1710_Berkeley_Erkenntnis.html





 Da die Philosophie nichts anderes ist als das Streben nach Weisheit und

Wahrheit so sollte man vernunftgemäß erwarten dürfen dass die welche am

meisten Zeit und Mühe auf dieselbe verwendet haben sich einer größeren Ruhe

und Heiterkeit des Gemütes einer größeren Klarheit und Sicherheit der

Erkenntnis erfreuen und weniger durch Zweifel und Bedenken beunruhigt werden

als andere Menschen Wir sehen dagegen dass vielmehr die ungelehrte Menge der

Menschen die auf der Landstraße des schlichten Menschenverstandes wandelt und

durch die Gebote der Natur geleitet wird größtenteils zufrieden und ruhig

lebt Ihnen scheint nichts was gewöhnlich ist unerklärlich oder schwer zu

begreifen Sie klagen nicht über irgend welche Unzuverlässigkeit ihrer Sinne und

sind ganz frei von der Gefahr in Zweifelsucht zu geraten Sobald wir aber der

Leitung der Sinne und der Natur uns entziehen um dem Lichte eines höheren

Prinzips zu folgen um über die Natur der Dinge Schlüsse zu ziehen

nachzudenken zu reflektieren so erheben sich sofort tausend Zweifel in unserem

Geist in Betreff eben der Dingewelche wir vorher völlig zu begreifen meinten

Vorurteile und Irrtümer der Sinne enthüllen sich von allen Seiten her unserem

Blick und indem wir diese durch Nachdenken zu berichtigen streben werden wir

unvermerkt in seltsame von der gewöhnlichen Meinung abweichende Behauptungen

Schwierigkeiten und Widersprüche verstrickt die sich in dem Maasse als wir in

der Betrachtung weiter gehen vermehren und steigern bis wir zuletzt nachdem

wir manche verschlungene Irrgänge durchwandert haben uns gerade an dem Punkte

wiederfinden von welchem wir ausgegangen waren oder was schlimmer ist bis

wir die Forschung aufgeben und in Zweifelsucht verloren die Hände in den

Schoss legen

    Man hält dafür die Ursache hiervon liege in der Dunkelheit der Dinge

oder in der natürlichen Schwäche und Unvollkommenheit unseres Verstandes Man

sagt unsere Geisteskräfte seien beschränkt und dieselben seien von der Natur

dazu bestimmt zur Erhaltung und Erleichterung des Lebens zu dienen nicht zur

Erforschung des inneren Wesens und der Einrichtung der Dinge. Zudem sei es nicht

verwunderlich dass der menschliche Verstand da er endlich sei wenn er Dinge

behandle die an der Unendlichkeit Teil haben in Ungereimtheiten und

Widersprüche verfalle aus welchen sich jemals herauszuarbeiten ihm unmöglich

sei da es zu der Natur des Unendlichen gehöre nicht vom Endlichen begriffen

werden zu können

    Doch sind wir vielleicht zu parteiisch für uns selbst eingenommen wenn

wir die Quelle des Fehlers in den Anlagen unseres Geistes suchen und nicht

vielmehr in dem unrichtigen Gebrauch den wir von denselben machen Es ist

misslich vorauszusetzen dass richtige Schlüsse aus wahren Vordersätzen jemals

zu Endergebnissen führen sollten welche nicht aufrecht erhalten oder mit

einander in Übereinstimmung gebracht werden könnten Man sollte doch denken

dass Gott nicht so ungütig gegen die Menschenkinder verfahren sei diesen ein

lebhaftes Verlangen nach einem Wissen einzuflößen welches er ihnen zugleich

völlig unerreichbar gemacht hätte Dies würde nicht zu dem gewöhnlichen

liebevollen Verfahren der Vorsehung stimmen mit welchem sie regelmäßig ihren

Geschöpfen die Mittel gegeben hat durch deren rechten Gebrauch dieselben alle

ihnen eingepflanzten Triebe unfehlbar zu befriedigen vermögen Kurz ich bin

geneigt zu glauben dass weitaus die meisten wo nicht alle Schwierigkeiten

welche bisher die Philosophen hingehalten und ihnen den Weg zur Erkenntnis

versperrt haben durchaus von uns selbst verschuldet seien dass wir zuerst eine

Staubwolke erregt haben und uns dann beklagen nicht sehen zu kennen

    Mein Vorsatz ist demgemäß zu versuchen ob ich ausfindig machen kann

welche Grundannahmen es seien die jene Fülle von Zweifeln und jenes unsichere

Schwanken die alle jene Ungereimtheiten und Widersprüche bei den verschiedenen

Sekten der Philosophen in solchem Maasse verursacht haben dass die weisesten

