spindel die zärtesten FlachsFaden
spann weswegen ich Gelegenheit ergriff mich bei ihr nieder zu setzen und ihrer
zarten Arbeit zuzusehen welche ihre geschickten und sauberen Hände gewiss recht
anmutig verrichteten
Nach ein und andern schertzhaften jedoch tugendhaften Gesprächen kam ich
endlich auf mein propos und fragte etwas ernsthafter Warum sie denn so
eigensinnig im Lieben sei und denjenigen Jungen Gesellen welcher sie so
heftig liebte nicht zum Manne haben wolle Das artige Kind errötete hierüber
wollte aber nicht ein Wort antworten welches ich vielmehr ihrer
Schamhaftigkeit als einer Blödigkeit des Verstandes zurechnen musste indem ich
allbereit zur Gnüge verspüret dass sie einen vortrefflichen Geist und
aufgeräumten Sinn hatte Deswegen setzte noch öffter an und brachte es endlich
durch vieles Bitten dahin dass sie mir ihr ganzes Hertz in folgenden Worten
eröffnete Mein Herr sagte sie ich zweiffele nicht im geringsten dass ihr von
den Meinigen abgeschickt seid meines Hertzens Gedanken auszuforschen doch
weil ich euch vor einen der redlichsten und tugendhaftesten Leute halte so
will ich mich nicht schämen euch das zu vertrauen was ich auch meinem Vater und
Geschwister geschweige denn andern Befreundten zu eröffnen Scheu getragen
habe Wisst demnach dass mir unmöglich ist einen Mann zu nehmen der um so
viele Jahre jünger ist als ich bedencket doch ich habe allbereit mein 32stes
Jahr zurück gelegt und soll einen jungen Menschen Heiraten der sein
zwantzigstes noch nicht ein mal erreicht hat Es ist ja Gottlob kein Mangel an
WeibsPersonen auf dieser Insul hergegen hat er so wohl als andere noch das
Auslesen unter vielen wird also nicht unverheiratet sterben dürffen wenn er
gleich mich nicht zur Ehe bekommt sollte aber ich gleich ohn verheiratet
sterben müssen so wird mir dieses weder im Leben noch im Tode den
allergeringsten Verdruss erwecken Ich verwunderte mich ziemlicher maßen über
dieses 32 jährigen artigen Frauenzimmers resolution und hätte ihrem Ansehen
und ganzen Wesen nach dieselbe kaum mit guten Gewissen auf 20 Jahr
geschätzet doch da ich in ihren Reden einen lautern Ernst verspürete gab ich
ihr vollkommen Recht und fragte nur Warum sie aber denn allbereit 4 andere
Liebhaber vor diesem letztern abgewiesen hätte Worauff sie antwortete Sie sind
alle wenigstens 10 biss 12 Jahr jünger gewesen als ich deswegen habe
unmöglich eine Heirat mit ihnen treffen können sondern viel lieber ledig
bleiben wollen
Hierauff lenckte ich unser Gespräch um ihren edlen Verstand ferner zu
untersuchen auf andere Sachen und fand denselben so wohl in geistlichen als
weltlichen Sachen dermaßen geschärfft dass ich so zu sagen fast darüber
erstaunete und mit innigsten Vergnügen so lange bei ihr sitzen blieb biss sich
unvermerckt die Sonne hinter die hohen FelsenSpitzen verlor weswegen wir
beiderseits den Garten verließen und weil ich im Hause vernahm dass sich der
Vater Christian auf der SchleusenBrücke befände wunschete ich der schönen
Sophie nebst den übrigen eine gute Nacht und begab mich zu ihm Indem er mir
nun das Geleite biss auf die AlbertsBurg zu unserm Altvater gab erzehlete ich
ihm unterwegens seiner tugendhaften Tochter vernünftiges Bedenken über die
angetragene Heirat so wohl als ihren ernstlich gefasseten Schluss worüber er
sich ebenfalls nicht wenig verwunderte und dessfalls erstlich den Altvater um
Rat fragen wollte Derselbe nun tat nach einigen überlegen diesen Ausspruch
Zwinge dein Kind nicht mein Sohn Christian denn Sophia ist eine keusche und
Gottesfürchtige Tochter deren Eigensinn in diesem Stück unsträflich ist ich
werde ihren Liebhaber Andream anderweit beraten und versuchen ob ich Nicolaum
deines seel Bruders Johannis dritten Sohn der einige Jahre älter ist mit der
frommen Sophie vereheligen kann
Wir gerieten demnach auf andere Gespräche allein ich weiß nicht wie es so
geschwinde bei mir zugieng dass ich auf einmal ganz tieffsinnig wurde welches
der liebe Altvater sogleich merkte und sich um meine jählinge Veränderung
nicht wenig bekümmerte doch da ich sonst nichts als einen kleinen
KopfSchmerzen vorzuwenden wusste ließ er mich in Hoffnung baldiger Besserung
zu Bette gehen Allein ich lage lange biss nach Mitternacht ehe die geringste
Lust zum Schlafe in meine Augen kommen wollte und nur kurtz von der Sache zu
reden ich spürete nichts richtiges in meinem Hertzen als dass es sich
vollkommen in die schöne und tugendhafte Sophie verliebt hätte Hergegen
machten mir des lieben Altvaters gesprochene Worte Ich werde versuchen ob ich
Nicolaum mit der frommen Sophie vereheligen kann den allergrößten Kummer denn
erstlich hatte ich als ein elender Einkömmling noch die größte Ursach zu
zweiffeln ob ich der schönen Sophie GegenGunst erlangen und vors andere
schwerlich zu hoffen dass mich der Altvater seinem Enckel Nicolao vorziehen
würde Nachdem ich mich aber dieserwegen noch eine gute Weile auf meinem Lager
herum geworffen und meiner neuen Liebe nachgedacht hatte fasste ich endlich
den festen Vorsatz keine Zeit zu versäumen sondern meinem aufrichtigen
Wohltäter mein ganzes Hertze gleich morgen früh zu offenbaren nachher auf
dessen redliches Gutachten selbiges der schönen Sophie ohne alle
Weitläufftigkeiten ehrlich anzutragen
Hierauff ließ sich endlich meine Furcht und Hoffnungsvolle Sinnen durch
den Schlaff überwältigen doch die EinbildungsKräffte machten ihnen das
Vergnügen die schöne Sophie auch im Traume darzustellen so dass sich mein
Geist den ganzen übrigen Teil der Nacht hindurch mit derselben unterredete
und so wohl an ihrer äuserlichen schönen Gestalt als innerlichen vortrefflichen
GemütsGaben ergötzte Ich wachte gegen Morgen auf schlief aber unter dem
Wunsche dergleichen Traum öffter zu haben bald wieder ein da mir denn vorkam
als ob meine auf der Insul Bonair seelig verstorbene Salome die tugendhafte
Sophie in meine Kammer geführet brächte und derselben ihren TrauRing den ich
ihr mit in den Sarg gegeben hatte mit fröhlichen Gebärden überlieferte hernach
zurücke ging und Sophien an meiner Seiten stehen ließ Hierüber erwachte ich
zum andern mahle und weil die MorgenRöte bereits durch mein von
durchsichtigen FischHäuten gemachtes Fenster schimmerte stund ich ohne den
Altvater zu erwecken sachte auf spazierete in dessen großen LustGarten und
setzte mich auf eine zwischen den Bäumen gemachte RasenBanck verrichtete mein
MorgenGebet sung etliche geistliche Lieder zohe nach diesen meine
SchreibTafel die mir nebst andern Kleinigkeiten von meinen Verrätern annoch
in Kleidern gelassen worden hervor und schrieb folgendes Lied hinnein
1
Unverhoffte LiebesNetze
Haben meinen Geist bestrickt
Das woran ich mich ergötze
Hat mein Auge kaum erblickt
Kaum ja kaum ein wenig Stunden
Da der güldnen Freiheit Pracht
Ferner keinen Platz gefunden
Darum nimmt sie gute Nacht
2
Holder Himmel darff ich fragen
Wilst du mich im Ernst erfreun
Soll nach vielen schweren Plagen
Hier mein ruhigs Eden sein
O so macht dein WunderFügen
Und die süße Sklaverei
Mich von allen Missvergnügen
Sorgen Not und Kummer frei
3
Nun so fülle die ich liebe
Bald mit Glut und Flammen an
Bringe sie durch reine Triebe
Auf die keusche LiebesBahn
Und ersetze meinem Hertzen
Was es ehmals eingebüßt
Denn so werden dessen Schmerzen
Durch erneute Lust versüsst
Kaum hatte ich diesen meinen poëtischen Einfall zurechte gebracht als ich
ihn unter einer bekandten weltlichen Melodei abzusingen etliche mahl probierte
und nicht vermerckte dass ich an dem lieben Altvater einen aufmercksamen Zuhörer
bekommen biss er mich sanft auf die Schulter klopffte und sagte Ists möglich
mein Freund dass ihr in meine Auffrichtigkeit einigen Zweiffel setzen und mir
euer LiebesGeheimnis verschweigen könnt welches doch unfehlbar auf einem
tugendhaften Grunde ruht Ich fand mich solchergestalt nicht wenig betroffen
entschuldigte meine bisherige Verschwiegenheit mit solchen Worten die der
Wahrheit gemäß waren und offenbarete ihm hierauf mein ganzes Hertze Es ist
gut mein Freund versetzte der werte Altvater dagegen Sophia soll euch nicht
vorenthalten werden allein übereilet euch nicht sondern macht vorher weitere
Bekanntschaft mit derselben untersuchet so wohl ihre als eure selbst eigene
GemütsNeigungen wann ihr so dann vor tunlich befindet eure LebensZeit auf
dieser Insul mit einander zuzubringen soll euch erlaubt sein mit selbiger in
den Stand der Ehe zu treten doch das sage ich zum voraus Dass ihr so wohl als
meine vorigen SchwiegerSöhne einen cörperlichen Eyd schweren müsst so lange
als meine Augen offen stehen nichts von dieser Insel vielweniger eines meiner
Kinder eigenmächtiger oder heimlicher Weise hinweg zu führen Nächst diesem war
seine fernere Rede hat mir unfehlbar der Geist Gottes ein besonderes Vorhaben
eingegeben zu dessen Ausführung mir keine tüchtigere Person von der Welt
vorkommen können als die eurige Ich danckte dem lieben Altvater nicht allein
vor dessen gütiges Erbieten sondern versprach auch was so wohl den Eyd als
alles andere beträffe so er von mir verlangen würde nach meinem äusersten
Vermögen ein völliges Genügen zu leisten Derselbe aber verlangte vorher
nochmals eine umständliche Erzählung meiner LebensGeschichte worinnen ich ihm
noch selbigen Tage gehorsamete und ungefähr mit erwehnete Wie ich in einer
gewissen berühmten HandelsStadt unter andern auch mit einem Kauffmanne in
Bekandtschaft geraten der ebenfalls den Zunahmen Julius geführet hätte doch
da ich von dessen Geschlecht und Herkommen keine fernere Nachricht zu geben
wusste erseuffzete der liebe Altvater dieserwegen und wünschte dass selbiger
Kauffmann ein Befreundter von ihm oder gar ein Abstammling von seinen
unfehlbar nunmehr seel Bruder sein möchte Allein ich konnte wie bereits
gemeldet hiervon so wenig als von des Kaufmanns übriger Familie und dessen
Zustande Nachricht geben Deswegen brach endlich der werte Altvater los und
hielt mir in einer weitläufftigen Rede den glückseeligen Zustand vor in welchen
er sich nebst den Seinigen auf dieser Insul von Gott gesetzt sähe Nur dieses
einzige beunruhige sein Gewissen dass nämlich er und die Seinigen ohne Priester
sein mithin des heiligen Abendmahls nebst anderer geistlichen Gaben beraubt
leben müssten Uber dieses da die Anzahl der WeibsPersonen auf der Insul
stärcker sei als der Männer so wäre zu wünschen dass noch einige zum
EheStande tüchtige Handwercker und Künstler anhero gebracht werden könnten
welches dem gemeinen Wesen zum sonderbaren Nutzen und manchen armen Europäer
der sein Brod nicht wohl finden könnte zum ruhigen Vergnügen gereichen würde
Und letztlich wünschte der liebe AltVater vor seinem Ende noch einen seiner
BlutsFreunde aus Europa bei sich zu sehen um demselben einen Teil seines fast
unschätzbaren Schatzes zuzuwenden denn sagte er Was sind diese GlücksGüter
mir und den Meinigen auf dieser Insul nütze da wir mit niemanden in der Welt
Handel und Wandel zu treiben gesonnen Und gesetzt auch dass dieses in Zukunft
geschehen sollte so trägt diese Insul so viele Reichtümer und Kostbarkeiten in
ihrem Schoße wovor alles dasjenige was etwa bedürfftig sein möchte
vielfältig eingehandelt werden kann. Demnach möchte es wohl sein dass sich meines
Bruders Geschlecht in Europa in solchem Zustande befände dergleichen Schätze
besser als wir zu gebrauchen und anzulegen Warum sollte ich also ihnen nicht
gönnen was uns überflüssig ist und Schaden bringen kann Oder solche Dinge die
Gott dem Menschen zum löblichen Gebrauch erschaffen heimtückischer und
geitziger Weise unter der Erden versteckt behalten
Nachdem er nun noch sehr vieles von diesen Sachen mit mir gesprochen schloss
er endlich mit diesen treuhertzigen Worten Ihr wisst nunmehr mein redlicher
Freund Wolffgang was mir auf dem Hertzen liegt und euer eigener guter Verstand
wird noch mehr anmercken was etwa zu Verbesserung unseres Zustandes von nöten
sei darum sagt mir in der Furcht Gottes eure aufrichtige Meinung Ob ihr euch
entschließen wollt noch eine Reise in Europam zu unternehmen mein Hertz und
Gewissen gemeldten Stücken nach zu beruhigen und nach glücklicher
Zurückkunft Sophien zu ehligen An Gelde Gold Silber und Kleinodien will ich
zwei biss drei mahl hundert tausend Taler wert zu ReiseKosten geben was
sonsten noch darzu erfordert wird ist notdürfftig vorhanden wegen der
ReiseGesellschaft und anderer Umstände aber müssten wir erstlich genauere
Abrede nehmen denn mit meinem Willen soll keines von meinen Kindern seinen Fuß
auf die Europäische Erde setzen
Ich nahm nicht den geringsten Aufschub dem lieben AltVater unter den
teuresten Versicherungen meiner Redlichkeit und Treue alles einzuwilligen was
er von mir verlangte weil ich mir so gleich die feste Hoffnung machte Gott
würde mich auf dieser Reise die hauptsächlich seines Diensts und Ehre wegen
vorgenommen sei nicht unglücklich werden lassen Deswegen wurden David und die
andern StammVäter zu Rate gezogen und endlich beschlossen wir ingesammt
unser leichtes Schiff in guten Stand zu setzen auf welchen mich David nebst 30
Mann biss auf die Insul St Helenæ bringen daselbst aussetzen und nachher mit
seiner Mannschaft sogleich wieder zurück auf Felsenburg seegeln sollte
Mittlerweile da fast alle starke Leute keine Zeit noch Mühe spareten das
Schiff nach meinem Angeben auszubessern und Segelfertig zu machen nahm ich
alle Abend Gelegenheit mich mit der schönen Sophie in Gesprächen zu vergnügen
auch endlich die Kühnheit derselben mein Hertz anzubieten weil nun der liebe
AltVater allbereit die Bahne vor mich gebrochen hatte konnte mein verliebtes
Ansinnen um desto weniger unglücklich sein sondern kurtz zu sagen wir
vertauschten bei einem öffentlichen Verlöbnissse unsere Hertzen mit solcher
Zärtlichkeit die mir auszusprechen unmöglich ist und verschoben die
Vollziehung dieses ehelichen Bündnisses biss auf meine in der Hoffnung
glückliche Zurückkunft
Gegen MichaelisTag des verwichenen 1724ten Jahres wurden wir also mit
Ausrüstung unseres Schiffs welches ich die Taube benennete und demselben
Holländische Flaggen aufsteckte vollkommen fertig es war bereits mit Proviant
und allem andern wohl versehen der gute alte David Julius der jedoch an
Leibes und GemütsKräfften es noch manchem jungen Manne zuvor tat hielt sich
mit seiner auserlesenen und wohl bewaffneten jungen Mannschaft alltäglich
parat einzusteigen exercierte aber dieselben binnen der Zeit auf recht lustige
und geschickte Art Da es demnach nur an meiner Abfertigung lage ließ mich der
AltVater weil er eben damals einiges Reissen in Knien hatte also nicht
ausgehen konnte vor sein Bette kommen und führte mir nochmals alles
dasjenige was ich ihm zu leisten versprochen liebreich zu Gemüte ermahnete
mich anbei Gott ihm und den Seinigen diesen wichtigen und eines ewigen Ruhms
würdigen Dienst redlich und getreu zu erweisen welchen GOTT unfehlbar
zeitlich und ewig vergelten würde Ich legte hierauf meine lincke Hand auf seine
Brust die rechte aber richtete ich zu GOTT im Himmel in die Höhe und schwur
einen teuren Eyd nicht allein die mir aufgetragenen 3 HauptPuncte nach
meinem besten Vermögen zu besorgen sondern auch alles andere was dem gemeinen
Wesen zur Verbesserung gereichlich wohl zu beobachten Hierauf lieferte er mir
denjenigen Brief ein welchen ich euch mein Eberhard Julius in Amsterdam
annoch wohl versiegelt übergeben habe und wiese mich zugleich in eine Kammer
allwo ich aus einem großen PackFasse an Geld Gold und EdelSteinen so viel
nehmen möchte als mir beliebte Es befanden sich in selbigen am Wert mehr denn
5 biss 6 Tonnen Schatzes doch ich nahm nicht mehr davon als 30 runde Stücken
gediehenes Goldes deren ich jedes ungefähr 10 Pfund schwer befand nächst
diesen an Spanischer Goldund SilberMüntze 50000 Tlr wert ingleichen an
Perlen und Kleinodien ebenfalls einer halben Tonne Goldes wert Ich brauchte
die Vorsicht die kostbarsten Kleinodien und großen güldnen Müntzen so wohl in
einen bequemen Gürtel den ich auf den bloßen Leibe trug als auch in meine
UnterKleider zu verwahren die großen GoldKlumpen aber wurden zerhackt und
in die mit den allerbesten Rosinen angefülleten Körbe verteilt und verborgen
Mit den Perlen taten wir ein gleiches das gemüntzte Geld aber verteilete ich
in verschiedene Lederne Beutel und verwahrete es also dass es zur Zeit der Not
gleich bei der Hand sein möchte Dem AltVater gefielen zwar meine Anstalten
jedennoch aber war er der Meinung ich würde mit so wenigen Gütern nicht alles
ausrichten können Doch da ihm vorstellete wie es sich nicht schicken würde
mit mehr als einem Schiffe wieder zurück zu kehren also ein überflüssiges Geld
und Gut mir nur zur Last und schlimmen Verdacht gereichen könne überließ er
alles meiner Konduite und also gingen wir nach genommenen zärtlichen Abschiede
unter tausend Glückwünschen der zurück bleibenden Insulaner am 2ten Octobr
1724 vergnügt unter Seegel wurden auch durch einen favorablen Wind dermaßen
hurtig fortgeführet dass wir noch vor Untergang der Sonnen Felsenburg aus den
Augen verloren
Unterwegs nachdem diejenigen so des Reisens ungewohnt der See den
bekannten verdrießlichen Tribut abgestattet und sich völlig erholet hatten war
unser täglicher Zeitvertreib dass ich meine Gefährten im richtigen Gebrauch des
Kompasses der See Charten und andern Vorteilen bei der SchiffsArbeit immer
besser belehrete damit sie ihren Rückweg nach Felsenburg desto leichter zu
finden und sich bei ereignenden Sturme oder andern Zufällen eher zu helfen
wüsten ungeacht sich desfalls bei einigen und sonderlich bei dem guten alten
David der das SteuerRuder beständig besorgte bereits eine ziemliche
Wissenschaft befand
Solchergestalt erreichten wir ohne die geringste Gefahr ausgestanden zu
haben die Insul St Helenæ noch eher als ich fast vermutet hatte und traffen
daselbst etliche 20 Engell und Holländische Schiffe an welche teils nach
OstIndien reisen teils aber als von dar zurück kommende den Kours nach
ihren VaterLande nehmen wollten Hier wollte es nun Kunst heißen Rede und
Antwort zu gestehen und doch dabei das Geheimnis woran uns allen so viel
gelegen zu verschweigen deswegen studierte ich auf allerhand scheinbare
Erfindungen welche mit meinen Gefährten abredete und hiermit auch so glücklich
war alle diejenigen so sich um mein Wesen bekümmerten behörig abzuführen Von
den Holländern traff ich keinen einzigen bekandten Menschen an hergegen kam
mir ein Englischer Kapitain unvermutet zu Gesichte dem ich vor Jahren auf der
Fahrt nach WestIndien einen kleinen Dienst geleistet hatte diesem gab ich mich
zu erkennen und wurde von ihm aufs freundlichste empfangen und tractiret Er
judicirte anfangs aus meinem äuserlichen Wesen dass ich unfehlbar unglücklich
worden und in Nöten stäcke Wesswegen ich ihm gestund dass zwar einige
unglückliche Begebenheiten mich um mein Schiff keines weges aber um das ganze
Vermögen gebracht sondern ich hätte noch so viel gerettet dass mich im Stande
befände eine neue Ausrüstung vorzunehmen so bald ich nur Amsterdam erreichte
Er wandte demnach einige Mühe an mich zu bereden in seiner Gesellschaft mit
nach Java zu gehen und versprach bei dieser Reise großen Profit auch bald ein
SchiffsKommando vor mich zu schaffen allein ich danckte ihm hiervor und bat
dagegen mich an einen seiner LandsLeute die in ihr VaterLand reisten zu
recommendieren um meine Person und Sachen vor gute Bezahlung biss dahin zu
nehmen weil ich allbereit so viel wüste dass mir meine LandsLeute nämlich
die Holländer diesen Dienst nicht leisten könnten indem sie sich selber schon
zu stark überladen hätten Hierzu war der ehrliche Mann nun gleich bereit
führte mich zu einem nicht weniger redlichen Patrone mit welchen ich des
Handels bald einig wurde meine Sachen die in Ballen Fässer und Körbe
eingepackt waren zu ihm einschiffte und den Vater David mit den Seinigen
nachdem sie sonst nichts als frisches Wasser eingenommen hatten wieder zurück
schickte unter dem Vorwande als hätten dieselben noch viele auf der Insul
Martin Vas vergrabene und ausgesetzte Waren abzuholen mit welchen sie nachher
ebenfalls nach Holland segeln und mich daselbst antreffen würden Allein wie
ich nunmehr vernommen so haben sie den Rückweg nach Felsenburg so glücklich
als den nach St Helena wieder gefunden auch unterwegs nicht den geringsten
Anstoß erlitten Mir vor meine Person ging es nicht weniger nach Wunsche denn
nachdem ich nur 11 Tage in allen vor St Helena stille gelegen lichtete der
Patron seine Ancker und segelte in Gesellschaft von 13 Engell und
Holländischen Schiffen seine Straße Der Himmel schien uns recht
außerordentlich gewogen zu sein denn es regte sich nicht die geringste
widerwärtige Luft auch durfften wir uns vor feindlichen Anfällen ganz nicht
fürchten indem unser Schiff von den andern bedeckt wurde Doch da ich in
Kanarien einen bekandten Holländer antraff der mich um ein billiges mit nach
Amsterdam nehmen wollte über dieses mein Engelländer sich genötigt sah um
sein Schiff auszubessern allda in etwas zu verbleiben so bezahlte ich dem
letztern noch ein mehreres als das Gedinge biss nach Engelland austruge
schiffte mich vieler Ursachen wegen höchst vergnügt bei dem Holländer ein und
kam am 10 Febr glücklich in Amsterdam an
Etwas recht nahdenckliches ist dass ich gleich in dem ersten GastHause
worinnen ich abtreten und meine Sachen hinschaffen wollte einen von denjenigen
MordBuben antraff die mich dem Jean le Grand zu gefallen gebunden und an die
Insul Felsenburg ausgesetzt hatten Der Schelm wollte so bald er mich erkandte
gleich entwischen weil ihm sein Gewissen überzeugte dass er den Strick um den
Hals verdient hätte Deswegen trat ich vor schlug die Tür zu und sagte
Halt Kamerad wir haben einander vor drei Jahren oder etwas drüber gekandt
also müssen wir mit einander sprechen Wie hälts Was macht Jean le Grand hat
er viel auf seinen gestohlnen Schiffe erworben Ach mein Herr gab dieser
StrauchDieb zur Antwort das Schiff und alle die darauf gewesen sind vor ihre
Untreu sattsam gestrafft denn das erstere ist ohnweit Madagascar geborsten und
versuncken Jean le Grand aber hat nebst allen Leuten elendiglich ersauffen
müssen ja es hat sich niemand retten können als ich und noch 3 andere die es
mit euch gut gemeinet haben So hast du es versetzte ich auch gut mit mir
gemeinet Ach mein Herr schrye er indem er sich zu meinen Füßen warff ist
gleich in einem Stücke von mir Bosheit verübt worden so habe doch ich
hauptsächlich hintertreiben helfen dass man euch nicht ermordet hat welches
wie ihr leichtlich glauben werdet von dem ganzen Komplot beschlossen war Ich
wusste dass dieser Kerl zwar ein ziemlicher Bösewicht jedoch keiner von den
allerschlimmsten gewesen war deswegen als mir zugleich die Geschicht Josephs
und seiner Brüder einfiel jammerte mich seiner so dass ich ihn aufhub und
sagte Siehe du weist unfehlbar welches dein Lohn sein würde wenn ich die an
mir begangene Bosheit gehöriges Orts anhängig machen wollte Allein ich vergebe
dir alles mit Mund und Hertzen wünsche auch dass dir Gott alle deine Sünde
vergeben möge so du jemals begangen Mercke das Exempel der Rache Gottes an
deinen unglücklichen Mitgesellen wo du mich anders nicht beleugst und bessere
dich Mit mir habt ihrs böse zu machen gedacht aber Gott hats gut gemacht denn
ich habe voritzo mehr Geld und Güter als ich jemals gehabt habe Hiermit zohe
ich ein GoldStück am Wert von 20 deutschen Talern aus meinem Beutel
verehrte ihm dasselbe und versprach noch ein mehreres zu tun wenn er mir
diejenigen herbringen könne welche sich nebst ihm von dem verunglückten Schiffe
gerettet hätten Der neubelebte arme Sünder machte mir also aufs neue die
demütigsten und danckbarlichsten Bezeugungen und versprach noch vor Abends
zwei von den erwähnten Personen nämlich Philipp Wilhelm Horn und Adam
Gorques zu mir zu bringen den dritten aber welches Konrad Bellier gewesen
wisse er nicht mehr anzutreffen sondern glaubte dass derselbe mit nach
Gröenland auf den WallFischFang gegangen sei Ich hätte nicht vermeint dass
der Vogel sein Wort halten würde allein Nachmittags brachte er beide erst
erwähnten in mein Logis welche denn so bald sie mich erblickten mir mit
Tränen um den Hals fielen und ihre besondere Freude über meine
LebensErhaltung nicht genung an den Tag zu legen wussten Ich hatte ebenfalls
nicht geringe Freude diese ehrlichen Leute zu sehen weilen gewiss wusste dass sie
nicht in den Rat der Gottlosen eingestimmet hatten sonderlich machte mir Horns
Person ein großes Vergnügen dessen Klugheit Erfahrenheit und Kourage mir von
einigen Jahren her mehr als zu bekandt war Er hatte sich ohnlängst wiederum in
Qualität eines Quartiermeisters engagiret und zu einer frischen Reise nach
Batavia parat gemacht jedoch so bald er vernahm dass ich ebenfalls wiederum
ein Schiff ausrüsten und eine neue Tour nehmen wollte versprach er sich gleich
morgenden Tag wiederum los zu machen und bei mir zu bleiben Ich schenckte
diesen letztern zweien so bald sich der erste liederliche Vogel hinweg gemacht
jeden 20 Ducaten Horn aber der zwei Tage hernach wieder zu mir kam und
berichtete dass er nunmehr frei und gänzlich zu meinen Diensten stünde
empfing aus meinen Händen noch 50 Ducaten zum Angelde und nahm alle diejenigen
Verrichtungen so ich ihm auftrug mit Freuden über sich
Ich heuerte mir ein bequemer und sicherer Quartier nahm die vor etlichen
Jahren in Banco gelegten Gelder zwar nicht zurück assignierte aber dieselben an
mein Geschwister und tat denselben meine Anwesenheit in Amsterdam zu wissen
meldete doch anbei dass ich mich nicht lange daselbst aufhalten sondern
ehestens nach OstIndien zurück reisen und alldorten Zeit Lebens bleiben würde
weswegen sich niemand zu mir bemühen sondern ein oder der andere nur schreiben
dürffte wie sich die Meinigen befänden Mittlerweile musste mir Horn die Perlen
und einige GoldKlumpen zu gangbaren Gelde machen wovor ich ihm die
vortrefflichen Felsenburgischen Rosinen zur Ergötzlichkeit überließ aus welchen
er sich denn ein ziemlich Stück Geld löste
Hierauf sah ich mich nach einem Nagelneuen Schiffe um und da ich
dergleichen angetroffen und baar bezahlet hatte gab ich ihm den Nahmen der
getreue Paris Horn aber empfing von mir eine punctation wie es völlig
ausgerüstet und mit was vor Leuten es besetzt werden sollte Ob ich nun schon
keinen bösen Verdacht auf diesen ehrlichen Menschen hatte so musste er doch alle
hierzu benötigten Gelder von einem Banquier der mein vertrauter
HertzensFreund von alten Zeiten her war abfordern und eben diesen hatte ich
auch zum OberAufseher meiner Angelegenheiten bestellt bevor ich die Reise
mein Eberhard nach eurer GeburtsStadt antrat Dieselbe nun erreichte ich am
verwichenen 6ten Maji Aber o Himmel wie erschrack mein ganzes hertze nicht
da ich auf die erste Frage nach dem reichen Kaufmanne Julius von meinem Wirte
die betrübte Zeitung erfuhr dass derselbe nur vor wenig Wochen unvermutet
banquerot worden und dem sichersten Vernehmen nach eine Reise nach Ost oder
WestIndien angetreten hätte Ich kann nicht anders sagen als dass ein jeder
Mensch der auf mein weiteres Fragen des GastWirts Relation bekräfftigte auch
dieses redlichen Kaufmanns Unglück beklagte ja die vornehmsten wollten
behaupten Es sei ein großer Fehler und Ubereilung von ihm dass er sich aus dem
Staube gemacht imassen allen seinen Kreditoren bekandt dass er kein
liederlicher und mutwilliger Banquerotteur sei daher würde ein jeder ganz
gern mit ihm in die Gelegenheit gesehen und vielleicht zu seinem
Wiederaufkommen etwas beigetragen haben Allein was konnten mir nunmehr alle
diese sonst gar wohl klingenden Reden helfen der Kauffmann Julius war fort
und ich konnte weiter nichts von seinem ganzen Wesen zu meinem Vorteil
erfahren als dass er einen einzigen Sohn habe der auf der Universität in
Leipzig studiere Demnach ergriff ich Feder und Tinte setzte einen Brief an
diesen mir so fromm beschriebenen Studiosum auf um zu versuchen ob ich der
selbst eigenen Reise nach Leipzig überhoben sein und euch mein Eberhard durch
Schrifften zu mir locken könnte Der Himmel ist selber mit im Spiele gewesen
darum hat mirs gelungen ich setzte euch und allen andern die ich zu
ReiseGefährten mitnehmen wollte einen sehr kurzen Termin glaubte auch nichts
weniger als so zeitlich von Amsterdam abzusegeln und dennoch musste sich alles
nach Hertzens Wunsche schicken Meiner allergrößten Sorge aber nicht zu
vergessen muss ich melden dass mich eines Mittags nach der Mahlzeit auf den Weg
machte um dem Seniori des dasigen Geistl Ministerii eine Visite zu geben und
denselben zu bitten mir einen feinen Exemplarischen Menschen zum
SchiffsPrediger zuzuweisen weil ich aber den Herrn Senior nicht zu Hause fand
und erstlich folgenden Morgen wieder zu ihm bestellt wurde nahm ich einen
SpazierGang außerhalb der Stadt in einem lustigen Gange vor allwo ich
ungefähr einen schwartzgekleideten Menschen in tieffen Gedanken vor mir
hergehend ersah Deswegen verdoppelten sich meine Schritte so dass er von mir
bald eingeholet wurde Es ist gegenwärtiger Herr Mag Schmeltzer und ungeacht
ich ihn zuvor niemals gesehen sagte mir doch mein Hertze sogleich dass er ein
Teologus sein müsste Wir grüsseten einander freundlich und ich nahm mir die
Freiheit ihn zu fragen Ob er ein Teologus sei Er bejahete solches und
setzte hinzu dass er in dieser Stadt zu einer Kondition verschrieben worden
durch einen gehabten UnglücksFall aber zu späte gekommen sei Hierauf fragte
ich weiter Ob er nicht einen feinen Menschen zuweisen könne der da Lust habe
als Prediger mit mir zu Schiffe zu gehen Er verfärbte sich deswegen ungemein
und konnte mir nicht so gleich antworten endlich aber sagte er ganz bestürzt
Mein Herr Ich kann Ihnen bei Gott versichern dass ich voritzo allhier keinen
einzigen Kandidatum Ministerii Teologici kenne denn ich habe zwar vor einigen
Jahren bei einem hiesigen Kauffmanne Julius genannt die Information seines
Sohnes gehabt da aber nach der Zeit mich wiederum an andern Orten aufgehalten
und nunmehr erstlich vor 2 Tagen wiewohl vergebens allhier angekommen bin
ist mir unbewusst was sich anitzo von dergleichen Personen allhier befindet
Ich gewann den werten Herrn Mag Schmelzer unter währenden diesen Reden
und zwar wegen der wunderbaren Schickung Gottes dermaßen lieb dass ich mich
nicht entbrechen konnte ferner zu fragen Ob er nicht selber Belieben bei sich
verspürete die Station eines SchiffsPredigers anzunehmen zumahlen da ich ihm
dasjenige was sonst andere zu gemessen hätten gedoppelt zahlen wollte Hierauf
gab er zur Antwort Gott der mein Hertze kennet wird mir Zeugnis geben dass
ich nicht um zeitlichen Gewinstes willen in seinem Weinberge zu dienen suche
weil ich demnach dergleichen Beruff als itzo an mich gelanget vor etwas
sonderbares ja Göttliches erkenne so will nicht weigern demselben gehorsame
Folge zu leisten jedoch nicht eher als biss ich durch ein behöriges Examen
darzu tüchtig befunden und dem heiligen Gebrauche nach zum Priester geweihet
worden
Es traten unter diesen Reden mir und ihm die Tränen in die Augen deswegen
reichte ich ihm die Hand und sagte weiter nichts als dieses Es ist genung
mein HErr Gott hat Sie und mich beraten deswegen bitte nur mit mir in mein
Logis zu folgen allwo wir von dieser Sache umständlicher mit einander sprechen
wollen So bald wir demnach in selbigem angelanget nahm ich mir kein Bedenken
ihm einen wahrhaften und hinlänglichen Bericht von dem Zustande der
Felsenburgischen Einwohner abzustatten welchen er mit größter Verwunderung
anhörete und beteuerte dass er bei so gestallten Sachen die Reise in besagtes
Land desto vergnügter unternehmen auch sich gar nicht beschweren wollte wenn er
gleich Zeit Lebens daselbst verbleiben müsste daferne er nur das Glück hätte
dem dort versamleten ChristenHäuflein das Heil ihrer Seelen zu befördern
Hierauf da er mir eine kurtze Erzählung seiner LebensGeschicht getan nahm
ich Gelegenheit ihn wegen des Kauffmanns Franz Martin Julii und dessen
Familie ein und anderes zu befragen und erfuhr dass Herr Mag Schmelzer von
Anno 1716 biss bei demselben als Informator seines Sohns Eberhards und seiner
Tochter Julianæ Luise in Kondition gewesen wäre ja er wusste zu meinem desto
größeren Vergnügen mir die ganze Geschicht des im 30 jährigen Kriege
entaupteten Stephan Julii so zu erzählen wie ich dieselbe von dem lieben
Altvater Alberto in Felsenburg bereits vernommen hatte und zu erweisen dass
Franz Martin Julius des Stephani echter Enckel im dritten Gliede sei immassen
er die ganze Sache von seinem damaligen Patron Franz Martin Julio sehr öfters
erzählen hören und im guten Gedächtnisse erhalten
Ich entdeckte ihm hierauf treuhertzig wie ich den jungen Eberhard der
sich sichern Vernehmen nach itzo in Leipzig aufhielte nur vor wenig Tagen
durch Briefe und beigelegten Wechsel zu ReiseGeldern nach Amsterdam in mein
Logis citieret hätte und zweiffelte nicht dass er sich gegen Johannis Tag
daselbst einfinden würde wo nicht so sähe mich genötigt selbst nach Leipzig
zu reisen und denselben aufzusuchen Nachdem wir aber ganz bis in die späte
Nacht von meinen wichtigen Affairen discuriret und Herr Mag Schmeltzer immer
mehr und mehr Ursachen gefunden hatte die sonderbaren Fügungen des Himmels zu
bewundern auch mir endlich zusagte seinen Vorsatz nicht zu ändern sondern
GOTTES Ehre und den seligen Nutzen so vieler Seelen zu befördern mir redlich
dahin zu folgen wohin ich ihn haben wollte legten wir uns zur Ruhe und gingen
folgenden Tag in aller Frühe mit einander zum Seniori des geistlichen
Ministerii Dieser sehr fromme Mann hatte unsern Vortrag kaum vernommen als er
noch 3 von seinen AmmtsBrüdern zu sich beruffen ließ und nebst denselben
Herrn Mag Schmeltzern in meiner Gegenwart 4 Stunden lang aufs allerschärffste
examinirte und nach befundener vortrefflicher Gelehrsamkeit zwei Tage darauf
in öffentlicher Kirche ordentlich zum Priester weihete Ich fand mich bei diesem
heiligen Actu von Freude und Vergnügen über meinen erlangten kostbaren Schatz
dermaßen gerühret dass die hellen Tränen die ganze Zeit über aus meinen Augen
lieffen nachdem aber alles vollbracht zahlete ich an das geistliche
Ministerium 200 spec Ducaten in die Kirche und ArmenKasse aber eine
gleichmäßige Summe nahm also von denen Herrn Geistlichen die uns tausendfachen
Seegen zu unsern Vorhaben und Reise wünschten zärtlichen Abschied
Herrn Mag Schmeltzern hätte ich zwar von Hertzen gern sogleich mit mir nach
Amsterdam genommen da aber derselbe inständig bat ihm zu vergönnen vorher die
letzte Reise in sein Vaterland zu tun um von seinen Anverwandten und guten
Freunden völligen Abschied auch seine vortreffliche Bibliothek mitzunehmen
zahlete ich ihm 1000 Tlr an Golde und verabredete die Zeit wenn und wo er
mich in Amsterdam antreffen sollte so dass ich noch bis dato Ursach habe vor
dessen accuratesse danckbar zu sein
Ich vor meine Person setzte immittelst meine Rückreise nach Amsterdam ganz
bequemlich fort und nahm unterwegs erstlich den Chirurgum Kramern hernach
Litzbergen Plagern Harkert und die übrigen Handwercks Leute in meine Dienste
gab einem jeden 5 Französische Louis dor auf die Hand und sagte ihnen ohne
Scheu dass ich sie auf eine angenehme fruchtbare Insul führen wollte allwo sie
sich mit ihrer HandArbeit redlich nehren auch da es ihnen beliebig mit
daselbst befindlichen schönen Jungfrauen verheiraten könnten doch nahm ich von
jedweden einen Eyd diese Sache weder in Amsterdam noch bei dem andern
SchiffsVolcke ruchtbar zu machen indem ich nur gewisse auserlesene Leute mit
dahin zu nehmen vorhabens sei Zwar sind mir ihrer 3 nachher zu Schelmen
worden nämlich ein Zwillichmacher Schuster und Seiffensieder allein sie
mögen diesen Betrug bei GOTT und ihren eigenen Gewissen verantworten ich aber
habe nachher erwogen dass ich an dergleichen Betrügern wenig eingebüßt
immassen unsere Insulaner diese Künste nach Notdurfft selbst obschon nicht so
zierlich und leicht verrichten können
Am 11 Jun gelangete ich also mit meinen angenommenen Leuten glücklich in
Amsterdam an und hatte eine besondere Freude da mein lieber getreuer Horn und
Adam Gorques unter Aufsicht meines werten Freundes des Banquiers GvB das
Schiff nebst allem Zubehör in völlige ja bessere Ordnung als ich vermutet
gebracht hatten Demnach kaufften wir noch das Vieh und andere Sachen ein die
ich mit anhero zu nehmen vor höchst nötig hielt Ein jeder von meinen Neu
angeworbenen Künstlern und Handwerckern bekam so viel Geld als er zu
Anschaffung seines Werckzeugs und andern Bedürffnissen begehrte und da zu
meinem ganz besonderen Vergnügen der liebe Eberhard Julius sich wenig Tage nach
meiner Ankunft bei mir einfand bekam er etliche Tage nach einander ebenfalls
genung zu tun die ihm vorgeschriebenen Waren an Büchern und andern nötigen
Stücken einzuhandeln Endlich am 24 Jun gelangte die letzte Person auf die
ich allbereit mit Schmerzen zu hoffen anfing nämlich Herr Mag Schmeltzer bei
mir an und weil Horn indessen die Zahl der Matrosen und FreiwilligMitreisenden
voll geschafft hatte hielt ich des folgenden Tages General Musterung im
Schiffe und fand weiter nicht das geringste zu verbessern demnach mussten alle
Personen im Schiffe verbleiben und auf meine Ankunft warten ich aber machte
meine Sachen bei der OstIndischen Kompagnie vollends richtig empfing meine
sichern Pæsse Handels und FreiBriefe und konnte solchergestalt über alles
Verhoffen um eben dieselbe Zeit von Amsterdam ablauffen als ich vor etlichen
Monaten gewünschet hatte
Auf der Insul Teneriffa allwo wir nach ausgestandenen heftigen Sturm unser
Schiff auszubessern und uns mit frischen LebensMitteln zu versehen einige Tage
stille lagen zohe ich eines Abends meinen Lieutenant Horn auf die Seite und
sagte Hört mein guter Freund nunmehr ist es Zeit dass ich mein ganzes Hertz
offenbare und euch zum wohlhabenden Manne mache daferne ihr mir vorher einen
leiblichen Eyd zu schweren gesonnen nicht allein dasjenige Geheimnis welches
ich sonsten niemanden als euch und dem redlichen Gorques anvertrauen will so
viel als nötig zu verschweigen sondern auch die billige Forderung so ich an
euch beide tun werde zu erfüllen Horn wurde ziemlich bestürtzt doch auf
nochmahliges Ermahnen dass ich von ihm nichts sündliches unbilliges oder
unmögliches verlangte schwur er mir einen leiblichen Eyd worauff ich ferner
also redete Wisst mein Freund dass ich nicht Willens bin mit nach OstIndien
zu gehen sondern ich werde mich ehester Tages an einem mir gelegenen Orte nebst
denen darzu bestimmten Personen und Waren aussetzen lassen euch aber will ich
nicht allein das Schiff sondern auch alles darzu gehörige erbund eigentümlich
schencken und eure Person statt meiner zum Kapitain und Patron denen übrigen
vorstellen weil ich hierzu laut meiner Pæsse und Frei Briefe von denen Häuptern
der OstIndischen Kompagnie sattsame Gewalt und Macht habe Hergegen verlange
ich davor nichts als dass ihr dem Adam Gorques welcher an eure statt Lieutenant
werden soll nicht allein seinen richtigen Sold zahlet sondern ihm auch den
3ten Teil von demjenigen was ihr auf dieser Reise profitiret abgebet auf der
Rückreise aber die ihr doch unfehlbar binnen 2 oder drittehalb Jahren tun
werdet euch wiederum durch etliche KanonenSchüsse an demjenigen Orte meldet
wo ich mich werde aussetzen lassen im übrigen aber von meinem Auffentalt weder
in Europa noch sonst anderswo ruchtbar macht
Der gute Horn wusste mir anfänglich ohne Zweiffel wegen verschiedener
dessfalls bei ihm entstandener GemütsBewegungen kein Wort zu antworten jedoch
nachdem ich mich noch deutlicher erkläret und ihm eine Specification derer
Dinge eingehändiget welche er bei seiner RückReise aus OstIndien an mich
mitbringen sollte schwur er nochmals nicht allein alles was ich von ihm
begehrte redlich zu erfüllen sondern danckte mir auch dermaßen zärtlich und
verbindlich dass ich keine Ursache habe an seiner Treue und Erkänntlichkeit zu
zweiffeln Ich habe auch die Hoffnung dass ihn GOTT werde glücklicher sein
lassen als den Bösewicht Jean le Grand denn solchergestallt werden wir durch
seine Hilfe alles was wir etwa noch in künftigen Zeiten aus Europa vonnöten
haben möchten gar beqvem erlangen können und uns dabei keiner Hinterlist und
Bosheit sonderlich zu befürchten haben
Wie es mit unserer ferneren Reise und glücklichen Ankunft auf dieser
angenehmen Insul beschaffen gewesen ist allbereit bekannt deswegen will nur
von mir noch melden dass ich nunmehr den Haafen meiner zeitlichen Ruhe und
Glückseligkeit erreicht zu haben verhoffe indem ich den lieben Altvater gesund
alle Einwohner in unveränderten Wohlstande und meine liebe Sophia getreu und
beständig wieder gefunden Nunmehr aber weil mir der liebe Altvater und mein
gutes Gewissen alle glücklich ausgelauffene Anstalten auch selber Zeugnis
geben dass ich alles redlich und wohl ausgerichtet habe werde ein Gelübde tun
außer der äusersten Not und besonders wichtigen Umständen nicht wieder aus
dieser Gegend in ein ander Land zu weichen sondern die übrige LebensZeit mit
meiner lieben Sophie nach GOTTES Willen in vergnügter Ruhe hinbringen Der liebe
Altvater inzwischen wird mir hoffentlich gütig erlauben dass ich künftigen
Sonntags nach vollbrachten Gottes Dienste mich mit meiner Liebsten durch den
Herrn Mag Schmeltzern ehelich zusammen geben lasse anbei das Glück habe der
erste zu sein der auf dieser Insul christlichem Gebrauche nach seine Frau von
den Händen eines ordinirten Priesters empfängt Tut was euch gefällig ist mein
werter Hertzens Freund und Sohn antwortete hierauf der Altvater Albertus
denn eure Redlichkeit verdient dass ihr allhier von niemanden Erlaubnis bitten
oder Befehle einholen dürffet weil wir allerseits vollkommen versichert sind
dass ihr GOTT fürchtet und uns alle herzlich liebt Diesem fügte der Altvater
annoch seinen kräfftigen Seegen und sonderbaren Wunsch zu künftigen glücklichen
EheStande bei nach dessen vollendung Herr Mag Schmeltzer und ich ebenfalls
unsere treugesinnten Glückwünsche bei dem Herrn Wolffgang abstatteten nachher
aber ihm einen schertzhaften Verweis gaben dass er weder unterwegs noch Zeit
unseres hierseins noch nicht das allergeringste von seinen
LiebesAngelegenheiten entdeckt vielweniger uns seine Liebste in Person
gezeiget hätte welches doch billig als etwas merckwürdiges angeführet werden
sollen da wir am verwichener Mittwochen die PflantzStadt ChristiansRaum und
seines SchwiegerVaters Wohnung in Augenschein genommen
Herr Wolffgang lächelte hierüber und sagte Es ist meine wertesten
Freunde aus keiner andern Ursache geschehen als hernach die Freude unter uns
auf einmal desto größer zu machen Meine Liebste hielt sich an vergangener
Mittewochen verborgen und man hat euch dieserwegen auch nicht einmal entdeckt
dass die neu erbaute Wohnung welche wir besahen Zeit meines Abwesens vor mich
errichtet worden Doch diesen Mittag weil es bereits also bestellt ist werden
wir das Vergnügen haben meinen SchwiegerVater Christian Julium nebst meiner
Liebsten Sophie bei der Mahlzeit zu sehen
Demnach aber der bisherige Kapitain Herr Leonhard Wolffgang
solchergestallt seine völlige Erzählung geendiget mithin die MittagsZeit heran
gekommen war stelleten sich Christian Julius und dessen Tochter Sophie bei der
Mahlzeit ein da denn so wohl Herr Mag Schmeltzer als ich die größte Ursach
hatten der letztern besondere Schönheit und ausnehmenden Verstand zu bewundern
anbei Herrn Wolffgangs getroffene Wahl höchst zu billigen
Gleich nach eingenommener MittagsMahlzeit begleiteten wir ingesammt Herrn
Mag Schmeltzern in die DavidsRaumer Alleé um abgeredter maßen das
GlaubensBekänntniss aller dererjenigen öffentlich anzuhören die des morgenden
Tages ihre Beichte tun und folgendes Tages das Heil Abendmahl empfangen
wollten und vermerckten mit größten Vergnügen dass so wohl Alt als Jung in allen
HauptArticuln und andern zur christlichen Lehre gehörigen Wissenschaften
vortrefflich wohl gegründet waren Als demnach alle und jede ins besondere von
Herrn Magist Schmeltzern aufs schärffste tentiret und examiniret worden
welches bis zu Untergang der Sonnen gewähret hatte confirmirte er diese seine
ersten BeichtKinder durch ein andächtiges Gebet und Auflegung der Hand auf
eines jeglichen Haupt und nach diesen nahmen wir mit ihm den RückWeg nach der
AlbertusBurg
In der MittagsStunde des folgenden Tages als Sonnabends vor dem I
AdventSonntage begab sich Herr Mag Schmeltzer in die schöne LauberHütte der
DavidsRaumer Alleé welche unten am AlbertsHügel vermittelst
Zusammenschliessung der dahin gepflantzten Bäume angelegt war und erwartete
daselbst seine bestellten BeichtKinder Der Altvater Albertus war der erste so
sich in heiliger Furcht und mit heißen Tränen zu ihm nahete und seine Beichte
ablegte ihm folgten dessen Sohn Albertus II David Julius Herr Wolffgang
nebst seiner Liebsten Sophie ich Eberhard Julius und diejenigen so mit uns aus
Europa angekomen waren hernachmals aus den Alberts und DavidsRaumer Gemeinden
alle so 14 Jahr alt und drüber waren
Es daurete dieser Heil Actus biss in die Nacht indem sich Herr Mag
Schmeltzer bei einem jeden mit dem absolviren sehr lange aufhielt und sich
dermaßen abgemattet hatte dass wir fast zweiffelten ob er Morgen im Stande
sein würde eine Predigt zu halten Allein der Himmel stärckte ihn unserm Wunsche
nach aufs allerkräfftigste denn als der erste AdventSonntag eingebrochen und
das neue KirchenJahr mit 6 KanonenSchüssen allen Insulanern angekündiget war
und sich daher dieselben an gewöhnlicher Stelle versammelt hatten trat Herr
Mag Schmeltzer auf und hielt eine ungemein erbauliche Predigt über das
gewöhnliche Sonntags Evangelium so von dem Einzuge des WeltHeilandes in die
Stadt Jerusalem handelt Das Exordium generale war genommen aus Ps 118 v 24
Diss ist der Tag den der HERR macht lasst uns freuen etc Er redete in der
Application so wohl von den Ursachen warum sich die Insulaner freuen sollten
als auch von der geistl Freude welche sie über die reine Predigt des Worts
Gottes und andere Mittel des Heils so ihnen in Zukunft reichlich würden
verkündiget und mitgeteilet werden haben sollten In dem Exordio speciali
erklärete er die Worte Esaia c 62 v 11 Saget der Tochter Zion etc Wiess in
der Application dass die Insulaner auch eine geistliche Tochter Zion wären zu
welchen itzo Christus mit seinem Worte und Heil Sakramenten käme Darauff
stellte er aus dem Evangelio vor
Die erfreute Tochter Zion
und zwar
1 Worüber sich dieselbe freute als
a über den Einzug des EhrenKönigs JEsu Christi
b über das Gute so sie von ihm genießen sollte aus den Worten Siehe
dein König etc
2 Wie sich dieselbe freute als
a Wahrhaftig
b Hertzlich
Nachdem er alles vortrefflich wohl ausgelegt verschiedene erbauliche
Gedanken und Ermahnungen angebracht und die Predigt also beschlossen hatte
wurde das Lied gesungen GOTT sei danck durch alle Welt etc Hierauf schritt
Herr Magist Schmeltzer zur Konsecration der auf einer güldenen Schale liegenden
Hostien und des ebenfalls in einem güldenen großen TrinckGeschirr zu rechts
gesetzten Weins nahm eine Hostie in seine Hand und sprach Mein gekreutzigter
Heiland ich empfange anitzo aus deinen wiewohl unsichtbaren Händen deinen
wahrhaftigen Leib und bin versichert dass du mich jetzigen Umständen nach
von den gewöhnlichen Zeremonien deiner reinen EvangelischLuterischen Kirche
entbinden anbei mein Dir geweihetes Hertze und Sinn betrachten wirst es
gereiche also dein heiliger Leib mir und niemanden zum GewissensScrupel
sondern stärcke und erhalte mich im wahren und reinen Glauben zum ewigen Leben
Amen
Hierauff nahm er die gesegnete Hostie zu sich und bald darauf sprach er
Auf eben diesen Glauben und Vertrauen mein JESU empfange ich aus deinen
unsichtbaren Händen dein warhaftes Blut welches du am Stamm des Creutzes vor
mich vergossen hast das stärcke und erhalte mich in wahren Glauben zum ewigen
Leben Amen Nahm also den gesegneten Wein zu sich kniete nieder und Betete vor
sich teilete hernachmals das Heil Abendmahl allen denenjenigen aus welche
gestriges Tages gebeichtet hatten und beschloss den Vormittäglichen Gottesdienst
nach gewöhnlich EvangelischLuterischer Art
Nachmittags nachdem wir die Mahlzeit ingesammt auf Morgenländische Art im
grünen Grase bei ausgebreiteten Teppichen sitzend eingenomen und uns hierauf
eine kleine Bewegung gemacht hatten wurde zum andern mahle GottesDienst
gehalten und nach Vollbringung dessen Hr Wolffgang mit Sophien ehelich
zusammen gegeben auch ein paar Zwillinge aus dem Jacobisschen Stamme getaufft
welche Tab VII bezeichnet sind
Solchergestallt wurde alles mit dem LobGesange HERR GOTT dich loben wir
etc beschlossen Mons Litzberg und ich gaben mit Erlaubnis des Altvaters
noch 12 mal Feuer aus denen auf dem Albertus Hügel gepflantzten Kanonen und
nachdem Herr Wolffgang verkündigen lassen wie er GG den 2ten Januar
nächstfolgenden 1726ten Jahres von wegen seiner Hochzeit allen Insulanern ein
FreudenFest anrichten wollte kehrete ein jeder geistlich und leiblich
vergnügt in seine Wohnung
Herr Mag Schmeltzer hatte bereits verabredet Dass die Stephans Jacobs und
JohannisRaumer Gemeinden den Andern AdventSonntag die Christophs und
Roberts Raumer den 3ten und letztlich die Christians und SimonsRaumer den
4ten Advent zum Heil Abendmahle gehen sollten daferne sich jede Gemeinde die
Woche vorher behörig versammlen und die KatechismusLehren also wie ihre
Vorgänger die Alberts und DavidsRaumer annehmen wollte Weil nun alle hierzu
eine heiße Begierde gezeiget hatten wartete der unermüdete Geistliche
alltäglich seines Ammts getreulich wir andern aber ließ unsere aller
angenehmste Arbeit sein den KirchenBau aufs eiferigste zu befördern wobei
der Altvater Albertus beständig zugegen war und nach seinem Vermögen die
materialien herbei bringen halff auch sich ungeacht unserer trifftigen
Vorstellungen wegen seines hohen Alters gar nicht davon abwenden ließ
Eines Morgens da Herr Mag Schmeltzer unsere Arbeit besah fiel ihm ein
dass wir vergessen hätten einige schrifftliche Urkunden der Nachkommenschaft
zum Vergnügen und der Gewohnheit nach in den GrundStein einzulegen da nun
der Altvater sich erklärete dass hieran noch nichts versäumet sei sondern gar
bald noch ein anderer ausgehöhlter Stein auf den bereits eingesenckten gelegt
werden könnte auch sogleich den Seinigen deswegen Befehl erteilete verfertigte
indessen Herr Magist Schmeltzer eine Schrifft welche in Lateinischer
Deutscher und Englischer Sprache abgeschrieben und nachher mit Wachs in den
ausgehölten GrundStein eingedruckt wurde Es wird hoffentlich dem geneigten
Leser nicht zu wider sein wenn ich dieselbe Lateinisch und Deutsch mit beifüge
Hic lapis
ab
ALBERTO JULIO
Vero veri Dei cultore
Anno CICICCCXXV
d XVIII Novembr
fundamenti loco positus
ædem Deo trinuno consecratam
sanctum coelestium ovium ovile
inviolabile Sakramentorum baptismi sacræ
coenæ domicilium
immotamque verbi divini sedem
suffulcit ac suffulciet
Machina qvot mundi postac durabit in annos
Tot domus hæc duret stet vigeatque Dei
Semper sana sonent hic dulcis dogmata Christi
Per qvem credenti vita salusque datur
Deutsch
Dieser
von ALBERTO JULIO
Im Jahr Christi 1725 den 18 November
gelegte GrundStein
unterstützet und wird unterstützen
eine dem Dreieinigen GOTT gewidmete Kirche
einen heiligen SchaafStall christlicher
Schaafe
eine unverletzliche Behausung der Sakramenten
der Taufe und des Heil Abendmahls
und einen unbeweglichen Sitz des Worts
GOTTES
So lange diese Welt wird unbeweglich stehen
So lange soll diss Haus auch nicht zu Grunde gehen
Was hier gepredigt wird sei Christi reines Wort
Wodurch ein Gläubiger erlangt den HimmelsPort
Herr Wolffgang bezohe immittelst mit seiner Liebste das in ChristiansRaum
vor dieselben neuerbauete Haus ließ aber nicht mehr als die nötigsten von
seinen mitgebrachten mobilien dahin schaffen und das übrige auf der
geraumlichen AlbertusBurg in des Altvaters Verwahrung Unsere mitgebrachten
Künstler und HandwercksLeute bezeugten bei solcher Gelegenheit auch ein
Verlangen den Ort zu wissen wo ein jeder seine Werckstatt aufschlagen sollte
deswegen wurden Beratschlagungen angestellet ob es besser sei vor dieselben
eine ganz neue PflantzStadt anzubauen oder Sie in die bereits angebaueten
PflantzStädte einzuteilen Demnach fiel endlich der Schluss dahinaus dass da
in Erwegung des vorhabenden KirchenBaues anitzo keine andere BauArbeit
vorzunehmen ratsam sei die Neuangekommenen an solche Orte eingeteilet werden
möchten wie es die Umstände ihrer verschiedenen Professionen erforderten
Diese Resolution war ihnen sämtlich die allerangenehmste und weil Herr
Wolffgang von dem Altvater freie Macht bekommen hatte in diesem Stücke nach
seinem Gutbefinden zu handeln so wurden die sämtlichen neuangekommenen
Europäer folgender maßen eingeteilet Mons Litzberg der Matematicus bezohe
sein Quartier in ChristophsRaum bei Herr Wolffgangen Der wohlerfahrene
Chirurgus Mons Kramer in AlbertsRaum Mons Plager und Peter Morgental der
Kleinschmidt in JacobsRaum Harckert der Posamentirer in RobertsRaum
Schreiner der sich bei dem Tohne als ein Töpffer selbst einlogirt hatte in
DavidsRaum Wetterling der Tuchmacher in ChristophsRaum Kleemann der
PappierMüller in JohannisRaum Herrlich der Drechssler und Johann Melchior
Garbe der Böttcher in SimonsRaum Lademann der Tischler und Philipp Krätzer
der Müller in StephansRaum
Solchergestalt blieben Herr Magist Schmeltzer und ich Eberhard Julius nur
allein bei dem Altvater Alberto auf dessen sogenannter AlbertsBurg welcher
annoch beständig 5 Jünglinge und 4 Jungfrauen von seinen KindesKindern zur
Bedienung bei sich hatte Herr Mag Schmeltzer und Herr Wolffgang ermahneten die
abgeteilten Europäer eine Gottesfürchtige und tugendhafte LebensArt unter
ihren wohlerzogenen Nachbarn zu führen stelleten ihnen dabei vor dass Daferne
sie gesinnt wären auf dieser Insul zu bleiben sich ein jeder eine freiwillige
EheGattin erwählen könnte Derjenige aber welchem diese Lebens Art nicht
anständig sei möchte sich nur aller geilen und boshaften Aussschweiffungen
gänzlich enthalten und versichert sein dass er solchergestalt binnen zwei oder
3 Jahren nebst einem Geschenke von 2000 Tlrn wieder zurück nach Amsterdam
geschafft werden sollte
Es gelobte einer wie der andere dem Altvater Alberto Hrn Mag Schmeltzern
als ihren SeelSorger und Herrn Wolffgangen als ihren leiblichen Versorger
treulich an sich gegen GOTT und den Nächsten redlich und ehrlich aufzuführen
seiner Hände Werck zu GOTTES Ehren und dem gemeinschaftl Wesen ohne Verdruss
zu treiben übrigens den Altvater Albertum Hrn Wolffgangen und Herrn Magist
Schmeltzern vor ihre ordentliche Obrigkeit in geistlichen und weltlichen Sachen
zu erkennen und sich bei ein und andern Verbrechen deren Vermahnungen und
gehörigen Strafen zu unterwerffen
Es soll von ihrer künftigen Aufführung und Vereheligung im Andern Teile
dieser Felsenburgischen Geschicht des geneigten Lesers curiosität möglichste
Satisfaction empfangen Voritzo aber habe noch zu melden dass die sämtlichen
Bewohner dieser Insul am 11 Decembr dieses ablauffenden 1725ten Jahres den
allbereit vor 78 Jahren von dem Altvater Alberto angesetzten dritten großen
Bet und FastTag biss zu Untergang der Sonnen celebrirten an welchen Herr Mag
Schmeltzer den 116ten Psalm in zweien Predigten ungemein tröstlich und beweglich
auslegte Die übrigen Stämme gingen an den bestimmten Sonntagen gemachter
Ordnung nach aufs andächtigste zum Heil Abendmahle nach diesen wurde das
eingetretene Heil ChristFest erfreulich gefeiret und solchergestalt erreichte
damals das 1725te Jahr zu aller Einwohner hertzlichen Vergnügen vorjetzo aber
bei uns der Erste Teil der Felsenburgl GeschichtsBeschreibung sein
abgemessenes
ENDE
Avertissement
Man ist zwar Geneigter Leser anfänglich Willens gewesen diese Felsenburgische
Geschichte oder dasjenige was auf dem TitulBlate versprochen worden ohne
Absatz en Suite heraus zu geben allein nach ferneren reiffern Uberlegungen hat
man sich en regard ein und anderer Umstände zu einer Teilung verstehen
müssen Dem Herrn Verleger wäre es zwar weit angenehmer gewesen wenn er sofort
alles auf einmal haben können jedoch wenn ich nur dieses zu betrachten gebe
Dass des Herrn Eberhard Julii Manuskript sehr confus aussiehet indem er zuweilen
in Folio ein ander mahl in 4to und wieder ein ander mahl in 8vo geschrieben
auch viele marquen beigefügt welche auf fast unzehlige Beilagen kleiner Zettel
weisen die hier und anderswo einzuflicken gewesen so habe den stylum unmöglich
so concise führen können als mir anfänglich wohl eingebildet hatte Im
Gegenteil ist mir das Werck unter den Händen unvermerckt ja fast täglich
angewachsen weswegen ich denn vors dienlichste erachtet ein kleines
Interstitium zu machen Anderer Vorteile die so wohl der geneigte Leser als
der Herr Verleger und meine ohnedem niemals müßige Feder hierbei genießen
können voritzo zu geschweigen Ist dieser Erste Teil so glücklich seinen
Lesern einiges Vergnügen zu erwecken und derselben Beifall zu erhalten so kann
dabei versichern dass der andere Teil den ersten an curiositäten wo nicht
übertreffen doch wenigstens nichts nachgeben wird Denn in selbigem werden
nicht allein die teils wunderbaren teils lächerlichen teils aber auch
merckwürdigen Fata ausführlich vorkommen welche denen letztern Felsenburgl
Einkömmlingen von Jugend auf zugestoßen sind sondern ich will über dieses
keinen Fleiß sparen Mons Eberhard Julii Manuscripta ordentlich zusammen zu
lesen und daraus umständlich zu berichten In was vor einen florisanten Zustand
die Insul Felsenburg durch den Fleiß der neuangekomenen Europäischen Künstler
und Handwercker binnen 3 folgenden Jahren gesetzt worden Wie Mons Eberhard
Julius seine Rückreise nach Europa angestellet seinen Vater wieder gefunden
selbigen durch seinen kostbaren Schatz in vorige Renommée gesetzt und endlich
in Begleitung seines Vaters und der aus Schweden zurück verschriebenen
Schwester die andere Reise nach Felsenburg angetreten hat
Hält oft erwähnter Mons Eberhard Julius seine Parole so treulich als er
versprochen nach und nach die ferneren Begebenheiten der Felsenburger entweder
Herrn Banqvier GvB in Amsterdam oder Herrn W in Hamburg schrifftlich zu
übersenden so kann vielleicht der dritte Teil dieses vorgenommenen Wercks auch
noch wohl zum Vorscheine kommen
Übrigens bitte mir von dem geneigten Leser vor meine dessfalls angewandte
Mühe und wiewol ganz unvollkommene SchreibArt nochmals ein affectionirtes
wenigstens unpassionirtes sentiment aus und beharre
Desselben
dienstwilligster
GISANDER
Genealogische TABELLEen über das ALBERTJULIsche Geschlechte
Wie solches aus Europa herstammet und biss zu Ende des 1725ten Jahres auf der
Insul Felsenburg fortgeführet und forn p 106 versprochen worden
B Tab I
B Tab II
B Tab III
B Tab VI
B Tab V
B Tab VI
B Tab VII
B Tab VIII
B Tab IX
B Tab X
Summa aller beim Schluße des 1725ten Jahres auf der Insul Felsenburg lebenden
Personen wozu der Kapitain Wolffgang nebst seinen 14 mitgebrachten
Europäern gerechnet ist 346 Personen
nämlich 177 Manns und
169 WeibsPersonen
Aller Seelen die besage der Tabellen zu Alberti I Felsenburgischen
Geschlecht gehören so wohl tote als lebende 429
Not
Der geneigte Leser beliebe anzumercken dass das Signum
die MannsPersonen
die WeibsPersonen
ZwillingsKinder und
die verstorbenen
andeutet übrigens zu excusiren dass nicht alle diese Personen mit ihren
TauffNahmen benennet sind welches da man das ganze Verzeichnis derselben in
Händen hat nicht so viel Mühe als unnötige Weitläufftigkeiten verursacht
hätte Die übrigen wenigen Merckmahle werden ganz klar in die Augen fallen
wenn sich derselbe vorher den ersten und andern Teil der
GeschlechtsBeschreibung bekandt gemacht hat
Anhang
Der Pag 182 versprochenen
LebensBeschreibung des
DON CYRILLO
DE
VALARO aus seinem Lateinischen Manuskript ins deutsche übersetzt
DC de Valaro
Ich Don Cyrillo de Valaro bin im Jahr nach Christi Gebuhrt 1475 den 9 Aug
von meiner Mutter Blanca de Kordoua im FeldLager unter einem Gezelt zur Welt
gebracht worden Denn mein Vater Don Dionysio de Valaro welcher in des neuen
Kastilianischen Königs Ferdinandi KriegsDienste als Obrister über ein Regiment
FußVolck getreten war hatte meine Mutter mit sich geführet da er gegen den
Portugisischen König Alphonsum mit zu Felde gehen musste Dieser Alphonsus hatte
sich mit der Joanna Henrici des IV Königs in Kastilien Tochter welche doch von
jedermann vor ein Bastard gehalten wurde verlobet und dieserwegen nicht allein
den Titul und Wapen von Kastilien angenommen mithin unserm Ferdinando die Krone
disputirlich gemacht sondern sich bereits vieler Städte bemächtiget weilen
ihn so wohl König Ludwig der XI aus Franckreich als auch viele Grandes aus
Kastilien stark zu secundiren versprochen Nachdem aber die Portugiesen im
folgenden 1476ten Jahre bei Toro ziemlich geklopfft worden und mein Vater
vermerckte Dass es wegen des vielen hin und her marschirens nicht wohl getan
sei uns länger bei sich zu behalten schaffte er meine Mutter und mich zurück
nach Madrit er selbst aber kam nicht ehe wieder zu uns biss die Portugiesen
1479 bei Albuhera totaliter geschlagen und zum Frieden gezwungen worden
wobei Alphonsus nicht allein auf Kastilien sondern auch auf seine Braut
renuncirte Johanna aber der man jedoch unsern Kastilischen Printzen Johannem
ob selbiger gleich noch ein kleines Kind war zum EheGemahl versprach ging
aus Verdruss in ein Kloster weil sie vielleicht gemutmasset dass sie nur vexi
ret würde
Ich weiß mich so wahr ich lebe noch einigermaßen der Freude und des
Vergnügens doch als im Traume zu erinnern welches ich als ein 4 jähriger
Knabe über die glückliche Zurückkunft meines lieben Vaters empfand allein wir
konnten dessen erfreulicher Gegenwart sehr kurtze Zeit genießen denn er musste
wenige Wochen hernach dem Könige welcher ihn nicht allein zum General bei der
Armee sondern auch zu seinem Geheimbden EtaatsMinistre mit ernennet bald nach
Arragonien folgen weilen der König wegen des Absterbens seines höchst seel
Herrn Vaters in diesem seinen ErbReiche die Regierung gleichfalls antrat Doch
im folgenden Jahre kam mein Vater nebst dem Könige abermals glücklich wieder
zurück und erfreuete dadurch mich und meine Mutter aufs neue welche ihm
mittler Zeit noch einen jungen Sohn geboren hatte
Er hatte damals angefangen seine Hausshaltung nach der schönsten
Beqvemlichkeit einzurichten und weil ihm nicht so wohl der Krieg als des
Königs Gnade zu ziemlichen Barschaften verholffen verschiedene Land Güter
angekaufft indem er auf selbigen sein gröstes Vergnügen zu empfinden verhoffte
Allein da mein Vater in der besten Ruhe zu sitzen gedachte nahm der König Anno
1481 einen Zug wider die Granadischen Mauros vor und mein Vater musste ihm im
folgenden 1482ten Jahre mit 10000 neugeworbenen Leuten nachfolgen Also verließ
er uns abermals zu unsern größten Missvergnügen hatte aber vorher noch Zeit
gehabt meiner Mutter Einkünfte und das was zu seiner Kinder Standesmässiger
Erziehung erfodert wurde aufs beste zu besorgen Im Jahre 1483 war es zwischen
den Kastilianern und Mohren bei Malacca zu einem scharffen Treffen gekommen
wobei die Erstern ziemlich gedränget und mein Vater fast tötlich verwundet
worden doch hatte er sich einigermaßen wieder erholet und kam bald darauf
nach Hause um sich völlig ausheilen zu lassen
Der König und die Königin ließ ihm beiderseits das Glück ihres hohen
Besuchs genießen beschenckten ihn auch mit einer starken Summe Geldes und
einem vortrefflichen LandGute mich aber nahm der König vor seinen jungen
Printzen Johannem der noch 3 Jahr jünger war als ich zum Pagen und
SpielGesellen mit nach Hofe und versprach mich bei ihm auf LebensZeit zu
versorgen Ob ich nun gleich nur in mein zehentes Jahr ging so hatte mich doch
meine Mutter dermaßen gut erzogen und durch geschickte Leute erziehen lassen
dass ich mich gleich von der ersten Stunde an nicht allein bei den Königl
Kindern sondern auch bei dem Könige und der Königin selbst ungemein beliebt
machen konnte Und da sich eine besondere natürliche Fertigkeit bei mir gezeiget
hatte der König allen Sprach und ExercitienMeistern ernstlichen Befehl
erteilet an meine Person so wohl als an seinen eigenen Sohn den allerbesten
Fleiß zu wenden welches denn nebst meiner eigenen Lust und Beliebung so viel
fruchtete Dass mich ein jeder vor den Geschicktesten unter allen meinen
Kammeraden halten wollte
Mittlerweile war mein Vater aufs neue wieder zu Felde gegangen und hatte
nicht allein wegen seiner Verwundung an denen Mohren in etlichen Scharmützeln
ziemliche Rache ausgeübt sondern auch vor den König viele Städte und Plätze
einnehmen helfen bei welcher Gelegenheit er auch zu seinem Teile viele
Schätze erobert und dieselben nach Hause geschickt hatte Allein im Jahr 1491
da die Stadt Granada mit 50000 Mann zu Fuß und 12000 zu Ross angegriffen und
der König Boabdiles zur Ubergabe gezwungen wurde verlor mein getreuer und
Heldenmütiger Vater sein edles Leben dabei und zwar im allerletzten Sturme
auf den erstiegenen Mauern
Der König bekam die Briefe von dieser glücklichen Eroberung gleich über der
Tafel zu lesen und rieff mit vollen Freuden aus GOTT und allen Heiligen sei
gedanckt Nunmehr ist die Herrschaft der Maurer welche über 700 Jahr in
Spanien gewähret glücklich zu Grunde gerichtet Deswegen entstunde unter
allen so wohl hohen als niedrigen Bedienten ein allgemeines jubiliren da er
aber die Liste von den ertödteten und verwundeten hohen KriegsBedienten zur
Hand nahm und unter andern lase Dass Don Dionysio de Valaro als ein Held mit
dem Degen in der Faust auf der Mauer gestorben sei vergiengen mir auf einmal
alle meine 5 Sinne dermaßen dass ich hinter dem CronPrintzen ohnmächtig zur
Erden niedersincken musste
Es hatte dem mittleidigen Könige gereuet dass er sich nicht vorher nach mir
umgesehen ehe er diese klägliche Zeitung welche ihm selbst sehr zu Hertzen
ging laut verlesen Jedoch so bald mich die andern Bedienten hinweg und in
mein Bette getragen auch in etwas wieder erfrischet hatten besuchte mich nicht
allein der CronPrintz mit seiner 13 jährigen Schwester Johanna sondern die
Königin selbst mit ihrem vornehmsten Frauenzimmer Dem ungeacht konnte ich mein
Gemüte wegen des jämmerlichen Verlusts meines so lieben und getreuen Vaters
nicht so gleich besänftigen sondern vergoss etliche Tage nach einander die
bittersten Tränen biss mich endlich der König vor sich kommen ließ und
folgendermaßen anredete Mein Sohn Cyrillo de Valaro wilstu meiner ferneren
Gnade genießen so hemme dein Betrübnis wenigstens dem äuserlichen Scheine
nach und bedencke dieses Dass ich an dem Don Dionysio de Valaro wo nicht mehr
doch eben so viel als du verloren denn er ist mein getreuer Diener gewesen
der keinem seines gleichen den Vorzug gelassen ich aber stelle mich selbst
gegen dich an seine Stelle und will dein Versorger sein hiermit sei dir sein
erledigtes Regiment geschenckt worüber ich dich gleich jetzo zum Obristen
bestellen und zum Ritter schlagen will jedoch sollstu nicht ehe zu Felde gehen
sondern bei meinem CronPrintz bleiben bis ich euch beide ehestens selbst mit
mir nehme Ich tat hierauf dem Könige zur Danckbarkeit einen Fussfall und
empfohl mich seiner beständigen Gnade welcher mir sogleich die Hand darreichte
die ich in Untertänigkeit küsste und von ihm selbst auf der Stelle zum Ritter
geschlagen wurde wobei ich die ganz besondere Gnade hatte dass mir die
Prinzessin Johanna das Schwert umgürtete und der CronPrintz den rechten Sporn
anlegte
Solchergestallt wurde mein Schmerzen durch Königliche besondere Gnade und
durch vernünftige Vorstellungen nach und nach mit der Zeit ziemlich gelindert
meine Mutter aber nebst meinem einzigen Bruder und zweien Schwestern konnten
sich nicht so bald beruhigen und weil die erstere durchaus nicht wieder
Heiraten wollte begab sie sich mit meinem Geschwister aus der ResidentzStadt
hinweg auf das Beste unserer LandGüter um daselbst ruhig zu leben und ihre
Kinder mit aller Vorsicht zu erziehen
Immittelst ließ ich mir die Ubung in den Waffen wie auch in den Kriegs und
andern nützlichen Künsten dermaßen angelegen sein dass sich in meinem 18den
Jahre kein einziger Ritter am Spanischen Hofe schämen durfte mit mir
umzugehen und da bei damaligen ziemlich ruhigen Zeiten der König vielfältige
Ritter und LustSpiele anstellete fand ich mich sehr eiffrig und fleißig
dabei ein kam auch fast niemals ohne ansehnlichsten Gewinst davon
Am GeburtsTage der Prinzessin Johanna wurde bei Hofe ein prächtiges Festin
gegeben und fast die halbe Nacht mit Tantzen zugebracht indem aber ich nach
dem Abschiede aller andern mich ebenfalls in mein Zimmer begeben wollte fand
ich auf der Treppe ein kleines Päcklein welches in ein seidenes Tüchlein
eingewickelt und mit GoldFaden umwunden war Ich machte mir kein Bedenken
diese so schlecht verwahrte Sache zu eröffnen und fand darinnen etliche Elen
grün mit Gold durchwürcktes Band nebst dem Bildnisse einer artigen Schäferin
deren Gesicht auf die Helffte mit einem grünen Schleier verdeckt war weil sie
vielleicht nicht von allen und jeden erkañt werden wollte Uber dieses lag ein
kleiner Zettel mit folgenden Zeilen dabei
Geliebter Ritter
Ihr verlanget von mir mein Bildnis nebst einer Liberei welches beides hiermit
aus gewogenen Hertzen übersende Seid damit bei morgenden Turnier glücklicher
als voriges mahl damit ich eurentwegen von andern Damen keine StichelReden
anhören darff sondern das Vergnügen habe eure sonst gewöhnliche
Geschicklichkeit mit dem besten Preise belohnt zu sehen Lebet wohl und
gedencket eurer
Freundin
Meine damahlige Schalckhaftigkeit widerriet mir denjenigen auszuforschen
dem dieses Paquet eigentlich zukommen sollte bewegte mich im Gegenteil diese
Liberei nebst dem artigen Bildnisse der Schäferin bei morgenden Lantzenbrechen
selbst auf meinem Helme zu führen Wie gedacht so gemacht denn am folgenden
Morgen band ich die grüne Liberei nebst dem Bildnisse auf meinen Helm legte
einen ganz neuen Himmelblauen mit goldenen Sternlein beworffenen Harnisch an
und erschien also ganz unerkannt in den Schrancken mit meinem Schilde worinnen
ein junger Adler auf einem ertödten alten Adler mit ausgebreiteten Flügeln
sitzend und nach der Sonne sehend zur Devise gemahlt war Die aus dem Horatio
genommene Beischrift lautete also
Non possunt aquilæ generare columbam
Deutsch
Es bleibt bei dem alten Glauben
Die Adler hecken keine Tauben
Kaum hatte ich Zeit und Gelegenheit gehabt meine Kräffte an 4 Rittern zu
probiren worvon 3 wanckend gemacht den 4ten aber gänzlich aus dem Sattel
gehoben und in den Sand gesetzt als mir ein unbeckandter SchildKnabe einen
kleinen Zettel einhändigte auf welchen folgende Zeilen zu lesen waren
Verwegener Ritter
Entweder nehmt sogleich dasjenige Bildnis und Liberei welches ihr
unrechtmässiger Weise auf eurem Helme führt herunter und liefert es durch
Uberbringern dieses seinem Eigentums Herrn ein oder seid gewärtig dass nicht
allein euren bereits ziemlich erworbenen Ruhm bei diesem LuftRennen nach allen
Kräfften verdunckeln sondern euch Morgen früh auf Leib und Leben ausfodern
wird Der Verehrer der schönen Schäferin
Auf diese trotzige Schrifft gab ich dem SchildKnaben mündlich zur Antwort
Sage demjenigen der dich zu mir geschickt Woferne er seine Anfoderung etwas
höflicher an mich getan hätte ich ihm mit Vergnügen willfahren wollen Allein
seiner unbesonnenen Drohungen wegen wollte ich vor heute durchaus meinen eigenen
Willen haben
Der Schild Knabe ging also fort und ich hatte die Lust denjenigen Ritter
zu bemercken welchem er die Antwort überbrachte Selbiger so bald er mich kaum
ein wenig müßig erblickt kam ganz hochmütig heran getrabet und gab mir mit
ganz hönischen Stellungen zu verstehen Dass er Belieben habe mit mir ein oder
etliche Lantzen zu brechen Er trug einen Feuerfarbenen silber gestreifften
Harnisch und führte einen blass blauen FederStutz auf seinem Helme welcher
mit schwartz und gelben Bande umwunden war In seinem Schilde aber zeigte sich
das Gemälde des Apollinis der sich einer jungen Nymphe Isse genannt zu
gefallen in einen Schäfer verstellet mit den BeiWorten Similis simili
gaudet als wollte er deutlich dieses zu verstehen geben
Isse meine Schäferin
Machts dass ich ein Schäfer bin
Ich vermerckte sogleich bei Erblickung dieser Devise dass der arme Ritter
nicht allzuwohl unter dem Helme verwahret sein müsse Denn wie schlecht reimete
sich doch der Feuerfarbene Harnisch nebst dem blaulichen FederStutze auch gelb
und schwartzen Bande zu der Schäferischen LiebesGrille Indem mir aber das
fernere Nachsinnen durch meines Gegners Anrennen unterbrochen wurde empfing ich
ihn mit meiner hurtig eingelegten Lantze zum ersten mahle dermaßen dass er auf
beiden Seiten Bügel los wurde und sich kaum mit Ergreiffung seines Pferdes
Mähne im Sattel erhalten konnte Dem ungeacht versuchte er das andere Rennen
wurde aber von meinem heftigen LantzenStosse so gewaltig aus dem Sattel
gehoben dass er halb ohnmächtig vom Platze getragen werden musste Solchergestalt
war der verliebte Feuerfarbene Schäfer vor dieses mahl abgefertiget und weil
ich mich die übrige Zeit gegen andere noch ziemlich hurtig hielt wurde mir bei
Endigung des Turniers von den KampfRichtern der andere Preis zuerkannt welches
ein vortrefflicher Maurischer Säbel war dessen güldenes Gefäße mit den
kostbarsten EdelSteinen prangete Die Prinzessin Johanna hielt mir denselben
mit einer lächlenden Gebärde schon entgegen da ich noch wohl 20 Schritte biss
zu ihrem auferbaueten Throne zu tun hatte indem ich aber auf der untersten
Staffel desselben nieder kniete und meinen Helm abnahm mithin mein bloßes
Gesichte zeigte stutzte nicht allein die Prinzessin nebst ihren andern
Frauenzimmer gewaltig sondern Dero liebstes Fräulein die Donna Eleonora de
Sylva sanck gar in einer Ohnmacht darnieder Die Wenigsten mochten wohl
erraten können woher ihr dieser jählinge Zufall kam und ich selbst wusste
nicht was es eigentlich zu bedeuten hatte machte mich aber in noch währenden
Auflauffe nachdem ich meinen Gewinst empfangen ohne von andern Rittern erkannt
zu werden ganz hurtig zurücke
Zwei Tage hernach wurde mir von vorigen SchildKnaben ein Kartell folgendes
Innhalts eingehändiget
Unredlicher Ritter
So kann man euch mit gröstem Rechte nennen indem ihr nicht allein einem andern
der Besser ist als ihr dasjenige Kleinod listiger Weise geraubt welches er als
seinen kostbarsten Schatz geachtet sondern euch überdieses frevelhaft
unterstanden habt solches zu seinem Verdruss und Spott öffentlich auf dem Helme
zu führen Jedoch man muss die Bosheit und den Unverstand solcher Gelb Schnäbel
bei zeiten dämpffen und euch lehren wie ihr mit würdigen Leuten umgehen
müsst Es ist zwar leichtlich zu erachten dass ihr euch wegen des letztern
ungefähr erlangten Preises beim Lantzenbrechen das Glücke zur Braut bekommen
zu haben einbildet Allein wo ihr das Hertz habt Morgen mit Aufgang der
Sonnen nebst nur einem einzigen Beistande auf der großen Wiese zwischen
Madrit und Aranjuez zu erscheinen wird sich die Mühe geben euch den
Unterscheid zwischen einem lustbaren Lantzenbrechen und ernstlichen
SchwertKampffe zu lehren und den Kindischen Frevel zu bestraffen
euer abgesagter Feind
Der Uberbringer dieses wollte durchaus nicht bekennen wie sein Herr mit
Nahmen hieße deswegen gab ihm nur an denselben folgende wenige Zeilen zurück
Frecher Ritter
Woferne ihr nur halb so viel Verstand und Klugheit als Prahlerei und Hochmut
besasset würdet ihr rechtschaffenen Leuten wenigstens nur etwas glimpflicher zu
begegnen wissen Doch weil ich mich viel lieber mit dem Schwert als der Feder
gegen euch verantworten und solchergestalt keine Ursach geben will mich vor
einen zaghaften SchäferKourtisan zu halten so verspreche Morgen die bestimmte
Zeit und Ort in acht zu nehmen daselbst soll sich zeigen dass mein abgesagter
Feind ein Lügner ich aber sei
Don Cyrillo de Valaro
Demnach begab ich mich noch selbigen Abend nebst dem Don Alphonso de Kordua
meiner Mutter Bruders Sohne den ich zum Beistande erwählet hatte aus Madrit in
das allernächst der großen Wiese gelegene Dorff allwo wir über Nacht
verblieben und noch vor Aufgang der Sonnen die große Wiese betraten Mein
Gegner den ich an seinen Feuerfarbenen Harnisch erkannte erschien zu
bestimmter Zeit und konnte mich ebenfalls um so viel desto eher erkennen weil
ich das grüne Band nebst dem Bilde der Schäferin ihm zum Trotz abermals
wieder auf den Helm gebunden hatte Er gab mir seinen Verdruss und die
Geringschätzung meiner Person mit den allerhochmütigsten Stellungen zu
erkennen jedoch ich kehrete mich an nichts sondern fing den verzweiffeltesten
SchwertKampf mit meinem annoch unbekandten Feinde an und brachte ihn binnen
einer halben Stunde durch verschiedene schwere Verwundungen dahin dass er
abermals halb tot und gänzlich Krafftlos zur Erden sincken musste Indem ich
aber hinzu trat und seinen Helm öffnete erkannte ich ihn vor den Sohn eines
vornehmen Königlichen EtaatsBedienten Nahmens Don Sebastian de Urrez der sich
auf die Gnade so der König seinem Vater erzeigte ungewöhnlich viel einbildete
sonsten aber mehr mit Geld und Gütern als Adelichen Tugenden Tapffer und
Geschicklichkeit hervor zu tun wusste Mir war bekannt dass außer einigen
welche seines Vaters Hilfe bedurfften sonst niemand von rechtschaffenen
Rittern leicht mit ihm umzugehen pflegte derowege wandte mich mit einer
verächtlichen Mine von ihm hinweg uñ sagte zu den Umstehenden Dass es mir
herzlich leid sei meinen allerersten ernstlichen Kampff mit einem HasenKopffe
getan zu haben weswegen ich wünschen möchte dass niemand etwas davon erführe
setzte mich auch nebst meinem Secundanten Don Alfonso der seinen Gegner
ebenfalls sehr blutig abgespeiset hatte sogleich zu Pferde und ritten zurück
nach Madrit
Der alte Urrez hatte nicht bloß dieses Kampffs sondern seines Sohnes
heftiger Verwundung wegen alle Mühe angewandt mich bei dem Könige in Ungnade
zu setzen jedoch seinen Zweck nicht erreichen können denn wenig Tage hernach
da ich in dem Königl VorGemach aufwartete rief mich derselbe in sein Zimmer
und gab mir mit wenig Worten zu verstehen Wie ihm meine Herzhaftigkeit zwar im
geringsten nicht missfiele allein er sähe lieber wenn ich mich vor unnötigen
Händeln hütete und vielleicht in kurzen desto tapfferer gegen die Feinde des
Königs bezeugte Ob ich nun gleich versprach mich in allen Stücken nach Ihr
Majest allergnädigsten Befehlen zu richten so konnte doch nicht unterlassen
bei dem bald darauf angestellten StierGefechte so wohl als andere Ritter
einen WageHals mit abzugeben dabei denn einen nicht geringen Ruhm erlangete
weil drei unbändige Büffel durch meine Faust erlegt wurden doch da ich von dem
Letzten einen ziemlichen Schlag an die rechte Hüfften bekommen hatte nötigte
mich die Geschwulst nebst dem geronnenen Geblüte etliche Tage das Bette zu
hüten Binnen selbiger Zeit lief ein Schreiben folgendes Innhalts bei mir ein
Don Cyrillo de Valaro
Warum wendet ihr keinen bessern Fleiß an euch wiederum öffentlich frisch und
gesund zu zeigen Denn glaubt sicherlich man hat zweierlei Ursachen eurer
Aufführung wegen schwere Rechenschaft zu fordern erstlich dass ihr euch
unterstanden beim letztern Turnier eine frembde Liberei zu führen und vors
andere dass ihr kein Bedenken getragen eben dieselbe beim StierGefechte
leichtsinniger Weise zurück zu lassen Uberlegt wohl auf was vor Art ihr euch
redlicher Weise verantworten wollt und wisst dass dennoch mit euren itzigen
schmertzhaften Zustande einiges Mittleiden hat
Donna Eleonora de Sylva
Ich wusste erstlich nicht zu begreiffen was dieses Fräulein vor Ursach
hätte mich meiner Aufführung wegen zur Rede zu setzen biss mir endlich mein
LeibDiener aus dem Traume halff Denn dieser hatte von der Donna Eleonora
vertrauten Aufwärterin so viel vernommen dass Don Sebastian de Urrez bei
selbigen Fräulein bisher in ziemlich guten Kredit gestanden nunmehr aber
denselben auf einmal gänzlich verloren hätte indem er sie wahnsinniger Weise
einer groben Untreue und Falschheit beschuldigte Also könnte ich mir leichtlich
die Rechnung machen dass Eleonora um sich rechtschaffen an ihm zu rächen mit
meiner Person entweder eine Schertz oder Ernstafte LiebesIntrigue
anzuspinnen suchte
Diese Mutmaßungen schlugen keines weges fehl denn da ich nach völlig
erlangter Gesundheit im königlichen Lust Garten zu BuenRetiro Gelegenheit nahm
mit der Eleonora ohne beisein anderer Leute zu sprechen wollte sie sich zwar
anfänglich ziemlich kaltsinnig und verdrießlich stellen dass ich mir ohne ihre
Erlaubnis die Freiheit genommen Dero Liberei und Bildnis zu führen Jedoch so
bald ich nur einige trifftige Entschuldigungen nebst der Schmeichelei
vorgebracht wie ich solche Sachen als ein besonderes Heiligtum zu verehren
und keinem Ritter wer der auch sei nicht anders als mit Verlust meines Lebens
zurück zu geben gesonnen wäre fragte sie mit einer etwas gelassnern Stellung
Wie aber wenn ich dasjenige was Don Sebastian nachlässiger Weise verloren ihr
aber zufälliger Weise gefunden und ohne meine Vergünstigung euch zugeeignet
habt selbst zurück begehre So muss ich zwar gab ich zur Antwort aus
schuldigen Respekt eurem Befehle und Verlangen ein Genügen leisten jedoch
dabei erkennen dass ihr noch grausamer seid als das Glücke selbst über dessen
Verfolgung sich sonsten die Unglückseeligen eintzig und allein zu beklagen
pflegen Es ist nicht zu vermuten sagte sie hierauf dass euch hierdurch eine
besondere Glückseeligkeit zuwachsen würde wenn gleich dergleichen Kleinigkeiten
in euren Händen blieben Und vielleicht darum versetzte ich weil Don Sebastian
eintzig und allein bei eurer schönen Person glückseelig sein und bleiben soll
Unter diesen Worten trat der Donna Eleonora das Blut ziemlich in die Wangen so
dass sie eine kleine Weile inne hielt endlich aber sagte Seid versichert Don
Valaro dass Urrez Zeit seines Lebens weniger GunstBezeugungen von mir zu hoffen
hat als der allergeringste Edelmann denn ob ich mich gleich vor einiger Zeit
durch gewisse Personen die ich nicht nennen will bereden lassen vor ihn
einige Achtbarkeit oder wohl gar einige Liebe zu hegen so ist mir doch
nunmehr seine ungeschickte und pöbelhafte Aufführung besser bekannt und zum
rechten Eckel und Abscheu worden Ich weiß ihm sprach ich darauf weder böses
noch guts nachzusagen außer dem dass ihn wenig rechtschaffene Ritter ihres
Umgangs gewürdiget Allein er ist nicht darum zu verdencken dass er dergleichen
Schmach jederzeit wenig geachtet indem ihn das Vergnügen sich von dem
allerschönsten Fräulein am ganzen Hofe geliebt zu sehen dieserhalb sattsam
trösten können
Donna Eleonora vermerckte vielleicht dass sie ihre gegen sich selbst
rebellirenden Affecten in die Länge nicht würde zwingen können denn sie musste
sich freilich in ihr Hertz hinein schämen dass selbiges bisher einem solchen
übel berüchtigten Ritter offen gestanden der sich bloß mit seinem Weibisschen
Gesichte oder etwa mit Geschencken und sclavischen Bedienungen bei ihr
eingeschmeichelt haben mochte Deswegen sagte sie mit einer etwas
verdrießlichen Stimme Don Cyrillo lasset uns von diesem Gespräch abbrechen
denn ich mag den verächtlichen Sebastian de Urrez nicht mehr erwähnen hören von
euch aber will ich ausbitten mir die nichtswürdigen Dinge zurück zu senden
damit ich in Verbrennung derselben zugleich das Angedencken meines
abgeschmackten bisherigen Liebhabers vertilgen kann Was soll denn versetzte
ich das unschuldige Band und das artige Bildnis den Frevel eines nichtswürdigen
Menschen büßen gewisslich diese Sachen werden noch in der Asche ihren hohen
Wert behalten indem sie von so schönen Händen gekommen um aber das
verdrießliche Angedencken auszurotten so erzeiget mir die Gnade und gönnet
meinem Hertzen die erledigte Stelle in dem eurigen glaubt anbei gewiss dass
mein ganzes Wesen sich jederzeit dahin bestreben wird eurer unschätzbaren
GegenGunst würdiger zu sein als der liederliche Urrez
Donna Eleonora mochte sich unfehlbar verwundern dass ich als ein junger 18
jähriger Ritter allbereit so dreuste und altklug als der erfahrenste Liebhaber
reden konnte replicirte aber dieses Don Cyrillo eure besondere Tapfer und
Geschicklichkeit hat sich zwar zu fast aller Menschen Verwunderung schon
sattsam spüren lassen indem ihr in Schertz und Ernstaften Kämpffen Menschen
und Tiere überwunden aber mein Hertz muss sich dennoch nicht so leicht
überwinden lassen sondern vielmehr der Liebe auf ewig absagen weil es das
erste mahl unglücklich im wählen gewesen deswegen verschonet mich in Zukunft
mit dergleichen verliebten Anfällen erfüllt vielmehr mein Begehren mit
baldiger Ubersendung der verlangten Sachen
Ich hätte wider diesen Ausspruch gern noch ein und andere Vorstellungen
getan allein die Ankunft einiger Ritter und Damen verhinderte mich vor dieses
mahl So bald ich nach diesem allein in meiner Kammer war merckete mein
Verstand mehr als zu deutlich dass der ganze Mensch von den Annehmlichkeiten
der Donna Eleonora bezaubert wäre ja mein Hertze empfand eine dermaßen
heftige Liebe gegen dieselbe dass ich diejenigen Stunden vor die
allertraurigsten und verdriesslichsten hielt welche ich ohne sie zu sehen
hinbringen musste Deswegen nahm meine Zuflucht zur Feder und schrieb einen der
allerverliebtesten Briefe an meinen Leitstern worinnen ich hauptsächlich bat
nicht allein mich zu ihrem Liebhaber auf und anzunehmen sondern auch die
Liberei nebst Dero Bildnisse zum ersten Zeichen ihrer GegenGunst in meinen
Händen zu lassen
Zwei ganzer Tage lang ließ sie mich hierauf zwischen Furcht und Hoffnung
zappeln biss ich endlich die halb erfreuliche und halb traurige Antwort erhielt
Ich möchte zwar behalten was ich durch Glück und Tapfferkeit mir zugeeignet
hätte doch mit dem Bedinge Dass ich solches niemals wiederum öffentlich
zeigen sondern vor jedermann geheim halten solle Uber dieses sollte mir auch
erlaubt sein sie morgenden Mittag in ihren Zimmer zu sprechen allein abermals
mit der schweren Bedingung Dass ich kein eintziges Wort von LiebesSachen
vorbrächte
Dieses Letztere machte mir den Kopf dermaßen wüste dass ich mir weder zu
raten noch zu helfen wusste und an der Eroberung dieses FelsenHertzens schon
zu zweiffeln begunte ehe noch ein recht ernstlicher Sturm darauf gewagt war
Allein meine Liebe hatte dermahlen mehr Glücke als ich wünschen mögen denn auf
den ersten Besuch wobei sich mein Gemüte sehr genau nach Eleonorens Befehlen
richtete bekam ich die Erlaubnis ihr täglich nach der MittagsMahlzeit
aufzuwarten und die Zeit mit dem BretSpiele zu verkürtzen Da aber meine
ungewöhnliche Blödigkeit nebst ihrem ernstlich wiederholten Befehle das
verliebte Vorbringen lange genung zurück gehalten hatten gab ich die feurige
Eleonora endlich selbst Gelegenheit dass ich meine heftigen Seuffzer und Klagen
kniend vor derselben außstieß und mich selbst zu erstechen drohte woferne sie
meine alleräuserste Liebe nicht mit gewünschter GegenGunst beseeligte
Demnach schiene sie auf einmal anders Sinnes zu werden und kurtz zu sagen
wir wurden von derselben Stunde an solche vertraute Freunde miteinander dass
nichts als die Priesterliche Einsegnung fehlte uns beide zu dem
allervergnügtesten Paare ehelicher Personen zu machen Immittelst hielten wir
unsere Liebe dennoch dermaßen heimlich dass zwar der ganze Hof von unserer
sonderbaren Freundschaft zu sagen wusste die Wenigsten aber glaubten dass unter
uns annoch sehr jungen Leuten allbereits ein würckliches LiebesVerbündnis
errichtet sei
Es war niemand vorhanden der eins oder das andere zu verhindern trachtete
denn mein einziger Feind Don Sebastian de Urrez hatte sich so bald er wieder
genesen auf die Reise in frembde Länder begeben Also lebte ich mit meiner
Eleonora über ein Jahr lang im süßesten Vergnügen und machte mich anbei dem
Könige und dessen Familie dermaßen beliebt dass es das Ansehen hatte als ob
ich dem Glücke gänzlich im Schoss säße
Mittlerweile da König Karl der VIII in Franckreich im Jahr 1494 den
KriegesZug wider Neapolis vorgenommen hatte fanden sich verschiedene junge
vornehme Neapolitanische Herren am Kastilianischen Hofe ein Einer von selbigen
hatte die Donna Eleonora de Sylva kaum zum erstenmahle erblickt als ihn dero
Schönheit noch geschwinder als mich zum verliebten Narren gemacht hatte Ich
vermerckte mehr als zu frühe dass er sich aufs eiffrigste angelegen sein ließ
mich bei ihr aus dem Sattel zu heben und sich an meine Stelle hinein zu
schwingen jedoch weil ich mich der Treue meiner Geliebten höchst versichert
schätzte über dieses der Höflichkeit wegen einem Fremden etwas nachzusehen
verbunden war ließ sich mein vergnügtes Hertze dieserwegen von keinem besonderen
Kummer anfechten Allein mit der Zeit begunte der hoffärtige Neapolitaner meine
Höflichkeit vor eine niederträchtige Zaghaftigkeit zu halten machte sich also
immer dreuster und riss eines Tages der Eleonora einen BlumenStrauss aus den
Händen welchen sie mir indem ich hurtig vorbei ging darreichen wollte Ich
konnte damals weiter nichts tun als ihm meinen dieserhalb geschöpfften Verdruss
mit den Augen zu melden indem ich dem Könige eiligst nachfolgen musste allein
noch selbigen Abend kam es unter uns beiden erstlich zu einem höhnischen bald
aber zum schimpfflichsten WortWechsel so dass ich mich genötigt fand meinen
MitBuhler kommenden Morgen auf ein paar spitzige Lantzen und wohlgeschliffenes
Schwert hinaus zu fordern Dieser stellte sich hierüber höchst vergnügt an
und und vermeinte mit einem solchen zarten Ritter der ich zu sein schiene gar
bald fertig zu werden ungeacht der Prahler die JünglingsJahre selbst noch
nicht ganz überlebt hatte Allein noch vor MitterNacht ließ mir der König
durch einen Offizier von der LeibWacht befehlen bei Verlust aller seiner
Königl Gnade u meines zeitlichen Glücks mich durchaus mit dem Neapolitaner
welches ein vornehmer Printz unter verdeckten Nahmen wäre in keinen ZweiKampf
einzulassen weilen der König unsere nichtswürdige StreitSache ehester Tages
selbst beilegen wollte
Ich hätte hierüber rasend werden mögen musste aber dennoch gehorsamen weil
der Offizier Ordre hatte mich bei dem geringsten widerwärtigen Bezeigen
sogleich in Verhaft zu nehmen Eleonora bemühete sich so bald ich ihr mein
Leid klagte durch allerhand Schmeicheleien dasselbe zu vernichten indem sie
mich ihrer vollkommenen Treue gänzlich versicherte anbei aber herzlich bat
ihr nicht zu verargen dass sie auf der Königin Befehl gewisser StaatsUrsachen
wegen dem Neapolitaner dann und wann einen Zutritt nebst einigen geringen
LiebesFreiheiten erlauben müsste inzwischen würde sich schon mit der Zeit noch
Gelegenheit finden dessfalls Rache an meinem MitBuhler auszuüben wie sie denn
nicht zweiffelte dass er sich vor mir fürchte und dieserwegen selbst unter der
Hand das Königl Verbot auswürcken lassen
Ich ließ mich endlich wiewohl mit großer Mühe in etwas besänftigen
allein es hatte keinen langen Bestand denn da der König die Untersuchung
unserer StreitSache verzögerte u ich dem Neapolitaner allen Zutritt bei
Eleonoren aufs möglichste verhinderte gerieten wir unverhofft aufs neue
zusammen da der Neapolitaner Eleonoren im Königlichen LustGarten an der Hand
spazieren führte und ich ihm vorwarff Wie er sich deñoch besser anzustellen
wisse ein Frauenzimmer als eine Lantze oder bloßes Schwert an der Hand zu
führen Er beteuerte hierauf hoch meine frevele Reden sogleich mit seinem
SeitenGewehr zu bestraffen wenn er nicht befürchtete den BurgFrieden im
Königl Garten zu brechen Allein ich gab mit einem höhnischen Gelächter zu
verstehen Wie es nur bei ihm stünde mir durch eine kleine Pforte auf einen
sehr bequemen FechtPlatz zu folgen der nur etwa 100 Schritte von dannen sei
und gar nicht zur Burg gehöre
Alsobald machte der Neapolitaner Eleonoren die vor Angst an allen Gliedern
zitterte einen Reverentz und folgte mir auf einen gleichen Platz außerhalb
des Gartens allwo wir Augenblicklich vom Leder zohen um einander etliche
blutige Characters auf die Körper zu zeichnen
Der erste Hieb geriet mir dermaßen glücklich dass ich meinem Feinde
sogleich die wallenden Adern am VorderHaupt eröffnete weil ihm nun
solchergestalt das häuffig herabfliessende Blut die Augen ziemlich verdunckelte
hieb er dermaßen blind auf mich los dass ich ebenfalls eine kleine Wunde über
den rechten Arm bekam jedoch da er von mir in der Geschwindigkeit noch zwei
starke Hiebe empfangen davon der eine in die Schulter und der andere in den
Hals gedrungen war sanck mein feindseeliger Neapolitaner ohnmächtig zu Boden
Ich sah nach Leuten die ihn verbinden und hinweg tragen möchten befand mich
aber im Augenblick von der Königl Leibwacht umringet die mir mein Quartier in
demjenigen Turme wo noch andere Ubertreter der Königl Gebote logirten ohne
alle Weitläufftigkeit zeigeten Hieselbst war mir nicht erlaubt an jemanden zu
schreiben vielweniger einen guten Freund zu sprechen jedoch wurde mit den
köstlichsten Speisen und Getränke zum Uberflusse versorgt und meine geringe
Wunde von einem Chirurgo alltäglich zweimal verbunden welche sich binnen 12
Tagen zu völliger Heilung schloss
Eines Abends da der Chirurgus ohne beisein der Wacht mich verbunden und
allbereit hinweg gegangen war kam er eiligst wieder zurück und sagte Mein
Herr jetzt ist es Zeit euch durch eine schleunige Flucht selbst zu befreien
denn außerdem dass kein einziger Mann von der Wacht vorhanden so stehen alle
Türen eures Gefängnisses offen darum eilet und folgt mir Ich besonne nicht
lange ob etwa dieser Handel mit fleiss also angestellet wäre oder nicht sondern
warff augenblicklich meine völlige Kleidung über mich und machte mich nebst dem
Chirurgo in größter Geschwindigkeit auf den Weg beschenckte denselben mit einer
Hand voll GoldKronen und kam ohne einzigen Anstoß in des Don Gonsalvo
Ferdinando de Kordua als meiner Mutter leiblichen Bruders Behausung an dessen
Sohn Don Alphonso mir nicht allein den sichersten heimlichen Auffentalt
versprach sondern sich zugleich erbot alles auszuforschen was von meiner
Flucht bei Hofe gesprochen würde
Da es nun das Ansehen hatte als ob der König dieserwegen noch heftiger auf
mich erbittert worden indem er meine gehabte Wacht selbst gefangen zu setzen
und mich auf allen Straßen und im ganzen Lande aufzusuchen befohlen
vermerckte ich mehr als zu wohl dass in Kastilien meines bleibens nicht sei
ließ mir deswegen von meiner Mutter eine zulängliche Summe ReiseGelder
übersenden und practicierte mich nach verlauff etlicher Tage heimlich durch
nach Portugal allwo ich in dem nächsten Hafen zu Schiffe und nach Engelland
übergieng um daselbst unter König Henrico VII der der gemeinen Sage nach mit
den Schotten und einigen Rebellen Krieg anfangen wollte mich in den Waffen zu
üben Allein meine Hoffnung betrog mich ziemlicher maßen indem dieses
KriegsFeuer bei zeiten in seiner Asche erstickt wurde Ich hatte zwar das Glück
dem Könige aufzuwarten und nicht allein seines mächtigen Schutzes sondern auch
künftiger Beförderung vertröstet zu werden konnte aber leicht erraten dass das
Letztere nur leere Worte wären und weil mir außerdem der Englische Hof
allzuwenig lebhaft vorkam so hielt mich nur einige Monate daselbst auf besah
hierauf die vornehmsten Städte des Reichs ging nach diesen wiederum zu
Schiffe und reiste durch die Niederlande an den Hof Kaysers Maximiliani allwo
zur selbigen Zeit alles Vergnügen so sich ein junger Ritter wünschen konnte im
größten Uberflusse blühete Ich erstaunete über die ganz seltsame Schönheit des
Käyserlichen Printzens Philippi und weilen bald darauf erfuhr dass derselbe
ehestens mit der Kastilianischen Prinzessin Johanna vermählet werden sollte so
preisete ich dieselbe allbereit in meinen Gedanken vor die allerglücklichste
Prinzessin wiewohl mich die hernach folgenden Zeiten und Begebenheiten ganz
anders belehreten
Inzwischen versuchte mein äuserstes mich in dieses Printzen Gunst und Gnade
zu setzen weil ich die sichere Rechnung machen konnte dass mein König mich auf
dessen Vorspruch bald wiederum zu Gnaden annehmen würde Das Glücke war mir
hierbei ungemein günstig indem ich in verschiedenen RitterSpielen sehr
kostbare Gewinste und in Betrachtung meiner Jugend vor andern großen Ruhm
erbeutete Bei so gestallten Sachen aber fanden sich gar bald einige die
solches mit scheelen Augen ansahen unter denen sonderlich ein Savoyischer
Ritter war der sich besonders Tapffer zu sein einbildete und immer nach und
nach Gelegenheit suchte mit mir im Ernste anzubinden Er fand dieselbe endlich
noch ehe als er vermeinte wurde aber in Gegenwart mehr als tausend Personen
fast tötlich verwundet vom Platze getragen dahingegen ich an meinen drei
leichten Wunden nicht einmal das Bette hüten durfte sondern mich täglich bei
Hofe öffentlich zeigen konnte Wenig Wochen danach wurde ein Gallier fast mit
gleicher Müntze von mir bezahlet weil er die Spanischen Nationen mit
ehrenrührigen Worten und zwar in meinem Beisein angriff Doch eben diese beiden
UnglücksKonsorten hetzten den dritten Feind auf mich welches ebenfalls ein
Neapolitaner war der nicht so wohl den Savoyer und Gallier sondern vielmehr
seinen in Madrit verunglückten LandsMann an mir rächen wollte
Er machte ein ungemeines Wesen von sich bat unseres ZweiKampffs wegen bei
dem Käyser selbst nicht allein die Vergünstigung sondern auch frei und sicher
Geleite aus in so ferne er mich entleibte welches ihm der Käyser zwar
anfänglich abschlug jedoch endlich auf mein untertänigstes Ansuchen
zugestunde
Demnach wurden alle Anstallten zu unserm MordSpiele gemacht welchem der
Käyser nebst dessen ganzer Hofstatt zusehen wollte Wir erschienen also
beiderseits zu gehöriger Zeit auf dem bestimmten Platze mit Wehr Waffen und
Pferden aus dermaßen wohl versehen brachen unsere Lantzen ohne besonderen
Vorteil griffen hierauf zun Schwerdtern wobei ich gleich anfänglich
spürete Dass mein Gegner kein ungeübter Ritter sei indem er mir dermaßen
heftig zusetzte dass ich eine ziemliche Weile nichts zu tun hatte als seine
geschwinden Streiche abzuwenden Allein er war sehr stark und ungeschickt
mattete sich also in einer vierteils Stunde also heftig ab dass er lieber
gesehen wenn ich ihm erlaubt hätte etwas auszuruhen Jedoch ich musste mich
dieses meines Vorteils auch bedienen zumahlen sich an meiner rechten Hüffte
die erste Verwundung zeigte deswegen fing ich an meine besten Kräfte zu
gebrauchen brachte auch die nachdrücklichsten Streiche auf seiner SturmHauben
an worunter mir einer also Missriet dass seinem Pferde der Kopf gespalten u
er herunter zu fallen genötigt wurde Ich stieg demnach gleichfalls ab ließ
ihn erstlich wieder aufstehen und traten also den Kampf zu Fuße als ganz von
neuen wieder an Hierbei dreheten wir uns dermaßen oft und wunderlich herum
dass es das Ansehen hatte als ob wir zugleich tantzen und auch fechten müssten
mittlerweile aber drunge allen beiden das Blut ziemlicher maßen aus den
zerkerbten Harnischen heraus jedoch mein Gegner fand sich am meisten
entkräfftet weswegen er auf einige Minuten Stillstand begehrte ich vergönnete
ihm selbigen und schöpffte dabei selbst neue Kräffte zumahlen da ich sah
dass mir der Käyserl Printz ein besonderes Zeichen seiner Gnade sehen ließ So
bald demnach mein Feind sein Schwert wiederum in die Höhe schwunge ließ ich
mich nicht träge finden sondern versetzte ihm einen solchen gewaltsamen Hieb in
das Haupt dass er zu taumeln anfing und als ich den Streich wiederholet
endlich tot zur Erden stürtzte Ich warff mein Schwert zurück nahete mich
hinzu um durch Abreissung des Helms ihm einige Luft zu schaffen da aber das
Haupt fast biss auf die Augen gespalten war konnte man gar leicht begreiffen wo
die Seele ihre Ausfahrt genommen hatte deswegen überließ ihn der Besorgung
seiner Diener setzte mich zu Pferde und ritte nach meinem Quartiere allwo ich
meine empfangenen Wunden deren ich zwei ziemlich tieffe und 6 etwas geringere
aufzuweisen hatte behörig verbinden ließ
Dieser GlücksStreich brachte mir nicht allein am ganzen Käyserl Hofe
große Achtbarkeit sondern des Käyserl Printzens völlige Gunst zuwege so dass
er mich in die Zahl seiner LeibRitter aufnahm und jährlich mit einer starken
GeldPension versah Hierbei erhielt ich Erlaubnis nicht allein die
vornehmsten deutschen FürstenHöfe sondern auch die Königreiche Böhmen Ungarn
und Pohlen zu besuchen worüber mir die Zeit geschwinder hinlieff als ich
gemeinet hatte indem ich nicht ehe am Käyserl Hofe zurück kam als da die
Prinzessin Margareta unserm Kastilianischen CronPrintzen Johanni als Braut
zugeführet werden sollte Da nun der Käyserl Printz Philippus dieser seiner
Schwester das Geleite nach Kastilien gab bekam ich bei solcher Gelegenheit mein
geliebtes Vaterland nebst meiner allerliebsten Eleonora wieder zu sehen indem
mich König Ferdinandus auf Vorbitte der Käyserl und seiner eigenen Kinder zu
Gnaden annahm und den ehemals begangenen Fehler gänzlich zu vergessen
versprach
Es ist nicht zu beschreiben was die Donna Eleonora vor eine ungewöhnliche
Freude bezeigte da ich den ersten Besuch wiederum bei ihr ablegte hiernächst
wusste sie mich mit ganz neuen und sonderbaren Liebkosungen dermaßen zu
bestricken dass meine ziemlich erkaltete Liebe weit feuriger als jemals zu
werden begunte und ob mir gleich meine besten Freunde dero bisherige Aufführung
ziemlich verdächtig machten und mich von ihr abzuziehen trachteten indem
dieselbe nicht allein mit dem Neapolitaner der sich nach Heilung seiner von
mir empfangenen Wunden noch über ein Jahr lang in Madrit aufgehalten eine
allzugenaue Vertraulichkeit sollte gepflogen sondern nächst diesem auch allen
andern Frembdlingen verdächtige Zugänge erlaubt haben so war doch nichts
vermögend mich aus ihren Banden zu reißen denn so oft ich ihr nur von
dergleichen verdrießlichen Dingen etwas erwehnete wusste sie von ihrer
verfolgten Unschuld ein solches Wesen zu machen und ihre Keuschheit so wohl mit
großen Beteuerungen als heißen Tränen dermaßen zu verfechten dass ich ihr in
allen Stücken völligen Glauben beimessen und mich glücklich schätzen musste
wenn sich ihr in Harnisch gebrachtes Gemüte durch meine kniende Abbitte und
äusersten LiebesBezeugungen nur wiederum besänftigen ließ
Da nun solchergestalt alle Wurtzeln der Eifersucht von mir ganz frühzeitig
abgehauen wurden und sich unsere Hertzen aufs neue vollkommen vereinigt hatten
über dieses meine Person am ganzen Hofe immer in größere Achtbarkeit kam so
bedünckte mich dass das Missvergnügen noch weiter von mir entfernet wäre als der
Himmel von der Erde Nachdem aber die wegen des CronPrintzens Vermählung
angestelleten RitterSpiele und andere vielfältige Lustbarkeiten zum Ende
gebracht gab mir der König ein neues Regiment FußVolck und damit meine Waffen
nicht verrosten möchten schickte er mich nebst noch mehreren gegen die um
Granada auf dem Gebirge wohnenden Maurer zu Felde welche damals allerhand lose
Streiche machten und eine förmliche Empörung versuchen wollten Dieses war mein
allergröstes Vergnügen alldieweilen hiermit Gelegenheit hatte meines lieben
Vaters frühzeitigen Tod an dieser verfluchten Nation zu rächen und gewiss sie
haben meinen Grimm sonderlich im 1500ten und folgenden Jahre da ihre Empörung
am heftigsten war dermaßen empfunden dass dem Könige nicht gereuen durfte
mich dahin geschickt zu haben
Immittelst war Ferdinandus mit Ludovico XII Könige in Franckreich über das
Königreich Neapolis welches sie doch vor kurtzer Zeit unter sich geteilet und
den König Friedericum dessen entsetzt hatten in Streit geraten und mein
Vetter Gonsalvus Ferdinandus de Kordua der die Spanischen Truppen im
Neapolitanischen en Chef kommandierte war im Jahr 1502 so unglücklich gewesen
alles zu verliehren bis auf die einzige Festung Barletta Demnach schrieb er
um schleunigen Succurs und bat den König unter andern mich als seiner
Schwester Sohn mit dahin zu senden Der König willfahrete mir und ihm in diesen
Stücke also ging ich fast zu Ende des Jahres zu ihm über Ich wurde von meinem
Vetter den ich in vielen Jahren nicht gesehen ungemein liebreich empfangen
und da ich ihm die erfreuliche Zeitung von den bald nachkommenden frischen
Völckern überbrachte wurde er desto erfreuter und zweiffelte im geringsten
nicht die Scharte an denen Frantzosen glücklich auszuwetzen wie er sich denn
in seinem Hoffnungs vollen Vorsatze nicht betrogen fand denn wir schlugen die
Frantzosen im folgenden 1503ten Jahre erstlich bei Cereniola rückten hierauf
vor die HauptStadt Neapolis welche glücklich erobert wurde lieferten ihnen
noch eine uns vorteilhafte Schlacht bei dem Fluße Garigliano und brachten
nachdem auch die Festung Kajeta eingenommen war das ganze Königreich Neapolis
unter Ferdinandi Botmässigkeit so dass alle Frantzosen mit größten Schimpf daraus
vertrieben waren Im folgenden Jahre wollte zwar König Ludovicus uns mit einer
weit stärckern Macht angreiffen allein mein Vetter hatte sich vermöge seiner
besonderen Klugheit in solche Verfassung gesetzt dass ihm nichts abzugewinnen
war Demnach machten die Frantzosen mit unserm Könige Friede und Bündnis ja
weil Ferdinandi Gemahlin Isabella eben in selbigem Jahre gestorben war nahm
derselbe bald hernach eine Frantzösische Dame zur neuen Gemahlin und wollte
seinen SchwiegerSohn Philippum verhindern das durch den Tod des CronPrintzen
auf die Prinzessin Johannam gefallene Kastilien in Besitz zu nehmen Allein
Philippus drunge durch und Ferdinandus musste nach Arrogonien weichen
Mittlerweile hatte sich mein Vetter Gonsalvus zu Neapolis in großes Ansehen
gesetzt regierte daselbst jedoch zu Ferdinendi größten Nutzen als ein
würcklicher König indem alle Untertanen Furcht und Liebe vor ihm hegten
Allein so bald Ferdinandus dieses etwas genauer überlegte entstund der Argwohn
bei ihm Ob vielleicht mein Vetter dahin trachtete dieses Königreich dem
Philippo zuzuschantzen oder sich wohl gar selbst dessen Krone auf seinen Kopf
zu setzen Deswegen kam er unvermutet in eigener Person nach Neapolis
stellte sich zwar gegen Gonsalvum ungemein gnädig hielt auch dessen gemachte
ReichsAnstalten vor genehm allein dieser verschlagene Mann merkte deñoch dass
des Königs Freundlichkeit nicht von Hertzen gienge dem ungeacht verließ er
sich auf sein gut Gewissen und reiste ohne einige Schwürigkeit zu machen mit
dem Könige nach Arrogonien allwo er vor seine treu geleisteten Dienste mehr
Hohn und Spott als Danck und Ruhm zum Lohne empfing Meine Person die
Ferdinando ebenfalls verdächtig vorkam musste meines Vetters Unfall zugleich mit
tragen jedoch da ich in Aragonien außer des Königs Gunst nichts zu suchen
sondern mein Väter und Mütterliches Erbteil in Kastilien zu fordern hatte
nahm ich daselbst meinen Abschied und reiste zu Philippo bei dessen Gemahlin
die Donna Eleonora de Sylva aufs neue in Dienste getreten und eine von ihren
vornehmsten EtaatsFräuleins war
Philippus gab mir sogleich eine KammerHerrensStelle nebst starken
jährlichen Einkünften also heiratete ich wenig Monate hernach die Donna
Eleonora allein ob sich hiermit gleich ein besonders schöner weiblicher Körper
an den Meinigen fügte so fand ich doch in der genausten Umarmung bei weiten
nicht dasjenige Vergnügen wovon die Naturkündiger so vieles Geschrei machen
und beklagte heimlich dass ich auf dergleichen ungewisse Ergötzlichkeit mit so
vieljähriger Beständigkeit gewartet und den ehemaligen Zuredungen meiner
vertrauten Freunde nicht mehreren Glauben gegeben hatte
Jedoch ich nahm mir sogleich vor dergleichen unglückliches Verhängnis mit
möglichster Gelassenheit zu verschmertzen auch meiner Gemahlin den
allzuzeitlich gegen sie gefasseten Eckel auf alle Weise zu verbergen immittelst
mein Gemüte nebst eiffrigen Dienstleistungen gegen das Königliche Haus mit
andern vergönnten Lustbarkeiten zu ergötzen
Das Glücke aber welches mir biss in mein dreissigstes Jahr noch so ziemlich
günstig geschienen mochte nunmehr auf einmal beschlossen haben den Rücken
gegen mich zu wenden Denn mein König und mächtiger Versorger starb im folgenden
1506ten Jahre die Königin Johanna welche schon seit einigen Jahren an
derjenigen EheStandsKranckheit laborirte die ich in meinen Adern fühlete
jedoch nicht eben dergleichen Artzenei als ich gebrauchen wollte oder konnte
wurde weil man so gar ihren Verstand verrückt glaubte vor untüchtig zum
regieren erkannt deswegen entstunden starke Verwirrungen unter Großen des
Reichs biss endlich Ferdinandus aus Arragonien kam und sich mit zurücksetzung
des 6 jährigen CronPrintzens Karoli die Regierung des Kastilianischen Reichs
auf LebensZeit wiederum zueignete
Ich weiß nicht ob mich mein Eigensinn oder ein allzu schlechtes Vertrauen
abhielt bei diesem meinem alten und nunmehr recht verneuerten Herrn um die
Bekräfftigung meiner EhrenStelle und damit verknüpffter Besoldung anzuhalten
wie doch viele meines gleichen taten zumahlen da er sich sehr gnädig gegen
mich bezeigte und selbiges nicht undeutlich selbst zu verstehen gab Jedoch ich
stellte mich in diesen meinen besten Jahren älter schwächer und kräncklicher
an als ich war bat mir also keine andere Gnade aus als dass mir die übrige
Zeit meines Lebens auf meinen Väterlichen LandGütern in Ruhe hinzubringen
erlaubt sein möchte welches mir denn auch ohne alle Weitläufftigkeiten
zugelassen wurde
Meine Gemahlin schien hiermit sehr übel zu frieden zu sein weil sie
unfehlbar gewisser Ursachen wegen viellieber bei Hofe geblieben wäre jedoch
sie sah sich halb gezwungen meinem Willen zu folgen gab sich deswegen ganz
gedultig drein Ich fand meine Mutter nebst der jüngsten Schwester auf meinem
besten RitterGute welche die Hausshaltung daselbst in schönster Ordnung
führten Mein jüngster Bruder hatte so wohl als die älteste Schwester eine
vorteilhafte und vergnügte Heirat getroffen und wohneten der erste zwei und
die letztere drei Meilen von uns Ich verheiratete demnach gleich in den
ersten Tagen meiner Dahinkunft die jüngste Schwester an einen reichen und
qualificierten Edelmann der vor etlichen Jahren unter meinem Regiment als
Hauptmann gestanden hatte und unser GräntzNachbar war die Mutter aber behielt
ich mit größten Vergnügen bei mir allein zu meinem noch größeren Schmerzen
starb dieselbe ein halbes Jahr darauf plötzlich nachdem ich ihr die Freude
gemacht nicht allein meinen Schwestern ein mehreres Erbteil auszuzahlen als
sie mit Recht verlangen konnten sondern auch dem Bruder die Helffte aller meiner
erblichen RitterGüter zu übergeben als wodurch diese Geschwister bewogen
wurden mich nicht allein als Bruder sondern als einen Vater zu ehren und zu
lieben
Nunmehr war die Besorgung der Ländereien auf drei nahe beisammen gelegenen
RitterGütern mein allervergnügtester Zeitvertreib nächst dem ergötzte mich in
Durchlesung der Geschichte so in unsern und andern Ländern vorgegangen waren
damit mich aber niemand vor einen Geitzhalss oder Grillenfänger ansehen möchte
so besuchte meine Nachbaren fleißig und ermangelte nicht dieselben zum öffteren
zu mir zu bitten woher denn kam dass zum wenigsten alle Monat eine starke
Zusammenkunft vieler vornehmer Personen beiderlei Geschlechts bei mir
anzutreffen war
Mit meiner Gemahlin lebte ich ungemein ruhig und verträglich und ungeacht
wir beiderseits wohl merckten dass eins gegen das andere etwas besonders müsste
auf dem Hertzen liegen haben so wurde doch alle Gelegenheit vermieden einander
zu kräncken Am allermeisten aber musste bewundern dass die sonst so lustige
Donna Eleonora nunmehr ihren angenehmsten Zeitvertreib in geistlichen Büchern
und in dem Umgange mit heiligen Leuten beiderlei Geschlechts suchte daher ich
immer befürchtete sie möchte auf die Gedanken geraten sich von mir zu
scheiden und in ein Kloster zu gehen wie sie denn sich von freien Stücken
gewöhnete wöchentlich nur zwei mahl bei mir zu schlaffen wobei ich gleichwohl
merkte dass sie zur selbigen Zeit im Wercke der Liebe ganz unersättlich war
dem ungeacht wollten sich von unserern ehelichen Beiwohnungen gar keine Früchte
zeigen welche ich doch endlich ohne allen Verdruss hätte um mich dulden wollen
Eines Tages da ich mit meiner Gemahlin auf dem Felde herum spazieren fuhr
begegnete uns ein Weib welches nebst einem ungefähr 12 biss 13 jährigen
Knaben in die nächst gelegene Stadt Weintrauben zu verkauffen tragen wollte
Meine Gemahlin bekam Lust diese Früchte zu versuchen deswegen ließ ich stille
halten um etwas davon zu kaufen Mittlerweile sagte meine Gemahlin heimlich zu
mir Seht doch mein Schatz den wohlgebildeten Knaben an der vielleicht sehr
armer Eltern Kind ist und sich dennoch wohl besser zu unserm Bedienten schicken
sollte als etliche die des Brodts nicht würdig sind Ich nehme ihn versetzte
ich so gleich zu eurem Pagen an so ferne es seine Mutter und er selbst
zufrieden ist Hierüber wurde meine Gemahlin alsofort vor Freuden Blutrot
sprach auch nicht allein die Mutter sondern den Knaben selbst um den Dienst an
schloss den ganzen Handel mit wenig Worten so dass der Knabe so gleich mit
seinem FruchtKorbe uns auf unser Schloss folgen musste
Ich musste selbst gestehen dass meine Gemahlin an diesen Knaben welcher sich
Kaspar Palino nennete keine üble Wahl getroffen hatte denn so bald er sein
rot mit Silber verbrämtes Kleid angezogen wusste er sich dermaßen geschickt
und höfflich aufzuführen dass ich ihn selbst gern um mich leiden mochte und
allen meinen andern Bedienten befahl diesem Knaben bei Verlust meiner Gnade
nicht den geringsten Verdruss anzutun weswegen sich denn meine Gemahlin gegen
mich ungemein erkänntlich bezeugte
Wenige Wochen hernach da ich mit verschiedenen Gästen und guten Freunden
das MittagsMahl einnahm entstund ein grausames Lermen in meinem Hofe da nun
dieserwegen ein jeder an die Fenster lief wurden wir gewahr dass meine
JagdHunde eine BettelFrau nebst einer etwa 9 jährigen Tochter zwar
umgerissen jedoch wenig beschädigt hatten Meine Gemahlin lief aus mitleidigen
Antriebe so gleich hinunter und ließ die mehr von Schrecken als Schmerzen
ohnmächtigen Armen ins Haus tragen und erquicken kam hernach zurück und sagte
Ach mein Schatz was vor ein wunderschönes Kind ersiehet man an diesem
BettelMägdlein vergönnet mir wo ihr anders die geringste Liebe vor mich habt
dass ich selbiges so wohl als den artigen Kaspar auferziehen mag
Ich nahm mir kein Bedenken ihr solches zu erlauben da denn in kurzen das
BettelMägdlein dermaßen heraus geputzt wurde auch sich solchergestallt in den
Staat zu schicken wusste als ob es darzu geboren und auferzogen wäre Demnach
konnte sich die Donna Eleonora alltäglich so vieles Vergnügen mit demselben
machen als ob dieses Mägdlein ihr liebliches Kind sei außerdem aber
bekümmerte sie sich wenig oder gar nichts um ihre HausshaltungsGeschäffte
sondern wendete die meiste Zeit auf einen strengen GottesDienst den sie nebst
einer heiligen Frauen oder so genannten Beata zum öffteren in einem
verschlossenen Zimmer verrichtete
Diese Beata lebte sonst gewöhnlich in dem Hospital der Heil Mutter Gottes
in Madrid hatte meiner Gemahlin Vorgeben nach einen ProphetenGeist sollte
viele Wunder getan haben und noch tun können über dieses fast täglicher
Erscheinungen der Mutter Gottes der Engel und anderer Heiligen gewürdiget
werden Sie kam gemeiniglich Abends in der Demmerung mit verhüllten Gesichte
und brachte sehr öfters eine ebenfalls verhüllete junge WeibsPerson mit die
sie vor ihre Tochter ausgab Ein eintziges mahl wurde mir vergönnet ihr bloßes
Angesicht zu sehen da ich denn bei der Alten ein außerordentlich hässliches
Gesichte die Junge aber ziemlich wohlgebildet wahrnahm jedoch nachher
bekümmerte ich mich fast ganz und gar nicht mehr um ihren Aus und Eingang
sondern ließ es immerhin geschehen dass diese Leute welche ich so wohl als
meine Gemahlin vor scheinheilige Narren hielt öfters etliche Tage und Wochen
aneinander in einem verschlossenen Zimer sich aufgehalten u mit den
köstlichsten Speisen und Getränke versorget wurden Ich musste auch nicht ohne
Ursach ein Auge zudrücken weil zu befürchten war meine Gemahlin möchte
dereinst beim SterbeFall ihr großes Vermögen mir entziehen und ihren Freunden
zuwenden
Solchergestalt lebte nun biss ins vierdte Jahr mit der Donna Eleonora
wiewohl nicht sonderlich vergnügt doch auch nicht gänzlich unvergnügt biss
endlich folgende Begebenheit meine bisherige GemütsGelassenheit völlig
vertrieb und mein Hertz mit lauter RachBegierde und rasenden Eiffer anfüllte
Meiner Gemahlin vertrautes KammerMägdgen Apollonia wurde von ihren
MitBedienten vor eine Geschwängerte ausgeschryen und ungeacht ihr dicker Leib
der Sache selbst einen starken Beweisstum gab so verließ sie sich doch
beständig aufs Läugnen biss ich endlich durch erleidliches Gefängnis die
Wahrheit nebst ihrem eigenen Geständnisse wer Vater zu ihrem HurKinde sei zu
erforschen Anstalt machen ließ Dem ungeacht blieb sie beständig verstockt
allein am 4ten Tage ihrer Gefangenschaft meldete der Keckermeister in aller
Frühe dass Apollonia vergangene Nacht plötzlich gestorben sei nachdem sie
vorher Tinte Feder und Pappier gefordert einen Brief geschrieben und ihn um
aller Heiligen Willen gebeten denselben mit größter Behutsamkeit damit es
meine Gemahlin nicht erführe an mich zu übergeben Ich erbrach den Brief mit
zitternden Händen weil mir mein Hertz allbereit eine grässliche Nachricht
prophezeiete und fand ungefähr folgende Worte darinnen
Gestrenger Herr
Vernehmet hiermit von einer sterbenden ein Geheimnis welches sie bei Verlust
ihrer Seeligkeit nicht mit ins Grab nehmen kann Eure Gemahlin die Donna
Eleonora ist eine der allerlasterhaftesten WeibesBilder auf der ganzen Welt
Ihre Jungfrauschaft hat sie schon ehe ihr dieselbe geliebt dem Don Sebastian
de Urrez Preis gegeben und so zu reden vor einen kostbarn HauptSchmuck
verkaufft Mit dem euch wohlbekandten Neapolitaner hat sie in eurer Abwesenheit
den Knaben Kaspar Palino gezeuget welcher ihr voritzo als Page aufwartet und
das vermeinte BettelMägdlein Euphrosine ist ebenfalls ihre leibliche Tochter
die sie zu der Zeit als ihr gegen die Maurer zu Felde laget von ihrem
BeichtVater empfangen und heimlich zur Welt geboren hat Lasst eures
Verwalters Menellez Frau auf die Folter legen so wird sie vielleicht bekennen
wie es bei der Geburt und Auferziehung dieser unehelichen Kinder hergegangen
Eure Mutter die ihr gleich anfänglich zuwider war habe ich auf ihren Befehl
mit einem subtilen Gift aus der Zahl der Lebendigen schaffen müssen euch
selbst aber ist eben dergleichen Verhängnis bestimmet so bald ihr nur eure
bisherige Gelindigkeit in eine strengere Herrschaft verwandeln werdet Wie aber
ihre Geilheit von Jugend auf ganz unersättlich gewesen so ist auch die Zahl
derjenigen MannsPersonen allerlei Standes worunter sich öfters so gar die
allergeringsten Bedienten gefunden nicht auszusprechen die ihre Brunst so wohl
bei Tage als Nacht WechselsWeise abkühlen müssen indem sie den öffteren Wechsel
in diesen Sachen jederzeit von ihr allergröstes Vergnügen gehalten Glaubet ja
nicht mein Herr dass die so genannte Beata eine heilige Frau sei denn sie ist
in Wahrheit eine der allerliederlichsten Kupplerinnen in ganz Madrit unter
derjenigen Person aber die vor ihre Tochter ausgegeben wird ist allezeit ein
verkappter Münch oder ein anderer junger Mensch versteckt der eure Gemahlin
so oft ihr die Lust bei Tage ankömmt vergnügen und des Nachts an ihrer Seite
liegen muss und eben dieses ist die sonderbare Andacht so dieselbe in dem
verschlossenen Zimmer verrichtet Ich fühle dass mein Ende heran nahet
deswegen muss die übrigen SchandTaten unberühret lassen welche jedoch von des
Menellez Frau offenbarer werden können, denn ich muss die vielleicht noch sehr
wenigen Augenblicke meines Lebens zur Busse und Gebet anwenden um dadurch von
Gott zu erlangen dass er mich große Sünderin seiner Barmhertzigkeit genießen
lasse Was ich aber allhier von eurer Gemahlin geschrieben habe will ich in
jenem Leben verantworten und derselben von ganzen Hertzen vergeben dass sie
gestern Abend die Kornelia zu mir geschickt die mich nebst meiner
LeibesFrucht vermittelst eines vergiffteten Apffels unvermerckt aus der Welt
schaffen sollen welches ich nicht ehe als eine Stunde nach Geniessung desselben
empfunden und geglaubet habe Don Vincentio de Garziano welcher der Donna
Eleonora seit 4 Monaten daher von der Beata zum Liebhaber zugeführet worden hat
wider meiner Gebieterin Wissen und Willen seinen Mutwillen auch an mir
ausgeübt und mich mit einer unglückseeligen LeibesFrucht belästiget Vergebet
mir gnädigster Herr meine Bosheiten und Fehler so wie ich von GOTT Vergebung
zu erhalten verhoffe lasset meinen armseeligen Leib in keine ungeweihete Erde
begraben und etliche SeelMessen vor mich und meine LeibesFrucht lesen damit
ihr in Zukunft von unsern Geistern nicht verunruhiget werdet GOTT der meine
Seele zu trösten nunmehr einen Anfang macht wird euch davor nach
ausgestandenen Trübsalen und Kümmernissen wiederum zeitlich und ewig zu erfreuen
wissen Ich sterbe mit größten Schmerzen als eine bussfertige Christin und eure
unwürdige Dienerin
Apollonia
Erwege selbst du der du dieses liesest wie mir nach Verlesung dieses
Briefes müsse zu Mute gewesen sein denn ich weiß weiter nichts zu sagen als
dass ich binnen zwei guten Stunden nicht gewusst habe ob ich noch auf Erden oder
in der Hölle sei denn mein Gemüte wurde von ganz ungewöhnlichen Bewegungen
dermaßen gefoltert und zermartert dass ich vor Angst und Bangigkeit nicht zu
bleiben wusste jedoch da aus den vielen Hin und Hergehen der Bedienten
mutmassete dass Eleonora erwacht sein müsse brachte ich dasselbe in behörige
Ordnung nahm eine verstellte gelassene Gebärde an und besuchte sie in ihrem
Zimmer ich war wirklich selbst der erste der ihr von dem Tode der Apolloniæ
die Zeitung brachte welche sie mit mäßiger Verwunderung anhörte und dabei
sagte Der SchandBalg hat sich unfehlbar selbst mit Giffte hingerichtet um
des Schimpffs und der Straffe zu entgehen man muss es untersuchen und das Aas
auf den SchindAnger begraben lassen Allein ich gab zur Antwort Wir werden
besser tun wenn wir die ganze Sache vertuschen und vorgeben dass sie eines
natürlichen Todes gestorben sei damit den Leuten und sonderlich der heiligen
Inquisition nicht Gelegenheit gegeben wird vieles Wesen davon zu machen ich
werde den Pater Laurentium zu mir ruffen lassen und ihm eine Summe Geldes
geben dass er nach seiner besonderen Klugheit alles unterdrücke den
unglückseeligen Körper auf den Kirchhof begraben lasse und etliche SeelMessen
vor denselben lese Ihr aber mein Schatz sagte ich ferner werdet so es euch
gefällig ist die Güte haben und nebst mir immittelst zu einem unserer Nachbarn
reisen und zwar wohin euch beliebt damit unsere Gemüter nicht etwa dieser
verdrießlichen Begebenheit wegen einige Unlust an sich nehmen sondern derselben
bei lustiger Gesellschaft steuren können
Es schien als ob ihr diese meine Reden ganz besonders angenehm wären auf
mein ferneres Fragen aber wohin sie vor dieses mahl hin zu reisen beliebte
schlug sie so gleich Don Fabio de Kanaria vor welcher 3 Meilen von uns
wohnete keine Gemahlin hatte sondern sich mit etlichen Huren behalff sonsten
aber ein wohlgestaltet geschickter und kluger Edelmann war Ich stutzte ein
klein wenig über diesen Vorschlag Eleonora aber welche solches so gleich
merkte sagte Mein Schatz ich verlange nicht ohne Ursache diesen
übelberüchtigten Edelmann einmal zu besuchen um welchen es Schade ist dass er
in so offenbarer Schande und Lastern lebt vielleicht aber können wir ihn durch
treuhertzige Zuredungen auf andere Wege leiten uñ dahin bereden dass er sich
eine Gemahlin aussuchet mithin den Lastern absaget Ihr habt recht gab ich zur
Antwort ja ich glaube dass niemand auf der Welt als ihr geschickter sein
wird diesen Kavalier zu bekehren von dessen LebensArt außer der
schändlichen Geilheit ich sonst sehr viel halte besinnet euch deswegen auf
gute Vermahnungen ich will indessen meine nötigsten Geschäffte besorgen und
so dann gleich Anstalt zu unserer Reise machen lassen Hierauf ließ ich den
KerckerMeister zu mir kommen und erkauffte ihn mit 200 Kronen wegen des
Briefs und Apolloniens weitern Geschichten zum äusersten Stillschweigen
welches er mir mit einem teuren Eyde angelobte Mit dem Pater Laurentio der
mein BeichtVater und Pfarrer war wurde durch Geld alles geschlichtet was des
toten Körpers halber zu veranstalten war Nach diesen befahl meinem
allergetreusten LeibDiener dass er binnen der Zeit unserer Abwesenheit eine
kleine schmale Tür aus einem NebenZimmer in dasjenige Gemach durchbrechen und
mit Bretern wohl verwahren sollte allwo die Beata nebst ihrer Tochter von meiner
Gemahlin gewöhnlich verborgen gehalten wurde und zwar solchergestalt dass
Niemand von dem andern Gesinde etwas davon erführe auch in dem Gemach selbst an
den Tapeten nichts zu merken sein möchte Mittlerweile erblickte ich durch mein
Fenster dass die Beata nebst ihrer verstellten Tochter durch die HinterTür
meines Gartens abgefertiget und fortgeschickt wurden weswegen ich meinen
LeibDiener nochmals alles ordentlich zeigte und ihn meiner Meinung vollkommen
verständigte nach eingenommener MittagsMahlzeit aber mit Eleonoren zu Don
Fabio de Kanaria reiste
Nunmehr waren meine Augen weit heller als sonsten denn ich sah mehr als
zu klärlich mit was vor feurigen Blicken und geilen Gebährden Eleonora und Fabio
einander begegneten so dass ich leichtlich schließen konnte wie sie schon vor
dem müssten eine genauere Bekanndtschaft untereinander gepflogen haben anbei
aber wusste mich dermaßen behutsam aufzuführen dass beide Verliebten nicht das
geringste von meinen Gedanken erraten oder merken konnten Im gegenteil gab
ihnen die schönste Gelegenheit allein zusammen zu bleiben und sich in ihrer
verdammten Geilheit zu vergnügen als womit ich Eleonoren außerordentlich
sicher machte dem Fabio aber ebenfalls die Meinung beibrachte ich wollte oder
könnte vielleicht nicht Eifersüchtig werden Allein dieser Vogel war es eben
nicht allein den ich zu fangen mir vorgenommen hatte Er hatte noch viele
andere Edelleute zu sich einladen lassen unter denen auch mein Bruder nebst
seiner Gemahlin war diesem vertrauete ich bei einem einsamen SpazierGange im
Garten was mir vor ein schwerer Stein auf dem Hertzen läge welcher denn
dieserwegen eben so heftige GemütsBewegungen als ich selbst empfand jedoch
wir verstelleten uns nach genommener Abrede aufs Beste und schienen so wohl als
alle andern drei Tage nach einander rechtschaffen lustig zu sein Am vierdten
Tage aber reisten wir wiederum aus einander nachdem mein Bruder versprochen
alsofort bei mir zu erscheinen so bald ich ihm dessfalls nur einen Boten
gesendet hätte Zwei Tage nach unserer Heimkunft kam die verhüllte Beata nebst
ihrer vermeinten Tochter in aller Frühe gewandelt und wurde von Eleonoren mit
gröstem vergnügen empfangen Mein Hertz im Leibe entbrannte vom Eiffer und
Rache nachdem ich aber die Arbeit meines LeibDieners mit Fleiß betrachtet und
die verborgene Tür nach meinem Sinne vollkommen wohl gemacht befunden ließ ich
meinen Bruder zu mir entbieten welcher sich denn noch vor Abends einstellete
Meine Gemahlin war bei der AbendMahlzeit außerordentlich wohl aufgeräumt und
schertzte wieder ihre Gewohnheit sehr lange mit uns da wir aber nach der
Mahlzeit einige Rechnungen durchzugehen vornahmen sagte sie Meine Herren ich
weiß doch dass euch meine Gegenwart bei dergleichen ernstlichen Zeitvertreibe
beschwerlich fällt deswegen will mit eurer gütigen Erlaubnis Abschied nehmen
meine Andacht verrichten hiernach schlafen gehen weil ich ohnedem heute
außerordentlich müde bin Wir fertigten sie von beiden Seiten mit
unverdächtiger Freundlichkeit ab blieben noch eine kurtze Zeit beisammen
sitzen begaben uns hernach mit zweien BlendLaternen und bloßen
SeitenGewehren ganz behutsam und stille in dasjenige Zimmer wo die neue Tür
anzutreffen war allwo man auch durch die kleinen Löcher welche so wohl durch
die Breter als Tapeten geschnitten und gestochen waren alles ganz eigentlich
sehen konnte was in dem vor heilig gehaltenen Gemache vorgieng
Hilff Himmel Was vor Schande Was vor ein scheusslicher Anblick Meine
schöne fromme keusche tugendhafte ja schon halb canonisirte Gemahlin Donna
Eleonora de Sylva ging mit einer jungen MannsPerson Mutternackend im Zimmer
auf und ab spazieren nicht anders als ob sie den Stand der Unschuld unserer
ersten Eltern bei Verlust ihres Lebens vorzustellen sich gezwungen sähen
Allein wie kann ich an den Stand der Unschuld gedenken Und warum sollte ich auch
diejenigen Sodomitischen SchandStreiche erwähnen die uns bei diesem
wunderbaren Paare in die Augen fielen die aber auch kein tugendliebender Mensch
leichtlich erraten wird so wenig als ich vorher geglaubt dass mir dergleichen
nur im Traume vorkommen könne
Mein Bruder und ich sahen also diesem Schandund LasterSpiele länger als
eine halbe Stunde zu binnen welcher Zeit ich etliche mahl vornahm die Tür
einzustossen und diese bestialischen Menschen zu ermorden allein mein Bruder
der voritzo etwas weniger hitzig als ich war hielt mich davon ab mit dem
Bedeuten dergleichen Strafe wäre viel zu gelinde über dieses so wollten wir
doch erwarten was nach dem sauberen Spaziergange würde vorgenommen werden
Wiewohl nun solches leichtlich zu erraten stund so wurde doch von uns die
rechte Zeit und zwar mit erstaunlicher Gelassenheit abgepasset So bald demnach
ein jedes von den SchandBälgen einen großen Becher ausgeleeret der mit einem
besonders annehmlichen Getränke welches die verfluchte Geilheit annoch
vermehren sollte angefüllet gewesen fielen sie als ganz berauschte Furien
auf das seitwärts stehende HurenLager und trieben daselbst solche
Unflätereien deren Angedencken ich gern auf ewig aus meinen Gedanken verbannet
wissen möchte Nunmehr sagte mein Bruder haben die Lasterhaften den höchsten
Gipffel aller schändlichen Wollüste erstiegen deswegen kommt mein Bruder und
lasset uns dieselben in den tieffsten Abgrund alles Elendes stürtzen jedoch
nehmt euch so wohl als ich in acht dass keins von beiden tötlich verwundet
werde Demnach wurde die kleine Tür in aller Stille aufgemacht wir traten
durch die Tapeten hinein ohne von ihnen gemerckt zu werden bis ich den
verfluchten geilen Bock beim Haaren ergriff und aus dem Bette auf den Boden
warf Eleonora tat einen einzigen lauten Schrei uñ bliebe hernach auf der
Stelle ohnmächtig liegen Die verteuffelte Beata kam im bloßen Hembde mit einem
Dolche herzu gesprungen und hätte mich unfehlbar getroffen wo nicht mein
Bruder ihr einen solchen heftigen Hieb über den Arm versetzt wovon derselbe
biss auf eine einzige Sehne durchschnitten und gelähmet wurde Ich gab meinem
LeibDiener ein abgeredetes Zeichen welcher sogleich nebst 2 Knechten in dem
NebenZimmer zum Vorscheine kam und die zwei verfluchten Frembdlinge so wir
dahinein gestoßen hatten mit Stricken binden und in einen sehr tieffen Keller
schleppen ließ
Eleonora lag so lange noch ohne alle Empfindung bis ihr die getreue
Kornelia bei nahe dreihundert Streiche mit einer scharffen Geissel auf den
wollüstigen nackenden Leib angebracht hatte denn diese Magd sah sich von mir
gezwungen ihrer Frauen dergleichen kräfftige Artzenei einzugeben welche die
gewünschte Würckung auch dermaßen tat dass Eleonora endlich wieder zu sich
selbst kam mir zu Fuße fallen und mit Tränen um Gnade bitten wollte Allein
meine bisherige Geduld war gänzlich erschöpfft deswegen stieß ich die geile
Hündin mit einem Fuße zurücke befahl der Kornelia ihr ein Hembd überzuwerffen
worauff ich beide in ein leeres wohlverwahrtes Zimmer stieß und alles hinweg
nehmen ließ womit sie sich etwa selber Schaden und Leid hätten zufügen
können Noch in selbiger Stunde wurde des Menellez Frau ebenfalls gefänglich
eingezogen den übrigen Teil der Nacht aber brachten ich und mein Bruder mit
lauter Beratschlagungen hin auf was vor Art nämlich die wohl angefangene
Sache weiter auszuführen sei Noch ehe der Tag anbrach begab ich mich hinunter
in das Gefängnis zu des Menellez Frau welche denn gar bald ohne Folter und
Marter alles gestund was ich von ihr zu wissen begehrte Hierauff besuchte
nebst meinem Bruder die Eleonora und gab derselben die Abschrifft von der
Apollonie Briefe zu lesen wobei sie etliche mahl sehr tieff seuffzete jedoch
unseres Zuredens ungeacht die äuserste Verstockung zeigte und durchaus kein
Wort antworten wollte Demnach ließ ich ihren verfluchten Liebhaber in seiner
Blöße so wohl als die schändliche Beata hertzu führen da denn der Erste auf
alle unsere Fragen richtige Antwort gab und bekannte Dass er Don Vincentio de
Garziano hieße und seit 4 oder 5 Monaten daher mit der Eleonora seine
schandbare Lust getrieben hatte bat anbei ich möchte in Betrachtung seiner
Jugend und vornehmen Geschlechts ihm das Leben schencken Es ist mir versetzte
ich mit dem Tode eines solchen liederlichen Menschen wie du bist wenig oder
nichts geholffen deswegen solstu zwar nicht hingerichtet aber doch also
gezeichnet werden dass die Lust nach frembden Weibern verschwinden und dein
Leben ein täglicher Tod sein soll Hiermit gab ich meinem LeibDiener einen
Winck welcher sogleich 4 Handfeste Knechte herein treten ließ die den
Vincentio sogleich anpackten und auf eine Tafel bunden Dieser merkte bald was
ihm wiederfahren würde fing deswegen aufs neue zu bitten und endlich zu
drohen an wie nämlich sein Vater der ein vornehmer Königl Bedienter und
MitGlied der Heil Inquisition sei dessen Schimpff sattsam rächen könnte
allein es halff nichts sondern meine Knechte verrichteten ihr Amt so dass er
unter kläglichen Geschrei seiner Mannheit beraubt und nachher wiederum
gehefftet wurde Ich musste zu meinem allergrößten Verdrusse sehen Dass Eleonora
dieserwegen die bittersten Tränen fallen ließ um desswillen sie von mir mit dem
Fuße dermaßen in die Seite gestoßen wurde dass sie zum andern mahle
ohnmächtig darnieder sanck Bei mir entstund dieserwegen nicht das geringste
Mittleiden sondern ich verließ sie unter den Händen der Kornelia der
Verschnittene aber musste nebst der vermaledeiten Kupplerin zurück ins Gefängnis
wandern Nachhero wurde auch die Kornelia vorgenommen welche sich in allen aufs
Läugnen verließ und vor die allerunschuldigste angesehen sein wollte so bald
ihr aber nur die FolterBanck nebst dem darzu gehörigen WerckZeuge gezeigt
wurde bekannte die liederliche Metze nicht allein dass sie auf Eleonorens
Befehl den vergiffteten Apffel zugerichtet und ihn der Apollonie zu essen
eingeschwatzt hätte sondern offenbarete über dieses noch ein und anderes von
ihrer verstorbenen MitSchwester Heimlichkeiten welches alles aber nur
Eleonoren zur Entschuldigung gereichen und mich zur Barmhertzigkeit gegen
dieselbe bewegen sollte Allein dieses war alles vergebens denn mein Gemüte war
dermaßen von Grimm und Rache erfüllt dass ich nichts mehr suchte als dieselbe
rechtmässiger Weise auszuüben Immittelst weil ich mich nicht allzusehr
übereilen wollte wurde die übrige Zeit des Tages nebst der darauf folgenden
Nacht teils zu reifflicher Betrachtung meines unglückseel Verhängnisses
teils aber auch zur benötigten Ruhe angewendet
Da aber etwa zwei Stunden vor Anbruch des Tages im halben Schlummer lag
erhub sich ein starcker Tumult in meinem Hofe weswegen ich aufsprunge und
durchs Fenster ersah wie meine Leute mit etlichen frembden Personen zu Pferde
bei Lichte einen blutigen Kampf hielten Mein Bruder und ich warffen sogleich
unsere Harnische über und eileten den unsern beizustehen von denen allbereit
zwei hart verwundet auf dem Platze lagen jedoch so bald wir unsere Schwerdter
frisch gebrauchten fasseten meine Leute neuen Mut dass 5 unbekandte Feinde
getötet und die übrigen 7 verjagt wurden Indem kam ein Geschrei dass sich
auf der andern Seiten des Schlosses ein Wagen nebst etlichen Reutern befände
welche Eleonoren und Kornelien die sich eben itzo zum Fenster herab ließ
hinweg führen wollten Wir eileten ingesammt mit vollen sprüngen dahin und
traffen die beiden sauberen WeibsBilder allbereit auf der Erden bei dem Wagen
an demnach entstunde daselbst abermals ein starckes Gefechte wobei 3 von
meinen Leuten und 8 feindliche ins Grass beißen mussten jedoch letztlich wurden
Wagen und Reuter in die Flucht geschlagen Eleonora und Kornelia aber blieben in
meiner Gewalt und mussten um besserer Sicherheit willen sich in ein finsteres
Gewölbe verschließen lassen
Ohnfehlbar hatte Kornelia diesen nächtlichen Uberfall angesponnen indem sie
vermutlich Gelegenheit gefunden etwa eine bekandte getreue Person aus dem
Fenster anzuruffen und dieselbe mit einem Briefe so wohl an ihre eigene als
Eleonorens Vettern oder Buhler abzusenden welche denn allerhand Wagehälse an
sich gezogen und sie zu erlösen diesen Krieg mit mir und den Meinigen
angefangen hatten allein ihr Vorteil war sehr schlecht indem sie 13 tote
zurück ließ wiewohl ich von meinen Bedienten und Untertanen auch 4 Mann
dabei einbüssete Dieses einzige kam mir hierbei am allerwundersamsten vor dass
derjenige Keller in welchem die Beata und der Verschnittene lagen erbrochen
beide Gefangene aber nirgends anzutreffen waren wie ich denn auch nachher
niemals etwas von diesen schändlichen Personen erfahren habe
Ich ließ alle meine Nachbarn bei den Gedanken dass mich vergangene Nacht
eine RäuberBande angesprenget hätte denn weil meine Bedienten und Untertanen
noch zur Zeit reinen Mund hielten wusste niemand eigentlich was sich vor eine
verzweiffelte Geschicht in meinem Hause zugetragen Gegen Mitternacht aber lief
die grausame Nachricht bei mir ein dass sich so wohl Eleonora als Kornelia
vermittelst abgerissener Streiffen von ihren Hembdern verzweiffelter Weise an
zwei im Gewölbe befindlichen Haken selbst erhänckt hätten auch bereits
erstarret und erkaltet wären Ich kann nicht leugnen dass mein Gemüte
dieserwegen höchst bestürtzt wurde indem ich mir vorstellete Dass beide mit
Leib und Seele zugleich zum Teuffel gefahren indem aber nebst meinem Bruder
diesen grässlichen Zufall beseuffzete und beratschlagte was nunmehr anzufangen
sei meldete sich ein Bote aus Madrit der sein Pferd zu tode geritten hatte
mit folgenden Briefe bei mir an
Mein Vetter
Es hat mir ein vertrauter Freund vom Hofe in geheim gesteckt dass sich
entsetzliche Geschichte auf eurem Schloss begeben hätten worüber jederman der
es hörte erstaunen müsste Ihr habt starke Feinde die dem euch ohne dieses
schon ungnädigen Könige solche Sache noch heute Abends vortragen und den Befehl
auswürcken werden dass der Königl BlutRichter nebst seinen und des Heil
Officii Bedienten vermutlich noch Morgen vor Mittags bei euch einsprechen
müssen Deswegen bedencket euer Bestes macht euch bei Zeiten aus dem Staube
und glaubt sicherlich dass man ihr möget auch Recht oder Unrecht haben dennoch
euer Gut und Blut aussaugen wird Reiset glücklich führt eure Sachen in
besserer Sicherheit aus und wisst dass ich beständig sei
euer getreuer Freund
Don Alphonso de Kordua
Nunmehr wollte es Kunst heißen in meinen verwirrten Angelegenheiten einen
vorteilhaften Schluss zu fassen jedoch da alle Augenblicke kostbarer zu werden
schienen kam mir endlich meines getreuen Vetters Rat am vernünftigsten vor
zumahlen da mein Bruder denselben gleichfalls billigte Also nahm ich einen
einzigen getreuen Diener zum Gefährten ließ zwei der besten Pferde satteln
und so viel Geld und Kleinodien darauf packen als sie nebst uns ertragen
mochten begab mich solchergestallt auf die schnellste Reise nach Portugall
nachdem ich nicht allein meinem Bruder mein übriges Geld und Kostbarkeiten mit
auf sein Gut zu nehmen anvertraut sondern auch nebst ihm meinem LeibDiener
und andern Getreuen Befehl erteilet wie sie sich bei diesen und jenen Fällen
verhalten sollten Absonderlich aber sollte mein Bruder des Menellez Frau wie
nicht weniger den Knaben Kaspar Palino und das Mägdlein Euphrosinen heimlich
auf sein Schloss bringen und dieselben in genauer Verwahrung halten damit man
sie jederzeit als lebendige Zeugen darstellen könne
Ich gelangete hierauf in wenig Tagen auf dem Portugisischen Gebiete und
zwar bei einem bekandten von Adel an der mir auf seinem wohlbefestigten
LandGute den sichersten Auffentalt versprach
Von dar aus überschrieb ich meine gehabten UnglücksFälle mit allen
behörigen Umständen an den König Ferdinandum und bat mir nichts als einen Frei
und SicherheitsBrief aus da ich denn mich ohne ZeitVerlust vor dem hohen
Gerichte stellen und meine Sachen nach den Gesetzen des Landes wollte
untersuchen und richten lassen Allein ob zwar der König anfänglich nicht
ungeneigt gewesen mir dergleichen Brief zu übersenden so hatten doch der
Eleonora und des Vincentio Befreundte nebst meinen anderweitigen Feinden alles
verhindert und den König dahin beredet Dass derselbe nachdem ich auf dreimal
wiederholte Citation mich nicht in das Gefängnis des Heil Officii gestellt
vor schuldig und straffbar erkläret wurde
Bei so gestallten Sachen waren alle Vorstellungen, die ich so wohl selbst
schrifftlich als durch einige annoch gute Freunde tun ließ gänzlich
vergebens denn meine Güter hatte der König in Besitz nehmen lassen und einen
Teil von den Einkünften derselben dem Heil Officio anheim gegeben Ich glaube
ganz gewiss dass des Königs Geitz nachdem er diese schöne Gelegenheit besser
betrachtet mehr Schuld an diesem meinen gäntzlichen Ruine gewesen als die
Verfolgung meiner Feinde ja als die ganze Sache selbst Mein Bruder wurde
ebenfalls nicht übergangen sondern um eine starke Summe Geldes gestrafft
jedoch dieser hat meinetwegen keinen Schaden gelitten indem ich ihm alles Geld
und Gut so er auf mein Bitten von dem Meinigen zu sich genommen überlassen
und niemals etwas zurück gefordert habe Also war der König der sich in der
Jugend selbst zu meinen Versorger aufgeworffen hatte nachher mein Verderber
welches mich jedoch wenig Wunder nahm wenn ich betrachtete wie dessen
unersättlicher EigenNutz nicht allein alle vornehmsten des Reichs zu paaren
trieb sondern auch die besten Einkünfte der OrdensRitter an sich zohe
Dem ungeacht schien es als ob ich noch nicht unglückseelig genug wäre
sondern noch ein härter Schicksaal am Leibe und Gemüt ertragen sollte denn es
schrieb mir abermals ein vertrauter Freund Dass Ferdinandus meinen Auffentalt
in Portugal erfahren hätte und dieserwegen ehestens bei dem Könige Emanuel um
die Auslieferung meiner Person bitten wollte im Fall nun dieses letztere
geschähe dürffte keinen Zweiffel tragen entweder meinen Kopf zu verlieren
oder wenigstens meine übrige LebensZeit in dem Turme zu Segovia als ein ewiger
Gefangener hinzubringen Da nun weder dieses noch jenes zu versuchen beliebte
und gleichwohl eines als das andere zu befürchten die größte Ursach hatte
fasste ich den kurzen Schluss mein verlohrnes Glück zur See wieder zu suchen
und weil eben damals vor 8 oder 9 Jahren die Portugiesen in der neuen Welt
eine große und vortreffliche Landschaft entdeckt und selbige Brasilien
genannt hatten setzte ich mich im PortKale zu Schiffe um selbiges Land
selbst in Augenschein zu nehmen und da es nur in etwas angenehm befände meine
übrige LebensZeit daselbst zu verbleiben Allein das Unglück verfolgte mich
auch zur See denn um die Gegend der so genannten glückseeligen Insuln wurden
die Portugisischen Schiffe deren 8 an der Zahl waren so mit einander
seegelten durch einen heftigen SturmWind zerstreuet dasjenige aber worauf
ich mich befand zerscheiterte an einem Felsen so dass ich mein Leben zu
erhalten einen Balcken ergreiffen und mich mit selbigen 4 Tage nach einander
vom Winde und Wellen musste herum treiben lassen Mein Untergang war sehr nahe
jedoch der Himmel hatte eben zu rechter Zeit etliche Spanische Schiffe in diese
Gegend geführet welche nebst andern auch mich auffischeten und erquickten
Es waren dieses die Schiffe des Don Alphonso Hojez und des Don Didaco de
Niqvesa welche beide von dem Spanischen Könige als Gouverneurs und zwar der
Erste über Kartago der Andere aber über Karagua in die neu erfundene Welt
abgefertiget waren Unter allen bei sich habenden Leuten war nur ein einziger
der mich und ich hinwiederum ihn von Person sehr wohl kennete nämlich Don
Vasco Nunez di Valboa der unter dem Hojez ein SchiffsHauptmann war dieser
erzeigte sich sehr auffrichtig gegen mich hatte vieles Mittleiden wegen meines
unglücklichen Zustandes und Schwur wider meinen willen mich niemanden zu
entdecken also blieb ich bei ihm auf seinem Schiffe allwo er mich mit
Vorbewusst des Hojez zu seinem SchiffLieutenant machte
Wir erreichten demnach ohne ferneres Ungemach die Insul Hispaniolam
daselbst rüstete der Gouverneur Hojez 4 große und starke nebst etlichen
kleinen NebenSchiffen aus auf welchen wir gerades Wegs hinüber nach der Stadt
NeuKartago zu seegelten Hieselbst publicirte Hojez denen Einwohnern des
Landes das Königliche Edict Wie nämlich dieselben von ihrem bisherigen
Heidnischen Aberglauben ablassen von den Spaniern das Christentum nebst guten
Sitten und Gebräuchen annehmen und den König in Kastilien vor ihren Herrn
erkennen sollten widrigen falls man sie mit Feuer und Schwert verfolgen und in
die strengste Sklaverei hinweg führen wollte
Allein diese Leute gaben hierauf sehr freimütig zur Antwort Dass sie sich
um des Königs von Kastilien Gnade oder Ungnade gar nichts bekümmerten nächst
diesen möchten sie zwar gern das Vergnügen haben in ihrem Lande mit frembden
Völckern umzugehen und denenselben ihre überflüssigen Reichtümer zuzuwenden
doch müssten sich selbige freundlich fromm und tugendhaft aufführen Da aber
die Spanier seit ihrer ersten Ankunft etliche Jahre daher nichts als Tyrannei
Geitz Morden Blutvergießen Rauben stehlen sängen und brennen nebst andern
schändlichen Lastern von sich spüren lassen nähmen sie sich ein billiges
Bedenken dergleichen verdächtiges Christentum Sitten und Gebräuche
anzunehmen Demnach möchten wir nur alsofort zurücke kehren und ihre Gräntzen
verlassen widrigenfalls sie sich genötigt sähen ihre Waffen zu ergreiffen
und uns mit Gewalt von dannen zu treiben
Ich vor meine Person wusste diesen sehr vernunftmässigen Entschluss nicht im
geringsten zu tadeln zumahlen da die gottlose und unchristliche Aufführung
meiner LandsLeute mehr als zu bekannt worden Dem ungeacht ließ der Gouverneur
alsobald sein KriegsVolck an Land steigen fing aller Orten zu sängen zu
brennen todtzuschlagen und zu verfolgen an verschonete auch weder Jung noch
Alt Reich noch Arm Männ oder Weibliches Geschlechte sondern es musste alles
ohne Unterscheid seiner Tyrannei herhalten
Meine Hände hüteten sich so viel als möglich war dieses unschuldige Blut
vergießen zu helfen ja ich beklagte von Grunde meiner Seelen dass mich ein
unglückliches Verhängnis eben in dieses jammervolle Land geführet hatte denn es
bedünckte mich unrecht und grausam auch ganz wieder Christi Befehl zu sein
den Heiden auf solche Art das Evangelium zu predigen Uber dieses verdross mich
heimlich dass der Gouverneur aus purer Bosheit das Königliche Edict welches
doch eigentlich nur auf die Karaiber oder MenschenFresser zielete so
mutwillig und schändlich missbrauchte und nirgends einen Unterschied machte
denn ich kann mit Wahrheit schreiben dass die Indianer auf dem festen Lande und
einigen andern Insuln nach dem Lichte der Natur dermaßen ordentlich und
tugendhaft lebten dass mancher MaulChriste dadurch nicht wenig beschämt wurde
Nachdem aber der Gouverneur Hojez um Kartago herum ziemlich reine Arbeit
gemacht und daselbst ferner keinen Gegenstandt seiner Grausamkeit antreffen
konnte begab er sich über die zwölff Meilen weiter ins Land hinein streiffte
allerwegen herum Bekriegte etliche Indianische Könige und verhoffte
solchergestallt eine große Beute von Gold und Edelgesteinen zu machen weil ihm
etliche gefangene Indianer hierzu die größte Hoffnung gemacht hatten Allein er
fand sich hierinnen gewaltig betrogen denn da wir uns am allersichersten zu
sein bedüncken ließ hatte sich der Karamairinenser König mit seinem
ausserlesensten LandVolcke in beqveme heimliche Örter versteckt welcher uns
denn dermaßen scharff zusetzte dass wir gezwungen wurden eiligst die Flucht zu
ergreiffen und dem Meere zu zu eilen nachdem wir des Hojez Obristen Lieutenant
Don Juan de la Kossa nebst 74 der tapffersten Leute eingebüßt als welche
von den Indianern jämmerlich zerhackt und gefressen worden woraus geurteilet
wurde dass die Karamairinenser von den Karaibern oder MenschenFressern
herstammeten und derselben Gebrauche nachlebten allein ich halte davor dass es
diese sonst ziemlich vernünftigen Menschen damals mehr aus rasenden Eiffer
gegen ihre TotFeinde als des Wohlschmeckens wegen getan haben mögen
Dieser besondere UnglücksFall veruhrsachte dass der Gouverneur Hojez in dem
Hafen vor Kartago sehr viel Not und Bekümmernis ausstehen musste zumahlen da
es uns so wohl an LebensMitteln als andern höchstnötigen Dingen zu mangeln
begunte Jedoch zu gutem Glücke traff Don Didaco de Niquesa nebst etlichen
Schiffen bei uns ein welche mit bei nahe 800 guten KriegsLeuten und gnugsamen
LebensMitteln beladen waren So bald er demnach den Hojez und dessen Gefährten
aufs Beste wiederum erqvickt hatte wurde beratschlagt den empfangenen
unglücklichen Streich mit zusammen gesetzter Macht an den Karamairinensern zu
rächen welches denn auch grausam genung von statten ging Denn wir überfielen
bei nächtlicher Weile dasjenige Dorff bei welchem de la Kossa nebst seinen
Gefährten erschlagen worden zündeten dasselbe rings herum mit Feuer an und
vertilgeten alles darinnen was nur lebendigen Otem hatte so dass von der
großen Menge Indianer die sich in selbigem versammelt hatten nicht mehr übrig
blieben als 6 Jünglinge die unsere Gefangene wurden
Es vermeinte zwar ein jeder in der Asche dieses abgebrannten Dorffs so
aus mehr als hundert Wohnungen bestanden einen großen Schatz an Gold und edlen
Steinen zu finden allein das Suchen war vergebens indem fast nichts als Unflat
von verbrannten Körpern und TotenKnochen aber sehr wenig Gold zum vorscheine
kam weswegen Hojez ganz verdrießlich zurück zohe und weiter kein Vergnügen
empfand als den Tot des de la Kossa und seiner Gefährten gerochen zu haben
Wenige Zeit hernach beredeten sich die beiden Gouverneurs nämlich Hojez und
Niquesa dass ein jeder diejenige Landschaft welche ihm der König zu verwalten
übergeben gnungsam auskundschaffen und einnehmen wollte Hojez brach am ersten
auf die Landschaft Uraba so ihm nebst dem Kartaginensischen Port zustunde
aufzusuchen Wir landeten erstlich auf einer Insul an welche nachher von uns
den Nahmen Fortis erhalten wurden aber bald gewahr dass dieselbe von den
allerwildesten Kanibalen bewohnet sei weswegen keine Hoffnung allhier viel
Geld zu finden vorhanden war Jedoch fand sich über Vermuten noch etwas von
diesem köstlichen metall welches wir nebst zweien gefangenen Männern und 7
Weibern mit uns hinweg führten Von dar aus seegelten wir gerades Weges nach
der Landschaft Uraba durchstreifften dieselbe glücklich und baueten Ostwärts
in der Gegend Karibana einen Flecken an nebst einem wohlbefestigten Schloss
wohin man sich zur Zeit der feindlichen Empörung und plötzlichen Uberfalls
sicher zurück ziehen und aufhalten könnte Dem ungeacht ließ sich der schon so
oft betrogene Hojez abermals betriegen indem ihn die gefangenen Indianer viel
Wesens von einer austräglichen Gold Grube machten welche bei dem 12000
Schritt von unserm Schloss gelegenen Dorffe Tirafi anzutreffen wäre Wir zogen
also dahin vermeinten die Einwohner plötzlich zu überfallen und alle zu
erschlagen allein selbige empfiengen uns mit ihren vergiffteten Pfeilen
dermaßen behertzt dass wir mit Zurücklassung etlicher Toten und vieler
Verwundeten schimpflich zurück eilen mussten
Folgendes Tages kamen wir in einem andern Dorffe eben so übel ja fast noch
schlimmer an auf dem RückWege aber begegnete dem Gouverneur Hojez der
allerschlimste und gefährlichste Streich denn es kam ein kleiner König dessen
Ehefrau von dem Hojez Gefangen genommen war und gab vor dieselbe mit 20 Pfund
Goldes auszulösen wie denn auch 8 Indianer bei ihm waren welche unserer
Meinung nach das Gold bei sich trügen allein über alles Vermuten schoss
derselbe einen frisch vergiffteten Pfeil in des Gouverneurs Hüffte und wollte
sich mit seinen Gefährten auf die Flucht begeben wurden aber von der LeibWacht
ergriffen und sämtlich in Stücken zerhauen Jedoch hiermit war dem Gouverneur
wenig geholffen weilen er in Ermangelung kräfftiger Artzeneien die dem Giffte
in der Wunde Widerstand zu tun vermögend entsetzliche Quaal und Schmerzen
ausstehen musste wie er sich denn seiner LebensErhaltung wegen etliche mahl
ein glüend EisenBlech auf die Wunde legen ließ um das Gift heraus zu brennen
als welches die allergewisseste und sicherste Cur bei dergleichen Schäden sein
sollte jedennoch dem Hojez nicht zu seiner völligen Gesundheit verhelffen konnte
Mittlerzeit kam Bernardino de Kalavera mit einem starken Schiffe das 60
tapffere Kriegs Leute nebst vielen LebensMitteln aufgeladen hatte zu uns
welches beides unsern damaligen gefährlichen und bedürfftigen Zustand nicht
wenig verbesserte Da aber auch diese LebensMittel fast aufgezehret waren und
das KriegesVolck nicht den geringsten glücklichen Ausschlag von des Hojez
Unternehmungen sah fingen sie an einen würcklichen Aufstandt zu erregen
welchen zwar Hojez damit zu stillen vermeinte dass er sie auf die Ankunft des
Don Martin Anciso vertröstete als welchem er befohlen mit einem LastSchiffe
voll Proviant uns hierher zu folgen jedoch die KriegsKnechte welche diese
Tröstungen die doch an sich selbst ihre Richtigkeit hatten in Zweiffel zohen
und vor lauter leere Worte hielten beredeten sich heimlich zwei Schiffe von
den Unsern zu entführen und mit selbigen in die Insul Hispaniolam zu fahren
So bald Hojez diese ZusammenVerschwerung entdeckt gedachte er dem Unheil
vorzubauen und tat den Vorschlag selbst eine Reise nach Hispaniolam
anzutreten bestellete deswegen den Don Francisco de Pizarro in seiner
Abwesenheit zum ObristenLieutenant mit dem Bedeuten dass wo er innerhalb 50
Tagen nicht wiederum bei uns einträffe ein jeder die Freiheit haben sollte hin
zu gehen wohin er wollte
Seine HauptAbsichten waren sich in Hispaniola an seiner Wunde bei
verständigen Aertzten völlig heilen zu lassen und dann zu erforschen was den
Don Anciso abgehalten hätte uns mit dem bestellten Proviant zu folgen Demnach
setzte er sich in das Schiff welches Bernardino de Kalavera heimlich und ohne
Erlaubnis des OberAdmirals und anderer Regenten aus Hispaniola entführet hatte
und segelte mit selbigen auf bemeldte Insul zu
Wir Zurückgebliebenen warteten mit Schmerzen auf dessen Wiederkunft da
aber nicht allein die 50 Tage sondern noch mehr als zweimahl so viel
verlauffen waren und wir binnen der Zeit vieles Ungemach so wohl wegen
feindlicher Anfälle als großer HungersNot erlitten hatten teilete sich
alles Volck in des Hojez zurückgelassene zwei Schiffe ein des willens ihren
Gouverneur selbst in Hispaniola aufzusuchen
Kaum hatten wir das hohe Meer erreicht da uns ein entsetzlicher Sturm
überfiel welcher das Schiff worinnen unsere MitGesellen saßen in einem
Augenblicke umstürzte und in den Abgrund versenckte so dass kein einziger zu
erretten war Wir übrigen suchten dergleichen Unglücke zu entgehen landeten
deswegen bei der Insul Fortis wurden aber von den Pfeilen der wilden Einwohner
dermaßen unfreundlich empfangen dass wir vor unser gröstes Glück schätzten
noch bei zeiten das Schiff zu erreichen und von dannen zu seegeln
Indem nun bei solchen kümmerlichen Umständen die Fahrt nach Hispaniola aufs
eiligste fortgesetzt wurde begegnete uns über alles verhoffen der Oberste
GerichtsPræsident Don Martin Anciso welcher nicht allein auf einem
LastSchiffe allerhand NahrungsMittel und KleiderGeräte sondern auch in
einem NebenSchiffe gute KriegsLeute mit sich führte
Seine Ankunft war uns ungemein tröstlich jedoch da er nicht glauben wollte
dass wir von unsern Gouverneur Hojez verlassen wären im Gegenteil uns vor
Aufrührer oder abgefallene Leute ansah mussten wir uns gefallen lassen
erstlich eine Zeitlang in der Einfahrt des Flusses Boyus zwischen den
Kartaginensischen Port und der Landschaft Cuchibacoam bei ihm stille zu
liegen hernachmahls aber in seiner Begleitung nach der Urabanischen Landschaft
zurück zu seegeln weil er uns weder zu dem Niqvesa noch in Hispaniolam führen
wollte sondern vorgab er müsse uns alle Krafft seines tragenden Ammts und
Pflichten durchaus in des Gouverneurs Hojez Provinz zurücke bringen damit
dieselbe nicht ohne Besatzung bliebe
Demnach richteten wir unsern Lauff dahin allein es schien als ob das Glück
allen unsern Anschlägen zuwider wäre denn als des Anciso allerbestes Schiff in
den etwas engen Hafen einlauffen wollte gienge selbiges durch Unvorsichtigkeit
des SteuerManns zu scheitern so dass aller Proviant KriegsGeräte Gold
Kleinodien Pferde und andere Tiere zu Grunde sincken die Menschen aber sehr
kümmerlich ihr Leben retten mussten welches wir doch ingesammt wegen Mangel der
nötigen LebensMittel und anderer Bedürffnissen ehestens zu verlieren fast
sichere Rechnung machen konnten
Endlich nachdem wir uns etliche Tage mit Wurtzeln Kräutern auch elenden
saueren Baum Früchten des Hungers erwehret wurde beschlossen etwas tieffer ins
Land hinein zu rücken und viellieber Heldenmütig zu sterben als so schändlich
und verächtlich zu leben allein da wir kaum 4 Meilen Wegs zurück gelegt
begegnete uns eine erstaunliche Menge wohl bewaffneter Indianer die den tapfern
Vorsatz alsobald zernichteten und uns über Hals und Kopf mit ihren
vergiffteten Pfeilen an das Gestade des Meeres allwo unsere Schiffe stunden
wieder rückwarts jagten
Die Bekümmernis über diesen abermahligen UnglücksFall war dennoch nicht so
groß als die Freude so uns von einigen gefangenen Indianern gemacht wurde
welche berichteten dass oberhalb dieses MeerBusens eine Landschaft läge die
an Früchten und allen notdürfftigen LebensMitteln alles im größten Uberflusse
hervor brächte Don Anciso sah sich also gezwungen uns dahin zu führen Die
dasigen Einwohner hielten sich anfänglich ziemlich ruhig so bald wir aber
anfiengen in diesem gesegneten Lande Häuser aufzubauen und unsere Wirtschaft
ordentlich einzurichten brach der König Komaccus mit seinen Untertanen auf
und versuchte uns frembde Gäste aus dem Lande zu jagen Es kam solchergestallt
zu einem grausamen Treffen welches einen ganzen Tag hindurch und bis in die
späte Nacht währete jedoch wir erhielten den Sieg jagten den zerstreueten
Feinden aller Orten nach und machten alles was lebendig angetroffen wurde
aufs grausamste darnieder
Nunmehr fand sich nicht allein ein starcker Uberfluss an Brod Früchten
Wurtzeln und andern notwendigen Sachen sondern über dieses in den Gepüschen
und sümpffichten Oertern der Flüsse über drittehalb tausend Pfund gediehen
Gold nebst Leinwand BettDecken allerlei metallenes auch irrdenes und
höltzernes Geschirr und Fässer welches der König Komaccus unsertwegen dahin
verstecken und vergraben lassen Allhier ließ Don Anciso nachher eine Stadt und
Kirche welch er Antiqua Darienis nennete aufbauen und solches tat er wegen
eines Gelübdes so er der sancta Maria Antiqua die zu Sevillen sonderlich
verehret wird noch vor der Schlacht versprochen hatte Mittlerzeit ließ Don
Anciso unsere zurück gelassenen Leute in zweien Schiffen herbei holen unter
welchen sich auch mein besonderer Freund der Hauptmann Don Vasco Nunez di
Valboa befand welcher nunmehr an der von einem vergiffteten Pfeile
empfangenen Wunde wiederum völlig hergestellet war Da es nun wegen der
erbeuteten Güter zur behörigen Teilung kommen sollte und ein jeder vermerckte
wie Don Anciso als ein eigennütziger Geitzhals überaus unbillig handelte indem
er sich selbst weit größere Schätze zueignete als ihm von rechts wegen
zukamen entstund dieserwegen unter dem KriegsVolcke erstlich ein heimliches
Gemurmele welches hernach zu einem öffentlichen Auffruhr ausschlug da sich die
besten Leute an den Don Valbao henckten und ihn zu ihren OberHaupt und
Beschützer aufwarffen Des Don Anciso Anhang gab zwar dem Valboa Schuld dass er
von Natur ein auffrührischer und unnützer Mensch sei dessen Regiersucht nur
allerlei Unglück anzustifften trachte Allein so viel ich die ganze Zeit meines
Umgangs bei ihm gemerckt war er ein Mann von besonderer Hertzhaftigkeit der
sich vor niemanden scheute und deswegen das Unrecht so ihm und den Seinigen
geschahe unmöglich verschmertzen konnte hergegen selbiges auf alle erlaubte Art
zu rächen suchte wiewohl er hierbei niemals den Respekt und Vorteil des Königs
in Kastilien aus den Augen setzte
In diesem Lermen kam Don Roderiguez Kolmenarez mit zweien Schiffen aus
Hispaniola zu uns welche nicht allein mit frischen KriegsVolck sondern auch
vielen Proviant beladen waren Dieser vermeinte den Hojez allhier anzutreffen
von dem er erfahren dass er nebst seinem Volck in großer Angst und Nöten
steckte fand aber alles sehr verwirrt indem sich Anciso und Valboa um die
OberHerrschaft stritten und jeder seinen besonderen Anhang hatte Um nun einen
ferneren Streit und endliches Blutvergießen zu verhüten schiffte Kolmenarez
zurück seinen Vettern Don Didaco de Niquesa herbei zu bringen welcher die
streitenden Parteien aus einander setzen und das OberKommando über die andern
alle annehmen sollte
Kolmenarez war so glücklich den Niqvesa eben zu rechter Zeit anzutreffen
und zwar in der Gegend die von ihm selbst Nomen Dei benahmt worden allwo der
arme Niqvesa nackend und bloß nebst seinen Leuten halb tot gehungert herum
irrete Jedoch nachdem ihn Kolmenarez nebst 75 Kastilianern zu Schiffe und auf
die rechte Straße gebracht kam er unverhofft bei uns in Antiqua Darienis an
Hieselbst war er kaum an Land gestiegen als es lautbar wurde wie schmählich
und schimpflich er so wohl von Anciso als Valboa geredet und gedrohet diese
beiden nebst andern HauptLeuten teils ihrer Aemter und Würden zu entsetzen
teils aber um Gold und Geld aufs schärffste zu bestraffen Allein eben diese
Drohungen gereichten zu seinem allergrößten Unglücke denn es wurden
solchergestalt beide Teile gegen ihn erbittert so dass sie den armen Niquesa
nebst seinen Leuten wieder zurück in sein Schiff und unbarmhertziger weise
ohne Proviant als einen Hund aus derselbigen Gegend jagten
Ich habe nach Verfluss einiger Monate etliche von seinen Gefährten auf der
Zorobarer Landschaft angetroffen welche mich berichteten dass er nahe bei dem
Fluße nebst etlichen der Seinen von den Indianern sei erschlagen und
gefressen worden weswegen sie auch diesen Fluss Rio de los perditos auf Teutsch
den Fluss des Verderbens nenneten und mir einen Baum zeigten in dessen glatte
Rinde diese Lateinischen Worte geschnitten waren Hic misero errore fessus
DIDACUS NIQVESA infelix periit Zu Teutsch Hier ist der vom elenden herum
schweiffen ermüdete und unglückliche Didacus Niqvesa umgekommen
Jedoch ich erinnere mich um bei meiner GeschichtsErzählung eine richtige
Ordnung zu halten dass wir nach des Niqvesa Vertreibung abermals den größten
Kummer Not und Hunger leiden mussten indem des Kolmenarez dahin gebrachter
Proviant gar bald auffgezehret war so dass wir als wilde Menschen ja als
hungerige Wölffe überall herum lieffen und alles hinweg raubten was nur in den
nächst gelegenen Landschaften anzutreffen war
Endlich nachdem Valboa einen Anhang von mehr als 150 der ausserlesensten
KriegsLeute beisammen hatte gab er öffentlich zu verstehen dass er nunmehr
da der Gouverneur Hojez allem vermuten nach umgekommen unter keines andern
Menschen Kommando stehen wolle als welcher ein eigen Diploma von dem Könige
selbst aufzuweisen hätte Anciso hingegen trotzete auf sein oberstes Gerichts
PræsidentenAmmt weilen aber sein Beglaubigungs Brief vielleicht im letztern
Schiffbruche mit versuncken war oder er nach vieler anderer Meinung wohl gar
keinen gehabt hatte fand Valboa desto mehr Ursach sich demselben nicht zu
unterwerffen und so bald Anciso sein Ansehen mit Gewalt zu behaupten mine
machte überfiel ihn Valboa plötzlich ließ den Prahlhaften Geitzhals in Ketten
und Banden legen und teilete dessen Gold und Güter der Königlichen Kammer zu
Jedoch nachdem ich und andere gute Freunde dem Valboa sein allzuhitziges
Verfahren glimpfflich vorstelleten besann er sich bald eines andern bereuete
seine jachzornige Strengigkeit stellte den Anciso wiederum auf freien Fuß gab
ihm sein Gold und Güter ohne Verzug zurück und hätte sich unfehlbar gänzlich
mit Anciso ausgesöhnet wenn derselbe nicht allzurachgierig gewesen wäre Wenig
Tage hernach seegelte Anciso mit seinen Anhängern von uns hinweg und hinterließ
die Drohungen sich in Kastilien bei dem Könige selbst über den Valboa zu
beklagen jedoch dieser letztere kehrete sich an nichts sondern brachte sein
sämtliches KriegsVolck in behörige Ordnung setzte ihnen gewisse Befehlshaber
auf deren Treue er sich verlassen konnte als worunter sich nebst mir auch Don
Rodriguez Kolmenarez befand und fing alsobald an sein und unser aller Glück
mit rechten Ernste zu suchen
Koiba war die erste Landschaft welche von uns angegriffen wurde und deren
König Kareta als er sich mit dem Mangel entschuldigte Proviant und andere
Bedürffnissen herzugeben musste sich nebst Weib Kindern und allem HofGesinde
nach Darien abführen lassen
Mittlerzeit sah Valboa so wohl als alle andern vor nötig an den Valdivia
und Zamudio nach Hispaniola zu senden deren der erstere bei dem OberAdmiral
Don Didaco Kolumbo und andern Regenten dieser Lande den Valboa bestens
recommandiren und um schleunige BeiHilfe mit Proviant und andern
Bedürffnissen bitten sollte Zamudio aber war befehligt eiligst nach Kastilien zu
seegeln und des Valboa mit Anciso gehabten Händel bei dem Könige aufs
eiffrigste zu verteidigen Inzwischen wurde der Koibanische König Kareta wieder
auf freien Fuß gestellt jedoch unter den Bedingungen dass er nicht allein
unser KriegsVolck nach möglichkeit mit Speise und Tranck versehen sondern auch
dem Valboa in dem KriegsZuge wider den benachbarten König Poncha beistehen
und die rechten Wege zeigen sollte
Indem nun Kareta mit diesem seinen ärgsten Feinde Poncha beständig Krieg
geführet und von ihm sehr in die Enge getrieben worden nahm er diese
Gelegenheit sich einmal zu rächen mit Freuden an zog mit seinen Untertanen
welche mit langen höltzernen Schwerdtern und sehr spitzigen WurffSpiessen
bewaffnet waren stets voraus um den Poncha unversehens zu überfallen Allein
dieser hatte dennoch unsern Anzug bei zeiten ausgekundschaft und dieserwegen
die Flucht ergriffen dem ungeacht fanden wir daselbst einen starken Vorrat
an LebensMitteln und andern trefflichen Sachen wie nicht weniger etliche 30
Pfund feines Goldes
Nach diesem glücklichen Streiche wurde der König Komogrus überfallen mit
welchen wir aber auf des Königs Karetæ Unterhandlung Bündnis und Friede machten
Dieser Komogrus hatte 7 wohlgestallte Söhne von welchen der Aelteste ein
Mensch von ganz besonderen Verstande war und nicht allein vieles Gold und
Kleinodien unter uns austeilete sondern auch Anschläge gab wo wir dergleichen
köstliche Waren im überflusse antreffen könnten
Es ließ sich der König Komogrus mit seiner ganzen Familie zum christlichen
Glauben bereden weswegen er in der Tauffe den Nahmen Karolus empfing nachdem
aber das Bündnis und Freundschaft mit ihm auf solche Art desto fester
geschlossen worden nahmen wir unsern Rückweg nach Antiquam Darienis allwo der
Valdivia zwar wiederum aus Hispaniola angelangt war jedoch sehr wenig Proviant
hergegen starke Hoffnung mit sich brachte dass wir ehestens alles Benötigte in
desto größerer Menge empfangen sollten
Das Elend wurde also abermals sehr groß dazumahlen unsere Erndte durch
ungewöhnlich starke WasserFluten verderbt alle um und neben uns liegende
Landschaften aber ausgezehret waren deswegen trieb uns die Not mit großer
Gefahr in das MittelLand hinein nachdem wir am 9ten Dezember des Jahrs 1511
den Valdivia mit vielen Gold und Schätzen die vor den König Ferdinandum
gesammlet waren über Hispaniolam nach Spanien zu seegeln abgefertiget hatten
In diesem Mittägigen Lande traffen wir etliche Häuser an aus welchen ein
kleiner König Dabaiba genannt nebst seinen HofGesinde und Untertanen
entflohen war und wenig LebensMittel allein sehr viel HausGeräte Waffen
auch etliche Pfund gearbeitetes Gold zurück gelassen hatte Auf der weitern
Fahrt brachte uns ein gewaltiger Sturm um 3 Schiffe welche mit Volck und
allen Geräte zu Grunde gingen
So bald wir mit Kummer und Not zu Lande kamen wurde der König
Abenamacheius angegriffen dessen HofLager in mehr als 500 wohlgebaueten
Hütten bestand Er wollte mit den Seinigen die Flucht nehmen musste aber endlich
Stand halten und sich nach einer blutigen Schlacht nebst seinen besten Leuten
gefangen geben Dieser König hatte in der Schlacht einem von unsern
KriegsLeuten eine leichte Wunde angebracht welches dem LotterBuben dermaßen
verdross dass er ihm da er doch schon unser Gefangener war so schändlich als
geschwind einen Arm vom Leibe herunter hieb Weil aber diese Tat dem Valboa
heftig verdross wurde dieser Knecht fast biss auf den tot zerprügelt
Nach diesem erlangten Siege und herrlicher Beute führte uns ein nackender
Indianer in die große Landschaft des Königs Abibeiba der seine Residenz auf
einem sehr hohen und dicken Baume aufgebauet hatte indem er wegen öffterer
Wassergüsse nicht wohl auf dem Erdboden wohnen konnte Dieser König wollte sich
weder durch Bitten noch durch DrohWorte bewegen lassen von diesem hohen Gebäude
herab zu steigen so bald aber die Unsern einen Anfang machten den Baum
umzuhauen kam er nebst zweien Söhnen herunter und ließ seine übrigen
HofBedienten in der Höhe zurück Wir machten Friede und Bündnis mit ihm und
begehrten eine billige Schatzung an LebensMitteln und Golde geliefert zu haben
indem er nun wegen des letztern seinen sonderlichen Mangel vorgeschützt
gleichwohl aber nur desto heftiger angestrenget wurde etliche Pfund zu
verschaffen versprach er nebst etlichen seiner Leute auszugehen und uns binnen
6 Tagen mehr zu bringen als wir verlangt hätten Allein er ist davon gegangen
und nachher niemals wiederum vor unsere Augen gekommen nachdem wir uns also
von ihm betrogen gesehen wurde aller Vorrat von Speise Wein und anderen guten
Sachen hinweg geraubt wodurch unsere ermatteten Leiber nicht wenig erquickt und
geschickt gemacht wurden eine fernere mühsame Reise anzutreten
Mittlerweile hatten sich 5 Könige nämlich letztgemeldter Abiebaiba
Cemacchus Abraibes dessen Schwager Abenamacheius und Dabaiba zusammen
verschworen uns mit zusamen gesetzten Kräfften plötzlich zu überfallen und
gänzlich zu vertilgen jedoch zu allem Glücke hatte Valboa eine außerordentlich
schöne Jungfrau unter seinen gefangenen Weibs welche er vor allen andern
herzlich liebte diese hatte solchen BlutRat von ihrem leiblichen Bruder
nicht so bald ausgeforschet als sie von der getreuen Liebe getrieben wurde dem
Valboa alle wider ihn gemachten Anschläge zu offenbahren Dieser teilete
sogleich sein Volck in zwei Hauffen er selbst ging nebst mir und etliche 70
Mann auf die verteileten Hauffen der versammleten Indianer los zerstreuete
dieselben und bekam sehr viele von der Könige Bedienten gefangen die wir mit
zurück in unser Lager führten Don Kolmenarez aber musste mit 4 Schiffen auf
den Flecken Tirichi los gehen allwo er so glücklich war denselben unvermutet
zu überfallen und der Indianer ganze KriegsRüstung die daselbst zusammen
gebracht war zu zernichten auch eine große Beute an Proviant Gold Wein und
andern brauchbaren Gerätschaften zu machen Uber dieses hat er allen
Aufrührern und Feinden ein entsetzliches Schrecken eingejagt indem der oberste
FeldHerr an einen Baum gehenckt und mit Pfeilen durchschossen nechst dem noch
andere Indianische Befehlshaber andern zum Beispiele aufs grausamste
hingerichtet worden
Solchergestallt verkehrte sich alle bisherige Gefahr Unruhe und
kümmerliches Leben auf einmal in lauter Friede Ruhe Wollust und Freude denn
da sich nachher die vornehmsten Aufrüher gutwillig unter des Valboa Gehorsam
begaben ließ er einen allgemeinen Frieden uñ Vergebung aller vorhergegangenen
Widerspenstigkeit halber ausruffen sein Volck aber auf so vieles
ausgestandenes Ungemach eine Zeitlang der Ruhe genießen
Hierauff nahmen wir unsern RückWeg nach der Urabanischen Landschaft allwo
nach vielen Beratschlagungen endlich beschlossen wurde dass Don Rodriguez
Kolmenarez nebst dem Don Juan de Quicedo nach Hispaniolam und von dar zum
Könige von Kastilien abgesandt werden sollten um an beiden Orten ordentlichen
Bericht von unsern sieghaften Begebenheiten abzustatten und die Sachen dahin
zu veranstallten dass wir mit etwa 1000 Mann und allen Zubehör verstärckt den
Zug in die Goldreichen Landschaften gegen Mittag sicher unternehmen und
dieselben unter des Königs in Kastilien Botmässigkeit bringen könnten denn
Valdivia und Zamudio wollten nicht wieder zum vorscheine kommen woraus zu
schließen war dass sie etwa auf der See verunglückt sein möchten Demnach
gingen Kolmenarez und Quicedo im Oktober 1512 unter Seegel nachdem sie
versprochen keine Zeit zu versäumen sich so bald als nur möglich wiederum auf
den Urabanischen Küsten einzustellen Allein da Valboa dieser beider Männer
Zurückkunft nunmehr fast 11 Monat vergeblich abgewartet und in Erfahrung
brachte dass Don Pedro de Arias ehestens als Königlicher Gouverneur über die
Urabanische und angräntzende Landschaften bei uns eintreffen würde trieb ihn
so wohl die allbereits erlangte Ehre als Verlangen die Mittäglichen Goldreichen
Länder zu erfinden so weit dass er mit den OberHäuptern der Landschaften zu
Rate ging und den gefährlichen Zug dahin mit etwa 200 KriegsLeuten vornahm
ungeacht ihm nicht allein von des Komogri Sohne sondern auch von den andern
Indianischen Königen geraten worden diesen Zug mit nicht weniger als 1000
Mann zu wagen indem er daselbst ungemein streitbare Völcker antreffen würde
Es war der 4te Sept 1513 da wir mit 3 großen und 10 sehr kleinen
Schiffen abseegelten und zum erstenmahle wiederum bei des Koibanischen Königs
Karetæ Landschaft anländeten Hieselbst ließ Valboa die Schiffe nebst einer
Besatzung zurück wir aber zogen 170 Mann stark fort und wurden von des
Karetæ uns zugegebenen Wegweisern in des Ponchæ Königreich geführet welchen
wir nachdem er unsern ehemaligen Zuspruch erwogen endlich mit großer Mühe zum
Freunde und Bundsgenossen bekamen Nachhero haben wir viele andere Könige als
den Qvarequa Chiapes Koquera und andere mehr teils mit Güte und Liebe
teils aber auch mit Gewalt zum Gehorsam gebracht mittlerweile aber am 18
Oktober desselbigen Jahres das Mittägliche Meer erfunden und um selbige Gegend
einen erstaunlichen Schatz an Gold und EdelSteinen zusammen gebracht
Bei so glückseeligen Fortgange unseres Vorhabens bezeigte sich Valboa
dermaßen danckbar gegen GOTT und seine Gefährten dass kein einziger Ursach
hatte über ihn zu klagen Eines Tages aber da er mich an einem einsamen Orte
ziemlich betrübt und in Gedanken vertiefft antraff umarmete er mich mit ganz
besonderer Freundlichkeit und sagte Wie so unvergnügt mein allerbester
HertzensFreund fehlt euch etwa Gesundheit so habe ich Ursach euch zu
beklagen sonsten aber wo Gold Perlen und edle Steine euren Kummer zu stillen
vermögend sind steht euch von meinem Anteil so viel zu diensten als ihr
verlanget Ich gab ihm hierauf zu verstehen dass ich an dergleichen
Kostbarkeiten selbst allbereit mehr gesammlet als ich bedürfte und mich
wenigstens 5 mahl reicher schätzen könnte als ich vor dem in Kastilien gewesen
Allein mein jetziges Missvergnügen rühre von nichts anders her als dass ich mich
vor der Ankunft meines abgesagten Feindes des Don Pedro de Arias fürchtete
und indem ich noch zur Zeit von dem Könige Ferdinando keinen Pardon Brief
aufzuweisen hätte würde mir derselbe allen ersinnlichen Tort antun und
wenigstens verhindern dass ich auch in dieser neuen Welt weder zu Ehren noch zur
Ruhe kommen könnte Valboa fing hierüber an zu lachen und sagte Habt ihr sonst
keine Sorge mein wertester Freund so entschlaget euch nur auf einmal aller
Grillen und glaubt sicherlich dass es nunmehr mit uns allen beiden keine Not
habe denn diejenigen Dienste so wir dem Könige durch Erfindung dieses
Mittägigen Meeres und der Goldreichen Länder geleistet haben werden schon
würdig sein dass er uns alle beide jedweden mit einem ansehnlichen
Gouvernement in diesen Landschaften begabet welche binnen wenig Jahren also
einzurichten sind dass wir unsere übrige LebensZeit vergnügter darinnen
zubringen können als in Kastilien selbst Es sei euch fuhr er fort im
Vertrauen gesagt dass ich in kurtzer Zeit selbst eine Reise nach Spanien zu tun
willens bin allda sollen mir eure Sachen noch mehr angelegen sein als die
meinigen solchergestalt zweiffele auch im geringsten nicht euer und mein
Glücke zu befestigen
Diese wohlklingenden Zuredungen machten mein Gemüte auf einmal höchst
vergnügt so dass ich den Valboa umarmete mich vor seine gute Vorsorge im
Voraus herzlich bedanckte und versprach Zeit Lebens sein getreuer Freund und
Diener zu verbleiben Er entdeckte mir hierauf wie er nur noch willens sei den
Mittägigen MeerBusen welchen er St Michael genannt hatte nebst den so reich
beschriebenen PerlenInsuln auszukundschaften nachher aber so gleich die
RückReise nach Uraba anzutreten welches Vorhaben ich nicht allein vor billig
erachtete sondern auch alles mit ihm zu unternehmen versprach
Dieser MeerBusen sollte sich des Indianischen Königs Chiapes Aussage nach
160 Meilen weit von dem festen Lande biss zu dem äusersten MeeresSchlunde
erstrecken Deswegen wurde bald Anstalt gemacht diese Fahrt anzutreten und
ungeacht der König Chiapes dieselbe heftig widerriet indem er angemerckt
hatte dass um diese Zeit zwei bis drei Monate nach einander die See entsetzlich
zu stürmen und zu wüten pflegte so wollte doch Valboa hiervon im geringsten
nicht abstehen sondern ließ etliche Indianische kleine Schifflein zurechte
machen in welche wir uns mit etliche 80 der mutigsten KriegsLeute setzten
und von dannen seegelten
Allein nunmehr hatte das unerforschliche Verhängnis beschlossen mich vor
dissmahl nicht allein von dem Valboa sondern nach etlichen Jahren auch von aller
andern menschlichen Gesellschaft abzusondern denn wenige Tage nach unserer
Abfahrt entstund ein entsetzlicher Sturm welcher die kleinen Schifflein aus
einander jagte und unter andern auch das meinige worauf ich nebst 9
KriegsLeuten saß in den Abgrund des Meeres zu versencken drohte Indem nun
kein Mittel zu erfinden war dem jämmerlichen Verderben zu entgehen überließen
wir uns gänzlich den unbarmhertzigen Fluten und suchten allein bei Gott in
jenem Leben Gnade zu erlangen weil er uns selbige in diesen zeitlichen
abzuschlagen schien Jedoch nachdem wir noch zwei Tage und Nacht recht
wunderbarer Weise bald in die erstaunlichste Höhe bald aber in grausame
Abgründe zwischen Flut und Wellen hin verschlagen und fortgetrieben worden
warffen uns endlich die ergrimmten Wellen auf eine halb überschwemmte Insul die
zwar vor das jämmerliche Ertrincken ziemliche Sicherheit versprach jedoch wenig
fruchtbare Bäume oder andere LebensMittel zeigte womit wir bei etwa
langweiligen Aufenthalt unsern Hunger stillen könnten
Es war das Glück noch einem unserer Fahrzeuge worauf sich 8 von unsern
KriegsLeuten nebst zweien Indianern befanden eben so günstig gewesen selbiges
so wohl als uns auf diese Insul zu führen deswegen erfreueten wir uns
ungemein als dieselben zwei Tage hernach zu uns kamen und ihre glückliche
ErrettungsArt erzehleten
Wir blieben demnach beisammen trockneten unser Pulver betrachteten den
wenigen SpeiseVorrat brachten alle übrigen Sachen in Ordnung und fingen
hierauf an die ganze Insul durch zu streiffen worinnen wir doch weder
Menschen noch Vieh wohl aber einige Bäume und Stauden antraffen welche sehr
schlecht nahrhafte Früchte trugen Demnach mussten wir uns mehrenteils mit
Fischen behelffen welche die beiden Indianer so sich in unserer Gesellschaft
befanden auf eine weit leichtere und geschwindere Art als wir zu fangen
wussten Da aber nach etlichen Tagen das Wasser in etwas zu fallen begunte
sammleten wir eine große Menge der vortrefflichsten PerlenMuscheln die das
umgerührte Eingeweide des Abgrundes auf diese Insul auszuspeien gezwungen
worden Ich selbst habe an diesem Orte 34 Stück Perlen von solcher Größe
ausgenommen und mit anhero gebracht dergleichen ich vorher noch nie gesehen
oder beschreiben hören doch nach der Zeit habe auf andern Inseln noch mehr
dergleichen ja teils noch weit größere gesammlet welche derjenige so diese
meine Schrifft am ersten zu lesen bekommt unfehlbar finden wird
Jedoch meinen damaligen Glücks und UnglücksWechsel zu folgen ersah
einer von unsern Indianern der ein ganz ungewöhnlich scharffes Gesichte hatte
SüdWestwerts eine andere Insul und weilen wir daselbst einen bessern
SpeiseVorrat anzutreffen verhofften wurden unsere kleinen Schiffe bei
damaligen stillen Wetter so gut als möglich zugerichtet so dass wir
einsteigen und besagte Insul nach dreien Tagen mit abermahliger größter
LebensGefahr erreichen konnten Uber alles Vermuten traffen wir auch daselbst
ein kleines Schiff an welches das wütende Meer mit 11 unserer MitGesellen
dahin geworffen hatte Die Freuden und JammerTränen lieffen häuffig aus
unsern Augen ersten teils wegen dieser glücklichen Zusammenkunft andern
teils darum weil uns die letztern berichteten dass Valboa nebst den übrigen
ohnmöglich noch am Leben sein könnte weil sie ingesammt durch den Sturm auf die
gefährlichste und fürchterlichste MeeresHöhe getrieben worden allwo weit und
breit keine Insuln wohl aber bei hellen Wetter erschröckliche aus dem Wasser
hervor ragende Felsen und Klippen zu sehen wären Im übrigen war diese Insul so
wenig als unsere vorige mit Menschen besetzt jedoch ließ sich etliche
vierfüssige Tiere sehen welche teils den Europäischen Füchsen teils aber den
wilden Katzen gleichten Wir nahmen uns kein Bedenken dieselben zu schießen
und als vortreffliche LeckerBissen zu verzehren wobei wir eine gewisse
Wurtzel die unsere Indianer in ziemlicher Menge fanden an statt des Brodts
gebrauchten Nechst diesen ließ sich auch etliche Vögel sehen die wir
ebenfalls schossen und mit größten Appetit verzehreten anbei das Fleisch der
vierfüssigen Tiere dörreten und auf den Notfall spareten
Ich konnte meine Gefährten ungeacht sie mich einhellig vor ihr OberHaupt
erkläreten durchaus nicht bereden die RückFahrt nach St Michaël vorzunehmen
weil ihnen allezeit ein Grausen ankam so oft sie an die gefährlichen Klippen
und stürmende See gedachten deswegen fuhren wir immer gerades Weges vor uns
von einer kleinen Insul zur andern biss uns endlich das Glück auf eine ziemlich
große führte die mit Menschen besetzt war Selbige kamen häuffig herzu und
sahen uns Elenden die wir durch 19 SchiffFahrt ganz kraftlos und ziemlich
ausgehungert waren mit größter Verwunderung zu Lande steigen machten aber
dieserwegen nicht die geringste grimmige Gebärde sondern hätten uns vielleicht
gar als Götter angebetet wenn unsere zwei Indianer ihnen nicht bedeutet hätten
dass wir arme verirrete Menschen wären die lauter Liebe und Freundschaft gegen
sie bezeugen würden woferne man uns nur erlaubte allhier auszuruhen und
unsere hungerigen Magen mit einigen Früchten zu befriedigen Ob nun schon die
Einwohner der unsern Sprache nicht völlig verstunden sondern das meiste durch
Zeichen erraten mussten so erzeigten sich dieselben doch dermaßen gefällig
dass wir an ihren natürlichen Wesen noch zur Zeit nicht das geringste auszusetzen
fanden Sie brachten uns gedörretes Fleisch und Fische nebst etlichen aus
WurtzelMehl gebackenen Brodten herzu wovor wir die gläsernen und messingenen
Knöpffe unter sie teilten so wir an unsern Kleidern trugen indem dergleichen
schlechte Sachen von ihnen ungemein hoch geschätzt und mit erstaunlicher Freude
angenommen wurden Gegen Abend kam ihr König welcher Madan genannt wurde zu
uns dieser trug einen Schurtz von bunten Federn um den Leib wie auch
dergleichen Krone auf dem Haupte führte einen starken Bogen in der rechte
Hand in der lincken aber einen höltzernen WurffSpieß wie auch einen Köcher
mit Pfeilen auf dem Rücken Ich hatte das Glück ihm ein höchst angenehmes
Geschenck zu überreichen welches in einem ziemlich großen TaschenMesser
einem FeuerStahl und zweien FlintenSteinen bestund und habe niemals bei
einer lebendigen Kreatur größere Verwunderung gespüret als sich bei diesem
Menschen zeigte so bald er nur den Nutzen und Krafft dieses Werckzeugs erfuhr
Er bekam über dieses noch ein HandBeil von mir dessen vortreffliche Tugenden
ihn vollends dahin bewegten dass uns alles was wir nur anzeigen konnten
gereicht und verwilliget wurde Demnach baueten meine Gefährten ohnfern vom
MeerUfer etliche Hütten auf worinnen 4 5 oder 6 Personen bequemlich
beisammen ruhen und den häuffig herzu gebrachten SpeiseVorrat verzehren
konnten Von unsern SchiessGewehr wussten sich diese Leute nicht den geringsten
Begriff zu machen ungeacht unsere Indianer ihnen bedeuteten dass diese
Werckzeuge Donner Blitz und Feuer hervor bringen auch sogleich tödtliche
Wunden machen könnten da aber einige Tage hernach sich eine ziemliche Menge
mittelmässiger Vögel auf einem Baume sehen ließ von welchen der König Madan
in grössester Geschwindigkeit zwei mit einem Pfeile herunter schoss ergriff ich
ihn bei der Hand nahm meine Flinte und führte ihn biss auf etliche 30
Schritt gegen einen andern Baum auf welchen sich diese Vögel abermals nieder
gelassen hatten und schoss vermittelst eingeladenen Schrots auf einmal 6 von
diesen Vögeln herunter Kaum war der Schuss getan als dieser König nebst allen
seinen anwesenden Untertanen plötzlich zu Boden fiel da sie denn vor Schrecken
sich fast in einer halben Stunde nicht wieder erholen konnten Auf unser
freundliches und liebreiches Zureden kamen sie zwar endlich wiederum zu sich
selbst bezeugten aber nach der Zeit eine mit etwas Furcht vermischte
Hochachtung vor uns zumahlen da wir ihnen bei fernerer Bekandtschaft zeigten
wie wir unsere Schwerdter gegen böse Leute und Feinde zu entblössen und zu
gebrauchen pflegten
Immittelst hatten wir Gelegenheit etliche Pfund Gold das auf eine
wunderliche Art zu Hals und Armbändern Ringen und Angehencken verarbeitet war
gegen allerhand elende und nichtswürdige Dinge einzutauschen auch einen
starken Vorrat von gedörreten Fleisch Fischen Wurtzeln und andern
nahrhaften Früchten einzusammlen Nachdem wir aber 3 von den allerdicksten
Bäumen umgehauen und in wenig Wochen so viel Schiffe daraus gezimmert die da
weit stärcker als die vorigen auch mit SeegelTüchern von geflochtenen Matten
und zusammen gedreheten BastStricken versehen waren suchten wir mit guter
Gelegenheit von diesen unsern Wohltätern Abschied zu nehmen und nach dem Furt
St Michael zurück zu kehren allein da meine Gefährten von den Einwohnern
dieser Insul vernahmen dass weiter in See hinein viel größere bewohnte Insuln
anzutreffen wären worinnen Gold EdleSteine und sönderlich die Perlen in
größter Menge befindlich gerieten sie auf die Verwegenheit dieselben
aufzusuchen Ich setzte mich zwar so viel als möglich darwieder indem ich
ihnen die größte Gefahr worein wir uns begäben sattsam vorstellete allein es
halff nichts ja es trat alsobald einer auf welcher mit größter Dreustigkeit
sagte Don Valaro bedencket doch dass Valboa nebst unsern andern Kameraden im
Meere begraben worden also dürffen wir uns auf unsere geringen Kräffte so
wenig als auf die ehemahligen Bündnisse und Freundschaft der Indianischen
Könige verlassen welche ohne Zweiffel des Valboa Unglück zeitig genung erfahren
haben diesemnach uns Elenden auch bald abschlachten werden Lasst uns also
viellieber neue Insuln und Menschen aufsuchen welche von der Grausamkeit und
dem Geitze unserer LandsLeute noch keine Wissenschaft haben und seid
versichert dass so ferne wir christlich ja nur menschlich mit ihnen umgehen
werden ein weit größeres Glück und Reichtum vor uns aufgehaben sein kann als
wir in den bisherigen Landschaften empfunden haben Kommen wir aber ja im
Sturme um oder werden ein SchlachtOpffer vieler Menschen was ists mehr Denn
wir müssen eben dergleichen Unglücks auf der RückFahrt nach St Michael und in
den Ländern der falschgesinneten Könige gewärtig sein
Ich wusste wider diese ziemlich vernünftige und sehr tapffermütige Rede
nicht das geringste einzuwenden weswegen ich dieses mahl meinen Gefährten
nachgab und alles zur baldigen Abfahrt veranstalten ließ
Der Abschied von dem König Madan und seinen von Natur recht redlichen
Untertanen ging mir wahrhaftig ungemein nahe zumahlen da dieselben auf die
letzte fast mehr SpeiseVorrat herzu brachten als wir in unsere kleinen
Schiffe einladen konnten einer aber von ihnen der vom ersten Tage an beständig
um mich gewesen war fing bitterlich zu weinen an und bat sonderlich da er
vernahm wie ich auf dem Rückwege allhier wiederum ansprechen wollte ich möchte
ihm vergönnen dass er mit uns reisen dürffte welches ich ihm denn auch mit
größten Vergnügen erlaubte Er war ein Mensch von etwa 24 Jahren wohl
gewachsen und eines recht feinen Ansehens zumahlen da er erstlich etliche
KleidungsStück auf den Leib bekam sein Nahme hieß Chascal welchen ich aber
nachher da er den christlichen Glauben annahm und von mir die heilige Tauffe
empfing verändert habe
Solchergestalt fuhren wir mit diesem neuen Wegweiser der aber wenigen oder
gar keinen Verstand von der SchiffFahrt hatte auf und davon bekamen zwar in
etlichen Wochen nichts als Himmel und Wasser zu sehen hatten aber doch wegen
des ungemein stillen Wetters eine recht ruhige Fahrt Endlich gelangeten wir an
etliche kleine Insuln welche zwar sehr schlecht bevölckert auch nicht
allzusehr fruchtbar waren jedoch hatten wir die Freude unsere kleinen Schiffe
daselbst aufs neue auszubessern und mit frischen LebensMitteln anzufüllen biss
wir endlich etliche nahe an einander gelegene große Insuln erreichten und das
Hertz fasseten auf einer der größten an Land zu steigen
Hier schienen die Einwohner nicht so guter Art als die vorigen zu sein
allein unsere 3 Indianischen Gefährten leisteten uns bei ihnen recht
vortreffliche Dienste so dass wir in wenig Tagen mit ihnen allen recht
gewünschten Umgang pflegen konnten Wir erfuhren dass diese Leute vor wenig
Jahren große Mühe gehabt sich einer Art Menschen die ebenfalls bekleidet
gewesen zu erwehren indem ihnen selbige die LebensMittel Gold Perlen und
EdlenSteine mit Gewalt abnehmen und hinweg führen wollen jedoch nachdem sie
unsere Freund und Höfflichkeit zur Gnüge verspüret wurde uns nicht allein mit
gleichmässiger Freundlichkeit begegnet sondern wir hatten Gelegenheit auf
dieser Insul erstaunliche Schätze und Kostbarkeiten einzusamlen wie wir denn
auch die andern nahgelegenen besuchten und solchergestalt fast mehr zusammen
brachten als unsere Schiffe zu ertragen vermögend waren1 Meine Leute nahmen
sich demnach vor ein großes Schiff zu bauen in welchem wir sämtlich bei
einander bleiben und unsere Güter desto besser fortbringen könnten ich selbst
sah dieses vor gut an zumahlen wir nicht allein alle Bedürffnisse darzu vor
uns sahen sondern uns auch der Einwohner redlicher Beihülffe getrösten konnten
Demnach wurden alle Hände an das Werck gelegt welches in kürtzerer Zeit als
ich selbst vermeinte zum Stande gebracht wurde Die Einwohner selbiger Insuln
fuhren zwar selber auch in einer Art von Schiffen die mit Seegeln und Rudern
versehen waren doch verwunderten sie sich ungemein da das unsere ihnen auf so
sonderbare Art zugerichtet in die Augen fiel Wir schenckten ihnen zwei von
unsern mit dahin gebrachten Schiffen nahmen aber das dritte an statt eines
Boots mit uns wie wir denn auch zwei kleine Nachen verfertigten um selbige auf
der Reise nützlich zu gebrauchen
Nachdem wir uns also mit allen Notdürfftigkeiten wohl beraten hatten
seegelten wir endlich von dannen und kamen nach einer langweiligen und
beschwerlichen Fahrt an ein festes Land allwo wir ausstiegen und uns abermals
mit frischen Wasser nebst andern Bedürffnissen versorgen wollten wurden aber
sehr übel empfangen indem uns gleich andern Tages mehr als 300 wilde Leute
ohnversehens überfielen gleich anfänglich drei der unsern mit Pfeilen
erschossen und noch fünff andere gefährlich verwundeten Ob nun schon im
Gegenteil etliche 20 von unsern Feinden auf dem Platze bleiben mussten so
sahen wir uns doch genötigt aufs eiligste nach unsern Schiffe zurück zu
kehren mit welchen wir etliche Meilen an der Küste hinunter fuhren und endlich
abermals auf einer kleinen Insul anländeten die zwar nicht mit Menschen aber
doch mit vielerlei Arten von Tieren besetzt war anbei einen starken Vorrat an
nützlichen Früchten Wurtzeln und Kräutern zeigte Allhier hatten wir gute
Gelegenheit auszuruhen bis unsere Verwundeten ziemlich geheilet waren fuhren
hernachmahls immer Südwerts von einer Insul zur andern sahen die Küsten des
festen Landes lincker Seits beständig mit sehnlichen Augen an wollten uns aber
dennoch nicht unterstehen daselbst anzuländen weilen an dem Leben eines
einzigen Mannes nur allzu viel gelegen war endlich nachdem wir viele hundert
Meilen an der LandSeite hinunter geseegelt ließ sich die äuserste Spitze
desselben beobachten um welche wir herum fuhren und nebst einer kalten und
verdrießlichen Witterung vieles Ungemach auszustehen hatten Es war leichtlich zu
mutmaßen dass allhier ein würckliches Ende des festen Landes der neuen Welt
gefunden sei deswegen machten wir die Rechnung im Fall uns das Glück bei der
HinaufFahrt der andern Seite nicht ungünstiger als bisher sein würde
entweder den rechten Weg nach Darien oder wohl gar nach Europa zu finden oder
doch wenigstens unterwegs Portugisen anzutreffen zu welchen wir uns gesellen
und ihres Glücks teilhaftig machen könnten denn es lehrete uns die Vernunft,
dass die von den Portugisen entdeckte Landschaften unfehlbar auf selbiger Seite
liegen müssten
Immittelst war die höchste Not vorhanden unser Schiff aufs neue
auszubessern und frische LebensMittel anzuschaffen deswegen wurde eine
Landung gewagt welche nach überstandener größter Gefahr ein gutes Glücke
versprach daferne wir nicht Ursach gehabt hätten uns vor feindseeligen
Menschen und wilden Tieren zu fürchten Jedoch die allgewaltige Macht des
Höchsten welche aller Menschen Hertzen nach Willen regieren kann war uns
dermahlen sonderlich geneigt indem sie uns zu solchen Menschen führte die
ungeacht ihrer angebohrnen Wildigkeit solche Hochachtung gegen uns hegten und
dermaßen freundlich aufnahmen dass wir uns nicht genung darüber verwundern
konnten und binnen wenig Tagen alles Misstrauen gegen dieselben verschwinden
ließ Es war uns allen wenig mehr um Reichtum zu tun da wir allbereit
einen fast unschätzbarn Schatz an lautern Golde Perlen und Edelgesteinen
besaßen bemüheten uns deswegen nur um solche Dinge die uns auf der
vorhabenden langweiligen Reise nützlich sein könnten welches wir denn alles in
kurtzer Zeit gewünscht erlangten
Die bei uns befindlichen 3 redlichen Indianer machten sich das allergröste
Vergnügen einige wunderbare MeerTiere listiger Weise einzufangen deren
Fleisch Fett und sonderlich die Häute vortrefflich nutzbar waren denn aus den
letztern konnten wir schönes RiemenWerck wie auch Lederne Koller Schuhe
Mützen und allerlei ander Zeug verfertigen
So bald wir demnach nur mit der Ausbesserung und Versorgung des Schiffs
fertig dasselbe auch wo nur Raum übrig mit lauter nützlichen Sachen
angefüllet hatten traten wir die Reise auf der andern LandSeite an
vermerckten aber gleich anfänglich dass Wind und Meer allhier nicht so gütig
als bei der vorigen Seite war Zwei Wochen aneinander ging es noch ziemlich
erträglich allein nachher erhub sich ein sehr heftiger Sturm der über 9
Tage währete und bei uns allen die größte Verwunderung erweckte dass wir ihm
endlich so glücklich entkamen ungeacht unser Schiff sehr beschädiget an eine
sehr elende Küste getrieben war allwo sich auf viele Meilwegs herum außer
etlichen unfruchtbaren Bäumen nicht das geringste von nützlichen Sachen
antreffen ließ
Etliche von meinen Gefährten streifften dem ungeacht überall herum und
kamen eines Abends höchst erfreut zurück weil sie ihrer Sage nach ein
vortrefflich ausgerüstetes Europäisches Schiff in einer kleinen Bucht liegend
jedoch keinen einzigen lebendigen Menschen darinnen gefunden hätten Ich ließ
mich bereden unser sehr beschädigtes Schiff dahin zu führen und fand mit
größter Verwunderung dass es die lautere Wahrheit sei Wir bestiegen dasselbe
und wurden ziemlichen starken Vorrat von Wein Zwieback geräucherten Fleische
und andern LebensMitteln darinnen gewahr ohne was in den andern Ballen und
Fässern verwahret war die noch zur Zeit niemand eröffnen durfte Tieffer ins
Land hinein wollte sich keiner wagen indem man von den höchsten FelsenSpitzen
weit und breit sonsten nichts als lauter Wüstenei erblickte deswegen wurde
beschlossen unser Schiff so gut als möglich auszubessern damit wenn die
Europäer zurück kämen und uns allenfalls nicht in das Ihrige aufnehmen wollten
oder könnten wir dennoch in ihrer Gesellschaft weiter mitseegeln möchten
Allein nachdem wir mit allem fertig waren und einen ganzen Monat lang
auf die Zurückkunft der Europäer vergeblich gewartet hatten machten meine
Gefährten die Auslegung dass dieselben unfehlbar sich zu tieff ins Land hinein
gewagt und nach und nach ihren Untergang erreicht hätten weswegen sie vors
allerklügste hielten wenn wir uns das köstliche Schiff nebst seiner ganzen
Ladung zueigneten und mit selbigen davon führen Ich setzte mich stark wider
diesen Seeräuberischen Streich konnte aber nichts ausrichten indem alle einen
Sinn hatten und alle unsere Sachen in möglichster Eil in das große Schiff
einbrachten wollte ich also nicht alleine an einem wüsten Orte zurück bleiben
so musste mir gefallen lassen das gestohlne Schiff zu besteigen und mit ihnen
von dannen zu segeln konnte auch kaum so viel erbitten dass sie unser bissheriges
Fahrzeug nicht versenckten sondern selbiges an dessen Stelle stehen ließ
Kaum hatten wir die hohe See erreicht als sich die Meinigen ihres
Diebstahls wegen außer aller Gefahr zu sein schätzten deswegen alles was im
Schiffe befindlich war eröffnet besichtiget und ein großer Schatz an Golde
nebst andern vortrefflichen Kostbarkeiten gefunden wurde Allein wir erfuhren
leider allerseits gar bald dass der Himmel keinen Gefallen an dergleichen
Bosheit habe sondern dieselbe ernstlich zu bestraffen gesinnt sei Denn bald
hernach erhub sich ein abermahliger dermaßen entsetzlicher Sturm dergleichen
wohl leichtlich kein SeeFahrer heftiger ausgestanden haben mag Wir wurden von
unserer erwehlten Straße ganz Seitwerts immer nach Süden zu getrieben welches
an dem erlangten Kompasse so oft es nur ein klein wenig stille deutlich zu
ersehen war es halff hier weder Arbeit noch Mühe sondern wir mussten uns
gefallen lassen dem aufgesperreten Rachen der grässlichen und tötlichen Fluten
entgegen zu eilen viele wünschten durch einen plötzlichen Untergang ihrer
Marter bald abzukommen indem sie weder Tag noch Nacht ruhen konnten und die
letzte klägliche Stunde des Lebens in beständiger Unruhe unter dem
schrecklichsten Hin und Wiederkollern erwarten mussten Es währete dieser erste
Ansatz des Sturms 16 Tage und Nacht hinter einander ehe wir nur zwei bis drei
Stunden ein wenig verschnauben und das SonnenLicht auf wenige Minuten
betrachten konnten bald darauf aber meldete sich ein neuer der nicht weniger
grimmig ja fast noch heftiger als der vorige war Mast und Seegel wurden den
erzürnten Wellen zum Opffer überliefert wobei zugleich 2 von meinen Gefährten
über Boort geworffen und nicht erhalten werden konnten wie denn auch 3
gequetschte und 2 andere krancke folgendes Tages ihren Geist aufgaben Endlich
wurde es zwar wiederum vollkommen stille und ruhig auf der See allein wir
bekamen in etlichen Wochen weder Land noch Sand zu sehen so dass unser süßes
Wasser nebst dem Proviante welchen das eingedrungene SeeWasser ohnedem schon
mehr als über die Helffte verdorben hatte völlig zum Ende ging und wir uns
Hungers wegen gezwungen sahen recht wiedernatürliche Speisen zu suchen und das
bittersaltzige SeeWasser zu trincken Bei so beschaffenen Umständen riss der
Hunger nebst einer schmerzhaften Seuche in wenig Tagen einen nach dem andern
hinweg so lange biss ich die 3 Indianer und 5 Spanische KriegsLeute noch
ziemlich gesund übrig blieben Es erhub sich immittelst der dritte Sturm
welchen wir 9 Personen als eine Endschaft unserer Quaal recht mit Freuden
ansetzen hörten Ich kann nicht sagen ob er so heftig als die vorigen zwei
Stürme gewesen weil ich auf nichts mehr gedachte als mich nebst meinen
Gefährten zum seeligen Sterben zuzuschicken allein eben dieser Sturm musste ein
Mittel unserer damaligen LebensErhaltung und künftiger hertzlicher Busse
sein denn ehe wir uns dessen versahen wurde unser jämmerlich zugerichtetes
Schiff auf eine von denenjenigen SandBäncken geworffen welche ohnfern von
dieser mit Felsen umgebenen Insul zu sehen sind Wir ließ bei bald darauf
erfolgter WindStille unsern Nachen in See das Schiff aber auf der SandBanck
in Ruhe liegen und fuhren mit größter Lebens Gefahr durch die Mündung des
Westlichen Flusses welche zur selbigen Zeit durch die herab gestürtzten
FelsenStücken noch nicht verschüttet war in diese schöne Insul herein welche
ein jeder vernünftiger Mensch so lange er allhier in Gesellschaft anderer
Menschen lebt und nicht mit andern Vorurteilen behaftet ist ohnstreitig vor
ein irrdisches Paradiess erkennen wird
Keiner von uns allen gedachte dran ob wir allhier MenschenFresser wilde
Tiere oder andere feindseelige Dinge antreffen würden sondern so bald wir den
Erdboden betreten das süße Wasser gekostet und einige fruchttragende Baume
erblickt hatten fielen so wohl die drei Indianer als wir 6 Christen auf die
Knie nieder und danckten dem Allerhöchsten Wesen dass wir durch desselben Gnade
so wunderbarer ja fast übernatürlicher Weise erhalten worden Es war ungefähr
zwei Stunden über Mittag da wir trostloss gewesenen Menschen zu Lande kamen
hatten deswegen noch Zeit genung unsere hungerigen Magen mit wohlschmeckenden
Früchten anzufüllen und aus den klaren WasserBächen zu trincken nach diesen
wurden alle ferneren Sorgen auf dieses mahl bei Seite gesetzt indem sich ein
jeder mit seinem Gewehr am Ufer des Flusses zur Ruhe legte biss auf meinen
getreuen Chascal welcher die Schildwächterei von freien stücken über sich nahm
um uns andern vor besorglichen UnglücksFällen zu warnen Nachdem aber ich
etliche Stunden und zwar biss in die späte Nacht hinein geschlaffen wurde der
ehrliche Chascal abgelöset und die Wacht von mir biss zu Auffgang der Sonne
gehalten Hierauff fing ich an nebst 4 der stärcksten Leute einen Teil der
Insul durchzustreiffen allein wir fanden nicht die geringsten Spuren von
lebendigen Menschen oder reißenden Tieren an deren statt aber eine große
Menge Wildpret Ziegen auch Affen von verschiedenen Farben Dergleichen
Fleischwerck nun konnte uns nebst den überflüssigen herrlichen Kräutern und
Wurtzeln die größte Versicherung geben allhier zum wenigsten nicht Hungers
wegen zu verderben deswegen gingen wir zurück unsern Gefährten diese
fröhliche Botschaft zu hinterbringen die aber nicht eher als gegen Abend
anzutreffen waren indem sie die Nordliche Gegend der Insul ausgekundschaft
und eben dasjenige bekräfftigten was wir ihnen zu sagen wussten Demnach
erlegten wir noch selbigen Abend ein stück Wild nebst einer Ziege machten Feuer
an und brieten solch schönes Fleisch da immittelst die drei Indianer die besten
Wurtzeln ausgruben und dieselben an statt des Brods zu rösten und zuzurichten
wussten welches beides wir so dann mit größter Lust verzehreten In folgenden
Tagen bemüheten wir uns sämtlich aufs äuserste die Sachen aus dem gestrandeten
Schiffe herüber auf die Insul zu schaffen welches nach und nach mit größter
Beschwerlichkeit ins Werck gerichtet wurde indem wir an unser kleines Boot der
Länge nach etliche Floss Höltzer fügten welche am Vorderteil etwas spitzig
zusammen lieffen hinten und vorne aber mit etlichen darauf befestigten
QueerBalcken versehen waren und solchergestalt durfften wir nicht allein wegen
des umschlagens keine Sorge tragen sondern konnten auch ohne Gefahr eine mehr
als vierfache Last darauf laden
Binnen MonatsFrist hatten wir also alle unsere Güter wie auch das
zergliederte untüchtige Schiff auf die Insul gebracht deswegen fingen wir
nunmehr an Hütten zu bauen und unsere Hausshaltung ordentlich einzurichten
wobei der Mangel des rechten Brodts uns das einzige Missvergnügen erweckte
jedoch die Vorsorge des Himmels hatte auch hierinnen Rat geschafft denn es
fanden sich in einer Kiste etliche wohl verwahrte steinerne Flaschen die mit
Europäischen Korne Weitzen Gerste Reiss und Erbsen auch andern nützlichen
Sämereien angefüllet waren selbige säeten wir halben Teils aus u ich habe
solche edle Früchte von Jahr zu Jahr mit sonderlicher Behutsamkeit
fortgepflanzt so dass sie wenn GOTT will nicht allein Zeit meines Lebens sich
vermehren sondern auch auf dieser Insul nicht gar vergehen werden nur ist zu
befürchten dass das allzuhäuffig anwachsende Wild solche edle Ähren noch vor
ihrer völligen Reiffe abfressen und die selbst eigene Fortpflantzung welche
hiesiges Orts ganz sonderbar zu bewundern ist verhindern werde
Du wirst mein Leser dir unfehlbar eine wunderliche Vorstellung von
meinem Glauben machen da ich in diesen Paragrapho die Vorsorge des
Himmels bewundert und doch oben beschrieben habe wie meine Gefährten
das Schiff nebst allem dem was drinnen worunter auch die mit Geträyde
angefüllten Flaschen gewesen unredlicher Weise an sich gebracht ja
aufrichtig zu reden gestohlen haben Wie reimet sich dieses wirstu
sagen zur Erkenntnis der Vorsorge Gottes Allein sei zufrieden wenn ich
bei Verlust meiner Seeligkeit beteuere dass so wohl ich als mein
getreuer Chascal an diesen DiebsStreiche keinen Gefallen gehabt
vielmehr habe ich mich aus allen Kräfften darwieder gesetzt jedoch
nichts erlangen können Ist es Sünde gewesen dass ich in diesem Schiffe
mitten unter den Dieben davon gefahren und mich aus dermahligen
augenscheinlichen Verderben gerissen so weiß ich gewiss dass mir GOTT
dieselbe auf meine eiffrige Busse und Gebet gnädiglich vergeben hat
Inzwischen muss ich doch vieler Umstände wegen die Göttliche Vorsorge
hiebei erkennen die mich nicht allein auf der stürmenden See sondern
auch in der grausamen Hungers Not und schädlichen Seuche erhalten und
auf der Insul mittelbarer Weise mit vielem guten überhäufft Meine
Gefährten sind alle in der Helffte ihrer Tage gestorben ausgenommen der
einzige Chascal welcher sein Leben ungefähr biss 70 Jahr gebracht ich
aber bin allein am längsten überblieben auf dass ich solches ansagte
Wir machten uns inzwischen die unverdorbenen Güter so auf dem gestohlenen
Schiffe mitgebracht waren wohl zu nutze ich selbst bekam meinen guten Teil an
Kleiderwerck Büchern Pappier und andern Gerätschaften davon tat aber dabei
sogleich ein Gelübde solcher Sachen zehnfachen Wert in ein geistliches
Gestiffte zu liefern so bald mich GOTT wiederum unter Christen Leute führte
Es fanden sich Weinstöcke in ihrem natürlichen Wachstume die wir der Kunst
nach in weit bessern Stand brachten und durch dieselben großes Labsal
empfiengen auch kamen wir von ungefähr hinter den künstlichen Vorteil aus
gewissen Bäumen ein vortreffliches Getränke zu zapffen welches alles ich in
meinen andern Handschrifften deutlicher beschrieben habe Nach einem
erleidlichen Winter und angenehmen Frühlinge wurde im Sommer unser Getrayde
reiff welches wir wiewohl nur in weniger Menge einerndten jedoch nur die Probe
von dem künftig wohlschmeckenden Brodte machen konnten weil das meiste zur neuen
Aussaat vor 9 Personen nötig war allein gleich im nächstfolgenden Jahre wurde
so viel eingesammlet dass wir zur Aussaat und dem notdürfftigen
LebensUnterhalt völlige Genüge hatten
Mittlerweile war mein Chascal so weit gekommen dass er nicht allein sehr gut
Kastilianisch reden sondern auch von allen christlichen GlaubensArticuln
ziemlich Rede und Antwort geben konnte deswegen nahm ich mir kein Bedenken an
diesem abgelegenen Orte einen Apostel abzugeben und denselben nach Christi
Einsetzung zu tauffen wobei alle meine 5 christlichen Gefährten zu Gevattern
stunden er empfing dabei wegen seiner besonderen Treuhertzigkeit den Nahmen
Christian Treuhertz Seine beiden Gefährten befanden sich hierdurch dermaßen
gerühret dass sie gleichmäßigen Unterricht wegen des Christentums von mir
verlangten welchen ich ihnen mit größten Vergnügen gab und nach Verfluss eines
halben Jahres auch beide tauffte da denn der erstere Petrus Gutmann der andere
aber Paulus Himmelfreund genannt wurde
In nachfolgenden 3 oder 4 Jahren befand sich alles bei uns in dermaßen
ordentlichen und guten Stande dass wir nicht die geringste Ursach hatten über
appetitliche LebensMittel oder andern Mangel an unentbehrlichen Bedürffnissen
zu klagen ich glaube auch meine Gefährte würden sich nimermehr aus dieser
vergnügenden Landschaft hinweg gesehnet haben wenn sie nur Hoffnung zur
Handlung mit andern Menschen und vor allen andern Dingen WeibsLeute ihr
Geschlechte fortzupflantzen gehabt hätten Da aber dieses letztere ermangelte
und zu dem ersteren sich ganz und gar keine Gelegenheit zeigen wollte indem sie
nun schon einige Jahre vergeblich auf vorbeifahrende Schiffe gewartet hatten
gaben mir meine 5 LandsLeute ziemlich trotzig zu verstehen dass man Anstalt
machen müsste ein neues Schiff zu bauen um damit wiederum eine Fahrt zu andern
Christen zu wagen weil es Gott unmöglich gefallen könnte dergleichen kostbare
Schätze als wir besaßen so nachlässiger Weise zu verbergen und sich ohne
einzigen Heil Beruff und Trieb selbst in den uneheligen Stand zu verbannen
dabei aber aller christlichen Sakramenten und KirchenGebräuche beraubt zu
leben
Ohngeacht nun ich sehr deutlich merkte dass es ihnen nicht so wohl um die
Religion als um die WeiberLiebe zu tun wäre so nahm mir doch ein Bedenken
ihrem Vorhaben zu widerstreben zumahlen da sie meinen vernünftigen
Vorstellungen ganz und gar kein Gehör geben wollten Meine an sie getane Fragen
aber waren ungefähr folgendes Innhalts Meine Freunde bedenckt es wohl sprach
ich
1 Wie wollen wir hiesiges Orts ein tüchtiges Schiff bauen können das uns
etliche hundert ja vielleicht mehr als 1000 Meilen von hier hinweg
führen und alles Ungemach der See ertragen kann Wo ist gnugsames
Eisenwerck zu Nägeln Klammern und dergleichen Wo ist Pech Werck
Tuch Strickwerck und anders Dinges mehr nach Notdurfft anzutreffen
2 Werden wir nicht GOTT versuchen wenn wir uns auf einen übel
zugerichteten Schiffe unterstehen einen so fernen Weg anzutreten und
werden wir nicht als SelbstMörder zu achten sein daferne uns die
Gefahr umbringt worein wir uns mutwillig begeben
3 Welcher unter uns weiß die Wege wo wir hin gedenken und wer kann nur
sagen in welchem Teile der Welt wir uns jetzo befinden auch wie weit
die Reise biss nach Europa ist
Solche und noch vielmehr dergleichen Fragen die von keinem vernünftig
genung beantwortet wurden dieneten weiter zu nichts als ihnen Verdruss zu
erwecken und den gefasseten Schluss zu befestigen deswegen gab ich ihnen in
allen Stücken nach und halff den neuen SchiffBau anfangen welcher langsam und
unglücklich genung von statten ging indem der Indianer Paulus von einem
umgehauenen Baume plötzlich erschlagen wurde Dieser war also der erste welcher
allhier von mir begraben wurde
Im dritten Sommer nach angefangener Arbeit war endlich das Schiff so weit
fertig dass wir selbiges in den Fluss zwischen denen Felsen allwo es gnugsame
Tieffe hatte einlassen konnten Weiln aber zwei von meinen LandsLeuten
gefährlich Kranck darnieder zu liegen kamen wurde die übrige wenige Arbeit
nebst der Einladung der Güter biss zu ihrer völligen Genesung versparet
Meine Gefährten bezeigten allerseits die größte Freude über die ihrer
Meinung nach wohlgeratene Arbeit allein ich hatte an dem elende Wercke nur
allzuviel auszusetzen und nahm mir nebst meinem getreuen Christian ein billiges
Bedenken uns darauf zu wagen weil ich bei einer so langwierigen Reise dem
Tode entgegen zu laufen ganz gewisse Rechnung machen konnte
Indem aber nicht allein große Verdriesslichkeit sondern vielleicht gar
LebensGefahr zu befürchten war soferne meine Gefährten dergleichen Gedanken
merckten hielt ich darmit an mich und nahm mir vor auf andere Mittel zu
gedenken wodurch diese unvernünftige Schiffahrt rückgängig gemacht werden
könnte Allein das unerforschliche Verhängnis überhob mich dieser Mühe denn
wenig Tage hierauf erhub sich ein grausamer Sturm zur See welchen wir von den
hohen FelsenSpitzen mit erstaunen zusahn jedoch gar bald durch einen
ungewöhnlichen heftigen Regen in unsere Hütten getrieben wurden da aber bei
hereinbrechender Nacht ein jeder im Begriff war sich zur Ruhe zu begeben wurde
die ganze Insul von einem heftigen Erdbeben gewaltig erschüttert worauff ein
dumffiges Geprassele folgete welches binnen einer oder zweier Stunden Zeit noch
5 oder 6 mahl zu hören war Meine Gefährten ja so gar auch die zwei Krancken
kamen gleich bei erster Empfindung desselben eiligst in meine Hütte gelauffen
als ob sie bei mir Schutz suchen wollten und meinten nicht anders als müsse
das Ende der Welt vorhanden sein da aber gegen Morgen alles wiederum stille
war uñ der Sonnen lieblicher Glantz zum Vorscheine kam verschwand zwar die
Furcht vor das mahl allein unser zusammengesetztes Schrecken war desto größer
da wir die einzige Einfahrt in unsere Insul nämlich den Auslauff des
Westlichen Flusses durch die von beiden Seiten herab geschossenen Felsen
gänzlich verschüttet sahen so dass das ganze Westliche Tal von dem gehemmten
Strome unter Wasser gesetzt war
Dieses Erdbeben geschahe am 18tden Jan im Jahr Christi 1523 bei
eintretender Nacht und ich hoffe nicht unrecht zu haben wenn ich solches ein
würckliches Erdbeben oder Erschütterung dieser ganzen Insul nenne weil ich
selbiges selbst empfunden auch nachher viele FelsenRisse und herab
geschossene Klumpen angemerckt die vor der Zeit nicht da gewesen sind Der
Westliche Fluss fand zwar nach wenigen Wochen seinen geraumlichen Auslauff unter
dem Felsen hindurch nachdem er vielleicht die lockere Erde und Sand
ausgewaschen und fortgetrieben hatte und solchergestalt wurde auch das
Westliche Tal wiederum von der WasserFlut befreit jedoch die Hoffnung
unserer baldigen Abfahrt war auf einmal gänzlich zerschmettert indem das neu
erbaute Schiff unter den ungeheueren FelsenStücken begraben lag
GOTT pflegt in der Natur dergleichen Wunderund SchreckWercke selten
umsonst zu zeigen Dieses erkandte ich mehr als zu wohl wollte solches auch
meinen Gefährten in täglichen Gesprächen beibringen und sie dahin bereden dass
wir ingesamt als Heilige Einsiedler unser Leben in dieser angenehmen und
fruchtbarn Gegend zum wenigsten so lange zubringen wollten biss uns GOTT von
ungefähr Schiffe und Christen zuschickte die uns von dannen führten Allein
ich predigte tauben Ohren denn wenige Zeit hernach da ihnen abermals die Lust
ankam ein neues Schiff zu bauen welches doch in Ermangelung so vielerlei
materialien ein lächerliches Vornehmen war machten sie erstlich einen Anschlag
im Mittel der Insul den Nördlichen Fluss abzustechen mithin selbigen durch einen
Kanal in die kleine See zu führen deren Ausfluss sich gegen Osten zu in das
Meer ergiesset
Dieser letztere Anschlag war mir eben nicht missfällig weilen ich allem
Ansehen nach leicht glauben konnte dass durch das Nördliche natürliche
FelsenGewölbe nach abgeführten WasserFluße unfehlbar ein bequemer Ausgang
nach der See zu finden sein möchte Deswegen legte meine Hände selber mit ans
Werck welches endlich nach vielen saueren vergossenen Schweiße im Sommer des
1525ten Jahres zu Stande gebracht wurde Wir funden einen nach Notdurfft
erhöheten und weiten Gang mussten aber den FußBoden wegen vieler tieffen
Klüffte und steiler Abfälle sehr mühsam mit Sand und Steinen beqvemlich
ausfüllen und zurichten biss wir endlich sehr erfreut das TagesLicht und die
offenbare See außerhalb der Insul erblicken konnten
Nach diesem glücklich ausgeschlagenen Vornehmen sollten aufs eiligste
Anstallten zum abermahligen SchiffBau gemacht und die zugerichteten Bäume
durch den neu erfundenen Weg an den auswendigen Fuß des Felsens hinunter
geschafft werden Aber ehe noch ein einziger Baum darzu behauen war legten
sich die zwei schwächsten von meinen LandsLeuten darnieder und starben weil
sie ohnedem sehr ungesundes Leibes waren und sich noch darzu bisher bei der
ungezwungenen Arbeit allzuheftig angegriffen haben mochten Solchergestallt
blieb der neue SchiffsBau unterwegs zumahlen da ich und die mir getreuen zwei
Indianer keine Hand mit anlegen wollten
Allein indem ich aus ganz vernünftigen Ursachen dieses tollkühne Werck
gänzlich zu hintertreiben suchte und mich auf mein gutes Gewissen zu beruffen
wusste dass solches aus keiner andern Absicht geschähe als den Allerhöchsten
wegen einer unmittelbaren Erhaltung nicht zu versuchen noch seiner Gnade zu
missbrauchen da ich mich aus dem ruhigsten und gesegnetsten Lande nicht in die
allersicherste Lebens Gefahr stürtzen wollte so konnte doch einem andern ganz
abscheulichen Ubel nicht vorbauen als worüber ich in die alleräuserste
Bestürtzung geriet und welches einem jeden Christen einen sonderbaren Schauder
erwecken wird
Es meldete mir nämlich mein getreuer Christian dass meine 3 noch übrigen
LandsLeute seit etlichen Monaten 3 Aeffinnen an sich gewöhnet hätten mit
welchen sie sehr öfters so wohl bei Tage als Nacht eine solche schändliche
Wollust zu treiben pflegten die auch diesen ehemaligen Heiden recht eckelhaft
und wider die Natur lauffend vorkam Ich ließ mich keine Mühe verdrießen dieser
wichtigen Sache um welcher willen der Höchste die ganze Insul verderben köñen
recht gewiss zu werden war auch endlich so glücklich oder besser zu sagen
unglücklich alles selbst in Augenschein zu nehmen und ein lebendiger Zeuge
davon zu sein wobei ich nichts mehr als verdammte Wollust bestialischer
Menschen nechst dem die ungewöhnliche Zuneigung solcher vierfüssigen Tiere
über alles dieses aber die besondere Langmut Gottes zu bewundern wusste
Folgendes Tages nahm ich die 3 Sodomiten ernstlich vor und hielt ihnen wegen
ihres begangenen abscheulichen Lasters eine kräfftige GesetzPredigt führte
ihnen anbei den Göttlichen Ausspruch zu Gemüte Wer bei einem Viehe schläfft
soll des Todes sterben etc etc Zwei von ihnen mochten sich ziemlich gerührt
befinden da aber der dritte als ein junger freveler Mensch ihnen zusprach u
sich vernehmen ließ dass ich bei itzigen Umständen mich um ihr Leben u Wandel
gar nichts zu bekümmern vielweniger ihnen etwas zu befehlen hätte gingen sie
alle drei höchst verdrießlich von mir
Mittlerzeit aber da ich diese StrafPredigt gehalten hatten die zwei
frommen Indianer Christianus und Petrus auf meinen Befehl die drei verfluchten
AffenHuren glücklich erwürget so bald nun die bestialischen Liebhaber dieses
Spectacul ersahn schienen sie ganz rasend zu werden hätten auch meine
Indianer unfehlbar erschossen allein zu allem Glücke hatten sie zwar Gewehr
jedoch weder Pulver noch Blei weilen der wenige Rest desselben in meiner Hütte
verwahret lag In der ersten Hitze machten sie zwar starke Gebärden einen
Krieg mit mir und den Meinigen anzufangen da ich aber meinen Leuten geladenes
Gewehr und Schwerdter gab zogen die schändlichen Buben zurücke daher ich
ihnen zurieff sie sollten auf guten Glauben herzu kommen und diejenigen
Gerätschaften abholen welche ich ihnen aus Barmhertzigkeit schenckte
nachher aber sich nicht gelüsten lassen über den NordFluss in unser Revier zu
kommen widrigenfalls wir sie als Hunde darnieder schießen wollten weil
geschrieben stünde Du sollst den Bösen von dir tun
Hierauff kamen sie alle drei und langeten ohne ein eintziges Wort sprechen
diejenigen Geschirre und andere höchstnötigen Sachen ab welche ich durch die
Indianer entgegen setzen ließ und verloren sich damit in das Ostliche Teil
der Insul so dass wir in etlichen Wochen nicht das geringste von ihnen zu sehen
bekamen doch war ich nebst den Meinigen fleißig auf der Hut damit sie uns
nicht etwa bei nächtlicher Zeit überfallen und erschlagen möchten
Allein hiermit hatte es endlich keine Not denn ihr böses Gewissen und
zaghafte Furchtsamkeit mochte sie zurück halten jedoch die Rache folgte ihnen
auf dem Fuße nach denn die Bösewichter mussten kurtz hernach einander
erschröcklicher Weise selber aufreiben und den Lohn ihrer Bosheiten geben
weil sich niemand zum weltlichen Richter über sie aufwerffen wollte
Eines Tages in aller Frühe da ich den dritten Teil der NachtWache hielt
hörte ich etliche mahl nach einander meinen Nahmen Don Valaro von ferne laut
ausruffen nahm deswegen mein Gewehr ging vor die Hütte heraus und erblickte
auf dem gemachten Damme des NordFlusses einen von den dreien Bösewichten
stehen der mit der rechten Hand ein großes Messer in die Höhe reckte So bald
er mich ersah kam er eilends herzu gelauffen da aber ich mein aufgezogenes
Gewehr ihm entgegen hielt blieb er etwa 20 Schritt vor mir stehen und schrye
mit lauter Stimme Mein Herr mit diesem Messer habe ich in vergangener Nacht
meine Kameraden ermordet weil sie mit mir um ein junges AffenWeib Streit
anfiengen Der Weinbeer und PalmenSafft hatte uns rasend voll gemacht sie sind
beide gestorben ich aber rase noch sie sind ihrer grausamen Sünden wegen
abgestrafft ich aber der ich noch mehr als sie gesündiget habe erwarte von
euch einen tötlichen Schuss damit ich meiner GewissensAngst auf einmal los
komme
Ich erstaunete über dergleichen entsetzliche MordGeschicht hieß ihm das
Messer hinweg werffen und näher kommen allein nachdem er gefragt Ob ich ihn
erschießen wolle und ich ihm zur Antwort gegeben Dass ich meine Hände nicht
mit seinem Blute besudeln sondern ihn GOTTES zeitlichen und ewigen Gerichten
überlassen wolle fasste er das lange Messer in seine beiden Fäuste und stieß
sich selbiges mit solcher Gewalt in die Brust hinein dass der verzweiffelte
Körper sogleich zur Erden stürtzen und seine schandbare Seele ausblasen musste
Meine verschiedenen GemütsBewegungen presseten mir viele Tränen aus den
Augen ungeacht ich wohl wusste dass solche lasterhafte Personen derselben
nicht wert waren doch machte ich mit Hilfe meiner beiden Getreuen sogleich
auf der Stelle ein Loch und scharrete das Aass hinein Hierauff durchstreifften
wir die Ostliche Gegend und fanden endlich nach langem Suchen die Hütte
worinnen die beiden Entleibten beisammen lagen das teufflische AffenWeib saß
zwischen beiden inne und wollte durchaus nicht von dannen weichen weswegen ich
das schändliche Tier gleich auf der Stelle erschoss und selbiges in eine
SteinKlufft werffen ließ die beiden ViehischMenschlichen Körper aber begrub
ich vor der Hütte zerstörete dieselbe und nahm die nützlichsten Sachen daraus
mit zurück in unsere Hausshaltung Dieses geschahe in der WeinleseZeit im Jahre
1527
Von nun an führte ich mit meinen beiden Getreuen christlichen Indianern die
allerordentlichste LebensArt denn wir beteten täglich etliche Stunden mit
einander, die übrige Zeit aber wurde teils mit nötigen Verrichtungen teils
aber in vergnügter Ruhe zugebracht Ich merkte an keinen von beiden dass sie
sonderliche Lust hätten wiedrum zu andern Menschen zu gelangen und noch
vielweniger war eine Begierde zum FrauenVolck an ihnen zu spüren sondern sie
lebten in ihrer guten Einfalt schlecht und gerecht Ich vor meine Person empfand
in meinem Hertzen den allergrößten Eckel an der Vermischung mit dem Weiblichen
Geschlechte und weil mir außerdem der Appetit zu aller weltlichen Ehre Würde
und den darmit verknüpfften Lustbarkeiten vergangen war so fasste den
gäntzlichen Schluss dass, wenn mich ja der Höchste von dieser Insul hinweg und
etwa an andere christliche Örter führen würde daselbst zu seinen Ehren
vermittelst meiner kostbaren Schätze ein Kloster aufzubauen und darinnen meine
LebensZeit in lauter GottesFurcht zuzubringen
Im Jahr Christi 1538 starb auch der ehrliche getauffte Christ Petrus
Gutmann welchen ich nebst dem Christiano herzlich beweinete und ihn aufs
ordentlichste zur Erde bestattete Er war ungefähr etliche 60 Jahr alt worden
und bisher ganz gesunder Natur gewesen ich glaube aber dass ihn ein jählinger
Trunck welchen er etwas stark auf die Erhitzung getan ums Leben brachte
doch mag er auch sein ihm von Gott bestimmtes ordentliches LebensZiel erreicht
haben
Nach diesem TodesFalle veränderten wir unsere Wohnung und bezogen den
großen Hügel welcher zwischen den beiden Flüssen fast mitten auf der Insul
lieget allda baueten wir eine geraumliche Hütte überzogen dieselbe dermaßen
stark mit LaubWerck dass uns weder Wind noch Regen Verdruss antun konnte und
führten darinnen ein solches geruhiges Leben dergleichen sich wohl alle
Menschen auf der ganzen Welt wünschen möchten
Wir haben nach der Zeit sehr viel zerscheiterte SchiffsStücken große
Ballen und PackFässer auf den SandBäncken vor unserer Insul anländen sehen
welches alles ich und mein Christian vermittelst eines neugemachten Flosses
von dannen herüber auf unsere Insul holeten und darinnen nicht allein noch
mehrere kostbare Schätze an Gold Silber Perlen EdlenSteinen und allerlei
HausGeräte sondern auch KleiderWerck Betten und andere vortreffliche Sachen
fanden welche letztern unsern EinsiedlerOrden von aller Strengigkeit
befreieten indem wir, vermittelst desselben die LebensArt aufs allerbequemste
einrichten konnten
Neunzehn ganzer Jahre habe ich nach des Petri Tode mit meinem Christiano in
dem allerruhigsten Vergnügen gelebt da es endlich dem Himmel gefiel auch
diesen einzigen getreuen Freund von meiner Seite ja von dem Hertzen hinweg zu
reißen Denn im Frühlinge des 1557ten Jahres fing er nach und nach an eine
ungewöhnliche Mattigkeit in allen Gliedern zu empfinden wozu sich ein starcker
Schwindel des Haupts nebst dem Eckel vor Speise und Tranck gesellete daher
ihm in wenig Wochen alle Kräffte vergingen biss er endlich am Tage
Allerheiligen nämlich am 1 Novembr selbigen Jahres früh bei Aufgang der
Sonnen sanft und seelig auf das Verdienst Christi verschied nachdem er seine
Seele in Gottes Hände befohlen hatte
Die Tränen fallen aus meinen Augen indem ich dieses schreibe weil dieser
Verlust meines lieben Getreuen mir in meinem ganzen Leben am
allerschmerzlichsten gewesen Voritzo da ich diesen meinen LebensLauff zum
andern mahle aufzuzeichnen im Begriff bin stehe ich in meinem 105ten Jahre und
wünsche nur dieses
Meine Seele sterbe des Todes der Gerechten und mein Ende werde wie meines
getreuen Christians Ende
Den werten Körper meines allerbesten Freundes habe ich am Fuße dieses
Hügels gegen Morgen zu begraben und sein Grab mit einem großen Steine
worauf ein Creutz nebst der JahrZahl seines Ablebens gehauen bemerckt Meine
Augen sind nachher in etlichen Wochen niemals trocken von Tränen worden
jedoch da ich mir nachher den Allerhöchsten zum einzigen Freunde erwehlte so
wurde auf ganz besondere Art getröstet und in den Stand gesetzt mein
Verhängnis mit größter Geduld zu ertragen
Drei Jahr nach meines liebsten Christians Tode nämlich im Jahr 1560 habe
ich angefangen in den Hügel einzuarbeiten und mir auf die WintersZeit eine
bequeme Wohnung zuzurichten Du der du dieses liesest und meinen Bau
betrachtest wirst gnungsame Ursache haben dich über die Unverdrossenheit eines
eintzelnen Menschen zu verwundern allein bedencke auch die lange Weile so ich
gehabt habe Was sollte ich sonst nutzbares vornehmen Zu meinem AckerBau
brauchte ich wenige Tage Mühe und bekam jederzeit hundertfachen Segen Ich habe
zwar gehofft von hier hinweg geführet zu werden und hoffe es noch allein es
ist mir wenig daran gelegen wenn meine Hoffnung wie bisher vergeblich ist
und bleibt
Den allergrößten Possen haben mir die Affen auf dieser Insul bewiesen indem
sie mir mein TageBuch in welches ich alles was mir seit dem Jahr 1509 biss
auf das Jahr 1580 merckwürdiges begegnet richtig aufgezeichnet hatte
schändlicher Weise entführet und in kleine Stücken zerrissen also habe ich in
dieser zweiten Ausfertigung meiner LebensBeschreibung nicht so ordentlich und
gut verfahren konnen als ich wohl gewollt sondern mich eintzig und allein auf
mein sonst gutes Gedächtnis verlassen müssen welches doch Alters wegen ziemlich
stumpff zu werden beginnet
Immittelst sind doch meine Augen noch nicht dunckel worden auch bedüncket
mich dass ich an Kräfften und übriger LeibesBeschaffenheit noch so stark
frisch und ansehnlich bin als sonsten ein gesunder etwa 40 bis 50 jähriger
Mann ist
In der warmen SommersZeit habe ich gemeiniglich in der grünen LaubHütte
auf dem Hügel gewohnet zur Regen und WintersZeit aber ist mir die ausgehaune
Wohnung unter dem Hügel trefflich zu statten gekommen hieselbst werden auch
diejenigen so vielleicht wohl lange nach meinem Tode etwa auf diese Stelle
kommen ohne besondere Mühe meine ordentlich verwahrten Schätze und andere
nützliche Sachen finden können wenn ich ihnen offenbare dass in der kleinsten
Kammer gegen Osten und dann unter meinem Steinernen Sessel das allerkostbarste
anzutreffen ist
Ich beklage nochmals dass mir die leichtfertigen Affen mein schönes
TageBuch zerrissen denn wo dieses vorhanden wäre wollte ich dir mein
zukünftiger Leser unfehlbar noch ein und andere nicht unangenehme
Begebenheiten und Nachrichten beschrieben haben Sei immittelst zu frieden mit
diesen wenigen und wisse dass ich den Vorsatz habe so lange ich sehen und
schreiben kann nicht müßig zu leben sondern dich alles dessen was mir hinfüro
noch sonderbares und merckwürdiges vorkommen möchte in andern kleinen Büchleins
benachrichtigen werde Voritzo aber will ich diese Beschreibung welche ich
nicht ohne Ursach auch ins Spanische übersetzt habe beschließen und dieselbe
bei Zeiten an ihren gehörigen Ort beilegen allwo sie vor der Verwesung lange
Zeit verwahret sein kann denn ich weiß nicht wie bald mich der Tot übereilen
und solchergestalt alle meine Bemühung nebst dem guten Vorsatze meinen
Nachkommen einen Gefallen zu erweisen gänzlich zernichten möchte Der Gott
dem ich meine übrige LebensZeit aufs allereiffrigste zu dienen mich
verpflichte erhöre doch wenn es sein gnädiger Wille und meiner Seelen
Seeligkeit nicht schädlich ist auch in diesem Stücke mein Gebet und lasse
mich nicht plötzlich sondern in dieser meiner SteinHöle entweder auf dem
Lager oder auf meinem Sessel geruhig sterben damit mein Körper den
leichtfertigen Affen und andern Tieren nicht zum Spiele und Scheusal werde
sollte auch demselben etwa die zukünftige Ruhe in der Erde nicht zugedacht sein
Wohlan so sei diese Höle mir an statt des Grabes bis zur fröhlichen
Auferstehung aller Toten
So viel ists was ich Eberhard Julius von des seeligen Don Cyrillo de Valaro
LebensBeschreibung aus dem Lateinischen Exemplar zu übersetzen gefunden kommt
es nicht allzu zierlich heraus so ist doch dem Wercke selbst weder Abbruch noch
Zusatz geschehen Es sind noch außer diesem etliche andere Manuscripta und
zwar mehrenteils in Spanischer Sprache vorhanden allein ich habe bisher
unterlassen dieselben so wohl als die wenigen Lateinischen ins Deutsche zu
übersetzen welches jedoch mit der Zeit annoch geschehen kann denn sein
ArtzeneiBuch worinnen er den Nutzen und Gebrauch der auf dieser Insul
wachsenden Kräuter Wurtzeln und Früchte abhandelt auch dabei allerlei
Kranckheiten und Schäden die ihm und seinen Gefährten begegnet sind erzählt
verdient wohl gelesen zu werden wie denn auch sein Büchlein vom Acker und
GartenBau ingleichen von allerhand nützlichen Regeln wegen der Witterung nicht
zu verachten ist
Fußnoten
1 Es ist fast zu vermuten dass der Autor solchergestalt auf die jetziger Zeit
so genannten Insulas Salomonis gekommen jedoch in Erwegung anderer Umstände
können auch wohl nur die Peru und Chili gegen über gelegenen Insuln gemeinet
sein
Wunderliche FATA einiger SeeFahrer
Zweiter Teil
oder
fortgesetzte
GeschichtsBeschreibung
ALBERTI JVLII
eines gebohrnen Sachsens und seiner auf der Insul Felsenburg errichteten
Kolonien entworffen
Von dessen BrudersSohnesSohnesSohne
Mons Eberhard Julio Curieusen Lesern aber zum vermutlichen GemütsVergnügen
ausgefertiget auch par Kommission dem Drucke übergeben
Von
GISANDERN
Vorrede
Geneigter Leser
Promissa sunt servanda Dieses löbliche Sprichwort heißt in deutschen
ungezwungenen ReimWorten so viel als
Versprechen und halten
Steht wohl bei Alt und Jungen
Wiewohl nun ich mich noch zur Zeit weder unter die Alten noch Jungen rechnen
kann so befinde mich dennoch schuldig deinen curieusen Augen diesen Zweiten
Teil der Felsenburgischen GeschichtsBeschreibung vorzulegen zumahlen ich
gewisser maßen überzeugt bin dass der erste Teil wenigstens von solchen
Leuten die quid Juris verstehen vor passable erkannt und angenommen worden
Es hat zwar Jemand nachdem er Permission gebeten meine Paruque ein wenig
auf die Seite zu schieben das TrommelFell meines Gehörs ziemlich gerühret
indem er mir das sonderbare Arcanum publicum anvertraut was maßen dieser
Andere Teil vielen zum Plaisir einem oder etlichen aber zum starken Chagrin
gereichen würde Allein diese mit meiner SchreibFeder poussirte Statue in octav
von deren groben oder subtilen Ausarbeitung itzo die Rede nicht ist flätzschet
zwar eben die Zähne nicht wenn ihr jemand in vorbei gehen eine freundliche Mine
macht ich aber kann doch auch nicht gut darvor sein dass die darinnen versteckte
OrgelPfeiffe nicht brummen sollte wenn ein naseweiser qveer Feld einblasender
Wind deren Ventil mit Gewalt aufklappen wollte
Per Tertium Quartum Quintum ist mir auch gesteckt worden dass noch
ein anderer Jemand welchen man mir eben nicht nahmhaft machen wollen wegen
einer im Ersten Teile mit angeführten LiebesBegebenheit seinen unzeitigen
Eiffer ausgeschüttet dabei aber ich weiß nicht ob aus Einfalt oder
ScheinHeiligkeit selbst gestanden dass er dieserwegen so gleich einen Eckel am
ganzen Buche empfangen und weiter nichts darinnen lesen wollen
Wiewohl man nun mit Leuten die sich in ihren Beurteilungen allzusehr zu
übereilen gewohnt ein billiges Mitleiden trägt so sehe doch nicht warum man
sich eben scheuen dürffte ihnen mit aller Höflichkeit eine Prise
SchnupffToback zur Reinigung des Haupts anzubieten
Demnach möchte doch ein dergleichen imbestallter Censor solche Sachen nicht
schlechterdings auf der lincken Seite betrachten und erstlich dartun ob die
im Ersten Teile pag 35 seq befindliche LiebesGeschicht des Kapitain
Wolffgangs propter imitationem von ihm erzählt und von mir nachgeschrieben
worden Oder ob Herr Wolffgang oder ein anderer dergleichen Ausschweiffungen
approbiret habe Ich glaube wenn man sich bemünen will pag 54 von lin 28 und
pag 85 von lin 15 an ein wenig fort zu lesen so wird sich vermutlich die
Sache selbst defendiren und mich einer Mühe die mir ohnedem nicht hinlänglich
bezahlet werden möchte überheben
Sonsten mag es doch wohl nicht gänzlich unwahr sein dass sich heutiges
Tages in der Welt eine gewisse Art von Sonderlingen und Superklugen Leuten
auffhalten soll welche wenn es allein nach ihren Köpffen gienge wohl gar
verschiedene Kapitel der Heil Bibel ausmertzen ja die ganze reine und lautere
Theologie in eine andere nach ihrer Phantasie gemachte Forme gießen möchte
Also nimmt es mich gar kein Wunder dass etwa ein oder anderer von dieser Sorte
an meinen guten Kapit Wolffgange und andern Seefahrern zum Ritter werden will
indem sie sich wie mir gesagt ist ungemein gern in alle und allerlei Handel
mengen Jedoch nicht zu hitzig meine feine Herrn mein Rat wäre ihr liesset
die Seefahrer und Felsenburgischen Einwohner ihrer LebensArt und gemachten
Anstallten halber immer zu frieden denn sie befinden sich im Stande ihre
eigenen Verteidiger zu sein
Was diesem GeschichtBuche auch von Jemanden vor ein sauberer Titul durch
Briefe beigelegt und sonsten mit gemeldet worden will dem Verleger zu Gefallen
so deutlich nicht anführen Aber mein Freund sage mir wer hat dich zum
Ausgeber oder Wagmeister der göttlichen Gnade gemacht oder wer bist du dass du
einen frembden Knecht richtest
Deinen Principiis nach dörfften solchergestalt gar keine Historien von
allerlei Lastern Mord Diebsstreichen und dergleichen geschrieben werden und
zwar unter dem läppischen Vorwande dass nicht etwa ein oder anderer zu
dergleichen Lastern angereitzet werden möchte Jedoch zur Zeit hört man nicht
dass sich jemand über etwas anders aufgehalten als wenn etwa die Species facti
eines Fehltritts über das 6te Gebot ob schon in den allerverantwortlichsten
Terminis aufs Tapet gekommen hierbei aber werden die gezeigten üblen
Folgerungen Straffen Erkänntniss und Reue über dergleichen Sünden als der
eigentliche Spiegel in keine Konsideration gezogen
Könte es denn aber auch wohl möglich sein dass sich manche Leute in
eingebildeter vollkomener Weissheit und Erkenntnis von ihren schwermenden
Affecten regiren ließ Solle denn bei einem oder dem andern etwa der Pfahl
gerüttelt sein der ihm im Fleische steckt Man sagt zwar sonst Wer gern
tantzt dem ist leicht gepfiffen Wer außerordentlich verliebt ist findet
leicht was in seinen Krahm dienet Wer gern stiehlt macht sich die Gelegenheit
auch auf den schlechtesten WochenMärckten zu Nutze Aber was kann denn ein
Geschichtschreiber davor wenn lasterhafte Leute sein vorgestecktes Ziel mit
Fleiß verfehlen andere hingegen alles zu Poltzen drehen wollen
Es würde zwar eben keine Herculeische Arbeit kosten diese Materie etwas
deutlicher gründlicher und weitläufftiger auszuführen jedoch weil ich eben
itzo bald MittagsRuhe zu halten gesonnen bin auch außerdem den geneigten
Leser nicht mit einer solchen Vorrede aufhalten mag welche durchzulesen kaum
der 20te Tag des Monats Junii lang genug sein möchte so will obgemeldten censir
enden Mückenseigern an statt der Felsenburgischen Geschichte das 23 Kap
Matæi zum desto fleissigern Durchlesen und sich selbst zum aufrichtigen Erklären
freundlich an recommendiret haben sonsten aber versichern dass es bei
künftigen Attaquen einiger Grillenfänger oder Mocqueurs halten werde wie der
weiland ehrliche Weidemann Erasmus Denn dieser konnte jedoch sans comparaison
seinen Haasen nach belieben schießen oder auch laufen lassen
Tityre tu patulae recubans sub tegmine fagi
Liege nur immer stille und lass mich mit meiner Felsenburgischen Geschicht
ungepfoppt denn man wird zu weilen auch im Schatten von kleinen Mücken
gestochen welche sich nicht so leicht fangen und erdrücken lassen
Basta Ich muss aber noch mit wenigen melden dass wenn 1 ja jemand so
curieus sein sollte zu fragen Warum ich einige Nahmen der Länder Städte und
Menschen entweder gar außen gelassen verkehrt oder nur mit den Initial
Buchstaben und darzu gesetzten Sternleins ausdrucken lassen ihm ad interim bis
wir einander mündlich sprechen schrifftlich zur Antwort dienet wie ich meine
gewissen Raisons darzu gehabt welche nach eingezogenen umständlichern Berichte
hoffentlich kein Vernünftiger tadeln wird 2 Dürffte vielleicht sich ein oder
anderer an die im Ersten Teile mit eingeschlichenen DruckFehler gestoßen
haben weil aber hoffe dass dadurch eben keine blauen Flecke an den Schienbeinen
oder verdrüssliche Excrescenzen an der Stirn verursacht worden so bezeuge
hingegen meine Unschuld indem das Manuskript hoffentlich ziemlich Ortographice
gewesen der beste Setzer und Korrector aber auch leichtlich etwas übersehen
kann Im übrigen werden es wohl gar kleine Kleinigkeiten sein welche der
Hauptsache keinen besonderen Abbruch tun 3 Sage ich noch einmal und bleibe
dabei dass es mir gleich viel gilt es mag ein oder ander viel wenig oder gar
nichts von der Wahrheit dieser Geschichte glauben oder darauf bestehen bleiben
dass ich mich in der Vorrede ziemlich verdächtig gemacht als ob ich selbst nicht
viel davon glaubte Genug es ist keine GewissensSache und außerdem des Heil
Römischen Reichs Wohlfart gar nicht damit verknüpfft Bei Leuten aber die mit
läppischen Vorurteilen schwanger gehen auch so gar das was doch vor aller
Menschen Augen probabel ist nicht einmal in ihr viereckigtes Gefäße des
Gehirns fassen können nähme ich mir nicht einmal die Mühe einen ad hunc actum
notwendigen Policischen StaarStecher abzugeben
Noch etwas kommt mir indem ich dieses schreibe zu Ohren es sollen sich
nämlich ein paar Gelehrte über die in der Vorrede des Ersten Teils auf der
vierdten Seite lin 10 seq befindliche Zeilen Wo mir recht ist halten
sapienti sat aufgehalten und dieselben als etwas zu leichtsinnige beurteilet
haben Allein an statt darauf zu antworten will dieselben ganz freundlich auf
die Vorreden des seeligen Herrn Doct Luteri über das Buch Judit und Tobiä
verweisen und damit Holla
Ubrigens will diesen Andern Teil der Felsenburgischen Geschichte nicht
weiter recommandiren als nachdem ihn der geneigte Leser nach seinem Geschmack
befinden möchte zumahlen ich voritzo nicht mehr Zeit zu verliehren habe als
meiner Schuldigkeit nach annoch zu versichern dass ich sei
Des geneigten Lesers
den 2 Dec
1731
bereitwilligster Diener
so weit es ratsam und möglich ist
GISANDER
Kaum hatte Hn Leonhard Wolffgangs kostbare Englische Uhr welche nach Mons
Litzbergs in Felsenburg verfertigten SonnenZeiger aufs accurateste gestellt
war Nachts zwischen dem 31 Dec und 1 Jan durch zwölff hellklingenge Schläge
den völligen Abschied des 1725sten Jahres angemeldet als nur erwähnte zwei
werten Freunde so wohl als ich Eberhard Julius unsere bereits brennenden
ZündRuten ergriffen und 6 von den auf dem AlbertsHügel gepflantzten
stärcksten Kanonen binnen einer Stunde 4 mahl nötigten ihre scharff
eingepresste Ladung mit Blitz und Donnern von sich zu sprühen da uns denn bei
jeglicher Salve von den 4 WachtHäusern auf den FelsenHöhen jedes Orts aus 3
Kanonen geantwortet wurde wiewohl die auf der Nord und Ost Gegend stehenden
wegen eines starken SüdWestWindes sehr dumpffig im Gegenteil die gegen
Süden und Westen desto schärffer knalleten
Nachdem aber solchergestallt das Neue 1726ste Jahr erfreulich bewillkommet
und dessen Eintritt allen Felsenburgischen Einwohnern kund getan worden legten
wir uns noch einige Stunden zur Ruhe berufften aber früh Morgens um 6 Uhr
durch 3 abermahlige KanonenSchüsse alle andächtige Hertzen zum eiffrigen
GottesDienste welchen Herr Mag Schmeltzer in einer herrlichen Predigt als die
allervortrefflichste Sache zur Erneuerung im Geist unseres Gemüts nach den
Worten Pauli Ephes 4 v 23 24 aufs Beste recommendirte und damit gewisslich
bei allen und jeden starken Eindruck tat
Gleich nach vollbrachten zweimahligen GottesDinste ließ Herr Wolffgang
nochmals alle Insulaner auf morgenden Tag zu einer erlaubten christlichen
Ergötzlichkeit wegen seiner vor wenig Wochen getroffenen Heirat einladen
welche denn alle so wohl große als kleine nicht ermangelten sich gegen die
MittagsZeit in ihrer reinlichsten Kleidung einzustellen Es waren hierzu
bereits seit etlichen Tagen mit gröstem fleisse alle behörige Anstallten gemacht
worden weswegen sich in jedem Stücke die schönste Ordnung zeigte Denn auf der
schönen Ebene am Fuße des AlbertsHügels zwischen beiden Alleeen hatte Herr
Wolffgang die SitzStädten in die Erde eingraben die Tische mit grünen Rasen
erhöhen und besetzen rings herum aber alles mit grünen Laubwerck verzäunen und
vor den heißen SonnenStrahlen oben verdecken lassen so dass es recht mit Lust
anzusehen war Es wird dem geneigten Leser nicht zuwieder sein dass ich einen
kleinen GrundRiss davon beifüge
A Die BrautTafel
B Der ChristiansRaumer Tisch
C Der AlbertsRaumer Tisch
D Der StephansRaumer Tisch
E Der Johannis
F Der Christophs
G Der Jacobs
H Der Simons
I Der Davids
K Der RobertsRaumer Tisch
L 4 Koch und BratStädten
M 3 tieffe und oben verdeckte Gruben worinnen der Wein und ander köstlich
Getränke vorrätig war
An der BrautTafel lassen 1 Herr Wolffgang 2 dessen Liebste Sophia 3 Der
AltVater Albertus 4 Der BrautVater Christian Julius 5 Hr M Schmeltzer
6 7 Albertus Julius II und dessen EheFrau Judit 8 9 Stephanus Julius und
dessen EheFrau Sabina 10 Christoph Julius 11 12 David Julius und dessen
EheFrau Christina 13 Mons Litzberg 14 Mons Kramer 15 Mons Plager 16
Ich Eberhard Julius Jedoch wir 4 Letzteren blieben die kurtzeste Zeit sitzen
halffen vielmehr aus Liebe gegen den Herrn Wolffgang unsern andern letzt mit
gekommenen Kammeraden die einheimischen Gäste bewirten welche sich wie aus
dem gemachten Abrisse zu ersehen Geschlechter weise jedes an einen besonderen
Tisch rangiret hatten Der AltVater aber hatte aus jedem Geschlechte einige
Manns und WeibsPersonen die sich am besten auf die zubereitung der Speisen
verstunden auserlesen weil nun an allerhand feisten Wildpret zahmen und
wilden ZiegenFleisch großen und kleinen Vögeln vielerlei arten von Fischen
Schildkröten SeeKälbern Vögel und SchildkrötEyern allerhand frischen und
eingemachten Kräutern Wurtzeln und köstlichen Früchten kein Mangel sondern
vielmehr alles zum überflusse bei Handen war wurde gewisslich eine dermaßen
delicate Mahlzeit angerichtet dass wir sämtl Europäer zur Verwunderung
gnungsame Ursache fanden Ob nun gleich das TafelZeug und andere
Gerätschaften nicht so zierlich und überflüssig als in Deutschland und anderen
wollüstigen Ländern bei dergleichen Gastereien anzutreffen so ging doch alles
sehr reinlich ordentlich und vergnügt zu zumahlen da eitler Pracht Hoffart
EhrGeitz Uppigkeit nebst der schändlichen Mocquerie von dieser Insul gänzlich
verbannet zu sein schiene hergegen lauter treuhertzigkeit und fromme Einfalt
die dasige LebensArt desto lieblicher machte Ich will aber eben keine
unnötige Beschreibung von den aufgesetzten vielerlei Speisen Gebackens
Konfituren und mancherlei Arten von Getränke machen indem ich die Zeit Tinte
Federn und Pappier an merckwürdigere Geschichte zu spendiren habe also nur
kürtzlich nochmals bekräfftigen dass bei der Mahlzeit alles vergnüglich ehrbar
und ordentlich zugieng
Nach der Mahlzeit welche über 4 Stunden lang gehalten war stellte Herr
Wolffgang vor die jungen Leute beiderlei Geschlechts ein Wettlauffen an indem
er etliche niedrige grüne Bäume aufrichten und dieselben mit allerlei artigen
Europäischen Waren behängen lassen da denn die Hurtigsten ihre Mühe mit den
besten Stücken belohnet fanden die übrigen aber mit den geringeren Sachen
vorlieb nehmen mussten Immittelst hatten die Alten ihr Vergnügen dieses Spiel
mit anzusehen welches biss nach untergang der Sonnen währete Worauff von einem
ganzen Centner gebrandter KaffeeBohnen nebst behöriger Quantität Zucker ein
angenehmes warmes Getränke zubereitet wurde ob aber gleich nicht gnungsame
darzu gemachte KoffeeSchälchen vorhanden waren so musste doch ein jeder der
diesen Nectar aus einem andern bequemen Geschirr zu trincken das einzige
Malheur hatte bekennen dass dem ungeacht seiner delicatesse nicht das
geringste abgienge Da nun die Lustbarkeiten des ersten HochzeitTages mit
eintretender geringen Demmerung ihre Endschaft erreicht begaben sich die
mehresten HochzeitGäste auf den Weg ihre NachtRuhe zu suchen nachdem sie
erinnert worden morgenden Tages und zwar etwa 3 Stunden nach aufgang der
Sonnen wiederum auf dem TafelPlatze zu erscheinen Es nahmen aber die nächst
gelegensten Geschlechter als nämlich die AlbertsSimonsChristians und
StephansRaumer ihre etwas weiter abgelegenen Freunde mit in ihre Behausungen
wie denn auch eine ziemliche Anzahl der weit abgelegenen ihr Logis auff der
AlbertsBurg fanden
Unser Altvater ließ sich zwar nebst den andern Ältesten auch in seine Burg
fahren welchen wir Jüngern biss in sein gewöhnliches Zimmer folgeten da aber
derselbe noch keine Lust zum Schlafen bezeugte sondern uns beredete mit ihm
noch ein paar Pfeiffen Toback bei einem Truncke seines wohl abgesottenen
GerstenWassers zu rauchen war ein jeder bereit dem Altvater der sich diesen
Tag über alle maßen vergnügt bezeigt hatte mit größeren Appetit zu gehorsamen
Selbst Herr Mag Schmeltzer der doch sonsten eben kein sonderlicher Liebhaber
vom Toback rauchen war ließ sich diesen Abend bereden ein Pfeiffgen mit
anzustecken wobei jedennoch allerhand erbauliche Gespräche geführet wurden
biss endlich der Altvater Albertus mit guter Art sein ganz besonderes
Verlangen zu vernehmen gab nach und nach bei bequemer Gelegenheit eines jeden
letztlich mit angekommenen Europäers wahrhafte LebensGeschicht anzuhören Da
nun Herr Mag Schmeltzer so wohl als die andern alle dessen Verlangen so
billig als sich schuldig befanden eine Höfflichkeit nach Vermögen mit der
andern zu vergelten machte erst gemeldter ohne einziges Verzögern selber den
Anfang und erzehlete folgender maßen seine eigene nämlich
Die LebensGeschichte Herrn Mag Schmeltzers
Ich Ernst Gottlieb Schmelzer bin der zweite Sohn eines EvangelischLuterischen
Predigers der in einem PohlnischPreussischen ohnweit Elbing gelegenen Dorffe
sein heil Ammt zu verwalten hatte Der 28 Aug des 1692sten Jahres ist mein
GebuhrtsTag gewesen und von diesem Tage an haben meine seel Eltern keinen
Fleiß gesparet mich nebst meinem älteren Bruder und einer älteren Schwester so
Gott gefällig als die nachkommenden zwei jüngeren Brüder und eben so viel
Schwestern auffzuziehen Wir Kinder bekamen gleich von zarter Kindheit an einen
guten Informatorem nebst einer besonderen WartFrau denn meine Mutter hatte
eine sehr schwere HausWirtschaft zu besorgen zumahlen da mein Vater als ein
exemplarischer Priester allzugewissenhaft war sich um die NahrungsSorgen zu
bekümmern dahingegen er seinem Beruffe auffs eiffrigste nachzukommen trachtete
Allein eben dieser preisswürdige Eiffer brachte meinen seel Vater in seinen
besten Jahren um das zeitliche Leben und zwar bei solcher Gelegenheit Es
hatten bei denen im Jahre 1703 vor PohlnischPreußen sehr gefährlichen
KriegesLäuffen zwei Schwedische Offiziers ohnfern von unserm Dorffe Kugeln
gewechselt worvon der eine sehr gefährlich und zwar der Medicorum Aussage
nach durch den Magen und Unterleib geschossen war So wohl die Medici als
Chirurgi hatten diesen elenden Patienten nach vernünftiger Untersuchung der
Blessur so gleich das Leben abgesprochen und zwar in Erwegung seines jederzeit
geführten ruchlosen Lebens ihn um so viel desto eher dahin zu reitzen den
wenigen Rest seiner LebensZeit noch zur wahren Busse und Versöhnung mit Gott
anzuwenden Und eben dieser Ursachen wegen wird mein seel Vater von dessen
guten Freunden zu ihm beruffen wiewohl die zwei ersten Visiten ganz Fruchtloss
abgehen weilen dieser ateistische Patient weder von der Busse und Bekehrung
und noch vielweniger vom Tode und Sterben etwas hören will Bald hernach
überfällt ihn ein hitziges WundFieber es fängt derselbe ziemlicher maßen an
zu rasen jedoch so bald der paroxismus vorüber und er nur einiger maßen
wiederum zu verstande kömt lassen dessen Freunde nebst denen Medicis und
Chirurgis meinen seel Vater um MitternachtsZeit abermals inständig bitten
sich dahin zu bemühen und des Patienten Seele aus des Teuffels Rachen zu
reißen weilen allen umständen nach selbiger schwerlich noch einen Tag
überleben würde Mein seel Vater lässt an seiner Hurtigkeit und allen er
sinnlichen Arten der Uberredung nichts ermangeln kann aber dennoch seinen Zweck
nicht im geringsten erreichen weilen der Patient ohnablässig rufft Man solle ihm
den schwartzen Pfaffen von Halse schaffen oder er müsse verzweiffeln Mein
werter Herr und Freund sagt endlich mein seel Vater ich wollte gern einen
weißen blauen roten oder anders gefärbten Rock anziehen wenn es mir in
solcher Kleidung möglich wäre eure arme Seele aus des Satans Netzen zu wickeln
allein fasset alle eure Vernunft zusammen und überleget ob es nicht besser sei
einen schwartz gekleideten Diener Gottes der den Weg zum Himmel zeigt als
unzählige höllische Geister die auf die teuer erkauffte Seele lauren vor
seinen SterbeBette zu dulden
Kaum hat mein seel Vater die letzte Sylbe seiner Worte ausgesprochen als
der vom Satan gestärckte Patient ohnvermutet aus dem Bette springt ihn samt
seinen Sessel zu boden stößt über meinen seel Vater herfällt und dessen
Gesicht mit den FingerNägeln aufs grimmigste zerkratzt über dieses ihm zwei
Bisse in die Backen und den dritten in das lincke Ohr versetzt ja endlich
denselben unfehlbar erstickt hatte wenn nicht 5 starke MannsPersonen herzu
gesprungen und diesen MordBuben mit äuserster Gewalt zurück gerissen hätten
Es brachten demnach etliche Leute meinen ganz ohnmächtigen Vater nach Hause
geführet welcher sogleich ins Bette gelegt und von den besten Medicis besucht
und besorgt wurde Der verzweiffelte HöllenBrand hatte noch vor Anbruch des
Tages seine durchteuffelte Seele mit erschrecklichen brüllen ausgeblasen mein
seel Vater aber bekam von dem gehabten Schrecken ein entsetzliches hitziges
Fieber wobei ihm der Kopf wegen der unfehlbar sehr gifftigen Bisse grausam
aufschwall so dass er ungeacht alles angewandten Fleißes der Medicorum und
Chirurgorum 7 Tage hernach seinen Geist aufgeben musste
Also wurde ich in meinen 11ten Jahre nebst meinen 6 andern Geschwistern
von welchen der jüngste Bruder nur etliche Wochen alt war plötzlich zur armen
Waise gemacht denn obgleich mein Vater bei nahe 16 Jahr in einer sonst sehr
austräglichen Pfarre gesessen so war es doch wegen verschiedener
UnglücksFälle die von den allgemeinen LandesPlagen herrühreten in seiner
Hausshaltung endlich so weit gekommen dass seine beste Verlassenschaft dem
gemeinen Sprichworte nach in libris liberis in Büchern und Kindern
bestund Meine liebe Mutter zohe gleich nach verflossenen GnadenJahre nebst uns
Kindern in ihre GeburtsStadt Elbing zumahlen da sie von ihrer Mutter
Schwester die eine betagte und Kinderlose Frau war auf begebenden SterbeFall
noch eine ziemliche Erbschaft zu hoffen hatte Mein ältester Bruder welcher
keine Lust zum Studiren hingegen desto größere zur Chirurgie und BarbierKunst
bezeugte wurde also in seinem 16ten Jahre zu einem berühmten Meister dieser
Profession gebracht Er reiste nach ausgestandenen 3 LehrJahren in die Welt
kam nach 6 jähriger Abwesenheit wieder zu Hause nahm aber bald darauf Dienste
auf der Schwedischen Flotte unter dem Schout bei Nacht Ehrenschild da aber ein
Teil gedachter Flotte am 27 Jul 1714 von den Russen geschlagen wurde hatte
mein ehrlicher Bruder auch das Unglück sein junges leben dabei zu verlieren
Ich meines Teils war von Jugend an desto eiffriger auf die Bücher erpicht und
mein getreuer Informator gab sich so wohl als mein leiblicher Vater die
äuserste Mühe so bald ich nur das deutliche Reden erlernet mir zugleich mit
der deutschen auch die lateinische Sprache so zu sagen in der MutterMilch
einzuflößen Weiln ich nun die GrundRegeln derselben nach und nach recht
spielende fasste so setzten mich meine treuen Præceptores auf dem Elbinger
Gymnasio in meinem 13den Jahre mit in Selectam wodurch mein beständiger Fleiß
um so viel desto mehr angefrischet wurde Außer diesem widmete ich meine
FreiStunden der Choral und InstrumentalMusik und brachte es durch unermüdete
Lust und Liebe ziemlich weit darinnen Weiln aber außer dem GeldBeutel meiner
lieben Mutter die doch nebst denen noch übrigen 5 Kindern selbst von der
Schnure zehren musste wenige Beihülffe zu suchen wusste indem unsere alte Frau
Muhme als eine dem Geitze sehr ergebene Frau bei ihren großen Vermögen noch
immer Hungers zu sterben befürchtete und der Himmel auf einem andern Gymnasio
wegen meiner reinen und ziemlich manierlichen SingeStimme sehr wichtige
subsidia vor mich zeigte schaffte mich meine liebe Mutter auf inständiges
Anhalten unter Vergiessung häuffiger Tränen mit zufälliger guter Gelegenheit
dahin allwo sonderlich die herrlichen Testimonia meiner Præceptorum und
RecommendationsSchreiben anderer vornehmer Leute mir den profitablesten
Unterhalt verschaften
Es war kurtz nach Pfingsten des 1707den Jahres da ich solchergestallt eine
ganz neue und verbesserte Einrichtung in meinem Studiren machte und weilen mir
das Glück favorisirte mich bei dem ersten Examine so wohl im Peroriren als in
der Elaboration aller vorgegebenen Exercitien vor andern die doch weit älter
als ich waren ziemlicher maßen hervor zu tun fiel mir die Gunst vornehmer
SchulPatronen und der neuen Præceptorum in reicherer Masse bei als ich mir
hätte einbilden können Ein vornehmer Mann mit dessen 12 jährigen artigen
Sohne ich die Humaniora alltäglich zu seinem und meinem Nutzen aufs fleissigste
repetiren musste gab mir aus besonderer Liebe gegen meine Wenigkeit freien
Tisch Stube Holtz Licht Wäsche und über dieses alles noch manchen schönen
Taler an baaren Gelde ja da er meine besondere Emsigkeit merkte zohe er
selbst noch 4 andere wohlgezogene Knaben zu dieser privatUbung deren Eltern
als lauter vornehme und wohlhabende Leute mich unverdienter Weise mit
Geschencken fast überhäufften Nächst diesem brachte mir meine SingeStimme die
sich Wöchentlich im Chore alle Sonntage bei der KirchenMusique und dann auch
öfters in vornehmer Leute Häuser hören ließ ein starckes Accidens zu wege
weswegen ich nach Verlauff des ersten halben Jahres nach Abzug aller
Bedürffnissen meiner lieben Mutter 6 spec Ducaten nach Hause schicken konnte
Solcher glückliche Zustand wurd mir aber nach Verlauf weniger Zeit durch
eine odieuse Begebenheit mit desto größeren Jammer eingetränckt Denn es ist zu
wissen dass an dem orte meines damaligen auffentalts ein Kollegium des
RömischKatolischen so genandten JesuiterOrdens war mit dessen Schülern meine
Kommilitones nämlich die EvangelischLuterischen Gymnasiasten in beständigen
Zwistigkeiten lebten Ich habe mich vor meine Person niemals bemühen wollen zu
untersuchen welche Partei der andern am meisten Gelegenheit zum Zancken und
Streiten gegeben weilen bekannt dass gemeiniglich unter allen Heerden räudige
Schaafe zu finden sind Allein zu meiner Zeit weiß ich gewiss dass uns die
JesuiterSchüler allen ersinnlichen Verdruss antaten absonderlich kränckte uns
nachfolgender SpottStreich am aller empfindlichsten Es befand sich ohnfern von
der Stadt in einem lustigen SpatzierGange von Natur ein artiges Echo welches
die letztern etwas stark ausgerufften Sylben der Wörter, zu 2 3 biss 4 mahlen
ungemein vernehmlich repetirte In dieser Gegend nun pflegten sich der Jesuiter
Schüler sehr öfters aufzuhalten so bald dieselben aber merckten dass sich etwa
ein oder anderer Gymnasiaste ebenfalls daherum divertirte schrye gemeiniglich
einer von unsern Feinden folgende läppische jedoch sehr empfindliche
StichelWorte aus
Quid est Luteranus Echo resp Anus
Quid est Luteri æmulus Mulus
Quomodo vocatur Luteranorum
studiosus O sus
Wir bemerckten zwar bald dass dieses eine Parodie auf den lustigen Einfall eines
längst verstorbenen protestantischen gelehrten Mannes wäre nahmen uns aber
nicht einmal die Mühe andere dergleichen SchimpffSprüche auszusinnen jedoch
waren einige der Unsern so hertzhaft die eigenen Worte des vorerwähnten
Gelehrten dem Echo entgegen zu ruffen
Quid est Jesuitulus Echo resp Vitulus
Nonne nequam est Jesuitu Ita
Hierüber kam es nun verschiedene mahl zum würcklichen HandGemenge wobei bald
der JesuiterSchüler bald die Evangel Gymnasiasten blutige Köpffe und blaue
Flecke davon trugen Einsmahls aber da ich nebst andern Koncertisten auf eine
Hochzeit Musik zu machen beruffen war befanden sich auch ein paar Jesuiter
Schüler oder Studenten wie sie gern heißen wollten daselbst gegenwärtig
welche indem wir nebst andern Musicanten bei Tische saßen und speiseten nicht
unterlassen konnten ihre eingebildete Gelehrsamkeit mit vielen lateinischen
StichelWorten an Tag zu legen unter andern brachte einer ex tempore folgendes
lateinisches Distichon zu Marckte
Quo Luteranus dic possit nomine dici
Hæresium dici biblioteca potest
Es sollte etwa auf Deutsch so viel zu verstehen geben
Sag an Was eigentlich ein Luteraner sei
Er ist der Inbegriff von aller Ketzerei
Ich weiß nicht wie es kam dass indem ich unter Anhörung dieser Verse ein
SpitzGlässgen Wein tranck meine Vena poetica ganz außerordentlich begeistert
wurde weilen da ich solches nach 2 mahligen kurzen Absetzen gänzlich
ausgeleeret hatte folgendes Distichon nicht so bald fertig als unbedachtsam
von mir heraus gesagt war
Ordine nil melius sed nil est ordine pejus
Qui Jesu nomen non tamen omen habet
Deutsch
Das ist der beste zwar doch auch der böste Orden
Der sich nach JESU nennt und ihm nie gleich geworden
Man ersah augenblicklich an den ergrimmten Gesichtern unserer beiden
Wiedersacher dass ihnen die Galle aufs gräulichste über die Gräntzen trat indem
sie von einem sechzehendehalb jährigen Knaben dermaßen hässlich abgekappt
worden Ein gewisser Musicus aber der ein sehr guter Lateiner war bat mich
dieses Distichon noch einmal her zu sagen und da mich dessen aus Ubereilung
nicht wegerte schriebenes so gleich nebst ihm meine Kommilitones wie auch
noch andere dabei sitzende in ihre SchreibTafeln weswegen unsere Widersacher
aus Bosheit mit den Zähnen knirscheten da sie aber selbiges Orts kemen
kräfftigen Beistand wussten ließ sich die Buben ihre Nachgier auf frischer
Fart auszuüben vor dieses mahl vergehen und schlichen ganz stillschweigend
davon
Unser Rector hatte folgendes Tages diesen Streich nicht so bald vernommen
als er mich nebst den andern Gymnasiasten die mit auf der Hochzeit musiciret
hatten zu sich ruffen ließ Nach seinem Befragen geschahe von uns allen ein
offenhertziges Bekenntnis dessen was vorgegangen war Er schrieb mein Distichon
in sein Diarium schüttelte hernachmahls den Kopf und sagte Mein Sohn euer
gutes Ingenium ist so wenig zu tadeln als das herrliche Naturell zur Poesie
allein gebraucht dasselbe künftig hin mit größter Vorsicht zumahl an solchen
Orten wo gewisser maßen Ecclesia oppressa ist Die Herrn Jesuiten sind so
wohl als ihre Schüler sehr rachgierige Leute solchergestallt köntet ihr gar
leicht euch und uns allen großen Verdruss und Unglück über den Hals ziehen
Wer weiß was sie dieser Affäre wegen zusammen schmieden werden indessen ist
mein getreuer Rat dass ihr euch auf der Straße und sonderlich bei
AbendsZeit sehr wohl in acht nehmt um ihren Schülern nicht in die Krallen zu
geraten
Mein Principal nebst andern Patronen und guten Freunden gab mir eben
dergleichen guten Rat und Warnung zu vernehmen immittelst ward mein Distichon
fast in allen Evangelischen Häusern kundbar jedoch die Herrn Jesuiter
stelleten sich an als ob sie diesen Streich entweder nicht wüsten oder nichts
achteten deswegen fing ich nach Verfluss eines ganzen Monats zu glauben an
meine Furcht und gebrauchte Vorsicht nicht etwa ein SchlachtOpffer ihres
Eiffers zu werden sei ganz und gar vergebens Allein dass nicht alle schlaffen
welche die Augen zu tun und dass die stillen Wasser gefährlich und tieff sind
musste ich damals zu meinem ziemlichen Unglück erfahren Denn da ich eines Abends
vor der HausTür stund kam ein grün gekleideter Laquei und bat mich ihn zu
berichten in welchem Hause der Gymnasiaste Schmeltzer anzutreffen nachdem ihm
nun vergewissert dass ich selber derjenige sei welchen er suchte sprach er
mit sehr freundlichen Gebärden ich sollte so gut sein und ihm in ein gewisses
Haus welches er mir nennete folgen weilen daselbst zwei frembde Kavalier
meine ihnen so sehr gerühmte SingeStimme bei einer doucen AbendMusique zu
hören verlangten meine Mühe aber reichlich belohnen wollen Allein setzte er
hinzu ich dürffte mich nicht säumen weil sie und die Musicanten selbst mit
schmertzen darauf warteten Zu meinem Unglück war mein Principal nebst seiner
Familie bei einem vornehmen Freunde zu Gaste und weil ich über 2 oder 3
Stunden nicht auszubleiben vermeinte sagte ich dem HausGesinde gewisser
Ursachen wegen nicht wo ich hin wollte sondern holete nur eiligst einige
Musicalien von meiner Stube mit welchen ich dann ohne eintziges Nachdencken
dem unten vor der Tür auf mich wartenden Laqueien sehr hurtig nachfolgte Es
traff ein dass ein Paar sehr proprè gekleidete Kavalier in der OberStube des
bezeichneten Hauses saßen allein es waren nur zwei mir ganz unbekandte
Musicanten bei ihnen deren einer eine Violdi Gamba der andere aber eine
Violine spielete Man bewillkommete mich aufs allerfreundlichste und sagte nach
diesen Monsieur ihr hättet nicht nötig gehabt Musicalien mit zu bringen weil
wir allbereit diejenigen Stücke so wir längst gern hören mögen bei uns haben
Demnach legten sie mir eine nicht uneben gesetzte Kantata vor die ich ohne
Bedenken annahm und nach meinem besten Vermögen abfunge Sie bezeugten so bald
dieselbe zum Ende ihr sonderliches Vergnügen darüber und überreichten mir noch
eine dergleichen nach deren Absingung ich eine kurtze Zeit ruhen auch ein paar
Gläser Wein nebst etwas Konfect genießen musste Hierauff wurden noch andere
lustige Arien und dergleichen Zeug hervor gesucht doch weil alle ganz leicht
gesetzt waren hatte ich wenige Mühe dieselben gehörig heraus zu bringen Beide
Kavaliers legten mir also ein ganz besonderes Lob bei so dass ich endlich
bitten musste mich nicht zu beschämen Immittelst musste mir der Laquei mehr Wein
und Konfect bringen weil ich aber sehr wenig trincken und essen wollte sprach
der eine Kavalier Er wird vielleicht diesen Wein seiner Stimme nicht zuträglich
befinden Jacob lange ihm ein Glas Kanari Sect aus dem FlaschenFutter nebst
zweien von meinen köstlichen Morsellen dieses wird ihm appetitlicher und
nützlicher sein Ich deprecirte zwar alles da aber der Diener augenblicklich
beiderlei herbei brachte ließ beide Kavaliers nicht ab zu nötigen biss ich
alles auf ihre Gesundheit verzehret hatte
Mittlerweile zohe einer von den Musicanten eine Partitur aus dem Busen und
sagte zu beiden Kavaliern Gnädige Herren ich habe hier eine sehr artige ganz
nagelneucomponirte Kantata mit Dero gnädigen Erlaubnis wollen wir doch
dieselbe probiren Da nun beide mit Neigung der Häupter ihren Wohlgefallen
zeigten musste ich mich bequemen aus der Partitur zu accompagniren Die letzte
Aria von dieser Kantata habe ich nach der Zeit niemals vergessen können sie
lautete aber also
So muss man die Füchse fangen
Die so schlau und kühne sind
Tölpel mercks du bist betrogen
Ja du bist ins Garn gezogen
Füchse riechen sonst den Wind
Aber du bist fehl gegangen
Da Kapo
Es handelte zwar die ganze Kantata durchgehends von einem ins Garn gebrachten
Verächter der Liebe allein da ich nachher der Sache besser nachgedacht so
habe dieselbe zweideutig befunden denn unter dem gefangenen Fuchse wurde wohl
niemand anders verstanden als ich damahliger armer Schüler Unter währender
dieser letzten Arie aber lachten so wohl die beiden Kavalier als die Musicant
en dermaßen dass die letztern fast nicht spielen konnten die ersteren aber die
Bäuche halten mussten Dennoch vermerckte ich nicht den geringsten Unrat weilen
nichts weniger vermeinte als dass ich mich unter ganz verzweiffelt listigen
MenschenFängern befände Im Gegenteil wurde mir auf einmal sehr übel im
Leibe ein heftiger Schwindel des Haupts verursachte dass ich bei nahe
ohnmächtig zu Boden gesuncken wäre wenn mich der Laquei nicht aufgefangen und
auf ein in der NebenKammer stehendes Bette getragen hätte So bald ich zu
liegen kam vergiengen mir vollends alle Gedanken ja ich verfalle in einen
dermaßen tieffen Schlaff dass sich endlich bei dessen allzu langen Anhalten
meine Feinde genötigt sehen mich ich weiß nicht ob mit dem Dampffe von
Schwefel oder anderer hässlich stinckender Materie auffzumuntern Allein nachdem
ich völlig ermuntert war wäre es kein Wunder gewesen wenn ich aufs neue
ohnmächtig worden oder gar den Geist aufgegeben hätte Denn ich befand mich in
einem fürchterlichen unterirrdischen KellerGewölbe und sah 10 oder 12
wohlbekandte JesuiterSchüler mit brennenden PechFackeln um mein Bette
welches aus etlichen Halmen auf der Erden ausgestreuten Strohes bestund als
junge Teuffel mit Feuer Bränden gewaffnet herum laufen Man hatte mich biss
aufs bloße Hembde ausgezogen und an statt der Kleider mit einer alten
JesuiterKutte bedeckt unter welcher ich aber bereits ganz starr gefroren war
Dem ungeacht musste ein Knecht der eine große Rute in Händen hielt näher
kommen mir das Hembde über den Kopffe zusammen ziehen und meinen Leib von
Schultern biss auf die FußSohlen so lange geisseln biss ich überall mit meinem
Blute gefärbt war Ich schrye und winselte dergestalt erbärmlich dass die Steine
hätten mögen zum Mitleiden bewogen werden meine Felsenharten Peiniger aber
trieben ihr Gespötte drüber und sagten endlich da ihr HenckersKnecht vom
zuhauen Krafftloss war Nun könnte ich aus der Erfahrung reden ob die Jesuiten
gute oder böse Leute wären und dasselbe in weitläufftigern Versen aussführen
gingen hiermit ingesamt davon und ließ mich in der allerdicksten
Finsternis im größten Schmerzen alleine zurücke doch kam nach Verlauff
etlicher Stunden der Knecht und brachte ein Stück Brodt nebst einem Topffe
Wasser zu meiner kümmerlichen LebensErhaltung wiewohl ich vor Angst und
Schmerzen wenig oder gar nicht an die NahrungsMittel gedachte
Man sollte zwar wohl meinen dass diese grimmigen Furien solchergestallt ihr
Mütlein sattsam an mir gekühlet hätten allein nichts weniger als dieses denn
des andern Tages kamen dieselben um vorige Zeit wieder und trieben eben
dasselbe MordSpiel mit meinem schwachen Körper Am dritten Tage geschahe
dergleichen so dass nunmehr fast gar nichts gesundes am ganzen Leibe zu finden
sondern die etliche tausendmahl zerkerbte Haut überall mit Eyter und Blut
unterlauffen war Ach wie Betete ich so fleißig dass mich ein baldiger seliger
Tot aus diesem peinlichen Zustande erlösen möchte weil auf anderweitige
Befreiung ganz und gar nicht zu gedenken war Jedoch kein SelbstMörder zu
werden nahm ich in der dritten Nacht zum ersten mahle etwas Brod und Wasser zu
mir konnte aber selbiges nicht bei mir behalten sondern musste es sv
wiederum hinweg brechen weswegen meine Schwachheit in wenig Stunden dermaßen
zunahm dass ich nicht noch eine Nacht zu leben vermutete gleich wohl kamen die
Barbarn am 4ten Tage ebenfalls wieder mich zu quälen deswegen redete ich sie
ganz behertzt also an So schlaget denn zu ihr Tyrannen und weidet eure Augen
an meiner zeitlichen Marter wisst aber dass dieser Tag vielleicht der letzte
meines Lebens sein wird und dass ihr euch werdet bequemen müssen mir dieses
Tractaments wegen vor Gottes RichterStuhl Rede und Antwort zu geben Die
LotterBuben lachten dieserhalb überlaut und stießen über dieses die
schändlichsten uñ Gotteslästerlichsten Reden aus ihren vermaledeiten Hälsen
befahlen auch dem Knechte sein Amt nur getrost zu verrichten Nachdem nun
dieser mein in die verwundete Haut ganz eingebackenes Hemde mit Gewalt
abgerissen so dass ganze Flatschen daran hangen blieben ich aber nicht die
geringste Empfindung spüren ließ sprach er Meine lieben Herren meine Mühe ist
vergebens der verteuffelte Ketzer fühlet voritzo nichts mehr der Satan hat ihn
abgehärtet lasset ihn so lange Ruhe biss er halb wiederum heil worden was
gilts hernach sollen meine Streiche um so viel desto heftiger anziehen
Hierauff redete mich einer von der jungen BasiliskenBrut also an Höre
Hund wilstu dich entschließen deinem Ketzerischen Glauben abzuschweren so
wollen wir alle vor dich bitten dass dir die annoch zugedachten übrigen
gerechten Strafen geschenckt werden wo nicht so wirstu in wenig Tagen
empfinden müssen dass alles bisherige Verfahren ein bloßes Kinder Spiel gegen
diejenigen Martern zu achten sei die dir annoch vorbehalten sind Da behüte
mich GOTT vor gab ich zur Antwort dass ich meinen allein seligmachenden Glauben
verleugnen und verschweren sollte macht mit mir was ihr wollt GOTT kann und
wird mich eher aus eurem Mord Klauen erlösen als ihrs vielleicht glaubt Dieser
Worte wegen stieß mich einer mit dem Fuße dermaßen in die Seite dass mir fast
aller Otem vergieng meine Peiniger aber verließen mich also vor dissmahl ohne
mir fernere Marter anzutun Ich verhoffte ganz gewiss dass die folgende Nacht
die Letzte meines Lebens sein würde allein selbige mochte kaum eingetreten
sein da mich zwei Knechte aus dem finsteren Keller herauff trugen und in eine
ziemlich gute Kammer zu Bette brachten Nachdem mir ein alter Chirurgus ein
weißes Hembde angezogen und meinen ganzen Leib mit einer Schmertzstillenden
und heilenden Salbe bestrichen hatte brachte man mir auch eine gute warme
Suppe eine halbe gekochte Taube ingleichen etwas Wein von welchen allen ich
ein sehr Weniges zu mir nehmen konnte jedoch in selbiger Nacht einige Ruhe
genosse
Folgenden Morgen kam nebst dem alten Chirurgo auch ein alter Jesuite mit
vor mein Bette da denn so bald mich der erste abermals mit der guten Salbe
bestrichen der andere so gleich ein Gespräch von meiner ReligionsVeränderung
anfing Selbiges währete länger als 2 Stunden weil er aber dessfalls lauter
unwichtige BewegungsGründe aufs Tapet brachte blieb ich endlich bei dem
Schluße dass mir ganz unmöglich eine andere Religion zu ergreiffen so lange
ich nicht der Unrichtigkeit von der meinen vollkommen überzeugt sei Dem
ungeacht gab mir der alte Pater so wohl als der Chirurgus lauter gute Worte
weil sie mich hiermit um so viel desto eher zu gewinnen vermeinten wollten auch
sagen es hätten ihre Schüler wieder der Ehrwürdigen Patrum Wissen und Willen
mich elenden Menschen gefangen nehmen und dermaßen zurichten lassen nachdem
es aber einmal geschehen stünde es nicht zu ändern jedoch sollten sie
nachdrücklich genung darvor gestrafft mir aber alles Glück und Wohlsein
befördert werden daferne ich mich nur gutwillig zu ihrer Religion bekennen und
denen Ketzereien auf ewig abschweren wollte Allein ich glaubte von allen so viel
als ich nötig zu sein erachtete und weilen meine Resolution bereits mehr als zu
deutlich ausgesprochen war übrgieng ich das Ubrige alles mit Stillschweigen
welches sie mir denn auch in Betrachtung meiner großen Schwachheit und
Schmerzen ziemlicher maßen zu gute hielten und mich mit ferneren Anfällen
einige Tage verschoneten
Mittlerweile verschafte mir der alte Chirurgus täglich die niedlichsten
Speisen und Getränke sparete auch sonsten keinen Fleiß meine Gesundheit
wiederum herzustellen woher denn kam dass ich nach Verlauff dreier Wochen
ziemlich frisch und munter wurde Von der Zeit an stellte sich immer ein alter
Pater um den andern in meiner Kammer ein aus welcher ich keinen Fuß setzen
sondern als ein auf Leib und Leben gefangen sitzender Delinquente Tags und
Nachts hindurch verbleiben musste Dem ungeacht fruchteten ihre beständig
mühsamen Lehren nicht das allergeringste bei mir sondern ich wurde nur immer
desto mehr in meinem Vorsatze bestärckt die reine EvangelischLuterische Lehre
nicht zu verschweren und sollte es auch gleich mein junges Leben kosten
Solchergestalt wurde mir nicht allein aufs neue mit der täglichen Geisselung
gedrohet sondern man fienge auch wirklich an mich wieder mit bloßen Wasser
und Brod zu speisen welches mir doch der gütige Himmel weit besser als die
andern LeckerBissen gedeihen ließ Wenige Tage hernach bekam ich dennoch
andere bessere Speisen vermerckte aber in den Gesichtern aller derer so bei mir
aus und eingiengen eine allgemeine Bestürtzung und etwas schwächern Eifer
mich zu quälen oder umzukehren glaubte deswegen man würde mich vielleicht
unter gewissen Bedingungen ehestens meiner Wege laufen lassen Allein es war
weit gefehlt denn wie ich nachher erfahren und wohl erwogen so sind meine
Widersacher aus keiner andern Ursache dermaßen Bestürtzt gewesen als weil sich
eine in der Stadt grassirende gifftige Seuche auch in ihren Kollegio
angemeldet und etliche so wohl Junge als Alte plötzlich hinweg gerafft hatte
Endlich wurde ich in einer gewissen Nacht unverhofft aus dem ersten Schlafe
gestöhret und von einem Bedienten der alle meine ordentlichen Kleider mit sich
brachte angestrengt mich aufs hurtigste anzukleiden Die Einbildung dass meine
ErlösungsStunde nunmehr erschienen sei machte mich dergestalt frölich und
hurtig dass ich in wenig Minuten völlig fertig war Demnach wurde in der
Finsternis hinunter geführet und in einen Wagen gebracht worinnen allbereit 2
alte Patres und 2 mir an Jahren ziemlich gleiche so genandte Studenten saßen
zwischen deren Füßen ich als ein Hund liegen auch nicht selten von den jungen
Bösewichtern empfindliche Tritte und Stöße erdulden musste Der Wagen ware rings
herum dichte zugemacht und verwahrt deswegen konnte und dorffte mich gar nicht
umsehen ungeacht das TagesLicht völlig angebrochen war wiewohl es in den
ersten zweien Tagen entsetzlich stark regnete So oft ein natürlicher Antrieb
mich oder die andern aus dem Wagen zu steigen nötigte kam mir nichts in die
Augen als mehrenteils wüstes Feld Wälder und etwa sehr weit entlegene Dörffer
oder kleine Städte Niemahls sind wir vor dunckeler Nacht in ein Quartier
gekommen und mehrenteils früh vor Anbruch des Tages wieder fort gereist ich
bemerckte aber dass meine Führer lauter Klöster zu ihrem Abtritt erwehlet und
vermutlich allezeit einen reitenten Boten der das Logis bestellen müssen
voraus geschickt hatten Mittlerweile bekam ich so wohl des Abends im Quartiere
als bei Tage im Wagen sehr gute Speisen hatte aber sehr wenige Gelegenheit
meinen Mund zum Reden auffzutun welches mir denn ungemein lieb war meine
Führer aber redeten eine selbst erdichtete aus vielen andern vermischte
Sprache und zwar dermaßen geläuffig mit einander, dass mir unmöglich war nur
ein eintziges Wort davon zu verstehen
Nachdem wir nun solchergestallt 7 ganzer Tage die Reise ziemlich hurtig
fortgesetzt hatten wurden endlich einem ganz großen Kloster zwei Tage zum
Aussruhen angewendet ich aber befand mich in einer festen Kammer eingesperret
durch deren wohl verwahrte Fenster eine große See wohlbestelltes Feld weit
davon aber ein großer Wald zu betrachten war Nachts wenig Stunden vor unsern
wieder Abreisen sagte einer von den jungen Jesuiten zu mir Nun KetzerHund
Nun hastu hohe Zeit dich zu bekehren wiedrigen falls wirstu ehe noch 3 Tage
vergehen an einen solchen Ort gebracht werden wo allerhand schmertzliche
Plagen deiner warten Ich überlasse mich war meine Antwort der Fügung des
Höchsten der mir nicht mehr Trübsal aufflegen wird als ich werde ertragen
können ja es ist ihm ein geringes mich unschuldige Kreatur aus den Händen
meiner Peiniger wo nicht auf andere Art jedoch durch einen seel Tot zu
erlösen Wie kann sich doch versetzte der Bube hierauf so eine verfluchte
KetzerSeele der Hilfe des Höchsten getrösten Unter diesen Worten aber schlug
er mich mit der Hand dergestallt ins Angesicht dass mir das helle Blut aus Mund
und Nase lief Hierüber riss mein GeduldFaden plötzlich entzwei also nahm ich
den frechen Buben beim Halse riss ihn zu Boden und klopffte seine Nase mit der
vollen Faust so lange biss sein Gesicht ebenfals über und über mit Blut
gefärbet war Jedoch ich hatte bald hernach Ursach genung meine Unbesonnenheit
und jachzornige Ubereilung zu bereuen denn als sein Kamerad nebst den beiden
Patribus herzu kam und ihnen mein Feind berichtete dass ich ihn
Meuchelmörderischer Weise überfallen und stranguliren wollen ich aber auf meine
GegenKlage nicht einmal gehört wurde musste der Kutscher kommen und mich mit
einem dreifach zusammen gedreheten Stricke so lange schlagen biss ich ganz
ohnmächtig auf dem FußBoden liegen blieb
Etwa zwei Stunden hernach wurde ich dergestalt zerlästert ja fast halb
tot auf den Wagen getragen und musste den darauf folgenden Tag über rechte
HöllenMarter ausstehen denn die beiden jungen SatansEngel traten und
stießen nicht allein fast alle Augenblicke auf meinen ganz mit Blut
unterlauffenen Leib sondern taten mir außerdem alle nur ersinnliche Schmach
an welches die zwei Ehrwürdigen Herrn Patres nicht nur geschehen ließ
sondern auch ihre hertzliche Freude darüber bezeugten Selbigen ganzen Tag
über gönnete mir ihre Grausamkeit nicht das allerwenigste von Speise und
Tranck sie hergegen hatten etliche Flaschen Ungarischen Wein aufgetrieben und
soffen sich darinnen rasend voll Abends im Logis gab mir der Kutscher etwas
Brod und Wasser zum NachTische aber 30 Streiche mit vorerwähnten knotigen
Stricke welches unsäglich schmertzhafte Tractament mir alle NachtRuhe
verwehrete so dass ich gegen Morgen ohne einem einzigen Augenblick geschlaffen
zu haben abermals auf den Wagen geschleppt wurde
Ohngeacht ich nicht schlafen konnte so hatte doch vor meinen Peinigern in
etwas Ruhe weilen alle 4 des gestrigen Tages und Nachts in Uberfluss gesoffenen
Weins wegen in einen tieffen Schlaff verfallen waren Die auffgehende liebliche
Sonne schickte einen einzigen von ihren erwärmenden Strahlen durch eine
geringe Oefnung des Wagens auff mein Gesicht und Hände welches indem mir als
etwas seltsames vorkam mich von der Sonne bescheint zu sehen ein inner und
äuserliches Vergnügen verursachte Ich verrichtete deswegen mein andächtiges
MorgenGebet und bat GOTT mit heißen Zähren daferne es sein Heil Wille wäre
mich armes SchlachtSchaaf auf was vor Art ihm beliebte aus den Händen meiner
Feinde zu reißen damit ich bei so starken Anfechtungen nicht etwa in
Verzweiffelung fallen oder gezwungener Weise den wahren allein
seeligmachenden Glauben verleugnen möchte
Dieses mein heimliches Schreien war also noch ehe ichs vermutete erhöret
und der Tag meiner Erlösung erschienen denn ehe noch eine Stunde verlief hielt
unser Kutscher plötzlich stille riss den Wagen auff und fragte mit ängstlichen
Gebärden in Pohlnischer Sprache Was er anfangen sollte indem er von ferne eine
Schwedische Partei zu Pferde auf uns zu kommen sähe Ich verstund alles sehr
wohl ohne dass es meine Feinde vermeinten wünschte also von Hertzen dass uns
die Herrn Schweden anhalten möchten Die Patres so wohl als ihre jungen
HenckersBuben ließ deutlich merken dass ihnen das Hertz im Leibe zittere
wenn sie nur das Wort Schweden nennen hörten wurden auch sämtlich so blass
wie Leichen fasseten aber einen kurzen Schluss und sagten Der Kutscher solle
nur Lincks um machen und aufs schnelleste dem dicksten Walde zu eilen
Dieserwegen schien die Hoffnung meiner Erlösung in den Brunnen zu fallen allein
die guten Herrn Patres hatten sich mit ihren Aussweichen selbst verdächtig
gemacht also vermerckten die Herrn Schweden Unrat gaben ihren Pferden die
Sporn jagten QuerFeld ein ertappten also unsern Wagen kurtz vor dem Walde
Wie ich nach der Zeit vernommen haben wir uns damals eben in Pohlen auf
der LandStrass zwischen Kruswick und Gnesen befunden so bald aber die Herrn
Patres merckten dass ihnen die Schweden auf dem Halse waren und bereits dem
Kutscher mit aufgezogenen Karabinern bedroheten ihn bei verweigerten Stand
halten vom Pferde herunter zu schießen stiegen alle beide aus dem Wagen und
vermeinten sich mit List von den Schweden los zu wickeln indem sie vorgaben
dass sie Kruswikische Geistliche und in einigen daherum liegenden Dörffern
Zinsen eintreiben wollten hätten aber noch zur Zeit keinen Choustack welches
eine Pohlnische MüntzSorte ist einbekommen allein der commandirende Offizier
nahm zwar diesen Bericht taliter qualiter an ließ sich aber dennoch die Lust
ankommen zu sehen ob sonsten etwas verdächtiges im Wagen anzutreffen sei Als
er demnach die Leder zurück risse und hinein schaute raffte ich mich eiligst
auf und schrye ihm entgegen Ach mein Herr ich zweiffele fast nicht dass ihr
ein guter Evangelischer Christ seid deswegen habt die Barmhertzigkeit einen
armen Evangelischen Priesters Sohn aus den Händen dieser grimmigen Leute zu
erretten welcher schon viele Wochen daher von ihnen entsetzliche Marter
erdulden müssen weil er dem EvangelischLuterischen Glauben nicht abschweren
will Ja mein Herr fuhr ich fort ihre Reise ist voritzo hauptsächlich darum
angestellet mich in ein abgelegenes Kloster zu stecken allwo ich gewiss durch
weit mehr Quaal und Marter zum Abfall gezwungen werden oder darinnen jämmerlich
sterben soll
Wie klinget dieses meine schönen Herrn Patres fragte hierauf der
Offizier indem er sie beide mit einer martialischen Mine ansah hierauf gab
der eine welcher ein ausgelerneter ErtzVogel war dem Scheine nach ganz un
passionirt und lächelnd zur Antwort Gestrenger Herr Sie können nicht glauben
was maßen dieser Bube eine rechte Quinta Essentia aller Schelmen ist die nur
auf der Welt leben können Man bedencke nur was vor eine verzweiffelte Lügen
derselbe sogleich vorbringen kann indem er eines RömischKatolischen Kauffmanns
Sohn ist Sein Vater hat sehr viel an ihn gewendet der Bube hat auch so
ziemlich was gerlernt dabei aber mit stehlen rauben huren spielen sauffen
ja mit allen Lastern seinem Vater dermaßen viel Hertzeleid zugefügt dass dieser
endlich die Patres de Societate Jesu um Gottes willen gebeten ihn in ihre
Zucht zu nehmen damit er bekehret und zuletzt nicht etwa an den Galgen
gebracht werde
Mentiris Kain ja du gewissenloser Pfaffe schrye ich ihm ins Angesicht
hinein du leugst dieses in deinen Hals und wirst solches nimmermehr vor der
redlichen Welt vielweniger bei Gott im Himmel verantworten können Wandte mich
hierauf abermals zum Kommandeur und erzehlte demselben in aller Kürtze meinen
ganzen LebensLauff auch warum und auf was vor Art mich diese erbitterten
Jesuiter in ihre Klauen bekommen hätten Wie künstlich aber auch die Patres mich
zum Lügner sich aber selbst zu unsträfflichen Leuten machen wollten so merkte
doch der ihnen allzu kluge Kommandeur an ihrem ganzen Wesen gar leichtlich
dass sie ihres Ordens gewöhnliche Streiche gern fort spielen und ihm eine Nase
drehen wollen deswegen sprach er Wohlan ihr Herrn ich muss gestehen dass es
eine kitzliche Sache ist einen von unsern GlaubensGenossen dergestallt barbari
sch zu tractiren weilen nun diese Sache nach Würden zu untersuchen bessere
Gelegenheit erfordert wird als sich hier auf freien Felde zeigt werde ich
euch ingesammt mit zu unserer Armée führen soferne ihr aber die mutmassliche
Wahrheit reden und gestehen wollt dass dem Jünglinge von euren OrdensBrüdern
also mit gefahren worden will ich ihn zwar mit mir nehmen jedoch euch reisen
lassen wo ihr hin wollt
Solchergestallt ließ sich die superklugen Patres fangen und bekenneten
auf noch einiges gütliches Zureden der Herrn Schweden endlich die klare
Wahrheit So so sagte hierauf der Kommandeur wie artig könnt doch ihr
heiligen Herrn dergleichen Kleinigkeiten an den armen Luteranern rächen und
dieselbe zu eurer Kirche herein zu kommen nötigen doch ich will meine Parole
halten und euch reisen lassen wo ihr hin wollt Allein vorher müsst ihr von
rechts wegen einiger maßen zu gebührlicher Strafe gezogen werden Demnach
mussten 12 Mann von seinen Dragonern absteigen und die 4 Jesuiten dahin
nötigen sich biss aufs bloße Hembde auszukleiden mittlerweile schnalleten die
Dragoner ihre Steig Riemen ab und schmiereten damit die unchristlichen Jesuit
enKörper der maßen dass sie endlich eben so wie ich vor diesen halb tot zur
Erden sincken mussten
Dem Kutscher wiederfuhr ein gleichmässiges Tractament nachher wurden ihre
Kleider visitiret und ihnen außer den besagten Kleidern nicht das geringste
von Gelde oder GeldesWert gelassen mithin setzte sich ein Dragoner auf den
Platz des Kutschers und führte mich ganz allein im Wagen sitzenden unter
Begleitung von 3 biss 400 Schweden auf und davon nachdem der Kommandeur denen
Patribus noch also zugesprochen hatte Nun könnt ihr zu Fuße reisen wohin euch
beliebt und habt zweierlei Vorteil erhalten erstlich dass ihr in Zukunft
wisst wie mit denen Luteranern und andern NebenChristen behörig umzugehen
vors andere erfahret wie euren GlaubensBrüdern den BettelMönchen zu mute
sei Und dieses war der Abschied
Mir wurde von denen Herrn Schweden alle erwünschte Güte und Freundschaft
erzeigt zumahlen da sie nach einigen herum schweiffen in einer ziemlich
feinen Stadt etliche RastTage hielten bei welcher Gelegenheit sich meine
Gesundheit wiederum in ziemlich guten Stand setzte Der Kommandeur welchen ich
nachher als einen Schwedischen Major kennen lernete schenckte mir gleich
anfänglich ein seines Kleid nebst 12 spec Ducaten an Golde beteuerte auch
höchlich dass er von Grund der Seelen gern alle Kosten herschiessen wollte mich
nach Elbing zu meiner Mutter zu schaffen allein es zeigte sich keine
Gelegenheit darzu Solche Reise aber allein zu Fuße oder zu Pferde vorzunehmen
wäre allzugefährlich ja töricht gewesen Demnach musste aus der Not eine Tugend
machen und unter denen Soldaten bleiben biss sich bessere Gelegenheit zeigte
wiederum auf eine Evangelische Schule zu kommen Immittelst da ich bei dem Major
täglich freien Tisch hatte profitirte ich von denen hohen Offiziers manchen
schönen Ducaten wegen meines Singens bekam auch von denen Herrn FeldPredigern
allerhand schöne so wohl deutsche als lateinische Bücher um vermittelst
selbiger meine wenigen Studia beständig in frischen Gedächtnisse zu erhalten
Endlich aber da ich mit meinem Major nach Warschau gereist war traff ich
daselbst einen bekandten Bresslauer Kauffmann ganz unverhofft zu allergrößten
Freuden an erzehlete demselben meine gehabten unglücklichen Avanturen und fand
ihn so gleich willig mich mit nach Bresslau zu nehmen daferne er solches nur
ohne mit dem Schwedischen Major Verdruss zu haben tun könnte Allein dieser
redliche Herr war viel zu Gewissenhaft und zärtlich mich an meinen
vorgesetzten Studiren zu hindern willigte deswegen gleich in mein Ansuchen
ließ den Bresslauer selbst zu sich kommen empfahl mich demselben aufs beste
beschenckte mich noch mit 12 spec Ducaten und verschafte über dieses dass
andere hohe Offiziers bei denen ich Abschied nehmen musste ihre milde Hand
ebenfalls auftaten so dass ich in allen eine GoldBourse von etliche 80
Stück spec Ducaten mit nach Bresslau brachte
In selbiger Stadt schlug mir mein Patron der wohltätige Kauffmann die
schönsten Gelegenheiten vor meine Studia mit wenigen Kosten erspriesslich fort
zu setzen allein weil ich eine grausame Furcht vor den Katoliquen und
sonderlich vor den Jesuiten bei mir spürete also an keinen Orte leben wollte wo
dergleichen Leute anzutreffen wären setzte ich mich auf die Post und gelangte
gar bald in Sachsen auf einem berühmten Gymnasio an allwo nachdem die Herrn
Gymnasiarchen und Præceptores meine Avanturen verkommen ich mit Freuden auf
und angenommen wurde Von nun an war meine erste Bemühung meiner lieben Mutter
und dann auch demjenigen Patrone aus dessen Hause ich listiger Weise entführet
worden Nachricht von meinem Leben jetzigen Auffentalt gehabten Fatalitäten
und künftigen Vorsatze zu geben jedoch bat ich in meinen Briefen jederseits
meine Affäre nicht kundbar zu machen weilen man sich vor dergleichen Feinden
als ich gehabt nicht gnungsam in acht nehmen könnte
Meine liebe Mutter bezeugte nach Verlauff weniger Wochen in einem zwei
Bogen langen Brieffe eine ganz außerordentliche Freude darüber dass wie sie
schrieb ihr Sohn Joseph noch lebe von dessen plötzlichen Verluste sie sich
noch weit elendere Vorstellungen gemacht hatte als der ErtzVater Jacob wegen
seines Sohns Joseph den derselbe von einem wilden Tiere gefressen zu sein
glaubte Nechst dem erfuhr ich dass letzt erwähnter mein Principal und Patron
vor wenig Monaten verstorben sei jedoch kurtz vor seinem Ende alle meine
zurückgelassenen Sachen an meine liebe Mutter geschickt hätte welche mir
dieselbe denn mehrenteils nebst einem WechselBriefe à 100 Tl übersendete
ja die hertzliche Mutter Liebe trieb sie dahin die sehr weite Reise auf sich zu
nehmen und mich um Michaelis 1709 im Gymnasio Persöhnlich zu besuchen wobei
ich erfuhr wie sie vor kurzen von der Verstorbenen Muhme ein Kapital von 2800
Tl geerbt und selbiges in der AltStadt Elbing so wohl angelegt dass sie
davon nebst meinem Geschwister ihr vergnügliches jährliches Auskommen haben
könnte
Solchergestallt befand ich mich nunmehr in allen Stücken vollkommen
vergnügt und brachte durch unermüdeten Fleiß alles wiederum ein was die
Bosheit meiner Feinde verhindert hatte so dass ich um Ostern 1710 mit guten
Gewissen auf eine der berühmtesten Universitäten ziehen konnte allwo ich durch
Beihülffe getreuer Lehrer und vornehmer Gönner die beste Gelegenheit fand auf
den wohlgelegten Grund der Theologie ferner fort zu bauen
Allein meine werteste Herren und Freunde sagte hierauf Herr Mag
Schmeltzer ich mercke zwar bei niemanden unter ihnen einen Verdruss oder
Müdigkeit da es aber bereits Mitternacht ist werde ich wohl tun wenn weder
des lieben Altvaters Ruhe noch unser aller gute Ordnung nicht zu unterbrechen
meine LebensGeschicht voritzo teile und den übrigen Rest derselben Morgen
GG erzehle daferne es anders Ihnen allerseits beliebig ist selbige vollends
anzuhören
Wir danckten also ingesammt unsern liebsten Seelsorger vor dessen gehabte
Gütigkeit und weilen die allermeisten Anwesende bei Anhörung seiner kläglichen
Avanturen sich der Tränen nicht enthalten können wurde derselbe von der
ganzen Gesellschaft desto umständiger ersucht uns auf die traurigen auch
seine hoffentlich frölichern Begebenheiten wissend zu machen wonach vor dieses
mahl ein jeder seine angewiesene SchlaffStädte suchte
Folgendes Tages etwa zwei Stunden vorher ehe die Sonne ihren allerhöchsten
Grad über unserer Insel erreicht versammleten sich alle Einwohner abgeredter
maßen abermals auf ihren angewiesenen TafelPlätzen und wurden mit einer
nicht weniger köstlichen Mahlzeit als vorigen Tages bewirtet Nachdem dieselbe
eingenommen war schickte sich alle junge Mannschaft welche das SchiessGewehr
wohl zu führen vermögend war in zierlicher Ordnung auf denjenigen Platz zu
ziehen wo die Vogelstange auffgerichtet war um daselbst nach einen großen
Höltzernen KropffVogel zu schießen welchen unser Tischler Lademann nebst dem
Müller Krätzern sehr künstlich ausgearbeitet und mit schwartz und gelber Farbe
angestrichen hatten Wir zuletzt angekommenen Europäer schossen mehrenteils
auch mit die jüngeren und annoch kindischen Leute aber teilten sich in
verschiedene Hauffen und nahmen allerhand LustSpiele vor dahingegen die
Alten bald dieses bald jenes mit Vergnügen beschaueten Mit Untergang der
Sonnen wurde nicht allein das Spielen sondern auch das Vogelschiessen
geendiget und weilen des KropffVogels mehr als halber Leib nebst einem Fuße
und gröstem Stücke des Schwantzes noch sehr fest an der Stange hienge nahmen
wir Abrede selbiges morgendes Nachmittags vollends herunter zu schießen
Voritzo aber zogen die meisten so wohl alte als junge Leute zurück auf den
SpeisePlatz und wurden Herr Wolffgangs Veranstalltung nach mit gekochten
Reiss der mit Zucker und Zimmet stark bestreuet war ingleichen mit gebratenen
Wildpret Kuchen und Früchten bedienet Mit dem AltVater Alberto hingegen
begaben sich alle diejenigen so gestriges Abends bei ihm geblieben waren auf
seine Burg allwo ein jeder nach seinem Belieben entweder etwas zu speisen oder
zu trincken fand nachher das Vergnügen hatte die
Fortsetzung von Herrn Mag Schmeltzers LebensGeschicht
mit anzuhören Meine Wertesten fing also Hr Mag Schmeltzer diesen Abend
wiedrum zu sagen an es werden in Deutschland wenig Menschen sein welche nicht
wissen sollten was vor eine wunderliche und mehrenteils leichtsinnige
LebensArt junge Studenten auf den Universitäten zu führen pflegen ich muss es
selbst gestehen dass unter so vielen mehrenteils sinnreichen und begeisterten
Körpern allerhand nützliche unnützliche auch ziemlicher maßen indifferente
Streiche passieren allein ich vor meine Person ließ ohne Ruhm zu melden dieses
meine eifrigste Sorge sein mich vor allen verdächtigen Gesellschaften zu
hüten modest und mäßig zu leben keine nützliche Doctrin zu verabsäumen und
dann auf meiner Stube dasjenige fleißig zu wiederholen und zu untersuchen was
in den Kollegiis so wohl publice als privatim war vorgetragen worden Es
gelückte mir in eine solche Kompagnie zu geraten welche gemeiniglich alle
Woche ein oder zweimahl Zusammenkunft hielt wobei ein jeder ein Specimen
seines Fleißes und Judicii auffzeigen musste welches denn aufs genauste
erwogen und von den andern nach befinden bescheidentlich gelobet oder carpirt
wurde Es ist fast nicht zu glauben was mir dieses feine Exercitium vor ganz
ungemeinen Nutzen schaffte denn vermittelst dessen brachte ich binnen 3
Jahren einen solchen starken Vorrat von gelehrten Sachen in meinen Kopf und
darzu gemachte Bücher als wohl ohne dieses in 6 oder mehr Jahren nicht
geschehen wäre Nach Verlauff selbiger Zeit aber konnte um so viel desto
Hertzhafter auff der Kantzel erscheinen und da sich sehr öfftere Gelegenheit
zum predigen vor mich zeigte so hatte dabei das Glück wenigstens von den
meisten Leuten nicht ungern gehört zu werden Jedoch einem weltberühmten
Teologo zu gefalle und denselben persönlich zu hören begab ich mich von der
ersten hinweg und auf eine andere Universität allwo binnen drittehalb jähriger
Anwesenheit meine Zeit dermaßen wohl anzuwenden Gelegenheit fand dass mich
selbige biss diese Stunde nicht im geringsten gereuen zu lassen Ursach habe In
der Michaelis Messe aber des 1715ten Jahres da ich von einem guten Freunde zur
mündlichen Unterredung nach Leipzig verschrieben worden gab mir derselbe die
betrübte Zeitung zu vernehmen dass meine liebe Mutter seit etlichen Wochen an
einem auszehrenden Fieber darnieder läge und zu ihren wieder auffkommen
schlechte Hoffnung vorhanden sei deswegen dieselbe ein hertzliches Verlangen
trüge mich vor ihrem Ende noch einmal zu sehen und zu sprechen wie denn
derselben an mich abgelassenes Schreiben solches mit mehreren Umbständen
bekräfftigte
Demnach begab mich mit erst erwähnten guten Freunde auf die Reise und kam
unterwegs mit dem Kauffmann Herrn Frantz Martin Julio in Bekanntschaft welcher
an meiner wenigen Person etwas ihm gefälliges finden mochte u deswegen mir
sogleich in seinem Hause die Kondition eines Informatoris vor seinen 10
jährigen Sohn und 7 jährige Tochter unter sehr profitablen Vorschlägen
antrug Ich konnte zwar damals auf der Reise weder Ja noch Nein darzu sagen
nachdem aber den Handschlag von mir gegeben den Zustand der Meinigen erstlich
zu erkundigen so dann dessfalls weiter mit ihm Briefe zu wechseln reiste wenig
Tage hernach ein jeder von uns seine Straße
Meine liebe Mutter traff ich in sehr schwachen Zustande an und ob sie zwar
in folgenden Tagen durch meine Gegenwart sehr gestärckt zu werden schien so
nahm dennoch bald hernach das hectische Fieber von neuen dergestallt überhand
dass sie endlich am 4 Decembr selbiges Jahres bei vollem Verstande nach
gemachten unparteiischen Testamente sanft und seelig verschied
Ich leistete dem entseelten Körper die schuldige Pflicht ihrem letzten
Willen aber eiffristen Gehorsam und weilen meine älteste Schwester bereits vor
4 Jahren einen ansehnlichen und wohl bemittelten Bürger geheiratet überließ
ich demselben die Sorge vor unsere gemeinschaftlichen wenigen Güter ließ dem
jüngeren Geschwister Vormünder bestätigen gab meinem 19 jährigen Bruder der
seit 4 Jahren bei einem Kauffmanne die Handlung zu erlernen im Begriff war
und denen Schwestern welche die älteste Schwester nicht von sich lassen wollte
gute Vermahnungen den jüngsten Bruder aber bei dem sich in seinem damaligen
12ten Jahre ein außerordentlich aufgewecktes Naturell zum Studiren zeigte
verließ unter der Zucht eines exemplarischen und besonders wohl qualificirten
SchulKollegen welcher ihn vor jährliche bedungene Gelder als sein leibliches
Kind zu halten versprach ich aber gelobte diesem meinem jüngeren Bruder bei
künftigen wohlverhalten alljährlich aus meinem eigenen Vermögen wenigstens
20 Tlr Zubusse zu geben damit es nicht allzu stark über sein bissgen
Erbteil hergehen möchte
Nachdem nun solchergestallt bei den Meinigen alles in gute Ordnung gebracht
war fing ich auch an vor meinen eigenen künftigen Auffentalt zu sorgen Es
wurden mir in Elbing ohne Ruhm zu sagen verschiedene Konditiones angetragen
allein die Konduite des Herrn Frantz Martin Julii hatte mich dermaßen
eingenommen dass ich alle andern fahren ließ und ihm nunmehr in einem Briefe
meine Person zu seinen Diensten offerirte ungeacht ich wusste dass in seiner
Stadt ein JesuiterKollegium anzutreffen und dieselbe außer dem mit vielen
RömischKatolischen Leuten angefüllet war als vor welcher Art Menschen ich
mich zu fürchten gnungsame Ursache fand
Kaum hatte ich diesem redlichen Manne meine Meinung überschrieben als er
gleich folgenden PostTag mir 4 spec Ducaten ReiseGelder überschickte und
inständig bat keinen Tag zu versäumen sondern aufs eiligste bei ihm zu
erscheinen welchem Bitten ich denn auch nach genommenen Abschiede von den
Meinigen billige Folge leistete
Es war der 28 April 1716 mein Eberhard Julius so redete damals Herr
Mag Schmeltzer gegen mich und zwar Abends um 8 Uhr da ich den ersten Fuß
über eures Herrn Vaters Schwelle setzte ihr wart als ein wohlgezogener Knabe
so gefällig gleich bei dem ersten Eintritte mir entgegen zu laufen und meine
Hand zu küssen welches mich dermaßen afficirte dass ich euch nachher mit
ungemeiner Treue geliebt auch 4 Jahre lang nach meinem besten Vermögen so
gezogen habe wie ich es vor Gott meinem Gewissen euren Eltern und vor euch
selbst jederzeit zu verantworten getraue Seiten meiner ist an euch eurer
frommen Schwester und andern darzu gezogenen vornehmen Kindern nicht das
geringste versäumt worden jedennoch habe dabei einige Zeit gehabt meine eigene
Studia zu beobachten und mich sehr öfters in predigen zu üben anbei
unverdienter Weise vielen ungesuchten Ruhm auch manche unverhoffte Gunst
Bezeugungen und Geschenke von solchen Leuten zu empfangen die ich öfters kurtz
vorher nicht einmal gesehen oder gekennet hatte Jedoch wir werden von unsern
4 jährigen Beisammen sein und dem was sich binnen der Zeit zugetragen noch
öffter mit einander zu sprechen Gelegenheit haben deswegen will voritzo nur
in meinen ParticulairGeschichten fortfahren
Vor Ostern 1720 schrieb mir ein gewisser vornehmer UniversitätsPatron mit
dem ich bisher wenigstens monatlich Briefe gewechselt hatte Ich sollte meine
Kondition bei Herrn Frantz Martin Julio aufgeben und je eher je lieber zu ihm
kommen weilen er verschiedene tüchtige Subjecta in ein und anderes
austrägliches Ammt vorzuschlagen genötigt worden wannenhero er sonderlich
auf mich der ich doch wirklich kein Jüngling mehr sei ganz besondere
Reflexion gemacht habe um Gott und der Christl Gemeinde entweder auf der
Kantzel oder auf dem SchulKatheder meine möglichsten Dienste zu leisten Ich
konnte dergleichen Ruff nicht anders als vor regulair erkennen deswegen nahm
kurtz nach Ostern von meinem bisherigen vortrefflichen Wohltäter Herrn Julio
wie auch allen andern Freunden zärtlichen Abschied und reiste mit der
geschwinden Post zu nur erwähnten meinem eingebildeten großen Beförderer
Selbiger empfing mich aufs allerfreundlichste und gab mir nach Verlauff
weniger Tage vortreffliche RecommendationsSchreiben an verschiedene Schul
Patronos einer gewissen Stadt von welchen ich mit Worten sehr höfflich an und
auffgenommen wurde auch nebst zweien andern zur Præsentation und Probe wegen
eines vacanten austräglichen SchulDienstes mit gelangete Ein gewisser
unfehlbar hierzu abgeordneter Mann wollte mich glaubend machen ich hätte nicht
nur unter den letztern sondern auch alle bisherigen Kompetenten am besten
bestanden deswegen fehlete es nur daran dass ich dem Herrn Ephoro und
regierenden Burgemeister jedem etwa ein Dutzet Taler dem Herrn
SchulVorsteher halb so viel dem Herrn StadtSchreiber 6 fl und wo mir recht
ist noch andern etwas mehr oder weniger in die Jacke würffe so würde die
ganze Sache ihre gewisse Richtigkeit haben Allein da ich ganz einfältig
heraus sagte Wie es solchergestallt das Ansehen haben könnte als ob ich mich in
dergleichen Dienste einkauffen wollte wovor mich doch Gott in Gnaden behüten
würde bekam ich gleich folgendes Tages das Konsilium abeundi unter dem
Vorwande dass ich kein Magister sei auch ihren ambitieusen Schülern nicht gravi
tätisch genung vorkommen möchte Nun hätten zwar diese beiden Scrupels gar
leichtlich können gehoben werden wenn ich mir nämlich binnen wenig Tagen ein
MagisterDiploma vor etwa 30 Tlr und dann eine geknüpffte Peruque vor 2
oder 3 Tlr angeschafft hätte denn NB ich erschien vor ihnen nur in einer
kleinen naturell Peruque allein weil ich mich völlig persuadirte dass diesen
allzu gewissenhaften Herrn Patronis mehr mit reichlichen Spendagen als mit
einem neu gebackenen und Etaatsperuquirten Magister gedienet sei blieb ich
bei meiner Einfalt bedanckte mich noch über dieses vor erwiesene Ehre
ungeacht mir kein Bissen Brod vorgesetzt vielweniger aber die ReiseKosten gut
getan worden und eilete zurück dem hohen Universitäts Patrone mein fehl
geschlagenes Glück vorzustellen
Dieser schüttelte mit dem Kopffe und sagte weiter nichts als Mundus
regitur opinionibus Der Herr tut wahrhaftig nicht übel wenn er sich den
längst verdienten MagisterCrantz auffsetzen läst weilen ohnedem in wenig Tagen
dergleichen öffentliche Promotion hiesiges Orts angestellet wird Man muss sich
freilich bei den wunderlichen Zeiten so wohl in diese als in die Leute zu
schicken suchen
Ich meines Orts begieng auf sein ferneres Zureden wirklich die Torheit
vor etliche 30 Tlr ein Kandidatus Magisterii ja was sage ich nicht nur
dieses sondern ein leibhaftiger erb und eigentümlicher Magister auf meine
Person und ganze LebensZeit zu werden Wiewohl es sei ferne von mir diesen
löblichen Ritum und das was darmit verknüpfft ist verächtlich durchzuhecheln
sondern ich will nur so viel sagen dass mir das große M vor meine Person nach
der Zeit so viel nütze gewesen als das 5te Rad am Wagen Im Gegenteil hat es
mich um das schöne Geld welches ich unfehlbar besser anwenden können und dann
auch nachher um etwas mehr Tinte und Federn gebracht
Wenige Wochen hernach recommendirte mich mein wohlmeinender Beförderer an
einem Edelmann auf dem Lande von welchem er ersucht worden ihm einen tüchtigen
Menschen zu zu senden der indem sein PfarrHerr und Seelsorger verstorben
mitlerzeit Predigten und Bet Stunden in seiner DorffKirche halten könnte
weilen die benachbarten Herrn Pastores selbige allzu sparsam besuchten Der
Edelmann hatte zu Ende des Briefs noch die köstliche Klausul angehenckt dass
wenn es ein gelehrter und habiler Mensch sei man ihn en regard Ihr Magnificenz
bei künftiger PfarrVergebung vor allen andern in Konsideration ziehen würde
Ich reiste demnach ohne Säumniss dahin und wurde von dem alten Edelmanne und
seiner ebenfalls ziemlich bejahrten Gemahlin allem Ansehen nach recht
treuhertzig bewillkommet ja so bald ich nur meine erste Predigt abgelegt
dermaßen mit LobReden und täglichen Wohltaten überhäufft dass sie mich mehr
vor einen Engel als sterblichen Menschen zu betrachten schienen Ein
vollkommenes viertel Jahr war ich also in dieses Edelmanns Hause und an seiner
Tafel gewesen binnen welcher Zeit ich nicht allein den GottesDienst der
Gemeine aufs eiffrigste befördert sondern auch des Edelmanns zwei jüngste sehr
wild und übel erzogene Söhne mit äuserster Treue und Liebe auf bessere Wege zu
bringen gesucht hatte Als eines Abends mein am Podagra kranck liegender
Edelmann seinen Verwalter welches ein betagter und ziemlich vernünftiger Mann
war an mich schickte und melden ließ wie ich vor dieses mahl auf die künftige
Sonntags Predigt zu studieren nicht nötig hätte denn es würde kommenden
Sonntag nebst andern Gästen ein benachbarter Edelmann seinen Informatorem mit
bringen welchem der Principal eine GastPredigt und zwar Ehrenhalber tun zu
lassen versprechen müssen Ich gab zu verstehen dass solches mir von Hertzen
angenehm sei zumahlen da ich ohnedem einen starken Katarren auf der Brust
hätte Der Verwalter aber der sich ein wenig bei mir auffzuhalten Lust
bezeugte redete ganz treuhertzig fort Mein lieber Herr Magister ich will
ihnen im Vertrauen eröffnen dass eben dieser Informator auch ein Kompetent um
den hiesigen PfarrDienst ist allein ich weiß gewiss dass mein Principal den
Herrn Magister vor allen andern erwählen wird daferne sich derselbe nur in
einem einzigen Stücke nach seinem und sonderlich der Frau Principalin Sinne
richtet Ich stellte mich recht sehr aufmercksam an einer Sache die ich
bisher nicht gemerckt oder merken wollen vollkommen vergewissert zu werden
im Gegenteil wusste der gute Verwalter nicht Umschweiffe genung zu machen die
ihm von der Frau Principalin in den Mund gelegten Worte manierlich heraus zu
bringen Jedoch ich will mich nicht lange bei dieser ärgerlichen Sache
auffhalten sondern nur kurtz heraus sagen dass die EdelFrau welche nicht
allein vom Jure Patronatus sondern auch von der ganzen HausHerrschaft den
größten Zipffel in beiden Händen hielt eine 35 jährige Jungfer zur Aussgeberin
bei sich hatte welche derjenige so die Pfarr haben wolle unumgänglich zu
heiraten sich anheischig machen sollte Allein ich gab den Verwalter hierauf
ganz trocken und deutlich zu vernehmen dass wenn auch dieses erwähnte
Frauenzimmer ihr nicht eben hessliches Gesichte in ein englisches und ihr
mittelmässiges Naturell in die aller ganlanteste Aufführung verwandeln könnte so
hätte doch ich ein dermaßen zartes Gewissen dass ich eher Zeit lebens die
Schweine hüten als mich solchergestallt in eine Pfarre eindringen und meine
Vocation in eine WeiberSchürtze gewickelt annehmen wollte Will mich Gott
sprach ich ferner zum Hirten einer christlichen Heerde haben wird er mich wohl
durch reputirliche und erlaubte Wege darzu führen wo nicht so wird er mir
Gelegenheit zeigen mein Brod auf andere ehrliche Weise zu verdienen
Diese Erklärung war vermögend genung alle meine kräfftigen Recommendationes
ja meine ganze PfarrHoffnung hiesiges Orts über einen hauffen zu werffen
denn da ich gleich des andern Tages so wohl von dem Principal als dessen
Gemahlin wie nicht weniger der Jungfer Ausgebern die scheelesten Minen
empfing war gar leicht zu merken dass der Verwalter offenhertzig
ausgebeichtet mir aber wirklich damit den größten Gefallen erwiesen hatte
Folgenden Sonntag kam nebst denen vornehmen Gästen auch bereits erwähnter
Informator an welches zwar ein wohl ansehnlicher und mit einer ziemlich
starken Sprache begabter Mensch im übrigen aber ein sehr schwacher Gelehrter
war wie denn alle seine Reden und vornehmlich die erbärmlich zusammen
gestoppelte Predigt dessfalls sattsames Zeugnis ablegten Dem ungeacht wurde in
meines Principals Hause ein ziemliches Wesen von diesem Menschen gemacht
jedoch keiner andern Ursache wegen als weil er einige verliebte Blicke auf die
Jungfer Ausgeberin gespielt und sich schon unterwegs gegen unsern Kutscher
verlauten lassen derjenige Mensch hätte vom Glücke zu sagen welcher mit der
Zeit die kluge hausswirtliche tugendhafte und überhaupt wohl qualificirte
Jungfer Ausgeberin zur Ehe bekäme die er nur ein eintziges mahl von ferne zu
sehen die Ehre gehabt hätte
Nächst folgendes Tages ließ mich der Principal selber vor sich kommen und
tat denjenigen Vorschlag mit einer hochadelichen ernstaften Mine selbst
ungescheut welchen mir der Verwalter vor wenig Tagen nur als im Vertrauen
gesteckt hatte beteuerte anbei hoch dass ich Seiten seiner den Vorzug vor
allen andern Kompetenten hätte jedoch seine Gemahlin und er selbst hielte vor
höchst billig ihre fromme und keusche HausJungfer wegen ihrer von Jugend auf
geleisteten treuen Dienste zugleich mit zu versorgen Allein ich wiederholete
meinen dem Verwalter bereits eröffneten Schluss und bat Seine Wohlgebohrnen
möchten sich solchergestallt meinetwegen nicht abhalten lassen Dero Pfarre zu
geben wem sie wollten ich gönnete gern einem jeden das was er sich wünschte
auch vor Gott und seinen Gewissen zu verantworten getrauete meines teils aber
wäre sehr scrupulôs und wollte lieber mit guten Gewissen Betteln gehen als mit
schweren Gewissen in den vornehmsten Ammte sitzen Die Frau Principalin kam
ebenfalls darzu und konnte nachdem sie ihre HausJungfer aufs Beste heraus
gestrichen fast nicht Worte genung ersinnen meinen so genandten EigenSinn zu
brechen allein ich verharrete bei meinem Entschlusse und bat so bald es ohne
Verhinderung des Gottesdienstes geschehen könnte mir meine Dimission zu geben
Selbige bekam ich also noch an eben diesem Tage jedoch mit der unerwarteten
Erlaubnis künftigen Sonntag noch einmal zu predigen bei solcher Gelegenheit
nahm von der ganzen christlichen Gemeine öffentlichen Abschied und wünschte
ihnen dass die erledigte SeelenHirtenStelle mit einem rechtmässiger weise
beruffenen Diener des Worts ersetzt werden und dessen Leben jederzeit mit
Christi Lehre wohl überein stimmen möchte
Es gab nach verrichteten Gottes Dienst ein starckes Gemurmele unter der
Gemeine auf dem KirchHofe allein ich ließ mich nichts anfechten sondern
reiste mit Anbruch des folgenden Montags nach genommenen freundlichen
Abschiede von allen die mir nur die geringste Güte erzeigt hatten ganz
vergnügt zu meinem UniversitätsPatrone
Selbiger rieff nachdem ich ihm meine Avanture erzählt abermals aus O
tempora o mores lobte aber meine gefassete Resolution und ermahnte mich nur
nicht zu verzagen weilen sich mein Glücke noch zu rechter Zeit finden würde
Immittelst hatte letzt gedachter Edelmann keine andere Ursache meiner Dimission
vorzuschützen gewust als dass meine Sprache zu schwach sei und seine Kirche
nicht allzuwohl ausfüllen könnte welches doch ein lächerliches und wider die
Wahrheit lauffendes Geschwätz war seine Bauern aber die etwan auch ein Wort
bei der Wahl eines neuen Predigers zu sprechen hatten setzten sich stark wider
den Beruff des oberwähnten Informatoris haben auch wie mir gesagt worden die
grobe Expression gebraucht Wenn es nur auf die starkbrüllende Stimme allein
ankäme so übertreffe ihr DorffOchse den Informatorem bei weiten Allein die
armen Leute haben doch nach vielen processiren denselben endlich mit Gewalt
annehmen und er die Jungfer Ausgeberin ebenfalls gezwungen heiraten müssen
nachdem er viele listige Streiche sich von dem mit ihr eingegangenen Verlöbnis
los zu wickeln gespielt hatte
Wenige Wochen nach meiner Zurückkunft erhielt ich abermals und zwar ohne
Zweiffel auf geheime Unterhandlung meines Patrons ein InvitationsSchreiben zu
einer Probe Predigt in einer nahgelegenen mittelmäßigen Stadt welchem zu Folge
mich denn zu gehöriger Zeit aufmachte und selbige nach meinem Vermögen
unerschrocken ablegte auch nach dasiger gewöhnlichen Art ein ziemlich scharffes
tentamen und zwar hauptsächlich über den Locum de providentia divina
auszustehen hatte Ich muss abermals hierbei jedoch ohne eitlen Ruhm bekennen
dass mir viel gutes nachgesagt wurde so dass ich in der Wahl die allermeisten
Vota gehabt haben soll jedoch eine verzweiffelte Verleumdung machte auch
dasiges Orts alles wiederum rückgängig Denn als ich eines Abends im PostHause
allwo mein Logis war unter etlichen daselbst einheimischen Gelehrten auch
frembden sehr vernünftigen Passagiers meinen Platz erhalten und unvermerckt
mit in den Discours de motu mechanico gezogen wurde wobei ihrer etliche einen
berühmten Professorem wegen seiner etwas hart lautenden GrundSätze ganz und
gar zum Ateisten machen wollten gab ich mir die Mühe ihn disputationis gratia
zu defendiren zeigte auch dass derselbe Grund gelehrte Mann in vielen Stücken
ganz anders verstanden sein wollte
Da nun die dabei sitzenden einheimischen jungen Gelehrten letztlich fast
nichts mehr gegen meine wiewohl mehrenteils schertzhafte defension
aufzubringen wussten mögen sie etwa aus Verdruss und Bosheit in der ganzen Stadt
aussprengen Ich wäre ein ErtzAnhänger von dem oberwähnten Professore und
würde in dem heiligen PredigtAmte treffliche Streiche machen Nun musste mich
zwar von rechtswegen das geistliche Ministerium welches meine principia
Teologica ernstaftig genug angehöret hatte selber defendiren allein ein
alter halbgelehrter Kompatronus der eine starke Freundschaft in der Stadt
hatte und der im Fall nur ich abgewiesen wäre seinen nahen Vetter desto eher
auf die Kantzel zu bringen gedachte tritt so gleich auf und rufft O Domini
Domini latet anguis in herba bedencket nach eurem Gewissen was das beste sei
auch der geringste Verdacht in diesem Stücke ist schon vermögend Irrtümer
anzurichten es sind noch genug andere untadelhafte Leute in der Welt
anzutreffen ob sie gleich nicht in so vielen speculativischen Dingen geübt
sind
Einige mir ungemein wohlwollende doch mehrenteils unbekandte Gönner
verursachten dass ich dieser Blame wegen noch einmal vor dem dasigen Korpore
Teologico erscheinen und meines Glaubens wegen Rechenschaft geben musste so
bald dieses zu meiner Avantage geschehen war bat ich mir als eine
außerordentliche Gütigkeit aus dass mir vergönnet werden möchte gleich
morgendes Tages vor Gelehrten und Ungelehrten an einem öffentlichen Orte
jedoch außer der Kirche meine LehrArt in einer sanftmütigen Deutschen
Oration ordentlich vorzustellen Solches wurde mir gewünscht erlaubt und zwar
in dem großen SchulAuditorio allwo sich früh zwischen 8 und 9 Uhr alle
gelehrte und ungelehrte Honoratiores versammleten Demnach fing ich an zu
peroriren erzehlete meinen LebensLauff ganz kurtz tat mein
GlaubensBekenntnis desto weitläufftiger und provocirte hernach meine boshaften
Kalumnianten mit sanftmütigen Geiste sich allhier öffentlich meiner Lehre
Leben und Wandel zu opponiren und meiner ferneren Erklärung gewärtig zu sein
Allein ob gleich alle dieselben zugegen waren so wollte doch kein einziger
seinen Mund auftun deswegen sprach ich nach langen warten Es ist genung vor
mich dass sich mein ganzes Wesen hiesiges Orts gerechtfertigt gefunden
deswegen will im Nahmen des HErrn meine Straße wiederum zurück ziehen und
mein anderweitiges Glück mit ruhiger Gelassenheit erwarten um denen so an
ihrer Beförderung verzweiffeln wollen so wohl als meinen Verleumdern keine
fernere Ungelegenheit zu verursachen Dieserwegen wurde ich folgenden Nachmittag
in eine Versammlung verschiedener redlicher Leute geruffen welche sich zwar so
wohl als der Primarius des geistlichen Ministerii selbst viele Mühe gaben
meine wieder FortReise zu hintertreiben hergegen fest versicherten die Sache
ohne meine geringste Bekümmernis und ohne allen ferneren Streit auf erwünschen
Fuß zu setzen allein da ich binnen wenig Tagen erfuhr dass der oben erwähnte
halbgelehrte Kompatronus mit seinem Anhange allerhand verdrüssliche Händel in der
Stadt anzuspinnen suchte hergegen von andern rechtschaffenen Patrioten
allerhand GegenVerfassungen gemacht wurden nahm ich alles Bittens und Zuredens
ungeacht von allen redlichgesinneten Gönnern und Freunden plötzlichen
Abschied und zwar aus keiner andern Ursache als meine Person nicht zur Ursache
des Zwiespalts Zancks und Streits zu machen
Meine Rückreise ging abermals zu dem offterwähnten UniversitätsPatrono
welcher nach Anhörung meiner Fatalitäten diesen Vigilianischen Vers ausrieff
Ah
Discite justitiam moniti non temnere divos
der bei dieser Gelegenheit auf Deutsch so viel zu verstehen geben sollte
Ihr Richter lernt das Recht und gebet Gott die Ehre
Verdammt nicht unerwegt gescheuter Leute Lehre
Dem allen ungeacht war dieser mein großer Patron sehr geflissen ja ganz
unermüdet mich rechtschaffen unterzubringen da aber bei allen Gelegenheiten
ganz besonders scrupuleuse Umstände versirten konnte ich nicht anders dencken
als dass es Gottes Wille nicht sei mich durch die Vorsorge dieses sonst sehr
berühmten Mannes zu versorgen Ihm also keine fernere Mühe mehr zu verursachen
nahm von demselben auf etliche Wochen Abschied nachdem ich vor seine besondere
Mühwaltung gehorsamstschuldigsten Danck abgestattet u mich seines beständigen
Wohlwollens bestens versichert hatte
Meine Reise ging mit einem guten Freunde der viel Lobens würdiges an
sich und sehr fleißig Jura studiret hatte in seine GeburtsStadt allwo ich
bei seinen vornehmen und überaus guttätigen Eltern etliche Wochen als ein Gast
zu verbleiben mich fast gezwungen sah Hieselbst fand nun mitlerweile gar
leichtlich Gelegenheit so wohl bei dem OberPfarrer als bei den andern Herrn
Geistlichen einen freien Zutritt zu erhalten ja weilen nur gemeldter
OberPfarrer ein ziemlicher Valetudinarius war ließ ich mich per tertium
bereden um ein billiges KostGeld eine Zeitlang den Aufenthalt in dessen Hause
zu suchen an seinem Tische mit zu speisen und ihm seine vielen
AmmtsVerrichtungen nach meinem Vermögen und so viel als zulässig war besorgen
zu helfen Der ehrliche Mann sah wohl dass ich mir in keinem Stücke auch so
gar in einigen HausshaltungsGeschäfften einige Mühe verdrüffen ließ wollte
deswegen nicht das geringste von KostGelde oder StubenZinse annehmen allein
seine EheFrau die eine Dame von ganz wunderbarer Konduite und schon ziemlich
bei Jahren war wusste sich dennoch meines GeldBeutels auf so artige und un
interessiertscheinende Art zu bedienen dass sie zuweilen ein mehrers aus
selbigem Zog als das offerirte Honorarium austrug Es war immer Schade um
diesen sonst aller Ehren würdigen Mann dass er ein Sklave der Affecten seines
Weibes war denn weil sie ihn betäubt hatte den BischoffsStab nach ihrem
Willen als eine WünschelRute zu gebrauchen so musste dieselbe bei Besetzung
ein und anderer geistlichen Aemter nur auf diejenigen Personen schlagen allwo
diese geitzige Frau auf importante Spendagen sichere Rechnung machen konnte
Hätte ich dieses vorher gewust so würde mich vor diesem Hause gehütet haben so
aber erfuhr alles nur nach und nach Von vielen Exempeln nur etliche wenige zu
erzählen so hatte um selbige Zeit ein gewisser vornehmer Herrn Diener die
Unzucht begangen sich mit einer WeibsPerson fleischlich zu vermischen welchen
Flecken abzuwischen er endlich die Kopulation eingieng und sich der
gewöhnlichen GeldBusse unterwarff Wegen der Kopulation wurde ihm zwar
gewillfahret andern teils aber wollte der Herr OberPfarre aus ganz besonderen
Ursachen beide Leute nicht eher zum heiligen Abendmahle lassen biss sie die
ordentliche KirchenBusse getan und der christlichen Gemeine das gegebene
Ärgernis kniend abgebeten hätten Der Herr des erwähnten Dieners wollte
selbigen nicht gern vor allen Leuten prostituirt wissen wandte deswegen viele
Mühe an von dem OberPfarrer dasjenige Beneficium zu erhalten welches bereits
vielen andern privatPersonen vor baares Geld angediehen war allein ziemlich
lange Zeit ganz vergebens endlich schlug sich die Frau Primariin ins Mittel
ließ erwähnten Herrn ersuchen ihr vor ihren Sohn der Auditeur unter der
Soldatesque war um Geld und gute Worte ein paar HirschHäute zum Kollett und
Hosen zu überlassen da nun solchergestalt der Herr vermerckte wo er Barteln
müsste Most holen lassen gab er dem im KirchenBann sich befindlichen Diener
zwei HirschHäute selbige der Frau Primariin als ein Geschenck zu überbringen
die ihm denn gleich augenblicklich völlige Abolition seines Verbrechens nebst
der Erlaubnis zu wege brachte noch selbigen Tages in den BeichtStuhl und
morgendes Tags zum Tische des HErrn zu kommen Dieses hieß nun freilich seine
Affecten mehr als zu stark verraten zu haben allein der gute Mann musste ja
wohl den Binde und LöseSchlüssel nach seiner Frauen Anweisung gebrauchen Zur
andern Zeit hatte abermals ein im Ehestande lebender Mann sich gelüsten lassen
eine ledige Dirne zu Falle zu bringen nachdem aber selbige die Zeichen ihrer
Schwangerschaft und über dieses leichtlich merckt dass es am klügsten
gehandelt sei von ihrem EhrenSchänder ein Stücke Geld zu nehmen und auf einen
andern zu bekennen findet sie bald Gelegenheit sich einem andern liederlichen
Kerl zu unterwerffen welchen sie auch hernach als Vater ihres HurKindes angab
Beide SchandSchwäger kommen hierauf mit einander zum Streite so dass immer
einer dem andern das VaterRecht an den Hals wirfft biss die Sache endlich an
die Geistlichkeit gelanget Der vereheligte mag unfehlbar bessern Bescheid
wissen als der andere überbringt deswegen der Frau Primariin ein paar Päcklein
feines Zeug welches kaum mit der Elle ausgemessen da schon der fröliche Geber
von aller Schuld los gesprochen ist ja als der andere Mensch diesen Flecken
nicht alleine wolle auf sich haften lassen gibt ihm der Herr Primarius noch
diese tröstliche Vermahnung Er solle es doch immer gut sein lassen es wäre ein
menschlicher Fehler welcher durch eine mäßige KirchenCensur abgetan werden
könnte er wäre ein lediger Mensch der aus Liebe zu seinem vereheligten
Nächsten dergleichen Sache eher auf sich nehmen könnte als der andere mit dem
es schon etwas mehreres auf sich hätte
Man bedencke ob allhier nicht eingetroffen was Gott durch den Propheten
Micha cap 3 v 11 redet Ihre Häupter richten um Geschenke ihre Priester
lehren um Lohn und ihre Propheten wahrsagen um Geld Jedoch nur noch etwas
weniges und wahrhaftes von meinem damaligen Patrono zu melden so wusste er
alles dermaßen politisch zu spielen dass niemand leichtlich einen Pfarr oder
SchulDienst in der Stadt oder auf dem Lande bekam als wer sich vorher quovis
modo mit der Frau abgefunden denn weil deren Mann die andern Kirchen und
SchulPatronos dergestalt eingenommen hatte dass sie ihn in allen dergleichen
Handlungen fast nach eigenen Gefallen schalten und walten ließ tat er
mehrenteils was er wollte doch besser gesagt was seiner Frauen gefiel Ich
weiß etliche arme DorffPrediger die sich wehe genung haben tun müssen ehe
sie das versprochene honorarium teils mit Korn Wäitzen Gerste Butter Käse
Flachs jungen Schweinen Kälbern Hünern Gänsen etc teils mit baaren Gelde
abtragen können worüber dennoch die allzu nahrhafte Frau das debet und dedit
nach ihrer Autorität einrichtete Ein gewisser noch ziemlich passabler Studiosus
Teol bekam den allerelendesten SchulKollegenDienst in der Stadt jedennoch
aus lautern Gnaden dieweil er ein sehr artiges und von seinen eigenen Händen
fabricirtes PoppenSchränckgen mit Schublädgen zum Present überreichte Ich
glaube nicht ohne Ursach dass in einem solcher Schublädgen etwa etliche
geharnischte Männer mit Schwerdtern verarrestirt gelegen kann es aber dennoch
nicht vor ganz gewiss aussagen Die Herrn DorffSchulmeisters oder Kantores wie
sie gern heißen wollten mussten sich desto genereuser zeigen ein oder ein paar
BienenStöcke etliche Kannen Honig oder PflaumenMuss Butter und Käsewurden
ganz negligent angenommen derjenige aber so einen oder ein paar fette
KonsistorialVogel wenigstens so viel Kapaunen eine mit vielen Küchleins
gesegnete GluckHenne und dergleichen brachte bekam nicht allein freundlichere
Minen sondern verblümter weise so gar spem successionis auf die Pfarre Sonsten
war die Frau Primariin die Zuflucht aller Männerbegierigen Jungfern denn wenn
diese nur erstlich die rechten Schliche zu Deroselben Hertzen fanden wurden
ihnen nach StandesGebühr gar bald mit einem Pfarrer Kirchen oder SchulDiener
geholffen und solcher gestalt büssete der gute Sanct Andreas auch bei dem
allerabergläubigsten Frauenzimmer seinen völligen Kredit ein Denen Wittben und
Wäysen war diese Frau ungemein tröstlich denn selbige mochten hier oder dort
eine gerechte oder ungerechte Forderung anstellen so musste ihnen dennoch das
Urteil favorabel gesprochen werden daferne sie nur etwas im Vermögen und zu
spendiren hatten Denen alten armen Leuten aber nur weibliches Geschlechts
stund ihre milde Hand täglich offen weil selbige sonderlich geschickt waren
alle neue Mähren so in der Stadt und auf dem Lande passirten in ihr Kabinet
zusammen zu tragen welches zu gewissen TagesStunden allen dergleichen
PostenTrägerinnen offen stund Ubrigens aller häuffigen Einkünfte ungeacht
regierte doch SchmalHans ihrer excessiven Nahrhaftigkeit wegen in allen
Ecken so dass kaum die Kinder das HausGesinde aber um so viel desto weniger
satt zu essen bekamen weswegen denn selten eine Magd über ein Viertel Jahr bei
ihr blieb Recht ärgerlich war es dass offtermeldte Frau ihre Kinder in allen
nur ersinnlichen Torheiten unterwiess indem sie ihnen ihrer Meinung nach die
GrundReguln der Politique beizubringen gedachte Konte der jüngste Sohn ex
tempore eine Lügen aus der Luft schnappen so war es zwar nach ihrem Sinne eine
Anzeigung eines inventieusen Kopffs daferne er aber seine Lügen nicht mit
besonderen wahrscheinlichen Umständen unverschämter Weise defendiren und
fortführen konnte musste er einen Verweis einstecken und aus ihrem mütterlichen
Munde die subtilesten Kautelen anhören und behertzigen Den älteren Sohn
unterwiese sie selber fast täglich in der Kunst mit galanten Frauenzimmer zu
conversiren er musste lernen charmiren obligante Komplimente machen eines
Frauenzimmers Hand und Mund a la mode küssen und hunderterlei dergleichen
Torheiten mehr begehen von welchem allen er denn bei der Frau Mamma oft
wiederholte Proben ablegen musste Die älteste von ihren Töchtern war wirklich
ein sehr wohl qualificirtes Frauenzimmer und läugnete selbst nicht dass sie
bereits seit einiger Zeit an einen anständigen und Standes mäßigen Liebsten
versprochen sei ich habe aber einige Zeit nach meinem Hinwegreisen vernommen
dass die Frau FickFackerin nach ihrer eingebildeten Weissheit ihren
christlichen Mann endlich beredet aus gewissen StaatsUrsachen solches
Verlöbnis zu wiederruffen und die Tochter an einen andern wiewohl eben nicht
so gar angenehmen Mann zu verheiraten Ich vor meine Person hatte zwar eben
nicht Ursach über mein Tractament zu klagen allein so bald ich alle Anstalten
dieses Hauses in genauere Betrachtung gezogen über dieses erwogen hatte dass
ich hiesiges Orts ebenfalls keine Beförderung ohne sonderbare Knoten und
GewissensScrupel erhalten würde bedachte ich mich kurtz und trat so bald
mein voraus bezahltes KostGeld verzehrt zu haben meinte eine Reise nach meinem
Vaterlande an mit dem Versprechen nach Beschaffenheit meiner Umstände
vielleicht bald zurück zu kommen
Nun war es zwar an dem dass ich die Meinigen von welchen ich wenigstens
monatlich Briefe empfing einmal besuchen und sonderlich wegen meines
jüngsten Bruders ein oder andere Anstalt machen wollte allein es wurde mir
unterwegs in einer berühmten Stadt bei einem hochansehnlichen Manne die
Kondition eines Informatoris seiner 3 wohlgezogenen Söhne angetragen die ich
ohne langes Bedenken annahm und meinen jüngsten Bruder auf der Post zu mir zu
kommen verschrieb
Er gelangete nebst seinen Sachen bei mir an und weilen selbiges Orts eine
sehr wohlbestellte Schule anzutreffen sich auch verschiedene Wohltäter fanden
welche ihn mit freiem Tische und Stube begabten musste er fleißig in die Schule
und bei mir zur privatInformation gehen welches denn so viel fruchtete dass
ich ihn endlich um Michaëlis 1723 mit guten Gewissen auf die Universität um
daselbst ebenfalls Teologiam zu studieren schicken konnte Mir ging es
immittelst sehr wohl in meines dasigen Principals Diensten ja ich hatte so wohl
als derselbe mein besonderes Vergnügen über die gute Aufführung und den
besonderen Fleiß meiner Untergebenen Endlich wurde mir geraten mich wegen
einer erledigten DiaconatsStelle so wohl als andere ehrliche Leute zu melden
weilen die Herrn Patroni doch auch wie es hieß darum begrüßt sein wollten und
nicht leichtlich die Vocation einem entgegen zu schicken pflegten Ich folgte
und hatte das Glücke unter 24 Kompetenten selb 4te mit ausgelesen und examini
rt zu werden den Dienst aber bekam einer meiner allerwertesten Schul und
UniversitätsFreunde dem ich wegen seiner sonderbaren Meriten und unserer
Freundschaft die sich bei unserer damaligen Zusammenkunft ganz erneuerte
sein Glück von Grund der Seelen gönnete
Wenige Zeit hernach wurde das SchulRectorat vacant ich hielt auf Zureden
meines Principals ebenfalls darum an wurde auch abermals nebst 3 andern
Kandidaten zum Examine beruffen und hatte wie ich es ohne eitelen Ruhm meinem
Principal nachrede unter allen am besten bestanden daher die größte Hoffnung
diesen Dienst gewiss zu erhalten allein zu meinem Unglücke musste mein Principal
oben selbiges Jahr wenig in dergleichen Sachen zu sprechen haben und ob er
zwar gewisser Ursachen wegen nebst andern Gönnern dennoch zu meinem Vorteil
durchdringen können so schlug sich doch ein Höherer ins Mittel welcher die
hinlänglichen Meriten seines seit 10 Jahren gewesenen InformationsRats in
Konsideration zog hauptsächlich aber vorstellete Wie derselbe sich anheischig
gemacht um die Helffte der ordinairen Besoldung zu dienen wannenhero man bei
jetzigen erschöpften Ærario und Geldmangelnden Zeiten vor das übrige noch
einen höchstbedürfftigen SchulKollegen verschaffen und annehmen könnte
Mein Principal war hiermit zwar sehr übel zu frieden suchte aber jedennoch
mich zu bereden diese Kondition in spem futuræ promotionis ebenfalls
einzugehen weil ich solchergestalt dennoch vor jenem den Vorzug haben sollte
allein weil ich mir ein Gewissen machte derjenige Mensch zu sein von welchem
die Successores dieses Dienstes übel reden ihn auch vielleicht gar wegen
seines übler ausgelegten Beginnens gar verfluchten möchten außer dem gar nicht
gesonnen war eine verdächtige oder auf Schrauben stehende Vocation anzunehmen
so konnte es nicht anders sein als dass ich abermals leer ausgehen musste Jedoch
wurde mir von allen sanctissime versprochen dass ich von nun an die erste die
beste Vocation und zwar ohne eintziges ferneres Tentamen Examen und alles
empfangen sollte
Also blieb ich bei meinem Principal nach wie vor zufrieden obschon dessen
zwei ältesten Söhne bald hernach auf eben die Universität wo mein jüngster
Bruder lebte geschickt wurden Eben dieser mein Bruder hatte sich gleich
anfangs sehr wohl bei ihnen insinuiret wurde deswegen von diesen zweien
Wohltätern auf Befehl ihres Vaters in allen defrayret welches ich vor meine
Person mit besonderen Freuden und allem ersinnlichen Dancke erkandte Ich hatte
mit dem jüngsten Sohne wenig Arbeit und doch eben die vorige Besoldung da ich
aber mittlerzeit mein Eberhard Julius mit eurem Herrn Vater und andern
werten Freunden in eurer GeburtsStadt zum öffteren Briefe gewechselt und
ihnen den Ort meines Auffentalts jederzeit bekandt gemacht hatte bekam ich am
3ten Martii des abgelauffenen 1725ten Jahres von einem derselben ohnverhofft
solche Briefe worinnen ich gebeten wurde aufs eiligste bei ihnen zu
erscheinen weil vor meine Person eine ganz besonders treffliche Kondition
offen sei ich will nicht sagen worinnen dieselbe bestanden sondern aus
schuldiger Demut melden dass ich mich derselben unwürdig zu schätzen so
wichtige Ursachen als desto weniger zu befürchten gehabt vergebliche Ansuchung
zu tun
Allein da unerforschliche Verhängnis hatte ganz widerwärtigscheinende
Schlüsse gegen mich gefasst denn nachdem ich von meinem Principal etliche
Wochen Erlaubnis zur HeimReise ausgebeten und bereits auf der geschwinden
Post bei nahe 20 Meilen zurück gelegt hatte schlug einsmahls mitten in der
Nacht der PostWagen dergestalt unglücklich vor mich um dass nicht allein durch
die nachschiessenden aufgepackten Kasten meine beiden Beine sehr geschellert
sondern über dieses der rechte Arm schmertzlich zerbrochen wurde Einem andern
Passagier ging es noch erbärmlicher indem er im stürtzen das HalsGenicke
zerbrochen und augenblicklich seinen Geist aufgab zwei noch andere aber waren
fast eben so unglücklich worden als ich Der Wagen wurde zwar endlich mit
größter Mühe wieder aufgerichtet und wir elenden von 3 annoch gesunden
Personen wiederum drauf gesetzt allein ich weiß es am allerbesten was ich
binnen etlichen Stunden vor grausame Schmerzen ausgestanden und zwar so
lange biss wir endlich nach angebrochenen Tage eine mittelmäßige Stadt
erreichten und uns von einem daselbst wohnhaften Chirurgo und darzu beruffenen
Medico konnten zu Hilfe kommen lassen
Ich war der elendeste unter allen wurde zwar am Arm und Beinen behörig
verbunden empfand auch an selbigen einige Linderung jedoch die starke
Kontusion am Rückgrad mochte eine innerliche Inflammation verursacht haben
weswegen mich wenig Tage hernach ein hitziges Fieber überfiel woran ich biss in
die 4te Woche höchst gefährlich darnieder lag Die Heilung meines zerbrochenen
Arms wie auch der angeschellerten Beine wurde hierdurch um ein merckliches
verzögert endlich aber befand mich in der siebenden Woche wiederum kräfftig
genung die fernere Reise anzutreten Mitlerweile hatte zwar zwei Briefe an
euren Herrn Vater mein liebster Eberhard schreiben lassen und demselben mein
zugestossenes Unglücke so wohl auch nachgehends die ziemliche Besserung zu
wissen getan allein ich habe nicht erfahren ob dieselben richtig eingelauffen
oder verloren gegangen sind denn bei meiner Ankunft fand ich alles verändert
in eures Vaters Hause derselbe war bereits verreiset niemand aber konnte mich
berichten wohin Dieses sonst mehr als zu redlichen Mannes besondere Fatalität
kränckte mich fast noch mehr als mein eigenes gehabtes Unglück welches doch
zugleich verursacht hatte dass ich abmermahls um eine schöne Kondition gekommen
weil selbige wegen meines allzulangen außen bleibens allbereit mit einem andern
Subjecto besetzt war
Wer hätte wohl bei dergleichen oft wiederhohlten Streichen des falschen
Glücks nicht endlich ungeduldig und zaghaft ja gar zweifelhaft an seiner
Beförderung werden wollen Doch GOTT sei Lob ich bin in geziemender
Gelassenheit verblieben und habe beständig geglaubt dass die rechte Stunde zu
meiner Beförderung noch nicht erschienen sei Nun hatte mir zwar vorgenommen
nur wenige Tage von der kümmerlichen Reise auszuruhen hernach zu meinen in
Elbing befindlichen Geschwister zu reisen allein es fügte sich unverhofft dass
ich vorher von gegenwärtigen Herrn Wolffgang musste ins PredigAmmt beruffen
werden Es hat derselbe mir neulichst alles umständlich erzählt was zwischen
und mit uns vorgegangen deswegen will Weitläuftigkeit zu vermeiden solches
nicht noch einmal wiederholen sondern nur melden dass so bald unter uns alles
richtig verabredet worden ich die Reise zu meinem Geschwister aufs eiligste
vornahm Dieselben fand ich zwar nicht alle beisammen denn der nach mir
folgende Bruder welcher die Handlung erlernet hatte war nach Koppenhagen
gereist und daselbst so glücklich gewesen eine sehr begüterte junge Wittbe zu
heiraten die zweite Schwester war allbereits dem substituirten Sohne des
jenigen Priesters angetrauet der meinen seel Vater in der Pfarre succedirt
hatte der jüngste Bruder aber befand sich schon seit anderthalb Jahren auf der
Universität dem ungeacht erfreute ich mich herzlich Nachricht zu erhalten
dass es einem jeglichen meiner Geschwister wohl gienge Die älteste und jüngste
Schwester empfiengen mich so wohl als mein Schwager selbst mit freudigen
Tränen selbige aber wurden in Jammer und Klagen verwandelt so bald sie meinen
Vorsatz vernommen eine sehr weite Reise zur See anzutreten deswegen suchte
ich sie aufs möglichste zu besänftigen reiste auch gleich folgendes Tages
nach meiner Ankunft in ihrer Gesellschaft zur mittleren Schwester aufs Land
Daselbst gingen die hertzlichen FreudenBezeugungen aufs neue an und ich hatte
noch selbigen Abend das Vergnügen meine jüngste Schwester an einen jungen
wohlhabenden FreiGassen zu verloben welcher schon seit etlichen Wochen bei
ihren Geschwister um sie geworben jedoch bisher eintzig und allein auf meine
schrifftliche Einwilligung vertröstet worden Nach diesen teilete ich mein
weniges Vermögen nebst noch 500 Tlr von demjenigen Gelde so mir Herr
Wolffgang geschenckt hatte unter meine Geschwister in so weit zu gleichen
Teilen aus dass nur der jüngste Bruder 200 Tlr mehr als die andern bekam um
seine Studia desto besser fortzusetzen Diesem übersandte bei dem schrifftlich
von ihm genommenen Abschiede eine sorgfältige Instruction wie er seine Zeit auf
Universitäten nützlich anwenden und sich in den Stand setzen sollte mit der Zeit
ein rechtschaffener Arbeiter in dem Weinberge Gottes zu werden Von dem
Koppenhagner Bruder nahm ich ebenfalls schrifftlichen Abschied der Mündliche
aber bei den Schwestern und Schwägern war desto zärtlicher jedoch ich sah mich
verbunden dem Göttl Ruffe zu folgen ließ mich deswegen nichts anfechten
sondern brachte alle diejenigen Sachen so ich mitzunehmen vor höchst nötig
erachtete eiligst in Ordnung und reiste mit guten Winde zur See biss Lübeck
weilen mich aber daselbst musste ausssetzen lassen und vernahmen dass dem Winde
nicht allerdings zu trauen von ihm zwischen dato und JohannisTage nach
Amsterdam geführet zu werden also viel besser getan wäre die Reise zu Lande
fortzusetzen versuchte ich solches biss Hamburg jedoch da mich selbiges Orts
andere Leute versicherten dass ich am allergeschwindesten und beqvemsten zu
Schiffe fortkommen würde ließ ich mich abermals zur Einschiffung bereden
gelangete auch solchergestallt am 22 Jun gegen Abend Glück ich in Amsterdam
an Den folgenden Tag wendete zu Ausschiffung meiner Sachen und nach diesen
höchst ermüdet zum Ausruhen an am FestTage Johannis des Täuffers aber begab
mich zu dem ehrlichen Herrn Wolffgang bei dem ich meinen ehemaligen Schüler
den lieben Eberhard mit allergrößten Vergnügen antraff und so wohl von einem
als dem andern recht herzlich bewillkommet wurde Nun sollte zwar noch erwähnen
welchergestallt mich Herr Wolffgang in Amsterdam mit verschiedenen kostbaren
und höchstnötigen Sachen recht im Uberflusse beschenckt so dass ich nur
seiner damaligen Gütigkeit wegen in vielen Jahren weder an Kleider Wäsche
noch andern unentbehrlichen Dingen Mangel zu haben befürchten dürffte daferne
nur Gott solche Sachen vor Feuer und Wasser bewahret Allein ich weiß dass es
ihm verdrießlich fällt seinen Ruhm selbst mit anzuhören Welcher Mensch auf der
Welt sollte nun wohl zweiffeln dass ein solcher PfarrDienst wie der meinige
als der allervergnügteste in der ganzen Welt zu achten sei ich vor meine
Person spüre nicht die geringste Lust mit dem allervornehmsten Teologo er
sei ein Königl oder Fürstl Hof Prediger ein GeneralSuperintendens Doctor
oder Professor oder was er sonsten wolle Ammts Ehre oder Einkünfte halber
umzutauschen habe also die größte Ursache gleichwie bei allen mir
zugestossenen Fatalitäten also auch bei meinem itzigen vergnügten Zustande und
zum Beschluss meiner bisherigen LebensGeschichte dieses mein Symbolum
auszuruffen Der Nahme des HErrn sei gelobet
Hiermit endigte unser wertester Seelsorger vor dieses mahl seine Erzählung
und vergönnete uns allen die wir ihm aufs alleraufmercksamste zugehöret hatten
noch ein und andere Gespräche darüber zu führen wobei wir sonderlich die
wunderbaren Wege des himlischen Verhängnisses betrachteten endlich aber um
MitterNachts Zeit unsere RuheStädten suchten und auf selbigen biss zu Aufgang
der Sonnnen verweileten So bald demnach dieses große WeltLicht den 3ten Tag
des Wolffgangischen HochzeitFests zu beleuchten angefangen vertrieben wir uns
nach verrichteter MorgenAndacht meistenteils die Zeit mit spazieren gehen
hielten hernach so bald sich die samtlichen Einwohner herbei gefunden hatten
dieses mahl die MittagsMahlzeit etwas früher als gewöhnlich um hernach desto
länger Zeit zu haben den Rest von dem höltzernen KropffVogel herab zu
schießen Selbiger aber ließ sich durch den ernsthafte Fleiß der lustigen
Schützen binnen 4 Stunden bewegen völlig herunter zu fallen demnach wurden
die HauptGewinnste folgender Gestalt ausgeteilet 1 vor die Krone empfing
ein SimonsRaumer Junggeselle eine saubere leichte VogelFlinte 2 Vor den
Kopf ein StephansRaumer einen ziemlich großen küpffernen Kessel 3 Vor den
KropfHals ein JohannisRaumer eine schöne zinnerne 6 MaasFlasche 4 Vor
den rechten Flügel abermals ein SimonsRaumer Junggeselle ein künstlich
ausgearbeitetes SchreibZeug nebst allen zur Schreiberei gehörigen
Instrumenten 5 Vor den lincken Flügel Herr Chirurgus Kramer ein Futterall
mit Messer und Gabel nebst einen silbernen Löffel 6 Vor den rechten Fuß ein
DavidsRaumer junger Geselle 2 große zinnerne Schüsseln 7 Vor den lincken
Fuß 6 zinnerne Teller ein junger Geselle aus RobertsRaum 8 Vor den
Schwantz Mons Litzberg einen schönen mittelmäßigen großen Spiegel 9 Das
letzte Stück aber als den HauptGewinst schoss eben derselbe junge Geselle aus
RobertsRaum herunter welcher allbereits den lincken FlügelGewinnst überkommen
hatte und empfing davor ein feines Zeug zum neuen Kleide nebst im Feuer
verguldeten Knöpffen und allen andern Zubehör außer diesem verschiedene
Stücke allerlei höchstnützlichen HausGeräts wie auch die Ehre das ganze
Jahr über der Schützen König genannt zu werden Hiernächst wurden auch etliche
20 SpanGewinste ausgeteilet welche ich Weitläufftigkeit zu vermeiden nicht
Specificiren will sie bestunden aber mehrenteils in verschiedenen zur
HausWirtschaft dienlichen Instrumenten als Aexten Sägen Schnittemessern
Hämmern Zangen Meisseln Grabscheitern Schauffeln und dergleichen welches
alles Herr Wolffgang von den mitgebrachten Sachen durch seine Liebste Sophie
austeilen ließ hernach noch eine köstliche AbendMahlzeit gab auch sonsten
allerhand Konfecturen und andere Sachen unter die TischGesellschaften
verteilen ließ worauff der FreudenBecher noch einmal herum ging und so
dann ein jeder seinem Logis zu eilete welches etliche kaum um Mitternacht
erreichen konnten jedoch weil es um diese Zeit die ganze Nacht hindurch
ungemein helle ist kam es niemanden sonderlich beschwerlich vor
Der hierauf folgende Sonnabend wurde zum Ausruhen und der Sonntag mit
welchem zugleich das Fest der Heil 3 Könige einfiel mit eifrigem
GottesDienste zugebracht Dienstags nämlich den 8 Januar feireten wir
sämtl Insulaner den Geburts und VereheligungsTag unseres liebsten Altvaters
welcher an eben diesem Tage vor nunmehr 98 Jahren das Licht dieser Welt
erblickt und sich vor 78 Jahren mit der StammMutter Koncordia verehligt also
einen glückseeligen Anfang zur Bevölckerung dieses gesegneten Landes gemacht
hatte
Es wurden dieses Fest zu beehren früh Morgens 12 StückSchüsse getan
der Altvater tractirte auf seiner Burg die StammVäter und letzt angekommenen
Europäer mit einer guten Mahlzeit wobei verabredet wurde dass von nun an der
KirchenBau mit allen ernstlichen Fleiße fortgesetzt und jede Gemeinde
alltäglich 4 Manns und 2 WeibsPersonen zur BauArbeit stellen sollte die
andern aber möchten zu Hause bleiben und die FeldFrüchte wie auch übrigen
HausshaltungsGeschäffte besorgen
Allein es blieb bei dieser gemachten Ordnung nicht denn diese Leute welche
etwas weniges von den Europäischen KirchGebäuden erzählen hören waren
dermaßen begierig ihr GottesHaus in behorigen Stande zu sehen so dass sie
häuffig ja fast überflüssig herzu gelauffen kamen und eher die sonst
gewöhnlichen FeierabendStunden zu ihrer HausArbeit und Erndte anwendeten als
des Vergnügens beraubt sein wollten ihren Schweiß beim KirchenBau zu
vergießen Jedoch da die StammVäter und sonderlich der Altvater Albertus
endlich gewahr wurden dass die all zu vielen Arbeiter einander sehr öfters nur
verhinderten anbei befürchteten wie solchergestallt ein und andere
FeldFrüchte zu Schaden kommen könnten machten sie die klügsten Anstallten eins
so wohl als das andere zu besorgen woher denn kam dass zu Aussgange des
AprilMonats das Mauerwerck der Kirche und des Turms seine völlige Höhe
erreichte Dannenhero waren 12 ziemlich geübte ZimmerLeute unter Beihülffe
und richtiger Anweisung unseres Tischlers und Müllers nämlich Lademanns und
Kräzers bemüht das Sparrwerck und DachGestühle aus den allbereit
zugerichteten und behauenen Bäumen zu verfertigen auch einen seinen höltzernen
Aufsatz und zierliche Haube auf den Turm zu bringen An statt der Schiefer oder
ZiegelSteine zum Dachdecken wurden von einem leicht zu spaltenden Holtze
Schindeln verfertigt selbige aber mit dem Schlamme aus denen östlichen
SeeLachen bestrichen welcher so bald ihn die Sonne getrocknet einen solchen
Glantz von sich gab wie das SpießGlas in Europa auch so fest als ein Kitt auf
dem Holtze sitzen blieb selbiges lange Zeit vor der Vermoderung bewahrete und
nachdem es einmal recht eingetrocknet sich durch keine Feuchtigkeit von dem
Holtze oder Steinen abziehen ließ Solchergestallt warff unser Kirch und
TurmDach nachdem selbiges am 14 Julii vollkommen fertig worden bei
Sonnenschein einen artig durch einander spielenden Glantz von sich welches
sehr angenehm anzusehen war deswegen beredeten sich Mons Litzberg und Plager
ob es nicht practicable sei aus dieser Materie mit der Zeit und zwar durch den
Zusatz anderer Leimenoder TonErde Ziegel und BackSteine zu brennen Jedoch
hiervon wird künftighin ein mehreres zu melden sein voritzo fahre fort zu
erzählen welchergestallt Lademann Krätzer und Herrlich die geschicktesten
HoltzArbeiter unter den Insulanern ausslasen um nach Mons Litzbergs gemachten
Abrisse den Altar Kantzel TauffStein EmporKirchen vor die Männer und dann
die Stühle vor die WeibsPersonen zu verfertigen mittlerweile die andern die
sich am besten aufs Mauern verstunden den FußBoden von glatt abgeriebenen
viereckigten SandSteinen legten die Mauern mit Kalck tünchten und wiederum
andere die Oberdecke oder den so genandten Himmel zurichteten Diese Mäurer
und Tüncher brachten ihr Werck in den angenehmsten FrühlingsTagen und zwar zu
Ende des Monats Septembris völlig fertig mit der HoltzArbeit aber ging es
nicht so hurtig von statten jedennoch ließ uns ihr unermüdeter Fleiß hoffen
mit Eintritt des neuen KirchenJahres unser neues Gottes Haus als völlig fertig
einzuweihen Der ehrliche Peter Morgental ließ es sich bei diesem Baue auch
herzlich sauer werden denn durch seine Hände ging alles Eisenwerck so dabei
gebraucht wurde selbst Mons Plager der seine Hände auch nicht in Schoss
legte wunderte sich über dessen besonders saubere Schlösser und
KleinschmidtsArbeit und dennoch war er auch unverdrossen die beschwerlichste
GrobSchmiedeArbeit auch Nägel ja fast alles zu machen was man ihm nur
vorlegte denn er hatte sich des seel Jacob Larsons Werckstadt aufs
allerbeqvemste eingerichtet auch drei junge starke Pursche aus dem Jacobs
Raumer Geschlechte in die Lehre genommen die sich sehr wohl zu dieser
Profession anschickten
Jedoch es scheint mir nötig zu sein diese Bauund ArbeitsErzählung in
etwas zu unterbrechen um auch andere Merckwürdigkeiten beizubringen welche
sich binnen der Zeit zugetragen haben Am 22 Febr fanden etliche Knaben aus
dem Simons und Alberts Raumer Geschlecht da sie an der See Austern und
Muscheln zu suchen herum lieffen einen halb verfaulten MenschenKörper
männliches Geschlechts demselben war mit einem Stücke messingenen Drats ein
durchlöcherter Französischer Lois dor an den Hals gehenckt woraus zu
schließen dass diejenigen so diesen Körper in die See geworffen selbigen gern
wollten begraben wissen Deswegen erkannten wir uns auch ohne dieses GoldStück
empfangen zu haben vor schuldig ihm diesen christlichen LiebesDienst zu
erweisen bedeckten also den annoch auf einem Brete fest angebundenen Körper
mit einer Matte und begruben ihn ehrbarlich an die Seite unsers GottesAckers
Wir bekamen sonsten selbiges Jahr nach aussage der Eltern einen
mittelmäßigen Geträyde doch ziemlich starken TraubenSeegen die wilden Affen
wollten sich hierbei ziemlich dreiste machen uns berauben und unsere mit
allerhand farbigen HalsBändern gezeichneten Affen verfolgen jedoch ich Mons
Harckert und andere Europäer so bei der KirchenArbeit wenig wichtige Hilfe
leisten konnten legten den äusersten Fleiß an unsere dienstbarn Affen zu
schützen und die Frembden mit Feur und Schwert zu verfolgen Jedoch wendeten
wir nicht alle unsere Zeit hierauf sondern besorgten auch andere nützliche
Dinge absonderlich war meine Arbeit Herrn Mag Schmeltzern bei seiner auf sich
genommenen Mühe täglich 4 Stunden abzulösen selbige aber bestund darinnen Es
hatte ermeldter Herr Mag Schmeltzer eine Schule von achtzehen Knaben die
ungefähr 12 biss 14 Jahr alt waren angelegt so dass sich von jeder Gemeine
zwei darinnen befanden diese fing er an nicht allein in den aller
nachsinnlichsten Puncten der Theologie sondern auch in den GrundSprachen zu
informiren ich aber musste täglich zwei Stunden zum Latein eine Stunde zum
schreiben und eine Stunde zum rechnen mit ihnen anwenden so dass diese Knaben
früh von 6 biss 10 Uhr und Nachmittags von 1 biss 5 Uhr in beständigen
Fleiße verharren mussten also hatte ich früh von 8 biss 10 Uhr das Latein
Mittags von 1 biss 2 Uhr das Schreiben und von 2 biss 3 Uhr das Rechnen mit
ihnen vor Es kostete gewiss ein wenig Mühe allein der Nutzen war dieser dass
aus diesen Knaben solche Leute werden sollten welche hernachmals vermittelst
ihrer erlangten habiliteé in ihren Geschlechtern wiederum die andere Jugend
lehren könnten Außer diesen hielt Herr Mag Schmeltzer nicht allein alle
Sonntage Nachmittags sondern auch Mittwochs auf Herrn Wolffgangs
TaffelPlatze oder in der DavidsRaumer Alleé vor die SimonsAlbertsDavids
und StephansRaumer und Freitags im großen Garten vor die
ChristiansRobertsChristophsJohannis und JacobsRaumer Jugend eine 3
stündige KinderLehre um selbige von zarter Kindheit an in den Glaubens
Articuln der christlichen Lehre recht zu gründen Mons Litzberg hatte
gleichergestallt 4 geschickte Knaben zu sich in seine Wohnung genommen welchen
er nach und nach die Mattesin von Stück zu Stück nebst der Latinität
beizubringen suchte als in welcher Letzteren ihm Herr Wolffgang nach Vermögen
hülffliche Hand reichte
Der Chirurgus Mons Kramer welcher seinen Sitz in AlbertsRaum genommen
hatte war ungemein eiffrig die Kräffte und Tugenden der auff dieser Insul
befindlichen Dinge so wohl in regno animali als minerali und vegetabili
auszuforschen und eben hierzu wurden ihm so wohl des Don Cyrillo de Valaro als
des Altvaters Alberti Schrifften und Observationes communiciret Er sagte
öfters sein obschon sehr starcker Vorrat an Medicamenten den er auf
Vorschub Herrn Wolffgangs mitgebracht hätte könnte dennoch wohl mit der Zeit
teils verderben teils alle werden ob er schon nicht wünschen oder hoffen
wollte dass Gott diese Insul wegen der frommen Einwohner mit bösen Seuchen oder
besonderen Schäden straffen würde es wäre inzwischen aber keine Sünde sondern
höchst nötig in seiner Profession immer mehr und mehr zu untersuchen Zu dem
Ende hatte er sich 3 habile Knaben zur Hand gewöhnet mit welchen er täglich
botanisiren ging und sich nebst dem die größte Mühe gab ihnen die Teoriam
von seiner Profession bei zu bringen weil es damahliger Zeit in Praxi vor ihn
nicht viel zu tun gab als wovor wir Gott besondere Ursach zu dancken hatten
sintemahl es kein großes Wunder gewesen wenn bei dergleichen schweren Bau
jemand zu Schaden kommen wäre
Außer seiner Profession war Mons Kramer ein großer Liebhaber vom
GartenWerck und ViehZucht weswegen Mons Litzberg die Helffte von dem aus
Europa mitgebrachten Vieh und Geflügel unter seiner Auffsicht in AlbertsRaum
überließ die andere Helffte aber war nach ChristophsRaum gebracht worden
allwo Herr Wolffgang nebst Litzbergen ihr Vergnügen hatten dessen ordentliche
Verpflegung ihren Freunden zu lehren Weiln aber doch voritzo eben von unsern
Tieren zu schreiben im Begriff bin wird es vielleicht nicht allzu unangenehm
sein wenn ich beiläuffig melde wie stark sich dieselben binnen der ersten
JahresFrist unseres daseins vermehret haben Von rechtswegen hätte zwar
erstlich von Vermehrung der Menschen gedenken sollen allein ich spare solches
nicht unbillig biss zum Beschluss des KirchenJahres da Herr Mag Schmeltzer
christlicher Gewohnheit nach die Specification der gebohrnen gestorbenen
copulirten und confirmirten öffentlich von der Kantzel verlass Demnach gebe zu
erwegen dass der Göttliche MachtSpruch Seid fruchtbar und vermehret euch etc
sich auch in diesem kleinen WeltTeile dessen Erde wohl dergleichen
TierArten noch niemals getragen noch eben so kräfftig ja recht wunderbar
Seegenreich erzeiget Denn 1 Von den jungen ZuchtStuten waren 2 Füllen
gefallen 2 4 Kühe hatten so viel Kälber gebracht 3 3 ZuchtSauen hatten
ingesammt 33 junge Schweine geworffen und 4 Fünff Schaafe 7 Lämmer erzeugt
die übrigen wann verunglückt 5 Zwei Eselinnen gaben auch so viel junge Esel
6 4 Welsche Hüner hatten ingesammt ohne die verunglückten 42 junge
aufgebracht 7 Von 18 HausHünern waren 4 Stück umkommen und bei denen noch
übrigen 14 alten und 3 Hähnen befanden sich ingesammt 123 junge Hühnlein
8 Bei 6 alten Gänsen lieffen 39 junge Gänse herum 9 6 alte Endten
führten 34 junge 10 6 paar alte Tauben hatten 14 paar lebendige junge
geheckt 11 Zwei Hündinnen hatten 9 junge Hunde und 12 2 Katzen 8 junge
Kätzlein 13 Wie viele junge aber die 3 paar Kaninichen zur Welt gebracht
konnte man nicht wohl bemercken denn sie waren alle weiß und kamen niemals auf
einmal zum Vorscheine
Demnach hatten wir im November 1726 an Europäischen Viehe 6 Pferde als
nämlich 3 Hengste und 3 Stuten 10 Stücken RindVieh und zwar 2 Ochsen
und ein OchsenKalb 4 Kühe und 3 ZuchtKälber 15 Schaafe worunter 2 alte
und 3 junge Böcke 6 Esel 39 alte und junge Schweine 48 Welsche Hüner und
Hähne 140 HausHüner und Hähne 45 Gänse 40 Endten 20 paar Tauben 13
Hunde 12 Katzen unn eine ungewisse Anzahl von Kaninichen die ihre Wohnungen
ohnfern von AlbertsRaum unter einem mäßigen Hügel in lockern Boden selbst
gebaut hatten und sich auch ohne unsere Hilfe selbst ernehreten
Mons Plager war außerdem wenn er nicht bei dem KirchenBau mit Rat und
würcklicher Hilffe beschäfftiget war beständig fleißig seine in JacobsRaum
nahe bei Morgentals Wohnung angelegte Werckstatt nach seinem etwas eigensinnig
scheinenden Kopffe einzurichten Sein hauptsachliches Dichten und Trachten war
dahin gerichtet so bald als möglich eine große SchlageUhr auf des AltVaters
Wohnung zu setzen auch selber eine proportionirliche Glocke darzu zu gießen
Er hatte auch zwei seine 18 jährige Pursche einen aus Jacobs und den andern
aus SimonsRaum an sich gezogen welche seine Kunst zu erlernen ein großes
Verlangen bezeugten
Harckert der Posamentirer Klemann der Pappiermacher Wetterling der
Tuchmacher und Garbe der Böttiger konnten bis dato es in ihrer HandwercksProbe
noch nicht zeigen was sie gerlernt hatten halffen deswegen mittlerzeit
fleißig alles verrichten was ihnen vorkam und zu tun möglich war der Töpffer
Schreiner aber hatte seine Werckstatt so wohl als den selbst erbauten
BrennOfen bereits in sehr guten Stande auch schon eine große Menge allerlei
Sorten von TöpfferGeschirr verfertigt welche er mit Freuden unter die Stämme
verteilete und damit nicht geringen Danck verdienete wie sich denn auch zu
seiner etwas schmutzig scheinenden Profession schon 3 Knaben angegeben denen
er selbige mit größter Lust zu lehren Mine machte
Jedoch nachdem ich um unserer zu letzt angekommenen Europæer Aufführung
einiger maßen zu beschreiben mich mit Fleiß ein wenig verirret muss ich
nunmehr meinen Leser wiederum in etwas zurück führen und demselben die ferneren
Begebenheiten so viel als möglich ordentlicher eröfnen
Im Monat Junio mochte ein gewaltiger Sturm unfehlbar auf der See gegen
Norden zu einige Schiffe zerscheitert haben weilen 3 große MastBäume nebst
vielen andern SchiffHoltze auf unsern SandBäncken anländeten wir fuhren
deswegen dahin holeten selbiges herüber fanden auch 2 Fässer voll Nelcken
und andere Gewürtze konnten aber wenig davon nutzen weilen das meiste im
SeeWasser verdorben war
Im AugustMonat hatte ich das Glück auf meinen ausgesteckten LeimRuten
unter andern einen besonders schöne Vogel zu fangen er war wie ich von klügern
Leuten hörte noch etwas kleiner als die kleineste Art von Papegeien mochte
aber dennoch wohl aus derselben Geschlechte sein weil seine Federn am ganzen
Leibe die schönste vermischung von hellund dunckelrot grün blau und
SilberFarbe zeigten auf dem hellgrünen Kopffe prangete eine Zinnoberrote
Kuppe der Schnabel war in etwas dicke jedoch nicht so sehr als eines
Papegeien dem aber seine Füße vollkommen gleichten Ich machte diesem schönen
Vogel mit Beihülffe Mons Harckerts in größter Geschwindigkeit einen Bauer
und nachdem ich gemerckt dass das weiße in Milch getauchte Brod ihm eine
angenehme Speise war setzte ich ein darmit angefülltes Gefäße zu ihm hinein
hing aber den Bauer zun Füßen meines Bettes nahe an das Fenster damit ich
diesen wegen seiner schönen Gestalt liebens würdigen Vogel nur so oft ich
etwa RuheStunde machte im Gesichte haben könnte Jedoch ich werde Gelegenheit
suchen das Ergötzen so mir dieser Vogel nachher unverhofft gemacht ebenfalls
anzuführen voritzo fällt mir der Ordnung gemäß nichts merckwürdigers vor als
dass am 10 Sept Abends sehr späte Herrn Wolffgangs allerliebste Sophie mit
einem jungen Sohne ins WochenBette kam Wir hatten eben selbigen Tag einen
großen BussBet und FastTag gehalten und zwar zum Gedächtnisse dessen dass
unser AltVater vor nunmehr 80 Jahren und zwar an eben diesem Tage die Insul
Felsenburg zum ersten mahle betreten Deswegen gab es allerhand Gelegenheit
diesem Kinde wegen seines merckwürdigen GeburtsTags ein und andere
Glückseligkeiten zu præominiren Der AltVater wurde also nächstfolgenden 12
Sept nebst seiner Hausshälterin Christiana Virgilia Juliin welche seines
seel Sohns Johannis zweiten Sohnes älteste Tochter war und Mons Litzbergen
zu Tauffzeugen erwehlet Also fuhren der AltVater Herr Magister Schmeltzer
Christiana und ich auf dem mit Hirschen bespanneten Wagen hinab Dem Kindlein
wurden in der heiligen Tauffe die Namen Albertus Friedrich gegeben Herr Mag
Schmeltzer hielt nach vollbrachten TauffActu einen schönen Sermon und wünschte
zuletzt dass dieses ein rechter Gott beliebter Sohn werden möchte weilen es
sich ohnedem so wohl gefügt dass er an einem so merckwürdigen Tage geboren und
am NahmensTage Gottlieb welcher im Kalender am 12 Sept bemerckt war
getaufft worden
Herr Wolffgang tractirte hierauf uns und alle ChristiansRaumer Einwohner
mit ganz vortrefflichen Speisen und Getränke gegen Abend aber da der
AltVater etwas lustiger als gewöhnlich wurde verschafte er uns allerseits
das Vergnügen
Mons Litzbergs LebensGeschicht
aus dieses werten Freundes eigenen Munde dermaßen anzuhören
Ich bin fing er an im Jahr 1694 am 17 Octobr in der Käyserlichen
ResidentzStadt Wien einem EvangelischLuterischen Vater und einer
RömischKatolischen Mutter zu verwutlich nicht geringen Vergnügen als die
erste Frucht ihrer ehelichen Liebe zur Welt gekommen Mein Vater war ein guter
Ingenieur und dabei StückLieutenant bei der Käyserlichen Artollerie da sich
aber der Russische Czaar im Jahr 1698 kurtze Zeit in Wien aufhält lässt er
sich auf zureden desselben gelüsten seine Dimission zu fordern und dem Czaar
mit Weib und zweien Kindern nach Moscau zu folgen Nun hatte sich zwar mein
Vater nicht allein wegen der höheren Charge sondern auch wegen der Gage um ein
wichtiges verbessert allein es wäre vielleicht besser vor ihn und uns gewesen
wenn er die Käyserlichen Dienste nicht quittiret hätte Denn als wir uns mit ihm
in der Belagerung Narva befanden und der König in Schweden diese Vestung im
Novembr Ao 1700 mit 8000 Mann entsetzte und das ganze Russische Lager nebst
aller Artollerie eroberte wurde mein guter Vater von den Schweden in der
ersten Hitze so wohl als andere darnieder gehauen Wo meine Mutter nebst der
kleinen 4 jährigen Schwester hingekommen habe nach der Zeit niemals erfahren
können wie groß auch dessfalls meine Bemühung gewesen Ich vor meine Person
aber der ich unter währenden grausamen Blutvergießen aus dem Lager gelauffen
und meine Sicherheit in einem hohlen Graben gesucht hatte wurde nachdem ich
die ganze Nacht darinnen gelegen Hunger und Durst gelitten auch fast
gänzlich erfroren war von zweien Schwedischen Musquetiern aufgehoben zum
Feuer geführet und mit gnungsamer Speise und Getränke erquickt Hierauf wurde
ich ihrem Obristen vorgestellt welcher einem Marquetener Befehl gab mich zu
sich zu nehmen und so gut ja noch besser als seine eigenen Kinder zu halten
weilen er der Obrister davor bezahlen wollte Ich konnte ungeacht meiner
Jugend diesem Obristen dennoch hinlängliche Nachricht von meinen Eltern und
von meines Vaters Charge geben deswegen ließ er unter allen gefangenen Russen
fleißig nach meinen Eltern forschen allein dadurch erfuhr ich eben die
jämmerliche Zeitung dass mein Vater unter den Toten gelegen von der Mutter
aber konnte niemand von allen gegenwärtigen das geringste berichten Mittlerweile
da wir selbigen Winter wenig Wochen in Quartieren stunden ließ mir der Obriste
ein sauberes Schwedisches SoldatenKleid nach meinen kleinen Körper machen
nahm mich in sein eigen Quartier allwo ich aufs beste verpflegt wurde und weil
mich gern um sich leiden konnte durfte mir kein Mensch eine scheele Mine
machen Der Obriste verstund und redete zwar sehr gut Deutsch sonsten aber
waren sehr wenige unter seinen Leuten anzutreffen die meine Sprache verstehen
konnten vor mich aber war es desto elender dass ich die ihrige gleichfalls nicht
verstund Nun hätte sich dieses zwar wohl mit der Zeit gerlernt allein der
vortreffliche Obriste war so gnädig nicht allein zu Beförderung dessen
sondern auch wegen meiner anderweitigen Information einen feinen Menschen von
einer andern Kompagnie zu sich zu nehmen Es war selbiger wo ich nicht irre
von Geburt ein Holsteiner und hatte einige Jahre auf deutschen Universitäten
zugebracht ich glaube aber nachdem ich seinem ganzen Wesen etwas weiter
nachgedacht dass er vielleicht jemanden erstochen oder eine andere sonderbare
Fatalität gehabt weswegen er seine Sicherheit unter der Schwedischen Armee in
Pohlen gesucht wie ich denn auch zweiffele dass der Nahme Schwedeke sein
rechter Zunahme hergegen vielmehr ein selbst angenommener Nahme gewesen
Jedoch es ist nicht nötig dieserwegen eine genaue Untersuchung
anzustellen genung weilen dieser Mensch gut Schwedisch Deutsch Lateinisch und
Französisch verstund nahm ihn der Obriste zu seinem Sekretario und zu meinem
Informatori an Ich konnte es meinem seel Vater nicht zur Schande nachzureden
zur selben Zeit wenig mehr beten als das Vater Unser und etliche
ReimGebetlein im A.B.C.-Buche aber war mir noch kein einziger Buchstabe
bekandt vielweniger andere Sachen worinnen sonst andere 6 biss 7 jährige
Knaben schon ziemlich geübt sind Allein weil Mons Schwedeke die gelegene
Zeiten und Stunden vortrefflich wohl in acht zu nehmen und zu nutzen wusste ich
auch eine große Begierde zeigte lernete ich binnen einem Jahr vollkommen
Deutsch Lateinisch und Schwedisch lesen auch in allen drei Sprachen ziemlich
schreiben welches letztere aber in folgenden Jahre sich weit verbesserte
Deswegen musste nunmehr auch anfangen die Lateinische Sprache fundamentaliter
zu erlernen worinnen ich denn meinen Fleiß nicht im geringsten sparete
ungeacht die starken Märsche und andere Fatiguen wie auch die blutigen
Schlachten in Pohlen viele Verhinderungen darein brachten Ich blieb zwar mit
meinem Informatore beständig bei der Bagage jedoch weil die Schweden
mehrenteils siegten hatten wir nicht selten Gelegenheit den
allererschrecklichsten und jämmerlichsten Zustand auf den Wahlstädten zu
betrachten Zeit Lebens aber werde ich an den grausamen Anblick des Wahlplatzes
bei einem GroßPohlnischen Städtgen Fraustadt genannt gedenken allwo die
guten Sachsen eine erbärmliche Niederlage erlitten hatten Meine Haut schaudert
sich noch wenn ich daran gedencke Ich wollte meine Augen immer davon abwenden
jedoch wohin denn überall zeigte sich Blut und Mord Die erschlagenen Russen
und Sachsen jammerten mich weit mehr als die Leichen der Schweden und zwar aus
keiner andern Ursache als weil die letztern meinen seel Vater ermordet hatten
und in Erwegung dessen konnte nicht umhin auf diesem WahlPlatze häuffige
Tränen zu vergießen
Jedoch ich will die grässlichen Umstände dieser kläglichen Schlacht zu
anderer Zeit erzählen und voritzo nur melden dass ich in meinem 12ten Jahre
nämlich Ao 1706 unter denen Schweden gleichfalls mit in Sachsen kam
Mein Obrister bezoge sein Quartier auf einem vortrefflichen Adel
RitterGute ohnweit Torgau hieselbst bekam ich nun zwar ein neues stark mit
Gold bordirtes Kleid wie auch eine etwas schlechtere WochenLivreé allein
dieses war mir in meiner Seele ungemein empfindlich dass er zuweilen frembden
Leuten ganz negligent erzehlete wie mein Vater vor Narva massacriret meine
Mutter entlauffen und ich solchergestalt sein Leib eigener Knecht worden wäre
Jedoch fand sich schon so viel Verstand bei mir dass ich meine dessfalls
aufsteigenden Affecten bestmöglichst zu verbergen suchte Mons Schwedeke nahm
mittlerweile dasiges Orts die Gelegenheit in acht mich aufs eiffrigste zur
Latinität Geographie Historie Schreib und RechenKunst anzuhalten weil ich
mich nun mit Lust zu allem dem was er mir vorlegte beqvemete auch seiner
übrigen Zucht gehorsamste Folge leistete kann ich mich nicht erinnern von ihm
mehr als ein eintzig paar Ohrfeigen bekommen zu haben und zwar darum dass ich
aus Frevel eine überladene MusquetierFlinte abgeschossen hatte die gar
leichtlich springen und mir den Kopf zerschmettern können Mein Herr der
Obrister hatte gleichfalls noch niemals Ursach gehabt mich etwa über eine
Bosheit welche sonsten gemeiniglich den Knaben in Hertzen steckt straffen zu
lassen doch endlich wachte bei ihm unverhofft eine grausame Tyrannei wider mich
auf und zwar durch folgende Gelegenheit Ich war eines Tages bei den sämtlichen
Adelichen Kindern dasiges Orts spielete erstlich und speisete hernach mit
ihnen Hierbei bat mich die EdelFrau ihnen meine Avanturen von der Zeit an
als ich in meine Kindheit zurück dencken könnte nebst dem was ich in meinem
jungen SoldatenLeben seltsames gesehen zu erzählen Indem nun kein Bedenken
mag dieser mir sehr gewogen scheinenden Dame Gehorsam zu leisten war ich
dabei so unbedachtsam folgende Reden auszustossen Wolte Gott es wären an
statt der lieben Sachsen lauter Schweden erschlagen worden denn diese bösen
Leute haben mir meinen lieben Vater ermordet und ich erinnere mich noch
wiewohl als im Traume etliche mahl von ihm gehört zu haben dass er auch ein
gebohrner Sachse gewesen ich weiß aber nicht aus welcher Stadt Ja rieff ich
in meinen kindischen Eyffer noch darzu aus Wolte Gott ich könnte erfahren wer
ihn getötet hätte ich wagte mein Leben an dem Mörder meines Vaters
jämmerlichen Tot zu rachen und wenn es auch des Obristen selbst eigne Person
betreffen sollte
Nun hatten zwar verständige Leute ein großes Mitleiden wegen meines
Unglücks gaben sich auch die Mühe meinen ohnmächtigen Eiffer mit den
Vorstellungen zu bezähmen dass es im Kriege nicht anders her zu gehen pflegte
und daselbst kein Ansehen der Person gelte letztlich wurde auch gewarnet
sonderlich wegen meines Obristen nicht also frei zu sprechen allermassen mich
sonsten gar leichtlich in Ungnade und bösen Verdacht bei ihm stürtzen könnte
hergegen sollte erwegen dass derselbe doch voritzo meines Vaters Stelle verträte
Diese Reden überzeugten mich nicht wenig meines Unverstandes nahm mir deswegen
vor in zukunft klüger zu sprechen aber vor einmal war es schon zu späte
denn ein verzweiffeltes KammerKätzgen bei dieser Adelichen Dame hatte alle
meine Reden noch selbigen Tages einem von unsers Obristen Laquayen mit welchem
sie vielleicht in heimlicher Liebe lebte ganz im Vertrauen wieder gesagt
Dieser Kerl war wegen seines liederlichen Lebens sehr übel beim Obristen
angeschrieben und stunde es damals eben darauf dass er die Musquete auf dem
Buckel nehmen sollte deswegen suchte er sich zu meinem Unglücke aufs neue
einzuschmeicheln und unter dem Schein der Treue und des Rechts dem Obristen
die ganze Sache nebst vielen beigefügten Lügen dergestalt plausibel
vorzustellen dass derselbe wirklich auf die Gedanken verfiel wie er
vielleicht an mir eine Schlange in seinem Busen erzöge welche ihn mit der Zeit
menchelmörderischer weise schaden oder wohl gar den Tod antun könnte Ich wurde
demnach gleich darauf folgenden Morgen in aller frühe von Herr Schwedken und
des Obristen KammerDiener wegen meiner geführten Reden examinirt da aber
diese beiden aus Liebe ziemlich gelinde verfuhren trat der Obriste der in
einem NebenZimmer alles mit angehöret hatte selbst hinein und zwar mit
dermaßen ergrimmten Gesichte dass ich vor Schrecken in die Erde zu sincken
vermeinte solchergestalt sah ich mich gezwungen auf sein zorniges Befragen
alles zu gestehen was ich gestriges Tages unbedachtsamer weise heraus
geplaudert hatte Die zugesetzten Lügen aber ebenfalls ein zu gestehen Konte
mich kein Mensch bewegen wie ich denn dessfalls immer auf meine Adelichen
Zuhörer provocirte allein es halff dieses so viel als nichts hergegen wurde
ich eine Stunde hernach von des Obristen Knechten im PferdeStalle
mutternackend ausgezogen mit großen Ruten biss aufs Blut gepeitscht und in
den ältesten zerlumpten Kleidern fortgejagt Ich konnte vor großen Schmerzen
nicht weiter kommen als biss in eines Bauern Garten woselbst mich in das
Gepüsche verkroch und den ganzen Tag über ohne Speise und Tranck sehr
unruhig darinnen ruhte da aber gegen die Nacht ein grausames DonnerWetter
und schrecklicher PlatzRegen einfiel ging ich sehr matt und furchtsam ja mit
zitterenden Gliedern in das BauerHaus hinein allwo zu meinen Glücke die zwei
darinnen liegenden Schweden nicht zu Hause sondern auf etliche Tage auscommandi
ret waren Die guten BauersLeute hatten von meinem gehabten Unglücke bereits
ziemliche Nachricht und zwar aus der EdelFrauen eigenen Munde bei welcher die
Bäurin ohnlängst als Magd in Diensten gewesen beklagten deswegen zwar mein
unschuldig erlittenes Elend wussten sich aber nicht zu resolviren ob sie es aus
Furcht vor den Obristen wagen dürfften mir ein NachtLager im Hause zu
verstatten Endlich überwog doch die Barmhertzigkeit alle Furcht so dass ich
nicht allein Speise und Tranck sondern auch Erlaubnis von ihnen erhielt diese
Nacht ja so lange in ihren Hause zu bleiben biss sie vernommen ob etwa die
EdelFrau vor mich sorgen wollte Dieses zu erfahren ging die Bäurin noch ehe
es völlig Nacht wurde zur EdelFrau kam aber bald zurück und brachte diese
gnädige Dame selber zu mir geführet welche so bald sie mich dergestalt
jämmerlich in einem Winckel sitzen sah augenblicklich helle Tränen zu
vergießen anfing Ich weinete ebenfalls hörte aber dass sie folgende Worte
zu mir sprach Ach mein Kind verzeihet ja verzeihet mir ich bin schuld an
eurem Unglücke denn hätte ich euch nicht zur Erzählung eurer Geschichte
beredet so hättet ihr nicht dergleichen kindische unbedachtsame Reden fliegen
lassen ich wünsche herzlich zu erfahren wer euch verraten hat denn es muss
unfehlbar einer von unsern Bedienten dieses Schelmenstücke verübet haben Der
Himmel lindere eure Schmerzen vertrauet auf Gott und meine möglichste
Beihülffe denn ich will euch morgende Nacht an einen Ort bringen lassen wo es
euch wohl gehen soll so bald uns aber Gott von den Schweden befreit will ich
euch in mein Haus als ein Kind aufnehmen Hiermit klopffte sie mich sanft auf
den Backen ich aber küsste und benetzte ihre Hand mit meinen Tränen weswegen
sie mir desto mehr Trost zusprach und sich nichts abhalten ließ meinen
jämmerlichverwundeten Leib selbst zu besichtigen Ach schrye sie ist dieses
eine Marque der Schwedischen Frömmigkeit und GottesFurcht O ihr Tyrannen o
ihr Türcken ist es zu verantworten einen unmündigen Knaben um eines
unbesonnen Worts willen welches ihm der Jammer wegen des Angedenckens seines
entleibten Vaters ausgetrieben dergestalt zu tractiren Ach wo ist hier die
Proportion zwischen der Straffe und dem Verbrechen zu finden Ach das arme Kind
hätte sich wenn es recht unterrichtet und zu Verstande gebracht worden wohl
1000 mahl anders bedacht und die einfältige Hitze seiner Jugend hernachmahls
selbst gemissbilliget Solche und dergleichen Reden führte sie noch einige Zeit
nahm endlich Abschied von mir die Bäurin aber mit sich auf ihren Hof von
wannen dieselbe vor mich ein weißes Hembde nebst etlichen köstlichen Konfitur
en und einer Flasche Wein mitbrachte anbei Befehl erhalten hatte selbigen zu
wärmen und meinen ganzen Leib damit abzuwaschen welches zwar anfänglich sehr
schmertzhaft jedoch nachher ungemein schmertzstillend war und da ich
nachher auch ein paar Gläser Wein darauf getruncken verschlieff ich in
folgender Nacht den größten Teil meiner Plagen und Sorgen
So bald sich gegen Mittag meine Augen wieder eröffneten verrichtete ich
mein MorgenGebet und danckte ungeacht meiner aufwachenden Schmerzen dem
Allmächtigen dass er mich von denen mir niemals anständigen KriegsGurgeln
erlöset hergegen Hoffnung zu einer ruhigern LebensArt verliehen hatte Nachdem
die Bäurin aber meine Verpflegung den ganzen Tag hindurch aufs beste besorgt
kam die gutertzige EdelFrau die pro forma ihre Ländereien zu Fuße besucht
hatte gegen Abend durch den Garten zu uns ließ durch die Bäurin aus ihrem
Hofe einen Korb abholen in welchem sich ein schönes Kleid nebst vieler
Wäsche Büchern und andern Bedürfnissen befande Mit diesen Sachen beschenckte
sie mich und sagte wie sie gesonnen mich künftige Nacht durch meinen Wirt
von hier hinweg und zu einem ihrer Befreundten der seine Hofhaltung in
ChurBrandenburgischen Landen hätte fahren zu lassen bei diesem sollte ich mich
nur fein stille und fromm verhalten fleißig beten und lernen so würde ich
keine Not leiden vielmehr alles Vergnügen finden Immittelst möchte ich
öfters so gut als ich könnte an sie schreiben und versichert leben dass ich so
gleich nach dem Abmarch der Schweden würde zurück geholet um nebst ihren
eigenen Kindern behörig auferzogen und in allen nötigen Wissenschaften
unterrichtet zu werden
Wie hätte eine leibliche Mutter vor ihr eintziges Kind bessere Sorge tragen
und klügere Anstalten machen können Ist dieses nicht als ein Exempel der
göttlichen Vorsorge vor arme sonst von aller Welt verlassene Wäysen zu erkennen
und zu admiriren Jedoch weil ich gesonnen bin mich in meiner LebensLauffs
Erzählung möglichster Kürtze zu befleissigen will nur berichten dass nach
genommenen zärtlichen Abschiede von dieser Liebesvollen PflegeMutter der
Bauer als mein Wirt gegen Mitternacht seinen Wagen anspannete mich wohl
verdeckt darauf packte und mit möglichster Behutsamkeit davon fuhr ohne von
einem oder dem andern Schwedischen Soldaten befragt oder angehalten zu werden
Wir säumeten uns an keinem Orte über die dringende Not gelangeten also dritten
Tages gegen Abend bei demjenigen Edelmanne im Brandenburgischen an der unserer
EdelFrauen Schwester zur Ehe hatte welcher mich denn auch so wohl als seine
nicht weniger gutertzige Gemahlin nach Verlesung der mitgebrachten Briefe sehr
liebreich auf und annahm den Uberbringer aber folgenden Tages mit behörigen
AntwortsSchreiben wiederum zurück fertigte Ich wurde in Wahrheit nicht als ein
armer verlauffener Junge sondern so gut als ein Adeliches Kind gehalten ein
jeder so meine erlittenen Fatalitäten anhörete warff eine mit vielen
Mitleiden vermischte Liebe auf mich und weil das ausgestandene Creutz mir eine
ganz besonders sittsame und submisse LebensArt hinterlassen wurde ich bei
jederman nach und nach immer mehr beliebt Es hatte dieser Edelmann 3 Söhne
von welchen der älteste 16 der jüngste aber wie ich in seinem 12ten Jahre war
hiernächst 2 Töchter davon die älteste ins 10te und die jüngste ins 8te Jahr
ging Außerdem waren noch zwei Vater und Mutter lose Adeliche Kinder bei
ihnen nämlich ein Juncker von 13 und ein Fräulein von 11 Jahren welche
letztere den Nahmen Charlotte führte Ein ungemein wohlqualificirter
Informator hatte also seine volle Arbeit uns 8 Kinder in stetigem Fleiße und
guter Zucht zu erhalten doch weil er ein sehr aufgeweckter Kopf war der
seinen Untergebenen alles spielende beizubringen über dieses die rechten Mittel
zu gebrauchen wusste uns in beständiger Furcht und Liebe zu erhalten hatten
unsere Studia auf allen Seiten einen recht erwünschten Fortgang weswegen sich
der Adel Principal nebst seiner Gemahlin so wohl über die Aufführung des
Lehrers als der Lernenden recht ungemein vergnügt bezeigten
Wenige Wochen aber nach dem Abzuge der Schweden aus Sachsen kam meine
vorherige Wohltäterin mit ihrem EheHerrn dahin gereist um ihren Befreundten
eine Visite zu geben und zugleich mich mit Sack u Pack zurück zunehme allein
meine itzigen Versorger sonderlich aber das umständige Anhalten meiner Schul
und SpielGesellschaft und dann die starke Vorbitte des mir sehr gewogenen
Informatoris brachten es endlich so weit dass ich noch auf eine Zeitlang
Erlaubnis erhielt zu bleiben wo ich war wobei zugleich von der Gütigkeit
meiner ersten Gönner 20 Tlr zu Kleidung Wäsche und Büchern erhielt
ungeacht mein itziger Patron sich erkläret alles benötigte selbst
herzugeben und solches nur darum weil seine beiden jüngsten Söhne durch mein
Exempel angefrischet wurden dem ältesten Bruder der ungemeine Lust zum Studi
ren erwiese auf dem Fuße nachzufolgen
Beiläuffig muss ich mit erwähnen dass selbigesmahl die Nachricht erhielt wie
mein Obrister wenig Tage nach meinem Hinwegsein und nachdem er meine Erzählung
von seinem Hospite und dessen Gemahlin aufrichtiger und wahrhafter vernommen
sich des mir zugefügten übelen Tractaments habe gereuen und verlauten lassen er
wolle demjenigen 10 spec Ducaten geben welcher Nachricht von mir bringen und
mich ihm wieder schaffen könne allein die redlichen von Adel hatten dennoch
dem LandFrieden nicht trauen wollen sondern alle Vorsicht gebraucht meinen
Auffentalt verschwiegen zu halten da auch kurtz hernach die Rede gegangen es
sei jenseit des ElbStroms ein ersoffener Knabe gefunden worden hat man ihn bei
den Gedanken gelassen dass ich unfehlbar zufälliger weise in solches Unglück
geraten welches sich denn der Obrister sehr zu Gemüte gezogen seinen Zorn
aber endlich an dem lügenhaften und verräterischen Laqueien ausgelassen
allermassen er demselben 200 Hiebe mit dünnen SpießRuten und hernachmahls
die Musquete auf dem Buckel geben lassen Das verhurte und klatschhafte
KammerMädgen hatte gleichfalls ihren Lohn bekommen denn nachdem sie den
Schwedischen Trouppen etliche TageReisen als eine liederliche Hure
nachgefolget war sie endlich biss aufs Hembde ausgezogen und zurück gepeitschet
worden
Mein Fleiß wurde durch die unverdienten Woltaten solcher vornehmen Gönner
dergestalt encouragiret dass ich so gar Abends und früh Mürgens meinem Schlaffe
abbrach um nur dem ältesten Juncker nachzukommen denn der Patron hatte mir
versprochen daferne meine Aufführung in bisherigen guten Stande bliebe mich so
dann nebst und bei seinen Söhnen etliche Jahr auf der Universität frei zu
halten und zwar nicht als einen Bedienten sondern als einen guten Kompagnon
Meine erste Wohltäterin starb zu Ende des 1709ten Jahres und zwar zu
meinem größten Leidwesen hatte mir aber mit Genehmhaltung ihres Gemahls 200
Tlr vermacht die ich auch 3 Jahre hernach cum Interesse richtig erhalten
habe Immittelst ruckte unter allen täglichen Vergnügen die Zeit heran da der
Patron seine 3 Söhne nebst seinem jungen verwäyseten Vetter und mir unter der
Aufsicht des Informatoris der nunmehr den Charakter als HofMeister bekam auf
die Universität nach Halle sendete Es geschahe solches um Michaelis des 1711ten
Jahres wir bekamen in einem Hause 3 Zimmer zu unserer Bequemlichkeit die
zwei ältesten Junckers legten sich hauptsächlich auf die Jurisprudenz haben es
darinnen auch so weit gebracht dass sie nachher alle beide sehr honorable
Königliche Bedienungen erhalten der jüngste nebst dem Vater und Mutter losen
August aber deren Sinn von Jugend an auf das SoldatenLeben gerichtet war
wollten sich nur zu den galanten Studiis als Historie Geographie Genealogie
MatesiTantzen Reuten Voltoisiren Fechten und dergleichen bequemen ich hielt
es mit den letztern am allermeisten aber legte ich mich auf die Matesin
besuchte dessfalls eines berühmten Professoris Kollegia mit allergrößten
Vergnügen und wandte über dieses einem Extraordinario den meisten Teil meiner
SpielGelder zu um privatim desto hurtiger in dieser Wissenschaft und was
derselben anhängig zu avanciren Hiernächst hatte nun zwar auch Gelegenheit
genung mir auf Kosten meiner Kompagnons ein und andere vergnügte Veränderung
so wohl in der Stadt als auswärtig zu machen allein es war dennoch mein
allergröstes Plaisir auf der Stube in meiner Einsamkeit zu sitzen und mit den
mathematischen Instrumenten zu arbeiten wiewohl ich auch die Stunden auf der
ReitBahn Tantz und Fechtboden selten versäumte mithin in dergleichen
Exercitiis vor andern einigen Vorteil erlangete Kurtz ich studierte immer auf
einen GeneralLieutenant los weil es mir an Kourage mein Glück unter der
Soldatesque zu suchen gar nicht fehlete über dieses ein und andere falsche
VorUrteile in meinem Gehirne schwermeten dass ich mich weit geschwinder mit
dem Degen in der Faust als Feder hinter dem Ohre zu Ehren schwingen könnte
zumahln wenn ich etwas rechts in der Architectura militari getan hätte
Mittlerweile lieffen 3 UniversitätsJahre geschwinder hin als ich vermutet
Binnen selbiger Zeit war ich mit meinen Junckers nur ein eintziges mahl zu Hause
gewesen Ich sage mit allem Fleiß zu Hause weil mich meine Wohltäter noch biss
auf denselben Tag als ein leibliches Kind hielten Um Michaelis 1714 gingen
wir abermals dahin die angenehme HerbstZeit daselbst zu passieren und weil die
galanten Fräuleins meines Principals ingleichen die ungemein wohlgebildete
Charlotte eine ziemliche Anzahl junger Kavalier dahin zogen war antäglich
vergnügten Veränderungen und Lustbarkeiten nicht der allergeringste Mangel zu
spüren Jedoch nachdem ich überlegt dass es meine Schuldigkeit sei den
verwittbeten Gemahl meiner ersten Wohltäterin die gehorsamste Aufwartung zu
machen bat ich mir dieserwegen bei dem itzigen Versorger ein Pferd aus und
ritte zum ersten mahle die Straße zurück auf welcher mich vor etlichen Jahren
ein BauerWagen in schmerzlichen Zustande meinem Glücke entgegen geführet
hatte Der alte rechtschaffene von Adel empfing mich so wohl als der eine zu
Hause lebende Herr Sohn ungemein freundlich und complaisant man tractirte mich
unverdienter weise wirklich als einen Kavalier und wollte mir glaubend machen
ich hätte ein solches gutes Ansehen und Geschicklichkeit erworben dass ich
nunmehr im Stande sei in zukunft ohne andere Recommendation mein Glücke
selbst zu befördern und allen Wiederwärtigkeiten Trotz zu bieten Nachdem ich
aber dem jüngeren Herrn etliche wohlgemachte Zeichnungen von Landschaften
Städten Fortificationen und dergleichen gezeiget und bei vermerckung seiner
Begierde selbige mir abzuhandeln ihm ein angenehmes Præsent damit gemacht
hatte überkam ich nicht allein sofort die von seiner verstorbenen Mutter mir
vermachten 200 Tlr baar bezahlt sondern von ihm 2 vortreffliche fast noch
ganz neue Kleider wovon das eine stark mit Golde bordirt war Der alte von
Adel aber beschenckte mich vor das ihm gemachte Præsent welches in allerhand
Arten geschliffener vergrösserungs Gläser curiösen SonnenUhren und dergleichen
Plunder bestund mit 50 spec Ducaten also konnte nach etlichen Tagen in einer
seiner Karossen sehr vergnügt wiederum zu meinen Kompagnons reisen
Diesen zeigte ich mich nun wenig Tage hernach in meinen wohl aptirten
neuen StaatsKleidern und bekräfftigte dadurch das alte Sprichwort Kleider
machen Leute Hiernächst inspirirte mir meine GoldBourse einen solchen
unverzagten Mut dass ich fest glaubte es könne einem mit so vielen
GlücksGütern überhäufften Avanturieur unmöglich etwas in der Welt fehl
schlagen Allein bei wir traff solchergestallt auch ein was geschrieben sieht
Des Menschen Feinde sind seine eigene Haussgenossen worunter unfehlbar die
törichten Affecten eines Menschen zu verstehen sind Denn ich hatte zwar
bisher ungeacht der um diese Jahre sonst meistenteils schwermenden Jugend
meine Affecten ziemlicher maßen moderiren können doch unverhofft fing sich
ein ganz besonderer Affect an zu regen und mich plötzlich dergestallt zu
übermeistern dass ich denselben weder mit dem Zaume der Klugheit noch mit dem
Gebisse der Renommeé zu regieren vermögend war Kurtz zu sagen Ich wurde
verliebt gemacht und zwar von dem ausbündig schönen Fräulein Charlotte wiewohl
nicht vorsetzlicher und freventlicher weise sondern vermittelst folgender
Umstände Wir wurden fast täglich von einem benachbarten LandJuncker besucht
welcher Charlottens Gewogenheit zu erwerben sich die größte Mühe gab Dieser
war sonsten ein Mensch von ziemlich guten Ansehen und Eigenschaften hatte auch
zu seinem Stande hinlängliche Einkünfte jedoch schon verschiedene mahl das
Malheur gehabt seine Ausgeberinnen Köchinnen und so gar die ViehMägde in
den Stand der Ammen zu versetzen wie ihm denn nur noch vor weniger Zeit eine
ViehMagd die er ungeacht ihres stark geschwollenen Leibs von sich
geprügelt zur Revange auf einmal ein paar Zwillinge vor der Tür præsentiret
hatte Nun waren zwar nachher alle diese Händel mit Gelde geschlichtet und
abgetan dem ungeacht machten ihm selbige aller Orten wo dieser Herr
Ferdinand von H seinen Haaken ehelicher Liebe einzuschlagen suchte die
allergröste Verhinderung Bei Charlotten hergegen vermeinte er doch am
allerersten anzukommen weil selbige ein zwar schönes dabei aber sehr armes
Fräulein ware die wohl kaum 500 Tlr im Vermögen hatte
Eines Tages wurde er so treuhertzig gegen mich mir sein ganzes Geheimnis
bei Gelegenheit eines einsamen SpatzierGanges zu offenbaren und meine Person
also unverschuldeter Weise zu seinem LiebesVertrauten zu machen auch sich
meinen Vorspruch bei Charlotten auszubitten indem er glaubte dass ich nicht
allein bei derselben sondern auch des Principals Herrn von V Fräulein
Töchtern in sehr guten Credite stünde und zwar darum weil wir vor der Zeit mit
einander in die Schule gegangen wären Anfänglich machte mir zwar ein starckes
Bedenken den Charakter eines KopulationsRats anzunehmen jedoch da er mir
eine silberne Englische Uhr præsentirete und vor dissmahl weiter nichts
verlangte als dass ich Charlottens Bruder Augustum welcher bisher sehr
wiederwärtig geschienen dahin bringen möchte in zukunft bessere Freundschaft
zu pflegen ließ ich mich endlich bereden und machte den Anfang ein LiebesGarn
zu spinnen worein sich mein Hertz in wenig Tagen selbst verstrickte Mons
August ließ sich weil wir jederzeit sehr gute Freunde gewesen waren endlich
behandeln mit Ferdinando ziemlich vertraulich scheinende Freundschaft
einzugehen allein was die Schwägerschaft anbelangete merkte ich gar bald
dass August als ein ambitieuser ja extraordinair capricieuser Kopf schwerlich
seinen Konsens darzu geben würde jedoch es ging mich nichts an deswegen war
nur froh dass Ferdinand sich der ersten wohl ausgerichteten Kommission wegen
sehr vergnügt bezeugte und zur überflüssigen Danckbarkeit mich mit einem wohl
proportionirten ReitKläpper nebst Sattel und Zeuge beschenckte anbei bat ich
möchte mir die Mühe geben in seinen Nahmen einen LiebesBrieff nebst
beigelegten Versen an Charlotten zu verfertigen Auf die Verse sollte ich auch
eine feine Melodei componiren damit er sie Abends unter Charlottens Fenster
welches in den BaumGarten stieß absingen könnte da ich denn seiner angenehmen
Stimme mit meiner Laute accompagniren sollte um solchergestallt stallt
conjunctis viribus Charlottens bissheriges Felsen hartes Hertze zu brechen Ich
machte abermals unzählige Einwürffe dass solches erstlich gar keine Art und
Geschicke haben würde andern teils könnte ich vielen Verdruss davon haben auch
wäre ich ein schlechter Lauteniste uñ noch schlechterer Komponiste allein es
halff da kein Einreden der von dem LiebesGotte vollkommen angeschossene
Ferdinand wollte rasend werden wenn ich ihm meine Hilfe versagte um deren
Beschleunigung er mir abermals ein Præsent machte welches in einer verguldeten
silbernen SchnupffTobacks Dose bestund
Demnach ergriff ich endlich das SchreibeZeug und setzte an Charlotten
einen Brieff auf dessen Kopie ich zwar annoch biss diese Stunde in meinem Brief
Kouvert bei mir trage allein es wird unnötig sein dergleichen Torheiten der
Jugend bei reiffern Verstande zu repetiren
Hiermit wollte Mons Litzberg in seiner Erzählung einen Sprung machen allein
der Altvater sagte mit hertzlichen Lachen Halt Mons Litzberg so haben wir
nicht gewettet es heißt Narravere patres nos narramus omnes Ich habe
das Vertrauen zu eurem mir allzu redlich vorkommenden Gemüte dass ihr keine
außerordentlichen ärgerlichen Streiche werdet vorgenommen haben was aber die
Torheiten der Jugend anbelanget daran wird sich von uns niemand ärgern
deswegen könet ihr dieselben zum erlaubten Schertze wohl erzählen zumahlen da
ich in meiner eigenen GeschichtsErzählung die meinigen selber nicht
verschwiegen habe Solchergestallt wurde Mons Litzberg genötigt seine
BrieffTasche hervor zu langen und uns aus selbiger das Koncept eines Briefes
folgendes Innhalts vorzulesen
Allerschönstes Fräulein
Mein äuserst verliebtes Hertze hat zwar dem Munde und Augen unzehlige mahl
Ordre gegeben Ihnen die Beschaffenheit desjenigen Feuers welches Dero
unvergleichlichen Augen in dem innersten meiner Seelen angezündet haben zu
entdecken allein wenn bei aller erwünschten Gelegenheit der Mund zu blöde so
sind hingegen die Augen desto unglücklicher gewesen weilen mein
anbetenswürdiges Fräulein deren Sprache niemals verstehen wollen Jetzt wagt
es meine Hand dem beklemmten Hertzen einige Linderung zu suchen welches
unfehlbar in weniger Zeit gänzlich verzehret wird daferne Sie allerschönstes
Fräulein als die Uhrheberin solcher Glut demselben nicht Dero unschätzbare
GegenGunst zur Erquickung gönnen wollen Ich erwarte also zwischen Furcht und
Hoffnung von Ihnen den Ausspruch ob ich Liebe oder Hass Leben oder Tot zu
finden habe und bin demnach bei allen
Meines allerwertesten Fräuleins
biss ins Grab getreuer
Ferdinand von H
Anbei hatte meine übel exercirte poetische Feder folgende Aria ausfliessen
lassen
ARIA
1
Ists wahr ihr allerschönsten Augen
Dass ihr charmant und grausam seid
Nein dieses schickt sich nicht zusammen
Drum stifftet ihr gleich Glut und Flammen
So lasst doch endlich mit der Zeit
Aus euren Blicken Kühlung saugen Da Kapo
2
Erwegt dass meine treue Seele
Durch euren Strahl entzündet ist
Betrachtet doch in meinem Hertzen
Den Einfluss aller Angst und Schmerzen
Wo Gram und Furcht das Hertze frisst
Seht an Ach seht wie ich mich quäle Da Kapo
3
Drum lass ihr schönsten AugenSonnen
Euch endlich zur Erbarmung ziehen
Vergöttert euch durch Huld und Güte
So kommt mein Hoffen bald zur Blüte
So muss der Schmertz von hinnen fliehn
So hat mein treues Hertz gewoñen Da Kapo
Kaum hatte der äuserstverliebte Ferdinand das Koncept von beiden sich vorlesen
lassen als er gleich deckenhoch auffsprunge und mich unter den aller sensible
sten Umarmungen unzählige mahl küsste weilen wie er sagte seine Gedanken
dermaßen darinnen ausgedrückt wären als ob ich selber in das innerste seiner
Seelen hinein geschauet hätte wannenhero ich ihm selbiges alsofort zur
Abschreibung überlassen wollte allein hier stack der Knoten denn der gute
Edelmann konnte nebst seinen Nahmen wenig mehr als die deutschen Ziefern mahlen
also musste ich nolens volens mit etwas veränderter Hand die Sache selbst in
Ordnung bringen und zu allem Uberflusse auch den Brief nach der Mittags
Mahlzeit an Charlotten übersenden
Hiermit war aber dennoch lange nicht alles ausgerichtet sondern nunmehr
musste der gezwungene Versifex sich erstlich par force zu einem KapellMeister
notzüchtigen lassen und ganz erbärmlich lautende Noten über den jämmerlichen
Text setzen So bald dieses geschehen lieffen wir mit ein ander eine halbe
Meilwegs fort ins Holtz allwo ich dem lichterloh brennenden VenusBruder die
Melodei etliche no comma vorsingen musste ehe er dieselbe auswendig lernen
und sich getrauen konnte selbige en faveur der dunckeln Nacht unter Charlottens
Fenster abzusingen Wir kamen Abends nicht zu Tische sondern truncken uns in
einer nah gelegenen Schencke erstlich einen halben Rausch um desto mehrere
Kaurage zu kriegen unsere AbendMusique ohne Pudelei abzulegen So bald es aber
völlig Nacht worden schlichen wir uns ohne Licht ganz sachte auf meine
Stube von dar ich meine bei Tage schon zu recht gestimmte Laute abholete und
mich mit dem von dem Cupido jämmerlich gepeitschten Gefährten zwischen
etliche noch ziemlich belaubte HaselNussSträucher verfügte die Charlottens
SchlafKammer gerade gegen über gewachsen waren Ich hatte kaum angefangen auf
der Laute ein wenig zu præludiren da dieselbe das Fenster hurtig eröffnete und
sich in ihren NachtHabite persönlich præsentirte Der erhitzte Wechselbalg der
Liebe Ferdinand gab mir dergleichen vortrefflichen Aspect als ein glückliches
Omen seines hoffentlichen Vergnügens mit einem höchst empfindlichen
RippenStosse zur ferneren Uberlegung Da aber ich solchergestallt um frischen
Otem zu schöpffen etwas inne halten musste vermeinte er es sei nunmehr Zeit
den Text anzufangen erhub also seine HochAdeliche Stimme auf eine dergestallt
affectuese Art dass es kein Wunder gewesen wenn sich die ganze EselsZunft
Europäischer Nation gratuliret hätte ihn als einen Virtuosen in ihre Kapelle
auf und anzunehmen Ich konnte seinen Ton auf keinerlei Weise finden und weil
er so wohl den Text als die Melodei vergessen oder versoffen hatte fingen wir
die zwei ersten Zeilen der Arie wohl 6 mahl da Kapo an biss uns endlich
Charlottens überlauts Gelächter eine Pause von etlichen Tacten auferlegte
Allein hiermit entfiel dem sterblich verliebten Ferdinando zusamt der Stimme
auf einmal alle Kourage wollte aber ich nicht in der Schande stecken bleiben
so musste nach einem abermahligen kurzen Præludio die ganze Arie selber
absingen worauff Charlotte zum Zeichen ihres Vergnügens in die Hände klatschte
und in Frantzösischer Sprache welche Ferdinand nicht verstund folgende Worte
sprach Cela ma donné à ce soir un double contentement Dormez bien auf
Teutsch Ich bin diesen Abend auf gedoppelte Art ergötzt worden ruht wohl
Er fragte mich so bald sie hierauf ihr Fenster zugeschlagen was sie
gesprochen ich merkte aber den Braten einigermaßen und gab vor Sie hätte
sich bedanckt und uns eine geruhige Nacht gewünscht Demnach hing sein
LiebesHimmel überall voller Geigen er drückte mir auf der Stelle 2 spec
Ducaten in die Hand und weilen seine Geschäffte durchaus nicht erlauben wollten
diese Nacht außer seinem Hause zu schlaffen ließ er sich in aller Stille sein
Pferd bringen und ritte davon mit dem Versprechen über morgen Mittags ganz
gewiss wiederum bei uns zu sein da ich ihm denn die vermutliche Antwort des
Fräuleins einhändigen und erklären sollte
Ich versprach seine LiebesAffairen bestens zu beobachten legte mich
hernach aufs Ohr stund aber gewöhnlicher weise sehr früh auf und divertirte
mich auf dem im Garten befindlichen Vogel Heerde allwo mir durch eine
Charlotten sehr getreue Magd nachfolgende Zeilen eingehändiget wurden die ich
also notwendiger weise ebenfalls ablesen muss
Monsieur
Verstellet eure Hand wie ihr wollt seid aber versichert dass Charlotte
dieselbe unter tausenden dennoch erkennen wird Allein sagt mir warum ihr so
verräterisch handeln und auf die Seite meiner Feinde treten könnt da doch
ich von Jugend auf meines Wissens lauter Redlichkeit und unsträfliche Liebe
gegen eure Person bezeuget habe und wenn ich offenhertzig schreiben soll biss
dato noch mehreren Estim vor euch hege als vor alle andere mir zur Zeit
bekandte MannsPersonen Betrachtet demnach selbst ob es mir nicht schmertzlich
fällt mich von einem eingebildeten auffrichtigen Freunde unverschuldeter weise
hintergangen zu sehen Jedoch seid ihr vielleicht verführet und etwas
unschuldiger als ich noch zur Zeit glauben kann so ists vergönnet euch gegen
Abend im LustGarten bei ersehener Gelegenheit und ohne Beisein anderer zu
entschuldigen Immittelst gebet dem abgeschmackten Ferdinand nur dieses zur
Antwort dass ich endlich noch die ganze Schrifft als einen angenehmen Schertz
aufgenommen hätte daferne nur an statt seines mir biss in den Tot verhassten
Nahmens die zwei Buchstaben FL gestanden hätten Saget ihm nur franchement
dass mein fester Schluss sei Ehe einen ehrbaren Bürger als dergleichen Edelmann
wie er ist zu heiraten Der Adeliche Stand ist mir ein Greuel daferne
derselbe nicht die HelmDecken der Tugend und Geschicklichkeit im Wapen und
zugleich im ganzen Wesen auffzuzeigen hat hergegen ist eine mit diesen beiden
Stücken gezierte CivilPerson in meinen Augen des vortrefflichsten Adels
würdig ja noch weit höher geschätzt Uberlegt selbst was ich hiemit gesagt
haben will erweiset mir hierauf die Gefälligkeit diesen Brieff zu verbrennen
damit er sonsten nicht etwa in verdächtige Hände falle und glaubt dass auch in
zukunft ohne mutwillig gegebene Ursach und zugefügte Beleidigung euch
niemals hassen wird
Charlotte R von M
Hierbei lagen folgende Verse
Arie
1
Wen ich durchaus nicht lieben kann
Der suche mich nur nicht zu quälen
Es muss sich fein ein jederman
Das was ihm gleicht zur Lust erwählen
Mir ist die Geilheit ärgerlich
Wer diese liebt
Und täglich übt
Der packe sich
2
Ich soll und muss doch eben nicht
Des Standes wegen Eckel freien
Denn weil der Himmel selber spricht
Man soll sich vor den Lastern scheuen
So lieb ich nur was tugendhaft
Und beuge vor
Wenn sich ein Tor
In mich vergafft
3
Erlang ich nicht was mich charmirt
So bleibt die Freiheit mein Vergnügen
Wer keinen keuschen Wandel führt
Wird nimmermehr mein Hertz besiegen
Und dennoch bleib ich immer froh
Wer mich verdenckt
Sei ungekränckt
Ich bin nun so
Gleich unter Lesung dieser auffrichtigen Zeilen wurde mein Hertze
dergestallt mit heißer Liebe erfüllt dass ich vor Freuden ja recht innerlichen
Vergnügen gleichsam in einer Entzückung sitzen blieb Denn kurtz von der Sache
zu reden was konnte wohl deutlicher sein als dass mir Charlotte den Schlüssel zu
ihren Hertzen zeigte und sich nach einem kühn gewagten Anfalle auf Diskretion
zu ergeben Mine machte Läugnen kann ich zwar im geringsten nicht dass ich dieses
artige Fräulein noch als ein Kind von dem ersten Tage unserer Bekanntschaft an
vor andern recht herzlich doch heimlich geliebt allein diese Liebe war in
Betrachtung meines Zustandes mit so viel Respekt und Hochachtung begleitet dass
mir niemals in die Gedanken kam von ihr einige GegenLiebe zu verlangen
Nunmehr aber wurde besagter maßen dergestallt aus mir selbst und in die
Betrachtung aller ihrer Annehmlichkeiten versetzt dass ich auch die Mittägige
SpeiseGlocke darüber verhörete und erstlich abgerufft werden musste Charlotte
und ich konnten bei der Tafel einander ohne merckliche GemütsBewegungen
nicht lange ansehen deswegen passireten lauter verstohlene Blicke biss ich
endlich die Gelegenheit beobachtete gegen Abend im spazieren gehen das ganze
Gehemniss von der mit Ferdinando gemachten Kundschaft zu offenbahren
dieserwegen um Verzeihung zu bitten ihr meinen künftigen gehorsamsten Respekt
zu versichern und endlich mit diesen Worten zu schließen Es liegt mir aber
Gnädiges Fräulein noch ein einziger Punkt auf dem Hertzen den ich jedoch
seiner Wichtigkeit wegen unmöglich offenbaren kann so lange ich zu befürchten
habe dass uns etwa jemand von ferne observiren möchte über dieses erfodert
meine Blödigkeit eine bequemere Zeit und Gelegenheit des Orts ein vor alle mahl
etwas zu sagen welches mein Gnädiges Fräulein vielleicht nicht erraten wird
Das muss was besonderes sein versetzte Charlotte hierauf allein mein Freund
euer Wesen kommt mir heute in allen Stücken ohne dem ganz anders vor als
sonsten deswegen wäre um so viel desto curieuser solches Anbringen zu
vernehmen jedoch ich wüste mich auf keine euch beliebige Gelegenheit ohne
Verletzung meiner Ehre zu besinnen seid ihr in diesem Stücke ingenieuser als
ich so meldet es aber voraus gesagt ohne Verdacht und Nachteil meiner
Renommée sonsten will mir viellieber alle Curiositée auf einmal vergehen
lassen Behüte der Himmel gnädiges Fräulein war meine Gegenrede dass ich
Ursache sein sollte nur den geringsten Schein des Verdachts wieder Dero
unvergleichliche Tugend zu stiften jedoch wo mir erlaubt ist eine Gelegenheit
vorzuschlagen so wird sich eines von Dero KammerFenstern welches in den
BaumGarten stösset am besten darzu schicke es ist ja selbiges nicht gar hoch
mit festen eisernen Stäben verwahret und in einem solchen Winckel befindlich
allwo ich auf einer kleinen Leiter biss dahin gelangen und aufs geheimste mit
ihnen sprechen kann daferne nur mein gnädiges Fräulein eine gewisse Stunde
bestimmen will wenn ich die Freiheit nehmen darff mich zu näheren
Charlotte schüttelte den Kopf hierzu besonn sich eine lange Zeit endlich
aber verwilligte sie dass ich künftige Nacht wenn der weiße Vorhang heraus
hienge um 11 Uhr vor diesem Auditorio erscheinen dürffte außer diesem
Zeichen aber durchaus nicht So bald demnach andere Leute zu Bette waren
schlich ich mich ganz heimlich in den Garten bauete mein Katheder auf und
fasste endlich das Hertze Charlotten so bald sie sich am auffgemachten
Fenster præsentirte durch die engen eisernen Stäbe meine LiebesDeclaration zu
tun
Es ist unnötig den Innhalt derselben voritzo weitläufftig anzuführen denn
wer nur ein eintzig mahl verliebt gewesen wird sich gar leichtlich einbilden
können was man bei dergleichen Zeiten und Gelegenheiten vor Fleiß anwendet
seinen Vortrag auf recht hertzbrechende Art einzurichten Kurtz Charlotte und
ich wurden des Handels binnen zwei Stunden vollkommen einig verwechselten
unsere Hertzen schwuren einander ewige Treue und verabredeten dass ich
erstlich nach Wien reisen und aus kundschaffen sollte ob noch etwas von meinem
Väterlichen oder Mütterlichen Erbteile zu erhalten sei da denn hernach etwas
Geld an eine sichere OffiziersCharge spendiren und meine Geliebte öffentlich
zur Ehe begehren könnte Doch dieses war an uns beiden eben nicht zu loben dass
wir uns beredeten Ferdinanden so lange bei der Nase herum zu führen biss ich von
Wien glücklich wiederum zurück gekommen wäre
Ich hatte damals zum allerersten mahle das Vergnügen diejenigen
Süßigkeiten sehr oft wiederholt zu kosten welche sich eine MannsPerson von
den recht purpur farbenen Lippen eines ungemein schönen Frauenzimmers wirklich
zu genießen einbilden und wünschen kann deñ die zwar sehr engen eisernen
Gitter waren dennoch so raisonable beschaffen mir diese Ergötzlichkeit auf den
Lippen und zarten Händen meiner Geliebten wiewohl sehr gezwungen zu erlauben
Nachdem aber alles was uns bei dieser ersten geheimen Zusammenkunft
eingefallen aufs genauste verabredet worden war ich so höfflich Charlottens
NachtRuhe nicht gänzlich zu verderben sondern begab mich um 2 Uhr zurück in
mein Apartement
Folgendes Tages stellte sich Ferdinand versprochener maßen sehr zeitig
ein erhielt von mir die tröstliche Nachricht dass seine Sachen bei Charlotten
ein ziemlich gutes Ansehen gewonnen und ob sie gleich verredet hätte zeit
Lebens keine LiebesBriefe an eine MannsPerson zu schreiben so würde er doch
in ihren Reden Minen und ferneren Umgange solche Vorteile vor seine Liebe
finden dass er sich meines Vorspruchs bedient zu haben nicht dürfte gereuen
lassen Allem Ansehen nach fand er sich dieserwegen unbetrogen denn Charlotte
wusste ihm dergestallt politisch zu begegnen dass er mit ihrer vermeintlich
aufkäumenden verliebten Aufführung vollkommen zufrieden war Sie musste recht
gezwungener weise ein kostbares Præsent von ihm annehmen welches am Werte bei
nahe 100 Ducaten betraff hergegen ließ sie sich durchaus nicht bereden den
Vortrag eines baldigen Verlöbnisses und kurtz darauf anzustellender Hochzeit
anzunehmen indem sie nebst andern erheblichen Ursachen vornehmlich diese
anführete dass sie ihn wenigstens erstlich Jahr und Tag wegen seiner Treue auf
der Probe halten müsse Ihren Bruder hatte er durch Geschenke und andere
Gefälligkeiten nach und nach dermaßen eingenommen dass es schiene als ob sie
ein Hertz und eine Seele wären wie denn auch dieser August mehr bei ihm als
bei uns war und unfehlbar sein natürliches Geschlechte bei Ferdinands
Köchinnen und Mägden vermehrete Im Gegenteil wurde meine KopulationsRats
Charge gänzlich cassirt weil Ferdinand seiner Meinung nach keinen ferneren
Vorsprecher mehr bedürffe doch bekam ich zum höfflichen Abschiede noch 12
Stück spec Ducaten welche vielleicht das Æquivalent des gebräuchlichen
KuppelPeltzes sein sollte
Immittelst kamen Charlotte und ich fast alle Nacht an dem vorerwähnten Orte
zusammen denn unsere brennende LiebesHitze konnte der damaligen kälte des
Winters noch ziemlichen widerstand tun doch mussten wir uns sehr genau in acht
nehmen dass die durch oft wiederholtes Küssen befeuchte Lippen nicht etwa ihr
zartes Häutlein an den unbarmhertzigen eisernen Stäben hängen ließ welches
ich nur ein eintziges mahl mit ziemlicher Empfindlichkeit gewahr wurde allein
die heftige Liebe verschmertzte alles in Betrachtung dass man vor dergleichen
Delicasse auch etwas ausstehen müsse
Ich wusste inzwischen nicht zu begreiffen warum der Herr von V seine Söhne
so lange von der Universität zurücke hielt da doch selbige selbst täglich
wiederum nach Halle zu kommen wünschten Ich der ich mich täglich in der
Matematique mit ihnen exercirte wurde biss dato noch von allen lieb und wert
gehalten doch an allerliebsten von meiner englischen Charlotte Inzwischen
gingen wir beide vor andern Leuten dermaßen unpassionirt mit einander um dass
auch die Allerklügsten nichts weniger als eine würckliche LiebesVerbindung von
uns præsumiren konnten ungeacht Charlotte den von mir empfangenen Diamantenen
VerlöbnisRing täglich an ihren Finger trug worgegen sie mir einen kostbaren
PerschaftRing verfertigen und verblümter weise den mehresten Teil von ihren
StammWapen wiewohl nach eigener Invention etwas verändert hinein setzen
lassen
Solcher gestallt verfloss die Helffte des strengen Winters deswegen hielt
ich mit meiner Geliebten geheimbden Rat worinnen endlich das auf beiden
Seiten schmertzlich fallende Urteil gesprochen wurde dass ich um FastNachten
meine Reise nach Wien antreten und dieser wegen von meinen Patrons beglaubte
Attestate ReisePæsse und RecommendationsSchreiben auswürcken sollte Ich
observirte also eines Tages die gute Gelegenheit meinem Principalen
vorzustellen Wie nunmehr da ich durch seine unverdiente gnädige Hilfe in
solchen Stand gesetzt worden mein Brod in zukunft selbst zu verdienen es mir
zur Sünde und Schande gereichen würde wenn ich dessen Gnade ferner missbrauchen
und nicht allein hier auf der BärenHaut liegen und die guten Tage zählen
sondern auch um mein ferneres Aus und Einkommen unbekümmert sein wollte
Wesswegen ich um gnädige Erlaubnis bäte in meinen eigenen Standesund
EtaatsAffairen eine Reise nach Wien anzutreten wobei mir sonderlich durch
dessen gnädige Vorschrifft und selbst eigene Recommendation ein sicheres Konto
zu finden getrauete
Der gute alte Herr wandte zwar viel darwieder ein schlug mir auch vor von
Ostern an noch ein Jahr oder wohl länger bei seinen Söhnen auf der Universität
zu bleiben mittlerweile er auf allerhand Mittel bedacht sein wolle mich nach
meinen Meriten behörig zu versorgen Allein die Liebe ach die heftige Liebe zu
Fräulein Charlotten stack mir einmal im Kopffe und machte mich dermaßen
beredsam dass ich dadurch endlich meinen Zweck erreichte und 2 Tage nach
FassNachten 1715 mit 100 Tlr Geld und einem propren Kleide von ihm
abgefertiget wurde
Nichts auf der Welt kam meinem Hertzen empfindlicher vor als das klägliche
Scheiden ich wandte alle meine Beredsamkeit und beweglichsten Karessen an mein
Fräulein Charlotte dahin zu bewegen mir in der letzten Nacht einen geheimen
Zutritt in ihren SchlafGemache zu erlauben beteuerte auch bei allen dem was
heilig gehalten wird weder mit Worten Gebärden oder Wercken nicht das
geringste wieder ihre Ehre und Tugend zu tentiren allein dieselbe war in diesem
Stücke ein wenig allzu strenge also musste nur vergnügt sein dass meine
AbschiedsKüsse in grimmiger Kälte durch das unbarmhertzige eiserne Gatter
nehmen durfte
Demnach nahm meinen Weg nebst einen zu meiner Bedienung angenommenen
ReitKnechte der meine ReiseSachen hinter sich auf dem Pferde in zwei stark
angefüllten MantelSäcken führte erstlich noch einmal auf Halle zu allwo
mein annoch daselbst befindliches Geräte und Bücher einem redlichen Freunde in
Verwahrung selbigen auch zu Unterhaltung meiner Korrespondenz mit Charlotten
hinlängliche Instruction gab nachher meine Reise so hurtig als es meine zwei
ziemlich tauerhaften ReitKläpper ausstehen konnten über Leipzig und Prag nach
Wien fortsetzte Selbige Weltberühmte Stadt erreichte ich endlich gleich am
Sonntage Judica also 14 Tage vor dem OsterFeste hieselbst kostete es nun
nicht wenig Mühe das Geschlechte meiner Mutter auszuforschen jedoch nach
vielen vergeblich angewandten Kosten traff ich endlich meine GroßMutter
mütterlicher Seite bei einer ihrer Töchter an die an einen Zeugwärter bei der
Käyserl Artollerie verheiratet war und mit selbigen 5 lebendige Kinder
erzeuget hatte So bald ich mich kund gegeben und alle ausgestandene Fatalitäten
ausführlich erzählt hatte umarmete mich meine Großmutter aufs
allerliebreichste und erkandte mich aus allen Umständen sonderlich aber an den
GesichtsZügen und dem Muttermahle welches ich am Halse unter dem Halsstuche
auffzuweisen habe vor den leiblichen Sohn ihrer ältesten Tochter Hergegen
wurde ihr und mein eigenes Betrübnis ganz sonderbar erneuert da keins von
allen nur die geringste Nachricht zu geben wusste wo meine Mutter mit der
jüngsten Tochter müsse hingekommen sein
Meine Großmutter aber hatte nebst dieser Tochter bei welcher sie lebte
añoch zwei andere an Käyserliche Offiziers verheiratete Töchter und einen
Sohn der unter der Käyserl Infanterie als Kapitain in Ungarn stunde Nun
erkandten mich zwar anfänglich alle 3 Muhmen vor den Sohn ihrer ältesten
Schwester nachdem sie aber die Sache mit ihren Männern etwas reifflicher
überlegt und sich leichtlich die Rechnung gemacht dass ich mein Mutterteil
prætendiren würde spieleten sie das Lied aus einem ganz andern Tone zuckten
die Achseln und gaben zu vernehmen wie sie dennoch verschiedene trifftige
Ursachen hätten zu zweiffeln ob ich derjenige Vetter sei vor welchen ich mich
ausgäbe man hätte sehr viele Exempel dass die Leute von dergleichen listigen
Landstreichern hintergangen worden deswegen müsste ich mich erstlich besser
legitimiren vor allen dingen aber die RömischKatolische Religion annehmen so
dann sollten mir nicht allein von jedweden meiner Mutter Geschwister 200
KäyserGulden baar Geld gezahlt sondern auch über dieses vor mich gesorget
werden dass ich durch Vorschub meines Vetters in Ungarn etwa einen Ober
Offiziers oder IngenieursPlatz erhielte Was war hierbei zu tun mehrere
Beweisstümer meines rechtmässiger weise führenden GeschlechtsNahmens
beizubringen fiel mir unmöglich der Evangelischen Religion abzuschweren und
die RömischKatolische des zeitlichen schlechten Gewinsts wegen anzunehmen
schien bei Gott und Menschen unverantwortlich einen Prozess aber gegen meine
dasigen BlutsFreunde zu formiren war ganz und gar nicht ratsam sondern in
Betrachtung meiner wenigen Mittel allzu gefährlich Deswegen nahm ich meine
einzige Zuflucht zur GroßMutter und verhoffte dieselbe sollte durch ihre
Autorität meine Sachen auf guten Fuß setzen allein selbige stund selbst gar auf
schwachen Füßen denn die gute Alte war fast ein Spott ihrer bösen Kinder und
Kindes Kinder ihr Vermögen hatte sie biss auf wenige zurück behaltene
GoldStücken und Jubelen schon vor etlichen Jahren unter dieselben verteilt
musste also meistenteils deren Gnade leben über dieses war sie sehr eiffrig
Katolisch und sagte mir ausdrücklich wie sie mich ebenfalls nicht mit rechten
guten Gewissen vor ihren Enckel erkennen und sich meiner annehmen könnte so
lange ich mich in meinen irrigen ketzerischen Glauben befände Jedoch war sie
endlich so mitleidig mir 30 Stück spec Ducaten nebst einem ziemlich kostbarn
DiamantRinge und silbernen Degen zu verehren meldete mir anbei denjenigen
Fürstl Sächsischen Hof allwo meines Vaters leiblicher Vater vor vielen Jahren
in Diensten gestanden riet mir anbei dahin zu reisen und zu versuchen ob noch
etwas von meinem väterlichen Erbteile zu erhalten sei mittlerweile hätte auch
Zeit und Gelegenheit zu überlegen ob ich den Vorschlägen meiner mütterlichen
Anverwandten Folge leisten und mir ihr Anerbieten zu Nutz machen wollte
solchergestallt ich denn mit ehesten zurück kommen und sie allerseits gedoppelt
erfreuen könnte Ich war von Hertzen doch nicht halb so sehr über das empfangene
Geschenke erfreut als da ich nunmehr die GeburtsStadt meines Vaters
ausgekundschaft hatte versprach zwar alles wohl zu erwegen reiste aber unter
dem Vorsatze fort mit Göttlichen Beistande mein anderweitiges Glück zu suchen
und dergleichen falschund halssstarrig gesinneten BlutsFreunden nimmermehr
wiederum vor die Augen zu kommen noch vielweniger sie um einige BeiSteuer
anzusprechen weil mich lieber zeitlicher weise von ihnen verlassen als
geistlicher weise ins Verderben gestürtzt wissen wollte
Also trat ich in der angenehmsten SommersZeit meine RückReisen an und
erreichte wenig Tage nach JohannisFeste meines seel Vaters GeburtsStadt
jedoch in selbiger war mein GeschlechtsNahme vor wenig Jahren mit dem
GroßVater gänzlich ausgestorben ingleichen meines Vaters älteste Schwester
nebst ihrem EheManne mit hinterlassung dreier Töchter verschieden die andere
aber lebte annoch mit einem Fürstlichen Sekretario in sehr vergnügter Ehe und
hatte zwei erwachsene Töchter auch so viel Söhne die etwa 12 biss 15 Jahr alt
waren Diese Leute konnten sich zwar wohl ihrem Stande gemäß aufführen hatten
aber allem Ansehen und ihrem eigenen Geständnisse nach wenig übrig wie sich
denn auch vermutlich dieser Ursachen wegen keine anständige Freier vor die
sonst ziemlich fein aussehenden und desto besser gezogenen Jungfern anfinden
wollten Zu bejammern war es dass meine GroßEltern nicht in stärckern Mitteln
gesessen sondern im hohen Alter vor ihrem Ende fast alles zugesetzt so dass
meines Vaters beide Schwestern nach Abzug der BegräbnisKosten kaum 100 Tlr
wert an Meublen ererbt hatten Mein Vetter der Sekretarius war so redlich dass
er ohne mein geringstes Suchen augenblicklich vor billig erkandte was maßen
der dritte Teil der Verlassenschaft mir zugehöre deswegen erbötig mir
denselben vor sich und seines Schwagers Töchter über welche er Curator war
auszuliefern allein solche Redlichkeit afficirte mich dermaßen dass ich nicht
nur alles deprecirte sondern über dieses meine Vettern und Muhmen mit ein und
andern artigen Sachen beschenckte
Es begab sich aber dieser mein Vetter nachdem er vermerckt wie meine
Absichten zukünftiger LebensArt eintzig und allein auf eine MilitärBedienung
gerichtet wären alle Mühe mich hiervon abzuziehen und zu einem ruhigern
Stande zu persuadiren allein vors erste wusste er nicht dass mich eine besondere
LiebesIntrigue darzu antriebe und vors andere wurde alle seine Vorsorge mich
bei dem Fürstl Hofe zu engagiren durch einen Widersacher zernichtet Selbiger
war ein Mensch von erbärmlicher Konduite seiner Einbildung nach aber ein
anderer Richelieu oder Mazarini Er hatte etwas wiewohl nichts sonderliches
fundamentelles in der Matesi getan konnte jedoch ein und andere Risse aus
diesem und jenen Kupfferstiche zusammen klauben ziemlich sauber aufs Pappier
bringen und selbige hernach mit hochtrabenden Gebärden vor seine eigene
sonderbare Invention ausgeben Er glaubte dass er sonderlich glücklich sei von
allen Dingen die nur aufs Tapet kommen könnten ein außerordentlich
geschickliches Judicium zu fällen und davon noch vortrefflichere Specimina
abzulegen es kamen aber selbige zuweilen nicht allein sehr unglücklich sondern
offtermahls gar absurd heraus Jedoch hätte seine Theorie in ein und andern
Stücken endlich noch so hingehen mögen allein in der Praxi hatte er sich
bereits zu verschiedenen mahlen verlachungswürdige Prostitution zugezogen so
dass ein vornehmer und grundgelehrter Mann ein solches Judicium von ihm
gefället dieser Künstler versuchte auf des Fürsten Unkosten und mit dessen
nicht geringen Schaden erstlich hinter die rechten Sprünge zu kommen welches
deñ in der Tat und Wahrheit mehr als zu gewiss eintreffen mochte Nechst dem war
dieser Mensch der Philautie oder Eigenliebe im höchsten Grad ergeben indem nun
aus selbiger gemeiniglich ein enormer Hochmut und aus diesen wiederum nicht
selten eine Charlatanerie zu entstehen pflegt so konnte man an diesem Subjecto
eins wie das andere nur gar zu deutlich merken denn wie mein Vetter sagte so
wisse er mit seinen blonden Haaren nicht sattsam zu haseliren bald trüge er
dieselben Krause bald schlecht bald steckte er alle mit einander in einen mit
gläntzenden schmeltzbekleckten SamtBeutel bald knüpffe er sie in 1 2 oder
3 Knoten bald ließ er sie auf lächerliche und wunderliche Art in Zöpffe
flechten bald trüge er gar eine kohlpechschwartze Peruque die er zuweilen
sehr weiß zu weilen auch in 4 Wochen gar nicht pouderte endlich abermals
wechselte selbige wegwürffe und sein blondes Haar wiederum zum Vorscheine
kommen ließe Anderer Grimacen gezwungener Komplimenten affectirter
RedensArten Gebärden und LeibesStellungen nicht zu gedenken Kurtz
dergleichen Wesen gab auch einem frembden annoch von ferne zu verstehen dass
eine starke Sympatie zwischen ihm und denjenigen Kreaturen sei welche im
Mertzen am meisten zu schertzen pflegen ja man hat ich glaube aber zum Schertz
versichern wollen dass er nicht nur beständig einen ZahnStocher von dergleichen
Kreatur sondern so gar einen ganzen Laufft desselben im Schubsacke bei sich
führte
Diesem artigen Herrn nun mich adjungiren zu lassen gab sich mein Vetter bei
dem Fürsten die größte Mühwaltung Da man aber gewisser Ursachen wegen ganz
besondere consideration vor diesen allzuartigen Herrn bezeigte und damit er
sich ja nicht etwa disjoustirt befinden möchte erstlich Gelegenheit abwarten
wollte ihm solches mit einer Manier bei zu bringen vermutete ich dass mir
solchergestallt die Zeit etwas zu lang währen auch da es endlich ja angehen
sollte keine gar zu gute Seide mit diesem meinem Temperamente durchaus contrai
ren Menschen spinnen würde ließ mich also bereden mit dem einzigen Sohne
eines vornehmen Ministers noch einmal nach Halle zu gehen und folgenden
Herbst und Winter über noch recht fleißig zu studieren
Es war dieses keine unebene Sache vor mich denn außer dem dass ich vor die
PrivatInformation des jungen Kavaliers in allen defrayrt wurde und noch über
dieses wöchentlich einen Taler bekam getrauete ich mir den Winter über mit
meinem HandwercksZeuge und zwar nur zum Feierabende wenigstens 50 Tlr zu
verdienen deswegen verkauffte meine zwei Pferde den Bedienten aber weil er
sehr getreu war behielt ich bei mir zumahl da ihm der junge Kavalier Logis und
Kost ebenfalls frei gab ich also nur dessen Liberei zu bezahlen hatte
Mit meinem Fräulein Charlotte hatte ich indessen so oft als es nur möglich
gewesen Briefe gewechselt und von den ihrigen einen so starken Vorrat in
Händen dass ich fast zwei Stunden Zeit nehmen musste wenn ich mir das größte
Vergnügen mit Durchlesung derselben machen wollte So bald mich aber nur etwas
weniges aufs neue in Halle eingerichtet hatte trieb mich die heftige Begierde
selbige wiedrum einmal zu sehen dahin dem Herrn von V meine Aufwartung zu
machen Ich wurde seiner angebohrnen Gütigkeit nach herzlich wohl empfangen
stattete Rapport von meiner Reise und gehabten Verrichtungen ab und hatte das
Vergnügen meinen Engel an dem alten Orte ausführlich zu sprechen und zu küssen
Sie erzehlete mir mit Lachen dass Ferdinand abermals eine ViehMagd seiner
Meinung nach in aller Stille mit 50 Tlr abgefertiget hätte dem ungeacht
weil sie sich nichts davon merken ließe begegnete er ihr noch immer mit den
äusersten Liebkosungen und dränge scharff darauf dass ihre Vermählung noch vor
Weihnachten vor sich gehen möchte Allein sie bliebe beständig dabei dass es in
ihren Hertzen vorlängst beschworen sei vor Verlauf ihres 20sten Jahres keinen
Mann zu nehmen also müsse er sich gezwungener weise von einer Zeit zur andern
mit Geduld schmieren woferne ihm nicht gelegen sei bei ihr auf einmal durch
den Korb zu fallen
Mir gab anbei mein liebstes Fräulein einen Verweis dass ich mich nicht
emsiger um einen OffiziersPlatz bemühete ja sie durfte fast auf die Gedanken
geraten als ob mir an ihrer desto baldigen Besitzung gar wenig oder wohl
gar nichts gelegen sei Deswegen hatte genung zu tun ihr solche Gedanken
auszureden und zu erweisen dass die itzigen FriedensZeiten mich dermaßen
verwirrt machten dass ich fast nicht wüste unter welche Trouppen ich mich wenden
sollte Demnach schlug sie mir die Sächsische Soldatesque vor welche damals
eben mit den Pohlnischen Konfoederirten im Kriege verwickelt war erbot sich
auch mir so gleich mit 200 Tlr an heimlich gesammleten Gelde und Geschmeide
an die Hand zu gehen Hieraus ware nun Dero ganz besonders treue Liebe sattsam
zu spüren deswegen versprach ich nur noch biss gegen den Frühling zu verweilen
nachher so gleich meine Reise zu der Sächsischen in Pohlen stehenden Armée
anzutreten
Hierbei blieb es vor dieses mahl doch hatte noch binnen zween Tagen und
des Nachts vor dem eisernen Gatter die schönste Gelegenheit derselben meine
inbrünstige Liebe mit beweglichen Worten vorzustellen welche denn von beiden
Seiten mit unzähligen Küssen aufs neue befestiget und versiegelt wurde
Des Herrn von V Herrn Söhne waren auf die Universität Leipzig gezogen
deswegen konnte mich Ehrenhalber nicht länger bei dem alten Herrn aufhalten
nahm also vor dissmahl Abschied empfing abermals eine RitterZehrung von 6
Ducaten und kehrete wieder zu meinem jungen Kavalier nach Halle Selbiger
brachte so wohl als ich seine Zeit den ganzen Herbst und Winter über sehr
fleißig zu Im Februario des 1716 Jahres aber verkauffte ich alle meine
unnötigen Sachen mit guten Vorteil erhandelte abermals ein paar gute
Klöpper und wartete nur auf das Fräulein Charlotte welche selber nach Halle
zu kommen versprochen hatte Sie stellte sich endlich im Mittel des Februarii
ein überlieferte mir 100 Tlr baar Geld und vor so viel Geld allerlei
Geschmeide welches ich gar bequem bei mir führen konnte da aber meine
Allerliebste vielerlei zu verrichten hatte und sich noch selbigen Tages auf die
Rückreise begeben musste wurde unser Abschied kürtzlich jedoch dermaßen
zärtlich gemacht dass wir beiderseits in Tränen zu zerfließen vermeinten doch
da es nicht anders sein wollte schwuren wir einander nochmals ewig feste Treue
und schieden von einander.
Noch selbigen Abend setzte ich einen Brieff an den Herrn von V auf ihm
mein Vorhaben zu eröffnen und zugleich schrifftl Abschied zu nehmen weil ich
von dessen Güte dermaßen überhäufft worden dass mich schämen musste wiederum
vor seine Augen zu kommen biss ich eine würckliche OberOffiziers Bedienung
erhalten Von meinem jungen Kavalier nahm ich gleichfalls recht zärtlichen
Abschied empfing von ihm über meinen versprochenen Verdienst noch ein schönes
rotes ReiseKleid nebst 30 Lüneburgischen Gulden reiste also mit meinen
Bedienten dem ich mittlerweile gut lesen schreiben und rechnen lernen lassen
wohl gespickt und höchst vergnügt die Straffe nach Pohlen zu
Durch Sachsen und Schlesien war gut reisen allein so bald ich auf den
Pohlnischen Boden kam wurde in einer Stadt von etlichen Luteranern gewarnet
wohl Achtung zu haben weil es Kunst kosten würde bei dermahligen Troublen mich
biss in die Sächsische Armeé durch zu practiciren Allein ich musste mehr Glücke
als Verstand haben denn medio Aprilis gelangete ich ohne einige gehabte
Verdriesslichkeit glücklich bei der Sächsischen Infanterie an engagirte mich
anfänglich bei einem Regimente als Voluntair bekam aber ehe 2 Monat
vergiengen einen erledigten Fahndrichs Platz und zwar ohne große Kosten
sondern mehrenteils aus besonderer Gnade eines genereulen Obristen der noch
darzu meinen Schwedischen tyrannischen Obristen sehr speciell gekennet hatte
welcher letztere wie damals erstlich erfuhr bei Pultawa in der Schlacht von
den Moscovitern massacriret worden
Plus ultra war von nun an mein ernstliches Symbolum deswegen suchte
meinem Charakter durch möglichste accuratessè in allen Stücken behörige
Satisfaction zu geben Immittelst war mir von Grund des Hertzens leid dass ich
nicht ein oder anderthalb Jahr früher unter die Sachsen gegangen denn die
delicatesten Expeditiones waren mehrenteils vorbei und passireten dermahlen
nur allerhand kleine Scharmützels wobei sich dennoch einige Gelegenheit dargab
meine Kourage zu zeigen Es würde hoffentlich die Erzählung derselben nicht so
verdrießlich als langweilig fallen deswegen will diese Materie biss auf eine
andere Zeit versparen und voritzo nur berichten dass nachdem der Friede
zwischen beiden streitenden Parteien am 1 Febr anno 1717 in Warschau
ratificirt worden ich unter den Königl Trouppen ebenfalls mit zurück und mein
Quartier in Sachsen beziehen musste Selbiges war etwa 14 biss 16 Meilen von
meiner liebsten Charlotte Auffentalt entlegen doch weilen so gleich keinen
Uhrlaub bekommen konnte eine persönliche Visite bei ihr abzulegen musste ich die
Zuflucht zu meinem Korrespondenten in Halle nehmen und in dessen Brieff ein
Schreiben an meinen Engel einlegen allein 14 Tage darauf erhielt von
ermeldten guten Freunde die sichere Nachricht dass sich meine Schöne nicht mehr
bei dem Herrn von V aufhielte sondern an einem andern ihm unwissenden Ort
geschafft wäre
Mir war hierbei nicht bange sondern ich vermeinte wenn ich nur einen
Brieff an den alten Herrn von V ingleichen an dessen Söhne schriebe mich um
ihrer allerseits und beiläuffig um Charlottens gutes Auffbefinden erkundigte
so würde doch wohl einer von ihnen ungefähr auf die Gedanken geraten mir
Charlottens Auffentalt zu vermelden zumahlen da ich glaubte dass sie nunmehr
um so viel desto mehr Estim gegen meine Personalität bezeugen würden weilen
ihnen zugleich avisirte dass ich Hoffnung hätte binnen wenig Wochen in die
Lieutenants Charge zu treten aber weit gefehlt denn in einigen Tagen lief
folgender verzweiffelt eckele Brieff bei mir ein
Monsieur
und Insonders Hochgeehrter Herr Fähndrich
Derselbe nehme mir nicht übel dass ich auf expressen Befehl meines gestrengen
Herrn des Wohlgebohrnen Herrn von V welcher das Jus Patronatus in unsern
Dorffe hat diese eigenhändige Zeilen an Denselben absenden tue Sintemahl und
demnach es nunmehr leider schon vor etlichen Wochen ans Licht gekommen dass Er
die Wohlgebohrne Fräulein Charlotte verführen und wie vermutet wird wohl gar
um ihre Fräuleinschaft bringen wollen doch sit ferbis fenia wo ich mich irre
hat es nach dem Ausspruche des Terentius wohl recht geheißen Tambus omnia
padefacit welches in Deutschen Reimen also klingen und lauten tut
Es ist so kleine nichts gesponnen
Das nicht käm mit der Zeit zur Sonnen
Der wohlgebohrne Herr nebst seiner ganzen Hoch Adelichen Familie mänliches und
weibliches Geschlechts ist grausam erbittert und im Zorne ergrimmet auf ihn und
so gar etliche Bauern selbst wollen das Ding gar nicht billigen dass er als
einer den der gestrenge Herr den Bettel Stabe entrissen und ihn erstlich zum
rechtschaffenen Kerl gemacht hat ist so undanckbar gewesen und hat aus dem
Staube seine Augen an den Hoch Adelichen SternHimmel gehoben und mit einem
solchen VenusSterne geliebäugelt Aber Amor fincit omnia das heist die Liebe
ist blind Ich habe solches wohl dem gestrengen Herrn auch vorgehalten allein
ich bekam ein zorniger Gesichte als wenn ich seinen RettenHund mit einem
Steine geworffen hätte So wahr ihr ein ehrlicher Kantor bin Herr Fähndrich
Litzberg der Juncker August und der Juncker Ferdinand haben euch alle beide den
Tot geschworen ich rate euch nicht dass ihr ihnen auf den Felde begegnet
denn sie gehen mit unsern jüngsten Juncker alle Tage mit der Flinte spaziren
herum Kavete vos Das heißt hütet euch Aber doch will euch noch der
gestrenge Herr die Gnade erzeigen und tun und euch euren Ruffert den ihr
hier stehen gelassen hin schicken lassen wo ihr ihn hin haben wollt denn ich
habe den Ruffert schon in meinem Hause unter meinem Bette stehen da soll ihn
leichtlich kein Dieb hervor langen ich will nur wissen wo ich ihn hin schicken
soll auf der Post oder durch einen Boten welchen ihr aber bezahlen müsst
denn es heißt ein Arbeiter also auch ein Bote ist seines Lohnes wehrt Ja
ich hätte es bald vergessen ich soll euch auch schreiben dass ihr nur nicht
gedenken sollt das Fräulein Charlotte wieder zu sehen ehe sie einen Edelmann
gekriegt hat Denn eine solche schöne Fräulein soll nun durchaus vor keinen
andern Menschen als vor einen Edelmann gewachsen sein welches auch niemand
verdencken wird denn es heist simulus similus gautet auf Teutsch
Gleich und gleich gesellt sich gern
Ein Qvetschk hat keinen SchleenKern
Ich sollte zwar auch was neues berichten aber ich weiß nichts sonderliches doch
ja vor 3 Vertel Jahren da ich Toffel Zaunsteckens Tochter Annen welche mit
Melcher Trutahns Sohne Tönnigesen in ein christlich EheGelöbnis getreten war
in die BrautMesse läuten sollen fuhr der Klöppel aus der Glocke zum
SchallLoche heraus und hat Nachbar Erbs Micheln ein jung Schwein tot
geschlagen das war aber nur eins mir aber sind diesen Winter 3 Ferckel auf
einmal erfroren wodurch in sehr großes Leidwesen gesetzt worden doch was
hilffts hodie michi cras tibe Mein lieber Sohn ist von dem Hällischen Gymnastio
wieder nach Hause gekommen er hat zwar nur biss in quinda gesessen kann aber
mehr als der beste Primanner die Leute sprechen nun ich soll ihn auf die
Unverstædt schicken aber er hats nicht nötig ich will ihn lieber mir
substiren lassen denn ich werde doch alle Tage älter bin ich in den Dienste
nicht verhungert wird er auch nicht verhungern Ich schriebe gerne noch etwas
mehr habe aber gewiss und wahrhaftig kein Schnippelgen Pappier mehr im Hause
und in der Schencke sind sie schon zu Bette Wenn ich anfanges was geschrieben
habe dass euch etwa verdrießen tut so rechnet es mir nicht zu denn ich bin
ein Mensch darzu der Obrigkeit untertan die hat mirs befohlen fein Teutsch
raus zu schreiben Tic cur hit pflegen wir Gelehrten an unsere StudierStuben zu
schreiben und also habe ich tun müssen was mir der gestrenge Herr befohlen
hat wir bleiben deswegen doch gute Freunde ihr habt mir nichts zu Leide
getan und ich euch auch nicht ein Schelm ders böse meint Fale amice ich
verbleibe desselben
Monsieur
und Insonders Hochgeehrter Herr Fähnrich
Dienstwilliger Freund
NNR
Kantor und Ludimoder in N
Wer gläubts wohl nicht sprach hierauf Mons Litzberg nachdem er uns
diesen Brieff nochmals vorlesen und Zeit lassen müssen die von Lachen ganz
zerschüttelten Körper wieder in Ordnung zu bringen dass ich über diese
verzweiffelte SchreibArt hätte halb toll und halb närrisch werden mögen doch
ich will mich mit Wiederholung meiner entsetzlich verwirrtaufgestiegenen Affect
en ganz und gar nicht aufhalten sondern nur die listigen Anschläge entdecken
welche ich Tag und Nacht schmiedete um den gewissen Auffentalt des Fräuleins
Charlottens zu erfahren Der Schulmeister den ich wegen seines schändlichen
Briefes in der ersten Furie den Hals zerbrochen jedoch wenn ich ihn nur
erstlich bei mir gehabt hätte wurde nach und nach in meinen Augen und Gedanken
eine vortrefflich nützliche Kreatur kurtz ich war auf lauter Streiche bedacht
durch ihn zu erfahren wohin man meine andere Seele geschafft hätte setzte mich
deswegen auf die Post und richtete meine Reise also ein dass ich accurat
Freitags Abends in demjenigen Sächsischen Städtgen eintraff welches nur eine
kleine Meil wegs von des Herrn von V Gute entlegen war Ich hatte mich mit
allen Dingen welche ich zu Ausführung meines Vorhabens nötig hielt sehr wohl
versehen und weilen gewiss versichert war dass sich der vertrackte Kantor
gemeiniglich des Sonnabends einen guten halben Tag in dem Städtgen zu machen
pflegte wenn er nämlich den Kommunicanten Wein von darselbst abholete und
sich den Rantzen bei solcher Gelegenheit recht voll gutes StadtBier soff so
verfärbte mein Gesichte so schwartzbraun als es sich schickte zog einen
braunen Rock an setzte eine schwartzbraune liederliche Peruqve über meine
zusammen gebundenen Haare legte einen großen Schwedischen Degen auf die
Schulter und einen grünen QveerSack drüber band auch einen mit etwas
versilberten Messing beschlagenen StreichRiemen vorn an die Brust machte also
eine Figur wie ein liederlicher ScheerKnecht oder BarbierGeselle ging
Vormittags um 10 Uhr des halben Wegs auf diejenige Straße wo ich wusste dass
der Schulmeister von rechts wegen herkommen musste legte mich hinter ein
Gesträuche und wartete mit Schmerzen auf dessen Ankunft war auch um 12 Uhr
so glücklich denselben zu erblicken stund deswegen auf und ging sachte
vorher weil mir seine Art bekandt dass er sehr neugierig war und jederman gern
kennen und ausfragen mochte Es schlug mir in diesem Stücke nichts fehl denn er
verdoppelte seine Schritte so lange biss er mich einholte auf Befragen Wer ich
sei und wo ich hin wollte Bekam er zur Antwort Ich sei ein ehrlicher
BarbiersGeselle eines Schulmeisters Sohn aus Westphalen und suchte Kondition
aber in keiner kleinen sondern in einer großen Stadt weilen ich ungeacht
meiner liederlichen Kleidung etliche 20 Ducaten bei mir hätte die ich ihm auch
zeigte und bat mich in einen Gastoff zu führen wo ich eine Stube allein
haben könnte Er erbot sich in allen zu meinen Diensten zumahl da ich mich
verlauten ließ es müsse heute ein Ducaten in Wein und Biere versoffen werden
und wenn ich auch den NachtWächter zum SauffBruder herzu ruffen sollte Allein
der Herr Schulmeister den ich seit langen Jahren aus und inwendig er aber vor
dissmahl mich nicht kannte versicherte mich dass es an Kompagnons nicht fehlen
würde und sollte er auch allenfalls selbst einen abgeben deswegen eileten wir
fort ins Quartier allwo ich so gleich eine besondere Stube bekam und zum
Willkommen 6 Maß Wein so viel Bier nebst andern Delicatessen die in der Eil
zu haben waren herbei bringen ließ die StubenTür abschloss und mich mit dem
Herrn Schulmeister en deux rechtschaffen lustig machte So bald ich einen halben
Tummel bei ihm verspürete rieb ich mein Gesicht mit einen besonderen Pulver ab
ließ meine Haare nach weggeworffener Peruqve herab fallen weswegen er mich
augenbilcklich erkandte und vor Angst nicht wusste wie ihm geschahe Allein ich
machte ihm alle ersinnliche Karessen neñete ihn meinen allerliebsten Freund und
Vater drückte einen spec Ducaten in seine Hand soff den Hansen brav aufs
Leder machte sein Hertze zur welcken Rübe und erfuhr endlich nicht nur meiner
liebsten Charlotte wahrhaften Auffentalt sondern auch alles andere was er
von meinen und ihren Affairen vernommen hatte Hierauf inponirte ich ihm altum
silentium versprach in zukunft davor weit bessere Erkänntlichkeit zu erzeigen
und ließ ihn durch einen zugegebenen Boten mit aufgehenden Monde biss vor sein
Haus begleiten
Noch selbige Nacht nahm ich eine ExtraPost und reiste wiederum meinem
Quartier zu weilen nicht länger als auf 5 oder 6 Tage Uhrlaub genommen hatte
nunmehr aber bat auf einen oder 2 Monat Uhrlaub aus musste jedennoch 14
Tagen warten ehe mir abzureisen erlaubt wurde binnen dieser Zeit schrieb ich
einen abermahligen Brief an den Herrn von V excusirte das mir so hoch
aufgemutzte Verbrechen schützte vor dass es gar nichts unerhörtes sei wenn ein
Fräulein einen Offizier heiratete der zumahlen die größte Hoffnung hätte
durch seinen Degen sich des Adelichen Standes vollkommen würdig zu machen
übrigens wollte vor dieses mahl dasjenige Touchement so mir durch die törichte
Zuschrifft des einfältigen Schulmeisters zugefügt worden en regard dessen dass
ich dem Herrn von V ganz desondern Respekt restire durch Klugheit
überwinden mir aber dabei ausbitten dass von jungen Edelleuten nicht mechant
von mir gesprochen würde wiedrigenfalls ich mich genötigt sähe einen oder
den andern auf ein paar Pistolen zu Gaste zu bitten oder den Injurianten
dergestalt zu prostituiren dass sich endlich zeigen müsste wer das beste
Adeliche Hertze im Leibe hätte
An meinen vielgeliebten Herrn Schulmeister schrieb ich aber einen ganz
andern höchstverbindlichen Brief schickte ihm auch noch einen Ducaten und
bat durch den abgefertigten Expressen mir nicht allein meinen Koffre zu
senden sondern über dieses auch noch sonsten schrifftlich zu berichten was er
etwa damals vergessen hätte
Der Herr von V war dennoch so eigensinnig mir auch auf dieses Schreiben
nicht zu antworten hingegen schrieb mir der Herr Schulmeister desto
hertzbrechendere Zeilen jedoch weil nichts remarquables darinnen befindlich
will voritzo die Zeit menagiren und selbigen Brief nicht einmal hervor suchen
sondern nur sagen dass ich endlich Erlaubnis zum Hinwegreisen erhielt Ich hatte
biss zu meines Fräuleins Auffentalt 26 Meilen zurück zu legen die ich
ebenfalls auf der Post antrat jedoch nicht weiter gehen wollte biss in die
letzte nächst gelegenste Stadt ich kam hurtig genug daselbst an und zwar eben
an einem solennen JahrmarcktsTage Allein wie erschrack ich nicht da indem
ich von der Post abstieg August und Ferdinand ohnfern vor mir vorbei gingen
jedoch zu guten Glück meiner nicht gewahr wurden O Himmel wie geschwind griff
ich nach meiner Büchse worinnen die vortreffliche Salbe verwahret war wodurch
man sich in der Geschwindigkeit zum halben Zigeuner machen konnte Ich folgete
dem Postilion in den Stall und beschmierete mich unvermerckt so viel als nötig
war an Gesicht und Händen ließ geschwind meinen Koffre abpacken zohe ein
fahles Kleid an setzte eine braune gute Peruqve auf und ging eiligst auf dem
Marckte herum spaziren allwo mir nach einer halben Stunde mein Fräulein
Charlotte unter etlichen andern Adelichen Dames in die Augen fiel Vor Freude
und Bekümmernis war ich fast halb tot jedoch da sie bald hernach in ein
großes GastHaus gingen vor welchen ihre Karossen unangespannet stunden
schlich ich mich gegen über in ein WeinHaus forderte Feder und Tinte hatte
immer ein Auge aufs Fenster das andere aber aufs Pappier gerichtet und schrieb
in der Geschwindigkeit ungefähr folgende Zeilen
Allerschönstes Fräulein
Euer allergetreuster Verehrer FL ist allhier zugegen und hat bereits das
Glück gehabt euch als seine Sonne unter andern bloßen Sternen von ferne zu
sehen Lasst ihm wissen ob er sich noch den Eurigen nennen darff oder ob
derjenige Sturm welchen seine Seele auch entfernet ebenfalls empfunden die
Wurtzel der zu ihm getragenen Gunst aus Eurem Hertzen gerissen hat Ich muss
selbiges zwar nicht ohne Ursache befürchten kann es aber fast unmöglich glauben
weil Euer sonst in allen billigen Sachen beständiges Gemüte mir jederzeit vor
Augen schwebt Verkürtzet deswegen meine Quaal und Marter entdeckt mich
entweder meinem anwesenden MitBuhler der mir den Tot geschworen hat oder
zeigt mir Gelegenheit wo und wann das Vergnügen Euch in Geheim zu sprechen
haben kann der im PostHause in verstellter Kleidung auf Antwort wartende
bekümmertVerliebte Litzberg
Geschrieben war der Brief ich sah auch mein Fräulein nebst andern Dames
gegen über im Fenstern liegen allein wie ihr derselbe unvermerckt in die Hände
zu spielen sei wollte mir gar nicht einfallen Endlich da sich ungefähr ein
mäßiger Pursche vor mir præsentirte und allerhand GalanterieWaren zum
Verkauffe anbot merkte ich gleich an seinem ganzen Wesen dass er ein
durchtriebener Schalck sein müsse zohe ihn deswegen auf die Seite kauffte vor
einen Ducaten nötige Waren zeigte ihm hernach das im Fenster liegende sehr
betrübt aussehende Fräulein und versprach ihm einen spec Taler zu verehren
wenn er derselben ohne dass es andere Leute merckten diesen Brief einhändigen
und ihr heimlich zu verstehen geben könnte so bald es ihr gelegen Antwort
abzuholen zu welchem Ende ich ihm denn eine kleine SchreibTaffel nebst
Bleistifft gab die er ihr ebenfalls überreichen zur Losung aber nur die beiden
Buchstaben FL schreiben oder reden könnte so würde sie alsofort merken was
es zu bedeuten hätte
Der lose Vogel war mehr als zu dreuste schleicht sich also ganz leise in
dasjenige Zimmer wo die Adelichen Personen befindlich zupfft das Fräulein
gelinde beim Ermel und da sie sich ohne dass es die andern gewahr werden
umwendet gibt er ihr alsofort den Brief so wohl als die SchreibTaffel mit
verzweiffelten Gebärden und AugenWincken in die Hände erhält so viel von ihr
dass sie es stillschweigend verbirget nachher legt er seine Waren aus da
immittelst Charlotte einen Abtritt nimmt endlich wieder zurück kommt ihm ein
und anderes abkaufft und die SchreibTaffel ganz unvermerckt wiederum
zustellet Selbige brachte er zu meinem größten Vergnügen eiligst zurück denn
ich war noch nicht wiederum ins PostHaus gegangen sondern wollte nunmehr im
WeinHause erstlich abwarten was ferner passieren würde fand demnach in der
SchreibTaffel folgende AntwortsZeilen
Mein Wertester
Dieses ist versichert die erste vergnügte Stunde so ich nach euren genommenen
Abschiede in Halle wiederum zu empfinden habe Ihr bleibt so lange ein Otem
in mir ist dennoch der Meinige und ich die Eurige und wenn sich gleich die
ganze Welt darwieder setzte Seid so gütig und traget im PostHause noch in
etwas Geduld Morgen mit den allerfrühesten wird mein Bruder mit seinem
unflätigen Kompagnon abreisen gegen Abend aber sollt ihr von meinem getreuen
Mägdgen fernere mündliche und schrifftliche Nachricht empfangen Lebet wohl mein
HertzensSchatz ich bin
eure getreue Charlotte
Niemahls habe ich einenen spec Taler mit größeren Vergnügen ausgegeben als
denjenigen welchen mein glücklicher LiebesKourier nämlich der Galanterie
Händler itzo von mir empfing so lange aber meiner Augen höchst ergötzliche
Weide sich noch am Fenster blicken ließ ging ich nicht von der Stelle
sondern wartete so lange im WeinHause biss sie sich endlich in den Wagen
setzte und davon fuhr da ich denn wiederum zurück ins PostHaus ging und
meine Zeit mit verliebter Sehnsucht so lange vertrieb biss folgenden Tages fast
gegen Abend Charlottens Getreue mir folgende Zeilen überbrachte
Mein Liebster
Folget der Uberbringerin dieses meinem getreuen Mägdgen ohne Scheu an
denjenigen Ort wo sie euch hinführet damit ich das Vergnügen habe euch auf
einige Stunden zu sprechen Nehmet mir immittelst nicht ungütig dass voritzo
nicht weitläufftiger geschrieben denn eine gute Freundin hat mich auch bei
nächtlicher Weile an dieser mir sonst höchst ergötzlichen Arbeit verhindert
Meine Peiniger sind fort Adieu mon coeur
Dieser angenehmen Ordre schuldige Folge zu leisten begab ich mich mit
herein brechender AbendDemmerung nebst meiner Führerin auf den Weg und
wurde nachdem wir eine starke Stunde Wegs zurück gelegt durch einen
BauernGarten in ein dergleichen Haus geführet woselbst mich ein alter 70
jähriger Mann nebst einer vielleicht um sehr wenig Jahre jüngeren BauerFrau
nach ihrer Art sehr höflich und freundlich bewillkommeten Mein englisches
Fräulein stellte sich um die MitternachtsZeit auch daselbst ein fuhr aber
entsetzlich zusammen da sie von mir als einem Zigeuner ähnlichen
schwartzbraunen PeruqvenHanse empfangen wurde Jedoch ich ließ sie nicht
lange in dieser Verwirrung stecken sondern war bemüht durch die Krafft meines
Pulvers und etwas warmen Wassers meine natürliche Gestalt herzustellen welche
nach abgelegter Peruqve ein unzweiffelhaftes Attestat von meinen eigenen
Haaren empfing
Wir belachten hierauf diesen Spaass eine kurtze Zeit ließ die alten Leute
immerhin bei den Gedanken dass ich mehr als Brod fressen könnte und fingen
hernach in ihrer Gegenwart unsern Discours in Frantzösischer Sprache an
Dergestalt erfuhr ich nun dass unser geheimes LiebesVerständnis durch niemand
anders als durch Charlottens eigenen Bruder entdeckt und ausgebreitet worden
denn dieser liederliche Wildfang hatte einsmahls durch einen Ritz in
Charlottens Stube geguckt und observiret dass dieselbe mit weinenden Augen
einige aus ihrem Chattoull hervor gelangte Briefe gelesen hernachmahls selbige
verschiedene mahl geküsset und wiederum aufs sorgfältigste verwahret hatte Da
nun Ferdinand gleichfalls ein Zeuge davon gewesen gehen sie mit einander zu
rate und erbrechen nachher einsmahls unter der Kirche Charlottens Stube und
Chatoull finden alle meine Briefe nebst den meisten Koncepten ihrer Antwort
und zeigen dieselben um Charlotten nur recht zu prostituiren erstlich allen
Leuten und auf die letzte auch dem Herrn von V
Was die gute Charlotte dieserwegen vor Verdruss und Qvaal ausstehen müssen
und wie es über mich armen Schöps hergegangen ist leichter zu vermuten als zu
erzählen Ferdinand dessen Liebe dieserwegen dennoch nicht verschwindet
sondern um so viel desto mehr Nahrung empfängt weil er nunmehr versichert ist
dass Charlotte gar wohl lieben kann wenn sie nur will vermeint bei solchen
Umständen im trüben zu fischen und es dahin zu bringen dass Charlottens
Ausschweiffung wo es anders menschlicher weise also zu nennen sich mit seinen
groben SchandFlecken compensiren soll Allein diese fasset einen HeldenMut
und sagt franchement heraus dass sie 1000 mahl eher einen gemeinen Musquetier
von guter Konduite als einen solchen Edelmann heiraten wolle der sich mit
allen ViehMägden auf dem Miste herum geweltzt und so viel HurKinder zu
ernähren hätte dass in zukunft seine Korn und WäitzenErndte nicht einmal
hinlänglich sein würde selbigen die veraccordirten MundPortiones zu reichen
Der Herr von V fasset sich dieses einiger maßen zu Hertzen und weil er
Charlotten von Jugend auf nicht viel geringer als seine eigene Kinder geliebt
erlaubt er zwar dass sich Ferdinand weiter um sie bemühen möchte gibt aber
anbei zu verstehen dass er das Fräulein zu keiner Heirat zwingen jedennoch
auch bei seinen Lebzeiten nicht erlauben wollte dass sie mich oder einen andern
der nicht Adeliches Herkommens sei zum Manne bekommen sollte
Solcher gestalt wird die liebe Charlotte auf allen Seiten und zwar von
ihren leiblichen Bruder am meisten geplagt biss endlich die Zeitung von dem
RückMarch der Sächsischen Trouppen einläufft Mein Avancement ist ihnen
allerseits schon bekandt deswegen befürchten sie nicht ohne Ursache dass es
Händel setzen möchte schaffen also Charlotten bei Zeiten weiter fort zu einer
ihrer Anverwandten im Anhältischen Allein die guten Leute hatten doch ihre
Sachen nicht klug genug angestellet weil ich wie bereits gemeldet worden gar
bald alles auskundschafte Ferdinand und August die man vor ein paar veritable
KrippenReuter und Schmarotzer halten konnte hatten einmal patroulliren und
erkundigen wollen ob Charlotte etwas ferneres von mir vernommen oder ob ich
mich etwa um selbige Gegend gezeiget ihr auch vorgeschwatzt ich hätte
RegimentsGelder angegriffen und wäre mir dieserwegen der Degen vom
SteckenKnecht vor dem Knie zerbrochen um die Ohren geschlagen ich also als
ein Schelm vom Regiment verjagt worden allein sie kommen in allen Stücken
blind Litzberg aber hatte das Vergnügen damals und nachher seine Feinde
öffentlich zu schanden zu machen denn mein von dem General eigenhändig
unterschriebener ReisePass konnte dissmahl Charlotten mein Degen und Pistolen
aber weiterhin allen andern das Gegenteil zeigen
Auf solche Art wurde die Zeit unserer ersten Wiederzusammenkunft mit
lauter ernstaften Gesprächen verbracht doch weil ich meinen getreuen Engel
umständig bat mir wenigstens noch zweimahl an selbigen Orte eine Nacht Visite
zu gönnen um unsere ferneren Anstalten zu überlegen hatte ich dennoch die
erwünschte Lust auf ihren RosenLippen die meinigen zu weiden außer diesen
aber wurde von beiden Teilen die strengste Keuschheit observirt denn Charlotte
hatte in Wahrheit ein vollkommen Tugendhaftes Gemüte und ich hätte lieber
sterben als mich mit dem geringsten Zeichen der Geilheit bei ihr verdächtig
machen wollen Unsere Abrede war demnach diese dass ich sehr fleißig an sie
schreiben jedoch den Titul des Briefs an ein ganz unbekandtes Fräulein machen
die Briefe auch ohne Scheu an den PostMeister des nächstgelegenen Städtgens
addressiren ihm aber nichts davon melden sollte weil sie bereit sei um
besserer Sicherheit willen diesen Mann selbst auf ihre Seite zu ziehen und ihm
einzubilden dass ihrer Baasen eine ein Geheimes LiebesVerständnis mit einem
gewissen Kavallier hätte worinnen Charlotte Unterhändlerin wäre Mit dem
veränderten Nahmen und Petschaften nahmen wir auch indessen völlige Abrede
und nachdem sie mir abermals 100 Tlr baar Geld offerirt ich aber selbiges
ohne dringende Not nicht annehmen wollte hingegen ihr eine in Pohlen erbeutete
goldene Uhr nebst einem kostbaren Diamantenen Creutze einhändigte wurde um
keinen besorglichen Verdacht zu erwecken mit Endigung der dritten NachtVisite
der Abschied gemacht Die guten ehrlichen BauersLeute empfingen von mir vor
ihre gehabte Beschwerlichkeit einen Ducaten und also reiste ich per Posto
wiederum in mein StandQuartier
Ich mercke verfolgete hierbei Mons Litzberg seine Rede dass ich meine
LiebesHändel ihnen meine Herrn vielleicht zum Verdruss etwas zu weit ausdehne
jedoch ich werde mich im Rest derselben desto mehr auf die Kürtze befleissigen
woferne dieselben sich bemühen wollen mir noch ein halbes Stündgen zuzuhören
Der AltVater Albertus versetzte hierauf Mons Litzberg ihr macht mir diesen
Abend eine besondere Ergötzlichkeit ich gestehe dass dergleichen Geschicht bei
eurer so sehr stillen GemütsArt nicht gesucht hätte nunmehr aber habt die
Güte fortzufahren denn mich gelüstet das Ende abzuwarten sollte ich auch einen
Exzess begehen und vor anbrechenden Tage nicht schlaffen denn ich bin heute
ohnedem außerordentlich munter Ich werde replicirte Mons Litzberg dennoch
von nun an allen Exzess zu verhüten suchen jedoch in meinem Fortsatze nicht zu
viel auch nicht zu wenig tun Demnach fuhr er also fort
Das Glücke favorisirte mir in so weit dass ich zu Ende des 1717 den Jahres
den LieutenantsPlatz erhielt wie ich denn auch durch meine wenige
Wissenschaft in der Matesi allein mir nicht nur einigt vornehme Gönner
sondern in kurzen auf die 300 Tlr erwarb also um Ostern 1718 ein Kapital
von 800 Tlr baar beisammen und meine Eqvippage ohne diss in vollkommen guten
Stand gesetzt hatte Mitlerweile ging die Korrespondenz mit meinem liebsten
Fräulein nach Wunsche von statten da ich aber eben im Begriff war eine frische
Reise zu ihr vorzunehmen lief die ängstliche Nachricht von derselben ein
wasmassen der Herr von V einen Kavalier Nahmens AWvP als Bräutigam zu
ihr gebracht und weil sie selbigen zu verwerffen keine erhebliche Ursachen
vorbringen können wäre sie gezwungen worden sich mit ihm zu verloben doch auf
solche Art dass ihr Vormund ihre Hand mit Gewalt in des Kavaliers Hand gelegt
und da sie sich geweigert das JaWort zu geben er an statt ihrer Ja gesagt
hätte Binnen 14 Tagen sollte sie demnach wieder zurück auf des Herrn vV
Güter geholet werden wollte ich also sie nicht auf ewig verliehren müsste ich
eiligste Anstalten zu ihrer Entführung machen
Bei solchen Umständen war nun nicht lange zu zaudern deswegen setzte mich
nebst meinem Bedienten noch selbigen Abends ohne Uhrlaub und alles zu Pferde
und jagte binnen drittehalb Tagen ohne gewechselte Pferde zu dem Charlotten
sehr getreuen PostMeister Darauf folgende Nacht machte ich Anstalten dass
meine Charlotte von meiner Anwesenheit Nachricht bekam wir sprachen einander in
der andern Nacht nahmen Abrede wie wir unsere Sachen aufs klügste einfädeln
wollten in der dritten Nacht aber die Flucht weil ich ohnweit von dem Dorffe
eine ExtraPost bestellt und so wohl meine als ihre Sachen darauf geschafft
harte Es ging alles gebrauchter Vorsicht nach glücklich von statten und ich
brachte vermittelst verschiedener ExtraPosten meine Geliebte glücklich zu
meines Vaters SchwesterManne dem obenerwähnten Sekretario selbiger hatte die
Beschaffenheit des ganzen Handels kaum uberlegt da er uns nebst andern klugen
Vorstellungen den nicht unebenen Rat gab eine Reise an einen sichern Ort zu
tun und uns daselbst von einem RömischKatolischen Priester copuliren zu
lassen weil wegen des allzu scharffen Verbots kein Luterischer solches wagen
dürffte mithin würde solcher gestalt der größte Scrupel gehoben und wegen des
übrigen könnte mit der Zeit schon ein Vergleich zwischen den HochAdelichen
eigensinnigen Befreundten getroffen werden
Ach wollte Gott meine Charlotte hätte sich entschließen können diesem
gegebenen Rate zu folgen allein sie war nicht zu erweichen sondern schützte
vor Nunmehr da ich dem Herrn von V Trotz dieten und seinen Konses mit
Gewalt zu erlangen mich getrösten könnte dörffte ich mich ja nur bemühen ihn
aus falschen Hertzen und verstellter Submission zu meinem Willen zu disponiren
Solchergestalt verführen wir ihrer Meinung nach ordentlich hätten vielleicht
keine scrupulöse Kopulation nötig konnten auf dessen Verweigerung dennoch tun
was wir wollten zumahlen da sie sich in stiller Sicherheit befände und so zu
sagen unmöglich ausgeforscht werden könnte
Ich sah mich gezwungen meiner Gebieterin zu gehorsamen reiste deswegen
in das ohnweit des Herrn von V gelegene Städtgen suchte von daraus durch
Briefe und einen abgeschickten sehr klugen Advokaten zu tractiren jedoch es
war in allen Stücken Hopffen und Maltz verloren an statt der Antwort ließ man
mir die schändlichsten Injurien sagen von welchen mich nichts ärger verdross
als dass ich ein Bettler barmhertziger Offizier und FräuleinsRäuber wäre oder
doch zum wenigsten den SpitzBuben Geld gegeben hätte das Fräulein Charlotte zu
entführen Ja Ferdinand hatte in Gegenwart des Kavaliers Herrn von P und
verschiedener anderer von Adel dennoch behaupten wollen Ich wäre cum infamia
von dem Regiment verjagt worden Nun war zwar P noch so klug gewesen in
diesem Stücke das Gegenteil zu erweisen jedennoch desto unbesonnener meinen
Stand und Wesen aufs allerverächtlichste durchzuhecheln und weilen mir solches
gleich andern Tages von andern vernünftigen Edelleuten die sich ein Plaisir
aus meinen Umgange machten gesteckt wurde setzte ich so gleich ein Kartell
auf welches ich mutatis mutandis eigenhändig schrieb und unterschriebe einem
jeden von diesen beiden durch zwei junge Kavaliers überschickte die sich
selbst nicht allein zu Uberbringern sondern auch zu meinen Secundanten
erboten
Verwegene Massette
So bald ich vernommen dass deine canailleuse Zunge meine Renommeé aufs
allerempfindlichste angetastet hat meine Hand die Feder ergriffen dir zu
vermelden wie ich die Auslegung deiner schelmischen Worte nicht anders als
durch den raisonanz des Degens oder der Pistolen zu hören und zu sehen verlange
Hastu demnach nur etwa ein halbes Quentlein Adeliches Blut im Leibe woran aber
nicht ohne Ursache zu zweiffeln ist so zeige dich Morgen frühe um 4 Uhr auf
dem Platze allwo einen Cujon nach dem andern abzufertigen oder aus Liebe
zu der englischen Charlotte sein Leben zu lassen gesonnen ist
der Lieutenant Friedrich Litzberg
Folgenden Morgen machte ich mich also nebst zweien Secundanten und eben so
viel Adelichen Zuschauern auf traff an statt des von P welcher schon
verreiset gewesen Charlottens Bruder Augustum an der sich zu seiner Lust den
Degen erkiesete Ferdinand hingegen bezeugte Appetit Kugeln zu wechseln Es
wurde demnach wenig Federlesens gemacht sondern August welcher sein Heil am
ersten versuchen wollte wurde mit einem sehr gefährlichen Stiche in die Seite
bezahlt Ferdinand aber erstickte an meiner zweiten PistolenKugel weil ihm
dieselbe accurat über der Brust die LuftRöhre abgerissen hatte Diesem nach
hielt ich nicht vor ratsam länger in dieser Gegend zu verweilen sondern
beschleunigte meine Reise um Charlotten meine Begebenheiten selber mündlich
zu hinterbringen war aber 4 Tage hernach so unglücklich mit dem Pferde zu
stürtzen und die Rippen der lincken Seite dermaßen anzuscheuern dass ich vor
grausamen Seitenstechen und Schmerzen auf keiner Stätte liegen bleiben
vielweniger das Reisen fortsetzen konnte hergegen 4 volle Wochen auf meine Cur
wenden musste Meine zwei Secundanten welches ein paar junge hertzhafte
Sächsische Edelleute waren verließen mich nicht in dieser Not sondern
blieben bei mir biss ich mich völlig curiert wiederum auf den Weg machen konnte
reisten auch mit biss zu meinem Vetter allwo ich Charlotten unfehlbar noch
anzutreffen vermeinte Allein zu meiner allergrößten Bestürtzung musste
erfahren dass der Herr von V Charlottens Auffentalt ausgekundschaft dero
Auslieferung von dem regierenden LandesHerrn durch untertänigste Vorstellungen
erhalten und endlich den Kavalier P abgeschickt hätte seinen kostbarn
Schatz abzuholen und zu führen wohin ihm beliebte Dieser wäre nun auch
allererst gestern Mittags auf einen commoden Wagen in aller Sicherheit davon
gefahren weilen er leichtlich mutmaßen können dass da ich seiner Meinung nach
Landflüchtig werden müssen ihm sonst niemand Verdruss machen würde Zu meinem
vermeinten größten Glücke fand sich jemand der mir seine erwehlte Straße mit
Anführung glaubhafter Umstände sehr klüglich bezeichnete deswegen setzte
mich ohne den Rat meines Vettern anzuhören nebst meinen beiden Kompagnons
die so wohl als ich junge Wagehälse waren eiligst wiederum zu Pferde ritten
fort nahmen um Tag und Nacht hindurch desto besser nachzueilen aller Orten
frische Pferde und erreichten endlich am 5ten Tage auf dem Hessischen Grunde
und Boden den Wagen worinnen Charlotte bei dem von P ihr Mägdgen aber
rückwerts saß Ich hieß dem Kutscher stille halten und rieff Heraus aus dem
Wagen Mons von P und überlasset mir meine Braut mit welcher ich seit
längerer Zeit verlobet bin oder greifft zum wenigsten nach euren Pistolen Nun
ritten zwar drei Handfeste Kerls hinter dem Wagen her allein meine Kompagnons
und die Diener hatten ein scharffes Auge auf ihre Bewegung Der von P aber
sprach zu Charlotten Mein Engel kennen sie diesen Herrn Warum nicht
antwortete Dieselbe es ist ja wirklich mein Schatz mein Lieutenant Litzberg
Hierauf sprung er aus dem Wagen und sagte Ha ha Monsieur so ists doch wohl
billig dass wir um die Braut tantzen stieg hiermit auf sein ReitPferd welches
ein Kerl an der Hand führte ergriff seine Pistolen und streiffte auf den
ersten Schuss meinen lincken Arm mit einer blutigen Wunde ich hingegen traff
ihn indem sich sein Pferd etwas ungeschickt wendete durch den hohlen Leib
dermaßen dass er an seinen baldigen Tode zu zweiffeln wenig Ursach haben
mochte Dem ungeacht hatte der verzweiffelte Mensch noch die Macht sein
anderes Pistol zu spannen womit er schändlicher weise auf Charlotten zielete
und diesen irrdischen Engel augenblicklich eine Kugel durch die rechte Brust
jagte wovon sie sogleich ohnmächtig vor sich nieder auf ihr Mägdgen fiel Der
von P indem er seinen Leuten zurieff Schiesset zu gebt Feuer rächet
meinen Tot sanck ebenfalls vom Pferde herunter jedoch von seinen Leuten
unterstund sich kein einziger eine Hand aufzuheben ihre Pistolen aber ließ
sie ohne einzige Widerrede von meinen Leuten ab und in die Luft schießen
auch die Steine abschrauben da ich mittlerweile die in jämmerlichen Zustande
befindliche Charlotte mit Beihülffe ihres Mägdgens wiederum dahin brachte dass
sie ihren Mund und Augen öffnete und mich mit diesen kläglichen Worten
anredete Ich sterbe mein Litzberg und zwar durch Mörders Hand Gott hat nicht
gewolt dass unsere Leiber also wie die Gemüter sollen vereinigt werden
deswegen fasset euch mit Geduld Habet Danck vor eure getreue Liebe nehmt
diese Stücke zurück dass sie nicht in andere Hände kommen Und hiermit zohe sie
alle ihre Ringe von den Fingern band das DiamantCreutz vom Halse langete die
goldene Uhr wie auch ihren KoffreSchlüssel hervor welchen letztern sie ihrem
Mägdgen gab mit dem Befehle ihre rote gestickte SamtTasche aus dem Koffre
zu langen welches denn augenblicklich geschahe und also überreichte mir das
getreue Hertze nebst vorerwähnten Kostbarkeiten auch diese Tasche worinnen
etliche Kleinodien nebst 56 spec Ducaten stacken mit folgender Ansprache
Kräncket mich nicht mein Engel mit Verschmähung dieser Kleinigkeiten welche
ich in keinen andern als euren Händen wissen will zu meinem Begräbnis und vor
meine Getreue wird sich noch hinlängliches Geld und Geldes wert in meinem
Koffre finden Lebet wohl und gedencket zuweilen an eure getreue Charlotte die
euch biss in den Tot vollkommen keusch geliebt hat Ich vermeinte bei diesen
letztern Worten gänzlich in Verzweiffelung zu fallen nahm auch Dinge vor die
man sonsten wohl bei rasenden Personen aber an keinem Christen wahrzunehmen
pfleget Da nun hierauf Charlotte mich um Gottes ihrer SeelenSeligkeit und
getreuer Liebe wegen bat dieses unglückliche Verhängnis mit besserer
Standhaftigkeit zu ertragen ihre Schmerzen nicht zu vergrößern sondern die
noch wenigen Augenblicke über so sie noch zu leben hätte ihr einige Ruhe zu
gönnen damit sie sich in ihren Hertzen mit Gott versöhnen und zum seeligen
Sterben anschicken könnte wollte ich Anstalt machen sie an den nächsten Ort
führen zu lassen allein sie verlangte dass wir ihr aus dem Wagen unter einen
schattigen Baum verhelffen sollten allwo sie ein wenig ausgestreckt liegen
könnte wie nun dieses geschehen und ich ihr Haupt auf meinen Schoss gelegt sie
aber eine gute halbe Stunde in stillen und eiffrigen Gebet zugebracht hatte
fing sie aufs heftigste an Blut auszubrechen und gab bald darauf mit fest
zusammen gefaltenen Händen ihren Tugendhaft Geist auf
Biss hieher hatte sich Mons Litzberg bei Erzählung seines jämmerlichen
Zufalls ungemein standhaft erzeigt nunmehr aber traten die Tränen auf
einmal plötzlich in seine Augen so dass er ziemlich lange inne halten und
unser aller Weichhertzigkeit ebenfalls gewahr werden musste ehe er sein Gespräch
also fortsetzen konnte
Sie werden meine Herrn ohne schwer selbst begreiffen wie mir elenden und
alles Trosts unfähigen Menschen zu Mute gewesen deswegen will nichts davon
gedenken Der von P hatte sich einige Minuten eher als meine Charlotte
verblutet mithin zugleich die Bitterkeit des zeitlichen Todes überstanden ob
ihm vor seinem Ende diese verdammte Mordtat gereuet hat weiß ich nicht denn
ich habe weiter kein Wort aus seinem Munde gehört doch soll er zu seinem
Diener der ihm die Wunde zustopffen wollen gesagt haben Lass mich in Ruhe es
ist alles umsonst ich muss sterben
Ich vor meine Person wollte durchaus den entseelten Körper meiner herzlich
Geliebten in das nächste Dorff oder Stadt begleiten und daselbst zur Erden
bestatten lassen Allein meine zwei Kompagnons wandten allen Fleiß an mich
daran zu verhindern vielmehr zur schleunigen Flucht zu bereden selbst die
Diener meines entleibten MitBuhlers sagten Ach Monsieur rettet in Gottes
Nahmen euer Leben mit der Flucht denn uns wird mit eurem Blute wenig gedienet
sein bekommt man euch in hiesigen Landen einmal in Arrest so siehts um euren
Kopf gefährlich aus Endlich kam ich mit großer Mühe zu einigen Verstande
zohe das Mägdgen meiner seeligen Liebste auf die Seite und gab derselben ein
und andere verwirrte Ratschläge bat sie wenn ihrer Gebieterin der letzte
LiebesDienst geleistet worden bei meinem Vetter Rapport von ihren
Verrichtungen abzustatten küsste den erblasseten Mund und Hände meines
liebsten Engels noch zu guter letzt unzählige mahl setzte mich hernach auf
inständiges Anhalten nebst meinen Kompagnons zu Pferde und suchte aufs eiligste
über die Gräntzen dieses mir höchst fatalen Ländgens zu kommen
Wir hielten uns ohne die äußerste Not in keinem Quartiere sehr lange auf
biss endlich die berühmte Stadt Strassburg erreicht war Von hier aus schrieb ich
an meinen Vetter den Sekretarium berichtete demselben das mir zugestossene
Unglück mit behörigen Umständen und bat so ferne meiner seeligen Fräulein
Bediente bei ihm angelanget mir ihren abgestatteten Rapport aufs eiligste zu
überschreiben weil ich an ermeldten Orte biss zu Einlauff seiner Antwort
verziehen wollte Vier Wochen hernach bekam ich also sein AntwortsSchreiben und
erfuhr dass kein Mägdgen zu ihm gekommen sondern dieselbe vermutlich des
nächsten Wegs nach ihrer Heimat gereist wäre immittelst hätte er so viel
vernommen dass so wohl mein seel Fräulein als der Körper des entleibten von
P in eine kleine DorffKirche vor den Altar nahe beisammen begraben worden
welches Glück ich dem Stöhrer meines Vergnügens durchaus nicht gönnete und
solches dennoch leiden musste Im übrigen hatte mein Vetter ausgekundschaft dass
meine Angelegenheiten beim Regiment auf sehr schlimmen Fuße stünden fintemahl
ich ohne Uhrlaub hinweg gereist und über dieses dergleichen blutige Tragoedien
angestifftet hätte Demnach wäre sein getreuer Rat dass ich die Sächsischen
Brandenburgischen Anhältischen und angräntzende Länder gutwillig vermeiden ja
viel lieber mein Glück außerhalb des Römischen Reichs suchen und die zurück
gelassenen Sachen nur immer vergessen möchte
Dieser Rat war bei so gestalten Sachen wohl der beste deswegen nahm von
meinen beiden Kompagnons welche sich zurück in Käyserliche GuarnisonsDienste
begeben wollten Abschied und reiste mit meinem Diener nach Paris allwo ich
denselben bei einem vornehmen Deutschen Herrn als Laqvei anbrachte mich auch
selber in dessen Dienste en qualité eines ReiseSekretarii begab Dieser mein
neuer Herr war im Begriff incognito frembde Länder zu besehen wannenhero ich
das Glück hatte bei solcher Gelegenheit von seiner Curiositée zu profitiren
und sonsten wenig andere Arbeit zu haben als seine Rechnungen über Einnahme und
Ausgabe ingleichen ein accurates Journal über alles dasjenige was uns
remarquable vorkam zu führen Wir besahen demnach erstlich Franckreich hernach
Italien Spanien Portugall Engelland und letztlich die Spanischen
Niederlande Es sind gewisslich in allen diesen Ländern verschiedene teils
angenehme teils verdrüssliche Begebenheiten aufzuzeichnen vorgekommen wie denn
mein eigenes vor mich geführtes Journal solches mit mehreren besaget jedoch ich
werde in zukunft bei Gelegenheit solches Stückweise communiciren und voritzo
nur zum Schluße meiner heutigen Erzehlen eilen
Diesemnach muss ich melden wie mein vornehmer Principal nach Besehung der
besten Städte in Holland Braband und Flandern seine Retour antreten wollte ich
ganz untertänigst um meine Dimission bat Nun wusste er zwar wohl die Ursach
warum ich mich nicht wiederum nach Deutschland wagen wollte versprach deswegen
seinen eignen Kredit und Kosten anzuwenden mir alle Sicherheit zu verschaffen
und die vielleicht ohnedem mehrenteils vergessenen Händel gänzlich beizulegen
allein der Teutsche vor mich unglückseelige Boden war mir ein vor allemahl
höchst zum Eckel worden und weil ich außerdem seit dem Absterben meiner
Geliebten keine rechtschaffen fröliche Stunde gehabt machte ich mir die
Vorstellung, dass sich mein stilles Wesen endlich wohl gar in eine würckliche
Melancholie verwandeln könnte wenn ich den TummelPlatz meines widerwärtigen
Glücks aufs neue beträte Solcher gestalt bekam ich nebst meinem honorablen
Abschiede eine Summe von 400 Tlr teils verdienten teils geschenckten
Geldes mit welchen ich mich auf die Reise machte annoch die beiden Nordischen
Kronen nämlich Dännemarck und Schweden zu sehen und zu versuchen ob ich
unter deren Schatten etwa eine Kühlung meiner annoch beständigen Schmerzen
finden könnte Im Junio des 1722ten Jahres kam ich also in Koppenhagen an allwo
ich mich auf dem neuen KönigsMarckte einlogirte doch in wenig Tagen bei einem
berühmten Matematico bekandt und in sein Haus genommen wurde dessen 15
jährigen Sohn in der Französischen Sprache wie nicht weniger in der künstlichen
Zeichnung privatim zu informiren Weiln sich nun in kurzen noch einige andere
Scholairs darzu fanden konnte ich ohne die Kost und andere Bequemlichkeit bloß
durch das informiren jährlich fast mehr als 150 Tlr verdienen Uber dieses
hatte noch Zeit genung übrig auf dasiger Universität meine ziemlich verwelckten
Studia in etwas wiederum zu erfrischen und mir die vortreffliche publique
Bibliothek worinnen ich sonderlich des berühmten Matematici Tychonis de Brahe
und anderer Matematicorum Bücher fleißig durchsuchte gar sehr zu Nutze zu
machen Selbige ist in einem runden Turme verwahret auf welchen man von unten
an biss oben aus mit Wagen und Pferden fahren kann Der Eingang in die Bibliothek
aber ist wöchentlich zweimahl erlaubt So lange ich frei und ungebunden leben
konnte war mein Sinn noch ziemlicher maßen vergnügt ohne wenn ich dann und
wann mit den Gedanken auf meine Hertzkränckende Avanturen verfiel und mich
nicht selten ganze Nächte mit dergleichen melancholischen Grillen herum
schlug Allein so bald mir einige nicht übelgesinnete Freunde das Seil über
die Hörner werffen und mich durch die Heirat mit einer von meines Patrons
Töchtern in ein gar honorables und austrägliches Amt ziehen wollten vergieng mir
auf einmal alle Lust länger in Koppenhagen zu bleiben nahm dannenhero
plötzlich Abschied und war gesinnt nach Stockholm zu reisen allein wie ich
nachher erwogen musste ich mich durch den Schluss des unergründlichen
Verhängnisses zu meinen nachherigen größten Vergnügen von einem guten Freunde
ich weiß aber selbst nicht warum ganz leicht bereden lassen mit ihm über
Lübeck abermals eine Reise nach Amsterdam anzutreten welche schöne Stadt ich
doch schon vor 3 Jahren gesehen hatte Dieser gute Freund ist niemand anders
als Mons Plager gewesen als mit welchem ich wegen seiner besonderen
Geschicklichkeit in Verfertigung Matematischer Instrumente seit 2 Jahren her
eine genaue Freundschaft errichtet hatte Unterwegs nämlich in Lübeck
gerieten wir als Passagiers in einige Bekandtschaft mit dem Herrn Kapitain
Wolffgang und setzten die weitere Reise in seiner vergnügenden Gesellschaft
fort nachdem er aber uns ein und anderes von seinen curieusen Avanturen und
wir im gegenteil ihm das meiste von unsern biss daherigen LebensLaüfften
erzählt tat er uns endlich mit guter Manier den Vortrag dass weil wir
beiderseits wenig Vergnügen in Europa zu finden vermeinten würde kein besserer
Rat sein als in seiner Gesellschaft die Reise in ein ander WeltTeil
vorzunehmen kämen wir glücklich an denjegen Ort wohin er gedächte so möchten
wir uns binnen 2 oder 3 Jahren entweder zum beständigen Dableiben oder da
solches nicht beliebig zur RückReise resolviren und vollkommen versichert
sein dass er einem jeden, vor jedes Jahr 1000 Tlr baar Geld geben und zwar
ohne das was wir selbst erwerben könnten auch die freie Rückreise befördern
wollte
Ich kann nicht leugnen dass Mons Plagern und mir dergleichen profitable
Promessen anfänglich etwas verdächtig vorkamen wir baten uns also Zeit zur
Uberlegung aus und endlich da Mons Wolffgang unser Verständnis etwas besser
öffnete sein redliches Gesichte auch eine sattsame Kaution gegen alles
Misstrauen stellte wurde der Handel völlig geschlossen ehe wir noch nach
Amsterdam kamen
Hieselbst legten Plager und ich außer denen 1000 Ducaten die uns Mons
Wolffgang zu Erkauffung allerlei Kunst und HandwercksZeuges auszahlete unser
meistes Vermögen an eben dergleichen wie auch an nützliche Bücher und andere
notdürfftige Sachen welche so wohl als unsere Personen auf dieser schönen
Insul glücklich angekommen sind
Nunmehr dancke ich dem Himmel allen meinen gegenwärtigen Wohltätern und
guten Freunden aus treuem Hertzen und von Grunde meiner Seelen vor das bisher
und noch jetzo geniessende Vergnügen Ich schwere dass mein Hertz vollkommene
Zufriedenheit empfunden so bald ich dieses gesegnete Erdreich betreten habe
von welchen mich ob Gott will weder zeitliche Ehre Wollust Reichtum oder
was nur angenehmes genannt werden kann, hinweg und in ein ander Land reitzen
soll Ich habe nach dem kläglichen Abschiede von dem Körper meiner seeligen
Charlotte ganz ein ander Leben angefangen mein Dichten und Trachten auf
beständige wahre Busse gerichtet stehe auch Gott Lob noch täglich darinnen
und zweiffele nicht im geringsten an Göttlicher Vergebung der großen Sünden und
Fehler meiner Jugend Andere Specialia von meiner heutigen summarischen jedoch
ziemlich lange gewährten Erzählung werde wie schon gemeldet zu anderer Zeit
kund zu machen Gelegenheit haben vorjetzo aber schließe dieselbe mit meinem
jederzeit im Hertzen tragenden GedenckSpruche
O quam fausta viro labuntur sidera tali
Qui tempestivis crimina delet aquis
Wie glücklich steht es nicht um einen solchen Mann
Der seine Sünden läst wenn er noch sündgen kann
Wir danckten allerseits dem guten Mons Litzberg vor das durch seine mühsame
Erzählung uns gemachte Vergnügen wünschten ihm in folgenden LebensJahren alle
erspriessliche Gemüts und Leibes Ruhe wollten hierauf von Herrn Wolffgangen
und seiner geliebten Wöchnerin Abschied nehmen und auf die Burg zurück fahren
allein dieselben hatten so wohl vor den Altvater als vor uns in einem andern
Gemache das trefflichste NachtLager zubereiten lassen weswegen sich der
Altvater zum dableiben bereden ließ und erstlich folgenden Tages nach
eingenommenen FrühStücke wiederum zurücke fuhr so dann fast alle Tage von
Morgen an biss gegen Abend den fleißigen fortsatz des KirchenBaues betrachtete
Weilen aber die hauptsächlichsten Anstallten desselben meines erachtens oben
zur gnüge beschrieben habe unnötige Weitläuffigkeiten zu machen Bedenken
trage und von damahliger Zeit keine besonders merckwürdige Sachen zu erinnern
weiß so will ohne weitere Umstände melden dass unser neues GottesHaus accurat
in derjenigen Woche fertig wurde in welcher wir Europäer nunmehr vor einem
vollen Jahre dieses Land betreten hatten Zwar will nicht leugnen dass an den
Zieraten und einigen andern zu besserer Beqvemlichkeit gereichenden Stücken
noch verschiedenes auszubessern übrig geblieben allein solches alles war eben
so besonders nötig nicht und konnte mit guter Musse vollends zugerichtet
werden Genung dass nicht die geringste Hindernis mehr im Wege lag den
GottesDienst aufs ordentlichste darinnen abzuwarten Nun hatte zwar der
Altvater mit Herr Mag Schmeltzern verabredet dass die Einweihung biss auf den 1
Advent ausgestellet sein sollte allein folgender Umstand veranlassete sie
selbige 8 Tage früher anzustellen denn am 17den Novembr Sonntags den 22 post
Trinitatis da gegen Abend nach verrichteten GottesDienste der Altvater Herr
Mag Schmeltzer Herr Wolffgang Mons Litzberg und ich nach der Kirche zu
spatzirten kam ein frischer AlbertsRaumer Junggeselle hinter uns her
gelauffen und brachte an Wie Monsieur Kramer nebst seinen Europäischen
Kameraden und einigen andern sich die Erlaubnis ausbitten ließ dem Altvater
und Herr Mag Schmeltzern einen besonderen Vortrag zu tun Es wusste niemand von
uns zu erraten was sie damit haben wollten da aber der Altvater den
JungenGesellen mit lächlenden Munde und der Antwort abgefertiget dass sie in
Gottes Nahmen kommen und ihr Verlangen zu verstehen geben möchten selbiger auch
kaum bei dem Trouppe angelanget war kam Mons Kramer mit einem Frauenzimmer an
der Hand voran gezogen dem die andern Europäer und noch etliche
Felsenburgische Junggesellen auf gleiche Art jeder ein Frauenzimmer an der Hand
führend in richtiger Ordnung folgeten Hinter ihnen her kam auch noch ein
großer Hauffe von alten und jungen Leuten ebenfalls ganz ordentlich gezogen
Herr Mag Schmeltzer sagte lachend Ich wollte fast raten dass diese 22 Paar
so ich zehle ebenfalls so viel ehelige Verbindungen zu stifften Erlaubnis
suchen werden Gott gebe versetzte hierauf der Altvater mit einer frölichen
Gebärde dass es wahr ist und dass ein jedes von ihnen wohl gewehlt habe
Mittlerweile kamen die 22 Paar heran und schlossen einen Kreis um uns herum
Mons Kramer trat nach gemachten Reverenz etwas näher zum Altvater und gab mit
wohlgesetzten Worten ungefähr folgendes zu vernehmen Nachdem nämlich die
Fügung des Himmels und kluge Führung des Herrn Wolffgangs sie auf diese
unvergleichliche Insul gebracht welches ihre Hertzen nunmehr binnen Jahr und
Tag als eine ganz besondere Glückseeligkeit zu erwegen gnungsame Gelegenheit
nur aber allzuwenig Vermögen gehabt ihre Danckbarkeit dagegen vollkommen
abzulegen der teure Altvater auch nebst allen seinen werten Angehörigen
ihnen nicht nur bisher alle unbeschreibliche Liebe und Treue erzeiget sondern
über dieses bei allen Umständen merken lassen wie ihm zum sonderbaren
Vergnügen gereichen würde wenn die sämtlichen vor JahresFrist angekommenen
Europäer beständig auf der Insul Felsenburg verbleiben wollten so wären sie nun
allhier gegenwärtig nicht nur selbst nochmals um dasjenige zu bitten was
ihnen so gutertzig angeboten worden und da es verlangt würde einen heiligen
Eyd zum Pfande ihrer beständigen Liebe Treue und Redlichkeit abzulegen sondern
außerdem von dem lieben Altvater als dem OberHaupte dieser Insul gütige
Erlaubnis zu bitten dass sich ein jedweder mit demjenigen Frauenzimmer welches
er an der Hand führte durch ihren allgemeinen Seelsorger Herrn Mag Schmelzern
öffentlich und ehelich dürffe zusammen geben lassen Immassen biss auf diese
Kondition die Bräute deren Eltern und Verwandte ihr JaWort bereits von sich
gegeben hätten Wird nun unser Suchen setzte er hinzu vor billig erkandt so
getrösten wir uns baldiger geneigter Willfahrung und zwar noch vor Eintritt der
Heil AdventsZeit in welcher man bei den Luteranern löblicher Gewohnheit
gemäß nicht leichtlich zu heiraten pflegt Ist aber an einem oder dem andern
unter uns etwas auszusetzen so bitten wir ihm seine Fehler in Liebe und Güte zu
entdecken denn in dem Stücke sind wir alle eines Sinnes unser Leben immer
tugendhafter anzustellen damit wir desto eher den frommen eingebohrnen
FelsenBürgern gleich werden mögen
Der gute Altvater fing unter Mons Kramers wohlgegebenen Reden vor
Freuden herzlich an zu weinen und gab hernach zur Antwort Lieben Freunde ich
finde an eurer keinem einzigen seinem Verstande und Wesen nach nicht das
geringste auszusetzen Habet Danck vor alle Liebe Treue und Redlichkeit so ihr
mir bisher erwiesen und Zeit Lebens zu erweisen versprechet doch erlaubet
dass ich vorher eines jeden getane Wahl etwas genauer betrachte Hiermit ging
er von einem Paare zum andern und da er jedes sehr wohl zusamen treffend
befand Küssete er alle im ganzen Creise herum und sagte nach ausgesprochenen
Väterlichen Seegen Es soll geschehen meine Kinder was ihr wünschet macht
euch diese Woche geschickt heute über 8 Tage geliebtes Gott wird euch Herr
Mag Schmelzer ehelich zusammen geben und Tages darauf sollt ihr euer
HochzeitFest ingesammt auf Herrn Wolffgangs darzu bestimmten Platz celebriren
Hierauff stattete Mons Kramer in einer abermahligen wohl gesetzten doch kurzen
Rede im Nahmen aller verbindliche Dancksagung ab und nachdem sie den Altvater
auf die Burg begleitet einen Trunck Wein zu sich genommen und sich beuhrlaubt
hatten führte ein jeder seine Braut in Gesellschaft ihrer Befreundten nach
Hause
Herr Wolffgang blieb nebst seiner liebsten Sophie und kleinen Sohne noch in
etwas bei uns und weilen er sonderbare Lust zu schertzen hatte brach er in
diese belachenswürdigen Reden aus Wenn alle Jahre eine Anzahl solcher dreusten
Europäer auf diese Insul käme dürfften die Jungfrauen bald rar werden mein
Rat wäre Herr Mag Schmeltzer Mons Litzberg und Mons Eberhard suchten sich
bei zeiten etwas Liebes aus damit sie nicht hernach etwa das Nachsehen haben
müssen Herr Mag Scmeltzer musste selbst über dessen Worte lachen sagte aber
Mein Herr Wolffgang eure treuhertzige Sorgfalt sollte mich fast dahin verleiten
euch zu meinem Vorsprecher bei der artigen Christiana Virgilia anzunehmen denn
ich bin in LiebesSachen sehr blöde über dieses weiß auch nicht ob ich es
wagen dürffte dem werten Altvater seine klügste HausWirtin abspenstig zu
machen Der Altvater lächelte hierzu Herr Wolffgang aber fragte ganz dreuste
Ob es Ernst wäre so wollte er die Kommission mit Freuden auff sich nehmen indem
er sich zum voraus versichert hielte dabei nicht unglücklich zu sein Ja ja
Antwortete der Herr Magister es ist der wahrhafte Ernst Ernst Gottlieb
Schmeltzers die schöne und tugendhafte Christiana Virgilia zu heirate
daferne sich dieselbe darzu entschließen will und gegenwärtiger werte
Altvater nebst ihren leiblichen Eltern darein consentiren Auf diese Worte
reichte der Altvater Herr Mag Schmeltzern die Hand und sagte Mein liebster
Herr Christiana ist euch s meiner zugesagt welche sich nicht wegern wird
einen solchen schätzbaren EheGatten anzunehmen morgen geliebtes GOTT will ich
nebst Herr Wolffgangen bei ihren Eltern so wohl als bei ihr selbst vor euch
werben daferne sie sonsten von eurer keuschen Liebe noch keine nähere
Kundschaft hat Dass nun dieses letztere unmöglich sein könne versicherte Herr
Mag Schmeltzer sonderlich indem wie er sagte auch seine Augen so behutsam
gewesen ihr nicht das geringste merken zu lassen Da aber hierauf Herr
Wolffgang seinen Schertz mit Mons Litzbergen fortsetzte brach der letztere
endlich unverhofft freimütig heraus dass er sich in die ihm vor allen andern
gefällige Helena der Sophien ältesten Bruders zweite Tochter verliebt auch
bereits ihrer Gegengunst versichert wäre in so ferne es ihre Eltern der
Großvater Christian und vornehmlich der liebe Altvater Albertus erlauben
würden Des Altvaters Konsens erhielt also Mons Litzberg gleich auf der Stelle
demnach reichte ihm Herr Wolffgang die Hand und sagte So seid mir demnach
willkommen mein lieber Herr Schwager Vetter und guter Freund ich mercke fast
dass ihr auf der ChristiansRaumerErde meine Schliche gefunden und fein selbst
auf die Heirat gegangen seid damit euch nicht etwa der Bote betrügen möchte
Was aber fuhr Herr Wolffgang fort werden wir uns nun von unsern lieben
Eberhard zu getrösten haben Alles guts mein Herr antwortete ich meine
Geliebte ist bereits nicht allein in die Augen sondern auch ins Hertze
gefasst jedoch wegen ihrer an noch ziemlich zärtlichen Konstitution werde
mich noch 3 oder 4 Jahr gedulden denn mittlerweile wird mein Ansehen
vielleicht auch etwas männlicher zu dem so raten die Physici dass es nicht
allezeit wohl getan sei wenn zwei gar zu junge Leute einander heiraten
allermassen selbige der hitzigen Liebe nicht allemahl mit behörigen Verstande
Einhalt zu tun wissen Ich habe wieder eure vernünftigen Reden nichts
einzuwenden versetzte Herr Wolffgang allein verzeihet meiner Curiositeé
welche unmöglich ruhen kann biss sie den Nahmen eurer Geliebten erfahren Wiewohl
ich nun anfänglich nicht Willens war selbige heutigen Abend zu befriedigen so
quäleten mich doch alle Anwesenden so lange biss ich endlich ausbeichten musste
dass es die niedliche kleine Kordula aus dem Robertischen Geschlechte sei mit
welcher ich mich in ein tugendhaftes LiebesVersprechen eingelassen jedoch da
wir uns beiderseits beredet die Vollziehung desselben wenigstens noch 3 oder
4 Jahr hinaus zu setzen hätten wir auch aus Schamhaftigkeit bisher noch
nicht um den Konsens unserer Vorgesetzten Ansuchung tun können Der Altvater
tadelte meine getroffene Wahl so wenig als Herr Wolffgang und Mons Litzberg
welche mich vor einigen Tagen mit meiner Schöne am Kanal spazieren gehend
angetroffen hatten und bekräfftigten sonderlich dass man nicht leichtlich ein
Frauenzimmer von angenehmer GesichtsBildung und netteren Gewüchse antreffen
könne ja der Altvater gab hierbei zu vernehmen dass sie dass vollkommene Bildnis
ihrer Großmutter nämlich seiner überaus schön gewesenen nunmehr aber seel
StiefTochter der jüngeren Koncordia in ihren GesichtsLineamenten vorstellete
Wie denn Kordula auch erstlich von ihrer AelterMutter der älteren Koncordia
biss in ihr 4tes Jahr so dann von der Großmutter nämlich der jüngeren
Koncordia biss in ihr siebendes Jahr wohl erzogen worden ehe beide die Schuld
der Natur bezahlet hätten
Unter solchen Gesprächen ruckte endlich die Nacht heran weswegen Herr
Wolffgang nebst seiner Liebste und Mons Litzbergen nach Hause wir aber bald
darauf zur Ruhe gingen In folgender Woche wurden nicht allein alle Anstallten
zu Beruhigung der Verliebten Hertzen sondern hauptsächlich zu Einweihung des
GottesHauses gemacht so dass Sonnabends vor dem 23 Sonntage p Trinit noch
mehr aber des darauf folgenden Sonntags mit der solennen Einweihung selbst
unser aller Arbeit und sorgfältige Bemühung den höchst gewünschten Endzweck
erreichte
Es ist nicht zu beschreiben was des Herrn Mag Schmeltzers religieuse
Anordnung und selbst eigenes andächtiges Bezeugen beim Altar und auf der
Kantzel vor ganz außerordentlichen Eindruck in aller gegenwärtigen Hertzen
tat Ich und viele andere mussten offenhertzig bekennen dass wir die geistlichen
Lieder Komm heiliger Geist HErre Gott etc Allein Gott in der Höh sei Ehr etc
O HERRE Gott dein Göttlich Wort etc den christlichen Glauben etc Das Te Deum
laudamus und dergleichen noch niemals bedachtsamer und auffmerksamer gesungen
hätten als in dieser gegen andere ganz einfältig aussehenden Kirche ja es
kam mir vor als wenn ich nunmehr erstlich zu erkennen anfienge was ein
rechtschaffener GottesDienst sei Herr Mag Schmeltzer verlass und erklärete
nebst dem gewöhnlichen SonntagsEvangelio das 6te Kap des 2 Buchs der Chron
worinnen das Gebet enthalten welches Salomo bei der TempelWeihe zu Gott
abgeschickt anbei wusste derselbe das Kapitel und Evangelium ungemein erbaulich
und gelehrt zu vereinigen denn er nahm zu
Propos Den ZinsGroschen welchen ein jeder Mensch dem höchsten GOtte zu geben
schuldig ist
Hierbei wurde gezeigt
1 Das Metall woraus selbiger geprägt sei
2 Das Gepräge welches darauf befindlich sei
3 Die Art und Weise wie er zu geben sei
Die Ausführung und Application auf unsern gegenwärtigen Stand und Wesen war
dergestallt wohl elaborirt dass ich mich nicht erinnern konnte zeit Lebens eine
herrlichere Predigt gehört zu haben Nachdem aber der Vormittägliche
GottesDienst mit dem Liede Es woll uns Gott genädig sein etc welches des
Altvaters alltäglicher Gesang war beschlossen worden begab sich die ganze
Versamlung auf den von Herrn Wolffgang angelegten SpeisePlatz der von neuen
ausgeputzt und mit frischen grünen Laubwerck umzäunet war Hieselbst hatte der
Altvater die Veranstalltungen gemacht dass alle Einwohner groß und klein
notdürfftige Speisen und Getränke zu sich nehmen konnten Da nun auch dieses
mit größter Mäßigkeit geschehen wurde das Zeichen gegeben wiederum in die
Kirche zu gehen allwo nach einigen abgesungenen Liedern und kurtzem Sermone
Herr Mag Schmeltzer erstlich ein Töchterlein aus dem StephansRaumer
Geschlechte tauffte wobei Jacob Bernhard Lademann nebst seiner Braut und deren
GroßMutter Sabina gebohrne Fleuters zu Gevattern stunden Nach diesem Heil
Actu machte sich Herr Mag Schmeltzer vor dem Altare fertig die Trauung der
bereits in Ordnung sitzenden Verlobten vorzunehmen demnach wurde erstlich Mons
Litzberg von Herr Wolffgangen und mir dessen Braut a Helena aber von ihrem
leiblichen Vater und dem GroßVater Christian Julio zum Altar geführet und auf
EvangelischLuterische Art zusammen gegeben Hierauff folgete der Chirurgus
Herr Johann Ferdinand Kramer der ebenfalls von Herr Wolffgangen und mir dessen
Braut b Maria Albertina aber von ihrem leiblichen Vater und GroßVater
Alberto II geführet wurde Mons Plager ließ sich von Mons Litzbergen und mir
begleiten dessen Braut c Dorotea Jacobine aber von ihrem Vater und dessen
einzigen leiblichen Bruder In folgender Ordnung wurden demnach weiter von
abwechselenden Personen herbei geführt Mons Philipp Harckert mit seiner
Liebste d Anna Robertina die meiner Liebsten Kordula Vaters Bruders Tochter
war Andreas Kleemann mit seiner Braut e Katarina Johanna Willhelm Herrlich
mit f Magdalenen Peter Morgental mit seiner g Susanna Lorentz Wetterling
mit seiner h Blandina Philipp Andreas Krätzer und Lademann welche beide zwei
Schwestern und zwar der erste die älteste i Rosinen der andere aber k
Margaretam erwehlet Johann Melchior Garbe mit l Maria Elisabet Und
Nicolaus Schreiner mit m Eva Christinen1
Auf diese nunmehr völlig vergnügten 12 Paar folgten annoch 11 Paar aus
den eingebohrnen Geschlechtern dass also Herr Mag Schmeltzer über 4 Stunden
Zeit zu bringen musste ehe er mit diesen 23 Kopulationen fertig werden konnte
zuletzt aber vollzohe er auch sein eigenes eheliches Verbündnis mit der tugend
vollen Christiana Virgilia welche auf der IV Tabelle unter der andern Linie
bezeichnet steht Der Altvater Albertus verrichtete zwar eigentlich den Haup
Actum der Kopulation gab auch beiden seinen StammVäterlichen Seegen jedoch
die übrigen andächtigen Gebräuche hielt Herr Mag Schmeltzer selbst u zwar
auf eine recht bewegliche Art so dass den meisten Anwesenden die Tränen in den
Augen stunden und endlich wurde der ganze heutige höchst wichtige Actus mit
dem Liede Nun dancket alle Gott etc und nachherigen hertzlichen Glückwünschen
beschlossen
In gleich darauf folgender Nacht wurden aus allen PflantzStädten gnugsame
Victualien herbei geschafft so dass wir ingesammt drei FreudenTage mit
ungemeiner Ergötzlichkeit so wohl bei guten Speisen und Getränke als andern
vergnügten ZeitVerkürtzungen recht ergötzlich hinbringen konnten Jedoch sah
und hörte man im geringsten nichts von einiger Unmässigkeit und andern
ärgerlichen Bezeugen sondern wir genossen dasjenige Vergnügen welches Gott
seinen Kindern auf der mühseeligen Welt nicht missgönnet als gute Christen
danckten dem Höchsten davor bedachten hernach auch dass nach der Lehre
Salomonis alles seine Zeit und ein jedes Vornehmen unter der Sonnen seine
gewissen Stunden habe weswegen sich mit Ablauff des dritten Tages ein jeder an
seinen gehörigen Ort verfügte und nicht allein seine eigene nötige
HausArbeit sondern auch dasjenige nach allen Kräfften besorgen halff was zu
Verbesserung des gemeinschaftlichen Wesens hier und dar am nötigsten zu sein
erachtet wurde
Mit dem ersten AdventSoñtage des nunmehr sich zum Ende neigenden 1726ten
Jahres wurde zugleich der Eintritt eines neuen christl KirchenJahres mit
eiffriger Andacht celebriret Herr Mag Schmeltzer hatte seinen neuen JahrGang
aus den Worten Pauli 1 Korint 3 v 16 17 genommen die also lauten Wisst
ihr nicht dass ihr Gottes Tempel seid etc und wollte hinfüro in allen Predigten
von Stück zu Stück zeigen Wie man den geistl Tempel Gottes in seinem Hertzen
nicht nur erbauen sondern auch im baulichen Stande und Wesen erhalten solle
welches gewiss bei damaligen Zeiten eine sehr feine Materie war Nach der
Predigt empfiengen etliche 60 Personen das Heil Abendmahl und solchergestallt
wurde auch dieses mahl der GottesDienst in gebührlicher Andacht beschlossen
Jedoch ich erinnere mich oben versprochen zu haben eine Specification von
der Vermehrung des Felsenburgl Geschlechts auf das Jahr 1726 beizufügen
deswegen will um vielleicht die Curiositeé einiger obschon nicht aller Leser
zu vergnügen mein Wort vermittelst einer Tabelle erfüllen die ich aus Herrn
Mag Schmeltzers KirchenRegister extrahirt habe
Solchem nach befanden sich um selbige Zeit auf der Insul Felsenburg an Jungen
und Alten Einheimischen und Ausländischen lebendigen Menschen 394 nämlich
203 Manns und 191 WeibsPersonen die in aller Frömmigkeit Liebe und
Einigkeit mit einander lebten und nach dem Exempel der ersten christl Kirche
eine treuhertzige Gemeinschaft der zeitlichen Güter untereinander hielten
keinen Eigennutz auch im allergeringsten Dinge zeigten sondern ihren Nächsten
und sich selbst zu dienen alles mit Lust verrichteten wozu sie sich geschickt
befanden Man sage mir welcher vernünftiger Mensch Scheu tragen und nicht
vielmehr herzlich wünschen sollte seine ganze LebensZeit an dergleichen
ergötzlichen Orte zu zu bringen
Jedoch ich bin nicht gesonnen hiervon viel zu philosophiren sondern
erkenne mich schuldig die ferneren Geschichte vorzutragen Nach nunmehr
glücklich vollbrachten KirchenBau machten sich die allermeisten und besten
HoltzArbeiter über die Auffrichtung einer MehlMühle her welche allererst
Philipp Krätzer auf dem StephansRaumer Grund und Boden mit Beihülffe Mons
Litzbergs Lademanns Plagers Herrlichs und Morgentals angelegt hatte Der
Altvater sah diesem Baue nebst mir fast alle Tage zu wenn die Luft gegen
Abend etwas kühle zu werden begunte besuchte auch dann und wann seine Kinder in
den andern PflantzStädten Eines Tages aber da uns Herr Kramer eine Menge
vortrefflich großer ZuckerSchoten gesendet hatte kam dem Altvater die Lust
an dieses guten Hausswirts wohl angelegten Küchen und LustGarten in genauern
Augenschein zu nehmen deswegen reiste er nebst Mons Wolffgangen Litzbergen
mir und andern hinnunter nach AlbertsRaum in dessen Wohnung und traffen
denselben bei seiner Maria Albertina in einer schönen mit großen KürbisRancken
bedeckten LaubHütte sitzend an allwo sie den Safft aus etlichen guten Kräutern
und Blumen presseten um solchen seiner Kunst gemäß zur Artzenei zu gebrauchen
Es war so zu sagen fast in einem Augenblicke alles bereit uns als seine
angenehmsten Gäste aufs Beste zu tractiren Sein Getränke schmeckte sonderlich
sehr angenehm und hatte dabei die Tugend dass es keine Incommoditée im Leibe
oder im Kopffe machte deswegen saßen wir sehr vergnügt beisammen Endlich
aber bezeugte der Altvater ein besonderes Verlangen des Chirurgi Monsieur
Fußnoten
1 Alle Bräute dieser unserer mitgebrachten Europäer sind in den beigefügten
GenealogTabellen des ersten Buchs genau bemerckt und nach Belieben
aufzuschlagen als a vid Tab VI Litzbergs Fr b Tab II JF Kramers
EheFr c Tab VII Plagers Frau d Tab X Harckerts Fr e Tab IV AK
Fr f Tab VIII Herrlichs Fr g Tab VII Morgentals Fr h Tab V
Wetterl Fr i und k sab III PK Fr und JBL Fr l Tab VIII
Garbens Fr m Tab IX Schreiners Fr
Johann Ferdinand Kramers Lebens Geschicht
ebenfalls zu wissen daher sich derselbe nach einigen nötigen gefallen ließ
uns dieselbe folgendergestallt zu erzählen
Ich bin fing er an von Geburt ein Westphälinger mein Vater und Mutter
von denen ich im Jahr 1692 erzeuget worden waren ehrliche Leute und etwas
mehr als Bürgerlichen Standes starben aber beide ehe ich noch das 10te
KinderJahr überschritten hatte weswegen mich meines Vaters Freunde als das
einzige hinterlassene Kind meiner Eltern zu sich nahmen und zu guter
Aufferziehung anfänglich die besten Minen machten Allein es ging mir nicht
anders als es gemeiniglich allen Elterlosen Waisen zu gehen pfleget Denn so
bald sie nur mein Vermögen welches sich etwa auf 1500 Tlr belieff unter das
ihrige vermischt niemanden aber zur Zeit Rechnung abzulegen hatten als sich
selbst schien es nicht anders als ob sie mich um Gottes willen bei sich
duldeten ja mit der Zeit fiel ihnen gar meine Person obschon nicht mein Gut
ziemlich beschwerlich deswegen ich unter solchem Vorwande in eine andere Stadt
geschafft wurde dass in selbiger weit civilisirtere Leute befindlich von denen
ich besser gezogen werden könnte denn wenn die Freunde wie sie sagten einen
jungen wilden Knaben nur ein wenig scharff angriffen müsste es gleich ein
Hundemässiges Tractament heißen zumahl bei solchen Leuten die sich ein
Vergnügen machten dergleichen Bösewichter zu verziehen Ich wusste zwar damals
nicht auf wen sie stichelten kann auch im geringsten nicht leugnen dass ich ein
wildes und etwas allzu feuriges Temperament hatte allein es war dennoch ohne
eigenen Ruhm zu melden gewiss dass unter meinen lustigen Streichen die ich
täglich anzustellen beflissen sehr selten etwas bosshaftes zu finden war wenn
man anders nicht mit Gewalt eine Bosheit daraus erzwingen wollte Von
verschiedenen Streichen nur in aller Kürtze etliche wenige anzuführen so wird
daraus zu schließen sein dass ich zwar zuweilen etwas spitzfindig zum öffteren
auch sehr einfältig gewesen Eines Tages da mein Vetter mit einer
GerichtsPerson lange Zeit ein geheimes Gespräch gehalten hörte ich beim
Abschied nehmen von ihm diese Worte Ja Herr Gevatter wenn sich nur jemand
unterstehen wollte der Katze die Schelle anzuhängen ich wollte ihm gerne alle
Gefälligkeit darvor erzeigen und weiter konnte ich nichts vernehmen denn
sie redeten wiederum heimlich verstund aber dieses Sprichwort in sensu proprio
holete mir bei einem SchulKameraden eine große Schelle versteckte selbige in
mein Bette wartete biss die Katze des Nachts zu mir hinnein kam hing dieser
sonst wilden Bestie die sich leichtlich von niemanden als von mir angreiffen
ließ andere aber grimmig biss und kratzte ohne besondere Mühe die große
Schelle an und warff sie zu meiner Kammer hinaus Was dieses Tier hernachmahls
die ganze Nacht hindurch vor ein grausames Lermen mit springen poltern und
herum laufen im ganzen Hause verführet ist nicht auszusprechen ich schlieff
zwar darüber ein allein mein Vetter und die meisten andern im Hause wohnenden
Leute vermeinen nicht anders als das es ein teufflisches Gespenst sei wollen
deswegen sich mit selbigen nicht vermengen sondern dringen die ganze Nacht
mit großer Furcht in ängstlichen Schweiße zu Endlich früh Morgens hat sich
das Gespenst gefunden ich wurde darum befragt und so bald nur ja gesagt war
mein HinterKastell ohne mir fernere Defension zuzulassen dermaßen mit Ruten
gestrichen dass ich in etlichen Tagen keine Banck damit drücken konnte Das war
also nicht allein der Danck vor meine einfältige Treuhertzigkeit sondern es
wurde dieser Streich so gar vor die allererschrecklichste Bosheit ausgeschrien
Ein andermahl fand ich einen TobacksBrieff worauff mit ziemlich großen
Buchstaben diese Worte gedruckt waren Wer mich wird versuchen und proben wird
mich rühmen und loben Nachdem ich nun von diesem TobacksBriefe das andere
unnütze Bilderwerck abgeschnitten beschmierte ich denselben auf der lincken
Seite mit VogelLeim und legte das Blätgen hinter dem Ofen auf denjenigen
Sessel welchen unsere faule Magd gemeiniglich des Tages sehr offte zu besitzen
pflegte und zwar also dass die Schrifft nachdem die Magd auffgestanden
accurat auf ihren Wulste des Rocks zu lesen war Selbige wurde kurtz hernach zu
Marckte geschickt in unsern Hause hatte kein Mensch diese Inscription bemerckt
allein auf dem Marckte finden sich desto mehr curieuse Leute solche zu
betrachten Was es vor ein Gelächter gegeben zumahlen da einige Schüler darzu
kommen und darüber glossiren ist leicht zu erachten allein mir bekam diese
Naseweisigkeit sehr übel denn mein hitziger Vetter schlug mir so bald ich nur
vor den Täter ausgeruffen worden dieserwegen in der Furie den lincken Arm
entzwei Dass dieses von mir eine große Leichtfertigkeit aber doch keine gar zu
grausame Bosheit gewesen kann jedweder so leicht begreiffen als eine
proportionirliche Strafe darauf dictiren allein ob diese Strafe mit dem
Verbrechen quadriret gebe ich zur Uberlegung anheim Immittelst hatte die
Curiositee zu empfinden wiewohl es düncke wenn man 6 Wochen unter den Händen
eines unverständigen Tölpelhaften dabei aber dennoch unbarmhertzigen Chirurgi
liegt denn mein krum geheilter Arm musste noch einmal zerbrochen und durch
einen geschicktern Mann geheilet werden Noch eins Meine Muhme hatte einen
mittelmäßigen Hund der im Sommer alle 4 Wochen auf LöwenArt glatt geschoren
wurde dieser war bei ihr in größerer Achtbarkeit als ich und viele andere
Leute weswegen er auch seinen besonderen ledernen gepolsterten Stuhl in der
Stube stehen hatte und grausam brummete wenn ich selbigen zur AbendsZeit nur
ein klein wenig zur Ruhe brauchte denn NB sonsten pflegte sich kein anderer
Mensch drauff zu setzen Also war ich besorgt mein Mütlein an dieser
eigensinnigen Bestie zu kühlen besonn mich endlich etliche spitzige
SteckNadeln von unten auf durch den Stuhl doch also zu schlagen dass die
Spitzen dem Hunde nur ein klein wenig in die Haut gehen hingegen keinen
Menschen der nur gut gefütterte BeinKleider an hatte verletzen konnten Demnach
fing der Hund so oft er sich durch einen schnellen Sprung auf den Stuhl
warff jederzeit erbärmlich an zu schreien wollte auch endlich gar nicht mehr
auf dem Stuhle liegen dahingegen ich mit desto größeren plaisir darauf sitzen
konnte Meine Muhme merkte vielleicht etwas konnte aber erstlich nichts am
Stuhle finden denn er war hoch ausgestopfft und man musste das Polster gar sehr
scharff nieder drücken wenn die Spitzen eine Empfindlichkeit verursachen
sollten endlich aber kam es dannoch ans Licht und meine artige Invention wurde
mit dem Ochsen dermaßen recompensirt dass ich mich fast in 14 Tagen nicht
recht bewegen konnte Dieses Verbrechen wurde solchergestallt abermals allzu
hart gestrafft denn Salomo lehret zwar dass die Rute der Zucht die im
Hertzen eines Knaben steckende Torheit ferne von ihm treiben werde allein auf
die Art wars wie gesagt zu scharff und weilen ich fast täglich ganz
sonderbaren Zuschlag von allen Seiten zu hoffen hatte deswegen fast gänzlich
in Verstockung geriet fügte sichs zu meinem Glücke dass man mich in eine
andere Stadt zu frembden aber doch verständigen Leuten brachte
Daselbst war eine sehr berühmte Schule welche ich mit größten Vergnügen
sehr fleißig besuchte und mich in kurzen vor andern die doch noch älter als
ich waren distinguirte so dass ich in meinem 14den Jahre unter den öbersten
Primanern zu sitzen kam Zwar ist nicht zu leugnen dass ich auch daselbst
manchen lustigen Streich spielte jedoch weil dasige Herrn Præceptores die
Bosheit und den Mutwillen eines Knabens besser zu unterscheiden wussten als
meine Anverwandten kam ich mehrenteils mit einem starken Verweise oder aufs
höchste mit einer gelinden Strafe davon und zwar in Betrachtung dessen dass
ich meine Lectiones jederzeit behörig observirte und zuweilen mehr tat als von
mir verlanget wurde Ich mag niemanden mit der Erzählung meiner SchulPossen
verdrießlich fallen jedoch ein einziger kurtzweiliger Streich meritirt
vielleicht gemeldet zu werden Einmahls stund ich nach geendigter Lection noch
eine gute weile im Creutzgange stille und hatte mich weiß aber selbst nicht
warum ganz besonders in meinen Gedanken vertiefft dieses merckt der Kantor
als dasiger Kollega III von ferne kommt deswegen ganz sachte auf mich
zugeschlichen fragte mich aber ganz unverhofft worauff ich spintisirte Da
nun bereits wusste dass er ein curieuser Kopf und mir nicht so gewogen als der
Rector und KonRector wäre jedoch eben denselben Respekt verlangte und vor
einen ganz besonders gelehrten Mann angesehen sein wollte war ich so
schalckhaft ihn mit folgen Griechischen Worten anzureden Timiotate Didaskale
Didotiemoi snggomhn shmeron ek toy khpoy sakkon ton mhlon plhrh ekperein
Teutsch Hochgeehrter Herr Præceptor Ich bitte mir heute zu erlauben einen
Sack voll Aepffel aus dem Garten zu holen
Nun ist zu merken dass die drei obersten Herrn SchulKollegen dasiges Orts
einen vortrefflichen BaumGarten zu nutzen hatten aus welchen sie allerjährlich
das Obst in drei gleiche Teile unter sich zu teilen pflegten allen Schülern
aber war bei harter Strafe verboten diesen Garten ohne besondere Erlaubnis
des GartenInspectoris nicht zu betreten vielweniger das geringste Stücke von
Obste anzurühren dieses Jahr hatte der Herr Kantor die Inspection darüber und
war gewisslich der geitzigste unter allen deswegen musste derjenige welcher
Appetit bekam nur in den Garten ein wenig spaziren zu gehen ihm gewisslich mit
den elegantesten lateinischen SchmeichelWorten zu begegnen wissen Ich aber
vermeinte meine Kaptationem benevolentiæ jocosam desto glücklicher anzubringen
wenn ich ihn auf Griechisch anredete und damit seiner Erfahrenheit in dieser
Sprache schmeichelte Er lächelte deswegen sehr gravitätisch und gab zur
Antwort Ta m est Teutsch Es ist von mir erlaubt Allein der gute Mann
mochte meine Anrede nicht völlig verstanden haben wollte aber dennoch darvor
gehalten sein das Griechische so gut als seine MutterSprache zu wissen hatte
mich also ganz kurtz mit diesen drei vermutlich aufgeschnappten Worten
abgefertiget Demnach ging ich ohne Scheu mit einem großen QverSacke in den
ObstGarten pflückte die allerbesten Aepffel da hinein trug selbige öffentlich
heraus und teilete meinen MitSchülern reichlich mit Doch solches kam gar
bald vor den Rector weswegen meine Person vor dem SchulGerichte wegen der
wie sie sagten gestohlnen Aepffel gleich morgenden Tages zur Inquisition
gezogen wurde Ich protestirte solennissime wieder alle falsche Anklage und
gedrohete Strafe berieff mich auch lediglich darauf dass ich von dem Herrn
Kantore selbst Erlaubnis darzu bekommen hätte Dieser aber wollte von nichts
wissen jedoch da sich 4 oder 5 Zeugen angaben dass ich ihn in Griechischer
Sprache mit vorerwähnten Worten angeredet und besagte Antwort erhalten hätte
musste ich einen Abtritt nehmen wurde nachher auch dieserwegen nicht im
gerinsten mehr befragt hergegen kam der expresse Befehl heraus dass in Zukunft
die Schüler sich keiner andern als der lateinischen Sprache gebrauchen sollten
wenn sie von den Præceptoribus etwas ausbitten wollten
Bei so gestallten Sachen konnte leichtlich ein jeder merken was die Glocke
geschlagen habe und dass der Herr Kantor ein sehr schwacher Græcus sei ich aber
musste dieserwegen dessen völlige Ungnade ertragen welches mein freier Sinn doch
wenig æstimirte sondern zufrieden war dass sich der Rector und Konrector desto
gütiger gegen mich erzeigten und in allen Stücken meines Wohlseins wegen gute
Vorsorge trugen wie denn ich auch keinen Fleisssparete mich so viel als
möglich nach dieser beiden Gonner Sinne zu richten sonderlich aber meine
Studia eiffrig fortzusetzen Mittlerweile erhielt mein Vetter meines
Wohlverhaltens wegen immer ein gutes Testimonium über das andere doch weil er
selber 3 Söhne auf der Schule hatte selbige aber mehr Wercks vom
liederlichen Leben als von den Büchern machten trieb ihn unfehlbar der Neid
an mein propós zu verrücken und mich von der Schule hinweg zu nehmen um durch
mich seinen Söhnen bei der fleißigen Welt keinen Vorwurff zu machen Demnach
kam er um Johannis an 1707 unverhofft kündiate dem Rectori meinetwegen das
Logis Kost und SchuldGeld ja alles auf was zu meiner größten Bequemlichkeit
bisher gereicht hatte mir aber die Rückfart nach seinen Hause abermals an
und zwar unter dem Vorwande dass mein weniges Vermögen nicht hinlänglich mich
etliche Jahr auf Universitäten zu erhalten deswegen wäre es klüger gehandelt
dahin zu gedenken dass ich eine reputirliche Profession ergriffe selbige bei
einem wohl versuchten und berühmten Meister redlich lernete und den meisten
Teil meines Vermögens solchergestalt erspahrete welches ich mit der Zeit zu
meinem HausshaltungsAnfange höchst nötig genung brauchen würde
Hierwieder mochten nun nebst mir alle meine guten Gönner einwenden was
sie immer wollten es halff nichts ja das gute Anerbieten der Præceptorum mir
alle Information frei zu geben über dieses zu Ersparung meines Erbteils gute
Hospitia und andere Accidentia zu verschaffen wurde von diesem lieblosen
Freunde und Vormunde unverantwortlicher weise verworffen hergegen musste ich
mich mit aller Gewalt bequemen auf den Wagen zu steigen und die Reise mit Sack
und Pack zurück in seine Behausung anzutreten Ich merkte daselbst in kurzen
dass er gesinnt sei mich nur zu einem HausPüffel aufzuziehen denn ich wurde
täglich zum BierBrauen BranteweinsBrennen ViehMästen und anderer groben
HausArbeit angewiesen allein dergleichen kam mit meiner schwachen Leibes
Konstitution schlecht und mit meinem Genie noch schlechter überein deswegen
begehrte ich durchaus meine Bücher des Willens wiederum auf vorige Schule zu
laufen verlangte auch weder Geld noch Kleid darzu sondern hatte das gute
Vertrauen GOTT würde schon Leute erwecken die einen Knaben der so große Lust
zum studieren bezeugte mit guten Rat und würcklicher Hilfe begegneten Allein
mein Suchen war vergebens hergegen schlug man mir da ich mich durchaus um die
Oeconomie nicht mehr bekümmern wollte bald dieses bald jenes Handwerk vor
jedoch alle solche waren mir zu schlecht Man brachte mich zur Handlung auf die
Probe bei einen sehr bemittelten Kaufmann da ich aber gleich in den ersten 6
Wochen als ein Hund aus einem Winckel in den andern gestoßen wurde und diese
Marter 6 Jahr gedultig auszustehen Befehl bekam lief ich davon Man brachte
mich zu einem GoldSchmiede da ich aber merkte dass mir in künftigen Jahren
das sitzen so beschwerlich als die gegenwärtige schmutzige Arbeit fallen würde
über dieses in Gefahr stehen müsste ganz frühzeitig blind zu werden lief ich
davon Man brachte mich auf die Apotheke hieselbst war die Arbeit vor den
jüngsten Jungen noch schmutziger meine Hände wurden so garstig dass ich mich
selbst scheuete daraus zu essen musste auch den ganzen Tag biss in die späte
Nacht die größte Kälte an Händen und Füßen ausstehen und durfte bei allen
meinen Schmerzen nicht einmal eine betrübte Mine machen deswegen lief ich
auch da davon Kurtz Mein Vormund mochte mich hinbringen wohin er wollte ich
lief davon und wollte nirgends bleiben als auf der Schule da aber selbiger
dennoch bei seinem Schluße blieb mich durchaus nicht studieren zu lassen
sondern meine Kleider verschloss und mich mit StubenArrest Schlägen Hunger
und andern Plagen so lange quälete biss ich endlich versprach mir selber eine
Profession auszusinnen und dabei gut zu tun erwehlete ich endlich die
Chirurgie und BarbierKunst und wurde zu einem berühmten Meister derselben
gebracht in dessen Gegenwart mich mein Vormund aufs ernstlichste ermahnete und
bedrohete so ferne ich auch allhier davon lieffe mich alsofort in ein
ZuchtHaus zu bringen Besondere Ursache hatte ich nun eben nicht an Erfüllung
dieses tröstlichen Versprechens zu zweiffeln deñ meine Frau Vormundin die mir
so feind als einer Spinne war lag ihm dieserwegen beständig in Ohren und hätte
lieber gesehen wenn ich nur ihres Hundes wegen berits etliche Jahr im
ZuchtHause gesessen hätte Jedoch da mir die erwehlte Profession nach und nach
und zwar je länger je besser zu gefallen begunte der Herr auch nur zuweilen
etwas wunderlich sonsten aber ein ziemlich gütiger Mann war suchte ich mich
so viel als möglich unter die Hand meines Verhängnisses zu demütigen und
befand das gemeine Sprichwort Lust und Liebe zum Dinge macht alle Arbeit
geringe in der Tat wahr zu sein Denn ich fasste nicht allein alle bei dieser
Profession mir gezeigten Vorteile weit leichter als andere so mit mir certir
ten sondern machte mir die treffliche Gelegenheit in Anatomicis einen guten
Grund zu legen sehr wohl zu Nutze wendete die wiewohl selten müßigen
TagesStunden auf Lesung nützlicher Bücher brach auch nicht selten früh
Morgens ein paar Stunden vom Schlafe ab um nur bei Zeiten was rechts zu
begreiffen
Inzwischen machte nun zwar welches nicht zu leugnen auch in meiner Lehre
allerhand lustige Possen jedoch weil keine Bosheit noch besonderes Nachteil
des Nächsten darunter versirte ließ es mein Vorgesetzter so dann und wann ohne
Strafe hingehen und wenn zuweilen etwas ingenieuses passiert war merkte ers
zwar und tat doch als ob ers nicht merkte Ich trage ein billiges Bedenken
viel von solchen Jugend und JungensPossen zu recapituliren doch einen
einzigen nicht gar wohl überlegten lustigen Streich muss ich wohl melden weil
selbiger die einzige Ursache war dass mich mein Herr zum ersten und letzten
mahle mit dem Spanischen Rohre und zwar wohl verdienter maßen tractirte
Ich musste einmals in aller Frühe bei dem KohlenVerkauffer einen Handkorb
voll SchmiedeKohlen holen da mich nun unter wegs jemand in sein Haus ruffte
setzte ich vorher meinen mit Kohlen gehäufften Korb am Rathause in einen
Winckel und ging davon musste aber bei meiner Zurückkunft den Korb über die
Helffte ausgeleeret erblicken daher Not halber zurück gehen und denselben
vor mein eigen Geld wieder häuffen lassen Nachhero legte starke Kundschaft
auf diesen Diebstahl und erfuhr dass die am Marckte täglich sitzenden und
allerhand NaschWaren verkauffenden naseweisen Mägde benebst den alten
Weibern sich vereiniget hatten mir diesen Streich zu spielen welches um so
viel desto eher zu glauben war weil so oft ich diesen Weg sonsten mit Kohlen
ging und ein oder zwei aus dem Korbe fallen ließ selbige gleich herzu lieffen
wie die Katzen nach den Mäusen denn sie wussten diese guten Kohlen gar zu wohl
in den unter sich habenden KohlenTöpffen zu gebrauchen Demnach war ich Tag und
Nacht auf Revange wegen des letzt gespielten groben Possens bedacht und
endlich wurde folgender Streich so verbracht wie ausgesonnen Ich nahm etliche
Kohlen hölete dieselben aus und setzte kleine Schwermer mit geriebenen
SchiessPulver hinnein vermachte die Löcher wiederum so dass an den Kohlen kein
Betrug zu merken war legte hernach selbige indem ich abermals Kohlen vor den
liederlichen WeibsBildern vorbei tragen wollte ganz zu oberst auf den Korb
tat als ob ich stolperte und ließ dieselben ganz unachtsam herunter fallen
welche denn von ihnen begierig auffgehoben und in die KohlenTöpffe gelegt
wurden Ich lief gegen über in ein bekandtes Haus und wartete daselbst die Zeit
ab biss das sprudelende Pulver Feuer fing und ein verzweiffeltes Lermen doch
aber weiter keinen Schaden anrichtete Allein da die Sache an meinen Herrn
gelangete bekam der künstliche Feuerwercker seinen verdienten Lohn
Nach ausgestandenen LehrJahren ergriff ich den WanderStab und reiste von
meinem Vormunde mit 10 Tlr Gelde und nötigster Equippage abgefertiget in die
Welt weilen ich aber in meiner Lehre von der Generositeé einiger vornehmen
Patienten welchen ich unermüdet aufgewartet bei nahe 50 Tlr profitiret und
heimlich gesammlet hatte schien es mir ungemein despectirlich und beschwerlich
zu Fuße zu reisen und noch viel verdrießlicher der Professions Gewohnheit
nach bei andern Chirurgis das Gnaden oder wie es etwas ehrbarer klingt das
FrembdGesellenBrod zu essen reiste deswegen so lange mit der Post herum
biss mein unüberwindlich scheinendes Kapital dermaßen auf die Neige kam dass
ich nunmehr an statt der Taler kaum so viel Groschen zählen konnte
Da war der Haase gefangen die Gelder verschwunden die Kleider auf dem
Post Wagen ziemlich verschabt der Winter vor der Türe zu guter Kondition kein
Anblick hergegen desto mehr Ambition vorhanden dem Vormunde meinen Fehler zu
entdecken und von ihm etwas Geld zu verlangen Jedoch ich fasste kurtze
Resolution entschloss mich nunmehr post Festum zu Fuße zu gehen erreichte
eine berühmte ResidentzStadt weil aber in selbiger vor mich keine Kondition
offen kein einziger BarbierGeselle auch so höfflich sein und mir die seinige
abtreten wollte sah ich mich genötigt aus dringender Not bei einem so
genandten BeinHaasen der eine GnadenBarbierStube in der Vorstadt hatte
Kondition anzunehmen Es war derselbe ungeacht ihn die andern Chirurgi sehr
hasseten ein ehrlicher vernünftiger und wohlerfahrner Mann der seine
Profession nicht allein Zunftmässig gerlernt sondern auch in verschiedenen
Feld Zügen sehr wohl excoliret hatte seine Praxis ging sehr stark woher denn
kam dass ich binnen anderthalb Jahren nicht allein ein sehr vieles in der Kunst
und Wissenschaft von ihm profitirte sondern auch meine Kleidung und Sachen
wiederum in guten Stand setzte über dieses alles etliche 60 Tlr baares Geld
sammlete wozu die Verachtung meiner ProfessionsGenossen kein geringes
beitrug denn selbige achteten mich darum weil ich bei einem Pfuscher servirte
vor einen infamen Kerl welcher nicht würdig wäre dass redliche Barbiers
Gesellen eine Kanne Bier mit ihm träncken Mittlerzeit aber sparete ich mein
Geld entgieng vielen Verführungen und konnte zuletzt meinen so genandten
abscheulichen SchandFleck sehr leicht vermittelst eines halben Fasses Bier
wieder abwaschen welches die Herrn Kameraden noch lange nicht ganz ausgesoffen
hatten da ich schon wieder so ehrlich ja ich glaube in ihren Hertzen vor noch
weit ehrlicher als vorhin geachtet war Nichts als die Curiositee noch mehr
große Städte zu sehen trieb mich von diesem Manne hinweg deswegen ergriff
abermals meinen WanderStab setzte mich aber nicht wie ehermahlen auf die
geschwinde Post sondern glaubte dem experto Ruperto und marchirte per pedes
Apostolorum fort nachdem ich meinen Koffre zurück in Verwahrung gelassen Die
am Rhein Neckar Mosel und Mäyn gelegenen Städte waren mir sehr herrlich
beschrieben worden und weilen ich ohne dem lieber Wein als Wasser trincken
mochte ging die Reise darauf zu Nun fand mich zwar wegen des so sehr
gerühmten Weins gar nicht betrogen allein wo ich nur hin kam musste ich
vernehmen dass es wegen der Konditionen außer der Zeit und wenigstens in einem
halben Jahre nichts zu hoffen sei über dieses war kein einziger Professions
Genosse der Ehren mir nur einen Bissen Brod vorzusetzen sondern ich musste
überall vor mein baares Geld zehren Hierbei befand sich nun der Magen welcher
auch den allerbesten Wein ziemlich vertragen lernete sehr wohl allein der
Beutel bekam nach und nach den stärcksten Ansatz zur Schwindsucht so dass ich
dieses Land aufs eiligste zu verlassen und die Luft zu verändern suchen musste
woferne besagter mein Beutel nicht sein ganzes Eingeweide aussspeien sollte
Demnach wanderte auf den SaalStrohm los und demselben so lange entgegen biss
sich endlich in einer Fürstl kleinen ResidentzStadt Kondition vor mich fand
Mein Herr war HofAmmts und StadtChirurgus über alles dieses noch
KammerDiener bei dem Fürsten und hatte solchergestallt mehr Glücke als
Verstand denn ich nicht leichtlich einen Chirurgum angetroffen der der
leidigen Trunckenheit mehr ergeben gewesen als eben er In Praxi war ihm ein
und andere Cur von ungefähr noch so ziemlich eingeschlagen doch in Teoria
alles sehr schwach und elend bestellt woher denn kam dass sein ganzer
ProfessionsBau auf einem wacklenden Grunde ruhte In der Prahlerei
Aufschneiderei und läppischen RaisonirKunst hatte er hingegen einen dermaßen
starken Habitum dass er sich auch nicht scheuete vor geschickten und gelehrten
Leuten ohne Scheu alles heraus zu platzen was ihm nur vors Maul kam es mochte
practicable wahrscheinlich und vernünftig sein oder nicht Einsmahls wollte er
einem gestürtzten Patienten ein großes Stück des Cranii ausgehoben duram
matrem zerschnitten piam matrem aber vom cerebello abseparirt und das
geronnene Geblüt wie auch 112 Lot vom Gehirne selbst mit dem TeeLöffel
heraus genommen haben Einem andern Patienten hatte er seinem sagen nach einen
Polypum cordis oder so genandten HertzWurm per fedes abgetrieben und zeigte
denselben annoch in einem mit Spiritu Vin angefülleten Glase Wieder einem
andern sollte durch seine Geschicklichkeit und künstliche Hefftung die mit
groben Schrot durchschossenen dünnen Gedärmer und des Magens das liebe Leben
erhalten sein Alle Arten der Blindheit so gar auch des schwartzen Staars
vermass er sich ohne einzige innerliche oder äuserliche Medizin bloß
vermittelst eines Geheimnisvollen sympatetischen SchnupffTobacks zu curiren
allein ich habe niemand ausforschen können der eine Probe davon gesehen oder
empfunden
Indem aber mehrere Exempel seiner Quacksalberischen Prahlereien anzuführen
vor allzu weitläufftig halte muss ich doch ein und andere eigenhändige Probe
seiner jämmerlichen Chirurgischen Berichte WundZeddel und Recepte aufzeigen
Hiermit stund Mons Kramer auf und holete einige Scripturen welche nachdem er
uns dieselben vorgelegt wir also gesetzt befanden
I Bericht Num 9 anno 1710 den 5 Sept
Auf Begehren eines Hochlöbl AmtsGerichts alhier u auch auf gnädigen Specigal
Befehl des meines gnädigen Herrn habe Ich Endes unterschriebener
Chyrugus NN obigen datum Nach Mittage um Eins den entleibeten Körber des
verstorbenen und vorher unwissend von wem er mordet worden in seiner
Behausung auf einer Taffel nebst meinem Gesellen und LehrJungen nechst diesen
in Beisein des Herrn Stadt und LandFisicus Herr DNN zu seciren und antomi
ren angefanget und habe also an selbigen Körber wie folgt angemerckt und
obselviret
1 Mag ihn der Mörder einen Schlag etwa mit einen StuhlBeine auf das
Cramgum gegeben haben denn es war die ganze Schwarte auf dem Kopffe sehr mit
Blut unterlauffen deswegen habe ich das Cranigum Kunstmässig abgesegt aber
innwendig nicht beschädiget gefunden sondern es war alles gut und die turra
mater und bia mater frisch ausgenommen dass das Cereberum und die meningnes
nieder gesuncken waren welches von Schrecken hergerühret hat es war sehr viel
von den Cereberum im Kopffe also kein Wunder dass der Mann sehr klug gewesen
ist
2 War ihm die rechte claviculam entzwei geschmissen geworden
3 Hatte er 5 Stiche auf den Ossa sternium und auf der Pectus wovon aber
nur zwei durch die costa veroe gegangen und nachdem ich die cartilago welche das
Ossa sternium mit den costas verbinden und welche Verbindung oder
Zusammenfügung die antomicis Synchonderosis nennen kunstmässig durchschnitten
und das Ossa sternium aufgehaben ging der rechte Stich durch den Musculus
serratus major anticus oder pectoralis in einen globum pulmonis durch und durch
und hinten bei den vertebras torsis wieder heraus es war auch ein ramum von der
vena pulmonaris abgeschnitten und schrecklich viel Blut in der cavitatis
torazcis gelauffen Der andere lædale Stich ging durch die Vena pulmonalæ oder
arteria pulmonala welches ich wahl haben will und durch das lincke auriculæ
cordis ins Kor hinnein und blieb in den Ventriculus sinistri cordis sitzend
welches wohl hauptsächlich causa mordis sein möchte doch sind die andern
vulneris auch dabei in consiteratigon zu ziehen
4 Die Mörder mochten ihn auch brav auf den Leibe herum gesprungen sein
denn die Urin Vesica war ihm im Leibe geplatzt und der Scrotus sehr geschwollen
auch mit vielen geronnenen sangvinis unterlauffen und die Testiculis und vasa
spergemanica jämmerlich zerqvetzt Die Hepar und die Splen oder Lien sahen auch
nicht natürlich aus in summa es war dem in seinem Leben ehrlichen Körber noch
elender mit gespielt als dem der zu Jericho unter die Mörder gefallen war Da
aber er doch nicht zu curiren gewesen wäre wenn er gleich noch einige Tage
gelebt hätte indem man zu seinen hauptsächlichen Vulnera nicht hinzu kommen und
weder ingectigon noch WundBalsam abeliciren können so folgt daraus dass diese
lesionen ber se absolud ledal zu nennen zu achten und zu halten sein und
hoffe ich dass alle Vaculteten es mag hin geschickt werden wo es hin will mit
mir darinnen überein stimmen werden es müsste denn jemand Lust zu disbutiren
haben Uhrkundlich habe ich diesen chyrurgischen Bericht eigenhändig
unterschrieben und mit meinen gewöhnlichen Perschaft bestärckt verbleibe auch
Des Hoch Löbl AmtsGerichts
Dienstwilliger
LS
NN
wohlbestalter HofStadt und
LandChyrurgus juratius
II WundZettel Num 86 den 13 Jan 1712
Ich Endes unterschriebener bekenne hiermit dass ich vergangene Nacht etwa um 2
Uhr NN in die Cur bekommen und an ihn folgende Plessuren befunden Erstlich
einen gefährlichen Hieb über den lincken Elbogen wobei die Tenda und Flexores
gänzlich zerschnitten einfolglich die Gunctura nicht wieder wird curiret werden
können, sondern er wird einen lahmen Arm behalten den ich ihn nach den Regeln
der Kunst krum heilen werde Ich werde aber auch viel Mühe haben das
GliedWasser zu stillen Vors andere einen Hieb auf das Sinsciput und Ossa
frondale über die sutura coronale her es wird wenig fehlen dass die oberste
dabula des Cranigums nicht gänzlich durch gehauen ist Vors dritte weil er seit
etlichen Jahren her ein Gewächse an Occiput gehabt welchen tumor wir Chirurgos
Anteroma Steccatoma oder Glicirrice zu nennen pflegen ist ihm dasselbe
ebenfalls aufgeschlagen dass es nunmehr auch vollends muss heraus geschnitten
werden Sonsten ist bereits an allen Vulnera starke Geschwulst und imflamatio
gewesen die ich zu vertreiben großen Fleiß Mühe und Kosten anwenden werde
Uhrkundlich habe diesen WundZettel unter meiner eigenen Hand u Perschaft
ausgestellet Dat ut sapra
LS
NN
III Specificatigon was ich Endes Unterschriebener wegen der glücklich
getanen Curan NN vor Medicamentis und Artzlohn zu fodern habe
Vor Speciges zur Fomentation 1 Tlr 16 gr
Vor Spec per Tecoct Vulneraria 3 Tlr gr
Vor innerliche Medizin die nach
der medode medende eingerichtet
gewesen 2 Tlr 12 gr
Vor Balsamus vulneraria 1 Tlr 8 gr
Vor Emplastrum und Ungevent 2 Tlr gr
Pro lapora studia 6 Tlr gr
16 Tlr 12 gr
den 16 Decempr 1711
NN
IV Recepte
P Succq Limonia lbij
Bals Sulpher zj
Sal praunelli
saturnus aa Zij
Kamolorat Zss
Ol Terepentin qs
Mf Mixtura dentur in Vitrum
P Rad Hippekanne gr 15
Mercur dulcius gr viij
Koncerv Ros qs
Md in Schatulam
Monsieur Kramer hatte zwar noch einen starken Vorrat von dergleichen
lächerlichen Scripturen dieses Künstlers doch weil er sich dabei nicht lange
aufhalten wollte übergab er mir selbige auf mein Bitten ganz und gar weil ich
mir zuweilen daraus mit Herrn Wolffgangen und Litzbergen einen lustigen
ZeitVertreib zu machen suchte Ich habe aber auch mit allem Fleiße allhier
nichts mehr von dergleichen Possen anführen wollen erstlich darum weil dem
Gen Leser mit dem Uberflusse ein Eckel erweckt werden möchte vors andere weil
mir Mons Kramer selbst gestanden dass er die Abschrifft von allen diesen Rarit
äten wenige Zeit hernach einen guten UniversitätsFreunde anvertraut welcher
dadurch bewogen worden die Delicias Medicas Chirurgicas des berühmten
Leipziger Chirurgi Monetons alias Müntzer seel zu continuiren ob es geschehen
weiß ich nicht Mons Kramer aber fuhr damals in seiner Erzählung also fort
Meine Kondition bei diesem Manne war endlich noch so ziemlich passable weil
ich sehr selten zu Hause auf der BarbierStube sein konnte sondern von Morgen an
biss gegen Abend mehrenteils meine bestellte Arbeit an Barbiren und Verbinden
bei der Hoffstatt auch das meiste Brod auf dem Schloss zu essen hatte
wohinnauf mein Herr sehr selten kam als wenn er etwa gerufft wurde denn
deutsch von der Sache zu reden so bekam er die Besoldung nur aus puren Gnaden
und wegen seiner in den jüngeren Jahren wohlgeleisteten Dienste die er nunmehr
als ein gar zu starcker Liebhaber des Sauffens nicht wie vor der Zeit
verrichten durfte und konnte Zu seinem desto größeren Unglück starb der alte
regierende Fürst und weil mein Principal bei dessen Beisetzung sich ganz
außerordentlich liederlich aufgeführet hatte bekam er wenig Wochen hernach
seine völlige Dimission mithin traten auch die besten KundLeute bei Hofe und
in der Stadt zu einem andern über Er wurde solchergestalt nur desto desperater
im sauffen spielen und andern liederlichen Streichen ruinirte sich und die
seinigen immer mehr und mehr so dass ich den Jammer bei seiner sehr
vernünftigen Frau und 6 Kindern nicht mehr ansehen konnte sondern meinen
Abschied nahm und nachher erfuhr dass ihn der Wein Bier und Brandtewein noch
zu rechter Zeit ins Grab gebracht hatten wie seelig er aber gestorben weiß ich
nicht
Mich führte ein glückliches Fatum von dieser ResidenzStadt hinweg und auf
eine berühmte Universität allwo ich zwar so gleich keine Kondition zu hoffen
hatte jedoch von einem genereusen LandsManne auf seine Stube genommen und
außer der Kost und Kleidung in allen defrayret wurde Dieser mein LandsMann
studierte Medicinam und da ich kaum zwei Tage bei ihm gewesen erwachte bei mir
auf einmal wiederum die Lust zum Studiren Mein Vormund wegerte sich nicht mir
nunmehr da ich majorennis worden und ihm doch nicht gleich zu Halse gelauffen
kam 100 Tlr zu schicken welches aber auch das letzte Geld war welches ich
von meinen Väterlichen und Mütterlichen Erbteile empfangen habe ungeacht ich
meiner gemachten Rechnung nach wenigstens noch 800 Tlr rückständig zu haben
vermeinte Jedoch da ich mich weder einiges Betrugs noch andern Unglücks
befürchtete machte sich mein auf das Studiren so sehr erpichtes Gemüte
dessfalls keinen Kummer oder Argwohn sondern ich repetirte mein bisher immer
sehr warm gehaltenes Latein aufs allerfleissigste mit einem zwar armen jedoch
gelehrten Studenten welchen ich alle Tage einmal gratis mit zu Tische führte
und außerdem wöchentlich einen halben Taler Geld vor tägliche 4 stündige
Information im Latein und Griechischen bezahlete Solcher gestalt konnte mich
nun mit ziemlicher Renommeé in den Katalogum dererjenigen inscribiren lassen
die unter Hygæens Panier ihr Heil versuchen wollten Das ist so viel gesagt ich
changirte die Bartschererei und wurde ein ernstlicher Studiosus Medicinæ Durch
treulichen Vorschub meines StubenPurschen und gute Recommendation bekam ich
Erlaubnis verschiedene Kollegia frei zu besuchen die übrigen höchst nötigen
aber vor halbes Geld Weilen nun albereits ratione meiner Profession und
fleißigen BücherLesens einen guten Vorsprung vor andern hatte brauchte es bei
mir halbe Arbeit deswegen wendete die beste Zeit darauf an die Anatomie
Physicam experimentalem Materiam medicam und die Botanic gründlich zu fassen
Inmassen es nun an keiner Gelegenheit fehlete mich in allen solchen Stücken
aufs beste zu exerciren anbei unter der Hand durch heimliche Chirurgische
Curen mit Beihülffe meines LandsMannes manchen schönen Taler Geld zu
verdienen so wurden die ersten 5 ViertelJahre ungemein fleißig und stille
verbracht so bald aber die Wissenschaften dergestalt etwas zugenommen wuchs
auch die Ambition mich unter andern eingebildeten Gelehrten ebenfalls etwas
breit zu machen und weil die douce Praxis immer mehr Geld einbrachte fing
ich an ein und andern Schmause beizuwohnen selber dergleichen auszurichten
und mir vor allen Dingen etwas Liebes anzuschaffen denn zur selbigen Zeit konnte
niemand vor einen galanten Purschen passieren der nicht zum wenigsten eine Spaß
Kourtoisie mit einem oder andern FrauenZimmer unterhielt So bald ich mir also
nur ein rot Kleid geschafft und auch in anderer Aufführung einigen Etaat
blicken lassen zeigten sich also bald ein paar Syrenen von nicht geringen
Stande welche meiner Meinung nach ihre charmanten Blicke und Minen nur darum
gegen meine Person spieleten dass sie einen so galanten Herrn der aufs längste
binnen anderthalb Jahren den DoctorHut auf dem Schädel haben müsse ja fein bei
Zeiten zur GegenLiebe bewegen möchten um mit der Zeit sein Hertz zu erbeuten
und durch ihn Frau Doctorin genannt zu werden Etwas verzweiffeltes war es dass
ich so wohl als alles andere Leute die um mein Wesen Bescheid wussten in der
Persuasion stund mein Vormund müsse mir wenigstens noch 8 biss 900 Tlr baar
Geld auszahlen denn ich glaube bloß dieses war genung mir den Zutritt bei
vielen Frauenzimmer von Kondition zu verschaffen allein ich ging doch in
diesem Stück noch ziemlich behutsam und nahm mich sehr genau in acht nicht
etwa unbesonnener weise einzuplumpen und meine Freiheit einer zukünftigen
vielleicht allzu späten Reue aufzuopffern zumahlen da die tägliche Erfahrung
lehret dass das UniversitätsFrauenzimmer gemeiniglich von Flandern und selten
länger getreu zu lieben pflegte als man bei ihnen sitzt und spendiret Endlich
vermeinte ich doch eine ganz besonders getreue Seele angetroffen zu haben
weil sich selbige in ihren ganzen Wesen ungemein still und sittsam gegen mich
aber sehr keusch und züchtig verliebt anstellete Deswegen riss sich meine hin
und her wanckende Liebe von allen andern Gegenständen los und blieb eintzig
und allein an dieser Schönen hangen die sich Eleonore nennete Ja nachdem
sich mein LandsMann von dieser Universität hinweg und auf eine andere begeben
war ich meiner Einbildung nach vor hundert andern so ungemein glücklich bei
der Liebenswürdigen Eleonore ein HausPursche zu werden Die Gelegenheit war
also recht erwünscht vor mich indem ich nicht allein die Beqvemlichkeit hatte
meine Liebe durch tägliche Hertzbrechende Unterredung auf festen Fuß zu setzen
sondern nechst dem bei einem solchen Manne im Hause zu wohnen welcher das
Studium anatomicum als sein Hauptwerck triebe und darinnen etliche 50 Student
en privatim informirete hierzu fein eigenes compendieuses Teatrum anatomicum
angelegt hatte und sich die größte Mühe gab an den Leibern aller Tiere so er
nur habhaft werden kunte das merckwürdigste und nützlichste zu zeigen Ich war
hierbei dermaßen geschäfftig dass ich in kurzen sein Profector wurde welche
Ehre und Vorzug mir bei einigen andern ziemlichen Neid und Verfolgung erweckte
zumahlen da mit der Zeit mein geheimes LiebesVerständnis mit Eleonoren
ruchtbar zu werden begunte Jedoch ehe ich meine eigenen ferneren Geschichte
verfolge und eben itzo noch von der Anatomie gedacht habe muss ich einer
seltsamen Begebenheit erwähnen welche beweiset dass die Lust zur Anatomie oder
welches fast glaublicher der GeldMangel den Affect der Liebe eines Kindes
gegen seine Mutter allem Ansehen nach sehr zu mindern ja gänzlich auszurotten
vermögend ist
Es wohnete in dasiger Vorstadt ein armer Studiosus Medicinæ nebst seiner
bei nahe 70 jährigen Mutter und leiblichen Schwester in einem kleinen Hause
zur Miete und erhielt dieselben von den wenigen Geldern die er sich etwa mit
seiner schwachen Praxi und Information einiger Kinder erwerben konnte wiewohl
die Schwester mit ihrer HandArbeit auch etwas beigetragen haben mag Nachdem
aber endlich die Mutter verstorben muss er alle seine und ihre fahrende Haabe
entweder verkauffen oder versetzen um dieselbe nur mit Ehren unter die Erde zu
bringen welches dem armen Schlucker dermaßen zu Hertzen geht dass er indem
das Begräbnis etliche Tage aufgeschoben werden muss vor Sorgen und Grillen sich
nicht zu lassen auch nirgends Trost zu suchen weiß Doch in der letzten Nacht
vor dem mütterlichen Begräbnisse fällt ihm ein dass unser Anatomicus dessen
PrivatKollegia er fleißig besuchte nur vor wenig Tagen uns folgender gestalt
angeredet Messieurs Sie reiten fahren und spaziren ja doch immer auf den
Dörffern herum sollte denn niemand unter ihnen so geschickt sein einmal einen
menschlichen Körper auf unser Teatrum anatomicum zu verschaffen damit wir an
selbigen diejenige curiositeé untersuchen könnten welche sich der Professor
einer benachbarten Universität jüngstin ganz neu erfunden zu haben rühmet Es
gibt ja Leute genung die sich eben kein überflüssiges Gewissen machen sollten
uns einen toten Körper zu verkauffen daferne man ihnen nur die gute Manier
inspiriret wie es zu practiciren und heimlich zu halten ist Und wir werden ja
alle zusamen auch noch etwa ein 100 Tl daran spendiren können ich gebe 10
Tlr vor meine Person hoffe die Herrn werden ein paar Lumpichte Taler auch
nicht æstimiren und sich die Sache angelegen sein lassen denn es ist hierbei
Ehre Ruhm und Nutzen zu erwerben
Wie gesagt dieser Vortrag fällt dem armen Studioso eben in der letzten
Nacht ein da er die Wache ganz allein bei der im Sarge liegenden Mutter halten
muss und weil seine Schwester sehr feste schläfft nimmt er den toten Leichnam
aus dem Sarge heraus wickelt denselben in ein altes Tuch versteckt ihn auf dem
Boden hinter das FeuerGemäuere an dessen Stelle aber legt er etwas Heu Stroh
und Steine in den Sarg und vernagelt denselben aufs allerfesteste Folgenden
Morgen kam er in aller Frühe zu unsern Professore gelauffen meldet dass er ein
Subjectum anatomicum humanum ausgekundschaft habe selbiges aber unter 100
Tlr nicht erhandeln können deswegen er sich bei ihm erkundigen wolle ob es
davor anständig sei oder nicht Viele haben nachher zwar statuiren wollen dass
er dem Professori das ganze Geheimnis ohne Scheu entdeckt ich aber lasse
solches dahin gestellt sein Kurtz unser Professor ist mit dem Quanto zu
frieden gibt ihm so gleich 50 Tlr in Abschlag und verspricht den Rest so
gleich bei Empfang des Kadaveris zu bezahlen welches dieser arme Schlucker
folgendes Abends selbst zu überbringen und in seine Hände zu liefern angelobet
Vorhero aber ließ er Nachmittags an statt seiner Mutter den mit Steinen und
Stroh gefüllten Sarg öffentlich und mit allen gewöhnlichen Zeremonien zur Erden
bestatten und so bald es dunckel worden steckt er den bereits wohl
eingewickelten mütterlichen Körper in einen alten Sack um damit nach des
Professoris Hause zu zu wandern Unter wegs begegnet ihm ein anderer bekandter
Studiosus der ungeacht er sich möglichst zu verstellen gesucht ihn dennoch
erkennet und nicht ablässet zu fragen was er unter dem Mantel trüge über
dieses gar den Mantel aufzudecken Miene macht Allein der arme bestürtzte
Schlucker wickelt sich endlich doch von ihm los und gibt zur Antwort Herr
Bruder lass mich nur zu frieden ich trage eine alte BassGeige Solchemnach
kommt er ohne ferneren Anstoß glücklich in unsern Hause an und empfängt von
dem Professore die annoch restirenden 50 Tlr als womit er sich vor dasmahl
aus aller seiner Not und Schulden gerissen vielleicht auch noch etwas
erübriget hat Folgenden Tages fanden wir sämtlichen Interessenten ein so lange
gewünschtes menschliches Kadaver bezahleten deswegen des Professoris Vorschuss
reichlich wieder und machten uns an die Arbeit der arme Schlucker zahlete zwar
pro forma auch 2 Tlr 16 Gr darzu und halff getrost mit in seiner Mutter
Haut und Fleisch hinein schneiden vermeinte auch die Sache sollte um so viel
desto mehr unverdächtig und verschwiegen bleiben allein da der Professor bei
Demonstration der partium genitalium in etwas moralisirte beim Utero aber
solche Worte gebrauchte Dieses ist der Gelehrten und Ungelehrten allererste
StudierStube Ein anderer aber hinzu setzte Welche der grimmige Nero in seiner
eigenen Mutter zu betrachten so unmenschlich curieux gewesen fand sich oft
erwähnter MutterVerkäuffer dermaßen betroffen dass er bei nahe in Ohnmacht
gesuncken wäre da doch zur selbigen Zeit noch niemand als ich und ein anderer
guter Freund um den ganzen Handel Bescheid wussten Nachhero wurde das vermeinte
Geheimnis zwar freilich etwas weiter fortgeweltzt ob es aber völlig ruchtbar
und Stadtkündig worden weiß ich nicht weil mich nach diesem selbiges Orts
nicht lange aufgehalten habe
Meine ParticulairAvanturen nunmehr weiter zu verfolgen muss ich berichten
dass bald hernach zwei reichere dabei aber ungezogenere Pursche als ich von
der Magd im Hause erfuhren wie Eleonore mich vor allen andern wohl leiden
könnte und weil deren Vater sich sonderlich gütig gegen meine Person bezeigte
wäre leicht zu vermuten dass ich diese artige Schöne biss auf weitern Bescheid
mir zu eigen machen könnte Da nun diese beide recht ernsthafte NebenBuhler
wären fand sich bald Gelegenheit einander die DegenSpitzen zu zeigen Jedoch
ich war so glücklich in einer Woche alle beide mit blutigen Denckmahlen
abzufertigen deswegen entbrandte ihr Grimm nur um so viel desto heftiger so
dass sie noch etliche so genannte aber nur eingebildete Renommisten zu sich
nahmen und unter dem prahlhaften Titul Die heroische Brüderschaft manche
Nacht durch die Straßen schwermeten allen eintzelen Leuten Verdruss und Schmach
antaten unter andern aber auch ein blutiges Absehen auf meine Person hatten
und mich bei Gelegenheit tüchtig zu zeichnen sich verlauten ließ Nun
brauchte ich zwar alle behörige Vorsicht mich nicht leichtlich in mutwillige
und unnötige Händel einzumischen jedoch da ich einsmahls zur NachtsZeit von
einem wohlbekandten Freunde aufgeruffen worden um einen gefährlichblessirten
Studenten eiligst zu verbinden und wir beiderseits im Begriff waren in sein
mir wohlbekandtes Logis zu gehen kam uns die heroische Brüderschaft unverhofft
über den Hals mit Ausstossung dieser empfindlichen Worte Kanaille steh Mein
Begleiter sagte zu mir Monsieur ich bitte gar sehr dass sie auf meine
Verantwortung nur eiligst zu meinem blessirten StubenPurschen laufen wollten
ich will diese Kanaillen schon abfertigen Allein ehe ich noch Zeit hatte ihm zu
antworten riefen etliche Stimmen nochmals Hundsf steh Geduld Geduld
rieff ihnen mein Kompagnon entgegen ich stehe schon Unter diesen Worten aber
zohe er seinen Rock aus legte denselben ohnfern des Superintendentens Wohnung
in eine TorFahrt entblößte seine EsquadronirKlinge und hieb auf dermaßen
verzweiffelte Art die kreuzte und die qveere in die heroische Brüderschaft
hinnein dass selbige an nichts weniger als an die Gegenwehr zu gedenken schien
sondern sich auf die Flucht begab Hiermit aber war es noch nicht genung
sondern er verfolget dieselbe dermaßen furieus dass von 10 oder 12 Personen
nicht zwei bei einander bleiben dürffen worauf er sans passion zurücke geht
und seinen Rock wieder anziehet mich aber bei seinen blessirten StubenPurschen
antraff und die ganze Geschicht ohne einzige Prahlerei erzehlete Dergleichen
Kourage hätte ich meines teils bei keinem Menschen am allerwenigsten aber bei
diesen gesucht denn er schien eben der stärckste nicht zu sein war aber doch
mittlerer Taille ziemlich untersetzt und etwas unter 3 Jahren auf der
Universität vorher aber auf dem Gymnasio zu Zeitz gewesen allwo er
verschiedene mahl Gelegenheit gehabt sich mit den Soldaten herum zu schlagen
welches die hässlichen Narben auf seinem Kopffe des mehreren bezeugten Wie
gesagt ich hätte dergleichen hertzhaften Streich nimmermehr geglaubt wenn
nicht das meiste selbst mit Augen gesehen und in darauf folgenden Tagen die
Konfirmation von allen die um selbige Gegend wohneten gehört hätte
Inzwischen war die ganze heroische Brüderschaft zum größten Gelächter
aller Menschen auf einmal zerstreuet worden ich aber machte mit diesem resolut
en Studioso die vertrauteste Freundschaft weil selbiger meinen Gedanken
nach mir zum Schilde wider alle dergleichen Verfolgungen dienen konnte Er hatte
nicht sonderlich viel in bonis da ich aber durch ihn in kurzen zu schönen
GeldVerdienste gelangete wurde er von mir nicht allein nach meinem Vermögen
dann und wann mit Gelde fournirt sondern in allen Kompagnien wo er bei mir
war frei gehalten Jedoch auf solche Manier lernete ich wöchentlich zwei
drei auch wohl 4 mahl auf die Dörffer spaziren und meinen bisherigen Fleiß
der wegen täglicher LiebesGrillen ohnedem schon einigen Abbruch gelitten noch
weit stärcker hemmen Aber was wurde draus erstlich ein lustiger Pursche
hernach ein nasser Bruder weiter ein Craqveler und endlich ein desperater
Kerl Denn einsmahls da ich mich auf einem nahgelegenen Dorffe unter lustiger
Kompagnie befand kamen auch ihrer fünffe von der ehemahligen heroischen
Brüderschaft in unsern Saal getreten Mir machten sie keine Sorge denn da ich
dero besondere Hertzhaftigkeit einmal auf der Probe gesehen trug mein von
Bier und Wein ziemlich angefeureter Geist nicht das allergeringste Bedenken
mit ihnen anzubinden ungeacht mein ehemahliger Vorfechter dieses mahl nicht
mit zugegen war Es währete nicht lange so wurden allerhand StichelReden
gewechselt welche ich und meine Anhänger mit gleicher Müntze bezahleten
endlich aber da die Worte fielen dass sich heute zu Tage ein jeder Bartscheerer
vom DoctorHute wollte träumen lassen wurde dem Fasse der Boden ausgestoßen
Meine 3 Anhänger waren so glücklich ihre 4 Gegner zur Tür hinnans zu
fuchteln ich aber so unglücklich demjenigen der mich touchirt hatte einen
solchen Circumflexum über den Hirnschädel zu schreiben wovon er augenblicklich
zu Boden sincken und als ein halbtodter Mensch aufs Stroh gelegt werden musste
Wäre ich so vernünftig gewesen gleich meines Wegs über die Gräntze zu
gehen so hatte es s meiner weiter nichts zu bedeuten gehabt denn meine
Sachen die in lauter Büchern und Kleidern bestunden würden meine guten Freunde
gar bald in Sicherheit gebracht haben Allein meine Torheit bildete sich noch
Recht überlei zu haben ein deswegen ging ich ohne Scheu in mein Logis
erzehlete die gehabten fatalitäten trunck mit meiner Amasia noch einen Koffeé
und legte mich hernach aufs Ohr Da aber mein guter Kramer kaum zwei oder drei
Stunden geschlaffen hatte meldete sich der Herr Pedell nebst hinter sich
habenden Handgreifflichen Anwalden denn solchen Titul haben sich in diesem
Seculo die Herrn Häscher beigelegt und führten ihn in die Custodiam
Es brauchte kein langes Kopffbrechens und Fragens nach den gewöhnlichen
Oratorischen Behelffs Quis quid ubi quibus auxiliis cur quomodo quando
sondern ich konnte mir leicht die Rechnung machen dass mein kunstmässig gezogener
Circumflexus diese üblen Suiten nach sich gezogen und vielleicht noch üblere
nach sich ziehen könnte zumahl da es hieß dass an des Patienten Aufkommen gar
sehr gezweiffelt würde Man vergönnete mir zwar aus meinem Logis die Speisen zu
empfangen doch durfte der Uberbringer kein Wort mit mir reden denn meine 4
Wächter die allem Ansehen und Vermuten nach in linea obliqva von des großen
Goliats Waffenträger herstammeten waren in den ersten 9 Tagen ich glaube
eines besonderen Aberglaubens wegen dermaßen unerweichlich dass sie auch kaum
einer Fliege vergönnen wollten aus meinem Glase zu trincken indem sie
befürchteten ich möchte durch dieselbe etwa eine geheime Korrespondenz meiner
Befreiung wegen anzuspinnen suchen dem ungeacht war doch meine Eleonora
endlich so inventieus dieselben zu betriegen denn sie hatte auf ganz subtile
Art ein kleines Briefgen folgendes Innhalts mit dem Messer in mein mittägiges
DreierBrod geschoben
Mon Ami
Ihr könnt seit der fatalen Nacht eurer Händel wegen unmöglich in größeren
Aengsten geschwebt haben als ich eurer Person wegen Zumahlen da die
verfluchten Creti und Pleti meinen Abgeschickten so wenig als andern guten
Freunden erlauben wollen euch zu sprechen oder einen Brief zuzusenden doch
fasset nunmehr guten Mut denn mein Papa hat heute den Patienten selbst
besucht und ihn besser befunden als die Rede geht deswegen hat bald
Hoffnung in erwünschter Freiheit einen Russ von euch zu empfangen
vôtre amie Eleonore N
Gleich nach Verlesung dieses mit meinem BrodMesser unversehener weise
durchschnittenen Briefs wurde mir das Hertze um etliche Centner leichter ich
musste aber doch überhaupt 5 Wochen weniger 2 Tage pausiren ehe sich meine
Freiheit vor 53 Tlr Unkosten und StraffGelder erhalten ließ Allein was
halffs da ich nunmehr den Vorsatz gefasst wieder umzukehren meine vorige
fleißige LebensArt von neuen anzufangen und die Tochter dem Vater nach Jacobs
Weise abzuverdienen wurde ich eines Abends da ich mit meiner Liebste in der
HausTür stund von einem vorbei gehenden Meuchelmörder unversehens durch und
durch gestochen so dass ich augenblicklich zu Boden sanck weil aber der
MordStich nur durch die Weichen gegangen war und keine von den edelsten
Teilen berühret hatte wurde ich binnen 6 Wochen wiederum in den Stand
gesetzt auszugehen Jedoch gleich am ersten Abende meines Ausgangs hatte ein
unbekandter Bote einen an mich gestelleten Brief ins Haus gegeben den ich
also gesetzt befand
Monsieur
Wenn euch eures Lebens wegen zu raten steht so fasset entweder den Schluss
aufs eiligste diesen Ort zu verlassen oder eure der Sage nach höchstgeliebte
Eleonora gänzlich und zwar vermittelst einer öffentlichen prostitution zu
quittiren Das letztere wird euren vermutlich redlichen Gemüte vielleicht
unmöglich sein deswegen überleget das erste und bedenckt euer bestes denn
einer solchen ZusamenVerschwerung als eurentwegen geschehen seid ihr und alle
eure Gönner in Wahrheit nicht capable zu widerstehen Gebrauchet Raison
Monsieur und macht von dieser meiner Schrifft kein Bruit sonsten wird der
Verdacht unfehlbar auf eine Person fallen die nur das Plaisir gehabt hat euch
von ferne kennen zu lernen sich aber dennoch nennet
Monsieur
eurer Liebsten und eure
gute Freundin in NN
Bei so gestalten Sachen konnte ich wohl ohne Schertz sagen Inter sacrum
saxum sto Friss Vogel oder stirb Jedoch musste die Sache erstlich mit
meinen in Hoffnung habenden SchwiegerEltern so wohl als mit der Liebste
selbst überlegen und da diese ingesamt rieten nur aufs eiligste abzureisen
und nicht eher wieder zu kommen biss sie mir die Versicherung überschrieben dass
sich der itzige Sturm gelegt oder ich mir selbst eine gute bleibende Stätte
ausgemacht hätte ging ich mit der ersten Post auf mein VaterLand zu nachdem
mir Eleonore die kräfftigsten Versicherungen gegeben nimmermehr keinen andern
als mich zu heiraten sondern viel lieber Zeit Lebens ledig zu bleiben
Zum größten Unglücke war ich auf die Gedanken geraten meinem Vormunde
einen Brief voraus zu schicken und ihm den PostTag zu melden an welchen ich
bei ihm eintreffen mich aufs eiligste mit ihm berechnen und so dann die Reise
nach einer andern Universität fortsetzen wollte denn es wurde mir mein Koncept
gewaltig verrückt da mich ungefähr 8 oder 9 Meilen vor meiner
GeburtsStadt beim PostWechsel ein Troupp Soldaten umringete nebst meinen
bei mir habenden Sachen auf einen andern Wagen setzte über Stock und Stiel
fortführete und endlich in einer ziemlichen Vestung auf die HauptWache
lieferte Was mir daselbst vor Schmach und Qvaal angetan worden da ich
durchaus nicht willigen wollte eine Musquete auf die Schulter zu nehmen ist
wahrhaftig nicht auszusprechen mein Vorschlag war jedennoch 500 Tlr vor
den Abschied zu geben und da solches verweigert wurde einen FeldscheersDienst
anzunehmen auch auf 3 oder 4 Jahr zu capituliren allein es war alles
vergebens denn die Offiziers sagten mir frei ins Gesichte dass sie eben keine
lang gewachsenen Feldscheers wohl aber lange Musquetirs brauchten Endlich da
ich 2 Tage und 3 Nacht krumm zusammen gebunden unter der Pritsche schwitzen
müssen und kein anderes Laabsal oder NahrungsMittel empfangen hatte als
HeeringsKöpffe welche mir einmal über das andere in den Mund gesteckt wurden
war es unmöglich die Marter länger auszustehen sondern ich musste mich endlich
entschließen einen höchstgezwungenen Eid zur KriegsFahne abzulegen Nun
hätte sich zwar nach und nach vielleicht die Geduld bei mir eingefunden diesem
widerwärtigen Verhängnisse so lange stille zu halten biss sich mit der Zeit
Gelegenheit gefunden selbiges mit guter Manier zu verbessern allein das
unerhört grausame Tractament welches ich alltäglich von den UnterOffiziers
und sonderlich dem Sohne meines Vormundes der Korporal hieß erdulden musste
war abermals unerträglich Ich glaube dass letzt erwähnter Bösewicht mir
lediglich auf Anstifften seiner vergällten Mutter so viel Hertzeleid zufügte
und auch seine andern Kameraden darzu anrejetzte denn wenn ich beim
privatexerciren nur das Weiße in den Augen ein wenig verwendete geschweige
denn sonst etwas unmögliches recht zu machen wusste musste mein Rücken dermaßen
viel StockSchläge fühlen dergleichen er sich empfangen zu haben nicht erinnern
konnte seit dem ich der Katze die Schelle angehängt der Magd den Zettel
angeklebt des Hundes Stuhl mit SteckNadeln gefüttert und den alten Weibern
das curieuse Feuerwerck præparirt hatte
Wir mussten über die besonders lustige Art womit Mons Kramer dieses
letztere vorbrachte von Hertzen lachen ungeacht die Beschreibung seines
angetretenen SoldatenLebens eben nicht lächerlich war so bald er sich aber
selbst mit uns satt gelacht hatte fuhr er in Erzehlen also fort
Solchergestalt müsste ich sehr einfältig gewesen sein wenn ich nicht
gemerckt dass mir mein Vetter und Vormund dieses Bad selbst zubereitet hätte um
nur desto länger mit dem verdrießlichen Spruche Tue Rechnung von deinem
Hausshalten etc verschonet zu bleiben Deswegen war eben im Begriff etwa einen
höheren Offizier durch Geschenke und Versprechung eines mehreren auf meine
Seite zu bringen der mir nicht allein einige Linderung sondern auch von meinem
ungetreuen Vormunde hinlängliche Satisfaction verschaffen sollte als mir ein
anderer unglücklicher Streich begegnete und zwar bei folgender Gelegenheit Es
schlugen sich eines Abends etliche HandwercksPursche auf der Straße mit
Knütteln weidlich herum da nun ich dieses Spectacul mit anzusehen in voller
Montur nebst meinem Wirt um die Ecke des Quartiers spazirt war kam der
Korporal mein Herr Vetter ohnverhofft auf mich zu und fragte was ich hier zu
stehen und ob ich etwa Lust mit zu machen hätte Nichts weniger als dieses gab
ich zur Antwort denn ich menge mich nicht gern in frembde Händel So scheert
euch sprach er in euer Quartier und legt euch auf den denn Morgen
habt ihr die Wache Es wird versetzte ich Morgen an mir nicht fehlen heute
aber habe nicht eher Ursach mich nieder zu legen biss der Zapffen Streich
geschlagen ist Kanaille wilst du lange raisoniren schrye er hierauf und
schlug mich dermaßen mit dem Stocke über den Kopf dass mir augenblicklich das
Blut über die Nase lief weswegen ich von einem recht rasenden Eiffer
angestammt augenblicklich meinen Pallasch zohe dem schändlichen BlutsFreunde
etliche Hiebe in den Kopf und Schultern versetzte letztlich aber die rechte
Hand dergestalt streiffte dass sie nur noch an einer einzigen Flächse behangen
blieb Dieserwegen kam ich erstlich in Arrest bald hernach aber ins Verhör und
KriegesRecht allwo mir das tröstliche Urteil gefället wurde Drei Tage nach
ein ander und zwar alle Tage 12 mahl durch die SpitzRuten zu laufen Dieses
kam meiner Seele weit unerträglicher vor als der Tod selber ja der Satan war
so geschäfftig mir einzugeben dass ich mich lieber selbst ermorden als
dergleichen Marter ausstehen sollte weil ich doch so wohl davon crepiren müsste
als ein anderer der nur vor wenig Tagen eben dergleichen Straffe erlitten
Jedoch dieser desperate Entschluss wurde noch bei Zeiten von christlichern
Gedanken erstickt hergegen fiel mir ein anderer Hazard ein der doch zum
wenigsten nicht so gar verzweiffelt und sträfflich zu achten war Diesemnach da
ich wusste dass bei dem heimlichen Gemache welches zu der Korps de Garde da ich
gefangen saß gehörete eine schmale Schlufft den Wall hinab nach dem
WasserGraben zu ging observirte ich Sonntags nämlich des Tags vorher da
ich SpitzRuten laufen sollte alle Gelegenheit wie auch die Gegend jenseit
der Vestung sehr genau simulirte Nachts ein heftiges Reissen im Leibe ließ
mich etliche mahl hinaus bringen so lange biss meine Begleiter darüber
verdrießlich wurden und mir alleine an den Ort zu gehen erlaubten wo man seinen
Vortrag mit gebogenen Knien zu tun obligirt ist in Meinung dass ich doch
unmöglich entwischen könnte weilen ohnedem 4 SchildWachen um diese Gegend
stünden die man nicht so leicht vorbei passieren könnte Allein ich ersah meinen
Vorteil Nachts gegen 12 Uhr rutschte durch die enge Schlufft den Wall hurtig
hinnab sprung eine 8 biss 9 Elen hohe Mauer hinunter in den Graben so dass
mir das Wasser über den Kopffe zusammen schlug rieff den Höchsten um Erhaltung
meines Lebens an begab mich aufs Schwimmen kam glücklich hindurch und
erreichte endlich nach Ubersteigung vieler Abschnitte und Pallisaden die freie
Landstraße
Vor allen Dingen fiel ich nunmehr erstlich nieder auf meine Knie und bat
Gott um gnädige Vergebung meiner Sünden indem mich die größte Not getrieben
hatte einen obschon aufgezwungenen Eyd zu brechen hiernächst dass mich
derselbe ferner gnädiglich führen und lieber mit anderweitigen väterlichen
Züchtigungen belegen als wiederum in die Hände meiner tyrannischen und
unmenschlichen LandsLeute geben wolle Da nun unter diesen eiffrigen Gebete
ein wenig verschnaubt hatte begab ich mich aufs Lauffen weilen allbereit
ausgekundschaft hatte dass die Gräntze des benachbarten LandesHerrn nicht über
4 Meilen von dieser Stelle entlegen sei Wie mir zu Mute gewesen da ich
einen oder wo mir recht ist zwei KanonenSchüsse aus der Stadt und dann in
allen umliegenden Dörffern die Sturm Glocken läuten hörte lasse ich ihnen
meine Herrn selbst erwegen denn dieses war das gewöhnliche Zeichen dass ein
Deserteur aus der Vestung entsprungen und dass jede Dorffschaft obligirt sei
denselben zu verfolgen Früh Morgens gegen Aufgang der Sonnen da ich mich auf
einer weiten Ebene befand und mir unmöglich fiel ohngeruhet weiter zu laufen
zwängete sich mein ermüdeter Körper in einen aufgesprungenen hohlen Weiden Baum
der da weit von allen Straßen nebst unzähligen andern auf einer Viehtrifft
stund Etwa eine Stunde hernach da ich schon in stando ein wenig geschlummert
hatte passirte der ViehHirte vor mir vorbei war aber wie ich glaube mit
Blindheit geschlagen weil er mich so wenig sah als sein Knabe der ebenfalls
sehr öfters bei meinem SchlaffGemache vorbei lief Jedoch so bald er nur etwa
hundert Schritt von mir sich nebst seinem Knaben in die Sonne gelegt fing ich
von neuen an zu schlummern wurde aber nochmals durch das Getöse etlicher
Reuter gestöhret welche wie ich durch ein SpaltLoch sehen konnte sich dem
Hirten näherten und fragten ob er keinen Deserteur in solcher Kleidung wie
sie ihm die meinige beschrieben vorbei laufen sehen Er konnte freilich wohl
mit guten Gewissen Nein sagen berichtete auch auf ferneres Befragen dass nur
noch eine gute Stunde Wegs biss zur Gräntze sei weswegen die Reuter ihre Pferde
desto schärffer ansporneten und zwischen den Bäumen nicht 12 Schritt vor
meinem Behältnisse hinritten Mein Hertze klopffte inzwischen so lange biss ich
dieselben aus dem Gehöre und Gesichte verlor endlich aber verlor sich auch
zugleich die allergröste Angst in darauf folgenden mehr als 6 stündigen
Schlaffe Nachdem ich aufgewacht war fing mich der Hunger ziemlich zu plagen
an jedoch der Magen musste vor dieses mahl durchaus Raison annehmen weil ich
nicht vor ratsam hielt diesen sichern Ort zu verlassen ungeacht derselbe vor
menschlichen Augen sehr unsicher zu sein schien Der Hirte welcher binnen der
Zeit weit im Felde gewesen kam endlich gegen Abend wiederum zurück und setzte
sich etwa 20 Schritt von meinem Baume nieder bald darauf kam auch sein Knabe
der vermutlich Tags über im Dorffe gewesen war setzte sich neben ihn und
fragte unter andern ob die Reuter wieder zurück gekommen wären die dem
entlauffenen LandsKnechte nachgesetzt hätten Der Alte bejahete solches
meldete dabei dass er abermals mit ihnen gesprochen und erfahren wie sie
heute einen vergeblichen Ritt getan hätten Es ist Schade Vater sagte hierzu
der Knabe dass wir den Schelm nicht haben ansagen können denn sonst hätten wir
gewiss einen Taler Geld dabei verdient oder wohl gar zwei Ach Töffel
versetzte der Alte behüte uns Gott vor solchen BlutGelde es kann vielleicht
wohl ein gut ehrlich MutterKind gewesen sein wer weiß wie sie ihn
gekreuztiget haben ich wollte lieber einen Pfenning oder wohl gar nichts nehmen
und einen solchen armen Kerl 10 Meilen fort bringen als vor 10 Tlr Geld ihn
den Soldaten verraten denn diese machen nicht viel Federlesens sondern lassen
auch die besten Kerls an den Galgen hencken O du redliches Blut gedachte ich
in meinen Hertzen Gott wird dir deine christliche Liebe wo nicht zeitlich
doch dort ewig zu vergelten wissen Jedoch ich hielt mich noch beständig in
aller Stille biss endlich nach verschiedenen andern Gesprächen der Knabe weit
ins Feld lief um das zerstreute Vieh zusammen zu treiben Da nun bald hernach
der Hirte etwas näher an meinen Baum kam rieff ich ihn an klagte seiner
Treuhertzigkeit meine Not überreichte ihm einen Ducaten und bat mir davor
so bald es möglich nur einen Trunck Bier nebst einem Stücke Brod zu
verschaffen Er zeigte großes Mittleiden bei meinem Elende überreichte mir
indessen ein Stück Brod nebst einem Käse und versprach binnen zwei Stunden mit
besserer Speise und Getränke bei mir zu erscheinen wollte aber durchaus kein
Gold sondern sagte ich möchte ihn nur etliche Groschen SilberGeld geben um
die Speisen davor zu kauffen weil er in seinem ganzen Leben voritzo nicht mehr
als 10 Pfennige baares Geld aufzubringen wüste Demnach überreichte ich ihm
eine ganze Hand voll SilberGeld wovon er aber nicht mehr als etliche Groschen
auslase und das übrige durchaus nicht annehmen wollte sondern mit starken
Kopffschütteln davon ging nachdem er versprochen binnen einer Stunde wieder
bei mir zu sein Er hielt sein Wort redlich kam mit der AbendDemmerung zurück
brachte einen halben Schincken ein stark Stücke Wurst ein halbes Brod eine
Flasche Bier wie auch Butter und Käse in seinem Rantzen getragen ließ mich
nach Belieben davon speisen er aber setzte sich etliche Schritt von mir hinweg
und erzehlete binnen der Zeit seiner Einfalt nach verschiedene kluge Streiche
die von einem Manne der täglich mit niemanden als unvernünftigen Vieh
umgieng nicht leicht zu vermuten waren So bald die Nacht herein brach
führte er mich glücklich über die Gräntzen meines verhassten Vaterlandes ruhte
hernach über 3 Stunden in einem dicken Gepüsche an meiner Seite und zeigete
mir hernach die richtige Straße worauf ich unfehlbar binnen 3 oder 4
Stunden eine kleine Stadt erreichen würde in welcher nicht die geringste Gefahr
vor mich zu befürchten hergegen alle Sicherheit anzutreffen sei Ich fragte
was er vor seine Bemühung haben wollte und der gute Mann forderte nicht mehr als
2 Groschen welches mich dermaßen afficirte dass ich ihm 2 spec Ducaten gab
die er vermutlich nicht angenommen wenn die Dunckelheit ihn nicht verhindert
hätte Gold und SilberGeld zu unterscheiden
Nunmehr setzte ich meine Reise in größter Geschwindigkeit nach bezeichneter
Stadt fort und erreichte dieselbe noch vor anbrechenden Tage Mein ganzes
Vermögen belieff sich auf 43 spec Ducaten und etwa 12 biss 15 Tl
SilberGeld deswegen konnte noch wohl das Hertz haben mich in einen reputir
lichen Gastoff einzulogiren allwo ich ebenfalls sehr guttätige Leute antraff
mich mit reinlicher neuer Kleidung und Wäsche versorgte nach Mühlhausen zu
einem weitläufftigen Befreundten reiste und von daraus an meinen
ungewissenhaften Vormund schrieb um zu vernehmen ob er mir noch etwas von
meinem Erbteile heraus geben wollte oder nicht Allein ich hatte die größte
Ursache das daran gewendete PostGeld zu bedauern denn die Antwort fiel
accurat also wie ich mir dieselbe eingebildet hatte nämlich ich sollte
erstlich kommen mich mit ihm berechnen seinem Sohne die meuchelmörderischer
weise abgehauene Hand bezahlen und so dann den Galgen wegen meiner Desertion
an statt des Rests zu fordern haben Derjenige Brief welchen ich ihn hierauf
geschrieben wird schwerlich einem andern lebendigen Menschen als uns beiden
vors Gesichte gekommen sein mich aber gereuet es fast dass das Koncept nachher
von mir verbrandt worden
Diesemnach hieß es nun mit mir Omnia mea mecum porto wiewohl ich
dieserwegen den Mut ganz und gar nicht sincken ließ sondern mein
niedergedrucktes Glücke auf einer andern Universität wiederum aufzurichten
verhoffte Allein die Herrn Soldaten verrückten mein Koncept zum andern mahle
und forcirten mich bei damahliger starken Recreutirung mit Gewalt Dienste zu
nehmen doch war diese Art gegen die vorige Englisch zu nennen denn ich konnte
und durfte bei ihnen doch dasjenige wovon ich Profession machte unter einer
reputirlichen Charge practiciren bekam auch von einem recht liebreichen
Offizier hinlänglichen Sold und machte mir also nicht das geringste Bedenken
hinkünftig ein oder etliche Kampagnen mit zu wagen
Inmittelst waren nunmehr 7 Monat verstrichen seit dem ich von meiner
allerliebsten Eleonore Abschied genommen und ihr binnen der Zeit mehr als 8
Briefe geschrieben jedoch nicht die geringste AntwortsZeile erhalten hatte
Ich habe von meiner allerliebsten Eleonore geredet nämlich von derjenigen
Eleonore welche mir mit unverlangten grausamen EydSchwüren versprochen ehe
1000 mahl zu sterben als sich Zeit meines Lebens an eines andern Seite zu
legen ja man sollte sie eher in Stücken zerreißen als mit einer anderen
MannsPerson ins BrautBette bringen Uber dieses hatte sie jederzeit eine
dermaßen strenge Tugend gegen mich bezeuget dass meine Karessen bei ihr
niemals einen höheren Grad erreichen dürffen als ihre Hand und Mund zu küssen
Allein nunmehr berichtete mich ein guter Freund dass dieselbe noch kein
eintziges mahl gestorben vielweniger seines Wissens ein eintziges Stück von
ihrem Leibe abreißen lassen und dennoch bereits vor 3 Monaten ohne allen
Zwang einen Licentiaten geheiratet hätte
Eben da dieser Brief bei mir einlieff war ich im Begriff eine Komoedie
von dem philosophischen Harleqvin Diogene und zwar diejenige Passage zu lesen
da man ihm berichtet wie sein Knecht Manes davon gelauffen sei Worauf er zur
Antwort gegeben Kan Manes ohne Diogene so kann auch wohl Diogenes ohne ihn
leben Deswegen applicirte ich dieselbe Passage auf mich und meine ungetreue
Liebste imitirte also diesen klugen Narren zu meiner ungemeinen Gemüts
Befriedigung Weil ich mich aber erinnerte ihr nebst einer Englischen Uhr
noch andere pretieuse Sachen die am Wert mehr als 150 Tlr betrugen auf die
Treue gegeben zu haben so konnte doch nicht unterlassen einen stacheligen
GratulationsBrief an dieselbe zu schreiben und meine Sachen wieder zurück zu
verlangen mit der Bedrohung dass ich auf den VerweigerungsFall andere ihr
vielleicht nicht sonderlich renommirliche Messures nehmen würde Mein Special
Freund hatte diesen Brief der Dame zu eigenen Händen geliefert und durch
mündliches Zureden so viel ausgewürckt dass sie mir endlich meine Uhr nebst 100
Tlr baaren Gelde remittirte Ihren mit allerhand kahlen Entschuldigungen und
läppischen Fratzen angefülleten Brief habe kaum des Lesens gewürdiget hergegen
kam mir das überschickte desto besser à propôs Denn ich konnte damit meine
Equippage gegen bevorstehende Kampagne nicht allein in desto bessern Stand
setzen sondern auch in gegenwärtigen WinterQuartiere eine solche Figur
machen dass sonderlich das Frauenzimmer besonderen Estim vor meine Person zeigte
Weil nun die Liebe durchaus an Eleonoren Revange zu nehmen verlangte um
selbiger ungetreuen Person zu zeigen dass ihr Verlust sehr leicht und zwar weit
vorteilhafter zu ersetzen sei ließ ich mir durch die Reitzungen einer artigen
Rosine abermals das Hertze rauben und weil dieselbe von guten Geschlechte
ziemlichen Vermögens dabei auch recht artiger Bildung und sonderlich eines
aufgeweckten und klugen Geistes war schlossen wir mit Genehmhaltung ihrer
Eltern ein festes LiebesVerbindniss wobei mir jedoch erlaubet wurde vor
Vollziehung desselben ein oder etliche Kampagnen unter der Soldatesque zu tun
indem mein Schatz nur erstlich 17 Jahr alt also wohl noch einige Jahr warten
konnte Nach glücklicher Zurückkunft sollte mir von meines SchwiegerVaters
Bruder der keine Erben hatte die StadtApotheke zugeschlagen werden damit
ich nach Belieben alle drei Species der Medizin nämlich Medicinam selbst
anbei auch Chirurgiam und Pharmacopoeam practiciren könnte
Solchergestallt ging ich im darauf folgenden FrühJahre mit vergnügen zu
Felde in Meinung folgenden Winter oder doch aufs längste binnen zwei oder drei
Jahren wieder bei meiner Braut zu sein Allein es wurden vollkommene 5 Jahr
daraus binnen welcher Zeit ich zwar etliche Briefe an dieselbe und ihre Eltern
schrieb auch auf alle die angenehmsten Antworten erhielt jedoch da vor
gäntzlicher Beilegung des Kriegs keine Hoffnung zum Abschiede vorhanden mussten
wir uns auf allen Seiten mit Geduld schmieren Nun sollte Ihnen meine Herren
sagte hierbei Mons Kramer auch eine ausführliche Beschreibung von meinen
zugestossenen KriegsBegebenheiten machen allein ich fürchte es möchte selbige
auf einmal wegen der Langweiligkeit verdrießlich fallen deswegen will
dergleichen biss auf eine andere Zeit versparen und voritzo nur melden dass
nach glücklich abgelegten RückMarch kaum mein StandQuartier bezogen hatte da
ich sogleich um Uhrlaub bat und die Reise zu meiner Liebsten antrat Aber
aber indem ich dieselbe unverhofft zu überfallen und desto mehr Freude zu
verursachen gedachte traff ich im Hause alles consternirt betrübt und gegen
mich kaltsinnig an Meine Braut sollte vor wenig Wochen zu einer ihrer Muhmen
gereist sein welche selbige nicht so bald wieder hätte von sich lassen wollen
Ich machte mir allerhand Gedanken bei solchen verwirreten und kaltsinnigen
Wesen jedoch was will ich itzo viele Umschweiffe machen die saubere Rosine
hatte bei ihrer großen Klugheit ins Nest hofieret deutlich aber zu sagen ein
JungferKindgen bekommen und zwar von einem solchen SpaasGalane der sie
Standes wegen nicht heiraten durfte oder wollte
Ihre Eltern ließ mir dieses Malheur durch den dritten Mann in einem
Säfftgen beibringen welcher hoch und teuer versicherte dass diese Sache ganz
und gar noch nicht kundbar wäre sondern ganz artig vermäntelt werden könnte
wenn ich vor 1000 Tlr besondere Diskretion mich ins Mittel schlagen Vater
des Kindes heißen u die Geschwächte heiraten wollte Allein hierzu war der
ganze Kerl über alle maßen delicat und ungeacht die schwangere Jungfer vor
ganz außerordentlich schön ausgeschryen auch mir eine noch stärckere
Diskretion angeboten wurde so blieb ich dennoch bei meinem Eigensinne
verlangte nicht mehr als 300 Tlr vor meine ehemahls gegebenen Geschenke und
ReiseKosten versprach auch davor alle honette Verschwiegenheit zu halten und
reiste nachdem ich solch gefordertes Geld ohne die geringste Weigerung gegen
einen ausgestelleten Revers erhalten fast noch vergnügter zurück als ich
daselbst angelanget war Zwar kann ich nicht leugnen dass mir das wohlgebildete
Gesichte und artige Konduite meiner gewesenen Liebste dergestallt vor Augen und
in Gedanken schwebete dass ich nachher lange Zeit nicht ohne besondere
Betrübnis an ihr Malheur gedenken konnte jedoch wenn ich im Gegenteil
bedachte dass dergleichen Aufführung eines verlobten Frauenzimmers eine
verzweiffelte Leichtsinnigkeit und liederliche LebensArt anzeigte begunte nach
und nach die Empfindlichkeit zu verschwinden
Nachdem hierauf etliche Monate verstrichen waren erhielt ich endlich den
inständig gesuchten Abschied und war nunmehr gesonnen ein Oertgen
auszusuchen wo ich mein Leben in guter Bequemlichkeit hinbringen könnte weil
sich das Vermögen an baaren Gelde und andern Mobilien doch auf 800 Tlr
belieff Mein missgönstiges Verhängnis aber hatte das WiederSpiel beschlossen
denn ich ließ mich von einem gewissen Kavalier der eine hohe Charge an einem
der vornehmsten Höfe in Deutschland bekleidete in Dienste zu treten bereden
Selbiger war in der Tat ein ungemein wohl conduisirter Herr gegen seine
Bedienten absonderlich konnte ich mit Recht vor andern mich ganz sonderbarer
Gnade von ihm flattiren denn er tractirte mich jederzeit mit solcher
Gefälligkeit die den Charakter unter welchen ich mich bei ihm engagirt hatte
sehr weit überstieg Binnen etlichen Jahren hätte ich durch seine
Unterstützung mein Glück zum öffteren durch Heiraten und mittelmäßige Aemter
gar wohl machen können allein er inspirirte mir selber immerfort die
Hoffnung auf etwas noch besseres Aber aber da ich solchergestallt dem Glücke
am allerbesten im Schoss zu sitzen vermeinte wurde mein Herr des Nachts
plötzlich von etlichen Offiziers und Soldaten überfallen in einen verdeckten
Wagen gesetzt und nach einem festen Schloss in Arrest gebracht Meine Person
musste unvermuteter Weise par Kompagnie auch mit wurde gleichfalls in das wohl
verwahrte Zimmer eines Turms gesetzt und zwar ein Stockwerck höher als mein
Herr mit dem ich in folgender Zeit kein Wort zu sprechen Gelegenheit nehmen
durfte Ich habe niemals erfahren können was ihm eigentlich und hauptsächlich
vor ein Verbrechen schuld gegeben worden aus denenjenigen Articuln aber
worüber man mich vernahm konnte ich leichtlich schließen dass es Sachen von
großer Wichtigkeit sein müssten Nachdem ich nun ein halbes Jahr weniger 4 Tage
gefangen gesessen unschuldig befunden und endlich frei gelassen worden also
nichts mehr abzuwarten hatte als die Auslieferung meiner Gelder und Sachen
welche unter meines Herrn Meublen mit hinweg geschafft waren die Zeit aber mir
dessfalls verzweiffelt lang gemacht wurde steckte mir eines Tages ein Soldat
einen kleinen Brieff in die Hand den ich nach Eröffnung also gesetzt fand
Mein liebster Kramer
Nehmet euch meiner in dieser Not an und zweiffelt im geringsten nicht an
meiner raisonablen Erkänntlichkeit denn ihr wisst ja selbst dass ich
außerhalb Landes an sichern Orten solche Kapitalia zu heben habe wovor ich
und ihr Zeit Lebens gnugsamen Unterhalt finden können Es wird euch weiter keine
Mühe machen als mir an denjenigen Faden den ich folgende Nacht um 1 Uhr aus
meinem Fenster hinab lassen werde eine lange doch NB feste Leine anzuknüpffen
vermittelst welcher ich mich hinunter auf die Straße zu kommen getraue kauffet
oder bestellt indessen ein paar flüchtige Pferde und lasset dieselben Nachts
zwischen den 11 und 12ten huj vor der Stadt hinter den Gärten ohnweit der K
Straße warten Lasst euch die wenigen Sachen welche ihr etwa zurück
lassen müsst nicht abhalten mir die allerstärckste Probe der jederzeit
verspürten Liebe und Treue zu zeigen ja wirklich zu leisten So bald ich nur
den Hof erreicht hat es mit uns weder Gefahr noch Not Erweiset euch als
einen Mañ und wisst dass ihr solchergestallt das Leben erhaltet
eurem Freunde
Allem Ansehen nach war dieser Brief vielleicht in Ermangelung der Tinte mit
Blut und zwar durch eine ungewöhnliche Feder geschrieben welches den Affect
des Mitleidens und der Erbarmung dergestallt in meiner Seelen erregte dass ich
ohne alles fernere überlegen den Schluss fasste demjenigen meine Hilfe nicht
zu versagen welcher sich seitero so ungemein auffrichtig gegen mich bezeigt
hatte
Von Stund an machte ich also die klügsten Anstallten hierzu und weil mein
GeldBeutel nicht zureichen wollte fasste ich das Hertze von einem Manne der
meines Herrn und mein eigener heimlicher guter Freund war noch 30 Tlr
auffzunehmen gab also einem ReitKnechte meines Herrn der sich seit etlichen
Tagen bei mir gemeldet hatte und sonsten ein sehr getreuer Mensch war 60
Tlr zu Erkauffung drei tüchtiger Kläpper mit völliger Instruction wie er
sich damit verhalten solle mittlerweile besorgte ich alles übrige selber aufs
beste und nachdem mir der Kerl von seiner guten Verrichtung am bestimmten
Abende behörigen Rapport abgestattet auch weitere accuratesse zu beobachten
versprochen legte ich die letzte Hand an das Werck brachte auch meinen Herrn
glücklich zur Stadt hinaus und zu Pferde Aber aber da wir uns in der sehr
dunckeln Nacht verirreten erschien zu unsern allergrößten Schrecken hinter uns
ein Troupp Reuter mit vielen Fackeln der ReitKnecht und ich setzten über
einen Graben mein Herr aber der doch das allerbeste Pferd ritte mochte wohl
das Tempo nicht recht in acht genommen haben stürtzte also hinein und wurde
gefangen des ReitKnechts Pferd unter seinem Leibe erschossen ich aber entkam
en faveur der dunckeln Nacht glücklich ungeacht mir 3 oder 4 Kugeln nahe an
den Ohren vorbei sauseten Das arme Pferd musste so lange laufen biss es endlich
folgenden Vormittags in einem dicken Walde unter mir nieder sanck weswegen ich
abstieg Grass ausrauffte und ihm selbiges zu fressen gab auch in meinem Hute
Wasser vorhielt wodurch es sich binnen etlichen Stunden wiederum erholte so
dass ich nachdem mein heftiger Hunger mit etwas Brod und Erdbeeren gestillet
war die fernere Reise antreten und Abends ein Dorff erreichen konnte allwo die
Leute meine Sprache nicht einmal recht verstunden Bei allen meinem Unglücke
schätzte ich es dennoch vor das allergröste Glücke dass mich nach eingezogener
gewisser Kundschaft auf solchem Grunde und Boden befand da meine Verfolger
sich nicht hinwagen durfften deswegen begab mich in das nächst gelegenste
Städlein allwo nicht allein die Posten durch passireten sondern auch gute
deutsche Leute anzutreffen waren Von dar aus überschrieb ich unsere
unglückliche Avanture an meines Herrn Gemahlin und leiblichen Bruder und bat
dieselben mich wegen meiner treu geleisteten Dienste und starken Verlusts mit
etwas Gelde zu secundiren indem ich in Wahrheit nach verkauffung meines
Pferdes nicht mehr als etwa noch 35 Tlr baar Geld nebst sehr schlechten
KleidungsStücken besaß Jedoch ich bekam von der geitzigen Gemahlin nicht mehr
als 100 spec Ducaten überschickt nebst dem Versprechen dass so bald ihr Herr
seine Freiheit erhalten hätte welches vielleicht in wenig Wochen geschehen
könnte indem seine Affairen nicht so gefährlich stünden als man wohl vermeinte
mir mein Verlust gedoppelt ersetzt werden sollte Allem ich konnte nach der Zeit
keinen Heller mehr erhalten ungeacht ich binnen 3 Jahren mehr als 50 Briefe
an diese Dame abschickte Vorerwähnten guten Freunde übermachte ich die von ihm
geborgten 30 Tlr redlich wieder erhielt von demselben eine sehr verbindliche
DancksagungsSchrifft nebst der Nachricht dass von meinem Herrn sehr klägliche
Gespräche rouimen denn selbiger wäre auf ein anderes Schloss in weit strengere
Verwahrung gebracht welches gar keine gute Anzeigung sei ich aber hätte zu
meinem größten Glücke das beste Teil erwehlet und möchte mich ja hüten den
vor mich gefährlichen Boden wiederum zu betreten
Wenige Wochen hernach hat mich geträumet dass meinem guten Herrn der Kopf
abgeschlagen sei ob es wirklich also geschehen kann ich nicht sagen jedoch es
ging mir auch dieses geträumte TrauerSpectacul dermaßen nahe dass ich um
selbige Gegend zumahl da ich weder von meinem guten Freunde noch von meines
Herrn Anverwandten einige Antwort erhalten konnte nicht länger zu bleiben wusste
sondern die Reise nach einer berühmten HanseeStadt antrat Daselbst sah ich
mich wegen ziemlich zerschmoltzenen Geldes genötigt Kondition bei einem sehr
berühmten Chirurgo zu acceptiren der aber nunmehr auch sehr alt und stumpf zu
werden begunte daher sich in allen Stücken auf mich verließ und da er binnen
anderthalb Jahren meiner Dienstfertigkeit und Treue wegen sattsame Proben
erhalten vermachte er mir vor seinem bald darauf folgenden Ende seine 24
jährige und sehr tugendhafte Frau nebst zweien Kindern die er mit der ersten
Frau gezeuget hatte
Da nun selbige artige Frau an meiner Person und Wesen nichts auszusetzen
hatte vielmehr nach abgelauffenen TrauerJahre den Anfang machte mir mit allen
honetten LiebesBezeugungen zu begegnen hielten wir endlich um LichtMesse
öffentliches Verlöbnis und waren gesonnen selbiges gleich nach den OsterFeri
en durch Priesterliche Kopulation vollziehen zu lassen
Solchergestallt vermeinte ich nunmehr den Hafen meines zeitlichen
Vergnügens vermittelst einer erwünschten glücklichen Heirat und wohlbestellten
BarbierStube gefunden zu haben bekümmerte mich auch ganz und gar nichts
mehr um mein durch verschiedene UnglücksFälle eingebüsstes ziemliches
Vermögen sondern hielt davor ich wäre von dem Verhängnisse mit allen Fleiß
forcirt worden vorher so viel an mein beständiges Wohlsein zu spendiren um
solches desto erb und eigentümlicher zu erkauffen Aber aber selbiges war
noch lange nicht ermüdet mich zu verfolgen sondern mir nunmehr erstlich den
aller empfindlichsten Streich zu spielen denn meine herzlich geliebte
WittFrau bekam 14 Tage vor Ostern einen gefährlichen Anfall vom hitzigen
Fieber und schloss 2 Tage nach Ostern ihre schönen Augen zu
Ich gestehe nochmals dass mir dieser UnglücksFall unter allen denen die
mir von Jugend auf begegnet der Allerschmertzlichste gewesen und zwar
dergestallt dass recht bittere Tränen aus meinen Augen gepresset wurden Nichts
war vermögend mich zu trösten am allerwenigsten aber die BarbierStube nebst
denen 300 Tlr baaren Gelde welche mir meine seel Liebste im ordentlichen
Testamente vermacht hatte Das Letztere wurde mir gleich nach verlauff der
ersten 4 TrauerWochen eingehändiget wegen der BarbierStube aber wollten die
Vormünder der Kinder Advokaten Streiche machen jedoch nachdem mir dieselbe von
der Obrigkeit des Orts adjudicirt worden war ich so genereus den beiden Kindern
die BarbierStube gegen Erlegung des halben Werts an 450 Tlr zu überlassen
weilen mir ohnmöglich schien an diesen vor mich ebenfalls fatalen Orte zu
bleiben ungeacht sich viele Freunde die Mühe gaben meiner feel Liebsten
leibliche Schwester mit mir zu verkuppeln
Der ganze deutsche Erdboden kam endlich bei reifflicher Uberlegung meinem
Gemüte unglücklich und verdrießlich vor deswegen brachte alle meine Sachen in
Ordnung reiste erstlich nach Lübeck und war gleich im Begriff demselben auf
ewig Abschied zu geben hergegen mein Glück in Schweden oder Dänemarck zu
suchen als der Himmel gegenwärtigen Herrn Wolffgang darzwischen führte dessen
Ansinnen mir augenblicklich das größte Vergnügen erweckte mein anderweitiges
Project verrückte und mich animirte seinen redlichen Vorschlägen willige Folge
zu leisten Der Himmel gebe ihm selbst die Belohnung davor weil ich mich nicht
im Stande befinde meine schuldige Danckbarkeit sattsam auszudrücken Nunmehr
aber kann ich mit bessern Recht sagen dass ich unter dem Schatten des
Allerhöchsten in den süßen Umarmungen meiner allerliebsten Mariæ Albertinæ
bei der liebreichen Gesellschaft frommer Leute und getreuer Freunde endlich
durch viele UnglücksWellen den Haafen eines irrdischen Paradieses gefunden
allwo mein Gemüte täglich den Vorschmack himmlischer Ergötzlichkeiten findet
Und also hat das schon in meiner Jugend erwehlte Symbolum
Tandem bona causa trimphat
Deutsch
Ein redlich Hertze wird gedrückt doch nicht erstickt
Und endlich auf Verdruss mit LustGenuss erquickt
eine glückseelige Erfüllung nach sich gezogen und in meinen besten Jahren
hergestellet da ich doch ordentlicher weise kaum die Helffte meiner Tage
erreicht habe
Hiermit schloss Mons Kramer die Erzählung seiner curieusen LebensGeschicht
die man aus seinem äuserlichen Wesen nicht leicht judiciret hätte allein er war
gewisslich ein ganz besonders artiger Kopf der seines gleichen wenig hatte so
dass man ihn zuweilen vor einen melancholischen GrillenFänger zuweilen
hergegen vor einen außerordentlich auffgeweckten Menschen halten musste jedoch
war in seiner Aufführung ganz nichts pedantisches oder haselirendes sondern er
wusste im Umgange seine GemütsBewegungen mit einer besonderen Klugheit zu
temperiren seinen Gesprächen und Erzehlungen aber zu zuhören konnte man nicht
leicht müde werden denn er hatte die Gabe bei allen Passagen den Affect
vollkommen auszudrücken und mit eingemischten SchertzWorten und artigen
Gebärden nicht selten ein Gelächter zu erregen welches durch sein eigenes sauer
sehen gemeiniglich vermehret wurde
Wir hätten ihm vor dieses mahl da es ohnedem noch hoch Tag war wenigstens
noch ein paar Stunden mit dem allergrößten Plaisir zugehöret allein er wollte
durchaus nichts mehr erzählen sondern bemühete sich mit andern ergötzlichen
Veränderungen und Delicatessen die seine Liebste indessen bereitet hatte uns
aufs herrlichste zu bewirten wobei jeden noch manch lustiges Gespräch
geführet wurde Endlich nachdem wir auch seine ganze Oeconomie in Augenschein
genommen und darinnen ganz besonders inventieuse Sachen angemerckt hatten
bestimmten wir ihn auf Morgen in JacobsRaum zu erscheinen um zu versuchen ob
wir den sonst sehr eigensinnig scheinenden Mons Plager dahin bewegen könnten
uns gleicher Gestallt seine LebensGeschicht zu erzählen Nachdem nun Mons
Kramer sich daselbst einzustellen versprochen nahmen wir Abschied und reisten
mit einbrechenden Abend ein jeder an seinen Ort
Herr Mag Schmeltzer der diese SpatzierFart wegen anderer wichtigerer
Verrichtungen nicht mit antreten wollen empfing uns nebst seiner Liebste die
dem ungeacht die AlbertsBurgischeOeconomie noch beständig fortführete unten
am Berge bei der Kirche oben aber fanden wir einen zubereiteten KaffeeTranck
wozu wir eine Pfeiffe Toback ansteckten ich aber musste Herrn Mag Schmeltzern
einen concisen Bericht von dem Kramerischen LebensLauffe abstatte worüber wir
zum Ruhme dieses werten Freundes unsere Penseen ausschütteten und uns hernach
zur Ruhe legten Selbige Nacht aber passirte mir ein possierlicher Streich denn
früh Morgens da kaum der Himmel zu grauen begunte erweckte mich eine Stimme mit
diesen Worten aus dem Schlaffe Eberhard mein Sohn weil nun selbige mit des
Altvaters Stimme eine genaue Gleichheit hatte sprung ich augenblicklich aus dem
Bette warff meinen NachtRock über ging durch die offen stehende Tür in des
Altvaters Kammer tratt vor sein Bette und fragte liebster Pappa was ist zu
euren Diensten Allein der Allvater lag in seinem natürlichen süßen schlaffe
weswegen ich mir die gäntzliche Einbildung machte dass ich geträumet hätte und
mich wiederum zu Bette legte auch gar bald wiedrum einschlieff Jedoch bald
hernach rieff es abermals Eberhard mein Sohn Deswegen lief ich zum andern
mahle vor des AltVaters Bette und tat vorige Frage da derselbe aber sehr
stille lag und nicht das geringste Schnauben von sich hören ließ ergriff ich
ihn bei der Hand und drückte selbige so lange biss er sich aus seinem süßen
schlaffe ermunterte und mich fragte was mein Begehren sei lieber Pappa gab
ich zur Antwort ich zittere vor Bangigkeit weil ich vermute dass euch ein
übler Zufall im Schlaffe begegnet sei denn ihr habt mich nun zweimahl geruffen
Eberhard mein Sohn die zu euren Füßen liegenden Knaben aber schlaffen wie die
Ratzen Nein mein Kind versetzte der Altvater ich habe euch mit meinem wissen
nicht geruffen sondern sehr vergnügt und wohl geruhet es muss euch geträumet
haben geht in Gottes Nahmen wiedrum zu Bette denn die Sonne wird in drei
Stunden noch nicht auf unsere Insul scheinen Ich gehorsamete jedoch etwa eine
Stunde hernach erweckte mich eben dieselbe Stimme zum dritten mahle Ich stund
wieder auf ging vor des Altvaters Bette fand denselben im süßen Schlummer
liegen trat deswegen an das Fenster öffnete selbiges und sagte mit
ängstlicher Stimme Mein GOTT bin ich denn heute ganz und gar betört es ist
ja unmöglich dass ich dreimal hinter einander also geträumet habe Hierüber
konnte endlich der Altvater sein heimliches Lachen nicht länger verbergen
sondern sagte Mein Sohn macht euch keine kümmerenden Gedanken ich bin
wahrhaftig unschuldig aber legt euch noch einmal stille hin und wachet so
werdet ihr erfahren wer der Stöhrer eurer Ruhe sei Ich wusste mich auf keinerlei
Weise aus dem Handel zu finden gehorsamete aber seinem Befehle legte mich in
aller Stille nieder und blieb munter
Ehe ich mich nun dessen versah ließ sich oberwähnte Stimme mit eben
denselben Worten zum vierdten mahle hören und also kam es endlich heraus dass
mein schöner Vogel den ich vor einigen Wochen in des Altvaters KammerFenster
gehängt hatte diese Worte mit welchen mich der Altvater gemeiniglich zu ruffen
pflegte auffgefangen und auswendig gerlernt hätte Kein Fürstentum oder
Königreich wäre nunmehr capable gewesen bei mir ein Æquivalent gegen diesen
vortrefflichen Vogel abzugeben ja ich war dermaßen vergnügt über diese
Curiositee dass nicht viel fehlete ich hätte deswegen an alle Insulaner
außerordentliche NotificationsSchreiben abgesendet Der Altvater selbst hatte
eine solche Freude über meine Freude dass er von nun an niemanden als sich
selbst die Sorge vor diesen unvergleichlichen Vogel anvertrauen wollte
Ich will diejenige Lust welche mir der possirliche Vogel nachher gemacht
biss zu gehörigen Platze versparen voritzo aber berichten dass wir folgendes
Tages Mons Plagern in seiner Werckstadt plötzlich überfielen ihm vor dissmahl
Feierabend zu machen und uns aufs beste zu bewirten geboten auch alle
Anstallten selbst besorgen halffen biss sich endlich Mons Kramer ebenfalls noch
zu rechter Zeit bei der Tafel einstellete Nach eingenommener Mahlzeit da sich
unser guter Wirt sehr vergnügt und gefällig bezeigte ließ der Altvater nicht
ab denselben so lange mit freundlichen BittWorten zu unterhalten biss er sich
endlich beqvemete in unser aller Verlangen zu willigen Und also setzten wir uns
zusammen und hörten mit auffmercksamen Ohren auf
Mons Plagers LebensGeschicht
Wenn ich ihnen meine Herrn fing er an eine auffrichtige Erzählung meines
bisherigen LebensLauffs abstatten soll so bitte voraus nicht übel auszulegen
wenn ich die Fehler und Verbrechen meiner Eltern und Freunde mit lebendigen
Farben abmahle auch die Sünden und torichten Streiche meiner selbst eigenen
Jugend nicht heuchlerischer weise zu vermänteln suche Anbei aber bitte den
Unterscheid zu betrachten was ich nämlich vor diesem vor ein Früchtgen
gewesen und wie ich dagegen itzo gesinnt bin Gott lob mein Sinn hat sich
bereits vor etlichen Jahren zu bessern angefangen und ich verhoffe nunmehr im
Stande zu bleiben mich biss an mein Ende vor allen mutwilligen Sünden zu hüten
auch GOTT und meinem Nächsten desto eiffriger und nützlicher zu dienen Mein
Vater war von Geburt ein Augspurger und von solchen Eltern gezeuget welche die
EvangelischLuterische Religion äuserst bekeñeten auch alle ihre Kinder
darinnen wohl erzogen hatten Da aber mein Vater nachher als ein junger
GoldschmidtsGeselle in die Frembde reist und zu Schaafhausen in der Schweitz
sein zeitliches Glück vermittelst einer reichen Heirat zu machen Gelegenheit
findet lässt er sich verblenden die Luterische Religion mit der Reformirten
zu verwechseln Zehen biss zwölff Jahr hat er nachher zwar in ziemlich ruhigen
vergnügen gelebt und drei Kinder mit der erheirateten Wittfrau gezeugt
nämlich mich einen älteren Bruder und dann auch eine jüngere Schwester anbei
als ein besonderer Künstler durch fleissiges Arbeiten sein Vermögen um ein
merckliches vergrößert so dass mehr Uberfluss als Mangel in unserm Hause zu
spüren und in keinem Stücke Not vorhanden war Allein so bald meiner Mutter
Bruder als ein alter Vagaband von seinen 15 jährigen Reisen zu Hause kommt
und meiner Mutter allerhand verzweiffelte LuftSchlösser ins Gehirne bauet
läst dieselbe nicht nach meinem Baier so lange in den Ohren zu liegen biss er
sich mit demselben als einen vermeinten Alchymisten in verschiedene chimische
Processe verwickelt Ob nun schon die ersten Versuche sehr unglücklich
ablauffen und bereits etliche 1000 Tlr teils an das Laboratorium und andere
requisita verwendet teils aber in die Luft verflogen sind mein Vater also
mit größter Raison die Hand von der Butte ziehen und fernerem Unglücke vorbauen
können findet sich dennoch in seinem Gemüte das klare Gegenspiel kurtz zu
sagen es ist nach diesem ersten verunglückten Processen kein Mensch
begieriger erpichter und versteuerter auf das Goldmachen als mein Vater
Ihr werdet vielleicht gedenken meine Herrn mein Vater müsse ein alberner
Schöps oder liederlicher Haus Wirt gewesen sein allein solchergestallt irret
ihr gar sehr denn ohne Flatterie kann ich außer demjenigen was den Punkt des
Goldmachens anbelanget teuer versichern dass er einen außerordentlich guten
Verstand gehabt zwischen der Verschwendung und dem Geitze aber die
MittelStraße dergestallt zu wandeln gewust dass ich ihn seiner nachherigen
Torheiten wegen weit mehr verdacht oder gar eine HirnWandelung vermutet
hatte wenn ich mit der Zeit nicht an meinem eigenen Exempel erfahren welcher
gestallt die Alchymie die allerentsetzlichste Art einer GelbenSucht des
Gemüts ja ein solch verzweiffelt ansteckendes pestilentialisches Fieber
welches sehr selten gänzlich zu vertreiben palliative aber durch nichts als
Armut und Mangel zu curiren sei
Jedoch zur Sache Mein Vater fing zum größten Vergnügen seiner Frauen und
deren Bruders das Werck weit kostbarer und arbeitsamer an als vorher ließ
seine schöne Profession die ihm doch jährlich ein gewisses und ansehnliches
Interesse vor Aufwand und Mühe einbrachte gänzlich liegen schaffte Gesellen
und LehrJungen ab und gab bei andern Leuten vor sein übriges Leben in Ruhe
und Friede hinzubringen Jedoch es geschahe nichts weniger als das letzte denn
er kunte sich kaum Zeit zum essen noch weniger aber zum schlaffen nehmen Bald
darauf wurde ein Gemurmele unter den Leuten welche curieus waren zu wissen
wozu doch wohl mein Vater so grausam viele Kohlen und andere Materialien
gebrauchen müsse Dieserwegen hielt er vor ratsamer und desto unverdächtiger
die GoldSchmidts Werckstädten wiedrum anzulegen neue Gesellen und Jungen
anzunehmen und weit fleißiger als jemals arbeiten zu lassen nur damit die
Leute nicht in ihren ihm vielleicht schädlichen Urteilen gestärckt würden
Allein was halffs Es war bei aller Arbeit und bei allen Vornehmen nunmehr
weder Seegen Glück noch Stern denn binnen wenig Jahren wurde mein Vater an
auswärtige und einheimische Kreditores mehr schuldig als sein ganzes Vermögen
betrug dass so zu sagen kein Ziegel auf dem Dache weder ihm noch meiner Mutter
annoch zugehörete Also war es an dem dass entweder sehr schleunig Gold oder
Banqverott gemacht würde indem ein oder zwei Kreditores schon von ferne in
etwas zu brummen anfiengen deswegen geht meine Mutter mit ihren Bruder zu
rate drehen die Poltzen welche mein Vater nachher verschiessen muss Kurtz zu
sagen weil das Goldmachen nicht geraten will verfallen sie auf das
gefährliche Mittel Geld zu machen Denn vor das viele verlaborirte schöne Geld
und Gut hatten sie dennoch eine betrügliche Massam erfunden welche dem Golde
aufs genauste ähnlich sah eine ziemliche Geschmeidigkeit hatte den Strich
auch vollkommen hielt allein im SchmeltzTiegel und zwar erstlich im dritten
Gradu des Feuers zu einer nichts nützigen schwartzen Schlacke wurde Die Sache
ging ihrer Meinung nach herrlich und gut von statten mein Vater muss die
Stempel zu Frantzösischen und andern GoldMüntzen schneiden die Mutter hilfft
mit müntzen deren Bruder aber nachdem er eine starke Quantität von der
sauberen Massa gemacht begibt sich mit einer großen Summe solches neu
geprägten Geldes auf die Reise um selbiges zu vertreiben und gute Sorten davor
einzuwechseln ist auch so glücklich binnen zwei Jahren allein in Franckreich
vor 20000 Tlr dergleichen falsche Müntze anzuwerden ohne was nach Holland
oder Deutschland gegangen war Solchergestallt rissen sich meine Eltern sehr
geschwind aus allen ihren schulden und hatten mehr als 30000 Tlr wert an
baaren Gelde und Meublen beisammen über dieses so war zu damahliger Zeit noch
nicht der allergeringste Verdacht auf den Unwert solcher falschen Müntze und
noch viel weniger auf sie geworffen deswegen wäre es annoch hohe Zeit gewesen
sich zu retiriren allein sie werden blind verstockt und desto mutiger ihre
gefährliche Hantierung so lange fortzutreiben biss endlich mein respective
super kluger Herr Vetter in Flandern mit 15000 Tlr solcher falschen
GoldMüntze ertappt gefangen gesetzt und endlich durch große Marter dahin
gebracht wird meinen Vater als seinen Komplicen anzugeben
Nun wäre es zwar ein leichtes gewesen meinen Vater in größter Sicherheit
auf frischer Tat zu ertappen allein zu seinem Glücke entdecket ein alter mit
in den Gerichten sitzender SusannenBruder ich weiß aber nicht aus was vor
Affection den ganzen Handel vielleicht aus besonderen Absichten meiner Mutter
und zwar annoch zur höchsten Zeit diese aber hat doch noch die einzige
Barmhertzigkeit ihren EhGatten der auf ihr Zureden sein Alles in die
Schantze geschlagen mit etwa 500 Tlr abzufertigen und ihn auf einer
schnellen Post des Landes auf ewig zu verweisen Meiner Mutter Bruder hat
nachher an einem sehr gewaltsamen hitzigen Fieber und zwar auf einem von
Holtz und Stroh gemachten SterbeBette die Seele im Dampf und Rauche von sich
blasen müssen Ob ihm eine solche TodesArt allzuschmertzlich angekommen sollte
man fast zweiffeln weil Feuer Dampff Rauch und Gestanck so zu reden sein
Element auf dieser Welt gewesen Meine Mutter als ein sehr verschlagenes Weib
gedencket zwar nachdem sie den Vater fort und die meisten verdächtigen Sachen
beiseits geschafft den Kopf aus der Schlinge zu ziehen und das Ihrige in
Friede und Ruhe zu besitzen jedoch sie kommt dem ungeacht in die Inquisition
überstehet alle angetane Marter heldenmütig ohne das geringste von ihrer
MitWissenschaft zu bekennen schweret sich durch ein cörperliches Eid von der
ganzen Sache los allein was halff ihr solches viel denn alle ihre Güter
wurden confisciret meine Schwester in ein WaisenHaus zur Aufferziehung
gebracht sie aber selbst zu ewiger Gefängnis condemniret dahingegen mein Vater
seine Flucht an einen solchen Ort genommen wo er nicht leicht auszuspüren war
So ergieng es den Meinigen die sich von einem gottlosen Buben und
LandStreicher und dann durch die schnöde Gold und Geld Sucht ins Verderben
stürtzen ließ Ich habe ihnen aber meine Herren sagte hierbei Mons Plager
diese Geschichte dergestallt erzählt als ob ich bei allen gegenwärtig gewesen
wäre jedoch nichts weniger als dieses denn ich bin von meinem 11ten Jahre an
auf inständiges Verlangen meiner GroßEltern bei ihnen in Augspurg erzogen
worden und in meinem 17den Jahre lief daselbst die betrübte Zeitung von
meines Vaters Gefahr und Flucht ein jedoch alles was ich ihnen voritzo
gemeldet ist mir einige Jahre hernach von meinem Vater selbst und zwar kurtz
vor seinem Ende offenbaret worden wie der Verfolg meiner LebensGeschicht mit
mehreren zeigen wird als welche ich nunmehr so ordentlich als möglich
fortsetzen will
Mein GeburtsTag war den 21 Decembr des 1691sten Jahres und die
Aufferziehung also beschaffen wie selbige von so wohlhabenden Leuten als
unsere Eltern zu sein schienen verhofft werden konnte Da aber im Jahr 1702
mein GroßVater als ein noch sehr frischer Mann meinen Vater besuchte und mit
heimlichen Verdruss wahrnahm wie derselbe seine Kinder ebenfalls in der Reformir
ten Religion auferzöge indem mein 15 jähriger Bruder bereits etliche mahl zum
Tische des HErrn gegangen war und ich ihm ebenfalls bald nachfolgen sollte
verfällt mein treuer GroßVater gleich auf ein gutes Mittel mich in den Schoss
der reinen Evangelisch Luterischen Kirche einzulegen erhält deswegen nach
vielen gütigen Versprechungen endlich so viel von meinem Vater dass er mich etwa
auff ein halbes Jahr lang zu seinem und der GroßMutter Vergnügen mit nach
Augspurg nehmen darff
Er mein GroßVater war ein berühmter Mechanicus und wusste mich durch
allerhand Lieblosungen dergestallt an sich zu ziehen dass ich mich nicht allein
zu seiner Profession applicirte sondern auch zur EvangelischLuterischen
Religion bekennete und durchaus nicht wieder zurück zu meinen Eltern
verlangete Mit den Jahren nahm die Lust zu denen Wissenschaften und der Fleiß
bei der Arbeit dermaßen zu dass mein GroßVater nicht nur ein ungemeines
Vergnügen dieserwegen bezeigte sondern auch den Trost gab wo ich also fort
führe würde wegen meines guten Ingenii und geschickter Faust mit der Zeit ein
guter Meister aus mir werden Die Großmutter hatte ihre einzige Freude an mir
weil sie noch kein eintziges von ihren KindesKindern als mich eintzig und
allein zu sehen das Glück gehabt denn ihre andern zwei Söhne waren ebenfalls
in der Ferne verheiratet die einzige Augspurgische Tochter aber unfruchtbar
Allein da wie bereits gemeldet habe in meinem 17den Jahre die erschreckliche
Zeitung von dem Unglücke meines Vaters einlieff zog sich die Großmutter
selbiges dermaßen zu Gemüte dass sie darüber ihren Geist aufgab ja es fehlete
wenig meinem lieben GroßVater wäre ein gleiches wiederfahren jedoch der
Himmel ließ ihn vielleicht zu meinem Troste noch eine Zeitlang leben Wir
hoffeten nach der Zeit immer auf Briefe von meinem Vater allein ganz
vergebens endlich aber da im Jahre 1713 mein GroßVater vor genehm hielt dass
ich mich in frembde Länder begeben und die Inventiones anderer geschickten
Leute in Augenschein nehmen sollte trieb mich dennoch die Liebe zum VaterLande
in meine GeburtsStadt wiewohl ich mich daselbst unter einem andern Nahmen
ganz incognito auffhielt und meine Mutter zu sprechen trachtete allein
selbiges war nicht möglich dahingegen kundschafte ich meine Schwester aus die
bei einer vornehmen Dame als AufwarteMägdgen in Diensten stund und gewann
dieselbe mit leichter Mühe sich mit mir auf die Post zu setzen und den
GroßVater zu zu eilen Sie hatte ihre Mutter ebenfalls seit 5 Jahren nicht
gesehen sondern war nachdem sie 3 Jahr im WaisenHause zugebracht von
besagter Dame heraus und in ihre Dienste genommen auch noch so mittelmäßig
tractiret worden weswegen sie von derselben schrifftl Abschied nehmen und
sich vor erzeigte Güte bedancken ihre plötzliche Abreise aber bestens excusiren
musste Mein ältester Bruder war als ein GoldschmidtsGeselle etwa ein halbes
Jahr vor meines Vaters Falliment nach Welschland gegangen und hatte sich seit
der Zeit noch nicht wieder gemeldet Meinem GroßVater war es von Hertzen
angenehm dass ich ihm so unverhofft die Schwester ins Haus brachte indem er
lauter frembde Leute zu seiner Bedienung und Wirtschaft halten musste Sie hat
sich jederzeit sehr wohl auffgeführet die Luterische Religion angenommen und
nachher eine glückliche Heirat getroffen Ich aber trat meine ernsthafte
Reise aufs neue an und zwar in die ResidentzStadt eines gewissen deutschen
Fürsten bei dem sehr viele Leute von meiner Profession ihren Auffentalt
gefunden und vortreffliche Werckstädten angelegt hatten Bloß meines Nahmens
und meines GroßVaters wegen der weit und breit berühmt war fand ich sehr bald
was ich suchte der Fürste selbst aber sah und merkte so wohl als seine
Directeurs dass ich mein Geld und Brod nicht mit Sünden verdienete sondern ohne
Ruhm zu melden mehr Kunst und Geschicklichkeit als Jahre besaß wannenhero ich
binnen 3 Jahren Gelegenheit genung fand mir ein ansehnliches Stücke Geld zu
sammlen Nach der Zeit da unser Fürst einen andern großen Fürsten mit einer
besonders künstlichen Machine beschenckte musste ich nebst zweien unter mir
stehenden Gesellen selbige dahin überbringen und behörig auffrichten wovor mir
ein Recompens von 2000 Tl zu Teile wurde mit welchem schönen Kapitale ich
eben meine RückReise anzutreten im Begriff war da mich eines Abends ein Knabe
auf der Straße anredete und bat ihm in ein gewisses in der Vorstadt gelegenes
Häusslein zu folgen allwo mich ein kranckliegender LandsMann zu sprechen
verlangete Diesem Ruffe folgte ich ohne Bedenken weilen vielleicht
Gelegenheit zu finden vermeinte einem armen bedürfftigen LandesManne meine
freigebige Hand zu zeigen traff auch wirklich einen Menschen daselbst an der
in einer besonderen Stube bei dunckel brennenden Lichte auf seinem SiechBette
sehr schwach und elend darnieder lag Jedoch da er mich im propern roten
Kleide mit einer geknüpfften Perruque zu seiner Tür hinein treten sah
richtete er sich ein wenig auf betrachtete mich eine lange Zeit und sagte
endlich nachdem ich ihn gegrüsset Monsieur Sie vergeben mir dass ich ihnen die
Mühe gemacht mich elenden an diesen schlechten Orte zu besuchen Ists wahr dass
sie ein Enckel des berühmten Augspurgischen Mechanici NB sind Ich weiß nicht
anders war meine Antwort Und von welchem Sohne redete er weiter vielleicht
von dem Schweitzer Da nun ich solches bejahete fragte er nach meinem und
meines Vaters auch meiner Mutter und Geschwister Nahmen welche ich ihm in
größter Verdriesslichkeit meldete jedoch solches nicht wohl abschlagen konnte
weilen vermutete dass dieser Mann allem Ansehen nach vielleicht die ganze
Historie von meinen Eltern besser als ich wissen möchte Er lag hierauf eine
ziemliche Weile sehr stille weswegen ich endlich zu fragen anfing ob er
meinen GroßVater von Person wohl kennete Seine Antwort war Ja mein Freund
sehr wohl aber euren leiblichen Vater noch weit mehr tut so wohl und eröffnet
mir wo sich derselbe voritzo auffhält und welcher gestallt er in so großes
Unglück geraten denn ich versichere dass derselbe mein allervertrautester
Freund gewesen Mein Herr versetzte ich den Auffentalt meines unglück
seeligen und dennoch geliebten Vaters zu erfahren habe ich seit etlichen
Jahren sehr viele vergebliche Mühe angewendet sonsten ist es leider an dem
dass er sich von einem gottlosen und ehrvergessenen LandStreicher der noch
darzu meiner Mutter Bruder gewesen ins Unglücke führen und um sein zeitliches
Glück bringen lassen da er doch sonst jederzeit und von jederman vor einen
redlichen geschickten und vernünftigen Mann gehalten worden Hierauff fragte
der Patient Ob ich nicht wisse wie es meiner Mutter und Geschwistern ergienge
und ich berichtete ihm die Wahrheit dass nämlich die Mutter meines wissens
annoch in gefänglicher Hafft mein ältester Bruder noch nicht aus Welschland
zurück gekommen die Schwester aber von mir vor einigen Jahren nach Augspurg
geführet sei Gott sei gelobt schrye er hierauf mit weinender Stimme der doch
zwei von meinem lieben Kindern aus dem Verderben gerissen hat Ich wusste nicht
so gleich was ich aus solchen Worten schließen sollte so bald ich aber das
Licht genommen und dem Patienten unter die Augen geleuchtet hatte erkannte ich
ungeacht seiner stark veränderten Gestallt meinen leiblichen Vater fiel ihm
um den Hals und benetzte sein Angesicht mit vielen heißen Tränen Er weinete
gleichfalls überlaut da aber mittlerweile sein Aufwärter in die Stube trat
wurde derselbe abermals in die Stadt geschickt vor mich eine Bouteille Wein zu
langen Also blieben wir allein beisammen und mein Vater fing an mir eine
ausführliche Erzählung seiner Glücks und UnglücksFälle zu tun jedoch weil
ich das meiste bereits gemeldet habe so will voritzo nur berichten dass er auf
seiner Flucht von Schaafhausen gerades Wegs nach Holland gereist und daselbst
unter ganz veränderter Tracht auch unter dem veränderten Nahmen Plager
etliche Jahr ziemlich ruhig hingebracht indem er seiner Profession eiffrig
obgelegen und sich schönes Geld verdient Jedoch der Satan hat aufs neue sein
Spiel indem er sich zum andern mahle von einem so genandten Adepto verführen
lässt seine ganze Barschaft an die Alchymisterei zu legen und mit ihm in
Kompagnie zu treten Seinem bedüncke nach geht der angefangene Prozess
glücklich genung von statten da sie aber ehester Tages den erwünschten Azot
oder Mercurium Philosophorum Katolicon nach welchen ihnen die Schrifften des
Welt bekandten Henrici Kunradi die Mäuler so trefflich wässrig gemacht mit
Augen zu sehen und mit Händen zu greiffen gedenken zerspringt ohnverhofft eine
Phiole auf dem Feuer dem HauptArtisten aber springt ein groß Stücke Glas
dermaßen tieff ins Auge dass er etliche Tage hernach elendiglich crepiren muss
Solchergestallt fällt der ganze kostbare Prozess auf einmal in den Qvarck
mein Vater erbet etwas Geld und Mobilien von diesen unglückseeligen Artisten an
statt aber sich dessen Schaden zur Warnung dienen zu lassen verwendet er alles
sein Haab und Gut auf einen nochmahligen Prozess gerät darüber in die größte
Armut so dass er fast das BettelBrod darüber essen muss endlich aber bringt
er dennoch ein mercurialisch metallisches Liquidum zur Perfection durch dessen
Hilfe wie er mir gesagt er die fixen Goldund SilberStrahlen im offenen
Tiegel auf dem Feuer ohne alles corrosiv von ihrem Korpore absondern kann also
fehlt ihm nichts mehr als die volatilischen mercurialischen zu einer
philosophischen truckenen Tinctur zu zwingen welches ihm aber nach der Zeit
niemals recht geraten wollen gleichwohl verdient er sich bei etlichen
Adeptis durch Eröffnung dieses Arcani mehr als 1000 Tlr und geht aus
besonderen Ursachen aus Holland nach Ungarn hält sich daselbst auch etliche
Jahre auf und verlaboriret abermals sein ganzes Vermögen muss sich also aus
Ungarn biss nach Deutschland als wohin er ein besonderes Verlangen getragen mit
Betteln behelffen Er kommt nach langen herum vagiren endlich an denjenigen Hof
allwo ich wie oben bereits gemeldet meine Machine zu præsentiren hatte
vermeint durch Entdeckung seiner Inventorum und Arcanorum ein Stücke Geld zu
erhaschen allein dieses ist am selbigen Hofe zu der Zeit schon etwas bekandtes
weil der Principal vor den einzigen Prozess des mercurialischmetallische
Liquidi mehr als 5000 Tlr gezahlet und zwar an eben diejenigen Kerls welche
denselben meinem Vater sämtlich vor 1000 Tlr abgekaufft hatten Jedoch da
der Principal ohnedem einen großen Schwallich eingebildeter kluger Adeptorum
sitzen hat und doch bei meinem Vater ein und andere sonst noch nie erfahrne
und gesehene Curiosa antrifft weiset er ihm in seinem Laboratorio eine Stelle
an nebst jährlicher mittelmässiger Pension Mein Vater hilfft eine ziemliche
Zeit lang sehr getreu arbeiten trifft aber solche Künstler an die von sich
ausgeben dass sie nur noch einer einzigen Haare breit von dem Astro auri
entfernet wären in der Tat aber sind es eitel Betrüger ausgenommen ein
einziger welcher nicht so viel Bosheit als einfältigen Hochmut in sich hat
Er gibt aber allen um so viel desto genauer Achtung auf die Finger mercket
eines jeden Schelmerei mit der Zeit sehr klüglich ab und entdecket endlich den
Principal ganz treuhertzig dass er unter seinen 21 Laboranten oder
Goldmachern wenigstens 19 Schelme und Spitzbuben ertappen könne Dieser hält
hierauf eine GeneralMusterung läst alles genau untersuchen und nach glücklich
entdeckten Betrügereien schöpfft er auf einmal einen dermaßen heftigen Eckel
gegen diese gefährliche Kunst welche ihn binnen etlichen Jahren nicht allein um
ein entsetzliches Kapital sondern über dieses noch in mehr als 2 Tonnen Goldes
Schulden gebracht so dass er das ganze Laboratorium zerstöhren meinem Vater
aber nebst seinem einzigen noch etwas ehrlichen Konsorten 2000 Tlr reichen
lässt mit dem Bedeuten dass sie selbiges Geld in ihren selbst beliebigen
Nutzen verwenden möchten auch die Freiheit haben sollten in seiner Residentz
und Landen zu bleiben doch mit dem Beding dass keiner der da ferner zu labori
ren gesonnen sich unterstehen möchte von ihm hinführo einen einzigen Pfennig
zu fordern biss er den veritablen Lapidem Philosophorum auffzuweisen hätte und
sich eine unverdächtige Probe damit zu machen getrauete Im Gegenteil werden
die andern 19 HauptBetrüger nebst ihren Handlangern in aller Stille des
Landes auf ewig verwiesen weil der allzugütige Herr seiner gerechten Rache
nicht den völligen Zügel schießen oder vielleicht andern Leuten keine fernere
Materie zu verdrießlichen Sentiments überlassen wollen
Wiewohl hätte doch mein armer Vater getan wenn er seinen Teil à 1000
Tlr auf Zinsen gelegt und als eine Privat Person von dem jährlichen Interesse
gelebt hätte zumahl da er außerdem noch ein paar hundert Tlr Geld in Händen
gehabt und sich an einem solchen Orte befunden wo seine Ruhe leichtlich von
niemanden wäre gestöhret worden Allein es ist ihm unmöglich die Hand von
demjenigen Pfluge abzuziehen mit welchen er noch immer den Stein der Weisen
die Tinctur der Physicorum das Astrum Metallorum das Mysterium magnum ja die
Himmlische Sophiam oder wie das Ding sonsten noch genannt werden mag
auszuackern gedenckt Kurtz zu sagen er legt nebst dem Kompagnon sein noch
übriges alles aufs neue an mietet sich in der Vorstadt ein GartenHaus zum
Laboratorio und arbeitet Tag und Nacht mit solchen unermüdeten Fleiße diss ihn
endlich der Dampf von einer gewissen communicirten Massa nicht allein ganz
contract an allen Gliedern macht sondern auch eine dermaßen heftige
Schwindsucht zuziehet dass er bei annoch ganz frischen Hertzen Lunge und Leber
auszuspeien gezwungen ist Er hatte trifftige Ursachen zu glauben gehabt dass
ihm ein böser Bude diesen Streich mutwilliger und mörderischer weise gespielt
habe jedoch erträgt er sein Creutz mit ziemlicher Gelassenheit und eben in
diesem Zustande erfährt er meine Anwesenheit zufälliger weise schicket
deswegen seinen AufwarteKnaben so lange nach mir aus biss selbiger mich
endlich antrifft und zu ihm bringt
Ich bejammerte meines Vaters elenden Zustand und erfuhr dass er keines
Talers mehr mächtig wäre sondern einzig und allein von der Gnade seiner,
selbst sehr armseelig lebenden vermeintlichen Artisten dependiren musste weilen
er ihrer Meinung nach noch ein und andere Arcana auf dem Hertzen so wohl auch
in Schrifften verborgen hätte die sie nach und nach von ihm heraus zu locken
gedachten Ich hergegen machte nunmehr alle Anstallten meinen Vater aufs beste
zu verpflegen jedoch durfte ich ihn in Anwesenheit anderer Leute nicht Vater
sondern nur Vetter nennen damit sein veränderter Nahme nicht verdacht erweckte
Wiewohl die Hoffnung zu seiner Genesung schien ganz vergeblich zu sein und
binnen MonatsFrist wurde sein Zustand dermaßen schlecht dass er selber zu
verstehen gab welchergestallt sein Ende heran nahete deswegen möchte ich mir
weiter keine größere Mühe geben als ihm einen Luterischen Prediger
zuzuführen der ihn täglich etliche Stunden zum seel sterben præpariren und
mit dem letzten ZehrPfennige nämlich dem heil Abendmahle welches er seit 5
Jahren nicht empfangen versehen möchte Dennoch erkundigte ich mich mit allem
Fleiße nach einem recht exemplarischen Priester war auch so glücklich einen
solchen anzutreffen und nachdem ich ihm den leiblichen und geistlichen
gefährlichen Zustand meines Vaters als ein besonderes Geheimnis anvertraut
ließ er sich gefallen denselben täglich wenigstens 4 Stunden zu besuchen Ich
weiß nicht ob sich mein Vater mehr über die Gesellschaft seines Seelsorgers
oder dieser über das offenhertzige Bekänntniss wahre Reue ernstliche Busse und
festen Glauben des bisher verirrt gewesenen Schaafs erfreut genung ich kann
mich nicht erinnern Zeit Lebens zwei vergnügtere Personen gesehen zu haben
Endlich aber da sich mein Vater wiederum völlig zur EvangelischLuterischen
Religion gewendet auch das heil Abendmahl empfangen hatte brach er bei immer
mehr und mehr abnehmenden Kräfften in beisein des Priesters und meiner in
folgende Worte aus GOTT sei gelobet der mich armen fast gänzlich verlohrnen
Sünder wieder zu Gnaden auf und angenommen hat ja nunmehr weiß ich gewiss dass
ich von den verguldeten Ketten des Teuffels befreit bin und die gewisse
Hoffnung habe ein Erbe der ewigen Seeligkeit zu werden O du verdammter Gold
und GeldDurst O du verfluchte Begierde hättest du mich nicht bald mit Leib
und Seele in den ewig breñenden höllischen SchwefelPfuhl gestürtzt Ja bei
nahe wäre ich aus dem zeitlichen ins ewige Verderben verfallen Spiegle dich
mein Sohn sprach er zu mir an meinem Exempel und lass dich die zeitlichen
Kostbarkeiten Künste und Wissenschaften die ich in Wahrheit nunmehr erstlich
vor Kot Eitelkeit und Stückwerck erkenne niemals verleiten Gottes darüber
zu vergessen oder solche Güter höher als die unvergänglichen zu achten
Bleibe mein Sohn beständig bei der einmal erkandten Evangelischen Wahrheit
so wirst du auf deinem TotBette nicht Ursache haben dich halb verzweiffelt
mit dem Teuffel und deinem bösen Gewissen herum zu schlagen wie du leider an
mir zur Gnüge verspüret Lass dich nicht zu solchen Sachen verführen die dir zu
hoch sind sondern bleibe viel lieber in deinem Stande und Beruff lege dein
Geld nicht an etwas ungewisses zum wenigsten nicht mehr als du ohne deinen
Schaden verschenken oder verlieren kanst sondern halt dasselbe zu rate weil
du an mir vermerckest dass Armut im Alter und auf dem SiechBette wehe tut Ja
mein Sohn strebe nicht so eiffrig nach Reichtum denn es bleibt ewig wahr was
die heil Schrifft sagt die da reich werden wollen fallen in Versuchung und
Stricke usf Hüte dich ein Weib zur Ehe zu nehmen die anderer Religion ist
als du hauptsächlich aber vor einer Reformirten Glaube mir da ich jetzo
zwischen Tod und Leben stehe dass ein Reformirtes Weib den GrundStein zu meinem
zeitlichen Verderben gelegt Gott erbarme sich ihrer und bekehre sie wo sie
anders noch am Leben ist Uberhaupt lass dir gesagt sein dass du dich nicht
leicht einem andern GlaubensGenossen anvertrauest ich vor meine Person weiß
gewiss dass ich unter hunderten kaum einen angetroffen der ohne Falschheit
gewesen Die wenigen Scripturen so unter meinem HauptKüssen liegen verbrenne
viel lieber als dass du dich selbst, oder deinen NebenChristen zu der
betrüglichen Kunst ich meine die Alchymie verleiten lässest Deiner
vollkommenen kindlichen Liebe bin ich mehr als zu viel versichert dieses ist
auch mein eintziges zeitliches Vergnügen so ich noch vor meinem Ende empfinde
und Gott herzlich davor dancke dieserwegen will ich auch alle Sorge vor meinen
entseelten Körper deiner Treue einzig und allein überlassen und dir den
väterlichen Seegen erteilen welchen Gott wegen meiner Busse und Bekehrung
bekräfftigen wird teile du denselben mit deinen Geschwistern daferne sie in
der Gottesfurcht stehen wo nicht so bleibe derselbe allein auf deiner
Scheitel
Nach diesen und noch vielen andern treuhertzigen Vermahnungen empfing ich
den väterlichen Seegen mit weinenden Augen hierauf befahl er noch kürtzlich
was ich meinem GroßVater und der Schwester vermelden sollte bekümmerte sich
weiter aber um keine zeitlichen Dinge sondern verharrete nebst dem Prediger
noch etliche Stunden im eifrigen Gebet biss er endlich bald nach Mitternacht
sanft und selig einschlieff Ich ließ den entseelten Körper auf Einraten des
redlichen Priesters Abends in der Stille auf dem GottesAcker an einen reputir
lichen Ort begraben bezahlete alle diejenigen, welche damit zu tun gehabt
reichlich nahm meines Vaters hinterlassenes Geräte zu mir packte selbiges in
einen besonderen Kasten und war willens mit ehester Post zurück an denjenigen
Hof zu reisen allwo ich meine Pension zu ziehen hatte als Tages vor Abgang der
Post ein unbekannter schlecht gekleideter Mann in meine Kammer trat und mich
ungefähr also anredete Monsieur nehmt mir nicht ungütig dass ich euch
unangemeldet Beschwerlichkeit verursache ich trage hertzliches Mitleid über den
kläglichen TodesFall eures Vettern und bedaure sonderlich dass ich heute mit
der Post zu späte gekommen bin denselben vor seinem seeligen Ende noch einmal
mündlich zu sprechen denn wir sind in Wahrheit jederzeit sehr gute Freunde
gewesen ich bin gewisslich fast um keiner andern Ursache willen verreiset als
einen GottesMann her zu führen der euren Vater von dem Irrwege auf die rechte
Straße führen und ihn zu einem wiedergebohrnen Menschen und rechtschaffenen
Christen machen sollte da ich aber von einem meiner Mittbrüder nur vor wenig
Stunden vernommen dass er als ein bussfertiger und bekehrter Christ von der Welt
geschieden gönne ich ihm die seelige Ruhe von Grunde meiner Seelen gern euch
aber mein Herr will ich freundlich ersucht haben mir um eine billige
Bezahlung dieses euren seel Vetters hinterlassene chymische Schrifften zu
überliefern weil sie doch vermutlich euch schlechten Nutzen schaffen werden
Ich gab hierauf zur Antwort dass mir an etlichen Talern Geldes wenig gelegen
sei jedoch weil ich dergleichen betrüglichen Plunder ganz und gar nichts
achtete wäre ich bereit ihm die Schrifften meines Vetters sehr gern zu
überlassen wenn erwähnter mein Vetter mir nicht vor seinem Ende befohlen diese
Schrifften viel lieber zu verbrennen als mich selbst oder meinen NebenChristen
dadurch zu der gefährlichen und betrüglichen GoldmacherKunst zu verleiten Ich
halte euch mein Herr war des Frembden Gegenrede euer Gespräch dissfalls zu
gute weil ich höre dass ihr so wenig Wissenschaft von der himmlisch Göttlichen
Kunst habt als ein rechtschaffener wiedergebohrner Mensch seid Jedoch
übereilet euch nicht mein Freund dasjenige zu unterdrücken was Gott durch
seine unerforschliche Barmhertzigkeit zu Vergrößerung seiner Herrlichkeit
auch einem schlechtglaubigen Menschen erfinden lassen glaubt anbei sicherlich
dass euer Vetter den Welt beruffenen Stein der Weisen vor 1000 andern Artisten
würde gefunden haben woferne er nur etliche Jahre zeitiger Busse getan und
mit feuriger Andacht im lebendigen Glauben und Gebet die Gnade des heil
Geistes angesucht ja ich will fast glauben dass er diesen kostbaren Schatz
schon wirklich in seiner Gewalt gehabt allein weil er bei seiner Arbeit nicht
auf Teosophische Weise durch geheime Gespräche mit Jehova eine reine
Gottesfurcht geübt hat so sind ihm von der himmlischen Sophia die Augen seines
Leibes und Gemüts gehalten worden dasjenige nicht zu sehen und zu begreiffen
was er doch wirklich vor Augen und unter seinen Händen gehabt hat
Ich wurde über diesem Gespräche dermaßen verwirrt dass ich nicht wusste was
ferner antworten sollte endlich aber fragte ich ganz in Gedanckenvertiefft
Mein Herr wie ist euer Nahme Mein gewöhnl Name sprach er ist euch zu wisse
ohne einzige Nutzen mein KunstNahme aber heißt Elisæus habt ihr selbigen
bereits erwähnen hören Nein versetzte ich sonsten aber fällt mir bei in einem
Tractætlein von einem Adepto gelesen zu haben der sich Elias Artista genannt
bereits vor etlichen 40 oder 50 Jahren dem berühmten Haagischen Chymico
Helvetio erschienen sein und demselben den Lapidem Philosophorum nicht allein
gezeigt sondern auch etwas davon mitgeteilt haben soll Eben dieser Elias
sprach der Frembde ist mein Meister er lebt biss diese Stunde noch in seinem
94ten Jahre dermaßen gesund und frisch dass er itzo vor einen Mann von etliche
40 Jahren anzusehen ist denn die aus dem Lapide præparirte universal Medizin
bewahret ihn nicht allein vor aller Kranckheit sondern auch die Teile seines
Leibes vor aller Ungestaltniss Runtzeln und andern gewöhnlichen
Beschwerlichkeiten Mein Freund rieff ich endlich aus wenn ihr mir diesen
WunderMann so wohl als sein arcanum nebst der Probe davon zeigen wollt so
bin ich nicht allein erbötig euch völlig Glauben zu zustellen sondern über
dieses meines Vettern hinterlassene Schrifften zu übergeben welche euch aber
meines Erachtens wenig nützen können indem wie ihr sagt euer Meister den
Lapidem schon wirklich besitzet Ich könnte euch sagte der Frembde durch eine
kurtze Erzählung sehr wunderbarer Geschichte gar bald aus dem Traume helfen
allein derjenige Eyd welchen ich meinem Meister geschworen verbietet mir
solches zu tun doch verzeihet mir dass ich mich über eure Einfalt wundere ihr
erbietet euch daferne ihr meinen Meister nebst der Probe von dem himmlischen
Arcano zu sehen bekommet der Sache völligen Glauben zu geben und die
Schrifften eures Vettern auszuliefern Ist dieses auch etwas besonderes O ihr
törichter Mensch warum woltet ihr euch nicht vielmehr bestreben sein Jünger
und mein Mitschüler zu werden Wie viel Könige wie viel Fürsten wie viel
tausend gelehrte und ungelehrte sollten sich ein solches Glück nicht wünschen
und es mit der Helffte ihres Bluts erkauffen Lebet wohl Ich verlasse euch und
zweiffele ob ihr mich nur ein einzig mahl wieder zu sehen das Glück haben
werdet
Ich meines Teils weiß biss diese Stunde noch nicht ob mich dieser Mensch
mit seinen bloßen Worten bezaubert oder als ein Basilisske durch das Ansehen
vergifftet hatte denn so bald er mir nur den Rücken zukehren wollte wurde mein
ganzes Wesen dergestalt verändert dass ich augenblicklich aufsprung ihm um den
Hals fiel und herzlich bat mich als einen verwirrten Menschen der da nicht
wisse was er glauben solle um des Himmels willen nicht zu verlassen sondern
meiner Schwachheit zu Hilfe zu kommen und wenigstens Morgen nachdem ich meine
5 Sinne wiederum in einige Ordnung gebracht noch ein einzigs mahl bei mir
einzusprechen Er versprach solches zwar jedoch mit einer solchen Gebärde dass
ich daraus die stärckste Ursache nahm an der Erfüllung seines Worts zu
zweiffeln weswegen ich mit Bitten nicht abliess biss er endlich den Schwur tat
mir so wahr er ein wahrhaftiger Anbeter des großen Jehova wäre sein Wort zu
halten
Weñ ich erzählen sollte wie mir in folgender Nacht zu Mute gewesen und
welchergestalt alle meine Affecten und Gedanken durch einander her gegangen so
müsste mehr als einen Tag Zeit darzu haben Kurtz ich bleibe fast dabei dass
mein ganzer Verstand bezaubert worden Die Vermahnungen meines sterbenden
Vaters zerschmoltzen wie Butter an der Sonnen und wie sehr ich sonsten auf die
betrügerischen Alchymisten erbittert gewesen so sehr wünschte ich nunmehr den
wundervollen Elias und den frommen Elisæum zu umarmen an die Abreise aber wurde
gar im geringsten nicht gedacht
Etwa zwei Stunden nachdem ich von meinem Lager aufgestanden stellte sich
der so sehnlich gewünschte Elisæus ein fragte ganz devot ob ich wohl geruhet
und Belieben hätte ihm zu folgen Deswegen warff ich mit erfreuten Hertzen in
größter Geschwindigkeit meinen Mantel um mich und folgete meinem Führer
welcher sich durchaus nicht erbitten ließ etwas von meinem delicaten
FrühStücke einzunehmen indem er einen halben FastTag zu haben vorschützte Er
führte mich jenseit der Stadt ebenfalls in ein kleines Häusslein allwo ein
etliche 40 Jahr alt scheinender Mann in der Stube herum ging und mich ohne
besondere Zeremonien willkommen hieß Selbiger redete erstlich weiter nichts
Elisæus aber fing einen sonderbaren geistlichen Discours an worinnen er die
vermeinte Göttliche Kunst biss in den Himmel erhub und beiläuffig den
gegenwärtigen so genandten Elias noch höher als alle heil Propheten und
Evangelisten erhub endlich gab er zu vernehmen wie mir die Probe von der
Transmutation der Metallen noch in dieser Stunde gezeigt werden sollte daferne
ich kein Bedenken nähme eine EydesFormul abzuschweren welche ungefähr
folgendes Innhalts war 1 Solte ich mit andächtigen und Gottesfürchtigen
Hertzen meine Augen auf das große WeltWunder richten 2 Dem Meister Elias
und seine Junger so wenig als das Wunder selbst verraten und ausplaudern 3
Daferne ich ja so glückseelig werden sollte bei ihnen unter die Zahl der Lernend
in aufgenommen zu werden mich aus allen Kräfften der Seelen dahin zu
bestreben als ein wiedergebohrner heiliger Mensch zu leben auch wie es der
Zustand rechtschaffener Christen erforderte alles das meinige und hingegen
auch alles das ihrige gemeinschaftlich zu halten 4 Dem Artisten Elia alle
Huld Treue und Gehorsam zu leisten oder da mir solches nicht länger anstünde
und ich etwa vor mich allein leben und arbeiten wollte ihm vorher danckbarliche
Aufkündigung zu tun
Kan man wohl glauben dass ich so töricht gewesen dergleichen Eyd zu
schweren welchen gemäß zu leben doch eine weit andere als menschliche Krafft
erfordert wurde Allein man bedencke nur dass mein Verstand in Wahrheit durch
die heftige Begierde nach dem Steine der Weisen nicht um ein kleines verrückt
worden deswegen hätte ich wohl noch weit unmöglichere Dinge angelobet um nur
desto hurtiger meine Neugierigkeit zu befriedigen Endlich wurde ich in ein
kleines Laboratorium geführet allwo ein bereits angemachtes KohlFeuer überall
aber lauter chymisches Geschirr zu sehen war In der Wand stunden etwa 7 oder
8 kleine SchmeltzTiegel deswegen sagte Elisæus Mein Freund leset euch
einen von diesen SchmeltzTiegeln aus besehet ihn ob er tüchtig ist und setzt
denselben ins Feuer denn ich und mein Meister werden euch ganz allein
handtieren lassen und allhier vor der Tür stehen bleiben damit ihr völlig
versichert sein möget dass alles ordentlich und richtig zugehe Ich zitterte
vor Freuden gehorsamete aber und setzte den Tiegel in die Glut Habt ihr etwas
Blei oder Zinn bei euch fragte Elisæus so wäget dort auf der Wage 1 Lot ab
und werfft es in den Tiegel Ich hatte einen bleiernen Griffel in meiner
SchreibTaffel weil aber selbiger noch kein Lot wuge so musste noch einen
zinnernen Knopff von meinen BeinKleidern reißen etwas davon abschneiden und
hinzu legen damit ein accurates LotGewicht heraus kam So bald ich gesagt
dass es zerschmoltzen sei fiel Elias auf seine Knie nieder schlug mit der Hand
an die Brust kehrete die Augen gen Himmel murmelte etliche unverständliche
Worte her zog immittelst ein klein Büchslein hervor und nahm aus selbigen ein
rötliches Stücklein Hartz oder was es sonsten sein mochte etwan einer halben
Erbsen groß schabte so viel davon als ein halber kleiner SteckeNadelsKnopff
beträgt und fragte ob ich etwas Wachs bei mir hätte Da nun ich solches
verneinete sprach Elisæus seht hier ist Wachs genung damit euch aber wegen
unserer Materialien kein Verdacht erweckt werde so nehmt ein wenig
OhrenSchmaltz macht mit Kote aus der Hand eine Massam daraus damit ihr
dieses kleine Stäublein von dem Lapide darein kleiden und in das geschmoltzene
Blei werffen könnt Nachdem solches geschehen und ich die vortreffliche Pille
hinein geworffen musste ich ein bei der Hand liegendes etwa halben Fingers
dickes Eisen nehmen ein einzig mahl damit auf den Boden des SchmeltzTiegels
und zwar nicht gar zu gelinde stoßen worauf alsobald ein starckes Getöse im
Tiegel entstund jedoch Elisæus erinnerte mich das Gesicht hinweg zu wenden und
hernachmahls gar eines Schritts breit davon auf den Sessel nieder zu lassen
allwo ich etwa eine halbe Stunde pausiren musste ehe Elias sich mit besonderes
andächtigen Gebärden von der Erden aufhub mir den Tiegel aus dem Feuer zu
heben und das was darinnen auf die Steine zu schütten befahl Indem ich
solches verrichtete gingen sie beiderseits in die Stube sich aber folgte
ihnen nicht eher nach biss ich den erkalteten Guss unter dem Kote hervorziehen
und zur eigentlichen Betrachtung in die Stube tragen konnte Ach Himmel wie
erfreut war mein Hertz da sich ein Stück aus Blei gemachtes Gold in meinen
Händen befand Elias fragte Kennet ihr nun das gemachte Gold Glaubt ihr nun
dass die Transmutation keine HirnGeburt ist Haltet ihr nun darvor dass Elias
Artista ein von Gott auserordentlich begnadigter Mann sei Ja lieber Herr ich
glaube alles war meine Antwort lege mich deswegen zu euren Füßen und bitte
mich Unwürdigen in die Lehre zu nehmen Pfuy schrye er betet Gott an und
nicht mich als seinen unwürdigsten Knecht dancket dem Höchsten der euch das
Geheimnis mit sichtbaren Augen anzusehen und zu gleich eine solche
Glückseligkeit vergönnet hat welche so viel hundert Kayser und Könige
vergeblich gewünscht haben Allein mein Sohn fuhr er fort ihr seid dennoch
viel zu leichtgläubig woher könnt ihr wissen dass dieses würckliches und
aufrichtiges Gold sei da selbiges noch von keinem Unparteiischen sattsam
probirt ist geht deswegen hin ich schencke euch das ganze Stück lasset es
von allen Goldschmieden examiniren bedencket aber dabei euren getanen Eyd und
kommt in dreien Tagen wiederum an diesen Ort so dann wollen wir weitläufftiger
mit einander sprechen Um keine Grobheit gegen diesen capricieusen Kopf zu
begehen bequemte mich augenblicklich zum Gehorsam ging auch zu allen
Goldschmieden in der ganzen Stadt ließ mein Stück probiren und erhielt das
allgemeine Zeugnis dass selbiges vom allerschönsten KremnizerDucatenGolde
wäre
Nunmehr beklagte ich erstlich dass mein seel Vater nicht noch am Leben
sei um dieses unvergleichliche KunstStück mit Augen anzusehen Nunmehr
bedaurete ich meine vormahlige Einfalt und dummes Judicium von der
Transmutatione Metallorum Ja nunmehr war ich entschlossen alle andern
Wissenschaften an den Nagel hängen zu lassen und mich eintzig und allein auf
das laboriren zu legen Allein wie wurde mein ganzes Gemüte doch in das
allergröste Betrübnis versetzt da ich am dritten Tage das leere Nest und
weder den Elias noch den Elisæum antraff auch in nachfolgenden 8 Tagen nicht
die geringste Nachricht von allen beiden erhalten konnte Ich blieb ganz ohne
Trost in meinem Logis brachte die meiste Zeit als ein am Leibe und Gemüte
krancker Mensch auf meinem Lager zu lief doch täglich 3 oder 4 mahl in das
kleine Haus allwo ich das große Geheimnis erfahren fand aber selbiges von
solchen Leuten bewohnet welche weder den Eliam noch Elisæum kennen oder nur
das geringste von ihnen gesehen haben wollten Endlich da ich mir die gäntzliche
Rechnung gemacht dass sie mich nicht würdig geschätzt in ihre Gesellschaft
aufzunehmen und darüber fast in Verzweiffelung fallen wollte kam am Abende des
8ten Tages Elisæus ohnangepocht in meine Stube getreten fragte wie ich mich
befände und entschuldigte hernach ziemlich freundlich dass er und sein Meister
wichtiger Ursache wegen sich einige Tage verborgen halten müssen meldete auch
dass sie binnen 3 Tagen diese Stadt gänzlich verlassen und sich in ein ander
sicherer Land begeben würden allwo weit frömmere Leute als hiesiges Orts
anzutreffen wären Ich fiel dem Elisæo um den Hals bat ihn aufs flehentlichste
mich nicht zu verstoßen sondern bei dem Artisten Elia allen Vorspruch
anzuwenden Dass mir vergönnet werden möchte in seiner Gesellschaft mit zu
reisen Endlich wurde mein Bitten erhöret und ich zu einem Mitgliede ihrer
Kunstgenossenschaft auf und angenommen sie schwuren mir welches erstaunlich
zu erwegen beiderseits einen teuren Eyd Mich in keinem Glücks oder
UnglücksFalle zu verlassen sondern mir jederzeit mit treuer Lehre auch Gut
und Blut zu dienen ich hergegen musste alle meine Mobilien zu Gelde machen
einen niederträchtigen Habit anziehen und alles in Gold verwechselte Geld
welches sich ungefähr auf 2300 Tlr belieff darein vernehen Hierauf traten
wir die Reise zu Fuß an und zwar an denjenigen Fürstl Hof wo ich meine
mechanische Werckstadt hatte daselbst nahm ich meinen Abschied unter dem
Vorwande eine Reise nach Engelland anzutreten verkauffte alle noch übrigen
Gerätschaften und löste 530 Tlr daraus hatte also ein Kapital von 2830
Tlr beisammen welches ich dem Elisæo halb zu tragen gab und mit meinen
Führern immerfort reiste ohne mich zu bekümmern wohin Uberall wo wir nur
einkehreten mussten die aller delicatesten Speisen aufgetragen werden ungeacht
aber alles aus meinem Beutel bezahlet wurde bekümmerte ich mich doch sehr wenig
um das eitele Geld weilen mich versichert hielt dass so bald selbiges verzehret
sei Elias den Schaden schon durch einen wichtigen GoldKlumpen ersetzen könnte
Endlich gelangeten wir in einem Holländischen Dorffe an allwo unser Wirt den
Elisæum und Eliam als wohlbekannte Freunde empfing und mir ebenfalls alle
Höfflichkeit erzeigte es fand sich daselbst ein unterirrdisches weitläufftiges
Laboratorium in welchen Elias Artista mit mir zu laboriren anfing und zwar
keine andern als diejenigen Processe welche mein seel Vater schrifftl
hinterlassen Elisæus aber musste eine Reise antreten um ein und andere
Materialien herbei zu schaffen hierzu nahm er mein Geld mit warum ich mir aber
nicht die geringste Sorge machte Mittlerzeit war der vortreffliche Lehrmeister
so gnädig mir dann und wann ein Stücke von seinem LebensLauffe zu erzählen
und gab vor er sei ein NordHolländer im Jahr 1622 geboren hätte von Jugend
auf bei einem seiner Verwandten dem laboriren beigewohnt und zum Scheine das
RotGiessen gerlernt nach der Zeit wäre er durch die Zubereitung verschiedener
trefflicher chymischer Artzeneien in starken Ruff kommen so dass ihm viele
berühmte Künstler besucht und ihres Vorhabens wegen seinen Rat verlanget
hätten Endlich aber sei bei sehr schlimmen Wetter einsmahls ein unbekandter
Mann zu ihm gekommen den er wegen seiner Erfahrenheit im laboriren etliche Tage
beherberget wohl gepfleget und von ihm letztlich die Præparation des Schatzes
aller Schätze nämlich des Lapidis philosophici erhalten hätte jedoch mit dem
Bedinge selbigen keinen Menschen völlig zu offenbaren als welcher gewisse
Merckmahle die mir aber Elias nicht sagen wollte in seinem Gesichte Gebärden
und ganzen Wesen von sich blicken ließe
Hierauf musste ich recht erstaunliche Geschichte von seinen durch alle
Europæische Länder getanen wundervollen Reisen anhören die ich voritzo
beliebter Kürtze wegen übergehen will sonsten aber beteuerte er hoch dass von
6 Personen denen er seit etliche 60 Jahren her dieses Geheimnis mit guten
Gewissen offenbaren dürffen kein einziger mehr am Leben sei ihn aber habe der
Himmel durch die Kräffte und Tugenden seiner universal Medizin stets gesund
frisch und stark erhalten so dass er sich über dieses Wunder selbst niemals
genung verwundern könnte
Ich weiß sprach er hierauf aus einer himmlischen Offenbahrung gewiss dass
sich mein Leben noch etwas über 120 Jahr erstrecken wird Der Vorrat von
meinem kostbaren Schatze ist zwar annoch so groß dass ich mehr als vor 100000
Tlr Gold aus bloßen Blei machen kann allein erschrecket nicht mein Sohn wenn
ich euch offenhertzig gestehe dass mir nunmehr bei nahe seit zehen Jahren her
nicht ein einzigmahl möglich gewesen den Lapidem so rite zu præpariren als vor
dem Hört was ich euch sage Ach leider ich bin vor fast zehn Jahren in eine
ganz besondere Sünde gefallen die niemand leichtlich erraten wird deswegen
straffte mich der Himmel auf frischer Tat dergestalt dass mir so zu sagen
nur ein kleiner Funcke von meinem sonst so vortrefflichen Gedächtnisse übrig
blieb Dem Himmel sei 1000 mahl gedanckt dass ich diesen kleinen Funcken nur
noch darzu anwenden können mich in der strengesten Busse und Kasteiung des
Leibes vor dem Himmel zu demütigen und eine neue heilige LebensArt an
zufangen denn nachher erlangete ich zwar binnen zweien Jahren meinen
ziemlichen Verstand und Gedächtnis wieder allein die Præparation des Lapidis
war unmöglich wieder auszufinnen Deswegen brachte meine Zeit in tieffster
Traurigkeit des Geistes zu ja ich hatte die allergröste Mühe der gäntzlichen
Verzweiffelung zu wiederstehen welche mir eines Tages folgende Worte
auspressete Herr ist es möglich dass du um einer einzigen übereilten Sünde
willen mir das große Siegel und Zeugnis deiner Gnade zurück ziehen kanst lass
entweder dieses nicht von mir geschieden sein oder scheide meinen Leib und
Seele gleichfalls von einander. Gleich nach Aussprechung dieser Worte wurde mein
Geist entzückt an einen solchen Ort der wegen seiner Klarheit und Zierde nicht
zu beschreiben ist auch sind die Worte nicht nachzusagen die ich daselbst
gehört habe es kam mir aber eine diamantene Taffel vor die Augen meines
Gemüts auf welcher folgende Worte geschrieben stunden Elias Artista hat auf
einmal 10 Sünden begangen derohalben muss er zur Straffe 10 ganzer Jahr
der gäntzlichen Zubereitung des himmlischen Kleinods beraubt sein ungeacht an
seiner eiffrigen Busse und völliger Bekehrung kein Zweiffel ist So bald ich
fuhr der verzweiffelte WindBeutel Elias fort diese Schrifft tieff in meine
Seele eingedrückt fuhr dieselbe eiligst zurück in ihren Körper welcher auf dem
Boden der Kammer ausgestreckt lag Eines teils befand sich derselbe etwas
getröstet andern teils wurde er zum öffteren wieder mit neuer Traurigkeit
überfallen so dass ich die allereinsamsten Örter suchte mich zur Erden
niederwarff und ohne Unterlass schrye Ach HErr wie so lange Wende dich HErr
Ists nicht genung 3 Jahr Ists nicht genung 4 Jahr Ists aufs höchste nicht
genung 5 Jahr Endlich da ich mich unter solchen Klagen fast sehr ausgezehret
hatte trat ein unbekandtes Männlein zu mir und sprach Elias höre mir zu
reitze mit deiner Ungedult die himmlische Gerechtigkeit welche dein Urteil
mit ihren Finger geschrieben nicht zum Zorne sondern ertrage mit Geduld was
sie dir auferlegt hat so werden deine Jahre auf 120 verlängert werden Du hast
ja von dem himmlischen Kleinode Vorrat genung dich annoch 7 biss 8 Jahre vor
Armut und Kranckheit zu bewahren denn es sind ja nunmehr bei nahe 3 Jahre
von deiner StrafZeit verflossen Zeuch armselige Kleidung an und wandere als
ein Pilgrim durch die Welt wende die Helffte deines Schatzes an das Armut von
der übrigen Helffte nimm deine Artzenei und Nahrung und lobe beständig den
Höchsten Erinnere dich dass dieses Geheimnis nirgends anders zu finden sei als
bei Jehova saturniné collocato in centro mundi deswegen läutere deine Seele
damit die himmlische Sophia aufs neue deine Freundschaft suche und dir die
niemals auszuschöpffenden Ströme ihrer Gnade und Gütigkeit noch reichlicher
als vorher anbiete
Ich Elias fand mich durch die Rede des Männleins sehr beruhiget und
gestärckt fragte aber also Was soll das Zeichen sein dass deine Reden
wahrhaftig und dass die himmlische Sophia nach Verfluss der 10 StraffJahre
wiederum vollkommene Freundschaft mit mir machen werde Die Zeichen gab es zur
Antwort sind folgende Vor Ablauff dieses dritten Jahres wirst du wiederum aufs
neue entdecken und zu beschauen haben der nackenden Dianæ Bad des Narcissi
Brunnen worinnen er sich nach langen Bespiegeln selbst ersäufft Im vierdten
Jahre die abgezehrte Echo in hohlen Klüfften und die Scyllam wegen
übermässiger SonnenHitze ohne Kleider in der offenbahren See herum spaziren
Im fünften Jahre das zusammen gelauffene Blut von Pyramo und Tisbe durch
welches die weiße Maulbeeren rot gefärbt werden ingleichen des Adonidis Blut
wie solches von der herabsteigenden Venere in die Rose Anemone verwandelt wird
Im sechsten Jahre die schöne HyacintBlume welche von Ajacis Blute
entsprossen ingleichen das Blut der Himelstürmenden Riesen welches ihnen Jovis
DonnerKerl erschopffet Im siebenden Jahre die häuffigen Tränen der Altææ
indem sie ihr güldenes Kleid ausziehet und von sich legt Im achten Jahre den
Garten Hesperidum in welchen die güldenen Aepffel von den Bäumen gebrochen
werden Den Hippomenes welcher mit der Atalanta um die Wette läufft und die
Venus welche 3 güldene Aepffel darzwischen wirfft den Lauff zu hemmen Im
neundten Jahre die von der Göttin Venere in einen Kometen verwandelte und
unter die Sterne versetzte Seele des Julii Cæsaris Das Feuer woran Medea 7
Lichter anzündet ingleichen die von Phaëtontis Wagen entzündete und brennende
Lunam Im zehendten Jahre den verdorreten Oelzweig so aufs neue mit Beeren
grünet ja den neuen und jungen ÖlBaum Plutonis Wohnung vor deren Toren der
dreiköpffige Cerberus liegt Den Scheiterhauffen worauf Hercules seine von der
Mutter empfangenen sterblichen Teile verbrennet die Väterlichen unsterblichen
Teile aber unverbrennlich erhält also nichts von seinem Leben verliehret
sondern endlich selbst in einen Gott verwandelt wird
Nach Verfluss dieser 10 Jahre redete das Männlein weiter wirstu Elias
Artista wiederum eingeführet werden in den Tempel des Bäurischen verwandelten
Hauses dessen Deckel aus puren lautern Golde bestehet du wirst darinnen die
philosophische Königin waschen und baden oder deutlicher zu sagen die terram
virgineam catolicam in crystallino artificio Physico magico circuliren
lassen du wirst den Philosophischen inwendig feurigen König mit seiner Krone
aus dem BrautBette seines crystallinischen Grabes herauf steigen sehen in
seinem glorificirten feurigen höchst vollkommenen Leibe mit allen Farben der
Welt geschmückt gleich einem hellleuchtenden Karfunckel und Wasserspeienden
Salamander Ja deine Augen werden aufs neue in den tieffsten Abgrund der spogyri
schen Kunst sehen als in welchem sichern Schoss die übermenschlichen
Geheimnisse bewahret liegen
Nachdem das Männlein fuhr Elias fort seine Rede geendet und mir
ausserdiesem noch verschiedene euch mein Sohn annoch zu wissen undienliche
Wahrzeichen und Lehren gegeben schied es plötzlich von mir ich habe mich nach
der Zeit in allen sehr genau nach seinen Worten gerichtet und befunden dass biss
auf diesen Tag alles sehr wohl eingetroffen ist Euer Vater seel hätte ein
großes Licht der Welt werden können, allein er hat die Vermählung mit der
himmlischen Sophia selbst verschmähet ich habe ihn zwar von Person nicht
gekennet doch Elisæus hat mir die unbetrüglichen Wahrzeichen die ich auch an
euch als seinem Sohne mit größten Freuden spüre Haarklein erwiesen mich
auch aus einem fernen Lande beruffen eurem seel Vater in der wahren Teosophie
zu unterrichten und mit Jehova zu vereinigen allein der Geist zeigte mir in
einer Entzückung an dass ich denselben nicht mehr lebendig gleichwohl aber
seinen darzu tüchtigen Sohn antreffen würde welches auch geschehen denn es ist
zu merken dass ich ohne ganz besonderen Antrieb des Geistes, niemanden
dasjenige was ich weiß zu lehren Erlaubnis habe ihr aber mein Sohn seid so
wohl als Elisæus vom Himmel darzu auserkohren Nunmehr ist das zehendte Jahr
biss auf wenige Wochen verlauffen es fehlt mir also in diesem Jahre weiter
nichts an der Propheceiung des Männleins als des Herculis Scheiterhauffen und
dessen Vergötterung erfüllt zu sehen welches ich mit Beihülffe der Schrifften
eures Vaters in kurzen vergnügt zu finden verhoffe
Was düncket euch meine Herren fragte hierauf Mons Plager indem er einen
kleinen Absatz seiner Erzählung gemacht und einige Erfrischungen vor seine
Gäste herbei gebracht hatte sollten dergleichen RedensArten eines
durchteuffelten Menschen nicht kräfftig genung sein einen betörten Kerl wie
ich damals war vollends ganz närrisch zu machen Ich muss bekennen dass
selbige von mir mit solcher Attention angehöret und erwogen wurden als ob sie
vom Himmel herab geredet würden denn mein Gehirne war mit der allerstärcksten
Hoffnung in wenig Monaten ein vollkommener GoldMacher zu sein dergestalt
angefüllet dass wenig andere vernünftige Gedanken oder BeurteilungsKräffte
darinnen Platz hatten Wir laborirten indessen immer drauf los warteten aber
mit Schmerzen auf des Elisæi Zurückkunft Elias reiste zwar auch zuweilen 3
4 biss 8 Tage hinweg kam aber immer mit allerhand Materialien und andern
leckerhaften Sachen zurücke welche Kosten doch alle aus meinem Beutel bezahlet
werden mussten weil Elias sein ungemüntztes Gold nicht ehe verwechseln wollte
biss es die höchste Not erforderte
Eines Tages aber fiel mir ein verzweiffelt schändlicher Streich in die
Augen denn da ich Nachmittags des Eliæ KammerTür eröffnete traff ich
denselben in dem ärgerlichsten Zustande mit einer liederlichen SchandMetze auf
seiner SchlaffStätte liegend an Dass ich über diesen heiligen Mann grausam
erschrocken sein müsse ist leicht zu erachten jedoch ich machte die Tür so
gleich wieder zu wünschte dass selbige nicht eröffnet worden ging in den
Garten legte mich unter einen grünen Baum und verfiel über diese Affäre in
ein sehr tieffes Nachsinnen Bald darauf kam Elias zu mir und sagte mit ganz
unpassionirten Gebärden Mein Sohn der Geist hat mir eingegeben dass ihr euch
in dieser Stunde zum ersten mahle an meinem Wesen geärgert habt deswegen ist
mir auferlegt euch eines bessern zu unterrichten Wisst demnach dass
dergleichen Handlung als ich anitzo mit einer WeibsPerson gepflogen
demjenigen Leibe dessen Seele bereits in der Vergötterung steht nicht zur
Unfläterei und Sünde zugerechnet wird sondern dieser Auswurff ist in keine
andere Betrachtung zu ziehen als die übrigen natürlichen Auswürffe des Unflats
Urins Schweisses und des Speichels diejenigen Lüste auch so dabei empfunden
werden gehen eintzig und allein den Leib im geringsten aber nicht die Seele
an Mit unwiedergebohrnen Leuten aber deren Seelen noch in keiner Vergötterung
stehen hat es eine ganz andere Beschaffenheit denn weil deren Seele mit dem
Leibe zugleich Teil an den Lüsten nimmt so gereicht es dem ganzen Menschen
zur Schande Unfläterei und straffbarer Sünde Der tausende Mensch kann dieses
nicht recht begreiffen ihr aber mein Sohn sollt hinführo noch mehr sichere
Gründe dessfalls erfahren
Mein Gott rieff Mons Plager aus hätte ich nicht gleich merken sollen
dass dieses eine der allerverfluchtesten TeuffelsLehren sei welche
schnurstracks wider die heilige Göttl Schrifft lieffe zumahlen ich als ein
guter Luteraner kein Frembdling in der Bibel und der reinen Augspurgischen
Konfession war Allein der Satan verblendete auf Gottes Verhängnis unfehlbar
meine Augen verstopffte meine Ohren vor der Stimme des heiligen Geistes und
verfinsterte meinen Verstand dergestalt dass ich einem verfluchten Ketzer mehr
glaubte als allen dem was ich von Jugend auf aus dem Worte Gottes gerlernt
hatte
Ich dancke Gott tausendmahl der mich hernach noch zu rechter Zeit aus
diesen verdammlichen Irrtümern gerissen und will nicht weiter an diejenigen
Greuel gedenken die ich noch von dem schändlichen Elia anzuführen wüste deren
mich aber doch Gott sei gelobt nicht selbst teilhaftig gemacht sondern
immer einen geheimen Abscheu dagegen gehegt habe Hergegen will ich erzählen
welchergestalt ich armer Schöps endlich von ihm betrogen worden
Elisæus kam wieder zu uns und also wurde das Laboriren mit aller Gewalt
fortgesetzt so dass ich mich zu Ende des Jahres ein starcker Chymicus zu sein
bedüncken ließ Elias zeigte mir nunmehr seine verfluchten HirnGeburten im
lebendigen Feuer nämlich den neuen jungen Oelbaum des Plutonis Wohnung den
Cerberum und den Herculem auf den ScheiterHauffen es war ihm aber ein
leichtes mich zum völligen leichtgläubigen Narren zu machen weil ich Zeit
Lebens wenig oder gar nichts vom Laboriren gesehen als bei ihm In den letzten
Tagen des Jahres musste Elisæus vor mein Geld eine neue Reise antreten mit dem
Befehl aufs längste in einem Monate wieder zu kommen weil Elias so dann den
Anfang machen wollte die Terram virgineam catolicam circuliren zu lassen und
den Philosophischen König aus seinem Grabe herauf zu holen Zwei Wochen hernach
nahm Elias ebenfals eine Reise nach der nächsten Stadt vor und versprach binnen
9 Tagen wieder da zu sein mittlerweile gab er mir ein mächtiges Stück chymi
scher Arbeit vor außerdem musste ich ihm alle meine GoldMüntze auszahlen biss
auf 100 spec Ducaten dahingegen gab er mir von seinem durch Kunst gemachten
Golde 8 Platten in Verwahrung worvon die 4 größten 114 Pfund die 4
kleinesten aber 4 6 biss 8 Lot am Gewichte hielten Da nun wie bereits sehr
öfters gemeldet bei mir nicht der geringste Verdacht wegen eines Betruges
herrschete ließ ich auf Katzen und MäuseArt immer mit mir hin spielen
verrichtete die aufgegebene Arbeit mit größten Fleiße wartete 9 Tage verzog
noch einen ganzen Monat allein vergeblich denn es wollte weder Elias noch
Elisæus wieder zum Vorscheine kommen endlich empfing ich von dem ersteren einen
Brieff worinnen er mir mit großen Schmeicheleien berichtete dass er wichtiger
Ursachen wegen die Reise nach Amsterdam fortsetzen müssen also sollte ich mich
nicht säumen aufs eiligste nachzukommen die ausgearbeiteten Sachen aber an
ihren Orte wohl verschlossen stehen lassen weil er Elisæum unterwegs
angetroffen und mit sich genommen hätte Wer war hurtiger als ich mich auf die
Reise nach Amsterdam zu begeben und dennoch kam ich um drei Tage zu späte weil
in dem angewiesenen Logis einen Brief von dem Elia fand worinnen er mit sehr
ungeduldigen Ausdrückungen beteuerte dass er ohnmöglich länger auf mich warten
können sondern sich genötigt befunden die Reise nach London in Engelland aufs
eiligste anzutreten ich möchte demnach so lieb mir alle meine Wohlfart sei
ihm auch dahin folgen in einem gewissen Hause nach ihm fragen doch sollte ich
mich ja hüten ihn Eliam Artistam sondern an statt dessen Curt van Delfft zu
nennen Ich kam sehr geschwind nach London über traff in dem bezeichneten Hause
zwar verschiedene Leute an die ich mit guten Gewissen vor Laboranten oder
Adeptos halten konnte bekam aber unter ihnen weder meinen Eliam noch Elisæum zu
Gesichte und da ich nach dem Curt van Delfft fragte machten alle zusammen
große Augen bekannten auch dass sie zwar sehr viel von dem Curt van Delfft
gehört selbigen aber zu sehen das Glück noch niemals gehabt Wer mir im Hause
vorkam den fragte ich so gut als es die Vermischung allerlei Sprachen zuließ
nach dem Curt van Delfft biss mich endlich der Wirt durch einen Dollmetscher
abhören ließ was ich von dem Curt van Delfft haben wollte Ich gab vor dass
derselbe mein großer Freund sei mit dem ich seit einiger Zeit starken Verkehr
gehabt und dass er mich aus Holland an diesen Ort und in dieses Haus beruffen
mithin bereits da sein oder doch bald anhero kommen müsste Hieraf ließ mir der
Wirt sagen wenn die Sachen eine solche Bewandtnis hätten möchte ich nur eine
einzige Stunde Geduld haben indessen ein Glas Wein trincken er wollte den Curt
van Delfft so gleich aufsuchen lassen Ich ließ mir solches gefallen und mich
so lange bei der Nase herum führen biss es finstere Nacht wurde endlich ließ
mich der Wirt in ein Zimmer seines HinterGebäudes ruffen mit dem Bedeuten
dass sich mein Freund schon daselbst befände Aber ach Himmel kaum hatte mein
Fuß die Schwelle des Zimmers überschritten da mich etliche gewaffnete Leute
überfielen zu Boden warffen meine Hände und Füße mit grässlichen eisernen
Ketten belegten und also gerades Weges in eins von den allerschlimmsten
Gefängnisse schleppten Hier hatte ich Zeit genug nachzugrübeln warum man doch
so unbarmhertzig mit mir umgehen möchte indem ich mich keines HauptVerbrechens
schuldig wusste denn binnen 3 Wochen kam kein anderer Mensch zu mir als
derjenige welcher täglich einmal Wasser und Brod zu meiner Nahrung brachte
und auf mein jämmerliches Klagen in gebrochener Holländischer Sprache nichts
anders zur Antwort gab als dass man in Engelland die SpitzBuben nicht anders zu
tractiren pflege Ich will mich bei dieser kläglichen Begebenheit nicht lange
aufhalten sondern um sagen dass zur selbigen Zeit ein beruffener SpitzBube in
der Welt herum flanquirte der sich bald diesen bald jenen unter andern aber
auch den Nahmen Curt van Delfft beigelegt hatte Vor dessen Komplicen mich zu
erkennen hatten die Herrn Engelländer die allergröste Ursache da ich mich
selbst gerühmt mit ihm in genauer Bekandtschaft zu stehen So bald ich demnach
zum Verhör kam wurden mir die allererschröcklichsten und empfindlichsten Fragen
vorgelegt und weil die Antwort darauf nicht nach der Richter Verlangen
ausschlug fingen sie sehr frühzeitig von der Tortur zu schwatzen an da nun
solchergestalt das Wasser biss an die Seele ging konnte ich nicht umhin meinen
ganzen LebensLauff so viel nämlich davon zu meiner Verteidigung nötig
achtete zu erzählen welches aber dennoch die Richter vor ein erdichtetes Werck
hielten und mich ganz gewiss in den elendesten Zustand gesetzt hätten wenn
sich zu meinem Glücke nicht unvermutet ein reicher Korrespondent meines
GroßVaters ins Mittel geschlagen Kaution vor mich gemacht und endlich die
ganze Sache zu meinem Vorteile ausgeführet hätte
Wer sollte wohl zweiffeln dass ich den Eliam so wohl als Elisæum nunmehr
würde vor SpitzBuben gehalten haben Aber weit gefehlt im Gegenteil glaubte
ich dennoch steiff und feste dass Elias ein ehrlicher Mann und nunmehr schon
wieder ein vollkommener Goldmacher sei ich glaubte auch dass ihm vielleicht der
berüchtigte SpitzBube den Nahmen Curt van Delfft abgeborgt dass Elias entweder
schon in London sei und vielleicht von meinem Unglück nichts wisse oder dass er
bald kommen oder wenigstens mir weitere schrifftliche Nachricht von seinem
Auffentalt geben würde woferne ihn nicht ein und andere wichtige Umstände noch
eine Zeitlang daran verhinderten Jedoch mein Hoffen war ganzer 6 Monat
vergebens ungeacht ich in demjenigen Hause wo er mich zu meinem Unglücke
hingewiesen beständig logirte und alle Tage wohl hundert mahl nach ihm umsah
Mittlerzeit aber geriet ich mit einem andern Adepto in Kundschaft welcher die
Redlichkeit selbst zu sein schien dieser verwunderte sich nicht wenig über
meine Erfahrenheit in der Alchymie und bekennete dass ich keinen ungeschickten
Lehrer müsse gehabt haben nachdem er mich aber endlich ganz und gar
treuhertzig gemacht und das Geheimnis von dem Elisæo und Elia ausgeforschet
auch meine GoldPlatten probiret hatte zeigte er mir den offenbaren Betrug dass
nämlich unter allen meinen 8 Platten kaum vor 8 Ducaten Gold zu finden ich
auch unter ein paar hocherfahrne aber dabei SpitzBübische Laboranten geraten
wäre die mich mit meinem BratenFette ein wenig betreuffelt den Braten selbst
aber nämlich mein schönes Geld listiger weise entwendet hätten Doch
unverzagt mein lieber LandsMann sprach dieser mein neuer Freund der sich
Meschner nennete und vor einen Pfältzer ausgab wo ihr Lust habt eure Kunst
Geld und andere Haabe mit mir zusammen zu setzen so weiß ich etliche TageReise
von London einen solchen Herrn anzutreffen der uns Vorschuss genung tun soll
den Lapidem Philosophorum auszufinden Man sagt sonst im gemeinem Sprüchworte
Wer gerne tantzt dem ist leicht gepfiffen also ergieng es auch mit mir denn
ich nahm augenblicklich das Erbieten dieses redlichen Mannes an und reiste
mit ihm fort Es gefiel mir dass er sich vor den Meister und mich nur vor seinen
Handlanger ausgab also erlangeten wir in wenig Wochen eine vortreffliche
Kondition laborirten aufs fleissigste biss endlich der so genannte Meister
binnen andertalben Jahren eine Untze Tinctur zu wege brachte mit welcher er in
der Probe vor des Principals Augen drittehalb Untzen Blei in Gold verwandelte
Vor dieses Experiment erhielten wir beide 500 Stück spec Ducaten zum Gratial
Der Meister machte ein neues Feuer an und versprach die Probe binnen 6
Monaten erstlich noch einmal im Kleinen zu machen brachte es auch glücklich
zu wege ich aber wusste noch zur Zeit nicht wie es zugienge denn mein
Kompagnon schien nicht mehr so aufrichtig als anfangs zu sein ungeacht er mir
von dem andern Gratial welches in 1000 spec Ducaten bestund ebenfalls die
redliche Helffte gegeben so dass ich nun wiederum ein Kapital von mehr als 800
Ducaten nebst andern seinen Sachen vor mich gesammlet und davon 500 Ducaten
an meinen GroßVater per Wechsel übermacht hatte Nun sollte es auf den großen
HauptEinsatz los gehen wozu der Meister 12000 spec Ducaten verlangete weil
aber der Principal diese Gelder allererst binnen 3 Monaten zu heben hatte so
befahl er uns den Prozess im Kleinen indessen noch einmal zu machen als wozu
der Meister nun nicht mehr als 6 Wochen Zeit zu gebrauchen sich rühmete Es
wurde demnach zum dritten mahle angefangen mein Kompagnon aber tractirte ein
und andere Dinge vor mir dergestalt heimlich dass ich mich endlich heftig mit
ihm zu zancken und vorzuwerffen anfing wie er allem Ansehen nach mich in der
Kunst zu betrügen vorhabens sei Endlich brach er los und vielleicht nur
darum weil er sich mehr vor meiner Stärcke und Hertzhaftigkeit als dem
übelverdorbenen Verstande fürchtete und beichtete aus dass er es vor eine uns
unmögliche Sache hielte das Arcanum Philosophicum magnum zu finden immittelst
weil er allhier ein Mittel sähe uns beiden auf listige Art ein solches Stücke
Geldes zu verschaffen wovon wir Zeit Lebens hinlängliche Zehrung nehmen könnten
hätte er allen seinen Verstand angewendet die Sache auf einen guten Fuß zu
setzen
Und also erfuhr ich aus offenhertziger Erzählung dass mein Kompagnon ein
SpitzBube sei der des Nachts mit größter LebensGefahr sich an einem Seile
durch den Schorrnstein in das Laboratorium welches der Principal jederzeit
selbst verschloss und versiegelte hinunter ließ die unanständigen Materialien
aus den Gefässen heraus und davor hinein schüttete was ihm beliebte und zu
seinem Betruge dienlich war Ich erstaunete gewaltig über dergleichen Bosheit
ließ mich aber gegen ihm nichts merken sondern forschete mit aller verstellten
Treuhertzigkeit so lange biss er gestund dass sein völliger Vorsatz wäre mit
den zu hoffen habenden 12000 Ducaten nebst mir nach Franckreich Spanien oder
Portugall zu seegeln Meine Redlichkeit und der Abscheu vor dem Diebstahle war
noch nicht erstorben weil auch über dieses bei so desperaten Unternehmen der
Galgen immerfort vor meinen Augen schwebete überlegte ich die ganze Sache
etliche Tage und Nachte lang sehr wohl Den Kompagnon zu bekehren schien eine
vergebliche Sache zu sein von dem durch SpitzBüberei erworbenen Gelde hatte
ich selbst schon eine starke Summe participiret deswegen fasste den Schluss
mein Gewissen und Hände zu reinigen und dem Principal der ein sehr gütiger
Herr war vor ferneren Unglück zu warnen Zu allem Glücke wurde mein Kompagnon
nach London verschickt deswegen ergriff ich die schöne Gelegenheit mit beiden
Händen und redete den Principal welcher selbigen Tages ungemein vergnügt zu
sein schien folgendergestalt an Edler Herr ich befinde mich vor die viele
genossene Gnade schuldig euch vor einem großen Unglück zu warnen worein ihr
von einem eurer Bedienten vielleicht in kurzen gestürtzt werden könnt jedoch
weil dem Ubel annoch vorzubauen ist so habt die Gnade mir zu versprechen dass
ihr den Ubeltäter nicht am Leben straffen sondern ihn nach euren Gefallen nur
in solchen erleidlichen Stand setzen wollt euch und keinem andern redlichen
Manne mehr zu schaden
Der Principal verwandelte seine Farbe ziemlich über diesen meinen
unverhofften Vortrag erhölte sich aber bald nahm mich mit in sein geheimes
Zimmer præsentirte mir einen Stuhl und sagte Eröffnet mir mein Freund das
Geheimnis so auf eurem redlichen Hertzen liegt ich versichere bei Gott dass
ich solches nach seinen Würden belohnen werde Hierauf erzehlte ich ihm die
verdammten Anschläge meines Kompagnons nebst meiner eigenen LebensGeschicht
worüber dieser Herr in eine besondere Erstaunung geriet mich aber letztlich
umarmete und bat ich möchte nur auf alles fleißig Acht haben ihm richtigen
Rapport abstatten an seiner Erkänntlichkeit aber nicht den geringsten Zweiffel
tragen
Ich versprach dabei binnen wenig Wochen die an meinen Augspurgischen
GroßVater übermachten Gelder nebst denen so ich noch bei mir hätte wieder
zurück zu liefern weil ich so übel erworbenes Gut unmöglich behalten könnte
allein der Principal widersetzte sich diesem Anerbieten und versprach noch
über dieses mich mit einem guten Præsent zu begnadigen wenn ich ferner redlich
handeln würde
Mein Kompagnon stellte sich wieder ein setzte ein völliges Vertrauen auf
meine Treue deutlich aber zu sagen so hielt er mich vor einen nicht viel
geringeren SpitzBuben als sich selbst die Tinctur wurde abermals zur
vermeintlichen Perfection gebracht er tat den Einsatz von 3 Untzen Blei in
des Principals Gegenwart bei späten Abend der Principal musste den Beisatz der
Tinctur selber tun hernachmahls das Laboratorium abermals verschließen und
versiegeln damit es die Nacht über ungestöhrt digeriren könne Der künstliche
Meister trat in den MitternachtsStunden da alles seinem Bedüncken nach im
festen Schlaffe lag die Fahrt durch den Schorrnstein an schüttete die unnützen
Sachen aus dem Tiegel heraus legte davor 3 Untzen gutes Gold hinnein allein
der Principal dem ich das verabredete Zeichen gegeben hatte nicht nur durch
ein verborgenes Loch alle seine HandGriffe selbst in Augenschein genommen
sondern über dieses das Seil durch einen Bedienten ganz gelinde zurück hinauf
ziehen lassen also stack die Maus in der Falle und musste im Laboratorio pausi
ren biss der Tag anbrach da endlich der Principal die Siegel und Schlösser
eröffnete den SpitzBuben in schwere Ketten schlagen und in das tieffste
Gefängnis werffen ließ
Wie es ihm ferner ergangen weiß ich nicht zu sagen denn ich bekam wenige
Tage darauf meine Abfertigung mit 100 spec Ducaten über alles dasjenige
Geschenck was ich vorher empfangen hatte und reise damit nach London des
willens ehestens zurück nach Holland zu gehen und den Eliam und Elisæum
aufzusuchen Zweimahl war ich nun solchergestalt sehr hässlich angeführet worden
hätte deswegen die größte Ursache gehabt diesen betrüglichen Künsten auf ewig
abzuschweren allein ich ließ mich von einem ErtzBetrüger aufs neue fangen
mit ihm und noch zwei andern bei einer sehr vornehmen Englischen WittFrau in
Bestallung zu treten Dieser Schelm welcher sich Renard nennete hatte einen
nicht weniger abgefeimten Spitzbuben zu seinem Vertrauten bei sich der ein
Italiæner von Geburt sein und Merillo heißen wollte Ein Kerl von schlechter
Erfahrung doch großen Prahlen und Windmachen war der dritte und meine eigene
Person der vierdte bei dieser löblichen Gesellschaft Renard und Merillo
verfertigten binnen Jahr und Tag ein rotes wie auch ein schwartzes Pulver und
gebrauchten das erstere aus Blei Gold das letztere aber aus Kupffer Silber zu
machen legten auch verschiedene Proben zu der Dame allergrößten Vergnügen
damit ab so dass sie sich endlich kein Bedenken nahm ihnen beiden 50000 Tlr
zu zahlen um das Werck en gros anzufangen allein Renard und Merillo nahmen das
Geld und begaben sich auf die Flucht der letztere ist mit etlichen 1000 Tlr
glücklich durchgekommen und wie ich nachher erfahren laborirt er an einem
vornehmen deutschen Hofe sehr scharff Renard aber wurde auffgecapert zurück
gebracht und musste nolens volens am Galgen zappeln weil seine rot und
schwartzen Pulver nicht allein betrüglich erfunden sondern auch an statt der
50000 Tlr nur vor 20 tausend Taler WechselBriefe bei ihm angetroffen
wurden Mein annoch übriger Kompagnon und ich hatten vom Glück zu sagen dass
wir dem Stricke oder wenigstens der Stäupung entgiengen ungeacht ich
sonderlich mich der Spitzbüberei im geringsten nicht teilhaftig gemacht
sondern mein Brod mit täglichen redlichen arbeiten wohl verdient hatte Allein
die Dame war ungemein erbittert jagte uns beide zum Hause hinaus behielt alle
unsere Sachen gab aber endlich doch mir von den meinigen auf allerkläglichstes
Flehen noch 50 spec Ducaten auf die Reise
Was war zu tun einen Prozess gegen eine solche hohe Person anzustellen
schien mir eine lächerliche Sache zu sein von kahlen 50 Duc konnte in
Engelland nicht lange zehren deswegen setzte mich zu Schiffe und ging zurück
nach Holland an denjenigen Ort wo ich meinen Eliam zuletzt gesehen hatte
Daselbst traff ich zwar eben das Laboratorium jedoch einen ganz andern
Hausswirt ingleichen ganz frembden Laboranten an kein Mensch wollte weder von
Elia noch vom Elisæo etwas wissen doch war der Meister von den Laboranten
nachdem er mein Malheur erfahren so gütig mir Kondition freie Kost und
Wöchentlich einen spec Ducaten Lohn zu geben
Selbiges war ein sehr frommer und gelehrter Mann der die köstlichsten
Artzneien bereitete außerdem aber auch sehr eiffrig das große Philosophische
Geheimnis zu erfinden suchte jedoch auf eine weit vernünftigere Art als alle
diejenigen so ich bisher gesehen Ich war so glücklich binnen weniger Zeit
mich in seine völlige Gunst zu setzen denn weil er in allen seinen Wesen
vollkommen redlich so merkte er auch gar bald dass bei mir der Verstand zwar
ziemlich verdorben im übrigen keine Schalckheit und Betrügerei anzutreffen
wäre Dennoch wendete dieser vortreffliche Mann allen Fleiß an mich so wohl in
der christlichen Lehre als auch in andern Wissenschaften aufs allertreulichste
zu unterrichten und solchergestallt geschahe es dass ich innerhalb 2 Jahren
ganz ein anderer und klügerer Mensch wurde
Mittlerweile aber waren alle diejenigen Processe welche mein Principal und
so zu sagen anderer Vater den Stein der Weisen auszufinden angestellet hatte
fruchtloss abgelauffen weswegen er einen kleinen Tractat in die Welt fliegen
ließ unter dem Titul Schwer auffzulösende zweiffels Knoten über die Frage Ob
der beruffene Stein der Weisen jemals von einem sterblichen Menschen erfunden
sei Etwa ein halb Jahr hernach kam eines Montags früh ein ehrbahrer etliche
50 Jahr alt scheinender Mann der das Ansehen eines Reichsstädischen reputirli
chen PfahlBürgers hatte vor unsere Tür und verlangete mit dem berühmten
Chymico nämlich mit meinem Principal zu sprechen Ich wollte denselben unter
dem Vorwande dass mein Herr noch nicht auffgestanden sei mit einem halben
FrantzGulden abweisen weil er mir nicht anders als ein AllmosenSucher in die
Augen leuchtete allein er bedanckte sich und gab vor wie er meinem Herrn
nicht beschwerlich fallen sondern nur ein kurtzes Gespräch von chymischen
Geheimnissen mit ihm halten dieserwegen auch in einer Stunde wiederkommen
wollte Hiemit ging er fort ich aber musste in meinem Hertzen lachen dass ein
solcher einfältiger Mensch sich in so wichtige und hohe Dinge mischen wollte
denn ohne Schertz dieser Mann schien in meinen Augen ein ganz
außerordentlicher EinfaltsPinsel zu sein Ich sagte meinem Principal nicht
einmal etwas davon da aber der Mann in einer guten Stunde wieder kam war der
erstere so gütig denselben in sein geheimes Kabinet zu führen Sie waren 3
gute Stunden in sehr ernstaften Gesprächen begriffen wovon aber ich wenig
oder nichts deutliches verstehen konnte Nachhero speisete der Gast mit meinem
Principal ganz allein nach Tische aber musste ich ein großes FeuerBecken
einen mittelmäßigen SchmeltzTiegel einen Blasebalg wie auch ein PfundStück
Blei in das geheime Kabinett bringen indem ich aber bei dem FeuerBecken stehen
blieb und die Kohlen anbliess gab der Frembde meinem Principal einen Winck der
so viel bedeutete dass er mich hinaus schaffen sollte Der Principal aber sagte
darauf Mein Herr wenn ihr sonsten keine besondere Ursachen habt euch vor
diesen Menschen zu fürchten so lasset ihn in Gottes Nahmen die Wunderwercke des
Allerhöchsten beschauen ich bin Bürge vor seine GottesFurcht und Redlichkeit
denn er ist in der CreutzSchule gewesen und nach vielen Torheiten zu sehr
guten Verstande gekommen
Demnach ließ sich der Frembde gefallen dass ich da blieb mein Principal
legte das PfundStück Blei in den SchmeltzTiegel weil aber selbiger als ein
untüchtiges Gefäße zersprunge musste ich etliche andere herbei bringen wovon
wir den besten auslasen und ein ander Stück Blei hinnein warffen So bald es
zergangen war sagte der Frembde werffet noch ein Pfund Blei zum Geschenck vor
diesen redlich scheinenden Menschen hinein Mittlerweile mein Principal dieses
tat langete der Frembde aus seinem Brustlatze eine kleine Helffenbeinerne
Büchse hervor worinnen ein Rubinrotes Pulver war von diesem nahm er etwas
weniges auf die Spitze eines Messers schüttete dasselbe auf ein WachsKüchlein
so etwa eines Holländischen Düttchens groß aber sehr dünne war Mein Principal
der ihm das WachsKüchlein vorhielt machte selbiges mit dem inwendigen Pulver
zu einer Kugel und warffs in das bereits völlig zerschmoltzene Blei Alsobald
erhub sich im Tiegel ein starckes Gezische das Blei schien mit seinem
OberHerrn zu kämpffen konnte aber nichts anders ausrichten als unzehlige
WindBlasen welche die wunderwürdigsten Farben hatten in die Höhe werffen
Nachdem es Stillstand worden zeigte die Massa im Tiegel die allerschönste
grüne Farbe beim ausschütten schien sie BlutRot endlich aber kam in dem
GiessBecher die vortrefflichste GoldFarbe zum vorscheine
Mein Principal welcher das Probiren aus dem grunde verstund befand es
alsobald vor ein solches Gold das von keinem andern in der ganzen Welt
übertroffen würde deswegen war er so wohl als ich ganz außer sich selbst
gesetzt ja wir wussten vor Verwunderung Freude und Schrecken nicht was wir
reden oder gedenken sollten Der Gast saß inzwischen mit gefaltenen Händen auf
seinem Stuhle ganz stille da aber mein Principal und ich uns an der
wunderbaren Veränderung nicht satt sehen konnten unterbrach er endlich das
Stillschweigen und sagte mit einer gelassenen Mine Wie nun mein Herr werdet
ihr auch nunmehr euren letzthin geschriebenen Tractat wiederruffen oder ihn
zum wenigsten verbessern Ach ja mein allerwertester Freund versetzte mein
Principal ich werde in Zukunft entweder klügere Sachen oder gar nichts mehr
schreiben Tut was ihr wollt sagte der Frembde voritzo aber erlaubet mir
dass ich mit euch beiden ein wenig ins Feld spazieren gehe denn die Bewegung
ist nach der Mahlzeit meine beste Sache Mein Principal war bereit seinem
unvergleichlichen Gaste alle Gefälligkeit zu erweisen ging deswegen in ein
anderes Zimmer um bessere Kleider anzuziehen Immittelst tat ich meinen Mund
auf und sagte zu dem Frembden Mein Herr ihr habt eure Kunst besser und
auffrichtiger gezeigt als mein Meister Elias Artista welcher mich eben allhier
in diesem Hause vor wenig Jahren aufs allerschändlichste betrogen und um ein
schönes Stücke Geld gebracht hat Mein Sohn gab er zur Antwort ihr seid sehr
übel berichtet denn der wahrhafte Elias Artista welcher mein eigener
LehrMeister gewesen ist bereits vor etliche 20 Jahren den Weg aller Welt
gegangen und von mir in aller Stille auf sein eigenes Verlangen an einen
solchen Ort begraben worden den außer mir kein Mensch auf der ganzen Welt
weiß Ich weiß aber wohl dass sich seit vielen Jahren ein anderer Elias Artista
gezeiget und vorgegeben hat wie er eben derselbe sei der sich durch die
Krafft und Tugend seines philosophischen Steins biss zu so hohen Alter gebracht
hätte allein der Kerl ist ein Spitzbube und LeuteBetrieger ich kenne ihn so
wohl als seine Eltern er ist kein Holländer von Geburt wovor er sich
ausgibt sondern ein Deutscher hierbei sagte mir der redliche Gast auf mein
Bitten die GeburtsStadt und alle andern Uhrkunden des verteuffelten
Spitzbubens welches ich alles sehr eigentlich anmerckte Elisæus sein Diener
aber ein getauffter Jude es wäre mir an verschiedenen Orten ein leichtes ihm
seine Tücken auffzudecken allein wieder meinen Beruff gewesen denn die Liebe
muss allezeit von sich selbst anfangen Seine verzweiffelt gespielten Streiche
sind außerordentlich bosshaft und guten teils lächerlich ich aber bemühe mich
gar selten daran zu gedenken Hierauff erzehlete ich unserm Gaste so kurtz als
möglich welchergestallt ich von dem falschen Elia und Elisæo hintergangen
worden wünschte letztlich aber nichts mehr als zu wissen wie es zugegangen
wäre dass er mich so wahrscheinlich mit der ersten Probe seines darvor
ausgegebenen WeisenSteins übertäuben können Mein Freund sprach der Gast
hierauf es ist zu verwundern dass euch die Spitzbuben ihre Künste nicht
gerlernt ihr müsst ihnen in Wahrheit zu ehrlich und einfältig geschienen
haben ich wollte euch sehr viele von ihren subtilen TaschenSpielerKünsten
auffdecken allein voritzo leidet es die Zeit nicht doch was die Art
anbelanget mit welcher euch der falsche Elias betört hat so wisst dass er
seine SchmeltzTiegel worinnen er die Probe machen will dergestallt zurichtet
dass auf dem inwendigen Boden derselben nach proportion der Größe des Tiegels
2 4 6 auch wohl mehr Loht reines GoldStaubs zu liegen kommt nachher
überziehet er selbst den Tiegel mit einer undurchsichtigen Lasur die sich in
starken Feuer verzehret das Blei so er in den Tiegel zu legen befiehlet muss
ebenfalls verbrannt und verzehret werden so dann kann ohne seinen betrüglichen
Stein das verborgen gewesene Gold welches in der Glut von Natur am Gewichte
und Güte nichts fallen läst zum vorscheine kommen setzt ihm aber jemand einen
andern Tiegel vor so weiß er seine Streiche schon dermaßen einzurichten dass
selbiger unfehlbar zerspringen muss Ach schrye der gute Gast hierauf die
Welt will betrogen sein mit euch als einem zu der Zeit Unerfahrnen nimt es mich
wenig Wunder allein unter so vielen Europäischen Liebhabern dieser Kunst sind
seit etlichen Seculis schon so unzählig viele betrogen worden und dennoch
lassen es sich die wenigsten nicht ehe zur Warnung dienen biss sie den Betrug
nicht nur mit Augen sehen sondern mit Händen greiffen und die NachWehen in
ihren GeldKasten fühlen können
Ich hatte nicht Zeit hierauf zu Antworten vielvielweniger meine Flüche
über den falschen Eliam und alle andere spitzbübisschen GoldMacher auszustossen
denn mein Principal kam darzwischen und führte den Gast aufs freie Feld
spazieren und zwar einen solchen Weg den der Gast selbst erwehlete ich hatte
die Erlaubnis neben ihnen her zu gehen und vortreffliche Lehren aus ihren
erbaulichen Gesprächen zu ziehen Indem wir nun ungefähr eine Stunde von
unserer Wohnung entfernet waren kam seitwärts in der LandStraße eine
schneller PostWagen gefahren auf welchen zwei Passagiers saßen Unser Gast
schien nicht darauf Achtung zu haben ging aber etwas auf die Seite als ob er
andere Verrichtungen hätte allein er zohe ein Blat Pappier aus dem Busen legte
ein kleines Buch auf das Knie beschrieb das Blat mit Bleistiffte legte ein
ander Pappierlein hinein rollete es zusammen und behielts in der Hand Mein
Principal und ich stunden und warteten auf seine Wiederkunft mittlerweile kam
auch der PostWagen sehr nahe und hielt zu unserer Verwunderung stille So bald
aber der Gast zurück kam umarmete und küsste er so wohl mich als meinen
Principal und sprach Meine Freunde seid bedanckt vor die mir angetane Ehre
ich sehe mich vor dieses mahl gezwungen von euch zu scheiden beurteilet mich
ohne trifftige Ursachen zu keinem Verbrechen überlegt diese meine Schrifft aufs
allergenauste der Himmel segne euch dass ihr vergnügt leben möget biss wir uns
vielleicht so GOTT will bald wieder sehen Unter diesen Worten gab er meinem
Principal das zusammen gelegte Pappier in die Hand wartete auf keine Antwort
sondern ging ganz hurtig nach dem Wagen zu und fuhr in größter
Geschwindigkeit davon Wir beide blieben als ein paar geschnitzte Bilder auf
unsern Stellen so lange ganz unbeweglich stehen biss der Wagen gänzlich aus
unserm Gesichte verschwunden war ja ich glaube wir hätten uns noch in langer
Zeit nicht geregt wenn nicht ein von ferne heran kommendes Donnerwetter unsere
zerstreuten Gedanken und Sinnen wieder zusammen getrieben hätte Mein Principal
sah mich und ich ihn mit seufftzen an endlich öffnete er die Schrifft und
fand selbige also gesetzt
Meine Freunde
Ich will mich um eure vielerlei Gedanken die ihr wegen meiner unverhofften
Ankunft und plötzlichen Abreisens hegen werdet voritzo nicht bekümmern
Schlaget in Luteri deutscher Bibel den 3ten Versicul des 28 Kap im Buch Hiob
auf in selbigem ist durch ein reines Anagramma der richtige Prozess zu finden
wie man auf die allerleichteste Weise den Lapidem Philosophorum finden kann Hat
euch GOTT diese Gnade zugedacht so wird er den Fleiß nicht vergeblich sein
lassen den ihr zu Ausforschung des versteckten Geheimnisses anwendet oder es
fügen dass ich euch vielleicht in wenig Monaten wieder besuchen darff
Inzwischen empfanget so viel von dem unschätzbarn Schatze als euch hier
beigelegt und nötig ist die Wahrheit des göttlichen Geheimnisses vor allen
Verläumdern zu rechtfertigen Seid jederzeit fromme Kinder GOTTES vergesset die
Armen nicht und bleibt mit so wie ich euch gewogen
Daniel Artista
Es fehlete wenig dass wir beiderseits überlaut zu weinen angefangen hätten weil
aber dennoch nicht alle Hoffnung abgeschnitten war den teuren Mañ wieder zu
sehen über dieses die tröstliche Zuschrifft und denn das innliegende Pulver
welches ungefähr 6 Gran am Gewichte hielt uns einigen Mut machte so
erreichten wir endlich ziemlich beruhigt unsere Wohnung Gleich Tages darauf
machte der Principal die Probe mit einem vierteils Gran des Arcani und
proportionirlicher Quantität Bleies noch einmal und also sahen wir mit
wiederholter Verwunderung dass das Blei abermals ins feinste Gold verwandelt
wurde und sonsten alles seine vollkommene Richtigkeit hatte
Nach der Zeit wandte so wohl der Principal als ich die meiste Zeit auf die
Ausfindung des Anagrammatis allein wir konnten binnen 5 oder 6 Monaten wenig
oder gar nichts kluges zu Marckte bringen Der teure Mann Daniel Artista
wollte nicht wieder zum Vorscheine kommen dem ungeacht war mein Principal nur
immer desto erpichter auf die Arbeit so dass er des Nachts kaum 2 oder 3
Stunden zu schlaffen pflegte Endlich zu Ende des 8ten Monats brachte er
folgendes Anagramma zu wege welches ich nicht allein im guten Gedächtnisse
sondern auch unter meinen geschriebenen Sachen auffbehalten habe und solches
euch meine Herrn augenblicklich zeigen will
Unter diesen Worten zohe Mons Plager ein Blat aus seiner SchreibTafel
hervor gab es in unsere Hände und wir fanden auf selbigen folgende Schrifft
Hiob XXVIII 3
Es vvird ie des finsteren etvva ein Ende und iemand findet ia zuletzt den
Schieffer tieff verborgen
Per Anagramma purissimum
Diamant Weinstein Federvveiss nuzzen Gold vierfach Feur bereitet der Feind
findet den Stein
Nachdem wir es alle gelesen und wohl uberlegt unser Urteil aber dieserhalb biss
auf eine andere Zeit ausgesetzt fuhr Mons Plager in seiner Erzählung folgender
Gestalt fort Ich will jetzo nicht weitläufftig erweisen ob wir klug oder
entschuldigen dass wir töricht gehandelt haben da uns dieser halb deutlich und
halb dunckele Spruch zum Grunde aller Mühe und Arbeit dienen musste Genung wir
setzten nach selbst gemachter vorteilhafter Auslegung unser gäntzliches
Vertrauen darauf allein es zerbrach ein sehr starcker Pfeiler meiner Hoffnung
da der Principal wegen sich selbst verursachter Strapazen im zehendten Monat
nach des Daniels Abreise vom Schlage gerühret wurde und wenig Tage darauf im
62sten Jahre seines Alters plötzlich den Geist aufgab Wenn ich nicht allzu
ehrlich gewesen so hätte nicht allein den Rest des Geheimnisvollen Pulvers
sondern auch ein ziemlich Stück Geld auf die Seite schaffen können dergestallt
aber musste mich von seinem in der nächsten Stadt wohnhaften Bruder der ein
ziemlicher Geitzhals sein mochte mit 400 Gulden vor rückständiges Lohn und
alles abspeisen lassen und da derselbe über dieses so eigensinnig und
argwöhnisch war mir des verstorbenen Principals kleines HandApoteck gen
worinnen auch das Geheimnisvolle Pulver befindlich vor die gebotenen 200 fl
zu überlassen so machte auch ich mir ein Bedenken ihm die Kräffte und Nutzen
der ihm unbekandten Sachen zu offenbaren Gleichwohl fragte er mich wie viel
wohl Zeit erfordert werden möchte die annoch im Feuer stehenden Materien zu
perfectioniren und ob ich mich wollte darzu gebrauchen lassen Ich erklärete ihm
also dass wenigsten 3 Monat Zeit darzu gehöreten und wie ich zwar nach
vorgeschriebener Art und eigener Erfahrung selbige zu gute machen jedoch so
wenig vor die Verunglückung als andere dabei zuweilen entstehende
Gefährlichkeiten oder Schaden haften könnte und wollte Wie ich hernach bedacht
so wäre es mir ein leichtes gewesen ihm unter diesen oder jenem Prætext das
kostbare Pulver abzuschwatzen allein ich muss glauben dass es solchergestallt
mein Verhängnis selber hintertrieben hat Inzwischen nahm ich den Accord an
vor Monatl 50 fl noch eine Zeitlang da zu bleiben so lange nämlich biss in
allen reine Arbeit gemacht wäre Demnach war ich meiner andern MitGesellen
vorgesetzter der neue Principal aber welcher von der Kunst wenig oder gar
nichts verstund kam gemeiniglich nur Wöchentlich zwei mahl uns zu besuchen
Eines Tages da ich mich der kühlen AbendLuft ohnfern von der Wohnung unter
den grünen Bäumen bedienete kam ein frembder Mann zu mir und fragte ob mein
Principal den er bei seinem ganzen Nahmen nennete zu Hause sei und ob es ihm
würde gelegen sein sich diesen Abend sprechen zu lassen Ich gab hierauf zur
Antwort dass derjenige nach welchem er fragte nur vor wenig Wochen gestorben
erkannte aber auf einmal an seinem Gesichte dass dieser einer von den zweien
Passagiers welche nunmehr bei nahe vor einem Jahre mit dem Daniel auf der
schnellen Post davon gefahren Deswegen fing ich vor Freuden an zu zittern
zumahlen da er sich stellte als ob er nach Anhörung so unverhoffter Zeitung
wieder Abschied nehmen wollte jedoch auf mein inständiges Bitten ließ er sichs
endlich gefallen bei mir ein NachtQuartier zu nehmen Ich ließ nebst dem
köstlichsten Weine die besten Delicatessen aufftragen so nur zu haben waren
tat hernach dem Frembden eine ausführliche Erzählung von meines Herrn Leben
und Tode hernachmahls auch von meinem eigenen Wesen und wie weit ich es in der
Kunst aller Künste gebracht hätte Indem ich ihm das Anagramma vorlegte
vermerckte ich dass er unter dem lesen Blutrot im Gesichte wurde letztlich aber
ein klein wenig die lincke Schulter zuckte Auf mein Befragen was er von diesem
Anagrammate urteilete gab er diese Antwort Mein werter Herr und Freund
verzeihet mir ich darff gegen euch biss auf expressen Befehl meines Meisters
des Danielis Artistæ von diesen Sachen kein positives Urteil fallen allein ich
werde ihm die ganze Beschaffenheit gewissenhaft referiren Beliebt euch nicht
versetzte ich diesen Zeddul mit dem Anagrammate beizustecken oder eine
Abschrifft davon zu nehmen Es ist nicht nötig sprach er denn bekandte Sachen
lassen sich um so viel desto leichter in meinem ohnedem sehr guten Gedächtnisse
erhalten Hierauff veränderte er das Gespräch jedoch nur in etwas und gab mir
vortreffliche Lehren diejenige Arbeit welche ich unter Händen hatte mit
Renomme zu absolvi ren Auf Befragen aber wie ich mich in der HauptSache zu
verhalten hätte sprach er Seid nicht so ungestüm mein Herr sondern erwartet
die Zeit Morgen früh werde ich euch noch einige gefällige Dienste erzeigen
voritzo aber erlaubt mir einige Stunden zu schlafen
Es wäre eine Grobheit gewesen den Gast weiter zu incommodiren deswegen
legten wir uns in zwei besondere Betten nieder ich kunte vor Freude Furcht und
Warten der Dinge die kommen sollten kein Auge zu tun biss mein Gast so bald
der Himmel grauete aufstund mich gleichfalls weckte und sich ankleidete
Nachdem verrichte er sein MorgenGebet kniend sehr stille am KammerFenster
mittlerweile hatte ich einen glüenden Wein bereitet von welchen er 4 oder 5
Tassen zu sich nahm und mich nachher bat mit ihm ins Feld zu spazieren Ich
fragte ob er denn vielleicht schon Abschied von mir nehmen und nicht noch
einen Tag und Nacht ausruhen wollte Seine Antwort war Ich kann nicht länger
bleiben mein Freund habt Danck vor euren guten willen unterwegs auf freiem
Felde werde noch etwas weniges von eurem Vergnügen sprechen Solchergestallt
sah mich betrübter weise gezwungen ihm zu gehorsamen und auf den Weg zu
begleiten unterwegs offenbarete er mir noch verschiedene chymische treffliche
Vorteile allein wegen der HauptSache blieb es dabei dass er erstlich mit
seinem Meister Daniel sprechen und demselben meinetwegen einen Gewissenhaften
Bericht abstatten müsse worauff ich die Antwort oder vielleicht den Meister
Daniel selbst zu sprechen bekommen sollte wenn ich mich bemühen wollte mich
auff künftigen ersten ChristTag in Kassel bei einem gewissen Gastwirt den er
mir sehr eigentlich bezeichnete zu melden
Also schied dieser Gast dessen Nahmen ich nicht erfahren konnte von mir
ich ging zurück an meine Arbeit und blieb biss zu Ende des Novembris in meiner
Station brachte alle unter der Hand gehabte Massen und Mixturen so weit zu
rechte dass sie bei genauer Untersuchung nicht getadelt werden konnten kauffte
mir ein gutes Pferd und reiste davon ungeacht mich der neue Patron sehr
inständig zum längeren dableiben animiren und meinen Lohn um die Helffte
verbessern wollte
In Hoffnung war ich nunmehr ein sehr reicher Mensch an baaren Gelde aber
hatte doch auch so viel dass mich in Deutschland auch an dem aller vornehmsten
Orte zu etabiliren getrauen konnte Allein die Sache bekam in wenig Tagen ein
ganz anderes Ansehen denn auf der Reise nach Kassel zu wurde ich eines
Morgens gar früh und zwar im Walde bei sehr strenger Kälte von 4
StraßenRäubern angehalten und genötigt ihnen alles bei mir habende Geld
nebst andern Sachen und so gar den MantelSacke zu überlassen denn zwei von
diesen Buben setzten mir ihr aufgezogenes Gewehr in die Seiten da inzwischen
die beiden andern mein Vermögen auspresseten Dem ungeacht musste es vor eine
besondere Gnade passieren dass sie mir nicht allein mein Pferd sondern auch ein
klein Paquet gediehenes Gold nicht abnahmen welches letztere ich ihnen
unbewust auf der Brust an einer güldenen Kette hangen hatte
Ich machte unterwegens nicht viel Wesens von diesem mir passirten Streiche
um desto sicherer vor den Nachstellungen solcher Leute zu sein nahm mich aber
besser in acht und reiste niemals alleine biss ich endlich 12 Tage vor
Weihnachten die ResidentzStadt Kassel erreichte und mich bei dem bezeichneten
Wirt einlogirte Allda verkauffte ich mein Pferd mit Sattel und Zeug vor 62
Tlr zehrete sehr spaarsam und wartete mit Schmerzen nicht so wohl auf das
erfreuliche WeihnachtsFest sondern vielmehr auf die erqvickende Gegenwart des
unvergleichlichen Daniels
Der erste ChristTag lief vorbei es meldete sich meinetwegen niemand
deswegen nahm Gelegenheit meinen Wirt Abends sehr spät in geheim zu
sprechen und von ihm zu erfahren Ob er mir keine Nachricht von dem berühmten
Chymico Daniel oder seinen Konsorten geben könne Der Wirt stellte sich
anfänglich sehr frembde und animirte mich zu einer etwas deutlicherern
Erklärung worauf er endlich sagte Habt nur Geduld mein Herr der Tag ist
vielleicht heute zu heilig gewesen eure Freunde werden sich wohl Morgen oder
UberMorgen melden inzwischen blieb er dabei dass er weder den von mir
gerühmten Daniel noch seine Konsorten kenne oder jemals seines Wissens
einigen Umgang mit ihnen gehabt Der andere Feiertag verstrich auch zu meinem
größten Leidwesen allein am dritten bekam ich früh Morgens von einem
unbekandten Knaben folgende Zeilen eingeliefert
Monsieur
Mein abgeschickter Freund hat mir eures Wesens halber wahrhaften Bericht
abgestattet ich erkenne daraus dass ihr nur noch sehr wenig Schritte von dem
benebelten güldenen Hause der himlischen Weissheit entfernet seid jedoch durch
die allergeringste Unbehutsamkeit gar leichtlich in einen solchen IrrGarten
geraten könnt worinnen ehe der Tot als der gewünschte richtige RückWeg zu
finden ist Mir ist nicht erlaubt euch weitere Nachricht zu geben als diese
Erweget denjenigen Zweck sehr wohl wonach ihr so begierig zielet und fraget
euer Gewissen ohne Heuchelei was geschehen soll wenn derselbe getroffen ist
Lasst euch im übrigen meine und meines Freundes gehaltenen Reden nicht aus den
Gedanken fallen Ist eure Absicht ohne Tadel so wird euer Tun gelingen wo
nicht so schlägt es fehl Inzwischen habt ihr von eurem Wirt ein versiegeltes
Paqvet abzufordern worinnen 500 Stück Ducaten sind die euch nach Erfahrung
dessen dass ihr unterwegs von den Räubern geplündert worden zu einiger
Recreation überreicht und im Zweiffel steht ob er fernet mit euch handeln
darff dennoch aber der Pflege des höchsten Gebers aller Güter empfiehlet
euer Freund
Daniel Artista
Ich wurde von Wehmut und Bangigkeit ganz aus mir selbst gesetzt nachdem
ich diese bedenckliche Zeitung erfahren und die gäntzliche Rechnung zu machen
hatte dass der vortreffliche Meister Daniel mich mit seiner Konversation nicht
fernerbeglückseeligen wollte doch weil mit übrigen Sorgen und Grämen mein
Schicksaal nicht verbessert werden konnte so gab mich endlich geduldig drein
foderte das Päcklein Geld von dem Wirt welcher selbiges diesen Morgen von
einem frembden Menschen empfangen zu haben vorgab und war willens eine Reise
zu meinem GroßVater zu tun an welchen ich nicht geschrieben seit der Zeit
ich ihm die 500 spec Ducaten aus Engelland per Wechsel übermacht hatte setzte
mich auch wenig Tage nach dem Feste auf die Post und reiste fort Indem nun
einigen Umweg nahm und zwar aus keiner andern Ursache als einige berühmte
Städte und Residenzen in Augenschein zu nehmen fiel mir in einer derselben da
ich im PostHause durchs Fenster guckte von ungefähr mein ehemahliger sauberer
Meister Elias nebst seinem schelmischen Konsorten Elisæo in die Augen welche
ich ungeacht sie sich ziemlich verstellet rote Kleider weiße Peruquen und
TressenHüte trugen augenblicklich erkandte und bemerckte dass sie am Marckte
vor dem Laden eines Materialisten stehen blieben Demnach fragte ich den bei mir
stehenden PostMeister nach den Nahmen und Stande dieser beiden Stutzer und
erfuhr sub rosa von ihm dass es ein paar berühmte Laboranten wären deren Nahmen
aber er so genau nicht sagen könne Wenige Zeit hernach kamen beide Stutzer
selbst auf die Post da ich denn die allerbeste Gelegenheit hatte selbige desto
genauer zu erkennen mich aber konnten sie nicht wahrnehmen indem ich meine
schwartze SchaafPeruque ganz über die Backen gezogen und mich in den
ReiseRock verhüllet auf einem im dunckeln Winckel stehenden GroßVaterStuhl
gesetzt und eine Stellung gemacht als ob ich schlieffe
Sie hielten sich zu meinem Vergnügen nicht lange auf sondern löseten ihre
auf der Post mit gekommenen Paqveter und Briefe ab welche ein Knecht hinter
ihnen her auf die Burg tragen musste ich aber erfuhr bei solcher Gelegenheit auf
der Stätte was vor erdichtete Nahmen sich diese beiden Hängenswürdigen
SpitzBuben gegeben hatten Das Vergnügen so mir dieses unvermutete Antreffen
verursachte läst sich nicht mit Worten ausdrücken um aber ihnen beiden zu
meiner Revange einen wichtigen Streich zu spielen stellte ich mich an als ob
mir eine heftige Kolica die weitere Reise verböte ließ also die Post fahren
und zu meiner Verpflegung alles dienliche herbei schaffen Gegen Abend befand
ich mich vollkommen gesund konnte gut speisen und bedaurete zum Scheine dass
die Post allbereit fort wäre allein dem Herrn PostMeister schien eben nicht
ungelegen zu sein dass ich 3 oder 4 Tage bei ihm auf die andere warten musste
und mir war es gleichfalls lieb dass sich noch selbigen Abend eine Kompagnie von
5 oder 6 honetten Personen zusammen unter selbigen aber zwei HofBediente
fanden die wie ich aus ihren Gesprächen hörte täglich sehr nahe um den
LandsHerrn waren
Das Gespräch kam endlich auf die beiden Laboranten und da ich ihre
HauptStreiche ausgekundschaft und in Erfahrung gebracht dass ein gewisser
Minister von ihren Künsten gänzlich bezaubert sei auch nicht das geringste
Misstrauen in sie setzte hergegen der meiste Hauffe diese Kerls vor
LandLäuffer und Betrüger hielte kartete ich mit vorerwähnten beiden
HofBedienten noch selbigen Abend die Sache dergestalt heimlich ab dass sie
mich bei NachtsZeit mit auf die Burg führten ihrem Principal mein
hertzhaftes Unternehmen vorstelleten und es endlich dahin brachten den beiden
berüchtigten SpitzBuben entgegen gestellt zu werden welche den strengesten
Befehl erhielten ihre gerühmte Probe in meiner Gegenwart zu machen und sich
von mir tentiren zu lassen
Ey Himmel wie erschracken Meister Elias und Elisæus nicht da ich ihnen so
unvermutet vor die Augen kam allein die abgefeimten Betrüger wussten sich
augenblicklich in den Handel zu finden und anzustellen als ob sie mich Zeit
Lebens nicht mit Augen gesehen hätten Ich sparete keine Mühe den Eliam wegen
seiner Verjüngerung Entzückungen geheimen Offenbahrungen und andern von ihm
selbst erzehlten Streichen aufs allerempfindlichste zu schrauben welches er
aber alles ohne besondere Passion zu zeigen einfrass und sich nur darauf
verließ mir mit seiner listigen Probe das Maul desto nachdrücklicher zu
stopffen Allein dabei kamen mir des Meister Danielis Lehren trefflich zu
statten denn es traff alles accurat ein was mir derselbe von des Eliæ
SpitzBubenStreichen offenbahret hatte Kurtz zu sagen Elias konnte zwar die
Probe in seinem selbst zubereiteten SchmeltzTiegel zu wege bringen und 2 Lot
Blei in Gold verwandeln allein in keinem andern ungeacht ihm die
allerstärcksten dargereicht wurden Deswegen nahm ich mit Erlaubnis des
Principals drei von des Eliæ SchmeltzTiegeln setzte zwei ins Feuer und ließ
ohne dass jemand weder Blei noch sonsten etwas hinnein geworffen hatte nachdem
sie eine Zeitlang wohl geglüet hatten aus jedem 2 Lot feines Gold auf die
Steine schütten den dritten SchmeltzTiegel aber schlug ich mit einem Hammer in
Stücken entdeckte den darein gegossenen GoldStaub und zugleich den ganzen
Betrug so dass die beiden eingebildeten Künstler wie Butter an der Sonne
bestunden Nachhero da ich eine hinlängliche Nachricht von den mir und andern
Leuten gespielten SchelmStreichen abgestattet und die am letztern Orte
vorgehabte grausame Filouterie darzu kam hatte ich das Vergnügen die beiden
großen Alchymistischen WeltLichter an zwei SchuttKarne schmieden zu sehen
auf welchen sie den Unflat in und um der Burg hinweg schaffen mussten Auf
ihren hocherfahrnen Häuptern prangete eine große eiserne SturmHaube mit
angeschnallten würcklichen EselsOhren über diesen ein eiserner proportionir
licher Galgen in welchem eine kläglich lautende KuhSchelle hing Das war also
der Lohn solcher verzweiffelten Ertz denen alles gleich viel geschienen ob sie
hohe mittelmäßige geringe kluge oder einfältige Personen zu betrügen vor sich
finden konnten eine große Gnade hieß es dass sie wegen ihrer erstaunlichen
Verwegenheit nicht HangelBeeren fressen mussten wie mein ehemahliger Kompagnon
Renard in Engelland jedoch ich halte davor dass dergleichen Straffe vor
Menschen von solcher Gattung noch weit empfindlicher sei als der Tot selbst
Mir wurde an diesem Hofe eine nicht unebene Bedienung angetragen allein ich
deprecirte dieselbe aus keiner andern Ursache als meinen GroßVater in seinem
Alter zu assistiren und meine GoldmacherStreiche in Geheim dabei
fortzuführen reiste also mit einem guten Recompens von dañen
Wenige Tage hernach ließ ich mich an einem andern Orte dennoch überlistigen
auf eine Zeit lang als Mechanicus und Chymicus zugleich in die Dienste einer
gewissen StandesPerson zu treten weil selbige ungemein vorteilhaftig vor
mich schienen Zwar nahm ich erstlich noch eine Reise zu meinem GroßVater vor
allein derselbe war bereits gestorben und zu Vergrößerung meines Unvergnügens
war mein aus Engelland an ihn übermachter Wechsel wegen des Banquerots des
WechselHerrens mit Protest zurück gegangen deswegen musste mich mit 600 Tlr
ererbeter GroßVäterlicher Gelder begnügen lassen und wieder zurück an
denjenigen Ort reisen wo ich mich engagirt hatte Ich etabilirte meine
Hausshaltung sehr wohl ließ mich auch bereden ein junges rasches Frauenzimmer
zu heiraten die der gemeinen Sage nach über 4000 Tlr im Vermögen haben
sollte allein da es nach der Hochzeit zur Untersuchung kam fanden sich kaum
400 Tlr HeiratsGut welches den ersten GrundStein zu unserm Missvergnügen
legte Über dieses führte meine Frau einen ungemeinen Etaat lebte herrlich
und hatte täglichen Besuch von guten Freunden so wohl männliches als weibliches
Geschlechts die sie als ein gewesenes HofFrauenzimmer entweder bei Hofe oder
sonst von Jugend auf gekannt haben wollten Solchergestalt war ein starcker
Aufgang in meiner Hausshaltung mein meistes Geld aber hatte ich in ein
kostbares Haus und dann in das pestilentialische laboriren gesteckt um
nunmehr den Stein der Weisen mit Gewalt heraus zu zwingen
Bei sotaner doppelten Arbeit und Sorgen konnte nun freilich auf meiner
jungen Frauen Wirtschaft nicht sattsame Achtung geben und ob ich gleich
dieselbe auch nicht alle Stunden mit den zärtlichsten Karessen überhäuffte so
ließ ich ihr dagegen in allen ihren Willen nicht vermeinend dass sie von der
Art derjenigen Weiber sei welche die, in dem LiebesWercke nachlässigen Männer
mit HirschGeweihen zu crönen pflegen Allein ich erfuhr selbiges leider zu
meinem allergrößten Unglücke mehr als zu wahrhaftig denn da ich mich eines
Tages wegen heftiger KopfSchmerzen ohnbewust meiner Frauen im Kabinet der
oberen Stube ein wenig aufs Faulbette gelegt kam meine Frau ganz eilig auf eben
dieselbe Stube gelauffen klapperte mit den Schlüsseln und schloss einen von
ihren WäschKastens auf der ganz nahe bei meinem getäffelten Kabinet stunde
krahmete mit ein und andern Sachen und sunge inzwischen etliche schändliche
Verse eines geilen BuhlerLiedes welches sich vor eine reputirliche Frau ganz
und gar nicht geziemete Indem nun eben im Begriff war sie dieserwegen zu
reprimandiren hörte ich eine ganz leise herbei schleichende Person folgende
Worte sprechen Ihr Knecht Madame wie stehts werden sie bald fertig sein
Mademoiselle N wartet mit Schmerzen auf sie und die übrigen sind schon
voraus Lasst sie sein gab meine Frau zur Antwort wir wollen noch zeitig
genung nachkommen das Nickelgen muss wohl warten allein mein Kind du darffst
nicht halb so ehrbar tun denn wir sind alleine Wo ist denn dein Mann mein
Engel fragte der Kourtoisan ferner ich bin gekommen ihn ehrentalber auch zu
dieser Lust zu invitiren Ach schrye meine Frau lass den Unflat ja zu frieden
der wird vor Mitternachts nicht aus dem KohlenStaube gekrochen kommen denn er
hat sich Essen und Trincken genung ins Laboratorium bringen lassen Das ist ja
vortrefflich versetzte der Kourtoisan allein solchergestalt wäre nicht
uneben wenn wir uns nach abgeschlossenen Türen ein kleines Vergnügen machten
Ists nicht zu viel sagte meine Frau dergleichen bei hellen lichten Tage
vorzunehmen Hierauf antwortete der Ehebrecher mit verschiedenen Küssen die ein
lautes Geklatsche verursachten Bald hernach gingen beide hin verschlossen und
verriegelten die Türen wobei meine geile Bestie noch diese Worte von sich
hören ließ Mein Engel wenn ja jemand anpochen sollte so kanstu dich nur durch
jene Kammer über den Gang in den Hof reteriren du musst dich aber ja in acht
nehmen denn die Breter sind auf dem Gange noch nicht angenagelt und könnten
leichtlich aufküpffen Gut gut sprach der Cujon führte hiermit das
schändliche Weib zum Bette und nahm eine solche verfluchte Arbeit mit derselben
vor die mich der ich durch eine Spalte guckte zu recht rasender Wut
verleitete Solchemnach ergriff ich ein an der Wand hangendes
scharffgeschliffenes Kouteau de chasf stieß die Tür auf und versetzte meinem
EhrenSchänder der eben zurück springen und seinen auf den Tisch gelegten
Degen ergreiffen wollte einen kräfftigen Hieb über den Kopf und gleich darauf
einen Stich in die Brust dass er augenblicklich zu Boden stürtzte und in einer
hässlichen Positur mit herabgefallenen BeinKleidern liegen blieb Das
ehebrecherische Weib sprung davon hatte sich aber doch nicht gnugsam vor
demjenigen Unglücke hüten können wovor sie nur kürtzlich ihren SchandBock
gewarnet hatte sondern war mit etlichen Bretern herab auf den scharffen Rand
eines BrauBottichs gefallen die nachschiessenden Breter und kleinen Schwellen
aber hatten ihr gleich auf der Stelle das HalsGenick und RückGrad abgestoßen
In meinem ganzen Hause war keine einzige Seele welche nur das geringste
von diesem Unheil gemerckt oder gehört hatte deswegen bedeckte ich den in
seinen Sünden zerqvetschten und entseelten Körper mit Bretern und Fässern
verschloss den Stall so wohl als alle andere Türen zur Stube worinnen der auch
bereits verreckte Ehebrecher lag aufs beste nahm von meinem noch übrigen
Gelde Geschmeide und andern nötigsten Sachen so viel zu mir als ich in und
unter den Kleidern verbergen konnte und begab mich schleunigst auf die Flucht
war auch so glücklich vor der Stadt einen geschwinden PostWagen anzutreffen
dem ich mich anvertrauete und wenig Tage hernach eine sonst wohl bekandte Stadt
erreichte allwo ich meine Kleider veränderte und en Kourier die Reise nach
Hamburg antrat von wannen ich bald hernach zu Schiffe nach Koppenhagen
überging mithin mein Haus und übriges Vermögen alles im Stiche ließ um auch
desto unbekandter zu leben meinen ordentlichen GeschlechtsNahmen veränderte
und mich Plager nennete Wie es in meinem Hause weiter zugegangen zumahlen da
man die entleibten Körper gefunden weiß ich nicht habe mich auch niemals
darum bekümmern wollen hergegen zog ich mir die grausame jachzornige Übereilung
dermaßen zu Gemüte dass ich fast in die allerelendeste Verzweiffelung gefallen
wäre jedoch ein vortrefflicher Priester in Koppenhagen dem ich alles was ich
auf dem Hertzen liegen hatte aufrichtig erzehlete hat mich endlich in den
Stand gesetzt den Verzweiffelungsvollen Versuchungen des Satans jederzeit
kräfftigen Widerstand zu tun und mit ernstlicher Busse bei Gott die Vergebung
aller begangenen Sünden zu suchen Ja eben dieser gottselige Priester hat
nachher in meinem Hertzen einen vollkommenen Eckel gegen die betrüglichen
GoldmacherKünste angezündet und mir zu täglichen DenckSprüchen unter andern
auch folgende Lateinische und Deutsche Verse recommandiret
Auri sacra fames quid non mortalia cogis
Pectora res fallax cognita sero vale
Verdamter GoldDurst hastu nicht so manches Hertz in Schmertz gebracht
Nun kenn ich dich du falsche Kunst zwar etwas spät drum gute Nacht
Ich habe nach der Zeit die Transmutationem Metallorum zwar vor kein solches
Geheimnis betrachtet welches Gott durchaus keinen sterblichen Menschen
offenbahret habe oder offenbahren wolle allein doch auf gründliche
Vorstellungen des gottseeligen Priesters und Uberlegung meiner eigenen
Erfahrung dieserwegen ganz andere als vormahlige Koncepte gefasst welche
ich zu anderer Zeit eröffnen will
Von selbiger Zeit an ergriff ich meine ordentliche Profession nämlich die
Mechanic wieder und habe so lange ich nachher in Koppenhagen war täglich
sehr fleißig darinnen gearbeitet wie mir solches gegenwärtiger Mons Litzberg
der mich ungefähr 2 Jahr lang in Koppenhagen gekennet aufrichtig und wohl
bezeugen wird Da aber nach der Zeit in Amsterdam an einer gewissen
Weltberühmten Machine gearbeitet wurde wobei ich vor meine vielleicht nicht
unangenehme Invention und Handanlegung so wohl als andere Künstler ein gut
Stück Geld zu verdienen vermeinte nahm ich die Reise dahin vor mich beredete
auch Mons Litzbergen einen beliebten ReiseGefährten abzugeben Allein die
Führung des Himmels hat es besser mit uns gemeinet denn wie bereits bekandt
ist sind wir in Lübeck an den Herrn Wolffgang geraten der uns nebst andern
Gefährten auf diese glückseelige Insul geführet hat allwo ich nunmehr dem
Himmel sei Danck ein dermaßen ruhiges und vergnügtes Leben führe welches
gegen keinen philosophischen Stein vertauschen wollte und wenn derselbe gleich
den allergrößten Mühlstein am Gewicht überträffe wünsche also weiter nichts
mehr als meine übrige LebensZeit in wahrer Frömmigkeit zuzubringen auf der
Insul meinen liebsten Freunden nützliche Dienste zu leisten und endlich in den
Armen meiner liebsten Dorotee Jacobine ruhig und seelig zu sterben
Solchergestalt meine Herrn und Freunde sagte nunmehr Mons Plager zum
Beschlusse habe ich ihnen einen offenhertzigen Bericht meines von Jugend auf
geführten Wandels abgestattet ich weiß aber nicht ob ich wünschen darff dass
sie demselben ferner nachdenken oder zum wenigsten meine Torheiten und
Ubeltaten ganz und gar wieder vergessen möchten jedoch mein bester Trost ist
dieser dass ich ein besserer Christ geworden und auch vollkommen gesonnen bin
mich ZeitLebens also aufzuführen da ich Gott Lob im Stande lebe meinen
ehemahligen Affecten ein Gebiss anzulegen und sie nicht über mich herrschen zu
lassen
Also endigte Mons Plager die Erzählung seiner LebensGeschicht aus welcher
wir an seiner Person und ganzen Wesen nichts anders zu tadeln fanden als dass
er sich der heftigen GoldBegierde und denn dem JähZorne allzu stark
überlassen den Vermahnungen seines sterbenden Vaters nicht besser nachgelebt
und sich an dessen Exempel gespiegelt hätte denn wie er annoch selbst
bekennete so hatte er die meiste Gesellschaft mit unchristlichen Leuten
Ovackern und Mennonisten gepflogen wie denn auch sein ehebrecherisches Weib
eine übel conduisirte Reformirte gewesen war Es gab auch viel Disputirens unter
uns ob er recht oder unrecht getan den leichtfertigen Ehebrecher so plötzlich
zu überfallen und zu ertödten allein endlich fiel doch der Schluss dahinnaus
dass es christlicher gehandelt gewesen wenn die SelbstRache unterblieben wäre
Nachdem aber unter dergleichen Gesprächen der Abend einzubrechen begunte
nahm ein jeder die Rückreise zu seiner Wohnung vor sich mit dem Verlass ehester
Tags wenn es dem AltVater beliebte in StephansRaum zu erscheinen um
daselbst des Tischlers Lademanns und des Müllers Krätzers LebensLäuffte
anzuhören
Solches verzohe sich nun zwar auf etliche Tage weil der AltVater einen
schlimmen Zufall von StockSchnupffen und truckenen Husten bekam allein
nachdem er endlich durch gute Wartung und BeiSorge Mons Kramers der ihn mit
den Herrlichsten Medicamenten zu Hilfe kam wiederum völlige Besserung
verspürete und ihm von dem letztern selbst eine kleine SpazierFahrt zur
Motion angeraten wurde begaben wir uns in seiner Gesellschaft nach Stephans
Raum nahmen erstlich den neuen MühlBau in Augenschein und bezeugten eine
besondere Freude darüber denn das ganze Gebäude stund schon völlig unter dem
Dache mittlerweile aber da andere dasselbe vollends tünnchten und ausputzten
arbeiteten Lademann Krätzer und Herrlich nebst ihren Lehrlingen an den
MühlRädern welche sie aufs längste binnen 14 Tagen einzulegen vermeinten
nachher MühlSteine aus dem AlbertsHügel als welcher Stein sich am
allertüchtigsten darzu anliess aushauen so dann gleich nach vollbrachter
Erndte zu mahlen anfangen wollten Allein weil der Alt Vater freundlich zu
vernehmen gab wie er dieses mahl in Lademanns WohnHause abzutreten gesonnen
sei und gegen Abend das VesperBrod bei ihm speisen wollte gaben die Meisters
ihren Lehrlingen und Handlangern ein abgemessenes Stück Arbeit auf und
begleiteten uns alle drei in Lademanns WohnHaus allwo sich auch in kurzen
Herr Wolffgang Litzberg und Plager einstelleten weil wir selbigen unsere
DahinReise zu wissen tun lassen Wir ladeten uns an einen wohlschmeckenden und
sehr kühlen HausTruncke rauchten weil es etwa 3 biss 4 Stunden nach der
MittagsMahlzeit war Toback dabei da aber unser Wirt mit seiner jungen
HausFrauen das VesperBrod aufgetragen und der AltVater mit freundlichen
Worten zu vernehmen gab wie er wünschte seine nämlich
Des Tischlers Lademanns LebensGeschicht
anzuhören machte sich derselbe alsofort bereit darzu und fing seine Erzählung
also an
Ich Johann Bernhard Lademann bin vor nunmehr 36 Jahren auf einem Dorffe
ohnweit Altenburg zur Welt geboren worden Mein Vater hatte zwar ein kleines
Haus nebst etlichen Ackern Feld überließ aber die Wirtschaft dessfalls meiner
Mutter und verdiente sein Geld hier und dar mit der Geige Schalmeie und
sonderlich mit dem HackeBrete welches er in Betrachtung dass alles ein von
sich selbst gelernetes Werck war sehr gut spielen kunte und dieserwegen unter
noch 6 andern dergleichen DorffMusicanten der so genannte Premieur wurde
Seiner Kinder waren 5 nämlich drei Töchter und zwei Söhne mein ältester
Bruder der in der Schule mit größter Mühe nebst dem Katechismo etwas weniges
lesen und schreiben gerlernt wollte sich zu nichts anders als dem AckerBaue
beqvemen wurde deswegen dabei gelassen ich als der jüngste aber hätte es
vermutlich etwas weiter bringen können wenn mich der Vater nicht sehr
frühzeitig mit auf die Hochzeiten und andere Aufwartungen genommen alwo ich die
Pratsche par force mit spielen musste es mochte auch klingen oder klappen
jedoch außer der Zeit wenn nämlich nichts zu tun war hatte doch mein Vater
die Sorgfalt mich dann und wann wieder in die Schule zu schicken und weil ich
eine Sache weit leichter als mein Bruder fassen konnte so geschahe es dass mir
nebst dem Lesen Schreiben und Rechnen etwas weniges vom Donate in den Kopf
gebracht wurde Um die HausArbeit aber durfte ich mich wenig oder nichts
bekümmern sondern außer den Schul Stunden meine Zeit auf das HackeBret
Schallmeie und DiscantGeige wenden und solchergestalt sah ich schon in meinem
12ten Jahre einen halb vollkommenen musicalischen Pfuscher so ähnlich als ein
Ey dem andern
Mein Vater hatte eine besondere Freude dass ich in seiner Profession so
trefflich wohl einschlug und bei so jungen Jahren mein Brod nicht allein mit
musiciren sondern vielmehr mit haseliren verdienen konnte Denn ich machte mich
mit den vornehmsten LiederTrägern bekandt kauffte ihnen jederzeit die neusten
und lustigsten Lieder ab lernete dieselbe aufs beweglichste singen auf dem
HackeBrete selbst darzu spielen verdiente also zumahlen wenn der Vater den
Bass darzu brummete manchen schönen Groschen besonders welches Geld ich aber
mehrenteils dem Schulmeister zuwendete der mir die Noten und das OrgelSpielen
lernen musste
Dem Schulmeister stund mein anschlägischer Kopf vor allen andern sehr wohl
an denn ich lernete einen feinen Discant singen also konnte er mich bei seiner
KirchenMusik die mein Vater und seine Konsorten wenn sie mitspielen sollten
vorher auswendig lernen mussten sehr gut brauchen vor allen Dingen war ich ihm
ein sehr nützlicher Pursche wenn wir um die neue JahrsZeit stapuliren gingen
und auf den umliegenden Dörffern das neue Jahr sungen denn solches währete
gemeiniglich 14 Tage biss 3 Wochen wir nahmen aber täglich selten mehr als
ein oder ein halbes Dorff vor setzten uns hernach Abends in die Schencke allwo
ich gemeiniglich mein kleines HackeBret und des Schulmeisters Geige aufzuheben
gegeben hatte fingen an zu singen und zu musiciren nahmen uns öfters auch
kein Bedenken zum Tantze aufzuspielen da denn alt und jung Geld über Geld
gab und darzu Maul und Nase über solche Virtuosen aufsperrete Von allem was
wir verdienten bekam ich den halben Teil es müsste denn sein dass der
Schulmeister die Teilung nach seinem Gefallen gemacht hätte wie ihm denn mein
Vater da er sich hernachmahls mit ihm zanckte dessfalls eines offenbaren
Betrugs beschuldigte jedoch ich meines Orts war vollkommen zu frieden wenn
ich so lange es währte alle Tage 8 10 ja gar biss 12 Groschen verdienen
konnte wovor mir meine Mutter rote BrustLätze schöne Schuh und Strümpffe
kauffen musste bundte Bänder aber bekam ich zur Gnüge von den BauersTöchtern
auf den Hochzeiten geschenckt
Allein der Handel zwischen mir und dem Herrn SchulMeister kam endlich vor
unsern PfarrHerrn der dem ersteren das Kantate legte meinen Vater und mich
aber ebenfalls zu sich beschied den ersteren einen derben Verweis gab dass er
mich in allen ärgerlichen Leben erzöge und allerlei SchandLieder zu singen
erlaubte ja noch seine Freude darüber bezeugte mir aber drohte er mit der
Zurückstossung vom BeichtStuhl und heil Abendmahle als welches ich in meinem
14ten Jahre zum erstenmahle empfangen wollte woferne ich mich nicht bessern
und in der Güte von solchen Schand Possen ablassen würde Diese Drohungen
verursachten unserseits doch so viel dass wir dieses beste Stück unserer
Profession etwas heimlicher trieben hergegen desto mehr Geld damit verdienten
und weil der Pfarrherr einige Kundschaft darauf gelegt und erfahren hatte dass
ich an etlichen Orten wo ich aber wohl wusste dass ich meine Aufseher hatte
durchaus keine ZotenLieder singen wollen hielt er mich vor einen bekehrten
Sünder mithin vor seinen besten BeichtSohn Aber der fromme Mann erfuhr bald
wie er sich in seiner Meinung schändlich betrogen denn gleich des Tages darauf
nachdem ich zum heil Abendmahl gewesen wurde ich von meinem Vater in die
nächst gelegenste Stadt geschickt um Säyten und Kolofonium einzukauffen der
Pfarrer hatte selbiges erfahren gab mir also einen Brieff an den Buchdrucker
selbiger Stadt mit nebst dem Befehle ihm von besagten Buchdrucker einen Pack
gedruckter Sachen mit zurück zu bringen Nachdem ich nun meine Dinge in der
Stadt meistens ausgerichtet bei dem Buchdrucker aber eine gute Zeit aufgehalten
wurde indem er eine starke Partei BettelLeute ebenfalls mit gedruckten
Sachen abzufertigen hatte welche Sachen ich aber nicht so genau bemercken
konnte weil er in seiner Kammer alles gar heimlich mit ihnen tractirte in der
Stube aber nur sein baares Geld vor die zusammen gepackten Sachen in Empfang
nahm erblickte ich doch endlich einen bedruckten Bogen unter dem Titul Vier
schöne weltliche lustige Lieder das Erste Lissetgen hat StudentenGut im Arme
etc Das andere Wer kann die krancken Jungfern trösten der etc Das dritte Mei
Hanns komm met mer ins Korn etc Das vierdte Ae Schmätzgen schmeckt wie
ZuckerKand etc Gedruckt zu Kölln am Rhein da die wackeren Mädgens sein Mein
Hertz im Leibe fing vor Freuden zu hüpffen an da ich diese allerneusten noch
nie erhörten vortrefflichen Lieder nebst beigesetzten bekandten Melodeien ins
Gesichte bekam Ich fragte mit ängstlichen Gebärden den BuchdruckerGesellen ob
er diese Lieder zu verkauffen hätte und was sie kosteten Er forderte einen
Groschen und da ich fragte wie es käme dass diese so teuer andere solche
Stücke Pappier aber um 8 oder 9 Pf wohlfeiler waren gab er zur Antwort Ja
mein lieber Sohn neue Sachen gelten allezeit mehr und noch 4 mahl so viel als
die alten ein anderer als ihr müsste wohl 18 Pf darvor geben Deswegen
zahlete ich ihm 1 gl steckte den halben Bogen zu mir und fragte ob keine
andere Sorten von dergleichen Liedern vorhanden wären indem ich als ein junger
Musicus dergleichen Sachen höchst von nöten hätte und mein baares Geld schon
wieder heraus zu bringen wüste Sogleich meldete sich der Meister oder Herre
selbst brachte eine unzählige Zahl von noch mehreren allerneusten Liedern ließ
sich aber besser behandeln als der Geselle denn ich bekam vor 16 Groschen
einen dermaßen starken Pack Lieder dass ich denselben kaum ertragen konnte
Vor diese 16 Groschen sollte ich meiner Schwester 2 Ellen blauen Kattun
mitbringen allein ich gedachte Kattun ist alle Tage zu bekommen dergleichen
vortreffliche Lieder aber sehr selten und also legte ich mein Geld mit desto
größeren Freuden an in Hoffnung mich mit meiner Schwester dessfalls schon zu
vergleichen Im Hinweggehen steckte mir der Buchdrucker noch ein ziemlich
Paqvet von dergleichen trefflichen Liedern in den Busen und sagte dabei Mein
Sohn sagt eurem Herrn Pfarrer ja nichts dass ihr diese Lieder von mir gekaufft
habt auch sonsten niemanden etwas davon sondern haltet dieselben heimlich so
will ich euch in zukunft mehr dergleichen vor halb Geld zukommen lassen denn
ich habe fast alle Wochen ganz spannagel neue und zwar die
allervortrefflichsten welche ein berühmter guter Meister in der Vers und
SingeKunst macht und wenn ihr verschwiegen seid will ich euch jederzeit ein
Stück oder 6 in den Kauff geben Ich versprach alles wohl zu merken was er
mir sagte und reiste über meinen erhandelten Schatz höchst vergnügt von
dannen Kurtz vor der Stadt begegnete mir mein Bruder und brachte an dass mein
Vater nahe bei der Stadt auf einem Vorwerge Auffwartung hätte weswegen ich
sehr eiligst dahin kommen sollte Diesemnach gab ich meinem Bruder so wohl des
Herrn Pfarrers als mein eigenes Paquet von gedruckten Sachen befahl ihm das
meinige in seine Lade zu schließen dem Herrn Pfarrer aber das seinige auf die
PfarrWohnung zu tragen und band ihm dabei sehr ernstlich ein die Paqueter
nicht zu verwechseln ich aber machte lincks um und lief auf das Vorwerck zu
allwo ich meinen Vater nebst zweien seiner Konsorten in voller Arbeit antraff
hergegen um so viel desto freundlicher bewillkommet wurde weilen die
KindtauffensGärste sie wenig Lust mehr zum Tantzen hergegen desto größere
mich singen zu hören bezeugten und an meiner Ankunft allbereits gezweiffelt
hatten Ich verdiente vermittelst der Zugabe von den neuen Liedern welche mir
der Buchdrucker in den Busen geschoben hatte diesen ersten Abend redliche 18
Pf über das Kapital von 16 gl welches ich meiner Schwester an statt des
Kattuns wieder zu geben schuldig war andern Tages kam noch ein halber Taler
darzu also konnte ich nebst meinem Vater der auf seine Portion auch über zwei
Taler verdient hatte nach Mitternacht vergnügt nach Hause gehen Wir legten
uns also da der Himmel schon zu grauen anfing sehr ermüdet nieder und ich
wäre gewiss sonst durch nichts als die klapperenden Teller zum Aufstehen
bewogen worden wenn mich nicht einer von unsers Herrn Pfarrers Söhnen erweckt
und mit auf die Pfarre zu gehen beredet hätte
Ich kam dahin und zwar eben da der Herr Pfarrer von der MittagsMahlzeit
aufstund dessen erste Frage war Von wem ich das Paquet gedruckte Sachen an ihn
zu bestellen empfangen hätte Ich konnte nicht anders als der Wahrheit gemäß
antworten Von dem Buchdrucker Hierauff passireten noch viele andere Fragen und
Antworten endlich aber kam es zu meinem allergrößten Schrecken heraus dass mein
dummer Bruder die Paqueter verwechselt meine Lieder dem Herrn Pfarrer gegeben
und hingegen dessen Sachen vermutlich in seine Lade geschlossen hatte welches
ich nicht eigentlich wissen konnte weilen er bei meiner Heimkunft bereits im
Bette vor meinem Aufstehen aber schon mit dem Pfluge ins Feld gezogen war Ich
zittere noch biss dato wenn ich daran gedencke wie mir der fromme Pfarrherr die
Hölle so heiß und mich ganz und gar zu einem TeuffelsKinde machte worinnen
er auch wie ich nachher wohl erwogen das allergröste Recht hatte jedoch
endlich nachdem ich ihn alles offenhertzig bekennet und mich rechtschaffen zu
bessern versprochen auch dabei die bittersten Tränen vergossen fing er mich
wiederum an zu trösten und zu vermahnen nahm aber das Paquet der weltlichen
Lieder führte mich in die Küche und verbrandte es in meiner Gegenwart auf dem
FeuerHerde hergegen beschenckte er mich mit einer Bibel Gebet und
GesangBuche dergleichen Sachen in unserm Hause teils schlecht teils gar
nicht anzutreffen waren
Mein armer einfältiger Bruder musste zwar nachher das Gelach bezahlen indem
Vater Mutter und alles über ihn allein her war allein was halffs geschehene
Dinge konnten nicht geändert werden Ich trug dem Herrn Pfarrer sein Paquet hin
und bekam von demselben eine nochmahlige gute Vermahnung ihm mein Wort zu
halten und ja bei Leibe keine ZotenLieder mehr zu lesen vielweniger zu
singen Allein ob ich auch schon den ernstlichen Vorsatz gefasst hatte so
wurde doch derselbe des leidigen GeldVerdienstes wegen nicht allein von
üppigen Leuten sondern so gar von meinem Vater selbst in wenig Tagen
dergestalt zernichtet dass ich nicht allein meine alten Lieder wieder hervor
suchte sondern auch gegen die HerbstZeit da es die meisten Hochzeiten zu
geben pfleget einen eigenen Weg in die Stadt vornahm um von dem Buchdrucker
etwa vor einen halben Taler neue Lieder zu kauffen
Jedoch ich kam bei demselben sehr übel an denn so bald ich mein Gewerbe mit
der größten Freundlichkeit vorgebracht stieß der Buchdrucker die schändlichsten
LästerReden gegen mich aus und schloss endlich mit solchen tröstlichen Worten
Geh du Spion du Schelm an den hellen lichten Galgen und sage dem der dich
abgeschickt hat er soll sich um seine PostillenReuterei und um die weiten
Ermel am PfaffenRocke bekümmern andere ehrliche Leute in ihrer Nahrung aber
ungehudelt lassen Da ich nun bald merkte wohin der erboste Mann zielte und
was er vor einen wunderlichen Argwohn auf meine Unschuld gelegt hätte eröffnete
ich ihm das Verständnis mit treuhertziger Erzählung meiner neulichen
Verdrießlichkeiten und erhielt endlich mit großer Mühe von ihm was ich so
eiffrig suchte
Es ist aber hierbei zu merken dass wie ich nachher erfahren dieser
Buchdrucker jederzeit vor einen besonders frommen Mann gehalten sein und dem
Scheine nach allen Heiligen die Füße abbeissen wollen wie er sich denn auch
überall gerühmet er ließe seine Schrifften durchaus zu keinen ärgerlichen
Sache gebrauchen und wenn er vor jeden Bogen 1000 Tlr zu verdienen wüste in
der Tat aber war er ein ErtzHeuchler der wie man nachher erfahren die
allerliederlichsten Sachen von der Welt gedruckt hat und zwar um einen weit
geringeren Preis als andere seines gleichen Wegen meiner Begebenheit hatte ihm
unser Pfarrherr in einem Brieffe das Gewissen ziemlich geschärfft und
solchergestalt seine Galle über alle maßen aufgerühret jedoch letztlich
nachdem ich ihm meine Unschuld mit den glaubenswürdigsten EydSchwüren
dargetan wurden wir wiederum gute Freunde und ich bekam die neue
Versicherung ihm jederzeit willkommen zu sein wie er denn auch nachher durch
mich allein manches hundert von dergleichen und andern Lust erweckenden Sachen
los wurde
Unter dergleichen löblicher LebensArt war nun fast mein 15 des LebensJahr
verstrichen und weil ich schon ziemlich kunstmässig auf der Orgel und andern
Instrumenten spielen konnte ließ sich mein Vater endlich durch das Zureden
reputirlicher Leute bewegen mich zu einem StadtPfeiffer in die Lehre zu
verdingen damit ich nach ausgestandenen 5 LehrJahren vor einen zukünftigen
KunstPfeifferGesellen passieren könnte Mein LehrPrintz nahm mich mit Freuden
vor ein Blutweniges LehrGeld an in Erwegung dessen da ich schon geschickt
war ihm gute Dienste zu leisten allein weil ich mich bei den blasenden
Instrumenten allzuscharff angriff außerdem das starke BierWein und
BrandteweinTrincken allzusehr liebte stelleten sich gleich nach Verlauff
meines ersten LehrJahres heftige Blutstürtzungen ein welche mich dergestalt
ausmergelten dass sich endlich mein Vater gezwungen sah seinen liebsten Sohn
wieder nach Hause zu nehmen Es sah eine Zeitlang sehr schlimm mit mir aus ja
der Doctor welchen mein Vater mehrenteils alle Woche aus der Stadt holen ließ
zweiffelte selbst an meiner Wiedergenesung jedoch nachdem ich über anderthalb
Jahr gekränckelt fand sich die Besserung nach und nach vollkommen wieder
Währender meiner Kranckheit hatte mich unser Herr Pfarrer sehr fleißig
besucht und einen ziemlich veränderten Menschen aus mir gemacht so dass ich
durchaus kein musicalisch Instrument zu Beförderung üppiger Lüste mehr anrühren
wollte ja es stellte sich bei mir ein Eckel fast überhaupt gegen alle Musik
ein wovon ich doch sonsten ein so großer Liebhaber gewesen Mein Vater wollte
zwar durchaus haben dass ich wieder zum StadtPfeiffer in die Lehre gehen sollte
da aber der Pfarrherr ungefähr in einer Predigt den Spruch mit anbrachte Siehe
zu du bist gesund worden sündige hinfort nicht mehr auf dass dir nicht etwas
ärgers wiederfahre ging mir derselbe dermaßen zu Hertzen dass ich
augenblicklich noch in der Kirche den Schwur tat die Musik liegen zu lassen
hergegen ein anderes ehrliches Handwerck zu erlernen Noch selbigen Sonntags
gegen Abend ging ich zu dem Pfarrherrn mich wegen dieses Vorsatzes seines Rats
zu erholen dieser schlug mir sehr erfreut die OrganistenKunst vor weilen ich
doch schon etwas davon gefasst hätte allein auch darzu war bei mir alle Lust
verschwunden Andere Künste zu erlernen schien etwas allzu kostbar deswegen
fiel mir endlich das TischlerHandwerck ein und zwar bei der Gelegenheit da
unsers Pfarrherrns Bruder als ein berühmter Meister in dasiger Kirche einen
neuen Altar Kantzel Tauffstein und Orgel bauen halff
Anfänglich wollte zwar so wohl bei dem Pfarrherrn als bei dem Meister ein
Zweiffel entstehen ob ich wegen ausgestandener gefährlichen Kranckheit der
mit diesem Handwercke verknüpfften schweren Arbeit gewachsen sein möchte jedoch
ich befand mich innerlich und äuserlich dermaßen wohl aus curirt dass ich ihnen
diesen Zweiffel mit gutem Recht ausreden konnte und also wurde ich um ein
billiges LehrGeld welches der Pfarrer zur Helffte aus seinem Beutel bezahlete
meinem Vater zum ziemlichen Verdruss in die Lehre genommen kann auch nicht anders
gedenken als dass dergleichen Resolution dem Himmel gefällig gewesen weil seit
der Zeit nicht den geringsten Anfall von einer innerlichen Kranckheit gehabt
habe Mein Meister war wie gesagt ein sehr künstlicher Mann sonderlich im
fourniren und anderer subtiler und künstlicher TischerArbeit außerdem nahm er
wenig andere als KirchenArbeit an von gemeinen und groben Sachen aber gar
nichts Ich fand mich währender Lehrzeit in den allermeisten nach seinem
Wunsche nachdem ich aber ausgelernet blieb ich noch zwei Jahr um halbes Lohn
bei ihm und zwar darum weil er sich keine Mühe verdrießen ließ mich in den
HauptStücken der Architectur zu unterrichten als welche er sehr wohl verstund
Mittlerweile war mein Vater gestorben die Mutter abgebrandt also hatten
wir Kinder ein jedes vor sein Teil kaum 20 Gülden zu fordern deswegen
schenckte ich der Mutter meine Portion der Erbschaft und reiste etliche 30
biss 40 Meilen in die Welt hinnein Alldieweiln ich nun ohne Ruhm zu melden
etwas rechtschaffenes in meiner Profession gerlernt zu haben ziemlich
versichert war so suchte keine andere Arbeit als in den größten Städten und
zwar bei solchen Meistern die keine Marckt oder BauerArbeit machten hatte
auch immer das Glück nicht lange auf der BärenHaut zu liegen
Meine stille und ziemlich melancholisch scheinende LebensArt die aber
einen desto stärckern Fleiß bei der Arbeit beförderte erwarb mir gemeiniglich
die Gunst der Meister hergegen einen heimlichen Hass bei den Mittgesellen
jedoch ich machte mir dieserwegen nicht die geringste Sorge im Gegenteil hatte
mehreren Vorteil davon weil ich solchergestalt von vielen Ungelegenheiten die
durch das Sauffen Spielen und anderes liederliches Leben zu entstehen pflegen
befreit blieb
Diesemnach kann mich keiner besonderen Avanturen rühmen es müsse denn sein
dass folgende einen Platz unter den besonderen Begebenheiten eines reisenden
HandwercksPurschen verdieneten
Mein Meister welches der vornehmste Tischler in der berühmten Residentz
eines Römisch Katolischen Bischoffs war schickte mich eines Tages nebst einem
Jungen in das Haus eines sehr reichen Mannes um das TäffelWerck aus seiner
WohnStube zu reißen hergegen selbige Stube aufs neue mit NussBaumHoltze
auszutäffeln Indem nun der LehrJunge eben im Begriff war eine Kanne Bier von
der Ausgeberin ich aber indessen das aus Holtz geschnitzte Bild des heil
Bonifacii welches oben in einer Ecke angenagelt war herunter zu langen brach
mir dieser wurmstichige Heilige unter den Händen entzwei und schüttete aus
seinem ausgehölten Leibe eine große Menge GoldStücker über meinen Kopf
weswegen ich ungemein erschrack jedoch das Bild vollends herunter hub die
ausgestreuten GoldStücke alle zusammen in meine Mütze sammlete und befand dass
es 632 Stück lauter Kremnizer Ducaten waren
Diese Arbeit war vollbracht ehe mein LehrJunge mit dem Biere und der
HausKnecht mit dem MittagsBrodte ankam welchen letztern ich bat dem
HausHerrn meinetwegen zu sagen dass er augenblicklich zu mir in die Stube
kommen möchte weil ihm etwas besonders anzuzeigen hätte Da aber der HausHerr
eben bei der MittagsMahlzeit gesessen so kam er nicht eher zur Stelle biss nach
aufgehobener Taffel fragte auch so gleich was es besonders gäbe Mein Herr
gab ich ihm zur Antwort es wird euch bewust sein dass die Luteraner als zu
welcher Partei ich mich bekenne nicht glauben dass die verstorbenen Heiligen
den annoch lebenden Menschen einige Wohltaten erzeigen können allein euer
heiliger Bonifacius dessen vortrefflichen Nahmen ich zu seinen Füßen
angeschrieben sehe hat mich heute eines andern überzeugt Denn ungeacht ich so
unglücklich gewesen seinen von Würmern ganz durchfressenen Körper zu
zerbrechen so hat er mir dennoch dieses Geschenke euch als dem HausHerrn zu
überreichen anvertraut Unter Ansprechung dieser letztern Worte setzte ich
meine mit Ducaten ausgestopffte Mütze vor ihn auf den Tisch und indem er
selbige eröffnete erstaunete der Mann ganz ungemein sagte aber weiter nichts
als Verziehet ein klein wenig ich muss doch dieses Heiligtum meiner Frauen
zeigen Und darauf lief er eiligst fort Ich wartete länger als eine Stunde auf
seine Zurückkunft und stund in der gäntzlichen Hoffnung er würde mir zum
wenigsten etliche Stück Ducaten TrinckGeld einhändigen allein statt dessen kam
bald hernach die Wache und führte mich mit samt dem LehrJungen in Arrest
So lange ich auf der Welt gelebt hatte war mir kein Zufall unvermuteter
und wundersamer vorgekommen als dieser jedoch weil ich ein gut Gewissen
hatte blieb ich eine ganze Nacht hindurch obgleich nicht ohne Verdruss
dennoch ohne große Bekümmernis Folgenden Morgen aber wurde der Junge von mir
hinweg ich selbst etwa eine Stunde darauf in Ketten geschlossen und vor das
Geistl Gerichte geführet Allwo mich der HausHerr nicht allein auf einen
vermutlichen Diebstahl sondern auch wegen Lästerung Gottes und seiner Heiligen
angeklagt hatte Ich verantwortete mich nach meinem guten Gewissen so gut als
ich konnte erzehlete die ganze Sache mit ihren wahrhaften Umständen und wurde
wieder zurück geführet eine halbe Stunde hernach aber noch einmal so hart
geschlossen
Mein Meister der jedoch ein sehr eiffriger Katolic war hatte kaum
Erlaubnis bekommen können mich mündlich zu sprechen erforschete deswegen
desto genauer was die Sache nach meinem Vorgeben vor eine Bewandtnis habe und
da er endlich den Verlauff von mir vernommen sprach er Traget nur Geduld und
bleibt bei der reinen Wahrheit ich hoffe ihr sollt Morgen oder UberMorgen
bei dem Bischoff selbst zum Verhör kommen Solches traff ein denn nach Verlauff
zweier Nächte wurde ich von den Ketten befreit und gerades Wegs in den
Bischöfflichen Pallast ja so gar in dessen Zimmer geführet allwo derselbe auf
seinem Stuhle saß und das wurmstichige Bildnis des heil Bonifacii auf einem
kleinen Tische vor sich liegen hatte Zu seiner Seiten stunden verschiedene
Bedienten etwas weiter unten aber mein Ankläger der meine Mütze mit den
Kremnizer Ducaten in Händen hatte und denn mein Meister So bald ich meinen
Reverenz gemacht fragte der Bischoff mit einer zornigen Gebärde Bist du der
frevele Ketzer welcher das wundertätige Bild des heil Bonifacii boshafter
weise zerbrochen und über dieses schimpfflich von demselben gesprochen hat
Hochwürdigster Gnädigster Herr gab ich zur Antwort ich ruffe denjenigen Gott
den so wohl die Luterischals die RömischKatolischen Christen anbeten zum
Zeugen an dass ich dieses Heiligen Bild nicht mutwilliger oder boshafter weise
zerbrochen sondern gleichwie es dem Augenscheine nach gar sehr wurmstichig
ist es mir unter den Händen entzwei gegangen und zwar vermutlich nicht ohne
sonderbare Göttliche Fügung damit der darinnen verborgene Schatz an 632 Stück
Kremnizer Ducaten dem HausHerrn zu gute kommen sollte Ich bin allein gewesen
und hätte mit leichter Mühe dieses Geld bei seite schaffen können allein mein
Gewissen ist zu enge dergleichen Gut so mich nicht vor den EigentumsHerrn
erkennet an sich zu bringen hergegen hat es mich angetrieben solches dem
HausHerrn einzuliefern und auf eine ihm selbst beliebige Diskretion zu
warten jedoch meine Redlichkeit ist mir übel belohnet worden Hierauf sah der
Bischoff meinen Ankläger an welcher in diese mir höchst empfindliche Worte
ausbrach Hochwürdigster Dieser Kerl ist ein Schelm wie alle Ketzer sind Man
lasse ihn auf die Tortur bringen so wird er nicht allein gestehen dass er das
heilige Bild welches ich höher als eine Tonne Goldes geschätzt und ihm täglich
hundert Küsse gegeben mutwilliger weise zerbrochen sondern mir daraus mehr
als 1300 Ducaten entwendet hat Denn da mein seel GroßVater auf dem
TotBette lag seine Erben aber bei Vermissung 2000 Stück Kremnitzer Ducaten
ihn befragten wo er dieselben hingelegt hätte wiese er beständig mit dem
Finger auf den heil Bonifacium konnte auch weil ihm ein SchlagFluss die Zunge
gelähmet weiter nichts mehr heraus stammlen als Sanctus Bonifacius
Sanctus Bonifacius hatalles Dieses sagte mein Ankläger weiter weiß ich
mich in meinem itzigen 68sten Jahre annoch wohl zu erinnern als ob es vor acht
Tagen geschehen wäre ungeacht ich damals nur ein Knabe von 14 Jahren war
Wir sämtlichen Erben haben zwar nach der Zeit rund um das heil Bild herum
gesucht aber nichts gefunden biss es dieser diebische Ketzer endlich entdeckt
und mehr als die Helffte davon genommen hat Gerechter Himmel rieff ich hierauf
aus ist wohl möglich dass in einer so kleinen Hölung mehr als so viel Ducaten
Raum haben man lasse das Bild zerteilen und nachsehen ob sich vielleicht noch
mehr geheime Oeffnungen darinnen finden ich bezeuge nochmals vor allen dem was
heilig ist dass mir nicht mehr als 632 GoldStücke zu handen kommen sind kann
auch unmöglich glauben dass etwa ein oder etliche Stück auf dem Boden des
Zimmers sich verlauffen hätten denn es ist alles glatt eben und ohne Löcher
Der Bischoff betrachtete hierauf das Bild etwas genauer und befand dass die
weiteste Hölung in der Brust desselben war von der Scheitel aber ging ein
Loch herunter dergleichen in den SpaarBüchsen zu sein pfleget welches zu
alleroberst sehr dünne und mit gelben Wachs voll gegossen war Deswegen ließ
er alles Wachs heraus schmeltzen das Bild im Bruche ordentlich auf einander
setzen und die 632 Stück Ducaten einem nach dem andern hinein zehlen Da
dieses geschehen das Loch aber noch nicht erfüllt war musste sein
SchatzMeister einen großen Beutel mit Kremnitzer Ducaten herbei bringen deren
etliche gezeichnet und hinnein gesteckt wurden allein da der SchatzMeister den
dreizehenden Ducaten hinnein gesteckt war das Loch schon biss oben angefüllet
Nachhero musste mein Meister eine saubere Säge herbei schaffen und das Bild von
unten auf in 4 Teile schneiden allein es fand sich weder Gold noch fernere
Hölung darinnen Mein Ankläger bestund also wie Butter an der Sonnen und ob er
gleich noch viele WinckelHöltzer machen wollte so kehrete sich dennoch der
Bischoff nicht im geringsten daran sondern tat zu meiner und aller Menschen
größter Verwunderung diesen unerwarteten Ausspruch Hört mein Freund also
redete er meinen Ankläger an es erhellet aus allen Umständen dass ihr ein
unersättlicher Geitzhals und mit dem Schatze den euch dieser ehrliche Kerl
eingeliefert aus keiner andern Ursache nicht zufrieden seid als weil ihr euch
verbunden gesehen ihm ehrentalber ein ansehnliches Geschenck davon zu geben
jedoch ich werde dieserwegen sprechen was rechtens ist Es werde diese Summe in
drei gleiche Teile geteilet der erste Teil gebühret vor allen Dingen dem
heil Bonifacio der die ganze Summe seit so langen Jahren in den gefährlichen
KriegsLäufften vor den RaubKlauen der Frantzösischen Soldaten vor den langen
Fingern der Diebe vor Feuer Wasser und andern Unglücke sicher erhalten hat
Der andere Teil kommt von rechtswegen dem Hausswirte zu der dritte aber ohne
allen Streit dem glückseeligen Finder des Schatzes und schadet hierbei gar
nichts dass er seinem eigenen Geständnisse nach ein Ketzer ist denn man muss die
Treue und Redlichkeit als eine von den vornehmsten HauptTugenden auch in den
Feinden belohnen Es fehlete wenig mein Ankläger wäre über diesen
UrteilsSpruch in Ohnmacht gefallen er wollte zwar noch sehr viel Einwendens
machen allein es blieb dabei und zum größten Gelächter aller Anwesenden
wurde der letzte Betrug ärger als der erste denn indem mein Ankläger mit
zitterenden Händen zugreiffen und seinen abgezehlten dritten Teil hinweg
nehmen wollte sprach der Bischoff Haltet inne mein Freund ich habe noch etwas
zu erinnern Der heilige Bonifacius ist durch eure ungestüme Anklage mehr
beleidigt als durch die leichtsinnigen Reden gegenwärtigen Ketzers denn um
eurent willen ist man genötigt worden denselben zu vierteilen Seht er wird
in Zukunft Kleider vonnöten haben solche ihm unschuldig zugefügte Schmach zu
bedecken auch ists billig dass man ein so uhraltes wundertätiges HeiligenBild
wieder zusammen leim und ihm zur Erstattung seiner Ehre einen Altar
auffrichte Zu diesem heil Gestiffte werdet ihr euren Anteil des Geldes am
allerbesten anzulegen wissen und damit eure Schuld büßen Gegenwärtiger Ketzer
aber soll von seinem Anteil ebenfalls 50 Ducaten darzu geben damit er in
zukunft bescheidener und andächtiger von den verstorbenen Heiligen reden lerne
Hierbei musste es bleiben mein Ankläger mochte sich auch so
verzweiffelungsvoll anstellen als er immer wollte ich aber bekam zu meinem
Teile 160 Kremnitzer Ducaten 2 KäyserGulden und etliche Patzen richtig in
den Hut gezehlt und zugleich die Freiheit hin zu gehen wo mir beliebte Dieser
Streich gab in der Stadt zu vielen lustigen Gesprächen Anlass unter andern hatte
ein spitzfindiger Kopf folgende Verse darauf gemacht
Madrigal
Du armer Bonifacius
Ist das der Danck vor deine Treue
Sonst werden nur die Leiber
Der Mörder und der StraffenRäuber
Gevierteilt und aufs Rad gelegt
Dick setzt man zwar
Auf den geschmückten BetAltar
Jedoch wer weiß was dir dein HausWirt gönnt
So oft er sieht wie schön dein WachsLicht brennt
Denn sein Verdruss
Ist alle Morgen neue
Ach fahre fort den Ketzern guts zu tun
Die Päbstler lassen dich ja keine Stunde ruhen
Zuletzt heists doch sic mos est horum
Undanck in fine laborum
Weil aber dergleichen Sachen mir verschiedene Verdrießlichkeiten zuzogen setzte
ich meinen Stab etliche 20 Meilen weiter und kam bei einem Meister in Arbeit
der im NonnenKloster die TischlerArbeit zu einer Orgel zugleich auch viele
andere Dinge im Kloster und in der Kirche zu machen hatte Von dar aus schickte
ich 120 Stück Ducaten an den PfarrHerrn meines GeburtsDorfs überschrieb ihm
meinen gehabten wunderlichen Zufall und bat dass er das meinetwegen ausgelegte
LehrGeld davon zurück nehmen meiner Mutter 50 fl zu völliger Ausbauung des
abgebrandten Hauses und besserer Nahrung auszahlen das übrige aber biss zu
meiner Zurückkunft in seiner Verwahrung behalten sollte
Wenig Wochen hernach bekam ich von diesem lieben Manne eine eigenhändige
Schrifft worinnen er mir nicht allein alles was Zeit meiner Abreise
veränderliches vorgegangen war berichtete sondern auch eine Gerichtliche
Abschrifft von derjenigen Qvittung überschickte die er meiner Mutter wegen des
Empfangs der 120 Ducaten und der ihr davon ausgezahlten 50 Gülden zur
sichern Verwahrung gegeben hatte das vor mich ausgelegte Geld aber wollte er
biss zu meiner Zurückkunft ausgesetzt lassen und mittlerweile mein übriges an
sichere Orte auf Zinsen austun
Ich hatte indessen Geld genung zurück behalten mir recht saubere Kleidung
Wäsche und andere Bedürffnissen anzuschaffen verdiente auch unter dem neuen
Meister bei dem Orgel und KlosterBau von Zeit zu Zeit ein schön Stück Geld
wovon ich den meisten Teil darzu anwendete bei einem BauMeister in der
Architectur die neusten und besten Stücke zu erlernen und denn auch bei dem
OrgelBauer die mir noch unbewussten Vorteile seiner Kunst auszuforschen Es
ging mir auf beiden Seiten alles sehr wohl von statten weil diejenigen müßigen
Stunden welche andere zum sauffen spielen und spazieren gehen anwendeten
besser zu gebrauchen wusste Mit dem ältesten OrgelBauersGesellen der bereits
capable war einen Meister abzugeben stifftete ich binnen wenig Wochen eine
vollkommene Freundschaft erlernete also von demselben diejenigen Vorteile
welche er und sein Meister sonsten als Geheimnisse zu halten pflegten Nachdem
ich aber eigentlich vermerckt dass dieser mein Freund zum öffteren in eine große
Tieffsinnigkeit verfiel und dabei unzählige Seuffzer aussstiess lag ich ihm so
lange an biss er mir endlich offenbarete dass er sich aufs äuserste in eine
Nonne verliebt mit welcher er zwar noch kein eintziges Wort gesprochen jedoch
bereits mehr als 12 LiebesBriefe gewechselt hätte Ich belachte diesen Streich
von Hertzen und wollte ihn als meinen GlaubensGenossen von solcher Gefahr
bringenden Liebe abmahnen allein er seuffzete und sprach Ach mein wertester
Freund wenn ihr meine Nonne welches die vornehmste Sängerin ist und denn
diejenige welche itzo in Ermangelung der Orgel das Klavicien spielet nur ein
eintzig mahl sehen soltet würdet ihr ganz anders reden und ich bin
versichert dass diese schönen Kinder so gern Männer hätten als wir das Leben
haben allein ich weiß mich auf kein Mittel zu besinnen meine Liebste aus
diesem verzweiffelten Käffige zu entführen
Meine Neugierigkeit erstreckte sich so weit ihn zu ersuchen mir die
Gelegenheit zu zeigen wie man diese gerühmten Schönheiten zu sehen bekommen
könnte er versprach mir binnen 3 Tagen zu willfahren allein ich müsste mir die
Mühe nicht verdrüssen lassen in einem engen Behältnisse mit einiger
unbequemlichkeit eine ganze Nacht auf diesen vortrefflichen Anblick zu warten
Ich versprach alles zu tun was er von mir verlangen und selbst tun könnte
Demnach sperrete er mich und sich eines Abends nachdem wir alle unsere
MitArbeiter fortgeschickt die KirchTüren alle verschlossen uns beide aber
selbst eingeschlossen hatten in ein enges Behältnis des neugebauten
OrgelGehäuses ein allwo wir sehr unbequem sitzen und kaum unsere mit hinein
genommene WeinBouteille nebst dem Zwiebacke zum Munde führen konnten Jedoch
weilen um damahlige JahrsZeit sehr warme Nächte waren kam uns dergleichen Nacht
Wache nicht eben allzu beschwerlich an nur dieses machte mir bange dass wenn
wir in diesem Gehäuse betroffen würden uns vielleicht ein größeres Verbrechen
nämlich die KirchenRäuberei schuld gegeben werden könnte über dieses war mir
um die MitterNachtsZeit ziemlich bange vor Gespenstern und Betörungen jedoch
alle dergleichen fürchterliche Gedanken verschwanden da gegen Morgen das
ganze Orgel Chor von musicalischen Nonnen angefüllet wurde denn es war eben
das Fest der Heimsuchung Mariä zu feuern Zeit Lebens hatte ich keine
angenehmere Musik gehört als diese welche von alten und jungen Nonnen gemacht
wurde jedoch ich glaube dass die Einbildung auch sehr viel bei der Sache getan
hat Sie spieleten nicht allein allerhand Arten von Instrumenten sondern die
VocalMusik war dermaßen bestellt dass ich vor Vergnügen immer in einen
Klumpen zu sincken vermeinte jedoch die Vernunft raffelte sich endlich
zusammen da eine alte sehr runtzelige Nonne mit der penetrantesten Bass
Stimme eine Arie solo sunge so bald aber eine andere welche als Kapel
Meisterin den Tact führte mit einer der allervortrefflichsten Nachtigall
gleichenden Discant Stimme das darauf folgende Rezitativ heraus drechselte
und mein Gefährte mir das verabredete Zeichen gab dass dieses seine verliebte
Korrespondentin sei hätte ich abermals vor übermässiger Verwunderung aus der
Haut fahren mögen Inzwischen stund mir der alte ZeiselBär nämlich die alte
Nonne welche den Bass sunge mit ihrer Koncerte beständig im Wege die auf dem
Klavicien spielende Nonne im Gesichte zu sehen so lange biss endlich dieses
Stück völlig abgetan war
Indem das alte BrumEisen nun auf die Seite trat war die wunderschöne
Organistin eben im Begriff die bei ihr stehenden zwei WachsLichter zu putzen
und also fiel mir ihre unvergleichliche GesichtsBildung auf einmal vollkommen
in die Augen Dieser einzige allererste Anblick war vermögend mein Hertz
vollkommen verliebt zu machen so dass ich kein Auge von derselben verwenden
konnte biss mir endlich andere darzwischen tretende den Prospect aufs neue
verhinderten Mittlerweile sah ich die charmante Seele meines Gefährten desto
genauer an und befand dass die GesichtsBildung derselben nicht halb so
angenehm als der schönen Organistin Gestallt war allein wie ich nachher an ihm
vermerckt so hatte er im Gegenteil vor seine Liebste eben so vorteilhafte
Gedanken als ich vor die meinige Nachhero da ich die eingebildete
Glückseeligkeit aufs neue hatte die letztere frei zu betrachten wurde meine
heftige Liebe dermaßen befestiget dass ich beschloss so gar mein Leben daran zu
wagen um nur fein offte den Vorteil zu erlangen mit ihr gleich wie mein
Gefährte mit der seinigen Briefe zu wechseln
Die FrühMette ging endlich zum wenigsten mir mehr als zu hurtig vorbei
weswegen die Kirche so wohl von denen Nonnen als allen andern Leuten verlassen
wurde Mein Gefährte fragte mich ob wir uns davon schleichen oder noch etliche
Stunden verziehen und die hohe Messe abwarten wollten ich erwehlete das
letztere und gab vor dass ich ehe 3 Tage und Nacht ohne Essen Trincken und
Schlafen verbleiben als dieses Vergnügens welches so wenig Mühe kostete
beraubt leben wollte woraus derselbe so gleich vermerckte dass Cupido in meiner
Person einen verliebten Haasen getroffen hätte und mich dieserwegen nicht wenig
vexirete Jedoch weil er vermerckt dass seine Geliebte denjenigen kleinen Brief
welchen er unter ihr SingePult versteckt zu sich genommen hatte sagte er
ganz leise zu mir Mein Freund wo es wahr ist dass ihr in die schöne Klavicien
Spielerin verliebt seid so bin ich dessfalls bereits euer FreiWerber gewesen
und versichert dass diese vertrauten Schwestern eben itzo im Begriff sein
werden meinen Brieff zu lesen seid ihr aber ja bei einer solchen Schönheit von
Eisen und Stahl so stellt euch zum wenigsten eine Zeit lang verliebt damit
ihr mir mein Spiel nicht verderbet denn da meine Liebste einmal die
Unbehutsamkeit gehabt ihr LiebesGeheimnis ihrer vertrauten Gespielin zu
offenbahren muss ich in beständigen Furchten schweben dass die letztere nicht
verschwiegen genung sei sondern aus Neid eine Verräterin werden möchte
welches aber nicht leichtlich geschehen kann wenn sie selber etwas Liebes
weiß Ach mein Freund gab ich zur Antwort mein Hertze brennet vor Liebe
lichterloh allein ich zweiffele sehr dass mich die schöne Nonne zu ihrem
Liebsten annehmen möchte denn sie scheint mir ihrer Gebärden wegen von etwas
hohen Sinnen und vornehmen Stande zu sein Schweiget von diesen versetzte mein
Gefährte ich weiß es besser sie ist zwar eines Patricii Tochter aber wegen
der vielen Geschwister und unzulänglicher Mittel von ihrer Mutter nach dem
Tode des Vaters mit Gewalt ins Kloster gesteckt worden Ach ach fuhr er fort
die Liebe zur Freiheit und anderthalb Centnern MannsFleische kann ein
Frauenzimmer leicht dahin bringen die Eitelkeiten eines etwas höheren Standes
hindan zu setzen und einen ansehnlichen rechtschaffenen Kerl der seine
Profession aus dem Grunde verstehet zu heiraten über dieses weiß ich gewiss
dass sie zum wenigsten auf die 300 spec Taler am Gelde und kostbaren Geschmeide
haben wird welches wenn wir Gelegenheit zur Flucht finden können durch kluge
List leichtlich mit fortzuschaffen ist Ach sprach ich wenn ich nur die Person
erstlich in meiner Heimat hätte ich würde mir wenig oder nichts aus dem
HeiratsGute machen weil ich zu meinem Anfange schon Geld genung weiß
Indem ich ferner reden wollte wurde die hinterste Tür welche aus dem
Kloster aufs OrgelChor führte geöffnet weswegen wir uns sehr stille hielten
und endlich mit zitterenden Freuden unsere beiden Gelieben ankommen sahen Sie
machten sich alle beide über das Klavicien her und stimmeten dasselbe zogen
auch etliche Säyten auf endlich aber zog die Sängerin welche Karoline hieß
ein Schreibzeug nebst einem Blat Pappier hervor und beschrieb das letztere auf
dem Pulte da ihr immittelst meine Schöne die sich Lucia nennete über die
Achsel sah und endlich sagte Schwesterchen du schreibst zu viel ich habe ja
den lieben Menschen noch nicht ein eintzig mahl recht im Gesichte gesehen
vielweniger ein Wort mit ihm gesprochen lass ihn doch sich zum wenigsten
erstlich einmal auf einer angemerckten Stelle zeigen Schweig mein Schatz gab
Karoline zur Antwort ich weiß schon im voraus dass er dir im Hertzen wohl
gefallen wird so bald du ihn nur von ferne sehen wirst und wo dieses heute
nicht geschicht solstu doch aufs längste Morgen einen Brief von ihm haben
Gleich mit endigung dieser Worte ließ mein Gefährte die oberste Klappe von dem
Vorschlage herunter fallen in welchen wir uns versteckt hatten und sagte
Erschrecket nicht schönsten Kinder eure allergetreusten Liebhaber sind allhier
gegenwärtig und haben von gestern Abend an auf das Vergnügen gehofft euch
durch diese kleinen Löcher nur zu sehen nunmehr aber da wir den erwünschten
Vorteil haben euch persönlich zu sprechen so erkläret euch ob ihr unsere
heftige Liebe auf ehrliche und eheliche Weise vergnügen wollt daferne wir
erstlich Gelegenheit genommen euch aus diesem Kercker in unser Vaterland zu
führen Die guten Kinder erschracken zwar anfangs heftig erholeten sich aber
gar bald und führten das treuhertzigste Gespräch mit uns allen beiden Kurtz
da keines an dem andern etwas auszusetzen hatte wurde das Verlöbnis in der
Geschwindigkeit geschlossen wir schwuren unsern Geliebten ewig feste Treue zu
und sie im Gegenteil versprachen zu folgen wohin wir beliebten Nach fernerer
genommener Abrede aber kehreten sie zurück und wir practicirten uns ohne von
jemand vermerckt zu werden sehr glücklich zur Orgel und Kirche heraus und zwar
noch wohl eine gute Stunde vor Anfang der hohen Messe
Wenn ich betrachtete dass sich binnen so wenig Stunden meine ganze Natur in
einen äuserst verliebten HaasenSafft verwandelt hatte musste ich mich selbst
auslachen es fielen mir zwar ein und andere Scrupels wegen dieser so
plötzlichen Verbindung in die Gedanken allein das stets vor meinen Augen
schwebende Gesicht der schönen Lucia und dann die heftige Liebe wären
vermögend gewesen meinen ganzen Verstand vielweniger dergleichen gering
scheinende Grillen zu vertreiben Nach diesen lieffen bei nahe vier Monat
vorbei binnen welcher Zeit wir unsere Geliebten zwar öfters sehen und Briefe
mit ihnen wechseln aber nur zweimahl auf wenige Minuten sprechen konnten
Deswegen begunte uns auf allen Seiten die Liebe immer heftiger anzufechten
Die meiste Arbeit an der Orgel war getan also zu befürchten dass uns in
zukunft die allerbeste Gelegenheit abgeschnitten werden möchte über dieses
rückte die raue HerbstZeit immer stärcker heran also schafften wir unsere
besten Sachen immer nach und nach fort in eine andere Stadt zu dem Anverwandten
meines Kameradens Unsere beiden Liebsten machten sich auch kein Bedenken ihr
Geld Geschmeide und andere leicht fort zu bringende Sachen bei nächtlicher