Menschen unsere Unwissenheit für unheilbar gehalten haben indem sie annahmen

dieselbe rühre von der natürlichen Schwäche und Beschränktheit unserer

Geisteskräfte her Und es ist gewiss eine die Mühe lohnende Aufgabe eine genaue

Untersuchung über die ersten Prinzipien der menschlichen Erkenntnis

anzustellen dieselben allseitig zu sichten und zu prüfen zumal da die

Vermutung nicht unbegründet sein durfte dass jene Hindernisse und Anstöße

welche den Geist bei dem Suchen der Wahrheit aufhalten und verwirren nicht

sowohl in irgend einer Dunkelheit und Verwickelung der Objekte oder in einer

natürlichen Schwäche des Verstandes ihre Quelle haben als vielmehr in falschen

Grundannahmen an denen man festgehalten hat und die sich doch hätten vermeiden

lassen

   Wie schwierig und aussichtslos auch immer dieser Versuch erscheinen mag

wenn ich in Betracht ziehe wie viele große und außerordentliche Männer vor

mir die gleiche Absicht gehegt haben so bin ich doch nicht ohne einige

Hoffnung welche sich auf die Erwägung gründet dass die weitesten Aussichten

nicht immer die deutlichsten sind und dass der Kurzsichtige weil er genötigt

ist die Objekte dem Auge näher zu bringen vielleicht durch eine genaue

Besichtigung aus geringer Entfernung solches zu erkennen vermag was weit

besseren Augen entgangen ist

    Um den Geist des Lesers zu einem leichteren Verständnis des Folgenden

zu befähigen ist es angemessen Einiges einleitend vorauszuschicken was das

Wesen und den falschen Gebrauch der Sprache betrifft Die Erörterung dieses

Gegenstandes aber führt mich dazu einigermaßen meine Hauptfrage schon im

Voraus mitzubehandeln indem ich etwas berühre das einen Hauptanteil an der

Verwickelung und Trübung der Forschung gehabt und unzählige Irrtümer und

Anstöße in fast allen Teilen der Wissenschaft veranlasst zu haben scheint

Dies ist die Meinung der Geist habe ein Vermögen abstrakte Ideen »abstract

ideas« oder Begriffe »notions« von Dingen zu bilden Wer nicht durchaus ein

Fremdling in den Schriften und Disputationen der Philosophen ist muss zugeben

dass kein kleiner Teil derselben sich auf abstrakte Ideen bezieht Man nimmt

an dass diese vorzugsweise dass Objekt der Wissenschaften bilden welche die

Namen Logik und Metaphysik tragen und überhaupt derjenigen welche für die

abstraktesten und höchsten Lehrobjekte gelten in diesen allen wird man

schwerlich eine Frage so behandelt finden dass nicht vorausgesetzt würde dass

abstrakte Ideen in dem Geiste existieren und dieser mit denselben wohl bekannt

sei

     Allseitig wird anerkannt dass die Eigenschaften Qualitäten oder

Beschaffenheiten Modi Daseinsweisen der Dinge nicht einzeln für sich und

gesondert von allen anderen in Wirklichkeit existieren sondern dass jedesmal

mehrere derselben in dem nämlichen Objekt gleichsam mit einander vermischt und

verbunden seien Man sagt uns aber dass der Geist, da er fähig sei jede

Eigenschaft einzeln zu betrachten oder sie von den anderen Eigenschaften mit

welchen sie vereinigt ist abzusondern hierdurch sich selbst abstrakte Ideen

bilde Wenn zB durch den Gesichtssinn ein ausgedehntes farbiges und bewegtes

Objekt wahrgenommen worden ist, so bildet sagt man der Geist, indem er diese

gemischte oder zusammengesetzte Idee in ihre einfachen Bestandteile auflöst und

einen jeden derselben für sich mit Ausschluss der übrigen betrachtet die

abstrakten Ideen der Ausdehnung, Farbe Bewegung Nicht als ob es möglich wäre

dass Farbe oder Bewegung ohne Ausdehnung existieren es soll nur der Geist für

sich selbst durch Abstraktion die Idee der Farbe ohne Ausdehnung und der

Bewegung ohne Farbe und Ausdehnung bilden können

     Da ferner der Geist beobachtet hat dass in den einzelnen durch die

Sinne wahrgenommenen Ausdehnungen etwas Gleiches ihnen allen Gemeinsames ist

und etwas Anderes den einzelnen Ausdehnungen Eigentümliches wie diese oder

jene Form oder Größe wodurch sie sich von einander unterscheiden so