Weile in unsere Hände zu liefern deswegen ließ wir ein rotes und ein
blaues OffizierKleid verfertigen kaufften 2 Degen Stöcke Hüte und alles
was ein paar Kavalier nötig haben Vor uns beide aber ließ wir ein paar
LaqveienKleider machen Kurtz wir fädelten alle Anstallten die beiden Nonnen
in Offiziers Habiten fortzubringen dermaßen klüglich und listig ein dass wir
an glücklicher Ausführung unseres Vorhabens nicht im geringsten zweiffeln
konnten Mein Kompagnon bestellete also nach völlig genommener Abrede in der
nächsten Stadt eine ExtraPost welche auff einen gewissen Tag und Stunde parat
stehen sollte ein paar Offiziers mit ihren Dienern abzuführen In unserer
Vorstadt aber mietete er einen LohnWagen schaffte unsere übrige Sachen
hinaus und konnte sich darauf verlassen dass derselbe alle Minuten wenn es ihm
beliebte abfahren wollte Die OffiziersKleider und darzu gehörigen Sachen
practicirten wir bei Tage in die verschlossene Orgel Abends aber verschlossen
wir uns selbst mit Feuerzeugen und BlendLaternen hinein Unsere Nonnen
versäumeten nicht sich zu bestimmter Zeit einzustellen verschlossen sich mit
den empfangenen OffiziersKleidern weißen Peruquen und allen Zubehör in die
Blasebalgs Kammer kleideten sich um und wurden hernach von uns glücklich zur
Kirche und in die Vorstadt hinnaus begleitet wobei wir zugleich ihre
eingepackten NonnenKleider nebst noch einigen andern mitgebrachten Sachen
unter unsern Mänteln mit fort trugen
Es war Abends noch nicht völlig 10 Uhr da wir die Stadt unseres bisherigen
Auffentalts verließen mit anbrechenden Tage aber bei der bestellten Extra
Post eintraffen welche immittelst wir nur einige Erfrischungen zu uns nahmen
sich völlig fertig machte und aufs allergeschwindeste davon fuhr Nachdem wir
aber noch zwei frische ExtraPosten genommen erreichten wir einen solchen Ort
allwo unter der Botmässigkeit eines protestantischen LandesHerrn sattsame
Sicherheit anzutreffen war deswegen ließ wir die allzukostbare ExtraPost
zurück gehen um etliche Tage daselbst auszuruhen Binnen selbigen hatten wir
Zeit genung die Priorin und andern KlosterSchwestern ins Fäustgen auszulachen
zumahlen da unsere Geliebten erzehleten wie sie beiderseits ihre Zellen aufs
alterfesteste verschlossen die Schlüssel aber so wohl als die KirchSchlüssel
nebst zweien Abschieds Briefen in ein SchnupffTuch gebunden und zwischen die
Blasebälge gesteckt hätten allwo sie die Schwester Kalcantin mit der Zeit schon
finden würden Ich und mein Kompagnon ließ bei der Gelegenheit vor unsere
Liebsten feine FrauenzimmerKleider zu rechte machen weil wir selbige in
Offiziershabiten nicht weiter sicher durchzubringen getraueten dieselben sich
auch selbst ein Gewissen machten ohne Not dergleichen Kleider ferner zu
tragen denn ich kann zu ihrer beider besonderen Ruhme nicht anders sagen als dass
sie sich ungemein fromm keusch und züchtig auffgeführet haben Mein Kompagnon
der ein Hesse von Geburt war trennete sich nebst seiner Liebste in selbigen
Lande von mir und zwar in einer solchen Stadt wo sich viele Studenten
befanden Der Abschied welchen die zwei KlosterSchwestern von einander nahmen
war ungemein zärtlich denn solchergestallt sollten sie sehr weit von einander zu
wohnen kommen weil aber ich mit meinem guten Freunde die Abrede genommen an
selbigen Orte so lange zu verweilen biss unsere bei dessen Anverwandten
eingesetzten Sachen ankämen und ihm seinen Koffre nach zu schicken bewegte
mich meine Liebste selbst öfters zu einem SpatzierGange wobei sie nicht
selten wünschte bereits an Ort und Stelle zu sein damit wir uns ordentlich
copuliren lassen und die Hausshaltung anfangen könnten inzwischen aber war sie
dermaßen eigensinnig dass mir mit guten Willen niemals erlaubt wurde sie als
meine verlobte Braut auf den Mund zu küssen sondern sie sprach beständig
dergleichen Karessen gehöreten sich nicht ehe anzustellen als nach beschehener
Kopulation
Mittlerweile traff ich von ungefähr einen ehemahligen NebenGesellen an
welcher in dieser Stadt Meister geworden und eine reiche Heirat getroffen
hatte derselbe ließ nicht ab biss ich versprach folgenden Abend sein Gast zu
sein Meine Liebste erlaubte mir dieses da ich aber bei guter Zeit wieder in
unser Logis kam traff ich sie mit einem schwartz gekleideten Menschen der sehr
wohl aussah im eiffrigen Gespräch bei einem kleinen NebenTische sitzend an
ungeachtet nun noch etliche Personen in der Stube gegenwärtig waren so
entfärbte sich doch meine Liebste ziemlich bei meiner Ankunft jedoch ich gab
ihr die freundlichsten Minen bat auch um Erlaubnis mich bei ihnen
niederzulassen und dem schwartzgekleideten Herrn eine Pfeiffe Toback zu
præsentiren welche er mit größter Freundlichkeit annahm und dabei mich und
meine Liebste so treuhertzig machte ihm und den andern Anwesenden unsere ganze
LebensGeschichte zu erzählen Er bedanckte sich da es fast Mitternacht war
vor die erzeigten Gefälligkeiten wünschte sehr viel Glück zu unsern ferneren
Vorhaben und bat dass er sich die Freiheit nehmen dürffte uns morgen früh mit
einem Kaffeé und Bouteille Wein zu tractiren welches ich indessen annahm
Weilen aber dieses Menschen Konduite mir besonders artig vorkam ließ ich sehr
frühzeitig alles zurechte machen womit er uns tractiren wollte und tractirete
ihn den ganzen Tag hindurch aufs allerbeste Nachmittags kamen meine und meines
gewesenen Kompagnons Sachen mit der Post an welche letztern ich auslösete
fortschafte und zu meiner morgenden Abreise Allstallt machte dieserwegen auch
gegen Abend ausgieng um von ersterwähnten guten Freunde Abschied zu nehmen
Den ehrlich scheinenden SchwartzRock traff ich bei meiner Zurückkunft
abermals bei meiner Liebste in eiffrigen Gespräch begriffen an er nahm aber
bald darauf Abschied wünschte uns dabei auch eine glückliche Reise und meine
Liebste die ich um die mit ihm geführten Reden sehr freundlich befragte gab
zur Antwort dass er ihr die Irrtümer der RömischKatolischen Kirche entdecket
hätte welches mir sehr lieb zu vernehmen war Allein meine Leichtgläubigkeit
zeigte mir hernach ganz andere Irrtümer denn da ich früh Morgens nach meiner
Liebste sehen ließ die in der Höhe ihre besondere Kammer hatte war dieselbe
über alle Berge und hatte den Schlüssel zu unsern ReiseKoffre in einen auf
den Tisch gelegten Brief gesiegelt der folgendes Innhalts war
Monsieur Lademann
Ich habe euch biss auf diese Stunde vor einen frommen tugend und
gewissenhaften Menschen erkannt der allein wegen seiner Treue und
Redlichkeit von der schönsten Person auf der Welt geliebt zu werden verdient
Allein nehmt mir nicht übel dass ich euren Gedanken nach eine Untreue an
euch ausübe Es ist mir unmöglich mich mit euch zu verehligen Solte ich
dieserwegen eine Ursache anzugeben gezwungen sein so wüste keine andere
vorzubringen als diese dass es mir unmöglich ist ungeacht ich an euren ganzen
Wesen nichts auszusetzen weiß Ich glaube dass euch der dessfalls verursachte
geringe Verdruss weit leichter vorkommen wird als wenn ihr ZeitLebens mit mir
in einer unvergnügten Ehe leben soltet Eures mir getanen Schwures seid ihr
hiermit quittirt quittiret dagegen auch meine leichten Versprechungen Macht
euch keine Mühe mich aufzusuchen denn ich weiß gewiss dass ihr meine Person so
wenig finden als zwingen sollt Von euren Sachen habe mit Wissen und Willen
nichts mitgenommen hergegen etwas von den meinigen zum Andencken nebst 200
Tlr vor gehabte Mühe und ReiseKosten in Koffre zurück gelassen Lebet wohl
vergebet mir meinen Fehler den ich als eine Sklavin des Schicksaals zu begehen
mich gezwungen sehe und glaubt dass außerdem ZeitLebens verbleibet
eure danckbare Freundin
Lucia N
Ich hätte verzweiffeln mögen da ich diesen Brief so zu sagen in einem Atem
mehr als 10 mahl überlesen hatte die Post rückte angespannet vor die Tür ich
aber konnte mich unmöglich resolviren mit zu reisen sondern blieb noch da in
Hoffnung meine Geliebten auszuforschen allein die Mühe war vergebens über
dieses weil die WirtsLeute ein heimliches Gespötte über meine Klagen trieben
so merkte ich gar bald dass die Karte falsch gespielt worden ärgerte mich
zwar nicht wenig darüber bedachte aber doch letztlich dass bei unveränderlichen
Sachen die Vergessenheit das beste Mittel sei und reiste ganz verwirrt in
mein GeburtsDorff allwo mich mein getreuer Vormund der gute PfarrHerr
durch vernünftige Vorstellungen endlich bald wieder zu frieden stellte Meine
Mutter war mittlerweile gestorben zwei Schwestern sehr gut verheiratet die
jüngste dienete beim PfarrHerrn der Bruder aber welcher ebenfalls
geheiratet und bereits zwei Kinder gezeuget hatte das Väterliche Haus
angenommen worauf mein Erbteil noch stund weil ich aber über 400 Tlr Geld
mit brachte legte ich selbiges meistenteils an FeldGüter übergab selbige dem
Bruder zur Verwaltung weil sich der PfarrHerr zum Aufseher erbot und mir
außerdem mein Kapital nebst den Zinsen vorlegte welches ich jedoch nachdem
ich der jüngsten Schwester 30 Tlr und jeder andern 20 Tlr zum
HochzeitGeschenke vermacht unter seinen Händen ließ zur Danckbarkeit aber
ihm verschiedene ansehnliche HausRatsStücke fournirte und nachher wieder in
die Welt ging
Es begegnete mir binnen etlichen Jahren nichts besonders außerdem dass ich
von meinem Verdienste noch ein klein Kapital von 140 Tlr an meinen lieben
Herrn Pfarrer übersandte Bald darauf kam mir die Luft an meinen ehemahligen
Kompagnon den OrgelBauer im HessenLande zu besuchen um zu erfahren wie
vergnügt er mit seiner lieben Nonne lebte auch ob er nichts von meiner
Begebenheit vernommen hätte Allein unterwegs hatte ich im Walde das Unglück
von den Zigeunern ausgeplündert und biss aufs Hembde ausgezogen zu werden Die
etliche 20 Tlr so ich bei mir hatte wären endlich in Betrachtung dass ich
mein Leben als eine Beute davon trug zu vergessen gewesen allein es kränckte
schmertzlich sehr dass ich von einem Dorffe biss zum andern betteln musste und
doch kaum so viel erbetteln konnte meine Blöße mit alten Lumpen zu bedecken
Endlich kam ich in ein großes Dorff allwo meine erste Frage nach der
PfarrWohnung war weil doch von rechtswegen die Einwohner derselben am
barmhertzigsten sein sollen
Ich pochte an eine Magd öffnete die Tür und hieß mich auf mein
Andringen dass der Herr Pfarrer einem von den Zigeunern ausgeplünderten
HandwercksPurschen mit ein paar alten Schuen helfen sollte ein wenig warten
Die Tür blieb etwas offen stehen deswegen konnte ich von ferne die
PriesterFrau im Hause sitzen sehen welche ein kleines Kind auf dem Schoße
ein ander größeres aber vor sich stehen hatte und mit beiden aufs liebreichste
spielete Aber ach Himmel wie wurde mir zu Mute da ich an dieser
PriesterFrau meine ehemahlige Geliebte Lucia erkandte Ja sie war es selbst
leibhaftig und also fehlete wenig dass ich nicht in Ohnmacht gesuncken wäre
jedoch ob schon dieses nicht geschahe so blieb ich hergegen ganz entgeistert
mit halb hinweg gewendeten Gesichte vor der Türe stehen konnte mich auch kaum
ermuntern da mir die Magd ein paar ganz feine Schue ein paar schwache
Strümpffe und dann ein Hessisches 3 GgrStück brachte Die gute PfarrFrau
konnte mich unmöglich erkennen weil mein Bart und die Haare sehr verwildert
waren sie auch mich nicht einmal recht im Gesichte hatte deswegen ware ihre
Mildigkeit aus der reichlichen Gabe mehr als zu klar zu spüren Mir wurden durch
verschiedene GemütsBewegungen die hellen TränenTropffen aus den Augen
getrieben so dass nachdem ich meine Dancksagung der Magd mit jämmerlichen
Gebärden aufgetragen hatte dieselbe mich fragte ob ich etwa kranck oder
beschädigt wäre Ich beantwortete solches mit Seuffzen und Tränen suchte aber
mit betrübten Hertzen den Rückweg jedoch da ich kaum hundert Schritte hinweg
war kam mir die Magd mit einem halben Brodte und zweien Knackwürsten nach
gelauffen welche mir die Frau Pfarrerin auf ihren Bericht dass ich vielleicht
hungerig sein würde übersendete Saget eurer Frauen sprach ich dass ich ihr
von Grund des Hertzens danckte und alle beständige Glückseligkeiten anwünschte
denn die Zeiten sind veränderlich wie an mir zu sehen ist da ich eure Frau vor
etlichen Jahren am Fest Mariæ Heimsuchung zum ersten mahle musiciren sah hätte
ich nicht vermeint dereinst vor ihre Tür betteln zu kommen Die Magd lief
fort und ich machte mich in die Schencke nicht so wohl aus Appetit zum Essen
und Trincken als etwa in einem Winckel ein wenig zu ruhen und meinem
Unglücke in der Stille nachzudencken
Allein ich hatte wenig Ruhe denn erstlich wurde von vielen Leuten vexiret
ihnen die Art meiner letztern Plünderung zu erzählen und hernachmahls schickte
der Pfarrer etliche mahl und ließ mich bitten nochmals in seinem Hause
einzusprechen weil er aus gewissen Umständen einen verunglückten bekandten
Freund an mir vermerckte Ich entschuldigte mich zwar mit einer Unpässlichkeit
allein gegen Abend kam der Pfarrer mit seiner Liebsten selbst mich aus der
Schencke in ihr Haus abzuführen Solchergestalt wurde das Rätzel warum ich mir
seit 6 Jahren den Kopf ziemlich zerbrochen sehr plötzlich aufgelöset denn
dieser Herr Pfarrer war kein anderer als derjenige SchwartzRock welcher mir im
PostHause meine Liebste abspenstig gemacht hatte und zwar unter dem Scheine
dass er ihr die Irrtümer der Römischen Kirche entdecken wollen allein er hatte
ihr unter solchem DeckMantel seine Liebe entdeckt und meine Liebste als eine
von Jugend auf delicat erzogene Person war freilich eben nicht zu verdencken
dass sie sich von einem reichen PriestersSohne der eben im Begriff war seinem
Vater substituirt zu werden einnehmen lassen da er ohnedem vor einen sehr
ansehnlichen Menschen passieren konnte Der listige Betrug biss mich zwar immer
noch am Hertzen allein was war nunmehr besser zu tun als sich in die Zeit
zu schicken Demnach konnte ich ihren unablässigen Nötigen endlich keinen ferneren
Widerstand tun sondern ließ mich von diesen beiden EheLeuten an beiden
Händen in ihr Haus führen
Man bedencke was dergleichen Aufzug wenn nämlich ein ansehnlicher
Priester nebst seiner schönen EheFrau einen jämmerlich zerlumpten
HandwercksPurschen ja besser gesagt Bettler bei den Händen in ihr Haus
einführen vor ein Aufsehen in einem sehr volckreichen Dorffe machen kann Ich
schämete mich mehr als sie selber allein versichert solche Humaniteé
veränderte mein Gemüte dergestalt dass ich allen Kummer und Verdruss schwinden
ließ und zu ihrer vergnügten Ehe aus getreuen Hertzen gratulirte und mich
glücklich schätzte ein Werckzeug zum Wohlstande solcher Personen gewesen zu
sein
Ich will um fernere Weitläufftigkeit zu vermeiden nicht anführen wie die
Gespräche unter uns gefallen sind sondern nur melden dass die wohltätigen
Leute gleich folgenden Tages einen Schneider aus der nächsten Stadt kommen
ließ welcher alles Behörige mitbringen und mir in der Geschwindigkeit ein
vortreffliches neues Kleid verfertigen musste welches wenigstens auf etliche 20
Tlr zu stehen kam über dieses versorgte mich meine ehemahlige Liebste mit
sauberer Wäsche und andern höchstnötigen Sachen dem ungeacht musste ich einen
ganzen Monat bei ihnen bleiben da mir aber unmöglich war fernere
Ungelegenheit zu verursachen und ich mich verlauten ließ ehe heimlich fort zu
gehen als Dero Güte noch länger zu missbrauchen wurde ich endlich mit 30
FrantzGulden abgefertiget und gebeten so bald es meine Gelegenheit zuliesse
ihnen wieder zuzusprechen Ich wegerte mich durchaus mehr als einen einzigen
Gulden ZehrGeld anzunehmen allein der treuhertzige Pfarrer sagte Mein
Freund ich bitte gar sehr macht keine Weitläufftigkeiten dieses Bagatell
anzunehmen welches wir euch aus besten Gemüte geben und gönnen ich bin euch
ein weit mehreres schuldig allein bedencket dass ich seit wenig Jahren her ein
großes durch Rauberei und andere UnglücksFälle verloren habe indessen weil
ich nicht zweiffele dass mir Gott vermittelst meines sehr austräglichen
PfarrDiensts den Schaden gar bald wieder ersetzen wird so steht euch mein
Haus Küche und GeldBeutel jederzeit offen kommt alle Jahr etliche mahl und
verlanget einen Teil unseres Vermögens es soll euch mit größten Vergnügen
gereicht werden denn meine Liebste und ich lieben euch als einen leiblichen
Bruder Auf dergleichen redliches Anerbieten konnte ich mit nicht so viel
Worten als Tränen antworten küsste deswegen beiden EheLeuten die Hand und
nahm mit den hertzlichsten Glückwünschungen nebst dem offerirten Geschenke
danckbarlichen Abschied
Ob eine große Anzahl solcher redlichen Leute auch so gar unter den
Geistlichen in der Welt anzutreffen will ich eben nicht auscalculiren sondern
folglich berichten dass meine Reise von daraus zu meinem ehemahligen Kompagnon
dem OrgelBauer ging Diesen ehrlichen Mann traff ich zwar seiner Hantierung
wegen in sehr guten Stande an denn er hatte volle Arbeit und starken
Verdienst allein was seine Ehe anbetraff so lebte er im größten Unvergnügen
denn weil er seiner Profession gemäß zum öffteren etliche Tage außerhalb des
Hauses sein musste hatte sich seine allzuhitzige Frau indessen andere Bedienung
angeschafft der gute Mann hatte sie zwar zu verschiedenen mahlen bei nahe auf
der Tat erwischt allein doch keine hinlängliche Ursachen zur Ehescheidung und
völligen Beweis ihrer übelen Aufführung wegen beibringen können Deswegen ist
leichtlich zu erachten was vor gut Geblüte aus dergleichen herrlicher
LebensArt entstehen kann Ach wie froh war ich dass die unerforschliche Fügung
des Himmels mein Hertze von dergleichen Kummer frei gehalten hatte denn meiner
Lucia wäre wegen dergleichen um so viel desto weniger zu verdencken gewesen
weil sie von Jugend auf zu allem Staat und Delicatessen erzogen des armen
OrgelBauers Frau aber war nur eine SchustersTochter und als ein armes
Mägdgen wegen ihrer schönen Stimme aus Gnaden ins Kloster genommen worden
Ich sah kein Mittel diese beiden EheLeute zu vereinigen musste im
Gegenteil vermercken dass eins dem andern die empfindlichsten HertzensStiche
mit Worten und Gebärden versetzte deswegen nahm in wenig Tagen Abschied von
ihnen und musste mir wider meinen Willen von dem annoch beständigen
HertzensFreunde 10 harte Taler zum Geschenke aufdringen lassen Dieses Geld
aber war mir nicht so lieb als die vortrefflichen Risse und neuen Erfindungen
in seiner Profession welche er mir schrifftlich communicirte und dessfalls
ferner mit mir zu conversiren versprach
Von dar aus setzte ich meine Reise eiligst fort um noch vor dem Winter
etwa in einer Niederländischen großen Stadt Arbeit zu bekommen Es traff auch
ein nachher hielt vor ratsam die vornehmsten Holländischen Städte zu
besehen und in dieser oder jener etwa auf ein halbes Jahr oder weniger Arbeit
anzunehmen solches habe so lange getrieben biss mir endlich gegenwärtiger Herr
Kapitain Wolffgang in Amsterdam die allergröste Begierde erweckte unter ihm
eine Reise zur See zu tun welches mich denn biss auf diese Stunde nicht gereuet
hat auch wohl nimmermehr gereuen wird weil ich einen solchen ergötzlichen Ort
solche vortreffliche Leute und denn ein solches liebes Weib gefunden
dergleichen Kostbarkeiten sonsten sehr schwerlich in andern WeltTeilen
beisammen anzutreffen sind Also ist mein einziger Wunsch mich der erlangten
Glückseeligkeit durch meiner Hände Werck vollkommen würdig zu machen und dann
wo es möglich sein könnte meinem lieben Vormunde dem PfarrHerrn meines
GeburtsDorffs so wohl auch denen Geschwistern einige Nachricht von meinem
Zustande das zurück gelassene Geld aber ihnen zur Teilung anheim zu geben
Hiermit endigte unser ehrlicher Lademann die Erzählung seiner
LebensGeschicht seine geliebte HausFrau Margareta deckte deswegen den
Tisch und bewirtete die sämtlichen Gäste wozu noch der GroßVater Stephanus
aus dem Felde kam aufs herrlichste Nach der Mahlzeit aber da es noch sehr
hoch Tag war verschafte der AltVater Albertus uns versammleten annoch die
Lust
Des Müllers Krätzers LebensGeschicht
zu vernehmen als welcher dieselbe folgender maßen her erzehlete
Ich bin meine Herrn nunmehr ein Mann von 37 Jahren mein Vater war ein
FlussMüller an der Mulda der in meinem 4ten Jahre und zwar in seinen besten
Jahren im Fluße da er dem GrundEise fort helfen wollen das Leben
eingebüßt deswegen nahm meine Mutter einen andern Mann ich aber nebst zwei
älteren Geschwistern bekam an demselben einen sehr strengen StiefVater der
weil er ein Reformirter meine Mutter aber so wie ihr voriger Mann Luterisch
und uns 3 Kinder auch in solcher Religion auferziehen wollte seinen dessfalls
geschöpfften Verdruss nicht bergen konnte sondern bald nach der Hochzeit Mutter
und Kinder wie die Hunde tractirete so lange biss sich dieselbe endlich
beqvemete ihm nach zu geben und uns Kinder in dem Reformirten Glauben
aufzuziehen Sie hatte solchergestalt so wohl als wir eine Zeit lang Friede im
Hause jedoch nicht gar lange denn weil mein StieffVater den verzweiffelten
Brandtewein allzu sehr liebte wurde derselbe wenn er sich zuweilen darinnen
übernommen fast ganz rasend so dass sich keins von den Seinigen im Hause
durfte sehen lassen Meine Mutter war also und zwar mit ihrem mercklichen
Schaden zu spät innen worden dass sie das Abraten guter Leute wegen der
Heirat mit diesem Menschen verlacht hatte Allein nunmehr halff nichts als
die liebe Geduld Den ältesten Bruder hatte dieser böse Mann ganz zu Schande
geschlagen so dass er wegen Gebrechlichkeit zu keiner starken Arbeit etwas
nutzte sondern das SchneiderHandwerck lernen musste Mit mir wäre er unfehlbar
auf gleiche Weise verfahren allein ich lief mit heimlicher Bewilligung meiner
Mutter im zwölfften Jahre davon wurde von meines Vaters Bruder der ebenfalls
ein Müller und zwar an der Saale von guten Mitteln war aufgenommen und nicht
allein zum Handwercke angeführet sondern auch zur Luterischen Schule gehalten
so dass ich bald hernach zum heiligen Abendmahle gehen konnte
Es schien als ob ich zum Müller geboren wäre denn das Handwerck kam mir
ganz und gar nicht sauer zu lernen an noch weniger aber die Kunst mit dem
Zirckel und andern BauInstrumenten umzugehen Hierbei hatte mich die Natur mit
einer außerordentlichen Stärcke begabt so dass ich schon in meinem 16ten
Jahre fast mehr heben und tragen konnte als zwei andere Kerls Einsmahls machte
sich ein großer Baumstarcker MühlPursche breit darmit dass er in jeder Hand
ein anderthalb CentnerStücke auf einmal in die Höhe heben konnte ich aber tat
ihm nicht allein dieses gleich auf der Stelle nach sondern hub noch zugleich
das dritte mit den Zähnen auf nachdem ich nur ein wenig Leinewand um den
Rincken gewickelt hatte welches aber der Baumstarke Kerl unterwegs lassen
musste Andere dergleichen Proben will ich nicht erwähnen denn es ist aus diesem
einzigen schon zu merken dass ich eine ziemliche Force und zwar in so jungen
Jahren gehabt haben müsse welche sich nachher da ich etwas mehr Geschicke
kriegte und hinter ein und andere Vorteile kam dergestalt vermehrete dass ich
in selbiger Gegend ziemlich berühmt wurde Nachdem aber mein neunzehendes Jahr
verstrichen war ließ ich mich nicht länger aufhalten dem Wasser nachzulauffen
nahm also von meinem Vetter wie auch von der Mutter und dem murrischen
StiefVater abschied und reiste nebst zwei andern MühlPurschen fort Weil ein
jeder unter uns mehr als 12 Tlr Geld im Schubsacke hatte war unsere Meinung
nicht so gleich Arbeit zu suchen sondern wir ließ uns die freie Zehrung so
wir jedes Orts fanden anreitzen vorher die Welt ein wenig zu besehen waren
aber eben noch nicht allzuweit gelauffen da uns eines Abends in einer
DorffSchencke 6 oder 8 Soldaten überfielen und mit Gewalt hinweg nehmen
wollten jedoch ich und meine zwei Handfesten Kameraden lachten die guten Leute
nur aus und baten sie uns mit dergleichen Zumutungen zu verschonen oder wir
würden jeder einen von ihnen beim Kragen anfassen und die andern damit zur
Türe hinnaus stoßen Diese Worte gaben so gleich Feuer die Soldaten zohen vom
Leder wir aber ergriffen unsere MühlAexte und stäuberten sie ohne besondere
Mühe zum Hause hinnaus setzten uns darauf hin und fingen erstlich an recht
lustig zu sauffen Jedoch mit einbrechender Nacht wurden wir aufs neue durch 12
oder mehr andere Soldaten beunruhiget welche sich anfänglich zwar stelleten
als wüsten sie von den bei Tage vorgegangenen Händeln gar nichts es zeigte
sich aber bald dass sie ebenfalls aus keiner andern Ursache angekommen wären
als uns hinweg zu holen denn nachdem einer von meinen Kameraden welches ein
ziemlich langer und wohlgewachsener Kerl war das ihm in die Mütze gesteckte
HandGeld unter den Tisch schüttete und selbiges mit den Füßen fort stieß
kam es augenblicklich zum Streichen die Soldaten hieben mit ihren Degens auf
uns wir aber mit unsern MühlAxten auf sie dergestalt verzweiffelt los dass es
auf jener Seite ziemlich Blut setzte indem wir uns aber sehr vorteilhaftig
gestellt und im Auspariren alle drei sehr fix waren lieffen die Sachen noch
ziemlich gut biss endlich 3 Soldaten zu Boden suncken etliche zur Tür hinaus
gefeget wurden die 4 tapffersten aber annoch Stand hielten Einem von diesen
wurde sein Degen aus der Hand geschmissen deswegen bekam ich Lust etwas von
den KlopfechterKünsten an ihm zu versuchen welche mir ein alter weit und breit
gereifeter MühlPursche der sich gemeiniglich nur Pumphat nennen ließ gerlernt
hatte ergriff deswegen den Soldaten vorteilhaft beim rechten Arme und brach
ihm denselben ohne besondere Mühe entzwei Da dieses so leichtlich angegangen
war trieb mich der Grimm auch dahin selbiges Kunst Stück an seinem lincken
Arme zu versuchen und solches gelunge mit solcher Hefftigkeit dass die eine
ArmRöhre durch das Kamisol hindurch stach Der Kerl fing vor Schmerzen
überlaut an zu schreien und ich bekam mittlerweile von einem andern einen
geringen StreiffHieb über den Kopf weil mir der Hut abgefallen war Hierdurch
entbrannte meine Wut vollends dergestallt dass ich meinen Beleidiger die Klinge
unterlieff ihn dermaßen heftig in die Arme fasste und an meine Brust
drückte dass ihm augenblicklich der Atem stehen blieb und er als ein
WaschLappen zu Boden fiel da nun indessen meine zwei Kameraden reine Arbeit
gemacht hatten mein letzter Beleidiger aber sich in etwas wieder erholet brach
ich ihm zum Andencken auf der Erde noch ein Bein entzwei und nachdem ein
jeder von uns dem Wirte einen Gulden vor die Zeche zugeworffen nahmen wir
unsere Sachen und marchirten bei Nacht und Nebel unserer Wege
Dieser Streich war also mein Eintrit in eine solche LebensArt worüber der
Teuffel in der Hölle seine einzige Freude haben mag allein weil mich meine
Kameraden der bezeigten Tapfferkeit wegen fast auf den Händen trugen und
überall ein großes Wesen davon machten so dass die HandwerksGenossen selbst
fast Maul und Nase über mich aufsperreten bedünckte mir alles mein Tun sehr
löblich und wohlgetan zu sein ja in die Länge wurde ich dermaßen stoltz und
barbarisch dass mich niemand krumm ansehen durfte wenn er nicht von ArmBein
und HalsBrechen hören wollte
Nach langen Herumschwermen zwang uns endlich der GeldMangel Arbeit zu
suchen ich fand dieselbe bald in der großen Mühle einer Weltberühmten Stadt
wusste mich auch so wohl mit dem Meister als den MahlGästen dermaßen wohl zu
vertragen dass sich sonderlich die letztern um meine Arbeit drängeten denn es
bekam von meinen KundLeuten ein jeder mehrenteils etwas mehr Mehl als er mit
Recht verlangen konnte allein hieran war meine Redlichkeit am wenigsten
Ursache denn weil der MitGesellen noch etliche waren so wusste ich ihnen von
dem Geträyde ihrer KundLeute auch wohl zuweilen aus des Meisters Sacke selbst
immer so viel hinweg zu partieren dass ich nicht allein solchergestalt Ruhm und
Ehre sondern auch gute TrinckGelder erwarb
Weil aber doch alle mein Verdienst nicht hinlänglich war ein solches
herrliches Leben auszuführen dergleichen mir im Kopffe schwebete so suchte ich
andere Gelegenheiten mir gnugsames Geld in den Beutel zu schaffen Das Würffel
und KartenSpiel fiel mir als die aller reputirlichste Art in die Gedanken
deswegen besuchte zum öffteren die SpielGelacke jedoch mehrenteils mit dem
allergrößten Schaden weil gemeiniglich alles Geld was die ganze Woche
zusammen gesparet war des Sonntags Abends auf einmal drauf zu gehen pflegte
Jedoch durch folgende Gelegenheit bekam mein Spielen bald ein ganz anderes
Ansehen Es hatten nämlich etliche Degen tragende HandwercksPursche eines
Abends einen starken Verlust auf dem Spiele erlitten gaben deswegen dem
Schilderer oder Spielhalter ein und andern Betrug Schuld Dieses war sonst ein
Kerl der sich nicht leichtlich auf der Nasen trommelen ließ allein voritzo
waren außer mir 9 Kerls gegenwärtig von welchen allen er sich nichts oder
wenigstens nicht viel Guts zu versehen hatte Es daurete mich dass der Kerl von
diesen Purschen worunter einige waren denen noch der MilchBrei am Munde
klebte so viele SchnupffFliegen einfressen musste ungeacht ich ihm sonst
ebenfalls nicht allzugünstig war deswegen legte ich mich darzwischen und
sagte Ihr Herren haltet das Spiel nicht auf gefällt jemanden aber nicht mehr
zu spielen der halte sein naseweise Maul oder ich werde mir die Mühe nehmen
ihm zum Fenster hinaus auf die Straße zu werffen Es war wo mir recht ist ein
Stück von einem ApoteckerGesellen dabei der vielleicht mir wenig Kourage
zutrauen mochte oder wenigstens ein gut Teil mehr als ich zu haben vermeinte
dieser führte das Wort und gab mit verächtlichen Gebärden zu vernehmen dass
ich keine Ehre zu reden hätte Monsieur sprach ich den Augenblick marchirt zur
Türe hinaus oder es soll mich sehr jammern wenn ich euch in den Stand setzte
wenigstens in 4 Wochen keine Büchse zu binden zu können Der Eisenfresser zog
vom Leder ich ließ ihn zweimahl auf mein Spanisch Rohr hauen hierauf konnte er
sich nicht so geschwind umsehen als sein rechter Arm schon morsch entzwei
gebrochen war Demnach entblösseten die andern 8 alle ihre Degen gegen mich der
SpielHalter wollte mir zu Hilfe kommen allein ich stieß ihn zurück und
prügelte binnen einer Zeit von weniger als 5 Minuten mit meinem Spanischen
Rohre alle zur Stube hinaus biss auf den letzten welchen um mein Wort zu
halten seines naseweisen Mauls wegen zum Fenster hinaus auf die Straße
steckte Dieser Streich brachte mir bei allen Kunst und HandwercksGesellen
eine große Ehrfurcht und dann welches der beste Vorteil zu sein schien des
ermeldten Spiel Halters vollkommene Freundschaft zu wege so dass er mir alle
seine subtilen Griffe sich und diejenigen, welche es mit ihm hielten zu
bereichern der Länge nach heraus beichtete und mich solchergestalt zu seinen
allervertrautesten DutzBruder machte Demnach ging keine Woche hin dass ich
nicht auf dem SpielTische 10 20 biss 30 Taler gewonnen hätte wovon mein
DutzBruder wenigstens den 3ten Teil haben musste Hergegen weil er ein guter
FechtMeister war erlernete ich von ihm bei täglicher Ubung das Fechten mit
dem Degen und Pallasch nach der Kunst weswegen ich mich ein vollkommen
geschickter Kerl zu sein bedüncken ließ Er wollte mich zwar auch das zierliche
Tantzen lehren allein weil ich ein ganz besonderer Feind vom WeibsVolcke
und mit ihnen umzugehen fast wieder meine Natur war so gereichte mir auch das
Tantzen zum Eckel hergegen war spielen sauffen und schlagen mein einziges
Vergnügen als welche drei S mehr als zu stark sind einen jungen Menschen um
das 4te gedoppelte S nämlich der SeelenSeeligkeit zu bringen
Allein dazumahl gedachte ich nicht einmal daran dass eine Seele in meinem
Körper stäcke geschweige denn dass ich mich bemühen müsste durch Gebet und
Christlichen Wandel derselben nach dem Tode ein gutes Quartier zu bereiten ja
es war schon dahin mit mir gekommen dass ich weder an den Morgen noch
AbendSeegen gedachte die TischGebete mit größten Verdruss anhörete außer
diesem bereits seit zwei Jahren oder etwas länger in keine Kirche vielweniger
zum heil Abendmahle gegangen war
Ein schönes Leben vor einen Menschen der in seinen besten JünglingsJahren
stund Wäre es auch zu bewundern gewesen wenn Gott mich dieserwegen in der
besten Blüte meines Lebens aufs schändlichste verdorren lassen jedoch seine
Langmut erstreckte sich noch weiter Denn so bald ich ein ansehnliches Stücke
Geld auf solche subtile DiebesArt nämlich durch lauter betrügliches Spielen
zusammen gescharret hatte ließ ich mir ein paar Edelmanns Kleider machen
kauffte Peruquen Tressen Hüte einen silbernen Degen ja alles ein was zur
Ausstafierung eines jungen Edelmanns gehörete packte die Sachen in einen
Koffré reiste etliche 30 Meilen weiter in die Welt blieb endlich in einer
Stadt bekleben wo sich viel dergleichen Leute zeigten als ich vor mir zu haben
wünschte
Ich gab mich daselbst vor einen Menschen von Sächsischen guten Geschlechts
aus der sich unter verdeckten Nahmen so lange an frembden Orten aufzuhalten
gezwungen sähe biss er eine gewisse verdrüssliche Affäre die er mit einem
Kavalier gehabt durch seine Anverwandten und guten Freunde ausmachen lassen In
der Tat aber war ich mit Wahrheit und ohne Ruhm zu melden damals ein
subtiler SpitzBube Und gewisslich es sollte wenig gefehlet haben mich in die
völlige Diebs und SpitzBuben Zunft zu ziehen als wozu sich sehr sonderbare
GelegenheitMacher anmeldeten wenn ich nicht in meiner Jugend eine besondere
Aversion vor dergleichen Leuten bekommen hätte und zwar bei der Gelegenheit da
ich etliche solche GalgenVögel erstlich erbärmlich martern und hernachmahls
teils rädern teils aufhencken sah Wiewohl ich will selbst nicht Bürge davor
sein dass dergleichen Eckel durch das fernere Zureden solcher sauberen Gesellen
endlich nicht hätte können vertrieben werden wenn die subtilen Säyten auf der
Geige meines liederlichen und Gottes vergessenen Lebens nicht mehr hätten
klingen wollen So aber konnte zu damahliger Zeit mit dem aller listigsten
KunstGriffen beim Würffel Basset und andern kostbaren KartenSpielen mein
annoch beständiges gutes Konto finden wie ich denn eines Abends bei einer
Assambleé so glücklich war von einem gewissen Major 1000 Tlr baar Geld zu
gewinnen So viel Geld getrauete ich mich unmöglich alleine durchzubringen
Deswegen verschrieb meinen zurückgelassenen KunstLehr und FechtMeister zu
mir übersandte ihm 200 Tlr von dem gewonnenen Gelde mit dem Unterricht dass
er sich bei seiner Ankunft vor allen Dingen einen adelichen Nahmen geben
müsse vor unsern Staat zu führen sollte er hingegen mich alleine sorgen
lassen
Er säumete nicht sich unter einem vornehmen Adelichen GeschlechtsNahmen der
Eustachius von S lautete einzustellen gleichwohl musste er das Ansehen bei
allen andern haben als ob wir beide einander niemals mit Augen gesehen hätten
jedoch in wenig Tagen errichteten wir die allervertrauteste Freundschaft und
bezogen zusammen ein Logis Es ist mir unmöglich alle Arten der List und Bosheit
auszuführen durch welche wir binnen wenig Monaten ein Kapital von mehr als
2000 Tlr zusammen brachten jedoch der Krug ging so lange zu Wasser biss
endlich der Henckel abbrach denn mein Kompagnon wurde eines Abends von einem
Kavalier auf frischer Tat des falsch Spielens ertappt und bekam von
demselbigen eine tüchtige Maulschelle
Dieser Schimpff konnte nun mit nichts anders als Blute abgewaschen werden
deswegen ließ mein Kamerad Stax dem Kavalier folgenden Morgen durch mich vor
die Spitze fordern selbiger war keine feige Memme sondern erschien mit seinem
Secundanten auf dem bestimmten Platze hatte aber das Unglück von meinem
Kameraden auf der Stelle erstochen zu werden Wir hatten uns vorigen Abend auf
dergleichen Streich schon gefast gemacht derohalben unsere besten Sachen vor
angebrochenen Tage mit der Post fort und in eine Französische GräntzStadt
geschafft mithin wurde nicht lange gesäumet biss dahin nachzueilen wir kamen
auch ungeacht uns ein Kommando Reuter nachgeschickt worden um eine halbe
Stunde eher als dieselben glücklich über die Teutsche Gräntze Die Reise ging
ohne fernere Sorge auf Paris zu in welcher reichen Stadt wir unsere Streiche am
allerbesten fortzuführen gedachten allein zu größter Verwunderung fanden sich
daselbst unzehlig viele solche Leute die unter dem KavaliersHabite dergleichen
Künste wo nicht besser doch wenigstens so gut als wir verstunden Deswegen
mussten wir ungemein behutsam nur und an solche Orte gehen wo etwas geringere
Personen über den Tölpel zu werffen waren
Mittlerweile erwarben wir dennoch von Zeit zu Zeit so viel dass es nicht
nötig war die mitgebrachten GoldBeursen anzugreiffen wiewohl mein Stax mehr
als ich vertat indem er beständig den Huren nachlieff und sich gegen selbige
sehr spendable erzeigte da im Gegenteil ich mich auf die Französische Sprache
befliss auch was weniges von dasiger Baukunst begriff um zum wenigsten doch
etwas löbliches in Frankreich vorzunehmen Bei solcher Gelegenheit geriet ich
in die Bekanntschaft zweier Mecklenburgischer junger Edelleute die von einem
Hofmeister geführet wurden Weil nun der letztere sich durch meine redliche
Stellung betrügen ließ so erlaubte er mir zum öffteren diese beiden jungen Herrn
spaziren zu führen zumahl wenn er Lust haben mochte seinen eigenen Streichen
nach zu gehen Sie führten starke Gelder bei sich welches mir eine höchst
vergnügliche Sache war sie deswegen in solche Kompagnien führte wo sich vor
dergleichen junge Lecker allerhand Ergötzlichkeiten fanden hergegen stellte
ich mich an als ob das Spielen mir eine wiederwärtige Sache sei zumahl da
leicht zu merken dass sie beiderseits starke Liebhaber davon wären Mein
Kamerad Stax musste endlich auch in ihre Bekanntschaft kommen dieser ließ einen
stärckern Appetit zum Spiele blicken jedoch bei dem ersten andern und dritten
Umgange die jungen Herrn so wohl als ihren Hoffmeister mehr als zwei oder
drittehalb hundert Frantz Gulden gewinnen Ich bekam davor dass ich sie an einen
so profitablen Ort geführet von dem ältesten eine kostbare Englische silberne
Uhr von dem jüngsten aber einen silbernen Degen geschenckt wurde auch
gebeten sie ferner in andere dergleichen Kompagnien zu führen und auf ihre
Schantze so treulich wie bisher Achtung zu geben Dieses geschahe einsmahls
und zwar da der Hofmeister wegen einiger KopfSchmerzen im Logis zu bleiben
gesonnen war allein die beiden guten Herrn wurden von meinem Stax nicht allein
um 200 fl bei sich habende SilberMüntze sondern über dieses noch um 300
halbe Louis dor geschneutzet ich selbst der aber mit dem Stax unter einem
Hütgen spielete hatte zum Scheine auch 50 Louis dor nebst 100 FrantzGulden
mit verloren hörte aber auf zu spielen weil wie ich sagte heute kein Glück
vor mich vorhanden wäre allein die jungen Herrn spieleten mit dem ernstaften
und sehr raisonable scheinenden Stax auf Konto weiter fort Ich hielt nicht vor
ratsam diese melckenden Kühe auf einmal zu ruiniren schlich mich deswegen
heimlich zu ihrem Hoffmeister erzehlete demselben mit verstellter
Treuhertzigkeit dass die beiden jungen Herrn heute sehr unglücklich gewesen und
dem ungeacht durchaus nicht nachlassen wollten bat ihn deswegen um Gottes
Willen seine Autorität zu gebrauchen und sie davon abzuziehen weil heute
doch weder Glück noch Stern vor sie sei Der gute Pursche merkte nunmehr zu
spät dass er seinen Untergebenen allzuviel Willen und was das größte Versehen
war den Schlüssel zum Geld Chatoul überlassen hatte deswegen warff er in
größten Aengsten seine Kleider über sich erfuhr aber zu seinem allergrößten
Schrecken dass seine Untergebenen Zeit meines Abwesens noch 200 Louis dor
verspielet hatten weswegen Stax bei ein und andern empfindlichen Reden des
Hoffmeisters das rauche heraus zu kehren begunte und entweder auf der Stelle
sein Geld oder wenigstens einen tüchtigen Bürgen verlangte Indem er nun ganz
allein im Stande war dem Hoffmeister und seinen beiden jungen Herrn Angst und
Schrecken einzujagen mussten sich diese auf gute Worte befleissigen um mit der
Helffte davon zu kommen allein er war nicht zu erweichen biss ich mich ins
Mittel schlug und so viel auswürckte dass er endlich mit 100 Louis dor
zufrieden war welche der Hoffmeister alsofort aus dem Logis langen und ihm
bezahlen musste Die guten Herrn stelleten sich zwar nach der Zeit noch ziemlich
gefällig allein ich weiß nicht ob der Hoffmeister einigen Verdacht auf mich
legen mochte weil er sich sehr kaltsinnig stellte auch bei meiner Ankunft
seine Untergebenen entweder verleugnete oder ihnen doch im geringsten nicht
erlauben wollte ferner mit mir aus zu spaziren
Demnach tat es mir von Hertzen leid dass ich sie nicht noch besser
berupfft sondern so gnädig durchgelassen hatte jedoch es passirten in
nachfolgenden 3 Jahren so lange nämlich mein Stax und ich uns noch in den
vornehmsten Französischen Städten umsahn unzählige dergleichen Streiche
welche alle haarklein zu erzählen ich wenigstens eine ganze Woche Zeit haben
müsste Endlich zerfiel ich mit diesem meinen bisherigen HertzensFreunde um
einer sehr geringen Sache willen worinnen er sich in Beisein vieler andern
Leute einer sonderbaren Autorität über mich anmassen wollte allein weil ich
etwas zu viel Wein getruncken hatte blieb ich ihm an allerhand empfindlichen
RedensArten nichts schuldig daher er endlich auf die Torheit geriet mit
Kreide eine MühlAxt auf den Tisch und ein NB darüber zu mahlen Es wusste zwar
kein Mensch was dieses eigentlich bedeuten sollte mich aber verdross dieser
Streich dergestalt dass ich ihn augenblicklich forciren wollte mir mit seinem
Degen gegen den meinigen eine vollkommene Auslegung zu tun allein wir wurden
von etlichen sich darzwischen Legenden Kavaliers abgehalten und ermahnet
dergleichen Vornehmen biss auf den morgenden Tag zu versparen
Stax ging in seiner Maitresse Logis den Rausch auszuschlaffen und
vermeinte vielleicht wenn ich dergleichen getan würde sich der gestrige
Eiffer wohl gelegt haben allein die Galle ging mir dergestalt im Eingeweide
herum dass ich kaum den Morgen erwarten konnte So bald derselbe angebrochen war
kauffte ich mir von einem PferdeHändler ein gut Pferd mit schönen Sattel und
Zeuge schickte den nunmehrigen ärgsten Feinde ein Kartell zu Nachmittags um
zwei Uhr eine Meile vor der Stadt auf einem bewussten TummelPlatze zu
erscheinen Weil mir aber sogleich ein Unglück ahndete kauffte ich noch einen
leichten Klöpper vor einen deutschen Laqueien den ich weil er von seinen Herrn
verlassen worden nur vor wenig Tage in meine Dienste genommen hatte ließ meine
besten Kleider und Sachen in zweien MantelSäcken darauf packen befahl dem Kerl
auf etliche 100 Schritt voraus zu reiten und zu erwarten wie mein vorhabendes
Duell ablieffe ich aber setzte mich gleichfalls zu Pferde und gelangte bald
auf den Platz allwo sich mein Gegner zu bestimmter Zeit einstellete Nehmet
euch in Acht rieff er mir zu so bald wir einandar das Weiße im Auge sehen
konnten denn die Meisters behalten gemeiniglich die beste Finte vor sich Es ist
gut gab ich ganz gelassen zur Antwort in kurzen wird sich zeigen wer des
andern Meister ist. Hiermit gingen wir nach abgeworffenen Kleidern aufeinander
los und mein Gegner wurde im zweiten Gange ein wenig in den Arm verwundet da
er aber dieserhalb nur desto hitziger wurde und seinen Hohn in der
Geschwindigkeit zu rächen vermeinte auch vor der mir selbst gezeigten Finte
sich nicht versah lief er sich meinen Degen dermaßen gewaltsam unter dem
Arme in die Brust hinnein dass er vermutlich wegen einer HertzWunde
augenblicklich umfiel und nach wenigen Zucken die Seele ausbliess Ich sprach zu
den beiden Anwesenden Secundanten Messieurs nehmt euch so viel als es sein
kann dieses entleibten Deutschen an denn ich weiß dass der Gürtel den er auf
seinem bloßen Leibe trägt die Mühe belohnen wird Hiermit bekümmerte mich
weiter um nichts sondern gab meinem Pferde die Sporn und jagte nebst meinem
Diener so hurtig als möglich nach den Gräntzen der Österreichischen Niederlande
zu Selbige erreichten wir ohne einzigen Anstoß da doch sonsten ohne Pass
hindurch zu kommen eine ziemliche Kunst war
Ich hätte die größte Ursache und schönste Gelegenheit gehabt dasiger Orten
die bisherige schändliche LebensArt zu quittiren und hergegen eine honorable
KriegsCharge anzunehmen allein die gebundene LebensArt schien mir ein Eckel
zu sein Jedoch weil ich über 3000 Taler an Golde und Jubelen bei mir
führte gefiel mir endlich Bald bei diesen bald jenen Käyserlichen Regimente
Curassirer als Volontair herum zu schwermen wobei meine Profession nämlich
das verfluchte Spielen zu exerciren sich tägliche Gelegenheit fand
Endlich nachdem ich von dem vielen Gelde nicht mehr als 200 spec Ducaten
an meinen Vetter und Lehrmeister übermacht stieß mir ohnweit Luxemburg die
abermahlige Fatalitæt zu einen Offizier des beim Spiele entstandenen Streits
wegen zu erstechen also nahm ich die Flucht aufs neue nach Franckreich
streiffte erstlich in vielen andern Städten herum und kam endlich im Winter des
1720ten Jahres wieder nach Paris alwo damahliger Zeiten lauter Lermen wegen
der so frewlen Spitzbuben war Um nun nicht etwa in dergleichen Verdacht zu
kommen mietete ich mich bei einem deutschen ZuckerBecker ein und führte
wieder meine Gewohnheit ein ziemlich ordentliches Leben ließ mich aufs neue in
ein und andern zur Matesi gehörigen und mir beliebigen Künsten unterrichten
da aber das Spielen nicht unterlassen konnte so spielete jedennoch fast
gezwungen ziemlich ehrlich war auch dabei zuweilen ungemein glücklich Mein
Wirt war ungeacht dessen dass er die Protestantische mit der Katolischen
Religion verwechselt hatte in allen seinen äuserlichen Wesen ein grund
redlicher Mann und erzeigte mir gegen billige Bezahlung alle Gefälligkeit ich
bedaurete selbst zum öffteren wenn sich ein klein Füncklein recht gesunde
Vernunft bei mir spüren ließ dass ich mich nicht entschließen könnte nach Hause
zu reisen und eine ordentliche LebensArt anzufangen denn das Hertze wollte mir
zum voraus sagen dass dergleichen Aufführung endlich ein beklecktes Ende nehmen
würde Allein solche gute Gedanken wurden fast augenblicklich als von einem
Sturmwinde zerstreuet hergegen kam mir die eingewohnte Weise immer süßer vor
so lange biss ich eines Abends ebenfalls des Spiels wegen in einer Rencontre
mit zweien Degens zugleich durchstochen sonsten am Leibe auch sehr übel
zerhauen wurde
Man schaffte mich vermittelst einer Sänfte andern Tages in mein Logis
allwo ich die Ehre hatte von vielen deutschen Klavaliers besucht zu werden
weil ein jeder glaubte ich sei derjenige vor welchen ich mich ausgab und weil
keine sonderlichen Schrifften unter meinen Sachen angetroffen wurden so konnte
dessfalls um so viel weniger verraten werden Es waren ein Medicus und 2
Chirurgi über mir welche aber wieder die gewöhnliche Art der Franzosen
schlechten Trost gaben deswegen begunte mein Gewissen auf einmal aufzuwachen
so dass ich vor Angst in gäntzliche Verzweiffelung gefallen wäre wenn nicht ein
gewisser Kavalier meine HertzensBangigkeit gemerckt und mir dieser wegen den
Prediger eines gewissen Luterischen Abgesandtens zugebracht hätte Selbiges war
ein ungemeiner Mann der mein Gewissen solchergestalt zu rühren wusste dass ich
ihm endlich wie fast alle Zeichen meines heran nahenden Todes vorhanden waren
ein offenhertziges Bekenntnis meiner bisherigen LebensArt und dabei den
großen Zweiffel zu vernehmen gab Ob ein solcher Mensch wie ich annoch
Vergebung und Gnade bei Gott erlangen könne Demnach war er fast eine ganze
Nacht hindurch bemüht mich aus der Verzweiffelung zu reißen und auf die
rechte Straße zu bringen da ich nun gegen Morgen eine ernstliche Reue Busse
und Glauben durch Worte und Gebärden zeigte absolvirte er mich und reichte mir
nachher in aller Stille das Hochwürdige Abendmahl worauf ich ungemeine
Linderung so wohl an den Leibes als GewissensWunden fühlete und ein Gelübde
tat welches so viel in sich hielt Dass, wenn mich Gott diesesmahl beim Leben
erhalten würde ich so gleich nach wieder erlangter Gesundheit alles mein Geld
und Gut unter die Armen teilen und nichts mehr davon übrig behalten wollte als
was ich zur Reise in mein Vaterland höchst vonnöten hätte daselbst wollte ich
denn auch die meinem Vetter über machten 200 spec Ducaten und den Wert von
den übrigen übel erworbenen Reste an Kirchen Schulen und arme Leute
verwenden Bald nach diesem getanen Gelübde ließ sichs mit meinen Schäden zu
schleuniger Besserung an die Aertzte fingen an besser zu trösten sagten aber
frei heraus dass wenn ich vollkommen curiret sein wollte sie um den Eyter aus
der BrustHöle zu zapffen über den kurzen Rippen eine Öffnung machen müssten
Ich gab meinen Willen drein stund die höchst schmertzliche Cur aus und
wurde also nach wenig Wochen vollkommen gesund Allein wer sollte es wohl
glauben dass so bald sich die verlohrnen Kräffte wieder eingestellet ich nicht
allein mein getanes Gelübde vergessen sondern mir auch nicht das geringste
Gewissen gemacht hätte die vorige Lebens wiederum zu ergreiffen
Unter andern geriet ich mit einem sehr artigen Frantzosen in
Bekandtschaft der sich La Rosée nennete und wie ich merkte die SpielKünste
ungemein wohl verstund deswegen hütete mich ihm keinen Verdruss mir aber
keinen Schaden zu zu ziehen nicht zwar aus einiger Furcht sondern weil ich
diesem Menschen unwissend warum gewogen sein musste Er im Gegenteil
vermerckte bei mir gnugsame Hertzhaftigkeit zugleich auch dass ich seine
künstlichen Streiche guten Teils abgemerckt dem ungeacht die Gefälligkeit vor
ihm gehabt und stille geschwiegen hatte Deswegen suchte er mir bei andern
Gelegenheiten allerhand Vergnügen zu machen tractirte mich öfters in seinem
Logis mit den herrlichsten delicatessen und ich bewirtete ihn gleichfalls
öfters in meinem Hause wobei er mir zu vernehmen gab Wie er die stärckste
Anwartung auf einen OffiziersDienst in einer benachtbarten Guarnison hätte und
mich zugleich bereden wollte ebenfalls Dienste unter der Miliz zu suchen allein
ich zuckte die Achseln hierzu und sagte dass, wenn mir mein freier und
ungebundener Stand nicht lieber gewesen ich schon vorlängst unter den Kayserl
Trouppen eine Kompagnie haben können Hierauf sprach er ja Monsieur es wäre
mir zwar auch also zu Mute allein wo wollen die Mittel allezeit herkommen
Monsieur versetzte ich dergleichen Künste als ihr im Spielen gezeiget habt
müssen ihren Mann niemals fallen lassen Ach sprach er es ist zwar etwas
jedoch nicht hinlänglich denn in Paris ja in ganz Franckreich werden die
Reichen immer klüger die Armen aber immer ärmer und ich glaube ehe ein Jahr
verstreicht wird fast niemand mehr spielen wollen deswegen muss man sich auf
andere Künste legen Unter diesem Gespräche fiel mir ein eiserner etwa 2 Ellen
langer Guardinen Stab vom Fenster herunter auf den Kopf jedoch ohne besonderen
Schaden dem ungeacht brach ich denselben aus Bosheit als einen
TobacksPfeiffenStiel in mehr als zwantzig Stücke La Rosée sperrete darüber
Maul und Nase auf vermeinte auch dass ich vielleicht ein HexenMeister sei
allein ich bezeugte ihm mit vielen mir gar nicht schwer ankommenden Eydschwüren
dass dieses meine angebohrne Stärcke also mit sich brächte zerbrach auch vor
seinen Augen einen mehr als 6 mahl dickern FensterStab in etliche Stücken
worüber La Rosée in noch stärckere Verwunderung geriet und mich zu einem
seiner besten Freude mit zu gehen bat welchem er heute eine Visite zu geben
versprechen müssen Ich ließ mich leicht bereden zumahlen da selbigen Abend
sonsten keine tüchtige Kompagnie wusste Demnach führte er mich in die Vorstadt
St Marcel und zwar in ein nicht allzu ansynliches Hass allwo in der UnterStube
des hinter zwei ansehnliche Kavaliers im Brete mit einander spieleten jedoch
bei des Le Rosée und meinem Eintritt alsobald aufsprungen und uns aufs
höfflichste bewillkommeten
Sie ließ so gleich den köstlichsten Wein nebst andern Delicatessen
auftragen und weil noch ein ansehnlicher feiner Herr darzu kam saßen wir da
ließ die Gläser tapffer flanquiren und raisonnirten von lauter EtaatsAffair
en so dass ich diese Herrn vor vollkommene EtaatsLeute gehalten wenn mir la
Rosée nicht gesagt hätte dass sie Offiziers von demjenigen Regiment wären
worunter er sich halb engagirt hätte Der Wein hatte wegen seines ganz
besonders trefflichen Geschmacks mir allbereits einen halben Tummel zu gezogen
als plötzlich ein scheinbarer Offizier mit 6 Mann in die Stube trat und mit
brüllender Stimme sprach Messieurs gebt euch auf Befehl des Königs in Arrest
Ich vor meine Person der dieses Tags wegen ein ziemlich gutes Gewissen hatte
wusste nicht was es bedeuten sollte sah deswegen meine ZechGesellen an und
fragte in aller Stille Ob wir diesen Kerlen nicht die Hälse brechen wollten La
Rosée sprach Allerdings sonst sind wir verloren
Auf dieses Wort sprunge ich als eine Furie hervor riss den Offizier
plötzlich zu Boden stieß einen andern mit dem Kopffe wieder die Wand dass er
ohnmächtig wurde den dritten aber mit einem ausgezogenen Stillet auf der Stelle
tot Meine Zechbrüder brachten die übrigen 4 zwar glücklich zur Tür hinaus
ersahn aber dass noch mehr als 12 Mann im Hofe parat stunden uns zu attaqui
ren Jedoch zu allem Glücke war die StubenTür inwendig mit starken eisernen
Bändern und Riegeln versehen deswegen wurde dieselbe aufs beste verwahret
hergegen schien meinen Kompagnons das Durchwischen unmöglich weil die 3
Fenster mit eisernen Stäben allzu fest besetzt waren Allein hierzu wurde bald
Rat denn ich riss einen nach dem andern aus der Mauer und also sprungen wir
auch einer nach dem andern zum Fenstern heraus Diese waren nun zwar auch mit
einer geringen Mannschaft besetzt allein ich schlug mich glücklich durch und
kam ohnbeschädigt in meinem Logis an
Folgenden morgen besuchte mich einer von den gestrigen Zechbrüdern der
sich le Pressoir nennete und brichtete dass la Rosée nebst noch einem andern
dennoch von der Wacht attrapirt und ins Chastelet geführet worden über dieses
wäre auch der Kerl welchen ich mit dem Kopffe so hart an die Mauer gestoßen
crepiret deswegen der beste Rat wenn ich mein Quartier veränderte weil man
mich hier leicht ausforschen und zu dem la Rosée setzen könnte Demnach ließ ich
mich von diesem ScheinFreund bereden mit in sein eigenes Logis zu ziehen
allwo ich schöne Gelegenheit aber fast täglich solche Personen um mich hatte
welche den KramsVögeln gar nicht den GalgenVögeln aber desto ähnlicher sahen
Le Pressoir brach endlich beim Truncke und zwar da wir ganz allein beisammen
waren mit dem ganzen Geheimnisse heraus dass nämlich er und seine Gefährten
Kartouchianer auf deutsch Mitgesellen der aller berühmtesten SpitzBubenBande
unter allen wären die dermahlen auf der ganzen Welt florirten
Ich erschrack hierüber von Hertzen und zwar dermaßen dass mir der kalte
Schweiß austrat denn im Augenblicke stelleten sich alle Gehenckten Geräderten
Gevierteilten Gebrandmarckten Gestäupten und dergleichen vor mein Gesichte
die ich nicht nur von eben dieser Bande in Paris sondern auch von Jugend auf an
andern Orten Mord und Diebstahls wegen executiren sehen Le Pressoir merkte
einige Bestürtzung an mir sagte deswegen Schämet euch Monsieur bei so
vortrefflichen LeibesGaben ein solch feiges Gemüte zu haben Bedencket doch
wer heute bei Tage sein Glück auf festen Fuß setzen will muss wahrhaftig viel
Geld haben die Art wo mit wir selbiges zu erwerben suchen scheint zwar etwas
desperat und schimpflich allein das letztere zumahl ist eine leere Einbildung
weil einige von den größten Monarchen das Gewerbe sich mit Gewalt zu
bereichern öffentlich wie armen Schlucker aber dasselbe nur heimlich treiben
Ach sprach er noch es sind viele von unserer Bande hinweg geschlichen die mit
ihrem dabei erworbenen Gute teils in Deutschland Engelland Holland und
andern Ländern sich auf LebensZeit vergnügte RuheStädte zubereitet haben
Solche Gespräche führten wir biss in die MitterNacht ich versprach dem le
Pressoir die Sache zu beschlaffen und dessfals Morgen mit dem frühesten den
Schluss zu fassen ob ich mich ihrem Obristen wollte præsentiren lassen Allein
mein SündenMaß lief ohnedem schon über und weil die Göttliche
Barmhertzigkeit vielleicht noch viele Grausamkeiten zu verhüten mich aber zu
einiger Erkenntnis zu bringen gesonnen fügte es dieselbe dergestallt dass le
Pressoir diese Nacht ausgekundschaft nebst mir im ersten Schlaffe überfallen
gebunden und ebenfalls ins Chastelet geführet wurde
Hieselbst wurden mir alle meine Kleider biss auf die Hosen und Hembde
abgezogen ingleichen der Barchent Gürtel worin mein Gold und Kleinodien
vernehet waren und den ich jederzeit auf dem bloßen Leibe trug abgerissen so
dass von allen übelerworbenen Gute nichts in meiner Gewalt blieb als ein kleiner
DiamantRing etwa 15 taler wert und dann 6 gehenckelte GoldStücke die in
einer verborgenen HosenFicken stacken und etwa 30 taler austrugen Man warff
mir zwar an statt meiner schönen Kleider etliche andere Stücke zu welche
unfehlbar etwa ein gehenckter oder geräderter Dieb zurück gelassen hatte
allein ich wollte selbige nicht eher anziehen biss mir endlich des Nachts die
grimmige Kälte allen Eckel vertrieb denn es war gar ein verzweiffelt kaltes
stinckendes und niedriges Gewölbe im unteren Stockwercke worinnen man mich an
entsetzlich starken Ketten gefangen hielt
Wenig Tage hernach wurde ich ins Verhör gebracht allwo ich mich zwar was
die Kartouchianer anbetraff aufs beste zu verantworten suchte allein um so
viel desto schlechter Gehör fand ja die Sache wurde dergestallt eiffrig
getrieben dass ich zu meinem Trost ein vor allemahl den Bescheid bekam
entweder binnen dreien Tagen reinen Wein einzuschencken oder der
allerentsetzlichsten Tortur gewärtig zu sein zu desto größeren Schrecken aber
musste dabei sein da ein anderer mir unbekanter Kartouchianer von zweien
Henckern aufs allerentsetzlichste gefoltert wurde welches mir eine dermaßen
heftige Empfindlichkeit verursachte dass ich auf der Stelle hätte verzweiffeln
mögen
Nunmehr so bald ich wieder in mein dunckeles Gefängnis geführet worden
hielt mir erstlich der Satan die KuhHaut ja ich möchte sagen eine Elephanten
Haut vor worauf alle meine von Jugend auf begangenen Sünden mit den aller
kläresten aber desto nachdrücklichsten Schrifften angezeichnet waren Dass
EisenGeschmeide an meinen Händen Füßen und ganzen Leibe zu zerbrechen war
mir eine ganz leichte Sache ja ich trug dasselbe deutlich zu sagen meinen
Verwahrern nur zum Spotte Alleine durch die Mauer zu brechen schien desto
unmöglicher deswegen bewegte mich die außerordentliche GewissensAngst zur
völligen Verzweiffelung so dass ich gänzlich beschloss mich in folgender Nacht
ohne ferneres Bedenken selbst ums Leben zu bringen es geschehe auch auf was
vor Art als es wolle Denn ungeacht ich in meinen Gewissen der Kartouchianer
wegen ziemlich reine war so propheceiete mir doch die Tortur und dann das
gemeine Sprichtwort Mit gefangen mit gehangen ein klägliches Ende Demnach
erwartete ich mit Schmerzen biss der KerckerMeister Nachts um etwa 10 Uhr
zum letztenmahle nach mir gesehen hatte wandte hierauf mittelmäßige Kräffte an
und zerbrach binnen einer halben Stundte nicht allein alles an mir habende
Eisenwerck sondern drehete auch die Schlösser und gelencke von den Handund
BeinSchellen glücklich ab so dass ich mich hiervon völlig befreit befand
Hierauf tappte mit den Händen nach einem Haacken herum woran ich mich mich
vermittelst meiner Strumpff Bänder zu hängen suchte indem aber warff der Mond
seine Strahlen durch ein VierteilElen breites LuftLoch welches jedennach
mit einem starken eisernen Stabe verwahret war Selbigen Stab riss ich mit
äuserster Mühe aus den Steinen heraus weltzte einen großen Klotz an das
LuftLoch und bemerckte dass selbiges nicht über 6 oder 8 Elen hoch von der
Erde sei deswegen setzte die HenckersGedanken etwas bei seite und versuchte
ob das Loch nicht etwa binnen etlichen Stunden dergestallt auszubrechen und zu
erweitern wäre dass ich hindurch wischen könnte die Steine waren ziemlich mürbe
also fing ich mit Hilfe des eisernen Stabes die Arbeit dermaßen hitzig an
dass endlich binnen 2 oder drei Stunden das Loch durch die Mauer so groß als
nötig wurde
Nunmehr hielt ich freilich das fernere Uberlegen vor einen unnützen
ZeitVerlust warff deswegen den eisernen Stab als ein höchstnötiges
FaustGewehr voraus und schlupffte hinter drein Der Sprung war höher herunter
geschehen als ich mir dem Augenmasse nach eingebildet hatte demnach prasselten
alle Rippen in meinem Leibe weil ich sehr unsanfte auf das SteinPflaster
gefallen war Jedoch die weit größere Angst erstickte endlich diese etwas
kleinere und stärckte mich dermaßen dass ich nicht allein noch eine 6 Elen
hohe Mauer überklettern sondern auch vor anbrechenden Tage im freien Felde
einen Erdfall erreichen konnte in dessen nicht allzu wohl verwahrte Höle ich
meinen zerstauchten Körper schmiegte und denselben fast über und über mit Erde
bedeckte Nachdem die Sonne bereits etliche Stunden geschienen und ich mich
ziemlich weit außer denen ordentlichen Straßen zu liegen vermerckte das kalte
Lager aber fast nicht mehr ertragen konnte zerriss ich meinen ohndem genung
zerfleischten BettlersKittel noch mehr und brachte alles in eine dermaßen
unordentliche Ordnung dass mich ein jeder nicht nur vor den allerärmsten
Bettler sondern so gar vor einen rasenden Menschen ansehen musste Wer mir
begegnet lief entweder aus dem Wege oder warff beizeiten ein Stück Geld Brod
oder andere Victualien entgegen nur damit ich ihm vom Halse bleiben sollte und
solchergestallt practicirte mich glücklich über die Französischen Gräntzen biss
an den Rheinstrom allwo mir von dem annoch bei mir habenden Gelde nunmehr
erstlich wieder ein MühlPurschen Kleid Axt nebst allem andern was zu solchen
Stande gehörete anschafte
Es ließ sich zwar immittelst in allen meinen Gliedern die Zeichen einer
bevorstehenden Kranckheit merken allein weil ich durchaus keine Lust hatte an
Katolischen Orten stille zu liegen so setzte dennoch meine Reise biss in die
Wetterau fort und fand daselbst bei einem guttätigen Müller Gelegenheit
etwas Artzenei zu gebrauchen welche auch in so weit anschlug dass ich nachher
die Reise biss in meine Heimat mit ziemlichen Kräfften überstehen konnte
Mein ernstlicher Vorsatz war von nun an meine Sünden zu bereuen und so
bald ich mich zu Hause mit einem frommen Seelsorger bekandt gemacht ein
christliches und Gott wohlgefälliges Leben anzufangen jedoch weil dieser
Vorsatz dem Teuffel unfehlbar heftig verdross warff er mir eine abermahlige
Verhinderung darzwischen Denn so bald ich in meiner Mutter Haus eintrat machte
der nunmehr ziemlich alte und desto schlimmere StiefVater scheele Augen und
gab unter seinen brummenden Worten so viel zu verstehen dass ich bei demjenigen
welchen ich vor etlichen Jahren das gute Geld geschickt nunmehr auch die
BärenHaut suchen und darauf liegen könnte so lange als ich wollte Denn er
könnte leichtlich merken dass ich mehr Ungeziefer als Ducaten mit brächte
welches doch wirklich erlogen war Jedoch meine sehr alte unvermögliche Mutter
empfing mich desto freundlicher und sagte ich sollte mich nichts anfechten
lassen denn der böse Mann welcher sie seit so vielen Jahren her als einen Hund
tractiret hätte wäre nur darum so rasend dass sie mit ihm kein Kind gezeuget
vor weniger Zeit aber ein Testament gemacht ihm nur 100 fl mir und meinen
Geschwistern hingegen nicht allein die Mühle sondern auch alle beweglichen und
unbeweglichen Güter vermacht hätte Ich ließ also des StiefVaters verdrüssliche
Reden zu einem Ohre ein und zum andern wieder heraus gehen begegnete ihm auch
mit möglichster Höfflichkeit allein da ich eines Tages darzu kam und sah wie
er meine arme alte Mutter aufs aller erbärmlichste tractirte so dass ihr das
klare Blut über das Gesichte lief und demnach des erbärmlichen Schlagens kein
Ende werden wollte fasste ich den Mörder beim Arme und stieß ihn zur Tühr
hinaus meine Mutter aber hatte ich kaum ins Bette getragen und einigermaßen
von Blute gereiniget da der erboste StiefVater zurück kam und mich mit einem
großen Prügel dermaßen über den Rücken schlug dass ich fast verzweiffeln
mögen jedoch ehe er noch dergleichen Schlag wiederholen konnte stieß ich ihn
zur Tür hinaus so dass er rücklings eine kleine Treppe herunter stürtzte und
ohnmächtig liegen blieb
Es waren etliche MahlGäste gegenwärtig welche das mir und meiner Mutter
zugefügte Unrecht mit angesehen hatten also meinen Jachzorn um so viel desto
weniger missbilligen dem ungeacht meinen StiefVater mit Essig und andern
starken Sachen wieder erquicken wollten allein ob derselbige gleich die Augen
auf zutun und sich in etwas zu regen begunte so wollte doch kein Verstand
wieder kommen wir schickten nach dem Bader des Dorffs der ihm eine Ader öffnen
und sonsten mit Artzeneien zu Hilfe kommen sollte allein ehe die Mitternachts
Stunde einbrach starb er unverhofft und plötzlich weil wie ich nachher
erfahren ihm das Rückgrad entzwei gebrochen war Solchergestallt musste ich mich
auf Zureden meiner Mutter und anderer guten Freunde eiligst aus dem Staube
machen und weil mir die erstere einen guten ZehrPfennig auf die Reise gab
zugleich ein gut Pferd aus dem Stalle mit zu nehmen erlaubte erreichte ich gar
bald einen sichern Ort allwo biss zu Ausmachung dieser Sache in Sicherheit leben
könnte
Allein mein Gewissen fand sich von so häuffigen BlutSchulden und andern
nicht viel geringeren dermaßen bedrängt dass ich erstlich in eine große
Tieffsinnigkeit und bald hernach auch in ein gefährliches hitziges Fieber
verfiel und binnen 14 Tagen da solches an allerheftigsten gewütet nicht
gewust wie mir zu Mute gewesen Ich habe mittlerweile nicht nur phantasiret
sondern dergestallt heftig geraset dass öfters 8 biss zehen der stärcksten
MannsPersonen mich kaum bändigen und vor dem SelbstMorde bewahren können
Endlich sehen sich die guten Leute gezwungen mich mit starken Stricken und
Seilen im Bette anzubinden die ich aber nicht anders als vermodert Garn
zerrissen habe Ein gleiches ist nachher auch unterschiedliche mahl mit denen
angelegten Ketten und Banden geschehen jedoch endlich hat ein Schmid die
stärcksten eisernen Bande verfertigt auch die Mühe auf sich genommen nebst
seinen Gesellen bei mir zu wachen und meine Hände so oft sie sich an dem
Eisenwercke vergreiffen wollen mit BrennNesseln so lange zu peitschen biss mir
die Lust zum Zerbrechen nach und nach verschwunden
Hätte mich Gott in diesem Zustande dahin sterben lassen so wäre mein Leib
und Seele ganz gewiss ewig verdammt und verloren gewesen allein seine
Barmhertzigkeit die auch die allergrößten Sünder auf allerhand Arten zur Busse
zu reitzen suchet hat sich auch bei mir auf eine ganz besondere Art
offenbaret und zwar unaussprechlich mehr als ich verdient gehabt Da ich also
einst in der Nacht meinen völligen Verstand wieder bekam und mich dergestallt
gefesselt und verwahret befand anbei nicht anders glaubete die Gerichten
hätten wegen des meinem StiefVater verursachten Todes diese Sorgfalt mich
fest zu halten angewendet fing ich aufs erbärmlichste zu seuffzen und zu
klagen an und bat die Anwesenden mit Tränen mir die Hände und Füße nur auf
eine einzige Stunde frei zu lassen damit ich so lange Zeit ein wenig auf der
Seite liegen könnte denn mein Rücken war fast lauter roh Fleisch und brennete
dermaßen schmertzlich als ob lauter glüende Kohlen unter mir gelegen hätten
Allein man trauete mir nicht sondern ich musste die Marter noch so lange
erdulden biss des Morgens früh noch etliche starke Leute ankamen um meiner
Gewalt auf den NotFall desto besser zu wiederstehen Aber die guten Leute
hätten dergleichen Furcht nicht nötig gehabt denn ich war nunmehr weit
unkräfftiger als eine Fliege und gab die vernünftigsten und besten Worte
erfuhr immittelst zu einiger Beruhigung dass ich keines Verbrechens sondern nur
meiner Raserei wegen geschlossen worden Man legte mich auf die Seite weswegen
ich in etwas Ruhe und Linderung empfand bald darauf aber folgende Gedanken
bekam Du gerechter Gott wie lang und grausam schmertzlich ist mir nicht die
vergangene halbe Nacht vorgekommen da ich mich doch nur auf den Rücken etwas
durchgelegen habe was ist dieses kurtze Stück der Zeit gegen die unendliche
Ewigkeit und was sind diese Schmerzen gegen die unaussprechliche Pein zu
rechnen die allen Gottlosen ja allen solchen die noch wohl 1000 mahl weniger
Sünde als ich begangen haben bereitet ist Nun fiel mir auf einmal wieder ein
was ich in meiner Jugend von dem jüngsten Gerichte von der ewigen HöllenQuaal
und Straffe der Gottlosen predigen singen und sagen hören ingleichen
præsentirten sich vor meinen Augen alle diejenigen Personen die ich im Zorn ums
Leben gebracht verwundet bevorteilet oder sonsten beschädiget hatte welches
alles in meinem Gemüte einen dermaßen heftigen Auflauff verursachte dass mir
der AngstSchweiß ausbrach und ich mich vor Schrecken Furcht und Elende nicht
zu lassen wusste ja weil ich erwog wie schändlich ich das bei ehemahliger
Kranckheit getane Gelübte gebrochen so zweiffelte fast dass Gott mein ferneres
Gebet anhören vielmehr mich als einen unnützen Knecht der sich niemals ein
rechtes Gewissen gemacht Gott seine Diener und Nächsten zu betrügen dem
Teuffel in die Klauen und in den ewig brennenden HöllenPfuhl übergeben und
verstoßen würde
Meine verpfleger vermeinten vielleicht es rühre dieser Zufall von dem
aufs neue ausbrechenden Fieber her ließ deswegen den Artzt ruffen welcher
da ich mich ganz und gar nicht begreiffen konnte mir mit Gewalt einige starke
Artzeneien eingoss jedoch da sich meine Sinnen nur ein klein wenig erholet
verlangete ich nach einem Priester so bald derselbe kam musste man mich mit ihm
alleine lassen und nach dem ich ihm ein offenhertziges Bekändtniss meiner
GewissensMarter abgelegt wie nämlich dieselbe mich weit heftiger quälete als
die leiblichen Schmerzen wandte dieser erleuchtete Mann das äuserste an mir
die Verzweiffelung aus dem Sinne hergegen neue Busse neuen Glauben und neue
jedoch ernstliche LebensBesserung einzu predigen Es hat Gott sei tausendmahl
Danck ihm und mir gelungen denn nachdem er alle Zeichen eines verbesserten
Gemüts wahrgenommen reichte er mir das heil Abendmahl besuchte mich auch so
lange biss die Kranckheit gänzlich vorüber war und ich wiederum in die freie
Luft gehen konnte Nunmehr war die HauptSache zwar gehoben jedoch erregte der
Satan fast täglich noch einen zweifel in meiner Seelen an der vollkommenen
Begnadigung Gottes und Vergebung meiner Sünden deswegen besuchte ich den
Frommen Priester fast täglich ein oder ein paar Stunden unn bekam von ihm die
allerkräfftigsten Tröstungen außer diesen schenckte er mir eine kleine
HandBibel ein Gesang Buch worinnen er mir die kräfftigsten Buss und
TrostLieder ordentlich bezeichnete Joh Arends ParadiessGärtlein dann noch
das vortreffl Buch Mayers verlohrnes und wieder gefundenes Kind Gottes
recommendirte mir auch über diese noch einige andere erbauliche Bücher die er
schrifftl aufsetzte Ich folgte seinen gegebenen Rat aufs allergenauste und
habe nach der Zeit fast keinen Tag versäumet in dergleichen Büchern sehr
fleißig zu lesen und meinen LebensWandel danach einzurichten wie ich denn
auch alle dieselben mit auf diese Insul gebracht habe und sie vor meinen
allerbesten Schatz halte
Der vortreffliche Geistliche wollte durchaus keine Belohnung vor seine mit
mir gehabte Mühe von mir annehmen ich habe ihm aber dennoch nachdem ich
albereit mit tränenden Augen Abschied von ihm genommen 20 harte Taler von
demjenigen Gelde welches mir meine Mutter mit auf die Reise gegeben durch die
Post übersendet und herzlich gebeten sich zu meinem Angedencken andere
geistl Bücher darvor zu kauffen Die andern ehrlichen Leute die mich in meiner
Kranckheit so wohl besorgt habe ich auch von dem Gelde welches ich vor mein
verkaufftes Pferd eingenommen erkäntlich bezahlet also nicht mehr als noch
etwa 30 Tl übrig behalten Dieses wenige aber mit guten Gewissen besitzende
Vermögen beschloss ich zurahte zu halten mich vor allen Gottlosen liederlichen
Leben sonderlich vor dem verdamten Spielen und Sauffen Zeit Lebens zu hüten
hergegen mein Brod auf dem von Jugend auf ehrlich erlernten Handwercke zu
gewinnen und zu erwarten ob mir Gott etwa hier oder dar in einem frembden
jedoch Luterischen Lande etwa eine beständige RuheStädte verschaffen wolle
damit ich nicht Ursach hätte selbige in meinem Vaterlande als welches mir nicht
allein der letzten verdrießlichen sondern auch anderer ärgerlichen Begebenheiten
wegen eckel war zu suchen Unter solchen Absichten schrieb ich meinem Vetter
das an ihm übersandte Kapital halb an eine arme Kirche und die andere Helffte an
ein gewisses übel besorgtes Hospital zu wenden Meine Mutter bat ich
gleichfalls dasjenige was sie mir an Erbteile zugedacht an geistliche
Stifftungen zu legen indem ich entweder gar nicht oder doch nur deswegen
wieder eine Reise in meine Heimat vornehmen würde zu vernehmen ob man in
diesem Stücke meinem Willen nachgelebt hätte denn die Sache wegen meines
StiefVaters war schon mit 120 Tl baaren Gelde vor den Gerichten völlig
ausgemacht worden weilen mehr als 7 Zeugen vorhanden gewesen die mit Wahrheit
bekräfftigen können dass ich weder mutwillige Händel an ihm gesucht noch ihm
freventlicher hergegen recht abgenöhtigter weise und recht wieder meinen Willen
zum Tode befördert hätte
Demnach hielt ich mich bei nahe noch anderthalb Jahr in einer berühmten
FlussMühle auf legte bei deren neuer Erbauung nich allein viel Ehre ein
sondern bekam auch von dem Eigentums Herrn ein ansehnliches Stücke Geld Indem
mich aber ein junger Norwegischer reicher MühlPursche inständig bat mit in
sein VaterLand zu reisen und seine ErbMühle die noch weit mehrere Einkünfte
als erwähnte hätte auf eben die Art einrichten zu helfen Ließ ich mich
bereden mit ihm nach Norwegen zu reisen Allein der gütige Gott den ich von
weniger Zeit her täglich inbrünstig anbetete führte mich unterwegs zu dem
Herrn Kapitain Wolffgang dessen unvergleiche Beredsamkeit mein Vorhaben
verrückte und mir die Reise zur See als das allerangenehmste Pflaster zur
Heilung meiner in Europa selbst verursachten alten Schäden darlegte Deswegen
nahm mir kein Bedenken meinem Gefährten die Zusage aufzukündigen und diesem
vollkommen redlich scheinenden Manne zu folgen der mich auch in der gemachten
Hoffnung keines Wegs betrogen sondern noch vielmehr gehalten als er
versprochen hat
Zu ihnen meine Herrn sagte nunmehr unser guter Müller habe ich aber
hierbei das vollkommene Vetrauen dass sie mich wegen meines
aufrichtigerstatteten Berichts der meine Person bei manchen Europæer vielleicht
verächtlich machen würde um so viel desto besser achten werden denn ein
Mensch der vorher ein Schelm gewesen und nachher fromm worden ist, nach dem
WinckelMasse der Vernunft vor besser zuhalten als 1000 andere die sich zwar
fromm und ehrlich stellen und doch Schelme in der Haut bleiben Es hat mich
niemand gezwungen ihnen die wahrhaften Umstände meiner begangenen Bosheiten zu
erzählen ich habe auch dieserwegen hiesiges Orts keine Zeugen als den einigen
Gott und mein Gewissen über mich zu fürchten gehabt Sie aber sollen hinfüro
allerseits Zeugen meines nach menschlicher Möglichkeit zu führenden
christlichen Wandels sein weilen ich von der ersten Minute an da mein Fuß diese
glückselige Insul beschritten allererst eine vollkommene GemütsBeruhigung
gefunden und nunmehr auch dieselbe durch eine glückliche Heirat leiblicher
weise im höchsten Grad erreicht habe Gott segne meiner Hände Werck allhier zu
ihrer aller und meinem ferneren Vergnügen dergestallt dass ich der mir erzeigten
Freundschaft und Güte immer würdiger werde denn nichts als der Tot soll mich
ungeschick machen ihnen meine beständige Ergebenheit spüren zu lassen Indessen
will ich ihnen doch den GedenckSpruch den mir mein lieber BeichtVater nach
der letzten kranckheit eingeprägt zum beschluss meiner Erzählung melden er
lautet also
Sprich Teuffel was du wilst ich falle Gott zu Fuße
Das Böse nicht mehr tun ist doch die beste Busse
Hinfüro tugendhaft dem Nechsten nützlich sein
Tilgt alte Schulden aus und macht mich Engel rein
Der AltVater nahm hierauf unsern Philipp Krätzer bei der Hand und sagte
Mein lieber Sohn Unser Heiland tut uns in der heil Schrifft klärlich zu
wissen was vor Freude im Himmel sei über einen Sünder der Busse tut deswegen
müsste derjenige ein Gottesvergessener ruchloser Mensch sein welcher euch als
einen solchen Menschen an dem Gott seine heilsame Gnade ganz sonderbar
offenbahret hat geringer als andere Menschen achten wollte Wenn wir ingesammt
unser Gewissen fragen und nach dem Gesetze prüfen so wird sich wohl kein
einziger finden der sich eines besonderen Vorzugs vor andern sündhaften
Menschen rühmen kann Ach ich befürchte leider dass Manasse Paulus und andere
dergleichen Heilige an jenem Tage zwar genung Sünden aber nicht so viel Buss
Genossen antreffen werden
Unter solcherlei Gesprächen rückten endlich die düstern AbendStunden
herbei weswegen alle Auswärtigen von den werten StephansRaumer Freunden vor
alles genossene Vergnügen danckbarlicheu Abschied nahmen und sich auf den Weg
zu ihren eigenen Wohnungen begaben Dergestallt erreichte nun auch der Altvater
nebst seinen HausGenossen seine Beqvemlichkeit auf der AlbertsBurg indem wir
uns ingesammt bald darauf zur Ruhe begaben Einige Tage hernach da der
Drechsler Herrlich mir einen wohlgemachten Bauer vor meinen schönen Vogel
überbrachte und zur Danckbarkeit von dem Altvater mit dem allerbesten Weine
tractiret wurde ließ sich derselbe von mir bereden dem Altvater zum
Zeitvertreibe seine nämlich
Des Drechsslers herrliche LebensGeschicht
zu erzählen und zwar folgender maßen
Ich bin fing er an im Jahr 1693 in einem kleinen Städtgen von armen
Eltern erzeuget worden denn mein Vater ernehrete sich meine Mutter und mich
als sein eintziges Kind mit Handlangen und Botschaft laufen brachte aber
doch damit immer so viel vor sich dass wir nicht allein satt zu essen sondern
auch notdürfftige Kleider anzuziehen hatten so bald aber ich kaum mein
zehendtes Jahr erreicht spannete mich mein Vater schon zu allerhand Arbeit an
hergegen wurde an gar kein Schulgehen gedacht sondern mein Vater war vollkommen
zufrieden dass mir die Mutter das Vater Unser den christlichen Glauben die
Tischund etliche andere Gebete nach der Larve herbeten gerlernt meinte auch
mit den übrigen GlaubensArticuln hätte es schon noch Zeit biss das Jahr herzu
käme da dergleichen Jungens zum Abendmahle gehen müssten denn seine Eltern
waren mit ihm auf gleiche Weise verfahren und hatten ihm weder schreiben noch
lesen lernen lassen
Mittlerweile fügte sichs dass mein Vater bei einem vornehmen Manne der ein
neues Haus bauen ließ ein gut Stück Arbeit bekam woran meine Mutter und ich
mit Hand anlegen mussten weil nun dessen Kinder wenn ihr Informator dieselben
in das neue Haus spazieren führte sich öfters mit mir ins Gespräch
einliessen so bat ich einsmahls den jüngsten mir ein fein groß Buch zu
schencken denn ich hätte gute Lust das Lesen zu erlernen Der Knabe fragte
mich ob ich denn in die Schule gienge und wer mir das Lesen lernen sollte Ich
aber gab zur Antwort zum Schulgehen hätten wir kein Geld dem aber ungeacht
wollte ich das Lesen doch wohl lernen wenn ich zusähe wie es andere Leute
machten Er fing an zu lachen und erzehlete mein Gespräche seinen zweien
andern Brüdern welche mir ein schön groß Buch zu schencken versprachen wann
ich auff den Abend vor ihre Tür kommen und selbiges abholen wollte Ich war
nicht faul sondern ging zu bestimmter Zeit hin empfing auch von ihnen einen
sehr großen Folianten von zusammen gebundenen LeichenPredigten und versteckte
selbigen aus Furcht vor meinem Vater zu Hause unter die Treppe
So bald mein Vater früh Morgens um die gehörige Zeit an die Arbeit gegangen
mir und meiner Mutter nachzukommen befohlen nahm ich mein Buch unter den Arm
ging nach der StadtSchule zu und erkundigte mich in welcher Stube der
oberste Schulmeister Schule hielte Indem mich nun ein jedweder und zwar nicht
ohne trifftige Ursachen vor einen einfältigen ja sehr dummen Jungen hielt und
vermeinte ich hätte das große Buch etwa an den Rector zu bringen so wiese
man mich in Prima allwo ich nach zweimahligen Anklopffen die Türe selbst
eröffnete mit baarfussen Beinen und abgenommener Mütze hinein trat dem Rector
aber ganz dreuste und ohne alle Weitläufftigkeit mit diesen Worten anredete
Guten Tag Herr die Leute haben mir gesagt dass ihr der oberste Schulmeister
seid und den Jungens mehr lernet als die andern kleinen Schulmeisters darum
wollte ich euch bitten ihr soltet mich vor Geld und gute Worte lesen lernen
denn ich habe mir 5 Groschen weniger einen Dreier Geld gesammlet das will ich
doch dran wagen wenn es fein bald geschehen kann weil ich nicht viel Zeit
drauff wenden kann denn mein Vater braucht mich alle Tage notwendig dass ich
ihm muss helfen Steine auslesen und in den Schubkarn schmeissen Die in der
Klasse sitzenden großen Kerls fingen über meine kauderwelsche Rede gräulich
zu lachen an jedoch nachdem ihnen der Rector mit einer ernstaften Gebärde das
Stillschweigen auferlegt fragte er mich sehr freundlich Mein Sohn wer hat
dich hergeschickt Es hat mich niemand hergeschickt gab ich zur Antwort sondern
ich bin von mir selbst gekommen weil ich Lust habe vor Geld und gute Worte in
diesem Buche lesen zu lernen Es ist gut mein Sohn versetzte der Rector
allein gehe hin und bringe erstlichen ein kleines A.B.C. Buch her so will ich
vor dich sorgen dass du lesen lernest Nein sprach ich das ist mir ungelegen
ich mag mich mit keinem kleinen Buche herum hudeln sondern ich will gleich aus
diesem großen Buche lesen lernen und zwar vor mein gut Geld welches ich euch
den Augenblick geben will so bald ich nur erstlich so gut als die großen
Bengels lesen kann die dort herum sitzen Die Schüler fingen aufs neue zu
lachen an und der Rector selbst wurde ein wenig zum lächeln bewogen welches
mich dermaßen verdross dass ich mit zornigen Gebärden sprach Ich habe gedacht
an einen klugen Ort zu kommen und treffe doch alberne Leute an wollt ihr mich
nicht lesen lernen so lasst es bleiben und lachet über euch Narren selbst so
lange ihr könnt Hiermit setzt ich meine Mütze auf unn wollte wieder fort gehen
allein der Rector nahm mich beim Arme und sagte Mein Sohn werde nicht böse
sondern setze dich hier auf diese kleine Banck ich will dich das Lesen umsonst
lehren und dir noch Geld darzu geben Ich sah ihn starr in die Augen um zu
erforschen ob es sein Ernst sei ließ mich aber endlich bereden ihm zu
gehorsamen da er denn alsobald den Folianten selbst auffschlug mir zuerst 4
Buchstaben zeigte und befahl dieselben wohl zu merken noch mehr dergleichen
in dem großen Buche zu suchen und ihm nachher dieselben zu weisen In einer
VierteilsStunde hatte ich nicht nur alle wohl ins Gedächtnis gefasst sondern
auch auf allen Seiten des Buchs noch viele dergleichen mit den Nägeln
gezeichnet weswegen mir der Rector vier neue und bald hernach abermals 4
neue kennen lernete so dass ich binnen einer Stunde schon das halbe A.B.C. inne
hatte Mittlerweile setzte er seine Lection bei den großen Schülern immer fort
und nachdem die Stunde verflossen gab er ihnen die ernstliche Vermahnung mich
nicht auszuhönen weil er seine besonderen Absichten auf mein besonderes Naturell
hätte ich aber hatte auch meine besonderen Gedanken und merkte wohl dass
dieses kein Lesen hieße konnte also nicht umhin ihm ins Gesichte zu sagen Er
möchte mich mit vielen Weitläufftigkeiten verschonen denn ich hätte keine Zeit
zu verliehren sondern wollten fein bald fertig sein damit mich mein Vater bei
seiner HandArbeit brauchen könnte Hierauff führte er mich bei der Hand in sein
Haus erkundigte sich nach meinen Eltern und ließ in der MittagsStunde meinen
Vater und Mutter zu sich kommen Was er mit ihnen gesprochen habe ich nicht
angehöret denn ich musste unterdessen mit seinen zwei 8 biss 10 jährigen
Kindern essen nachher aber sagte mein Vater und Mutter Ich sollte hinfüro
nicht mehr Handlangen helfen sondern bei dem Herrn Rector bleiben und ihm in
allen gehorsam sein so lange biss ich vollkommen lesen könnte Wer war froher und
vergnügter als ich zumahlen da mir der gute Rector ein abgelegtes Kleid von
seinem ältesten Sohne zurechte machen ließ und mich also vom Haupte biss auf die
Füße recht reputirlich bekleidete Ein großer Schüler der des Rectors Kinder
täglich ein paar Stunden informirte musste auch allen Fleiß an mich wenden
welches denn so viel verursachte dass ich binnen wenig Wochen nicht allein
vollkommen lesen sondern auch etwas weniges schreiben lernete Der gute Rector
selbst sparrete keinen Fleiß noch Kosten mich zu ferneren Studiren anzuhalten
in Meinung dass hinter der großen Lust welche ich zum lesen und schreiben
bezeuget vielleicht noch eine höhere verborgen stäcke er fand sich aber
betrogen Denn so leichte mir biss daher alles angekommen war so schwer fiel mir
nachdem das Latein in den Kopf zu bringen ja ich konnte mit Mühe und Not kaum
so viel fassen endlich in meinem 15ten Jahre in Secunda zu kommen Zu Hause
rühreten meine Hände aus eigener Bewegung kein Buch an hergegen war mein
eintziges Vergnügen ein und andere Stückgen Holtz auszusuchen und recht
verwunderenswürdige NarrenPossen daraus zu schnitzen
Jedoch weil ich mich sonsten in des Rectors Hause jederzeit dienstfertig
gehorsam und getreue finden lassen nahm mich derselbe eines Tages vor und
sagte Mein lieber Junge ich habe nunmehr wieder mein Vermuten vollkommen
angemerckt dass aus dir schwerlich ein Gelehrter werden wird denn du bist ein
HoltzWurm und hast mehr Lust zu schnitzeln und hacken als zum Latein und
andern gelehrten Ubungen deswegen sage nur frei heraus ob dir beliebig ist
ein Zimmermann Tischler Drechssler Bildhauer oder dergleichen zu werden so
will ich nebst andern gutertzigen Leuten Sorge tragen dass du zu einem guten
Meister von dieser Professionen einer getan wirst und dieselbe Zunftmässig
erlernest Ich war vor Freuden ganz außer mir selbst da ich den Rector also
reden hörte bat deswegen mich entweder zu einem Drechsler oder Bildhauer zu
bringen weil sich zu diesen beiden Professionen bei mir die meiste Lust fände
also wurde meinem eigenen Triebe gewillfahret und ich bei einem Drechssler
auffgedungen weil der Bildhauer vors erste allzuviel LehrGeld forderte vors
andere aber zu verstehen gab dass er als ein betagter Mann keine besondere
Lust mehr hätte Jungens anzunehmen indem er schwerlich glaubte noch 5 Jahre
als so lange ich stehen sollte zu überleben Zum LehrGelde und Bette durfften
meine Eltern nicht eines Hellers wert Beitrag tun denn mein guttätiger
Rector legte in aller Stille unter einigen so wohl einheimischen als
auswärtigen guten Freunden eine kleine Lotterie zum LustSpiele an wobei die
Einlage 3 Ggr der beste Gewinst aber 12 Tlr war und von diesem Spiele
tröpffelte also so viel ab jedoch mit vorbewust aller Interessenten denen die
richtige Einteilung vorgelegt wurde dass mein völliges LehrGeld heraus kam
Ich gewann mit 2 Loosen selbst 2 Tl 16 Ggr dabei bekam auch von einigen
Wohltätern so viel geschenckt dass davon in den ersten 2 Jahren
notdürfftige Kleidung und Wäsche anschaffen konnte
Nachdem meine LehrJahre verflossen und ich noch etwas Zeit darüber bei
dem LehrMeister geblieben anbei im Stande war hinfüro meinen Lohn in der
Frembde redlich zu verdienen begab ich mich endlich auf Reisen und war binnen
11 Jahren immer so glücklich bei den besten Meistern Arbeit zu bekommen
sonderlich aber die künstlichsten Sachen aus Helffenbein und Messing drehen zu
lernen über alles dieses hing ich meiner ehemaligen Lust zur Bildhauerei
annoch sehr nach und machte bei müßigen Stunden genaue Kundschaft mit einem
alten beweibten Bildhauer Gesellen der mir vor ein leichtes Geld die Kunst zu
zeichnen nebst den besten Vorteilen in ihrer Arbeit lehrete und weil ich wie
bereits gemeldet nicht allein gute Lust sondern auch ein natürliches Geschicke
darzu hatte so brachte es nachher darinnen ziemlich weit Endlich da ich mir
binnen besagter ReiseZeit ein Kapital von fast anderthalb hundert Talern
gesammlet kam mir die Lust meine VatersStadt zu sehen wieder an Meine
Mutter war bereits vor etlichen Jahren gestorben der Vater aber hatte sich
seines Alters und Unvermögens wegen vor alle sein erspaartes Gut ins Hospital
eingekaufft mein Wohltäter der Rector aber lebte ungeacht seines hohen
Alters mit seiner Frauen annoch sehr vergnügt und bezeugte eine besondere
Freude da er mich in so guten Stande wieder kommen sah welche Freude nicht um
ein geringes vermehret wurde da ich ihm unterschiedliche Raritäten nicht allein
von künstlichen sondern auch natürlichen Sachen mit brachte indem mir bewust
war dass er selbst eine artige compendieuse NaturalienKammer besaß und
dergleichen Sachen wegen mit den vornehmsten Leuten Korrespondenz führte Der
ehrliche Mann gestunde mir etwa ein halbes Jahr hernach dass er aus meinen
Sachen bei nahe hundert Taler gelöst bot mir deswegen die Helffte solches
Geldes zu meinem Bürger und Meister Rechte in selbiger Stadt an da ich aber
durchaus nichts annehmen wollte sondern zu erkennen gab wie er nächst Gott
allein derjenige sei welchem ich alles was ich im Kopffe und im Leben hätte zu
dancken schuldig so versprach er dagegen meinen alten Vater Wöchentlich 3
Tage von seinem Tische zu speisen auch ihm wie bisher schon geschehen alle
Sonntage ein Nössel Wein zur Stärckung und zwar auf LebensZeit zu reichen
Allein mein lieber alter Vater starb etwa 8 Monat hernach ich aber erhielt mit
großer Mühe die Erlaubnis ihm auf dem Hospitals KirchHofe eine
GedächtnisTafel die ich mit eigener Hand so künstlich als mir möglich war
verfertigte auffzurichten Selbige Tafel war 2 Ellen hoch fast eine Elle
breit und zeigete in einer ausgeschnjetzten Devise das Bildnis Christi vor
welchem mein Vater nach allen seinen Lineamenten abgebildet auf den Knien lag
und mit den Händen 4 GewichtStücken auf deren jeden das Zeichen 1 Centn
bemerckt an ihren Rincken hielt Von seinem Munde an waren in zweien Zeilen
folgende Worte ausgeschnjetzt HErr du hast mir zween Centner getan siehe da
ich habe mit denselben zween andere gewonnen Aus dem Munde des WeltHeilandes
aber der in seiner rechten Hand einen OehlZweig und in der lincken einen
ReichsApffel hielt flossen diese Worte Ey du frommer und getreuer Knecht du
bist über wenig getreu gewesen ich will dich über viel setzen Gehe ein zu
deines HERRN Freude Zu oberst hatte ich die himmlische Glorie unten auf der
Erden herum aber meines Vaters HandwercksZeug nämlich einen BotenSpieß
Grabscheit Schauffel Hacke Schubkarn und dergleichen sehr sauber
ausgeschnjetzt ferner einige Nachricht von seiner Person Geburts und
SterbensZeit und endlich folgenden Biblischen Spruch gesetzt 1 Kor 1 »v
2629 Nicht viel Weisen nach dem Fleisch nicht viel Gewaltige nicht viel
Edele sind beruffen Sondern was töricht ist vor der Welt das hat GOTT
erwählet dass er die Weisen zu schanden mache und was schwach ist vor der Welt
das hat GOTT erwählet dass er zu schanden mache was stark ist und das Unedle
vor der Welt und das Verachtete hat GOTT erwählet und das da nichts ist dass
er zunichte mache was etwas ist Auf dass sich vor ihm kein Fleisch rühme«
Wie gesagt es hielt gleich anfänglich sehr hart ehe ich die Erlaubnis
bekam einem so schlechten Manne wie mein Vater gewesen dergleichen
EhrenGedächtnis aus kindlicher Liebe zu setzen nachdem ich aber dieserwegen
12 Taler in die HospitalsKirche gezahlet bekümmerte sich weiter niemand
drum So bald ich nun selbiges mit standhaften Farben zierlich ausgemahlet die
Schrifften mit feinem Golde vergüldet und das ganze Stück Morgens in aller
früh durch einen Schlösser an die Mauer hefften lassen gab es gleich noch ehe
es Mittag wurde einen ziemlichen Lermen bei einigen Geistlichen noch mehr aber
bei den vornehmsten Personen in der Stadt so dass mich gleich nach der Mahlzeit
der OberPfarrer zu sich ruffen ließ und in Gegenwart des regierenden
Burgemeisters wie auch des HospitalVorstehers befragte Wer mir die Erlaubnis
gegeben vor meinen Vater der zwar ein ehrlicher Mann jedoch nur ein armer
Tagelöhner gewesen ein so prächtiges und kostbares Epitaphium zu setzen Ich
gab hierauf zur Antwort dass damit nicht der geringste Pracht sondern nur eine
Marque meiner kindlichen Liebe und nechst diesen meiner wenigen erlangten
Geschicklichkeit gesucht würde die Kostbarkeit wäre sehr geringe indem ich
nicht mehr als etwa 20 Ggr vor Farben und Gold dran gewendet die Arbeit aber
vor gar nichts rechnete über dieses da mein Vater nach Aussage seines
BeichtVaters und zwar in Erwegung dessen dass er kein Schrifftgelehrter
gewesen ein besonderes löbliches Ende genommen als ein frommer Christ auf das
Verdienst Christi gestorben auch ihrem eigenen Zeugnisse nach als ein redlicher
Mann gelebt so sähe ich nicht warum man ihm und mir dergleichen
EhrenGedächtnis nicht gönnen wolle Sie fertigten mich hierauf mit dem
Bescheide ab Die Sache käme ihnen etwas spitzig und verdächtig vor erforderte
also fernere Uberlegung und Untersuchung ich sollte inzwischen gehen und
weiterer Verordnung gewärtig sein Wenig Tage hernach schickte mir der
Burgemeister einen schrifftlichen Befehl zu des Innhalts Ich sollte ohne
ferneres Einwenden und zwar bei 10 Tlr Strafe binnen 24 Stunden das
Väterliche Epitaphium selbst herunter nehmen alldieweilen selbiges bei ein und
andern Leuten viele anzügliche Reden und Anmerckungen nebst diesen noch andere
Bedencklichkeiten verursachte oder gewärtig sein dass solches auf den
VerweigerungsFall durch andere Personen abgeworffen würde Ich konnte mich
ganz und gar nicht darein finden was die eigensinnigen Leute darunter suchten
zog derohalben nicht allein meinen PflegeVater den Rector sondern auch den
untersten StadtPriester als meinen Beichtvater ingleichen einen klugen
Advokaten zu Rate welche mich sämtlich instigirten dessfalls von dem
Burgemeister nähere Erklärung zu fordern immittelst aber allenfalls wieder die
Herabwerffung des Bildes solennissime zu protestiren und mich auff den
Ausspruch des OberKonsistorii zu beruffen wobei sich der Advokat sogleich
erbot meine Sache den Rechten nach auszuführen und mir vor allen Schaden zu
stehen Demnach wurde ich ohnvermutet in einen Prozess verwickelt und zwar
gegen sehr gewaltige Leute jedoch ich gewann denselben solchergestallt dass
nicht allein meines Vaters Epitaphium stehen bleiben sondern auch mein
Gegenpart mir alle verursachten Kosten ersetzen musste Ich hätte damit zufrieden
sein und fein geruhig leben können zumahlen da die Leute der Stadt ein gutes
Koncept von meiner wenigen Geschicklichkeit fasseten und mir nach und nach viel
Geld zuwendeten allein eine heimliche Rachgier verleitete mich zu allerhand
losen Streichen Denn als mir hernachmahls ein und andere in die StadtKirche
bedürfftige DrechslerArbeit verhandelt worden konnte ich meinen Lohn nicht eher
empfangen biss mich auf des OberPfarrers und des KirchenVorstehers ungestümes
Zureden endlich erklärete in den Kauff noch ein ausgschnjetztes Bild über den
BeichtStuhl zu machen Man gab mir dieserwegen einen KupfferStich vom
Pharisäer und Zöllner im Tempel ich wandte vielen Fleiß dran muss aber selbst
offenhertzig bekennen dass unter dem Bilde des Pharisäers unser OberPfarrer
und dann unter dem Zöllner der KirchenVorsteher beide nach ihrer eigentlichen
Physiognomie dergestallt accurat getroffen waren als ob sie leibeten und
lebten Es fehlete nicht viel man hätte mir dieserwegen einen neuen Prozess an
den Hals geworffen denn der Burgemeister war mein abgesagter Feind geworden
jedoch es mochte ein gewisser kluger Mann ins Mittel getreten sein welcher
durch einen andern Bildhauer und Mahler die Gesichter ganz und gar verändern
lassen so dass sich weiter niemand beschweren durfte Bei herannahenden
WeihnachtsFeste da meine HandwercksGenossen gemeiniglich allerhand Spiel und
Possenwerck vor die Kinder zu machen pflegen war ich auch nicht der letzte
meine curieusen Inventionen deutlicher aber zu sagen Schraubereien auf den
Laden heraus zu setzen ich will aber nur diejenigen beschreiben welche mir den
meisten Verdruss verursachten Es præsentirte sich demnach die Gerechtigkeit auf
einer Schaukel sitzend An statt der Binde welche sie sonsten um die Augen zu
tragen pflegt hatte ich ihr eine Brille ohne Gläser auf die Nase gesetzt In
der rechten Hand führte sie ein in der Scheide steckendes Schwert wenn aber
die Scheide abgezogen wurde kam ein ordentlicher PflugReidel zum Vorscheine
Die lincke Hand hielt eine Wage deren eine Schale von dem darinnen liegenden
ZehlBrete aufs tieffste niedergezogen war da hingegen in der andern hoch
hinauff gezogenen Schale ein Buch mit der Auffschrifft Korpus Juris lag Auff
beiden Seiten dieser in der Schwebe hängenden Gerechtigkeit stunden zwei kleine
Knaben welche so oft man unten an der Machine ein Rädgen drehete die
Gerechtigkeit hinter und vorwärts schauckelten der zur rechten hatte das Wort
Gunst der zur lincken aber Ungunst an seiner Brust geschrieben stehen Ferner
hatte ich einen Mann in PriesterHabite dessen MessGewand von SchaafsFelle
gemacht der PriesterRock aber mit WolffsPeltze gefüttert war An dem Buche
welches er unter dem Arme trug hingen zwei recht naturell nachgemachte
FuchsSchwäntze Noch ferner hatte ich einen ZiegenBock nach dem Leben
abgebildet der darauf sitzende Ritter führte in der rechten Hand eine
SchneiderScheere an der Seite statt des Degens eine Elle und hielt den
ZiegenBock mit der lincken Hand im KapZaume der von einer wollenen
TuchSchrote gemacht war an statt der SteigBügel sah man zwei BügelEisen u
wo die Sporn an Stiefeln stehen sollten befanden sich etliche wunderlich durch
einander gesteckte NehNadeln Die Hörner des Bocks waren verguldet Sattel und
Chaberaque von BärenheuterZeuge und mit Schellen behangen in den
PistolenHolfftern aber stacken 2 dergleichen Pfrimen womit die SchnürLöcher
ausgebohret werden ja ich weiß mich fast selbst nicht mehr zu entsinnen was
ich sonsten an diesem ZiegenBocke so wohl auch noch an verschiedenen andern
dergleichen törichten Inventionen vor Gauckeleien ausgeübt habe Nun ist leicht
zu erachten dass dieserwegen gar bald Lerm in der Stadt worden es stund
dermaßen viel Volck um meinen Laden herum als ob ein armer Sünder abgetan
werden sollte meine Sachen gingen alle reißend weg jedoch an die verdächtigen
Stücken wollte sich niemand wagen weil sie vorerst ziemlich teuer geboten
wurden vors andere dem Käuffer ein nicht unbilliges Bedenken verursachten
Endlich meldeten sich unverhofft etliche MitGlieder der löblichen
SchneiderZunft und machten nicht unebene Minen meinen Laden zu stürmen
jedoch da ich ein paar Pistolen und eine Flinte zurechte legte im übrigen aber
einem jeden nach Würden höflich und freundlich begegnete vergieng ihnen die
Lust mich zu attaquiren Bald hernach kam fast die ganze SchneiderZunft mit
den Handgreifflichen Anwalden angestochen welche letztern oberwähnte anzügliche
Stücke auf Befehl des Bürgermeisters von mir abfordern wollten Allein es war
nur wenig Augenblicke zuvor mein guter Advokat der meinen ersten Prozess
gewonnen in den Laden getreten um vor seine Kinder etwas auszulesen dieser
merkte sogleich was die Ankommenden suchen würden warff mir also 4 ganze
Gulden auf den Tisch und sprach Meister Drechsler also sind wir richtig und
ich bekomme nur noch 8 Ggr zurück Hierbei konnte ich aus seinem
Augenwincken sogleich merken was die Glocke geschlagen hätte nahm deswegen
sein Geld und Sachen hinnein in die Stube So bald nun die RatsDiener den
Burgemeisterlichen Befehl angebracht hatten schlug sich mein Advokat ins Mittel
und sagte Mein Freund vermeldet dem Herrn Burgemeister nebst meinem Gruße
dass die verlangten Sachen kein KauffmannsGut mehr wären sondern ich hätte
dieselben bereits vor meine Kinder zum Spiele erhandelt und bezahlt wie ihr
denn seht dass mir der Meister hier auf 4 Gulden 8 Ggr zurücke gibt mir
aber ist dergleichen vor keine 10 Tlr feil ich weiß auch dass sich der Herr
Burgemeister hüten wird solche mir mit Gewalt abzunehmen Sie schwiegen hierzu
stille fragten aber mich warum ich Pistolen und Flinten im Laden liegen hätte
Sie sind gab ich zur Antwort zu verkauffen denn es sind kostbare Stücke die
ich mit aus der Frembde gebracht habe Hierauff zog die sämtliche Procession
mit der langen Nase zurücke gleich nach den Feiertagen aber ging ein
dreifacher Prozess wider mich an den jedoch mein Advokat dergestallt
geschicklich durchführete dass ich nicht viel über 5 Tlr dabei verlor
Hergegen gereichte mir zu desto größerer Lust und Ehre dass mein Advokat die
beruffenen Stücke listiger weise so wie sie von mir gemacht waren an das
allerhöchste OberHaupt des Landes zu spielen wusste welches ein besonderes
Vergnügen darüber bezeigt und alles zur Rarität in Dero berühmte Kunst und
NaturalienKammer zu setzen befohlen hat
Mein Advokat hat unfehlbar den besten Zug hierbei getan allein ich
gönnete ihm selbigen von Hertzen gern zumahlen da er mir dann und wann einen
schönen Verdienst zuwiese Es durfte sich nun zwar auch in der Stadt niemand
öffentlich an mir reiben allein es ist doch leicht zu erachten dass ein junger
Bürger der das freie aus der Frembde mitgebrachte Wesen noch nicht aus dem
Sinne schlagen kann und der den Rat so wohl als die oberste Geistlichkeit gegen
sich erbittert gemacht hat ungemein behutsam gehen muss wenn er heutiges Tages
in Deutschland allwo ohnedem in vielen Städten das Kirchen und
RegierungsSchiff von lauter AffectsWinden hin und her getrieben wird sichern
und geruhigen Auffentalt finden will Ich will mich zwar eben nicht so gar weiß
und unschuldig brennen sondern viellieber gestehen dass ich mich stark
vergangen gehabt denn es war ein schlechter Verstand auf solche spitzige Art
denenjenigen Ursach zu hadern zu geben die da höher waren als ich Und
außerdem was hatten mir die armen Schneider getan dass ich sie mit dem
ZiegenBocke ärgerte Wahrhaftig ich wusste nichts anders auf sie zu bringen
als dass der Burgermeister eines Schneiders Sohn und mit vielen andern
Schneidern beschwägert war sonsten musste ich sie so wohl damals als wie
annoch biss auf diese Stunde in ihrem Handwercke vor rechtschaffene ehrliche
und brave Leute erkennen Aber was nimmt ein junger TollKopf der die Hörner
noch nicht völlig abgelauffen zuweilen nicht vor törichte Händel vor
Kurtz von der Sache zu reden ungeacht ich jedoch mit der ausdrücklichen
Weisung hinfüro alle spitzfündigen Streiche zu vermeiden in höheren Schutz
genommen war so musste doch von Zeit zu Zeit allerhand Verdruss erdulden unter
welchen mich aber nichts mehr kränckte als dass mir meine Liebste die eines
reichen Bürgers Tochter und sonsten ein Mägdgen von feiner Gestalt und
herrlichen Tugenden war abspenstig gemacht und an einen andern verheiratet
wurde Ich war schon gewisser maßen mit derselben wirklich versprochen tat
deswegen einen Einspruch konnte aber nichts erhalten weil sich die Eltern aufs
Läugnen legten und die Tochter welche es doch im Hertzen treulich mit mir
meinen mochte ebenfalls zum Lügen verführeten Da nun vollends bei der letztern
vermerckte dass sie ihren Bräutigam gezwungener weise annehmen müsse trieb mich
die Eyffersucht so weit dass ich denselben Nachts vor der Hochzeit erstechen
wollte allein Gott verhütete dieses Unglück solchergestalt dass ich ihn nur
durch das dicke Bein stach mich nachher auf die Flucht begab und vieles von
meinem HandwercksGeräte zurück ließ Jedoch hatte die Vorsicht gebraucht
alles mein Geld zu mir zu nehmen und die besten Sachen bei meinem Advokaten in
Verwahrung zu geben denn der Rector mein PflegeVater war nur vor wenig
Wochen im hohen Alter verstorben Der Advokat war dennoch so ehrlich mir die
Sachen auf der Post biss Braunschweig nachzuschicken nebst einer schrifftlichen
Erinnerung dass ich in Gottes Nahmen mein Glück in einer andern Stadt suchen
möchte weil es im Vaterlande nicht zu blühen sondern wegen der letztern
Affäre vollends gänzlich verdorret zu sein schiene Ich ging nachher auf
Bremen zu allwo ich bei dem Meister der mir vor etlichen Jahren sehr gewogen
gewesen eine junge schöne und reiche Tochter wusste die ich ihm abzuverdienen
gedachte Der schlaue Fuchs merkte mein Absehen wohl stellte sich auch so
lange er mich notwendig brauchte sehr gefällig an allein ehe ich mich dessen
versah wurde mir die Rahel entzogen und einem andern gegeben ich aber sollte
auf die Lea warten welches mir solchen Verdruss verursachte dass ich gleich noch
selbigen Tages Abschied nahm und nach Holland reiste allwo ich kurtz darauf
so glücklich war von dem Herrn Kapitain Wolffgang zur Reise auf diese
glückseelige Insul beredet und angenommen zu werden Wie vergnügt sich hieselbst
mein Hertze nicht allein wegen einer wohlgetroffenen Heirat sondern auch
sonsten in allen andern Stücken befindet ist leichtlich aus meiner ganzen
LebensArt abzunehmen Gott erhalte uns allerseits nur beständig in dergleichen
Vergnügen und gebe dass auch ich mit meiner erlernten Pofession nützliche
Dienste leisten kann damit sie meine Herrn mich ihrer ferneren werten
Freundschaft würdig schätzen
Also endigte unser lieber Freund der Drechssler Herrlich die Erzählung
seiner LebensGeschicht unter welcher der sonsten gar ernsthafte AltVater
selbst etliche mahl zum Lachen bewogen worden und begab sich mit untergehender
Sonne auf den Weg nach seiner Behausung
Um selbige JahrsZeit waren die meisten eingebohrnen Insulaner
beschäfftiget die bereits völlig reiffen GeträydeFrüchte einzusammlen wobei
zu bemercken dass diese Erndte um die Helffte reicher als die im vorigen Jahre
gewesen ungeacht eben dasselbe Maß ausgesäet worden Wir wünschten wohl
tausend mahl unsern Uberfluss unter bedürfftige Leute verteilen zu können
allein solche Wünsche waren unter die vergeblichen zu zählen Demnach tat
Mons Litzberg den Vorschlag auf dem AlbertusHügel hinter der Burg mit der
Zeit und so bald die andern nötigsten Gebäude und Werckstätten fertig wären
ein etwas großes Magazin aufzubauen um daselbst das überflüssige alte Geträyde
zu verwahren weil man doch nicht wissen könne ob Gott nach so vielen
fettenetwa etliche magere Jahre schicken möchte Solcher Ratschlag gefiel dem
AltVater sehr wohl es wurde auch wirklich jedoch fast zwei Jahr hernach und
kurtz vorher ehe ich Eberhard Julius die Rückreise nach Europa antrat der
Grund zu besagten großen Korn Hause gelegt
Nachdem aber mit Ablauff des Monats Januarii die GeträydeErndte vorbei
und mittlerweile unser Müller Krätzer die neuerbaute MehlMühle gänzlich zum
Stande gebracht wurde am 3 Febr 1727 in Gegenwart fast aller erwachsenen
Insulaner die Probe auf allen beiden Gängen mit 2 Maß Rocken gemacht
welches ungefähr so viel als einen Dressdner Scheffel betrug Es ist unmöglich
zu beschreiben was die sämtlichen Insulaner vor eine ganz besondere Freude
über diese von ihnen noch nie gesehene Machine bezeugten Da sie wohl erwogen
was es ihnen bisher vor grausame Mühe und Arbeit gekostet dieses fast
unentbehrliche NahrungsMittel zu gute zu bringen deswegen gaben sich bei dem
ehrlichen Meister Krätzer fast zehnmahl mehr Lehrlinge an als er zu
unterweisen Zeit und Gelegenheit hatte jedoch suchte er sich voritzo 4 der
stärcksten und geschicktesten Pursche aus und versprach dieselben aufs
treulichste in seiner Profession zu unterrichten daferne ihm aber Gott das
Leben gönnete in wenig Jahren noch eine dergleichen Mühle jenseit des Kanals
vor die über dem NordFluße gelegenen Einwohner zu erbauen Immittelst sei
nicht zu zweiffeln dass er mit dieser Mühle allen sämtlichen Insulanern Jahr
aus Jahr ein gnungsames Mehl verschaffen wolle wie denn dieselbe von erwähnten
Tage an außer denen Sonn und FestTagen selten stille stund so dass auch
der AltVater vor sich und seine Hausshaltung in wenig Wochen von allen Stämmen
sein Deputat überhaupt wohl zubereitet empfing
Wenige Zeit nach der reichen GeträydeErndte trat die ergötzliche Weinlese
ein welche nicht geringer war als voriges Jahrs Unser Böttcher Garbe hatte
biss anhero seine Hände nicht in Schoss gelegt um bei dieser Zeit mit seiner
Arbeit Ehre zu erwerben schaffte deswegen in alle Weinberge nicht nur viel
alte ausgebesserte sondern auch ganz neue WeinFässer welche letztern er als
ein guter Weinverständiger Küffer bereits ausgelöhrt und zugerichtet hatte
Wie nun um diese Zeit alle diejenigen Insulaner welche in ihren eigenen Fluren
keinen besonderen Weinwachs hatten denen Nachbaren zusprachen den reichen
Seegen einsammlen halffen und zuletzt ihren beschiedenen ja überflüssigen Teil
davon bekamen so brachte ich bei der Gelegenheit die meisten Tage in Roberts
Raum bei meiner Liebsten Kordula und Monsieur Harckerten zu der zu meiner
größten Verwunderung in aller Stille selber zwei Stühle verfertigt hatte
auf welchen er seiner Frauen und meiner Liebste das Bänder und Bortenwürcken
lehrete Ich sah mit besonderen Vergnügen zu wie geschickt sich meine artig
Kordula hierbei zeigte allein Harckert gab mir zu vernehmen dass es bei dieser
Arbeit nicht bleiben sollte sondern er wolle ehestens mit Hilfe anderer guten
Freunde viel größere Stühle verfertigen auf welchen er dem Frauenzimmer weit
schönere Zeuge zu würcken Anweisung zu geben gesonnen denn so viel nötiges
Bandwerck als man auf dieser Insul jährlich brauchte könnten zwei Personen fast
in 2 Monaten allein verfertigen die StaatsBänderei aber als eine zur
Hoffart und Torheit reitzende Sache nicht ratsam einzuführen also wäre er
in zukunft bereit an statt solcher in Europa sehr beliebter Dinge seine
Profession weiter auszudehnen und allerhand zur Reinlichkeit und Beqvemlichkeit
dienliche Zeuge aus BaumWollen und FlächsenGarne zu machen und die Seide
als eine Sache die wir ohnedem hiesiges Orts sehr sparsam hätten zu vermeiden
Ich konnte Mons Harckerts Gedanken nicht anders als sehr vernünftig und
klug erachten denn was war uns in diesem ohnedem mehr warm als kalten Lande
wohl nützlicher als das saubere BaumWollen und LeinenGeräte welches er auf
ZwillichBarchentEannefas und andere Arten zuwege zu bringen vermeinte Es
hatte zwar der AltVater Albertus so wohl als Herr Wolffgang noch einen
ziemlichen Vorrat von kostbarn seidenen Zeuge allein es war schon verabredet
dergleichen Waren sonderlich den zur Tändelei geneigten Frauenzimmer also
vorzubilden als ob die bundten Farben nur vor kleine Kinder die schwartzen und
dunckeln aber vor alte Leute gehöreten den Jungfrauen hingegen stünde die
weiße Farbe als ein Zeichen ihrer Keuschheit und denn denen Weibern andere
modeste Zeuge am besten welche ein jedes aus dem Sode von unterschiedenen
BaumRinden Blättern und Kräutern mit leichter Mühe selbst färben konnte Von
Spitzen Bändern vielen Kräuseleien Fontangen Armbändern OhrenGehencken und
dergleichen unzähligen Staate welchen das Europäische Frauenzimmer sich
anzuschaffen pflegt wurde ihnen selten etwas vorgeschwatzt und da solches ja
dann und wann geschahe wenn ein oder ander Frauenzimmer zugegen war so wussten
wir doch unsere eigenen Europäischen LandsLeute aus vernünftigen Ursachen in
diesem Stücke als leibliche Schwestern oder Töchter der Frau Torheit
abzumahlen
Jedoch ich werde von unserer KleiderOrdnung weitern Bericht zu erstatten
unfehlbar bessere Gelegenheit finden deswegen will vorjetzo um keine
Verwirrung in meinem Gedächtnisse anzurichten vermelden dass annoch währender
WeinleseZeit eines Tages der AltVater und Herr Magist Schmeltzer nebst
seiner Liebste mir zu gefallen mit nach RobertsRaum reisten um Monsieur
Harckerten in seinem Hause zu besuchen Unterwegs sprachen wir bei Herrn
Wolffgangen und Mons Litzbergen an um dieselben nebst ihren Weibern ebenfalls
mitzunehmen der erste ließ sich gleich bereden Mons Litzberg aber der den
Tischler Lademann bei sich hatte und vorgab dass ihm derselbe etwas bequemes in
seine Wohnung zu machen versprochen gelobte doch an nebst seiner Frauen und
diesem guten Freunde etwa in ein paar Stunden nachzukommen Allein nachdem wir
uns fast den ganzen Tag über biss etwa 2 Stunden vor Untergang der Sonnen im
Weinberge aufgehalten hatten Mons Litzberg aber noch nicht angekommen war
nahmen wir die von meiner Liebsten und Mons Harckerts Frau zubereitete
AbendMahlzeit ein und hörten darauf zum noch übrigen Zeitvertreibe
Des Posamentirers Harckerts LebensGeschicht
aus eigener Erzählung folgender maßen an
Ich bin meine Herren ließ er sich vernehmen eines DorffSchulmeistes Sohn
aus der OberLaussnitz und im Jahr 1702 geboren Mein Vater hatte dreierlei
Professionen er war nicht allein Schulmeister sondern zugleich auch Schneider
und Leinweber im Dorffe so dass er als ein sehr arbeitsamer Mann sein Brodt
wohl verdienen konnte denn wenn ein Handwerck nicht gehen wollte so nahm er das
andere vor Ich war sein einziger jüngster und liebster Sohn weil er außer
mir lauter Töchter gezeuget hatte wovon jedoch nur 4 am Leben blieben Seines
herannahenden hohen Alters ungeacht vermeinte mein Vater dennoch so lange zu
leben meine Gelahrsamkeit sich zum Stubtifuten setzen zu lassen deswegen
musste ich gleich von der Wiege an nicht nur die Principia von der
Schulmeisterei sondern auch von der Schneider und Leinweberei lernen Ja mein
Vater wusste um mich zu einem recht tüchtigen Manne zu machen die TagesStunden
dermaßen einzuteilen dass mir wirklich sehr wenig Zeit zum Spielen übrig
blieb Was dieses vor eine Marter vor einen solchen Jungen wie ich war ist
nicht auszusprechen denn mein gröstes Vergnügen bestund darinnen mit den
BauerJungens auf dem Dorffe die Saue und den Kräusel zu treiben oder solche
Spiele zu spielen welche die JahrsZeit unumgänglich zu erfodern schien Mein
Vater hingegen war dergestallt unbarmhertzig dass er mir wöchentlich kaum zwei
Stunden darzu vergönnete und zwar auf allerhöchste Vorbitte meiner Mutter
welche befürchtete das liebe Kind möchte ganz und gar zusammen wachsen Selbst
das verdrüssliche Schicksaal konnte den harten Sinn meines Vaters aus mir einen
recht vollkommenen Schulmeister zu machen nicht brechen denn ungeacht in
meinem 12ten Jahre die Künste schon am ganzen Leibe dergestalt auszubrechen
begunten dass es schien als ob ich lauter Gelencke und in jedem Gelencke
doppelte und dreifache Kourage hätte so erbarmete sich doch mein Vater nur in
so weit mich zwar eine Zeit lang mit der Schneider und Leinweberei zu
verschonen hergegen musste ich von Morgen an biss auf den Abend dermaßen über
den Büchern liegen dass meiner Mutter angst und bange wurde ich möchte mit der
Zeit etwa gar ein Advokat oder ein Narr werden als welchen Leuten sie am
allergrämsten war denn ein Advokat hatte sie um eine reiche Erbschaft
gebracht und ihr erster Mann war von einer liederlichen Vettel vermittelst
eines LiebesTruncks zum Narren gemacht und angerejetzt worden meine Mutter zu
verlassen und mit der Hure davon zu laufen Indem ich nun ein rechtes so zu
sagen Pferdemässiges Gedächtnis hatte konnte ich nicht allein in meinem 13ten
Jahre fast alle Evangelia und Episteln sondern über dieses welches zu
verwundern alle Declinationes und Konjugationes auf dem Nagel herbeten der
lieben Psalmen zu geschweigen denn mein Vater ärgerte sich solchergestalt fast
über nichts mehr als dass der König David nicht zum wenigsten noch ein paar
hundert mehr gemacht hätte In der Schneider und LeinweberKunst war ich auch
seinen Gedanken nach weit avancirt dass er mich ohne ferneres Bedenken hätte
können zum Meister machen lassen deswegen fehlete nichts weiter meine
erfahrne Person sich substituiren zu lassen als das einzige nämlich dass ich
nicht 8 oder 10 Jahre früher auf die Welt gekommen wäre
Mittlerweile sah der Pfarrer und die Gemeine ich weiß nicht aus was vor
Ursachen meinen 63 jährigen Vater vor älter an als er sich selbst zu sein
bedünckte und da sonderlich der Gemeine nicht anstund dass ich fast alle
Sonntage an seiner statt cantorirte meine Mutter aber wöchentlich mehr als 5
Tage den Schulmeister agirte weil der Vater indessen die bestellte Schneider
oder LeinweberArbeit abwarten musste so kam es durch ein und andere
Verdrießlichkeiten endlich dahin dass meinem Vater aus dem Konsistorio ein
Substitute gesetzt wurde und zwar dem Vorgeben nach aus keiner andern
Ursache als weil sich die Gemeine anheischig gemacht in ihre Kirche eine
Orgel bauen zu lassen die mein Vater gar nicht der Stubtifute aber desto
besser spielen könnte
Mein Vater wollte diesen Schimpff durchaus nicht verdauen so bald aber
unsere Gemeine den Anfang zum OrgelBaue machen ließ lief er mit mir fast
alle Tage 3 Viertel Meilwegs in die nächste Stadt um in seinem hohen Alter
annoch das OrgelSpielen zu erlernen und hiermit bei bevorstehender OrgelProbe
seinen Stubtifuten über den Tölpel zu werffen meine Gelahrtaftigkeit musste
von dem höchst intonirten StadtOrganisten vor wöchentliches baares Geld Käse
Butter junge Hühner und andere Dinge ohngerechnet auch lectiones nehmen
allein wir hatten kaum die Klaves kennen und den Choral O wir armen Sünder
etc spielen lernen als mein Vater der täglichen Strapazen wegen bettlägerig
wurde und bald hernach verstarb Mit ihm wurde zugleich meine Hoffnung auf den
zukünftigen SchulDienst unseres Dorffs nebst meiner ganzen OrganistenKunst
zu Grabe getragen und so bald meine Mutter nebst den zwei jüngsten annoch
unverheirateten Schwestern das SchulHaus quittiren musste musste auch ich mich
beqvemen bei dem Manne meiner ältesten Schwester der ein SchneiderMeister in
der Stadt war in die Lehre zu treten ungeacht mein ganzes Hertze ich weiß
nicht warum einen heftigen Eckel vor diesem Handwercke hatte
Es verdross mich heftig dass ich nunmehr erstlich ganz von neuen anfangen
und einen SchneiderJungen abgeben sollte allein die Lehre währete nicht viel
über 6 Wochen denn so bald sich mein hochtrabender Herr Schwager ein wenig zu
mausig machen und mich der ich schon vor Geselle arbeiten auch zur Not ein
Kleid zuschneiden konnte allzu Jungenhaft tractiren wollte warff ich ihn eines
Tages die Scheere nach dem Kopffe und lief zu meinem andern Schwager dem
Leinweber Dieser missbilligte des Schneiders hochtrabendes Verfahren und
beredete mich bei ihm als Leinweber in die Lehre zu treten mit dem
Versprechen mich täglich noch ein paar Stunden im Schreiben Rechnen und Latein
informiren zu lassen damit ich mit der Zeit etwa die Hand nach einem EhrenAmte
ausstrecken könnte Über dieses ließ er mich aus seinem alten blauen Mantel von
Fuß auf neue kleiden und diese Manu mea gemachte Montur stund mir in meinen
eigenen Augen dermaßen wohl an dass ich nicht geringe Ursache zu haben
vermeinte mir etwas rechts einzubilden
Immittelst schien es doch als ob es mir bei diesem Schwager besser gefallen
wollte als bei dem ersten denn ich durfte nur nach Belieben so viel als ich
wollte arbeiten und weil er etliche Gesellen sitzen hatte die die schönsten
Arten von Damassken und andern Zeugen machten so fielen mir dabei verschiedene
KunstGriffe in die Augen
Bei so gestallten Sachen war es Schade dass mein Schwager ein ganz
heimlicher Narre war denn weil er etwas weniges schreiben und im Donate Mensa
decliniren gerlernt ließ er sich den Dünckel einkommen es wäre niemand als er
würdiger mit ehesten ein ViertelsMeister hernach RatsHerr und endlich gar
Burgemeister in der Stadt zu werden Alldieweiln aber sein ganzes Vermögen nur
in einem kleinen Hause und dann in den Weber Stühlen versteckt war gleichwohl
zu dergleichen Aemtern ein großes Haus nebst BrauAckern und andern liegenden
Gründen erfordert wurden mochte er sich vielleicht im Traume haben vorkommen
lassen als ob in seinem Keller ein Schatz vergraben wäre Deswegen streckte
der arme Schlucker sein ganzes Vermögen dran diesen Schatz von berühmten
SchatzGräbern heben zu lassen allein je mehr er sich dabei in recht heftig
drückende Schulden gesetzt je stärcker fand er sich auf die letzte betrogen so
dass er ehe man sich dessen versah nebst meiner Schwester 4 Kindern und
allen HausGesinde worunter auch meine Personalität begriffen war ganz
plötzlich aus dem Hause gestoßen wurde und kaum die auf dem Leibe tragenden
Kleider mit hinweg nehmen durfte
Demnach fahe ich mich genötigt meiner Mutter welche sich nebst meinen
beiden jüngsten Schwestern in der Stadt bei einem Posamentirer der zugleich
ein RatsHerr war eingemieter hatte die besten Worte zu geben dass sie mir
nur die tägliche Kost und einigen Vorschub reichte mich in der StadtSchule auf
das Studiren zu legen Sie ließ sich beschwatzen kauffte mir einen alten blauen
Mantel nebst etlichen darzu gehörigen Büchern und ich fing solchergestalt
ohne allen Schertz an auf einen DorffPriestersDienst los zu studieren hatte
jedoch den beständigen Trost dabei dass zum wenigsten ein DorffSchulmeister
aus mir werden müsste weil ich aus vielen Umständen vermerckte dass meines
Vaters Geist zweifältig in mir wohnete
Jedoch ehe ich von meinen eigenen Angelegenheiten weiter rede muss ich
vorher melden wie es meinem ehrlichen Herrn Schwager Leinweber ergangen
Dieser nun fand sich nicht allein von seiner SchwiegerMutter dem Schwager
Schneider sondern auch von allen andern Befreundten seines törichten Wesens
halber gänzlich verlassen musste daher nebst seiner Frauen bei andern
Meistern ums Lohn arbeiten damit nur das tägliche Brod vor ihre und der 4
Kinder Mäuler verdient würde Ich glaube der arme Tropff zog sich diese
verdrüssliche LebensArt dergestalt zu Gemüte dass er vollends ein oder etliche
Sparren zu viel oder zu wenig bekam welches daraus abzunehmen weil er kurtze
Zeit hernach um den erledigten KalcantenDienst bei der Geistlichkeit und dem
StadtRate ein selbst elaborirt und eigenhändiggeschriebenes Memorial
folgendes Inhalts eingab
HochEhrwürdige Hochgelahrte HochAchtbare Hochweise Hocherfahrne
Hochgeehrteste Herren und mächtige Beförderer
Ich Endes unterschriebener Bürger Zeug und Leinweber allhier bin in Erfahrung
kommen dass der menschenfressende Tot welcher nach Syrachs und anderer frommen
Lehrer Ausspruche keine Person ansiehet vor etlichen Tagen ihren daher
gewesenen Kalcanten oder OrgelBälgenTreter den Wohlehrbaren und Nahmhaften
Meister NN mit seiner Sense als einen frischen KraurStrunck abgehauen und
ins Grab geworffen hat als worüber Dieselben wie nicht unbillig in großes
Leidwesen versetzt worden denn es verdriesset ja wohl dem Müller wenn ihm ein
Esel umfallt warum sollte es denn nicht nahe gehen wenn ein ehrlicher Mann und
frommer KirchenBedienter in seinen besten Jahren die Beine wormit er wie
mir gesagt worden die Bälge über 13 Jahr getreten in die Höhe reckt Ich will
zu ihrer eigenen Hochpreisslichen Untersuchung anheim gestellt und gegeben sein
lassen ob ihn der Doctor durch das vor etlichen Wochen eingegebene Vomitiv
oder BrechPulver die Schwindsucht verursacht oder ob er sich dieselbe
vielleicht durch seinen überflüssigen Fleiß an den Hals getreten hat Denn der
gute Mann wollte zwar wie ich selbst öfters gesehen habe seine
Geschicklichkeit gar zu sehr zeigen allein es fehlete ihm am besten denn er
war nicht musicalisch Mit mir hat es gar eine andere Beschaffenheit denn ich
kann nicht allein alle Chorale nach der Tabulatur und Noten auswendig sondern
spiele auch selbst etwas auf der Geige wiewohl ohne Ruhm zu melden Ew
Hochwürdige Hochgelahrteiten etc etc werden also nach ihren ziemlichen
Verstande gleich merken dass ich um den KalcantenDienst anhalten will und
hierinnen fehlen sie nicht deñ es ist bei meiner höchsten Treue mein rechter
Ernst weil ich durch böse LeuteBeschmeisser vor kurtzer Zeit sehr ins Armut
gebracht worden bin Ich weiß zwar aus gewissen Uhrkunden sehr wohl dass auch
ein anderer Bürger und Schneider alhier und denn wiederum ein Holtzhauer um
dieses EhrenAemtgen herum gehen wie die Katzen um den heißen Brei allein ich
kann es Meinen Hochgeehrtesten Herrn mir guten Gewissen nicht raten mir diese
Leute vorzuziehen denn wenn der erste sein BügelEisen nicht in der Ficke hat
möchte er zu leichte sein und vielleicht wenn zumahl der Hencker sein Spiel
hätte wohl gar einmal in das Ventil hinnein geschluckt werden Mit dem andern
groben Bengel aber ist es gar nichts und was das Hauptwerck abermals ist so
sind beide auch nicht musicalisch wie ich Deswegen glaube steiff und feste
Ew Hochwürd und Hochgelahrteiten werden in Betrachtung meiner Person und
angebohrnen Geschicklichkeit mir dieses Kirchen und EhrenAmt vor allen
andern gönnen wie ich mich denn dieserwegen gleich zum voraus bedancken will
damit Sie der Mühe überhoben sind noch eine DancksagungsSchrifft von mir
durchzulesen ich aber ebenfalls fernerer Schreiberei und Aufwands entübriget
sei Wegen der Bestallung die sich jährlich auf 10 fl etliche Scheffel
Getrayde ohne die Accidentien von BrautMessen und dergleichen beläufft will
ihnen die Sorge alleine überlassen weil ich schon weiß dass sie an dieser alten
Stifftung die noch ans den katholischen Wesen herrührer keine Änderung
machen sondern es bei den alten Löchern lassen werden doch bleibt Ihnen
unverwehrer eine Zulage entweder an baaren Gelde oder Geträyde zutun weil ich
von dato an beständig sein und bleiben will
Ew Hochwürd und Hochgelahrteiten
Meiner insonders Hochgeehrsten Herren
und mächtigen Beförderer
gehorsamer Bürger und Kalcante
bei Freude und Leid
Michel Konrad N
Es ist leicht zu erachten dass die mächtigen Beförderer über dergleichen
einfältiges und doch hochtrabendes Memoriale nicht wenig werden gelacht haben
jedoch er bekam das Fiat gleich auf der Stätte mit der einzigen Bedingung dass
er sich von dem StadtOrganisten erstlich sollte tentiren lassen Dieser nun war
ein ganz besonderer SpaasVogel und mochte entweder das Memoriale selbst
gelesen oder wenigstens den ganzen Inhalt gehört haben mithin wurde mein
Schwager der vielleicht noch nicht Zwirn genung im Kopf hatte vollends zum
Narren gemacht denn weil er wegen seiner Probe durchaus ein schrifftliches
Attestat von dem Organisten verlangete erhielt er endlich folgendes
Ich Endes unterschriebener bekenne durch diese dass Meister Michel Konrad N bei
seiner abgelegten KalcantenProbe sehr wohl und fast besser als sein
Antecessor bestanden denn nachdem er von mir durch alle musicalische Regeln
die einem Kunstet fahrnen Kalcanten zu observiren nötig sind durchgenommen
worden so habe an ihm nichts auszusetzen gefunden als dass er nicht so leicht
moll als dur treten oder nach der Kunst zu schreiben spielen kann welches
sich aber bei ferneren Exercitio schon geben wird denn der Mann hat in Wahrheit
sehr feine Maniren an sich welche sich ein anderer der nicht von Jugend auf
die Füße unter dem WeberStuhle gehabt nicht so leicht angewöhnen möchte
Ubrigens ist er auch gegen andere ganz Unwissende in der Musik gar sonderlich
erfahren Welches alles zu Steuer der Wahrheit mit Hand und Siegel bekräfftiget
NN
bestalter StadtOrganiste
In folgenden Zeiten hat dieser Organist fast immer seinen Schertz mit diesem
gelehrten Kalcanten getrieben und ihm gemeiniglich die Tone angezeiget aus
welchen er treten solle so dass derselbe auf die Gedanken gerät das Werck
könne unmöglich recht gehen wenn er nicht vorher mit dem Organisten behörige
Abrede genommen hätte Jedoch einesmahls da der Organist unpass und der Kantor
welcher ein sehr mürrischer Mann war die Orgel zur Musik selbst spielen musste
kam mein Schwager eiligst hervor gelauffen und fragte den Kantor aus welchem
Tone das Stücke gienge ob es dur oder moll auch was es vor Tact wäre der
Kantor welchem der Kopf eben nicht recht stund wurde desto verdrießlicher und
sagte was hudelt ihr euch um das Stück geht hin und tretet eure Bälge oder
ich werde euch die Wege weisen Mein Schwager wollte dem ungeacht lange nicht
von der Stelle gehen biss ihn endlich des Kantors zornige Gebärden zurück in die
BälgKammer trieben dieser wegen aber rührete er dennoch keinen Balg an
worüber der Kantor welcher wohl zehnmahl geklingelt hatte immer rasend zu
werden gedachte denn die Musik sollte angehen und in der Kirche wunderte sich
ein jeder Mensch über das lange Stillschweigen Er schickte einen Schüler nach
dem andern fort um den Kalcanten zum Treten anzumahnen oder selbst die Bälge
zu treten allein dieser stieß einen jeden zurück der ihm ins Handwerck fallen
wollte schwur auch hoch und teuer er träte eher keinen Balg biss ihm der
Kantor sagen lassen aus welchem Tone die Musik gehen und was es vor Tact sein
sollte Ich erbarmte mich endlich nachdem ich erfahren woran es läge über
meinen wurmsichtigen Schwager tat als ob ich dem Kantor gefragt und erfahren
hätte dass das musicalische Stücke aus dem fis moll gienge und 54tel Tact
wäre daher er sich endlich bewegen ließ die Bälge zu treten der Kantor aber
war dergestalt zum Eyffer hergegen die Musicanten und Koncertisten zum
greulichen Gelächter gerejetzt worden so dass immer eine Saue nach der andern
heraus kam biss endlich alles stecken blieb und das ganze Stück von neuen
angefangen werden musste So bald endlich die Musik mit Kummer und Not verbracht
war ließ der Kantor einem Schüler den Glauben spielen er aber lief als eine
Furie hinter in die BalgKammer um meinen Schwager einen tüchtigen Ausputzer zu
geben da ihm nun dieser kein Wort verschwieg ließ sich der Kantor vom Zorne
dergestalt übermeistern dass er dem Kalcanten ein paar Maulschellen gab dieser
restituirte dieselben cum lnteresse warff auch des Kantors schwartze Peruque
zum SchallLoche auf den Kirchhoff hinunter ihn aber selbst endlich zur
BalgKammer hinaus worüber eine abermahlige Unordnung entstund denn
mittlerweile waren die Bälge aufgelauffen weswegen die Orgel stille schwieg
jedoch ich schlug mich noch ins Mittel und vertrat die Vices meines Schwagers
welcher sich so wohl als der Kantor dergestalt ergifftet hatte dass er kein
Glied stille halten konnte Die Sache kam zur Klage und Untersuchung mein
Schwager aber war nicht faul seine DefensionsSchrifft in folgenden Zeilen
einzugeben
PP
Der weise HausZucht und SittenLehrer Syrach schreibet im ersten Versicul des
8ten Kapitels seines Büchleins die nachdencklichen Worte Zancke nicht mit einem
Gewaltigen dass du ihm nicht in die Hände fallest Hätte dieses unser Herr
Kantor bedacht und keine Ursache mit mir zu zancken vom Zaune gebrochen auch
mich mit den Tractamenten womit er seine SchulJungens zu beneventiren pfleger
ich meine ein paar Maulschellen verschonet so würde mich schwerlich jemand
haben bereden können dem ehrlichen Manne durch ein paar Dutzend Ohr und
AugenFeigen blaue Fenster zu machen und ihm in dem Grimme meines Zorns die
schwartze ZodelPeruque zum SchallLoche hinnaus zu werffen Der Geitz ist eine
Wurtzel alles Ubels und also auch der EhrGeitz wäre der Kantor nicht so
ehrgeitzig und eigensinnig gewesen sondern hätte mit mir als einer
HauptPerson bei der KirchenMusik sein überlegt wie das Stücke am besten zu
practiciren und tractiren wäre so wären viele Solennitäten unterwegens
geblieben nämlich es wären keine Sauen gemacht worden und die übrige
Prostibulation hätte auch unterwegens bleiben können Davor muss ich sagen dass
der Organiste 1000 mahl mehr Verstand in seinem kleinen Finger hat denn es
wird mir und ihm sonderlich so lange ich die Kalicanten Charge verwaltet habe
kein Mensch nachsagen können dass wir nur das geringste Ferckel geschweige denn
solche Sauen in der Musik gemacht hätten als am vergangenen Sonntage herum
gelauffen sind In der Musica ist die Harmonica die allerschönste Tugend und
diese muss sich nicht allein in den Geigen und Pfeiffen sondern auch unter den
Personen finden lassen aber ich weiß gar wohl dass es grobe Flegels gibt
welche den Kalicanten weit geringer schätzen wollen als einen
StadtPfeifferJungen der kaum in die Lehre getreten ist welcher Unverstand
aber von der löblichen StadtObrigkeit billig nach befinden mit ein paar Alten
oder wohl gar NeuenSchockStraffe belegt werden sollte Ich hoffe also meine
Unschuld klar genung dargetan zu haben und weil ich ohnedem gewohnt bin meine
schrifftlichen Sachen sehr kurtz zu fassen so bitte Ew Hoch Ehrwürd und
Hochgelahrteiten mir in allen Dingen Recht zu sprechen und dem Kantor wenn
sie ihm ja die Straffe schencken wollen dahin anzuweisen dass er sich in
zukunft besser mit mir confirmire damit keine ferneren Solennitäten verübt
werden denn wenn es auf das Punkt horis kommt bin ich freilich sehr kützlich
und lasse mir nicht gern im Maule mähten vielweniger ins Amt greiffen wie die
Schüler am vergangenen Sonntage mit der Balgtreterei tun sollten Schließlich
habe noch zu erinnern dass mir der Kantor am Sonntage Schuld gegeben ich hätte
mich im Brandteweine vollgesoffen wie ein Schwein welches aber vor aller Welt
erstuncken und erlogen ist weil nicht mehr als vor einen Dreier in mein Maul
gekommen verlange deswegen eine Abbitte EhrenErklärung und Bezahlung des
Schimpffs vor allen Leuten die in der Kirchen gewesen sind Ubrigens wünsche
Ew Hoch Ehrw und Hochgelahrteiten wohl zu leben und verbleibe etc etc
Dieses machte aber so wohl meinem Schwager als dem Kantori vielen Verdruss
und fehlete wenig dass der erste nicht sehr zeitig wiederum den Dienst verloren
hätte der andere aber sonsten gestrafft worden Jedoch endlich wurde alles in
der Güte beigelegt ich weiß aber selbst nicht auf was vor Art weil mich
etliche aufrührische Schüler beredeten mit ihnen fort zu gehen und eine andere
Schule zu suchen wo die Schüler nicht so strenge als von unsern SchulKollegen
gehalten würden
Ich war um selbige Zeit gleich 16 Jahr alt und sung eine ziemlich seine
Stimme wormit ich mich bei dem Kantore dasiges Orts ziemlich recommendirte so
dass er mir sehr gute Hospitia ausmachte und allen Fleiß anwandte mich zu einem
perfecten Koncertisten zu machen wobei ich denn auch was die Latinitæt unter
dem Rectore und Konrectore anbetraff nicht unter die schlimmsten jedoch auch
nicht unter die besten zu rechnen war Immittelst konnte doch Jahr aus Jahr ein
so viel verdienen mich in Kleidung Wäsche und dergleichen selbst frei zu
halten Da aber drittehalb Jahr hernach eben derselbe Schulmeister welcher in
meinem GebuhrtsDorffe an meines Vaters Stelle gekommen war verstarb ließ mir
meine Mutter solches so gleich schrifftlich berichten und raten ich sollte
eiligst nach Hause kommen und um den Dienst anhalten denn sie zweiffelte im
geringsten nicht dass ich so wohl im Orgelspielen als andern darzu gehörigen
Wissenschaften so viel würde begriffen haben noch eines weit wichtigern
Dienstes würdig zu sein
Diese Post war kaum eingelauffen als in meinen Gedanken schon alles
richtig war bedaurete also nichts als dass ich mir nur vor wenig Wochen ein
Spannagel neues FarbenKleid angeschafft hatte jedoch mein bester Trost war
dass es könnte schwartz gefärbet werden Meine Mutter die mich in so langer Zeit
nicht gesehen erfreuete sich herzlich einen dergestalt ansehnlichen Sohn zu
haben wie nicht weniger unser Herr Hospes der Posamentirer der einen besonderen
Estim und Liebe vor mich bezeigte Ja was noch mehr so verliebte sich noch
selbigen ersten Tages dessen jüngste Jungfer Tochter in mich zu mahlen da sie
vernahm dass ich anitzo in Begriff sei um einen Schuldienst auf dem Dorffe
anzuhalten und mir dabei das Prædicat als Herr Kantor und Organiste geben zu
lassen
Ich machte nicht viel Schwürigkeiten diesen ganz feinen Mädgen meine
GegenLiebe zu erkennen zu geben überreichte immittelst mein BittSchreiben um
den SchulDienst gehöriges Orts und bekam sehr gute Vertröstungen wie denn
auch der Rats verwandte Herr Posamentirer sich viele Mühe gab mich bei den
Herrn Patronis bestens zu recommendiren u endlich selbst die sichere Nachricht
brachte dass mir seines Vorspruchs wegen der Dienst unmöglich entgehen könnte
Ich wusste zur schuldigen Danckbarkeit vor seine vielfältige Mühwaltung nichts
bessers zu ersinnen als ihn um seine 17 jährige jüngste Jungfer Tochter
anzusprechen Der gute Mann machte nicht viel Umschweiffe sondern richtete
gleich folgenden Tages einen kleinen Schmaus aus wobei ich und dessen Jungfer
Tochter ordentlich mit einander verlobt wurden Lange Zeit hernach habe ich
erstlich erfahren dass er die größte Ursach gehabt also zu eilen und seine
Tochter mit Ehren unter die Haube zu bringen denn weil sie jederzeit eine
ungemeine Liebhaberin von MannesFleisch gewesen und er der Vater selbst die
Tochter sehr oft des Nachts mit den Schülern auf der Straße nicht selten auch
einen oder den andern in ihrer SchlaffKammer angetroffen hatte so mochte
derselbe befürchten s ihrer ehe als es ihm angenehm sei GroßVater zu
werden Solchergestalt wurde ich in allergröster Geschwindigkeit ein Bräutigam
und schätzte mich bei einer so schönen Liebste der glückseligste Mensch von der
Welt zu sein weil aber Glück und Unglück sehr selten weit von einander
entfernet ist so musste auch ich armer Schelm solches zu meinem größten
Verdrusse erfahren denn da ich schon alle Anstalten zu meiner bevorstehenden
KantorsHausshaltung machte bekam ein anderer den Dienst und ich das Nachsehen
Dieser Streich verdross mich dergestalt heftig dass ich so gleich noch in
der ersten Bosheit einen Schwur tat nimmermehr wiederum um einen Kirchen und
SchulDienst anzuhalten sondern bei meinem SchwiegerVater das Posamentir
Handwerck zu erlernen nach ausgestandenen LehrJahren Geselle und Meister auf
einmal zu werden und hernach meine Braut darauf zu nehmen und zu ernehren
Mein SchwiegerVater war zwar so wohl als die Braut ziemlich stutzig jedoch das
Verlöbnis war ein vor allemahl geschehen und ohnmöglich zu wiederruffen weilen
in Gegenwart sehr vieler Leute alle Zeremonien dabei observirt waren Endlich
musste sich auf Zureden meiner Mutter und anderer guten Freunde alles geben denn
mein SchwiegerVater versprach daferne ich mit seiner Tochter fein keusch und
züchtig leben würde er binnen zwei Jahren alles dahin bringen wollte mich so
wohl zum Meister als vergnügten EheManne zu machen Demnach wurde ich in
meinem 19ten Jahre zum drittenmahle als ein Lehr Junge aufgedungen und kame
nachher fast niemals aus dem Hause weil ich mich vor den SpottReden der
Schneider und LeinweberJungen am meisten aber vor den leichtfertigen Schülern
furchte Dieses nutzte indessen so viel dass ich ehe ein Jahr vergieng das
ganze Handwerck besser begriffen als mancher der schon etliche Jahr darauf
gereist war denn mein Meister und SchwiegerVater ließ wahrhaftig die
schönsten und besten Sachen arbeiten und hatte beständig 8 biss 9 gangbare
Stühle auch gemeiniglich 4 biss 5 recht wohl erfahrne Gesellen die mir vor
öfftere freie BierZechen die künstlichsten Sachen machen lerneten Meine
Liebste inzwischen war sehr übel zufrieden dass diese Jahre länger als 14 Tage
lang daureten und mochte wohl desto unvergnügter sein dass ich mich gar zu
genau an meines SchwiegersVaters Lehren band und ihr außer einem keuschen
Kusse weiter keine nachdrücklichern Liebkosungen erwiese jedoch ich glaube
mein SchutzEngel hat mich dessfalls von vielen Verdrießlichkeiten zurück
gehalten denn da mein anderes LehrJahr schon etwas über die Helffte
verlauffen war kam erstlich meine jüngste Schwester und 5 Tage hernach meine
Liebste jede mit einem jungen wohlgestalten Söhnlein darnieder Die erste
bekandte auf meinen Herrn SchwiegerVater und die letztere auf meine Personalit
ät Ich der ich mich in meinem Gewissen von dieser Schuld vollkommen rein
befand wurde dergestalt ergrimmt dass meinen alten Degen ergriff und so wohl
den SchandMutz in ihrem WochenBette als auch den SchwiegerVater selbst
erstechen wollte Jedoch meine Mutter schlug sich ins Mittel und eröffnete mir
das Verständnis durch den Bericht dass der alte SusannenBruder meine Schwester
zu heiraten mir aber 200 Tlr im Voraus zu geben versprochen wenn ich
seiner losen Tochter Kind vor das meinige annehmen wollte welches ihr
eigentlich ein abgereiseter Schüler hinterlassen hätte
Wider den ersten Punkt dass nämlich aus dem SchwiegerVater ein Schwager
werden sollte hatte ich nicht das geringste einzuwenden allein vor meine Person
fand ich höchst unbillig eines andern SchandBalg anzunehmen vielmehr
verschwur ich mich hoch und teuer diesen Schimpff mit Blute auszuwischen wenn
man mich nicht noch ehe es Abend würde mit baaren Gelde befriedigte und den
Leuten den rechten Vater des HurKindes bekandt machte Uber dieses sprach ich
ferner wäre es nicht genung dass der alte geile Bock meine Schwester nunmehr
als eine geschändete heiratete denn da sie ihm als Frau gut genug zu sein
geschienen hätte er sie wohl in Ehren darzu verlangen und annehmen können
weil sie ehrlicher Leute Kind und noch bessern Herkommens als er selbst sei
Ich wusste aber schon war mein Zusatz was ich vor einen Streich zu spielen bei
mir beschlossen hätte Diese und dergleichen Drohungen wobei ich den bloßen
Degen nicht von abhänden kommen ließ würckten so viel dass ich binnen wenig
Stunden von dem Alten durch meine Mutter 100 Tlr baar Geld ausgezahlet bekam
mit dem Bedeuten dass wenn ich das Haus verlassen und die übrigen wenigen
LehrMonate bei einem andern StadtMeister ausstehen wollte ich noch ein Stücke
Geld auf die Reise bekommen sollte
Das war Wasser auf meine Mühle deswegen nahm kein Bedenken meiner Mutter
Zuredungen gehorsame Folge zu leisten begab mich auch also fort zu einem andern
Meister stund meine Zeit vollends aus empfing hernach von dem neuen Schwager
welcher meine Schwester wirklich geheirater hatte noch 50 Tlr ungeacht ich
nach der Zeit seine Schwelle nicht wieder betreten vielweniger meine gewesene
Liebste des Ansehens gewürdiget hatte und reiste zu Ende des 1721ten Jahres in
die Frembde ließ auch keinen Heller von meinem Gelde zu Hause ausgenommen das
wenige Erbteil welches meiner Mutter verblieb weil ich den gäntzlichen
Vorsatz hatte nimmermehr wieder in mein Vaterland zurück zu kehren doch habe
drei Jahre hernach von einem LandsManne in Hamburg erfahren dass mein Mitbuhler
und Vorfischer etwa anderthalb Jahr hernach seine Geschwächte nebst dem Kinde
abgeholet und sich mit ihr trauen lassen weil er den OrganistenDienst in
einer kleinen Stadt nebst der Stadt schreiberei überkommen Also musste diese
Jungfer scil dennoch auf einen Gelehrten fallen
Ich habe nachher in meiner 3 biss vierdtehalbjährigen ReiseZeit manchen
lustigen Streich gespielt indem ich mich zuweilen vor einen verdorbenen
Studenten zuweilen vor einen Schneider oder LeinweberPurschen ausgegeben so
lächerlich aber dieselben Streiche gewesen so weiß ich doch dass mein Gewissen
von groben Sünden und Bosheiten befreit geblieben Es mögen dieselben biss auf
andere Gelegenheiten zum Erzehten ausgesetzt bleiben voritzo will zum
Beschlusse nur noch melden dass nachdem ich mir an verschiedenen Orten ein
mässiges Stückgen Geld zu demjenigen welches ich von Hause mitgenommen
gesammlet hatte ich mir endlich in Hamburg die Lust ankommen ließ eine Reise
nach OstIndien vorzunehmen weil ich vernommen dass oft ein armer Schelm der
keinen Taler im Vermögen gehabt binnen 3 oder 4 Jahren etliche hundert biss
1000 Taler mit zurück gebracht In solchen Absichten reiste ich also nach
Amsterdam erkundigte mich nach Schiffen die nach OstIndien reisten und
wurde endlich unvermutet zu des Herrn Kapitain Wolffgangs bevollmächtigten
Mons Horn geführet der mich biss auf die Zurückkunft des Herrn Kapitains mit
WarteGeldern versah und endlich in Dienste brachte denn gegenwärtiger Herr
Wolffgang ließ sich mein immer aufgeräumtes Humeur vor andern wohlgefallen und
sagte dass er mir sonderlich wegen der Profession gewogen weil er selber
eines Posamentirers Sohn sei Ich kann nicht anders sagen sondern muss es
vielmehr mit schuldigsten Danck erkennen dass er mich auf dem Schiffs vor
verschiedenen andern MitReisenden sonderlich distinguirt und endlich auf
dieser Insul vollkommen glücklich gemacht hat Der Himmel gebe ihm die
Vergeltung davor ich aber werde Zeit Lebens bemüht sein mich hiesiges Orts so
auf zuführen dass ihnen meine Herrn hoffentlich nicht gereuen soll meine
Wenigkeit in ihre Freund und Schwiegerschaft aufgenommen zu haben
Hiermit beschloss Mons Harckert die Erzählung seiner LebensGeschicht und
wir waren eben im Begriff uns zur Abreise zu schicken da der Tischler Lademann
kam und nach Mons Litzbergen fragte welcher schon vor länger als einer Stunde
nach RobertsRaum voraus gegangen sei Indem wir aber von demselben weder etwas
gesehen noch gehört hatten war die Verwunderung desto größer und wir fingen
fast an uns ein oder andere Sorge über dessen Aussenbleiben zu machen
schickten auch einen Boten in die Weinberge um zu erfahren ob er sich etwa bei
dasigen Wächtern befände um die frembden Affen vertreiben zu helfen allein
unsere Bekümmernis war nicht allein vergebens sondern verwandelte sich endlich
in das allerangenehmste Vergnügen denn nachdem sich der AltVater durch Mons
Harckerts und anderer vielfältiges Bitten endlich bereden lassen diese Nacht
nebst uns allen seinen Gefährten in RobertsRaum zu schlaffen ließ sich mit
hereinbrechenden Abend im dicken Gebüsche des Gartens ein Säytenspiel hören
welches wir in möglichster Stille bewunderten und nach langen præludiren
endlich von einer artigen TenorStimme folgende Kantata unter dem SäytenKlange
vernahmen
Aria
Nicht alles und doch alles haben
Scheint zwar ein dunckler
Spruch zu sein
Doch trifft er bei Vergnügten ein
Die alle lernen viel verachten
Da viele sonst nach allen trachten
Denn vielen ist die Welt zu klein
Ihr Lecker Maul recht wohl zu laben
Da Kapo
Recit
Wir Felsenburger sind
Die Reichsten auf der Welt
Das macht wir lassen uns begnügen
Mit dem was unser Feld
Wald Fluss und See zur Notdurfft reicht
Hier weht kein seichter WollustWind
Hier kann so leicht kein eitler Wahn betrügen
Hier wird die schwerste Arbeit leicht
Hier ist ein irrdisch Paradiess
Hier schmeckt was andern bitter scheint
Recht Zucker süß
Hier wird der Nahme Freund
Mit Ernst und Wahrheit ausgesprochen
Hier ist ja ja und nein ist nein
Hier wird durch falschen Schein
Kein zugesagtes Wort gebrochen
Hier hört man nichts von Gräntz und andern Streite
Denn kurtz gesagt wir sind vergnügte Leute
Aria
Wucher Hoffart eitler Tand
Setzen sonst das beste Land
Leicht in volle Glut und Brand
Himmel steure diesen Feinden
Dass sie uns vertrauten Freunden
Niemahls ins Gehege gehen
Lass uns nach der alten Weise
Uns zum Nutzen dir zum Preise
Ihnen kräfftig widerstehn
Da Kapo
Recit
Bleib weg von uns du toller KleiderPracht
Hier wird dein GauckelSpiel ins Fäusigen ausgelacht
Was helfen uns Brabandsche Spitzen
Die nicht einmal zu guten Zunder nützen
Was sollen Frantzen Knötgen Gold und Silber Band
Was nützt die SeidenWare
Was die gekräuselten und falschen Haare
Hat nicht so mancher kluger Geist
Dergleichen Werck auch wo es Mode heist
Vor Quackelei und AffenSpiel erkannt
Drum wollen wir bei unsrer Einfalt bleiben
Und doch die Zeit
In süssester Zufriedenheit
Gantz fein vertreiben
Die Frömmigkeit sei unser schönstes FeierKleid
Und Tugend unser alle TagsGewand
Hiernächst wird See und Land
Schon so viel Flachs und Tiere geben
Worvon so lange wir auf Erden leben
Weib Kind und Mann
Die Kleidung rein und zierlich haben kann
Aria
So sind wir denn alle nach Wunsche zufrieden
So lange die Wurtzel des Ubels nicht grünt
Zwar sind wir nicht alle von Fehlern befreit
Der Saame den Satan in Eden gestreuet
Wird wider Vermuten gar öfters erquick
Jedennoch durch Fasten und Beten erstickt
Indessen wird vieles was Eitel vermieden
Das manchen vor diesen zum Falle gedient
Da Kapo
Es ist unbeschreiblich was diese unvermutete Neuigkeit vor ein ganz
besonderes Vergnügen in aller Anwesenden Hertzen verursachte ja es ist
leichtlich zu glauben dass die auf der Insul gezogen und geboren unsern lieben
Litzberg als welcher eben die vortreffliche Musik machte ganz erstaunend
bewundert haben denn weilen seit anno 1661 da ein naseweiser Affe des
AltVaters eintziges musicalisches Instrument nämlich die vom Lemelie ererbte
Cyter zerlästert niemand weiter das geringste von einem SäytenSpiele gehört
hatte war die Verwunderung desto größer Es hatte aber Mons Litzberg nebst
dem Tischler Lademannen schon seit einem halben Jahre her jedoch in aller
Stille und Heimlichkeit an diesem Instrumente gearbeitet ehe sie dasselbe
sonderlich der Säyten wegen zum Stande gebracht jedoch dergleichen inventieusen
Köpffen wie diese beiden hatten musste so zu sagen alles nach Wunsche gehen
denn wie ich nachher gesehen war von ihnen eine solche Menge allerlei Säyten
bereitet worden und zwar aus den Därmen der wilden und zahmen Ziegen wie auch
anderer Tiere dass man wohl noch 200 dergleichen Instrumente als dieses
welches die ziemliche doch in etwas weniges veränderte Gestalt einer Laute
zeigte hätte damit beziehen können
Mons Litzberg spielete hierauf zu unserm Vergnügen noch verschiedene
andere artige Stücke und accompagnirte wechselsweise mit seiner anmutigen
Stimme bis endlich der liebe AltVater gegen Mitternacht hierdurch in einen
süßen Schlaff gebracht wurde weswegen wir übrigen uns nach ihm richteten und
sämtlich die Ruhe suchten folgenden Tages aber nach eingenommenen FrüheStücke
erstlich gegen Mittag wiederum von einander reisten
Zeitwährender WeinLese machten wir uns sämtlich bald in dieser bald in
jener PflantzStadt ein und andere vergnügte Veränderung so bald aber dieselbe
vorbei alles eingesammlet und zur neuen BestellZeit behörige Anstalt gemacht
war ersuchte ich den AltVater mir nebst andern Europäern und denen so außer
dem noch Lust darzu hatten eine Fahrt zur See auf die benachbarte Insul
KleinFelsenburg zu tun Er ließ sich durch unablässiges Anhalten endlich
bereden zumahlen da der Vater David Julius alias Rawkin sich zum Schiffs
Patrone anbot deswegen wurde das in der Bucht liegende Schiff binnen wenig
Tagen völlig ausgebessert worauf wir sämtlichen letzt angekommenen Europäer
ausgenommen Herr Mag Schmeltzer und Herr Wolffgang uns am 28 Apr 1727
embarquirten und die Reife bei guten Wetter und Winde antraten Es war eben
kein allzustarcker Hazard dergleichen Fahrt vorzunehmen denn wir gelangeten in
wenig Stunden auf der lustigen Insul KleinFelsenburg und zwar in dem
vortrefflichen Hafen an welcher auf dem beigefügten KupfferStiche mit A
bezeichnet ist Der Ort wo wir bequemlich aussteigen konnten ist mit B
bemerckt und hieselbst baueten wir sämtlichen an der Zahl 36 Personen in der
Geschwindigkeit 6 geraumliche LauberHütten von abgehauenen BaumÄsten auf
vergaßen auch nicht aus denen 3 mitgenommenen kleinen Kanonen eine
dreimahlige Salve zu geben um unsern Freunden in GroßFelsenburg kund zu tun
dass wir glücklich angelandet wären worauf uns dieselben gleichfalls dreimahlige
Antwort gaben
Diesen ersten halben Tag brachten wir also mit Untersuchung der Nordlichen
Gegend zu durchstreifften dieselbe so weit uns die ziemlich angelauffenen
WasserFlüsse das Gehen erlaubten nämlich wie auf dem KupfferStiche zu sehen
von B zu CDEF und kamen mit einbrechender Nacht sehr ermüdet zurück an den
Ort B allwo unsere Hütten aufgebauet waren Wir hatten außer unzähligen
fruchtbaren Bäumen vortrefflicher Gräserei süßen WasserBächen und der mit D
bezeichneten saltzigen See worinnen sich eine große Menge Fische aufhielt
nichts sonder und wunderbares angemerckt als einen unvergleichlich fetten
Erdboden der ungemein geschickt wäre seinen ArtLeuten die angewandte Mühe und
BestellungsKosten zu ersetzen ingleichen eben die Arten von Wildprät Ziegen
und Vögeln wie sich dieselben auf der Insul GroßFelsenburg befanden jedoch
wir stelleten keinen nach indem wir Proviant zur Gnüge bei uns führten auch
zum Zugemüse noch allerhand frische Früchte Kräuter und Wurtzeln erblickten
Kurtz zu melden dieses Land hatte mit dem GroßFelsenburgischen fast einerlei
Art nur dass allhier die bloße Natur dorten aber zugleich die menschlichen
Künste und Wissenschaften mit würckten Folgendes Tages fuhren wir mit zwei
kleinen Booten in die durch den MeerBusen abgesonderte Westliche Gegend G
wanderten hinunter biss an die NordSpitze von dar mehrenteils am Gestade
zurück biss an das Gebirge H allwo wir die MittagsStunden über ausruheten
etwas von unsern mitgenommenen Speisen zur Erquickung nahmen hernach das
Gebirge umgiengen die SudEcke I betrachteten abermals einen großen
MeerBusen K und weiter hin die große See L antraffen und endlich zurück an
den Ort kamen wo der in die kleine See lauffende Fluss die kleine Insul C
macht Allhier überfiel uns die Nacht weswegen wir uns bei einem angemachten
Feuer niederlagerten und in guter Ruhe biss zu Aufgang der Sonne schlieffen Wir
hatten also nur noch das Oestliche Teil der Insul zu betrachten vor uns weil
aber der Strohm der sich aus der großen in die kleine See ergoss gestriges
Tages allzu breit und tieff befunden worden sollte um alle Gefahr zu vermeiden
der Rückweg zu den Booten angetreten werden Allein der Tuchmacher Lorenz
Wetterlingund der Bötticher Melchior Garbe hießen uns ohne alle Sorge auf der
Stätte warten und sie nur machen zu lassen indem sie durch den Strohm
schwimmen und ehe 2 Stunden verlieffen mit den Booten bei uns sein wollten Es
wollte zwar keiner von uns darein willigen sondern viel lieber den Rückweg in
Kompagnie antreten allein sie ließ sich nicht wehren schwummen auch bei der
kleinen Insul um die Gegend a glücklich durchhin und kamen noch ehe wir uns
dessen versahen in einem Boote den Fluss herunter gefahren schleppten auch das
andere angebundene Boot hinter sich her nahmen uns ein so dass wir die kleine
See durch passieren und in der Gegend M aussteigen konnten Nachdem die Boote
befestiget besahen wir erstlich die große See von dieser Seite kosteten deren
Wasser und befanden dasselbe ungeacht verschiedene süße Bäche hinein
flossen ganz grausam saltzig weswegen Mons Litzberg par curiositeè ein Feuer
anmachte eine kupfferne Schaale mit diesem SeeWasser angefüllet darauf
setzte selbiges verrauchen ließ und gar bald das vortrefflichste Saltz
abschäumete Nach diesen schlugen wir uns lincker Hand nach dem großen
Gebirge N zu umgiengen und bestiegen dasselbe fanden zwar Merckmahle dass
selbiges Ertz oberhalb aber keine Weinstöcke wie das Unserige in
GroßFelsenburg trüge Hierauf verteileten wir uns öfters in 2 öfters auch
in 3 Parteien durchstreifften den Wald und die steilen Klippen am Ufer gegen
Osten zu fanden aber nichts besonderes als eine ungemeine hohe FelsenSpitze
welche entsetzlich hoch in die Höhe lief und kaum auf die Helffte zu
erklettern war Mons Litzberg Lademann Plager und ich waren dennoch so
curieux so weit hinauf zu steigen als ohne allergröste Gefahr möglich war
unsere Mühe aber war nicht gänzlich vergebens denn wir entdeckten durch ein
mitgenommenes 8 Fuß langes Perspectiv gegen den SüderPol zu ein groß Stücke
Land welches nach Mons Litzbergs Meinung ungefähr 40 biss 50 Meilen von uns
entfernet und dem Augenmasse nach wenigstens etliche 30 oder mehr Meile in der
Breite halten müsse die Länge aber von uns gegen Süden zu war nicht
anzumercken Alle unsere Gefährten die etwas von der Geographie verstunden
glaubten fest dass dieses ein den Europäern noch ganz unbekandtes Land sein
müsse weil man auf keiner einzigen Land oder SeeKarte um diese Gegend etwas
angemerckt befunden Wäre es nach unsern Köpffen und nicht wieder des
AltVaters expressen Befehl gegangen so hätten wir gleich folgenden Tages
unsere Seegel dahin gerichtet so aber musste es unterbleiben Immittelst kamen
wir auf dem Platze P alle 36 Mann ohnbeschädigt wieder zusammen kochten ein
Gerichte Fische welche etliche der Unsen aus den Bächen gefangen hatten
hielten noch ein und anderes Gespräch über das neuerblickte Land und
schlieffen mit einbrechender Nacht bei dem Feuer ohn alle Sorgen ein
Am vierdten Tage unseres Daseins wurde endlich der übrige Teil der Oestl
Gegend vollends ausgekundschaft da aber weiter nichts sonderliches
merckwürdiges zu betrachten vorkam machten wir beizeiten Feierabend schossen
jedoch ein kleines Wild um das auf dieser Insul erzeugte Wildprät teils
gekocht teils gebraten zu versuchen befanden aber gegen unser
GroßFelsenburgisches nicht den geringsten Unterschied Nächstfolgenden fünften
Tages setzen wir uns bei der kleinen See in aller Frühe wieder in unsere Boote
ruderten den Strohm hinauf wendeten uns aber über der kleinen Insul um und
kamen gegen Mittag auf der mit B bezeichneten Städte an allwo unser Schiff vor
Ancker liegend und die aufgebaueten LauberHütten annoch unversehrt angetroffen
wurden Es gefiel uns allen noch eine Nacht in diesen noch ziemlich frischen
LaubHütten zu schlaffen deswegen wendeten wir den übrigen Teil des Tages
darzu an eine große Menge derer besten Früchte Kräuter und Wurtzeln aufs
Schiff zu schaffen um solches unsern Freunden zum Schertz als etwas seltsames
mitzubringen Lademann Herrlich und andere mehr machten sich indessen ebenfalls
uñötige Mühe indem sie verschiedene gerade Bäume und Stangen umhieben und
dieselbe zum mitnehmen mit größter Mühe aufs Schiff schafften Mons Litzberg
nahm zur Curiositeé sein gesottenes Saltz Plager aber eine große Menge
Ertzhaltige Steine aus dem Gebirge mit als woran er sich nebst etlichen andern
fast halb kranck getragen hatte wir lachten ihn dieserwegen ziemlich aus
allein er lachte wieder und sagte Meine lieben Herren es wird schon die Zeit
kommen dass ihr oder eure Kinder Glocken BrauPfannen Kessel und anderes
Kupffer und MessingGeschirr verlangen werdet ists nun nicht gut wenn man weiß
wo das darzu benötigte Ertz zu suchen ist Solchergestalt mussten wir ihm in
Wahrheit recht geben
Nachdem aber alles seine Richtigkeit auch Mons Litzberg den ohngefähren
Abriss von dieser kleinen Insul welche er auf dem Gebirge völlig übersehen
können verfertigt hatte kehreten wir Sonnabends den 3ten Maji wiederum zurück
aufs Schiff und bald Nachmittags zu der Insul GroßFelsenburg allwo uns unsere
Freunde erstlich nachdem wir sie mit 3 Salven gegrüsset gleichfalls mit
etlichen StückSchüssen bei glücklicher Anländung aber dergestalt herzlich
bewillkommeten als ob wir 10 Jahr außen gewesen wären und die halbe Welt
umseegelt hätten Ein jeder der sich herbei nahete wurde mit ausländ
sogenandten Früchten beschenckt welches ein hertzliches Gelächter sonderlich
bei dem AltVater erweckte denn er bekam den besten Teil über dieses
statteten wir ihm einen richtigen Rapport von unserer Untersuchung der kleinen
Insul ab Da aber Mons Litzberg auf das erblickte unbekandte Land kam und zu
vernehmen gab wie er sehr große Lust hätte selbiges genauer zu betrachten
sprach der AltVater Mein Sohn dieses Land haben ich und der alte Amias schon
vor vielen Jahren nur aber zu gewissen Zeiten wenn das Wetter nicht allzu klar
und auch nicht ganz trübe gewesen ohne Perspectiv gesehen Ich glaube selbst
dass es eines von den gegen den SüderPol gelegenen unbekandten Ländern auch
vielleicht unbewohnt und dennoch fruchtbar aber auch wohl nur ein bloßer
Schatten oder Blendwerck der Augen sein kann Allein gesetzt auch dass es ein
würckliches gutes Land wäre was nützet uns sonderlich anitzo dergleichen
Untersuchung genung wenn wir unsern Nachkommen hiervon einige Nachricht
hinterlassen Es wird wie ich glaube noch eine ziemliche Zeit hingehen ehe
sich meine Geschlechter dergestalt vermehren dass sie auf Groß und
KleinFelsenburg nicht mehr Platz und Nahrung haben können als denn ist es
erstlich Zeit dass sie sich nach andern Insuln oder festen Ländern umsehen Bei
jetzigen Umständen aber und ferner in einem Seculo oder noch länger wäre es mit
unter die eitelen Lüste zu rechnen wenn sich jemand große Mühe dieserhalb geben
wollte Denn was sollte wohl an solchen Orten zu suchen sein welches wir nicht in
großen Uberfluss besässen oder wenigstens entraten könnten Demnach schämeten
wir uns wegen des neuentdeckten Landes sämtlich dermaßen dass hinführo in
Gegenwart des AltVaters ferner kein einziger ein Wort davon erwähnen wollte
zumahlen da uns itzo Herr Mag Schmeltzer und Herr Wolffgang ziemlich damit
aufzogen
Immittelst war doch nunmehr auch diese Neugierigkeit und Lust gebüßt
worden bald hernach rückte die etwas rauhere Herbst und WintersZeit heran
welche aber unser Vergnügen keinesweges stöhrete denn nunmehr war ein jeder
sonderlich zur RegenZeit desto fleißiger seine HausArbeit die unter dem Dache
verrichtet werden konnte vorzunehmen
Monsieur Litzberg Lademann Plager und Herrlich brachten bei dieser Zeit
zwei vollkommen gute Klavicordia zuwege und schenckten eins davon auf die
AlbertusBurg damit zuweilen Herr Mag Schmeltzer oder ich uns darauf üben und
dem AltVater die lange Weile vertreiben konnten Die DratSeiten hatte Mons
Plager hierzu gezogen und guten Teils übersponnen als warum Lademann
anfänglich die meiste Sorge getragen Außer diesen wurden auch bald 2 Violinen
und eine BassGeige fertig welche zwar nicht alle Europäische Zierraten jedoch
einen sehr guten Klang hatten Demnach befanden wir uns im Stande eine
vollstimmige Musik zu machen wenn nämlich Mons Litzberg die Laute Kramer und
Herckert die Violinen Lademann den Violon ich aber das Klavier spielete und
weil Mons Litzberg sonderlich aber Herr Mag Schmeltzer etwas von der
Komposition verstunden so wurde gar bald Anstalt zu einer KirchenMusik
gemacht und selbige auch nicht selten zu allerseitigen Vergnügen abgelegt
Unter unserer studirenden Jugend fanden sich gar geschwind tüchtige Subjecta so
wohl zur Vocal als InstrumentalMusik und weil Lademann nebst seinen Lehrlingen
nach und nach immer mehr dergleichen Instrumente verfertigten war kein Zweiffel
binnen weniger Zeit ein vollkommenes Chor zu bestellen
Endlich ließ sich der künstliche Lademann gar in den Sinn kommen eine Orgel
in die Kirche zu bauen indem er sich derer in der NonnenKirche erlernten
Wissenschaften annoch sehr wohl erinnerte und da ihm vollends Herr Mag
Schmeltzer in vielen Stücken und sonderbaren Vorteilen Rat zu geben auch
würckliche Hilfe zu leisten versprach ließ er alle andere nicht so gar nötige
Arbeit liegen und fing mitten im Winter an das Holtz zum Gehäuse zuzurichten
Die Pfeiffen sollten erstlich von ordinairen OrgelBauerMetall gemacht werden
nachdem aber weiter von der Sache gesprochen worden ließ der AltVater durch
mich aus seiner SchatzKammer verschiene SilberKlumpen hervor langen da sich
denn Mons Plager so gleich verobligirte mit Morgentals und ihrer beider
Lehrlinge Hilfe die Platten zu den Pfeiffen behörig auszuarbeiten und nach
Lademanns Anweisung zusammen zu löten Jedoch weil dieses vortreffliche Werck
im 1728 Jahre noch nicht einmal zur Helffte gebracht war und ich Eberhard
Julius darüber nach Europa gereist bin kann ich dessen Zustand der Gebühr nach
voritzo nicht beschreiben hoffe aber selbiges bei meiner Zurückkunft meistens
fertig zu finden da ich denn nicht ermangeln werde meinem Europäischen Herrn
Korrespondenten durch den Kapitain Horn auch dessfalls sichern Bericht
abzustatten
Hergegen hatte Mons Plager zu Ausgange des Monats Julii 1727 seine vor
einiger Zeit angefangene große Uhr vollkommen zur Richtigkeit gebracht auch
bereits zwei Schaalen oder Glocken darzu gegossen worvon die
ViertelSeigerGlocke 55 die vollschlagende aber 112 Pf wog Es war unter
seiner zugerichteten GlockenSpeise mehr als die Helffte Silber woher dann ein
vortrefflich rein und heller Klang entstund Demnach wurde die Uhr in den ersten
Tagen des AugustMonats oben auf die AlbertusBurg gestellt und konnte
solchergestalt fast von den meisten Einwohnern gehört werden welches eine
unaussprechliche Freude unter dem ganzen Volcke verursachte
Von allen unsern Europäern war nunmehr um diese Zeit kein einziger mehr
übrig der seine besondere Profession nicht behörig hätte treiben können als
Kleemann der PappierMüller und Wetterling der Tuchmacher dem letztern zu
Gefallen brach Lademann von seinem höchstfleißigen Orgelbauen einige Tage ab
und verfertigte ihm in kurtzer Zeit 2 tüchtige TuchmacherStühle vor das
übrige war der Meister Tuchmacher selbst besorgt brachte es auch in wenig
Wochen dahin so viel BaumwollenGarn aufzuziehen davon er zur ersten Probe
wenigstens 80 Ellen Zeug oder Tuch wovor man es halten wollte darlegen konnte
Spinnerinnen fanden sich zur Gnüge an wie denn auch zwei tüchtige LehrPursche
deswegen wünschte Wetterling dass sich nur unsere Schaaffe täglich vermehren
möchten um sattsame Wolle zu rechtschaffenen Tüchern zu bekommen auch war der
Drechsler so behülfflich ihm etliche WollRäder zu machen worauf er die
WeibsPersonen spinnen lehrete und also war der Wunsch dieses fleißigen
Arbeiters zum wenigsten auf die Helffte erfüllt indem er mittler weile
entweder lauter Baumwollen oder zur Helffte leinen Garn würcken konnte
Uber den Pappiermüller Kleemann erbarmete sich unser ehrlicher Müller
Krätzer und machte den Anfang ihm eine PappierMühle bauen zu helfen welche
der gute Kleemann zwar bei seiner Wohnung selbst errichten aber nicht zum
Stande bringen können Jedoch weil es noch zur Zeit ohnedem an gnugsamen
Materialien zur Pappiermacherei fehlete ging es nicht eben allzu hurtig mit
dem MühlenBaue zu allein er hat dennoch endlich im Mittel des 1728ten Jahres
seine erste Probe so wohl mit sehr feinen weißen als auch andern schlechten
Sorten von Pappier abgelegt welches uns allen zu sonderbaren Vergnügen
gereichte zumahlen da auch er seine Profession auf die Insulaner
fortzupflantzen bereit war und dieserwegen gleich anfänglich 3 junge Pursche
auf ein mahl in die Lehre nahm
Also stunde es nun um damahlige Zeit mit unsern Künstlern und
HandwercksLeuten denn indem dieselben ihren Fleiß den sämtlichen Gemeinden
zum besten anwendeten so waren im Gegenteil nicht allein ihre Weiber besorgt
die Hausshaltungs und NahrungsMittel anzuschaffen sondern es wurde einem jeden
an Geträyde und Victualien durch ihre Nachbarn und Freunde dermaßen viel
zugetragen dass sie in allen Dingen beständigen Uberfluss hatten
Herr Mag Schmeltzer Monsieur Litzberg Herr Wolffang und ich waren
immittelst täglich bemüht unsere angenommenen Schüler auf solche Art wie schon
oben erwehnet zu informiren und weilen nunmehr seit kurtzem auch das Studium
musicum darzu gekommen war brachten wir sämtlich sehr wenig Stunden müßig zu
der AltVater hatte sein innigliches Vergnügen die Jugend also fleißig zu
sehen besuchte deswegen sehr öfters die SchulStuben außer dem aber
vertrieb er seine Zeit mit Lesung geistlicher Bücher ingleichen seine Chronicke
ordentlich fort zu schreiben weil ihm biss dato die Augen noch sehr klar und
helle waren
Solchergestalt befand sich das KirchenSchul und HausWesen eins so wohl als
das andere in vollkommen guten Stande Kummer Sorge und andere
Verdrießlichkeiten aber waren uns gänzlich unbewust Nur allein befand sich in
meiner Seele sehr öfters eine große Betrübnis wenn ich an meine
zurückgelassene Schwester vornehmlich aber an meinen lieben Vater Franz Martin
Julium gedachte als von welchem ich nicht wusste ob er unter die Toten oder
Lebendigen zu zählen sei Demnach wartete ich in Wahrheit mit einiger Ungedult
auf die Zurückkunft des Kapitains Horns und beschloss gänzlich dass wo
derselbe aufs längste vor Ablauff des 1728ten Jahres nicht käme ich sodann dem
AltVater keine Ruhe lassen wollte bis er mich mit benötigter Fracht an Gold
Perlen und EdlenSteinen auf die Insul St Helenæ schiffen ließe von wannen
ich dann schon weiter zu kommen trauete um zu erfahren ob sich mein lieber
Vater bei unsern guten Freunden nicht etwa gemeldet hätte oder da ich ja nicht
so glücklich sein sollte von ihm sichere Nachricht einzuziehen so war doch mein
ernstlicher Vorsatz durch Bezahlung seiner Schulden ihn von aller üblen Nachrede
zu befreien nächst dem bei ein oder andern guten Freunde ihm einen
schrifftlichen Bericht von meinem erlangten Glücke und dem Orte meines
Aufenthalts zu hinterlassen nächst diesen allen Fleiß anzulegen meine
Schwester zur ReiseGefährtin auf die Insul Felsenburg zu bereden jedoch
daferne sich dieselbe annoch in ihrem ledigen Stande befände widrigenfalls ich
ihr nicht das geringste von meinem Schicksaal zu eröffnen sondern sie nur mit
einem kostbaren Geschenke abzu fertigen beschloss Dieses waren also meine
einzigen Grillen welche durch Geduld zu unterdrücken ich genugsame Mühe
anwenden musste jedoch die täglich sehr vielfältig abwechslenden Geschäffte
mussten die besten SorgenVertreiber sein und außer diesen konnten die musicali
schen Instrumenta sonderlich aber mein Vogel mir manches Vergnügen erwecken
Denn dieses artige Tier hatte sich sehr viel vergnügende RedensArten auch
andere lustige Streiche angewöhnen lassen und guten Teils selbst aufgefangen
welche es zuweilen von ungefähr zu größter Verwunderung und Gelächter aller
Anwesenden sehr artig anzubringen wusste Ich hätte meiner liebsten Kordula
ungemein gern ein Præsent mit diesen schönen Vogel gemacht weil aber der
AltVater sich selbst fast täglich mit ihm bespracht und allerhand Schertz
trieb wollte ich demselben in seinem hohen Alter dieses Vergnügens nicht
berauben
Jedoch des AltVaters Vergnügen zeigte sich desto völliger da mit Ausgange
des Monats Aúgusti bei denen am 23 p Trin voriges Jahrs copulirten Europæi
schen und Felsenburgl Eheleuten der erfreuliche EheSeegen immer nach und nach
zum Vorscheine zu kommen begunte Denn es war recht zu bewundern wie auf der
AlbertsBurg immer eine erfreuliche Zeitung nach der andern von der glücklichen
Niederkunft einer oder der andern Wöchnerin einlieff Unter denen letzt
angekommenen Europäern traff das Glück am ersten Mons Kramern der am 28 Aug
eine junge Tochter bekam Hierauff erhielt am 29 dito früh Herrlich eine
Tochter und gegen Abend Morgental einen Sohn Den 30ten Mons Plager und
Schreiner jeder eine Tochter Den 1 Sept Herr Mag Schmeltzer einen Sohn und
der Müller Krätzer eine Tochter Den 3ten Sept Mons Litzberg einen Sohn den
4ten Sept Melchior Garbe eine Tochter Den 6 Sept Lademann einen Sohn und
Wetterling eine Tochter Den 8 Sept Kleemann eine Tochter und den 9ten dito
Mons Harckert einen Sohn Die LiebesPfänder der eingebohrnen EheLeute aber
halte voritzo zu specificiren nicht ratsam sondern will selbige biss zur
JahrRechnung auffbehalten Immittelst hatte Herr Mag Schmeltzer bei dieser
Zeit fast tägliche AmmtsGeschäffte indem er die neugebohrnen Kinder zu
tauffen immer von einem Orte zum andern reisen musste dieweil nicht ratsam
schien die allzuweit entlegenen in die Kirche zur Tauffe zu bringen Jedoch
Kramers Litzbergs Krätzers und Herr Mag Schmeltzers Kinder empfiengen wegen
der nächstgelegenheit die Heil Tauffe in der Kirche meine Kordula aber hatte
nebst dem Altvater und Herrn Mag Schmeltzers SchwiegerVater die Ehre von
diesem unsern werten SeelSorger mit zur TauffZeugin seines jungen Söhnleins
erwehlet zu werden welches die Nahmen Albertus Georgius empfing
Nachdem aber die Sechswöchnerinnen allerseits einen frölichen KirchGang
gehalten wurde bald hier bald dort von den erfreuten KindTauffen Vätern eine
kleine Kollation angestellet wozu ein jeder vornehmlich den Altvater und Herr
Mag Schmeltzern nächst diesen aber seine Nachbarn und dann die letzt
angekommenen Europäer zu bitten pflegte Demnach hatten wir auch in diesem
FrühJahre vielerlei vergnügende Veränderungen Unter andern war mein Gevatter
Peter Morgental beschäfftiget gewesen seine erbetenen Gäste bestens zu
bewirten denn derselbe hatte ungeacht seines täglichen Fleißes in der
Werckstadt dennoch immer so viel Zeit abgebrochen seine HausWirtschaft im
AckerGartenBau und ViehZucht aufs ordentlichste einzurichten er war auch der
erste gewesen der sich von Herrn Kramern allerlei Sorten der aus Europa
mitgebrachten Tiere ausgebeten die sich denn allbereits in seinem Revier
nicht wenig vermehret hatten Jedoch ich besinne mich dass um diese Zeit schon
alle Arten von Viehe unter die 9 Gemeinden verteilt waren biss auf das
RindVieh und Pferde welche letzern Mons Wolffgang Litzberg und Kramer um
besserer Zucht willen annoch in Alberts und ChristiansRaum verteilt hielten
Zur Zeit war noch kein Pferd weder zum reiten fahren vielweniger zum pflügen
gebraucht worden allein eben bei dieser Kollation beredete sich Morgental mit
Mons Litzbergen Lademannen und andern geschickten HoltzArbeitern ehestens
etliche Pflüge zu verfertigen welche von Pferden und Ochsen auch wohl
vielleicht von zahm gemachten Hirschen gezogen werden könnten hiernächst den
Insulanern das Pflügen und Aegen zu lehren damit ihnen in Zukunft bei
stärckerer Vermehrung der Menschen und Tiere der FeldBau erleichtert werden
möchte Der Altvater hörte diese Invention als eine Sache worvon er mit Herr
Wolffgangen schon zum öffteren gesprochen mit größten Vergnügen an lobete
deswegen den guten Vorsatz Nach ferneren ernstaften Gesprächen aber bezeugte
derselbe ein besonderes Verlangen auch dieses unseres guten Wirts
Peter Morgentals LebensGeschicht
anzuhören wie nun selbiger unserer allereinstimmiges Begehren merkte machte
er sich so gleich bereit seine Gäste vermittelst folgender Erzählung zu
beruhigen
Mein GeburtsOrt ist die berühmte Stadt Magdeburg allwo mein Vater als ein
Zimmermann viele Jahre nach einander gearbeitet eine Frau genommen zwei Kinder
mit derselben gezeuget und endlich bei einem schweren Baue sein Leben
eingebüßt hat Ich war damals etwa 9 mein jüngster Bruder aber 6 Jahr alt
und weil mein Vater durch seine Arbeit die er unter andern ZimmerMeistern nur
als Geselle verrichtet wenig Schätze sammlen sondern mit genauer Not die
Seinigen erhalten können mussten wir uns nachdem das wenige Geräte verkaufft
und auffgezehret war bequemen nebst unserer Mutter den BettelStab zu
ergreiffen denn weil meine Mutter eine arme frembde DienstMagd mein Vater
aber ebenfalls ein frembder gewesen so fand sich kein einziger Freund der
eines oder das andere Kind auffnehmen oder ernähren wollte Dennoch suchten wir
unser Brod von einem Dorffe und Stadt zur andern mit Beten und Singen vor der
Leute Türen dass aber solchergestallt zuweilen viel Kummer und Not mit
untergelauffen ist leichtlich zu erachten jedoch meine Mutter welche um
selbige Zeit etwa 32 biss 33 Jahr alt war gedachte sich ihr Elend zu
erleichtern indem sie einen abgedanckten Soldaten heiratete welcher seines
abgeschossenen Beins wegen zu Pferde im Lande herum bettelte Ob sie sich
ordentlich mit ihm copuliren lassen weiß ich zwar nicht aber allen Ansehen
nach waren sie rechte EheLeute u meine Mutter erzeigte ihrem neuen wiewohl
sehr wunderlichen und jachzornigen Manne alle gehorsamliche EhrFurcht so dass
sie wegen der allzustarcken ehelichen Liebe die Kindliche gegen uns ihre beiden
Söhne zu vergessen schien dessen die täglichen Schläge ein sattsames Zeugnis
abstatteten zumahlen wenn wir armen Knaben des Abends nicht gnugsame
Pfennige Brod und andere VictualienStücken einbrachten denn es ist zu merken
dass ich und mein Bruder bereits gewöhnet worden ganz besondere Streiffereien
zu tun und Abends in der bestimmten BettelHerberge einzutreffen Die
verfluchte SchindMehre nämlich das Pferd unsers StiefVaters verfrass fast
mehr als wir sämtlich erbetteln konnten und dennoch ließ sein Hochmut nicht
zu selbiges zu verkauffen endlich aber da der KlapperStorch bei meiner
Mutter einkehren wolle und sie fast nicht mehr fort kommen konnte blieben wir
ohnweit Zörbig in einem Dorffe Radegast genannt liegen allwo der StieffVater
sein Pferd an einem Bauer vor 11 Tlr verkauffte sich nebst uns in ein klein
BauerHaus einmietete und nebst meiner Mutter das Korbmacher Handwerck
anfing als in welchem er ziemlich erfahren zu sein schien Wenige Zelt hernach
kam meine Mutter in die Wochen und wie ich hörte so setzte es noch ehe das
neugebohrne Schwesterlein geboren wurde bei dem Pfarrer ziemliche
Verdrießlichkeiten des TrauScheins wegen jedoch weil sich meine Eltern ich
weiß nicht auf was vor Art zu entschuldigen wussten wurde zwar endlich das Kind
getaufft ihnen aber auferlegt entweder binnen 6 Wochen ihren TrauSchein und
andere gute Zeugnisse zu schaffen oder sich aus dem Dorffe zu packen Meine
Mutter gab vor so bald es ihre Kräffte zuliessen selbst eine Reise nach
Magdeburg zu tun um von dar die Zeugnisse ihres ehrlichen Lebens und Wandels
unterwegs auch einen neuen Trau Schein von demjenigen DorffPriester der sie
getrauet abzuholen weil sie den ersten ungefähr verloren hätte Jedoch weil
es noch vor Weihnachten also im härtesten Winter war verzog sich ihre Reise biss
kurtz vor den OsterFeiertagen da sie denn endlich nebst ihrem kleinen
säugenden Kinde dieselbe antrat und noch vor dem Feste wieder zu kommen
versprach Der StiefVater war inzwischen sehr fleißig und machte in der
nahgelegenen Stadt Zörbig alle seine KorbmacherArbeit zu Gelde Mittwochs vor
Ostern aber da die Mutter noch nicht zu Hause war schaffte er die letzten
Stücke in die Stadt und welches mir am bedencklichsten vorkam so packte er so
wohl meiner Mutter als sein eigenes angeschaftes Geräte in einen großen
DeckelKorb verband denselben sehr fest und ließ ihn mit in die Stadt fahren
hätten ich oder mein Bruder gefragt was dieses bedeuten sollte würde es
unfehlbar entsetzliche Schläge geregnet haben deswegen schwiegen wir stille
er aber gab uns gute Worte und versprach noch vor Abends wieder zu kommen wir
sollten aber ja durchaus nicht aus dem Hause gehen sondern sein fleißig
KorbHöltzer schnitzeln denn die Mutter würde heute oder Morgen ganz gewiss
zurück kommen und uns Magdeburger Semmeln mitbringen Demnach gaben wir uns
zufrieden zumahl da er wieder seine Gewohnheit den BrodKammer Schlüffel
stecken gelassen in welcher noch 4 Haussbackene Brodte nebst ein halb Schock
Käse etwa zwei Pfund Butter nebst Möhren Rüben und andern KochSpeisen lagen
Wir kochten speiseten und bedieneten uns alle beide nach HertzensLust
sahen auch öfters zur Tür hinaus nach der Mutter allein es wollte sich
selbige so wohl als der StiefVater weder diesen noch folgenden Tag
einstellen Wir schlieffen am CharFreitage biss fast gegen Mittag da ich mich
aber endlich befürchtete der Vater oder Mutter möchten mir bei ihren
plötzlichen Eintritte in die kalte Stube einen übelen guten Morgen bieten
erhuben sich die ausgeruheten Glieder aus dem nicht mit Schwanssondern
SchweinsFedern ausgestopffen Bette worauff ich mich bemühete eine tüchtige
warme Stube zu machen jedoch weil ich ein wenig gar zu viel dürres ReissHoltz
und Spane in den Ofen mochte gesteckt haben schlug die Flamme dergestallt
plötzlich zum Ofen heraus dass ich mich genötigt sah vor Angst und
Schrecken Feuer zu schreien Mein jüngerer Bruder lief im bloßen Hembde zum
Hause heraus in eine andere Wohnung mir aber der ich schon etwas Wasser in den
Ofen gegossen kamen noch andere Leute und zwar eben zu rechter Zeit zu Hilfe
denn das Feuer hatte schon oben zwei oder drei Balcken angezündet jedennoch
wurde in der Geschwindigkeit alles völig gelöschet Dem ungeacht kam fast alles
Volck aus dem Dorffe zusammen gelauffen ihrer etlichen schryen Werffet die
MordBrenner ins Feuer andere Lasst uns die BettelBagage ins Nahmen
verbrennen wieder andere die mich von ferne als einen Koch der den Brei
verdorben mit niedergeschlagenen Kopffe stehen sahen riefen Haschet haschet
doch jenen größten Schelm haltet ihn fest dass er nicht entlauffe
Bei so gestallten Sachen hielt ich meiner damaligen großen Einfallt
ungeacht dennoch darvor dass es die größte Torheit wäre wenn ich mich
hiesiges Orts lange auffhielte machte mich deswegen auf die baarfussen Beine
und lief über einen sehr langen SteinDamm dermaßen hurtig nach der Stadt zu
als ob das angezündete Feuer selbst hinter mir drein schlüge Da ich aber auf
der Höhe vor der Stadt endlich keine Verfolger hinter mir sah vergieng die
Angst ziemlicher maßen ja ich ging ganz getrost eine lange Straße in der
Stadt hinauff und bemerckte indem die Leute gleich aus der Kirche gegangen
kamen dass viele darunter waren welche sich sehr mitleidig über meine elende
Bekleidung uñ ganz bloßen Füße bezeigten deñ bei damahliger annoch
anhaltenden starken Kälte lag noch ziemlich viel Schnee und Eis auf den
Straßen Endlich war ein Apotecker den ich Herr Stolle nennen hörte so
barmhertzig mich vor seinen Laden zu ruffen und mir ein paar alte Strümpffe und
Schue zu zu werffen Auf sein Befragen wegen meiner Eltern und anderer
Beschaffenheiten erzehlete ich ihm alles auffrichtig biss auf die einzige
letzte FeuerBegebenheit weswegen er nicht allein aus ferneren Mittleiden wir
ein noch sehr gutes Kamisol gab sondern auch verursachte dass die daherum
wohnenden Nachbarn ihre milde Hand auch auftaten und mich mit ein paar alten
Hembden einer rauchen alten Mütze Handschuen auch noch mehreren Strümpffen
beschenckten
Ein Gastwirt am Marckte erlaubte mich in seiner Stube zu erwärmen und
ließ mir Speisen und Getränke reichen wobei ich abermals genötigt wurde
meine Begebenheiten zu erzählen da aber solches noch nicht einmal geschehen
berichteten etliche dabei sitzende reisende Leute dass ihnen schon gestern ein
solcher Mann wie ich meinen StiefVater beschrieben hatte nahe vor der Stadt
Halle begegnet wäre wie nun auf mein ferneres Befragen mit dem SteltzFuße
und dem DeckelKorbe welchen er auf einem HoltzWagen sitzend neben sich stehen
gehabt alles sehr eigentlich zutraff durfte ich keinen ferneren Zweiffel
tragen dass dieses mein ungetreuer StiefVater gewesen der allem Ansehen nach
uns armen Kinder verlassen wolle
Jedoch ich fasste einen behertzen Schluss denselben zu verfolgen reiste
deswegen in Gesellschaft vieler andern Leute noch diesen Tag auf Halle zu
konnte aber die Stadt nicht völlig erreichen sondern musste in dem nächst
gelegenen Dorffe bleiben Am Oster heil Abend früh aber kam ich nicht nur in
die Stadt Halle sondern erfuhr auch nach vielen herum laufen von zweien seit
etlichen Jahren her wohl bekandten lahmen BettelLeuten dass sie meinen
StiefVater so wohl als meine leibliche Mutter mit dem kleinen Kinde in dieser
Stadt Allwosen einsammlend angetroffen weil es aber schon ziemlich späte und
die Stadt mir allzuweitläufftig vorkam versparete ich das fernere Auffsuchen
biss auf Morgen Allein ungeacht ich am ersten und andern OsterFeiertage
allen möglichen Fleiß anwandte meine Eltern anzutreffen so war doch alles
vergebens weswegen bei herein dringender Nacht in einer jenseitigen Vorstadt
mein NachtQvartier suchen musste Ich hatte den Tag über nicht nur verschiedene
mahl gute Leute angetroffen welche mich mit überflüssigen Speisen versehen
sondern auch über dieses bei nahe 3 Ggr an kleiner Müntze eingesammlet
weswegen ich in der Herberge gar wohl vor mein Geld zehren konnte Nachdem sich
aber bei später Nacht noch viele andere BettelLeute daselbst versammelt und
ich ihnen die Ursach meiner Reise entdeckt versicherten mich einige dass ihnen
dieses vergangenen Nachmittags mein steltzfüssiger StiefVater nebst Mutter und
Kinde in einem Dorffe zwischen Halle und Qverfurt begegnet und zu vernehmen
gegeben hätten wie sie gesonnen wären den berühmten Qverfurtischen Marckt auf
der EselsWiese abzuwarten Demnach machte ich mich mit anbrechenden Tage in
Gesellschaft eines blinden Mannes den ein Junge von meinem Alter führte und
noch zweier andern LandStreicher auf den Weg nach Qverfurt und erreichte
nebst ihnen vor Abends ein Dorff welches kaum eine halbe Stunde von der
berühmten so genandten Esels Wiese abgelegen war
Ich machte mich Mittwochs am ersten JahrMarcktsTage sehr früh auf und war
so glücklich binnen zwei oder drei Stunden von vornehmen Staats und andern
Leuten mehr als 5 Ggr zusammen zu betteln wobei meine Augen sich sehr
fleißig nach meinen Eltern umsahn und endlich mit ganz besonderen Freuden
dieselben auf dem RossMarckte erblickten allwo mein StiefVater der einen
seinen weißen Rock mit blauen Auffschlägen anhatte um ein Pferd handelte
dasselbe auch endlich mit baaren guten Gelde bezahlete Meine Mutter die nicht
weniger ziemlich gut bekleidet war und ihr kleines Kind im Korbe auf den Rücken
trug wurde meiner mit größten Schrecken am ersten gewahr gab mir aber mit
einem Wincke zu verstehen dass ich zurück bleiben solle Ich gehorsamete und
blieb von ferne stehen nachdem aber der PferdeHandel völlig geschlossen war
und der StiefVater selbiges schon auf die Seite geführet hatte mochte ihm die
Mutter meine Anwesenheit mit Manier wissend gemacht haben weswegen sie mir
beiderseits winckten zu ihnen zu kommen
Aus den Augen meines StiefVaters strahlete mir ein grimmiger ZornBlitz
entgegen um nun den vermutlich darauf folgenden Schlägen vorzubeugen zohe
ich meine ganze zusammen gebettelte Barschaft hervor und trug dieselbe
meinen ergrimmt scheinenden Eltern entgegen Der StiefVater riss mir das Geld
aus den Händen warff es ohngezählt in seine Tasche und bewillkommete mich mit
folgenden liebreichen Worten Wo führen dich verfluchte Bestie alle 1000
her Ich erzehlete mit zittern wie es mir in Radegast mit dem Feuer ergangen
dass ich meinen kleinen Bruder daselbst zurück gelassen und ihm nachgelauffen
auch so glücklich gewesen sie beide zu finden Hierauff sagte er nichts weiter
knirschete aber dergestallt mit den Zähnen dass mir hören und sehen vergieng
jedoch auf meiner Mutter inständiges Bitten sich nicht allzusehr zu ärgern gab
er mir endlich sein Pferd mit Befehl selbiges hinter einer Mühle herum zu
führen und am Wege nach der Stadt etwas Gras fressen zu lassen Wiewohl nun um
selbige Zeit das Gras kaum ein klein wenig aus der Erden käumete so dass das
hungrige Pferd selbiges mit seinen Zähnen kaum fassen konnte bemúhete ich mich
dennoch um meines StiefWatters Gnade zu erwerben selbiges an die besten
Örter zu bringen allein da ich diesen UnglücksGaul mit Gewalt über einen Stea
führen wollte riss sich derselbe los und lief qveer Feld ein ich und viele
andere BettelJungens machirten hinter drein weil aber diese Henckers Buben
nicht so wohl gesinnt waren mir das Pferd wieder fangen zu helfen als
dasselbe nur desto rasender zu machen scheuchten sie so lange biss es in einen
holen Weg stürtzte und ein paar Beine entzwei brach Ich war noch im Begriff
das Pferd mit Hertzbrechenden Worten mm Auffstehen zu bewegen als mein
StiefVater herzu trat dessen Ankunft ich aber nicht ehe gemerckt biss er mir
etliche Streiche mit seinem knolligen Stocke auff den Kopf und Rücken versetzt
hatte Mein Leben würde ganz geiss so dünne als ein seidener Faden worden sein
wenn nicht einige gutertzige Leute darzwischen getreten und meine SchutzEngel
gewesen wären meine treuhertzige Mutter kam endlich ebenfalls herbei und
stellte sich an als ob sie mich in ihren Schutz nehmen wollte gab mir aber
unvermutet einen dermaßen heftigen Streich mit der vollen Faust auf die Nase
dass mir nicht allein der Geruch sondern auch die übrigen 4 Sinne vergiengen ja
ich habe auch fast nicht einmal gefühlet wie sie mir mit einem auffgehobenen
Steine ein großes Loch in den Kopf geworffen
Die Ankunft des GerichtsKnechts hatte endlich meine tyrannischen Eltern
verjagt mir aber sattsame Sicherheit verschafft hiernechst fand sich ein
barmhertziger WundArtzt an welcher meine sehr stark blutende HauptWunde mit
dienlichen Balsam und Pflastern verband wie denn auch unzehlige vorbei gehende
Leute mir immer ein GeldStück zuwarffen so dass ich durch dieses Unglück
reicher an Gelde wurde als ich Zeit lebens noch nicht gewesen denn es war
nachdem ich selbiges gezählet hatte über 3 Tlr Endlich kam ein Kavalier der
schon in Halle im Gasthofe meine Avanturen mit angehöret mich auch mit einem 6
Pfenning Stücke beschenckt hatte und fragte indem er meine Person so gleich
erkannte auf was vor Art ich zu diesen Schaden gekommen Ich gab ihm von allen
richtigen Bescheid ließ es auch an grausamen SchimpffWorten die meinen
steltzbeinigen StiefVater betraffen nicht ermangeln Ja sprach ich GOTT wird
mir helfen dass ich noch ein paar Jahr hinlebe und tüchtig werde eine Musquete
und einen Degen zu tragen so dann will ich den verlauffenen Mörder das andere
Bein auch vom Leibe herunter hauen Der Kavalier fing hierüber herzlich an zu
lachen und sagte Junge dein Vorsatz ist dieserwegen löblich weil es doch
scheint dass du Kourage im Leibe hast wenn ich mich auf deine Treue und
Redlichkeit zu verlassen wüste wolle ich dich augenblicklich in meine Dienste
nehmen und dir ein HandPferd zu reiten geben Ich sprang augenblicklich von
der Erden auf und bat diesen Herrn mit heißen Tränen mich armen Schelmen
anzunehmen weil ich mich eher 10 mahl tot schlagen lassen als ihm ein
eintzig mahl ungetreu sein wollte Demnach befahl er mir ohne fernere
Weitläufftigkeit ihm zu folgen kauffte Tuch Futter und alles mich von Fuß auf
neue kleiden zu lassen und gebrauchte mich von dato an wirklich nicht so wohl
zu seinem Pferde Jungen sondern als einen Aufwärter indem er nebst mir noch
einen ReitKnecht hatte
Ich war um selbige Zeit wenig über 14 Jahr alt jedoch von dem
BettelBrodte dermaßen wohl gemästet worden dass mich meiner Länge und starken
LeibesGestalt wegen jedermann vor einen 18 jährigen Purschen ansah wusste
mich auch in meines Herrn Weise dermaßen wohl zu schicken dass er mir von Tage
zu Tage immer günstiger wurde Derselbe hielt sich niemals lange an einem Orte
auf sondern reiste beständig bald hier bald dort hin ausgenommen wenn er
etwa in diesem oder jenen GastHofe einen guten Wirt und ihm gefällige
Gesellschaft antraff zuweilen reiste er auch auf etliche Tage alleine weg
oder nahm nur den ReitKnecht mit sich mich aber mussten mitlerweile die
WirtsLeute aufs beste tractiren Am allermerckwürdigsten war dass er sehr
öfters seinen Nahmen veränderte und sich bald vor einen Herrn von
Franckenstein Lilienfeld Rotenstein Grünental bald wiederum anders nennen
ließ als wozu er so wohl mich als den ReitKnecht vorher abrichtete und
befahl dass wir uns durchaus von niemanden ausforschen lassen sondern vorwenden
sollten wir wären nur allererst wenig Wochen bei ihm gewesen Ich war noch viel
zu einfältig dieserhalb ein weiteres Nachdencken zu haben lebte aber seinen
Befehlen desto genauer nach zumahlen da mich wegen der täglich geniessenden
Wohltaten verbunden zu sein erachtete ihm mehr als andern Menschen getreu
und hold zu sein
Etwas über ein Jahr mochte ich etwa in seinem Dienste gewesen sein da wir
endlich auch in meine Geburts Stadt Magdeburg reisten Ich hatte eine
besondere Freude da ich nicht allein meine ehemahligen SpielPlätze sondern
auch das Haus wieder fand worinnen mein seel Vater gewohnet hatte ungeacht
sich itzo ganz andere Leute in demselben befanden Nach wenig Tagen aber traff
ich von ungefähr denjenigen Zimmermann auf der Straße an von welchen mein
Vater oder Mutter gewöhnlich das WochenLohn geholet hatten Es war mir fast
unmöglich diesen Mann unangeredet passieren zu lassen und da solches geschehen
erkannte er mich so gleich vor denjenigen vor welchen ich mich ausgab nahm mich
auch mit in ein BierHaus allwo ich nicht unterlassen konnte ihm meine und
meiner Mutter nach des Vaters Tode geführten LebensArt sonderlich aber das
letztere übele Tractament meines StiefVaters zu berichten Er wunderte sich
höchlich darüber nachdem er aber auch die Nachricht von meinen gegenwärtigen
guten Zustande erhalten ermahnete mich der gute Mann sehr treuhertzig meinen
Herrn ja mit bestàndiger Liebe und Gehorsam zugetan zu verbleiben weil ein
solcher vornehmer Herr unfehlbar mich auf LebensZeit glücklich machen könnte
Wir saßen also biss es Nacht wurde beisammen ich macht mir ein Vergnügen vor
diesen alten Bekandten wieder seinen Willen die Zeche bezahlt zu haben wovor
er mich zur Erkänntlichkeit auf Morgen in seine Behausung nötigte worinnen ich
ihm denn zu willfahren versprach
Mein Herr hat sich mitlerweile im Gasthofe höchlich über mein langes
aussenbleiben verwundert da ich aber halb berauscht nach Hause kam und auff
sein Befragen ihm die wahre Ursache erzählt war er sehr wohl zufrieden und
sagte Es ist gut mein Sohn dass du mich an einer nötigen Sache erinnerst hier
hastu zwei Ducaten gehe Morgen hin zu dem ZimmerMeister und bitte denselben
dass er dir vor dieses Geld einen Gerichtlichen GeburtsBrief wegen deines
ehrlichen herkommens verschaffe denn ich bin gesonnen dich ein Handwerck
lernen zulassen als wozu dergleichen Brieff höchst nötig ist Solle sprach
er ferner dieses Geld nicht zureichen so kanst du mehr fordern Ich war von
Hertzen erfreut über dieses Anerbieten denn ich hatte in Wahrheit größere
Lust ein ehrlich Handwerck zu lernen als ein Laqvei oder PferdeKnecht zu
werden danckte deswegen meinem Herrn aufs verbindlichste und gelobte an mich
in allem nach seinen Befehlen zu richten
Es passirten nicht die geringsten Weitläufftigkeiten wegen meines
GeburtsBrieffs denn der ZimmerMeister nahm mich folgenden Tages nur zu zwei
oder drei Personen mit auf welchen dergleichen Sachen zu beruhen pflegen also
wurde derselbe binnen 24 Stunden ausgefertiget und meinem Herrn überliefert
welcher dem ZimmerMeister noch einen Gulden TrinckGeld gab den Brieff selbst
in seine Verwahrung nahm und wenige Tage hernach die fernere Reise fort setzte
Auf selbiger bekam ich weit vortrefflichere Örterals bisher zu sehen endlich
aber blieben wir in Ulm haften um daselbst eine Zeitlang auszuruhen Allhier
fragte mich nun mein Herr ob ich bereit sei ein Handwerck anzutreten Meine
Antwort war dass ich in so ferne es ihm beliebig gleich diese Stunde bereit
darzu wäre Was hastu dir sprach er vor ein Handwerck ausgesonnen Noch keins
erklärte ich mich sondern ich erwarte wozu mich Ew Gn bestimmt haben Ich
will fragte er ferner doch erstlich wissen wozu du am meisten Lust hast
deswegen sage deine Meinung nur ohne Scheu Wenn es bei mir allein stünde
versetzte ich demnach so wehlete ich das ZimmerHandwerck weil mein Vater ein
Zimmermann gewesen ist Hierüber fing mein Herr herzlich an zu lachen und mir
vorzustellen warum ich so ein einfältiger Tropff sei und dergleichen
beschwerliche und verdrüssliche Profession erwehlete die außerdem nicht das
ganze Jahr hindurch gangbar sei endlich sprach er Höre mein Sohn meine
eigentümlichen Güter die ich an den Böhmischen Eräntzen liegen habe sind etwas
weit von der Sadt abgelegen deswegen macht es mir und den meinigen viel
Verdruss wenn etwa ein Schlüssel verloren oder sonsten ein oder andere
SchlösserArbeit nötig ist, also hatte vors ratsamste dass du das Schlösser
HandWerck erwehlest und dasselbe recht wohl erlernest solchergestallt will
ich dir dein gutes Auskommen biss in den Tot versprechen In Wahrheit es schien
mir diesen Augenblick das SchlösserHandwerck das allerangenehmste zu sein
deswegen war so gleich bereit darzu mein Herr ließ sich von dem GastWirte
einen guten Schlösser zuweisen mit welchen er wegen des LehrGeldes und jährlich
benötigter Kleidung so gleich einig wurde die Helffte von dem veraccordirten
Geldern voraus bezahlete mich aufdingen ließ und wenig Tage hernach fort
reiste mit dem Versprechen in wenig Wochen wieder zu kommen und zu vernehmen
wie ich mich bei diesem Handwercke aufführete
Mein Meister fand an mir einen Jungen der recht nach seinem Kopffe und
Wunsche war denn weil er so wohl als seine ganze Familié sehr selten an das
Beten Singen Kirchengehen und andere christliche Ubungen gedachte so
bekümmerte ich mich auch wenig oder gar nichts drum u verlernete so gar die
schönen Gebete und Lieder die ich vor diesen um mein Brod damit heraus zu
pressen nicht aus Vorsorge meiner Eltern sondern aus dringender Not auswendig
lernen müssen Etwa ein halbes Jahr nach meinem Aufdingen kam mein Herr wieder
nach Ulm und vernahm von dem Meister mit großen Vergnügen dass ich mich
ungewöhnlich wohl beim Handwercke gebrauchen ließe und ein Ding nachzumachen
nur ein oder zweimahlige Unterweisung bedürffte Ich wusste dazumahl nicht wie es
kam dass mein Herr der dieses mahl nur ganz allein auf der Post angekommen
war mit meinem Meister ungemein vertraut umzugehen anfing sich auch in dessen
Hause mit einer gar schlecht ausgezierten Stube behalff und von der Meisterin
so gut als dieselbe konnte beköstigen ließ da ich doch eine große Katze voll
GoldStücke nebst einem noch größeren Sacke voll grob SilberGeld in seinem
Koffre liegen und ihn selbiges zählen gesehen hatte Mein Meister arbeitete um
selbige Zeit meistens um Mitternacht wenn die andern Gesellen und Jungen im
festen Schlaffe lagen nebst mir an allerhand Arten ungewöhnlicher Schlüssel und
andern mir unbekandten Instrumenten verbot mir aber aufs Leben keinen
Menschen hiervon etwas zu sagen denn es wären sehr geheime künstliche Sachen
die mein Herr mit nach Frankreich nehmen wollte Eben derselbe tat dergleichen
Verbot an mich mit der Bedrohung woferne er erfahren sollte dass ich von
meines Meisters künstlicher NachtArbeit nur ein einzig Wort ausgeplaudert
hätte er mich also fort nackend und blossausziehen zum Hencker jagen und
nimmermehr wieder in seine Gnade aufnehmen wollte In der Gottlosigkeit hatte ich
es damahliger Zeit schon so weit gebracht ihm meiner beständigen Treue und
Verschwiegenheit mit den allergrausamsten Flüchen und Schwüren zu versichern
weswegen er biss auf ferneren Bescheid zufrieden war mich mit 6 ganzen Talern
beschenckte und dabei ausdrücklich befahl dass ich mir dann und wann an Son
und FestTagen einen Rausch sauffen sollte
Nachdem also mein Herr fast einen ganzen Monat lang zu gegen gewesen nahm
er Abschied unter dem Vorwande eine Reise in Franckreich zu tun und gegen
die Zeit meines Losssprechens schon wiederum in eigener Person nach Ulm zu
kommen Bei meinem Meister hatte ich nach wie vor gute Zeit und außer den
ArbeitsStunden meine völlige Freiheit hinzugehen und zu machen was ich wollte
Da aber einige Wochen über mein erstes LehrJahr verflossen waren trat der
LehrMeister eine Reise an von welcher er noch biss auf diese Stunde zurück in
sein Haus kommen soll Drei oder 4 Monat hernach machte sich die Frau auch aus
dem Staube und überließ die Hausshaltung ihrer Schwester welche sich von einem
liederlichen Schlösser Gesellen schwängern lassen der immittelst des Meisters
Stelle vertreten sollte jedoch dermaßen übel hausete dass die andern Gesellen
nebst einem LehrJungen fort und zu andern Meistern gingen Mit mir konnte er
sich noch etwas länger vertragen jedoch da er eines Abends sehr besoffen nach
Hause kam und so wohl Frau als Magd und mich mit einem Stabe Eisen jämmerlich
zerprügelte verursachte dieses mir ganz ungewöhnliche Tractamant dass ich
gleich mit anbrechenden Tage ebenfals Abschied nahm und mich zu dem
HandwercksMeister begab welcher in Erwegung meiner Umstände es ganz leicht
dahin brachte dass ich biss zur Wiederkunft meines ersten Meisters woran jedoch
viele aus wichtigen mir damals unbekandten Ursachen zweiffeln wollten zu
einem andern Meister gebracht werden sollte um meine LehrJahre vollends richtig
auszustehen Bei diesem andere Meister traff ich auch eine ganz andere
HausshaltungsVerfassung an denn weil derselbe ein sehr frommer und
GOttesfürchtiger Mann war so hielt er auch sein Gesinde zum fleißigen Beten
Singen und Kirchengehen an verhütete auch unter ihnen so viel als möglich
war alles Vollsauffen und anderes liederliche Leben Nachdem er mich im
Christentume examiniret erstaunete der ehrliche Mann und weinete fast die
bittersten Tränen über den jämmerlichen Zustand meiner Seelen tat auch
dieserwegen solche Vorstellungen dass mir die Haare zu Berge stunden und mein
Gewissen auf einmal plötzlich rege gemacht wurde So bald er dieses merkte
sprach er mir etwas gelinder zu ermahnete mich nur zum fleißigen Beten und
Kirchengehen im übrigen versprach er wegen meiner ferneren Unterweisung alle
Anstallten zu machen
Wenig Tage hernach nahm er einen geistlichen Studenten in sein Haus der
nicht allein seine 4 Kinder informiren sondern auch alle Morgen und Abends
BetStunde halten musste Welcher von seinen Gesinde dergleichen nicht mit
Andacht besuchen und abwarten wollte durfte auch weder zur Arbeit noch zu
Tische kommen Ich vor meine Person hatte dem besten Vorteil dabei denn vors
erste erlangte ich nunmehr erstlich einen rechten Begriff vom Christentum
vors andere war mein Meister so gütig mir bei müßigen Stunden das Lesen
Schreiben und Rechnen umsonst lernen zu lassen als wovor ich ihm noch in dieser
Stunde nebst seiner Familié tausendfachen geist und leibl Seegen wünsche
Anbei versäumete ich aber im HandWercke wenig Stunden sondern hielt mich
dermaßen wohl dass mein Meister vollkommen zufrieden war es rückte zwar die
Zeit meines Losssprechens allgemach herbei allein es wollte sich so wenig mein
Herr als der erste Meister wieder ein stellen Dem ungeacht wurde mein frommer
LehrMeister gar nicht verdrießlich darüber sondern ließ mich gehöriger Zeit zum
SchlösserGesellen machen jedoch mit dem Vorbehalt dass ich ihm noch anderthalb
Jahr um halbes Lohn dienen sollte
Ich konnte zwar mich nicht genungsam verwundern dass mein Herr seine Parole
nicht besser hielte da mir aber vorgestellt wurde wie derselbe in frembden
Ländern durch besondere Angelegenheiten gar leichtlich aufgehalten werden könnte
gab ich mich zufrieden erzeigete meinem Wohltäter allen schuldigen Gehorsam
hatte auch hierbei nicht den geringsten Schaden indem mich mein Meister in die
andere Werckstadt setzte allwo ich nicht allein das Stahlund EisenSchneiden
sondern auch nebst diesen andere künstliche Arbeit verfertigen lernete
Demnach blieb ich an statt der anderthalb ganzer drei Jahre über meine
LehrZeit bei dem Meister sammlete auch binnen der Zeit über 40 tl baar
Geld weil ich mich in keine liederlichen Kompagnien eingelassen sondern die
müßigen Stunden auf das Schreiben Rechnen u Lesung guter Bücher gewendet
außerdem aber eine solche christliche LebensArt angenommen hatte wie mir
solche nicht allein von meinem frommen LehrMeister sondern auch von
Gottseeligen Lehrern und Predigern angewiesen worden
Nach Verlauff dieser Jahre riet mir mein ehrlicher Meister selbst die
Wanderschaft anzutreten mich einige Zeit in der Frembde umzusehen nachher
wieder zu ihm zu kommen da er denn allenfalls nach Möglichkeit vor mein Glück
sorgen wollte
Ich will ihnen meine Herrn mit Erzählung meines hin und wieder lauffens
und anderer Begebenheiten welche gemeiniglich den reisenden
HandwerckssPurschen vorzustossen pflegen nicht verdrießlich fallen weilen
solche wenig besonderes in sich halten jedoch kann nicht unangemerckt lassen
dass ich etliche Jahr hernach meine Mutter ohnweit Dressden in sehr erbärmlichen
Zustande antraff Denn der steltzbelnige Bösewicht hatte sie nicht allein durch
tägliches prügeln endlich ganz krum und lahm gemacht sondern hernach mahls gar
mit 3 Kindern sitzen lassen Sie erkannte selbst dass sie diese StraffGerichte
gewissermaßen mit ihrer unziemlichen Aufführung verdient gestund auch dass
sie von dem Bösewichte beredet worden mich und meinen Bruder als eine rechte
RabenMutter sitzen zu lassen worüber sie nachher tausend Tränen vergossen
zumahlen da ihr das letztere grausame Verfahren bei Qverfurt auf dem
Jahrmarckte nicht aus den Gedanken kommen vielemehr das Hertze immer sagen
wollen ich hätte mich aus Verzweiffelung selbst ersäufft Von meinem jüngsten
Bruder konnte sie mir ebenfalls Nachricht geben dass derselbe sich in Leipzig bei
einem vornehmen Manne als Laqvay in Diensten befände wie und von wem derselbe
erzogen worden wusste sie aber nicht zu sagen indem ihr böses Gewissen nicht zu
gelassen hätte sich ihm zu erkennen zu geben
Die bitteren Tränen meiner leiblichen Mutter löscheten in einem Augenblicke
das verhassete Angedencken ihres mir und meinem Bruder zugefügten Jammers aus
so dass ich mein halbes Vermögen an baaren Gelde an sie und mein
StieffGeschwister wandte indem ich 60 tl baar Geld in ein Spital zahlete uñ
nach Versprechung hinfüre nebst meinem Bruder ein mehreres zu tun die
Versicherung erhielt dass meine Mutter nicht allein biss an ihr Ende wohl
verpflegt sondern auch vor ihre drei Kinder gesorgt werden sollte dieselben
mit zunehmenden Jahren bei gute Leute zu bringen
Nachdem solches alles wohl bestellt war reiste ich hurtig nach Leipzig
und traff daselbst meinen Bruder in einer grauen Liberei mit gelben Aufschlägen
an Er war von Hertzen erfreut mich wieder zu sehen und eben so begierig die
Histoire von meiner Auferziehung als ich die von der seinigen anzuhören
Solchergestallt berichtete er mich wie er nachdem auch ich ihn verlassen um
sein Brod zu verdienen erstlich die Gänse hernach die Schweine hüten müssen
wäre aber jederzeit so unglücklich gewesen dass ihm ein oder etliche Stück an
der Zahl gefehlet weswegen ihn endlich die Leute fortgejagt hätten Also muss er
sich von neuen aufs Betteln legen ist auch so glücklich in die Weltberühmte
Stadt Leipzig zu kommen allwo er seine Nahrung in der Leute Häusern sehr
behutsam sucht um den Feinden der Bettel Leute nicht in die Hände zu fallen
Eines Tages bettelt er in den Hause sehr reicher und vornehmer Leute indem
aber das Gesinde wegen vieler Geschäffte sich nich bemühen will ihm eine Gabe zu
reichen kömt ein kleiner Knabe der meinem Bruder gern ein Almosen gegeben
wenn er nur Geld bei sich gehab hätte wie er denn alle seine Schubsäcke
aussucht aber nichts finden können Demnach laufft das Kind in die Stube holet
zwei silberne Löffel und heißt meinen Bruder damit fortgehen Dieser geht
zwar in etwas auf die seite biss der kleine Knabe von seiner die Treppe
herunter kommenden Mutter in die Stube gejagt ist macht sich darauf an die
vornehme Frau überreicht derselben die von ihrem kleinen Sohne empfangenen
Löffel und bittet sich davor etwas zu Essen aus weil er wohl merkte dass diese
Gabe vor ihm zu kostbar wäre und vielleicht Gefahr bringen könnte
Die vornehme Dame zieht sich die Redlichkeit und den Verstand meines
Bruders dermaßen zu Gemüte dass nachdem sie diesen Streich ihrem EheHerrn
erzählt beiderseits EheLeute die Güte haben meinen damals etwa 15 jährigen
Bruder zu ihren Bedienten auf zu nehmen von Fuß auf neu kleiden hiernächst im
Lesen Schreiben und Rechnen informiren zu lassen Er war noch biss auf selbigen
Tag in Diensten dieser vortrefflichen Leute welche seine auf vielerlei Art
probirte Treue alljährlich reichlich belohneten und weil er außerdem so
glücklich gewesen bei einer Lotterie über anderthalb hundert Taler zu
gewinnen befand er sich in sehr guten Stande
Nachdem ich ihm aber erzählt auf was vor Art ich unsere Mutter und
StiefGeschwister versorgt war dieser mein Bruder nicht allein so redlich mir
30 tl baar Geld wieder zurück zu geben sondern versprach auch gleich nach
geendigter Messe eine Reise an den Ort ihres Auffentalts zu tun und zu ihrer
desto bessern Verpflegung fernere Anstallten zu machen Wir blieben also über 14
Tage beisammen binnen welcher Zeit ich der Herrschaft meines Bruders meine
Avanturen eigenmündig erzählen und davor ein Geschenke von 12 harten Talern
annehmen musste Es fehlete mir an keiner Gelegenheit in Leipzig Arbeit zu
bekommen weil ich aber große Lust hatte die berühmtesten Städte in Böhmen und
Schlesien zu besehen nahm ich den Verlass mit meinem Bruder ihm fleißig zu
schreiben nachher aber Abschied und reiste meinem Vorsatze zu folgen fort Es
begegnete mir binnen zwei Jahren eben nichts besonders nach der Zeit aber der
allersonderbarste Streich Denn als ich eines Tages in einer Römisch Katolischen
Stadt in der MarterWoche den Processionen zusah wurde ich von ungefähr
meinen ehemahligen Herrn unter der großen Versammlung des Volcks gewahr wusste
aber anfänglich nicht ob ich meinen Augen trauen sollte biss mir endlich sein
alter ReutKnecht Martin genannt hinter ihm zu Gesichte kam Ich verwandte
kein Auge von beiden biss ich sie als Leute die einander ganz und gar nichts
anzugehen schienen in den besten Gasthof eintreten sah allwo sich gleich ein
grün und weiß gekleideter Laqvay zum Dienst des Herrn præsentirte Ich
erkundigte mich so gleich bei vielen Leuten wer dieser Herr sei und erfuhr
dass er sich vor einen Schwedischen Baron von Lilienfeld ausgäbe In betrachtung
dass es seine alte Weise gewesen bald diesen bald jenen Nahmen zu führen
verursachte mir dieses dass er sich letztens in Ulm vor einen Herrn von
Franckenstein ausgegeben weniges Nachdencken nahm aber Gelegenheit den alten
Martin auf zu suchen und mit ihm in Geheim zu sprechen auch denselben zu
bitten mich bei seinem Herrn zu melden Martin erfreuete sich von Hertzen über
meine Gegenwart eröffnete von seinen und seines Herrn Zustande so viel als er
sich bei demselben zu veranworten getrauete warnete mich aber in zeiten gegen
niemanden merken zu lassen dass er nämlich Martin in des Baron Lielienfelds
Diensten stünde oder gestanden hätte noch vielweniger sollte ich von dessen
voriger LebensArt etwas erzählen biss mir der Herr selbst mündlichen Unterricht
gegeben hätte Solchem nach kam ich bei spätem Abende zur Audience der Herr
Baron war ganz allein in seinem Zimmer verschloss dasselbe gleich nach meinem
Eintritte und empfing mich nicht etwa als einen ehemaligen Bedienten oder
BettelJungen sondern als seinen leiblichen Sohn oder Bruder Ich wurde
allerdings beschämt über dergleichen unerwartete Höflichkeit und
LiebesBezeugungen nachdem er mich aber ein großes Glas Mein aus zu trincken
genötigt musste ich ihm erzählen wie es mir seit seiner Abreise so wohl in Ulm
als anderer Orten ergangen sei Er stellte sich da ich mit Reden fertig war
höchst vergnügt über mein ganzes Wesen an erzehlete mir auch wie er damals
auf seiner RückReise aus Franckreich von Hertzen gern wieder in Ulm bei mir
sein und mir aus der Lehre helfen wollen allein er hätte ohnweit Ulm das
Unglück gehabt einen Deutschen Kavalier im Duell zu erstechen wesshalben er sich
nach der Zeit vor der ganzen umliegenden Gegend hüten müssen An meinen Meister
hätte er zwar mehr als 12 Briefe abgesendet jedoch da derselbe wie er itzo von
mir vernommen davon gelauffen so wäre kein Wunder dass er nicht die geringste
Antwort darauf erhalten Nach ferneren weitläufftigen und biss in die späte Nacht
gewährten Gesprechen fragte er mich kurtz ob ich mir indessen biss er sich auf
seine Güter zur Ruhe begäbe wolle gefallen lassen bei ihm LaqvayenDienste
anzunehmen weil der Kerl den er itzo bei sich hätte nichts nützte
dieserwegen morgendes Tages seinen LaufZettel haben sollte Ich erkandte mich
schuldig demjenigen der den ersten GrundStein zu meiner zeitlichen Wohlfahrt
gelegt alle Gefälligkeit zu erweisen zumahlen da mir meinen Gedanken nach
die sichere Rechnun machen konnte von ihm auf LebensZeit wohl versorgt zu
werden Demnach wurde sein bissheriger Laqvay abgeschafft und ich bekam nebst der
Charge eine kostbar stark mit Silber bordirte Liberei wöchentlich aber auf
meine Person 2 tl Zehrungs Geld und in Hoffnung 20 tl JahrLohn
Mein Herr hielt sich bei nahe 3 Monat in selbiger Stadt auf reiste zwar
zuweilen auf etliche Tage mit leeren Koffre und MantelSacke hinweg kam aber
gemeiniglich wohl bepackt zurücke außerdem sprachen fast wöchentlich
verschiedene Kavaliers in unseren GastHoffe ein mit welchen derselbe so gleich
in Bekanntschaft gerit und tapffer schmausete wobei es vor meine Person keine
geringen Accidentien setzte allein ich hütete mich sonderlich vor dem
überflüssigen Trincken und fuhrete überhaupt eine sehr stille LebensArt so dass
mein Herr wenn er mich über dem Lesen der Bibel oder anderer Gottseeligen
Bücher antraff sehr spöttisch darüber wurde und es endlich durch sein
tägliches Raisoniren dahin brachte dass ich mich ihm zu gefallen stellte als
ob mir die Lust zum beten und singen vergangen wäre im gegenteil zeigete ich
mich manchen Abend als eine besoffene Bestie und bemerckte dass er darüber eine
ganz besondere Freude hatte Indem aber mein Sinn zu der Zeit ganz anders als
in vorigen Jahren war und mich das Gewissen überzeugte dass dergleichen
LebensArt den nächsten Weg zur Höllen führte denn ich täglich nichts als
sauffen schwermen hurrn spielen und dergleichen feine Tugenden ersah
begunte es mir von Hertzen leid zu werden dass ich mich in dergleichen Laqvay
enDienste begeben ja ich schätzte es nun schon vor kein Glück und Vergnügen
mehr meinen Herrn so unverhofft angetroffen zu haben sondern hätte lieber
gesehen wenn ich bei einem guten Meister in der Werckstadt arbeiten dürffen und
können Jedoch mein Verdruss verwandelte sich nach und nach in eine große
HertzensBangigkeit als ich aus gewissen Umständen immer mehr und mehr abnehmen
konnte dass mein Herr nichts weniger als eine vornehme StandesPerson sondern
einer der allerärgsten SpitzBuben wo nicht gar das OberHaupt einer solchen
Bande sein müsse Da aber endlich derselbe eines Abends mir dieses bisherige
Geheimnis mit seinen eigenen Munde eröffnete und im sichern Vertrauen auf
meine Treue und Verschwiegenheit die stärcksten BewegungsGründe brauchte
meine sehr nützliche Person in die Diebs und SpitzBubenZunff einzuverleiben
wurde ich dermaßen verwirret dass mir unmöglich war ein eintziges Wort auf zu
bringen sondern ich zitterte an allen Gliedern dergestallt dass ich nicht mehr
auf den Füßen stehen sondern mich niedersetzen musste Mein Herr wurde
dieserwegen von rasender Wut dergestallt eingenommen dass er Augenblicklich
seinen HirschFänger entblössete mich bei den Haaren ergriff und indem er mir
die Spitze auf die Brust setzte sprach Kanaille bette ein Vater unser in der
Stille und gib nicht den geringsten Laut von dir denn du musst sterben weil ich
mercke dass du eher ein Verräter und Schelm an mir werden als dich meines
Glücks teilhaftig zu machen und mir gefällig zu leben trachten wirst Ich
fing so viel ich mich besinnen kann gleich an meine Seele in GOTTES Hand zu
befehlen und ein andächtiges Vater Unser zu beten sanck aber mitlerweile
ohnmächtig zu Boden weiß auch nicht was man mit mir vorgehabt hat biss endlich
um MitternachtsZeit mein Verstand wieder kam indem ich auf meines Herrn Bette
lag und so wohl von meinem Herrn selbst als dem ReutKnecht Martin mit starken
Wassern bestrichen wurde
So bald mich der erstere wiederum ziemlich bei Kräfften zu sein vermerckte
sprach er Peter sei kein Narre was ich dir zu Leide getan habe ist in
Trunckenheit und zum Schrecken geschehen ich mercke dass du ein Kerl bist der
wenig Kourage hat jedoch dieselbe soll sich finden folge nur mir denn ich
habe es seit etlichen Jahren her besser als ein leiblicher Vater mit dir
gemeinet es kommt nur darauf an dass du mir etwa noch zwei oder drei Streiche
vollbringen hilffst hernach wollen wir unfehlbar so viel beisammen haben Zeit
Lebens vollkommen vergnügt zu leben denn ich schwere so bald mir nur noch
dieses gelungen dass ich mich von Stund an in ein frembdes Land zur Ruhe
begeben und hernach biss an mein Ende ein stilles Leben führen will zumahlen da
ich schon über 12000 Tlr an Gelde und Kostbarkeiten besitze Gnädiger Herr
gab ich zur Antwort ihr seid etwas grausam mit mir umgegangen da euch doch
bewust wie ich alle Augenblicke bereit bin mein Leben vor und bei euch zu
lassen in andern Dingen bin ich freilich etwas feige und zaghaft allein was
kann denn ich davor dass ich niemals zur Tapfferkeit angeführet worden mit
euch und wo ihr dabei seid will ich alles wagen was nur ein Mensch sich
unterstehen kann ich wollte auf euren Befehl einem das Hertze aus dem Leide
reißen aber vor mich allein etwas zu tun schätzte ich mich zu einfältig und
zaghaft nehmt mich deswegen nur erstlich mit und zeigt mir wie ich mich
verhalten soll so werdet ihr bald erfahren dass euer Peter kein SchaafsKopf
ist
Durch diese Reden ließ sich mein Herr dermaßen zum Mitleiden bewegen dass
er mich herzlich umarmete er selbst schenckte mir ein Glas über das andere vom
allerbesten Weine ein gab mir anbei etliche Stücke vom Hertzstärckenden
Konfecte kurtz mein Herr Martin und ich lebten die ganze Nacht hindurch
dergestalt lustig und brüderlich zusammen dass wir mit anbrechenden Tage so voll
als die Bestien waren Nachdem der Rausch ausgeschlaffen war fingen wir aufs
neue an mit dreien mittlerzeit angekommenen andern ErtzDieben zu fressen und
zu sauffen jedoch in aller Stille so dass weder der Wirt noch jemand anders
wahrnahm dass Herrn und Knechte in so genauer Freundschaft und ohne alle
Zeremonien lebten Es erzehlete so bald die Nasen begossen waren ein jeder
seine hier und dort erwiesenen HeldenTaten und klugen Streiche die er seit
vielen Jahren erwiesen hatte und es würde keine geringe Erstaunung verursachen
wenn ich dasjenige was mir annoch davon in Gedanken schwebt voritzo mit
erwähnen wollte allein solches mag biss auf eine andere Zeit versparet bleiben
weil es allzu viele Ausschweiffung in meiner eigenen Geschichte machen möchte
deswegen will nur sagen dass mein Herr wegen seiner ausgeführten recht
seltsamen unzähligen Händel den besten Preis davon trug unter welches
Erzählung ich angemerckt dass er grausame Vergifftungen und andere Mordtaten
teils angestifftet teils selbst begangen und durch subtile und grobe
Diebstähle ein großes Gut erbeutet hätte Ich armer Schelm war von ihm nicht
etwa aus einer besonderen Barmhertzigkeit aufgenommen und zum
SchlosserHandwercke befördert worden sondern eintzig und allein aus der
Ursache, damit er einen Leibeigenen Schlösser haben möchte der ihm so oft es
von nöten allerlei vorher in Wachs abgedruckte Schlüssel und andere Diebs
Instrumenta verfertigen könnte Meinen ersten Meister hatte er seit vielen Jahren
zu dergleichen künstlicher Arbeit gebraucht ungeacht er sich damals in Ulm
anfänglich gestellt als ob er ihn erstlich kennen gerlernt Der arme Schelm
hatte sich auch belieben lassen meinem Herrn in das Elsassische Gebiete zu
folgen um daselbst durch verwegene DiebsStreiche auf einmal reich und
glücklich zu werden allein der gute Schlucker war gleich in dem ersten
LehrJahre gefangen und auf gehenckt worden und hatte noch darzu meinem Herrn
sein bestes Spiel verdorben so dass sich derselbe über Haltz und Kopf auf und
in ein ander Land machen müssen
Die Haare stunden mir bei Anhörung aller dieser entsetzlichen Streiche zu
Berge jedoch da ich bei der allergeringsten Bezeugung eines Ibscheues den
schmertzlichsten Tot befürchten musste stellte ich mich dermaßen dreuste und
begierig zu diesem sauberen Handwercke an dass mein Herr binnen wenig Tagen nicht
allein ein vollkommen gutes Koncept von mir fasste sondern auch sein ganzes
Hertze gegen mich ausschüttete und meine Person zu seinem vertrautesten Freunde
machte
Solchergestalt brachte ich nicht allein sein ganzes Vorhaben sondern auch
die Nahmen und den Auffentalt aller seiner MitBrüder in Erfahrung erstaunete
aber ziemlich darüber dass sich in dieser Stadt welche doch keine von den
allergrößten war eine Kompagnie von 17 wohl exercirten HauptDieben aufhielt
die teils in KavalliersKleidern teils in ehrbarer Bürger oder anderer
Tracht bald in diesem bald in jenem WirtsHause meinem Herrn ihre Aufwartung
machten ihren Bericht abstatteten und fernerweitige Ordre holeten
So lange man mich nicht anstrengete mit auf die Rauberei auszugehen ließ
ich alles gehen wie es ging bemerckte jedoch inzwischen dass mein Herr starke
Einkünfte von seinen Untergebenen zu genießen hatte welche ihn nicht eher zu
beunruhigen pflegten als wenn ein schweres und ganz sehr profitablesWerck
obhanden war
Indem sie aber einen gewissen Einnehmer des Orts der ungefähr 16 biss 18
tausend Tlr baar Geld im Vorrate liegen hatte nicht allein selbiges hinweg
nehmen sondern auch allenfalls Mord und Todtschlag auszuüben alle Anstalten
machten und mich so wohl bei dem ersten Angriffe als vornehmlich die Schlösser
und Türen hurtig aufzumachen gebrauchen wollten fiel mir auf einmal aller
Mut zumahlen da dieser HauptDiebstahl in kurzen nämlich gleich in der
zweiten Nacht vor sich gehen sollte Ich wusste gewiss dass mein Leben an einem
seidenen Faden hienge wenn ich von meiner Bangigkeit etwas merken ließe oder
die geringste Miene machte mich den Vorschlägen meines Herrn zu widersetzen
deswegen stellte mich an als ein begieriger Löwe und brachte in meines Herrn
Stube einen ganzen Tag mit nichts anders hin als die künstlichsten lnstrumenta
und BrechEisen zu Aufmachung aller Schösser und Türen zu verfertigen
Mein Herr sprach zu mir Mein Peter halte dich auf morgende Nacht wohl ich
versichere dass zum wenigsten auf deinen Teil 6 biss 800 Tlr fallen Herr
sprach ich und wenn ich nur Ein oder 200 Tlr zu bekommen weiß so will ich
mir kein Bedenken nehmen alle diejenigen so mir entgegen kommen mit diesem
lnstrumente welches ein dreizackiges Brech Eisen war mit einem einzigen
Schlage in die andere Welt zu schicken So recht sprach er du bist nach meinem
Sinne Ach dass ich dich nicht schon seit 10 Jahren bei mir gehabt habe wir
wollten gewiss um 20000 Tlr oder etwas weniger reicher sein denn der Himmel
hat mich immer mit dergleichen Kerlen belästiget die zwar viel Kourage im
Maule aber desto weniger im Hertzen gehabt haben bei dir aber mein Peter
mercke ich nunmehr mehr Kourage im Hertzen als im Maule
Es muss sich unfehlbar wunderlich schicken ja ich glaube vielmehr der
Allmächtige Gott muss einen Menschen sonderlich verblenden wenn er ihn reif zur
Straffe befindet denn mein Herr der doch sonsten der Ausbund eines erfahrnen
und klugen Menschen zu sein schien hätte mich nur ein klein wenig genauer
betrachten dürffen so würde er in meinen Augen und zerrütteten Gebärden alle
Merckmahle der Angst Furcht wenigstens der Verstellung erblickt haben
allein wie gesagt seine Augen wurden unfehlbar gehalten deswegen blieb ich
sein vertrautester Peter Zu mehreren Beweis dass Gott seinen bisherigen Mord
und DiebsStreichen einmal Einhalt tun wollte musste er auf die Gedanken
geraten mich Tages vorher ehe der grausame Diebstahl geschehen sollte zum
StadtRichter zu senden um vor ihm und mich einen ReisePass nach Wien
auszulösen als wozu er mir zwei spec Ducaten mitgab Indem ich hingieng mein
befohlenes Geschäffte auszurichten war noch nichts weniger in meinen Gedanken
als die ganze Karte zu verraten sondern ich hatte mir vorgenommen gegen
Abend vorsichtiger weise die Treppe herunter zu purtzeln und mich zu stellen
als ob ich sehr beschädigt also untüchtig wäre mit auf Partie auszugehen
nachdem ich aber bei dem StadtRichter meines Herrn Kompliment angebracht die
ReisePässe erhalten und ihm darvor die 2 spec Ducaten dargelegt hatte
sprach dieser ehrliche Mann Ach mein Freund nehmt in Gottes Nahmen euer Geld
zukücke ich verlange nichts und wünschte von Hertzen dass ich eurem Herrn
diesen Dienst schon vor etlichen Wochen leisten können wo es anders sein Ernst
ist von hier abzureisen Ich stutzte ziemlich über dergleichen RedensArt da
aber vermerckte dass dieser Mann ohnedem kein gut Koncept von meines Herrn
LebensArt gefasst hatte brach ich auf einmal los und sagte Woferne ich
mich auf seine augenscheinliche Redlichkeit verlassen dürffte so dass mir als
einem ehrlichen HandwercksPurschen der ob er gleich itzo LaqveienKleider
anhätte dennoch lieber auf seiner Profession arbeiten als Herren dienen wollte
kein unschuldiger Tort angetan würde ich im Stande sei ihm ein solches
Geheimnis zu offenbahren wodurch vielleicht einem grausamen Ubel vorgebauet
werden könnte Solchergestalt sah mich der StadtRichter etwas eigentlicher an
bat aber mich ihm auf seine geheime Stube zu folgen Daselbst fing er so
gleich also zu reden an Mein Freund ich mercke dass ihr ein redlich Hertze im
Leibe habt scheuet euch deswegen nicht mir alles zu vertrauen was so wohl
eure Person als andere gefährliche Sachen betrifft und glaubt dass ich nebst
meiner Haabe und Gütern auch mein Leib und Leben ja meinen Teil den ich an
der ewigen Seeligkeit dermahleins zu haben verhoffe zum Pfande setze wenn ich
nicht alle Mittel vorkehre euch in allen Schadloss zu halten ihr möchtet auch
die allergrößten Verbrechen begangen haben denn mein Hertze sagt mir im Voraus
dass ihr den hiesigen Löbl StadtGerichten ein solches Licht anzünden könnt
welches wir längstens vergeblich gesucht haben
Hierauf brach ich los erwiese erstlich meine Unschuld durch kurtze
Erzählung meines LebensLauffs nachher aber eröffnete der Länge nach alles
was mir von meines Herrn Wesen und itzigen Vorhaben wissend war worüber der
StadtRichter zwar ziemlich erstaunete jedoch sich bald zu fassen und Mittel zu
ersinnen wusste die frechen Diebe ganz artig in die Falle laufen zu lassen
Immittelst befahl er mir nur wieder zu meinem Herrn zu gehen und um ihn
keinen Verdacht zu erwecken lustig und gutes Muts zu sein daferne ich aber in
zukünftiger Nacht ja allenfalls mit auf Partie ausgehen müsste sollte ich nur
ein weiß SchnupffTuch um den rechten Arm binden damit mir so dann die
plötzlich heraus brechende SchaarWache nicht etwa Leides zufügen möchte Ich
nahm alles wohl in acht und verfügte mich aufs eiligste zu meinem Herrn der
meines langen Aussenbleibens wegen schon allerhand Gedanken gehabt hatte und
sehr scharff nach des StadtRichters Aufführung forschete allein ich
berichtete dass derselbe außer dem weitläufftigen Komplimenten welche er mir
an Ihr Gn zu machen befohlen wenig oder gar nichts anders geredet doch wäre
er anfänglich nicht gleich zu Hause gewesen weswegen ich in dem BierHause
gegen über auf ihn gewartet hätte Er war also zu frieden befahl mir noch die
ExtraPost zu bestellen welche früh um 2 Uhr absolut parat stehen müsste und
da auch dieses geschehen wurde die übrige Zeit biss in die späte Nacht teils
mit Einpacken teils mit Verabredung unseres mächtigen Vorhabens hingebracht
Schon um 11 Uhr brachten die von meinem Herrn ausgestelleten Spions die
Nachricht ein dass bereits seit 9 Uhren in des Einnehmers Hause alles ruhig
und stille auch zu noch besserer Anzeigung eines guten Glücks nicht das
geringste Licht zu sehen wäre welches doch sonsten in der EckStube die ganze
Nacht hindurch zu brennen pflegte vor diessmahl aber ungefähr ausgegangen sein
müsse Dem ungeacht befahl mein Herr noch so lange gute Schildwacht zu halten
biss der Seiger zwei Viertel auf 1 Uhr schlüge um welche Zeit er sich nebst mir
bei dem HinterGebäude des Einnehmers einfinden wollte um daselbst als an dem
beqvemsten Orte einzubrechen und so dann in aller Stille die vordersten
HausTüren zu eröffnen oder sich nach andern Retiraden umzusehen
Kurtz von der Sache zu reden unser Vorhaben schien nach Wunsch von statten
zu gehen indem wir in aller Stille nicht allein das HinterGebäude
durchbrachen sondern auch alle Türen im Hause ohne das geringste Getöse
eröffneten wobei ich mir mit Fleiß einen Riss in die rechte Hand gab dass das
Geblüte häuffig hervor quall mithin desto bessere Ursache hatte eine große
weiße Serviette so wohl um die Hand als um den Arm zu binden Es waren unserer
13 bemüht die letzte Tür zu der Kammer worinnen der Einnehmer mit dem Gelde
anzutreffen sein sollte vollends aufzubrechen erreichten auch nach vieler
Bemühung unsern Zweck Allein indem die Tür völlig aufgetan wurde geschahe
nicht allein in der Kammer ein PistolenSchuss sondern es zeigten sich auch bei
dem Bette des Einnehmers 12 GeharnischteMänner die entsetzlich große Säbels
an der rechten Hand hangen ihre Büchsen aber im Anschlage liegen hatten Ich
war ungeacht meines guten Gewissens dennoch fast halb tot bei diesem
Anblicke hörte aber aus der Kammer eine Stimme ruffen Ihr ungebetenen Herrn
Gäste gebt euch gefangen oder sterbet Bei so gestallten Sachen hielt ich nicht
vor ratsam lange Stand zu halten sah mich deswegen nach dem Rückwege um
wurde aber auf der Treppe von zweien Knechten ungeacht meines weißen
ArmBandes bei der Kähle genommen und ganz stillschweigend in einem finsteren
Keller gestoßen aus welchen über 24 Mann wohl bewaffneter Bürger herauf
stiegen Solchergestalt sah ich weiter nichts hörte aber unter einem starken
Tumulte etliche Schüsse und habe hernach erfahren dass mein biss dahin
gewesener Herr als er gesehen dass unmöglich zu entkommen sei sein Terzerol
hervor gezogen und damit Feuer auf den Einnehmer gegeben indem er aber fehl
geschossen treffen ihn die Geharnischten mit drei Kugeln desto gewisser so
dass er augenblicklich tot darnieder fällt die übrigen 11 Kameraden werden
nach allerstärckster Gegenwehr so wohl als zwei andere die auf der Straße
Schildwacht gestanden hatten gefangen und gebunden ich aber wurde so bald der
Tumult vorbei noch vor Tages Anbruch aus dem finsteren Keller hervor gelanget
in des StadtRichters Behausung geführet und daselbst aufs allerbeste
verpflegt
Ich will mich mit dem Bericht wie es denen auf frischer Fahrt ertappten
ErtzDieben ferner ergangen voritzo nicht aufhalten zumahlen ich ohnedem
selbiges erstlich nach einiger Zeit bald so bald anders erzählen hören denn
nachdem meine wohlbedächtige Aussage binnen 4 Wochen von Tage zu Tage nieder
geschrieben worden brauchten mich die Gerichts Herrn zu keinem ferneren
Beweise sondern ließ mich endlich mit einem Geschenke von 500 Talern
hinreisen wohin ich wollte jedoch bat mich der ehrliche StadtRichter ihm dann
und wann von meinem Auffentalte Nachricht zu geben welches ich auch nachher
zweimahl aus Stettin und Rostock getan allein keine Antwort erhalten habe
ungeacht mein Auffentalt an beiden Orten über 2 Jahr lang gewesen Endlich
resolvirte ich mich wieder zurück in mein VaterLand zu reisen war auch schon
wirklich biss Berlin gekommen jedoch weil ich daselbst einen verfluchten
ErtzDieb erblickte der mit meinem Herrn in sehr genauer Freundschaft
gestanden hatte werckte ich so gleich dass diese Rotte noch nicht ganz
ausgerorter wäre befürchtete also leichtlich erkandt und als ein
DiebsVerräter von diesen rachgierigen MordGesellen ermordet zu werden
Demnach nahm ich aufs eiligste die geschwinde Post über Braunschweig nach
Holland zu und weil mir dem ungeacht immer zu Mute war als ob ich von
Mördern verfolgt würde erwehlete ich endlich eine Reise zu Schiffe zu wagen
etliche Jahr außen zu bleiben und mit der Zeit wenn Gott Leben und Gesundheit
verliehe mein Vaterland wieder zu suchen weilen doch vermutlich binnen der
Zeit diese Mörder und DiebsBande entweder würde abgetan oder zerstreuet
werden Allein der Himmel hat durch seine glückliche Führung zu dem Herrn
Wolffgang mich nunmehr auf dieser Insul in eine solche vergnügte Sicherheit
gesetzt dass ich mein Vaterland sehr wohl entraten kann weswegen ich nicht
unterlassen werde nach Möglichkeit mich gegen GOTT den Herrn Wolffgang und
alle hiesige getreue Freunde ZeitLebens dergestalt danckbar und erkänntlich zu
erzeigen als es meine Schuldigkeit erfordert
Und also endigte der ehrliche Gevatter Freund und Schwager Peter
Morgental die Erzählung seiner LebensGeschicht als vor welche wir ihm so
wohl als vor alle andere erwiesene Gefälligkeit vielen Danck sagten und uns
sämtlich zurück in unsere verschiedenen Wohnungen begaben
Not Hier hat Mons Eberhard Julius der Ordnung gemäß die
LebensGeschichte der übrigen letzt mit angelangeten Europäer nämlich
des PappierMüllers Kleemanns des Tuchmachers Wetterlings des
Böttchers Garbens und des Töpffers Schreiners mit eingeflochten weilen
ich Gisander aber befürchte dass, wenn ich selbige gleichfalls
beibrächte vielleicht dieser andere Teil des Wercks den Ersten um
viele Bogen übertreffen dürffte so will die Erzehlungen besagter
Avanturiers entweder wo Platz vorhanden zum Anhange oder biss in den
unfehlbar bald folgenden dritten Teil versparen indessen den proprio
ausu begangeñen Fehler wo es anders ein Fehler zu nennen feierlichst
depreciren die HauptSache aber selbsterwehlter Ordnung nach also
fortsetzen
Am 13 Octobr passirte in StephansRaum ein erbärmlicher Streich indem sich
ein 6 jähriger artiger Knabe allzu weit in das FlutBette der Mühle wagte
daher schnell fortgeführet und von dem MühlRade dermaßen stark gegen die
gleich über liegenden Steine geworffen wurde dass man ihn von der Stelle mit
zerschmetterten Kopffe tot aufgehoben
Den 7 Nov stürtzte sich eine entsetzlichgroße FelsenSpitze zwischen
Osten und Süden mit grausamen Krachen in die See Es verursachte dieses ein sehr
großes Schrecken auf der ganzen Insul jedoch nachdem wir Jüngern solches in
Augenschein genommen und dem AltVater Rapport abgestattet hatten sagte
derselbe dass er diesen Absall schon seit etliche 20 Jahren vermutet indem
sich diese Spitze immer nach und nach tieffer geneigt hätte
Den 22 Novemb wurde in ChristiansRaum ein Knabe von einem Füllen
darnieder gerennet sehr zertreten und am Schenckel stark verwundet so dass
man an dessen Aufkommen zweiffelte jedoch Mons Kramer hat denselben binnen
kurtzer Zeit wiederum völlig gesund hergestellet
Die See ist in diesem FrühJahre dermaßen aufgeschwollen gewesen dass wir
sehr selten kaum 50 Schritt lang auf dem Sande vom Felsen hingehen können
Hergegen haben wir bei der Gelegenheit eine große Menge von Austern Muscheln
Fischen und MeerTieren eingefangen
Andere geringe Veranderungen die sich noch in diesem 1727ten Jahre
zugetragen haben will beliebter Kürtze wegen nicht berühren jedoch befinde
mich schuldig ein abermahliges Verzeichnis der copulirten gebohrnen confirmir
ten und begrabenen vermittelst nachstehender Tabelle darzulegen
Solchem nach sind die Felsenburgischen Bewohner in ob erwähnten Jahre
vermehret worden um 28 Personen als 17 Männliches und 11 Weibliches
Geschlechts
Mitin wurde das neue 1728 Jahr mit vollem Seegen und Vergnügen angetreten
der GottesDienst vor allen andern Dingen wohl abgewartet im übrigen aber alle
andere erlaubte Christliche FreudenBezeugungen und Lustbarkeiten so wie im
vorigen Jahre ja noch viel ordentlicher angestellet von welchen ich aber
voritzo keine verdrüssliche Wiederholung anstellen sondern von etwas
merckwürdigern Sachen schreiben will
Unser Böttcher Melchior Garbe hatte binnen etlichen Wochen nebst
verschiedenen Gehülffen 4 ordentliche Wagens mit Rädern und allen Zubehör so
wie dieselben in Deutschland gesehen werden verfertigt welche bei der
dieses Jahr ungemein gesegneten Erndte treffliche Dienste taten indem Herr
Wolffgang und Mons Kramer die tüchtigsten Pferde darzu hergaben und bald
diesen bald jenen PflantzStätten die Früchte einführen ließ solchergestalt
hatten nun nicht allein die Menschen sondern auch die armen Affen welche
bissanhero nebst den wenigen zahmgemachten Hirschen dergleichen Emfuhre
verrichten müssen eine große Erleichterung zu spüren
Die wilden Affen waren hingegen durch bissheriges tägliches Verfolgen sehr
vermindert und die übrigen wenigen dergestalt in die Enge getrieben worden dass
man und zwar nur in den alleräusersten und wilden Oertern der Insul sehr
selten ein paar oder etliche beisammen fand Ich habe bei den Merckwürdigkeiten
des vorigen Jahres zu melden vergessen dass diese wilden zornigen Bestien einen
von den RobertsRaumer jungen zahmen Affen der sich allein etwas zu weit ins
Geholtze gewagt schändlich zerfleischt und die Stücken auf dem FußStege hin
biss nahe an die PflantzStadt RobertsRaum ausgestreuet hatten welches ein
starckes Merckmahl war dass sie unserer zahmen HausAffen geschworne Feinde
gewesen Jedoch wir hatten dieses letztern wegen noch viel deutlichere
Wahrzeichen welche ich doch beliebter Kürtze wegen übergehe
Die Weinlese war in diesem Jahre nicht weniger Segenreich als die Geträyde
Erndte weil sich sonderlich die letzt angekommenen Europäer sehr bemüht
hatten die Weinberge zu verbessern und weiter auszubreiten ingleichen
gerieten die KocosNüsse und andere vortrefflichen Früchte dermahlen in
ungemeiner Menge fast außerordentlich wohl und köstlich so dass es aller Orten
alle Hände voll zu tun gab eine jede Sache zu ihren Nutzen zuzurichten und
gehöriges Orts zu verwahren Von immer besserer Einrichtung unserer Schulen
Künstler und Handwercks ingleichen von ein und andern BauSachen annoch zu
reden halte ebenfalls vor überflüssig und unnötig weil die HauptStücke schon
oben meines Erachtens ziemlich deutlich vorgestellt habe deswegen will nur
einige Denck würdigkeiten des 1728ten Jahres nebst andern Sachen vortragen die
obgleich nicht alle von sonderbarer Wichtigkeit sind jedoch vielleicht diesem
oder jenem Leser nicht so gar verdrießlich fallen werden
In spätester HerbstZeit wurden fast die meisten Einwohner der Insul eines
Abends in besonderes Schrecken gesetzt denn wie ich teils selbst gesehen
teils aus dem Berichte dererjenigen welche auf dem NordFelsen die Wacht
gehabt vernommen kam anfänglich zwischen West und Nord eine dicke
blassfeuerige Pyramide aus der See am Himmel herauf gestiegen welche sich
zumahlen an denjenigen Stellen wo etwas dicke Wolcken waren recht grässlich
ansehen ließ Bald kamen sehr viele Strahlen oder Pfeile auf die Art wie die
DonnerPfeile gemahlet zu werden pflegen heraus geschossen bald aber sprungen
einzelne groß und kleine helleuchtende Funcken heraus dergleichen man in den
FeuerEssen der Schmiede sieht Binnen einer Stunde verlor sich die Pyramiden
Gestalt hergegen zohe sich eine Streiffe die ungefähr 5 oder 6 mahl
breiter als ein gewöhnlicher Regenbogen zu sein schien erstlich ganz biss an
den PolarStern hinauf zerteilete sich so dann der Länge nach in etliche
schmählere Streiffen die da ingesamt gegen Osten zu wieder biss in die See
reichten und sich ganz wunderbar unter einander verzogen Hierbei sah man
unter diesen lichten Streiffen ein öfteres Zucken ungewöhnliches Blitzen und
Flimmern welches aber doch nicht also in die Augen fiel als ein ordentliches
Wetterleuchten und Blitzen so vor dem Donner herzugehen pfleget Um
MitternachtsZeit erhub sich ein mittelmässiger Wind der die Streiffen aus ein
ander trieb an deren Stelle sich fast am ganzen Himmel sehr wunderbare Figuren
zeigten die aber nicht gar lange in einerlei Stellung blieben wobei das
Zucken Flimmern oder Blitzen beständig fort dauerte je näher aber der Tag
heran ruckte je blasser begunten die feurigen Strahlen und andere Figuren zu
werden biss endlich mit anbrechenden Tage das ganze Gesichte verschwand
Wie ich bereits oben gemeldet waren nicht allein die aller meisten
Einwohner hierüber heftig erschrecken so dass auch fast kein einziger Mensch
an das Schlaffen gedacht sondern das Ende abgewartet hat sondern es wurde auch
davor gehalten dass dieses Feuerzeichen eine vorher Verkündigung ganz
besonderer Zufälle sein müsse allein da Herr M Schmelzer Mons Litzberg Herr
Wolffgang nebst dem AltVater und andern die sich von der Physic einen rechten
Begriff machen konnten die Sache weiter überlegten und darinnen einig wurden
dass dieses Wunder vor ein starckes Meteoron oder NordLicht zu achten sei Herr
Mag Schmelzer auch nächst darauf folgenden Sonntage Nachmittags einen
erbaulichen Sermon darüber gehalten und die Wunder Gottes welche er in die
Natur gelegt anbei die vernünftigen Ursachen solcher Feuerzeichen angezeigt
hatte verwandelte sich der meiste Teil des Schreckens bei allen in eine
Gottesfürchtige Bewunderung so dass wir dergleichen Meteora welche sich
nachher noch etliche mahl wiewohl nicht gar so sehr fürchterlich zeigten
sämtlich mit mehrerer Gelassenheit betrachteten
Mons Eberhard Julius hat bei dieser Passage einen gar feinen und gelehrten
Discours den die Felsenburgischen Herrn Naturkündiger dieses Meteori wegen
gehalten beigebracht weil aber derselbe gar zu weitläufftig über dieses
seit wenig Jahren fast aller Orten verschiedene Observationes und
Abhandlungen von solcher Materie in deutscher Lateinischer und andern
Sprachen gedruckt zum Vorscheine gekommen sind so dass fast ein jeder
gemeiner Mann in Deutschland ziemlich wohl davon zu raisoniren weiß als
habe mich unterstanden selbigen außen zu lassen
Am 15 May kam in AlbertsRaum durch Verwahrlosung eines kleinen 4 jährigen
Mägdleins welches in Abwesenheit der Eltern einen glüenden FeuerBrand zu nahe
an den gedörrten Flachs getragen ein Haus dergestalt geschwind in Brand dass
ungeacht aller angewandten Arbeit keine Rettung zu tun war sondern dasselbe
nebst Scheunen und Ställen zum AschenHauffen werden musste jedoch außer dem
am allermeisten Haussgeräte dieser guten Leute war nichts beklagenswürdiger
als ein junges Rind und 13 Stück Hüner welche weil man in der Angst nicht an
dieselben gedacht mit verbrandt waren
Die klare Wahrheit zu sagen so war uns allen an diesen jungen Stück
RindVieh und den Hünern dermaßen viel ja weit mehr gelegen als an einem
ganzen Hause und allen darzu benötigten HausRate denn dergleichen Haus war
bei so redlicher Handreichung binnen kurtzer Zeit wieder aufgebauet der
HausRat aber konnte in einem einzigen Tage ohne jemands Schaden zehnfach ja
was sage ich hundertfach ersetzt werden O wie mancher Bösewicht in
Deutschland sollte sich mit größten Vergnügen ohne einzigen GewissensScrupel
zu machen sein Wohnhauss selbst über dem Kopffe anzünden und nackend und bloß
heraus laufen wenn er sich nur dergleichen Beneficien zu getrösten hätte
Sonsten weil ich eben jetzo gedacht in was vor sonderbaren Werte das Europæ
ische Vieh auf unserer Insul gewesen fällt mir bei dass als eines Tages Herr
Wolffgang den AltVater nebst einigen andern guten Freunden zu Gaste und unter
andern Gerichten etliche gekochte junge Hüner nebst einem KalbsBraten
aufgesetzt hatte war der AltVater dermaßen eigensinnig dass er weder von dem
einem noch dem andern Gerichte etwas kosten wollte sondern es dem ehrlichen
Herrn Wolffgang vor eine unverantwortliche Verschwendung auslegte indem sich
selbige Tiere noch lange nicht so stark vermehret hätten dass man sie mit
Recht zu Leckerbissen brauchen dürffte Herr Wolffgang aber zeigte sich hierauf
dermaßen gefällig gegen den AltVater dass er ihm ungelobte binnen Jahr und Tag
kein einzig Stück FederVieh binnen 5 Jahren auch kein vierfüssiges Europæi
sches Tier schlachten zu lassen ungeacht wir damahliger Zeit schon eine
ungemein starke Anzahl von Hünern Gänsen Tauben und dergleichen halten
Am 23 May wurde ein junger Mann aus SimonsRaum welcher zur unrechten Zeit
etwas von sehr feinen Tone aus den TonGruben hauen wollen plötzlich
verschüttet und sehr zerdrückt jedoch weil es andere Leute zeitig wahrgenommen
annoch vom jämmerlichen Ersticken errettet und von Mons Kramern wiederum
völlig aus curiret Acht oder 10 Tage hernach fiel unsers ehrlichen Töpffers
Meister Schreiners BrennOfen ein so dass alles darinnen befindliche
TöpfferZeug zerschlagen einer von seinen Lehrlingen aber durch einen Stein auf
dem Kopffe sehr beschädiget wurde
Zu Ende des Monats Julii brachte in DavidsRaum ein Schaaf ein monstreuses
Lamm zur Welt mit zwei Köpffen 4 Beinen und zwei Schwäntzen am 5ten Tage
wurde selbiges von Mons Kramern geschlachtet anatomirt und dessen Haut zur
Rarjetzt ausgestopfft auch die Gebeine ausgekocht und ordentlich an einander
gehefftet gleicher gestalt wie die aufgerichteten Scelata in den Europaæischen
AnatomieKammern gesehen werden
Am 16 Augusti etwa zwei Stunden vor dem Mittage hörten wir auf der Insul
ein starckes Donnern von abgefeuerten Kanonen aus Osten her erschallen weswegen
sich die hurtigen RobertsRaumer sogleich auf die FelsenHöhen begeben und
unsern dahin abgefertigten Boten die Nachricht entgegen gebracht hatten dass
auf dem hohen Meere ein Schiff vor Ancker läge welches einmal über das andere
fein Geschütz löste Ich sprung vor Freuden in die Höhe weil mir sogleich
ahndete dass es vielleicht der aus OstIndien zurückkommende Kapitain Horn sein
werde indem sich aber Herr Wolffgang und Mons Litzberg bei uns einstelleten
nahm mir der erstere das Wort aus dem Munde und erinnerte dass es ratsam sei
unser leichtes Schiff aus der SüdBucht heraus zu langen und diesen Frembden
mit einigen Erfrischungen entgegen zu fahren wenn doch zu vermuten dass es
ChristentLeute wären die von unsern hiesigen Auffentalt einige Nachricht
hätten im Fall ja der Kapitain Horn selbst nicht gegenwärtig sei Auserdiesen
könnte auch wohl sein dass die vor Ancker liegenden in großen Nöten stäcken
und durch Abfeuerung ihrer Kanonen Hilfe riefen Der AltVater hielt Herrn
Wolffgangs Meinung vor billig und weilen der StammVater David eben zu rechter
Zeit ankam nahm derselbe ungeacht seines hohen Alters die Mühe über sich
nebst erforderlicher Mannschaft unser Schiff hervor zu führen und in aller Eil
ein und andere gute LebensMittel einzuladen Allein wenig Stunden hernach
landete ein von dem frembden Schiffe ausgeworffenes Boot an der NordSeite bei
unsern Felsen an und wir erkannten so gleich von der Höhe herab die Person des
Kapitain Horns welcher noch 3 andere Personen bei sich hatte Demnach stiegen
Herr Wolffgang Mons Litzberg Mons Kramer und ich so gleich hinnab und
empfiengen denselben auf eine solche zärtliche Art als ob er unser leiblicher
Bruder gewesen wäre
Die drei bei ihm seienden waren seine auf den Philippinischen Insuln
erkauffte Sklaven konnten aber jedoch schon ziemlich gut Holländisch sprechen
weil uns nun etliche junge Männer mit einigen Flaschen Wein weißen Brodte
gebratenen Fischen und Fleische auch allerlei Früchten beladen nachgestiegen
waren mussten ihrer 6 die 3 frembden Gäste in diejenige von der Natur wohl
zubereitete FelsenHöle führen worinnen ehemahls noch vor Entdeckung des
Landes der AltVater Albertus nebst Franz van Leuven Koncordien und Lemelie
viele Tage lang ihren Auffentalt genommen hatten und sie daselbst aufs beste
bewirten denn Mons Wolffgang wollte ohne specielle Erlaubnis des AltVaters
keinen andern Frembden als den Kapitain Horn auf die Insul führen Die drei
guten Menschen welche seit etlichen Wochen keine recht schmackhaften Speisen
vielweniger dergleichen köstliches Getränke zu sich zu nehmen Gelegenheit
gehabt waren vor Vergnügen ganz außer sich selbst also weiter um keine
anderen wichtigen Sachen bekümmert als ihres Leibes zu pflegen Mittlerweile
waren oben auf dem Lande die Schleusen zugesetzt worden und das Wasser im
FelsenGange abgelauffen weswegen wir den Kapitain Horn nachdem er etwas
Speise und Tranck zu sich genommen auch seinen Sklaven befohlen seinetalben
ohne alle Sorgen zu leben biss er wieder zurück käme hinauf führten vor
Nachts noch etliche Gebund Stroh BettDecken nebst noch mehreren LebensMitteln
vor die drei Frembden hinunter tragen ließ und den lieben Gast auf der
AlbertusBurg dem AltVater in seinem Zimmer vorstelleten
Der AltVater saß in seinem GroßVaterStuhle welchen ihm Lademann sehr
bequehm gezimmert mit Tuch beschlagen und mit WildHaaren ausgestopfft hatte
Mons Horn erstaunete recht bei seinem Eintritte einen solchen venerablen Greiss
mit dem weißen langen Barte zu sehen der eine schwartze SamtMütze und
einen langen SchlaffRock von braunen Atlas trug machte ihm aber ein solches
höffliches Kompliment als man sonsten gegen Fürsten und Herrn zu tun pflegt
indem er sich aber näherte stund der AltVater auf und empfing ihn mit einem
Kusse
Des Kapitain Horns Anrede bestund ungefähr in folgenden Worten Ehrwürdiger
AltVater Ich komme zu ihm als einem Manne den der Himmel durch seine
besondere Fügung vor andern Menschen in einen bewunderens würdigen Stand
gesetzt mit Erzeigung des schuldigen Respects und dancke gehorsamst davor dass
mir die Erlaubnis gegeben worden dieses sonderlich glückseelige Erdreich so
gar auch sein Zimmer zu betreten will aber bei dieser ersten Zusammenkunft
weiter nichts melden als dass ich ehe mein Leben wenn es möglich wäre
tausendmahl verliehren als des löblichen ewigen Nachruhms entübriget sein
wollte ein getreuester Knecht und Freund von ihm und allen dessen Angehörigen zu
sein
Des AltVaters Gegenrede lautete ungefähr also Mein Herr und Freund ich
lobe den Allerhöchsten dass er euch nach einer bei nahe dreijährigen und
unfehlbar mit vielen Gefährlichkeiten verknüpfften Reise gesund zu uns
geführet hat Herr Wolffgang und andere von meinen lieben Angehörigen haben mir
dermaßen viel von eurer sonderbaren Treu und Redlichkeit vorgesagt dass ich in
eure Person das geringste Misstrauen zu setzen eine Missetat begehen dürffte
deswegen habt ihr keine Ursach euch bei uns als einen Knecht sondern vielmehr
als einen werten HertzensFreund auszugeben wollt ihr aber mir und den
Meinigen nach Gelegenheit ein oder andere Gefälligkeit erzeigen so versichere
dagegen dass ich im Stande bin euer zeitliches Glück daferne es anders die
Göttliche Vorsicht nicht verhindert auf solchen Fuß zu setzen dass ihr vor
vielen ja etlichen 1000 andern Europäern auf diese oder jene Art sehr vergnügt
leben könnt
Es wären freilich noch ein und andere höffliche Reden gewechselt worden
allein Herr M Schmeltzers Liebste hatte die AbendMahlzeit in dem größten
Zimmer bereits auftragen lassen weswegen wir uns in Begleitung der mehresten
Ältesten der Geschlechter und einiger naturalisirten Felsenburger dahin
verfügten unsern neuangekommenen Gast best möglichst zu bewirten Herr
Wolffgang allein war nicht zu bereden sich mit zu Tische zu setzen sondern er
ließ sich ein Pferd satteln jagte damit nach der mittägigen Seite und halff
dem AltVater David alle diejenigen Sachen einschiffen welche denen vor Ancker
liegenden gleich mit anbrechenden Tage überbracht werden sollten unterrichtete
auch einen jeglichen mitfahrenden was er gegen die Frembden sprechen und wie
er sich gegen dieselben aufführen sollte
Immittelst speiseten wir andern in guten Vergnügen vermerckten aber dass
sich Mons Horn fast mehr nach einer sanften Ruhe als nach leck erhaften
Speisen und Getränke sehnete denn er hatte wirklich etliche Tage daher nicht
allein einen mittelmäßigen Sturm ausgestanden sondern war wegen wieder
Antreffung dieser Insul dergestalt besorgt gewesen dass er bereits feit etlichen
Wochen sehr wenig schlaffen und ruhen können Deswegen wurde er bald nach
aufgehobener Taffel und nachdem wir uns ingesamt eine kleine Bewegung gemacht
in meine Kammer auf ein besonders gutes Lager geführet und ermahnet ohne alle
Sorgen so lange ruhig zu schlaffen als es ihm selbst möglich wäre ich aber
bestellete ein paar geschickte Knaben zu seiner Bedienung welche ihm so bald
er aufgestanden behörig bedienen hernach zu Herr Mag Schmeltzern zum Kaffeé
führen sollten und begab mich ungeacht es fast Mitternacht war nebst Mons
Litzbergen Kramern und Lademannen auf den Weg noch der Ostlichen Höhe um auf
derselben kommenden Morgen unser Schiff bei dem vor Ancker liegenden anfahren zu
sehen Wir erreichten das WachtHaus auf der Ostlichen Höhe noch lange vor
anbrechenden Tage legten uns deswegen noch auf ein paar Stunden zur Ruhe und
schlieffen so lange biss wir durch die Donnernden Kanonen wormit so wohl unser
als das vor Ancker liegende Schiff einander begrüsseten aufgeweckt wurden Es
mochte wohl ungefähr 8 Uhr sein da sich die Unsern an das GastSchiff
anhingen weswegen wir durch überflüssige Neugierigkeit sattsam vergnügt zurück
kehreten und noch mehr ermüdet um MittagsZeit auf der AlbertsBurg wieder
eintraffen allwo Herr Wolffgang ebenfalls zurück gekommen war
Nachdem wir die MittagsMahlzeit eingenommen hatten hat sich der Kapitain
Horn von selber die Freiheit aus eine so kurtz als möglich gefassete Relation
von seiner Reise seit dem er im Novembr 1725 von uns Abschied genommen
abzustatten weilen nun alle Anwesende höchst begierig waren selbige mit
anzuhören als setzten wir uns sämtlich in bequehmliche Ordnung worauf Mons
Horn folgendergestalt zu reden anfing
Nachdem ich vor nunmehr 3 Jahren auf der Reise aus Amsterdam biss
Angesichts dieser glückseeligen Insul von meinem allerbesten und wertesten
Patrone gegenwärtigen Herrn Wolffgang sattsame Instructiones wegen meiner
künftigen Aufführung fortzusetzenden Reise und endlichen Rückkehr erhalten
auch wie ihnen allerseits wissend sein wird behörigen Abschied genommen hatte
führte mich ein nicht allzugütiger Wind bei nahe zwei Monat fort ohne das
geringste Ungemach zu empfinden endlich aber wurde uns bange da das süße
Wasser und das BrennHoltz ganz auf die Neige gekommen war und wir nicht
wussten zu welcher Seite wir uns wenden sollten etwa eine Insul anzutreffen auf
welcher dieser Mangel ersetzt und auch sonsten ein oder andere nötige
Verbesserung am Schiff vorgenommen werden könnte Ehe aber unser Wunsch erfüllt
wurde mussten wir einen entsetzlichen Sturm ausstehen welcher biss in den 11ten
Tag anhielt und uns nicht allein dergestalt abgemattet sondern auch das
Schiff ungeacht es ungemein dauerhaft gebaut war also zugerichtet hatte
dass wo sich nicht bald Land zeigte nichts gewissers als das Verschmachten und
Versincken zu vermuten war
Zwei Tage nach dem gewünschten Abschiede des Sturms traffen wir ein in
letzten Zügen liegendes Portugiesisches Schiff an dessen Gefahr wir dennoch
weit größer als die Unsrige befanden denn es saß auf einer verdeckten
Sandbanck dergestalt feste als ob es angenagelt wäre und einen FlintenSchuss
davon rageten die Masten eines andern versunckenen Schiffs aus dem Wasser
heraus Wir waren sämtlich nicht allein wegen unserer eigenen Not sondern aus
mitleidigen Triebe so gleich bereit diesen Elenden unsere Hilfe anzubieten
brachten auch des Portugiesen beste Ladung so wohl als die darauf befindliche
Menschen in unser Schiff und das Portugisische Schiff glücklich von der
Sandbanck ab worein sich aber niemand mehr wagen wollte weilen es bei dem
geringsten Ungestüme auseinander zu gehen drohte Das versunckene war ein
Englisches Schiff von welchem der Portugiese den Kapitain nebst 6 Mann die
sich noch bei zeiten ins kleinste Boot werffen können auffgenommen hatte
hingegen war den guten EngelsMännern ihr Vermögen mit versuncken
Ich und die Meinigen waren nur in diesem Stück sehr vergnügt dass wir von
dem Portugiesen frische Kost und süßes Wasser bekamen denn derselbe hatte sich
nur neulichst auf dem Kap der guten Hoffnung mit allen Bedurffnissen wohl
versorgt Nachdem uns derselbe aber angezeigt dass wir nach kurzen herum
kreuzten unfehlbar ein oder die andere kleine obschon unbewohnte Insul in
dieser Gegend antreffen müssten folgten wir seinem Rate traffen auch wirklich
nach dreien Tagen zwei derselben mit den Augen an wovon wir die nächste und
kleineste zu unserm Trost und RuhePlatze erwehleten Des Himmels ließ uns auf
derselben dasjenige antreffen was wir am allernötigsten brauchten nämlich
süß Wasser und ziemlich gutes Holtz zu ausbesserung der Schiffe außerdem
reichte uns nicht allein die See vielerlei FischArten sondern auch das Land
einige Früchte und Fleisch Werck jedoch was das letztere anbetraff nicht
sonderlich überflüssig
Wir machten uns meistenteils vor allererst über das Portugiesische sehr
zerlästerte Schiff her und brachten dasselbe nach vieler saueren Arbeit endlich
in vollkommen guten Stand hierauf wurde das Unserige vorgenommen welches mit
leichterer Mühe und in kurtzer Zeit völlig ausgebessert war
Immittelst begegneten uns auf dieser Insul zweierlei UnglücksFälle denn
beim Holtz abhauen fuhr einem von unsern Leuten ein scharff zugespjetztes Beil
vom Handgriffe ab und dem gegen über sitzenden der seine Axt auf dem
Schleiffsteine wetzte solchergestallt gerade und tieff in das lincke Auge
hinein dass er ungeacht alles angewandten Fleißes dreier WundAertzte
nämlich des unsern wie auch des Portugiesischen und Englischen zwei Tage
hernach sterben musste Er hieß Johann Tobias Fasert meines behalts von Minden
an der Weser gebürtig seiner Profession ein Becker sonsten ein feiner
arbeitsamer und behertzter Mensch von etwa 26 Jahren
Das andere Unglück begab sich folgender gestallt zwei Portugiesen 2 von
meinen Leuten und ein Engelländer streifften eines Tages etwas weit in die
Insul hinnein und brachten gegen Abend zwei junge Stücken Wild 6 geschossene
Vogel die an Größe den Amseln gleichten und dann einen ziemlichen Sack voll
delicater Wurtzeln von welchen man ein überaus wohlschmeckendes Gemüse kochen
konnte Sie gaben alles Preis behielten auch nur etwas weniges von Wurtzeln
nebst den 6 Vogeln und bereiteten daraus vor sich eine besondere
AbendMahlzeit gingen auch alle 5 in eine besondere Hütte um vor ihre
gehabte Mühe sich etwas a partes zu gute zu tun Indem sie nun ihr zubereitetes
Gemüse nebst den gebratenen Vogeln angerichtet haben geht von ungefähr der
sehr betrübte Englische Kapitain Wodlei vorbei weswegen sein LandsMann zu den
übrigen Kompagnons spricht Seht meine Herrn wie betrübt mein Kapitain daher
spatzieret wollte der Himmel er hätte nicht mehr verloren als ich so würde ihm
das versunckene Schiff lange nicht mehr im Kopffe herum schiffen aber wenn es
euch nicht zuwieder so will ich ihn auf den 6ten gebratenen Vogel zu Gaste
bitten denn wir behalten dennoch der Mann noch einen Vogel
Meine Leute lassen sich dieses so wohl als die Portugiesen gefallen
deswegen wird der Kapitain Wodlei der doch sonsten bei mir speisete zu Gaste
gebeten und weil er ein sehr liebreicher Mann war schlägt er solches nicht
ab sondern isset so wohl etwas von dem Gemüse als den ihm zugeteilten Vogel
mit gutem Appetite so wohl als die andern welche noch selbigen Abend lustig
und guter dinge waren und an keine Kranckheit gedachten Allein folgenden
Morgen wurden meine zwei Deutschen der Engelländer und ein Portugiese auf ihrem
Lager tot gefunden der Kapitain VVodlay aber und der andere Portugiese waren
erbärmlich dicke geschwollen und konnten kaum ein Glied am ganzen Leibe regen
Dass unser allerseitiges Schrecken über diese Begebenheit nicht geringe
gewesen sein müsse ist leicht zu erachten jedoch da unsere SchiffsBarbiers
herzu kamen und die Meinung bestärckten dass so wohl die Verstorbenen als die
noch etwas lebenden Patienten ein starckes Gift genossen haben müssten wurden
alle möglichen Mittel vorgekehret die letztern von dem augenscheinlichen Tode
zu retten welche denn auch so gut anschlugen dass so wohl der Kapitain als der
Portugiese binnen 14 Tagen gänzlich außer Gefahr gesetzt wurden Die
Verstorbenen begruben wir jeden in ein besonderes Grab doch nahe beisammen
unter einem sehr dicken ohnfern vom Ufer stehenden Baum ich aber bejammerte
sonderlich meine zwei wackeren Leute deren einer ein verunglückter Handelsmann
aus dem Lüneburgischen war Nahmens Georg Ulrich Vorberg seines Alters 52
Jahr der andere ein Fleischhauer aus dem Anhältischen Nahmens Johann Martin
Stahlkopff von 29 Jahren
Es entstund unter uns viel Disputirens woran sich eigentlich diese Personen
die Kranckheit und den Tot gegessen hätten denn die meisten von uns hatten so
wohl als jene von den WurtzelGemüse obschon keine Vogel gespeiseit als auf
welche letztern niemand einigen Verdacht legte sondern vielmehr vermeinte es
müsse etwas sehr gifftiges in ihren GemüseTopff oder in die AnrichteSchüssel
gefallen sein allein der Kapitain Wodlei halff uns aus dem Traume denn
derselbe hatte beobachtet dass die 4 Verstorbenen die Magens und das meiste
vom Eingeweide ihrer gebratenen Vogel mit gespeist welches er und der eine
Portugiese zu allem Glück unterlassen hatten Zu noch stärckern Beweisstume aber
dienete des Kapitain Wodlei Hund welcher nicht das geringste vom Gemüse
jedoch die zwei hinweg geworffenen Eingeweide nebst den Knochen der Vogel
gefressen hatte und noch in selbiger Nacht gestorben war
Ich habe etliche Tage hernach in Gesellschaft unseres Chirurgi selbst 8
Stück von eben dergleichen Art Vogeln geschossen dieser secirte derselben 3
und fand in ihren Mägen eine gewisse Sorte grünlicher Beeren nebst einem dicken
sehr scharffen Saffte welcher so gleich sein IncisionMesser blau anlaufend
machte und zwar so dass es nicht wieder blanck zu machen war Mich daureten
unsere 4 getreuen bei uns befindlichen Hunde sonst hätte ich so fort ein paar
Bogel braten und die Probe machen lassen allein der Chirurgus Mons Brachmann
war dennoch so neugierig und schalckhaft gewesen ein paar zu braten und
dieselben unvermerckt eines Portugiesen Hunde vorzuwerffen welcher dieselben
begierig gefressen hatte und noch vor Abends verreckt war
Nachdem aber so wohl das Portugiesische als unser eigenes Schiff völlig
Seegelfertig gemacht war nahmen wir auf inständiges Anhalten des Engelländers
unsern Weg zurücke nach dessen versunckenen Schiffe denn er hatte sich mit
dreien bei mir befindlichen Täuchern beredet und nicht allein ihnen sondern
uns allen ansehnliche Geschenke versprochen wenn ihm die besten Sachen aus
seinen so tieff unter Wasser stehenden Schiffe herauff geholet würden Der
Portugiese sah solches ungern allein weilen er mir und den Meinigen selbst
vielen Danck schuldig war konnte er sich nicht wohl entbrechen meine Zuredungen
statt finden zu lassen und dem ganz verarmten Engelländer eine der
allergrößten Hilfe mit zu leisten Wir funden aber das versunckene Schiff in
weniger Zeit glücklich wieder unsere 3 Taucher machten sich und ihre Gehäuse
vermittelst deren sie von uns wollten in die Tieffe hinnab gelassen werden
alsobald fertig und traten dergleichen gefährliche Fart wechselsweise binnen
5 Tagen so oft an biss sie des Engelländers beste Sachen nach und nach in die
hinnab gelassenen Haaken eingehängt hatten welche so dann von uns hinnauff
gewunden und ihm zugestellet wurden Er hätte vermutlich nicht ungern gesehen
wenn wir nicht nur noch 5 Tage sondern so lange gearbeitet hätten biss nicht
das geringste von guten Waren mehr in seinem Schiffe geblieben wäre allein
weilen er selbst gestunde dass die größten Schätze und Kostbarkeiten nunmehr
auffgefischt wurden meine Leute des gefährlichen Handels überdrüssig also
fuhren wir nachdem er dem Portugiesen ein reichliches Geschenke an baaren
Gelde vor die erste Aufnahme gegeben und sich nebst seinen Sachen bei mir
eingeschifft hatte von dannen und setzten unsere fernere Reise nach OstIndien
fort
Ich will alle Weitläufftigkeiten vermeiden sonsten müsste mein TageBuch zur
Hand nehmen wenn alle Kleinigkeiten bemerckt werden sollten da nun aber wohl
weiß dass solche den allermeisten Zuhörern verdrießlich zu fallen pflegen so
will berichten dass wir ohne fernere allzugefährliche Beunruhigung wohl vergnügt
bei der Insul Java anlangeten Der Portugiese blieb ich weiß nicht ob
vielleicht aus besonderen Ursachen eine ziemliche Weite zurücke ich aber ließ
mich von dem treuhertzigen Engelländer bereden in dem Bantamischen Haafen
einzufahren und daselbst mein Gewerbe zu treiben welches mich auch nicht
gereuet hat denn meine Leute so wohl als ich selbst zogen an diesem Orte
einen ungemeinen Profit
Hergegen war der gute Kapitain Wodlei desto unglücklicher inmassen seine
gemachten Anschläge sich allhier wieder in guten Stand zu setzen das
gewünschte Ziel nicht erreichten Denn seine übrig gebliebenen 5 Gefährten
spieleten ihm gar garstige Streiche und brachten den ehrlichen Mann um sehr
viel Vermögen deswegen ob er schon noch eine ziemliche GeldSumme vor sich
hätte wollte er dennoch mit selbiger keinen andern Hazard wagen als sich mit
mir in Kompagnie einzulassen und meiner Redlichkeit anzuvertrauen
Mir und den Meinigen war dieses ein gefundener Handel denn er besaß im
Seefahren und Handelen eine weit stärckere Erfahrung und Wissenschaft als wir
alle mit einander, deswegen nahmen wir ihn seinen Feinden und Verfolgern zum
Possen uns aber zum Vorteil mit Freuden auff und fuhren mit ihm ohne viel
Wesens zu machen von dannen nach der großen Insul Borneo zu
Daselbst ließ es sich vor mich und die Meinigen zu einer sehr profitablen
Handlung an denn diejenigen Waren welche mir Herr Wolffgang in Kommission
anvertraut und auch dasjenige was ich so wohl als viele andere vor mich
selbst mit genommen hatte fand überall Liebhaber genung da aber der Kapitain
Wodlei merkte dass ich gegen Gold und Specereien sonderlich aber gegen
ungemein schöne Diamanten allzuviel lossschlagen wollte sprach er in geheim zu
mir Mein Freund übereilet euch nicht mit Vestechung eurer Waren vor welche
ihr anderer Orten weit mehr Gold die Specereien aber fast umsonst bekommen
könnt was aber die Diamanten anbelanget so kauffet die schönsten auf denn in
ganz Ost und WestIndien werdet ihr dergleichen nicht leicht feiner und
wohlfeiler finden eure Leute aber lasset von ihren Gütern immerhin verhandeln
so viel als sie wollen denn auf solche Art wird euer Schiff lediger und desto
bequemer andere nützliche Waren vor euch selbst einzunehmen
Ich vor meine Person konnte mir fast nicht einbilden irgendswo eine
vorteilhaftere Handelschaft anzutreffen als allhier allein da der ehrliche
Kapitain Wodlei sein ganzes Hertze gegen mich ausschüttete und sich sehr
obligirte uns auf einige kleine Insuln in der Gegend der Philippinischen zu
führen allwo wir Gold und Specereien zur gnüge antreffen würden folgte ich
nicht allein dem guten Rate sondern überließ mich seiner guten Vorsorge fast
gänzlich
Meine Gefährten die etwas zu verhandeln hatten aber wie dem Herrn
Wolffgang bekandt ist mehrenteils junge unerfahrne Kauffleute waren schlugen
gewaltig los weil sie die Messe zu versäumen vermeinten anbei sich
einbildeten ich würde mich eben nicht allzulange in OstIndien auffhalten
sondern meine Waren an einem gewissen Orte auf einmal lossschlagen und
verstechen hernach wiederum auf den eiligen Rückweg dencken Allein es war
gefehlt und meine Versicherungen die ich ihnen aus auffrichtigen Gemüte tat
halffen nichts
Nachdem ich mich aber ihnen zu gefallen lange genug daselbst auffgehalten
das Schiff auch mit allen Bedürffnissen wohl versehen hatte fuhren wir endlich
SudOstwerts außerhalb der langen Reihe kleiner mehrenteils unbewohnter
Insuln um Borneo herum immer gerades Wegs auf die Philippinischen Insuln los
wurden aber bald hernach durch Sturm an die Macassarischen Küsten verschlagen
Nicht so wohl die Not als der Vorwitz trieb uns daselbst auszusteigen
zumahlen da der Kapitain Wodlei berichtete dass die Holländer dieser Orten
mehrenteils den Meister spieleten und nicht allein die Hauptstadt in Besitz
sondern auch andere Vestungen darauf hätten Meine doppelten Bässe die mir so
wohl den Respekt eines freien Kauffmanns als Holländischen SchiffKapitains zu
wege brachten kamen uns daselbst nicht wenig zu statten meine Leute handelten
und wucherten aber nicht anders als Juden und weil die Wollüstigen etwas
erworben hatten gerieten sie in ein liederliches und schändliches Leben
welches verursachte dass sich ihre Zahl unglücklicher weise um 5 Mann
verringerte und zwar solchergestallt Es befanden sich auf diesem Lande in
Wahrheit sehr viele vor andern Indianeriñen wohlgebildete WeibsPersonen
welche sonderlich die Europäer der weißen Haut wegen wohl leiden können Ob
nun schon dieselben von ihren Eltern Befreundten und Männern ziemlich gehütet
werden so wissen sie doch so gut als unser Europäisches Frauenzimmer
leichtlich heimliche Zusammenkünfte anzustellen zumahlen wenn sich die weißen
MannsPersonen fein freigebig gegen dieselben anstellen Nun hatte sich einer
von meinen Leuten nämlich Jonas Branckel ein junger liederlicher Kauffmanns
Sohn aus Rotterdam der sein väterliches Erbteil biss auf etliche 100 Tlr
vertan und dieserwegen die Reise nach Ost Indien angetreten in eine junge
EheFrau sterblich verliebt auch bereits verschiedene mahl Gelegenheit gefunden
selbige nach seinem Wunsche zu bedienen Dieses merckt ein daselbst in Besatzung
liegender Holländischer Soldat der unfehlbar vorher ebenfalls mit dieser
EheFrauen in schändlicher Bekanntschaft mag gelebt haben steckt es deswegen
ihrem EheManne welcher sogleich auf Rache bedacht ist und noch selbigen Tages
einen Meuchelmörder erkaufft um den frembden Liebhaber seiner Frauen
hinzurichten
Jonas Branckel wurde folgendes Tages durch eines unbekandten Zuschrifft
gewarnet sich bei zeiten aus dem Staube zu machen oder wenigstens seine
Maitresse zu qvittiren allein er lachte darzu und machte aus der ganzen Sache
einen Spaass etwa zwei oder 3 Tage hernach aber da er nebst 4 seiner
Kameraden aus einem SchenckHause geht und sich ungeacht es kaum Mittag war
schon ziemlich berauscht hatte kommt plötzlich ein toller Maccassarischer Bube
aus einem andern Hause gesprungen und indem er etliche mahl Moka Moka
schreiet läufft er hurtig auf Branckeln zu und legt denselben mit einem
einzigen DolchStiche zu Boden Branckels Kameraden ziehen zwar vom Leder und
wollen ihres ZechBruders Tot rächen stechen auch gewaltig auf den Macasser
los der aber weil er nicht nur unter den Kleidern geharnischt sondern auch
durch einen bei ihnen gebräuchlichen starken Tranck zur außerordentlichen
Tollkühnheit gerejetzt ist sich nicht das geringste darum bekümmert sondern
seine 4 Gegner mit dem großen SeitenGewehre dergestallt zurichtet dass sie
noch vor Anbruch des andern Tages so wohl als Jonas Branckel ihren Geist
auffgeben mussten Denn es ist zu merken dass diejenigen Macasser oder Celebes
welche auf das MokaSchreien oder deutlicher zu sagen Mord und Todtschlagen
ausgehen ihre Dolche Schwerdter und Pfeile dergestallt vergifften dass ein
damit Verwundeter nicht leicht beim Leben bleibt wenn ihm nicht mit dem Saffte
aus den Blättern eines gewissen Baumes bei zeiten Hilfe getan wird Wir
brauchten zwar durch Vorschub etlicher redlicher Leute dieses Mittel auch
allein die Wunden waren entweder zu groß oder die Artzenei war bereits zu spät
angekommen
Am allermerckwürdigsten kam mir dieses bei der ganzen Sache vor dass Jonas
Branckeln wie er uns allen wenige Monate vorher erzählt hatte durch einen
NativitätSteller war Propheceiet worden Er würde in Rotterdam erstochen
werden um nun so wohl diesen Propheten zum Lügner zu machen als auch aus
einiger Furcht vor seinen vielen Feinden hatte er seine GeburtsStadt
Rotterdam verlassen und einen großen Schwur getan selbige gutwillig
nimmermehr wieder zu betreten allein der elende Mensch konnte seinem
Verhängnisse solchergestallt so wenig entgehen als den NativitätSteller auf
das mahl zum Lügner machen denn diese Vestung auf der Insul Celebes in welcher
er erstochen wurde führte ebenfalls den Nahmen Rotterdamm
Es wird leichtlich zu glauben sein dass mir diese klägliche Begebenheit
viele Versäumnis Mühe und Sorgen zugezogen habe zumalen da mich alle meine
übrigen Leute forciren wollten durchaus ohne Satisfaction nicht von dannen zu
weichen Allein es war nichts zu tun denn den Täter wollte oder konnte niemand
finden dannenhero gaben mir einige daselbst einquartirte redliche Holländer den
Rat ich sollte um mein Leben selbst nicht in Gefahr zu setzen in GOTTES
Nahmen fort reisen denn die Macasser wären eingefleischte Teufel und sehr
schwer zur Raison zu bringen also kauffte ich den Holländern noch 4 Sklaven
vor eine ziemliche starke Summe Geldes ab und seegelte weit verdrießlicher als
vormahls auf die Philippinischen Insuln zu
Wir waren noch nicht zwei Nacht unter Seegel gewesen als mir durch das
verdammte Laster der Geilheit eine neue Verdriesslichkeit zugezogen wurde Denn
Lorentz Wellingson ein Schwede und Gürgen Frisch ein Hollsteiner hatten vor
sich allein jedoch mit meiner Erlaubnis einen jungen 18 jährigen Sklaven
gekaufft und wo mir recht ist 60 oder 80 Ducaten davor gegeben Sie warteten
und pflegten denselben aufs allerbeste um wie sie vorgaben einen rechten Kerl
aus ihm zu ziehen denn der Pursche sah sehr wohl aus von Gesichte und zeigte
allen Anzeigungen nach einen sehr gelehrigen Kopf auch ganz geschickte
Hände Endlich kam ich hinter ihre SchelmStreiche und merkte dass sie mich
betrogen hatten denn es war keine Manns sondern eine WeibsPerson welche sie
beide vor sich zur gemeinschaftlichen Unzucht halten wollen jedoch sich biss
dato noch nicht vereinigen können eines teils aus Eiffersucht andern teils
weil das Mädgen wieder alles Vermuten ihre jungfräuliche Keuschheit ganz
sonderlich bewahret hatte Ich ließ beide Buhler so wohl des mir gespielten
Betruges als des vorgehabten ärgerlichen Lebens wegen in Ketten und Banden
legen lass ihnen dabei das Kapitel ziemlicher maßen und bedrohete sie mit
einer behörigen Strafe wodurch denn heraus kam dass ein jeder dieselbe ihrer
sonderbaren Keuschheit wegen zur ehelichen Frau haben und dem andern die
vorgeschossene Helffte des Geldes wieder erstatten auch wegen der ehelichen
Verbindung und Beischlaffs so lange Geduld haben wollte biss das Mensch getaufft
und zum christl Glauben bekehret wäre Ein jeder war bereit dem andern das Geld
auszuzahlen keiner aber wollte dem andern die Braut überlassen Ich fragte das
Mensch welche ziemlich gut Holländisch verstehen aber annoch sehr schlecht
reden konnte ob sie lieber den 43 jährigen Schweden oder den 31 jährigen
Hollsteiner zum EhManne verlangte allein sie bezeugte zu dem einen so wenig
Lust als zum andern sondern bat ich möchte ihr darzu behülfflich sein dass sie
eine Jungfrau biss in ihr zwantzigstes Jahr bleiben dürffte Auf die Frage aber
warum eben biss in ihr zwantzigstes Jahr wollte sie durchaus keine richtige
Antwort geben Der Kapitain Wodlei Adam Gorqves mein Lieutenant und alle
andere verwunderten sich ungemein über dieses Mägdleins scheinbare Tugend ich
aber wollte selbiger eher keinen Glauben beimessen biss sie eine stärckere Probe
ausgestanden hätte legte es also mit Wodlei Gorqves und etlichen andern ab
dass sie sich in meiner Kammer heimlich verbergen mussten um alles mit anzusehen
und anzuhören was ich vorzunehmen willens war
Demnach ließ ich gegen Abend die Talli denn so war ihr Nahme in meine
Kammer ruffen und indem ich auf meinem Bette saß sie aber neben mich zu
sitzen halb gezwungen hatte fing ich dem Scheine nach aufs allerverliebteste
mit derselben zu sprechen an praesentirte ihr sehr vielerlei Sorten von den
besten Konfituren und Früchten nebst Wein und andern starken Getränke allein
sie genoss alles dergestallt mäßig dass sich darüber zu verwundern war und meine
verliebten Reden wurden mit lauter kaltsinnigen aber doch sehr höflichen
GegenGesprächen erwidert Nach und nach stellte ich mich etwas dreuster
zeigte ihr vortreffliche kostbare Zeuge zu Kleidungen nebst allerhand
GoldStücken und Edelsteinen mit dem Versprechen ihr selbiges alles zu
verehren wenn sie sich entschließen wollte mir die Haupt ihrer GegenLiebe
zuzustehen aber sie blieb hierbei ganz unbeweglich weswegen ich mich endlich
anstellete als ob ich das gesuchte Vergnügen mit Gewalt finden wollte Allein
die keusche Seele fiel zu meinen Füßen nieder umfassete meine Knie und bat
mich unter Vergiessung häuffiger Tränen ihrer Keuscheit vielmehr ein
Beschützer als Verfolger zu sein Diese seltsame und von einer Heidin niemals
vermutete tugendhafte Aufführung ging mir dergestallt zu Hertzen dass ich
mich nicht länger halten konnte sondern ihr das ganze Geheimnis eröffnete auch
die versteckten Zeugen ihrer besonderen Keuschheit herbei rieff Die Sachen
wurden nachher dahin verglichen dass Wellingson und Frisch mit einander um die
Braut loosen der Gewinner aber dieselbe nicht eher als nach Verlauff zweier
Jahre heiraten sollte binnen welcher Zeit sie nicht allein den christl
Glauben sondern auch nachher den ihr vom Glück zugeteilten EheMann
anzunehmen selbst versprach
Solchergestallt wurden die beiden Arrestirten ohne weitere Strafe wieder
auf freien Fuß gestellt und ließ sich den Vorschlag des Loosens endlich
auch in so weit gefallen dass der Gewinner nicht allein die Braut behalten
sondern auch nicht schuldig sein sollte dem andern das geringste vom KauffGelde
heraus zu geben sondern selbiges als eine MorgenGabe zu behalten
Das Glücke wendete sich im Loosen auf des Holsteiner Frischens Seite wir
wünschten ihm allerseits Glück darzu Wellingson aber suchte seine Bekümmernis
aufs möglichste zu verbergen denn er mochte die Indianerin welche ungeacht
ihrer bräunlichen Farbe von nicht gemeiner artigen GesichtsBildung war recht
heftig lieben Immittelst war auf allen Seiten guter Friede wir wendeten auch
ingesammt großen Fleiß an unsere Talli nicht allein in der Holländischen
Sprache sondern auch in der Kocherei und Wirtschaft hauptsächlich aber im
Christentume nach besten Vermögen zu unterrichten welches alles sie mit
leichter Mühe und großen Vergnügen erlernete Allein der Satan war geschäfftig
ihrentwegen ein neues MordSpiel anzustifften denn als wir nach etlichen Wochen
auf einer kleinen Insul ausgestiegen waren um etwas Holtz nebst frischen Wasser
einzunehmen vornehmlich aber frisches Wildpret und Vögel zu schießen die
Talli aber eines Tages etwas tieff ins Gesträuche geht um allerhand
schmackhafte KochSpeise einzusammlen schleicht ihr Lorentz Wellingson so
lange nach biss sich dieselbe an einem beqvemen Orte seinen Mutwillen an ihr
auszuüben befindet Er trägt ihr seine Leidenschaft mit freundlichen Worten
Gebärden und Anerbietung etlicher GoldStücke vor da sie aber von nichts hören
will sondern seine schandbaren Forderungen mit sehr harten Worten bestrafft
wird er endlich desperat und will alle seine Kräffte anwenden das gute Mädgen
mit Gewalt zu notzüchtigen Talli hingegen wehret sich tapffer und versetzt
ihm mit einem leichten GrabStichel einen kräfftigen Stoß ins Angesichte wovon
er ganz betäubt wird sie aber Zeit bekommt sich gänzlich von ihm los zu
reißen und fort zu laufen Zu allem Unglück kommt ihr sogleich ihr Bräutigam
frisch entgegen dem sie das leichtfertige Vorhaben erzählt und ihn
dergestallt zum Zorne reitzet dass er so gleich den Wellingson auffsucht und mit
ihm anbinden will allein dieser Bösewicht läst den armen Frisch nicht einmal
ganz an sich kommen sondern wirfft ihm sein in Händen habendes scharff
gespitzt und geschliffenes Beil dergestallt tieff in den Leib hinnein dass
sogleich das Eingeweide durch die hesslich große Öffnung heraus dringet
Wir hatten nicht so bald Nachricht von diesem abermahligen Unglück
empfangen als wir den tötlich Verwundeten auf einer TrageBaare in die Hütten
trugen vermeinten anbei Wellingson würde nicht wieder zum Vorscheine kommen
sondern sich vielleicht des bösen Gewissens wegen in der Wildnis verbergen
allein er kam noch ehe es Abend wurde und stellte sich mit ergrimmten Gebärden
an als ob er noch Recht überlei hätte ich ließ ihn aber sogleich fest machen
und biss auf ferneren Bescheid krum zusammen schließen
Frisch starb dritten Tages nach empfangener Wunde recht erbärmlich und so
zu sagen mit gesunden und frischen Hertzen nachdem wir ihn aber mit großen
Leidwesen begraben hatten traten wir die fernere Reise an und erreichten
endlich nach vielen ausgestandenen Widerwärtigkeiten von Wind und Wetter die
große Philippinische Insul Mindanao
Indem nun der Kapitain Wodlei allhier bereits Bescheid wusste fuhren wir biss
an den Ort allwo wir einen mittelmäßigen Fluss aus der Insul in die See fallen
sahen warffen daselbst etwa auf anderthalb Meilwegs von der Küste die Ancker
aus steckten große neue Englische Flaggen auf und gaben den Mindanaern unsere
Anwesenheit durch 6 KanonenSchüsse zu verstehen Es wurde uns von der Insul
mit dreien geantwortet bald aber kam ein kleines Fahrzeug an worauff sich ein
OberOffizier nebst 4 Mindanaischen Soldaten und einem Dollmetscher der ein
Engelländer war befanden Kapitain Wodlei kante den letztern seit etlichen
Jahren her weswegen sie einander mit höfflichen Worten herzlich
bewillkommeten Er nötigte nicht allein diesen seinen LandsMann sondern auch
den Offizier nebst seinen Leuten zu uns an Boord zu kommen allein die letztern
entschuldigten sich damit dass ihnen solches bei ihrem Sultan Verantwortung
bringen möchte dem Engelländer aber wurde das Herauff steigen erlaubt mit
welchen sich Wodlei in ein ernstliches Gespräch einließ da inzwischen ich und
einige der Meinigen den Offizier nebst seiner Mannschaft mit Wein und Konfect
tractirten und einen jeglichen reichlich beschenckten
Mittlerweile ruffte mich VVodlei auf die Seite und sagte Mein Freund jetzo
ist es Zeit davon dass wir einige Kostbarkeiten in die Schantze schlagen und
den Sultan in Mindanao nebst seiner Familie sonderlich auch seinen GroßVetzir
der sein naher Vetter ist ansehnliche Geschenke schicken denn ich versichere
dass wir hundertfältigen Nutzen davon ziehen können
Ich ließ mir solches gefallen suchte deswegen aus meinen besten Sachen
hervor erstlich eine güldene HalsKette an welchen VVodlei eine 12 Ducaten
schwere güldene Medaille befestigte auf welcher das BrustBild Sr Königl Maj
in Engelland Georg des Ersten abgedruckt war Zum andern eine kostbare Flinte
mit zwei Schlössern und Läufften 12 Elen VioletSamt und 24 Elen güldene
Spitzen ein Fässlein KanariSect nebst einer kleinen Rolle KanasterToback und
vielerlei Arten Europäischer Konfituren Kapitain VVodlei legte nicht weniger
kostbare Sachen bei vor des Sultans vornehmste Gemahlin und deren 5 Kinder
welches 3 Printzessinnen und 2 Printzen waren ingleichen vor den GroßVetzier
und dieses alles musste Adam Gorqves welcher sehr gut Spanisch und Englisch
reden konnte nebst noch einem andern Engelländer von des Kapitains VVodlei
überbliebenen Leuten auf einem besonderen kleinen Fahrzeuge in Begleitung des
Offiziers überbringen wir aber schossen wacker mit denen Kanonen hinter ihnen
her
Unsere Abgesandten waren nicht allein ungemein wohl empfangen und nebst den
Geschencken angenommen worden sondern der GroßVetzier kam gleich darauf
folgenden Tages ganz früh zu uns an Boort und brachte ein GegenGeschenke
dieses bestund in zwei PüffelOchsen zwei jungen Kühen 6 Ziegen 3 Körben
schön Mehl 15 großen Brodten 6 Körben mit allerlei KochSpeisen und
Früchten 6 Körben mit Reiss und in etliche 60 Krügen eines wohlschmeckenden
kostbarn Geträncks Anbei brachte er uns die Erlaubnis mit unser Schiff den
Strohm hinauff ziehen zu lassen und unser Gewerbe nach allen eigenen
Gutbedüncken zu treiben
Der Kapitain VVodlei gab sich hierauf dem GroßVetzier zu erkennen wie er
nämlich bereits vor 12 Jahren mit dessen Vater ja ihm den GroßVetzier
selbst als einen damaligen Jüngling von etwa 14 biss 16 Jahren sehr wohl
bekandt gewesen welches dem letztern als er sich der Wahrheit an ein und
andern Merckmahlen erinnerte eine außerordentliche Freude erweckte Er ließ
demnach nicht ab zu bitten sich aufs baldigste mit ihm zum Sultan zu begeben
als welches des itzigen GroßVetziers VatersBrudersSohn war und ich sah
nicht ungern dass ihm VVodlei dahin folgte Mittlerweile aber war ich nebst den
Meinigen beschäfftiget unser Schiff an einen solchen Ort zu bringen wo es vor
den Sturm Winden und den Würmern welche sich um dasige Gegend sonderlich
auffhalten und binnen weniger Zeit einen SchiffsBoden gänzlich durchzufressen
vermögend sind in sicherer Verwahrung liegen konnte
Am zweiten Tage kam der Kapitain VVodlei wieder zurück und führte uns
sämtlich in die Residentz des Sultans biss auf einige Mannschaft welche zur
Besatzung und Verwahrung des Schiffs und unserer Sachen zurück bleiben mussten
Ich würde aber länger als zwei biss drei Tage Zeit haben müssen sagte
hierbei der Kapitain Horn wenn ich der Länge nach alles erzählen wollte wie uns
allhier von den Mindanäern und etlichen daselbst gegenwärtigen Engel und
Holländern begegnet worden denn es hatten sich verschiedene welche des herum
schweiffens überdrüssig gewesen daselbst fest gesetzt Weiber genommen und
Kinder gezeuget wie sie denn auch zwei Englische Priester bei sich und ein
besonderes Haus zu Haltung des GottesDienstes erbauet hatten jedoch fanden
sich viele unverheiratete MannesPersonen unter ihnen welche mit dem dasigen
Zustande nicht allerdings zu frieden waren Immittelst ging unsere Handlung
daselbst sehr profitabel von statten das meiste was wir eintauschten bestund
in lautern Golde Wachs trefflichen Toback NägelRinde und andern Specereien
Nachdem wir uns aber eine ganz neue Barque gebaut fuhren wir mit diesem
Leichten Schiffe auf andere umliegende Insuln und zogen aus selbigen einen
ungemeinen Nutzen indem wir die Näglein und MuscatenNüsse außer dem ohne
dieses wohlfeilen Preise halb umsonst bekamen anbei alle Gelegenheit flohen
unsern LandsLeuten den Holländern welche sich auf die Moluccischen Insuln
feste gesetzt vor die Augen zu kommen
Indem aber ich und die arbeitsamsten von meinen Leuten unter Anführung des
Kapitains Wodlei allen möglichsten Fleiß und Mühe anwendeten die völlige Ladung
auf das Schiff und die Barque zu schaffen musste AdamGorques nebst einer
hinlänglichen Mannschaft auf Mindanao in unserer Niederlage als OberAufseher
zurück bleiben Allein da wir einsmahls nach 4 Monatlicher Abwesenheit wieder
zurück kamen fand sich alles in sehr verwirreten Zustande denn Adam Gorques
war so wohl als seine Untergebenen in ein sehr liederliches Leben geraten
hatte nicht allein sein ganzes Vermögen durchgebracht sondern nebst seinen
übrigen liederlichen Gesellen von unsern Gütern und Sachen genommen verkaufft
oder verschenkt was ihnen beliebt hatte Dieserwegen erhub sich ein starcker
Streit unter uns und wenn ich so hitzig als Gorques und sein Anhang gewesen
wäre dürffte es leichtlich zu einem blutigen Gefechte unter uns selbst gekommen
sein Allein weil der Kapitain Wodlei merkte dass sich Adam Gorques einen
starken Anhang unter den Mindanäern gemacht und ein ganz besonderes Vorhaben
aus zuführen willens hatte stifftete er einen Vergleich unter uns allen so dass
wir denen Rebellen annoch etwas Gewisses heraus gaben und zufrieden waren dass
sie sich von uns trenneten und als Leute die hinfüro beständig auf dieser Insul
zu bleiben Lust hatten ihre Hausshaltungen einzurichten anfingen
Adam Gorques war einzig und allein Schuld und Ursach an dieser Trennung
denn er hatte sich in die Tochter eines daselbst wohnenden Engelländers
verliebt mit der er sich auch bald hernach trauen ließ und unter allerhand
süßen Vorstellungen begaben sich nach und nach die allermeisten auf seine
Seite so dass aus der höchstnötigen Anzahl annoch getreuer SchiffKnechte
letztlich nicht mehr als 8 Personen und der Kapitain Wodlei mit seinen
Engelländern auf meiner Seite blieben und mit mir zurück gehen wollten Dieses
ging mir sehr verdrießlich im Kopffe herum jedoch der Kapitain Wodlei sprach
mich zufrieden und gab den Anschlag wie wir durch Geld und eine kluge List
Leute genung zur RückFart erlangen könnten Er sprach demnach etliche
missvergnügte Holl und Engelländer an welche wie ich bereits gemeldet
schlechte Lust länger auf Mindanao zu bleiben hatten und machte den Handel in
geheim mit ihnen richtig dass sie ohnbewust der Mindanäer und unserer Rebellen
heimlich mit uns abfahren sollten ich aber kauffte nicht allein hier sondern
hernach auch anderer Orten so viel Sklaven auf als zu besetzung des Schiffs und
der Barque nötig waren machte aber durch getreue Beihülffe des Kapitain Wodlei
unser Schiff mit guter Musse seegelfertig überredete so wohl den Sultan nebst
seinen Untertanen als auch unsere Abtrünnigen denen Holländer als unsern
eigenen LandsLeuten auf dieser oder jener SpecereiInsul noch etwas
abzuzwacken und so dann wieder nach Mindanao zu kommen fuhren also mit
ziemlichen Vergnügen von dannen des Willens so bald nicht wieder daselbst zu
erscheinen
Nunmehr erzehleten diejenigen, welche der Kapitain Wodlei von Mindanao
abspenstig gemacht hatte öffentlich dass alle daselbst zurück gebliebenen
Europæer eine Zusammenverschwerung unter sich errichtet hätten nach und nach
immer mehr Volck an sich zu ziehen Schiffe und Vestungen zu bauen in Summa
lauter solche Anstallten zu machen dass sie den Sultan von Throne stoßen nebst
seiner ganzen Familie und vornehmsten Bedienten ermorden ja in der ganzen
Stadt und Lande ein grausames MordSpiel anrichten und solchergestallt
wenigstens den größten Teil der Insul unter ihre Botmässigkeit bringen wollten
Adam Gorques aber sei das Haupt dieser Zusammenverschwornen und vermeinte König
darauf zu werden hätte aber aus keiner andern Ursache das Geheimnis gegen uns
verschwiegen als weil er entweder vermeint der Kapitain Wodlei und ich möchten
uns in diesen gefährl Handel nicht mischen oder ihm nach glücklichen
Ausschlage etwa die Ehre disputirlich machen wollen
Wir die solches zum ersten mahle hörten erstauneten über solche tollkühne
Anschläge propheceieten aber dem Adam Gorques und seinen Anhängern wenig guts
und danckten dem Himmel dass diese zusammen Verschwerung nicht bei unsern Dasein
verraten worden weil es sonsten gar leichtlich unser Leben mit kosten können
ungeacht wir unschuldig waren
Immittelst führte uns der Kapitain Wodlei einen ganz besonderen Weg nach
der Küste von NeuGuinea hin und brauchte alle Behutsamkeit die mit Holländern
oder Portugiesen besetzte Insuln zu vermeiden doch stiegen wir bald bei dieser
bald bei einer andern unbewohnten oder einer solchen Insul aus allwo Wodlei
gewiss wusste dass keine Gefahr zu befürchten war um uns mit frischen Wasser
Holtz und andern nützlichen Sachen wie vorhanden waren zu besorgen Hierauf
schlugen wir uns ganz weit nach der Küste von NeuHolland hinnüber weilen aber
einem jeden schon bekandt war dass dieses Land eines von den allerelendensten
der ganzen Welt sei betraten wir dasselbe nicht besuchten aber etliche nicht
weit davon liegende Insuln und fanden dieselben wenig besser wie denn auch die
dasigen Menschen fast den unvernünftigen Tiren gleichen Wenig Zeit hernach
überfiel uns ein erschrecklicher Sturm der die Barque worauf sich nebst den
RuderKnechten 4 Mann von meinen Europæischen Passagiers befanden von uns
hinweg geführet hat ob dieselbe untergegangen oder irgend an einem Ort in
Sicherheit gekommen ist weiß der Himmel denn ungeacht wir bei nahe 6 Wochen
auf der KocosInsul stille gelegen und unser Schiff daselbst calfatert auch
derselben viele Losungen aus den Kanonen gegeben haben so ist sie doch nachher
nicht wieder vor unsere Augen gekommen So bald wir die KocosInsul zurück
gelegt entdeckte ich dem Kapitain Wodlei als einem Manne der mir die
allerstärcksten Proben seiner Redlichkeit bei so vielfältigen Gelegenheiten
geleistet hatte mein Vorhaben wie ich nämlich nicht gesonnen sei auf das Kap
der guten Hoffnung zu sondern ferne bei demselben vorbei zu fahren und auf
einer gewissen unbenahmten Insul RastTage zu halten allwo ich ganz besondere
Freunde wüste die sich vor einigen Jahren daselbst in geheim etabiliret und
Vorrat genung hätten uns mit allen Bedürffnissen reichlich zu versorgen Er
legte seine Verwunderung dessfalls zur gnüge an Tag und ließ nicht ab biss ich
ihm nachdem er mir den Eyd der Verschwiegenheit über gewisse Puncte geleistet
so viel erzehlte als mir Hr Wolffgang selbst von dem Felsenburgischen Staat
eröffnet hat Sein Vergnügen über dergl Geschichte war unbeschreiblich und
wünschte derselbe so wohl als ich nur fein bald dieses glückseelige Land zu
erblicken welches ich ihm indessen auf meiner nach besten Vermögen selst
gezeichneten Land und SeeKarte wiese Wir brauchten hierauf unsere matemati
schen Instrumenta fast täglich um ja nicht etwa auf einen Irrweg zu geraten
und der Insul Felsenburg zu verfehlen allein es hat uns dennoch Kummer Sorge
und Geduld genung gekostet durch alle Verdrießlichkeiten die sonderlich Wind
und Wetter verursachten hindurch zu dringen biss uns endlich gestern früh bei
aufgehender Sonne die durch deren Strahlen erleuchtete Felsen Spitzen zu
unaussprechlicher Freude in die Augen fielen
Solchergestallt habe ich von allen Personen die mit uns aus Amsterdam
gefahren sind nicht mehr zurück gebracht als 6 BootsKnechte und 4 Freiwillige
nämlich den Nadler Johann George Bucht aus dem Hildesheimischen den
HutStaffier Michael Eichert von Bremen den HandelsDiener Friedrich Christian
Fleischmann aus Glaucha und den PeruquenMacher August Dietrich von Erffurt
Die übrigen so sich vor itzo bei mir befinden sind alle unterwegs eingenommen
oder als Sklaven von mir erkaufft worden unter den ersteren befindet sich nebst
9 Holländern 7 Engelländern und zweien Deutschen der Kapitain Wodlei mit seinen
5 Engelländern die letztern aber nämlich meine Sklaven deren annoch 9 an der
Zahl sind weilen auf der KacosInsul einer davon gestorben haben sich biss
anhero dermaßen wohl aufgeführet dass mich die angewandten Kosten nicht im
geringsten gereuen ungeacht sie mich über 1500 Rtl zu stehen kommen Über
diese alle habe ich auch die Talli annoch bei mir die sich ungemein fromm
keusch und redlich aufgeführet hat sie ist in allen Articuln des christl
Glaubens ziemlich wohl unterrichtet zur Zeit aber noch nicht getaufft
Von meinen eigenen und auch gemeinschaftl Waren ist mit der Barque ein
ziemlicher Teil verloren gangen und wir sind insgesamt noch nicht im Glauben
einig ob die Barque vom Wellen verschlungen oder bei Gelegenheit des Sturms
leichtfertiger weise von denen darauf befindlichen Personen entführet worden um
die darauf befindlichen Güter an einen sichern Orte unter sich zu teilen
Jedoch bekümmern ich und alle die bei mir sind uns nicht halb so viel um das
verlorne als um die armen Leute wenn sie ja verunglückt und ertruncken sein
sollten denn biss hieher haben wir sämtlich noch so viel Gut und Geld dass uns
die überstandenen Gefährlichkeiten eben nicht verdrüssen dürffen der Himmel
helffe weiter
Hiernächst habe vermutlich alles wohl ausgerichtet und eingekaufft was mir
Herr Wolffgang vor die wertgeschätzten Einwohner der Insul Felsenburg aus
OstIndien mit zu bringen befohlen hat erwarte also nur Befehl wenn und wo ich
alles aussetzen und wie mich in allem übrigen verhalten soll denn vielleicht
werden Dinge dabei sein an welche sie allerseits nicht gedacht haben und
dennoch teils zum Nutzen teils besonderen Laabsal teils aber nur zur Lust
gereichen
Hiermit endigte der Kapitain Horn den kurtz gefassten Bericht von seiner
getanen Reise mit dem Versprechen selbigen bei bequemen Gelegenheiten von
Stück zu Stück weitläufftiger zu erzählen worauf beschlossen wurde dass er
morgendes Tages zurück auf sein Schiff gehen mit selbigen um die SüdSeite der
Insul Felsenburg herum fahren und bei der andern Insul klein Felsenburg
anländen sollte unser Schiff aber wurde bestellt bei dessen Ankunft voraus zu
fahren und ihm den sichersten Weg biss in die Bucht zu zeigen allwo seine Leute
aussteigen uñ auf etliche Wochen Dableibens Hütten bauen konnten weilen ohne
dem voritzo die allerschönste JahrsZeit im völligen Anzuge war Von der Insul
GroßFelsenburg aber sollten sie wöchentlich ja fast täglich mit allen
Bedürffnissen reichlich Versorget werden Anbei wurde auch verabredet dass biss
auf ferneren Bescheid noch niemand anders mehr unsere Insul betreten solle als
der Kapitain Wodlei und die Talli
Gleich darauf folgenden Tages früh ging also der Kapitain Horn nebst seinen
3 Sklaven welche sich ungemein wohl gepflegt auch von Herrn Wolffgangen ganz
neue Kleidungen empfangen hatten zurück nach seinem Schiffe und landete ganz
zeitig bei der Insul KleinFelsenburg an Ich Eberhard Julius war nebst Mons
Lizbergen Harckerten und Lademannen mit auf unsern Schiffe unter denen die ihm
den Weg und alle nötige Anstallten zeigeten Bucht Eichert Fleischmann und
Dietrich wie auch die annoch bekandten BootsKnechte umarmeten uns herzlich
und vergossen mehrenteils Tränen vor allzugrossen Freuden wegen vergnügter
Zusammenkunft ungeacht wir noch nicht einmal völlig 3 Jahr von einander
geschieden gewesen Sie erzehleten uns ihre gehabten privat Avanturen und
suchten im gegenteil zu erforschen wie es uns gegangen auch was es eigentlich
vor eine Beschaffenheit auf der gegen überliegenden Insul wäre allein wir
sagten anfänglich nicht mehr als ihnen zu wissen dienlich war ließ
inzwischen aus unsern Schiffe die mitgebrachten Delicatessen herbei bringen und
weil der Felsenburgische Wein ihre Kähle sonderlich wohl zu statten kam
betruncken sie sich größten teils dermaßen dass sie fast nicht mehr sitzen
oder stehen konnten deswegen übergaben die Kapitains Horn und Wodlei einem
alten ansehnlichen Engelländer welcher die Stelle des OberSteuermanns
begleitete dass völlige interims Kommando und fuhren mit beiden Schiffen nach
dem eines jeden notwendigste Sachen heraus getragen waren mit Anbruch
folgendes Tages zurück nach GroßFelsenburg
Die Verwunderung des Kapitain Wodlei und der Talli welche sie beiderseits
beim Eintritt auf unsrer Insul noch mehr aber im ferneren Fortgange und
endlicher Ankunft auf der AlbertusBurg spüren ließ ist nicht wohl zu
beschreiben Die letztere konnte nicht allein vollkommen gut Holländisch sondern
fast noch besser Deutsch reden weil sie selbiges von dem Kapitain Horn und
seinen bei sich habenden Deutschen als zu welchen sie jederzeit die größte
Neigung getragen aufgefasset hatte
Man merkte eine große Blödigkeit an derselben ungeacht sie sich schon so
lange unter so vielen MannsPersonen allein befunden hatte deswegen wurde sie
von Herr Mag Schmeltzers und Mons Wolffgangs Liebste in eine besondere Kammer
geführet und daselbst auf die Felsenburgische Frauenzimmers Art von Fuß auf
neu angekleidet wodurch ihre feine GesichtsBildung und übriges gutes Ansehen
noch weit besser als vorher aus nahm
Immittelst aber der Kapitain Wodlei von dem AltVater und andern Ältesten
der Stämme aufs beste bewirtet und mit Gesprächen unterhalten wurde war der
Kapitain Horn nebst Herrn Wolffgangen und uns andern Europæern unten an der
NordSeite auf seinen Schiffe gegenwärtig um die Ausladung welche durch unsere
Leute verrichtet wurde zu befördern Es würde sehr weitläufftig fallen wenn
ich alle mit gebrachten Güter der länge nach specificieren wollte jedoch kann
nicht umhin zu melden was uns am angenehmsten in die Augen fiel als 1 4
Chinesische unvergleichlich schöne ZuchtPferde 2 4 Stücken Rind Vieh
worunter zwei trefflich große Büffel 3 8 Mindanaische Schaafe 4 2 junge
Maultiere 5 6 Chinesische Schweine 6 2 paar Pappegayen von besonderer
Art nebst verschiedenen andern raren und uns unbekandten Vögeln 7 12 stück
Indianische Hühner und Hähne 8 5 paar Turteltauben Dieses hielt ich meinen
Gedanken nach vor die vornehmsten Stücke nechst dem war etwas höchst
verwunderbarliches dass er auf einer so fernen Reise 3 BienenKörbe mit
lebendigen Bienen fortbringen können es hatte aber dem guten Kapitain Horn
nicht wenig Mühe gekostet dieselben zu erhalten wie ihm denn von 12 körben die
er eingeschifft nur diese 3 übrig geblieben die andern aber ausgestorben
waren Uns gereichten diese wegen ihres mehr als zu wohl bekandten Nutzens zum
ganz besonderen Vergnügen weilen bei des AltVaters Lebzeiten noch niemals
eine Biene auf der Insul Felsenburg gesehen worden Indem aber der Pappiermacher
Klemann eine sonderliche Wissenschaft von Verpflegung der Bienen zu haben
vorgab so wurde ihm erlaubt die drei BinenKörbe nebst einen Fässlein Honig mit
sich nach JohannisRaum abzuführen Sonsten hatte der Kapitain einen starken
Vorrat von Honig Wachs Zucker Taback Teé Koffeé MuscatenNüssen Näglein
und andern Specereien feinen Zeugen Chinesischen Porcellain und andern
Geschirre eine große Quantitæt Eisen Stäbe sehr viel gegossene Kupffer
Klumpen allerlei Sämereien worunter sonderlich Mindanaischer TabackSaamen
TeeSaamen etc etc vielerlei FruchtKernen dergleichen bei uns nicht zu
finden in Summa lauter solche Sachen die den Felsenburgern ungemein zu statten
kamen wiewohl was die GewürtzWaren it allerlei Chinesische Zeuge Tapeten
Decken und d gl anbelangte so behielt er mehr als die Helffte nach Europa mit
zu nehmen weilen der Alt Vater Herr Mag Schmeltzer und Hr Wolffgang nicht vor
ratsam hielten die Insulaner mit allzuvielen unnötigen und überflüssigen
Sachen die zumahl mit der Zeit im langen liegen verderben könnten zu
überhäuffen
Solchergestallt wurden fast 3 volle wochen mit Ausladung und
Hinaufschaffung der Sachen die in Felsenburg bleiben sollten zugebracht
nachher verlieff fast eben so viel Zeit ja wohl nochmehr biss jede Sachen an
ihren gehörigen Ort gesetzt und meistenteils unter die Familien verteilt
wurden denn es bekam ein jeder HausWirt seinen bescheidenen Teil nachdem er
viel oder wenig Kinder oder sonsten Lust und Gelegenheit hatte dieses oder
jenes zu nutzen
Ich muss aber ein wenig zurück gehen und melden dass es der 13 Sontag p
Trinit war da die Kapitains Wodlei und Horn nebst der Talli in unserer Kirche
dem öffentl Gottesdienste beiwohneten Sie bezeugten ein ungemeines Vergnügen
vornehmlich bei Hrn Mag Schmeltzers Predigt über das Evangelium von
Barmhertzigen Samariter die Talli sonderlich stellte sich dergestallt
andächtig dass jedermann glauben musste wie es ihr ein rechtschaffener Ernst sei
den christlichen Glauben anzunehmen Herr Mag Schmeltzer ließ sich nach
gehaltener NachmittagesPredigt mit derselben in ein ernsthaftes Gespräch ein
und befand in der Tat warhaftig zu sein dass sie des Kapitain Horns Bericht
nach schon einen ziemlichen Begriff von dem christlichen Glauben hätte um nun
auf diesen Grund ferner fortzu bauen nahm Herr Mag Schmeltzer selbige von dato
an täglich etliche Stunden vor die übrige Zeit aber wurde ihr von dessen und
Mons Wolffgangs Liebste der Katechismus nest verschiedenen schönen Gebetern
auswendig herzusagen gelehret so dass sie binnen 4 Wochen hinlänglich zubereitet
erfunden wurde die Heil Tauffe zu empfangen
Eines Abends da nach der Mahlzeit der AltVater vor der Burg auf dem Hügel
in der Luft saß u von vielen seinen Angehörigen umgeben war sahen wir die
Talli mit Herr Mag Schmeltzers Liebste von ChristiansRaum her spazirt kommen
weil sie daselbst die Frau VVolffgangin besucht hatten weswegen der AltVater
den neben ihm sitzenden Kapitain bei einer Pfeiffe Toback also anredete mein
Herr nehmt doch meine Neugierigkeit nicht übel auf wenn ich frage was ihr
doch eigentlich in zukunft mit und aus eurer Sklavin der Talli zu machen
willens seid Kapitain Horn gab hierauf geschwind zur Antwort wenn mein Herr
erlauben wollte dass die Talli ihre Lebenszeit auf dieser glückseligen Insul
zubringen dürffte so wäre ich gesonnen diese mir zugefallene Sklavin und das
an ihrer Person habende Recht an des Herrn Mag Schmeltzers Liebste abzutreten
weilen vermercke dass die Frau Magisterin selbige wohl leiden mag und mir
deucht sie sollte sich in kurtzer Zeit bald darein finden lernen eine gute
Köchin abzugeben ob sie nunmehr aber etwa Lust zu heiraten bekommen hat kann
ich nicht sagen weilen in langer Zeit von dieser Materie nichts mit ihr
gesprochen habe
Der AltVater wurde über diese Antwort sehr erfreut und versprach nicht
allein die Talli von Hertzen gern auf der Insul zu dulden sondern das an die
Frau Magisterin getane geschencke aus seiner SchatzKammer zu recompensiren
So bald nun beide auf dem Hügel anlangeten und sich bei uns niederliessen
sagte der Kapitain Horn höre meine gute Talli mache dich fertig denn wir
werden in wenig Tagen wieder zu Schiffe gehen Talli verbarg zwar ihr Betrübnis
wegen dieses plötzlichen Befehls sagte aber mit einem tieff geholten Seuffzer
mein Herr Leute die so wenig Sachen haben als ich können sich gar bald fertig
machen allein erzeiget mir die Gnade und lasset mich bei diesen vortrefflichen
Leuten in ihrer Kirche die Heil Tauffe empfangen damit wenn ich ja auf einer
abermahligen langwierigen Reise sterben sollte ich doch nicht als eine Heidin
sondern als eine getauffte Christin sterben möge Sie begleitete diese letztern
Worte mit einigen Tränen welches verursachte dass dem AltVater und vielen
andern ebenfals die Augen übergingen wenigstens wurden alle Anwesende sehr
bewegt Der Kapitain Horn aber fuhr im Fragen fort höre Talli deine Bitte ist
schon gewähret du wirst ehester Tags so bald es dem Herrn Mag Schmeltzer
gefällig ist getaufft werden allein sage mir aufrichtig verlangestu nicht
viellieber allhier auf dieser Insul zu bleiben als wiederum zu Schiffe zu
gehen einer Sklavin gab Talli zur Antwort gebühret dem Befehle ihres Herrn
Gehorsam zu leisten wenn ich aber eine freie Person wäre so würde allerdings
weit lieber an einem solchen Orte bleiben wo mehr WeibsPersonen vornehmlich
aber Grund fromme Leute wohnen als unter lauter MannsPersonen im wilden Meere
herum schiffen Meine gute Talli rieff demnach der Kapitain Horn deine
Aufrichtigkeit verursacht dass ich mich nach deinem Vergnügen bequeme und mein
an deiner Person habendes Recht an gegenwärtige Frau Magisterin verschenke
die ich zugleich gehorsamst ersuche diese meine bisherige Sklavin welche ich
aber da der Himmel mein Zeuge ist nicht als eine Sklavin sondern als eine
leibliche Schwester tractirt habe zu meinem Angedencken auf und anzunehmen
Talli wusste vor Freuden nicht was sie tun oder sagen sollte nachdem aber die
Frau Mag Schmeltzerin ihre verbindliche Dancksagung dieserhalb bei dem Kapitain
Horn abgelegt hatte fiel die Talli hurtig vor des Kapitains Füße und danckte
vor die erzeigte Gnade da er sie aber aufgehoben und ihr viel Glück und Seegen
gewünscht küsste sie der Frau Mag Schmeltzerin die Hand und wollte derselben
ebenfalls einen Fussfall tun allein diese verhinderte solches küsste die
Talli auf den Mund und erklärete sie augenblicklich vor eine freie Person sagte
anbei sie hätte vernomen dass die Sklaverei unter den Christen nicht erlaubt
wäre
Nächst darauf folgenden Sonntags nämlich am 17 p Trinit wurde die Talli
Nachmittags in Gegenwart fast aller Insulaner getaufft ihre TauffZeugen waren
der AltVater Albertus die Frau Mag Schmeltzerin und die Frau VVolffgangin
welche ihr die Nahmen Albertina Christiana Sophia beilegten Herr Mag
Schmeltzer hielt dabei an statt der MittagsPredigt einen erbaulichen Sermon
und stellte nach Gelegenheit des Sonntags Evangelii in artiger Vergleichung
vor die durch Christum verrichtete Heilung des Wassersüchtigen und die
Reinigung welche durch das WasserBad der Heil Tauffe geschicht etc etc
Bald nach empfangener Tauffe legte sie im Beicht ihre Beichte ab und
hierauf wurde ihr das Heil Abendmahl gereicht in dem sie sich den ganzen Tag
der Speise und Trancks enthalten auch vor Untergang der Sonnen nicht essen oder
trincken wollte ungeacht ihre Paten eine köstliche Mahlzeit vor alle
Anwesenden Insulaner auf Herrn VVolffgangs TaffelPlatze zugerichtet hatten
Immittelst dass dieses alles in GroßFelsenburg vorgieng wollten die Frembden
auf der Insul KleinFelsenburg vor Neugierigkeit fast die Schwindsucht kriegen
da sich der Kapitain Horn bei ihnen von einer Zeit zur andern entschuldigte dass
er von dem Gouverneur der großen Insul keine Erlaubnis bekommen könnte frembde
Leute hinnein zu führen und weilen sie nicht das geringste Land sondern rings
herum lauter steile wüste und unförmliche Klippen gesehen hatten gleichwohl
aber wöchentlich die allerschönsten frischen Victualien lebendiges Wildpret und
andere Tiere bekamen mochte ihr verlangen alles in Augenschein zu nehmen um so
viel desto größer sein allein der Kapitain wusste sie von einer Zeit zur andern
zu trösten und ihnen das gute Leben so sie allhier hätten nebst der Hoffnung
reichlicher Beschenckung dergestallt süße vorzumahlen dass sie von einer Zeit
zur andern bei der Güte erhalten wurden wie sie sich denn sehr bequeme Hütten
gebaut und ihre Wirtschaft aufs beste eingerichtet auch Gelegenheit genung
hatten sich bei der allerschönsten JahresZeit den vergnütesten ZeitVertreib
mit jagen fischen spielen und dergleichen zu machen
Zwischen der Zeit mussten unsere SchiffsBauLeute das frembde Schiff aufs
Trockene bringen den Boden nebst allem was wandelbar daran gefunden wurde
unter Anweisung Herrn VVolffgangs und der beiden Kapitains von ganz ebenen
Holtze machen und solches auf eine ferne Reise vollkommen wohl zubereiten
worauf der Kapitain Horn der nunmehr nicht mehr volle Ladung hatte eine
große Quantitæt Reiss und Rosinen von den Felsenburgl einlude und sich immer
allmählig bereit machte aufs längste im künftigen November Monat von dannen zu
fahren Wir hätten sonsten den Frembdlingen gern das Vergnügen gegönnet unsere
Insul und alle Anstallten derselben zu besichtigen allein Ratio status
erfoderte vor diesesmahl ein anders doch da einsmahls der Kapitain Horn seine
ganze Gesellschaft noch einmal herrechnete und dabei ihre Professionen und
LebensArten erwähnte hielt sich Herr VVolffgang bei nachfolgenden auf die uns
auf dieser Insul noch fehleten und vielleicht gute Dienste leisten könnten
nämlich 1 ein Gürtler 2 ein Nadler 3 ein Gerber 4 ein Hutmacher 5 ein
Seiler 6 ein Kupfferschmidt Weilen nun der Kapitain Horn versicherte dass
dieses alles ganz feine unveralterte Kerls wären die sich leichtlich würden
bereden lassen auf dieser Insul zu bleiben indem er von ihnen vernommen dass
keiner in seiner Heimat viel zu suchen wüste als wurde beschlossen dieselben
gleich morgendes Tages mit guter Manier und wo möglich ohne Vorbewust der
andern herüber zu holen
Der kluge Kapitain Horn legte auch in diesem Stücke eine Probe seiner
Verschlagenheit ab denn er hatte einen nach den andern heimlich vorgenommen
und mit ihnen verabredet dass mittlerweile er sich nebst allen andern auf den
Weg ins Gebüsche um das Land auszukundschaffen begeben würde sie sich
indessen heimlich zurück schleichen und ins Schiff verstecken sollten damit er
gegen Abend unvermerckt mit ihnen abfahren könnte Diese List war also glücklich
von statten gegangen ausgenommen dass sich ein einziger ungebetener
gleichfalls mit eingeschlichen hatte den der Kapitain um das ganze Spiel
nicht zu verderben auf sein unablässiges Bitten fast mit Gewalt mitnehmen
müssen Demnach bekamen wir bei schon ganz später Nacht in GroßFelsenburg
folgende fremde Gäste zu sehen
1 Johann George Bucht ein Nadler aus Deutschland 27 Jahr alt
2 Baltasar Gottfried Herbst ein Gürtler aus Deutschland 35 Jahr
alt
3 Johann Konrad Rümpler ein Gerber aus Schlesien 31 Jahr alt
4 Heinrich Tau ein Hutmacher aus Engelland 29 Jahr alt
5 Mattäus Pür ein Kupfferschmidt aus Engelland 32 Jahr alt
6 Michael Bertolt ein Seiler aus Holland 28 Jahr alt
7 August Dietrich ein Peruquenmacher aus Deutschland 32 Jahr alt
Der siebende und letzte war derjenige welcher sich mit Gewalt
eingeschlichen hatte jedoch weil der Mensch ganz fein und redlich aussah
wurde ihm die gebrauchte Verwegenheit benebst dem ganzen Fehler vergeben Sie
wurden aber alle zusammen bei Mons Kramern in AlbertsRaum aufs beste tracti
ret in folgenden Tagen aus einer PflantzStadt in die andere geführet um alle
dasige Anstalten wohl in Obacht zu nehmen nach diesen præsentirte Mons Horn
dieselben dem AltVater und zuletzt nahmen wir sie mit in unsere Kirche dem
Gottesdienste beizuwohnen
Rümpler Herbst Dietrich und Bucht hielten bald danach bei Herrn Magist
Schmeltzern an ihnen das Heil Abendmahl zu reichen worinnen ihnen auch
gewillfahret wurde weil sie gute Luteraner waren Bertolt der Holländer aber
ingleichen die beiden Engelländer Tau und Pürr wurden nicht so bald darzu
gelassen ungeacht sie es verlangeten denn der erste der sich zu der Secte
der Kalvinisten bekennete hatte einen sehr elenden Begriff von GlaubensSachen
die andern beiden aber schienen Indifferentisten zu sein weil sie selber
nicht eigentlich wussten zu welcher von den dreien HauptSecten des
Christentums sie sich zählen sollten Herr Mag Schmeltzer hingegen fing von
selbigen dato an sich täglich ein paar Stunden von der reinen GlaubensLehre
mit ihnen zu besprechen brachte auch alle drei noch vor meiner Abreise so weit
dass sie einige bissanhero ja von Jugend auf gehegten irrigen Meinungen
erkandten selbigen absagten und sich zu der reinen und unverfälschten
Evangelischen Wahrheit bekandten und darauf das Heil Abendmahl nach Christi
Einsetzung empfingen
Es wurde immittelst auf eines jeden Tun und Lassen sehr genau Achtung
gegeben da wir aber vermerckten dass einer so wohl als der andere die
allergröste Lust bezeigte auf der Insul zu verbleiben wurden die 6
erstgemeldten Handwercker eines Tages zum AltVater beschieden welcher ihnen
durch Herrn Wolffgangen seine Meinung vortragen ließ ob sie nämlich wo nicht
auf LebensZeit jedoch etwa auf 3 oder 4 Jahr in dieser Insul zu verharren
und ihre Professionen den Unsern zu lehren Belieben trügen da ihnen denn
letztern Falls die freie Abfuhre nach Europa nebst einem Geschenke von 2000
Tlr zu statten kommen sollte Sie nahmen also den Vorschlag ohne eintziges
Bedenken sämtlich mit Vergnügen an und legten gleich darauf folgenden Tages
den ihnen allen zur Uberlegung aufgeschriebenen und zugestelleten Eyd der Treue
ab wurden auch also fort unter die Zahl der Felsenburgischen Einwohner
gerechnet
Dietrich der Peruquier hatte dieses kaum vernommen als er mit ganz
betrübten Gebärden zu mir kam und fragte warum denn er unter seinen 6 übrigen
Kameraden allein vor so unwürdig und verächtlich geachtet und nicht auch auf
dieser Insul geduldet werden sollte da er doch aus Liebe zu dieser angenehmen
LebensArt nicht allein seine Eltern Geschwister Erbschaft und alles zurück
setzen und sich so ehrlich als wohl einer von den andern sechsen aufführen
wollte Ich gab ihm hierauf zur Antwort Mein werter Freund an eurer Person und
Redlichkeit hat niemand das geringste auszusetzen allein wie ich vermercke so
ist dem Befehlshaber dieses kleinen Landes eure Profession zuwider wie ihr denn
selbst absehen könnt dass selbige allhier ganz nichts nützig ist weil kein
einziger eine Peruque trägt ich vor meine Person habe zwar selbst so wohl als
Herr Mag Schmeltzer Mons Litzberg und andere mehr in Europa auch Peruquen
getragen allein auf Zureden Herrn Wolffgangs warffen wir dieselben hinweg so
bald wir in Amsterdam zu Schiffe gegangen waren und ließ unsere Haare der
Natur gemäß wachsen demnach hat von hiesigen eingebohrnen Insulanern niemals
einer eine Peruque gesehen es sollen auch dergleichen niemals eingeführet
werden Saget demnach was ihr uns auf dieser Insul vor Nutzen schaffen köntet
und ob es nicht besser vor euch sei wenn ihr ein ansehnliches Geschenke
empfanget wodurch ihr euch so bald wir in Europa anländen an irgend einem
guten Orte niederlassen und eure Profession treiben könnt Der gute Dietrich
wurde dieser Reden wegen noch betrübter und gab zu vernehmen wie auf der
ganzen Welt wohl kein Mensch zu finden der des Herumschweiffens überdrüssiger
wäre als er deswegen er inständig bitten wollte es doch auf eine Person mehr
oder weniger nicht ankommen zu lassen sondern ihm das Dableiben zu erlauben
indem er sich so herzlich sehr nach dergleichen ruhigen und vergnügten Leben
sehnete er wollte hingegen an seine PeruquenmacherProfession ganz und gar
nicht mehr gedenken sondern sich bei Mons Plagern in die Lehre begeben und
demselben aufs fleissigste arbeiten helfen wie er sich denn völlig versichert
hielte dass ihn dieser gute ehrliche Freund an und aufnehmen und in allerlei
Künsten unterrichten würde Außerdem setzte er hinzu wäre ja diese Insul groß
genung noch mehr als 1000 Menschen zu ernehren die zumahlen ihr Brod nicht
mit Müssiggehen zu verdienen gesonnen in Europa hergegen wäre man tausenderlei
Verdrießlichkeiten unterworffen man möchte auch gleich viel oder wenig Geld
haben
Die aufrichtige Art womit Dietrich dieses alles vorbrachte bewegte mich
dahin dass ich so gleich bei dem AltVater Mons Wolffgangen und Herr Mag
Schmeltzern sein Wort redete und endlich zuwege brachte dass ihm erlaubt wurde
auf der Insul zu bleiben Mons Plager nahm ihn mit Freuden zu sich in seine
Behausung und man merkte binnen wenig Wochen dass sich Dietrich nicht allein
sehr wohl zu dieser Profession schickte sondern sich auch alle Mühe gab Mons
Plagers seiner Frauen jüngste Schwester welches ein artiges Mägdlein von 14
Jahren war bei Zeiten zu seiner Braut zu erwerben Es ist auch dieser beiden
Verlöbnis noch vor meiner Abreise gehalten worden
Beiläuffig muss ich auch melden dass sich Heinrich Tau sonderlich in die
Talli verliebt hatte allein er war unglücklich denn vors erste schützte die
Talli vor dass sie ihn nicht lieben könnte und vors andere hätte der AltVater
auch ungern gesehen wenn zwei frembde Personen ein besonderes Geschlechte auf
der Insul errichtet hätten Demnach fand sich ein junger Gesell aus SimonsRaum
zu ihrem Liebsten an welchen sie allem Ansehen nach etwas besser leiden
konnte allein vor meiner Abreise wusste man noch nicht gewiss ob ein Paar aus
ihnen werden würde
Mit Eintrit des Monat Novembris war endlich der Kapitain Horn am
eiffrigsten beschäfftiget alles das was er mit nach Europa nehmen sollte
gänzlich einzuschiffen weil es demnach nur an meiner Equippage fehlete
ersuchte der AltVater Mons Wolffgangen einen Aufsatz von denenjenigen Sachen
zu machen welche zu meiner Abfertigung und Besorgung aller ferneren
Angelegenheiten unumgänglich erfordert würden und da dieses geschehen bekam
ich aus des AltVaters SchatzKammer eine überflüssige Quantität von gemüntzt und
ungemüntzten Gold Silber Perlen Edelsteinen und dergleichen Kostbarkeiten
nächst dem eine weitläufftige schrifftliche Instruction dessen was ich mit
Beihülffe des Kapitain Horns zum weitern Behuff und Nutzen der Felsenburgischen
Einwohner anschaffen und bestellen sollte Hierbei gab mir nicht allein Herr Mag
Schmeltzer ein groß Paqvet Briefe mit um dieselben an die Seinigen zu
übersenden sondern es folgten dessen Exempel auch verschiedene von den andern
letzt eingekommenen Europäern als welche Kommissionen ich von einem so wohl als
dem andern mit besonderen Freuden übernahm und alles bestens auszurichten
versprach
Am 14 Novembr nämlich am 25 Sonntage p Trinit nachdem uns Herr Mag
Schmeltzer in öffentlicher Predigt tausendfaches Glück auf die Reise gewünschet
auch versprochen hatte so wohl mich als den Kapitain Horn ins gewöhnliche
KirchenGebet biss zu glücklicher Wiederkunft mit einzuschliessen nahmen wir
Mittags nach verrichteten GottesDienste von allen Stämmen die sich auf dem
KirchHofe in besondere Hauffen geteilet und ihre Ältesten vor sich stehen
hatten zärtlichen Abschied empfiengen ihre hertzlichen GlückWünsche auf die
Reise und begaben uns hernach mit den sämtlichen Ältesten auf die Albertus
Burg allwo noch ein und anderes erinnert wurde welches ich um in Europa
nichts zu vergessen in meine SchreibTaffel eintragen musste
Hierauf setzten wir uns zu Tische die ValetMahlzeit einzunehmen wobei
verschiedene Gespräche vorfielen unter andern sagte der Kapitain Wodlei zu
Herrn Wolffgang und dem Kapitain Horn Meine Herren ich habe ihnen meines
Wissens alles mein baares Geld und Gut gezeiget was meinen sie wohl wie hoch
sich dasselbe belauffen sollte Indem nun beide einstimmig waren dass er
selbiges inclusive der vielen Edelgesteine und andern Kostbarkeiten die zwar
von kleinem Gewichte aber desto größeren Werte wären schwerlich unter
dreimal hundert tausend ReichsTaler hingeben würde sprach Wodlei ferner Sie
haben richtig genung taxiret meine Herren wollte aber der Himmel es wäre
solches hinlänglich mich damit in diese glückseelige Insul einzukauffen denn
ich habe Zeit meines Hierseins bei der vergnügten LebensArt hiesiger
Einwohner einen solchen Eckel gegen andere Gesellschaft geschöpfft dass ich
nicht anders als mit betrübten Hertzen zurück in mein Vaterland gehen kann allwo
voritzo mehr Laster als Tugenden zum Vorscheine kommen Ich leugne zwar nicht
dass ich von Jugend auf derjenigen Secte welche man in Engel und Schottland
Presbyterianer nennet zugetan gewesen als welche den hiesigen Religions und
KirchenGebräuchen um ein nicht geringes entgegen ist allein die erbauliche
LehrArt des Herrn Mag Schmeltzers hat mein Hertz dergestalt gerühret dass ich
wünschen möchte von ihm weiter unterrichtet und endlich einmal auf meinem
TotBette zum seeligen Sterben bereitet zu werden denn ungeacht ich ein Mann
von nur etliche 50 Jahren bin der sonsten eine von den stärcksten und
gesündesten Naturen gehabt so glaube doch dass der vor wenig Jahren genossene
vergifftete Vogel selbige dergestalt geschwächt hat dass ich mein Leben wohl
nicht allzu hoch bringen möchte Sonsten bin ich mein LebTage niemals
verheiratet gewesen habe auch keine andere Freunde und Erben als einen
einzigen leiblichen Bruder der ein Kupfferstecher in Yarmout ist und etliche
100 Pfund Sterlings im Vermögen haben mag welchem ich doch wohl etliche
kostbare Jubelen zum Andencken meiner wünschen möchte daferne ich ja so
glücklich sein sollte von dem vortrefflichen AltVater und Herrn dieses Landes
Erlaubnis zu erhalten den Rest meines Lebens unter möglichster Arbeit auf
dieser glückseeligen Insul zuzubringen
So bald der Kapitain Wodlei seine Rede geendiget sahen wir alle mit
verlangenden Augen den AltVater an um zu vernehmen was derselbe darauf
antworten würde selbiger aber reichte ohne langes Besinnen dem ihm zur
Rechten sitzenden Kapitain Wodlei die Hand und sagte Bleibet hier mein
Freund im Nahmen des Herrn denn weil diese Insul zum RuhePlatze redlicher
Leute von dem Himmel bestimmt zu sein scheint so wäre es ein
unverantwortliches Verbrechen wenn ich euch den beliebigen Auffentalt versagen
wollte von allerverdrüsslichen Mühe und Arbeit werdet ihr jederzeit befreit
leben können an meinem Tische und in dieser Burg so lange ich lebe vor lieb
nehmen nach meinem Tode aber werden euch die redlichen Meinigen auch niemals
Not leiden lassen denn ich bin versichert dass sie den Befehle ihres
AltVaters nimmermehr so stark zuwider handeln können Was aber eure Schätze
anbelanget so wendet dieselben in Gottes Nahmen euren leiblichen Bruder zu
mein Eberhard kann ihn zu sich nach Amsterdam oder einen andern Holländischen Ort
verschreiben und demselben alles einhändigen denn wir haben dergleichen
zeitliche Güter nach hiesiger Beschaffenheit in solchem Uberflusse dass wir
nichts mehr bedürffen Im übrigen aber mein Freund erweget nochmals wohl ob
ihr ohne einzigen GewissensScrupel euch so wohl unseren Satzungen als
hauptsächlich der Religion gemäß und gleichförmig nicht allein jetzo sondern
jederzeit bezeigen könnt und wollt
Kapitain Wodlei küsste hierauf des AltVaters Hand und nach weitläufftiger
Dancksagung beteuerte er hoch dass er seit etlichen Wochen alles wohl
überlegt und den festen Schluss sich erwähnter LebensArt gleichförmig zu
bezeigen gefasst doch beständig gezweiffelt hätte ob man ihm auf sein
inständiges Ansuchen und zwar in Betrachtung seines Alters das Dableiben
erlauben würde Nachhero wendete er sich zu mir und sagte Mons Eberhard alle
meine Sachen sind bereits eingeschifft biss auf ein kleines Kästlein welches
ich noch bei mir habe ich will aber von allen nichts zurück nehmen als einen
einzigen Kasten worinnen zwar wenig kostbare jedoch solche Sachen verwahret
liegen welche vielleicht den Einwohnern dieser Insul auch lange Jahre nach
meinem Tode angenehm und nützlich sein werden Außer diesen will ich sie mein
Herr bitten eine schrifftliche und versiegelte Instruction wegen meiner
übrigen Sachen anzunehmen dieselbe aber nicht ehe zu erbrechen biss sie in
Europa zu Lande gekommen sind hergegen meiner Verordnung aufs allergenaueste
nachzuleben denn ich versichere dass sie ihnen keinen GewissensScrupel auch
nicht allzu große Mühe verursachen wird
Ich versprach dem Kapitain Wodlei mit Hand und Munde seiner Verordnung aufs
genaueste nachzuleben und ihm jederzeit alle möglichsten Gefälligkeiten zu
erzeigen indem aber unter solchen Gesprächen die Mahlzeit geendigt und das
übrige abgetragen war hatte Mons Litzberg das ganze Kollegium Musicum
zusammen beschieden um uns Abreisenden noch zu guter letzt ein musicalisches
Vergnügen zu machen welches dem AltVater so wohl als allen andern herzlich
wohl gefiel Ich durfte vor dieses mahl nicht mit musiciren indem Herr Mag
Schmeltzer selbst den GeneralBass zu vielen moralischen und andern
Lobenswürdigen Kantaten spielete saß deswegen bei meiner liebsten Kordula im
stillen Vergnügen und trocknete ihr zuweilen einige Tränen ab die sie meiner
fernen Reise wegen vergoss Zum Beschluss aber der ganzen Musik sunge Mons
Litzberg noch folgende selbst gemachte und componirte Kantata ab
CANTATA
Aria
Adieu das herbe Wort
Tut treugesinnten Hertzen
Nach keuschverliebten Schertzen
Den allergrößten Torr
Auf Scheiden reimet sich das Leiden
Denn muss man sein Geliebtes meiden
So gönnt die Sehnsucht immerzu
Wenig Ruh
Recit
Ach Eberhard und Kordula
Ihr allerliebsten Beide
Mich düncket eure Freude
Ist jetzo sehr vergällt
Doch wenigstens verstellt
Warum die AbschiedsZeit ist da
Der liebste Eberhard
Muss sich den Wellen anvertrauen
Die wir so oft von hier mir Furcht beschauen
Der frohe Mut erstarrt
Wenn wir an die Gefahr gedenken
Jedoch des Himmels Macht
Die stets vor unser Glücke wacht
Kan alle Not zurücke lencken
Aria
Sorge nicht getreue Seele
Angenehme Kordula
Lass dein halbes Hertze fahren
Denn der Himmel will es ja
Auf der Reise wohl bewahren
Dass nach überstandner Pein
Deine Lust kann völlig sein
Da Kapo
Rezitativ
Verbeisse deinen Schmertz
Mein Eberhard und lass den Himel walten
Der kann und will und wird dich wohl erhalten
Bleibt gleich dein halbes Hertz
Auch hier bei deiner Kordula zurücke
So büssestu an solchen schönen Stücke
Doch gar nichts ein
Ein ganzes Hertzgen soll davor dein eigen sein
So bald der Himel dich nach unsern Hoffen
Gesund zurück gebracht
Drum sei auf lauter Trost und keinen Schmertz bedacht
Ein frischer Mut hat stets das beste Ziel getroffen
Aria
So reise denn geliebter Freund
Und komm und eile bald zurücke
Der Himmel der dir günstig scheint
Verdopple stets die SonnenBlicke
Regen Winde Sturm und Wellen
Die sich dir entgegen stellen
Müssen so wie Sonnenschein
Deiner GroßMut Zeugen sein
Biss dass wir dich wieder in Felsenburg haben
Allwo dich dein Hertzgen mit Küssen kann laben
Diese Kantata ungeacht sie sich in der Musik vollkommen wohl ausnahm tat
dennoch bei meiner Kordula einen wiedrigen Effect indem selbige dadurch in
völlige Wehmut gesetzt wurde so dass ihre Tränen noch viele 1000 andere
Tränen von abwesenden Personen beiderlei Geschlechts heraus lockten Selbige
Nacht aber musste bei allen auf der AlbertsBurg versammleten Freunden ihren
behörigen Zoll einbüßen weilen kein einziger auch so gar der AltVater nicht
zu bereden war sich einige Stunden der Ruhe zu bedienen Um MitternachtsZeit
wurden bestelltermassen die Schleussen des NordFlusses niedergelassen so bald
aber der Himmel zu grauen anfing nahm ich erstlich von dem AltVater und von
meiner Kordula den allerzärtlichsten Abschied hernach beuhrlaubte mich von Herr
Mag Schmeltzern Herr Wolffgangen und allen anwesenden getreuen Freunden Mons
Horn tat dergleichen und also marchirten wir unter starcker Begleitung durch
den WasserFall hinunter an das MeerUfer allwo die Boote bereits fertig
stunden uns in die großen Schiffe überzuführen
Mons Wodlei fuhr nebst denen 7 neu eingenommenen Europæern mit hinüber auf
die Insul KleinFelsenburg um den daselbst einlogirten denen aber die Ordre
zur Abreise albereit kund getan war zu zeigen dass sie mit guten Willen zurück
blieben Diese Verlassenen schienen anfänglich sehr müssvergnügt zu sein nachdem
aber ich auf Verordnung des AltVaters einen jeden durch die Banck hinweg und
ohne Ansehen der Person 2 Pfund Gold und ein Sächsis Nössel der schönsten
Orientalischen Perlen eingehändiget auch versprochen hatte dass nach
glücklicher Anländung in Europa daferne sie sich wohl aufführeten ein jeder
noch 100 spec Duc von mir empfangen sollte war alles lustig und guter dinge
außer diesem machte ihnen ein paar Fässer des mitgebrachten allerbesten
Felsenburgischen Weins doppelte Curage so dass wir den 16 Novembr Nachts etwa
um 1 Uhr wohl besorgt abfahren konnten
Wir gaben aber unsere Abfahrt den GroßFelsenburgern durch eine Salve von
12 Kanonen zu verstehen worauf uns aus allen auf den FelsenHöhen stehenden
Geschütze drei mahl hinter einander nochmals Glück auf die Reise gewünschet
wurde nachher hörten wir biss über Mittag des zweiten Tages ordentlich alle
zwei Stunden 3 KanonenSchüsse von der Felsenburg worauf wir wegen
Sparsamkeit des Pulvers jedesmahl nur mit einem Schusse antworteten jedoch nach
der Zeit erhub sich ein etwas stärckerer Wind welcher unser Schiff mit fast
unglaublicher Geschwindigkeit dergestalt fortführete dass wir die Insul St
Helenæ fast 14 Tage eher als den ordentlichen Vermuten nach erreichten
Wie glücklich aber die biss daherige ganze Fahrt gewesen war so unglücklich
war hingegen die Einfahrt in dasigen Hafen denn unser Schiff wurde wie die