betrachtet er das Gemeinsame besonders oder scheidet es als ein Objekt für sich

ab und bildet demgemäß eine sehr abstrakte Idee einer Ausdehnung die weder

Linie noch Fläche noch Körper ist noch auch irgend eine bestimmte Form oder

Größe hat sondern eine von diesem allem abgelöste Idee ist In gleicher Weise

bildet der Geist, indem er von den einzelnen sinnlich perzipierten Farben

dasjenige weglässt was dieselben von einander unterscheidet und nur dasjenige

zurückbehält was allen gemeinsam ist eine Idee von Farbe in abstracto die

weder Roth noch Blau noch Weiß noch irgend eine andere bestimmte Farbe ist

In gleicher Art wird auch die abstrakte Idee der Bewegung, welche gleichmäßig

allen einzelnen sinnlich wahrgenommenen Bewegungen entspricht dadurch gebildet

dass die Bewegung nicht nur abgesondert von dem bewegten Körper sondern ebenso

auch von der beschriebenen Figur und von allen besonderen Richtungen und

Geschwindigkeiten betrachtet wird

    Wie der Geist sich abstrakte Ideen von Eigenschaften oder

Beschaffenheiten Bestimmtheiten Modis bildet so erlangt er durch denselben

Akt der sondernden Unterscheidung oder Vorstellungszerlegung auch abstrakte

Ideen von den mehr zusammengesetzten Dingen welche verschiedene zusammen

existierende Eigenschaften enthalten Hat zB der Geist beobachtet dass Peter

Jakob und Johann einander durch gewisse ihnen allen gemeinsam zukommende

Bestimmtheiten der Gestalt und anderer Eigenschaften gleichen so lässt er aus

der komplexen oder zusammengesetzten Idee die er von Peter Jakob und anderen

einzelnen Menschen hat dasjenige weg was einem jeden derselben eigentümlich

ist behält nur dasjenige zurück was ihnen allen gemeinsam ist und bildet so

eine abstrakte Idee an welcher alle einzelnen gleichmäßig Teil haben indem

er von allen den Umständen und Unterschieden welche dieselbe zu irgend einer

Einzelexistenz gestalten können gänzlich abstrahiert und dieselben ausscheidet

Auf diese Weise sagt man erlangen wir die abstrakte Idee des Menschen oder

wenn wir lieber wollen der Menschheit oder der menschlichen Natur worin zwar

die Idee der Farbe liegt da kein Mensch ohne Farbe ist aber dies kann weder

die weiße noch die schwarze noch irgend eine andere einzelne Farbe sein weil

es keine einzelne Farbe gibt an der alle Menschen teilhaben Ebenso liegt

darin auch die Idee der Körpergestalt aber dies ist weder eine große noch

eine kleine noch eine mittlere Gestalt sondern etwas von diesen allen

Abstrahiertes Das Gleiche gilt von allem Übrigen Da es ferner eine große

Menge anderer Geschöpfe gibt die in einigen Teilen aber nicht in allen mit

der abstrakten Idee »Mensch« übereinkommen so lässt der Geist die Theile weg

welche den Menschen eigentümlich sind hält nur diejenigen fest welche allen

lebenden Wesen gemeinsam sind und bildet so die Idee des »animal« worin nicht

nur von allen einzelnen Menschen sondern auch von allen Vögeln Vierfüßlern

Fischen und Insekten abstrahiert wird Die konstituierenden Theile der abstrakten

Idee eines Tieres animal sind Körper Leben Sinnesempfindung und

freiwillige Bewegung unter »Körper« wird verstanden ein Körper ohne irgend eine

besondere Gestalt oder Figur da keine solche allen Tieren gemeinsam ist ohne

Bedeckung mit Haaren Federn oder Schuppen usw aber auch nicht nackt da

Haare Federn Schuppen und Nacktheit unterscheidende Eigentümlichkeiten

einzelner Tiere sind und darum aus der abstrakten Idee wegbleiben Aus

demselben Grunde darf die freiwillige Bewegung weder ein Gehen noch ein

Fliegen noch ein Kriechen sein sie ist nichtsdestoweniger eine Bewegung  was

für eine Bewegung aber ist nicht leicht zu begreifen

    Ob Andere diese wunderbare Fähigkeit der Ideenabstraktion besitzen

können sie uns am besten sagen was mich betrifft so finde ich in der Tat in

mir eine Fähigkeit mir die Ideen der einzelnen Dinge die ich wahrgenommen

habe vorzustellen oder zu vergegenwärtigen und dieselben mannichfach

zusammenzusetzen und zu teilen Ich kann mir einen Mann mit zwei Köpfen oder

auch die oberen Theile eines Menschen mit dem Leibe eines Pferdes verbunden

vorstellen Ich kann die Hand das Auge die Nase jedes für sich abstrakt oder

getrennt von den übrigen Teilen des Körpers betrachten Was für eine Hand oder

was für ein Auge ich dann aber auch mir vorstellen mag so muss doch dieser Hand

oder diesem Auge irgend eine bestimmte Gestalt und Farbe zukommen Ebenso muss

auch die Idee eines Mannes die ich mir bilde entweder die eines weißen oder

eines schwarzen oder eines rothäutigen eines gerade oder krumm gewachsenen

eines großen oder kleinen oder eines Mannes von mittlerer Größe sein Es ist

unmöglich durch ein angestrengtes Denken die oben beschriebene abstrakte Idee

zu erfassen Ebenso unmöglich ist es mir die abstrakte Idee einer Bewegung ohne

einen sich bewegenden Körper die weder schnell noch langsam weder krummlinig

noch geradlinig sei zu bilden und das Gleiche gilt von jedweder anderen

abstrakten allgemeinen Idee Um mich genauer zu erklären ich finde mich selbst

befähigt zur Abstraktion in Einem Sinne nämlich wenn ich gewisse einzelne

Theile oder Eigenschaften gesondert von anderen betrachte mit denen sie zwar in

irgend welchem Objekt vereinigt sind ohne die sie aber in Wirklichkeit

existieren können Aber ich finde mich nicht befähigt diejenigen Eigenschaften

von einander durch Abstraktion zu trennen oder gesondert zu betrachten welche

nicht möglicherweise ebenso gesondert existieren können oder einen allgemeinen

Begriff durch Abstraktion von den besonderen in der vorhin bezeichneten Weise zu

bilden In diesen beiden letzteren Bedeutungen aber wird eigentlich der Terminus

Abstraktion gebraucht Auch ist die Annahme nicht unbegründet dass die meisten

Menschen zugeben werden mit mir in gleichem Falle zu sein Die meisten

Menschen welche schlicht und ungelehrt sind machen keinen Anspruch auf den

Besitz abstrakter Begriffe Man sagt dieselben seien schwierig und nicht ohne

Mühe und Studium zu erlangen Wir dürfen nach dem Obigen vernünftigerweise

Schließen dasswenn es abstrakte Ideen gibt dieselben nur bei Gelehrten

sich finden

    Ich schreite nun zur Prüfung dessen fort was zur Verteidigung der

Lehre von der Abstraktion vorgebracht werden kann, und versuche zu entdecken

was es sei wodurch wissenschaftliche Männer bewegen werden eine Meinung

anzunehmen welche dem gemeinen Menschenverstande so fremd ist wie es diese zu

sein scheint Ein kürzlich verstorbener mit Recht geschätzter Philosoph hat

ohne Zweifel dieser Meinung großen Vorschub geleistet indem er zu denken

scheint der Besitz abstrakter Ideen sei das was zwischen der Verstandeskraft

des Menschen und der Tiere den größten Unterschied ausmache »Der Besitz

allgemeiner Ideen« sagt er »begründet einen durchgängigen Unterschied zwischen

dem Menschen und den vernunftlosen Wesen und ist ein Vorzug der den Fähigkeiten

der letzteren in keiner Weise erreichbar ist Denn es ist offenbar dass wir bei

denselben keine Spur des Gebrauches allgemeiner Zeichen für universale Ideen

finden wonach wir Grund haben anzunehmen dass sie nicht die Fähigkeit zu

abstrahieren oder allgemeine Ideen zu bilden besitzen da sie keine Worte oder

irgend welche allgemeine Zeichen gebrauchen« Und kurz nachher »Demgemäß

dürfen wir denke ich annehmen dass hierin der spezifische Unterschied der

Tiere von den Menschen bestehe dieser eigentümliche Unterschied sondert sie

gänzlich und erweitert sich zuletzt zu einem so beträchtlichen Abstände Denn

haben die Tiere überhaupt irgend welche Vorstellungen und sind sie nicht wie

Einige wollen bloße Maschinen so können wir nicht leugnen dass sie in einem

gewissen Sinne Vernunft besitzen Ebenso offenbar wie die Tatsache, dass sie

Sinne besitzen scheint mir auch dies zu sein dass einige von ihnen in gewissen

Fällen Schlüsse ziehen aber nur mittelst solcher Einzelvorstellungen wie sie

dieselben von ihren Sinnen empfangen Auch die obersten Tierklassen bleiben in

diese engen Grenzen gebannt und vermögen dieselben nicht durch irgend welche