meisten sagten aus Versehen des SteuerManns dergestalt gegen eine Klippe
geworffen dass wegen des grausamen Krachens und Erschütterens ein jeder nicht
anders vermeinte als dass es augenblicklich zerfallen und zu Grunde sincken
würde allein der Himmel verhütete selbiges Unglück und halff uns glücklich zu
Lande allwo wir um den genommenen Schaden auszubessern fast 6 Wochen lang
stille liegen mussten
Es ist dieses wie ich wo mir recht ist schon ehemahls gemeldet eine
anzügliche und gefährliche Insul vor lüsterne und Geldhabende SeeLeute
deswegen hatte der Kapitain Horn die ganze Zeit über wenig Ruhe weil er stets
besorgt war der Seinigen Schaden zu verhüten dem ungeacht konnte er folgendes
Unglück nicht ablencken Des zurück gebliebenen Kapitains Wodlei Schiffs
Barbier der ein Engelländer von Geburt war hatte ein junges Mägdlein von 16
Jahren in ihrer Eltern Behausung zu seinen Willen beredet auch seine Wollust
täglich mit ihr fortgetrieben und zwar unter dem Versprechen sie voritzo
gleich mit sich nach Engelland zu ihren annoch lebenden GroßEltern zu führen
und daselbst sich mit ihr ehelich verbinden zu lassen der liederliche Mensch
aber hat nicht so bald vernommen dass wir binnen 3 oder 4 Tagen abseegeln
wollen als er seine getanen Eydschwüre so wohl als das geschwängerte
WeibsBild ins Buch der Vergessenheit schreibt und sich bei Zeiten aus dem
Staube und auffs Schiff macht Die Eltern und Befreundte der Geschwängerten
kamen und suchten ihn mit Erlaubnis des Kapitain Horns auf unsern Schiffe
fanden aber nicht die geringste Spur weil er sich ungemein klüglich verborgen
hatte Zu seinem Unglücke aber kam er Tags vor der angestellten Abfahrt hinter
mir und dem Kapitain hergegangen eben da wir im Begriff waren noch zum
letzten mahle auf die Insul zu gehen wir rieten ihm er sollte alle
Weitläufftigkeiten zu vermeiden zurück bleiben allein er hatte seinen Spaass
darüber kaum aber waren wir 200 Schritt weiter fort gegangen als der Vater
nebst dreien Brüdern der Geschwächten herzu kamen und den wollüstigen Barbier
ermahneten er möchte sein Wort halten und seiner geschändeten Liebste die Ehre
ersetzen jedoch der Barbier lachte darzu und sagte Die Ehre wäre teuer genug
bezahlet indem er ihr bei nahe 10 Ducaten wert davor gelassen hätte Das ist
nicht genung sagte der Vater sondern ich will dass ihr entweder meine Tochter
heiraten oder ihr 200 Ducaten vor den JungferCrantz bezahlen sollt Nicht
200 Kieselsteine antwortete der Barbier Der Vater war ziemlich raisonable
ließ immer weiter nach biss es endlich auf 50 Duc herunter kam welche aus zu
zahlen der Kapitain Horn dem Barbier selbst zuredete auch sich erbot ihm
dieselben gleich auf dem Platze vorzustrecken daferne er allenfalls kein Geld
bei sich hätte Allein der eigensinnige und tollkühne Mensch wollte durchaus
nicht sondern sagte mit Ausstossung eines schrecklichen den Engelländern aber
sehr geläuffigen Schwures Ich gebe nicht 50 Pfifferlinge denn vor dergleichen
Hure sind 10 Ducaten schon mehr als zu viel gewesen Kaum aber war das letzte
Wort ausgesprochen als er schon 3 Dolche auf einmal im Leibe stecken hatte
welche die 3 Brüder der Geschwächten dergestalt hurtig auf ihn zuckten dass der
Kapitain Horn so wenig als ich vermögend war der plötzlichen Rache Einhalt zu
tun Die Mörder hielten sich so wohl als ihr Vater nicht lange bei uns auf
indem aber etliche von unsern Leuten herzu kamen wollten wir Anstalt machen
den allem Ansehen nach tötlich verwundeten Barbier auf unser Schiff zu
schaffen allein er starb uns gleich unter den Händen und so bald etliche
Einwohner der Insul solches vermerckten gaben sie nicht einmal zu dass wir des
Entleibten Kleider aussuchten sondern schlossen einen Creiss um den Körper und
jagten uns mit ziemlichen Ungestüm zurück in unser Boot
Kapitain Horn versuchte zwar dieses Streichs wegen von dem Gouverneur
Satisfaction zu erhalten merkte aber sehr zeitig dass derselbe ziemlich
parteiisch auch nicht ungeneigt wäre uns unschuldigen viele Händel und
Weitläufftigkeiten zu verursachen deswegen schien am klügsten getan zu sein
wenn wir stille schwiegen und uns mit guter Manier aus dem Staube machten weil
in Wahrheit der entleibte Barbier auch wenig Recht überlei hatte
Unsere weitere Fahrt ging hernachmahls desto glücklicher von statten denn
wir traffen bei der Insul Ascension 5 aus OstIndien zurückkommende
Holländische KauffarteiSchiffe unter einer starken Konvoye an zu welchen
wir uns nach abgegebenen billigen DiskretionGeldern schlugen und ohne die
geringste Gefahr auszustehen erstlich die Insuln des grünen Vorgebürges
hernachmahls aber die Kanarischen erreichten allwo abermals Rast gehalten und
eine kleine Ausbesserung des Schiffs vorgenommen wurde Die bei uns befindlichen
Engelländer wären dahier herzlich gern von uns ab und nach ihren Vaterlande
gegangen allein der Kapitain Horn hatte seine besonderen Ursachen warum er
dieselben nicht ehe als in Amsterdam von sich lassen wollte immassen nun ein
jeder annoch 100 spec Ducaten rückständig wusste mussten sie sich um so viel
desto mehr nach des Kapitains Willen bequemen Demnach lieffen wir endlich am
24 Mart des 1729 Jahres im Texel ein und kamen 12 Tage hernach glücklich in
Amsterdam an in welcher Stadt der Kapitain Horn und ich Herrn Wolffgangs
ehemahliges Quartier bezogen Wir lieferten vor allererst Herrn Wolffgangs
vornehmen Patronen und andern guten Freunden die an sie gestelleten Brieffe und
kostbarn Geschenke ein erhielten nachher besondere Erlaubnis unser Gut aus
zu laden ohne dasselbe von einem oder dem andern eröffnen und besichtigen zu
lassen So bald dieses geschehen zahlte der Kapitain einem jeden nicht nur den
rückständigen Sold sondern auch das versproche Geschenck an 100 spec Ducaten
aus die Engelländer begaben sich so gleich von dannen in ihr Land die übrigen
baten sich mehrenteils Pässe vom Kapitain Horn aus um die ihrigen zu
besuchen versprachen aber mehrenteils aufs längste gegen das Ende des
Augustmonats sich wiederum anzumelden und noch eine Fahrt mit uns zu wagen
solchergestalt blieb niemand von allen mitgekommenen bei uns als drei Schiffs
Offiziers und die 9 Sklaven welchen letztern der Kapitain allen überein graue
Kleider mit gelben Aufschlägen machen auch einen Evangelischen Studiosum
aufsuchen ließ der sie sämtlich täglich 6 Stunden in der deutschen Sprache
welche einer vor dem andern schon ziemlich gut reden konnte unterrichten und
den Luterischen Katechismum nebst der Auslegung mit ihnen tractiren musste
Jedoch von meinen eigenen Angelegenheiten etwas zu melden so war mein
allererstes Vornehmen nach Hamburg an Herrn W als meines Vaters getreusten
Freund zu schreiben um von demselben zu vernehmen ob ihm nichts von dem
Auffentalte und Zustande meines Vaters bekandt wäre Es begleitete diesen
Brieff eine Kiste worinnen vor mehr als 1000 Tlr OstIndianische Raritæten
und Kostbarkeiten lagen um denselben zu desto geschwinderer Antwort zu bewegen
Mittlerweile ich aber recht mit Schmerzen auf dessen Antwort wartete fiel mir
die von dem Kapitain Wodlei empfangene schrifftliche Instruction in die
Gedanken die ich ohne ferneres Bedenken erbrach und also gesetzt befand
Monsieur Eberhard Julius
Die mir zugehörigen auf dem Schiff befindlichen Güter werden euch unfehlbar
durch den Kapitain Horn ausgeliefert werden Deswegen häbt die Guteit die mit
1 WW No 3 bezeichnete Kiste meinem Bruder in Yarmout den Kupfferstecher
Melchior Jacob Wodlei zuzustellen denn es befindet sich alles darinnen was ihm
von mir zugeteilet ist mehr aber soll er aus gewissen Ursachen durchaus nicht
haben und ich hoffe dass er damit völlig zufrieden sein kann und wird Alles
übrige stelle zu eurer freien Disposition denn ich weiß im Voraus dass ihr es
entweder den Felsenburgern zum Nutzen oder wenigstens also anwenden werdet dass
ich keine Ursache es zu bereuen haben kann Ich beschwere euch demnach bei der
Felsenburgischen Treue und Redlichkeit das mir getane Versprechen zu erfüllen
und dieser meiner kurzen Instruction genug zu tun Geschrieben auf der Insul
GroßFelsenburg den 15 Novembr 1728
Anbei lag dessen eigenhändiges an seinen Bruder gestelltes Schreiben
welches ich mit dem nechst abgehenden PostJagtSchiffe nach Yarmout
abschickte nachdem ich einen Umschlag darum gemacht und darinnen den
KupfferStecher entweder selbst zu kommen oder einen Gevollmächtigten an mich
zu schicken ersucht hatte Es stellte sich auch derselbe binnen weniger Zeit
persönlich ein nahm das brüderliche Geschenke mit großen Vergnügen in
Empfang stellte davor an mich ein Recipisse aus und war eifrig bemüht seines
Bruders des Kapitain Wodlei eigentlichen Zustand von mir auszuforschen allein
weilen ihn derselbe alle Umstände zu offenbahren einiges Bedenken getragen so
erfuhr er auch von mir nicht mehr als ich ihm zu wisen nötig erachtete
Mittlerweile erhielt ich von Hamburg die Antwort dass mein Vater seinen
Banquerot durch eine glückliche Avanture bei nahe drittenteils remedirt und
vielleicht seine ganze Sache auf neuen guten Fuß gesetzt wenn ihm nicht ein
plötzlicher melancholischer Zufall daran verhindert hätte Hr W schrieb
ferner dass so wohl des Herrn Wolfgangs als meine eigene an meinen Vater zurück
gelassene Briefe demselben nicht anders als Fabelhaft vorgekommen wären so
dass seine Melancholie nur um so viel desto mehr zugenommen weilen er aber ohne
wenigstens eins von seinen leiblichen Kindern um sich zu sehen nirgends einige
Ruhe finden können als habe er Hr W sich seiner erbarmet und ihn vor
nunmehr einem halben Jahre nach Schweden hinüber zu meiner Schwester bringen
lassen allwo es binnen 3 oder 4 Monaten bald sehr schlimm bald aber ziemlich
gut mit ihm gewesen allein nach der Zeit habe Hr W keine weitere Nachricht
von ihm erhalten wisse also nicht gewiss ob er noch lebendig oder tot sei
Ich war dieses letztern wegen dergestallt consternirt in meinem Gemüte dass
fast nicht wusste wozu ich am ersten schreiten sollte nachdem ich aber den
Kapit Horn zu Rate gezogen so übermachte an den Hrn W in Hamburg sehr
starke WechselBriefe bat denselben in Person nach meiner GeburtsStad zu
reisen daselbst meines Vaters sämtlichen Kreditores mit allem Interesse so
dieselben nur mit Recht fordern könnten zu befriedigen seine eigenen
ReiseKosten inne zu behalten mir die Gerichtliche GeneralQuittung nach
Schweden zu senden und so lange in meiner GeburtsStadt zu verharren biss ich
mit meinem Vater daselbst anlangete oder ihm wenigstens schrifftliche fernere
Nachricht gäbe Hr W tat mir seine Willfährigkeit vermittelst einer der
schnellesten Staffeten zu wissen weswegen ich mich alsofort zu Schiffe und auf
die Fahrt nach Schweden begab Zu Gotenburg ließ ich mich ausschiffen und
setzte meine Reise zu Lande biss nach Stockholm fort indem ich aber daselbst
vernahm dass sich meine Anverwandten von dar hinweg und nach Nyköpping gewendet
hatten musste ich einen verdrießlichen Rückweg biss dahin vor mich nehmen allwo
mir zwar die Wohnung meiner Befreundten gar bald angewiesen wurde allein in
selbiger war niemand anders als das HausGesinde anzutreffen welche mich
berichteten dass ihre Herrschaft vor zweien Tagen verreiset sei es wisse aber
keines von ihnen eigentlich wohin Ich fragte weiter ob die Mademoiselle Juliin
auch zugleich mit gereist wäre und ob sich etwa deren Vater bei ihr befände
man sah mich aber dieser Fragen wegen noch um so viel mehr vor einen Spion an
ungeacht ich endlich meldete dass ich ein naher Anverwandter von ihrer
Herrschaft wäre Kurtz es war bei dem entweder allzugetreuen oder
allzueigensinnigen HausGesinde nicht das geringste auszulocken weswegen ich
mich mit nicht geringen Verdruss in das fast gegen über liegende WirtsHaus
begab und daselbst allerlei Kalender machte
Es war mir höchst verdrießlich dass ich die Schwedische Sprache nicht selbst
reden und verstehen konnte sondern alles durch einen Dollmetscher welchen ich
nebst zweien von des Kapitain Horns Indianischen Sklaven aus Holland
mitgenommen abhandeln musste jedoch eben dieser Dollmetscher welches der
Ausbund eines verschlagenen Kopffs war brachte mir noch selbigen Abend das
ganze Geheimnis nebst dessen völliger Erklärung zu Ohren indem er sich mit
einer jungen Magd in ein vertrauliches Gespräch eingelassen und nachdem er
vermerckt dass ihr so wohl meiner Schwester als der Anverwandten Wirtschaft
und ganzes Wesen sehr genau bewust sie durch gute Worte und Geschenke dahin
gebracht dass sie ihm den Ort gemeldet wohin man meine Schwester geführet
welche sich daselbst mit einem reichen Kauffmanne verloben sollte dem das ganze
Untermaul vor einiger Zeit abgehauen worden Von meinem Vater hatte dieses junge
Mensch zwar nichts gewisses zu melde gewust als dieses dass sich gleichfals vor
einiger Zeit ein kräncklicher Mann in dem Hause meiner Baase aufgehalten von
dem gesagt worden dass er sehr viel schuldig sei sie wisse aber nicht ob er
noch in selbigem verborgen oder bereits wieder fortgeschaft wäre
Ich ließ demnach gleich ohne ferneres Uberlegen eine schnelle Post
bestellen setzte mich mit meinem Dollmetscher und zweien Bedienten drauff und
gelangete Nachts um ungefähr Ein Uhr in dem bezeichneten Orte an Der Postillon
musste im Wirtshauss ausspannen unter dem Befehle so lange zu verziehen biss ich
ihn selbst abfahren hieße ich aber wanderte nebst meinen Leuten nach einem
großen Hofe zu in welchem alles wie von außen zu hören war herrlich und in
Freuden hergieng Wir schlichen so lang um den Pallast herum biss mein
Dollmetscher einen Domestiqen antraff von welchen er nicht allein erfuhr dass
der HausHerr seinen VerlöbnisSchmauss ausrichtete sondern auch dass die Braut
Madem Juliin hieße Mir pochte das Hertz im Leib ungemein stark ehe ich das
Glück oder Unglück haben konnte meinen neuen und einzigen Herrn Schwager kennen
zu lernen schickte aber alsofort den Dollmetscher an denselben ein
gehorsamstes Kompliment abzustatten und zu vernehmen ob einem der
allernechsten BlutsFreunde der Jungfer Braut erlaubet wäre seine Aufwartung
bei ihnen zu machen Im Augenblicke wurde im ganzen Hause alles noch einmal so
lebhaft als es vorher gewesen war zugleich kamen mehr als 30 Lichter und
Laternen welche meine Personalitæt besichtigen und nach Befinden an diejenige
Treppe begleiten mussten alwo das halb vergnügte und halb unvergnügte BrautPaar
sich auf der obersten Stuffe præsentirte Kaum hatte ich meine liebste Schwester
nur durch einen einzigen Blick erkannt als mich im andern Blicke die
entsetzliche hässliche GesichtsBildung und ganze LeibesGestallt ihres mir
bereits einiger maßen beschriebenen Liebsten dergestallt erschreckte dass ich
die Augen sogleich niederschlagen musste und dieselben kaum empor heben konnte
da ich mich bereits auf der obersten Stuffe bei ihnen befand
So bald mir meine Schwester ins Gesichte gesehen fiel sie nach den
ausgeschryenen Worten Ach mein Bruder Eberhard augenblicklich ohnmächtig
zurücke Ich befand mich am allermeisten hierdurch bewegt und war nicht im
Stande die höfflichen Komplimente zu beantworten mit welchen mich so wohl der
Hr Schwager als meine Frau Baase nebst andern unbekandten Personen
überschütteten sondern hatte beständig die Augen auf meine Schwester gerichtet
welche doch von den Anwesenden Dames in kurzen völlig wieder zu sich selbst
gebracht wurde
Ein jedes sollte zwar von rechtswegen glauben diese Ohnmacht wäre ihr von
gar zu jählinger Freude zugestoßen allein es stack ein mehreres darhinter
Inmittelst war dieses Zufalls wegen die ganze Lust unterbrochen ungeacht man
mir aber unter dem Vorwande einer sorgfältigen Bewirtung alle Gelegenheit
abschneiden wollte mit meiner Schwester etliche Wort in geheim zu sprechen so
ließ ich mich doch nicht eher von ihrer Seite bringen biss mir so viel
Nachricht so wohl von ihr als meiner Baase gegeben worden dass mein Vater nur
vor wenig Tagen nach meiner GeburtsStadt abgereiset wäre um daselbst noch
einen großen Teil seiner Schulden zu bezahlen und mit einem neuen Kompagnon
in frische Handlung zu treten auch seine ganze Hausshaltung daselbst von neuen
wieder anzufangen
Man machte sich hierauf viele Mühe mich als der Braut Bruder aufs beste zu
verpflegen allein weil es bereits sehr späte war hatte ich die beste
Gelegenheit mich dieses mahl gar bald von dem verdrießlichen Herrn Schwager so
wohl als der andern Ruh bedürfftigen Gesellschaft los zu wickeln und den
übrigen Teil der Nacht mit sehr verdrießlichen Gedanken zu zubringen
Kaum war der Tag völlig angebrochen als meine Schwester nebst ihrer
AufwarteFrau die in der Kindheit ihre Amme gewesen war zu mir in die
SchlafKamer kamen und nach gebotenen guten Morgen an statt fernerer Worte
häuffige Tränen hervor brachten Die erstere setzte sich auf mein Bette nieder
und sagte endlich mit kläglichen Seufftzen Ach mein allerliebster Bruder ist
noch ein einziger Trost in meinem Jammer zu finden so ist es gewiss dieser dass
doch ihr selber Zeuge seid und mit sichtlichen Augen seht wie bloß um meines
Vaters Renommé einigermaßen wieder herzustellen ich mich in den aller
beklagenswürdigsten Zustand setze Inmassen nun ich mich gegen meine Schwester
weiter mit nichts heraus lassen wollte biss ich der HauptSache wegen völlige
Nachricht eingezogen so erzehlete sie mir auf mein Bitten in aller Kürtze dass
ihr par force Bräutigam vor einen der allerreichsten HandelsLeute nicht allein
in diesen sondern auch in andern Landen geschätzt würde Unser Vater wäre auf
der Reise mit ihm bekandt worden und hätte denselben vor JahresZeit mit sich
nach Stockholm gebracht allwo dieser Mensch sie nicht so bald gesehen als er
sich schon auf eine recht närrische Weise in ihre Person verliebt gehabt Sein
Ansehen wäre damals zwar vor ein junges Frauenzimmer übel genung aber des
tausenden Teils nicht so hesslich gewesen als anitzo so bald er ihr aber seine
heftige Liebe angetragen hätte sie ihn ein vor allemal zu verstehen gegeben
dass sie Zeit Lebens mit guten Willen nicht dahin zu vermögen sein würde einen
Mann zu nehmen der mehr 1000 als sie 100 Tlr im Vermögen hätte Nun wäre
zwar leichtlich zu merken gewesen dass er mit ihren Vater in sehr wichtigen
HandlungsTractaten gestanden endlich aber sei es heraus gekommen dass eben
unser Vater sich von der Not gedrungen gesehen zwischen seiner einzigen
Tochter und einem sehr ecklen Menschen seines Vorteils wegen eine Verbindung
gut zu heißen die er in seinem Wohlstande ehe mit etlichen 1000 Tlr zu
hintertreiben gesucht hätte
Mittlerweile wäre ein gewisser Kavalier der Hr von L ebenfals mit
verliebten Regunge gegen diese meine Schwester angefüllet worden der sich so
bald er nur gehört dass sie dem Kauffmanne welchen ich gewisser Ursachen wegen
nur Peterson genannt haben will versprochen werden sollte aufs grausamste
vermessen dem wie er gesagt wurmstichigen Kerle ehe 1000 mahl den Hals zu
brechen als zu vergönnen dass er die schöne Preussin denn unter diesem Nahmen
war meine Schwester in Stockholm bekandt jedoch nicht oft zu sehen gewesen
ins BrautBette führen sollte
Kurtz von der Sache zu reden es war endlich dahin gekommen dass der Herr
von L Gelegenheit gesucht dem Peterson ein wichtiges anzuhängen und sein
nicht lobenswürdiger Anschlag war ihm in so weit gelungen dz er demselben unter
vielen starke Verwundungen fast das ganze UnterMaul hinweg gehauen hatte
welches den armen Menschen vollends ungemein verstellete Weilen sich aber mein
Vater mit Peterson allbereit zu tieff verwickelt so soll dem ungeacht die
Verbindung desselben mit meiner Schwester vor sich gehen und da dieselbe
solcher Ursachen wegen vor Jammer fast vergehen will zieht es sich mein Vater
dergestallt zu Gemüte dass er ganz melancholisch wird deswegen schlagen sich
unsere so genandten Freunde ins Mittel welche aus lauterm EigenNutz meine
Schwester unter den trifftigsten Vorstellungen dahin bewegen dass sie um unsers
Vaters Leibes und GemütsKranckheit ingleichen dessen Renommé wieder
herzustellen sich endlich entschliesset mit dem eckelhaften Peterson ein
auf die Ehe abzielendes Verlöbnis einzugehen jedoch bedinget sie sich erstlich
noch so lange Zeit aus biss sie sähe ob ihr Vater seine völlige Gesundheit
wieder erlangen und Peterson sein Wort halten könnte demselben so viel Gelder
herzuschiessen als zu Wiederauffrichtung seiner vorigen Handelschaft und
ganzen Wesens erfodert würde
Indem nun meine Schwester ihren geheimen Kummer sonderlich zu verbergen und
sich anzustellen weiß als ob ihr mit dergleichen Heirat ganz wohl gedienet
sei wird der Vater nach und nach völlig gesund so bald Peterson dieses merckt
gibt er sich alle Mühe dessen Kreditores dahin zu behandeln dass sie mit der
Helffte der zu fodern habenden Kapitalien zufrieden sein und ihn vor voll
quittiren wollen weswegen er meinen Vater die darzu benötigten Gelder
auszahlet sich als Kompagnon mit ihm zu handeln engagiret und nachdem er so
wohl dieser als meiner Schwester wegen einen schrifftl Kontract mit dem Vater
geschlossen selbigen dahin bewegt immer nach Hause in meine GeburtsStadt zu
reisen und alle Sachen richtig zu machen binnen welcher Zeit Peterson mit
meiner Schwester ordentlich Verlöbnis und Hochzeit halten und bald darauf
nachfolgen wolle Demnach war gestern Abend das Verlöbnis celebrirt und meiner
Schwester Hand in Petersons Hand gelegt worden jedoch weil dieselbe dabei ganz
ohnmächtig gewesen und auf öffteres Befragen kein JaWort sagen können oder
wollen hatte der dabei anwesende Priester den Kopf geschüttelt und gesagt Mit
dergleichen Verlöbnissen habe ich nichts zu tun war auch alsobald zum Hause
hinaus gegangen Dem ungeacht wenden unsere bestochenen Freunde allen Fleiß an
meine Schwester nur dahin zu vermögen dass sie um den Peterson nicht gänzlich
zu prostituiren sich endlich mit zu Tische setzt auch nachher etliche Reihen
mit ihm und andern anwesenden Gästen tantzet wiewohl ihr eben nicht gar
täntzerlich zu mute gewesen Peterson hatte sich sonsten bei dieser
verdrießlichen Affäre ziemlich politisch und vernünftig auffgeführet jedoch
sich etliche mahl gegen die alte Amme verlauten lassen Er wolle seine Liebste
in zukunft schon anders gewöhnen
Dieses war also der kurtze HauptInnhalt von meiner Schwester damaligen
unglückseeligen Zustande welchen sie mir nicht so bald erzählt hatte als ich
ihr den allerkräfftigsten Trost zusprach und die Versicherung gab mein
alleräuserstes anzuwenden sie aus dieser Not zu erlösen indem mir der Himmel
so viel Vermögen zugewendet nicht allein meines Vaters gäntzliche Schulden
damit zu bezahlen sondern auch ihren ungestallten Liebsten mit feiner Haabe und
Gütern vielleicht wohl zwei oder mehrmahl auszukauffen
Sie hörte dieses mit bangen Hertzen als ein bloßes Mährlein an jedoch
nachdem ich ihr noch weit teurere Versicherung gegeben und nicht ehe aus
diesem Hause zu weichen versprochen biss ich sie mit mir hinweg führen könnte
fing sie an etwas stärckere Hoffnung zu schöpffen und schlich sich mit ihrer
Amme ganz sachte wieder in ihre Kammer ehe noch jemand von Petersons Leuten
auffgestanden und unserer Zusammenkunft inne worden war
Etwa eine Stunde hernach wurde alles völlig munter und die Musicanten
ließ sich zu meinem damaligen größten Verdruss tapffer wieder hören ich war
bereits angekleidet trat deswegen aus meiner Kammer heraus und fragte nach
meiner Schwester Zimmer als wohin mich die bereits abgerichtete Amme so gleich
führte Es befand sich niemand bei ihr als unsere Baase indem ich aber meine
Schwester weinend antraff fragte ich alsobald was ihre gestrige und noch
itzige betrübte Aufführung zu bedeuten hätte Indem nun meine Schwester vor
Tränen nicht antworten konnte nötigte mich die Baase zum niedersitzen und
fing eine weitläufftige Erzählung an von derjenigen Glückseeligkeit worein
meine Schwester nicht allein sich selbst sondern auch meinen Vater und meine
eigene Person setzen könnte daferne sie ihren Eigensinn bräche ein wenig in
einen saueren Apffel bisse und den Peterson sich gefällig bezeugte dessen
verlobte Braut sie nun ohnedem schon wäre Was rieff ich aus soll meine
Schwester etwa mit Gewalt den ungestallten Menschen heiraten Das wolle der
Himmel nimmermehr Es ist nun nicht anders antwortete meine Baase deñ gestern
Abend vor eurer Ankunft mein Vetter ist das Verlöbnis schon geschehen Ey was
Verlöbnis fing nunmehr meine Schwester zu reden an wer hat von mir ein
JaWort gehört hat man nicht meine Hand mit Gewalt in seine Hand geleget Man
frage doch den dabei gewesenen Priester was der darzu sagt Sie beruffen sich
alle auf den Kontract den Peterson mit meinem Vater geschlossen allein ich
glaube die Obrigkeit in Schweden wird nicht billigen dass ein Vater seine
Tochter als eine leibeigene Sklavin verkauffen kann
Unter diesen Gesprächen trat Peterson mit dem ganzen Gefolge seiner Freunde
oder Anhänger ins Zimmer und weil er uns unfehlbar behorcht hatte mengete er
sich alsofort in unser Gespräch und sagte zu mir Monsieur ich hätte vermeint
ihr wäret als ein getreuer Sohn eures Vaters und als ein guter Freund gekommen
dessen Glück und mein Vergnügen zu befördern allein wie ich aus wenigen Worten
gemerckt so raisoniret ihr so unglücklich als eure capriçieuce Schwester
Monsieur gab ich etwas hitzig zur Antwort wir haben vielleicht als
freigebohrne Kinder ehrlicher Eltern nicht geringe Ursache eurer Aufführung
Person und ganzen Wesens wegen capriçieus zu sein und mich wundert nicht
wenig dass ihr euch des besitzenden Reichtums wegen unterstehen wollt ein
honettes Frauenzimmer mit Gewalt in euer EheBette zu zwingen
Es geschicht nicht mit Gewalt versetzte er sondern seht hier ist der mit
mir geschlossene Kontract eures leibl Vaters und hier sind die Handschrifften
über diejenigen Gelder welche ich ihm bereits vorgeschossen habe auch noch ein
weit mehrers vorzuschiessen willens bin Hiermit zohe er etliche Briefschaften
aus seiner Tasche hervor welche ich mit flüchtigen Augen überlase jedoch bald
darauf sagte Der Väterliche Kontract kann meine Schwester zu nichts verbindlich
machen unterdessen ist es billig dass euch eure vorgeschossenen Gelder mit Danck
und Interesse wieder bezahlet werden Seid ihr sprach er hierauf mit einer
hönischen und hässlichen Gebärde etwa ein solcher Kapitaliste der diese Gelder
heute oder längstens binnen 8 Tagen an mich bezahlen oder einen Bürgen
schaffen kann so nehmt eure Schwester und reist mit derselben wohin ihr
wollt außer diesem lasset sie hier und packet euch augenblicklich zum Hause
hinaus
Holla nicht so hitzig vermeintlicher Herr Schwager versetzte ich wie man
merckt so beruhet eurer ganzer Vorschuss in allen etwa auf kahlen 70 oder
80000 Tlrn Hiermit zohe ich vor 120 tausend Tlr WechselBriefe die Hr
GvB in Amsterdam ausgestellet hatte hervor und fragte ob er diese vor gültig
erkennete darauf Geld heraus geben oder vor so viel Wert an Diamanten
annehmen oder noch heute vor Abends in Nyköpping sein baares Geld eincassiren
wollte Er stutzte gewaltig bei diesem unvermuteten Erbieten zumahlen da ich
ihm den Ernst zu zeigen eine güldene und mit den allerkostbarsten
Edelgesteinen angefüllete Dose aus der Tasche zohe und selbige zur Schaue
darlegte
Es befand sich ein Jubelier unter Petersons Beiständen der als ein Habicht
über meine Kleinodien und Edelgesteine herfiel und dieselben mit begierigen
Augen beschauete indem er vielleicht mutmassete dass es falsche und
betrügerische Waren wären nachdem er aber alle und jede echt und recht
befunden sprach er mit ziemlich bestürtzten Gebärden als welche Zeugen seiner
Bosheit waren die Sachen sind zwar gut allein aufs höchste taxirt so werden
sie wenig über 40000 Tlr betragen Mein Herr gab ich zur Antwort lernet
entweder solche Sachen besser kennen oder redlicher taxiren denn ihr habt in
Wahrheit mit ehrlichen Leuten und mit keinen Juden zu tun Indem nun Peterson
von dergleichen Sachen ebenfalls gute Wissenschaft zu haben vorgab und sich
verlauten ließ dass er dieselben kaum vor 30000 Tlr annehmen könnte sprach
ich Mein Herr ihr tut euch selber Schaden denn in Betrachtung eures guten
Gemüts welches ihr gewisser maßen gegen meinen Vater und Schwester blicken
lassen hätte ich euch alle diese Sachen nebst der güldenen Dose welche unter
Brüdern eine Tonne Goldes wert sind teils zu Bezahlung der Väterlichen
Schuld teils zum guten Andencken überlassen bei so gestallten Sachen aber
werdet ihr euch gefallen lassen dass ich meine Schwester als eine freie Person
mit mir hinweg führe eure Geld aber könnt ihr noch vor Abends in Nykópping
entweder selbst, oder durch einen Bevollmächtigten in Empfang nehmen und mich
meines Vaters gemachten Kontracts wegen völlig qvittiren Mitin seht ihr dass
ich ein solcher Kapitaliste bin der eure Prætensiones aufs genauste erfüllen
kann Peterson wusste vor Verwirrung nicht was er antworten sollte indem er sich
dergleichen Schicksal nimmermehr eingebildet hatte wollte also verwenden er
hätte nichts mit dem Sohne sondern mit dem Vater allein zu tun allein ich
sprach dagegen Mein Herr ich bitte euch nochmals macht keine
Weitläufftigkeiten denn ein vor allemahl habt ihr das Wort von euch gegeben
dass ich euch meines Vaters Schuld bezahlen u mit meiner Schwester hinreisen
soll wohin ich will außer dem glaubt mir nur sicherlich dass ich mehr Tonnen
Goldes an meiner Schwester Vergnügen zu wenden habe als ihr vielleicht meint
Peterson ließ zwar hierauf einige empfindliche Reden fliegen konnte sich aber zu
nichts gewisses entschließen sondern ging mit seinen Anhängern davon und ließ
mich nebst meiner Schwester und Baase ganz allein im Zimmer zurücke Die
letztere wusste nunmehr nicht was sie vor Worte zu Marckte bringen sollte jedoch
weil ich vorher aus allen Umständen vermerckt dass sie gänzlich auf Petersons
Seite hinge sprach ich Liebste Schwester wir sind hiesiges Orts so zu sagen
verraten und verkaufft kommt wir wollen unsere Affairen auf einen kurzen
SpazierWege in geheim überlegen Gut mein Bruder versetzte sie allein tut so
wohl und schreibet vorher ein paar Zeilen an Peterson dass er binnen Zeit von
einer oder zwei Stunden seine völlige Erklärung von sich geben solle damit wir
hernach unsere anderweitigen Messures nehmen können Ich hielt diesen Vorschlag
vor höchst billig folgte deswegen schrieb wenige Zeilen an Peterson
übersendete ihm selbige durch die alte Amme nahm hierauf meine Schwester bei
der Hand um mit derselben einen SpatzierGang auf die freie Straße zu tun
allein ob schon die HausTüren offen stunden so waren doch alle Tore und
Türen des Hofes verschlossen Wir merckten also wie es gemeinet war da aber
eben eine Magd mit einem Bunde Grass aus dem weitläufftigen BaumGarten heraus
trat drungen wir uns neben derselben hinein und gingen biss an das Ende
desselben welches mit starken Pallisaden versetzet war Glaubet sicherlich
Bruder sagte meine Schwester Peterson will uns allhier im Arreste behalten er
ist ein sehr untugendhafter Mensch wer weiß was ihm der Satan vor Bosheiten
eingibt sich an uns zu rächen Wolte Gott wir könnten nur diese Pallisaden
übersteigen und uns in des Priesters Behausung begeben daselbst verhoffte ich
weit sicherer als in Petersons 4 Pfählen zu sein Meiner Schwester Gedanken
konnten mir nicht anders als sehr vernunftmässig vorkommen deswegen versuchte
ich bald hier bald dort ein paar Pallisaden auszubrechen und war endlich nach
allen angewandten LeibesKräfften so glücklich solches ins Werck zu richten
Wir schlupfften alle beide durch die gemachte Oefnung und vermerckten im
nochmahligen Umsehen dass der Peterson mit vielen von seinen HanssGesinde hinter
uns her gelauffen kam und dieses bewegte uns dass wir ebenfalls hurtiger
lieffen auch das PfarrHaus glücklich erreichten da Peterson mit den seinen
noch weiter als 50 Schritte zurücke war
Es blieben viele Leute auf der Straße stille stehen welche vermeinten
wir hätten sämtlich aus Wollust ein WettRennen angestellet allein da Peterson
grausam zu fluchen lästern und schimpffen anfing merckten sie bald Unrat der
Zulauff aber wurde nur desto größer zumahlen da Peterson als ein rasender
Mensch in des Priesters Haus gelauffen kam und meine Schwester mit Gewalt
heraus zu reißen Mine machte Der Priester ungeacht er mich nicht kannte
zeigte sich bei seiner Bestürtzung sehr höflich ich gab ihm in lateinischer
Sprache ungefähr so viel zu verstehen dass ich und meine Schwester unter
seinem Dache Schutz suchten gegen einen irraisonablen Menschen der die
letztere wieder alle Rechte seine EheFrau zu werden zwingen wollte Wie ihm
nun dieses genung gesagt war so wendete er sich alsofort zu Peterson und
redete denselben wie mir hernachmahls verdeutscht wurde also an Mein Herr
ihr wisst die Gesetze dieses Landes vielleicht nicht völlig allein woferne
euch eure rechte Hand lieb ist so hütet euch in meinem Hause den geringsten
Unfug anzufangen ihr habt in Wahrheit nicht viel gerechte Sache vor euch
deswegen lasset entweder fremden Personen ihre Freiheit oder den Policei
Richter anhero beruffen welcher einem jeden sein Recht sprechen wird wo nicht
so will ich selber einen Boten nach ihm senden wollt ihr euch aber nicht
warnen lassen so kann ich mein HausRecht zu beschützen durch wenige
GlockenSchläge die Nachbarn bald zusammen ruffen lassen werdet ihr alsdenn
prostituirt oder in Schaden gebracht so habt ihr niemanden als euch selbst die
Schuld beizulegen Nach Anhörung dieser guten Erinnerung zog Peterson alsobald
gelindere Saiten auf und da er mich so wenig als meine Schwester bereden konnte
wieder mit ihm zurück auf sein Gut zu kehren begab er sich mit seinem Gefolge
von dannen ohne zu melden ob er meine ihm getane Vorschläge in der Güte
annehmen wolle oder nicht Mir war es immittelst eine besondere Freude dass der
Schwedische Priester sehr gut deutsch sprechen konnte denn er hatte nicht allein
auf der Universität Wittenberg drei Jahr lang studiret sondern auch als
FeldPrediger im Jahr 1707 in Sachsen ohnweit Bitterfeld im Quartiere gelegen
Ich erzehlete ihm von meines Vaters und meinen eigenen Geschichten so viel als
vor nötig hielt machte mich auch seines guten Rats sehr wohl bedient indem
mir die Schwedischen ReichsGesetze so wohl als dasiger Nation Lebensund
GemütsArt nicht sonderlich bekant waren denn Peterson wollte sich durchaus
nicht mit uns vergleichen sondern stellte eine würckliche Klage wieder meine
Schwester an allein selbige lief nicht so glücklich als er wünschte sondern
wurde zu unsern großen Vergnügen gleich im ersten Termino beigelegt so dass
ich an Peterson die meinen Vater vorgeschossene Gelder so viel er dartun
konnte bezahlen er hingegen mir den väterlichen Kontract nebst den Obligationen
zurück liefern musste Solchergestalt nahm ich von dem Priester bei dem wir uns
biss zu ausgemachter Sache aufgehalten hatten liebreichen Abschied beschenckte
ihn und seine ganze Familie reichlich und reiste unter ausgebetener
gerichtlichen Begleitung in guter Sicherheit nach Nyköpping zurücke allwo wir
nur wenige Tage auf ein Seegelfertiges Schiff warten mussten nachher aber auf
selbigen in unsere GebuhrtsStadt überführet wurden Ich trat mit meiner
Schwester dem HolländischSchwedischen Dollmetscher und denen zweien Bedienten
in einem der vornehmsten Wirtshäuser ab allwo ich mich durch den Dollmetscher
vorher unter der Hand erkundigen ließ wie es um meines Vaters Wesen stünde
erfuhr aber zu meinen größten Freuden gar bald dass derselbe nicht nur seine
Schulden völlig bezahlet sondern auch bereits sein ehemahliges Haus wieder
bezogen und das Gewölbe eröffnet hätte So bald die AbendDemmerung eintrat
nahm ich meine Schwester an die Hand und führte dieselbe zu unser beiderseits
unbeschreiblichen Vergnügen nach demjenigen Hause hin in welchen wir zum ersten
das Licht dieser Welt erblickt hatten Es war eben an einem Sonntags Abend als
wir bei unserm lieben Vater ganz unverhofft in die Stube traten da er mit
einem alten guten Freunde am Tische saß und im Schach spielete Er fing
herzlich an zu weinen als wir ihm fast beide zugleich um den Hals fielen so
dass sich unsere FreudenTränen mit den seinigen die von Kummer und Freude
zugleich ihren Ursprung nahmen vermischeten jedoch da ich dieses merkte
erkannte ich mich schuldig ihm so gleich vor allen andern Dingen zu eröffnen
dass meine Schwester annoch ledig und frei wäre auch sich wegen des
verdrießlichen Petersons nichts mehr zu besorgen hätte Worbei ihm zugleich den
durchrissenen Kontract nebst Petersons Quittungen in die Hände lieferte worüber
mein Vater vor Freuden fast aus sich selbst gesetzt wurde Hierauf erzehlete er
von des Herrn W von Hamburg unverhoffter Ankunft und wie derselbe alles was
ich ihm aufgetragen treulich ausgerichtet auch nur vor etwa drei Wochen zurück
nach Hamburg gereist wäre immittelst hätte so wohl Herr VV als er mein Vater
selbst verschiedene Briefe an mich und meine Schwester nach Schweden
abgeschickt es hätten uns aber selbige teils unmöglich antreffen können
teils möchten auch wohl von Peterson und unserer Baase unterschlagen sein denn
weil die letztere biss auf die letzte Stunde Petersons Partie hielt so war ihr
noch vor dem Abschiede alle fernere Freundschaft von uns beiden aufgekündigt
die meiner Schwester anderweitig erzeigten Gefälligkeiten aber zehnfach
bezahlet worden
Folgendes Tages ließ mein Vater Anstalt zu einer großen Gasterei machen
wozu nicht allein alle seine getreu verbliebenen Freunde sondern auch viele
andere geladen wurden die ihm bisher Tort getan hatten nunmehr aber Zeugen
seines neuen guten Wohlstandes sein mussten Ein jeder war begierig einen
umständlichen Bericht von meiner Reise und den darauf erworbenen fast
erstaunlichen Reichtümern anzuhören denn mein Vater sagte unverhohlen dass er
nur durch den zwantzigsten Teil meiner Barschaften und Kostbarkeiten wieder
in vorigen ja noch weit bessern Stand gesetzt worden allein ich nahm mir vor
dissmahl ein Bedenken allzu aufrichtig im Erzehlen zu sein sagte deswegen
nicht mehr als ihnen allen zu wissen dienlich mir aber unschädlich sein möchte
und gab vor ich hätte auf einer gewissen Insul einen vergrabenen Schatz
gefunden auch ein ansehnliches von einem unterwegs verstorbenen speciellen
Freunde ererbet der ein Deutscher von Geburt gewesen und mich als seinen
LandsMann in Ermangelung anderer Anverwandten zu seinem Erben eingesetzt hätte
Ubrigens bekümmerte ich mich sehr wenig darum ob man mir vollkommenen Glauben
zustellete oder nicht Hergegen entdeckte ich meinem Vater und Schwester allein
das ganze Geheimnis und setzte damit beiderseits in die größte Verwunderung
beide bezeugten nicht geringe Lust die Insul Felsenburg und unsere dasige
starke Freundschaft selber in Augenschein zu nehmen nur der ferne Weg
schien ihnen so beschwerlich als gefährlich jedoch auf mein heftiges Zureden
und Bitten versprach endlich mein Vater sich weiter darauf zu bedencken binnen
welcher Zeit ich eine Reise nach Herrn Mag Schmeltzers Anverwandten vornahm um
vornehmlich dessen jüngsten Bruder zu sprechen als welchen ich bereits bei
seinen Schwestern und Schwägern eingetroffen zu sein vermutete indem ich des
Hrn Mag Schmeltzers und meine eigenen beigelegten Briefe schon vor etlichen
Wochen durch Herrn W aus Hamburg dahin bestellen lassen
Mein Wünschen war nicht vergebens denn ich traf nicht allein Mons
Schmeltzern sondern auch noch einen Kandidatum Teologiæ bei des ersteren Herrn
Schwager dem DorffPrediger an So bald meine Ankunft kundbar worden
versammlete sich Herr M Schmeltzers ganze Freundschaft um von ihren
wertesten Bruders und Freundes vergnügten Zustande ausführlichen Bericht zu
vernehmen weil aber Herr M Schmeltzer den Ort seines Auffentalts so wenig
als eine gar zu genaue Beschreibung von dasiger LebensArt kund getan als nahm
auch ich mich in acht nicht über meine Instruction zu schreiten jedoch so bald
ich vergewissert wurde dass Mons Jacob Friedr Schmeltzer nebst dem andern
Kandidaten der sich Joh Friedr Hermann nennete die allergröste Lust
bezeugten mit mir dahin zu reisen wo sich Herr Mag Ernst Gottl Schmeltzer
aufhielte ließ ich ihnen etwas mehr von dem Geheimnisse als andern wissen und
versprach die völlige Entdeckung zu tun so bald wir uns eingeschifft hätten
Nachdem mich die lieben Leute 14 Tage bei ihnen zu bleiben fast gezwungen
hatten trat ich die RückReise mit diesen beiden Teologis nach meiner
VaterStadt an und fand daselbst meinen Vater und Schwester annoch in der
größten Bestürtzung denn der oberwähnte Schwedische Edelmann Herr von L
welcher eine unbesonnene Liebe auf meine Schwester geworffen auch ihrentalben
Peterson so schändlich zugerichtet hatte war nachdem er bei dem Vater um
dieselbe angehalten jedoch so wohl von ihm als ihr eine höflich abschlägige
Antwort erhalten auf die Torheit geraten meiner Schwester durch eine
heimliche Entführung sich teilhaftig zu machen Jedoch dieser Anschlag
misslinget ihm noch zu allem Glücke ungeacht er meine Schwester in einem
zugemachten Wagen bereits auf eine halbe Stunde von der Stadt hinweg gebracht
hat indem dieselbe als sie durch einen kleinen Spalt etliche FrachtWagens
hintereinander herfahrend gewahr wird ein plötzliches ZeterGeschrei zu machen
anhebt wodurch die Unart vermerckenden FuhrLeute bewogen werden mit ihrem
HandGewehr die Karosse anzuhalten und meine kläglich um Hüllfe bittende
Schwester zu befreien Mons L ist noch so glücklich auf eins seiner Bedienten
Pferde zu kommen und sich mit denenselben auf die Flucht zu begeben sonsten
würden ihn unfehlbar die FuhrLeute so wohl als seinen LohnKutscher ziemlich
garstig zugerichtet und in die Hände der Obrigkeit geliefert haben Immittelst
hat mein Vater nichts von der Entführung seiner Tochter gewust sondern
vermeint sie wäre mit einer guten Freundin spatziren gefahren biss ihm
dieselbe von den ehrlichen FuhrLeuten vors Haus gebracht wird denen er nebst
vieler Dancksagung 100 spec Duc vor gehabte Mühe gibt und sie dabei bittet
nur kein weiters Lermen von dieser Sache zu machen weil sonderlich die
Edelleute sehr rachgierig zu sein pflegten
Dieser Zufall machte meine Schwester um so viel desto begieriger wenigstens
auf eine Zeitlang mit nach Felsenburg zu reisen indem ich aber wohl gedenken
konnte dass dem Kapitain Horn in Amsterdam die Zeit ungemein lang düncken würde
ehe ich mich wiederum bei ihm einfände so war meine stätige Beschäfftigung der
in Händen habende AltVäterlichen Instruction gemäß alles dasjenige
einzukauffen was ich in meiner GeburtsStadt am bequemsten und aufrichtigsten
erlangen konnte Hierauff offenbahrete ich meinem Vater wie mir mein ehemahliger
Informator und jetziger Felsenburgischer Seelsorger Herr Mag Schmeltzer
aufgetragen seinen jüngeren Herrn Bruder dahin zu bereden dass er entweder
selbst mit mir dahin reisen möchte da aber derselbe etwa bereits im Amte säße
zwei andere oder wenigstens einen Kandidatum Teologiæ der also beschaffen wie
Herr Mag Schmeltzer in dem an seinen Bruder abgelassenen Schreiben den Abriss
gemacht mir vorzuschlagen und zuzuweisen damit ich dieselben an demjenigen
Orte wo er der Herr Mag Schmeltzer ordinirt worden ebenfalls ordiniren
lassen und zum KirchenDienste der Felsenburgischen Gemeinden mit mir führen
könnte Nun hatte sich nicht allein Mons Schmeltzer so bald er seines Herrn
Bruders und mein beigelegtes Schreiben erhalten alsobald aus der
MarckBrandenburg allwo er in Kondition gestanden bei seinen Freunden allwo
ich ihn zu sprechen hin beschieden selbst eingestellet sondern auch
gegenwärtigen Kandidatum Herrn Herrmannen der seit etlichen Jahren sein
HertzensFreund gewesen mitgebracht und zwar aus keiner andern Ursache als
weil er ihn also zu sein befunden wie ihm Herr Mag Schmeltzer verlangete
überdieses zumahlen da derselbe die allergröste Lust bezeugt einen geistlichen
Missionarium abzugeben indem er bisher wenig Beförderer und noch weniger
zeitliche Güter vor sich gehabt Mein Vater bezeugte hierüber ein vergnügtes
Nachsinnen und nachdem ich ihm noch ein und anderes von der Einrichtung unseres
dasigen Gottesdienstes dem neuen KirchBaue den Schulen und andern dazu
gehörigen Ubungen wiederhohlungs weise desto deutlicher erzählt resolvirte er
sich in der Geschwindigkeit nebst meiner Schwester einen ReiseGefährten nach
der glückseeligen Insul Felsenburg abzugeben weswegen ich vor Vergnügen fast
ganz außer mir selbst gesetzt wurde Wie nun um die Herrn Kandidaten desto
baldiger ordiniren zu lassen keine Zeit versäumen wollte so ließ mein Vater den
dasigen Seniorem des geistlichen Ministerii eines Sonntags Abends aufs
freundlichste durch mich und meine Schwester welche mit dessen Töchtern in
genauer Freundschaft stund zur AbendMahlzeit invitiren und dieser Exemplari
sche Priester ließ sich endlich auf oft wiederholtes Bitten bewegen nebst
seiner ganzen Familie um bestimmte Zeit zu erscheinen Die beiden Herrn
Kandidaten nämlich Mons Schmeltzer und Mons Herrmann befanden sich auch mit
zu Tische sonsten aber niemand mehr von den StadtLeuten als meines Vaters
einziger vertrautester Freund Herr O Unter vielerlei Gesprächen wurde auch
von meinem Studiren und dann von meinem ehemaligen Informatore Herrn Mag
Schmeltzern erwehnet wobei der Senior meldete dass er denselben vor länger als
drei Jahren alhier ordiniret indem er sich resolvirt gehabt mit einem
OstIndienFahrer zu Schiffe zu gehen und auf einer gewissen Insul das Wort
Gottes zu predigen
Demnach bedünckte es mich die bequehmste Zeit zu sein mit denen Brieffen
heraus zu rücken welche mir Herr Mag Schmeltzer und Herr Wolffgang an den
Herrn Seniorem mitgegeben hatten und solches verrichtete ich bei Auftragung des
Konfects bemerckte auch dass der Herr Senior so viel Vergnügen als Verwunderung
unter währendem Lesen schöpffte indem ihm aber beide zugleich ersucht hatten
von der ganzen Sache unnötiger weise nichts zu melden weilen zu befürchten
dass die dadurch erregte Neugierigkeit einiger SeeFahrer denen Felsenburgischen
Einwohnern nur allerhand Verdrießlichkeiten verursachen möchten so legte er die
Brieffe stillschweigend zusammen bewunderte die sonderbaren Führungen des
Himmels und versprach sich ein und anderer Dinge wegen ingeheim mit uns zu
unterreden daferne wir uns wollten belieben lassen nach aufgehobener Mahlzeit
ihn in ein anderes Zimmer zu führen Mein Vater bezeigte sich gänzlich nach
seinem Gefallen demnach ging der Herr Senior nebst ihm und mir in ein
Nebenzimmer allwo ich ihm bei einem Glase des besten Ungarischen Weins den
hauptInhalt der Felsenburgischen Geschichte erzehlete nachher von ihm
verlangete so bald als es nur möglich wäre die bei mir habenden zwei Herrn
Kandidaten nach vorhergegangenen scharffen Examine zu ordiniren damit ich mit
selbigen des ehesten meine Rückreise antreten könnte er versprach das Examen
gleich folgenden Tages anzustellen und weil die Herrn Kandidaten mit seiner
Erlaubnis herbei geruffen wurden ließ er sich vorläuffig mit denenselben in ein
genaues Gespräch ein welches biss um MitternachtsZeit daurete worauf der Herr
Senior nebst seinen lieben Angehörigen nach Hause fuhr Binnen dreien Tagen
bekam ich also an oft erwähnten beiden Herrn Kandidaten zwei geweihete
Priester beschenckte deswegen das Geistl Ministerium die HauptKirche das
WaysenHaus Hospital und andere Armen dergestalt dass von einem erhobenen
Wechselbrieffe à 10000 Tlr ordentlich gemachter Einteilung nach nichts
übrig bleiben durfte
Mein Vater war inzwischen nebst meiner Schwester aufs eifrigste bemüht
seine neuerrichtete Handlung und Wirtschaft meiner MutterBrudersSohne auf
Rechnung zu übergeben und denselben vor seiner Abreise mit einer tugendhaften
EheGattin zu beraten denn er war ein sehr feiner geschickter vernünftiger
und wohl gereiseter Mensch der aber kaum tausend Taler ErbteilsGelder im
Vermögen hatte Indem er nun seit etwa zweien Jahren bei einem der vornehmsten
KauffLeute meiner GebuhrsStadt als Buchhalter in Kondition gestanden mochte
sich der gute Mensch die Rechnung gemacht haben seinem Herrn durch beständige
Treue und Redlichkeit mit der Zeit eine von seinen dreien Töchtern
abzuverdienen deren geschicktes Wesen nebst der starken Morgengabe die
Schönheit der Gesichter bei weiten zu übertreffen schien allein so bald er sich
dieses gegen einen vermeintlichen guten Freund merken läst dieser aber nicht
reinen Mund hält wird mein ehrlicher Vetter dergestalt hönisch und spröde von
seinem Herrn und dessen ganzer Familie tractiret dass er vor Verdruss und
Kummer eine Ferne Reise anzutreten den Schluss fasset Hiervon hält ihm nun die
plötzliche Ankunft meines Vaters zurücke und weilen derselbe bald hernach
seine Handlung von neuen aufzurichten anfängt quittiret er die ersten und
gibt sich zu meinem Vater in Dienste So wohl meines Vaters als mein eigenes
Vorhaben war dieses Menschen zeitliches Glück so viel möglich zu befestigen
und ungeacht wir ihm nicht gänzlich zugesagt dass er unser aller einziger
Erbe in Deutschland sein und bleiben sollte indem mein Vater noch nicht völlig
resolvirt war Zeit Lebens in Felsenburg zu bleiben so bekam er doch von uns
solche starke Geschenke und sonderbare Vorteile in die Hände dass er
ohngescheut wagen durfte auch den vornehmsten Kapitalisten um seine Tochter
anzusprechen Sein voriger Herr roch den Braten gar balde suchte deswegen zum
Scheine unter diesen und jenen Vorschlägen ganz genaue Freundschaft zu
stifften ließ aber auch unter der Hand meinem Vetter die Wahl anbieten sich
eine von seinen Töchtern zur Frau auszulesen allein derselbe war ungeacht der
zu hoffen habenden starken Mitgifft so capricieus dass er zur Antwort gab wer
seine redliche Affection der Zeit nicht æstimirt hätte da er kaum etliche 100
Tlr im Vermögen gehabt dessen Schwiegerschaft achtete er nun mehro auch
nicht da ihm der Himmel durch die Generositee redlicher BlutsFreunde in den
Stand gesetzt dass er nicht die geringste Ursache hätte sich nach einer
bemittelten wohl aber tugendhaften Braut umzusehen
Diese Resolution gefiel uns ungemein indem er aber zu vernehmen gab wie er
eine besondere Affection auf die tugendhafte jüngste Tochter des Herrn Senioris
geworffen hätte ungeacht er wohl wisse dass wegen der vielen Kinder von dem
Ehrwürdigen Herrn kein starckes HeiratsGut zu hoffen sei als ließ sich mein
Vater dieses von Hertzen angenehm sein begab sich selbst zum Herrn Seniori und
brachte auf einmal das Jawort so wohl von dem Herrn SchwiegerVater als der
Jungfer Braut mit nach Hause
Indem aber ich von dem Kapitain Horn aus Amsterdam immer Brieffe über
Brieffe bekam meine Zurückkunft zu beschleunigen damit uns nicht die
verdrüssliche Witterung vor völliger Einrichtung unserer Sachen über den Hals
kommen möchte als trieb ich auch die Meinigen an sich aufs schleunigste
wegfertig zu machen
Demnach wurde meines lieben Vetters Verlöbnis und Hochzeit auf einen Tag in
aller Stille celebrirt ich schenckte den beiden Verliebten annoch vor 12000
Tlr Jubelen versprach wo es nur möglich sein wollte in zukunft ein 10 mahl
mehreres zu tun und war nachher beschäfftiget alle eingekauffte Waren in
das bedungene Schiff einzuschiffen Ich erstaunete anfänglich gewaltig über die
entsetzliche Quantität gedruckter Bücher welche Herr Schmeltzer jun und Herr
Herrmann vor diejenigen Gelder welche ich zu ihrer Disposition überlassen
eingekaufft hatten ja ich hätte fast vermeint dass in allen Städten auf 20
Meilwegs herum nicht so viel Bücher anzutreffen wären machte mir aber eine
hertzliche Freude daraus zumahlen da sie einen feinen BuchbindersGesellen
Johann Martin Rädler aus dem Hildesheimischen gebürtig in ihren Dienst
genommen auch eine ungemeine Quantität BuchbinderMaterialien darzu angeschafft
hatten
Am 12 Julii langeten endlich die letztern FrachtWagens mit Kupffer Zinn
Messing Blei und andern Materialien an welche ich zum Mitnehmen bestellt und
alles so gleich einschiffen ließ so dass wir am 28 Julii nach genommenen
zärtlichen Abschiede von allen treugesinneten Freunden aus meiner
GeburtsStadt abreisen und uns auf die Fart nach Hamburg begeben konnten
allwo von dem redlichen Herrn W ebenfalls Abschied zu nehmen es unsere
Schuldigkeit so wohl als ein und andere Notwendigkeit erforderte Wir hatten
eine ungemeine bequeme und vergnügte Reise überrumpelten auch den Herrn W in
Hamburg zum größten Vergnügen da er sich unserer am wenigsten versah ich will
mich aber mit einer weitläufftigen Erzählung seiner vielfältigen Anstalten die
er binnen 14 Tagen zu unser trefflichsten Bewirtung blicken ließ nicht
aufhalten sondern nur melden dass er eine uninreressirte vollkommene
Freundschaft gegen uns bezeugte welche wir auf alle möglichste Art zu
erwidern bedacht waren
Etwa 6 oder 8 Tage vor unserer Abreise kam ein armer Studiosus in des
Herrn W Behausung der so wohl bei ihm als dessen Informatore um ein Viaticum
Ansuchung tat Ich erkannte denselben sogleich vor denjenigen der er wirklich
war nämlich vor einen meiner ehemahligen besten UniversitätsFreunde in Kiel
Diesen ehrlichen Menschen1 hatte ich in ungemeinen Wohlstande verlassen
verwunderte mich deswegen nicht wenig ihn also verändert anzutreffen
zumahlen da seine Meriten eines besonderen Glücks würdig sind Es hielt mich
weiter nichts ab als seine kränckliche zur Schwindsucht und Blutauswerffen
sehr geneigte LeibesKonstitution dergleichen Personen sich zu SeeFahrern gar
nicht schicken sonst hätte ich ihn leichtlich zur MitReise nach Felsenburg
persuadiren wollen Solchergestalt aber sah vor besser an demselben ein
ansehnliches Kapital zu Beförderung seiner zeitlichen Wohlfart in die Hände zu
liefern wovor er mir weiter keine andere Danckbarkeit erweisen als diese
gegenwärtige GeschichtsBeschreibung der Felsenburger jedoch nicht eher biss
nach meiner Abreise förmlich in Druck geben solle
Ich glaube dass es ihm zwar einige Mühe kosten wird meine confuse
SchreibArt auseinander zu finden denn meine Umstände haben noch niemals
zulassen wollen selbige durch eigenen Fleiß in behörige Ordnung zu bringen
jedoch wird es curieusen Leuten ob gleich kein vollkommenes dennoch einiges
Vergnügen erwecken wenn ihnen nur die HauptSachen bekandt gemacht werden Ists
möglich so soll binnen zwei oder drei Jahren der andere Teil2 zum Vorscheine
kommen worinnen ich meine Verrichtungen in Amsterdam die zweite Abfahrt von
dar nach Felsenburg und die LebensGeschichte meines Vaters meiner Schwester
und anderer ReiseGefährten etwas deutlicher und ordentlicher als bisher
geschehen beschreiben will Denn ich verhoffe auf dem Schiffe und nach GG
glücklicher Ankunft in Felsenburg gnugsame Zeit u Bequemlichkeit darzu zu
finden In Erwegung meiner wichtigen Beschäfftigung wird mir niemand übel
nehmen dass ich voritzo so kurtz abbreche und nicht einmal die gewisse Zeit
meiner Abreise melde denn ich lasse wie gesagt meine ganzen Manuscripta dem
geliebten Freunde in Hamburg zurücke welcher sich nicht wagen will mir das
Geleite biss nach Amsterdam zum Kapitain Horn zu geben Jedoch werde nicht
unterlassen demselben noch vor unserer Abfahrt Briefe zuzusenden um zu
bezeugen dass ich sei
Dessen wie auch aller geehrten künftigen Leser meiner entworffenen
Felsenburgischen GeschichtsBeschreibung
ergebener Diener
Eberhard Julius DB
Nun folgen die Kopien einiger Briefe welche Mons Eberhard Julius an seinen
Freund der das ganze Werck ediren sollen annoch vor feiner Abreise aus
Amsterdam geschrieben ingleichen einige von Herrn W aus Hamburg
I
Monsieur
tres cher ami
Wie ich nicht zweiffele es werde sich dessen Maladie gezeigter Besserung nach
bald verloren haben so wünsche zu einer völligen Cur allen himmlischen Seegen
Ein fleissiges Gebet ordentliche LebensArt und Verbannung alles Chagrins wird
vielleicht bei den zu brauchenden Artzeneien das beste rhun Wir sind den 8
Octobr glücklich in Amsterdam eingetroffen und dürfften uns wenigstens noch 5
biss 6 Wochen allhier zu bleiben gemüssigt finden denn es fehlen uns nicht
allein noch einige verschriebene Leute und höchstnötige Sachen sondern wir
haben auch außerdem wichtige Ursachen nicht ehe von dannen zu fahren Hierbei
folgt noch eine kurtze Beilage zur Geschicht welche ich annoch in meinem
Chatoull gefunden und die sie gehöriges Orts anzubringen wissen werden Herr
Herrmann ist etwas unpass wir hoffen aber dessen baldige Genesung so wohl als
meiner lieben Schwester welche von einem leichten Fieber befallen war jedoch
gänzlich restituirt ist Die Matematischen Instrumenta welche sie an Herrn
GvB addressirt uns nachsenden sollen sind etliche Tage eher als wir selbst
angelanget also dancke nochmals vor ihre Bemühung Innliegende Briefe an
meinen Vetter wie auch andere Personen an verschiedenen Orten bitte jedoch
die letztern nicht ehe als nach 3 biss 4 Wochen richtig zu bestellen denn
ich habe dissfalls meine besonderen Ursachen
Von der vortrefflichen Hällischen Medizin hätten wir gern noch etliche
vollständige Apotheckgen sie wären zwar allhier auch zu haben allein es hat
mir ein besonderer Freund die Furcht wegen einer Verfalschung eingejagt
deswegen versäumen Sie keine Zeit uns wenigstens noch 12 St anhero zu
senden indem ich nicht zweiffele dass sie noch zu recht kommen werden Von noch
einigen andern besonderen Sachen die wir in Hamburg am füglichsten einzukauffen
vergessen haben wird sich Herr W unfehlbar mit Ihnen besprechen als an
welchen ich voritzo zugleich ausführlich geschrieben habe Inmittelst empfehle
Dieselben Göttl Schutzwaltung und verharre beständig
Monsieur tres honore Amy
le Votre
Eberhard Julius
II
Monsieur mon cher Ami
Die Versicherung von Dessen itzigen Wohlbefinden hat mich ungemein vergnügt
wünsche dass selbiges viel und lange Jahre biss an das ordentliche LebensZiel
bestand haben möge Die Medicamenta habe in 8 Kästlein wohl erhalten bedaure
dass nicht wenigstens noch 4 dabei sein können Hoffe aber die Göttliche
Vorsorge werde solchen Mangel unmittelbarer weise ersetzen so lange wir
derselben mit reinem Hertzen vertrauen Es ist mir sonsten noch ein und anderes
beigefallen worinnen sie uns vor unserer Abreise besondere Gefälligkeiten
erweisen können allein weilen die Zeit nunmehr verflossen indem wir uns keine
10 oder 12 Tage langer alhier zu bleiben vermuten so halte vor unnötig
etwas davon zu melden Kapitain Horn hat wegen seiner SchiffFart einige
Verdrießlichkeiten jedoch weil man klärlich sieht dass es eine bloße
Geldschneiderei zu bedeuten hat wird wohl alles ohne besonderen Schaden
beizulegen sein Am verwichenen Sonntage hat unser lieber Prediger Herr Jacob
Friedrich Schmeltzer zu meines Vaters und meinem selbst eigenen Vergnügen sich
mir meiner Schwester Juliana verlobet die Priesterliche Kopulation aber ist
verschoben worden biss wir glücklich in Felsenburg angelangt sein Auch hat
meine Schwester zwei arme aber sehr artige und tugendhafte Freundinnen
gefunden welche sich als ein paar Vater Mutter und Freundlose Waisen
belieben lassen mit uns nach Felsenburg zu reisen Sonsten weiß voritzo nichts
sonderbares zu berichten bitte aber sich so lange noch in Hamburg aufzuhalten
biss sie vor dieses mahl das letzte Schreiben von mir erhalten haben welches am
Tage unserer Abfahrt ausgefertiget werden soll womit unter Empfehlung
Göttlicher Obhut beharre
Monsieur mon cher Ami
le Votre
Eberhard Julius
III
Monsieur mon cher Ami
Endlich nach Uberwindung noch vieler Verdrießlichkeiten die wir uns nicht
eingebildet hätten und die ich ihnen weitläufftig zu berichten jetzo vor
unnötig halte sondern solches biss zu seiner Zeit versparen will sind wir
resolvirt diesen Nachmittag als den 27 Nov uns zu Schiffe zu begeben und
unter Göttl Geleite abzuseegeln weswegen mit diesem Schreiben auf dieses
mahl mein letztes Adieu von Ihnen nehme und mit kurzen Worten jedoch
getreuen Hertzen Sie der Göttl Vorsorgen empfehle als in welcher alles unser
zeitliches und ewiges Glück und Vergnügen beruhet wie denn auch nicht
zweiffele dass sie uns Reisende mit in ihr tägliches andächtiges Gebet
einschliessen werden So ferne es mit Erlaubnis unserer Eltern und Obern
geschehen darff vornehmlich aber es dem Himmel gefallen will verspricht sich
der Kapitain Horn ehe zwei Jahr völlig verlauffen wieder an den Europäischen
Ufern zu sein ob er aber eben in Amsterdam wieder anländen möchte zweiffelt er
annoch selbst Ihnen mein Herr steht nunmehr frei in ihr Vaterland zu
reisen so bald es beliebig doch bitte mit dem Herrn G vB und Herrn W
stets fleißig zu correspondiren denn so bald sich der Kapitain Horn selbst,
oder ein anderer von uns Abgeordneter bei einem von diesen beiden Herrn melden
wird soll er auch zugleich den ferneren Verfolg unserer Geschichte mit sich
bringen welche ich ordentlich auszuarbeiten mir hinfüro noch mehr Mühe als
bisher geben werde Tragen sie doch mittlerweile in ihrem Patria einige Sorge
uns eine hinlängliche Buchdruckerei nebst darzu behörige Personen zu procuriren
jedoch nur auf den Fall wenn der Kapitain Horn oder jemand anders von uns sich
bei ihnen meldet damit es zu solcher Zeit nicht allzu große Weitläufftigkeiten
und langes Warten verursachet Denn ich halte davor dass uns oder unsern
Nachkommen in zukunft obgleich eben itzo nicht eine Buchdruckerei sehr
nötig sein möchte Vor innliegenden WechselBrieff â 5000 Tlr den ich Ihnen
zum Abschiede verehrt haben will wird Herr W die Gewähre leisten wobei nicht
zweiffele dass Sie solches Geld zu ihren guten Nutzen anwenden anbei die
Beförderung der Ehre Gottes auch die Liebe des Nächsten nicht vergessen werden
ich vor meine Person verlange weder mündlichen noch schrifftlichen Danck
sondern eine getreue Freundschaft davor die zu recompensiren alle fernere
Sorge tragen werde wofern der Himmel die Gelegenheit befördert Solte
mittlerweile etwas von besonderen mechanischen oder andern curieusen Sachen
beschrieben und ausgearbeitet werden so bitte alles wohl zu notiren auch wo
möglich in naturâ parat zu halten damit unsere Gesandten keine Zeit zu
verspielen nötig haben Bei künftigen GeldMangel zu dergleichen wird Herr
GvB Herr W und mein Vetter in meiner GeburtsStadt hoffentlich jederzeit zu
helfen nicht verweigern welchem letztern beiliegendes Paquet AbschiedsBriefe
mir nächster Post zuzusenden sind wie ich denn selbigen bei Gelegenheit und so
oft es möglich zu besuchen bitte Ich schließe weil mich alles an weitern
Schreiben verhindern will empfehle Sie deswegen nochmals der guten Hand
Gottes und verbleibe
Monsieur
votre fidele Ami
Eberhard Julius
PS
So gleich bei Zusammenlegung des Briefes erfahre dass einer von unsern 3
angenommenen Glassmachern entlauffen ist und den Kapitain Horn mehr als 500
Ducaten entwendet habe jedoch wir wünschen dass sie ihm nicht nach Verdienste
gedeihen
IV
Monsieur
Dessen glückliche Ankunft in Zell erfreut mich noch vielmehr als dass meine
Ihm aufgetragene Kommission nach Wunsche ausgerichtet worden wovor aber
höchlich verbunden bin Die PackFässer werden nunmehr vielleicht schon vor
einigen Tagen in Magdeburg angelanget sein Hätte ich gewust dass Sie Ihren
anfangs gemachten ReiseKours verändern würden so hätte man erliche Tlr
Fracht Gelder menagiren können Die eingelauffenen AntwortsSchreiben folgen
hierbei ingleichen ein Päcklein vermutlich vergessnes Zeuges welches des
PostGeldes wert ist Zukünftiger Korrespondenz wegen erwarte von Zeit zu Zeit
Addresse und verbleibe unter Emphehlung Göttl Schutzes
MH Hn
Hamburg den 4
Jan 1730
bereitwilligster Diener
HW
V
Edler etc
Insonders Hochgeehrter Herr
Vor das übersandte dancke freundlichst und suche Gelegenheit mich hinlänglich
zu revangiren wovon anbei eine geringe Marque gebe bitte mir aber dabei aus
ehesten den Ort zu benahmen wo Sie sich beständig aufzuhalten belieben werden
weilen vermercke dass sie dissfalls noch nicht schlüssig sind Beikommendes sub
JBF hat schon über 14 Tage in meiner Verwahrung gelegen was es ist weiß
ich nicht Mit Verlangten will nach erhaltener Nachricht ihres Auffentalts
herzlich gern dienen und dabei desto ausführlicher schreiben jetzo fehlt
Zeit doch bin
Ew Edl
Hamburg den 8
Febr 1730
aufrichtiger Freund
HW
Fußnoten
1 Dieses ist der gute Mensch welcher wie in der Vorrede des ersten Teils
gemeldet worden so unglücklich gewesen vom PostWagen herunter zu stürtzen
und das Leben zu verlieren
2 Solcher wird Gisanders gemachter Ordnung nach bei uns der 3te Teil werden
Wunderliche FATA einiger SeeFahrer
Dritter Teil
oder
fortgesetzte
GeschichtsBeschreibung
ALBERTI JULII
eines gebohrnen Sachsens seines im Jahr 1730 erfolgten Todes und seiner auf
der Insul Felsenburg allwo er in seinem 103ten LebensJahre beerdiget worden
in vollkomenen Stand gebrachten Kolonien entworffen von des
BrudersSohnesSohnesSohne
Mons Eberhard Julio Curieusen Lesern aber zum vermutlichen GemütsVergnügen
ausgefertiget auch par Kommission dem Drucke übergeben
Von
GISANDERN
Vorrede
Sat cito si sat bene
Ein jedes gutes Ding will Zeit und Weile haben
Den der ihm günstig ist um desto mehr zu laben
Geneigter Leser
Mit diesem uhralten Sprichworte überreiche ich dir hiermit pro nunc den
dritten und letzten Teil der Felsenburgischen Geschichte und bringe denselben
als ob ich wegen des langen Aussenbleibens mich zu schämen Ursach hätte nicht
etwa unter dem Mantel sondern frei und öffentlich hergetragen Sei so gütig
denselben erstlich mit solcher Aufmercksamkeit als die vorigen durchzulesen
so wirst du mich hernach ohne allen Zweiffel entschuldiget halten dass ich nicht
ehe damit erschienen bin Bekandt ists und ich hätte wenn ich nicht eines
demütigen Geistes wäre fast Ursach die Backen ein wenig aufzublasen dass
dieser dritte Teil oder die fernerweitige Fortsetzung der Felsenburgischen
Geschichte von vielen schon vor 2 biss 4 Jahren inständigst verlanget worden
man ihnen aber zwar Hoffnung darzu machen jedoch so gleich nicht damit
aufwarten können und nimmt sich kein Bedenken nunmehr öffentlich zu
gestehen dass man durch falsche Nachrichten als ob der Kapitain Horn bereits
angekommen wäre schon zweimahl betrogen mithin angerejetzt worden bemeldten
dritten Teil in der nächsten LeipzigerMesse heraus zu schaffen Jedoch Sit ut
sit Accidit in anno quod non speratur in puncto Nun ist er ja doch da und
kann allen denjenigen die Mäuler stopffen welche judicirt haben Gisander wollte
möchte könnte und NB dürffte auch wohl nicht sich unterstehen denselben ans
TagesLicht zu bringen Lächerlich ist mirs vorgekommen dass einem Deutschen
Longobarden die Zeit selbigen zu sehen gar zu lang werden wollen weswegen er
über schon gedachte Mutmaßungen ausgesprengt Gisander wäre gestorben und
hätte vielleicht aus Neid Mons Eberhard Julii Manuskript in seinen Sarg legen
und mit sich begraben lassen wannenhero um die curieuse Welt zu vergnügen
seiner Schuldigkeit gemäß zu sein erachtet selbigen auszugraben oder welches
fast eher zu glauben einen dritten Teil ex Koppo zu fingiren und vor
rechtmäßig auszugeben Allein Gisander lebt noch und schreibt fast alle Tage
und weil er unter seinen Kindern noch zur Zeit keinen Spurium leiden will hätte
er zwar dessen Gestalt gern sehen und belachen mögen würde aber denselben
ohngebrandtmarckt nicht von sich gelassen haben Will Herr Longobardus etwas
schreiben so hielte davor er täte besser wenn er sich sonst woran machte
oder immerhin etwas fingirte um der Welt zu zeigen dass er keinen zugemauerten
Kopf habe anderer Leute angefangene Arbeit aber ehe er darzu beruffen wird
ungehudelt zu lassen denn es fällt ja dem gemeinen Sprichworte nach nicht
einmal ein Scheerenschleiffer dem andern gerne ins Handwerck
Sonsten hat auch jemand welcher weil er mit einem schlechten Kahne gar
bald in die offenbare See rudern kann sich deswegen etwa kein Bedenken nimmt
auch zuweilen von hohen Personen freier als es erlaubt ist zu sprechen den
zweideutigen UrteilsSpruch über Gisandern und dessen heraus gekommene 2
Teile der Felsenburgischen Geschichte gefället Ex ungue leonem auch sonsten
davon in die Welt geschrieben was ihm eben in den Kopf gekommen allein was
ist daraus zu machen man könnte gegen dieses den Leuten auch Sprichwörter
aufzuraten geben eg Asinus apud Cumanos wenn nur Lucianus dieses nicht so
gar deutlich erkläret hätte
Jedoch Schertz und alles bei Seite Gisander ist vergnügt dass die 2
ersteren Teile der Felsenburgischen GeschichtsBeschreibung von unzähligen
Lesern wohl aufgenommen worden zweiffelt also sehr dass dieser als der Dritte
und Letzte mit scheelen Augen angesehen oder gar verworffen werden sollte
ungeachtet derselbe etwas länger als man vermeint außen geblieben Wie
schon gesagt in der Geschicht selbst wird sich finden dass nicht Gisander
sondern andere Umstände daran schuldig sind weswegen ich mich auch hier in der
Vorrede eben nicht weitläuftig defendiren und excusiren will und mag
Ubrigens da nunmehr ziemlicher maßen versichert bin dass mein Vortrag
seit Anno 1730 sehr vielen Liebhabern gedruckter Historischer Sachen ganz
angenehm zu lesen gewesen werde nicht allein auf künftige MichaelisMesse
1736 GG den in der Vorrede des Isten Teils versprochenen SoldatenRomain
welcher jedoch lauter wahrhafte Geschichte in sich hält zum Vorscheine
bringen sondern auch andere schon parat liegende curieuse
ReiseBeschreibungen und LebensGeschichte der Personen von mancherlei Standes
kund zu machen nicht saumselig sein Der ich mich zu fernerweitigen Wohlwollen
recommandire und allstets beharre
Des geneigten Lesers
Raptim an der Wilde
d 2 Dec
1735
Dienstbeflissener
Gisander
Wunderliche FATA einiger SeeFahrer Dritter Teil
Die ungemeinen FreundschaftsBezeugungen und inständiges Bitten unsers
HertzensFreundes des Herrn HW in Hamburg verursachten dass wir unsere
Abreise von dar nach Amsterdam immer von Tage zu Tage weiter hinaus schoben
wiewohl ich daselbst die wenigste Zeit müßig zubrachte sondern meine meiste
Sorge sein ließ alles dasjenige worauf ich mich nur immer besinnen konnte dass
es uns auf der Insul Felsenburg nützlich und dienlich sein könnte einzukauffen
und anzuschaffen Endlich aber da mir der Kapitain Horn von Amsterdam aus recht
ernstliche Vorstellungen tat wie nunmehr ja nicht die geringste Zeit mehr zu
versäumen wäre sich zur RückReise anzuschicken zumahlen da wir in Amsterdam
noch gar entsetzlich viel zu besorgen hätten stellte ich solches meinen lieben
Vater Schwester und andern ReiseGefährten aufs liebreichste vor womit ich
denn so viel auswürckte dass sie sich resolvirten gleich morgendes Tages zu
Schiffe zu gehen Herr HW wollte zwar durchaus nicht darein willigen sondern
bat was möglich war nur noch eine einzige Woche bei ihm zu verharren allein
einmal war der Schluss gefasst und da er sah dass es nicht anders sein konnte
gab er sich endlich mit unaffectirter Betrübnis darein stellte aber um selbige
einiger maßen zu vertreiben einen herrlichen und kostbarn ValetSchmauss an
wobei sich Trompeten und Paucken ja fast alle Musicalische Instrumenta die nur
zu erdencken die ganze Nacht hindurch Wechselsweise hören ließ Folgendes
Tages reisten wir nach genommenen zärtlichen Abschiede aus dieses redlichen
Freundes Behausung hinweg nach unsern Schiffe welcher uns nebst fast seiner
ganzen Familie und andern guten Gönnern auf etlichen Gutschen das Geleite bis
an die Elbe gab und so lange daselbst verharrete bis wir uns völlig
eingeschifft hatten Unsere ReiseKompagnie so zusammen gehörete bestund aus
folgenden Personen 1 Mein Herr Vater 2 Meine liebste Schwester 3 Mons
Schmeltzer 4 Mons Herrmann 5 Ich Eberhard Julius 6 Jungfer Anna
Sibylla Krügerin 7 Jungfer Susanna Dorotea Zornin 8 Meiner Schwester
AufwarteMagd Barbara Kuntzin 9 Johann Martin Rädler der Buchbinder welcher
Mons Schmeltzern bedienete 10 Christian Gebhard Ollwitz ebenfalls ein
Buchbinder welchen Mons Herrmann erstlich in Hamburg zu seiner Bedienung
angenommen 11 und 12 Die 2 Sklaven welche mir Kapit Horn mit gegeben hatte
Ich kann nicht sagen dass uns etwas verdrüssliches auf der Reise bis Amsterdam
begegnet wäre ausgenommen dass diejenigen welche ihr Lebtage noch auf keinem
Schiffe gewesen waren nämlich die beiden Herren Geistlichen die beiden
Jungfern die Magd und denn die 2 Buchbinders eine wiewohl noch ziemlich
kleine SeeKranckheit so bloß im Schwindel und Brechen bestund ausstehen
mussten wobei ich mich nur über die beiden Hrn Geistlichen und den ersten
Buchbinder verwunderte dass es ihnen eben itzo ankam da sie sich doch auf der
Fahrt von meiner GebuhrtsStadt bis Hamburg so ritterlich gehalten hatten
Es war der 8 Octobr da wir alle frisch und gesund in Amsterdam bei dem
Kapitain Horn anlangten und derselbe gab mir nachdem er uns mit erfreutem
Hertzen bewillkommet hatte fast eine kleine Reprimande dass ich so lange außen
gewesen weil er aber die Avanturen meiner Schwester in Schweden nicht wusste
musste ich ihm Recht geben indem ich ihm solchergestallt die größten
HauptSorgen fast einzig und allein auf dem Halse gelassen hatte
In Wahrheit er hatte Ursache verdrießlich zu sein weil nicht allein die
besten Leute und Sachen so er und ich verschrieben hatten noch nicht halb
angekommen waren sondern weil ihme durch einige heimliche Feinde und Missgönner
verschiedene böse Streiche gespielt worden und er bereits unter der Hand
vernommen dass uns vor und bei der Abfahrt noch mehrere und ärgere gespielt
werden dürfften Ich redete ihm zu dass allhier mit einer klugen List
sonderlich aber mit Gelde alles zu zwingen stünde worauf er zur Antwort gab Ja
mein Herr wir haben allem Ansehen nach gewaltige Summen ausgegeben hier ist
die Rechnung von dem was ich an Barschaft unter Handen gehabt zur RückReise
brauchen wir auch Geld Ich musste lachen über seine unnötigen Sorgen sagte
aber Mons Horn hier ist meine Rechnung auch von dem was ich in Europa
ausgegeben habe das meiste wie ich mercke ist schon bezahlt und vor das
übrige was wir etwa noch brauchen werden wohl 200000 Tlr hinlänglich sein
Ach ja sprach er allein wir brauchen noch vielmehr ehe wir wieder nach
Felsenburg kommen meint ihr denn replicirte ich dass wie ich aus allen
Umständen und unser beider Rechnungen vermercke wir wohl den 4ten Teil von dem
Schatze vertan hätten welchen mir der AltVater allein mitgegeben hat des
Kapitain Wodlei Kostbarkeiten ohngerechnet Mein Rat wäre wir kauften noch ein
Schiff und nähmen noch mehr Waren mit nach Felsenburg denn was hilft das wenn
wir ihnen viel Geld Gold Perlen und EdleSteine wieder zurück bringen
Horn sah mich starr an ich aber lachte und sagte Mein Herr wolt ihr mir
nicht glauben so kommt und seht das an was ich nicht aus Falschheit vor euch
verhöhlet sondern geglaubt habe es sei euch schon bekandt und keiner ferneren
Rede wert Da ich ihm nun binnen etwa 2 Stunden alles gezeiget wusste er sich
nicht genug zu verwundern dass wir so viel vertan und doch so sparsam gewesen
wären Was aber anbelangte noch ein Schiff zu erkauffen war sein Rat durchaus
nicht sondern er sagte Wir würden genung zu tun haben wenn wir nur mit einem
Schiffe ungehudelt von Amsterdam hinweg kämen dieserwegen dürften wir auch
etliche 1000 Tlr Spendagen nicht ansehen damit wir nur nach unsern Belieben
einladen dürften was wir wollten und gute Pasporte bekommen möchten Uberdieses
wäre unser Schiff auch groß genung mehr als uns committirt wäre und als man in
Felsenburg brauchte darauf zu laden es sei denn dass wir mehr Vieh als er
bereits bestellt mit nehmen wollten hierzu gehöreten aber auch mehr Leute je
mehr Leute aber je mehr Verräter und man brauchte ja ohnedem auf Felsenburg
keine andern MannsPersonen mehr als solche HandWercker und Künstler die noch
nicht da doch aber daselbst nötig wären
Nunmehr war ich seiner Meinung wohl verständiget und gab ihm in allem
Recht nachher beratschlagten wir wie wir unsere Affairen per tertium
tractiren diesem und jenem die Hände vergolden und sonsten alles anstellen
wollten waren auch krafft unserer gelben Pfennige endlich mit großer Mühe so
glücklich dass wir binnen weniger Zeit nicht allein tüchtige Pasporte sondern
auch alles andere erhielten was wir verlangten
Mittlerweile ob wir gleich die beste Beqvemlichkeit und sonsten alles
hatten was unser Hertze begehrete so bekam doch meine liebe Schwester
ingleichen Mons Herrmann einen Zufall vom Fieber wurden aber bald wieder davon
befreit
Wenig Tage hernach geschahe das Verlöbnis meiner Schwester mit Herrn Jacob
Friedrich Schmeltzer welches meinem lieben Vater und mir eine besondere Freude
erweckte
Endlich um Martini kamen unsere von andern Orten her verschriebene Sachen
fast alle auf einmal an auch hatten sich die angenommenen HandwercksLeute
bereits in dem ihnen angewiesenen Wirtshause versammelt wovon jedoch einer von
den 3 Glassmachern die der Kapitain Horn angenommen diesen aber am meisten
getrauet und ihn nur einmal auf seine Kammer geschickt schelmischer weise
entlief und dem Kapitain einen Beutel mit 500 Ducaten entwendete Von alten
denen so wir mit nach Amsterdam gebracht und die versprochen hatten zu Ende des
Augusti wieder zu kommen und noch eine Fahrt mit uns zu tun kam kein einziger
zurück wir sahen es auch ganz gern und zwar gewisser Ursachen wegen Jedoch
die 3 SchiffsOffiziers welchen Kapitain Horn monatlich ihren gewöhnlichen Sold
gegeben weil sie so treulich bei ihm hielten und denn die 9 Sklaven waren
diejenigen noch die mit gekommen waren und auch gutwillig wieder mit zurück
wollten Oberwähnte 3 Offiziers hatten auch Matrosen zur Gnüge angeworben und
sonsten alles so wohl veranstalltet dass wir am 27 Nov 1729 insgesamt wohl
vergnügt von dannen abseegeln konnten wobei wir das Vergnügen hatten dass unser
besonderer Freund und Wohltäter Herr GvB uns das Geleite biss Portugall zu
geben ihn aber im Hafen Port à Port auszusetzen sich ausbat welches denn
auch geschahe nachdem wir biss dahin eine sehr geruhige Fahrt gehabt
Noch eins hätte ich bald vergessen Tags vorher ehe wir abreisen wollten
als ich meine Schwester welche noch ein und andere Kleinigkeiten einzukauffen
willens war an der Hand durch eine enge Straße führte jedoch aber von 6 des
Horns Sklaven begleitet wurde begegnete mir ein Mensch in BetilersHabit
welcher so gleich die Hände über dem Kopffe zusammen schlug fast laut zu
schreien und zu heulen anfing und sich in einen Winckel verkroch Meinen und
meiner Schwester Gedanken nach war es ein rasender Mensch weswegen meine
Schwester einen Holländischen Gulden aus der Ficke zohe und selbigen diesen
Armseeligen durch einen Sklaven wollte einhändigen lassen Indem drehete sich
dieser Elende mit dem Kopffe in etwas wieder herum da wir denn gleich
erkandten dass es mein Schwedischer Dollmetscher war der mir und meiner
Schwester so viel gute Dienste getan hatte Hierbei muss ich melden dass ich ihm
auf der Reise seine Besoldung nicht allein redlich bezahlt sondern auch weil
ich ihn nicht weiter nötig zu sein erachtete biss in meines Vaters Haus ihm
nebst vielen Dancke noch 50 Ducaten gegeben und gemeldet dass er nunmehr in
Gottes Nahmen wieder nach Hause reisen könnte Mein Vater und meine Schwester
hatten ihm gleichfalls jedes 10 Ducaten geschenckt deswegen rieff ich voller
Bestürtzung aus Hilff Himmel Mons van Blac wie treffe ich euch hier also
verändert an Ach mein Herr gab er mit tränenden Augen zur Antwort ich bin
der unglückseeligste Mensch von der Welt 500 Gulden und noch ein mehreres habe
ich in wenig Wochen von eurer Generositeè proficiret und alles wohl zu Rate
gehalten auch vor mich sonst noch 200 fl gehabt wormit ich mich auf die Reise
anhero gemacht um entweder nach Ost oder nach WestIndien mit zu gehen und mit
diesem Gelde noch ein mehreres zu erwerben allein ich bin vor wenig Wochen
unter Mörder gefallen welche mich nicht allein meines Geldes und meiner Kleider
beraubt sondern auch meinem Leibe viele Wunden zugefügt jedoch ein mitleidiger
Artzt hat diese letztern glücklich curirt da ich aber keinen Deut im Leben
hatte sah ich mich genötigt das Brod vor den Türen zu suchen
Der Mensch jammerte mich denn es war ein artiger Kerl der sein gut Latein
Holländisch Englisch Schwedisch Dänisch Spanisch Italiänisch etc etc
sprechen konnte deswegen befahl ich einem Sklaven diesen Menschen so lange in
unser Qvartier zu führen und wohl zu verpflegen biss wir wieder nach Hause
kämen welchem Befehle dieser so gleich gehorchte Meine Schwester expedirde
ihre Sachen bald sagte aber im zurückgehen Mein Brüderchen wenn dieser arme
Mensch will so bitte ich euch nehmt ihn aus Barmhertzigkeit mit nach
Felsenburg Mein Hertz gab ich zur Antwort wenn es euer Liebster und der
Kapitain Horn vor ratsam halten nehme ich ihn gern mit zumahlen da ihr vor
ihn bittet
So bald wir in unser Logis kamen sahen wir dass nicht allein alle unsere
Leute sondern auch der Kapitain Herr Schmeltzer und Herr Herrmann um den
Armseeligen herum stunden Der Kapitain hatte ihm etwas Bisqvit und Wein geben
lassen woran er sich labte indem aber ich mich nur blicken ließ sagte der
Kapitain Monsieur wenn es euch gefällig ist wollen wir diesen Menschen mit
nach Felsenburg nehmen denn Herr Schmeltzer meint dass er wegen der vielen
Sprachen die er ex fundamento verstehet einen guten Præceptorem abgeben könnte
So ist versetzte ich meiner Schwester Bitte erfüllt Horn lachte und sagte
so ist dieses bejammernswürdigen Menschen Wunsch erhöret deswegen will ich so
gleich auf den Trödel schicken und ihm das beste Kleid so da ist bringen
lassen denn wir haben keine Zeit ihn neu zu kleiden Augenblicklich schickte er
fort ich und meine Schwester aber wandten uns zu dem Mons van Blac und
fragten ob er mit uns nach OstIndien fahren wollte Ach seufzte er wenn ich
so glücklich sein könnte mein Leben in Dero Diensten zu enden Wir wollen euch
gab ich ihm zur Antwort nicht zu unsern Diener sondern zu einem MitGenossen
unsers mit Gott zu hoffen habenden Glücks und Vergnügens machen auch eure
zeitliche Wohlfahrt möglichstens befördern Er küsste hierauf meinem Vater
mir meiner Schwester und dem Kapitain Horn die Hände und versprach daferne er
in unserer Gesellschaft mit reisen dürffte so bald es von ihm verlangt würde
den Eyd der Treue abzulegen Bald hernach kamen verschiedene Kleider der
Kapitain Horn kauffte ein rotes und noch ein braunes welche beiden ihm am
besten passeten und also war unser Mons van Blac wieder ein Kerl der Abends
mit bei uns zu Tische sitzen konnte indem wir uns seiner Gelehrsamkeit und guter
Konduite wegen auch seiner Person gar nicht zu schämen hatten Sonsten war er
ein Mensch von ungefähr 30 Jahren sah wohl aus von Gesichte und ob ihm schon
die Mörder bei letzterer Rencontre 2 Hiebe ins Angesichte gegeben hatten so
hatte er doch sonsten an den Gliedern welche ebenfalls blessirt worden nicht die
geringste Lähmung
Ich habe mich nicht umsonst bemüht diese geringscheinende Avanture so
weitläufftig zu erzählen denn der Verfolg dieser Geschichte wird zeigen dass
van Blac nachher bei unserer Gesellschaft und ganzem Geschlechte eine recht
bemerckenswürdige Person worden und man dabei die sonderbare Führung des
Verhängnisses zu betrachten Ursache habe Jedoch wieder auf unsere Reise zu
kommen so hatten wir nachdem Herr GvB nebst seinen Sachen im
Portugiesischen Hafen Port a Port ausgesetzt war von dar biss zu den Kanarischen
Insuln die allerangenehmste Fahrt weswegen ich eines Tages meinen Vater
ersuchte mich doch zu berichten wo er sich nach seinem gehabten Unglücke An
1725 hingewendet und wie es ihm sonsten unter der Zeit ergangen Es war
derselbe bereit mir zu willfahren sagte aber weil seine Fatalitäten eben keine
besonderen Geheimnisse wären so dürfften meine Schwester der Kapitain Horn und
die beiden Geistlichen wie auch van Blac dieselben wohl mit anhören weswegen
ich jetzt gemeldte Personen insgesamt in unsere Kammer beruffte worauf mein
Vater also zu reden anfing Von dem kläglichen Schicksale meiner VorEltern
könnte ich eine weitläufftige und vielleicht nicht unangenehme Erzählung machen
auch selbige mit glaubwürdigen alten schrifftlichen Urkunden erweisslich machen
allein es mag solches biss auf eine andere Zeit versparet bleiben und ich will
voritzo nur von meiner eigenen Person auch gehabten Glücks und
UnglücksFällen so kurtz als möglich Bericht erstatten damit doch ein jeder
von ihnen recht wisse wer ich sei und wie das Schicksal mit mir gespielt hat
Mein Nahme ist Franz Martin Julius geboren d 13 Jun 1680 und zwar von
solchen Eltern die eben nicht reich jedoch bei jedermann ein gutes Gerüchte
hatten denn mein Vater Christianus Julius war Steuer und ZollEinnehmer im
Lüneburgischen muss sich aber nicht viel Sportuln dabei gemacht haben weil meine
Mutter nach dessen Tode außer den standesmäßigen Meublen vor sich mich und 2
Schwestern kaum 600 Tlr baar Geld aufzuweisen hatte jedoch war dabei noch
ein eigenes Häussgen und etwas Feld welches ungefähr auf 1000 Tlr geschätzt
werden konnte hergegen hatte meine Mutter 800 tlr baar Geld eingebracht
Mein seeliger Vater starb An 1694 da ich 14 Jahr alt war und also vor
mich noch viel zu frühzeitig Folgendes Jahr darauf folgte ihm meine jüngste
Schwester im Tode nach da sie nur 12 Jahr alt war und bald hernach
verheiratete sich meine Mutter mit demjenigen wieder der meines Vaters Dienst
bekommen hatte behielt auch mich und meine ältere Schwester Doroteen Sibyllen
bei sich indem der StiefVater ein sehr gütiger Mann war mich nicht allein
fleißig zur Schule hielt sondern auch täglich selbst etliche Stunden privatim
informirte endlich aber in eine große Stadt zu einem vornehmen Kauff und
Handelsmanne um bei selbigen die Handlung zu erlernen brachte auch
hinlängliche Kaution vor mich machte Ich führte mich zeitwährenden meinen
LehrJahren ohne Ruhm zu melden so auf dass mein Herr und meine Eltern wohl
zufrieden mit mir waren sonsten aber passirte mir in meinen LehrJahren dieser
notable Streich eines Abends da mein Herr sich mit etlichen frembden
KauffLeuten in einem WeinHause befand musste ich mit der Laterne dahin gehen
denselben nach Hause zu leuchten allda hörte ich nun verschiedene
HandelsGespräche ein einziger frembder Kauffmann aber saß beständig in sehr
tieffen Gedanken weswegen mein Herr der vom Weine ein wenig lustig worden
war aufstund ihn auf die Schulter klopffte und sagte betrübet euch nicht
mein Herr vor der Zeit denn das Schiff kann noch glücklich zurück kommen Ja
ja antwortete jener mein Herr wollt ihr mir 10000 gegen 20000 setzen Mein
Patron war ein ungemein reicher Mann und gar gewaltiger Hazardeur weswegen er
ohne langes Bedenken heraus fuhr Wa topp kommt das Schiff mit der Ladung
zurücke so zahlet ihr mir 20000 Tlr ist es verloren gegangen so zahle ich
euch 10000 Tlr Der Frembde ließ sich ebenfalls nicht lange nötigen sondern
schlug zu die andern mussten Zeugen sein der Kontract wurde mit wenig Zeilen
errichtet und behörig unterschrieben hierauf ging ein jeder seines Weges
So bald mein Herr in die freie Luft kam mochte ihm anders zu Mute werden
denn er sprach zu mir Franz was habe ich gemacht 10000 Tlr ist eine schöne
Summa aber 20000 ist gleich noch einmal so viel Meine Antwort war Das ist
gewiss allein mir stehen alle Haare zu Berge wenn ich daran dencke Ach wollte
doch der Himmel dass das Schiff wieder käme Das müssen wir erwarten versetzte
er kommt es nicht so bin ich deswegen noch lange nicht ruinirt kommt es aber
so solst du vor deinen guten Wunsch 1000 Tlr von meinem Gewinste haben Ich
glaubte nicht dass es Ernst wäre dachte aber doch dass, wenn das Schiff käme
mir mein Patron vor die Worte so er in Trunckenheit gesprochen wenigstens ein
neues Kleid schencken würde schloss deswegen dieses Schiff allezeit mit in mein
Morgen und AbendGebet seufzte auch öfters bei Tage im Laden Ach Gott
hilff doch dass das Schiff glücklich zurück kommt welches wie mir mein Herr
nachher erzählt er öfters gehört und heimlich darüber gelacht hat Etwa 8
Wochen danach schreibt mein Herr ohne mein Wissen an meine Eltern dass beide
oder wenigstens Eins von ihnen auf seine Unkosten zu ihm kommen sollten weil er
etwas notwendiges mit ihnen zu sprechen hätte Meine Eltern erschrecken und
meinen dass ich etwa gar zum Schelme geworden wäre setzen sich deswegen beide
auf einen Wagen und kamen in meines Herrn Haus Es war eben Zeit zur
MittagsMahlzeit weswegen sie mein Herr so gleich zu Tische führte jedoch bei
Tische von lauter indifferenten Dingen redete nach der Mahlzeit aber in sein
Kabinett ging einen großen Sack voll Geld heraus brachte und sagte Meine
lieben Freunde ich bin so glücklich gewesen auf ein vor verloren gehaltenes
Schiff durch Wetten 20000 Tlr zu gewinnen und habe mich da ich dieselben
vor etlichen Tagen ausgezahlt bekommen erinnert dass ich ihrem Sohne meinem
Frantz 1000 Tlr davon versprochen alldieweiln er sein redlich Hertze bisher
in allen Stücken gegen mich gezeiget hier sind die 1000 Tlr man kann ihm
dieselben auf Zinsen austun biss er mit Gott seine eigene Handlung anfängt
Es wird leichtlich zu glauben sein dass meine Eltern und ich anfänglich von
Bestürtzung und Freude eingenommen gänzlich verstummeten endlich aber da mein
Patron mit Lächeln zu mir sagte Nun wie stehets Frantz bin ich nicht ein Mann
der sein Wort redlich hält und meinst du nicht dass dir dieses Geld einmal
eine gute Beihülffe sein kann eine eigene Handlung anzufangen brach endlich das
Band meiner Zunge ich küsste ihm die Hand und danckte mit den verbindlichsten
Worten vor so ein großes unverhofftes Geschenke meine Eltern spareten
gleichfals nichts ihre schuldigste Danckbarkeit meinetwegen zu erkennen zu
geben baten aber den Patron doch selber die Güte zu haben und diese Gelder
auf Zinsen auszutun welches er sich denn nicht wegerte ihnen hingegen eine
schriftliche Obligation auf 1000 Tlr gab Mein gütiger Patron beschenckte mich
nachher mit noch allerlei Sachen deren ich bedürftig war denn die Generositée
schien ihm angebohren zu sein bei so vielen Mitteln aber die er hatte wunderte
sich ein jeder dass er nicht geheiratet auch nicht heiraten wollte sondern
seine Schwester die eine alte Jungfer war führte die ganze Wirtschaft im
Gewölbe aber befanden sich 3 Diener und 2 Lehrlinge unter welchen ich des
Patrons Vertrauter war
So bald meine LehrJahre überstanden waren recommandirte mich mein Patron
in die berühmte HandelsStadt D an einen Kaufmann welcher einen erstaunlichen
Verkehr hatte und ich war noch kein Jahr bei diesem meinem neuen Herrn gewesen
als derselbige meine Fähigkeit merkte auf meine Treue ein großes Vertrauen
setzte dannenhero mich in seinen Negotiis erstlich nach vielen berühmten
HandelsStädten Deutschlandes nachher auch nach Russland Polen Schweden
Dänemarck Holland Engelland Portugall Spanien Franckreich und Italien
verschickte da ich denn so glücklich war das mir aufgetragene jederzeit ihm
zum Vergnügen auszurichten weswegen ich mir denn weil ich sehr sparsam lebte
auf meinen Reisen nicht allein ein gut Stück Geld sammlete sondern auch von
meinem Herrn zum öfteren reichlich beschenckt wurde
Endlich da An 1705 ein Handelsmann in selbiger Stadt verstarb und nebst
seiner 70 Jahr alten Frauen nur einen einzigen Sohn hinterließ welcher ein
vornehmer RechtsGelehrter war und in einem honorablen Amte saß begieng dieser
mein Patron die Redlichkeit an mir dass er mir nicht allein behilflich war diese
Handlung anzutreten sondern auch schon gemeldten RechtsGelehrtens Tochter zu
heiraten mit welcher ich ein schön Stück Geld überkam so dass ich im Stande
war mit meinem bisherigen Hrn und Patron in Kompagnie zu handeln
Durch unermüdeten Fleiß vornehmlich aber durchs Glück und Gottes Seegen
wurde ich in wenig Jahren einer der stärcksten HandelsLeute in D so dass meinen
nunmehrigen Kompagnon sehr weit übersehen konnte doch war dieser deswegen nicht
neidisch sondern blieb mein vertrauter Freund weswegen ich ihn denn zu
verschiedenen mahlen mit gewaltigen GeldSummen secundirte
Mit meiner Liebste lebte ich von Anfange an bis zu ihrem Tode in der
allervergnügtesten Ehe denn sie war sehr schön tugendhaft sonsten aber von
sehr zärtlicher LeibesBeschaffenheit Die Pfänder unserer Liebe sind dieser
mein Sohn Eberhard Julius welchen sie mir An 1706 den 12 May und diese meine
Tochter Juliana Louise die sie den 7 Nov 1709 zur Welt gebahr
Wie nun aus allen dem was ich bisher erzählt genungsam abzunehmen dass mir
das Glück in allen Stücken sehr gewogen gewesen und ich binnen so viel Jahren
wenig Verdruss vielmehr recht guten Genuss gehabt und vollkommen vergnügt leben
konnte ließ ich doch meinen Fleiß in der Handelschaft gar nicht sincken die
HauptSorge aber war meine beiden Kinder welche von ihrer Mutter
hertzinniglich geliebt wurden recht wohl zu erziehen weswegen ich ihnen denn
von Jugend auf eigene informatores hielt die sie im Christentume und andern
Wissenschaften unterrichten mussten Unter allen hat mich keiner besser
vergnügt als der redliche Hr Mag Ernst Gottlieb Schmelzer dem Gott heute in
Felsenburg einen guten Tag gebe Er war 4 Jahr lang und zwar von 1716 biss 1720
bei mir und wäre unfehlbar länger geblieben wenn ihm nicht unruhige Köpffe
hinweg gesprengt hätten Jedoch die Vorsicht des Himmels hat es vielleicht mit
Fleiß also fügen wollen Inzwischen fing das Glück welches mich bisher so
freundlich angelacht auf einmal an mir die empfindlichsten Streiche zu
spielen denn An 1724 am 16 Apr raubete mir der Tod meine hertzgeliebteste
EheGattin in KindesNöten samt der getragenen LeibesFrucht Mein Kompagnon
dem ich gar gewaltige Summen zugeschossen wurde Banqverot und blieb über 2
Tonnen Goldes schuldig weil er in gewissen Stücken allzuviel hazardirt hatte
wiewohl was will ich von ihm sagen ich war ja selbst ein Narre und hatte mich
in den ActienHandel dergestallt vertiefft dass ich bei deren damaligen Verfall
auf die 100000 FrantzGulden einbüssete Alles dieses aber hätte mich dennoch
nicht in gäntzlichen Verfall gebracht wenn nicht die letzte HiobsPost gekommen
wäre dass das mehrenteils auf meine eigene Kosten nach OstIndien ausgerüstete
KauffarteiSchiff an den Africanischen Küsten von den SeeRäubern erobert und
ausgeplündert worden Diese schlug meine Kourage und Kredit auf einmal völlig
darnieder weswegen ich mich gemüssigt sah Haus Hof Gewölbe Stadt und alles
mit dem Rücken anzusehen demnach nahm ich meine Barschaften und kostbaresten
Sachen zusammen ließ das übrige alles in Stiche schaffte aber vorher meine
alhier gegenwärtige Tochter mit 2000 FrantzGulden nach Schweden zu einer
Anverwandtin von ihrer Mutter meinem Sohne der damals auf der Universität zu
Leipzig studierte schickte ich nebst einem lamentablen Briefe worinnen ich ihm
mein zugestossenes Unglück vermeldete eben so viel und trat ohne jemands
Vermercken eine Reise nach Portugall an um von dannen mit einem guten Freunde
und Korrespondenten die Tour entweder nach Ost oder WestIndien zu tun und zu
probiren ob ich daselbst mein verlohrnes Glück wieder günstiger oder den Tot
finden könnte
Ich machte mir kein Bedenken meinem Portugiesischen Freunde und bisherigen
starken Korrespondenten der sich Don Juan dAscoli nennete meine gehabten
UnglücksFälle ausführlich zu erzählen zeigte ihm auch mein überbliebenes
Kapital worauf er so gütig war noch eine starke Summe darzu zu schießen und
noch ein Schiff vor mich in Beschlag zu nehmen auch mit mir in Kompagnie der
Flotte welche jährlich von den Portugiesen nach Brasilien geschickt wird dahin
abzuseegeln
Die Fahrt war diesesmahl sehr verdrießlich wegen der vielfältigen Stürme
doch endlich langeten wir glücklich in der ungemein großen Bay vor S Salvator
an welche sehr tief aber sehr beqvem und sicher ist es könnten auch wohl auf
die 2000 Schiffe einander ohngehindert darinnen liegen Wir stiegen aus und
nahmen unser Qvartier in der Stadt welches die HauptStadt in ganz Brasilien
dabei sehr groß treflich gebaut reich und mit 3 Kastellen wohl verwahrt ist
Die Einwohner sind dem Fressen Sauffen und allen andern Wollüsten ungemein
ergeben bekümmern sich wenig um die Arbeit sondern ihre Sklaven müssen alles
besorgen weil die meisten HausWirte ungemein wohl begütert sind dannenhero
war es mein besonders Glücke dass ich in Portugall mein Geld an solche Waren
gelegt die solchen wollüstigen Leuten in die Augen fielen und dieserwegen
konnte ich in kurtzer Zeit alles mein mitgebrachtes zu Gelde machen und einen
wichtigen Profit ziehen welchen ich denn nebst dem allermeisten meines Kapitals
wieder anlegte und Ambra Toback Balsam Saffran Baumwolle auch etwas von
Jaspis und Crystall meistenteils aber Zucker darvor kauffte als woran ich in
Europa einen gewaltig starken Profit vor mir sah auch sicher glauben konnte
dass ich bei nahe die Helffte von meinen Verlohrnen wieder erworben mithin
wünschte dass wir nur bald wieder abfahren möchten indem ich gesonnen war noch
ein oder 2 Touren nach Brasilien zu tun in Hoffnung dadurch wieder in meinen
vorigen Stand zu kommen und alle meine Kreditores biss auf den letzten Heller zu
bezahlen
Ohngeacht ich dasiges Orts nicht der geringste Handelsmann unter allen
Mitgereiseten war hatte ich doch das Glück mich am allerersten expedirt zu
haben da wir aber nicht ehe als mit der Flotte abseegeln konnten wurde mir die
Zeit ungemein lang Es wollten mich zwar einige WageHälse immer bereden tieffer
mit ins Land hinnein zu gehen indem wir ein und andern wilden eingebohrnen
Brasilianern verschiedene Kostbarkeiten an puren Golde und dergleichen umsonst
abzwacken und uns damit bereichern könnten allein ich hatte keine Lust darzu
sondern war vergnügt mit dem was ich schon hatte und wollte mein Leben nicht in
Gefahr setzen indem mir die Einwohner zu St Salvator erzähleten dass die
tieffer im Lande wohnenden Brasilianer würckliche MenschenFresser wären sie
schlachteten die Gefangenen gleich dem Viehe ab wüsten von keiner Religion ja
sie hätten in ihrer ganzen Sprache kein eintzig Wort welches einen Gott
bedeutete beteten hergegen den Teuffel an und erholten sich bei demselben
Rats jedennoch hätte man an ihnen wahrgenommen dass sie ihre Seelen vor
unsterblich hielten Sie wohneten nicht in Häusern sondern in bloßen
LauberHütten schlieffen nicht in Betten sondern in Netzen und ihre
gewohnliche Speise bestünde aus Brod welches aus dem Meel einer Wurtzel
Mendioca genandt gebacken würde
Alles dieses jagte mir so viel Schrecken ein dass ich allen denen so mich
zum Partei gehen mit nehmen wollten abschlägige Antwort gab es blieb auch in
Wahrheit mancher ehrlicher Mann von den mitgekommenen Europäern bei solchen
Parteigängereien außen der vielleicht von den wilden Brasilianern ist
gefressen worden
Hergegen blieb ich mehrenteils zu Hause in meinem Logis bat dann und wann
gute Freunde zu mir die meiste Zeit aber vertrieb ich mit Bücher lesen oder mit
Grillen über meine Fatalitäten hierbei pressete mir das Angedencken über meine
zurück gelassenen lieben Kinder zum öffteren viele 1000 Tränen aus
Eines Tages kam ein junger Kauffmann der ein gebohrner Schwede eben nicht
allzu fein von Gesichte doch jederzeit sehr gefällig gegen mich gewesen war
unverhofft auf meine Kammer und traff mich in der größten Bestürtzung an denn
ich weinete eben und die 3 Kontrafaits als meiner seel Liebste und dieser
meiner beiden Kinder lagen vor mir auf dem Tische Ich gab meinen Aufwärter so
gleich Befehl ein und anderes herbei zu bringen um diesen jungen jedoch sehr
reichen Schwedischen Kauffmann behörig zu bewirten mitlerweile wirfft dieser
seine Augen auf die Kontrafaits und fragte so gleich Mein Herr was sind das
vor Bildnisse Dieses erste sagte ich ist meine ohnlängst verstorbene Liebste
die andern beide stellen meine 2 zurück gelassenen Kinder vor Ihr habt gab der
Schwede darauf eine sehr schöne Frau gehabt aber die Tochter ist noch weit
schöner wo befindet sich dieselbe Voritzo war meine Antwort in Stockholm bei
meiner Befreundtin Glückseelig ist mein Vaterland sprach er eine solche
seltene Schöne in sich zu haben Ihr schertzet oder flattiret sehr mein Herr
sagte ich denn da ich 2 mahl in Schweden gewesen bin so kann versichern dass
ich weit schönere Gesichter darinnen angetroffen habe Hierauf lenckte ich den
Discours auf HandlungsAffairen der Schwede aber schien mir auf einmal ganz
melancholisch zu werden welches er dem getrunckenen Koffeè Schuld gab
deswegen ich ihm ein gut Glas Wein vorsetzte Er trunck davon sagte aber mein
Herr ihr habt einen recht guten Wein aber so gut ist er doch nicht als der
Kanari von welcher Sorte ich eine ziemliche Qvantität in meinem Logis liegen
habe weil es noch sehr hoch am Tage so seid so gütig mit mir dahin zu
spazieren zumahlen da es nicht gar weit ist
Auf oft wiederholtes Bitten ließ ich mich endlich bereden mit ihm in sein
Logis zu gehen allwo ich fand dass er nicht gelogen sondern einen ganz
vortrefflichen Wein hatte Er erzeigte mir alle nur erdenckliche Höflichkeiten
gab mir Nachricht von seinem ganzen Zustande und Wesen zeigte eine gewaltige
Menge Säcke die mit Gelde angefüllet waren dergleichen ich in meinem
Wohlstande auch wohl so viel und wohl noch mehr beisammen gehabt hatte
Summarum er offenbahrete mir sein ganzes Hertze weswegen ich bei dem guten
Weine endlich auch treuhertzig wurde und ihm ebenfals mein ganzes Hertze
offenbahrete So bald er solchergestalt alles von mir erfahren sagte er Mein
Herr ich habe mehr als ein vernünftiger Mensch in der Welt vertun kann bin
also im Stande euch so viel vorzuschiessen als ihr vonnöten habt eure Schulden
völlig zu bezahlen und die Handlung von neuen anzufangen bin auch bereit euch
so gleich 50000 Tlr auf eure Handschrift zu zahlen daferne ihr versprecht
mir eure schöne Tochter deren Portrait ich heute gesehen zum EheGemahl zu
geben Ich bitte euch mein Herr gab ich zur Antwort fanget keine Sache an die
euch etwa hernach gereuen möchte seht doch erstlich die Person selbst an ob
sie so beschaffen wie sie der Mahler abgeschildert Es ist zwar wahr sagte
Peterson dass die Mahler zuweilen flattiren allein ich fühle in meinem Hertzen
nachdem ich das Bild erblickt ganz besondere Regungen und bin zufrieden wenn
die Person nur halb so schöne als sie abgeschildert ist Ich gab mir viele
Mühe ihm diesen so plötzlich aufsteigenden LiebesAppetit zu verweisen biss wir
wieder nach Europa kämen da ich denn selbst mit ihm nach Stockholm reisen und
ihm meine Tochter persönlich zeigen wollte allein er ließ nicht ab biss er mir
50000 Tlr gegen eine bloße Handschrift so zu sagen aufgedrungen und den
väterlichen Konsens von mir erpresset hatte Mit der Braut getrauete er sich
bald fertig zu werden inmassen sich seinen Gedanken nach ein Frauenzimmer
durch kostbare Geschenke am allerleichtesten zur Liebe bewegen ließe
Da ich nach Hause kam waren die 50000 Tlr schon daselbst wobei einer
von seinen Dienern die Wache hielt und folgenden Morgen kam Peterson ganz
früh trunck mit mir Tèe und respectirte mich von nun an schon wirklich als
seinen SchwiegerVater bat sich aber inständig das Bildnis meiner Tochter aus
allein ich schlug ihm solches rotunde ab und gab vor ich hätte geschworen diese
3 Bildnisse mit Willen nicht von mir kommen zu lassen so lange ich lebte und
wenn mir auch jemand eine Tonne Goldes darvor geben wollte Solchergestalt war er
nur damit vergnügt dass ich die 3 Bilder in meiner Kammer an die Wand anheftete
und ihm die Erlaubnis gab so oft als ihm beliebte zu mir zu kommen
Die 50000 Tlr legte ich an Zucker BrasilienHoltz TierHäute und andere
Brasilianische Waren wurde also von neuen ein ziemlich starcker Marchandeur
Don Juan dAscoli der Portugiese war noch beständig mein getreuer Freund ich
hielt aber doch eben nicht vor ratsam ihm das geheime Kommercium zu eröffnen
welches ich mit Peterson hatte ungeacht wir 3 fast täglich beisammen waren
Endlich da die Zeit kam dass sich die Flotte wiederum Seegelfertig machte
nach Europa zurück zu gehen teilten wir 3 guten Freunde unsere Waren auf 3
Schiffe damit wenn ja eines von denselben verunglückte der Schade vor einen
allein doch nicht so groß sein möchte Don Juan dAscoli blieb auf einen der
Schwede Peterson aber blieb mit einem seiner Bedienten bei mir in meinem Schiffe
und wollte sich durchaus nicht von mir trennen um vielleicht nur das Vergnügen
zu haben sein geliebtes Bild täglich etliche mahl anschauen zu können
Wir kamen ohne einzigen Verdruss auszustehen glücklich wieder zu Lissabon
an allwo ich einen ziemlichen Teil meiner mitgebrachten Waren mit gutem
Profite zu Gelde machte dem Don Juan dAscoli seinen Vorschuss und die
FrachtGelder davon bezahlete das übrige aber in Petersons Schiff einschiffte
und mit demselben die Reise nach Schweden antrat um entweder unterwegs oder in
Schweden selbst meine übrigen Waren zu verkauffen Vorhero aber hatte ich mit
Don Juan dAscoli Abrede genommen gegen die Zeit da die Flotte wieder nach
Brasilien abginge auch wieder bei ihm zu sein und noch eine Fahrt mit ihm zu
tun woraus er denn sich ein großes Vergnügen zu machen schien ich aber hatte
angemerckt dass er sehr gern mit mir in Gesellschaft sein mochte zumahlen da
ich der Portugiesischen Sprache ziemlich mächtig war
In Engel und Holland als bei welchen beiden Ländern wir Petersons
Affairen wegen anländeten hätte ich meine übrigen Waren mit ziemlichen Profit
los werden können, allein Peterson wiederriet es mir und stellte vor dass weil
ich ja die Fracht bis Schweden frei hätte ich daselbst oder in Dänemarck meine
Waren ungemein profitabler verhandeln könnte weswegen ich ihm denn in diesen
Stück Folge leistete und nachher in der Tat befand dass ich nicht übel getan
sondern in Schweden mit denselben 2 pro Cent mehr erwarb als ich in
EngellHoll und Deutschland erworben hätte Jedoch auf die HauptSache zu
kommen so war dieses des Petersons allererstes Verlangen so bald wir in
Stockholm angekommen waren ihm meine Tochter zu zeigen wie nun dieses nicht zu
versagen stunde so nahm ich ihn gleich des ersten Tages mit in unserer
Befreundtin Behausung bei welcher sich dieselbe aufhielt und über meine
Gegenwart vor Freuden fast aus sich selbst gesetzt wurde hergegen wurde auch
Peterson von närrischer Liebe ganz entzückt und wenn ich es recht sagen soll
halb außer Vernunft gesetzt Ich wollte mein Logis bei meiner Befreundtin und
Tochter erwählen allein Peterson ließ mit Bitten nicht ab dass so lange wir uns
in Stockholm aufhielten ich ihm das Vergnügen gönnen möchte mich in seinen
Logis zu bedienen weswegen ich endlich versprach seinen Willen zu erfüllen
Peterson machte sich gleich bei dieser ersten Visite viel Mühe meiner Tochter
Gegengunst zu erwerben ich aber hielt noch zurück und wollte zum ersten mahle
nichts von der vorseienden Heirat melden erkundigte mich aber folgende Tage
bei andern vornehmen Kaufleuten um Petersons ganzes Wesen welche mir
einstimmig dasjenige sagten was ich von ihm selbst gehört wie er nämlich als
der einzige Erbe seines vor wenig Jahren verstorbenen Vaters einer der
stärcksten Kapitalisten unter allen HandelsLeuten in ganz Schweden wäre seine
ordinaire Wohnung aber in Nyköpping und nicht weit von selbiger Stadt ein
vortreffliches RitterGut in Besitz hätte Hierauf begab ich mich zu meiner
Tochter und tat ihr in Beisein ihrer Baase den Vortrag ob sie wohl gesonnen
den Herrn Peterson welchen ich vor einigen Tagen mit zu ihr gebracht zum
EheGemahl anzunehmen machte ihr auch eine Beschreibung von dessen ganzen
Wesen und großen Reichtümern allein da meine Tochter von der Ehe hörte
schien es nicht anders als ob sie von einem SchlagFluße gerühret wäre und die
Frau Baase schrye Ums Himmels willen Herr Schwager weg mit dem hässlichen Kerl
und wenn er 1000 Millionen im Vermögen hätte Nachdem ich aber meine Tochter
alleine auf die Seite gezogen stellte ich ihr vor wie dass man im Heiraten
nicht allein auf die Schönheit des Gesichts und Leibes sondern weit mehr auf
ein redlich Gemüte und gutes Auskommen sehen müsste welches von beiden
letztern bei Peterson vollkommen anzutreffen indem ich seit der und der Zeit
nichts lasterhaftes an ihm verspüret allein die arme Kreatur fing bitterlich an
zu weinen zumahl da sie aus meinen Reden verspürete dass es mein ernstlicher
Wille sei und ich mir dadurch aus meinen Nöten zu helfen gedächte bat sich
aber wenigstens einen Monat BedenckZeit aus welche ich ihr denn nicht
abschlagen konnte dem Peterson dessen benachrichtigte und ihm die Freiheit ließ
seine Werbung selbst anzubringen indem er meinen väterlichen Konsens zwar
völlig hätte ich aber doch meine Tochter welche biss dato noch keine Lust zum
Heiraten bezeugte mit Gewalt darzu zu zwingen gar nicht gesonnen wäre sondern
ihm viellieber seine mir vorgeschossenen Gelder cum Inresse so gleich wieder
baar bezahlen und mein Glück weiter suchen wollte
Peterson wollte hiervon nichts hören sondern blieb bei seinem Versprechen
mir mit mehr als noch einmal so viel an die Hand zu gehen übrigens sollte ich
ihn nur walten lassen denn ob er gleich wisse dass er meiner Tochter nicht
galant genung in die Augen fiele so würde sich doch durch öffteren Umgang und
andere honetten Vorteile deren sich ein Verliebter gebrauchen müsste mit der
Zeit alles geben Demnach ließ ich ihm die Freiheit sie täglich im Beisein
ihrer Baase zu sprechen und erfuhr selbst von ihm dass meine Tochter ihm zwar
täglich höflicher und freundlicher aber noch gar nicht verliebt begegnete
weswegen er jedoch noch die allergröste Hoffnung hätte ihr Hertz zu besiegen
Bei diesem allen versäumete ich wie schon gemeldet keine Zeit den Rest
meiner aus Brasilien mitgebrachten Waren los zu schlagen und da ich vollkommen
damit fertig war auch ein gut Stück Geld in der Hand hatte machte ich mich zur
Abreise nach D fertig nahm meine Tochter noch einmal vor und erklärete
derselben wie es nur auf sie allein ankäme mich wieder in vorigen Stand zu
bringen darum sollte sie wo es möglich wäre diese Partie nicht ausschlagen
und was dergleichen mehr war Sie versprach mit weinenden Augen ihren Sinn nach
meinen Willen einzurichten ich sollte nur die ganze Sache nicht so gar eilig
treiben weilen ja Peterson von selbst so raisonable gewesen ihr noch einige
Frist zu verstatten Hierauf nahm ich von allen mit recht bangen Hertzen
Abschied und bekam von Peterson das Versprechen mit auf den Weg dass, wenn mir
noch mit 50 oder mehr 1000 Tlr gedienet er mir selbige durch Wechsel
übermachen wollte jedoch ehe ich noch fort reiste besann er sich dahin und
zahlete mir ohne mein Verlangen noch 25000 Tlr baar Geld welches er eben
selbiges Tages aus Franckreich übermacht bekommen hatte Wiewohlen nun dieses
nebst meinen eigenen Geldern noch lange nicht hinlänglich war alle meine
Schulden zu bezahlen so hatte doch die sicherste Hoffnung meine meisten
Kreditores mit halben Gelde und ganzen guten Worten ad interim zu befriedigen
und mich aufs neue in Kredit zu setzen
Peterson ließ mich auf seinem eigenen Schiffe nach D bringen und gab mir 2
von seinen getreusten HandelsDienern mit dergestalt langete ich ganz
glücklich jedoch ganz unerkandt daselbst an und trat bei meinem sonst immer
gewesenen allergetreusten Freunde Herrn O ab ließ auch alles mein Vermögen
in seine Behausung schaffen Dieser redliche Mann verwunderte sich ziemlich
über meine Zurückkunft und war erfreut dass ich mich wieder von neuen daselbst
etabiliren wollte versprach mir auch alle möglichste Dienstleistungen weswegen
wir denn etliche Tage nach einander meine HandelsBücher vornahmen die ich
versiegelt in seine Verwahrung gegeben hatte und die Einteilung machten wie
viel dieser oder jener Kreditor haben und wie ich meine Sachen etwa sonsten
anstellen sollte damit ich mich wiedrum frei und öffentlich sehen lassen dürfte
Herr O tractirte meine ganze Sache und es wusste niemand von meinen
Kreditoren dass ich mich in seinem Hause aufhielt brachte auch binnen wenig
Wochen meine Affairen auf einen solchen Fuß dass meine Kreditores ziemlich
begütiget wurden ich von der Obrigkeit einen Salvum Konductum erhielt mich
also wiederum auf der Börse zeigen und mein bisher seqvestrirtes Haus beziehen
durfte
Herr HW in Hamburg hatte nicht so bald Nachricht hiervon bekommen als er
mehr mir zu Gefallen als seiner eigenen Negocien halber nach D kam und mir so
wohl des Kapitain Wolfgangs als meines Sohnes Briefe vorlegte ich lase zwar
dieselben hielt aber alles vor Mährlein und glaubte dass mein Sohn bloß aus
Desperation zu Schiffe gegangen wäre und sich vielleicht von einem listigen
Vogel etwas hätte aufbinden lassen Herr HW suchte mir dieses auf alle Art
auszureden allein ich war viel zu kleingläubig und dieser gute Freund
resolvirte sich seine Reise ferner nach Russland fortzusetzen kam nach etlichen
Wochen zurück und traf mich in einem üblen Zustande an denn weil mein Sohn in
alle Welt gegangen war und ich sast keine Hoffnung schöpfen konnte ihn Zeit
Lebens wieder zu sehen meine Tochter aber aus Schweden mir die
allerlamentabelsten Briefe schrieb und zu meinem größten Leidwesen endlich
meldete dass ihr nunmehr unmöglich fiele den sonst ohnedem nicht
wohlgestallten Peterson zu heiraten nachdem er mit einem gewissen Edelmanne in
Händel geraten welcher ihm nicht nur viele starke Blessuren im Gesicht und am
Leibe angebracht sondern auch fast das ganze Untermaul hinweg gehauen hätte
wurde ich vor großer Betrübnis ganz melancholisch und wusste mir weder zu
raten noch zu helfen verlangete aber beständig meine einzige Tochter zu
sehen weswegen Herr HW und Herr O Anstalten machten und mich wieder nach
Schweden überführen ließ da immittelst meiner seel Frauen Bruders Sohn als
ein sehr geschickter HandelsDiener meine neu errichtete Handlung fortsetzen
sollte So bald ich in Stockholm angelanget fand ich des Petersons Unglück mehr
als wahr zu sein er traf wenig Tage hernach bei uns ein und ich entsetzte mich
selbst ihn in solcher Gestalt zu erblicken allein dem ungeacht wollte er
durchaus von meiner Tochter nicht ablassen die Baase hatte er durch Geschenke
auch dergestalt auf seine Seite gebracht dass diese ihm in allen Stücken das
Wort redete und so gar die empfindlichen Worte gebrauchte Da meine Sachen so
stünden müsste sich die Tochter nicht weigern in einen sauren Apfel zu beißen
Im Gegenteils gingen mir die JammerKlagen meiner Tochter und die übrigen
Grillen dergestalt im Kopfe und Hertzen herum dass ich fast völlig melancholisch
und so gar Bettlägerig wurde Endlich fing meine Tochter an etwas aufgeräumter
zu werden und stellte sich mir zu Gefallen an als ob sie den Peterson
nunmehr ganz wohl leiden könnte auch die Heirat mit ihm nicht ausschlagen
wollte sie ließ sich auch von ihrer Baase und ihm bereden dass wir ingesammt
sonderlich mir zum Vorteil um die Luft zu verändern nach Niekoepping fuhren
Daselbst als ich sah dass sich meine Tochter mit Peterson ziemlich wohl
vertragen konnte bekam ich meine vorige Gesundheit bald wieder sie war darüber
sehr erfreut es mag ihr aber wohl nicht wenig Mühe gekostet haben den
innerlichen Kummer zu verbergen
Nachhero wurde ich mit Peterson völlig eins dass wir mit einander in
Kompagnie handeln wollten und er versprach mir trefliche Vorteile schloss einen
ordentlichen Kontract mit mir und bewegte mich dahin wieder nach Hause zu
reisen um alles wohl einzurichten ihm aber die Freiheit zu lassen mit meiner
Tochter so bald es sich schickte Hochzeit zu machen worauf er denn mit den
GeldSäcken nachkommen und mich völlig außer Schulden setzen wollte Ich reiste
demnach von Niekoepping ab und wieder nach Hause hatte auch nicht die geringste
Ursache an Petersons Versprechen zu zweiffeln denn er war in mehr als zu guten
Stande selbiges zu halten doch war mein Hertze unterwegs immer voll lauter
Unruhe und Bangigkeit auch noch einige Tage da ich schon zu Hause war und meine
Sachen in guten Stande fand biss Herr HW ohnverhofft von Hamburg abermals
ankam und mir nicht allein die fröliche Zeitung von der Wiederkunft meines
Sohnes sondern auch gar gewaltige GeldSummen und WechselBriefe mit brachte
als womit ich alle meine Kreditores gedoppelt hätte bezahlen köñen Ich
bezahlete aber auch alles redlich mit gewöhnlichen Interesse und blieb
solchergestalt keinem Menschen einen Scherf schuldig weswegen aller Augen in
der ganzen Stadt auf mich sahen mich wieder vor einen großen Mann achteten
jedoch nicht wussten wie das Ding zugehen möchte Herr HW hielt sich eine
ziemliche Zeit bei mir auf und wollte gern die Ankunft meiner Kinder aus
Schweden abwarten denn er und ich zweiffelten nunmehr nicht dass der Bruder
die Schwester auslösen und mitbringen würde Wir schrieben auch beide
verschiedene Briefe nach Schweden allein ich glaube dass dieselben entweder
durch unsere Anverwandtin oder durch Petersons Vorsicht unterschlagen sein
Endlich sah sich Herr HW seiner eigenen wichtigen Geschäffte wegen
genötigt nachdem ich ihn vor seine Mühe wohl vergnügt von mir zu reisen und
ungefähr 3 Wochen hernach kamen mir meine Kinder eines Abends ohnverhofft da
ich mit meinem alten guten Freunde Herrn O im Schacht spielete plötzlich um den
Hals gefallen worüber ich eine solche jählinge Freude empfand dergleichen ich
Zeit Lebens gehabt zu haben mich nicht leicht zu erinnern weiß Was sonsten das
übrige meiner Geschichten anbelanget wird ihnen meine Herren vielleicht schon
guten Teils bekannt sein oder ich will selbiges zur andern Zeit erzählen
weilen uns die eingebrochene Nacht ins Bette weiset
Hiermit endigte mein Vater den kurzen Bericht von seinem LebensLauffe und
wir begaben uns insgesamt zur Ruhe weil wir sehr stille See hatten so bald
wir aber den Tropicum Kancri passiert waren erhub sich auf einmal ein solcher
gewaltiger SturmWind und Regen dass wir ingesammt nicht anders glaubten als in
dieser Gegend zu verderben von Donnern und Blitzen hörten und sahen wir
nichts nur der SturmWind erregte die Wellen dergestalt dass wir alle
Augenblicke vermeinten von denselben verschlungen zu werden wie uns denn
außer diesem der grausame Regen die größte Beschwerlichkeit verursachte
Dritten Tages hörte es zwar auf zu regnen allein der Wind stürmete desto
schärffer so dass man nirgends ruhig stehen oder liegen konnte Unser
Frauenzimmer wurde sehr unpässlich meine Schwester aber recht tötlich kranck
und ob wir gleich derselben die kostbarsten Artzeneien nach Anweisung unsers
sehr verständigen SchiffsBarbiers eingaben so wollte doch nichts anschlagen
sondern es wurde am 9ten Tage da das Stürmen noch immer fort währete so
schlimm mit derselben dass wir an ihrer Aufkunft zweiffelten Dahingegen es
sich mit den andern Krancken ziemlich besserte Mein Vater und ich waren
dieserwegen aufs äuserste betrübt ihr Bräutigam aber Mons Schmeltzer ganz
trostloss so dass er sich fast nicht zu fassen wusste Keiner unter allen zeigte
bei diesen gefährlichen und betrübten Umständen mehr Kourage als Herr Herrmann
ungeacht dieses seine erste Reise zur See war Lieben Freunde sagte er zum
öffteren glaubt es nicht dass wir unglücklich sein werden Gott kennet uns und
seine Güte und Barmhertzigkeit ist viel zu groß als dass er uns verderben sollte
trauet doch derselben nur wenigstens so hertzhaft als ich Er war auch in
diesem Stücke ein guter Prophete denn meine Schwester wurde nicht allein wieder
besser sondern der Sturm legte sich auch allein wir sahen uns dergestalt von
unserer Fahrt verschlagen dass die verständigsten unter uns die Brasilianischen
Küsten bemercken konnten
Weil nun unser Schiff eine starke Ausbesserung von nöten hatte folgeten
alle einmütig meines Vaters Rate die große Bay vor St Salvator zu suchen
um daselbst unser Schiff wieder in vollkommen guten Stand zu setzen auch
selber in etwas von der mühseligen Reise auszuruhen indem er dasiges Orts
noch viele gute Bekandte Portugiesen hätte
Wir fanden dieselbe endlich und stiegen aus fanden auch in der Stadt gute
Bequemlichkeit so dass wir uns alle und sonderlich unsere Krancken binnen den
4 Wochen da unser Schiff ausgebessert wurde völlig wieder erholen konnten Wir
kaufften auch verschiedene Waren dieses Landes ein und hatten solchergestalt
unser Schiff so voll geladen dass fast nichts mehr hinein zu bringen war
Endlich begaben wir uns wieder an Boord und setzten unsere Reise nach Süden
zu fort hatten zwar nachher noch etliche mahl Stürme und Ungewitter
auszustehen allein es waren selbige eben von solcher Wichtigkeit nicht unsern
ungemein starken Schiffe Schaden zuzufügen Einen einzigen starken Sturm
aber der uns hätte Furcht und Schrecken einjagen können warteten wir auf einer
kleinen unbewohnten Insul ab bei welcher wir 2 Tage vorher gelandet um
frisches Wasser einzunehmen auch einiges frisches Wildpret und Vögel zu
schießen denn ob wir gleich RindSchaaf und allerlei FederVieh in ziemlicher
Anzahl bei uns hatten so wollten wir doch lieber unsern Appetite steuren als
davon etwas schlachten indem diese lebendigen Tiere in Felsenburg ungemein
angenehm waren Gantzer 18 Tage verharrten wir also auf schon gemeldter
unbevölckerten Insul welches eben nicht die fruchtbarste zu sein schien doch
fand sich viel taugliches Wildpret darauf nebst Vögeln von verschiedenen
Sorten die sich wohl essen ließ So bald aber die See wieder stille und der
Himmel klar zu werden begunte brachen wir unsere Gezelter die Mons Horn zum
Geschenke vor den AltVater erkaufft wieder ab begaben uns auf die fernere
Reise nahmen unterwegs noch 2 mahl bei zweien wüsten Insuln frisches Wasser
ein und passirten endlich den Tropicum Kapricorni allein da schien es nun
Kunst zu kosten die Insul GroßFelsenburg wieder zu finden denn wir kamen
einen ganz andern Weg her als den wir abgefahren waren und hatten die Insul
St Helena voritzo sehr weit lincker Hand liegen lassen Endlich da es eines
Tages ganz heitere Luft war rieff ein BootsKnecht oben aus dem MastKorbe
herunter Zwei Insuln gegen Osten eine größer als die andere Ich befand mich
eben bei dem Kapitain Horn welcher so gleich vor Freuden in die Hände schlug
und sagte Gott Lob das können fast keine andern als die Felsenburgischen sein
er war aber so neugierig und verwegen selbst am Maste hinauf zu steigen nahm
auch ein ziemlich groß Perspectiv mit hinauf kam bald wieder herunter und
sagte Dem Himmel sei gedanckt ich habe die FelsenSpitzen ganz eigentlich
sehen und unterscheiden können wir sind zu weit rechter Hand kommen ich habe
aber doch nur in vergangener Nacht ausgemessen und ausgerechnet dass wir
unmöglich weit mehr davon sein könnten Deswegen befahl er so gleich dem
SteuerManne den Lauff des Schiffs gegen Osten zu richten weil wir aber einen
scharffen wiederwärtigen OstWind hatten erreichten wir erstlich von der Zeit
am Abend des 5ten Tages nämlich am 4ten Jun 1730 die Insul klein Felsenburg
allwo weil sogleich eine sehr finstere Nacht einbrach Kapitain Horn Ancker
werffen ließ nachdem wir uns alle zusammen beredet diese Nacht ganz stille zu
sein 2 Stunden vor Anbruch des Tages aber das verabredete Zeichen zu geben
denn es daurete uns nicht nur alle Einwohner sondern vornehmlich den AltVater
wenn er ja noch lebte um die ganze NachtRuhe zu bringen und es war leicht zu
glauben dass die wenigsten vor Freuden ein Auge würden zugetan haben wenn sie
gewust hätten dass wir so nahe wären
Es war wie gesagt dieses eine ungemein finstere Nacht und gewaltiger
Regen weil es eben hieselbst im Winter war deswegen legten wir uns einige
Stunden zur Ruhe wiewohl in meine Augen kam kein Schlaff deswegen stund ich
wieder auf ließ mir Kaffeé zubereiten rauchte Toback legte die Uhr vor mich
auf den Tisch und wartete mit sehnlichen Verlangen biss die Stunde heran kam
da wir das Signal aus unsern Kanonen geben wollten Kapitain Horn wurde zur
rechten Zeit munter deswegen ließ wir auch unsere übrigen Freunde wecken
gaben sodann eine Salve aus 6 Kanonen ließ 12 Raqueten steigen und
wiederholten solches 2 mahl da denn die Felsenburger alles ihr Geschütz kurtz
hinter einander her löseten und an verschiedenen Orten Raqueten steigen
ließ mit welchen LustFeuern denn continuirt wurde biss endlich der helle
Tag anbrach Wie nun schon gestern verabredet worden dass ich erstlich allein
hinüber fahren dem AltVater den Respekt erweisen und ihm unsere Ankunft
melden auch erfragen sollte welche Personen auf kleinen Felsenburg etwa zurück
bleiben müssten so war ich gleich im Begriff ins Boot zu steigen und mich von
etlichen Matrosen hinüber setzen zu lassen als wir eben drei
GroßFelsenburgische Boote auf uns zu kommen sahen deren jedes 4
MannsPersonen in sich hatte und die unser Schiff noch weit von ferne schon vor
das rechte erkandt blieb also noch zurück Lebt der AltVater noch Dieses war
der erste Ruff den ich ihnen durchs SprachRohr entgegen schickte weswegen sie
mit den Händen klatschten und ihre Mützen um die Köpffe schwungen weil wir den
Laut ihrer Stimmen von so weit her noch nicht vernehmen konnten Endlich aber da
sie immer näher und näher kamen hörten wir die deutlichen Worte Er lebt
noch Willkommen Willkommen Bald hernach gelangeten sie bei unserm Schiffe an
da wir denn weil sie mich so wie ich sie alle wohl und bei Nahmen kenneten
einander auf das frölichste bewillkommeten worauf sie auch den Kapitain und den
andern neu mit angekommenen Europäern ihre Reverenze machten sodann ein gutes
FrühSück einnahmen
Weiln ich aber keine Zeit versäumen wollte gab ich meine Meinung den
Felsenburgern zu verstehen da sich denn gleich die ersten 4 offerirten mich
hinüber zu führen die übrigen 8 aber blieben bei unsern Schiffe So bald wir
nun dem Eingange gegen über kamen nämlich wo sonst der NordFluss seinen
gewöhnlichen Ausfall hat waren die allermeisten GroßFelsenburgischen Einwohner
unten am Fuße des Gebürges versammelt voran aber stunden Herr Wolffgang der
alte Kapitain Wadlei Litzberg und die andern Einkömmlinge wir umarmten
einander ohne viel Worte zu machen da aber der Kapitain Wolffgang merkte dass
ich schwerlich vor Abends fertig werden würde wenn ich einem jeden anwesenden
Befreundten die gebührende Höflichkeit erzeigen wollte sprach er Mein Herr wir
alle werden in künftigen Tagen Zeit genung haben euch unsere zärtliche Liebe
zu erzeigen und ausführlich von euch die Begebenheiten eurer Reise zu
vernehmen vorietzo aber lasset uns keinen Augenblick versäumen euch zu dem
AltVater zu führen denn ich weiß dass er vor Verlangen euch zu sehen fast
verschmachtet Demnach stiegen wir in dem FelsenGewölbe hinauf und der ganze
Zug folgte uns nach biss auf die AlbertusBurg weil aber der AltVater wegen
bisheriger öffterer Schwachheit nicht aus seinem Zimmer kommen konnte und dieses
zu enge war eine solche Menge Volcks als mich begleitete in sich zu fassen
kamen außer den alten Greissen nur die wenigsten hinein Der AltVater umarmete
und küsste mich und vergoss viel FreudenTränen wie ich denn ebenfalls in
einer guten Weile vor Freuden den Mund nicht auftun konnte Endlich aber
stattete ich meinen Rapport so kurtz als möglich ab gab zu vernehmen wie ich
nebst den allernötigsten Sachen auch noch viele nötige Personen mitgebracht
die allhier zu verbleiben unfehlbar Lust bezeigen würden meldete aber noch
nicht wer sie wären vielweniger dass ich meinen Vater und Schwester bei mir
hätte Inzwischen bat ich den AltVater dass weil man doch den Kapitain Horn
nicht so bald könnte wieder zurück seegeln lassen Ordre zu stellen wie es mit
Verpflegung seiner Leute sollte gehalten werden ob sie hier oder auf klein
Felsenburg bleiben sollten und was sonsten etwa zu erinnern wäre Allein der
AltVater der mir lange nicht mehr so frisch und munter als bei meiner
Abreise vorkam übergab alle diese Sorgen seinem älteren Sohne Alberto II und
nebst diesem denen Kapitains Wolffgang und Wodlei ich aber sollte nicht von
seiner Seite kommen biss ich ihm einen ausführlichen Bericht von der ganzen
Reise abgestattet hätte da aber Herr Wolffgang vorschützte wie es absolute
nötig sei dass ich wieder mit hinüber zum Schiffe führe und erstlich den
Kapitain Horn nebst den andern neuen Europäern mit herein führte da denn in
Beisein Horns der Bericht weit vollkommener abgestattet werden könnte ließ er
es sich endlich gefallen dass ich erstlich noch einmal mit dahin führe
weswegen wir uns nicht lange säumeten um noch vor Nachts wieder auf dem Schiffe
zu sein
Unter so vielen Anwesenden vermissete ich fast niemanden so bald als Herrn
Mag Schmeltzern erfuhr aber auf mein Nachfragen dass er sich seit zweien
Tagen in RobertsRaum bei einem krancken Manne aufgehalten und noch daselbst
befindlich wäre
Es war schon finstere Nacht als wir in dem Schiffe anlangeten und das
freundliche Bewillkommen der Bekannten und Unbekannten währete ganz lange die
allergröste Freude aber hatte Herr Wolffgang über die Mitkunft meines Vaters
meiner Schwester und den Bruder Herrn Mag Schmeltzers gab mir auch einen
kleinen Verweis dass ich solches dem AltVater und ihm verschwiegen hatte
allein ich entschuldigte mich dass es darum geschehen bei persönlicher
Zusammenkunft eine desto größere Freude zu verursachen Nachhero wurde
geheimer Rat gehalten und beschlossen alle diejenigen Personen welche nicht
auf der großen Insul bleiben sollten mitlerweile auf der Insul KleinFelsenburg
auszusetzen weil aber der Kapitain Horn befürchtete dass die drei Offiziers
wenn sie mit den Matrosen alleine zurück gelassen würden rebellisch werden und
ihm auf der RückReise böse Streiche spielen möchten tat er den Vorschlag dass
nur etliche von uns mit dem Schiffe hinüber fahren sollten er selbst aber wollte
mit den übrigen noch einige Tage bei den drei Offiziers und Matrosen auf klein
Felsenburg verharren diesen letztern alle übelen Gedanken benehmen und ihnen
eine gute Meinung beibringen auch Anstalten machen dass tüchtige Hütten und
Heerde gebaut würden damit sich diese Leute bei itziger WintersZeit behelffen
könnten wobei er denn nicht zweiffelte dass man sie von GroßFelsenburg aus
von Zeit zu Zeit mit guten EssWaren und Getränke versehen würde Nach gerade
aber könnte man so wohl ihn als die andern Europäer welche in GroßFelsenburg
bleiben sollten immer ein Paar nach dem andern abholen
Dieser Rat war sehr wohl ausgesonnen und nur dabei zu bedauern dass wir
den guten Kapitain Horn nicht sogleich mit uns nehmen und dem AltVater
vorstellen sollten allein Herr Wolffgang war selbst der Meinung dieses
Stratagema zu gebrauchen Mittlerweile berichtete der Kapitain Horn wie der
größte Teil von den Matrosen abgewichenes Tages auf den Booten benebst 2
Felsenburgern bereits nach der kleinen Insul abgefahren und SchiessGewehr auch
so viel Proviant mit sich genommen dass sie sich wohl etliche Tage behelffen
könnten Dieses war schon eine gute Sache und weil ich dem Kapitain Horn
anzeigte wie ich gesonnen wäre jedem Matrosen vor seine bisher gehabte Mühe
50 spec Tlr einem jeden von den 3 Offiziers aber 100 Tlr zu verehren
als ließ er so gleich unter die übrigen so noch auf dem Schiff waren
ausstreuen dass wir Morgen alle auf die kleine Insul überfahren daselbst eine
kurtze Lust haben und zusehen wollten wie sich die Matrosen anstellen würden
weil Eberhard Julius so und so viel Geld unter sie verteilen auch viel Wein
und Brandtewein nebst andern Sachen unter sie Preis geben wollte
Das war ihnen ein gefunden Fressen deswegen fuhren sie mit Erlaubnis des
Kapitains Horn gleich sobald der Tag anbrach hinüber auf klein Felsenburg
etliche kamen wieder zurück holeten die Wein und BrandteweinsFässer nebst
andern Victualien ab gegen Mittag aber fuhr Kapitain Horn nebst einigen
mitgekommenen Europäern auch etlichen Felsenburgern ihnen nach und wir traffen
das ganze Heer der Matrosen auf dem Platze an welcher auf dem GrundRisse der
Insul KleinFelsenburg im andern Teile dieser GeschichtsBeschreibung bei pag
452 mit dem Buchstaben F bezeichnet ist allwo sie im vollen Wercke begriffen
waren Hütten zu bauen auch schon viele Feuer angemacht und WildpretsBraten
angesteckt hatten weil die gestern voraus gegangenen von der Jagd nicht leer
zurück gekommen waren
Zuerst ließ Kapitain Horn ein Fass Brandtewein anstecken und jeglichen eine
gute Portion geben damit sie erstlich Geister bekämen hernach ließ ich meine
mit lauter Spanischen CreutzTalern angefülleten Säcke herbei bringen zählete
einem jeden Offizier 100 und jedem Matrosen 50 Taler in die Mütze danckte
ihnen aufs höflichste vor ihre unterwegs auf der Fahrt erzeigte Treue Fleiß und
Gehorsam und versprach woferne sie sich binnen der Zeit da wir uns allhier
aufhielten fein fromm und Christlich aufführeten vor der Abreise noch über
ihren versprochenen Sold ein mehreres zu geben
Da ging es an ein HändeKüssen und an ein Jubiliren ja sie versprachen
denjenigen der unter ihnen am ersten Rebellion oder Händel anstifften wollte
sogleich auf der Stelle mit ihren Messern in tausend Stücken zu zerschneiden
Kapitain Horn lachte und sagte Kinder seid nur fromm so werdet ihr allhier
bessern Gewinst und bessere Tage haben als ihr gedenckt auch an guten Essen
und Trincken nicht den geringsten Mangel leiden
Wenn das ist versetzte einer hierauf so lasst uns so lange auf dieser
Insul bleiben biss es allhier Sommer wird Ja Bruder ja schryen die andern
wenn der Kapitain will
Daferne ihr sprach der Kapitain Horn wie ich schon gesagt nur fromm
sein wollt kann Rat darzu werden und ihr sollt versichert sein dass alles
was euch versprochen worden redlich wird gehalten werden
Mir aber sprach er ferner werdet ihr doch nicht übel auslegen wenn ich
dann und wann etliche Tage mich auf jener größeren Insul bei guten Freunden
aufhalte jedoch öfters sehe was ihr macht das Kommando dem ältesten Offizier
überlasse und vor eure Verpflegung Sorge trage
Ihr seid antwortete der stärckste unter ihnen der beste Kapitain von der
Welt tut was euch gefällt verschafft uns nur allhier gut Fressen und
Sauffen und hernach eine gute Fahrt wobei wir noch was erwerben können Die
andern stimmeten diesen bei und baten sich aus man sollte sie nur allhier auf
dieser Insul bei ihrer Lust lassen Bosheiten wollten sie nicht begehen
Wohlan weil ihr so redlich seid redete ich zu ihnen will ich euch auf
instehenden JohannisTag vor mein particulier 3 Fass Wein herüber senden ohne
was andere tun werden He Vivat riefen alle und wurffen die Mützen in die
Höhe
Hierauf fingen sie an Gesundheiten zu trincken auch die Hände wieder an
ihren HüttenBau zu legen weswegen ich den Kapitain Horn ein wenig auf die
Seite zohe und zu ihm sagte Diese Leute sind von Natur weit raisonnabler als
wir uns eingebildet haben wer hätte dergleichen Resolution in ihnen suchen
sollen Inzwischen kommt sie recht a propòs und gereicht zu meinem größten
Vergnügen dass wir sogleich alle zusammen vor den AltVater treten können Horn
gab hierauf zur Antwort Es ist wahr nun glaube ich dem Satze dass das Geld
der Wein u dann auch vornehmlich die Liebe die größten Potentaten über das
menschl Geschlechte sind denn mit den allergrößten Flatterien hätte ich diese
Leute binnen 8 Tagen dahin nicht bringen können wenn sie gewust hätten dass
es mein ernstlicher Wille wäre wohin sie sich von freien Stücken selbst
gewendet
Wir blieben also noch ein wenig bei ihnen da es uns aber Zeit zu sein
dauchte ruffte sie Kapitain Horn nochmals zusammen und sprach Nun so haltet
denn euer Wort seid vernünftig folgt euren 3 Vorgesetzten macht euch eure
Hütten und FeuerHeerde bequem denn zu Kochen und Braten werdet ihr genung
kriegen sorget vor nichts und bleibt nur hier in Ruhe wir aber wollen an
Boord gehen jedoch in wenig Tagen will ich euch wieder besuchen und hören wie
ihr euch aufgeführet habt
Sie waren alle wohl zufrieden sonderlich wegen der vollen Fässer
begleiteten uns aber doch biss an das Ufer allwo die Boote stunden mit welchen
die Felsenburger uns mit samt den Europäern wieder aufs Schiff brachten weil
aber die Nacht vor der Hand war wollten wir die Ancker nicht so gleich lichten
sondern verspareten solches biss zu anbrechenden Tage hörten die ganze Nacht
hindurch ein gewaltiges FreudenGeschrei von unsern auf der Insul befindlichen
Matrosen welche sich allem Vermuten nach das Getränke ziemlich zu Nutz
gemacht hatten wir gönneten es ihnen aber sehr gern wunden noch vor
anbrechenden Tage die Ancker auf und gelangeten ungefähr um 9 Uhr in
behöriger Weite vor dem Eingange der Insul an da wir denn die Ausladung des
Schiffs den Felsenburgern überließen bei welchen Kapitain Wolffgang und einige
bereits eingesessene Europäer blieben von dem jetzt angekommenen aber stiegen
folgende Personen durch das NordGewölbe den Felsen hinauf
1 Mein Vater Franz Martin Julius
2 Kapitain Horn
3 Herr Jacob Friedrich Schmeltzer
4 Meine Schwester Juliana Louise Juliin
5 Herr Johann Friedrich Herrmann
6 Mons Richard van Blac
7 Jungfer Anna Sibylla Krügerin
8 Jungfer Susanna Dorotea Zornin
9 Barbara Kuntzin meiner Schwester Magd
10 Johann Martin Rädler
11 Christian Gebhard Ollwitz 2 Buchbinder
12 Valentin Schubard
13 Jeremias Rudolph Kindler 2 Glassmacher
14 Joh Hildebrand Breitschuch ein Seiffensieder
15 Moritz Engelhart ein Blechschmidt
16 Victor Magnus Hollersdorff ein Mahler
17 Salomon Friedrich Besterlein ein Sattler
18 Karl Heinrich Trotzer ein ZinnGiesser
19 Emanuel Siegfr Langrogge
20 Heinrich Gottfr Hildebrand 2 vortreffliche Musici
Die 9 Sklaven des Kapitain Horns mussten gleichfals mit auf dem Schiffe
bleiben doch wollte sich Kapitain Horn bei dem AltVater ausbitten dass sie nach
völliger Ausladung desselben auf die Insul gelassen und daselber getaufft
würden weil sie nach Herrn Schmeltzers und Herrn Herrmanns Versicherung
welche beide dieselben unterwegs fleißig informirt die Articul des Christlichen
Glaubens sehr wohl inne auch die größte Lust hätten sich tauffen zu lassen
Es waren abermals fast alle Einwohner der ganzen Insul beisammen als wir
an Land kamen oben aber auf der Ebene war Herr Mag Schmeltzer der erste unter
den naturalisirten Felsenburgern welcher uns entgegen kam und fast vor Freude
in Ohnmacht gesuncken wäre als er seinen liebsten Bruder meinen Vater und
meine Schwester erkandte Jedoch weil meine Beschreibung viel zu weitläufftig
werden würde wenn ich alle Reden die allhier vorfielen wiederholen wollte
will ich mich nur der Kürtze befleissen und so viel sagen dass wir abermals
recht in Procession die AlbertusBurg hinauf stiegen mitlerweile aber unsere
Gefährten unten in einem großen Zimmer in etwas zu verweilen gebeten wurden
führte ich die ersten 5 HauptPersonen erstlich allein zum AltVater hinauf
unter welchen aber dieser niemanden kennete als den Kapitain Horn Nachdem ich
ihm nun gesagt dass dieser Herrn Mag Schmeltzers leiblicher Bruder jener Herr
Herrmann ebenfalls ein Teologus welche beiden ich in Europa zu Priestern
weihen lassen das aber mein Vater und diese meine Schwester wäre saß er eine
lange Zeit als ein Lebloser endlich aber erholte er sich wieder umarmete und
küsste uns alle fragte hernach meinen Vater Wisst und glaubt ihr auch dass
ich so ein naher Anverwandter von euch bin Ich habe es mein Herr Vater gab
mein Vater zur Antwort aus dem Munde dieses meines einzigen Sohnes Eberhard
Julii vernommen und bin noch itzo unvermögend die wunderbaren Führungen des
Himmels gnungsam zu bewundern Ich freue mich von Grund der Seelen versetzte
der AltVater euch alle insgesamt bei mir zu sehen und dass ihr Zeugen meines
vergnügten Wohlstandes sein könnt ihr werdet aber vielleicht auch Zeugen
meines bald heran nahenden Endes sein denn da der Himmel nunmehr mein Bitten
und Flehen in allen Stücken erhöret hat wüste ich mir nichts weiter zu
wünschen als einen baldigen sanft und seeligen Tot Wir taten hierüber sehr
kläglich ich aber sagte wie dass ich den Himmel bitten wollte ihn nur
wenigstens so alt werden zu lassen als Don Cyrillo de Valaro auf dieser Insul
alt worden wäre Nein mein Sohn versetzte er das wünschet mir nicht sondern
viel lieber eine baldige Auflösung Don Cyrillo hat viel Arbeit auf dieser Insul
getan ich werde aber wohl nicht lügen wenn ich sage dass ich noch mehr
getan und weit mehr Kummer und Sorgen ausgestanden habe als er Deswegen
fühle ich meine Mattigkeit wohl und mercke dass ich es nicht mehr lange machen
werde bin auch herzlich damit zufrieden indem mir vor meinem Ende alles nach
Wunsche ergangen Hierauf reichte er meinem Vater und meiner Schwester die
Hände und nötigte sie neben sich zu sitzen uns andern wurden auch Stühle
gesetzt mitlerweile aber der AltVater mit meinem Vater von unsern VorEltern
eine lange Unterredung gehalten dieser letztere ihm auch erzählt was er von
ihnen wüste und was er noch vor schrifftliche Urkunden diese und jene Sachen
betreffend mit sich gebracht hätte waren die MittagsStunden bereits vorbei
weswegen die Mahlzeit aufgetragen wurde wir 6 Angekommenen speiseten nebst
Alberto II und einigen andern grauen Häuptern an des AltVaters Taffel Herr
Wodlei aber welcher sonsten täglich an des AltVaters Taffel speisete
tractirte voritzo in dem untersten Zimmern die andern neuen Einkömmlinge nebst
denen welche oben nicht Platz bekommen konnten
Unter den grauen Häuptern vermissete ich sonderlich den ehrlichen alten
David sonst Rauking genannt welcher nur vor wenig Monaten gestorben und fast
90 Jahr alt worden war ich bedaurete diesen Mann sehr wegen seiner
Erfahrenheit und Aufrichtigkeit Sonsten waren die Ältesten so ich verlassen
hatte noch alle am Leben in DavidsRaum aber war nunmehr des verstorbenen
erstgebohrner 45 jähriger Sohn Aeltester und Vorsteher worden
Mein Vater Schwester und die übrigen wunderten sich ungemein wie appetit
lich sauber und ordentlich die Mahlzeit an und eingerichtet war ein jeder
wurde von einem reinlichen 12 biss 14 jährigen Knaben bedienet die Speisen
waren sehr wohl aber doch nicht wie in Europa zuweilen geschicht so gar
leckerhaft oder wenn ich es recht sagen soll täntelhaft zugerichtet Hierbei
war ein wohlgebrautes Bier und ein schöner Felsenburger Wein unser Getränke
Weil der AltVater mit meinem Vater beständig im Discurs begriffen war
welchem die andern eiffrig zuhöreten geriet ich ungefähr in tieffe Gedanken
und muss nur gestehen dass mich der Magnet zu meiner Kordula zohe welche ich
noch nicht gesehen auch sie noch diesen Tag zu sehen nicht hoffen konnte weil
sie ihrer Mutter und der andern Aussage nach schon seit vielen Wochen immer
kräncklich gewesen wäre und sich nicht wohl aus dem Hause wagen dürffte
Demnach war mir einiger maßen verdrießlich dass ich aus Respekt gegen den
AltVater und die Fremden heute nicht zu ihr reisen könnte sonsten hätte lieber
Essen und Trincken entbähren wollen Indem kam Mons Litzberg ohnvermerckt
stöhrete mich in meinen tieffen Gedanken und vermeinte er wolle wohl
erraten was mich so tieffsinnig machte Ich fragte wie ihm zu Mute gewesen
da er einsmahls verliebt gewesen wäre Hierauf sagte er Wartet ein klein wenig
mein Herr ich muss mich eurer erbarmen und euch ein Pflaster aufs Hertze holen
Hiermit ging er in ein NebenZimmer und brachte mir meine Kordula heraus
geführet ich sprang gleich auf und konnte mich nicht enthalten sie mit einem
Kusse zu bewillkommen weswegen ihre blasse Farbe sich in eine Blutrote
verwandelte Sie wusste hernach die andern Fremden mit einer ungemein artigen
Stellung meine Schwester aber mit einem heißen Kusse zu bewillkommen weswegen
mein Vater vor Freuden zu weinen anfing und sagte Wohl gewählt mein Sohn
Gott segne euch beide Meine Kordula wurde von den Alten Greisen fast gezwungen
sich an meine Seite zu setzen ungeacht wenig Platz vorhanden war jedoch wir
konnten vor allzugrosser Freude wenig Worte zu Marckte bringen ehe wir es uns
aber versahen fing Monsieur Litzberg mit einigen Felsenburgischen Junggesellen
und Knaben die sich binnen der Zeit sehr stark in der Musik geübt und
gebessert hatten im NebenZimmer an ein schönes Konzert zu spielen und damit
ich nichts vergesse so hatte dieser redliche Freund der ungemein viel Liebe
gegen mich bezeigte seinen HirschWagen angespannet war damit nach Roberts
Raum gerennet und hatte mit Bitten nicht abgelassen biss sich meine Kordula
resolviret in seiner und Harkerts Gesellschaft nach der AlbertusBurg zu
fahren
Wir hörten dieser Instrumental Musik alle mit Vergnügen zu bald hernach
aber veränderte er die Instrumente und sunge folgende
CANTATA
Aria
Willkommen Hertzgeliebten Freunde
Willkommen hier in Kanaan
Seid tausendtausendmahl willkommen
Da ihr uns unsern Schmertz benommen
Der Himmel sei davor gepriesen
Der euch und uns diss Glück erwiesen
Ja seine Güte hats getan
Willkommen Hertzgeliebten Freunde
Willkommen hier in Kanaan
Recit
Bisshero stunden wir
Nur immer alle Morgen
Mit Kummervollen Sorgen
Und lauter Seuffzern auf
Und legten uns des Abends wieder
Mit bangen Hertzen nieder
Diss LustRevier
So gar der SonnenLauff
War fast nicht mehr geschickt
Uns die Vergnüglichkeit zu geben
So Seele Geist und Leben
Bissher erquickt
Blieb einer bei dem andern stehen
So war das erste Wort
Wie mag es den Verreisten gehen
Aria
Weich zurück betrübte Zeit
Denn der Himmel lässt geschehen
Dass wir nach der Bangigkeit
Uns frohlockend wieder sehen
Nun ist unser Wunsch erfüllt
Das Verlangen ist gestillt
Nun verschwindet alles Leid
Weich zurück betrübte Zeit
Recit
Es kommen Hertz und Hertzgen jetzt
Aufs neue höchstvergnügt zusammen
Wo AmorsPulver blitz
Verraten sich gar bald die LiebesFlammen
Doch diese sind von reiner Art
Weil gleich und gleich
Sich hier zusammen paart
Der Himmel lasse nun
Nachdem das Stürmen überstanden
Ein jedes LiebesSchiff vergnügend landen
Und in dem Haafen sicher ruhen
Aria
Es müsse das Glücke und lauter Gedeihen
Uns die wir in Felsenburg wohnen erfreuen
Es lebe Albertus noch lange vergnügt
Es leben die Freunde die sonder Betrüben
Einander von Hertzen recht brüderlich lieben
Und keiner den andern mit Falschheit betrügt
Es wolle des Himmels höchstgnädiges Walten
Die Insul in ruhigem Wesen erhalten
So wie ers bisher nach Wunsche gefügt
Es müsse das Glücke und lauter Gedeihen
Uns die wir in Felsenburg wohnen erfreuen
Es lebe Albertus noch lange vergnügt
Ob nun schon Mons Litzberg diese Verse in größter Geschwindigkeit gemacht
und auch selbst in größter Geschwindigkeit componiret hatte so dass es eben
kein MeisterStücke zu nennen war gefielen sie unser aller Ohren zumahl er
selbige mit seiner artigen TenorStimme vorbrachte auch sich auf einen
besonderen Instrumente selbst accompagnirte dennoch dergestalt wohl dass wir ihn
nicht genung zu veneriren wussten nachdem er aber noch einige andere Arien
abgesungen stunden wir von der Taffel auf da denn vor allererst die übrigen
Fremden dem AltVater præsentirt wurden sich mit ihm in ein kurtzes Gespräch
einliessen und dabei meldeten was sie vor Professiones hätten auf dieser
Insul Nutzen zu stifften
So bald der AltVater mit allen durch die Banck fertig war sprach er Nun
glaube ich selbst dass meine Insul Monsieur Litzbergs Ausspruche nach ein
vollkommen gelobtes Land werden wird und es auch bleiben kann wenn sich nur die
Einwohner mit der Zeit nicht gleich den Kindern Israel die LustSeuche
ankommen lassen Herr Mag Schmeltzer versetzte hierauf dass noch zur Zeit
nichts übles von ihnen zu vermuten wäre indem er seit der Zeit als er da
gewesen sich angelegen sein lassen auch die Gemüter der kleinesten Kinder
auszuforschen doch bei niemanden grobe Laster oder übermäßige Bosheiten
angetroffen der Himmel würde ferner helfen dass durch die gute Zucht der
Eltern SchulLehrer und Priester allem besorglichen Ubel gesteuret würde Das
helffe der Himmel in jeder Familie sagte hierzu der AltVater
Nachhero wurden die Neulinge wieder hinunter zum Kaffeé genötigt Kapitain
Horn aber von dem AltVater eben bei diesem Getränke und einer Pfeiffe Toback
ersucht ihm eine ausführliche Erzählung von unserer Reise und Verrichtungen zu
tun Wie nun dieser so gleich bereit darzu war ich aber merkte dass die Reihe
nicht so bald an mich kommen würde Horns Erzählung fortzuführen ging ich
inzwischen mit meiner Braut Schwester Herrn Schmeltzern und Mons Litzbergen
in das NebenZimmer truncken eine Kanne Kaffeé alleine und hielten unter uns
ein besonderes vertrauliches Gespräch
Mir war auf der Welt nichts angenehmer als dass meine Kordula und meine
Schwester in so kurtzer Zeit einander dergestalt lieb gewonnen hatten dass sie
sich nicht aus den Armen gelassen und sich nicht satt geküsset wenn Herr
Schmeltzer und ich auf Zureden Mons Litzbergs nicht SchiedsMänner worden
wären und dergleichen Zinsen der Liebe vor uns selbst eingefodert hätten Bei
dieser Gelegenheit compromittirten Hr Schmeltzer und ich dass wir uns mit
nächsten und zwar in einem Tage copuliren lassen wollten Bald darauf machte
Monsieur Litzberg alle Türen zu dämpffte sein Instrument welches fast wie
aller Lauten GroßMutter und dennoch nicht recht wie eine Laute aussah und
machte uns damit eine charmante douçe Musique zumahlen da 2 Knaben
Wechselsweise mit 2 Fleute Traversen sanfte darzu blasen mussten Diese Lust
währete biss fast gegen Mitternacht da endlich der AltVater müde wurde
deswegen BetStunde halten ließ worauf sich ein jeder an seinen angewiesenen
Ort zur Ruhe legte Herr Wolffgang aber wollte nicht wieder kommen sondern war
diese Nacht auf dem Schiffe geblieben Folgenden Tages da es Donnerstag und
zugleich KirchTag war gingen wir nachdem wir den Tée mit dem AltVater
getruncken hatten herunter in die Kirche der AltVater aber wurde von zweien
starken Insulanern in einer wohl gemachten Sänfte sitzend herunter getragen
Es war aus allen Stämmen sehr viel Volck in der Kirche den neu angekommenen
Europäern wurden die besten Stellen angewiesen Kapitain Horn aber Hr
Schmeltzer Hr Herrmann mein Vater und ich wurden mit auf die EmporKirche
geführet da der AltVater und übrigen StammVäter ihre Sitze halten Ich
verwunderte mich sehr dass nicht allein die Orgel vollkommen fertig mit vielen
Zierraten von BildhauerArbeit ausgeschmückt sondern auch durch Lademannen und
seine Lehrlinge überall in der Kirche die sauberste und künstlichste
TischerArbeit angebracht war dass also an den äuserlichen Zierraten gar nichts
mehr fehlete als das Mahlen und Vergulden zu welchem Ende ich denn eine
gewaltige Quantität von allerlei Farben geschlagen Blätgens Gold Silber und
Metall auch nur fast dieserwegen allein einen eigenen recht künstlichen Mahler
mitgenommen hatte
Herr Mag Schmeltzer hielt eine vortreffliche Predigt und hatte zum Texte
die 9 Versicul aus dem 107 Psalm die also lauten
»Dancket dem HErrn denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich
Saget die ihr erlöset seid durch den HErrn die er aus der Not gerissen hat
Und die er aus den Ländern zusammen bracht hat vom Aufgang vom Niedergang von
Mitternacht und vom Meer Die irre gingen in der Wüsten und ungebähntem Wege
und funden keine Stadt da sie wohnen konnten Hungrig und durstig und ihre
Seele verschmachtet Und sie zum HErrn riefen in ihrer Not und er sie
errettete aus ihren Aengsten Und führte sie einen richtigen Weg dass sie
gingen zur Stadt dass sie wohnen konnten Die sollen dem HErrn dancken um seine
Güte und um seine Wunder die er an den MenschenKindern tut Dass er sättiget
die durstige Seele und füllet die hungrige Seele mit Gutem«
So wohl als dieser Text ausgesucht so vortrefflich war dessen Explication
und Application nicht nur auf uns Einkömmlinge sondern auch auf die
eingebohrnen Felsenburger Ich glaube ein jeder hätte gern 3 oder mehr Stunden
zugehöret allein Herr Mag Schmeltzer hatte sich angewöhnet die
WochenPredigten nicht über eine Stunde zu halten Mein Vater weinete fast die
ganze Predigt über und sagte mir ins Ohr Nun mercke ich erstlich dass ich
bisher kein rechter Christe gewesen bin sondern mein Hertz mehr an die Erde
als an den Himmel gehangen habe Nach geendigten GottesDienste kam mir van Blac
unten an der Treppe entgegen und sagte O Gott was war das vor eine treffliche
Predigt ich habe mich zwar bisher zur Reformirten Religion bekennet muss aber
gestehen dass ich seit langer Zeit selbst nicht gewust was ich geglaubt habe
Von nun an will ich die Herrn Geistlichen bitten dass sie mich Luterisch
machen Der Himmel segne euer gutes Vorhaben war meine Antwort denn es ist
nichts bessers im Gewissen als wenn man in seinem Glauben recht gegründet ist
Hierauf weil ich angemerckt dass die Einwohner ihren KirchTurm binnen Zeit
meines Abwesens um ein merckliches erhöhet ließ ich mir die Lust ankommen in
selbigen hinauf zu steigen und fand darinnen 4 schöne Glocken deren Tone
ungemein wohl mit einander accordirten sie waren meistens von Silber biss auf
die allergröste die nur bei hohen Festen geläutet wurde Ferner betraten wir
das OrgelChor da ich denn das ganze Werck so wohl gemacht befand dass mich
ungemein darüber verwunderte denn wegen der Register war die Disposition
folgende
1 Principal 4 Fuß
2 Quinta dena 8 Fuß
3 GrobGedackt 8 Fuß
4 SpitzFlöte 4 Fuß
5 KleinGedackt 4 Fuß
6 Quinta 3 Fuß
7 Octava 2 Fuß
8 Ditonus 135 Fuß
9 Sesquialtera 2 fach
10 Mixtura 3 fach
11 Trompeta 8 Fuß
Pedal
1 SubBass 16 Fuß
2 OctavenBass 8 Fuß
3 QuintenBass 6 Fuß
4 ChoralFlöte 2 Fuß
5 PosaunenBass 16 Fuß
Das Klavier war von C biss und das Pedal von C biss die 2 Bälge aber jeder 9
Schu lang und 5 Schu breit Es war ein ungemein schönes Werckgen sehr viele
Pfeiffen von puren Silber die übrigen aber teils von Zinn Metall oder Holtz
welches mir da ich es probirte viel Vergnügen erweckte auch mir vornahm
selbst öfters Organist zu sein wiewohl von den Felsenburgern schon 3 Knaben
sich binnen der Zeit so stark angegriffen hatten dass sie nicht allein alle
Chorale sondern auch den GeneralBass fertig spielen konnten Hr Schmeltzer
Hr Herrmann und die mitgebrachten 2 Musici machten auch ihre Probe auf der
Orgel und spieleten sehr fein Hierauf sagte ich es sollte meine erste Sorge
sein dass der Altar Kantzel und TauffStein so dann aber die Orgel sauber
gemahlt und verguldet würden worauf wir uns sämtlich wieder auf die Albertus
Burg begaben indem es Zeit zur MittagsMahlzeit war
So bald dieselbe eingenommen machten wir uns eine kleine Motion da mir
denn Mons Litzberg zeigte wie fleißig die Einwohner gewesen waren indem sie
nicht allein unter der Zeit hinter der AlbertusBurg das große Magazin oder
KornHaus wohinein die überflüssigen Früchte geschüttet wurden völlig
aufsondern auch noch einen großen Flügel an des AltVaters WohnHaus angebauet
hatten so dass nunmehr fast noch einmal so viel Menschen in den reinlich
zugerichteten Stuben und Kammern wohnen konnten als vorher Die übrige Zeit des
Tages brachten wir die HauptPersonen bei dem AltVater mit Erzählung alles
dessen zu was sich sowohl auf der Reise als in Europa zugetragen wie wir
unsere Sachen eingerichtet auch was wir eigentlich vor Waren eingekaufft und
mit anhero gebracht hätten Da ich ihm denn so wohl als Mons Horn eine
Specification derselben ingleichen eine Berechnung über die mitbekommenen Geld
Summen und Kostbarkeiten überreichte Das letztere sagte er mein Sohn ist
nicht nötig was ihr nicht habt anlegen können werdet ihr schon an gehörigen
Ort und Stelle zu bringen wissen Wir wollen so genau nicht mit einander
rechnen ich will nur aus Neugierigkeit nachsehen was ihr uns guts mitgebracht
habt Er bezeugte über die meisten Sachen so auf diese Insul noch nicht
gekommen aber doch sehr nutzbar waren eine besondere Freude allein da er
auch in der Specification ein paar Paucken 6 Trompeten und sonsten sehr viel
Musicalische Instrumenta antraf schüttelte er den Kopf und sagte Ey diese
Eitelkeiten hätten wir missen können da ich aber zur Antwort gab dass ich
dieselben Hauptsächlich zu Gottes Ehren bei der KirchenMusik zu gebrauchen
mitgenommen indem ja David sagte dass man den HErrn mit Paucken und allerhand
Instrumenten loben sollte neigte er sein Haupt und sprach Ihr habt wohl
getan mein Sohn Unsere übrigen mitgebrachten LandsLeute waren inzwischen
spaziren gegangen kamen auch nicht eher als mit dem Abende wieder da wir denn
die Mahlzeit einnahmen und bald zur Ruhe legten und folgenden Freitags früh
die kurtze Reise an die See zu Herrn Wolffgangen antraten welcher noch immer
beschäfftiget war die Sachen aus dem Schiffe hinauf bringen zu lassen Es waren
demnach nicht nur unsere mitgebrachten jungen ZuchtPferde Stücken Rind und
ander vierfüssig Vieh nebst dem Geflügel bereits teils nach Albertsteils
nach SimonsRaum geschafft sondern auch schon ziemliche Lasten in die Höhe
gewunden worden Wir hatten kalte Küche mit genommen um diesen Mittag am Fuße
des Felsens mit Herrn Wolffgangen zu speisen fanden es aber bei ihm besser
indem er schöne Fische absieden auch zweierlei Fleisch braten und kochen
lassen darneben einen guten Vorrat von Wein und Bier holen lassen indem er
vor Morgen als SonnabendsAbends nicht gesonnen war nach Hause zu kehren um
Sontags den GottesDienst abzuwarten Montags aber gleich wieder heraus zu
gehen damit wir auf die folgende Woche wenigstens alles auf der Insul und
nichts mehr auf dem Schiffe hätten Es war eine Lust anzusehen wie fleißig die
Felsenburger arbeiteten ja sie waren so gefällig des Kapitain Horns Sklaven
nicht einmal zu erlauben dass sie eine Hand anschlagen durfften sondern sie
sollten mit aller Gewalt von der bisherigen Reise ausruhen und sich was zu Gute
tun Also hieß es hier wohl recht Viel Hände machen bald der Arbeit Ende Wir
vergnügten uns nebst Herrn Wolffgangen sehr darüber denn die Sklaven waren in
Wahrheit sehr getreue Leute und hatten unterwegs ungemein gute Dienste getan
Etwa ein paar Stunden vor Untergang der Sonnen begaben wir uns wieder auf den
RückWeg zur AlbertsBurg allwo wir noch eben zur AbendMahlzeit eintraffen
nachher uns abermals Müdigkeit wegen zeitig zur Ruhe legten Des folgenden
Tages aber da der jüngere Herr Schmeltzer und Herr Herrmann auf ihre Predigten
studieren wollten indem der erste Morgen Vor und der andere Nachmittags ihre
Probe abzulegen von dem älteren Herrn Mag Schmeltzern erinnert waren dieser
aber selber Beichte sitzen musste nahm ich mit meiner Braut Schwester den
übrigen Mitgebrachten und andern guten Freunden einen SpazierGang durch den
großen Garten nach dem GottesAcker oder BegräbnisPlatze der Felsenburger vor
und besahen daselbst die GedächtnisSäulen und Epitaphia Indem ich nun begierig
war zu sehen was vor Personen seit meiner Abreise verstorben mich also zu den
neuen Gräbern machte und die Epitaphia derselben mit Fleiß betrachte gehen die
andern zu den großen GedächtnisSäulen und lesen deren Inscriptiones Ehe ich
michs versah entstunde bei des seeligen Karl Franz van Leuvens
GedächtnisSäule ein kleiner Tumult weswegen ich eiligst dahin lief und sah
dass Mons van Blac vor derselbigen stunde immer in die Hände schlug und
ausrief O welch ein Verhängnis O welch ein Schicksal Er repetirte diese
Worte mehr als 20 mahl weswegen ich da die andern stille stunden und nicht
wussten was ihn etwa angefochten hätte endlich zu ihm trat und sagte Mein
Herr warum wolt ihr euch diese Sache die vor so langen Jahren passiert ist so
gar sehr zu Gemüte ziehen Es ist zwar eine Geschicht die einem jeden
rechtschaffenen Menschen zum Jammer bewegen kann allein nunmehr doch nicht zu
ändern Ach Mein Herr antwortete van Blac ich sage noch einmal O welch ein
Verhängnis O welch ein Schicksal glaubt ihr denn wohl dass dieser Karl Franz
van Leuven der die Koncordia Plürs aus Engelland entführt hat meiner Mutter
ihres GroßVaters leiblicher und jüngster Bruder gewesen ist Denn meine Mutter
ist eine gebohrne van Leuven gewesen und ich weiß von des Franzens Historie gar
viel unsere Vorfahren aber haben vermeint dass er mit seiner Koncordia im Meer
ersoffen wäre Ich sah hierauf den van Blac mit Verwunderungsvollen Augen an
er aber sprach Mein Herr ich will so lange nichts weiter von dieser ganzen
Sache melden biss ich mein Felleisen so in eine eurer Kisten gepackt ist vom
Schiffe bekomme dann will ich euch mein GeschlechtsRegister und einige dabei
aufgezeichnete Geschichte zeigen so werdet ihr sehen dass ich nicht lüge weil
mir meine Beräuber und MordBuben doch diesen Schatz nicht haben mit hinweg
nehmen können Mein Herr versetzte ich zu euren Worten habe ich ein starckes
Vertrauen dasselbe aber wird allerdings noch weit stärcker werden wenn ihr
dessfalls einige schrifftliche Urkunden aufzeigen könnt allein diese
Begebenheit ist würdig dass wir so gleich zurücke kehren und selbige dem
AltVater erzählen Er war damit zufrieden bat sich al er nur aus erstlich
noch die Schrifften an den andern drei GedächtnisSäulen zu lesen wobei er denn
immer in die Hände schlug und die Worte O Verhängnis O Schicksal wohl 50
mahl wiederholete Hierauf gingen wir sämtlich zurück nach des AltVaters
Zimmer bei welchem die Kapitains Horn und Wadlei allein waren und denselben
mit Gesprächen unterhielten Ich führte den van Blac an der Hand hinein und
sagte Liebster Herr und Vater es hat sich abermals eine WunderGeschicht auf
dieser Insul zugetragen dieser Mann muss ohnstreitig zu unsern Geschlechte
gerechnet werden denn seiner Mutter GroßVater ist ein leiblicher Bruder von
dem allhier jämmerlich ermordeten Karl Franz van Leuven gewesen und er sagt
dass er dieserwegen schrifftliche Zeugnisse in seinem Felleisen welches noch auf
dem Schiffe verwahret ist bei sich habe Der AltVater schlug die Hände
zusammen und sagte Solte dieses wohl möglich sein können Ja gebietender
Herr sprach van Blac es ist möglich und wahrhaftig und wenn ich es nicht
vollkommen erweisslich mache will ich mich zu dieser Insul hinaus stäupen oder
gar in die See stürtzen lassen So strenge Gerichte versetzte der Alt haben
wir hier nicht allein wie weit könnt ihr euer Geschlecht von mütterlicher
Seite herrechnen So wohl von väterlicher als mütterlicher Seite über 300 Jahr
welches ich wie gesagt mit alten Schrifften beweisen will Habt ihr wohl
fragte der AltVater von einem Anton Florentin von Leuven gehört Ja wohl
anwortete van Blac dieser ist ein berühmter Obrister in den alten Kriegen unter
den Trouppen der vereinigten Niederländer gewesen es ist ihm aber mit einer
StückKugel der rechte Arm abgeschossen worden deswegen begibt er sich nach
Antwerpen um in Ruhe zu leben und seine Gelder zu verkehren Er hat 2 Töchter
und 4 Söhne gehabt der erste hat geheißen Anton Florentin wie der Vater er
ist in einer Schlacht geblieben der andere Jan Adrian der nachdem er auf
einem KriegsSchiffe welches in die Luft gesprengt worden kaum sein Leben und
nichts mehr errettet so dann nach Hause gegangen und ebenfalls die Ruhe
gesucht Dieses ist meiner Mutter GroßVater gewesen Der dritte Sohn hat wo
mir recht ist Richard Severin geheißen ist auch ein großer KriegsOffizier
gewesen jedoch endlich so übel zugerichtet worden dass er niemals heiraten
können Der vierte Sohn endlich ist der auf dieser Insul verunglückte Karl Franz
gewesen der vorher die Koncordia Plürs aus Engelland entführet hat deren
Geschlecht bis dato daselbst annoch in sehr gutem Stande ist denn ich habe die
Ehre gehabt mit vielen von ihnen umzugehen und von eben dieser Historie mit
ihnen zu sprechen kann aber versichern dass die VorEltern nicht anders
geglaubt als dass Karl Franz Koncordia ihr mitgereiseter Bruder und alle
andern Menschen samt dem Schiffe untergegangen wären weilen nachher niemand
weiter etwas von ihnen erfahren können
Der AltVater reichte dem van Blac die Hand und sagte ich habe die größte
Ursach euch in allen völligen Glauben zuzustellen denn die Nahmen und Umstände
haben in so weit ihre Richtigkeit da ich nun die Asche meines seeligen
Vorwirts Karl Franz van Leuven annoch in ihrer Grufft verehre und ihr
solchergestalt ein Anverwandter von ihm seid will ich euch versichern dass ihr
meinen Befreundten und Abstammlingen gleich gehalten werden sollt damit ihr
aber doch sehen möget woher ich weiß dass eure Reden eintreffen so will ich
euch ein Buch zeigen welches der selige Karl Franz van Leuven mit eigener Hand
geschrieben und worinnen nicht allein sein ganzes GeschlechtsRegister
sondern auch viel andere besondere Umstände und endlich sein fast biss an
seinen TodesTag fortgeführtes Diarium anzutreffen ist. Hiermit öffnete der
AltVater seinen BücherSchranck und langete ein geschriebenes Buch heraus
blätterte erstlich ein wenig darinnen herum und sagte endlich Ja es ist wahr
die Nahmen treffen zu jedoch die Nahmen der beiden Schwestern habt ihr nicht
gemeldet ich will sie euch sagen Die erste hat geheißen Antonia Salome die
andere aber Ester Benigna Ich glaube dass es so sein wird mein Herr
replicirte van Blac allein ich kann aus dem Kopffe nicht alles so ordentlich
hersagen sondern muss erstlich meine Schrifften darzu nehmen Auf dieses
überreichte ihm der AltVater das Buch und sagte Da seht ihr die eigene
Handschrifft des jüngsten Bruders eures GroßGroßVaters worüber van Blac sich
teils erfreuete teils betrübete etliche Seiten darinnen überlase und es
bald wieder zurück gab sich aber ausbat ihm zu erlauben selbiges ganz durch
zu lesen wenn er erstlich seine alten Urkunden dabei legen könnte Der AltVater
versprach ihm solches zu erlauben doch würde er sich so dann auch gefallen
lassen ihm seine väterlichen und selbst eigenen Geschichten zu erzählen
welches denn van Blac ganz willig und offenhertzig zu tun angelobte
Unter diesen Gesprächen war der Abend heran gerückt Herr Wolffgang kam vom
Schiffe zurücke und berichtete dass diesen Tag abermals ziemliche Lasten
herauf gebracht wären so dass nicht zu zweiffeln es würde vor Ende der
zukünftigen Woche alles gut auf der Insul stehen Die übrigen stelleten sich
auch ein deswegen wurde bald nach der Abend Betstunde gehalten und wir
legten uns sogleich zur Ruhe um morgenden Sonntag den GottesDienst desto
munterer abzuwarten
Nachdem nun abermals die Nacht dem Tage gewichen wurden die Einwohner der
Insul durch einen KanonenSchuss von dem AlbertusHügel aufgeweckt und ihnen
hiermit das Zeichen gegeben dass sie sich bald auf den KirchWeg begeben sollten
hierauf wurde um 7 Uhr mit der 2ten großen Glocke um halb 8 Uhr abermals
mit derselben und sobald der Seiger auf der AlbertusBurg 8 schlug mit 3en
Glocken eingeläutet Die ganze Einrichtung des GottesDienstes kam mit
derjenigen überein welche die Evangelische Luterischen zu observiren pflegen
wie denn auch vor und nach der Predigt musiciret wurde Die Predigt legte schon
gedachtermassen Herr Schmeltzer jun ungemein geschickt und erbaulich ab seine
Proposition bestund in den zweien Worten Himmel und Hölle denn es war eben der
I post Trinitatis und also das Evangelium vom reichen Manne etc er wusste die
Hölle dergestalt erschröcklich hergegen den Himmel so lieblich vorzubilden
auch zu zeigen wie man den Weg zum Himmel finden den HöllenWeg aber vermeiden
könne dass ihn jederman mit der größten Attention zuhörete zumahlen da er eine
angenehme und fast noch stärckere Aussprache hatte als sein älterer Herr
Bruder Nachmittags tat Herr Herrmann eine nicht weniger schöne Predigt über
die ordentliche SonntagsEpistel und stellte vor Die glückselige Vereinigung
mit Gott durch das Band der Liebe Es war dieses in Wahrheit auch ein recht
beliebter Prediger der sehr schöne Studia eine etwas schwache aber desto
lieblichere Aussprache hatte deswegen schätzten wir uns alle recht glücklich
3 solche wackere und ansehnliche Seelsorger zu haben
Nach der Kirche ließ Herr Mag Schmeltzer welcher dieserwegen schon mit dem
AltVater Abrede genommen hatte die Ältesten und Vorsteher der Gemeinden
bitten mit auf die AlbertusBurg zu kommen weil man ihnen etwas besonders
vorzutragen hätte Da nun diese Folge leisteten eröffnete ihnen Herr Mag
Schmeltzer wie auf künftigen 25ten Tag dieses Monahts nämlich den Tag nach
Johannis in Europa von allen EvangelischLuterischen GlaubensBekennern ein
besonderes hohes Fest oder Jubilæum celebrirt werden würde weil eben an
demselben Tage vor nunmehr 200 Jahren das Evangelische Luterische
GlaubensBekänntniss dem Römischen Kayser Karolo V zu Augspurg übergeben mithin
der Grund gelegt worden dass die reine Lehre welche von einigen seit
undencklichen Zeiten her mit vielen Irrtümern vermischt gewesen wieder an
teils Orten in Europa frei und öffentlich nach Anweisung des Göttlichen Worts
gepredigt werden dürffen auch den gemeinsten Leuten wieder erlaubt worden die
heilige Bibel zu lesen welches bisher verboten gewesen etc etc
Demnach schiene nicht nur sehr nützlich sondern auch unsere Schuld und
Pflicht zu sein dass wir Felsenburger uns der Freude und Vergnügens über die
besondere Gnade Gottes so er auch uns durch seinen auserwehlten RüstZeug den
seel Luterum erwiesen teilhaftig machen Gott zu Ehren und zum Heil unserer
Seelen den 25 26 und 27ten Junii als 3 hohe FestTage so wir Weihnachten
Ostern und Pfingsten mithin dieses Jubilæum auf die Art celebrirten wie es
besage der KirchenHistorie die EvangelischLuterischen vor 100 Jahren in
Europa celebrirt hätten
Die Vorsteher der Gemeinden hörten diesen Vortrag mit größten Vergnügen an
und versprachen alles was von ihnen erfordert würde schleunigst zu
veranstalten man sollte nur so gütig sein und ihnen schrifftliche Verordnungen
geben damit sich die Stämme einer wie der andere danach richten könnten Herr
Mag Schmeltzer versprach solche Verordnung folgenden Dienstags Vormittags
einem jeden Vorsteher schrifftlich zuzuschicken ermahnete anbei dass sich die
Einwohner fleißig in den Donnerstägigen WochenPredigten einstellen möchten
weil ihnen in selbigen die ganze ReformationsHistorie vorgelesen und erkläret
werden sollte Hierauf begab sich ein jeder wohl vergnügt an seinen behörigen
Ort
Folgenden Montags wurde ein Boot zugerichtet auf welchen nicht allein viel
Brod Bier Wein Wildpret ZiegenFleisch nebst noch anderen Victualien
sondern auch viel weißes Zeug nebst andern KleidungsStücken und Geräte nach
KleinFelsenburg zu Verpflegung der Matrosen hinüber geführet wurde es fuhr
auch Herr Herrmann nebst etlichen schon vor einigen Jahren naturalisirten
Europäern mit hinüber welche letztern nur dieses SchiffsVolck zu sehen Herr
Herrmann aber deswegen hinüber fuhr ihnen eine Predigt zu halten und etliche
geistliche Lieder vorzusingen Kapitain Horn reiste gleichfals mit um zu
erfahren wie sie sich bisher aufgeführet hätten Ich nebst dem Kapitain Wadlei
war inzwischen beschäfftiget Anstalten zu machen dass unsere bereits auf der
Insul befindlichen Sachen mit RollWagens auf die AlbertusBurg geschafft
würden als wozu sich denn nicht allein die Affen zahm gemachten Hirsche und
Pferde sondern auch die Menschen gebrauchen ließ
Mittwochs Nachmittags kam Kapitain Horn auf dem Boote nebst allen
mitgeseegelten glücklich zurück und berichtete dass sich die Matrosen der
Offiziers Rapport nach sehr vernünftig aufgeführet die Zeit mit Jagen und
anderer HandArbeit zuweilen auch mit allerlei LustSpielen zugebracht jedoch
nicht den geringsten Streit erregt hätten Bei Hn Herrmanns Predigt Beten und
Singen wären sie sehr andächtig gewesen auch hätten einige
EvangelischLuterische unter ihnen verlangt dass ihnen doch mit nächsten das
Heil Abendmahl gereicht werden möchte Ubrigens wäre keiner unter ihnen
gewesen welcher einiges Missvergnügen darüber bezeigt dass man sie nicht mit auf
die große Insul genommen Wir waren hierüber sehr vergnügt merckten aber wohl
dass dieses lauter Früchte waren von Kapitain Horns kluger Konduite denn er war
wirklich ein Mann der die Schifffahrt wohl verstunde und sich zu einem
Kommandeur am allerbesten schickte indem er ungemein gütig wohltätig und
leutselig war aber doch wenn es die Not erforderte seine Autorität gewaltig
zeigte dieselbe zwar nicht missbrauchte seinen Respekt indessen niemals
vergab
Donnerstags den 15 Junii fanden sich fast alle auf der Insul wohnende
Menschen in Herrn Mag Schmeltzers WochenPredigt ein ja es wurde auch so gar
des Kapitain Horns 9 Sklaven erlaubt das Schiff zu verlassen und dem
GottesDienste mit beizuwohnen welche sich denn sehr aufmercksam bezeigten
Herr Mag Schmeltzer trug erstlich vor dass wir den Tag nach JohannisTage 3
Tage nach einander ein besonderes hohes Fest feiern wollten meldete hierauf
kürtzlich aus was vor Ursachen, und zu was vor Nutzen nachher fing er an
den ersten Absatz der EvangelischLuterischen ReformationsHistorie zu
verlesen und erklärete denselben dergestalt dass es auch das kleineste Kind
fast hätte begreiffen können ob nun gleich diese Predigt über 3 Stunden lang
währete so ließ doch fast jede Person an ihren Gebärden spüren dass sie wohl
noch 3 Stunden zugehöret hätte
Nachhero ging ein jedes wieder an seine Arbeit Kapitain Horn wurde gebeten
dem AltVater die Zeit zu passieren Wadlei aber und ich begaben uns mit Mons
Kramern nach AlbertsRaum nahmen erstlich die MittagsMahlzeit bei ihm ein und
besorgten hernach die weitere Fortschaffung unserer Sachen nach der Alberts
Burg nahmen folgende Nächte unser Quartier bei demselben und brachten
Sonnabends Abends bei eingetretener Nacht auch die schlechtesten und
geringsten Sachen an ihren gehörigen Ort und Stelle Am 2ten Sonntage post Trin
predigte Vormittags Hr Mag Schmeltzer über das ordentliche Evangelium
Nachmittags verlass Hr Schmeltzer jun den andern Absatz von der
ReformationsHistorie und erklärete denselben so deutlich als sein Hr Bruder
vorigen Donnerstag getan
Folgende WerckelTage brachten wir mit Auspackung unserer notbedürfftigsten
Sachen zu die Herrn Geistlichen und andere aber besorgten ein jeder das Seine
Donnerstags verlass Hr Herrmann den dritten Absatz von der
ReformationsHistorie und folgte in der Art dieselbe zu erklären seinen
Vorgängern Diesen Tag nach vollbrachtem GottesDienste und denn den
folgenden wendeten wir gleichfalls zum Auspacken unserer nötigsten Sachen an
der Sonnabend aber wurde darzu angewendet sich auf das JohannisFest und
Jubilæum zu præpariren wie denn auch Nachmittags ein Kollegium Musicum auf dem
großen Saale des HinterGebäudes angestellet wurde um die KirchenStücke zu
probiren wozu die Herren Geistlichen die Texte gemacht teils Hr Mag
Schmeltzer teils Mons Litzberg teils aber einer von unsern neuen
mitgebrachten Musicis dieselben componiret hatten
Am St JohannisTage predigte Hr Schmeltzer jun Vormittags über das
FestEvangelium und Nachmittags verlass Herr Herrmann den 4ten und letzten Teil
der ReformationsHistorie erklärete dieselbe und schloss mit der Vermahnung
dieses seltsame Fest welches die allermeisten unter uns wohl nicht wieder
erleben würden nicht mit gleichgültigen Augen anzusehen sondern dessen Ursach
und Nutzen wohl zu Hertzen zu fassen
Nach verrichteten GottesDienst hielt Herr Mag Schmeltzer abermals
Konferenz bei dem AltVater mit den Vorstehern der Gemeinden und erfuhr von
ihnen dass nach seiner Vorschrifft alles nach Vermögen eingerichtet wäre weilen
aber wegen der jungen mitkommenden Kinder die nicht so hurtig gehen konnten
auch anderer Ursachen wegen schon vorher beschlossen worden den ersten
JubelTag nur einmal Kirche zu halten als wurde ihnen angesagt nicht ehe aus
ihren Häusern nach der Kirche zu gehen als wenn die Kanonen zum andern mahle
abgefeuert würden Hiernach versprachen sie sich zu richten reisten eiligst
nach ihren Wohnungen und wir hielten uns gleichfalls nicht lange auf sondern
suchten mit einbrechender Nacht unsere RuheStellen
So bald der Himmel zu grauen anfing stund ich auf kleidete mich an sah
erstlich nach dem AltVater und da ich merkte dass derselbe schon aufgewacht
war sagte ich Lieber Vater wo es euch gefällig will ich da es nunmehr Tag
wird das erste Signal mit den Kanonen geben lassen Ja mein Sohn gab er zur
Antwort tuet es denn ich kann ohnedem nicht mehr schlaffen werde aber doch
noch ein paar Stündgen liegen bleiben besorget nur inzwischen alles wohl Ich
küsste ihn ging hierauf fort und fand die Bestellten schon in Parade stehen
mit welchen ich hinging und die dieses Fests wegen auf die AlbertusBurg
gepflantzten 18 Kanonen zum ersten mahle abfeurete Mittlerweile hatten sich
unsere 2 neu mitgebrachten Musicanten nebst Mons Litzbergen Harckerten und
Mattæus Pür welchen Kapitain Horn schon vormahls als Kupfferschmidt auf diese
Insul gebracht oben auf den SeigerTurm geschlichen und fingen mit Trompeten
und Paucken gewaltig an zu lermen welches weil es mir selbst unverhofft kam
mich um so viel desto mehr entzückte es schlug aber der Kupfferschmidt Pür die
Paucken vortrefflich gut denn er hatte diese Kunst so gar nach Noten gerlernt
die 4 erstgemeldten aber bliesen die Trompeten auch sehr wohl ungeacht
Litzberg und Harckert lange nicht im Exercitio gewesen waren
Etwa eine Stunde danach ließ ich die Kanonen zum andern mahle abfeuern
worauf sich denn wiederum Trompeten und Paucken binnen einer Stunde 3 mahl
hören ließ Endlich da wir sahen dass die Einwohner von allen Straßen her
immer näher und näher angezogen kamen wurden die Stücke zum dritten mahle
gelöst Trompeten und Paucken ließ sich wieder hören biss sich alles Volck
vor der AlbertusBurg versammelt hatte da denn endlich die Melodei des Chorals
Es woll uns Gott genädig sein etc etc als welcher unsers AltVaters täglicher
Gesang war 3 mahl mit Zincken und Posaunen abgeblasen nachher mit allen
Glocken zu läuten angefangen und damit eine ganze Stunde lang continuirt
wurde Binnen der Zeit war alles in Ordnung gebracht und der Zug von der
AlbertusBurg also eingerichtet Erstlich gingen die Kinder von 3 4 biss 14
Jahren alle über ihre ordentliche Kleidung mit weißen Hembden die fast biss
auf die Erde reichten angetan grüne Cräntze auf den Häuptern und grüne
Zweige in den Händen habend voran sie waren von ihren Schulmeisters nicht nur
in Ordnung gestellt sondern wurden auch darinnen erhalten hernach folgten die
Jungfrauen mit Cräntzen ebenfalls in weißen Habit auf diese die 3 Herren
Geistlichen denen der AltVater in der Sänfte nachgetragen wurde Hinter
derselben her gingen erstlich die sämtlichen Felsenburgischen JungGesellen
alle in roter Kleidung diesen folgten die Weiber und Wittben alle schwartz
gekleidet hernach kamen die sämtlichen Europäischen Einkömmlinge und den
ganzen Zug beschlossen die Felsenburgischen Männer in solcher Ordnung dass
jede Familie von ihrem Ältesten oder Vorsteher der voran ging geführet
wurde
Im Heruntergehen wurden die Lieder gesungen Nun freut euch lieben Christen
gemein etc etc Es ist das Heil uns kommen her etc etc Wie schön leucht uns
der MorgenStern etc etc Nun lob mein Seel den HErren etc etc So bald
sich alle Personen in der Kirche befanden und das letzte Lied ausgesungen war
wurde auch zu läuten aufgehöret und der GottesDienst mit dem Liede Komm
Heiliger Geist erfüll etc etc angefangen hierauf intonirte Hr Mag
Schmeltzer vor dem Altare Gelobet sei die Heil Dreifaltigkeit Worauf unter
Trompeten und PauckenSchall von dem OrgelChor geantwortet wurde Und
unzertrennte Einigkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit Amen Und unter der Zeit
wurden auch auf der AlbertusBurg 6 Kanonen abgefeuert nachdem aber Herr Mag
Schmeltzer das Gebet HErr Gott himmlischer Vater von dem wir ohn Unterlass
allerlei Guts etc etc abgesungen wurde der Choral Allein Gott in der Höh sei
Ehr etc angestimmet Hierauf an statt der Epistel das 41te Kapitel aus dem
Propheten Jesaia verlesen so dann das Lied gesungen O HErre Gott dein
göttlich Wort etc an statt des Evangelii der 122 Psalm Davids verlesen und
hernach folgende Kantata musiciret
Recit
Soprano solo
Aus meines HertzensGrunde
Sag ich dir Lob und Danck
Dir der du in dem Himmel sitzest
Jedoch allgegenwärtig bist
Und vor des Satans Trug und List
Die dir ergebnen Seelen schützest
Es sagt die FelsenburgerSchaar
Die sonst ein kleines Häufflein war
Aus einem Munde
Und mit vereinten Hertzen
Jetzt und ihr Lebenlang
Dir großer Gott
Und starcker Zebaot
Vor deine Güte Lob und Danck
Konzert
Psalm 147 v 12 seq
Preise Jerusalem den HErrn lobe Zion deinen Gott denn er macht veste die
Riegel deiner Tore und segnet deine Kinder drinnen
Er schaffet deinen Gräntzen Friede und sättiget dich mit dem besten
Weitzen Er sendet seine Rede auf Erden sein Wort läufft schnelle
Choral
Tenore
Lob und Danck sei dir gesungen
Vater der Barmhertzigkeit
Dass mir ist mein Werck gelungen
Dass du mich vor allem Leid
Und für Sünden mancher Art
So getreulich hast bewahrt
Auch die Feind hinweg getrieben
Dass ich unbeschädigt blieben
Keine Klugheit kann ausrechnen
Deine Güt und Wundertat
Ja kein Redner kann aussprechen
Was dein Hand bewiesen hat
Deiner Wohltat ist zu viel
Sie hat weder Maß noch Ziel
Ja du hast mich so geführet
Dass kein Unfall mich berühret
Recit
Alto solo
Ja wohl ist niemand so geschickt
Die GnadenZeichen allzumahl
So Gott von KindesBeinen an
Bei uns getan
Behörig zu beschreiben
Diss heist die ungezählte Zahl
Und wird es immer bleiben
Biss uns nach dieser Zeit
Des Allerhöchsten Gütigkeit
Ins ewge Leben rückt
Inzwischen müssen wir bekennen
Wie dass die größte Wohltat sei
Dass wir sein heilig Wort
Und Luthers reine Lehren
Von nun an fort und fort
Auf dieser Insul können hören
Und uns dabei
Auch Gottes Kinder dürffen nennen
Konzert
Psalm 119 v 105
Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege
Choral
Sopran
Meinn Füßen ist dein heiligs Wort ein brennende Lucerne ein Licht das
mir den Weg weist fort so dieser MorgenSterne in uns aufgeht so bald
versteht der Mensch die hohen Gaben die Gottes Geist denn gwiss verheist die
Hoffnung darein haben
Recit
Basso solo
Gottes Wort und Luthers Lehr
Vergehet nun und nimmermehr
Wird gleich der Himmel mit der Erden
In nichts verwandelt werden
Bleibt jenes beides dennoch veste stehen
Und kann niemals zu Grunde gehen
Drum wollen wir
Nur für und für
Den Höchsten lassen walten
Und uns allstets an diese Felsen halten
Konzert
Psalm 31 v 3
Sei mir ein starcker Fels und eine Burg dass du mir helffest denn du bist
mein Fels und meine Burg und um deines Nahmens willen wollest du mich leiten
und führen
Choral
Alto
Du bist mein Stärck mein Fels mein Hort mein Schild mein Krafft sagt
mir dein Wort mein Hülff mein Heil mein Leben mein starcker Gott in aller
Not wer mag dir wiederstreben
Tutti
Glori Lob Ehr und Herrlichkeit
Sei dir Gott Vatr und Sohn bereit etc etc
Sowohl uns dieser von Herrn Mag Schmeltzern gemachte Text gefiel so
angenehm fiel auch dessen Komposition die unser Musicus Mons Langrogge über
sich genommen hatte in die Ohren Die ersten 2 Zeilen des ersten Recitativs
welches ein reiner Discantiste sunge ihm nicht einmal mit der Orgel sondern
nur mit einer sanft geblasenen Trompete accompagnirt wurde hätten der Gemeine
fast die Meinung beigebracht als ob dieses MorgenLied ganz ausgesungen werden
sollte allein gleich bei der 3ten Zeile fiel so gleich die Orgel mit ein und
wurde das Rezitativ nach seiner Art abgesungen im übrigen war die Abwechselung
der Stimmen und Instrumenten dergestalt wohl in Acht genommen dass wie gesagt
dergleichen Stück in dieser Kirche noch nicht gehört worden Nach geendigter
Musik und gesungenen Choral Wir glauben all an einen Gott etc predigte Herr
Mag Schmeltzer über den 122 Psalm Davids und stellte daraus vor Die Gott
wohlgefällige JubelFreude Verglich unser Felsenburg mit der Stadt Jerusalem
und dem Berge Zion auf eine ungemein erbauliche Art Am Ende der Predigt aber
gab er der Gemeinde zu vernehmen wie bald itzo nach der Predigt sein
leiblicher Bruder Herr Jacob Friedrich Schmeltzer und Herr Johann Friedrich
Herrman ihnen so wohl als er zu Priestern und BeichtVätern vorgestellt
werden sollten deswegen möchten sich in Zukunft des AltVaters beliebter
Ordnung gemäß die auf der AlbertusBurg befindlichen ingleichen die
AlbertsJohannis und ChristophsRaumer bei ihm Hn Mag Schmeltzern die
SimonsChristians und RobertsRaumer bei Herrn Schmeltzern jun die
JacobsStephans und DavidsRaumer aber bei Herrn Herrmannen im BeichtStuhle
einfinden auch sich sonsten ihrer Sorge in geistlichen Dingen anvertrauen
Wiewohl dieserwegen niemanden ein Zwang auferlegt sondern jedem erlaubt wäre
sich so wohl an einen als an den andern Priester zu addressiren
Nachdem also die Predigt beschlossen und nochmals eine Kantata musicirt
war gingen die drei Priesters vor dem Altar Herr Mag Schmeltzer blieb auf
der Obersten Stuffe die beiden jüngeren aber eine Stuffe tieffer stehen der
AltVater und die Vorsteher der Gemeinden rangirten sich zu beiden Seiten des
Altars Herr Mag Schmeltzer hielt erstlich eine Rede die ungefähr eine halbe
Stunde währete worinnen er von der Pflicht der Priester gegen ihre Zuhörer und
dann auch von der Pflicht der Zuhörer oder anvertrauten Seelen gegen ihre
Priester sehr beweglich handelte stellte nachher diese seine geliebten
MitArbeiter am Wort der ganzen Felsenburgischen Gemeine vor segnete sie ein
beschloss mit einem schönen Gebete und Wunsche vor beide Teile intonirte
hernach den Lob Gesang HErr Gott dich loben wir etc etc Hierauf wurde vom
OrgelChore unter Trompeten und PauckenSchalle ingleichen von der ganzen
Gemeine derselbe biss zu Ende gesungen und auch unter der Zeit das auf der
AlbertsBurg stehende schwere Geschütz nach gegebenem Zeichen vier mahl
abgefeuert Nach gesprochenem Segen und angestimmten Liede Nun dancket alle
Gott etc etc also nach geendigtem GottesDienste wurden die Kanonen
nochmals binnen einer Stunde dreimal gelöst auch eine ganze Stunde lang
geläutet und der Choral Von Gott will ich nicht lassen etc etc vom Turme
geblasen worauf denn alle gegenwärtige Felsenburger in verschiedenen Zimmern
der Albertus köstlich tractiret wurden gegen Abend aber alle bis auf etliche
alte Greise wieder in ihre Wohnung kehreten Folgende zwei Tage wurden nicht
weniger so andächtig als frölich zugebracht Herr Mag Schmeltzer aber wegen
seiner vielen gehabten Sorgen und Bemühungen in Anordnung dieser ganzen Fest
Zeremonien mit Predigen verschonet indem Herr Schmeltzer jun die Vor und
Herr Herrmann die NachmittagsPredigten verrichteten
Der darauf folgende 28 Jun wurde von den sämtlichen Einwohnern mit
allerhand erlaubten Lustbarkeiten zugebracht und keine als die höchstnötigsten
Arbeiten darane getan Donnerstags aber fuhr Herr Schmeltzer jun mit etlichen
Europäern und Felsenburgern hinüber auf die kleine Insul hatte daselbst den
Matrosen eine BetStunde und Predigt gehalten einigen EvangelischLuterischen
das Heilige Abendmahl gereicht und sonst alles in guter Ordnung gefunden doch
hatten sie sehr Verwunderungsvoll gefragt was denn binnen drei Tagen das
öfftere Kanoniren zu bedeuten gehabt hätte worauf sie die Antwort bekommen dass
es keine Gefahr zu bedeuten gehabt sondern es wäre ein besonderes Fest auf der
Insul gefeiert worden Ubrigens nachdem sie zu verstehen gegeben wie sie
daselbst mit einander ganz vergnügt lebten auch noch wohl auf 3 Wochen
Proviant Bier und Wein genug hätten waren unsere Leute wieder abgefahren und
kamen noch vor Abends wieder zu uns
Nächstfolgenden Sonntag ging abermals ein besonderer Actus in unserer
Kirche vor denn nachdem des Kapitain Horns 9 Sklaven von Herrn Mag
Schmeltzern Tags vorher examinirt und in allen GlaubensArticuln wohl
unterrichtet befunden worden so wurden dieselben gleich nach der Predigt
erstlich von ihm getaufft wobei die 9 Felsenburgischen Vorsteher 9 von uns
Europäern und 9 Felsenburgische Jungfrauen zu Gevattern stunden Nach der
Tauffe wurde ihnen von Herrn Schmeltzern jun und Herrn Herrmannen das Heilige
Abendmahl gereicht nachdem je 3 und 3 bei einem jeden Priester gebeichtet
hatten Der AltVater ließ sie hierauf in einem besonderen Zimmer mit den besten
Speisen versorgen nachher in sein Zimmer ruffen und durch mich einem jeden
100 Spanische CreutzTaler zum PatenGeschenke auszahlen Kapitain Horn
schenckte ihnen die Freiheit und sagte dass sie von nun an nicht mehr Sklaven
sein und heißen jedoch so lange bei ihm bleiben sollten biss er wieder in
Europa angelanget wäre da sich denn ein jeder nach seinem Belieben hinwenden
könnte wohin er wollte mitlerweile sollten sie auch von ihm den monatlichen
MatrosenLohn zu gewarten haben Merckwürdig war dieses bei ihrer Tauffe dass
ein jeglicher Christian genannt wurde jedoch noch einen Vornahmen darzu bekam
mit welchen man sie im Zuruffen oder Gesprächen unterscheiden konnte der
ZuNahme aber war einem jeden, sich selbst zu erwählen überlassen
Sie bezeigten sich einer wie der andere ungemein erfreut dass sie sich
nunmehr unter die Christen rechnen konnten lasen auch bei müßigen Stunden
beständig in den ihnen geschenckten Bibeln Gesangund GebetBüchern weswegen
sie denn auch der AltVater nicht von uns kommen lassen sondern im
Christentume noch immer mehr gestärckt wissen wollte biss zu Kapitain Horns
Abreise
Bei dieser Gelegenheit fällt mir Talli ein welche Ao 1728 am 17 Sonntage
p Trin auch auf dieser Insul getaufft und gleich diesen ihren LandsLeuten
aus dem Heidenins Christentum geführet wurde es hatte aber dieselbe unter der
Zeit unsers Abwesens einen feinen Mann aus dem Simonischen Geschlechte bekommen
jedoch voritzo lag sie eben in 6 Wochen weil sie kurtz vor unserer Ankunft
eine junge Tochter zur Welt gebracht hatte und eben dieserwegen war sie noch
nicht zum Vorscheine gekommen Jedoch nachdem ich vielleicht manchem Leser zum
Verdruss mich bei den Geistlichen Begebenheiten etwas lange aufgehalten und
dennoch manches Betrachtenswürdige zurück gelassen welches aber vielleicht
hier und dar noch beiläuffig mit eingestreuet werden kann; so muss mich nun wohl
auch befleissigen Bericht abzustatten wie die Sachen fernerweit nicht allein
seit unseres Abseins sondern auch nach unserer glücklichen Zurückkunft
eingerichtet worden
Die 7 Einkömmlinge so Mons Horn vordem da gelassen NB die im andern
Teile pag 560 specificirt sind hatten sich ganz wohl beraten 3 unter
ihnen nämlich Tau Pür und Bertold welche vorher andern Secten zugetan
gewesen waren nicht nur zur EvangelischLuterischen Religion übergetreten
sondern hatten sich auch bereits verheiratet und mehrenteils neben den
Häusern ihrer SchwiegerEltern und Freunde neue Häuser und Werckstätten
aufgebauet dergestalt dass Bucht der Nadler in DavidsRaum Dietrich der
junge Mechanicus welcher Mons Plagers seiner Frauen Schwester bekomen und
bereits ein künstlicher und fleißiger Mann war und Herbst der Gürtler in
JacobsRaum Rümpler der Gerber in StephansRaum Tau der Hutmacher in
SimonsRaum Pürr der Kupfferschmidt in JohannisRaum und Bertold der
Seiler in ChristophsRaum zu wohnen kommen waren Deswegen schien das
allernötigste zu sein die neuen mitgebrachten Künstler und HandWercksLeute
ebenfalls in diejenigen PflantzStädte einzuteilen allwo sie ihre Professiones
am bequemlichsten treiben könnten Demnach wurde mit den StammVätern und
klügsten Europäern Rat gehalten und endlich beschlossen dass der Buchbinder
Ollwitz in ChristiansRaum bei Mons Litzbergen Rädler der Buchbinder
Besterlein der Sattler Hollersdorff der Mahler in AlbertsRaum u zwar
dieser Letztere in Mons Cramers Behausung Breitschuch der Seiffensieder und
Trotzer der Zinngiesser in RobertsRaum Engelhart der Blechschmidt in
DavidsRaum Schubart der Glassmeister nebst ihme Rindler der GlasBlaser in
StephansRaum ihre Wohnstädten bekommen sollten und zwar diese beiden letztern
nur so lange biss die GlasHütte zu Stande gebracht welche am Walde bei den
SaltzLachen zwischen Jacobs und StephansRaum nach Uberlegung der
Verständigsten angelegt werden sollte Nachdem nun ein jeder in die ihm
zuerkanndte PflantzStadt eingeführt ihm sein Logis und Platz zur Werckstatt
angewiesen worden auch sich nach erstattetem Bericht keiner unter ihnen
gefunden welcher nicht sehr wohl damit zufrieden gewesen wäre lieferte ich
jeden seine Kisten worein die zu seiner Profession gehörigen Sachen eingepackt
waren nebst ihren übrigen annoch bei mir befindlichen Geräte aus ermahnete
einen jeglichen nur erstlich seine Sachen in Ordnung zu bringen und zu
überschlagen wo und wie ihre Werckstätten angelegt werden müssten da denn so
gleich unsere BauLeute Anstalt machen sollten dieselben in behörige Ordnung zu
bringen auch sollte es ihnen an Gehülffen und Lehrlingen nicht ermangeln indem
sich genung Felsenburgische Knaben anfinden würden die diese oder jene
Profession zu erlernen geschickt wären
Demnach blieben auf der AlbertusBurg nur folgende Personen
Der AltVater Albertus mit denen ihm von jeden Stamme zur Aufwartung
zugegebenen Knaben und Mägdleins
Mein Vater Franz Martin Julius
Herr Mag Schmeltzer nebst seiner Liebste und zweien Kindern
Herr Schmeltzer jun
Herr Herrmann
Kapitain Wadlei
Mons van Blac
Mons Langrogge und
Mons Hildebrand die beiden Musici
Ich Eberhard Julius
Meine Schwester Juliana Louise
Jungfer Krügerin
Jungfer Zornin
Barb Kuntzin meiner Schwester Bediente
Kapitain Horn mit seinen 9 Sklaven so lange als ihm allhier auszuruhen
beliebte
Die Buchbinders hatten ihre WerckZeuge am allerersten in Ordnung gebracht
indem sie die vornehmsten Stücke aus Europa mitgenommen hatten deswegen kamen
beide und ersuchten auch die Kisten worinnen die rohen Bücher Pergament und
ander Zubehör verwahret wäre auszupacken damit sie einen Anfang machen könnten
die große Anzahl Bücher zu verfertigen welche zu der Felsenburgischen
Bibliothek erkaufft und gewidmet waren Sie durfften hierauf nicht lange warten
sondern bekamen bald was sie verlangeten Nächst diesen suchte ich das
benötigte vor Mons Hollersdorffen den Mahler hervor welcher denn mit drei
ihm zugegebenen jungen Purschen die er in der MahlerKunst unterrichten sollte
in wenig Tagen den Anfang machte den Altar zu mahlen und an behörigen Orten zu
vergulden Weiln aber in unserer Kirche so wohl als auf der AlbertusBurg keine
GlasFenster sondern die Rahmen nur mit durchsichtigen FischHäuten überzogen
waren welche doch sehr verdunckelten so ließ ich nicht ab biss Mons Litzberg
und die übrigen BauVerständigen sich nebst gnugsamen Arbeitern mit mir auf
denjenigen Platz begaben wo die GlasHütte angelegt werden sollte Es wurde also
nicht nur binnen wenig Tagen der Grund aufgegraben sondern auch sattsames
Holtz Kalck und Steine aufgeführet und das ganze Gebäude binnen wenig Wochen
unter das Dach gebracht Der GlasMeister Schubart war ein sehr geschickter
Mann gab an wohin die GlasKammer oder Magazin der KalcinirOfen der
Schmeltzoder WerckOfen und dann der KühlOfen gebaut und wie eigentlich
diese dreierlei Arten von Ofen gemacht werden sollten bestellete auch die dazu
benötigten Machinen und Instrumente als die Pfeiffe VorschneidEisen das
ZwackEisen BühmEisen Scheere AuftreibScheere Rössgen Sattel eiserne
Schöppe WasserTrog Formen Mörser und dergleichen und versprach wenn man
ihn und seinen Kompagnon so fleißig fort förderte auch gnugsame Materialien
zuführen ließe binnen wenig Wochen so viel GlasTaffeln zu liefern als wir zu
unsern KirchFenstern nötig hätten Ich sparete keine Worte die Vorsteher der
Gemeinden dahin zu bringen dass sie sich diesen Bau rechtschaffen angelegen sein
ließ deswegen fehlete es nicht an fleißigen Arbeitern auch wurden die
Materialien zum Glassmachen nach und nach dergestalt häuffig zugeführet dass der
GlasMeister völlig vergnügt war Ich begab mich alle Woche zwei biss drei mahl
dahin diesen Bau zu besichtigen allein ich konnte wenig tüchtigen Rat darzu
geben weil ich die Sache nicht verstund hergegen taten Mons Litzberg
Plager Morgental und andere nebst dem GlasMeister Schubart das beste bei
Anlegung dieser Sache so dass sie endlich noch vor Michaelis völlig zum Stande
kam und wir eine Probe von vielerlei Sorten der Gläser mit größten Vergnügen
zu sehen bekamen auch die fleißigen Arbeiter zum öffteren besuchten indem sich
verschiedene Felsenburgische junge Männer Junggesellen und Knaben mit darzu
gebrauchen ließ
Binnen der Zeit aber kam uns auch die Lust an die andern neu mitgebrachten
Handwercker zu besuchen und fanden dass die Buchbinders sehr fleißig gewesen
waren denn sie hatten schon eine ziemliche Anzahl Bücher recht nett und sauber
eingebunden Der Seiffensieder Breitschuch zeigte schon viele Centner von
seiner mittelmäßigen und geringen Seiffe versprach auch nur noch einige
Centner darzu zu machen und selbige hernach auf die AlbertusBurg zu liefern
damit selbige unter die Stämme verteilt und jede Hausswirtin so viel davon
habhaft werden könnte sich eine Zeitlang damit zu behelffen Der Zinngiesser
Trotzer lieferte von den ihm gegebenen 10 Centner Zinn vorerst 6 Dutzent
große mittelmäßige und kleinere Schüsseln 12 Dutzent Teller nebst allerhand
andern Sachen welche alle zu specificiren viel zu weitläufftig fallen würde
das ansehnlichste darunter aber war ein HandFass von besonderer façon und
ungemein sauberer Arbeit nebst einem ganz Zinnern propern KafféeTische
welche beiden Stücke er in des AltVaters Zimmer gestellt haben wollte
Besterlein der Sattler hatte in des AltVaters Zimmer 2 Dutzent saubere
Stühle beschlagen 3 schöne Sättel und verschiedene Sorten von RiemenWerck zum
MeisterStücke gemacht Bei Engelhardten in DavidsRaum traff man schon eine
gewaltige Menge von allerlei blechernen und messingenen Gefässen und Sachen an
er wollte aber deren erstlich noch mehr verfertigen sie sodann auf die Albertus
Burg liefern damit der AltVater damit disponiren könnte wie ihme beliebte
Mons Hollersdorff der Mahler hatte nicht nur den Altar bereits vollkommen
schön ausgemahlt sondern wurde auch noch vor Michaelis mit der Kantzel fertig
Solchergestalt sahen unsere Ältesten mit Vergnügen dass wir keine Schmarotzer
und faule TageDiebe sondern lauter fleißige Arbeiter mitgebracht hatten
inzwischen durfften sich diese um keine LebensMittel bekümmern denn es wurde
ihnen alles was sie begehrten reichlich zugetragen
Mittlerweile wurde es kundig dass Hr Schmeltzer jun mit meiner Schwester
und ich mich mit meiner Kordula an dem künftigen MichaelisFeste wollten
copuliren lassen deswegen mag der Appetit zum Heiraten nicht nur einigen
Felsenburgern sondern auch etlichen von unsern neu mitgebrachten Europäern
ankommen denn diese Letzteren hatten die Töchter des Landes schon besehen waren
auch so wohl im Aussuchen als in der Anwerbung mehrenteils glücklich gewesen
weilen es nicht nur an sich selbst feine Männer waren sondern die älteren
Europäer sich ihrer als Brüder angenommen und ihnen das Wort geredet hatten
Inzwischen wäre doch bald ein Streit zwischen Mons van Blac und dem Mahler
Hollersdorff entstanden denn es hatten sich beide zugleich in Herrn Kramers
seiner Frauen ihre jüngste Schwester verliebt weswegen wir andern uns
dazwischen schlugen und auf Vermercken dass die Jungfrau den Mahler gewogener
war als den van Blac diesen Letzteren von ihr abwendig machten So bald er
vernommen dass die Jungfrau seinen MitBuhler lieber hätte als ihn ließ er
sich gleich weisen nahm Abschied von ihr und suchte sich nachher eine nicht
weniger wohlgebildete und tugendhafte Jungfrau aus dem JohannisRaumer
Geschlechte aus welche Hr Mag Schmeltzers seiner Liebsten jüngste ungefähr
18 jährige Schwester war Diese hatte an seiner Person nichts auszusetzen
jedoch ehe das Verlöbnis geschahe nahm ihn der AltVater eines Abends vor und
bat weil es eben itzo Zeit davon wäre uns seine LebensGeschicht zu erzählen
da er selbiges schon vor einigen Wochen versprochen hätte Mons van Blac ließ
sich nicht lange nötigen sondern fing seine eigene Historie nachdem er
erstlich einige Bücher und Briefschaften aus seiner Kammer geholet folgender
maßen herzusagen an
Im Jahr 1698 den 24 Octobr bin ich zur Welt geboren worden und zwar auf
dem von den Geographis so genannten Deutschen Meere weswegen ich nicht weiß ob
ich mich einen gebohrnen Deutschen oder Holländer nennen soll denn mein Vater
und Mutter waren beide in Holland geboren und gezogen erstgemeldter hieß Joost
Henry van Blac und war Kapitain eines Holländischen Schiffs meine Mutter aber
Maria Angelica van Leuwen deren Vater ebenfalls ein berühmter SchiffsKapitain
gewesen war Die besondere Lust zum Reisen auf der See und denn die hertzliche
Liebe gegen meinen Vater hatte meine Mutter angerejetzt gleich nach ihrer
Vereheligung verschiedene Reisen mit demselben in ein und anderes Europäisches
Reich zu tun auf der RückReise von Norrwegen aber biss Holland passiert ihr
dieser Streich dass sie Antwerpen allwo wir unser WohnHaus hatten nicht
erreichen kann sondern ihr WochenBette mit mir im Schiffe aufschlagen muss und
eben dieserwegen kann ich mich keines Menschen LandsMann wohl aber SeeMann
nennen Mit alle dem kommen doch so wohl meine Mutter als ich glücklich und
gesund in Antwerpen an und werden von meiner GroßMutter die annoch lebte
wohl empfangen und gepfleget Mein Vater hatte sich nach wenig Tagen wieder zu
Schiffe begeben müssen und war nicht nur dieses mahl ein halbes Jahr sondern
nachher zum öffteren 8 10 ja wohl biss 18 Monate außen geblieben und
dennoch hatte er niemals einen rechtschaffenen Profit mit nach Hause gebracht
sondern mehrenteils größere Summen mit auf die Reise genommen woran es
gelegen gewesen weiß ich nicht und meine Mutter weil sie ihn herzlich
liebte zur selbigen Zeit auch noch ihr gutes Auskommen wusste hatte ihn in
allen nach seinem Belieben schalten und walten lassen Ich blieb nicht alleine
sondern bekam immer mehr und mehr Geschwister so dass in meinem 14ten Jahre
schon unserer 9 waren indem sich unter uns 2 paar Zwillinge befanden Meine
Mutter sparete keinen Fleiß uns sämtlich wohl zu erziehen und sonderlich
mich als ihren erstgebohrnen und liebsten Sohn in den behörigen
Wissenschaften unterrichten zu lassen und ich hatte in Wahrheit auch eine
besondere Lust zum Studiren allein in meinem 15ten Jahre da mein Vater eben
wieder zu Hause kam doch sich nicht länger als etwa einen Monat bei uns
aufgehalten hatte gab er zu vernehmen dass er mich mit zu Schiffe nehmen wollte
meine Mutter setzte sich zwar stark darwider und wendete vor dass es ewig
Schade sei mich itzo in den besten Jahren vom Studiren abzuziehen da ich
meiner Præceptorum Zeugnisse nach schon so sehr weit gekommen wäre allein er
schmeichelte ihr dass er noch einmal so frölich und vergnügt leben wollte wenn
er wenigstens eins von seinen Kindern bei sich hätte und ihr Ebenbild darinnen
betrachten könnte zudem wäre auf seinem Schiffe ein Grundgelehrter Mensch
befindlich welcher sich eines in Franckreich gehabten UnglücksFalls wegen auf
die See begeben müssen dieser könnte nicht allein meine bereits erlerneten
Wissenschaften mit mir repetiren sondern mich auch viel weiter bringen weilen
wir auf dem Schiffe Zeit genung darzu hätten Auf diese Vorstellungen gab
endlich meine Mutter ihren Willen drein und ließ mich mit ihm fortfahren
nachdem er noch eine gewaltige GeldSumme in Antwerpen aufgenommen und meiner
Mutter vorgesagt hatte binnen 8 oder 9 Monaten vier mahl so viel davor
zurück zu bringen Allein es war nicht an dem dass er dieses mahl so bald
wieder kommen konnte denn wir nahmen unsern Lauff nach OstIndien zu und ich
befand in der Tat wahr zu sein dass ich auf dem Schiffe von obgemeldten
Studioso der sich Bredder nennete und vor dem einige junge Barons durch die
allermeisten Reiche und Länder von Europa geführet hatte eben so viel ja noch
mehr lernen konnte als zu Hause denn mein Vater hatte nicht allein viele
nützliche Bücher vor mich mitgenommen sondern Mons Bredder hatte auch eine
ziemliche Menge derselben bei sich um mich in den vornehmsten Europäischen
Haupt gründlich zu unterrichten und firm zu machen Außer diesen tractirte er
die Historie Geographie und einige Stück aus der Matesi mit mir kurtz er
brachte mich binnen 3 Jahren die wir unterwegs und in OstIndien zubrachten
durch seinen und meinen unermüdeten Fleiß so weit dass ich obgedachte
Europäische HauptSprachen nicht allein fertig lesen und schreiben sondern auch
verstehen und reden konnte und weilen sich Leute von verschiedenen Nationen auf
unsern Schiffe befanden so hatte mein Vater ein besonderes Vergnügen darüber
dass ich fast mit einem jedweden in seiner MutterSprache ganz ordentlich
sprechen konnte
Mein Vater war diesesmahl in seinem Handel und Wandel auch dergestalt
glücklich gewesen dass er ein großes Gut erworben deswegen mit großem
Vergnügen zurück reiste um meiner Mutter die sich wie leicht zu erraten
unter der langen Zeit unsers Wegseins genungsam gegrämet eine besondere Freude
zu machen Allein über welchen das Verhängnis einmal beschlossen hat ihn
unglücklich zu machen der muss es wohl sein und bleiben das erfuhr unter allen
die wir auf dem Schiffe befindlich waren mein Vater am allermeisten
Denn als wir auf dem Rückwege zwischen den Kanarischen Insuln und Africani
schen Küsten hinfuhren überfiel uns einer der grausamsten Stürme das Schiff
zerscheiterte an den Klippen wurde in die Tieffe des Meeres versenckt mein
Vater Informator und ich nebst noch 6 Personen aber wurden an die Africani
schen Küsten getrieben allwo wir zwar unser Leben erretteten jedoch die
Freiheit verloren indem wir uns den Maroccanern als Sklaven ergeben mussten
Der einzige Trost in diesem JammerStande wäre wohl noch dieser gewesen
wenn mein Vater Informator und ich hätten beisammen bleiben können so aber
kauffte mich wenig Tage nach unserer Anländung ein vornehmer Maroccani
schKayserl Bedienter den MenschenFischern ab und nahm mich in seinem Geleite
mit an den Kayserlichen Hof nach Mequinez Es tractirte mich dieser mein Herr
um welchen ich täglich sein musste ziemlich gütig ich bekam auch bessere
Kleidung und Speisen als seine andern Sklaven weilen ihm nicht allein meine
äuserliche Gestalt besser als der andern gefiel sondern er sich auch ein
besonderes Vergnügen daraus machte dass ich verschiedene Sprachen zu reden
wusste Dieses einzige war mir sehr verdrießlich dass, wenn er speisete und ich
neben ihm kniete er seine an den Gerichten beschmutzten Finger allezeit an
meine lockigen damals noch ganz blonden Haare abwischte denn die Maroccaner
brauchen weder Messer Gabel noch Löffel sondern essen bloß mit den Fingern
und zwar auf der Erden sitzend
Eines Abends sagte er zu mir ich sollte mich in dieser Nacht mit allem Fleiß
baden reinigen und salben weil ich morgen früh neue Kleidung anziehen sollte
indem er willens wäre mich mit an den Kayserl Hof zu nehmen Ich folgte seinem
Befehle und morgendes Tages seiner Person nach wusste aber nicht was er mit
mir vor hatte biss ich sah dass er mich nach gehabter Audienz an den alten 73
jährigen Kayser Mulei Ismael verschenkte Es war mir vorher gesagt dass ich
mich vor denselben auf die Erde und zwar auf den Bauch niederlegen müsste
welches ich denn auch tat da aber der alte Kayser einige Fragen erstlich in
Spanischer und hernach in Englischer Sprache an mich getan und ich dieselben
in beiderlei Sprachen beantwortet hatte indem ich den Kopf so wie ein Hund
nur ein wenig die Höhe reckte hieß er mich endlich aufstehen da mir denn mein
bissheriger Herr einen Winck gab auf den Knien vor dem Kayser liegen zu bleiben
allein dieser war so gnädig mit der Hand ein Zeichen zu geben dass ich gerade
auftreten sollte Hierauf fragte er mich abermals in Spanischer Sprache aus
welchem Lande ich gebürtig wess Standes und Herkommens und auf was vor Art ich
in die Sklaverei geraten wäre Ich beantwortete alles der Wahrheit gemäß und
wurde endlich nachdem er ein besonderes gnädiges Wohlgefallen über meine Person
bezeugt auch in Maroccanischer Sprache Ordre gegeben wie ich verpflegt werden
sollte in ein Zimmer geführet wo noch 3 andere Europäische Knaben nämlich 2
Spanier und ein Portugiese von Geburt die alle 3 kaum 16 Jahr alt sich
unter der Aufsicht eines Maroccanischen Lehrmeisters befanden der sie in
dasiger RechtsGelehrsamkeit der Grammatic Poesie SternSeher und
SternDeuterKunst wie auch in vielen andern Wissenschaften hauptsächlich
aber in der Arabischen Sprache unterrichtete
Diese 3 Pursche erfreueten sich ungemein noch einen MitKonsorten ihres
Unglücks zu bekommen und weil wir alle 4 gut mit einander sprechen konnten
wurden wir gar bald gute Freunde Ich bekam so gleich so kostbare Liberei als
wie sie wir wurden von 2 mohrischen Knaben bedienet speiseten nebst unserm
Informatore allein und hatten alle Mahlzeiten 8 Gerichte nebst dem besten
Getränke jedoch keinen Wein denn es heist die Maroccaner dürffen keinen Wein
trincken ungeacht vortreffliche WeinStöcke in diesem Reiche anzutreffen so
dass öfters 2 Männer kaum einen Weinstock umklafftern können und die Beeren an
den Trauben oft größer als die HünerEyer sind Weil ihnen aber dieses edle
Gewächse so gar sehr appetitlich vorkömmt kochen sie die Trauben und præparir
en ein besonderes Getränke daraus welchem sie einen andern Nahmen ihrer Kehle
aber ein herrliches Labsaal damit geben
Jedoch von meinen und meiner MitKonsorten Abwartung und Stande ferner zu
reden so wurden wir solchergestalt nicht anders als würckliche LeibPagen des
Kaysers tractiret taten aber sehr wenig Dienste sondern hatten die Woche kaum
3 oder 4 mahl einige Stunden Aufwartung nur dass uns der Kayser zuweilen sehen
möchte Sonsten mussten wir alle Morgen eine Stunde vor der Sonnen Aufgang
aufstehen uns reinigen und völlig ankleiden denn es schlieffen zwei und zwei
in einem Kabinet auf herrlichen Betten und Matratzen der MohrenJunge aber lag
auf der Erde zu unsern Füßen auf einer schlechten Matratze als ein Hund unser
Herr Hofmeister schlieff auch in einem besonderen Kabinet sein Bedienter
ebenfalls in einer kleinen Bucht darneben Gleich mit oder um die Zeit der
Sonnen Aufgang fing unser Hofmeister in unserer Gegenwart an das MorgenGebet
nach Art der Mahometaner zu tun verlass hierauf ein Stück aus dem Alcoran
erklärete die schweresten Puncte desselben und gab sich viel Mühe uns allen
vieren die HauptStücke der Mahometanischen Religion beizubringen allein wie
ich bald merkte war keiner unter uns der zu diesem Glauben inclinirte wir
hörten zwar alles mit an fasseten seine Lehre gaben auf seine Fragen richtige
Antwort allein ohne allen Ernst jedoch durfften wir nicht das geringste
Gespötte daraus machen wenn wir nicht aufs allerstrengste gezüchtiget werden
wollten welches meine 3 Kameraden zum öffteren erfahren hatten
Nachdem die AndachtsStunde verbracht gingen die Lectiones in diesen und
jenen Wissenschaften an welche 3 Stunden währeten hernach hatten wir die
Freiheit uns im Garten oder auf dem SpielPlatze oder wenn es garstig Wetter
war auf dem SpielSaale mit allerhand Spielen zu divertiren In der
MittagsStunde speiseten wir durfften uns hernach wieder eine Stunde Motion
machen mussten so dann abermals 3 Stunden die Lectiones abwarten hatten
nachher biss zu Untergang der Sonnen wieder Erlaubnis zu spielen endlich aber
nochmals eine Mahometanische BetStunde halten und alsobald zu Bette gehen
So war meine LebensArt damals beschaffen allein in den ersteren Wochen
vergoss ich tausend Tränen teils über meinen Vater von welchen ich nicht
wusste wo er hingekommen war teils wegen meiner Mutter die solchergestalt
ihres Mannes Sohnes und so vieler schönen Güter auf einmal beraubt war teils
über mich selbst dass ich in solchen Zustand geraten und meine Studia nicht
recht nach Europäischer Art fortsetzen vielweniger mich in meinem Christentume
rechtschaffen üben konnte indem ich kein eintziges Christliches Buch hatte
jedoch mir die vornehmsten GlaubensArticul Gebete und Gesänge die ich
auswendig gerlernt um selbige nicht zu vergessen alle aufschrieb und selbige
in Abwesenheit unsers Hofmeisters oder sonsten an einem geheimen Ort repetirte
auch meine Kameraden sonderlich damit erfreuete ungeacht sie
RömischKatolischer Religion waren und noch niemals so wie ich schon
offtermahls das Heil Abendmahl empfangen hatten welches letztere bei diesen
meinem Zustande immer mein bester Trost war
Mittlerweile bezeigte unser Hof und LehrMeister eine besondere Freude über
mich dass ich nicht allein die Arabische und Marroccische Sprache so leicht
fassen und ehe ein Jahr verging beide fast fertig reden und schreiben auch
die in derselben geschriebenen Bücher ganz wohl exponiren konnte Bei den
übrigen Wissenschaften spürete er ebenfals keinen dummen Kopf an mir sondern
ich kann ohne Ruhm zu melden wohl sagen dass er noch vieles mit großer
Begierde von mir erfragte und lernete weil ich ihm denn auch jederzeit sehr
höflich begegnete liebte er mich vor den andern allen am meisten und sagte zum
öffteren Blac ihr könnt in wenig Jahren an unsers Kaysers Hofe einer der
größten Ministers werden wenn ihr euch zu unserer Religion bekennet und
beschneiden lasset Allein so oft ich von diesem Letzteren hörte erstarrete
mir alles Blut in meinen Adern
Wenige Zeit hernach hatte eben dieser unser Hofund LehrMeister seiner
eigenen Ehre wegen verlanget dass über uns seine 4 Scholaren ein Examen
angestellet werden möchte welches denn auch geschahe indem sich 6 der
gelehrtesten Maroccaner die wenigstens davor gehalten wurden bei uns
einstelleten und das Zeugnis erteileten dass wir es alle schon sehr hoch ich
aber es am allerweitesten gebracht hätten
Allein eben dieses Examen zohe sehr traurige Folgerungen nach sich denn
etliche Tage darauf wurde erstlich der jüngste Spanier andern Tags der
Portugiese 3ten Tages der ältere Spanier beschnitten und verschnitten am 4ten
Tage aber sollte die Reihe an mich kommen welches mir der KislerAgasi oder
der Oberste unter den Verschnittenen welcher über die Weiber und Koncubinen des
Kaysers auch deren verschnittene Bediente die Aufsicht hat durch einen
Bedienten ansagen ließ Ich aber gab demselben gleich zur Antwort dass ich mich
ehe in 1000 Stücken zerhauen oder mit den grausamsten Martern belegen als
dergleichen mit mir wollte vornehmen lassen denn ich wäre völlig resolvirt
meinen Glauben niemals zu verleugnen sondern als ein Christ zu leben und zu
sterben auch stünde mir nicht an ein Verschnittner zu sein sondern wollte wie
gesagt lieber sterben Diese kurtze Abfertigung des Bedienten hatte unser
bisheriger HofMeister in seinem Kabinet gehört kam deswegen heraus und
sagte Wisst ihr auch dass euch diese Worte noch diesen Abend das Leben kosten
können Denn der KislerAgasi ist ein gewaltiger Mann in dessen Händen vieler
Menschen Leben und Tot steht aber das will ich euch zum Vorteil sagen wenn
diejenigen ankommen sollten die euch etwa zu stranguliren oder auf andere Art zu
ermorden befehligt wären so rufft nur den Nahmen unsers Kaysers Mulei Ismaël
etliche mahl aus denn solchergestalt könnt ihr euer Leben so lange erretten
biss ihr den Kayser erstlich selber gesprochen und er hernach Befehl gegeben
dass man seinen Nahmen eurentwegen nicht ferner mehr respectiren sondern Gewalt
brauchen soll
Ich fasste dieses zu Ohren es kam aber diesen Tag niemand weiter zu mir
hergegen tat ich in künftiger Nacht vor Kummer und Sorgen kein Auge zu besann
mich jedoch auf allerhand Streiche die ich im Fall der Not spielen und damit
wo möglich nicht nur mein Leben retten sondern auch der schändlichen Ver und
Beschneidung entgehen wollte
Früh Morgens etwa 2 Stunden nach Aufgang der Sonnen kam der zweite
Abgesandte und trug mir vor welchergestallt der KislerAga meine gestrige
trotzige Antwort sehr übel empfunden jedoch weil ihm bewust dass der Kayser
eine ganz besondere Gnade auf mich geworffen hätte er seinen Zorn gemässiget
von dem Kayser aber Befehl erhalten mich heute verschneiden zu lassen wollte
ich nun die Gnade des Kaysers nebst meinem zukünftigen Glücke nicht mutwillig
verschertzen so sollte mich nicht ferner wiederspenstig erzeigen sondern die
wenigen Schmerzen mit frölichen Hertzen ausstehen indem ich solchergestalt die
Hoffnung erlangte vielleicht in wenig Jahren ein großer Mann zu werden etc
und was dergleichen tröstliche Worte mehr waren Allein ich blieb bei meiner
ersten Resolution lieber zu sterben als meine Religion zu verändern und als
ein Verschnittener zu leben Der abgeschickte gab sich hierauf nebst meinem
bisherigen Hofmeister und lnformator viel Mühe mich in Güte zu diesem Unheil zu
bewegen da aber nichts verfangen wollte wurde der erstere endlich in Harnisch
gejagt und sagte Nun so muss man dem Befehle nach Gewalt brauchen ging auch
gleich zum Zimmer hinaus und ruffte 4 bewaffnete Mohren herein nebst noch 2
andern welche die Instrumenta mich zu castriren und zu beschneiden bereits in
Händen trugen Die 4 Bewaffneten fingen so gleich an sich nach abgelegtem
Gewehr meiner zu bemächtigen wollten mich auf den Tisch legen damit die
vortrefflichen Operateurs ihre Kunst an mir ausüben könnten ich wehrete mich mit
größter Gewalt wurde aber vermahnet mich nur mit Geduld derein zu geben oder
mir es selbst zuzuschreiben wenn der Schnitt mir zum Schaden oder gar zum Tode
gereichte da nun vermerckte dass ich mich ihrer nicht mehr erwehren könnte bat
ich nur um ein bequemeres Lager und etwas Zeit zum Verschnauben Es wurde mir
gewillfahret auch angeraten mich auf mein Bette zu legen allwo die Operation
eben so füglich verrichtet werden könnte mitlerweile aber hatte ich Zeit in
meinen Schubsack zu greiffen und ein starckes Feder Messer aus der Scheide zu
ziehen welches ich den Operateur so bald er sich von neuem an mich machte
dergestalt tieff in das Hertz hinein stach dass er augenblicklich zu Boden
sanck Hierüber wurden die andern bestürtzt ich aber bekam Luft
aufzuspringen und sagte Nun will ich mit Freuden sterben weil ich doch weiß
warum Doch hoffe die Gnade zu haben vor meinem Ende den Kayser Mulei Ismaël
erstlich noch einmal zu sprechen Rieff hierauf auch noch etliche mahl den
Nahmen Mulei Ismaël aus
Diese kurtze Appellation wurckte so viel dass die Schwartzen keine fernere
Gewalttätigkeiten an mir verübten sondern mich nur in genauer Verwahrung
hielten biss der Abgeschickte der nebst meinem bisherigen Informatore weg ging
nach Verlauff etwa zweier Stunden wieder zurück kam und die Post brachte dass
man mich vor den Kayser führen sollte Solches geschahe und hatten die 4 Mohren
ihre entblösten Schwerdter in den Händen der Meinung in Gegenwart des Kaysers
ein Stückgen Arbeit zu bekommen und mich Elenden in etliche Stücke zu zerhauen
Der Kayser Mulei Ismaël saß auf einem kostbaren Stuhle und so bald ich mich vor
ihm niedergeleget und die Erde geküsset hatte fing er an mit eben nicht gar
zu zornigen Gebärden also zu reden Verfluchter Christ wie bist du auf die
Gedanken geraten die dir bisher erzeigte und noch fernerhin zugedachte Gnade
mit Fussen von dir zu stoßen denn ich habe beschlossen gehabt so gleich nach
völliger Heilung deiner Wunde und Annehmung des Mahometanischen Glaubens dich
zum SchachZadelerAgasi dieses ist derjenige Offizier unter den Verschittenen
welcher über des Kaysers Kinder die OberAufsicht hat und in großen Ansehen
steht zu machen und dein Glück noch weiter zu befördern nun aber wirst du
nicht allein wegen deiner Wiederspenstigkeit sondern auch wegen des an einem
meiner Untertanen begangenen Mordes des schmälichsten Todes sterben müssen
Rede Hund
Solchergestalt sah ich meinen Tod vor Augen denn obgleich Mulei Ismaël
seit einigen Jahren her nicht mehr so grausam gewesen war als vor dem so konnte
doch gar leicht glauben dass mir auf dieses mein Verbrechen die TodesStraffe
würde dictirt werden Dem ungeacht verspürete ich in meinem Hertzen nicht die
geringste Furcht vor dem Tode sondern brachte meine Antwort in folgenden
freimütigen Maroccanischen Worten vor
Gröster Kayser Dich hat Gott der Allerhöchste zu einem Gott auf Erden
gemacht weswegen ich mich schuldig erkenne den Staub zu deinen Füßen
aufzulecken Dein Reichtum ist unschätzbar und deine Macht unaussprechlich
bei dem allen aber pflegst du mehr zu geben als zu nehmen Erwege demnach
selbst warum du itzo so begierig bist mir den Christlichen Glauben aus dem
Hertzen und das was mir Gott und die Natur geschenckt aus dem Leibe reißen
zu lassen Ich bin zwar durch ein besonderes Schicksal unter deine Gewalt
gebracht jedoch wegen der unverdient genossenen Gnaden bewogen worden dir
ZeitLebens getreu und redlich zu dienen so weit sich meine Wissenschaft und
Vermögen erstreckt Gröster Kayser glaube mir dass derjenige welcher an seinem
Gott und Glauben ungetreu wird auch seinem Herrn niemals getreu sein kann und
wo will ein solcher welcher mit Gewalt verstümmelt und verschnitten wird die
Lust hernehmen sein ihme aufgetragenes Amt mit behöriger Freudigkeit und ohne
heimlichen Kummer und Widerwillen zu verrichten Ich elende Kreatur versichere
deine Majestät dass ich als ein Christ viel lieber ein ewiger Sklave bleiben
als ein verstümmelter Mammelucke ein Erbe deiner Reiche und Länder werden
wollte Wende deine Augen auf meine Treue und Standhaftigkeit denn wirst du
mich mit Gewalt beschneiden und castriren lassen so wisse dass der erste Dolch
Messer Strick oder ein ander MordInstrument ein Mittel sein wird mich aus
dem Reiche der Lebendigen ins Reich der Toten zu versetzen weswegen ich denn
bei Gott im Himmel Vergebung zu erlangen verhoffe
Hier fiel mir verfolgte Mons van Blac seine Rede eine in voriger Nacht
ausgedachte NotLüge ein die ich dergestalt vorbrachte
Allermächtigster Kayser ich habe mich zwar anfänglich vor dem Sohn eines
SchiffKapitains ausgegeben allein solches ist nur darum geschehen etwa mit
der Zeit etwas an meinen KantzionGeldern zu ersparen denn ich bin ein
gebohrner Graf aus Holland dessen wohlbemittelte Eltern vermutlich noch am
Leben sind die allzu große Lust zur See zu reisen und OstIndien zu sehen
hat mich durch Schiffbruch anhero gebracht Wird mir mein Leben und das warum
ich schon gebeten gelassen so kann ich vielleicht binnen weniger Zeit mit
baarem Gelde ausgelöset werden ist aber keine Hoffnung zu meiner Freiheit
vorhanden so will ich ZeitLebens dein getreuster Sklave verbleiben jedoch als
ein Christ und Unverschnittener Außer diesem will eher erdulden dass man
meinen elenden Körper in tausend Stücken zerhackt und denselben den Hunden
vorwirfft Jedoch was werden Gröster Kayser deine allergnädigsten Augen und
Gedanken vor besonderes Vergnügen an diesem JammerSpiele haben Deswegen
erhöre meine Bitte begnadige deinen allergetreusten Knecht und Sklaven doch
soll ich ja sterben so lass nur mein Haupt mit einem einzigen SchwertStreiche
zu deinen Füßen legen
Dieses war fuhr Mons van Blac fort ungefähr der Innhalt meiner Rede die
ich an den Kayser tat er hörte mir so wohl als alle bei ihm stehenden sehr
aufmercksam zu ging darauf mit dem KislerAga und einigen andern Ministers in
ein NebenZimmer aus welchem nach Verlauff etlicher Minuten der KislerAga
zurück kam und zu meinen Begleitern sagte Der Sclav soll sterben doch hat ihn
der Kayser in so weit begnadiget dass ihm unten auf dem Platze nur bloß der
Kopf abgeschlagen werden soll
Demnach führte man mich hinunter auf den Platz ich betete unterwegs die
trostreichsten und Christlichen Gebete so mir nur einfielen musste hernach
unten auf dem Platze unter des Kaysers Fenster mich auf einen viereckten Stein
setzen und den Streich erwarten Indem kam ein Verschnittener gelauffen und
brachte die Nachricht Der Kayser wäre dennoch gesonnen mir das Leben zu
schencken wenn ich mich nur bloß beschneiden und die Mahometanische Religion
annehmen wollte mit der Verschneidung aber sollte ich verschonet bleiben allein
weil ich mich schon völlig zum Sterben zubereitet war meine Antwort diese Der
Tod wäre mir lieber als dieses Hierauf druckte ich meine Augen veste zu betete
laut in Holländischer Sprache um mitten im Gebet mein Haupt zu verlieren
endlich aber da ich sehr lange gesessen ergriffen mich zwei Mohren bei den
Armen und führten mich auf das Zimmer eines Turms welches ziemlich reinlich
jedoch mit eisernen Türen und FensterStäben wohl verwahret war ließ sich
auch im Hinweggehen so viel verlauten dass ich wegen meines Eigensinnes allhier
eine größere Straffe und Marter abzuwarten hätte
Ich stellte alles in Gottes Hände und blieb bei dem vesten Schluße
lieber alle Marter auszustehen als meinen Christlichen Glauben zu verleugnen
und ein Mahometaner zu werden inzwischen hatte an guten Speisen und Getränke
keinen Mangel auch meinen vorigen ungefähr 14 jährigen MohrenKnaben zur
Aufwartung bei mir welcher auf gegebenes Zeichen mit einer Klatsche fast so
oft heraus und herein kommen konnte als ihm beliebte Die öffteren Visiten
meines bisherigen Informatoris und einiger Offiziers der Verschnittenen
gereichten mir in dieser meiner Einsamkeit mehr zum Verdruss als zum Vergnügen
indem ihre einzige Absicht war mich zum Mammelucken zu machen doch war dieses
meine größte Freude dass mir mein bissheriger Informator nicht nur verschiedene
von mir selbst erwehlte Bücher wie auch Tinte Federn und Pappier mitbrachte
und zuschickte
Solchergestalt konnte mir doch manche Grille vertreiben und meine
Christlichen Gebeter Bibliche Sprüche und Gesänge die ich auswendig wusste
aufzeichnen Nachdem ich aber länger als 3 Wochen in diesem Behältnisse
gesessen kam eines Abends mein MohrenKnabe und reichte mir nachdem er das
AbendEssen aufgesetzt eine schlecht ansehnliche höltzerne versiegelte Büchse
in die Hände sagte auch weil er als ein Unverständiger durch meine öffteren
Geschenke und andere erzeigten Wohltaten mir sehr getreu worden war dass
seine Schwester mir selbige in Geheim zu überbringen bei Leib und
LebensStraffe anbefohlen hätte Ich ließ Essen und Trincken stehen ging an
ein Fenster und fand oben verschiedene große GoldStücke in der Mitten einen
zusammen gelegten Brief unten aber ein in Gold eingefassetes Portrait eines
sehr wohlgebildeten Frauenzimmers Den Innhalt des Briefes zu lesen war ich am
allerneugierigsten und fand denselben also gesetzt
Wertefter Herr LandsMann
Ich schätze es mir vor ein besonderes Glück und Vergnügen euch in Wahrheit
versichern zu können dass mein Vorbitten bei dem Kayser euch allein das Leben
erhalten denn ich habe in dem NebenZimmer nicht nur eure an den Kayser getane
Rede von Wort zu Wort angehöret sondern auch eure Person durch ein kleines
GlasFensterlein selber gesehen deswegen jammerte es mich dass ihr sterben
soltet und brachte durch einen Fussfall und heftiges Bitten es bei dem Kayser
welcher mir bisher fast keine einzige Bitte versagt dahin dass er euch so
gleich das Leben schenckte und mit dem gedroheten HauptAbschlagen nur eure
Beständigkeit probiren wollte Bleibet deswegen beständig bei eurem Christlichen
Glauben da ihr bereits eine solche starke Probe abgelegt und kehret euch an
nichts denn auf mein Angeben seid ihr zwar gefangen gesetzt ich hoffe aber
eure Freiheit nächstens mir guter Manier zu befördern Von meinem eigenen Wesen
will ich euch voritzo so viel eröffnen dass ich Unglückselige eine EheFrau
eines Holländischen Kauffmanns auf der Fahrt nach OstIndien aber vor 3 Jahren
von den SeeRäubern gefangen und anhero geführet worden bin da man mich denn
unter die Zahl der Kayserlichen Koncubinen gebracht und zu einer unglückseligen
BettWärmerin des alten Kaysers machen will Jedoch ist der Himmel mein Zeuge
dass er mich noch niemals vollkommen fleischlich berühret hat sondern ich habe
mein bestes Kleinod noch biss diese Stunde unzerbrochen erhalten Ob mein Mann
aus der Sklaverei errettet und noch am Leben ist habe ich nicht erfahren
können jedoch durch euch hoffe ich es auszukundschaffen so bald ich eure
Freiheit zuwege gebracht Mittlerweile will auch schon auf Mittel bedacht sein
Gelegenheit zu verschaffen dass wir einander einmal auf eine Stunde mündlich
sprechen können Weil ich sonsten glaubte dass ihr vielleicht eben nicht mit
vielen Mitteln versehen so habe einige GoloStücke beigelegt damit ihr euch
ein und anderes beliebige davor köntet einkauffen lassen zu unterst aber liegt
mein Portrait damit ihr an selbigen möchtet erkennen lernen
Eure
redlich gesinnete
Landsmännin
PS Findet ihr euch im Stande mir auf dieses zu antworten so könnt ihr
das Schreiben nur in ein ausgehöltes WachsLicht einhüllen und euren kleinen
Mohren anvertrauen denn er ist getreu so wie seine Schwester bei mir diesen
Brief aber verbrennet oder nehmt ihn nebst dem Bildnisse sehr wohl in Acht
damit wir nicht beide unglücklich dadurch werden
Nach etlichmahliger Uberlesung dieses Briefes beschauete ich das Portrait
etwas genauer und befand dessen Lineamenten sehr schön gezeichnet küsste
selbiges aus hertzlicher Danckbarkeit gegen meine LebensErhalterin wäre auch
wohl noch lange in tieffen Gedanken am Fenster stehen geblieben wenn mich
nicht mein Aufwärter erinnert hätte etwas von den aufgesetzten Speisen zu
genießen Ob ich nun gleich etwas von denselben genoss so blieb doch beständig
in tieffen Gedanken über diese Avanture konnte nicht schlüssig werden ob wie
oder was ich antworten sollte legte mich endlich zur Ruhe da aber um
MitternachtsZeit mein kleiner Mohr sehr vest eingeschlaffen zu sein allerhand
Zeichen von sich gab stund ich wieder auf und fasste ebenfals in
Holländischer Sprache folgendes AntwortsSchreiben ab
Madame
Vor Dero besondere Gnade und Gütigkeit die sie an mir Elenden erstlich ohne
mein Wissen nachher aber durch sichere Merckmahle erwiesen schätze ich mich
verbunden ihnen mit meinem Blute zu dienen werde auch selbige biss auf die
letzte Minute meines Lebens mit danckbarem Hertzen zu erkennen bemüht sein
Wolte der Himmel dass es Ihnen möglich wäre mich in Freiheit zu setzen und mir
das ungemeine Vergnügen zu verschaffen nur eine kurtze Zeit mündlich mit Ihnen
zu sprechen so sollte mir nach genommener Abrede vielleicht nicht unmöglich
fallen Sie und mich in völlige Freiheit und in unser VaterLand zu versetzen
denn ich habe einige nicht so gar sehr ungereimte Mittel darzu ausersonnen
welche aber erstlich mit Ihnen überlegen müsste Dero wertesten Zeilen zu
verbrennen ist mir unmöglich weil sie der einzige Trost in meinem
JammerStande sind ich werde aber dieselben nebst dem Verehrenswürdigen
Portrait meiner LebensErretterin schon dergestalt zu verbergen wissen dass
keine Verräterei daraus entstehen kann Ubrigens erwarte Dero fernerweitigen
Befehle empfehle mich Ihrer beständigen Gnade und beharre ZeitLebens
Dero
gehorsamster Knecht
Auf das erstere mahl ein mehrers zu schreiben hielt nicht vor ratsam
weilen von dieser Person Sinnen und Gedanken noch nicht vollkommen informirt
war sondern erstlich abwarten wollte wozu sie sich in Zukunft entweder
schrifftlich oder mündlich weiter erklären und wie es mit meiner Loslassung
halten würde Demnach versteckte ich das ganz subtil zusammen gerollte Pappier
in ein Stücklein ausgehöltes WachsLicht gab es meinem kleinen Mohren selbiges
seiner Schwester einzuhändigen mit dem Bedeuten dass diese eben dieses Stück
WachsLicht derjenigen Person zurück geben sollte welche mir die höltzerne
Büchse zugeschickt hätte
Tags hernach bekam ich die erfreuliche Nachricht ebenfalls in einem
Stücklein WachsLichte eingehüllet dass unsere Korrespondenz dieses mahl
glücklich abgelauffen wäre und 4 Tage hernach wurde ich vor den Kayser
geführet welcher indem ich mich vor ihm niedergeleget also zu mir sprach
Höre Sclav aus besonderen Ursachen habe ich dir nicht allein dein Leben
geschenckt sondern auch zugegeben dass du hinfüro nicht mehr ein Gefangener
sein solst es ist dir erlaubt ein Christ zu bleiben und dir eine Christliche
Sklavin zur Frau auszusuchen so bald derselben eingebracht werden Allein aus
meinen Diensten lasse ich dich nicht sondern du solst eine gute Charge
erhalten auch wenn du dich dabei wohl aufführest weiter befördert werden
So bald der alte Kayser aufgehöret hatte zu reden berührete ich mit meiner
Stirne 3 mahl den ErdBoden zum Zeichen meiner Danckbarkeit versprach mit dem
Munde solchergestalt Zeit meines ganzen Lebens der allergetreuste Knecht des
Kaysers zu verbleiben wurde hernach unter die Zahl der GeheimSchreiber und
Dollmetscher aufgenommen auch zugleich zum UnterAufseher des BauWesens
bestellt bekam im übrigen die Freiheit in der ganzen ResidentzStadt herum
zu wandeln wohin ich wollte jedoch nur außer der Zeit meiner
AmtsVerrichtungen welche hauptsächlich darinnen bestunden dass ich zuweilen
Morgens wenigstens 2 biss 3 Stunden bei dem Kayser mit zur Aufwartung sein
musste Wenig Tage darauf brachte mir mein kleiner Mohr abermals im
WachsLichte ein Pappier worauf diese Zeilen geschrieben stunden
Mein Herr
Ich bin nunmehr versichert dass ihr erfahren habt wie viel mein Vorspruch
gilt und dass ihr dadurch in Freiheit gesetzt seid Nunmehr bin ich auch selbst
begierig euch persönlich zu sprechen weil sich aber solches nicht so leicht
schicken will so zieht mit Geschencken meine MohrenSklavin als die
Schwester eures Bedienten an euch lasset euch so weit führen biss ihr erstlich
den richtigen Eingang zu meinem Zimmer seht und nicht fehl gehen könnt so
dann will ich euch ferner schrifftliche Nachricht geben zu welcher Zeit es sich
schicken kann mich zu besuchen doch werdet ihr euch gefallen lassen den Habit
meiner Mohrin anzuziehen weil die Wache der Verschnittenen keine MannsPerson
passieren läst Anbei sende abermals in einer höltzernen Büchse 100 Zechins
welche ihr zu Ausführung eures Vorhabens daferne euch etwas daran gelegen
anwenden könnt Binnen 3 Tagen sollt ihr nähere Instruction von mir haben
etc etc
Niemahls hat mir eine Zeit länger gewähret als diese 3 Tage doch
mitlerweile suchte ich Gelegenheit den Eingang zu ihren Zimmer auszuspüren und
gegen Abend des 3ten Tages kam meines Aufwärters Schwester brachte mir so
wohl mündlich als schrifftlich die Nachricht dass ich ihre Kleider anziehen und
ein Tuch vor das Gesicht halten als ob ich große ZahnSchmerzen hätte indem
es diese getreue Sklavin im Herausgehen auch schon so gemacht und
solchergestalt durch die Wache der Verschnittenen zu meiner LandsMännin
hindurch passieren sollte
Ich stürtzte mich allerdings hiermit in eine Augenscheinliche TodesGefahr
war aber dennoch resolvirt alles zu wagen um nur meine LebensErretterin zu
sehen und zu sprechen Demnach zohe ich bei angetretener Demmerung der Mohrin
Kleider an schwärtzte mein Angesicht Arme und Hände nach Mohren Art ließ
diese in meinem Zimmer bei ihrem Bruder bleiben folgte ihrer Anweisung und
begab mich auf den Weg kam auch glücklich ohngefragt und unbesichtiget durch
die Wache hindurch biss in das Zimmer meiner Landesmännin Dieselbe mochte nun
schon alles abgepasset haben hatte aber doch eine alte bei ihr sitzende
schwartze WartFrau nicht los werden können, allein so bald ich die Tür
eröffnete nahm mich die Dame bei dem Arme und sagte Du armes Tier hast du
denn noch immer so große Schmerzen komm nur und lege dich in deiner Kammer
zu Bette unter diesen Worten führte sie mich in eine NebenKammer und wiese
mir wirklich ein Bette an worein ich mich legen und verhüllen sollte Ich
gehorsamte ihren Wincken sie aber blieb wohl noch eine Stunde lang munter
schwatzte binnen der Zeit mit der alten Mohrin und schaffte sie endlich mit
guter Manier auf die Seite
Leichtlich ists zu erraten und zu glauben dass mir das Hertze damals
gewaltig müsse gepocht haben jedoch da meine Frau LandsMännin endlich kam und
mir einen Mut einsprach dass wir nunmehr nichts gefährliches zu besorgen
hätten sondern biss gegen Anbruch des Tages vertraut mit einander sprechen
könnten ließ ich alle Zaghaftigkeit fahren erzählete auf ihr Bitten meine
ganze LebensGeschicht und vernahm auch hernach die Ihrige als womit fast die
ganze Nacht zugebracht wurde letztlich aber wurde die Abrede so genommen dass
sie mir vor etliche 1000 Tlr Gold und Kleinodien zuschicken wollte
vermittelst dessen ich etwa einen Jüdischen oder Christlichen Spion erkauffen
könnte der uns beide in verstelleter Kleidung entweder auf ein Christliches
Schiff oder aber durch einen Umweg nach der auf den Africanischen Küsten
gelegenen Spanischen Vestung Ceuta brächte
Weilen aber der Tag anzubrechen begunte musste ich mich vor dieses mahl da
es noch ein wenig demmerig war eiligst fort machen Meine LandsMännin hatte
die Vorsicht gebraucht mir ein ziemlich groß Gefäß in die eine Hand zu geben
begleitete mich auch biss in die Tür des Saals wo die Wache der Verschnittenen
stunde und sagte dieselbe vom Fragen abzuhalten indem ich hurtig fortging
Bleib nicht allzu lange außen und zerbrich mir ja das Gefäß nicht
Solchergestalt kam ich glücklich ohne dass mich jemand anredete in meinem
Zimmer an gab der Mohrin ihre Kleider nebst dem Gefäß welches sie mit frischem
Wasser füllete und wieder zu ihrer Gebiehterin ging ich aber brachte über eine
gute Stunde zu ehe ich die schwartze Farbe wieder vom Gesicht und Händen los
werden konnte
Die übrige Zeit dieses ganzen Tages stellte ich mich etwas unpässlich
damit ich in meinen Gedanken desto füglicher wiederholen könnte was ich in der
vergangenen Nacht mit meiner LandsMännin gesprochen hatte denn wir hatten in
Wahrheit ein schweres Werck vor uns welches wenn es wäre entdeckt worden
beiden die größten Martern und den ohnfehlbaren Tot würde zugezogen haben
Jedoch weil sie mir versprochen hatte fleißig um die glückliche Ausführung
unsers Vorhabens zu beten so nahm ich meine Zuflucht auch zum Gebet und
spürete dabei dass mir mein Hertz immer leichter wurde Folgende Tage nahm ich
mir vor mich außer der Kayserl Residentz in der Stadt bekandt zu machen es
wird aber vielleicht nicht missfällig sein wenn ich eine kleine Beschreibung
davon mache Das Kayserliche Schloss Accassave genannt ist ein sehr prächtiges
Gebäude welches mit den vortrefflichen Gärten so darzu gehören eine gute
Meilwegs im Umfange hat es ist auch das Seraglio oder Behältnis der Weiber
darinnen und befanden sich in selbigem damals außer den 4 Gemahlinnen über
2000 KebsWeiber Denn obgleich der Kayser nicht mehr als 4 würckliche
Gemahlinnen haben darff so ist ihm doch erlaubt so viel KebsWeiber zu halten
als er will In der HauptStadt welche mit ziemlich viel Pallästen der Großen
angefüllet ist finden sich aber auch viel geringere ja ganz schlechte Häuser
es wohnen auch sehr viel Juden darinnen jedoch in einem besonderen Revier
welches des Nachts verschlossen wird Außer dem liegt noch eine andere ganz
große Stadt an der NordWestSeite die aber nicht sonderlich wohl gebaut ist
und von lauter ganz schwartzen und gelben Mohren bewohnet wird in dieser habe
ich mich niemals sehr umgesehen weilen gehört hatte dass wenig oder gar keine
Christen oder Juden darinnen angetroffen würden Da ich nun merkte dass mir
sehr viel Freiheit gelassen wurde indem mich kein Mensch unbescheiden fragte
weder wo ich hin wollte noch wo ich herkäme oder wo ich gewesen wäre so
stellte mich ganz dreuste an und gab hier und dar bei den höheren Bedienten zu
vernehmen wie ich nur darum ausgienge etwa eine mir anständige
ChristenSklavin anzutreffen selbige zu erkauffen und mit derselben eine
Heirat und eigene Wirtschaft zu stifften damit ich nachher meine Dienste
desto ordentlicher und lustiger verrichten könnte ja ich war einsmahls so
verwegen eben dieses dem Kayser selbst da er bei guter Laune war aufzubinden
und vermerckte dass ihm meine Absichten wohl gefielen denn er versprach wenn
ich mir auch die allerschönste und beste Sklavin ausläse mir selbige zu
schencken Mittlerweile lernete ich nun mich meiner Freiheit immer besser und
besser zu bedienen ließ aber keine 2 oder 3 Tage vorbei streichen dass ich
meiner LebensErhalterin LandsMännin und besonderen Wohltäterin nicht
ordentliche Nachricht von allen gegeben hätte und zwar vermittelst einer
besonderen Schrifft die niemand als wir beide lesen und verstehen konnte und
worüber wir mit einander eins worden waren Inzwischen schickte sie mir
gewaltige GeldSumen und sehr kostbare Kleinodien zu so dass mir recht angst
und bange darüber wurde weil ich noch keinem einzigen guten Freund
angetroffen dem ich mein Hertz hätte offenbaren und ihm wenigstens die Helffte
von allen in Verwahrung geben können
Meiner Nachlässigkeit konnte ich dieses nicht Schuld geben denn ungeacht ich
in Mequinez einen und andern Holländer und Engelländer gesehen so war mir doch
von allen diesen keiner als ein Werckzeug vorgekommen durch welches ich meine
und meiner LandsMännin Befreiung zu erlangen hoffen können denn Deutsch zu
sagen sie kamen mir alle zu dumm vor Eines Tages aber da ich durch die
JudenStadt ging kam ein ungefähr etliche 30 jähriger Jude eben zu seiner
Tür heraus und fragte ob mir nicht beliebte ihm etwas von Galanterie Waren
abzuhandeln Ich fragte in Maroccanischer Sprache was er besonders hätte und
ging auf sein Bitten mit ins Haus da er mir denn allerhand artige Sachen von
Silber Gold und andern Metallen kostbar verfertigt vorzeigte und die Lust
erweckte vor mehr als 50 Zechinen von ihm zu kauffen welches aber alles ganz
leicht in den Schubsäcken verbergen konnte denn es waren lauter kleine Sachen
Endlich zeigte er mir eine saubere goldene RepetirUhr vor 120 Zechinen vor
welche ich ihm ohne langes Handeln das geforderte Geld hinzählete jedoch mit
dem Bedienge dass wo ich dieselbe binnen 8 Tagen falsch befinden sollte er mir
das Geld wieder zurück zu geben schuldig sei denn ich wäre ein Bedienter des
Kaysers und könnte mir bald Hilfe schaffen Der Jude war damit zufrieden
sagte dass er heut über 8 Tage den ganzen Tag allhier in seinem WohnHause
verbleiben und auf mich warten wollte fing hernach von freien Stücken zu sagen
an Mein Herr ihr habt mehr Mittel als ich anfänglich bei euch gesucht hätte
allein wo ich raten soll so seid ihr ein gebohrner Christ und vielleicht durch
Unglück anhero in die Sklaverei gekommen Ja wohl sagte ich habt ihr es
erraten und nicht allein ich sondern auch meine leibliche Schwester die noch
ein paar Jahr älter ist als ich wir sind aus einem vornehmen Geschlechte aus
Holland gebürtig und haben unsere reichen Eltern noch am Leben welche uns
gerne mit etliche 1000 Tlr losskaufften wenn sie nur wüsten wo wir wären
allein wir sind darinnen unglücklich dass ungeacht ich schon 2 mahl Briefe
nach Holland mitgegeben wir dennoch keine Antwort zurück erhalten haben
deswegen zu glauben dass die Briefe nicht zurecht gekommen sondern verloren
gegangen sind Wenn ihr versetzte der Jude hierauf eines andern und nicht des
Kaysers Sklaven wäret so wäre wohl noch Rat zu finden euch los zu kauffen
allein vor Geld pflegt der Kayser seine Sklaven nicht zurück zu geben und
deswegen ist wenig Hoffnung zu eurer Errettung da wenn ihr euch nicht mit List
zum Lande hinaus practiciren könnt allein ihr wisst allhier keinen Bescheid
und ein anderer es sei Christ oder Jude wird sich ohne schwere GeldSummen
nicht leicht in dergleichen Sachen mischen weil wenn die Sache verraten
würde das Leben eines jeden schon so gut als verloren ist Das ist leicht zu
erachten war meine Antwort inzwischen muss man auf die Hilfe des Allmächtigen
hoffen auf ein paar tausend Zechinen aber sollte es mir eben nicht ankommen
wenn sich ein redlicher Mensch finden wollte der uns beide wieder unter die
Gesellschaft unserer LandsLeute bringen könnte Hierauf sagte der Jude wenn
ihr redlich sein mich nicht verraten und mir meine Mühe wohl bezahlen wollt
will ich vor eure Befreiung welche listiger Weise angestellet werden muss Sorge
tragen allein wo befindet sich eure Schwester hat selbige auch wie ihr die
Freiheit hinzugehen wo sie hin will So viel Freiheit sprach ich ist ihr
nicht erlaubt als mir doch wäre es eben keine unmögliche Sache sie zur
NachtsZeit ein paar Meilen von Mequinez hinweg zu bringen Wenn sie nur
erstlich bei NachtsZeit allhier in mein Haus gebracht werden könnte sagte der
Jude so sollte sich nachher alles schicken denn ich bin im Stande euch alle
beide etliche Wochen an einem geheimen Orte darinnen aufzuhalten allwo euch die
Mohren nimmermehr finden können sie mögen auch suchen wie sie immer wollen Ob
auch gleich bei NachtsZeit das Revier wo wir Juden wohnen verschlossen wird
so wissen doch viele von uns solche Schliche dass wir aus und einkommen können
wenn wir wollen
Ich wusste so gleich nicht was ich weiter antworten sollte blieb deswegen
eine ziemliche Zeit in tieffen Gedanken sitzen mitlerweile brachte der Jude
eine Bouteille Wein auf den Tisch und fragte mich ob ich auch Wein träncke
Ich tat ihm Bescheid und fand den Wein so köstlich als ich ihn jemals
getruncken hatte nachdem ich aber noch einige kleine Gläser ausgelehret fuhr
der Jude mit Reden also fort Mein Herr ich mercke wohl dass ihr auf meine
Reden kein besonderes Vertrauen setzt allein glaubt sicherlich dass wir
Juden es hier zu Lande mehr und weit lieber mit den Christen halten als mit
den Mohren und andern Nationen die KauffLeute wissen auch selbst dass wir es
allezeit redlicher mit ihnen meinen als mit den Maroccanern allein wir müssen
uns sehr behutsam dabei aufführen Damit ihr aber dessen vollkommen überzeugt
werdet so kommt nach zweien Tagen wieder zu mir alsdenn will ich euch einem
Christlichen Kauffmanne aus Engelland præsentiren welcher ein Kontoir in
Gibraltar und zum öffteren starken Verkehr allhier gehabt hat nunmehr aber
ist er resolvirt in sein Vaterland nämlich nach Engelland zurück zu reisen
vielleicht ists möglich dass ihr alle beide von ihm durch List mitgenommen
werden könnt wo nicht werde ich ein ander Mittel zu erfinden wissen denn
wie schon gesagt wir Juden dienen den Christen gern vor ein billiges
Geschenke welches aber etwas kostbarer sein muss wenn LebensGefahr bei der
Sache zu besorgen ist
Hierauf trunck ich noch etliche Gläser Wein zahlete dem Juden eine Zechin
darvor versprach die Sache mit meiner Schwester zu überlegen und am dritten
Tage in der MittagsStunde wieder bei ihm zu sein auch daferne er sein Wort
halten und uns in Freiheit verhelffen könnte ihm seine Mühe besser zu bezahlen
als er sich wohl einbilden möchte also ging ich dieses erste mahl in tieffen
Gedanken zwischen Furcht und Hoffnung schwebend von ihm setzte mich des
Nachts in meinem Zimmer hin und berichtete meiner LandsMännin schrifftlich
wie ich nunmehr die erste Hand an das Werck unserer Befreiung gelegt und bat
mir auf Ubermorgen früh ihre Meinung und ferneren guten Rat darüber aus
Sie war nicht saumselig gewesen sondern schickte mir gleich dritten Tages
in aller frühe ein AntwortsSchreiben hielt davor dass meine Anstalten nicht
uneben weil es an dem dass die Juden den Christen gegen eine gute Belohnung
ungemein getreu wären inzwischen müssten wir die ganze Sache noch etliche
Wochen weiter hinaus schieben biss die Nächte etwas länger und finsterer
geworden unter welcher Zeit sie mir denn auch ihre übrigen Kostbarkeiten
vollends zuschantzen ingleichen vielleicht noch einmal mündliche Abrede mit
mir nehmen könnte
Demnach begab ich mich um die bestimmte Zeit zum andern mahle zu meinem
getreuen Juden und fand wirklich einen vornehmen Englischen Kauffmann bei ihm
welchem der Jude bereits so viel von meiner Geschicht erzählt hatte als er
selbst davon wusste ich aber erzählete ihm auch noch so viel darzu als ihm von
meinen Umständen zu wissen nötig war Indem uns nun hernachmahls der Jude beide
alleine ließ redete mich der Kauffmann also an Mein werter Freund ich kann
zwar nicht leugnen dass ich seit etlichen Jahren verschiedenen ChristenSklaven
welche entweder gar keine Mittel gehabt sich los zu kauffen oder vor Geld
nicht einmal haben los kommen können zu ihrer Freiheit verholffen und sie
heimlicher und listiger Weise mit mir fortgeführet bloß auf Angeben dieses
verschlagenen Juden welcher so geschickt ist dass er mit einem gewissen Saffte
binnen 2 oder 3 Stunden einem Menschen gleich eine ganz andere
GesichtsBildung geben kann solchergestalt dass ein Jüngling oder Jungfer von
16 18 oder 20 Jahren so alt und verruntzelt aussehen als ob es Personen von
60 biss 80 Jahren wären nachdem er nämlich mit seinem Saffte oder Tinctur die
Haut mehr oder weniger einbejetzt Allein mit allen dem so ist es eine sehr
gefährliche Sache vor mich und soltet ihr bei mir ertappet werden könnte es mir
mein Leben oder wenigstens alles mein Gut kosten der Jude aber wenn es heraus
käme müsste unfehlbar mit dem Leben büßen Weil ich nun auch ohnedem nicht
weiß ob ich noch etwa 4 6 oder 8 Wochen allhier verbleiben müsste so kann
mich eurentwegen zu nichts erklären wie gern ich sonsten meinem MitChristen
alle möglichsten Dienste leiste
Ich wurde ziemlich kleinlaut bei dieser Anrede sagte aber mit Seuffzen
Mein Herr wenn meine und meiner Schwester Freiheit mit Gelde zu erkauffen wäre
so wollte gleich morgendes Tages vor 3 biss 4000 Ducaten wert Gold oder
Kleinodien in eure Hände liefern denn ich habe so viel und noch mehr in meiner
Gewalt allein hieran zu gedenken ist eine vergebliche Sache und wenn wir
unsere Personen nicht mit einer besonderen List aus diesem Reiche practiciren so
werden wir vor Kummer darinnen sterben müssen
Vor meine Sorge und Mühe versetzte der Kauffmann eines Schillings wert zu
verlangen würde ich mir ein großes Gewissen machen allein wenn alles
glücklich ablauffen sollte würden ungefähr 1500 Ducaten darzu erfordert
werden damit der Jude erstlich 2 fremde Sklaven vor mich kauffen Pässe auf
selbige lösen und manchen die Augen blind machen das übrige aber vor seine
Mühe behalten könnte Hernach müsste er diese Sklaven unter der Hand erstlich
anderwerts wieder verhandeln damit wenn der Jude endlich eure Kleider wohl
verändert und eure Gesichter verwandelt ich euch beide an deren Stelle laut
des gelöseten Passes mit zu Schiffe nehmen dürffte Allein wie gesagt war
seine fernere Meinung die ganze Sache ist annoch vielen Gefährlichkeiten
unterworffen
Das wusste ich mehr als zu wohl ließ mich deswegen die HauptSache wegen
meiner LandesMännin und ausgegebenen Schwester um so viel desto weniger
merken sondern legte dessfalls so zu sagen alle meine Worte auf die
GoldWage Nachdem aber der Kauffmann noch ein paar Bouteillen Wein mit mir
ausgetruncken hatte und der Jude wieder zu uns gekommen war meinte der erste
dass wir von dieser Sache nach weiterer Uberlegung in etlichen Tagen ein mehreres
sprechen könnten der Jude aber schlug vor dass es besser wäre wenn wir in
Zukunft in einem andern JudenHause welches er uns zeigte zusammen kämen und
daselbst Verdacht zu vermeiden auf einer besonderen Stube fernere Unterredung
hielten
So weit war Mons van Blac vor dieses mahl in Erzählung seiner Geschichte
gekommen als die Glocke zwölff Uhr schlug und uns damit erinnerte den
AltVater nicht länger von seiner Ruhe abzuhalten weswegen derselbe den Mons
van Blac bat Morgenden Abends den übrigen Rest von seiner curieusen Geschicht
uns vollends mitzuteilen wir uns aber alle hierauf zur Ruhe begaben Ein jeder
besorgte folgenden Tages das Seine Abens zu bestimmter Zeit fanden wir uns
wieder bei dem AltVater ein und hörten den
Verfolg von Mons van Blacs LebensGeschicht
Ich habe fing er an wohl vermerckt dass ich gestern Abend etwas zu
weitläufftig in Erzählung meiner Geschicht gewesen bin allein eines Teils
habe ich die besondere Gabe der Beredsamkeit nicht mit wenig Worten viel zu
sagen andern Teils wüste nicht was ich sonderlich hätte weglassen können
wenn ich einen vollkommenen Bericht von meinen Begebenheiten abstatten soll
Jedoch von nun an will ich mich befleissigen alles aufs kürtzeste jedoch
deutlichste vorzutragen
Bei noch öffteren Zusammenkünften schien mir der Englische Kauffmann immer
gewogener zu werden zumahlen da ich ihm einige Jubelen von hohem Wert zeigte
denn meine LandsMännin hatte mir nachher binnen 3 Wochen mehr als vor 10000
Tlr an Golde und Geldes wert zugeschickt auch nur nebst verschiedenen
Kostbarkeiten so viel an GoldStücken bei sich behalten als sie sich in ihren
Kleidern selbst mit fortzubringen getrauete Endlich da der Kayser sehr unpass
und fast jedermänniglich consternirt darüber war hatte sie es abermals
angestellet dass ich ganzer 24 Stunden bei ihr bleiben und vollkommen
mündlichen Rapport von meinen gemachten Anstalten abstatten konnte denn ich
hatte nicht allein dem Kauffmanne vor den Juden bereits 1500 spec Ducaten
gezahlet sondern ihm auch das meiste von meiner Landsmännin Gütern in eine
besondere Kiste versiegelt anvertraut dagegen von ihm die völlige
Versicherung erhalten dass er vor alles sorgen wollte wir müssten uns aber dabei
gefallen lassen nicht nur des Judens Rate in allen Stücken zu folgen sondern
auch nachdem alles wohl eingerichtet meine Schwester in
MannesSklavenKleidern so wohl als ich jedes ein MaulTier biss nach Arzilla
zu treiben als wohin er seine Güter zu schaffen Erlaubnis hätte und biss dahin
sollte uns auch der Jude begleiten
Solchergestalt waren ich und meine Landsmännin über unsere glücklich
gemachten Anstalten biss dahin vollkommen vergnügt nur das einzige lag mir auf
dem Hertzen wie sie aus dem Seraglio heraus und in das Juden Haus zu bringen
sein würde allein sie machte sich hieraus keine sonderliche Beschwerlichkeit
sondern sagte wie sie bei dunckler NachtsZeit mir leichter Mühe hinunter in
einen der Gärten auch zu einer verborgenen Tür durch die Mauer kommen könnte
als zu welcher sie den Schlüssel schon vor Jahr und Tage hinweg practiciret
hätte so dann dürffte sie weder Wache noch nichts passieren sondern könnte so
wohl in die Stadt als in das freie Feld kommen Dieserwegen schöpffte ich
bessern Mut zumahlen mir der Jude schon die Schliche gewiesen wie und wo wir
uns bei nächtlicher Weile in die JudenStadt und in sein Haus practiciren
könnten
Der alte Sultan hatte zur selbigen Zeit wirklich einen sehr gefährlichen
Zufall welcher wohl mehrenteils von dem Alter herrühren mochte und ungeacht
er nachher noch etliche Jahre gelebt so war es uns beiden doch damals
ungemein vorteilhaft dass er itzo so gar schwach war weil dieserwegen so wohl
meine LandsMännin als ich etwas mehr Freiheit hatten Deswegen da ohnedem
die dunckelsten Nächte eingebrochen waren auch des Monden Licht zurücke blieb
hielten wir nicht vor ratsam unsere Sachen länger aufzuschieben sondern
wagten das äuserste Sie schrieb mir dass ich in einer bestimmten Nacht etwa
eine Stunde vor Mitternacht mich vor der bezeichneten verborgenen Pforte
außerhalb einfinden vorher aber aller Gelegenheit wohl erkundigen sollte um
ihre Ankunft dürffte ich nicht besorgt sondern versichert sein dass sie
accurat in der MitternachtsStunde die Pforte eröffnen bei mir sein und sich
von mir weiter führen lassen wollte
Da fing mir das Hertze abermals gewaltig zu klopffen an jedoch ich hatte
einen guten Säbel ein paar treffliche Pistolen und auch ein paar
TaschenPufferte schon im Vorrat angeschafft recognoscirte demnach binnen der
Zeit etliche mahl selbige Gegend und maass fast alle FußTritte ab wie ich aber
in der bestimmten Nacht kaum eine Stunde vor der verborgenen PfortenTür
gelauret hatte kam meine werteste LebensErretterin heraus getreten schloss
die Tür sachte hinter sich zu umarmte mich aus keuscher Liebe und sagte Gott
Lob so weit bin ich nun frei bat mich aber die StrickLeiter welche sie von
starken seidenen Schnüren seit etlichen Wochen her selbst zusammen gewürckt
und woran sie sich herunter gelassen hatte zu tragen Wir konnten teils vor
Freude teils vor Angst und Zittern wenig mit einander sprechen biss wir
endlich an den Ort kamen wohin ich den Juden bestellt hatte der uns endlich
durch einen beschwerlichen jedoch glücklichen Weg in sein Haus und in ein
solches Zimmer brachte wo zwischen 2 Wänden kaum eine Person geraumlich
sitzen man aber gar kein TagesLicht sehen konnte sondern wenn man sehen wollte
musste auch bei hellem Tage ein Licht darinnen angezündet werden Es waren auch
zu oberst nur einige schiefflauffende Löcher darinnen damit der Dampff und
Dunst heraus gehen konnte der Länge nach war endlich vor 3 Personen zum Liegen
Platz genug darinnen doch meine Landsmännin sagte Wenn ich allhier lange
verbleiben soll bin ich unfehlbar des Todes
Allein der Jude hatte seine Streiche klug genug gemacht und da binnen 3
Tagen weder HausSuchung geschahe noch sonst ein Rumor vorging ließ er uns
zuweilen etliche Stunden in einem NebenZimmer respiriren bestellete hierauf
den Englischen Kauffmann eines Abends zu uns welcher meiner so genannten
Schwester der ich alles vorher gesagt wie sie sich aufzuführen hätte mit
besonderer Höflichkeit begegnete und nochmals beteuerte dass er zu unserer
Befreiung alle Sorge und Mühe anwenden wollte allein wir müssten so wohl seiner
Affairen als unsers eigenen Bestens wegen noch einige Wochen Geduld haben
Das war ein übler Ton in den Ohren meiner Landsmännin jedoch was wollte
nunmehr bei der ganzen Sache besser helfen als Geduld und gute Hoffnung
Gleich darauf folgenden Tages fing der Jude an mit seiner Tinctur unsere
Gesichter zu verwandeln und machte dieselben binnen 24 Stunden dergestalt
schändlich dass wir einander selbst fast nicht mehr kannten versicherte jedoch
anbei dass es nichts schadete sondern nach der Zeit mit einem gewissen Spiritu
alles wieder abgewaschen und in die vorige Gestalt gebracht werden könnte Vor
alte SklavenKleider trug er auch Sorge uns selbige zu verschaffen als vor
welche wir ihm unsere guten Kleider gaben die er augenblicklich auseinander
schneiden und wohl verwahren ließ Demnach warteten wir in dieser abermahligen
Gefangenschaft auf die Stunde unserer Erlösung mit dem größten Schmerzen
erfuhren mitlerweile dass der Jude vor den Engelländer 4 Sklaven erkaufft sich
mit ihnen so wohl als mit dem Engelländer selbst zu dem Bassa begeben als
welches der oberste Minister des Kaysers ist und so wohl auf den Engelländer
und seine Waren als auch auf die 4 Sklaven und 4 MaulTiere einen freien
PassirZettel erlangt indem der Engelländer dem Bassa ein nicht geringes Præsent
gemacht
Nachdem wir also 6 Wochen und 4 Tage in des Juden Hause eingesperret
gewesen wurden wir endlich nebst noch 2 Sklaven heraus und in des Engelländers
Quartier geführet des Nachts packte man die 4 MaulTiere auf welche von uns
4 Sklaven sollten getrieben werden und früh Morgens mit anbrechendem Tage ging
die Reise fort so dass wir nach etlichen zurück gelegten TageReisen endlich
den Hafen Arzilla glücklich erreichten allwo andern Tages der Engelländer nebst
seinen übrigen Sachen auch eintraff und nach vorgezeigten PassirZettel uns 4
Sklaven mit den Waren einschiffen die MaulTiere verkauffen und den Juden
wieder zurück wandern ließ nachdem derselbe vor seine gehabte Mühe wohl
vergnügt worden Was dieser Jude mit den 2 übrig erkaufften Sklaven angefangen
weiß ich nicht wir aber danckten den Himmel dass er uns günstigen Wind
schenckte weswegen sich der Kauffmann nicht länger säumen wollte sondern die
Seegel aufziehen ließ demnach lieffen wir in wenig Tagen im Hafen zu Gibraltar
ein
Wie erfreut meine LandsMännin und ich über unsere nunmehr völlig erlangte
Freiheit waren solches ist nicht wohl auszusprechen unser Erretter der
Englische Kauffmann wurde nicht allein mit allen ersinnlichsten Danck und
LobSprüchen belegt sondern wir wollten ihn auch unsere Danckbarkeit mit baaren
Gelde zeigen allein er weigerte sich selbiges anzunehmen doch ließ er sich
endlich zum freundlichen Angedencken 2 ziemlich kostbare Kleinodien von uns
fast aufzwingen
Nunmehr waren wir bemüht nachdem wir unsere Kiste von dem Kauffmanne
zurück erhalten uns wiederum ordentliche Kleider anzuschaffen auch unsere
Gesichter und Hände von der schändlichen Farbe die uns aber vor dieses mahl
gute Dienste getan hatte zu reinigen Dieses letztere machte uns wohl 3 biss
4 Tage die allergröste Mühe deñ anfänglich wollte weder Spiritus Wasser Lauge
und Seiffe etwas davon hinweg nehmen weswegen wir glaubten Zeit Lebens gelbe
Mohren zu verbleiben allein endlich fing sich fast das ganze Oberhäutlein von
unsern Gesichtern und Händen abzuscheelen an und binnen 3 Wochen war alles
dergestalt reine worden dass wir wieder aussahen wie vorher Mittlerweile
traffen wir in Gibraltar zwar verschiedene Holländer an konnten aber von ihnen
allen eben so wenig als in Mequinez erfahren ob meiner LandsMännin EheMann
und denn mein leiblicher Vater noch außerhalb oder in ihr VaterLand zurück
gekommen waren deswegen weil unser Engelländer gesonnen war wenigstens noch
3 oder 4 Monat in Gibraltar zu verbleiben hielten wir vor das ratsamste uns
nach einem andern Schiffe umzutun welches nach Engel oder Holland seegelte
denn was hatten wir in Gibraltar zu schaffen
Zwar fanden wir in dieser Vestung bei verschiedenen vornehmen Leuten die
nur unsere Geschicht anzuhören uns zu sich einladen ließ manchen vergnügten
Zeitvertreib allein die Sehnsucht die so wohl meine Landsmännin nach den
Ihrigen und ich nach den Meinigen hatte verursachte dass wir täglich Mittel
suchten unsere Abreise zu beschleunigen und es gereichte zu unsern größten
Freuden da ein von Genua zurück kommender Holländer sich einige Tage im Hafen
vor Gibraltar aufzuhalten genötigt fand weswegen ich so gleich zu ihm eilete
und so viel von ihm erlangete dass er uns beide mit nach Amsterdamm zu nehmen
versprach Indem er nun kein Zauderer war sondern seine Sachen aufs eiligste
ausrichtete bekamen wir bald die angenehme Nachricht dass, wenn wir mit nach
Holland wollten keine Zeit übrig sei sich einzuschiffen deswegen nahmen wir
von unsern EngelsManne der uns so redlich aus der Barbarei geführet hatte
zärtlichen Abschied beurlaubten uns bei andern guten Gönnern und vornehmen
Personen welche uns nicht allein viel Proviant sondern auch andere
Kostbarkeiten mit auf die Reise verehreten und gingen mit großen Freuden unter
Seegel
So bald wir die Straße passiret und die fürchterlichen Barbarischen Küsten
nicht mehr zu sehen waren fing meine werteste Landsmännin erstlich an recht
lebhaftig zu werden alle ihre RedensArten waren nicht allein weit lustiger
als sonsten sondern auf ihren Wangen kam Blut und Milch in artiger Vermischung
zum Vorscheine die Rosen auf ihren Lippen aber blüheten vollkommen denn sie
hoffte nun bald den Hafen ihres Vergnügens zu finden wurde aber doch in etwas
verdrießlich da sich der Patron des Schiffs verlauten ließ er müsste in dem
Hafen zu Lissabon einlauffen und daselbst erstlich noch eine bestellte starke
Ladung einnehmen Jedoch auf mein Zureden dass da wir nämlich seitero in der
größten Gefährlichkeit so viel Geduld gehabt wir dieselbe nunmehr in guter
Sicherheit auch nicht gänzlich fahren lassen müssten gab sie sich zufrieden
und so bald wir im Hafen zu Lissabon angelanget ließ sie es sich gefallen auch
mit den Boot überzugehen und diese Betrachtens würdige Stadt in Augenschein zu
nehmen denn es præsentirte sich dieselbe von außen dergestalt prächtig dass
man glauben konnte wie sie inwendig ebenfalls nicht elend beschaffen sein müsste
Weil es nun eben ein sehr angenehmes Wetter war und unser Patron sagte dass wir
aufs wenigste binnen 14 Tagen oder 3 Wochen nicht von dannen seegeln würden
nahm ich einen Führer an welcher meiner Landsmännin und mir die
HauptMerckwürdigkeiten zeigen sollte brachten auch die Zeit vom Morgen biss
Abend damit zu doch weil ihr das Gehen beschwerlicher als die Betrachtung der
Curiosäten fallen wollte nahmen wir in folgenden Tagen eine Chaise um die
allzuweit abgelegenen Merckwürdigkeiten zu besichtigen Indem wir um eines Tages
auf einem großen Platze stille hielten um eine daselbst aufgerichtete kostbare
BildSäule in genauen Augenschein zu nehmen indem sich bereits viele Personen
die wie Ausländer aussahen dabei befanden vermerckte ich dass eine
MannsPerson von näher 30 Jahren beständig ihre Augen auf meine Landsmännin
gerichtet hatte auch da sie die besonderen Figuren und Inscriptiones rings um
die BildSäule herum betrachtete ihr immer ex opposito blieb bald blass bald
rot wurde etliche mahl mit dem Kopffe schüttelte und sonsten viele andere
Zeichen der Verwunderung von sich gab Meine Landsmännin wurde nichts davon
gewahr jedoch da ich sah dass sich dieser Curiosus etliche Schritte
entfernete und mit einem andern der ebenfals so ein gelblich Kleid wie er
anhatte in einen vertraulichen Discours eingelassen beide aber sich öfters
nach meiner Landsmännin umsahn drehete ich mich nach und nach an ihre Seite
und sagte ihr ins Ohr Madame seht jene beiden GelbRöcke sprechen von
niemand anders als von euch wenn ich wahrsagen soll so ist wenigstens dem
einen eure Person bekandt Meine Landsmännin ergriff mich bei der Hand mit den
Worten Kommet mein Freund wenn ich sie gleich nicht kenne so werden wir doch
vielleicht merken oder erfahren können ob es welche von unsern LandsLeuten
sind Ich führte sie gerades Wegs auf beide Personen zu weilen unser Wagen in
der Gegend stund da wir aber noch etwan 30 Schritte von ihnen waren dreheten
sie sich erstlich beide uns entgegen machten hernach lincks um und gingen
etliche Schritte weiter nahe an den Wagen von welchem sie nicht wussten dass er
unser war Meine Landsmännin druckte mir die Hand und sagte Ich bin fast aus
mir selbst denn alle beide sind mir sehr wohl bekandt der alte etliche 50
jährige heißt Kornelius Dostart der jüngere aber welcher meines Vaters
LadenDiener gewesen Jan Pancratius Rackhuysen Sie haben mir beide Verdruss
genung verursacht und eben deswegen haben die Schelmen kein gut Gewissen sich
zu erkennen zu geben So wollen wir versetzte ich hierauf ihnen zum Tort auf
sie zugehen und fragen ob sie nicht Holländer wären denn wir sollten sie fast
kennen
Mir geschicht antwortete meine Dame hiermit eben kein besonderer Verdruss
denn ich kann auch wohl mit meinen Feinden sprechen Demnach führte ich sie
erstlich seitwarts vor den beiden Holländern die noch immer in ernstlichen
Gespräch begriffen waren vorbei drehete mich aber mit ihr kurtz um so dass
wir sie beide jählings im Angesichte hatten Der jüngste schlug die Augen itzo
nieder ungeachtet er meine Landsmännin kurtz vorher bei der BildSäule mit
größter Verwunderung betrachtet hatte Der ältere aber welchen ich hatte
Dostart nennen hören ging meiner Landsmännin entgegen und sagte mit
bestürtzten Minen Madame wie soll ich dencken sind sie des Herrn Bredals
Tochter oder derselben Geist Meine Landsmännin stellte sich ganz aufgeräumt
an und antwortete Man sieht bald dass ich kein Geist bin indem ich Fleisch
und Bein habe auch den Herrn Dostart so wohl als Mons Rackhuysen annoch besser
kenne als mich dieser letztere kennen will ungeacht wir doch wohl länger als
6 Jahr an einem Tische gespeist haben Madame gab dieser letztere darauf sie
vergeben mir dass ich vor Verwunderung über das besondere Glück dieselben
allhier vergnügt anzutreffen ganz aus mir selbst gesetzt bin und mich nicht
so gleich fassen kann Es ist nichts ungewöhnliches replicirte die Dame dass
Menschen in der Fremde Berg und Tal aber desto seltener zusammen kommen
allein können sie mir nicht sagen ob meine Eltern noch leben und ob mein
Liebster wieder aus der Sklaverei zurück nach Leuwarden gekommen ist Nein
Madame gab Rackhuysen zur Antwort davon kann ich keine Nachricht geben weil
ich bereits über drittehalb Jahr aus Holland abwesend und nur vor etlichen
Tagen aus OstIndien biss hieher gekommen bin Herr Dostart aber wird ihnen
vielleicht die Wahrheit sagen können weilen er nur vor wenig Wochen von
Leuwarden abgegangen Sie wandten hierauf ihre Augen auf den alten Dostart
welcher sie nachdem er mir ein höflich Kompliment gemacht etliche Schritte von
uns hinweg und einen ziemlich langen heimlichen Discours mit ihr führte
Mitlerweile sprach Rackhuysen zu mir Monsieur sie werden vielleicht ein
Befreundter von dieser Dame sein Nein mein Herr gab ich zur Antwort ich habe
sie sonsten in Holland niemals gesehen denn ich bin von Antwerpen sie aber
von Leuwarden gebürtig doch mache mir das größte Vergnügen daraus dass sie
durch meine schlechte Person listiger Weise aus der Barbarischen Sklaverei und
so gar aus des Maroccanischen Kaysers Mulei Ismaëls Seraglio befreit worden
Das gestehe ich war seine Verwunderungsvolle GegenRede worauf er eine lange
Zeit in tieffen Gedanken stehen blieb endlich aber noch ein und anderes von
mir ausfragen wollte allein ich drehete das Gespräch auf eine listige Art
herum und fragte selbst nach seinem Wesen und was ihm auf der OstIndischen
Reise besonders vorgefallen wäre worauf denn zu antworten er mir nicht wohl
abschlagen konnte biss endlich die Dame und Dostart wieder zu uns kamen Ich
hatte unter der Zeit meine Augen offtermahls nach der Dame gewendet und
angemerckt dass sie zu verschiedenen mahlen die Hände gen Himmel gehoben
gefalten und gerungen auch sonsten allerhand klägliche Stellungen gemacht
deswegen nahm es mich kein Wunder dass da sie wieder zu mir kam sehr
wehmütig aussah und zu mir nur so viel sagte Mein Herr und Freund die Hitze
ist zu groß lasset uns zurück in unser Quartier fahren diese beiden Herren
werden wo es ihnen gefällig uns morgen auf einen Kaffée zusprechen denn ich
habe dem Herrn Dostart schon gesagt wo wir logiren Alles zu Dero Diensten
antwortete ich machte den beiden Herrn mein Kopliment und nötigte sie auch
nochmals hub die Dame in den Wagen setzte mich neben sie und befahl dem
Kutscher nach unserm Logis zu fahren
Unterwegs klagte sie über KopfSchmerzen redete sonsten wenig so bald
wir aber in unser Logis kamen legte sie sich gleich im Kabinet mit den Kleidern
auf ihr Bette weigerte sich etwas zu essen sondern bat nur um ein paar
Schälchen Kaffée Ich ging selbst hin selbigen desto hurtiger fertig zu
schaffen und sie mittlerweile ein wenig ruhen und abkühlen zu lassen denn es
war wirklich ein sehr heißer Tag Als ich aber mit dem Kaffée kam welchen ihr
schon in Gibraltar angenommenes Holländisches AuswarteMägdgen trug sich aber
gleich wieder fort machte und ich meine werteste Landsmännin heftig weinend
antraff konnte ich mich nicht enthalten aus besonderen Mitleiden zu fragen
Madame ist mir erlaubt nach der Ursache Dero heftigen Betrübnisses zu fragen
so bitte dabei mir selbige zu entdecken kann ich Ihnen gleich nicht vollkommen
helfen so ist doch vielleicht ein guter Rat und Trost nicht gänzlich zu
verwerffen Ach mein werter van Blac sagte sie ich bin und bleibe eine
unglückselige Person auf dieser Welt Der Himmel hat geholffen dass meine Ehre
Leben und Gesundheit in und aus der Barbarei glücklich erhalten und errettet
worden allein in meinem Vaterlande werde ich vielleicht alles mit einander
einbüßen müssen Das wollte der Himmel nicht replicirte ich wie kommen Sie auf
solche Gedanken Ach verfolgte sie ihre Rede meine alten Eltern sind beide
gestorben Mein Mann hat schon seit einem Jahre wieder geheiratet und zwar
eine solche Person mit welcher er von vielen Jahren her ein geheimes
LiebesVerständnis gehabt sich auch verlauten lassen dass er mich nicht wieder
annehmen wollte und wenn ich auch ein ganzes OrlogsSchiff voll Diamanten
Perlen und GoldKlumpen mitbrächte weil ihm eine von den Barbarn geschändete
Person kein Vergnügen geben könnte Aber o du gerechter Himmel du allein weist
meine Unschuld und Ehre und hast dieselbe wunderbar auch unter den Barbarn zu
erhalten gewust bist auch der beste Zeuge dass ich Zeit meines Lebens mit
niemanden als mit meinem EheManne mich fleischlich vermischet habe
Unter diesen letztern Worten schossen die Tränen dergestalt häuffig aus
ihren Augen dass sie gar nicht mehr zu reden vermögend war Ich ließ den ersten
Sturtz vorbei stellte ihr nachher vor dass man ja sich nicht so gleich an die
erste fliegende Rede kehren müsste vielleicht wäre das meiste davon unwahr und
ihr Mann der sie ehedem so sehr geliebt würde vielleicht wenn er sie nur
erstlich wieder gesehen auch ihre Geschichte und Kontestationes angehöret
ganz andere Gedanken kriegen Durch diese und andere RedensArten schien sie
sich ein klein wenig zu besänftigen tranck auch ein paar Schälchen Kaffée und
sagte hernach Ich kenne meines Mannes Gemüte am besten zumahlen er nunmehr
diejenige Person im EheBette hat die er vor mir längst gern hinein haben
wollen Aber ich bitte sehr Mons van Blac lasset mich ein paar Stunden ruhen
und schlaffet ihr selbst diesen Abend will ich mich mit euch an den Tisch
setzen und meine ganze Geschicht erzählen denn weil ich weiß dass ihr mir
niemals im geringsten lasterhaft sondern jederzeit redlich und getreu
begegnet habt so kann ich euch auch wohl mein ganzes Hertze offenbaren damit
ihr ein Licht in der Sache bekommet wisst aber dass Morgen früh um 9 Uhr
Dostart sich eine ganz geheime Visite bei mir und sonderlich dabei ausgebeten
hat euch ein paar Stunden auf die Seite zu schaffen allein das ist mein Wille
nicht sondern ich will euch in diesem Kabinet die Zeit über verschlossen
halten damit ihr alle seine Reden mit anhören könnt
Ich küsste ihr hierauf die Hand verschloss das Kabinet und legte mich
haussen in der Stube hinter einer Spanischen Wand auf meinem Bette auch ein
wenig zur Ruhe Allein an statt des Schlaffs stiegen mir allerhand Gedanken in
den Kopf denn ich gedachte Wenn der eigensinnige Mann in Leuwarden seine Frau
nicht wieder haben wollte sollte das nicht ein schönes Fütterchen vor mich werden
können, denn sie war in Wahrheit ein ungemein schönes Bild und mit Recht eine
von den allerschönsten Frauen in ganz Holland zu nennen wie ich mich denn
gleich anfänglich so bald ihr Portrait empfing noch mehr aber da ich das
Original selbst sah sterblich in sie verliebte allein ihre strenge Tugend
Gottesfurcht und Frömmigkeit nebst unsern gefährlichen Umständen hatten mich
bisher beständig abgehalten das geringste von dem in meiner Brust verborgenen
Feuer merken zu lassen hergegen hatte ich ihr jederzeit mit der sittsamsten
Aufrichtigkeit und Treue begegnet Kurtz da sie seit unserer ersteren
Bekanntschaft und Umgangs an nicht die geringste geile oder leichtfertige
Mine sondern die größten Zeichen der Keuschheit von sich blicken lassen so
ahmete ich ihr in allen Stücken nach und unterdrückte die mir zuweilen
aufsteigenden Affecten nicht so wohl aus Blödigkeit sondern vielmehr aus
besonderer Hochachtung vor eine solche tugendhafte Seele welches mich denn in
solchen Kredit bei ihr setzte dass sie öfters jedoch in ihren Kleidern wie
schon in Mequinez im JudenHause geschehen ganz ruhig und sicher an meiner
Seite schlieff Dieses alles wie schon gemeldet kam mir auf einmal in die
Gedanken nachher aber wusste ich nicht ob ich wünschen möchte dass sie von
ihrem Manne wieder angenommen oder verstoßen und mir zu Teile werden sollte
Solchergestalt blieb mein vorgenommener Schlaff ganz außen es stelleten sich
aber dagegen die Annehmlichkeiten meiner schönen Landsmännin immer mehr und mehr
vor meine Augen so dass ich biss auf den höchsten Grad verliebt in sie wurde
und weiter an nichts anders gedachte biss sie endlich ihr Kabinet eröffnete
durch die Stube hinweg ging und das AufwarteMädgen ruffte welches sich aber
auch in einem ganz kleinen Kabinet ein wenig zur Ruhe gelegt hatte und so
gleich zum Vorscheine kam
Ich stund ebenfalls gleich auf und fragte Wie sie sich befände und ob
sie wohl geschlaffen hätte Es ist antwortete sie kein Schlaff in meine Augen
gekommen sondern ich habe nur meinem zukünftigen Schicksale beständig entgegen
gedacht jedoch letztlich alles der Fügung des Himmels anheim gestellt und
mich gefasst gemacht alles Unglück mit der größten Gelassenheit zu ertragen
wenn ich nur bleiben kann wo Christen sein um mich mir Gottes Wort und dem
Rate guter Freunde zu trösten
Dieses ist eine Resolution versetzte ich welche nur bloß allein
tugendhafte Seelen so wie die Ihrige beschaffen ist ergreiffen können
bleiben Sie dabei und lassen im übrigen den Himmel walten Allein was ist zu
Dero Diensten denn ich habe gehört dass sie der Magd geruffen Nichts weiter
replicirte sie als dass sie auf die Apoteque gehen und mir ein HertzPulver
holen soll denn ich weiß nicht wie es kommt dass ich so gar mattertzig bin
Ich bat mir sogleich aus diesen Dienst selbst zu verrichten und etwas zu
bringen wodurch der Leib wiederum gestärckt und das Gemüte aufgeräumt gemacht
wurde zohe auch gleich meinen OberRock an und ließ mich durch sie nicht an
meinem hurtigen Fortgehen verhindern Bei der Wirtin bestellete ich erstlich
eine delicate AbendMahlzeit nebst ein paar Bouteillen des allerbesten Weins
hernach ging ich auf die Apotecke ließ ein herrliches Kordial auf ihren
Zustand gerichtet zurechte machen und brachte es so hurtig als möglich
zurück
Ihr seid allzu dienstfertig Mons van Blac sagte sie hierzu nachdem sie
einige Löffel voll davon zu sich genommen und es kräfftig befunden hatte und
wenn es noch so lange währen sollte als es gewähret hat dürffte mein ganzes
Vermögen nicht zureichen euch eure Liebe und Treue zu belohnen Die letztern
wenigen Worte machten dass mir die Tränen in die Augen stiegen weswegen ich
mich an ein Fenster wandte um den Affect nicht merken zu lassen konnte auch
kaum mehr als so viel Worte vorbringen Madame ich verlange keine Vergeltung
von Geld und Gut sondern bin vergnügt wenn sie nur bei dem Glauben bleiben
dass ich redlich bin Sie mochte etwas an mir merken deswegen nahm sie noch
ein wenig von dem Kordial und begab sich stillschweigend wieder in ihr Kabinet
ich aber besann mich und sah nach der Küche ging eine Zeitlang im nahe daran
liegenden Garten spazieren herum und verirrete mich dergestalt tieff in meinen
Gedanken dass ich mich nicht heraus finden konnte biss mich endlich die Wirtin
ruffte und fragte ob sie das Essen auftragen sollte Ich befahl ihr nicht
damit zu säumen weil wir heute wenig genossen ging hinauf und fand meine
Landsmännin in der Stube herum gehend dem Scheine nach ziemlich wohl disponi
rt es gefiel ihr auch dass ich einige gute Tractamenten hatte zurichten lassen
indem sie alle mit Appetit versuchte
Wie sauer es aber ihr vielleicht nur meinetwegen werden mochte ihre
Bekümmernis zu verbergen so schwer kam es mir auch an meine Affecten zu
unterdrücken allein da wir erstlich eine Bouteille von dem vortrefflichsten
Weine getruncken öffnete sich der Mund auf beiden Seiten einiger maßen jedoch
redeten wir von ganz indifferenten Sachen biss sie endlich nachdem alles
abgetragen und das Mädgen zur Ruhe gegangen war von selber anfing und
sagte Mons van Blac ich habe euch heute etwas zu erzählen versprochen
deswegen hört an die
LebensGeschicht der unglücklichen Charlotte Sophie van Bredal
Ich bin unter 11 Kindern meiner Eltern das jüngste und deren erste und letzte
Tochter denn meine Vorgänger sind lauter Söhne gewesen deren ich bei meiner
Abreise noch 8 lebendig gesehen Mein Vater trieb zwar die Handlung, hatte aber
wenig Mittel weswegen er alles sehr genau einfädeln musste denn bei einer
solchen starken Familie wurden wie leicht zu erachten auch starke Ausgaben
erfodert zumahlen da sich kein einziger von meinen Brüdern zur Handlung
appliciren sondern ein jeder viel lieber ein Handwerck lernen wollte weswegen
mein Vater fremder Leute Kinder zu Jungen und HandelsDienern annehmen musste
Ich will mich aber hiebei nicht lange aufhalten sondern nur von meiner eigenen
Person erwähnen dass da ich kaum das 13te Jahr erreichte mich einige Leute vor
schön ausgeben wollten dannenhero fanden sich fast täglich nicht nur die Söhne
der reichsten KauffLeute sondern auch weit Vornehmere bei meinen Brüdern ein
um zu schauen ob bei mir etwas schönes anzutreffen wäre Ich weiß nicht was
dieser oder jener gefunden doch bekam ich bald von diesem bald von jenem
nicht nur die verliebtesten Briefe sondern auch verschiedene Galanterie
Waren
Ich armes Kind wusste gar nicht was dieses zu bedeuten haben sollte klagete
es deswegen meiner Mutter und zeigete ihr alles offenhertzig welche darzu
lächelte und sagte Meine Tochter zerreiss die NarrenBriefe die Geschenke
aber kanst du als ein Andencken aufheben damit es die Personen so sie dir
geschickt nicht vor einen Hochmut auslegen inzwischen entziehe dich ihrer
aller Gesellschaft so viel du kanst und mache dich mit niemanden familiair
er sei so reich als er immer wolle
Ich folgte meiner Mutter Lehren kam aber bald in das Geschrei als ob ich
mir auf meinen Spiegel etwas einbildete und gewaltig eigensinnig wäre Dem
ungeacht gaben sich die reichsten und vornehmsten Junggesellen viele Mühe sich
in meine Gunst zu setzen allein ich fühlete damals in meinem Hertzen noch
nicht den geringsten Trieb zur Liebe ob schon mein 15tes LebensJahr bei nahe
verstrichen war Wie man mich aber um selbige Zeit schon vor mannbar halten
wollte so meldete sich eben dieser bereits ziemlich bejahrte Kauffmann Dostart
bei meinem Vater und hielt um mich an Mein Vater mochte zwar wohl den großen
Unterscheid unserer Jahre betrachtet haben indem ich die 1 vor der 5 er
dieselbe aber bereits hinter derselben hatte weil er aber ein sehr wohl
bemittelter Mann auch ohne Kinder und andere Erben war so wurde mir gar bald
angetragen denselben zu meinem künftigen EheManne zu erwählen
Ich hätte des Todes sein mögen über diese Anmutung indem ich mich selbst
noch ein Kind zu sein schätzte wurde aber um so viel desto mehr bestürtzt da
meine Mutter selbst dieses Seil mit zu ziehen anfing und mir nicht allein zu
dieser Heirat riet sondern auch die besten Lehren gab wie ich mich künftig
hin im EheStande zu verhalten hätte Bei so gestalten Sachen aber war meine
erste Ausrede dass ich mich als ein Kind noch unmöglich zum Heiraten resolviren
könnte sollte es aber ja mit der Zeit einmal geschehen so würde ich gewiss meine
Freiheit nicht an einen solchen alten eigensinnigen Mann verkauffen denn es
fänden sich ja wohl noch jüngere und geschickte MannsPersonen ob sie gleich
nicht so viel Mittel hätten als der alte Dostart Das redete ich so in meiner
Einfalt aus aufrichtigen Hertzen her da ich aber auf meiner Eltern ferneres
Vorstellen und Zureden immer bei dieser Meinung blieb wurde mein Vater endlich
gestrenger gab mir auch Dostarts wegen einmal wirklich ein paar Ohrfeigen
wodurch sich denn die Liebe um so viel weniger wollte aufwecken lassen hergegen
ein würcklicher Hass bei mir gegen diesen Mann erwuchs Bei dem allen aber
ließ meine Eltern nicht ab mir die Lust zum Heiraten und sonderlich zu
diesem eckelhaften Manne einzuflößen welchen letztern ich aber durchaus nicht
leiden konnte weswegen mein Vater endlich Mine machte mich mit Gewalt zu dieser
widerwärtigen Heirat zu zwingen Viele Leute hatten Mitleiden mit mir da die
Sache Stadtkündig wurde eines Tages aber da ich mit zweien von meinen Brüdern
von einer Befreundin in ihren Garten eingeladen war fand sich unter andern
jungen Leuten beiderlei Geschlechts welche um die Lust vollkommen zu machen
Musik bestellt hatten auch eines Kauffmanns Sohn dabei ein den ich zwar
öfters von ferne gesehen aber ZeitLebens noch kein Wort mit ihm gesprochen
hatte Er hieß Emanuel van Steen war sehr wohl gebildet und gut gewachsen
voritzo aber zeigte sein ganzes Wesen etwas melancholisches an denn er machte
sich gar kein Vergnügen aus der Musik sondern ließ die andern schertzen und
tantzen kam also mit meinem Humeur vollkommen überein denn ich konnte diesen
Tag ohnmöglich lustig sein Um aber von der lustigen Kompagnie die so wohl ihn
als mich zum öffteren vexirte abzukommen ging er auf jene Seite des Gartens
weit davon spatziren herum ich aber ging mit einem alten Befreundten auf
dieser Seite und redete von verschiedenen Sachen mit demselben biss endlich
meine Befreundtin den van Steen an der Hand zu mir geführet brachte und sagte
Ich kann kein besser Werck stifften als wenn ich jene bei ihrer Lust lasse und
diese beiden Missvergnügten zusammen bringe vielleicht kann eins das andere
trösten Demnach brachte sie uns zusamen in eine grüne Laube blieb erstlich
eine Weile da ging aber unter dem Vorwande einiger Verrichtungen hinweg und
ließ mich mit dem van Steen ganz alleine sitzen Dieser fing unter
niedergeschlagenen Augen zu sprechen an Mademoiselle warum nehmen dann sie
keinen Teil an den Lustbarkeiten bei der Musik Monsieur antwortete ich mir
ist selber nicht bewust warum ich heute keinen Appetit zu dergleichen
Lustbarkeiten habe da ich doch sonst keine Verächterin sondern vielmehr eine
große Liebhaberin der Musik bin Ich wollte sagte er weiter die Ursach dessen
wohl erraten kann aber versichern dass derjenige Kummer welcher Sie mich
gedoppelt quälet Ich wüste eben nicht versetzte ich was mich vor ein
besonderer Kummer quälete Ich weiß es aber wohl versetzte er bitte nur meine
Frei mütigkeit nicht im üblen zu vermercken wenn ich sage dass wohl nichts
anders als die verdrüssliche Heirat welche sie gezwungener Weise mit dem
Dostart eingehen sollen Schuld daran ist deswegen laboriren wir an einer
Kranckheit und zwar ich gedoppelt weilen diejenige Person welche ich mir
ausersehen nunmehr schon in eines andern Armen liegt und ich von meinen
Eltern ebenfalls so wie sie bestürmet werde eine zwar reiche aber desto
hässlichere EheGattin zu erwählen
Wie nun ich mich ziemlich bei diesen Reden betroffen fand so konnte nicht
gleich mit einer geschickten Antwort fertig werden weswegen er nochmals zu
fragen anfing Habe ich nicht Recht Mademoiselle dass wir beide fast einerlei
Schicksal haben Mein Herr gab ich zur Antwort meine Not haben sie wohl
erraten weil dieselbe kein Geheimnis mehr ist wiewohl es soll mich keine
menschliche Gewalt zu einer widerwärtigen Heirat zwingen von ihren Affairen
aber habe nicht die geringste Wissenschaft Er fing hierauf an mir eine
weitläufftige Erzählung von seiner LiebesGeschicht mit der Helena Leards zu
machen welche ich aber nur kurtz fassen und so viel davon melden will dass er
dieselbe ob sie gleich nicht sonderlich schön von Gesicht jedoch eines
lebhaften Geistes und sonst guter Gestalt vor andern Frauenzimmer geliebt
auch Hoffnung bekommen hätte von ihr keinen Korb zu erhalten allein die
Eltern auf beiden Seiten hätten in diese Heirat nicht willigen wollen und also
wäre Helena vor wenig Wochen an einen Procurator verheiratet worden Er
hingegen sollte bloß nach dem Willen seiner Eltern die Katarina van Nerding
heiraten welche ihm doch so stark zuwider wäre als der blasse Tod
Indem wir nun meine Befreundtin von ferne auf uns zukommen sahen brach er
seinen ferneren Gespräche ab und sagte nur noch dieses Mademoiselle die dritte
Ursache meiner heutigen Unruhe will ich ihnen wo es mir erlaubt ist Morgen
schrifftlich melden denn ich mercke dass wenig Gelegenheit heute sein wird
unsern Discours fortzuführen Ich konnte hierauf nicht antworten weilen nicht
allein meine Befreundtin sondern auch andere von der Kompagnie schon so nahe da
waren und zu nötigen nicht abliessen biss wir mit ihnen zur andern
Gesellschaft gingen welche das Tantzen bereits eingestellet hatte und nur
einer angenehmen Musik zuhörete wobei einige Arien gesungen wurden Mit
anbrechender Demmerung machte ich den Aufbruch konnte aber dem van Steen nicht
abschlagen mich in Begleitung meiner Brüder nach Hause zu führen welche ihn
auf morgenden Tag zu sich in unser Haus nötigten weilen ohnedem unsere Eltern
zu einem HochzeitSchmause fahren wollten Van Steen stellte sich versprochener
maßen um gehörige Zeit ein meine Brüder hatten unter sich und vor die darzu
erbetenen Gäste ein LustSpiel angestellet ehe sich aber van Steen in selbiges
einließ passete er die Gelegenheit ab mir einen Brief in die Hände zu practici
ren dessen Inhalt dieser war wie er als ein vollkommener aufrichtiger Mensch
zwar nicht leugnen könnte dass er seit wenig Jahren seine Augen auf die Helena
geworffen allein es wäre dieses zu einer solchen Zeit geschehen da er nicht
gewust dass meine Gestalt und ganzes Wesen seinen Schreiben nach weit
angenehmer vollkommener und Liebenswürdiger sei als der Helenæ Hierbei tat
er mir einen förmlichen LiebesAntrag und versicherte daferne ich mich wollte
erbitten und bewegen lassen statt des alten Dostarts ihn den van Steen zum
Liebsten anzunehmen er es mit guter Manier und Beihülffe meiner eigenen Eltern
in kurzen dahin bringen wollte dass wir ein paar EheLeute würden Anderer
beigefügten Schweicheleien oder verliebten Torheiten zu geschweigen will nur
dieses berühren dass er einen starken EydSchwur angehängt habe wie er nicht
gesonnen mich hinter das Licht zu führen sondern lauter redliche Absichten
hätte indem er gestern gleich auf das erste mahl als er mich gesehen die
Helena ganz vergessen und nach fernerweit eingezogener Kundschaft wegen
meiner Aufführung vollkommen in mich verliebt worden
Er war wie schon gemeldet ein schöner artiger und wohl conduisirter
Mensch von außen anzusehen darum fühlete ich von Stund an in meinem Hertzen
viele zärtliche Regungen gegen ihm so bald er dessen vergewissert war addressi
rte er sich an meine Eltern und da er noch mehr Vermögen als der alte Dostart
zu hoffen sein Vater auch ohnverhofft mit dem alten van Nerding zerfiel und
dieser mein Liebhaber Emanuel bei solcher Gelegenheit zu verstehen gegeben
dass er nunmehr keine andere als mich zur Ehe haben wiedrigenfals in die weite
Welt gehen und nimmermehr wieder kommen wollte wurden seine und meine Eltern
mit einander einig wir mit einander versprochen und der alte Dostart bekam den
Korb unter dem Vorwande dass ich ihn so wenig lieben als mich mein Vater darzu
zwingen könnte
Inmittelst war unser HochzeitFest noch auf etliche Wochen hinaus geschoben
mein Bräutigam hatte öfters Gelegenheit etliche Stunden ganz alleine bei mir
zu sein deswegen begunte er immer dreuster zu werden mutete mir auch solche
Dinge zu von welchen ich zu der Zeit noch ganz und gar keine Wissenschaft
hatte Wenn ich ihm nun dieserwegen eine einzige scheele Mine machte kam er
zuweilen in 8 Tagen nicht wieder so lange biss ihm etwa der Rummel vergangen
war hernach stellte er sich aber desto freundlicher tat jedoch immer neue
Ansuchung ihm seinen lasterhaften Willen zu erfüllen welches jedoch von mir
durchaus nicht zu erlangen war denn bei so gestalten Sachen kehrete ich mich
wenig an sein Kommen und Hinweggehen hätte auch fast lieber gesehen er wäre
gar nicht wieder gekommen Mittlerweile nahete unser bestimmter HochzeitTag
heran mein Bräutigam war 8 Tage seinem Sagen nach verreiset gewesen kam
aber des zweiten Abends vorher wieder zu Hause und in meines Vaters Haus da
eben mein Vater ein paar gute Freunde bei sich hatte und mit ihnen in der
Charte spielete Nachdem mich nun mein Schatz vielleicht aus falschen Hertzen
ein wenig becomplimentiret ließ er sich mit ins Spiel ein bat sich aber aus
dass ich auch neben ihn sitzen und seine Kassa führen möchte Auf Befehl meines
Vaters gehorsamete ich er spielete biss ungefähr halb 12 Uhr mit Lust hernach
zohe er seine Uhr heraus wurde auf einmal verdrießlich und sagte dass es
nunmehr Zeit wäre nach Hause zu gehen indem er sehr müde von der Reise sei
Ich vermerckte dass er mit der Uhr ein Billet heraus zog und selbiges ohne sein
Vermercken auf den Boden fallen ließ weswegen ich mein SchnupffTuch darauf
warff und beides zugleich aufnahm Mein Schatz wurde dieses nicht gewahr
sondern eilete hurtig fort ich aber verfügte mich auch geschwind in meine
SchlaffKammer wickelte das versiegelt gewesene Billet auf und fand darinnen
folgende Worte welche ich auswendig gerlernt auch nimmermehr vergessen werde
Mein Allerliebster
Vier Nächte habt ihr zu meinem größten Vergnügen bei mir zugebracht aber wo
dann die 3 darauf folgenden Bei eurer Liebsten nicht das weiß ich gewiss und
wollte wohl erraten wo sonsten Allein ich will voritzo die Liebe mehr als die
Eifersucht über mich herrschen lassen und bitten dass ihr mir die Gefälligkeit
erzeiget und puncto 12 Uhr zu mir kommt denn die Tür ist offen und alles
wohl bestellt weil mein Wiedersacher wenigstens in 3 Tagen nicht wieder
kommt Vergnüget nur mich und das was ihr mir unter das Hertze verschafft
habt diese Nacht noch einmal zu guter letzte weil ich doch wohl glaube dass
ihr nachher von eurer Liebste nicht viel werdet abkommen können Setzet dem
Stöhrer unseres Vergnügens noch ein rechtschaffenes Horn auf ehe ihr selbst in
die Sklaverei geratet welche ich so wohl als mein eigenes Schicksal täglich
beweine denn ihr wisst dass ich bin einmal wie immer
Eure
Getreue
Wiewohl ich nun von LiebesIntriquen wenige oder gar keine Wissenschaft
hatte so verursachte mir doch dieses Schreiben ein schmertzhaftes Nachsinnen
da es aber schon ziemlich späte legte ich mich gleich zu Bette und war
erstlich so glücklich dass mir ein baldiger süßer Schlaff die unruhigen
Gedanken vertrieb hernach so unglücklich dass die Hand einer MannsPerson zum
ersten mahle meine Brust begriff worauf so gleich ein Kuss folgte Ich fuhr so
gleich in die Höhe u fing an zu schreien konnte aber vor Angst keinen lauten
Ton von mir geben Indem nahm mich jemand bei der Hand u sagte Um Gottes
willen Mademoiselle schreien sie nicht ich bin Dero allergetreuester Knecht
und habe mich in diese Gefahr bloß allein darum gewagt ihnen ein Geheimnis zu
eröffnen worauf die Glückseeligkeit ihres ganzen Lebens beruhet Nunmehr
erkannte ich wohl an der Sprache dass es niemand anders sei als unser
HandelsDiener Rackhuysen riss deswegen meine Hand zurück und sagte Welcher
Satan hat euch Verwegenen in meine Kammer geführet Kein Satan antworte er
sondern die Treue und Redlichkeit gegen ihre Person und ganze Familie wo habe
ich anders Gelegenheit finden können mit ihnen ohne Verdacht in Geheim zu
sprechen und ihnen mit Wahrheit zu offenbaren Dass ihr Liebster mit dem sie
übermorgen copulirt werden sollen der allerlasterhafteste und lüderlichste
Mensch von der Welt ist Denn er hat nicht nur 4 ganzer Tage und Nacht bei der
Helena versteckt gelegen sondern nachher noch 3 Nacht bei einer Jedermanns
zugebracht und voritzo weiß ich gewiss und will meinen Kopf zum Pfande setzen
dass er wiederum bei der Helena im Bette liegt denn ihr Mann ist verreiset und
sie hat ihn zu sich bestellt
Ey sagte ich lasset ihn liegen wo er will und retirirt euch aus meiner
Kammer O Himmel wiederredete er wie können sie sich so gnädig vor einen
unwürdigen und so undanckbar vor einen getreuen Menschen erzeigen Ich weiß
nicht alles was er mehr vorbrachte doch bei so viel durch einander her
lauffenden Affecten wusste ich nicht ob ich hörte oder nicht biss Rackhuysen
endlich vermeinte ich täte solches mit allem Fleiße und mich nicht nur
küssen sondern sich auch mehrerer Freiheit gebrauchen wollte Allein ich fing
plötzlich überlaut an zu schreien weswegen er sich wieder durch das Fenster da
er herein gestiegen war zurück begeben wollte allein er mochte mit seinen
Kleidern inwendig an einem Hacken hangen bleiben weswegen mein Vater der mit
dem KapitalSchlüssel meine Kammer so gleich eröffnete und nebst meiner Mutter
mit dem Lichte hinein trat ihn annoch antraffen und nur froh waren dass er
ohne den Hals zu brechen auf der angelegten Leiter glücklich herunter kam Ich
erzählete meinen Eltern den Frevel dieses Menschen so wohl als die ganze
Geschicht meines Bräutigams zeigte den gefundenen Brief und sagte Liebster
Vater allem Ansehen nach hat das Verhängnis beschlossen mich Arme durch das
Heiraten unglücklich zu machen Er lass den Brief mit ziemlicher Bestürtzung
wusste aber gar bald ein ander Mittel zu erfinden indem er sagte Meine
Tochter das ist eine falsche Charte euer Bräutigam ist unschuldig aber
Rackhuysen ist ein Schelm und hat unfehlbar die ganze Sache auf die Art
eingerichtet auch diesen falschen Brieff gemacht denn ich habe vermerckt dass
er sich vorigen Abend immer etwas um den van Steen zu tun gemacht hat kehret
euch an nichts ich will genaue Kundschaft darauf legen wo euer Bräutigam
diese Nacht zugebracht hat der frevele Rackhuysen aber soll so bald der Tag
anbricht zum Hause hinaus
Demnach wurde ich begütiget und um desto sicherer zu schlaffen musste sich
meiner Mutter AufwarteMägdgen zu mir in die Kammer legen Früh Morgens vor
Tage hatte sich Rackhuysen mit allen seinen Sachen schon aus dem Staube
gemacht worüber mein Vater sich etwas verdrießlich stellte allein es mochte
eben sein harter Ernst nicht sein mitlerweile machte er mir weiß er hätte
gleich auf der Stunde nach meines Bräutigams Behausung geschickt und erfahren
dass derselbe unschuldig auch gerades Wegs nach Hause gegangen und von unserm
Jungen in seinem Bette vest schlaffend angetroffen worden Ich glaubte meinem
Vater zu Gefallen alles was er mir vorredete erfuhr aber wenige Zeit hernach
besser dass mein Vater so gleich 3 SchildWächter ausgeschickt welche den van
Steen selbiges Morgens früh bei anbrechenden Tage aus der Helenæ Behausung
hatten heraus kommen sehen
Inzwischen stellte sich van Steen des auf diese fatale Nacht folgenden
Tages gleich nach der MittagsMahlzeit bei uns ein Mein Vater empfing ihn sehr
freundlich um keinen Spuck in die Hochzeit welche Morgen vor sich gehen sollte
zu machen oder weil er glaubte dass wenn wir nur erstlich beisammen wären van
Steen seine ExtraGänge von selber unterlassen würde Mir begegnete van Steen
ungemein zärtlich und verliebt weswegen ich fast selbst auf die Gedanken
geriet dass er unschuldig wäre und ihm also das vermeintlich angetane Unrecht
in meinem Hertzen abbat auch ihn von nun an recht vollkommen zu lieben anfing
und solchergestalt trat ich folgendes Tages ziemlich ruhig und vergnügt in den
EhStandsOrden wurde auch nachher so wohl von meinen SchwiegerEltern als
dem Scheine nach von meinem Manne recht herzlich geliebt ja die ersteren
beteureten hoch dass es ihnen nunmehr tausendmahl angenehmer wäre mich an
statt der Helena zur SchwiegerTochter zu haben mein Mann aber begegnete mir im
Anfange etliche Monate dergestalt liebreich dass ich nicht in dem geringsten
Stücke über ihn zu klagen hatte auch war er bei unserer neu angelegten
Handelschaft dergestallt fleißig dass seine so wohl als meine Eltern nebst mir
ein vollkommenes Vergnügen darüber fanden Allein ehe noch das erste Jahr
verging legte er sich auf die schlimme Seite fing an murrisch und verdrießlich
zu werden bekümmerte sich um die Handlung so wenig als um den Hausshalt ging
fleißig zum Truncke und in die SpielHäuser kam entweder gar nicht oder doch
des Nachts sehr betruncken nach Hause und brach die Ursach vom Zaune Zanck und
Streit anzufangen Ich begegnete seinem wunderlichen Humeur mit aller
Höflichkeit kam aber doch öfters plötzlich mit ihm unvermutet in heftigen
WortStreit so dass er mich dann und wann im Eifer sehr übel tractirete weilen
aber wie bekandt in unserm Lande ein Frauenzimmer großes Recht hat schlugen
sich zu vielen mahlen beiderseits Eltern darzwischen und versöhneten uns wieder
mit einander, damit die Sache nicht zu Weitläufftigkeiten und übler Nachrede
ausschlagen möchte
Mir war nichts weniger in die Gedanken gekommen als dass die Helena die
einzige Ursach in meinem Unglück wäre allein nach gerade kam ich darhinter
dass er diese Bestie welche ihm vielleicht einen LiebesTrunck gegeben haben
mochte annoch bei allen Gelegenheiten aufs zärtlichste caressirte und so oft
es sich schickte NachtVisiten bei derselben abstattete so lange biss ihn
endlich ihr Mann bei derselben ertappet und ehe es Tag wurde sehr zerschlagen
und verwundet nach Hause bringen ließ
Mein Mann machte mir weiß Dass er unter eine Kompagnie falscher Spieler
geraten und von ihnen so übel zugerichtet worden wäre welches ich denn
anfänglich glaubete allein die wahrhafte Historie wurde bald Stadtkundig
welches sich denn seine und meine Eltern sonderlich aber ich uns sehr zu
Gemüte zogen jedoch ich ließ mich nicht gegen ihn merken das ich dieses vor
eine gerechte Straffe erkennete sondern begegnete ihm mit aller Freundlichkeit
in Hoffnung dass er sich von nun an bessern würde welches er denn auch allem
Ansehen nach tat und eine lange Zeit gar nicht aus dem Hause ging Da ihm aber
nach und nach der Appetit zur lustigen Kompagnie und andere Ausschweiffungen
wieder ankam ging er wieder Tag vor Tag aus kam aber mehrenteils sehr
missvergnügt nach Hause indem er wegen gemeldter Historie fast in allen Kompagni
en aufgezogen und geschraubt worden deswegen mochte er mehrenteils
dieserwegen auf die Desperation geraten mit einem andern Kauffmanne in
Kompagnie und selber die Reise nach OstIndien anzutreten in Hoffnung dass
währender Zeit seines Abseins seine Geschichten würden vergessen und den Leuten
neuere Mähren in den Mund gelegt werden
So wohl seine als meine Eltern waren mit dieser Resolution herzlich
zufrieden und ungeacht ich die letzte war so davon Wissenschaft bekam gab
ich doch nicht allein meinen Willen drein sondern ließ mich auch bereden mit
ihm zu reisen weilen er vorgab dass er ohne mich nicht leben könnte Die
HauptUrsache war ihn von der aus Geilheit und sonsten allerlei Bosheit
zusammengesetzten Helena abzubringen alles vergangene zu vergessen und
nunmehr unser EheBand desto vester und angenehmer zu verknüpffen Allein wir
hatten nachdem wir zu Schiffe gegangen kaum die äuserste Spitze von Europa
nämlich das Kapo de S Vincente aus den Augen verloren da wir von einem
Saléeischen SeeRäuber ich weiß nicht unter was vor Vorwand denn die Holländer
stunden dazumahl mit dem Kayser von Maracco ganz wohl attaquiret und zu
Sklaven gemacht wurden Mein Mann stellte sich bei diesem Unglück sehr
kläglich ich aber wurde darüber gar ohnmächtig und kam nicht eher zu mir
selber biss ich mich Tags darauf in der Gesellschaft einiger MohrenWeiber
befand
Wie mir da zu Mute gewesen werdet ihr mein Herr van Blac selber zu
beurteilen wissen allein ich hatte nicht viel Zeit meinem Schicksale
nachzudencken indem ich in Gesellschaft einiger MohrenWeiber alsofort nach
Mequinez an den Kayserl Hof geschafft wurde auch mir gefallen lassen musste
Tag und Nacht zu reisen Man brachte mich bald darauf zu dem Kayser Mulei
Ismaël welchem der Räuber mit meiner Person ein Present gemacht hatte und
welches auch sehr wohl von ihm aufgenommen wurde denn er hatte wie mir
nachher gesagt worden so gleich befohlen mich unter die Zahl seiner
KebsWeiber zu versetzen Es wurde mir ein properes Apartement nebst
verschiedenen Kabinetten und Kammern angewiesen die Tractamenten waren
königlich von Aufwärtern aber hatte ich mehr um mich als ich gebrauchte und
um mich leiden konnte
Der Kayser tat mir in den ersten Tagen seiner Meinung nach und wie ich
von andern hörte die besondere Gnade mich in meinen Apartement welches ich
so propre es auch war dennoch vor einen verfluchten Käffig hielt persönlich zu
besuchen fand mich aber in der größten Betrübnis er küsste meine Hände und
die Stirne mit Gewalt den Mund aber verührete er nicht sondern ließ nur sein
SchnupffTuch zurücke welches er mir über die Schulter legte und sogleich
wieder fort ging Ich wusste damals noch nicht was dieses zu bedeuten hatte
legte selbiges auf den Tisch und danckte dem Himmel dass der alte Greiss wieder
fort gegangen war indem bekam ich die Visite von einer andern seiner
KebsWeiber welche eine gebohrne Französin war und sich in der Welt ziemlich
herum getummelt haben mochte Diese gratulirte mir gleich Anfangs zu der Ehre
dass ich diese Nacht zum ersten mahle bei dem Kayser schlaffen sollte Ich gab zur
Antwort dass ich davon nichts wüste auch mich nimermehr darzu verstehen würde
wenn es gleich mein Leben kosten sollte Ach mein Hertz sagte diese läugnet nur
gegen mich nichts denn ich weiß es schon und sehe zu allem Uberflusse dass des
Kaysers SchnupffTuch auf eurem Tische liegt welches die HauptMarque ist dass
ihr diese Nacht an seiner Seite liegen müsst Verflucht wäre diese Marque
versetzte ich mich bringt niemand dahin und sollte ich mich ehe in Oele sieden
lassen Ja war ihre Gegenrede anfänglich war ich auch der Meinung allein
nachher bin ich doch überwunden worden
Unter diesem unsern Gespräche kam ein Offizier von den Verschnittenen
überbrachte mir ein sauberes Kästlein nebst der Ordre dass ich mich diese Nacht
gefast halten sollte zu dem Kayser abgeholet zu werden Ich wusste vor
Erschrecken keine Antwort zu geben der Verschnittene aber mochte glauben dass
ich wegen der besonderen Ehre und Gnade dergestalt bestürtzt wäre ging also
ohngesäumt seiner Wege
Habe ich es nicht gesagt sprach die Französin dass es seine Richtigkeit
hätte und also komen würde Ihr seid glücklicher als ich denn ich habe viel
länger auf diese Gnade warten müssen Verflucht ist diese Gnade war meine
Antwort und ehe ich mich darzu bequeme soll noch ehe man mich aus diesen
Zimmer bringt ein Messer in meinem Hertzen stecken O schrye die Französin
wer wollte so wunderlich sein in der Welt es erfordert der Menschen
Schuldigkeit sich in ihr Verhängnis schicken zu lernen Was sich nicht will
ändern lassen muss man mit Geduld umfassen Einmahl vor allemahl haben wir so
lange dieser alte Kayser lebt keine Erlösung zu hoffen denn er ist viel zu
eigensinnig dass er eine von seinen KebsWeibern in Freiheit stellte und warum
sollte ich nicht mich überwinden können binnen 6 8 oder wohl mehr Monaten
einmal bei einem solchen alten Manne zu liegen welcher nicht einmal mehr tun
kann was er gerne will
Ich hörte aus diesen und noch mehr andern Worten welche ich mich zu sagen
schäme nur allzuwohl wess Geistes Kind diese Französische Dame und dass sie gar
keine KostVerächterin wäre es möchte gleich Christe Heide Jude oder Türcke
über sie kommen denn sie hatte den guten Glauben dass alle solche Leute
ebenfalls Menschen wären wie wir
Inzwischen überredete sie mich mein überschickt bekommenes Kästlein zu
eröffnen worinnen sich denn 3000 Stück Zechinen nebst verschiedenen Kleinodien
und allerhand Geschmeide befanden welches alles ihr denn mehr als mir in die
Augen leuchtete so dass sie sagte Madame ich nähme nur 100 Zechinen und
schlieffe diese Nacht vor euch bei dem Kayser Mir kam gleich ein glücklicher
Einfall in den Kopf deswegen sagte ich Madame nicht hundert sondern
tausend will ich euch zahlen woferne ihr mich durch eine kluge List von meinem
Tode wenigstens noch auf einige Zeit befreien wollt denn wie schon gesagt
lebendiger und gutwilliger Weise lasse ich mich nimmermehr an eines Unchristen
Seite legen sondern will mich viel lieber entaupten lassen so wie er es
bereits vielen andern vor mir gemacht hat
Ich höre sehe und spüre wohl sagte die Französin dass ihr so eigensinnig
als schöne seid ich hätte mich vor 6 Jahren auch nicht darzu verstanden wenn
mir mein Leben nicht allzu lieb gewesen wäre allein da ich es ein und etliche
mahl gezwungener Weise habe tun müssen so ist nunmehr nichts weiter daraus zu
machen und da ich zumahlen seit länger als einem Jahre her von dem Kayser fast
gänzlich zurück gesetzt worden bin will ich euch zum Vergnügen ihm aber zum
Possen einmal einen lustigen Streich spielen und diese Nacht statt eurer mit
verhülleten Haupte wie gewöhnlich ist zu ihm gehen denn die Mahometaner
pflegen des Nachts das Werck der Liebe nicht bei brennendem Lichte zu
verrichten Es geht auch die Sache darum vortrefflich wohl an weil wir beide
durch unsere KammerTüren alle Augenblicke zusammen kommen und uns
solchergestalt in den Personen leicht verwechseln können Ich wusste vor
innerlichen Freuden nicht was ich auf diesen Antrag sagen sollte sondern ging
nur hin zahlete ihr 1000 Zechinen und versprach noch ein mehreres zu tun
wenn sie meine Stelle vertreten und alles wohl ausrichten würde Sie nahm zwar
den Beutel mit dem Golde an bat mich aber denselben so lange in meiner
Verwahrung zu behalten biss sie mit anbrechendem Tage glücklich wieder zurück
käme im übrigen würde es Zeit sein dass wir in eine Kammer gingen und die
Kleider mit einander verwechselten denn die Verschnittenen würden bald kommen
und mich abholen wollen Es geschahe auch denn wir waren kaum fertig als sich
diese Unholden vor der Tür meldeten an statt meiner aber die Französin welche
sich la Galere nennete zum Kayser führten
In meine Augen kam diese ganze Nacht kein Schlaf denn ich meinte immer
der Betrug würde offenbar werden allein so bald als der Tag anbrechen wollte
kam la Galere wieder zurück und erzählete mit größten Freuden dass der Betrug
glücklich abgelauffen und der Kayser sehr vergnügt gewesen wäre die übrigen
Umstände welche ich mich selbst von ihr anzuhören schämete will ich vor euren
züchtigen Ohren verschweigen
Sie la Galere hatte schon vorigen Abend eine ziemliche Quantität von dem
schönsten Griechischen Weine der mir zum Present geschickt worden zu sich
genommen bat sich deswegen nach wohl ausgerichteter Sache noch ein eintzig
Glässgen aus tranck aber eine ganze Bouteille Ich gönnte ihr so wohl dieses
als andere lieber als mir selbst da ich aber merkte dass sie den Schwindel
bekam brachte ich sie selbst zu Bette und legte mich auch zur Ruhe Mein
Schlaff währete fast bis gegen Mittag da mir denn meine zugegebene
MohrenSklavin berichtete dass ein Offizier nebst 2 Verschnittenen bereits über
2 Stunden vor der Tür gewartet hätten um mir ein Geschenck von dem Kayser zu
überbringen Deswegen kleidete ich mich hurtig an ließ den Offizier herein
kommen welcher mir den MorgenGruß vom Kayser überbrachte anbei vermeldete
dass der Kayser sehr wohl mit mir zufrieden wäre und mir nicht nur zur
Erfrischung allerhand Delicatessen sondern auch noch ein besonderes Kästlein
schickte Dieses letztere lieferte er mir selbst in meine Hände ich aber gab
ihm benebst einem Geschenke von 50 Zechinen seine Abfertigung Um die Victuali
en bekümmerte ich mich wenig weilen ohnedem alles bekam was ich nur foderte da
aber das versiegelte Kästlein eröffnete fand ich abermals nebst 3000
Zechinen ein kostbares Hals und ArmGeschmeide wie auch einen FingerRing
darinnen welcher wegen der darein versetzten Diamanten wenigsten 1000 Zechinen
wert ist
Bei meinem damaligen großen Unglück konnte ich mich dennoch des Lachens
nicht erwehren dass eine andere die schändliche Arbeit verrichtet ich aber den
starken Profit davon gezogen hätte La Galere erfuhr von diesem allen nichts
weil sie viel zu lange geschlaffen hatte jedennoch weil ich glaubte dass es
vielleicht die Not erfordern möchte sie noch öfters solchergestalt in meinem
Nahmen zu verschicken machte ich ihr da sie wieder zu mir kam noch ein
starckes Present an Gelde GalanterieWaren und andern Delicatessen über
dieses nahm ich sie zu meiner vertrautesten Freundin an und wir saßen
beständig beisammen indem ich zur selben Zeit noch mit niemand Holländisch mit
dieser aber Französisch sprechen konnte
Ich müsste mehr als 24 Stunden Zeit haben wenn ich meine Geschichte mit
allen behörigen Umständen erzählen sollte deswegen will nur so viel sagen dass
die la Galere meine Person und die ganze Tragoedie dergestalt wohl gespielt
hat dass weder der Kayser noch die Verschnittenen nicht das geringste davon
gemerckt und obschon ich den größten Gewinst davon hatte so ließ ich sie doch
nicht leer ausgehen sondern gab ihr was billig war habe auch niemals
vermerckt dass sie übel mit mir zufrieden gewesen wäre
Ein eintziges mahl da der Kayser einige von seinen KebsWeibern in den
Garten beruffen ließ bekam er einen plötzlichen Appetit mich in ein geheimes
Kabinet zu führen jedoch da ich ihm mit einer ernstaften Mine versicherte
dass ich es verschworen hätte und mich eher umbringen lassen wollte als bei
hellen lichten Tage dergleichen zu tun küsste er mich auf den Mund und gab
sich zufrieden Dieses ist auch der erste und letzte Kuss gewesen den ich von
ihm empfangen und gezwungener Weise habe leiden müssen folgende Nacht aber
musste meine la Galere wieder fort und er mochte viel wissen was er hatte denn
man sagte mir dass er allezeit sehr betruncken zu Bette ginge
Mittlerweile hatte ich zwar erfahren dass man einen jungen Holländer dem
Kayser zum Sklaven und Pagen vorgestellt ich konnte aber nicht so glücklich
werden euch mein werter Herr van Blac zu Gesichte zu bekommen biss ich eben
zu der Zeit da ihr eure großmütige Rede vor dem Kayser ablegtet nebst noch 5
andern der vornehmsten KebsWeiber des Kaysers die wir zusammen in das
NebenZimmer beruffen worden euch nicht allein zu hören sondern auch das erste
mahl zu sehen das Glück hatte
So bald der Kayser mit dem KislerAga und andern Ministern in das
NebenZimmer eintrat fragte er was uns bedeuchte bei diesem verwegenen
Christen Indem nun ich vermerckte dass er diesen Tag wenig oder gar keine Galle
im Magen hatte wagte ich es plötzlich fiel ihm zu Fuße und sagte
Grossmächtigster Kayser ich bitte um Gnade vor diesen elenden Fremdling in
Betrachtung dessen dass er eine Europäische StandesPerson und mein LandsMann
ist Die andern 5 KebsWeiber fielen ebenfalls neben mir nieder und stimmeten
meinen Bitten bei ob sie schon keine Holländerinnen aber doch auch aus Europa
gebürtig waren
Der Himmel mochte das Hertz dieses sonst ungemein grausam gewesenen Tyrannen
voritzo besonders dahin lencken dass er mir zum Zeichen der Erhörung meiner
Bitte seinen in Händen habenden Stab aufs Haupt legte die Hand reichte mithin
aufzustehen nötigte Nach diesen wurde zwar noch eine Probe eurer Beständigkeit
gemacht welche ich mit zitterenden Hertzen ansah denn mir war immer bange
ihr würdet euch durch das Schrecken vor dem Tode auf andere Gedanken bringen
lassen allein meine Freude war hernach desto größer da ich verspürete und
augenscheinlich sah dass ihr in eurer Resolution unbeweglich wart Da nun mein
Hertze im voraus andeutete dass ihr unfehlbar das mir vom Himmel zugeschickte
Rüst und WerckZeug sein würdet meine Person Ehre und Leben zu erretten und
mich aus diesem verfluchten Lande hinweg zu führen machte ich mir den Kummer
eben nicht gar zu groß da ich nur erstlich erfuhr in was vor ein Gefängnis man
euch brachte indem ich die stärckste Hoffnung hatte euch mit nächsten daraus
zu erlösen
Ihr wisst sagte hier die Madame van Bredal die Anstalten die ich
hierzu gemacht aus unsern vorigen Gesprächen vielleicht schon zur Gnüge
deswegen will weil es ohnedem sehr spät ist vor dieses mahl den Schluss meiner
Erzählung machen jedoch werdet ihr Morgen wenn Dostart kommt vielleicht schon
ein mehreres von meinem Verhängnisse zu vernehmen kriegen hiermit nahm sie gute
Nacht von mir legte sich in ihr Kabinet ich aber mich hinter die Spanische
Wand schlaffen
Folgendes Morgens kam Dostart zu bestimmter Zeit der Kaffée stund schon
parat ich aber hielt mich in ihrem Kabinet versteckt und verborgen auf Er
begegnete ihr ungemein höflich und freundlich worauf sie gar bald mit einander
ins Gespräch gerieten da sie ihm denn alle ihre Begebenheiten seit der
Abreise von Holland wie sie in die Sklaverei geraten wie es ihr darinnen
ergangen und endlich auf was vor Art sie aus derselben befreit worden auch
wie sie nicht nur so glücklich gewesen ein ziemliches Vermögen sondern
welches das HauptStück ihre Ehre unverletzt wieder mit zurück zu bringen
Hierbei vergaß sie denn auch nicht ihm meine ganze Geschicht und die ihr
geleisteten Dienste bei der Befreiung zu melden Dostart welchem ich durch
einen Ritz in die Augen sehen konnte war hierüber sehr Verwunderungsvoll
stattete bei der van Bredal nochmals seine Gratulation ab fing aber hernach
also zu reden an Madame es ist an dem dass sie in ihren besten Jahren die
bösesten Fata gehabt ihre Schönheit und Tugend hätte freilich ein besseres
Schicksal verdient aber dem Himmel sei gedanckt dass nur das schlimmste vorbei
ist aus dem übrigen wollte ich ihnen wohl raten sich keinen besonderen Kummer
zuziehen denn
Wie er nun solchergestalt in seinen Reden auf einmal inne hielt sagte die
van Bredal Nun so sagen sie mir doch mein Herr Dostart was ich ungefähr
wenn ich in mein Vaterland komme vor mir finden werde Madame gab er zur
Antwort ich will ihnen aufrichtig sagen was so wohl Freunde als Feinde von
ihrer und ihres Mannes Geschichten judiciren Es ist gleich Anfangs jedermann
bekannt gewesen dass ihr Mann der van Steen von Jugend auf mit der Helena ein
geheimes LiebesVerständnis und zwar dergestalt gehabt dass beiden ohnmöglich
gewesen von einander zu lassen ungeacht sich beide nachher mit andern
Personen verheiraten mussten
Dem van Steen hielt es die ganze Welt vor übel dass er ungeacht er an
euch eine weit schönere tugendhaftere und Liebenswürdigere Frau bekommen als
die Helena war er dennoch diese weit höher als euch schätzte Von seinen
Ausschweiffungen und gefährlichen Unternehmungen werdet ihr zwar wohl vieles
aber doch wohl nicht so viel als ich wissen Allein davon will ich voritzo
nichts mehr gedenken sondern nur so viel sagen dass die allermeisten Leute so
um den ganzen Handel gewust glauben er habe euch als seine Frau auf
Anstifften der Helenæ gutwillig unter die Barbarn verkaufft und sich nur pro
forma mit gefangen nehmen lassen weil zu seiner baldigen WiederErlösung schon
vorher gute Anstalten gemacht gewesen Ihr wart mit eurem Manne kaum etliche
Monat hinweg als euer Unglück in Leuwarden schon Stadtkundig wurde eures
Mannes Kompagnon reiste also nach um so wohl ihn als euch los zu kauffen und
dieser war kaum wenig Wochen hinweg als der Helenæ Mann da er eines Tages sehr
früh eine Reise angetreten unterwegs vom Pferde gefallen und gleich auf der
Stelle tot geblieben war Es wurde zwar ausgestreuet als ob ihn ein
plötzlicher und heftiger SchlagFluss gerühret hätte allein die Klügsten
glaubten und zwar nicht ohne Grund dass ihm Helena selbst ein subtiles Gift
beigebracht indem er seit der Zeit da er nicht nur euren Mann sondern auch
noch andere zu verdächtigen Zeiten bei ihr angetroffen sehr unvergnügt mit ihr
gelebt hatte
Dem sei nun wie ihm sei weil der Helena nichts besonderes zu erweisen
stund so wurde auch keine Untersuchung angestellet sie war dem Scheine nach
sehr betrübt über diesen UnglücksFall ließ sich aber bald durch solche Tröster
trösten die nur ihren Zuspruch des Nachts bei ihr taten Kaum war ihr
TrauerJahr verflossen als euer Mann aus der Gefangenschaft erlöset wieder
zurück kam und selbst public machte dass ihr unter die Zahl der KebsWeiber des
Kaysers von Marocco wäret versetzt worden weswegen er nun zwar sehr kläglich
tat doch nachher desshalber viele Zeugen abhören ließ welche alle einhellig
aussagten dass an eure Rantzion nicht zu gedenken wäre und wenn man auch
etliche Millionen daran wenden wollte und solchergestalt bekam der van Steen
euer Mann bald die Erlaubnis sich wiederum anderwerts zu verheiraten Man
hatte noch nicht eben erfahren dass er nach seiner Zurückkunft bei der Helena
aus oder eingegangen wäre als es plötzlich ruchtbar wurde dass er mit
derselben Verlöbnis gehalten sich auch ohne viel Zeit zu verlieren in aller
Stille mit derselben trauen ließ
Kurtz zu sagen van Steen lebte vergnügt mit seiner neuen EheGattin und da
er einsmahls in einer Kompagnie wo ich auch eben gegenwärtig gefragt wurde
Was er denn aber machen wollte wenn nun seine erste Frau ein Mittel fände denen
Barbarn zu entwischen und wieder zu ihm käme gab er zur Antwort Ich will ihr
ihre Befreiung herzlich gern gönnen wollte auch mit einem guten Stück Gelde
darzu behülfflich sein wenn dieselbe auszuwürcken stünde allein in mein
EheBette soll sie nicht wieder kommen und wenn sie ein ganzes OrlogsSchiff
mit Golde Perlen und Edelgesteinen mitbrächte denn wer wollte mir zumuten
eine von den Barbarn geschändete Person wieder anzunehmen ungeacht ich sie
vor der Zeit und sonderlich so lange sie meine EheFrau gewesen herzlich
geliebt habe
Wie dieses Madame eure Eltern wieder erfuhren zohen sie es sich
dergestalt zu Gemüte dass sie Bettlägerig wurden und binnen 4 Wochen alle
beide sturben Inzwischen ist euch doch euer Erbteil bis auf eine gewisse Zeit
ausgesetzt und ein Curator darüber bestellt worden welches ihr so bald als
ihr kommt werdet heben können inzwischen halte das vor euer gröstes Glück
dass ihr mit dem van Steen welcher euerer Person niemals würdig gewesen keine
Kinder gezeugt habt
Hiermit beschloss Dostart seine Erzählung und fragte nur noch dieses Was
meint ihr nun Madame bei diesen Geschichten und wie wollt ihr die Sachen
mit eurem ungetreuen Manne anstellen Die van Bredal hatte die meiste Zeit unter
seinem Erzählen geweinet konnte deswegen auch itzo vor Tränen noch nicht
gleich antwortten doch endlich sagte sie Was will ich anders machen als meine
Sache dem Himmel befehlen ich will den van Steen ganz nicht in seinem
Vergnügen stöhren wenn er nur mir mein weniges eingebrachtes Gut wieder zurück
gibt will er solches auch nicht tun so ist es mein geringster Kummer denn
es wird sich schon so viel finden dass ich nachher an einem andern guten Orte
als eine einsame Wittbe reputirlich biss an mein Ende leben kann Nein Madame
versetzte Dostart hierauf das sind nicht die rechten Wege sondern van Steen
muss erstlich besser vexirt werden das ist wohl gewiss dass er sich von seiner
Helena nicht trennen und euch wieder annehmen wird allein was wäre euch auch
mit einem solchen ungetreuen und lasterhaften Menschen gedienet der seine
Extra Gänge niemals unterlassen kann und bei welchen ihr eures Lebens so wenig
sicher sein als Vergnügen mit ihm haben würdet Darum ist meine Meinung dass
die Sachen so gespielt werden dass ihr ordentlich von ihm geschieden werdet
und dabei ebenfalls die Freiheit erlanget zu heiraten wem ihr wollt
Hiernächst wird er euch nicht allein euer eingebrachtes Gut wieder zurück geben
sondern annoch mit einem Stücke Gelde heraus rücken müssen denn er allein ist
ja Schuld dass ihr in die Sklaverei geraten warum hat er euch nicht zu Hause
in Sicherheit gelassen Ich wollte tausend Taler darauf verwetten die Sache
binnen wenig Monaten auf solchen Fuß zu setzen bin auch bereit alle Kosten so
auf diesen Prozess laufen möchten herzuschiessen und nichts wieder zurück zu
verlangen daferne er Fehl schlagen sollte jedoch müsste vorher wissen ob wenn
ihr erstlich von dem van Steen geschieden ich hernach euer Hertz erlangen und
euch in mein Ehe zu führen das Glück haben sollte welches Glück ihr mir vor
einigen Jahren nicht gegönnet binnen der Zeit aber wohl 1000 mahl vergnügter
gelebt hättet Jedoch wer weiß ob nicht der Himmel dieses alles darum geschehen
lassen dass wir dennoch ein paar EheLeute werden und vergnügt mir einander
leben sollen denn ich kann euch versichern Madame dass mich das Glück Zeit
eures Abwesens wenigstens um 10000 Tlr reicher gemacht hat mein voriger
Zustand aber ist euch von Jugend auf bekandt gewesen Die van Bredal wurde über
diesen Antrag ungemein bestürtzt ich aber hätte im Kabinet vor Gift und Galle
bersten mögen wollte mich aber doch nicht regen sondern hörte dass die van
Bredal also antwortete Mein Herr ich bin ihnen sehr verbunden vor die gute
Zuneigung indem ich von Jugend auf vermerckt dass sie ein guter Freund von
meinem Vater gewesen sind Können sie nun etwas zu meinem Vorteil stifften
wird es mir höchst angenehm sein jedoch in Kosten will ich sie nicht setzen
sondern wo es ja zum Processe zwischen mir und meinem gewesenen Manne kommen
sollte alles selbst herschiessen auch vor ihre Mühe besonders erkäntlich sein
allein ob ich mich wenn ich auch gleich nach der Scheidung die Erlaubnis
erhalten mich zum andern mahle zu verheiraten hierzu resolviren könnte
solches glaube ich schwerlich sondern halte davor dass ich nicht besser tun
werde als an einem frembden Orte mein Leben in stiller Ruhe zuzubringen
Das wäre ewig Schade versetzte Dostart hierauf wenn ihr dem ungetreuen
Steen zu Gefallen eure besten Jahre solchergestalt zubringen woltet vielmehr
tut ihr besser wenn ihr durch eine anderweite profitable Heirat ihm einen
Wurm in das Hertz setzt denn es ist gar nicht zu zweiffeln dass er in wenig
Jahren empfinden wird was er sich vor eine EheGattin ausgesucht und was er in
eurer Person von sich gestoßen und verloren Mein Herr sagte hierauf die van
Bredal hiervon wird sich nachher ein mehreres sprechen lassen wenn ich
erstlich in meiner VaterStadt angelangt bin voritzo bedaure nichts mehr als
dass mich nicht im Stande befinde euch zu einer guten MittagsMahlzeit
einzuladen denn weil ich die ganze Nacht über sehr schwach gewesen bin mein
ReiseGefährte aber in seinen Affairen ausgegangen und anderswo speisen wird
habe nichts als ein wenig Suppe vor mich bestellen lassen will mir aber die
Ehre auf ein ander mahl ausgebeten haben
Ich sagte hier Mons van Blac war erfreut diese Worte zu hören Dostart
hätte zwar wohl mit ganz geringen Tractamenten vorlieb genommen wenn nicht die
van Bredal unter Vorschützung gewaltiger KopfSchmerzen die ferneren
Komplimenten vergessen und ihrem Mägdgen geruffen hätte Er bat sich demnach
das Vergnügen aus sie bald wieder besuchen zu dürffen und nahm seinen
höflichen Abschied erlösete mich mithin aus meiner kleinen Gefangenschaft Mir
war ich weiß selber nicht wie zu Mute und weiß auch nicht was ich der van
Bredal auf eine und andere an mich getane Fragen geantwortet habe konnte aber
meine Verwirrung nicht besser verbergen als dass ich mich von ihr auf eine
kurtze Zeit beurlaubte unter dem Vorwande zu sehen ob die Wirtin die
Mahlzeit bald auftragen wollte indem mich sehr hungerte
Diese war gleich bereit wir setzten uns zu Tische und speiseten Die van
Bredal war betrübt und ließ öfters Tränen fallen ich aber blieb ebenfalls in
meiner entstandenen Verwirrung so dass vielleicht wenig Worte würden sein
gewechselt worden wenn nicht ein fremder Knabe angekommen wäre und der van
Bredal einen versiegelten Brief überbracht denselben aber niemand anders als
ihr selbst in die Hände geben wollen Sie ging in größter Verwunderung hin und
ließ sich denselben geben hieß den Bringer desselben warten und sagte zu mir
Wo wird der Brief anders her kommen als vom Dostart Da sie denselben aber
erbrochen und gelesen schüttelte sie den Kopf und reichte mir den Brief mit
Bitte ihn gleichfals zu lesen wie mich nun dessen auf vielfältiges Nötigen
nicht entbrechen konnte so fand ihn meines Behalts ungefähr also gesetzt
Madame
Es ist zwar nicht zu zweiffeln dass Dieselben annoch vielleicht einen alten
Groll in Dero Hertzen gegen meine Person tragen könnten allein weilen das was
vor einigen Jahren zwischen uns vorgegangen aus keinem Frevel sondern Seiten
meiner aus einer besonderen Treue und allzu heftiger Liebe gegen Dero schöne
Person geschehen so bitte gehorsamst dass mir diesen Nachmittag um eine
selbst beliebige Stunde möchte erlaubt werden auf kurtze Zeit meine Aufwartung
bei Ihnen zu machen um nicht nur meinen ehemahls begangenen Fehler zu depreci
ren sondern außerdem einige geheime Nachrichten zu geben woran Ihnen
allerdings sehr viel gelegen sein möchte Könte es sein dass wir beide allein
und ohne andere Zuhörer wären so würde vielleicht desto dreuster heraus sagen
können wer der Urheber Ihres bisherigen Ungemachs gewesen und wie Sie vor der
Hand Dero Affairen itzigen Umständen nach etwa einzurichten am besten täten
In Erwartung einiger AntwortsZeilen bin
Madame
le vôtre
Rackhuysen
Ich gab nach Verlesung des Briefs denselben mit einer lächlenden Mine wieder
zurück sagte aber kein Wort darzu weswegen sie von selber anfing und im
Fortgehen sprach Ich werde mich dieser Visite entschlagen und vorgeben dass
ich heute Zuspruch von Frauenzimmer hätte Madam rieff ich ihr nach bedencken
sie wohl was sie tun bei ihren delicaten Affairen müssen sie itzo viel
anhören so wohl von ein und andern Umständen als von guten Ratschlägen
damit sie hernach sich desto besser danach richten und das beste auslesen
können Es ist wohl wahr replicirte sie ging hierauf ins Kabinet und schrieb
folgende AntwortsZeilen zurück
Monsieur
Mir soll eben nicht zuwider sein wenn Sie diesen Mittag um 3 Uhr mich besuchen
wollen indem niemand als meine Magd zugegen sein wird welche von meinen
UnglücksFällen ohnedem nichts weiß um 5 Uhr habe mich aber versprochen einem
gewissen Frauenzimmer mit welchem ich vor wenig Tagen bekannt worden eine
Visite zu geben Wäre Dero Brief ein paar Stunden eher kommen so hätte diese
biss Morgen verschieben können übrigens bin
vôtre Amie
Ich musste diese ihre Antwort ehe sie selbige dem Knaben zurück gab auch
erstlich lesen worauf sie zu sagen anfing Ihr werdet doch Mons van Blac nur
die Gefälligkeit erweisen und diesen Mittag abermals ein oder längstens zwei
Stunden ein Gefangener sein Madame antwortete ich es kann ihnen doch wenigen
Vorteil bringen wenn ich gleich alles was ihnen gesagt wird mit anhöre
deswegen wollte lieber ausbitten mir zu erlauben dass ein wenig dürffte
Spatziren ausgehen Wenn ihr ausgehen wollt sagte sie so gehe ich auch aus
dem Hause der Kerl mag kommen oder nicht denn sein Reden wird mir ohnedem
wenig nützen da ich schon mehr erfahren habe als mir lieb ist.