Abstraktion zu erweitern« Versuch über den menschlichen Verstand Buch II

Cap IX Sektion 10 u 11 Ich stimme diesem gelehrten Schriftsteller

unbedenklich darin bei dass den Fälligkeiten der Tiere die Abstraktion

durchaus unerreichbar sei nur fürchte ich dasswenn hierin ihr

Unterscheidungsmerkmal liegen soll sehr viele von denen die für Menschen

gelten mit ihnen in Eine Klasse zu setzen seien Der hier angegebene Grund den

Tieren keine abstrakten Ideen zuzuschreiben liegt darin dass wir bei ihnen

keinen Gebrauch von Worten oder anderen allgemeinen Zeichen beobachten Dieser

Grund ruht auf der Voraussetzung, dass der Gebrauch von Worten an den Besitz

Allgemeiner Ideen geknüpft sei woraus folgtdass Menschen die sich der

Sprache bedienen fähig seien zu abstrahieren oder ihre Ideen zu verallgemeinern

Dass dieses der Sinn und die Folgerung des Verfassers ist geht ferner aus

seiner Antwort auf die Frage hervor die er an einer anderen Stelle aufwirft

»Da doch alle existierenden Dinge Einzelobjekte sind wie gelangen wir zu

allgemeinen Bezeichnungen« Er antwortet »Worte werden dadurch allgemein dass

sie zu Zeichen allgemeiner Ideen gemacht werden« a a O B III Cap III

Sect 6 Es scheint jedoch dass ein Wort allgemein wird indem es als Zeichen

gebraucht wird nicht für eine abstrakte allgemeine Idee sondern für mehrere

Einzelideen deren jede es besondere im Geiste anregt Wird zB gesagt die

Bewegungsänderung ist proportional der aufgewandten Kraftoder: alles

Ausgedehnte ist teilbar so sind diese Regeln von Bewegung und Ausdehnung im

Allgemeinen zu verstehen dennoch folgt nicht dass sie in meinem Geiste eine

Vorstellung von Bewegung ohne einen bewegten Körper oder ohne eine bestimmte

Richtung und Geschwindigkeit anregen oder dass ich eine abstrakte allgemeine

Idee einer Ausdehnung bilden müsse die weder Linie noch Fläche noch Körper

weder groß noch klein weder schwarz noch weiß noch rot noch von irgend

einer anderen bestimmten Farbe sei sondern es liegt darin nur dass welche

Bewegung auch immer ich betrachten mag sei dieselbe schnell oder langsam

senkrecht waagerecht oder schräg sei sie die Bewegung dieses oder jenes

Objektes das sie betreffende Axiom sich gleichmäßig bewahrheite Ebenso

bewahrheitet sich der andere Satz bei jeder besonderen Ausdehnung wobei es

keinen unterschied macht ob dieselbe eine Linie oder eine Fläche oder ein

Körper, ob dieselbe von dieser oder jener Größe oder Figur sei

     Indem wir beobachten wie Ideen allgemein werden gelangen wir zu einem

richtigeren Urteil darüber wie Worte dies werden Ich muss hier bemerken dass

ich nicht absolut die Existenz von allgemeinen Ideen sondern nur die von

abstrakten allgemeinen Ideen leugne denn an den obigen Stellen wo allgemeine

Ideen erwähnt werden ist stets vorausgesetzt dass sie durch Abstraktion

gebildet seien auf die in Sektion VIII u IX auseinandergesetzte Weise

Wollen wir nun mit unseren Worten einen bestimmten Sinn verknüpfen und nur von

Begreiflichem reden so müssen wir glaube ich anerkennen dass eine Idee die

an und für sich eine Einzelvorstellung ist allgemein dadurch wird dass sie

dazu verwendet wird alle anderen Einzelvorstellungen derselben Art zu

repräsentieren oder statt derselben aufzutreten Damit dies durch ein Beispiel

klar werde stelle man sich vor dass ein Geometer den Nachweis führe wie eine

Linie in zwei gleiche Theile zu zerlegen sei Er zeichnet etwa eine schwarze

Linie von der Länge eines Zolls diese Linie die an und für sich eine einzelne

Linie istist nichtsdestoweniger mit Rücksicht auf das was durch sie bezeichnet

wird allgemein da sie wie sie hier gebraucht wird alle einzelnen Linien wie

auch immer dieselben beschaffen sein mögen repräsentiert so dass was von ihr

bewiesen ist von allen Linien oder mit anderen Worten, von einer Linie im

Allgemeinen bewiesen istEbenso, wie die einzelne Linie dadurch dass sie als

Zeichen dient allgemein wird so ist der Name Linie der an sich partikular

ist dadurch dass er als Zeichen dient allgemein geworden und wie die