Indem ich nun merkte dass sie von neuen zu weinen anfangen wollte erzeigte
ich mich gefälliger und sagte Madame ich will ihnen gehorsamen und zu Hause
bleiben weilen vermercke dass ihnen etwas daran gelegen und gewiss es kann nicht
undienlich sein wenn sie anhören was auch dieser vorgibt Der Wirtin
Ankunft verstöhrete uns in unserm Gespräch und wir ließ uns gefallen nach
eingenommener MittagsMahlzeit mit in ihren Garten zu spatziren allwo wir uns
biss gegen 3 Uhren aufhielten hernach wiederum in unser Zimmer gingen und ich
mich so bald die Magd den Herrn Rackhuysen meldete ins Kabinet versteckte
Dieser Monsieur stellte sich anfänglich sehr submiss deprecirte sein
ehemahliges Verbrechen in einer sehr langen Oration welche er unfehlbar Abends
vorher aufgeschrieben und die ganze Nacht auch wohl den ganzen Vormittag
selbige auswendig zu lernen angewendet haben mochte Nachhero erzählete er eben
diejenigen Geschichte welche Dostart erzählt hatte jedoch mit vielen
Zusätzen welche nun wohl wahr oder erdichtet sein konnten Endlich machte er
auch seinen Schluss auf die Art wie Dostart und schlug vor dass, wenn die
Madame van Bredal sich obligiren wollte ihn der sie von Jugend auf
Hertzinniglich geliebt zu heiraten so wäre er im Stande nicht allein die
EheScheidung mit ihrem ohnedem schon verheirateten Manne sondern auch ihr
vollkommenes Glück auf dieser Welt zu befördern indem er nicht allein in
OstIndien ein großes Gut erworben hätte sondern ihm auch Zeit seiner
Abwesenheit eine Erbschaft von 12 biss 16000 Tlr zugefallen wäre als
welches letztere er nur erstlich itzo allhier in Lissabon erfahren
Die van Bredal gab ihm noch eine weit kaltsinnigere Antwort als dem alten
Dostart weswegen er mit allerhand hochtrabenden teils auch niederträchtigen
verliebten Worten und NarrensPossen aufgezogen kam welche ich dergestalt
belachte dass mich fast selbst darüber vergaß endlich aber mir die 2 Susannen
Brüder in meinen Gedanken vorstellete deren Personen voritzo allhier Dostart
und Rackhuysen accurat præsentirten
Indem ich aber in diesen Gedanken verwickelt war entstund ein kleiner
Tumult weswegen ich durch den Ritz guckte und wahrnahm dass Mons Rackhuysen
die Dame par forçe küssen wollte sie wehrete sich nach ihren äusersten Vermögen
allein er ward ihrer mächtig und warff sie auf einen im Winckel stehenden
SchlafStuhl kehrete sich daran nicht dass sie ihn mit den Nägeln ins Gesicht
und ziemlich blutrünstig gekratzt hatte sondern wollte über das Küssen noch
etwas mehreres versuchen indem er ihr den Mund mit seinem SchnupffTuche
zuhielte und die tröstlichen Worte darzu gebrauchte Stille Madame was die
Barbarn von ihnen genossen haben können sie ja auch wohl einem Christen gönnen
Nunmehr merkte ich erst dass das arme Ding nicht um Hilfe schreien konnte
weil ihr der Mund zugehalten wurde und dass sie in Ausbleibung meiner Hilfe
fast verzweifeln und ohnmächtig werden wollte denn ich konnte durch den Ritz
zwar etwas doch nicht alles absehen deswegen sprang ich plötzlich aus dem
Kabinet heraus ergriff meinen an der Seite stehenden Degen und hatte dem
lustigen Bruder damit schon 2 Streiche über den Rücken gegeben als er noch
immer im Begriff war der Dame den Rock aufzuheben da er aber den dritten und
etwas stärckern Hieb in die eine Waade denn auf den entblösten Kopf durfte
ich nicht hacken weil ich sonsten die Dame selbst mit verwundet hätte
empfing ließ er von der hitzigen Arbeit ab drehete sich herum und langete
nach seinem auf dem Stuhle liegenden Degen jedoch ehe er selbigen erreichen
konnte bekam er noch 2 Hiebe über den Kopf und wurde von mir mit der bloßen
Hand zu Boden gestoßen da ich ihm denn die Klinge auf die Brust setzte und
fragte ob er etwa in dieser Welt noch etwas zu erinnern hätte Nichts war
seine Antwort als dass ich um Gnade bitte und meinen Fehltritt mit baaren Gelde
zu bezahlen verspreche
Die van Bredal hatte sich inzwischen wieder erholt und diese Worte
verstanden weswegen sie hurtig vom Stuhle aufsprang und schrye Verflucht ist
dein Geld du verfluchter Ehrenschänder denn das ist nun das andere mahl dass
du mich listiger und gewaltsamer Weise um meine Ehre zu bringen gesucht aber es
wird doch auch allhier in der Fremde noch Recht und Gerechtigkeit zu finden
sein Hiermit wollte sie die Wirtin ruffen und nach der Wache schicken allein
ich nahm beide Degen in meine Hand hielt die erzürnte Frau zurücke und bat
dass sie sich nur besänftigen möchte indem dergleichen Sachen wie ich ihr
heimlich ins Ohr sagte nur Weitläufftigkeiten verursachten wir aber schlechte
Ehre davon hätten Sie ging deswegen zurück und schloss sich in ihr Kabinet
Rackhuysen vergoss so viel Blut dass es schon fast biss an die Tür gelauffen war
konnte sich auch vor Mattigkeit nicht aufrichten weswegen ich ihm aufhalff und
in den SchlaffStuhl setzte allwo er kurtz vorher seine Lust zu büßen gedacht
hatte Der Magd hatte ich sogleich befohlen nach einem Chirurgo zu gehen
welcher indem er da war ihm das Blut stillete die Wunden verband und mir
berichtete dass dieselben eben so gefährlich nicht wären sondern in 3 biss 4
Wochen geheilet werden könnten Ich ließ ihn in unserm Gast Hofe auf eine
besondere Stube bringen bat den Chirurgum bei ihm zu bleiben weil ihm seine
Mühe wohl bezahlt werden sollte bestellete auch sonsten noch jemand zu seiner
Aufwartung und ging hernach etwas im Garten spazieren herum Etwa eine Stunde
hernach schickte Rackhuysen und ließ mich bitten zu ihm zu kommen deswegen
nahm kein Bedenken solches zu tun Er lag im Bette sah sehr blass aus
reichte mir aber doch die Hand und sagte Monsieur ihr habt mich heute so
gezeichnet dass ich mein Lebetage daran dencken kann aber ich werde dergleichen
Torheiten Zeit Lebens nicht wieder begehen würde auch heute nicht darein
verfallen sein wenn ich nicht ein Glas Wein zu viel im Kopffe gehabt hätte
vergebet mir meinen Fehler denn ich will mich davor erkäntlich erzeigen und
bittet eure Liebste dass sie mir denselben nur auch vergeben möge denn ich will
gern ZeitLebens nicht wieder vor ihre Augen kommen ungeacht ich sie von
Jugend auf mehr als meine Seele geliebt ihrer GegenGunst aber niemals habe
teilhaftig werden können. Vielleicht hätte ich itzo ihre Person mit Güte ganz
und gar gewinnen können allein der Satan hat mich zu Gewalttätigkeiten
verleitet
Mein Herr gab ich zur Antwort vergebet mir das was ich an euch getan
habe um meiner Landsmännin und ReiseGefährtin Ehre zu beschützen und zu
retten welche der Himmel selbst in der Barbarei beschützet und gerettet hat
Ihr nennet sie zwar itzo meine Liebste allein ich weiß nicht wie ich das
verstehen soll indem sie bereits an einen EheMann verbunden ist und ich ihr
nachsagen muss dass sie ihre Keuschheit Zucht und Tugend jederzeit mehr als zu
genau in Acht genommen hat eure andern Reden verstehe ich nicht will mich auch
um meiner ReiseGefährtin Geschichte so genau nicht bekümmern im übrigen nur
bitten dass ihr euren Fehler bereuen möget wie ich denn denselben bei ihr
bestens zu excusiren suchen werde wovor ich aber in Zukunft keine andere
Erkänntlichkeit als eine redliche Freundschaft von euch verlange daferne wir
ja etwa weiter mit einander zusammen kommen sollten
Er gab mir die Hand darauf bat mich inständig dem alten Dostart von
dieser Rencontre nur nichts wissen zu lassen und Morgen einen einzigen Gang
nach seinem Logis zu tun um seinen Diener anhero zu führen damit er demselben
ein und andere Befehle seine HandlungsAffairen betreffend erteilen könnte um
nicht in allzu großen Schaden zu kommen Ich versprach ihm alle
Gefälligkeiten so er von mir verlangte zu erweisen wünschte ihm gute Nacht
und begab mich in aller Stille an gehörigen Ort weil ich glaubte dass meine
ReiseGefährtin vor Verdruss schon eingeschlaffen sein würde Allein ich traff
dieselbe annoch ganz munter jedoch in größter Betrübnis an indem sie sehr
weinete dabei über große Schmerzen in allen Gliedern klagte Ich hörte dass
sie auf dem Eiffer und Erschröcken nichts eingenommen hatte schickte deswegen
die bei ihrem Bette sitzende Magd zur Apoteque um ein SchreckPulver zu holen
Mittlerweile fing sie an Ists nicht wahr Mons van Blac dass ich die
unglückseligste Person von der Welt bin seht so wird meine Tugend bestürmt
auch an solchen Orten wo ich mich sicher zu sein schätze Madame gab ich zur
Antwort wird die Tugend gleich bestürmt so ist sie deswegen doch nicht so
gleich zu überwältigen dergleichen Stürme bringen mehr Ehre als Schande
wenigstens bei vernünftigen Leuten Ach fuhr sie zu reden fort was soll ich
in Holland machen wenn ich keinen bessern Trost darinnen zu finden weiß Wollen
sie denn nicht war meine Antwort dem guten Rate folgen den ihnen heute Herr
Dostart gegeben und sich dabei selbst zu den allerstärcksten Gefälligkeiten
anheischig gemacht hat sie schienen ja nicht abgeneigt weil die angenehme
Resolution drauf erfolgte Mein Herr hiervon wird sich ein mehreres sprechen
lassen wenn ich erstlich in meiner VaterStadt angelangt bin etc Madame ich
vor meine Person will ihnen ferner nicht verhinderlich sein sondern viel lieber
einen andern Weg erwählen als zu Dero Verdruss bei ihnen bleiben Ja ja sagte
sie ich habe es wohl gedacht dass ich noch nicht genung gekränckt wäre nun
aber da auch ihr anfangen wollt mir Hertzeleid zuzufügen sehe ich wohl dass
mich die ganze redliche Welt verlassen will Unter diesen Worten ließ sie ihr
Haupt zurück sincken fing von neuen an bitterlich zu weinen ja es schien gar
als wenn ihr eine Ohnmacht zustossen wollte indem sie so blass als eine Leiche
ward Weil nun nichts anders als frisches Wasser bei der Hand wusste lief ich
gleich hin tauchte ein SchnupffTuch ein und bestrich ihr Gesicht und Hände
damit wodurch sie in etwas wieder zu sich selber kam auch etwas von der
Artzenei einnahm welche die Magd eben herzu brachte Sie drehete sich auf die
andere Seite herum und stellte sich als ob sie schlaffen wollte jedoch die
Magd und ich traueten dem LandFrieden nicht sondern befürchteten dass sie etwa
eine würckliche Ohnmacht bekommen möchte allein sie schlieff bald ganz sanft
ein weswegen sich denn die Magd zu unterst des Bettes auf die Erde niederlegte
und als ein Ratz zu schnarchen anfing ich aber blieb vor dem Bette sitzen und
wachte Etwa um MitternachtsZeit fuhr sie als von einem schweren Traume
erschreckt zusammen warff sich herum und sagte da sie mich erblickte Seid
ihr noch da Falscher warum gebet ihr euch einer Unglückseeligen wegen so viel
Mühe eure eigene Ruhe zu unterbrechen Madame antwortete ich meine Ruhe kann
durch nichts stärcker unterbrochen werden als wenn ich weiß dass sie unruhig
sind und sich kranck befinden Sie seuffzete hierüber und tat die Augen
wieder zu da ich aber gewahr wurde dass ihr dem ungeacht dis Tränen heraus
drangen und über die Wangen lieffen wischete ich ihr dieselben mit einem Tuche
sanfte ab wurde zwar bei dieser Arbeit selber sehr wehmütig wusste aber
nicht wo ich auf einmal die Kourage her bekam ihr einen derben Kuss auf den
Mund zu drücken worüber sie auffuhr und sagte Verwegener was soll das
bedeuten Ich war gleich mit der Antwort fertig und beteuerte sehr dass es
nicht aus Geilheit und Unzucht sondern vielmehr aus Wehmut und reiner Liebe
geschehen wäre könnte aber anbei nicht leugnen dass, wenn sie ja mit ihrem
ersten Manne nicht wieder vereiniget sondern von ihm geschieden werden sollte
ich mir auf dieser Welt kein größer Vergnügen wünschen wollte als mit ihr
vereheliget und so wohl dem Dostart als allen andern MannsPersonen vorgezogen
zu werden wie ich denn schon so viel Mittel zusammen zu bringen gedächte einen
honorablen Dienst wenn es auch gleich außer unserm Vaterlande wäre zu
erlangen und sie reputirlich zu ernähren Sie schwieg hierauf eine lange Weile
stille da ich aber endlich ihre Hand küsste und fragte ob sie mich denn
hierauf gar keiner Antwort würdigen wollte ermunterte sie sich und gab mir
diese Mons van Blac in meinem itzigen Zustande da ich mich noch vor eine
Verehligte halten muss wäre es eine große Leichtfertigkeit von mir wenn ich
mich mit euch oder jemand anders in verbotene Vertraulichkeit oder zum voraus
in ein geheimes LiebesVerständnis einlassen wollte seid demnach damit
zufrieden wenn ich euch so viel verspreche dass woferne ich von meinem
ungetreuen EheManne nicht wieder angenommen werden und nach erlangter Freiheit
auf die Gedanken geraten sollte zur andern Ehe zu schreiten ich euch wegen
eurer genug geprüfeten Redlichkeit allein oder keine MannsPerson auf dieser
Welt an meine Seite will kommen lassen
Mit dieser gütigen Resolution war ich vor dieses mahl vollkommen vergnügt
küsste ihre Hand und auf vielfältiges Vorstellen dass das Küssen so wie wir
es verrichteten zu keiner gar zu großen Sünde zu machen sei bekam ich auch
dann und wann Erlaubnis ihren Mund zu küssen mittlerweile aber da wir noch
von diesen und jenem sprachen verstrich die Nacht über Vermuten und der helle
Tag begunte anzubrechen weswegen ich sie nötigte noch einige Stunden zu
ruhen welches ich auf meinem Bette gleichfalls tun und hernach alles was
sonst nötig wäre besorgen wollte Sie hielt es selbst vor ratsam deswegen
wünschte ich ihr wohl zu ruhen und legte mich auf mein Bette
Allein war hier Mons van Blacs ZwischenRede da ich eben der Ruhe
erwähne so mercke wohl dass es voritzo sonderlich vor den wertesten
AltVater nicht dienlich sein möchte derselben länger zu entbähren zumahlen
da es unfehlbar schon über Mitternacht sein wird deswegen will den Rest
meiner Geschichte morgenden Abend wo es gefällig vollends erzählen
Wir jungen Leute hätten zwar gern biss zu Anbruch des Tages zugehöret denn
van Blac wusste seine Sachen alle ganz fein vorzubringen allein um des
AltVaters Willen machten wir Schicht brachten den folgenden Tag mit Besorgung
alles dessen hin was Sorge und Aufsicht erforderte Abends aber freueten wir
uns recht anzuhören den
Beschluss von Mons van Blac Avantüren
Es wird ihnen meine Herrn fing er an vielleicht noch im frischen
Gedächtnisse sein wo ich gestern Abend geschlossen deswegen will nur gleich
fortfahren und sagen dass meine halb und halbe Liebste die Madame van Bredal
Mittags ziemlich besser war denn den ganzen Vormittag hatte ich sie unter der
Aufsicht unserer Wirtin und der Magd gelassen selber aber nebst unsern
eigenen Geschäfften auch mir vor den krancken Rackhuysen gesorgt Derselbe ließ
sich aber noch vor Abends in ein ander Quartier bringen und ich habe ihn seit
dem in Lissabon nicht wieder gesehen Dostart ließ sich etliche mahl bei uns
melden bekam auch Erlaubnis zu uns zukommen da ich aber auf expressen Befehl
meiner Landsmännin nicht von der Stelle gehen sondern stets dabei bleiben
musste brachte er in seinen Gesprächen nichts besonders vor und endlich war uns
das allerfreundlichste da unser SchiffsPatron ansagen ließ dass wo wir mit
nach Holland wollten wir uns eiligst am Boord einfinden sollten indem er sich
expedirt und bei itzigem guten Winde und Wetter keine längere Zeit versäumen
wollte
Wir machten uns demnach gleich fertig hatten eine sehr angenehme Fahrt und
erreichten die Holländischen Küsten ehe als wir es vermeint hätten der
SchiffsPatron war so gefällig uns in Harlingen auszusetzen weil die Madame
van Bredal von dannen nur noch einen kurzen Weg nach Leuwarden hatte
anfänglich waren wir eins worden dass ich sie biss in diese ihre GeburtsStadt
begleiten sollte nachher aber da wir dieses besser überlegt wurden wir
schlüssig dass sie allein mit einer ExtraPost dahin ich aber zu Schiffe nach
meiner VatersStadt Antwerpen abgehen wollte Wir blieben also nur 2 Tage in
Harlingen um von der Reise ein wenig auszuruhen nahmen nachher beweglichen
Abschied von einander, wobei sie mir versprach dass so bald sie würde
vermeinen dass ich in Antwerpen könnte angekommen sein mir von ihrem Zustande
Nachricht zu geben auch beschenckte sie mich noch mit 1000 Ducaten und
verschiedenen kostbaren Kleinodien welches letztere aber anzunehmen ich mich
aufs alleräuserste weigerte allein sie ließ nicht nach mir solches
aufzuzwingen und sagte dabei Nehmet mir zu Gefallen nur itzo dieses wenige zum
ReiseGelde es komme hinführo mit mir wie es will so werde ich euch doch
bedencken Mir aber war ganz anders zu Mute und an ihrer Person mehr gelegen
als an Gelde und Gute welches ihr deutlich genung zu verstehen gab Allein sie
blieb bei ihrer ehemaligen in Lissabon getanen Erklärung und fügte hinzu wie
sie hoffte dass wir in wenig Wochen einander sprechen würden es möchten nun
ihre Sachen gut oder schlimm abgelauffen sein Hierauf ließ sie ihre meisten
Sachen zu Harlingen in Verwahrung und reiste auf Leuwarden los ich ebenfals
ging gleich folgenden Tages mit einem Middelburgischen Schiffe ab
Ich war auf dieser ganzen Reise sehr betrübt und traurig denn das Hertze
mochte mir im voraus sagen dass ich wenig Vergnügen in meiner VatersStadt
antreffen würde es war auch an dem denn mein Vater war nicht wieder zurück
kommen sondern sichern Nachrichten gemäß in dem ersten Jahr seiner Sklaverei
gestorben hierüber und da zumahlen die Kreditores zugegriffen und meiner
Mutter fast alle das Ihrige genommen so dass sie nebst ihren annoch lebenden 6
Kindern denn zwei waren schon davon bei diesem Hertzeleide gestorben auf die
letzte in einem MietHause kaum so viel gehabt dass sie das liebe Leben
erhalten können hierüber sage ich grämet sie sich ebenfals noch dergestalt
dass sie ungefähr ein halbes Jahr vor meiner Zurückkunft gestorben und der
GroßMutter welche noch ihr einziger Trost gewesen binnen 3 Wochen im Tode
nachgefolgt war
Meine zwei jüngsten Geschwister hatte man aus Erbarmung ins WaysenHaus
genommen von den 3 ältesten Brüdern lerneten zwei Profesiones der jüngere
wartete einem Herrn auf und die älteste Schwester war gleichfalls ein
KammerMägdgen bei einer vornehmen Frau geworden Ich besuchte dieselben alle
oder ließ sie zu mir kommen weil ich aber vermerckte dass sie sich in ihr
Unglück ziemlich schicken gerlernt auch mit dem jetzigen Zustande ziemlich
zufrieden waren ließ ich jedes an seinen Orte zumahlen da ich noch nicht
wusste wie es mit meiner eigenen Person kommen würde schenckte aber einem jeden
von meinen Geschwistern 100 spec Ducaten und dabei ein neues Kleid mit dem
Versprechen dass, wenn sie fleißig vor mich beten würden damit mir eine gewisse
Affäre wohl geriete ich an ihnen nach und nach ein noch mehreres tun wollte
Mittlerweile sah mich jedermann der mich in der Jugend in meiner
VatersStadt gekennet hatte fast vor ein MeerWunder an jedoch da ich den
verständigsten Leuten worunter sich auch viele Vornehme befanden meine Fatalit
äten erzählt hatte bekam ich ohnverhofft verschiedene gute Gönner und Freunde
welche sich sehr verobligirten mir eine gute Bedienung zu verschaffen wobei
ich honettement leben könnte allein ich sah mich nicht im Stande noch zur
Zeit etwas anzunehmen sondern wollte erstlich auf Briefe von der van Bredal
warten welche denn auch in der 6ten Woche nach meiner Ankunft in Antwerpen
durch einen Expressen einlieffen und die ich also gesetzt befand
Mein werter Mons van Blac
Wie ich mir immer seitero selbst propheceier so ist es mir auch ergangen
Nehmet es mir nicht übel dass ich euch eine weitläufftige Nachricht von meinem
allhiesigen Begebenheiten überschreibe So bald ich nach Leuwarden kam tat
ich als ob ich gar nichts von der anderweitigen Verheiratung meines ungetreuen
Mannes wüste fuhr deswegen gerade vor das Haus worinnen ich sonsten mit ihm
gewohnet hatte stieg ab ging in die ordinaire WohnStube und fragte so gleich
nach dem van Steen welcher ausgegangen war jedoch kam seine Gemahlin die
Helena so gleich zur Stelle und fragte was ich beliebte Madam gab ich zur
Antwort ich habe zwar die Ehre nicht sie zu kennen möchte aber gern meinen
EheMann den van Steen sehen Hierauf sah mir die Helena etwas tieffer in die
Augen und da sie mich so gleich erkennen mochte wurde sie so blass als eine
Leiche stund auch eine gute Zeit als ein steinern Bild vor mir weswegen ich zu
ihr sprach Madam warum werden sie so verwirret Ist ihnen etwa nicht wohl Sie
wusste erstlich noch nicht was sie antworten sollte endlich aber flossen diese
Worte aus ihrem Munde Ist der van Steen euer Mann so müsst ihr nicht wohl im
Gehirne verwahret sein denn ich habe ihn nun schon einige Zeit zur Ehe auch
ein Kind in der Wiege und eins im Leibe von ihm wüste auch nicht wer mir
meinen Mann abdisputiren wollte zumahlen da seine erste Frau in Marocco unter
den KebsWeibern des Kaysers befindlich und er dieserwegen allhier Erlaubnis
erhalten sich als ein von ihr geschiedener mit mir zu verheiraten Madame
replicirte ich ihr seid von der ganzen Sache entweder gar zu viel oder gar zu
wenig unterrichtet ich bin die erste Frau des van Steen und habe noch niemals
einen andern Mann als ihn erkannt auch hat mich der Himmel sonderlich davor
bewahret eines andern KebsWeib zu werden wie es aber um eure eigene Ehre
steht könnt ihr am allerbesten nachdencken und wissen So bald als dieser
SchandBalg dergleichen Reden von mir hörte fiel sie als eine Furie über mich
her wollte mich zu Boden reißen und mir die Augen auskratzen allein ich
wehrete mich meiner Haut so gut und so lange biss erstlich einige von den Haus
Genossen und endlich der van Steen selbst darzu kamen und uns von einander
brachten Mir blutete zwar die Nase allein meine Feindin hatte doch noch
stärckere Trümphe in die Augen so wohl als auf die Nase und auf das Maul
bekommen weswegen sie mich durchaus tot haben wollte allein in diesem Stück
war der van Steen doch etwas vernünftiger und sagte zu mir Madame ich kenne
euch sehr wohl bin auch sehr erfreut dass ihr aus der Sklaverei entronnen
seid allein vergebet mir dass ich euch nimmermehr wieder zu meiner EheFrau
annehmen kann doch will ich euch alles das Eurige heraus geben und außerdem
noch ein übriges tun nur tut so wohl und retiriret euch um ferneres Unglück
zu vermeiden aus meinem Hause glaubt anbei dass es mir sehr schmertzlich
fällt euch solchergestalt abzufertigen welcher Mensch aber ist so kräfftig
sein Verhängnis zu besiegen Monsieur war meine Antwort ich habe schon von
ferne gehört was die Glocke bei euch geschlagen hat deswegen will ich
erstlich mit meinem Verhängnisse einen rechtschaffenen Streit anfangen ehe es
mich vollkommen besiegen soll Die erzürnete Helena melitte sich hierbei aufs
neue in das Gespräch welches nach und nach so heftig wurde dass wir einander
wieder nach den Köpffen greiffen wollten van Steen aber verhütete dieses und
gab endlich Befehl dass mich 4 von seinen Leuten zum Hause hinaus führen
mussten Ich war nicht im Stande mich zu wehren schwieg auch um mich nicht
ferner prostituiren zu lassen ganz stille stieg in meinen Wagen und ließ
mich in ein GastHaus fahren allwo ich blieb und selbige erste Nacht einen
beweglichen Brief an meinen ungetreuen EheMann schrieb auch ihm darinnen sein
Verfahren gegen mich von Anfang an biss auf diese Stunde vorrückte allein er
würdigte mich nicht mir schrifftlich zu antworten sondern schickte einen
Läppischen Kerl zu mir in mein Logis welcher mir vorstellen musste dass ich ja
da ich ein KebsWeib eines Barbarn gewesen über dieses lange Zeit mir einem
jungen Holländer unter welchen ihr mein ehrlicher van Blac verstanden wurdet
in der Welt herum gereist ohnmöglich verlangen könnte dass mich der Herr van
Steen wieder annehmen und seine itzige Frau die er über alles in der Welt
liebte von sich jagen sollte inzwischen bliebe er bei dem Entschlusse dass
woferne ich alle Weitläufftigkeiten vermeiden er mir nicht allein alles mein
eingebrachtes Gut baar bezahlen sondern auch über dieses noch 1000 spec Tlr
schencken wollte
Ich nahm mir nicht einmal die Mühe diesen MaulAffen behörig zu antworten
sondern sagte nur es wäre alle gut er möchte seinen Principal wieder grüßen
ich würde meine Sache schon auszuführen und meine Ehre gegen ihn und seine
itzige Frau zu retten wissen
Nachhero habe erfahren dass der van Steen mit dem erstlich Abgeschickten
der sich Nörgel nennete und noch einem andern mich zweimahl nach einander
besuchen wollen weil er vielleicht kein gutes Gewissen oder etwa bessere
Gedanken bekommen hatte allein seine Frau hatte es dennoch zu hintertreiben
gewust so dass ich an dessen Statt die schändlichsten Reden von ihm hören
musste wozu vielleicht der in Lissabon zurück gebliebene Rackhuysen durch
Briefe das meiste beigetragen haben mag
Vom Dostart vernehme dass er bisher durch eine schwere Kranckheit an seiner
Zurückkünft verhindert worden wiewohl ich ihn nun deswegen aus Christlichem
Gemüte bedaure so ist mir doch an seiner Gegenwart gar nichts gelegen weil
ich den Prozess gegen meinen ungetreuen Mann bereits einem gescheuten Procureur
anvertraut welcher mit aber keinen andern Trost gibt als es binnen wenig
Wochen dahin zu bringen dass ich erstlich von demselben alles mein
eingebrachtes Gut vors andere einen Gerichtlichen ScheideBrief mit der
Erlaubnis wieder zu heiraten wen ich wollte und drittens wenigstens 5000
fl vor den Abtritt bekommen solle jedoch in so ferne ich eidlich erhärten
könnte dass ich binnen der ganzen Zeit meines Hinwegseins von keiner
MannsPerson auf solche Art wie mein ungetreuer Mann meint berühret worden
Weiln ich nun dieses letztere mit reinem Gewissen alle Augenblicke tun kann so
bitte ich euch mein redlicher Mons van Blac mir zu allem Uberfluss zu Hilfe
zu kommen und ein Zeugnis meiner Aufführung so viel euch nämlich davon bewust
ist abzustatten
Ich versehe mich eurer baldigen Ankunft gewiss sende anbei 100 Ducaten
ReiseKosten und beharre mit aller Aufrichtigkeit
Eure
getreue Freundin
Charlotte Sophie geb van Bredal
Gleich nach Lesung dieses Briefes der mir höchst angenehm war machte ich
mich auf den Weg um ein Pferd zu erhandeln und mit meinen angekommenen Express
en die Reise zu Lande nach Leuwarden anzutreten zu allem Glück aber begegnete
mir der Schiffer welcher mich von Harlingen mit anhero gebracht hatte und ließ
sich verlauten dass er gleich morgenden Tages abermals dahin fahren wollte
weswegen ich gleich bedachte dass es mir auf diese Art eher dahin zu kommen
möglich sein würde also auf der Stelle den Accord mit ihm machte meine Sachen
zu Schiffe bringen den Expressen aber zu Lande fort reisen ließ
Ich kam zeitiger in Leuwarden an als es die Madame van Bredal wohl
vermeint hatte und weil ich mein Logis in eben dem GastHause wo sie sich ein
logirt genommen erfuhr ich unter der Hand gleich dass sie mit einer ihrer
Befreundtinnen auf ein LandGut gereist ihre Zurückkunft aber unter 4 Tagen
wohl nicht zu hoffen wäre Demnach hielt ich nicht vor ratsam ihr
nachzureisen sondern vor besser auf sie zu warten ließ mich aber gar nicht
merken dass mir an ihrer Person etwas gelegen wäre
Nachdem ich dritten Tages von der Reise vollkommen ausgeruhet hatte ging
ich vor die Stadt spazieren geriet in einen schönen Garten und ungefähr mit
einer lustigen Kompagnie ins Spiel und gewann binnen wenig Stunden 16 biss 20
Holländische Gulden kam zwar im Streit mit einem Unbekannten etwa 5 oder 6
lumpichter Guldens halber ließ mich aber als ein Fremder bald weisen und nahm
die angebotene Helffte davon nicht einmal an sondern sagte dass weil ich
ohnedem durchs Glück etwas gewonnen ich diesen geringen Satz gar leicht
vergessen könnte Die SpielKompagnie ging hierauf fort biss auf sehr wenige
welche so wie ich selbst noch Appetit hatten Kaffée und darauf ein Glas Wein
zu trincken Indem ich mich nun in ein Kabinet gen besonders gesetzt um etliche
daselbst gefundene ZeitungsStücke durchzulesen kam mein auf dem Spiele
gewesener Wiedersacher zu mir brauchte die größte Komplaisance bedaurete dass
wir mit einander um eines Bagatells willen zerfallen wären und wünschete dass
weil er mich vor einen moralisirten Menschen ansähe wir näher mit einander
bekannt werden möchten Ich erzeigte demselben alle GegenGefälligkeit nötigte
ihn den Kaffée und Wein mit mir zu verzehren wozu er sich leicht erbitten
ließ jedoch dabei seine Neugierigkeit nicht bergen konnte zu wissen wer ich
wäre und was ich allhier zu verrichten hätte Es war mir ein leichtes ihn
damit abzufertigen dass ich ein KauffmannsDiener und nach Engelland
überzugehen gesinnt wäre dahingegen offenbarete er mir und zwar erstlich da
die andern schon alle hinweg gegangen und wir beide nur alleine beisammen
waren dass sein Nahme Nörgel und er ein Notarius Publicus wäre seine
Profession ihm aber ein sehr weniges einbringen würde wenn er nicht dieses Orts
die vortrefflichsten Weiber Stipendia zu genießen hätte
Nunmehr da ich diesen Nahmen in der van Bredal an mich geschriebenen
Briefe gelesen zu haben mich erinnerte sperrete ich erstlich beide Ohren auf
ließ sans passion noch ein paar Maß Wein herein geben und stellte mich
ungemein lustig verdrehete den Discurs auf den itzigen Zustand von Europa
allein Mons Nörgel bezeugte zu solchen Sachen eben keinen besonderen Appetit
sondern fing ex abrupto wieder an von seiner eigenen Person und
Bewunderungswürdigen LiebesIntriquen zu raisoniren Seines Nahmens wegen und
um ihn noch treuhertziger zu machen ließ ich noch 2 Bouteillen Wein langen
bei welchen er denn auch so aufrichtig wurde und teuer versicherte dass er
diese Nacht 3 Dames so ihn um Mitternacht zu sich invitirt versäumen die 4te
aber welches sein Abgott und die bemittelste wäre unfehlbar abwarten und
besorgen müsste Wie ich nun hierbei eine lächerliche Mine machte fuhr er etwas
entrüstet heraus Monsieur glaubt ihr mir nicht so leset diese 3 Billets
welche er also gleich aus der Ficke zohe das 4te aber an dem Lichte
verbrannte Nach wenigen ferneren Nötigen fand ich das erste also gesetzt
Du IrrWisch
Stellest du dich heute diesen Abend gegen 9 Uhr nicht in meiner Kammer ein so
überschreite derselben Schwelle nur nimmermehr wieder sonsten wisse dass ich
dich mit Hunden hinaus hetzen und ZeitLebens deine TotFeindin verbleiben
will
E
Das andere Billet war folgendes Inhalts
Mein Vergnügen
Die Gelegenheit von deinen mir höchst angenehmen Karessen zu prositiren ist
itzo vor mich besser als jemals deswegen komm noch ehe die Sonne untergehet
weilen sonst Verdacht entstehen möchte ich will dich gewiss erstlich mit einer
delicaten AbendMahlzeit hernach mich mit dir vollends vergnügen dieweil ich
bin
Deine ergebene A
Das dritte Billet welches mir am allermeisten verdächtig vorkam lautete
so
Falscher KebsMann
Du weist was du an mir getan und dass ich einige Wochen so zu sagen als eine
Wittbe leben müssen weilen mein Mann seit der Zurückkunft seiner BarbarnHure
mir wenig Karessen gemacht um so viel desto mehr hättest du dein Plaisir
befördern können weil du es aber versäumet muss ich dich an deinem Profite
selbst erinnern Darum komm so bald es dunckel ist durch den gewöhnlichen
Gang vergnüge mich und dich und glaube dass ich wenn ich dich redlich
befinde allezeit sein werde du weist es wohl
Deine
gutwillige vS
Mein Herr sprach ich nachdem ich ihm alle 3 Briefe wieder zurück gegeben
die letztere schreibt gar zu treuhertzig darum sollte wohl meinen dass sie es am
allermeisten meritirte ihr aufzuwarten Es ist wahr mein Herr gab er zur
Antwort sie ist sehr genereux dabei hitzig aber nicht so Liebenswürdig als
die welche ich am meisten liebe und deren Brief ich itzo verbrannt habe denn
diese ist ungemein schönes Bild voller Feuer und bezahlt dennoch sehr
reichlich dasjenige was ich ihr gern umsonst täte Sie sind glücklich mein
Herr gab ich darauf und ich dürffte fast wünschen nur an einem Orte einmal
ihre Stelle zu vertreten Ich bin nicht neidisch war seine Antwort und wo sie
mein Herr nur die Kleider allhier mit mir verwechseln und meiner Anführung
folgen wollen so können sie heunte Nacht die Madame van Steen nach ihrem
Plaisir bedienen denn sie hat unvergleichliche Anstalten darzu gemacht wird
auch den Betrug nicht merken nur bitte mir aus mit anbrechendem Tage wieder
allhier zu sein damit ein jeder sein Kleid wieder anziehen kann und wir
einander von allem Nachricht geben können denn es ist mir bei der van Steen nur
um den Profit zu tun aus ihren Karessen aber mache ich mir nicht das
geringste
Ich hatte wie leicht zu erachten verzweiffelte Streiche im Kopffe
stellte mich deswegen über Nörgels Treuhertzigkeit sehr vergnügt an und
dieser führte mich so bald wir die Kleider und Peruquen mit einander
verwechselt hatten durch etliche schmale Gassen die ich wohl bemerckte biss
vor der van Steen hinterTür des Gartens befahl mir die GartenTür mit den
NachSchlüssel den er mir gab nur zu eröffnen und getrost auf das
GartenHaus allwo sie in der obersten Etage schlieffe zuzugehen so dann würde
ich rechter Hand oben an dem Gesimse eine BleiKugel woran ein Bindfaden
bevestiget wäre antreffen mit selbigem sollte ich nur einige Züge tun so
würde die Tür gleich von sich selbst aufgehen denn sie hatte den Bindfaden an
ihren Arm gebunden könnte auch so gleich vermittelst eines herab gehenden
EisenDrats die Riegel aufziehen Ich versprach dem Nörgel alles wohl zu
observiren und noch vor TagsAnbruch abgeredter maßen wieder bei ihm zu sein
nahm also dissmahl Abschied von ihm und marchirte mit zitterenden Füßen in den
Garten hinein So bald ich vor die Tür des GartenHauses kam durfte ich nicht
einmal nach dem Bindfaden und der BleiKugel umgreiffen denn die Tür tat
sich gleich von selber auf seitwärts inwendig brennete eine kleine
NachtLampe welche doch so viel Schein von sich gab dass ich die Treppe so
wohl als oben der Helenen SchlaffKammerTür welche mir Nörgel genau genung
bezeichnet hatte ganz ordentlich finden konnte In ihrer Kammer war kein Licht
deswegen musste mich nur nach dem wenigen Scheine des Himmels richten der durch
die 2 Fenster schimmerte kaum aber war ich in die Kammer hinein getreten als
mich Helena also bewillkommete Kömst du denn einmal du falsches
TeuffelsKind ziehe dich nur erstlich aus ich will dir einen derben Fickerling
geben Madame war meine ganz sachte und ziemlicher maßen nach Nörgels
MundArt eingerichtete Antwort ich will mich bald bei ihr rechtfertigen Ach
ich höre schon sagte sie du hast gesoffen mache nur fort und lege dich her
denn du bist doch nicht besser zu gebrauchen als wenn du einen Rausch hast
Wer nun Lust zu tantzen gehabt hätte dem wäre genung gepfiffen gewesen
allein weil ich mich im Truncke ganz und gar nicht übernommen hatte
hauptsächlich aber an meine schöne keusche und sonst vollkommen tugendhafte
die van Bredal gedachte bekam ich einen würcklichen Eckel an dieser bösen
Speise zumahlen mein Vorsatz ohnedem nicht war etwas von ihr zu genießen
sondern nur dieselbe zu prostituiren mithin die van Bredal zu rächen und dem
van Steen den Staar zu stechen Doch â propòs weil sie mir die Trunckenheit
vorworff fing ich an etliche mahl zu kolckern als ob aus dem Magen alles oben
heraus wollte weswegen sie mir riet ich sollte um das Zimmer nicht zu
verunreinigen erstlich noch ein wenig im Garten herum spazieren alles aus dem
Leibe s v heraus speien und hernach etwas von dem auf dem Tische stehenden
Kordial zu mir nehmen so würde es schon besser werden Ich sagte Ja Ja da
aber eben auf den Stuhl zu sitzen gekommen war worauf sie ihre Kleider gelegt
nahm ich nicht allein alle dieselben ganz behutsam unter den Arm sondern noch
ihre Pantoffeln und Strümffe darzu schlich mich sachte hinunter und nach
gerade immer zum Garten hinaus brachte auch alle die Sachen glücklich in meine
Herberge ohne dass es jemand darinnen gewahr wurde denn der HausKnecht so mir
aufmachte hatte kein Licht und ich ging gerades Wegs damit nach meiner Kammer
und verdeckte diese allerlei Sachen
So bald als der Tag anbrechen wollte machte mir der HausKnecht genommener
Abrede nach das Haus wieder auf und ich ging an denjenigen Ort allwo mich
Nörgel hin bestellt hatte er kam etwa eine halbe Stunde hernach ebenfalls ich
stellte mich sehr besoffen und verdrießlich an klagte ihm auch dass ich meinen
Zweck nicht erreichen können indem ich nicht ehe gemerckt dass ich mich so sehr
vollgesoffen hätte als biss ich zur Dame ins Zimmer gekommen wäre um aber
dasselbe nicht zu verunreinigen hätte ich mich erstlich in Garten retirirt und
hernach da ich gemerckt dass meine Kräffte ganz und gar verschwunden meinen
March zurück genommen und das meiste vom Rausche im Winckel hinter einen
Brunnen ausgeschlaffen
Nörgel fing hierüber grausam an zu lachen und sagte Mein Herr deswegen
werdet ihr aber doch erkennen dass nicht ich sondern ihr selbst Schuld an dem
misslungenen Vergnügen seid mir aber ist es besser ergangen denn ich habe nicht
allein 6 spec Ducaten sondern auch mein vollkommenes Vergnügen erlanget ich
wollte euch auf künftige Nacht wohl Gelegenheit verschaffen den begangenen
Fehler zu verbessern allein in 2 Stunden muss ich mich auf einen Wagen setzen
und etliche Meilen wegfahren denn meine Abgöttin hat mir eine Kommission
aufgetragen welche ich ausrichten muss werde auch wohl unter 8 Tagen nicht
wieder zurück kommen nach Verlauff derselben aber hoffe die Ehre zu haben euch
wieder allhier zu sprechen
Mir hätte wohl nichts angenehmers als dieses zu Ohren kommen können denn
binnen der Zeit gedachte ich den angefangenen Streich so bald ich nur der
Madame van Bredal Gutbedüncken deswegen vernommen vollends auszuführen
inzwischen da Nörgel eine Kanne Chocolade ich aber nur bloßen Tee tranck
und ungefähr gewahr wurde dass derselbe vielleicht aus Versehen nicht nur der
van Steen sondern auch die 2 andern LiebesBriefe oder Citationes in seine
RockTaschen die ich anhatte gesteckt weswegen ich mich eiligst ein wenig auf
die Seite begab und diese nebst noch andern Zettuln in meine BeinKleider
steckte nachher das Kleid wieder mit ihm umtauschte mich auch nicht lange
aufhielt sondern nach meinem Logis eilete nachdem ich Abschied von Nörgel
genommen ihm eine glückliche Reise gewünschet und versprochen nach Verlauff
der 8 Tage mich öfters an diesem Orte wieder finden zu lassen Ohngeacht ich
nun diese Nacht sehr wenig geschlaffen so trieb mich doch die Curiosität dahin
nunmehr bei Tage recht zu besichtigen was ich diese Nacht erbeutet hatte
demnach fand ich erstlich 2 FrauenzimmerRöcke 1 NachtKamisol 1 Schürtze
1 HalsTuch 1 Mütze eine AnhängeTasche mit einem silbernen Bügel woriñen
4 spec Ducaten 2 Louis dor und ungefähr 6 Gulden SilberMüntze nebst 3
LiebesBriefen von verschiedenen Händen stacken in den Ficken aber fand ich
ihre Petschaft 6 biss 8 Schlüssel ein paar Messer und andere Kleinigkeiten
welches ich denn alles wohl betrachtete und hernachmahls in meinen Reise
Kouffre verwahrete
Uber das Nachdencken dieser Intrique verging mir vollends aller Schlaff
weswegen ich mich an ein Fenster legte und eine Pfeiffe Toback rauchte Bald
hernach kam eine Chaise gefahren welche unter meinem Fenster stille hielt und
ich sah mit dem allergrößten Vergnügen die Madame van Bredal heraus steigen
die auch bald mit noch einem Frauenzimmer und einer Magd die Treppe herauf
gegangen kam und wie ich durch mein SchlüsselLoch sehen konnte mit ihrer
Begleitung in ein Zimmer ging das nicht gar weit von dem Meinigen war
Wie nun nicht vor ratsam hielt mich eher sehen zu lassen biss ich ihr
vorher meine Ankunft in Geheim zu wissen getan so wollte eben nachsinnen wie
dieses anzufangen wäre als ich gewahr wurde dass das andere Frauenzimmer mit
der Magd hinunter ging sie ihnen aber das Geleite biss an die Treppe gab So
bald sie demnach umkehrete machte ich die Tür meines Zimmers auf und ihr ein
höfliches Kompliment Sie erschrack ziemlich über den jählingen Anblick und
wurde Blutrot sagte aber bald ich bin von Hertzen erfreut Mons van Blac
euch allhier wohl zu sehen und hätte nicht gemeinet dass ihr so bald hier sein
würdet wisst aber dass meine Affairen bereits völlig zum Ende sind und ich
von dem van Steen gänzlich abgeschieden bin ein ferneres wollen wir zu
gelegener Zeit mit einander reden tut mir voritzo nur ein paar Tage den
Gefallen und stellt euch an als ob ihr mich sonsten noch niemals gesehen
hättet
Madam gab ich zur Antwort ich bin schon einige Tage hier habe mir aber
nicht die Kourage nehmen wollen ihnen nachzureisen und ob ich gleich außer
mir selbst war da ich das Vergnügen hatte Sie von dem Wagen steigen und durch
mein SchlüsselLoch auf den Saal kommen zu sehen so wollte mich doch vor andern
Leuten nicht eher zeigen biss ich erstlich Ordre von Ihnen erhalten unterdessen
möchte wünschen dass ich allhier auf dieser Stelle nur eine einzige Stunde Zeit
haben möchte ihnen eine gewisse Avanture zu eröffnen worüber Sie sich ungemein
verwundern werden Mons van Blac sagte sie hierauf ich habe diesen Tag noch
wichtige Verrichtungen und werde vor Abends nicht wieder hieher kommen so bald
aber in diesem GastHause alles zu Bette ist will ich euch durch meine Magd in
mein Zimmer ruffen lassen meine Baase welche itzo mit derselben von mir
gegangen wird wie bisher zwar auch bei mir sein allein ihr habt euch vor
beiden nicht zu scheuen denn sie sind mir sehr gewogen und getreue ich werde
mich auch ehester Tages mit beiden zu Schiffe setzen und nach Engelland
seegeln
Ich wurde über diese letztern Worte einiger maßen in meinen Gedanken
verwirret welches Sie wohl anmerckte jedoch nichts mehr sagte als habt guten
Mut mein werter Freund diesen Abend wollen wir deutlicher mit einander
sprechen hiermit begab sie sich in ihr Zimmer und ich mich in das Meinige
stellte mich gegen meinen Aufwärter etwas unpass und ließ mir dieserwegen die
Speisen herauf bringen kam auch den ganzen Tag nicht aus dem Zimmer merkte
aber wohl an dass die Madame van Bredal noch vor Essens ausging und erstlich
mit einbrechender Nacht wieder zurück kam
Um MitternachtsZeit klopffte jemand ganz sanfte an meine Tür und da ich
dieselbe leise eröffnete trat ihre Magd herein brachte ein Kompliment von der
Madame van Bredal welche bitten ließe ob ich nicht die Güte haben von meiner
Ruhe etwas abbrechen und auf ein wichtiges Gespräch zu ihr kommen wollte Ich
folgte der Magd so gleich nach und traff die beiden Frauenzimmer auf 2
SchlaffStühlen sitzend an zwischen welchen ein Tisch stunde auf welchem sich
ein paar Bouteillen Wein nebst Konfect befanden So bald sie mich bewillkommet
und zu sitzen genötigt fing die van Bredal an seht meine liebste Baase
dieses ist der Herr welcher mir mit seiner größten LebensGefahr zu meiner
Freiheit verholffen die zu erkauffen vielleicht keine Million hingereicht
haben würde Die Baase war eine artige Jungfer von 19 biss 20 Jahren und
nennete sich Gillers war eines aufgeweckten Geistes stund auf und sagte mein
Herr erlaubt mir dass ich euch vor die übergrosse Gefälligkeit die ihr meiner
allerliebsten Freundin auf dieser Welt und zugleich mir erwiesen habt die Hand
küssen darff Indem ich mich nun dessen weigerte und sehr beschämt befand
küsste sie mich in der Geschwindigkeit dergestalt derb auf den Mund dass ich
mich fast selbst schämete und ganz Feuerrot im Gesichte wurde
Die van Bredal fing herzlich darüber an zu lachen sagte aber Kinder wir
müssen die wenigen Stunden so wir beisammen bleiben können mit ernstaften
Gesprächen zubringen Demnach fing sie an mir alles zu erzählen wie es ihr
allhier ergangen die HauptPuncte aber waren diese 1 Hätte sie anfänglich
absolut prætendirt ihren Mann den van Steen wieder zu haben derselbe aber
hätte vielleicht nicht so wohl aus übelen Verdacht sondern vielmehr darum weil
ihm seine Helena stündlich um den Halse gelegen sich absolut geweigert sie
wieder anzunehmen und die Helena fahren zu lassen weswegen es denn endlich
dahin verglichen worden dass sie nunmehr vor 9 Tagen einen gerichtlichen
ScheideBrieff bekommen mit der Klausul sich ebenfalls wieder verheiraten zu
dürffen an wem sie wollte 2 Wäre der van Steen dahin genötigt worden ihr
vor ihr eingebrachtes Gut benebst den AbtrittsGeldern 10000 Holländische
Gulden zu bezahlen welche sie auch heutiges Tages durch ihren Procuratorem in
Empfang nehmen lassen 3 Die ErbPortion von ihren Eltern à 1600 fl wäre ihr
gleichfalls schon ausgezahlt und nunmehr 4 da sie frei und ledig wäre wollte
sie diesen ihr unglückseligen Boden verlassen und mit dieser ihrer Baase nach
Engelland übergehen
Ich hatte mit großer Verwunderung und bangen Hertzen zugehöret blieb aber
da sie inne hielt abermals in tieffen Gedanken sitzen und war nicht einmal
gewahr worden dass sich Mademoiselle Gillers mit der Magd hinaus begeben hatte
um noch Kaffée zu kochen Deswegen fing Madame van Bredal von neuen zu reden
an Nunmehr sagte Sie mein Herr van Blac habe ich es noch mit euch zu tun
um euch die mir treu geleisteten Dienste zu belohnen ist euch mit baarem Gelde
gedienet so stehen noch 3000 Tlr von dem Meinigen zu euren Diensten wollt
ihr euch aber gefallen lassen diese meine Baase welche doch gewiss ein schönes
Frauenzimmer zu nennen ist zur Frau zu nehmen so versichere dass ihr nicht
allein meine euch jetzt versprochenen 3000 Tlr sondern auch von ihrem
Vermögen wenigstens noch gedoppelt so viel empfangen sollt denn ich vor meine
Person bin entschlossen meine übrige LebensZeit im ledigen Stande zuzubringen
mein Geld und Gut auf Zinsen auszutun und in der Stille vor mich zu leben
Diese Worte waren ein Donnerschlag in meinen Ohren und Hertzen jedoch ich
stund ganz gelassen auf vom Stuhle und sagte Madame Dero Generositée ist
jederzeit größer gewesen gegen mich als meine wenigen Dienste ich habe noch
ein starckes Kapital davon aufzuweisen will aber selbiges weit vergnügter
wieder zurück geben als noch mehr von ihnen annehmen Vor die vorgeschlagene
Mariage dancke ich gehorsamst nicht zwar etwa aus Verachtung gegen diese
Liebenswürdige Person sondern nur darum weil mir nicht möglich ist etwas
anders zu lieben so lange ich weiß dass die Madame van Bredal lebt Geld und
Gut ist nicht capable mich zu vergnügen weil ich aber Dero Entschluss vernommen
so will mich aus ihren Augen verbannen und mein künftiges Schicksal mit Geduld
ertragen Adieu Madame Der Himmel lasse sie jederzeit vergnügt leben Mein
wertester Freund versetzte sie hierauf indem sie mich bei dem Kleide zurück
zohe bedencket doch euer Bestes ich will euch 3 Tage Zeit darzu lassen Ich
gab zur Antwort Madame 3 Jahr 3 Tage 3 Minuten oder 3 Sekunden sind mir
in diesem Stücke einerlei weil ich weiß dass mein Gemüte in diesem Stücke so
unveränderlich ist als ich unglücklich bin erlauben sie nur dass ich mich
retiriren und Dero Komplaisançe nicht länger missbrauchen darff Sie hielt mich
noch vester und sagte Mein Herr in der Rage lasse ich euch nicht von mir
gehen erweget aber ob ihr als ein Junggeselle der sich davor ausgibt noch
kein Frauenzimmer gewisser maßen berührt zu haben nicht wohl tätet wenn ihr
meine Baase oder eine andere Jungfrau heiratet als mich die ich als eine
Wittbe zu achten bin und dennoch wohl nachher bei euch in den Verdacht
geraten könnte als ob Ich unterbrach ihre Rede und bat Madame
quälen sie mich nur nicht länger denn ich bin ja überzeugt genug dass ihnen
meine Person nicht anständig ist darum ist ja meine Resolution die
allervernünftigste dass da ich nicht erlangen kann was ich suche lieber mich
entfernen will
Unter diesen Worten rolleten mir so viel ich mich von meiner Kindheit an zu
erinnern weiß zum ersten mahle einige Tränen die Backen herunter welche so
bald es die Madame van Bredal sah eine solche Würckung taten dass sie auf
einmal anders Sinnes wurde mir um den Hals fiel mich offtermahls küsste und
endlich sagte Bleib mein Schatz ich bin Deine und du solst der Meinige sein
so lange als ich lebe in Engelland wollen wir Hochzeit haben unterdessen aber
richte dich nach meinen Umständen und überlege mit mir wie wir uns etwa
allhier noch aufzuführen haben Uber diese Worte wurde ich dergestalt entzückt
dass ich selbst nicht wusste wie mir zu helfen war indem ich so lange auf
meiner Liebsten Munde kleben blieb biss wir die Mademoiselle Gillers und die
Magd mit dem Kaffée ankommen hörten Wir setzten uns und truncken etliche
Schälchen Die Magd ging fort deswegen redete mein Schatz zu ihrer Baase
Dencket doch mein Hertz dieser Herr mit dem ich mich abfinden wollen will
weder Geld noch Gut sondern meine Person selbst vor seine mir geleisteten
Dienste haben Ihr wäret antwortete die Mademoiselle Gillers die
allerunerkänntlichste Person von der Welt wenn ihr ihm dieselbige versagtet
denn er hat euch errettet und durchs Glück den größten Anteil daran ihr seid
wenig Jahre älter als ich und werdet den ledigen Stand bei eurer Schönheit
schwerlich ohne starke Versuchungen zubringen können deswegen macht mir das
Vergnügen dass ich itzo gleich die VerlöbnisRinge von euren Fingern abziehen
und verwechseln darff das Beilager aber muss ausgestellet bleiben biss wir in
meines Bruders Haus nach Portsmout kommen Hiermit stund das lose Ding auf
zohe so wohl mir als der van Bredal die Ringe vom Finger verwechselte
dieselben und stellte sich so dabei mit Reden und Gebärden an als wenn sie
ein würcklicher Priester wäre ließ auch nicht eher nach biss wir einander die
Hände und 50 Küsse auf die Treue gaben
Da nun dieses vorbei war und alles seine vollkommene Richtigkeit hatte
erzählte ich beiden Frauenzimmern den Streich welchen ich in vergangener Nacht
dem Nörgel und der Helena gespielt hatte Sie lachten sich alle beide bald zu
Tode darüber wollten aber nicht alles glauben biss ich sie in mein Zimmer
hinüber führte der Helenæ Kleider Strümpffe und Pantoffeln vorzeigte und
selbige meiner nunmehrigen Liebste in Verwahrung gab Und wenn ihr mir sagte
diese mein nunmehriger allerliebster Schatz 100000 Tlr zum MahlSchatze
gegeben hättet so wären mir selbige doch nicht halb so angenehm als diese
Equipage Stille nun wollen wir nicht mehr unter dem Verdeck spielen sondern
dem van Steen zeigen was er verloren oder gewonnen hat inzwischen bin ich
vergnügt Mons van Blac dass ich mich nunmehr die Eurige nennen darff und kann
Morgen früh will ich mich mit euch copuliren lassen daferne ihr ein Zeugnis aus
Antwerpen bei euch habt dass daselbst von eurer Verehligung mit jemand keiner
etwas wisse dieses zeigte ich ihr so gleich sodann will ich noch 1000 und
mehr Taler daran wenden wenn es ja erfodert werden sollte dass die H
Helena rechtschaffen prostituiret und dem van Steen der Staar gestochen werden
möge
Wie viel mir nun auch an der Person der van Bredal gelegen war so hielt ich
doch nicht vor ratsam dass wir uns in diesem Stück übereileten indem uns von
unsern Feinden garstige Possen gespielt werden könnten hergegen war ich der
Meinung dass es besser wäre wenn wir uns so bald wir unsere Sachen alle in
Ordnung gebracht je ehe je lieber nach Engelland übersetzen ließ
mitlerweile wollte ich die ganze Komædie von der Helena mit allen Umständen zu
Pappier bringen einen Brief an den van Steen darzu legen der Helenæ Kleider
und Sachen in ein Kästlein packen und selbiges alles zusammen dem van Steen in
die Hände liefern lassen nachher würden wir in Engelland dennoch wohl
erfahren was etwa ferner vorgegangen wäre Meine Geliebte hielt dieses vor
genehm und sagte wie sie in allen Stücken Reise fertig wäre und binnen 3
oder 4 Tagen abfahren könnte Demnach wurden wir schlüssig dass ich morgenden Tag
noch ausruhen den folgenden aber nach Harlingen voraus reisen sollte damit
niemand einmal erführe dass wir einander allhier in Leuwarden gesprochen
hätten Dieses geschahe also ich kehrete aber nicht in dem GastHause ein wo
sie einkehren wollte sondern in einem andern setzte mich hin und schrieb
erstlich die ganze Geschicht von Wort zu Wort auf die sich mit Nörgel der
Helena und mir zugetragen hatte verfertigte sodann einen Brief an den van
Steen welcher folgendes Inhalts war
Monsieur
Ich habe die Ehre zwar niemals gehabt denselben von Person zu kennen trage
aber dennoch einiges Mitleiden seinetwegen dass er sich dem größten Orden der
Hahnreischaft vielleicht wider seine Einbildung einverleibt sehen muss
Beiliegende GeschichtsBeschreibung befindet sich in der Tat und Wahrheit also
und kann derselbe dessfals noch ein und andere Nachricht einziehen so dann
erwegen ob nicht alles zutrifft wiewohl ich hoffe es werden seiner Liebsten
Kleider und andere Sachen wie auch die beigelegten LiebesBriefe ein sattsames
Zeugnis abstatten dass dieses kein Gedichte sondern eine wahrhafte Geschichte
sei Wäre ich so wollüstig als curieux gewesen das Beginnen einer geilen Dame
zu bemercken so wäre die Zahl seiner Hörner unfehlbar durch mich vermehret
worden denn nach Nörgels Beschreibung soll seine Frau Liebste schönes Leibes
dabei sehr freigebig sein gegen diejenigen so sie rechtschaffen bedienen indem
sie sehr hitzig in dem LiebesWercke ob es wahr ist weiß ich nicht da ich
niemals das Glück gehabt sie zu sehen viel weniger anzurühren Ich überlasse
seinem eigenen Gefallen wie er sich bei dieser Begebenheit aufführen und ob er
seinen Herrn Schwägern nämlich den Männern der Madame E und A auch das
Verständnis eröffnen will in so ferne er dieselben ausforschen kann Ich
verhoffe das Meinige getan zu haben als ein unbekannter redlicher Freund denn
wenn ich ein Filou oder Betrüger oder sonsten Geldbedürfftig wäre so hätte
wenigstens die Barschaften vor meine Mühe zurück behalten können Ubrigens
bitte mir durch diesen abgeschickten Expressen ein kleines Recipisse aus indem
ich mich allhier in Harlingen nicht lange aufhalten sondern ehester Tages nach
Amsterdam abseegeln werde jedoch beharre
Monsieur
vôtre Ami
So bald ich nun Nachricht erhalten dass meine Liebste nebst ihrer Baase
angekommen und ebenfalls in einem andern GastHause als wo wir ehedem logirt
abgetreten wäre begab ich mich gleich des ersten Abends zu ihr zeigte ihr
meine Schrifften welche sie approbirte wir packten darauf der Helenæ
KleidungsStücke in ein gätliches Kästlein versiegelten es mit einem fremden
Petschaft und trug dasselbe bei NachtsZeit selbst in mein Logis Drei Tage
hernach wollte ein Schiff nach Engelland abseegeln auf selbiges verdungen sich
das Frauenzimmer und auch ich besonders als ob wir nicht zusammen gehöreten
waren auch bestellt uns vor Abends am Boord einzufinden weil der Schiffer so
dann in See gehen wollte Deswegen fertigte ich um MittagsZeit erstlich einen
ExpressenBoten an den van Steen nach Leuwarden ab gab ihm einen guten Lohn
mit dem ausdrücklichen Befehle die Briefe nebst dem Kästlein ja keinem andern
Menschen als dem van Steen selbst in die Hände zu geben wo aber derselbe etwa
nicht zu Hause wäre so lange zu warten biss er zur Stelle käme indem ihm sein
WarteGeld entweder dort oder von mir wohl bezahlt werden sollte So bald aber
der Bote etwa eine MeileWegs fort sein mochte bezahlete ich den Wirt und
ließ meine Sachen aufs Schiff tragen zu welchen ich so dann meinen Weg auch
nahm und bald hernach mein Frauenzimmer ebenfalls ankommen sah Wir seegelten
also mit gutem Winde frölich ab und gelangeten in wenig Tagen glücklich
Portsmout bei der Mademoiselle Gillers Bruder an welcher uns mit vielen
aufrichtigen FreundschaftsBezeugungen empfing auch da er unser Anliegen und
Umstände vernommen wenig Tage hernach Anstalt machte dass ich mit meiner
Liebste von einem Priester ehelich zusammen gegeben wurde Wir waren hierauf
gesonnen uns mit nächster Gelegenheit ein feines LandGütgen zu kauffen eine
ordentliche Hausshaltung anzufangen und von demjenigen was uns das Gut
einbrächte reputirlich zu leben da sich aber nicht so gleich ein anständiges
finden wollte lebten wir über ein halbes Jahr vor unser Geld sehr vergnügt bei
dem Herrn Gillers
Eines Abends da ich mit demselben aus einer Kompagnie guter Freunde da es
schon ziemlich dunckel war nach Hause ging kam uns eine schwartz gekleidete
MannsPerson entgegen und stieß mich im Vorbeigehen mit einem Dolche in die
Seite lief hierauf noch schneller als ein Windspiel fort Ich selber kaum
geschweige denn Herr Gillers wusste wie mir geschehen war endlich aber fühlete
ich die Blessur und war froh dass wir bald nach Hause kamen denn der Stich war
zwar nicht tötlich weil er auf dem rechten HüfftBeine sitzen geblieben
allein sehr schmertzhaft wie denn auch nachher noch sehr üble Zufälle darzu
kamen so dass ich doch fast daran hätte crepiren können allein endlich wurde
ich wieder gesund erfuhr auch wunderbarer Weise dass niemand anders als Nörgel
der Meuchel Mörder gewesen Denn es musste sich so wunderlich fügen dass einer
von des van Steens HandelsPurschen herüber nach Engelland und bei Herrn
Gillers in Kondition gekommen war Dieser hatte meine Liebste nicht so bald
erblickt als er sich derselben so gleich zu erkennen und dabei zu vernehmen
gab wie sie als die erste Frau des van Steen ehemahls seine Patronin gewesen
wäre er aber sei nur vor wenig Wochen aus des van Steen Diensten gegangen um
sich eine Zeitlang in Engelland aufzuhalten könnte auch wenn es uns etwa auf
den Abend gelegen wäre verschiedene wunderbare Geschichte so vor weniger Zeit
in des van Steens Hause und sonsten in Leuwarden passiert wären erzählen
Meine Frau die sich dieses Menschens von etlichen Jahren her noch sehr
wohl zu erinnern wusste bat ihn so gleich uns die Gefälligkeit zu erweisen
und Abends auf unser Zimmer zu kommen welches er denn tat und eine
weitläufftige Erzählung von den Geschichten des van Steen seiner Helena
Nörgels und anderer mehr machte und endlich kam er auf die letzten Streiche so
ich in Leuwarden gespielt hatte wusste aber nicht dass ich es gewesen sondern
erzählete nur dass der van Steen neulichst von unbekandter Hand einen Brief
nebst einem Kästlein mit KleidungsStücken und andern Sachen die seiner Frau
gehöreten und davon sie ausgegeben dass sie ihr gestohlen worden erhalten Er
hätte sich ganz rasend darüber angestellet wenig Stunden danach aber seine
Frau nebst ihrem AufwarteMägdgen in ein finsteres Gewölbe verschlossen und
ihnen 3 große Brodte nebst einem Fässgen voll Wasser hinein gesetzt Hierauf
wäre er mit dem Boten welcher den Brief gebracht nach Harlingen gereist und
andern Tages sehr verdrießlich wieder zurück gekommen hätte auch allen seinen
Leuten hart verboten von allen dem was sie in seinem Hause etwa hörten und
merckten kein Wort auszuplaudern ferner wäre der van Steen immer unruhig
geblieben bald zu diesem bald zu jenem guten Freunde gelauffen und endlich
hätte man unter der Hand vernommen dass der Notarius Nörgel in eines andern
KauffmannsHause bei NachtsZeit sehr grausam wäre geschlagen und verwundet
worden so dass man ihn in einer Sänfte hätte nach Hause tragen müssen der van
Steen hätte im Gesicht und an den Händen ebenfalls die Wahrzeichen gehabt dass
er in einer Schlägerei gewesen wäre bald hernach aber wäre die Helena nebst
ihrer Magd früh Morgens vor Tage in einen Wagen gesetzt worden den man
verschlossen und sie unter Begleitung von 4 unbekandten Reutern fortgeführt
wohin wisse niemand eigentlich Nörgel fuhr dieser KauffmannsDiener fort
ging so bald er wieder curirt war herüber nach Engelland und zwar auf eben
dem Schiffe worauf ich mich befand ließ sich auch eines Tages dieser
verwegenen Reden gegen mich verlauten ich trage diesen meinen Kopf zum
erstenmahle nach Engelland weiß aber nicht ob ich denselben wieder heraus
bringen werde doch frage ich nichts danach wenn ich nur so glücklich bin
mich an einem gewissen Feinde zu rächen der mir den ärgsten Possen auf der Welt
gespielt hat kann ich nur ihn in die andere Welt schaffen so will ich gern
sterben
Aus allen diesen Reden des KauffmannsDieners nun konnten ich und meine
Liebste bald schließen dass Nörgel unser Geheimnisse ausgeforschet haben und
kein anderer als er mein MeuchelMörder gewesen sein müsse denn es kamen noch
viele andere Umstände darzu welche ich Weitläufftigkeit zu vermeiden
verschweigen will
Inzwischen verging meiner Liebsten bei so gestalten Sachen alle Lust in
Engelland zu bleiben denn nachdem sie noch darzu verschiedene schreckliche
Träume gehabt blieb sie bei den Gedanken unsere Feinde würden nicht ehe
ruhen biss sie uns vom Brodte geholffen deswegen wurden wir schlüssig unser
Geld und Gut zusammen zu packen und mit ersterer Gelegenheit nach Jamaica zu
seegeln Ich kam in etlichen Wochen nicht aus meinem Logis um nicht von neuen
in MörderHände zu fallen nachher da der Herr Gillers uns die Nachricht
brachte dass er vor uns gesorgt und auf ein nach Jamaica gehendes Schiff
verdungen hätte welches in wenig Tagen abseegeln würde schafften wir unsere
Sachen darauf und traten nach wehmütig genommenen Abschiede die Reise nach
der neuen Welt an Meine Liebste war sehr vergnügt dass wir diese Resolution
ergriffen hatten zumahlen da uns Wind und Wetter sehr favorable waren allein
das grausame Verhängnis hatte beschlossen uns auf eine jämmerliche Art von
einander zu trennen denn da wir bereits eine ziemliche Weite über die Insul
Madera hinaus waren überfiel uns ein entsetzlicher Sturm welcher uns auf die
lincke Seite nach den Insuln des grünen Vorgebürges zutrieb wir sahen dieselben
schon vor Augen konnten sie aber nicht erreichen indem unser Schiff um die
MittagsZeit ganz plötzlich zerscheiterte und mit seiner ganzen Ladung zu
Grunde ging Ich und meine Liebste konnten nicht so glücklich werden dass man uns
mit in ein Boot genommen hätte denn es waren schon beide überflüssig besetzt
deswegen musste uns nur so wohl als vielen andern zum Troste dienen dass wir
einen starken Balcken erhaschen und uns auf demselben erhalten konnten Allein
was halff es in folgender finsteren Nacht schlug eine ungeheure Welle meine
Allerliebste von dem Balcken herunter und hörte ich noch dass sie rieff
JEsus Gute Nacht mein Schatz Mir vergingen vor Wehmut alle Gedanken und
wundere ich mich über nichts als wie ich mich bei solchen höchstschmertzlichen
LeidWesen noch habe auf dem Balcken an und erhalten können inzwischen da ich
mich in etwas besonnen konnte ich doch keine Hand vor Augen sehen andern Tages
gegen Mittag aber befand mich an dem Ufer der Insul St Lucia welches eine von
den Insuln des grünen Vorgebürges ist und wurde errettet Viele Tage habe ich
auf dieser Insul mit lauter Winseln und Wehklagen über den kläglichen Verlust
meiner Allerliebsten zugebracht weilen mit ihr alles mein Vergnügen ja meine
ganze Glückseeligkeit im Meere ertruncken war endlich weil ich noch etwa 100
und etliche spec Ducaten in meinen Kleidern vernehet bei mir trug kam mir in
die Gedanken mit einem Portugiesischen Schiffe nach Brasilien zu gehen auch
aus Verzweiffelung so lange hie und dahin zu fahren biss ich auch mein nunmehr
mir verdrüssliches Leben endigte jedoch der Himmel gab mir andere Gedanken ein
dass ich nämlich in mein Vaterland zurück gehen und entweder in meiner
GeburtsStadt oder in Amsterdam eine stille und ruhige LebensArt erwählen
sollte als welches denn auch von mir resolvirt wurde da ich aber in Lissabon
bei einem vornehmen Schwedischen Herrn bekandt gemacht wurde nahm mich derselbe
zum SprachMeister seines Sohnes an und mit sich nach Schweden Mein Discipul
war sehr lehrbegierig allein er starb da ich wenig Wochen über ein Jahr mit
ihm zu tun gehabt also bekam ich mein bedungenes Geld hatte darzu nochden
Vorteil dass ich die Schwedische Sprache vollkommen erlernet von welcher ich
sonsten unter den andern das wenigste wusste und reiste erstlich nach meiner
VaterStadt hernach weil ich daselbst vor Jammer über alles mein Unglück nicht
bleiben konnte nach Amsterdamm allwo ich abermals Kondition als Sprach Meister
bei etlichen KauffmannsDienern annahm welche mir so viel bezahleten dass ich
mein melancholisches und stilles Leben ganz reputirlich fortführen konnte Da
aber einige von ihnen abgingen ich also aus meinem Beutel zusetzen musste fügte
es sich eben dass der werteste Monsieur Eberhard Julius gegen dessen Logis ich
gerade über wohnete einen Dolmetscher nach Schweden mitzureisen aufsuchen
ließ und ihm ein Ansehnliches MonatGeld zu zahlen versprach weswegen ich an
ihm recommendirt so gleich acceptirt und mit genommen wurde Was unsere
Verrichtungen daselbst gewesen ist ihnen allerseits bekandt ich habe nach
meinem wenigen Vermögen nichts ersparet ihnen getreue Dienste zu leisten bin
auch ungemein raisonable davor belohnt worden so dass ich dieserwegen sehr
vergnügt um aber von der angenehmen Kompagnie abgeschieden zu sein höchst
betrübt von Hamburg nach Amsterdam zurücke reiste Hieselbst wollte es nunmehr
gar nicht mehr nach meinem Kopffe sein ungeacht mir eine gar profitable
Mariage nebst einer Charge bei dem SchiffsBau Wesen angetragen wurde sondern
es kam mir die Grille auf einmal wieder in den Kopf zur See entweder nach
Ost oder WestIndien zu gehen und mein Kapital welches ungefähr in 700
Gulden oder etwas drüber bestund anzulegen
Ich ließ mich dessen einsmahls Mittags in meinem SpeiseQuartier verlauten
allwo dem Ansehen nach 2 feine SeeOffiziers zugegen waren welche so gleich
sagten wo dieses mein Ernst wäre könnten sie mir dienen denn das Schiff
worauf sie sich engagirt würde in wenig Tagen nach OstIndien unter Seegel
gehen Es war mir dieses die hertzlichste Freude von der Welt ich machte wegen
ihres guten Ansehens so gleich die vertrauteste Feundschaft mit ihnen und
schaffte gleich andern Tages meine Sachen die in 2 Kisten gepackt waren in
ihr Quartier allwo sie mich ganz wohl tractiren ich vermerckte auch binnen
zweien Tagen dass dann und wann Matrosen kamen welche bald dieses bald jenes
anmeldeten Ich befahrete mich keines Bösen hatte meine besondere Kammer
worinnen ich schlief fuhr aber in der 3ten Nacht jählings aus dem Bette da mir
jemand meine BeinKleider unter dem Kopffe hinweg zohe Ich verfolgte den Dieb
war aber kaum in die andere Kammer gekommen als so gleich ihrer 3 auf mich
zuhieben und stachen so dass ich der Gewalt weichen zu Boden fallen und um
mein Leben bitten musste Es sei dir aus Gnaden sagte der Eine geschenckt
drehete mir aber in der Geschwindigkeit einen Knebel in den Mund die andern
banden mir Hände und Füße und ließ mich Elenden also auf dem bloßen Boden
liegen biss ich früh Morgens von des Wirts Gesinde fast im Blute schwimmend
angetroffen wurde Selbiges machte ein Geschrei so dass der Wirt auch herzu
gelauffen kam welcher mich reinigen und durch einen WundArtzt verbinden ließ
Ich hatte 2 Hiebe ins Gesichte einen über den Kopf 3 über die Arme einen
Stich auf den BrustKnochen und einen in die lincke Schulter bekommen und
meinte nicht anders ich würde an diesen 8 Blessuren meinen Geist aufgeben
müssen allein der Chirurgus sparete keinen Fleiß ein MeisterStück seiner
Kunst an mir zu beweisen curirte mich auch binnen wenig Wochen recht völlig
und war nachher so genereux nicht einen Deut vor seine Mühe und angewandte
Kosten zu verlangen weswegen ich ihn mit Recht einen barmhertzigen Samariter
nennen kann der Himmel aber vergelte es ihm tausendfach weil ich nicht im
Stande gewesen ihm meine Danckbarkeit anders als mit Worten die aus redlichen
Hertzen und Munde geflossen zu bezeugen
Von allen meinen Sachen hatte ich nichts behalten als ein Bündel schwartze
Wäsche und eine ziemlich große lederne Tasche worinnen meine Briefschaften
befindlich denn ich hatte selbigezum Füßen meines Bettes gesteckt und meine
Räuber mochten daselbst nicht gesucht haben Von Gelde oder GeldesWert aber
hatte nicht das geringste mehr vielweniger etwas an den Leib zu ziehen Der
Wirt war Zeit währender meiner Kranckheit so wohltätig mich mit den besten
Speisen zu versorgen verschafte auch dass mir nachdem ich wieder aufgestanden
war verschiedene gute Leute einige KleidungsStücke zuwarffen er verlangte
keine Bezahlung von mir biss ich wieder in den Standt käme so viel missen zu
können ihn zu recompensiren Das war nun endlich Höflichkeit genung allein es
sind mir zum öffteren die Gedanken aufgestiegen ob nicht der Wirt mit meinen
Räubern und Mördern selbst unter einer Decke gesteckt haben möchte Tue ich ihm
zu viel so vergebe es mir der Himmel Er gab vor diese Leute habe er
ZeitLebens sonsten nicht gesehen sie hätten sich vor SeeOffiziers ausgegeben
und auf einen Monat das Logis bei ihm gemietet Abends vorher aber ehe sie
mich so mörderisch tractirt und beraubt ihre Schuld bezahlt und zu verstehen
gegeben wie noch diese Nacht etliche Matrosen ankommen würden ihre Sachen
abzuholen indem das Schiff worauf sie gehörten in Bereitschaft stünde
abzuseegeln Er der Wirt hätte solches geglaubt wäre mit seiner Frauen zu
Bette gegangen und hätte die unruhige NachtArbeit einmal dem Gesinde
überlassen hätte auch nimmermehr geglaubt dass dergleichen Streiche in seinem
Hause vorgehen sollten biss ihn früh Morgens das Gesinde welches die Kammern
reinigen wollen herzu gerufft
Was war zu tun Geld hatte ich nicht die Sache weiter untersuchen zu
lassen deswegen musste zufrieden sein dem wohltätigen Wirte die größten
DancksagungsKomplimente machen und versprechen wenn ich in bessern Stand käme
bei ihm redliche Zahlung zu leisten Hierauf zohe ich die mir zugeworffenen
alten Kleider an begab mich wieder in die Stadt denn NB mein bissheriges
Quartier war außerhalb derselben gewesen suchte gute Freunde die mich wieder
in bessern Stand setzen sollten fand aber sehr wenig die mir mit einer
christlichen BeiSteuer zu Hilfe kamen
Jedoch der Himmel welcher doch selten ein redliches Gemüte verderben läst
führte mich unvermutet in eine Straße allwo mir der werteste Mons Eberhard
mit seiner Jungfer Schwester entgegen kamen Die verschiedenen bei mir
aufsteigenden Affect en machten dass ich einen lauten Schrei tat hernach vor
Jammer bitterlich zu weinen anfing und mich vor ihnen verbergen wollte allein
zu meinem Glück wurde ich von ihnen erkandt sie nahmen mich Elenden auf setzen
mich in solchem Stand dass ich mich wieder mit honetten Leuten sehen lassen und
mit ihnen umgehen konnte ja was das HauptWerck sie waren so gütig mich zu
ihren ReiseGefährten und auf diese glückselige Insul mitzunehmen
Solchergestalt habe nunmehr nach so vielen ausgestandenen Widerwärtigkeiten
allhier den Hafen meines irrdischen Vergnügens gefunden und kann mit frohem
Munde ausruffen
Post nubila Phæbus
Auf Sturm Blitz Wetter Angst und Pein
Folgt ein vergnügter Sonnenschein
Zwar ists an dem dass mir bisher unter allen meinen gehabten
UnglücksFällen der jämmerliche Tod meiner allerliebsten Charlotte Sophie am
allerschmertzlichsten gewesen allein ich hoffe dass der Himmel diese
HertzensWunde durch die Hand meiner allhier erwählten schönen Braut endlich
auch verbinden und heilen werde Denen die mich mit auf diese glückselige Insul
genommen kann ich meine Danckbarkeit voritzo nur in Worten bezeigen werde mich
aber dahin bestreben solche in Zukunft auch tätlich zu erweisen indem ich
dasjenige Amt welches man mir etwa allhier auftragen wird jederzeit mit allem
möglichsten Fleiße unverdrossen verrichten auch ZeitLebens ein getreuer
Freund und Diener von Ihnen allerseits und allen Insulanern verbleiben will
Hiermit endigte Mons van Blac seine GeschichtsErzählung und obgleich die
Glocke schon 2 Uhr geschlagen hatte da er aufhörete war doch der AltVater so
wenig als jemand anders ermüdet worden ihm zuzuhören wie denn der AltVater
den Mons van Blac so oft er abbrechen wollte selber ersuchte biss zum Ende
fortzufahren weilen er ohnedem voritzo wenig schlaffen könnte Nunmehr aber
legten wir uns sämtlich zur Ruhe und schlieffen fast biss gegen Mittag da
bereits mit den Tellern geklappert wurde Es ist aber nicht genung dass ich
Eberhard Julius nur referire wie wir mit einander geplaudert gewacht
geschlaffen gegessen und getruncken haben sondern ich muss auch sagen was
ferner merckwürdiges auf unserer Insul vassirete
Wir wurden zu Anfange des Septembris nachdem wir unsere mitgebrachten
Sachen auf der Albertus Burg in vollkommene Ordnung gebracht schlüssig von
neuen eine Visitation in allen PflantzStädten anzustellen um sonderlich in
Augenschein zu nehmen wie sich die Handwercker und Künstler befänden und womit
ihnen etwa noch zu dienen oder zu helfen sei allein ein entsetzliches
Erdbeben welches sich am 8 Septembr in den VormittagsStunden 4 mahl spüren
ließ verursachte dass wir da nur Alberts und DavidsRaum visitiret war zu
Hause blieben und zu Winckel krochen wie die schüchternen Tauben der
AltVater aber sagte zu uns Kinder fürchtet euch nicht Gott ist zwar
allmächtig genung nicht nur diese Insul sondern die ganze Welt auf einmal in
einen Klumpen zu werffen ich hoffe aber er wird diese Insul die er so vest
gegründet hat noch nicht verderben Ich habe auch dergleichen Erdbeben schon
öfters allhier empfunden und dabei angemerckt dass gemeiniglich einige Tage
hernach ein grausamer Sturm auf der See entstanden Gebt Achtung ob es nicht
eintreffen wird oder vielleicht ist dieses Erdbeben ein Vorbote dass ich bald
sterben werde denn eben an diesem Tage haben meine Füße diese Insul am ersten
betreten Wir waren ingesammt sehr niedergeschlagen wünschten dass er noch
lange auf der Welt bei uns bleiben möchte allein er schüttelte mit dem Kopffe
und sagte Vielleicht ist dieses Erdbeben auch eine Anmahnung dass wir
Ubermorgen GG unsern BussBet und FastTag desto andächtiger begehen sollen
Wir feireten deswegen diesen solennen Tag nämlich den 10 Sept da der
AltVater Ao 1646 zum ersten mahle seine damahlige Gesellschaft herauf
geführet hatte recht sehr devot mit dreimahligen Kirchengehen niemand aber
nahm einen Bissen Speise zu sich biss die Sonne untergangen war Der AltVater
behielt die Ältesten der Stämme und vornehmsten Europäer bei sich und wir
speiseten an zwei langen Tafeln in seinem Zimmer nachher wurde von vielen
wichtigen und nötigen Sachen die noch vorgenommen werden sollten Unterredung
gepflogen so dass die MitternachtsStunde unterdessen heran geruckt war
welches aber niemand vermerckte biss vor dem Zimmer ein ungewöhnliches Getöse
entstund weswegen ich nebst einigen andern hinaus ging und hörte dass man
hinter den großen Garten in der Gegend zwischen den zweien Flüssen viele
FeuerFlammen aufsteigen und herum vagiren sähe Wir lieffen gleich hin zu den
Fenstern und fanden dass es wahr war Mons Litzberg und andere judicirten dass
es Dünste aus der Erde oder so genannte Irrwische wären allein da das Lerm
größer wurde und sich der AltVater selbst an das eine Fenster führen ließ
sagte er gleich Meine Kinder diese Flammen steigen aus dem GottesAcker empor
die Toten ruffen mich zu sich in ihre Ruhe nun ist nichts mehr übrig als dass
ich mein Haus bestelle denn eben dergleichen weiße lichte Flamme zeigte sich
kurtz vorher ehe der selige Karl Franz van Leuwen von dieser Welt Abschied
nehmen musste Dazumahl fuhr er fort lag nur ein Christlicher Körper auf
diesem GottesAcker itzo aber sind ihrer mehr die sich nach meiner
Gesellschaft sehnen Wir brauchten zwar insgesamt alle Beredsamkeit dem
AltVater die SterbensGedanken auf dieses mahl auszureden allein er kehrete
sich an nichts ließ hernach BetStunde halten und bat Herrn Mag Schmeltzern
dass er einigen Knaben befehlen möchte unter einer douçen Musique den Choral zu
singen Wer weiß wie nahe mir mein Ende etc
Er begab sich hierauf zur Ruhe mein Vater und ich aber blieben fast wider
seinen Willen vor seinem Bette sitzen und bewachten ihn da zugleich meine
Schwester nebst vielen andern im NebenZimmer ebenfalls die Wache hielten Wir
bemerckten dass er einen ganz natürlichen aber dergestalt leisen Schlaff
hatte dass ihn auch das gelindeste Geräusche erweckte Folgende Tage wurde er
recht mercklich immer schwächer und schwächer so dass er kaum mehr einen Arm
oder Bein allein aufheben konnte jedoch weil sich kein Eckel vor der Speise und
Tranck bei ihm spüren ließ hatten wir immer noch gute Hoffnung saß oder lag er
stille so waren seine Augen mehrenteils geschlossen und schiene es als wenn
er im Schlummer zuweilen lächelte Einige Tage vor dem MichaelisFeste fragte
ich ihn ob er denn etwa an einem oder andern Teile des Leibes innerlich oder
äußerlich Schmerzen fühlete Ach nein mein Sohn gab er zur Antwort ich
fühle weder Schmertz noch Pein sondern eine angenehme süße Mattigkeit wie ein
Mensch der in sanftem Schlummer liegt und bald in einen riefen Schlaff
verfallen will und wenn ich meine Augen zuschliesse sehe ich die
allerlieblichsten Sachen vor mir
Solchergestalt saß und lag er fast beständig in einem süßen Schlummer und
man merkte dass ers nicht gerne hatte wenn man ihn ohne Not darinnen
stöhrete war also wenig munter als wenn man ihm Speise reichte und wenn
BetStunde gehalten wurde Als er am Michaelis Heil Abend in die Vesper lauten
hörte und von uns vernahm dass Morgendes Tages das MichaelisFest zu feiern
sei sprach er mit einer munteren und frölichen Gebärde Ach meine Kinder ich
muss zu guter Letzt die Kirche noch einmal mahl besuchen ehe ich schwächer
werde denn ich spüre dass mein LebensEnde nicht mehr weit entfernet ist Wir
mussten ihm demnach des andern Morgens seine besten Kleider anziehen und in die
Kirche tragen lassen allwo er den GottesDienst recht frisch und munter ganz
aus abwartete auch die geistlichen Lieder mit heller Stimme mitsunge Diesen
ganzen Tag über schien er gegen die bisherigen sehr stark zu sein folgendes
Tages aber wieder so schwächlich als die vorigen Sonntags nach Michaelis hielt
Herr Herrmann eine Predigt in des AltVaters Zimmer welche mein Vater ich und
einige andere die sich nicht von ihm hinweg begeben wollten mit anhöreten
Nachdem er nun etwas weniges von Speise und Tranck zu sich genommen verlangete
er man sollte den Tischler Lademann zu ihm kommen lassen jedoch nicht ehe biss
die NachmittagsPredigt vorbei wäre Da sich nun dieser zu bestimmter Zeit
einstellete sprach der AltVater zu ihm Mein Sohn ihr habt mir so lange ihr
allhier auf dieser Insul gewesen seid vielen Nutzen gestifftet und große
Gefälligkeiten erwiesen allein ich habe doch noch eine Bitte an euch dass ihr
mir nämlich mein RuheCämmerlein oder Sarg so eiligst als nur immer möglich
verfertigen möchtet denn ich habe nicht lange Zeit mehr hier zu bleiben
sondern Gott wird mich nächster Tags zu sich ruffen ich möchte doch aber gern
vorher mein RuheCämmerlein sehen
Der ehrliche Lademann fing bitterlich an zu weinen küsste den AltVater
die Hand und gab zu vernehmen dass er sehnlich wünschte mit dieser traurigen
Arbeit noch viele Jahre verschont zu bleiben allein der AltVater sagte Mein
Sohn das viele Reden kommt mir sauer an tut so wohl erfüllt meinen Willen
so eilig als möglich und gebt mir die Hand darauf Lademann musste ihm
solchemnach versprechen das zu tun was er verlangte er gab ihm die Hand und
ging darauf mit weinenden Augen zum Zimmer hinaus Gleich hernach ließ der
AltVater die Frau Mag Schmeltzerin und meine Schwester ruffen bestellete sich
bei ihnen seinen TotenHabit bat selbigen aufs eiligste zu verfertigen und
neben sein Bette zu hangen damit er ihn stets vor Augen haben könnte Diese
beiden wollten unter Vergiessung häuffiger Tränen ebenfalls viel Einwendungen
machen und um Aufschub bitten allein der AltVater sagte Erzeiget mir die
Liebe und erfüllt meinen Willen ich sollte meinen binnen 2 Tagen könnte alles
fertig sein Sie mussten ihm also beide die Hände darauf geben worauf er wieder
anfing einzuschlummern Weil man aber verspürete dass er es nicht gern hatte
wenn viele Leute um ihn waren so blieben nur allezeit 2 Männer bei seinem
Bette sitzen die übrigen aber gingen in den NebenZimmern immer ab und zu
Montags früh kam Herr Mag Schmeltzer wieder den AltVater zu besuchen welcher
noch immer im Schlummer lag weswegen ich zu diesem Geistlichen sagte ob es
denn auch wohl ratsam sei dass man ihn immerfort in solchen Schlummer liegen
ließe und ob es nicht vielleicht besser sei wenn man ihn ermunterte und von
geistlichen Dingen mit ihm redete So leise ich nun auch dieses sprach so
hörte es doch der AltVater und gab zur Antwort Nein Mein Sohn gönnet mir
immer dieses Vergnügen denn ich genieße solchergestalt wirklich hier auf
Erden den Vorschmack der himmlischen Freude sehe ich schon hier mit meinen
irrdischen obschon verschlossenen Augen so viel was wird nicht droben mit
verkläreten Augen zu sehen sein Herr Mag Schmeltzer gab darauf er möchte uns
unsere Vorsorge nicht übel auslegen weil um befürchteten er möchte uns ganz
unverhofft unter den Händen dahin sterben Nein gab er zur Antwort ich werde
noch einige ob schon wenige Tage bei euch bleiben und will es schon etliche
Stunden vorher sagen wenn meinem LebensLichte das NahrungsÖl auf die Neige
kommt Gott wird mir ein sanftes Ende bescheren und mir die Stunde vorher
verkündigen ich muss auch ja erstlich noch den teuren ZehrPfennig nämlich das
heilige Abendmahl mit auf die Reise nehmen und meine SündenBürde wegwerffen
wenn ich als ein Auserwählter vor Gottes Angesicht erscheinen will
Wir konnten alle vor Jammer uns der Tränen nicht enthalten und da er
dieses sah sprach er Schämet euch dass ihr um eines eitlen Vergnügens willen
meinen alten verruntzelten Körper noch eine Zeitlang um und bei euch zu sehen
mit das Vergnügen missgönnet je eher je lieber bei Gott zu sein Seid doch
Manner und keine Kinder
Herr Mag Schmeltzer stellte sich hierauf recht hertzhaft und fing einen
erbaulichen Discours von der himmlischen Herrlichkeit an kam aber endlich aus
die Frage Ob denn er der AltVater da er itzo noch bei vollkommenen Verstande
wäre nicht etwa eine Disposition machen wollte wie es nach seinem Tode in
diesen und jenen Sachen auf der Insul sollte gehalten werden und was dergleichen
mehr war stellte ihm anbei das Exempel des ErtzVaters Jacob Genes 47 v
29 biss cap 50 vor und sagte dass es eine Gott sehr wohlgefällige Sache sei
wenn die Väter und Ältesten den Nachkommen zum besten vernünftig und wohl
disponirten ingleichen dass dergleichen letzter Wille allezeit mehr Autorität
hätte als diejenigen Verordnungen welche von den jüngeren gemacht würden
Hierauf sprach der AltVater Es ist ganz recht ich habe schon vor einigen
Jahren meine Gedanken dessfalls sehr weitläufftig zu Pappiere gebracht welches
sich unter meinen Schrifften finden wird da sich aber seit der Zeit auf dieser
Insul viel verändert hat können selbige nun nicht mehr in allen Stücken statt
finden deswegen will ich dass auf künftigen Donnerstag GG nach verrichteten
GottesDienste die Ältesten meiner Stämme nebst den vornehmsten Europäern
allhier vor meinem Bette erscheinen und meine Meinung kürtzlich anhören sollen
welche mein Sohn Eberhard zu Pappiere bringen kann Inzwischen möchte doch
zugesehen werden ob an meinem Sarge und SterbeKleide gearbeitet würde
Herr Mag Schmeltzer versicherte dass seine Liebste meine Schwester und
andere mehr das letztere unter Händen hätten ich aber um mich ihm biss an sein
Ende gefällig zu erzeigen ging selber den Berg herab nach StephansRaum und
fand dass Lademann nebst seinen Leuten so wohl an einem leichten als an einem
andern großen Sarge in welchen der leichte kleinere hinein geschoben werden
sollte arbeitete Bei Plagern und Morgentalen den EisenArbeitern waren die
Rincken und Beschläge auch bereits bestellt und um nur des AltVaters Willen
zu erfüllen sollte der Sarg Mittwochs Abends fertig und Donnerstags früh auf der
AlbertusBurg sein Der AltVater zeigte über diese Nachricht ein besonderes
Vergnügen und weil Herr Mag Schmeltzer diesen Tag nicht von ihm hinweg
gegangen war fing unser AltVater indem er sich aus dem gewöhnlichen Schlummer
jählings zu ermuntern schien auf einmal recht frisch zu sprechen an Wisst
ihr mein Herr Sohn was ich mir vor einen LeichenText erwählet Wie nun Herr
Mag Schmeltzer hierauf mit Nein antwortete fuhr der AltVater im Reden fort
Den ganzen 23sten Psalm Der HErr ist mein Hirt etc etc Hierauf könnt ihr
nur immer im voraus studieren weil ich doch weiß dass ihr mir eine
GedächtnisPredigt halten werdet Herr Mag Schmeltzer wünschte dass Gott den
AltVater wieder stärcken damit er diese GedächtnisPredigt erstlich nach
Verlauff noch vieler Jahre tun möchte allein dieser antwortete weiter nichts
darauf sondern verfiel wieder in seinen gewöhnlichen Schlummer blieb auch
folgenden Dienstag und Mitwochen bei dieser Weise und redete sehr wenig
ausgenommen wenn wir ihm zum Speisen nötigten und vor seinem Bette BetStunde
hielten
Hierbei kann ungemeldet nicht lassen dass wir Montags Nachts zwischen den
2ten und 3ten Octob einen grausamen Sturm auf der See anmerckten diejenigen
so in der Tieffe auf unserer Insul wohneten hatten zwar weiter keine
Ungelegenheit davon als etliche Tage nach einander einen gewaltigen PlatzRegen
und einen mäßigen Wind auf der Albertus Burg aber stürmete der Wind etwas
schärffer so dass auch die oberste Haube von dem SeigerTurme abgeworffen
wurde die Etage aber worinnen der Seiger war unbeschädigt blieb Einige die
auf die FelsenSpitzen gestiegen waren konnten nicht gnungsam beschreiben was
vor ein entsetzliches Ungewitter auf der See sei indem die Wellen höher stiegen
als unser KirchTurm ja sie wüsten sich von Jugend auf nicht zu besinnen dass
sich das Meer in dieser Gegend so gar sehr heftig bewegt hätte Wir sahen also
dass die Propheceiung des AltVaters wegen des neulichen Erdbebens accurat
eintraff hofften aber es sollte sich mit ihm bessern und er noch eine Zeitlang
am Leben bleiben indessen kamen Mittwochs Abends die 2 Särge auf der Albertus
Burg an wir sagten aber dem AltVater nichts davon biss er Donnerstags sehr
früh mit einiger Ungedult fragte Ob denn sein Sarg und SterbeKleid noch nicht
fertig wäre Wir antworteten darauf mit Ja und mussten also den Sarg so gleich
in sein Zimmer bringen und gegen sein Bette über setzen lassen Es waren diese
beiden Särge von dem allerfeinesten Holtze so auf dieser Insul anzutreffen war
verfertigt mit einer braunrötlichen Farbe angestrichen das LeistenWerck
versilbert schöne Sprüche und SinnBilder darauf gemahlet und die Rincken
verzinnet Der innere Sarg war eben so wie der große angestrichen und mit grünen
Damast ausgefüttert wie denn auch ein mit grünen Damast überzogenes Bett und
HauptKüssen darinnen lag Die Frau Mag Schmeltzerin und meine Schwester
brachten in Gesellschaft meiner Liebsten der Frau Wolffgangin und vieler
andern Frauenzimmer mehr das von silberfarbenen Atlas verfertigte
TotenKleid nebst einem SterbeHembde von der allerfeinesten Holländischen
Leinwand gemacht ingleichen eine Purpurfarbene SamtMütze und ein paar
weiße seidene Strümpffe hingen auch diese Stücke nach seinem Verlangen
ohnweit des Bettes an die Wand vergossen aber viele Tränen dabei Er hingegen
machte ungemein freudige Gebärden und sagte Meine lieben Kinder es ist alles
gar zu schön zierlich und kostbar allein warum habt ihr euch so gar große
Mühe gemacht ich bin ja Erde und werde zur Erden werden Alle Umstehenden
antwortteten bloß mit Seuffzern und Tränen weil ihm aber dieses verdrießlich
fallen mochte legte er sich im Bette wieder nieder und tat die Augen zu
weswegen der meiste Hausse zurück ging und nebst der Frau Mag Schmeltzerin nur
wenige MannsPersonen bei ihm blieben
Unter der Zeit da unten Kirche gehalten wurde schlug er die Augen auf und
sah sich nach allen um die im Zimmer waren sprach darauf recht frisch Ey
Kinder tut mir doch mein TotenKleid an damit ich mich in dem großen
Spiegel welchen mir mein Eberhardt mitgebracht hat beschauen und sehen kann ob
es mir wohl steht Wir waren von Herrn Mag Schmeltzern gestimmet ihm in allen
zu willfahren deswegen halffen wir ihm aus dem Bette und wunderten uns über
seine erneuerten Kräffte Herr Mag Schmeltzers Liebste legte ihm das Kleid an
er trat vor den Spiegel lachte und sprach frölich Mein grünes
BräutigamsKleid welches mir meine seelige Liebste Koncordia vor nunmehr bei
nahe 83 Jahren gemacht hatte gereichte mir zum größten Vergnügen auf der Welt
allein dieses schöne Kleid in welchem mein schwacher Leib nachdem die Seele
in den Himmel gefahren in der Erde schlaffen soll ergötzt mich noch tausend
mahl mehr Bald bald werd ich zu meiner Liebsten Koncordia kommen
Wir mussten ihn wohl 10 mahl die Stube auf und abführen und spüreten
lauter Freude und Vergnügen an ihm endlich aber ließ er sich wieder entkleiden
und auf den SchlaffStul bringen allwo er mit zugeschlossenen Augen saß biss
sich die Herrn Geistlichen benebst den StammVätern und vornehmsten Europäern
vor dem Zimmer meldeten Er nahm von jeden den Gruß und HandKuss an bat dass
sie erstlich speisen und hernach wieder zu ihm in sein Zimmer kommen möchten
weil er vor seinem Abschiede aus dieser Welt ihnen allen noch etwas vorzutragen
hätte Sie gehorsameten und speiseten in den NebenZimmern er der AltVater
nahm auch ein wenig Suppe etliche Bissen von gekochten und gebratenen Speisen
nachher ein eintzig Glas Wein zu sich saß hernach mit offenen Augen in dem
Stuhle biss der ganze Hausse wieder zurück kam Nachdem sich die Herrn
Geistlichen und Ältesten auf Stühle gesetzt die übrigen aber in Ordnung
getreten waren befahl er mir Pappier Tinte und Feder zu langen und seine
Rede nachzuschreiben denn sagte er ich werde langsam genung reden Ich
gehorsamete und also hörten wir in nachfolgenden Worten
Die AbschiedsRede und letzten Willen des AltVaters Alberti Julii I
Lieben Kinder und wertesten Freunde Seht ich werde in wenig Tagen sterben
doch Gott wird mit euch sein Meine Seele ist Gott sei Lob und Danck gesagt
wohl beraten denn ich bin versichert dass sie GOTT gewiss zu Gnaden auf und
annehmen wird Das Zeitliche hatte ich mir bereits aus dem Sinne geschlagen
jedoch auf Einraten meines BeichtVaters Herrn Mag Schmeltzers habe mir
gefallen lassen vor meinem Abschiede euch noch mündlich meine Gedanken ein
und anderer Dinge wegen zu eröffnen Ich habe zwar schon vor einigen Jahren
meinen letzten Willen zu Pappier gebracht welcher sich unter meinen Scripturen
finden wird weilen sich aber seit der Zeit auf dieser Insul vieles verändert
vermehret und verbessert hat so verlange ich nicht dass man sich eben in allen
Puncten danach einrichten solle ich will aber auch nicht dass man dieses
Manuskript ganz und gar hinweg werffe denn die Gesetze, Anweisungen und
Vermahnungen so ich darinnen gegeben sind zum Teil noch wohl
Betrachtenswürdig obschon einige derselben unnöt und überflüssig sind
Das wenige was ich etwa noch anzuordnen habe ist dieses
1 Soll mein erstgebohrner Sohn Albertus Julius II nach meinem Tode auf
diesem meinem Stuhle sitzen und an meiner Statt das OberHaupt auf dieser Insul
sein Nach dessen Tode folgt ihm sein Sohn Albertus III weiter aber soll sich
das Recht der ErstGeburt nicht erstrecken sondern nach dem Ableben Alberti
III soll derjenige welcher in den Stämmen meiner Söhne die aus meinen Lenden
gekommen sind nämlich Alberti Stephani Johannis Cristophori und Christiani
am ältesten an Jahren erfunden wird das Regiment haben Jedoch ist meine
Meinung im geringsten nicht dass ein solches OberHaupt als ein souverainer
Fürst regieren und befehlen solle sondern seine Macht und Gewalt muss durch das
Ansehen und Stimmen noch mehrerer Personen eingeschränckt sein Demnach sollen
2 Neun Senatores oder Vorsteher der Gemeinen und zwar aus jeglicher
PflantzStadt wie sie jetzt sind bleiben und nach deren Ableben allezeit
andere Ältesten und Vorsteher erwählet werden Hiernächst sollen
3 aus jeder PflantzStadt noch 3 Beisitzer nämlich 1 Felsenburger und
2 Europäer und zwar nicht nach dem Alter sondern nach ihrem Verstande und
Wissenschaft ausgesucht werden
4 Mein Vetter Franz Martin Julius dessen Sohn Eberhard Julius die
Kapitains Wolffgang und Wodlei auch Litzberg und van Blac sollen wegen ihres
besonderen Verstandes und Geschicklichkeit bei dem ganzen Regimente welches
solchergestalt mit dem OberHaupte aus 37 Personen bestehet als Geheimbde
Räte stehen und als Befehlshaber mit zu achten sein
5 Was das Kirchen und SchulWesen anbelanget so sollen die 3 Herren
Geistlichen freie und unumschränckte Macht und Gewalt haben darinnen so zu
disponiren wie sie es vor GOTT und ihrem Gewissen verantworten können wie ich
denn schon versichert bin dass sie wie bisher geschehen nach Beschaffenheit
der Zeit und Gelegenheit fernerhin alles wohl einrichten werden deswegen sei
derjenige verflucht welcher sich ihren löblichen Unternehmungen widersetzt
6 Weiln auch zu befürchten dass in künftigen Zeiten etwa der Satan auf
Gottes Zulassung wie im Paradiese also auch auf dieser Insul die Menschen zu
groben Sünden Schanden und Lastern zu reitzen und zu verführen trachten werde
als zweiffele zwar nicht es werden die Herrn Geistlichen alle Kräffte anwenden
demselben zu widerstehen allein es wird auch nötig sein dass die Ältesten
mit Zuziehung der Herrn Geistlichen nach und nach wie es nämlich die Zeiten
mit sich bringen werden heilsame Gesetze und Ordnungen stifften wonach sich
ein jeder richten könne und solle
7 Wegen Bau und Verbesserung des Zustandes auf dieser Insul will ich
euch meine liebsten Kinder und Freunde nichts vorschreiben sondern alles
eurem Fleiße und Klugheit überlassen Lasst nur den Kapitain Horn welcher so
viel Treue und Liebe gegen uns erzeiget hat nicht unbelohnet bedencket auch
das Volck wohl das er mit sich führt denn ihr habt keinen Mangel an
zeitlichen Gütern
8 Nun will ich von dem reden was mich allein betrifft Begrabet meinen
Leib an die lincke Seite meiner seel EheGemahlin der Koncordia denn ihr
erster Mann liegt ihr zur Rechten und ich habe mir diese Städte schon seit
vielen Jahren ausersehen
Hier fiel Herr Mag Schmeltzer ins Wort und sagte wie er in seinen
Gedanken gehabt dass, wenn der AltVater nach Gottes Willen von dieser
Welt abgefodert werden sollte denselben in die Kirche gleich vor den
Altar begraben zu lassen Nein rieff hierauf der AltVater in das
GottesHaus gehören keine tote sondern lebendige Körper lasset mich
auf dem GottesAcker an der Seite meiner allerliebsten Koncordia ruhen
Wie ihr es sonsten bei Beerdigung meines Körpers halten wollt darum
bekümmere ich mich nicht weil ich weiß dass ihr mich liebt darüber
aber bin ich höchst erfreut dass ich mein schönes TotenKleid und
RuheCämmerlein noch vor meinen lebendigen Augen habe
9 Wenn sich der itzo noch anhaltende Sturm legen und es wieder stille
Wetter werden wird werdet ihr mein Ende heran nahen sehen lasset deswegen
Morgen und Ubermorgen diejenigen zu mir kommen welche mich noch sehen und den
Segen aus meinem Munde empfangen wollen auf den Sonntag aber werde ich
beichten das Heil Abendmahl empfangen hernach mich um das Zeitliche nichts
mehr bekümmern sondern meine Auflösung in stiller Ruhe abwarten
Hierauf segnete der liebe AltVater einem jeglichen Stamm und alle
Anwesenden mit Hertzbrechenden Worten weswegen fast jederman weinete da er
aber ins Bette gebracht zu werden begehrete nahmen alle biss auf etliche
wenige ihren Abtritt
Folgende zwei Tage kamen aus allen PflantzStädten Alt und Jung herbei
gezogen und nahmen ein Geschlecht nach dem andern mit tränenden Augen und
Küssung seiner Hände beweglichen Abschied von dem AltVater er aber erteilete
ihnen den Segen mit frölichen Gebärden
Sonntags Vormittags hielt Hr Mag Schmeltzer den GottesDienst in seinem
Zimmer zu Ende desselben beichtete der AltVater und empfing das Heil
Abendmahl sehr andächtig wollte aber nachher nicht das geringste von Speise und
Tranck zu sich nehmen sondern er ließ sich den ganzen Tag über Wechselsweise
geistliche Lieder und SterbeGebeter vorsingen und lesen Nach verrichteten
GottesDienst unten in der Kirche versammleten sich die Herrn Geistlichen und
AltVäter zu ihm allein er ließ sich nicht in seiner Andacht stöhren sondern
verharrete stets im Beten und Singen
Eben diesen Sonntag den 8 Octobr 1730 Abends gegen Untergang der Sonnen
fing der Sturm an sich zu legen welches der AltVater sogleich vermerckte und
mit annoch ziemlich starker Stimme sprach Meine Seele wird noch vor Mitternacht
bei Gott sein inzwischen haltet an im Gebet Die Herren Geistlichen beteten und
sungen also Wechselsweise was ihnen der Geist eingab der AltVater hatte die
Augen verschlossen rührete aber noch immer die Lippen biss gegen 10 Uhr da wir
erstlich indem er Herrn Mag Schmeltzern die Hand reichte vermerckten dass ihm
die Sprache vergangen war und er immer schwächer zu atemen anfing jedoch der
Verstand war noch vollkommen da weil er auf etliche Fragen die Hr Mag
Schmeltzer noch an ihm tat das Haupt neigete und die Hände aufhub Deswegen
segnete ihn derselbe ein und gleich nachdem der Seiger II geschlagen
trennete sich die Seele von seinem Körper welcher doch nicht das geringste
Zeichen einiges Schmertzens etwa mit Zucken oder sonsten von sich gegeben
hätte sondern es blieb ihm nur der Mund offen stehen
Nunmehr ging das Lamentiren und WehKlagen bei Großen und Kleinen erstlich
recht an allein die Herren Geistlichen redeten allen tröstlich zu so dass
sich die meisten auf die Seite machten und ihre Klage in Geheim führten Wir
aber die wir in etlichen Tagen und Nächten daher sehr wenig geschlaffen hatten
bestelleten andere Wächter bei die Leiche und legten uns nieder um etwas
auszuruhen
Gleich mit Aufgang der Sonnen wurde dieser TrauerFall allen Insulanern mit
12 Kanonen da immer eine eine Minute nach der andern abgefeuert wurde kund
getan auch wurden Mittags von 11 biss 12 Uhr alle Glocken auf dem
KirchTurme geläutet und damit 6 Wochen nach einander fortgefahren da denn
Kapitain Horns ehemahlige Sklaven sich zu dieser Arbeit sehr fleißig einfanden
Noch dieses Montags mussten die Maurer unter Anweisung Mons Litzbergs auf dem
GottesAcker und zwar auf der Stätte die sich der sel AltVater neben seiner
Koncordia Grabe erwählt hatte ein gemaurtes und gewölbtes Grab zu machen
anfangen inzwischen wurde die Leichè angekleidet und in den Sarg gelegt indem
fand sich unser Mahler Hollersdorff ohngeruffen von selber herbei und
zeichnete des sel AltVaters GesichtsBildung ab welches mir und vielen andern
um so viel desto angenehmer war weil sich in diesem Betrübnisse niemand darauf
besonnen hatte Donnerstags ging die Beerdigung vor sich und der Zug fast auf
eben die Art wie am Jubel Feste nur dass die Kinder und Jungfrauen alle weiß
die Weiber und übrigen MannsPersonen sowohl ledige als verheiratete alle in
schwartzer Kleidung erschienen Die Leiche wurde nicht getragen sondern auf
einem mit schwartzen Tuche behangenen Wagen gefahren wie denn auch die 4
Pferde schwartze Decken aufliegen hatten So bald der Zug von der AlbertusBurg
herunter ging wurden 12 Kanonen gelöst hernach da wir mitten im großen
Garten waren abermals 12 Kanonen und endlich da der Sarg in das Grab
gesetzt wurde zum dritten mahle 12 Kanonen abgefeuert auch mit Lauten der
Glocke nicht eher inne gehalten biss wir alle wieder zurück auf die Albertus
Burg kamen
Die Leichen Predigt und übrige Andacht auch EhrenBezeugungen waren
ausgestellt biss künftigen Sonntag da Herr Mag Schmeltzer dem seligen
AltVater eine ungemein vortreffliche LeichenPredigt über dessen selbst
erwählten LeichenText hielt Es erschien zwar alles in TrauerHabit darinnen
allein es war weder Kantzel Altar TauffStein Orgel noch sonsten etwas mit
schwartzen Tuche bekleidet sondern in der Kirche blieb alles in seiner
behörigen Ordnung wie es war Vor der LeichPredigt wurde mit gedämpfften
Instrumenten und dem OrgelWercke eine bewegliche Kantata nach derselben aber
eine TrauerOde musiciret es hatte auch bei öffentlichen GottesDienste die
KirchenMusik Gott zu Ehren alle Sonntage ihren Fortgang sowohl als wie die
Orgel zu den Choralen immerfort gespielt wurde so dass dieser obschon große
TrauerFall bei dem was Gott zu Ehren sonst gestifftet worden dennoch nicht
die geringste Änderung machen sollte
Außerdem aber war auf der Insul alles Volck sehr niedergeschlagen und
betrübt und kamen die hauptsächlichsten Besorgungen auf die Kapitains
Wolffgang Wodlei Horn und Mons Litzbergen an als welche alles unumgänglich
nötige veranstalteten
Am 23 Octobris nahm unser nunmehriger Aeltester und Regent Albertus Julius
II auf der Vorsteher und unser aller Einraten die so genannte Huldigung von
allen Stämmen ein und es wurden dieselben weil es sehr schön Wetter war auf
dem grünen TaffelPlatze gespeist kehreten aber mit Untergang der Sonnen jeder
in seine Behausung und es ging wegen der tieffen Trauer ganz stille zu Bei
dieser Gelegenheit wurden nicht nur die bisherigen Ältesten der Stämme in ihrem
Amte bestätiget sondern auch aus jeder PflantzStadt nach des seeligen
AltVaters Willen 3 Beisitzer erwählet und dieselben bestellt wenigstens
voritzo eltliche Wochen hintereinander allezeit Donnerstags nach angehörter
Predigt auf der AlbertusBurg zu erscheinen um das gemeine Beste zu
beratschlagen Ein jeder Stamm gab demnach ein was in seiner PflantzStadt
annoch voritzo vor der Erndte höchstnötig zu bauen und zu verbessern sei
ingleichen kam in Vorschlag dass neben der Kirche etliche geraumliche Häuser vor
die 3 Herrn Geistlichen Informatores insonderheit auch ein besonderes
SchulHaus vor diejenigen Knaben erbauet werden sollte welche sich nicht auf das
HausWesen sondern auf die Theologie und ander hohe Studia legen wollten
Allein ehe wir alles dieses BauWerck noch anfingen erfuhren wir zu größter
Verwunderung dass uns ein unverhofftes Stück Arbeit vorgekommen war denn es
hatte sich der letztere SturmWind in der Bucht wo Kapitain Horns Schiff lag
dergestalt gefangen dass es von allen Seilen und Anckern los gerissen und
dergestalt an die FelsenEcken geschleudert und zerstossen war dass diese ganze
große Machine fast gänzlich wandelbar und unbrauchbar worden wobei am
meisten zu bedauern dass 4 Kanonen mit der Wand heraus gefallen und versuncken
waren Kapitain Horn krauete sich zwar ziemlich im Kopffe dieses UnglücksFalls
wegen allein wir redeten ihm zu dass er sich dieserwegen keinen Kummer machen
möchte indem sein Schiff nicht allein wieder in vollkommenen Stand gestellt
werden sondern auch er wenn er gleich mit seinen Leuten noch Jahr und Tag
allhier verbleiben müsste doch eben so viel Profit haben sollte als wenn er eine
3 jährige Reise nach OstIndien getan hätte Demnach musste er sich wohl
zufrieden geben das Schiff aber wurde aus der Bucht heraus geführet und am
Fuße unserer FelsenInsul aufs Trockene gebracht Sonsten waren die Boote auch
ziemlich zerlästert so dass die zwei mit welchen unsere Leute binnen wenig
Tagen nach der Insul KleinFelsenburg fahren und dasigen Gästen frische
LebensMittel bringen sollten ebenfalls erstlich ausgebessert werden mussten
Nachdem dieses geschehen bekamen unsere Leute unter Anführung des Kapitain
Horns ihre völlige Ladung von LebensMitteln kamen aber noch selbigen Abends
mit der Nachricht zurücke dass sich 9 Portugiesen welche im letztern Sturme in
dieser Gegend SchiffBruch erlitten mit einem Boot bei den Matrosen auf der
Insul KleinFelsenburg eingefunden weil sie daselbst Feuer und Rauch aufgehen
sehen Die Kapitains Wolffgang und Wodlei waren curieux diese neu angekommenen
Gäste zu besehen zumahlen da sie hörten dass ihr Kapitain auch mit unter den
Erretteten sei deswegen bekam ich nebst einigen andern worunter sich auch
Mons van Blac befand ebenfalls Lust mit hinüber zu fahren und ihre
UnglücksFälle anzuhören Also nahmen wir wenig Tage hernach etwas mehrere
Delicatessen nebst etlichen Fässlein von dem allerbesten Weine zu uns und fuhren
hinüber traffen auch die 9 Fremden mehrenteils vor ihrer Hütte sitzend an
welche da sie uns vor etwas ansehnlicher als andere vielleicht auch wohl gar
vor strenge Befehlshaber ansahen so gleich aufstunden und uns entgegen kamen
Mons van Blac welcher am besten mit ihnen Portugiesisch sprechen konnte
bewillkommete sie in unserer aller Nahmen aufs freundlichste und verdeutschte
uns hingegen was sie antworteten Da aber eben dieser weil er so lange kein
Portugiesisch gesprochen sich fast nicht satt schwatzen konnte sagte ich Ey
Mons van Blac führt doch die ehrlichen Leute an das Ufer oder lasset ihnen
von unsern Boote das mitgebrachte abholen Mein Herr sagte er unsere eigenen
Leute sind schon beschäfftiget alles herbei zu schaffen es war auch wahr und
bald hernach speiseten wir mit 8 Portugiesen unter freiem Himmel denn der 9te
besorgte als Koch die Küche und trug auch die Speisen so er zugerichtet
hatte selbst auf Da er nun fertig war und wir unsere mitgebrachten Konfituren
und Weine auch herbei brachten wollte sich dennoch der Koch nicht setzen
sondern blieb dem van Blac gegen über stehen und sah ihn beständig in die
Augen Endlich brach ich los und sprach Mons van Blac der gegen euch über
stehende Koch ist gewiss mit unserem Tractamenten oder der ganzen Aufführung
nicht zufrieden denn er sieht euch beständig ernstaft an Es kann sein oder
auch nicht sein antwortete hierauf der Koch aber wenn der Herr van Blac sich
satt gegessen hat werde ich mir ausbitten einige Worte mit ihm allein zu
reden Hiermit drehete er sich herum und ging nach den Hütten zu Der
Portugiesische Kapitain aber fing an zu sagen Ja meine Herren keinen
fleissigern getreuern und Gottesfürchtigern ChristenMenschen habe ich
ZeitLebens nicht gesehen als diesen Koch ungeacht er nicht meiner Religion
sondern ein Holländer ist Wie ein Holländer fragte Mons van Blac Ja mein
Herr sagte der Portugiese er ist ein gebohrner Holländer und hat unsere
Sprache binnen wenig Jahren doch dergestalt wohl gerlernt dass ihn jedermann vor
einen Portugiesen hielte wenn er nur nicht immer so tieffsinnig und traurig
wäre
Durch Ankunft etlicher von Kapitain Horns Leuten wurde dieser Discours auf
etwas unterbrochen da aber alles abgehandelt und jedermann vom Tische
aufgestanden war gingen wir alle ein wenig unter den Bäumen herum spatziren
mittlerweile kam oft gemeldter Koch wiederum zum Vorscheine doch in weit
sauberer Figur denn er hatte nicht allein weiße Kleidung angezogen einen
artigen Türckischen Bund um seinen Kopf gemacht sondern sein Gesicht Hände
und Arme sehr rein gewaschen so dass man an ihm eine ungemeine Zarte Haut
betrachten konnte
Mons van Blac blieb so bald er den Koch in solcher Gestalt vor sich stehen
sah als ein steinern Bild stehen der Koch auch endlich erholete sich Mons
van Blac und sagte Mein Freund wenn ihr ein Holländer seid so wird mirs auch
nicht fehlen dass ihr aus dem Geschlecht meiner seligen allerliebsten EheFrauen
Charlotte Sophie van Bredal seid denn dieser ihre GesichtsBildung die mir
immer noch Tag und Nacht vor den Augen schwebt kommt mit der eurigen vollkommen
überein Ich schreibe mich van Bredal antworttete der Koch und kann vielleicht
ein Freund von der Charlotte sein habe auch vernommen dass sie einen
unbekandten Menschen geheiratet hat aber wo ist die Charlotte hingekommen
Ach schrye der van Blac meine allerliebste Charlotte ist mir nach erlittenem
SchiffBruche durch eine ungestüme Welle da sie sich nebst mir auf einen
Balcken gesetzt hatte in der finsteren Nacht von der Seite hinweg geschlagen und
in die Tieffe des Meeres begraben worden Hierbei stiegen dem van Blac die
Tränen in die Augen und er wäre gewiss umgesuncken wenn wir ihn nicht erfasset
und an einen Baum nieder gesetzt hätten Der Koch sah ihn starr an so bald
aber van Blac die Augen nur in etwas eröffnete sagte der Koch Mein Herr und
Freund ihr habt eines teils recht andern teils aber seid ihr irrig denn
eure Charlotte ist nicht in die Tieffe des Meeres begraben sondern lebt noch
und hat das Vergnügen euch wieder ob gleich in MannsHabit zu umarmen Unter
diesen Worten umarmete und küsste sie ihn fiel bei ihm nieder und ließ nicht
nach biss er vollkommen wieder zu sich selbst kam
Diese verwunderungsvolle Avanture setzte so wohl uns als den
Portugiesischen Kapitain in die größte Erstaunung und obschon dieser nicht so
viel von Mons van Blacs LebensGeschichte wusste als wir so wunderte er sich
doch über nichts mehr als dass dieser Koch sein Geschlecht so lange zu
verbergen geschickt gewesen indem kein Mensch auf dem Schiffe jemals auf die
Gedanken geraten dass unter seinen Kleidern ein Frauenzimmer versteckt sei
Seid ihr noch ledig und im Stande eure Charlotte wieder anzunehmen sagte
eben diese Charlotte zu ihrem van Blac oder soll ich eure Person missen Nein
mein Engel antworttete dieser nun solst du und keine andere mein Vergnügen
sein weil ich auf dieser Welt lebe Es wäre zwar fast geschehen dass ich mich
mit einer artigen unschuldigen Seele in ein neues EheVerlöbnis eingelassen
hätte allein der Himmel hat solches durch andere betrübte Zufälle zurück
gehalten nunmehr aber hoffe ich ohne jener ihren Verdruss und ohne fernere
Unruhe biss an mein Ende mit dir allhier vergnügt zu leben wenn du nur
erstlich gesehen hast was du dir itzo noch nicht einbilden kanst
Ich Eberhard Julius hatte mein besonderes Vergnügen über diese ganz
unverhoffte Zusammenkunft dieser beiden EheLeute und zwar in Erwegung meines
ehemahligen Schicksaals schlich mich aber von der Kompagnie hinweg befahl
meinen Felsenburgern dass sie noch vor Nachts wieder zurück fahren Morgen früh
eiligst wieder kommen und von der Frau Mag Schmeltzerin ein nach der
Felsenburgischen Mode gemachtes vollkommenes FrauenzimmerKleid mitbringen
sollten Nachhero ließ wir den höchsterfreuten van Blac nebst seiner Liebste
die in Wahrheit, ungeacht aller ihrer ausgestandenen Kümmernisse noch ein
recht schönes Frauenzimmer vorstellete im Grünen etwas allein und hörten zu
was Kapitain Horn mit seinen Untergebenen vor hatte Diesen eröffnete er nun
erstlich was sich mit seinem Schiffe zugetragen und dass man solches fast ganz
von neuen würde bauen müssen allein selbige kehreten sich daran nicht sondern
sagten Lieber Kapitain wir leiden hier keine Not und wenn es so fort geht
so lasset uns so lange hier bleiben biss es noch einmal Sommer wird binnen der
Zeit wollen wir schon ein neues Schiff bauen Diese Leute hatten meines Kopffs
viel deswegen fingen wir alle herzlich an zu lachen und ich versprach dass
wo es ihnen gefiele noch 2 Jahr und länger hier zu bleiben sie an guter
Speise und Tranck niemals Mangel leiden sollten Sie waren hierüber sehr
erfreut und versprachen sich jederzeit als redliche SchiffLeute aufzuführen
Indem wir aber einmal beschlossen hatten bei der zeitiger angenehmen Witterung
selbige Nacht auf der Insul KleinFelsenburg zuzubringen lagerten wir uns alle
in einer recht lustigen Gegend und ließ Kaffée zubereiten wobei sich Mons
van Blac nebst seinem schönen Koche endlich auch einstellete Mein Herr sprach
Mons van Blac zu dem Portugiesischen Kapitain ich werde euch diesen Koch
abspenstig machen und ihn zu meinem SchlaffGesellen behalten weil ich das
allergröste Recht darzu habe allein sagt mir worinnen ich euch eine
Gegengefälligkeit erweisen kann Der Portugiesische Kapitain war höflich und
sagte dass er über diese Person nichts zu gebieten sondern sich vielmehr zu
gratuliren Ursache hätte dass er dieselbe vor einigen Jahren nach erlittenen
grausamen Sturme an einer wüsten SteinKlippe gefunden beim Leben erhalten
und auf seinem Schiffe mit nach OstIndien nehmen können Er bedaure zwar dass
sein Schiff in dem letztern Sturme mir vielem Gute und Volcke untergangen wäre
aber doch noch in etwas froh dass er nebst diesen 8 Personen sein Leben
gerettet nach langen Herumfahren endlich diese Insul gefunden und Hoffnung
bekommen dass man ihn wieder in sein Vaterland schaffen wolle Wir versprachen
diesem ehrlichen Manne alle möglichste Hilfe zu leisten weil ich aber so
neugierig war der Frau van Blac wunderbare LebensErhaltung zu vernehmen als
stillete sie meine und unser aller Kouriositée mit folgender Nachricht
Wie ich vernommen sprach sie so hat mein Liebster unser beider Geschichte
seinen wertesten Freunden allhier schon ausführlich erzählt deswegen will
nur melden dass als mich nach erlittenem Schiffbruche die ungestümen Wellen
auch nicht einmal auf dem Balcken bei meinem Liebsten wollen sitzen lassen
sondern mich in der allerdunckelsten Nacht herunter geworffen hatten ich meines
Erachtens erstlich fast biss in den Abgrund versenckt plötzlich aber wieder
empor gehoben wurde da mir nun alle Sinnen und Gedanken vergehen wollten ich
mich auch bereits dem Tode ergeben hatte stieß ich mit dem Kopffe dergestalt
heftig an ein Stück eines zerbrochenen Schiffs dass ich ungeacht der
Erkältung im Wasser dennoch fühlete wie mir das heiße Blut im Rücken herunter
lief jedoch dieser Stoß welcher mich vollends hinrichten können dienete mir
vielleicht zur Ermunterung denn als ich meine Arme ausreckte kriegte ich so
gleich von ungefähr einen eisernen Rincken zu fassen an welchem ich mich vest
anhielt und also in der wilden See mit diesem Stücke fortgetrieben wurde biss
der helle Tag anbrach da sah ich nun dass dieses ein sehr großes und breites
SchiffsStücke war ersah auch die Gelegenheit mich darauf zu schwingen und
auf einer Ecke desselben sitzen zu bleiben brauchte anbei die Vorsicht dass ich
einen breiten Saum von meinen Unter Kleidern abriss ein Seil daraus drehete und
selbiges an meinem Arme sowohl als an den eisernen Rincken bevestigte damit
wenn ich ja allenfalls wieder herunter geworffen würde ich mir dennoch wieder
hinauf helfen könnte allein die See wurde selbigen Tages völlig stille und
ich wurde von einem sanften Winde fort aber weit von den Insuln des grünen
Vorgebürges hinweg getrieben so dass ich dieselben noch vor Abends aus meinen
Augen verlor Es brach abermals eine dunckle Nacht ein doch war See und alles
ungemein stille so dass mich endlich mein Fahrzeug in einem sanften Schlaff
wiegte dessen ich mich auch mit Fleiß nicht erwehren wollte weilen nur wünschte
in selbigen ohne Marter mein Leben zu endigen indem mir nicht allein das Wasser
den Tod drohte sondern sich auch in meinen Schubsäcken kaum auf 2 Tage
NahrungsMittel befanden Mit aufgehender Sonne erwachte ich und spürete dass
mir im Leibe ziemlich wohl war nur die Wunde am Haupte fing mich an zu
schmertzen ich konnte aber nichts daran tun als dieselbe mit SeeWasser
auswaschen Es war dieses ein sehr heißer Tag denn die Sonne brannte wegen der
stillen Luft gewaltig deswegen plagte mich der Durst mehr als der Hunger und
ich meinte nichts anders als dass ich verschmachten müsste jedoch die Güte des
Himmels hatte in der folgenden Nacht mein Fahrzeug dergestalt an eine aus der
See hervor ragende Klippe getrieben dass ich ganz commode absteigen und an
dieser Klippe hinauf klettern konnte Was mich am meisten ergötzte war dieses
dass ich in einer Klufft derselben ein ziemlich Teil süß Wasser antraff welches
von dem neulichen Regen daselbst zusammen gelauffen war Wenn ich sonsten diese
Klippe beschreiben soll so war sie meines Erachtens mit ihrer höchsten Spitze
nicht höher als 50 biss 60 Ellen und bei damahliger See etwa an ihrem Fuße
80 biss höchstens 100 Schritt im Umfange allein man konnte nicht rings um
dieselbe herum gehen weil es als ein steiler Turm und an teils Orten das
Wasser gar zu nahe anschlug an zwei Orten aber sah man unten eine kleine Ebene
von 10 biss 12 Schritten lang aber nicht gar zu breit Biss auf die halbe Höhe
konnte man diesen Felsen besteigen und da fand sich ein Absatz allwo wie in
einem Bette 3 biss 4 Personen neben einander liegen konnten sonsten aber
fanden sich wenig Stuffen wo etwa 2 oder 3 neben einander hätten stehen oder
sitzen können Ich erwählete mir dieses gemeldte steinerne Bette zu meinem
Grabe und war gesonnen so bald ich vom Hunger und Durst ermattet wäre mich
dahinein zu legen und mein Ende abzuwarten allein da ich mich Nachmittags
wieder herunter an den Fuß des Felsens begab fand ich nicht allein verschiedene
Kästen und Pack Fässer sondern auch 4 tote männliche Körper welche die See
dahin getrieben zwei von diesen Toten hatten etwas Brod BöckelFleisch und
Käse in ihren Schubsäcken ob es nun gleich ziemlich eckelhaft war so legte
ich doch alles mit Fleiß an die Sonne suchte weiter und fand bei den andern
ein Horn mit SchiessPulver ingleichen ihr Tobacks und FeuerZeug Meine erste
Bemühung war also dass ich das Pulver und zum Feuermachen gehörige an der Sonne
trocknete um nur Feuer und Rauch anmachen zu können damit wenn etwa ein
Schiff vorbei passirte es doch an diesen Zeichen verunglückte Menschen
bemercken und dieselbe retten könnte Demnach schlug ich auch etliche FassBöden
und andere Splitter mit spitzen Steinen von einander, und war so glücklich dass
ich noch ehe es Nacht wurde ein großes Feuer anmachen konnte Selbige Nacht
schlieff ich auf den Kleidern der 4 ertrunckenen Menschen sehr geruhig und kann
in Wahrheit sagen dass ich damals weder Eckel noch Furcht bei mir gespüret
Früh Morgens so bald die Sonne aufgegangen war ging ich wieder hinunter an den
Fuß des Felsens und befand dass derselbe viel breiter indem die See sehr
gewichen war auch sah ich dass noch ungemein viel Kisten Ballen Fässer und
andere Sachen ingleichen noch 2 tote Körper an den Felsen geschoben waren
deswegen ließ ich meine erste Arbeit sein die Toten biss auf die Hembder
auszuziehen und sie in den Sand zu scharren weilen wenn gleich Schauffeln und
Hacken da gewesen wären ich ihnen dennoch in den harten Fels keine Gräber
machen können Ich fand bei den 2 Letzteren welche sehr wohl gekleidet waren
viel goldene und silberne Müntze schöne Ringe auch viel Gold und edle Steine
in ihren Kleidern vernehet allein ich hatte gar keine Freude darüber vielmehr
gereichte mir zu meiner Ergötzlichkeit dass ich 2 wohl verwahrte Fässlein Wein
und 3 Fässer süßes Wasser ingleichen 2 Fass voll Zwieback und 1 Fass voll
geräuchert Fleisch in die Hände bekam Um die andern Kisten Kasten Fässer und
Ballen bekümmerte ich mich wenig sondern nur um Holtz Splittern und Breter
aufzufischen damit ich mir ein WetterDach bauen und auch zum Verbrennen etwas
haben könnte denn auf meinem Felsen war weder Laub noch Grass auch nicht die
geringste Staude sondern nur hie und da etwas Moos zu sehen weil es ein purer
SteinKlippe und gar keine Erde darauf war
Demnach richtete ich mir binnen etlichen Tagen ein WetterDach über mein
FelsenBette auf so dass ich auch im Regen trocken liegen konnte Meine Nahrung
war der gefundene Zwieback Wasser und Wein und weil ich kein TrinckGeschirr
hatte so verfertigte ich mir eins aus einem Stück Leder welches ich auch so
ungefähr am Ufer gefunden hatte Das Fleisch so ich hatte konnte in
Ermangelung eines Geschirres nicht kochen deswegen steckte selbiges an ein
spitz gemachtes Holtz begoss es öfters mit Wasser und ließ es am Feuer so
lange braten biss es kauen und gemessen konnte Mein Feuer ließ ich Tag und Nacht
brennen und meine tägliche Arbeit war Holtz aufzufischen und selbiges zu
spalten wobei mir ein breites SeitenGewehr das einer von den ertrunckenen an
sich hatte ungemein nützlich war
Kurtz zu sagen ich wendete allen Fleiß an mein Leben so lange als
möglich zu erhalten um nicht aus Nachlässigkeit als eine SelbstMörderin in
des HimmelsStraffe zu verfallen und mich um die ewige Seligkeit zu bringen Da
ich aber den Uberschlag gemacht dass ich nunmehr binnen 14 Tagen an Holtze und
LebensMitteln ausgenommen das süße Wasser welches so lange nicht reichen
oder sich halten dürffte so viel Vorrat hätte mich länger als 3 Monat damit
zu behelffen nahm ich mir vor etliche Tage auszuruhen doch waren meine Augen
beständig nach der See gerichtet um zu sehen ob nicht ein Schiff vorbei
seegelte weswegen ich denn auch bei Tage viel nass Holtz und Moos auf das Feuer
warff damit ein desto stärckerer Rauch aufsteigen sollte allein es wollte sich
keines erblicken lassen deswegen hielt ich meinem Verhängnisse stille
beklagte den mutmasslichen Tod meines lieben EheMannes van Blac mit bitteren
Tränen und Seuffzern so wohl als mein ganzes übriges Schicksal jedoch kam
mir fast alle Nacht im Traume vor als ob ich disseit eines Flusses mein Blac
aber mit vielen schwartz und weiß gekleideten Leuten jenseit desselben stünde
und mir immer ein Seil nach dem andern zuwarff um mich dahin zu bewegen in den
Fluss zu schwimmen und das Seil zu ergreiffen Eines Morgens da ich eben
dergleichen Traum gehabt sprach ich selbst noch halb im Schlaffe diese Worte zu
mir Du wirst auf diesem Felsen nicht sterben sondern errettet werden und
deinen Liebsten van Blac endlich wieder zu sehen kriegen Ob ich nun schon diese
Worte in der Phantasie selbst zu mir gesprochen so trösteten sie mich doch
dergestalt dass ich fast völlige Hoffnung zu meiner Errettung schöpffte
Immittelst fiel mir dabei ein um desto mehrerer Sicherheit meiner Ehre wegen
die WeibsKleider aus und hergegen ein MannsKleid von den Ertrunckenen
anzuziehen auch mich vor einen SchiffsKoch auszugeben indem ich aus den
Briefschaften des einen Ertrunckenen sah dass er ein Koch und auf der
RückReise aus Brasilien nach Portugall begriffen gewesen Meine Kleider warff
ich also in die See und zohe einen völligen MannsHabit an schnitt meine Haare
vor einem gefundenen Spiegel vollends kurtz ab weil ich ohnedem wegen der
gehabten jedoch bereits geheilten HauptWunde schon ein ziemlich Teil
derselben abgeschnitten hatte Kurtz von der Sache zu reden ich sah meiner
Meinung nach einer MannsPerson vollkommen ähnlich und truge zwischen zweien
Hembdern ein ledern Kollett
Endlich da ich 5 Wochen und 4 Tage auf diesem Felsen zugebracht erschien
die Stunde meiner Erlösung denn dieser ehrliche Portugiesische Kapitain
welcher im Sturme auch viel ausgestanden und sein Schiff auf den Insuln des
grünen Vorgebürges erstlich wieder ausgebessert hatte ersiehet den Rauch von
meinem angemachten Feuer aussteigen und weil er daraus abnimmt dass unfehlbar
daselbst verunglückte Menschen sich aufhalten müssten schickte er ein Boot zu
mir herüber und ließ mich abholen da denn die Matrosen auch auf mein
Erinnern das am Felsen liegende Gut aufluden und mit auf sein Schiff führten
Es nahmen mich alle diese Leute mit Freuden auf und muss ich sagen dass ich
jederzeit sehr höflich und freundlich von ihnen tractirt worden bin auch hat
man mir nachher die Helffte des Werts von denen an meinem Felsen gefundenen
Gütern baar und richtig ausgezahlt
Gern wäre ich zwar solchergestalt da ich ein Kapital von mehr als 60000
Tlr bei mir hatte wieder in Europa gewesen da ich aber nicht verlangen
konnte dass man meinetwegen umkehren solle ließ ich es mir gefallen als
SchiffsKoch eine Reise nach OstIndien mit zu tun habe durch Handel und
Wandel viel daselbst erworben in dem vergangenen Sturme aber auch viel
eingebüßt bin weil ich jederzeit verträglich nüchtern und mäßig gelebt
doch niemals in Verdacht kommen dass ich eine WeibsPerson sei und bringe
meinem lieben Manne meines erlittenen Schadens ungeachtet doch noch einen
neuen BrautSchatz an Gelde und Kleinodien von etlichen 20000 Tlr wert mit
indem ich ehe unser letzteres Schiff versuncken einen Sack der mit meinen
besten Sachen angefüllet war mit in das Boot geworffen auch glücklich anhero
auf diese Insul gebracht habe Wie nun hiermit die Frau van Blac die kurtze
Nachricht ihrer bisherigen Fatalitäten beschlossen sagte Mons van Blac zu ihr
Mein Schatz Der Himmel hat euch und mich an einen solchen glückseeligen Ort
geführt allwo Gold Silber Geld und EdleSteine vor nichts geachtet werden
jedoch ihr werdet alles besser mit euren Augen sehen als ich es euch erzählen
kann denn ich hoffe unsere wertesten Freunde werden uns erlauben dass wir
unsere LebensZeit jedoch nicht als Müßiggänger bei ihnen zubringen dürffen
Es würde uns allen wehe tun gab ich hierauf zur Antwort wenn ihr als ein
Paar welches der Himmel nach so vielen ausgestandenen Gefährlichkeiten und
schmerzlichen Leidwesen wiederum so wunderbarer Weise allhier zusammen geführet
hat uns verlassen woltet Bleibet deswegen ja bei uns und nehmt so wohl als
wie wir mit demjenigen vorlieb was uns die Gütigkeit des Himmels in unsern
gelobten Lande schenckt Wir brachten hierauf den Abend mit allerhand vergnügten
Gesprächen zu legten uns hernach in einer LaubHütte schlaffen und sahen kurtz
nach Aufgang der Sonnen das Felsenburgische Boot wieder zu uns kommen Die Frau
Mag Schmeltzerin hatte mir mit demselben nicht nur einige vollkommene schwartze
FrauenzimmerKleider sondern auch allerhand andern Zubehör übersendet
Deswegen ging ich damit zur Frau von Blac und sagte Madame ich nehme mir die
Ehre ihnen wiederum die ersten FrauenzimmerKleider zu præsentiren und bedaure
nur dabei dass es TrauerZeug ist hoffe aber dass sie sich keine böse
Vorbedeutung daraus machen werden denn da das OberHaupt dieser Insuln vor
wenig Tagen gestorben und wir sämtlichen Einwohner in der tieffsten Trauer
begriffen sind werden sie sich als eine Anverwandtin von uns allen ebenfalls
nicht weigern auf die behörige Zeit die Trauer anzulegen Sie brachte ihre
Danckbarkeit und Willfahrung mit wohl gesetzten Worten vor worauf wir sie in
einer Hütten alleine und ihr das Auslesen unter den Kleidern ließ es verging
aber keine Stunde da sie sich in dem reinlichsten und zierlichsten Putze
wiederum bei uns einstellete Ein jeder bewunderte ihre besonders schöne
GesichtsBildung und musste nunmehr gestehen dass selbige durch den KochsHabit
ungemein verdunckelt worden Mons van Blac war vor Freuden ganz außer sich
selbst und mir wollte selber Zeit und Weile lang werden ehe wir dieses schöne
Bild unter unser Frauenzimmer auf GroßFelsenburg brächten deswegen wurde nur
eine kurtze Mahlzeit gehalten und wir versprachen denen so auf
KleinFelsenburg bleiben mussten ihnen nicht allein alles was sie nötig hätten
von Zeit zu Zeit zuzusenden sondern sie auch ehestens wieder zu besuchen
nahmen darauf vor dieses mahl Abschied ruderten fort und kamen ein paar
Stunden über Mittag in GroßFelsenburg an Alles unser Frauenzimmer kam diesem
schönen Gaste welche von Mons van Blac und mir in der Mitten voran geführet
wurde entgegen und empfingen dieselbe mit der größten Zärtlichkeit allein
die Verwunderung und die Freude war ganz unbeschreiblich da sie hörten dass
es Mons van Blacs Liebste von welcher er geglaubt dass sie im Meere umkommen
wäre Sie wurde uns da wir auf der AlbertsBurg angelanget von dem
Frauenzimmer entrissen und hinweg geführet mit einigen Erfrischungen bedienet
und hernach dem Mons van Blac nebst seiner Liebste ein etwas weitläufftiger
Logis angewiesen folgendes Morgens aber fand die Frau van Blac dergestalt viel
Leinewand andere Zeuge Flachs und dergleichen nebst allerlei Haus und
KüchenGeräte auf dem Saale vor Sie zum Geschenke zusammen getragen dass Sie
fast nicht wusste wo sie alles hintun sollte Am allerzärtlichsten kam uns
dieses vor dass der Frau Mag Schmeltzerin Schwester als Mons van Blacs
neulichst versprochene Braut sich ungeacht man vermerckt dass sie den van Blac
sehr liebte eine von den ersten mit war welche der Frau van Blac zur
vergnügten Wiedervereinigung mit ihrem Liebsten Glück wünschete und dem Himmel
danckte dass sie noch zu rechter Zeit wiedergekommen wäre anderer Gestalt wenn
nämlich ihr Ehestand mit dem van Blac bereits vollzogen gewesen es auf allen
Seiten vielen Kummer würde verursacht haben Die Frau van Blac sagte hierauf
Mein schönes Kind wenn es auch geschehen wäre so schwöre ich euch doch heilig
dass ich euch meinen Mann ohne allen Verdruss hätte überlassen wollen denn er
hätte keine bessere Wahl als an euch treffen können und ihm wäre ja nicht mehr
zu verargen gewesen wenn er sich statt meiner eine andere Liebenswürdige
Person ausgelesen zumahlen da er nicht anders glauben können als dass ich die
ihn zu dieser gefährlichen Reise fast gezwungen mein Begräbnis in den Wellen
des Meeres gefunden Deswegen hätte ich wie gesagt ihn von euch nicht
abwendig machen jedoch ZeitLebens seinen Nahmen führen auf dieser schönen
Insul in Gesellschaft so frommer Leute bleiben und mein Leben entweder als
eine Wittbe oder als eure getreue Gehülffin jedoch ohne eurer Liebe Eintrag zu
tun zubringen wollen Weilen es der Himmel aber nunmehr dergestalt gefügt
hoffe ich er werde eure schöne und artige Person auch wohl zu versorgen wissen
Und dieses geschahe auch denn Herr Diaconus Herrmann welcher dieses
Gespräch mit anhöret verliebt sich so gleich in das schöne Gesicht und
angenehme Wesen der artigen Johanna Maria dass er wenig Tage hernach mich und den
van Blac bei einem ausgebetenen SpatzierGange ersuchte seine FreiWerber bei
derselben zu sein Mons van Blac hatte eine besondere Freude über diese
Kommission wir versprachen demnach Herrn Hermannen aus redlichen Hertzen
keinen Fleiß zu sparen ihm zu vergnügen waren auch so glücklich dass er in
wenig Tagen das JaWort bekam und Verlöbnis halten konnte
Jetzt fällt mir ein dass ich schon oben gemeldet wie nicht nur der Herr
ArchiDiaconus Schmeltzer mit meiner Schwester ich mit meiner Kordula sondern
auch verschiedene Europäer und Felsenburger unsere Hochzeiten angestellet
hatten allein der dazwischen gekommene Todes Fall des AltVaters hatte unser
Koncept verrückt nachher aber erfuhren wir dass sich seit der Zeit noch mehr
verliebte Hertzen vereinbaret hatten deswegen fragte ich eines Tages Herrn
Mag Schmeltzern bei Gelegenheit Wenn er denn wohl meinte dass es sich
schickte diese Verlobten alle zu copuliren Worauf er zur Antwort gab Es wäre
keine Sünde meine Lieben wenn selbiges morgenden Tag geschehe allein es wäre
nicht unbillig wenn wir auch eine feine äuserliche Zucht unter uns beobachten
und wegen der itzigen tieffen Trauer wenigstens 3 Monat vorbei streichen
ließ zumahlen da die Heilige AdventsZeit und das ChristFest heran kommt
Ich konnte nicht anders als ihm hierinnen recht geben deswegen wurde kund
gemacht dass alle diejenigen, welche sich mit einander verlobt oder noch binnen
der Zeit Verlöbnis halten würden nicht ehe als den 9ten Januarii des
zukünftigen 1731sten Jahres öffentlich in der Kirche copulirt werden sollten
inzwischen könnte binnen der Zeit ein jeder desto besser auf Einrichtung seines
HausWesens bedacht sein Es murrete hierwieder niemand sondern ein jeder
beflisse sich auszusinnen wie er sich am bequemsten und der Republic denn so
kann ich unser ganzes Werck wohl nennen am vorteilhaftesten postiren könne
Mons Litzberg und Lademann hatten unter der Zeit besorg dass die
KirchFenster um Martini alle völlig eingesetzt waren Lademann mit seinen
Gehülffen hatten die Rahmen gemacht und der GlasMeister und Schneider die
großen schönen SpiegelTaffeln da hinein geschnitten Demnach waren sie
nunmehr beschäfftiget auch auf der ganzen AlbertusBurg GlasFenster
einzusetzen Der Mahler Mons Hollersdorff war zwar in etwas abgehalten
worden die Malerei in der Kirche zu verfertigen indem er den seligen
AltVater 2 mahl recht naturell ausgemahlt hatte da denn das eine Stück in der
Kirchen das andere aber auf der AlbertusBurg angehefftet wurde indessen
hatten doch seine angenommenen Lehrlinge die Stühle mit Farben angestrichen
auch das meiste was gemahlet werden sollte bereits gegründet so dass es nur
noch an ihm fehlete die entworffenen Biblischen Historien so hie und dahin
kommen sollten vollkommen auszumahlen auch noch dieses und jenes zu vergulden
Oberwähnte GlasHütte befand sich schon im vollkommenen Stande um die andern
Künstler und HandWercker hatten die Ältesten nicht einmal Ursach sich zu
bekümmern weil sie vor alles selbst sorgten und wo ihre Kräffte nicht
zureichten die Nachbarn zu Hilfe rufften
Plager Morgental Herbst und Dietrich hatten 12 WerckStätten in
JacobsRaum angelegt worinnen Ertz Messing Kupffer Stahl und Eisen grob und
klein verarbeitet wurde also war diese PflantzStadt weit volckreicher worden
als bisher denn es arbeiteten in jeder WerckStatt wenigstens 5 biss 6
Personen und die Felsenburger schienen besondere Lust zum SchmiedeWerck und
MetallGiessen zu haben
Lademann Herrlich und Krätzer hatten nicht vielweniger geschickte Gehülffen
im HoltzArbeiten nämlich in der DresslerBildschnitzerTischler und Müller
Profession der gemeinen ZimmerLeute aber waren noch weit mehr
Schreiner der Töpffer hatte 5 WerckStätten und 4 treffliche
BrennOefen so dass er mit seinen 4 Gehülffen nicht allein bisher alle
Insulaner wohl versorgt sondern auch noch einen gewaltigen Vorrat an
TöpfferZeuge hatte
Jedoch weil ich schon oben ein und anderes von den Professionen gedacht so
will voritzo nur noch so viel sagen dass sich schon um diese Zeit ein jeder
Meister seiner Kunst oder Handwercks dergestalt wohl eingerichtet hatte dass
mancher mit 3 4 6 ja noch weit mehr Gesellen und Lehrlingen arbeiten konnte
Mittlerweile da wir gewahr wurden dass außer dem vielen zugehauenen
BauHoltze das unten am Fuß der AlbertusBurg annoch vorrätig auch in allen
PflantzStädten noch eine große Menge dergleichen anzutreffen war schlug Mons
Litzberg vor dass man die Geschlechter doch darum ansprechen möchte noch so
viel Zuschuss von dem besten BauHoltze zu tun als genung wäre ein SchulHaus
nebst noch einigen andern Gebäuden vor die Herrn Geistlichen und übrigen
Personen welche auf dem Platze bei der Kirche Lust zu wohnen hätten zu
errichten ja Mons Litzberg erklärete sich seine Wohnung in Christians Raum
selbst zu quittiren um nur auch nahe an der AlbertusBurg und an der Kirche zu
wohnen ich fasste ebenfalls die Resolution meine Wirtschaft hinzukünftig
mit meiner Kordula auf diesem Platze in einem besonderen Hause anzufangen und
meinen Vater zu mir zu nehmen da sich nun hierzu noch andere mehr angaben so
dass auf einmal der Bau gar zu stark worden wäre wurden vor erst die
nötigsten ausgelesen und Mons Litzberg machte also den Riss zu den Gebäuden
so dass sie im Grunde folgender Gestalt zu stehen kamen
Es gefiel diese Einteilung nicht allein uns sondern auch den Ältesten und
übrigen sehr wohl denn solchergestalt konnten mit der Zeit noch viel dergleichen
Häuser um die Kirche herum biss an die AlbertusBurg gebaut werden Es war
demnach dieser Abriss kaum so bald gezeiget da die Ältesten aus den Gemeinden
gleich Anstalt machten Holtz Steine Kalck Leimen und dergleichen
BauMaterialien herbei zu schaffen demnach war in wenig Tagen schon eine
ziemliche Menge vorhanden Mittlerweile hatte Mons Litzberg den Füllmund auf
dem ErdBoden abgezeichnet deswegen fing alles was Hände hatte zu graben
hacken und schauffeln an auch die Herren Geistlichen selbst nebst den
zärtlichsten Frauenzimmer kamen sonderlich früh Morgens und gegen Abend in den
kühlesten Stunden herbei und machten sich 2 biss 3 Stunden lang eine ziemliche
Motion
Kapitain Horns 9 Freigelassene griffen sich bei dieser Arbeit ungemein
wacker an ja dieser Kapitain selbst arbeitete wider unsern Willen und Bitten
als ein Pferd dabei denn wir hatten Leute überflussig die Mäurer arbeiteten
hurtig hinter drein und diejenigen, welche mit der ZimmerArt umzugehen wussten
deren denn eine gar starke Anzahl war fackelten auch nicht sondern hieben
dergestalt fleißig dass zu Ende des Jahrs alles Holtz zum Richten dieser 13
Gebäude fertig lag
Das heilige Weihnachts und NeuJahrsFest unterbrach demnach vor dieses
mahl unsere saure Arbeit Es ging aber itzo wegen unserer anhabenden Trauer
ziemlich stille zu jedoch in der Kirche war Musik es wurden auch an den hohen
FestTagen geistliche Melodeien vom Turme geblasen und in der NeuJahrsNacht
3 mahl die Kanonen gelöst ingleichen ein NeuJahrsChoral abgeblasen Endlich
da alle heilige FestTage christlich celebrirt waren trat auch der Tag
nämlich der 9te Jan ein da folgende Paar mit einander copulirt wurden
1 Herr Archidiaconus Schmeltzer mit meiner Schwester
2 Hr Diaconus Herrmann mit der Frau Mag Schmeltzerin jüngsten Schwester
3 Ich Eberhard Julius mit meiner Kordula
4 Mons Langrogge der Musicus mit einer Jungfrau aus RobertsRaum
5 Mons Hildebrand mit einer Jungfrau aus SimonsRaum
6 Mons Hollersdorff der Mahler mit der Frau Kramerin Schwester
7 8 Die beiden Buchbinder Ollwitz und Rädler der erste mit einer Wittbe
aus Christians und der andere mit einer Jungfrau aus AlbertsRaum
9 Besterlein der Sattler mit einer feinen Wittbe aus DavidsRaum
allwohin er auch mit ihr zohe
10 Breitschuch der Seiffensieder mit einer Jungfrau aus RobertsRaum
11 Schubart der GlasMeister mit einer Jungfrau aus StephansRaum NB
Dessen Mitarbeiter Kindler aber so wohl als Trotzer der ZinnGiesser
und Engelhardt der Blechschmidt blieben noch im ledigen Stande weil
diejenigen Jungfrauen worauf sie ihre Augen geworffen noch ein wenig
zu jung schienen Hergegen heiratete
12 ein feiner Junggeselle der bei Mons Plagern in Arbeit stund die
Jungfer Krügerin Und
13 ein anderer Junggeselle aus AlbertsRaum der bei Mons Cramern die
ArtzeneiKunst und Chirurgie gerlernt hatte die Jungfer Zornin er hieß
Johann Albert Julius Letztlich
14 ein junger wohlgeschickter Töpffer aus Davids Raum die Kuntzin meiner
Schwester bissheriges AufwarteMägdgen
Es waren die allermeisten Personen dieser Insul in reinlicher Kleidung
zugegen um diesem TrauActui zuzusehen welcher biss in die MittagsStunde
währete Unser nunmehriger AltVater Albertus II war auch selbst zugegen und
führte nebst meinem Vater die 3 ersten Paare zum Altare die übrigen wurden
von den andern Ältesten und Europäischen guten Freunden geführet Nachdem sich
nun der ganze TrauActus den Hr Mag Schmeltzer mit einem Sermon angefangen
wie sonst ordentlicher Weise jedoch ohne Musik beschlossen und die
MittagsStunde heran genahet war begaben wir uns sämtlich an den Ort wo der
AltVater auf Hrn Wolffgangs grünen TaffelPlatze auf allen Tischen vor alle
Stämme vortreffliche Speisen und Getränke auftragen und zurichten lassen Die
Kopulirten saßen mit dem AltVater Hrn Mag Schmeltzern denen Kapitains
Wolffgang Wodlei und Horn auch Mons Litzberg und Blac an der halbrunden so
genannten BrautTaffel die übrigen Ältesten aber præsidirten bei ihren
Tischen und die ledigen Europäer hatten sich bei ihre besten Freunde
eingeteilt wie denn auch Kapitain Horns Freigelassene mit an die Tische
eingeteilt und zur Aufwartung lauter Felsenburgische Knaben und Mägdlein
bestellt waren Also saßen wir biss 3 Stunden lang unter den vergnügtesten
Gesprächen bei Tische weil es ein angenehmer und nicht allzu heißer Tag war
nach diesen gingen wir sämtlich in den Alléeen ein paar Stunden spatziren eine
gute Stunde vor Untergang der Sonnen aber begab sich ein jeder mit seinen
Angehörigen nach seiner Wohnung und ließ die Lustbarkeiten biss auf eine
andere Zeit ausgesetzt bleiben
Gleich Tags darauf ging die Arbeit an unsern Schul und HäuserBau wieder
an so dass binnen 4 Wochen alle diese 13 Gebäude vollkommen gerichtet waren
so bald eins fertig stund waren die Mäurer und Tüncher gleich hinter her so
dass im MayMonat schon alles fertig gemauert getüncht und geweisset war
ungeacht dass uns die ErndteZeit und WeinLese viel fleißige Arbeiter entzogen
hatte So fleißig nun aber diese BauLeute gewesen desto weniger spareten die
Tischler Schlösser und Glassmacher ihre Mühe um diese Wohnungen mit Türen
Schlössern und Fenstern auch Tischen und Stühlen zu versehen wie denn die
ZimmerLeute auch die Treppen und andere Notwendigkeiten nach Anweisung Mons
Litzbergs immer nach gerade fertig machten so dass alle diese Gebäude vor
Ausgang des 1731sten Jahres vollkommen ausgebauet stunden und wir nach Belieben
einziehen konnten wenn wir wollten Allein wir beredeten uns alle die Wände
erstlich vollkommen austrocknen zu lassen und nicht ehe als mit Eintrit des
Februarii 1732 einzuziehen welches denn auch geschahe
Ich muss aber doch vorher eine kleine Beschreibung von allen diesen
WohnStätten machen auch die Personen anzeigen welche sich deren zu bedienen
hatten demnach war in der Mitten
Num I das SchulHaus 3 Stockwercke hoch oben mit einem kleinen
Türmlein worein mit der Zeit eine SchlageUhr nebst einer SchulGlocke
gebracht werden sollte Es befanden sich in diesem SchulHause 6 geraumliche
Stuben 8 zum Teil etwas kleinere Kammern eine große und kleine Küche 2
SpeiseGewölber und ein Keller
Die andern 12 kleineren Häuser waren nur 2 StockWerck hoch hatten
jegliches 3 Stuben und ein SommerStübgen im Dache nach der Kirche zu 5
Kammern 1 Küche 1 SpeiseGewölbe einen Keller und es war acurat eins in
Dach Fach und sonsten gebaut und ausgeziert wie das andere Es erwählten sich
demnach und bezogen die
Num 2 Herr Mag Schmeltzer
Num 3 Dessen Herr Bruder mit meiner Schwester
Num 4 War mir Eberhard Julio wegen der Aussicht an 3 Seiten nämlich
gegen Morgen Mittag und Mitternacht am angenehmsten weswegen ich
selbiges mit meiner Kordula bezohe
Num 5 Hr Diac Herrmann
Num 6 Mons van Blac
Num 7 Mons Litzberg
Num 8 Mons Langrogge
Num 9 Mons Hildebrand
die beiden Musici
Num 10 Mons Hollersdorff der Mahler
Num 11 Mons Johann Albert Julius der Chirurgus
Num 12 Der Buchbinder Ollwitz
Num 13 Der Buchbinder Rädler Diese beiden letztern wurden deswegen mit
anhero genommen weil sie das Amt eines Kirchners Wechselsweise auch
wohl an den KirchTagen beide zugleich verrichteten
Sonsten ist noch bei diesen 12 Häusern zu merken dass alle VorderTüren
nach der Kirche zu gingen durch die unterste HinterTür kam man in einen
geraumlichen Hof wo nicht allem Holtz zu legen sondern auch Ställe zu bauen
waren vor diejenigen, welche etwa Lust bekommen möchten Vieh zu halten Aus
dem Hofe trat man durch eine Tür auf den GartenPlatz welcher zwar damals
noch nicht umzäunet jedoch dergestalt ordentlich abgestochen war dass kein
Garten oder Hof um eines Fußes breiter war als der andere inzwischen war der
GartenPlatz groß genug Bäume auch KüchenSpeise vor eine starke Familie
hinein zu pflantzen Hinter allen diesen Häusern in der Höhe wo die Abteilung
des ersten und andern Stockwercks ist geht ein 5 Schu breiter oben rings
herum mit einem Dach versehener Gang da man von auswendig nicht hinauf kommen
kann von inwendig aber geht aus jedem Hause eine HinterTür heraus auf diesen
Gang so dass man einander von einem Ende biss zum andern besuchen kann ohne über
den Platz zu gehen oder sich vor dem Regen zu fürchten denn dieser Gang ist
auch über die schmalen Gässlein hergebauet welche allezeit zwischen 2en Häusern
durchgehen Meines Erachtens sollte es nicht übel lassen wenn man mit der Zeit
die Kirche noch mit mehr dergleichen Häusern umringte und auf jener Seite ein
eintziges großes Tor dem SchulHause gegen über zum HauptEingange ließe
auch eine Verwahrung daran machte damit kein Vieh darauf laufen könnte um
desswillen denn auch bei dem Eingange eines jeden schmalen Gässleins so wie in
Europa auf den KirchHöfen zu sehen ein tieffes Loch mit einem darauf liegenden
eisernen Gegatter zu machen wäre Wer weiß was in Zukunft geschicht wenn wir
erstlich noch andere wichtige Sachen besorgt haben Doch muss ich auch nicht
vergessen dass wir um das Wasser nicht gar zu weit holen zu dürffen 4 schöne
Brunnen aufgraben und wohl einfassen ließ Diese stunden vor den Gebäuden
Num 3 6 9 12 und im Hofe des SchulHauses war beschlossen noch einen
besonderen großen Brunnen ausgraben zu lassen wiewohl es kommen auch einige
jedoch ganz kleine WasserBächlein von der Albertus Burg hergerieselt welche
man mit der Zeit wohl zusammen leiten und wegen FeuersGefahr einen größeren
Teich oder WasserBehalter anlegen könnte
Durch die fleißige Anführung Herrn Mag Schmeltzers waren seit einigen
Jahren daher aus jeglichem Stamme hier oder da 2 auch wohl 3 gelehrige
Köpffe bereits dahin gebracht worden dass sie in ihren PflantzStädten die
zarte Jugend im Christentume lesen schreiben und rechnen unterrichten konnten
wie denn dieserwegen Herr Mag Schmeltzer fleißige Visitation hielt Nunmehr
aber wurden die besten Köpffe welche die meiste Lust zum Studiren bezeigten
ausgesucht und an der Zahl 33 in das neue SchulHaus gebracht Ein jeder bekam
von seinen Eltern ein besonderes Bette gnugsame Wäsche und was er sonsten
nötig hatte die ältesten von diesen Knaben waren 16 und die jüngsten 12
Jahr Sie wurden zwar alle von den drei Herren Geistlichen täglich im
Christentume ihrer 18 aber Hauptsächlich in der größeren Theologie wie auch
im Hebräischen und Griechischen informiret Mons Litzberg und ich hatten
Wechselsweise die Lateinische Sprache mit ihnen zu tractiren einige blieben
nur bei dieser und der Englischen welche letztere Sprache ihnen van Blac wohl
zu lehren wusste ingleichen auch einigen das Holländische Schreiben und Rechnen
hatten sie von mir und Litzbergen zu lernen weil es hieß dass wir die feinesten
Hände schrieben einige legten sich auf die Matematic und was mit derselben
verbunden andere liebten die SternseherKunst um Kalender schreiben zu können
wieder andere hatten besondere Lust zur Musik etliche auch zum Zeichnen und
Reissen worinnen sie Hollersdorff informirte ins besondere war Mons van Blac
bestellt sie in ihrer Aufführung so wohl bei Tische als wenn sie ihre
FreiStunden hatten zu corrigiren des Nachts aber mussten Wechselsweise
entweder einer von den beiden Musicis oder einer von den beiden Kirchnern der
Mahler Hollersdorff oder der Chirurgus Julius bei diesen Knaben in einem
besonderen Bette schlaffen damit sie nicht etwas verwahrloseten also kam es
alle 6 Nacht an einen von diesen sechsen und man sah nicht dass einer
verdrießlich darüber war ungeacht sich Litzberg van Blac und ich nebst den
Priestern von dieser Beschwerlichkeit frei machten Jedennoch fing mein lieber
Vater einsmahls von freien Stücken an und sagte Kinder ich sehe dass ich euch
wenig hier nütze als dass ich bete esse trincke und wenig arbeite deswegen
gebt mir das Amt dass ich außer den SchulStunden und wenn ihr alle was
nötigers verrichten könnt die Aufsicht über die Knaben habe und des Nachts
im SchulHause bei ihnen schlaffe denn es ist ja gleich viel mein Sohn
Eberhard ob ich unter deinem Dache oder unter dem Schul Dache schlaffe Ich
habe ohnedem wenig Schlaf kann also diese Knaben besser bewachen als junge
Leute welche ohnedem solchergestalt von ihren Weibern wegbleiben müssen Wir
wollten erstlich alle nicht darein willigen endlich aber da er sagte Gönnet
mir doch dieses Amt woraus ich mir eine Freude mache sonsten werde ich mich
grämen wenn ich sehe dass ihr alle fleißig seid und ich sollte gar nichts nutze
sein denn schwerer Arbeit bin ich niemals gewohnt gewesen Demnach mussten wir
ihm endlich nachgeben meine Kordula machte ihm ein schönes Bette mit Vorhängen
in die mittelste SchlafKammer der Knaben so dass er sie alle in 3 Kammern um
und neben sich liegen hatte er brachte aber auch des Tages die meiste Zeit bei
den Knaben zu und aß mehr mit ihnen als an meinem Tische solchergestalt war
Mons van Blac auch dann und wann einer Bemühung überhoben
Sonsten war unsere Oeconomie in diesen Häusern dermahlen also eingerichtet
Es wurde uns alle Dienstage Donnerstage und Sonnabends früh von der Albertus
Burg herunter frisches Brod Käse Butter allerhand Gemüse frisch Wildpret
und ZiegenFleisch auf Wagens zugefahren eine jede Hausswirtin nahm davon so
viel als ihr beliebte denn es war allezeit mehr da als wir brauchten und wozu
dienete uns das übrige Fische konnten wir alle Morgen von Christians oder
StephansRaum holen und auslesen lassen was wir wollten denn die dasigen
FischKästen und Behälter wurden niemals ledig Von FlügelWerck so wohl
kleinen als großen brachte man uns wöchentlich so viel dass wir das meiste
wieder zurück geben mussten Mit Bier Wein Gewürtze und dergleichen waren
unsere Keller und SpeiseKammern zur Gnüge versorgt Was die Knaben anbelangete
so speisete mein Vater oder Mons van Blac auch wohl jemand anders mit den 18
größten an der einen Taffel und gleich neben derselben speiseten an der andern
die übrigen 15 so dass man sie alle übersehen konnte Die Tractamenten bestunden
Tag vor Tag 1 in einer Suppe 2 eine Schüssel Fleisch wobei auch Zugemüse
3 eine Schüssel mit Fische 4 ein Braten nebst dem Zubehör Jeder Knabe
hatte seinen zinnernen Becher den er nach Belieben 2 mahl voll Bier des
Sonntags aber auch einmal voll Wein bekam Ubrigens wurde die Zurichtung der
Speisen nach dem Appetite sehr wohl verändert und die Küche von 2en betagten
Wittben da die eine aus Roberts die andere aber aus AlbertsRaum war
ingleichen von 5 Jungfrauen besorgt die alle entweder Söhne oder Brüder in der
Schule hatten Zu allem Uberfluss mussten die 3 PriesterWeiber die Frau
Litzbergin die Frau van Blac und meine Kordula eine Woche um die andere die
OberAufsicht über die Küche nehmen welches denn alle 6 Wochen an eine kam So
fehlete es uns auch an Holtze nicht denn alle Woche 2 mahl brachten die
SimonsRoberts und StephansRaumer auch andere mehr gespaltene und ganze
Stücke herzu gefahren welche letztern von den Knaben zur Lust gespaltet wurden
So bald demnach unser Schul und HausWesen in ziemliche Ordnung gebracht
fing ein jeder an mit Hilfe der Knaben und anderer guten Freunde seinen
Garten zu verzäunen wir setzten Bäume säeten und pflantzten allerhand
nützliche und appetitliche GartenGewächse und BlumenWerck baueten Ställe vor
vierfüssig Vieh auch Flügelwerck in Summa ehe Jahr und Tag verging befanden
wir uns allerseits in recht vergnügten Stande wünschten auch viele tausend
mahl dass nur unser lieber seeliger AltVater dieses schöne Stück Arbeit noch
vor seinem Ende hätte mögen mit Augen ansehen Es erzeigte sich zwar unser
itziger Regent nicht weniger liebreich und väterlich gegen uns ließ sich auch
alle unsere Anstalten ungemein wohl gefallen und brachte die meisten
TagsStunden bei uns zu allein es war uns allen doch noch nicht möglich
Albertum I zu verschmertzen
Um nun dessen Gedächtnis zu verehren wurden wir schlüssig ihm so wie er
seiner seeligen EheFrauen der Koncordia getan eine Pyramide zum Häupten
gleich neben der Koncordia ihrer von ausgehauenen Steinen zu setzen deswegen
legte man so gleich die Hand aus Werck und ward binnen 2 Monaten gänzlich
damit fertig Die Figur dieser Pyramide ist dreieckigt 6 Ellen hoch und auf
der Spitze ruht eine im Feuer verguldete proportionirlich große küpfferne
Kugel Die Steine sind sehr sauber zusammen gefügt und mit dauerhaften Farben
übermahlt das daran befindliche LaubWerck und Zierraten aber stark
verguldet Außerdem sind 6 wohl ausgetriebene küpfferne und im Feuer
verguldete Schilder an den 3 Ecken oben und unten bevestiget und auf selbige
folgende Sinnbilder gemahlt
1
Ein beschädigtes Schiff auf dem Meere mit der Beischrift
Post mala mixta bonis portum ratis intrat amoenum
Nach guten und nach bösen Stünden
Wird der gewünschte Port gefunden
2
Ein lächzender Hirsch mit der Beischrift
Sic sitit astra pius cervus velut appetit undas
Ein Hirsch lächtzt nach dem frischen Bache
Ein Christ nach jenem SternenDache
3
Eine angezogene Glocke mit der Beischrift
Mortis Christianus reminiscitur ære sonante
Hört ein Christ den GlockenSchlag
Denckt er an den SterbeTag
4
Ein verdorreter Baum mit der Beischrift
Sic homo marcescit veluti marcesit arbor
Es geht dem Menschen auf der Erden
Wie Bäumen welche dürre werden
5
Ein aufsteigender Rauch mit der Beischrift
Ut fumus transit sic transit gloria mundi
Das Leben kann nicht stets bestehen
Es muss wie Rauch und Dampff vergehen
6
Ein TotenSarg mit der Beischrift
Est ita mors talem loculum dabit omnibus atra
Der Tot wird allen die noch leben
Ein solches Haus zur Wohnung geben
An jeglicher Seite der Pyramide in der Mitte war eine große Kupfferne
Platte eingefügt und die Nachricht mit goldenen Buchstaben darein geätzt Die
erste Seite gab demnach folgendes im Latein zu lesen
Heus Viator
gradum siste lege luge
nimirum
hoc in saxeo sepulcro
placide requiescit
ALBERTUS JULIUS I
supremus hujus Insulæ saxosæ dominus
natione Saxo ratione Nestor
faustus infaustorum fatorum victor
parens clarisimis parentibus clarior
nauta naufragio felix
Croesus ex Iro factus
Rex non nomine sed omine
concordium familiarum conditor
juvante
CONCORDIA
maxime
verus veræ pietatis cultor
O irreparabile damnum
quot conspicua boni ordinis specimina
ab incolis hujus insulæ conspiciuntur
tot testes testantur
ALBERTUM
non fuisse Davum sed Oedipum
non otiosum sed negotiosum
Posteri post sera secula ingemiscent
JULIUM
vitam cum morte commutasse
qui inermis rupes robustis hostibus robustiores
vicit
de naturæ difficultatibus triumphavit
majori cum pompa
quam si in urbem
Quatuor in niveis aureus isset equis
migravit
e solo in polum
exemplar virtutum sine exemplo
sapientissimus bonorum morum magister
acerrimus vitiorum osor
certa vitæ cynosura
Senex denique ad aram usque devenerandus
qui in adversis nunquam cogitavit
nisi semper
qui credidit ut vixit vixit ut credidit
hoc est
vere pie bene ac sincere
sed tacet jacet
cujus anima DEO placet
postquam
d VIII Octobr cIo Io CCXXX
sensim sine sensu
animam exhalavit
Hoc the volebam
Viator
nunc ubi quoad vivis vive
in vita feliciter
An der andern Seite zeigte sich die Deutsche Schrifft eben dieses Inhalts
und gleichfalls mit güldenen Buchstaben eingeätzt in diesen Worten
Höre mein Wandersmann
stehe stille ließ dieses
und traure dabei
In dieser steinernen Grufft ruht in
guter Ruhe
Albertus Julius der Erste
der OberHerr dieser FelsenInsul
von Geburt ein Sachse von Verstande
ein Nestor
ein glücklicher Besieger der unglücklichsten
Schicksale
ein Vater der berühmter ist als viele
der berühmtesten Väter
ein Schiffer der durch Schiffbruch erst
glücklich
und
aus einem armen Iro ein reicher Croesus
worden ist.
Ein König nicht dem Nahmen sondern
der Tat nach
Ein Stiffter vieler einträchtigen Familien
mit BeiHilfe seiner Gemahlin
CONCORDIA
sonderlich
in wahrer Liebhaber der wahren Gottes
Furcht
O unersetzlicher Schade
So viel herzliche Proben der guten Ordnung
von den Einwohnern auf dieser Insul
bewundert werden
so viel unverwerffliche Zeugen sind
dass
Albertus
nicht albern sondern klug
nicht ein Müßiggänger sondern ein mehr
als zu fleißiger Arbeiter gewesen sei
Dessen Nachkommen werden nach späten
Zeiten noch klagen dass
JULIUS
das Leben mir dem Tode verwechselt
welcher ohnbewaffnet die stärcksten Felsen
bezwungen
die mehr als starke Feinde zu schaffen machen
auch über die Schwierigkeiten der Natur
einen Triumph gehalten
der prächtiger ist
als wenn er in die Stadt Rom auf einem mit
weißen Pferden bespanneten güldenen
Wagen triumphierend eingezogen wäre
Nun
hat das Irrdische mir dem Himmlischen
verwechselt
ein unvergleichliches Muster der Tugend
ein weiser SittenLehrer
ein abgesagter Feind der Laster
eine gewisse LebensRegel
ein Ehrwürdiger Greiss
der im Unglück an das Glück
und im Glück an das Unglück
niemals
als allezeit gedacht
Der so geglaubt wie er gelebt
und so gelebt wie er geglaubt
das heist
wahrhaftig gottselig wohl und aufrichtig
Aber
sein Mund ist nun verschlossen
er liegt
dessen Seele sich in Gott vergnügt
nachdem er
im Jahr 1730 den 8ten Octobr
ohne Empfindlichkeit allmählich Atem
zu holen aufgehöret hat
Dieses verlangte ich von dir
Mein Wandersmann
Nun gehe hin und lebe so lange du lebest
glücklich
An der dritten Seite der Pyramide war eben diese GedenckSchrifft in
Englischer Sprache zu lesen und an den drei Seiten des FußGestelles der
Pyramide noch dieses ebenfalls in dreierlei Sprachen
Albertus Julius
ward geboren Ao 1628 d 8 Januar
entdeckte diese Insul Ao 1646 d 8 Septembr
hat also auf der Welt gelebt 102 Jahr
9 Monat
auf dieser Insul zugebracht 84 Jahr
1 Monat
LeichenText
Der 23ste Psalm
Der HErr ist mein Hirt mir wird
nichts mangeln etc etc
Es gab diese Pyramide unsern GottesAcker eine nicht geringe Zierde
weswegen wir manchen SpatzierGang dahin taten und selbigen niemals leer von
Leuten antraffen sonderlich lieffen die Kinder fast täglich Hauffenweise
dahin weilen aber auch die unvernünftigen und wilden Tiere darauf herum
lieffen so beschlossen wir den ganzen GottesAckersPlatz in behöriger Weite
mit einer Mauer einzufassen und nicht mehr als 2 Tore zum Ein und Ausgange
zu lassen nämlich eins so auf den großen Garten und das andere so auf den
Fluss stoßen sollte wo sich derselbe oben in 2 Ströme teilt Nachdem nun
außer den vielen Steinen so in selbiger Gegend zusammen gelesen auch eine
große Menge derselben aus dem JohannisRaumer Gebirge nebst allen andern
Zubehör herbei gebracht worden machten sich die Mäurer an das Werck und
brachten es in wenig Monaten in fertigen Stand
Solchergestalt lief unter dieser und anderer BauArbeit auch völliger
Einrichtung der neu errichteten Wirtschaften auch das 1732ste Jahr zum Ende
ohne dass man zu des Kapitain Horns SchiffsBau den Anfang gemacht hätte weilen
aber dermahlen auf unserer Insul nichts höchstwichtiges zu tun war
ausgenommen dass der Müller Krätzer zwischen Christophs und ChristiansRaum
noch eine neue Mühle erbauete so wurden auf inständiges Anregen des Kapitains
Horn die geschicktesten ZimmerLeute ausgelesen und hinnüber auf
KleinFelsenburg geschafft um daselbst mit gemeldeten Kapitains Leuten ein
ganz neues Schiff zu erbauen Das gute BauHoltz auf unserer großen Insul zu
ersparen war zwar eine HauptUrsache mit allein wir hatten noch viel andere
mehr warum wir das Schiff nicht an unserm Gestade wollten bauen lassen denn
solchergestalt hatten die Frembden auch nicht nötig herüber zukommen das
zerscheiterte Schiff aber wurde auch nach KleinFelsenburg gebracht um das
dienliche noch davon brauchen zu können Es war am 16 Januar 1733 da der erste
frische Baum auf der Insul KleinFelsenburg zu Kapitain Horns neuen Schiffe
gefället und zugehauen wurde weswegen eine starke Gesellschaft von
GroßFelsenburg hinüber gefahren war indem sich die SeeLeute mit Permission
ihres Kapitains ein kleines FreundenFest angestellet hatten welches sie des
Abends mit Tantzen und sonst allerlei Kurtzweile begingen wozu wir ihnen eine
zulängliche Portion an Weine mitgebracht hatten welchen sie sich mit den
Portugiesen die mit ihnen gemeinschaftlich und in der besten Verträglichkeit
lebten herzlich wohl schmecken ließ die folgenden Tage aber desto
flleissiger arbeiteten Inzwischen hatte der Kapitain Horn angemerckt dass oben
in der Südlichen Gegend der Insul bei der großen Bucht K in dem großen Walde
weit schöner und dauerhafter Holtz als in der Gegend B anzutreffen wäre
deswegen resolvirte sich alles sein Volck gleich morgenden Tages dahin
aufzubrechen und ihre Wohnstätten daselbst aufzuschlagen Wir GroßFelsenburger
ließ ihnen ihren Willen versprachen aber sie ehester Tags wieder zu
besuchen oben herum zu fahren und in der Bucht K anzuländen Wir würden unser
Versprechen zeitig genung erfüllt haben allein die Niederkunft meiner
liebsten Kordula hielt sowohl mich als meine werten Freunde auf eine Zeitlang
davon zurücke Es brachte mir aber gemeldete meine Liebste am 6 Februar einen
jungen gesunden Sohn zur Welt welcher am 9 dito die heilige Tauffe und die
Nahmen Albertus Franciscus Karolus empfing indem ich den Regenten Albertum II
meinen Vater und die Frau van Blac zu Tauff Zeugen erwählet Die Freude über
diesen kleinen Stammhalter war bei mir unsäglich groß denn da alle diejenigen,
welche mit mir zugleich copulirt waren bereits Kindtauffen ausgerichtet hatten
begunte ich fast an der Fruchtbarkeit meiner Kordula zu zweiffeln jedoch
endlich war mein Wunsch erfüllt und wie gesagt die Freude war um so viel
desto größer woran denn auch alle Insulaner Teil nahmen welche größten
Teils 3 Tage nach einander auf dem TafelPlatze tractiret wurden wobei sich
denn nicht allein die beste Musik hören ließ sondern es hatten auch meine
werten Freunde allerhand andere Lustbarkeiten angestellet Kapitain Horn war
auch von KleinFelsenburg darzu herüber geholet worden als er aber am 4ten Tage
wieder zurück fuhr versprachen wir ihm längstens in 14 Tagen auf
KleinFelsenburg eine Visite zu geben und seinen Leuten um sie desto besser
zur Arbeit aufzumuntern einige Erfrischungen mitzubringen
Weiln sich nun meine Kordula ungemein wohl befand trat ich am 2ten Mart
die Fahrt mit Mons Litzbergen van Blac Wolffgang Wodlei und andern mehr
abermals nach KleinFelsenburg an uñ zwar so fuhren wir oben durch die Straße
durch welche Sudwerts beide Insuln von einander scheidet als welchen Weg wir
noch niemals genommen hatten hätten zwar bei der großen FelsenSpitze O mit
einiger Unbequemlichkeit landen und aussteigen können wollten aber solches nicht
tun sondern fuhren um die ganze SüdSeite herum und langeten endlich
glücklich in der großen Bucht K an allwo wir unser Fahrzeug befestigten an
dem Fluße welcher sich aus der großen See in die Bucht ergießt hinauf
spatzirten und endlich fanden dass alles Volck seine Hütten auf der Ebene
zwischen diesem Fluße und dem Walde aufgeschlagen in selbiger Gegend auch
schon eine ziemliche Menge neu zugehauenes SchiffsHoltz liegen hatte Kapitain
Horn war selbst mit unter den ersten die uns entgegen kamen wir nahmen alle
Platz vor seiner Hütte und er säumete nicht uns einige Erfrischungen
vorzusetzen indem wir nun selbige genossen fing er an zu sagen Meine Herrn
sie kommen accurat als wenn sie geruffen wären denn am gestrigen Sonntage
haben einige von meinen Leuten ein besonderes curieuses Stück auf einem Platze
jenseit der großen See aus der Erden gehoben woran zu bemercken dass sich
vielleicht vor vielen 100 ja mehr als 1000 Jahren schon Menschen auf dieser
Insul befunden haben Wir spitzten alle die Ohren ziemlicher maßen er aber
ging nachdem er noch ein paar von seinen Leuten zu sich gerufft hatte in seine
Hütte und brachte einen großen Viereckigten Stein heraus der bei nahe drei
Viertel Ellen lang breit und dicke war Diesen setzte er bei uns nieder nahm
einen oben sauber eingefügten steinernen Deckel ab und zohe einen goldenen
Becher in die Höhe welcher über die Helffte voll Asche war unter derselben
sich noch etliche Stücklein gebrannter Knochen befanden Der Becher an sich
selbst war sast einer halben Ellen hoch oben im Diametro 6 unten aber vier
Daumen breit sonsten aber über und über ganz glatt und ohne einige Figur oder
Zierraten Auf dem obersten schon gemeldten steinernen Deckel aber sah man
nachdem er reinlich abgewaschen war in der Mitte diese Figur
Nachdem wir insgesamt das ganze Werck in Augenschein genommen und lange
Zeit Verwunderungsvoll betrachtet konnten wir nicht anders urteilen als dass
es eine Heidnische Urna oder TotenKrug wäre worinnen die Asche eines
verstorbenen und nach ihrer Weise verbrannten Körpers verwahret und der Erden
anvertraut worden Deswegen konnte es dem Kapitain Horn niemand abstreiten dass
vor uns und unsern Zeiten Menschen aus dieser Insul gewesen wären oder dieselbe
wohl gar ordentlicher Weise bewohnet hätten
Uber niemanden unter der ganzen Gesellschaft musste ich mehr lachen als
über Mons Litzbergen denn derselbe konnte den Deckel nicht genung ansehen und
hätte vor ängstlicher Curiosität verzweiffeln mögen dass ihm unmöglich war die
Deutung der unbekandten Characters zu erfinden über dieses verdross ihn dass man
keine ihm bekandte JahresZahl darauf gezeichnet deswegen warff er
verschiedene Fragen auf als In welchem Jahre der Welt mag diese Urna
verscharret sein Was mögen dieses vor eine Art von Heiden gewesen sein Ob sie
auch auf dieser Insul eine ordentliche Wirtschaft getrieben haben Ob sie
ausgestorben von andern hinweg geführet worden oder die Insul gutwillig
verlassen haben und was dergleichen Zeug mehr war worüber zwar ein jeder
raisonniren konnte allein es kam nicht heraus sondern es verblieb uns nichts
gewissers als die Ungewissheit
Demnach wurde ich des vielen Scrupulirens überdrüssig und bat den Kapitain
Horn uns zu erzählen wie und auf was Art seine Leute eigentlich zu dieser
Rarität und Antiquität gekommen selbiger war also so gefällig uns folgenden
Bericht abzustatten Meine Leute sagte er haben sich bisher in den
FeierabendsStunden zur Lust ein bequemes Fahrzeug gemacht wormit sie am Rande
der ohnweit von hier liegenden großen See und derer Flüsse hin und her aufund
abfahren und die schönsten Fische fangen können Vor etlichen Tagen da sie
Abends spät von ihrer LustFahrt zurück kamen berichteten sie mich dass sie
jenseit der großen See in einer ebenen Gegend einen Baum angetroffen hätten
dessen gleichen sie zwar an Geradigkeit aber an Höhe Zeit ihres Lebens in der
Welt nicht gesehen hätten und sollte sich derselbe ungemein wohl zum MastBaume
schicken allein es wäre JammerSchade darum weil dieser Baum eine rechte Rari
tät und Zierde dieser Insul zu nennen außer dem 12 andere jedoch bei weiten
nicht so hohe Bäume um denselben herum stünden wobei man fast schwören sollte
dass sie mit allem Fleiße von Menschen nach dem Zirckel und MaßStabe dahin
gepflantzt wären Ich war so neugierig gleich des andern Nachmittags mit ihnen
an denselben Ort zufahren und die curieusen Bäume zu besichtigen fand es auch
in der Tat also wie sie gesagt hatten bewunderte nicht allein die
außerordentliche Höhe des mittelsten Baumes sondern auch die Accuratesse der
12 andern so um ihn herum stunden bildete mir aber fast gleich ein dass
solche nicht von der Natur, sondern von MenschenHänden herrühren möge Doch
demselben sei wie ihm sei ich gebot meinen Leuten bei Straffe sich ja nicht
an diesen Bäumen zu vergreiffen sondern sie als eine Rarität dieser Insul
stehen zu lassen fuhr also mit ihnen wieder zurück Gestern als Sonntags früh
machten sich die lustigsten von meinen Purschen auf nahmen Proviant und ein
frisch geschossen Stück Wild mit sich auf ihr Fahrzeug und wollten dasselbe zur
Lust unter dem hohen Baume braten und verzehren indem sie aber ein FeuerLoch
in die Erde graben wollen finden sie diesen Stein kamen also bald zurück und
brachten mir denselben so wie er da ist samt dem Becher welchen sie zwar
heraus gehoben vor gülden erkannt jedoch denselben ordentlich wieder hinein
gesetzt hatten Ein rechtes Glück ists dass der nicht allzu dicke steinerne
Deckel im Hacken oder Graben nicht ist entzwei gestoßen worden
Wir bekamen auf diese Nachricht gleich ingesammt Lust selbiges Revier nebst
den curieusen Bäumen ebenfals in Augenschein auch GrabeScheiter Schauffeln
und Hacken mit zu nehmen um zu sehen ob wir noch mehr dergleichen Urnen oder
TotenTöpffe daselbst finden könnten wurden deswegen von dem Kapitain Horn und
einigen seiner Leute dahin gefahren und ergötzten uns nicht wenig über den
angenehmen Platz wo die 12 Bäume um den großen herum stunden
NB Dieses ist der kleine Platz welcher weil er von 2 kleinen
Ströhmlein die aus der großen See kommen und unten zusammen laufen
fast die Gestalt einer Zunge hat und auf dem GrundRisse der Insul
KleinFelsenburg gleich unter dem Platze der mit P bezeichnet im
2ten Teile pag 452 zu sehen ist
betrachteten alles sehr genau und fingen endlich an zu graben fanden auch
diesen und folgenden Tag in einem kleinen Bezirck noch 9 eben solche
ausgearbeitete Steine mit eben solchen Deckeln worauf eben solche Figuren wie
auf dem ersten eingehauen waren doch fand sich nur noch in einem Steine ein
güldener in 5 Steinen aber nur silberne Becher in 3 Steinen aber waren gar
keine Becher sondern die Asche und die Stücklein gebrandter Knochen waren nur
so bloß hinein getan worden Nachdem wir aber noch einen gewaltigen Fleck um
und ausgegraben jedoch nicht das allergeringste mehr gefunden hatten
vermerckten wir endlich dass nichts mehr vorhanden wäre seegelten deswegen mit
diesen unsern gefundenen Raritäten wiederum zurück an den Ort wo die Hütten
stunden betrachteten alle diese Urnen sehr genau konnten aber wie gesagt
nichts als unbekandte Characters darane finden Abends da die Sonne unterging
und wir im Grünen sitzende indem wir Kaffée truncken und Toback dabei
rauchten unsere Gesichter gegen den großen Berg O kehreten præsentirte sich
dessen hohe FelsenSpitze ganz Feuerrot so dass sie zuweilen einer
würcklichen FeuerFlamme ganz ähnlich sah welches zu verschiedenen curieusen
Gesprächen Anlass gab endlich da sich Mons van Blac wünschte bei hellem
Wetter ein oder ein paar Stunde auf dieser entsetzlich hohen FelsenSpitze
stehen und sich recht umsehen zu können sagten wir ihm dass uns eben
dergleichen Neugierigkeit vor einigen Jahren bei erstmahliger Besichtigung
dieser Insul dahin getrieben wir hätten aber kaum die Helffte des Berges
erklettern und weil es gar zu steil die Spitze nicht erreichen können
Hierauf ersuchte uns Mons van Blac morgenden Tag noch da zu bleiben und
ihm zu Gefallen den Berg noch einmnhl mit zu steigen Mons Litzberg und die
andern die zum Teil auch noch nicht auf dem hohen Berge gewesen waren ließ
sich nebst mir leichtlich hierzu bereden deswegen legten wir uns bei Zeiten
schlaffen um den March dahin desto früher anzutreten
Früh Morgens so bald der Tag anbrach weckten wir einander auf da sich
aber Mons van Blac ermunterte sprach er Ich könnte mich nun fast der Mühe
überheben den großen Berg zu besteigen denn ich habe ihn heunte Nacht im
Traume schon bestiegen aber wenn ich noch daran gedencke so stehen mir die
Haare zu Berge denn da wir kaum halb hinauf waren kamen uns aus einer düstern
Höle 12 große Vögel so schwartz als die Raben und noch größer als die
Gänse entgegen geflogen und schwungen sich in die Luft ich wagte mich in die
FelsenKlufft oder Höle erblickte aber etliche unbekandte grimmige Tiere
deren Gestalt recht entsetzlich war so dass ich ob sie mir gleich nichts
taten nur von dem bloßen Anblicke doch noch zitterte als man mich aufweckte
Wir hatten demnach unsern Spaass mit Mons van Blac über dieses Gesichte und
sagten endlich wenn er denn so furchtsam wäre wollten wir unsere LustReise
nach dem Berge lieber einstellen und zurück nach GroßFelsenburg fahren
allein er protestirte wider das letztere und sagte er wolle nun doch mit
rechtem Ernste versuchen wie hoch er an der großen FelsenSpitze hinauf
klettern könne
Demnach begaben wir GroßFelsenburger als wir ein gutes FrühStück ein
auch einen ziemlichen Teil Speise und Getränke zur Vorsorge mit auf den Weg
genommen uns sämtlich allein auf die Reise denn der Kapitain Horn gab auf
unser Nötigen zu verstehen dass er eben diesen Tag mit seinen Leuten ein
solches Stück Arbeit vor hätte wobei seine Gegenwart unumgänglich erfodert
würde über dieses so wäre er Zeit seines Hierseins schon viermahl den Berg
von allen Seiten in Gesellschaft aller seiner Leute zu besteigen so curieux
gewesen allein sie hätten wenig Plaisir darauf gefunden und nichts davon
getragen als müde Beine Also ließ wir ihn da bleiben baten uns auf den
morgenden Tag ein gutes MittagsBrod aus indem wir uns nicht zu stark
strapaziren sondern des Nachts unterwegs bleiben und ausruhen wollten marchirt
en also fort gelangten auch eben um die MittagsZeit am Fuße des Berges an
Weil wir nun vor einigen Jahren an der OstSudSeite den Berg hinnan
gestiegen waren so war mein Rat dass wir denselben voritzo an der
NordWestEcke hinauf beklettern wollten Einige redeten zwar darwider weil es
auf dieser Seite gar zu uneben und steinig wäre allein Mons van Blac fiel
meiner Meinung vor allen andern bei indem er vorstellete dass obgleich der
Berg allhier unbequemer zu besteigen wäre so hätten wir hergegen die Last
nicht dass uns die Sonne so stark auf den Leib und ins Gesichte brennete also
folgten alle dem van Blac und mir nach
Es war aber in Wahrheit ein rechter MordWeg denn ob wir gleich keine
steile Klippen zu erklettern hatten sondern immer Schlangenweise zwischen
großen Hügeln gerade aufgehen konnten so war doch der FußBoden wegen der
großen und kleinen Schieferund SandSteine die vom Regen und Wetter da hinein
gebracht waren dergestalt böse dass man sich vor dem Fallen sehr wohl in Acht
nehmen musste Mons van Blac aber der vor mir her ging sagte öfters lachend zu
mir Diss ist wirklich der Weg von dem mich in vergangener Nacht geträumet hat
Endlich nachdem wir fast 2 gute Stunden Berg auf gestiegen waren gelangten
wir auf einem Hügel an der oben ganz platt wie ein Tisch und ziemlich dicke
mit Moose und grünem Grase bewachsen war Dieser angenehme Platz nötigte uns
fast mit Gewalt zum Ausruhen und etwas Speise und Tranck zu uns zu nehmen
indem wir ein ziemlich breites steinigtes Tal vor uns sahen welches wir
erstlich passieren mussten wenn wir an den rechten Berg auf welchem die
entsetzlich hohe FelsenSpitze stund gelangen wollten
Allein eine besondere Begebenheit setzte uns dahier in nicht geringe
Verwunderung und Erstaunen denn da wir noch im besten Speisen waren und alle
mit einander unsere Gesichter gegen den großen Berg gewendet hatten kam immer
ein schwartzer großer Vogel nach dem andern aus einer Klufft des Felsens heraus
geflogen wir zähleten deren accurat zwölffe warteten aber vergeblich auf
mehrere hergegen schwungen sich diese hoch in die Luft machten nachdem sie
alle 12 zusammen gekommen ein grässliches Geschrei und nahmen ihren Flug nach
Süden zu weswegen wir in unserer Meinung gestärckt wurden dass sich in selbiger
Gegend nach dem SüdPol zu noch mehr Land befinden müsse Inzwischen konnten wir
diese Vögel eine lange Zeit fliegen sehen und schreien hören nachdem sie sich
aber gänzlich aus unsern Gesicht und Gehör verloren sahen wir alle den Mons
van Blac an und verwunderten uns höchlich dass sein Traum auch in diesem Stücke
so accurat eingetroffen wäre Er hingegen schien sehr mutig zu sein und sagte
Meine Herren und Freunde ich bin in meinem Hertzen vollkommen versichert dass
wir in diesem Gebirge nach der alten Art zu reden ein besonderes Abenteuer
antreffen werden deswegen lasset uns weil es noch hoch am Tage auf die
FelsenKlufft zu wandern gönnet mir die Ehre dass ich voraus gehe und sehe
wie es in derselbigen beschaffen indem ich als ein Mensch der viele
Gefährlichkeiten ausgestanden Kourage genung darzu habe Wir weigerten uns
nicht ihm zu folgen und erreichten nach Verlauff einer guten halben Stunde mit
vieler Beschwerlichkeit den Eingang zu der FelsenKlufft welchen wir aber ganz
anders befanden als er sich unsern Augen von ferne præsentirete denn auf
beiden Seiten hatte dem Ansehen nach die Natur so zu sagen hohe Mauern oder
Pfeiler gesetzt zwischen welchen nur eine Person auf dem schmalen Wege
hingehen und sonst nichts als die hohen FelsenMauern neben sich und den
Himmel über sich sehen konnte so war auch dieser schmale Weg der 3 Krümmen
hatte hundert und etliche 30 Schritte lang Mons van Blac der sehr emsig im
Gehen war blieb endlich stehen und rieff zurück Halt hier ist das Ende
weiter können wir nicht kommen Demnach versamleten wir uns alle als wir aus
dem schmalen Gange heraus gekommen waren um ihn herum auf einem Ufer welches
nur 18 Schritt breit und etliche 40 Schritt lang war Hier schien es als ob
diese Felsen mit aller Gewalt von dem großen Klumpen abgerissen wären und vor
uns auf dem FußBoden fanden wir einen Riss oder Schlufft etwa 10 biss 12 Ellen
breit Es stunden einem wenn man da hinunter in die Tieffe und dicke Finsternis
sah die Haare zu Berge über dieses machte das in diesem Abgrunde wallende
Wasser ein recht wunderlich und fürchterliches Getöse weswegen niemand große
Lust bezeigte sich lange bei diesem terriblen Schlunde aufzuhalten Auf der
andern Seite aber sahen wir ebenfals wieder einen Riss oder Spalte von oben
herunter in dem großen Berge zu welchem eine ordentliche Treppe von mehr als
30 Stuffen hinauf ging welche wir schwerlich von Natur also sondern von
MenschenHänden ausgehauen und gemacht zu sein beurteileten O wenn wir doch
über den schändlichen Abgrund hinüber wären sagte Mons van Blac denn ich
mercke schon diese Treppe führt an einen Ort wo sich Curiositäten befinden
Allein sein und unser aller Wünschen war vergebens denn weder zur rechten
noch zur lincken Hand konnten wir den Anfang noch das Ende wegen der steilen
Felsen erforschen und auf jener Seite war es eben so schlimm auch nirgends
aufzusteigen als auf der ausgehauenen Treppe
Dem ungeacht stunden wir noch fast eine ganze Stunde daselbst um alles
desto genauer zu merken kehreten endlich durch den vorigen Weg zurücke und
kamen sehr ermüdet auf dem grünen Platze an allwo wir etliche Stunden vorher
gespeist und den Ausflug der Vögel gesehen hatten beschlossen auch die Nacht
über welche sehr warm und angenehm war allda zu verbleiben Mons van Blac
hatte seine Grillen dass nämlich in dem großen Berge vielleicht eine
ausgehauene Wohnung und andere Spuren von Menschen anzutreffen sein würden
einem jeden von uns allen dergestalt scharff eingeprägt dass wir auch alle
glaubten es könnte und musste nicht anders sein deswegen beratschlagten wir
biss in die späte Nacht was zu tun sei Beschlossen erstlich gleich morgendes
Tages wieder zurück nach Felsenburg zu fahren unsern Eltern und andern guten
Freunden alle diese Seltsamkeiten so wir allhier gefunden zu zeigen und zu
erzählen nachher wieder herüber zu rudern lange Balcken und Bolen herbei zu
schaffen um eine rechte veste Brücke über den Abgrund zu schlagen und so dann
hinüber zu passieren doch würde auch nötig sein dass wir Fackeln WindLichter
Gewehr und andere Bedürffnisse mit uns nähmen indem wir nicht wüsten ob man in
dunckele Gänge oder Hölen geraten und daselbst etwa mit Schlangen oder andern
Tieren zu streiten haben würde Hiernächst wurde auch verabredet dem Kapitain
Horn nicht alle unsere Gedanken zu offenbaren jedoch denselben zu bitten uns
durch seine Leute in dem nächst an dem Berge gelegenen Walde etwa 6 oder 8
Stück 15 biss 16 Ellen lange Balcken und denn auch etliche 30 biss 40
QueerStücke aushauen und an den Fuß des Gebürges schaffen zu lassen zu welchem
Ende wir ihm denn einige Zeichen auf dem Wege dahin machen wollten Hierauf
schlieffen wir etliche Stunden biss zu Anbruch des Tages machten uns so dann auf
die Beine und gelangeten zeitig bei dem Kapitain Horn an statteten ihm
Nachricht von unserer Reise ab so viel er nämlich davon wissen sollte fanden
denselben zu allem was wir von ihm begehrten willig nahmen die
MittagsMahlzeit mit ihm ein nachher Abschied versprachen in wenig Tagen
wieder zu kommen ließ die gefundenen Urnen auf unser Schiff tragen
versprachen des Kapitain Horns Leuten vor den ersten Fund einem jeden bei der
Abreise besonders ein halb Pfund Gold zum Gratial zu geben stiegen ein
seegelten auf GroßFelsenburg zu und kamen in später Nacht in unsern Wohnungen
an
Mir war es eine besondere Freude dass ich meine liebste Kordula nebst meinem
kleinen Sohne bei vollkommener Gesundheit wieder fand folgendes Tages ließ
wir die 10 Urnen aus dem Fahrzeuge auf die AlbertusBurg schaffen da sich
denn um diese Antiquitäten zu sehen eine große Menge Volcks etliche Tage nach
einander einfand allein auch die klügsten verständigsten und gelehrtesten
wussten nichts anders davon zu urteilen als was wir schon anfänglich in
KleinFelsenburg davon geurteilet hatten Die Characteres wusste auch kein
Mensch auszulegen ungeacht unsere Herren Geistlichen im Arabischen Syrischen
Chaldäischen Schrifften und Signaturen nicht unerfahren waren Doch hielt Herr
Mag Schmeltzer davor es könnten vielleicht eine solche Art von Heiden gewesen
sein welche die Sonne als ihren höchsten Gott angebetet hätten weil die
Sonne nicht undeutlich als ein alles regierendes Wesen recht in der Mitte des
Deckels der Urnen abgebildet wäre hiernächst hielt er das oberste Zeichen vor
den Mond und das unterste vor ihren irrdischen HauptGötzen weil dieses
Zeichen etwas gröber ausgedruckt wäre als die andern 10 welche vielleicht die
übrigen Planeten oder andere Gestirne oder auch wohl andere selbst erwählte
Götzen anzeigen sollten Doch wollte Herr Mag Schmeltzer diese seine Meinung vor
keine untrügliche Wahrheit ausgeben wir aber hielten dieselbe allen Umständen
nach vor sehr vernunftmässig Da wir nun nachher eine Relation von demjenigen
abstatteten was wir bereits weiter erforscht und noch ferner zu untersuchen
willens wären fanden sich nebst dem AltVater sehr viele welche uns von diesen
verwegenen und gefährlichen Vornehmen abraten wollten andere Wagehälse hingegen
boten sich an uns Gesellschaft zu leisten allein wir ließ uns von den
ersteren nichts einreden und abschrecken den letztern aber schlugen wir ihr
Anerbieten höflich ab weil die Kompagnie sonsten gar zu stark mithin
verdrießlich worden wäre in KleinFelsenburg aber ohnedem HelffersHelffer
genung anzutreffen waren
Man machte deswegen alles zu unserer Abfahrt fertig und wartete nur mir
zu Gefallen biss meine Kordula am 19 Mart zur Kirche gegangen war Montags den
23 dito aber ging die Reise fort nachdem wir uns mit Flinten Pistolen
SeitenGewehr Fackeln WindLichtern auch allerhand kräfftigen Speisen und
Getränke wohl besorgt hatten und zwar so waren es eben diejenigen Personen
welche das vorige mahl mit gewesen waren biss auf Lademannen der kranck worden
war und an dessen Stelle wir den jungen Chirurgum Julium mit nahmen Noch
Vormittags gelangten wir bei dem Kapitain Horn an erfuhren von ihm dass er
unsern Willen in allen Stücken erfüllen und die bestellten Holtz Stücken an den
bezeichneten Ort am Grunde der Hügel bringen lassen weswegen wir nur in der
Geschwindigkeit etwas speiseten so dann unsern Weg in Begleitung des Kapitain
Horns und aller seiner Leute biss auf ihrer 4 die teils Schäden an sich
hatten teils etwas unpässlich waren vor uns nahmen und den Ort gar bald
erreichten wo das zugehauene Holtz lag Hier packte nun alles an was Hände
hatte die großen und kleinen Stücken teils Berg auf mit Seilen zu
schleppen teils hinauf zu tragen brachten auch noch vor Nachts alle Stücken
hinunter in das Tal vor den schmalen Weg stärckten hernach unsere abgemarteten
Leiber mit Speise und Tranck und legten uns endlich unter freiem Himmel zur
Ruhe
Noch vor Aufgang der Sonnen ermunterten wir uns wieder verrichteten unser
MorgenGebet einstimmig damit uns Gott vor allen Schaden und Gefahr bewahren
möchte sungen ein paar geistliche Lieder nahmen hieraus das FrühStück ein
und gingen mit aufgehender Sonne auch wieder an unsere Arbeit Allein war uns
die gestrige sauer geworden so war in Wahrheit die heutige noch zehnmahl
beschwerlicher denn wie kühle es auch in dem engen Wege zwischen den zwei
FelsenMauern war so brach uns doch der Schweiß aus die langen Balcken
hindurch zu bringen weil wir dieselben bei jeder Krümme empor heben und also
herum tragen mussten noch weit mühsamer aber war selbige mit einem Ende auf das
jenseitige Ufer des Abgrundes zu bringen indem wir wenig Raum auch keine
tüchtige Machinen darzu hatten jedoch es musste endlich alles angehen wie wir
denn noch vor Nachts die 8 langen Balcken in ihr ordentliches Lager brachten
nachher aber sehr ermüdet unsere Bequemlichkeit auf dem steinigten Boden
suchten und uns sämtlich auf demselben nieder lagerten Viele unter unserer
Gesellschaft schlieffen nachdem wir BetStunde gehalten auf diesem obschon
elenden Lager bald ein allein mir war es unmöglich einzuschlaffen weil ich
wegen der schmertzlich drückenden Steine ungeacht ich meinen Rock darauf
gebreitet mich alle Augenblick einmal umwenden musste außerdem machte das
Wasser in dem Schlunde welches vermutlich in selbiger Gegend einen starken
Abfall haben mochte in der stillen Nacht ein solches grässliches Getöse dass
meine Ohren mehr als zu verdrießlich wurden selbiges anzuhören Dem Mons van
Blac und dem Chirurgo Julio mochte es eben so gehen wie mir deswegen stunden
sie auf setzten sich bei das angemachte Feuer und fingen an Toback zu
rauchen also stund ich auch auf und leistete ihnen Gesellschaft Mons van
Blac erzählete von vielen WunderDingen der Natur, die er auf seinen Reisen
angemerckt hatte und wir beide hörten ihm fleißig zu mithin wurde uns die
Zeit gar nicht lang allein wir erschracken ziemlichermassen da plötzlich
gegen uns über aus der FelsenKlufft eine FeuerFlamme in die Höhe fuhr eben
als wenn Kolofonium durch ein starckes Rohr wäre geblasen worden Wir sahen
einander stillschweigend an und wussten nicht was wir davon sagen und dencken
sollten Mons van Blac aber sah nach seiner Uhr und sagte Es ist itzo accurat
die MitternachtsStunde eingetreten entweder hat der Satan sein Spiel oder es
ist eine entzündete Schwefel oder SalpeterDunst gewesen Ich gab ihm Beifall
etwa 4 oder 5 Minuten hernach aber kam eben dergleichen Flamme zum andern
mahle und wieder nach so langer Zeit zum dritten mahle heraus gefahren weilen
wir nun solchergestalt glaubten es würde dieses noch öffter geschehen so
weckten wir die nahe liegenden Mons Wolffgangen und Litzbergen nebst noch
einigen andern auf und diese hatten sich kaum ermuntert auch angehöret was
passiert war als eben dergleichen Blitz zum 4ten mahle geschahe und alle 4 biss
5 Minuten ordentlich wiederholt wurde Endlich da er zum 12ten mahle heraus
gefahren war sah Mons van Blac abermals nach seiner Uhr und sagte Was
guts wenn es ein Spielfechten des Satans ist so wird es nun bald ein Ende
haben denn die MitternachtsStunde ist bald vorbei
Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen als eine grässliche Stimme die so
stark war als wenn 10 ja 20 Ochsen auf einmal brülleten die abgesetzten
Sylben aus der FelsenKlufft heraus rieff Katomahoom Es währete dieser Ruf
so zu sagen in einem Atem ungefähr eine halbe Minute worauf eine andere
viel schwächere und ganz kläglich lautende Stimme die unsers Bedünckens
oben zwischen den Felsen des schmalen Ganges hinter uns heraus schallete zur
Antwort gab Urmidi Hierauf hörten wir augenblicklich ein entsetzliches
Geheule aus der FelsenKlufft erschallen eben als wenn eine gewaltige Anzahl
Wölffe Katzen Eulen und dergleichen wohlsingende Tiere in einem Gewölbe eine
VocalMusik machten Dieses Geheule dauerte ungefähr 3 Minuten worauf alles
stille wurde Mons van Blac sagte Nunmehr ist die MitternachtsStunde vorbei
und wir hörten und sahen auch wirklich weiter nichts biss der helle Tag
anbrach da sich denn die andern alle ermunterten und sehr verwunderten dass
sie nach erhaltener Nachricht von dem was passiert war nicht das geringste
gehört hatten
Wir hielten hierauf die MorgenBetStunde und sungen unter andern das
Lied Gott der Vater wohn uns bei etc verzehreten das FrühStück und sahen
nachher zu wie Kapitain Horns Leute wechselsweise die kleinen QuerHöltzer
mit eisernen Klammern deren wir eine ziemliche Anzahl mitgebracht hatten an
einander und auch an die langen Balcken bevestigten so dass sich nichts
schieben sollte und wir also ohne alle Gefahr nicht nur darüber gehen sondern
auch wohl ziemliche Lasten hätten tragen können
Etwa 2 Stunden über Mittag war also die ganze Brücke fertig allein wir
hielten nicht vor ratsam gegen den Abend oder die Nacht zu die jenseitige
Klufft zu untersuchen oder den großen Berg zu beklettern sondern es lieber zu
sparen biss Morgen früh damit wir den Tag vor uns hätten was mir aber am besten
gefiel war dieses dass der Kapitain Horn seine Leute befehligte nach ihren
Hütten umzukehren und zwar unter dem Vorwande dass sie nicht so viel an ihrer
SchiffsArbeit verabsäumen möchten außerdem so wäre eine so gar starke
Kompagnie bei dergleichen Vornehmen als wir hätten nur beschwerlich wenn wir
aber ja etwas curieuses finden sollten wollten wir ihnen schon Nachricht davon
geben damit sie es hernachmahls nach Belieben auch in Augenschein nehmen
könnten weilen ja der Weg offen bliebe usw
Die guten Leute ließ sich so gleich weisen parirten Kommando gingen
frölich zurück und versprachen Morgen gegen Abend eine gute Mahlzeit vor uns
zuzubereiten Als sie fort waren legten ich und diejenigen, welche in
vergangener Nacht gar nicht geschlaffen hatten uns in etwas zur Ruhe und
schlieffen indessen da die andern so geschlaffen hatten Wechselsweise zu
wachen versprochen sehr wohl biss ein paar Stunden nach Untergang der Sonnen
Mittlerweile war von den munter gebliebenen ein groß Feuer angemacht worden um
selbiges setzten wir uns herum und warteten mit Verlangen ob in der heuntigen
MitternachtsStunde abermals etwas besonderes zu sehen und zu hören sein
würde
Mons van Blac sah dieserwegen fleißig nach seiner Uhr und als es kaum
eine Minute über 11 Uhr war kam eine gewaltige große FeuerKugel aus der
FelsenKlufft die Treppe herunter und auf unsere Brücke gerollet schwermete
fast einer Minuten lang mitten auf derselben herum und stürtzte sich endlich
hinunter in den Abgrund in welchem ein solches entsetztliches Geprassele und
Getöse entstund dass uns fast allen sowohl über eins als über das andere ein
Grausen ankommen wollte der einzige Mons van Blac sagte mit Lachen Nur nicht
näher so gets noch hin Ich bat ihn stille zu sein er aber sprach man
sieht nun doch wohl dass es nichts natürliches sondern ein teuffelisches
Blendwerck ist deswegen muss man dem Teuffel die Liebe nicht tun und sich vor
ihm fürchten vielmehr seiner spotten Wir haben uns Gott besohlen und sind
nicht gesonnen etwas böses auszuüben was hat der Teuffel vor Macht an uns
Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen als die andere FeuerKugel aus der
Klufft Himmel zu fuhr sich gemächlich wieder herunter senckte eben als wenn
sie zwischen uns niederfallen wolle weswegen wir indem aufspringen und zurück
laufen wollten allein da sie noch wohl 50 Ellen über uns war verging sie
plötzlich als ein Wind Mons van Blac hatte in Wahrheit die meiste Kourage
unter uns allen denn er blieb ohnbeweglich sitzen schalt unsere Furcht die
wir wegen des TeuffelsGauckelei hätten und ermahnete uns ein stärcker
Vertrauen auf den Göttlichen Schutz zu setzen Demnach blieben wir ganz
hertzhaft sitzen ob gleich vor Verlauff dieser Stunde noch 10 FeuerKugeln
aus der FelsenKlufft heraus geflogen kamen die teils auf der Brücke herum
schwermeten und sich hernach in den Abgrund stürtzten teils hoch in die Luft
stiegen im Heruntersincken aber verschwanden Nachdem dieses FeuerWerck vorbei
war ließ die Stimme aus der FelsenKlufft folgende deutliche Sylben erschallen
Onzato hoom und die hinter uns antwortete noch kläglicher als gestern
Midischrizschrizschriz Hierauf hörte man abermals ein grässliches Brüllen
Heulen und Winseln aus dem großen Berge erschallen eben als wenn lauter Löwen
Bären Wölffe Hunde Katzen und dergleichen Tiere darinnen befindlich wären
da aber die MitternachtsStunde zu Ende ward alles auf einmal stille
deswegen schlieffen wir Wechselsweise biss der helle Tag wieder da war
Nachdem wir uns ingesammt in einem andächtigen MorgenGebet Gott befohlen
auch die Leiber mit kräfftiger Speise und köstlichen Weine gestärckt hatten
steckten wir jeder die Taschen voll Victualien hingen die mit Wein gefülleten
Flaschen über die Schultern nahmen in die lincke Hand eine PechFackel oder
WindLicht in die rechte aber teils einen Degen oder Pistol deren jeder ein
paar vor sich im Gurt gesteckt mit sich genommen die Flinten hingen gleichfalls
auf den Schultern und also marchirten wir Paar und Paar über die Brücke
hinüber an welcher nicht das geringste zu sehen war dass sich in vergangener
Nacht FeuerKugeln darauf herum getummelt hatten So bald wir die Stuffen hinauf
und in die FelsenKlufft eingetreten waren zeigte sich ein ungefähr 3 Ellen
breiter Gang gegen Süden zu der jedoch von forne zu vollkommen durch das
TagesLicht erleuchtet wurde welches von oben durch die FelsenRitzen hinein
fiel endlich wandte sich der Weg auf einmal gegen Osten und als wir denselben
etwa 20 Schritt passiert war kein TagesLicht mehr sondern eine dicke
Finsternis vor uns zu sehen weswegen wir alle unsere Fackeln und Laternen
ansteckten Mons van Blac und der Kapitain Horn gingen voraus die Kapitains
Wolffgang und Wodlei folgten ihnen hernach kam Mons Litzberg und ich auch die
übrigen Paar und Paar Bisshero war uns nicht das geringste von Ungeziefer vor
die Augen gekommen doch nunmehr da wir die Feuchtigkeit spüreten ging auch
die Furcht vor dem Ungeziefer an allein wir merckten nichts sondern kamen
nachdem wir etwa 100 Schritt durch die Finsternis gegangen waren auf einem 20
Schritte langen auch so breiten Platze alle zusammen zu stehen Der Platz war
ziemlich viereckig biss 7 Ellen hoch und oben als ein Gewölbe sonsten aber an
dessen Seiten nichts von Figuren oder sonsten etwas zu bemercken Gleichwie wir
nun bisher nur einen kurzen Strich gegen Osten hergegen immer nach Süden zu
gegangen waren so fand sich auch auf derselben Seite ein 3 Ellen hohes Loch
oder Tür oben mit einem ordentlich ausgehauenen Schwibbogen und nach fernerer
Untersuchung eine Treppe von breiten Stuffen in die Tieffe Ehe wir da hinein
traten taten wir alle erstlich einen guten Schluck Weins hernach ging die
Reise fort und ich kann nicht leugnen dass als ich schon 200 Schritt hinab
gezählet hatte und dennoch kein Ende zu sehen war mir ungeacht der
Gesellschaft doch ganz bange ums Hertze wurde Endlich ehe wir es uns
versahen befanden wir uns vor einem ordentlichen Tempel in welchen das
TagsLicht durch etliche Oeffnungen des Felsens hell und klar hinein fiel
weswegen ein Teil unserer Fackeln und WindLichter ausgelöscht und nur einige
derselben brennend hingesetzt wurden wir aber gingen sämtlich in den Tempel
hinein um denselben genauer zu betrachten da wir denn Dinge fanden welche wir
allhier nimmermehr gesucht hätten Um aber alles genau zu beschreiben so war
der Tempel im Umfange ganz rund in der weite 68 Ellen und 26 Ellen hoch
nämlich da wo er am höchsten war denn die Decke war auch rund als ob sie
ordentlich ausgewölbt wäre da es doch nur durch Menschen also ausgehölet war
In der Mitte dieses Tempels befand sich ein runder Altar auf selbigen ein
etwa Ellen hohes Gestelle und auf diesen ruhte eine guldene Kugel die im
Durchschnitte 3 ViertelEllen hatte und deren eingefügte große mittelmäßige
und kleine Diamanten und andere edlen Steine einen wunderbaren schönen Glantz
gaben ja rechte Strahlen von sich warffen zumahlen da wir nachher bei
NachtsZeit Lichter dagegen stelleten Rings um diesen Altar herum zähleten
wir 12 halbrunde Altäre an den Wänden des Tempels angefügt auf deren jeden
ein 2 Ellen hohes massivgüldenes GötzenBild und zwar in ordentlicher Weite
von einander stunden Das erste so der Tür wo wir hinein getreten gegen über
stund præsentirte sich in Gestalt eines Frauenzimmers die einen mit
Edelgesteinen besetzten halben Mond auf dem Kopffe in den Händen aber einen
gespanneten Bogen mit darauf gelegten Pfeile hatte und sich stellte als ob
sie eben los drücken wollte zu ihren Füßen waren 2 HirschKöpffe mit Geweihen
ebenfalls von Golde zu sehen Das andere von oben her uns zur Rechten war ein
scheussliches Monstrum indem es einen Kopf fast wie eine NachtEule vor der
Stirn nur ein großes Auge sonsten aber fast über und über die Gestalt eines
Bären hatte Das dritte machte die Stellung eines ergrimmten Menschen der etwas
mit der Keule in Stücken zerschlagen will Das vierte war zwar auch am Leibe
gestaltet als ein Mensch hatte aber einen HundsKopf mit einem geraden
spitzigen Horne Das fünfte zeigte die Figur eines aufgerichts sitzenden
Ochsen der die beiden VorderPfoten ausstreckte und den Rachen weit
aufsperrete Das sechste stellte das ordentliche Bildnis des Neptuni oder
MeerGottes mit seiner dreizackigten Gabel dar so wie es heutiges Tages
gemahlt oder ausgehauen wird Das siebende war unter allen das scheusslichste
indem es einen LöwenKopf mit krummen Hörnern und grausame Krallen an den
ausgebreiteten VorderPfoten hatte In die Augen waren ihm 2 große Diamanten
eingesetzt welche starke Strahlen von sich warffen mithin dieses Bild desto
grässlicher vorstelleten dessen UnterLeib die Gestalt eines halben Frosches
hatte am allerschändlichsten aber præsentirte sich dasjenige Glied welches zu
verdecken selbst die Natur erinnert allein hier schien es als wenn das
Modell von einem brünstigen Hirsche genommen wäre Das achte GötzenBild
welches an unserer EingangsTür zur Lincken stunde fiel gegen das vorige etwas
besser in die Augen indem es ein lächlendes Frauenzimmer vorstellete die auf
dem Haupte eine Krone von Ähren und allerlei Blumen die reichlich mit
Edelgesteinen besetzt unter dem rechten Arme ein Gefäß mit ObstWerck in der
lincken Hand aber einen Becher hatte Unsern Mutmaßungen nach sollte dieses
Bild vielleicht die Göttin Ceres so wie das erste etwa die Dianam vorstellen
Das neunte hatte die ordentliche Figur eines Affen der auf dem Hintergestelle
saß die eine VorderPfote in die Höhe die andere aber niederwerts reckte und
die Zähne fletschte Das zehende war abermals ein schändliches Monstrum indem
auf 2 GreiffenKlauen ein fast Kugelrunder sehr dicker Bauch woran ein
weibliches GeburtsGlied aus ärgerliliche Art bemerckt zu sehen war Um den
Nabel herum zeigeten sich 6 Zitzen oben aber lief der ganze Bauch ohne eine
ordentliche Brust zu formiren immer schmäler zu so dass es das Ansehen eines
Halses bekam aus welchem 2 Hände gewachsen die ein kleines nackendes Kind bei
dem Kopffe hielten dessen Füße in dem weit ausgesparreten Maule des auf dem
Halse stehenden breiten Kopffes stacken Sonsten aber befand sich auf diesem
Kopffe eine sauber ausgearbeitete Krone von güldnen Blättern die dem Epheu
gleichten zwischen selbigen auch viele edle Steine Das eilffte stellte eine
junge vigoreuse MannsPerson mit verdeckter Schaam vor indem selbige auf dem
lincken Fuße stund den rechten aber vor sich aufgehoben hatte In der Rechten
hielte sie einen Griffel in der Lincken aber eine Tafel und zwar so als ob
sie darauf schreiben wollte Weiln auch auf dem Rücken Flügel zu sehen so
bedünckte uns dass dieses Bild vielleicht den Mercurium vorstellen sollte Das
zwölffte endlich so der von uns also genannten Diana gleich zur Rechten stund
war eine auf einer Kugel mit dem Schwantze sitzende ordentliche Schlange
Schlangenweise in die Höhe gerichtet mit einem starken Kopffe und
funckelenden Augen und einem im Maule haltenden güldenen Apffel
Außer diesen GötzenBildern und mehr gemeldten war doch in dem ganzen so
genannten Tempel nicht das geringste von andern Sachen mehr anzutreffen auch
kann ich mit Wahrheit versichern dass nichts von Staube oder Beschlag
ungeachtet es ein unterirrdisches Gewölbe darinnen zu spüren war sondern die
güldenen Statuen oder GötzenBilder gläntzten alle noch dergestalt als ob sie
erst gestern vom Goldschmiede verfertigt worden
Anfänglich glaubten wir zwar nicht dass alle diese Bilder durchgehends von
puren Golde wären allein da einige der unsern an verschiedenen ein und andere
Proben gemacht fiel fast aller Zweiffel und deswegen waren wir ingesamt über
diesen gefundenen unschätzbaren Schatz fast außer uns selbst konnten die
ungemein saubere Arbeit nicht genung bewundern und mussten nunmehr vollkommen
glauben was die heilige Schrifft und so mancher GeschichtSchreiber von den
besonderen Künstlern der alten Zeiten meldet Endlich gingen wir davon ab und
fanden noch 3 andere Ausgänge aus diesem Tempel deren 2 so wohl als der da
wir herein gekommen offen stunden von dem 4ten aber der sich gegen Süden zu
gleich neben der Statua der Diana befand bemerkten wir eine steinerne mit
eisernen Stäben oder Riegeln wohl verwahrte Tür welches uns einiges
Nachdencken verursachte Nachdem nun in Vorschlag gebracht worden den Ausgang
nach Westen zu noch zu untersuchen so bezeigten die wenigsten von unsern
Gefährten Lust darzu indem es weit über Mittag war und der Abend heran zu
nahen begunte gaben vielmehr zu verstehen dass wir bei Zeiten wieder zurück
kehren möchten weilen es über Nacht in diesen unterirrdischen Gewölbern zu
verbleiben gar zu fürchterlich wäre Allein Mons van Blac trat hervor und
hielt folgende heroische Rede »Meine Herren sagte er wer wollte furchtsam
sein es ist zwar leicht zu erachten dass der Teuffel entsetzlich böse sein
wird weil uns GOTT wunderbarer Weise hieher geführet hat seine Kapelle zu
zernichten in welcher er vielleicht noch mit der Zeit neue Anbeter zu sehen
vermeint hat allein was wird er anders tun als etwa unsern Augen ein
Blendwerck und unsern Ohren ein Getöse vormachen können Ich weiß dass sich
seine Krafft Macht und Gewalt allenfalls nicht weiter erstrecken wird und wir
können mit Recht unser Gespötte darüber haben da wir wissen dass GOTT unser
mächtiger Beschützer ist dem zu Ehren und zu Lobe wenn es nach meinem Sinne
geht wir nächster Tags die schändlichen falschen Götter auf der Insul
GroßFelsenburg im Triumphe einführen wollen Meine Herren seid deswegen
Männer lasset uns nur erstlich ein wenig erforschen was es mit diesem Ausgange
gegen Westen zu vor eine Bewandtnis habe und hernach bevorstehende Nacht mit
Beten Singen zu GOTT in diesem HeidenTempel zubringen denn es ist schwer zu
glauben dass weil die Welt steht ein andächtig Vater Unser etc an diesem
Orte gebetet worden Saget mir ob GOTT hieran nicht einen besonderen Gefallen
haben wird wenn man ihn an einen solchen Orte im Geist und in der Wahrheit
anbetet wo vielleicht vor diesen der Teuffel auf mancherlei Art angebetet
worden Oder meint ihr etwa dass GOTT dieses Gewölbe welches seine Langmut so
viele hundert oder tausend Jahre veste stehen eben diese Nacht auf unsere
Häupter wird einfallen lassen Ich gläube es nicht sondern hoffe der Gott der
uns hierher geführet hat wird uns auch erhalten dem Teuffel zum Trotz
Hiernächst legen wir wenn wir diese Begebenheiten nach Europa berichten wollen
vor aller Welt Ehre ein und die ganze Welt wird sich wundern dass wir solche
GlücksKinder sind die je mehr Schätze finden je mehr sie anderen Bedürfftigen
damit zu helfen geneigt sind Ich vor meine Person gehe nicht von dannen will
niemand bei mir bleiben so bleibe ich alleine hier damit ich Morgen nicht den
Herweg vor den Hinweg rechnen muss«
Indem nun Mons van Blac diese kleine Oration mit recht ernstaften
Gebärden hielt schiene es als ob die andern alle neuen Mut bekämen deswegen
versprachen wir ihm als dem glückseligen Vorgänger bei dieser Sache in allen
Stücken zu folgen wo er hin wollte Demnach steckten wir unsere Fackeln und
WindLichter an und spatzirten in den dunckeln Gang nach Westen zu welcher
ungefähr 80 Schritt lang war und so dann ein Ende hatte auf jeder Seite aber
bemerckten wir 6 schmale Eingänge wesswege wir im Rückwege selbige
durchkrochen mithin 12 geraumliche Kammern angetroffen wurden in welchen wir
einen starken Vorrat von Eisen Kupffer Blei allerhand wunderlich jedoch
zur Arbeit und Hausshaltung dienlichen Instrumenten nebst dem sehr viel
verfault und vermodert Zeug fanden Schauffeln Picken Hacken und dergleichen
lagen genung da allein die höltzernen Stiele an denselben waren entweder
schon verweset oder sie zerfielen uns in den Händen wie anderes faules Holtz
Mit Besichtigung anderer Instrumenten aber die wir weder zu nennen noch ihren
eigentlichen Nutzen wussten brachten wir endlich die Nacht heran gingen
deswegen auch mit dieser Curiosität wohl vergnügt wieder zurück lagerten uns in
dem geraumlichen Vorhofe des Tempels der so gleich vor der Tür nach Norden zu
befindlich auf den Boden ließ unsere WindLichter bei uns stehen hielten
die AbendMahlzeit nach derselben aber eine andächtige BetStunde und warteten
mit Verlangen auf die MitternachtsStunde Allein mit Eintritt derselben
geschahe ein grausamer Knall eben als wenn 100 Kanonen auf einmal gelöst
würden auf diesen folgte ein grausames Geprassele der Boden bebete unter uns
und es lief sich anhören als ob der ganze Berg in viel tausend Stücken
zerspringen und in einen Klumpen zerfallen wollte Wie uns hierbei zu Mute
gewesen wird jederman leicht mutmaßen zumahlen da unsere Lichter nur einen
kleinen Schein von sich gaben als ob sie indem ausgehen wollten weil ein dicker
Staub oder Nebel dieselben verdunckelte Endlich da das grässliche Geprassele
und unser erster Schrecken über 3 Minuten lang gewähret ward alles stille wir
spüreten keine Erschütterung mehr unsere Lichter fingen an heller zu brennen
der dicke Nebel verzohe sich zum Teil so dass wir erstlich mit Verwunderung
bemerckten wie die auf dem Altar befindliche runde Kugel als ein Uhrwerck sehr
schnell herum lief und Strahlen von allerhand Farben von sich warff Ferner
bemerckten wir doch als im Nebel womit der Tempel angefüllet war dass sich
Figuren wie Menschen in demselben regten so teils gingen teils stille
stunden teils auf dem Boden herum webelten Um halb 12 Uhr stund die Kugel
auf einmal stille aus dem Eingange nach Osten zu erschallete ein grässlicher
Laut als ob auf einem großen Horne geblasen würde Hierauf erhub sich ein
wunderlich durch einander her grob und klar klingendes Schreien Heulen und
Winseln welches etwa 4 Minuten währete und als das Horn zum andern mahle
geblasen wurde so gleich aufhörete Nach diesem ließ eine dumpffigte Stimme
die unserm Bedüncken nach aus dem großen Altare kam etliche unvernehmliche
Worte hören worauf sich ein sanftes Gemurmele im ganzen Tempel erhub
inzwischen aber ließ sich bald dort bald da laute Stimmen hören als ob sie
etwas fragten worauf ihnen die dumpffigte Stimme aus dem Altar allezeit
ordentlich antwortete biss endlich das Schreien Heulen und Winseln wieder
anging und sich nicht eher als bei Blasung des Horns endigte Kaum war der
Schall des Horns verschwunden als sich eben ein so starcker Knall wie vor
einer Stunde auch eben dergleichen Erschütterung Gepoltere und Geprassele
zutrug jedoch über alles dieses war der ganze Tempel voll lauter Feuer und
nicht anders anzusehen als ein im höchsten Grad gehejetzter Brenn oder
SchmeltzOfen es schlugen etliche mahl Flammen heraus auf uns zu weswegen
einige der Unsern furchtsam werden und zurück welchen wollten allein wir
vordersten saßen wie unbewegliche Steine ließ uns nichts anfechten und ich
kann versichern dass die heraus schlagenden Flammen nicht die geringste Hitze mit
sich brachten sondern ein bloßes LuftSpiel waren welches GauckelSpiel
unter einem wiederholten Knall alles auf einmal verschwand
Nachdem wir uns von der gehabten Alteration völlig erholt vermeinten
einige das Feuer würde im Tempel alles verzehret haben allein da unsere
Lichter wiederum vollkommen helle zu brennen anfingen sahen wir keine
Veränderung ja Mons van Blac war so hertzhaft mit einer Laterne im ganzen
Tempel herum zu spatziren und meldete sodann dass er alles unversehrt gefunden
hätte
Folgenden Morgens war unsere erste Arbeit den Ausgang nach Osten
durchzusuchen und daselbst fand sich nachdem wir nur etwa 10 oder 12
Schritte in die Höle hinein getan ein güldenes Horn etwa so lang als ein
gekrümmter MannsArm jedoch unten sehr weit und dick an einer güldenen Kette
hangen gleich darneben auf der rechten Seite war eine offene Tür durch welche
wir in eine große Kammer oder so zu sagen Vorhoff traten in welchem gerade
vor uns nach der SüdSeite zu 2 offen stehende nach der OstSeite aber eben
so viel jedoch verschlossene Türen zu sehen waren Die erste von den offen
stehenden führte uns in eine große Kammer die ziemlich helle war indem das
TagesLicht durch 2 große FelsenLöcher hinein fiel sonsten aber kam uns die
Kammer als eine Küche oder gar als ein Laboratorium vor indem sich einige hohe
und niedrige Heerde so dann verschiedene kleine auch ziemlich große Feuer
und SchmeltzOefen ingleichen 2 eingemauerte küpfferne Pfannen eine 4 die
andere 212 Ellen lang beide aber 2 Ellen breit und tieff an welchen allen
die RauchFänge gar künstlich und geschickt oben hinaus geführet waren
Hiernächst fanden sich verschiedene in Ordnung gesetzte Instrumenta als
FeuerRöhre Schauffeln Gabeln Hacken eiserne und küpfferne Töpffe Tiegel
Pfannen Schaalen große und kleine Platten und dergleichen Zeug welches man
teils in der Küche teils beim Schmeltzen und Laboriren brauchen kann sonsten
wurden noch 2 große zugedeckte Löcher entdeckt deren eines ganz mit Kohlen
und das andere über die Helffte mit Asche angefüllet war außer diesem allen
aber nichts besonderes merckwürdiges weswegen wir zurück und in die 2te offen
stehende Kammer gingen die ebenfalls vom TagesLicht erleuchtet war Allhier
zeigte sich der Tür gleich gegen über auf einem halbrunden Altare das Bildnis
Phoebi so wie es noch heutiges Tages von den Mahlern und Bildhauern
vorgestellt wird Es war dasselbe so wohl wie die andern im Tempel 2 Ellen
hoch und von puren Golde Auf jeder Seite des Altars als wohin das meiste
TagesLicht fiel stunde ein aus dem ganzen gehauener steinerner Tisch vor
jedem auch ein steinerner Sessel in der Mitte eines jedweden Tisches aber war
eine viereckigte große güldene glattgemachte Platte eingefügt an welchen
so gleich zu merken dass sie heraus genommen werden konnten als wir demnach die
auf dem Tische zur Rechten ausgehoben fanden sich in dem ausgehölten Tische
253 küpfferne und 118 steinerne Täflein jedes 8 Zoll lang und 512 Zoll
breit Es wurde erstlich von jeder Sorte nur eins hernach alle zusammen heraus
genommen jedoch numerirte Mons Litzberg die küpffernen und ich die steinernen
mit spitzigen Instrumenten indem oben und unten an den Täfleins Platz genung
darzu war Auf allen Tafeln durchgehend befanden sich auf jeder Seite nicht
mehr und nicht weniger als 13 Zeilen Schrifft die aber von uns so wenig
gelesen als nur ein einziger Buchstabe oder Charakter erkandt werden konnte
Mons Litzberg wurde vor allen andern hierüber dergestalt verdrießlich und
ungedultig dass er sprach »Wolte der Himmel dass alle in diesem Berge
befindlichen Kostbarkeiten zu bloßen gemeinen Steinen würden wenn ich nur
dagegen das Vergnügen haben sollte diese Schrifft lesen und auslegen zu können«
Viele worunter auch ich waren mit ihm einstimmig der Wunsch aber
vergeblich deswegen wurde alles wiederum ordentlich nach den Nummern hinein
gelegt und wir begaben uns an der andern Tisch huben die güldene Platte
gleichfalls auf und fanden unter derselben 402 güldene Tafeln jede 9 Zoll
lang 7 Zoll breit und 18 Zoll dicke Auf jeglicher Seite waren ebenfals
nicht mehr als 13 Zeilen jedoch die Littern oder Characters etwas gröber
ausgestochen als in den vorherigen küpffernen und steinernen Sie wurden alle
ebenfals numerirt und biss aus weitern Bescheid indessen wieder an ihren Ort und
Stelle gelegt
Lincker Hand in der etwas dunckeln Ecke sah man eine gleich einem Back
Troge ausgehauene steinerne LagerStatt vor derselben eine Absatz Stuffe oder
Banck und zum Häupten in der Ecke einen Tisch unter welchem in 3 Fächern
allerhand Instrumenta als Messer Grabstichel und dergleichen von verschiedener
Größe in behöriger Ordnung lagen Auf dem Tische und der Banck stunden und
lagen verschiedene Sachen als eine küpfferne Flasche ein goldener
TrinckBecher 2 Pfannen oder halbe Töpffe 2 güldene Schalen die an statt
der Schüsseln und so viel Platten die an statt der Teller zu gebrauchen
verschiedenes kleineres Geschirr ein Messer ein Löffel dessen Stiel eine
Schlange vorstellete und was es sonsten mehr war In obgemeldeter LagerStatt
fand sich nach genauer Besichtigung erstlich oben ein würcklicher
TotenKopf so dann die stärcksten MenschenKnochen in ausgestreckten Lager
die dünnen kleinen und schwachen Knochen aber waren schon gänzlich oder doch
mehrenteils verweset und so wohl als die Kleider die dieser Mensch angehabt
haben mochte zu Mülben und Asche worden Wir ließ den Rest dieses Körpers in
seiner Ruhe liegen erblickten zu dessen Füßen nach der Tür hin noch 2 eben
dergleichen LagerStätten die aber rein und ledig waren und da also in dieser
Kammer weiter nichts merckwürdiges anzutreffen eröffneten wir die Türen der
3ten und 4ten Kammer mutmasseten dass solches die Speise und VorratsKammern
gewesen sein mochten indem sich viel vermodertes und zu Staub und Asche
gewordenes Zeug darinnen befand doch kann ich auch nicht leugnen dass wir einen
ziemlichen Vorrat von nutzbaren Sachen allhier antraffen die wo nicht eben
uns doch unsern Nachkommen noch wohl dienlich sein können1
Hierauf nahmen wir den Rückweg nach der ersten Tür bei welcher das große
güldene Horn hing erblickten derselben gegen über abermals eine Tür welche
uns in ein Gewölbe oder Kammer führte darinnen eine ziemliche Anzahl sowohl
küpfferner als steinerner Wasser oder WeinKrüge und dergleichen Gefäße
befindlich woraus zu schließen dass dieses der Keller gewesen wo man das
Getränke verwahrt wie denn ganz zu hinterst in diesem Gewölbe ein Ströhmlein
des kläresten und süßesten Wassers fast eines Arms dicke oben aus dem Felsen
heraus geschossen kam und sich auf dem Boden in einen sehr tieffen Riss ergoss
über welchen jedoch ein steinerner Trog von ziemlicher Größe gesetzt war Im
Zurückgehen fanden wir auf der rechten Seite im Gange noch ein schmales Loch
jedoch weil man etliche Stuffen dahinunter gewahr ward wagten sich Mons van
Blac und der Kapitain Horn allein hinunter und versprachen wenn Gefahr
vorhanden so gleich wieder umzukehren bei guten Fortkommen aber einen Laut von
sich zu geben Da wir nun diesen zum öffteren hörten folgeten Litzberg und ich
ihnen nach und traffen die beiden Vorgänger in dem ausgehölten Altare an auf
welchem sie zu oberst schon eine güldene Platte aufgehoben und mit dem halben
Leibe hinauf gekrochen waren so dass sie den ganzen Tempel übersehen konnten
worauf sie uns beiden Nachkommenden hierzu auch Platz machten Sonsten befand
sich in diesem Altare ein stählernes Uhrwerck vermittelst dessen die güldene
Kugel zum schnellen Herumlauffen gebracht werden konnte welches Mons Litzberg
zu unserer aller Verwunderung so oft er nur wollte werckstellig zu machen
geschickt war Außerdem bemerckten wir 8 kleine Löcher in welche man etwa
einen Finger stecken jedoch alles im Tempel dadurch beschauen konnte Ingleichen
fand sich ein güldenes unten sehr weites fast wie ein SprachRohr gemachtes
Horn bei nahe einer Ellen lang darinnen welches uns auf die Gedanken
brachte es würden vielleicht die GötzenPriester den Fragenden dadurch
geantworttet haben und dass dieses ganze Heiligtum etwa gar ein Oraculum
gewesen wäre Vor dieses mahl aber legten wir alles wieder an seinen Ort und
Stelle nahmen den Rückweg und öffneten die wohl eingefügte steinerne Tür so
gegen Süden zu bei dem Altare der Diana befindlich war Ausserhalb dieser
fanden wir eine starke eiserne und dann noch eine dicke steinerne Tür die
alle beide mit großen eingelegten eisernen Riegeln verwahrt und mit schwerer
Mühe eröffnet werden mussten
Da aber dieses geschehen konnte man ein geraumes doch unförmliches sehr
finsteres Loch sehen in welches wir mit allen angezündeten Fackeln und
WindLichtern eintraten jedoch nur etliche 70 biss 80 Schritte fort taten
als wir oben über uns durch einen schmalen FelsenRiss den klaren Himmel ja so
gar etliche Sterne an demselben erblickten welches einigen in der Astronomie
Unerfahrnen unter uns sehr wunderbar vorkam allein es wurde ihnen dieses
Wunders Ursache bald kund gemacht Je weiter wir fort schritten je breiter
wurde nicht allein der FelsenRiss über unsern Häuptern so dass wir der Fackeln
hätten entbehren können sondern auch der Weg in welchem wir sehr übel fort
kommen konnten denn es war derselbe dergestalt voll Risse Klüffte spitze und
scharffe Steine dass man alle Augenblick befürchten musste nicht nur die Schue
sondern vielmehr die Füße zu beschädigen Dieser schändlich böse Weg war über
130 Schritt lang biss wir an einen ziemlich starken WasserFall kamen welcher
erstlich einen mäßigen Teich machte und aus welchem hernach das Wasser durch
krumme Wege weiter Berg abfloss Wir glaubten dass dieses eben das Wasser sei
welches oben aus dem Keller und unter dem GötzenTempel hinweg biss hierher käme
passirten an der lincken Seite des Teichs auf einen etwas bessern Wege um
einen runden Hügel herum und bekamen nachdem wir noch etwa eine halbe
ViertelStunde Wegs zurück gelegt erstlich einen weitläufftigen angenehmen
grünen und ebenen Platz auf welchem sehr viel fruchtbare Bäume stunden vor
demselben aber die offenbare See ins Gesichte Wir gingen biss an das Ufer der
See und fanden selbiges sehr bequem zum Anländen an keinem Ende des Platzes
aber war man vermögend um das Gebirge herum zu kommen sondern die steilen
FelsenSpitzen gingen weit in die See hinein machten also dass dieser grüne
Platz dessen Länge am Ufer etwa 500 Schritt die Breite aber von dem Berge biss
zum Ufer etwa 400 Schritt war ein rundes aufgeschnittenes Brod pæsentirte
Bei unserer HerumFahrt um diese kleine Insul war dieser grüne Platz
zwischen und unter den rauen Felsen bereits angemerckt worden weswegen es
keine Mühe bedurffte mit dem Boote daselbst anzufahren weilen es aber bereits
Mittag war riet Mons van Blac dass wir nunmehr da unsere Curiosität sattsam
vergnügt den Rückweg suchen und so viel als möglich nach den Hütten eilen
möchten indem sonsten die Zurück geschickten sich eines uns begegneten
UnglücksFalls besorgen also unfehlbar kommen und uns aufsuchen würden
Kapitain Horn versetzte hierauf »Meine Herren ich habe auch etwas zu erinnern
mir scheint nicht ratsam zu sein von allen dem was wir unter diesem Gebirge
gefunden und gesehen haben meinen Leuten und den Portugiesen einen wahrhaften
Bericht abzustatten die Ursachen sind leicht zu erraten was wir ihnen aber
vorschwatzen wollen das kann unterwegs unter uns verabredet werden damit wir
alle bei einerlei Rede bleiben Mein getreuer Rat ist demnach dieser dass sie
allerseits gleich Morgen zurück fahren bei diesem grünen Platze anländen
durch den Gang den wir itzo gekommen sind und wieder zurück gehen wollen
passieren und von den gefundenen Schätzen aus dem Tempel und sonst so viel mit
hinüber nehmen als ihnen auf das ernste mahl beliebig ist nachher können sie
ja in folgenden Tagen ohne sich bei uns spüren zu lassen so oft kommen biss
alles ausgeleeret ist Hiernächst halte ich vor das Beste dass wir unsere
geschlagene Brücke von einander reißen und in den Abgrund stürtzen denn es
wird uns ein leichtes sein etliche eiserne Klammern auszubrechen so dann die
langen Balcken aus einander zu ziehen worauf die ganze Machine in den Grund
sincken muss Ich würde ihnen meine Herren fügte der Kapitain Horn noch hinzu
vielleicht diesen Rat nicht geben wenn ich interessiert wäre und nach
nochmahliger glücklichen Zurückkunft aus Europa nicht selbst Lust hätte meine
übrige LebensZeit auf der glückseligen Insul GroßFelsenburg zuzubringen und
mich mit einem bereits auserwählten lieben Schatze zu vereheligen welches
beides mir hoffentlich nicht wird abgeschlagen werden Allein nunmehr ist
keine Zeit zu versäumen sondern vielmehr zurück zu eilen unterwegs kann von
allen ein mehreres gesprochen werden«
Dieser Vortrag des Kapitain Horns kam uns allen ganz wunderbar vor doch
fanden wir vor billig ihm in allen Stücken Beifall zu geben und nachdem wir
erstlich die Brücke in den Abgrund gestürtzt ein mehreres von den Sachen zu
reden eileten also möglichstermassen zurücke und kamen gleich nach 3 Uhr auf
dem Plätzgen jenseit unserer höltzernen Brücke an Hier schickten wir die
beiden alten Herrn Wolffgang und Wodlei voraus nachdem wir mit ihnen
verabredet dass sie am Fuße des Gebürges unserer warten woferne ihnen aber
einige von Kapitain Horns Leuten begegneten nur mit ihnen nach den Hütten gehen
und vorgeben sollten wir jungen Leute hätten erstlich noch ein Gebirge besteigen
wollen welches ihnen zu verdrießlich geschienen würden aber in weniger Zeit
nachfolgen Inzwischen waren unsere Hände dergestalt fleißig an Zerreissung der
Brücke dass selbige um 5 Uhr schon völlig in die Tieffe versenckt und man kaum
sehen konnte dass an diesem Orte eine gewesen war Allein weil wir uns bei
dieser Arbeit ziemlichermassen entkräfftet konnten die Füße nicht sogar
scharff als sonsten marchiren deswegen war die Sonne schon untergegangen
als wir die Herrn Wolffgang und Wodlei unten am Fuße des Berges auf der Ebene
antraffen Wir setzten uns von der großen Müdigkeit in etwas auszuruhen bei
ihnen nieder beschlossen auch mehrenteils diese Nacht allhier zu verbleiben
weil noch Proviant genung vorhanden war allein Kapitain Horn sagte Meine
Herren wir wollen heute zwar nicht nach den Hütten aber doch wenn wir
erstlich ausgeruhet ein Stück Wegs nach NordOsten zugehen und uns daselbst
bei einem angemachten Feuer lagern denn ich glaube ganz gewiss dass meine
Leute wo nicht heute Nacht doch Morgen mit dem frühesten uns zu suchen
ausgehen werden Sie treffen uns nun an oder nicht so können wir ihnen doch
nachher desto füglicher weiß machen Wir hätten die Brücke und den vorigen Weg
gar nicht finden können sondern wären durch andere höchstgefährliche Wege
endlich aus der NordOstSeite mit Kummer und Not wieder vom Berge herunter
gekommen Dieser Vorschlag ließ sich wohl hören deswegen ruheten wir noch eine
Zeitlang und spatzirten so dann weil es eine angenehme ganz helle Nacht war
ein gut Stück Weges um den Berg herum nach Norden zu machten bei einem Gepüsche
ein Feuer an lagerten uns und schlieffen Wechselsweise biss die Sonne schon
2 biss 3 Stunden unsern Horizont beschienen hatte kamen auch nicht eher als
Nachmittags in den Hütten an und erfuhren daselbst so gleich dass früh vor
Anbruch des Tages 6 Mann von ihrer Gesellschaft uns zu suchen ausgegangen
wären indem ihnen allen unser gar zu langes Aussenbleiben bedencklich gefallen
wäre Wir überließen die Antwort dem Kapitain Horn welcher ihnen lauter
erdichtet Zeug mit vielen Umständen vorschwatzte endlich auch sagte dass wir
zwar wiederum auf die Stelle gekommen wo die höltzerne Brücke geschlagen
gewesen hätten aber die Brücke selbst nicht wieder finden können weswegen wir
uns gemüssigt gesehen die grässlichsten Klippen und Klüffte zu überklettern da
es sich denn endlich gefügt dass wir gestern in später Nacht an der
NordOstSeite herunter kommen und ein geruhiges NachtLager in selbiger Gegend
halten können
Indem wir nun hierauf von den zubereiteten warmen Speisen etwas zu uns
nahmen kam einer von Kapitain Horns Leuten gelauffen und meldete dass die
heute früh ausgegangenen 6 Mann zurück kämen von ferne aber schon mit Zeichen
und Gebärden so viel zu verstehen gäben als ob ein großes Unglück entstanden
wäre Wir geboten demnach allen nicht zu sagen dass wir in den Hütten
gegenwärtig wären sondern nur erstlich anzuhören was sie vor Nachricht bringen
würden Da sie nun näher kamen riefen fast alle zugleich O welch ein
Unglück die Brücke ist von den bösen Geistern in den Abgrund gestürtzt und
unser redlicher Kapitain Horn ist unfehlbar mit seiner ganzen Gesellschaft
ums Leben gekommen denn wir hören und sehen nichts von ihnen ungeacht da wir
etliche Stunden lang ein Geschrei gemacht dass die Felsen hätten bersten mögen
O die ehrlichen Leute Ach der wackere Kapitain was wollen wir nun anfangen
Hierauf trat der Kapitain und wir alle zu den Hütten heraus da denn die
Verwunderung und Freude bei diesen 6 Männern unbeschreiblich war Kapitain Horn
erzählte diesen eben die Geschichte welche er ihren MitGesellen kurtz vorher
erzählt hatte ließ mithin alle bei den Gedanken dass die Brücke von bösen
Geistern eingestürtzt sein müsse
Wegen großer Müdigkeit beschlossen wir GroßFelsenburger heute noch bei
dieser Gesellschaft auszuruhen legten uns deswegen bei Zeiten zur Ruhe bald
nach Mitternacht aber wanderten wir nach unserm Boote vergaßen auch nicht
etliche taugliche Stücken Holtz mitzunehmen aus welchen wir auf dem Boote
TrageBaaren zusammen nagelten um auf solchen die GötzenBilder und ander
Sachen aus dem Tempel ins Boot zu tragen
Es war Vormittags zwischen 9 und 10 Uhr da wir hinter dem Berge bei dem
obgemeldten grünen Platze anländeten weswegen nur allein die beiden Kapitains
Wolffgang und Wodlei im Boote bleiben mussten wir jungen starken Leute aber
stiegen aus nahmen Fackeln WindLichter und allen Zubehör mit uns und
brachten noch vor Abends nicht allein die auf dem Altare stehende runde Kugel
sondern auch noch 6 GötzenBilder ins Boot ruderten sodann weil wie schon
gemeldet die Nächte um selbige Zeit ganz helle waren damit auf und davon
und kamen folgenden Morgen nämlich des Montags glücklich auf GroßFelsenburg
an nachdem wir eben 7 Tage und 7 Nacht außen gewesen waren und es sich
accurat so geschickt hatte dass wir am Palm Sonntage dem Teuffel seinen Tempel
zu spoliren angefangen Weiln aber dieses die heilige MarterWoche war so
beschlossen wir unserer Andacht keinen Abbruch zu tun sondern die ferneren
Reisen biss nach dem Heiligen OsterFeste zu versparen schickten jedoch mit dem
Boote der auf KleinFelsenburg befindlichen Gesellschaft viel frische
LebensMittel auch allerlei LeckerSpeise und Wein insonderheit Herr Diaconus
Herrmannen mit etlichen SingeKnaben hinüber welche dasigen Volcke das Fest
über Kirche halten sollten den Kapitain Horn aber ließ wir mit zurück
bringen um biss nach dem OsterFeste bei uns zu bleiben Jedoch ich muss etwas
zurück gehen und melden dass wir gleich bei unserer Ankunft die GötzenBilder
auf den TrageBaaren jedoch eingehüllet und mit darüber gedeckten Teppichen
herauf tragen und mitlerweile in eine kleine Kammer so unten in unsern
KirchTurme befindlich setzen ließ Am grünen Donnerstage Nachmittags da
sich nach verrichteten GottesDienste alles Volck biss auf die Ältesten und
Vorsteher nach Hause begeben zeigten wir demselben sowohl als dem AltVater
Alberto II denen Herrn Geistlichen und andern erfahrnen Leuten unsere
gefundenen Schätze welche vor Verwunderung nicht wussten was sie davon
gedenken sollten Deswegen begaben wir verreiset gewesenen uns sämtlich mit
ihnen auf die AlbertusBurg allwo mir von der ReiseGesellschaft aufgetragen
wurde einen ausführlichen Bericht von allen Begebenheiten abzustatten welches
denn zum teil vor zum teil aber nach der AbendMahlzeit geschahe Nach
Endigung meiner Erzählung wussten meine Zuhörer nicht ob sie sich mehr über
diese Heidnischen Altertümer oder über die wunderbare Fügung oder über unsere
Kourage verwundern sollten daher ich denn nicht vergaß den Mons van Blac
wegen seines ausnehmenden HeldenMuts besonders heraus zu streichen ja es
wurde ihm von uns und allen zuerkannt dass er die HauptPerson bei dieser
Entdeckung sei Inzwischen war unter allen denen die diese WunderGeschicht
angehöret kein einziger welcher nicht die größte Begierde gezeigt hätte
diesen GötzenTempel und das ganze unterirrdische Werck selbst in Augenschein
zu nehmen weswegen beschlossen wurde dass wir gleich bei der ersten Fahrt den
AltVater Albertum Hrn Mag Schmeltzern und noch einige StammVäter mit dahin
nehmen sollten Wie also nicht nur die stille Woche sondern auch das Heilige
OsterFest mit behöriger Andacht gefeiert worden machten wir so gleich Tags
hernach Anstalt zu unserer Reise und Donnerstags den 9 Apr fuhren wir in
starcker Gesellschaft auf 2 FahrZeugen abermals hinüber ließ mit dem
einen den Kapitain Horn wiederum zu seinen Leuten hergegen den Priester Herr
Hermannen nebst den SingeKnaben zurück auf den grünen Platz bringen von
welchen wir erfuhren dass sich der meiste Teil des SchiffsVolcks auch so gar
die frembden Portugiesen diese Heilige Tage über sehr still und andächtig
bezeigt auch die wenigsten gespielt oder andere üppige Lust getrieben hätten
Unter der Zeit aber da das andere FahrZeug unterwegs war der größte Teil der
Unsern mit dem AltVater Herrn Mag Schmeltzern und andern Ältesten in den
Berg hinein gegangen da denn alles so gefunden wurde wie wir es verlassen
hatten wobei wie leichtlich zu erachten diejenigen so den wunderbaren Bau
zum ersten mahle sahen sich ungemein darüber verwunderten da aber die Träger
ihre Lasten zum andern mahle aufgefasset und schon ein ziemlich StückWeges
damit voraus waren folgeten wir übrigen ihnen auch nach indem der Abend heran
zu nahen begunte denn der AltVater so wohl als die andern Ältesten bezeigten
keine Lust über Nacht an solchen fürchterlichen Orten sondern viel lieber unter
freien Himmel zu verbleiben demnach lagerten wir uns alle auf dem grünen
Platze nicht ferne vom MeerUfer bei etlichen angemachten Feuern brachten
aber den meisten Teil der Nacht mit Gesprächen zu denn ein jeder von den
Erfahrensten sagte seine Meinung von diesem Wercke und Wesen worauf endlich
Herr Mag Schmeltzer also zu reden anfing Lieben Freunde und Brüder Wenn wir
so gelehrt wären die Schrifften auf denen in den Tischen gefundenen Täfleins
auszulegen so würden wir ein großes Licht in dieser dunckeln Sache finden so
aber ist dieses einem so wohl als dem andern unmöglich und wer weiß auch ob
sich in ganz Europa jemand finden möchte der so hochgelahrt ist diese
Schrifften welche ich vor der damaligen Einwohner ZeitGeschicht und
GesetzBücher halte auszulegen Euer aller Meinungen sind nicht unvernünftig
ob gleich dann und wann eine wider die andere streitet Wohl kann es sein dass
dieser Tempel und Heidnisches Heiligtum viele hundert Jahre vor unsers
Heilandes CHristi Geburt erbauet worden und dass die Leute deren nicht wenig
müssen gewesen sein viele Jahre damit zugebracht ehe sie so viele Gänge
Gewölber und Kammern in diesen obschon nicht allzu harten SteinBerg ausund
durchgehauen haben Wie ich vernehme so findet sich in diesem Gebirge sehr viel
reichhaltig GoldErtz denn Mons Litzberg Plager und einige andere haben mir
ErtzStuffen aus diesem Berge gezeigt worinnen ganze Stücken des gediehenen
Goldes größer als eine FeldBohne zu sehen ohne die kleineren Stücklein
Bekannt ist es dass das Gold vermögend ist der allermeisten Menschen Hertzen an
sich zu ziehen und dass schon vor uralten Zeiten sich Leute mit Schiffen in das
wilde Meer gewagt um Gold aus andern Ländern und Insuln zu holen wie wir
solches nicht allein in den alten GeschichtBüchern von allerlei Sprachen
sondern auch in der heiligen Schrifft I Reg IX 27 28 lesen dass Hiram der
König zu Tyro seine Knechte die gute SchiffLeute und auf dem Meere sehr wohl
erfahren gewesen mit den Knechten des Königs Salamo gesendet da sie denn nach
Ophir gekommen und von dannen dem Könige Salomo 420 Centner Goldes gebracht
welches in Wahrheit auch ein schöner Klumpen gewesen sein muss Dass andere
Nationen von Heiden um und nach selbiger Zeit nicht weniger in der Schiffart
wohl erfahren gewesen ungeacht sie zur selbigen Zeit noch keinen Kompass
gehabt indem derselbe nur erstlich vor 300 und etlichen Jahren erfunden
worden, ist gleichfalls eine ausgemachte Sache deswegen kann es wohl sein dass
einmal ein Schiff mir solchen GoldSuchern an diese Insul verschlagen worden
da sie sich denn wegen der angenehmen Gegend entweder so gleich allhier
freiwillig niedergelassen oder von der Not gezwungen gesehen in Ermangelung
eines tauglichen Schiffs da zu bleiben Oder sie sind erstlich nach Hause
gefahren haben ihre Weiber und Kinder hergeholet mithin die beständige Wohnung
aufgeschlagen weil allhier ein fruchtbarer Boden ist Ob sie nun das Kommercium
mir andern Menschen fortgeführet oder in diesem abgelegenen Stücklein von der
Welt vor sich alleine in Ruhe geblieben das ist eine andere Frage Nun frage
sichs auch ob sie ihre Hütten auf dem Lande gebaut oder alle in den
FelsenKlüfften gewohnet Ich glaube das erstere dass nämlich wenigstens
diejenigen, welche das Feld gebaut etwa in der Gegend wo die Urnen gefunden
worden die BergLeute und GoldSucher aber auch wohl im Gebirge gewohnet haben
mögen Wie stark diese Kolonie gewesen Wie lange sie sich hier aufgehalten
Dieses und dergleichen sind vergebliche Fragen die niemand beantworten kann das
aber ist wohl zu glauben dass sie einen beständigen Sitz hier haben wollen und
erhellet daraus weil sie einen so großen Tempel und kostbare GötzenBilder
verfertigt welches alles auch Zeugnisse sind dass es keine grobe
ungeschliffene sondern guten Teils kluge künstliche und geschickte Heiden
müssen gewesen sein Nun ist die HauptFrage Wo sind sie alle hingekommen so
dass wir von allen diesen vermutlich vielen Volcke kein anderes Uberbleibsel als
10 Gefäße mit Asche und ein eintziges TotenGerippe finden können Haben sie
vielleicht keine Weiber ihr Geschlecht zu vermehren bei sich gehabt mithin
endlich wohl aussterben müssen Oder sind sie so wohl Weiber Männer als
Kinder durch eine Pestilentz alle zusammen hingerafft worden Oder sind sie
von andern wilden Nationen massacrirt beraubt oder sämtlich gefangen hinweg
geführet worden Dieses alles lässt sich fragen anhören nur aber nicht
gründlich beantworten Man könnte sagen Wenn sie von ihren Feinden waren
ausgerottet worden so würden selbige doch auch den Tempel gefunden und
ausgeplündert haben Allein könnte es nicht auch sein dass eben diese Feinde
durch des Teuffels und seiner Pfaffen Gespenster und Gauckeleien abgeschreckt
worden sich in die unterirrdischen Hölen zu begeben Vielleicht haben sich nur
bei dem mörderischen Uberfalle die Pfaffen alleine in den Tempel zu retiriren
und aufzuhalten Gelegenheit gefunden da denn immer einer den andern begraben
biss auf den Letzten der sich in sein steinern Bette gelegt und den Tot
darinnen erwartet mithin unbegraben oder unverbrannt liegen geblieben und
mögen der vornehmsten Pfaffen vielleicht 3 gewesen sein weil sich nur 3
ausgehauene BettStellen in der einen Kammer befinden Uber den grässlichen
Abgrund jenseit des Berges nach der Insul zu mögen diese Leute auch wohl eine
Brücke gehabt haben die aber nach der Zeit verfault und versuncken sein kann
oder wer weiß ob dieser Riss zu ihrer Zeit schon gewesen und nicht erst
nachher entstanden ist Denn man hat Exempel genung dass Felsen zerspalten und
zerrissen mithin solche Abgründe entstanden die vorher nicht gewesen oder
gesehen worden sind.
Mit diesen und noch viel mehreren Reden hatte uns also Herr Mag Schmeltzer
seine Gedanken zu vernehmen gegeben schloss aber endlich also Es lässt sich
meine Freunde und Brüder von diesen Sachen viel urteilen und schwatzen
allein wir schwatzen alle davon wie die Blinden von der Farbe so lange als
wir die Schrifften auf den güldenen küpffernen und steinernen Tafeln nicht
auslegen können
Hierauf legten wir uns größten Teils zur Ruhe des folgenden Freitags
begaben sich der AltVater nebst den Ältesten Hn Mag Schmeltzern Hn
Herrmannen und andern nochmals mit in den Tempel und blieben biss über Mittag
darin da inzwischen die jungen fleißigen Arbeiter im Tragen sich dergestalt
angriffen dass wir auf beiden Fahrzeugen eine ziemliche und sehr kostbare Ladung
hatten und also fuhren wir ingesamt Sonnabends mit dem allerfrühesten von
dannen ab und zurück nach GroßFelsenburg In folgender Woche taten Mons van
Blac und Litzberg die Reise noch 2 mahl nahmen allezeit andere mit so das
WunderGebäude noch nicht gesehen hatten und brachten endlich alles was sich
so wohl im Tempel als sonsten nützliches und brauchbares vom größten biss zum
kleinesten befunden hatte glücklich herüber da inzwischen ich und viele
andere so zu erst mit gewesen um auszuruhen zu Hause geblieben waren
Diesemnach wurde Rat gehalten ob man die GötzenBilder in Klumpen
schmeltzen und dieses Gold bei die andern Kostbarkeiten in die unter der
AlbertusBurg befindliche SchatzKammer legen oder sonsten etwas daraus gießen
lassen wollte Allein Herr Mag Schmeltzer sprach selbst darwider und riet
man sollte es immer noch als eine besondere Antiquität im itzigen Stande und
Wesen lassen von den güldenen steinernen und küpffernen Tafeln aber dem
Kapitain Horn einige Stück mit nach Europa geben damit er sie daselbst in
Kupffer stechen lassen auch in natura etlichen hochgelahrten Leuten zeigen
könnte als an welche er Herr Mag Schmeltzer dieserwegen Briefe schreiben und
ein starckes Præmium darauf setzen wollte vor denjenigen der den Schlüssel zu
der unbekandten Schrifft finden würde
Wir billigten also diese Meinung ingesammt und versprachen einander vor
des Kapitains Horns Abreise diesen Sachen schon noch weiter nachzudencken und
einen Schluss darüber zu fassen Gedachter Kapitain Horn hatte weil es voritzo
ohnedem Winter zu werden angefangen und im Felde nicht viel zu tun war um
noch mehrere Gehülffen angehalten die 2 neuen Schiffe vollends und zwar je
eher je lieber zu rechte und in die See bringen zu können denn es war wie
ich wo mir recht ist schon oben gemeldet resolvirt worden vor uns
Felsenburger ebenfalls ein ganz neues und starckes Schiff zu erbauen welches
in der Bucht gegen Süden zu liegen bleiben sollte um sich dessen entweder zur
Lust oder auf künftige vorher unbewusste Fälle bedienen zu können
Dieser Ursachen wegen wurde dem Kapitain Horn nun um so viel desto hurtiger
gewillfahret und die Arbeit dergestalt hurtig fortgesetzt dass Kapitain Horn
die sichere Hoffnung hatte beide Schiffe vor Ausgang des Junii vom Stapel in
die See laufen zu lassen
Es lief wider meine Kommodität nunmehr so oft nach KleinFelsenburg
hinnüber und dem SchiffsBaue zuzusehen wie viele andere und sonderlich Mons
van Blac und Litzberg taten dahingegen wartete ich die Information in der
Schule fleißig ab brachte gleich den andern meinen Garten in vollkommenen guten
Stand bauete hinter meiner Wohnung im Hofe eine Scheune und verschiedene Ställe
vor allerlei Vieh indem ich nicht nur allerlei Vieh halten sondern auch
zwischen meinem Garten und der AlbertsRaumerGräntze ein Stücke Feld annehmen
dasselbe mit anderer Leute Hilfe zurichten und mit allerhand Getrayde mehr zu
meiner Lust als aus Notdurfft besäen hernach die Früchte einerndten und in
meine Scheuern sammlen wollte Hierzu bewegte mich meine Kordula welche eine
ungemeine Liebhaberin von der Zucht des aus Europa angekommenen Viehes
ingleichen vom Garten und FeldBaue war Außer diesem war Spinnen und Weben
ihre tägliche Arbeit und machte sie auf 2en WeberStühlen die ihr Lademann in
ihr besonderes Zimmer verfertigt hatte Wechselsweise die schönsten Zeuge
teils von Leinenteils von Baumwollenen Garne wie denn die Weiber der
Priester so wohl als andere sich ebenfals dieser manchem Europäischen
Frauenzimmer verächtlich vorkommenden Arbeit nicht schämeten Ob nun schon meine
Hausshaltung nur aus 5 Personen nämlich aus mir meiner Frauen dem kleinen
Sohne einem Knaben und Mägdlein zur Aufwartung bestunde so war doch alles
ordentlich sauber und reinlich darinnen anzutreffen Dieses aber nicht allein
bei mir sondern auch in allen Häusern wo man nur hinkam indem in den
PflantzStädten diejenigen, welche die schmutzigsten Handtierungen trieben
dennoch ihre reinlichen Stuben hatten wohinnen sie diejenigen von welchen sie
besucht wurden führen konnten Es waren aber diese PflantzStädte seit dem ich
selbige im Jahr 1725 zum ersten mahle besucht weit Volckreicher also auch
etwas stärcker angebauet und die Felder erweitert Sonderlich musste man sein
Vergnügen über die wohlangelegten Gärten haben in welchen die trefflichsten
zur Speise dienenden Kräuter und Wurtzeln ingleichen die herrlichsten
ObstBäume anzutreffen waren Uberall wo man hin kam sah man Zeugnisse eines
ungemeinen Fleißes auch schwerer Mühe und Arbeit hörte aber keinen Menschen
klagen oder sich beschweren dass ihm diese oder jene Arbeit sauer schwer und
verdrießlich angekommen wäre sondern ein jeder verrichtete sein BeruffsWerck
sich seinen Angehörigen und andern Nutzen und Vorteil zu schaffen recht mit
Lust Die letztere Erndte und Weinlese hatte dergestalt viel Geträyde Reiss und
Trauben gegeben dass sich die Ältesten nicht entsinnen konnten binnen etliche
20 Jahren ein so gar Segenreiches Jahr gehabt zu haben und eben dieserwegen
waren das KornHaus und die WeinKeller dermaßen angefüllet dass fast nichts
mehr darinnen Platz fand ungeacht die LandBesteller nur von ihrem Uberflusse
hergegeben hatten In allen Häusern der PflantzStätte war nunmehr schon ein
zulänglicher Vorrat von zinnernen blechernen küpffernen eisernen töpffernen
und dergleichen HausGeräte anzutreffen welches ebenfals Zeugnis ablegte dass
unsere Europäischen Künstler und Handwercker nicht gefaullentzt Wetterling der
Tuchmacher hatte vor Eintritt des Winters den Rest der seinen und schlechten
Tücher auf die AlbertusBurg geliefert da nun eine jede MannsPerson von 10
Jahren und drüber Tuch zu einem Sonntags und WerckeltagsKleide bekommen fand
sich nach gemachten Uberschlage doch noch so viel Tuch übrig dass alle
MannsPersonen noch 2 Sonn und 2 WerckeltagsKleider bekommen konnten dem
ungeacht weil noch ein starcker Vorrat von Kapitain Horns mitgebrachter
Wolle wie auch von unserer eigenen indem sich unser SchaafVieh schon ziemlich
vermehrt vorhanden war hielt Wetterling mit denen welchen er seine Profession
erlernet doch nicht inne sondern sie machten immer mehr Tücher welche teils
schwartz teils braun teils rot gefärbt wurden denn alle JungGesellen vom
10ten Jahre an trugen biss zu ihrer Heirat rot die Männer braun die
Ältesten und Vorsteher der Gemeinden aber so wohl als die Priester schwartz
Schwartze TrauerKleider aber wurden nur um die Eltern Kinder Geschwister und
dann um die Ältesten und Vorsteher angelegt Um der Frauenzimmer Kleidung
bekümmerten sich die MannsPersonen nicht sondern die Frau Mag Schmeltzerin
meine Schwester und die Frau Hermannin nahmen alle Donnerstage den Vorrat von
den Spinnerinnen und Würckerinnen ingleichen von Harckerten und seinen
ProfessionsGenossen auf gaben hergegen auch von Leinen und Wollenen Zeugen
heraus was diejenigen WeibsPersonen die mit dieser Arbeit nicht umgehen
konnten von nöten hatten
Kleemann der Pappiermacher hatte von seinem mittelmäßigen und geringen
Pappiere auch PappenTafeln und dergleichen so viel geliefert dass wir uns alle
eine gute Zeit darmit behelffen konnten war dieserwegen gesonnen seine
Profession eine Zeitlang an den Nagel zu hängen und sich mit seinen Gehülffen
desto fleißiger auf den Feld und GartenBau zu legen allein da ihm
vorgestellt wurde wie wir resolvirt hätten durch den Kapitain Horn eine
Buchund KupfferDruckerei aus Europa mitbringen zu lassen versprach er mit
seiner Profession fortzufahren und eine zulängliche Menge von solchem Pappiere
das sich wohl darzu schickte zu verfertigen
Zu Ende des Aprilis war auch unser Müller Krätzer mit der zwischen
Christophs und ChristiansRaum zu bauen angefangenen neuen MehlMühle fertig
worden da man denn auch so gleich die Probe darauf gemacht und dieses neue
Werck vollkommen gut befunden weswegen sich der älteste von Krätzers
ausgelerneten MühlPurschen in dieser Mühle setzte und einen von den jüngeren
zu sich nahm daher der Alte Meister Krätzer nunmehr nur halb so viel Arbeit
auf dem Halse hatte weil sich vornehmlich die Christophs RobertsChristians
und SimonsRaumer dieser neuen Mühle bedieneten
Mons Hollersdorff verfertigte nicht allein noch verschiedene schöne
BildStücken in die Kirche sondern hatte sich auch vorgenommen alle jetzt
lebende Ältesten wie auch andere gute Freunde abzuschildern machte inzwischen
vor die letztern zum Feierabende auch manches kleines schönes Bild die Zimmer
damit auszuzieren Uber dieses war er willens die gefundenen Heidnischen
güldenen GötzenBilder ingleichen den ganzen Tempel abzumahlen
Von allen übrigen Künstlern und Handwercken habe ich bereits oben
hoffentlich sattsame Nachricht erteilet demnach weil nächst dem FeldBaue auch
die ViehZucht wohl von statten ging indem sich die aus Europa mitgebrachten
Tiere ungemein stark vermehret hatten so fand sich beim Nähr oder Haus kein
Tadel Den LehrStand betreffend habe auch schon zur Gnüge gemeldet wie das
Kirchenund SchulWesen aufs ordentlichste andächtigste und erbaulichste
eingerichtet worden Solchergestalt ist nun leichtlich zu glauben dass der Wehr
oder Obrigkeitliche Stand keine besondere Last tragen dörffen indem allhier
keine straffbaren Laster im Schwange gingen ein jeder das Seine ohne Zwang
verrichte guten Vermahnungen und Erinnerungen gern und willig Folge leistete
vor auswärtigen Feinden aber man sich unter Gottes Schutz dermahlen nicht zu
fürchten Ursache hatte
Also stunden die Sachen zu Anfange des Monats Julii 1733 auf unserer Insul
GroßFelsenburg da uns Kapitain Horn in den ersten Tagen besagten Monats
hinüber auf KleinFelsenburg invitirte um zuzusehen wie die neuerbaueten
Schiffe ins Wasser gelassen würden Es fuhr demnach eine starke Gesellschaft
hinüber und blieben 4 ganzer Tage daselbst um erstlich die Arbeit welche
glücklich von statten ging hernach den SchiffsBauern ihre Lust zu betrachten
denn es machten sich sonderlich Kapitain Horns Leute und die Portugiesen einen
herrlichen Mut sungen tantzten und sprungen bei dem köstlichen Weine den wir
ihnen zu verschmansen mitgebracht Nachhero wiese Kapitain Horn seinen Leuten
auf etliche Tage Arbeit an und reiste mit uns nach Groß um der ersten
Konferenz beizuwohnen die er seiner Abreise wegen mit den Ältesten und andern
Europäern zu halten sich ausgebeten hatte Wie nun diese in den nächstfolgenden
Tagen angestellet war tat er an die auf der AlbertusBurg Versamleten
folgende Rede
Meine Herren ich habe nunmehr ihren Willen zu Folge eine geraume und
zwar längere Zeit bei ihnen zugebracht als ich anfänglich vermeint hätte
woran auch guten Teils mit Schuld dass mein mitgebrachtes Schiff allhier im
Hafen gestrandet ist Hoffentlich werde von ihnen das Zeugnis erhalten dass so
wohl ich vor meine Person als auch die unter meinemx Kommando stehende Leute
uns nicht allzu übel aufgeführet haben ob wir ihnen gleich allhier keinen
besonderen Nutzen schaffen können Ihre Gütigkeit gegen uns ist im Gegenteil
sehr groß gewesen vor welche ich zugleich im Nahmen meiner Untergebenen
schuldigsten Danck abstatte und mich mit eidlicher Pflicht verobligiren will
derjenigen Instruction welche sie mir wegen einer nochmahligen Hinund
HerReise schrifftlich zuzustellen belieben werden getreulich sonder Gefährde
nachzukommen in so ferne mir Gott Leben Gesundheit und Glück verleihen wird
Allein meine Herren nun muss ich ihnen allerseits eröffnen wie ich wohl
gesonnen wäre nach meiner nochmahligen glücklichen Zurückkunft und wohl
ausgerichteten Geschäffte auf dieser Insul bei ihnen in Ruhe zu wohnen und
mich mit meiner auserwählten Liebste Johanna Margareta Andreæ Robert Julii
in RobertsRaum jüngsten Tochter welche mit Mons Eberhard Julii seiner
Liebsten Kordula Geschwister Kind ist zu vereheligen als deren wie auch ihrer
Eltern JaWort biss auf den Konsens und Erlaubnis der Ältesten dieses Volcks
ich bereits erhalten
Vors andere weil meine 9 Freigelassenen eine ganz besondere Lust
bezeigen in diesem Revier zu verbleiben so wollte zugleich anfragen ob ihnen
erlaubt wäre eine PflantzStadt auf der Insul KleinFelsenburg anzulegen und
dieselbe mit der Zeit zu bevölckern
Diese beiden verfolgte Kapitain Horn seine Rede sind voritzo die ersten
HauptPuncte so ich vorzutragen habe ihnen selbige zur Uberlegung anheim
stellen inzwischen einen Abtritt nehmen und auf einige Antwort warten will
Hiermit ging Mons Horn nach gemachten Reverenz wirklich zum Zimmer
hinaus durfte aber wegen dieser 2 Puncte nicht lange auf Antwort warten
sondern wurde nachdem die Ältesten und wir einen kurzen Schluss gefasst bald
wieder herein geruffen da ihm denn der AltVater Albertus II folgende Antwort
erteilete
Werter Herr und Freund Eure so lange Anwesenheit auf dieser Insul hat uns
allerseits zu ganz besonderen Vergnügen gereicht den Nutzen und Vorteil so
ihr uns bereits gestiffter und mit GöttlichemBeistande noch stifften könnt
werden wir und unsere Nachkommen zwar jederzeit zu rühmen wissen aber niemals
gnugsam verdancken können Was wir euch und den Eurigen etwa zu Gute getan hat
die Schuldigkeit von uns erfordert indem eure Aufführung sehr löblich
christlich und angenehm gewesen So setzen wir auch aufs künftige in eure
Redlichkeit nicht das geringste Misstrauen sondern haben das veste Vertrauen
Gott werde euch Krafft Stärcke und Glück geben dasjenige was euch etwa in
Europa auszurichten committirt werden möchte wohl zu vollenden auch euch
gesund zurück führen so dann wollen wir allerseits mit größten Freuden sehen
dass ihr euch durch eine vergnügende Heirat mit uns befreundet und beständig
bei uns verbleibet Was aber die 9 Freigelassenen anbelanget so jammert uns
allen sehr dass die Beschaffenheit unserer Sachen nicht zulassen will ihnen zu
willfahren ungeacht wir sie alle vor wackere arbeitsame und tugendhafte
Leute erkandt haben Bedencket selbst ihr werdet uns noch einige unbeweibte
Künstler aus Europa mitbringen müssen wenn nun diese so wohl als eure 9
Freigelassenen mit unsern Töchtern sollten beraten werden so würden unsere
Felsenburgischen Junggesellen wie es denn bereits ausgerechnet ist bald
selber den Mangel der Weiber empfinden müssen Wolte man sagen sie sollten
sich Weiber aus Europa mitbringen so laufft dieses wider die Verordnung und den
Willen meines seel Vaters Alberti des Ersten welcher durchaus verboten ein
fremdes Geschlecht welches nicht mit ihm dem StammVater oder der Koncordia
als StammMutter verwandt ist ohne die höchste Not unter uns entstehen zu
lassen Hiernächst wäre es auch eine Torheit von uns wenn wir ein Stück Landes
oder die ganze kleine Insul welche ebenfalls so wohl wie diese große als
unser Eigentum zu betrachten ist fremden Leuten überließen deren Kinder und
Nachkommen ob ihre Väter gleich noch so from gewesen unsern Nachkommen
allerhand Verdruss und Schaden verursachen könnten Uber dieses so kann es mit der
Zeit geschehen dass diese große Insul dergestalt Volckreich wird dass ein
Teil derselben unserer KinderKinder selbst Lust bekommen auszuziehen und die
kleine Insul zu bevölckern mithin als BlutsVerwandten ihren Handel und Wandel
mit einander zutreiben Wie ich nun hoffe mein wertester Herr und Freund in
diesem letztern Puncte euren Beifall zu bekommen so glaube auch ihr werdet es
nicht übel empfinden wenn euren Freigelassenen dieses ihr Begehren versagt
wird doch wollen wir sie so beschencken dass sie in Europa ein reputirliches
Leben führen können
So viel war es was der AltVater dem Kapitain Horn zur Antwort gab Dieser
danckte sehr verbindlich dass man ihm vor seine Person nach glücklicher
Zurückkunft erlauben wollte ein MitGenosse unseres ruhigen und vergnügten
Lebens zu sein erkandte die Entschuldigung wegen Aufnehmung seiner
Freigelassenen vor recht vernünftig und billig versprach auch ihnen unterwegs
die Felsenburgischen Gedanken schon aus dem Sinne zu reden
Hierauf ging die ganze Versammlung vor dieses mahl aus einander Kapitain
Horn aber mit mir in meine Behausung weil sich seine Liebste schon seit
etlichen Tagen bei meiner Frauen daselbst als ein Gast aufhielt um ihren
Bräutigam zu sprechen welchen sie allem Merckmahlen nach so sehr liebte als er
sie ungeacht derselbe dermahlen fast noch einmal so alt als sie jedoch ein
wohlgebildeter Mensch mit schönen lockigten Haaren und sonsten sehr wohl
gewachsen war Ich ließ die beiden Verliebten bei meiner Kordula alleine und
ging hinüber zu Mons Litzbergen bei welchem sich Herr Wolffgang der diesen
Abend nicht nach Hause gehen wollen nebst andern guten Freunden befand Nach
der AbendMahlzeit aber kam der Kapitain Horn ebenfalls dahin weswegen Herr
Wolffgang so gleich mit demselben wegen seiner Braut zu schertzen anfing und
unter andern sagte er hätte ihn den Kapitain Horn nicht darum mitgenommen
dass er sich von einer Felsenburgischen einfältigen Schöne sollte bezaubern
lassen sondern vermeint er wurde sein Vermögen in Europa an einem guten Orte
anlegen sich eine rechte StaatsDame zur EheFrauen auslesen und mit derselben
de propriis vergnügt leben so aber musse man erfahren dass er in allen Stücken
in seine des Kapitain Wolffgangs Fusstapffen treten wolle Ich hoffe nicht
mein Herr versetzte hierauf der Kapitain Horn dass man mich schelten wird wenn
ich in der Mühe und Arbeit eurem Exempel folge und also wird man mich auch
nicht verdencken wenn ich eben dergleichen Recreation suche als ihr gefunden
habt So viel will ich versichern dass, wenn ich auch in den Stande wäre mir in
Europa ein Fürstentum oder Königreich anzukauffen so würde ich doch nimmermehr
geheiratet oder mich mit Frauenzimmer verwirret haben denn die Untreue List
und Betrug des Europäischen Frauenzimmers ist unbeschreiblich so dass unter
Tausenden ach sagt mir doch wie viel zu finden die ein redliches Hertze
gegen eine ich sags mit Fleiß Eine MannsPerson haben Ich habe von der Zeit
an da ich nur meinen Verstand in etwas zu gebrauchen angefangen ungemein viel
Exempel nicht von Hörensagen angemerckt sondern mehrenteils selbst in
Erfahrung gebracht bei reiffern Verstande aber daraus schließen können dass
bloß allem das Frauenzimmer den MannsPersonen die allergrößten
Verdrießlichkeiten UnglücksFälle und Missvergnügen stifftet Dieserwegen ist mir
fast jederzeit bange worden wenn ich par renommeè mit diesen Geschlechte
umgehen müssen ja ich habe mir nachher vest vorgesetzt nimermehr zu
heiraten weil ich auch an meinem eigenen Exempel die Falschheit und List des
Frauenzimmers sattsam erfahren ja eben dieses trieb mich in meinen besten
Jahren dahin mein Fortun auf der See zu suchen um nur von diesen LandSyrenen
weit genug entfernt zu sein Da ich aber allhier statt der Europäischen
masquirten auch wohl gar geschminckten so genannten irrdischen Engel
würckliche Engel von Gestalt und Gemüte angetroffen ist mir die Lust zum
Heiraten auf einmal wieder angekommen ja ich wollte meine Braut nebst dem in
Zukunft mit derselben zu hoffen habenden vergnügten Leben nicht um ein
Königreich vertauschen der Himmel gebe nur dass meine Hin und Herfahrt
glücklich sei
Der Kapitain Wolffgang sagte hierauf Mein Herr ich will jetzo kein Urteil
fällen ob ihr wegen des Frauenzimmers und sonderlich wegen des Europäischen
Recht oder Unrecht habt sondern nur von Hertzen wünschen dass ihr bald wieder
zurück kommen und hernach so vergnügt mit eurem Hanne Gretgen leben möget als
ich mit meiner Fiecke Allein es fällt mir eben itzo ein dass ungeacht wir
beide seit so vielen Jahren her Bekandte und gute Freunde gewesen sind ihr mir
doch noch niemals eure LebensGeschicht von Jugend auf erzählt habt welche
doch wie ich jetzo aus wenig Worten vernommen eben nicht unangenehm zu hören
sein wird Deswegen weil es sich itzo ohnedem sehr gut schickt wollte ich mir
diese Gefälligkeit wohl von euch ausgebeten haben Dieser vermeinte es möchte
bereits etwas zu späte sein da wir aber entgegen setzten dass sich dergleichen
Erzählungen in der stillen Nacht da man von niemanden gestöhret würde am
besten tun und anhören ließ war er endlich geneigt darzu wir setzten uns
auch zurechte und merckten mit begierigen Ohren auf
Des Kapitain Horns LebensGeschichte
Im Jahre 1693 fing derselbe seine Erzählung an bin ich im H Lande von
ehrlichen Eltern erzeuget worden mein Vater aber welcher ein guter Jäger war
HoltzFörster und wohnete im Walde in einem eintzelnen Hause an der
HeerStraße trieb also zugleich die Wirtschaft mit Seiner Kinder waren 5
nämlich 3 Söhne worunter ich der mittelste und 2 Töchter die noch jünger
waren als ich Meine Mutter war nach der Niederkunft der jüngsten Schwester
beständig kranck geblieben weswegen der Vater immer sehr verdrießlich aussah
und da dieselbe in meinem 9ten Jahre starb mehr Zeichen der Zufriedenheit als
der Betrübnis von sich gab Ohngeacht nun mein Vater ein Mann von 65 Jahren so
war er doch noch sehr vigoreus und tat es in seiner Profession vielen noch
weit jüngeren zuvor welches ihn auch veranlassete eine wohlgebildete
BauersTochter von etwa 17 biss 18 Jahren zur andern EheFrau zu erwählen
Allem Ansehen nach hatte mein Vater eine ungemein gute Heirat getroffen
denn unsere neue StiefMutter konnte ihm doch gar zu niedlich um den Bart herum
gehen und dergestalt schmeicheln als ob sie einen Mann von ihren Alter vor
sich hätte Er mochte bei Tage oder bei Nacht um welche Zeit es auch war aus
dem Walde kommen so stund sein KrafftSüppchen und LeckerBissgen alsobald auf
dem Tische uns Kinder tractirte sie auch dermaßen wohl dass wir über sie noch
weniger als über unsere seelige Mutter zu klagen hatten denn die
Holdseeligkeit und Freundlichkeit schien ihr angebohren zu sein weswegen sich
denn nicht allein Sonntags sondern auch in der Woche viele WeinBier und
BrandteweinsGäste bei uns einfanden und alle nach Würden accommodiret wurden
Unter andern gewöhnete sich auch ein junger unbeweibter Förster von der
Nachbarschaft gar sehr öfters zu uns zu kommen ob ihn nun gleich mein Vater
weil es sein Kollege war sehr wohl leiden konnte so stellte sich doch unsere
StiefMutter jederzeit verdrießlich an so oft er da war ließ sich auch zum
öffteren gegen unsern Vater verlauten Sie wisse in aller Welt nicht wie dieser
Kerl in unser Haus kommen könnte da er doch wisse dass ihr seine Person biss in
Tot zuwider sei und sie ihm vor einiger Zeit da er um sie gefreiet den Korb
nicht nur darum gegeben weil er einen so schlechten Dienst sondern weil sie
einen natürlichen Abscheu vor seiner Person hätte und eben dieserwegen sähe sie
am allerliebsten wenn ihr dieser Kerl aus dem Hause bliebe Mein Vater lachte
hierzu sprach dass sie in diesem Stück eine Närrin wäre den ehrlichen Menschen
aber zufrieden lassen sollte welcher schon von etlichen Jahren her sein guter
Freund wäre über dieses manchen schönen Taler bei uns verzehrete Wegen des
letztern sagte die StiefMutter mag es noch sein und es ist das beste dass
der SauffTeuffel noch immer seine Zeche und das SchlaffGeld bezahlt wenn er
aber zu borgen anfangen will wie er in andern WirtsHäusern getan hat so
wird die Paucke bald ein Loch kriegen Frau sagte mein Vater sei kein Narre
lass den Kerl zufrieden gib ihm was er verlangt denn wenn er mir auch 100
Tlr schuldig wäre so wüste ich mich schon bezahlt zu machen Solche und
dergleichen Discourse passirten gar öfters zwischen unsern Eltern endlich aber
kam es einmal wirklich dahin dass sich die StiefMutter um einer einzigen
Kanne Wein halber mit dem Förster zanckte und ihm etliche grobe SchmähReden an
den Hals warff welche dieser ungeacht er betruncken war dennoch
verschmertzte sich mit dem Kopffe auf den Tisch legte und weiter nichts sagte
als dieses um eines guten Mannes willen muss man einer bösen Frau viel zu gute
halten Mein Vater nahm diese Worte vor redlich auf ließ sich demnach den Zorn
dahin verleiten dass er der StiefMutter welche hinaus ging folgte und ihr
eine derbe Maulschelle gab Sie schien dieserwegen vor Jammer ganz außer sich
selbst zu sein konnte diesen ersten LiebesSchlag durchaus nicht vergessen kam
auch den ganzen Abend nicht wieder zum Vorscheine sondern legte sich weinend
zu Bette jedoch der Vater hatte sie durch gütliches Zureden dahin gebracht dass
sie früh Morgens nicht allein wieder freundlich aussah sondern auch dem
Förster Helnam der Worte wegen die sie gestern Abend in tollen Mute
ausgestoßen um Verzeihung bat Hierauf ging mein Vater mit demselben in den
Wald mein jüngerer Bruder war in die Stadt geschickt die beiden kleinen
Schwestern spieleten im Hofe ich aber hatte mich weil ich zu viel in der Sonne
herum gelauffen war und starke KopfSchmerzen bekommen oben in unserer
ziemlich dunckeln Kammer ins Bette gelegt und war etwas eingeschlummert
ermunterte mich aber sogleich als Helnam mit meiner StiefMutter in die Kammer
hinein getreten kam einander umarmeten und vielemahl küsseten welches mir denn
sehr wunderbar vorkam jedoch lag ich ganz stille biss Helnam meine
StiefMutter auf ein anderes Bette legte und sich anstellete als ob er sie
erdrücken und ersticken wollte weswegen ich in Meinung er wolle wegen der
gestrigen ScheltWorte Rache an der StiefMutter ausüben mit vollem Halse um
Hilfe schrye da denn Helnam vor Schrecken zur Kammer hinaus sprunge meine
StiefMutter aber nachdem sie sich einigermaßen recolligiret zu mir kam mich
zufrieden sprach und sagte Helnam hätte nur seinen Schertz mit ihr getrieben
ich sollte aber bei Leib und Leben weder dem Vater noch jemand anders ein Wort
davon sagen so wollte sie mir hinführo alles geben was ich nur verlangte
wiedrigenfals aber und da sie erführe dass ich nur das allergeringste davon
ausgeplaudert wollte sie mich alle Tage schlagen und mir nicht halb satt zu
essen geben Ich hatte in Wahrheit viel Liebe vor meine StiefMutter weil sie
mich ebenfalls unter meinen Geschwistern am liebsten zu haben schien deswegen
gelobte ich ein ewiges Stillschweigen an und ging mit ihr herunter in die
Stube in welche Helnam kurtz hernach auch eingetreten kam zu dem meine Mutter
sagte Seht was ihr mit euren TändelPossen angerichtet habt der arme Junge
hat gemeinet ihr wollt mich im Ernste ermorden ist deswegen vor Schrecken
fast halb tot und ich habe ihm doch unter den andern allen am liebsten
Deswegen gab mir Helnam meine ganze Hand voll Geld welches ich der
StiefMutter aufzuheben darreichte und auf beiderseitiges noch mehrers Zureden
desto stärcker angelobte keinem Menschen etwas von dieser Mord Geschichte zu
sagen Helnam trunck ein Maas Wein auf das Schrecken die StiefMutter machte
mir eine WeinKalteSchaale mit Zucker befahl mir selbige auszuessen in der
Stube zu bleiben und sie zu ruffen wenn jemand käme ging hierauf mit Helnam
hinaus kam erstlich nach einer halben Stunde wieder zurücke sagte dass Helnam
nach Hause gegangen und befahl mir gegen den Vater nur gar nichts zu
gedenken dass er da gewesen wäre denn die kleinen Schwestern hätten ihn nicht
gesehen weil sie in den Wald gegangen wären und HoltzBündel holeten Ich
hielt in der Tat reinen Mund merkte zwar nachher gar öfters dass Helnam in
Abwesenheit meines Vaters mit der StiefMutter in dem oberen Stockwercke eine
geheime Zusammenkunft hielt doch da ich nicht wusste was es zu bedeuten hatte
bekümmerte mich solches auch nicht vielmehr war ich damit vergnügt dass mir
meine StiefMutter alles gab und zuließ was nur mein Hertze begehrte Allein
etwa ein Jahr hernach da mein Vater auf etliche Tage verreiset war entstund
ein grausamer Tumult in unserer Eltern SchlafKammer denn die Türe wurde
eingestossen wir hörten die Mutter schreien und auch des VatersStimme auch
einen BüchsenKnall zum KammerFenster hinaus weswegen wir vier Kinder denn
mein ältester Bruder war schon bei Hofe in Diensten alle auf einmal
aufsprungen in der Eltern Kammer lieffen und sahen dass der Vater immer auf
die Mutter mit dem Hirschfänger los hieb sie auch gewiss in KochStücken
zerhauen haben würde wenn wir Jungens ihm nicht den Arm gehalten und die
Mädgens sich über die Mutter hergebreitet hätten Inzwischen schwamm die Mutter
fast in ihrem Blute denn sie hatte etliche Hiebe über den Kopf Brüste und
Arme bekommen Endlich ließ sich der Vater durch unser jämmerliches Schreien
bewegen mit mir hinunter in die Stube zu gehen allwo ich so gleich eine
Laterne anstecken und mit ihm vom Hause hinweg nach dem Walde zu gehen musste er
hatte eine Büchse an der Schulter hangen und den bloßen Hirschfänger in der
Hand wir waren aber kaum 100 Schritte gegangen als wir den Förster Helnam in
bloßen blutigen Hembde auf dem Gesichte liegend antraffen Mein Vater wendete
ihn um auf den Rücken sagte weiter nichts als diese Worte Ja ja du bists
und hast genung Er ließ aber den Körper liegen und kehrete mit mir um nach
unsern Hause zu schickte mich auch sogleich hinauf um zu sehen was die Mutter
machte Dieser hatte mein Bruder die Wunden voll Zunder Spinneweben Werck und
dergleichen gestopfft auch Brandtewein hinein gegossen und drauf gelegt
allein selbige wollten doch nicht zu bluten aufhören und da ich dieses dem
Vater wieder zu sagen hinunter kam war derselbe fort
Wir Kinder meinten er würde etwa in das nächste Dorff gegangen sein und
Leute herzu ruffen hoffeten aber auf deren Ankunft umsonst biss der Tag
anbrach da denn zu unsern Glücke etliche Manns und WeibsPersonen kamen
welche in die Stadt zu Marckte gehen vorher aber erstlich bei uns Brandtewein
trincken wollten Zwei Weiber die sonst mit meiner StiefMutter wohl bekandt
waren blieben bei derselben welche als sie hörte dass Helnam nicht weit von
unsern Hause erschossen läge eine starke Ohnmacht bekam weswegen die Weiber
Mühe hatten sie wieder zu ermuntern die Männer aber eileten nach der Stadt
hatten die Geschichte der Obrigkeit gemeldet da denn gar bald die Gerichten mit
Doctor Barbierer und Priester heraus kamen erstlich die Mutter behörig
verbinden ließ nachher examinirten Sie hatte die ganze Geschicht
offenhertzig und dabei bekennet dass sie schon seit etlichen Jahren und ehe sie
noch meinen Vater geheiratet mit Helnam der Liebe gepflogen meinen Vater
aber um ihn nicht eiffersüchtig sondern desto sicherer zu machen immer
vorgeschwatzt dass ihr dieser Mensch zuwider wäre etc etc Hierauf hatte sie
gebeten dass der Priester bei ihr bleiben der Doctor und Barbierer aber nur
nach Hause reisen möchten indem sie fühlete dass sie den Abend nicht erleben
würde Dieses Letztere traff auch ein denn nachdem der Priester den ganzen Tag
mit ihr gesprochen und gebetet auch das Heilige Abendmahl gereicht starb sie
ehe es Abend wurde Helnams Körper öffnete man nachher wurde derselbe so wohl
als meine StiefMutter auf besondere LandesHerrliche Begnadigung an die Seite
des GottesAckers des nächsten Dorffs begraben Uns armen Kindern hatten die
Gerichten fast nichts mehr als die allernötigsten Sachen gelassen einen Mann
und Frau bestellt die indessen die Wirtschaft treiben und uns verpflegen
mussten allein etliche Wochen hernach war der LandesHerr so gnädig meinem
ältesten Bruder der schon einige Jahr bei ihm in Diensten gestanden in die
Stelle meines Vaters von dessen Auffentalt kein Mensch etwas wissen wollte zu
setzen da denn mein Bruder eine betagte Befreundtin zur Hausshälterin annahm
uns seine Geschwister noch eine Zeitlang bei sich zu behalten versprach auch es
bei dem LandesHerrn dahin brachte dass die Gerichten nach Abzug der Kosten die
übrige Verlassenschaft unserer Eltern an bestellte Vormünder ausliefern
mussten Es war aber leider nicht allzu viel übrig geblieben und also sehen
sie meine Herren erinnerte uns allhier der Kapitain Horn dass ein ungetreues
listiges Weib unsern Vater und uns Kinder ins Unglück sich und ihren Amanten
aber ums Leben gebracht hat Jedoch meine eigene Geschicht zu verfolgen so muss
ferner melden dass noch nicht ein volles halbes Jahr nach dieser traurigen
Begebenheit ein vornehmer Kavallier welcher nach Hofe zu reisen im Begriff,
des Nachts auf der Straße bei Umwerffung seines Wagens Schaden am Arm
genommen demnach weil er in unsern Hause Licht erblickte ausspannen ließ um
den Tag zu erwarten Er fragte so bald er hinein kam nach meinem Vater und
mein Bruder erzählete ihm die obgemeldete klägliche Geschichte in der Kürtze
worüber sich derselbe weil er über Jahr und Tag nicht in dieser Gegend gewesen
ungemein verwunderte nachher seinen Arm mit warmen Weine waschen und sich
etwas zu essen bringen ließ Ich war sehr hurtig ihm mit aufwarten zu helfen
welches er observirte und nachher da ich Pappier die TobacksPfeiffe
anzuzünden reichte mich fragte Wie alt bist du 12 Jahr gab ich zur
Antwort Was wilst du werden fragte er ferner und ich antworttete ja das
weiß Gott was aus mir werden wird denn ich bin ein armes Kind worden seit dem
mein Vater weg ist Hast du Lust mit mir zu reisen sprach er Ach seuffzete
ich wenn ich nur groß genung wäre so wollte ich mit einem so wackeren Herrn wohl
biss ans Ende der Welt reisen Indem kam mein ältester Bruder in die Stube zu
welchem der Kavallier so gleich sagte Mein Freund an diesem euren jüngsten
Bruder gefallen mir sonderlich 3 Stück erstlich sein munteres und dreustes
Wesen zum andern sein aufrichtiges Gesichte und zum dritten seine weißen
krausen Haare ist es euch und ihm gefällig so will ich ihn in meine Dienste
nehmen und vor sein künftiges Wohlsein sorgen Mein Bruder besann sich so
kurtz als ich und kurtz zu sagen ich packte mein Bündel mit Freuden eilfertig
zusammen und fuhr mit diesem meinem nunmehrigen Herren nach der Residentz
unseres LandesHerren zu Allda ließ mir mein Herr sogleich eine saubere Liberei
machen und mich alle Tage 6 Stunden in die Schule gehen außer der Zeit aber
musste ich mehrenteils um ihn sein auch so gar wenn er ausging oder ausfuhr
Er probirte meine Treue und Verschwiegenheit auf verschiedene Art und Weise
ohne dass ich damals sogleich merken konnte nachdem er mich aber in den ersten
2 Jahren echt und redlich befunden wurde ich von ihm sehr öfters mit Gelde
und andern Sachen reichlich beschenckt welches mir zwar bei den älteren
Bedienten einigen Neid zuwege brachte allein es durfte sich keiner an mir
vergreiffen Mein Herr war unverheiratet ich aber wurde von ihm fast alle Tage
mit Briefen und Paqueten an eine vornehme Dame die sehr schön und eine junge
Wittbe doch aber eben nicht allzu stark begütert war abgeschickt und er
selbst gab derselben gar öfters Visiten jedoch entweder des Nachts oder wenn
es sonst nicht leicht jemand gewahr werden konnte Einige Zeit hernach
veruneinigten sie sich mit einander, und die Dame wurde dergestalt zornig dass
sie von meinem Herrn weder Briefe mehr annehmen vielweniger ihm erlauben wollte
sie ferner zu besuchen Indem er nun dennoch Gelegenheit suchte sie in ihrem
Zimmer zu sprechen und sich dieserwegen einsmahls heimlich in ihr Haus
geschlichen seinen Zweck aber nicht erreichen können weil die Dame seiner noch
bei Zeiten gewahr worden und sich in ein anderes Zimmer versteckt und
verschlossen hatte fing er grausam an zu fulminiren stieß verschiedene
SchimpffReden aus welche doch von niemand anders als von ihren Domestiquen
angehöret wurden und ging endlich im größten Grimm und Zorne nach seinem Logis
Folgenden Morgens sehr früh da er noch nicht aufgestanden war bekam er von
einer gewissen höheren Hand einen schrifftlichen Befehl dessen Inhalt wie ich
hernach erfahren dieser war dass er sich bei Vermeidung größter Ungnade auch
ernstlicher Bestraffung ferner nicht unterstehen sollte diese Dame weder mit
Worten Schrifften vielweniger mit Wercken zu beleidigen Ich brachte diesen
Brief meinem Herrn ins Bette so bald er aufgewacht und zu allem Glück kein
einziger von den andern Bedienten im SchlafZimmer war er hatte aber denselben
kaum gelesen als er wie halb rasend aus dem Bette sprunge den Brief mit
Füßen trat und sich im Eiffer folgender Worte vernehmen ließ »Ha ists so
bestellt warte Ungetreue ich will dir nicht 10 biss 12000 Tlr wert
umsonst ausgebeutelt haben sondern meinem Hohn an dir rächen und wenn es auch
mein Leben kosten sollte« Hierauf musste ich die andern Bedienten ruffen um ihn
anzukleiden sie konnten es ihm zwar alle ansehen dass er Grillen hatte und
zornig war allein er konnte sich doch auch in so weit bezwingen einem jeden,
was er auf heute zu befehlen hatte mit ziemlicher Gelassenheit zu sagen
Nachhero rieff er den Sekretarium und KammerDiener in sein Kabinet besprach
sich mit beiden länger als eine Stunde in Geheim und fuhr darauf indem er nur
einen einzigen Laqueien und mich zur Bedienung mit sich genommen zu einem
guten Freunde aufs Land Wir waren daselbst sehr willkommen und wohl tractiret
nach Mittags aber da der HausHerr mit seinem GerichtsHalter in einem
OberZimmer etwas geheimes zu tractiren hatte und mein Herr mitlerweile allein
mit der HausFrauen das Bretspiel zum Zeitvertreibe genommen hatte merkte ich
der ich allein im Zimmer aufwartete doch gar zu bald dass beide einander schon
besser kennen müssten Denn mein Herr küsste und caressirte diese Dame
ohngescheuet und ob sie gleich anfänglich wegen meiner Gegenwart in etwas
darüber erschrack so gab sie sich doch bald zufrieden als ihr mein Herr
vielleicht meinetwegen nur wenig Worte ins Ohr gesagt hatte blieb ihm auch
keinen Kuss und GegenKaresse schuldig ja sie wurden gar so dreuste in ein
kleines Kabinet worinnen nur ein SchlafStuhl und ein Tisch stund zu gehen ob
sie nun da ebenfalls ein DamenSpiel spieleten oder nur zum Fenster hinaus in
den LustGarten sahen das weiß ich nicht jedoch kamen beide ehe jemand anders
ins Zimmer kam wieder heraus und spieleten nunmehr recht ernstaft im Brete
fort
Abends nach der Mahlzeit begab sich mein Herr mit dem HausHerrn in ein
besonderes Zimmer allwo sie über 3 Stunden ganz alleine geblieben so dann
zur Ruhe gingen mit anbrechenden Tage aber hatte sich der HausHerr mit nur
einem Bedienten auf eine Reise begeben und mein Herr trunck den Tée mit der
Dame in einem abgeschlossenen Zimmer über 2 Stunden lang ganz alleine Gegen
Mittag stelleten sich 2 benachbarte Edelleute nebst ihren Gemahlinnen und einem
Offizier ein welche wie ich bei den ersten Komplimenten vernehmen konnte der
HausHerr auf seinen Hof bitten lassen um während seiner Abwesenheit meinem
Herrn die Zeit passieren zu helfen Die HausFrau ließ deswegen noch eine
Fräulein die vielleicht nicht weit von ihr wohnen mochte herzu bitten um auch
ein Frauenzimmer zur Konversation vor den Offizier zu haben allein dieser
hatte seine Augen mehr auf die Wirtin als auf das Fräulein gerichtet welche
zwar wohl gewachsen jedoch eben nicht fein von Gesichte dahingegen die erstere
recht schön war Es wurde in allen Stücken recht propre tractiret sie gingen
Spatziren spieleten allerhand Spiele wobei jedoch mein Herr jederzeit die
Wirtin zur Seiten hatte welches dem Offizier allem Vermercken nach
verdrießlich fiel allein er musste Respekt brauchen weil ihn mein Herr an
Stande und Vermögen weit übertraff Endlich aber da es Nachts schon weit hin
war kamen doch mein Herr und der Offizier der HausFrauen wegen ich kann aber
nicht eigentlich sagen welchergestalt in einen spitzfündigen WortStreit der
aber durch die andern Gäste beigelegt und so gleich Schicht gemacht wurde Mein
Herr legte sich so bald er in sein angewiesenes Zimmer kam augenblicklich zu
Bette befahl auch mir nur gleich einzuschlaffen weil ich Morgen bald
aufstehen müsste Ich legte mich demnach in das hinter einer Spanischen Wand
stehende FeldBette war aber kaum eingeschlaffen als die SeitenTür des
Zimmers eröffnet wurde durch welche eine Person in einem langen weisslichen
SchlaffRocke herein getreten kam weswegen ich etwas furchtsam Wer da
rieff mein Herr aber antwortete Schlaf nur geruhig Wilhelm und kehre dich an
nichts Weiln nun die Spanische Wand weit offen stund konnte ich in der
Dämmerung doch so viel observiren dass diese Machine auf meines Herrn Bette zu
ging und hinter seinen Guardinen verschwand ich wusste nicht ob es ein
würcklicher Körper oder ein Geist war konnte deswegen vor vielen Scrupuliren
kein Auge zu tun bemerckte auch dass mein Herr sehr unruhig lag sich öfters
bewegte und herum warff doch endlich schlieff ich drüber ein und ermunterte
mich nicht eher biss der helle Tag schon angebrochen war mich also erinnerte
aufzustehen Indem ich nun aus dem Bette steigen wollte rieff mein Herr
Wilhelm es ist noch zu früh allhier aufzustehen schlaff nur noch ein paar
Stunden biss ich dich selbst aufruffe Ich gehorsamete konnte aber weil ich
mich schon gewöhnet früh munter zu sein nicht wieder einschlaffen sondern lag
mit offenen Augen hörte auch dass mein Herr in seinem Bette mit jemanden ein
leises Gespräch hielt von welchen ich aber sehr wenig verstehen konnte und
endlich da schon die aufgehende Sonne ihren ersten Strahl durch die Fenster
warff kam die gestrige Machine abermals zum Vorscheine hatte den SchlafRock
oben über den Kopf hergezogen so dass ich Blintzender nichts als ein paar
schöne große schwartze Augen sehen konnte von welchen ich geschworen hätte
dass es unserer Frau HausWirtin ihre Augen gewesen wären wenn ich nicht
gedacht dass dieselben weil sie sehr späte zu Bette gegangen annoch vielleicht
im süßesten Schlummer zugeschlossen lägen Kaum hatte gemeldte Machine ihren
Rückweg durch die SeitenTür genommen als mich mein Herr bei meinem Nahmen
ruffte allein ich hielt dieses mahl nicht vor ratsam ihm eher zu antworten
biss er mich zum drittenmahle geruffen hatte Demnach befahl er mich hurtig
anzuziehen und einen von des HausWirts StallKnechten herauf zu ruffen als
ich mit demselben ankam saß mein Herr schon im SchlafRocke am Tische und
schrieb sagte aber zu dem StallKnechte Hört mein Freund tut mir den
Gefallen und sattelt vor diesen meinen Purschen einen Klöpper weil ich keine
ReitPferde bei mir habe ich will ihn nur nach der Stadt schicken und es bei
eurer gebietenden Frau die unfehlbar noch schlaffen wird verantworten Der
Kerl war so gleich willig zumahlen da ihn mein Herr einen Gulden darreichte
ich aber bekam 2 Briefe von ihm einen an den vornehmsten Kauffmann und den
andern an einen Jubelier mit dem Befehle nicht in unserm Logis sondern in
einem GastHofe einzukehren und so bald ich an beiden Orten meine Abfertigung
bekommen alles wohl in den MantelSack einzupacken und den RückWeg eiligst zu
nehmen Ich versprach alles wohl auszurichten ob ich aber gleich nicht gelesen
was in den Briefen stund so war ich doch so schlau so wohl von des Kauffmanns
als des Jubeliers Leuten heraus zu locken dass der erstere ein kostbares mit
Golde durchwürcktes Zeug zu einer FrauenzimmerKleidung und der andere ein
Diamanten BrustCreutz nebst einer goldenen Uhr eingepackt hatte Ich brachte
dieses alles bei guter Zeit auf meines Herrn Zimmer ihn aber selbst traff ich
bei der andern Gesellschaft im Garten an und stattete meinen Bericht ab Er
ging demnach also fort selbst auf sein Zimmer mochte die Sachen eröffnet
besehen und gut befunden haben denn er machte mir eine gnädige Mine als er
zurück kam Ich merkte dass er die Frau HausWirtin im Garten etwas bei Seite
führte und mit ihr heimlich redete hernach mich ruffte und sagte Wilhelm
gib Achtung wenn die HausWirtin zur GartenTür hinaus geht so gehe
erstlich langsam hinter ihr her lauff sodann voraus und gib ihr das auf
meinem Tische im Zimmer liegende Paquet aufzuheben denn sie wird da vorbei
gehen Ich war fix und da die Dame kam stund ich schon mit dem Paquete in der
Tür sie fragte Mein Sohn ist dieses das Paquet welches ich eurem Herrn
verwahren soll Ja gnädige Frau antwortete ich es ists Also musste ich es in
ihr SchlafZimmer tragen und in einen Kasten werffen hierbei bemerckte ich
dass zwischen ihrem und meines Herrn SchlafZimmer nur eine ScheideWand durch
deren Tür in vergangener Nacht die Masque pass und repassirt war Da ich nun
wieder fortgehen wollte rieff sie mich zurück und beschenckte mich mit 2
Stücken Leinwand verbot mir aber außer meinem Herrn keinem Menschen etwas
davon zu sagen sondern vor mich Unter und OberHembder davon machen zu lassen
Ich danckte ganz untertänigst davor und befand hernach beide Stück sehr fein
auch dass jedes 30 Ellen hielt Nach der Abend klagte mein Herr über gewaltige
KopfSchmerzen weswegen die Lust auf diesen Abend ziemlich gestöhrt zu sein
schien und sich ein jedes desto zeitiger zu Bette begab Jedoch bei meinem
Herrn mochten die KopfSchmerzen wohl ein bloßes verstelltes Wesen sein denn
da er auf sein Zimmer kam war er lustig und guter Dinge rauchte auch ehe er
zu Bette ging noch ein paar Pfeiffen Kanaster Gegen Mitternacht öffnete sich
die SeitenTür abermals und die Masque hielt es ebenfalls wie in voriger
Nacht ich aber stellte mich an als ob ich sehr veste schlieffe biss mich mein
Herr etwa um 5 Uhr aufweckte und befahl den Tée nicht eher als um 9 Uhr zu
fordern und gegen jederman zu sagen dass er vor KopfSchmerzen die ganze
Nacht hindurch fast kein Auge zutun können Dieser Tag wurde ebenfalls in
lauter Wohlleben zugebracht außerdem dass der Offizier und mein Herr immer auf
einander stichelten denn ob schon beide sonsten noch niemals mit einander in
Kompagnie gewesen waren so schien es doch als ob eine würckliche Antipathie
unter ihnen wäre doch kam es diesen Tag noch zu keinen Tätlichkeiten und in
der folgenden Nacht ging es eben so zu wie in den 2 vorigen Als diese
verstrichen kam der HausHerr etwa ein paar Stunden vor der MittagsMahlzeit
wieder zurück von der Reise und gab meinem Herrn als in dessen Affairen er
verreiset gewesen in einem besonderen Zimmer geheime Nachricht von demjenigen
was er ausgerichtet hatte hernach wurde gespeist und stark Wein getruncken
weil der HausHerr als ein großer Liebhaber des RebenSaffts seine Gäste
stark darzu forcirte Der Herr HausWirt brachte meinem Herrn eine Gesundheit
zu Auf gut Glück in der bewussten Sache Mein Herr tat Bescheid reichte
zugleich dem HausWirte die Hand und als er den Pocal ausgeleeret danckte er
demselben verbindlich davor dass er ihm das eine Werck so glücklich zum Stande
gebracht und in der andern Sache seine Vices so wohl vertreten hätte versprach
anbei sich in der Tat erkänntlich zu erzeigen Der HausHerr schützte vor dass
seine Schuldigkeit nicht allein solche sondern weit mühsamere Dienste meinem
Herrn zu leisten erforderte worgegen dieser auch keine Komplimente schuldig
blieb allein der Offizier welchen der Wein oder andere Grillen schon zu
stark in den Kopf gestiegen waren melirte sich in ihren Discours und sagte
zu dem HausWirte Mein Herr sie belieben die Komplimenten zu versparen denn
haben sie des Herrn G Vices vertreten so hat derselbe vielleicht die Ihrigen
auch vertreten so dass ihre Frau Liebste wohl nicht über ihn klagen wird
Monsieur sprach mein Herr dem die Galle auf einmal überging und das Geblüte
ins Gesichte stieg Was sind das vor Reden Werden mir nicht diese Herren und
Dames Zeugnis geben dass ich mich als ein honetter Gast und nicht als Wirt
aufgeführet Worinnen bestehen also die Vices so ich vertreten habe Das weiß
der Himmel und der NachtWächter antwortete der Offizier Und das ist eine
närrische Antwort gab mein Herr darauf welchem die andern alle beifielen und
dem Offizier zu verstehen gaben wie sie gar nicht wüsten warum er schon
vorgestern gestern und auch heute so wunderliche ja ganz ungeräumte
StichelReden und MägdeSprichWörter im Munde geführet man wäre ja sonst von
ihm dergleichen gar nicht sondern einer weit artigern Aufführung gewohnt
usw Allein der Offizier fuhr auf und sprach Ey was ich halte den vor
einen etc der meine Rede und Antwort vor närrisch hält es wird ein schlechter
Unterscheid sein zwischen einem Offizier wie ich bin und einem solchen Herrn
wie der ist Dieses war genug meinen Herrn aufs äuserste zu bringen demnach
griff er also fort nach einer an der Wand hangenden Karbatsche und schlug den
Offizier etliche mahl damit über den Kopf Dieser wollte zwar vom Leder ziehen
allein der HausHerr und die andern beiden von Adel hielten ihn davon ab und
stiffteten in so weit Friede weil mein Herr dem Offizier versprach Morgen bei
Aufgang der Sonnen mit ein paar geladenen Pistolen vor ihm auf der Gräntze zu
erscheinen Bald hernach ließ der Offizier seine Pferde satteln und ritt
nachdem er einen negligenten Abschied genommen voll Wein und Grimm seiner Wege
Jederman war froh dass er diese Resolution ergriffen und sonderlich das
Frauenzimmer die Frau HausWirtin aber welche eine in der Geburt arbeitende
Frau besucht war bei dem ganzen Streite gar nicht zugegen gewesen verwunderte
sich deswegen ziemlich darüber und sagte sie hätte jederzeit eine malhonette
Konduite an diesem Offizier gemerckt indem er zum öffteren den tugendhaftesten
Leuten KlebeFlecken anhängen und sich selber ein und anderer Sachen berühmen
wollen die wohl niemals wahr gewesen etc etc Allein es hat mir kurtze
Zeit hernach ein guter Freund im Vertrauen eröffnet dass diese Dame eben diesen
Offizier in Abwesenheit ihres Gemahls gar öfters heimlich zu sich bitten
lassen und ihm gar gern ein oder etliche NachtQuartiere gönnen mögen weswegen
ihn allerdings die Eiffersucht wegen meines Herrn vor diessmahl zu einer
wunderlichen Aufführung verleitet haben mag
Mein Herr war ungeacht der gefährlichen Arbeit die er auf Morgen früh vor
sich hatte lustig und guter Dinge mir aber pochte das Hertz als ein Hammer
und an der Frau HausWirtin merkte ich ein paar mahl dass, wenn sie sich
alleine außerhalb der Stube befand sie die Hände runge und Tränen fallen
ließ Jedoch unser beider Angst wurde in etwas vermindert da noch selbigen
Abend des Offiziers Laquei zurück geritten kam und Nachricht brachte dass
seinem Herrn unterwegs ein OrdonnanceReuter begegnet welcher ihm die Ordre
überbracht sich so gleich zu Pferde zu setzen und zum General zu kommen
weswegen denn sein Herr die gegebene Parole vor dieses mahl nicht halten könnte
sondern sich seine Satisfaction auf einen andern Tag zu fordern vorbehalten
müsste Mein Herr hätte dem Kerl nicht geglaubt sondern dem Offizier einer
Zaghaftigkeit beschuldiget wenn ihm der Laquei nicht die Ordre in Originali
vorgezeiget hätte solchergestalt gab er ihm weiter nichts zur Antwort als
dieses Es wäre ihm gleich viel und ein Tag so gut als der andere Diesen Abend
ging ein jedes bald zur Ruhe weil so wohl mein Herr als die andern Gäste
folgenden Morgen fort wollten es öffnete sich auch diese Nacht die SeitenTür
in meines Herrn Zimmer nicht hergegen schlieff er ungemein ruhig biss man
hörte dass der HausWirt und dessen Gemahlin schon ihre Stimmen im Hause hören
ließ Diese beiden musste ich so bald er angekleidet war auf ein Wort hinauf
in sein Zimmer bitten da er denn vor alle erzeigte Höflichkeit und Mühwaltung
verbindlichen Danck abstattete und dem Herrn die güldene Uhr der Frauen aber
das Diamantene BrustCreutz auch jeglichen einen kostbaren Ring zum
freundlichen Angedencken verehrete anbei versicherte so bald die ihnen
bewussten Affairen völlig zu Stande sich anderweit erkänntlich zu erzeigen
Beide schienen recht bestürtzt zu sein über dergleichen kostbare Geschenke und
wussten fast nicht ob sie dieselben annehmen sollten oder nicht allein mein
Herr bat ihn mit ferneren Weitläufftigkeiten zu verschonen nahm beide an die
Hand und führte sie herunter zur andern Gesellschaft ging sodann abermals
heraus und beschenckte die Haus und StallBedienten reichlich welches so viel
würckte dass der HausHerr mir und meines Herrn Laqueien jeden einen Ducaten
aufzwunge die Dame aber mir allein heimlich noch 2 Ducaten in die Tasche
steckte Ich wünschte deswegen dass wir öfters an diesen Ort kommen und den
Herrn von E denn so hieß der HausWirt beschmausen möchten wenn mir aber
das KugelnWechseln welches mein Herr noch vor sich hatte in die Gedanken
kam schoss mir das HertzBlütgen auf einmal doch endlich gedachte ich Weil
mein Herr doch so lustig und frölich ist muss er gewiss die Kunst schon können
einen Kerl vom Pferde zu schießen oder wer weiß ob gar was daraus wird
Wir kamen erstlich des Abends in unserm Logis der Herrschaftlichen
Residentz an allwo mein Herr sogleich die andern Bedienten fragte ob der
Sekretarius und der KammerDiener noch nicht zurück gekommen wären und zur
Nachricht erhielt dass beide sich noch nicht wieder sehen lassen Einige Tage
stellte sich mein Herr unpässlich und kam nicht aus dem Zimmer wurde jedoch
von verschiedenen Kavaliers und andern vornehmen Personen besucht sobald aber
der Sekretarius und hernach der KammerDiener zurück gekommen war er wieder
gesund frequentirte fast alle Zusammenkünfte vornehmer StandesPersonen war
aber eine gute Zeit so unglücklich dasjenige nicht anzutreffen was er suchte
nämlich wie er mir nach langer Zeit selbst erzählt die Frau von A.* als
seine ehemalige kostbare Geliebte wegen welcher wie ich schon gemeldet er den
strengen Befehl bekommen hatte Endlich kam einer von seinen Spions denn er
hielt deren verschiedene und belohnete sie reichlich dieser kam sage ich und
meldete ihm wo oft erwähnte Dame auf einer Masquerade anzutreffen sein würde
beschrieb ihm auch dreierlei kostbare Kleidungen woran er sie vor allen andern
erkennen könnte Mein Herr war nicht faul sich auch dahin zu begeben und
prostituiret die Frau von A.* auf eine ganz besondere und verzweiffelte Art
die ich nachzusagen mich itzo selbst noch schämen müsste Es mag ihm solches
zwar von den allerwenigsten unter der Kompagnie wohl ausgelegt worden sein doch
movirt sich niemand dieserwegen als ein einziger Kavalier dieser nimmt sich
der Dame öffentlich an gerät mit meinem Herrn in WortStreit welcher
verschiedene zweideutige Reden die hernach einer höheren Person unordentlich
vorgebracht worden fliegen läst biss es endlich so weit kommt dass beide
einander auf ein paar DegenSpitzen heraus fordern Die Dame läst sich vor
Chagrin halb ohnmächtig in einer Sänfte nach Hause tragen mein Herr kam auch
zu Hause lase einen von seinen besten StoßDegens aus legte ihn nebst den
steiffen HandSchuen zurechte und befahl dem KammerDiener gleich mit
anbrechenden Tage ein Pferd vor ihn den Herrn eins vor den KammerDiener und
eins vor den ReutKnecht satteln zu lassen aus welchen Anstalten wir Bedienten
sogleich abnehmen konnten dass er Morgen ein Duell vorhätte Allein alle diese
Anstalten waren vergebens hergegen unser Schrecken nicht geringer da gleich
nach angebrochenem Tage ein OberOffizier mit 4 Mann in meines Herrn Zimmer
getreten kam ihm Arrest ankündigte ein UnterOffizier mit 8 Mann aber die
Wache außen vor dem Zimmer hielt und nachdem alle Bedienten heraus gewiesen
waren niemanden als den KammerDiener und mich aus und ein passieren ließ
Anfänglich vermeinten wir Bedienten es geschähe dieses alles nur um das
vorhabende Duell zu hintertreiben erfuhren aber bald dass mein Herr nicht
allein von der prostituirten Dame sondern auch noch von einer höheren Person
actionirt werde Anfänglich mochte es nicht allzuwohl um ihn gestanden haben
weil er sich aber mit dem Munde und der Feder wohl zu helfen wusste über dieses
sehr viel gute Freunde und Vorsprecher hatte kam es endlich nach einem 6
wöchentlichen Arrest dahin dass er etliche 1000 Tlr Straffe geben und
angeloben musste binnen drei Tagen die Residentz Stadt zu verlassen und sich
wenigstens drei Jahr lang außerhalb Deutschlandes in frembden Ländern
aufzuhalten wie ihm denn auch nicht mehr als drei Wochen Zeit erlaubt war in
diesem Lande zu bleiben um seine Sachen in Ordnung zu bringen und sich
Reisefertig zu machen Dieses letztere war eben so nötig nicht denn seit dem
er geschworen die Frau von A.* zu prostituiren hatte er bereits alle Anstalten
zu einer Reise nach Franckreich machen lassen unterdessen war es eine gewaltige
Summa Geldes welche er dieser einzigen ihm ungetreuen WeibsPerson halber
einbüßen musste Allein wie ich etliche Jahre hernach erfahren hat diese von
außen sehr schöne jedoch gifftige Kreatur noch viel MannsPersonen ins
Verderben gestürtzt
Binnen bemeldten drei Wochen ließ mein Herr seine unnötigen Sachen auch
Pferde Kutschen und dergleichen verkauffen danckte die überflüssigen Bedienten
ab behielt also niemand bei sich als seinen KammerDiener einen Jäger mich
und 2 Reut 3 ReutPferde vor sich und 5 vor die Bedienten Aus einem kleinen
Städtgen welches schon außerhalb Landes lag schickte er den Jäger mit einem
Briefe an den Offizier ab welcher ihn auf Pistolen gefordert hatte denn von
diesem war ihm binnen der Zeit als er im Arrest gesessen ein anderweites
Kartell zugeschickt worden mein Herr aber nicht im Stande gewesen sich zu
stellen doch nunmehr benahmte er demselben Ort und Stunde wo und wenn sie
einander sehen könnten Auf eben denselben Platz und zu eben derselben Stunde
bestellete er auch in einem andern Briefe welchen ein ReutKnecht überbringen
musste denjenigen Kavalier welcher sich auf der Masquerade der Frau von A.* so
ernstlich angenommen und es erschienen beide nach seinen Verlangen zu
gehöriger Zeit Mein Herr hatte einen bekandten Kavalier zum Secundanten
mitgenommen und war so glücklich den Offizier nachdem derselbe sich
verschossen eine Kugel durch die Brust zu jagen dass er augenblicklich tot vom
Pferde stürtzte hierauf stieg er vom Pferde legte seinen Rock Kamisol und die
Sporn ab zohe den Degen und nahm es mit dem Ritter der Frau von A.* auf
versetzte ihm auch im andern Gange einen solchen Stoß oben in die rechte Brust
hinein dass demselben auf einmal Arm und Klinge niedersanck er ist aber
nachher doch wieder völlig curiret worden und nach dieser Arbeit setzte sich
mein Herr wieder zu Pferde und ritt mit seinen Bedienten auf einem frembden
Grund und Boden immer fort als er seinem Secundanten einen kostbaren
GedenckRing geschenckt und höflichen Abschied von ihm genommen hatte Nachdem
wir eine Stunde Wegs mit einander geritten schickte mein Herr den KammerDiener
mit den andern Leuten voraus nach der Stadt zu wohin er seine meiste Equippage
mit der Post bringen und absetzen lassen befahl denselben in Geheim nicht ehe
von dannen aufzubrechen biss er wieder zu ihnen käme er aber ritte mit mir
lincker Hand fort biss wir endlich auf den Weg kamen welcher uns Abends sehr
spät in des Herrn von E RitterGut führte Ich glaube es war meinem Herrn
eben nicht so zuwider als er sich wohl gegen die Bedienten stellte da er
erfahren musste wie der Herr von E schon seit vier Tagen verreiset wäre auch
wohl noch so lange außen bleiben dürffte die Frau von E hatte eben schlaffen
gehen wollen schien aber über unsere Ankunft eben nicht missvergnügt zu sein
sondern wollte gleich warme Speisen machen lassen allein mein Herr deprecirte
alles und bat nur um ein Glas Wein 2 Bissen Brod hernach um ein Bette weil
er vor Müdigkeit fast die Augen nicht mehr offen halten könnte Er nahm auch
weiter nichts zu sich sondern eilete zu Bette und erzählete der Frau von E
diesen Abend gar nichts von alle dem was sich seit der Zeit vielweniger diesen
vergangenen Tag mit ihm zugetragen hatte Etwa eine halbe Stunde nachdem ich
mich nieder gelegt öffnete sich die Tür ich sah mich aber nicht einmal mehr
nach dem Gespenste um welches herein kam weil ich es aus verschiedenen
Umständen schon kennen lernen wurde auch nicht gewahr um welche Zeit es wieder
fort ging Früh Morgens beim Tée erzählete mein Herr erstlich der Frau von E
wie er seine beiden Gegner gestern früh abgefertiget hätte sie wunderte sich
höchlich darüber gratulirte ihm dass er so glücklich und ohnbeschädigt davon
kommen wäre und letztlich sagte sie ich kann nicht leugnen dass ich allezeit
ein Mitleiden mit denenjenigen gehabt welche im Duell umkommen oder nur
blessirt sind aber dieser Offizier geht mir gar nicht nahe nur darum weil er
so sehr viel unbesonnene Reden die wenigen Tage über allhier geführet hat
deswegen ist es eben so gut dass ihm das Maul gestopfft ist Aber mein Herr
fragte sie weiter sind sie allhier auch sicher O ja antwortete er denn ich
bin allhier in des dritten Herren Lande jedoch wenn meine Anwesenheit könnte
verschwiegen bleiben wäre es mir um so viel desto lieber Gut versetzte sie
dass es mir nur gesagt wird nun lassen sie mich alleine sorgen denn alles mein
Gesinde hat die Tugend der Verschwiegenheit und ist mir sonderlich gehorsam
Jedoch damit meine Erzählung nicht allzu weitläufftig werden möge will ich
nur kurtz melden dass mein Herr 6 Nacht und 5 ganzer Tage Zeit hatte der
Frau von E alles zu erzählen was ihm begegnet war denn am 5ten Tage gegen
Abend kam der Herr von E erstlich von seiner Reise wieder zurück und
erfreuete sich herzlich meinen Herrn gesund und in Freiheit in seinem Hause zu
sehen denn dessen ProzessSachen waren ihm gar gefährlich vorgebracht worden
Wir blieben also noch 3 Tage bei ihm binnen welcher Zeit mein Herr den Herrn
von E zum OberAufseher einiger seiner da herum liegenden Güter bestellete
und ihm dessfals schrifftliche Vollmacht erteilete auch vor seine Mühe ein und
andere Revenüen anwiese mit dem Bedinge dass er dahin besorgt sein sollte damit
ihm seine Gelder richtig gezahlt und par Wechsel nach Franckreich oder wo er
dieselben sonst hin verlangte übermacht werden möchten Hierauf teilete mein
Herr abermals reichliche Geschenke aus die besten aber mochte die Frau von E
wohl in Geheim von ihm empfangen haben ohne das allerbeste Angedencken
welches sie seit der neulichsten Anwesenheit meines Herrn unter ihrem Hertzen
trug und ihm solches offenhertzig bekannt und dabei gesagt hatte dass ihr
solches am allerliebsten wäre da sie in ihrem 6 jährigen Ehestande noch
niemals so glücklich gewesen hohes Leibes zu sein Eben dieses machte dass sie
beim Abschiede alle Kräffte anspannen musste ihren Jammer und Tränen zu
verbergen der Herr von E aber gab uns da wir des Nachts bei MondScheine
fort reisten das Geleite mit 2 seiner Bedienten weiter als 3 Meil Weges
kehrete hernach um wir beide aber reisten so eiligst als möglich war fort
biss wir unsere Leute an dem bestellten Orte antraffen Allhier ruhte mein Herr
nur einen Tag aus nahm so dann eine ExtraPost den KammerDiener und mich mit
sich und setzte die Reise auf Paris fort der Jäger aber nebst den
ReutKnechten und Pferden sollten sachte nachkommen Ohngeacht nun viel schöne
Städte unterwegs zu besehen waren so hielt sich doch mein Herr nirgends lange
auf weilen ihm recht innigst verlangte das weltberühmte Paris zu sehen
Endlich wurde seine Sehnsucht gestillet denn wir kamen gleich in der
schönsten Zeit nämlich im MayMonat in diese kleine Welt und zwar so wählete
mein Herr keins der schlechtesten Quartiere darinnen sondern ein solches wo
kurtz vorher nur ein Deutscher Printz logirt hatte weswegen viele auf die
Gedanken gerieten er wäre ein würcklicher Printz und wollte sich des
Ceremoniells und der Kosten wegen nur unter verdeckten Nahmen daselbst
aufführen Demnach ist leichtlich zu erachten dass er bald in Gesellschaft
geraten und in derselben nach Fanzösischer Manier von jedermann complaisant
tractiret worden sonderlich aber von dem Frauenzimmer denn er sah im Gesichte
vor eine MannsPerson sehr schön war von Leibe wohl gewachsen und sonst in der
Aufführung ein vollkommener StaatsMann Von seinen Divertissements aber kann ich
eben so viel nicht melden weil ich selten dabei gewesen denn er mein Herr
welcher alle Mittags ausging oder ausfuhr war so gütig mich bei einem
SprachMeister zu verdingen welcher mich recht perfect Französisch reden und
schreiben lehren sollte ich hatte auch in der Tat hierzu mehr Lust als alle
Abende dem Lermen Schwermen Tantzen Spielen und dergleichen zuzusehen gab
auch meinem SprachMeister noch etwas Geld aus meinem Beutel dass er die
Lateinische Sprache und die RechenKunst mit mir repetiren musste Solchergestalt
verstrich mir viel Gelegenheit in böse Gesellschaft zu geraten hergegen
konnte ich hoffen dass mir mein fleissiges Lernen dermahleins guten Nutzen
schaffen könnte denn ich war dazumahl noch nicht einmal 18 Jahr alt Als wir
nun etwa 3 Monat in Paris gewesen kam mein Herr eines Abends wider unser
Vermuten zeitiger als sonst gewöhnlich nach Hause da mir aber seit einigen
Tagen nicht gar zu wohl gewesen hieß er mich zu Bette gehen und der
KammerDiener musste alleine bei ihm bleiben weil er noch nicht Lust hatte
schlaffen zu gehen Nach verschiedenen Gesprächen die er mit dem KammerDiener
geführet und die ich weil nur eine BretWand zwischen unserer und seiner
SchlafKammer war deutlich hören konnte fing mein Herr nach einem langen
Stillschweigen folgender maßen zu dem KammerDiener zu reden an Heute hat mein
Leben an einer Haare gehangen und ihr hättet mich fast nicht wieder zu sehen
bekommen Ey da sei der Himmel darvor sagte der KammerDiener gnädiger Herr
wie wäre denn das zugegangen Ich bin verfolgte der Herr seine Rede Zeit
meines Lebens nicht heftiger erschrocken als heute werde mich aber auch Zeit
meines Lebens über keine Begebenheit mehr verwundern als über die heutige Ihr
habt doch gesehen dass mir die Marquise von R heute früh ein Billet
zugeschickt deswegen begab ich mich zur MittagsMahlzeit zu ihr denn ihr Mann
war wie sie mir schrieb auf etliche Tage verreiset Ich kann nicht leugnen dass
ich diese Liebenswürdige Dame mit der ich gleich anfänglich in Bekandtschaft
geraten sehr liebe weil ich die stärcksten Proben habe dass sie mich
vollkommen und ohne eintziges Interesse liebt ja ich glaube wenn ich es
verlangte ihr ganzes Vermögen mit mir teilete allein ich bin damit
vergnügt dass ich ihr ganzes Hertze habe und so oft es sich nur schicken
will das allerangenehmste LiebesVergnügen bei ihr genießen kann denn ihre
Karessen sind extraordinair delicat Heute Nachmittags nun da wir beisammen
saßen und spieleten sagte ihr lustiges KammerMädgen O wer wollte doch bei so
überaus angenehmen Wetter im Zimmer sitzen und die lumpichte Karte in Händen
rum werffen Wäre es nicht besser wenn man ein wenig in den Garten hinaus
spatziren führe Es ist auch wohl wahr sagte die Marquise gefällt es euch
mein Herr so soll augenblicklich mein Wagen angespannet werden Ich war damit
zufrieden wir fuhren hinaus in den Garten und nahmen zur Bedienung niemanden
mehr mit als gemeldtes lustige KammerMädgen und einen Laqueien Unter der
Zeit da ich die Marquise im Garten herum führte hatte das Mädgen oben in
einem Zimmer des GartenHauses allerhand Erfrischungen zurechte gesetzt
deswegen begaben wir uns hinauf selbige zu versuchen Das Mägdgen nahm sich
eine Bouteille Limonade und Schachtel voll Konfect aus der Kiste machte einen
Reverentz und sagte Meine EngelsKinder sie lassen sich es wohl schmecken
und sorgen vor nichts ich will mit diesen meinem Gewehr vor der Tür am Fenster
SchildWacht stehen und wenn ich jemanden auf das LustHaus zukommen sehe Wer
da ruffen Die Marquise lachte so wohl als ich über das närrische Ding welches
wirklich zum Zimmer hinaus ging den Schlüssel davon abzog und herein warff
Wir fingen hierauf an das Konfect der Liebe zu benaschen der Appetit aber
hierzu ward endlich so stark dass wir die beschwerlichsten KleidungsStücke ab
uns alle beide auf das zur Seiten stehende FaulBette legten und unserer
Wollust den Zügel vollkommen schießen ließ Indem stieß der Marquis von R
eine kleine KabinetTür auf kam in jeder Hand ein aufgezogenes Pistol
habend heraus gesprungen hielt das eine mir das andere seiner Frau gegen die
Brust und sagte Regt euch nicht sondern betet denn ihr müsst beide sterben
Ich kann wohl sagen dass mir alle Gedanken vergingen weiß auch nicht recht
mehr was die Marquise zu ihrem Manne sagte und ihn damit bewegte dass er zu
lachen anfing und mit seinen Pistolen zur Tür des Zimmers hinaus ging Sie
sprung demnach hurtig auf brachte durch einen derben Kuss meine 5 Sinnen wieder
in Ordnung und sagte Mein Hertz seid gutes Muts mein Mann ist so tyrannisch
nicht sondern wird uns diesen Fehler vergeben Also kleideten wir uns
beiderseits hurtig an und sahen da wir zum Zimmer hinaus kamen von oben
herunter den Marquis unten im Garten ohne Pistolen ganz aufgeräumt herum
spatziren Die Marquise nahm mich bei der Hand und führte mich ihm entgegen
ich danckte dem Himmel dass ich meinen Degen an der Seite hatte und mich auf
einem freien Platze befand Als wir fast noch 6 Schritt von einander waren
zohe der Marquis schon seinen Hut ab und bewillkommete mich aufs
allerfreundlichste danckte dass ich ihm die Ehre erweisen und seinen schlechten
Garten besehen wollen und bat nicht ungütig zu vermercken wenn ich nicht
nach Würden tractirt würde weil man sich nicht darauf gesaft gemacht Ich wurde
von neuen dergestalt verwirret dass ich in Wahrheit selbst nicht mehr weiß was
ich ihm geantwortet habe Es wendete sich aber der Marquis zu seiner Frau
küsste sie auf den Mund und sagte mit einer lächlenden Mine Wie nun Madame
soll man euch nunmehr auch mit unter die einfältigen Weiber zählen Und glaubt
ihr nun dass die Männer auch listig sein Monsieur ihr habt in beiden Stücken
recht gab sie zur Antwort allein wenn ihr so gütig sein und nicht mehr an
das was einmal geschehen ist gedenken werdet wird sich meine Hochachtung
gegen euch vervielfältigen Der Marquis klopffte sie hierauf sanfte auf den
Backen und küsste ihre Hand zu mir aber sprach er Mein Herr meine Frau
sprach nur vor wenig Tagen zu mir da ich ihr eine ohnlängst passirte Geschicht
erzählt hatte das wären die allereinfältigsten und dümmsten Weiber die sich
im LiebesWercke mit einem Galan von ihren Männern betrappeln ließ auch
wäre der Männer List gegen der Weiber List gar nichts zu schätzen Ich wusste
nicht ob oder was ich hierauf antworten sollte der Marquis aber welcher wohl
merkte dass ich mich von meiner Bestürtzung noch nicht recolligiren konnte fuhr
im Reden fort Mein Herr ich glaube wohl dass ihr nicht wisst ob ihr hier bei
mir verraten oder verkaufft seid allein trauet meiner redlichen Parole
fürchtet euch vor keiner Gefahr oder Hinterlist sondern seid gutes Muts und
folgt mir in jene Grotte Er nahm also seine Frau bei der lincken Hand und mir
reichte sie die rechte mithin spatzirten wir in eine vortreffliche Grotte
allwo die köstlichsten Erfrischung bereits zurechte gesetzt waren Er trunck mir
ein Glas Wein zu auf redliche Freundschaft und da ich solches Bescheid
getan præsentirte er erstlich der Dame hernach mir verschiedene Konfituren
fing hierauf also zu reden an Mein Herr ich bin niemals derjenige so seine
eigene Konduite rühmet allein ich zweifle nicht ihr werdet mir zugestehen
müssen dass dieselbe heute gegen euch und diese Dame ganz sonderbar gewesen
Ich glaube nicht dass in Europa unter tausend Männern einer anzutreffen und
wenn er auch eine Kastrat wäre der sich bei einer solchen empfindlichen
Begebenheit so gelassen aufführen würde als ich getan Ihr dürfft auch nicht
vermeinen dass ich etwa par Interesse oder anderer Ursachen wegen ein guter
Mann sein wollte oder müsste Nein mein Herr sondern lasst euch eine Geschicht
erzählen Diese Dame und ich haben einander aus gewissen Ursachen nach dem
absoluten Willen des Königs heiraten müssen und zwar zu der Zeit da Sie noch
nicht 15 ich aber noch nicht 19 Jahr vor voll alt waren Es fiel uns dieses
auf beiden Seiten sehr schmertzlich weil wir eins so wohl als das andere
unsere Hertzen schon anderwerts verschenkt hatten mithin einander nicht nur
gar nicht lieben konnten sondern auch einen würcklichen Abscheu vor einander
bekamen Unsere Freunde wussten dieses und der König erfuhr es auch allein ein
jeder meinte das alles würde sich schon geben wenn wir nur erstlich zusammen
kämen allein weit gefehlt denn ob ich gleich wusste dass ich eine schöne Frau
bekommen auch sonsten an ihren ganzen Wesen nichts auszusetzen hatte so war
mir doch so wenig als ihr möglich beisammen in einem Bette zu liegen und noch
vielweniger einander ehelich zu berühren Wie ich sie außerdem aber im Hause
wohl leiden konnte so wurde zu einem wahrhaften Mitleiden bewegt da ich sie
beständig weinend antraff deswegen konnte mich endlich länger nicht enthalten
sie eines Abends also anzureden Madame es jammert mich herzlich euch alle
Tage und Stunden so oft ich euch nur zu Hause antreffe betrübt und weinend zu
finden ich weiß dass es euch unmöglich fällt euer Hertze von euren Amanten
abzuwenden und mich zu lieben aber ich müsste unvernünftig handeln wenn ich
euch darum verdächte weil mir ja ebenfalls nicht anders zu Mute ist Mein
einziger Trost ist dass ihr selber wisst was maßen ich am wenigsten Schuld
an unsern Malheur bin ja ich schwöre dass ich mehr als die Helffte meines
ganzen Vermögens daran spendirte wenn wir beide unser Schicksal geändert und
uns vergnügt sehen könnten Damit ihr aber nicht Ursach habt über mich zu
klagen so schencke ich euch eure vollkommene Freiheit so zu leben als ob ihr
an keinen Mann gebunden wäret denn ich werde eher diejenigen Orte wo ihr euer
Divertissement findet vermeiden als euch vorsätzlich darinnen stöhren Lasst
euren Amanten oder wen ihr sonst gern leiden möget so oft als euch beliebt
zu euch kommen ich werde tun als ob ich von nichts wüste denn ich bin schon
so viel von eurer Konduite versichert dass ihr bei der Galanterie eure
Reputation nicht vergessen werdet Im Gegenteil aber hoffe dass ihr auch so
raisonnable sein und euch um meine Gänge Tun und Lassen vornehmlich aber um
meine GalanterieAffairen unbekümmert lassen werdet Meine Frau saß nach
Endigung meiner Rede eine gute Weile in tieffen Gedanken da ich sie aber
erinnerte mir doch einige Antwort zu geben öffnete sich endlich ihr Mund und
sagte Monsieur ihr verdient eurer guten Gestalt und vortrefflichen Konduite
wegen von Königlichen Printzessinnen geliebt zu werden allein vergebet und
habt ein wahrhaftes Mitleiden mit mir Unglückseligen da ich gestehen muss dass
mir noch biss auf diesen Augenblick ohnmöglich fällt euch zu lieben Wegen eures
Anerbietens bin ich euch gar sehr und mit noch mehrerer Hochachtung als
vorher verbunden werde mich aber dessen nicht bedienen denn wenn es auch
voritzo euer würcklicher Ernst sein möchte so habe ich doch vernommen dass die
Männer heute so und Morgen ganz anders gesinnt sein sollen demnach wird es
mir als einer Gebundenen hinführo besser anstehen wenn ich euch bei vorhabenden
Divertissements jederzeit erstlich um Erlaubnis bitte Seiten meiner aber könnt
ihr vollkommen versichert leben dass ich mich niemals um euer Wesen bekümmern
werde ausgenommen was meine Schuldigkeit im Hause erfodert damit ich euch
wenigstens die äuserliche Komplaisance abverdienen kann Ich war mit dieser
Antwort vergnügt und beteuerte nochmals dass sie sich ohne Furcht vor mir zu
haben aller Freiheit bedienen möchte indem ich ohnmöglich leiden könnte dass
eine Person von ihrem Stande und Jahren meinetwegen unglücklich und unvergnügt
leben sollte Hierauf verließ ich sie und bemerckte wenige Zeit hernach dass sie
öffter als sonsten in Gesellschaften fuhr sonderlich wo ihr Amant der
Vicomte von T anzutreffen war Mir erweckte dieses mehr Zufriedenheit als
Verdruss und so oft ich ihn den Vicomte in meinem Hause angetroffen ist er
allezeit von mir höflich und freundlich tractirt worden wie ich ihn denn auch
zu allen Assambleen die nachher in meinem Hause gehalten sind invitiren
lassen und vor vielen andern distinguirt habe Allein er war vor etwa einem
Jahre so unglücklich von einem Deutschen Kavalier im Duell erstochen zu werden
Ich erfuhr bald dass meine Frau seines Todes wegen fast nicht zu trösten stunde
ließ deswegen erstlich etliche Tage vorbei streichen und legte hernach meine
aufrichtige Kondolentz bei ihr ab welche sie mit weinenden Augen annahm und
mir dagegen alles erwünschte Vergnügen wünschte Am allerbesten hat mir von ihr
gefallen dass sie diesen ihrem Amanten allein getreu und beständig geliebt und
außer ihm keine einzige MannsPerson besonders æstimirt wie ich denn
desshalber genaue Kundschaft eingezogen es auch zum Teil selbst aus allen
Umständen vermerckt Nächst diesen hat mir auch gefallen dass Sie diejenige
Dame von welcher Sie weiß dass ich dieselbe über alles in der Welt liebe vor
allen andern Dames distinguiret und dem Ansehen nach mehr als ihre eigene
Schwester liebt Wenn ich von dieser abstehen könnte so hätte sich vielleicht
meine Frau gewinnen lassen nach dem Tode des Vicomte mich allein getreu zu
lieben allein solches ist mir noch biss auf diese Stunde ohnmöglich In der
tieffen Trauer welche meine Frau in Geheim des Vicomte wegen über ein halbes
Jahr lang geführet habe ich sie nie gestöhret und sah gern dass sie hernach
wieder anfing ein und andere Gesellschaft zu suchen Endlich vor etlichen
Wochen habt ihr mein Herr den Schlüssel zu ihrem Hertzen gefunden und euch in
den Platz des Vicomte gesetzt denn ich habe so gleich von Anfange eurer Liebe
an sichere Nachricht davon gehabt und weiß wohl dass die heutige geheime
Zusammenkunft nicht die erste ist in welcher ich euch in Wahrheit nicht
gestöhret haben würde wenn mir nicht schon gemeldter Ursachen wegen die Lust
angekommen wäre meiner Frauen zu zeigen dass auch die klügsten Weiber von ihren
Männern betrappelt werden können. Vergebet mir dass ich euch einen so heftigen
Schrecken eingejagt denn es ist mein Ernst nicht gewesen euch Leides
zuzufügen vielweniger eine Summe Geldes von euch zu pressen wie nur neulichst
ein GeitzHals allhier bei eben dergleichen Begebenheit getan Ihr behaltet
dieserwegen den freien Aus und Eingang in mein Haus nach wie vor und habt
nicht Ursach euch vor mir zu fürchten denn es wäre bei so gestalten Sachen da
vielleicht ich und meine Frau bezaubert sein die größte Unbilligkeit wenn ich
über sie tyrannisiren und ihr nicht eben das Vergnügen so ich anderwerts
genieße vergönnen wollte Allein dieses einzige mein Herr bitte ich mir von
euch aus dass ihr von allen dem was vorgegangen ist und etwa noch vorgehen
möchte ingleichen von meiner ganzen Erzählung reinen Mund haltet
widrigenfalls ist unsere Freundschaft auf einmal aus auch hoffe ihr werdet
von selber so raisonnable sein und euch in Kompagnie gegen diese Dame nicht
allzu frei aufführen denn weil ich in meinem 5 jährigen Ehestande des
Vicomte wegen von keinem einzigen Menschen railliret worden so würde mich
solches wenn es in Zukunft eurentwegen geschehen sollte zu andern
Entschließungen bringen anbei werden alle Kavalier so mich kennen mir das
Zeugnis geben dass ich mich vor Degen und Pistolen niemals gefürchtet habe Nun
sagt mir Madame fuhr der Marquis fort indem er sich zu seiner Frau wendete
ob ihr in meiner ganzen Erzählung etwas angemerckt so wider die Wahrheit
lieffe Nein mein Herr antwortete sie ich müsste nicht so redlich und
aufrichtig sein als ihr wenn ich dieses sagen wollte es ist demnach zu
bejammern dass wie ihr selber glaubt wir beide bezaubert sein doch ist bei
unsern Malheur annoch das größte Glück dass wir in gewissen Stücken noch
einerlei Sinn haben Hierauf wandte er sich zu mir und fragte Habt ihr wohl
mein Herr ZeitLebens dergleichen besondere Begebenheiten gehört Nein
versicherte ich sondern ich halte dieselbe vor ein unerhörtes Wunder werde
solches in meinem Hertzen vergraben halten und biss auf den letzten
BlutsTropffen zeigen dass ich nichts höher als Dero Generositée und
Freundschaft æstimire und solche mit schuldigster Danckbarkeit zu erkennen
alle Gelegenheit suchen Nach diesen schwatzten wir alle Drei als die
vertrautesten Freunde von allerhand indifferenten Dingen und fuhren mit
Untergang der Sonnen zurück in des Marquis Wohnung allwo ich die AbendMahlzeit
eingenommen mit den beiden Bewundernswürdigen EheLeuten noch ein paar Stunden
lOmbre gespielt und mich hierauf nach Hause begeben habe
Was bedünckt euch fragte mein Herr nunmehr den KammerDiener bei dieser
Avantüre Sie scheint mir ließ sich dieser vernehmen sehr wunderlich und die
Folgerung höchst gefährlich wenn ich demnach meinen untertänigen Rat geben
dürffte so hielte davor Ew Gnaden zöhen mit Manier ihren Kopf aus der
Schlinge denn diese ganze Sache kann gar leichtlich ein Ende nehmen mit
Schrecken Am besten wäre es wenn Ew Gn unter einem scheinbarn Vorwande
Paris auf eine Zeitlang verließen und mittlerweile einige andere berühmte
Städte Franckreichs besähen Ja das wäre mir gelegen rieff mein Herr nein
was ich etliche mahl gekostet und wohlschmeckend befunden davon lasse ich
nicht ab biss ich mich satt gegessen habe macht ihr nur Anstalten zu einem
kostbaren Balle dem ich auf den Montag zu geben gesonnen bin und wobei der
Marquis nebst seiner und meiner Frau die HauptPersonen sein sollen Mit unserer
Abreise von hier hat es noch in etwas Zeit und wenn ich auch keine berühmte
Stadt in Franckreich mehr sehen sollte so ist nichts daran gelegen denn wer
Paris alleine nur gesehen der hat in Franckreich alles gesehen Morgen früh
aber geht hin und bringt dem Marquis und seiner Gemahlin von meinetwegen den
MorgenGruß und wenn ihr so glücklich seid sie selber zu sehen so sagt mir
hernach wieder ob man um einer solchen Schönheit willen nicht Leib und Leben
wagen sollte Sehr wohl gab hierauf der KammerDiener allein gnädiger Herr
hatten sie heute auch solche gute Gedanken da der Mann mit den Pistolen aus
dem Kabinet gesprungen kam Ihr seid ein Narr versetzte der Herr legt euch
nur schlaffen ich werde es auch so machen Hiermit hatte dieser getreue Diener
und Ratgeber seine Abfertigung Zwei Tage hernach kauffte mein Herr einen
ungemein schönen Neapolitanischen Hengst welchen viele Kavaliers denen er zu
kostbar gewesen von sich gelassen und ritt auf demselben um ihn recht zu
probiren mit dem Marquis und etlichen andern Kavaliers spazieren weil nun
dieser Hengst von allen und sonderlich von dem Marquis sehr gelobet worden
wurde dem Letzteren gleich folgendes Tages ein Præsent damit gemacht er nahm das
Pferd mit Freuden an schickte aber meinem Herrn dagegen einen neuen Wagen
zurück der mehr als noch einmal so viel wert war Ingleichen übersandte mein
Herr eines Tages der Marquise durch mich sein mit kostbaren Steinen
besetztes und in einer guldenen Kapsel liegendes Bildnis vor welches ich 4
Louis dor BotenLohn bekam mein Herr aber empfing dagegen das Ihrige
welches 3 mahl teurer als das Seinige taxiret wurde auch hat er lange
hernach bekannt dass ihm diese Dame aus großer Liebe vor mehr als 15000 Tlr
Jubelen und andere Kostbarkeiten geschenckt von ihm aber wenig kostbare Sachen
sondern nur ein und anderes von geringen Wert zum Angedencken annehmen wollen
Am bestimmten Tage gab mein Herr einen fast Fürstlichen Ball an die vornehmsten
Kavaliers und Dames deren sich eine gewaltige Menge einstelleten weswegen sehr
viele bei den Gedanken verblieben dass er eines höheren Standes sein müsse als
er sich ausgäbe da sah man nun die Marquise in ihrer vollkommenen Schönheit
mein Herr begegnete ihr aber nicht als seiner Liebhaberin sondern als einer
großen Prinzessin und der Marquis war beständig lustig und guter Dinge man
konnte jedoch nicht merken welches seine Amasia wäre indem er mit sehr vielen
Damen ganz vertraulich umging um die eigene Frau aber sich wenig bekümmerte
Mit anbrechenden Tage wurden wir unsere Gäste erstlich los und dergleichen
herrliches Leben wurde bald hier bald dar fortgesetzt außer der Zeit aber
konnte man meinen Herrn nirgends eher als bei der Marquise antreffen indem er
zuweilen 3 biss 4 Tage und Nächte in ihrer Behausung blieb biss sie endlich mit
einem jungen Sohne darnieder kam Man hörte dass der Marquis ungemein erfreut
über die Ankunft dieses Stammhalters wäre und er stellte dieserwegen ein
Festin an welches 3 Tage währete wobei mein Herr als ein erbetener
TauffZeuge auch erschien Nach vollendeten 6 Wochen hatte die Marquise
vorgegeben als ob sie in ein Bad reisen wollte allein sie kam folgenden
Morgens nach ihrer Abreise früh vor Tage in unsern Logis nebst ihrer
Vertrauten in MannsKleidern an und mein Herr welcher die ganze Nacht auf
sie gehofft emfing sie mit außerordentlichen Freuden Demnach währete ihre
besondere BadeCur in einem à parten Zimmer unseres Logis 4 ganzer Wochen
binnen welcher Zeit sich mein Herr stellte als ob er den Arm angeschellert
hätte und denselben mit vielen Binden umwickeln ließ so oft er merkte dass
er eine Visite bekommen würde wie ihn denn verschiedene Kavaliers und
sonderlich der Marquis etliche mahl besuchten Außerdem passirte er der
Marquise beständig die Zeit biss sie sich wieder gesegnetes Leibes befunden
hatte setzte sich so dann eines Morgens mit beiden in einen zugemachten Wagen
und brachte sie an beliebigen Ort und Stelle Zwei Tage hernach erfuhr man dass
die Marquise aus dem Bade wiederum glücklich in ihrer Wohnung angekommen wäre
weswegen mein Herr so gleich und fernerhin fast täglich seine Visite bei ihr
ablegte Endlich wurde die Marquise von einer schweren Kranckheit überfallen da
er denn wegen der vielen Dames so stündlich um sie gewesen sich Wohlstandes
halber gemüssigt gesehen seine Visiten einzustellen allein weil ihm die Zeit
biss zu ihrer Genesung etwas zu lange zu werden begunte merkte man bald dass er
nach andern Kourroisieen herum schlich und endlich was das schlimste war so
verliebte er sich in eine geschminckte Operistin ungeacht er wohl nachdencken
können dass dieses falsche und betrügliche Ware wäre Diese hatte er bald
gewöhnet dass sie auf erhaltene Ordre sich so gleich einstellete und viele
Nächte bei ihm passirete dagegen aber starke Sportuln von ihm ziehen mochte
Solches Leben währete biss man hörte dass die Marquise besser wäre und
wiederum in ihrem Zimmer herum gehen könnte da aber mein Herr zu derselben
hinschickte und vernehmen ließ ob und um welche Stunde es ihr gelegen dass er
zu ihr kommen und die Gratulation wegen ihrer Genesung abstatten dürffte
schickte sie einen Brief zurücke worinnen sie ihm vorwarff »Wie er sich würde
zu erinnern wissen dass sie ihn mit der Kondition zu ihren Amanten angenommen
wenigstens so lange als er in Paris sich aufhalten würde kein ander
Frauenzimmer als sie allein zu caressiren weil sie im Lieben ungemein
eigensinnig und eckel wäre er hätte ihr solches gleich anfänglich bei
Wechselung der Ringe heilig zugeschworen jedoch vor weniger Zeit hätte sie
erfahren müssen dass er nicht allein während ihrer 6 Wochen sondern auch nach
der Zeit da sie 4 Wochen lang bei ihm in seinen Logis gewesen und ihre
allergetreuste Liebe sattsam zu erkennen gegeben verschiedene Dames von
geringeren Stande worunter einige die von der Kourtoisie recht Profession
machten eiffrig caressiret über alles dieses aber einer lüderlichen
SchandMetze nämlich einer Operistin den ersten Ring welchen sie ihn vor den
Seinigen zum GedenckZeichen der Treue selber an den Finger gesteckt ohne
Bedenken hingegeben auch Dieselbe viele Nacht in seinem Bette bei sich
behalten etc etc Eben diese seine Untreue nun habe ihr die bisherige schwere
Kranckheit zugezogen an statt aber ihrentwegen bekümmert zu sein wäre er immer
ungetreuer und lasterhafter worden weswegen sie ihn von nun an nimmermehr
wieder mit Augen zu sehen wünschte usf«
Dergleichen tröstliche Worte schlugen meines Herrn Mut gänzlich darnieder
indem er sich in allen Stücken getroffen befand er schickte zwar durch mich
eine Entschuldigungs und SubmissionsSchrifft an die Marquise allein sie
wollte selbige nicht annehmen sondern sprach Ich sollte meinem Herrn nur
mündlich sagen dass sie weiter mit ihm nichts zu tun hätte auch so lange er
in Paris wäre alle Gelegenheit vermeiden würde von ihm gesehen zu werden
Uber dieses Kompliment schien er vollends ganz Trostlos und aller Hoffnung
beraubt zu sein doch fing diese wiederum ein wenig an zu käumen als ihm noch
selbiges Abends von einer unbekandten Person ein Billet mit folgenden Zeilen
eingehändiget wurde
Monseigneur
Ich zweiffele nicht dass euch der Eigensinn meiner gebietenden Frauen einigen
Kummer werde verursacht haben allein weil ich nicht glaube dass ihr so viel
gesündiget habt als man euch Schuld gibt so will ich euch ein Geheimnis
eröffnen vermittelst dessen ihr wo euch anders etwas daran gelegen bald
wieder in vorigen Kredit gesetzt werden könnt Weil ich aber nicht weit von ihr
gehen darff so erwarte euch auf ein kurtzes Gespräch diese Nacht punctuell um
11 Uhr an der HinterTür unseres Pallasts als
Eure
gehorsamste Dienerin
Lucretia
Mein Herr machte sich fertig zu diesen nächtlichen SpatzierGange nahm auch
den Jäger und einen ReutKnecht die Pistolen und Pallasche bei sich hatten mit
sich und befahl ihm immer auf etliche 20 Schritte nachzufolgen wenn er aber
stehen bliebe auch auf ihrer Stelle stehen zu bleiben Er kommt glücklich an
die HinterTür des Marquisischen Pallasts dieselbe öffnet sich punctuell um
11 Uhr es kommt ein Frauenzimmer heraus auf die oberste Stuffe getreten und
winckt ihm so viel er in der Demmerung erkennen kann näher zu kommen so bald
er aber bei ihr ist stößt sie ihn mit einem Dolche dergestalt heftig auf die
Brust dass er zurück prallen muss zu gleicher Zeit springt sie zurück und
schlägt ihm die Tür vor der Nase zu
Mein Herr hebt den Dolch welcher ihm vor die Füße gefallen auf kam nach
Hause und erzählte was ihm begegnet war wollte auch anfänglich nicht viel
Wesens aus der Wunde machen allein weil der Stich recht durch den
BrustKnochen ging und der Dolch allem Vermuten nach vergifftet gewesen
geriet dieselbe dergestalt übel dass er bei nahe seinen Geist aufgegeben denn
der ganze Hals und Brust war dergestalt verschwollen dass er kaum noch ein
wenig Atem holen konnte Jedoch nach 5 Wochen fing es sich endlich zu bessern
an so dass er wieder im Zimmer herum gehen konnte indem er sich aber nicht
einbildete dass der Marquis von der Historie so zwischen ihm und der Marquise
passiert die geringste Wissenschaft haben würde nahm es ihm Wunder dass er
keine Visite von demselben bekommen er erfuhr aber zufälliger Weise dass der
Marquis in Königl Affairen verreiset sei Des Tags darauf als er sich wiederum
in die freie Luft begeben brachte ein fremder Laquei einen Brief welchen ich
weil mein Herr denselben auf seinen SchreibeTische liegen lassen also gesetzt
befand
Ungetreuer
Nicht die Lucretia sondern ich selbst habe euch bestellt um mich zu rächen
einen Dolch zu euer lasterhaftes und meineidiges Hertze zu stoßen bin aber
wie ich mercke zu schwach gewesen diesem Werckzeuge meiner gerechten Rache
gnugsamen Nachdruck zu geben Jedoch ich getröste mich dessen dass bald eine
stärckere Faust über euch kommen soll denn es wird nicht eher wieder vergnügt
leben biss da weiß dass ihr in die andere Welt geschickt seid
Die
deren getreuer Liebe ihr niemals
würdig gewesen
Nun ist es Zeit sprach mein Herr nachdem er diese Zeilen gelesen zu dem
KammerDiener dass ich Paris verlasse macht deswegen Anstalt dass wir je ehe
je lieber nach dem Turinischen Hofe aufbrechen Der KammerDiener welcher
nunmehr mit Missvergnügen sah dass seine Propheceiung mehr als zu zeitig
eingetroffen ließ an seinem Fleiße nichts ermangeln deswegen brachen wir
nachdem mein Herr von seinen besten Freunden unter einem ganz andern Vorwande
kurzen Abschied genommen eiligst auf und nahmen unsern Weg mit kurzen
TageReisen auf Troyes zu allwo wir die Bagage noch antraffen dieselbe aber
voraus gehen ließ weil mein Herr gesonnen war einige Tage hieselbst
auszuruhen allein seine Ruhe währete nicht lange denn gleich andern Tages
gegen Abend kam ein Kavalier welcher ihm vom Marquis von R ein Billet
folgendes Inhalts überbrachte
Ihr habt eure Parole wegen Verschweigung eines gewissen Geheimnisses nicht als
ein rechtschaffener Kavalier sondern als ein gehalten deswegen bin
ich euch so bald ich solches erfahren auf dem Fuße nachgefolget um euch den
offerirten letzten BlutsTropffen zur Satisfaction mit meinem Degen abzufordern
Uberbringer dieses mein Beistand hat von mir Vollmacht wegen Zeit und Orts
Abrede mit euch zu nehmen denn die Zeit euch im Reiche der Toten zu wissen
währet viel zu lang
Dem
Marquis von R
Mein Herr besprach sich also mit dem Kavalier und es wurde wegen desto
besserer Sicherheit so wohl vor diesen als jenen Teil beschlossen dass uns
der Marquis biss nach Geneve folgen und das Duell in selbiger Gegend vorgenommen
werden sollte weil sich daselbst die Frantzösischen Savoyischen und
Schweitzerischen Gräntzen scheiden Mitlerweile gab mein Herr den Kavalier
folgende AntwortsZeilen zurück
Ihr seid von Haltung meiner Parole falsch berichtet oder müsst nunmehr
erstlich eine andere Ursache hervor gesucht haben mit mir anzubinden Wegen des
ersteren will meine Unschuld nicht mit Worten sondern damit ich nicht vor einen
Zaghaften gehalten werden möge gegen euch lieber mit dem Degen defendiren
Wegen Zeit und Orts ist eurem Belieben nach mit Zurückbringern dieses
bereits Abrede genommen und es kann nicht schaden dass ihr euch auf dieser Reise
biss an Franckreichs Ende noch eine kleine Motion macht bevor ihr von mir ins
Reich der Toten geschickt werdet Denn dahin zu spatziren ohne eure Gemahlin
erstlich wieder ausgesöhnt zu wissen hat vor jetzt noch keine Lust
NN
Hiermit ging der Kavalier wir aber setzten unsere Reise gleich Tags hernach
fort und hielten keinen RastTag biss wir nach Geneve kamen Zwei Tage waren
wir schon da gewesen als der Kavalier wieder kam und nur eine ViertelStunde
mit meinem Herrn in Geheim redete Abermahls zwei Tage hernach ging das Duell
auf Schweitzerischen Grunde und Boden vor sich Der Marquis wurde erstlich
zweimahl leichte von meinem Herrn blessirt da er aber ungeacht alles
Zuredens nicht zufrieden sein sondern meinem Herrn absolut tot haben wollte
jagte ihm dieser endlich seine Klinge dergestalt tieff in die Brust dass er
ohne ein Wort zu sprechen zu Boden sanck Wir hielten uns also nicht lange bei
seinem erblasseten Körper auf sondern eileten von dannen und erreichten gar
bald ein Savoyisches kleines Städtgen und etliche Tage darauf die HauptStadt
Turin allwo mein Herr und wir alle von der beschwerlichen Reise ausruheten Mir
schwebte der entleibte Marquis stets vor Augen und wunderte mich sehr dass mein
Herr sich dergleichen BlutSchulden ganz und gar nicht zu Gemüte zohe sondern
in Turin erstlich als ganz von neuen lustig zu leben anfing auch sich nicht
nur mit einer sondern etlichen vornehmen Dames in ein geheimes
LiebesVerständnis einließ welches mir als dem Brief und KomplimentenTräger
zwar manchen schönen Ducaten einbrachte jedoch weil ich nunmehr schon
ziemlich zu Verstande gekommen und bemerckt dass meines Herrn LebensArt recht
Epicurisch indem er sich weder um Beten Singen noch Religion etwas
bekümmerte auch so lange ich bei ihm gewesen nicht zum Heiligen Abendmahle
gewesen war wünschte ich dass er sich ändern und nicht etwa einmal so in
seinen Sünden dahin fahren oder, dass ich bald von ihm hinweg kommen und solches
Unglück nicht mit ansehen möchte Weil ich aber etliche Tage Zeit darzu haben
müsste wenn ich alle seine Liebes und andere zum Teil sehr verwegene Streiche
die er in Italien gespielt ordentlich erzählen wollte so will nur um kurtz
davon zu kommen noch so viel melden dass nachdem wir binnen 3 Jahren die
vornehmsten Städte Italiens besehen ihn das Angedencken einer wunderschönen
KauffmannsFrau zum andernmahle fast von der Gräntze zurück nach Mayland zohe
Allein da er das vorige mahl mit derselben in der allergrößten Vertraulichkeit
gelebt musste er nunmehr erfahren dass sie ihm sehr kaltsinnig begegnete und
endlich erfuhr er auch dass ein ganz junger Frantzösischer Duc seinen Posten
bei ihr eingenommen hätte deswegen sparete er weder Mühe noch Kosten
denselben wieder auszustechen und das wollüstige Weib mag sich endlich wohl
resolviren ihre GunstBezeugungen unter diese beiden Amanten gleich
einzuteilen um entweder ihre Geilheit recht zu ersättigen oder vielleicht von
Beiden starken Profit zu ziehen Demnach bringt sie es auf listige Art dahin
dass beide keine öffentliche Visiten ferner bei ihr ablegen dürffen heimlich
aber lässt sie Wechselsweise bald den Franzosen bald meinen Herrn zu sich
kommen welcher keine Gelegenheit verabsäumete dieser geilen Frauen
aufzuwarten ungeacht ihm gesteckt wurde dass dem Kaufmanne seinetwegen ein
Floh ins Ohr gesetzt worden Mittlerweile starb meines Herrn KammerDiener an
einem hitzigen Fieber woran wohl nichts anders als der Wein welchen er gar zu
gern trunck Ursach sein mochte Mein Herr bedauerte denselben wegen seiner
treugeleisteten Dienste sehr bekam zwar einen andern Deutschen feinen
Menschen an dessen Stelle hatte aber dennoch mehr Vertrauen zu mir als zu ihm
und gab mir das meiste von seinen kostbarsten Sachen unter meinen Verschluss wie
gern ich aber gesehen hätte dass mein Herr um nur von seiner gefährlichen
LebensArt abzukommen das verführerische Mayland einmal verlassen hätte so
gedachte er doch niemals daran zumahlen da nicht allein aus Deutschland
frische Wechsel einlieffen sondern er auch von seinem MitBuhler dem
Frantzösischen Duc welcher ihm eines Abends in einer Assamblee beim Spiele
stark forçirte 1500 spec Ducaten baar Geld und über dieses einen
WechselBrief auf 1000 Ducaten gewonne Nach der Zeit stellte sich der
Frantzmann sehr hochmütig gegen meinen Herrn welcher selbiges zwar nicht
sonderlich æstimirte endlich aber erfuhr dass der Duc gegen jemanden der ihn
wegen seines großen GeldVerlusts beklagt diese Worte ausgestoßen Die
drittehalb tausend Ducaten gönne ich dem Deutschen gerne weil ihm das Glücke in
aufrichtigen Spiele günstiger gewesen als mir allein wenn er mir wie unter
der Hand verlauten will an einem gewissen Orte ins Gehäge geht und ich ihn
attrappire so kostet es einem unter uns beiden das Leben Ein anderer Kavalier
hatte den jungen Duc gewarnet und gesagt dass mein Herr ein wohl exercirter
Fechter sei auch wie man vernommen vor einiger Zeit einen geschickten
Frantzösischen Marquis ohnweit Geneve erstochen der Duc aber hatte darauf
geantworttet »Wohlan so wird es mir eine desto größere Ehre sein wenn ich
ihm was anhabe und zugleich meinen erstochenen LandsMann rächen kann« Mein
Herr lächelte als man ihm dieses vorbrachte und sagte »Ich weiß noch nicht
wo der GelbSchnabel sein Gehäge hat sonsten wollte aus Erbarmung und Eckel
selbiges vermeiden indem ich ohne allen Schertz viel Kommiseration mit seiner
Schwachheit habe wünsche im übrigen dass er andere Gedanken bekommen und
meine Gesellschaft meiden möge« Von der Zeit fing mein Herr selbst an zwar
die Gesellschaft des Duc nicht aber der Kauffmanns Frau zu meiden sondern
schlich so lange nach derselben biss er von jenem auf dem fahlen Pferde attrapi
ret und rencontriret wurde Der Duc bekommt etliche Hiebe über den Kopf und
rechten Arm welche ihm aber weder Kranckheit noch Lähmung verursachten
weswegen er meinem Herrn ein Kartell zuschickte und wegen dieser Blessuren die
er seinem Vorgeben nach unredlicher Weise empfangen sehr gestrenge
Satisfaction forderte Mein Herr ließ ihm zurück melden dass ungeacht er
gesonnen gewesen binnen wenig Tagen nach Deutschland aufzubrechen er doch
nunmehr biss zu des Duc Wiedergenesung in Mayland verbleiben wollte anbei
wünschte dass selbige bald erfolgen möchte
Etliche Tage hernach da mein Herr verschiedene Kavaliers auf seinem Zimmer
tractirte ließ sich in einem GastHause gegen über eine vortreffliche Vocal
und InstrumentalMusik hören weswegen immer eine Partei von unsern Gästen nach
der andern in die Fenster traten und darauf merckten Mein Herr stund hinter 2
Kavaliers welche sich zum Fenster hinaus bückten und ehe man sichs versah
hörte man einen Platz und Erschütterung des FensterRahmens mein Herr aber
fiel zu gleicher Zeit rückwärts zu Boden und es lief ihm aus einer an der Stirn
habenden Wunde das Blut über das Gesichte herab Unterdessen als man
beschäfftiget war denselben aus der Ohnmacht zu reißen kam ein erfahrner
Chirurgus welcher ihm eine Ader öffnete und nachher bei Untersuchung der
Wunde eine BleiKugel in dem StirnBeine steckend fand Ob nun schon dieselbe
mit großer Mühe heraus gebracht und sonsten alles zu seiner LebensErhaltung
angewendet wurde so merkte doch ein jeder bald dass ihm diese Blessur den Tot
verursachen würde denn er lag ohne Verstand mit halb eröffneten Augen beständig
als in einem tieffen Schlaffe holete aber doch stark Atem darinnen Aller
Anwesenden Urteile nach war die Mord Kugel aus einer WindBüchse und zwar
etwa durch ein DachFenster des gegen über liegenden GastHauses herab
geschossen worden und würde unfehlbar meinem Herrn biss ins Gehirne
eingedrungen sein wenn sie nicht vorher ein Stück vom FensterRahmen hinweg
genommen mithin sich ermattet gehabt Es wurde bei dem GastWirte eine
scharffe Nachfrage angestellet jedoch nichts heraus gebracht denn dieser
gestund zwar dass seit etlichen Tagen einige fremde Personen in seinem obersten
StockWerck logirt da sie ihn aber das Logis voraus bezahlt hätte er sich um
ihren Ausgang nicht bekümmert jedoch kein Schiess Gewehr viel weniger eine
WindBüchse bei ihnen gesehen Das war es alles was man des Täters wegen
erfahren konnte demnach musste mein Herr behalten was er hatte ausgenommen das
Leben Doch ehe er dieses einbüssete kam in der 4ten Nacht nach der empfangenen
Blessur sein Verstand auf einmal plötzlich wieder und blieb ganzer 8 Stunden
bei ihm weswegen die Aertzte und sonderlich wir seine Bedienten sehr freudig
wurden allein er sagte ganz hertzhaft Kehret euch an nichts denn es ist
nichts gewissers als dass ich sterbe
Hierauf befahl er mir einen Protestantischen Geistlichen welchen zwei
junge Deutsche Barons unter dem Titul eines Gouverneurs bei sich hatten zu
ruffen Dieser unterredete sich über zwei ganzer Stunden lang mit ihm reichte
ihm auch nachher in meinem Beisein das Heilige Abendmahl Hierauf ließ er 2
nicht weit von ihm wohnende Deutsche Kavaliers ruffen bat dieselben seine
Disposition die er schon ehedem auf einen solchen plötzlichen Fall gemacht
mit seinem ihren und des Geistlichen Petschaften zu versiegeln und den Tag
da dieses seinem Willen gemäß geschehen nebst ihren Nahmens darauf zu noti
ren Auch mussten dieselben verschiedene Kasten mit seinen und ihren Petschaften
versiegeln und dieserwegen eine Schrifft in meine Hände liefern Hernach
beschenckte er seine Bedienten reichlich ehe er aber an mich kam vergingen ihm
die Gedanken und er lag abermals ganzer 28 Stunden ehe er sich wieder
besinnen konnte Dieses letztere geschahe Morgens früh eben da die vorigen
Freunde wieder bei ihm waren und seine erste Rede war Wo ist mein Willhelm
Ich trat mit weinenden Augen zu ihm er aber sprach Gib dich zufrieden einmal
muss ich doch sterben mein Chatoull und der rote Koffre mit allen dem was
drinnen ist soll deine sein hiervon aber solst du meine BegräbnisKosten
bezahlen und das im roten Koffre blau laquirte Kästlein an die bewusste Person
liefern ich traue deiner Redlichkeit schon so viel zu dass du dieses ohne
fernere Weitläufftigkeiten bewerckstelligen wirst was sonsten noch von meinen
unversiegelten Sachen umher steht und liegt soll nach meinem Tode ebenfals
alles deine sein
Nachdem er hierüber die anwesenden Herrn zu Zeugen angeruffen bat er man
möchte ihn mit dem Geistlichen etwas alleine lassen dieser blieb also bei ihm
biss er abermals in einen Schlummer verfallen war aus welchen er sich denn auch
nicht ermunterte sondern ein paar Stunden nach Mittags seinen Geist aufgab
Ich sparete keine Kosten meinen erblasseten Herrn Standesmäßig zur Erden
bestatten zu lassen indem ich baares Geld genung darzu fand mit dem
Uberbliebenen aber wohl zufrieden sein konnte Indem ich nun Anstalten zu unserer
Reise nach Deutschland machte kam mir eines Tages ein Billet folgendes
Inhalts zu Handen
Monsieur Wilhelm
Damit ihr den Verdacht wegen Entleibung eures Herrn nicht etwa auf eine unrechte
Person werffen möget so wisst und glaubt als eine sichere Wahrheit dass
niemand anders als die Frantzösische Marquise von R Schuld daran sei denn
diese hat nachdem sie vernommen dass ihr Gemahl von ihm erstochen worden so
gleich 3 Banditen erkaufft und mit dem Befehle ihn in ganz Italien
aufzusuchen und das LebensLicht auszublasen fortgeschickt Es ist in Rom
Neapolis und Venedig erliche mahl fehl nach ihm geschossen auch an viel andern
Orten auf ihn gelauret worden er ist uns aber jederzeit zu gescheut gewesen
biss es uns allhier in Mayland endlich doch geglückt die andere Helffte unseres
versprochenen Recompenses zu vedienen ohne ihn biss nach Deutschland zu
verfolgen Nun reist ihr so glücklich als wir drei es uns wünschen
Adieu
Ich lasse es dahin gestellt sein ob es wahr dass die Marquise so einen gar
grausamen Hass auf meinen erblasseten Herrn gelegt zumahlen er derselben mit
Entleibung ihres Mannes vielleicht keinen Tort getan vielmehr wollte wohl
sagen wie ich mehr glaubte dass mir der Frantzösische Duc diesen Brief zu
practiciren lassen nachdem er vielleicht die Banditen selbst zu dieser Mordtat
erkaufft und was mich in diesem Glauben stärckt ist dieses dass ich nachher
erfahren wie eben oft gemeldeter Duc nach seiner Heimkunft die Marquise von
R geheiratet hat
Dem allen aber sei nun wie ihm wolle genung wenn mein Herr sich von der
WeiberLiebe nicht allzu sehr betören lassen so wäre er einer der
glückseeligsten Kavaliers gewesen und lebte vielleicht diese Stunde noch denn
er hatte eine vollkommen gesunde und ungemein starke Natur so aber war bloß
das Frauenzimmer Schuld und Ursach an allen seinen Wiederwärtigkeiten
UnglücksFällen und endlichen frühzeitigen Tode
Nunmehr war vor mich nichts weiter zu tun als den Weg ins Vaterland zu
suchen deswegen nahm ich nachdem mir die Deutschen Kavaliers tüchtige Pässe
ausgewürckt Wagen und MaulTiere zur Miete um meines Herrn Sachen darauf
fort zu schaffen der Jäger und die zwei ReutKnechte blieben bei mir der
neulichst angenommene KammerDiener aber wollte sich in Italien einen andern
Herrn suchen Nach einer sehr beschwerlichen und verdrießlichen Reise gelangeten
wir endlich auf dem RitterSitze des Herrn von E an den ich zwar nicht
sogleich selbst zu Hause antraff von der Frau von E aber ganz wohl
aufgenommen wurde als welche eine wahrhafte Betrübnis und Wehmut über den
jämmerlichen Tot meines Herrn empfinden mochte wie sie denn auch gegen mich
kein besonderes Geheimnis daraus machte sondern sehr vertraut nach allen
Umständen fragte Weil ich nun schon bescheidet war dass in dem blau laquirten
Kästgen der Schatz verwahret lag der der Frau von E vor sie selbst und ihren
kleinen Sohn zugedacht war welcher Knabe meines Herrn ganze Person wie er
geleibet und gelebt en Mignature præsentirete so säumete ich mich nicht ihr
dieses ganz und gar mit Gold und Jubelen angefüllete Kästgen zu überreichen wo
vor sie mir denn zum Gratial ehe noch ihr Herr nach Hause kam 100 spec Ducat
en aufdrunge Es war aber noch eine andere große Kiste mit vielen Italiänischen
Kostbarkeiten vor den Herrn und die Frau von E unter den mitgebrachten Sachen
von meines Herrn Verlassenschaft welche ich da der Herr zu Hause gekommen
demselben einhändigte Beide mochten vor sich so viel darinnen finden dass sie
Ursach hatten darüber vergnügt zu sein und meines seeligen Herrn Generositee
zu bewundern mir aber schenckte der Herr von E vor meine Mühe und getreue
Einlieferung 200 Tlr an lauter Lüneburgischen Gulden Die übrige
Verlassenschaft wurde nach meines seeligen Herrn gemachter Disposition unter
seines schon vor längst verstorbenen Bruders Kinder geteilet welche wohl in
Wahrheit lachende Erben zu nennen waren indem sie zwar mit den Kleidern
traureten allem Ansehen nach aber im Hertzen jauchzeten Ich bekam weil ich
bei ihnen keine Dienste nehmen wollte von allen insgesamt nicht mehr als 100
spec Tlr ein Kleid und ein Pferd mit Sattel und Zeuge zum Recompense war
auch gesonnen gewisser Ursachen wegen eine Reise nach Wien zu tun allein
mein LandesHerr ließ mich eines Tages zu sich ruffen und zwang mich mit
vielen liebreichen Worten und andern GnadenBezeugungen dahin dass ich in drei
Abenden nach einander einen ausführlichen Bericht von meines seeligen Herrn
Reisen und Begebenheiten abstatten musste wie denn dieser besonders gnädige Herr
versprach solches alles bei sich zu behalten Es beschenckte mich derselbe
hierauf mit drei güldenen Medaillen so zusammen 65 Ducaten wugen und ließ mir
durch seinen OberHofmeister eine KammerDienerStelle bei ihm antragen Ich
resolvirte mich kurtz dieselbe anzunehmen indem mir außer den starken
Accidenti en eine gute Besoldung versprochen wurde jedoch bat ich mir vorher
aus auf etliche Wochen in meinen Affairen zu verreisen welches mir der
LandesHerr gnädigst erlaubte Die erste Reise so ich tat ging nicht weiter
als zu meinem ältesten Bruder der in dem Hause wo ich geboren worden
Wirtschaft trieb und seinen FörsterDienst besorgte Er hatte geheiratet
aber leider das GOTT zu erbarmen ein Fräulein Mägdgen vom Hofe welche von
ihrem Fräulein eine starke Mitgifft von Teé und KoffeéKannen Schälchen
Löffelchen und dergleichen Tänteleien und Löffeleien bekommen hatte Von dem
sauber gestickten KnöppelKüssen Bildern â la mode Bette propren Stühlen
deren aber mit einem verunglückten nur 6 waren und dergleichen will ich
nichts gedenken weil ich solche Sachen nach ihrem innern Wert mir nicht zu
taxiren getraue Mir aber schien es hell und klar in die Augen dass mein Bruder
einen abgenutzten Affen foeminini generis oder ein solches Frauenzimmer zur
Frau bekommen hatte die sich zwar sehr wohl an den Tisch und ins Bette aber
desto schlechter zu seiner Oeconomie schickte und wie es sonsten um seine
Schwagerschaft gehalten darum habe mich mit allem Fleiße nicht erkundigen
wollen Genung ich spürete an ihm dass er die NachWehen einer unglückseeligen
Heirat mehr als zu sehr im Kopffe fühlete Seinen Kummer auf einige Zeit zu
vertreiben schenckte ich ihm verschiedene feine Sachen von ziemlichen Wert
seiner Frauen aber um ihre Galanterie vollkommen zu machen eine Italiänische
Uhr und Tabatiere Von meinem Vater konnte mir dieser mein ältester Bruder so
viel Nachricht geben dass derselbe gleich nach dem gehabten Unglücke in ein
RömischKatolisches Ländgen geflüchtet sich daselbst in ein Hospital gekaufft
allwo er gut Essen und Trincken auch gute Verpflegung gehabt daher von seinen
Kindern nichts verlanget sondern denselben noch etliche 30 Tlr zurück
geschickt es wäre aber derselbe vor ungefähr zwei Jahren gestorben Mein
jüngster Bruder hätte durch Vorschub guter Leute studiret aber nur biss an den
Hals indem er sich auf Universitäten in der besten Zeit auf die faule Seite
gelegt und die Stipendia so er verstudiren sollen durch die Gurgel gejagt
jedoch säße derselbe voritzo ganz wohl indem er in der nächsten Stadt eine
gebrechliche Wittbe geheiratet die ihm einen SekretarienTitul gekaufft nur
dass sie mit solcher Manier sich auch in vornehmer Tracht sehen lassen dürffte
Endlich erfuhr ich dass meine älteste Schwester als ViehMagd und die jüngste
als Mädgen auf einem EdelHofe dieneten Diese beiden letztern jammerten mich am
meisten weswegen ich ihnen einen Boten schickte und sie zu mir ruffen ließ
Es war in Wahrheit Schade dass diese beiden armen Tiere bisher so verächtlich
leben müssen denn sie sahen nicht hässlich aus deswegen befahl ich ihnen sich
so bald als möglich Dienstlos zu machen gab einer jeden 50 Tlr davor sie
sich saubere Bürgerliche Kleider anschaffen und in der nächsten Stadt bei guten
Leuten in die Kost verdingen sollten biss sich anständige Männer vor sie fänden
da ich denn einer jeden 300 Tlr zur Ausstattung zu geben auch mitlerweile
das KostGeld und andere Bedürffnisse zu zahlen versprach Man kann leicht
erachten dass beide hierüber ungemein froh gewesen und es währete nicht lange
so heiratete die Aelteste einen Bader und die Jüngste einen GewürtzCramer
empfingen auch von mir die versprochenen EheGelder Weil ich aber doch auch
meinen jüngsten Bruder gern sehen und sprechen wollte reiste ich zu ihm traff
ihn aber nicht als einen Gelehrten sondern als einen schmutzigen BrauKnecht
an jedoch er warff sich bald in weiße Wäsche und in einen seidenen
SchlaffRock und empfing mich nunmehr erstlich recht brüderlich dergleichen
die Frau Schwägerin auch tat jedoch ihre Freundlichkeit nachher erstlich
recht blicken ließ da ich einige Italiänische Sachen von nicht geringen Werte
zum Geschenke überreichte Dieserwegen eröffnete sich nun ihr holdseeliger Mund
dergestalt dass, wenn man hinein sah man sich die Rudera eines abgebrandten
Dorffs ganz eigentlich vorstellen konnte weil sie sich die Kronen von den
Zähnen fast alle abgebissen jedoch wie ich nachher gewahr wurde noch
ziemlich keiffen konnte Ich hielt mich weil ich meine Schwestern mir Antwort
dahin zu bringen bestellt hatte etliche Tage bei meinem Bruder auf und wurde
von ihm und seiner Frauen ganz wohl tractiret allein da ich kaum 3 oder 4
Tage da gewesen hörte ich wenn ich nur den Rücken gewendet dass sie sich um
der geringsten Ursache willen aufs heftigste mit einander zanckten hergegen
konnte das alte MurmelTier so bald jemand darzu kam so freundlich tun als
ein Ohr Wurm und ihrem Manne sehr viel Respekt erweisen da doch derselbe ein
würcklicher Sklave von ihr war In meinen Ohren klung nichts ärgerlicher als
wenn sie früh Morgens wenn ich noch im Bette lag oder auch sonsten des Tages
über zum öffteren bald diese bald jene KommandoWörter von sich hören ließ
eg Herr Sekretarius geht doch hin und gebt den Schweinen Herr Sekretarius
hänget den KäseKorb wieder auf Herr Sekretarius hackt doch etliche
ScheiterHoltz Herr Sekretarius seht zu ob etwa die Kuh gekalbet hat Herr
Sekretarius befühlt die Hüner ich stecke im Teige Herr Sekretarius gebt dem
Mädgen vor einen halben WeißPfennig steiffen Käse und ja nicht mehr als 3
Klitsche etc etc Ja ich sage es noch einmal wenn ich diese Ordres hörte
hätte ich vomiren mögen und gedachte meines Bruders wegen Du armer Hanss hast
du auch gefreiet Eines Tages da ich mit meinem Bruder welcher im Walde Holtz
besehen wollte Spatzieren ging fragte ich denselben unter andern ob er auch
sonst vergnügt in seinem Ehestande lebte Ach erseuffzete er wenn ich gewust
hätte was ich nachher erfahren so wollte zehnmahl lieber eine Musquete auf die
Schulter genommen und meinen Puckel dem Korporal alle Woche ein paar mahl
hingehalten haben denn ich bin durch mein Heiraten zum allerunglückseeligsten
Menschen gemacht Mit schönen Kleidern behängt mich meine Frau so wie etwa ein
großer Herr seinem LeibHengste ein kostbar Zeug auflegen lässt um Staat darmit
zu machen aber ich darff nirgends damit hingehen wo sie nicht dabei ist
ausgenommen in die Kirche und auch dahin nicht einmal wenn ihr der Kopf
nicht recht steht denn sie spricht gleich ich ginge nicht in die Kirche
Gottes Wort zu hören sondern mich nur nach schöneren Weibern und Jungfern
umzusehen Macht mir ein ander Frauenzimmer etwa ein höflich Kompliment und ich
ziehe meinen Hut dagegen wieder ab fängt sie alsofort zu brummen an Ja ja
Die kennest du auch schon besser und hättest sie lieber als mich seht nur
wie das KanaillenPack vor meinen sichtlichen Augen mit einander charmiren kann
I denckt doch dass ich nicht ein Narre wäre und mich hinlegte und stürbe und
dich singen ließe
Die Alte verließ mir diss steinerne Haus
Die Junge guckt mit mir zum Fenster hinaus
Ja bestuhlgängele dich nicht Parissgen in 50 Jahren wirst du mich noch nicht
los auf 1 Jahr magst du mich wohl genommen aber nicht gesehen haben wie viel
Nullen dabei stehen Hundert Jahr gedencke ich alt zu werden dir zum Schure du
Nack Denn ich habe dich aus einem verdorbenen Studenten zum
rechtschaffenen Manne gemacht und dir zwar eins von meinen besten Häusern
zuschreiben lassen aber das ist auch das beste dass ich mir noch ein
Kläuselchen dabei ausbedungen und vorbehalten es also in Zukunft doch noch
halten kann wie ich will etc etc Solche und dergleichen Reden fuhr mein
Bruder fort muss ich fast täglich von ihr anhören und einfressen weswegen mir
alle Bissen so ich einschlucke zu Gift und Galle werden und mich nur
wundert wie es zugehen muss dass ich doch immer dicker und fetter werde und
zwar zu meinem größten Verdrusse Was ich vor Quaal von ihren Kindern und
einigen nächsten Freunden ausstehen muss davon will ich jetzo nichts gedenken
auch noch andere vorgefallene Sachen und Geschichte biss auf andere Zeit
verschweigen und dir allerliebster Bruder nur so viel im Vertrauen sagen dass
ich diese Sklaverei und den Spott der Leute dessentwegen ich mich fast in
keiner honetten Kompagnie darff sehen lassen so lange mit Geduld ertragen
will biss ich nur erstlich den LeichenStein gefunden worunter meiner Frauen
ihr Mammon begraben liegt Diesen will ich so dann bald auferwecken lebendig
machen und mit mir in alle Welt führen
Ich redete meinen Bruder zu von dergleichen Gedanken abzustehen des
ruhigen Lebens und guten Auskommens wegen sein flüchtiges Geblüte zu
besänftigen und mit Geduld auf die Änderung des Himmels zu warten allein er
schwieg stille und ich bedaurete ihn in meinem Hertzen dass ein altes böses
Weib denselben in der besten Blüte seiner Jahre erhascht und an statt ihrer
Meinung noch glücklich dennoch zum unglücklichen und unvergnügten Menschen
gemacht hatte
Nachdem aber meine Schwestern da gewesen und mir berichtet wie sie bereits
andere in ihren bisherigen Dienst gestellt und nunmehr im Begriff wären ihre
eigene Wirtschaft bei einer gewissen alten Wittbe zu führen ich ihnen beiden
hierzu auch noch 50 Tlr baar Geld gegeben hatte nahm ich bald von meinem
Bruder Abschied überließ ihm seinen Verhängnisse mit dem hertzlichen Wunsche
dass er künftig vergnügter leben möchte reiste auf die Residentz unsers
LandesHerrn zu und trat meinen Dienst bei Demselben an Das HofLeben begunte
mir gar bald besser zu gefallen als immer von einem Orte zum andern zu reisen
zumahlen da ich einen sehr gnädigen Herrn wenig Dienste richtige Besoldung
einen vortrefflichen Tisch und starke Accidentien hatte deswegen beschloss
ich ZeitLebens allda zu bleiben getreu zu dienen jedoch auf dem Fall der
Veränderung eine gute Heirat zu treffen und mein Kapital welches ohne die
Meublen annoch in 3000 Tlr bestunde nebst den zu hoffen habenden
HeiratsGeldern an ein eigen Haus Feld und dergleichen zu legen auch sonsten
etwa einen vorteilhaften Verkehr anzufangen So bald meine kaum aufgekäumten
guten Freunde dieses merckten schlugen sie mir verschiedene Partieen von
Jungfern und Wittfrauen von 2 3 4 5 biss 10000 Tlr reich vor allein
wenn ich es bei dieser oder jener recht untersuchte so war überall ein Nisi
dabei Endlich fiel mir ungefähr ein Frauenzimmer in die Augen welche weil
ich hörte dass sie noch ungebunden wäre mein Hertz auf einmal ganz besonders
an sich zohe denn sie war wiewohl etwas stark und fett von Leibe und
Gesichte aber sehr proportionirlich gestaltet und überhaupt mit einer schönen
und zarten Haut überzogen Bei fernerer Erkundigung dieser Person wegen erfuhr
ich dass sie zwar keine Eltern mehr aber doch 4000 Tlr baares Geld auf
Zinsen außen stehen hätte bei ihrer seeligen Mutter Schwester als eine Tochter
im Hause gehalten und dermahleins auch noch etwas von derselben erben würde
Ferner sagte man mir dass ungeacht sie kaum 20 Jahr alt doch schon mehr als
noch einmal so viel Freier bei ihr gewesen worunter einige in großen Aemtern
säßen allein sie wollte durchaus nicht ehe heiraten biss sich einer fände
den sie rechtschaffen lieben könnte er möchte reich oder arm auch nur
mittelmäßigen Standes sein wenn er nur etwas zu erwerben vermögend damit sie
ihr vergnügliches Auskommen eine liebreiche Ehe und keine Schande von ihm haben
möchte Ubrigens wäre sie sehr stilles Gemüts eine Feindin der Wollust und des
überflüssigen Staats versäumete hingegen fast keine einzige Kirche
Das wäre ein Weibgen vor mich gedachte ich in meinem Hertzen als man mir
dieses sagte und an einigen Orten confirmirte deswegen suchte alle
Gelegenheit diese Schöne zu sprechen zu kriegen allein es hielt schwer und
noch schwerer auszuforschen ob ihr meine Person zum EheManne anständig am
allerschwersten aber ging es zu sie biss dahin zu bringen dass sie sich
ordentlich und öffentlich mit mir verlobte unsere Hochzeit aber musste ein und
anderer wichtiger Umstände wegen noch etwa auf ein Viertel Jahr hinaus
verschoben werden Jedoch gleich nachdem das Verlöbnis gewesen gönnete mir die
alte Frau Muhme etwas mehr als sonsten Freiheit meine Liebste zu besuchen
ausgenommen wenn ich etwas spät vom Schloss kam wollte sie mich durchaus nicht
zu ihr einlassen Endlich ließ sich meine Liebste welche ihre eigene Stube und
Kammer hatte dahin erbitten dass sie mir einen NachSchlüssel zur HinterTür
des Hauses machen ließ da ich denn im Stalle erstlich zwei Treppen hoch in die
Höhe steigen über einen langen Boden hin und so dann erstlich wieder eine
Treppe herunter schleichen musste ehe ich in ihre Stube kommen konnte
Solchergestalt passirete ich manche nächtliche Stunde mit meiner Liebste in
Geheim muss aber gestehen dass sie sich gegen mich ungemein keusch und
tugendhaft stellte indem sie mir außer den Küssen nicht die allergeringste
LiebesFreiheit erlaubte auch sich hoch verschwur bei dieser Art zu
verbleiben biss wir wirklich mit einander copulirt wären Deswegen verschonete
ich dieselbe mit ferneren Versuchungen und gratulirte mich im Hertzen dass ich
eine solche keusche und züchtige Liebste hätte Eines Tages befahl mir mein
Herr mich zu einer Reise anzuschicken von welcher ich vielleicht in 2 biss 3
Wochen nicht wieder zurück kommen möchte deswegen nahm ich mit allem Fleiße
auf 4 Wochen von meiner Liebste Abschied um meiner Meinung nach ihre Freude
zu vergrößern wenn ich unvermutet zeitiger zurück käme allein meine
Verrichtungen lieffen dergestalt glücklich dass ich schon in der zwölfften
Nacht jedoch ziemlich späte zurück kam denn es war nicht anders als wenn
mich ein starcker Wind fort triebe welches ich der heftigen Liebe zu meiner
Braut Schuld gab auch keine Minute versäumete ihr selbst die erste Nachricht
von meiner glücklichen Zurückkunft zu bringen Nachdem ich aber die HinterTür
geöffnet und nach der Treppe zu schleichen wollte sah ich dass 2
WeibsPersonen mit einer Laterne auf den Stall zugegangen kamen weswegen ich
eilete und mich in der Geschwindigkeit hinter die halb mit Bretern verschlagene
BodenTreppe verkroch auch sehr bewunderte was diese noch so späte allhier zu
suchen hätten da ich sonsten um selbige Zeit niemals einen Menschen mehr
munter gefunden als meine Liebste ganz alleine Indem kam die Magd mit der
Laterne ingleichen eine Frau die etwas unter dem Mantel hatte in den Stall
getreten welche letztere da sie beide an die HinterTür kamen ganz leise zu
sprechen anfing »Gertrute wartet und leuchtet her ich muss erstlich noch
einmal danach sehen« Hiermit setzte die Frau einen unter dem Mantel habenden
HebeKorb auf den Boden nahm ein darüber gedecktes Tuch ab mithin konnte ich
zwischen den Bretern hindurch sehen dass ein kleines allem Ansehen nach
neugebohrnes Kind in dem Korbe lag von welchem die Frau sprach »Ach das
kleine Würmchen schläfft sanfte es würde mich ewig jammern wenn es umkommen
sollte denn es sieht gar zu schön aus eben als wenn es Jungfer Charlottchen
aus den Augen geschnitten wäre« »Ja sagte die Magd lachend es hat sich
nunmehr noch was zu jungfern nun heist es sch in die Jungferschaft«
»Ha Possen replicirte die Frau weiß es doch kein Mensche als wir unter uns
und zum größten Glücke ist auch eben ihr Bräutigam Monsieur Horn verreiset
Ach macht nur regte die Magd an dass ihr fort kommt ehe es zu späte wird
und wartet ja meiner hier bei der Laterne biss ich auch wieder zurück komme«
Hierauf gingen beide hinaus auf die Straße machten die Tür hinter sich zu
und ließ die Laterne im Stalle brennend stehen Wie mir bei dieser Geschichte
zu Mute gewesen mag ein jeder selbst bedencken denn es waren kaum 4 Monat
da ich meine liebste Charlotte zum ersten mahle von ferne gesehen hatte
Erstlich wollte ich bald hinter den WeibsBildern herlauffen da ich aber
bedachte dass sie das Kind nur weg jedoch nicht ums Leben bringen wollten
resolvirte mich unter der Treppe stecken zu bleiben um anzuhören was diese
beiden nach ihrer Zurückkunft weiter sprechen würden Lange durfte ich nicht
warten denn erstlich kam die Frau und noch keine halbe Stunde hernach die Magd
zurück welche so bald sie den Stall zugeschlossen zur Frauen sagte »Gott Lob
u Danck es ist schon gefunden und aufgehoben eine BlitzKröte ein Junge der
einen Herrn mit der Fackel heim leuchtete ward den Korb am ersten gewahr
deckte ihn auf und machte Lerm worauf so gleich noch 5 biss 6 Leute darzu
kamen welche es wieder warm zudeckten biss es von den GerichtsPersonen
aufgehoben und fortgetragen wurde Nun haben wir unser TrinckGeld redlich
verdient und ein gut Gewissen dabei behalten unser Charlottchen aber muss
hinführo doch vor Jungfer passieren biss sie Monsieur Horn zur Frau macht« »Bei
mir sagte die Frau soll es wohl verschwiegen bleiben denn ich will meinen
Eyd nicht brechen den ich der Frau N und Charlottchen geschworen habe Und ich
auch nicht sagte die Magd« Worauf beide mit der Laterne nach dem VorderHause
zu gingen ich aber schlich mich auch sachte fort in das Quartier welches ich
mir in der Stadt gemietet hatte Folgenden Morgens war die ganze Stadt voll
dass auf dem Marckte am Wege nach dem SpringBrunnen zu in vergangener Nacht
ein FindelKind wäre aufgenommen worden ich verwunderte mich so wohl mit
darüber als andere Leute es kam viel unschuldiges Frauenzimmer darüber in
Verdacht allein ich glaube es wussten wenig MannsPersonen in der Stadt das
was ich wusste wie ich denn auch nachher auf eine wunderbare Art erfahren wer
eigentlich Vater zu diesem Findlinge gewesen Unterdessen war mein erster Gang
auf das Schloss um meinem Herrn von meinen Verrichtungen Rapport abzustatten er
war damit vergnügt weilen ich aber in vergangener Nacht vor Chagrin kein Auge
zugetan zudem auf der Reise mich ziemlich strapaziret hatte sagte der Herr
gleich zu mir Euch ist nicht wohl man sieht es an eurer blassen Farbe dieses
machte ich mir so fort zu Nutze gab vor ich hätte unterwegs einen kleinen
Sturtz mit dem Pferde getan solches zwar anfänglich nichts geachtet aber
nunmehr müsste ein starckes Stechen in der Brust empfinden Bei so gestalten
Sachen befahl mir mein Herr nach Hause zu eilen und nicht ehe wieder
auszugehen biss ich vollkommen restituiret wäre Demnach begab ich mich in mein
Logis legte mich zu Bette und stellte mich wirklich kräncker als ich war
um zur Lust abzuwarten was meine bisherige Liebste angeben würde zu welcher
ich meinen Jungen abschickte derselben meine kränckliche Zurückkunft melden
und dabei vernehmen ließ ob sie sich noch bei guten Wohlsein befände Die alte
Frau Muhme nimmt meinen Jungen gleich auf die Seite und spricht unter einer
ängstlichen Stellung Ach das GOTT erbarm mein Sohn wir haben es leider
schon gehört dass euer Herr unglücklich gewesen und mit dem Pferde gestürtzt
ist weil aber meine arme Charlotte auch seit etlichen Tagen fast totkranck
gewesen so halte vor das beste dass wir ihr gar nichts davon sagen sondern
viel lieber tun als ob euer Herr noch gar nicht wieder gekommen wäre damit
sie nicht etwa aus Schrecken wieder in die vorige Kranckheit verfällt
unterdessen wünsche ich eurem Herrn baldige Besserung dass er sie selbst
besuchen kann und ich glaube dass sie alsdenn alle beide auf einmal wieder
gesund werden wenn sie nur erstlich einander wieder gesehen haben
So listig konnte das verzweiffelte WeibesVolck seine Streiche spielen mich
zu übertölpeln allein es war ein Glück dass mich der Himmel noch zu rechter
Zeit hinter solche Bosheiten kommen lassen Indessen schwieg ich mit allem
Fleiße noch eine Zeit lang stille um der Jungfer Wöchnerin in den ersten Tagen
kein Schrecken einzujagen und sie etwa um ihre Gesundheit oder gar um ihr
keusches Leben zu bringen die KomplimentenTräger aber gingen täglich ab und
zu und endlich empfing ich von der Madame Charlotte ein also lautendes
Schreiben
Mein allerliebster Schatz
Heute ist mir erstlich gesagt worden dass Ihr bereits vor 14 Tagen von der
Reise zurück gekommen und unglücklich gewesen seid Hätte man mir solches gleich
zu wissen getan so wäre ich bei meinen damaligen Zustande auf der Stelle des
Todes gewesen weil wie ihr schon überzeugt seid ich euch mehr liebe als mein
eigenes Leben und glaube dass, wenn man es recht untersucht sich finden wird
dass ich mit euch wegen der Sympatie so sich zwischen unsern Hertzen und Seelen
findet zu einer Zeit und Stunde kranck worden bin Jedoch da man mir itzo
schmeichelt dass Ihr halb wieder genesen und euch schon an dem Fenster sehen
lasset stellen sich auch meine Kräffte allmählig ein ja wenn ich nicht von
meiner Frau Muhme abgehalten würde so wagte ich es euch zu besuchen es möchte
mir auch gehen wie es wollte Jedoch da solches nicht geschehen darff wünsche
ich desto sehnlicher eure vollkommene Genesung damit ich euch ehester Tages zu
umarmen das Vergnügen haben möge Die ich mit aller beständigen Treue biss ins
Grab beharre
Eure
Charlotte
Verfluchte Schlange ists denn doch dein würcklicher Ernst mich zu
betören Nein das soll nicht geschehen sondern ich will dir bald andere
Gedanken beibringen So gedachte ich bei mir selbst ließ aber der vor der Tür
wartenden Magd sagen dass sie nebst meinem Kompliment an ihre Jungfer
derselben melden sollte wie ich ihr diesen Mittag auch schrifftlich zu antworten
willens wäre Dieses geschahe denn ich nahm mein SchreibZeug und setzte
folgende Zeilen an dieselbe zur Antwort auf
Madame
Und wenn ich auch ihres Geschlechts wäre so würde mich doch nicht überzeugt
wissen dass ich vor ungefähr 3 ViertelJahren so viel LiebesKonfect
eingenommen mit ihnen per Sympatiam zu gleicher Zeit und Stunde kranck davon
zu werden und dem Publico einen bejammernswürdigen Fündling hinsetzen zu
lassen Jedoch ich gratulire Ihnen zur glücklichen Niederkunft bedaure dass
sie mich etliche Wochen daher wo es anders wahr ist geliebt haben und bitte
Sie wollen sich dessfalls keine fernere Mühe geben weil ich ungeacht ich Ihrer
Fruchtbarkeit schon im Voraus versichert bin dennoch einen starken Eckel bei
mir verspüre mit einem Frauenzimmer solches Schlages ins EheBette zu steigen
Meine Kranckheit ist so gefährlich nicht gewesen sondern ich hätte Dieselbe
gleich in der ersten Stunde nach meiner Zurückkunft ungeacht es schon
ziemlich späte war unfehlbar besucht befürchtete aber die Wehen zurück zu
treiben und weil ich mit dem Amte der HebeMütter nicht umzugehen weiß etwa
meinen Hut einzubüssen Demnach ist nichts übrig als dass ich Ihnen einen
frölichen Kirchgang wünsche und den VerlöbnisRing nebst andern Sachen so Sie
mir auf die Treue gegeben zurück sende auch was ich Ihnen dagegen gegeben
wieder abfordere und beharre
Madame
vôtre obeissant Serviteur
PW Horn
Es mochte aber doch noch zu frühzeitig gewesen sein dem zarten Bilde
dergleichen Schrecken zu machen denn sie hat meinen Brief kaum gelesen als sie
in Ohnmacht sinckt so dass die Frau Muhme und Magd viel Mühe haben sie wieder
zu sich selbst zu bringen Diese letztere gerät in den Verdacht als ob sie
sich durch Geschenke verleiten lassen mir das Geheimnis zu offenbahren weil
sie aber ihre Unschuld mit grausamen Eydschwüren bekräfftiget erraten sie
endlich fast die Wahrheit wie ich nämlich im Hause gewesen sein und das
ganze Spiel selbst mir angehöret haben müsste Eben dieses gestund ich der alten
Frau Muhme welche noch selbigen Abends selbst auf meine Stube kam ohne alles
Bedenken ganz offenhertzig gab derselben auch den Schlüssel zu ihrer
HinterTür weil mir dieser nun nichts mehr nütze war Ohngeacht mir aber
dieselbe meine der Charlotten geschenckte Sachen von kleinesten biss zum
größten wieder brachte ließ ich mich doch verlauten dass ich wegen des
vorgehabten Betrugs und bösen Streichs den sie mir spielen wollen meinen Hohn
schon auf andere Art rächen wollte weswegen die Alte Himmelhoch bat die
unglückseelige Charlotte nicht weiter zu kräncken und vor aller Welt auf eine
dreifache Art zu prostituiren Allein ich stellte mich als ob es mein
würcklicher Ernst wäre biss sie es endlich auf vielfältig wiederholtes Bitten so
weit brachte dass ich mir mit 500 Talern das Maul stopffen ließ und sie nicht
zu beschimpffen teuer angelobte Hiermit hatte meine ganze LiebesBegebenheit
mit Charlotten ein Ende ich habe sie auch niemals wieder mit Augen gesehen
wohl aber vernommen dass sie bald hernach weit hinweg gezogen wegen unseres
Verlöbnis aber musste es heißen ich hätte ihr anfänglich versprochen meinen
Dienst bei Hose zu quittiren und ein ander Amt anzunehmen weil mich aber
dieses nachher gereuet und ich nicht Wort gehalten so hätte sie auch nicht
Wort halten wollen demnach wären wir in Streit geraten und hätten einander
den ganzen Handel aufgesagt Alle Menschen glaubten dieses und kein eintziges
wäre auf die Gedanken geraten dass die von außen so keusch züchtig fromm
und Gottesfürchtig scheinende Charlotte ein JungferKindgen bekommen und
dasselbe wegsetzen lassen
Kaum waren mir die verdrießlichen Grillen wegen dieser unglückseligen
LiebesBegebenheit aus dem Kopffe gekommen als ich mich von frischen in eine
16 jährige schöne Jungfrau verliebte die zwar von vornehmen Eltern erzeugt
war jedoch kaum 4 biss 500 Tlr im Vermögen hatte wiewohl mich dieses
letztere gar nicht abschreckte mit derselben eine vergnügte Ehe zu führen
indem sie sehr wohl erzogen war und ich mich erinnerte dass es eben nicht
ratsam sei im Heiraten allezeit auf vieles Geld zu sehen Allem Ansehen nach
liebte sie mich recht von Hertzen hatte aber doch einen Schalck im Nacken
denn ungeacht ihrer Jugend war sie schon bemüht sich im verbotenen
LiebesSpiel zu exerciren Eines Tages da ihre Eltern verreiset waren kam ich
Mittags zu einer Stunde da man sich meiner wohl am allerwenigsten vermutete
in ihr Haus fand aber die Jungfer nicht zu Hause sondern die Köchin sagte sie
würde unfehlbar zu einer benachbarten Jungfer Nähen gegangen sein weil sie
diesen Mittag bei Tische davon geredet ging auch gleich fort dieselbe zu
ruffen mitlerweile ich ein wenig hinter in Garten spazieren sollte Demnach war
sonst niemand bei mir als meiner Liebsten jüngster Bruder ein Knabe von etwa
6 Jahren welcher mich weil ihn fast täglich mit ZuckerWerck Gelde und
andern Sachen beschenckte sehr liebte Dieser Knabe fing von freien Stücken an
»Ich weiß es wohl besser wo meine Schwester ist aber ich darff es nicht sagen
gehen sie nur in den Garten sie wird bald auch hinein kommen« Ich gab dem
Knaben ein Stück Geld und bat er sollte mir nur sagen wo sie wäre ich wollte
ihn nicht verraten Hierauf eröffnete er mir in kindischen und einfältigen
Vertrauen dass sie sich mit seines Herrn Vaters Schreiber oben in dessen Kammer
geschlichen und verschlossen hätte Das war mir genung demnach schickte ich den
Knaben fort zum ZuckerBecker ich aber schlich noch ehe die Köchin wieder kam
ganz leise ohne dass ich eine Maus verstöhren mögen hinauf vor des Schreibers
Kammer weil ich im ganzen Hause schon ziemlich Bescheid wusste Zu meinem
Glücke war ein großes TaffelBlat in der Ecke aufgelähnet hinter welches ich
mich steckte und weil die Kammer nur mit Bretern verschlagen war alles sehr
genau hören konnte was darinnen vorging An dem vielfältigen Seufzen Stöhnen
Aechtzen und Rasseln des Bettes konnte man leicht abnehmen dass ein paar
Personen mit einander kämpfften endlich wurde es etwas stiller indem beide
verschnaubten doch bald darauf hörte ich unter oft wiederholten Klatschen
der Küsse folgendes ganz leise Gespräch Er der Schreiber Ach mein
allerliebstes Liessgen ich dencke immer es wird nun die längste Zeit mit
unserer Liebe gewähret haben wenn dich aber nun der KammerDiener Horn von mir
gerissen hat werden dir seine Karessen weit besser schmecken und du wirst gar
nicht mehr daran gedenken dass ich nun bald drittehalb Jahr so manches
Vergnügen mit dir gehabt habe Sie meine Liebste Liebster Schatz wenn du mir
an meinen Bräutigam Horn gedenckest möchte ich allezeit bitterlich weinen
Wolte der Himmel dass ich nicht unter der Gewalt meiner Eltern stünde so sollte
nimmermehr ein anderer an meine Seite kommen als Du ich werde auch nimmermehr
jemanden recht lieben können als dich allein denn die erste Liebe ist doch die
heftigste und beständigste deswegen wird mir es mein zukünftiger Mann
nimmermehr so zu Dancke machen können als wie du es mir nun nicht allein seit
drittalb Jahren sondern noch länger her gemacht hast Weist du nicht Er
Ich weiß es wohl aber damals spieleten wir nur wie die Kinder und nunmehr
da wir kaum recht klug geworden sind werden wir auf ewig von einander gerissen
Sie Das will ich nicht hoffen mein Engel bedencke doch mein künftiger Mann
wird manchen Tag und manche liebe Nacht nicht zu Hause sein indem er bei seiner
itzigen Bedienung auch gar öfters auf etliche Wochen verreisen muss ich
verspreche dir mit Hand und Hertzen dich bei solcher schönen Gelegenheit
allezeit heimlich zu mir und dir manchen schönen Taler zukommen zu lassen Das
20 DucatenStücke aber welches mir Horn geschenckt und ich dir heute wieder
geschenckt habe musst du ja behutsam verwechseln damit es nicht offenbar wird
Lass dir gegen meine Hochzeit ein neues Kleid und andere schöne Sachen darvor
machen damit ich an meinem traurigen EhrenTage nur meine Freude an dir sehen
kann Er Das soll alles geschehen aber auch das würde meine größte Freude auf
der Welt sein wenn du mir erlaubtest deinem Horne in Geheim Hörner
aufzusetzen denn weil ich dem Kerle deinetwegen so gramm bin als dem so
könnte ich mich nicht besser als auf solche Art an ihm rächen Sie Was ich dir
versprochen habe will ich redlich halten unterdessen haben wir in diesen Hause
nur noch 5 Wochen Zeit mit einander zu spielen aber spiele mir ja nicht grob
damit Er Ach das weist du ja schon mein HertzensEngel dass ich redlich
bin komm ich will dir noch eine Probe davon geben Sie Ach du kanst ja wohl
nicht mehr trincken Er Das will ich dir zeigen mein Schatz und zwar auf
Mons Horns Ungesundheit
Hiermit musste der LiebesBecher von frischen herhalten und es ist leicht zu
erachten dass ich nicht allein dieser sondern auch der angehörten empfindlichen
Reden wegen zwar vielen Gift eingeschlungen aber doch weil noch immer stille
dabei gestanden eine ungemeine Kontenençe gehabt haben müsse Allein selbige
so wohl als das Vergnügen der Verliebten wurde von der Köchin gestöhret indem
dieselbe ihrer Jungfer mit vollem Halse ruffte weswegen selbige eiligst auf
und unter diesen Worten aus der Kammer sprung Dass dir der Hencker in den Rachen
führe was gilts der verfluchte Horn wird gekommen sein mein Engel bleib ja
oben damit niemand merckt dass du zu Hause bist ich will meine Dinge schon
machen Der Schreiber versprach Gehorsam zu leisten umarmete und küsste sie
noch recht veste vor der KammerTür so dass beide ganz blind und außer sich
selbst zu sein schienen Indem sprang ich hervor und sagte Mademoiselle sie
können nur hier bleiben denn Horn wird sie nicht ferner in ihren
LiebesVergnügen stöhren aber mein Freund redete ich den Schreiber an ehe
ihr mir die zugedachten Hörner aufsetzet muss ich euch erstlich etliche selbst
wachsend machen Unter diesen Worten schlug ich ihn etliche mahl mit dem
SpanischenRohre über den Kopf der Kerl aber welcher doch vor 2 Pfennige
Kourage im Leibe haben mochte holete seinen annoch ganz neuen Degen und ging
damit auf mich los hieb mir auch einen Aufschlag vom Rocke herunter allein auf
meinem ersten Hieb blieb ihm die rechte Hand nur an einer einzigen Flechse
hangen weswegen er sich dieselbe wenig Tage hernach musste ablösen lassen Meine
Jungfer Braut hatte sich unsichtbar gemacht also ging ich auch nach Hause
schrieb die ganze Speciem facti auf und schickte selbige am dritten Tage dem
zurück gekommenen Herrn SchwiegerVater vel quasi zu Bedanckte mich auch
dabei ganz freundlich vor seine Jungfer scil Tochter Der Mann war redlich
bejammerte sein Unglück und meinen Chagrin ersetzte mir alles was ich der
Tochter geschenckt und bat inständig nicht um ihrentsondern um seiner
Renommée wegen diese Sache nicht weiter kundbar zu machen Wie ich nun ein
würckliches Mitleiden wegen seiner ungeratenen Tochter mit ihm hatte so
versprach ihm reinen Mund zu halten und erfuhr von ihm selbst dass er dieselbe
bald hernach an einen solchen Ort gebracht wo sie so gut als in einem
SpinnHause verwahrt war der Schreiber aber hatte sich noch eh er völlig curi
rt auf und davon gemacht
Nunmehr hätte man dencken sollen müsste mir der Appetit zum Heiraten
ziemlich vergangen sein und es war mir auch wirklich fast so zu Mute aber
ich fiel aufs neue in das Netz der Liebe und zwar bei einer 34 jährigen wohl
gebildeten Wittbe deren erster Mann ein vornehmer Bürger gewesen war Sie hatte
kein Kind mehr als 12000 Tlr wert im Vermögen und sich vor 4 Jahren mit
einem Gelehrten wiederum versprochen den ich Bambo nennen will Es hatte aber
dieser Bambo verschiedene liederliche Streiche angefangen und unter andern eine
Magd zur Frau gemacht welches ihm zwar niemand nachsagen durfte allein
besagte Wittbe hatte dieserwegen einen Eckel vor seine Person geschöpfft und
wegen annulirung ihres Verlöbnis schon einige Zeit mit ihm im Processe gelegen
weswegen sie sich einsmahls auf einem EhrenGelacke da ich sie vor andern
bürgerlichen Frauenzimmer besonders bedienete an mich addressirte und
versprach dass, wenn ich es dahin bringen könnte dass der LandesHerr in ihrer
ProzessSache ihr zum Vorteil einen MachtSpruch täte und sie von dem
liederlichen Bambo absolvirte sie 200 Tlr ad pias causas und mir 200 Tlr
Diskretion geben wollte Ich stellte ihr vor wie mir nicht bange wäre den
MachtSpruch zu ihrem Vergnügen auszuwürcken allein die mir zugedachten 200
Tlr könnte sie ersparen wenn sie mich nämlich an des Bambo Stelle zu ihrem
Schatze erwählen wollte Sie warff solchen meinen manierlichen LiebesAntrag eben
nicht weit von sich und gab zur Resolution ich sollte nur erstlich die
HauptSache ausmachen wenn es sodann mein Ernst bliebe sie zu heiraten und
sie mir nicht etwa schon zu alt oder sonsten zu schlecht wäre würde sich alles
bald schicken können Demnach ging ich an meinen Herrn und brachte dieser
Wittbe Affäre sehr plausible vor da nun Derselbe merkte dass mir selbst daran
gelegen wäre und mein Wohlstand dadurch auf vesten Fuß gesetzt werden könnte
erhielt die Wittbe was sie verlangte bot mir zwar die 200 Tlr an weil ich
mich aber dieselben zu nehmen weigerte sondern ihre eigene Person im rechten
Ernst verlangte erlaubte sie mir als ihren neuen Freier den täglichen
Zutritt und wir wurden in weniger Zeit dergestalt bekandt mit einander, dass es
nur an mir fehlete noch vor der Kopulation würckliche EheLeute zu sein Weil
wir aber wegen der bevorstehenden FastenZeit selbige biss nach Ostern
verschieben mussten so redete ich inzwischen von einem ordentlichen Verlöbnisse
denn mir war bange dass etwa ein reicherer als ich kommen und mich ausstechen
möchte allein sie gab zur Antwort Mein Schatz wir sind ja beide nun schon
verlobt und wo das nicht genung ist so können wir uns alle Tage und Nächte so
vest als wir wollen verknüpffen und verloben was wollen wir den Leuten ein
MaulGesperre machen Lass uns doch lieber Hochzeit und Verlöbnis zusammen
machen Ich musste also damit zufrieden sein und ungeachtet dass ich wohl
merkte dass sie bei ihren itzigen Jahren dennoch sehr geil und wollüstig wäre
indem sie mir den HauptGenuss der Liebe fast immerdar entgegen trug und ganz
betrübt wurde wenn ich nicht anbeissen wollte so schrieb ich es doch dem zu
dass sie vielleicht an meiner Person etwas Liebenswürdigers gefunden als an dem
Bambo und andern Freiern Unterdessen war ich bemüht ihre Brunst mit
freundlichen moralischen Worten zu stillen womit ihr aber so wenig als mir
mit der Unzucht gedienet war denn weil ich bis dahin meine Keuschheit rein
erhalten und kein Frauenzimmer auf der Welt in Unehren berühret hatte so war
ich auch nunmehr desto eigensinniger und wollte vor Priesterlicher Kopulation
nicht auf der Hochzeit schmausen Unter der Zeit merckt Bambo wie die Kreite
bei Hofe wegen der WittFrau meiner und seiner geschrieben hat stößt
deswegen die schimpfflichsten Reden in einer honetten Kompagnie gegen mich aus
und da ich ihn deswegen besprechen ließ forderte er mich des dritten Tages mit
einem blancken Degen auf die Grantze um ihme wie er gesprochen vor die an
ihm begangene Filouterie Satisfaction zu geben Ich war gleich parat darzu
weilen es aber bekandter maßen bei Hofe entsetzlich viel PostenTräger gibt
war dieses bevorstehende Duell so gleich Brühsiedendheiß meinem Herrn zu Ohren
gebracht worden welcher mir bei seiner Ungnade verbot dem Bambo vor der
Klinge zu stehen hergegen befahl er mir gleich Augenblicklich eine Reise in
GeldAffairen nach F anzutreten und nicht eher wieder zu kommen biss ich
alles was in meiner schrifftlichen Instruction stünde ausgerichtet hätte und
mitbringen könnte Bei so gestalten Sachen würde mich nun ein jeder vernünftiger
Mensch leichtlich excusirt gehalten haben wenn ich dem Bambo nicht gekommen
wäre doch ich war toll und vermeinte meine ganze Ehre und Renommée würde
caducirt werden wenn ich demselben mein Versprechen nicht hielte und weil ich
ohnedem auf den FechtBödens in Franckreich und Italien auch sonsten aus der
würcklichen und ernstaften Erfahrung so viel gelernt zu haben gläubte diesen
prahlhaften Eisenfresser behörige Abfertigung zu geben ritte ich ohne von
meiner Liebsten Abschied zu nehmen weil mir selbiges expresse verboten war
mit einem zugegebenen ReutKnechte nach Westen zu wendete mich aber bald gegen
Norden nach der Gräntzé und Orte wo mich Bambo hin bestellt hatte traf
denselben zu gesetzter Zeit an und fertigte ihn mit einer gewaltigen Blessur in
seinen rechten Arm hurtig ab setzte hierauf meine Reise recht vergnügt und
eiligst nach F fort Mein Herr hatte mir so viel Arbeit aufgegeben dass ich
erstlich in der 8ten Woche wieder zurück kommen konnte An statt nun meinen
Rapport bei dem Herrn selbst abzustatten wurde ich an den OberHofmeister
verwiesen welches mir gleich bedencklich fiel jedoch ich gehorsamete legte
meine Rechnung ab überlieferte alles mitgebrachte Gut und erhielt das Lob von
Demselben dass ich meine Sachen wohl ausgerichtet hätte Dem allen ungeacht
sagte der OberHofmeister letztlich haben mein Herr dennoch eine Ungnade auf
ihn geworffen indem er Dero expressen Befehle zuwider sich dennoch mit dem
liederlichen Bambo in ein Duell eingelassen lassen ihme deswegen itzo durch
mich auf 4 Wochen den Hof verbieten binnen welcher Zeit sich mein Herr
seinetwegen weiter resolviren werden Ich machte ohne eintziges Wort zu sagen
ein tieffes Kompliment und ging in mein Logis wollte auch selbigen Abend noch
meine Liebste besuchen allein sie war nicht zu Hause oder ließ sich
verleugnen Hergegen kam ein guter Freund zu mir und erzählete solche Sachen
worüber ich Maul und Nase aufsperrete Mein Freund sprach er eure so
genannte Liebste ist ein wunderlich Weib ihr wart kaum 8 oder 10 Tage weg
so ließ sie den Bambo holen ihm eine eigene Stube in ihrem Hause zurechte
machen und denselben vor ihr Geld an der Blessur die ihr ihm beigebracht
völlig curiren Ich fuhr dieser mein Freund fort kam eines Tages zu ihr und
fragte was denn wohl ihr Liebster Mons Horn darzu sagen würde dass sie den
Bambo so wohl aufgenommen hätte Ey gab sie mir zur Antwort was geht mich
Horn an er hat nicht einmal Abschied von mir genommen ehe er von hier
weggereiset ist außerdem habe ich an ihm gemerckt dass er zwar mein Geld und
Gut aber meine Person nicht æstimirt denn er hat sich allezeit bei mir
aufgeführt nicht als ein Liebhaber sondern als ein verschnippelter Stroh
Verlöbnis habe ich niemals mit ihm gehalten darum kann er mir auch nichts
anhaben es wäre denn dass ich ihm die ehemahls versprochenen 200 Tlr geben
müsste die kann er vielleicht kriegen wenn er höflich ist und weiter nichts
Bambo liebt mich doch als eine rechtschaffene MannsPerson nicht allein um
meines Gutes sondern um der Person willen ist er gleich ein bissgen liederlich
so caressirt er mich doch recht eiffrig er muss viel vertun ehe er meine
jährlichen Interessen vertut und kann sich auch wohl noch ändern wenn ich ihm
gute Worte gebe Uber alles dieses hätte ich mir doch ein schwer Gewissen machen
müssen wenn ich ihn verlassen hätte da ich mich einmal ehrlich redlich und
christlich mit ihm verlobt gehabt es haben böse Leute zwischen uns gesteckt
nunmehr aber da ich erfahren dass er sein Blut aus Liebe vergossen und sich
mit dem KammerDiener Horn meinetwegen auf Leib und Leben geschlagen hat habe
ich ihn noch tausend mahl lieber als sonsten etc etc
So viel waren ungefähr der Worte, welche mir mein guter Freund aus dem
Munde meiner vermeintlichen Liebste erzählete Ich gab ihm zur Antwort Gantz
wohl das geile Weib mag sich mit ihrem liederlichen Bambo divertiren wie sie
will aber die 200 Tlr will ich par tout haben Die will ich euch versetzte
mein Freund morgen schaffen wenn ihr versprechen wollt an dieser Frau
weiter nichts zu fordern Ich ging den Handel ein und bekam gleich Tages darauf
bemeldte 200 Tlr worgegen ich schrifftlich quittirte und mich obligirte an
dieser Frauen Person und Gütern fernerhin nichts zu fordern Um aber meine
Verachtung gegen dieselbe zu bezeigen schenckte ich die 200 Tlr ins
Hospital zu desto besserer Verpflegung der alten Weiber welches ihr wie ich
vernommen am meisten verdrossen hatte
Unterdessen ward es Stadtkündig dass ich bei Hofe in Ungnade gefallen wäre
worüber sich wohl niemand mehr als Bambo freute in allen Kompagnien aufs
schändlichste von mir redete mich aus seiner Frauen Munde nur einen
verschnippelten StrohMann nennete sich damit breit machte dass er mich bei der
Frauen ausgestochen und dennoch den Platz behalten zwar gestehen müsste dass
ich ihme einmal eine Blessur angebracht doch wünschte dass er mich nur noch
ein eintzig mahl vor der Klinge haben möchte um seinen Hohn nachdrücklich zu
rächen Diese und dergleichen Reden führte er so lange biss ich endlich einmal
ungefähr darzu kam und ihm ein paar tüchtige Maulschellen gab weswegen er
mich weil er den Degen daselbst nicht ziehen durfte und mit der Faust wenig
Ehre einzulegen glaubte zum andern mahle auf den vorigen TummelPlatz forderte
es sollte gleich wie vorher auf den 3ten Tag geschehen allein ich ließ ihm
sagen Ein solcher Bärenheuter wie er müsste wohl biss den 9ten Tag auf
Satisfaction warten Mittlerweile waren meine 4 StrafWochen biss auf wenig Tage
verflossen weswegen mich der OberHofmeister zu sich ruffen ließ und mir unter
den Fuß gab bei dem Herrn in einem untertänigsten Memorial um gäntzliche
Vergebung meines begangenen Fehlers anzuhalten Ohngeacht ich nun dieses
baldigst zu tun versprach so wollte doch vorher den Bambo erstlich noch
einmal abfertigen da mir aber das Hertze im voraus sagte dass dieses Duell
nicht so mager als das vorige abgehen würde schaffte ich außer den meisten
und besten Sachen so ich nicht bei mir führen konnte das übrige an sichern Ort
verließ mein Logis guten Teils ledig tat als ob ich mit meinem Jungen
Spatziren reuten wollte kam aber am 9ten Tage früh Morgens mit dem Bambo auf dem
erwähnten GräntzPlatze zusammen fand ihn nebst seinem Secundanten in guter
Verfassung weil aber ich keinen Secundanten bei mir hatte musste jener
angeloben auf 20 Schritte von uns zu bleiben oder gewärtig zu sein dass ihn
mein so genandter Junge der schon ein Pursche von 21 Jahren war mit den parat
haltenden Pistolen auf den Kopf schösse Jedoch der Secundant war ein ehrlicher
Kerl und hielt sein Wort hergegen ging mir Bambo der eine gar zu starke
Dosin von KourageWasser oder Fusel zu sich genommen haben mochte ganz
desperat zu Leibe ich parirte nur und ließ ihn recht müde werden er verlangte
Ruhe ich gönnete sie ihm mit der Warnung nicht so desperat zu tun
widrigenfals ich nicht darvor könnte wenn er bei seinen öffteren Blossgeben an
statt des Arms einen Stoß in die Brust bekäme Allein er sagte mit einer
hönischen Mine Es hat mich ZeitLebens noch kein Hunds mit der Klinge auf
die Brust gestoßen Das war genung gesagt bei solchen Umständen meine Galle
überlauffend zu machen weswegen ich ihm keine fernere Ruhe gönnete sondern
gleich im ersten Gange einen Stoß unter der Wartze der Brust beibrachte mit den
Worten Jetzt tut es ein ehrlicher Kerl zum ersten mahle Das ist wahr sagte
er ich habe genung und muss daran sterben Er reichte mir hierauf die Hand und
bat ihm zu vergeben dass er mich ohnnötiger Weise forcirt hätte dem
Secundanten trug er den AbschiedsGruß an seine Liebste auf mit der Expression
dass sie Schuld an seinem Tode wäre befahl seine Seele GOTT und verschied ich
aber setzte mich zu Pferde und ritt mit meinem Purschen immer weiter nach
abgelegenen Ländern zu war auch nicht eher ruhig biss ich über die Holländische
Gräntze kam Jedoch was will ich von Ruhe sagen bei mir wollte sich ganz und
gar keine Ruhe einfinden denn es war immer als wenn der Schatten oder Geist
des von mir erstochenen Bambo um mich schwebte und mich so wohl Tages als
Nachts in meiner Ruhe stöhrete ungeacht er selbst mehr Ursach an seinem Tode
war als ich Hätte ich sprach ich bei mir selbst mich nach keinem Weibe
umgesehen so könnte der vergnügtesten Menschen einer auf der Welt sein denn ich
hatte selbst feine Mittel einen austräglichen Dienst und gnädigen Herrn so
aber bin bloß des Frauenzimmers wegen um die beiden letztern Stück gebracht
deswegen will auch nunmehr dieses gefährliche Geschlecht zu vermeiden nicht
mehr im Lande bleiben sondern zu Schiffe gehen vielleicht ist mir das Glück so
günstig dass ich einmal ein Admiral werde Dieses waren meine damaligen
Gedanken um aber wieder gutes Muts zu werden nahm mir vor die berühmtesten
Städte in diesem Lande zu besehen ließ mich ein Stück Geld nicht gereuen
sondern reiste mit meinem Diener von einer Stadt zur andern fand vieles so mir
wohl gefiel und endlich weil ich meine Touren mit Fleiß also eingerichtet
nahm ich den Weg nach Amsterdam um von dannen eine Reise nach OstIndien zu
tun Weil ich nun sehr curieux war und jedes Orts alles merkwürdige
aufschrieb so gingen fast 4 Wochen hin ehe ich in dieser volckreichen und
großen Stadt herum kam
Eines Tages da ich vor der Börse stund und mich an diesem kostbarn Gebäude
nicht satt sehen konnte zupffte mich jemand beim Ermel und da ich mich umsah
war es mein jüngster Bruder über dessen Dasein ich mich fast zu Tode
verwunderte nachher aber von ihm erfuhr dass er endlich seiner Frauen altes
TalerLoch gefunden die meisten heraus genommen und weil er es nicht länger
bei ihr ausstehen können hierher gereist wäre um nach OstIndien zu gehen So
bald er hörte dass eben dieses mein Vorsatz wäre war er ungemein erfreut wir
schossen demnach unsere Gelder zusammen legten dieselben an taugliche Waren
engagirten uns bei der OstIndischen Kompagnie und gingen als KauffLeute mit
zu Schiffe und nach OstIndien erworben bei der ersten Reise ein ziemlich
Stück Geld allein weil wir Brüder uns im Handel nicht wohl vertragen konnten
teilten wir unsern Erwerb christlich und schieden in Friede von einander, da
denn einer nach Ost und der andere nach WestIndien ging Mein Bruder welchen
ich nachher zwei mahl wieder gesprochen war so glücklich geworden in wenig
Jahren ein eigenes Schiff und anderweitiges Vermögen zu erwerben allein mit mir
wollte es nicht fort denn wenn mir gleich das Glück nach vieler sauren Mühe und
Arbeit etwa ein ziemliches Kapital zugewendet so verlor doch bald hier bald
dort etwas davon und endlich war ich auf der Retour aus WestIndien so
unglücklich alles mein Gut durch SchiffBruch zu verliehren danckte aber doch
dem Himmel vor meine wunderbare LebensErhaltung und war froh dass ich nach 3
tägigen herumschwimmen in der See von einem Spanischen Schiffe aufgenommen und
mit nach Spanien gebracht wurde So viel Geld hatte noch in meinen Kleidern bei
mir dass ich zurück nach Holland zähren konnte allwo ich mehr nicht als 1000
Tlr an einem sichern Orte zu suchen wusste nahm deswegen selbige auf und
ging aufs neue nach WestIndien allwo ich das Glück hatte mit Mons
Wolffgangen in Bekandtschaft zu geraten indem wir vielen Verkehr mit einander
hatten und ich nichts bedaurete als dass es sich schon damals nicht schicken
wollte mit ihm in Kompagnie zu reisen indem mir sein ganzes Wesen über alle
maßen gefiel Jedoch was sich damals nicht schicken wollte musste sich nach
der Zeit da ich noch einmal so unglücklich gewesen fast um alles das Meinige
zu kommen dennoch schicken weil ich nunmehr als ein armer Schöps mich zu
gratuliren hatte dass ich von ihm als ein FreiBeuter mit aufgenommen wurde
Er selbst Herr Wolffgang hat etliche mahl allhier umständlich erzählt wie es
ihm auf der ersten Reise so ich mit ihm tat ergangen wie er von dem
boshaften Jean le Grand und seinem Anhange zu derselben Zeit da ich eben sehr
kranck auf dem Schiffe darnieder lag tractiret worden und wie man ihn zu
verderben an diese FelsenInsul ausgesetzt mithin sein kostbares Gut benebst
dem Schiffe abgestohlen weswegen ich nicht vor nötig halte solches zu
wiederholen Genug der Himmel hat es ihm und den Felsenburgern zum Vergnügen
mit Fleiß also geschickt die Verräter aber bekamen ihre gerechte Straffe
indem sie als das Schiff ohnweit der Insul Madagascar zerscheiterte mit
ihrem Rädelsführer dem Jean le Grand jämmerlich ersauffen mussten wiewohl auch
viel Unschuldige ihr Leben dabei einbüsseten und ich nebst drei andern nur
allein Gelegenheit fanden uns zu retten auch einige Zeit hernach wiederum nach
Holland jedoch ziemlich von Gütern entblösset zu kommen Solchergestalt trieb
mich die Not darzu den QuartiermeistersDienst auf einen KauffarteiSchiffe
nach Batavia anzunehmen allein eben noch zu rechter Zeit kam mein wertester
Herr Wolffgang in gutem Wohlstande und stark bemittelt wieder zum Vorscheine
weswegen ich sogleich einen andern QuartierMeister an meine Stelle schaffte
und mich bei dem Herrn Kapitain Wolffgang engagirte weil er mir ganz besondere
Vorteile versprach auch zu dem Ende wie ich merkte meine Treu und Fleiß auf
verschiedene Proben setzte die nachdem ich sie redlich überstanden mich bei
ihm in vollkommenen Kredit setzten und solchergestalt bekam nicht geringe
Hoffnung unter dessen Kommando mein Glück aufs neue zu machen Ja das Vertrauen
zu ihm war bei mir größer als zu meinem leiblichen Bruder denn ungeacht mein
Bruder abermals mit starken Profite aus OstIndien zurück kam mir nach
Vernehmung meiner UnglücksFälle ein gut Stück Geld und verschiedene Vorteile
anbot wenn ich mit ihm zu reisen mich resolviren wollte so konnte es doch nicht
in meinen Kopf bringen unter seinem als meines jüngsten Bruders Kommando zu
stehen ich nahm auch außer einigen Raritäten keine andern Geschenke von ihm
an weil mir Herrn Wolffgangs Generositée bereits so viel an baaren Gelde und
andern Dingen zugewendet dass mich zu einer neuen Reise vollkommen hätte equippi
ren können Ja eben dieser mein besonderer Wohltäter hat mich bekandter maßen
in den Stand gesetzt worinnen ich mich voritzo befinde Ich hätte ihnen meine
Herrn zwar eine viel weitläufftigere Beschreibung von meinen Reisen zur See
machen können allein weil ich sehe dass der Tag bereits zu den Fenstern herein
bricht muss ich wohl vor dieses mahl den Schluss machen damit wir wenigstens nur
noch ein paar Stunden ruhen können
Hiermit war des Kapitain Horns LebensGeschichtsErzählung zum Ende und ich
nahm denselben mit in mein Logis allwo wir ohne seine und meine Liebste in der
Ruhe zu stöhren uns in einer besonderen Kammer schlaffen legten In folgenden
Tagen wurden noch mehrere Konferentzen gehalten und endlich beschlossen dass
der Kapitain Horn dieses 1733ste Jahr noch bei uns aushalten im Januario des
1734sten aber von uns ab und nochmals nach Europa seegeln sollte Er ließ sich
solches endlich gefallen und wir deliberirten inzwischen über die schrifftliche
Instruction so ihm mit auf die Reise gegeben werden sollte Die HauptStücke
welche er mitzubringen und zu besorgen hatte waren 1 Eine vollkommene Buch
und KupfferDruckerei nebst allem Zubehör von Sachen und Personen als nämlich
Buchdrucker Setzer SchrifftGiesser FormSchneider Kupfferstecher
KupfferDrucker und dergleichen 2 Verschiedene Medicamenta und Chymische
Præparata 3 Wollen und FlächsenTuch auch Wolle und Flachs so annoch
unverarbeitet 4 Noch mehr PferdeRind und SchaafVieh und zwar so viel als
nur davon fortzubringen 5 Solte er sich an gelehrte Leute addressiren um zu
vernehmen ob die in den HeidenTempel gefundenen Schrifften ausgelegt werden
könnten wo nicht die Taffeln benebst etwa ein paar Pfund Goldes bei ihnen zu
lassen und noch 10 Pfund zur Diskretion vor diejenigen zum Gratial zu
versprechen welche sich bemühen wollten das Geheimnis in diesen Schrifften
auszufinden als wozu sie biss 10 Jahr Zeit haben sollten indem wir nicht
gesonnen wären unter 10 Jahren wieder eine Fahrt nach Europa anzustellen 6
Wenn er der Kapitain Horn auf den Gedanken verharrete nach seiner
glücklichen Zurückkunft auf dieser Insul bei uns zu bleiben müsste er
hauptsächlich dahin bedacht sein einen getreuen und redlichen Menschen in
Pflicht zu nehmen der das Schiff nach der Wiederankunft und Ausladung
allhier nachdem es von uns mit sattsamen Proviant versorgt so gleich mit den
darauf befindlichen Personen welche wir nicht bei uns zu haben verlangten
wieder abführen sollte etc etc
Die übrigen Puncte weil sie nicht eben allzu wichtig halte vor unnötig zu
melden und den Lesern damit verdrießlich zu fallen genung weil wir sattsame
BedenckZeit hatten so vergaßen wir auch unseres Erachtens gar nichts was
zu Verbesserung unseres Staats annoch nötig war verließen uns im übrigen auf
des Kapitain Horns selbst eigenen guten Verstand indem dieser gescheute Kopf
binnen der Zeit als er bei uns gewesen sich bereits manche Marque in seine
SchreibTaffel gemacht woran es uns nämlich in diesen und jenen Stücken noch
fehlete
Unterdessen lief uns die Zeit ich weiß nicht wie geschwind unter den
Händen weg weswegen gleich nach Martini Anstalt gemacht wurde des Kapitain
Horns Schiff mit Rosinen Reiss und andern Felsenburgischen Früchten auch
überflüssigen LebensMitteln zu beladen seine Leute ingleichen die Portugiesen
bekamen einer wie der andere von Häupten biss zum Füßen gedoppelte neue Montur
nebst 6 Anzügen weißer Wäsche und andern Bedürffnissen außer ihrem
ordentlichen Lohne aber ein jeglicher 3 Pfund gediegenes Goldes und die
Offiziers 4 Pfund welches mancher wohl nicht erworben wenn er gleich als
Matrose binnen der Zeit in OstIndien oder auf der See herum geschwermet hätte
Anbei wurde ihnen gesagt dass, wenn sie sich auf der Fahrt nach Europa wohl
hielten der Kapitain Horn ihnen sodann die eingeladenen Rosinen und Reiss Preis
geben würde Alle diese Leute waren wohl zufrieden und hielten nach hertzlicher
Dancksagung ein FreudenFest Die Fässer und Kisten worinnen die kostbarsten
Sachen zu Bestreitung aller Kosten vor den Kapitain Horn eingepackt waren
stunden auch schon parat sollten aber nicht ehe als biss auf die letzte
eingeschifft werden In Summa es war vor den ChristFeiertagen zu des Kapitains
Abreise alles in vollkommen fertigen Stande so dass wir die nach einander
folgenden FestTage andächtig und vergnügt hinbringen konnten wie denn auch den
KleinFelsenburgern ein Priester hinüber geschickt wurde um ihnen bei dieser
heiligen Zeit das Wort Gottes zu predigen und den darunter befindlichen
Evangelischen das Heilige Abendmahl zu reichen Sonderlich ließ sich in der
NeuJahrsNacht die Stücken Paucken und Trompeten tapffer hören und Montags
und Dienstags drauf als den 4ten und 5ten Januarii wurden auf dem grünen
TaffelPlatze vor alle Insulaner zum AbschiedsSchmause des Kapitains Horn ein
herrliches Tractament gegeben bei welchen er von allen insgesamt Abschied
nahm und von den auf der Insul befindlichen Europäern mit vielen Briefen und
Paqueten beschweret wurde um selbige an ihre in Europa befindlichen Freunde
mitzunehmen welches er gern und willig zu tun versprach und 2 Kisten damit
anzufüllen hatte Weiln er nun den 7 Jan in Person zu Schiffe zu gehen und
abzuseegeln gesonnen war auch darzu alles veranstaltet hatte so nahm er Tags
vorher von seiner Liebste dem AltVater Ältesten und andern speciellesten
Freunden bei mir aber zuletzt Abschied weil verabredet war ihm diese meine
fortgesetzte GeschichtsBeschreibung der Felsenburger ganz auf die letzte
Stunde mitzugeben Welche ich denn hiermit beschliesse und wohl glaube dass
sich einige finden und sagen werden ich hätte mich bei einer Sache zu lange
bei der andern zu kurtz aufgehalten und manches zu melden gar vergessen was
aber das letzte anbelanget so werden diejenigen so ich nicht berühret wohl
von schlechter Wichtigkeit und nicht besonders merckwürdig sein und wegen der
ersteren habe es vor dissmahl nach meinem eigenen Belieben gehalten hätte zwar
eins und das andere verbessern können indem keine Sache so gut dass sie nicht
verbessert werden könnte allein ich kann versichern dass auch andere wichtigere
Geschäffte mir nicht erlauben wollen dieser NebenSache wegen allzu viele Zeit
zu verlieren zumahlen da ich weder Lob noch Danck noch Gewinst darvor
verlange Habe ich nicht genung geschrieben so habe ich doch etwas geschrieben
und wie müsste man tun wenn ich gar nichts von unsern Zustande geschrieben
hätte Nicht wahr es würde deswegen doch an HistorienBüchern kein Mangel sein
Ob hinfüro noch mehr von den Felsenburgischen Geschichten zum Vorscheine kommen
möchte daran zweiffele fast sehr wenigstens würde es wohl unter 10 Jahren
nicht geschehen und wenn wir alle noch so lange lebten und gesund blieben denn
es dürffte vor der Zeit wohl kein Schiff von Felsenburg wiederum nach Europa
abgehen Unterdessen empfehle ich einen jeden der diese meine Fortsetzung und
vorherigen Schrifften zu lesen bekommt so wohl als alle andere Menschen der
Göttlichen Obhut und verbleibe ungeacht ich sehr weit von Deutschland wohne
dennoch
der redliche Deutsche
Eberhard Julius
Ein mehrers als was bisher gemeldet worden habe ich Gisander in Mons
Eberhard Julii Manuscripto nicht gefunden will aber dennoch kund machen was
ich dieser Geschichte wegen nachher weiter in Erfahrung gebracht Demnach bekam
ich im Februario 1735 ein Schreiben von Herrn HW aus Hamburg in welchem er
mich invitirte gegen Ostern bei ihm zu sein weil der Kapitain Horn um selbige
Zeit unfehlbar bei ihm eintreffen und mich gern selbst sehen und sprechen
wollte Weil ich nun versichert war dass ich diese Reise nicht umsonst tun
würde setzte ich mich zu rechter Zeit auf die geschwinde Post und kam 14 Tage
vor Ostern in des Herrn HW Behausung an welcher mich sehr wohl aufnahm der
Kapitain Horn aber stellte sich erstlich 8 Tage nach Ostern ein war sehr
erfreut mich zu sehen und gab mir das unverdiente Lob dass ich die zwei ersten
Teile der Felsenburgischen Geschichte welche er schon in A.* und D zu lesen
bekommen ganz wohl besorgt und ausgefertiget hätte weswegen er nunmehr
empfangener Ordre gemäß mir nebst einem Honorario auch den dritten und letzten
Teil einhändigen dabei nicht zweiffeln wollte dass ich denselben eben so wohl
als die beiden ersteren besorgen würde doch bat er sich aus dass ich ihm
dieses des Eberhard Julii Manuskript erstlich vorlesen sollte Dieses geschahe
denn wir nahmen einige Abende hintereinander immer 3 biss 4 Stunden darzu
discurirten dazwischen da ich denn von dem Kapitain Horn vieler Dinge wegen
besser verständiget wurde endlich aber als wir hiermit fertig tal der
Kapitain dem Herrn HW und mir folgende Erzählung
Am 7 Jan des abgewichenen 1734sten Jahres ging ich von Felsenburg ab und
zu Schiffe fand auf selbigen alles in bester Ordnung so dass ich den 8 dito
mit anbrechenden Tage bei gutem Winde und Wetter von dannen seegeln konnte
nachdem ich mit 12 KanonenSchüssen nochmahligen Abschied genommen das Glück
auf die Reise aus ihren Kanonen aber annoch hören konnte da ich schon etliche
Meilen von dannen war Noch niemals habe ich eine geruhigere Fahrt gehabt als
dieses mahl weil es aber zuweilen gar zu langsam ging bin ich erstlich zu Ende
des MayMonats im Texel eingelauffen Nachdem ich nun die Portugiesen so ich
mitgeführet bereits an dem Ufer ihres Vaterlandes ausgesetzt versprach ich
meinen Leuten alles dasjenige zu halten was ihnen annoch in Felsenburg
versprochen worden sie mussten mir aber ihren getanen Eyd wiederholen dass sie
von allen unsern Begebenheiten in Holland nicht viel Plauderens und großes
Wesen machen wollten Hierauf brachte ich vermittelst einer guten Summa Geldes
alles in solche gute Ordnung und Richtigkeit dass ich mein Volck und Bagage frei
und sicher ausschiffen durfte nahm auch mein Logis abermals in Amsterdam bei
Herrn GvB welcher mich mit sehr großen FreudenBezeugungen empfing Nachdem
nun das SchiffsVolck wohl befriediget war ließ ich alles von mir mit der
Erklärung dass wer von ihnen Lust hätte noch eine Reise mit mir zu tun nach
Ostern 1735 in Amsterdam bei Herrn GvB oder wenn ich gegenwärtig sich bei
mir selbst melden könnte mithin behielt nur die 9 Freigelassenen zur Bedienung
bei mir Mein erstes war dass ich mich nach meinem Bruder erkundigte und erfuhr
dass derselbe bereits auf der Retour aus WestIndien begriffen wäre weswegen ich
ihm zu Gefallen noch so lange in Amsterdam zu bleiben beschloss biss er sich
einstellete jedoch meine Zeit nicht müßig daselbst zubrachte sondern immer
nach gerade Anstalten machte dasjenige anzuschaffen und wohl auszurichten was
mir committiret war Endlich zu Ausgange des Augusti kam mein Bruder und wusste
vor Freuden nicht was er sagen sollte dass er mich allhier frisch und gesund
antraff denn bei meiner letztern Anwesenheit in Europa war er nicht
gegenwärtig sondern ebenfalls in WestIndien gewesen Er führte mich aufs
erste in sein Logis und entdeckte mir offenhertzig wie glücklich er bisher
auf verschiedenen Reisen gewesen so dass er nunmehr ein Kapital von etliche
20000 Tlr beisammen vor wenig Jahren aber seiner Frauen das ihr entwendete
Geld cum Interesse einen jeden seiner Geschwister aber 1000 Tlr durch
Wechsel übermacht hätte Nunmehr wäre er gesonnen in Holland auf einem guten
Orte sich zur Ruhe zu setzen und von seinen Interessen zu leben denn zu seinem
alten Weibe welches ihn so schändlich tractiret hätte könnte er sich unmöglich
wieder begeben im übrigen meinte er ich sollte ihm nur offenhertzig sagen
womit er mir helfen und dienen könnte indem er bereit sei auch die Helffte
seines Vermögens mit mir zu teilen Diese seine Redlichkeit und brüderliche
Liebe gefiel mir ungemein von ihm weswegen ich ihm liebreich umarmete und zur
Antwort gab Mein liebster Bruder ich bin von Hertzen erfreut dass euch der
Himmel gesegnet und mit zeitlichen Gütern vergnüget hat aus allen Umständen
und sonderlich dem brüderlichen Anerbieten vermercke dass ihr dem Geitze nicht
ergeben seid vor meine Person aber dancke ich vor euren guten Willen denn der
Himmel hat mich seit der Zeit auch gesegnet und ich will euch ohne meinen
geringsten Schaden noch 2 mahl 20000 Tlr zu den Eurigen geben damit ihr
euch wenn ihr ja nicht wieder in unser Vaterland zu kehren gesonnen ein feines
LandGut erkauffen und euer Leben darauf ruhig zubringen könnt allein
dagegen wollte mir dieses ausbitten dass ihr nur noch eine einzige Reise zur
See mit mir tun und mich auch erstlich zur Ruhe bringen möchtet Mein Bruder
hörte bei Vernehmung solcher Reden hoch auf versprach aber endlich mir alles
zu Gefallen zu tun was ich nur von ihm verlangen und ihm möglich zu verrichten
sein würde Es ist wohl gut mein Bruder sprach ich allein ungeacht ihr mein
leiblicher Bruder seid so ist mir doch eines geleisteten teuren Eydes wegen
nicht erlaubt euch einige sonderbare Begebenheiten zu eröffnen es wäre denn
Sache dass ihr mir ebenfalls gewisser Puncte wegen auf einige Zeit den Eyd der
Treue und Verschwiegenheit zu præstiren euch entschließen köntet Wie er sich
nun dessen gegen mich als seinen leiblichen und älteren Bruder gar nicht
weigerte so führte ich ihn hierauf in mein Logis allwo er nicht allein das
Geheimnis so viel als ihm nämlich davon zu wissen nötig war von mir erfuhr
sondern auch meine Schätze zu sehen bekam worüber er nicht wenig erstaunete
Ich gab ihm demnach im voraus so viel als ich ihm versprochen hatte schickte
15000 Tlr par Wechsel nach Franckfurt am Mayn welche meine 3 übrigen
Geschwister daselbst heben und sich darein teilen sollten überließ diesem
meinem jüngsten Bruder nebst dem Herrn GvB in Amsterdam einen großen Teil
von Besorgung meiner Affairen und reiste nachdem ich auch alle mit bekommene
Briefe und Paquete wohl bestellt hatte nach D zu dem HandelsManne welcher
des Herrn Franz Martin Julii seiner seeligen EheFrauen BrudersSohn war
brachte demselben von seinen Felsenburgischen Befreundten nicht allein
verschiedene kostbare Geschenke sondern auch Briefe und Siegel mit dass ihm
das Julische Haus Gewölbe in Summa alles mit einander, was er ihrentwegen zu
verwalten hätte auf erb und eigentümlich geschenckt sein sollte Man kann
leicht erachten dass ich bei so gestalten Sachen diesem jungen Manne kein
unangenehmer Gast gewesen sein müsse und gewiss er hat sich meiner Affairen
wegen viel Mühe mit Reisen und dergleichen gegeben auch mir die Bekandtschaft
vieler GrundGelehrten Leute zuwege gebracht dem ungeacht konnte ich weder
hier noch da noch dort jemand finden der sich die auf den Taffeln befindliche
HeidenSchrifft zu lesen und zu erklären unterstund deswegen sah ich mich
genötigt selbige gegen einen Revers in den Händen eines sehr reichen und
Grundgelehrten großen Mannes zu überlassen welcher mir vor die zwei Pfund
Goldes so ich ihm zur Diskretion gab versprach dieselben an die vornehmsten
Societäten der Künste und Wissenschaften in Europa zu übersenden und von Zeit
zu Zeit seinen Rapport an den Kauffmann in D ingleichen an Herrn GvB in
Amsterdam und auch an Herrn HW in Hamburg abzustatten weswegen ich denn die
10 Pfund Goldes Gratial gegen einen Revers bei dem Kauffmanne in D ließ
welcher zugleich Vollmacht bekam den glücklichen Ausleger derselben Schrifft
damit zu belohnen die Taffeln einzulösen und biss sie von den Felsenburgern
abgefordert würden bei sich zu behalten Wegen der Buch und KupfferDruckerei
aller dazu erforderlichen Leute und Materialien hat wie die letztern Briefe
von Herrn GvB und meinem Bruder aus Amsterdam lauten auch schon alles seine
vollkommene Richtigkeit weswegen ich glaube dass an den andern geringeren Sachen
auch nichts versäumt sein und ermangeln wird Und also werde ich mich hier in
Hamburg nicht lange aufhalten sondern meine Reise nach Amsterdam beschleunigen
um was ja etwa noch fehlen möchte vollends selbst zu besorgen und circa
JohannisTag meine HeimReise nach Felsenburg anzustellen denn ich werde auf
meinem und auf meines Bruders Schiffe eine starke Ladung haben wenn mich aber
mein Bruder auf der Insul KleinFelsenburg mit allen meinen Waren ausgesetzt
soll er bereits genommener Abrede nach auch die Personen so auf meinem
Schiffe gedienet auf das Seinige nehmen selbiges mit lauter Felsenburgischen
Victualien beladen und in Gottes Nahmen wieder zurück nach Europa fahren
So viel hat mir der Kapitain Horn von seinen Umständen eröffnet er tracti
rte nachher noch verschiedene Sachen mit dem Herrn HW um welche ich mich eben
nicht zu bekümmern hatte indem ich ein gutes Honorarium vor meine ReiseKosten
und alles von ihm bekommen Gern wäre ich mit demselben nach Amsterdam gereist
und hätte die Schiffe und alle Anstalten selbst in Augenschein genommen indem
er mir allen Aufwand und Versäumnis gedoppelt zu bezahlen versprach allein ein
wichtiger Umstand den ich eben nicht melden will verhinderte mich an dieser
Reise die ich zu anderer Zeit auch vor mein eigen Geld mit Lust getan haben
würde Demnach reiste der Kapitain mit dem Herrn HW ohne mich fort der
letztere aber hat mich nachher schrifftlich berichtet dass der Kapitain bei
seiner Ankunft in Amsterdam alles zu seinen größten Vergnügen in vollkommenen
Stande angetroffen und am 4ten Julii des jetzt lauffenden 1735sten Jahres nebst
seinem Bruder mit 2 Schiffen aus dem Texel gelauffen sei Demnach machte ich
mich wenn mir meine ordinairen Geschäffte einige müßige Stunden vergönneten
auch an die Arbeit und brachte eben noch zu rechter Zeit
Die Felsenburgische GeschichtsBeschreibung zu ENDE
Fußnoten
1 Hier hat Mons Eberhard vielleicht aus besonderen Ursachen die ich Gisander
vollkommen zu erraten mir eben nicht getraue etwas kurtz und verblümt von der
Sache geschrieben denn als ich nachdem mich der Kapitain Horn da er glücklich
in Europa angeländet zu sich kommen lassen eines Abends in Vorlesung des
Manuscripts auf diese Passage kam sagte er der Kapitain Horn selbst im
Vertrauen zu mir »Hier ist Eberhard mit dem Flederwische drüber her gefahren
und hat nicht so anfrichtig als sonst geschrieben denn ich versichere euch
mein Herr dass in der einen Kammer ein unschätzbarer Schatz von GoldKlumpen
GoldScheiben GoldStangen Diamanten und andern kostbaren Steinen gefunden
und so wohl als die GötzenBilder nach GroßFelsenburg geschafft worden Wenn
ich fuhr der Kapitain Horn gegen mich fort mich nicht bereits vollkommen in
die angenehme LebensArt der Felsenburger verliebt auch mir ein überaus schönes
Bild daselbst zur künftigen EheGattin auserwählt mich mit ihr versprochen
und die größte Lust gehabt meine übrige LebensZeit auf dieser Insul
zuzubringen würde ich unfehlbar meinen Teil von diesen unter der Erde
gefundenen Schätzen gefordert haben So aber dachte ich was ist dir Gold Geld
und Gut nütze da du nicht in Europa sondern allhier verbleiben wilst zudem
so haben sie mir mehr Gold und Geld mitgegeben als ich verlangt und nötig
habe Aber das ist wahr dass die Felsenburger Königreiche kauffen und baar
bezahlen könnten wenn sie feil wären« Ich gab ihm hierauf zu verstehen wie
mich wunderte dass bei diesen gefundenen Schätzen gar keines SilberZeugs auch
keines gemüntzten Geldes erwehnt würde worauf er versicherte dass weder
SilberWerck noch Müntze sondern nur bloß Gold und EdleSteine gefunden worden
Weil nun ich Gisander mich nicht verbindlich gemacht unser beider besonderes
Gespräche zu verschweigen als habe mir kein Bedenken genommen dem geneigten
Leser um die Geschicht desto deutlicher zu machen das nötigste zu offenbaren
Wunderliche FATA einiger SeeFahrer
Vierdter Teil
oder
fortgesetzte
GeschichtsBeschreibung der Felsenburger
Worinnen nicht allein derselben jetziger Zustand seit Alberti Julii IAbleben
biss auf heutige Zeit mit aufrichtiger Feder gemeldet sondern auch eine ganz
besondere und Verwunderungswürdige LebensGeschichte einer PersischKandahari
schen Prinzessin Mirazamanda
Die fast ein HauptStück der Felsenburgischen Geschichte ausmacht zugleich mit
beigefüget worden
Zuerst entworffen von Mons Eberhard Julio Curieusen Lesern aber zum
vermutlichen GemütsVergnügen ausgefertigt auch par Kommission dem Druck
übergeben von
GISANDERN
Vorrede
Festina lente
Man muss in keinem Stück sich leichtlich übereilen
Eil schadet öfters mehr als klügliches Verweilen
Geneigter Leser
Das hier angeführte lateinische Dicterium mögen sich meines Erachtens die bei
den Gebrüder Hn SeeKapitains Horn so wohl Sen als Jun zur Parole
LoosungsWorte Feldgeschrei wie man die Sache etwa zu nennen pflegt oder wohl
gar zu ihrem HauptSymbolo und GedenckSpruche ehe sie noch am 4 Jul des
1735ten Jahres von Amsterdam aus durch den Texel abgelauffen erwehlet haben
Ich meines Orts verdencke die beiden Herrn Brüder dieserwegen gar im
geringsten nicht denn sie konnten damals mit Freuden ausruffen
Acti labores jucundi
Nach glücklich wohl vollbrachten Sachen
Kan man sich gute Stunden machen
Sie haben es auch redlich getan so wie man in nachfolgenden Blättern von
ihnen lesen kann Wie lange sich aber der Kapitain Horn Jun auf seiner
ZurückReise von Felsenburg und absonderlich bei dem Gouverneur zu St Jago
verweilet kann ich eben so genau nicht sagen weilen derselbe niemals so treu
und offenhertzig gegen mich gewesen als ehedem sein Bruder der Kapitain Horn
Sen
Jedoch wie ich aus gewissen Umständen vermuten können so mag der
Aufenthalt bei seiner Braut ungefähr ein halbes Jahr lang auch wohl etwas
drüber gewesen sein indem er sich bei derselben lieber verweilen als übereilen
wollen
Dieses Vergnügen missgönne ich ihm ganz und gar nicht mir aber hat er damit
und solchergestalt von Zeit zu Zeit öffteren nicht geringen Verdruss verursacht
indem ich schon seit 3 biss 4 Jahren daher mit mehr als 100 Briefen um die
Fortsetzung der Felsenburgischen Geschichte heraus zu schaffen bombardiret
worden der mündlichen Attaqen zu geschweigen Ja ich habe mich so gar immer
befürchten müssendass allzu ungedultigen Neubegierigen mir die Fenster
einwerffen oder gar das Haus stürmen möchten wenn ich länger damit zurück
hielte zumahlen da zum öffteren ein falsches Gerüchte ausgesprengt worden als
ob der Kapitain Horn bereits angekommen wäre mithin es nur an meiner Kaprice
Bequemlichkeit oder resp Faulheit läge diejenigen denen etwas daran gelegen
zu vergnügen
Wie nun aber ich in diesem Stücke meine Unschuld ganz besonders erweisslich
zu machen im Stande bin so versichere dabei dass mir des Kapitain Horns
überlanges Aussenbleiben zum öffteren selbst die Galle dergestalt in den Magen
getrieben so dass ich dem Apotecker vor Absorbentia Præcipitantia und andere
Hudeleien womit ich mich sonsten sehr gern verschont sehen mag manchen schönen
Batzen zuwenden müssen
Nun er aber da ist habe ich ihm Seiten meiner seine Fehler vergeben wie
er denn mir die meinigen auch vergeben anbei vor meine Mühe und ReiseKosten so
viel zurück gelassen dass ich ganz wohl damit zufrieden sein kann
Demnach hoffe es werden meine resp Geehrtesten Leser auch vor diesesmahl
mit mir zufrieden sein und diesen vierdten und letzten Teil der
Felsenburgischen Geschichte so gütig und geneigt als die 3 vorhergegangenen
auf und annehmen Wenn mein Stilus von einem oder dem andern nicht so rein
lauter und fliessend erachtet werden sollte wie es heutiges Tages die Mode mit
sich bringt ersuche dienstfreundlich mir vor diesesmahl in die Gelegenheit zu
sehen weilen viele beschwerliche Reisen Unpässlichkeiten und sonsten andere
Sorten vom Verdrusse die eilende Feder zuweilen irrig gemacht Unterdessen
hoffe doch in der HauptSache ein völliges Genügen geleistet zu haben wobei
verspreche das was etwa versehen sein möchte so Gott Leben und Gesundheit
verleihet in den andern Herausgaben zu verbessern Unterdessen da seit 2 biss
3 Jahr daher so wohl an den Herausgeber als Verleger verschiedene Briefe auch
so gar von weit entferneten Orten eingelauffen welche nicht selten ein starckes
Porto verursachet als werden die Herrn Patroni und Gönner der Felsenburger
respective dienstfreundlich ersuchet in Zukunft Dero Briefe franco
einzusenden Wormit mich zu geneigtem Wohlwollen empfehle und beharre
Geneigter Leser
Dein
Raptim
an der Wilde
den 2 Dec 1742
Dienstergebenster
Gisander
Wunderliche FATA einiger Seefahrer Vierdter Teil
Geliebteste und allerwerteste Bluts und MutsFreunde in Europa
Nachdem Ihnen ich Eberhard Julius durch den Kapitain Horn versichern lassen
wo es anders möglich wäre und die Gelegenheit etwa nicht gänzlich benommen
würde alles was seit meiner 3 vorhergehenden Relationen welche seit einigen
Jahren daher wie ich vernommen habe in Europa im Druck erschienen und einiges
Aufsehen verursacht auf diesen beiden Insuln Groß und KleinFelsenburg sich
merckwürdiges und besonders zugetragen aufs fördersamste und aufrichtigste zu
melden Als habe hiermit mein Wort halten wollen in guter Hoffnung dass
Uberbringer dieses nachdem er seine Sachen wohl ausgerichtet glücklich bei
Ihnen anlangen werde
Kaum hatte ich meinen Vorsatz unsern Regenten Alberto II den grauen
Häuptern und Ältesten wie auch den Herrn Geistlichen und andern guten Freunden
gemeldet als ich ersucht wurde den Anfang gegenwärtigen meines vierdten
Berichts mit folgender Addresse zu machen
Wir Albertus Julius der andere der Zeit erblicher Regent der beiden von
Gott ganz besonders gesegneten Insuln Groß und KleinFelsenburg die
Ältesten grauen Häupter die Ehrwürdige Geistlichkeit welche mit mir über
unser Volck regieren entbieten unsern geliebtesten und allerwertesten
Freunden in Europa unsern dienstfreundbrüderlichen Gruß nebst Anwünschung
alles Seelen und LeibesVergnügens und Wohlergehens Dergleichen Grüße und
Wünsche erfolgen auch von allen andern löblichen und ansehnlichen Personen
beiderlei Geschlechts bis auf die Säuglinge welche noch nicht wissen und
verstehen was vor teure und werte Freunde sie in Europa haben die weit
vornehmer sind als wir denn wir schätzen uns ganz geringe und einander alle
gleich beobachten doch aber nicht allein aus der heil Schrifft sondern bloß
aus dem Lichte der Natur die Gebote Ehre dem die Ehre gebühret Gehorsam dem
Gehorsam gebühret und dieses um guter Ordnung wegen Wir werden uns insgesamt
ungemein erfreuen wenn wir von unsern Abgeschickten deren glückliche
Zurückkunft wir täglich mit größten Verlangen erwarten erfahren werden dass es
unsern geliebtesten und allerwertesten Freunden in Europa noch wohl gehe
bedauern anbei diejenigen die etwa Not und Mangel leiden möchten wünschen
wohl aus getreuem Hertzen Gelegenheit zu haben Ihnen von unserm Uberflusse
nach Notdurfft etwas abgeben zu können Denn Gott gibt uns jährlich und
täglich ja stündlich mehr als wir wert sind und zur Leibes Nahrung und
Notdurfft gebrauchen weswegen sollten wir also dermaßen unchristlich sein und
unsern Uberfluss den Bedürfftigen nicht gönnen zumahlen denen die unsere
Freunde sind und unsern GeschlechtsNahmen führen Wolte Gott es schickte
sich ein ordentliches Kommercium mit ihnen zu stifften Die Weite des Weges
sollte solches Seiten unserer nicht verhindern vielleicht würde manchen
Notleidenden und Bedürfftigen besser geraten sein Da aber dieses bei jetzigen
schlimmen Zeiten und gefährlichen WeltHändeln wie uns berichtet worden eher
zu wünschen als zu hoffen steht so können wir weiter nichts tun als dass wir
vor sie beten und sie der der guten milden und barmhertzigen Hand Gottes des
Allmächtigen empfehlen Wir verhoffen sie werden dergleichen auch vor uns tun
ungeachtet wir vorjetzo noch ziemlicher maassen in Ruhe sitzen und von keiner
befondern Bekümmernis wissen ausgenommen was die Sorgen anbetrifft die wir
wegen unserer Verreiseten haben
Wie gesagt wir wissen Gott sei davor gelobt weder von Not Kranckheiten
Hunger Kummer und andern LandPlagen zum Teil wenig zum Teil gar nichts zu
sagen und die wohlverdienten Straffen unserer Sünden empfinden wir von dem
barmhertzigen liebreichen Vater im Himmel weit gelinder als wir fast vermuten
könnten indem wir wissen wie sein Zorn und seine strenge Gerechtigkeit öfters
auch über die von den Menschen unerkannten Sünden sich zu zeigen pflegt
Nun der Herr segne und behüte Sie und uns wir empfehlen uns Ihnen vom
größten bis zum kleinesten vom ältesten bis zum jüngsten zu Dero geneigten
Wohlwollen und guter Freundschaft ungeachtet da wir eine so entsetzliche
Weite über Meer von einander wohnen Doch den Gott den Sie anbeten den beten
wir allhier auch an und verehren denselben eben so wohl als wie Sie wo nicht
mit Ubereinstimmung aller christlichen Zeremonien jedoch in unsern christlichen
Hertzen Also kann die Sympatie dennoch ihr Wesen und Würckung beständig
zwischen Ihnen und uns ausüben
Wir schicken Ihnen etwas weniges von den Gütern und Früchten unsers Landes
welches sie nicht verschmähen sondern sich christbrüderlich darein teilen
vornemlich aber die Aermsten unter Ihnen nach proportion gedoppelt oder
dreifach besorgen wollen
Unserer geliebtesten und allerwertesten Bluts und MutsFreunde in Europa
verbleiben wir Felsenburger allerseits so lange noch einer von uns lebt und
Otem hat getreue Freunde und Diener
Gegeben auf meinem
ordentlichen Wohn
hause Albertsburg
genannt im Jahr
Christi 1740 den 3
Tag des Monats
Februarii
LS Albertus Julius II
Unter diesem Nahmen unterschrieben sich weit mehr als 100 Personen
beiderlei Geschlechts nicht allein Europäische Einkömmlinge sondern auch
eingebohrne Felsenburger
Wir warteten demnach mit Schmerzen auf die Zurückkunft des Kapitains Horn
als welcher uns versprochen hatte mit zweien Schiffen zurück zu kommen und
sein NebenSchiff nachdem es ausgeladen dagegen eine andere Ladung
eingenommen so bald es uns gefällig zurück nach Europa zu schicken er aber
wollte erlaubter und abgeredter maassen bei uns verbleiben
Allein es stürtzten sich noch unzählige Eymer Wasser aus unserer
Felsenburgischen großen See hinunter in das wilde Meer ehe wir das Vergnügen
hatten unsern lieben Kapitain Horn mit seinen beiden Schiffen wieder zu sehen
So trugen sich auch binnen der Zeit viele seltsame Begebenheiten und
WunderDinge zu welche ich weiter unten nach Möglichkeit in bester Ordnung
erzählen werde
Voritzo aber will vorerst nur so viel melden dass als ich eines Abends
ungefähr um 10 Uhr auf meinem OberStübgen an einem Fenster gegen Norden zu
stund allwo ich den besonderen Stand des Gestirns zu damahliger JahrsZeit
beobachten wollte gewahr wurde dass gerade in der NordGegend eine schwartze
dicke Wolcke aus der See bis an den Himmel erstlich in Gestalt einer Pyramide
herauf stieg binnen weniger Zeit aber sich dergestalt ausbreitete dass alle
Sterne bis an den PolarStern mithin die ganze Helffte des Horizonts bedeckt
und ganz und gar verdunckelt wurde Dieses währte bis dreiviertel auf 12 Uhr
so dass wie ich schon gesagt die jenseitige HimmelsGegend so schwartz als eine
Kohle anzusehen war die andere Helffte nach Süden zu zeigte sich hergegen
klar und helle mithin hatten wir gegen Norden zu den allerfürchterlichsten
gegen Süden aber den allercharmantesten Anblick indem wir mit gröstem
Vergnügen die hellgläntzenden Sterne am blauen Himmel über unseren Häuptern
erblickten Wunderbar ließ es dass der PolarStern gleichsam als ein
GräntzStein oder ScheideWand zwischen Licht und Finsternis anzusehen war Es
ging also am HimmelsGewölbe zwischen Licht und Finsternis ein etwas dunckel
grauer Strich von Osten bis Westen hindurch welches mit einiger Erstaunung
anzusehen war
Wir gedachten immer die Schwärtze würde sich weiter ausbreiten und in die
Helligkeit gegen Süden zu hineindringen mithin den ganzen Horizont schwartz
machen allein es geschah nicht sondern die Schwärtze zog sich da es gegen 1
Uhr kam allmählig nach Norden zurücke und wurde es in der Tieffe dergestalt
schwartz als ich nicht beschreiben kann Gleich da meine Uhr ein Viertel auf 2
schlug erblickte ich mit grössesten Entsetzen dass sich mitten in der dicksten
Finsternis ein ordentliches FeuerRad in Größe unserm Augenmasse nach eines
der allergrößten MühlRäder præsentirte welches dergestalt schnell herum lief
als ob es durch die Kunst eines Feuerwerckers also gemacht und mit besonderen
Fleiße dahin gestellt wäre
Meine Frau die ganz alleine bei mir war und ich sahen dieses WunderDing
mit größter Verwunderung an indem ich aber in die andere Stube gegangen war um
nach der Uhr zu sehen läufft sie gleichfalls davon und wecket Mons von Blac
nebst andern getreuen Nachbarn welche schon im tiefsten Schlafe gelegen
Demnach kamen ihrer sehr viele herzu da sie aber von allem dem was vorgegangen
war nicht das geringste observirt hatten so verwunderten sie sich um so viel
desto mehr über das was ich Ihnen in möglichster Kürtze erzählte noch weit
mehr aber über dasjenige was sie mit ihren sichtlichen Augen vor sich sahen
nämlich das FeuerRad als welches noch beständig mit der größten Hefftigkeit um
und um lief
Meine Freunde gaben mir einen starken Verweis darum dass ich sie nicht
eher geweckt hätte das ganze Wunderspiel zeitiger mit ansehen zu können
allein ich entschuldigte mich damit dass ich nicht vermeint wie die Schwärtze
so lange anhalten würde vielweniger hätte mir träumen lassen dass ein so
künstliches und bewundernswürdiges FeuerRad zum Vorschein kommen sollte
Wir sahen demnach dem schnellen Lauffe dieses FeuerRades noch etliche
Minuten zu und wurden mittlerweile gewahr dass es zum öffteren Raqueten oder
sogenannte Schwärmer von sich warf fernerhin aber sprungen fast binnen einer
halben Minute jederzeit ordentlich runde FeuerKugeln herab welche dem Ansehen
nach zum Teil als 12 16 bis 24 pfündige KanonenKugeln zu achten waren in
die See fielen und sich wohl eine halbe Minute lang darinnen herum tummelten
endlich aber verschwunden ob aber bei ihnen Crepirung dieselben einen Knall von
sich gegeben kann ich so eigentlich nicht sagen indem unsere Ohren sich auf
eine so gewaltige Weite nicht eingerichtet befanden
Nach Verlauff einer halben Stunde kamen aus dem FeuerRade entsetzlich
viele FeuerFlammen in der Gestalt natürlicher Schlangen heraus gesprungen ihre
Farbe war teils grün gelb rot schwartz blau und teils gesprenckelt Diese
stürtzten sich mit aller Gewalt in die See hinein und schienen zum Teil auf
einmal zu versincken allein wir bemerckten dass sehr viele von ihnen wieder
empor kamen und als eine blass rötliche Fackel so wie in Europa die Irrwische
auf der See herum tantzten nachher aber da sie mehr als 1000 Funcken von
sich geworffen in die Tieffe versuncken
Mittlerweile warf dennoch binnen dieser Zeit das FeuerRad allerlei Sorten
von FeuerKugeln von sich die sich nicht anders aufführeten als die
vorgemeldten Ehe man sich es versah kam auf einmal ein ganz Geschwader der
bemeldten FeuerSchlangen welche ich über mehr als 1000 schätzte aus dem
FeuerRade heraus geflogen sie waren wie schon gesagt von allerhand Farben
stürtzten sich in die See hinein und es hatte das Ansehen als ob sie mit
einander Krieg führten und sich bissen Jedoch diese Rencontre währete nicht
länger als ungefähr 6 Minuten wonach sie auf einmal plötzlich
verschwanden und zwar in einem Tempo als wenn viele Lichter auf einmal
verlöscht werden
Leichtlich ists zu erachten dass man seinem Augenmasse bei einer so
gewaltigen Weite nicht alzuwohl trauen kann doch schätzte ich das Revier auf der
OberFläche der See allwo sie die artigsten Täntze und Kolloraturen machten
wenigstens im Umfange von 10 deutscher Meilen Wir wurden hierüber alle in eine
erstaunende Verwunderung versetzt und wird mir erlaubt sein zu sagen dass in
der ganzen Welt schwerlich ein Printz oder andere Puissance wird anzutreffen
sein welcher vor die vielleicht übermäßig angewandten Kosten dergleichen
Wasser und FeuerWerck zu sehen bekommen als uns die Natur vor dissmahl umsonst
vorstellete jedoch zu unserm allergrössten Schrecken
Mittlerweile aber wie gemeldet die feurigen Schlangen auf der OberFläche
ihre Kolloraturen machten und die FeuerKugeln wechselsweise nach einander in
die See hinein purtzelten bemerckten wir dass das FeuerRad weit feuerröter
wurde jedoch nach und nach immer enger und enger zusammen ruckte so dass es
bald hernach viel kleiner wurde seine vorige Gestalt verlor sich als eine der
allergrößten Bomben und zwar mit aufgesetzten Zunder præsentirte Wir waren
sehr aufmercksam über diese Veränderung nachdem aber etwa 4 bis 5 Minuten
verlauffen crepirte diese unsern Gemüts und LeibesAugen vorgelegte Bombe in
einem Augenblicke spye noch viele FeuerKlumpen und Sterne von allerhand Farben
von sich und versunck hernach in die See mithin hatte das ganze Feuerwerck
seine Endschaft erreicht so dass weiter nichts als eine Egyptische Finsternis
in der ganzen Gegend zu betrachten war Indem aber gemeldte FeuerKugel oder
Bombe crepirte hörten unser aller Ohren nicht allein einen entsetzlichen
Knall sondern wir vermerckten auch ein erschröckliches Erdbeben so dass wir
alle wie wir stunden und lagen fast über einer Querhand hoch in die Höhe
gehoben und erschüttert wurden Als ich in meine SchreibStube kam fand ich das
Schreibzeug BierKrug und andere Dinge so auf dem Tische stunden umgekehrt
teils auch auf dem Boden zerbrochen liegen Die Tabulettgen hiengen zwar noch
an den Wänden allein die meisten Gläser TeeTassen und dergleichen Porcellain
Zeug waren herunter gefallen und zerbrochen bei welchen Kleinigkeiten ich mich
aber nicht lange aufhielte sondern nach der Wohnstube zu eilete allwo ich
meine liebe Frau die in Ohnmacht gesuncken war auf dem Bette liegend antraf
da ich aber sah dass viele vertraute Freunde und Freundinnen um sie herum
waren lief ich mit Mons von Blac nebst etlichen unserer Bedienten hinunter
auf den Platz allwo 2 Kanonen stunden die 16 pfündige Kugeln schossen diese
löste ich in der Geschwindigkeit eine nach der andern ehe eine Minute
verstrich nicht etwa aus Frevel sondern aus keiner andern Ursache als die
Einwohner herbei zu locken und ihnen vorzustellen in was vor Gefahr und Not
wir uns befänden und zwar einer so wohl als der andere Vor allen Dingen musste
mein Famulus aufs eiligste nach der AlbertsBurg laufen um dem Regenten zu
rapportiren was vorgegangen wäre und was wir observiret hätten Es war dieser
mein Famulus ein geschickter Pursche von 18 Jahren und richtete seine Sachen
wohl aus kam bald zurück und referirte uns dass auf der AlbertsBurg weder
Albertus selbst noch jemand anders weder von der Schwärtze am Himmel noch von
dem curieusen Feuerwercke das geringste gesehen sondern sie hätten alle wohl
und sanfte geschlaffen bis sie von dem Erdbeben welches sie eben so heftig
als wir empfunden aufgeweckt worden
Etwa eine Stunde nach dem Knall der zwei Kanonen versammleten sich nach und
nach etliche 100 Menschen beiderlei Geschlechts aus allen PflantzStädten
auf dem Platze bei der Kirche und am Fuße der AlbertsBurg welche alle
einstimmig aussagten dass sie zwar das Erdbeben in eben der Gewalt verspühret
hätten als wir allein von der Schwärtze am Himmel und dem Feuerwerck wollte
niemand nichts wissen bis endlich diejenigen abgelöseten Wächter kamen welche
in verwichener Nacht auf den höchsten Klippen in ihren Schilderhäusern bei den
Kanonen Schildwacht gehalten Diese wussten wegen der Schwärtze und des
Feuerwercks alles so accurat auszusagen als wir es mit unsern Augen gesehen
hatten
Indem wir nun hiervon mancherlei Gespräche unter einander hielten empfanden
wir binnen ungefähr 3 Minuten 3 gewaltige Stöße vom Erdbeben und zwar
dergestalt heftig dass sich auch die Glocken auf dem KirchTurme von selber
rühreten und ihren Laut von sich gaben Die allermeisten unter uns aber
sonderlich die Weiber und Kinder waren aus Schrecken zu Boden gefallen und
blieben also auch auf der Erden liegen Ich selbst konnte mich nicht halten
sondern musste gleich bei dem ersten Stose zu Boden sincken
Noch etwa eine Stunde hernach empfanden wir abermals binnen 3 Minuten 3
heftige Stöße so dass wir befürchteten es würden alle Gebäude auf der ganzen
Insul umgefallen sein allein Gott hatte dieses Unglück gnädig verhütet wie ich
in meiner ferneren Erzählung melden werde
In solchem Zustande nämlich auf der Erden liegend brachten wir noch eine
gute Zeitlang zu binnen welcher Zeit sich nicht allein der Regent sondern wie
ich sicher glaube fast alle übrigen Einwohner der Insul vom größter bis zum
kleinesten bei uns als dem grössesten Hauffen versammleten als zu welchem
sich auch die drei Herren Geistlichen verfügten
Endlich wurde der Himmel nach und nach helle und klar und dergestallt mit
himmelblauer Farbe bemahlt dass sich unsere erschrockenen Hertzen einiger
maassen zu erhohlen schienen mit der aufsteigenden Sönne aber begunte auch
unsere Großmut nach und nach aufzusteigen zumahlen da wir nichts weiter von
einiger ErdErschütterung verspüreten Die SeigerGlocke ließ 9 hellklingende
Schläge von sich hören worüber wir uns ungemein erfreueten da wir vorher in
Furchten gestanden es würde die Uhr gänzlich ruinirt sein Demnach stund unser
Regent Albertus II welcher in Wahrheit ein würdiger Nachfolger seines sel
Vaters Alberti I ist so wohl in dem was die Gottesfurcht als auch die
politische Klugheit und andere Tugenden anbetrifft von der Erden auf Es tat
aber derselbe an uns alle die wir um ihn wie die Schaafe herum lagen ex
tempore folgende Rede
Meine Kinder Brüder und Freunde
Es haben zwar von euch nur einige gesehen und gehört was vor besondere große
WunderZeichen in vergangener Nacht geschehen Alle aber haben wir empfunden
was uns der Allmächtige Gott im Himmel durch das erstaunliche Erdbeben vor ein
grausames Schrecken eingejagt dergleichen Erdbeben wohl so lange die Welt
gestanden auf dieser Insul nicht geschehen sein mag
Mein in Gott ruhender Vater hat mir da ich sein ältester Sohn bin sehr
viele mal erzählt dass er Zeit seines Aufenthalts auf dieser Insul zu
verschiedenen mahlen Erderschütterungen verspüret welche aber doch leidlich
gewesen und ich selbst habe seit den Jahren meiner Jugend bis hierher
verschiedene Erdbeben mit vielen Schrecken Furcht und Erstaunen bemerckt
jedoch ein solches wie es sich in verwichener Nacht empfinden lassen noch
niemals Es kann sein dass der Allmächtige Gott diese Insul zerreißen und in
die Tieffe des Meeres versencken mithin uns alle verderben will und zwar um
unserer Sünden willen Wolten wir gleich sagen wir tun wenig oder keine Sünde
1 Wir fürchten und lieben Gott 2 Wir fluchen und lästern nicht so wie man
wohl hört dass es bei andern Nationen eine gemeine Mode ist 3 Wir heiligen
den Feiertag besuchen auch auser dem fleißig die Kirche und gehen ordentlich
zum heil Abendmahle 4 Wir lieben fürchten und gehorsamen unsern
Vorgesetzten Lehrern und Eltern 5 Man hat noch nie erhört dass auf unserer
Insul eins das andere boshafter Weise beschädigt verwundet oder wohl gar tot
geschlagen hätte 6 Auch ist noch nie erhört dass unter uns die wir alle eines
Geblüts und Geschlechts sind Unkeuschheit wäre verspüret worden 7 Wer kann
auftreten und sagen dass diesem oder jenem etwas auch so gar das geringste
heimlicher Weise gestohlen und entwendet worden 8 Von Lügen Verraten und
Affterreden gegen einander wissen wir nichts weil wir keine Ursache darzu
haben und uns bis auf den Tod ins Hertze hinein schämen müssten wenn da die
Lügen an Tag kämen wir wie Butter an der Sonne bestünden 9 Keiner unter uns
begehret seines Nächsten Haus Gut noch Erbe oder sucht selbiges unter diesem
oder jenem Scheine an sich zu ziehen und zu bringen weilen ein jeder unter uns
so beqvemlich lebt als er nur immer zu leben wünschen kann und wenn ja etwa
dieses oder jenes zu Verbesserung seiner Beqvemlichkeit ermangeln sollte so sind
mehr als 100 Hände und Füße da die ihm ohne Belohnung zu fordern zu
Diensten stehen 10 So hat man auch bis auf diese Stunde kein eintziges
Exempel dass das zehende Gebot Gottes so wie es in Luteri Katechismo ausgelegt
ist von jemanden übertreten worden denn wir haben ja nicht die geringste
Ursache darzu weilen sich ein jeder nach seinem Appetite wohl beraten zu dem
wenn wir auch die heil Schrifft bei Seite legten so könnten wir doch so gut
als die blinden Heiden die von Gott nichts wissen wohl erkennen dass dieses
unter einer menschlichen Gesellschaft ein schändliches Laster sei Da zumahlen
unsre Herrn Geistlichen uns den den Heiden unbekannten Gott nach ihrer
menschlichen Möglichkeit und durch die Krafft des heil Geistes erleuchtete
Gelehrsamkeit und Beredtsamkeit von einer Zeit zur andern bekannter machen auch
den Rat Gottes wegen unserer Seligkeit wöchentlich nicht einmal sondern
etliche mahl vortragen
Meine Kinder Brüder und Freunde was ich itzo gesagt habe das habe ich
allen auf dieser Insul lebenden menschlichen Kreaturen gesagt Ich habe nicht
bloß aus meinem sondern aus eurer aller Munde geredet führe euch aber dieses
zu Gemüte dass, wenn wir in Betracht des obgemeldeten sagen wollten Wir hätten
keine Sünde so verführeten wir uns selbst und die Wahrheit wäre nicht in uns
Denn alles dieses obgemeldte ist wohl gut und aller Ehren wert aber aber
alles dieses ist doch auch noch lange nicht hinlänglich die Seligkeit zu
erwerben sondern es gehört noch ein weit mehreres darzu welches unsere
Seelsorger besser und deutlicher als ich Ungelehrter mit meiner schwachen
Zunge vortragen können Unterdessen da ich vor wenig Nächten wie ich
festiglich glaube und dessen in meinem Hertzen versichert bin einen göttlichen
Traum gehabt den ich bei nächster Gelegenheit offenbahren und unsere Herrn
Geistlichen und andere Gelehrte und kluge Leute darüber will urteilen lassen
so hoffe es soll vor dissmahl weiter keine Not mit uns haben Deswegen habt
guten Mut und lasset uns beisammen bleiben bis die Glocke 12 geschlagen hat
Wer mit Speise und Tranck nicht versorgt ist kann in mein Haus gehen allwo vor
uns alle gnugsamer Vorrat vorhanden ist, und sich sättigen auch den Seinigen
zur Notdurfft so viel er tragen kann mit herunter bringen Wir werden nicht
sterben sondern leben und des HERRN Werck verkündigen und nach überstandener
Furcht und Schrecken unsern Gott zu loben und zu preisen die größte Ursache
haben Ich weiß es aus gewissen Umständen ganz gewiss denn ich bin nicht allein
als euer aller Vater sondern auch als euer Prophet zu betrachten Gebt Achtung
es wird binnen jetzo und etwa einer ViertelsStunde sich eine ganz gelinde
ErdErschütterung spüren lassen aber dieserhalb erschrecket und fürchtet euch
nicht sondern heiliget Gott den HErrn in euren Hertzen Ist dieses vorbei so
werden wir Ruhe haben Sagt mir was wollen wir anders anfangen Hätten wir auch
Flügel wie Tauben und Flügel der Morgenröte dass wir flöhen und zusähen wo wir
etwa blieben Ja hätten wir auch 100 Seegelfertige Schiffe worauf wir uns mit
unsern besten Sachen einzuschiffen und einen andern Ort unsers Aufenthalts
suchen wollten Was will das helfen Der Hand des Allmächtigen können wir nicht
entrinnen wenn sie uns wie ich doch nicht hoffe verderben will Also ist es
besser wir bleiben hier beisammen und warten mit christlicher Geduld und
Gelassenheit ab das was der Himmel fernerweit über uns verhängt hat
Unterdessen seid so gut und stimmet mit mir das Lied an Wo soll ich fliehen
hin etc
Nachdem der Regent und wir alle dieses Lied mit größter HertzensAndacht
kaum ausgesungen verspüreten wir eine kleine ErdErschütterung die doch allen
denen die auf der Erden lagen nicht anders vorkam als ob sie gewieget würden
Es währete dieselbe kaum 5 bis 6 Minuten worauf alles stille war
Nach diesem stund Albertus wieder auf und redete mit heroischen Geiste und
Munde folgendes Nun getrost und unverzagt meine Lieben Der Geist des HErrn
sagt es mir dass nunmehr alles vorbei sei sollte Gott aber dennoch ein
StrafGericht über uns beschlossen haben wohlan so lasset uns lieber in die
Hände des HErrn fallen als in die Hände der Menschen Worauf er mit diesen
Worten zielete will ich weiter unten melden Hierauf stimmete er seines Vaters
auserlesenes HertzensLied an Es woll uns Gott genädig sein etc
Nachdem wir dieses insgesamt ausgesungen fing die Sonne am
blaugewölckten Himmel dergestalt zu brennen an dass wir auf dem freien Platze
nicht länger vor Hitze zu bleiben wussten weswegen wir uns nach schattigten
Oertern umsahn und sämtlich nach der AlbertsRaumer Alleè spatzireten
Hierbei bewunderte ich dass unter so vielen 100 Personen kein eintziges weder
Hunger noch Durst klagte vielweniger sich bemühen wollte nach der AlbertsBurg
zu gehen und Speise und Tranck zu holen
Wie wir uns nun in besagter AlbertsRaumer Alleè auf beiden Seiten rangirt
und gelagert hatten trat Herr Mag Schmelzer Sen den ich wohl mit Recht unsern
Bischoff nennen kann auf einen etwas erhabenen kleinen Hügel breitete seine
Hände aus gen Himmel und intonirte mit seiner penetranten BassStimme diese
Worte
HErr hilff uns sonst versincken und verderben wir
Hierauf antwortete das Chor der musicalischen Vocalisten welchem es schon
unterwegs vorgesagt war also
Da die Elenden riefen hörte der HErr und half ihnen aus allen ihren
Nöten
Auf dieses intonirte Herr Mag Schmeltzer wieder diese Worte
GOTT spricht Ich bin der HERR dein Gott wandele für mich und sei
fromm Ruffe mich an in der Zeit der Not so will ich dich
erretten und du solt mich preisen
Die Antwort des Chori Musici war diese
Verlass mich nicht HErr mein Gott sei nicht ferne von mir Eile mir
beizustehen HErr meine Hilfe
Hernach zog Hr Mag Schmeltzer seine HandBibel hervor welche er wie ich
bemerckt beständig in seiner rechten RockTasche bei sich führte schlug
dieselbe auf und lass uns den 85 Psalm vor Er hat mich nach der Zeit teuer
versichert dass er sich ein ganz ander Dictum aus dem Buche der Weissheit
erwählet gehabt dasselbe zu erklären und uns daraus zu trösten allein da er
im ersten Aufschlage den 85 Psalm erblickt habe er diesen zum Grunde seiner
Rede genommen weil ihm derselbe sehr omineus vorgekommen wäre
Viele so diese meine GeschichtsBeschreibung lesen möchten vielleicht zu
commode sein etwa die Bibel erstlich herbei bringen zu lassen deswegen will
sie dieser Mühe überheben und den ganzen Psalm der Kinder Korah welcher unter
den Davidischen der 85ste ist so gleich mit hersetzen es lautet derselbe also
HErr der du bist vormahls gnädig gewesen deinem Lande und hast die Gefangenen
Jacob erlöset
Der du die Missetat vormahls vergeben hast alle deinem Volcke und alle
ihre Sünde bedeckt Sela
Der du vormahls hast allen deinen Zorn aufgehaben und dich gewendet von dem
Grimme deines Zorns
Tröste uns Gott unser Heiland und lass ab von deiner Ungnade über uns
Wilt du denn ewiglich zürnen über uns und deinen Zorn gehen lassen immer
für und für
Wilt du uns denn nicht wieder erqvicken dass sich dein Volck über dir freuen
möge
HErr erzeige uns deine Gnade und hilff uns
Ach dass ich hören sollte dass Gott der HErr redete dass er Friede zusagte
seinem Volcke und seinen Heiligen auf dass sie nicht auf eine Torheit
geraten
Doch ist ja seine Hilfe nahe denen die ihn fürchten dass in unserm Lande
Ehre wohne
Dass Güte und Treue einander begegnen Gerechtigkeit und Friede sich küssen
Dass Treue auf der Erden wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue
Dass uns auch der HErr Gutes tue damit unser Land sein Gewächs gebe
Dass Gerechtigkeit dennoch für ihm bleibe und im Schwange gehe
Nach Ablesung dieses Psalms machte Hr Mag Schmeltzer eine weitläufftige
Erzählung der uns und unsern Vorfahren vornehmlich auf dieser schönen
fruchtbaren Insul ganz besonders erwiesenen Gnade Gottes ermahnete uns anbei
dass wir uns derselben Erinnerung niemals sollten aus dem Hertzen kommen lassen
auch beständig unser Vertrauen auf den allmächtigen barmhertzigen Vater im
Himmel setzen als wozu uns die bisherigen Begebenheiten ganz besonders
erweckten Ferner sagte er dass Gott wie er vestiglich glaubte laut des
verlesenen Psalms seinen Gläubigen mit seiner Hilfe nahe sei und uns also vor
dissmahl noch nicht werde verderben lassen Unterrichtete zuletzt dass des Landes
Wohlstand der in Gottesfurcht und in Fruchtbarkeit der Erden bestünde auch in
fleißigen Vollbringen dessen was einem jeden nach seinem Stande und Beruffe
zukäme als worein sich ein jeder nächst Gott gutwilliger Weise selbst gesetzt
sonderlich wenn Liebe Friede und Gerechtigkeit bei einander wohneten gab
dabei zu vernehmen dass 1000 und mehr große und kleine ErdTeile auf dieser
Welt wären worinnen die Einwohner die besonderen GnadenGaben Gottes nicht
sattsam erkennen wollten Letzlich überführete er uns so zu sagen dass wir
Felsenburger vor 1000 andern die glückseligste und vergnügteste Gesellschaft
wären mithin uns auch vor allen andern Menschen distinguiren müssten um dem
Allmächtigen immer gefälliger zu werden damit er uns nicht zerstreue oder
gänzlich verderbe dieses aber könnte nicht anders geschehen als durch ein
wahres Christentum
Nach vollendeten Sermon stimmete er die Lieder an
O Ewigkeit du DonnerWort etc
Ich armer Mensch ich armer Sünder etc
Nimm von uns HErr du treuer Gott etc
CHriste du Lamm Gottes etc
Als Herr Mag Schmeltzer noch ein kurtzes Gebet aus dem Hertzen getan sunge er
folgende Worte ab
Sei nun wieder zufrieden meine Seele denn der HErr tut dir Guts
Des musicalischen Chori Antwort erschallete also
Lobe den HErrn meine Seele Ich will den HErrn loben so lange ich lebe
und meinem Gott lobsingen so lange ich hie bin Amen
Zu diesen heiligen Gedanken veranlassete unsern lieben Hn M Schmeltzern
wie ich glaubte der kleine Sprüh und so genannte SonnenRegen denn
ungeachtet die Sonne noch in völliger Glut stunde und uns ihre Strahlen fast
gedoppelt zuschickte so bedünckte es uns doch als ob uns ein angenehmer Tau
erqvickte deswegen gingen sehr viele von unserer Gesellschaft außerhalb und
ließ sich mutwilliger Weise Pfützenass beregnen Die kühlen Lüfftgen
erquickten uns der heftig brennenden Sonne wie es das Ansehen hatte zum
Trotze unterdessen kam doch dem Regenten welcher noch nüchtern war eine
kleine Schwachheit an Er bekannte solches selbst sagte aber dass ihm nicht
sein eigener Hunger noch Durst plagete sondern ihm nur des Volcks jammerte
vornemlich der unmündigen Kinder welche ihm sehr nahe gingen
Deswegen gaben sich sogleich 50 der stärcksten Männer und auch gleich 50
der stärcksten Weiber an welche Erlaubnis baten auf die AlbertsBurg zu
gehen und Proviant zu holen Es wurde ihnen mit gröstem Vergnügen erlaubt und
sie kamen fast ehe man es sich vermuten können stark beladen wieder indem
sie Brod Butter Käse geräucherte große Fische Schincken Würste Wein
Bier Milch und dergleichen in Körben Säcken und auf HandTragen herbei
brachten Außer diesen hatten sich viele Einwohner aus den nächst gelegenen
PflantzStädten mit größter Geschwindigkeit auf den Marsch begeben und aus
ihren Häusern die besten Victualien geholet welche sie herbei brachten also
war eine erstaunliche Menge an Speise und allerlei Getränke vorhanden so dass
wir alle die wir beisammen teils auf der Erde lagen teils saßen viele Tage
davon hätten leben können
Die Ältesten und Geschicktesten unter uns machten sich ein Vergnügen
daraus die LebensMittel hie und da unter das Volck auszuteilen Nach
gehaltener Mahlzeit schien die liebe Sonne dergestalt erqvickend und erwärmend
dass viele Appetit bekamen unter den schattigen Bäumen eine liebliche und
angenehme MittagsRuhe zu halten
Da sich aber der Tag zu neigen begunte und die Sonne vor dissmahl sich im
Meer zu verbergen eilete ließ der Regent allen und jeden Familien melden wie
er gerne sähe wenn sich ein jedes unter sein Dach verfügte weilen doch weiter
hoffentlich nichts erschreckendes zu befürchten wäre Allein es wollte keine
lebendige Seele vom Platze weichen sondern sie baten sich fast einstimmig aus
dass ihnen noch eine BetStunde gehalten und der AbendSeegen von dem Priestern
möchte gegeben werden, worauf sie vor dissmahl ihre NachtRuhe unter freien
Himmel halten wollten
Der Regent und wir alle hatten unsere Freude über diese Resolution des
Volcks der erstere aber befahl dass etliche starke Männer 300 Pech und 150
WachsFackeln von der Burg holen sollten welchem Befehle denn so gleich
gehorsamet wurde und die Männer kamen fast eher mit den Fackeln von der Burg
zurücke als die Dämmerung anbrach also wurden auf beiden Seiten der Alleè in
gewisser Weite von einander PechFackeln gepflantzt um den Regenten graue
Häupter und übrige Personen von Distinction die wir alle in einem ovalen Creise
saßen brannten WachsFackeln So bald dieselben angezündet waren trat Hr M
Schmeltzer Jun auf und sunge folgende Worte ab Psalm 40
HErr mein Gott wie groß sind deine Wunder und deine Gedanken die du an
uns beweisest dir ist nichts gleich Ich will sie verkündigen und
davon sagen wiewohl sie nicht zu zählen sind
Hierauf antworteten die musicalischen Vocalisten Ps40 v 14
Lass dirs gefallen HErr dass du mich errettest eile HErr mir zu helfen
Nach diesem wurde der Choral gesungen
Wär Gott nicht mit uns diese Zeit etc
Und Hr M Schmeltzer verlass aus seiner HandBibel aus dem 6 Kap des
Propheten Jesaiä folgende Verse
Und ich hörte die Stimme des HErrn dass er sprach Wen soll ich senden Wer
will unser Bote sein Ich aber sprach Hie bin ich sende mich Und er sprach
Gehe hin und sprich zu diesem Volcke Hörets und verstehets nicht sehets und
merckets nicht Verstocke das Hertz dieses Volcks und lass ihre Ohren dicke
sein und blende ihre Augen dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit
ihren Ohren noch verstehen mit ihren Hertzen und sich bekehren Ich aber
sprach HErr wie lange Er sprach bis dass die Städte wüste werden ihre
Einwohner und Häuser ohne Leute und das Feld ganz wüste liege Denn der HErr
wird die Leute ferne wegtun dass das Land sehr verlassen wird Doch soll noch
das zehende Teil darinnen übrig bleiben denn es wird weggeführet und verheeret
werden wie eine Eiche und Linde welche den Stamm haben obwohl die Blätter
abgestoßen werden Ein heiliger Saame wird solcher Stamm sein
Ich muss bei dieser Gelegenheit melden dass Hr M Schmeltzer Jun im Lehren
und Predigen weit eifferiger und hitziger ist als sein Hr Bruder und Hr
Herrmann welche letztern beide alles mit Sanftmut Leutseligkeit und
Gelassenheit vortragen Jener aber pocht und dringet gemeiniglich mit Gewalt und
durchaus auf wahre Busse und Glauben an Christum Er straffet auch die
allergeringsten Fehler und Verbrechen die unter uns vorgehen aufs
allerschärffste inmittelst kann man nicht müde werden ihm zu zuhören weilen er
mit seiner etwas lispelnden Zunge 100 Worte vor eines vorzubringen weiß
Vor dieses mahl stellte er uns mit Centner schweren Worten vor Ein
unbussfertiges und den Christen höchst schädliches Leben als worauf endlich dem
Texte nach die gäntzliche Verstockung und Verstossung durch das gerechte
Gerichte Gottes erfolgte Dieses tat er anfänglich mit gröstem Eiffer hernach
aber gab er mit mehrerer Sanftmut und Leutseligkeit zu vernehmen wie Gott der
HErr dennoch immer unter denen bösen und unartigen WeltKindern seine Heiligen
und Auserwählten hätte führte dabei nicht nur verschiedene Exempel aus der
Heil Schrifft sondern auch aus der Ecclesiastischen und Politischen Historie
nachheriger Zeiten an beschloss endlich seinen Sermon mit diesen Worten dass wo
wir nicht erleben wollten dass es uns eben so wie den unartigen Kindern Israel
und Juda ergehen sollte wir in beständiger Büssfertigkeit leben müssten als
welches allein das beste Mittel sei dem erzürnten gerechten GOtte in die Arme
zu fallen und die StrafRute aus seiner Hand zu winden etc
Hierauf tat er ein andächtig Gebet aus dem Hertzen und stimmete den
Choral an
Gott man lobt dich in der Stille etc
und nachdem noch einige AbendLieder gesungen waren legte sich ein jeder so
wie er in seiner Kleidung war im Grase zur Ruhe Der Regent aber die grauen
Häupter die Herrn Geistlichen und andere mehr welche das RegimentsRuder mit
führen halffen blieben noch munter und beratschlagten ob es nicht löblich
christlich und billig wäre wenn wir da doch nunmehr aller Sturm und Schrecken
vorbei gleich morgendes Tages ein solennes DanckFest in unserem GottesHause
anstelleten Allein ein und anderer Ursachen wegen wurde beliebt dieses
solenne DanckFest bis auf nächstkünftigen Sonntag zu verschieben
Früh Morgens so bald die hellgläntzende Sonne unsern Horizont bestrahlete
ließ sich etwas von ferne 2 Trompeter mit ihren Trompeten hören welche alle
7 Verse des Chorals Aus meines HertzensGrunde etc ausbliesen und damit Groß
und Klein aus dem Schlaffe erweckten Wie nun alles munter und wach war trat
Hr Herrmann auf und intonirte folgendes
Israel hoffe auf den HErrn denn bei dem HErrn ist die Gnade und viel
Erlösung bei ihm
Hierauf antwortete das musicalische Chor
Und er wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden
Nachdem das MorgenGebet von Hn Herrmann vorgesprochen worden wurde das
Lied gesungen
Aus meines HertzensGrunde etc
Sodann hielt er einen ungemein erbaulichen Sermon über den 125 Psalm
welcher also lautet
Die auf den HErrn hoffen werden nicht fallen sondern ewig bleiben wie der
Berg Zion
Um Jerusalem her sind Berge und der HErr ist um sein Volck her von nun an
bis in Ewigkeit
Er applicirte diesen Psalm auf eine ungemein tröstliche liebreiche und
lebhafte Art auf unsere Gegend und Umstände wusste dabei zu sagen wie Gott
seine Gläubigen in ihrer Hoffnung nicht fallen ließe oder zugäbe dass sie
darinnen betrogen würden sondern ungeachtet aller gefährlichen Umstände und
Irrwege sie dennoch endlich erlangten was sie geglaubt und im Vertrauen auf
ihn gehoffet hätten
Nach vollendetem GOttesdienste wurde dem sämmtl Volcke beim Frühstück
angedeutet dass sie alle vom Grösten bis zum Kleinesten auf den
nächstkünftigen Sonntag so bald der dritte KanonenSchuss von der Burg
geschehen sich in unserm GottesHause einfinden möchten weilen ein solennes
DanckFest sollte gehalten werden Vorjetzo aber könnte ein jedes, ohne Furcht und
Zaghaftigkeit sondern in guter Zuversicht Hoffnung und Vertrauen auf Gott
seine Wohnung suchen und die gewöhnliche Arbeit nach Vermögen verrichten
weilen allem Ansehen nach keine fernere Gefahr mehr zu besorgen wäre etc
Also sah man nach Verlauf einer Stunde wie sich das Volck aus einander und
in verschiedene Hauffen oder Korps zerteilete die nach ihren PflantzStädten
und Wohnungen zu spatzireten Den Regenten convoyirten wir übrigen auf seine
Burg und ließ ihn daselbst in Gesellschaft der grauen Häupter und der Hrn
Geistlichen Unserer einige aber die am curieusesten waren zu besichtigen was
doch wohl durch das Erdbeben auf der ganzen Insul vor Schaden verursacht
worden beredeten uns unter einander dass eine Partie Rechts die andere aber
Lincks um die Burg patrouilliren die PflantzStädte visitiren und alles aufs
genaueste anmercken sollte am dritten Tage wollten wir insgesamt einander auf
der AlbertsBurg wieder antreffen
Dieses wurde vollbracht und am dritten Tage rapportirten wir dem Regenten
grauen Häuptern Priestern und andern versammleten guten Freunden dieses
1 Dass nicht einmal ein HünerStall geschweige denn ein Haus oder Scheure
auf der ganzen Insul sonderlich beschädigt vielweniger gestürtzt worden Doch
wäre überall an denen Fenstern ein großer Schade geschehen indem die meisten
Scheiben zersplittert wären auch mancher fast gar kein ganz Fenster mehr im
Hause hätte
2 Hergegen wäre es ein rechtes Wunderwerck zu nennen dass in der GlasHütte
und in dem GlasMagazin als worinnen ein gewaltiger Vorrat von allerhand
Sorten Gläsern GlasTaffeln und Scheiben befindlich nicht ein einziger
Splitter oder Scherbel zu finden sondern alles noch ganz und unversehrt Der
Factor und andere GlasLeute hätten gemeldet dass wir allzusammen auf der
ganzen Insul das Erdbeben nicht heftiger könnten empfunden haben als sie es
empfunden wäre also diese Erhaltung des Glases vor ein rechtes Wunder zu
achten
3 Aber unsere guten ehrlichen Töpffer wollten sich fast nicht trösten
lassen da sie von ihrem ansehnlichen Vorrate von allerlei Sorten
TöpfferGeschirre kaum den 4ten Teil wohl aber Scherbel genug aufzuweisen
hätten über dieses so wären die Eingänge zu den TonGruben verfallen und
eingestürtzt jedoch versicherten sie uns vom annoch vorrätigen Tone Töpffe
Schüsseln und dergleichen wohl noch auf ein halb Jahr lang zu verschaffen da
man denn mittlerweile wenn sie nur Gehülffen bekämen die TonGruben wieder
aufräumen könnte
4 Diejenigen so am nächsten an der großen See wohnen hätten referirt
dass schon Tages vorher ehe sie das Erdbeben verspüret sie in der
MittagsStunde gewahr worden dass eine große Menge der schönsten und
vortrefflichsten Fische von allerhand Gattung deren etliche über 6 8 und noch
mehr Pfund gewogen abgestanden und die Bäuche auf dem Wasser in die Höhe
gekehret Etliche der besten an welchen sie noch einiges Leben verspüret
hätten sie geschlachtet und gegessen die übrigen aber so viel sie mit ihren
Hamen fangen können weilen ihnen die Sache bedencklich vorgekommen und sich
fast ein Eckel bei ihnen erregen wollen in den Fluss geworffen weilen sie
befürchtet es möchten etwa auf den Eckel Kranckheiten erfolgen
5 Zu bewundern wäre dass auf dem GottesAcker nicht ein einziger
LeichenStein umgefallen auch an den Pyramiden nicht das geringste beschädigt
doch an der NordSeite wäre ein Stück Mauer ungefähr 4 oder 5 Ruten lang
eingeschossen
6 In unserer Kirche fänden sich 19 OrgelPfeiffen teils auf dem
OrgelChor liegend teils aber waren bis herunter aufs Pflaster gefallen
sonsten aber wäre in der Kirche nichts beschädiget ausgenommen dass die Fenster
eine starke Ausbesserung brauchten
7 Eben also sähe es auf der AlbertusBurg aus weilen wenig ganze Fenster
darinnen anzutreffen sonsten aber bemerckte man darinnen keinen besonderen
Schaden als in einem unterirrdischen Gewölbe und oben im Bogen desselben einen
starken Riss so dass man wohl mit dem Arme hinauf in die Höhe fahren könnte es
ging derselbe oben im Bogen von Norden gegen Süden zu
8 Ein und andere kleine Schäden die hie und da in den PflantzStädten
bemerckt worden belohneten sich kaum der Mühe dass man davon redete
9 Eins wäre noch merckwürdig dass eins von unsern allergrößten
SaltzGewölbern oder Gruben eingeschossen wäre welches uns aber keinen Schaden
sondern vielmehr Vorteil brächte immassen dadurch die Mühe auf eine Zeitlang
erleichtert würde das Saltz auszuhauen
Dieses waren also die HauptStücke unseres Rapports worauf sich ein jeder
bei dem Regenten und grauen Häuptern beuhrlaubte und seine ordentliche Wohnung
suchte allwo wir insgesamt in ungestöhrter Ruhe blieben und ein jeder das
seinige verrichtete
Nächstfolgenden Sonntag etwa eine Stunde nach Aufgang der Sonnen löste
ich binnen drei viertel Stunden 3 Kanonen eine nach der andern Hierauf
begaben sich unsere Hn Musici auf dem Turm und sungen unter Trompetenund
PauckenSchall den Choral ab Nun lob mein Seel den Herren etc
Es war von der AlbertsBurg herunter ungemein charmant anzusehen wie die
Felsenburgischen Einwohner alt und jung von allen Seiten daher gezogen kamen
wie die Bienen Da man nun bemerkte dass die allermeisten schon zur Stelle
waren wurde mit allen Glocken geläutet Hierbei muss melden dass wir gleich
nach der Abreise des Kapitains Horn eine vortrefflich große und schöne Glocke
gegossen welcher das Glück ohne unsere Kunst und Geschicklichkeit und über
unser Vermuten den tieffsten Ton C inspirirt und zwar dergestalt
wohlklingend dass ein jeder seine Freude daran haben musste sie wurde nicht alle
Sonntage sondern nur alle hohe FestTage geläutet jedoch wurden ein und alle
Tage und zwar früh Morgens um 6 Mittags um 12 und wieder Abends um 6 Uhr
jedes mahl drei Schläge zur Ermunterung zum Gebet von derselben gehört
So bald unser Regent in seinem TrageSessel herunter gebracht worden und
seine gewöhnliche Stelle in Besitz genommen hatte wurde erstlich gesungen
Komm heiliger Geist etc
Hernach trat Hr M Schmeltzer vor den Altar und verrichtete die Kirchen
Zeremonien wie sonsten gebräuchlich An statt der Epistel verlass er das 41
Kap des Propheten Jesaiä und an statt des ordentlichen SonntagsEvangelii den
107 Psalm als welcher auch vor dissmahl der Text zur Predigt war Vor der
Predigt musicirten unsere Herrn Musici folgende
CANTATA
Aria
Bebet nicht mehr Fels und Erde
Denn der Himmel ist uns hold
Schaut der Sonnen schönstes Gold
Gott erbarmt sich seiner Heerde
Denn sie will nun Busse tun
Demnach lasst uns sanfte ruhen
Bebet nicht mehr Fels und Erde
Denn der Himmel ist uns hold
Rezitativ
Gott Lob dass wir nach überstandnen Schrecken
Diss unser GottesHaus mit Freuden wieder sehen
Gott hat bisher scharf gedroht
Warum wir haben sein Gebot
So vielmahl übertreten
Ach last uns Busse tun
Und nicht im SündenSchlaffe ruhen
Ein jeder lasse sich erwecken
Aus HertzensGrund
Mit Zung und Mund
Zu singen und zu beten
Dictum Ps 94 v 18
Ich sprach mein Fuß hat gestrauchelt aber deine Gnade HErr erhielt mich
Ich hatte viel Bekümmernis in meinem Hertzen aber deine Tröstungen ergötzten
meine Seele
Choral
Darum auf Gott will hoffen ich
Auf mein Verdienst nicht bauen
Auf ihn mein Hertz soll lassen sich
Und seiner Güte trauen
Die mir zusagt sein wertes Wort
Das ist mein Trost und treuer Hort
Dess will ich allzeit harren
Rezitativ
Gott wenn wir gleich von allen Sünden rein
Auch reiner als der Mond
Von Flecken sollten sein
So müssten wir doch frei gestehen
Dass du uns bis auf diesen Tag verschont
Denn Jung und Alt
Die fehlen alle mannigfalt
Doch aus Barmhertzigkeit
Hast du uns nicht gleich nach Verdienst gelohnt
Vielmehr zu unserm Wohlergehn
Uns durch die Finger oft gesehen
Bleib ferner unser Gott
Du starcker Zebaot
So hat es mit uns keine Not
Aria
Was können wir vor Opffer bringen
Dir der du uns erschaffen hast
Und oft erlösst aus mancher Last
Wir dancken loben beten singen
Gold Weirauch Myrrhen sind zwar da
Und zwar in großer Menge
Doch deine Kinder wissen ja
Dass dieses eitele Gepränge
Dir nicht gefällt die Hertzen eintzig und allein
O Vater dir die angenehmsten Opffer sein
Rezitativ
Nimm unsre Hertzen hin
Und lass sie bei dir schweben
Hernach dort in der Seeligkeit
In süssester Zufriedenheit
Aufs neue wieder leben
Wir sagen dir Lob Preis und Danck
Und singen diesen Lobgesang
Dictum Psalm 96 v 11
Himmel freue dich und Erde sei frölich das Meer brause und was drinnen
ist Das Feld sei frölich und alles was darauf ist und lasset rühmen alle
Bäume im Walde Für dem HErrn denn er kommt zu richten das Erdreich Er wird
den Erdboden richten mit Gerechtigkeit und die Völcker mit seiner Wahrheit
Choral
Unter deinen Schirmen
Bin ich für den Stürmen
Aller Feinde frei
Lass den Satan wittern
Lass den Feind erbittern
Mir steht JEsus bei
Ob es jetzt gleich kracht und blitzt
Ob gleich Sünd und Hölle schröcken
JEsus will mich decken
Trotz dem alten Drachen
Trotz des TodesRachen
Trotz der Furcht darzu
Tobe Welt und springe
Ich steh hier und singe
In gar sichrer Ruh
Gottes Macht hält mich in Acht
Erd und Abgrund muss verstummen
Ob sie noch so brummen
Diese ungemein wohl componirte Kantata ergötzte die ganze Gemeine mich
aber delectirte am allermeisten das erste Wort Bebet welches der Komponist so
artig ausgedrückt hatte dass es unvergleichlich und nicht anders als ein kleines
Erdbeben zu betrachten war denn die bereits reparirte Orgel die Violons
Fleutestraverses Fagotts und dergleichen Instrumente machten so ein artiges
Beben dass man sich darüber vergnügen musste wie denn auch in der ersten Aria zu
einigen Zeilen und Worten die Violinen Pizzicato gespielt wurden Kurtz es
nahm sich diese Kantata ungemein wohl aus
Zwischen der Predigt welche Hr M Schmeltzer Sen ablegte wurde der
Choral abgesungen Ach Gott sehr schrecklich ist dein Grimm etc Nach
abgelegter Predigt intonirte Herr Mag Schmeltzer vor dem Altare das Te Deum
laudamus c welches unter Trompeten und PauckenSchall abgesungen wurde
auch wurden bei den gewöhnlichen Absätzen jedes mahl 6 auf der Burg stehende
Kanonen gelöst die sich auf einmal hören ließ
Als der GottesDienst vor dieses mahl in der Kirche vollbracht war wurde
nochmals mit allen Glocken 3 Pulse hinter einander her geläutet worauf sich
Trompeten und Paucken vom Turme herunter lustig hören ließ und darauf
wurden die Melodeien der Lieder Nun lob mein Seel den Herren etc und Es woll
uns Gott genädig sein etc mit Zincken und Posaunen abgeblasen
Alles kribbelte und wibbelte um die Kirche herum von großen und kleinen
menschlichen Kreaturen so dass man seine Lust bloß an den Kindern sah welche
zwar ihre Freude und Lustbarkeit aber keine Bosheit bezeigten Mittlerweile da
wir diese Lust hatten wurde eine Kanone abgefeuert und darauf mit Trompeten
und Paucken zur Tafel geruffen Es wusste ein jeder unter uns schon seinen Platz
entweder auf der Burg bei dem Regenten oder auf Hr Wolffgangs grünen
GraseTafelPlatze allwo ein jeder Stamm seine besondere Tafel hatte welche
Tafeln nunmehr aber da sich die Stämme ziemlich vermehret fast zu klein
werden wollten deswegen mussten einige sich bei andern einflicken Es verfügte
sich alles Volck in der schönsten Ordnung dahin weilen nun schon 3 Tage vorher
alle Anstalten zur Speisung und Tränckung des Volcks gemacht waren so setzten
sich nach gesprochenem TischGebet Jung und Alt nieder hernach wurden so gleich
die Speisen aufgetragen als nämlich
1 eine delicate Suppe von FleischBrühe SchildKröten Eyern und dem
kostbarsten Gewürtze gemacht
2 Allerlei gekochtes wildes Flügelwerck mit Reiss und Gewürtz denn NB das
zahme Europæische Flügelwerck spareten wir dennoch noch immer ungeachtet wir
damals schon eine gewaltige Menge von PuterHühnern HausHühnern Gänsen
Endten Tauben etc hatten
3 Gekochtes HirschFleisch mit Wurtzeln die dem Geschmacke nach weit
delicater sind als die Pastinacken Haber Petersilien und ZuckerWurtzeln in
Europa
4 Allerlei Sorten von Fischen wobei vor diejenigen, welche sie nicht gern
bloß aus dem Saltze zu essen beliebten eine delicate PalmSectsBrühe zugleich
mit hingesetzt wurde
5 Wurde auf jede Tafel nachdem dieselbe stark war ein am Spieße
gebratenes Rehe ingleichen eine ganz gebratene wilde Ziege auch dieser Braten
wohl zwei aufgesetzt nebst allerhand Sorten von Sallaten und eingemachten
sauer und süßer Früchte
6 Hatten unsere Köche noch ein gehacktes ungemein wohlschmeckendes
FleischGerichte zubereitet und dieses fand fast noch mehr Liebhaber als alle
vorhergehende Speisen
7 An statt des Konfects kamen ganze Körbe voll von allerhand Arten der
edelsten Baum und GartenFrüchte wie auch etliche große Kuchen und eine
ziemliche Menge kleines Butter und SchmaltzGebackenes
Bei allen diesen Tractamenten war kein Mangel am Weine und zwar vom
allerbesten wie er auf der Insul wuchs noch weit weniger war Mangel am Biere
Ich hatte meine besondere Freude über das Volck und war dieserwegen ganz
heimlich von des Regenten Tische geschlichen um diese starken Heerden nur
speisen zu sehen
Die Herren Geistlichen hatten unter einander verabredet selbigen Nachmittag
keine Kirche zu halten sondern das Volck einmal recht mit Appetit speisen zu
lassen Dieses wurde bei allen Tischen dem Volcke verkündiget jedoch dabei
auch dass Morgen früh etwa eine Stunde nach Aufgang der Sonnen eine BetStunde
in der Kirche sollte gehalten werden da sich denn die andächtigen und Gottes
Wort liebenden Hertzen nach ihrem Belieben einfinden könnten so bald das
Zeichen durch einen KanonenSchuss gegeben worden
Da man merkte dass sich die Sonne zum Untergange neigen wollte nahmen nicht
allein diejenigen, welche auf der Burg bei dem Regenten gespeist sondern auch
das ganze Volck Abschied und sagten Danck vor erwiesene Wohltat welches man
an aller ihren frölichen Gebärden Bücken und HändeKlatschen abmercken konnte
Indem sich nun die Stämme in ihre Hauffen verteilt ließ sich Trompeten
Paucken und andere musicalische Instrumente Wechselsweise hören worüber sich
die Abreisenden ungemein freuen mochten welches wir daraus schlossen da sie
immer einmal über das andere die Arme in die Höhe reckten und mit den Händen
klatschten welches wie wir so von weiten nach sehen konnten auch die
kleinesten Kinder taten Ich der ich meine Lust an der Artollerie habe
wünschte ihnen mit noch 12 Kanonen Schüssen eine glückliche Reise und geruhige
Nacht
Des andern Morgens früh nach getanen KanonenSchusse sah man das Volck
von allen Straßen her schon wieder zusammen kommen und glaube ich dass wenige
außen geblieben waren denn die Kirche war fast voll Herr Mag Schmeltzer Jun
ließ etliche MorgenLieder singen betete hernach vor der ganzen Gemeine den
MorgenSeegen und verlass hierauf aus dem 1 Kap des Propheten Hoseä den 10
und 11 Vers welche also lauten
Es wird aber die Zahl der Kinder Israel sein wie Sand am Meer den man
weder messen noch zählen kann Und soll geschehen an den Orte da man zu ihnen
gesagt hat Ihr seid nicht mein Volck wird man zu ihnen sagen O ihr Kinder des
lebendigen Gottes Denn es werden die Kinder Juda und die Kinder Israel zu
Hauffen kommen und werden sich mit einander an ein Haupt halten und aus dem
Lande herauf ziehen denn der Tag Israel wird ein großer Tag sein
Als er nun über diese Worte eine ungemein erbauliche und trostreiche Rede
gehalten wurden noch einige BerufsLieder gesungen worauf er den Seegen
sprach und zum Schluße das Lied singen ließ
Wunderlich ist Gottes Schicken etc
Nach geendigtem GottesDienste zogen unsere lieben Leutchen alle
Heerdenweiß wieder fort ein jedes nach seiner PflantzStadt suchte seine
Wohnung und machte sich an die Arbeit erstlich dasjenige auszubessern was ihm
etwa durch das Erdbeben beschädiget war wieder herzustellen und hernach an die
Feldoder andere BeruffsArbeit Wir andere verfügten uns gleichfalls in unsere
Häuser und nahmen die SchulArbeit auch was ein jeder sonsten sich und der
ganzen Gemeine zum Nutzen vornehmen konnte aufs neue vor die Hand Es war um
wenig Wochen zu tun so fand man alles und so gar die eingefallene Mauer am
GottesAcker wieder vollenkommen reparirt
Endlich kam der Tag heran der uns Insulaner alle miteinander von Hertzen
frölich machte es war nämlich der da wir früh Morgens um 4 Uhr 3 Kanonen
lösen hörten und zwar unsers Bedünckens auf der See gegen Norden zu nach
accuraten Verlauf einer halben Stunde hörten wir wieder 3 und endlich
nochmals nach Verlauf einer halben Stunde abermals 6 KanonenSchüsse dieses
war die Losung so wir mit dem Kapitain Horn verabredet hatten und dieses
wussten alle Schildwachten deswegen feuerten die Schildwächter so auf der
DavidsRäumer Höhe stunden 2 Kanonen ab worauf Kapitain Horn gleich nach
einander und zwar kaum binnen einer halben Minute 12 Kanonen lösen und so bald
als wieder geladen war die ganze Ladung geben ließ Dieses war das Haupt
Signal deswegen wurde ihm aus allen unsern Stücken die so wohl auf den Höhen
als auf der AlbertsBurg stunden kurtz nach einander zu 3 mahlen geantwortet
Ich war viel zu ungeduldig abzuwarten um zu hören ob denn der Kapitain Horn
wirklich da wäre deswegen encouragirte nicht nur Mons von Blac sondern noch
verschiedene andere mit mir auf die DavidsRaumer FelsenSpitze zu gehen Sie
taten solches mit Plaisier und wir nahmen unsere allergrößten und großen
Perspective mit durch welche wir mit größten Vergnügen 2 Schiffe in See etwa
einen KanonenSchuss weit von einander liegen und unsere Flaggen so schöne
darauf weddeln sahen dass man dieselben ungeachtet der Weite dennoch wohl
hätte abmahlen können denn beide Schiffe lagen wenigstens noch 3 Meilen hinter
den SandBäncken
Da wir nun bemerkten dass alles richtig wäre taten wir von der Insul alle
Minuten von einander 2 KanonenSchüsse von der DavidsRaumer Höhe welche der
Kapitain Horn allezeit accurat beantwortete Mir aber wurde jedennoch die Zeit
viel zu lang dieses abzulauren deswegen ließ im Kanale das Wasser schützen
und bemühete mich um gute Freunde und Freiwillige die mit mir hinunter
stiegen und die 3 Boote besetzen sollten Denn NB wir hatten außer dem alten
Boote nur vor weniger Zeit 2 vortrefflich starke neue Boote verfertigt in
welchen es sich mit Lust fahren ließ womit wir denn unsern Freunden entgegen
rudern wollten Ey was bekam ich nicht vor Zulauff weit ärger als ein auf
Werbung liegender Offizier allein wir teilten uns dergestalt ein dass in
jedes Boot nur 20 Personen zu sitzen kamen Es musste in der größten
Geschwindigkeit eine starke Portion der auserlesensten Victualien dass beste
Obstwerck nebst dem trefflichsten Weine und andern annehmlichen Getränke
zusammen getragen und durch die FelsenHöle herunter und an Boord der Boote
gebracht werden Niemahls hat man wohl Leute hurtiger heftiger und
geschicklicher können arbeiten sehen als vor diessmahl unsere Leute denn sie
tantzten und sprungen bei ihrer tragenden Last ob sie gleich manchen ziemlich
schwer zu tragen zu sein schiene Man kann nicht glauben in was vor
Geschwindigkeit alles eingeschifft war deswegen fuhren wir indem die
Schildwächter von der Höhe 2 Kanonen über unsern Häuptern löseten mit
möglichster Behutsamkeit nach den SandBäncken und auf die 2 fremden Schiffe
zu Kapitain Horn beantwortete diese 2 KanonenSchüsse mir 4 wir aber konnten
wegen contrairen Windes und wegen der gefährlichen SandBäncke die 2 Schiffe
nicht eher erreichen als bis gegen Abend indem von unserm Booten immer eins
ums andere auf den SandBäncken sitzen zu bleiben Lust bezeigte
Es ist mir unmöglich die FreudensBezeugungen auszudrücken welche bei der
ersten Bewillkommung zwischen uns und den Kapitain Horn benebst seinem Bruder
welcher noch vor Nachts glücklich auf Kapitains Horns Schiffe eintraf
vorgiengen Wir hatten vermeint ihnen ein Laabsal mit zu bringen und zwar nur
zum Anbisse allein wir fanden alles delicater und besser bei ihnen sonderlich
an Kanari Sect und Konfituren So bald die Nacht völlig eingetreten und es uns
fast SchlaffensZeit zu sein bedünckte ließ beide Kapitains die völlige Lage
ihrer Kanonen von beiden Schiffen geben worauf ihnen von der Insul zu 2 mahlen
mit allen Kanonen geantwortet wurde und dieses hatte die Bedeutung des Wunsches
zu einer geruhigen Nacht Ohngeacht aber zu vermuten gewesen wäre dass nicht
allein wir sondern vielmehr die Ankommenden sehr ermüdet sein würden so wollten
doch Kapitain Horn und dessen Bruder sich durchaus zu keiner NachtRuhe bereden
lassen sondern wir blieben die ganze Nacht munter und hielten bei einem guten
Glase KanariSect die angenehmsten Gespräche bis gegen Morgen da wir den Kaffe
herbei kommen sahen So bald die Sonne aufgieng boten beide Kapitains mit
einer Salve aus allen ihren Kanonen den FelsenBürgern einen guten Morgen und
diese bedanckten sich ebenfalls mit einer generalSalve aus allen ihrem
Geschütz Hierauf nachdem wir gefrühstückt nahmen wir den Kapitain Horn allein
mit uns auf unsere Boote und brachten ihn auf die Insul wir wollten seinem
Bruder zugleich auch mit haben allein er protestirte darwieder und gab zu
vernehmen wie es sich ganz und gar nicht schickte oder Manier sei dass beide
Kapitains zugleich von beiden Schiffen gingen und das Kommando fremden Leuten
überließen Wir mussten ihm dieses eingestehen versprachen aber die
allereiligsten Anstalten zu machen denselben bald nachholen zu können
Indem wir abfuhren wurden 6 Kanonen gelöst welche die Felsenburger
beantworteten und unter währender Fahrt wurden alle 3 Minuten 3 abgefeuert
welche die FelsenBurger auch beantworteten um zu zeigen dass ihnen es am
Pulver auch nicht fehlete und wir haben in der Tat auch einen ziemlich
starken Vorrat von Pulver in unsern Magazinen deren eins auf der
AlbertsBurg das andere in Christophsund das dritte in SimonsRaum befindlich
So bald wir durch den FelsenGang auf der Insul angelanget fanden wir
daselbst einen mit 4 Pferden bespanneten schönen neuen JagdWagen worein sich
der Kapitain Horn Mons von Blac Mons Litzberg und ich setzten indem wir nun
eingestiegen waren und fortfahren wollten tat eine ausgestellete SchildWacht
einen FlintenSchuss worauf so gleich fast in einem Nu alle Kanonen auf der
ganzen Insul abgefeuert wurden welches die auswendigen auf den Schiffen
beantworteten Da wir auf der Burg ausstiegen wurden abermals alle Kanonen
gelöst und von den auswärtigen darauf Antwort mit ihren ganzen Lagen
erteilet
Wir kamen eben noch zur rechten Stunde zur MittagsMahlzeit weswegen der
Kapitain Horn nur vorerst eine kurtze Visite beim Regenten ablegte demselben
die Hand zu küssen hernach sich zur Taffel führen ließ als an welcher sich die
grauen Häupter die Herrn Geistlichen und andere Honoratiores eingefunden
hatten Bei der Taffel wurde wenig geredet zumahlen da eine douçe TaffelMusik
gemacht wurde welcher wir alle mit Vergnügen zuhöreten nachdem die Taffel aber
abgehoben das DanckGebet gesprochen und ein jeder an seinen behörigen Platz
der Regent solchen aber oben an der Taffel genommen setzte sich der Kapitain
Horn vor der Taffel dem Regenten gegen über und fing diese Rede zu halten an
Meine Herren
Auch allerseits werteste Freunde und geneigte Gönner
Wenn ich sage dass das Glück mit uns Menschen wie mit Bällen spielet so
wird mich hoffentlich niemand Lügen straffen können Ich vor meine Person habe
dieses leider von meiner Jugend an mehr als allzu empfindlich erfahren und es
werden sich auf dieser Insul unter unsern werten Freunden nicht wenige finden
welche dieserwegen mit mir einstimmig sind Ich will aber diesen Satz um die
Zeit nicht zu verderben vorjetzo eben nicht weitläufftig ausführen sondern nur
in aller möglichsten Kürtze bis auf eine andere Zeit rapportiren wie das Glück
mit mir gespielt hat seit dem ich die letztere Reise von hier nach Europa
angetreten habe Uber die Fatalitæten auf der Hinreise will ich mich eben nicht
beklagen denn dieselben vor einen unerschrockenen und unverzagten Mann vor dem
ich mich ohne eitelen Ruhm mit Recht ausgeben kann viel zu geringschätzig
zumahlen da keine besondere TodesGefahren vor Augen geschwebt sondern mit Wind
und Wetter ziemlicher Maassen favorisirt hat Ich muss demnach sagen dass ich zu
gesetzter Zeit glücklich in Amsterdam angelanget auch die mir von hier aus
aufgetragene Kommissiones vermittelst göttlicher Hilfe und unermüdeten Fleiß
meines selbst eigenen so wohl als meiner getreuen Beihülffe glücklich
ausgerichtet wie ich mich denn dessfalls bald zu legitimiren verhoffe
Ich will aber doch erweisslich machen dass nichts wandelbarer sei als das
Glück denn da ich am von Amsterdam wieder abgelauffen war und zwei der
besten Peloten mit mir genommen auf die ich mich vollkommen verließ blieb ich
im Texel plötzlich und unverhofft mit meinem Schiffe auf einer gefährlichen
SandBanck sitzen und meinem Bruder wäre es bei einer Haare eben also gegangen
allein ihm wurde noch in der Geschwindigkeit geholffen dass er Flott ward ich
aber musste 3 ganzer Tage und Nächte pausiren ehe mir geholffen und ich
wieder Flott gemacht werden konnte
Dieses schien mir schon im voraus ein böses Omen zu sein allein da Wind
und Wetter noch gut seegelten wir mit ziemlich getrosten Hertzen nach den
Portugiesischen Küsten zu konnten aber dieselben nicht erreichen ehe uns ein
heftiger Sturm sehr gewaltig zusetzte deswegen mussten wir Gott im Himmel
dancken dass wir mit Kummer Not und größter Gefahr in den Hafen zu Lissabon
einlauffen konnten denn es ist bekannter Maassen der Lissabonische Hafen ein sehr
gefährlicher Hafen wir traffen in selbigem 2 Holländische OstIndienFahrer
an die wohl montirt waren so wohl mit Geschütze als Volcke Erstlich sahen
wir nachdem wir gute Freundschaft mit den Holländern gemacht hatten uns
genötigt den Sturm abzuwarten worüber wir 14 Tage müßig zubringen mussten
am 15 Tage aber lieffen wir aus die OstIndienFahrer gingen voraus und zwar
dergestalt schnell dass wir ihnen fast nicht folgen konnten Am 4 Tage nach
unserer Abfahrt bekamen wir sie erstlich wieder in die Augen und zwar in der
Gegend der grünen Insulen ersahn aber auch zugleich 3 Korsaren die auf uns
zu eileten weswegen wir NotSchüsse taten um die Holländer zurück zu ruffen
diese aber hatten taube Ohren und zaueten sich über Hals und Kopf dass sie uns
nur aus dem Gesichte kommen möchten weswegen ich nicht ohne Ursach glaube ja
fast in meinem Hertzen überzeugt bin dass damals eine kleine Verräterei
darhinter stack
Wir bemerckten dass die Korsaren ungemein starke Schiffe hätten auch mit
Volck und Geschütz wohl besorgt wären deswegen begunte uns bange zu werden
allein wir beschlossen doch bis auf den letzten Mann Stand zu halten und uns
unserer Haut zu wehren
Die Korsaren schickten uns 2 von ihren Offiziers in einem Boote entgegen
welche durch einen bei sich habenden Trompeter das Signal geben ließ dass sie
mit uns Sprache halten wollten deswegen ließ wir einen Offizier an Boord
kommen welcher uns zu vernehmen gab wir sollten Seegel streichen und uns ihnen
gutwillig ergeben wiedrigenfalls sie uns mit der heftigsten Forçe attaquiren
würden Wir zeigten ihnen unsere Holländischen Pässe und führten ihnen zu
Gemüte dass ja die Holländer mit allen Barbarischen Republiquen in Friede und
Freundschaft lebten daher es ja wider alles VölckerRecht wäre wenn sie uns
attaquirten Allein der Kerl welcher in Wahrheit einem Barbar weit ähnlicher
sah als eine Kuh einem Ochsen gab zur Antwort Sie fragten viel nach den
Holländern denn sie wären von vielen Jahren her FreiBeuter hätten ihre Pässe
nicht allein von einer sondern von 3 Republiquen und nähmen alles weg was
sie bezwingen könnten deswegen sollten wir uns nur nicht lange weigern sonsten
würden wir in der Geschwindigkeit attaquirt und Feuer auf uns gegeben werden.