Allgemeinheit jener Idee nicht darauf beruht dass sie ein Zeichen für eine

abstrakte oder allgemeine Linie wäre sondern darauf dass sie ein Zeichen für

alle einzelnen geraden Linien ist die existieren können so muss auch angenommen

werden dass das Wort Linie seine Allgemeinheit derselben Ursache verdanke

nämlich dem Umstände dass es verschiedene einzelne Linien unterschiedslos

bezeichnet

     Um dem Leser eine noch klarere Einsicht in die Natur abstrakter Ideen

und in die Anwendungen um deren willen man derselben zu bedürfen glaubt zu

verschaffen will ich noch folgende Stelle aus dem »Versuch über den

menschlichen Verstand« anführen »Abstrakte Ideen sind Kindern oder im Denken

noch ungeübten Personen nicht so nahe liegend oder leicht zu bilden wie

Einzelideen so weit sie dies den Erwachsenen sind sind sie es nur durch den

beständigen gewohnten Gebrauch geworden Achten wir genau auf sie so werden

wir finden dass allgemeine Ideen Gebilde und Erfindungen des Geistes sind die

nicht ohne Schwierigkeit gebildet werden und sich nicht so leicht von selbst

einstellen wie wir zu glauben geneigt sind Erheischt es zB nicht einige Mühe

und Geschicklichkeit die allgemeine Idee eines Dreiecks zu bilden die doch

noch keine der abstraktesten umfassendsten und schwierigsten ist Es soll die

Idee eines Dreiecks gebildet werden, welches weder schiefwinkelig noch

rechtwinkelig weder gleichseitig noch gleichschenkelig noch

ungleichschenkelig sei sondern alles dieses und zugleich auch nichts von

diesem In der Tat ist dies etwas unvollständiges das nicht existieren kann

eine Idee worin einige Theile von verschiedenen und mit einander unvereinbaren

Ideen zusammengestellt sind Allerdings bedarf der Geist in seinem gegenwärtigen

unvollkommenen Zustande solcher Ideen und eilt möglichst sie zu bilden zum Behuf

der Mittheilung und Erweiterung der Erkenntnis, da er zu beidem von Natur eine

sehr starke Neigung hat Doch lässt sich mit Recht vermuten dass solche Ideen

Merkmale unserer Unvollkommenheit seien Zum mindesten reicht das Gesagte hin

zu beweisen dass die abstraktesten und allgemeinsten Ideen nicht diejenigen

seien mit welchen der Geist zuerst und am leichtesten vertraut wird nicht

diejenigen auf welche seine ersten Kenntnisse sich beziehen« a a O IV VII

9 Falls irgend Jemand die Fähigkeit besitzt in seinem Geiste eine solche

Dreiecksidee zu bilden wie sie hier beschrieben ist so ist es vergeblich sie

ihm abdisputieren zu wollen ich unternehme das nicht Mein Wunsch geht nur

dahin der Leser möge sich vollständig und mit Gewissheit überzeugen ob er eine

solche Idee habe oder nicht Und dies denke ich kann für Niemanden eine schwer

zu lösende Aufgabe sein Was kann einem Jeden leichter sein als ein wenig in

seinen eigenen Gedankenkreis hineinzuschauen und zu erproben ob er eine Idee

die der Beschreibung welche hier von der allgemeinen Idee eines Dreiecks

gegeben worden ist, entspreche habe oder erlangen könne die Idee eines

Dreiecks welches weder schiefwinkelig noch rechtwinkelig weder gleichseitig

noch gleichschenkelig noch ungleichseitig sondern dieses alles und zugleich

auch nichts von diesem sei

     Es wird hier vieles von der Schwierigkeit gesagt welche sich an

abstrakte Ideen knüpfe von der Mühe und Kunst die erforderlich sei um sie zu

bilden Und es ist gar nicht zu bezweifeln dass es großer Mühe und Anstrengung

des Geistes bedarf unser Denken von den Einzelobjekten loszumachen und sich zu

den hohen Spekulationen zu erheben welche sich auf abstrakte Ideen beziehen

Die natürliche Konsequenz hieraus scheint doch zu sein dass etwas so

Schwieriges wie die Bildung abstrakter Ideen nicht eine Bedingung der

Möglichkeit der Gedankenmittheilung sei die etwas allen Klassen der Menschen so

Leichtes und Gewöhnliches ist Doch man sagt uns wenn sie Erwachsenen nahe

liegend und leicht zu sein scheinen so seien sie dies nur durch beständigen und

gewöhnlichen Gebrauch geworden Nun möchte ich gern wissen zu welcher Zeit die