Aber ich und alle mein Volck das eine unsägliche Kourage hatte bezeigten kein
Gehör darzu sondern sagten wir wollten uns wehren 2 gegen drei weswegen die
2 Abgeschickten wieder zurück nach ihren Schiffen fuhren die ihnen mit größter
Forçe entgegen seegelten Wenn uns der Wind nur in etwas günstiger gewesen wäre
so hätten wir noch die Hoffnung gehabt ihnen zu entkommen allein vor dissmahl
meinte es der Wind nicht gar zu gut mit uns deswegen sahen wir uns gezwungen
zu laviren erblickten aber vorige 2 Abgesandte mit ihrem Trompeter nochmals
die so schnell als sie nur immer konnten auf uns los ruderten der eine rief
uns da er noch eine ziemliche Weite von uns war mit grässlicher Stimme
entgegen Wollet ihr drei Tonnen Goldes zahlen so könnt ihr in Friede fahren
wohin ihr wollt wo nicht so geben wir Feuer Ich hielt mit meinen Offiziers
auf dem Oberdeck SchiffsRat und tat ihnen den Vorschlag dass ich den Barbarn
1 Tonnen Goldes bieten wollte um nur die Bestien los zu werden da aber dieses
etliche meiner Leute hörten fingen sie gleich an zu murmeln und der Lerm auf
meinem Schiffe wurde immer größer weswegen ich fragte was das zu bedeuten
hätte Hierauf traten etliche verwegene Matrosen und SchiffsSoldaten mir ganz
dreuste unter die Augen und sagte einer von ihnen ungefähr diese Worte Ey
mit Permission Herr Kapitain was ist das vor Manier meint ihr dass ihr feige
Memmen unter eurem Kommando habt lasset der Bestien etliche 100 sein wir
wollen ob unserer gleich nicht halb oder des 4 Teils so viel wären uns
dennoch ehe wir einen Deut geben wehren bis auf den letzten Mann
Kinder gab ich zur Antwort was bekümmere ich mich um eine Tonne Goldes
die will ich gern aus meiner eigenen Kiste geben ohne dass einer von euch mir
Zubusse tun oder ihm etwas an seiner Gage decourtirt werden soll denn was
wäre es wenn ich mich mit ihnen in ein Gefechte einliesse Ihr seht ja dass
sie uns überlegen sind und sollte ich nur einen einzigen Mann von euch
verlieren wenn es auch der schwächste und geringste unter euch wäre so sollte
mich doch dieser weit mehr dauern als eine Tonne Goldes denn ich weiß dass mir
Gott gute und lauter auserlesene Leute unter mein Kommando bescheret hat darum
folgt mir und last mich dissmahl walten
Mit diesen Vortrage erwarb ich mir die Liebe meines Volcks welches sich
zwar zufrieden zu geben schien allein es waren doch noch etliche 20 darunter
welche noch immer murmelten woran ich mich aber nicht kehrete sondern den
Barbaren sagen ließ dass ich ihnen einer Tonne Goldes Wert an Gold und Silber
geben wollte wenn sie uns weiter unvexiret ließ denn man merkte doch wohl
dass sie nur ohne Ordre vor sich eine FreiBeuterZehrung forderten und zwar
wider alle Raison weilen die Holländer mit allen Republiquen sonsten in Friede
lebten
Der Bösewicht seegelte mit seinem Kameraden und Trompeter wieder fort
nachdem er den Verlass genommen er wollte seinem Kommandeur unsere Resolution zu
vernehmen geben so gleich wieder zurück kommen und uns Antwort bringen
mittlerweile sollten wir aber nur 3 Tonnen Goldes Wert an Gold und Silber
zusammen packen denn er zweifelte gar sehr dass sich ihr Kommandeur mit einer
einzigen lumpichten Tonne Goldes vor 2 so schöne Schiffe würde abspeisen
lassen etc
Ich suchte aus meinen Kisten so viel Gold und Silberwerck zusammen als eine
Tonne Goldes ungefähr des Werts damit zu bezahlen und noch wohl überflüssig
hinlänglich war kehrete mich im übrigen nicht daran ob meine Offiziers und
Gemeinen gleich darüber brummeten als wie die Bären
Es währete nicht lange so kam der Barbar wieder zurücke und meldete sein
Kommandeur hätte gesagt es sollten und müssten 3 Tonnen Goldes sein und wenn
wir uns dessen weigerten auch nur ein Lot Gold daran fehlen ließ sollten
wir uns nur gefast machen entweder in den Grund geschossen oder aufs
grausamste tractirt zu werden
Ich ließ ihn an Boord und auf das Oberdeck kommen so dann einen Sack der
mit ungeprägten und auch mit geprägten Gold und Silber angefüllet war aus
meiner Kajüte langen denselben auf eine Wage legen und zeigte denselben dem
Barbarn welcher die Sachen so ausgeschüttet und wieder in den Sack hinein
getan wurden alle besah und dabei über einen Zahn lachte weilen aber die
Kanaille das Gewichte so gut verstund als wir selber sagte er jedoch nicht
mit allzu barbarischer Stimme Wohl gut meine Herrn dieses möchte alles
ungefähr wohl eine Tonne Goldes wert sein allein wo sind die andern zwei
denn unser Kommandeur geht nicht von 3 Tonnen Goldes ab und wo ihr mir die
nicht gebet so verlange ich die eine auch nicht sondern will leer wieder
zurück fahren aber dieses sage ich euch zum voraus und warne euch noch als ein
guter Freund gebt mir noch die zwei Tonnen Goldes wo nicht so werdet ihr
kurtz nachher so bald ich nur auf meinem Schiffe angelanget bin einen
schweren Stand kriegen
Ich war wahrhaftig gesonnen diesen verdammten Hunden von meinetwegen noch
2 Tonnen Goldes zu geben ehe ich mich in die Gefahr gäbe und einen oder
etliche von meinen schönen und trefflichen Leuten verlöhre allein da meine
Leute diese meine Resolution merckten und sich anstelleten als ob sie
sämtlich rebelliren wollten mir meine Zaghaftigkeit in den piquantesten
Terminis vorwarffen und sagten wenn ich mich gegen diese Kanaillen ohne das
alleräuserste zu wagen submittiren würde sie lieber unsere beiden Schiffe in
die Luft sprengen wollten denn wenn sie nicht als Helden sterben sollten so
wollten sie doch als desperate Leute sterben und das könnte ich ihnen nicht
wehren Kurtz ich musste mich damals in die Zeit schicken und nachgeben
Meine Herren auch liebsten Gönner und Freunde so setzte Kapitain Horn
seine Rede weiter gegen den Regenten und uns fort Sie glauben mir sicherlich
dass mir damals bei dieser gefährlichen Sache nicht wohl zu Mute war Gott ist
mein lebendiger Zeuge dass ich Kourage genug im Hertzen hatte mit den Barbaren
eins zu wagen und mein Bruder war fast noch toller als ich denn er wollte die
beiden Herren Abgesandten und den Trompeter mit samt dem Boote durchaus in den
Grund schießen und ich hatte zu steuren und zu wehren genug dass es nicht
geschahe Herr Wolffgang wird mir Zeugnis geben dass ich unter seinem Kommando
mich niemals zaghaft aufgeführet wie ich denn welches er nicht anders sagen
wird manchen Verweis von ihm bekommen wenn ich zu viel hazardirte oder zum
öffteren meine eigene Person den größten Gefährlichkeiten ohne dringende Not
exponirte Mein Bruder hat zwar das SeeHandwerck noch lange nicht so lange
getrieben als ich allein ich kann Ihnen von ihm versichern dass er nicht
allein eine vollkommene Kourage im Hertzen führt sondern sich auch im
SeeWesen schon vortrefflich habilitirt hat weilen er die Matesin ex
fundamento verstehet so dass ich mich nicht schämen will zu sagen dass ich zu
vielen mahlen mit großem Plaisir Lehren von ihm angenommen ungeachtet er weit
junger und nicht des zehnten Teils so viel in der Welt erfahren als ich
Wie gesagt es kränckte mich ungemein dass mir meine Zaghaftigkeit
vorgeworffen wurde da ich doch die allerredlichste Intention von der Welt
hatte und lieber eine Million als mein schönes Volck verloren hätte über
alles dieses aber musste ja viel weiter dencken nämlich an meine liebe Insul
Felsenburg von wannen ich ja die allerwichstigsten Kommissiones hatte und zu
deren Dienste ich mich auf der Reise befand mithin leichtlich etwas von meiner
besten Equipage verlieren können eben dieserwegen hing ich mein Hertze nicht
an Gold und Silber indem ich wusste dass ob ich 3 FederSpulen oder 3 Tonnen
Goldes bei solchen Umständen eingebüßt hätte die Ältesten und Einwohner
alhier mir solches nicht verarget sondern dieser Umstände wegen uns allen den
Schaden gedoppelt ersetzt hätten weilen ja Gold Silber Perlen und dergleichen
nicht so rar bei uns sind Da ich mich aber nur mit wenigen Worten verlauten
ließ dass man doch den Barbaren die 3 Tonnen Goldes immer hingeben möchte
damit wir nur vom Flecke kämen wollte mein Volck toll und rasend werden auch
mein Bruder der nicht wusste dass ich mehr auf meinem Hertzen und Gewissen
hatte als er selbst sah mich scheel und sauer über die Achsel an
Wir sahen uns aber balde gemüssigt unsern Zwietracht bei Seite zu setzen
denn so bald die abgeschickten Barbaren bei den Ihrigen angekommen bemerckten
wir dass sie mit ihren Schiffen ganz andere Wendungen machten und gerades
Weges auf uns zu seegelten Wir konnten ihnen so zu sagen gleich an den Augen
absehen was sie haben wollten deswegen setzten wir uns mit beiden Schiffen in
die beste Positur denn die Kanonen waren schon alle scharff geladen und die
Mannschaft so zum Feuergeben und Fechten beordert stund mit freudigem Mute
da erwartete auch den Feind recht mit Lachen
So bald die Barbaren ihren Vorteil ersahn machten sie aus allen ihren
drei Schiffen ein entsetzliches Feuer auf uns welches aber doch unsern starken
Schiffen wenigen Schaden tat ungeachtet sie keine kleine KanonenKugeln
führten Unsere Leute hingegen waren noch geschwinder als der Wind die Löcher
zu verstopffen und auszubessern Wir gaben ihnen aus beiden Schiffen auch 2
Salven die wohl anschlugen der HauptSpas aber war dieser dass mein Bruder
der so wohl als ich drei mittelmäßige FeuerMörser auf seinem Schiffe hatte die
erste Bombe als ein guter Feuerwercker durch seine matematische
KunstErfahrenheit ungemein glücklich in das eine Barbarische Schiff spielte
welche indem sie accurat aufs Oberdeck fiel eine artige Menuet aufspielete
wonach die Barbaren ungemein desperat zu tantzen anfiengen es hat diese Bombe
da sie crepirt 9 Personen lædirt 3 auf der Stelle ins Reich der Toten
geschickt und 6 gefährlich blessirt deren wie wir nachher erfahren noch
4 an ihren Wunden sterben müssen Mit der andern Bombe aber ging es meinem
Bruder nicht so glücklich denn sie fiel zu tieff gegen die äuserste Wand des
Schiffs hatte aber doch nicht allein die Wand stark beschädigt sondern auch
einen Barbar tot geschlagen und 2 blessirt
Mir wollte es mit meinen Bombenspielen nicht recht wohl angehen denn
ungeachtet mir mein Bruder alle Vorteile gewiesen so spielete ich doch die 2
ersten zu hoch über die Barbarischen Schiffe hin welche in der See crepirten
und den Feinden wenigen Schaden verursachten mit der dritten aber war ich
glücklicher indem dieselbe in ein offenstehendes PulverFass gefallen war und
vielen Lerm und Schaden verursacht auch 6 getötet und 4 blessirt hatte
Meines Bruders dritte Bombe aber war die beste denn sie fiel auf das noch
unbeschädigte Oberdeck des dritten feindlichen Schiffes und machte einen
solchen Lermen darin dass die Barbaren nicht wussten wo sie hin sollten denn es
waren wie wir nachher erfahren 5 getötet und 8 von ihnen blessirt worden
Uber diese Begebenheiten wollten die Barbaren rasend werden rückten demnach
unter beständigen canoniren mit völliger Forçe näher auf uns zu wir aber
blieben ihnen auch nichts schuldig sondern machten aus unsern Kanonen ein
continuirliches Feuer denn die Mörser wollten ihre Dienste nicht mehr tun
weilen der Feind schon zu nahe war dem wir mit FehlSchüssen nicht gern ein
Gelächter verursachen wollten bis sie so nahe kamen dass wir einander mit
FlintenKugeln erreichen konnten Der Feind schoss mit gezogenen Röhren heftig
auf uns los wir aber schickten ihm die Kugeln aus unsern MastricherMusquetier
Flinten dergestalt häuffig zu dass er sich darüber verwunderte allein es war
eben nicht zu verwundern denn ich hatte lauter lustige Leute die sich unter
einander selbst exercirten und mit ihren Flinten wegen der geschwinden Ladung
eher 3 Schuss tun konnten als die Barbaren nur einen
Ich ging vom Oberdeck herunter in meine Kajüte und ließ mir durch meine
Bedienten 2 Buch angefeuchtetes weißes Papier auf die Brust binden und eben
so viel auf den Bauch ging hierauf wieder hinauf aufs Oberdeck und
commandirte dass 1500 gefüllete Granaden aufs Oberdeck jedoch an einen sichern
Ort gebracht werden sollten indem wir deren vielleicht bedürfftig sein möchten
denn ich muss ihnen sagen dass ich nebst den 6 mittelmäßigen FeuerMörsern 12000
Stück HandGranaden hatte gießen lassen welche ich unten im Schiffe mit dem
Ballast vermengte und nicht mehr als etliche 100 füllen ließ Meine
Lieutenants die nicht allein das ArtollerieWesen unten im Schiffe wohl
besorgt hatten nebst andern wohlgemachten Anstalten auch diejenigen, welche
sich zum Feuergeben und Fechten freiwillig dargestellet bereits behörig
rangirt Sie stunden also auf dem Oberdeck in schönster Ordnung und da ich sie
sah erfreuete ich mich trat vor die Fronte und sagte nur so viel
Meine Brüder
Ich habe vernommen dass wo nicht alle doch viele unter euch sich die
Einbildung machen als ob ich ein Kerl wäre der wenig oder gar keine Kourage im
Leibe hätte Allein meine Brüder ihr irret euch sehr was ich bisher getan
habe ist ganz und gar keiner Zaghaftigkeit zuzuschreiben sondern ich muss
bedencken was ich vor meinen Obern und Gott im Himmel hauptsächlich
verantworten kann welches alles ich euch deutlicher erklären will wenn wir mit
göttlicher Hilfe gesieget haben Haltet euch so behertzt als wie ich mich
zeigen werde so soll es hoffentlich keine Not haben denn ich will euch
commandiren wider allen Gebrauch im bloßen Hembde Gott gebe uns Glück und
Sieg haltet euch tapffer Ich hatte mir ein Hirschledernes Kollet angezogen
einen 3 queer Finger breiten Pallasch an der Seite mit dem ich besser umgehen
konnte als mit einem Türckischen Säbel und 2 Paar der schönsten Pistolen im
Gurte stecken Darum sprach ich ferner Gebt alle Achtung auf mich ich will
der vorderste sein und wenn ich nicht avancire so gebe ich dem nächsten der
hinter mir ist die Erlaubnis mich mit dem Fuße fort zu stoßen Hier werffe
ich mein Hirschledern Kollet zu euren Füßen ihr seht dass ich einen leichten
BrustHarnisch und einen ganzen Pantzer bei mir habe ihr seht dass ich mir 4
Buch LöschPappier habe zum Spas auf den Leib und Brust binden lassen aber auch
alles dieses werffe ich zu euren Füßen und entblösse meinen Leib bis unter die
Arme damit ihr seht dass ich unverzagt bin euch im bloßen Hembde zu
commandiren und mich bloß auf Gottes Hilfe und Schutz zu verlassen Ich bitte
nochmals GOTT gebe uns Glück und Sieg haltet euch wohl und so wie ich mich
zu verhalten verhoffe bis dass ich falle in solchem Fall denn mein Nächster das
Kommando übernehmen wird Lieben Brüder haltet euch wohl denn ihr wisst dass
ich euch von diesem SeeGefechte abzuhalten gesucht habe Ich hoffe demnach
Gott wird uns Glück und Sieg geben wenn wir nur tapffer sind im Schießen und
Fechten Allons in Gottes Nahmen
So bald ich ausgeredet fing alles mein Volck da es mich im bloßen Hembde
über den BeinKleidern mit dem Pallasch in der rechten und mit einer
aufgezogenen Pistol in der lincken Hand vor der Fronte vor sich stehen sah
mit vollem Halse zu ruffen an Vivat Vivat Kapitain Horn und dieses zu dreien
mahlen Hierauf wurde von beiden Schiffen eine gewaltige gedoppelte Salve auf
die Barbarn gegeben Diese wurden dadurch dergestalt erbittert dass sie in
unvermuteter Geschwindigkeit uns aufs nächste kamen auch ihr bestes Schiff
sich an das meinige hing und diese Feinde mich nicht allein mit Schiesssondern
auch mit dem SeitenGewehr zu delogiren suchten
Man sollte nicht meinen wie klug hertzhaft und hurtig die Barbaren sind
denn sie wussten in aller Geschwindigkeit vermittelst starcker Haacken
verschiedene Leitern an unsern Boord zu werffen und daran hinauf zu klettern
wie die Katzen Ich stund in der vordersten Reihe in der Mitten und hatte 12
der hertzhaftesten Leute zu meiner rechten und eben so viel zu meiner lincken
Hand welches so zu sagen meine LeibGuarde war 1 guten Schritt aber hinter
mir war die andere Reihe der resolutesten Mannschaft und hinter dieser noch
die 3te Reihe tapfferer Leute noch hinter diesen drei Reihen aber die Reserve
und auf beiden Seiten die Granadiers welche die Feinde mit ihren beständigen
GranadenWerffen gewaltig ängstigeten
Das Verhängnis fügte es eben so wunderbar dass derjenige Barbar welchem ich
kurtz vorher das Gold und Silberwerck zuwägen lassen gerade vor mir seine
Leiter angeworffen und mir mit blancken Säbel in der Faust entgegen gestiegen
kam Ich ließ ihn passieren bis auf die öberste Stuffe indem er aber bemüht war
über Boord zu schreiten war ich erstlich zweifelhaft ob ich ihm mit dem
Pistol das LebensLicht ausblasen oder ihn mit meinem Pallasch den Kopf
spalten wollte Jedoch da ich befürchtete das Pistol möchte etwa versagen so
verließ ich mich auf meinen Pallasch denn wie meine Herrn wissen so bin ich
Lincks und Rechts so wohl mit schiessenden als SeitenGewehr auch ist ihnen
meine natürliche Stärcke der Glieder durch viele gemachte Proben bekannt
So bald er über Boord gestiegen hohlte er mit seinem Säbel aus mir einen
tödlichen Streich zu geben allein ich danckte damals Gott dass mir meine
Fechtmeisters in Italien und andern Ländern das pariren gerlernt hatten
deswegen schlug ich in grössester Geschwindigkeit nicht allein seinen Säbel
aus dass er zu seinen Füßen fiel sondern versetzte ihm aus allen meinen
LeibesKräfften einen solchen gewaltigen Hieb über den Kopf dass ihm beide
Teile auf den Schultern lagen
Man sollte wohl meinen ich machte Wind um mich nur groß zu machen allein
auf meinem Schiffe sind noch mehr als 50 Personen gegenwärtig die es mit ihren
Augen gesehen haben
Acht bis zwölff anderen die eben diese Leiter herauf geklettert kamen und
sich auf meinem Schiffe divertiren wollten ging es wo nicht auf gleiche Art
jedoch so dass sie entweder durch meinen Pallasch oder Pistolen ins Reich der
Toten geschickt wurden Meine Leute folgten meinem Exempel und fochten
nachdem sie sich dann und wann verschossen hatten mit ihren Säbeln wie die
Löwen so dass mancher Barbar herunter in die See purtzeln musste ehe er über
Boord gestiegen war mancher aber der sich glucklich geschätzt den Boord mit
seinen Händen betastet und überstiegen zu haben den Augenblick seine ewige
SchlafStätte fand
Mittlerweile ging das canoniren von beiden Seiten aufs allerheftigste
fort so lange bis die Dämmerung eintrat und man kaum die Finger vor den Augen
mehr zählen konnte Da aber das Klettern der Feinde noch nicht aufhören wollte so
hörte auch unsere Gegenwehr mit Schießen aus Kanonen und Flinten um so viel
desto weniger auf und es musste in der Dämmerung noch mancher Barbar SeeWasser
sauffen lernen oder nolens volens versincken
Endlich da der Himmel sehr schwartz wurde ließ sich ein feindlicher
Trompeter hören welcher mit 2 Deputirten auf einem Boote saß worinnen viel
PechFackeln brannten Da nun die Feinde zu canoniren aufhöreten hielten wir
auch inne brannten aber auf beiden Schiffen viel 100 Fackeln und Lichter an
Der Deputirten Antrag war dieser dass weil ihr Kommandeur seine Kourage mit der
unsrigen auf eine Wage gelegt und befunden dass wir auf beiden Seiten tapffere
Leute wären so möchten wir Stillstand machen bis der Tag anbräche wollten wir
ihm aber doch noch die einzige Tonne Goldes geben so könnten wir so bald es uns
beliebte ohne fernere Sorge unter Seegel gehen und er wäre bereit uns einen
Pass zu geben dass wir auf unserer Reise von allen seinen Kameraden die der
FreiBeuterei ergeben von hieraus bis nach dem Kap unangefochten bleiben
sollten
Meine Leute so bald sie dieses vernommen hatten wollten abermals weder vom
Stillstande noch Geld geben hören und wurden nochmals aufstützig ich aber
ließ den Abgeschickten in Gegenwart aller meiner Leute durch einen Dollmetscher
so viel sagen Hört ihr habet euch aufgeführet gegen uns als SeeRäuber und
Bettler wider alle Billigkeit und Verträglichkeit die zwischen der Republic
Holland und den Barbarischen Republiquen ist Wir begehren keinen Stillstand
sondern weil das Spiel doch einmal angefangen ist so wollen wir uns wehren bis
auf den letzten Mann Welleicht läst Gott noch einen oder wohl mehr übrig und
lebendig von uns nach Holland kommen so soll die Untreue der räuberischen
Nationen schon urgirt und gerochen werden es treffe auch wen es treffe Ich
habe nur einen Toten und 2 Blessirte auf meinem Schiffe welches mir sehr
schmertzlich fällt rechnet aber nach wie viel ihr habt und zwar binnen so
wenig Stunden rechnet auch nach wie viel Pulver ihr vergeblich verschossen
habt und glaubt sicherlich dass wir vielleicht noch einen guten Teil mehr
Pulver und Kugeln im Vorrat haben als ihr und euch zur Not vor baar Geld
noch etwas zu Kauffen geben könnten An eures Kommandeurs Pass wollen wir alle
bis auf den geringsten Mann den Podex wischen und uns gegen Diebe und Räuber
mit göttlicher Hilfe doch wohl durchfechten Wir wollen abseegeln wenn es uns
beliebt und so ihr ferner einen Schuss auf uns tut sollen 10 dagegen folgen
Das ist euer Bescheid
Meine Leute waren über diesen Bescheid dermaßen erfreut dass sie um mich
herum sprungen wie die TantzMeisters da aber einige unter denselben gewahr
wurden dass mein Hembde voller Blut war indem ich etwa einen Fingerslangen
Hieb kurtz unter dem Gelencke des obersten lincken Achselbeins empfangen
hatte den ich doch eben nicht æstimirte lieffen sie gleich dahin rufften den
SchiffsBarbier welcher mich verbinden sollte brachten auch einen Sessel
worauf sie mich mit aller Gewalt zum Niedersetzen zwungen Ja einige waren so
lose dass sie die Trompeter und den Paucker herzu holeten um mir währender Zeit
des Verbindens die Schmerzen zu vertreiben Ja sie wollten mit aller Gewalt
haben es sollten die Kanonen dabei gelöst werden allein ich verbot es bei
Straffe Mittlerweile kam mein Bruder der auch eine Kugel in die lincke Hüffte
und einen Hieb über das Cranium bekommen hatte jedoch bereits verbunden war
ohn geruffen um zu sehen was ich und meine Leute machten und mir zu
rapportiren wie es ihm und den Seinigen ergangen Er rapportirte also dass er
38 tote Barbaren auf seinem Schiffe liegen hätte und 14 stark blessirte
denn die Barbaren ungeachtet vermittelst der SturmLeitern heftig auf ihn
gestürmet zählete er doch nicht mehr als 3 Tote und 5 Blessirte auf seiner
Seite
Demnach war ich auf meinem Schiffe dennoch in etwas glücklicher indem ich
nicht mehr als 1 Toten und 2 Blessirte und 42 Barbaren teils ganz tot
teils tötlich blessirt liegen hatte denn meine Leute hatten sich
unvergleichlich wohl gehalten da ein jeder eine Flinte 1 Paar Pistolen und
einen Säbel an der Seite führte Wie viel aber der Feinde von ihren
SturmLeitern herunter geschossen worden so bald sie ihre Köpffe nur blicken
lassen und ihr Glück in der See zwischen den Schiffen gemacht kann ich eben so
wenig richtig melden als mein Bruder welcher ebenfalls observirt dass deren
eine ziemliche Anzahl rückwärts herunter gepurtzelt wären
Mein Bruder hielt sich nach genommener Abrede wie wir uns gegen den Tag
aufführen wollten nicht gar zu lange bei mir auf sondern kehrete zurück auf
sein Schiff Weilen er aber diesen Abend ganz besonders aufgeräumt war so ließ
er etliche 100 Raqueten steigen doch nicht gegen die Feinde sondern nach
beiden Seiten ihrer Schiffe zu auch warf er WasserKegel und dergleichen in die
See und ließ Trompeten und Paucken herrlich erschallen worinnen ihm von den
meinigen tapffer geantwortet wurde Diss war ein LustSpiel den Feinden zum
Schure als welche sich so stille hielten wie die Mäuse weswegen wir
gedachten alle Fähde hätte nun ein Ende allein da wir mit anbrechendem Tage
unsers Weges fortseegeln wollten und zwar en faveur eines dicken Nebels wurden
dieses unsere Feinde dennoch gewahr und fingen von neuen heftig an auf uns
zu canoniren da wir ihnen denn auch nichts schuldig blieben bald hernach
bekamen sie ungeacht des dicken Nebels dennoch aufs neue Lust ihre
SturmLeitern an unsere Schiffe zu werffen taten auch solches mit besonderen
Grimm allein es waren ihrer ehe die Sonne aufgieng auf meinen Schiffe schon
18 und auf meines Bruders Schiffe 13 teils niedergehauen teils
niedergeschossen worden
Endlich beredeten mein Bruder und ich uns mit gesammter Macht und zusammen
gesetzten Kräfften auf das mittelste feindliche Schiff zu zielen und zu
versuchen ob wir solches in Grund schießen könnten Unsere Mühe schien nach
Verfluss einer Stunde nicht ganz vergeblich zu sein sondern wir hatten gute
Hoffnung unsern Zweck zu erreichen
Binnen der Zeit kam von hinten zu eine fremde Chalouppe an mein Schiff
welches mit einiger Mannschaft besetzt war von welchen einer der
ansehnlichsten mit mir zu sprechen verlangte Ich ließ ihn zu mir auf mein
Schiff bitten und er hatte sich nicht lange nötigen lassen da denn sein
erstes war dass er fragte was wir vor LandsLeute wären was wir vor hätten
auch was unsere Feinde vor Leute wären ich antwortete ihm in seiner Sprache
dass wir 3 SeeRäuber vor uns hätten welche uns zu plündern und in Grund zu
schießen droheten wir hätten schon gestern bis in die späte Nacht mit ihnen zu
tun gehabt und uns tapffer gewehret auch eine ziemliche Anzahl der Barbaren
getötet allein sie wären uns allem Ansehen nach dennoch bis hieher
überlegen und hätten nur vor wenig Stunden aufs neue angefangen uns zu
bestürmen vorietzo wären wir im Begriff das mittelste feindliche Schiff in
Grund zu schießen hätten auch gute Hoffnung darzu indem wir alle unsere
Kanonen aus beiden Schiffen darauf gerichtet und bemerckten dass das feindliche
Schiff schon ziemlich leck geschossen sei Im übrigen so wären wir mehrenteils
Holländer die nach OstIndien gehen wollten Ey ei sagte der Portugiese die
Holländer sind unsere lieben Brüder haltet euch nur noch tapffer ehe 1 oder
2 Stunden vergehen will ich euch 2 tüchtige Portugiesische Schiffe worauf
tapffere Soldaten sind zur Hilfe anhero bringen Lebet und haltet euch wohl
ich muss eilen dass ich bald wieder zu euch komme
Es war uns nicht anders ums Hertze als wenn uns Gott einen Engel vom Himmel
zum Troste zugeschickt hätte deswegen verdoppelte sich unsere Kourage
dergestalt dass es noch manchem Barbar den Hals kostete so sahen wir auch mit
Vergnügen dass das mittelste feindliche Schiff so zu sagen in letzten Zügen
lag denn unsere Kanonen hatten es recht jämmerlich durchbohrt auch bemerckten
wir dass der Feind auf dem Oberteil dieses ihres Schiffes nach gerade immer
weniger und weniger wurden woraus wir schlossen dass alles zur Pumpe beruffen
sei
Endlich aber wider alles Vermuten wollte dieses feindliche Schiff sich
umwenden und die Flucht nehmen es ging aber dergestallt matt und merode dass
man nicht zweiffeln durfte wie es tödliche Blessuren haben müsse Aber indem
wir uns umsahn kamen 2 der schönsten und festesten Portugiesischen Schiffe
welche sich zwischen mich und meinen Bruder einlegten und in unerhörter
Geschwindigkeit ihre Kanonen auf die Barbaren löseten ehe sie noch ein Wort mit
uns gesprochen hatten Auf unsern beiden Schiffen ließ sich Trompeten und
Paucken tapffer hören denen die Portugiesen Wechselsweise antworteten Den
Feinden aber vergieng der Mut auf einmal plötzlich indem sich keiner mehr auf
eine SturmLeiter wagen wollte auch wenig Schüsse mehr von ihren Schiffen
gehört wurden Das mittelste Schiff aber wollte doch mit guter Manier fort
hincken allein die Portugiesen und wir gedachten nicht also sondern jagten
ihm nach ereileten und erstiegen dasselbe ohne besonderes Blutvergießen
Hernach kam die Reihe an die 2 andern feindlichen Schiffe die wir binnen etwa
einer Zeit von 3 Stunden nach einem etwas härtern Kampffe glücklich erstiegen
und alle darauf befindliche Mannschaft in Fesseln legen ließ
Wir schossen demnach unter Trompeten und PauckenSchall auf allen
Schiffen so gar auch aus den feindlichen Kanonen mit größten Freuden Victoria
und zwar zu dreien mahlen Hernach brachten wir den Patienten nämlich das
mittelste Schiff zwischen die 2 übrigen Barbarischen schickten einige von
unserer Mannschaft auf ein jegliches Barbarisches Schiff und ließ im
Gegenteil eben so viel Barbaren auf unsere und der Portugiesen Schiffe
überkommen Meine Leute strapazirten die Räuber auf eine sehr heftige Att
welches ich ihnen nicht verdencken konnte indem sie doch Schertz bei Seit
gesetzt nachdem wir es aufs genaueste ausgerechnet 128 Kameraden teils auf
meinem teils auf meines Bruders Schiffe so schändlicher Weise einbüßen und
vermissen mussten Denn NB es frass die Eroberung der Schiffe in etwas mehr
Volck als die Gegenwehr gegen die Stürmenden Jedoch ich redete meinen Leuten
zu und bat dieselben sie möchten sich aufführen als Christen und nicht
barbarisch verfahren damit auch die Barbaren sähen und spüreten was vor ein
gewaltiger Unterscheid zwischen der Aufführung eines Christen und eines Heiden
sei Hiemit täte man nicht allein unserm Heilande einen Dienst sondern es
könne auch möglich sein dass diese unsere Christliche Aufführung manchem Armen
in der Barbarei unschuldig gefangen sitzenden ChristenSklaven wohl zu statten
kommen möchte wenn die Barbaren als Feinde des Creutzes Christi erkannt
hätten dass wir ganz andere Leute von Konduite wären als sie selbst
Unterdessen sollten sie dieselben zwar zu strenger und sauerer Arbeit anhalten
jedoch so viel ein Mensch in Ansehung seiner LeibesKonstitution ertragen
könnte Vollauf zu essen zu trincken sollten sie den Feinden geben und keinem
wenn er etwas versehen blutrünstig vielweniger braun und blau oder wohl gar
Arme und Beine entzwei schlagen Damit wir unsern ChristenNahmen nicht
verlöhren und uns in die Rotte der Barbaren einschreiben ließ etc Nachdem
ich dieses in Deutscher Sprache geredet so redete ich es auch in
Portugiesischer denn nicht allein mein Bruder benebst vielen seiner Leute
sondern auch die Portugiesischen Kapitains mit den meisten ihrer Leute hörten
meinen Vortrag an und es schiene ihnen allen derselbe sehr wohl zu gefallen
allein da wir eben nicht vor ratsam ansahen uns in dieser fatalen Gegend
länger aufzuhalten zogen wir in schönster Ordnung fort um die grünen Insuln zu
erreichen und unsere gemachte Beute zu teilen Andern Tages etwa eine Stunde
vor Untergang der Sonnen erreichten wir eine derselben und wurffen in einen
schönen Hafen Ancker Die Insul hieß St Jago mit Nahmen und die Stadt so dem
Hafen am nächsten lag eben also So bald der Tag anbrach ritten 2 Offiziers
der Unsern und eben so viel der Portugiesen in die Stadt und erkundigten sich
wo der Gouverneur der Insul anzutreffen wäre Sie traffen ihn an es war ein
complaisanter Mann und nachdem so wohl die Unserigen als auch die Portugiesen
ihm eine weitläufftige Erzählung getan wie es uns auf beiden Seiten ergangen
anbei gebeten es möchte derselbe uns erlauben dass wir unsere beschädigten
Schiffe allhier ausbessern und unter seinem Schutze von den Einwohnern
ungestöhrt unsere gemachte Beute teilen möchten so sagte er mit größter
Freundlichkeit Alle meine lieben Brüder gebraucht alle eure beste
Beqvemlichkeit euch soll niemand beunruhigen und ich will euch nur vor erst
50 Mann zur SalvaGuarde mitgeben sagt aber dass ich eure Kapitains so wohl
Portugiesen als Holländer gar sehr bitten ließe mir wo möglich noch
heutigen Tages die Ehre ihres Zuspruchs zu geben Unsere Offiziers konnten nicht
vom Wunder genug sagen wie complaisant sie der Gouverneur der ein
ansehnlicher liebreicher Mann wäre tractirt hätte sie nicht allein bei der
MittagsMahlzeit wohl bewirtet sondern auch in einer propern Chaise mit Konvoy
von 1 Kapitain 1 Lieutenant Fähndrich und 50 Gemeinen bis hieher an das
Ufer fahren lassen Wir ließ die OberOffiziers des Gouverneurs auf unser
Schiff bitten und schickten ihnen dieserwegen ein Boot mit welchem sie so fort
zu uns kamen Wir setzten ihnen das Beste vor das wir in der Geschwindigkeit
gestalten Umständen nach finden konnten denen UnterOffiziers aber schickten
wir jedwedem 1 Gulden und den Gemeinen einen halben Gulden nebst so viel Wein
und Brandtewein dass man glaubte sie hätten wohl 3 Tage daran satt haben
können über dieses wurden ihnen auch starke Portions von geräuchertem und
eingesaltztem Fleisch geräucherten und eingesaltzten Fischen auch allerhand
Früchten zugeschickt Mein Lieutenant hatte die Kommission der InsulanerMilitz
dieses Præsent zu überbringen denn meines Bruders Lieutenant war diesen Morgen
erschossen worden Als nun mein Lieutenant zurücke kam konnte er nicht gnugsam
erzählen wie erfreut die InsulanerMilitz über dieses Præsent gewesen ja es
hätte ihm einer um den andern so wohl UnterOffiziers als Gemeine die Hände
geküsset und immer dabei geschryen Vivant die Holländer O was sind die
Holländer vor brave und wackere Leute unsere Brüder Vivant Vivant Vivant
die Holländer
Wir hatten unser besonderes Vergnügen hierüber da wir aber mit des
Gouverneurs Offiziers noch etwa 2 Stunden tüchtig gebechert hatten und zwar
den delicatesten KanariSect auch beim Gesundheittrincken immer 6 Kanonen
abfeuern lassen NB bei der Gesundheit des Königs von Portugall des Königs von
Spanien und der GeneralStaaten von Holland aber allezeit 12 des Gouverneurs
dieser Insul nur 8 Kanonen abgefeuert wurden so bemerckten wir dass die
Insulanischen Offiziers ziemlich begeistert waren wir zogen deswegen unsere
guten mittelmäßigen Kleider an setzten uns mit ihnen in eine Chalouppe und
fuhren also die 4 SchiffKapitains denn jeder 6 Mann zur Bedienung mit sich
nahm mit den Insul Offiziers nebst 6 Trompetern und 2 Pauckern dem Lande
zu nachdem wir uns mit den Insulaner zum öffteren gehertzt und geküsset hatten
So bald wir ans Land gestiegen waren wurde von allen unsern 7 Schiffen
eine Salve und zwar von jedweden aus 12 Kanonen gegeben wovon die ganze
Insul zu erschüttern schien Der Insulanischen Militz verursachte dieses eine
besondere Freude Ihre Offiziers verfügten sich so gleich zu ihren Leuten
welche parade machen und aus ihrem HandGewehr 3 mahl Salve geben mussten
Worauf unsere Schiffe jedesmahl noch eine Salve von 12 Kanonen hören ließ
Hierauf setzten wir 4 Kapitains uns in einen parat stehenden kostbaren Wagen
und ließ uns nach der Burg des Gouverneurs fahren allwo 2 Kompagnien
Granadiers mit aufgesteckten Bajonetten stunden salutirten und ihr Gewehr
præsentirten anbei Trommeln und Pfeiffen sich lustig hören ließ auch ließ
der Kommendant uns zur Bewillkommung und zu Ehren dreimal 24 Kanonen von den
Wällen lösen denn er wohnete auf einer prächtigen Citadelle Vor dem äusersten
Tore hielten wir stille und traffen daselbst 2 Fouriers und 16 Bedienten an
die seine Livree trugen Wir machten uns fertig abzusteigen allein einer von
denen Fouriers kam zu uns und sagte wir möchten noch sitzen bleiben und bis
auf den innern Platz fahren denn der Gouverneur hätte befohlen dass man uns bis
vor das Portal der großen Treppen fahren und daselbst sollte absteigen lassen
Dieses geschahe und der Gouverneur der 6 Kavaliers nebst noch vielen
Bedienten hinter sich hatte war so complaisant bis unten an die letzte Stuffe
der Treppe uns entgegen zu kommen und zu bewillkommen
Es war ungefähr um 6 Uhr des Abends als wir bei ihm eintraffen und er
führte uns alle 4 Kapitains in ein recht propres und in Warheit recht
Fürstliches Zimmer ließ vorerst in aller Geschwindigkeit einen Tisch der mit
Kaffeè besetzt und noch einen andern Tisch auf welchem viele Bouteillen mit
Wein angefüllet nebst vielen Schalen voller Eis auch vielen Schalen von
allerlei Konfituren beladen gegen uns übersetzen und nötigte uns von allen
dem zu nehmen was nach unserm Appetite uns von seinen Bedienten vorgesetzt
wurde anbei nur dreuste zu fordern von welcher Sorte Wein einem oder dem
andern zu trincken beliebte Uns war vorerst mit nichts bessers als einem
Schälchen Kaffeè gedient und da wir nun deren etliche getruncken hatten redete
ich zu ihm in Portugiesischer Sprache diese Worte
Hochgebietender Herr
Dieselben werden von unsern Abgeschickten vielleicht vorläuffig vernommen
haben was uns seit ein paar Tagen passiret ist deswegen will Ew Hochgeb mit
einer weitläufftigern Erzählung unserer Fatalitäten nicht beschwerlich fallen
bis da Sie es ja verlangen sollten auf eine andere Zeit Unterdessen bitten wir
ganz gehorsamst uns Dero Schutz aus damit wir von den Einwohnern dieser Insul
in Friede und Ruhe leben unsere Schiffe ausbessern und unser erbeutetes Gut
unter einander redlich teilen können Wir werden uns so lange wir hier sind
als honette Leute aufführen und vor unserer Abseegelung wo uns anders Schutz
und Hilfe nicht versagt wird unsere Erkäntlichkeit reellement zeigen so wohl
gegen Hohe als Geringere nach proportion weilen uns von unsern getreuen
Freunden den mit uns angelandeten Portugiesen gesagt worden dass der
Gouverneur dieser Insul einer der heroischen und redlichsten Menschen in der
Welt wäre Deswegen begeben wir uns unter Ew Hochgebietl Schutz und sorgen
weiter vor nichts als Ihnen unsere Ergebenheit und Dienstgeflissenheit zu
zeigen
Auf dieses antwortete der Gouverneur in der Geschwindigkeit also
Meine wertesten Brüder und Freunde
Es erfordert nicht allein die ChristenPflicht sondern auch meine besondere
Pflicht und Schuldigkeit den Hülffsbedürfftigen nach aller menschlichen
Möglichkeit Hilfe und Schutz angedeihen zu lassen warum sollte ich es denn an
euch nicht tun die ich wegen der genauen Allianz in diesem Stücke alle vor
meine Brüder und Freunde erkennen will und muss Ich habe eine besondere Freude
gehabt über das was mir euer Abgesandte erzählt nunmehr aber ist meine Freude
vollkommen da ich höre dass ihr die Barbaren vollkommen besiegt und ihre
Schiffe benebst den Gefangenen in meinem Hafen liegen habt Traget keine Sorge
es soll euch keiner entwischen denn ich will so gleich Ordre stellen dass sich
eines von meinen KriegsSchiffen vor den Eingang des Hafens legen soll und
nachdem er diese Worte gesprochen rief er sogleich einen von seinen Offiziers
und gab ihm die Ordre dass er eines von den besten KriegsSchiffen sich vor den
Mund des Hafens zu legen commandiren sollte Im übrigen aber meine Brüder
Herrn und Freunde wollte ich wohl morgen frühe die Kompagnie so ich zu
Besetzung des Ufers euch zugesendet mit 2 Kompagnien ablösen lassen allein
ich sehe gar nicht wozu es nötig ist weilen ihr alhier so sicher seid als
wenn ihr zu Hause wäret denn meine Soldatesque und LandLeute habe ich
dergestalt im Zaume dass sie mir auf einen Winck gehorsamen müssen Ich bin
ihnen nach Beschaffenheit der Sachen gelinde und scharff Kleine Sotisen lasse
ich mit kleinen Straffen büßen bei groben aber erzeige ich mich der Justitz
gemäß desto schärffer und sonderlich steht den Ehebrechern Mördern und
Dieben so gleich Galgen und Rad zu Dienste Allein ich kann sagen dass ich binnen
12 Jahren als so lange ich allhier Gouverneur gewesen nicht mehr als 3
Executionen habe müssen verrichten lassen Meine Vorfahren sind GeitzHälse und
LeuteSchinder gewesen um sich so wohl an den Einheimischen als bei guter
Gelegenheit an den Fremden zu bereichern Aber so ein Mann bin ich nicht
sondern bedencke Gott und mein Gewissen weilen ich weiß dass ich am jüngsten
Tage viel zu verantworten habe Ich weiß nicht ob es ihnen bekannt ist dass die
Gouverneurs auf dieser Insul alle drei Jahr abgewechselt werden allein man hat
mich binnen 12 Jahren nicht abgewechselt und wenn auch die Abwechselung morgen
geschähe so habe ich GOTT zum Freunde und kann mit gutem Gewissen meine
Rechnungen ablegen auch von meiner Konduite und allen andern Actionen seit 12
Jahren her Rede und Antwort geben Die Liebe meiner Untertanen habe ich mir
dadurch erworben dass ich sie niemals gedrängt und durch Execution erpressen
lassen was sie mir zu zahlen schuldig gewesen vielmehr manchen durch die
Finger gesehen und nach proportion seiner Armut offtermahlen mehr als die
Helffte geschenckt wessentwegen ich mich getrauete wenn ich mich im Walde oder
Felde verirret hätte es sei bei Tage oder Nacht in eines jeden mir begegnenden
Untertanen Schoss ob es auch der geringste wäre sanft und sicher zu
schlaffen Außer diesen allen gefället dieses meinen Untertanen
unvergleichlich wohl dass ich eine scharffe Zucht unter meiner Soldatesque
halte deren ich 3000 regulirte Mannschaft ohne die LandMilitz unter meinem
Kommando habe Meine Soldaten haben mich alle lieb und wert weilen ich ihnen
ihr Brod und Geld richtiger austeilen lasse als meine Vorfahren seitero
getan Ich bin ein Mann der weil er bedenckt dass ihm Gott eine honorable
Charge auch Geld und Gut nach seinem Stande zum Uberfluss gegeben das Suum
cuique wohl observirt Mein einziges Vergnügen ist dieses wenn ich mercke dass
ich und meine Familie sich gesund befinden hernach mein Amt behörig verrichten
und den Armen Gutes tun kann als deren Freund ich im höchsten grade bin denn
ich bemercke dass die Armen mir viel Seegen ins Haus beten ungeacht ich schon
so viel habe mich und die Meinigen zu versorgen bis an mein Ende und
vielleicht auch noch etwas übrig zu lassen verhoffe etc
Nachdem er eine Zeit lang mit Reden inne gehalten sagte ich zu meinem
Bruder der mir an der Seite stund in deutscher Sprache nur diese wenigen
Worte Bruder solchen Glauben habe ich in Israel nicht funden So gleich fing
der Gouverneur mit Lächeln zu sagen an Meine Herren ich kann auch etwas deutsch
verstehen und so ziemlich reden weilen ich mich nicht länger als 2 Jahr in
Deutschland aufgehalten und darinnen die admirablesten Leut von der Welt
angetroffen habe Sie geben sich zwar vor Holländer aus allein daran zweiffele
ich sondern glaube vielmehr dass sie in Deutschland gezogen und geboren sind
weilen ich dieses nicht allein an ihren dialecto sondern auch aus ihrer beider
ganzen Aufführung wohl beobachte Wir beiden Brüder stutzeten ziemlich da man
unsere Sprache verstund der Gouverneur aber hub an zu lächeln und sagte Ey
weg mit dem Wasser wo es beliebig wollen wir ein gut Glas Wein trincken und
zwar vom allerbesten Kanari Kaum hatte er seinen Bedienten einen Winck gegeben
als diese einen angefülleten Pocal mit Weine der ziemlich groß war aufsetzten
Der Gouverneur fing an Meine Herren auf gute Gesundheit und Glück unser
aller die wir einander allhier lebendig sehen derer Potentaten Gesundheit
gienge zwar vor allein wir wissen nicht ob dieser oder jener noch lebt
Vivamus Indem er nun den Pocal ansetzte wurden sogleich auf den Wällen 12
Kanonen gelöst und dieses wurde continuiret bis der GesundheitsPocal herum
gegangen war
Wenige Zeit hernach wurde durch 6 Trompeter und 1 Paucker zur Tafel
geblasen und geschlagen weswegen der Gouverneur denn sehr nötigte uns nicht
länger zu versäumen sondern unserer Führerin zu folgen Dieses war seine
Gemahlin eine Dame von ungefähr 40 Jahren sah aber noch sehr schön aus wir
gingen demnach auf sie zu und hatten die Ehre sowohl ihr als ihren beiden
schönen Töchtern die Hände zu küssen allein sie waren alle der LandesArt
nach so gefällig einem jeden von uns den Mund darzubieten und einen derben
Kuss darauf zu empfangen Hierauf ging des Gouverneurs Gemahlin voran ein
General führte die älteste und ein Obrister die jüngste von ihren schönen
Töchtern sodann folgten Paarweise die Portugiesischen Kapitains und hinter
denselben ich und mein Bruder im Paare nach uns zählete ich noch accurat 20
Paar Kavaliers und Offiziers Nachdem ein Page das gewöhnliche Gebet vor Tische
in lateinischer Sprache gesprochen wurden die Speisen vorgelegt Ich will mich
aber bei Beschreibung der Gerichte deren mancherlei Abwechselungen und
delicater Zurichtung eben nicht aufhalten sondern nur so viel sagen dass diese
Tafel einer aufs delicateste besetzten Fürstlichen Tafel nichts nachgab Wir
Fremden wurden von dem Gouverneur seiner Gemahlin und ihren schönen Töchtern
beständig aufs complaisanteste und liebreichste zum speisen genötigt und
plötzlich ließ sich in einem NebenZimmer dessen 2 Türen so gleich eröffnet
wurden die aller angenehmste TafelMusique auf Italiänische Art hören Die
Abwechselungen der Koncerten Ouverturen und dergleichen musicalischen Händel
fielen ganz unvergleichlich in die Ohren und dieses währete über eine ganze
Stunde so dann wurden lauter goldene Becher und ein großer mit Diamanten und
Rubinen besetzter goldener Pocal herbei gebracht welcher wenigstens 3 bis
vierdtehalb Pfund schwer war und da fast über ein Maas hinein ging diesen
nahm der Gouverneur stund an der Tafel auf und sagte Auf gute Gesundheit und
Glück unserer angekommenen lieben Gäste so wohl Holländer als Portugiesen Es
stund alles auf was bei der Tafel saß indem ließ sich Trompeten und Paucken
lustig hören und es wurden dabei 12 Kanonen abgefeuert Er tranck den Pocal
nicht ganz aus sondern so viel als ihm beliebte machte ein Kompliment gegen
uns und sagte Meine Herren nehmen Sie nicht ungütig dass ich mein besonderes
Ceremoniel observire denn ich trincke nicht mehr als mir schmeckt und ich
meiner Meinung nach vertragen kann forçire auch niemanden zum Truncke sondern
lasse nach Appetite einem jeden seinen Willen
Hierauf setzten wir uns nieder indes kam ein Page welcher den Pocal
wegnahm den übrigen Wein in einen großen silbernen SchwenckKessel schüttete
den Pocal wieder ausspülte und denselben des Gouverneurs Gemahlin præsentirte
die so gut mit machte als der beste Kavalier Die Dame trunck es ihrer ältesten
Tochter und diese ihrer Schwester zu und war hierbei zu bemercken dass so
oft eine Person an der Taffel den Pocal ausgetruncken ein Page kam der den
noch übrig darinnen befindlichen Wein in den silbernen SchwenckKessel goss den
Pocal mit Wasser ausspülete wieder voll Wein schenckte und ihn demjenigen
welchem es zugetruncken war auf einer goldenen Schaale præsentirte auch dabei
credentzte So gienges von oben an bis unten aus
Meinem Bruder war seiner HauptWunde wegen bei Tische nicht allzu wohl
welches ich wohl merkte indem er sich zum öfteren im Gesichte veränderte
allein weil er ein LöwenHertz im Leibe hat so verbiss er seine Schmerzen und
ließ sich nichts merken weswegen ich auch stille schwieg Unterdessen war des
Gouverneurs älteste Tochter so neben mir saß dieses gewahr worden neigte sich
also zu mir und sagte Mein Herr wie kommt mir euer Herr Bruder vor er
verwandelt sich öfters im Gesichte Es wäre kein Wunder Gnädiges Fräulein gab
ich zur Antwort wenn er sich zuweilen im Gesichte verwandelte denn er hat
gestern Abend einen gewaltigen Hieb über den Hirnschädel und eine Kugel in die
lincke Hüffte bekommen Allein er wird daran nicht sterben So bald ich
ausgeredet ließ das Fräulein einige Tränen fallen worauf sie von ihrer Frau
Mutter befragt wurde was sie weinete und was sie mit mir gesprochen hätte Sie
erzählete alles bona fide da denn die Dame meinen Bruder inständig bat
aufzustehen und sich in ein anderes Zimmer führen zu lassen wo er seiner
Gesundheit pflegen und der Ruhe genießen könnte Allein der Kerl ließ sich
weder durch das Frauenzimmer noch durch den Gouverneur und andere Wohlwollende
darzu erbitten sondern blieb sitzen wie ein Ast
Ich aber rufte einen Pagen auf die Seite und verabredete mit ihm dass er
mir den großen Pocal voll einschencken und dabei befehlen möchte dass unter
währenden Trincken auf Gesundheit des Herrn Gouverneurs dieser Insul etc
allezeit 12 Kanonen sollten gelöst werden Das Herrchen war fix kam bald
wieder zurück und gab zu vernehmen dass alles wohl bestellt wäre brachte mir
auch zugleich den Pocal auf einem goldenen CredentzTeller mit welchem ich in
die Höhe trat und mit lauter Stimme sagte Vivant Ihr Excell der Herr
Gouverneur dieser Insul nebst Dero hohen Familie Kaum hatte ich den Pocal
angesetzt zum Trincken als sich 12 Kanonen nebst Trompeten und Paucken auf
einmal hören ließ und dieses ging nachdem ich gezeigt dass ich den Pocal
ganz ausgeleeret und diesesmahl dem SchwenckKessel nichts gegönnet hatte
rund um Ich bemerckte dass der Gouverneur seine Gemahlin und Kinder über mein
Verfahren schmuntzelten denn ich konnte ihnen allen ins Gesichte sehen
ungeachtet der Gouverneur mit seinen 2 Söhnen ganz zu unterst an der Tafel
saß Es war also ein artiges Kleeblat oben die Mutter mit den Töchtern und
unten der Vater mit zwei Söhnen Nachdem der Pocal herum war stimmete der
Gouverneur aus den kleinen Bechern erstlich noch PrivatGesundheiten an und
zwar vor alle Personen die sich an der Tafel befanden bei einer jeden wurden
aber nur 3 Kanonen gelöst Wir saßen also so lange bis über Mitternacht an
der Tafel und mein Bruder hatte sich wohl gehalten bis auf den letzten Mann
Nach aufgehobener Tafel sah sich ein jeder nach seiner RuheStelle um mich
und meinen Bruder aber welcher etwas blass aussah begleiteten der Gouverneur
dessen Gemahlin Töchter und Söhne bis hinauf in das obere Stockwerck allwo uns
zwei Zimmer angewiesen wurden welche Kommunication mit einander hatten Es
trieb sie wie die Dame sagte nichts darzu an als die Curiositeè um meines
Bruders HauptWunde verbinden zu sehen Wiewohl uns nun die Dame einen Artzt
vorgeschlagen dessen Kunst sie ungemein rühmete so wollten wir doch unsere
SchiffsBarbier welches in Wahrheit geschickte Männer waren und noch gute
Leute unter sich zu ihren Diensten hatten nicht eifersüchtig machen weilen wir
bedachten dass wir vielleicht ihre Hilfe in Zukunft weiter möchten nötig
haben Da nun meines Bruders SchiffsBarbier die Deckel und Pflaster von der
HauptWunde abgenommen war dieses eben nicht allzu appetitlich anzusehen
zumahlen da um die Fingerslange Wunde herum alles HauptHaar mit dem
ScheerMesser abgenommen war Der Gouverneur und dessen Gemahlin wollten sich bei
so gestalten Sachen und zumahlen da er noch eine Kugel im dicken Beine stecken
hatte bald des Todes über meines Bruders Mut und Hertzhaftigkeit verwundern
Die Söhne sahen die Wunde auch mit Erstaunen an da aber die Töchter gleichfalls
herzu traten und dieselbe betrachteten sanck die älteste ganz unvermutet in
Ohnmacht dahin weswegen man sie nur vorerst auf das nicht weit davon stehende
Bette legte und sie mit SchlagWasser und flüchtigen Spiritu nach Verlauf einer
viertel Stunde wieder zu sich selber brachte Wir beiden Brüder bezeigten unsere
hertzliche Kompassion und Exquisen wegen dieses Zufalls allein die Frau Mama
sagte mit lachendem Munde Das Närrichen hätte können davon bleiben denn sie
weiß dass sie nicht einmal eine Gans oder Huhn kann abschlachten sehen Nachdem
aber mein Bruder verbunden ersuchte mich der Gouverneur ich möchte ihm den
Gefallen erweisen und meine ArmWunde ebenfalls in ihrer Gegenwart verbinden
lassen ich deprecirte zwar solches weilen es sich in Gegenwart hohen
Frauenzimmers nicht schickte allein da er nicht nachließ mich zu bitten und
ich sonsten wusste dass ich so weiß und reine an meinem Leibe als ein Fisch so
entblössete ich meinen Arm und Brust und ließ mich verbinden Sie verwunderten
sich dass ich bei der Fingerslangen Wunde doch den Arm noch so gut brauchen
könnte allein ich sagte ihnen wie ich gar keine Schmerzen oder besondere
Incommoditee dabei verspürete sondern dieselbe en bagatell estimirte indem ich
deren weit gefährlichere aufzuzeigen hätte
Wahrhaftig sagte des Gouverneurs Gemahlin meine Herren eure Haut muss
von Bleche das Fleisch von Eisen und die Knochen von Stahl sein wenn ihr
dergleichen Blessuren so en bagatell tractiret Der Gouverneur fiel ihr ins
Wort und sagte zu mir Nein meine Herren das ist keine Sache oder Rat
sondern ich werde euch beide nicht ehe aus meinem Hause lassen bis ihr
vollkommen curirt seid Wir danckten vor dessen gütiges Anerbieten und baten
uns aus nur erstlich den morgenden Tag wenn es erlaubt wäre allhier auf
seiner Burg abzuwarten Hierauf wurde die älteste Fräulein aufgenommen und
erinnert dass sie sich in ihr Zimmer begeben sollte Sie stund demnach auf und
nahm Abschied von uns Mein Bruder bezeugte ihr nochmals seine hertzliche
Kompassion wegen des ihr begegneten unvermuteten Zufalls und machte sich so
dreuste ihr 3 mahl die Hand und 3 mahl den Mund derb zu küssen worauf der
Gouverneur mit allen den Seinigen uns eine geruhige Nacht wünschete und sich
hinunter zu ihren Gästen begaben mit denen sie wie man hörte noch 2 gute
Stunden discourirten und becherten Bald nach ihrem Hinweggehen kamen 2 alte
Matronen und 2 Pagen zu unserer Bedienung welche noch ein Kompliment von ihrer
Herrschaft brachten und sagten dass sie befehligt wären diese Nacht bei uns
zuzubringen und zu bewachen Deswegen dürfften wir nur kühnlich fordern was
unser Hertz begehrete indem uns von ihrer Herrschaft wegen alles zu Diensten
stünde
Ich ließ meinen Bruder in diesem Zimmer und suchte mein Bette in dem
NebenZimmer da denn ein jeder von uns den SchiffsBarbier 2 SchiffsSoldaten
und wie schon gemeldet die 2 alten Matronen und die 2 Pagen zu Wächtern bei
sich hatte Ehe wir aber noch eingeschlaffen waren kamen die 2 Portugiesischen
Kapitains nochmals zu uns um uns ihr Beileid zu bezeugen und eine angenehme
NachtRuhe anzuwünschen welches sie denn mit der größten Freundschaft und
Zärtlichkeit taten ja wir erkannten sie vor recht redliche Leute Früh Morgens
so bald es helle ward beredeten wir beiden Brüder uns und schickten zwei von
unsern Bedienten an meinen Lieutenant dass er so gut sein möchte unsere
Kleider und WäschKisten eröfnen und vor einen jeden von uns ein rotes mit
Silber und ein blaues mit Golde bordirtes Kleid nebst etlichen Anzügen weißer
Wäsche ingleichen etliche Paar seidener Strümpffe von verschiedenen Farben
auch 2 rote 2 blaue und 2 weiße FederHüte in MantelSäcke möchte
einpacken und auf 2 MaulTieren anhero bringen lassen weilen wir da wir
einige Incommodität an unsern Wunden verspürt uns noch wohl etwa 3 bis 4 Tage
bei dem genereusen Gouverneur aufhalten möchten Im übrigen lautete die Ordre
die ich eigenhändig schrieb noch so dass er auf beiden Schiffen nebst seinen
Subalternen alles wohl beobachten möchte weil wir unser Vertrauen gänzlich auf
seine vortreffliche Konduite und Geschicklichkeit gesetzt hätten etc
Unsere Bedienten gingen noch vor Aufgange der Sonnen fort und kamen viel
eher zurück als wir uns dessen vermuteten brachten auch alles auf den
MaulTieren mit was wir verlangt hatten benebst dem schrifftlichen Rapport
des Lieutenants worinnen er meldete dass auf beiden Schiffen alles noch sehr
wohl stünde und das Volck welches er aufs beste verpflegte indem er wohl
wüste dass wir beiden Kapitains zumahlen bei dergleichen Umständen keine
Menageurs wären bezeigte sich lustig und guter Dinge Die meisten Patienten
wären außer Gefahr jedoch in verwichener Nacht auf meinem Schiffe 1 auf
meines Bruders Schiffe aber 2 Mann gestorben welche er auf Breter binden und
unter 3 mahliger Lösung des HandGewehrs der See übergeben lassen
Wir waren mit unsers Lieutenants Konduite zuftieden indem er auch in der
Tat ein gescheuter und geschickter Offizier anbei eine vollenkommene Kourage
hatte
Mittlerweile hatte unsere Frau Wohltäterin welcher die Leutseeligkeit aus
den Augen leuchtete uns eine starke Portion Chocolade herauf geschickt ließ
anbei fragen ob uns auch mit Teè oder Kaffeè oder sonsten etwas zum
Frühstück gedienet wäre allein wir deprecirten alles andere und ließ zurück
melden dass wir mit diesem delicaten Frühstück uns behelffen wollten bis zur
MittagsMahlzeit Indem wir beide Chocolade trancken kamen nebst denen
Portugiesischen Kapitains 2 Kavaliers des Gouverneurs welche im Nahmen des
Gouverneurs und seiner ganzen Familie uns den MorgenGruß brachten und sich um
die Beschaffenheit unserer beider Gesundheit erkundigten Wir ließ unter
währenden GegenKompliment dieselben etliche Tassen Chocolade mit uns trincken
discourirten hernach von einem und andern wobei ich gestehen muss dass wir die
beiden Kavaliers vor gelehrte rafinirte Kavaliers erkannten Sie hielten sich
aber nicht länger bei und auf bis die Chocolade ausgetruncken war und eileten
ihrem Principal unser GegenKompliment zu überbringen Bald hernach kam eine
alte Matrone welche im Nahmen der Gouverneurin fragte ob uns etwa beliebig
alleine auf unsern Zimmern zu speisen oder ob wir zur ordentlichen Tafel kommen
wollten welches letztere sie mit Vergnügen und weit lieber sähe zumahlen sich
noch einige Gäste mehr eingefunden Wir ließ zurück melden dass da wir uns
wegen so unvergleichlicher guter Wartung und Verpflegung fast halb curirt
befänden wir lieber en Kompagnie als alleine speisen wollten wenn wir nur
nicht zu befürchten hätten dass wir als Patienten der ganzen Gesellschaft
einen Eckel verursachen möchten Die Alte ging mit diesem Bescheide fort und
brachte von ihrer Frauen zurück dass wir nicht eigensinnig sein sondern zur
Tafel kommen sollten so bald als geblasen würde wozu wir noch etwa eine halbe
Stunde Zeit hätten Demnach ließ wir uns durch unsere Bedienten aufs
propreste in Blau mit einem Hute worauf eine rote Feder ankleiden und
discourirten hernach unter dem Spazierengehen in dem Zimmer von ein und andern
wichtigen Affairen so lange bis uns Trompeten und Paucken zur Tafel citirten
da wir denn ein jeder 2 von unsern propre montirten Laquais hinter sich
habend in das TafelZimmer mit goldenen Degen und Stock eintraten erstlich ein
Kompliment en generell hernach aber en speciellement machten Wir bemerckten
dass sich die Gesellschaft auf die 10 Personen so wohl männliches als
weibliches Geschlechts verstärckt hatte demnach wurde des angekommenen
Frauenzimmers wegen deren ihrer 6 waren eine kleine Veränderung des Ranges
gegen gestern gemacht Ehe wir uns noch zu Tische setzten winckte uns beiden
Brüdern die Frau Gouvernantin wir stelleten uns vor sie da sie denn sagte Ey
sind das Patienten Ich glaube wenn jetzo ein Barbar ihnen entgegen käme mit
seinem besten Säbel sie zögen dennoch die Fuchteln und bohreten ihm das Hertz
im Leibe durch Ich antwortete Madame dass wir noch so ziemlich vigoreus vor
Ihnen erschienen haben wir nichts anders zu dancken als Dero Gnade die Befehl
gegeben uns aufs beste zu pflegen und zu warten Wir machten anbei ein tieffes
Kompliment vor die Dame küsseten ihr die Hand und Mund und setzten uns so wie
die andern zur Tafel Hierbei ging es weit delicater und kostbarer zu als
gestern ja ich lüge nicht wenn ich sage dass die Tractamenten mehr als
Fürstlich waren hierbei wurde der Pocal und die kleinen güldenen Becher auch
nicht müßig gelassen und dabei das Pulver in den Kanonen ganz und gar nicht
menagirt welches mich am allermeisten dauerte sonsten aber delectirte mich
nichts mehr als die unvergleichliche Italiänische TafelMusique Es ging aber
ganz fein und lustig auch bei der Tafel zu und zwar wie man in Europa zu
sagen pflegt von BobenTal
Mittlerweile erhub sich ein Streit über der Tafel um zu wissen wie viel Uhr
es wohl accurat sei der Gouverneur selbst hatte eine kostbare Uhr und seine
Kavaliers und Offiziers führten auch Uhren bei sich nach Proportion ihrer
Güte sie zeigten ihre Uhren alle auf gewiss zu erfahren wie hoch es wohl etwa
an der Zeit sein möchte endlich kam die Reihe an uns und die Portugiesischen
Kapitains welche ihre Uhren auch aufzeigten und bekanten dass es etliche
Minuten auf 3 Nachmittags wäre aber der Gouverneur wolle damit nicht zufrieden
sein sondern statuirte dass es vollkommen 3 Uhr wäre Mein Bruder trat auf
und sagte Meine Herren ich bin ein geringer Matematicus und ein rechter
UhrenNarre führe also mehrenteils 2 3 bis 4 Uhren bei mir grif demnach in
die Ficke und langte seine HauptUhr in deren Gehäuse unten eine MagnetNadel
gesetzt war heraus und sagte Dieses ist meine HauptUhr schlecht von
Ansehen aber tüchtig vom Verstande denn es müsste die Sonne nicht richtig
gehen wenn diese meine Uhr nicht richtig gienge nach welcher sich alle meine
andern Uhren deren ich noch viele kostbare und schlechte habe zu richten
pflegen Demnach ging diese HauptUhr um die ganze Tafel herum wurde auch von
jeden besichtiget und bewundert Da diese Uhr aber an ihren Mann zurücke kam
brachte derselbe eine dem Ansehen nach weit kostbarere güldene RepetirUhr
hervor die bis 300 Tlr wert indem sie stark mit Diamanten und andern
Edelgesteinen besetzt war Diese ging auch um die Tafel herum und wurde von
einem jeden bewundert bis sie auch wieder an ihren Mann kam Unterdessen mochte
das älteste Fräulein des Gouverneurs ein Auge auf diese Uhr geworffen haben
weswegen sie meinen Bruder bat seine Stelle zu verändern und sich an ihre
Seite zu setzen um ihr die Vorteile bei einer RepetirUhr zu zeigen denn sie
hätte zwar viel hundert Uhren gesehen aber noch keine rechte RepetirUhr Mein
Bruder gehorsamte ihren Bitten setzte sich neben sie machte die Uhr aus
einander und zeigte ihr alle HandGriffe und Vorteile immittelst ließ er noch
2 Uhren um die Tafel herum gehen welche wegen ihrer Schönheit und Accuratesse
von allen bewundert wurden Das Fräulein machte sich eine ungemeine Freude
daraus dass sie in kurtzer Zeit so fix repetiren gerlernt præsentirte aber
meinem Bruder auf einem goldenen Teller die Uhr wieder zurück Allein dieser war
damals so genereux dass er sich weigerte die Uhr wieder zurück zu nehmen
sondern sagte weilen er vermerckt dass das gnädige Fräulein einiges Vergnügen
an dieser Kleinigkeit gefunden so offerire er die Uhr Deroselben zum Præsent
und geneigten Andencken seiner wenigen Person Denn er hätte noch ein Paar
dergleichen und noch einige geringere in seiner Kiste Sie richtete sich in
etwas in die Höhe und sagte mit einer charmanten Mine nicht mehr als diese
Worte Mein Herr ich dancke vor dieses kostbare Præsent Ich will mich
revangiren
Eben also ging es diesen Abend noch meinem Bruder mit einer goldenen mit
Diamanten und andern edlen Steinen besetzten Tabattiere welche er eben diesem
Fräulein darreichte um eine Prise daraus zu nehmen da aber diese auf dem im
Deckel befindlichen Bilde sah dass ein Matrose vor einer schönen Dame auf den
Knien lag und ihr sein Hertz mit wundersamen Gebärden præsentirte wollte sie
sich fast schäckig darüber lachen weswegen mein Bruder ihr auch diese Dose
schenckte Nachdem aber der Uhr ein Ende gewonnen und mein Bruder alle seine
Uhren ausgenommen die kostbare wieder in der Ficke hatte wurde abermals
TafelMusique gemacht und dabei noch wohl eine gute Stunde tüchtig gebechert
Worauf die Tafel abgehoben weggesetzt und Anstalt zum Tantzen gemacht wurde
Der Gouverneur selbst machte mit seiner Gemahlin den Anfang nötigte hernach
uns übrigen dass wir folgen sollten welches denn auch von vielen geschahe
allein ich befürchtete mich zumalen wegen des vielen getrunckenen Weins meine
ArmWunde zu erhitzen ließ deswegen das Tantzen bleiben Mein Bruder aber war
so toll und forderte das älteste Fräulein des Gouverneurs zum Tantze auf diese
aber sagte wie ich denn ganz nahe dabei stund und alle Worte hören konnte so
viel zu ihm mein Herr vergebet mir dass ich euch vor diesesmahl den Tantz
abschlage indem ich euren Zustand weiß und mich Zeit Lebens nicht zufrieden
geben könnte wenn ihr eure Wunden erhjetztet und in Gefahr lieffet Ich werde
auch mit keinem andern tantzen sondern mich mit KopfSchmerzen entschuldigen
Lieber wollte ich euch noch heute Schuh und Stiefeln putzen als mit euch
tantzen denn ich habe viel zu viel Vorsorge und Nachsinnen wegen eurer
Gesundheit Ich will mich zu eurem Herrn Bruder setzen mit ihm ein gut
Gespräche halten und dabei dem Tantze zusehen weil derselbe wie ich mercke
auch keinen Appetit zum Tantzen hat Also kam mein Bruder zu uns setzte sich
neben das Fräulein so dass wir sie recht in der Mitten hatten und führten ein
lustiges Gespräch Es kamen ihrer viele die das Fräulein zum Tantze auffordern
wollten allein sie schützte KopfSchmerzen vor nahm auch da es gegen 10 Uhr
kam von uns Abschied und begab sich zur Ruhe Da das Schwärmen jedoch kein
Ende nehmen wollte wurden wir es auch überdrüssig und schlichen auf unsere
Zimmer befahlen aber einem Pagen dem Herrn Gouverneur und dessen Gemahlin
unsern Respekt zu vermelden mit gehorsamster Bitte uns nicht ungnädig zu
vermercken dass wir stillschweigend fortgeschlichen wären indem uns die
Schmerzen unserer Wunden zum Verbinden angetrieben hätten Der übrigen
Kompagnie aber sollte er gleichfalls unser dienstlich Kompliment machen
Nachdem wit auf unsern Zimmern angelanget kam dieser Page bald hinter uns
her und brachte das NachtKompliment von seiner Herrschaft ihm folgten 2
Laquais welche die Abschencke die in einer großen güldenen Kanne voll Wein
und einer großen Schaale voll allerlei Konfituren bestund auf unsere Tafel
setzten Nach diesen kamen abermals 2 Pagen und 2 alte Matronen zu unserer
Bedienung allein wir hielten uns dissmahl nicht lange auf sondern legten uns
nachdem wir verbunden waren bald zu Bette wurden aber dennoch noch nicht zur
Ruhe gelassen indem uns ein paar Stunden darauf die Musicanten eine admirable
AbendMusique vor den Türen unserer Zimmer brachten welche fast eine halbe
Stunde währete Wir delectirten uns daran und schlieffen darüber ein Früh
Morgens so bald es Tag war schrieb ich eine Ordre an meinen Lieutenant vor
uns deiden Brüder aus den KleiderKisten jedem ein grünes mit goldenen Espagnen
bordirtes Kleid noch einige AnzieheWäsche 500 Raqueten 500 gefüllete
Granaden und 2 bis 3000 kleine Schwärmer 200 WasserKegel und 500
LustKugeln zu schicken auch unser beider LeibBüchsen Flinten und Pistolen
item 2 FeuerMörser und 24 gefüllete Bomben anbei 12 Granadiers und zwar
die geschicktesten Im übrigen bäten wir accuraten Rapport aus hätten vorjetzo
weiter nichts zu commandiren indem wir wohl wüsten dass er das Kommando schon
vor sich selbst aufs beste verstünde weswegen wir alles seiner berühmten
Konduite überließen etc
Hiermit schickten wir abermals 2 von unsern Bedienten nach unsern Schiffen
fort bekamen Teè Kaffeè und Chocolade von unserer Wohltäterin geschickt
wobei sich die 2 Portugiesischen Kapitains als welche uns recht brüderlich
liebten nebst 2 Kavaliers des Gouverneurs waren die uns das MorgenKompliment
brachten wovon der eine zurücke ging und unser GegenKompliment ablegte
jedoch bald zurück kam und mit uns tranck denn ein jeder konnte nach Belieben
trincken was er wollte Wir hielten unter einander lauter politische Gespräche
bis ein Page ansagte dass binnen etwa einer halben Stunde würde zur Tafel citirt
werden Demnach retirirten sich die Kapitains und Offiziers wir aber ließ
uns ankleiden und zwar in Rot mit Silber bordirt wozu wir jeder einen Hut
mit weißer Feder aufsetzten und so bald zur Tafel geschlagen worden uns
gehöriges Orts meldeten nachdem uns zwei Offiziers zu allem Uberflusse
abgeruffen hatten Es ging bei derselben eben so in floribus zu als gestern
und ehegestern nur vermisseten wir dabei die älteste Tochter des Gouverneurs
von welcher mir die Mama sagte dass sie einige KopfSchmerzen verspürete
welcher Zufall aber doch wohl bald würde überhin gehen Ich spürete ganz genau
dass sich mein Bruder dieserwegen einigermaßen alterirte und schloss aus
gewissen Merckmahlen dass unter diesen 2 Leuten eine Sympatie haselirte Er
konnte weder essen noch trincken sondern saß immer in Gedanken bis man ihn mit
Gewalt anredete Er excusirte seine Melancholie damit dass ihm seine Wunde in
der Hüffte einige Schmerzen verursachte weswegen er dieselbe gleich morgendes
Tages entweder mit dem KugelZieher heraus ziehen oder mit dem Messer wollte
heraus schneiden lassen Hierbei merkte ich dass wir bei den liebreichsten und
redlichsten Leuten von der Welt wären denn es schien als ob ein jedes an
seinen Schmerzen Teil nehmen wollte und führten sich alle ungeachtet die
schönste Musique gemacht wurde auch Trompeten und Paucken nebst den Kanonen
wechselsweise schwermeten dergestalt niedergeschlagen auf als ob ihnen selbst
ein Unglück begegnet wäre Jedoch mein Bruder da er dieses merkte zwang sich
mit aller Macht zu einer etwas munteren Aufführung Inmittelst noch ehe die
Tafel aufgehoben wurde kamen unsere Bediente und brachten von meinem
Lieutenant folgendes RapportSchreiben zurück
Meisseigneurs
Deroselben Ordre ist mir heute früh um 8 Uhr wohl worden weswegen ich
keine Minute versäumt derselben gehörige Parition zu leisten übersende demnach
zu schuldigster Folgleistung
2 Mortieurs
24 gefüllete Bomben
500 gefüllete Granaden
500 Raqueten große mittelmäßige und kleine
3000 kleine und große Schwärmer
200 WasserKegel
200 LustKugeln
2 Büchsen
2 Flinten
4 Paar Pistolen anbei
12 Mann der auserlesensten Grenadiers die ich vor die besten halte Mir
träumet dass Messeigneurs ein kleines FeuerWerck spielen wollen wozu ich
gratulire und so oft ich einen Mortieur abfeuren höre 12 Kanonen auf unsern
Schiffen werde lösen lassen weil wir mit dem Barbarischen Pulver wie ich fast
nicht gemeint noch einen wichtigen Vorrat von Pulver haben
Anbei folgen die verlangten 2 Kleider mit goldenen Espagnen bordirt wie
auch 2 mit Espagnen bordirte Hüte 2 Paar Perlenfarbene Strümpfe und noch
etliche AnzieheWäsche
Auf unsern Schiffen steht Gott Lob alles wohl denn unsere Patienten
bessern sich und ist seit meinem letztern Rapport keiner gestorben wohl aber
noch 2 blessirte Barbaren die ich ohne Gesang und Klang habe in die See
werffen lassen Hergegen habe ich den Körper meines lieben Kameraden des
erschossenen Lieutenants noch zu unterst im Schiffe auf dem Ballast liegen in
Hoffnung dass sie demselben ein ehrlich Begräbnis auf dem Lande procuriren
werden Ubrigens in Erwartung fernerer Ordre beharre mir
schuldigstgehorsamsten Respekt
Messeigneurs
le votre
FH Dimbourg
PS Meine Herren sollen bei Dero Zurückkunft keinen Abgang an Raqueten
Schwärmern WasserKegeln LauffKugeln und dergleichen spüren denn ich will
binnen der Zeit den Abgang ersetzen weil ohnedem ich und unsere Leute müßige
Stunden haben
Ich gab diese RapportsSchrifft meinem Bruder zu lesen ging hernach
hinnunter an die Tafel und bat den Gouverneur ob es mit dessen gütiger
Erlaubnis geschehen könnte dass wir unseren seel Kameraden mit militairischen
EhrenBezeigungen auf dem Lande begrüben zumahlen da er ein guter Christ und
eifferiger Katolic gewesen mithin der geweiheten Erde wohl würdig wäre
Ey was hör ich mein Herr sagte der Gouverneur ist der Verblichene ein
Katolic gewesen so will ich ihn in die HauptKirche begraben lassen Ich
bringe Ew Hochgebl keine Lügen vor antwortete ich denn dass er ein eiffriger
Katolic gewesen kann ich mit seinem LebensLauffe den er selbst eigenhändig
wenig Tage vor seinem Tode schrifftlich aufgesetzt ingleichen auch aus vielen
andern seinen Scripturen Katolischen Büchern Pater noster und Scapulier
welches alles er beständig bei sich geführt erweisslich machen Hierauf sagte
der Gouverneur ich traue eurer Redlichkeit noch weit mehr als dieses zu Ich
bitte aber lasset euren Toten nur noch 3 Tage auf dem Ballast liegen denn es
kann ihm bei jetziger Witterung keine Fäulung angehen Sorget weder vor Sarg
TotenKleid noch etwas anders was zu einer propren Beerdigung eines Offiziers
gehört der auf dem HeldenBette sein Leben rühmlich eingebüßt hat sondern
gönnet mir die Ehre dass ich alles besorge und veranstalte Von heute an
gerechnet soll der LeichenKonduct auf den 4 Tag vor sich gehen und Tages
vorher auf meine Parole alles in Ordnung sein Hiermit stund der Gouverneur
von der Tafel auf und gab einem seiner Offiziers einen Winck dass er ihm folgen
sollte Er ging mit ihm an ein Fenster und plauderte fast auf eine halbe Stunde
mit ihm
Unterdessen ging ich mit meinem Bruder auch etwas abseits und beredeten
uns wie wir es mit dem FeuerWercke halten wollten Er sagte wenn ein und
anderes passiert so will ich meine Dinge gleich nach der AbendTafel die doch
auf unser Bitten nicht lange währen muss schon machen Als der Gouverneur wieder
an die Tafel kam sagte er Meine Herren tragen sie kein Leid noch Sorge mehr
vor ihren Toten sondern überlassen alle Sorge mir ganz allein hergegen
bitte sie wollen sich etwas lustiger erzeigen als bisher Ich aber sagte ihm
heimlich ins Ohr ob er mir und meinem Bruder gütigst erlauben wollte diesen
Abend so bald es finster worden ein kleines FeuerSpiel auf der unsern
Fenstern gleich gegen über liegenden kleinen See zu præsentiren mein Bruder
der außen geblieben war machte schon alle Præparatoria darzu nur ließ er
inständig bitten dass die AbendTafel etwas kürtzer als sonst gewöhnlich
möchte abgebrochen werden damit wir von der dunckeln und finsteren Zeit
profitiren möchten Der Gouverneur lächelte und sagte Meine Brüder gebrauchet
alle Beqvemlichkeit bei mir ich werde mir ein besonderes Vergnügen machen über
das FeuerSpiel und wo es euch gefällig etliche 100 PechFackeln an das Ufer
setzen lassen Ich will auch so gleich Ordre erteilen dass die 8 kleinen
LustSchiffe benebst den Boötchen und Kähnen in Ordnung gestellt werden
Nach aufgehobener Tafel wurde getantzt da denn unverhoft mein Bruder und
die krancke Fräul fast zu gleicher Zeit zum Vorscheine kamen allein diese
letztere ließ sich von niemanden zum Tantzen bewegen also tantzten sie alle
beide und ich auch nicht mein Bruder retirirte sich bald wieder indem er mit
seiner Feuerwerckerei noch nicht vollkommen fertig war auch die RaquetenStöcke
noch nicht alle beisammen hatte Allein er schien mir weit munterer als
vorher nachdem er seinen AugApffel wieder zu sehen bekommen hatte Eine
Stunde vor der Dämmerung wurde auf der Tafel angerichtet allein es ging
dissmahl kurtz ab wiewohlen alles im Uberflusse vorhanden war
Da nun mein Bruder sein FeuerSpiel und alles was wegen der Fahrzeuge zu
besorgen war in Ordnung gebracht nahm er mich und die Portugiesischen
Kapitains mit hinunter an den Teich oder kleine See denn es war ein gewaltig
großer Teich setzten uns in ein artiges vestes und commodes Schiff nahmen
die 2 Mortiers und Bomben mit hinein und löseten unter Trompeten und
PauckenSchall anfänglich 2 Mortiers welche 2 Bomben in die See warffen die
sich ziemlich dariñen herum tummelten und endlich crepirten zu gleicher Zeit
hörte man auf der Citadelle 12 KanonenSchüsse auf welche unsere in dem Hafen
liegende Schiffe in gleicher Anzahl antworteten Hierauf mussten die Granadiers
ihre Granaden aufs Land werffen Nach diesen ließ mein Bruder 24 der
schweresten Raqueten steigen welche sich dergestalt wohl hielten dass nicht nur
alle Zuschauer sondern auch der Gouverneur selbst ihr Vergnügen daran sahen
denn die meisten schaueten oben aus den Fenstern der Burg heraus Da dieses
vorbei warf mein Bruder abermals 2 Bomben aufs ebene Land welche sich
wunderlich begunten und wie man früh Morgens sah ehe sie crepirt gewaltig
tieffe Löcher in die Erde gewühlet ja rechte Kessels gemacht hatten Es wurde
ihm auf seine 2 Mörser von den Wällen der Citadelle und von unsern Schiffen
von jeder Seite mit 12 Kanonen geantwortet Darauf warf er 50 WasserKegel in
das Wasser ließ dabei 50 der größten Schwärmer in die Luft spielen Da die
WasserKegel versuncken warf er 50 LustKugeln von allen Seiten des Schiffs
und spielete darauf noch 2 Bomben ins Wasser worauf ihm von der Citadelle und
von unsern Schiffen von jeder Seite mit 12 Kanonen geantwortet wurde
Also fuhr er fort Raqueten steigen Granaden werffen Schwärmer in die Luft
fliegen zu lassen WasserKegel und LustKugeln auszuwerffen und von Zeit zu
Zeit 2 Mortiers zu lösen da er denn die Bomben bald aufs Land bald aufs
Wasser fliegen ließ Dieses währete so lange bis er des Dinges überdrüssig
wurde und da er nicht viel Vorrat mehr hatte alles kunter bund durch einander
hergehen ließ zuletzt aber mit 4 Bomben die er kurtz nach einander spielte
der ganzen Sache ein Ende machte und anhören musste dass ihm so wohl die
Citadelle mit 24 und unsere im Hafen liegende Schiffe auch mit 24 Kanon
enSchüssen eine gute Nacht wünschten Als wir alle insgesamt zurück ins
TafelZimmer auf der Burg kamen fanden wir einen schönen Kaffeè Bisquit und
hernach ein Glas KanariSect wir wollten uns aber nicht dabei aufhalten jedoch
da uns der Gouverneur allzu stark nötigte und sagte Meine Herren ihr habt
mir diesen Abend ein Divertissement gemacht dessen gleichen ich so lange ich
auf dieser Insul wohne nicht gehabt auch haben sich meine ganze Familie und
meine wertesten Gäste unaussprechlich darüber ergötzt darum erlaubet mir
meine Herren dass ich auf diesem großen Teiche oder so zu sagen kleinen See
euch sämtlich wieder zu divertiren eine Fischerei anstelle und euch insgesamt
bitte derselben beizuwohnen und zwar Morgen gleich nach der MittagsTafel
Unterdessen wollen wir unter einem guten Gespräch noch eins in bona pace ex
poculo hilaritatis trincken und uns hernach zur Ruhe begeben Wir ließ uns
alle bereden ich bemerckte aber dass mein Bruder und sein Fräulein sich an das
abgelegenste Fenster begaben und daselbst die vertraulichsten Gespräche mit
einander führten
Wir gingen also lange nach Mitternacht zur Ruhe Früh Morgens bekamen wir
unser Deputat al ordinaire an Teè Kaffeè und Chocolade auch die gewöhnlichen
Visiten und erschienen hernach im grünen Habit bei der Tafel Es ging alles
dabei ordentlich und pompeus zu jedoch währete die Tafel dissmahl nicht so
lange als sonsten weil wir die Fischerei vor uns hatten Der Gouverneur war
diesen Tag ungemein aufgeräumet und sagte Nun meine Herren tut mir das
Plaisir mit an die Fischerei zu gehen ich wette darauf dass wir vor Nachts
vor mehr als 8000 Mann der besten großen und Speise Fische fangen wollen und
davon soll die in unserm Hafen liegende Soldatesque ihren Anteil haben auf
unser aller Gesundheit die Fische zu verzehren und wenn meine Rede nicht
eintrifft so will ich ihnen 4 von meinen besten Ochsen darzu schlachten
lassen
Demnach begaben wir uns hinunter an das Ufer und setzten uns in die
LustSchiffe und Kähne ich bemerckte aber unter allen andern dieses Curiositeé
dass mein Bruder mit seinem LeitSterne nämlich des Gouverneurs ältesten
Fräulein in einem kleinen LustSchiffe nebst einer alten Matrone ganz alleine
zu sitzen kam Die Fischerei ging unter Trompetenund PauckenSchall mit mehr
als 300 Fischern ohne die Handlangers trefflich von statten so dass wir ehe
es dämmerig ward aufhören mussten von wegen der großen Menge Es war wie
gesagt eine erstaunliche Menge Fische weswegen der Gouverneur erstlich die
allerbesten zu seiner Tafel auslesen ließ die übrigen aber noch vor Nachts in
großen FischFässern unsern Leuten an den Strand zuschickte Wir mussten
gestehen dass dieses eine FischPortion vor mehr als 16000 Mann wäre dem
ungeachtet ließ der Gouverneur 4 der fettesten Ochsen hinter den FischWagens
hertreiben und machte unsern Leuten ein Præsent damit Wir fanden auf dem
TafelZimmer noch einen herrlichen Kaffeè und nachdem dieser mit Appetit
genossen nahmen wir vor dissmahl allesammt Abschied von einander, und begaben
uns zur Ruhe Früh Morgens stund mein Bruder wider seine Gewohnheit sehr früh
auf und sagte zu mir dass weil es ein gar allzu angenehmer Tag wäre er sich
ein wenig in dem Lust Garten mit Spatzierengehen divertiren wollte um der
angenehmen MorgenLuft zu genießen Ich hatte nichts darwieder einzuwenden da
mir aber die Sache verdächtig vorkam schlich ich nach Verlauf einer guten
Stunde ihm nach und fand mein Brüderchen mit seiner Amasia in einer dick
belaubten Hütte sitzen Ich sah dass sie einander hertzten und küsseten auch
sich dergestalt mit den Armen zusammen geschlossen hatten als ob sie ewig also
sitzen bleiben wollten Erstlich ging ich wieder zurück auf etliche Schritte
trat aber bald zu ihnen hinein und bot ihnen einen guten Morgen Hierauf sagte
ich Kinderchen ich habe von ferne gesehen dass ihr einen hertzhaften
MorgenSeegen mit einander gebetet es ist mir lieb dass ihr einander lieb habt
allein führt euch behutsam auf und macht das Spiel nicht zu bund damit es die
Eltern und andere Aufsehers nicht gewahr werden ich aber will euch nicht
verraten
Das Fräulein wurde so rot als ein Stück Blut kam aber auf mich zu und
küsste mir erstlich die Hand hernach den Mund worauf ich mich gedoppelt
revangirte Mein Bruder aber sagte in deutscher Sprache zu mir Mein Bruder ihr
hättet mit größter Renommeè noch eine Stunde schlaffen und mich in meinem
Vergnügen ungestöhrt lassen können
Gebt euch zufrieden mein Bruder gab ich ihm zur Antwort ich will ganz
und gar nicht ein Stöhrer eures Vergnügens sein sondern ich sage nur so viel
bedenckt wo wir uns aufhalten und geht behutsam auf dem Zimmer wollen wir
von dieser Begebenheit ein mehrers mit einander sprechen
Hierauf traten wir aus der Hütte heraus nahmen das Fräulein in die Mitte
und gingen noch eine Zeit lang im Garten herum spaziren bis wir bemerckten
dass im Hause alles munter war da denn das Fräulein nachdem sie uns beide
geküsset im Garten zurück blieb wir aber begaben uns auf unsere Zimmer und
traffen daselbst schon die Portugiesischen Kapitains und 2 Kavaliers des
Gouverneurs an welche bereits den Anfang gemacht hatten sich jeder nach seinem
Belieben mit Teè Kaffeè und Chocolade tractiren zu lassen da wir denn mit
machten und ihnen erzähleten dass wir wohl 2 Stunden lang der angenehmen
MorgenLuft genossen Wir divertirten uns mit allerhand Gesprächen bis
Trompeten und Paucken zur Tafel citirten da wir beiden Brüder denn nachdem wir
unter währender Zeit uns ankleiden lassen also bald da ein Page kam und uns
zur Tafel invitirte insgesamt hinunter spatzierten Es ging bei der Tafel so
zu als es vorher gewöhnlich gewesen nur dass die Tafel eher als sonst
gebräuchlich war aufgehoben wurde denn der Gouverneur hatte uns zum Plaisir
einen TierStreit anstellen lassen Wir sahen demselben mit größten Vergnügen
zu Erstlich wurden in die gemachten Schrancken ein wilder Ochse und ein Löwe
gelassen welche beide einen heftigen Kampf über eine Stunde lang mit einander
hatten der in Wahrheit sehr curieus anzusehen war endlich überwand der Löwe
und zerriss den Ochsen Hierauf wurde ein anderer frischer Ochse in die
Schrancken gelassen welcher sich sehr großmütig und tapffer aufführete
nachdem er erst hingegangen und seinen zerfleischten Mitbruder etliche mahl
beschnuppert hatte trat er den Kampf mit dem Löwen an der sich zwar tapffer
wehrete allein weilen ihm wegen des vorigen Kampfs die Kräfte schon ziemlicher
maassen verschwunden sah der Ochse seinen Vorteil ab und stieß dem Löwen
seine beiden Hörner mit der allergrößten Gewalt dergestalt in den Bauch dass ihm
das Eingeweide heraus drung und auf die Erde fiel Als der Ochse dieses sah
wendete er sich um ging auf dem ganzen Platze herum und brüllete ganz
erschröcklich woraus man schließen konnte dass er Victoria ruffte Allein
seine Großmut wurde bald gedemütigt indem 3 der allergrößten Hunde zu ihm
in die Schrancken gelassen wurden welche ihm dergestalt zusetzten dass er
endlich matt ward und darnieder fiel doch hatte er vorher erst einen Hund
getötet den andern tödlich blessirt der dritte Hund aber blieb gesund und
frisch ungeachtet er dem Ochsen heftig zugesetzt hatte
Nach diesem wurden 2 Leoparden und 4 wilde Esel in die Schrancken
gelassen da man sich denn über die wunderlichen FechterSprünge der letztern
fast hätte mögen schäckig lachen Sie gaben den Leoparden manche tüchtige
Schläge denn sie waren beschlagen an die Köpfe Brüste und Bäuche allein sie
wurden binnen einer Stunde dennoch von den Leoparden in kurtz und kleine Stücken
zerrissen Hierauf wurden 4 Bären in die Schrancken gelassen welche ebenfals
wunderliche Täntze machten und sich über eine Stunde lang tapffer wehreten
allein es half ihre Gegenwehr nichts sondern sie wurden von den Leoparden
zerrissen die aber indem sie von den Bären viele Bisse bekommen ganz
ohnmächtig zu Boden suncken Demnach wurde ein Tyger und 2 wilde Pferde die
wohl beschlagen waren in die Schrancken getrieben allein es verlief keine
Stunde da der Tyger alle beide Pferde zu Tode gebissen hatte ungeachtet sie
sich heldenmütig gewehret und dem Tyger unzählige Schläge mit ihren Hufeisen
beigebracht wovon derselbe so wohl als die Leoparden ohnmächtig zu Boden
sanck und liegen blieb
Hierauf wurden 24 Hunde von verschiedener Größe nebst einer gewaltigen
Anzahl von Affen Füchsen wilden Katzen und noch andern kleineren Tieren in
die Schrancken gebracht demnach entstund eine solche KaterJagd dass wir uns
alle vor Lachen hätten ausschütten mögen Endlich nahm das Spiel ein Ende
nachdem nicht mehr als 3 Hunde ein alter Affe und 2 wilde Katzen noch auf dem
Platze lebendig zu sehen waren Wir begaben uns demnach zur Tafel schwärmeten
noch bis gegen Mitternacht unter Trompeten und PauckenSchall beim KanariSect
und begaben uns hernach sämtlich zur Ruhe
Folgenden Tages lebten wir noch herrlich und in Freuden aber des nächst
folgenden nahmen so wohl wir Brüder als die Portugiesischen Kapitains in aller
Frühe von dem Gouverneur und seiner Familie auch allen noch anwesenden Gästen
Abschied und begaben uns auf die Reise nach unsern Schiffen weil wir beiden
Brüder vorschützten dass wir eine und andere wichtige Verrichtungen und
sonderlich wegen des LeichenKonducts hätten Es hatte aber der liebreiche
Gouverneur das Project zum LeichenKonduct also gemacht
1 Die Gymnasiasten mit vorgetragenem Creutz und Fahnen
2 Die Studenten
3 Die ordinirte Klerisei
4 1 Regiment Insulanischer Kavallerie
5 1 Regiment Insulanischer Infanterie
6 Portugiesen so viel als beliebig
7 Holländer so viel als beliebig
8 Eine Insulanische GranadierKompagnie
9 Der LeichenWagen bei dem 6 Marschälle hergehen
10 Eine Insulanische GranadierKompagnie
11 Portugiesen so viel als beliebig
12 Holländer so viel als beliebig
13 1 Regiment Insulanischer Infanterie
14 1 Regiment Insulanischer Kavallerie
15 Der Gouverneur dieser Insul in einem Trauer Wagen mit 6 Pferden
bespañt
16 Zwölf mit 4 Pferden bespannete TrauerWagens worinnen Insulanische
Offiziers und Kavaliers sitzen
17 1 Insulanisch Regiment Infanterie
18 1 Insulanisch Regiment Kavallerie
Mein Bruder und ich betrachteten wohl dass dieses ein prächtiges
LeichBegängniss werden würde und wir uns par generositee nicht verdrüssen
lassen dürfften etwas daran zu spendiren zumahlen da mancher General nicht so
pompeus als unser Lieutenant beerdiget würde Allein mein Bruder und ich
machten uns dieserwegen wenig Sorgen sondern bedachten dass es besser sei uns
auf dieser Insul genereus aufzuführen als den Barbaren 1 oder 3 Tonnen Goldes
hin zu geben oder wohl gar in Furchten zu schweben von ihnen rein
ausgeplündert und massacrirt zu werden Demnach beredeten wir uns 3 mit spec
Tlr und eben so viel mit Gulden angefüllete Kisten zu eröffnen um den
Insulanischen Offiziers und Gemeinen vor erst einen kleinen Recompens zu geben
Wir gelangten gegen Abend unter Escorte einer Insulanischen Esquadron
Dragoner auf unsern Schiffen an und bald darauf schickte der Gouverneur den
Sarg das TotenKleid und andern Zubehör nebst 2000 PechFackeln denn er
hatte sich anders resolvirt und wollte damit es desto prächtiger ließe dass
die Leiche erst Abends wann es finster geworden in der Stadt vor der
HauptKirche anlangen sollte Der Sarg war von CedernHoltze mit ungemein
artigen schönen Stücken von BildhauerArbeit von außen gezieret inwendig aber
mit roten Samt ausgeschlagen und das HauptKüssen war Himmelblau das
TotenKleid aber von weißen Atlas stark mit goldenen Tressen besetzt Wir
hielten die ganze Nacht hindurch SchiffsRat und besorgten alles was noch in
Ordnung zu bringen war Früh Morgens wurde die Leiche im Sarge der 12
verguldete Rincken hatte am Ufer auf einem ParadeBette ausgesetzt und um den
Sarg herum sehr viele Mayen in die Erde gepflantzet auch 12 SchiffsJungen
commandirt welche die Fliegen von der Leiche hinweg weddeln mussten Des Tages
über machten wir unsern Leuten ein Wohlleben und gaben ihnen das beste Essen
und Trincken da es aber ungefähr um 2 Uhr Mittags war kam der Gouverneur mit
etlichen seiner Offiziers in vielen Wagens zu uns gefahren Weilen wir nun einen
Prophetischen Geist gehabt und gleich in der Frühe 12 große Zelter
aufschlagen auch gnugsame Stühle und Tische hinein setzen lassen so stiegen
alle ab und begaben sich nachdem sie die Leiche und das ParadeBette worunter
rote Lackens ausgebreitet waren und welche am Ufer stund wohl betrachtet
hatten in die Zelter Der gütige Gouverneur welcher die Redlichkeit selber
war sagte zu mir Meine lieben Brüder wenn ihr mir einen einzigen Gefallen
tun wollt so setzt mir und meinem Komitat heute nichts vor als ein gut Glas
Wein und Bisquit denn es ist heute nicht de tempore dass wir schmausen aber
wenn ihr erstlich auf meinem Schloss völlig ausgeheilet seid so will ich mir
einen Tag ausbitten euch zu beschmausen weilen ich weiß dass ihr keine
Hungerleider seid und da wollen wir uns recht lustig machen
Wir versprachen dem Gouverneur seiner Ordre und zwar bei dermahligen
Umständen Gehorsam zu leisten ließ aber doch bei dem aller delicatesten
KanariSect nicht allein Bisquit sondern auch allerhand Konfituren ingleichen
wild und zahm kalt Gebratenes der besten geräucherten und gebratenen Fische
auch eingemachte und uneingemachte allerlei Früchte im Uberfluss bringen woran
sich unsere Gäste vor dissmahl so wohl delectirten als ob sie alle an des
Gouverneurs Tafel gesessen hätten Im übrigen da ein jeder nach seinem Appetite
von diesem oder jenem nahm was ihm beliebte ging alles stille zu bis gegen
Untergang der Sonnen da denn der Gouverneur indem er einen KanonenSchuss von
seiner Citadelle hörte mich und meinen Bruder zu sich ruffte und sagte
Kinder ich habe die Losung gehört meine Leute werden abgeredter maassen bald
kommen deswegen macht Anstalten zum LeichenKonduct
Indem kam die schwartze Guarde nämlich die Geistlichkeit mit ihrem Creutz
und Fahnen angezogen und lagerte sich seitwärts rechter Hand Wir schickten
ihnen ein Fass KanariSect und allerlei Erfrischungen zu mein Bruder aber gab
seinem Fähndriche 1 Sack der mit ganzen Pistoletten 1 Sack mit halben
Pistoletten 1 Sack mit spec Talern und etliche Säcke die mit Gulden
angefüllet waren zur Verteilung unter die Geistlichen demnach bekamen die
vornehmsten Geistlichen nach ihrem Charakter teils 3 teils 2 teils 1
ganze Pistolette
Die Gymnasiasten jeder 1 spec Taler
Die Studenten jeder 1 halbe Pistolette
Hierauf kam das KavallerieRegiment welches sich lincker Seits postirte
und zwar ohne Musique welchem ebenfalls etliche Fässer Wein zugeschickt wurden
und mein Bruder ließ einem jedem Reuter 1 spec Taler einem UnterOffizier
aber 2 spec Taler einhändigen Die OberOffiziers aber bekamen vorjetzo
nichts folgendes Tages hingegen der Obriste 10 ganze Pistoletten der
ObristeLieutenant 8 der Major 6 ein jeder Rittmeister 4 ein jeder Lieutenant
und Kornet nur 3 ganze Pistoletten die jedem in einem Billet versiegelt
zugeschickt wurden
Bald hernach kam das InfanterieRegiment bei welchem die Austeilung des
Geldes eben also geschahe als bei dem KavallerieRegimente
Endlich ruckten 2 Insulanische GranadierKompagnien an welche eben das
Præsent bekamen als die Kavallerie und Infanterie
Mein Bruder gab sich selbst die Mühe die Leute von unsern Schiffen zu
langen und in Ordnung zu bringen da er denn 120 Mann von seinem und eben so
viel von meinem Schiffe brachte und dieselben nach der gemachten Disposition
rangirte und einteilete
So bald die Sonne Abschied genommen erinnerte der gütige Gouverneur dass es
nunmehr Zeit wäre den LeichenKonduct anzufangen demnach wurde nach seiner
gemachten Disposition die Leiche erstlich auf den LeichenWagen gesetzt bei
welchem auf beiden Seiten 12 Insulanische OberOffiziers und eben so viel
UnterOffiziers hergiengen So bald die Klerisei und die Miliz in Ordnung
gebracht wurde eine auf dem Lande stehende Kanone gelöst welches das Signal
war hierauf wurden von unsern und den Portugiesischen Schiffen 24 Kanonen
abgebrannt worauf von der Citadelle mit 24 Kanonen geantwortet wurde und alle
Mannschaft so Infanterie als Kavallerie gaben eine generalSalve Sodann
ging der March fort Die Klerisei sung recht charmante Lieder und es ging
alles ganz douçement weilen die Trompeter der Kavallerie die Serdinen
eingesteckt und die Paucker so wohl als die infanterischen Tambours ihre
Trommeln gedämpfft hatten Wir kamen also ungefähr um 9 Uhr Abends vor dem
StadtTore an da denn auf der Citadelle 24 Kanonen gelöst von unsern
Schiffen aber mit eben so vielen geantwortet wurde
Als wir vor der HauptKirche anlangten wurden abermals 24 Kanonen
gelöst da denn unsere Schiffe mit eben so vielen repondirten Es wurde in
dieser Kirche über eine halbe Stunde lang ungemein schön figurirt und musicirt
welches mir wohl ins Gehör fiel hernach trat ein Probst auf welcher dem
Verstorbenen eine gelehrte und admirable LeichenPredigt hielt Nach diesem war
wieder Musique und die SeelMesse gelesen hernach eine Parentation in
lateinischer Sprache gehalten worauf denn nochmals Musique gemacht und die
Leiche in die Grufft gebracht wurde da denn auf gegebenes Signal abermals 24
Kanonen von der Citadelle und eben so viel von unsern im Hafen liegenden
Schiffen zu hören worauf alle Kavalleristen und Infanteristen zu 3 mahlen
Salve gaben
Endlich machten die Herrn Geistlichen den Schluss mit ihren TotenGesängen
weswegen wir auf des Gouverneurs Bitten uns in dessen Behausung begaben und
unsere Mannschaft wieder zurück marchiren ließ nachdem noch 24 Kanon
enSchüsse von der Citadelle und eben so viel von unsern Schiffen gehört auch
so wohl von der Kavallerie als Infanterie drei Salven gegeben worden
In des Gouverneurs Behausung traffen wir eine wohl besetzte Taffel an
welcher wir uns ungeachtet es schon über Mitternacht war bedieneten jedoch
nicht länger dabei sitzen blieben als bis gegen TagesAnbruch da denn wir
beiden Brüder und die Portugiesischen Kapitains von dem Gouverneur seiner
Familie und allen noch anwesenden Gästen Abschied nahmen und uns Reisefertig
nach unsern Schiffen machten
Der allzu gütige Gouverneur wollte uns durchaus nicht von sich lassen
sondern nötigte uns beiden Brüder nur noch so lange bei ihm zu bleiben bis
wir vollkommen curirt wären da wir ihm aber vorstelleten dass nicht allein
einige kleine Desordres auf unsern Schiffen passirten hiernächst wir auch wegen
der gefangenen Barbaren und erbeuteten Guter Disposition machen müssten ließ er
uns endlich passieren und in einer Chaise die mit 6 Pferden bespannet war
fortbringen wobei wir 2 Kompagnien Reuter und die ordinaire Infanterie
Wache welche am Strande abzulösen pflegte zur Escorte hatten
Wir gelangeten also nachdem wir alle bei dem Gouverneur noch ziemlich
gebechert hatten gegen Abend auf unsern Schiffen an und fanden alles in
behöriger Ordnung denn mein Lieutenant war in Wahrheit ein rechter Mann
Des andern Tages ließ wir die Portugiesischen Kapitains ruffen um mit
uns auf die Barbarischen Schiffe zu gehen und die Beute zu teilen Sie kamen
und da fanden wir auf allen dreien Schiffen 2 und eine halbe Million an
geprägten gold und silbernen allerlei MüntzSorten Hiernächst 3 und einen
halben Centner GoldBarren Ferner an gutem gediehenen wie auch andern bereits
verarbeiteten Silber 8 Centner und etliche Pfund Noch ferner
86 Ballen Scharlach auch sonsten allerlei couleurtes Tuch und zwar von den
allerfeinsten Sorten
102 Ballen schlechteres Tuch von allerhand Kouleuren
216 Ballen allerlei Sorten Türckischer Zeuge als Gold und SilberMor
Damast Attlas Daffent Kattun und dergleichen
Von andern Kleinigkeiten als mancherlei SchiffsGeräte KleidungsStücken
Leinewand so wohl feine als schlechtere die sonderlich zum SeegelTuch
brauchbar will keine weitläufftige Specification machen indem wir diesen
Plunder alle wie hernachmahls geschahe in 2 Hauffen teilten und darum
loseten noch ferner erbeuteten wir
96 teils metallene teils eiserne Kanonen
640 Centner gut Pulver
Stück und FlintenKugeln eine große Menge die wir zu zählen uns nicht
einmal die Mühe nahmen sondern dieselben auf Hauffen wurffen
500 Kisten von allerlei Sorten Zucker
400 Centner KaffeeBohnen
600 Centner Tee de bois und andere Arten von Tee
An Victualien als nämlich an Zwieback Brod geräucherten und
eingesaltzenen Fleische geräucherten und eingesaltzenen Fischen Reiss auch
allerlei andern Geträyde Butter Käse und dergleichen fanden wir eine solche
Menge dergleichen wir uns auf diesen 3 RäuberSchiffen nimmermehr vermutet
hätten Ingleichen geriet uns eine starke Anzahl WeinFässer die mit den
aller delicatesten mittelmäßigen auch schlechteren Sorten von Weinen angefüllet
waren weiter eine Entsetzenswürdige Menge vollgefüllter BrandteweinsFässer
in die Hände weilen die Barbaren den Brandtewein unmenschlich stark trincken
Endlich traffen wir noch an 316 Stück gute brauchbare Büchsen und Flinten
600 Paar Pistolen und noch eine stärckere Anzahl neuer und noch ungebrauchter
Säbel
Ich will mich fuhr der Kapitain Horn in seiner Rede fort mit Meldung aller
geringschätzigen Sachen wie ich schon gesagt Ihnen nicht verdrießlich machen
und nur so viel sagen dass wir alles was etwa noch Geldes wert war in 2
gleiche Hauffen teilten und mit denen Portugiesen darum loseten
An Gefangenen hatten wir 486 Mann und sie gestunden selbst dass sie ohne
die Blessirten eine starke Anzahl ihrer Kameraden eingebüßt hätten nicht so
wohl die auf ihren Schiffen sondern hauptsächlich die von den SturmLeitern
oder Stegen herunter geschossen auch auf unsern Schiffen massacrirt worden
Hiernächst fanden wir auf allen 3 feindlichen Schiffen 37 gefangene
ChristenSklaven u zwar ihrer 4 weiblichen und die übrigen männlichen
Geschlechts Die meisten Männer waren an die RuderBäncke geschlossen die
übrigen aber mussten unten im Schiffe die allerbeschwerlichste Arbeit verrichten
Hergegen wussten die 4 Frauenzimmer welches eine Christliche SchiffsKapitains
Frau mit ihrer 16 jährigen Tochter und zweien Mägdgens waren eben nicht
sonderlich sich über die Barbaren und deren Aufführung zu beschweren denn sie
hätten ihnen wenn man sie nach Gibraltar liefern würde 40000 Tlr vor ihre
Freiheit zu zahlen versprochen und diese nämlich die Barbaren hätten ihnen
auch solches so bald als es möglich wäre angelobet allein dieser Streit mit
uns hätte sie von solchem Wege abgekehret Sonsten war die ietzt erwähnte Dame
eines Englischen SchiffKapitains Frau der von den Barbaren in einem
SeeGefechte erschossen worden sie aber hätte sich nachdem ihr alles Geld und
Gut abgenommen worden solcher Gestalt nebst ihrem Sohne Tochter und
Aufwärterinnen bei den Räubern in die Sklaverei begeben müssen
Ich nahm die Dame auf die Seite redete heimlich mit ihr und eröffnete
derselben aufrichtig dass wir wie sie vielleicht glaubte nicht nach
OstIndien sondern nach einer gesegneten Insul zuseegelten allwo sie viele von
ihren LandesLeuten antreffen würde und sich wo es beliebig so wohl als ihre
Tochter und Mägde Standesmässig daselbst verheiraten könnten Im übrigen
brauchten sie weder Geld noch Gut noch Kleider weil sie auf besagter Insul
alles im größten Uberflusse anträffen Die Dame nahm diesen Vorschlag mit
Vergnügen an und bat mich inständig wenn es zur Teilung käme sie mit den
Ihrigen doch ja nicht unter die Portugiesen geraten zu lassen sondern mit uns
zu führen weil sie uns vor redliche Leute ansähen und gern bis an das Ende der
Welt folgen wollten Solten wir aber so glücklich sein sie nach OstIndien oder
nach Gibraltar oder gar nach Engelland zu bringen so wollte sie mit freudigen
Hertzen vor sich und die 3 Ihrigen zu Erlangung ihrer völligen Freiheit 40000
Tlr an uns zahlen Ich sagte nur so viel sie sollten sich nur um kein Geld
bekümmern sondern wenn es ihnen auf der Insul nicht zu bleiben gefiele wo wir
hinseegelten so könnten sie wohl bald wieder zurück nach Engelland gebracht
werden indem wir uns vor diessmahl nicht lange auf besagter unserer Insul
aufhalten würden
Hiermit waren sie zufrieden wir aber fingen mit den Portugiesen zu teilen
an ließ zum Geschenke vor den Gouverneur folgende Stücke ans Land und zum
Teil unter die Zelter bringen
1 2 der schönsten eisernen und 2 der schönsten metallenen Kanonen
2 100 Centner Pulver
3 Kanonen und FlintenKugeln in der stärcksten Menge
4 100 Stück Büchsen und Flinten
5 200 Paar Pistolen
6 200 Stück Türckische Säbel
7 20 Ballen Scharlach und andere der feinsten und kostbarsten Tücher
8 20 Ballen etwas geringere Tücher verschiedener Farben
9 20 Ballen von allerlei Sorten Türckischer Zeuge als Gold und
SilberMor Atlas Damast Daffent Kattun und dergleichen
10 100 Kisten Zucker von allerlei Sorten
11 100 Centner KaffeeBohnen
12 100 Centner allerlei Sorten von Tee
13 12 Fässer KanariSect und eben so viel Fässer die mit andern guten
Weinen angefüllet waren
14 24 Fässer Brandtewein
Dieses waren die HauptStücke welche wir dem Gouverneur und seiner Familie
zu verehren beschlossen hatten Hierbei waren noch 6 der schönsten Türckischen
Pferde und 50 TürckenSklaven
Wir hielten davor dass dieses doch ein ziemlich ansehnliches Geschenke und
Zeugnis unserer Redlichkeit vor die uns erwiesene Ehre und gute Bewirtung sein
möchte Von unserm erbeuteten Gelde Gold und Silber aber viel Prahlens zu
machen hielten wir nicht vor ratsam sondern teilten solches unter einander
in der Stille
Bis an den Abend des dritten Tages wurde also mit der Teilung und Losung
über die Güter zugebracht und ein jedes an seinen gehörigen Ort in die Schiffe
gebracht Nachdem wir um die 2 gesunden Schiffe auch geloset wovon das eine
von den Portugiesen das andere aber von meinem und meines Bruders Volcke
besetzt wurde ließ wir das blessirte Schiff dem Gouverneur zum Geschenke da
liegen denn es war uns doch eben nichts nütze er aber konnte es sich mit
leichten Kosten ausbessern lassen
Mein Bruder und ich bekamen 218 gefangene Barbaren auf unsere Schiffe
allein wir waren nicht gesonnen diese Unfläter zu behalten sondern nicht
weiter als bis aufs Kap mit zu führen hernach selbige an den nächsten den
liebsten es seien Holländer oder Engelländer zu verkauffen
Denen bisher gefangen gewesenen ChristenSklaven wurde so wohl von uns als
den Portugiesen ihre völlige Freiheit angekündiget deswegen meldeten sich zu
erst die 4 Frauenzimmer bei uns hernach noch erstlich ein feiner Mensch
welcher unter den Dänen als SchiffsLieutenant gedienet hatte Mein Bruder
fragte mich um Rat ob ich es vor genehm hielte diesen Menschen welcher von
guten Ansehen wäre und sehr wohl raisonirte an die Stelle seines erschossenen
SchiffLieutenants zu setzen da ich nun nichts darwieder einzuwenden hatte
trug er dem Dänen welches aber ein gebohrner Sachse war die Lieutenants Charge
an welcher dieselbe mit dem allergrößten Vergnügen annahm und sich so gleich
in Eyd und Pflicht nehmen ließ Als auch dieses geschehen wurde die von den
Barbaren eroberte Beute nach Proportion unter unser Volck geteilet dergestalt
dass ein jeder wohl damit zufrieden war und wir niemanden murren hörten
Folgenden Tages wurde Anstallt gemacht den Gouverneur und dessen Familie
nebst seinem Komitat am Strande unter unsern größten Gezelten zu bewirten auch
dieserwegen eine große Küche von Bretern deren wir schon eine große Menge zu
Ausbesserung unserer Schiffe liegen hatten in größter Geschwindigkeit
aufgeschlagen
Demnach musste mein Lieutenant nach der Citadelle zu reuten und den
Gouverneur nebst seiner ganzen Familie zu uns zu Gaste laden anbei vernehmen
welchen Tag er uns die Ehre seines Zuspruchs gönnen wollte damit wir uns einiger
maassen danach richten könnten
Als der Lieutenant zurück kam brachte er zur Antwort dass der Gouverneur
benebst den Seinigen gleich Ubermorgen uns eine freundliche Visite geben wollten
deswegen rufften wir von unsern und den Portugiesischen Schiffen alle zusammen
die sich aufs Schlachten Braten Kochen Backen Zurichtung des Konfects und
dergleichen verstunden zusammen brachten auch wild und zahm Fleisch wie nicht
weniger die delicatesten Sorten von Fischen so wohl aus der See als aus den
auf der Insul befindlichen Teichen und Bächen in größter Menge herbei indem der
Gouverneur meinen Leuten Erlaubnis geben lassen auf der ganzen Insul herum
sich so viel Wild zu schießen und so viel Fische zu fangen als sie nur immer
verzehren könnten indem an allen beiden gnugsamer Uberfluss vorhanden wäre
Am bestimmten Tage hielt der Gouverneur sein Wort kam mit seiner Gemahlin
Töchtern und Söhnen in leichten offenen Wagens Hinter welchen auch noch 6
zugemachte Wagens in welchen sich Frauenzimmer befand die Offiziers und
Kavaliers aber kamen zu Pferde Dieses geschahe ungefähr um 11 Uhr
Ich hatte unter 6 Zeltern deren Wände in die Höhe gezogen waren große
Taffeln aufrichten lassen an deren jeder bis 30 Personen sitzen konnten
allein es wurden kaum 4 Taffeln recht völlig besetzt
So bald wir den Gouverneur nebst seinem Gefolge ankommen sahen wurden auf
unsern Schiffen zu erst 50 Kanonen gelöst unsere und die Portugiesische
Mannschaft aber die am Ufer postirt stunde gab aus dem HandGewehr eine
herrliche und accurate Salve Da der Gouverneur nebst den Seinigen ausstiegen
wurden zum andern mahle 50 Kanonen abgefeuert auch die zweite Salve aus
Musqueten gegeben und als wir uns nach vielen gewechselten Komplimenten zu
Tische setzten die dritte Salve aus Kanonen und Musqueten gegeben worauf denn
jedesmahl von der Citadelle geantwortet wurde
Es ist die Wahrheit dass wir sehr propre tractirten denn die Abwechselung
der Speisen war ganz unvergleich so dass so wohl der Gouverneur als seine
Gemahlin sich höchlich darüber verwunderten und zu vernehmen gaben wie sie
nimmermehr vermeint dass SeeLeute alles so accurat und delicat einrichten
könnten Wir entschuldigten uns mit unserer Schwachheit solche hohe Personen
zumahlen im freien Felde nicht nach guten Willen und Vermögen tractiren zu
können baten also dissmahl den guten Willen vor die Tat anzunehmen Immittelst
ging der Gesundheitsund FreudenPocal lustig herum wobei die Kanonen tapffer
gelöst wurden und die Paucken und Trompeten ließ sich aufs tapfferste
hören Der Gouverneur seine Gemahlin und deren Kinder bezeigten sich ungemein
vergnügt und die Gouverneurin so wohl als ihr Gemahl contestirten hoch und
teuer dass sie seit vielen Jahren her keine Mahlzeit mit größerem Vergnügen
eingenommen hätten worinnen ihre Töchter und Söhne mit einstimmeten
Wir saßen bis 4 oder 5 Uhr bei Taffel da denn der Gouverneur sich
ausbat dass wir ihm weil er des Sitzens überdrüssig unsere Schiffe zu
besichtigen Erlaubnis geben möchten Demnach führten wir die ganze Svite
hinunter in die Schiffe wobei wir den Gouverneur den Antrag taten ob ihm mit
dem Barbarischen blessirten Schiffe gedient sei weil es ein sehr schönes
starckes Schiff wäre nur aber einiger Ausbesserung von nöten hätte indem es
von uns ziemlich durchlöchert worden welches alles aber bald ausgebessert
werden könnte wir aber indem wir keine ledige Schiffe mehr brauchten sondern
uns dieselben nur zur Last gereichten wollten keine Mühe und Arbeit daran
wenden vielweniger die edle Zeit verspielen und uns an unserer weitern Reise
versäumen sondern es Sr Excell umsonst zurücke lassen Der Gouverneur
visitirte selbst das ganze blessirte Schiff und sagte Meine Brüder das ist
noch ein vortrefflich schönes und starckes Schiff wollt ihr mir dasselbe hier
lassen so tut ihr mir einen Gefallen denn es ist noch lange nicht tödlich
blessiirt aber umsonst verlange ich es nicht sondern will mich um den Preis
schon mit euch vergleichen und sogleich Anstallten machen lassen dasselbe
auszubessern denn ich verhoffe es noch tüchtig und wichtig zu nutzen Wir
sagten Se Excell möchten nur gleich Dero Leuten Ordre geben das Schiff
auszubessern im übrigen wollten wir schon darüber mit einander eins werden
Ohngefähr 3 Stunden hatten wir alle mit Besichtigung der Schiffe zu
gebracht da denn nicht allein der Gouverneur sondern auch alle Insulanische
Offiziers unsere gemachte gute Ordnung die starke Besatzung benebst der
Artollerie und Vorrat von HandGewehr aufs heftigste bewunderten indem sie
wie sie sagten nimmermehr vermeint dass die Schiffe solche erstaunliche Lasten
tragen könnten denn die unzähligen Kisten Kasten und Ballen fielen ihnen in die
Augen Also sagte der Gouverneur noch Meine Brüder ich sehe dass ihr reiche
Leute seid und es besser habt als ich der Himmel behüte euch nur vor Sturm und
andern Unglücke damit ihr den Hafen eures Vergnügens glücklich erreicht
Es mochte ungefähr Abends um 7 Uhr sein als wir wieder aus den Schiffen
herauf stiegen und da hörten wir die Kanonen so wohl auf unsern Schiffen
tapffer sausen worauf die Musqueterie und FeldMusique sich ebenfalls hören
ließ
So bald wir also ans Land gestiegen wurden die 4 Kanonen abgefeuret
welche wir dem Gouverneur zum Geschenke bestimmt hatten und um dieselben herum
stunden die 50 Barbarischen Sklaven die er ebenfalls haben sollte Ich hatte
die Ehre ihm beiderlei zum Geschenck zu præsentiren worüber er stutzte die
Kanonen erstlich und hernach die Barbaren besichtigte und sagte Meine Brüder
ich verlange kein Geschenck von euch aber die Kanonen will ich behalten vor
einen billigen Preis an baaren Gelde indem ich noch einige brauche und die
Sklaven wenn ihr sie nicht selber braucht will ich auch behalten aber ich
nehme dieselben nicht anders an als vor baar Geld und zahle euch durch die
Banck Mann vor Mann vor jeden 20 Taler könnt ihr noch mehrere missen so
will ich euch dieselben ebenfalls abhandeln und mit baarem Gelde bezahlendenn
ich kann nicht leugnen dass ich mit Barbarischen Sklaven handele und dieselben
nach den WestIndischen Insuln hin verkauffe Wir beredeten uns erstlich mit den
Portugiesischen Kapitains welche sich eben so geneigt finden ließ auch ihre
Sklaven dem Gouverneur Mann vor Mann a 20 spec Taler zu überlassen weilen
sie ebenfalls Bedenken trugen die Kanaillen weiter mit sich zu nehmen Demnach
wurde der Handel so gleich geschlossen alle Barbarische Sklaven herbei
gebracht welche der Gouverneur in Augenschein nahm und dieselben unter einer
starken Escorte auf die Citadelle führen ließ uns allen aber die Versicherung
gab dass er uns das Geld vor die Sklaven gleich morgenden Tages wollte auszahlen
lassen Dieses alles aber war noch nicht genug sondern weil es noch schön und
helle Wetter war führten wir den Gouverneur unter die Zelter worinnen die ihm
bestimmten Waren stunden die wir ihm zum Geschenke zugedacht Ich hatte
abermals die Ehre im Nahmen unser aller ihm dieses zu præsentiren und zu
bitten dass er mit diesem geringen Geschenke zur Erkäntlichkeit vor die uns
erzeigte Ehre Liebe und Wohltaten ad interim dasselbe vor sich und seine hohe
Familie geneigt auf und annehmen möchte Der Gouverneur schien ganz erstaunt
zu sein über die Vielheit der schönen Sachen sonderlich aber war das
Frauenzimmer ganz außer sich selbst als sie die kostbaren Tücher gold und
silberne auch andere Sorten Türckischer und Europæischer so wohl sammetner
seidener baumwollener wöllener und leinener Zeuge in die Augen bekamen
Wie gesagt der Gouverneur und alle die Seinigen schienen ganz bestürtzt
deswegen sagte ich nochmals zu ihm Ew Excell werden die Gnade vor uns
allerseits haben und diese Kleinigkeiten zum Præsent von uns anzunehmen
geruhen
Ey was meine Brüder sagte der Gouverneur hierauf ihr müsst mich
unfehlbar vor einen Mann ansehen dessen beste Tugend der Geitz und Wucher sei
Aber nein nicht also dieses wäre als ein Præsent vor einen König oder andern
großen Fürsten zu rechnen darum will ich euch nur so viel sagen dass mir
vieles von euren schönen Waren und andern Sachen anstehet darff ich also
bitten so erlaubt mir das Auslesen unter allem dem was mir gefällig damit ich
die Sachen Morgen mit Wagens kann abholen lassen So bald wir des Preises wegen
einig worden soll auch die baare Zahlung parat da liegen Ich sprach Ew
Excell erlauben mir zu sagen dass wir alle keine Kauffleute sind die etwas zu
verhandeln hätten sondern es ist dieses alles als ein kleines Præsent vor
genossene Ehre Liebe und Güte zu betrachten sollten wir aber so unglücklich
sein von Ihnen und Dero hohen Familie damit verschmähet zu werden so haben wir
4 Kapitains uns einmütig verschworen alle diese Sachen in die See werffen zu
lassen weilen wir außer diesem dennoch gnugsamen Vorrat behalten
Als der Gouverneur unsern harten Ernst sah sagte er Gebt euch zu frieden
meine Brüder und ärgert euch nicht ich will Morgen früh alles abholen lassen
aber unter keiner andern Kondition als dieser dass ihr mir mit Hand und Munde
versprecht nur wenigstens noch 4 Monate bei mir auf meinem Schloss zu
bleiben da ich euch denn nach meinem besten Vermögen will warten und pflegen
lassen auch eure Leute sollen keine Not leiden denn meine Wälder stehen ihnen
offen da können sie so viel Wildpret schießen als sie verzehren können Ich
glaube nicht dass sie das Wildpret vertilgen werden weil dessen in größter
Menge vorhanden ist. Auch stehen ihnen alle Teiche Flüsse und Bäche offen
worinnen sie fischen können und ich glaube auch nicht dass sie die Fische auf
dieser Insul vertilgen werden zumahlen da im Haafen und in der See alles von
Fischen wimmelt Anbei können sie sich eine Lust machen und am Ufer und an den
SandBäncken Schildkröten fangen aus deren Eyern und ihrem Fleische ich mir
eine besondere Delicatesse mache so wohl als aus den SeeKrebsen ingleichen
SeeKälbern die allhier um dieser Insul herum in erstaunlicher Größe und Menge
anzutreffen sind Uber dieses alles soll euren Leuten alle 3 Tage eine
proportionirliche Menge von RindSchöpss und SchweineVieh zu getrieben werden
welches sie selbst schlachten mögen an Brod Butter Käse Saltz Gewürtze und
dergleichen sollen sie auch keinen Mangel leiden Wein und Brandtewein nebst
Toback wird sich auch zur Notdurfft vor sie finden
Dem Gouverneur gab ich nachdem ich mich mit den andern Kapitains
besprochen dieses zur Antwort dass Sr Excell nur erstlich Ordre stellen
möchten die allerlei Sachen von hier ab und auf Dero Citadelle bringen zu
lassen da wir denn Morgen oder Ubermorgen fernere Abrede unter einander nehmen
wollten Mittlerweile gab ich das Zeichen dass erstlich des Gouverneurs auf dem
Platze stehende 4 Kanonen abgefeuert und die Trompeter und Paucker uns zu den
Taffeln ruffen sollten
Von unsern Schiffen wurden also 50 Kanonen gelöst worauf die von der
Citadelle antworteten Der Gouverneur da er die TaffelZelter ansah und
erblickte dass alles schon zum Speisen parat war sagte »Meine Brüder eure
Komplaisance erstreckt sich gar zu weit es begiñet dunckel zu werden deswegen
will ich mich mit den Meinigen nach Hause verfügen in Erwartung der Ehre euch
Morgen um MittagsZeit bei mir zu sehen« Jedoch auf unablässiges Bitten ließ er
sich dennoch aufhalten und setzte sich so wohl als alle anderen zur Taffel
bei welcher wir abermals lucker lebten und unsern eigenen güldenen und
silbernen Pocals und Bechern wenig Ruhe ließ indem wir bemerckten dass der
Gouverneur nichts lieber tranck als KanariSect dessen wir ihm und allen den
Seinigen genugsam vorsetzen konnten weil wir so viele Fässer von den Barbaren
erbeutet hatten Alle seine Offiziers und Kavaliers schlugen nicht schlimm bei
sondern waren so zu sagen rechte Helden im Sauffen
Wie nun unter beständigen Donnern der Kanonen und Musqueten auch
unaufhörlicher FeldMusique endlich die recht dunckele Nacht herein brach so
hatte mein Bruder schon Anstallten gemacht dass an der Rhede und auf dem schönen
grünen Platze mehr als 4000 PechFackeln und SchiffLaternen angezündet
wurden welche er dergestalt artig rangirt dass sie eine Ansehenswürdige
Illumination machten Der Gouverneur und alle Anwesende bezeigten ihr Vergnügen
darüber und bald hernach kam mein Bruder selbst bat unsere sämtlichen Gäste
mit ihm an den Strand zu spazieren um auf der See ein kleines Feuerwerck
anzünden zu sehen Demnach und da wir ohnedem schon völlig abgespeiset folgten
ihm der Gouverneur und wir andern alle bis auf den letzten Mann
Es ist wahr mein Bruder mein Lieutenant und viele von unsern Leuten die
sehr gute Feuerwercker waren hatten sich Tag und Nacht viel Mühe gemacht ein
Feuerwerck in der Geschwindigkeit zum Stande zu bringen welches Sehenswürdig
war
Also wurden erstlich von den Schiffen 50 Kanonen gelöst und 6 Bomben aus
den FeuerMörsern weit in die See hinaus gespielt Hernach ließ mein Bruder 6
kleine Bootchens in die See laufen auf deren jeden einem des Gouverneurs
dessen Gemahlin Töchter und Söhne Nahmen den InitialBuchstaben nach
Wechselsweise in rot und blauen Feuer über einem FeuerRade brannten welches
beständig herum lief Anbei bemerckte ich die Schalckhaftigkeit meines Bruders
da er seiner Amasia Nahmen im grünen Feuer brennen ließ auch das FeuerRad zu
unterst mit grünem Feuer vorstellete welches immer einen Schwärmer nach dem
andern von sich warff Es war dieses in Wahrheit fast ein rechtes Kunststück zu
nennen sonderlich wegen des grünen Feuers welches den Gouverneur und alle
dermaßen ergötzte dass sie bekannten Zeitlebens dergleichen nicht gesehen zu
haben Indem nun diese brennenden Nahmen sehr lustig anzusehen in der See durch
einander herlieffen ließ mein Bruder ein größer Boot in die See gehen worauf
unter einer großen Krone die im Goldgelben Feuer brannte die Buchstaben
VIVANT im Leibfarbenen Feuer sich præsentirten Unten aber im Boote brannte ein
sehr großes FeuerRad im grünen Hierbei wurden mehr als 300 Raqueten gen
Himmel gespielt ohne die vielen Schwärmer so aus den Händen geworffen wurden
und dabei Wechselsweise 100 Kanonen auf den Schiffen gelöst auch gab die
Musqueterie zu dreien mahlen Salve worauf die von der Citadelle antworteten
wir konnten aber vor der FeldMusique das Schießen nur in etwas hören Dieser
Lust folgte eine andere indem mein Bruder unterschiedliche Sorten von
FeuerwerckersPossen als wovon ich eben vor meine Person kein großer
Liebhaber bin noch in die See spielen ließ als Feuerspeiende Drachen Fisch
Machinen FeuerSchlangen WasserKegel LustKugeln und dergleichen welches
alles von den Zuschauern besonders bewundert wurde ungeachtet ich mir wie
schon gesagt vor meine Person nichts daraus machte denn mein Bruder und ich
stimmen ohne dem in unser Temperamenten zwar in etwas jedoch nicht vollkommen
überein
Dieses Feuerwerck währete also bis gegen den Tag als es ungefähr 2 bis 3
Uhr war Da es nun zum Ende wurden abermals 50 Kanonen von unsern Schiffen
gelöst 6 Bomben in die See gespielt und von der Musqueterie 3 mahl Feuer
gegeben Hiermit hatte die Komoedie ein Ende und wir begaben uns zurück unter
die Zelter da denn bestellter Massen glüender Wein Chocolade Kaffée und Tée
in gröstem Uberflusse anzutreffen war und es durfte ein jedes sich nur an
dieselbige Taffel begeben oder fordern was nach seinem Appetite war Nächst
dem waren auch Taffeln anzutreffen worauf kalter Wein allerlei kalt
Gebratenes Bisquit Konfituren Obst und dergleichen stunden welches alles
sich unsere lieben Gäste einer vor dem andern wohl zu Nutze machten
Indem die Sonne aufgieng bei welcher Gelegenheit wir allezeit die Art
hatten von jedem Schiffe 3 Kanonen lösen zu lassen wobei sich die Feld
Musique weidlich hören ließ trat der Gouverneur auf und sagte mit lauter
Stimme »Alle meine Lieben ich bin ein Mann von 64 Jahren und habe bekannter
Massen wo nicht die ganze jedoch bei nahe die halbe Welt durchreiset
sonderlich hat es mir in denen Europæischen Königreichen und Ländern über alle
Massen wohl gefallen und ich kann nicht leugnen dass ich daselbst zum öffteren
vor weniges Geld zuweilen viel Vergnügen gefunden sonderlich in Deutschland
Allein wenn ich sagen sollte dass ich Zeit meines Lebens einen vergnügtern Tag
und eine vergnügtere Nacht gehabt als die ich nunmehr seit fast 24 Stunden
zurück gelegt habe so müsste ich es lügen und ich mercke an euch allen dass ihr
vergnügt seid sonderlich da uns die Herren Deutschen und Portugiesen fast
Fürstlich tractiret und mit einem so kostbaren Feuerwercke beehret haben Ich
vor meine Person will vorjetzo nichts mehr als großen Danck sagen und in
Erwartung dass sie längstens Morgen Nachmittags in meinem Hause erscheinen
werden mich gegen ihre Höflichkeit aufs möglichste zu revangiren suchen«
Hierauf da der Gouverneur noch sagte dass er Müdigkeit halber nicht länger
bei uns bleiben könnte nahmen wir mit vielen Hertzen und Küssen den
liebreichsten Abschied von einander, unsere Gäste setzten sich auf ihre Wagens
und Pferde und reisten nachdem eine Salve aus 50 Kanonen von unsern Schiffen
gegeben nach der Citadelle zu Ohngeachtet nun der Gouverneur seine gewöhnliche
Escorte bei sich hatte so taten wir und die Portugiesen ihn dennoch die Ehre
an und ließ ihn mit 200 Grenadiers bis vor sein Schloss convoyren Da wir
denn bald hernach 50 Kanonen von der Citadelle lösen hörten worauf wir
Antwort gaben Unsere Grenadiers aber kamen erstlich in 3 Stunden zurück indem
sie der Gouverneur mit Wein Brandtewein und Bisquit dergestalt begeistern
lassen dass viele unter ihnen taumelten
Wir alle suchten auf einige Stunden die Ruhe und hatten unsern Leuten Ordre
hinterlassen dass, wenn des Gouverneurs Wagens kämen sie ihnen alle ihm
zugedachte Sachen sollten aufpacken helfen und nachdem wir ungefähr 4 Stunden
geschlaffen hatten befanden wir dass schon ziemliche Lasten auf die Citadelle
gebracht worden
Des folgenden Morgens machten wir noch eine und andere Anstallten auf unsern
Schiffen wobei die Portugiesen zu vernehmen gaben dass sie nicht gesonnen
wären sich länger auf dieser Insul aufzuhalten ungeachtet es ihnen bei dem
wackeren Gouverneur sehr wohl gefiele sondern sie sähen sich genötigt zu
eilen weilen ihr starcker Vorteil und Nutzen darauf beruhete da ohnedem ihre
Schiffe die eben nicht so großen Schaden gelitten bereits fast vollkommen
ausgebessert wären Demnach wollten sie in Gottes Nahmen bei ersten günstigen
Winde abseegeln und uns Gott befehlen weil sie uns aus zweierlei Ursachen
nicht zumuten könnten weiter mit ihnen in Kompagnie zu fahren sondern wir
sollten uns ja Zeit zu Ausbesserung unserer Schiffe nehmen weil wir eine noch
viel gefährlichere und weitere Reise vor uns hätten als sie Hergegen erboten
sie sich auf eine recht liebreiche Art die gefangen gewesenen ChristenSklaven
welche mit ihnen nach Europa zu seegeln Lust hätten nicht allein franck und
frei bis nach Portugall mit zu nehmen sondern auch unterwegs sie mit der
besten SchiffsKost zu accommodiren über dieses einem jeden Christen der mit
ihnen nach Europa reisen wollte 100 Ducaten und ein gut Stück Tuch nebst anderm
Zubehör zur Kleidung zu geben versprachen Nicht etwa in der Absicht dass sie
ihnen dienstbar sein oder die SchiffsArbeit sollten mit verrichten helfen
Nein keinesweges es sei denn zur Zeit der Not wenn ein jeder Hand mit
anzulegen verbunden wäre
Mein Bruder und ich lobten der Portugiesen Generositée und versprachen
unsern gefangen gewesenen MitChristen gedoppelt so viel zum Geschenke auf die
Reise mit zu geben
Demnach ließ wir die in Freiheit gesetzten Christen alle vor uns kommen
deren denn 4 Frauenzimmer und noch 36 MannsPersonen waren Ich kündigte ihnen
die Generositée der Herren Portugiesen und mein und meines Bruders Erbieten an
worüber sie sich alle ungemein erfreut bezeigten Hierauf trat die Dame zu mir
und sagte in Gegenwart aller Mein Herr ich habe von Dero Leuten vernommen dass
sie nach dem Vorgebürge der guten Hoffnung zu seegeln Ich bitte gehorsamst
mich arme betrübte Wittbe um wenigstens bis dahin mit zu nehmen weilen ich
verhoffe dass ich daselbst Engelländische oder doch wenigstens Holländische
Schiffe antreffen werde deren mich eines aus Kommiseration auf eine in den
OstIndischen Gewässern gelegene Insul vielleicht mitnehmen möchte denn ich kann
nicht leugnen dass ich wenig in Mitteln habe dancke aber doch dem Himmel dass
er so gnädig gewesen mir zu vergönnen dass ich mitten in dem Treffen mit den
Barbaren unsere Pässe WechselBriefe Obligationes und dergleichen listiger
Weise erretten können sonsten aber habe von allem unsern Gelde Gut und
Kleidern nichts behalten als einige Jubelen Ringe und Gold die doch ingesamt
keine 5 oder 6000 Tlr wert sind komme ich aber glücklich auf die Insul
allwo mein seliger Mann eine starke Forderung hat so wird mir und den Meinigen
schon geholffen sein ich will den übrigen Rest meines Lebens auf dieser Insul
beschließen und mich so lange meine Augen offen stehen niemals wieder auf
die See wagen viellieber mein in Engelland noch habendes Vermögen im Stiche
lassen wenn meine Verwandten so unbarmhertzig sein sollten mir selbiges nicht
mit guter Gelegenheit nachzuschicken
Madame gab ich zur Antwort ich verhoffe sie mit den Ihrigen so GOTT
will glücklich auf das Kap zu bringen da sie denn ihre Messures weiter nach
Belieben nehmen können Sie haben sich bei mir einer franck und freien Fahrt zu
getrösten nur bitte mit der SchiffsKost und Kommoditée so gut ich dieselbe
nur immer besorgen kann gütigst vorlieb zu nehmen Auch soll ihnen das kleine
Geschenck an Gelde und Meubles angedeihen welches so wohl die Herren
Portugiesen als wir den in Freiheit gesetzten Christen von uns noch vor
unserer Abfahrt zu gewarten haben Mittlerweile ist ihnen erlaubt sich von den
besten Tüchern Zeugen von allerlei Sorten auch Leinewand und andern Sachen so
sie bedürffen nach eigenem Belieben zur Kleidung auszulesen und zu behalten
Die Dame winckte den Ihrigen welche bei sie traten und uns ihre
Danckbarkeit mit den höflichsten Komplimenten und weinenden Augen abstatteten
Ihr Sohn war ein wohlgewachsener artiger Mensch von etwa 21 Jahren der
etwas in literis sonderlich aber in der Matesi getan hatte deswegen ließ
ich mich nicht lange bitten ihn mit zu nehmen
Hierauf stelleten sich die übrigen Freigelassenen ChristenSklaven en front
die meisten unter ihnen sehneten sich nach Europa Wir examinirten in aller
Kürtze einen jeden was vor ein LandsMann von was vor Profession und was
sonsten sein Stand und Wesen wäre Da sich denn befand dass sich
1 Ein GürtlerMeister
2 Ein BuchdruckerGesell
3 Ein PulverMüller
4 Ein SalpeterSieder
5 Ein BüchsenMacher unter ihnen angaben als welche von
selber austraten und uns inständig baten sie auf den Kours nach OstIndien
mitzunehmen und wenigstens aufs Kap zu bringen weilen sie noch keine Lust
hätten so bald nach ihren VaterLändern zurück zu kehren sondern sich noch
etwas versuchen wollten
Mir kam dieses recht a propos deswegen sagte ich ihnen dass sie ihre
Equipage in Ordnung bringen und sich parat halten sollten nächsten Tags mit uns
ab zu seegeln immittelst möchten sie sich von dem MittelTuche Leder zu Hosen
Leinewand und allen dem was zu Ausstafirung ihrer Kleidung von nöten nach
Belieben und nach Notdurfft auslesen das versprochene Geld und Geschenck aber
vor unserer Abreise ebenfalls richtig gezahlt bekommen
Wer war erfreuter als diese Europæische MannsPersonen Jedoch das
Vergnügen des Frauenzimmers erzeigte sich dennoch weit größer welche sehr
bittlich ersuchten je eher je lieber Sorge zu tragen dass wir zu Schiffe
gingen
Wir sprachen allen und jeden die mit uns fahren wollten freundlich und
tröstlich zu ließ sie auch mit den besten Speisen und Wein alltäglich tracti
ren Demnach behielten die Hn Portugiesen nur noch 27 gefangen gewesene
ChristenSklaven welche sie auf ihr redliches Wort jedoch nicht weiter als
bis in den ersten Portugiesischen Hafen zu schaffen nochmals teuer
versicherten
Folgenden Morgens taten wir die Reise nach der Citadelle zum Gouverneur
und nahmen meinen Lieutenant wie auch meines Bruders Fähndrich mit uns weilen
diese beiden redlichen Offiziers bis hieher noch das wenigste von unsern
gehabten Lustbarkeiten genossen hatten Das Kommando über unsere beiden Schiffe
überließen wir immittelst meines Bruders neu angenommenen Lieutenante und
meinem Fähndriche und in Hoffnung dass da sie beide uns getreue Unter
Offiziers und Leute unter sich hatten reisten wir ohne besondere Sorge mit
Plaisir fort bestelleten aber dass uns so wohl bei Tags als NachtZeit
wenigstens alle 4 Stunden von allem was so wohl auf den Schiffen als sonsten
veränderliches passirte der allergenauste Rapport durch 1 UnterOffizier und
2 Mann abgestattet werden sollte
Wir gelangeten noch 2 Stunden vor TaffelsZeit bei dem Gouverneur an mit
dem und dessen Familie wir vorher ein freundliches Gespräche hielten in
welchem der Gouverneur vorbrachte was Massen er doch hoffen wollte uns gestern
abgeredter Massen noch etliche Monate bei ihm zu sehen Allein die
Portugiesischen Kapitains deprecirten solches und brachten allzu trifftige
Ursachen hervor weswegen sie sich vor dissmahl nicht länger aufhalten könnten
weilen ihr größter Schimpff und Schaden darunter versirte wenn sie über die
Gebühr außen blieben und nicht nach ihrem Lande trachteten Also ließ sich der
Gouverneur endlich bewegen und erlaubte ihnen auf ihr inständiges Bitten mit
nächsten favorablen Winde abzuseegeln Mit euch aber meine Brüder sprach er
zu mir und meinem Bruder darf es so eilig nicht zugehen denn allem Ansehen
nach braucht ihr noch einige Wochen Zeit eure sehr zerlästerten Schiffe
auszuflicken wo ihr anders keine gefährliche Fahrt haben wollt
Wir beiden gaben zur Antwort dass unsere Leute ihre Hände keinesweges in die
Ficke stecken noch auf der faulen Banck liegen sollten sondern wir hofften mit
den Herren Portugiesen wo nicht zugleich seegelfertig zu sein doch ihnen aufs
eiligste nach zu folgen und zwar auf unserer Straße weil wir zweierlei Wege
vor uns hätten Es wird sich schon geben sagte der Gouverneur im Schertze
Wind und Wetter wird mir dissmahl schon gehorchen denn ich gebe mich halb und
halb vor einen Wettermacher aus mittlerweile wollen wir noch eine Zeitlang
lustig mit einander leben auch weder Speisen Getränke Musique noch Pulver
verschonen
Bei diesen Worten meldete sich mein Bruder und sagte Ew Excell werden
einiger Massen an mir abgemercket haben dass ich ein ErtzPulverVerderber bin
doch will gehorsamst gebeten haben von nun an des edlen Pulvers einiger Massen
zu verschonen indem ich wenn wir ja noch etliche Tage oder Wochen beisammen
bleiben sollten mit Dero gnädigen Erlaubnis noch ein oder ein Paar bessere
Feuerwercker als die letzteren gewesen zu præsentiren gesonnen bin
Wohl gut mein Bruder sagte der Gouverneur es soll von heute an das
Pulver menagirt werden weilen mir selber deucht dass der FreudenBecher unter
Musique Trompeten und PauckenSchall eben so gut schmeckt als unter dem Donner
der Kanonen
Wir gingen demnach zur Taffel die sehr köstlich zubereitet war da denn
beim GesundheitTrincken kein einziger KanonenSchuss gehört wurde als Abends
wenn die Sonne untergieng da denn 3 Kanonen von der Citadelle abgebrannt und
von unsern Schiffen mit eben so vielen geantwortet wurde
Bis gegen Mitternacht wurde noch mancher schöner Pocal und Becher unter
Trompeten und PauckenSchall auch anderer instrumental Musique ausgeleeret
weil der Gouverneur und die Seinigen sich alle ungemein lustig bezeigeten auch
wir unserer Seits keine SchlafMützen repræsentirten Endlich ward Schicht
gemacht und wir beiden Brüder bezogen wieder unser vormahliges Zimmer
Hernachmahls ging alles ganz ordentlich jedoch mit täglicher Veränderung
der Lustbarkeiten zu denn einen Tag gingen wir auf die Jagd den andern auf
die Fischerei den dritten schossen wir einen großen höltzernen Vogel von der
aufgerichteten VogelStange herunter den vierdten Tag schossen wir mit Büchsen
Flinten auch teils mit Pistolen nach den aufgesetzten Scheiben den fünften
sahen wir aus den Fenstern dem Kampff der wilden Tiere unter einander zu den
sechsten fuhren wir Abends in den kleinen LustSchiffen auf der See herum dabei
mein Bruder doch sein Wort nicht hielte und das Pulver sparete indem er immer
nach einander eine ziemliche Menge Raqueten steigen auch eine Anzahl kleinere
Schwärmer aus den Händen werffen oder aus Pistolen und Flinten in die Luft
schießen ließ den siebenden Tag fuhren oder ritten wir aufs Land und besahen
bald diesen bald jenen Mayerhof allwo wir allezeit herrlich tractiret wurden
den achten Tag war Ball und Masquerade den neundten Tag wurde uns eine Komoedie
von den Studenten und Gymnasiasten vorgestellt die wir Fremden allezeit
reichlich beschenckten Kurtz Es fället mir fast unmöglich alle Veränderungen
der Lustbarkeiten zu beschreiben und es wurde kein einziger Tag ausgesetzt da
nicht eine neue Lust gemacht wurde ausgenommen die Sonnund FestTage an
welchen alles sehr devot und andächtig zugieng und ungeacht wir Protestanten
zu sein gar nicht läugneten so gefiel doch dem Gouverneur und seiner Familie
dass wir und unsere Offiziers ihre Kirche fleißig besuchten aber jedennoch wie
devot wir uns auch anstelleten niemals eine Zeremonie mitmachten die unserer
protestantischen Religion zuwider war und wir verspüreten nicht dass ihnen
diese oder jene Nachlässigkeit verdross sondern sie ließ uns in
GlaubensSachen immer zu frieden und disputirten davon wenig oder gar nichts
Unsere subalternen Offiziers löseten einander alle Tage ordentlich ab so
dass sie einen Tag bei uns und bei der Lust mit waren am andern Tage aber das
Kammando auf den Schiffen führten welche mehrenteils alle 3 oder 4 Tage von
mir oder meinem Bruder Wechselsweise visitirt wurden um die Liebe unseres
Volcks gegen uns zu erhalten
Allein meine Herren sagte hier der Kapitain Horn weiter zu uns
Felsenburgern ich bemercke dass ich in der ersten Hitze eine allzu lange Orati
on oder BerichtsErstattung meiner AnheroReise Ihnen abgeleget Mir ist die
Zeit dabei nicht lang worden und bin auch des Redens wegen nicht so müde als
sie vielleicht des Zuhörens sind doch da ich sehe dass die Demmerung herein
tritt will mit Dero gütigen Erlaubnis vorjetzo in meiner Erzählung Abbruch
tun und das übrige bis Morgen versparen Der Regente und alle Anwesenden
sonderl ich hätten ihm noch gern eine oder etliche Stunden zugehöret und
lieber die AbendMahlzeit entbehren wollen allein es wäre wider alle Billigkeit
gewesen ihm noch ein mehreres Reden zu zumuten Deswegen sagte der Regente
Mein Sohn Horn Ihr habt euch ungeachtet ihr gesessen dennoch mit Reden eine
schwerere Arbeit verrichtet als mancher Holtzhauer deswegen lasset uns ein
wenig speisen und nach gehaltener AbendBetStunde zur Ruhe begeben mit der
Verabredung dass wir Morgen GG in den FrühStunden beim Tée einander so wie
wir hier versammelt sind wieder sehen und die Fortsetzung eurer
ReiseGeschicht anhören wollen Vorjetzo nehmt auf heute mit einem mündlichen
Dancke von mir vorlieb bis auf weitern Bescheid
Demnach wurde die Taffel angerichtet bei welcher alles ganz stille
zugieng ausgenommen dass die Herrn Musicanten eine douçe TaffelMusique
machten und damit wohl noch eine gute Stunde nach abgehabener Taffel
fortfuhren bis endlich nachdem wir noch etwa eine halbe Stunde auf dem grünen
Platze bei schöner Witterung und hellem MondenSchein uns eine Bewegung gemacht
damit sich das Essen setzen möchte wobei die Musicanten auf dem Berge mit
einer angenehmen AbendMusique sich beständig hören ließ das Signal zur
BetStunde durch einen KartaunenSchuss gegeben wurde Wir versamleten uns also
insgesamt auf dem großen Saal vor des Regentens Zimmer und warteten daselbst
die AbendAndacht ab worauf ein jeder nach gewechselten Komplimenten zur guten
Nacht seine RuheStätte suchte
Des folgenden Tages da KirchTag war fanden wir uns alle wie wir gestern
versammelt gewesen waren in des Regentens Zimmer ein und truncken mit ihm
nicht nur den Tée sondern auch ein jeder nach seinem Belieben ein oder mehr
Gläser FrantzBrandtewein bis die Kartaune abgefeuret und die Glocken zum
Kirchengehen die Einladung taten
Das Volck versammlete sich häuffig in der Kirche weswegen wir uns auch
nicht versäumeten unsere Stellen zu begleiten
Herr Mag Schmeltzer Jun tat eine schöne WochenPredigt und zu Ende
derselben fügte er der Christl Gemeinde folgendes zu wissen
»Demnach der allmächtige und barmhertzige Gott unsern lieben Freund und
Bruder Hrn Kapitain Philipp Wilhelm Horn nebst seinem Geleite nach
einer überstandenen gefährlichen und beschwerlichen Reise glücklich und
vergnügt zu unserer aller allergrößten Freude auf diese unsere liebe
Insul zurück geführet Als erfordert unsere Pflicht und Schuldigkeit
dem Allmächtigen vor die ganz besondere Wohltat die er uns abermals
hiermit erzeigt auch einen ganz besonderen Danck abzustatten Wie nun
unsere Obern und die Geistlichen beschlossen haben dieserwegen ein
solennes DanckFest auf nechstkünftigen Sonntag anzustellen als wird
Ew Christlichen Liebe und Gemeinden solches zum Voraus von der Kantzel
hiermit öffentlich verkündiget damit sie sich danach achten und zu
rechter Zeit wiewohl vor dissmahl etwas früher nach der gewöhnlichen
Lösung mir 2 StückSchüssen und Läutung der Glocken in dem
GottesHause einfinden wollen Mit Proviant sich zu belästigen hat
niemand nötig indem unser guter Regente und Vater so wohl als die
andern Obern schon Anstallten gemacht haben auf diesen Tag alle
Einwohner der Insul notdürfftig zu speisen und zu träncken Wir sind
meine Lieben unserm GOtte einen ganz außerordentlichen Danck schuldig
vor seine unschätzbare Gnade die er dieser Insul abermals wiederfahren
und genießen lässt zumahlen da er uns vor weniger Zeit in Furcht und
Schrecken gesetzet hat Da wir nun sehen meine Lieben dass Gott nicht
immer oder ewiglich zürnet sondern sein Wort hält ja da wir erfahren
haben dass sein Zorn nur eine kleine Weile über uns gewähret hat so
lasset uns mit demütigen und danckbaren Hertzen ingesamt vor ihn
treten Gott bereite unser aller Hertzen zur ihm gefälligen Andacht
durch die Krafft des heiligen Geistes in unsers HErrn und Heilandes
JEsu Christi Nahmen Amen«
Als der Gottesdienst in der Kirche zum Ende war und wir auf dem grünen
Platze etwas stille stunden wobei der Kapitain Horn der vorderste war hätte
man sein blaues Wunder sehen sollen wie unsere Leute alt und jung ja Kinder
die kaum 2 bis 3 Jahr alt waren um ihn herum gelauffen kamen die Alten
küsseten ihm Stirne Backen und Mund und wenn die jüngeren und kleineren Kinder
sahen dass sie nicht an ihn hinauf reichen konnten so küsseten sie ihm die
Hände auch so gar die Kleider welches Ceremoniel ihnen kein Mensch auf der
Welt gezeiget und vorgemacht hatte sondern sie tatens aus unschuldiger
einfältiger Liebe
Dieses währete bis wir zur Taffel geruffen wurden nach deren Abtragung
Kapitain Horn seine ReiseErzählung folgender Massen fortsetzte
Meine Herrn auch allerwerteste Brüder Gönner und Freunde
Ich habe gestern wo mir recht ist in dem Periodo abgebrochen was Massen
wir von dem Gouverneur der grünen Insuln der seine Residenz und eine wichtige
Festung auf einer Insul S Jago genannt hatte so herrlich tractiret worden
Die andern grünen Insuln hatte er fast rings umher um diese seine ResidenzInsul
liegen Es waren importante Insuln in selbiger Gegend auf welchen die gütige
Natur alles hervorbrachte und darreichte was der Mensch nur immer verlangen
konnte
Ehe ich aber weiter gehe so muss melden dass die Herren Portugiesen des
kostbaren Tractaments überdrüssig wurden und mit aller Gewalt zu ihrer
Abseegelung Anstalt machten
Der Gouverneur bat sie zwar sehr noch eine Zeitlang bei ihm zu verharren
allein sie vermassen sich hoch und teuer dass es ihnen ohnmöglich ja höchst
gefährlich wäre länger zu bleiben demnach erlaubte endlich der Gouverneur dass
sie mit nächstem favorablen Winde in Gottes Nahmen abfahren möchten
Dieses geschahe also nachdem sie 2 Monate und etliche Tage geschmauset
hatten
Als es sich nun zu einem günstigen Winde vor sie anliess machten sie sich an
den Gouverneur und sprachen Dass nunmehr ihres Bleibens nicht länger als etwa
3 Tage noch sei baten zugleich den Gouverneur seine Familie und Offiziers
auch uns beiden Brüder zum ValetSchmause auf das größte von ihren Schiffen
Der Gouverneur welcher kein KostVerächter war bestimmte also von heute an den
3ten Tag da er denn mit allen den Seinigen auf ihren Schiffen erscheinen wollte
Wie nun der 3te Tag eintrat traten auch wir sämtlich gebetenen Gäste in dem
größten Portugiesischen Schiffe ein Jedoch muss zu melden nicht vergessen dass
so bald sie uns ankommen sahen alle Kanonen so wohl von den unserigen als den
Portugiesischen Schiffen gelöst wurden denn sie hatten uns freundlich darum
ansprechen lassen unsere Kanonen zu ihrem Dienste nochmals zum Valet mit zu
gebrauchen wollten auch das Pulver darzu hergeben allein wir waren viel zu
großmütig bei dieser Kleinigkeit indem wir Uberfluss an Pulver hatten
Ich muss den Portugiesen nachsagen dass sie uns sehr propre tractirten denn
sie setzten uns die aller delicatesten Speisen vor FleischSpeisen Fischwerck
und Geflügel von vielerlei Art war alles im Uberfluss da ingleichen an
Gebackenes Konfituren und dergleichen spürete man keinen Mangel absonderlich
war die öfftere Veränderung der Speisen zu bewundern als welches Kunststück wir
bei ihnen nicht gesucht hätten Hierbei war der beste KanarienSect unter vielen
andern köstlichen Weinen das vornehmste Getränke in welchem die Gesundheiten
unter Trompeten und PauckenSchall häuffig getruncken wurden
Der Schmauss währete bis zum Untergang der Sonnen ja fast bis zu
einbrechender Nacht da denn der Gouverneur alles ferneren heftigen Nötigens
ungeachtet Aufbruch machte und seine Dancksagung bei den Portugiesischen
Kapitains abstattete anbei dieselben inständig ersuchte sich folgenden
Morgens so früh als es nur immer möglich sein könnte auf seiner Burg ein
zufinden weilen er gesonnen wäre auch noch ein kleines ValetSchmäussgen zu
geben
Es wollten zwar die Portugiesen hierein erstlich ganz und gar nicht
willigen sondern sperreten sich heftig dagegen allein da der Gouverneur
sagte wie er sie Zeit seines Lebens nicht vor rechtschaffene brave Leute
erkennete daferne sie ihm diese letzte Bitte nicht gewähreten indem es ja
nicht nur vom Ceremoniel erfordert würde erstlich nochmals auf seiner Burg
einzusprechen und Abschied zu nehmen nachher aber auf ihren Schiffen den
ValetBecher zu trincken denn er versicherte ihnen hoch und teuer dass er
weilen sie doch so gar allzusehr eileten nicht länger als den morgenden Tag
aufhalten des folgenden Tages aber ihrer Abfahrt mit betrübten Augen nachsehen
wollte so lange bis sie ihm aus den Augen verschwänden Uber alles dieses hätte
er noch vieles in Geheim mit ihnen zu reden welches der Portugiesischen Nation
und auch dem Gouverneur selbst zu ganz besonderm Nutzen und Vorteil gereichen
könnte Wie nun die Portugiesen dieses vernahmen versprachen sie ihm auf
redliche Parole dass sie folgenden Morgens mit den allerfrühsten auf der Burg
sich einfinden wollten Demnach reiste der Gouverneur nebst allen den Seinigen
nach seiner Burg zu und wir beiden Brüder wurden von dem Gouverneur und den
Seinigen fast forcirt auch mit dahin zu gehen
Es war also schon um die Zeit des Aufgangs der Sonnen als wir die Burg
erreichten immittelst wurde von beiden Seiten noch immer beständig scharf
canonirt jedoch wir legten uns alle auf einige Stunden zur Ruhe Die
Portugiesen hielten ihr Wort redlich und stelleten sich bei früher TagsZeit
bei uns ein da denn nicht lange hernach auf der Burg alles munter und wach
wurde demnach mochten wir auf der Burg wohl ein gut Stück länger geschlaffen
haben als die Herren Portugiesen
Dieses Tages ließ der Gouverneur in Wahrheit abermals ein recht fürstlich
Tractament zurichten Denn die Taffeln waren dergestalt mit den allerbesten
Sorten von leckerhaften Speisen besetzt dass man immer vermeinen sollen es
würden dieselben brechen Von Wein und andern Getränke verschiedener Sorten war
ein solcher Uberfluss zu sehen so dass es das Ansehen gewann als ob sich die
Gefäße immer von sich selber wieder voll fülleten
Bei allen dem saßen wir in die 4 bis 5 Stunden an der Taffel jedoch mehr
beweglichen Machinen als Menschen ähnlich indem von den allzuhäuffigen
SpeiseGerichten die wenigsten etwas rechts genießen konnten zumahlen da uns
allen noch die Portugiesische gestrige Mahlzeit noch in dem Leibe stack Demnach
wurde mehr getruncken als gespeist denn es verfolgte immer ein Pocal den
andern und zwar unter Trompeten und PauckenSchall auch Lösung der Kanonen so
wohl von der Burg als von unsern Schiffen Wie nun dieses gegen des Gouverneurs
Wort lief dass wir nämlich das Pulver schonen wollten so sagte derselbe Ey was
Schade vor das Pulver meine Brüder ich habe nicht allein in den Magazins
dessen im Uberflusse sondern kann auch einen Tag und alle Tage mehr Pulver
mahlen lassen Einmahl vor allemahl heute wollen und müssen wir einmal noch
frölich und lustig beisammen sein weil wir nicht wissen ob wir einandern so
bald oder wohl gar nicht wieder sehen möchten denn ich bin ein alter Mann der
dem Tode stark entgegen geht
Wir alle wünschten dem ehrlichen Manne ein noch langes und vergnügtes Leben
weilen er Alters halber noch viele Jahre leben könnte Er schien über unsere
Wünsche vergnügt zu sein nach aufgehabener Tafel aber gab er den
Portugiesischen Kapitains wie auch mir und meinem Bruder einen Winck ihm in
ein OberZimmer zu folgen Mitten in diesem tappezirten Zimmer stund eine lange
Taffel die mit einer roten SamtDecke beleget war welche Decke der
Gouverneur durch 2 Pagen abnehmen ließ worauf sich unsern Augen folgendes
præsentirte
1 2 saubere Degen deren Gefäße so wohl als die Schnallen am Gehencke
häuffig mit Brillanten und andern EdelGesteinen besetzt waren
2 2 vortrefflich schöne SpanischeRöhre deren Knöpffe ebenfalls mit
Brillanten und andern Edel besetzt waren
3 24 Stück große güldene TaffelSchüsseln
4 24 Stück etwas kleinere oder MittelSchüsseln die ebenfalls von Golde
getrieben waren
5 4 Dutzent goldene Teller
6 4 Dutzent goldene ordinaire Löffel
7 2 ziemlich große güldene Pocale die da sehr stark mit Brillanten und
andern edlen Steinen besetzt waren
8 2 Dutzent goldene Becher von verschiedener Größe welche sehr bequemlich
beim Speisen zu gebrauchen
9 48 Stück ziemlich große aus feinem Silber getriebene Schüsseln
10 48 Stück aus feinem Silber getriebene Mittel Schüsseln
11 4 Dutzent silberne Teller
12 4 Dutzent silberne Löffel
13 4 Dutzent silberne Becher von verschiedener Größe
14 15 2 Uhrwercke und Kompasse mit güldenen Gehäusen und stark mit Steinen
besetzt worinnen zu oberst die MagnetNadel befindlich
Auf einer dabei stehenden NebenTaffel befanden sich noch verschiedene
güldene und silberne Gefäße und zwar alles gedoppelt als nämlich Lavors
Kommoditæten und unzählige andere Sorten welches wir allerseits bewunderten
Nachdem wir uns aber satt daran gesehen hatten er griff der Gouverneur die
beiden Portugiesischen Kapitains bei den Händen und sagte zu ihnen Seht hier
meine werten und lieben Brüder das soll das geringe Geschenke sein welches
ihr von mir auf die Reise empfanget verschmähet dasselbe nicht sondern teilt
euch brüderlich darein und gedenckt meiner und der Meinigen im Besten so oft
ihr auch das gerinste Stücklein davon braucht
Die Kapitains erschracken darüber und wollten sich durchaus nicht
entschließen auch das geringste davon anzunehmen sondern brachten unzähliche
Entschuldigungen vor die sie verhinderten an einem solchen über königlichem
Geschenke einigen Teil zu nehmen Allein der Gouverneur sagte indem er sie
herzlich küsste Meine Brüder macht kein Wunder und verschmähet mich nicht
sonsten werde ich auch so trotzig werden als ihr euch ausgabet da wir zu erst
zusammen gekommen sind und da ihr mich dergestalt reichlich beschenckt habt
ist das Meinige eine kleine Kleinigkeit dagegen zu rechnen
Indem fasste er die beiden Portugiesen bei den Händen und sagte Seid so
gütig mir zu folgen meine Brüder um zu sehen was mein Frauenzimmer vor euch
zu rechte gelegt hat und zwar in diesem besonderen Zimmer Da er aber mich und
meinen Bruder auch anfassete um zu sehen was passirte so traffen wir in dem
NebenZimmer einen erstaunlichen Kram von allerlei Arten weißer Wäsche an
Nächst diesen zwei kostbare damastene mit Golde bordirte SchlafRöcke und
andere NachtKleider In Summa wir hatten allerseits Ursache über die Menge
der kostbarn Wäsche so wohl als über die andern Sachen zu erstaunen
Demnach stelleten sich die beiden Portugiesen gedoppelt beschämt beklagten
sich auch darüber so wohl bei dem Gouverneur als bei dessen Frauenzimmer in
recht wehmütigen Gebärden und Stellungen welcher erstere nämlich der
Gouverneur denn zu beiden sagte So wahr ich lebe meine Lieben so lange als
ihr hier bei mir gewesen seid habe ich keine unvergnügte Stunde geschweige
denn einen unvergnügten Tag gehabt als nunmehr diese Stunde da wir Abschied
von einander nehmen müssen Wolte Gott wir hätten ZeitLebens beisammen bleiben
können da aber dieses eine unmögliche Sache so kränckt mir und den Meinigen in
der Seele nichts mehr als dass ihr so eigensinnig oder hochmütig sein wollt
die geringen GegenGeschenke gegen die eurigen welche weit reichlicher
gewesen als die unserigen von uns anzunehmen Die nun die Portugiesen
erweisslich machten dass Dero Geschenke allzu kostbar und zwar von beiden
Seiten gegen das wenige was sie von uns empfangen hätten ohne die allzu
vielen Gefälligkeiten und GnadenBezeugungen zu rechnen die wir von Tage zu
Tage von Ihnen genossen so fing der Gouverneur endlich also zu reden an Meine
lieben Brüder Gold und Silber habe ich im Uberflusse so wohl als die Meinigen
die wenig Wäsch und KleidungsStücke herbei gebracht haben Wir bitten demnach
alle aus einem Munde uns nicht zu verschmähen sondern dieses wenige zum
geneigten Andencken nicht aber als ein Geschenck anzunehmen wiedrigenfalls
will in eurer aller Gegenwart einen teuren Schwur tun dass alle die Sachen
noch vor eurer Abfahrt in die See geworffen werden sollen und zwar wo dieselbe
am tieffsten ist
Der Streit währete noch eine ziemliche Zeitlang endlich aber nachdem der
Gouverneur seine Gemahlin Töchter und Söhne die Portugiesen nochmals alle
zärtlich umarmet und geküsset gaben sich diese überwunden und gewiss das
Abschiednehmen kam allen so bitter an dass die meisten eins wie das andere
die heißen Tränen fallen ließ
Folgendes Tages in aller Frühe ließ der Gouverneur alle verschenkten Sachen
auf der Portugiesen Schiffe schaffen und zwar durch seine eigenen getreusten
Leute denen wir alle nach eingenommenem Frühstück in Chaisen auf dem Fuße
nachfolgten und auf den Schiffen ankamen allwo die Portugiesen sich ungemein
erfreueten dass sie einen günstigen Wind fanden mithin sich in möglichster Eile
vollends einschifften und nach nochmahligem genommenen zärtlichen Abschiede und
ValetTruncke am Strande ihre Ancker lichteten die Seegel aufzogen und unter
einem entsetzlichen Donnern der Kanonen so wohl von ihren als unsern Schiffen
ingleichen von der Citadelle als und davon fuhren Der Gouverneur blieb mit
den Seinigen so lange am Strande stehen und winckte beständig mit dem Hute
bis sie uns aus den Augen verschwanden worauf wir insgesamt zurück auf die Burg
fuhren indem er uns durchaus nicht aus den Augen wollte kommen lassen
Als wir auf der Burg angelanget sagte er zu uns beiden Brüdern Nun meine
wertesten Brüder ihr werdet von der Güte sein und die euch angewiesenen
Zimmer beziehen als dergleichen keine bessern in meinem Hause anzutreffen sind
auch alles kühnlich fordern was zu eurer Bequemlichkeit gereicht denn
wahrhaftig ich liebe euch als Brüder meine Gemahlin macht in der Liebe zu
ihren Kindern und gegen euch nicht den allergeringsten Unterscheid und meine
Kinder erzeigen sich nicht anders als ob ihr ihre allernächsten Anverwandten
wäret Woher aber eine solche Liebe entstanden solches ist eine ganz andere
Frage welche ich jedoch nicht anders beantworten kann als wie ich vollkommen
der Meinung bin dass dieselbe ganz heimlich in der Natur steckt und von uns
Menschen nicht gnugsam erforschet werden kann. Mit einem Worte ich halte
dergleichen Liebe vor eine vollkommene Sympatie oder Ubereinstimmung der
Hertzen und Gemüter es mögen aber die Herren Philosophi nach ihrem besten
Vermögen untersuchen wie es damit zugehet wo es steckt wenn sichs anfänget
wenn es aufhöret und dergleichen kurtz ich sage nur dieses dass ich in dieser
Sache keinen Grund finden kann Ihr habt gesehen meine Brüder dass ich und die
Meinigen den beiden Portugiesischen Kapitains nach unserm besten Vermögen alle
mögliche Gefälligkeit und Höflichkeit genießen lassen weilen ich ihnen
nachrühmen muss dass sie artige Leute und darzu unserer RömischKatolischen
Religion zugetan waren da hingegen ihr wie ich von euch vernommen habe
Protestanten seind
Unterdessen wollte wünschen dass die lieben Portugiesen noch bei uns
geblieben wären bis auf eine andere Zeit doch da sie einmal fort sind so
wünsche ihnen Gottes Geleite und bin nur von Grunde meiner Seelen erfreut dass
ich euch meine Lieben noch eine Zeitlang bei uns sehen soll Nun aber sagt mir
meine Herren wie es zugehet dass die Liebe von unsern Seiten nicht auf unsere
GlaubensGenossen sondern auf die Protestanten gefallen Es sollten sich zwar
wohl bei unserer Religion einige finden welche dessfalls bei diesem oder jenem
einen GewissensScrupel erregen oder erzwingen möchten Allein bei mir und den
Meinigen werden sie ihren Zweck nicht erreichen denn unser Wahlspruch ist
dieser Wir lieben die Tugend und lassen jedennoch die Religion in ihren
gebührlichen hohen Würden Nachdem wir noch eine gute Zeitlang von dieser Materi
e pro und contra disputirt hatten bezogen mein Bruder und ich unsere
angewiesenen Zimmer und lebten darauf dergestallt ruhig und vergnügt mit dem
wohltätigen Gouverneur und den Seinigen dass ich ausgenommen was Felsenburg
anbelanget nicht leicht an einem Orte mehr Vergnügen auf dieser Welt gehabt
So bald der Gouverneur und die Seinigen das Wort von uns beiden heraus
gelockt ja so zu sagen erzwungen hatten wie wir wenigstens noch 2 Monate
bei ihnen bleiben wollten war das ganze Haus voller Freuden damit wir aber
eine HauptVeränderung unserer Gemüter empfinden möchten stellte der
Gouverneur eine generalVisitation der unter seinem Kommando stehenden Insuln
an und lude uns darzu ein Es wurden auch so gleich Anstalten zur Abfahrt
gemacht indem er gesonnen seine ganze Familie mit sich zu führen bis auf den
ältesten Sohn und jüngste Töchter als welche beide gute Wirtschaft führen
sollten Wir beiden Brüder konnten ohne besondere Sorgen die Reise mit antreten
weilen wir versichert waren dass wir getreue Subalternen und UnterOffiziers so
wohl als auch Volontairs und Gemeine hatten Lauter Leute die nicht zu
verbessern waren
Wie demnach die aufs kostbarste und zierlichste ausgerüstete ungemein
bequemliche Fregatte welche von einem KriegsSchiffe begleitet wurde im Hafen
der Insul St Jago anlangete setzten wir uns in dieselbe und fuhren mit des
Gouverneurs Suite unter einer starken Bedeckung und unter Lösung der Kanonen
von dannen wobei zu merken dass uns der Gouverneur erlaubte 12 Mann
Granadiers von unsern Leuten wie auch außer diesen dass er allen unsern
Volontairs die Freiheit gab in der Suite uns zur besonderen Bedeckung mit zu
reisen Wir fuhren also zuerst auf die Insuln St Luciæ und Nicolai als in
welchen beiden der Gouverneur unvergleichliche Fortifications und Schlösser zu
seiner Bequemlichkeit anlegen lassen weil sie die größten waren unter denen
noch übrigen etwas kleineren Insuln welche doch aber alle sehr fruchtbar und
der Gouverneur auch in der aller kleinesten Insul ein AbtritsHaus oder Pallais
vor sich hatte
Wir bewunderten indem er auf einer jeden Insul Gerichte hielt da denn die
Untertanen vor seinem RichterStuhle erscheinen mussten dessen ganz besondere
Konduite und Liebe zur Gerechtigkeit wovon ich unzählige merckwürdige Exempel
vorbringen wollte wenn es vor jetzo Zeit davon wäre Uns zu Gefallen ließ er
hie und da bald auf dieser bald auf jener Insul ein Korps seiner Trouppen
entweder von regulirten oder von LandMilitz zusammen ziehen welche er selbst
aufs schärffste musterte und exerciren ließ wobei ich gestehen muss dass
derselbe Mann rechte brave Soldaten unter sich hatte
Von allerhand sonderbaren und wunderbaren Geschichten welche wir auf dieser
oder jener Insul erfahren will ich vor dissmahl beliebter Kürtze wegen so
wenig erwähnen als von der Natur, Art und Weise dieser grünen Insulaner viel
weniger von dem Ceremoniel und anderer LebensArt auch FreudensBezeugungen
bei Anwesenheit ihres Gouverneurs und was sie ihm vor Geschenke zu bringen
pflegen Hergegen kann ich nicht anders sagen als dass wir auf diesen Insuln
wegen der vielfältigen Veränderungen ungemeines Vergnügen fanden endlich aber
da wir schon fast einen ganzen Monat von St Jago als der Residenz des
Gouverneurs hinweg gewesen gaben wir demselben zu vernehmen was Massen da
nun fast ein Monat von unserer angelobten Zeit des Dableibens verflossen Sr
Excell die Gnade haben möchten es dahin zu verfügen dass wir beiden Brüder nur
auf einem JagdSchiffgen nach St Jago gebracht werden möchten weilen wir uns
nicht getraueten länger von unsern Schiffen abwesend zu bleiben sondern
nunmehr in beständigen Aengsten und Sorgen schweben müssten weilen bekannter
Massen unsere Subalternen das SeeHandWerck noch nicht gar zu vollkommen
verstünden uns aber an einer tüchtigen Reparatur unserer Schiffe das
allermeiste gelegen wäre etc Es ist gut meine Brüder sagte hierauf der
Gouverneur dass ihr mich erinnert wir wollen insgesamt von hinnen seegeln
damit wir bei Zeiten zu Hause kommen denn ich kann wohl sagen dass mir kein
Bissen besser schmeckt als in meiner Burg
Demnach besuchte der Gouverneur nur noch 5 oder 6 kleine Insuln welches
binnen wenig Tagen geschehen war worauf wir insgesamt den Rückweg nach St Jago
nahmen und weilen wir die Zurückkunft durch ein PostSchiff melden lassen so
hatten des Gouverneurs Leute kaum unsere Flaggen auf den Schiffen wehen sehen
als so gleich ein grausames Donnern der Konstabler auf der Citadelle und auch
zu gleicher Zeit von unsern Schiffen gehört wurde weswegen wir uns nicht lange
mit Rudern verweilten sondern machten dass wir den letzten Abend des
abgelauffenen Monats bei guter Zeit glücklich und gesund auf St Jago
anlangeten
Von den vielen Komplimenten welche auf beiden Seiten zwischen den
Einheimischen und Verreisetgewesenen gewechselt wurden will ich gar nichts
gedenken sondern nur so viel sagen dass die wertesten Zurückgebliebenen so
zu sagen ganz außer sich selbst waren da sie uns alle besonders aber ihren
teuresten und wertesten Herrn Vater glücklich und gesund wieder zurück kommen
sahen und ihn mit Vergnügen umarmen konnten
Unserer beiden Brüder erste Sorge war die Schiffe in Augenschein zu nehmen
und zu erfahren ob unsere Leute auch ihren besten Fleiß angewendet dass wir uns
zum baldigen Abseegeln Hoffnung machen könnten Wesswegen wir uns denn bei dem
Gouverneur und seiner Familie auf einige Tage beurlaubten nach Verlauff
derselben aber da wir auf unsern Schiffen alles nach unserm Wunsche und Willen
verfertigt und zugerichtet antraffen so dass wir uns in vollkommenem
Seegelfertigen Stande befanden mithin nur bloß auf günstigen Wind warteten
unsere Abfahrt zu beschleunigen als kehreten wir erstlich nochmals zurück auf
die Burg und ließ es uns die noch übrigen Tage der angelobten Zeit unsers
Dableibens im täglichen Wohlleben dergestalt gefallen wie es der Gouverneur und
die Seinigen gern sehen und haben wollten
Ich habe wo mir recht ist schon gestern einen kleinen Anfang gemacht von
der LiebesBegebenheit zwischen meinem Bruder und des Gouverneurs ältesten
Tochter etwas zu erwähnen Deswegen will voritzo darinnen fortfahren weilen es
ohnedem eine Begebenheit welche guten Teils mit zu unserer HauptHistorie
gehört
Es hatte demnach binnen der Zeit die wir mit Visitation der umliegenden
Insuln zubrachten mein Bruder vollends Gelegenheit gefunden sich in dem
Hertzen dieses Frauenzimmers vollkommen feste zu setzen ohne weiter hinaus zu
dencken wie dieses Gewerbe etwa ablauffen könnte oder würde Wie denn meines
Erachtens die Verliebten zwar 9 mahl klug zu nennen aber doch im Gegenteil
oft 10 ja mehr mahl toll oder wenigstens einfältig in ihren Actionen befunden
werden
Mein Bruder war seit dem dass wir auf den kleinen Insuln herum geschwärmet
oder geschmauset hatten ganz dräuste mit seiner Amasia worden da doch solches
bei damaligen Umständen um so viel mehr hätte unterdruckt werden sollen wenn
man anders die Klugheit beobachten wollen
Wie nun dieses Frauenzimmer ihn vor allen andern MannsPersonen distingui
rte so fiel ihre LiebesKranckheit allen Leuten auf einmal in die Augen ja
mein Bruder und diese seine Erwählte trieben es so toll mit Hertzen Küssen und
andern Liebkosungen dass es auch so gar den Eltern gefährlich vorzukommen
schiene ihnen beiden fernerhin zu trauen Meinen Kredit hatten sie alle beide
gleich bei Anfang ihres Kommercii so bald ich nämlich dessen innen geworden
vollkommen verloren Ich stellte meinem Bruder zuweilen wenn wir uns in der
Einsamkeit ohne andere Gesellschaft befanden Himmel und Hölle vor um ihn von
der mir und ihm höchst fatalen Liebe abzugewöhnen allein ich predigte tauben
Ohren denn er antwortete mir zum öffteren kaum darauf und wenn er ja allenfalls
zum Stande zu bringen war mit hochtrabenden und törichten zum öffteren auch
lächerlichen RedensArten und Minen welche mich zu vielen mahlen nicht wenig
verdrossen allein ich hielt ihm als einem verliebten Hasen oder wohl gar
etwas mehr sehr viel zu gute bewunderte aber anbei nichts als dieses dass der
Gouverneur so wohl als seine Gemahlin das Hertzen Lecken und Küssen dieser
zweien Verliebten es mochte auch bei was vor Gelegenheit sein als es nur immer
wollte noch immer so mit gelassenen Augen ansahen und nicht eine einzige
scheele Mine darzu machten Hergegen machten mein Bruder und ich einander immer
desto scheelere Minen welches den andern Anwesenden zwar bedencklich vorkam
jedoch es musste unter dem Vorwande durchgehen dass wir eine und andere
Streitund Zwistigkeiten gehabt und dieselben noch nicht völlig beigelegt
hätten
Allein es war die ganze Sache in Wahrheit kein Schertz oder Spas zwischen
uns Brüdern denn eines Abends als sich mein Bruder meinen Gedanken nach
etwas allzu frei gegen seine Amasiam beim Tantze aufgeführet hatte bemerckte
ich dass ein paar Insulanis Offiziers von nicht geringem Stande und Würden
sich über ihn höhnisch aufhielten weswegen ich meinen Bruder bei Seite zohe
ihm seine verliebte Torheit vorrückte und freundlich ermahnete sich klüger
und gescheuter aufzuführen damit ich und alle die Unsrigen nicht etwa mit der
Zeit Ursache hätten ihm unsere Verunglückung eintzig und allein zu zuschreiben
Meines Bruders Antwort war diese Bruder ihr redet vor dieses mahl wie ein
Kind da ihr doch euch dessen schämen soltet weilen ihr viel älter seid als
ich allein tut mir den Gefallen und kommt früh Morgens um die Zeit des
Aufgangs der Sonnen zu mir hinunter in eine euch selber beliebige SommerLäube
des größten LustGartens vielleicht bringt ihr in der freien Luft
vernünftigere Dinge vor als voritzo
Wir sahen einander diesen Abend ferner und weiter nicht an als über die
Achseln und folgenden Morgens begab ich mich abgeredter Massen hinunter in die
eine SommerLäube in völliger Kleidung mit Stock und Degen traf auch meinen
Bruder und zwar ebenfalls in Stock und Degen darinnen an Zuerst hielt ich ihm
eine ganz sanftmütige GesetzPredigt nachher aber wurde unser Wortwechsel
etwas hitziger und heftiger und zwar dergestalt dass meinem Bruder die Galle
auf einmal überlief weil ich ihm seiner Meinung nach etwas gar zu
empfindliche StichelReden gegeben haben sollte und eben dieserwegen sprang er
zur LauberHütte hinaus entblössete seinen Degen und brachte mir der ich ihm
ebenfalls mit entblösseten Degen entgegen ging einen AffectionsStich durch
den rechten Arm über dem Ellbogen bei welcher jedoch nicht viel zu bedeuten
hatte Er aber mein Bruder so bald er mein Blut laufen sah fasste seinen
Degen bei der Spitze und præsentirte mir diesen seinen Degen mit den Worten
Hier mein allerliebster Bruder entlediget euch mit diesem meinen eigenem
SeitenGewehr eines unartigen Menschen der nicht würdig ist euer Bruder
genannt zu werden Allein ich nahm den Degen von ihm und warf denselben in die
Erde meinen Bruder aber umarmete ich mit Tränen unter diesen Worten Nein
mein Bruder Gott lasse ferne von uns sein dass einer von uns ein Kain werde
Wir hielten also unter Vergiessung heißer Tränen einander eine lange Zeit
umarmet bis wir endlich befürchteten dass jemand darzu komen möchte Er mein
Bruder aber verband mir so bald wir auf unser Zimmer kamen meine Wunde selbst
und wir schätzten es noch vor ein Glücke dass niemand darzu gekommen war und
uns gesehen hatte Wir hielten auf dem Zimmer weil wir von niemanden verstöhret
wurden noch ein langes und breites Gespräch von dieser blutigen Begebenheit
und endlich ließ sich mein Bruder vor mich auf die Knie nieder und bat mich
ihm seinen selbst also genannten Fehler und Unbesonnenheit zu vergeben und zwar
unter Vergiessung häuffiger Tränen ja er sagte wie dass er sich Zeit Lebens
nicht zu frieden geben könnte wenn ich ihm nicht einen teuren Eyd schwüre
nimmermehr wieder daran zu gedenken welchen Eyd ich ihm denn auch so gleich
auf der Stelle leistete kräfftig tröstete und damit völlig wieder vergnügte
worauf er eine ganz andere LebensArt zu führen versprach und vor allen Dingen
meinen getreuen brüderlichen Vermahnungen in allem Folge zu leisten sich
verbindlich machte
Ich war erfreut über meines Bruders Bekehrung und Busse jedoch flössete ich
ihm die Lehren ein dass er sich ja nicht eben sauertöpfisch oder sonsten
mürrisch anstellen möchte sondern immerhin lustig und guter Dinge sein könnte
absonderlich des Frauenzimmers wegen damit dieselben seine so jählinge
Veränderung nicht merckten und diesen oder jenen Verdacht auf uns legten
Er versprach mir in allen Stücken zu folgen und zwar mit einem teuren
Eyde hielt auch sein Wort redlich und brach sonderlich von dem allzu öffteren
Hertzen und Küssen ziemlich ab weilen er vermerckte dass ich dergleichen nicht
gern leiden mochte
Jedoch einige Tage nach dieser Begebenheit bat mich der Gouverneur mit ihm
in einen Garten zu spazieren Indem nun nicht vermeinte er würde von etwas
anders zu sprechen anfangen als von unserer baldigen Abreise weilen so wohl
ich als mein Bruder uns verlauten lassen dass wir dieselbe nicht lange mehr
aufzuschieben gesonnen wären so musste ich mit Erstaunen hören dass der
Gouverneur nachdem er mich in eine Grotte geführet auch neben sich nieder zu
setzen gebeten gegen mich ganz unverhofft also zu reden anfing Hört mir zu
mein Herr Freund und Bruder Ich als ein Mann der nichts als Aufrichtigkeit
Treue und Redlichkeit liebt will euch ein Geheimnis eröffnen wovon niemand
außer meiner Frauen bis auf diese Stunde das geringste weiß So wohl ich als
meine Frau haben bemerckt dass euer Herr Bruder und meine älteste Tochter von
der Zeit an da ihr bei uns angekommen Wechselsweise ihre Augen auf einander
geworffen ja ich muss mich schämen zu sagen dass meine älteste Tochter recht
heftig am so genannten LiebesFieber laborirt und dabei nicht geringe
Passiones ausstehet Ich habe zwar gedacht diesem Ubel abzuhelffen und sie an
einen Standesmässigen Liebsten zu verheiraten allein sie ist seit der Zeit dass
sie mannbar auch dergestalt eigensinnig worden dass sie ohne eitlen Ruhm zu
melden mehr als 16 bis 18 Freiern den Korb gegeben ungeachtet wir
beiderseits Eltern ungemein gern gesehen wenn sie sich diesen oder jenen
erwählen wollen Aber sie bleibt bei einerlei Sprache und sagt was Massen sie
gesonnen lieber in ein Kloster zu gehen und eine Nonne zu werden als einen
Mann zu nehmen der nicht allein vom Gesichte und ganzen Wesen dergestalt
beschaffen wäre dass sie ihn vollkommen zu lieben sich anheischig machen könnte
Käme einer dergleichen vor ihrem 24sten Jahre so möchte es gut sein wo nicht
so wollte sie vielleicht noch vor ihrem 24sten sich im Kloster einkleiden lassen
denn das ProbeJahr hat sie schon ausgestanden und ist nunmehr erst 22 Jahr
alt
Ich sehe fuhr der Gouverneur in seinen Reden zu mir fort dass ihr eure
Farbe verwandelt mein Herr aber alles was ich itzo gesagt habe ist die pur
lautere Wahrheit denn meine älteste Tochter hat ein vor allemahl den Schwur
getan dass, wenn es ihr misslingen sollte den jüngsten Kapitain Horn zum Manne
zu kriegen sie Zeit Lebens mit keiner MannsPerson mehr Umgang pflegen
vielweniger sich fernerweit um alle MannsPersonen in der Welt bekümmern wollte
denn dieses wäre eintzig und allein diejenige MannsPerson welcher nicht nur in
seinem Gesichte sondern auch in seiner ganzen Aufführung und Konduite alles an
sich hätte was sie bewegen könnte ihn vollkommen aufrichtig und getreu zu
lieben Solte es ihr aber bei diesem ihr vielleicht vom Himmel zugesendeten
Liebsten dennoch misslingen so wäre sie gänzlich entschlossen ihr übriges
Leben im Kloster zuzubringen und keine 4 Wochen BedenckZeit weiter deswegen
zu nehmen Nun mein Herr und Bruder was Rats was sind eure Gedanken bei
diesen verwirrten Umständen Was wird euer Hr Bruder darzu sagen wenn ihr ihm
dieses erzählt als warum ich inständig bitte und solches als ein besonderes
Zeichen der Freundschaft gegen mich und die Meinigen erkennen will damit ich
nur erfahre was eure und seine Gedanken bei dieser Sache sind Signor gab
ich ihm zur Antwort meine eigene Gedanken will ich Ihnen so fort in
Vertraulichkeit eröffnen und so viel sagen dass meinem Bruder zwar ein Glück
vorstünde dessen er wegen seiner Person nimmermehr würdig wäre wo ich mich
anders auf Dero Vortrag sicher zu verlassen weiß stehen bei der ganzen Sache
nicht mehr als zwo HauptPuncte im Wege dass nämlich mein Bruder so wohl als
ich vors erste kein gebohrner von Adel ist vors andere wird ihnen die
Protestantische Religion der wir ergeben sind und diese letztere zu changiren
dürffte bei meinem Bruder sehr schwer hergehen weilen er keines
wanckelmütigen sondern ungemein beständigen Gemüts ist vors dritte so wird
derselbe einzuwenden haben dass er als ein armer SeeKapitain mit seinem
wenigen Vermögen viel zu unwürdig ist eine solche hohe und mit allen Leibes
und GlücksGütern reichlich versehene Braut zu heben etc
Ehe ich noch vollkommen ausgeredet hatte klatschte der Gouverneur in die
Hände sprang auf und führte mich in dem Garten herum spazieren Unter diesem
währenden Spazierengehen redete er weiter also Ich schwöre es euch mein
Bruder bei Gott und allen Heiligen als ein eifriger Christ heilig zu dass ich
eure Gedanken Ausflüchte Einwendungen und Entschuldigungen fast in meinen
Hertzen zum Voraus erraten unterdessen will ich euch so viel sagen dass ich
einen bloßen SeeKapitain in meinen Augen und Hertzen weit höher schätze als
die vornehmsten Grandes und andere EdelLeute die so wohl in Portugal als
Spanien als auch anderer Orten anzutreffen sein mögen
Was den zweiten Punkt anbelanget nämlich von wegen der Religion so wäre es
freilich besser getan wenn euer Herr Bruder changirte und die
RömischKatolische Religion annähme denn es dürffte schwer fallen ihn wegen
der Inquisition aller Orten Sicherheit zu verschaffen jedoch halte ich vor
ratsam vorher an Ihr Päbstl Heiligkeit sich zu wenden und ihm von
Deroselben einen FreiBrief wegen der Religion auszuwürcken denn ihr sollt
noch dieses wissen dass ich das Gouverno auf dieser Insul mit ihm als meinem
Eydame teilen und ihm eine besondere Residenz die er sich auf dieser oder
jener ihm selbstbeliebigen Insul erwählen mag von mir aber eingeräumt und
bestätigt erhalten und bekommen soll und dieses alles mit Vergünstigung der
Höhern welche mir selbige schon längstens gegeben aber meine Söhne werden wohl
schwerlich lange bei mir bleiben sondern ihr Brod anderer höheren Orten zu
finden wissen
Was nun den dritten Punkt anbetrifft so hat sich euer Herr Bruder ganz und
gar um keinen BrautSchatz oder andere zeitlichen Güter zu bekümmern denn mein
gesammletes Gold und Silber dürffte nächst göttlicher Hilfe hinlänglich sein
mich und die Meinigen auf lange Jahre mit Gütern zu besorgen und wenn meine
Familie auch noch 10 mahl stärcker wäre so würde sie doch nicht im Stande
sein alles zu vertun weilen ich nicht leugnen kann dass ich eine ziemliche
Menge Kostbarkeiten an unterirrdischen Orten stehen habe die nicht leicht zu
finden sind jedoch ich gewöhne dieserwegen keines von meinen Kindern dahin dass
es auf Reichtum trotzen hergegen fein ordentlich und Standesmässig leben soll
Besinnet euch wohl meine Herrn und Brüder ob es klug getan wäre dergleichen
Partie auszuschlagen welche einem oder dem andern so bald wohl nicht wieder
vorstossen möchte
Nachdem nun der Gouverneur zu reden aufgehöret hatte sprach ich Ich muss
Ew Excell bekennen dass ich Dero Reden recht mit Bestürtzung angehöret indem
ich mich selbst nicht in das große Glück zu finden weiß welches meinem Bruder
bevorstehet und woran ich als sein getreuer Bruder allerdings den größten Teil
mit zu nehmen Ursache habe wo anders Ew Excell nicht etwa mit Dero Dienern zu
schertzen belieben Weiln aber dieser mein Bruder eine von den HauptPersonen
bei dieser Geschichte ist so werde ich mir gehorsamst ausbitten ihm vorher
einige Eröffnung von diesem seinen Glücke zu tun da er sich denn nicht säumen
wird eine firme Erklärung von sich zu geben
Kaum hatte ich diese Worte geendet als noch verschiedene Personen aus dem
Hause auf uns zugegangen kamen weswegen der Gouverneur indem er mich embrassi
rte nur noch so viel Zeit nehmen konnte diese wenigen Worte zu sagen Es ist
gut mein Bruder ich erwarte Dero beiderseitigen Versicherungen entweder heute
Abends noch in meinen Zimmer oder so es gefällig morgen früh auf dieser
Stelle zu vernehmen
Demnach schieden wir auf dieses mahl von einander. Meinen Bruder traf ich
auf seinem Zimmer bei einem großen HistorienBuche sitzend an fragte ihn
deswegen Was sitzet ihr so traurig da mein Bruder es scheint ihr wollt
Kalender machen lernen oder auspunctiren ob wir auch guten Wind und Wetter auf
unserer Reise haben werden Nichts weniger als dieses gab er zur Antwort
denn ich überlasse mich und mein Schicksal dem Himmel deswegen mag Wind und
Wetter immerhin so beschaffen sein wie es will gut oder böse es gilt mir
alles gleich viel
Ich versetzte weiter Es ist mir schon bekannt mein Bruder dass ihr von
Jugend auf keinen niederträchtigen sondern heroischen Sinn gehabt habt allein
nunmehr möchte ich eurem NativitätSteller fast den größten Beifall geben da
er sagte Dass es nur an euch läge und zwar an eurem Eigensinne eine der
vornehmsten und glücklichsten MannsPersonen auf der Welt und zwar durch
Heiraten zu werden
Hierüber fing mein Bruder überlaut an zu lachen und sagte Ich hoffe
nicht mein Bruder dass heute der 1 April oder ein dergleichen FestTag ist
jedoch ihr wisst dass ich gern mit mir schertzen lasse deswegen so sagt mir
doch in aller brüderlichen Aufrichtigkeit wo ich anders dieselbe durch meine
gottlose und unbillige Aufführung und Gewissenloses Verfahren gegen euch nicht
gänzlich verschertzt habe ohne ZeitVerlust was vor ein Geist euch heute zu
mir führt und euch begeistert hat dergleichen RedensArten gegen mich zu
führen
Ehe wir aber weiter reden sprach er ferner will mir erstlich eine
Bouteillle KanariSect langen lassen damit ich euch desto besser vernehmen kann
denn ich kann nicht leugnen dass mich ungemein dürstet So bald die Bouteillle
angekommen war und wir ein paar Becher daraus getruncken eröffnete ich ihm das
Geheimnis welches mir der Gouverneur anvertraut hatte auf Treu und Glauben
ließ auch vorerst lieber davon etwas außen als dass ich etwas hinzugesetzt
hätte Ihm kamen dennoch alle diese Dinge nicht anders als gewisse Dörffer vor
so dass ich ihm nichts verüblen könnte wenn er etwa bei diesem und jenem einigen
Zweiffel hegte
Endlich aber machte er mir so zu sagen eine und andere Difficultäten bei
diesem oder jenem Puncte sonderlich in puncto Religionis indem er wie er
dasmahl sagte um eines Weibes ja um aller Welt Güter willen sich nicht
überwinden könnte seine Religion darinnen er von Jugend auf gelebt zu
verleugnen Ich bat ihn in diesem Stücke piano zu gehen und erstlich
abzuwarten was der Gouverneur dessfalls mit ihm handeln würde mitlerweile aber
auch ja das Kind mit dem Bade nicht auszuschütten sich wohl in Acht zu nehmen
wissen würde damit uns allen die ganze Historie keinen Verdruss oder Unfug zu
Wege brächte
Da nun uns beiden Brüder der Gouverneur auf Morgen früh in den Garten
hinunter zu sich einladen ließ und zwar ohne andere Gesellschaft weilen nur er
und seine Gemahlin benebst der ältesten Tochter ganz allein beisammen sein
würden als verabsäumeten wir nicht bei diesen hohen Personen zu erscheinen
welche wir bei einer Tasse Kaffée antraffen und aufs liebreichste genötigt
wurden bei ihnen Platz zu nehmen Es gab einen kleinen Spas denn der
Gouverneur welcher Achtung darauf gegeben dass mein Bruder der Fräulein keinen
Kuss gegeben sagte mit hellen Lachen Wie nun Kinder wollt ihr nun erstlich
anfangen gegen einander blöde oder schamhaftig zu tun
Nichtsweniger als dieses mein allerwertester Herr Vater gab das Fräulein
hierauf zur Antwort sondern der Fehler liegt an mir weil ich hätte eher
aufstehen sollen als der angekommene Gast Wie nun dieses welches sie mit
einer besonderen artigen Mine und Stellung vorbrachte bei uns allen ohne Lachen
nicht abgieng so ließ endlich der Gouverneur mich und meinen Bruder auf die
Seite ruffen und wiederholte seinen gestrigen Vortrag nochmals Meines Bruders
Erklärung war also diese wie er nicht leugnen könnte dass gegenwärtige seine
Geliebte sein Hertz und Seele dergestalt eingenommen und gefesselt hätte dass
er ohne sie sich nicht ferner lange mehr zu leben getrauete ja er wolle eher in
das tieffste Meer springen als die HertzensQuaal erdulten ohne sie zu leben
Was den Punkt der Religion anbeträffe dieser könne leicht abgehandelt und
verglichen werden indem er gesonnen sich so viel als möglich zum Ziele zu
legen allein seiner ihm angebohrnen Religion so gleich abzusagen wäre voritzo
sein Werck ganz und gar nicht Was im übrigen die gnädigen Erklärungen des
Herrn Gouverneurs anbelangete so wäre zwar dieses und jenes dabei auszusetzen
oder zu erinnern indem er kein Kerl wäre der nach hohen Ehren und Würden
strebte sondern mit seinem Stande zufrieden wäre und sich mit derjenigen Ehre
begnügen ließe welche er sich zum öffteren mit Vergiessung seines Bluts
erworben auch wäre ihm mit großen Reichtümern und Schätzen gar im geringsten
nicht gedienet sondern bloß nur eintzig und allein mit der geliebten Person
indem er Reichtümer und Kostbarkeiten satt und zur Gnüge hoffentlich auf
LebensZeit hätte da seines Bruders Freigebigkeit ihn in den Stand gesetzt dass
er zu Hause ein geruhiges honettes und stilles Leben führen könne mithin eben
nicht ferner nötig habe sich in der Welt herum zu strapaziren
Dieses waren nun lauter Worte die mir dem Klange und Laute nach wohl
einiger Massen den Kitzel in Ohren erregen sollten allein ich trauete dem
LandFrieden so gar sehr eben nicht weilen mir das immerwährende Gegitzschere
und die beständigen Ohrenbläsereien verdächtig vorkamen und endlich wurde ich
nach einer etlich tägigen unpassionirten Aufführung durch ein Schlüsselloch
gewahr dass mein lieber Bruder in einem wohl darzu zubereiteten Zimmer bei
angezündeten WachsKertzen vor einen kleinen Altar niederkniete seiner bisher
gehabten Religion in optima forma und zwar in Gegenwart verschiedener Personen
beiderlei Geschlechts abschwur hergegen die RömischKatolische Religion
annahm und sich darüber einsegnen ließ
Nichts hat mich Zeit meines Lebens ärger verdrossen als dass er diese seine
Sachen so heimlich tractirt da ich doch in keinem Stücke seinen Willen zu
zwingen mir schon längstens vorgesetzt hatte wie nun aber dieses geschehen so
konnte ich leichtlich daraus schließen dass er alle andern Puncte müsse
eingegangen sein die ihm von dem Gouverneur und seiner Gemahlin vorgelegt
worden Jedoch da er mir von seiner ReligionsVeränderung nicht das geringste
meldete ließ ich mich auch gar nichts merken dass ich etwas davon wüste
inzwischen aber war mir auf einmal alle Lust vergangen länger auf dieser Insul
und bei diesen gefährlichen Leuten zu bleiben deswegen schrieb ich an meinen
Lieutenant folgendes Billet
Mon Kavalier
Da ich bei meiner letztern Anwesenheit alles wohl befunden als bitte Sorge
zu tragen dass solches im behörigen Stande erhalten werde denn weilen ich des
hiesigen Lebens müde satt und überdrüssig bin so dürffte unsere Abseegelung
vielleicht viel eher erfolgen als man vermeint gehabt Gewisser Ursachen wegen
komme er Morgen früh wenn die erste Kanone gelöst wird mir mit 100 Granadie
ren auf dem Wege nach der Burg zu entgegen lasse sich aber gegen niemanden
nichts merken sondern tue nur als ob er vor sein eigen Plaisir mit denselben
spazieren gehen und dieselben exerciren wollte Mündlich ein mehrers ich
beharre
Mon Kavalier
le votre
PW Horn
Dieses Billet überschickte ich ihm also gegen Abend durch meinen getreuen
Bedienten welcher noch vor Nachts wieder zurück kam und mir von dem Lieutenant
e zur Antwort brachte wie ich vor nichts Sorge tragen sollte indem er meiner
Ordre aufs allergenauste nachkommen wollte Wir brachten hierauf fast die ganze
Nacht mit Tantzen Springen und andern Lustbarkeiten zu so bald aber der Tag
anzubrechen begunte machte ich mich in aller Stille auf die Beine und trat den
Weg nach unsern Schiffen an so dass wie nachher erfahren weder mein Bruder
noch sonsten jemand im Hause meinen heimlichen Aufbruch gewahr worden
Meinem Bruder konnte derselbe um so viel desto weniger Verdacht erwecken
weilen ich mir schon voriges Tages verlauten lassen die Schiffe selbst zu
visitiren als demnach der Lieutenant mir abgeredter Massen mit seinen 100
Granadiers auf halben Wege begegnete so kehrete ich in größter Eile mit ihnen
um nach den Schiffen zu ließ mich aber weiter gegen niemanden das geringste
merken dass ich mich heimlich von der Burg hinweg geschlichen hätte Drei Tage
ließ mein Bruder verstreichen ehe er sich um mich bekümmerte am 4ten Tage aber
kam er selbst und führte sich ungemein freundlich und höflich gegen mich auf
besah auch das Stück Arbeit welches ich mittlerweile zu verrichten besorgt
hatte welches ihm sehr wohl gefiel nachher aber wollte er mich bereden wieder
mit ihm auf die Burg zu kehren allein ich schützte eine kleine Unpässlichkeit
vor die mich abhielte dem Hrn Gouverneur und den Seinigen beschwerlich zu
fallen sondern ich wollte erstlich noch ein paar Tage auf den Schiffen bleiben
eine und andere Artzeneien gebrauchen mich pflegen und eine strengere Diæt
führen als bisher indem ich wohl merkte dass mir vermittelst der allzu
öffteren Debauchen allerhand verdrüssliche Zufälle zugezogen wenn ich demnach
mich wieder völlig auscurirt so würde keinen Tag verweilen dem Herrn
Gouverneur und den Seinigen meine gehorsamste Aufwartung zu machen
Mein Bruder mochte nun hierbei dencken was er wollte so ließ ich mir doch
alles gleich viel gelten und war vergnügt dass nach Verlauf nach weniger Tage
wir uns im vollkommenen Stande befunden abzuseegeln Binnen dieser Zeit besuchte
mich mein Bruder sehr fleißig konnte aber mit allen seinen glatten Worten nicht
von mir erlangen nochmals wieder mit ihm auf die Burg zu kehren sondern ich
danckte dem Himmel dass ich mich auf unsern Schiffen in Freiheit und ohne
besondere Furcht befand
Endlich da ich nicht zu bewegen war nochmals auf die Burg zu kommen ließ
der Gouverneur melden dass, wenn ich ja allenfalls nicht kommen wollte er mich
gleich morgenden Tages mit seiner ganzen Familie besuchen jedoch keine
Ungelegenheit sonderlich wegen der Speisen verursachen wollte
Ich ließ zurück melden wie mir Dero gütiger Zuspruch von Hertzen angenehm
sein sollte nur bäte vor mir als einem Patienten keinen Abscheu zu tragen
sondern gütigst mit mir vorlieb zu nehmen was sich in der Eile finden würde
indem ich keine tödliche Kranckheit hätte sondern vielleicht bald restituirt zu
sein verhoffte Also kam das ganze Heer gleich andern Tages benebst meinem
Bruder und machten ein ziemlich Loch in meine Victualien so wohl was die
Speisen als das Getränke anbetraf denn ich konnte ungeacht der geschwinden
Eile dennoch so viel zu Wege bringen und zwar von den auserlesensten Delicatess
en dass sie wohl zu frieden sein konnten
Der Gouverneur so wohl als alle die Seinigen ließ es sich dem Ansehen
nach gut schmecken und machten sich insgesamt rechtschaffen lustig bis der
helle Tag anbrach da aber beim Abschiednehmen ich dennoch nicht zu gewinnen
war ihnen das Geleite auf ihre Burg zu geben so sagte der Gouverneur zu mir
Ich sollte fast auf den Gedanken geraten mein Bruder dass unter dieser eurer
so heftigen Weigerung etwas anders verborgen als eine verstellte Kranckheit
jedoch da wir so lange gute Freunde unter einander gewesen sind so lasset uns
nur zum wenigsten das Ende gut machen denn so ist alles gut Dieses einzige
bitte ich mir noch von euch aus dass ihr nicht etwa heimlich ohne nochmahligen
Abschied von uns zu nehmen abseegelt denn dieses würde mich grausam kräncken
da ich aber nun sehe dass ihr vollkommen seegelfertig seid so will ich euch
wider euren Willen nicht länger bei mir zu bleiben nötigen bitte deswegen nur
noch 3 Tage mit euren Schiffen im Hafen liegen zu bleiben ich werde diese 3
Tage bei euch zubringen und die Stunde abwarten wenn ihr von dannen seegelt
Mit einem Worte tut mir den Gefallen meine Brüder und bleibt noch 3 Tage
denn ihr habt an mir den allerredlichsten Mann in der ganzen Welt Wie nun mein
Bruder und ich ihm dieses versprochen hatten sagte er noch ich werde zwar
erstlich noch einmal in meine Burg fahren nachher aber die meiste Zeit bei
euch auf den Schiffen zubringen und hiermit setzte er sich auf den Wagen und
fuhr nach seiner Burg zu
Etwa 2 Stunden über Mittag kamen aus der Burg 8 Wagen auf uns zu gefahren
und ehe es Nacht wurde noch 8 Wagen bei denen sich zugleich der Gouverneur
befand und zu vernehmen gab dass er gern einmal auf dem Schiffe zu schlaffen
Lust hatte Demnach wurde so gleich ein kostbar Bette vor ihn zu rechte gemacht
Morgens früh wurden wir gewahr dass noch mehr beladene Wagens angerücket waren
und zwar in allen 24 was darinnen befindlich war konnten wir aber nicht eher
erraten bis der Gouverneur ausgeschlaffen hatte und beim Kafféetrincken
sagte Meine Brüder ich weiß dass eure LebensMittel binnen der Zeit da ihr
auf dieser Insul gewesen ziemlicher Massen werden abgenommen haben deswegen
habe von meinem Uberflusse vielleicht etwa euren Mangel ergäntzen und ersetzen
wollen Nehmet es freundlich an meine Brüder deñ des Volcks ist viel so ihr
mit euch führt die Reise aber wie ich vernehme noch ziemlich weit deswegen
wird euch dieses was ich euch aus gutem Gemüte und Hertzen gebe unfehlbar
wohl zu statten kommen weilen auf der zehenden Insul in dieser Gegend keine
tüchtige LebensMittel anzutreffen sind und wenn man dieselben auch gedoppelt
und dreifach bezahlen wollte Uns kam dieser Vortrag trefflich zu statten indem
wir allerdings noch einen guten Teil Proviant brauchten so aber fanden wir
eine soche Menge von allerlei geräuchertem und eingepöckeltem Fleische
geräucherten auch eingesaltzenen Fischen eingemachten und auch frischen
Obstwerck eingemachte Kohl und WurtzelSpeisen vielerlei Sorten Getreide in
Körnern ohne einer entsetzlichen Menge Zwieback ausgenommen der vielen
WeinFässer die wir uns fast nicht einmal alle mit fort zu bringen getraueten
da wir ohnedem selbst noch eine große Menge von allerhand Weinen Brandtewein
und andern starken Geträncken vorrätig hatten Ich ließ alle diese Sachen
durch unsere SchiffsSchreiber aufschreiben und vor erst nur oben hin durch die
Banck taxiren da denn eine ziemliche Summa von etlichen 1000 Talern heraus
kam welche ich heraus zu geben mit Freuden schlüssig wurde Allein da der
Gouverneur vernahm dass wir zwar den Proviant vor baare Bezahlung keinesweges
aber als eine ReuterZehrung mitzunehmen gesonnen als schien er im rechten
Ernste böse zu werden dass wir seine Willfährigkeit die ihm doch keinen Schaden
brächte verschmähen wollten und sagte ganz verdrießlich wie er alles auf der
Welt von guten Freunden vertragen könnte ausgenommen den Hochmut Deswegen
mussten wir uns fast gezwungner Weise gefallen lassen allen diesen großen
Vorrat durch seine Leute in unsere Schiffe zu bringen Des folgenden Tages kam
die Gouvernantin mit ihren Töchtern und Söhnen uns zu guter Letzt nochmals zu
besuchen weil sie vorgab sie könne sonsten ohnmöglich meinen eigensinnigen
Kopf mit gelassenem Gemüte von sich fahren sehen Nachdem wir aber die
MittagsMahlzeit eingenommen und in unsern Kajüten ein und anderes suchen
wollten wurden wir gewahr dass die Gouvernantin binnen der Zeit da wir bei
Tische gesessen den Heiligen Christ agiret und einem jeden eine Beschehrung
zum freundlichen Andencken mit auf die Reise zu nehmen hingelegt Diese
Beschehrung bestund in eben denjenigen Stücken welche man den Portugiesen mit
auf die Reise gegeben nur mit dem Unterschiede dass wir beide außer den
kostbaren Degen und Stöcken was das Gold und SilberGeschirre anbelangete
jeder auf seine Partie noch einmal so viel bekam als die Portugiesen bekommen
hatten und dieses war auch an der Wäsche und KleidungsStücken zu bemercken
Wie nun dieses allzu und überaus kostbare Geschenck uns beiden Brüder vollends
in äuserstes Erstaunen brachte zumahlen da wir nicht wussten wie wir uns in
der Geschwindigkeit revangiren wollten als wurde meinem Bruder selber bange
wegen dieser so ganz und gar nicht erwarteten Höflichkeit jedoch um meine und
seine Ehre zu retten besanne ich mich endlich dass ich noch eine mittelmäßige
Kiste stehen hatte in welcher ungemeine Kostbarkeiten und Galanterien
sonderlich vor Frauenzimmer aufgehaben worden diese eröffnete ich und langete
einen Schatz heraus der mehr als 2 Tonnen Goldes am Werte betrug Ich zeigte
meinen Bruder denselben weilen er dergleichen Tänteleien bei mir sehr selten zu
sehen bekommen jedoch es schiene als ob ihm diese Sachen gar sehr wohl
gefielen weswegen er zu mir sprach Bruder wenn ihr auch dieses noch dran
spendiren wollt worwider ich denn nichts einzuwenden habe so dächte ich wir
hätten unsere Zeche allhier wohl teuer genug bezahlt und wenn wir auch
FürstenKinder wären Er hatte in diesem Stück meines Sinnes viel und redete
allerdings wohl die klare Wahrheit allein ihn vollkommen treuhertzig zu
machen war meine Gegenrede diese Wir müssen nicht alles nach dem Werte taxi
ren was wir allhier empfangen und genossen haben sondern das meiste vor die
viele gemachte Ungelegenheit und dagegen genossene viele Lust und Höflichkeit
rechnen denn ich zweiffele sehr dass ich mich Zeit meines Lebens wieder so
lustig machen werde als allhier auf dieser Insul geschehen Inzwischen werdet
ihr mir den Gefallen erweisen und dem Gouverneur seiner Gemahlin und Kinder
diese GalanterieWare als Kleinigkeiten in eurem und meinem Nahmen zur
schuldigen Danckbarkeit überreichen und dieses wird sich nicht besser schicken
als nach der AbendTaffel die wir droben am Strande zu uns nehmen wollen
Gewiss ich hätte meinem Bruder keine angenehmere Kommission als diese
auftragen können und er richtete dieselbe so bald wir abgespeiset mit größter
Geschicklichkeit aus erweckte aber damit so wohl bei dem Gouverneur als den
Seinigen ein nicht geringes Erstaunen Jedoch noch langen Nötigen ließ sie
sich endlich gefallen alles anzunehmen mit dem Vorbehalt sich dessfalls zur
ander Zeit hinlänglich zu revangiren
Nach eingenommener AbendMahlzeit sagte der Gouverneur Wohlan meine
Brüder da es mir so wohl bei euch gefället und dergestalt wohlgefallen hat so
lange ihr bei mir gewesen als werde diese Nacht nicht von euch weichen sondern
noch diese letzte Nacht bei euch bleiben und eins mit euch trincken bis ihr
Morgen geliebts Gott mit aufgehender Sonne eure Seegel aufziehet inzwischen
freue ich mich von Hertzen darüber dass ihr guten erwünschten Wind habt
Demnach war alles Volck so wohl unsere See als des Gouverneurs Leute die
ganze Nacht hindurch höchst vergnügt ja der Gouverneur wurde dergestalt
lustig dass er mit seiner Gemahlin und Töchtern bei dem Scheine etl 1000
Lichtern und Fackeln im grünen Grase ein Täntzgen anhub worinnen auch wir ihm
folgten mithin die ganze Nacht also zubrachten bis der Tag anzubrechen
begunte So bald die Sonne ihre Strahlen über die See herauf unserm Ufer
entgegen schickte wurde eine Salve von 50 Kanonen gegeben hierauf aber war
eine große Stille welche jedoch von der Besatzung auf der Citadelle
unterbrochen wurde als welche auch 50 Kanonen löste Da dieses vorbei
truncken wir zu guter Letzt noch einen Kaffée mit einander, und hielten ein gut
Gespräch dabei da ich denn bemerckte dass der Gouverneur und die Seinigen viel
aufrichtiger und redlicher waren als ich bisher vermeint hatte denn seit
etlichen Tagen hatte ich mir ihrentwegen einen und andern vergeblichen Kummer
gemacht welcher doch nun guten Teils vorbei war deswegen ging es nun
erstlich an ein umarmen und küssen beim Abschiede wobei sich denn auch auf
beiden Seiten nicht wenig Tränen zeigten als aber das andere Signal zu Schiffe
zu gehen gegeben wurde begleiteten wir erstlich den Gouverneur und die Seinigen
zu ihren Wagens wir aber begaben uns ohne ferneren Aufenthalt auf unsere
Schiffe ließ nachdem die Ancker schon gelichtet waren so fort die Seegel
aufspannen nochmals 50 Kanonen abfeuren und fuhren in Gottes Nahmen von
dannen
Wir bemerckten durch FernGläser dass der Gouverneur benebst den Seinigen
wieder aus den Wagens heraus gestiegen waren und sich an das Ufer gestellt
hatten allwo alle insgesamt so wohl männlichen als weiblichen Geschlechts
noch allerlei freundliche Komplimenten machten da aber der Wind scharff in
unsere Segel blies nahmen wir durch SprachRöhre nochmals mündlichen Abschied
von ihnen und verschwanden hierauf in größter Geschwindigkeit unter
beständigen Kanoniren denn der Gouverneur hatte uns reichlich mit
SchiessPulver versorgt aus ihren Augen weilen aber der Wind hinter uns
hergieng so hörten wir das Kanoniren von der Citadelle bis in die späte Nacht
Mein Bruder hielt sich in seinem Schiffe ganz stille und gab vor dass ihm
die letztere kleine Debauchen mehr Unfug ja fast eine würckliche Unpässlichkeit
zugezogen allein ich konnte bald merken dass er am LiebesFieber kranck läge
indem ihm die AbschiedsGedanken vielleicht nicht aus dem Kopffe heraus wollten
ob ich ihn nun schon zum öffteren besuchte so wollte ihn doch keinesweges
kräncken sondern nahm mich unserer Sachen um so viel desto mehr und als
möglich war ganz alleine an Jedoch nach Verlauf weniger Tage hatten wir eben
nicht Ursach an die Liebe sondern vielmehr an das Leben zu gedencke weilen ein
heftiger Sturm über uns kam der jedoch nicht länger als 3 Tage u 2 Nächte
währete Ich kann nicht anders sagen als dass sich unsere Leute recht heldenmässig
gegen Sturm Wind und Wetter setzten und zwar vom Grösten bis zum Kleinesten
weilen wir sie beständig zur Tapfferkeit anreitzeten auser dem aber Speise und
Tranck einem jeden gaben wovon und wie viel er beliebte Demnach spüreten wir
zwar dass der heftige Sturm sich legte hörten aber auf etliche Meilen von uns
ein starckes Kanoniren in der See welches von Morgen bis fast gegen Abend
währete und endlich da wir schon mit anbrechendem Abend an Ort und Stelle
dieses Streits kamen erfuhren wir dass ein Engelisches KauffarteiSchiff von
zweien SeeRäubern genommen zu werden in größter Gefahr stunde Mein Bruder so
wohl als ich entschlossen uns bei so gestallten Sachen dem Engelländer als
unserm halben LandesManne und ReligionsVerwandten bestmöglichst zu Hilfe zu
kommen in Betrachtung dass es uns vor nicht allzulanger Zeit auch wohl
gedeuchtet da uns die Portugiesen gegen die Barbaren zu Hilfe gekommen waren
Demnach nahmen wir den Engelländer welcher schon sehr beschädigt war in die
Mitte und setzten dergestalt verzweiffelt gegen die SeeRäuber an dass das
Spiel bald ein ander Ansehen gewann denn unsere Leute feureten unvergleichlich
und geschwinde auser unsern wohl montirten Kanonen aber taten die FeuerMörser
das allerbeste bei der Sache und machten die SeeRäuber dergestalt bestürtzt
dass sie weder aus noch ein wussten ja man merkte bald dass sie es nicht gern
zum Handgemenge wollten kommen lassen im Gegenteil die Köpffe mit guter Manier
aus der Schlinge zu ziehen suchten Allein das war unser Werck nicht sondern
es hieß damals Friss Vogel oder stirb und da auch einer von ihnen Mine wachen
wollte den Wind zu fassen und das weiteste Ende zu suchen wurde ihm bald
vorgebeuget mithin beide genötigt sich in darauf folgender Nacht auf Gnade
und Ungnade zu ergeben denn es war ihnen allem Ansehen nach ferner unmöglich
unser Feuer auszustehen Wir taten ihnen den Vorschlag entweder mit uns nach
dem Kap oder nach der Insul St Helena zu seegeln allein es gefiel ihnen
beides nicht weilen sie so wohl an einem als dem andern Orte sich einer
scharffen Züchtigung befürchten mochten Hergegen baten sie uns nur inständig
ihnen den Gefallen zu erweisen und mit ihnen auf eine kleine unbewohnte Insul
zu seegeln die wenige Meilen von hier entfernet läge daselbst wollten sie sich
auf eine raisonable Art und Weise mit uns abfinden und um weiter nichts höher
bitten als dass sie ihre Schiffe Kanonen und klein Gewehr behalten dürfften
ingleichen eine zulängliche Menge von Amunition Was aber ihre Waren Schätze
und Barschaften anbelangete so wollten sie uns dieselben auf Treu und Glauben
ausliefern indem sie dergleichen Zeug in der Kürtze wieder erlangen könnten
wenn sie nur wohl beschifft und wohl bewehrt bleiben
Mein Bruder wollte durchaus erstlich nicht daran dass man den
ChristenFeinden Kanonen Gewehr Pulver und dergleichen zur Beschädigung
unserer MitChristen lassen sondern dieses alles lieber in den Abgrund
versencken sollte Allein da die SeeRäuber gar allzu sehr kläglich taten über
dieses uns auf ihre Art einen teuren Eyd schwuren an Gold Silber und Waren
wenigstens des Werts vor 3 Millionen Taler auf unsere Schiffe zu liefern um
uns darein zu teilen der EngelsMann auch vor das allerratsamste hielte nur
immer zu nehmen was wir von ihnen kriegen könnten und dieses SchelmenPack
laufen zu lassen indem sie ja doch nicht mehr im Stande wären uns zu
beschädigen so gab ich endlich meinen Willen auch darein dass sie die Kanonen
Gewehr die Helffte der Ammunition und dergleichen zum Kriegs gehörige Zeug
behalten sollten hergegen mussten sie uns gleich auf offenbarer See ausliefern
was sie uns dem Werte nach versprochen hatten welches denn von ihnen ohne
ferneres Murren geschahe und mussten wir gestehen dass sie in diesem Stücke
redlich handelten ja über das bestimmte Quantum noch eine und andere treffliche
Sachen uns so zu sagen noch zum Geschenke anboten allein um ihnen zu
zeigen dass wir nicht so hungrig wie sie und nur je eher je lieber von ihnen
hinweg zu kommen wünschten ließ wir ein vieles zurücke in ihren Händen das
wir noch wohl hätten mitnehmen und gebrauchen können
Ich glaube die armen Räuber mochten wohl recht froh sein dass sie noch so
mit dem blauen Auge davon gekommen hielten sich auch nicht lange mehr vor
unsern Augen auf sondern gaben ihren Schiffen die vollen Seegel unfehlbar
nach einer ihnen wohlbekannten RäuberInsul zu wir hergegen da wir eine kleine
unbewohnte Insul antraffen auf welcher sich ein schönes frisches Wasser befand
beschlossen daselbst um nach dem ausgestandenen Sturm und Schrecken nach
Gutbefinden vor Ancker liegen zu bleiben und in etwas auszuruhen bei welcher
Gelegenheit wir denn unsere gemachte Beute mit dem EngelsManne redlich
teilten und zwar vermittelst des Looses er aber war so freigebig und gab
uns beiden Brüdern noch zur schuldigen Danckbarkeit vor geleisteten Beistand von
seinem Teile einem jeden 3 Pfund gediehen Gold welches wir fast gezwungener
Weise ihm zum geneigten Andencken dieser Begebenheit annehmen mussten
Schon bei Passirung der Linie war ich mit meinem Bruder in etwas uneinig
worden ob wir uns nach den Brasilischen Küsten zu schlagen wollten oder nicht
da ich mir einbildete einen näherern sicherern und bequemern Weg nach der
Insul Felsenburg gefunden zu haben Weilen nun mein Bruder nicht leicht gewohnt
war mir zu wiedersprechen zumahlen da ich ihm im Vertrauen entdeckte dass
ich wo es nur immer möglich wäre aus gewissen Ursachen das Kap nicht gern
mit unsern Schiffen berühren möchte als ließ er sich auch dieses gefallen
allein der Himmel mochte es vielleicht nicht also haben wollen sondern der
EngelsMann musste uns fast wider unsern Willen zum Wegweiser auf die Insul St
Helena dienen jedoch hatten wir eine unvergleichlich schöne stille Fahrt und
erreichten bemeldte Insul recht ehe wir uns derselben vermuteten Der
EngelsMann rühmte unsere Tapfferkeit die wir bei seinem Entsatz bezeigt gegen
seine LandsLeute ganz ungemein weswegen uns dieselben alle ersinnliche Ehre
antaten endlich aber nachdem wir uns nur 4 Wochen auf der Insul St Helena
aufgehalten unsere Schiffe aufs neue ergäntzt und mit allen Bedürffnissen
versorgt seegelten wir ab indem ich von nun an und von dar aus mich nunmehr
wohl ganz allein nach Felsenburg zu finden getrauete meines Bruders
HauptVergnügen war inmittelst dieses dass uns der Himmel mit der Räuber ihrem
Gute so reichlich gesegnet da wir schon wieder ein vieles erworben von
demjenigen was wir auf der Insul St Jago im Stiche gelassen hatten
Wie ich nun eines Tages meinen Bruder wider seine bisherige Gewohnheit ganz
unbetrübt und bei recht guter Laune antraf so fragte ich ihn erstlich um seine
ReligionsVeränderung welches er mir endlich gestunde was die Heirat aber und
vor sich selbst anbeträffe hätte er geschworen dass, wenn er lebte und gesund
bliebe er längstens binnen den 2 bestimmten Jahren wieder kommen wollte sollte
aber ich als sein Bruder nach völlig verrichteten Geschäfften ihn zeitiger
missen können so würde er keinen Augenblick vorbei streichen lassen sich auf
St Jago einzustellen indem er sich nun nicht mehr länger zu leben getrauete
bis die Heirat vollzogen wäre Ich gratulirte ihm im Voraus darzu und
versprach alles anzuwenden was mir nur immer möglich wäre damit er nicht
aufgehalten werden sollte
Nach der Zeit und zwar bis auf diese Stunde hieher hat er sich ganz
außerordentlich dienstfertig gegen mich auf geführet auch mich immer einer
Mühe und Arbeit nach der andern überheben wollen allein ich bedanckte mich
dessfalls zum öffteren vor seine Höflichkeit und gute Meinung die er vor mich
hegte anbei solle er nicht glauben dass ich ein Freund der Bequemlichkeit und
Feind der Arbeit wäre hergegen beobachten dass meine Leute wenn sie sähen dass
ich selbst mit Hand anlegte zehenmahl fleißiger wären als wohl gewöhnlich
welches denn auch die klare Wahrheit war
Mittlerweile seegelten wir auf dieser angenehmen Straße bei gutem Winde
und Wetter mit gröstem Vergnügen fort und kann ich nicht sagen dass uns eins
oder das andere Verdrüssliche begegnete ausgenommen die gräulich vielen
MeerWunder und MeerTiere welche uns dann und wann beunruhigen wollten
allein da meine Leute nur ihren Spas und Spott darmit trieben und viele
derselben ertödteten gab ich ihnen zu vernehmen dass es mir eben nicht
allzuwohl gefiele wenn sie sich mit diesen unvernünftigen Kreaturen in einen
Kampff einliessen und ob ich schon nicht abergläubig wäre so könnte ihnen
dennoch versichern dass mir und meinem Geleite zum öffteren nach Kränckung
dieser Dinger das größte Unheil wiederfahren als dessen Propheten oder
Wahrsager sie gemeiniglich zum Voraus wären Demnach könnten sie zwar mit den
SeeHunden SeeLöwen SeePferden SeeKälbern und dergleichen mehr so umgehen
wie sie selber wollten weil diese zum Teil zur Speise dieneten vor allen
Dingen aber sollten sie sich hüten ein MeerWunder zu touchiren welches nur ein
eintziges Merckmahl entweder ganz menschlicher oder wenigstens
AffensGestalt an sich hätte als worauf wie ich selber erfahren zum
öffteren üble Folgerungen entstanden wären Wie nun unsere Leute vernahmen dass
ich keinen besonderen Wohlgefallen an dergleichen WasserJagd hatte so stelleten
sie dieselbe nach und nach ein lieferten aber doch erstlich nicht selten
manchen schönen SeeLöwen SeePferde SeeHunde SeeKälber und dergleichen
Bald nach dieser Lust entstund eine andere da wir bemerckten dass die
Nächte fast noch einmal so schwartz und dunckel wurden als gewöhnlich
zumahlen da wir doch obschon nur noch in etwas Mondenschein hatten Ich ließ
mich dieses ganz und gar nicht befremden weilen sich dergleichen wohl zum
öffteren vor oder nach einem gehabten Sturme zu zutragen pfleget Meine Leute
aber stelleten sich einstmahl ungefähr um die MitternachtStunde dergestalt
wunderlich an als ob sie den Koller hätten oder denselben kriegen wollten Als
ich nun nach der Ursach ihres heftigen Gelächters fragte führten sie mich auf
das Oberdeck des Schiffs und zeigten mir mit ihrer größten Verwunderung ganze
Regimenter und Esquadrons auf der offenbaren See herum hüpffend springend und
tantzend Die wenigsten wollten mir Glauben beimessen dass keine Sache
natürlicher sein könne als diese indem vielleicht die See in selbiger Gegend
gegen das andere SeeWasser außerordentlich saltzig wäre oder sonsten
vielleicht was zähes und schleimiges in sich hätte
Demnach war einer und zwar ein alter wohlversuchter SeeMann dermaßen
behertzt und frevel dass er auf einen großen Irrwisch den er vor einen
commandirenden Offizier der Irrwische ansehen und ausgeben wollte sein Gewehr
löste denselben auch dem Scheine nach dermaßen wohl traf dass er sich
schleunig untertauchte und wie wir alle glaubten versincken musste
Indem ich ihn nun vor dem Schusse gewarnet hatte solche Possen bleiben zu
lassen so gab es ein ziemlich starckes Gelächter als gleich nach geschehenem
Schusse oben vom Mastbaume herunter eine ziemlich starke Stenge ihm vor die
Füße fiel so dass er noch Ursach hatte dem Himmel zu dancken welcher
abgewendet dass sie ihm nicht auf den Kopf gefallen und etwa gar ein Loch
hinein geschlagen Demnach gab es abermals etwas zu lachen denn seine Kamerad
en hießen ihn nicht anders als den IrrwischSchiesser Als aber mein Bruder
der zu mir und auf mein Schiff gekommen sich selber über die Irrwische zu
ärgern schien sprach ich stille mein Bruder wir wollen bald keinen Irrwisch
mehr sehen Deswegen ließ ich nicht etwa aus Frevel sondern zu Reinigung der
Luft mit Kanonen Feuer unter die Irrwische geben welche denn binnen einer
halben Minute Schaarenweise verschwunden oder sich in die See versenckten
Fernerweit kann ich eben nicht sagen dass uns fatal zu sein scheinende
Begebenheiten zugestoßen wären sondern wir hatten wie schon gemeldet eine
stille und geruhige Fahrt Zwar wollten einige von unsern Leuten die Mäuler
hängen weilen sie gemercket hatten dass wir das Kap vorbei geseegelt wären
und sie nicht dahin gebracht hätten Allein ich stopffte ihnen allen die Mäuler
mit wenig Worten die also lauteten »Ihr habt mir nunmehr schon eine ziemliche
Zeit daher die Ehre gegeben unter meinem Kammando mit mir zu fahren wer was
auszusetzen hat an mir und meiner Aufführung der tue es noch bei Zeiten und
lasse sich in soweit dienen dass ich die Wege zur See vielleicht wohl besser
weiß als einer unter uns allen Ich bin auf der Fahrt mich glücklich und
vergnügt zu machen welches alle die bei mir sind zugleich mit genießen
sollen denn ehe einer von uns ja verderben sollte so will ich der erste sein
Es kommt auf wenige Tage an so werdet ihr vielleicht erfahren dass euch der
Kapitain Horn nicht übel sondern wohl geführet hat und ihm vor seine Mühe und
Arbeit Danck wissen« Hierauf schryen alle meine Leute mit vollem Halse Vivat
Vivat Kapitain Horn unser Vater
Der Himmel gab dass mir wenig Tage hernach alle Zeichen in die Augen fielen
welchergestalt wir nicht weit mehr von dem geehrtesten und liebsten Felsenburg
wären darum ließ ich allen Kummer und Sorge verschwinden bin auch wie ihnen
bekañt in so weit glücklich und vergnügt vor der Insul angekommen Wie es nun
meine Hochgebietende Herren Freunde und Gönner fernerweit zu verordnen belieben
wollen solches will ich mir sonderlich wegen Ausladung der Schiffe alle
Stunden gefallen lassen voritzo aber bis auf Dero Befehl und Verordnung meine
ReiseGeschichte in so weit wiewohl nicht gänzlich zum Schluße bringen indem
ich auf eine andere Zeit ein weitmehrers zu melden mich schuldig erkenne
Solchemnach machte der Kapitain Horn abermals einen Abschnitt seiner
obschon noch nicht völlig geendigten ReiseGeschichte und wurde dieserwegen
nicht allein von dem Regenten Ältesten Herrn Geistlichen sondern auch von
uns allen nochmals aufs freundlichste complimentirt und bewillkommet Nachhero
aber da vor dissmahl eben der ganze obrigkeitliche und geistliche Stand
versammelt waren wurde vor allererst beratschlaget wie es mit Ausladung der
Waren und Sachen ingleichen mit der Ausschiffung der fremden Völcker wohl von
ungefähr zu halten sei
Wie nun der Kapitain Horn von allen so zusagen fast einstimmig ersucht
wurde seine Meinung dessfalls am ersten von sich zu geben weilen man von seiner
besonderen Treu und Liebe zu uns vollkommen überzeugt wäre dass er keinen andern
als guten Ratschlag erteilen würde als öffnete derselbe seinen Mund und
sagte Meine Hochgebietende allerseits hoch und wertgeschätzte Gönner und
Freunde Ihnen nicht vorzuschreiben so halte ich es nicht vor ratsam sondern
vielmehr vor ein wichtiges StaatsVersehen wenn man die fremden Völcker die
bisher unter meinem und meines Bruders Kommando gestanden ungeachtet
dieselben größten Teils so ziemlicher Massen civilisirt und in Ordnung
gebracht sind auf die Insul GroßFelsenburg wollte kommen lassen Nein ich
hielte jedoch ohnmassgeblich darvor dass man dieselben bei dieser vortrefflichen
Witterung auf der Insul KleinFelsenburg unter Zeltern und LaubHütten campiren
ließe so wie wir solches wohl ehemahls andern fremden Völckern erlaubet haben
Auch müsste ihren Officiern auferlegt werden diese Leute fleißig in Acht zu
nehmen und dieserwegen keinen Tag oder Nacht lang von ihnen zu bleiben
ausgenommen wenn sie specielle Erlaubnis hätten sich dann und wann einige Tage
in GroßFelsenburg aufzuhalten Ob sie meinem Bruder vergönnen wollten bei uns
zu bleiben damit wir ihn stetig in Augen hätten und auf sein Tun und Lassen
Achtung geben könnten solches stellte in dero Belieben sonsten wäre ich wohl
gesonnen ihn Woche um Woche oder alle 3 oder 4 Tage auf KleinFelsenburg
ordentlich abzulösen und allen Verdacht zu vermeiden bei den Leuten so wohl
als er zu bleiben Inzwischen zweiffelte nicht dass man beschließen werde dass
Volck mit hinlänglichen und notdürfftigen LebensMitteln zu versorgen so wie
wir denn wohl ehermahlen Blutfremden getan die uns gar nichts angegangen Was
die Ausschiffung des Volcks und der mitgebrachten Sachen anbelanget ist mein
Vorschlag dass dieselbe je eher je lieber vor sich gehe indem ich befürchten
muss dass sonsten an einen und andern kostbaren Sachen ein fernerer Schade
geschehen möchte etc
Wie nun dieser getane Vorschlag nicht nur dem Regenten sondern auch allen
andern MitRegenten vollkommen wohlgefiel so wurde beschlossen keine Zeit noch
Stunde mehr zu verabsäumen sondern erstlich das Volck auf die kleine Insul und
den meisten Teil der mitgebrachten Sachen erst an den Fuß unsers Felsens zu
schaffen allwo weilen ohnedem die See um selbige Zeit sehr weit zurück
gewichen Platz genug vor dieselben vorhanden zu sein geschätzt wurde
Nächstfolgenden Tages da KirchTag war wurden im Herausgehen aus der
Kirche 300 Mann von unsern Leuten nämlich die besten und stärcksten
Felsenburger ausgelesen welche zu Ausschiffung der Sachen Hand mit anlegen
sollten hierauf setzte sich der Kapitain Horn nebst mir und vielen ansehnlichen
Felsenburgern in Boote und fuhren hinüber zu den Schiffen da denn Kapitain
Horn seinem Bruder so gleich den Antrag tät dass weilen auf der großen Insul
nicht so viel Raum und Platz anzutreffen dem Volcke genugsame Bequemlichkeit
zur Verpflegung zu verschaffen als woll er sich gefallen lassen dasselbe auf
die kleinere Insul zu führen fernerweit aber vor nichts Sorge tragen indem
allhier mehr der Uberfluss als Mangel regiere
Der jüngere Kapitain Horn ließ sich alles gefallen was ihm sein Bruder
zumutete und deswegen richteten beide Schiffe ihre Seegel nach der kleinen
Insul erreichten auch dieselbe noch ehe es Nacht wurde Folgenden Morgens
stiegen sie also mit dem Allerfrühsten in eben demjenigen Haafen aus allwo vor
einiger Zeit einige Portugiesen als Gäste ausgestiegen waren ja diese Leute
erwähleten sich auch eben den lustigen Platz zu ihrem LagerPlatze den sich
damals die Portugiesen darzu erwählt hatten indem wir noch die Rudera ihrer
gehabten Hütten und Feuerstädten daselbst antraffen Ich kann nicht gnugsam
sagen wie fleißig sie sich insgesamt anstelleten ihre Hütten in Ordnung zu
bringen und es war immer einer mehr als der andere beschäfftiget seinen
Nachbar wegen seiner Hütte so wohl an Zierlichkeit als Bequemlichkeit zu
übertreffen Da das Volck nun vollends sah was ihm vor eine erstaunliche Menge
SpeiseVorrat Wein Brandtewein etc zugeführet wurde wussten die wenigsten zu
sagen was sie mit allen diesen guten Sachen auch größten Teils herrlichsten
Delicatessen anfangen sollten indem es zu viel vor sie und nur einigen ihrer
besten Freunde in ihrem Vaterlande oder hie oder da etwas weniges von diesem
ihren Uberflusse wünschten Demnach hatten diese guten Leute dererjenigen
Gedanken so auf der Insul GroßFelsenburg leben gar sehr viel Jedoch die
guten Leute bei ihrer gemachten Einrichtung und zu guter Ordnung abzielenden
Arbeit nicht zu stöhren oder ihnen wenigstens verhinderlich darinnen zu sein
als blieben wir vor dieses erste mahl nur 3 oder 4 Tage bei ihnen und fuhren
darauf nach GroßFelsenburg los als wohin wir die beiden Kapitains Horn vorerst
alle beide mit uns nahmen ingleichen des ältesten Kapitains SchiffsFähndrich
und des jüngeren Kapitains Lieutenant den übrigen beiden zurückbleibenden
subalternen Offiziers wurde mitlerweile das Kommando über die Völcker so sich
bereits völlig einquartirt hatten aufgetragen
Es sperreten so wohl mein Bruder als die bei ihm befindlichen Offiziers die
Augen ganz entsetzlich auf als ihnen nachdem sie durch den hohlen FelsenWeg
herauf stiegen und zwar bei der angenehmsten Zeit und Witterung ungefähr 1
oder 2 Stunden nach Aufgang der Sonnen der ganze Prospect von unserer großen
Insul plötzlich und auf einmal in die Augen fiel Mein Bruder der auf einen
kleinen Hügel von ungefähr zu stehen kam war fast in vielen Minuten nicht von
der Stelle zu bringen doch endlich da er sich besonnen hatte wo er sich
befände sagte indem er die Hände über dem Kopffe zusammen schlug nur so viel
Du mein Gott du hast mich doch seit meiner Kindheit an unzählig viele schöne
Landschaften in mehr als einem WeltTeile sehen lassen aber dergleichen
Gegend habe ich noch nie gesehen die ohne allem Zweiffel ihres gleichen in der
ganzen Welt nicht hat Die bei ihm stehenden Offiziers gaben ihm in diesem
Stücke den allergrößten Beifall wobei sie mehr als einmal darzu schwuren
Indem aber bereits einige teils mit zahmgemachten Hirschen teils mit den
schönsten Pferden bespanneten Staats Karossen gegen uns angerückt waren als
bestiegen wir dieselben In der 1ten Chaise saß der Kapitain Horn Sen an meiner
Seite in der 2ten dessen Bruder bei dem Kapitain Wolffgang in der 3ten der
SchiffsLieutenant bei Mons Litzbergen in der 4ten der SchiffsFähndrich bei M
v Blac diesen Chaisen folgeten noch verschiedene andere dergleichen worinnen
sich auch einige der so genannten Vornehmsten dieser Insul befanden ingleichen
waren etliche zu Pferde wenigstens hundert Mann die den Schluss machten In
dieser Ordnung fuhren wir nach der AlbertsBurg zu denn es ist vorjetzo gegen
sonsten ganz anders so dass man gleich auf dem Berge vor der großen BurgTür
absteigen kann
Nachdem uns 6 graue Häupter zur Bewillkommung entgegen geschickt waren
stiegen wir die Treppe hinauf und traffen daselbst auf einem großen Saale
denn es ist zu wissen dass Zeit währender des Kapitain Horns Abwesenheit
nicht allein dieser Saal sondern fast das ganze Gebäude AlbertsBurg genannt
abermals ungemein vergrößert und verbessert worden den Regenten oben an einer
ovalrunden Taffel auf einem etwas erhabnern Stule sitzend an als diejenigen
hatten die um ihn herum saßen und dieses waren bekannter Massen die grauen
Häupter und Vorsteher der Gemeinden in den PflantzStädten Zur rechten und
lincken Seiten dieser ovalTaffel oben neben dem Stule des Regenten befanden
sich noch 2 etwas kleinere runde ovalTaffeln an welcher jeden 4 Herrn
Geistliche saßen und zwar in ordinairen Sächsischen PriesterHabit denn
unsere Herrn Geistlichen hatten sich nur vor etwa 2 Jahren einen neuen
AmtsGehülffen erwehlet und denselben nach heiligem Gebrauche ordinirt damit
er das Werck des HErrn nebst ihnen nach der Ordnung unsers Heils unermüdet
forttreiben könnte weilen allem Ansehen nach denen dreien alten und ersten die
geistliche Arbeit in die Länge allzu sauer werden wollte Jedoch hiervon weiter
unten ein mehreres Sonsten aber ließ sich die Verwunderung aus meines Bruders
so wohl als der mit ihm gekomenen Offiziers Augen nicht undeutlich lesen die
sie über die großen grauen Bärte und Eisgrauen HauptHaare hegten
Es saßen demnach wie schon gemeldet diese venerablen Männer in der
Rundung um den Regenten herum und zwar alle in schwartzer Kleidung auf
Stühlen die mit roten weichen WildLeder überzogen waren endlich aber da die
Fremden sich vor ihnen geneiget trat der Regente auf seinem Stuhle in etwas in
die Höhe und redete dieselben selbst zu erst also an
Meine Herren auch wertesten Freunde und Gönner
Dieselben treffen hier an diesem Orte Leute an welche von den so genannten
Komplimenten oder wie die Sachen sonsten Nahmen haben mögen so wenig wissen
als von dem äuserlichen Pracht in Kleidung und von andern Welt Gepränge so
vielleiche an andern Orten in der Welt vorgehen mag sondern sie finden wie ich
sage an uns Leute die in ihrer gottesfürchtigen Einfalt leben mit unserm
geringen Stande und wenigem Vermögen vollkommen zufrieden sind Wir machen uns
allerseits eine ganz besondere Freude Sie werteste Herren und Freunde nach
einer wie wir von unserm lieben Kapitain Horn dem Eltern bereits in etwas
vernommen haben beschwerlichen und verdrießlichen Reise glücklich bei uns
zusehen wünschen uns anbei nichts mehr als dieses dass Sie uns im Stande
finden mögen Ihnen nach Würden ein und anderes Vergnügen zu machen Jedoch
weilen wir unfehlbar das Glück haben werden Dieselben noch eine gute Zeitlang
bei uns zu sehen um vollkommen auszurasten als werden sich vielleicht binnen
dieser Zeit mit Hilfe des Himmels Mittel finden Ihnen unsere Wohlgewogenheit
und Erkänntlichkeit zu zeigen zumahlen da wir vernommen dass Sie auf der
ganzen Fahrt und vor einige uns mitgebrachte Sachen viele Sorge getragen Wir
bitten nochmals allerseits Sie belieben es sich bei uns wohlgefallen zu
lassen und mit möglichst guter Bewirtung vorlieb zu nehmen
Da nun der Regente ausgeredet und sich wieder hingesetzt hatte redete mein
Bruder also
Hochgebietende Hochgeehrteste Herren
Es hat uns mein Bruder sonderlich auf der RückReise 1000 fach viel Gutes
von Ihnen und dieser ganzen hochgeschätzten Republique erzählt sonderlich
aber dass die Gottesfurcht Gerechtigkeit Friede Liebe Treue Redlichkeit
Aufrichtigkeit und andere unvergleichliche Tugenden mehr an keinem Orte in der
Welt in größerer Vollkommenheit anzutreffen als auf dieser glückseligen Insul
deswegen schätzen so wohl ich als meine gegenwärtigen Herren und Kollegen es
uns vor ein besonderes Glück und Vergnügen Dero Grund und Boden betreten zu
haben und mit Ew Hochgebietenden unsern Hochgeehrtesten Herren bekannt zu
werden Was wir sonsten auf der ganzen Fahrt getan als absonderlich gut
Kommando unter unserm Volcke zu halten hiernächst die uns anvertrauten Sachen
bestmöglichst bewahren zu helfen ist unsere Schuldigkeit gewesen und protesti
ren wir hierbei vor alle Erkenntlichkeit weilen wir von meinem Bruder bereits
ein sattsames Honorarium bekommen und werden wir wenn uns ja erlaubt sein
sollte eine kurtze Zeit hier zu bleiben uns bestmöglichst hüten einige
Ungelegenheit zu machen damit wir Dero allerseits gute Meinung von uns nicht
verschertzen
Nachdem diese Reden gehalten worden gingen mein Bruder und die beiden
Offiziers erstlich zum Regenten welchen sie umarmeten und küsseten und denn
ferner zu allen die da gegenwärtig waren mit denen sie es gleichfalls also
hielten worauf an verschiedenen großen Taffeln gespeist und dabei ein
freundliches Gespräch mit abwechselnder sanfter TaffelMusique gehört wurde
Folgende Tage über ließ sich die Fremden von den Unsrigen auf der Insul in
allen PflantzStädten herum spazieren führen da sie denn viele
Merckwürdigkeiten und Seltenheiten ungemein bewundert endlich aber da Kapitain
Horn Sen das Kommando und die Visitation auf der kleinen Insul zum ersten mahle
auf eine Woche übernehmen wollte reisten nebst dem Regenten die meisten von den
grauen Häuptern und Vorstehern auch mit ingleichen blieben die Herrn
Geistlichen nicht zurücke ja es folgten ihnen auch eine ziemliche Anzahl
GroßFelsenburger so dass unsere Insul in langer Zeit nicht so leer von Leuten
gewesen als damals Wie nun der Kapitain Horn Jun voraus gegangen um uns zu
empfangen als wurden so bald wir aus den Booten stiegen 50 Kanonen gelöst
nachher aber von der in Ordnung gestelleten Mannschaft eine 3 mahlige Salve
gegeben
Wir bewunderten dass unsere Gäste binnen so wenig Tagen alles nach ihrer
schönsten und besten Bequemlichkeit eingerichtet indem sie nicht nur so viele
zierliche Hütten erbauet sondern auch auf verschiedenen grünen Plätzen 12 bis
16 Taffeln von Bauholtz und Bretern aufgerichtet so dass wir sie mit größter
Lust nach ihrem Appetite daran speisen sahen Nachdem sie sich wohl gesättiget
und auch den Wein und Brandtewein dabei nach eines jeden Belieben nicht
vergessen verteileten sie sich in Hauffen und fingen allerhand LustSpiele
an deren einige so possirlich heraus kamen dass sich der Regente und die grauen
Häupter ja so gar unsere Herrn Geistlichen zuweilen fast nicht satt lachen
konnten denn die wenigsten von ihnen hatten Zeit ihres Lebens nicht gesehen was
vor aufgeräumte und lustige Leute sonderlich die BootsKnechte sind
Nachdem wir uns aber 3 ganzer Tage bei ihnen aufgehalten und dabei
bemerckt wie artig und künstlich ihre Jagden und Fischereien angestellet waren
kehreten wir insgesamt wieder zurück nach Groß Felsenburg und nahmen in den
Booten welche abermals frische LebensMittel vor unsere Gäste mitgebracht
hatten eine starke Ladung von den Waren und Sachen so uns Kapitain Horn aus
Europa mitgebracht hatte mit uns um selbige an Ort und Stelle zu bringen
hierbei befanden sich auch die von den Barbaren erlöseten ChristenSklaven
deren schon gedacht worden Weilen nun unserm Frauenzimmer die Wittbe des
Englischen SchiffKapitains vor allen andern in die Augen fiel als rejetzten sie
mich an sie zu bitten uns ihren LebensLauff zu erzählen demnach wagte ich
es und fand die Dame dergestalt gefällig willig und bereit darzu als ich mir
kaum eingebildet hätte denn sie machte den Anfang ihrer LebensGeschichte in
Gegenwart unserer meisten und vornehmsten FrauensBilder alsobald mit diesen
Worten
Mich Unglückselige hat der Himmel zu Londen in Engeland lassen zur Welt
geboren werden in welchem Jahre aber kann vorjetzo selbst nicht mehr sagen
denn die Ursache dessen wird sich am Ende finden weilen mir unter andern
richtigen Urkunden auch mein GeburtsSchein verloren gegangen Unterdessen bin
ich aus einer guten adelichen Familie Harrison benahmt entsprungen Mein Vater
war so viel ich von meinen KinderJahren annoch dencken kann SchlossHauptMann
eines der Königlichen Schlösser nicht allzuweit von Londen gelegen und ich
habe nachher vernommen dass er diese Charge ganzer 10 bis 12 Jahr geführet
endlich aber dieselbe wegen einer ihm begegneten fatalen Begebenheit
niedergelegt und sich mit meiner Mutter und seinen Kindern nach Londen begeben
um daselbst noch ruhiger und vergnügter zu leben als er seinen Gedanken nach
bisher gelebt hätte weilen es ihm an Mitteln ganz und gar nicht fehlete uns
zu ernähren indem er nicht nur vor sich ein ziemlich starckes Vermögen gehabt
sondern auch dasselbe durch die Heirat mit meiner Mutter um ein wichtiges
vermehret Uber dieses alles ist mein Vater im ActienHandel dergestalt
glücklich gewesen dass er sich die schönsten und austräglichsten RitterGüter
hätte kauffen können wenn er nur gewollt hätte Allein er mag wie mir meine
seel Mutter zum öffteren erzählt hat wohl mehr als einerlei jedoch eben nicht
gar allzu löbliche Ursachen gehabt haben ein solches nicht zu tun vielmehr
hat er sich auf das verzweiffelte Spielen und Wetten gelegt und ist dadurch dem
Banquerout mehr als einmal sehr nahe gewesen jedoch das Glück im Spielen und
Wetten hauptsächlich aber der ActienHandel hat ihm nach und nach doch immer
dergestalt wohlgewollt und ihm das was er vorher verloren gehabt gedoppelt
und dreifach wieder zugeführet so dass es noch hohe Zeit gewesen wäre eine
andere und bessere LebensArt anzufangen Allein an dessen Statt fängt er an den
Trunck zu lieben und zwar den Brandtewein auf eine gatz excessive Art welches
alles doch möchte hingegangen sein wenn er nur dann und wann sich bereden
lassen den Rausch auszuschlaffen jedoch dieses war sein Werck nicht sondern
wenn er den Kopf voll gehabt war er in die SpielHäuser gegangen hatte um
geringer Ursachen wegen mit diesem oder jenem Händel angefangen da denn fast
keine Woche verstrichen dass er nicht blessirt nach Hause gekommen wäre
entweder mit dem Degen oder mit der Kugel Wiewohl er nun auch manchen blessi
rt mithin seinen Hohn einsmahls gnugsam gerochen zu haben vermeint so redete
ihm doch meine Mutter aufs allerbeweglichste zu vom scharffen Spielen und
Wetten hauptsächlich aber von dem leidigen Truncke abzustehen allein sie hatte
eine lange Zeit tauben Ohren geprediget Doch endlich ändert mein Vater seine
LebensArt plötzlich und steht so wohl vom Truncke als vom Spielen ab sucht
auch keine andere als honette douçe Kompagnien weswegen meine Mutter so froh
wird als ob sie ihn zum zweiten mahle geheiratet hätte Allein diese ihre
große Freude währete nicht länger als bis ihr von einer vertrauten Freundin in
gröstem Geheim vertraut wurde dass ihr Mann nämlich mein Vater sich an ein
lüderliches Frantzösisches Komoedianten WeibsStücke gehenckt welche ihn
dergestalt eingenommen dass er ohne dieselbe fast nicht zu leben wüste ja er
wendete nicht geringe GeldSummen an dieses Luder und hätte demselben in einer
gewissen Vorstadt ein kostbares Logis gemietet um sie vor sich allein zu
behalten wäre aber in diesem Stücke nicht nur zum öffteren schändlich betrogen
worden sondern hätte auch bereits mit vielen Kavaliers dieser Kanaille wegen
Händel gehabt und nur vor wenig Tagen einen gewissen Frantzösisches Kavalier in
der rechten Seite der Brust fast durch und durch gestochen so dass es misslich um
des Blessirten sein Leben gestanden wobei noch das größte Glück dass der
Blessirte kein Engeländer sondern ein gebohrner Franzose wäre Wie gesagt
meiner seeligen Mutter Kummer und Sorgen und der Verdruss über die erhaltene
Nachricht von meines Vaters neuer LebensArt die ihr als einer ziemlich
ehrgeitzigen Dame fast mehr als alles vorhergehende zu schmertzen schien
verursachten dass sie ganz plötzlich in eine schwere Kranckheit fiel so dass
wir alle an ihrem Leben zu zweiffeln anfiengen zumahlen da sie sich nicht nur
täglich sondern oft stündlich im rechten Ernste nach dem Tode sehnete Als
mein Vater sie in ihrer Kranckheit einstmahls zu besuchen kam und ihr diese und
jene Medicamenta recommendirte gab ihm die Mutter zur Antwort Macht euch nur
keine Mühe mit euren Medicamenten denn sie werden mir nichts helfen sondern
die ungebührliche Liebe zu eurer schändlichen KomoediantenHure wird mich mit
nächsten ins Grab stürtzen sodann habt ihr Freiheit euch um ihr zu
vereheligen weilen ich ohnedem mercke dass ich euren Augen nicht mehr gefalle
Wie wehmütig nun auch meine Mutter diese ihre Worte vorgebracht hatte so ließ
sich mein Vater doch dadurch nicht erweichen sondern sagte mit einem höhnischen
Gelächter Man merkte wohl dass sie große Hitze hätte und sehr stark
phantasirte deswegen sollte man ihr nur noch etliche mahl nach einander eine
Ader öffnen so würde sich das Phantasiren vielleicht bald verlieren Gehet mir
gab meine Mutter hierauf zur Antwort vor meinen Augen weg denn dieses ist
eine Cur die ihr unfehlbar von eurer Französischen Kanaille werdet gerlernt
haben etc Mit solchen und dergleichen Reden die mir und allen so zugegen
waren selbst zu Hertzen gingen kränckten sich meine lieben Eltern von einer
Zeit zur andern jedoch es geschahe bald dass wir unsern Vater nicht so oft
wieder zusehen bekamen weswegen wir anfänglich nicht wussten ob er lebendig
oder tot wäre Jedoch nachdem er sich in ganzer 16 Wochen nicht blicken
lassen erhielten wir eine wiewohl unsichere und ungegründete Nachricht dass er
mit nach WestIndien geseegelt wäre worüber meine Mutter ganz froh wurde nur
darum dass er auf solche Art von der Kanaille losgekommen wäre denn an Geld und
Gütern fehlete es uns zur selbigen Zeit ganz und gar im geringsten nicht
anbei hatte sie die Hoffnung dass, wenn er glücklich und gesund wieder zurück
käme er wenigstens etliche 1000 Taler an Gold und Silber mit sich bringen
würde Allein diese Hoffnung fiel in den Brunnen da wir nach der Zeit um so
viel desto gewisser versichert wurden wie sich mein Vater noch beständig in
Londen aufhielte und zwar an einem ganz abgelegenen Orte von daraus aber
einmal wie immer seine Frantzösin so wohl bei Tage als bei Nacht besuchte
Demnach aber meine Mutter in sichere Erfahrung gebracht wo eigentlich sein
Logis wäre warff sie sich eines Abends in MannsKleider und ließ sich durch
einen getreuen Menschen dahin bringen Sie ist so glücklich meinen Vater zu
Hause anzutreffen weswegen sie in sein Zimmer geht sich zu seinen Füßen
wirfft und um alles dessen was heilig ist bittet mit ihr in unser Logis
zurück zu kehren auch fernerhin als ein getreuer Ehemann ihr und seinen Kindern
beizuwohnen auch alles vorgegangene in Vergessenheit zu stellen etc An statt
aber dass sich meines Vaters Hertz hätte sollen erweichen lassen karbatscht er
sie Gottesjämmerlich in dem Zimmer herum und läst sie durch seinen Bedienten
die Treppe hinunter werffen den Leuten aber weiß machen als ob er eine falsche
Visite von einem Spitzbuben bekommen der ihn vielleicht um eine oder andere
Kostbarkeiten beschnellen wollen
Solchergestalt kam meine Mutter in erbärmlichem Zustande zurück nach Hause
und wusste sich weder zu raten noch zu helfen indem sie sich das wichtigste
Bedenken nahm diese ganze Begebenheit vor die Obrigkeit kommen zu lassen
Noch ehe aber hätten wir uns des HimmelsEinfall versehen als bei so
gestalten Sachen unsern Vater in dieser Welt wieder mit Augen zu erblicken
Allein er kam da wir eben damals seiner am wenigsten gedachten einstmahls in
der MitternachtsStunde auf einer PostChaise gefahren gab ein Zeichen mit
pfeiffen von sich und rief dass man ihm aufmachen sollte Wie wir nun seine
Stimme wohl kañten wurde ihm so gleich aufgemacht da wir denn hörten dass
mehr als eine Person die Stiegen herauf gestolpert kamen weswegen denn meine
Mutter so gleich in jede Hand einen Leuchter mit einem großen WachsLichtenahm
gegen die Tür des Zimmers zugieng um selbige zu eröffnen und zu sehen was
auf dem VorSaale passirte Ich die ich gleichfalls ein Licht in jede Hand
genommen folgte ihr auf dem Fuße nach und erblickte meinen Vater in
LebensGröße auch in seiner gewöhnlichen Kleidung bemerckte aber anbei ganz
klar und deutlich dass er einen bloßen Degen mitten in der Brust stecken hatte
dessen Gefäße vorne auf der HertzGrube fast Spannenlang heraus ragete
ingleichen bemerckte ich dass das Blut sehr stark aus der Brust und am Leibe
hinunter floss Zu verwundern ist es demnach dass ich vor Schrecken nicht so
gleich augenblicklich zu Boden gesuncken bin weilen mir noch auser dem die
hinter ihm stehenden 2 langen weißen Geister oder Gespenster die einen
großen schwartzen ReiseKouffre zwischen sich trugen einen erstaunlichen
Anblick verursachten So wahr der Himmel über mir lebt und schwebt ich kann
nicht wissen woher ich in selbiger Stunde alle Hertzhaftigkeit muss herbekommen
haben und glaube dieserwegen vollkommen dass mich ein Engel Gottes recht
übernatürlicher Weise muss gestärckt haben denn meine Mutter hatte kaum meinen
Vater oder dessen Gespenst in die Augen gefasst gehabt als sie wie sie sich
nachher wohl zu besinnen wusste augenblicklich wie ein MehlSack umgesuncken
war Ja was noch mehr ich fasste mir so gar ein Hertze meinen Vater
anzureden und mich in ein kurtz Gespräch mit ihm einzulassen allein indem ich
die Worte auf der Zunge hatte kam er mir mit Reden zuvor und sagte gegen uns
beide Nun habt ihr nach eurem Wunsche mich noch einmal gesehen in dieser
Welt denn ich bin bereits an einem andern Orte als in der zeitlichen Welt
Nehmet ohne Bedenken was vor euch allhier auf dem Saale stehen bleibt
gedencket meiner im Besten und lebt wohl
Unter diesen letzten Worten löscheten alle unsere Lichter aus auch sogar
die so ordentlicher Weise auf dem Saale zu brennen pflegten jedoch bemerckten
wir zu gleicher Zeit dass das ganze Gesichte oder Gauckelspiel des Satans eben
so geschwind und hurtig verschwand als man ein Licht oder zwei auszublasen und
dasselbe zu verlöschen pflegt blieb also nichts davon übrig als ein bloßer
Schatten eines schwartzen ReiseKouffers welchen wir nicht länger anzusehen
würdigten sondern uns in unsere Zimmer zurück begaben allwo wir alles was
Atem hatte im allertiefsten Schlafe fanden Meine Mutter war fast auf allen
Vieren hinein gekrochen ich aber nur froh dass ich sie erstlich mit Kummer und
Not auf ein FaulBette bringen konnte
Den übrigen Teil der Nacht brachte ich noch in größter Verwirrung zu da
ich aber meine Mutter gegen Morgen in ziemlichen gesundem Zustande antraf gab
sich mein Hertz doch einiger Massen zufrieden ja ich bemerckte in demselben
dass es gedoppelte Kourage bekam So bald ich recht zu unterscheiden mir
zugetrauete was schwartz oder weiß wäre nahm ich zu allem Uberflusse noch 2
WachsLichter in meine Hände ging nochmals zum Zimmer ganz allein hinaus auf
den Saal allwo ich denn ohnfern vor unseres Zimmers Tür den vorher schon
erblickten schwartzen ReiseKouffre erblickte Weiln nun der helle Tag bereits
angebrochen auch die Sonne schon aufgegangen war so nahm ich mir ich weiß
selbst nicht aus was Krafft die eigene Hertzhaftigkeit den schwartzen
Kouffre in unser Zimmer zu tragen an welchen meine liebe Mutter nicht die
geringste Hand anlegen wollte sondern auch gebot dass man dieses TeuffelsDing
sollte stehen lassen bis zum wenigsten der Seegen darüber wäre gesprochen
worden
Ich schickte zu einem mir wohl bekannten religieusen Geistlichen und
erzehlete ihm die ganze Geschichte und Gesichte so uns in voriger Nacht
begegnet und erschienen war Dieser nahm sich kein Gewissen nachdem er sein
Christlich Bedenken darüber gegeben auch den Seegen über den Kouffre zu
sprechen Worauf wir denn sogleich nach einem Schlösser schickten und den
Kouffre eröffnen ließ worinnen sich 6000 Taler teils an baarem Gelde
teils Gold teils SilberMüntzen befanden nebst noch mehr als einmal so viel
an WechselBriefen und Actien Zetteln wobei ein Memorial lag welches meine
Mutter so bald ich dasselbe mit großem Bedacht gelesen wieder zu sich nahm
und in 1000 Stücken zerriss
Das größte Wunder war bei dieser Sache dass ungeachtet der Kouffre binnen
24 Stunden fast zu Staub und Asche worden jedennoch die Brieffschaften
darinnen unversehrt geblieben waren mithin hatten wir noch ein schönes Kapital
einzuheben welches zum Teil vielleicht auch noch viele Weitläuftigkeiten
unserm Bedüncken nach verursachen möchte
Jedoch die eigentliche und HauptSache war diese zu erfahren ob unser
Vater noch am Leben oder bereits tot wäre deswegen schickte erstlich meine
Mutter verschiedene Kundschaffer aus und als sie binnen wenig Tagen durch
getreue Leute mit schweren Kosten endlich so viel vernommen als was so zu
sagen in ihren Kram dienete warff sie sich abermals in MannsKleider ließ 2
von unsern Bedienten nach unserer ordinairen Livree ganz neu kleiden und begab
sich mit ihnen mehrenteils bei NachtsZeit auf den Weg bat dabei uns zurück
im Logis bleibenden jederzeit ein andächtiges Gebet vor ihre Person gen Himmel
zu schicken
Mir war angst und bange meine Mutter von uns gehen zu sehen jedoch da ich
mich endlich begriff und bedachte dass sie nicht allein einen durchdringenden
Verstand sondern auch dabei ein Manns ja ein recht LöwenHertz im Leibe hätte
setzte ich mein Vertrauen auf die göttliche Hilfe und ließ sie unter vielen
1000 Glückwünschungen so wohl als Vergiessung häufiger Tränen hingehen wohin
es ihr selbst beliebte zumahlen da sie alle Abende wieder zu kommen und uns
zu besuchen versprach
Es verstrichen demnach nicht mehr als 8 oder 10 Tage als sie das erste
mahl zurück kam und uns die traurige Nachricht brachte dass mein lieber Vater
von einem Frantz Manne den er bei seiner Maitresse angetroffen so zu sagen
meuchelmörderischer Weise ermordet wessentwegen auch der Mörder so gleich in
gefängliche Hafft gebracht worden Hergegen lebte die Maitresse lustig und guter
Dinge und sähe sich nur bloß allein nach unserm Vater um ob derselbe den
GeldSack bald schickte oder selber mit sich brächte Es hatte meine Mutter
diese Nachricht nicht allein in des Vaters sondern auch so gar in der Maitresse
Logis mit vielen Umständen vernommen sich aber an beiden Orten ganz und gar
nicht darvor ausgegeben als ob ihr sonderlich viel daran gelegen wäre Der
Maitresse Schönheit konnte sie nicht gnugsam beschreiben zweiffelte aber sehr
ob selbige nicht etwa eine falsche Schmincke wäre dem ungeachtet schwur sie in
der ersten Hitze ihren Hohn auch so gar mit Darstellung ihres Lebens zu rächen
und nicht eher zu ruchen biss die Kanaille entleibt wäre
Ich bat den Himmel mit bitteren Tränen meiner Mutter diese Gedanken zu
benehmen allein mein Gebet wurde in diesem Stücke dissmahl nicht erhöret denn
wenig Tage hernach kam ihr der Rummel auf einmal wieder an deswegen zohe sie
abermals eins von meines Vaters käñtlichen Kleidern an die ihr sehr wohl
passeten wie sie denn in allen Stücken eine sehr große Gleichheit mit seiner
Person hatte außer dem steckte sie einen Degen mit einer geschliffenen Klinge
an die Seite und noch über dieses in jede Tasche 2 TaschenPufferte oder
Terterols Wie sie sich nun dergestalt bloß in meinem alleintzigen Beisein wohl
besorgt rief sie zwei von unsern getreuen Laqueien befahl ihnen ihr zu
folgen und sie nicht aus den Augen zu lassen hergegen wo es die äuserste Not
erforderte getreulichen Beistand zu leisten indem es ihr Schade nicht sein
sondern ein jeder von ihnen vor diesen Weg 100 Ducaten zur Recreation haben
sollte Auf dieses umarmete sie mich die ich an einem Fenster stunde und
Tränen vergoss mit diesen Worten Gebt euch zufrieden meine liebste Tochter
und lasset mich nur immer in meiner gerechten Sache unter eurem Gebete
fortgehen denn die Gefahr darein ich mich itzo begebe um eures Vaters Tod so
viel als mir nur immer möglich ist zu rächen wird vielleicht so groß nicht
sein als ihr euch dieselbe vorstellet und ich hoffe wo ich anders glücklich
bin noch vor MitternachtsZeit schon wieder bei euch zu sein
Wie nun diese letztern Worte meine Tränen einiger Massen hemmeten so ließ
ich sie unter dem Schutze des Allmächtigen in Begleitung der beiden Laqueien
fortgehen blieb aber am Fenster stehen und mit Vergiessung vieler Tränen
abzusehen was erstlich auf der Straße vorgehen möchte hernachmahls aber ihre
Zurückkunft abzuwarten wobei ich denn dergestalt fleißig betete als ich wohl
sonsten zum öffteren in vielen Jahren nicht getan indem es mir fast ein
unerträglicher Schmertz sein und heißen wollte Vater und Mutter binnen so
kurtzer Zeit auf einmal zu verlieren
Jedoch dieser wurde ziemlicher Massen gelindert da ich meine liebe Mutter
ungefähr zwischen 10 und 11 Uhren des Nachts nebst ihren beiden Laqueien zurück
kommen sah Sie machte die Tür des Zimmers ohne langes Verweilen auf und
fragte nichts mehr als dieses Meine Tochter wenn ihr Kaffée habet so gebet
mir und diesen Leuten etliche Schälchen zu trincken lasset uns auch ein gut
Glas Rosoli holen denn das Glück hat meine Faust gesegnet und geführet dass ich
ein so gutes ja fast noch bessers MeisterStück gemacht als die Iudit bei dem
Holoferne
Indem ich nun danach fragte welcher Gestalt ihre Verrichtungen abgelauffen
wären erstattete der eine Laquei mir folgenden Bericht Nachdem wir unten im
Hause wo die Konquette logirte angelangt und ein paar oder mehr Boutell
enWeins vor unsern Herrn gefordert säumete die Wirtin nicht lange uns
dieselben zu bringen worauf so wohl der so genannte unser Herr als wir Diener
den Wein versuchten auch uns etwas zur Kost reichen ließ Indem wir uns aber
hierauf etwas bei Seite begaben ließ sich unser so genannter Herr mit der Frau
Wirtin in ein vertrauliches Gespräche ein und mochte wohl nach und nach so
viel aus ihrem treuhertzigen Hertzen erforschet haben dass die Frantzösische
Komoediantin wonach er gefragt bereits in ihrem Bette versorgt sei und zwar
mit demjenigen Frantzösischen Kavalier der ihrentwegen nur vor wenig Tagen
einen andern Kavalier erstochen hätte Ob nun gleich der Entleibte ein
Engeländer von Geburt so sähe man doch wohl dass Geld und Gold alles
niederdrückte indem der Frantzose bereits Pardon erhalten Ohngeachtet dass
sich unser gebietende Frau zumahlen da sie MannsKleider am Leibe anhatte
ziemlich zu verstellen wusste so merckten wir beiden Bedienten doch bald was
passirte zumahlen da unsere Frau die Wirtin vermittelst eines Geschencks a 3
Guineen ganz vollkommen treuhertzig machte und dieselbe inständig bat ihn nur
hinauf in das Zimmer zu führen wo beide Frantzosen schliefen indem er ein
recht vertrauter Freund von allen beiden sei indem er so gut Frantzösisch als
Englisch parliren könnte Die Wirtin ließ sich also ohne ferneres Bedenken und
in Betrachtung der schönen GoldStücke deren sie vielleicht noch mehr zu
fischen verhoffte dahin bewegen dass sie uns alle 3 in das Zimmer hinauf
führte allwo beide verliebte Frantzösische Seelen im Bette angetroffen wurden
und einander umarmten auch sich keines Bösen befahreten bis ihr mein Herr oder
Frau wie ich sagen mag seinen geschliffenen Degen zwischen beiden Brüsten
ganz sanfte hindurch bohrete da sie denn der Wirtin rieff und dieselbe
fragte was im Hause und hier oben vorgienge Nichts Madame antwortete die
Wirtin schlafet nur ganz ruhig denn ich bin selber da
Mir kam so wohl über die Frage als über die Antwort dieser beiden Personen
ein hertzliches stilles Lachen an doch da ich merkte dass sich der Franzose
rührete und umwenden wollte stieß ich meinen Kameraden in die Seite um auf
allen Fall unsere Pistolen parat zu halten weilen man bereits das Blut unter
dem Bette hervor laufen sah Mein Herr wollte zwar der Wirtin mit 6 Guinees
ein Stillschweigen auferlegen allein diese wollte sich nicht weiter treuhertzig
machen lassen sondern durchaus nach der Wache schicken Demnach begaben wir uns
erstlich an die Fenster um frische Luft zu schöpffen wurden aber gewahr dass
sich eine gewaltige Menge vom Pöbel in selbiger Gegend versammlete fragten
demnach die Wirtin was der Lerm auf der Straße zu bedeuten hätte worauf sie
zur Antwort gab Meine Herrn dieser Lerm geht nicht uns sondern die
ZollBedienten an welches nichts ungewöhnliches ist wird sich aber mit Anbruch
des Tages wohl legen Indem wir nun die Frau Wirtin in allen Stücken ganz
höflich und freundlich sahen begaben wir uns wieder hinunter in das Haus und
forderten 3 Bouteillen Wein nebst etwas Zubehör welches alles die immer
liebreicher scheinende Frau Wirtin sogleich brachte und sich mit unsern so
genannten Herrn in ein vertrauliches Gespräch einließ welches wir beiden Diener
nicht verstehen konnten
Ich will euch fiel hier meine Mutter dem Laquay in die Rede dasselbe
allerseits dergestalt noch vorsagen als es gehalten worden denn erstlich
fragte die Wirtin wie es möglich gewesen dass ich ein so wunderschönes
Frauenzimmer hätte in ihrer besten Ruh entleiben können worauf ich derselben
zur Antwort gab Madame es laufft allerdings wider mein Naturell einen guten
Hund geschweige denn ein Frauenzimmer zu töten weilen ich wie sie sehen
können selber dieses Geschlechts bin allein diese FrantzosenHure hat mir
erstlich meinen Mann verführet und zum Ehebruche verleitet hiernächst mich und
meine Kinder um gewaltige GeldSummen gebracht aber alles dieses möchte noch
hingegangen sein wenn sie mir nur diesen Tort nicht angetan und meinen
Ehemann der von den Vornehmsten des Englischen Adels herstammet durch ihren
Beischläffer so viel ich vernommen auch so gar meuchelmörderischer Weise um
sein noch ziemlich junges Leben bringen lassen Es hat mir sprach ich ferner zu
der Wirtin hier in ihrem Hause an weiter nichts gefehlt als an der Zeit und
Gelegenheit allein ich hoffe dass mir der Himmel doch noch diesen mörderischen
Frantzosen in die Hände führen wird da ich denn nicht fackeln werde ihm durch
meine eigene Faust das LebensLicht auszublasen und meinen Mann zu besuchen in
das Reich der Toten zu schicken sollte ich auch gleich meinen Kopf auf dem
Chavotte müssen fliegen lassen so mache ich mir dennoch eben so wenig daraus
als ob ich zehen Köpffe hätte Hierauf sagte die Wirtin ganz heimlich und
vertraulich Madame ich habe genug gehört kann aber nicht gar viel darzu sagen
unterdessen weilen ich ihnen zu Gefallen noch nicht nach der Wache geschickt
und die Sache melden lassen so folgt meinem getreuen Rate und mischet euch
noch bei guter Zeit mitten unter den Pöbel wessentwegen euch denn auch meine
HausTüre nicht soll abgeschlossen werden
Nachdem ich der Frau Wirtin vor dieses gute Erbieten einen Kuss auf gute
Landsmännische Manier versetzt war mir noch einmal so wohl ums Hertze als
vorher befahl auch derselben meinen beiden Leuten auf mein Konto noch so viel
zu trincken zu geben als sie nur immer beliebten weilen ich alles bezahlen
wollte als zu dem Ende ich ihr der Wirtin noch 3 Guinees in die Hand drückte
und meine Leute nach meiner Pfeiffe stimmete Wie nun der helle lichte Tag
bereits angebrochen war als kam der Monsieur Franzmann die Treppe herunter
spatzieret und ging in einen kleinen hinter dem Hause gelegenen LustGarten
um sich daselbst zu divertiren ich folgte ihm auf dem Fuße nach und wunderte
mich über weiter nichts mehr als dass er keinen Verdacht weder auf meine Person
Kleidung noch sonstes etwas legte Wir waren aber kaum etliche 20 Schritte
zwischen den BlumenBeeten herum spaziert als ich mir gefallen ließ einige
der schönsten Blumen die nach meinen Appetite waren abzupflücken worüber sich
der Franzose mit allerhand anzüglichen Reden verlauten ließ dass dieses keine
Manier sondern eine Anzeigung eines schlechten Verstandes und geringer
Höflichkeit sei so kam es unter uns bald zu hässlichen SchimpffWorten und
obgleich die dabei stehende Wirtin ferneren Streit zu verhüten sich
erklärete wie sie sich aus dergleichen Kleinigkeiten nichts machte sondern
dieselben allen ihren Gästen welche Belieben darzu trügen Preis gäbe so wollte
der Franzose sich jedennoch nicht zufrieden geben sondern schimpffete immer
noch heftiger auf mich los da ich ihm denn mit Worten gleichfalls nichts
schuldig blieb Er aber zog seinen Degen ging mir damit in einem breiten Wege
sehr hitzig zu Leibe ich hergegen war gelassen und ging anfänglich sehr
behutsam mit Ausparirung seiner Stöße da er mir aber endlich immer
gefährlicher zu Leibe ging versetzte ich ihm oben einen Stoß durch die rechte
Brust dem noch einer folgte welcher vermutlich durch sein Hertze ging indem
er mit den Worten die auf deutsch ich habe genug heißen wie ein Baum
umfiel und fast gar kein Zeichen des Lebens wehr von sich gab Nunmehr begunte
mir erstlich recht sehr bange zu werden wie es mir ergehen würde allein die
Wirtin die entweder aus Mittleiden weil sie wusste dass ich ein Frauenzimmer
war oder vielleicht aus ihren eigennützigen Ursachen durch diesen Zufall ganz
bestürtzt worden kam mit sachten Schritten auf mich zugegangen und sagte
Meine Freundin Ihr habt euch ritterlich genug gehalten deswegen seid auf eure
Flucht bedacht denn mir ist mit eurem Schaden und Unglück nicht gedienet
Hiermit öffnete mir die gute Frau die HinterTür des Gärtgens wodurch sie mich
hinaus ließ da ich ihr denn noch 3 Guinees in die Hand druckte und bat dahin
besorgt zu sein dass auch meine 2 Bedienten mir bald nachfolgen könnten Dieses
zu bewerckstelligen lief sie selber vor ins Haus und brachte zu meiner
größten Freude meine Bedienten geführet welche denn so wohl als ich von ihr
hinaus gelassen wurden da wir uns denn alle 3 gar bald erstlich unter den
Pöbel verteileten jedoch auch gar bald einander wieder antraffen und keinen
Augenblick Zeit versäumeten euch meine liebe Tochter heimzusuchen weilen wir
alle wohl wissen dass ihr Zeit unserer Abwesenheit euch tausend Kummer und
Sorgen werdet gemacht haben
Gott sei ewig gelobt sprach ich zu meiner Mutter dass er ihre Person bei
diesem gefährlichen Handel so väterlich behütet hat dieser ist mein lebendiger
Zeuge dass meine Augen Zeit ihrer Abwesenheit gar nicht sind trocken worden und
dieser wolle fernerweit unser Beistand sein denn wir haben meines Erachtens
noch viel schwere Berge zu übersteigen vor uns
Indem nun meine Mutter und ich so wohl bei Tage als bei NachtsZeit mit
sorgsamen Gedanken beschaftiget waren weilen mir keinen Schluss fassen konnten
an wen wir uns wegen unserer Forderungen addressiren wollten führte endlich der
Himmel unverhofft eine Person in unser Logis welche wir beide recht als einen
Engel bewillkommeten
Es war diese Person Mons Barlei ein junger Lord der schon in meinem 13ten
Jahre da mein Vater noch SchlossHauptmann gewesen bei meinen beiden Eltern
angehalten mich als diese ihre Tochter an keinen andern Menschen zu
verheiraten als an ihn Wie nun meine Eltern ihm zur Antwort erteilet dass es
noch viel zu frühzeitig mit ihrer Tochter sei dieselbe zu verheiraten er aber
wohl schwerlich von wegen seiner eigenen Jahre Standes und großen Vermögens
nicht leicht vor ratsam befinden würde auf dieselbe zu warten weilen er
mittler Zeit als diese vollkommen aufgewachsen wäre 10 ja mehr weit
profitablere Partien im Heiraten antreffen könnte Demnach solle er sich eine
Sache die ihm vielleicht bald hernach als er seinen Zweck erreicht gereuen
könnte viel lieber aus den Gedanken schlagen so könne er vergnügt und wir alle
ohne Sorgen leben
Allein dieser mein Liebhaber welchen ich zu mahlen bei unsern offtmahligen
verwirrten HausSachen jederzeit treu und redlich erfunden hatte sich damals
und auch in folgender Zeit an alle dergleichen ihm verdrießlichen Abfertigungen
wenig gekehret sondern war mir eine Zeit wie die andere getreu und beständig
geblieben und zwar ohne dass ich einen besonderen Wohlgefallen darüber
empfunden Denn ich fürchtete mich schon von meiner Jugend an ganz entsetzlich
vor dem Heiraten weilen mir der so genannte Englische Wahrsager und zwar der
Uralte nicht viel Guts in der Helffte meiner Jahre zu genießen vorher gesagt
hatte Um aber meine Geschichte nicht weitläufftig zu machen so will nur so
viel sagen dass dieser Mons Barlei noch bei LebZeiten meines Vaters ehe
derselbe in die letztern Verdrießlichkeiten geraten zum öffteren in Londen zu
uns gekommen und die ehemahlige Bekanntschaft erneuert nachher aber nur sehr
sparsame Visiten bei uns abgelegt weilen er wohl gemerckt dass es nicht allzu
gut um unsere Wirtschaft stünde da ihm aber unsere Fatalitäten zu Ohren
kamen kam er so zu sagen als ein von Gott gesandter heiliger Engel und
brachte uns zu allererst die besondere Nachricht dass die Entleibung der
Französin so wohl als auch des Franzosen nicht allein in der ganzen Stadt
sondern auch bereits bei Hofe ruchtbar worden indem die Wirtin und Domestiquen
des Logis worinnen die Französische Komoediantin logirt alles umständlich
erzählen und endlich bekräfftigen müssen jedoch hätten Ihr Majestät der König
selbst sich dergestalt allergnädigst verlauten lassen Man müsse bei der
angegebenen Deliquentin zumahlen da sie eine gebohrne vornehme Engeländerin
wäre die Sache recht wohl untersuchen indem AllerhöchstDieselben vor diessmahl
gewisser Ursachen und Umstände wegen lieber Gnade als recht ergehen zu lassen
gesonnen wären etc
Dieses war nun schon ein ziemlich starcker Trost vor mich und meine Mutter
den uns dieser Freund zum ersten mahle brachte allein der ehrliche Mensch
dienete uns in weit mehreren Stücken denn da ihm meine Mutter das Geheimnis
wegen unserer starken SchuldForderungen entdeckte war seine erste Anfrage
diese Ob er wenn er auch nur die Helffte davon ausgeklagt auch mich zur
Gemahlin haben sollte welches denn meine Mutter und auch ich ihm mit Hand und
Mund versprachen Demnach war Barlei vollkommen wohl mit uns zufrieden und ließ
sich unsere Geschäffte dergestalt angelegen sein dass er weder Tag noch Nacht
Ruhe hatte bis er versprochener Massen die Helffte unserer Forderungen
ausgeklagt und noch ein weit mehreres welches alles er denn zu meiner Mutter
sichern Händen lieferte Hierauf drunge er auf das Beilager mit meiner Person
ungeachtet ich ihn nun an meine Mutter verwiese indem dieselbe obgleich etwas
älter jedoch weit schöner und reicher als ich wäre so wollte doch mein Barlei
auch hiervon nichts hören sondern sagte nur soviel Kurtz ich liebe eure
Person eintzig und allein auf der Welt und setzte gegen euch Printzessinnen
zurücke wenn sie mich auch haben wollten aus was Ursachen aber ich euch liebe
solches ist mir ohnmöglich zu sagen
Sich zu einer Heirat zu entschließen mag wohl eine solche Sache sein die
dem Menschen vorher lange im Kopffe herum gehen muss allein bei unsern
damaligen Umständen erforderte es allerdings wohl die Not mich nicht länger
zu weigern zumahlen da mir meine Mutter und mein Liebster fast keine Stunde
mehr zur weitern BedenckZeit vergönnen wollten
Demnach wurden wir endlich fast ehe es mir gefällig war des Handels
vollkommen einig und celebrirten unser Beilager ohne gewöhnliches unnötiges
Gepränge hatten auch niemanden auser meiner Mutter dabei als 12 Herrn und
Frauen aus Londen die wir noch vor unsere besten Freunde schätzten
Nachdem nun auch dieses geschehen und vorbei war wir beide neugebackenen
Eheleute auch kaum 4 Wochen vergnügt beisammen gelebt hatten kam eines Abends
mein Barlei sehr stark verwundet nach Hause indem er zu sagen wusste wie er
einiger Massen recht unter die Mörder gefallen und dergestalt von ihnen
zugerichtet worden dass er vielleicht seinen Geist dieserwegen aufgeben müsste
Es waren eben zwei Englische KauffLeute bei uns welche einige GeldSummen
vor uns zahleten und dem Herrn von Barlei das Verständnis ziemlicher Massen
eröffneten indem sie ihm sagten dass dieses sein Unglück von niemanden anders
herrührte als von einem gewissen Mäckler den man noch zur Zeit nicht in die
Gülde der Kauffmañschaft einnehmen wollen und mit dessen Tochter der Herr von
Barlei sich zu vermählen vor einiger Zeit auch ihm ein Schiff nach OstIndien
auf dessen Verlag zu führen anheischig gemacht nachher aber das Wort nicht
gehalten ungeachtet der Mäckler gesonnen gewesen vor ihn und seine Gemahlin
als dessen Tochter 20000 Gulden in Banco so zu sagen als zum HeiratsGute
einschreiben zu lassen Mein Barlei befand sich einiger Massen in seinen
Gewissen betroffen sagte aber dieses Mein Unglück mag herrühren wo es immer
wolle jedennoch werde ich nicht verzagen weilen nächst Gott meine
Redlichkeit und mein noch wiewohl eben nicht so gar sehr starckes Vermögen mir
durchhelffen muss Kurtz ich verlasse mich auf den Himmel meine Jugend und
meine Tapferkeit Wenn sie sagte der eine und älteste Kauffmann das
Principium haben so kann es ihnen nicht fehlen unterdessen weilen wir beide
einen guten SchiffsKapitain notig haben und zwar eine Person von Kondition
indem wir in Kompagnie ein vollkommen wohl ausgerüstetes Schiff liegen haben
welches nach OstIndien geführet werden soll als haben wir das besondere
Vertrauen zu Ew Herrl dieselben zu unsern SchiffsKapitain anzunehmen in
Hoffnung dass sie unsern Nutzen und Vorteil aufs bestmöglichste besorgen
werden und hiervor lassen wir ihnen gleich morgendes Tages oder wenn es
gefällig außer dem Ordinario alsofort 6000 Fl in Banco schreiben
Mein Barlei wollte sich anfänglich nicht entschließen mit diesen Leuten
etwas zu tun zu haben indem er nicht allein seine noch allzu neue Heirat
sondern auch seine schlechte Erfahrung im SeeWesen vorschützte jedoch alles
dieses und noch mehrere Entschuldigungen wollten bei diesen Kapitalisten nichts
gelten sondern sie trilleten ihn so lange bis er einen Kontract mit ihnen
schloss der zumahlen vor mich nächst dem vor meine Mutter ja alle die
Meinigen ungemein raisonable und profitable abgefasset war
Aber ich verfluche fast noch die Stunde da dieses geschehen ist denn
dieser Kontract hat mich um meinen lieben Mann gebracht Er hatte nachdem er
sich einmal engagirt wenig Zeit zu versäumen zu Schiffe zu gehen
wessentwegen auch meine Mutter und ich unsere MaßRegeln danach nehmen und
einrichten mussten jedoch schon gemeldte zwei redliche Kaufleute als meines
Mannes Principalen halffen uns was die GeldAffairen anbelangete binnen wenig
Tagen aus allen unsern Nöten indem wir das allermeiste Geld eincassirten das
übrige aber im Banco schreiben ließ
Endlich rückte der strenge Tag heran da ich mit meinem Manne unter Seegel
zu gehen uns beide nicht länger entbrechen konnten deswegen machten wir noch
eine kurtze Disposition nach gehaltener fernerer Verabredung auf alle Fälle mit
unserer lieben Mutter und traten nachher unsere Reise in Gottes Nahmen an
waren auch so glücklich in der Gegend des grünen Vorgebürges anzulangen ohne
vom Sturm und Wetter befallen zu werden bis uns endlich 3 Barbarische Schiffe
auf einmal überfielen und mit alleräusersten Gewalt zum Treffen zwungen Zwar
hätte ich fast glauben sollen wir hätten ihnen noch bei guter Zeit entkommen
können zumahlen da sie meinen Gedanken nach eine ziemlich billige Forderung
an uns taten allein mein Mann war wenn ich es deutlich sagen soll damals
wohl ein wenig zu hitzig und hielt mit behertztem Mute Stand ungeachtet er
sich weit übermannet sah und eben dieses hat ihm sein mir sehr kostbares
Leben gekostet indem ihm eine KanonenKugel den Kopf abgerissen Ich geriet
demnach in die Barbarische Sklaverei zusamt allen den Meinigen habe es aber
den beiden Herrn Kapitains Horn zu dancken dass sie uns nebst vielen andern
ChristenSlcaven erlöset wiewohl ich den Barbaren eben nicht nachsagen kann dass
sie mir und den Meinigen viel Uberlast getan hätten allein dieses hatte seine
besondere Ursachen indem ich ihnen nicht allein eine ziemlich starke Summa
RanzionGelder so gleich versichert und verschrieben sondern ein weit mehrers
zu tun versprach wenn sie uns wohl tractirten und je eher je lieber nach
Engeland oder wenigstens nach Gibraltar lieferten Allem wir haben Gott sei
gedanckt ihnen keinen Flitter geben dürffen weilen es uns von unsern tapffern
und freigebigen teuren Erlösern durchaus verboten wurde ihnen auch nur das
geringste zu zeigen geschweige denn zu geben Anbei muss die edle Tugend der
Großmut und Freigebigkeit zu rühmen nicht vergessen welche nicht allein die
beiden nie genug gepriesenen Kapitains Horn sondern auch 2 Portugiesische
Kapitains in unserm damaligen betrübten und verwirrten Zustande allen erlöseten
ChristenSklaven vornemlich aber auch mir und den Meinigen erwiesen Der Himmel
vergelte es ihnen und seegne sie alle auf LebensZeit Dieses muss ich aber noch
melden dass die Portugiesen so gütig waren und versprachen mich mit allem
meinem Zubehör und Haabseeligkeiten frei und franck in den ersten Englischen
KapitalHafen zu liefern Allein wie gern ich das Land und die Stadt meiner
Geburt vor meinem Ende wohl noch einmal sehen mögen so hatte ich doch in
meinem Hertzen einen besonderen Wiederwillen gegen die Portugiesen nicht so wohl
vor ihre Personen denn es waren in Wahrheit 2 artige Kavaliers von Person und
Ansehen aber ich fand etwas an ihnen das mir nicht gefiel und welches ich
itzo nicht sagen kann oder will Deswegen addressirte ich mich an unsern Haupt
Kommandeur den ältesten Kapitain Horn und bat ihn gewisser Ursachen wegen
weil ihm die Treue und Redlichkeit gegen seinen bedrängten Nächsten recht aus
den Augen leuchtete aufs allerwehmütigste mich nicht in die Hände der
Portugiesen kommen zu lassen sondern mir die Gefälligkeit zu erweisen und mich
so wohl als meinen Zubehör aufs Vorgebürge der guten Hoffnung mit sich zu
nehmen von dannen ich mich denn schon weiter nach einer gewissen OstIndischen
Insul zu kommen getrauete allwo mein seeliger Mann im Nahmen seiner Principalen
ungemein starke GeldPosten einzuheben auch dessfalls ein Blanquet zur
Vollmacht bekommen welches er mir unter seinen Schrifften hinterlassen hatte
Es versprach mir jetzt gemeldter Kapitain Horn zwar mich um weiter nichts zu
bekümmern sondern versicherte mich mit nächsten so bald es nur möglich wäre
auf das Kap zu bringen allein in diesem Stücke muss ich ihn wiewohl mit
frölichem und vergnügtem Hertzen einer Unwahrheit beschuldigen indem er mich an
Statt des Möhrischen Vorgebürges an diesen angenehmen Ort gebracht allwo ich
den Himmel oder so zu sagen nur eine der besten HauptKammern des Himmels auf
dem Erdboden angetroffen und mich nunmehr Zeit meines Lebens von dieser
glückseeligen Insul nicht wünschen will wenn einer von den vornehmsten
Einwohnern derselben mir nur das Glück gönnen will mich als eine Magd oder
KinderFrau bei sich zu behalten denn ich bin ohne eitlen Ruhm zu melden
geschickt nicht nur die saubersten Sachen mit der NehNadel zu verfertigen
sondern weiß auch mit Spitzenmachen Weben Spinnen und Stricken ganz wohl
umzugehen bin auch sonsten allerhand andere Haus und KüchenArbeit von Jugend
auf gewohnt Mein allerbester Trost ist dieser dass ich meine liebe Mutter
versorgt weiß weilen ich derselben nebst meinen kleineren Geschwister ein
solches Kapital zurück gelassen welches sie als eine gute Wirtin wohl
schwerlich ZeitLebens mit ihren Kindern verzehren wird und wenn sie sich auch
in künftiger Zeit zur andern Heirat bequemete indem sie noch eine wohl
ansehnliche vigoreuse Frau und fast noch in ihren beste Jahren ist Kurtz zu
sagen Ich werde mich weiter weder um mein Vaterland so wenig als um die ganze
Welt bekümmern wenn ich nur wie schon gemeldet die gütige Erlaubnis erhalten
auf dieser glückseeligen Insul und unter dem Zusammenhange der ungeheuchelten
auserlesensten Frauen mein mühseeliges Leben zu enden
Wie nun hiermit auch die Madame Barlei den ersten Teil ihrer
LebensGeschichte endete jedoch dabei meldete dass sie viele zur
HauptGeschicht nicht eben allerdings gehörige Weitläufftigkeiten bis auf eine
andere Zeit versparen wollte so steckte unser Insulanisches Frauenzimmer
erstlich die Köpffe ziemlich zusammen endlich aber wurde der Madame de Blac
als einer LandsMännin der Madame de Barlei ingleichen des Herrn Mag
Schmeltzers Sen Frau Liebste aufgetragen dieser Dame wegen bei dem Regenten
und MitRegenten Vorstellungen zu tun damit alles fein ordentlich zugehen
möchte Diese beide nahmen die Kommission mit Vergnügen auf sich kamen auch
weilen sie eben die grauen Häupter Vorsteher und Herrn Geistlichen bei dem
Regenten versammelt angetroffen noch vor Verlauf zweier Stunden wieder und
brachten vor die Madame von Barlei diesen erwünschten Bescheid zurück »Dass der
Madame von Barlei vollkommene Erlaubnis erteilet wäre im Nahmen der
hochheiligen Dreifaltigkeit auf dieser Insul bei uns zu bleiben so lange es ihr
gefällig wäre Auser dem sollte sie von dieser Stunde an vor keine Einkömlingin
etwa angesehen und gehalten werden im Gegenteil aber alles Recht genießen
dessen sich die GroßFelsenburger zu erfreuen hätten so wohl als ob sie auf
dieser Insul geboren und erzogen wäre wie sie denn ein jeder von uns er sei
männliches oder weibliches Geschlechts dergestalt achten und halten sollte als
ob sie eines jeden leibliche Schwester wäre etc«
Dieser Bescheid verursachte in dem Hertzen unserer Frauenzimmer eine
ungemeine Freude als welche die neu eingenommene Schwester Wechselweise
dermaßen umarmten hertzten und küsseten dass es fast zu verwundern wie diese
solche übermäßige Liebkosungen ausstehen konnte
Da nun Mons Litzberg und andere mehr das Frauenzimmer so auserordentlich
lustig sahen wurden dieselben auf einen großen Saal geführet und ihnen
daselbst eine unvergleichliche Vocal und Instrumental Musique gemacht denn ich
kann ohne eitle Prahlerei teuer versichern dass sich unsere Felsenburgischen
Musici so wohl Vocal als Instrumentalisten seit wenig Jahren in der Musique
dergestalt gebessert dass viele unter ihnen manchen so genannten Virtuosen in
Europa beschämen sollten woraus denn abzunehmen dass der Natur, wie man spüret
fast alles möglich ist zumahlen wenn Lust und Liebe zu einer Sache bei einem
tüchtigen Subjecto vorhanden sind. Demnach weilen zumahlen von unserm
Frauenzimmer immer Wechselsweise die schönsten und auserlesensten moralischen
Kantaten auch andere Arten von Komposition abgesungen wurden ging die Nacht
darüber hin und der Tag begunte schon anzubrechen ehe wir uns dessen versahen
doch fand sich niemand unter uns allen der die gehabte Lust und das Vergnügen
bereuete welches wir in abgewichener Nacht genossen hatten
Des folgenden Morgens da sich die Ältesten und Vorsteher so wohl als auch
die Hrn Geistlichen beim Regenten auf der AlbertsBurg zum Tée eingefunden
schickte der Regente auch an uns übrigen vom so genannten engeren Ausschusse
und ließ uns auf den Tée zu sich bitten indem er mit einem und andern etwas
notwendiges zu sprechen hätte demnach säumeten wir nicht uns bei ihm
einzustellen Es folgten also dem Kapitain Wolffgange und mir noch viele andere
als Mons de Blac Litzberg und andre Einkömmlinge auch kam der Kapitain Horn
Sen als wenn er geruffen wäre und berichtete wie er gestern abermals eine
Visitation der von ihm mitgebrachten Leute angestellet und dieselben in voller
Lust und Vergnügen angetroffen woraus zu schließen dass ihnen die LebensArt
auf der kleinen Insul eben nicht übel gefallen müsste
Der Regente und alle Beisitzer lobten seinen Fleiß in Besorgung unseres
Besten und gaben anbei zu vernehmen wie sie allerseits nicht wüsten womit sie
ihm eine rechte angenehme GegenGefälligkeit erweisen könnten Alles was
versetzte hierauf der Kapitain Horn Sen ich bis auf diese Stunde zum Nutzen
und Wohlstande dieser Insul Felsenburg nach meinem wenigen Vermögen etwa
beigetragen habe solches hat diejenige Schuldigkeit erfordert wozu ich mich
gleich von Anfange unserer Bekanntschaft anheischig und verbindlich gemacht
auch so gar des allerkleinesten Kindes Bestes nach meiner menschlichen
Möglichkeit zu befördern deswegen haben meine allerseits höchst und
hochgeehrteste Herren Obern Freunde und Brüder sich nicht die geringste Mühe
zu geben Ursach mir einige GegenGefälligkeiten zu erweisen es sei denn dass
dieselben allerseits meinem lieben Freunde und Bruder Eberhard Julio
einstimmig auferlegen wollten mir eine umständliche Nachricht zu geben von allen
dem was seit meiner Abwesenheit auf dieser Insul und was darzu behörig ist
vorgegangen
Wie nun so wohl der Regente als die andern alle mich Eberhard Julium
inständig baten des Kapitains Verlangen zu erfüllen als fing ich die
Fortsetzung dessen was ich ihm bereits gemeldet folgender Gestalt an
Ich zweiffele fast mein wertester Freund und Bruder dass ihr nach eurer
letztern Abreise von uns kaum etwa die Linie erreicht habt als wir wegen des
beständigen SturmWetters eurentwegen sehr besorgt waren und um so viel desto
fleißiger vor euch und eure ReiseGeferten beteten weilen ein beständiger
NordWind dergestalt tobte als man sich seit langer Zeit nicht zu entsinnen
wusste es währete derselbe mit seinem Wüten fast bis in die dritte Woche und
wir bekamen dadurch von Tage zu Tage ein erstaunliches Stück Arbeit weilen die
Wellen alle Nächte dergestalt viel von zerscheiterten Schiffen auf unsere
SandBäncke und an den Fuß unsers Felsens geführet dass wir immer mehr und mehr
aufzuräumen bekamen ja mit wenig Worten zu sagen unserer bevorstehenden
Arbeit kein Ende sahen Jedennoch ließ wir uns endlich dieselbe anzutreten
nicht verdrüssen sondern es machte sich Alt und Jung von beiderlei Geschlechte
mit gröstem Eifer daran da wir denn die auserlesensten besten und kostbarsten
Sachen immer nach und nach in die Höhe auf die Insul brachten das MittelGut
und Waren verschiedener Sorten aber so wir nicht eben allzu höchstnötig
brauchten brachten wir unten in die Klüffte des Felsens und weilen die Menge
des Holtzes von zerscheiterten Schiffen dergestalt groß war dass wir selbiges
bald unmöglich alles auf die Insul bringen konnten so ließ wir vieles liegen
wo es lag hergegen wurde so wohl bei Tags als NachtsZeit unten am Fuße des
Felsens auch eine ganz erstaunliche Menge verbrannt weilen es wegen des
heftig tobenden NordWindes eine so grimmige Kälte war dass wir des Feuers
nicht wohl entbehren konnten Es ist nicht zu leugnen dass wir um diese Zeit
entsetzliche Schätze an Gold Silber Perlen Edelgesteinen von mancherlei
Sorten auffischeten und auf die Insul schafften was nun die PackFässer
Ballen und verwahrten Kisten anbelangete so bedeckten wir damit das Land vor
Davids und AlbertsRaum bis zur Burg des Regenten dergestalt dass fast kein
Apffel dazwischen auf die Erde fallen konnte Demnach hatten unsere Obern zu
steuren und zu wehren genug um das Volck von der Arbeit abwendig zu machen
weilen wir ja alles dessen im größten Uberflusse hätten was sie mit so
blutsaurem Schweiße herauf brächten Unter der Zeit war Mons Plagern und
seinen MitGehülffen die Lust angekommen Glocken zu gießen und zwar aus
dieser Ursache weilen sich in einem Teile unserer ErtzGebirge ein so
vortreffliches Metall befände welches sich unvergleichlich schön zum
Glockengießen schickte wie sie denn auch 6 schöne Glocken gegossen deren
zum Teil einige noch unaufgehenckt zu sehen sind Da diese Giesserei ihnen so
wohl von statten gegangen versuchten sie auch Kanonen von verschiedener Größe
zu gießen in welchen sie so glücklich jä fast noch glücklicher waren als im
Glockengießen indem sie 12 unvergleichliche Kanonen von verschiedener Größe
zu Wege brachten ingleichen 8 FeuerMörser um Bomben daraus werffen zu
können auch gossen sie eine gewaltige Quantität Kugeln von verschiedener
Größe Das Bombengießen welches doch eine schlechte Kunst zu sein scheint
wollte ihnen anfänglich gar nicht gelingen jedoch da ein einziger unter den
Künstlern plötzlich hinter den Vorteil kam gossen sie binnen 14 Tagen mehr
als 2000 Bomben ebenfalls von verschiedenem Gewichte oder Größe Wir brachten
also die neu gegossenen Kanonen zum Teil ins Zeughaus zum Teil aber oben auf
die Höhen bei die SchilderHäuser und nahmen die alten genug gebrauchten davor
mit zurück herunter wie denn die FeuerMörser auch nach 3 Gegenden zu
eingeteilet wurden ausgenommen 2 welche auf der AlbertsBurg liegen blieben
Bei jeglicher Station wurde eine hinlängliche Menge Bomben und Kugeln hingelegt
nicht anders als ob wir uns eines feindlichen Angriffs und Belagerung zu
besorgen hätten Unterdessen sperreten alle Felsenburgische Einwohner fast die
Mäuler und Nasen auf als sie uns die Probe mit den Bomben nach der kleinen
Insul hin ingleichen gegen Norden nach den SandBäncken zu machen sahen wie
wir denn auch verschiedene zur Lust in die offenbare See spieleten und darinnen
versincken ließ Es hatten weder der Regente noch unsere Ältesten
ingleichen die Herrn Geistlichen sonsten keine besondere Wissenschaft von der
BombenSpielerei als was sie etwa aus Büchern gelesen jedoch will ich es Zeit
meines Lebens nicht vergessen dass Herr Mag Schmeltzer Sen eines Abends da er
Mons Plagern von ungefähr antraf also zu ihm redete Mein Bruder eure Kunst
ist Lobens und Rühmens wert allein Gott verhüte dass wir nicht erleben
selbige anders als zur Lust und gegen keine Feinde zu gebrauchen Ich sage noch
einmal Gott verhüte dieses denn in meinem Lande wenn die jungen Knaben mit
Drommeln und Gewehr das so genannte SoldatenSpiel zu spielen anfangen machen
sich die Alten so gleich sorgsame Gedanken wegen eines bevorstehenden Krieges
Wie wir nun Herrn Mag Schmeltzern weilen wir in unsern JugendJahren ebenfalls
dergleichen erfahren und zwar dass zum öffteren ein blutiger Krieg darauf
erfolgt wohl Recht gaben so hätten wir unsers Ort eben doch noch keine Ursach
uns sorgsame Gedanken wegen eines Kriegs zu machen zumahlen da wir uns
täglich ja stündlich im Stande befänden unsern Feinden Wiederstand zu tun
Wohl gut mein Bruder gab Hr M Schmeltzer darauf zur Antwort Felsenburg ist
mit recht eine KapitalVestung zu nennen aber nur ewig Schade dass sie nicht
mit Ketten am Himmel hanget auch habe ich an der Garnison ganz und gar nichts
auszusetzen weilen dieselbe aus lauter tapffern Leuten bestehet so wohl
männliches als weibliches Geschlechts allein wenn Verräterei und List mit ins
Spiel kommt so hat man nicht ein sondern viele Exempel dass auch die
allervestesten BergSchlösser sind überrumpelt und erobert worden
Ich kann nicht anders sagen und glauben als dass Herr Mag Schmeltzer damals
gegen mich und viele andere noch bei mir stehende dessfalls einen rechten
ProphetenGeist gehabt denn was darauf erfolgte will ich bald vollends
erzählen vorjetzo aber nur so viel sagen dass wir wenig Tage hernach dieses
Gespräch wie man zu sagen pflegt bald wieder verschwatzten und fast gar nicht
weiter daran gedachten sondern unser Gebet und Arbeit wie sonst gewöhnlich
verrichteten im übrigen den lieben Gott walten ließ
Nachdem aber das bisherige grausame SturmWetter sich gänzlich gelegt und
wir eine ganz stille Luft zwischen Westen und Norden daher streichend
empfanden so besänftigten sich auch unsere Gemüter wieder zumahlen da wir
uns nach so entsetzlichen Stürmen eines angenehmen Frühlings und darauf
folgenden ebenmässig lieblichen Sommers getrösteten Wir hatten diese Hoffnung
ganz und gar nicht umsonst indem es die alles erquickende Sonne dem gemeinen
Sprichworte nach dergestalt gut mit uns meinte dass wir dem Allerhöchsten vor
dieses große WunderGeschöpffe auch dessen Krafft und Würckung zu loben und zu
preisen in unsern Seelen ermuntert wurden und recht danach lieffen
sonderlich die Kinder welche sich eine besondere Freude daraus machten wann
sie die Sonne konnten auf und niedergehen sehen Bei solcher Gelegenheit
bemerckten wir nach etlichen Tagen dass allezeit früh wenn sich die Sonne aus
dem OstMeer erhub um uns mit ihren holden Strahlen zu ergötzen ein gewaltiger
Schwarm großer Vögel die noch etwas ja ein sehr vieles größer als die
wilden Endten waren von der Gegend zwischen WestNord daher gezogen kamen und
ihren Flug nach dem SüdPol über unsere Insul hinnahmen
Anfänglich oder in den ersten 20 bis 30 Tagen bemerckten wir dass
dieselben nur in eintzelnen Schaaren geflogen kamen deren Zahl ungefähr von
etliche 100 stark sein mochte weilen dieselben zu zählen eine fast
unmögliche Sache zu sein schien jedoch sahen wir dass eine jede Schaar
derselben ihre Abteilung und Einteilung ungemein wohl observirte wie denn
auch eine jede solche Schaar ihre besonderen Führer hatte welche gemeiniglich
als ein Kleeblat voraus gezogen kamen und etwas größer und wichtiger zu sein
schienen als die hinter ihnen folgenden gemeinen Vögel jedoch sah man
klärlich dass einige welche ihre besonderen subdivisiones führten ebenfalls
etwas größer von Gestalt waren welche Gestalt man aber wegen der gewaltigen
Höhe mit dem Gesichte auch nicht einmal mit den FernGläsern genau in Obacht
nehmen konnte Wie nun nach Verlauf beinahe eines ganzen Monats die Schaaren
deren wir einige über 1000 Stück stark schätzten sich alle Morgen und Abende
bei Auf und Niedergange der Sonnen immer näher und näher an einander schlossen
so verdunckelten sie die Luft und den Himmel dergestalt dass wir wenn die
HauptArmée gezogen kam auch noch bei hellem lichten Tage weder schreiben noch
lesen konnten sondern in einer würcklichen Demmerung zu sitzen uns mussten
gefallen lassen Da die von mir so genannte HauptArmée über unsern Horizont
fort passiert war kamen in etlichen Tagen hernach nur einzelne Schaaren gezogen
welche meines Erachtens eine so genannte kleine ArrierGuarde vorstellen sollten
Wie nun mir der unordentliche Appetit gleich vom Anfange dieses VogelZuges
angekommen war dererselben einen oder etliche zu schießen so ärgerte mich
aber dabei nur dieses dass sie sich mir zu dem Schusse in der Luft nicht in
etwas niedersencken geschweige denn sich gar auf den Erdboden niederlassen
wollten vielmehr ihre Sicherheit in der ihnen nach ihrem Geruch und Geschmack
temperirten Luft fort und fort suchten Auser dem fanden sich einige
Abergläubige die da gern wollten läuten hören aber noch nicht alle wussten wo
unsere Glocken hiengen zumahlen die letztern neuen und sehr wohlgeratenen
Glocken noch nicht einmal alle aufgezogen und an gehörigen Ort und Stelle
gebracht waren Wie nun aber gemeiniglich ein Aberglaube den andern zu Hilfe
rufft die Geister der Menschen zu verwirren so wurde mir auch von den Obern
und Hn Geistlichen sehr verübelt wenn ich den so genannten Frevel begehen und
nur einen einzigen von diesen fremden Vögeln zu schießen mich unterfangen
würde indem dieses eine Sache wäre die uns allen zum allergrößten Schaden und
Verderben gereichen könnte
Was dieser Sache wegen ob nämlich bei solchen fürchterlichen Zeiten so
wohl dieser Art Vögel als Verkündiger göttlicher StraffGerichte vorsetzlicher
und freveler Weise tot zu schießen billig christlich und ratsam sei unter
uns nachher vor öfftere ordentliche so genannte Disputationes gehalten worden
will ich vorjetzo nicht eben weitläufftig melden sondern nur einen jeden
fragen ob wenn uns Gott Heuschrecken Frösche Kröten und anderes Ungeziefer
von vielerlei Arten zum Schrecken und Züchtigung zuschickt wir uns ein
besonderes Gewissen machen sollten eine solche Heuschrecke Maus Ratte Kröte
Schlange oder was es sonsten vor eine Art von PlageGeistern sein möchte zu
ertreten zu erspiessen zu verbrennen oder auf allerhand anderer Manier um
ihr uns schädlich scheinendes Leben zu bringen
Ich kann nicht leugnen dass mir die Herrn Teologi in den meisten Stücken
ziemlicher Massen überlegen waren welches ganz und gar nicht zu verwundern
ist, indem ich mich beides vor einen schlechten Philosophum und noch
schlechtern Physicum auszugeben die vollenkommenste Ursache habe
Dieses aber sei vor dissmahl bei Seite gesetzt denn ich will nichts anders
reden als die Wahrheit wie es mir nämlich damals nicht anders erging als wie
unserer UrGroßMutter der Eva im Paradiese welche nicht eher Friede und Ruhe
zu haben vermeinte bis sie den verbotenen Apffel im Munde oder wohl ganz und
gar im Leibe hatte Ohngeachtet ich nun kein Frauenzimmer sondern bekannter
Massen eine MannsPerson bin so erstreckte sich die Lüsternheit doch dergestalt
einiger Massen über meine gesunde Vernunft dass ich weder Tag noch Nacht ruhen
noch rasten konnte bis ich mir meiner Einbildung nach das einzige Vergnügen
geschafft einen solchen Vogel in meinen Händen zu haben und zu rupffen Demnach
ließ ich 3 leichte StückgenGeschütz die ich mit Kartetschen laden konnte
unten an den Fuß unsers Berges bringen eben so viel pflantzte ich auf die
Alberts und noch so viel auf die DavidsRaumerHöhe bestellete mir auch
getreue Leute und Anhänger die vermittelst ganz leichter Boote die Vögel
wenn ich deren ja allenfalls einige treffen sollte aus der See sogleich herauf
langen möchten
Dieses alles aber stellte ich in größter Geheimnis an damit die Eltern
von unserm Vorhaben nichts erfahren sollten indem es ihnen zu wissen ohne dem
dieses mahl eben nicht nötig zu sein schiene Auch muss ich nicht zu melden
vergessen dass der Kapitain Wolffgang Mons Blac und Mons Litzberg eben
dergleichen leichte Stücke woraus man vortreffliche Kartetschen schießen
konnte auf einige SandBäncke pflantzen lassen sich so wohl als ich und zwar
abgeredeter Massen selbst mit einiger Mannschaft dahin begeben hatten demnach
wollten wir auf beiden Seiten unser Glück erwarten ob es nämlich denen die oben
auf dem Felsen stunden oder denen so unten auf den SandBäncken sich befänden
am allergeneigtesten sich erzeigen wollte
Wir die wir die oberste Nummer auf dem Felsen genommen hatten gaben zwar
so wohl Achtung auf die Ankunft der Vögel mussten aber geschehen lassen dass
die unten auf den SandBäncken glücklicher waren als wir indem nach Losszündung
dreier Geschütze eine ungezählte Anzahl von Vögeln gefallen von denen sie uns
aber nicht mehr als 11 Stück und zwar gleich mit Aufgang der Sonnen herauf
schickten um uns so zu sagen zu braviren dass wir nicht auch Feuer gegeben
und etwas getroffen hätten
Mir war nur lieb dass ich einen oder etliche von dieser Art Vögeln zu sehen
bekam indem mich wie schon gemeldet weit mehr danach gelüstert als einer
auf schwerem Fuße gehenden Frau Jedoch wir auf dem Felsen Laurende waren
dennoch auch so glücklich in 4 Schüssen so viele herunter zu schießen dass
davon 6 Stück aufgefischt und zu uns gebracht werden konnten
Nun war mein sehnliches Verlangen zwar in diesem Stücke gestillet allein
ich konnte mich dennoch nicht eher zufrieden geben bis ich diese Vögel mit
Beihülffe Mons Cramers und anderer erstlich von außen sehr bedachtsam
gerupfft nachher von innen recht nach der Kunst anatomiret hatte Da wir denn
befanden dass sie alle einer so wohl als der andere NB Hier muss ich melden
dass meine Konsorten und ich auf dem Felsen so glücklich gewesen einen so
genannten Offizier oder Anführer des Heers zu treffen eine feuerfarbene Krone
oder FederFusch auf den Häuptern trugen denn hierinnen war so wohl bei den
großen als kleinen kein Unterscheid Nächst dem hatten dieselben einen aus dem
Kopfe heraus ragenden Schnabel so wie fast eine Gans bei uns zu haben pflegt
nur um ein gut Teil länger in welchem Schnabel inwendig eine Art von Zähnen
befindlich welche mit den Zähnen oder Kienbacken der Hechte eine große
Gleichheit haben Auf beiden Seiten der Kienbacken unter den Augen sah man zwei
recht zierliche und auch recht sehr scharffe kleine Schwerdterchen hervor gehen
welche sie so schnell bewegen konnten als man ein ScheerMesser in seiner
Schaale und Angel zu bewegen pflegt Der Hals zeigte sich bund als grün gelb
rötlich und blaulich durch einander vermischt Die Brust Aschfarbe und der
Bauch mit lauter schönen weißen Federn bewachsen In den Flügeln fanden sich
die schönsten Spulen die man sehr wohl zu SchreibeFedern gebrauchen konnte und
der Schwantz machte so wohl als die Flügel eine ungemeine Parade wenn
dieselben ausgebreitet wurden indem die Federn so wohl im Schwantze als in den
Flügeln in recht artiger Verwechselung stunden nämlich rot grün gelb blau
etc so dass wir unser Vergnügen daran hatten dieselben ohne ihnen die Haare
abzustreiffen zum Gedächtnis dieser Sache mit größter Behutsamkeit
aufzutrocknen und zu verwahren
Wie glücklich nun aber unsere Vogelschiesserei auch abgelauffen war so
mussten wir uns doch alle gefallen lassen von unsern Obern und Ältesten einen
kleinen Wischer oder Verweis einzunehmen denn ob sie die besonderen Vögel gleich
mit größter Verwunderung betrachteten und deren Zierlichkeit nicht gnugsam
rühmen konnten so blieben sie doch bei dem Aberglauben dass es weit besser wäre
getan gewesen wenn wir alle dieselben ungestöhrt hätten ihres Weges ziehen
und sie ihr vorgesetztes Ziel erreichen lassen zumahlen da es eine Art von
Vögeln die uns sehr wenig oder wohl gar keinen Schaden weder an den
FeldFrüchten noch Wohnungen verursachen können Wir VogelSchützen aber
ließ alles dieses zu einem Ohre hinein und zum andern wieder heraus gehen
wurden auch ich weiß selbst nicht warum immer hitziger auf das
KriegsHandwerck
Demnach legte Monsieur Plager noch eine ganz neue Fabrique an allerhand
HandGewehr zu verfertigen als wozu er in einem Tage mehr als 20 Gesellen und
LehrPursche zu übernehmen bekam indem diese alle ganz besondere Lust zu
dergleichen Profession bezeigten und sich recht darzu drungen Auch wurde das
Mörser Bomben Granaden und Kugel von mancherlei Größe vom gemeldten
Monsieur Plagern und seinen Gehülffen auch zum öffteren so gar bei NachtsZeit
fortgesetzt um einen recht wichtigen Vorrat herbei zu schaffen und wenn man
ihn fragte wozu ein so starcker Uberfluss dienen sollte gab er gemeiniglich zur
Antwort Ists noch kein Danck dass ich unsere Zeughäuser anfülle was wir nicht
brauchen können vielleicht wohl unsere Kinder und Nachkommen nötig haben denn
man kann nicht wissen wie sich die Zeiten ändern ists nicht eher so geschichts
vielleicht nach unserm Tode
Solcher Gestalt wurden binnen weniger Zeit unsere Zeughäuser dergestalt
angefüllet dass fast kein Platz und Raum mehr vorhanden war wo das grobe
Geschütz stehen sollten ja es war kein leerer Haacken oder Nagel anzutreffen
an dem nicht eine Büchse Flinte Pistole etc Palläsche und andere dergleichen
Gerätschaft hing wie es denn bis diese Stunde noch also beschaffen und
anzutreffen ist
Endlich aber wurde die martialische Arbeit bei Seite gesetzt hergegen
bemühete sich ein jeder Hauswirt alles das was ihm in seinem Hause Gärten
und Feldern zu Schaden gekommen wieder in behörige Ordnung zu bringen damit
wir den Frühling und Sommer desto vergnügter leben könnten da man zu sagen
pflegt nach vorher getaner Arbeit ist gut ruhen
Allein der Höchste hatte vor diesesmahl nach seinem gnädigen Wohlgefallen
und zwar noch deutlicher zu sagen wohl ehe unserer Sünden wegen in seinem
Zorne beschlossen unsere stoltze Ruh abermals zu stöhren und uns zu zeigen
dass er als der Allmächtige über uns lebte und nach seinem Gefallen mit uns
umgehen könne wie er nur immer selber wolle
Dieses konnten wir zu allererst aus dem Berichte eines
DavidsRaumerSchildWächters bemercken als welcher zu vernehmen gab dass man
nun schon seit 2 bis 3 Tagen her in der Gegend der SandBäncke ein Schiff herum
irren sehen weilen es aber keine NotSchüsse getan so hätte auch er
Bedenken getragen auf der Insul Lerm zu machen zumahlen da gedachtes Schiff
nur ein und andere Waren aufgefischt Kapitain Wolffgang ich und noch
verschiedene andere mehr bestiegen deswegen die allerhöchste DavidsRaumer
Klippe und wurden so gleich gewahr dass es eine leichte Fregatte wäre von
welcher wir zwar die gelben Flaggen keines wegs aber die darein gemahlten
Wappen weder mit unsern FernGläsern viel weniger mit den bloßen Augen
eigentlich zu erkennen vermögend waren Indem wir nun diese Fregatte immer
zwischen den SandBäncken herum treiben sahen und nicht wussten was solches zu
bedeuten hatte kamen wir derselben mit unserer Höflichkeit zuvor und löseten 2
Kanonen zum Zeichen dass Menschen auf diesem Felsen vorhanden wären welche
wenn sich vielleicht Notleidende darinnen befänden ihnen zu Hilfe kommen
könnten Es wurde uns demnach so gleich mit 3 KanonenSchüssen geantwortet und
ein Boot von derselben ausgesetzt worinnen sich 3 Männer befanden die
allerhand Zeichen von sich gaben dass sie gern Sprache mit uns halten möchten
Demnach setzten sich Herr Wolffgang ich und noch ein Mann auch in eine
Chalouppe und fuhren ihnen auf den halben Weg entgegen da sie denn ganz
sanfte ruderten und uns zu vernehmen gaben wie sie Portugiesen und im
verwichenen Sturme verunglückt auch in solchen elenden Zustand geraten wären
dass sich nur noch ungefähr bis 30 gesunde Leute unter ihnen befänden baten
demnach wenn wir wie es das Ansehen hätte ChristenLeute wären ihnen die
Barmhertzigkeit zu erzeigen und sie aufzunehmen auch mit Speisen und Getränke
zu erquicken wovor sie uns denn gern alles ihr noch übriges weniges Vermögen
zustellen wollten Hierauf erteileten wir ihnen zur Antwort dass wir nicht
allein gute Christen sondern auch bereit und willig wären sie nach unserm
besten Vermögen ohne einiges Entgeld gern mit allen Bedürffnissen zu erquicken
nur aber dieses einzige bäten wir uns aus nicht zu begehren sie in unsere
Hütten zu führen weilen wir nicht wissen könnten ob sie etwa eine böse
ansteckende Seuche oder Kranckheit von der weiten Reise mit anhero brächten
jedoch sollten sie uns auf eine ohnweit von hier gelegene kleine lustige Insul
folgen sich auf derselben vortrefflich fruchtbarn Lande nach ihrer
Bequemlichkeit Hütten bauen im übrigen aber vor weiter nichts im geringsten
Sorge tragen weilen ihnen noch vor Nachts vor erst ein hinlänglicher Vorrat
von den besten LebensMitteln vor noch einmal so viel Personen als sie
angäben bis auf weitern Bescheid sollte zugeschickt werden Es schien dieses
ein unvergleichlich angenehmer Ton in den Ohren dieser Leute zu sein indem sie
sich in allergröster Geschwindigkeit uns zu folgen fertig machten da wir sie
denn gar bald nach der Insul KleinFelsenburg hinüber brachten ihnen die
Stellen anwiesen wo ehedem ihre LandesLeute sich wohl gepflegt und eine
ziemliche Zeit darauf zugebracht hätten wobei wir vernahmen dass einige unter
ihnen hiervon schon einige Wissenschaft haben wollten oder sich zum wenigsten
dessen berühmten allein wir ließ dieses um alle unnötige
Weitläufftigkeiten zu vermeiden vor diesesmal an seinen gehörigen Ort gestellt
sein wiederholten nach getaner Anweisung nochmals unser Versprechen ihnen
bestmöglichst hülffliche Hand zu leisten als worvon sie noch heute die Würckung
vor Mitternachts empfinden sollten schieden darauf von ihnen und seegelten nach
GroßFelsenburg zu nachdem wir solchergestalt wirklich ein neues Lazeret in
KleinFelsenburg angelegt welches aus 1 Kapitain 1 Subaltern 53 Unter
Offiziers und Gemeinen bestunde ohne etliche Personen Weiber u Kinder auch
allerlei liederlichen Gesindels Demnach sahen wir nun wohl dass uns die Hrn
Gäste ihre Liste ziemlicher Massen falsch gemacht hatten indem wir solcher
Gestalt viel mehr zur Fütterung antraffen als sie angegeben allein wir ließ
es auch darauf nicht ankommen zumahlen wir wussten dass unsere Obern nicht so
gar genau mit LebensMitteln auch so gar gegen die Heiden waren
Dem Regenten und allen Wohlgesinneten gefiel es bei unserer Zurückkunft
ganz ungemein dass wir barmhertzige Samariters agirt und diese Bedrängten in
so weit an und aufgenommen hätten demnach wurde der Befehl gegeben diesen
Bedrängten beizuspringen und sie aufs aller bestmöglichste zu versorgen
Der Felsenburgischen Art nach seinem Nächsten nach menschlichen geschweige
denn Christlichen Vermögen wohl zutun wurde ganz und gar im geringsten
nichts gesparet diese neuangekommenen Gäste zu bewirten und zu verpflegen
ja in Wahrheit, es wurde ihnen so gleich ohne den geringsten ZeitVerlust eine
so starke Menge und zwar von unsern allerbesten Speisen und Getränke auf 3
Booten zugeführet wobei sich denn auch verschiedene Sorten von Delicatessen
oder LeckerBissgen eingemachte Sachen Obst und dergleichen vor die Krancken zum
Labsale befanden
Sie nahmen anfänglich alles mit bewundernswürdiger Danckbarkeit an pflegten
und warteten sich bei der angenehmsten Witterung aufs allerbeste wobei denn
auch unsere Felsenburgischen Herrn ChirurgoMedici ein ziemliches Stücke Arbeit
fanden weilen sich viele gefährliche Patienten unter ihnen hervor taten
vornemlich aber der Kapitain der Fregatte welcher an einer so genannten
GalanterieKranckheit aufs heftigste laborirte Jedoch nicht allein dieser
sondern auch alle die andern so dass nicht ein einziger von ihnen crepirte
wurden binnen kurtzer Zeit und ehe sie es selbst vermeint hätten vollkommen
glücklich curirt und gesund hergestellet so dass sie nach Verlauf eines Monats
herum hüpften wie die Lämmer Nun hätte zwar der Artzt den bekannten Vers aus
dem Juvenali hersagen können
Ingratus labor quem præmia nulla sequuntur
allein er schwieg stille darzu dieweilen er weder Geld noch Gold vonnöten
hatte oder brauchen konnte wir andern Felsenburger aber konnten und mussten
nach weniger Zeit diese Worte ausruffen
Ingrato homine terra nihil pejus creat
als welche zu untersuchen ich auch so gar einem vernünftigen Heiden anheim
gebe
Allein bei der HauptSache zu bleiben so passirte abermals wenig Tage
hierauf ein besonderer Streich denn da wio gesagt die Herren Portugiesen sich
alles sehr wohl gefallen lassen indem wir dieselben ja recht über die Gebühr
tractirten rapportirte der SchildWächter der auf DavidsRaum stunde dass ihm
in dem engen Wege nach der See hinunter in verwichenen MitternachtsStunden
etwas begegnet hätte welches wie er vorher vielmahl gehört einen Laut von
einer Menschen Stimme von sich hören lassen nachher einigemahl etliche
unvernehmliche Worte geredet worauf er dieses Ding welches er vor ein Untier
gehalten indem es ihm als auf allen Vieren entgegen gekrochen vorgekommen wäre
auch nicht anders gekruntzet hätte als eine Sau zu verschiedenen mahlen in
allen ihm bekannten Sprachen mit den Worten Wer da wer bist du gib dich zu
erkennen oder ich schieße dich auf den Kopf angeruffen hätte weilen er aber
weiter keine MenschenStimme noch Antwort sondern nur ein beständiges
SchweinsGruntzen vernommen so wäre ihm zumahlen bei solcher fürchterlichen
Zeit endlich bange worden hätte Feuer auf das Untier gegeben als welches er
bei dem Glantze der Sterne nur in etwas vor sich weblen gesehen Er hoffe sagte
der Schildwächter ferner in diesem Stück seiner ihm gegebenen Ordre
nachgekommen zu sein und verlange weitere Untersuchung dieser Sache
Wir untersuchten so bald der helle lichte Sonnenschein angebrochen die
Sache etwas genauer und fanden den Erschossenen etliche 20 bis 30 Schritt im
ausgehauenen engen Wege liegen Bei noch fernerer Nachsuchung entdeckten wir 2
verunglückte MannsPersonen in leinenen Kitteln bloß mit SeitenGewehr und
Pistolen versehen zwischen den Klippen und FelsenRissen steckend und
vermeinten anfänglich nicht anders als dass sie Hals und Beine gestürtzt und
zerbrochen hätten allein da wir ihnen heraus und in die Höhe halffen erholten
sie sich bald wieder der Blessirte aber welcher solcher Gestalt fast
blindlings durch den Unterleib getroffen war musste auf der Stelle seinen Geist
aufgeben jedoch wir gaben uns die Mühe ihn so säuberlich als möglich hinunter
auf die Insul zu schaffen als wohin wir auch die beiden lebendigen Gefangenen
mitnahmen und dieselben anfänglich in aller Güte ausforscheten was sie denn
wohl immer mehr bewogen hätte sich an solche gefährliche Örter und
unersteiglichen Klippen zu begeben da sie denn und sonderlich der Blessirte so
gleich in den ersten Verhören bekannten dass sie alle 3 würckliche Spions
wären welche diese Insul einer gewissen Potenz verraten und in die Hände
spielen sollten Wir redeten ihnen sehr freundlich und gütig zu um damit den
Verdacht zu benehmen als ob wir ihnen etwa Leid zufügen und das
SpionsTrinckGeld geben wollten machten uns auch bis dahin keine kümmerlichen
Sorgen sondern verpflegten sie aufs beste ließ uns auch ganz und gar
nichts von allen dem merken was in diesen Tagen vorgegangen wäre
Allein die Gestalten verwandelten sich unverhofft gar anders indem wir nach
etlichen Tagen 3 wohl ausgerüstete KriegsSchiffe gegen unserer Insul
GroßFelsenburg liegen und laviren sahen Sie dreheten und wendeten sich darauf
bald hier bald dort hin als ob sie vielleicht etwa gesonnen wären die Straße
nach OstIndien zu suchen Da wir dieselben nun ebenfalls vor Portugiesische
Schiffe ansahen und eben nicht vor ratsam hielten ihnen mit unserer
Höflichkeit entgegen zu kommen zumahlen da wir bemerckten dass alles stille
zuging und wir von ihnen mit nichts begrüsset wurden so hielten wir uns auch
so stille wie die Mäuse
Endlich am dritten Tage nachdem sie lange genug vergeblich herumgewebelt
taten sie 3 KanonenSchüsse um vielleicht Menschen zu sich zu locken allein
wir hielten uns noch einige Tage ganz stille bis ihre zweite Kanonade so viel
bei uns würckte dass wir ihnen behörig antworteten auch ihnen eine Chalouppe
entgegen schickten worinnen sich Herr Wolffgang Mons de Blac und noch eine
gewisse Person nebst mir befanden
Der Kapitain des vordersten Portugiesischen Schiffs ließ uns salutiren und
da er die Parole von sich gegeben ein freies und aufrichtiges Gespräch mit uns
zu halten auf seinem Schiffe bewillkommen und zwar unter vielen
EhrenBezeugungen worauf er uns in seine besondere Kajüte einzusteigen bat als
welche fast Königlich ausgezieret wie denn auch er der Kapitain selbst ein sehr
ansehnlicher und ziemlich hochtrabend scheinender Mann war
Nachdem uns die Erlaubnis gegeben worden sein Schiff zu besichtigen fanden
wir alles darinnen sehr herrlich kostbar und dergestalt magnifique zugerichtet
dass keiner von uns ein dergleichen ReiseSchiff jemals gesehen zuhaben sich
rühmen konnte
So bald wir von der Taffel gekommen welche sehr unvergleichlich wohl
bestellt war bat er uns zu bleiben und eine und andere Vorstellungen von
größter Wichtigkeit anzuhören Indem wir nun alle sehr neugierig waren solche
Wichtigkeiten zu vernehmen als begaben wir uns nach vielen gewechselten
Komplimenten abermals in seine Kajüte allwo der Herr Kapitain sich auf einen
etwas erhabenen KommodeStul setzte jedoch so höflich war uns Felsenburgern
auch Stüle setzen zu lassen welche wir denn ohne allzu vieles Nötigen in
Besitz nahmen worauf derselbe in Portugiesischer Sprache ohne zu fragen ob
wir dieselbe auch alle verstünden folgende Anrede an uns tat
Meine lieben Herren und Freunde
Ich bin einer von den vornehmsten SchiffKapitains Sr Königl
Portugiesischen Majestät und zwar wie man zu sagen pflegt einer vom ersten
Range Vorjetzo bin ich im Begriff mich mit einer starken und sehr reich
beladenen Flotte nach Europa zurück zu begeben allwo sich dermahlen Ihr
Königl Majestät nebst Dero Hofstadt befinden und aufhalten Auf dieser meiner
Reise oder Fahrt nun habe ich ungeachtet ich viel ältere Kommandeurs als ich
bin über mir habe die ganz besondere Kommission bekommen die Insuln und
Republiquen Groß und KleinFelsenburg so wie man dieselben zu nennen pflegt
erstlich mit der allergrößten Gelindigkeit und Güte im VerweigerungsFall aber
mir der größten Strengigkeit und Schärffe unter Ihr Majestät meines
allergnädigsten Königs und Herrn OberHerrschaft und Botmässigkeit zu bringen
und Dero Ihnen von dem Himmel verliehenen Gerechtsame die Ihnen vor allen
andern Puissancen es seien dieselben auch wer sie nur immer wollen ganz
alleine von Rechtswegen zustehet eignet und gebühret vollkommene Genugtuung
zu leisten inzwischen aber so viel als immer möglich sein will alles
vergeblich zu vergiessende MenschenBlut zu verhüten Wenn nun ich meine Herren
und Freunde vor meine Person heilig und teuer versichern kann dass sie keinen
bessern SchutzHerrn als meinen allergnädigsten König erhalten werden und
wenn sie auch alle Potenzen ja so gar die Barbarischen Nationen darum
ansprächen als will hoffen es werden sich dieselben in Güte weisen lassen und
mich erstlich dero Örter des Aufenthalts besser besehen hernach wenn es zum
ferneren Accord kommt mit einer proportionirlichen Guarnison dieselben einnehmen
lassen unter der teuren Versicherung dass ihnen allen kein Leides
wiederfahren sondern sie unter dem Schutz Sr Portugiesischen Majestät
jederzeit in Ruhe und Friede leben sollen
Alles dieses hörten wir Felsenburger mit aufmercksamen Ohren an stutzten
aber jedennoch ziemlicher Massen über diesen Antrag und Vorschlag allein ich
schlich unter dem Schatten der Dunckelheit auf die Seite um am ersten derjenige
zu sein welcher diese ganz besondere Neuigkeit nach GroßFelsenburg
überbrächte ließ mich also in einem ganz kleinen Nachen und zwar mit größter
LebensGefahr zur Mitternachts Zeit dahin bringen welches gewisser Massen fast
ein Frevel von mir zu nennen war denn ich hätte dieses eben nicht Ursach
gehabt weilen meine Konsorten nächstfolgenden Vormittags unter Lösung der
Stücken wieder zu uns zurück gebracht wurden denn Herr Wolffgang hatte vor
diesesmahl ein recht Meisterstück seiner Kunst erwiesen und nach seiner
berühmten Erfahrenheit den Portugiesischen Kapitain welcher meine Abwesenheit
auch nicht einmal gewahr worden war im KanariSect vollends dergestalt
begeistert dass er sich alles das was er ihm vorgesagt aufs beste gefallen
lassen Die letztere Verabredung und Versicherung des Herrn Wolffgangs war diese
gewesen dass wir uns 3 Tage BedenckZeit ausbäten nachher schrifftliche oder
mündliche Antwort von uns geben wollten Wir waren froh dass wir die Unserigen
wieder bei uns sahen immassen uns mit den 2 Gefangenen wenig oder gar nichts
gedienet war Deswegen wurde Rat gehalten was dem Kapitain wohl ungefähr zu
antworten wäre wie es nun eben nicht diensam schien demselben durch einen
Abgeordneten eine mündliche Antwort erteilen zu lassen als wurde folgendes
Schreiben an Sr Majestät den König von Portugall abgefasset
Allerdurchlauchtigster Grossmächtigster Monarch
Deiner von dem allerhöchsten Gott geheiligten mit unaussprechlicher Macht
und Gewalt ausgerüsteten auch mit überschwenglichen Reichtümern gesegneten
ja so zu sagen überschütteten Olorwürdigsten Majest entbieten wir armen
einfältigen einwohner der so genannten Insul Felsenburg welche von der heutiges
Tages im Schwange gehenden StaatsKlugheit wenig oder gar nichts wissen oder
verstehen vom Ältesten bis zum Jüngsten vom Grösten bis zum Kleinesten auch
so gar die Säuglinge in unserer Vormundschaft unsern alleruntertänigsten
Gruß tragen anbei Deiner Majestät wehmütigst und demütigst vor dass wir als
arme einfältige Leute leben und mit fremden Nationen sehr geringen ja fast
ganz und gar keinen Handel Wandel und Verkehr treiben ausgenommen was uns
zuweilen bisher zu unserer allerhöchsten und alleräusersten Bedürffniss zum
Teil fast unumgänglich nötig zu sein geschienen Wir sind Leute die von
unserm wenigen FeldGartenBau und möglichster HandArbeit leben und uns davon
ernähren müssen weilen es der Himmel nach dem Tode unserer Vorfahren
vielleicht aus besonderen Ursachen dahin abgepasset und abgemessen dass das Land
nur seine wenigen Einwohner nach Notdurfft versorgen solle deswegen haben wir
wenig übrig und sollte auch ja etwas übrig sein so sind wir als gute
Protestantische Christen jederzeit bereit den letzten Bissen mit unsern
notleidenden Nächsten zu teilen und so gar aus dem Munde zu nehmen Im
übrigen haben wir keine Zufuhre von Geträyde und andern Früchten welche wir
auch eben so gar sehr notdürfftig nicht brauchen und uns zur Zeit der Not mit
Kräutern Wurtzeln und Fischen aus der See behelffen zumahlen wenn das
Fleischwerck welches ganz rar ist unserm Appetite gemäß nicht zulänglich sein
will
Unsere Vorfahren haben diese von der gütigen Natur mit Felsen und Klippen
ohne dem bevestigte Insul mit tausendfacher Mühe und Arbeit noch etwas mehr
bevestiget weilen sie wegen der Barbarischen SeeRäuber in beständigen Sorgen
geschwebet die uns als ChristenLeute mit unsern Kindern vielleicht vertilgen
und ausrotten möchten Allein wir können eben nicht sagen dass wir nach dem
Ableben unserer VorEltern besondere Attaquen von den Barbaren vielweniger von
den Christen als unsern GlaubensGenossen gehabt indem sie vielleicht
Bedenken getragen uns armes Häuflein in seiner stillen Ruhe zu stöhren da sie
bei uns wenig oder nichts das sich der Mühe belohnete zu finden vermutet als
nebst dem wenigen Hausrat und Kleidern unser Leib und Leben
Hiermit ist Dir ohn allen Zweiffel o Unüberwindlichster Monarch ganz und
gar nichts gedienet weilen wir von Fremden auch so gar von Barbaren erfahren
dass Du ein mächtiger Beherrscher vieler ganzer Königreiche Fürstentümer und
anderer Landschaften in allen 4 Teilen der Welt bist
Vorjetzo aber finden wir uns gemüssigt Dir aufs beweglichste vorzustellen
dass einer von Deinen allervortrefflichsten SeeKapitains und zwar wie er sich
ausgibt einer vom ersten Range Nahmens Don Juan de Silves sich ins Angesicht
unserer Insul mit 3 der allerbesten KriegsSchiffe und einer Fregatte gelegt
anbei verlangt dass sich die Republique Felsenburg worvor wir arme Sünder da
wir viel zu ohnmächtig sind dergleichen hohen Titul zu führen benebst den
beiden Insuln Groß und KleinFelsenburg ohne alles fernere Verweigern unter
die absolute Gewalt und Schutz Deiner Majestät begeben sollten da wir doch bis
auf diese Stunde keinen andern Schutz Herrn vonnöten gehabt als den
allmächtigen Gott im Himmel mit weltlichen SchutzHerrn aber uns einzulassen
nicht die allergeringste Ursache von Wichtigkeit absehen weilen wir unter Gottes
Schutz Ruhe Friede und Sicherheit genug genießen können wenn uns der
Allmächtige dieses alles so wie bisher zum alleröfftern geschehen nicht durch
erschröckliche Erdbeben SturmWinde erstaunliche Gewitter und anderes Ungemach
verbittert welches wir alles mit der größten Geduld und Gelassenheit erlitten
ertragen und erdultet in Betrachtung dessen dass uns ein weltlicher
SchutzHerr welcher dennoch gegen Gott ein bloßer Mensch ist um so viel desto
weniger von diesen Gefährlichkeiten befreien oder schützen könne
Warum woltest Du also Grossmächtigster König und Herr die armen elenden
und einfältigen Felsenburger durch Ungerechtigkeit Verräterei und List
dererjenigen die sich vielleicht mehr bei uns zu finden einbilden als wir in
unserm wenigen Vermögen haben ihrem Geitze oder Eigennutze damit ein Genügen zu
leisten suchen und sich eine besondere Ehre und Freude daraus machen
unschuldiges MenschenBlut zu vergießen
Warum woltest Du also Du Gerechtigkeit liebender König und Herr zu geben
dass man uns verderben sollte da wir Dir so wenig als unsere Vorfahren
ZeitLebens das allergeringste zu Leide getan vielmehr allen denen die sich
seit vielen Jahren daher vor Portugiesen ausgegeben wenn sie nämlich etwa hier
oder da auf der See verunglückt alle möglichsten Gefälligkeiten und
Dienstleistungen erwiesen
Wir erkennen Dich ja o König wie wir schon gemeldet vor den
allermächtigsten Beherrscher so vieler Königreiche Fürstentümer und Staaten in
allen 4 Teilen der Welt und schätzen uns nicht würdig zu sein den Staub von
Deinen Schuhen abzuwischen deswegen gönne uns den bisher genossenen Frieden
und einfältige Ruhe noch fernerweit Geruhe demnach dem tapfern Kapitain Don
Juan de Silves als welcher uns dermahlen bereits mit Feuer und Schwert
gedrohet hat wenn wir ihn nicht in unsere Hütten aufnehmen wollten
allergnädigsten und ernstlichen Befehl zu erteilen uns hinführo unbehelliget
zu lassen damit wir die wenigen Gaben unsers Gottes nicht in Kummer und Sorge
zu genießen Ursach haben Und eben dergleichen Ordre wollest Du
Grossmächtigster an alle andere dergleichen Deine allerhöchst bestallten See
Officianten ergehen lassen damit wir den Nahmen der edlen Portugiesischen
Nation hinführo nicht als einen feindseeligen Nahmen erkennen müssen sondern
fernerweit geneigt erhalten werden sie als unsere guten Freunde und
GräntzNachbarn zur See zu erkennen auch ihnen im Notfall ferner Gutes zu
tun
Wie nun wie uns gesagt worden bei Dir Du Grossmächtigster König ungemein
viele Leutseeligkeit anzutreffen ist so getrösten wir armen elenden und
einfältigen Leute uns desto leichterer Erhörung unsers Bittens wünschen Dir ein
glückseeliges und langwährendes Regiment und Leben zum Troste vieler
Bedrängten die sich hie und da auf Deinen Schutz und Hilfe auch in den
allerentferntesten Ländern verlassen Der Gott Zebaot segne Dich und Dein
allerhöchstes Königliches Haus mit allerlei geistlichen und leiblichen Seegen
damit man sagen möge Du seist der Gesegnete des HErrn unsers Gottes Wir aber
verharren allerseits vom Ältesten bis zum Jüngsten vom Grösten bis zum
Kleinesten
Allerdurchlauchtigster Grossmächtigster König Allergnädigster Fürst und Herr
Deiner Majestät
Dienstgehorsamste
Die Einwohner auf der
Insul Felsenburg
Dieser Brief wie einfältig er auch von mir entworffen und gesetzt war denn
NB es sollte derselbe ohnedem nicht allzu hochtrabend oder spitzig heraus
kommen wurde von allen Insulanern approbirt und von Alberto Julio II auch
XII Ältesten unterschrieben und besiegelt und zwei Abschrifften davon
genommen davon wir die eine in unser Archiv beilegen die andere aber dem
Portugiesischen Kapitain zu seiner Nachricht in die Tasche geben wollten
Die accordirten 3 Tage waren also unter dieser Arbeit nämlich des
Ratschlagens und Schreibens verstrichen weilen nun dem Portugiesischen
Kapitain vielleicht die Zeit zu lang zu werden begunte als ließ er am 4ten Tage
gleich früh mit Aufgang der Sonnen 3 Kanonen abfeuren wir beantworteten
dieselben auf behörige Art und Weise wurden aber bald nachher von der
DavidsRaumerHöhe gewahr dass von den 3 KriegsSchiffen eine Chalouppe gegen
unsere Insul hergeseegelt kam in welcher 2 Trompeter saßen die immerzu in
ihre Trompeten stießen und sich lustig hören ließ auser denenselben aber
erblickte man in eben dieser Chalouppe noch etliche 20 MannsPersonen welche
alle weiße Fähnlein in ihren Händen führten und damit wedelten welches wir
als ein Zeichen des Friedens erkannten und deswegen in allergröster
Geschwindigkeit Anstalt machten der so genannten feindlichen Chalouppe auf eben
die Art nämlich mit 2 Trompetern und einiger Mannschaft die gleichfalls
weiße Fähnlein in den Händen führten zu begegnen da mittlerweile von den
Portugiesischen Schiffen immer ein LuftSchuss nach dem andern gen Himmel
getan und von unsern FelsenHöhen beantwortet wurde Unserer Seits waren
abermals eingestiegen Herr Wolffgang Mons de Blac und ich weilen wir 3 der
Portugiesischen Sprache am mächtigsten waren
Der Kapitain ließ uns zu Ehren bei unserer Ankunft an seinem Schiffe eine
starke Salve geben nötigte uns nach getanem Aussteigen so gleich in seine
Kajüte und gab die KavalierParole von sich dass wir bei ihm so sicher und
geruhiges Hertzens sein könnten als ob wir unter unsern eignen Dächern wohneten
wie wir nun versicherten dass wir alle nicht das geringste Misstrauen in seine
Redlichkeit setzten so ließ er uns an der Taffel wo er mit seinen andern
vornehmsten Offiziers gewöhnlich zu speisen pflegte den obersten Platz
einnehmen welches wir denn halb gezwungener Weise tun mussten Die Tractamenten
waren vor einen SeeOficier mehr als zu kostbar nur beklagte er sich über
Mangel an frischem Fleische und sonderlich Wildpret als wovon er ein ganz
auserordentlicher Liebhaber wäre Diesem Mangel gab hierauf der Kapitain
Wolffgang zur Antwort wird leichtlich abzuhelffen sein wenn sie uns auf die
Insul KleinFelsenburg zu folgen belieben allwo sich ihre bisherigen Krancken
befunden die aber vielleicht wegen unserer bestmöglichsten Wartung und
Verpflegung nunmehr keine Kranckheiten mehr an sich spüren werden weilen sie
ZiegenFleisch Wildpret und die allerbesten Fische so wohl aus der See als
aus den süßen Flüssen im größten Uberflusse vorrätig haben des Flügelwercks
der Schildkröten und anderer SeeKreaturen als womit sich mancher ehrlichen
SeeMann zu gewissen Zeiten schon was zu Gute tun ja sich zum öffteren ein
rechtes Labsaal daraus machen kann nicht zu gedenken Sie haben wohl recht
mein Herr sprach hierauf der Portugiesische Kapitain denn sie wissens aus der
Erfahrung, unterdessen ob uns nun gleich die Leute von der Fregatte so gar viel
eben nicht angehen so möchte sie doch wohl sehen und sprechen
Es beruhet nur auf ihrem Befehle versetzte Herr Wolffgang so können wir
gleich morgenden Tages dahin abseegeln weilen es eine ganz kurtze Reise ist
Nein mein Herr replicirte der Portugiese sie erlauben mir dass ich mich
einer gewissen Ursache wegen und da ich eine ganz besondere Medizin nur noch
auf 4 bis 5 Tage zu gebrauchen habe wenigstens auf so lange Zeit in meinem
Apartement inne halte und vollends auscurire Bei diesen Worten gab ich zu
vernehmen dass wir ja Zeit genug darzu hätten die Insul KleinFelsenburg vor
allererst in Augenschein zu nehmen und uns dieserwegen eben nicht übereilen
dürfften zumahlen da man nicht wüste wie die Krancken daselbst ihre
Wirtschaft trieben und ob sie nicht vielleicht Hütten gebaut hätten die
auch den Gesundesten einen Eckel und Abscheu verursachen könnten deswegen wäre
mein bester Rat mich mit einem Boote vorher nach Hause zu schicken um
daselbst ein paar große geraumliche Zelter nebst Erfrischungen und andern zur
Bequemlichkeit dienenden Sachen dahin zu schaffen Ich als der Jüngste unter
meinen mitgekommenen Herrn Kollegen wollte diese Mühwaltung gern auf mich
nehmen in Hoffnung dass auf GroßFelsenburgischer nachher alles besser
ordentlicher und kostbarer hergehen würde als auf dieser kleinen miserablen
und ohne dem durch die Krancken eckelhaft gemachten Insul
So war der Fuchs der uns zu überlistigen vermeinte selber gefangen
denn er erklärete sich ohne ferneres Bedenken dass mein Rat der beste wäre
und es käme eben auf die 4 oder 6 Tage nicht an da er denn im Stande zu sein
verhoffte sich aller Orten wo man ihn hin verlangte hinzubegeben Nachhero
wurde stark gebechert wobei wir Felsenburger uns zu wundern Ursach hatten dass
wir den delicatesten Kanari Sect so wohl als die andern stärcksten Weine deren
Sorten ein jeder nach seinen Appetite kühnlich fordern durfte noch weit besser
vertragen konnten als die Herrn Portugiesen selbst deren Element dieselben fast
jedoch zu sein schienen Hierbei entstund denn ein liebreiches Gespräch indem
die Herrn Portugiesen und sonderlich Don Juan de Silves uns bloß allein darum
verschiedene Liebkosungen erwiesen weilen wir die Portugiesische Sprache so
rein ja fast noch reiner redeten als sie selbst da doch ich vor meine Person
weder das A.B.C. noch das Buchstabieren in Portugall gerlernt Herrn Wolffgangen
wurde von allen Anwesenden mit größter Ausmercksamkeit zugehöret da er eines
und anderes Stücke seiner LebensGeschichte erzählete ja ich glaube die Herrn
Portugiesen hätten uns wohl noch in 6 Tagen und 6 Nächten nicht von sich
gelassen wenn nicht Herr Wolffgang endlich da es ihm Zeit zu sein dünckte mit
größter Bescheidenheit von seinem Gespräche abgebrochen hätte und zwar unter
dem Politischen Vorwande einer empfindlichen BrustBeschwerung wobei er aber
versprach das Ubrige in Zukunft zu melden weilen wir doch wohl noch etliche
Tage dürfften beisammen bleiben
Mittlerweile da wir aus der Portugiesen Gesprächen und heimlichen
OhrenPflispern mehr als zu viel geschlossen wie ihre Kreite schriebe und was
sie mit uns in Willens hätten waren wir alle auch ohnbemühet uns diese Figuren
in aller Stille hinter die Ohren zu zeichnen machten demnach da wir mehr als
3 mahl 24 Stunden bei ihnen zugebracht freundschaftlichen Aufbruch um uns
wieder nach Hause zu begeben welches Don Juan willig erlaubte und versprach
uns mit allen Ehren Bezeugungen abseegeln zu lassen jedennoch war er in der
Betrunckenheit so neubegierig zu fragen Wessen sich unsere Ältesten und Obern
auf seinen Vortrag entschlossen hätten und ob sie geneigt wären sich Sr
Königl Portugiesischen Majestät zu unterwerffen oder nicht widrigenfalls er
ganz andere Mittel anzuwenden sich noch bei guten Zeiten genötigt sähe Wir
gaben ihm hierauf einstimmig zur Antwort wie wir keinesweges Zweiffel trügen
dass die Sache nach seinem Vergnügen laufen würde unterdessen da wir 3
Abgeordnete nichts weiter vernommen als dass sie sich schrifftlich an Ihr
Königl Majestät gewendet und wir über dieses keine fernere Vollmacht bei uns
hätten als wollten wir die Vornehmsten von unsern Ältesten dahin bereden ihre
Erklärung auf der Insul KleinFelsenburg vor erst selber mündlich von sich zu
geben bis die Sache verglichen würde und zum Schluße käme
Wer war froher als wir alle 3 da wir unter Trompeten und PauckenSchall
auch Lösung der Kanonen unbeschädigt und in guter Musse nach Hause rudern
durfften doch hätte bald vergessen zu sagen dass Don Juan de Silves noch die
Verabredung mit uns nahm dass so bald er 3 Bomben in die Luft würde springen
oder wie man spricht darinnen crepiren lassen wir uns nicht säumen sollten
uns auf die Reise nach der Insul KleinFelsenburg zu begeben weilen dieses das
Signal sein sollte dass er eben um dieselbe Zeit dahin abführe da er sich den
Weg dahin schon ohne Wegweiser zu finden getrauete wir sollten ihm aber ja wie
er hinterher uns sagen ließ keine Nase drehen sonsten würde es uns zur sauren
Suppe gereichen
Wenn ich damals nicht mehr Kourage im Leibe gehabt hätte als eben jetzo
so wäre mir fast ein bissgen bange bei der Sache worden allein da ich eine und
andere Umstände in Erwegung zog ward mir das Hertze im Leibe so groß als eine
2 pfündige JesminOelsBouteille oder Büchse deswegen nahm meine Liebsten und
Allergetreuesten zu mir als welche sich nachdem sie der Sachen Beschaffenheit
erfahren meinem Kommando ganz freiwillig unterwarffen auch sich ganz und gar
nicht wollten abweisen lassen ungeachtet Knaben von 15 16 bis 18 und wenig
mehr Jahren darunter befindlich waren die aber sonderlich mit dem
HandSchiessGewehr unvergleichlich wohl umzugehen wussten Jedoch da ich ohne
dem zum Voraus wohl wusste dass es mit unsern Feinden nicht würde zum Handgemenge
kommen machte ich mir nur einen heimlichen Spas und Lust daraus
Außer diesen hatte sich ein starckes Regiment Frauenzimmer zusammen
geschlagen so wohl Weiber als Jungfrauen welches die Madame de Blac als
Obristin commandirte und ihre wohl ausgesuchten Subalternen um und neben sich
hatte Es war dieses in meinen Ohren erstlich eine lächerliche Historie
ungeachtet meine eigene Frau da sie vielleicht ZeitLebens keinen toten Hund
gesehen einen HauptmannsPlatz erworben um eine ganze Kompagnie von 200 und
mehr Frauenzimmern anzuführen Wie gesagt es kam nicht allein mir sondern auch
vielen andern recht lächerlich vor solches von diesen Amazoninnen zu hören die
aber so bald sie dieses gemerckt dass wir uns über sie aufhielten um so viel
desto hitziger und begieriger wurden ihren Willen vor dissmahl zu haben
weswegen man denn binnen wenig Tagen das ganze Regiment Frauenzimmer in artiger
und sehr netter Forme vor sich stehen sah
Ihr OberKleid war von leichten Zeuge und zwar himmelblau gefärbter
gedoppelter Leinewand oder wie man es nennen will Barchent mit gelben
Schnüren das Kamisol aber rosenfarbe mit weißen Schnüren verbrähmt und der
Schurtz eben so wie in Deutschland ein gewöhnlicher LäufferSchurtz nebst den
BeinKleidern vom weißen Barchent und mit gelben Schnüren bordirt Auch
hatten sie sich rote lederne Stiefeln machen lassen worüber ich mich ganz
besonders wunderte dass sie dieselben binnen so kurtzer Frist fertig kriegen
können indem sie dieselben wie ich nachher erfahren selbst verfertigen
helfen und weder Tag noch Nacht gefeiert bis die ganze Montur vollkommen
fertig gewesen Zur Bedeckung des Haupts hatte eine jede eine hohe Mütze auf
welche mit denen in Deutschland und anderer Orten üblichen GranadierMützen
oder besser zu sagen AbtsMützen eine starke Gleichheit hatten ungeachtet
sie dergleichen Tracht Zeit ihres Lebens niemals gesehen
Allein mein wertester Hr Bruder kann ja leichtlich nachsinnen dass unsere
Hn Europæischen LandesLeute diese ganze Komoedie angestifftet und ich schäme
mich nur vorjetzo diejenigen mit Nahmen zu nennen welche vielleicht die
HauptUrsächer davon mögen gewesen sein Mit dem allen aber war es eine
unvergleichliche Lust dieses wohlansehnliche Regiment zu Fuß und NB nicht zu
Pferde in Parade stehen zu sehen denn erstlich guckten gemeiniglich unter der
schwartzen Haube oder so genannten GranadierMütze ein paar charmante Augen
hervor welche dem Ansehen nach rechte feurige Pfeile in sich führten um
ihren Feind damit zu verletzen Das einzige was ich an ihnen auszusetzen
hatte war dieses dass sie keine schwartzen großen SchnurrBärter führten
Allein diesen Fehler ersetzte entweder ein Alabasterweisses oder bräunliches
Angesichte wie ich denn angemerckt dass auf dieser Insul die Blondinen und
Brunetten einander an der Zahl um ein sehr weniges überlegen sein mögen
Jedoch unsere neugebackenen Amazoninnen noch weiter zu beschreiben so hätte
ich wohl aus Neugierigkeit bei einer jedweden die Anfrage tun mögen ob sie
nach Art der alten Amazonen sich auch wohl wollten entschließen eine jede ihre
lincke Brust abschneiden zu lassen weilen aber befürchtete dass sie mir eine
spitzige Antwort geben und etwa sagen möchten dass sie keine Amazoninnen nach
der alten Art wären indem sie keinen Schild zu führen brauchten der ihnen zum
Schutze ihrer Brust etwa nötig sein und mir noch fernere verdrüssliche Reden
geben möchten so ließ ich die Sache gut sein Unterdessen führten sie
tödtliche Waffen denn es hatte eine jede in ihrer rechten Hand einen leichten
WurffSpieß wie nicht weniger einen leichten Pallasch an der lincken Hüffte
hangen in dessen ledernem BauchGurte eine kleine Pistole stack Uber die
lincke Schulter bis auf die rechte Hüffte herunter sah man einen 3
Fingerbreiten Riemen herab laufen an welchem wie man das Ding in Deutschland
zu nennen pflegt eine gätliche PatronTasche hing worinnen 12
PistolPatronen und 6 gätliche gefüllete Granaden stacken auch hatte eine jede
ihre brennende Lunte an der Brust so wie es gebräuchlich ist in einem
Futterale hangend Kurtz zu sagen Fast alles unser Frauenzimmer hatten sich
vollenkommen als Granadiers armirt Wer ihnen die Waffen als nämlich die
kleinem Palläsche kleinen Pistolen WurffSpieße oder Piquen verfertigen
lassen will ich eben nicht sagen nur wunderte mich dieses dass nicht allein
die völlige Montur sondern auch das LederWerck und anderes Zubehör in solcher
Geschwindigkeit verfertigt werden können; aber da mochte wohl das Sprichwort
eintreffen Viel Hände machen Ende Denn wie gesagt ich habe nach dem
vernommen dass alles daran gearbeitet was nur Hände und Finger gehabt auch so
gar die kleinen Mägdleins die kaum eine NehNadel zu regieren wissen
Viele von unsern Europæischen MitBrüdern hatten sich die Mühe gegeben
dieses unser FrauenzimmerGranadierRegiment welches über 600 Köpffe stark
war auch so gar des Nachts bei den Scheine angezündeter Fackeln ordentlicher
Weise auf Europæische Art zu exerciren und zwar in Führung des Pallasches und
WurffSpiesses Ladung und Gebrauchung der Pistolen Werffung der Granaden und
dergleichen auch so gar ferner in Wendungen und andern üblichen Exercitiis
dergestalt zu perfectioniren dass wohl nirgendwo ein Frauenzimmer anzutreffen
sein möchte welches eine HandGranade mit größerer Geschicklichkeit und
Geschwindigkeit werffen könnte als ein Felsenburgisches ja die kleinen Mägdlein
wissen schon ziemlicher Massen damit umzugehen
Endlich kam es zur Musterung dieses HeldenRegiments welches sich auf dem
großen Platze unter der AlbertsBurg und der Kirche in Parade gestellt hatte
Es war dieses Regiment in 3 Bataillons eingeteilet deren jedes Bataillon
seine besondere Fahne führte als nämlich das Erste eine blaue das Andere eine
rosenfarbene und das Dritte eine weiße Fahne In eine jede dieser Fahnen hatte
unser berühmter Herr Kunst Mahler zur Devise die Insul GroßFelsenburg mit
ihren fast bis an den Himmel reichenden FelsenSpitzen gemahlet mit der
Uberschrifft
Sie ist vest gegründet
Und der Unterschrifft
GOTT ist bei ihr drinnen
Mir zum wenigsten gefiel diese Invention ungemein wohl und fast noch
besser als das ganze Gemälde welches zwar sehr wohl geraten war jedoch
seiner Kunst gemäß weit schöner und zierlicher würde heraus kommen sein wenn
die Zeit darzu nicht allzu kurtz gewesen wäre
Unterdessen begegnete mir ein possierlicher Streich Denn da ich mit Herr
Wolffgangen Mons de Blac Mons Litzbergen und andern speciellen Freunden
mehr vor der Fronte dieses erstaunenswürdigen Regiments auf und nieder
spatziren ging fragte mich Herr Wolffgang mit lachendem Munde dieses Nun
mein Herr was düncket euch bei diesen fürchterlichen Leuten und wie kommen sie
euch vor Sie kommen mir gab ich zur Antwort nicht anders vor als diejenigen
bund gekleideten Personen welche in Deutschland Holland und anderer Orten
mehr den Hn Zuschauern eine Lust machen und denen man wie ihnen nicht
unbekannt Arlequins Jean Potage Scharmuzgen und noch mehrere Affections
Nahmen beizulegen pflegt
Kaum hatten einige nur von dem so genannten grimmigen Tieren diese Worte
von mir aussprechen hören als es immer eine der andern ins Ohr sagte worauf
denn in größter Geschwindigkeit unter allen dreien Bataillons erstlich ein
sanftes Gemurmele bald hernach aber so zu sagen fast eine kleine Rebellion
entstund worauf sich meine Geferten und Freunde der Sache etwas genauer
erkundigten und erfuhren dass das Frauenzimmer durch meine Reden die ich so
hin in den Wind fliegen lassen sich insgesamt aufs allerhöchste beleidigt
befände und dieserwegen durchaus eine hinlängliche Satisfaction verlangte
Indem wir nun alle herzlich darüber lachen mussten so trat die Madame de
Blac vor die Fronte und proponirte eben dieses in weitläufftigen Terminis mit
dem Zusatze dass das sämtliche Frauenzimmer sich nicht eher zufrieden geben
könnte bis es Satisfaction und zwar nach dieserhalb gehaltenem KrigsRechte
erhalten hätte widrigenfalls wären sie gewilliget alle vor einen Mann zu
stehen und sich mit gesamter Hand selber Satisfaction zu verschaffen
Der Regente einige Ältesten und andere guten Freunde waren inzwischen
herbei gekommen und hatten den Vortrag der so betitulten Frau Obristen mit
angehöret da ihr denn der Regente welcher so wohl als die andern nachdem sie
die ganze Ursache des Streits vernommen so wie wir dergestalt lachen mussten
dass wir alle so zu sagen die Bäuche halten mussten ja der Regente als ein
besonders ernsthafter Mann hat nachher selber bekennet dass er sich nicht
zu entsinnen wisse Zeit seines ganzen Lebens so viel gelacht zu haben als
über diese lustige Begebenheit Es nahm aber nachher der Regente das Wort
selbst auf sich und gab der Frau Obristin dieses zur Antwort Meine allerseits
liebwertesten EngelsKinder es ist allerdings an dem dass sich mein Vetter
Eberhard Julius recht sehr mit Worten gegen euch vergangen hat und ob er es
auch gleich so böse nicht gemeint zu haben vorwenden möchte so ist es doch
billig und recht dass er dieserwegen dem KriegsRechte gemäß abgestrafft
werden müsse es sei denn dass ihr euch dieserhalb in der Güte mit ihm
vertrüget denn das ist keine Sache oder Mode dass man diejenigen, welche ihr
Blut und Leben vor das Beste des Vaterlandes aufzuopffern sich ohngeruffen und
ganz freiwillig darstellen höhnischer Weise durchziehen oder schrauben wollte
Dass ihr lieben EngelsKinder aber gesonnen alle vor einen Mann zu stehen um
euch mit gesamter Hand Satisfaction zu verschaffen ist eine zweideutige
RedensArt und möchte viele Weitläufftigkeiten und Verdrießlichkeiten nach sich
ziehen demnach ist mein getreuer Rat dieser dass ihr die Sache auf den Spruch
des KriegsRechts ankommen lasset als zu welchem ihr die Personen nach eurem
eigenen Belieben erwählen möget
Das Frauenzimmer war ungemein erfreut über diesen Ausspruch des Regenten
nicht anders als ob bereits eine Bataille geliefert und der Sieg darinnen
erhalten wäre Demnach stöhrete ich meine speciellen guten Freunde an dem
Frauenzimmer unter den Fuß zu geben dass sie 6 Personen aus ihrem Mittel
erwählen sollten welche einstimmig darauf dringen möchten dass ich Eberhard
Julius erstlich dem honorablen Frauenzimmer vor der Fronte eine billige Abbitte
und EhrenErklärung tun an Statt höherer Leibes und LebensStraffe aber nur
bloß durch alle 3 Bataillons 12 mahl durch ihre StrumpfBänder laufen sollte
ungeachtet nach militairischer Art von Rechtswegen Spitz Ruten darzu
erfordert würden
Wie es angegeben war so lief es auch ab denn nachdem nicht allein 6
Deputirte von dem Frauenzimmer sondern auch 6 Personen von unsern Ältesten
mein Urteil nach des löblichen Frauenzimmers Verlangen abgefasset so schickte
mich in die Zeit und machte mich fertig meine Straffe zu leiden Ein solcher
possierlicher Streich ist wohl nie passiert so lange Felsenburg gestanden es sei
denn dass die Affen zu den Zeiten unserer Felsenburgischen ersten Eltern noch
törichtere Streiche gemacht hätten welche jedoch mit denenjenigen nicht in
Vergleichung zu ziehen sind welche die vernünftigen Menschen zuweilen wohl zu
spielen pflegen Unterdessen war dieses eins kleine Lust vor uns wobei meines
Wissens ganz und gar nichts sündliches mit unterlief es müsste denn dieses uns
zur Sünde gerechnet werden dass wir bei dieser kleinen Komoedie gar allzuviel
lachten und zwar die Alten so wohl als die Kinder und dass ich ferner nachdem
ich meine Straffe ausgestanden noch einmal repassirte und jedem
Frauenzimmerlichen Granadier von oben an bis unten ans Ende einen keuschen Kuss
gab und zwar diesen noch zum Uberfluss der schuldigen Danckbarkeit vor gnädige
Straffe welcher Kuss mir denn von den allermeisten wieder zurück gegeben wurde
so dass wir fast einen halben Tag mit diesem Lust oder wie unsere Feinde
vielleicht wohl sagen möchten NarrenSpiele zubrachten
Allein es ist bekannt dass der Himmel seinen Kindern wenn sie sonsten
aufrichtig und fromm wandeln eine zulässige oder mittelmäßige Lust ganz und gar
nicht missgönnet wovon wir sehr viele Exempel in heil Schrifft finden und
nachschlagen können
In Abrede will ich nicht sein dass wir dieses PossenSpiel bei damaligen
Umständen und gefährlich scheinenden Zeiten wohl hätten können bleiben lassen
zumahlen da immer einer dem andern hätte in die Ohren sagen mögen Hannibal
ante Portas
Jedoch einmal war es geschehen deswegen gingen wir in den folgenden
Tagen desto fleißiger in die Kirche beteten auch zu Hause weit andächtiger als
vor derselben Zeit und verrichteten dabei unsere Arbeit ein jeder nach seiner
Notdurfft Bequemlichkeit und Wohlgefallen Deñ ich kann bis dato nicht sagen
dass ich auf unserer Insul einen recht faulen Menschen zu suchen und zu finden
wüste als wovor dem Allmächtigen gedanckt sei der den Menschen zur Arbeit
erschaffen so wie den Vogel zum fliegen
Mittlerweile schlich immer ein Tag und eine Nacht nach der andern dahin
ohne dass sich die Hrn Portugiesen weder mit Bomben noch KanonenSchüssen
meldeten und hören ließ weswegen wir auf die Gedanken gerieten es würden
dieselben vielleicht in aller Stille abgeseegelt sein und ihren Lauf anders
wohin genommen haben jedoch die Davids und AlbertsRaumer Schildwachten
versicherten dass sie sich nicht allein noch alle 3 bei den SandBäncken
aufhielten sondern es wäre auch seit ehegestern noch ein Schiff zu ihnen
gestoßen welches jedoch nicht gar so groß zu sein schiene als die 3
KriegsSchiffe jedoch etwas wichtiger als ihre Fregatte welche in
KleinFelsenburg läge
Diesen Rapport bekamen wir eben an einem Sonnabende Abends weswegen unsere
Ältesten vor ratsam halten wollten gleich morgendes Tages in einer Chalouppe
etliche Deputirte an den Don Juan de Silves mit einigen Erfrischungen
abzusenden ihn complimentiren zu lassen sich dessen GesundheitsZustandes
wegen zu erkundigen um hauptsächlich zu erfahren ob er noch lebte oder tot
sei und was er etwa fernerweit unserer Sachen wegen angeben und vortragen
möchte Wie nun dieserhalb die ganze Nacht hindurch hin und her geratschlaget
wurde so fielen doch die allermeisten Stimmen wider und entgegen den Rat der
Ältesten aus so dass vor diesesmahl die erste HauptWerwirrung auf dieser Insul
vorgieng und wir Europæer oder so genannten Einkömmlinge selbst genug zu tun
fanden das Felsenburgische wallende Geblüte zu besänftigen indem so wohl
Männer Weiber als Kinder dem Himmel angelobten lieber sich tot schlagen zu
lassen und in ihrem eignen Blute zu ersticken als sich den Portugiesen zu
unterwerffen hergegen wollten sie sich alle wehren bis auf den letzten
BlutsTropfen und ihren Feind beschädigen so lange sie nur noch die geringsten
Kräffte hätten und ein warmer Atem in ihrer Brust sich spüren ließe Hierbei
muss ich bekennen dass sich unser Frauenzimmer weit desperater aufführete als
die Männer selbst ja die kleinesten Kinder wenn sie nur den Nahmen Portugiese
nennen hörten spyen gegen die Erde als welches meines Wissens ihnen niemand
weiß oder vorgemacht hatte sondern es schiene als ob dieser Widerwillen ihnen
schon im Geblüte und in der Natur stäcke
Da nun aber wie ich bereits gemeldet vor diesesmahl der Rat uñ die
Verordnung unserer Ältesten nicht allein verworffen wurde sondern sich auch
ein jeder er mochte ein Einheimischer oder Einkömmling sein aufs heftigste
und äuserste entschuldigte und wehrete noch einmal die Ambassade zu dem Don
Juan anzutreten als musste solcher Gestalt der Streit von selber aufhören
Deswegen beschlossen wir uns stille und ruhig zu halten den
KleinFelsenburgern aber nicht das geringste mehr von LebensMitteln zu
schicken weilen wir so wohl sie als alle andere Portugiesen von nun an vor
unsere offenbaren und abgesagten Feinde zu erkennen die größte Ursache hätten
zumahlen da wir nachrechnen könnten dass sie wenigstens noch so viel Vorrat von
den Victualien haben müssten welche wir ihnen seitero zu verschiedenen mahlen
zugeschickt hätten 3 bis 4 Wochen ja viel länger davon zu zehren hierbei
daureten uns zwar eben nicht die KleinFelsenburgischen Fische so gar sehr um
so viel desto mehr aber das vortreffliche Wildpret weilen bekannter Massen die
allerbesten AuerOchsen Hirsche Rehe wilde Schweine und dergleichen von
ungemeiner Größe in dasigen Wäldern herum spazieren Allein wie wir nachher
verspüret ist der Verlust sehr geringe gewesen und hat vielleicht der Himmel
nicht zugeben wollen dass die Portugiesen unser Wildpret vertilgen sollen
Jedoch in der GeschichtsErzählung ordentlich fort zu fahren so gingen
wir nachdem die fatale Nacht verschwunden war am Vormittage des darauf
folgenden Sonntags in die Kirche um den Gottesdienst abzuwarten wobei zu
gedenken dass wir damals wie doch sonsten gewöhnlich keine Kartaune
abfeuerten um das Volck zur Kirche zu ruffen sondern es richtete sich dasselbe
nach der Zeit und nach dem Läuten der Glocken kam auch in so häuffiger Menge
herzu gelauffen so dass wie man in Deutschland zu sagen pflegt die Kirche
gekribbelte und gewibbelte voll war Ja ich glaube dass damals keine einzige
Seele aus der Kirche geblieben ist ausgenommen einige wenige Krancken die
nicht zu Fuße fortkommen können und sich auf andere Art fortbringen zulassen
Bedenken getragen
Im gemeinen Sprichworte pflegt man zu sagen Wo Gott eine Kirche bauet so
bauet der Satan seine Kapelle darneben Dieses konnten wir daraus bemercken denn
unter der Zeit da nach vollbrachter Kirchen der Christliche Glaube
gewöhnlicher Art nach abgesungen wurde ließ unser Feind Don Juan von seinen
Schiffen die 3 abgeredten Bomben springen Worbei unter einem jeden Verse
dieses Liedes wie wir alle insgesamt mit besonderen Nachsinnen in Acht genommen
haben auch der Knall einer Bombe zuhören und zu vernehmen war Und dieses ist
gewiss und wahrhaftig kein ohngefährer Zufall zu nennen sondern gute Christen
hatten ihre besonderen Gedanken dabei da es so accurat zutraf dass das Lied
Wir gläuben all an einen Gott etc eben 3 Verse haben musste und wir auch nicht
mehr als 3 SchreckSchüsse hören durfften nicht anders als wenn dieserwegen
ein besonderes Zeichen gegeben wäre
Die ganze Christliche Gemeine schien zwar anfänglich einiger Massen in
ihrer Andacht beunruhigt u gestöhrt zu werden allein der unvergleichliche
Herr M Schmeltzer erfand solgeich ein Mittel die beunruhigten und allenfalls
ängstlichen Gemüter zu besänftigen und wieder in Ordnung zu bringen indem er
sogleich nachdem wir den dritten BombenKnall vernommen den Choral von der
Kantzel herunter intonirte JEsus meine Freud etc Wie nun die ganze
Christliche Gemeine dieses Lied in der größten Andacht absunge so
beschäfftigten sich auch unsere Herren Musicanten mit Zincken und Posaunen der
Andacht einen desto größeren Eindruck oder so zu sagen Nachdruck zu geben
Nachhero aber setzte er vor diesesmahl das ordentliche SonntagsEvangelium bei
Seite und erwählete sich an Statt dessen den 35 Psalm welcher also lautete
HErr hadere mit meinen Haderern streite wider meine Bestreiter Ergreiffe
den Schild und Waffen und mache dich auf mir zu helfen Zücke den Spieß und
schütze mich wider meine Verfolger Sprich zu meiner Seelen Ich bin deine
Hilfe Es müssen sich schämen und gehöhnet werden die nach meiner Seelen
stehen es müssen zurücke kehren und zu Schanden werden die mir übel wollen
Sie müssen werden wie Spreu vor dem Winde und der Engel des HErrn stoße sie
weg Ihr Weg müsse finster und schlüpfferig werden und der Engel des HErrn
verfolge sie Denn sie haben mir ohne Ursach gestellt ihre Netze zu verderben
und haben ohne Ursach meiner Seelen Gruben zugerichtet Er müsse unversehens
überfallen werden und sein Netze das er gestellt hat müsse ihn fahen und
müsse darinnen überfallen werden Aber meine Seele müsse sich freuen des HErrn
und frölich sein auf seine Hilfe etc
Ich bin nicht im Stande diesen Psalm bis ans Ende her zu recitiren weilen
mir das Gedächtnis in dem Stücke was ich in der Jugend gerlernt nummehro seine
Dienste ziemlicher Massen versagen will deswegen ist derselbe nachzuschlagen
da sich denn finden wird dass sich alle Zeilen ja fast alle Worte desselben auf
unsere damaligen Umstände dergestalt schicken als ob der Königliche Prophet
David unsere Umstände und Beschaffenheit zu seiner LebensZeit lange voraus
gesehen hätte Nach der Predigt wurde das Te Deum laudamus unter Paucken und
TrompetenSchall auch abwechselnden Zincken und PosaunenKlange abgesungen
mithin vor dissmahl der vormittägliche Gottesdienst geendiget
Durch alle diese Veranstaltungen zumahlen da die Herren Musicanten die
Melodeien dieser 3 Lieder als
Wär Gott nicht mit uns diese Zeit etc
Ein veste Burg ist unser Gott etc
Es woll uns Gott genädig sein etc
vom Turme unter Läutung der Glocken abbliesen machten sie einen noch ferneren
Eindruck in die Gemüter wodurch denn das sämtliche Volck so wohl Männer
Weiber als Kinder ungemein ergötzt wurden sich Hauffenweise auf dem Platze vor
der Kirche und unter der Alberts Burg versammleten und stehen blieben da denn
der Regente alle Anwesenden vom Grösten bis zum Kleinesten speisen und träncken
ließ In der NachmittagsPredigt hatte Herr Mag Schmeltzer Jun nur diese
wenigen Worte zum Texte seiner Predigt erwählet Fürchte dich nicht du kleine
Heerde etc und sprach uns allen einen großmütigen Trost zu weswegen wir alle
ohne besondere Bangigkeit aus einander gingen Folgenden Montags früh gleich
bei Aufgang der Sonne ließ Don Juan abermals nachdem es die ganze Nacht
ganz stille gewesen 3 Bomben gegen unsere Insul in die See spielen allein
wir regten und bewegten uns nicht bis wir endlich abermals eine Chalouppe mit
2 Trompeten und einiger Mannschaft die alle weiße Fähnlein in den Händen
führten gewahr wurden die so schnell als nur immer möglich war auf unsere
Insul zugefahren kamen Allein wir taten derselben nicht einmal die Ehre an
ordentlicher Weise zu begegnen sondern es begaben sich nur Herr Wolfgang Mons
de Blac und ich mit einer Bedeckung von 50 Mann der auserlesensten tapffersten
Leute durch den WasserGang hinunter an das Ufer der See welche 50 Mann aber
sich in den WasserGange verborgen halten mussten Wir pflantzten ebenfalls 3
weiße Fahnen in die Erde da denn die Chalouppe anländete aus welcher 3
vornehme Offiziers herauf gestiegen kamen und erstlich in hochtrabenden Worten
anfragten Warum wir nicht Parole gehalten hätten uns bei dem Don Juan de
Silves auf der Insul KleinFelsenburg einzufinden
Hierauf antworteten wir mit ganz gelassenen Worten dass wir einfältigen
Leute nicht gewust hätten wie wir daran wären indem uns eine Zeit von 4 bis
6 Tagen bestimmt gewesen welche aber verlauffen und noch etwas drüber ehe
wir sein Signal mit dem Bomben gehört weilen nun dieses eben unter der Zeit
unseres Gottesdienstes geschehen und wir auch anderer Ursachen wegen nicht
wohl abkommen können so hätte ein solches vor dissmahl bis auf eine andere Zeit
unterbleiben müssen Zum andern wurde von ihnen gefragt ob wir uns denn nun
wirklich resolvirt hätten die allerhöchste Protection Ihr Königl Majestät
von Portugall anzunehmen worauf ihn zur kaltsinnigen Antwort gegeben wurde
hiervon könnten wir eben itzo nicht viel reden weilen wir keine besondere
Vollmacht darzu hätten unterdessen wäre allhier ein alleruntertänigstes
Schreiben an Ihr Königl Portugiesischen Majestät vorhanden und zugleich die
Kopia oder Abschrifft desselben vor den Don Juan de Silves als andere welche
solches zu lesen beliebten Zum dritten waren die 3 Herren so treuhertzig zu
begehren dass wir sie hinauf auf unsere Insul führen sollten um ihnen unsere
LebensArt und andere Anstalten zu zeigen welches wenn es nicht geschähe der
Don Juan vor den allergrößten Affront aufnehmen würde
Aber dieses war vollends eine Sache die uns anzunehmen eben nicht gar zu
vorteilhaft zu sein schiene deswegen sagten wir ihnen allen 3 zur Antwort
wasmassen es allerhand Ursachen wegen unser Werck ganz und gar nicht sei
fremde Personen geschweige denn solche die uns mit lauter Feindseligkeiten
bedroheten in unsere Hütten zu führen und deswegen könnten sie sich nur in
aller Güte zurück begeben Hierbei aber wurde ihnen ein Præsent von 2
lebendigen AuerOchsen 2 lebendigen überaus großen Hirschen und andern
lebendigen Tieren gemacht nebst einem oder etlichen Fässern des besten Kanari
enSects auch anderer delicaten Weine Konfituren Obst und dergleichen Allein
es schien als ob die Herren Portugiesen unsere Gaben verschmähen wollten indem
sie mit aller Gewalt darauf drungen dass sie eher nichts anzunehmen gewillet
bis sie den Zustand und Verfassung unserer Insul aufs genaueste betrachtet und
untersucht hätten So bald ihne nun dieses rotunde abgeschlagen wurde wollte der
Ansehnlichste unter den 3 Vornehmsten aus einem höheren Tone zu reden anfangen
indem er sagte Was nicht in Güte zu erlangen stünde müsste man mit Gewalt zu
erhalten suchen denn sie ja als vernünftige Menschen doch wohl endlich mit der
Zeit die Schlüssel Tore Türen und Pforten zu diesem Neste finden würden
welches seinen Gedanken nach doch wohl nicht etwa vor ein verwünschtes und
verzaubertes Schloss oder Burg zu halten sei Wir mussten diese Torheit fast
wider unsern Willen belachen jedoch der hitzige Herr gab nur einen Winck mit
dem rechten Arme worauf augenblicklich ungefähr 30 bis 40 mit Ober und
UnterGewehr wohl versehene Männer aus der Chalouppe ins Wasser heraus sprungen
wie die WasserHunde und sich zu uns an das Land begaben Wir hielten dieses
vor einen unbesonnenen unnötigen und desperaten Streich da sie sich aber
nachdem sie festen Fuß gefasst so zu sagen in vollkommene SchlachtOrdnung
stelleten gab Herr Wolffgang auch ein Zeichen von sich da denn unsere 50 Mann
der allertapffersten und freiwilligen Junggesellen aus der FelsenKlufft die
man bis jetzo ihm zu Ehren noch den Wolffgangischen WasserFall zu nennen
pflegt in allerschönster Ordnung ebenfalls mit Ober und UnterGewehr wohl
versehen heraus rückten und sich darstelleten den Feinden die Spitze zu
bieten Ich will eben das uralte Sprichwort nicht missbrauchen und sagen dass
die Herren Feinde einen rechten terrorem Panicum bekamen da sie unsere
Verfassungen und Anstalten sahen Dem allen ungeacht aber war der hitzige Herr
subalternOffizier dennoch so desperat Feuer auf uns und unsere Leute geben zu
lassen da denn Herr Wolffgang bei der ersten Salve eine Kugel in den lincken
Arm ich eine dergleichen in die rechte Hüffte und Mons de Blac ebenfalls eine
Kugel in die lincke Schulter bekamen Von unsern Leuten schiene es anfänglich
als ob ihrer zwei auf dem Platze wären tot geschossen worden indem sie zu Boden
fielen da der eine in die Brust und der andere in den Unterleib sehr
gefährliche Kugeln bekommen hatten allein der Himmel und die Kunst unsers nie
genug zu rühmenden Chirurgi Mons Kramers hat geholffen dass sie alle beide
noch am Leben geblieben und frisch und gesund sein Herr Wolffgang hat es mir
und andern mehr teuer zugeschworen dass ungeachtet er vielen hitzigen Treffen
und Scharmützeln so wohl zu Lande als zur See beigewohnt er dennoch niemals
Leute von mehrerer Hertzhaftigkeit gesehen Denn das Schießen wollte ja fast
kein Ende nehmen und wir wunderten uns nur darüber wo sie auf diesesmahl alle
Patronen herbekommen hätten Auser dem hatten wir auf unserer Seite nur noch 5
Blessirte die aber nur ganz leichte Wunden hatten und ihr Gewehr dem allen
ungeacht beständig fortbrauchten Ja es wurde immer ein kleines HeckFeuer wie
man es sonsten zu nennen pflegt nach dem andern gemacht da wir denn klärlich
bemerckten dass auf feindlicher Seite 10 Mausetode und 9 Blessirte auf der
Stelle vorhanden waren welche sie in größter Eile auf ihre Rücken nahmen
zurück ins Wasser sprungen und dieselben in ihre Chalouppe trugen Es war ein
artiger Spas da eben zur selben Zeit da dieses geschahe eine ganze Bataillon
von unsern Frauenzimmerlichen GranadierRegimente durch den Wolffgangischen
WasserFall herunter marchirt kam um uns in der Gefahrschwebenden armen
Männern aus getreuem Hertzen aufs bestmöglichste zu Hilfe zu kommen Ich will
und kann nicht sagen was dieser Anblick vollends den Feinden vor ein besonderes
Schrecken einjagte zumahlen da sie die ungewöhnliche Montur derselben in
Betrachtung zohen
Unsere Granadiers aber führten sich eben nicht auf als wie die
ZieperKatzen sondern sie mussten in größter Geschwindigkeit ihre Granaden
dergestalt accurat zu werffen dass nicht alle viele durch das Wasser badende
Feinde sondern auch noch weit mehrere in der feindlichen Chalouppe teils
getötet teils heftig blessirt wurden Unaussprechlich war die
Geschwindigkeit unserer Feinde welche sie gebrauchten um nur von unserm Ufer
hinweg zu kommen da wir denn weilen uns mit Vergiessung vieles MenschenBluts
eben nicht gedient uns in so weit an der Ehre begnügen und den überwundenen
Feind fernerweit ohngestört fortrudern ließ
Was Don Juan de Silves in der ersten Hitze bei der Zurückkunft seiner
Leute welche ziemlicher Massen mit blutigen Köpffen anzusehen waren gesagt
haben mag möchte ich wohl wissen jedoch mit wem hat er sich wohl sonderlich
zancken mögen da seine beiden commandirenden hitzigen Herrn subalternen
Offiziers tödlich verwundet waren und wie man vernommen nachher bald ins
Reich der Toden gereist sind
Wir unterdessen schlichen uns ganz sanft und stille durch den WasserFall
wieder auf unsere Insul hinauf eben als wenn wir kein Wasser betrübet hätten
sobald wir aber oben auf der Höhe angelanget waren vergönneten wir der
WasserFlut wieder ihren strengen Fall und Sturtz und bekümmerten uns vor
dissmahl weiter um keine Feinde
Gewöhnlicher Massen werden sonsten in andern Ländern die Sieger welche
ihren Feind bezwungen oder doch zurück geschlagen im Triumphe eingeführet
allein dergleichen hochspringende Gemüter hatten wir armen Felsenburger auf
keinerlei Art und Weise sondern so bald wir zurück kamen war das allererste
dass man uns in die Kirche führte da wir uns insgesamt ungeachtet unsrer
annoch blutenden Wunden mit Freuden und Vergnügen da hinein begaben allwo die
ganze Christliche Gemeine in erstaunlicher Menge versamlet war
Herr Mag Schmeltzer Sen ließ erstlich den Choral singen Du FriedeFürst
HErr JEsu Christ etc hernach hielt er einen nicht eben allzu langen Sermon in
welchem er unsere Geschichte mit der Maccabäer Begebenheiten unvergleichlich
wohl zusammen reimete nachher aber aus Psalm am 37 vers 37 den Schluss damit
machte Bleibe fromm und halte dich recht denn solchen wird es zu letzt wohl
gehen Die Ubertreter aber werden vertilget mit einander, und die Gottlosen
werden zuletzt ausgerottet Aber der HErr hilfft den Gerechten der ist ihre
Stärcke in der Not Und der HErr wird ihnen beistehen und wird sie von den
Gottlosen erretten und ihnen helfen denn sie trauen auf ihn
Nach diesem Sermon worinnen er sonderlich das auf beiden Seiten unschuldig
vergossene Blut mit fast weinenden Augen bedauerte wie denn wir Streiter selbst
keinen Wohlgefallen daran hatten sondern nach vollbrachter Sache einem jeden
von unsern Feinden auch den kleinsten vergossenen BlutsTropffen gern wieder mit
einem Lot Golde zurück in den Leib gekaufft hätten wenn es anders möglich
gewesen wäre denn unsere Nation ist bekannter Massen eben so barbarisch
nicht sondern vielmehr christlich gesinnt da sie es aber nicht anders haben
wollen als mochten sie auch mit demjenigen vorlieb nehmen was ihnen von
Gottes und Rechtswegen wiederfahren war Hierbei aber kann ich nicht sagen dass
nur einem einzigen Felsenburger das Hertze wie man sonsten zu reden pflegt in
die Kniekehlen gesuncken war Nein im Gegenteil waren so wohl MannsPersonen
als das Frauenzimmer recht begierig bald noch ein Scharmützelgen zu wagen
Jedoch da Hr Mag Schmeltzer zum Schluße dieser außerordentlichen Betstunde
oder KirchenAndacht noch das bekannte christliche Kirchen Lied
Gott der Friede hat gegeben
Lass den Frieden ob uns schweben etc
absingen lassen begaben sich alle und jede nach Hause in ihre Wohnstädte da
denn wir und die andern Verwundeten desselben am allermeisten vonnöten hatten
Die darauf folgende Nacht war alles sehr stille jedoch weilen einem
schlaffenden Feinde eben so sonderlich viel nicht zu trauen ist besetzten wir
unsere Posten so wohl auf den Gebürgen als in der Ebene drei und vierfach ich
aber weilen ich wegen der Schmerzen an meiner empfangenen Wunde ohne dem wenig
Ruhe noch Rast zu finden verhoffte begab mich auf die höchsten Felsen Spitzen
bei die DavidsRaumerSchildwächter da ich denn gleich mit Anbruch des Tages
gewahr wurde dass nicht allein die 3 großen KriegsSchiffe sondern auch noch
ein Schiff benebst der elenden Fregatte die bisher bei KleinFelsenburg
gelegen weit näher an unsere Insul GroßFelsenburg heran gerückt waren und dem
Scheine nach nur absehen wollten wo etwa der Wind herkäme Allein es zeigte sich
bald anders denn der Don Juan welcher vielleicht mehr Feuer im Kopffe als im
Hertzen hatte machte den Anfang uns auf eine ganz erstaunenswürdige Art zu
bombardiren und zu canoniren Jedoch wir hatten ja die größte Ursach diese
seine Torheit hertzinniglich zu belachen und zu verspotten indem nicht mehr
als eine einzige Bombe deren er doch wohl 3 bis 400 gegen uns spielen
ließe auf unsere Insul herunter gekollert kam welche jedoch nicht den
allergeringsten Schaden verursachte ausgenommen dass dieselbe ein kleines
Fleckgen GraseLand umwühlete worüber wir und unsere Kinder eine ganz
besondere Freude hatten Wie unsers Orts saßen ganz stille so wohl als wie
unser Felsen der alle Bomben und KanonenKugeln mit lachendem Mute von sich
abwiese Jedoch endlich nachdem das Bombardiren und Kanoniren ganzer 2 mahl
24 Stunden unaufhörlich gewähret riss bei Ms Plagern und mir der GeduldFaden
entzwei weswegen wir nicht allein aus unsern neugegossenen Mörsern etliche 50
Bomben ihnen entgegen spieleten jedoch listiger Weise mit allem Fleiße bald
seitwärts bald über ihre Schiffe hin Damit sie aber ja allenfalls nicht
vermeinen sollten als ob es uns am Pulver fehlete so hatten wir eine ganz
besondere Art von Bomben die mit Schwärmern LustKugeln und dergleichen
FeuerwerckersPossen angefüllet waren welche wir ihnen sehr geschicklich zum
Zeitvertreibe in ihre Schiffe zu werffen wussten um ihnen auch damit zu zeigen
dass es unser Ernst eben nicht sei sie tödlich zu verletzen sondern nur ein
kleines LustSpiel mit ihnen zu haben Auser dem wurde fast alle Abend so zu
sagen zu unserer eigenen Lust und Vertreibung der unruhigen Gedanken oder
Grillen wie man dieselben sonsten zu nennen pflegt immer ein kleines lustiges
FeuerWerck nach dem andern den Herren Feinden entgegen præsentirt wobei wir
uns auch nicht scheueten zu gewissen Zeiten und Stunden nach Beschaffenheit der
Sachen unsere Kartaunen Kanonen und Mörser abzufeuern weilen wir uns nebst
göttlicher Hilfe bis zu der Zeit noch in der Verfassung befanden allen unsern
Feinden die Spitze zu bieten es möchten dieselben auch gleich Christen oder
Barbaren sein
Endlich kam Don Juan in so weit zum Verstande dass er das erschröckliche
Bombardiren und Kanoniren einstellete indem er vielleicht selbst absehen
mochte dass damit gegen uns nichts im geringsten auszurichten wäre da wir ihm
fast nur zum Spase unzählige Bomben und KanonenKugeln entgegen spieleten die
LustFeure so wir ihnen und uns nach unserer Bequemlichkeit machten will ich
dabei ausnehmen weilen es zur HauptSache eben nicht zu dienen scheint
sondern nur so viel sagen dass nachdem noch einige Tage verstrichen waren der
Don Juan de Silves in einem kleinen Boote einen abermahligen Trompeter an uns
schickte und von uns verlangte dass 3 Personen der Unsern als Deputirte auf
die große SandBanck zu ihm kommen möchten indem er in eigener Person mit
ihnen Sprache zu halten gewillet sei und dieserwegen ihnen auf Treu und Glauben
alle vollkommene Sicherheit wegen ihrer Ehre und Lebens verspräche wie er denn
auch nicht mehr als 3 Personen zu seiner Bedeckung mit sich bringen würde und
zwar allen bösen Verdacht zu vermeiden ohne alles tödliche Gewehr Hiernächst
wäre er gesonnen nach KriegsGebrauch Geisseln mit uns zu vertauschen indem
er 3 von seinen vornehmsten Offiziers in unsere Verwahrung liefern wollte wenn
wir ihm dagegen 3 Mann von unsern Ältesten oder Befehlshabern auf sein Schiff
hinüber zu schicken uns entschließen könnten als welche er keinesweges wie
Gefangene sondern als gute Freunde und Bruder halten und nach seinem
allerbesten Vermögen aufs herrlichste und kostbarste wollte verpflegen lassen
Nachdem ich der ich unten am Fuße unsers Felsens mit einigen guten
Freunden spatziren herum gegangen war und das mündliche Kompliment des
Trompeters angenommen hatte welches unser Feind ihm in den Mund gelegt musste
ich in meinem Gedanken die Geschicklichkeit und sonsten überaus artige Person
dieses Trompeters bewundern weswegen seinem Principal eben nicht zu verargen
war dass er ihm unter seiner eigenen Hand und Siegel ein Blanquet ungefähr in
folgenden Worten mitgegeben
Diesem meinem LeibTrompeter und Vorzeigern dieses Schreibens ist in allen
Stücken und in allen seinen Worten ein vollkommener Glaube beizumessen eben als
ob ich dieselben selbst aus meinem eigenen Munde gesprochen hätte und zwar
KavalierParole etc
Don Juan de Silves
Der Mons Trompeter aber bekam gestallten Sachen nach vor diesesmahl nichts
weiter zur Antwort als dass sein Principal Morgen so gleich mit dem Aufgange
der Sonne Antwort haben sollte
Nunmehr war bei uns abermals guter Rat teuer deswegen brachten wir die
ganze darauf folgende Nacht zu diesen zu finden Endlich wurde beschlossen
uns auf alle Fälle in behörige Ordnung zu setzen worauf denn Mons Wolfgang
Mons de Blac und ich abermals fort mussten um das Wort zu führen Hierbei aber
wurden uns 3 Personen von den Ältesten mit hinzu gegeben weilen wir uns
wiedrigenfalls weigerten vom Flecke zu gehen indem man ja nicht verlangen
könnte dass wir 3 Einkömmlinge uns allein allen Gefährlichkeiten unterwerffen
und so zu sagen unsere Seele in der bloßen Hand tragen sollten zumahlen da
unsere LeibesWunden die wir in dem letztern Treffen empfangen noch kaum zur
Helffte geheilet wären etc
Diese Vorstellungen, welche von uns dreien mit redlichem und aufrichtigem
Hertzen und Munde geschahen erreichten ihren Zweck in allen Felsenburgischen
Gemütern so viel auch deren nur immer um und neben uns waren welches die
LiebesTränen die so wohl von den Ältesten als Jüngern vergossen wurden
klärlich bezeugeten Demnach ging mit anbrechenden Tage die Reise fort da wir
denn den Don Juan bereits mit sein je schwachen Begleitung auf der größten
SandBanck angeländet erblickten und gewahr wurden dass sie bei einem
angemachten Feuer auf ausgebreiteten Teppichen ein Schälchen Kaffée truncken
indem die Sonne eben im Aufgange begriffen war Ehe ich weiter rede will ich
vorerst noch dieses melden dass uns dreien Deputirten als nämlich Herr
Wolffgangen Mons de Blac und mir nicht nur von dem Regenten sondern auch von
den Ältesten und Vorstehern unserer Gemeinden eine schrifftliche vielfach
unterschriebene und besiegelte ausführlich und deutliche Vollmacht mitgegeben
und in derselben gemeldet wurde dass alles NB was wir 3 schließen verabreden
und handeln würden eben so gut verabredet erkannt und geschlossen zu sein
gehalten und geachtet werden sollte als ob alle Felsenburgischen Einwohner vom
Ältesten bis zum Jüngsten und vom Grösten bis zum Kleinesten selbst zugegen
wären und vor ihre Wohlfahrt redeten welche sie vor diesesmahl bloß allein
nechst dem Vertrauen auf göttlichen Schutz und Hilfe unserer Treue
Redlichkeit Klugheit und Erfahrenheit gänzlich anheim gestellt hätten
Hierbei muss ich den geheimen besonderen HauptPunkt zu melden nicht
vergessen wie nämlich uns auch dieser delicate Punkt einzugehen erlaubt war
den Don Juan mit so viel Begleitern als uns etwa nicht gar allzu nachteilig
scheinen möchte auf die Insul herauf zu führen alldieweilen wir uns eben kein
besonderes Bedenken dabei nehmen durfften weilen uns die Portugiesen jedennoch
nicht mit Gewalt verderben könnten und wenn sie auch mit der allerstärcksten
Flotte gegen uns überlägen denn wir hätten ja die klaren Exempel davon nunmehr
schon zur Gnüge erfahren Ich meines Teils hatte das allerwenigste hierwider
einzuwenden zumahlen da ich an allen meinen Fingern abzählen konnte dass eine
ungewöhnlich stärckere Macht darzu erfordert würde die Insul GroßFelsenburg
mit Gewalt der Waffen einzunehmen Um aber in der GeschichtsErzählung ohne
ferneren Umschweiff fortzufahren so muss versichern dass so bald wir bei der
SandBanck angeländet uns der Don Juan also gleich nachdem er von den
Teppichen aufgesprungen war ohne Begleitung nur eines einzigen Dieners
entgegen gegangen erstlich Herrn Wolffgangen hernach die andern mitgekommenen
Felsenburger aufs allerfreundlichste umarmete und bat ihn bei jetzigen
Umständen nicht zu verschmähen sondern ein Schälchen Kaffée vor das Nüchterne
mit ihm zu trincken und zwar auf dem Sande Wir ließ uns eben nicht lange
nötigen indem wir befürchteten dass er es sonsten übel nehmen oder aber gar
einen unbilligen Verdacht auf uns legen möchte demnach truncken wir ein jeder
etliche Schälchen bei einer Pfeiffe Toback nachher aber nach Belieben auch
einige Gläsergen des allerbesten FrantzBrandteweins da denn Don Juan de Silves
mit lächelndem Munde zu sagen anfing Meine Herren ich habe eure Konduite von
vielen SeeFahrern rühmen hören allein das hätte ich mir fast nicht träumen
lassen dass ihr mein letzteres an euch abgeschicktes Kommando dergestalt
feindseelig abgefertiget wie mir denn dieserwegen die Grillen noch im Kopffe
herum gehen zumahlen da euch seitero kein ordentlicher Streit oder Krieg
angekündiget worden sondern wir sind ja nur zu euch gekommen als gute Freunde
und Brüder in Hoffnung dessen dass ihr die OberHerrschaft und den Schutz
meines Königs annehmen würdet so aber fangt ihr den Krieg unbedachtsamer Weise
von euch selber an
Keineswegs mon Patron gab hierauf Herr Wolffgang zur Antwort haben wir
Streit und Krieg von uns selber angefangen denn wir sind ein friedliebendes
Völcklein da aber wider alles Vermuten und Verhoffen unter unsere Leute die
uns gefolgt waren um nur zu sehen wo wir hin wollten und wie es uns etwa gehen
möchte so gleich Feuer gegeben wurde als wie unter die Hunde so haben
dieselben auch einiger Massen ihre Hertzhaftigkeit gezeigt welche dieserwegen
zu bedauern weilen sie den Ihrigen in etwas zum Schaden mag gereicht sein Ich
kann ihnen redete Herr Wolffgang weiter heilig versichern dass unsere
Felsenburger ungeachtet sie von Jugend auf so zu sagen ganz einfältig
auferzogen worden dennoch Hertzen in ihren Körpern haben wie die Löwen und
Tyger inmassen sie sich bloß auf Gott ihre gerechte Sache gutes Gewissen und
sonsten angebohrne natürliche Freiheit verlassen anbei sich eher auf der Stelle
tot schlagen ließ als nur einen Fuß zurücke zöhen um den Schein von sich zu
geben als ob sie ihren Feinden nachgeben oder weichen wollten Ich will hiervon
weiter nicht viel Redens machen damit es nicht etwa als eine bei gewissen
Völckern gebräuchliche Rodomontade oder Prahlerei heraus kommen möchte
Der Himmel ist mein Zeuge versetzte auf dieses Don Juan de Silves dass
ich meinen Leuten nicht mit dem geringsten Worte Befehl gegeben
Feindseligkeiten zu gebrauchen geschweige denn mit dem Feuergeben den Anfang
zu machen da aber die Anführer derselben bereits an ihren Wunden gestorben
sind als kann ich sie weiter nicht dieserhalb zur Rede setzen
Hierwider haben wir war meine GegenRede ganz und gar nichts einzuwenden
allein was sollte denn aber das darauf erfolgende heftige Bombardiren und
Kanoniren wohl etwa zu bedeuten haben vielleicht uns Felsenburgern etwa ein
besonderes Schrecken einzujagen oder uns sonsten in Verzweiffelung zu bringen
wenn dieses ihre Gedanken gewesen sind so haben sie sich ganz entsetzlich
geirret denn wir sind bis auf diese Stunde noch nicht anders gesinnt als eine
gewisse Art einer noch jetzo florirenden Nation welche sich vor nichts
heftiger als vor dem Einfall des Himmels zu fürchten pflegt auser dem aber
die übrigen Feinde und Verfolger zum Teil en bagatell tractiret Uns dauret
nichts meine Herren so redete ich weiter als die heftige Mühe und Arbeit
die sie angewendet haben uns zum bombardiren und zu canoniren ausgenommen
noch das viele Pulver welches sie vergeblicher Weise verschossen und verplatzt
haben Wir haben zwar auch gegen sie viel Pulver verschossen und verplatzt
sonderlich bei den Feuerwerckergen die unsere lustigen Knaben und Junggesellen
zuweilen gespielt allein dieses ist unser allergeringster Schade da wir des
SchiessPulvers fast so viel haben als des Sandes am Meere und je mehreren
Abgang um so viel desto größeren Zuwachs desselben verspüren
Don Juan nebst den Seinigen horchte hoch auf da sie mich also reden
hörten unterdessen aber da wir mit einander auf der SandBanck herumspazieren
gingen hatte er Befehl gegeben etwas zu einer guten Mahlzeit dienliches von
seinem Schiffe herüber zu bringen Ob nun schon dieses alles mehrenteils in
kalter Küche bestund so kam es doch unsern hungrigen Magens eben annoch zu
rechter Zeit zumahlen da etliche Fässlein des besten KanariSects zugleich
mitkamen und wir uns an demselben herzlich labeten wobei sich Don Juan
dergestalt freundlich lustig und aufgeräumt aufführete als wenn er Zeit seines
Lebens nichts feindseeliges gegen uns verhängen vielweniger eine und zwar die
allererste Bombe auf die Insul GroßFelsenburg werffen lassen
Nachhero da wir uns wieder nach orientalischer Art auf die Teppiche
niedergelassen ging der FreudenBecher unter einem friedlichjedoch auch
ernstaften Gespräche dergestalt hurtig herum dass die Nacht darüber
eingebrochen war ehe wir uns deren vermuteten Jedoch Don Juan der sehr
lustig und aufgeräumt zu sein schien wollte uns wegen der Gefahr eines
gekommenen SturmWindes nicht von sich lassen sondern bat was er bitten konnte
nur erstlich den Tag abzuwarten und vor allen andern Dingen bloß seine Person
nebst zweien Bedienten oder wenigstens einem auf unsere Insul mitzunehmen da
er denn seiner Religion nach bei Gott und allen seinen Heiligen Ertz und
andern Engeln etc unter freuem Himmel mit aufgereckter rechter Hand einen
freiwilligen so genannten leiblichen Eydschwur tat nicht zu uns zu kommen als
ein Feind oder Spion sondern als ein aufrichtiger ehrlicher guter Freund der
uns und die Unserigen gern möchte besser kennen lernen anbei verspräche dass er
von jetziger Stunde an so wohl bei Sr Majestät dem Könige in Portugall als
sonsten so viel als nämlich in seinem Vermögen stünde unser Bestes und zu
unserer Wohlfahrt gereichendes suchen wolle und dieses bloß allein zur
Vertilgung und Vergessung des Schreckens welches er uns auf Anstifften
ungetreuer Leute die ihn schändlicher Weise hintergangen und betrogen hätten
zuzufügen gemeinet gewesen Wie nun solcher Gestalt der Don Juan sich mit Worten
und teuren Versicherungen über alle Massen aufrichtig gezeuger als wurden nach
einer kurzen ferneren Verabredung die Geisseln unter beiden streitigen Partien
gewechselt da denn 3 von unsern AltVätern mit ihren grauen Bärtern hinüber
auf sein Schiff an Statt derselben aber 3 seiner vornehmsten Offiziers von
dannen zu uns zurück gebracht wurden worauf wir so gleich die Reise mit den Don
Juan zweien seiner Bedienten und den jetzt gemeldten 3 Offiziers als so
genannten Geisseln antraten
So bald wir am Fuße des Felsens angeländet und ausgestiegen waren sagte
Don Juan Nun so gönnet mir doch einmal die Lust meine Freunde zu erfahren
ob ich von mir selbst den Eintritt oder den Aufgang auf eure Insul finden kann
Wir mussten aber herzlich lachen da er die allergefährlichsten Fusssteige auf
welchen ganz und gar nicht fortzukommen wohl aber man mit leichter Mühe Hals
und Beine brechen konnte zwar sehr behutsam suchte jedoch jederzeit gewahr
werden musste dass seine Mühe vergeblich zu sein schien Unterdessen war er mehr
als 10 bis 12 mahl vor dem so genannten Wolffgangischen Wasserfalle hin und
her vorbei spatzirt da aber die Flut eben im allerwildesten Falle und Sturtze
da heraus gerauschet kam als schien es ihm freilich wohl unmöglich zu sein
sich darauf zu besinnen dass eben dieses die HauptPforte wäre deswegen gaben
wir unsern auf den Höhen stehenden Schildwächtern das gewöhnliche Zeichen die
Schleusen zu mithin den Gang trocken zu machen welches in größter
Geschwindigkeit geschahe da wir denn alle trockenes Fußes hinauf spatzirten
den Don Juan aber welchen wir nebst den Seinigen zwischen uns hatten in die
allergröste Bestürtzung und Verwirrung geraten sahen woraus sie sich nicht ehe
recht wieder erholeten bis wir sie oben an das TagesLicht und auf das Land
brachten Wir traffen gleich oben 3 leichte Chaisen an deren jede mit 6 der
allergrößten jedoch ungemein zahm gemachten Hirschen bespannet war worein sich
die mitgebrachten Fremden setzten und auser diesen waren unsere Freunde noch
mit einigen andern Chaisen herbei gerückt die aber nur mit wohlgewachsenen
Pferden bespannet worein sie uns nahmen und also nach einer kurzen Verweilung
mit uns auf die AlbertsBurg zufuhren allwo auf dem großen Saale Don Juan wie
auch seine bei sich habenden Offiziers so gleich vor den Regenten und die
Ältesten zum Gehör gebracht wurden und viele Zeichen einer ganz besonderen
Bewunderung von sich blicken ließ Sie wurden nachher aufs allerkostbarste
von uns mit Speisen und Getränke bewirtet auch wurden ihnen die vornehmsten
und zierlichsten Zimmer zu ihrer Bequemlichkeit eingeräumet anbei die Erlaubnis
gegeben alles auf unserer Insul in Augenschein zu nehmen als womit sie denn
einige Tage zubrachten und wie sie selber sagten sich fast nicht satt sehen
könnten weilen sie sich dergleichen Anstalten und Verfassungen nimmermehr hätten
träumen lassen so wie sie dieselben nämlich auf der von außen so raue
scheinenden FelsenInsul angetroffen hätten
Es war gewiss so wohl auf unserer als der Portugiesen Seite ein
merckwürdiges Exempel zu nehmen wie veränderlich die Hertzen und Gemüter der
sterblichen Menschen sich in einen und anderen Begebenheiten sonderlich aber
Glücks und UnglücksFällen aufzuführen oder zu verhalten pflegen Denn
diejenigen, welche wir kurtze Zeit vorher vor unsere abgesagten TodFeinde
gehalten ihnen auch dergestalt wie man zu sagen pflegt Spinnenfeind gewesen
so dass wir sie nur immer alle Augenblicke anspeien mögen eben diese wurden
nunmehr von uns aufs allerliebreichste und freundlichste tractiret nicht
anders als ob sie schon lange Zeit unsere guten Freunde gewesen sondern auch
immerfort bei uns zu bleiben sich möchten gefallen lassen Anderer Seits gab
der Don Juan sich in so weit bloß Meine Herren und Freunde ich schwöre zu
Gott dass ich allhier in diesem kleinem Stückgen des ErdKreises angetroffen
habe was vielleicht in der ganzen Welt im so kurzen Begriff aller
Annehmlichkeiten nicht zu finden und anzutreffen ist Ich vor meine Person müsste
mir das größte Gewissen daraus machen wenn ich zugeben sollte dass man euch
ferner beunruhigte Nein ich halte vielmehr davor dass man alles dieses was
wir gehört und gesehen haben vorher Sr Portugiesischen Majestät aufs
allergenaueste vortragen müsse als welche keinen weltlichen Fürsten über sich
haben der die Gerechtigkeit mehr lieben sollte wie jetzt gemeldete Sr Königl
Majestät Wie gesagt von mir und den Meinigen sollt ihr und die Eurigen nicht
im allergeringsten mehr beunruhiget werden bis auf Ihr Majestät fernerweitige
allergnädigste Verordnung Anbei wollte euch wohl den treuhertzigen Rat geben
eine Deputation von euren Leuten an Sr König Majestät abzuschicken um euren
Zustand selber vorzustellen Inzwischen da ich sehe höre und weiß dass ihr
einen starken Uberfluss an LebensMitteln und SchiessPulver habt so will euch
angesprochen haben uns eine zulängliche Menge desselben vor billigmässige baare
Bezahlung zu überlassen Dieses wurde dem Don Juan so gleich versprochen und
zwar so viel wir uns nur dessen zu entraten getraueten ganz ohne Geld
weilen wie sie wahrgenommen wir auf unserer Insul keinen Handel noch Wandel
trieben mithin auch kein Geld vonnöten hätten Im übrigen wurden auch die im
Lazarete auf der Insul KleinFelsenburg aufs frische und neue mit fast
überflüssigen LebensMitteln besorgt ja die Herren Portugiesen wussten ihre
Schiffe dergestalt voll zu pfropffen dass so zu sagen fast kein Ey mehr Raum
darinnen haben konnte So wurden auch die 2 Gefangenen welche gleich anfänglich
fast den Hals als Spions gebrochen jedoch wieder curirt waren wieder zurück
gegeben der dritte aber welcher von dem DavidsRaumer Schildwächter war
erschossen worden blieb an der Mauer unsers GottesAckers ungestöhrt begraben
liegen
So bald demnach die Herren Portugiesen empfangen was sie verlangt hatten
wurden auch die beiderseitigen bisherigen Geisseln wieder gegen einander
ausgewechselt da wir denn unsere lieben AltVäter mit so viel desto größeren
Freuden auf unserer Insul zurück bewillkommeten als wir sahen dass alle
Portugiesen sich immer alle nach Gerade auf ihre Schiffe begaben da sie uns
denn melden ließ wie sie nur auf den ersten favorablen Wind warteten um
ohne längeres Verweilen unter Seegel zu gehen deswegen sich unsere Deputirten
auch aufs eiligste fertig machen möchten wenn sie annoch gesonnen wären mit
nach Europa an den Königlichen Hof in ihrer Gesellschaft mit zu reisen Allein
dem Trompeter welcher dieses EinladungsKompliment brachte wurde zur Antwort
gegeben dass wir dem Don Juan de Silves und seinem Geleite eine glückliche Reise
wünscheten weilen sich aber unsere Deputirten noch nicht in der Verfassung
befänden vor dissmahl mit ihnen zu reisen wir auch einer und anderer Ursachen
wegen uns noch ein besonderes Bedenken nähmen dieserhalb zu übereilen als
möchten sie nur unter dem Geleite des Himmels voraus seegeln weil ihnen die
Unserigen zu rechter Zeit auf zweien leichten Schiffen nachfolgen sollten auch
sie vielleicht einholen könnten ehe sie den Europæischen Grund und Boden
erreichten
Es mochte wohl denen guten Hrn Portugiesen einiger Massen verdrießen dass
wir sie so zu sagen bis auf die letzte Stunde unserer Deputirten wegen bei
der Nase herum geführet Allein was war daraus zu machen zumahlen da es eine
unverbotene Sache ist so wohl List mit List als Gewalt mit Gewalt zu
vertreiben Unterdessen flanquirten sie noch einige Tage um die Gegend der
SandBäncke herum da wir aber weiter nichts mehr mit ihnen zu schaffen hatten
auch ferner keine Antwort von uns geben wollten und wenn sie auch alle Tage 15
Trompeter an uns schickten so beobachten wir ihr Hin und Herweddeln noch
einige Tage in ruhiger Gelassenheit ohne auf unserer Insul einen Laut von uns
zu geben Jedoch es trug sich bald hernach eines Morgens bei Aufgang der Sonnen
auch etwas zu wovon uns in der abgewichenen Nacht nichts geträumet hatte denn
es stelleten sich zwei KriegsSchiffe dem dritten als des Don Juans
HauptSchiffe in behöriger Weite entgegen und fingen dergestalt auf dasselbe
zu canoniren an dass man bald gewahr wurde wie dieses kein Schertz sondern des
Don Juans Schiff sich in der größten Not befände zu sincken und dieses
heftige Kanoniren währete bis die Nacht einzubrechen begunte als wir aber bei
aufgehender Sonne nämlich des nächst darauf folgenden Tages uns abermals nach
den Portugiesischen Schiffen umsahn so waren dieselben insgesamt in der
außerordentlich stockfinstern Nacht verschwunden so dass man auch nicht einmal
einen SpanHoltzes mehr auf der See herum treiben sah Wir wussten wie gesagt
uns anfänglich keine Vorstellung in unsern Gedanken zu machen was dieses zu
bedeuten hätte ob es ein bloses GauckelSpiel oder Spiegelfechten wäre oder
ob etwan die Portugiesen von einer Barbarischen oder andern Nation im Ernste
angegriffen und zum Welchen gezwungen worden Allein kurtz hier halff kein
Kopffzerbrechens und ihnen etwa ein leichtes JagdSchiff nachzusenden um zu
erfahren wo sie hin gekommen wären schiene eben kein Rat zu sein ungeachtet
sich sonderlich von unseren tapfferen mannbaren Junggesellen verschiedene
WageHälse angaben die nur Wunderswegen wissen möchten wo sie geblieben wären
und ob sie sich etwa noch in den nähesten Gewässern aufhielten so wollten wir es
ihnen dennoch nicht zugeben indem wir alle eine recht hertzliche Freude darüber
hatten dass unsere Feinde entwischet waren wie die Katzen von den
TaubenSchlägen Einmahl vor allemahl da sie fort und hinweg waren wünschten
wir ihnen zwar Glück auf die Reise ihre Personen aber sobald nicht wider zu
sehen Jedoch was den Don Juan anbelanget so hatte seine wohlgeartete
Aufführung ihm ungeachtet er uns anfänglich zu verderben schien dennoch bei
den Felsenburgern ein ziemlich gutes Lob zurücke gelassen Ja ich kann sagen
dass der ziemlich starke Vorrat an LebensMitteln und andern Bedürffnissen
welche wir den Portugiesen zukommen lassen und zwar ohne die geringste
Bezahlung dennoch ihnen als fast zu sagen ihren Feinden nicht einmal
missgegönnet wurde sondern etliche unserer Leute pflegten zu sagen Lasst diese
HungerDärme alle Jahr zweimahl kommen und gebet ihnen so viel dass sie die
Rachen füllen können nur aber sollen sie kein vergebliches Lerm machen kein
unschuldiges Blut vergießen keine frommen und redlichen Leute tot machen und
uns nebst unsern Kindern in die Sklaverei zu bringen drohen Wo nicht so wollen
wir bald die Örter suchen wo der Gift begraben liegt und ihnen an Statt der
LebensMittel Gift geben etc Diese und dergleichen RedensArten flossen aus
vielen missvergnügten Hertzen sonderlich der Weiber und schon ziemlich
verständigen Kinder welche wir aber mit lachendem Mute auf bessere Gedanken
zu bringen suchten indem wir ihnen vorstelleten dass unsere Feinde so bald wohl
nicht wiederkommen möchten weilen sie es vieleicht sich selbst vor eine
Grobheit auslegen dürfften wenn sie einem gutwilligen Wirte gar zu oft
Ungelegenheit machten
Nunmehr aber da aller Krieg und KriegsGeschrei vorbei war machte sich
ein jeder nach vollbrachtem Gottesdienste wieder an seine ordentliche Arbeit
hauptsächlich aber die annoch in Stroh und Hülsen befindlichen FeldFrüchte als
Reiss und andere Sorten von Geträyde zu gute zu bringen um nicht allein den
Abgang in unsern eigenen Wirtschaften sondern vornemlich auch den Mangel in
denen ziemlich ausgeleerten Magazinen wieder zu ersetzen und anbei zu bringen
was verloren gegangen war da denn Alt und Jung Groß und Klein alle Kräffte
daran streckten so dass wir binnen weniger Zeit fast ganz und gar im geringsten
nicht spüreten was Massen wir so viele hungerige Gäste gehabt die ein weit
mehrers mit sich fort geschleppt als sie bei uns verzehret hätten Demnach gab
sich das Volck vollends auf einmal zufrieden
Eines Abends aber da ich mit andern bei mir befindlichen guten Freunden die
Höhen und WachtPosten von Alberts und DavidsRaum auch noch weiter hin nach
West und WestSüden zu visitirte wurden wir auf der Insul KleinFelsenburg
ein sehr großes ziemlich stark und helle brennendes Feuer gewahr dessen
Flammen und Rauch einmal über das andere bei damaligen stillem Wetter bis zu
den Wolcken gen Himmel in die Höhe stiegen und sich durch einander herschlugen
so dass es zum öffteren ganz fürchterlich anzusehen war Wie ich nun dieses
abermals vor etwas besonders neues erkannte so sagten einige SchildWächter
dass dieses ganz und gar nichts neues wäre indem sie dieses Feuer seit dem
Abzuge der Portugiesen bei dunckeln Nächten schon zu mehreren mahlen gesehen
weilen sie aber davor gehalten als ob sich etwa Schwefel oder SalpeterLöcher
aufgetan und von selbst entzündet hätten so wäre es von ihnen nicht
gewürdiget worden selbiges anzuzeigen um damit nicht etwa unsern Einwohnern
ein vergebliches Schrecken zu verursachen als welche ohne dem bisher Schrecken
und Verdruss genug gehabt Ein einziger aber unter den SchildWächtern sagte
dennoch wie ihm die Sache einiger Massen verdächtig vorkäme indem er von Natur
unter andern 100 ja 1000 Menschen ein solches scharffes Gesicht hätte dass er
sonderlich bei der allerdunckelsten Nacht ohne FernGlas oder Perspectiv so
helle sehen könnte wie man zu sagen pflegte als ein Luchs und deswegen wäre
ihm nicht einmal sondern etliche mahl vor seine Augen gekommen wie einige
Personen um das Feuer herum wandelten als ob sie mit einander redeten es
möchten nun Geister oder Gespenster sein darum wolle er sich eben nicht so sehr
bekümmern Indem wir nun so bei ihm stunden und seinen Reden zuhöreten
versicherte er bei seinem guten Gewissen dass er wenigstens 4 bis 5 Personen
um das Feuer herum spazieren sähe da sich denn bald einige funden die ihm
Beifall gaben die ganze Sache aber vor ein bloßes SchattenSpiel hielten
welches durch das Feuer und den Rauch verursacht würde
Dem mochte nun aber sein wie ihm wollte so brachte mir dieses Gesichte eine
schlaflose Nacht zu Wege und ich beschloss bei mir ehe in kein Bette zu kommen
oder geruhig zu schlaffen bis ich in KleinFelsenburg auf der Stelle gewesen
wo wir ungefähr das große Feuer brennen sehen welches denn auch bis gegen
Anbruch des Tages fort brannte und rauchte So bald viele von meinen besten
Freunden und über dieses etliche 30 hertzhafte Junggesellen oder so zu
sagen WageHälse meinen Vorsatz und Entschluss vernommen versammleten sie sich
gleich um mich herum wie die Bienen und verlangten mit hinüber zu fahren da
denn gleich mit Aufgang der Sonnen 2 der besten und schönsten Boote in
allergröster Geschwindigkeit zu rechte gemacht und ausgerüstet wurden wobei wir
alle unser Oder und UnterGewehr nebst Pulver und Blei auch LebensMitteln so
viel wir nur in so heftiger Eile finden konnten mit uns nahmen und also
fortruderten auch noch Vormittags auf KleinFelsenburg anlandeten
Nachdem wir in der ordentlichen Bay angelanget und ans Land gestiegen
erfanden wir nach Verlauf etwa einer halben Stunde sogleich den Platz allwo das
beschriebene Feuer noch beständig fort brannte jedoch zu unserm ersten
Schrecken erblickten wir schon von ferne dass 4 Personen dabei saßen welche
jedoch so bald sie uns mit Gewehr auf sich zukommen sahen augenblicklich
aufsprungen und uns auf Händen und Füßen über die 50 Schritte daher
entgegen gekrochen kamen Da wir dieselben nun so gleich vor Portugiesen
erkannten und zwar vor einige dererjenigen welche schon eine Zeit daher in
unserm so genannten Lazarete gelegen hatten so nahmen wir unsere Flinten
verdeckt unter den lincken Arm mit der rechten Hand aber winckten wir ihnen
näher zu kommen Worauf sie auf ihre Füße traten und flehentlich baten ihres
Lebens zu verschonen weilen sie vor die vielfältige genossene Gnade Güte und
Barmhertzigkeit welche wir ihnen erzeigt hätten weder uns noch den Unserigen
so wie ihre unerkänntlichen LandsLeute auch nicht den allergeringsten Schaden
jemals zugefügt ja weder Flinten noch Pistolen gegen uns losgebrannt hätten
Das kann sein meine Freunde aber auch nicht sein gab ich ihnen hierauf zur
Antwort dem sei aber wie ihm wolle so will ich doch nur fragen wer euch den
Befehl oder die Erlaubnis gegeben hat auf dieser Insul zu bleiben da ihr doch
curiret und gesunde Leute seid die ihren LandsLeuten wohl hätten folgen
können Auf diese meine Rede gab mir ein ganz seiner sehr vernünftig
scheinender Mensch welcher eine SergeantenStelle bekleidet so viel zur
Antwort Mein grossgünstiger Herr und Gönner ich bemercke dass dieselben in
einer irrigen Meinung stehen indem sie etwa glauben wir wären entweder aus
eigenem Antriebe zurück gebliebene faule Leute um vielleicht noch fernerweit
gute Bissen und Bequemlichkeit zu genießen oder sie haben wohl auch die
Gedanken von uns dass wir Spions Land und Leute Verräter oder Spitzbuben
wären so wie einige andere von unserer Nation sich aufgeführet und demnach
ungestrafft davon gekommen sind Woferne dieselben diesen letztern Glauben oder
Meinung von uns hegen sollten so sind wir alle 4 Mann erbötig gleich nieder zu
knien und eine Kugel entweder durch den Kopf oder durch das Hertz von ihnen
zu erwarten denn unser 5ter Kamerad ist von uns gegangen um etwa eine oder ein
paar wilde Ziegen zu schießen von mehreren Menschen oder wissen wir auf dieser
kleinen Insul weiter nichts
Ich redete ihm nochmals in sein Gewissen uns ja nicht etwa zu betrügen
oder Lügen vorzuschwatzen wiedrigenfalls aber da wir gewahr würden dass ein
Hinterhalt auf uns lauren möchte er der erste sein müsste den wir ins Reich der
Toten schickten Indem kam ihr 5ter Kamerad und brachte 2 wilde Ziegen die
er geschossen hatte hinter sich hergeschleppt ließ aber dieselben gleich auf
derselben Stelle wo er stund liegen und legte seine Flinte darneben kam
darauf und kniete ebenfalls auch neben seine 4 Kameraden nieder allein wir
konnten dieses gar nicht lange ansehen sondern reichten ihnen die Hände und
hießen sie von der Erden aufstehen hergegen zwischen uns auf etliche
zugehauene BauStücke niedersetzen anbei aber uns zu berichten was es nicht
allein mit ihren 5 Personen sondern auch mit dem Verwunderungswürdigen Abzuge
ihrer LandsLeute vor eine Beschaffenheit hätte
Hierauf fing erstgemeldter Sergeant nachdem wir uns alle in ordentlicher
Gestalt um ihn herum gesetzt seine Reden recht mit Bedacht zu vernehmen also
an Wenn Don Juan de Silves gewust hätte dass diejenigen Offiziers von unsern
Leuten welche er mit sich auf die Insul GroßFelsenburg nahm um dieselbe zu
besichtigen seine heimlichen abgesagten so zu sagen fast geschwornen
TodFeinde waren würde er ihnen wohl nicht leicht vergönnet haben auf diese
jetzt bemeldte Insul zu kommen Ja ich sage nochmals wenn Don Juan dieses
gewust hätte so wohl als die allermeisten von seinen Untergebenen so lebte er
vielleicht noch jetzo Was rief ich nicht allein dem Sergeanten sondern auch
seinen Leuten recht im Schrecken entgegen ist Don Juan tot Nicht anders mein
Herr antwortete der Sergeant und sein Körper liegt kaum 2 bis 300 Schritte
von dieser Stätte worauf wir jetzo sitzen begraben wie aber dieses
zugegangen will ihnen vorjetzo bis auf eine andere Zeit nur in aller Kürtze zu
wissen tun So bald als unser Trompeter von den Felsenburgern die Antwort
zurück gebracht welcher Gestalt sie sich anders resolvirt ihre Deputirten
nicht mit uns fortschicken sondern dieselben bis auf eine andere Zeit und
Gelegenheit annoch zurück behalten nachher schon mit eigenen Schiffen nach
Europa senden wollten und wie die Worte etwa ferner lauten mochten etc da sie
uns wie es denn genommen oder ausgelegt wurde ganz spitziger und höhnischer
Weise eine glückliche Abfahrt und Reise wünschten auch vielleicht bald
nachzukommen versprachen und was dergleichen RedensArten mehr waren die ich
nicht alle von Wort zu Wort behalten können sondern nur die HauptSache so den
größten Lerm verursachte
Diesen Lermen machten hauptsächlich die aus der Insul mit gewesenen Offizier
s indem sie die Kommandeurs der andern 2 KriegsSchiffe unter dem Vorwande
gegen den Don Juan aufwiegelten dass alles dieses eine schändliche Verräterei
sei die er mit den Felsenburgern abgedroschen als zu deren OberHaupte oder
wenigstens ViceKönige er sich unfehlbar vor seine Person selber
aufzuwerffen gesonnen indem er sich zum öffteren verlauten lassen dass ihm diese
Insul allein lieber sein sollte als manches kleines Königreich ingleichen
bürdeten sie ihm auf dass er sich mit dem wenigen Proviant und SchiessPulver
abspeisen lassen und nicht darauf gedrungen hätte dass ihm die Felsenburger
mehrere Kostbarkeiten an Gold Silber Perlen und dergleichen zinsen müssen
indem es schon längst durch verschiedene Spions verraten worden dass sie einen
sehr starken Vorrat von dergleichen Sachen im Vermögen hätten doch würde er
vielleicht die unschätzbaren Diamanten und andern edlen Gesteine die sie ihm
hie und da heimlich zugesteckt wohl schwerlich zeigen In Summa es erhellete
klärlich aus allen Umständen dass Don Juan aus gewissen Absichten die ihm vor
seine eigene Person selbst etwa zum besonderen Vorteil gereichen können die
Felsenburger begnadiget und der Königlichen Ordre nicht behörig nachgelebt
hätte wiedrigenfalls man diese Insul wohl erobern können und wenn dieselbe
noch 10 mahl stärcker bevestiget und besetzt gewesen wäre
So bald nun diese falschen Beschuldigungen dem Don Juan zu Ohren kamen ließ
er die Kommandeurs der andern beiden KriegsSchiffe ingleichen alle übrigen
vornehmen SeeOffiziers zu sich auf sein als das HauptSchiff beruffen um mit
ihnen See oder SchiffsRat zu halten und sich sonderlich wegen der ihm
aufgebürdeten schweren Verbrechen zu entschuldigen
Seine Feinde und Verfolger kamen hierüber zusammen und der heftige Streit
mit Worten währete viele Stunden ja fast die ganze Nacht hindurch da denn Don
Juan de Silves welchem seine Feinde nichts erweisslich machen vielweniger ihn
mit Worten überwinden konnten ihre Degens auf ihn zogen und diesen wackeren
Kommandeur mit etliche 20 Wunden ermordeten wie wir denn solche ganz
eigentlich gezählet haben So bald aber dieselben ihn tot sahen und bemerckten
dass dieserwegen eine Rebellion auf seinem als dem HauptSchiffe entstehen die
sich vielleicht wohl weiter noch auf die andern Schiffe ausbreiten möchte gaben
sie so gleich Befehl als die andern beiden Schiffe auf das HauptSchiff los zu
canoniren und solches wo möglich in den Grund zu bohren Wie wir als des Don
Juans überbliebene Getreuen dieses kaum pfeiffen hören warffen sich unser 12
Mann in das größte Boot nahmen auch den verblichenen Körper des Don Juan mit
hinein indem wir gesonnen waren denselben auf einer der höchsten SandBäncke
zu begraben Allein der Himmel fügte es ganz anders indem unser Boot auf einer
verborgenen Klippe umstürtzte so dass von unsern Kameraden ihrer 7 ersoffen
mithin bei dem toten Körper nicht mehr als wir 5 Mann übrig blieben worauf
uns ein sanfter Wind an statt wie wir erstlich vermeinten nach den
SandBäncken zufuhr und durch die Gnade und Barmhertzigkeit des Himmels zwar
wider alles unser Vermuten an das Ufer dieser Insul trieb Als welche Insul
wir denn mit den allergrößten Freuden so gleich erkañten einen bequemen Ort zum
Anländen fanden und unsere Leiche als des im Leben liebgewesenen Kommandeurs
Don Juan de Silves mit ungemeiner Mühe und Arbeit zu Lande brachten dieselbe
nach SoldatenArt ehrlich begruben und einen großen SteinHauffen auf das Grab
machten wie denn meine Herren selbiges sogleich nach ihrem Belieben in
Augenschein nehmen können auch so es gefällig den Körper können ausgraben
und durch einen Chirurgum besichtigen lassen denn es kann dieser Körper weilen
er so nahe an der See und zwar im schönsten kühlen Sande steht binnen so
kurtzer Zeit nicht vermodert oder angefaulet sein Sonsten aber kann man den Don
Juan de Silves an den 3 starken Narben die ihm wie ihnen bekannt von 3
wichtigen Verwundungen übrig geblieben gar leicht erkennen ausgenommen des
großen braunen Muttermahls welches er an seinem lincken Backen hat Dieses
sage ich darum wenn sie ja zweiffeln sollten dass dieses der rechte angegebene
Körper wäre Sonsten aber möchten sich meine Herren vielleicht auch wohl darüber
verwundern wo nämlich wir 5 Personen 5 Flinten so viel Palläsche Bajonetts
und dergleichen anderes Gewehr hergenommen hätten da doch unsere 7 Kameraden
ersoffen und ihr Gewehr wohl nicht würden zurück gelassen haben allein wenn
sie sich bemühen wollen mit nach unserm Boote zu gehen welches uns durch des
Himmels Fügung anhero gebracht so werden sie gleich finden dass wir Recht
haben denn dieses ist eines von der besten Portugiesischen Art da man in den
hohlen SeitenWänden des Boots verschiedene Stücke Ober und UnterGewehr
Pulver Blei und dergleichen verbergen kann wie wir denn von diesem allen einen
noch höchst notdürfftigen Vorrat haben so werden sie denn daraus ferner
beobachten dass alles dieses ganz natürlich zugehet
Nunmehr so redete der Sergeant ferner bitten wir uns bei unsern
Hochgebietenden Herren dero mächtigen Schutz aus und zwar in Erwegung dessen
dass uns der Himmel so wunderbarer Weise wieder anhero auf diese ihnen zuständige
Insul geführet hat Auf ihre große Insul verlangen wir nicht einmal unsere
Füße zu setzen um des Verdachts entübriget zu sein als ob wir etwa Spions
oder LandesVerräter wären als welches der Himmel wollte lassen ferne von uns
sein Kurtz wir sind froh dass wir von unsern LandesLeuten mit guter Manier
abgekommen sind weilen uns deren LebensArt selber nicht länger anständig
ist darum wollen wir uns eine geruhigere LebensArt erwählen und um unsere
NahrungsMittel zu verdienen lieber so lange arbeiten bis uns der Tod der
Arbeit entlediget Unterdessen sind wir wie sie sehen alle noch gesunde
frische und starke Leute deren der Aelteste etwa von 53 der Jüngste aber von
etliche 30 Jahren sein Wir sind alle geschickt zu Zubereitung des Holtzes
sonderlich dessen was zum Schiff und HäuserBau erfordert wird außer diesem
können wir ja in den Saltz und ErtzGebürgen arbeiten wenn uns ja unsere
Herren dasjenige Brod gönnen wollen welches wir nicht etwa so wie vorher als
Faulläntzer sondern mit ihrer allermöglichsten HandArbeit zu verdienen
gedenken
Meine Freunde gab ich ihnen hierauf zur Antwort nehmt mir nicht übel
dass ich euch dessen was diese letztere Sache anbelanget keinen gründlichen
Entschluss erteilen kann indem ein solches unsern Ältesten und Befehlshabern
erstlich muss vorgetragen werden So viel aber will ich euch versprechen dass,
wenn ihr Gott fürchtet getreu und redlich keinesweges aber etwa verräterisch
oder tückisch an uns handelt so könnt ihr arbeiten nach eurem eigenen
Belieben so viel als ihr vermeint was etwa zu desto besserer Erhaltung eurer
Gesundheit möchte dienlich sein Unterdessen möget ihr auch arbeiten oder ganz
und gar nichts tun als eurer Ruhe pflegen so soll euch doch von Zeit zu Zeit
und zwar im Uberflusse so viel an Kost und Wein zugeführet werden dass ihr
nicht zu klagen Ursache haben sollt Auser dem habt ihr ja die schönsten
großen und auch kleineren Vögel die wilden Ziegen und noch vielmehr gutes
Wildpret wobei wir uns aber ausbitten so wohl das Rot als SchwartzWildpret
ein wenig behutsam zu tractiren weilen wir unsre Freude daran haben Hergegen
werdet ihr auser denen größten Schildkröten und andern MeerTieren welche man
nebst den allervortrefflichsten Fischen zur Speise gebraucht den stärcksten
Vorrat ohne besondere Mühe antreffen und euch dieselben der Veränderung der
Speisen wegen zu Nutze machen können Hiernächst wollen wir euch allerhand
HandwercksZeug als große und kleinere Sägen große und kleine HoltzAexte
und HandBeile ingleichen Hacken Picken Schauffeln Spaden und dergleichen
so viel als nötig zu sein scheint zuschicken als wormit ihr euch eurer
Bequemlichkeit nach diese oder jene Bewegung zu Erhaltung der Gesundheit nicht
aber zur Schwächung des Leibes machen könnt denn dieses verlangen wir nicht
weilen wir keine Tagelöhner nötig haben sondern unsere selbst eigene Tagelöhner
nach eines jeden Vermögen sind
Nachdem nun diese guten Leute welche bis dato noch alle lebendig lustig
und guter Dinge anzutreffen sind diesen Vortrag von mir angehöret schienen sie
von Hertzen darüber erfreut zu sein und wollten uns allen die Hände küssen
allein wir schenckten ihnen diese unnötige Höflichkeit ließ uns aber doch
aus Neubegierde zu des Don Juans Grabmahle führen wobei sie denn fragten ob
wir dasselbe wollten eröffnen lassen um seinen Körper in Augenschein zu nehmen
da sie sich denn mit etlichen mit Eisen beschlagenen Rudern so gleich darüber
hermachen und dasselbe aufgraben wollten Allein wir sagten ihnen dass dieses
nur unterbleiben könnte indem wir ihrer Redlichkeit traueten und den Körper
nicht in seiner Ruhe stöhren wollten Hierauf lasen wir Felsenburger allen unsern
noch bei uns habenden Proviant zusammen worunter etliche Flaschen Wein
befindlich die sich einige durstige Seelen auf die Reise füllen lassen wie
aber unser eigener Hunger und Durst schon ziemlich gestillet war und wir binnen
wenig Stunden wieder in unsern Wohnungen zu sein uns vorstelleten so ließ
wir alles dieses unsern neuangekommenen Gästen zurück die sich denn wie sie
hernach sagten eine sehr kostbare AbendMahlzeit davon zubereitet welche sie
aber nicht alle verzehren können sondern noch sehr viel bis auf den andern Tag
übrig behalten hätten
Demnach nahmen wir auf dissmahl Abschied von ihnen nebst der Versicherung
dass wir als Ubermorgen ganz gewiss wieder zu ihnen kommen wollten da sie uns
denn in aller Frühe mit ihrem Boote bis an den Absatz unsers Felsens entgegen
fahren könnten Und dieses war der Verlass wir aber kamen noch bei guter Zeit
nach Hause so dass noch Zeit genug übrig war vor Schlafengehen dem Regenten
und einigen bei ihm versammleten MitRegenten einen ausführlichen Rapport von
unserer Reise und vorgefallenen Verrichtungen abzustatten
Hier traf nun anfänglich wohl recht das gewöhnliche Sprüchwort ein Laudatur
ab his culpatur ab illis wie nämlich eine Sache zuweilen von diesem gelobt
von einem andern über getadelt oder verachtet wird sonderlich musste sich zuerst
der gute Eberhard Julius ziemlicher Massen durchhecheln lassen dass er abermals
5 neue Stipendiaten oder wie man sie sonst anderer Orten zu nennen pflegt
Sanct MarxBrüder gewonnen hatte Jedoch nachdem ich meinen Mund auch
aufgetan und mich in dieser meiner gerechten Sache bestmöglichst verantwortet
hatte auch meine mitgewesene liebe Hn Brüder u guten Freunde aufs kräfftigste
vor mich redeten so wurde nach etwas genauerer Untersuchung der
SachenBeschaffenheit mir zuvörderst und allen andern Mitgewesenen das Lob und
der Ruhm beigelegt dass wir unsere Dinge unvergleichlich wohl gemacht hätten
zur Straffe aber dessen dass wir alles so wohl besorgt sollten wir auch
fernerweit darauf bedacht sein dass uns diese Leute nicht etwa mit der Zeit
fatal werden und wohl gar der Insul GroßFelsenburg einen Stoß geben möchten
etc Hierbei wurde uns auch die Sorge vor ihre Verpflegung und alles dessen was
sonsten dabei vonnöten sein möchte aufgetragen damit man sehen könne wie
sich diese Leute welche meine besten Freunde im Schertze nur die Eberhardische
Kolonie zu nennen pflegten von Zeit zu Zeit anliessen Sonsten hätte ich zur
Verteidigung dieser sehr redlich und aufrichtig scheinenden Leute die wie wir
hernach erfuhren nicht alle gebohrne Portugiesen waren noch ein vieles
beibringen können unter welchen mir sonderlich der Sergeant sehr wohl gefiel
als welcher sich vor einen gebohrnen Edelmann ausgab und sich Don Francisco del
Rio nennete auch nebst dem Spanischen sehr gut Latein redete allein es
erforderte eben die Not noch nicht dass ich sie zu frühzeitig lobte weilen ich
dass feste Vertrauen zu ihnen hatte dass sie sich durch ihre gute Aufführung bald
selber Lob und Ruhm erwerben würden Demnach sorgte nur davor ihnen mein Wort
zu halten und bestimmten Tages wieder bei ihnen zu sein Meine mitgereiseten
lieben Brüder Vettern und Freunde nahmen in der Tat großen Teil an diesen
meinen ohnbesonnenen Sorgen mithin wurden in geschwinder Eile 3 Boote
ausgerüstet und nicht allein mit LebensMitteln sondern auch mit den
allernötigsten Stücken welche zur guten Wirtschaft gehören beladen Als
einige Stück FederBetten etliche Matrazzen von verschiedener Größe Kessel
eiserne Töpffe Tiegel Pfannen Schüsseln Teller Löffel und anderes
KüchenGeräte alles nach seiner Art teils von Messing teils von Eisen und
so fort wobei eine erstaunliche Menge TöpfferZeug von verschiedener Art zum
Gebrauche in die Küche befindlich
Was die HauptStücke unserer Verehrung aber anbelanget so mochten es wohl
diese heißen dass ein jeder ein so genanntes Feier oder SontagsKleid dabei
auch ein von etwas gröbern Tuche oder gemeines WerckelTagsKleid bekam welche
beide vollständig nach Felsenburgischer Mode gemacht waren auser diesem bekam
jedweder noch 2 paar WildLederne Beinkleider auch Schue Stiefeln u
Strümpffe 3 und 4 fach Unser Frauenzimmer deren mancher sonsten ein
ZwirnsFaden an das Hertze gewachsen war wollte seine Freigebigkeit ich weiß
selber nicht warum auch auf einmal zum Vorscheine kommen und dero Lichter
leichten lassen denn sie beschenckten meine so genannte Kolonie jeden mit 12
Unterund eben so vielen etwas feinern OberHemden Halstüchern Servietten
Handtüchern Schnupftüchern und andern dergleichen Kleinigkeiten wobei aber
auch die schönsten BettÜberzüge und BettTücher waren des übrigen Hausrats
ganz und gar nicht zu gedenken Ja ich wundere mich bis diese Stunde noch
fast halb tot dass unser Frauenzimmer ihrem zarten Hertzelein damals
dergleichen so gar gewaltige Stöße geben können Allein die Wahrheit zu
bekennen so haben sie dem gemeinen Sprichworte nach nichts weiter getan als
SpeckSeiten nach Bratwürsten zu werffen Jedoch umgekehrt denn ich bin ja
lange noch nicht fertig mit erzählen hätte mir aber selber nicht eingebildet
dass alle diese unsere geringen Geschenke durch die Gelegenheit hauptsächlich
aber durch die Vorsorge der HimmelsGüte bei eben dieser Leute Anwesenheit so
reichlich sollte ersetzt werden
Jedoch kurtz zu sagen so sahen wir unserer Stipendiaten Boot welches man
wohl eine der besten Chalouppen nennen mochte zu bestimmter Zeit angerudert
kommen weswegen wir uns denn auch so gleich mit unserer verabredeten Equipage
fertig machten solches nicht lange aufzuhalten da mir denn dieses am
allerlächerrlichsten vorkam dass der liebe Töpfer und Bruder Schreiner in
unsäglicher Eile fast das halbe Schiff mit seinem auserlesensten
TöpferGeschirre anfüllen ließ so dass wir ihn noch bitten mussten den
mehresten Teil wieder zurück zu nehmen und vor uns aufzubehalten zumahlen da
noch andere HandwercksLeute als Böttcher Tischer so wohl auch die Künstler
ihre Gaben herbei brachten und zwar dergestalt reichlich als ob eine Kolonie
von etliche 100 Mann vorhanden wäre
So bald wir aber unsere Sachen alle in beste Ordnung gebracht fuhren wir
mit unsern in der Chalouppe befindlichen Gästen ohne fernere Weitläufftigkeiten
zu machen nach der Insul KleinFelsenburg zu allwo wir unsere Herren Liebhaber
alle 5 bei ihrer sich selbst gemachten Taffel antraffen wobei ich bemerckte
dass sie erstlich eine gute SeeKrebsEyerSuppe die sehr wohl gewürtzt war
hatten hernach zum andern Gerichte ein recht unvergleichlich schönes mit
einer gewissen Wurtzel gekochtes AuerOchsenFleisch zum dritten Gerichte
hatten sie gekochte kleine ungemein wohl schmeckende Vögel die noch einmal so
groß waren als in Deutschland die Tauben aber weit angenehmer schmeckten zum
vierdten Gerichte erschienen zwei ganz gebratene SchmalTierlein anbei 2
desto größere gebratene wilde Schweine wobei allerlei Sallat in Menge indem
man weder in Klein noch GroßFelsenburg in Betrachtung der Kocos und andrer
Bäume deren letztern Arten den delicatesten Öl so wie die ersteren Früchte
Sauer und Süße von sich geben auch demjenigen der es recht verstehet und zu
gebrauchen weiß verschiedene Veränderungen seinem Geschmacke nach beibringen
können
Wir sahen also wohl dass es diesen guten Leuten um sich recht zu laben
bloß an Wein und Konfect fehlete Da sie aber aus treuhertziger Liebe und
Freundschaft uns zu Gästen geladen wir auch dieselben nicht verschmähet
sondern von allen ihren Gerichten mitgenossen hatten so ließ wir vorerst nur
nach dem ersten Appetite so viel aus unsern Booten herbei bringen dass wir alle
insgesamt satt und zur Gnüge daran hatten
Unser MedicoChirurgus Herr Cramer war aus dem besonderen Antriebe mit uns
gefahren um zu erforschen ob uns etwa die Portugiesen einen falschen an Statt
des Don Juan Körper in die Erde gescharret und ein Grabmahl darüber gemacht
mithin uns listiger Weise hintergangen hätten deswegen wollte er das Grab
baldigst eröffnet haben diesen Körper den er im Leben sehr wohl gekennet auch
denselben unter seiner Cur gehabt aufs allerbedächtigste zu besichtigen und
wenn er auch schon halb verfault sein sollte Wir baten ihn aber unsere Lust
nicht zu stöhren zumahlen da wir ohne dem gern abwarten wollten wie sich die
5 Leute beginnen würden wenn sie unsere Geschenke empfiengen die eben zur
selben Zeit von den Booten bereits des mehrersten Teils herbei gebracht waren
Ich will nichts von der Freude sagen welche diese Leute bezeugten da sie
sahen was ihnen zugebracht und gewidmet war denn dieses ist mir eine
unmögliche Sache jedoch da sie alles besehen hatten sagten wir ihnen dass sie
nur auf heute alles bei Seite bringen und sich einen lustigen Mut machen
möchten bis Morgen da sie denn alles nach ihren eigenem Belieben in behörige
Ordnung stellen könnten indem wir noch einen oder wohl noch 2 Tage bei ihnen
zu bleiben gesonnen wären um ihre neuen Anstalten in Augenschein zu nehmen Die
Leute folgten unserm Rate und ungeachtet dass sie den allerbesten Wein und
auch anderes starke Getränke vor sich zu genießen im größten Uberflusse
sahen so mussten wir uns doch über ihre besondere Mäßigkeit so wohl im Essen
als Trincken ganz ungemein verwunderen Demnach begaben sie sich bald bei
einbrechender Nacht ein jeder an seinen Ort zur Ruhe
Hierbei muss ich melden dass sich auf dieser Insul sehr artige Tierlein und
zwar in weit größerer Menge befanden als auf der großen Insul welchen unser
Frauenzimmer den Nahmen Minions beigeleget hatte Diese Tierlein waren etwas
größer als einer der allerstärcksten Hasen hatten ein SchlosSchleierweisses
Fell gefrässig wie die Marter und waren sehr schnell auf ihren 4 Füßen hatten
auch die besondere Art an sich dass sie kein Pulver auch nur von ferne riechen
konnten und wenn nur ein einziger Schuss in ihrer Gegend allwo vielleicht ein
besonderes Kraut welches ihrem Appetite convenable war wachsen mochte
geschahe so stoben sie alle wie ein Blitz davon und kamen wohl in etlichen
Tagen nicht wieder auf denselben Platz Im übrigen waren ihre Bälge so sein als
ZobelBälge oder die in Europa so genannten WieselFellchen
Was tut man nicht um dem Frauenzimmer eine Lust zu machen deswegen da
die Portugiesen meldeten dass diese obwohl kleine Tiere die sie nicht einmal
zu fangen viel weniger zu töten gesonnen wären ihnen dennoch vielen Schaden
und Verdruss verursachten weilen sie weit ärger wären als die Füchse Hunde
Katzen und dergleichen naschhafte Tiere indem sie ihnen nicht ein sondern
etlichemahl ohne sich vor dem Feuer zu scheuen die Bratens von den Spiessen
gefressen so bald es nur demmerig wäre worden Solchergestalt baten wir die
Portugiesen uns nur in allergröster Geschwindigkeit eine kleine LaubHütte etwa
auf 2 oder 3 Personen auszubauen weilen wir eine besondere Art von Schlingen
bei uns hätten worinnen sich wenigstens einige derselbigen fangen müssten
Dieses mit den Schlingen war zwar wohl richtig allein wir hatten da wir
vernommen dass die Dinger kein Pulver riechen könnten wir auch ohnedem wohl
wussten dass es eben nicht ratsam sei bei NachtsZeit zumahlen einer so
geringen Ursache wegen eine Büchse oder Flinte abzubrennen so ließ wir
etliche WindBüchsen aus unsern Booten langen deren wir sonsten gewöhnlicher
Massen etliche bei uns zu führen pflegten nur bloß zur Lust etwa dann und wann
einen Vogel damit zu schießen
Des darauf folgenden Tages ließ unsere Gäste erstlich ihr recht
vollkommenes Vergnügen über alle die guten Sachen spüren die wir ihnen
mitgebracht hatten ja einige waren schon beschäfftiget sich gleich mit Sägen
Aexten Beilen Picken und Hacken etc an die Arbeit zu machen worvon wir sie
aber abhielten indem ihnen so wohl als uns dieser Tag noch ein Tag des
Müssiggangs und Wohllebens sein sollte Unterdessen war die schon gedachte grüne
LaubHütte welche Mons Litzberg und ich vor uns aufzubauen bestellt noch
eher fertig als wir uns deren versahen welches uns denn anreitzete sogleich
alle unsere Gerätschaft in Ordnung zu bringen demnach schliechen Mons
Litzberg Mons Cramer und ich also 3 Personen in diese LaubHütte es hatte
keiner aber den wenigen Proviant ausgenommen weiter nichts bei sich als
etliche Schlingen und seine WindBüchse Die Dinger nahmen es als unvernünftige
Tiere nicht so bald gewahr dass wir auf sie laureten deswegen wurden ihrer 3
erstlich in Schlingen gefangen 2 aber mit den WindBüchsen tot geschossen so
dass sie auf dem Platze liegen blieben Allein die andern Herren Minions als
ihre Kameraden oder BlutsFreunde ergriffen von der Stunde an das
HasenPanier was Massen wir denn binnen weniger Zeit weilen diese Tiere
unfehlbar Blut gerochen des Handels inne worden und wohl so bald nicht wieder
zu kommen gedachten auch uns vor diesesmahl mit unsern 7 Sachen in unsere
Hütten zurück begaben unter der Verabredung dass wir uns diese und dergleichen
Lust noch ein oder etlichemahl machen wollten
Es wurde so wohl von unsern Gästen als andern noch anwesenden
Felsenburgischen Freunden bewundert dass wir so glücklich gewesen waren
dergleichen HeldenTaten getan zu haben Wir aber nachdem ein jeder noch ein
gut Glas Wein getruncken sahen uns nach der RuheStätte unserer ermüdeten
Glieder um und da wir dieselben gefunden streckten wir dieselben welche
ziemlich erkältet waren darauf aus ohne uns weiter um die Minions zu
bekümmern als diejenigen, welche wir gefället und bereits in sichere
Verwahrung gegeben hatten
Es machte dieses ein großes Aufsehen unter den 5 Portugiesen indem sie
heilig versicherten dass sie diesen Tieren auf allerhand listige Art
nachgetrachtet ihnen Fallen und Schlingen gestellt auch öfters mit Pfeilen
nach ihnen geschossen allein sie wären jederzeit unglücklich und ihre Mühe
vergebens gewesen deswegen begaben wir schon gemeldte 3 Personen uns in der
darauf folgenden Nacht zum andernmahle in die LaubHütte in Hoffnung dass wir
noch mehr Minions erlegen und mit deren Bälgen unserm Frauenzimmer ein Præsent
machen wollten
Allein bei dieser Gelegenheit widerfuhr uns eine Erstaunenswürdige
Begebenheit denn da Mons Litzberg Mons Cramer und ich auf kleinen Klötzern
neben einander saßen und unsere Augen über die See nach der Insul
GroßFelsenburg hingewandt hatten kam ehe wir uns deren vermuteten eine
erstlich dick scheinende Wolcke aus dem Meere in Gestalt einer runden Kugel
auf das Ufer herauf gekollert welche sich denn immer näher und näher nach
unserer Hütte zu zukollern schien allein wenige Minuten hernach verwandelte
sich diese Wolcke in die Gestalt eines Mannes der ein blutrotes Kleid
anzuhaben schien wie wir denn dieses bei dem hellgläntzenden Mondenschein der
so zu sagen fast die Nacht zum Tage machte aufs allergenaueste beobachten
konnten indem aber unsere LauberHütte dem Grabmahle des Don Juan de Silves
dergestalt nahe entgegen gelegen dass man wohl mit einer PistolenKugel in den
SteinHauffen hätte schießen können so wurden wir mit fast noch größeren
Erstaunen gewahr dass aus jetzt gemeldten SteinHauffen ein dicker schwartzer
Nebel aufstieg welcher sich doch binnen wenig Minuten immer dichter zusammen
zog und endlich ebenfalls in die Gestalt einer MannsPerson verwandelte die
ein gleichförmiges blutrotes Kleid mit der schon gemeldten aus der See
gekommenen Person am Leibe zu tragen schien denn wir konnten bei dem
unvergleichlichen Mondenschein alles aufs allergenauste unterscheiden Allein
wir wurden fast ganz auser uns selbst gesetzt da beide blutrot gekleidete
Personen einander begegneten und zu dreien mahlen um den Steinhauffen oder des
Don Juans GrabStätte herum gingen Mir zum wenigsten stunden alle Haare zu
Berge und ich fing vor Schrecken schon einiger Massen zu zittern und zu bebern
an dergleichen meinen Herrn Konsorten wie sie mir nach der Zeit bekennet
ebenfalls wiederfahren ist Allein was geschahe nachdem diese beiden
Gespenster oder Geister 3 mahl um den SteinHauffen herum gegangen machten
sie ihre Wendung so als ob sie auf unsere Hütte zu spazieren wollten da denn
unsere Angst und Furcht wie leichtlich zu erachten sich nicht um ein geringes
vermehrete jedoch wir blieben ganz stille sitzen auser dem dass wir unsere
Schnupfftücher heraus zogen und vor Mund und Nase hielten Inmittelst fiel uns
dieses als etwas recht erschröckliches in die Ohren dass bei ihrer ersten
Begegnung der Geist des Don Juans mit einer grässlichen und dumffigten Stimme
dem Angekommenen also entgegen rief Wer da Wer bist du
Hierauf anwortete der Angekommene ebenfalls mit einer grässlichen und heisern
Stimme
Ich bin der Geist des Lemelié eines in seinem Leben sehr berühmten
SeeKapitains von welchem die Felsenburger viel werden zu sagen wissen indem
er sein Andencken bei ihnen verewiget hat so dass seines Nahmens Gedächtnis
nimmermehr ersterben wird Weilen ich nun im Reiche der Toten dein Schicksaal
und einen guten Teil deiner Begebenheiten so wohl als den Ort deines
Begräbnisses erfahren so habe weil wir beide fast einerlei Verhängnis auf
Erden gehabt der meiner Nation angebohrnen Höflichkeit nach mir eine
Schuldigkeit daraus gemacht aus meiner Grufft herüber zu dir zu kommen und
mich einer und anderer Sachen wegen mit dir zu unterreden
Wem sollte wohl die Haut nicht schaudern wenn er dergleichen Worte hörte
die wir alle insgesamt ganz deutlich hören und vernehmen konnten zumahlen da
dieselben von einem verfluchten und verdamten Geiste ausgesprochen wurden
Jedoch da wir vermeinten sie würden uns näher kommen sahen wir dass sie sich
anders bedachten und vor unserer LaubHütte ganz sachte vorbei spazierten da
wir denn vernahmen dass der erste nämlich des Don Juans Geist im währenden
Gehen also redete
Ich habe schon in meinem Leben viel von deinen seltsamen Begebenheiten
erfahren und bedaure nur dass wir beide nicht zu einer Zeit gelebet haben und
einander kennen sollen Im übrigen habe ich nicht geringe Ursache dir eine und
andere wichtige Geheimnisse zu eröffnen und deiner Verschwiegenheit
anzuvertrauen nicht aber auf dieser elenden Insul allein sondern ich will über
3 Tage in der MitternachtsStunde bei deiner GrabStätte erscheinen und mich
mit dir ganz allein ohne Beisein weder Menschen noch Geister besprechen
Hierauf schien es als wenn diese verfluchten Geister einander die Hände
reichten und weiter zusammen fort spazierten bis in das FeuerLoch welches
unsere Portugiesen sich zum Kochen und Braten gemacht in welchem sie sich denn
etlichemahl bald lincks bald rechts herum dreheten hernach aber nach dem
Gebirge zugiengen und in der Gegend des großen Berges aus unsern Augen
verschwanden wir hörten zwar alle drei jedoch nur in etwas dass sie weiter
mit einander redeten konnten aber wegen der Ferne nichts eigentliches verstehen
doch bemerckten wir dass sie zum öffteren mit den Füßen auf den Erdboden
stießen auch bald gegen das Gebirge bald in das FeuerLoch bald in andere
Gegenden mit Fingern zeigten
Wie nun aber nicht allein die fürchterlichen MitternachtsStunden
verschwunden waren sondern sich auch schon einige Vorläuffer des TagsLichts
blicken ließ so bekamen wir gedoppelten Mut und suchten unsere
RuheStätte nachdem wir in dieser schreckhaften Nacht noch 5 so genannte
Minions in den aufgestellten Schlingen gefangen hatten die wir mit zu den
vorigen legten im übrigen aber keinem Menschen etwas davon sagten was uns in
abgewichener Nacht erschienen wäre
Auch dieses angebrochenen Tages mussten sich die Portugiesischen Gäste annoch
in unserer Gegenwart lustig machen da wir ihnen denn von den besten Speisen und
Geträncken alles im Uberflusse se zukommen ließ Was ihnen die größte Freude
machte waren die KleidungsBett und weißer WäscheStücke den übrigen
Hausrat aber hatten sie in aller Geschwindigkeit dergestalt ordentlich rangirt
dass wir vor dissmahl an ihrer Einrichtung eben nichts auszusetzen hatten jedoch
ihnen in einem und andern Stücken besserer Ordnung wegen guten Rat und
Anweisung gaben
Mittlerweile aber zumahlen da wir des fernerweitigen MinionsSchiessens
überdrüssig waren gaben wir unsern Gästen noch allerhand gute Lehren und
stelleten Ordres wie sich dieselben hinkünftig auch auser unserer Gegenwart
verhalten und aufführen sollten mit dem Versprechen dass wir bei Beobachtung
ihrer guten Aufführung ihnen alle nur ersinnliche Gefälligkeiten erweisen
wollten da sie denn ihre Treue und Redlichkeit mit ohnabgeforderten feierlichen
Eydschwüren von selber abstatteten worauf wir abermals von ihnen hinweg und
nach Hause zu ruderten die Unserigen auch nachdem wir ihnen die Konduite der
Portugiesen der Wahrheit gemäß aufs beste vorgemacht hatten ziemlich beruhigt
zu sein antraffen Von der Begebenheit aber der aus 3 oft gemeldten Personen
erschienenen Gespenster sagten wir vor dissmahl niemanden auch das geringste
Wort ausgenommen den Hrn Geistlichen welche sich ungemein darüber
verwunderten da sie aber hörten dass ich die Zeit und Stunden abpassen wollte
wenn des Don Juans Geist dem Lemelié seinem Versprechen gemäß eine GegenVisit
e geben würde so wollten mir anfänglich die Hrn Geistlichen ein solches aufs
allervertraulichste widerraten und nicht zugeben sich fernerweit in ein
solches SatansSpiel zu mischen sondern rieten um selbige Zeit viel lieber ein
andächtiges Gebet vor mich selbst und alle Insulaner gen Himel zu schicken
Allein hier traf bei mir das Sprichwort wohl recht ein Nitimur in vetitum
semper cupimusque negata Das heist so viel dass wir Menschen gemeiniglich am
allerliebsten dasjenige tun was uns verboten oder untersagt ist Mitin wurde
ich in meiner Neubegierde nur immer hitziger gemacht und da Mons Litzberg und
Mons Cramer auch SchwansFedern oder besser zu sagen HasenHertzen bekommen
hatten und mir auf meine freundliche Anfrage ob sie sich mit mir zu der
bewussten Zeit auf den GottesAcker an des Lemelié SchandSeule wagen wollten
eine kaltsinnige abschlägige Antwort gaben ließ ich mich weiter gegen niemanden
das geringstemercken erwehlete mit aber in aller Stille in meinem Hertzen 2
wohlbekannte Felsenburgische Männer die mir wohl ungefähr an Jahren gleich
waren und von denen ich versichert war dass sie eine vollkommene
Hertzhaftigkeit besässen auch sich weder vor Gespenstern noch dem Satan
selber vielweniger vor Menschen scheueten weilen ich von ihrer
Hertzhaftigkeit nicht eine sondern etliche Proben erfahren Diesen beiden
Brüdern vertrauete ich das ganze Geheimnis in aller Stille eröffnete ihnen
mein Vorhaben und brauchte nicht viel Worte zu verlieren als sie sich sogleich
dergestalt erkläreten sie wollten niemanden nichts von der Sache sagen hergegen
sich Gott befehlen fleißig beten und mitgehen wo ich sie hinführete da sie
mich denn in der Mitten behalten jedoch pro forma nur ihr Ober und
UnterGewehr mit sich tragen wollten Ich versprach dergleichen zu tun
ungeachtet ich wohl wusste dass bei solchen Begebenheiten weder Ober noch
UnterGewehr viel nützen kann Nachhero aber wurde verabredet zu welcher Zeit
und Stunde und auf welcher gewissen Stelle wir alle dreie einander antreffen
wollten Demnach hatte ich weiter nichts auf meinem Hertzen als mich mit guter
Manier von meiner Frauen abzuschleichen weilen ich bereits merkte dass eine
und andere WeiberKlatschereien entstanden waren allein dieses ging ganz gut
an indem mich der Regente zur AbendMahlzeit zu sich bitten ließ welches ich
denn nicht absagen wollte sondern mit meinem Vertrauten an andern Orten werden
solche Personen Bedienten genannt der bekannter Massen ein recht sehr artiger
Felsenburgischer Jüngling war immer nach der AlbertsBurg zugieng Jedoch da
ich meine Gelegenheit ersah und vermutete dass da ich etwa allzu lange und
über die mit meinen Wagehälsen abgeredete Stunde versäumen möchte welche mit
dem GlockenSchlage der toten Stunde so bald die größte GlockenUhr dieselbe
angezeiget hätte bestimmt war so machte ich mit besagten meinem Vertrauten
lincks um marchirte mit ihm gerades Weges nach dem GottesAcker zu da ich
denn weil ich auf der bestimmten Stelle meine vertrauten Freunde abgeredter
Massen antraf noch fernere Abrede nahm dass ich mich an des verfluchten Lemelié
SchandSeule postiren wollte sie aber möchten sich darum vergleichen welcher
unter ihnen bei den beiden Pyramiden Alberti Julii I und der Koncordiæ als
unseren UrEltern ihnen zu Ehren Schildwacht halten wollte indem wir
solchergestalt alle 3 nur auf wenige Schritte von einander entfernet wären und
bei jetzigem vortrefflichen Mondenscheine einer dem andern fast das weiße im
Auge erkennen könnte wessentwegen wir denn auch ganz und gar keine Ursache uns
zu fürchten hätten zumahlen da wir uns insgesamt in den Schutz unsers
allmächtigen Gottes befohlen als welcher den Satan dergestalt binden könnte dass
er uns die wir als getauffte Christen ohne dem die Herrschaft über den Satan
und sein ganzes höllisches Heer hätten auch nicht die kleineste Haar unsers
Haupts zu krümmen vermögend sei
Nun weiß ich mich zwar als ein guter Christ sehr wohl zu bescheiden dass
Gott seinen Schutz und Schirm nur denjenigen versprochen die auf ihren
BerufsWegen bleiben und nicht etwa extra vagiren wie mir den dieses von unsern
Herrn Geistlichen nachdrücklich genug vorgestellt wurde Allein diese Sache
hatte ganz eine andere Beschaffenheit wovon ich eben jetzo nicht viel Worte
machen will weilen sonsten befürchten müsste dass einer oder anderer
Blödsinniger unter uns vielleicht auf die Gedanken geraten möchte ich wäre
etwa eben um dieselbe Zeit ein FanaticusManiacus oder gar Delirante gewesen es
dienet inzwischen demjenigen der etwa so dencken möchte zur freundlichen
Nachricht dass er von seinen Gedanken betrogen wird Was ich aber ausgestanden
habe um dieselbe Zeit so wohl bei täglicher als nächtlicher Weile und was ich
vor Anfechtungen und Streit mit solchen Gegnern gehabt die unsichtbar und zum
Teil nicht zu nennen sind davon will ich auch nichts sagen als nur dieses
dass meine redliche Meinung war mein Leib und Leben dem Vaterlande dem großen
Gott aber meine Seele aufzuopffern
Keinen ferneren Umschweiff aber in meiner Erzählung zumachen so melde dass
wir 3 geschworne Brüder einander zu bestimmter Zeit am ebenfalls bestimmten
Orte antraffen weswegen ich meinem lieben Vertrauten das consilium abcundi gab
allein er war in der Philosophie doch so weit gekommen zu erwegen dass es
jetzo keine Zeit sei mich den er aus getreuen Hertzen vor vielen andern
liebte im Stiche zulassen ungeachtet er sah dass ich 2 meiner
allergetreusten Freunde bei mir hatte
Aber weiter wir machten unsere Sache ganz ordentlich ich bekletterte ohne
besonderes Grauen den SteinHauffen der um des Lemelié SchandSeule herum
liegt und lähnete mich auch so gar nach dem ich mich niedergesetzt mit dem
Rücken ganz genau an gemeldete SchandSäule welches ich nun wohl hätte können
bleiben lassen Aber der Centner meiner damaligen Hertzhaftigkeit oder
Kourage wie man das Ding heutiges Tages zu nennen pflegt und welches Wort die
Herrn Europæer mit herüber gebracht wug zu derselben Zeit vielmehr Pfunde als
nach Rechnungen hier und dar ausgemacht ist die doch wie ich gehört auch hie
uñ da ziemlicher Massen falliren oder wenigstens eine starke Konfusion im
Handel und Wandel verursachen
Weilen aber alle diese Ausschweiffungen zur Erzählung der HauptGeschichte
wenig dienen so melde weiter dass nachdem ein jeder von uns seinen erwehlten
Posten wohl besetzt endlich die SeigerGlocken die 12te Stunde anzeigten da
denn so bald die allergröste RepetirGlocke kaum ausgebrummet hatte der Geist
des Don Juans in eben der Gestalt erschien als ich denselben schon vorher
gesehen hatte führte aber so wohl in seinem Rachen und Händen solche Dinger
die FeuerFuncken von sich sprüheten worvor sich meine Person jedoch ganz und
gar im geringsten nicht fürchtete weilen mir die Feuerwerckerei eben nicht so
gar sehr unbekannt obschon nicht die höllische Unter den Steinen worauf ich
saß fing es zu beben an ja es kollerten ihrer viele ohnangerührt von dem
Hügel hinunter Hierauf stieg der Geist des Lemelié allmählig aus seiner Grufft
empor und bewillkommete wie ich bemerckte seinen angekommenen Gast mit ganz
besonderer Zärtlichkeit von ihren Worten aber die sie bei der ersten
Zusammenkunft mit einander wechselten schweben mir noch diese hauptsächlich im
Gedächtnisse
Don Juans Geist Ich halte mein Wort dich zu besuchen es sollte mir aber
Leid sein wenn ich dich in deiner Ruhe stöhrete
Hierauf antwortete der
Geist des Lemelié Ich bin über deinen Zuspruch mit einem solchen Vergnügen
überschüttet als nur immermehr ein Geist empfinden kann und wovon die
Sterblichen ganz und gar nichts wissen oder empfinden können Allein sprach
der verdammte Geist wir wollen noch ein mehreres mit einander reden darum
folge mir nach
Demnach fasseten sich beide GeisterPersonen an die Hände und gingen in
den großen Garten allwo sie unter beständigem Gespräch nicht anders taten
als ob es in der schönsten FrühlingsZeit gewesen wäre
Meine Geferten folgten mir getreulich auf dem Fuße nach und haben mit
angehöret was diese verfluchten Geister vor erstaunliche Worte mit einander
gewechselt Sie haben auch ihre Aussage nach der Zeit redlich getan und
dieselbe recht mit einem cörperlichen Eyde bekräfftiget wovon ich itzo da ich
doch noch vielmahl gehört und verstanden als sie eben keine weitläufftige
Wiederholung tun will weil es schon in unser Archiv ad Acta gebracht ist
Ich fahre nun aber in der GeschichtsErzählung weiter fort und berichte
weilen ich wegen Anwesenheit vieler unverständigen und unmündigen auch
supersticiösen Leutchen kein besonders Lerm stifften will bis der Ausgang so
gar bis auf die späten Nachkommen zeigt dass Eberhard Julius sich so wohl
gegen Gott als Menschen vollkommen redlich aufgeführet und jederzeit bei der
Verantwortung wohl zu bestehen getrauet
Als die beiden vermaledeieten Geister nun vor der AlbertsBurg stunden
sagte der Geist des Lemelié Dieses ist der verfluchte Hügel welcher wie man
hört nunmehr eine Burg genannt wird unter welchem ich in einem Gewölbe bin
umgebracht und in das Reich der Toten geschickt worden
Nachdem er nun noch viele erschreckliche Worte ja die grässlichsten Gottes
Lästerungen ausgestoßen welche auch nur nachzusagen ein Christe billig Scheu
tragen muss wobei uns allen die Haut schauderte und die Haare zu Berge stunden
gingen die Verfluchten weiter herunter und blieben der Kirche oder unserm
HauptgemeinschaftlichenGottesHause gegen über stehen wobei ich vor meine
Person aber nur so viel sagen dass ich zwar ein Gemurmele mit Worten unter ihnen
vernommen nicht aber berichten kann worinnen diese Worte eigentlich bestanden
als welche mir durch einen fatalen Nord vor meinen Ohren hinweg gewehet wurden
geschweige denn das ganze Gespräch
Mittlerweile da eben ein Sonn und zugleich ein FestTag eingefallen war
wurde bei Anbruch des Tages die erste Losung mit einem Kartaunen Schusse von
der AlbertsBurg gegeben um den Insulanern gewöhnlicher Massen ein solches
anzudeuten da denn in selbiger Minute die verdammten Geister vor unsern Augen
gleich auf der Stelle vor der Kirche verschwanden Worauf wir Wagehälse erstlich
einander noch einmal ansahen hernach aber noch vor der Kirche zu Herr M
Schmeltzern sodann auch zu dem Regenten uns verfügten und ihnen alles
erzehleten was wir gehört und gesehen hatten anbei baten dieserwegen der
Gemeine nicht sogleich die Ohren zu füllen worinnen sie uns sonderlich der
Schwachen und Blödsinnigen wegen auch den größten Beifall gaben so dass die
allerwenigsten von unsern Insulanern gewahrt wurden was sich vor eine
sonderbare Begebenheit mit uns zugetragen
Wenige Tage hernach verfügte ich mich mit Mons Litzbergen Mons Cramern
meinen zweien in der Gefahr gehabten Beiständen hiernechst in Gesellschaft
noch mehrerer hertzhafter Leute abermals in 2 Booten hinüber auf die Insul
KleinFelsenburg um zu vernehmen was etwa allda inzwischen vorgegangen wäre
Unsere Gäste waren recht ungemein erfreut uns wieder zu sehen und da wir
ihnen noch eine und andere Notwendigkeiten und Bedürffnissen mitbrachten
beklagten sie sich mit recht traurigen Gebärden darüber dass wir sie mit allzu
vielen Wohltaten fast überhäufften Da wir aber weiter nach ihrem Zustande und
LebensArt fragten konnten sie nicht von Wunder genug sagen was ihnen vor
seltsame Streiche passirten denn ungeachtet sie bei Tage ganz vergnügt und
ruhig lebten inmassen allezeit ihrer 4 arbeiteten der 5te aber Wechselsweise
die Küche den Fischfang und dergleichen besorgen müsste so würden sie des
Nachts um so viel desto heftiger gehudelt nicht allein von den verzweiffelten
Affen und so genannten Minions als welche ihnen alles TöpfferGeschirre und
andere zerbrechliche Sachen in tausend Stücken schmissen oder öfters weit von
der Stelle hinweg schleppten so dass sie immer zu bald dieses bald jenes
HausratsStück mit größter Mühe zu suchen mithin die Zeit zu versäumen und
sich dabei zu ärgern gemüssigt wären Nun hätten sie sich zwar seit kurtzem so
wohl vor den Affen als auch den Minions ziemlicher Massen Friede geschafft
indem sie sehr öfters Feuer auf sie gegeben und sehr viele erlegt auch viele
in aufgestelleten Fallen Schlingen gemachten Löchern woraus sie wenn sie
einmal drinnen nicht leicht wieder heraus kommen könnten lebendig gefangen
Allein dieses wäre das allergeringste indem sie einer wie der andere nicht
allein bei Nachts sondern auch zum öfteren bei hellemlichten Tage von
unsichtbaren Geistern oder Gespenstern gequälet und geknippen würden als worvon
sie noch itzo die braunen und blauen Flecke an Armen und Beinen ja am ganzen
Leibe aufzuweisen hätten welches alles sie bisher mit ziemlicher Gelassenheit
erdultet hätten in die Länge aber ein solches TeufelsSpiel nicht vertragen
sondern dem Teufel zum Trotze schon andere Mittel vorkehren wollten wozu ihnen
nur noch eine und andere Sachen von ganz geringem Werte fehleten welche sie
aber nicht bei sich hätten vielweniger auf dieser Insul finden könnten
Wie wir nun fragten was denn dieses eigentlich vor Sachen wären und ob man
nicht vielleicht Rat schaffen könnte dieselben herbei zu schaffen so winckte
Don Rio dem gegen ihm übersitzenden 53 jährigen Manne der Vincentius genannt
wurde nur mit den Augen da denn derselbe mit ihm zugleich aufstunde und beide
sich etliche Schritte weit von uns entferneten jedoch Don Rio kam zurück und
bat Mons Litzbergen Mons Cramern und mich nur auf etliche Schritte mit ihnen
Lustwandeln zu gehen um ein und andere Worte von ihm und seinen Geferten
anzuhören
Wir stunden also alle 3 auf und wandelten mit den vorbemeldeten zweien des
geraden Weges auf dem angenehmen grünen Rasen nach dem Geburge zu da denn
unterwegs Mons Vincentius von ungefähr also zu uns zu reden anfing Meine
Herren Sie halten mich 53 bis 54 jährigen Mann zwar vor einen Portugiesen
allein die Wahrheit zu bekennen welches ich auch erweisslich machen kann so bin
ich ein gebohrner Spanier Von meiner Geburt und Auferziehung auch wess Standes
meine Eltern gewesen will voritzo da es zu weitläufftig fallen möchte wenig
oder gar nichts sondern nur so viel melden dass ich schon in meinem 12ten Jahre
mit einem gewissen Kavalier der ein Sohn des allervornehmsten Grand dEspagne
war auf eine ihnen vielleicht allen wohlbekannte Spanische Universität zog um
demselben als ein so genannter Page aufzuwarten Es war in so weit dieses eine
ganz gute Sache vor mich da ich mich bei der Gelegenheit wohl auch in literis
solcher Massen perfectioniren können dass ich etwa einmal mit der Zeit unter
der damaligen verwirrten Regierung mein Konto hätte zu suchen gewust Allein
mein Herr war ein wüster und wilder Kopf schob alle guten Bücher und
Wissenschaften bei Seite und erwehlete sich dagegen nichts anders zu seinem
Vergnügen als nebst dem Frauenzimmer die Magiam oder die so genañte
SchwartzeKunst verwendete auch darauf auser der edlen Zeit zu gebrauchen als
die er wohl hätte nützlicher anwenden können entsetzlich starke GeldSummen
indem er jederzeit die allerberühmtesten Zauberer und SchwartzKünstler aus
allen Reichen der Welt zu sich kommen ließ und dieselben zum öffteren recht
Königlich bewirtete auch über alle Gebühr kostbar beschenckte Er erreichte
zwar hierdurch seinen vorgesetzten Zweck indem er es in der Magia oder so
genañten SchwartzKünstlerei ungemein hoch brachte weilen er aber nicht allein
einen sondern vielleicht wohl 3 oder mehr hochtrabende Spanische Geister in
seinem Körper haben mochte so setzte er nicht allein wie gesagt alles andere
sondern auch Gott alle seine Heiligen ja sein ganzes Christentum wider
besser Wissen und Gewissen zurücke und machte sich eben zu der Zeit da er es
aufs allerhöchste gebracht zu haben vermeinte dergestalt jämmerlich und
erbärmlich unglücklich dass so oft ich nur noch daran gedencke mir alle Haare
auf dem Kopfe zu Berge stehen Es war aber hieran nichts Schuld als sein
eigenes hochtrabendes unbedachtsames zuweilen recht einer halben Raserei
gleichendes unchristliches Verfahren weswegen denn ganz und gar nicht zu
verwundern dass der barmhertzige und langmütige Gott endlich des Erbarmens und
seiner Langmut müde wurde seine GnadenHand von ihm abzohe und ihn den Klauen
des Satans überließ
Ich vor meine Person weilen ich bei damaligen Zeiten einen eben nicht
allzu ungelehrigen Kopf hatte positirte bei der Gelegenheit ein vieles deñ
ich erlernete das GeisterBannen GeisterBeschweren und viele andere
KunstStücke zwar aus dem Grunde versuchte auch solches nicht einsondern sehr
viele mahl allein es kam eine Zeit da ich an Gott seine Heiligen und meine
eigene Seele zu gedenken anfing ungeachtet mir alles was ich nur
vorgenommen nach Wunsche ergangen und abgelauffen war Da ich aber niemals ein
recht ruhiges Hertze oder Gewissen in mir verspürete als begab ich mich zu
einem wohlbekannten vornehmen Geistl welchem ich mein Anliegen entdeckte auch
von ihm Trost und Rat zur Gnüge bekam indem er mir vorsagte dass ich die Kunst
zwar wohl beibehalten könnte weilen es eine ganz edle Kunst u Wissenschaft
wäre nur aber würde ein gutes Christentum und hiernechst eine gute gesunde
Vernunft darzu erfordert Diese Lehren waren in Wahrheit nicht zu verwerffen
weilen ich aber ungeachtet ich noch ein junger wollüstiger Kerl war ich weiß
selber nicht warum einen heimlichen Abscheu vor dieser Kunst bekam da ich
doch in einem und andern Stücken mich wohl einiger Massen hätte können glücklich
machen als suchte mein Vergnügen unter dem SoldatenLeben bekam auch bald
Dienste beim LeibRegiment des Königs als Sergeant Etliche Monate ließ ich mir
diese Dienste gefallen hernach aber da ich bemerckte dass das Glücke mit mir
nur wie mit einem leichten FederBalle auf dem Lande zu spielen gesonnen
drehete ich meinen Kopf auf die andere Seite und nahm Dienste unter den
SeeLeuten habe auch verschiedene Fahrten nach Ost und WestIndien mitgetan
auch dieses und jenes sonderlich mit Beihülffe meiner Kunst und Wissenschaft
erfahren Allein die Zeit will es vorjetzo nicht leiden ihnen meine Herren
etwas ausführlichers davon wissend zu machen Deswegen will solches mit dero
gütigen Erlaubnis bis auf eine andere Zeit versparen hergegen unsern Herrn
Wohltätern ein Geheimnis und solche Sachen eröffnen woran weit mehr gelegen
ist
Sie sind sprach Vincentius zu Mons Litzbergen Mons Cramern und mir
meine Herren wie ich meinem einfältigen Verstande nach vermute unfehlbar
weder die ältesten noch jüngsten Befehlshaber unter ihrer ganzen Familie
allein ohne sie in das Angesicht zu rühmen so halte davor dass ohne euch der
andern Ruhm zu verdunckeln eure Personen vor vielen andern die klügsten und
geschicktesten sein welche zu kennen ich die Ehre nicht habe Demnach weil
mich ein von Gott gesandter guter weißer Geist antreibt und mir keine Ruhe
läst bis ich ihnen wie er spricht dasjenige Geheimnis offenbarer woran so
vielen 100 ja 1000 und noch mehr Menschen gelegen so will ich es auch auf
mein gutes christliches Gewissen tun lassen sie sich nur vorher erstlich von
dem dritten Manne erzählen was uns seit ihrer letztern Abfahrt betrachtens
würdiges begegnet ist welches mit allen schon erzehlten Kleinigkeiten in so
weit keine Gemeinschaft haben mag Demnach rufften so wohl Don Rio als
Vicentius ihre Kameraden herbei und sagten zu ihnen dass sie auf ihr gut
Gewissen aussagen sollten was ihnen seit unserer Abfahrt vor hauptsächliche
Streiche begegnet wären da dann so viel heraus kam dass als sie gleich andern
Tages nach unserer Abfahrt Feuer in ihrem FeuerLoche oder besser zu sagen
FeuerHeerde angemacht ihre Töpffe mit dem Fleische und Gemüse angesetzt auch
die Braten ordentlicher Weise an die Spieße gesteckt kaum aber nur etwa 10
Schritte von dannen gegangen sich da sie sich umgesehen der Erdboden unter
dem FeuerLoche ja noch viel weiter herum dergestalt erhoben und erschüttert
dass sie nicht anders vermeint es würde alles in das Feuer und in die Asche
geworffen sein weswegen sie sich schon nach dem Behältnisse der trockenen
Speisen umgesehen weilen der Zweiffel bei ihnen entstanden dass sie diesen
Mittag etwa Warmes möchten zu genießen bekommen allein da sie sich nach etwa
2 Minuten nochmals umgesehen wären sie gewahr worden dass weder ein
FeuerBrand noch ein Topff verrückt oder verwahrloset vielweniger die Braten
beschädigt worden demnach hätten sie ihren HeissHunger zu stillen keine
ferneren Weitläufftigkeiten gemacht sondern aufgetragen und ohne Sorge mit
Appetite gespeist unter währenden Speisen aber ungeachtet sie doch ihr
TischGebet verrichtet wäre der Satan dennoch geschäfftig gewesen indem
Angesichts ihrer auf etliche Schritte herum mehr als 20 bis 30 große
MaulwurffsHauffen aufgeworffen worden die aber die gewöhnlichen
MaulwurffsHauffen um ein gewaltiges übertroffen da sie ungefähr wohl noch 4
mahl größer wären als die sonst gewöhnlichen MaulwurffsHauffen welche man
noch bis diese Stunde in Augenschein nehmen könnte Bei der AbendMahlzeit wäre
ihnen wie sie sagten ein gleiches wiederfahren mit dem Zusatze dass sie vor
den so genannten Minions fast keinen BissenBrod in den Mund stecken können
sondern immer einen Dolch oder wenigstens Messer in der Hand haben müssten um
sich dieser vermaledeieten Türe erwehren zu können als welche sie einer und
anderer Umstände wegen vor verdammte Seelen und PlageGeister der Menschen
hielten
Wir hätten fast über die Einfalt unserer Gäste lachen mögen allein
Vincentius gab uns einen Winck ihm nebst dem Don Rio zu folgen da er denn als
wir uns etwa auf die 50 bis 100 Schritte von der übrigen Gesellschaft
abgewendet zu uns 3 Felsenburgern die wir ganz allein auf einem bequemen
Platze bei ihm stehen blieben seinen Spruch also anfing ohne dass wir gewahr
wurden dass er uns in einen Circkel runden Creiss geführet Ihr Herren Ihr
wisst nicht worauf wir jetzo stehen und vermeint vielleicht dass wir auf
einem blosem GraseLande stünden allein weit gefehlt denn diese Insul hat
nicht allein einen güldenen Grund und Boden sondern auch über dieses so viele
Schätze und Kostbarkeiten in sich dergleichen die besten Europæischen
Königreiche aufzuweisen ganz unvermögend sind Ich sage weiter nichts als
dieses dass in dem gegen uns über liegenden Gebirge sonderlich aber in dem
Grunde des großen Berges nur allein so viele Reichtümer stecken welche weder
Portugall noch Spanien an sich zu kauffen im Stande sind Allein meine Herren
redete er ferner ob ihr gleich noch zur Zeit nicht hintergangen oder betrogen
seid so könnte es doch vielleicht in aller Kürtze geschehen wenn nicht der
allmächtige Gott ein besonderes Auge auf euch hat denn ich bin in meinem
Christentume so weit erfahren dass derselbe Allmächtige heute bei Tage keine
auserordentlichen Wunder mehr tut sondern es auf der Menschen eigene Konduite
ankommen lässt ob sie seinem vorgeschriebenen Gesetze folgen wollen oder
nicht Nun aber will euch Herren Felsenburgern nur so viel im Vertrauen sagen
dass ihr viel Feinde habt und zwar eures guten und geruhigen Lebens halber wer
aber dieselben sind solche will voritzo eben nicht alle mit Nahmen nennen
jedoch die Herrn H nicht verschweigen die schon seit einigen Jahren her
ziemlicher Massen nach euch geangelt haben jedoch eure ganz besondere
Vorsichtigkeit hat alle ihre Anschläge ungeachtet dass sie alle eure Umstände
euren Reichtum und so zu sagen den Bissen den ihr in den Mund steckt und
den Tropffen den ihr aus euren Bechern trinckt auf das allergenaueste wissen
bis hieher zu nichte gemacht Wie es zugehet dass ihr bei diesem und jenem so
verraten seid will ich eben jetzo nicht sagen denn das ist res altioris
indaginis Dieses aber kann ich im allergröstem Vertrauen sagen dass zwei
verdammteGeister gegen euch gedungen worden so wohl euch als uns armen 5
ehrlichen Kerls zu verderben allein ihr ganzes Vernehmen soll ihnen
fehlschlagen Ich weiß gewiss dass ihr diese verdamten Geister nicht allein hier
auf dieser kleinen Insul sondern auch auf GroßFelsenburg in blutroter
Kleidung gesehen habt ich habe sie auch gesehen und will sie euch wieder
vorstellen so bald die MitternachtsStunden heran nahen da sie denn vermöge
meiner Kunst auf Händen und Füßen zu mir gekrochen kommen und auf alle meine
Fragen richtige Antwort geben sollen wo dieses nicht geschicht so will ich sie
in eurer Gegenwart mit einer KnotenPeitsche tractiren wie die Hunde Diese
Curiosität abzuwarten habt ihr weiter nichts zu tun als dass ihr in meinem
gemachten Circkel ohne viele Worte mit einander zu reden ganz stille sitzen
bleibt und euch auch so wenig als nur immer möglich bewegt bis ich euch die
Erlaubnis mit Neigung meines Haupts gebe Ich setze alle meinen vollkommenen
Teil der Seligkeit die mir nicht entgehen kann daran ja ich will mich lieber
von dem Teufel lebendig in den Lüfften wegführen und zerreißen lassen als dass
nur einem von euch allen eine Haare gekrümmet werden sollte
Wie denn dergleichen Leute solche harte und heftige Konstelationes ohne
Bedenken sehr vielfältig zu gebrauchen pflegen
Bei diesen Centner schweren Worten sahen Mons Litzberg Mons Cramer und
ich einander ziemlicher Massen in die Augen redeten auch erstlich ein wenig
heimlich unter uns Diese beiden aber wollten anfänglich ganz und gar nicht
einstimmen im Circkel zu bleiben weilen es ihnen wiewohl schon ehermahlen
geschehen an der Hertzhaftigkeit fehlete mir aber gab ein guter Geist ein
dass ich auf der Stelle bleiben mein andächtiges Gebet zu Gott verrichten und
mich weiter vor nichts fürchten sollte Deswegen fasste ich mir vor mich
selbst allein einen frischen Mut ging hin zu dem so genannten
TeufelsBanner und sagte zu ihm Don Vincentio wir haben noch nicht vollkommen
satt gespeist wäre es nicht Sache dass wir um die MitternachtsStunden
nachdem wir das Unserige genossen wieder anhero kämen und sähen was sodann
passirte Nein meine Herren gab er zur Antwort wenn sie sich nicht selber im
Lichten stehen wollen so bleiben sie auf ihren Stellen sitzen Wein und Konfect
ist genug da ihren Appetit zu vergnügen wo sie aber weggehen sind nicht
allein alle meine Anstalten vergeblich gemacht sondern so wohl sie als alle
Felsenburger können darunter den allergrößten Schaden leiden welcher vorjetzo
gar leichtlich zu verhüten ist wenn sie nur da bleiben und meiner Treu und
Redlichkeit trauen
Endlich begunte doch bei meinen Herren Geferten der Puls aufs frische zu
schlagen da sie zumahlen bei allen Umständen die sie nachher in etwas weiter
überlegt ganz vernünftig schließen konnten mir ungeachtet ich der Jüngste
unter ihnen war vor diesesmahl zu folgen und bei mir zu bleiben zumahlen da
sie zum öffteren von dem Vincentio die Worte aussprachen hörten dass er uns
allen kein teurer und kostbarer Pfand entgegen stellen könnte und wollte als
seinen Leib und Seele im Fall nur einem einzigen von uns die geringste Haare
am Leibe gekrümmet oder beleidigt würde
Also blieben wir alle drei nebst dem Don Rio im Circkel sitzen truncken ein
Glas Wein und speiseten etwas von kalten Gebratens wie auch Konfect welches
alles uns der gute Vincentius procurirt hatte erwarteten aber zum Teil mit
unruhigen Hertzen die MitternachtsStunde
So bald dieselbe heranzunahen begunte legte sich auch eine solche
Finsternis und Dunckelheit auf den Erdboden nieder die ich mit gröstem Rechte
fast größer als die ehemahlige Egyptische Finsternis gewesen nennen möchte
indem wir weder Himmel Mond noch Sterne über uns sahen vor uns aber nicht im
Stande waren unsere 5 Finger an den Händen zu zehlen Jedoch es währete nur
eine kurtze Zeit und nicht länger als etwa 1 ViertelStunde worauf da wir
uns umsahn in der ganzen Gegend alles helle war Denn Vincentius hatte durch
seine Cemeraden hie und dar und zwar auf mehr als 100 Schritte von uns um uns
herum viele Fackeln und WindLichter setzen lassen und zwar wie wir nachher
gewahr wurden auch in einem Circkel runden Creise anbei gemeldete seine
Kameraden dahin beredet dass sie uns allen zu Gefallen einmal hie und da
Schildwacht halten auch alle Vorbeigehende mit größter Freundlich und
Höflichkeit dahin bereden möchten vor diesesmahl einen andern Weg zu nehmen um
uns nicht zu stöhren weilen ganz außerordentlich geheime Sachen unter uns
tractiret würden
Bald hernach sah man zwar keine dicke Finsternis mehr jedennoch aber einen
ziemlich dicken Nebel um uns herum so dass wir den Schein der Fackeln von
ferne mit genauer Not kaum erkennen konnten in unserm Creise aber worinnen
wir drei Felsenburger als Mons Litzberg Cramer und ich nebst dem Don Rio und
der HauptPerson Don Vincentio saßen wurde auf einmal alles so klar als
wie gewöhnlicher Massen am lichtenhellen Tage Ich bewunderte dass da meine
sehr kostbare goldene RepetirUhr als welche ich bekannter Massen beständig bei
mir zu führen pflege kaum ihre hellklingende Schläge von sich hören lassen
sogleich ein ziemlich starcker WürbelWind entstunde welcher manchem einen
kleinen Schauer verursachte jedoch Vincentius der im Centro des Circkels auf
einen Klotze saß rief uns allen mit lauter Stimme zu dass wir uns an nichts
kehren sondern nur unsere Augen nach Norden zu wenden sollten Wie wir ihm nun
in diesem Stücke folgten so erblickten wir mit größter Verwunderung teils
aber auch ziemlichen Erschrecken dass die beiden Gespenster nämlich Don Juan de
Silves und Lemelié daher spaziert kamen u zwar mit ganz langsamen Spanischen
Schritten nicht anders als ob sie wie es heut zu Tage genannt wird ihre
Kour etwa bei Hofe machen und einem großen Potentaten aufwarten wollten So
bald sie aber sich dem äusersten unsers Circkels naheten stund Vincentius von
seinem Klotze auf und schlug mit seiner in der rechten Hand habenden
ZauberRute den Tact auf eine recht possierliche Art dergestalt dass sie 3
mahl um unsern Creiss herum tantzen mussten worauf er ihnen zwar erlaubte etwas
langsamer zu gehen allein wie wir bemerckten so hielt er diese blutrot
gekleideten geschwornen Brüder dergestalt mit der ZauberRute unter seiner
Zucht so dass sich keiner unterstehen durfte auch nur eines Fingersbreit über
den ab und ausgestochenen Rand unsers Circkels zu schreiten
Endlich citirete er sie alle beide zu ihm hinein in den Circkel zu kommen
den engeren Circkel aber welcher um seinen Sessel geschlossen war ja nicht zu
berühren widrigenfalls er sie alle zwei auf eine solche empfindliche Art
züchtigen wollte dergleichen wohl viele 1000 Geister nicht ausgestanden und
welche Art der Züchtigung woferne sie anders noch vernünftige Geister wären
ihnen nicht unbekannt sein könnte Demnach kamen beide auf Händen und Füßen
gekrochen bis an den engeren Circkel worinnen er Vincentius auf einem runden
Klotze saß sie nahmen sich aber ungemein in Acht den engeren Circkel auch so
gar nicht einmal mit den Händen zu überschreiten Als er nun ihren Gehorsam
sah tat er mehr als 20 Fragen an sie und bedrohete sie abermals mit der
allerschärffsten GeisterZüchtigung wenn sie ihm nicht aufrichtige Antwort
darauf gäben
Wir Felsenburger haben alle diese Fragen und die darauf erfolgten
Antworten bald hernach da dieselben noch im frischen Gedächtnisse
waren und wir über dieses nicht allein den Don Rio sondern auch den
Vincentium baten uns einzuhelffen wenn wir etwa dieses oder jenes
vergessen hätten in unsere bei uns führenden SchreibTaffeln
eingezeichnet aus welchen es hernach weiter protcollirt und zu den
übrigen dieser Sache angehenden Acten gebracht mithin in unser Archiv
gelegt worden
Nachdem aber dieses Verhör vorbei entstunde abermals ein jedoch ganz
gelinder WürbelWind welcher einen recht angenehmen und lieblichen Geruch mit
sich brachte so dass an Statt darüber zu erschrecken wir uns vielmehr
erquickten Indem wir aber unsere Augen von neuen aufschlugen sahen wir noch
eine andere GeisterPerson im Circkel herum wandeln welche ein hell gläntzendes
goldfarbenes Kleid an sich hatte Vincentius redete demnach den Geist des
Lemelié also an Kennest du diesen oder nicht Ja ich kenne ihn gab der
Geist des Lemelié zur Antwort es ist Karl Franz von Leuwens Geist welchen ich
meuchelmörderischer Weise ins Reich der Toten geschickt habe Hiervor musst du
sagte Vincentius auch noch in dieser Stunde und auf diesem Platze eine kleine
wohlverdiente Züchtigung leiden Demnach nahm Vincentius seine ZauberRute und
peitschete damit dergestalt auf den Geist des Lemelié zu dass derselbe zu Boden
fiel und sich wie ein Aaal auf dem Grase herum weltzete ja er winselte nicht
allein wie ein Hund sondern mit einer weit grässlichern Stimme so dass uns
allen fast die Haut zu schaudern begunte Der Geist des Don Juans aber ging
mittlerweile im Circkel spaziren herum so lange bis Vincentius ungefähr nach
Verfluss einer halben ViertelStunde seine ZauberRute in die Höhe gen Himmel
reckte da denn nicht allein des Lemelié und Don Juans sondern auch des van
Leuwens Geister unvermutet vor unsern Augen verschwanden hergegen præsentirten
sich an statt derselben zwei weißgekleidete Personen oder Machinen da denn
Vincentius fragte Nun meine Herren Felsenburger kennet ihr diese beiden
Personen Wie ist uns möglich gab ich ihm zur Antwort dieselben zu kennen
indem sie dergestalt verkappt und verschleiert sind Es sind sprach er hierauf
eure UrEltern Albertus I und Koncordia mit denen ihr euch nach Belieben in
ein Gespräch einlassen könnt
Da uns allen dreien aber sehr missfällig war dass er diese seligen Personen
in ihrer Ruhe gestöhret als wünschten wir nunmehr wieder von dieser Stelle
hinweg und in unsern Hütten bei der andern Gesellschaft zu sein ließ aber
unsere Gedanken dem Zauberer ganz und gar nicht merken sondern stelleten uns
vielmehr an als ob wir durch seine Kunst ungemein vergnügt worden weilen wir
aber dergleichen Sachen nicht so wohl als er gewohnt und über dieses solchen
fürchterlichen SchauSpielen Zeit Lebens noch niemals beigewohnt so wäre nicht
zu leugnen dass wir aus Furcht und Schrecken einiger Massen schwach und ermüdet
worden wessentwegen denn der beste Rat wäre dass wir uns zur Ruhe begäben und
unsere annoch übrige Verabredung bis auf Morgen verspareten
Vincentius der wie ihm zum Ruhme nachzusagen ist viel Verstand bei aller
seiner Geschicklichkeit besaß nahm diese Sache vor bekannt an und nachdem er
uns gefragt ob wir noch etwa einen oder andern Geist von solchen Personen die
uns angiengen oder mit welchen wir etwas zu schaffen gehabt zum Beschlusse vor
uns sehen wollten so wäre er noch bereit uns zu dienen wir aber baten ihn
alles dieses bis auf eine andere Nacht zu versparen demnach gab er seinen
Portugiesischen Kameraden ein vielleicht abgeredetes Zeichen worauf denn diese
sogleich mit brennenden Fackeln und WindLichtern uns entgegen kamen wir alle
aber von dem guten Vincentio bis an unsere SchlafStätte begleitet wurden
Vor meine Person kann ich wohl sagen dass ich nicht leicht in meinem Leben
unruhiger mein Lager gesucht um auf demselben einige Ruhe zu finden weilen
mein Kopf von allen dem was ich gehört und gesehen hatte dergestalt mit
Grillen Sorgen und Bekümmernissen angeschwängert war so dass ich nicht die
geringste Ruhe finden konnte ich mochte mich auch lincks oder rechts auf meinem
Lager umwenden und kehren An diese Nacht will ich Zeit meines ganzen Lebens
gedenken so lange als nur meine Augen offen stehen ich will aber von
demjenigen was ich in derselben eintzig und allein gehört und gesehen habe
voritzo weiter nichts melden jedoch habe aus Antrieb meines zarten Gewissens
auch alles dieses der Geistlichkeit und dem Regenten getreulich offenbaret
ungeachtet solches nicht einmal nötig gehabt Weilen nun ganz und gar keinen
Zweiffel trage dass auch dieses bona fide wird ad Acta gebracht sein so möchte
es mir vielleicht vor eine GroßPrahlerei ausgelegt werden wenn ich hier von
fernerweit viele Worte machen wollte
Kurtz des Tages nach der merckwürdigen Nacht erschütterte sich die Insul
KleinFelsenburg einiger Massen weswegen ich den Vincentium besuchte und ihn
fragte ob dieses etwa Böses oder Gutes zu bedeuten hätte Er gab mir zur
Antwort dass diese kleine ErdErschütterung eine ungemeine gute Bedeutung vor
uns Felsenburger mit sich brächte die HauptSache aber wäre diese dass wir die
vermaledeiten Körper des Don Juan und des Lemelié von beiden Insuln wegschaffen
und dieselben dergestalt in Asche verwandeln müssten dass auch nicht der
kleineste Knochen mehr von ihnen zu finden sei worauf sich denn die Aspecten zu
unserer Ruhe und Frieden bald besser zeigen würden
Es stellte mir Vincentius diese Sache dergestalt nach drücklich vor dass
ich mich bewegen ließ nur vorerst einen sehr kurzen Bericht an den Regenten u
an die Geistlichen von unsern bisherigen Begebenheiten zu machen hierbei aber
war die HauptSache diese dass sie den verfluchten Körper des Lemelié sollten aus
graben lassen alle seine Knochen auch nicht den allerkleinesten zu versehen
in einen kleinen Nachen auf Schwefel Pech Pulver Hanff Werg und dergleichen
Feuerfangende Waren legen und denselben mit einer starken Quantität des
besten Feuerhaltenden Holtzes bedecken hernach den Nachen oder das kleine
Bootgen nur nach den SandBäncken zu stoßenmöchten
Mir aber bat ich aus eine ziemliche Quantität von Pulver Schwefel Pech
und dergleichen zu übersenden indem ich mit dem Körper des Don Juan ein
gleiches zu tun gesonnen und ihn in lichterlohen Flammen der offenbaren See
anvertrauen wollte Damit aber beides zu gleicher Zeit geschehen könnte bat mir
noch dieses aus dass sie mir von der Insul GroßFelsenburg nur etwa eine
ViertelStunde vor der bestimmten Zeit und Stunde ein Signal durch einen
KartaunenSchuss geben möchten damit ich mich danach richten könnte Mit diesem
Berichte und Verlangen schickte ich 12 Mann worunter meine Allergetreusten
befindlich in einem Boote sogleich nach der Insul GroßFelsenburg hinüber die
denn des andern Tages gegen Abend ohne dass ich mich einer solchen
Geschwindigkeit versehen glücklich zurücke kamen und alles ja noch mehr mit
sich zurücke brachten als ich und meine bei mir befindlichen werten Freunde
verlangt hatten Demnach wurde in größter Geschwindigkeit erstlich der Körper
des Don Juan ausgegraben besichtiget und nachher mit demselben Sarge welchem
ihm seine LandsLeute von alten SchiffsBretern zusammen gehefftet in einen
großen Kahn ooer Nachen gebracht da denn in bei und neben dem Sarge lauter
Feuerfangende Materien als Pulver Schwefel Pech Hanff Stroh Werg und
dergleichen Zeug gelegt ward Wir brachten also dieses abscheuliche Kadaver mit
größter Mühe hinunter in die Mündung des Flusses da denn Vincentius auftrat
und sagte Meine Freunde ich bin zum Zeitvertreibe mit zur Leiche gegangen und
habe gesehen dass ihr Mühe und Arbeit genug mit dem Körper eures Feindes gehabt
nunmehr aber lasset mich ganz alleine schalten und walten
Wenige Minuten hernach hörten wir den KartaunenKnall von der Insul
GroßFelsenburg erschallen als welcher das Signal war dass unsere Obern und
Freunde eben um selbige Zeit den Körper des vermaledeieten Lemelié von sich
fortschaffen und der offenbaren See anvertrauen wollten
Demnach entstunde so gleich ein unvermuteter heftiger WürbelWind welcher
den Nachen oder Kahn als Vincentius hie und da Feuer hinein gelegt ganz
schnell fort und in die offenbare See nach den SandBäncken zuführete Es war
dieses wenigstens in meinen Augen ein ganz possierliches SchauSpiel indem
immer eine Raquete Schwärmer und dergleichen Zeug in die Luft flogen doch kann
nicht leugnen dass dennoch wegen des toten Körpers einiger Abscheu mit
unterlieff allein es währete kaum eine halbe Stunde als wir den Nachen
nachdem er sich vielemahl in der See herum getummelt in lichten lohen Flammen
brennen und endlich versincken sahen
Wir wollten also nach abgewarteter Tragoedie zurück gehen um uns in unsern
Hütten der Ruhe zu bedienen doch Vincentius hat dass wir wenigstens noch eine
halbe Stunde verharren und wohl in Obacht nehmen sollten was etwa weiter möchte
vorgehen Blos ihm zu Gefallen blieben wir also noch da und sahen dass ein
grässliches Monstrum wie mir etwa die allergrößten Arten von Wallfischen von
andern beschrieben worden gerades Weges auf unsere Bucht zugeschwommen kam
welches aus seinem Rachen und Nasenlöchern nicht allein die fürchterlichsten
WasserStröme sondern auch feurige Funcken und Flammen aussprützte
Fürchtet euch nicht meine Freunde sprach hier Vincentius denn dieses
Ungeheuer will mit mir allein zu tun haben Und in dem er diese Worte
aussprach warff er sich so wie er da gegangen und gestanden war mit völliger
Kleidung in den Fluss und schwumme dem MeerWunder entgegen
Mir wurde bei dieser Verwegenheit zwar angst und bange jedoch da ihm
niemand weder zunoch abgeraten hatte diese gefehrliche Schwimmerei anzutreten
als überließ ihn seinem Schicksale da wir denn bei der finsteren Nacht indem
sich der Mond unter eine schwartze Wolcke verborgen so viel gewahr wurden dass
unser Vincentius nach einem heftigen Streite mit dem MeerWunder von
demselben unter Donner Blitz Hagel ja dem grausamsten SturmWetter
aufgeschnappt und verschlungen wurde mithin den Sieg über dasselbe nicht
erhalten können sondern den Kürtzern ziehen müssen
Ich glaube nicht dass einer unter uns allen gewesen dem bei dieser
Begebenheit nicht so wohl als mir selber die Haare zu Berge gestanden und
alle Glieder des Leibes gezittert hätten und eben dieserwegen beschlossen wir
des anbrechenden Tages zu erwarten ehe wir uns nach unsern Obdache und
LagerStätten verfügen wollten Dieses geschahe nachdem die Sonne aufgegangen
war und alles Ungewitter vertrieben hatte Als wir nun unterwegs das klägliche
Schicksal des Vincentii überlegt und bedauert so traffen wir denselben in
seiner Hütte gesund und frisch an und zwar in der Verfassung dass er seine
Kleider und Schuhe ausbesserte Anfänglich entsetzten wir uns über seine Person
indem wir zum Teil wirklich auf die Gedanken geraten als ob er vom bösen
Feinde wäre weggeführet worden jedoch Vincentius so bald er dergleichen
Gedanken von uns vernommen fing überlaut zu lachen an und sagte Nein meine
Freunde ihr müsst meiner Kunst und Geschicklichkeit ein mehreres zutrauen
lernen denn dieses was ich mit dem MeerWunder vorgehabt ist ein bloses
SchattenSpiel gewesen von nun an aber sollt ihr erstlich rechte WunderDinge
sehen hören und erfahren die nicht allein euch sondern auch wohl euren späten
Nachkommen zum Nutzen gereichen können
Mittlerzeit da er diese und noch weit mehrere Worte seiner gewöhnlichen
Beredsamkeit nach vorgebracht hatte unsere Magens aber weilen es bald
MittagsZeit war nach denen im FeuerLoche befindlichen FleischTöpffen
Gemüsen und andern guten Gerichten vom Gebratens und Fischen entgegen delleten
so wurde unsere Hoffnung auf einmal allem Ansehen nach zu nichte gemacht
indem sich aus dem FeuerLoche ein ziemlich hoher Hügel auftürmete der wie
wir uns nicht anders einbilden konnten in kurtzer Zeit alles Gesottene und
Gebratene in die Asche verschütten würde Jedoch je mehr sich einige unter uns
darüber missvergnügt bezeigten desto mehr fing Vincentius darüber zu lachen an
und ehe wir uns umsahn war nicht allein der Hügel verschwunden und das
FeuerLoch in seiner gewöhnlichen Ordnung sondern wir sahen auch dass auf dem
grünen Rasen etliche Tücher aufgedeckt Teller und alles zurechte gelegt waren
was sonsten zum TischZeuge gehört Demnach speiseten wir unter wunderlichen
Gedanken doch mit noch so ziemlichen Appetite zumahlen da wir sahen dass um
und neben uns herum viele ganz frische Hauffen aus der Erde aufgeworffen
wurden die doch sehr weit größer waren als die gewöhnlichen
MaulwürfferHauffen
Wie nun Vincentius dieserwegen unsere Erstaunung und Verwandelung gewahr
wurde sagte er meine Freunde kehret euch an alles dieses nicht sondern ein
jeder speise nur seinem Appetite nach so viel als er vertragen und sich
Kräffte in den Körper schaffen kann Denn so bald die Sonne untergangen ist
müssen wir alle insgesamt zu graben zu schauffeln und zu hacken anfangen
Wie nun also die Sonne untergegangen und die erste Dunckelheit der Nacht
eingetreten war zeigte sich nicht allein in dem FeuerLoche sondern auch über
den aufgeworffenen Hügeln lichterlohe Flammen und zwar wenn ich es ja recht
beschreiben soll dergestalt als wenn man Spiritum Vini darauf und darüber
gegossen und selbigen angezündet hätte denn die Flammen waren alle
gelbgrünblau und rötlich unter einander vermischt Vincentius nahm also
nachdem er uns allen einen hertzhaften Mut eingesprochen und sein Handwercks
Zeug als Hacke Schauffel Spaten und dergleichen aufgefasset erstlich den
geraden Weg nach dem FeuerLoche zu als welches um allerfürchterlichsten zu
brennen schien Wir so viel unserer waren folgten ihm Paarweise nach trugen
und schleppten auch das HandwercksZeug so gut wir konnten So bald aber dieser
unser Führer Vincentius an das FeuerLoch gekommen war und dasselbe
untersucht hatte sprach er Meine Freunde hier ist vorjetzo noch nichts zu
tun so lange bis die MitternachtsStunde da ist unterdessen aber folgt mir
und meinem Rate und nehme ein jeder so wie ich einen kleinen Hügel vor sich
und wenn unsere Arbeit nicht bezahlet wird will ich mir binnen 3 Tagen
selber einen ScheiterHauffen machen mich darauf setzen und mit Pulver
Schwefel und Pech verbrennen Allein dieserwegen hat sich niemand Sorge zu
machen denn der Himmel ist mit im Spiele als welcher durch mich geringen
Menschen euer Glück Reichtum und Wohlstand zu befördern gewillet ist
Ich will eben nicht sagen wie mir vor meine Person bei dieser Begebenheit
um die Lunge und Leber zu Mute war jedoch zu zeigen dass ich kein HasenHertz
hätte mithin auch andere nicht gern feige machen wollte als nahm ich da ich
erblickte dass Vincentius den Anfang machte auch meine Schauffel Spaten und
grub bei dem Scheine der vielen angesteckten Fackeln da ohnedem es noch sehr
Mondund Sternhelle war eine Urnam oder so genannten heidnischen TotenTopf
aus der ganz lockern Erde heraus Indem ich mir aber in meinen Gedanken darauf
ganz viel einzubilden getrauete so wurde um und neben mir gewahr dass meine
andern MitGeferten eben dergleichen Dinger aus den kleinen Hügeln oder wie ich
dieselben vorher genannt MaulwürfferHauffen zum Vorscheine brachten Vor
meine Person habe nicht mehr als 9 derselben Stück ausgegraben jedoch da
Vincentius das abgeredete Zeichen von sich hören ließ dass wir uns alle
insgesamt wieder bei ihm versammlen sollten machte ich auch meiner Arbeit vor
dissmahl ein Ende und ging mit an die HauptArbeit welche in Ausgrabung des
FeuerLoches bestund
Hier hätte man sein Wunder sehen sollen welcher Gestalt sich die artigen
Tiergens die wir nur immer sofort Minions nenneten auf das allerkräfftigste
bemüheten uns in unserer Arbeit zu verhindern wie denn auch allerhand andere
Gespenster als Feuerspeiende Drachen feurige Schlangen und dergleichen
Ungeziefer ebenfalls auf uns zu gegangen geflogen und gekrochen kamen welche
aber alle so bald Vincentius nur seinen ZauberStab aufhub augenblicklich
zurücke wichen oder auf der Stelle ohnmächtig liegen blieben
Endlich da meine TaschenSchlagUhr die vollkommene MitternachtsStunde mit
12 Schlägen angezeigt geschahe ein gewaltiger Donnerschlag worüber wir
insgesamt erstaunete allein da wir die Sache recht betrachteten so war uns
hierdurch alle unsere Mühe und Arbeit erleichtert denn es hatte sich in dem
Feuer Loche eine Machine über 2 Ellen hoch von selber aus der Erde empor
gehoben welche Vincentius so wohl als die ausgegrabenen Urnen mit seiner
WünschelRute berührete uns aber bat nur stille und ruhig zu sein des Tages
zu erwarten inzwischen aber etwas von stärckenden Getränke zu uns zu nehmen
denn es hätte auf diesesmahl nunmehr alles seine vollkommene Richtigkeit
Sehr selten bin ich wohl in meinem ganzen Leben nach dem Anbruche des Tages
begieriger gewesen als eben diesesmahl da aber derselbe endlich erfolgte so
dass einer dem andern das Weiße in den Augen erkennen konnte gingen wir vor
allererst in der ganzen Gegend herum spaziren und zehleten dass wir 53 Urnen
oder TotenTöpfe ausgegraben hatten Es waren dieselben von verschiedener
Größe teils steinerne teils küpferne teils silberne güldene aber nur 2
nicht allzu große Auf deren Deckeln befanden sich eben dergleichen
Zeichnungen wie ich schon ehemahlen gemeldet und abgerissen nur aber bei
diesem oder jenem mit einer oder anderen Veränderung der Charactern Wer Lust
und Belieben hat dieselben noch vor sich abzuzeichnen kann es alle Tage tun
indem wir sie mit hieher gebracht haben ich aber sage vorjetzo nur so viel
dass nachdem wir alle diese Urnen vor unsere Hütten getragen und in Ordnung
gestellt hatten Vincentius uns einen Winck gab mit ihm zu gehen und die
Machine genauer zu betrachten die sich in dem FeuerLoche erhoben hatte
Demnach befand sich dass es ein silberner mit vielen Zierraten und Charactern
versehener ordentlicher TotenSarg dessen Länge 4 Ellen die Breite oben zum
Häupten 2 und 1 halbe Ellen unten zum Füßen aber nach Proportion etwas
schmäler zugelauffen war
Nachdem wir nun auf Anregung des Vincentii den SargDeckel und zwar mit
ziemlicher Mühe auf und abgehoben erblickten unsere Augen 2 Körper darinnen
neben einander liegend welche dergestalt gelegt zu sein schienen als ob sie
einander umarmeten Ihre Gesichter zeigten sich nicht grässlich wie etwa sonsten
LeichenGesichter auszusehen pflegen indem wie ich aus vielen Umständen
spürete beide Körper einbalsamirt sein mochten von den Kleidungsstücken aber
war wenig zu sehen weilen dieselben ziemlicher Massen vermodert jedoch ich
hatte das Glück aus einem gewissen Zeichen zu bemercken dass sie alle beide in
PurpurKleidern möchten sein beerdiget worden wie denn auch beide ganz
zierliche güldene kleine Kronen auf ihren Häuptern trugen die mit den
kostbarsten Diamanten und andern Edelsteinen besetzt waren
Wir allerseits nahmen uns ein nicht unbilliges Bedenken diese Körper
fernerweit zu beunruhigen zumahlen da wir befürchteten dass dieselben etwa
entzwei brechen oder gar zerfallen möchten gingen also insgesamt um den Sarg
herum wie dem gemeinen Sprichworte nach die Katzen um den heißen Brei
befanden aber dennoch bei einiger weiterer Untersuchung dass dieselben auf
lauter geprägten Goldund SilberMüntzen vielerlei Gepräges lagen und mit den
auserlesensten orientalischen Perlen überschüttet waren
Wir 3 der ansehnlichsten Felsenburger wie man uns damals nennete gaben
demnach dem ganzen Volcke so wohl die Urnen als den silbernen Sarg zum Preise
baten uns aber nur dieses dabei aus dass sie ja die Körper und Gebeine
verschonen nicht beschimpffen sondern in Ehren halten sonsten alles Geld
Gold Silber und Perlen heraus nehmen und unter sich teilen möchten Allein
nachdem alles wie es war ganzer 3 Tage und Nächte also stehen geblieben
verspüreten wir dass weder ein Fremder geschweige denn ein Felsenburger sich an
dem allergeringsten vergriffen auch nicht einmal eine Perle heimlicher Weise
zu sich genommen hätte Die Ursache dessen ist leicht zu erraten weilen unsere
Felsenburger Gold Silber Perlen Edelgesteine und dergleichen Sachen vor gar
nichts besonders halten da ihnen dieselben wenig oder gar nichts nützen und
bewust dass wir bereits im Uberflusse damit versorgt sind Als wir aber den
Vincentium und seine Geferten darum ansprachen dass sie vor ihre allerseitige
Bemühungen und uns erzeigte Gefälligkeiten sich der Billigkeit gemäß bezahlt
machen und das Beste von den gefundenen Schätzen auslesen möchten so gingen
die Portugiesen über 100 Schritt von uns hinweg und unterredeten sich fast
über eine halbe Stunde lang mit einander, da sie aber wieder zurück kamen bat
Vincentius dass wir Felsenburger uns um ihn herum setzen und seine Reden
anhören möchten
Da es nun eben zu keiner fürchterlichen Zeit und Stunde war indem die Sonne
mitten am Himmel stund die weilen keine einzige trübe Wolcke zu sehen uns
recht ungemein erquickte so nahmen wir uns um so viel desto weniger Bedenken
seinem Bitten zu gehorsamen da er denn folgende Worte vorbrachte Meine lieben
Herren und Freunde ich bin in meinem Hertzen durch viele Merckmahle dahin
überredet dass die meisten unter euch mich vielleicht vor einen ErtzZauberer
oder HexenMeister ansehen und halten Allein ich bin keiner von beiden
sondern bei allem dem was heilig ist beteuere ich auf meiner
SeelenSeligkeit dass mich die allerhöchste Macht angetrieben euch einen und
andere Dienste zu leisten und mir anbei dero allerkräfftigsten Schutz und
Beistand versprochen als wovon ich vor dissmahl nicht viel reden und prahlen
will
Kurtz ich habe bis auf diese Stunde getreulich so viel bei euch
ausgerichtet als mir bis hieher befohlen ist wovon ihr denn verhoffentlich
sattsame Zeugnisse haben werdet zumahlen da mir auch die unterirrdischen und
verfluchten Geister nicht widerstehen vielweniger mich in meinem Vorhaben
verhindern können Nunmehr aber da ihr von einer Belohnung meiner euch
geleisteten getreuen Dienste zu reden anfanget möchte mich dasselbe fast
verdrießen weilen ich nicht eigennützig bin auch vor meine gehabte Mühe nicht
die allerkleineste Perle verlange Meine Kameraden mit denen ich mich vor
kurzer Zeit besprochen sind eben dieses Sinnes Die Ursache aber ist diese
weilen ihr uns eine Zeit daher auf das allerkostbarste und herrlichste tractirt
habt und wie ihr sagt uns den Aufenthalt auf dieser Insul nebst
notdürfftiger Verpflegung zu reichen und zu vergönnen noch fernerhin gesonnen
Demnach nehmt so wohl den Sarg als die Urnen mit hinüber auf die große Insul
um euren Freunden ein Vergnügen damit zu stifften vergesset unserer dabei auch
nicht mit Zuführung einer und anderer leckerhaften Speisen und Getränke als
worvon wir ganz besondere Liebhaber sind Folget meinem Rate und fahret
gleich Morgen früh mit Aufgange der Sonnen zu euren Freunden hin und bringt
ihnen alles das was wir gefunden haben doch dieses ist ein bloses KinderSpiel
gegen diejenigen Schätze zu rechnen welche ich binnen wenig Tagen noch zu
finden oder wenigstens euch anzuweisen verhoffe Nur aber bitte ich mir dieses
aus dass wenigstens 10 bis 12 Mann der hertzhaftesten Männer oder
Junggesellen bei mir bleiben um mit ihnen das Gebirge sonderlich aber den
großen Berg durchzustreichen und zu besichtigen da ihr denn wenn ihr etwa
binnen 8 oder 14 Tagen wieder anhero zu kommen euch bemühen woltet unfehlbar
weit mehrere Neuigkeiten als bisher vorgefallen erfahren werdet und zwar zu
eurem eigenen allergrößten Nutzen
Die Felsenburger hatten den Vincentium kaum ausreden lassen als sogleich
nicht nur 10 oder 12 sondern noch viel mehrere so wohl Männer als
Junggesellen heraus traten und sich als Freiwillige angaben bei dem Vincentio
zu bleiben mitlerweile wir die gefundenen Sachen hinüber auf die große Insul
zu den Unserigen schaffen und so bald als möglich wieder zurück kommen
sollten Nachdem nun Vincentius mich und meine beiden Herren Beistände ersucht
mit ihm annoch vorher in etwas spatziren zu gehen inmassen er uns noch viele
wichtige Dinge zu offenbaren hätte als folgten wir ihm nach und erfuhren
solche Geheimnisse aus seinem Hertzen und Munde von welchen wir uns vorher
keine Vorstellung machen können weilen aber voritzo gewisser Ursachen wegen
ein billiges Bedenken trage dieselben zu wiederholen so verweise einen jeden
treugesinneten Felsenburger an unser ordentlich Archiv als worinnen die
dessfalls unsere damahlige getane Aussage protocolliret worden um seine
Curiositée zu vergnügen weilen ein solches keinem Treumeinenden zum Lesen
abgeschlagen wird
Gleich des darauf folgenden Tages machten wir uns reisefertig um mit unsern
Booten fort zu rudern welches denn auch geschahe nachdem wir nicht allein den
silbernen Sarg sondern auch alle 53 Urnen eingeschifft von den Portugiesen
unter Versprechung baldiger Zurückkunft Abschied genommen und bei ihnen 12
Mann der hertzhaftesten Felsenburger da gelassen hatten Es ist leicht zu
erachten dass die Unserigen über unsere glückliche Zurückkunft eine besondere
Freude wie auch über die mitgebrachten Antiquitäten eine ausnehmende
Verwunderung gehabt Nachdem aber dieser letztern wegen verschiedene
Zusammenkünfte von den Ältesten und der Geistlichkeit gehalten worden wurde
endlich beschlossen von allen diesen Sachen fernerweit nichts anzurühren
sondern dieselben weilen wir nicht wüsten ob es Christen oder Heiden
wenigstens Menschen gewesen die an den allerhöchsten Gott geglaubet hätten
zwar nicht auf unsern ordentlichen GottesAcker viel weniger in unsere Kirche
zu bringen sondern es sollte hinter unserm KirchTurme als welches Plätzgen
sich wohl darzu schickte ein besonderes Gewölbe angemauert und alle diese
Sachen so wohl der Sarg als die Urnen hinein gesetzt auch wohl verwahret
werden damit nicht etwa Unmündige und Unverständige sich daran vergreiffen
möchten Dieser Schluss und Verordnung gefiel mir zwar gewisser Massen wohl
allein die angebohrne Curiositée protestirte darwider indem ich gern weiter
und besser untersuchen wollte was etwa hie und ha so wohl in dem Sarge als in
den Urnen versteckt sein möchte denn ob mir zwar an Golde Silber Diamanten
Perlen und andern Edelgesteinen so wenig als an meinem Hute gelegen den ich
noch jetzo auf dem Kopfe trage so reitzeten mich doch eine und andere
erblickten MüntzSorten an meiner Neigung vor dissmahl Folge zu leisten und das
abergläubige Sprichwort Man solle die Toten nicht berauben etc gewisser
Massen hinten an zu setzen
So bald ich demnach meine Gedanken den mir allervertrautesten Freunden die
ich eben itzo mit Namen zu nennen Bedenken trage fanden sich ihrer 6 die
nicht allein mit mir einerlei Meinung hegten sondern sich auch nachdem das
gemauerte Gewölbe fertig und der Sarg so wohl als die Urnen in bester Forme
hinein gebracht waren wenig Tage hernach und zwar nicht etwa um die
MitternachtsStundenZeit sondern ganz früh Morgens mit aufgehender Sonne
zugleich mit mir in das Gewölbe begaben da wir gewiss bei noch darzu
angezündeten WachsKertzen unserer Neugierigkeit ein sehr starckes Vergnügen
leisteten denn wir fanden unter den gold und silbernen großen Medaillen
einige Stück deren Zeichnungen diese waren wie der WeltHeiland Christus am
Creutze hing wieder andere da die Mutter Gottes Maria das Christ Kind auf dem
Arme trug anderer so genannter Schaustücke oder Medaillen auf welchen die
Bildnisse der heiligen Aposteln und Evangelisten mit leserlichen Umschrifften
befindlich zu geschweigen wie ich denn auch von dem zur übrigen Politischen
Historie einschlagenden Müntzen itzo gar nichts reden will weilen ein solches
mir ohnedem zu weitläufftig und verdrießlich fällt ein jeder Curiosus aber
dieselben in unserm Archiv und Biblioteque alltäglich zu sehen bekommen kann
So bald demnach alles dieses in möglichster Stille nach meinem Wunsche zum
Stande gebracht wir auch erfahren auf was vor Art die Unserigen den verdamten
Körper des Lemelié von sich geschafft hatte ich weder Ruh noch Rast bis ich
wieder eine abermahlige Reise nach der Insul KleinFelsenburg antreten konnte
Und diese geschahe ohne fernere weitläufftige Uberlegung wenige Tage hernach in
Begleitung vieler der allervertrautesten und sonst hertzhaften Freunde Vor die
KleinFelsenburger nahmen wir also auf 3 Booten abermals einen starken Vorrat
von LebensMitteln und zwar der allerbesten und leckerhaftesten welche so
wohl den Unserigen als unsern Gästen die uns einer so wohl als der andere mit
ausgereckten Armen zur Bewillkommung entgegen gelauffen kamen ein nicht
geringes Vergnügen erweckten Wir fanden alle noch gesund frisch und lustig
so dass man ihnen keinen Hunger Kummer oder Not ansah denn sie hatten sich
binnen der Zeit mit Essen und Trincken wohl gepflegt waren zum öffteren
Lustwandeln gegangen und hatten auser den vorigen die wir schon mitgenommen
noch 19 herrlich schöne Urnen ausgegraben ingleichen die Minions vertilgt von
welchen sie mehr als 100 Bälge aufzeigten sonsten aber war ihnen ganz und gar
nichts schreckhaftes oder wiederwärtiges begegnet Nachdem wir nun 2 Tage
ausgeruhet und uns die niedlichsten Speisen und Getränke wohl bekommen lassen
trat Vincentius auf und sagte So zu leben ist keine Kunst meine Herren und
Freunde allein ich halte nicht vor ratsam dass wir so länger auf der
Bärenhaut liegen darum wollen wir wenn es euch gefällig ist uns eine Bewegung
machen denn es hat mir in verwichener Nacht ein guter weißer Geist angedeutet
dass unser Gang nicht vergeblich sein soll vielmehr würden wir etwas ganz
besonders neues antreffen
Wie wir nun insgesamt der Faulheit eben so sehr nicht ergeben als wurde
verabredet und beschlossen eine Reise nach dem großen Gebirge NB welches
auf dem GrundRisse dieser Insul KleinFelsenburg pag 452 im andern Teile mit
N bezeichnet vorzunehmen da denn Vincentius mit seiner WünschelRute eine
und andere Probe zu machen versprach Ob nun gleich einem jeden frei gestellt
war entweder mitzugehen oder in den Hütten bei unsern Sachen zu bleiben so
war doch kein einziger der zurück zu bleiben Lust bezeigte sondern sie
gingen alle mit und zwar früh Morgens mit Anbruche des Tages da sich denn ein
jeder mit Proviant und Gewehr aufs beste versorgte und auser diesem allen
führten wir auch noch viele Picken Hacken Aexte Schauffeln und Spaten mit
uns
Als wir nun das Gebirge bei Untergang der Sonnen erreicht machten wir am
Fuße desselben etliche Feuer an lagerten uns um dieselben herum und brachten
dieselbe Nacht unter allerhand guten Gesprächen ungemein vergnügt und ruhig zu
bis der Tag wieder angebrochen war da wir denn dem Vincentio nach verrichtetem
MorgenGebet weiter in und auf das Gebirge folgten
Zeit meines Lebens habe ich keine größeren Wunderdinge ich verstehe nämlich
solche welche der Sage nach bloß in der Natur stecken sollen verrichten
sehen als Vincentius mit seinen WünschelRuten verrichtete Denn er hatte
auser seinem gewöhnlichen ZauberStabe nicht nur eine sondern mancherlei Arten
von WünschelRuten bei sich und zwar wie er sagte nach den mancherlei Arten
der Metallen und Mineralien zugerichtet Wie gesagt es war bewundernswürdig
wie wir denn alle die dabei gewesen und es mit angesehen haben ein solches
bezeugen werden Denn die Ruten sprungen zum öffteren ganz schnell in die Höhe
zur andern Zeit aber blieben sie auf dem Boden dergestalt feste kleben so dass
Vincentius dieselben mit der allergrößten Gewalt wieder an sich ziehen musste Wo
nun ein vorteilhafter Platz war ließ er alsobald durch unsere Leute ein
Spannentieffes Loch einhauen und zum Wahrzeichen einen behauenen Stein hinein
setzen deren jeden er selbst vermittelst bei sich habender SteinMeissel mit
Ziffern und allerhand Charactern bezeichnete Es war mit größter Lust anzusehen
wie sauer es sich unsere bei uns habenden Leute mit der Arbeit werden ließ
dergestalt dass sie sich kaum Zeit zum Essen und Trincken nehmen wollten anbei
auch wie man zu sagen pflegt wie die Braten schwitzten denn die
unvergleichlich großen ErtzStuffen welche zum Teil Gold Silber Kupfer und
andere Metaillen in sich hielten fielen uns allen dergestalt entzückend in die
Augen dass wir uns nicht satt daran sehen konnten zumahlen wenn nach ihrer
Abwaschung die Strahlen der Sonne darauf fielen Solchergestalt arbeiteten wir
alle insgesamt die Wochen oder so genannten WerckelTage immer mit glücklichem
und vergnügtem Fortgange unsers angefangenen Wercks fort so lange bis der
Sonntag heran nahete da denn beschlossen wurde alle Arbeit stehen und liegen
zu lassen Gott zu Ehren aber den Sabbat oder Sonntag ein jeder nach seiner
Religion heiligen und feiern wollte
Vincentius ließ sich vernehmen wie er nicht vermeint dass wir so gar sehr
gewissenhafte Christen wären unterdessen aber wäre es löblich billig und
recht vor allen Dingen dem allerhöchsten GOtte als dem Geber aller Güter
Lob Danck und Preis zu bringen und um ferneren Beistand anzuflehen
Demnach gingen etliche der Unserigen auf die Fischerei aus um etwas
tüchtiges zu fangen weilen vielleicht unsere LebensMittel vor so viele
Personen nicht hinlänglich sein möchten brachten auch noch vor Einbruch des
SonnabendsAbends eine gewaltige Menge der auserlesensten delicatesten Fische
von allerhand Gattung die wir auf Kohlen braten ließ weilen kein Geschirr
auch nicht gnugsames Saltz vorhanden war dieselben zu kochen Jedoch Vincentius
schaffte bald Rat indem er sagte wem es am Saltze fehlt der nehme nur diese
meine WünschelRute und folge derselben so lange nach bis sie ihm von sich
selber aus der Hand springet da sich denn zeigen wird dass auf derselben
Stelle wo sie niederfällt und liegen bleibt das allervortrefflichste und
gesundeste Saltz sich finden wird von welchem oberhalb nur einer Hand hoch die
darüber liegende Erde Staub oder Steine dürffen abgeräumet werden
Ohngeachtet nun der SaltzMangel eben so gar sehr groß nicht war indem der
annoch bei uns habende Vorrat wohl noch zur Not auf 3 bis 4 Tage hinreichend
gewesen so war doch ich so gar sehr neugierig dieses Experiment mit der
WunschelRute zu machen bat also den Vincentium mir diese WünschelRute
anzuvertrauen und anbei die Vorteile zu zeigen wie man mit derselben umgehen
müsste da er denn sagte Mein Herr ihr habt weiter nichts zu tun als die
Rute vor euch in der Hand zutragen und dabei zum öffteren die Worte
auszusprechen Sal sursum folgt ihr nur so lange nach als sie sich in eurer
Hand regt mithin so zu sagen den Weg zeigt wohin ihr wandeln sollt wenn
die Rute aber springt und liegen bleibt so scharret das oberste auf alsdann
werdet ihr Saltz in Menge finden
Demnach zumahlen da die vorgesprochenen zwei Worte mir eben nicht
verfänglich vorkamen begab ich mich nebst 3 Felsenburgischen Geferten welche
Säcke bei sich führten auf den Weg und empfand erstlich in Wahrheit, dass sich
die Rute in meinen Händen sehr öfters regte und bewegte bis sie endlich da
wir ungefähr 4 bis 500 Schritte nach der kleinen See zu fortgewandert auf
einmal ganz plötzlich aus meiner Hand sprung und auf einem kiesigen Erdreich
liegen blieb Meine Geferten und ich machten uns also an die Arbeit um zu
erfahren ob wir belogen oder betrogen wären und kratzten in möglichster
Geschwindigkeit auch so gar mit den blosen Händen die oberste Erde Kiess und
Steine weg da wir denn weilen nach dem Untergange des SonnenKörpers es noch
ziemlich helle war so viel sehen konnten dass sich die feineste weiße Materie
erhub welche wir dem Geschmacke nach sogleich vor das allerbeste Saltz
erkannten unsere 3 Säcke damit anfülleten die Stätte und Gegend wohl
bezeichneten und uns hernach wieder zu der übrigen Gesellschaft begaben
Vincentius machte die erste Probe mit diesem unsern gefundenen Saltze indem er
vor sich allein verschiedene große mittelmäßige und kleine Fische gebraten
und dieselben stark damit würtzete ja fast über die Gebühr um uns nur den
Argwohn zu benehmen als ob dieses Saltz etwa ein gifftiges Saltz wäre allein
es ist es nicht sondern wir haben nach der Zeit befunden dass diese und noch
mehrere herum liegende SaltzGruben das allerbeste und kostbareste Saltz in sich
führen
Nachdem wir aber damals uns alle wohl gesättiget und um die angemachten
Feuer herum gelagert der Ruhe zu erwarten hörten wir ungefähr in der
MitternachtsStunde eine Stimme zu dreien verschiedenen mahlen dergestalt stark
ruffen als ob dieselbe durch ein SprachRohr redete und zwar so kam der
Schall aus dem gegen uns über liegenden hohen Berge die Worte aber waren diese
Vincent Allah Dio Wie nun ich bemerckte dass Vincentius munter war so fragte
ich ihn als ich die Stimme zum dritten mahle ruffen und noch etliche mehrere
Worte aussprechen hörte was dieses zu bedeuten hätte Hierauf trat er auf und
rief etliche mahl mit lauter Stimme Allah Allah Dio Wendete sich hernach
wieder zu mir und sagte Mein Herr diese Stimme kommt aus dem HeidenTempel
unter dem großen hohen Berge welchen ihr wie ich vernommen schon vor einiger
Zeit zerstöhret habt allein dieses soll uns nicht irren Morgen so Gott will
gleich mit anbrechendem Tage uns auf die Füße zu machen und unsern
christlichen Gottesdienst in diesem ehemahliger HeidenTempel zu verrichten wir
werden auch wie ich euch ganz gewiss versichern kann keine Gespenster oder
Geister darinnen antreffen sondern nur drei menschliche lebendige Personen
Ich meines Orts brachte vor Grillen wegen dieser neuenn Begebenheit den
wenigen übrigen Teil der Nacht ohne allen Schlaf zu so bald aber der Himmel zu
grauen anfing machte ich nicht allein den Vincentium sondern auch alle meine
Freunde munter da wir denn nach gesprochenem MorgenGebet uns abermals auf die
Reise nach dem großen Berge O zu begaben Die meisten unter uns wussten in
selbiger Gegend von vorigen Zeiten her noch guten Bescheid und eben dieserwegen
fiel uns der Weg eben so gar sehr verdrießlich nicht Kurtz nach dem wir den
großen Wald glücklich passiret gelangeten wir in den MittagsStunden alle
gesund und frisch am O Berge an fanden auch bald die Wege in den so genannten
HeidenTempel zu gelangen Vincentius ging voran und sprach uns immer guten
Mut zu weilen im Tempel alles stockfinster war jedoch es wurde auf einmal
hellerlichter Tag darinnen so dass wir sehen konnten wir sich 3 lebendige
Menschen in einen Winckel verkrochen hauen die aber auf die Anrede des
Vincentii sogleich hervor traten und eben so seltsame Komplimenten gegen uns
machten als ihre Kleidungen beschaffen waren Ehe wir was weiteres vornehmen
meine Freunde sagte Vincentius allhier wollen wir erstlich ein jeder nach
seiner Religion unsere Andacht verrichten welches denn auch geschahe Als
dieses vorbei war trat die älteste Person von diesen dreien hervor und redete
ihn ich möchte fast sagen in einer kauderwellischen Sprache wovon ich aber
doch sehr viel verstehen konnte erstlich ungefähr mit folgenden Worten an Ihr
Herren meinem Bedüncken nach muss ich euch vor Christen erkennen welches ich
daraus schließe weil ihr das Zeichen des heiligen Creutzes so oft vor eure
Brüste und Stirnen macht
Da ich nun weiß dass die Christen barmhertzige Leute sind so erbarmet euch
doch einer armen von aller Welt verlassenen Persianischen vornehmen Prinzessin
deren WartFrau ich bin und dieses bei uns stehende Mägdgen ist ihre Bediente
Es ist die Prinzessin zwar nicht arm an zeitlichen Gütern nämlich an Gold
Silber Perlen und Juwelen als welche Schätze an sichern Orten verwahrt liegen
allein sie ist dennoch arm weilen sie darum verfolgt wird dass sie keine
FeuerAnbeterin werden sondern eine rechte Christin bleiben will da sie sich
bloß allein in das Christentum und in den wahren allein seligmachenden Glauben
verliebt hat auch durch keinen MarterZwang sich davon abtreiben zu lassen
gesonnen ist Vincentius gab hierauf zur Antwort wie er diese Sache erstlich
mit seinen Geferten überlegen müsste inzwischen möchten sie nur erstlich alle
drei aus dieser Höhle heraus und an das TagesLicht kommen damit wir einander
recht in die Augen sehen und fernerweitige Worte wechseln könnten Sie leisteten
also Gehorsam und folgten uns heraus in die freie Luft da wir uns denn alle
nicht genugsam über die besondere Schönheit der Persianischen Prinzessin
verwundern konnten die ob sie gleich eine Brunette ist wenig Blondinen gegen
sich hat welche sie an der actigen GesichtsBildung übertreffen sollten Zum
guten Glücke hatten einige von meinen Freunden noch ein paar Bouteillen Kanari
Sect nebst etwas Konfect und andern eingemachten Sachen bei sich deswegen
langete ein jeder hervor was er hatte um nur diesen furchtsamen und
verdüsterten Seelen oder Körpern einen frischen Mut zuwege zu bringen Sie
nahmen alles an was man ihnen reichte führten sich aber sehr schamhaftig und
mäßig im Essen und Trincken auf endlich aber wurde ich gewahr dass die Furcht
nach und nach bei allen dreien verschwande und ihre Geister wieder lebendig zu
werden schienen welches uns allen denn ganz sehr angenehm war
Indem wir aber allgemach von unserer Rückreise zu reden anfiengen zumahlen
da der Proviant mehr ab als zunahm so zog Vincentius nebst andern guten
Freunden auch mich auf die Seite und stellte vor dass weilen wir einmal doch
da wären er aber versichern könnte dass noch weit wichtigere Sachen zu unserm
Nutzen abgehandelt werden könnten wenn wir uns nur wenigstens noch eine ganze
Woche in dieser Gegend aufhielten so hörten wir vorher erstlich dessen
deutlichere Erklärungen an und da wir vieles darinnen fanden welches unserm
Hertzen wohl gefiel so wurde gleich in der Geschwindigkeit beschlossen noch
einen Sonntag in dieser Gegend abzuwarten um zu erfahren ob des Vincentii
Versprechungen und Künste fernerweit so gut eintreffen und wohl ablauffen
würden als wir eine Zeit daher von ihm bereits durch viele Proben vergewissert
waren
Demnach wurden ohne ferneres Bedenken 20 der hertzhaftesten und
hurtigsten Felsenburgischen Männer und Junggesellen nach unsern Hütten
geschickt um Proviant und was uns sonsten etwa mangelte so bald als immer
möglich herbei zu schaffen Wie nun dieselben diese Strapaze mit Lust
angetreten hatten so sahen wir sie am Abende des dritten Tages nach ihrem
Weggehen glücklich und wohl beladen zurückkommen Denn sie hatten sich
TrageBahren gemacht auf welchen sie alles was unser Hertz begehren konnte im
Uberflusse herbei brachten ja sie wollten nicht einmal eingestehen dass ihnen
diese Reise sauer angekommen wäre indem sie lauter Zeitkürtzende Gespräche
unter sich geführet bei der TragungsLast aber immer einer den andern nicht mit
Verdruss sondern mit größter Lust abgelöset hätte
Vor allen Dingen aber muss ich die besondere Begebenheit zu melden nicht
vergessen welche des Abends vor der Zurückkunft unserer Ausgeschickten
vorgieng Denn da ich mit der Prinzessin und ihrer WartFrau die sich Anna
nennete bei der kühlen angenehmen AbendLuft auf etwa 100 Schritt weit vom
Berge und der übrigen Gesellschaft Lustwandeln ging traffen wir unterwegs
einen großen ausgehauenen viereckigten Stein an vor welchem die Prinzessin
erstlich wohl eine Minute lang stehen blieb hernach aber sich auf denselben
niedersetzte und so wohl mir als der Anna mit Worten und Zeichen zu vernehmen
gab dass wir beide uns neben sie setzen sollten wie nun dieses geschehen und
wir die Prinzessin also in der Mitte hatten rieff diese ihrer Bedientin welche
auch nicht weit von uns entfernet war da wir denn sahen dass das Mägdgen dem
Ruffe augenblicklich gehorsamete und sich hinter der Prinzessin Rücken auf die
Knie niederließ und zwar ganz stillschweigend ohne sich mit den Händen oder
sonsten mit dem Leibe zu bewegen
Mirzamanda dieses ist der Nahme der Persianischen Prinzessin fing an in
einer verdorbenen und vermischten Sprache folgendes mit mir zu reden doch
weilen die allermeisten Worte Holländisch auch zum Teil Lateinisch waren so
konnte ich vorerst doch nur so viel verstehen dass sie mich dieses fragte Mein
Herr es hat mir meine Anna sehr viel von den Christen ihrem Christentume und
sonderlich von einem gekreuztigten Heilande vorgeschwatzt welcher alle Sünder
wenn sie sich nur im wahren Glauben an sein Verdienst zu ihm wendeten nicht nur
zeitlich sondern häuptsächlich ewig selig und glücklich machen wollte und könnte
Darum bitte ich gehorsamst mir zu eröffnen ob ich in diesem Stücke vollkommen
recht berichtet oder nur etwa bei der Nase herum geführet bin
Allerwerteste Prinzessin gab ich ihr zur Antwort Sie sind von der Frau
Anna nicht im allergeringsten belogen noch betrogen worden sondern es hat
dieselbe einen vortrefflichen guten Grund zu Dero wahren Christentum gelegt
der gekreuztigte Heiland als wahrhafter Gott und Mensch wird wenn Sie ihn
fleißig anruffen verleihen dass Sie nicht allein hier auf dieser Welt
glücklich hauptsächlich aber nach Ihrem Tode im Himmel ewig selig werden
Jedoch weil bei unsern jetzigen Umständen von dieser wichtigen Sache zumahlen
wegen Kürtze der Zeit nicht viel gründliches gesprochen und überlegt werden
kann; so verlassen Sie sich in diesem Ihren christlichen Glauben nur auf unsere
christliche Vorsorge und Beihülffe als womit Sie nicht betrogen sondern durch
den gekreuztigten Heiland gesegnet werden sollen
Ich merkte dass diese meine Worte der Mirzamanda sehr wohl gefielen indem
sie solches mit freudigen Gebärden zu erkennen gab auch mir so gar die Hand
küssen wollte allein diese Höflichkeit schien mir vor eine Prinzessin etwas gar
zu sehr niederträchtig da sie sich doch sonsten gegen jederman sehr demütig
und gelassen aufführete als wozu sie unfehlbar durch die Betrachtung ihres
damaligen Zustandes angetrieben wurde Hergegen küsste ich ihr die Hände zu
vielenmahlen und gab in zusammen gestoppelten halb Holländischen halb
Lateinischen Worten derselben so viel zu vernehmen dass sie getrost und gutes
Muts sein möchte weilen wir vor ihr Wohlsein alle möglichste Sorge und zwar
vom heutigen Tage an aufrichtig tragen wollen damit sie sich binnen kurtzer
Zeit darüber zu erfreuen Ursach haben könnte
Kaum hatte ich diese letztere Rede vollendet so kam ein schöner großer
Löwe mit sachten Schritten auf uns zu gegangen weswegen ich meine bei mir
habende Flinte zur Hand nahm als mit welcher ich unter währenden Lustwandeln
etliche Vögel von den Bäumen herunter geschossen und worüber die Prinzessin ein
besonderes Vergnügen bezeugt hatte machte mich also fertig daferne der Löwe
näher käme Feuer auf denselben zu geben So bald aber Mirzamanda diese meine
Anstalten merkte und sah fiel sie mir zum Füßen und sagte Ach nein mein
Herr unterlasset dieses schöne Tier zu töten denn es ist ob es gleich ein
wehrhafter Löwe ist von seiner allerzärtesten Jugend an so zu sagen mein
SchossHündlein gewesen er beleidigt auch niemanden anders als diejenigen so
meine Person beleidigen oder verletzen wollen denn ich habe diesen Löwen ganz
allein auferzogen und dieserwegen hat er sich auch nicht gescheuet mir über
die See bis an diesen Ort nachzufolgen
Ich ließ diese GeschichtsErzählung anfänglich auf ihrer Wahrheit oder
Unwahrheit beruhen doch ungeachtet die Prinzessin selbige auf eine ganz
angenehme Art vorbrachte so hatte ich noch immer einen heimlichen Grauen und
Abscheu so lange ich den Löwen um uns herum wandeln sah endlich aber da sie
ihn ruffte kam er ganz kleinmütig zu ihren Füßen gekrochen küsste ihr
alsobald die Hände welches er denn auf ihrem Befehl auch mir und der Frau Anna
tun musste hernach weltzete er sich etlichemahl auf der Erde herum und legte
sich darauf zu ihren Füßen blieb auch so lange stille liegen bis wir alle
drei aufstunden und uns weiter hin nach den Feuern begaben allwo sich unsere
übrige Gesellschaft zum Genuss der AbendMahlzeit versammelt hatte Es war
manchem und mir selbst einiger Massen lächerlich anzusehen dass die Prinzessin
den Löwen an ihren zusammen geknüpften StrümpfeBändern mit sich geführet
brachte anbei aber zu bewundern dass sich kein einziger Mensch vor dieser
grimmigen und grausamen Art der Tiere so gar besonders scheuete und entsetzte
da doch sonsten eine blose LöwenHaut so wohl Menschen als Tieren jedoch einem
vor dem andern einiger Massen Furcht und Schrecken einzujagen pflegt Bei
dieser meiner Verwunderung tat ich die heimliche Frage an den Vincentium was
wohl von diesem Löwen zu halten sei und ob es ein würcklicher natürlicher Löwe
oder nur eine blose Machine wäre mit welcher die Geister ihr Spiel trieben
Hierauf gab uns Vincentius diese Antwort Ich will nimmermehr auf dieser Welt
glücklich werden wenn dieses nicht ein würcklicher und natürlicher Löwe ist
mit dem zwar in Persien die bösen Geister allerhand GauckelSpiele getrieben
haben Jedoch dieses alles ist vorbei und geht uns allhier nichts an Genug
wenn ich euch dieses nochmals hoch und teuer versichere dass es ein bloser
natürlicher Löwe allein durch die kluge und behutsame Auferziehung seiner
Prinzessin dahin gebracht ist dass er fast mehr Verstand als mancher Mensch im
Gehirne hat
Nachdem nun Vincentius mir alles was er von dem Löwen gesagt noch mit
vielen EydSchwüren beteuert verschwand nicht allein bei mir aller Argwohn und
Misstrauen sondern auch die Furcht vor dieser wilden Bestie ja ich gewann den
Löwen dergestalt lieb dass ich fast nirgends hingehen konnte wenn ich den Löwen
nicht bei mir sah als woraus sich die Mirzamanda ein besonderes Vergnügen
machte Jedoch auf das vorige zu kommen so war doch zu bewundern dass dieser
Löwe als er uns zum erstenmahle mit der Prinzessin bei der AbendMahlzeit
besuchte sich hinter seine Gebieterin stellte und derselben also aufwartete
wie bei uns die abgerichteten Hunde aufzuwarten pflegen nach diesem legte er
sich vor ihr nieder seinen Kopf in ihren Schoss und ließ sich von ihr
speisen hierauf ging er weiter von einem zum andern und wer ihm einen rechten
wohlschmeckenden Bissen zu verschlingen gab dem leckte er nicht allein die
Hände sondern auch zum öffteren das Gesichte welches denn zu verschiedenen
mahlen bei uns zu einer heftigen Verwunderung und vielen Lachen Anlass gab
Kurtz der Löwe führte sich dergestalt artig auf dass ihn ein jeder von uns
liebte und in besonderen Ehren hielt
Nachdem wir abgeredeter Massen noch die Woche daselbst zugebracht in den
WerckelTagen manchen sauren SchweißTropfen vergossen da uns Vincentius nicht
allein in dem HeidenTempel sondern auch in den neben liegenden Grotten
dergestalt viel Arbeit angewiesen dass wir von Morgen an bis zur AbendsZeit
alle Hände voll zu tun fanden wobei aber niemand saul oder verdrießlich wurde
weilen wir mit offenen Augen betrachten konnten wie unsere Mühe von Zeit zu Zeit
100 ja ich lüge nicht wenn ich sage 1000 sach belohnet war so beschlossen
wir noch den einen Sonntag abzuwarten und des darauf folgenden Tages nach
unsern Hütten zu kehren Es wurde also bemeldter Sonntag ohne Arbeit sondern in
gutem Vergnügen zugebracht weilen wir uns hauptsächlich die von unsern Leuten
aus dem Hütten abgeholten Speisen und Weine wohl schmecken ließ außer
diesen aber war noch ein ganz besonderes Gerichte von einer Art ungemein
großer wie auch mittelmässiger und kleiner Fische welche unsere Leute lebendig
herbei gebracht hatten und die alle in Wahrheit gegen andere Arten von Fischen
einen ganz besonderen Geschmack hatten es waren aber diese Fische in der
KleinFelsenburgischen großen See und den daraus fließenden kleinen Ströhmen
und Bächen gefangen worden Auser diesem allen wurde ich mit besonderen Vergnügen
gewahr dass alle unsere Leute so wohl RömischKatolische als Protestanten
sich in jeglicher GesellschaftsSorte auf die Seite begaben und den
Gottesdienst ein jeder nach seiner Weise verrichteten
Desto schreckhafter aber kam mir und allen Anwesenden die Tragoedie vor
die bald hernach der Satan spielete und welche ich etwas umständlich vortragen
will Als demnach die Prinzessin ihre WartFrau Anna ich und noch einige
meiner vertrautesten Felsenburgischen Freunde gegen Untergang der Sonnen bei der
ganz ungemein angenehmen Witterung einen Spaziergang nach einem kleinen
Gebüsche zu nahmen so traffen wir unter Weges den Stein an dessen ich schon
gedacht deswegen verlangte Mirzamanda Müdigkeit halber ein wenig auf
demselben auszuruhen setzte sich also zwischen mir und der Anna auf demselben
nieder unsere übrigen Geferten lagerten sich auf dem schönen grünen GraseBoden
um uns herum der Löwe kam legte seinen Kopf seiner Gebieterin in den Schoss
Hadscha aber als der Prinzessin AufwarteMägdgen fiel abermals hinter ihrer
Gebieterin auf die Knie nieder hub ihre Augen beständig gen Himmel und nach dem
großen Berge zu als welcher letztere sonderlich den Augen aller Anwesenden
einen bewundernswürdigen Anblick verursachte weilen die matten Strahlen der
untergehenden Sonne und die aufsteigende allerhandfärbige Abendröte denselben
allem Ansehen nach fast als einen Spiegel zu gebrauchen schienen Indem sich
aber die Sonne kaum gänzlich verkrochen hatte ließ es auf dem Berge nicht
anders zu sein als ob ein helles lichterlohes Feuer auf dessen allerobersten
Gipfel brennete ja man sah so gar Funcken heraus und gen Himmel fliegen eben
als ob dieser Berg es andern Feuerspeienden Bergen als dem Aetna Vesuvius und
deren gleichen mehr auf einmal nachtun wollte Jedoch die allermeisten unter
uns waren der Meinung dass es kein würckliches natürliches Feuer sondern ein
bloses Blendwerck wäre welches von den SonnenStrahlen und der Abendröte
gemacht würde Hadscha aber gab uns binnen wenig Minuten ganz etwas anders zu
erfahren denn sie sprunge plötzlich von der Erden auf und tat etliche
dergestalt hellkungende Schreie welche in denen Gebürgen ein grässliches Echo
verursachten so dass wir alle in ein nicht geringes Entsetzen gebracht wurden
Hierauf lief sie die Hadscha noch schneller als ein Hirsch über 500 Schritte
weit von uns nach dem Berge zu Anna bat sich aus es möchten 2 oder 3 dreuste
MannsPersonen mit ihr gehen um dieses törichte Mensch wieder zurück zu holen
und hierinnen wurde ihr sogleich gewillfahret denn es fanden sich ohne unsern
Befehl und Willen nicht nur 2 oder 3 sondern 8 bis 10 dreuste Felsenburger
welche mit der Anna der Hadscha nacheileten Diese Nacheilenden mochten aber
wohl kaum den halben Weg nach dem großen Berge zu zurück gelegt haben als
Vincentius ganz tiefsinnig gegen uns die wir noch bei der Prinzessin
versammelt waren anspatziert kam Ich rieff ihn zu mir ein Glas KanariSect
Bescheid zu tun und da er kam so erzehlete ich ihm was uns begegnet wäre
vornemlich aber die Geschichte mit der Hadscha als welcher wir vor kurtzer
Frist Boten nachgeschickt hätten Eurer aller Mühe sprach hierauf Vincentius
wird vor diesesmahl wohl vergebens sein weilen der Satan dem diese Hadscha
als eine Anbeterin des Feuers und ErtzVerächterin des Christlichen Glaubens von
Jugend auf bis auf diesen heutigen Tag gedienet vor kurtzer Zeit den Hals
gebrochen welches ich so weit es auch euch zu sein vorkömmt dennoch ohne
Perspectiv mit meiner leiblichen Augen gesehen habe
Man kann leicht glauben dass uns diese Worte des Vincentii ein nicht geringes
Schrecken verursachten jedoch da wir doch abwarten wollten was die
Nachgeeileten uns vor einen Bericht erstatten würden so machten wir Feuer an
uns zu wärmen weilen es allmählig gar zu kühle zu werden begunte durfften aber
besagten Nachgeeileten nicht länger als noch etwa 2 Stunden entgegen sehen da
denn dieselben benebst der Frau Anna gesund und frisch zurück kamen Ihr Bericht
war dieser dass sie die Hadscha noch ganz unten am Fuße des großen Berges
angetroffen da sie denn Frau Anna mit ganz freundlichen Worten bereden
wollen wieder mit ihnen zurück und zu ihrer Prinzessin zu kehren allein
Hadscha hätte sich fast ganz rasend angestellet wäre immer fort geeilet
wobei sie diese Worte ausgestoßen Hebet euch weg von mir lasset mich gehen
ich will soll und muss heute meine Andacht verrichten denn dieses ist eben der
Tag meines Heils Wie man nun so lautete der Bericht ferner gesehen und
gespüret dass weder der Frau Anna vielweniger der andern Zureden etwas bei
dieser verzweiffelten Person fruchten wollen so hätte man ihr endlich ihren
garstigen Willen gelassen da sie denn eine sehr steile Klippe hinauf und zwar
einem ziemlich großen Feuer entgegen geklettert jedoch ehe sie noch die
Spitze derselben vollkommen überstiegen wäre nachdem man einen lauten Schrei
von ihr gehört ihr Körper von etlichen schwartzen Personen die man nicht
unbillig vor böse Geister halten könnte herunter in die Tieffe gestürtzt worden
allwo er noch läge und nach Gutbefinden aufzuheben und nach Gefallen beerdigt
werden könnte
Wie nun Mirzamanda diese Begebenheit so wohl aus ihrer Frau Annen als
unserer Felsenburger Munde in allen Stücken übereintreffend vernommen sagte
sie Meine Freunde lasset den verfluchten TeufelsBraten liegen wo er liegt
und würdiget ihn keines Begräbnisses sondern gönnet ihn denjenigen so ihn den
Hals zerbrochen oder den wilden Tieren und Vögeln zur Speise denn Hadscha ist
von ihrer Jugend an eine ErtzFeindin und Spötterin der Christin und ihres
Glaubens gewesen
Vincentius war noch zugegen und stimmete der Prinzessin Meinung in allem
bei wie es nämlich nicht nötig wäre dass wir uns fernerweit um den
unglückseligen Körper der Hadscha bemühen oder uns dieserwegen sollten von
unsern anderweitigen Geschäfften abhalten lassen fragte anbei ob wir auch aus
dieser geringen Begebenheit nicht erkenneten dass er ein aufrichtiger Freund
Beförderer und Wahrsager unsers Glücks und Wohlergehens wäre
Demnach wurde von der Stunde an alle Anstalt gemacht uns in Ordnung zu
bringen um mit anbrechenden Tage die Rückreise nach unsern Hütten anzutreten
welches denn auch geschahe nachdem sich vorher in der Nacht weiter niemand
mehr um den Körper der Hadscha bekümmert mithin bekamen wir des dritten Tage
weilen wir uns aus gewissen Ursachen im Gehen eben nicht übereilen wollten
glücklich bei und in unsern Hütten an da denn noch alles richtig und
wohlbestelt befunden wurde
Mittlerweile passirre mir ein artiger Streich denn da ich kaum in die
allerdickste Waldung dieser Gegend eingetreten war begegnete mir einer der
allergrößten Hirsche so wie ich derselben einen nur immer Zeit meines Lebens
gesehen ungeachtet ich nun sonsten ein großer Verteidiger des Wildprets
zumahlen dessen bin was zur Zucht dienet so fiel mir doch dieser schöne Hirsch
wegen seiner besonderen Größe dergestalt in die Augen weil ich wusste dass er
in den KleinFelsenburgischen Waldungen noch vielmehr Brüder seines gleichen
hatte dass ich der Mirzamanden Hand fahren ließ als welche sich bis dahin von
mir an der Hand führen lassen hergegen meine auf der Schulter hangende
gezogene Büchse ergriff und aus derselben diesem starken Tiere eine Kugel in
den Leib schickte weilen aber diese Kugel nicht das rechte Fleckgen getroffen
sondern nur einen StreifSchuss gemacht als kam der Hirsch in der größten
Geschwindigkeit auf mich zugesprungen und wollte mir im Ernste zu Leibe gehen
Doch da der Löwe dieses sah oder merkte riss er das Band entzwei woran ihm
Mirzamanda neben sich herleitete und sprunge dem Hirsche ebenfalls in größter
Geschwindigkeit entgegen machte auch kurtze Arbeit mit dem Hirsche indem er
demselben die Gurgel abgebissen so dass der gute Hirsch augenblicklich zu Boden
sincken musste er der Löwe aber vergriff sich weiter nicht an diesem seinem
vermeinten Feinde leckte auch wie ich wohl bemerckte nicht einen Tropffen
Blut oder Schweiß von demselben auf sondern kam ganz langsam wieder zurück
legte sich erstlich zu seiner Gebieterin Füßen leckte ihr nachher die Hände
ließ sich auch in aller Gelassenheit wieder anbinden und führen wir aber
ließ uns nebst unsern Geferten die Mühe nicht verdrießen dieses
vortreffliche KüchenStück mit in unsere Hütten zu tragen da wir denn dasselbe
alle wohl nutzen konnten indem wir beschlossen hatten noch 3 Tage als
RastTage allda zu halten des 4ten Tages aber in aller Frühe nach
GroßFelsenburg abzuseegeln
Binnen diesen 3 Tagen da wir unsern Mäulern auch eben keine StiefVäter
und StiefMütter waren versuchten wir uns manche Lust mit dem Löwen zu machen
indem wir denselben in einen wohl verzäuten Garten einsperreten dabei
allerhand Arten von Tieren als wilde Ziegen wilde Schweine junge RehBöcke
auch einiges Flügelwerck Gänse Endten Turckische Hähne und Hühner etc zu
demselben hinein jagten allein er trieb zwar seine Kurtzweile mit allen diesen
Tieren tödtete aber keine bis wir 2 RehBöcke 4 Schweine und 6 wilde Ziegen
auf die Köpffe schossen da er denn weilen er vielleicht merkte dass man ihn
nur vexirte die angeschossenen Stücke zwar beroch hernach aber dieselben
weiter ohnbeschädigt auf ihren Plätzen liegen ließ Als er nun keinen Ausgang
finden konnte eröffnete er sich mit Ausreissung 3 oder 4 Staqueten selbst
eine Tür so dass er eben zur AbendMahlzeit bei seiner Gebieterin eintraff
sich vor derselben niederlegte zur Lust etlichemahl auf dem Erdboden herum
weltzete und hernach allerhand andere Possen machte
Nun muss ich mit Wahrheit bekennen und sagen dass ich mein Lebtage nicht
geglaubt hätte was MenschenHände wenn sie gleich lustig und guter Dinge sind
ausrichten können denn am 3ten Abende unserer verflossenen 3 RastTage war
schon unsere völlige Ladung vorhanden und diese bestunde in den auserlesensten
grössesten ErtzStuffen die Vincentius in dem so genannten großen Gebirge N
bloß zur Probe aushauen lassen von dem übrigen was wir noch in dem
HeidenTempel gefunden will ich vorjetzo nicht viel Reden oder Worte machen
glaube aber dass es demjenigen was wir bereits vor Olims Zeiten aus eben
diesem HeidenTempel erworben wenig nachgeben wird ja ich sollte fast meinen
dass wir in gewissen Stücken weit mehrere Kostbarkeiten und Schätze und zwar mit
eben so großer ja wohl noch weit größerer LebensGefahr erobert hätten als
unsere Vorgänger
Jedoch ich will alles dieses vorjetzo bei Seite gestellt sein lassen und
nur so viel melden dass nachdem wir mit den Portugiesen sonderlich aber mit
dem Vincentio zur NachtsZeit ein ganz geheimes Gespräch gehalten Morgens
frühe mit voller Ladung von ihnen abruderten unter dem Versprechen sie alle
wohl zu bedencken und binnen 6 oder 8 Tagen unsere bei ihnen zurücklassenden
LandesLeute deren 20 an der Zahl waren wieder abzulösen Es waren diese 20
Mann die wir also dazumahl auf der Insul KleinFelsen burg zurück ließ mit
wenig Worten zu sagen Leute von vollkommener Hertzhaftigkeit und uns
geleitete der Himmel nebst der Persianischen Prinzessin ihrer Frau Anna und dem
Löwen glücklich bis auf die Insul GroßFelsenburg
Was da abermals vor ein Aufsehen entstunde davon will gar nicht viel
reden Die mitgebrachten Sachen aber machten bei den MannsPersonen noch lange
nicht so viel Wunder als bei unserm Frauenzimmer die 2 auf eine so seltsame
Art gekleidete WeibsPersonen der Löwe aber brachte zu Anfangs in allen Augen
so wohl Verwunderung als Schrecken zu Wege welches letztere aber binnen wenig
Tagen gänzlich verschwunde indem die Insulaner des Löwens gar bald gewohnt
wurden als welchen die Prinzessin zuweilen frei herum spatziren ließ zu andern
Zeiten aber auch hie oder da anbunde da denn auch so gar die Kinder so kaum
laufen konnten sich um den Löwen herum versammleten welcher auf das
allerpossierlichste mit ihnen spielete und ihnen die Gesichter Hände und Füße
leckte
Unser Frauenzimmer war vor allererst dahin besorgt gewesen die angekommenen
beiden Gäste in reinliche Kleidung und Wäsche zu werffen hatten denenselben
also verschiedenes von dergleichen Sachen vorgelegt da aber Anna zu vernehmen
gegeben wie sie dergleichen schöne Sachen nicht eher anlegen würden als bis
sie sich alle beide in den AbendStunden in dem nächst vorbei fließenden Fluße
würden gebadet und gewaschen haben so machten unser Frauenzimmer gleich andere
Anstalten indem sie eine BadStube heitzen ließ da denn die Prinzessin
nebst der Anna hinein geführet wurden um ihre Bequemlichkeit in der Wärme mit
warmen Wasser und andern Zubehör darinnen zu finden und zu gebrauchen Demnach
kam die Prinzessin gleich des andern Morgens in einem Felsenburgischen
Festtäglichen FrauenzimmerHabite aufgezogen und ihre darunter hervor
leuchtende ganz besondere Schönheit wurde von jedermänniglich bewundert
ungeachtet sie aber etwas hohes nicht allein in ihren KohlPechschwartzen
Augen sondern auch in allen ihren Minen und Gebärden an sich hatte und man aus
allen ihren Gesichts Zügen und ganzem Wesen sogleich urteilen konnte dass sie
von hoher Herkunft sein müsse so musste man sich dennoch auch über ihre
Gelassenheit Sanftmut und stilles Wesen welches sich bei verschiedenen
Begebenheiten zeigte ungemein verwundern jedoch bei lustigen Begebenheiten
wusste sie ihre Rolle auch zu spielen und sich nicht etwa mürrisch
sauertöpffisch oder einfältig aufzuführen so wie viele schwartzen braunen und
weißen Frauenzimmer sonderlich in Deutschland sich zu vielenmahlen
belachenswürdig und hässlich vergalloppiren wenn ihnen nicht alles sogleich
nach ihren Köpfen geht eben als wenn an einer Person allein so gar allzu viel
gelegen wäre etc
Allein wie gesagt in allen diesen Stücken zeigte Mirzamanda eine ganz
andere Aufführung die ich wohl mit Recht Fürstlich nennen kann und hiermit
erwarb sie sich in der Geschwindigkeit die Liebe aller Insulaner vom Grösten
bis zum Kleinesten beiderlei Geschlechts zumahlen da man sah dass der
Regente als ein dem hunderten Jahre entgegen reisender Mann diese Prinzessin
in besonderen Ehren hielt da dieselbe an seiner Taffel ihm allezeit zur rechten
Hand sitzen musste zu seiner lincken aber saß mehrenteils die Frau Mag
Schmeltzerin Sen jedoch in diesem Stücke um eine die andere etwa nicht
verdrießlich zu machen wechselten die lieben Weibergen gar öfters mit einander
um
Von nun an aber war die HauptSache diese dass so wohl die Mirzamanda als
ihre Anna zum wahrhaften Christentume unterrichtet und angeführet wurden
weswegen sich denn die Herren Geistlichen Tag vor Tag hierzu mit gröstem Ernste
und Eifer bereit und willig finden ließ so dass so wohl die Mirzamanda als
ihre Anna binnen 3 bis 4 WochenZeit Verlauf dahin gebracht wurden dass man
ihnen das Hochwürdige heilige Abendmahl ohne Bedenken und mit gutem Gewissen
reichen konnte welches sie denn auch des nechsten Sonntags empfiengen
Wie nun unser Frauenzimmer zu dieser beider fremden Sünder Bekehrung ein
nicht geringes beigetragen indem sie beständig geistliche und christliche
Gespräche mit ihnen führten so lerneten bei solcher Gelegenheit eine so wohl
als die andere binnen einer fast unglaublichen kurzen Frist nicht allein
unsere Felsenburgische Sprache vollkommen verstehen sondern auch ziemlicher
Massen reden jedoch was das letztere anbelangete so musste man der alten Anna
vor dissmahl in diesem Stücke den Preis zuerkennen dass sie viel deutlicher
geschwinder und hurtiger ausreden konnte als die Prinzessin der weilen sie
zugleich in etwas schnarrete und lispelte welches doch sonsten ganz angenehm
zu hören war unsere Sprache anfänglich etwas schwer fallen wollte nunmehr aber
redet sie dieselbe so deutlich und gut als eine gebohrne und gezogene
Felsenburgerin nur immer tun kann
Hierbei aber muss ich zu melden nicht vergessen dass ich nach dem Verlauff
auf der den KleinFelsenburgern bestimmten 8 Tage mich abermals mit
verschiedenen vertrauten Freunden worunter sonderlich Herr Mag Schmeltzer Jun
befindlich auch 60 Mann der resolutesten Felsenburger so wohl Männer als
Junggesellen in 3 Booten auf die Insul KleinFelsenburg verfügte und unsern
daselbst zurück gelassenen Freunden nicht nur LebensMittel im Uberflusse
sondern auch die allerbesten Erfrischungen zuführete welche guten Freunde uns
denn mit einem außerordentlichen Vergnügen bewillkommeten erstlich ihre Arbeit
vorzeigten die sie binnen der Zeit verrichtet hatten welche in etliche 1000
Centnern der allerkostbarsten ausgehauenen ErtzStuffen bestunden die alle von
nicht geringer sondern fast solcher erstaunlicher Größe so dass wir zu
zweiffeln begunten ob es auch würde möglich sein dieselben in die Boote zu
bringen allein es ging durch saure Bemühung endlich da es zum Treffen kam
doch an Ohngeachter aber der Freude welche die Unserigen so wohl als die
Portugiesen über untere glückliche Zurückkunft bezeugten wollten sie sich doch
von ihrer Arbeit nicht abhalten lassen sondern waren dergestalt erpicht darauf
als ob der Himmel und die Seligkeit damit zu verdienen wäre Wie nun dieses Herr
Mag Schmeltzer Jun merkte so war er zwar so neubegierig das große Gebirge
wie auch den großen Berg und den darinnen befindlichen uralten HeidenTempel
mit zu untersuchen und eigentlich zu betrachten allein eben dieses verleitete
ihn dahin dass er uns allen so viel nur unserer waren alle Morgen bei
Aufgange der Sonnen Mittags und Abends aber nach der genossenen Mahlzeit eine
andächtige Betstunde hielte so dass wir jedes Tages 3 Betstunden abzuwarten
hatten woran sich die 5 Portugiesen dergestalt ergötzten dass sie wünschten
unserer Religion zu sein indem sie durch des Herrn Mag Schmeltzers
hertzbrechende Worte und hauptsächlich durch die Krafft des Heiligen Geistes
inniglich gerühret wurden
Da diese 5 Mann nun eine brennende Begierde gegen Herrn Mag Schmeltzern
spüren ließ um sie in unsern GlaubensArticuln des Christentums vollkommen
zu unterrichten als nahm er sich nicht allein in denen darauf folgenden Tagen
die große Mühe etliche Stunden in dieser Arbeit mit ihnen im Sitzen zu
zubringen sondern er ging auch sehr öfters mit ihnen spaziren brachte ihnen
also binnen kurtzer Frist die GlaubensArticul unserer Felsenburgischen
Protestantischen Religion dergestalt bei dass ihnen nach ihrem heftigen
Verlangen auf beschehene Beichte und Absolution das Hochwurdige Abendmahl
gereicht wurde als wobei sich keiner andächtiger zeigte als der gute
Vincentius dessen Augen man fast niemals ohne Tränen sah wie ich aber noch
bis diese Stunde vernommen so erkennet Herr Mag Schmeltzer den Vincentium vor
einen bekehrten Sünder und aufrichtigen guten Christen indem er denselben
sonderlich seiner Künste wegen anfänglich zwar recht sehr scharff zugesetzt
endlich aber befunden dass die meisten derselben erlaubte und in der
vernünftigen Philosophie ganz wohl gegründete Sachen wären die dem
Christentume wenn sonsten keine Bosheit dabei wäre keinen Schaden tun
könnten
Binnen der Zeit nun die wir uns selbst bestimmt hatten auf KleinFelsenburg
zu verharren schickten uns unsere Freunde von GroßFelsenburg zu dreien mahlen
überflüssige LebensMittel zu und die Mannschaft löste einander ohne Befehl
sondern recht gutwilliger Weise ab Also konnten wir recht vergnügt leben
zumahlen da wir unsern SeelenSorger als offtgemeldten Herrn Mag Schmeltzern
so zu sagen als einen FeldPrediger bei uns hatten Mittlerweile aber begab
sich ein wunderlicher Streich denn da dreien dreusten Felsenburgern welche mit
dabei gewesen die Hadscha zurück zu holen die unordentliche Lust angekommen
um zu sehen ob deren Körper annoch auf selbiger Stelle läge oder ob der Satan
denselben etwa anders wohin geführet hätte so sahen sie ihrem Berichte nach
den Körper noch auf derselben Stelle liegen wo sie denselben zum letztenmahle
liegen sehen wurden aber gewahr dass 5 oder 6 Kohlschwartze Vögel fast in
der Größe einer Gans auf demselben saßen und ihm die Kleider vom Gerippe
abrissen diese schwartzen Vögel bissen sich selber unter einander indem sie
die KleidungsStücke abrissen und einander aus den Mäulern zerreten wenn nun
aber einer oder der andere ein gut KleidungsStück oder Lappen erhascht
schwung er sich damit in die Luft da denn die andern gleich aufflogen und ihn
so lange verfolgten bis er den Lappen wieder zur Erden musste fallen lassen
Wir sagten unsere Reverenten ferner bekamen zwar einen ziemlichen Abscheu vor
diesem schändlichen Schauspiele jedoch da einer von uns im währenden Gehen auf
einen solchen Lappen und zwar ganz von ungefähr trat den ein Vogel aus der
Luft hatte fallen lassen so fühlete er unter seinen Schuhsolen etwas hartes
weswegen er weiter nachsuchte und ein ganzes Bündlein der vortrefflichsten
Diamanten und anderer Edelgesteine darinnen fand welche man, weilen es noch
hellerlichter Tag war mehr als zu genau erkennen konnte zumahlen uns
dergleichen Sachen nicht so gar unbekannt sind Wie wir aber sahen dass immer
ein Vogel nach dem andern seinen Lappen wegen Verfolgung seiner MitBrüder
herunter auf die Erde musste fallen lassen so gaben wir etwas besser Achtung auf
die Vögel sonderlich aber auf die Lappen so herunter fielen da wir denn einen
jeglichen mit Diamanten und Edelgesteinen beschweret befanden Dieses reizte
uns an zurück zu dem Körper zu gehen ungeachtet derselbe schon einen ziemlich
übelen Geruch unsern NasenLöchern eingeflösset hatte Allein wir kehreten uns
daran eben so gar viel nicht sondern waren nur beschäfftiget das Uberbleibsel
von den KleidungsStücken uns zu zueignen den Körper aber in Gottes Gewalt
liegen zu lassen und dieses geschahe ehe die Sonne sich noch ganz völlig von
unserem Horizonte zurück gezogen Wie wir nun das hatten was wir haben wollten
nämlich der Hadscha noch übrigen KleidungsStücke die wir ziemlich schwer zu
tragen befanden begaben wir uns auf den Weg nach unsern Hütten um die
Gesellschaft zu suchen Es machte uns zwar unfehlbar ein böser Geist
unterwegs allerhand Firlefanzereien vor allein wir verspotteten ihn mit Beten
und Singen
Nachdem nun diese unsere Felsenburgischen hertzhaften MitBrüder ihre
redliche Aussage getan und wir sie wohl gespeist und getränckt hatten
warffen wir ihre mitgebrachten Lappen wohl zusammen gebunden und verwahrt in
das allernächst bei uns vorbei rauschende Bächlein und ließ dieselben bis
andern Tages nach der MittagsStunde nachdem wir alle mit gröstem Appetite
gespeist hatten darinnen herum schwimmen nachher aber nahmen wir diese
Lappen heraus und fanden einen kleinen Schatz von Diamanten und andern der
kostbarsten Edelgesteinen darinnen als wormit sich nicht allein die Mahlzeit
sondern auch ihr hertzhafter Gang vielfältig bezahlt befand
Da aber der Monat zu Ende gelauffen und unsere GroßFelsenburger zum 4ten
mahle uns alles in Menge zuschickten was wir nur verlangen mochten so waren
doch noch viele Sachen abzuhandeln welche Herr Mag Schmeltzer reifflich
überlegte sich aber vor seine Person selbst anheischig machte den
Neubekehrten zu Gefallen annoch eine Zeitlang auf dieser Insul zu verharren
Demnach fasseten wir einen baldigen Entschluss und fuhren als wir uns abermals
mit den auserlesensten ErtzStuffen fast über die Gebühr beladen nach unsrer
Heimat zu gelangeten auch glücklich daselbst an
Mich und noch andere mehr wollte es fast verdrießen dass man unsere
mitgebrachten Sachen vor ganz geringschätzig und unbedürfftig hielte weilen
wir Ertz Silber und Gold genug auf unserer großen Insul hätten Mein da Mons
Plager darzu kam und die Worte fliegen ließ Verachtet nicht meine Freunde
den besonderen Segen des HErrn welcher zuweilen reich macht ohne besondere
Mühe Seht nicht allein auf diese sondern in die zukünftigen Zeiten ich aber
sagte er weiter will wenn es mir erlaubt ist mir nechsten hinüber kommen
und mit Beihülffe des berühmren Vincentii ein HüttenWerck anlegen damit wir
unsere Schätze zu Gute bringen können denn was will nicht brauchen bedürffen
vielleicht unsere Kinder und Nachkommen wurden unsere Hertzen ziemlicher Massen
wieder beruhiget
Wie ich nun meine erste Aufwartung bei meiner lieben Ehefrau machte so
erzehlete mir dieselbe dass sie in den unansehnlichen KleidungsStücken der
Mirzamanda und der Anna als welche KleidungsStücke sie dem sämtlichen
Felsenburgischen Frauenzimmer so zu sagen Preis gegeben eine gewaltige Menge
der auserlesensten und kostbarsten Diamanten und anderer sehr raren
Edelgesteinen gefunden so dass man sich billig verwundern musste wie diese
beiden Leute indem sie eine solche Last getragen jedennoch dabei herum gehen
und stehen können Hierauf ließ ich mich zur Mirzamanda führen und erzehlete
derselben in Gegenwart vieler Anwesenden sonderlich aber des meisten
Felsenburgischen Frauenzimmers was uns nur vor kurtzem annoch wegen des Körpers
ihrer Hadscha begegnet und sich zugetragen hätte brachte ihr auch Diamanten und
anderen Edelgesteine mit welche wir aus der Hadscha Kleidungs erbeutet Allein
Mirzamanda sagte darauf Mein Herr es ist dennoch gut dass nur das meiste und
beste bei dieser Bestie gefunden worden ich bitte aber inständig man wolle
sich um ihren vermaledeieten Körper nicht weiter bemühen sondern denselben den
bösen Geistern und den Raben zur Speise überlassen weilen derselbe keines
bessern Schicksals würdig ist Die Diamanten und andern Steine aber welche ob
sie gleich von Rechtswegen mit zukämen verlange nicht wieder sondern man lege
sie zu den andern welche in meiner und der Anna Kleidung gefunden worden und
tue sie hin wo man will denn mir ist doch vor jetzo dergleichen Zeug nichts
nütze sollten sich aber meine Umstände verändern und verbessern so will ich
auch schon diejenigen Örter wieder zu finden wissen wo von mir und der Anna
ein 100 mahl mehreres verscharret worden
Wir legten also alle diese kostbaren Kleinodien Diamanten und andere
Edelgesteine in ein besonderes Kästlein dabei auch eine auf Pergament
geschriebene Schrifft hinein bezeichneten und versiegelten das Kästlein worauf
es mit dem darauf geschriebenen Nahmen MIRZAMANDA in die SchatzKammer des
Regenten zur Verwahrung hingesetzt wurde
Da nun aber fast alle Insulaner so neugierig waren die LebensGeschichte
dieser Prinzessin zu wissen so nahm mir kein besonderes Bedenken sie darum
anzureden und zu bitten uns dieselbe zu erzählen Sie war mit gröstem
Vergnügen so gleich willig und bereit darzu zumahlen da sie eben aus der
Kirche gekommen wobei ich gedenken muss dass sie sich ungemein andächtig bei
dem Gottesdienste aufführete und sonderlich unter der Predigt die sie schon
der Aussprache nach fast vollkommen verstehen konnte zu vielenmahlen Tränen
vergoss und ihre Hände runge vornemlich aber wenn nach der Predigt der Segen
vor dem Altare gesprochen wurde da sie denn gemeiniglich heiße Tränen fallen
ließ Auf mein Bitten aber wegen Erzählung ihres LebensLauffs gab sie mir
folgende Worte zu vernehmen Mein Herr ihr hört und wisst dass ich eine
unförmliche und sehr schwere Ausrede habe welcher Fehler an meiner Zunge liegt
weilen ich vielleicht schon in meiner Jugend daran verwahrloset worden oder die
Natur etwa einen mercklichen Fehler an mir stifften wollen Deswegen habet die
Güte und redet der Anna zu dass sie euch meine Begebenheit erzehle denn diese
hat nicht allein eine weit beredtere Zunge als ich sondern wird auch alles vom
Anfange an bis auf diesen Tag was meine Geschichte anbelanget besser
vorzubringen wissen als ich selbst zu tun vermögend wäre da ich mich meiner
KinderJahren nicht so gar sonderlich mehr zurück erinnern kann Jedoch will ich
ihr wenn sie ja dann und wann etwas vergessen oder übergehen sollte schon
einzuhelffen und sie auf dem rechten Wege der Geschichte fort zu bringen
wissen
Als demnach die Frau Anna dieserwegen angesprochen worden ließ sie sich
gleich bereit und willig darzu finden sagte aber zum voraus wenn ich die
LebensGeschichte der Persianischen Prinzessin Mirzamanda aus Kandahar
recht gründlich erzählen soll so werden mir meine allerwertesten Zuhörer nicht
übel beuten dass ich mich genötigt sehe um dieselbe desto deutlicher
vorzutragen mit erzehlung meiner eigenen LebensGeschichte den Anfang zu
machen Es halten demnach zwar weine allerwertesten Freunde wie ich vernehme
mich vor eine gebohrne Holländerin weil nur die Holländische Sprache unter
allen andern Sprachen am besten vom Munde geht denn meine angebohrne
MutterSprache habe fast ganz und gar verlernet ich will ihnen aber aufrichtig
sagen dass ich eine gebohrne Deutsche und aus dem Fürstentum Halberstadt
gebürtig bin in welchem meine Eltern zu damaligen Zeiten als ich geboren
worden welches denn vor etwa 46 bis 48 Jahren geschehen sein mag denn ich
weiß das Jahr und den Tag meiner Geburt so eigentlich nicht ein adeliches
RitterGut gepachtet gehabt und sich wie ich nachher von andern vernommen
anfänglich einige Jahre hin bei dieser Pachterei sehr wohl befunden Zu meiner
Eltern Unglück aber streifften zur selbigen Zeit eine gewisse Art Leute nicht
nur in diesem sondern auch vielen angrentzenden Ländern herum welche
Ziegeuners auch Tatars genannt wurden sich aber nächst dem BettelStabe mit
Wahrsagen Zeichendeuten und allerlei lusen Händeln hauptsächlich aber mit
Rauben und Stehlen nähreten da denn meine Eltern zu verschiedenen mahlen von
diesem RaubGesindel recht empfindlich bestohlen wurden Wie nun von der hohen
Obrigkeit ein sehr strenger Befehl ergieng dieses Volck als Vogelfreigemachte
Leute zu erkennen und deren so viel als man nur habhaft werden könnte
entweder gleich auf dem Platze zu töten oder dieselben in die Gefängnisse zu
verschaffen als ließ sich mein Vater aus Verbitterung gegen dieses Volck oder
Leute nebst andern mehr Tag und Nacht äuserst angelegen sein die Zigeuner
oder Tatarn auf das allerheftigste zu verfolgen deswegen als er ihnen fast
alle Tage nachgesetzt ihrer 3 auf die Köpffe geschossen und 6 oder 8 in die
Gefängnisse geliefert mussten wir mit Schmerzen erfahren dass wenige Nächte
hernach unser Haus in vollen Flammen stund und aus dem Grunde abbrandte Dieses
hätte noch hingehen mögen allein die Tatern mochten unter sich beschlossen
haben meinen Vater noch weit empfindlicher zu kräncken deswegen als sie wahr
genommen dass mein Vater seine 2 Kinder nämlich mich und meinen 16 jährigen
Bruder in ein ohnweit von unserm Hofe gelegenes BauerHaus brachte damit wir
uns daselbst von dem gehabten Schrecken erholen und vor fernerer Gefahr
beschützt und gesichert sein möchten fielen sogleich 10 bis 12 der
grimmigsten Tatarn in dieses kleine BauerHäuslein ein kriegten so wohl mich
als meinen Bruder bei den Kollern banden unsere Hände und Füße mit Stricken
und schleppten uns nachdem wir lange genug um Hilfe geschryen weiter aber
keine andere Hilfe herbei kommen sahen als 2 alte Weiber und 3 Kinder
hinten durch den Garten auf das freie Feld hinaus allwo sie uns beiden die
Mäuler mir Tüchern zustopften damit wir nicht ferner Hilfe schreien möchten
Hierauf da sich wie wir beobachteten eine ganze Kompagnie halb zu Pferde und
halb zu Fuße auf dem Platze versammelt hatte banden sie uns auf Pferde und
reisten in schneller Eile mit uns von dannen blieben aber wie ich bemerckte
niemals in der geraden Straße sondern nahmen allerhand Umwege bis wir
endlich nachdem unterwegs noch viele Tatars zu uns gestoßen auch wir des
darauf erfolgten Tages unsere Sicherheit in den allerdunckelsten Gebüschen
gesunden in der auf selbigen Tag folgenden sehr finsteren Nacht das so genannte
Gotteslager vor der Stadt Wolffenbüttel erreichten allwo sich wie ich
bemerckte unsere Gesellschaft in 3 Gastöfe verteilete und die Abrede unter
einander nahm dass wir morgen mit anbrechendem Tage auf Braunschweig zu reisen
wollten
Wir armen beiden Geschwister konnten zwar wohl freilich das uns zugestossene
Unglück niemanden anders als unserm leiblichen Vater Schuld geben weilen er in
Verfolgung der Tatarn gar allzu hitzig gewesen jedoch hier war weiter nichts zu
tun als dass wir uns mit Geduld in unser Verhängnis schickten und vor unsere
Eltern beteten Inmittelst wurden wir von unsern Tatarn im Gastofezum aufs
allerherrlichste und kostbarste bewirtet und verpflegt hatten unsere besondere
Stube und Kammer worinnen 2 wohlgemachte Betten stunden und einen
TatarJungen wie auch ein TatarMägdgen zu unserer Bedienung es wurde uns aber
bei Verlust unseres Lebens anbefohlen mit den WirtsLeuten kein eintziges Wort
zu reden viel weniger ihnen oder jemand anders unsern Zustand zu klagen
woferne wir aber stille und klug leben wollten so sollten wir unser Glück nicht
übersehen können Weiln wir nun aus Furcht unser Leben einzubüssen dem
strengen Befehle gehorsameten so kam gleich des dritten Morgens ein Schneider
mit seiner Frau welcher meinem Bruder und mir das Maß zu neuen Kleidern nahm
ingleichen kam ein Schuster welcher mir und meinem Bruder das Auslesen unter
seiner Ware gab deren er einen starken Vorrat in 2 Körben herbei bringen
ließ da denn ich mir 3 Paar Pantoffeln und Schuhe mein Bruder aber sich eben
so viel auslesen musste Binnen zweien Tagen stellte sich der Schneider wieder
ein und brachte vor meinen Bruder ein rotes Scharlachenes sauberes Kleid
dessen Kamisol und BeinKleider stark mit goldenen Tressen bordirt waren
Nächst diesem noch ein anderes grünes Kleid dessen Kamisol und BeinKleider mit
Silber bordirt außer diesen beiden aber noch ein StrapazierKleid
Ich vor meine Person bekam gleichfalls 2 ganz neue Kleider rot und grün
und über diese noch ein Altags Kleid zum Strapazieren alles nach der neuesten
Mode gemacht da hingegen mein Bruder noch 2 ganz neue Schlaf Röcke bekam
nämlich einen damastenen und einen etwas schlechtern zur Strapaze Auser diesem
empfing mein Bruder einen Degen mit einem silbernen Griffe und zubehörigem
Gehange ein sauber beschlagenes Spanisches Rohr 2 bordirte Hüte Peruquen
und sonsten alles was vonnöten ist einen Kavalier aus die Parade zu stellen
So wurde uns auch weiße Wäsche und zwar die allerfeineste mit darunter 6
sach gereicht Wir armen Kinder wussten uns wie man leicht erachten kann in
unser Schicksal nicht zu finden vielweniger dasjenige zu begreiffen was der
Himmel mit uns vorhatte anbei kränckten wir uns über weiter nichts so sehr als
dass wir mit allen donen Leuten so zu uns kamen und mit uns handelten kein
eintzig Wort sprechen durfften denn unsere bestellte Aufseher gaben noch viel
ärger auf unsere Augen und Mäuler Achtung als wie die SchiessHunde zu tun
pflegen Die Tatars ließ uns eines Abends sagen dass wir beide Geschwister
uns folgenden Morgen auf das allersauberste ankleiden sollten weilen sie doch
gern sehen möchten was sie vor Kreaturen bei sich führten wie nun zu dem Ende
etliche Aufwärter und Bediente früh Morgens und zwar fast vor Anbruch des Tages
zu uns kamen und uns weckten auch von den Füßen an bis auf die Häupter
bedieneten so sahen wir uns recht gezwungener Massen ehe etwas weiters darauf
erfolgen möchte dem gnädigen Befehle Gehorsam zu leisten ließ uns also
alle beide heraus schniegeln und putzen wie man sagt die Ochsen Nachdem es
nun gemeldet worden dass wir in GalaHabit befindlich wären kamen 4 der
ältesten Tatarischen MannsPersonen und eben so viel alte Weiber die ich in
meinen Gedanken vor Hexen und Zauberinnen erkannte als worinnen ich mich
vielleicht auch nicht betrogen habe und nahmen uns beide in Augenschein
bezeigten auch ihr Vergnügen auf eine seltsame Art nur aber dieses war so wohl
meinem Bruder als mir zuwider ja es gereichte uns fast zum Eckel dass sie uns
so gar sehr öfters umhalseten und küsseren »Seht ihr nun ihr lieben Kinder
sagte die eine alte Hexe dass wir euch glücklich gemacht haben aber dieses ist
noch nichts gegen das was euch noch beschehret und zugedacht ist Folget nur
uns so kann es euch nicht fehlen vor allen Dingen aber haltet die Mäuler zu
und plaudert nichts von demjenigen aus was ihr etwa gesehen und gehört habt«
Wir hatten hierauf beiderseits die besondere Gnade dass uns die ältesten und
vornehmsten Tatarn vor diesesmahl an ihre Taffel zogen welche recht Fürstlich
angerichtet war in folgenden Tagen aber wurde uns nur in unserer Stube der
Tisch gedeckt und es speiseten allezeit 3 Tatarische Mannes auch eben so
viele alte WeibsPersonen mir uns jedoch die Speisen und Getränke waren
Mittags und Abends allezeit herrlich und kostbar ja wir durfften nur kühnlich
fordern was wir etwa sonsten besonderes verlangeten so war alles in
möglichster Geschwindigkeit herbei geschafft Meinem Bruder welcher ungeachtet
er noch ein einfältiger Knabe war kamen die spitzfindigen Gedanken in den
Kopf dass er von einer alten TatarsFrau begehrte ihm zum Zeitvertreibe einige
geistliche Protestantische Bücher zu verschaffen um sich darinnen in seinem
Christentume zu üben wobei er ihr versprach dass sie das erste und beste
GoldStück welches er bald zu empfangen verhoffte von ihm zur Danckbarkeit
haben sollte Nein mein Sohn versetzte hierauf die alte Hexe indem sie einen
großen Beutel mit GoldStücken heraus zohe und vor meinen Bruder auf den Tisch
legte ich brauche eure GoldStücken nicht leset euch aber nebst eurer
Schwester hier so viel von dem Meinigen aus als ihr etwa zu eurer Lust zu
gebrauchen gedenckt denn ich weiß gewiss dass die Zeit nicht weit entfernt ist
da ihr mir diese GoldStücke gedoppelt und dreifach wieder bezahlen werdet ihr
möget auch nehmen so viel ihr nur wollt Protestantische Bücher aber will ich
euch gleich holen lassen und sonderlich die Deutsche Bibel nebst zwei Geber
und Gesang Büchern Mein Bruder und ich stutzten über dieser alten Hexe Reden
es wollte aber keines von uns beiden sich an ihrem GeldBeutel vergreiffen
weswegen sie ungedultig zu werden schien den GeldBeutel ausschüttete und uns
12 halbe Pistoletten zuzehlete auch sogleich einen PaschWürffel nebst einer
SpielKarte herbei brachte und sagte Nun meine Kinder spielet um diese
RechenPfennige ich will doch meine Lust haben zu sehen wer unter euch beiden
dieselben zusammen bringen und gewinnen wird und wer sie gewinnet dem follen
sie alle von mir geschenckt sein
Wir armen Gefangenen spieleten zwar beiderseits mit schweren Hertzen einige
Spiele so wohl nach unserer annoch kindischen Art mit Karten und Würffeln da
denn die alte Hexe sehr genau auf eines jeden Glück und Unglück Achtung gab
endlich aber da fast über 2 bis 3 Stunden mit dem Spielen zugebracht waren
kamen die Bücher angezogen als nämlich nicht allein die Bibel sondern auch
andere vortreffliche Protestantische Bücher alle in saubere Bande eingebunden
und verguldet auf dem Schnitt weswegen wir uns die SpielGedanken aus dem
Hertzen und Köpffen verjagten und uns uber die Bücher hermachten Ohngeachtet
nun mein lieber Bruder alles zusammen gebracht mithin der Alten ihre 12 halben
Pistoletten wieder zuzehlete so wollte diese doch dieselben gar nicht annehmen
sondern sagte Hebet diese Dinger auf meine Kinder bis euch die Lust zum
Spielen wieder ankömmt
Solchergestalt verlieffen 6 bis 8 Wochen da wir alle Tage wohl lebten
von den alten Tatarn oder Zigeunern aber sehr selten einige zu sehen bekamen
als dass wir etwa dann und wann von zweien oder dreien besucht wurden die uns
denn allezeit die größten Liebkosungen erwiesen wormit uns aber wenig gedienet
war denn wir hätten weit lieber gesehen dass man uns unsere Freiheit gegeben
da uns denn nicht verdrießlich fallen sollen den Rückweg zu unsern Eltern mit
dem BettelStabe zu suchen
Endlich wurden wir nachdem die Stunde unserer Erlösung herangenahet in den
MitternachtsStunden von den Tatarn in unserm Schlaffe gestöhret und aufgeweckt
mit dem Andeuten dass wir uns in aller Eile ankleiden und fertig machen sollten
mit ihnen nach Braunschweig zu reisen damit wir diese große schöne Stadt auch
zu sehen bekämen Niemand war hurtiger und vergnügter als mein Bruder und ich
indem wir dieses hörten da uns an Veränderung der Luft gar viel gelegen und
wir die Hoffnung hatten dass sich bei der Gelegenheit auch unsere Umstände
vielleicht ändern könnten Wir fanden uns demnach bald auf dem Platze ein und
bemerckten dass 6 bis 8 zugemachte Kutschen daselbst befindlich in deren eine
wir alle beide steigen mussten auser diesen aber sahen wir etliche 20 Mann zu
Pferde worunter viele waren die die kostbarsten Kleider und schönstes
PferdeZeug führten Es gingen also nachdem wir ein gestiegen waren die
Kutschen in der allerschnellesten Eile über Stöck und Steine bis wir fruh
Morgens bei Aufgang der Sonnen einen an der Straße liegenden großen GastHof
erreichten in welchem wir beide sahen dass wir uns nicht mehr unter Tatarn
sondern vielmehr unter den vornehmsten Kavaliers und Dames befanden welche sich
alle auf das allerpropreste angekleidet auch von dem Wirte und allen den
Seinigen aufs demütigste empfangen und auf das allerkostbarste tractiret
wurden Meines Behalts hielten wir uns eben nicht gar zu lange in diesem
GastHofe auf ich kann aber auch nicht sagen wie und wenn wir von dannen
abgefahren sind vielweniger was mir und meinem Bruder zugestoßen war denn
wir konnten am Müd und Mattigkeit kaum stehen vielweniger ein Auge offen
halten Unterdessen da wir uns nach einiger Zeit einiger Massen ermuntert
hatten erfuhren wir von den WirtsLeuten dass wir uns in Braunschweig
befänden und dass alle unsere Geferten so wohl männliches als weibliches
Geschlechts in die Gefängnisse gebracht wären auch meistenteils in Ketten und
Banden säßen Nachdem wir nun dieses Schicksal mit Schrecken vernommen und
nach unserer Einfalt einiger Massen überlegt kamen die GerichtsDiener und
holeten auch mich und meinen Bruder nebst allen bei uns habenden Sachen ab als
welche uns doch noch von den Tatern waren zurück gelassen worden Man legte uns
alle beide augenblicklich in Ketten und Banden und wir wurden auf schwere und
scharffe Articul befragt wie wir aber in allen Stücken die reine lautere
Wahrheit aussagten so wurde erstlich in unser Vaterland geschrieben um zu
erfahren ob wir auch in allen Stücken richtig wären wie nun dieserhalb vor uns
gute und gewünschte Briefe zurück kamen so wurden wir zwei armen Sünder zwar
frei gesprochen allein es schmertzte uns doch nicht wenig dass wir ganzer 14
Tage unschuldiger Weise in Ketten und Banden sitzen müssen Jedoch in
Betrachtung dieser und aller unserer Umstände war die Obrigkeit so barmhertzig
uns nicht allein alle Bagage zu lassen die uns von den Tatarn geschenckt
worden sondern es bekamen noch über dieses mein Bruder und ich ein jedes 100
spec Ducaten ausgezahlt mit der Verwarnung dass wir uns je ehe je lieber aus
dem Staube machen und unsere Personen in weitere Sicherheit bringen möchten
womit wir uns endlich noch so ziemlich befriediget befanden
Allein es wird ihnen vielleicht nicht entgegen sein wenn ich melde dass
wie wir hernach erfahren sich unsere Taters durch die Tore ganz listiger
Weise eingeschlichen indem sie die Nahmen unbekannter Kavaliers ja gar
Gräflicher Personen angenommen Es war aber dieses sehr frühzeitig offenbar sie
aber vor Spitzbuben Räuber Diebe Mörder und dergleichen erkannt worden wie
denn wenig Tage hernach ihrer etliche nach andern Städten ausgeliefert worden
allwo sie ihren verdienten Lohn mit SchwertStreich Hängen Rädern und
dergleichen nach kurzen Processen empfangen Noch muss ich melden dass nachdem
sie befragt worden was sie denn hätten mit uns beiden Geschwistern anfangen
wollen ihre Aussage diese gewesen dass sie uns alle beide nach Amsterdam führen
wollen um uns an 2 Türckische SeeRäuber die sich unter verdeckten Nahmen
daselbst aufhielten und ihre guten Freunde wären zu verkauffen um vor unsere
Personen ein gut StückGeld zu erhalten sonderlich vor meine Person weilen
ich zu derselben Zeit noch nicht mannbar sondern ungefähr nur 14 Jahr alt
war Hierbei hatten sich nachdem sie dieses alles auf der Folter bekannt sehr
viele Briefe gefunden die sie mit den Türckischen SeeRäubern in Amsterdam
gewechselt Nun hielt sich damals ein EvangelischLuterischer Kauffmann in
Braunschweig auf welcher sein HauptKontoir in Amsterdam hatte dieser wurde
geruffen und ihm die Briefe gezeigt als in welchen grausame Bosheiten und
andere der Handelschaft sehr nachteilige Sachen zu lesen waren Der Kauffmann
machte sich eine große Freude daraus dass er hinter dieses Geheimnis gekommnen
war demnach aber sogleich fertig auf das allereiligste nach Amsterdam zu
reisen Wie nun aber dieser redliche Mann meine und meines Bruders Umstände
erfahren ließ er uns zu sich kommen und sagte Meine Kinder ich habe von
euren betrübten Umständen viel erfahren allein verzaget nicht sondern
vertrauet auf Gott und auf mich denn ich will euch alle beide an KindesStatt
auf und annehmen mit mir nach Amsterdam führen ohne dass es euch das geringste
kosten soll daselbst aber so lange ihr fromm getreu und redlich seid euer
Glück nechst göttlicher Hilfe dergestalt machen als ihr dasselbe bei euren
leiblichen Eltern und Freunden wohl Zeit eures Lebens nimmermehr finden werdet
Meinem Bruder und mir kam dieser ansehnliche schöne und liebreiche Mann
nicht anders vor als ein uns vom Himmel zugeschickter heiliger Engel Gottes
weswegen wir uns kein langes Bedenken nahmen mit ihm zu reisen sondern ihm
die Hände unter Vergiessung vieler FreudenTränen küsseten auch wenig Tage
hernach mit ihm die Reise nach Amsterdam antraten die wir in gewöhnlicher Zeit
zurück legten und gesund und frisch daselbst anlangten Unser Versorger hielt
uns bei allen Gelegenheiten nicht anders als ob wir seine leiblichen Kinder
wären aber es war ein bejammernswürdiger ja fast unersetzlicher Schade vor
uns dass dieser redliche Mann kaum 6 oder 8 Wochen nach unserer Ankunft
nachdem er wie ich sicher glaube von seinem bösen Weibe und dann auch den
häuffigen Schuldnern einen allzugrossen Teil von Gift und Galle einschlingen
müssen sich auf das KranckenBette legte und binnen 3 Tagen gesund und tot
war
Dergestalt hatte sich die Sonne unseres Glücks auf einmal wieder unter die
trüben Wolcken versteckt denn unsers Wohltäters Eheweib welches der
GeitzTeufel ganz und gar besessen hatte wollte uns nicht einmal das Unserige
heraus geben geschweige denn das was uns ihr verstorbener Mann in seinem
Testament vermacht hatte als welches sich auf 800 Holländische Gulden belieff
Jedoch der Priester an der EvangelischLuterischen Kirche in Amsterdam war so
gütig vor uns zu sorgen so dass wir nicht allein das Unserige sondern auch
die ererbten 800 Fl ausgezahlt bekamen Nun hieß es wo weiter hin Allein da
wir zu sorgen kaum angefangen hatten hatte der Himmel schon vollkommen für uns
gesorgt indem der Priester mich in sein Haus nahm um seiner Frauen
aufzuwarten die ebenfalls eine gebohrne Deutsche war und sich ungemein
liebreich gegen mich erzeigte meinen Bruder aber brachte eben dieser wackere
Priester bei einen RechtsGelehrten oder Procurator indem mein Bruder die
Feder so wohl in Lateinischer als Deutscher Sprache schon ganz geschicklich
führen konnte vor der Holländischen Sprache aber war ihm so wenig bange als
mir weilen diese einem Deutschen zu lernen gar nicht schwer fällt
Demnach waren wir alle beide abermals versorgt denn mein Bruder sagte mir
so oft wir zusammen kamen dass er die beste Zeit hätte und bei jetzigen Jahren
sich kein besseres Glück wünschen möchte Mit mir hatte es eben dergleichen
Beschaffenheit denn ich wurde von meiner Frau Pastorin nicht etwa als Magd
sondern als eine leibliche Schwester ja fast so gut als ihr eigen Kind
gehalten Das allerschönste und vortrefflichste bei der ganzen Sache war
dieses dass mich der Priester täglich fast vom Morgen bis in die Nacht im
Christentum herum tummelte und dergestalt fest darinnen setzte dass ich einem
jeden von unsern Protestantischen GlaubensArticuln vollkommene Rede und Antwort
zu geben mich noch jetzo im Stande befinde O Himmel hätte ich doch nur diese
guten Tage und Zeiten in stiller GemütsRuhe ertragen können aber so ließ ich
mich den Satan verblenden der es dahin brachte dass ich mich mit einem Schiffs
Offizier welches ein ungemein schöner Mensch war auch etliche 1000 Fl wert
aufzuweisen hatte ehrlich verlobte und dabei versprach die Reise nach
OstIndien mit ihm anzutreten welches alles er denn durch seine ganz
außerordentliche Schmeicheleien indem er ein gebohrner Franzose war so weit
brachte jedoch Gott sei noch jetzo davor Danck gesagt niemals den Zweck in
Erlangung seiner wollüstigen Absichten bei mir erreichen konnte sondern ich
speisete ihn jederzeit damit ab dass ich mich vorjetzo nicht weiter mit ihm
einlassen würde bis ich sähe wo meines Bleibens wäre Er führte sich demnach
als er meinen harten Ernst vermerckte jederzeit sehr vernünftig auf da aber
die Zeit kam dass er unter Seegel gehen sollte tat er mir solches zu wissen
Wie ich nun zwar noch Zeit genug übrig gehabt hätte mich anders zu besinnen
und mein ihm getanes Versprechen zurück zu ruffen so weiß dennoch bis diese
Stunde nicht eigentlich wie mir zur selben Zeit zu Mute war ja ich glaube
sicherlich es musste mich dieser Mensch bezaubert haben dass ich nicht von ihm
ablassen konnte packte deswegen bei nächtlicher Weile alle meine Habseligkeiten
ein und begab mich damit zu meinem Liebsten ohne vorher Abschied weder von
meiner Herrschaft noch von meinem Bruder zu nehmen
Es war mein Liebster ungemein erfreut dass ich mein Wort gehalten hatte und
zu ihm gekommen denn seinem Sagen nach war ihm die Zeit schon allzu lang
worden wir gingen auch bald darauf unter Seegel und nahmen die ordentliche
Straße nach OstIndien zu allein Sturm Wetter und Wind kehreten sich nicht an
unsere vorgesetzte Ordnung sondern unterbrachen dieselbe bald indem sie uns
von der ordentlichen OstIndischen Straße bald ab bald nach ihren wütenden
Wellen hin und her und endlich ganz auser der ordentlichen Straße an die
Persianischen Küsten trieben jedoch ehe wir dieselben erreichten
zerscheiterten alle unsere 3 Schiffe die damals mit einander in Kompagnie
reisten Ich hatte nicht allein den jämmerlichen Anblick meinen vor wenig
Tagen angetrauten Mann von einem SchiffsStücke herunter zu stürtzen und
ertrincken zu sehen sondern musste mir auch gefallen lassen dass ich von unsern
besten Sachen kaum den 4ten Teil zu Lande bringen und retten konnte Allein es
halff mir auch dieses nichts denn die Herren Persianer welche schon von ferne
gesehen hatten was in dasiger Gegend vorgangen war führten sich nicht allein
so unhöflich auf alles das so wir doch schon zu Lande gebracht als ob es ihr
Eigentum wäre hinweg zu nehmen sondern auch mich nebst noch 3 andern jungen
Europæern in die Sklaverei zu führen
O wie winselte seuffzete und weinen ich unterwegs auf der ziemlich
langen Straße bis nach Kandahar und beklagte also nunmehr erst viel zu spät
dass ich nicht bei meinen lieben PriestersLeuten in Amsterdam geblieben wäre
wenn ich aber nun vollends an meinen lieben Bruder gedachte als welcher ein
besser Teil als ich erwehlt hatte so wollten sich meine TränenQuellen fast
durch nichts verstopfen lassen Die 16 Persianer die des Fürsten von Kandahar
Untertanen waren und uns 4 Arrestanten zwischen sich inne führten bezeugten
sich inzwischen ganz höflich und freundlich gegen uns machten nicht allein
kurtze TageReisen von 2 bis 3 Deutscher Meilen sondern verpflegten uns auch
unterwegs wo nur etwas zu bekommen war mit den allerbesten Speisen und
Getränke gaben uns auch mehr des besten Persianischen Weins zu trincken als
Wasser welches wir nur verstohlner Weise trincken mussten Nachdem wie aber die
RastTage mit eingeschlossen fast einen ganzen Monat auf der Reise zugebracht
gelangeten wir endlich auf einem LustSchloss des Fürsten von Kandahar an
welcher eben damals auf demselben nebst seiner Gemahlin residirte Er bezeigte
ein besonderes Vergnügen über die jungen wohlgewachsenen Europæer mich aber
stellte er seiner Gemahlin vor die als sie durch einen Dollmetscher von mir
vernommen wer ich sei und wie meine Umstände beschaffen wären mir so gleich
die gnädige Erklärung tat ich sollte mich beruhigen und vor gar nichts sorgen
sondern in ihren Diensten bleiben da sie denn auf das allermöglichste und beste
vor mein Wohlergehen sorgen wollte
Es war diese Dame eine unvergleichlich schöne und liebreiche Fürstin ja
fast eben so schön als ihre dermahlen sich auf dieser Insul befindende Tochter
Mirzamanda Wie ich nun dieser Fürstin Leutseligund Gütigkeit wegen sogleich
des ersten Tages überführet wurde indem sie ganz und gar kein demütiges
Bezeigen von mir erdulten wollte so gewann ich dieselbe recht von Hertzen lieb
sie aber machte mich in wenig Tagen wirklich zu ihrer HausHosmeisterin
nachdem der Fürst ihr Gemahl denen 3 mitgebrachten wohlgewachsenen Europæern
unter seiner LeibGuarde OffiziersPlätze gegeben und dieselben vorher recht
reichlich beschenkt auch mir ein Geschenke an Gold und SilberWerck
zuschickte das wenigstens 500 Holländische Gulden wert zu schätzen war Bei
dem allen aber blieb der Neid und die Verfolgung des übrigen Fürstlichen
Frauenzimmers nicht lange außen indem sie sahen dass ich in vielen Stücken ein
VorRecht vor ihnen hatte auch mehr befehlen durfte als diese oder jene
Jedoch ich betete fleißig verrichtete alles mir anvertraute mit der größten
Treue und Redlichkeit bemühete mich im übrigen auf alle mögliche aufrichtige
und wohl erlaubte Art mir die Gunst und Gnade meiner Herrschaft durch
Leistung getreuer Dienste zu zuwenden Hierinnen fehlete ich denn auch nicht
sondern der Dollmetscher welcher ein gebohrner Holländer Protestantischer
Religion war versicherte mich dessen zum öffteren welches ich auch ohne dem
daraus abmercken konnte da mich so wohl der Fürst als die Fürstin von Zeit zu
Zeit mit den kostbarsten Geschencken fast überhäufften
Niemand stund mir mehr im Wege als 2 verfluchte Persianische Weiber
welche Anbeterinnen des Feuers waren und der Fürstin die Schwartzkünstlerei
lernen sollten wozu sie ein ganz besonderes Belieben trug es auch binnen
weniger Zeit sehr weit darinnen brachte so dass sie manchen lustigen Possen
anstifften konnte Unter andern kam dem Fürsten einsmahls an bei dem
allerschönsten SommerWetter spazieren zu fahren da aber die Fürstin nicht
mitfahren wollte sondern sich damit entschuldigte dass es binnen wenig Stunden
gewaltig zu regnen anfangen würde wollte sich der Fürst von dieser SpazierFahrt
dennoch nicht abhalten lassen sondern nahm ein gewisses Fräulein auf welches
er vor vielen andern ganz besonders viel hielte zu sich auf den offenen Wagen
weswegen die Fürstin vielleicht aus Eifersucht sprach »Fahret nur hin aber
nicht gar zu weit denn ich will euch bald dergestalt baden dass ihr bald zurück
kommen und euch trocknen sollt«
Der Fürst war also kaum eine halbe Stunde Weges fortgefahren als die
Fürstin allen ihren Bedienten so viel deren nur zugegen waren befahl dass ein
jedes ein mit Wasser angefülletes Geschirr herbei bringen sollte und zwar je
großer je besser Wir gehorsameten demnach alle ihrem Befehle und brachten
eine gewaltige Anzahl großer und kleiner mit Wasser angefülleter Geschirre
setzten dieselben auf den Platz so wie sie nach einander folgten hin da denn
die Fürstin sprach »wir sollten es alle so machen so wie sie es machte« Hierauf
trat sie vor das allergröste WasserFass sprengete mit beiden Händen das Wasser
heraus und gen Himmel zu Wir taten alle dergleichen und nachdem die Gefäße
3 mahl wieder voll gefüllet worden und alles Wasser heraus gesprenget war
sagte sie »Nun hört auf meine Kinder denn sonsten möchten wir die beiden
Verliebten wohl gar ersäuffen ein jeder gehe nun nur hin und tue sich in
Küche und Keller nach seinem Appetite etwas zu gute denn auf Heute ist euch von
mir alles vergönnet und erlaubt«
Es befand sich keiner unter allen HofBedienten so wohl männlichen als
weiblichen Geschlechts der sich diesen letztern Befehl der Fürstin deutlicher
erklären zu lassen gesonnen gewesen sondern es ging ein jeder hin und tat
sich emmahl was rechts zu gute der liebe Fürst aber nebst seiner Fräulein kamen
erstlich nach Verlauffe zweier Stunden zurück und sahen beide aus wie die
gebadeten Katzen worüber die Fürstin ein heftiges HohnGelächter aufschlug
allein da der Fürst vielleicht bemercken mochte dass er sich in etwas gegen
seine Gemahlin vergangen hätte machte er vor dieses mahl aus der ganzen Sache
einen höflichen Spas oder Schertz und ließ sich auf das kalte Bad in eine warme
BadStube bringen auch darinnen gut pflegen käm aber dennoch so wohl als seine
Fräulein in dreien Tagen nicht ordentlicher Weise zur Taffel vielweniger in der
Fürstin als seiner Gemahlin Zimmer
Als dieser Streich kaum vergessen war begab sich bald eine andere
Geschichte Denn da der Fürst eine große Jagd angestellet ließ derselbe bei
seiner Gemahlin anfragen ob es ihr beliebte mit ihm in einem offenen Wagen zu
fahren um diese JagdLust mit anzusehen Hierauf ließ die Furstin zur Antwort
melden wie sie bereit und willig darzu sei indessen sähe sie lieber wenn ihr
Herr Gemahl die Fräulein N zu sich auf seinen JagdWagen nähme da sie denn mit
ihrem Frauenzimmer seinem JagdWagen nachfolgen wollte und zwar in einem
zugemachten Wagen Es wurde demnach die Fräulein N genötigt mit dem Fürsten
auf seinem JagdWagen zu fahren es ließ aber diese zurück melden wie sie es
vor eine besondere Gnade erkennen würde wenn sie die Erlaubnis erhielte dass
sie vor diesesmahl der Jagd zu Pferde reutend beiwohnen dürffte Demnach wurde
ihr der Wille gelassen sie erschien also zu Pferde der Fürst aber mir dem
JagdWagen auf welchem er einen Kavalier an seine Seite genommen die Fürstin
hingegen in einem zugemachten Wagen in welchem ich und noch 2 Frauenzimmer
als ihre Vertrauten bei ihr fassen Wie nun die Fräulein M im vollen Gallop auf
uns zugeritten kam so wurde sie von der Fürstin angeruffen und gefragt Warum
sie sich nicht besserer Bequemlichkeit gebraucht und sich zu dem Fürsten in den
JagdWagen gesetzt dem Kavalier hergegen das Pferd zum Reuten überlassen hätte
Hierauf gab das Fräulein ganz höhnisch zur Antwort Ich fürchte mich vor diesem
JagdWagen weilen besorge dass ich etwa noch einmal möchte gebadet werden
will also lieber reuten denn so schießt das Wasser desto geschwinder vom
Körper ab »Warte warte sagte die Fürstin zu uns die wir bei ihr in dem
Wagen saßen ich will dich reuten lernen gebt nur Achtung meine Lieben was
vor eine artige Reuterei vorgehen soll« Hierauf nahm die Jagd ihren Anfang und
es wurde viel Wildpret erlegt jedoch die Fräulein N welche sich ganz
besonders angelegen sein ließ ihre Künste sehen zu lassen und deswegen ihr
Pferd auf das heftigste strapazirte stürtzte unvermutet mit demselben so
dass sie auf der Erden liegen blieb ehe ihr nun die herzu eilenden Jäger noch zu
Hilfe kommen konnten kam ein entsetzlich großer Bär aus dem Gebüsche hervor
gesprungen kroch mit seinem dicken Kopffe dem Fräulein zwischen die Beine und
huckte sie dergestalt auf seinen Rücken dass sie ordentlicher Weise auf ihm
reuten musste und also trug sie dieser große Bär erstlich über 300 Schritte
weit fort ging auch nicht etwa langsam oder bedachtsam so wie andere Bären
zu gehen pflegen sondern er eilete nicht anders als wenn jemand mit einer
KnotenPeitsche hinter ihm drein wäre Die Fürstin hätte vor Lachen fast
zerbersten mögen als sie dieses Schau Spiel sah und rief immer zum Wagen
heraus Reut zu Reut zu Im Gegenteil waren nicht allein der Fürst sondern
auch alle Jäger dergestalt in ein Schrecken geraten dass sie nicht wussten was
sie tun sollten denn Feuer auf den Bär zu geben oder mit Pfeilen nach ihm zu
schießen schien ihnen gar kein Rat zu sein weilen sie noch leichter das
liebe Fräulein als den Bär verwunden oder gar töten können Deswegen machten
sie ein grässliches Geschrei und bliesen in ihre JagdHörner allein je öfters
sie dieses wiederholten je besser sich der Bär auf das Lauffen begab eben als
wenn er die Sporn bekäme Endlich aber nachdem der Bär seine Reuterin accurat
1000 halbe MannsSchritte getragen hatte warff er sie ab ließ sie liegen und
begab sich wieder in den dicken Wald hinein
Nun lief was Beine hatte um zu erfahren ob das gute Fräulein N noch
lebte oder sich zu Tode geritten hätte allein wir traffen sie zwar noch
lebendig jedoch in einer starken Ohnmacht liegend an weswegen sie in unsern
Wagen getragen mit starken Gewässern und Balsamen fast halb gebadet und
endlich sehr schwach und kranck nach Hause gebracht wurde
Eben dieser Fräulein begegnete einige Zeit hernach noch ein reckt
possierlicher Streich und zwar dergestalt Der Fürst welcher einige Offiziers
und vornehme von Adel beiderlei Geschlechts zu sich eingeladen beredete
dieselben gegen Untergang der Sonnen da die allerangenehmste Witterung war mit
ihm und seiner Gemahlin Lustwandeln zu gehen wie sie nun einen besonders grünen
Platz antraffen so befahl der Fürst dass einige der kostbarsten Erfrischungen
herbei gebracht werden sollten ingleichen etliche Sofa wie nicht weniger einige
Teppiche um sich darauf nieder zu lassen
Als nun dem Befehle gehorsamet worden setzte der Fürst selbst der Fräulein
N einen Sofa zu seiner lincken Hand weilen seine Gemahlin ihm bereits zur
rechten saß allein das Fräulein drehete sich erstlich eine lange Weile um den
ihr gesetzten Sofa herum und schlich sich endlich mit guter Art gar davon
hinweg Da sie wieder zurück kam nötigte sie der Fürst nochmals sich neben
ihn zu setzen da die übrigen Gäste fast Circkelrund um ihn und seine Gemahlin
herum saßen und lagen jedoch das eigensinnige Fräulein verschmähete den Sofa
abermals weswegen der Fürst einen kostbaren Türckischen Teppich zu seinen
Füßen ausbreitete ein Polster darauf legte und sie bat dass sie bei ihm
möchte sitzen bleiben aber wie gesagt der Eigensinn dieser Fräulein wollte
auch dieses nicht zulassen sondern sie nahm ihr SchnupfTuch heraus breitete
dasselbe über einen frisch aufgeworffenen MaulwurffsHauffen und sagte dabei
dieses soll mein Platz sein worauf ich sitzen will Die Fürstin fing hierüber
ganz herzlich zu lachen an und sagte »Liebe Fräulein auf ihrem Platze
möchte ich wohl nicht sitzen denn ich traue den Maulwürffen nicht gar allzu
viel zu« Hierauf gab das Fräulein zur Antwort »Wenn Maulwürffe drinnen sind
und etwas mit mir zu tun haben wollen so mögen sie heraus kommen und sich
zeigen« Nach diesen ausgesprochenen Worten schlich sich die Fürstin auf wenige
Minuten bei Seite und da ich ihr nachfolgte bemerckte ich dass sie sich ein
etwa Fingerslanges Pflöckgen von einem grünen Busche abschnitt und eben dieses
Pflöckgen practicirte die Fürstin mit guter Art und in möglichster
Geschwindigkeit in den unter der Fräulein SchnupfTuche bedeckten
MaulwurffsHauffen da denn ehe 3 Minuten vergiengen immer ein Maulwurff nach
dem andern unter dem SchnupfTuche hervor gekrochen kam und der Fräulein unter
den Kleidungen hinauf laufen wollte worüber denn das gute Fräulein heftig zu
schreien und zu kreischen anfing Es wurden aber endlich der Maulwürffe so
viel die in dem Creise den wir geschlossen hatten herum lieffen dass man sie
fast nicht mehr zählen konnte dabei war lustig anzusehen dass, wenn mit einer
SpitzRute oder Stabe nach ihnen geschlagen wurde sich diese Art von
Maulwürffen augenblicklich in die Luft erhoben und wie die FlederMäuse davon
flogen Es war dieses nun zwar ein HauptSpas allein das gute Fräulein hatte
sich dennoch über die Maulwürffe dergestalt erschreckt und verwandelt dass sie
viele Tage das Bette hüten musste man bekam sie auch gar nicht zu sehen bis auf
den Tag da unsers Fürsten GeburtsTag in größter Pracht gefeiert wurde da sie
denn in einem besonderen HauptSchmucke erschien welcher von Stroh geflochten
war auf die Art wie in Deutchland und Holland die Schaub oder RegenHute
gemacht sind es hatte aber dieser HauptSchmuck die Gestalt eines sehr großen
runden Hutes auf welchem eine ebenfalls von Stroh geflochtene Krone bevestiget
war im übrigen war diese KopfMachine mit Reiher und andern Federn auch
Bändern von allerhand Farben dergestalt ausgezieret dass man sich billig über
diesen Aufsatz verwundern ich auch selbst bekennen musste dass er recht niedlich
war und dem Fräulein ungemein wohl anstunde Die Fürstin aber so bald sie das
Fräulein in einem solchen Aufputze sah hätte sogleich vor Gift und Galle
bersten mogen ja sie biss nicht selten recht die Zähne aus Bosheit zusammen
weilen sie sich wegen der Stroh Krone und den bunten Federn und Bändern eine
ganz wiederwärtige und verdrießliche Vorstellung in ihren Gedanken machte
zumahlen da sie eine ungemein eifersüchtige Dame war
Mittlerweile erschien das Fräulein N mit diesem ihrem HauptPutze bei der
Taffel und der Fürst ließ sich durch Stellungen und Worte so viel vernehmen
dass ihm noch niemals weil er gelebt ein Aufputz eines Frauenzimmers besser
gefallen und vergnügt hätte als dieser weswegen er denn sogleich nach
aufgehobener Taffel der Fräulein ein kostbares mit Jubelen besetztes HalsBand
ingleichen ein paar dergleichen ArmBänder und einen Diamantenen Ring von
großem Werte verehrete
Nun ist leicht zu erachten dass dergleichen Beginnen bei der Fürstin eben
kein besonderes gutes Geblüte müsse verursacht haben Allein sie wusste ihre
GemütsBewegungen um die Lust des Fürsten und aller seiner Bedienten nicht zu
stöhren vor diesesmahl dergestalt klüglich zu verbergen dass man dei ihr eben
keine sonderliche Veränderung merkte
Es begab sich aber an eben diesem Tage noch etwas ganz besonderes denn da
wir alle so viel unserer nur bei Hofe waren durch eine lange Allée spazierten
an deren Ende eine von MarmorSteinen erbauete Kapelle befindlich in welcher
die Andacht verrichtet und vor das fernere Glück und Leben des Fürsten geopfert
werden sollte so führte der Fürst zu erst seine Gemahlin an der Hand der
OberHofmeister aber die Fräulein von N und das andere Frauenzimmer wurde dem
Stande nach von Kavaliers oder Personen ihres gleichen der Kapelle zugeführet
so dass alles Paarweise ging Wie wir aber das Ende der Allée erreicht auf
einem großen grünen Platze etwa eine ViertelStunde stehen blieben und
erwarteten bis uns von den Dervis der Eintritt angekündiget werden sollte
sahen wir in der Luft über uns einen großen Geier daher geflogen kommen
welcher sich erstlich etliche Minuten in der Luft herum schwenckte nachher
aber wie ein Blitz hernieder fuhr und der Fräulein von N den FederHut
zusamt der StrohKrone vom Haupte riss auch selbige in größter Geschwindigkeit
in die Luft führte seinen Flug aber nach dem Indianischen Meere zu nahm
mithin gar bald aus unsern Augen verschwand
Ohngeachtet nun das Fräulein sich über diesen Possen sehr bestürtzt und
verdrießlich erzeigte indem sie mit blosem Haupte in die Kapelle gehen und
opffern musste so hätte doch dieser Possen noch hingehen mögen und leicht
verschmertzt werden können, wenn nicht ein anderer noch weit hässlicherer Possen
darauf erfolget wäre denn da sie aus der Kapelle auf dem Rückwege begriffen
war senckte sich ein fürchterlicher Drache fast bis zu ihrem Haupte hernieder
und besalbete sie mit KuhMiste dergestalt dass sie nicht aus den Augen sehen
konnte wie denn auch ihr Führer nicht verschonet blieb sondern einen ziemlichen
Teil KühMist auf seinem Haupte und Kleidern aufzuweisen hatte
Diese Begebenheit hatte sich die gute Fräulein dergestalt zu Gemüte
gezogen dass sie in eine tödliche Kranckheit verfiel so dass an ihrem Aufkommen
gezweiffelt wurde jedoch nach Verkauff einiger Wochen ließ sie sich zwar wieder
öffentlich sehen begab sich aber bald auf die Reise nach ihren Eltern da man
denn nach der Zeit die Fürstin noch einmal so vergnügt als vorher sah
ungeachtet der Fürst unter dem Vorwande den bevorstehenden den Feldzug gegen
den Myriwegs besorgen zu helfen ebenfalls eine Reise wie er sagte nach
Ispahan antrat und zu baldiger Zurückkunft schlechte Hoffnung machte
So bald als nun der Fürst fort war zog die Fürstin als eine sehr kluge und
vernünftige Frau ihre Hofhaltung fast bis über die Helffte in die Enge
danckte auch viele Bedienten ab denen sie eben nicht sonderlich gewogen war
was aber sonsten ihren KleiderStaat die Taffel und das übrige anbelangete so
kam dennoch alles Fürstlich heraus denn sie lebte propre und delicat ließ auch
ihren Bedienten nichts ermangeln sondern gab denenselben zum öffteren fast
überflüssig was sie vonnöten hatten Sonsten aber hatte sie wenigen Zuspruch
von hohen Personen als welches ihr denn eben nicht ungelegen war unterdessen
kam doch bisweilen ein FestTag da sie sich mit ihren Kavaliers und Dames
vergnügte sonsten aber war ihr HauptVergnügen der GartenBau und dann und wann
die Tagd auser diesen aber lebte sie in ihrem Schloss sehr stille und ruhig
und war mehr und öffterer in ihren Zimmern als auser demselben anzutreffen
Bei solcher Gelegenheit hatte ich zum öffteren das Glück ganze halbe Tage
bei ihr zu zubringen und zwar ganz allein in ihrem Zimmer da wir denn die
Zeit mit allerlei nützlichen Gesprächen zubrachten Wie ich aber mich versichert
sah dass sie eine ganz besondere Gunst und Gnade vor vielen andern auch so
gar vor ihren LandesLeuten auf mich geworffen und gerne sah wenn ich
dreuste und offenhertzig mir ihr redete mir auch niemals etwas übel nahm wie
sie mir denn dieses alles in Holländischer Sprache welche sie zu der Zeit nur
noch verstümmelt redete zum öffteren sehr liebreich zu vernehmen gab so nahm
mir vor es zu wagen ihr einen besonderen Vortrag zu tun
Demnach stämmete ich einstmahls als ich ganz alleine bei ihr im Zimmer
war einen Arm unter den Kopf und ließ etliche Tränen aus meinen Augen fallen
denn sie hatte mir vorher ganz offenhertzig viel von ihren Glücks und
UnglücksFallen erzählt Wie nun die Fürstin mich fragte warum ich Tränen
vergösse und wer mir etwas zu Leide getan hätte gab ich sogleich zur Antwort
mir hat niemand das geringste zu Leide getan diese Tränen aber die ich jetzo
fallen lasse fließen aus einem Jammervollen Hertzen und mitleidenden Augen
beklage anbei nichts mehr als dieses dass Ew Durchl nicht das Glück haben
eine Christin zu sein da sich denn Dieselben in vielen Stücken weit besser
fassen und trösten würden
Was fuhr hierauf die Fürstin als halb erzürnt auf wer hat euch gesagt
dass ich keine Christin wäre fraget den Jacob den KellerMeister der wird mir
Zeugnis geben dass ich eine getauffte Christin bin und das heilige Abendmahl
von einem Holländischen Protestantischen SchiffsPrediger schon dreimal
empfangen habe nach der Zeit aber haben sich meine Umstände dergestalt
verändert dass ich dieser großen Glückseligkeit bis hieher nicht wieder
teilhaftig werden können.
Ich fiel demnach vor der Fürstin nieder auf die Knie küsste vor Freuden
den Saum ihres Kleides und weinete dabei recht bitterlich worauf sie mich in
die Höhe hub und mir mehr als 10 Küsse gab aber dabei befahl dass ich gleich
von Stunde an zu dem KellerMeister Jacob den sie meinen Landesmann hieß weil
er ihr Dollmetscher in Holländischer und andern Sprachen war hingehen und
ihres Christentums wegen mich weiter bei ihm erkundigen diese folgende Nacht
aber bei ihr in ihrem Zimmer bleiben sollte
Dieser Jacob erzehlete mir nun nachdem ich ihm den Befehl von unserer
Fürstin überbracht rechte WunderDinge von dieser Fürstin welche ich
nachzusagen mich zwar wohl im Stande befinde allein es möchte vielleicht die
Geschichte dadurch allzu weitläufftig gemacht werden darum will aus dessen
Munde nur kürtzlich so viel melden dass diese Fürstin als eine Prinzessin eines
benachbarten großen Fürsten zwar als eine Heidin geboren und als eine
Anbeterin des Feuers erzogen worden allein der Himmel hätte sie durch besondere
Wege da sie ungefähr 12 bis 13 Jahr alt gewesen auf ein Holländisches
Schiff geführet welches sie aller Persianer Art nach so wohl von außen als
von innen mit größter Verwunderung beschauet und sich auf das alleräuserste
darüber vergnügt jedoch über alles weiter nichts mehr als über den andächtigen
Gottesdienst der Christen weswegen sie denn gleich gebeten dass man die Güte
haben und sie mit nach Holland nehmen mochte und war ganz heimlich weilen sie
Gold und Juwelen zu Bezahlung ihrer ReiseKosten zur billigen Genüge herbei
bringen wollte Allein da man ihr die Gefahr vorgestellt welche aus dieser
Sache wenn man ihr gleich sonsten gern willfahren wollte entstehen könnte indem
es vielleicht aller auf dem Schiffe befindlicher Menschen Leben auser dem
Verlust der Güter kosten könnte so hätte sie sich nur ausgebeten dass man sie
zu einer Christin machen möchte Wie nun der Prediger ihr gemeldet dass dieses
eine Sache die so leicht nicht angienge indem sie erstlich getaufft hernach
in den Christlichen GlaubensArticuln unterrichtet werden müsste so wäre sie
zwar davon gegangen jedoch nachdem sie sich bei ihren getreuen WaldLeuten
etliche Tage verborgen aufgehalten wieder zurück auf das Schiff gekommen allwo
sie die heilige Tauffe und nach hinlänglichem Unterricht wegen der Christlichen
GlaubensArticul auch zum erstenmahle das heilige Abendmahl selbiges auch nach
der Zeit noch 2 mahl empfangen indem sich das Schiff noch etliche Monate in
selbigem Hafen aufgehalten jedoch weilen vielleicht eine Verräterei bei der
ganzen Sache vorgegangen indem die Prinzessin nach der Zeit nicht wieder zum
Vorscheine gekommen wäre welches aber seine andern ganz besonderen Ursachen
gehabt hätte so wären die Holländer zwar in größter Gefahr gewesen unglücklich
gemacht zu werden allein die Sache hätte sich endlich noch verschlichen
nachdem auf allen ausländischen Schiffen die schärffste Visitation der
Prinzessin wegen geschehen welche Prinzessin denn von ihrem damaligen Liebsten
als dem jetzigen Fürsten von Kandahar gewisser Ursachen wegen wäre auf die
Seite gebracht und auf ein bestes Schloss in Verwahrung gesetzt worden
Jacob erzehlete mir binnen wenig Stunden noch viele seltsame Begebenheiten
dieser Fürstin wegen die ich aber vorjetzo verschweigen und nur dieses melden
will dass die Fürstin nachdem sie ihren Gemahl schon geheiratet ihm dem
Jacob zum öffteren im Vertrauen gesagt wie sie sich auf dieser Welt nichts mehr
wünschte als nur noch ein eintzigmahl getaufft zu werden und auch das heilige
Abendmahl nur noch ein eintzigmahl zu genießen worauf sie gern und willig
sterben und ihre Seele dem gekreuztigten Christo anbefehlen wollte weilen ihr
Zeit ihres Lebens nicht besser zu Mute und ums Hertze gewesen als da sie
getaufft worden und das heilige Abendmahl empfangen hätte In diesem Stücke nun
hätte er nämlich der Jacob seinem wenigen Verstande nach zwar ihr vielen
Unterricht gegeben was nicht allein vor ein Unterscheid zwischen den beiden
Sakramenten nämlich der heiligen Tauffe und des heiligen Abendmahls wäre indem
die Christen nur ein eintzigmahl getaufft zu werden brauchten nachher aber als
bussfertige Sünder das heilige Abendmahl so oft als sie ihr Gewissen drückte
verlangen und genießen könnten inmittelst aber käme es bloserdings auf den
wahren seligmachenden Glauben an Christum und dessen Verdienst an wenn man die
Seligkeit erlangen wollte Wie nun Jacob bezeugte dass er ihr als ein
einfältiger Protestantischer Christ nicht mehr als so viel beibringen können
so hätte sich die Fürstin doch jederzeit dergestalt eifrig und er picht darauf
erwiesen dass er sich darüber verwundern müssen Deswegen bat er mich auf den
kleinen Grund den er in der Fürstin Hertzen und Gewissen geleget ferner fort
zu bauen vor allen Dingen aber dahin bedacht zu sein dass sie die Persianischen
2 ZauberWeiber als Anbeterinnen des Feuers mit guter Art von sich schaffte
da wir denn allebeide nebst noch einer dritten Person binnen kurtzer Zeit eine
rechte gute Christin aus ihr machen wollten
Demnach hatte mir Jacob bei meiner ersten Besuchung zur Zeit mehr als genug
gesagt Als ich demnach zu behöriger Stunde mich bei meiner Fürstin einstellete
und dieselbe auskleiden helfen befahl sie mir da die andern weggiengen noch
etwas zu verweilen indem sie noch ein und andere HausGeschäffte mit mir zu
überlegen hätte allein es war weit gefehlt denn so bald die andern fort
waren fingen wir ein christliches Gespräch an da sie mich denn zu allererst
fragte ob ich mit dem Jacob ihrentwegen gesprochen und da ich solches mit Ja
beantwortete führte sie mich in ihr geheimes Zimmer und brachte nicht allein
eine Holländische Bibel sondern auch noch mehrere Protestantische Bücher alle
sehr sauber eingebunden herbei und sagte Diese Bücher verwahre ich besser
als alle meine Kleinodien und Schätze weilen ich in Gegenwart anderer Personen
darinnen zu lesen mich nicht getrauen darff deswegen muss zum öffteren die
MitternachtsStunden mit zu Hilfe nehmen nur ungestöhrt und ganz alleine zu
sein Nunmehr aber sagte sie weiter habe ich keine Furcht mehr denn wenn ich
ja darüber betroffen werden sollte so will ich sagen dass es eure Bücher wären
die ich nur bisweilen zum Zeitvertreibe durchblätterte Inmittelst werde mich
da ihr nun bei mir seid eiferiger als jemals bemühen mich im wahren
Christentume zu üben um eine vollkommene Christin zu werden denn ich will
durchaus nicht als eine Heidin sterben nach meinem Tode aber wenn es meine
Feinde erfahren haben mögen sie mit meinem Körper machen was sie wollen
Dieser Vorsatz und die übrige Aufführung der Fürstin strengeten mich dahin
an dass ich mein Leib und Leben gern und willig vor sie gelassen hätte
unterdessen fiössete ich ihr aber immer bei guter Laune diejenigen Lehren ein
welche mir mein lieber Amsterdamer Priester in das Hertz und in den Kopf gesetzt
hatte welche denn immerzu bei ihr Statt funden nur aber hatte ich zu bedauern
dass mir die Persianischen ZauberWeiber immerzu in den Weg traten und
gemeiniglich dasjenige verderbten was ich als eine einfältige Christin in der
Fürstin Hertzen gesäet und gepstantzet hatte
Wenige Nächte darauf nachdem die Persianischen Zauberinnen der Fürstin fast
nicht von der Seigte gekommen ließ mich dieselbe ziemlich späte zu sich ruffen
da sie mir denn treuhertzig offenbarete dass ein gewisser benachtbarter Pr
bei Gelegenheit des Abwesens ihres Mannes dasjenige zu erhaschen suchte warum
er sich schon seit einiger Zeit viele vergebliche Mühe gegeben Deswegen sollte
ich doch bei ihr bleiben und nur mit ansehen wie sie diesen verliebten
Ehebrecher abfertigen wollte möchte aber nur sagen in was vor Gestalt er vor
uns erscheinen sollte ob als ein Ochse Löwe Bär Hirsch oder anderes wildes
Tier oder als ein Vogel von dieser oder jener Art da sie denn sich mit ihrer
Kunst sogleich nach mir richten und ihren Liebhaber den sie aber nimmermehr
lieben wollte sogleich in der MitternachtsStunde zur Stelle schaffen wollte
Ohngeachtet ich nun die Fürstin hierbei ganz inständigst bat diese Possen
zumahlen in Abwesenheit ihres Herrn Gemahls bleiben zu lassen so ließ sie doch
nicht ab mich zu quälen bis ich da sie sich hoch und teuer verschworen dass
mir nicht das geringste Leid wiederfahren sollte endlich sagte Ey so lassen
Sie ihn in der Gestalt eines Papagoyen kommen damit sie doch nur etwas mit ihm
sprechen können Worauf sie mir zur Antwort gab Versteckt euch hinter die
Tapeten und wartet nur eine einzige halbe Stunde so soll er da sein Ihrem
Befehle gehorsamete ich und versteckte mich hinter die Tapeten ward auch
gewahr dass nachdem sie ein großes Fenster eröffnet und selbst noch etliche
WachsLichter angezündet hatte ein Papagoy zum Fenster herein gehüpft kam und
sich fein säuberlich auf der Fürstin NachtTisch setzte auch ohngenötiget
allerlei Arten von Konfituren in seinen krummen Schnabel nahm und dieselben
verschlunge ja er entblödete sich nicht nachdem ihm die Fürstin eine ziemlich
große silberne Schaale voll Wein eingeschenckt erstl hertzhaft zu trincken
hernach sich darinnen zu baden Ich vor meine Person konnte mich des lauten
Lachens fast nicht mehr enthalten da aber der Papagoy und die Fürstin mit
einander zu schwatzen anfiengen spitzte ich die Ohren und hörte ganz lustige
Begebenhetten hielt mich aber so still als nur immer möglich war bis der
Papagoy in die Schaale hackte mitlerweile auch noch viele Stücke Konfect zu
sich genommen hatte da ihm denn die Fürstin die Schaale noch einmal voll
schenckte woraus er sich erst dicke und satt soff hernachmahls zum andernmahle
badete sodann auf der Fürstin weiß gemachtes Bette zuflog und dasselbe
ziemlicher Massen verunreinigte allein die Fürstin nahm sogleich ihren weißen
Stab klopffte damit 3 mahl auf den Tisch da denn der Papagoy sogleich wie
eine Taube zum Fenster hinaus flog weilen er zumahlen vielleicht mein Husten
hinter den Tapeten mochte vernommen haben
Wie gefiel euch diese Begebenheit fragte mich die Fürstin Ich konnte nun
nicht anders sagen als dass ich über den Papagoy und dessen Aufführung hätte
herzlich lachen müssen Ihr habt wohl recht redete die Fürstin weiter
gewisser Ursachen wegen hätte ich ihn wohl einiger Massen züchtigen sollen
allein es mag ihm vor diesesmahl geschenckt sein doch Morgen Nachmittags sollt
ihr eure Lust sehen wie ich die geilen Böcke und brünstigen Hirsche züchtigen
kann und will Denn es haben so wohl der Jazzan als der ArabOgli als welche
ihr alle beide wohl kennet mich daher fast täglich mit unkeuschen Briefen
gequälet und verlangt dass ich ihnen einen geheimen Zutritt und gehorsamste
Aufwartung bei mir zu machen vergönnen möchte Um nun diese geilen EhrenDiebe
los zu werden so habe sie auf Morgen beide zu einer gewissen Stunde in das im
großen Garten befindliche LustHaus bestellt als in welchem ich mich zu einer
bestimmter Stunde wollte antreffen lassen es weiß aber keiner von des andern
Suchen und Verlangen ungeachtet sie beide auf einerlei SchandWegen gehen
Wenn sie nun kommen so sollt ihr meine liebe Anna eure Lust sehen wie ich
diese Bösewichter bezahlen will
Demnach begab sich die Fürstin des andern Tages gleich nach der
MittagsMahlzeit in das LustHaus des großen BaumGartens und lockte zugleich
12 bis 16 große mittelmäßige und kleine Hunde hinter sich her die sie alle
zusammen in das unterste große Zimmer des LustHauses einsperrete die Fürstin
aber ging mit mir höher hinauf allwo wir denn einige herbei geschafte
Erfrischungen zu uns nahmen und die Ankunft der Herren Liebhaber abwarten
wollten ihnen auch unter vielen SchertzWorten beständig entgegen sahen Wie nun
der Fürstin die Zeit etwas zu lang zu werden begunte so ging sie selber hin
und machte die große HinterTür des BaumGartens auf wobei ich bemerckte
dass sie viele kleine Pflöckgen schnitzte und dieselben nicht allein bei der
TürSwelle sonden auch hie und da in die Erde einschlug
Endlich kam sie zu mir in das obere Zimmer herauf zurück befahl dass Kaffée
vor sie zubereitet werden sollte wie nun dieses aber schon geschehen war so
tranck sie etliche Tassen und gab unterdessen beständig Achtung auf die Tür
worauf wir denn gar bald einen ungemein großen Hirsch der ein vortreffliches
Geweihe auf seinem Kopfe trug eintreten sahen Seht liebe Anna sagte die
Fürstin das ist der ArabOgli aber lasset ihn nur näher kommen bis der Bock
Jazzan auch eingetreten ist Dieses geschahe nun nach Verlauff ewta einer
Stunde da den Jazzan so bald er nur die TürSchwelle überschritte sich
sogleich in einen SteinBock verwandelte Beide Tiere machten sich einander
entgegen u es schien mir nicht anders als ob sie ordentlicher Weise mit
einander Sprache hielten Jedoch die Fürstin vergönnete ihnen nicht lange Zeit
sondern ging hinunter in das unterste Zimmer wo die Hunde eingesperret waren
tipfte jeden Hund mit ihrem weißen Stabe auf den Kopf und ließ nachher die
Hunde auf einmal alle heraus da denn im Garten eine solche KaterJagt
entstunde dass ich die ich oben an einem kleinen GatterFenster saß mich fast
hätte mögen zum Narren lachen Diese Jagd währete fast über 2 Stunden bis so
wohl der Hirsch und der SteinBock als die Hunde ganz abgemattet und ermüdet
auf dem Platze liegen blieben Endlich aber nachdem so wohl der Hirsch als der
SteinBock ihren Rückweg genommen kamen auch die Hunde nachdem ihnen die
Fürstin ein Zeichen mit einem JagdHörnlein gegeben ganz unbeschädigt zurück
so wohl wie ihr gesagtes Wild denn ebenfalls unverletzt geblieben und sich auf
ihre Straßen begeben hatte
Diese Jagd mag ich wohl den HauptSpas nennen welchen ich jemals in meiner
ganzen LebensZeit gehabt ja ich hatte mich wirklich über das Springen des
Hirsches und des SteinBocks dergestalt zu Schande gelacht dass ich es nachher
fast in 8 Tagen nicht verwinden konnte
Dergleichen lustige Streiche spielete die Fürstin in nachfolgenden Tagen und
Zeiten noch viel mehrere die ich aber vorjetzo eben nicht auf das Tapet bringen
will weilen meine Geschichts Erzählung sonsten gar zu weitläufftig werden
möchte da ich sie aber eines Abends in größter Andacht bei der Bibel und andern
christlichen Büchern sitzend antraff und die Fürstin mich fragte »Nun meine
liebe Anna wie hat euch meine bisherige Aufführung gefallen« so gab ich ihr
zur Antwort Ungemein wohl gnädigste Fürstin allein wie stimmer Christus und
Belial zusammen Sie wollen eine getauffte Christin sein und heißen und
treiben doch so viele Wercke woran der Satan den größten Teil hat das
Christentum aber Gefahr läufft Ich schlug ihr hier auch das Kapitel in der
Bibel auf worinnen gemeldter Spruch benebst der ganzen Geschichte zu lesen
ist und hielt ihr dabei eine kleine Buss und GesetzPredigt wie ich dieselbe
von meinem lieben Amsterdamer Priester sehr öfters gehört hatte da sie denn
auf einmal angelobte diese ZauberPossen hinführo bei Seite zu legen und die
SchwartzKünstlerinnen unter einem guten Vorwande mit reichlichen Geschencken
begabt von sich zu schaffen Dieses gelobte sie mir mit Tränen an hielt auch
ihr Wort denn die Persianischen ZauberWeiber und Anbeterinnen des Feuers
wurden mit guter Manier fortgeschickt worauf sich denn die Fürstin zu meinem
allergrößten Vergnügen angelegen sein ließ das Christentum auf das
allerfleissigste auszuüben nach der Zeit aber den Jacob nebst seiner Frau die
ebenfalls eine Protestantin war und mich zu ihren Vertrauten erwehlete
Demnach machten wir binnen wenig Wochen unserer Einfalt nach aus der
Fürstin eine rechte gute Christin denn sie lebte dergestalt ordentlich und
stille dass an ihrem ganzen LebensWandel nichts auszusetzen war Ihr Vergnügen
aber suchte sie zu gewissen Zeiten auf der Jagd und bei dem GartenBau als
worinnen ich ihr zur Verbesserung desselben verschiedene Anweisungen gab die
ihr nicht allein sehr wohl gefielen sondern sie spürete auch gar bald die Lust
und den Nutzen davon
Unvermutet kam der Fürst ihr Gemahl von Ispahan zurück bezeigte sich
ungemein vergnügt seine Gemahlin in so gutem Wohlstande und besserer Verfassung
anzutreffen brachte auch derselben recht ungemein kostbare Geschenke mit ja
auch die allergeringsten Bedienten wurden von ihm sehr reichlich beschenckt Er
hielt sich damals 2 ganzer Jahre in seiner Residentz bei seiner Gemahlin auf
und binnen dieser Zeit wurde gegenwärtige Prinzessin Mirzamanda von meiner
werten Fürstin zur Welt gebracht Als nun jetzt gemeldter Fürstin die
GeburtsSchmerzen ankamen und zwar in einem mitten im Walde gelegnen großen
JagdHause verlangte sie mit aller Gewalt dass ich bei ihr bleiben sollte ob
ich nun zwar vorschützte wie ich eine Frau wäre die wohl einen Mann aber doch
niemals ein Kind gehabt hätte mich also zu dergleichen Begebenheiten ganz und
gar nicht schickte so musste doch der Fürstin Wille erfüllt werden und ich
fast gezwungener Weise um nicht etwa die Ungnade des Fürsten zu verdienen bei
der Fürstin bleiben welche ganz heimlicher Weise nach dem Jacob und seiner
Frau schickte und dieselben zu sich beruffen ließ Nachdem nun Jacob nebst
seiner Frauen in denen MitternachtsStunden sich bei ihr eingestellet ließ sie
diese beiden sogleich zu sich in ihr Zimmer kommen als in welchem ich mich ganz
allein zu ihrer Aufwartung befand nahm das kaum vor 48 Stunden glücklich zur
Welt gebohrne Kind aus der Wiege heraus gab es mir auf die Arme und sprach
Ich beschwöre euch alle 3 Personen bei dem allmächtigen GOtte und der ganzen
Hochheiligen Dreifaltigkeit dass ihr drei Personen mir dieses mein neugebohrnes
Kind auf Christi Blut und Gerechtigkeit nach Christlicher Art und Weise
tauffen sollt und dessen TauffZeugen werden wollt indem ich durchaus nicht
haben will dass diese meine Tochter als eine Anbeterin des Feuers der Sonne
Mond Sterne oder anderer Getzen soll auferzogen werden
Hierauf nahm ich die kleine Mirzamanda mit uns in ein kleines NebenZimmer
allwo sie Jacob nach heiligem Gebrauche tauffte und ihr den Nahmen Christiana
beilegte den Heiden zu Gefallen nenneten wir sie aber jedennoch immer noch
Mirzamanda und zwar aus Furcht
Mitlerweile war keins von den Heiden das geringste von dieser Begebenheit
gewahr worden und die Fürstin beschenkte den Jacob und seine Frau ungemein
reichlich nachdem ich ihr meinen Bericht wegen der glücklich abgelauffenen
Tauffe abgestattet hatte Ich hatte das Glück KinderFrau bei dieser jungen
artigen Prinzessin zu werden und hatte 3 KinderMägde unter meinem Befehle
die das Kind nach meiner Verordnung auf das allerbeste und behutsamste warten
und pflegen mussten
Der Fürst hatte eine ungemeine Freude bei dem Anblicke dieser seiner schönen
Tochter allein er konnte dieselbe nicht lange genießen indem er abermals nach
Ispahan zu reisen sich gezwungen sah da er denn länger außen blieb als wir
gedachten endlich aber plötzlich zurücke kam und die unangenehme Zeitung
mitbrachte Was Massen es alle Umstände nicht anders erforderten als dass er
selbste mit zu Felde und dem Feinde entgegen gehen müsste Demnach wurde sein
Feld und KriegsGerätschaft gleich in geschwinder Eille zu rechte gemacht
die Fürstin aber wollte damals sich nicht aus dem Siñe reden lassen ihrem
Gemahle zu folgen ungeachtet sie ihr säugendes Kind hatte welches kaum ein
und ein halb Jahr alt war ihr Gemahl auch ihr selber aufs beweglichste
zusprach nur dissmal noch mit ihrem Kinde zu Hause zu bleiben weilen sie sich
ganz und gar keiner Gefahr zu besorge hätte Allein weilen sie so gesinnt war
dass ihr der Wille der einmal in das Hertz und Kopf gestiegen war durchaus
erfüllt werden musste so hatte sie ehe keine Ruhe bis man ihre
FeldReiseGerätschaft auch zu rechte machte da sie denn ihrem Gemahle so zu
sagen auf dem Fuße nachfolgte ich aber benebst der kleinen Prinzessin mussten
auch mitreisen Die Reise zwar war eben nicht allzu beschwerlich indem wir
abwechselten und uns bald in Wagens bald auf Kamele oder Elephanten setzten
nach Gefallen aber in Sänften konnten tragen lassen allein es gefiel mir
dennoch nicht hergegen stellte sich die junge Prinzessin dergestalt lustig und
munter dabei an als ob sie zum Reisen geboren wäre Es ging aber in diesem
FeldZuge sehr scharff her und vor uns am allerschärffesten denn da unsere
Völcker eines Morgens von den Feinden geschlagen und zerstreuet worden kamen
von den Unseringen viele um den Wagen herum worinnen die Fürstin und die kleine
Prinzessin fassen die ich auf meinem Schoss und in meinen Armen hatte welche
uns insgesamt warneten ja nicht weiter zu fahren woferne wir nicht ein Raub
der Feinde sein wollten die gleich hinter ihnen wären gaben anbei den Rat dass
wir lieber aussteigen und uns in dem dicken Gebüsche verbergen sollten Die
erschrockene und beängstigte Fürstin nachdem sie auf ihr Fragen ob ihr Gemahl
noch lebte berichtet worden dass er noch gesund sei und sich dem Feinde immer
noch tapfer wiedersetzte fasste den jählingen Schluss aus dem Wagen zu
steigen und sich in das dicke Gebüsche zu begeben Indem sie nun ausstieg
befahl sie mir ihr mit dem Kinde auf dem Fuße nachzufolgen auch eine Flasche
Wein nebst der eingepackten kalten Küche und etwas Konfect hinter ihr
herzutragen indem sie recht sehr durstig und hungrig wäre Ich machte mich
sogleich fertig ihr zu folgen und traff die gute Fürstin auf einem großen
Steine unter einem grünen Strauche sitzend an gab ihr ihre liebe Tochter in die
Arme welche sie sogleich an ihre Brust legte ich aber ließ mich unter dem
Steine zu ihren Füßen vieder und legte mein Haupt in ihren Schoss Kaum war
dieses geschehen da ein schneller Pfeil aus dem gegen über stehenden Gebüsche
heraus geflogen kam und accurat über meinem Haupte in der Fürstin schöne Brust
fuhr so dass ich fast vom Haupte bis zu den Füßen mit ihrem FürstenBlute
gefärbt ja recht eingetränckt wurde denn sie war ein sehr vollblütiges
Frauenzimmer
Das allerjämmerlichste Spectacul dergleichen ich Zeit meines Lebens
niemals mit Augen gesehen und wobei mir selber das Hertz im Leibe recht
blutete fiel mir dergestalt empfindlich dass ich von einer würcklichen Ohnmacht
befallen wurde zumahlen da ich indem ich meine Augen noch in etwas empor hub
beobachtete dass die kleine ebenfalls mit Blut befärbte Mirzamanda mit beiden
Händen und zwar aus äusersten Kräfften beschäfftiget war den Pfeil aus ihrer
Mutter Brust heraus zu reißen weswegen ich denn vollends in eine so starke
Ohnmacht geriet dass ich von meinen Sinnen nicht wusste und weder sehen noch
horen konnte
Jedoch nach Verlauff etwa einer halben Stunde begunten sich meine Geister
in etwas wieder zu ermuntern da ich denn gewahr wurde dass nicht allein der
Fürstin sondern auch meine ja so gar der kleinen Prinzessin Kleider
ausgesucht jedoch aber wieder hingeworffen wurden Ihrer 4 von den Feinden
aber hatten die besondere Gefälligkeit den schönen Körper der Fürstin auf
etliche mit ihren Säbeln abgehauene grüne Reiser auf ein grünes Plätzgen zu
legen und denselben mit noch mehr grünen LaubReisern zu bedecken und zwar
sehr stark Dieses gefiel mir in so weit ganz wohl da aber einer von den
Feinden kam und mir das Kind aus den Armen riss auch mit demselben davon
eilete folgte ich ihm auf dem Fuße nach Es begegneten mir zwar einige
feindliche Soldaten welche sich über meinen seltsamen blutigen Habit
verwunderten jedoch mich ohngehindert gehen ließ so dass ich beobachten
konnte in welche Hütte das Kind getragen wurde So bald ich demnach dieses
gewahr worden machte ich mich ganz dreuste in die Hütte hinnein indem ich
mich darauf verließ dass ich noch ungemeine kostbare Kleinodien Diamanten und
andere Edelgesteine oben in dem Neste meiner Haare unter der Haube verborgen
hatte als worauf sich vermutlich unsere Plünderer nicht mochten besonnen
haben Wie ich nun die Sache weiter untersuchte so befand es sich dass meine
Prinzessin in die Hütte einer feindlichen OffiziersFrau geraten deren Mann
von mittelmässigem Range war so bald mich aber das kleine Ding nur zu sehen
bekam hörte es nicht auf zu ruffen Ah mi Anna Ah mi Anna Die Leute
verwunderten sich ungemein über den Verstand dieses Kindes wollten also unter
der Hand von mir erforschen wem dieses Kind zugehörete jedoch da ich in
vielen Tagen nicht vom Hinterteile einer Henne gespeist hatte müsste mich ein
törichter Geist regiert haben wenn ich gesagt hätte dass diss die einzige
Prinzessin des Fürsten von Kandahar wäre Nein das tat Frau Anna nicht
sondern weilen ich befürchtete dass man vielleicht ein etwa allzu starckes
LöseGeld vor diese kleine Prinzessin fordern möchte so sagte ich sie wäre die
Tochter eines Obristen von der Reuterei welcher wie ich schon vernommen im
letzteren Treffen geblieben ihre Mutter aber nachher durch einen unvermuteten
PfeilSchuss getödet worden
Zu meinem Glück ließ sich ein Jude im Lager erblicken da ich denn bei
NachtsZeit mein Nest aufmachte und 3 Diamanten von ziemlichem Wert heraus
langte diese 3 Diamanten nehete ich sogleich in meinen lincken Ermel trennete
hernach in Gegenwart aller Anwesenden und des Juden dieselben wieder heraus und
sagte Dieses ist es alles was ich und mein Kind von der Plünderung übrig
behalten haben der Jude aber verliebte sich sogleich in die Diamanten und
bezahlete mir dieselben noch so ziemlich dergestalt dass ich nicht allein von
selbigem Gelde unsere ZehrungsKosten bei der OffiziersFrau sondern auch
diejenigen voraus bezahlen konnte die mich von da an bis Kandahar zu begleiten
sich von selber angaben welchen ich noch dreimal so viel zu geben versprach
als ich ihnen schon gegeben hatte woferne sie uns nur glücklich hin nach
Kandahar brächten
Der Himmel halff dass wir diese beschwerliche Reise nach vielen zurück
gelegten Tagen und Nächten glücklich überstunden indem kein Fuhrwerck zu
bekommen war und ich mit dem Kinde zu Fuße nicht wohl fortkommen konnte Den
Fürsten traffen wir zu Hause an und er stellte sich über den Verlust seiner
Liebste nachdem ich ihm alle Begebenheiten recht umständlich erzählt fast
untröstlich an doch bemerckte ich dass die Fräulein von N in wenig Tagen
wieder bei Hofe zum Vorscheine kam weilen aber dieses mich nichts angieng als
war meine HauptSache die Prinzessin welche der Herr Vater als seinen
AugApfel liebte auf das allerbeste zu warten und zu pflegen wie nun der Fürst
nicht allein meine Treue und Fleiß sondern auch die besondere ja ganz
ungemeine Liebe welche seine einzige Tochter gegen mich hegte in Betrachtung
zog so gab er dieser seiner Tochter einen eigenen Pallast ein bestellete mich
zur Hofmeisterin und Pflegerin über dieselbe wie auch noch mehrere Bediente
und richtete im übrigen die Hofstadt dieser kleinen Tochter dergestalt ein dass
ich dieselbe mit einem Worte Fürstlich nennen will
Bei meiner kleinen untergebenen Prinzessin versäumete ich also nichts ihr
das Christentum sogleich in der zarten Jugend einzuflößen weswegen ich denn
so viel als nur immer möglich war die Heidnische Bedienung von ihr abhielt und
zurücke trieb hergegen den Jacob nebst seiner Frauen und noch einer am Hofe
befindlichen Protestantischen Christin an mich zog mit deren Beihülffe ich ihr
nicht allein die Holländische Sprache so ziemlicher Massen reden lernete
hauptsächlich aber im Christentume unermüdet unterrichtete denn Jacob war ein
Mann der so zu sagen fast einen Priester und Prediger vorstellen konnte
Demnach erlernete die Prinzessin immer nach und nach die auserlesensten
christlichen Gebete und Psalmen auswendig sprechen mit Singung ein oder
anderer geistreicher Lieder durfte es sehr selten wagen weilen die Heiden
sogleich die Ohren darüber spitzeten unterdessen lehrete ihr Jacob das Lesen
Schreiben und Rechnen wobei sie denn ihren ungemeinen Verstand zu unserm
Vergnügen dergestalt blicken ließ dass wir in eine erstaunliche Verwunderung
darüber gerieten Unter allen Tugenden aber welche diese Prinzessin gleich in
ihrer zarten Jugend von sich blicken und spüren ließ war die Verschwiegenheit
wohl eine von den vornehmsten HauptTugenden denn sie hatte dergestalt reinen
Mund zu halten gerlernt dass sie alles dasjenige was ihr auszusagen verboten
wurde bei sich behielt eben als wenn es in einen Stein eingegossen wäre
Der Fürst wohnete nicht allein allen Feldzügen bei damaligen schweren
Kriegen in eigener Person bei und kam offtermahls sehr stark verwundet zurück
so bald er aber nur halwege ausgeheilet war nahm er immer eine weite Reise nach
der andern vor so dass wir uns seiner Gegenwart wenig zu erfreuen hatten
Mittlerweile lieffen die Jahre eines nach dem andern dahin und Mirzamanda
wurde endlich mannbar da denn der Fürst als er einstmahls plötzlich wieder von
Ispahan zurück kam sich über ihre schöne Person und ganze Aufführung ungemein
erfreuete Er beschenckte nicht allein mich sondern auch alle Bedienten
dergestalt reichlich dass wir fast darüber erstauneten rühmte und lobete anbei
unsern Fleiß und Bemühung wegen guter Auferziehung seiner einzigen liebsten
Tochter über alle Massen und versicherte uns seiner ferneren beständigen Gnade
Meine Person bildete sich vor allen andern so wohl auf das beigelegte Lob
als wegen der empfangenen kostbaren Geschenke nicht wenig ein und sah mit
Vergnügen dass der Fürst mit seiner einzigen liebsten Tochter auf das
allerzärtlichste und zwar bei allen Gelegenheiten umgieng
Allein das Spiel bekam binnen wenig Wochen ein ganz anderes Ansehen denn
nachdem der Fürst seine Prinzessin nicht allein sehr öfters mit sich auf die
Jagd sondern auch zu andern Lustbarkeiten genommen wollte er sie bei gewissen
FestTagen auch dahin zwingen seinem AbgötterDienste mit beizuwohnen und
sonderlich das Feuer und die Sonne Mond und Sterne anzubeten wie sich nun die
Prinzessin dessen in vielen Stücken geweigert hatte seinen Willen zu
gehorsamen so wurde der Fürst zornig so wohl über die Prinzessin als mich
und ließ uns alle beide in unsern Zimmern mit davor gestellten Wachten
gefänglich verwahren nachdem er zu der Prinzessin diese Worte gesprochen »Wo
ich mich nicht irre so wirst du ganz gewiss eine Christin sein und ich will
darhinter kommen wer dich darzu gemacht hat denn das Christentum hat deine
Mutter um ihr annoch sehr junges Leben gebracht«
Anfänglich wurde mir angst und bange jedoch da ich mich mit der Prinzessin
in einem Zimmer befand welches nur durch eine leichte TapetenWand in etwas
unterschieden war wir auch die kostbarsten Speisen und Getränke ingleichen
sonsten alles was wir verlangten im Uberflusse bekamen fasste ich mir auf
einmal einen Mut in Hoffnung wenn auch die ganze Sache heraus käme und
bloß auf mich allein geschoben würde mir der Hals dennoch dieserwegen eben
nicht könnte gebrochen werden es wäre denn dass Gewalt vor Recht gienge Jedoch
meine Sorgen und Bangigkeiten waren dessfalls vergebens denn der Fürst gewöhnete
sich bald an dass er alle Abende zur Prinzessin kam und das SchachSpiel mit
ihr spielete als in welchem Spiele sie ungemein fertig und glücklich war Bei
dieser Gelegenheit aber hatte der Satan sein Spiel und verleitete den Fürsten
dahin dass er seiner leiblichen Tochter Unzucht zumutete derselben auch unter
den größten Schmeicheleien und großen Versprechungen seine heftige Liebe
antrug und um die Erfüllung seines Willens auf das allersehnlichste anhielt
Wie ich nun über diese Begebenheit recht erstaunete so fand mich doch bald auf
das allerkräfftigste getröstet da ich vernahm denn ich konnte durch ein
verborgenes SchauLoch alles sehen und hören was in der Prinzessin Zimmer
vorgieng dass sie die Versuchungen ihres Vaters vornemlich aber des Teufels
mit einem heldenmütigen Geiste von sich abschlug Was Massen sie den
christlichen Glauben angenommen bekennete sie freimütig und dabei dieses dass
sie niemand sonsten mehr und heftiger darzu verleitet hätte als ihre
unglücklicher Weise verstorbene leibliche Mutter und der auch noch in ihrem
Tode zu Gefallen wollte sie eine Christin bleiben bis an ihr Ende man möchte
auch mit ihr machen was man nur immer wollte indem sie gewiss glaubte dass ihre
Mutter die eines zwar schmertzlichen Todes gestorben dennoch aber ganz gewiss
in der seligen Ewigkeit sich befinden müsse weilen dieselbe so lange bis ihr
der letzte Atem ausgegangen immer die beiden Worte JEsus CHristus
ausgeruffen und eben dieses wäre ja der Mann der alle Menschen die an ihn
glaubten selig machen könnte
In diesem Stück begieng die Prinzessin keine Lügen denn so bald der Pfeil
der verstorbenen Fürstin in die Brust fuhr rief sie gleich zu dreien mahlen
JEsus JEsus Christus und wiederhohlete diese Worte so lange bis ihr der
letzte Atem entgieng dannenhero ich diese Fürstin eben nicht gänzlich
verdammen kann zumahlen da ihre übrige LebensArt in allen Stücken sehr wohl
eingerichtet war ausgenommen was die PossenSpielereien aus der Schwartzen
anbetrifft weswegen wenn ich ihr dann und wann wohl öfters das Gewissen
rührete sie mir aber zur Antwort gab Ihr seht ja liebe Anna das dieses nur
ein NarrenWerck und GauckelSpielerei ist womit ich zwar einen und den andern
zuweilen am Leibe jedoch niemals gefährlich geschweige denn an der Seele
beleidige mithin da das allermeiste von meinen Künsten und Wissenschaften
natürlich zugehet ich aber mit den bösen Geistern ganz und gar keine
Gemeinschaft habe so kann dieses eben nicht allzu sehr wider das Christentum
streiten Jedoch sagte sie denn öfters im rechten Ernste ich kann ja alle
diese NarrensPossen ohne besonderen HertzensZwang bleiben lassen
Damit ich aber in meiner GeschichtsErzählung den KrebsGang vermeide und
nicht wieder auf das schon vorhin gemeldete gerate so will nur dieses weiter
berichten dass der Fürst über die tapfermütigen und hertzhaften Worte die
seine Tochter in gröstem Eifer vorbrachte dergestalt in Zorn gebracht wurde
dass er plötzlich von seinem Sofa aufstund und sich von dannen nach seinem
Zimmer begab ohne wie er sonsten zu tun pflegte der Prinzessin einen Kuss auf
eine geruhige Nacht zugeben Mir fing schon ehe ich mich noch zu Bette legte
etwas Ubels zu träumen an doch da ich mich hingelegt hatte kam die
Prinzessin scharrete sich bei mir ein und klagte mit weinenden Augen die nie
erhörten Versuchungen ihres leiblichen Vaters welchen sie zwar entgegen
gesetzt dass dieses was er von ihr verlangte eine so wohl bei Christen
Heiden Juden ja auch bei den allerungezogensten Völckern eine verdamte und
verfluchte Sache sei allein er bliebe immerzu auf diesem Vorurteile bestehen
»dass wer den Baum gepflantzet hätte der habe auch das Recht die ersten
Früchte davon zugeniessen etc« Wie ich nun aber vollkommen überzeugt wurde dass
die Prinzessin einen recht gräulichen Abscheu vor diesem Laster nämlich der
Unzucht hauptsächlich aber der Blutschande hatte so stärckte ich dieselbe in
ihrem Glauben und zeigte ihr nach meiner Einfalt dass dieses eine allen
göttlichen weltlichen und natürlichen Gesetzen und Rechten platterdings zuwider
lauffende Sache sei Wesswegen sie mir auch mit heißen Tränen angelobt sich
auf solche Art nimmermehr betören zu lassen sondern in diesem Stück ihrem
Vater jederzeit den alleräusersten Wiederstand zu tun und wenn es auch ihr
Leben kosten sollte
Folgenden Morgens wurde Mirzamanda befehliget sich in schneller Eile
anzukleiden und zu rechte zu machen weilen sie mit dem Fürsten ihrem Herrn
Vater ausfahren sollte Sie gehorsamete nahm Abschied von mir und ihre Fahrt
ging nach einem uralten HeidenTempel zu bei welchem ein solenner Götterdienst
und Opferung angestellet war die Prinzessin aber ließ sich in keinem Stücke
weder durch gute noch durch DrohWorte des Fürsten dahin bewegen auch nur die
geringste Zeremonie mit zu machen sondern sie führte sich so wie ich ganz
stille und gelassen dabei auf wollte auch nicht einmal etwas von der
Heidnischen OpferMahlzeit genießen indem sie sich aus gewissen Ursachen ein
Gewissen darüber machte
Noch selbigen Abends da der Fürst kaum nach Hause gekommen war kam er
alsobald in der Prinzessin Zimmer herauf gegangen und stellte seine Tochter
recht sehr scharff zur Rede und zwar um dessentwegen dass sie nicht alles
mitgemacht und sich so bezeigt wie er selber getan hätte Die Prinzessin gab
hierauf ganz freimütig zur Antwort Mein Vater und Fürst du wollest mir alles
das was ich des vergangenen Tages verfehlet zu Gnaden halten und mir
dieserhalb Vergebung angedeihen lassen Denn mir als einer getaufften Christin
ist nicht erlaubt auch den geringsten GötzenDienst zu begehen vielweniger den
Götzen zu opfern oder von der dieserwegen von den Heiden angestelleten Mahlzeit
etwas zu genießen wie mich denn die heilige Schrifft dieses lehret zumahlen
da ich in meiner heiligen Tauffe durch den Mund und Zungen meiner 3
TauffZeugen dem Teufel so wohl als allen seinem Werck und Wesen gänzlich
abgesagt anbei mich verbindlich gemacht weiter an nichts zu glauben als an die
hochheilige Dreifaltigkeit nämlich Vater Sohn und heiligen Geist ferner aber
meine LebensArt so einzurichten wie sie mir in der heiligen Bibel als dem
wahren Worte Gottes vorgeschrieben ist
So bist du denn schon getaufft fragte der erzürnte Fürst weiter Ja mein
Fürst und Vater versetzte ihm die Prinzessin ich bin getaufft im Nahmen der
Hochheiligen Dreifaltigkeit anbei auf CHristi Blut und Gerechtigkeit Wer hat
dich getaufft fragte der Fürst noch ferner Das hat Jacob getan und zwar auf
ausdrücklichem Befehl meiner seligen Mutter erwiderte die Prinzessin und eben
dieser Jacob nebst seiner Frauen und meiner Anna als meiner PflegeMutter
die mir bis hieher viel Gutes erwiesen sind die Zeugen meiner christlichen
heiligen Tauffe
Uber diese verwegenen und dreusten Reden wurde der Fürst dergestalt
verdrießlich dass er abermals ganz zornig von seinem Sofa aufsprung weiter
kein Wort sagte sondern stillschweigend davon ging Da uns aber des andern
Tages die MittagsMahlzeit welche in einer Schüssel voll mit Wasser gekochtem
Reiss und etwas Brod und Wasser bestunde durch die Bedienten herbei gebracht
wurde erfuhren wir von ihnen dass der Fürst gestern Abend noch ganz spät den
Jacob und seine Frau in Ketten und Banden schließen auch in ein wohl
verwahrtes Gefängnis legen lassen Bei so gestalten Sachen hatten ich und meine
Mirzamanda keine besonders geruhige Nacht zumahlen die AbendMahlzeit eben
nicht besser als die MittagsMahlzeit gewesen war jedoch es fanden sich unter
den Bedienten noch etliche Getreue welche uns nicht allein alles was wir
bedurfften und zwar auf mancherlei listige Art zuschaften sondern auch von
allem dem was bei Hofe vorgieng Nachricht brachten
Des Fürsten Zorn da er seine einzige Tochter so zu sagen mit blosem
Wasser und Brod gespeist verschwand aber binnen 3 Tagen da er denn ganz
freundlich kam und sie zu einem neuen SchachSpiele mit ihm zu spielen
nötigte von den alten Geschichten und Begebenheiten gedachte er gar nichts
endlich aber fragte er wo denn die Anna wäre wie nun die Prinzessin
antwortete dass dieselbe in einem NebenZimmer vielleicht schon schlieffe so
fing er abermals an seine GemütsRegungen bei der favorablen NachtZeit zu
Tage zu legen und die Prinzessin dahin zu verleiten seinen geilen Begierden
Gehör zu geben um sogleich seinen Willen zu erfüllen Allein die hertzhafte
Prinzessin stund auch diesen Kampf mit himmlischer Hilfe ritterlich aus bis er
sie nach noch vielen gebrauchten Schmeicheleien endlich mit gröstem Ungestüm
beängstigte und das was er in Güte nicht erhalten konnte nunmehr mit
stürmender Faust zu erobern trachtete Der Prinzessin Hilferuffen war
vergebens indem ich mich scheuete ihr wegen der vor unserer Tür stehenden
Wache zu Hilfe zu kommen deswegen hörte ich nur noch dieses dass die
Prinzessin sagte Wäre es doch kein Wunder wenn sich der Körper meiner seligen
Mutter noch in der Erden umwendete und ein DonnerWetter erregte welches einen
so gottlosen Vater und mich unschuldige Tochter sogleich im Augenblicke
verderbete die ich durchaus keine Hure vielweniger eine Blutschänderin werden
sondern lieber als eine Christin leben und sterben will
Kaum hatta Mirzamanda diese Worte bei deren Anhörung mir die Haare fast zu
Berge stunden ausgeredet da sogleich ein entsetzlicher Donnerschlag geschahe
und 2 DonnerKeile in unserm Zimmer aus einem Winckel und Ecke in die andere
lieffen auch dergestalt im Zimmer herum schwärmeten dass wir insgesamt
gedachten dieses wäre die letzte Stunde unseres Lebens Als aber nach Verlauff
etwa einer haben Stunde Blitz Donner Hagel Regen und ein grausamer SturmWind
sich nicht mehr hören sehen noch spüren ließ wurden wir zwar einiger
Massen wieder lebendig befanden aber dass der Fürst auf dem FaulBettgen
ohnmächtig ausgestreckt lag dessen LeibHund aber welcher unter dem Tische
lag war dergestalt von den herum schweiffenden DonnerKeilen verletzt worden
dass er nicht auf den Beinen stehen konnte sondern so zugerichtet dass er hinweg
getragen werden musste wie denn dieser sein LeibHund auch wenige Stunden nach
dieser Begebenheit verreckte Der Fürst hingegen wurde nachdem wir ihn mit
starken Gewässern und Balsamen wieder zu sich selber gebracht auf eigenes
Verlangen in sein SchlafGemach geführet
Mir war gleich nicht wohl bei der Sache indem ich gedachte dass der ohne
dem zornige und erschrockene Fürst uns das Bad würde austragen lassen da wir
aber gedachten dass er vielleicht so bald nicht wiederkommen würde kam er
sogleich des zweiten Vormittags darauf und brachte den Jacob nebst seiner
Frauen mit da er denn zu seiner Tochter sagte »Siehe diese habe ich noch
deinetwegen begnadigt du solt mir aber durchaus keine Christin bleiben weilen
ich etwas ganz anderes zu meinem und deinem Nutzen mit dir vorhabe und wenn du
mir nicht folgen wilst so kostet es dir dein Leben«
Als er dieses gesagt musste sogleich ein Scheerer herein in das Zimmer
treten welcher der Prinzessin alle ihre schönen schwartzen Haare von dem Haupte
abschneiden und abscheeren musste Sie hielt gedultig stille wie ein Lamm da
aber dieses geschehen trat eine verfluchte alte Persianische
Schwartzkünstlerin die ich sehr wohl kannte in das Zimmer herein welche in
jeder Hand ein BügelEisen hatte welche alle beide fast halb glüend zu sein
schienen
Demnach sagte der Fürst zu seiner Tochter Siehe weil du wider mein Wissen
und Willen mir Wasser getaufft bist so will ich dich nunmehr zu meinem
Vergnügen mit Feuer tauffen lassen Hierauf gab er der alten verfluchten Bestie
einen Winck und sagte öffentlich dass sie ihr Amt redlich verrichten sich an
nichts kehren und seine Tochter gar im geringsten nicht verschonen sollte
Demnach fing das verfluchte Weib der Prinzessin Kopf dergestalt mit dem halb
glüenden Eisen zu bügeln an dass ich fast darüber in Ohnmacht gesuncken wäre
zumahlen da die Prinzessin unter währenden Bügeln 3 laute Schreie tat
Jedoch weil sie einen recht heldenmütigen Geist hatte so erhohlete sie sich
bald wieder wir aber sahen in der Kürtze auf dem Kopfe verschiedene ziemlich
große BrandBlasen auflauffen weswegen wir ihr denn ihre Haube aufsetzen
wollten allein sie wollte es durchaus nicht leiden sondern stund im blosen
Kopfe auf ging auf ihren Herrn Vater zu und küsste ihm die Hand Dieser
sprach zu ihr Siehe meine Tochter nun bist du mit Feuer getaufft und diese
FeuerTauffe ob sie dir gleich etwas schmertzlich gewesen soll dir doch wohl
besser geraten und nutzen als die schlechte WasserTauffe Hierauf versetzte
die hertzhafte Prinzessin Ich habe die Hoffnung zu meinem Erlöser JEsu
CHristo dass mir diese marterhafte FeuerTauffe an meiner SeelenSeligkeit
nicht schaden sondern er mich vermöge seines Wortes durch die WasserTauffe
und den wahren Glauben an ihn den ich in meinem Hertzen hege nach meinem Tode
zu sich in sein Paradiess nehmen werde
Man sah es dem Fürsten an seinen Augen an dass er über diese Antwort seiner
Tochter vor Zorn Gift und Galle fast hätte platzen und bersten mögen jedoch
er ging ganz stillschweigend fort und wie wir aus den Fenstern sehen konnten
in dem BlumenGarten in tieffen Gedanken spatziren herum
Wenige Stunden nach dieser Begebenheit da meine Augen noch lange nicht
trocken waren wurden uns beiden so viel der besten Speisen und Wein zugebracht
dass sich mehr als 10 Personen damit sättigen können Wir verschmäheten
dieselben nicht sondern gaben alles unsern Aufwärtern und der WachePreis da
aber ein Artzt ankam und sich meldete die Prinzessin an ihrem BrandSchaden zu
verbinden wiese sie denselben mit den Worten ab diese Tauffe wenn sie nicht
ganz und gar vom Teufel wäre müsste wohl von sich selbst den zurückgelassenen
Schaden heilen sie wusste aber wohl dass ich noch eine ziemliche große Büchse
voll BrandSalbe stehen hatte welche ich übrig behalten da ich mir kurtz
vorher mit heißem Wasser den ganzen Schenckel verbrandt
In nachfolgenden Tagen wurden uns ebenfalls die besten Speisen und Getränke
zugeschickt wobei wir erfuhren dass der Fürst abermals eine weite Reise
ohne Zweifel aus GewissensAngst angetreten jedoch hinterlassen hätte uns
Zeit seiner Abwesenheit auf das allerschärffste zu bewachen bis er nach seiner
Zurückkunft andere Mittel ausfinden würde
Die Prinzessin war froh da sie erfuhr dass ihr tyrannischer Vater
weggereiset wäre noch weit vergnügter aber wurde sie als eines Abends der
getreue Jacob nebst seiner Frauen in unser Zimmer eingetreten kamen als welche
die SchildWächter mit Gelde so wohl als mit WeinFlaschen bestochen hatten
Wir hielten insgesamt ein vertrauliches Gespräch mit einander, da er sich denn
gegen uns erklärete dass weilen in dem HauptHafen dieses Reichs einige
Holländische Schiffe vor Ancker lägen er seine Barschaften zusammen nehmen
und nebst seiner Frau nach Europa überschiffen wollte indem er schon einige
Anstalten darzu gemacht wären nun wir zum mitreisen geneigt so wollte ersehen
dass er uns mit fortelffen könnte denn er merkte wohl dass es so wohl vor die
Prinzessin als vor mich höchst gefährlich wäre länger allhier zu bleiben
vorjetzo aber könne er uns als ein WeinHändler wohl fortelffen Man sagt
sonsten im gemeinen Sprichworte Wer gerne tantzt dem ist leichte gepfiffen
und dieses traff bei mir ein denn ich kann nicht leugnen dass ich mich herzlich
nach Europa sehnete und vielleicht wieder in mein Vaterland zu kommen
verhoffte indem ich einen ziemlichen Schatz an Kleinodien Diamanten und andern
kostbaren Edelgesteinen gesammlet welchen ich meistenteils der Freigebigkeit
meiner seligen Fürsten zu dancken hatte Wie nun die Prinzessin diesen meinen
Entschluss gewahr wurde fiel sie mir zu Füßen und bat mich mit heißen
Tränen sie mit nach Europa unter die Christen zu nehmen denn sie wollte sich
und mich mit Kostbarkeiten dergestalt beladen dass wir alle beide schwer und
sauer genug daran zu tragen haben sollten Ohngeachtet ich nun dieses Vornehmen
der Prinzessin als ein allerhöchst gefährliches Werck vorstellete indem es
erstlich sehr schwer halten würde durch die Wachen zu kommen vor das andere
wenn man uns auf der Flucht ertappte unser Leben in der allergrößten Gefahr
stünde so ließ sie sich doch von ihrem Vorhaben nicht abwendig machen Als wir
demnach 3 Tage und Nächte auf unsern Knien gelegen und Gott mit heißen
Tränen gebeten dass er unsere Flucht befördern und uns glücklich Europa
bringen möchte so wagte es die Prinzessin und gab zweien Heidnischen Mägden
eine wichtige Geld dass sie mit uns ihre Kleider vertauschten indem die
Prinzessin vorgab dass sie um nur an die frische Luft zu kommen eine
Wallfahrt auf 3 Tage nach dem uralten HeidenTempel tun und hernach wieder
zurück kommen wollte Es war dieses allerdings ein recht verzweiffelter Anschlag
und Vorhaben zu nennen allein da Jacob auch die Wache nicht nur mit Gelde
sondern auch mit vielen WeinFlaschen abermals bestochen ja alle unsere
Wächter mit dem besten Weine dergestalt begeistert hatte dass sie fast von ihren
Sinnen nicht wussten kamen wir in den MitternachtsStunden glücklich durch die
Wache und zum Schloss hinaus Jedennoch hatte der Satan sein Spiel dass wir des
rechten Weges den uns Jacob abgezeichnet hatte auf welchem wir ihn und seine
Frau antreffen sollten verfehleten uns in einem dicken Gebüsche verirreten und
endlich folgenden Morgens durch die Jäger des ArabOgli gefunden erkannt und
als Gefangene auf das Schloss ihres Herrn gebracht wurden
Demnach gerieten so wohl ich als die Prinzessin in die alleräuserste
Verzweiffelung weilen wir wohl wussten dass dieser ArabOgli vor einiger Zeit
ein unglückseliger Buhler der Fürstin gewesen Wie ich nun aber am allerbesten
ausreden konnte auf was Art ihn dieselbe abgefertiget hatte so wurde mir desto
banger um das Hertze ja ich vermeinte nicht anders als dass wir unsern
baldigen Tod wenigstens aber ein sehr schweres Gefängnis würden zu hoffen
haben Allein das Schicksal fügte es ganz anders denn ob ich zwar in dem
Letzteren nicht gefehlt indem uns ArabOgli auf eins seiner vestesten Schlösser
brachte so ließ er doch die Prinzessin nachdem er ihrer Person wegen
vollkommene Kundschaft eingezogen auf das allerbeste verpflegen wobei denn
ich auch eben keine Not litte
Wenige Tage hernach schickte Arab Ogli zwei ganz vernünftige Weiber an die
Prinzessin welche ihr ganz höflich und geschickt vorzutragen wussten wie sich
dieselbe ja nicht einbilden sollte dass sie eine solche Gefangene wäre
vermittelst deren er der Arab Ogli da er mit dem Fürsten von Kandahar in
einigem Streite und Wiederwillen lebte etwa seinen Hohn oder Schimpff zu rächen
gesonnen wäre Nein keineswegs deswegen sollte sie nur gutes Muts sein und
alles fordern und befehlen womit ihr gedienet werden könnte denn ArabOgli
würde gegen Abend selber kommen sie zu besuchen bei solcher Gelegenheit aber
sich deutlicher gegen sie die Prinzessin erklären
Ob nun schon diese letztere so wohl als ich wünschten uns lieber in dem
wilden Walde oder in einer Wüstenei zu befinden als mit dem Feinde des Fürsten
von Kandahar fernerweit etwas zutun zu haben so sahen wir uns doch halb
gezwungener Weise gemüssigt in die Zeit zu schicken und ihm den Zutritt zu
vergönnen als welchen wir ihm wenn wir es bei dem Lichte betrachteten ohnedem
nicht verwehren konnten indem wir uns ja in seiner Gewalt befanden
Demnach kam Arab Ogli Abends nach der Taffel da wir in unserm Zimmer
bereits die WachsKertzen angezündet hatten und weilen er die Prinzessin bei
ihrem NachtTische sitzend und in einem geistlichen Buche lesend antraff so
warff er sich gleich augenblicklich zu ihren Füßen hin und redete dieselbe
meines Behalts ungefähr mit folgenden Worten an »Prinzessin Mirzamanda ihr
steht in der falschen Einbildung als ob ihr meine Gefangene wäret allein
hierinnen irret ihr euch viel zu sehr denn weilen ihr die Königin und
Beherrscherin meines Hertzens so bin ich im Gegenteil eurer Gefangener ja
euer alleruntertänigster Sklave und zwar von der Stunde an da ich das Glück
gehabt eure Anbetenswürdige Person als das vollkommene ja noch weit schönere
Ebenbild eurer gestorbenen Mutter zu erblicken Glaubet ja nicht dass ich Schuld
bin an eurer so genannten Gefangenschaft oder es meinen Jägern anbefohlen
habe euch aufzuheben und zu mir zu führen Nein ich beteuere nochmals bei
dem Zeugnis aller Götter und allen dem was heilig über und um uns heist dass
ich ein solches nicht getan da aber das Glück eure Person unverhoffter Weise
in meine Verwahrung geführet so sehe ich solches als eine gute Vorbedeutung an
durch diese eure Person mit eurem Durchl Vater dem Fürsten von Kandahar bald
vollkommen vereinigt zu werden und zwar durch eine glückselige Vermählung
zwischen euch und mir«
Mirzamanda schickte sich damals meinen Gedanken nach ziemlicher Massen
in die Zeit indem dieselbe den ArabOgli von der Erden aufzohe und ihm eine
und andere kleine Schmeicheleien erwiese auf die HauptSache aber gab sie zu
diesem erstenmahle eine fast ganz spröde heraus kommende Antwort jedoch der
in sie allzu heftig verliebte Ogli vermeinte vielleicht dass sie es nach und
nach schon etwas näher geben würde Demnach besuchte er sie nicht nur auf das
allerfleissigste sondern versuchte auch durch die allerkostbarsten Geschenke
vortrefflichste Bewirtung und allerhand Schmeicheleien sie dahin zu bewegen
ihn zu lieben ja er ließ aus unserm Zimmer 2 Felder ausschlagen und 2
Treppen anlegen vermittelst deren wir und zwar durch die eine oben hinauf in
eine große Gallerie steigen und uns aus den vielen Fenstern weit und breit
umsehen mithin frische Luft schöffen könnten Aufer dieser oben hinaus
lauffenden Treppe wurde noch eins andere in die Tieffe angelegt wobei er uns
die Freiheit gab so oft als es uns nur immer gefällig wäre hinunter in den
großen Baum und LustGarten zu steigen in welchem Garten denn auch
verschiedene wilde Tiere als Löwen Leoparden Tygertiere und dergleichen
andere wilde Bestien mehr in ordentlichen vor sie erbaueten Gehäusen aufbehalten
wurden ohne diese unbeschreibliche Menge der großen und kleinen Vögel von
allerhand Arten Zuweilen wenn ArabOgli selber in das LustHaus kam
worinnen sich die Prinzessin befand ließ sich in etwas von ferne bald eine
sanfte bald aber eine starke Musique hören An den herrlichsten Erfrischungen
war kein Mangel vielmehr der größte Uberfluss und mit wenig Worten zu sagen so
suchte sich ArabOgli der Prinzessin auf alle nur ersinnliche Art dergestallt
gefällig zu machen dass sie ihm ihr Hertz schencken und zu ihrem zukünftigen
EheGemahl erwählen sollte Allein die Prinzessin wurde bei allen seinen
Liebkosungen und Schmeicheleien von einer Zeit zur andern immer unempfindlicher
ja sie konnte den ArabOgli fast nicht mehr vor ihren Augen sehen Endlich
besonne sich dieser noch auf ein Mittel um sie zur Liebe zu reitzen indem er
die besten Komoedianten bestellete welche auf der Gallerie die verliebtesten
SchauSpiele spielen mussten da denn nicht allein die Prinzessin sondern auch
ich ohne von jemanden gesehen zu werden alles was vorgestellt wurde
beobachten konnte Da aber auch dieses nichts bei der Prinzessin verfangen wollte
im Gegenteil sie diese NarrensPossen nach wenig Tagen gar nicht mehr anzusehen
würdigte wurde ArabOgli endlich verdrießlich ja so zu sagen gänzlich in
den Harnisch gejagt weswegen er der Mirzamanda nachher so oft er sie
besuchte nicht halb so freundlich begegnete als vorher Bald darauf legte er
derselben einige Briefschaften vor welche ihr Vater als der Fürst von
Kandahar seinem Sagen nach eigenhändig sollte geschrieben haben und in
welchen Briefen Mirzamanden von ihrem Vater anbefohlen wurde das Beilager mit
dem ArabOgli als seinem neuen werten Freunde und liebsten SchwiegerSohne
auf das allereiligste zu vollziehen indem er bald selber kommen und sie
besuchen wollte Allein Mirzamanda merkte den Betrug und die List weilen sie
ihres Vaters Hand und Siegel besser kannte weswegen sie sich gegen den
ArabOgli nochmals weigerte dem väterlichen Befehle zu gehorsamen sondern es
so lange anstehen zu lassen versprach bis ihr Vater selber käme und ihr das
Wort in den Mund gäbe
Hiermit war dem Fasse der Boden eingestossen denn ArabOgli ging nur nach
der Türe des Zimmers und murmelte viele Worte mit der davor stehenden Wache
welche wir aber nicht alle vernehmen konnten bis endlich etwa eine Stunde
hernach der Fürst von Kandahar als der Prinzessin Vater in unser Zimmer herein
gebracht wurde jedoch in einer sehr jämmerlichen Gestalt und über dieses alles
noch dass er eiserne Ketten und Banden an Armen und Beinen trug Hier sollte nun
die EheStifftung geschlossen werden allein nachdem die Prinssessin eine kleine
Ohnmacht überstanden sagte sie so wohl zu ihrem Vater als dem ArabOgli dass
sie viel lieber des allerbittersten Todes sterben als des ArabOgli Gemahlin
werden wollte
Der Fürst ihr Vater versetzte hierauf »Siehe meine Tochter wir sind
unter die Hände unserer Feinde geraten ob uns die Götter wieder daraus
erretten wollen solches müssen wir abwarten ich aber als Vater zwinge dich
zu keiner unanständigen Heirat sondern überlasse dir dessfalls deinen eigenen
Willen weilen ich versichert bin dass es dir am Verstande nicht fehlt«
ArabOgli mochte sich zwar über diese Worte nicht wenig ärgern allein er
ging nochmals zum Zimmer hinaus und redete mit der darvor stehenden Wache
kam auch bald wieder zurück und etwa eine 4tel Stunde hernach wurde der Fürst
von der Wache mit seinen tragenden Ketten abgefordert und zurück geführet In
den MitternachtsStunden kam Ogli abermals in der Prinzessin Zimmer und suchte
dieselbe mit den allerglättesten Worten zu seiner Liebe zu bewegen da aber
dieses geschehen zumahlen da sie ihren Vater in Ketten und Banden gehen und
hinweg führen sehen so war sie fast in eine kleine Raserei geraten
dergestalt dass sie dem Arab Ogli die schändlichsten Reden anzuhören gab
Dieser ungeachtet man meinen sollen er würde sich zur Ruhe begeben und
Mirzamanden auf dissmahl zu Frieden lassen unterstunde sich dennoch derselben
auf das allerheftigste zuzusetzen ja seine Geilheit trieb ihn so weit sie
mit Gewalt darzu zu zwingen auch alle Kräffte daran streckte seinen
verfluchten Zweck zu erreichen allein Mirzamanda wehrete sich auch dergestalt
dass ich mich nur verwundern musste wo sie die Stärcke und Kräffte herbekam sich
diesem starken Manne zu widersetzen Endlich ruffte sie mich um Hilfe an
allein ich war kaum durch die halb eröffnete Tür in ihr Zimmer hinein getreten
als mich ArabOgli mit größter Gewalt zu Boden warff so dass ich die Beine in
die Höhe kehren musste und mich weiter fast nicht besinnen konnte doch hörte
ich noch so viel dass er zur Prinzessin sagte »Siehe weil du meinen Willen
nicht erfüllen wilt so will ich deinen Vater vor deinen Augen erwürgen lassen«
Mit Endigung dieser Worte ergriff er die Prinzessin in der Mitte des Leibes
stieß die Tür auf so auf den großen Saal ging und trug dieselbe dadurch
hinaus Ich war einiger Massen wieder zu mich selbst gekommen deswegen folgte
ich ihnen auf dem Fuße nach bis auf den großen Saal da ich denn so viel
vernahm dass ArabOgli denen daselbst befindlichen Wächtern befahl dass sie
seinen Befehl ohne einen Augenblick zu versäumen ausrichten sollten
Demnach wurde sogleich der gute Fürst herbei gebracht ihm in der
Geschwindigkeit eine Schnur um den Hals geworffen und er damit erdrosselt so
dass er sich auf dem Boden ohne einen Laut von sich zu geben zu Tode zappeln
musste Hergegen machte Mirzamanda ein desto größer Geschrei hielt sich aber
auf diesem unglückseligen Platze nicht lange auf sondern eilete in ihr Zimmer
zurück Was halff aber dieses denn ArabOgli folgte ihr auf dem Fuße nach
warff sie abermals mit der größten Gewalt nieder drohte ihr auch mit einem
entblöseten Dolche sie damit zu erstechen woferne sie sich nur im
allergeringsten ferner wiedersetzen würde Jedoch die behertzte Mirzamanda runge
dem EhrenSchänder den Dolch glücklich aus den Händen heraus und versetzte ihm
in größter Geschwindigkeit 8 bis 10 Stiche in die Brust und in den Unterleib
so dass er gar bald darnieder sanck und seinen Geist aufgab
Ich hätte sogleich in Ohnmacht sincken mögen da ich durch mein GuckeLoch
diese jämmerliche MordGeschichte mit ansah allein der Prinzessin
erstaunliches Zeter und MordGeschrei trieb nicht allein diese zurück sondern
lockte auch etliche Mann von der Wache herbei welche sogleich die Tür
eintraten um zu sehen was vorgienge Wie nun diese Mannschaft sah
welchergestalt sich ihr Herr auf dem Boden in seinem Blute herum weltzete
lieffen sogleich einige derselben zurück um diese Begebenheit der Schwester des
ArabOgli zu berichten denn es hatte dieser geile Herr weder Frau noch Kinder
sondern sich schon eine lange Zeit daher mit Huren beholffen Gemeldte Schwester
des ArabOgli blieb erstlich eine lange Weile stehen als ob sie versteinert
wäre nachdem sie dieses Spectacul erblickt hatte endlich aber tat sie ihren
Mund auf und sagte »Prinzessin Mirzamanda welcher böse Geist hat euch
verleitet diesen meinen Bruder als einen regierenden Fürsten auf so grausame
Art zu ermorden Mirzamanda gab hierauf zur Antwort Ich habe einen
vermaledeieten Nachsteller und Räuber meiner Ehre welche aber der Himmel mir
bis hieher dennoch erhalten hat mit seinem eigenen Dolche ermordet und zwar
ohne andere Beihülffe mit meiner eigenen Faust ob er ein regierender Fürst
oder euer Bruder sei darum bekümmere ich mich wenig weilen ich als eine
gebohrne Prinzessin wegen dieser meiner begangenen Tat hauptsächlich niemanden
anders als dem Dreieinigen GOtte und zwar als eine getauffte Christin Rede
und Antwort zu geben mich schuldig zu sein versichert halte«
Die Schwester des ArabOgli erholete sich einiger Massen wieder von dem
gehabten Schrecken führte sich nachdem sie etwas Wein und Konfect zu sich
genommen hatte ungemein liebreich und artig gegen Mirzamanden auf ersuchte
auch dieselbe ihr noch in ein ander NebenZimmer zu folgen Diese tat es und
ich hörte dass beide in Geheim bis zu Aufgang der Sonnen ein recht
vertrauliches Gespräch unter einander führten So bald aber solchergestalt der
Tag angebrochen war kamen viele Männer mit Gewehr in unser Zimmer herein
getreten die Mirzamanden und mich in eiserne Ketten und Banden schließen
ließ hernachmahls in ein wohlverwahrtes Gewölbe brachten welches gleich
unter unserm Zimmer und unter der Treppe war durch welche wir in den Garten
hinab steigen konnten So bald wir in diesem seltsamen Behältnisse angelanget
sprach ich zu meiner Prinzessin Nunmehr wird uns wohl unser letzteres Brod
schon gebacken sein Diese aber gab ganz freimütig zur Antwort Glaubet es
nicht meine liebe Anna wir werden nicht sterben sondern leben bleiben müssen
um des HErrn Werck zu verkündigen
Mittlerweile ließ uns die Schwester des ArabOgli mit den allerbesten
Speisen und Geträncken versehen welche allemahl credentzt wurden damit wir uns
nicht etwa einen Eckel oder gar die Einbildung machen möchten als ob etwa Gift
darinnen befindlich wäre ja die Prinzessin offenbarete mir das ganze
Gespräch welches sie mit der Schwester ihres Feindes gehalten und weilen diese
nunmehr die regierende Fürstin wäre so wollten wir unverzagt und gutes Muts
sein zumahlen da sie gewiss versichert worden dass es nicht ihr Vater sondern
ein anderer Missetäter von der Gestalt des Fürsten von Kandahar gewesen sei
welchen ArabOgli bloß ihr der Prinzessin zum Schrecken erdrosseln lassen Ich
ließ mir vor meine Person alles vorschwatzen so viel sie nur immer wollte
unterdessen aber wurde wenige Tage hernach Mirzamanda vor ein peinliches
HalsGerichte auf den großen Saal gefordert auf das allerschärffste ausgefragt
und verhört worauf ihr als einer Mörderin des regierenden Fürsten das Urteil
dermaßen ausgesprochen wurde dass sie auf einem 12 Ellen hohen
ScheiterHauffen lebendig verbrand werden sollte
Nach angehörtem Urteil hielt Mirzamanda in Persianischer Sprache eine Rede
die bald eine Stunde lang währete denn es waren mehr als 5 bis 600 Menschen
auf dem Saale versammelt jedoch ging erstlich alles ganz stille zu nachher
aber tat diese ihre bewegliche Rede unter so vielen Personen verschiedene recht
Bewundernswürdige Würckungen denn manche fingen zu heulen und zu schreien an
manche schlugen die Hände über den Köpffen zusammen klatschten auch wohl
dabei noch manche stampfften mit den Füßen auf die Erde und spyen nach der
Decke und den Wänden des Saales zu Demnach wusste Mirzamanda so wenig als ich
zu begreiffen was wir uns unsers ferneren Schicksals wegen zu getrösten hätten
Jedoch die nunmehr regierende Fürstin ließ uns beide durch eine sichere Wache
in unser voriges Zimmer begleiten folgte auch bald nach und unterredete sich
abermals mit Mirzamanden bis der Tag fast anbrechen wollte Aus ihren Reden
vernahm ich so viel dass der Fürstin der Tod ihres gottlosen Bruders eben nicht
allzu nahe ging denn sie tröstete Mirzamanden auf das allerliebreichste und
sagte zuletzt Es wird zwar vor euren Augen gleich morgendes Tages ein
ScheiterHauffen gemacht werden allein darauf sollt ihr meine Schwester so
wenig kommen als eure Frau die ihr bei euch habt sondern ich muss nur einigen
meiner missvergnügten Untertanen einen blauen Dunst vor die Augen machen an
eurer Stelle aber will ich zwei Mordbrennerinnen auf den ScheiterHauffen
bringen und verbrennen lassen Ihr hingegen sollt durch mich zu gehöriger Zeit
in Sicherheit gebracht werden weil ich die Christen weit mehr liebe als die
Heiden
Leichtlich ist es zu erachten dass da nach dem Abgange der Fürstin wir
unsere Ruhe suchten selbige jedoch keinesweges genießen konnten vielmehr die
wenigen SchlafZeitsStunden mit tausend sorgsamen Grillen hinbrachten indem
wir uns auf der Fürstin als einer Heidnischen Prinzessin Wort eben so sehr
nicht verlassen konnten mithin zwischen Furcht des Todes und des Lebens
schwebeten und zwar auf eine solche jämmerliche und schmertzhafte Art nämlich
auf einem ScheiterHauffen verbrannt zu werden Allein wir wendeten uns mit
einem andächtigen Gebete zu dem Allmächtigen damit er dieser Heidnischen
Fürstin Hertz regieren und unser Leben erhalten wolle Dieses Gebet wurde
erhöret Denn ungeachtet wir mit dem allergrößten Schrecken den abscheulich
hohen ScheiterHauffen aufrichten sahen so wurden wir doch bald getröstet
weilen die Fürstin in unser Zimmer kam und Mirzamanden verschiedene Kleinodien
von hohem Werte einhändigte anbei sagte »Nehmet dieses wenige meine
werteste Schwester auf den Notfall mit auf die Reise denn ich habe euch zwei
PilgrimsKleider machen lassen auch schon zwei Mägde bestellt welche mit
zweien Körben die mit Lebens Mitteln angefüllet sind euch die richtige Straße
zur Klause des frommen und heiligen Einsiedlers Urbani zeigen sollen welcher
heilige Mann wenn ihr nur einen Gruß an ihn von mir bringt alles mögliche
anwenden wird euch in Sicherheit zu schaffen Deswegen haltet euch bereit und
reisefertig denn ich will euch selbst in der MitternachtsStunde abholen und
durch die kleine HinterTür des großen Gartens führen allwo die beiden Mägde
eurer warten sollen Haltet euch also nicht auf sondern setzt eure Reise in
möglichster Geschwindigkeit fort denn gleich mit Anbruch des Tages wird der
ScheiterHauffen angezündet werden der dem Mordbrennerinnen keines Weges aber
vor euch zur Bestraffung auf meinen Befehl aufgeführet worden«
Nachdem die Fürstin unser Zimmer verlassen fielen Mirzamanda und ich auf
unsere Knie nieder und wiederholeten das Gebet zu dem allmächtigen Gott
welches denn auch erhöret wurde Denn die Fürstin kam in der
MitternachtsStunde nahm von Mirzamanden unter sehr vielen Küssen den
allerzärtlichsten Abschied und führte uns beide in eigener Person in
Begleitung zweier Mägde durch den großen Garten zur HinterTür hinaus allwo
wir andere 2 Mägde die Körbe aufgehuckt hatten antraffen und mit denselben
nach nochmals genommenem zärtlichen Abschiede von der Fürstin unsere Reise
antraten und zwar dem Scheine einiger Fackeln so hie und da am Wege
aufgestellet waren entgegen eileten so lange bis der Tag anzubrechen begunte
da wir denn bald ein großes FeuerZeichen am Himmel gewahr wurden und daraus
nicht anders urteilen konnten als dass selbiges von dem angezündeten
ScheiterHauffen herrührete weilen sich solches eben über selbiger Gegend
zeigte Wir wünschten also denen Mordbreñerinnen eine glückliche Himmelfahrt
und setzten unsern Weg durch einen großen dicken Wald auf das allereiligste
fort welchen wir nach getanen zweien starken TageReisen endlich nur von
ferne noch hinter unserm Rücken liegen sahen Die beiden Mägde welche die Körbe
mit den LebensMitteln trugen stelleten sich ermüdeter an als Mirzamanda und
ich weswegen da diese Prinzessin vermerckte wie die faulen Mägde eben keine
besondere Lust bezeigten weiter mit uns zu gehen einer jeden Magd einen
diamantenen Ring nebst 2 Händen voll allerlei güldener und silberner
MüntzSorten gab und sie damit umzukehren beurlaubte jedoch mussten sie uns den
meisten Teil der Lebens Mittel zurück lassen als welche wir selber so gut
wir nur immer konnten in unsere langen PilgrimsKleider einpackten
Ob nun schon der fürchterliche dicke Wald glücklich von uns zurück gelegt
war und wir unsern ferneren Weg nach dem großen Gebirge zu nahmen als welches
Gebirge so zu sagen die GräntzScheidung des GroßMogulischenGebiets ist so
gerieten wir binnen 4 Tagen jedoch ganz ohnvermerckt in eine weit größere
Gefahr nämlich in eine ganze SandSee welche wir kaum übersehen konnten und
zum öffteren bis über die Knie darinnen baden mussten Mein Rat war umzukehren
und uns viellieber wieder in den dicken Wald zu begeben allwo wir doch einige
frische Wasser Bächlein ingleichen gute Kräuter und Wurtzeln zu unserer Nahrung
antreffen könnten indem unsere LebensMittel auf die Neige gehen wollten Allein
Mirzamanda war nicht zurück zu bringen sondern badete immer im Sande fort bis
wir endlich die Haut von unsern Schenckeln dergestalt abziehen konnten als ob
dieselbe mit siedenden Wasser verbrandt wäre Ja wir konnten bei TagsZeit auf
dem Sande wegen großer Hitze weder stehend noch liegend die geringste Rast
noch Ruhe genießen bis wir endlich nachdem wir wohl gezehlet dass es seit
unserer Abreise schon 12 mahl Nacht worden und die Sonne darauf wieder hervor
gekommen war in diesem SandMeere auf eine kleine so genannte Insul gerieten
die uns nicht allein ein halb verwelcktes grünes Gras sondern auch eine hell
und klare WasserQuelle vor Augen stellte als mit welchem letztern uns am
allermeisten gedienet war weilen der Durst fast noch unerträglicher als der
Hunger werden wollte ja sich muss es nur bekennen dass wir zu dreien
verschiedenen mahlen ehe wir gänzlich verschmachten wollten eine jede ihr
eigenes Wasser aus einer bei uns habenden güldenen Schaale getruncken Wir
hielten auf dieser kleinen Insul nach meiner Rechnung über zwei mahl 24
Stunden Rast labten uns aus der Quelle und zogen hernach die dicksten
GrasStauden aus der Erde bissen die Wurtzeln mit gröstem Appetite davon ab
und fülleten damit unsere beiden hungrigen Magen legten uns hierauf bei
eintreten der Nacht zur Ruhe und schlieffen bis zu Aufgang der Sonnen
dergestalt vergnügt und unbesorgt als ob wir uns in einem fürstlichen Zimmer
und in den allerschönsten Betten befänden auch von einer getreuen Wache wohl
verwahret würden
Da wir nur solcher Gestalt wohl ausgeruhet und uns recht erquickt und
gelabet hatten brachten wir noch einen halben Tag zu um die besten Wurtzeln
und grünen Stauden die uns wegen ihrer Unschädlichkeit wohl bekannt waren
auszuziehen und dieselben in Vorsorge wegen des etwa künftig herannahenden
Hungers zu verwahren Auch fülleten wir jede von den zwei ledigen Flaschen
worinnen vor der Zeit Wein gewesen war vorjetzo mit Wasser aus der schönen
klaren Quelle begaben uns also mit diesem Proviant von neuen auf die Reise nach
dem Gebirge zu
Vier ganzer Tage mussten wir noch im Sande baden ehe unsere Füße ein
vestes Land finden konnten und mittlerweile kam uns unser Proviant an Kräutern
Wurtzeln und Wasser recht herrlich wohl zu statten indem wir sonsten wegen der
fast unerträglichen Hitze unfehlbar hätten verschmachten müssen So bald wir
aber am Abende des 4ten Tages ein vestes Land gefunden erblickte wir auch auf
einer BergesHöhe ein hellbrennendes Feuer weswegen wir der uns gemachten
Beschreibung nach dieses Werck nicht etwa vor ein Heidnisches Feuer sondern
als die Einsiedlerei des frommen Einsiedlers Urbani einbildeten und in
Gedanken vorstelleten welche letztern uns denn wie wir hernach erfahren auch
nicht betrogen hatten Allein es war uns der großen Mattigkeit wegen ganz
unmöglich die Höhe des Berges auf welchem das Feuer noch immerfort brandte zu
erklettern weswegen wir denn an der Mitte desselben liegen blieben in einen
tieffen Schlaf verfielen und nicht ehe als durch den Anblick der aufgehenden
Sonne ermuntert wurden Demnach kletterten wir beide matte und ermüdete Personen
mit Händen und Füßen den Berg vollends hinauf sahen das angemachte Feuer
annoch brennen fanden aber in der Klause oder Hütte weder Hund noch Menschen
bis wir um die Klause herum gingen und einen Mann mit einem großen weißen
Barte der ihm fast bis an die GürtelStätte reichte antraffen welcher
beschäfftigt war mit einer Schauffel und Hacke ein tieffes Grab in die Erde zu
machen
Wir beteten zu Gott kreuztigten und segneten uns alle beide gingen
hierauf ganz dreuste auf den alten Greiss zu und fragten ihn warum er es sich
so sauer werden ließe ein solches tieffes Loch in die Erde zu graben indem
wir wohl sähen dass er sehr bei solcher Arbeit schwitzte dieser Berg aber
vielleicht wohl zu hoch sei um etwa einen Brunnen zum WasserSchöpffen darauf
einzugraben
Hierauf öffnete der alte Greiss seinen Mund und sagte zu mir Liebe
Schwester in Christo dem Welt Heilande erzeige mir den Gefallen und wische
mir den Schweiß von meinem Angesichte ab sodann will ich ferner mit euch reden
weilen ich wohl weiß dass deine Gefertin die Prinzessin Mirzamanda von Kandahar
und du ihre PflegeMutter bist
Ich erstaunete ziemlicher Massen über die Worte dieses Mannes jedoch da er
den Nahmen Christi nur einmal genannt hielt ich ihn dennoch vor keinen Heiden
oder Anbeter des Feuers und anderer Götzen machte mir deswegen kein Gewissen
ihm den Schweiß aus seinem Angesichte mit einem reinen weißen Tüchlein
abzuwischen Mirzamanda aber ging inzwischen etwas auf die Seite kam jedoch
bald wieder zurück da sich denn der Greiss auf eine grüne GraseBanck
niederließ und also zu uns redete »Ihr glaubt meine lieben Kinder dass ich
etwa einen Brunnen graben will um jederzeit frisches Wasser zu haben allein
dieses fehlt mir nicht weilen etwa nur 20 bis 30 Schritte hinter dieser meiner
Klause das allervortrefflichste Wasser aus einem kieselharten Felsen mir
entgegen gesprungen kommt Ich will euch aber dieses sagen dass das Loch
welches ich seit gestern und heute ausgegraben mein Grab bedeuten soll Meinen
Geferten habe ich bereits vor einem halben Jahre begraben weilen derselbe eines
natürlichen und sanften Todes gestorben war Mir aber hat der Himmel wissen
lassen dass ich durch die Hände einer verfolgten Christlichen Prinzessin
entweder beerdigt werden oder dieselbe aus diesem Reiche in die Christenheit
schaffen sollte Nun habe ich euch allen beiden schon seit etlichen Tagen daher
mit sonderbarem Verlangen entgegen gesehen denn ich weiß alle eure Umstände und
Geschichte welche mir in meinem großen Spiegel gezeigt worden so oft ich
denselben vor mich gesetzt Mittlerweile aber da ich eure beschwerliche Reise
gesehen hat mir der Himmel offenbaret dass ich zwar mein Grab machen jedoch
binnen JahresFrist noch nicht sterben sondern nach Verlauff einiger Zeit mit
euch eine Wallfahrt nach der Insul Ceilon zu dem Grabe Adams als unsers
allerersten Vaters tun soll allda werden wir sodann ein Holländisches Schiff
antreffen dessen Patron auf Befehl einer höheren Macht uns einnehmen und in die
Christenheit führen wird denn ihr könnt mir sicher glauben dass ich ein so
genannter natürlicher Sohn eines großen Europæischen Printzen bin nachdem aber
dieser mein Vater gestorben bin ich vor nunmehr 112 Jahren durch seine
hinterlassenen Erben aus meinem Vaterlande vertrieben worden und habe mich
wunderlicher Weise in der Welt herum getummelt so wohl zu Lande als zu Wasser
Endlich nach vielen ausgestandenen Drangsalen und Gefährlichkeiten ließ mich als
einen Römisch Katolischen Christen gelüsten den FranciscanerMünchsOrden
anzunehmen da es denn nachher mein Schicksal dergestalt gefügt dass ich nebst
noch 2 anderen meiner MitBrüder in dieses Königreich Persien geraten allwo
wir unsern äusersten Fleiß anwendeten die Heiden zu dem wahren GOtte der
Christen zubekehren hergegen von der Abgötterei und sonderlich von der Anbetung
des Feuers abwendig zu machen allein da die Heiden dieses unser Vorhaben
vernahmen taten sie uns allen dreien nicht allein die größte Schmach und
Schande sondern auch zum öffteren sehr viele Marter an und endlich wurde unser
dritter Mann von den Heiden gar zu Tode geschlagen weswegen wir armen
erschrockenen zwei übrig gebliebenen Brüder uns eiligst auf die Flucht begaben
um sonderlich bei damaligen schweren KriegsZeiten ihren Händen zu entrinnen
da uns denn der Himmel auf dieses Gebirge führte welches ob es gleich von
außen sehr fürchterlich wüste und wilde zu sein scheint jedennoch von innen
ganz angenehm und lustig ist Deswegen baueten wir beide geschworne Brüder
sogleich eine Klause auf diese Stätte unter welcher aber 4 in Stein gearbeitete
Keller befindlich sind und lebten in den ersten Jahren sehr schlecht und elend
nämlich von blosen Kräutern Wurtzeln und wilden unschmackhaften Früchten
wobei uns die vortreffliche WasserQuelle sehr wohl zu statten kam nach der
Zeit aber haben sich aus einigen in dem jenseitigen GroßMogulschen Gebiete
gelegenen kleinen Städten und Dörffern immerzu Leute bei uns eingefunden weilen
wir alle beide die Gaben hatten zu weissagen Krancke gesund zu machen auch
dann und wann einige besondere Wunder zu tun Also sind wir nachher von diesen
Leuten nicht allein mit guten Speisen und Geträncken versorgt sondern auch mit
allerhand Arten von Geschencken fast überhäufft worden bis endlich wie ich
schon gemeldet mein MitBruder ungefähr vor einem halben Jahre gestorben und
von mir begraben ist Nunmehr habe ich einen stumm und taub gebohrnen Mann zu
meiner Bedienung welcher mich wöchentlich 2 oder 3 mahl besucht und
zusiehet ob ich auch noch lebe Dieser bringt mir alles zu was ich zur
höchsten Notdurfft brauche und ungeachtet er taub und stumm ist so verstehet
er doch an den Zeichen so ich ihm gebe alles auf das allergenaueste was ich
von ihm haben will als wovon ihr die Proben sehen sollt denn er wird heute
oder längstens Morgen gewiss kommen und mir frischen Proviant bringen«
Nachdem der alte Greiss diese seine Rede vollendet nötigte er uns beide nur
ihm in seine Klause zu kommen und als wir ihm gefolgt Mirzamanda aber etwas
bekümert und traurig aussah sprach er zu derselben »Ich weiß es Prinzessin
dass ihr vor jetzo um eures Vaters wegen bekümmert und traurig seid allein
sorget vor ihn nicht denn ich will euch gleich zeigen dass er noch wohl gesund
und lustig lebt«
Hierauf stieg er hinunter in einen Keller und brachte ein großes rundes
klar und hell geschliffenesGlas herauf welches über 2 Spannen hoch in der
Mitte aber über 3 Finger dicke war Dieses Glas setzte er vor Mirzamanden auf
den Tisch nieder hing ein weißes Tuch an die gegen über stehende Wand
schrieb der Prinzessin Nahmen und etliche Characters mit Kreite vor derselben
auf den Tisch da wir denn mit größter Verwunderung sahen wie sich auf dem
weißen Tuche der Fürst von Kandahar mit der oft genannten Fräulein von N auf
einem JagdWagen sitzend dergestalt ordentlich zeigten als ob beide mit einem
MahlerPinsel abgeschildert wären Dergleichen Proben machte er auf Verlangen
der Mirzamanda noch einige tat auch weiter nichts mehr bei der ganzen Sache
als dass er dann und wann die Characters und Zeichen mit der Kreite veränderte
Endlich da wir diese Lust über 2 Stunden gehabt sprach er »Nun meine
Kinder will ich euch meinen taub und stumm gebohrnen Aufwärter vorstellen gebt
wohl Achtung darauf ob derselbe nicht ehe es Morgen Mittag wird in eben der
Gestalt als ihr ihn jetzo sehen werdet vor euren Augen erscheinen soll denn
ich will noch 3 Characters mehr darzu machen damit er mir nicht über die
MittagsStunde außen bleiben darff Habt Acht ob mein Frantz nicht kommen und
mich besorgen wird denn ich habe ihn ungeachtet er taub und stumm ist
dennoch dem heiligen Francisco zu Ehren getaufft ihm auch durch Zeichen sehr
viele christliche Lehren und Einbildungen vom Christentume beigebracht und
also ist dieser mein getreuer Frantz kein Heide sondern ein guter Christ«
Wie nun Mirzamanda und ich durch die große Crystalle sahen dass sich an der
weißen Wand ein Mann zeigte welcher einen ziemlich großen Korb auf dem Rücken
trug über welchen auch ein langer QueerSack gelegt war und er auser dem noch
in der einen Hand einen ledernen Schlauch in der andern aber ein FischNetz
hatte worinnen sich lebendige Fische und Krebse befanden so wurden wir über
diesen Mann der ein graues Kleid und einen schönen Persianischen Hut auf
seinem Hauptem blicken ließ fast zum hertzlichen Lachen bewogen
Da nun Urbanus dieses gewahr wurde fing er als ein ganz freundlicher
Mann den sein silberfarbener Bart ganz und gar nicht verstellete indem die
hochroten Wangen sehr fein darunter hervor schimmerten selber mit zu lachen
an und sagte Seht meine lieben Schwestern dieses ist die Gestalt meines
Frantzens in welcher er sich Morgen bei guter Zeit darstellen wird Ihr aber
werdet diesen Abend bei einer Flasche Wein mit kalter Küche mit mir vorlieb
nehmen müssen weilen ich heute keine warmen Speisen habe kochen können
Ohne ferneres Reden stieg er abermals auf einer andern Treppe in die Tieffe
hinunter und brachte nach und nach das schönste BratWerck von allerlei Fleisch
und Fischen anbei Citronen Kapern Limonien und andere eingemachte Sachen an
statt des Zugemüses und Salats herauf hiernächst 4 solche vortreffliche
KocosNüsse dergleichen ich von Größe Zeit meines Lebens nie gesehen habe und
woran wir beide uns ungemein labten Urbanus bezeigte sein Vergnügen auf
vielerlei Art da er sah dass wir uns seine Tractamenten so wohl schmecken
ließ langete deswegen 3 Flaschen von dem allerangenehmsten PalmenSect
herbei und nötigte uns jederzeit auf das allerheftigste ihm Bescheid im
Trincken zu tun Wir führten uns aber hierbei sehr behutsam auf weilen uns
dieser Wein etwas stärcker als andere geringere Weine zu sein vorkommen wollte
Wie wir uns aber mit Speisen und Geträncken genugsam gesättiget hatten räumete
Urbanus selber alles vom Tische ab brachte hergegen das Bild des
gekreuztigten Heilandes nebst noch mehr als 12 bis 16 andern Bildern die alle
wie kleine Statuen von lautern Golde gegossen waren setzte diese Statuen alle
nach ihrer Ordnung auf den Tisch fiel nieder auf die Knie und verrichtete sein
christliches Tisch und AbendGebet in Persianischer Sprache Da wir nun hörten
und verstunden dass er lauter heilige andächtige und christliche Worte
vorbrachte ließ wir uns gleichfalls neben ihn auf die Knie nieder und
beteten zu Gott eine jede nach ihres HertzensAndacht und Anliegen Nach
Verlauff etwa einer guten Stunde richtete sich Urbanus und auch wir beiden
wieder in die Höhe er aber sagte »Nun meine Schwestern will ich euch ein
Stück meines LebensWandels erzählen«
Er tat dieses und weilen weder die Prinzessin noch ich so gar besondere
Lust zum Schlaffe hatten als hörten wir ihm mit Vergnügen zu indem er so zu
sagen rechte WunderGeschichte vorbrachte bis der Tag fast anzubrechen schien
denn weilen er uns etliche Persianische Decken und Polster aufgebreitet hatte so
schlieffen wir bei ihm weit ruhiger als auf der SandInsul
Kaum war die Sonne aufgegangen da Urbanus wie wir mit unsern noch halb
schläffrigen Augen gewahr wurden alle seine güldenen Bilder um den
gekreuztigten Heiland herum setzte sich mit dem heiligen Creutze vielmahl
segnete und hernach sein MorgenGebet kniend verrichtete dergleichen auch wir
beide nach unserer Art und Andacht zugleich mit taten Als dieses geschehen
ging Urbanus zur Klause hinaus blieb über eine gute Stunde lang außen und
brachte endlich einen ziemlich großen Kessel voll gekochten Kaffee nebst einem
Hute Zucker unter seinem Arme herein getragen Wie genossen ein vieles von
diesem edlen Getränke und zwar mit gröstem Appetite aus güldenen Schalen
worauf er uns ein anderes starckes Getränke darreichte um das KaffeeWasser
seinem Sagen nach damit nieder zu schlagen welches er selber erstlich
etliche mahl credentzete Nachdem wir nun auch von diesem etwas zu uns genommen
ging Urbanus an sein SchauFenster rief Mirzamanden und mich und sagte zu uns
»Gucket mir zur Liebe doch alle beide hinaus ob ihr etwa die Person besser mit
euren jungen als ich mit meinen alten Augen erkennen möchtet welche auf meine
Klause daher zugegangen kommt« Als wir nun beiderseits hinaus guckten sahen
wir gleich dass es der Frantz in Leibs und LebensGröße auch in allen Stücken
so beschaffen war wie er sich gestern im Kleinen an der weißen Wand
dargestellet hatte Deswegen riefen die Prinzessin und ich fast zu gleicher
Zeit Lieber Vater diese Person ist unfehlbar euer Frantz »Ja er ist es«
gab Urbanus zur Antwort »aber lasset ihn näher kommen« Wenige Minuten hernach
kam also der Frantz welchen Urbanus erstlich in die untersten Keller führte
allwo er seine Sachen abpacken und ihm von allen Dingen durch Zeichen seinen
Bericht abstatten musste Wir sahen dieses alles wohl mit an konnten aber aus
ihrer beider ZeichenSprache nicht das geringste verstehen wurden jedoch
gewahr dass Frantz in seinem Korbe das beste und schönste Fleisch von allerlei
Art nebst Fischen Krebsen und noch viel mehreren LebensMitteln mitbrachte
auch jegliches an gehörigen Ort und Stelle zu schaffen wusste
Demnach hatten wir folgendes Abends eine recht Fürstliche Mahlzeit zu
verzehren Nach deren Einnehmung verrichtete Urbanus abermahl seinen
Gottesdienst und erzehlete hernach der Prinzessin und mir noch ein Stück von
seinem LebensLauffe welches alles ich dergestalt in mein Gedächtnis gefasst
dass ich es ihm so zu sagen von Punkt zu Puncte nach erzählen wollte wenn es
anders die Zeit litte
Andern Tages meldete uns Urbanus dass er seinen Frantz nochmals
fortgeschickt und dieser würde erstlich in 6 Tagen zurück kommen mittlerweile
aber da er eine abermahlige himmlische Offenbahrung gehabt wollten wir uns zu
unserer Reise nach der Insul Ceilon geschickt machen indem wir, laut der
himmlischen Offenbahrung wenige Zeit zu versäumen hätten wenn wir unser Glück
daselbst machen und auf einem christlichen Schiffe nach Europa oder in die
Christenheit wollten gebracht werden Wir bezeigten uns willig und bereit darzu
mussten ihm aber alle Tage fleißig kochen sieden und braten helfen welche
Arbeit wir denn mit Lust verrichteten indem hiermit etwas Guts in unsere
ausgehungerte Magen kam auch die vortrefflichsten Weine dergleichen Frantz
einen ganzen Korb voll Flaschen mit gebracht hatte unsere Glieder erqvickten
Solchergestalt ließ wir es uns bei diesem Einsiedler der gewisser
maassen besser als mancher großer Fürst lebte ungemein wohl gefallen indem
wir gut Essen und Trincken hatten auch uns keiner besonderen Gefahr besorgen
durfften anbei einer stillen GemütsRuhe genossen und zwar zu Besänftigung
der Angst und Quaal die wir beiderseits seit einiger Zeit ausgestanden hatten
Frantz kam am Abende des 6ten Tages fast noch stärcker als vormahls recht
wie ein Esel beladen wieder zurücke und brachte auser den vielen
LebensMitteln 2 ganz neue PilgrimsKleider mit nämlich eins vor sich und eins
vor Urbanum Hierauf führte uns Urbanus bei NachtsZeit in seine
unterirrdischen Gewölber da wir denn einen erstaunlichen Vorrat von allerhand
schönen Sachen nebst vielen güldenen und silbernen Geschirren auch eine
ziemliche Menge Diamanten und Kleinodien antraffen welche letztern er mir und
der Prinzessin darreichte um dieselben so wie er selber tat in unsere
PilgrimsKleider einzunähen
Wie nun dieses geschehen und unsere Kleider in welchen ohne dem viel
dergleichen Zeug schon stack ziemlich beschweret worden mussten wir beide ihm
die güldenen und silbernen Geschirre so wohl als das Uberbleibsel von
Kostbarkeiten und andern teuren Sachen ingleichen das gemüntzte Gold und
SilberGeld bis an sein gemachtes Grab tragen helfen welches alles von ihm in
das Grab geworffen und dasselbe mit unserer Behülffe zugescharret und der
Erden gleich gemacht wurde
Als dieses vollbracht ging er dreimal um den Platz des zugescharreten
Grabes im Creise herum murmelte viele Worte und Sprüche her die wir nicht
verstehen konnten mit dem spitzigen Stabe aber den er in der Hand hatte
zeichnete er 9 Characters oder Buchstaben die uns unbekannt waren in die
Erde sprung hernach viele mahl auf dem zugescharreten Grabe herum und bat
uns dass wir dergleichen tun sollten worinnen wir ihm denn auch Folge
leisteten also recht tapffer auf dem Grabe herum sprungen Hierauf befahl er
uns noch etwas zu verrichten welches ich aus Schamhaftigkeit eben nicht melden
will Allein wir erfülleten auch in diesem Stücke seinen Willen worauf er uns
denn zurück in seine Klause führte und nachdem wir unser NachtGebet
ordentlicher Weise zu Gott verrichtet sich dieser Worte vernehmen ließ »Nun
habe ich mit eurer Beihülffe einen solchen Talisman gemacht den mir gewiss kein
Heidnischer Wahrsager ZeichenDeuter SchatzGräber oder er sei auch wer er
nur immer sei auflösen wird und wenn er gleich die 3 obersten höllischen
Geister zu seiner Beihülffe anruffte denn der Kasten worin die Kleinodien
wie auch die güldenen und silbernen Münzen befindlich ist mit dem wahrhaften
Siegel des allerweisesten Königes Salomonis versiegelt als vor welchen alle
bösen Geister erzittern und sich schleunig zurück begeben müssen Es soll aber
sprach er ferner dieser Schatz welcher wie ihr gesehen habt eines ziemlich
starken Wertes ist vor euch Prinzessin Mirzamanda verwahrt und aufgehoben
sein weilen ich den Heiden diese Kostbarkeiten worunter sich kein Stäublein
ungerechtes sondern alles auf redliche Art und Weise erworbenen Guts befindet
durchaus nicht gönnen will Wenn ihr denselben nicht braucht so bin ich damit
sehr wohl zufrieden denn ich lese an eurer Stirne geschrieben dass ihr
längstens binnen 2 oder 3 Jahren auf dieser Welt euren vollkommenen Glücks und
RuheStand finden werdet Nehmet hin aus meiner Hand diesen Schlüssel welchen
ihr auf das aller behutsamste zu verwahren habt so bald dieser Schlüssel von
euch oder von einem durch euch Abgeordneten nur auf das Grab gelegt wird soll
sich solches von selber auftun und alle Kostbarkeiten in die Höhe heben
Nach Endigung dieser Worte überreichte er Mirzamanden ein ungemein kostbares
goldenes mit Diamanten Rubinen und andern raren Edelgesteinen versetztes sehr
sauber ausgearbeitetes Kruzifix welches ganz bequemlich auf der Brust zu
tragen war wickelte dasselbe in ein Stücke Pergament auf welches er vorher
noch verschiedene Characters und Buchstaben mahlete hüllete solches alles in
weißes Wachs ein und sagte nur noch dieses Hier habt ihr was ihr haben
sollt und was euch auf diessmahl von der Güte des Himmels beschehret ist«
Demnach küsste Mirzamanda unserm Wohltäter die Hand welches sie denn
ihrem hohen Stande ohnbeschadet zumahlen in Betrachtung der großen ererbten
Schätze ganz wohl tun konnte Immittelst war der getreue Frantz von allem dem
was vorgegangen war ganz und gar nichts inne worden und da wir nachher
Urbanum fragten wo denn sein Frantz hingekommen wäre weilen wir denselben
nicht sähen so gab er uns zur Antwort bekümmert euch nur um nichts denn
Frantz wird zu rechter Zeit nebst 2 mit LebensMitteln beladenen MaulTieren
bei uns erscheinen inzwischen macht euch nur dergestalt fertig zur Reise dass
wir nicht mutwilliger Weise die edle Zeit versäumen um an gehörigen Ort und
Stelle zu kommen
Wir leisteten ihm Gehorsam und da Frantz am dritten Tage mit zweien wohl
beladenen MaulTieren erschien wurden die Sachen in größter Geschwindigkeit
umgepackt und wir reisten also gleich bei Aufgange der Sonne aus der Klause
heraus nämlich Urbanus Mirzamanda ich und Frantz welcher die 2 stark
bepackten MaulTiere leitete
Unsere Straße nahmen wir durch das GroßMogulsche Gebiete nach dem
äusersten Hafen zu in welchem wir vielleicht ein Schiff anzutreffen verhofften
das nach Ceilon überseegelte oder wenn alle Stricke rissen ein solches Schiff
vor Geld mieten könnten denn wir hatten ja alle 3 so viel Kleinodien und
Edelsteine bei uns dass wir noch wohl ein eigenes Schiff hätten davon bezahlen
können
Unterdessen kamen wir nach einer 2 monatlichen Reise zu Fuß welche
jedoch da wir nach unserm Vergnügen reisten und die TageReisen indem
dieselben nach Belieben eingerichtet wurden uns gar nicht beschwerlich fielen
endlich glücklich in der Stadt und dem Hafen Kambaja an Wie wir nun unterwegs
von niemanden den geringsten gefährlichen Anstoß gehabt indem alle die so uns
begegneten und gefragt wo wir hin wollten zur Antwort bekamen dass wir heilige
Pilger wären und das Grab Adams auf der Insul Ceilon besuchen wollten uns in
Friede und Freundschaft fortwandern ließ auch nicht einmal unsere
MaulTiere antasteten so waren wir desto freudiger Hierbei bemerckten wir
dass alle Einwohner dieses Landes vor den alten graubärtigen Urbanum eine ganz
besondere Hochachtung bezeigten ob er sich nun dieselbe durch seine Künste und
Wissenschaften zu Wege gebracht oder ob es ordentlicher und natürlicher Weise
zugegangen davon kann ich eben so genau nicht Rede und Antwort geben
Unterdessen brachte uns der graue ansehnliche Bart vor diesesmahl glücklich
durch indem er bis in Kambaja hinein beständig vor uns hergieng
In jetztgedachtem Kambaja traffen wir gleich in der ersten Herberge einen
Mann an der fast eben eben einen so langen Bart trug als unser Urbanus So
bald nun dieser Mann unsern Urbanum kaum erblickt kam er also gleich auf ihn
zugegangen umarmete und küsste ihn Darauf gingen beide hinaus in den Garten
spazieren herum und unterredeten sich wohl 2 gute Stunden ganz alleine mit
einander. Endlich kam unser Urbanus wieder zu uns ließ eine gute Mahlzeit vor
uns zubereiten nach deren Genuss er die Prinzessin und mich auch in den Garten
führte und dieses sagte »Meine Schwestern es ist dieser Mann von dem ihr
gesehen dass er mich gehertzet und geküsset hat zwar ein Jude aber glaubt mir
dieses ob er gleich ein Jude mit dem ich schon seit etlichen 30 bis 40
Jahren gehandelt und zu schaffen gehabt er dennoch ungeachtet er nicht
unseres christlichen Glaubens ein uns von Gott zugeschickter heiliger Engel
ist der uns glücklich auf die Insul Ceilon und noch weiter befördern wird«
Dem Urbano glaubten wir alles was er uns vorsagte und traueten seiner
ferneren Vorsorge worinnen wir uns auch nicht im geringsten betrogen fanden
Denn eben dieser Jude welchem Urbanus vielleicht etliche kostbare Kleinodien
mochte zugesteckt haben verschafte uns allen von dem Kalif oder obersten
Befehlshaber FreiPässe so dass wir nachdem wir uns noch etliche Wochen in
Kambaja aufgehalten ohngehindert auf einem Mogulschen Schiffe in Begleitung
des Juden nach der Insul Ceilon abseegeln konnten
Wir hatten eine rechte vergnügte Fahrt und traffen daselbst viele
christliche Schiffe an weilen aber Urbanus auf dieser Insul viele seiner
GlaubensBrüder antraff so ließ er es sich mit deren Beihülffe auf das
alleräuserste angelegen sein die daselbstigen Heiden zum christlichen Glauben
zu bereden Sie waren auch anfänglich sehr glücklich indem sich über 80
Heidnische Familien zum christlichen Glauben wendeten Allein die Sache kam
bald heraus deswegen wurden die Christen aufs grimmigste verfolgt und deren
mehr als 100 getötet wobei denn unser lieber Urbanus sein so hoch gebrachtes
liebes Leben auch mit einbüßen musste Mirzamanda so wohl als ich haben seinen
jämmerlichen Tod mit bitteren Tränen beweinet jedoch eine höhere Gewalt
regierete des alten Juden Hertze dergestalt dass er uns auch dasiges Orts nicht
allein den kräfftigsten Schutz verschafte sondern auch Mirzamanden mich den
Frantz und den Löwen als welcher Letztere zu unser allergrößten Verwunderung
und Erstaunen nachdem er wie wir nicht anders vermuten konnten sein Behältnis
in Kandahar durchbrochen die Spur bis zu des Urbani Klause glücklich gefunden
wobei wir nichts bedauerten als dass er sich nicht eher bei uns eingestellet
da wir von des ArabOgli Jägern gefangen und ferner auf dessen Schloss gebracht
worden da denn gewiss ein starckes Blutvergießen und Zerreissung unserer Feinde
würde entstanden sein auf ein Holländisches Schiff verdunge Der Jude bekam
dabei eine nicht geringe Anzahl von Kleinodien und andern Edelgesteinen in
seinen JudenBeutel Ehe wir noch zu Schiffe gingen kam das WeibesStück
Hadscha welche vor Mirzamand en einen Fussfall tat und dieselbe mit Tränen
bat sie mit sich zu führen Ob nun schon Mirzamanda wusste dass Hadscha eine
Heidin Anbeterin des Feuers und anderer Götzen war so ließ sie sich durch ihre
demütige Stellung doch dahin bewegen dass sie dieses Mensch welches ihr von
Jugend auf sonsten in andern Stücken viele getreue Dienste getan mit sich zu
nehmen beschloss und dieserwegen dem SchiffsPatrone einen schönen Diamantenen
Ring gab in Hoffnung dieses liederliche WeibesStücke mit der Zeit und
Gelegenheit zum christlichen Glauben zu bringen Allein wir fanden bald bei
ihr dass sie die allerwenigste Lust zum Christentume hatte um so viel desto
mehr dauerte uns aber dass der gute Frantz welcher doch viele Merckmahle ein
Christ zu sein von sich gab elendiglich an der SeeKranckheit sterben musste
weswegen er nachdem wir seinen PilgerHabit ihm ausgezogen und zu uns genommen
als welcher mit Kleinodien und Edelgesteinen ziemlicher Maassen beschweret war
sein Begräbnis in der See finden musste Uns aber trieb nachher ein stürmender
WürbelWind immer aus einer Ecke in die andere und schlug uns um viele kleine
Insuln lincks und rechts herum wir konnten aber niemals zu Lande kommen blieben
hergegen zum öffteren auf SandBäncken sitzen und stießen nicht selten an
verborgene Klippen bis wir endlich nachdem wir viele Wochen herum geschwärmet
an einer unbekannten Insul die wie ich nunmehr weiß KleinFelsenburg
genannt wird mit Schiff und Geschirre zu scheitern gingen da denn weil es
schon finster war fast der meiste Teil unserer Mannschaft ersoffe Mirzamanda
aber ich und die Hadscha waren doch so glücklich das Ufer zu erlangen
ungeachtet uns die Kleider dieses mahl sehr beschwerlich fielen denn wir
halten der Hadscha des Frantzens PilgerKleid angezogen welches eben so schwer
war als die unserigen Jedoch nachdem wir nur erstlich einen grünen Platz
gefunden auch die Vorsorge des Himmels uns eine ziemliche Menge von
LebensMitteln aus dem zerscheiterten Schiffe zuführete so beschlossen wir
gleich der See nicht weiter zu trauen und wenn auch das Schiff schon
ausgebessert würde sondern viel lieber an diesem schönen Orte von Kräutern
Wurtzeln und allerlei BaumFrüchten uns so lange zu ernähren bis der Himmel
sich unserer erbarmte und Gelegenheit zu einem bessern Zustande an die Hand
gäbe
Der Himmel hat uns nicht fallen lassen denn wir fanden unvermuteter Weise
die FelsenSchlufft durch welche wir alle 3 benebst dem Löwen auf Händen und
Füßen hinauf krochen weiter habe ich vorjetzo nichts zu sagen denn die Herrn
Felsenburger wissen außer dem schon besser wie wann wo und welcher Gestalt
sie uns angetroffen haben
Dieses einzige aber will ich nur noch melden dass der ehrliche Jude Rabbi
Moses wie er sich nennete mit seinem silberfarbenen ansehnlichen Barte auch
so wohl wie andere ohnbärtige zugleich mit ersauffen musste Es ging so wohl
Mirzamanden als mir sein Unglück sehr nahe weilen er uns auf der Reise viele
Gefälligkeiten erwiesen sonderlich aber auf der Insul Ceilon denn er führte
uns weil wir des Urbani Reden nach eine große Begierde bezeugten des Adams
Grab zu sehen welche Glückseligkeit aber der gute Urbanus nicht erleben
können an dem Fuße eines Berges welcher in der Landschaft Matura liegt
Hieselbst fanden wir ein in einem Felsen gehauenes Begräbnis und in selbigem
einen LeichenStein auf welchem diese Characters oder unbekannten Buchstaben
zu sehen wie mir denn der Jude dieselben mit gröstem Fleiß vermittelst einer
ReissFeder sehr geschicklich abgezeichnet hat und wovor ich ihm zur
Gegengefälligkeit ein kleines Geschenke gab Dessen Zeichnung ist also diese
Wir gingen also mit dem Abrisse dieser 25 Charact ers und unbekannten
Buchstaben so wohl zu allen Christlichen als Heidnischen Gelehrten und boten
ihnen Geschenke an um unsere Begierden mit Auslegung derselben zu stillen
allein unter allen die sich damals von beiderlei Art annoch auf dieser Insul
aufhielten befand sich keiner der uns in diesem Stücke vergnügen wollen
sondern sie bekannten alle einmütig dass die Bedeutung derselben bis auf diesen
Tag nicht hätte können erforschet werden Unterdessen sagen die Einwohner dieser
Insul vor gewiss dass der erste erschaffene Mensch Adam in diesem Begräbnisse
begraben läge Der Stein ist 14 Fuß lang 5 Fuß breit u anderthalb Elle
dicke sehr glatt und dergestalt gläntzend als ob er polirt wäre Zur Seiten
dieses Begräbnisses sieht man 5 steinerne Pfeiler An dem HauptEnde des
LeichenSteins steht ein anderer aufgerichteter Stein jedoch nicht so schön
und sein sondern etwas gröber und sandiger als der den ich schon beschrieben
sein Ansehen ist recht unvergleichlich zu nennen indem er von allerlei Arten
der Farben durchwachsen und recht bewunderns würdig geflammet so wie manche
Sorten von MarmorSteinen sich zu finden pflegen Dieses Steins Größe Dicke
und Breite trifft mit des erst gemeldten in allen Stücken überein Es ist aber
derselbe Stein ohne Gemälde Zierraten Characters oder Buchstaben und
steht von dem ersten 6 Fuß ab Demnach ist der ganze Inbegriff von dieser
GrabStädte 36 Fuß
Hinter diesem Steine steht eine in Stein gehauene Lampe mit einer
brennenden Materie ohne dass weiter etwas darf hinein getan werden doch
scheint der Docht jederzeit als ob er voller Öl wäre Etwa 4 oder 5
deutscher Meilen von dar liegt noch ein sehr hoher spitziger Berg der dem
Ansehen nach einem spitzigen Turme gleichet auf dessen Gipffel ist eine kleine
Ebene und auf selbigem Platze sieht man eine Fussstapffe deren Länge
anderthalb Fuß Die Einwohner sagen hierbei es solle Adam seinen Fuß auf dieser
Stelle eingedruckt haben jedoch eben diese Einwohner sind in diesem Stücke
nicht einerlei Glaubens weilen einige wollen es sei einer von ihren
Heidnischen Priestern Bourdau genannt von ihren Vorfahren zum Könige über sie
erwählet worden und gemeldter Bourdau wäre gewohnt gewesen sein Gebet auf
diesem Brrge zu verrichten worauf er eines Tages lebendig gen Himmel gefahren
oder von den Göttern hinauf gezogen worden Bei solcher Aufziehung nun habe er
diese Fußstapfen zu seinem Angedenken zurück gelassen Der Christen Glaube bei
dieser Geschichte ist aber ganz anders beschaffen als welche davor halten und
aus alten Uhrkunden versichern wollen es habe der Teuffel diesen Bourdau als
einen Ertzverfluchten GötzenKnecht leibhaftiger Weise gehohlet und von der
allerhöchsten Felsen herunter gestürtzt da denn seine Kameraden nämlich die
andern GötzenKnechte und Priester gar leicht eine solche Fußstapfen
einarbeiten nachher aber dem einfältigen Volcke vorschwatzen können als ob
Bourdau lebendig gen Himmel gefahren wäre und dieses Wahrzeichen zurück
gelassen hätte denn die Ceilonier sind meines Erachtens ein sehr tummes
Volck sonderlich aber in GlaubensSachen
Unterdessen aber sind sie doch von ihren GötzenPriestern noch ferner in so
weit verführet oder verblendet worden dass sie gewiss glauben dieser gen Himmel
gefahrne Bourdau wolle und könne auch ihre Seelen in den Himmel nach sich
ziehen und dieselben zur ewigen Seligkeit bringen Ja sie beten ihn mit der
größten Andacht an und halten diesen TeufelsBraten recht vor ihren HalbGott
wie denn ihm zu Ehren alljährlich nach der Christen ZeitRechnung den 9 Tag
des Monats Aprilis ein großes Fest mit dem sie zugleich ihr neues Jahr
anfangen angestellet wird welches Fest Mirzamanda und ich etliche Tage lang in
größter Stille und Behutsamkeit mit abgewartet haben
Es finden sich bei diesem Feste unter andern Arten von Heiden auch viele
Mohren zusammen welche alle den gen Himmel gefahrnen König Bourdau anbeten und
ihm ihre Opffer bringen Sonsten aber wird dieser Berg die AdamsPagua genannt
und ist unter demselben eine große fürchterliche Höhle worinnen sich ihrem
Vorgeben nach noch viele Heiligtümer befinden sollen es wird aber kein
Fremder leichtlich in diese Höhle gelassen wenn er nicht einen sehr guten
Freund unter den GötzenPriestern zu seinem Führer hat welche Pfaffen sich aber
durch wenige GoldStücke gar bald erkauffen lassen alle belachenswürdige
Geheimnisse zu zeigen welche in der Höhle befindlich sind
Sonsten muss ich noch dieses vorbringen wie ich zwar die Persianer vor sehr
grobe Heiden und Abgötter erkenne allein es werden dieselben von den Einwohnern
der Insul Ceilon noch um ein vieles übertroffen indem wie ich davor halte
dieselben von ihren GötzenPriestern gewaltig verblendet vielleicht auch wohl
gar bezaubert sind Denn sie glauben endlich wohl dass ein Gott sein müsse der
Himmel und Erden erschaffen hätte auch den Menschen auf der Welt viel Gutes
angedeihen ließe diesen aber anzubeten wollen sie sich nicht die geringste
Mühe geben Im Gegenteil beten sie den Teufel täglich an und sagen dass, wenn
sie diesen von dem alles Böse käme nicht allezeit demütig entgegen gingen
würde er sie insgesamt bald vertilgen und umbringen Und dieses ist der Glaube
dieser verblendeten betörten und vielleicht bezauberten Menschen weswegen
Mirzamanda und ich dem allmächtigen Gott auf den Knien danckten als uns die
Zeit unserer Abfährt von dem Juden angekündiget wurde
Hiermit aber will ich redete die Anna noch weiter vor dieses mahl den
Bericht von dem bisherigen LebensLauffe meiner Prinzessin und meines selbst
eigenen beschließen indem ich doch die HauptSachen vorgebracht die andern
NebenDinge aber worinnen sich noch viele Merckwürdigkeiten befinden benebst
der Erzählung des Persianischen schweren Krieges werde bis auf eine andere Zeit
versparen weilen doch mir so wohl als meiner Prinzessin das Glück angeboten
worden dass wir bis zu fernerer Verfügung des Himmels auf dieser glückseeligen
Insul GroßFelsenburg bleiben und in sicherer Ruhe leben sollten Wir dancken
demnach da wir bei so vielen frommen guttätigen lieben Leuten so zu sagen
den Himmel auf Erden gefunden der gnädigen Vorsorge des Allerhöchsten und
wünschen weiter nichts mehr als dass wir nur noch eine einzige Reise auf das
MogulischPersische SandGebirge tun möchten um des Urbani Grab zu eröffnen
die darinnen befindlichen Schätze heraus zu nehmen und dieselben anhero zu
bringen Unterdessen muss ich doch glauben dass Urbanus ungeachtet er mit
vielen verborgenen Künsten und Wissenschaften umgegangen auch dieselben
jederzeit bis an sein unglückseliges Ende glücklich durchgeführet ein besonders
guter Christ und heiliger Mann gewesen sein müsse weilen sein Seegen und seine
Propheceiung solcher gestalt wider unser Hoffen und Vermuten ja nach unserer
Hertzen Wünschen so glücklich gewürckt und eingetroffen hat
Mir Eberhard Julio wurde von den Geistlichen und Ältesten anbefohlen der
Prinzessin Mirzamanda die wir nunmehr aber auf unserer ganzen Insul bloß
Prinzessin Christiana nennen dieses zu melden wie sie sich weder um den Mogul
noch um den zukünftigen Schach in Persien ganz und gar nichts mehr zu
bekümmern hätten und die Gedanken wegen ihrer verborgenen Schätze nur aus dem
Sinne schlagen sollten weilen wir dergleichen Plunder im größten Uberflusse
besässen unterdessen könnte doch mit der Zeit wohl Rat darzu werden dieselben
mit guter Manier abzuhohlen Mittlerweilen aber sollten sie alle beide in
sicherer GemütsRuhe so lange bei uns bleiben auch vor nichts sorgen bis uns
der Himmel insgesamt verderbte welches doch nicht zu hoffen stünde wenn wir
als fromme Christen ihm vertraueten und fleißig beteten Wie ich nun diese aus
der Frau Anna Holländischem Munde getane GeschichtsErzählung so zu sagen vom
Munde aus in deutsche Ubersetzung gebracht beruhigten sich alle beide
dergestalt dass wir alle insgesamt sonderlich unsere Freude über ihren
andächtigen Gottesdienst und frommen stillen christlichen LebensWandel haben
mussten Ja ich glaube jedoch dieses anheute noch im Vertrauen gesprochen dass
unser Regente Albertus Julius II dem der Tod vor etlichen Wochen seine
liebwerteste Ehegemahlin geraubt hat vielleicht aus dieser schönen Prinzessin
dem Beispiel des Königs David zu Folge eine Abisag von Sunem machen werde
wovon im 1 Kapitel des 1 Buchs von den Königen gleich zu Anfange desselben im
1 2 3 und 4 Versicul ein mehreres zu lesen ist Unterdessen wenn es ja
dahin kommen sollte so weiß ich gewiss dass auf der ganzen Insul sich keine
lebendige Seele finden wird die hierwider etwas einzuwenden hätte weilen der
Prinzessin Christiana holdseelige und liebreiche Aufführung derselben die Gunst
und Gewogenheit auch so gar der kleinesten Kinder zu Wege gebracht Mit dem
Regenten aber kann sie bereits dergestalt vertraulich und schmeichelhaft
umgehen dass er sich seinen alten grauen Bart von niemanden lieber auskämmen und
zu rechte machen läst als von der Christiana die ihm dieses am allerbesten zu
Dancke machen kann und es auch recht mit Lust tut
Von unsern HauptGeschichten aber noch ferner etwas zu melden so ist zu
wissen dass wir um selbige Zeit in jeder Pflantzstadt eine kleine neue Kirche
wie auch ein SchulHaus vor die Jugend zu erbauen den Anfang machten Demnach
wurden auch die hierzu behörigen Priester ordinirt und die SchulDiener wohl
bestellt und zwar alle von unsern eingebohrnen Felsenburgern welches in
Wahrheit Leute sind die manchen Europæischen so genannten Geistlichen oder
Teologis was Glauben Lehre und Leben anbelanget keiner Haare breit
nachgeben sondern vielmehr vielen die Spitze bieten sollen ungeachtet sie
niemals auf eine so genannte Universität gekommen sondern nur von unsern 3
Geistlichen hernach auch von uns andern in diesen und jenen Künsten und
Wissenschaften sonderlich aber in allerlei Sprachen unterrichtet worden
Allein hierbei habe ich hauptsächlich bemerckt was ein unermüdeter Fleiß in
Lesung guter Bücher und über dieses alles die Gabe des heiligen Geistes würcken
und ausrichten kann Unterdessen ist unsere HauptKirche auf dem Platze unter der
AlbertsBurg wie ihr mein lieber Kapitain Horn seht annoch in ihren vorigen
Ehren und Würden ja noch in weit besserm Stande als ihr dieselbe vor eurer
Abreise gesehen und es wird der Gottesdienst so wohl Sonn als FestTags nach
wie vor darinnen gehalten auch jederzeit das Signal mit einem Kartaun
enSchusse und Läutung der Glocken gegeben da sich denn ein jedes nach seinem
Belieben einstellen kann Denen Krancken Müden und Matten aber wird gar nicht
verarget wenn sie zu Hause bleiben und den Gottesdienst in ihrer
PflantzstadtsKirche abwarten
Hierbei muss ich gedenken dass ich nunmehr unsere Pflantzstädte mit
gröstem Rechte Städte nennen kann denn ihr mein lieber Bruder Horn habet
dieselben nur noch als kleine Dörffer verlassen aber gebt euch einmal die
Mühe dieselben nunmehr recht genau zu betrachten so werdet ihr mir Beifall
geben dass es lauter schöne Städte sind indem sich die Einwohner derselben
binnen eurer Abwesenheit die Auferbauung der saubersten und bequemlichsten
Häuser auf das allerfleissigste so wohl bei Tage als bei NachtsZeit dergestalt
angelegen sein lassen dass wir zum öffteren die größte Mühe gehabt sie davon zu
verhindern um den FeldWein und GartenBau solcher gestalt nicht in
Vergessenheit gestellt zu sehen
Jedoch unsere lieben Brüder Schwestern und Freunde ließ sich als recht
vernünftige Leute dergestalt weisen dass auch hieran nichts versäumet wurde
weswegen denn auch her allmächtige Gott so barmhertzig und gnädig war dass er
uns ein solches fruchtbares Jahr beschehrete dergleichen unsere Vorfahren seit
dem Gott selbst den GrundStein zu dieser Insul geleget und ihnen ihren
Aufenthalt darauf vergönnet so lange als sie auf selbiger gelebt noch niemals
gehabt Wie wir denn solches aus den JahrBüchern ZeitRechnungen und andern
alten Uhrkunden die sich so wohl von dem alten Don Cyrillo als vom Alberto
Julio I herschreiben wohl beobachten können
Kurtz ich will mit wenig Worten nur so viel sagen dass der allmächtige GOTT
in diesem Jahre so wohl bei dem Feld als Wein und GartenBaue ein Hundert in
etliche Tausend verwandelte dergestalt dass wir recht darüber erstauneten
weilen wir nicht wussten wo wir mit unserm Seegen überall hin sollten und
dieserwegen noch verschiedene VorratsHäuser aufbauen auch noch viele Keller
eingraben mussten um den kostbaren Wein dergleichen wir auf dieser Insul noch
niemals gehabt nicht verderben zu lassen bei welcher Gelegenheit denn die
Fassbinder deren so genannte Innung sich bereits stark vermehret ein ziemlich
Stückgen Arbeit bekamen
Mittlerweile da alles was sich auf der Insul nur regen konnte vom Grösten
bis zum Kleinesten mit der allerfleissigsten Arbeit beschäfftiget war beredeten
Mons Plager Litzberg Cramer und ich nebst andern guten Freunden uns unter
einander die Fahrten nach der Insul KleinFelsenburg aufs neue fortzusetzen um
zu sehen was unsere daselbst zurück gelassenen Brüder benebst den Portugiesen
vor gut Garn spönnen
Demnach traten wir diese Fahrten wöchentlich 2 bis 3 mahl an brachten den
dasigen allezeit die besten LebensMittel mit und traffen dieselben jedes mahl
lustig und aufgeräumt auch in der schönsten Ordnung an indem sie von Zeit zu
Zeit dermasen überflüssig zugeführt bekommen hatten dass sie weder über Mangel
Not noch Hunger klagen konnten Vincentius schien vor Freuden ganz auser sich
selbst zu sein als er uns zum ersten mahle wieder erblickte ja er wusste seine
Hochachtung gegen uns nicht gnugsam an den Tag zu legen dergleichen seine
Kameraden auch taten Wie wir sie nun mit starckem Getränke so wohl von
allerlei Weinen als andern Sorten recht ungemein gelabet hatten sie uns
hergegen viele niedliche Speisen vorgesetzt die wir mit dem größten Appetite zu
uns genommen so führten sie uns alle insgesamt heraus auf den Platz und
zeigten uns ihre StückenArbeit welche in etliche 150 Silber und Goldhältigen
ErtzStuffen bestund da denn manche der größten Stuffen über die 20 bis 30
Centner am Gewichte zu schätzen war wobei uns denn jammerte dass wir dieselben
nachmahls zerschlagen und in kleinere Stücken bringen sollten weilen aber des
Zeuges in der Menge da war so machten wir uns auch daraus nicht eben allzu
viel
Wir wurden aber weiter geführet und uns gezeiget dass die Portugiesen mit
Beihülffe unserer Felsenburger 2 große und 3 etwas kleinere wohl
ausgearbeitete Fahrzeuge verfertigt an welchen nichts fehlete als hie und da
ein und anderes eiserne Beschläge ungeachtet alles mit bloßem Holtz und
PflöckerWerck dergestalt bevestiget war dass man fast keine eiserne Beschläge
dabei vonnöten hatte mithin diese Fahrzeuge vor rechte Kunst und
MeisterStücke bei den Seefahrern erkennen musste Hierbei aber bekam ich gegen
die Portugiesen einen üblen Verdacht konnte auch denenselben nicht verbergen
sondern sagte ihnen frei in die Angesichter dass dieses vielleicht die Fahrzeuge
sein würden mit welchen sie bei guter Gelegenheit von hier abseegeln und uns
verraten wollten Aber es jammerte und gereuete mich bald dass ich mein Hertz so
geschwinde gegen sie offenbaret hatte denn sie fielen nachdem sie sich nur
etliche Minuten lang mit einander unterredet hatten sogleich auf ihre Knie vor
uns nieder da denn Vincentius das Wort führte und also redete »Meine Herren
ungeachtet alles vorhergegangenen verspüren wir doch dass ihr uns vor Schelme
Diebe und Verräter erkennet da wir doch die allerredlichsten Leute von der
Welt sind so lieber als eure Knechte ja so zu sagen Sklaven sterben wollen
ehe wir gegen unsere Wohltäter eine neue Verräterei anzustifften gesinnt
wären Weil ihr uns demnach nicht trauet so schießt uns alle 5 lieber auf
die Köpfe oder in die Hertzen damit ihr von euren Sorgen wir 5 aber von
allem Missvergnügen welches uns etwa noch künftig zustossen könnte entlediget
sein«
Indem nun alle 5 ihre bloßen Köpffe darzeigten auch so gar die Kleider
von den OberLeibern abrissen kam mir ein solches Grauen an dass ich fast in
Ohnmacht gesuncken wäre allein weil ich an der ganzen Sache die meiste Schuld
zu haben sehr wohl erkannte und meine Ubereilung in Worten mir zu Gemüte zog
so hub ich erstlich den Vincentium hernach seine andern Kameraden von der Erden
auf umarmete und küsste einen jeden mit der Bedeutung, dass sie mir meine
Reden die ich teils aus Schertz teils aus Ubereilung ausgesprochen nicht
gleich so übel hätten aufnehmen sollen Worauf denn der Friede und das Vertrauen
zwischen uns bei den Teilen binnen einer Stunde hergestellte wurde zumahlen
da die Portugiesen ohngefordert ihre Hände gen Himmel huben und der heiligen
Dreifaltigkeit nebst allen Heiligen und Engeln Gottes einen leiblichen Eyd
zuschwuren dass sie es treu redlich und aufrichtig mit uns Felsenburgern
meinten auch weder Verräterei Betrug noch Dieberei im Sinne hätten Demnach
wurde von uns allen hoch geschmauset und binnen 3 Tagen alle mühsame Arbeit
bei Seite gesetzt hergegen lebten wir in größter Vertraulichkeit lustig und
guter Dinge Als aber dieses FreudenFest vorbei war ging ein jeder wieder an
seine beliebige Arbeit nämlich in die Stein und ErtzBrüche oder noch mehr
BauHoltz zuzurichten dessen wir doch schon eine gewaltige Menge antraffen uns
also fast halb zu Tode verwunderten wie diese Hand voll Männer in so weniger
Zeit dergleichen sauere und schwere Arbeit verrichten können Allein es war
dieses Schuld daran dass sie nicht gezwungener Weise sondern bloß nach eigenem
Gefallen arbeiten durfften auch dabei sich rechtschaffen etwas zu Gute tun
und ihres Leides mit den besten Speisen und Geträncken pflegen und warten
konnten
Nachhero schickten wir beständig fast immer über den 3ten oder 4ten Tag
zwei auch wohl 3 Boote mit voller Ladung die in Gold und Silberhaltigen
ErtzStuffen auch vielen Stücken des allersaubersten BauHoltzes zur Rarität
der Arbeit wegen bestunde nach der großen Insul worgegen uns unsere Leute
jederzeit bei ihrer Zurückkunft die besten LebensMittel und alles dasjenige
was wir sonsten notdürfftig brauchten mitbrachten
Mittlerweile da Mons Plager dem Vincentio sein Vorhaben eröfnet wie er
nämlich gesonnen wäre auf dieser kleinen Insul ein tüchtiges Schmeltz und
HüttenWerck anzulegen um die Mineralien und Metallen zu Gute zu bringen so
machte sich Vincentius eine ungemeine Freude darüber und sagte dass, wenn er
nur von Zeit zu Zeit 20 starke Männer zu seinen Gehülfen bekäme er dieses
Werck binnen Zeit von 2 Monaten in vollkommenen Stand bringen wollte wenn sich
nicht nur unter seinen Kameraden ihrer 2 befänden die um das Schmeltz und
HüttenWesen guten Bescheid wüsten sondern er auch hörte und spürete dass
einige unter den Felsenburgern hiervon schon sehr stark unterrichtet wären
Unterdessen brachte er in Vorschlag dass sich zu dieser ganzen Sache kein
beqvemerer und besserer Ort fände als der unter den OBerge befindliche so
genannte HeidenTempel und dessen rund herum liegende Gegend Demnach besuchten
wir diesen Tempel nachmahls mit ihm und hörten mit größter Verwunderung dessen
deutlichere Erklärung und Anweisung an Mons Plager ergötzte sich vor uns allen
andern auf das allermeiste darüber und sprach mit lauter Stime Ja Don Vincent
hat in allen Stücken vollkommen Recht wir müssen ihm gehorsamen und Folge
leisten wenn wir anders unser vorhabendes Werck zu glücklichem Stande bringen
wollen
Wenn ihr den Glauben habt mein Herr versetzte hierauf Vincentius so
sollt ihr nach und nach größere WunderDinge sehen Hierauf machte er eine und
andere Proben mit seinen bei sich habenden WünschelRuten ingleichen mit dem
KunstStabe überließ auch einem und andern die Freiheit verschiedene Proben
damit zu machen worüber wir denn alle vor Verwunderung fast aus uns selbst
gesetzt wurden da wir nämlich sahen dass diese Dinger so sonderbare Würckungen
taten
Wie dieses Vincentius merkte sagte er Meine Herrn ihr verwundert euch
zwar über diese kleinen Begebenheiten allein sie finden ihre Stelle bloß in der
magia naturali denn ihr seht und hört dass ich weder Characters mache noch
den Nahmen des Dreieinigen Gottes unnützlich führe am allerwenigsten aber eine
Geister Beschwerung dabei vonnöten habe deswegen halte ich davor dass einem
jeden guten Christen der mit seinem Gott wohl steht es eine ganz wohl
erlaubte Sache sei dergleichen Proben zu machen denn die Erde ist des HErrn
und was darinnen ist etc
Nachdem wir dergleichen nachdenckliche und christliche Reden von dem
Vincentio vernommen wurde von uns also gleich beschlossen seinem Rat und
Angeben in allen Stücken zu folgen und keinen Tag zu verabsäumen den
HüttenBau anzufangen weswegen denn nicht allein Mons Plager die
Geschicktesten und Klügsten von seinen Gehülfen auf diese kleine Insul herüber
zu kommen verschrieb sondern wir andern besonnen uns ebenfalls auf die
tüchtigsten Männer welche sich zu diesem Bauwercke wohl etwa am besten schicken
möchten um gleichfalls mit herüber zu kommen Da sich nun diese und zwar in
noch stärckerer Anzahl als wir verlangt eingefunden hatten wurde der Bau in
Gottes Nahmen angefangen und noch ehe 2 Monate völlig verlauffen alles zu
unserer größten Freude und Vergnügen in vollkommenesten Stande gesehen Zu
diesem neuen Wercke nun welches in der Tat recht ergötzend war fanden sich
binnen kurtzer Zeit ungemein viele Liebhaber und Mitarbeiter ein ja wenn wir
allen hätten den Willen lassen wollen so wäre ihnen dabei der FeldWein und
GartenBau wie auch ihr ganzes HausWesen zum Eckel worden Allein man musste
solcher Gestalt auf andere Mittel bedacht sein die meisten hiervon abzulencken
da wir von Gold Silber Kupfer und andern Metallen und Mineralien keine Speise
nehmen konnten Jedoch blieben immer von Zeit zu Zeit abwechselend 20 bis 30
HüttenLeute bei dem Vincentio und brachten in weniger Zeit eine ansehnliche
Ausbeute zum Vorscheine welches unsere Ältesten kaum glauben wollten da aber
dieses Ding so gut ging wurden nachher auf der Insul GroßFelsenburg auch 2
dergleichen SchmeltzHütten gebaut u zwar die eine in Roberts und die andere
in JacobsRaum welche eine Zeit daher ebenfalls unsäglich kostbare Ausbeute
gebracht
Allein unsere SchmeltzhüttenLust ist den allermeisten unter uns schon
vergangen Es ist zwar eine ungemein schöne Augenweide wenn man so viele
GoldSilberKupferZinnBleiScheiben etc nebst andern Mineralien vor sich
liegen sieht denn wir haben benebst Mons Plagern und Mons Litzbergen noch
verschiedene sehr geschickte MarckScheider unter uns allein wozu dienet uns
dieses alles weiter als wie schon gesagt nur zur bloßen Augenweide und dass
wir die Wunder Gottes dabei betrachten dieses aber können wir bei so vielen
1000 Blumen Weinstöcken Garten und FeldFrüchten ebenfalls weit geruhiger
tun und ohne besonderen Schweiß und Mühe die Wunder Gottes daran bemercken
Denn da wir insgesamt bis diese Stunde noch nicht gesonnen sind mit fremden
Nationen einen ordentlichen Handel Wandel und Verkehr aufzurichten so hilfft
uns ja alles Metall Perlen und anderes kostbares Zeug ganz und gar nichts
Das aber ist unsere Freude und Vergnügen
1 Dass unser GottesKirchen und SchulDienst so wohl als das Haus Wesen
auf das allervernünftigste und christlichste bestellt und eingerichtet ist
2 Dass der allmächtige Gott unsern FeldWeinund GartenBau jederzeit sehr
reichlich ja öfters fast überflüssig segnet
3 Dass uns Gott von der Hand unserer Feinde errettet und seine Flügel über
uns gebreitet weswegen denn von den Obern beliebt worden dass wir hinführo
nebst unsern Nachkommen jedesmahl um die Zeit des Jahrs so lange als die
Belagerung gewähret mit mässigem Fasten und desto fleissigern Beten zubringen
wollen
4 Dass uns Gott in dem grausamen Erdbeben nach seiner Gnade alle lebendig
erhalten so dass auch kein Hund oder anderes Stück Vieh dabei verunglücke ist
weswegen denn auch alle Jahre auf diesen Tag noch ein besonderer großer
BussBet und FastTag angestellet worden
5 Dass Gott das Wild in den Wäldern ingleichen die wilden Ziegen
hauptsächlich aber die aus Europa angekommenen Tiere von allerhand Arten so
wohl vierfüssige als geflügelte dergestalt wohl gedeihen lässt dass wir uns
darüber verwundern müssen wie sich denn binnen etlichen Jahren daher alles gar
gewaltig vermehret hat Denn ihr werdet wohl schwerlich einen HausWirt finden
der nicht seine Ställe über und über voll RindSchaaf und SchweineViehe hätte
Von FlügelWerck als Türckischen und Europæischen HausHühnern Schwanen
Gänsen Endten Tauben und dergleichen zahmen Flügelwerck will ich nicht einmal
etwas sagen denn dasselbe hat sich dergestalt erstaunlich vermehrt dass die
meisten ihr Glück und Ruhe nicht erkennen können sondern sich ungeachtet sie
volles Futter haben aus bloßem Frevel zu Feldflüchtern machen Aus den Gänsen
werden wilde Gänse und die Endten muss man sehr wohl hüten wenn sie nicht durch
die WasserFälle in See gehen sollen Eben also verhält es sich mit dem Rindund
SchweineVieh denn man darf denselben nur eine scheele Mine machen so laufft
es gleich davon und sucht seine vermeintliche Besserung in der Wildnis
weswegen unser TierGarten bei SimonsRaum dergestalt voll angelauffen ist dass
wir fast alle Woche ertödtete Tiere darinnen finden die von ihrem stärckern
Gegenteil ermordet worden welche denn von den Einwohnern sobald diese solches
gewahr werden in den Ausfluss der kleinen See geschmissen werden Die Pferde
Esel und Kameele deren letztern Gattung wir nach eurer Zeit 3 Stück bekommen
nämlich 1 Männlein und 2 Weiblein haben haben sich zu unsrer Lust und Nutzen
auch schon unvergleichlich vermehret demnach fehlt uns weiter nichts als ein
Paar Elephanten wovon wir gern Zucht haben möchten der Löwe den die Prinzessin
Christiana mit sich gebracht wird seines gleichen vermutlich schon in dem
RobertsRaumer ungeheuer dicken Walde gefunden haben wie wir denn ganz genau
angemerckt dass sich in diesem Walde nicht allein Löwen sondern auch Leoparden
TiegerTiere Bären und andere reissende Tiere aufhalten welche wir aber
lieber vertilgen als zugeben wollen dass sie sich vermehren möchten es sei
denn dass sich einige zu unserer Lust so gewöhnen ließ wie die Prinzessin
Christiana ihren Löwen gewöhnet hat welches denn wie ich glaube durch
Vorsicht Geschicklichkeit und Kunst eine ganz natürliche Sache sein kann und
ohne alle Zauberei zugehen wird Das AffenGeschlecht haben wir bei nahe ganz
und gar vertilget bis auf einige die uns als Knechte und Mägde dienen und
sich ziemlich getreu und redlich aufführen jedoch spüren wir dass sich dennoch
einige dieses AffenGeschlechts in den wilden Wäldern und sonderlich bei den
KocosBäumen aufhalten welche aber Vogelfrei gemacht sind so dass sie von einem
jeden, der sie antrifft auf die Köpffe geschossen werden indem sie uns allzu
vielen Schaden an den Feld und BaumFrüchten tun
Nun sollte ich zwar mein wertester Herr Bruder und Kapitain Horn eine
ausführliche Beschreibung von unsern Künstlern und HandwercksLeuten machen da
ich aber nicht zweifele ihr werdet dieselben nicht verschmähen sondern einem
jeden die besondere Ehre geben ihn in seiner Behausung und Werckstätte selbst
zu besuchen als möchte dieses wohl überflüssig sein Deswegen will nur so viel
sagen dass ihr bei einem jeden alles weit verbesserter finden werdet als ihr
denselben verlassen habt Unsere Buchdruckerei geht recht galant mit 6
Pressen und darzu gehörigen Leuten indem nicht allein die Herrn Geistlichen
sondern auch einige andere unter uns vornemlich der Jugend zum Besten von Zeit
zu Zeit viele gute Bücher und kleine Tractätlein darinnen drucken lassen
worüber sich denn zumahlen da alles umsonst ausgeteilet wird so wohl die
Alten als die Jungen erfreuen Man hat dieserwegen vor ratsam befunden noch
eine neue Pappier Mühle anzurichten welche so wohl als die erste in sehr gutem
Stande ist nur dieses ist der einzige Possen hierbei dass es dann und wann an
Lumpen fehlen will Nächst derselben sind hie und da noch 6 bis 8 neue Mahl
oder GeträydeMühlen erbauet worden um einen und andern Einwohnern die müßigen
und saueren Wege zu ersparen Bei andern HandwercksLeuten die ihr alle wohl
kennet werdet ihr einen solchen Vorrat von ihren gemachten Waren antreffen
worüber ihr vermutlich erstaunen müsst wie diese Leute bei ihrer saueren Haus
und FeldArbeit in denen abgebrochenen Stunden ein so vieles zu Wege bringen
können eben als wenn sie sich gemüssigt sähen mit ihren Waren so wie die
HandwercksLeute in Deutschland und anderer Orten zu Marckte zu ziehen Jedoch
dieser Vorrat ist sehr gut indem wir gesonnen sind von jeder Art unsern
Europæischen Freunden und Brüdern etwas zuzuschicken welche sich aus diesen
Kleinigkeiten doch wohl eine Rarität machen und einiges Vergnügen darüber
empfinden werden
Der Kapitain Horn sagte also Ich habe vor dieses mahl genung gehört mein
wertester Bruder und Freund allein ich werde mir ausbitten gleich morgendes
Tages und zwar gewisser Ursachen wegen in Begleitung meines Bruders die
Pflantzstädte zu durchstreichen und sonderlich die Künstler und Handwerker zu
besuchen
Wie ihm nun dieses so gleich von dem Regenten frei gestellt wurde ließ
wir der Beqvemlichkeit wegen alsobald etliche mit Hirschen bespannete leichte
Wagen herbei rücken und fingen in AlbertsRaum an Herrn Cramern zu besuchen
den wir in gutem Vergnügen antraffen und ihn deswegen vollends recht lustig
machten Er bewirtete uns obgleich unsere Kompagnie ziemlich stark war recht
herrlich bewegte uns auch dahin über Nacht bei ihm zu bleiben und Morgens
früh seine angelegte Pferde und EselsStuterei benebst seinen andern Anstalten
wegen der ViehZucht in Augenschein zu nehmen Wir fanden dessfalls alles
solcher gestalt klug und künstlich eingerichtet dass sich die beiden Kapitains
Horn nicht gnugsam darüber verwundern konnten denn er hatte in einem ziemlich
weitläufftigen Bezirck an Pferden Eseln MaulTieren RindRieh und
dergleichen alles in eine solche Ordnung gebracht dass von jeder Art Jung und
Alt ein jedes sein besonderes Behältnis hatte
Von dar reisten wir nach DavidsRaum und traffen unsern lieben Bruder
Töpffer eben in der Arbeit an dass er mit seinen Gehülffen auf einmal 4
TöpferOefen gehejetzt und angezündet hatte Wir wollten ihn nicht verschmähen
weilen er uns nach der Felsenburgischen Art aufs beste bewirtete ließ uns
also auch bewegen eine Nacht bei ihm zu bleiben da denn früh Morgens unsere
fernere Reise auf StephansJacobsund JohannisRaum zugieng auf welcher Reise
denn den jungen Kapitain Horn nichts mehr ergötzte als die unterwegs
angetroffene GlasHütte in welcher wir uns 2 Tage aufhielten hernach unsern
Weg um die große See herum weiter auf ChristophsRobertsChristians und
SimonsRaum fortsetzten mithin also nach Verlauf 14 Tagen da wir das ganze
Land durchstrichen wieder glücklich auf der AlbertsBurg anlangten und
vielerlei gute und böse Begebenheiten aber auch viele besondere Curiositæten in
Erfahrung gebracht hatten
Nachdem nun diese Reise geschehen war regte sich Kapitain Horn Sen in
geheim am ersten mit der Bitte dass wir seinen Bruder so bald als es nur immer
möglich wieder fortschaffen sollten worauf er denn ohne ferneren Anstand mit
seiner auf hiesiger Insul verlobten Braut Hochzeit machen wolle Da wir nun
merckten dass dieses sein harter Ernst wäre so wurden sogleich Anstalten darzu
gemacht und dem jüngeren Kapitain Horn so wohl als seinen Leuten angekündiget
dass sie sich zur RückReise fertig machen möchten Es ging dieses dem jüngeren
Kapitain Horn sehr nahe indem ihm nachdem er unsere LebensArt und ganzes
Wesen betrachtet vielleicht gereuen mochte dass er seinem Protestantischen
Glauben abgeschworen und hergegen die RömischKatolische Religion erwehlet
hatte wie er denn gegen seinen älteren Bruder sich nicht undeutlich erkläret
dass er wieder umsatteln und zurücke kehren wollte Da aber dieses der ältere
Kapitain Horn mit unsern Herren Geistlichen wohl überlegte fiel endlich der
Schluss da hinaus dass man mit diesem wanckenden Rohre in solchem Stücke nichts
weiter zu tun haben wollte sondern man solle ihm nur so viel beibringen dass er
bei seinem neuerwehlten wahren christlichen Glauben bleiben fromm und
gottesfürchtig leben niemanden mutwilliger Weise beleidigen möchte und sich
dergestalt der ewigen Seeligkeit versichern könnte Wir aber wollten ihm eine
honorable mit vielen Reichtümern begleitete Abfertigung geben jedoch hinführo
nichts weiter mit ihm zu tun haben
Wie dieses der Kapitain Horn Jun hörte so war es nicht anders als ob er
von einem SchlagFluße gerühret würde da aber der Kapitain Wolfgang denselben
in ein besonderes Zimmer führte ihm zum Geschenck 3 Centner Gold 6 Centner
Silber 12 Centner KupfferPlatten ingleichen ein ziemliches Maas voll Perlen
nebst einigen kostbaren Kleinodien vor seine unsertwegen gehabte Mühe anwiese
und darreichte setzte sich dieser gute Mensch in eine weit bessere Verfassung
und machte etwas freundlichere Gebärden zumahlen da ihm sein älterer Bruder
seinen ganzen Anteil von allem dem was auf dem Schiffe befindlich es möchte
Nahmen haben wie es wollte erb und eigentümlich schenckte als vor welche
Freigebigkeit der Kapitain Horn Jun dennoch so höflich war seinem älteren
Bruder die Hand zu küssen Dieser aber dagegen umarmete und küsste ihn etliche
mahl auf den Mund ließ auch dabei viele heiße Tränen aus seinen Augen fallen
welches alle Umstehenden wohl bemerckten Anbei redete er diese Worte »Mein
Bruder reist glücklich und bleibt gesegnet hier zeitlich und dort ewiglich«
Horn Jun antwortete hierauf »Mein Bruder ich habe mich in vielen Stücken
die euch wohl bekannt sind sonderlich in einem einzigen Stücke welches wie
ihr wohl wisst eure Person allein anbetroffen auf das schändlichste gegen
euch vergangen und versündiget darum vergebt mir wo ihr anders wollt dass
ich es sei hier oder da frölich sterben soll meine gegen euch begangene
Sünden in Gegenwart dieser redlichen Zeugen auf dieser Stelle« Horn Sen
versetzte hierauf »Mein Bruder das weiß ich wohl dass ihr euch in vielen
Stücken an Gott versündiget habt was aber das Meinige anbelanget so sind euch
alle eure gegen mich begangenen Fehler und Ubereilungen so wohl aus
christlicher als brüderlicher Liebe schon längstens vergeben und vergessen
ich will meines Teils auch wünschen nimmermehr wieder daran zu gedenken Ihr
seid ein Mann der so zu sagen 3 Hertzen im Leibe hat das weiß ich gewiss
indem ich euch auf der schärfften Probe gehabt und dieselben mit meinen eigenen
Augen gesehen habe Bewahret nur aber eure Seele in Zukunft besser als
bisher und seid nicht wie ein wanckendes Rohr sonderlich in GlaubensSachen
welches der Wind hin und her wehet Unterdessen weil eure Abreise ohne dem so
gar allzu eilig nicht vonnöten so habt ihr die Erlaubnis von dem Regenten und
allen andern Befehlshabern euch noch so lange allhier zu verweilen bis ich mit
meiner verlobten BrautHochzeit gehalten habe als woraus ich mir ein ganz
besonderes Vergnügen schöpffen euch wenn dieses vorbei dem Schutze des
Allerhöchsten befehlen nachher aber eine glückliche Reise wünschen werde«
Alle Anwesende wurden insgesamt zugleich mit recht wehmütig gemacht als
wir das Hertzbrechende Beginnen dieser zweien Brüder noch fernerweit mit
anhöreten und sahen welches denn nicht allein in bloßen Worten bestund
sondern sie umarmeten hertzeten und küsseten sich dergestalt freundbrüderlich
als ob sie Zeit ihres Lebens einander nicht gesprochen oder gesehen hätten auch
wohl vielleicht niemals wieder zusammen kommen möchten
Hierauf wurden die allerersinnlichsten Anstalten zu des Kapitain Horns Sen
HochzeitFeste gemacht welches gut Befehl der Obern vor dissmahl als ein
besonderes Fest 6 Tage lang von den Insulanern in allen Pflantzstädten mit zu
feiern angeordnet war dabei aber blieb es noch nicht sondern es wurden alle
unsere Kartaunen Kanonen und FeuerMörser auf den Berg um die AlbertsBurg
herum gesetzt bis auf 2 Kartaunen 6 Kanonen und drei FeuerMörser die wir
nach der Insul KleinFelsenburg hinüber führten um dass unsere dasigen Freunde
und Brüder bei dem GesundheitTrincken damit antworten könnten Hierbei bekamen
sie auch 300 Stück gefüllete Bomben ingleichen unzehlige Stücken von Raqueten
Schwärmern FeuerKugeln u andern Zeuge Unsere FeldWachten auf den Höhen aber
wurden zu derselben Zeit an teils Orten verdoppelt auch mehreres Geschütz und
Gewehr hinauf zu ihnen gebracht wobei an Pulver Blei und andern Dingen gar
kein Mangel zu spüren war indem wir uns gewisser Ursachen wegen eben damals
einer neuen Verräterei zu besorgen einige Merckmahle hatten
Wie nun aber der zum HochzeitFeste des Kapitain Horns Sen bestimmte Tag
anbrach wurden sogleich alle Kartaunen und Kanonen so viel deren nur auf der
AlbertsBurg so wohl als auf den Gebürgen befindlich waren abgefeuert worauf
uns denn allemahl nicht allein von der Insul KleinFelsenburg sondern auch von
des Kapitain Horns Schiffen welche noch beständig zwischen den SandBäncken vor
Anker lagen richtige Rede uñ Antwort gegeben wurde Ich gebrauchte mich vorher
der List den jungen Kapitain Horn als den ich sehr lieb gewonnen und zwar um
ganz besonderer Ursachen wegen wieder herüber auf unsere große Insul zu
führen jedoch alles ohne Wissen und Willen seines Bruders in ganz anderer
Felsenburgischer Kleidung um nur die Kopulation seines Bruders nebst andern
Solennitäten mit anzusehen
Mitin wurde der liebe Kapitain Horn Sen zum ersten mahle mit seiner
verlobten Braut Johanna Margareta Andreä Robert Julii Tochter in RobertsRaum
die mit meiner EheFrau GeschwisterKind ist von Hrn Mag Schmeltzern als
unserm so genannten Bischoffe nach verrichteten Gottesdienste ordentlicher
Weise copuliret oder wie man es auf deutsch heißt zusammen gegeben Ich
will von den Texten und Kompositionen der KirchenMusique die vor und nach der
Kopulation gemacht wurde um alle Weitläuftigkeit zu vermeiden vorietzo gar
nichts melden weilen bekannt dass sich sonderlich in Deutschland weit bessere
Poëten und Komponisten befinden die uns arme einfältige Felsenburger wenn ich
die Partituren zugleich mit übersendete vielleicht nur auslachen möchten
Zum TrauSermon hatte sich Herr Mag Schmeltzer Sen den 80 Psalm Davids
als den Grund seiner Rede erwehlet absonderlich wusste er den 10ten Versicul Du
hast vor ihm die Bahne gebrochen und hast ihn lassen einwurtzeln dass er das
Land erfüllt hat etc ungemein artig auf die beiden Kapitains Wolfgang und
Horn zu appliciren Wesswegen denn der alte Kapitain Wolffgang viele
FreudenTränen fallen ließ nachher aber als wir ihn darum befragten warum
er geweinet hätte gab er zur Antwort Ihr wisst alle insgesamt Alt und Jung
dass ich ein Mann bin der kein Weibervielweniger HasenHertz im Leibe sich
auch ohne eitlen Ruhm zu melden bei den Felsenburgern ziemlicher maassen wohl
verdient gemacht hat Die Tränen welche ich unter den beweglichen
Vorstellungen des Herrn Mag Schmeltzers fallen lassen sind keine
CrocodillsTränen sondern hertzliche FreudenTränen weil ich an dem Glücke
und der Ehre die dem Kapitain Horn heute begegnet und noch ferner begegnen
wird den allergrößten Teil zu nehmen einige Ursache habe Mein Wunsch ist also
dieser Gott segne die Felsenburger den Kapitain Horn nebst seiner Ehegenossin
und mich benebst den Meinigen so sind wir alle gesegnet und ich bin der
vergnügteste Mensch auf dieser Welt so lange als mir Gott noch mein Leben
fristet
Nachdem nun solchergestalt der GOttesdienst geendiget und das Te Deum
laudamus unter Trompeten und PauckenSchall auch bei gewissen Absätzen
gewöhnlicher maassen die Stücken gelöst worden so gingen wir alle insgesamt
recht ungemein vergnügt aus dem GottesHause nach der AlbertsBurg zu mussten
uns aber dabei verwundern dass die Kinder die Wege überall mit grünem Grase und
den schönsten Blumen bestreuet auch einem jeden vorbeigehenden einen schönen
BlumenStraus darreichten ja ich glaube dass dazumahl kein Kind das nur
laufen können zurück geblieben ist Auf der AlbertsBurg war nicht allein die
BrautTafel sondern auch in andern Zimmern verschiedene Tafeln gesetzt über
dieses auf der ordentlichen SpeiseStelle vollauf angerichtet allein das Volck
verlief sich wider Vermuten unter dem Abblasen der Chorale Nun dancket alle
Gott etc Ein veste Burg ist unser Gott etc und Es woll uns Gott genädig sein
etc wobei denn die Kartaunen und Kanonen zu vielen mahlen abgefeuret wurden
und worauf so wohl die KleinFelsenburger als das auf des Kapitain Horns
Schiffen befindliche Kommando zu antworten nichts schuldig blieben die denn
auch insgesamt vollauf besorget waren
Unterdessen war es ein artiger Streich dass der Prinzessin Christiana Löwe
sich seit einiger Zeit gänzlich verloren hatte und auf der ganzen Insul wie
fleißig wir auch nachsuchen ließ nicht anzutreffen war Doch endlich sahen
wir aus den Fenstern von der AlbertsBurg wie er mit einer artigen jungen
Löwin die er sich unfehlbar aus dem RobertsRaumer Forste gehohlet über die
ChristiansRaumerBrücke mit langsamen Schritten herüber spatzieret kam Nun
waren wir zwar wohl gewohnt worden dass dieser Löwe dann und wann etliche Tage
außen geblieben und nicht in seine Behausung gekommen war denn wir hatten ihm
zwischen den PalmenBäumen gegen Alberts Raum zu ein eigenes 12 Ellen hohes
auch nach Proportion der Weite geräumliches höltzernes Haus bauen lassen und
zwar von dem allerstärcksten und vestesten Holtze und Bolen wie denn auch auf
50 Schritt herum alles mit starken Pallisaden umpflantzt war In dieses
Gehäuse und dessen Umzirck führte also der Löwe seine Gemahlin mit der er
vielleicht schon vor einiger Zeit mochte Beilager gehalten haben Wir ließ
ihnen Heu und Stroh hinein werffen und wurden gewahr dass sich alle beide recht
beqveme Lagerstädten davon zu rechte machten auch ließ wir in den Vorhof
viele alte und junge wilde Ziegen Schweine junge Rehe und dergleichen 4füssige
Tiere zu ihnen hinein laufen so wohl auch Türckische Hähne Hühner Pfauen
und anderes FlügelWerck Allein die Löwen konnten sich mit denenselben allen
ungemein wohl vertragen und beleidigten auch das allerkleineste Stück nicht mit
einer scheelen Mine sondern sie waren zufrieden mit ihrer Speise die ihnen
alle Morgen zugeworffen wurde diese bestund in etlichen KleienBrodten
hiernächst in vielen Stücken von verdorbenen eingesaltzenen oder geräucherten
Fleischwerck und Fischen Anbei trugen ihnen die Einwohner alltäglich ganze
Lasten von den besten GartenKräutern Früchten und Wurtzeln zu woran sich
beide Löwen dem Ansehen nach fast noch mehr labten als an den trockenen
Speisen Vor das Getränke hatten wir nicht Ursach zu sorgen indem in dem
LöwenRevier 3 frische BrunnQuellen anzutreffen waren woraus sie ihren Durst
nach eigenem Belieben löschen konnten Etliche Tage hernach aber trug sich eine
besonders artige Begebenheit zu denn weilen ein recht großer Indianischer
PuterHahn mit seinem allzu offtern Kaudern sich gar allzu sehr mausig machte
der Löwin dieses Geschrei aber vielleicht zuwider sein mochte so riss sie den
Hahn uhrplötzlich in viele Stücken ließ aber dieselben auf dem freien Platze
liegen und leckte nicht einmal einen Tropffen Blut davon auf geschweige denn
dass sie einen Bissen seines Fleisches verschlungen hätte Dem alten Löwen
hingegen mochte diese Mordtat missfallen weswegen er seine Gemahlin mit dem
Pfoten dergestalt abstraffte dass alle Zuschauer darüber zum hertzlichen Lachen
bewogen wurden Man musste sich aber über das demütige Bezeugen der Löwin so
wohl als über das behutsame Verfahren des alten Löwen welches er im Zuschlagen
brauchte ganz ungemein verwundern
Hierauf bemerckten wir dass die Löwin beständig seitwärts ging und ihrem
Gemahl immerzu scheele Minen machte nicht wie sonst gewöhnlich an seiner
Seite speisete auch nicht einmal aus einer Quelle mit ihm tranck sondern sich
immer eine besondere Quelle suchte
Dieses unter den beiden Löwen entstandene Missvergnügen währete viele Tage
Jedoch die Prinzessin Christiana war so behertzt dass sie die beiden Löwen in
ihrer Wohnung und Revier besuchte Wie nun bei derselben kein Wiederraten
verfangen wollte um sich diesen grimmigen und reißenden Tieren nicht entgegen
zu stellen so stunden vielen unter uns die Haare zu Berge da wir dieselbe in
den Vorhoff des LöwenHauses eintreten sahen Allein der alte Löwe kam ihr
sogleich entgegen gelauffen warff sich zu ihren Füßen küsste ihr die Hände
weltzerte sich aus Freuden zu vielen mahlen auf dem Platze herum ja er war so
verwegen sich auf die HinterPfoten zu setzen mit den VorderPfoten aber die
Prinzessin auf das allerfreundlichste zu umarmen und ihr das Angesicht zu
belecken
Kaum hatte die Löwin dergleichen Komplimente gesehen als sie dieselben auf
eben die Art und Weise recht possierlich und liebreich nachmachte worüber allen
Zuschauern ein Grauen und Schrecken ankam allein nachdem sich die Prinzessin in
dem Gehäuse und Vorhofe über 2 Stunden lang mit beiden Löwen ergötzt der
schönen jungen Löwin aber etliche Stücke Konfect zur Speise dargereicht als
welches dieselbe mit besonderm Appetite zu sich nahm so kam unsere Prinzessin
Christiana vergnügt und unbeschädiget zurück auf die Burg
Nachdem auf diese besondere Begebenheit etwa 6 oder 8 Wochen verflossen
hörten wir in einer stockfinstern Nacht ein entsetzliches Brüllen beider Löwen
welches fast bis zum Aufgange der Sonne immer abwechselend fort wühtete Die
Behertztesten unter uns gingen mit Ober und UnterGewehr hin um zu erfahren
ob etwa eine Verräterei unter Handen oder was den Löwen allen beiden sonsten
zugestoßen wäre allein wir hörten weiter nichts als in dem LöwenHause zu
etlichen mahlen ein Winseln und Wehklagen mit untermischten Brüllen weswegen
wir denn auf die Gedanken gerieten dass diese beiden EheGatten die
vielleicht nicht recht mit einander zufrieden sein möchten sich wohl etwa gar
umbringen wollten mithin uns denn nicht weiter um sie bekümmerten sondern ihnen
ihre Sache zu eigener Ausmachung überließen
Es befand sich aber diese ganze Sache weit anders als wir uns dieselbe
eingebildet hatten denn da die Prinzessin Christiana gleich nachdem sie
gefrühstückt hatte sich in das LöwenHaus begab traf sie darinnen 3
neugebohrne junge Löwen nämlich 1 Männlein und 2 Fräulein darinnen an die
mit sich umgehen ließ so wie man sonsten mit jungen Hunden und Katzen
umzugehen pflegt Wie wir nun auch über diese Vermehrung der Tiere zum Teil
eine ganz besondere Freude empfanden als wurden den alten so wohl wie den
jungen Löwen die besten LeckerSpeisen zugebracht wobei wir dieses bemerckten
dass ihnen der Wein besser zu Halse ging als das klare QuellWasser Es sind
die kleinen Löwgen rechte Liebenswürdige Tiere wir aber sind dennoch
gesonnen so bald als sie der MutterMilch entbehren können dieselben auf die
Insul KleinFelsenburg hinüber zu schaffen allwo sie sich denn zugleich auf
eine Zeitlang ferner vermehren können zumahlen da es uns eine kleine Mühe
kostet solche Tiere nach unserm Gefallen zu vertilgen
Nunmehr aber mein wertester Freund und Bruder Herr Kapitain Horn werde
ich hoffentlich als euer aufrichtiger Eberhard Julius nach eurem Begehren
euch das was seit eurem Wegsein hauptsächliches vorgegangen getreulich zu
erzählen ein ziemliches Genüge geleistet haben denn die Kleinigkeiten werden
euch nach und nach schon von unserm Frauenzimmer berichtet werden deren einige
ein weit besseres Gedächtnis als ich haben
Wie nun Kapitain Horn vor diessmahl mit mir vollkommen zufrieden war und
sich vielfältig gegen mich bedanckt hatte so taten wir erstlich noch einige
Reisen nach KleinFelsenburg hinüber nahmen jedesmahl viele Metallen und
Mineralien mit zurück hatten auch das SchiffsVolck in vollkommene Ordnung und
Verfassung zur RückReise nach Europa gebracht da denn ein jeder vom Grösten
bis zum Kleinesten dergestalt reichlich mit Gold Silber und KleiderWerck
beschenckt wurde dass alle insgesamt ihr vollkommenes Vergnügen darüber
bezeugten absonderlich aber die 5 Portugiesen welche alles gedoppelt und 3
fach bekamen indem sie sich unter einander beredet die RückReise nach ihrem
Vaterlande mit dem Kapitain Horn Jun auch mit anzutreten woran wir ihnen denn
eben nicht verhinderlich sein wollten sondern vielmehr ganz gerne sahen dass
wir sie mit guter Art los wurden jedoch schwuren sie uns bei dem
Abschiednehmen ohne unser Verlangen ein jeder einen leiblichen Eyd unserer
allezeit im besten zu gedenken und weder hie noch da etwas auszuplaudern
welches etwa zu unserm Schaden und Nachteil gereichen könnte
Demnach wurde des Kapitain Horns Jun Schiff mit Reiss Rosinen und andern
LebensMitteln die Kostbarkeiten und Felsenburgischen Raritäten ausgenomen
dergestalt voll geladen so dass es kein Wunder gewesen wenn dasselbe so gleich
auf der Stelle versuncken wäre ja ich glaube sicher und gewiss dass um selbige
Zeit schwerlich ein reicherer SchiffsKapitain weit und breit auf der offenbaren
See anzutreffen gewesen als unser Kapitain Horn Jun indem der allermeiste
Teil der Ladung sein Eigentum ist so dass er damit schalten und walten kann
wie er nur immer will jedoch haben wir alle das Vertrauen zu seiner
Redlichkeit dass er nicht allein diesen meinen 4ten Teil des Berichts von den
Felsenburgischen Geschichten sondern auch alle ihm anvertraute Briefe und
Geschenke an gehörige Orte bestellen wird
Es ging demnach derselbe um die bestimmte Zeit da sich ein geneigter Wind
vor seine Seegel erhub ohne ferneren Aufenthalt mit allem seinen Volcke in
vollen Vergnügen zu Schiffe jedoch war der letzte Abschied des Kapitain Horns
Jun den er nicht allein bei seinem Bruder sondern auch dem Regenten Ältesten
und Vorstehern der Gemeinden kurtz von allen Insulanern nahm dergestalt
zärtlich und beweglich anzusehen dass sich weder Alte noch Junge der Tränen
enthalten konnten deren denn auf beiden Teilen viele 1000 vergossen wurden
Er fuhr mit Aufgang der Sonne ab deswegen ist unser Wunsch und Gebet zu
Gott dass ihm derselbe die GlücksSonne in seinem ganzen Leben nicht wolle
untergehen lassen Auf unsern Höhen ließ sich Paucken Trompeten und
allerhand andere musicalische Instrumente hören wobei denn aus denen Kanonen
imer eine scharffe Ladung nach der andern gegeben auch etliche Bomben in die
See gespielt wurden worauf er wie wir wohl vernehmen konnten bis zur
MitternachtsStunde beständig antwortete endlich aber war von dem Schiffe bei
anbrechendem Tage nichts weiter zu sehen weswegen wir alle ihm und seinen bei
sich habenden Leuten nochmals unter Abfeurung der Kanonen Glück auf die Reise
wünscheten und ein jeder von uns sich nach seiner Wohnung verfügte
So viel ist es meine wertesten Freunde und Leser als ich Gisander aus
des Herrn Eberhard Julii Manuskript zusammen stoppeln können welches nicht
allein sehr zergliedert sondern über dies dessen SchreibArt ziemlich verweset
ist ob das SeeWasser oder Luft daran Schuld kann ich nicht sagen
unterdessen haben wir doch noch das Meiste und Beste von dem Verfolge der
Felsenburgischen GeschichtsBeschreibung überkommen Ich vor meine Person habe
das Glück und die Ehre gehabt den Herrn Kapitain Horn Jun nicht allein in
Hamburg bei Herrn HWW sondern nachher auch in Amsterdam bei dem Herrn
GvB als unsern allervertrautesten Korrespondenten anzutreffen und von ihm
noch viele Betrachtenswürdige Begebenheiten erfahren welche ihm aber nach zu
erzählen meine Schrifft vielleicht allzu weitläufftig machen würde
Wiewohlen ich nun denselben mit guten Winde von Amsterdam aus abseegeln
gesehen so kann ich doch nicht vor gewiss sagen ob er seinen Kours zu seiner
Braut auf die Insul St Jago oder in sein Vaterland oder wohl gar wieder
zurück auf die Insul GroßFelsenburg genommen weilen ich aus seinen Reden
niemals recht klug werden können, da er in vielen Stücken sehr heimlich war
Unterdessen da er mir doch viele wichtige Sachen und sonderlich verschiedene
Scripturen hinterlassen mit der Vollmacht dass ich Ordremäßig mich damit
verhalten die Schrifften aber immerhin so viel deren auch wären oder noch
eingehen sollten erbrechen und eröffnen möchte so will ich meinen geehrtesten
Lesern und Gönnern aus einem von gelehrter Hand erhaltenen an die Herrn
Felsenburger addressirten Briefe als eine Zugabe dieses 4ten Teils der
SeeFahrer so viel s meiner verantwortlich ist und man auf beiden Seiten
nicht verstösset mitteilen in Hoffnung dass die allermeisten Leser sonderlich
an Erklärung der unbekannten Characteren welche im 3ten Teile pag 297
anzutreffen sind ein besonderes Vergnügen finden werden Den übrigen Rest des
Briefes zu publiciren trägt man des besonderen Inhalts wegen Bedenken bis auf
des Regenten und derer Ältesten fernerweitige Ordre Demnach lautet die
Aufschrifft des Briefes an die Felsenburger also
Dem Ehrwürdigen AltVater Hrn Alberto Julio II Regenten auf der Insul zu
GroßFelsenburg ingleichen den Teuersten und Vorstehern der Pflantzstädte
Nicht weniger auch denen übrigen Senatoribus und Räten des Felsenburgischen
RegierungsKollegii Wie auch der sämtlichen auserwehlten Heerde JEsu
CHristi mit ihren würdigen und sorgfältigen SeelenHirten
Meinen allerseits Hochgeehrtesten und Geehrtesten Herrn Gönnern unbekannten
guten Freunden und in CHristo herzlich geliebten Brüdern
GroßFelsenburg
NB Die Erklärung der Characteren aber zeigt sich von Wort zu Wort folgender
maassen
Vorjetzo habe ich euch aus eiferigen Triebe denen gottseligen
Felsenburgern mit meinen wenigen Wissenschaften zu dienen eine besondere
vermutlich nicht unangenehme Nachricht zu vermelden
Es wird euch annoch erinnerlich sein dass bei der merckwürdigen Entdeckung
derer Heidnischen Antiquitäten auf Klein Felsenburg auch zugleich
unterschiedliche Urnen gefunden worden deren Deckel mit Characteribus
bezeichnet gewesen und den Inhalt dererselben in Europa zu erfahren gesucht
Die übrigen Characteres sind mir nicht zu Gesichte kommen unterstehe mich auch
nicht solche zu erklären weilen mit stechonagraphischen Figuren mich zu
bemühen niemals meine Sache gewesen Weilen aber dieses chymische Figuren sind
und solche mit der alten Heidnischen GötterHistorie überein kommen deren
Scribenten mehrenteils hermerische Philosophi gewesen Ich aber mich auch
rühmen kann in Chymicis und Alchymicis viele Geheimnisse der Natur durch Gottes
Gnade und meinen unermüdeten Fleiß entdecket zu haben die etwa denen lieben
Felsenburgern zu besserer Etabilirung ihrer Wirtschaft dereinst mitteilen
könnte Als habe auch dieser Characteren wegen einen Versuch getan
Zuförderst erwegte mit allem Fleiß was der liebe Herr Mag Schmeltzer für
Gedanken darüber gehabt und befand dass er allerdings die Sache wohl erraten
Denn die Characteres stellen weiter nicht anders vor als ihre sämtlichen
Götter Sonne und Mond waren bereits von Herrn Mag Schmeltzern entdecket was
aber die andern Figuren für Götter vorstellen sollten konnte ich noch zur Zeit
nicht wissen
Endlich zehlete ich die Characteres so waren derselben dreizehen Dadurch
hatte ich nun den völligen Schlüssel erlanget Es fiel mir sogleich ein dass
dieses die im Tempel gefundenen Götter sein müssten Und es traf richtig ein
Um nun eigentlich aus denen Figuren dieser Götter ihre besonderen
Eigenschaften ausfindig zu machen so setzte ich erst zum Grunde meiner
Untersuchung vor aus dass der Heidnische Götzendienst nichts anders gewesen als
ein purer Naturalismus und haben sie durch ihren Gott lediglich die Natur
verstanden
Die erste Figur stund mitten im Tempel auf einem runden Altar und war eine
runde goldene SonnenKugel statt derer Strahlen aber lauter köstliche Diamanten
und andere blitzende Edelgesteine sich allenthalben zeigten und beidenen
angebrannten Fackeln lauter feurige Strahlen hervor schossen absonderlich wenn
vermittelst des künstlichen Uhrwercks diese Kugel ihren Sonnenartigen Lauff und
Betragung circa Zentrum mit ungemeiner Geschwindigkeit verrichtete Dieses Bild
stellte nun vor die aus der Sonnen als dem männlichen Principio des
allgemeinen chaoti schen Saamens ausfliesende erste männliche SaamensKrafft der
alles hervor bringenden und fruchtbar machenden Natur Diese alles hervor
bringende Natur ist nun recht deutlich zu sagen der allgemeine Archæus und
Weltgeist oder SaamensKrafft daraus alle Dinge entstanden und aus dreien
Principiis bestehet nämlich Sol Luna und Mercurius oder nach teosophischer
Art zu reden Feuer Licht und Geist oder wie der teosophische Jünger Johannes
1 Joh 5 v 8 diese drei Principia auf Erden nennet Geist das ist Feuer
Wasser das ist Licht und Blut das ist Geist Johannes nennet aber dieses
letzte Principium Blut weilen wenn dieses gedoppelte mercurialische männliche
und weibliche Principium im großen philosophischen Wercke mit einander
vereiniget und solchen wiedergebährenden Samen in einen lebendigen göldischen
Leib einführet sie mit einander vereiniget coaguliret und figiret so wird
daraus eine blutrotölichte Tinctur oder der Lapis philosophorum
Das andere Bild war das Bild des Mondens und stund oben ex opposito des
Eingangs dieses ist bekannt denn es wird die Diana genannt Sie ist eine
Jägerin die den brünstigen Hirschen begierig nachsetzet das ist sie als das
weibliche SaamensPrincipium hungert gewaltig nach dem männlichen feurigen
SaamensPrincipio aus der Sonne unter dem Bilde eines brünstigen und brennenden
Hirsches vorgestellt Gleichwie nun der männliche Saame welcher aus der Sonnen
durch ihre schnelle Bewegung in lauter feurigen brennenden hitzigen nitrosi
schen SaamensKräfften ausstrahlet und solche über die ganze Welt ausstreuet
auch lauter Leben und Activitäten ist die Welt aber vielmehr verbrennen müsste
als dass sie sollte erhalten werden können; So musste ein Gegenteiliges ohne alle
Activität seiendes kaltes feuchtes salinisches weibliches SaamensPrincipium
aus den aus dem Monde ausfliessenden weiblichen Saamen darzu kommen das die
Hitze des männlichen Saamens temperirte Denn der männliche Saame der wegen
Ermangelung eines frischen erquickenden Wassers immer in einem hitzigen
feurigen Triebe ist suchet seine große brennende Hitze in dem weiblichen
wässerichten Saamen des Mondes zu temperiren Dannenhero attrahiret er begierig
seine Feuchtigkeit Hergegen sucht der kalte und wässerichte weibliche Saamen
aus Mangel des Feuers die hitzigen männlichen SaamensKräffte aus der Sonne an
sich zu ziehen Daraus nämlich aus dieser Vermischung derer zwei feindseligen
Principien entstehet eine leibliche fermentirende Wärme durch welche die
doppelte SaamensKrafft aus Wasser und Geist bestehend in eine Activität
gebracht wird Dadurch hernach diejenige Kreatur darinnen dieser Geist sich
erhitzet und zur fermentirenden Activität aufgebracht wird in eine
Fermentation zuletzt aber in eine völlige Putrefaction sich auflöset seine
erste Form verliehret und die drei Principia des Saamens in die Freiheit setzt
eine neue Kreatur aus sich hervor zu bringen Also bestehet denn der Saame aller
Dinge in einem männlichen und weiblichen oder sulphurischen und salinischen
Saamen und heißt mit einem Wort Nitrum und Sal oder Geist und Wasser Aus
diesen beiden Principiis wird alles geboren im Reiche der Natur und Gnaden
Denn auch da wird der neue Mensch wiedergebohren aus Wasser und Geist Joh 3
nämlich aus der geistlichen FeuersKrafft des Vaters und aus der
geistlichwässerigen LichtsKrafft des Sohnes Daher auch der Sohn der
WeibsSaame genannt wird und nicht anders als von einem Triebe ohne Zutuung
des Mannes konnte geboren werden Wir sehen auch hieraus wie die Schönheit und
Lieblichkeit aller Kreatur lediglich in einer gleichen Vermischung zweier
wiederwärtigen Dinge als Licht und Finsternis Feuer und Wasser bitter
scharff herbe und süße temperirend und lieblich bestehet
Der dritte Götze mag wohl die für alle ihre Kreaturen sorgende und wachende
Natur sein welches der NachtEulenKopf mit einem Auge bedeutet Denn ein Auge
sieht viel schärffer als zweie Bald hätte ich das beste an dieser hieroglyphi
schen Figur vergessen Denn dieses Auge stund im Centro eines dreieckigten
EulenKopffs welcher dreieckigte Kopf die drei Principia philosophica der
Natur anzeigt Ist also der Verstand dieser Die wachsame Natur schicket
unendliche Ausflüsse einer unermüdeten Sorgfalt und Hilfe denen notleidenden
Kreaturen zu Weilen aber dieses auch gleichsam zwischen denen dreien Principiis
eingeschlossen ist so gibt dieses zu verstehen dass alle drei Principia
gleichsam die Quellen sind daraus solche Ausflüsse hergeleitet und in dem
einzigen Auge der wachsamen Natur gleichsam concentriret werden Dass es aber
ein EulenKopf ist deutet abermahl die Wachsamkeit an indem dieser Vogel eben
deswegen der Minerva geheiliget ist weil er des Nachts so munter ist welches
sich zum Nachtstudieren überaus wohl schicket Es hat gleichsam der Archæus ein
allsehendes Auge in seinem Hause Er ist wie ein geschickter Hausswirt der
hinten und forn ist und alsobald sieht was fehlt damit dasselbe wieder
ersetzet werde Also auch der Archæus der ist alsobald bei allen notleidenden
Gliedern mit seiner Hilfe da Hat das Haupt Schmerzen so stopffet er die
Quelle indem er die übrigen Speisen auf das geschwindeste aus dem Magen
auszuführen sucht die da eine Jährung im Magen intendiret mithin schon zu
dunsten angefangen Da denn diese Dünste nach dem Kopffe steigen und eben die
Schmerzen causiren Welche aber sobald aufhören so bald die im Magen fermentir
ende materia peccans abgeführet ist Man sehe nur zum Exempel das sorgfältige
Verhalten des Archæi wenn allerlei Unreinigkeiten in seine Werckstatt kommen
sonderlich wenn der Magen mit Galle überladen wird Weil nun diese Galle alle
sein gutes Ferment im Magen verderbt um die Stärcke des Archæi aber dadurch
seine meisten kräfftigsten Würckungen im menschlichen Leibe eine feurige Hitze
befördert wie denn die Hitze ohne dem dem menschlichen Leibe convenable also
weiß er sich auch damit am allerbesten wider seinen eindringenden Feind zu
defendiren Denn die Unreinigkeiten so im Magen entstehen sind ein dickes
irrdisches schleimiges Wesen welches capable ist alle fermentirende Hitze im
Magen zu tilgen Daher wir auch sehen wenn solche dicke irrdische
Unreinigkeiten im Magen überhand nehmen dem Menschen über den ganzen Leib ein
Schauer herfähret Daraus denn der Mensch zu urteilen pflegt dass er ein kaltes
Fieber bekomme Dass aber diese kalte Schauern sich bei dem Menschen äusern
kommt daher weil der Archæus so bald er seine Werckstatt verunruhiget sieht
alsobald verdrossen wird sein Amt nicht mehr verrichtet und dem notleidenden
Gliede die nötige Hilfe nicht mehr zuschicket so nimmt freilich die febrili
sche Kälte überhand Das Schaudern aber entstehet von dem schwachen Widerstande
des Archæi So bald aber der Archæus sich ein wenig erhohlet geht er seinem
Feinde entgegen und suchet dadurch ihn auszutreiben wenn er die ganze
menschliche Machine in Hitze und Brand stecket Darum folgt gemeiniglich auf die
Kälte eine Hitze Hält nun die Hitze länger an als die Kälte so ists ein
Anzeichen dass der Archæus noch stark genug sei seinen Feind zu überstehen
Woferne aber die Hitze abnimmt so ists ein Zeichen dass der Archæus aus seiner
Herberge bald Abschied nehmen werde Die Kranckheit ist zwar so gewaltig nicht
mehr daher unverständige Medici meinen der Patiente bekomme Ruhe Aber eben
daraus erkennet ein kluger Medicus dass die Kranckheit zum Ende gelanget Je
empfindlicher die Hitze oder der Brand der Krancken ist je stärcker kann man sie
zu sein urteilen Und destomehr ist auch Hoffnung zur Genesung Weil man daraus
sieht dass der Archæus seine Sorge und Wachsamkeit für den menschlichen Körper
noch nicht abgeleget Denn diese feurige Wut rühret vom Archæo des Lebens her
wenn er in Harnisch gebracht worden entweder von einer ungesehren den ersten
Schaden verursachenden Materie oder von einem vermeinten Anzeigen dass der Sitz
des Lebens oder sonst ein naher mit demselben sympatisirenden Teile entweder
durch einen bössartigen Dampff und Dunst oder durch einige traurige
GemütsBewegungen Not leide welche durch ihre tyrannischen Eindrückungen den
Sitz des Lebens als seinen eigentümlichen uhrsprünglichen Wohnplatz
beunruhiget maassen die Seele und das Leben uhrsprünglich an einerlei Orte
ihren Sitz haben Der lebendige Archæus ist gleichsam der Vulcanus im Menschen
der die Wärme des Lebens seine ganze LebensZeit über erwecket und erhält und
der bei guten gesunden Tagen in guter Ordnung und vernünftig handelt hergegen
wenn er in Unordnung gebracht worden gleichsam rasend wird
Der vierdte Götze ist ein ergrimmter Mensch der etwas mit einer Keule
zerschlagen will Und dieses stellt nunmehr den rasenden Archæum kat exoxhn
vor oder die den Missbrauch der Kreaturen rächende Natur Diese Eigenschaft des
Archæi erweckt allerdings das unordentliche Leben eines Menschen der mit
Fressen und Sauffen und allerlei Wollüsten in sich hinein stürmet auch durch
allerlei Affecten Sorge Furcht Bekümmernis dem Archæo eine widrige
Empfindung eindrücket Und weil er durch diese Empfindung meldet dass sein Sitz
und Wohnplatz nicht im Stande ist diese belästigende Idee zu ertragen So wird
er gewaltig erbittert setzt wegen dieses entweder wahrhaftigen oder durch die
Ideen causir ten vermeintlichen und eingebildeten Ubels alles in Feuer und
Brand und verursacht einen erbärmlichen Zustand der von sich selbst wesentlich
ist Denn das Sprichwort ist wahr nemo læditur nisi a se ipso
Das fünfte Bild ist ein Mensch mit einem HundeKopffe und zeigt an die das
einschleichende Verderben der Kreatur stets bewachende Natur Wie ein Hund das
Haus bewahret und billet wenn ein Dieb einbrechen will Also ist der Archæus
stets wachsam dass bei Imbibirung der Nahrung nichts unreines oder überflüssiges
in die Kreatur eingeführet werde Denn dieses wird sie alsobald in der
Fermentation von dem guten und reinen Chylo abscheiden und durch allerlei
Ausgänge der Excretion als per sudorem urinam sedes ausführen Ja wenn der
Mensch selbst durch überflüssige Geniessung der Speisen und Getränke die
Werckstatt des Archæi verunreiniget So wird der Archæus in seinen Grimm
aufgebracht verläst seine ordentliche Würckung und das Bellen dieses wütenden
Hundes kann man ja äuserlich wohl merken aus der entstehenden großen Hitze
item aus allerhand gefährlichen Symptomatibus als Ohnmachten HertzKlopffen
äuserlich gifftigen Geschwüren usw
Das sechste Bild ist die Figur eines aufgerichteten sitzenden Ochsens
Gleichwie nun der Ochse arbeitsam ist; also wird dadurch die für ihre Kreaturen
stets sorgende und arbeitende Natur angezeiget Welches aus dem vorhergehenden
gnugsam zu ersehen dass wir also nicht nötig haben uns hierbei länger
aufzuhalten
Das siebende Bild ist der Neptunus wessen Charakter auf dem Steine durch
die dreizinckigte Gabel angedeutet wird Da nun der Neptunus ein Gott des
Wassers ist so stellt dieses Bild vor die für den Uberfluss Reinigkeit und
Gesundheit des Wassers sorgende Natur Keine einzige Kreatur kann das Wasser
entbehren denn hierinnen ist verborgen ein balsamisches LebensSaltz ein
männlicher und weiblicher Saame daraus alle Dinge ihre Speise des Lebens
nehmen Und wo dieses Saltz nicht darinnen ist so wird auch die beste Speise
tumm tot und unfruchtbar Wie CHristus selbst sagt Matt 5 v 13 Wo das
Saltz tumm wird nämlich das balsamische LebensSaltz Nitrum und Sal womit
soll man saltzen Es ist hinfort zu nichts nütze denn dass man es hinaus
schütte und lasse es die Leute zertreten Insgemein ist in einer großen
Quantität Wassers die wir trincken gar ein klein weniges LebensSaltz
befindlich Welches man sehen kann wenn man das putreficirte Wasser abrauchen
und im Keller zu Crystallen anschiessen läst so wird man finden dass das
männliche Saltz das Nitrum sich in Crystallen in die Höhe begeben auf dem Boden
aber lieget ein braunes Saltz welches wenn es wohl ausgeglüet solviret
filtriret und coaguliret seine schöne Weiße wie ein gemeines Saltz zeigt Und
das ist der weibliche Teil unserer gesaltzenen Lebens Speise Weil nun also der
meiste Teil Wasser ist so die Natur nicht annimmt sondern wieder von sich
läst So sehen wir ja durch dieses Scheiden des Wassers von dem balsamischen
Geiste wie immer die sorgfältige Natur bekümmert ist dass ein gnugsamer Vorrat
Wassers da sei für alle Kreaturen Also der balsamische himmlische LebensGeist
aus der Sonne ist sehr feurig und hat das wenigste Wasser doch seine
beständige Agitation macht doch endlich diesen feurigen SamensGeist etwas
dicker und schwerer dass er sich herab sencket in die Region der Luft und
dieses was sich aus dem Himmel mit der Luft vereiniget ist ein Excrement und
heist ein subtiles Wasser Diese Luft nun scheidet sich wieder von ihrem
überflüssigen Wasser und schicket es dem dicken Wasser zu da es denn im Regen
Schnee check usf bald in die See fället als den großen SchatzKasten
des Wassers bald von denen Animalien in denen Speisen genossen wird die
Animalien scheiden wieder ihr überflüssiges Wasser ab und schicken es der Erden
zu davon sich denn alle Kräuter Bäume und Gewächse ernähren Das übrige Wasser
geht ad centrum terræ und ernähret und bringt zur Vollkommenheit alle Minerali
en und Metallen Wie wenig nun der balsamische LebensGeist aus diesem Wasser in
die Metalle zu ihrer Erhaltung eingeht können wir leicht sehen aus der großen
Menge des Wassers die die Natur in denen Bergen von denen Metallen abscheidet
Man sehe nur an was für eine unzehlige Menge Wasser und Quellen aus denen
Bergen hervor kommt dass, wenn man alle Berge in der Welt zusammen rechnen
wollte man zu zehlen aufhören müsste Daraus genugsam zu sehen ist wie
sorgfältig die Natur für einen hinlänglichen WasserVorrat jederzeit gewesen
und auch noch sei
Das achte Bild stellt vor die den männlichen Saamen zur Vollkomenheit
bringende Natur Um der Ursache willen hat dieses Bild allerlei besondere
hieroglyphische Figuren Das männliche Glied unten am Bilde deutet auf die
feurige und brünstige Begierde des allgemeinen Archæi oder WeltGeistes
Kreaturen zu produciren der LöwenKopf mit denen Krallen stellt vor dieses
doppelten chaotischen SaamensGeistes alles zerfressende corrumpirende und per
Fermentationem Putrefactionem zerstöhrende Natur Denn es muss allezeit bei
einer neuen Geburt eine Zerstöhrung und Putrefaction vorher gehen Man muss erst
das alte Haus einreissen allen Schutt und faul Holtz weg schaffen und alsdenn
sind die noch guten wesentlichen Teile des Hauses welche der Schutt gefangen
hielte dass sie nicht konnten zu einem neuen Bau gebraucht werden, von diesen
Banden los Diese wesentlichen Teile nun sind das gute Holtz und Steine welche
man nun ohne Mühe nehmen und zum neuen Hause anwenden kann Der UnterLeib
dieses Bild es hat gerade über der männlichen Schaam eine FroschGestalt Der
Frosch bestehet aus einem wässerigen weiblichen Element und bedeutet also den
weiblichen Saamen der unter der männlichen Rute eben mangelt die denn dadurch
sich verhindert sieht etwas vollkommenes für sich selbst zu produciren Von
diesem weiblichen SaamensPrincipio wird hernach unten noch weiter gehandelt
werden Dieser männliche Saame hat seinen Ursprung wie wir oben gemeldet aus
der Sonne die solche feurige SaamensKrafft durch eine stete Bewegung circa
Zentrum ausstrahlet und in die ganze Welt ausstreuet Und werden diese
SaamensKräffte der Himmel genannt Dieses ist nun ein großes Meer mit
unzehlig viel solchen feurigen lebendigmachenden alles erhitzenden Particulis
angefüllet Weil sie nun das allersubtilste Feuer sind so sind sie auch das
allerkräftigste beweglichste Leben fangen durch solche Bewegung an sich unter
einander zu erhitzen kommen darüber in Fermentation und ihre subtilen
LebensGeister werden dadurch dicke gemacht und fallen wegen ihrer Schwere
herab in die LuftRegion als den andern Teil des männlichen Saamens Hier hat
nun dieser LuftSaame nachdem er durch den täglichen Zufluss aus dem Himmel
immer feuriger wild alsdenn Hitze genug in dieser Region sich von neuen in die
Agitation bringen zu lassen Daraus endlich eine Fermention und Verdickung
entstehet dass er in einem Nebel Dunst und Dampff zuletzt in einem Tau herab
sincket und in procinctu steht sich in die FroschGestalt des weiblichen
SaamensPrincipii nämlich des Wassers vermittelst eines Regen Schnees usw
herab zu stürtzen Davon beim weiblichen SaamensPrincipio ein mehreres wird zu
melden sein
Das neundte Bild ist die bekannte Ceres welches vorstellet die alle
hervorgebrachten Kreaturen mit einer lieblichen Gestalt Schönheit Geruch und
Geschmack auszierende Natur Diese Auszierung gibt nun allein der männliche
Saame als in dessen Feuer die rechte wahrhaftige sulphurische Tinctur ist die
allen Kreaturen einen lieblichen Geruch Geschmack und Farbe gibt nachdem der
weibliche Saamen in einem Subjecto stärcken als im andern Dannenhero riechen
schmecken und blühen die aromatischen SonnenKräuter viel kräfftiger als die
flüchtighitzigen und temperirten gewesen und diese noch kräfftiger als die
wässerigen ja diese haben nicht einmal einen Geruch Wir können demnach daraus
erkennen warum der Lapis philosophorum alle andern Dinge an Geschmack Geruch
schöner Farbe und mächtiger Krafft übertrifft nämlich weil das weibliche
Principium durch die starke Fixation ganz in sein Innerstes hinein gekehret
mithin diese Tinctur durch und durch nichts anders ist als der lauterste und
subtilste astralische der durch vielfältiges imbibiren und kochen in die
allerhöchste Plusquamperfection gebracht und nun ein fixes feuerbeständiges
durchsichtiges crystallinisches RubinGlas rot wie Blut süße wie Zucker
und wohlriechender als Ambra mithin zu einer höchst vollkommensten Medizin auf
Metallen bereitet worden NB Hier mag Herr Plager diese und mehr Passagen wohl
attendiren Sie klingen ganz gewiss philosophischer als die Discourse seines
Eliä Artissä und übrigen GranGoldmachersProfessorum ihre subtilen
WeissheitsLehren Er bitte aber Gott dass mir eine Gelegenheit Zeit und Musse
von ihm geschenckt werde so habe nicht in Abrede als ein Gast mich eine
Zeitlang in dem angenehmen Felsenburg aufzuhalten Da er denn andere Dinge sehen
soll die er gewiss sein LebeTage zu sehen die Gnade nicht gehabt Ich muss
herzlich lachen über die seltsame Auslegung des Spruchs Hiobs und sie haben
sich damit bei dem wahren Eliä Artissä verraten dass Herr Plager und sein
Præceptor nicht viel gewust Gantz gewiss hatte der Mann damals Willens Herrn
Plagern etwas zu offenbahren Weil er aber zur Unzeit mit seinem Anagrammate
heraus ruckte so hielte er hinterm Berge und wurde darüber ganz rot Ohne
Zweifel deutete diese Röte bei dem Manne eine Bestürtzung an dass es leicht
hätte geschehen können sich durch unzeitige Offenbahrung an Gott zu
versündigen Will er ja etwas tüchtiges in diesem Anagrammate tun so muss er
vielmehr auf den und anagrammatisiren der aber nicht das gemeine und ist,
sondern ein regenerirtes philosophisches und welches aber nicht ehe kann zur
Regeneration gebracht werden als bis das gemeine und so er zu erst in die
Hände nehmen muss auf eine philosophische Weise in seine erste materiam remotam
gebracht ist da es denn zwar mineralisch aber doch ad regnum minerale noch
nicht specificiret ist Kurtz es ist eine sche Gur darzu muss und gemacht
werden Kennet er die so ist er auf dem rechten Wege Hier habe ich viel
offenbaret er dancke Gott dafür bete fleißig und studiere Doch wieder ad rem
Das zehende Bild stellt einen Affen vor in seiner gewöhnlichen sitzenden
Natur Wie nun dieses Tier überaus dienstfertig ist auch alles nachtut was
man ihm vormacht also zeigt dieses Bild an die dienstfertige und der
notleidenden Kreatur zu Hilfe kommende Natur Wenn der Mensch eine Wunde hat
so sammlet der Archæus alsobald allerlei balsamische LebensKräffte aus sich
selbst zusammen und bringt sie an den verwundeten Ort ja er schickt auch einen
stärckern Brand und Hitze dahin um diesen Ort wider alle gefährlichen Zufälle
zu defendiren und die Heilung dadurch desto mehr zu befördern Wenn ferner der
Mensch durch üble Diæt viel Unreinigkeiten in die reine Werckstatt des Archæi
eingeführt oder wenn auch nur durch die heftigen Affecten des Menschen eine
Idee eines scheinenden Wiederwärtigen und Bösen dem Archæo imprimiret wird so
wird er wie oben gemeldet wütend und voller Grimm und ruiniret seine ganze
Werkstatt setzt sie in Feuer und Brand und richtet daselbst einen recht
erbärmlichen Zustand an Wenn man aber diesem erzürnten Affen nur einen schönen
Apffel vorwirfft das ist wenn man ihm eine wohl ausgekochte fix und
feuerbeständige Quintessenz vorhält und zu kosten gibt so schmecket er just
diejenige Speise die mit ihm einerlei Natur ist und womit er auch seine
krancke Kreaturen speiset und stärcket Dadurch wird er nun nicht nur begütiget
sondern auch noch dazu ganz lustig und munter gemacht dass er wieder seine
Arbeit in seiner Werckstatt anfängt und alle Unreinigkeit per locos excretionis
ausführet So dienstfertig ist die gütige Natur ob wir sie gleich erzürnet Und
gleichwie wir den Apffel diesem erzürnten Affen vorgeworffen und ihn dadurch
wieder besänftiget also tut er solches uns gleich nach und wirfft eben diesen
Apffel nämlich die balsamische Tinctur dem krancken Gliede wieder vor dass es
dadurch gestärckt und gesund werde
NB Hier bei der angezeigten Weise wie ein Hermeticus die Kranckheiten zu
curiren pflegt da er nämlich nicht selbst der Medicus sein will denn das ist
die Natur und nach derselben Gott sondern der Medicus ist nur ein Diener der
Natur, und wenn die Natur oder der Archæus in seiner Werckstatt in Unordnung
kommen und sich nicht helfen kann so reicht der Minister naturæ alsobald
derselben diejenige Artzenei womit sie sonst gleichfalls ihre krancken
Patienten zu curiren pfleget Dadurch wird der Archæus auf einmal gestärcket
dass er hernach schon selbst im Stande ist seinen Patienten zu Hilfe zu kommen
Aber ich muss herzlich lachen über die Medicos mechanicos die ob gleich Gott
spricht Ich bin der Herr dein Artzt dennoch par tout selbst der Artzt sein
wollen Und weil sie der Natur ihre Art zu curiren nicht wissen sondern meinen
der Archæus treibe das Böse hinaus per Mechanismum wie man mit dem Besem eine
Stube auskehrt Da mag man denn billig fragen wie wird sie sich aber dieser
bösen ScheinIdeen entledigen die sie sich per Impression gemacht Was braucht
man da für einen Besem dazu Eine MagenBürste ist gewiss hierzu zu grob und
allzu mechanisch Ach in der Natur treiben keine mechanische Gewichte von
großer Schwere die Kranckheit aus sondern in der Natur bewegt nur eine kleine
subtile LichtesKrafft das wiederwärtige Böse viel stärcker als das schwerste
Pondus in der Matematique Ich habe vorhin gesagt die Sonne strahle lauter
solche LichtsKräffte aus Und weil sie sich denn circa centrum ab occidente
versus orientem bewegt so bewegen sich denn auch alle ihre LichtsKräfte mit
dahin Weil nun alle schweren Körper als unsere Erde und andere Planeten in
diesen solarischen LichtsKräfften gleichsam schwimmen eben wie eine Kugel in
der See so folgt notwendig dass weil alle LichtsKräfte sich per circulum ab
occidente versus orientem drehen alsdenn auch unsere Erde und dergleichen mehr
par Kompagnie eben den Weg mit fort müssen Tut dieses der große WeltArchæus
die Sonne warum soll es denn nicht auch unser Archæus tun können in unserer
kleinen Machine So curiren wir denn weit glücklicher und gewisser durch eine
Medizin die mit unzählig tausend Radiis sulphureosolaribus angefüllet ist
Davon auch nur den Stein in Spiritum Vini geweicht dass ihm so gar auch am
Gewichte nichts abgehet bloß durch seine einstrahlende geistliche Krafft den
Spiritum Vini medicinisch macht Nun wieder zur Sache
Das eilfte Bild ist das weibliche SaamensPrincipium und zeigt an die den
männlichen mit dem weiblichen Saamen vereinigende und solche mit einer
lebendigen SaamensKraft des männlichen Principii prægnirende Natur Das zeigt
unten die Signatur des weiblichen Gliedes gegen die Signatur des männlichen
Gliedes die uns genungsam anzeigt wie begierig der kalte weibliche Saame nach
dem feurigen männlichen Saamen seinen Mund auftut um solchen in sich als in
einer Matricem einzuschliessen Welches gleichfals so zu merken da die Diana
sich gleichsam in eine solche Positur leget als wollte sie auf den brünstigen
Hirsch des feurigen mäñlichen Saamens mit höchster Begierde zufliegen Welches
gleichfals anzeigt wie begierig die weibliche allgemeine SaamensQuelle des
Mondes nach der feurigen allgemeinen Saamens Quelle der Sonne sich bezeigt also
dass der Mond alle diese solarische feurige Influentien attrahiret in ihre
Natur verwandelt und nach und nach selbst ganz feurig wird und geschickt ist
eine neue Kreatur hervor zu bringen nämlich den allgemeinen chaotischen Saamen
im Wasser Nitrum und Sal gleichwie nun der männliche Saame eine corrumpirende
Krafft hat indem er alles verbrennt und austrocknet also hat auch der
weibliche Saame eine corrumpirende Krafft indem er durch ihre überflüssige
Aquosität alles faulend macht Diese corrumpirende Krafft wird an dem Bilde im
Tempel angezeigt dadurch dass dieser Götze ein Kind verschlingt Was ich nun
esse das verwandele ich in meine Natur Wenn nun eine Sache mit allzu vielen
wässerigen Principiis imprægniret wird so faults und wird zu lauter Wasser Man
probire es mit einem eingesaltzenen Fleische stelle das Fleisch also dass das
SaltzWasser davon ablauffen und die Luft dazu kommen kann Man werffe Saltz
darauf so viel man will weil es ein wässeriges Saltz ist so muss es doch
verfaulen Weil nun dieser weibliche mit dem männlichen imprægnirte Saame
gleichwohl immer nach mehreren dergleichen hungert so werden dadurch die
LebensGeister im Saamen zu einer Activität und Leben aufgewecket fangen an zu
wachsen und aufzuschwellen dass sich endlich zuletzt der Saame zu einer dicken
ölichten incluosen SaamensGur zeitiget Und das ist materia prima remota
woraus alle Kreaturen durch beständige lmbibition einer neuen SaamensGur
endlich zur Vollkommenheit komen Welches auch ein HauptPünctgen in der hermeti
schen Philosophie ist Gewiss diese Heiden in KleinFelsenburg müssen große
erfahrne Philosophi gewesen sein Diese durch vielfältige Imbibition causirte
wachsende Krafft wird an dem Bilde vorgestellt unter dem Nabel mit 6 Zitzen
dadurch die Natur ihre Kinder gleichsam als an vielen Brüsten reichlich säuget
und damit ihren Wachstum befördert Dieser weibliche Saame wird aber nun also
mit dem männlichen vereiniget Es ist nämlich bekannt dass diese beiden Saamen
gegen einander sehr hungrig sind Dannenhero zieht immer eines das andere
begierig an sich Wenn demnach Tau Nebel Dampf und Dunst in der unteren warmen
und schon dickern Region der Luft noch mehr fermentiret wird so verdickt er
sich endlich und fället in Regen check Schnee usw herab teils in die
große WeltSee als die große VorratsKammer alles Wassers teils auf die
Erde dadurch alles wächst und fruchtbar wird auch unzehlige Vegetabilien
kommen die Animalia hergegen auch ihre Nahrung davon nehmen Das übrige geht
centrum terræ Daraus es wieder als ein corrosivischer CentralDunst in die Höhe
steiget sich immer ie mehr und mehr verdicket und in Mineralia Metalla
zeitiget Das übrige Wasser aber das die Natur in den Bergen abscheidet bricht
an denenselben in Seen und Flüssen in großer Menge aus davon etliche ganz
süße sind andere durch saltzigte Gebirge streichen und zu SaltzQuellen
werden noch andere durch victriolische alaunische martialische venerische
Gänge gehen daraus unterschiedliche SauerBrunnen warme Bäder usf zu Tage
ausgehen
Das zwölfte Bild ist der Mercurius Dieses ist nebst der Sonne und Mond das
dritte SaamensPrincipium kommt aber in der philosophischen Arbeit nicht zum
Vorschein Denn der Philosophus hat beständig nur zwei Principia in Händen
nämlich Sonne und Mond männlichen und weiblichen Saamen Sulphur und Saltz
Feuer und Licht Acidum und Alcali In beiden aber ist das dritte verborgen als
sein Geist und Leben das nicht wohl ohne gänzliche Destruction des Saamens von
einander geschieden werden kann. In dem männlichen Saamen ist es ein hitziger
feuriger brennender und treibender Geist in dem weiblichen Saamen ist es ein
wässerichtsaltzigter gelinder und temperirter Geist Wenn nun diese beiden
Geister in denen beiden Principiis mit einander vereiniget werden so heists
Mercurius duplicatus so führen sie ihren vereinigten Saamen desto kräftiger in
die unvollkommene Metallen ein verwandeln sie in ihre Natur nämlich in einen
sulphurischen SaltzLeib und jemehr dieser sulphurische SaltzStein mit neuem
Mercurio duplicato wieder aufgelöst coagulirt und figiret auch zur höchsten
Glasigkeit und durchsichtigcrystallinischen RubinRöte figiret wird also dass
es zu einer plusquamperfecten Figität und Maturität gebracht wird Je höher es
nachgehends andere unvollkommene Metallen in das schönste Gold tingiret Dieser
Geist ist doppelt darum hat auch der Mercurius gedoppelte Flügel und am Stabe
eine gedoppelte Schlange Wie auch hier der Stab Mercurii durch gedoppelte
QueerStriche solches anzeiget
Das dreizehende ist eine gekrümmte Schlange die mit dem Schwantze auf einer
Kugel steht Wie nun eine Schlange durch die kleineste Ritzen durchschlupfen
kann also stellt dieses Bild vor die die kleinesten verborgensten Winckel der
Kreaturen durchsuchende und von aller Unreinigkeit befreiende Natur Gleichwie
nun der Archæus durchaus nichts in seiner Werckstatt dultet also empfindet er
nun alsobald den geringsten Schnitt oder andere kleine Læsiones an denen
Gliedern schickt sogleich eine genungsame balsamische Hitze zu Heilung dieses
Gliedes dahin Welches aus der großen Feurigkeit und Hitze wie auch aus der
roten Gestalt des verwundeten Teils gnugsam zu sehen dass da hier mehr und
überflüssiges Blut schon abgeführet worden als sonst wäre nötig gewesen Dieses
wäre nun meine Hochgeehrteste Herrn was ich euch aus wohlmeinenden Hertzen
eröffnen wollen
Nun erlaubet mir auch zu sagen etc Indem ich Gisander nun verhoffe
es werden die Herrn Felsenburger mit der mir ausgetragenen Ausarbeitung ihrer
GeschichtsBeschreibung die ich in meinen Nebenstunden mit vielem Vergnügen
bestmöglichst verrichtet zufrieden sein so dancke ihnen allen vor das
reichliche Honorarium welches sie mir ihrer besonderen Generosite nach angedeien
lassen Meine deutschen LandsLeute werden mir vermutlich dasselbige gönnen
weilen gewiss weiß dass viele derselben sehr begierig sind die Felsenburgischen
Geschichte zu lesen da aber vieler Umstände und Ursachen wegen wohl dieserhalb
so bald nichts weiter zu Marckte gebracht werden dürffte so mache nun mit
gröstem Plaisir des vierdten und letzten Teils
ENDE