Menschen damit beschäftigt seien jene Schwierigkeit zu überwinden und sich mit

jenen notwendigen Mitteln zur Unterredung zu versorgen Dies kann nicht dann

geschehen wenn sie erwachsen sind denn zu dieser Zeit sind sie wie es

scheint sich keiner derartigen Bemühung bewusst somit bleibt nur übrig dass

es ein Werk ihrer Kindheit sei Gewiss wird man finden dass die große und

vielfache Mühe der Bildung abstrakter Ideen eine schwere Aufgabe für dieses

Alter sei Ist es nicht schwer sich vorzustellen dass ein paar Kinder nicht

miteinander von ihren Zuckerbohnen und Klappern und ihrem anderen Tand plaudern

können wenn sie nicht zuvor zahllose Widersprüche miteinander vereinigt und so

in ihrem Geist abstrakte allgemeine Ideen gebildet und dieselben an jeden

Gemeinnamen dessen sie sich bedienen geknüpft haben

    Auch glaube ich dass dieselben zur Erweiterung der Erkenntnis ganz

ebenso wenig wie zur Mittheilung erforderlich sind Es wird wie ich wohl weiß

entschieden behauptet dass alle Erkenntnis und Beweisführung allgemeine

Begriffe betreffe und ich stimme meinerseits dieser Behauptung völlig bei doch

scheint mir dass diese Begriffe nicht durch Abstraktion in der vorhin

bezeichneten Weise gebildet seien denn Allgemeinheit besteht so viel ich

begreifen kann nicht in dem absoluten positiven Wesen oder Begriffe von irgend

etwas sondern in der Beziehung, in welcher etwas zu anderem Einzelnen steht

was dadurch bezeichnet oder vertreten wird wodurch es geschieht dass Dinge

Namen oder Begriffe die ihrer eigenen Natur nach partikular sind allgemein

werden Wenn ich irgend einen Satz beweise der Dreiecke betrifft so nimmt man

an dass ich den allgemeinen Begriff des Dreiecks im Auge habe dies muss aber

nicht so verstanden werden als ob ich eine Idee eines Dreiecks das weder

gleichseitig noch ungleichseitig noch gleichschenkelig wäre bilden könnte

sondern nur so dass das einzelne Dreieck welches ich betrachte gleichgültig

ob dasselbe von dieser oder jener Art sei geradlinige Dreiecke aller Art

repräsentiert oder statt derselben stellt und in diesem Sinne allgemein ist

Dieses alles scheint sehr klar zu sein und keine Schwierigkeit zu involvieren

     Doch mag hier gefragt werden wie wir anders wissen können dass ein

Satz von allen einzelnen Dreiecken wahr sei als wenn wir ihn zuerst an der

abstrakten Idee eines Dreiecks die von allen einzelnen gleichmäßig gelte

bewiesen gesehen haben Denn daraus dass gezeigt sein mag eine Eigenschaft

komme irgend einem einzelnen Dreieck zu folgt ja doch nicht dass dieselbe

gleicherweise auch irgend einem andern Dreieck zukomme welches nicht in jedem

Betracht identisch mit jenem ist Habe ich zB gezeigt dass die drei Winkel

eines gleichschenkeligen rechtwinkeligen Dreiecks zwei rechten Winkeln gleich

seien so kann ich hieraus nicht Schließen dass das Nämliche von allen anderen

Dreiecken gelte welche weder einen rechten Winkel noch zwei einander gleiche

Seiten haben Es scheint demnach dass wir um gewiss zu sein dass dieser Satz

allgemein wahr sei entweder einen besonderen Beweis für jedes einzelne Dreieck

führen müssen was unmöglich ist oder es ein für allemal zeigen müssen an der

allgemeinen Idee eines Dreiecks woran alle einzelnen unterschiedslos

teilhaben und wodurch sie alle gleichmäßig repräsentiert werden Darauf

antworte ich dass obschon die Idee, die ich im Auge habe während ich den

Beweis führe zB die eines gleichschenkeligen rechtwinkeligen Dreiecks ist

dessen Seiten von einer bestimmten Länge sind ich nichtsdestoweniger gewiss

sein kann derselbe Beweis finde Anwendung auf alle anderen geradlinigen

Dreiecke von welcher Form oder Größe auch immer dieselben sein mögen und zwar

darum weil weder der rechte Winkel noch die Gleichheit zweier Seiten noch

auch die bestimmte Länge der Seiten irgendwie bei der Beweisführung in Betracht

gezogen worden sind. Zwar trägt das Gebilde welches ich vor Augen habe alle

diese Besonderheiten an sich aber es ist durchaus keine Erwähnung derselben in

dem Beweise des Satzes geschehen Es ist nicht gesagt worden die drei Winkel

seien darum zwei rechten gleich weil einer von ihnen ein rechter sei oder weil

die Seiten welche diesen einschließen gleich lang seien was ausreichend

zeigt dass der Winkel der ein rechter ist ein schiefer hätte sein mögen und

die Seiten ungleich und dass nichtsdestoweniger der Beweis gültig geblieben

wäre Ans diesem Grunde und nicht darum weil ich von der abstrakten Idee eines

Dreiecks den Beweis geführt hätte schließe ich dass das von einem einzelnen

rechtwinkeligen gleichschenkeligen Dreieck Erwiesene von jedem schiefwinkeligen

und ungleichseitigen Dreieck wahr sei Es muss hier zugegeben werden dass es

möglich ist eine Figur bloß als Dreieck zu betrachten ohne dass man auf die

besonderen Eigenschaften der Winkel oder Verhältnisse der Seiten achtet

Insoweit kann man abstrahieren aber dies beweist keineswegs dass man eine

abstrakte allgemeine mit innerem Widerspruch behaftete Idee eines Dreiecks

bilden könne In gleicher Art können wir Peter insofern er ein Mensch ist oder

insofern er ein lebendes Wesen ist, betrachten ohne die vorerwähnte abstrakte

Idee eines Menschen oder eines lebenden Wesens zu bilden indem nicht alles

Perzipierte in Betracht gezogen wird

     Es wäre eine gleich sehr endlose wie nutzlose Aufgabe den

Schulphilosophen jenen großen Meistern der Abstraktion durch alle die

mannichfachen unentwirrbaren Irrgänge von Irrtum und Disputation zu folgen in

welche ihre Lehre von abstrakten Wesen und Begriffen sie hineingeführt zu haben

scheint Was für Hader und Streit entstanden wie viel gelehrter Staub

aufgewirbelt worden ist wegen dieser Dinge und welch einen herrlichen Vorteil

die Menschheit daraus geschöpft hat ist heute zu gut bekannt als dass man

darüber noch ausführlich zu handeln brauchte Und es stände noch gut wenn die

üblen Folgen dieser Lehre auf den Kreis ihrer erklärten Bekenner eingeschränkt

geblieben wären Erwägt man die großen Mühen den Fleiß und die Fähigkeiten

welche so manche Menschenalter hindurch auf die Pflege und Förderung der

Wissenschaften verwendet worden sind, erwägt man dass trotz alledem der weitaus

größere Teil derselben voll Dunkelheit und Ungewissheit und voll von

Streitigkeiten die nie enden zu sollen scheinen geblieben ist und dass selbst

diejenigen Wissenschaften die für gestützt auf die klarsten und zwingendsten

Beweise gelten seltsame Behauptungen enthalten die dem Verständnis der

Menschen völlig unzugänglich sind und dass Alles zusammengefasst nur ein

geringer Teil derselben der Menschheit einen wirklichen Nutzen anderer Art

gewährt als den einer unschuldigen Zerstreuung und Ergötzung erwägt man sage

ich dies alles so kann man leicht zur Hoffnungslosigkeit und völligen

Verachtung alles Studiums gelangen Doch mag man vielleicht anders urteilen bei

einem Blick auf die falschen Prinzipien welche zur Geltung in der Welt gelangt

sind und unter welchen allen keines dünkt mich einen weiter reichenden

Einfluss auf die Denkweise der Forscher geübt hat als die Lehre von abstrakten

allgemeinen Ideen

    Ich wende mich nun zur Betrachtung des Ursprungs dieser herrschenden

Vorstellung Dieser scheint mir in der Sprache zu liegen Gewiss hätte nichts

was weniger verbreitet ist als die Vernunft selbst eine so allgemein

angenommene Meinung verursachen können Dass dies wahr sei geht wie aus

anderen Gründen so besonders auch aus dem offenen Bekenntnis der

geschicktesten Verteidiger der abstrakten Ideen hervor dass dieselben zum

Zweck der Benennung gebildet worden seien woraus offenbar folgtdass, gäbe es

nicht etwas wie Sprache oder allgemeine Zeichen niemals irgendwie an

Abstraktion gedacht worden wäre Siehe »Versuch über den menschlichen Verstand«

III VI 39 und an anderen Stellen Wir wollen demgemäß untersuchen in welcher

Weise der Gebrauch von Worten zur Entstehung jenes Irrtums beigetragen habe Es

kommt hierbei zuvörderst in Betracht dass man angenommen hat jeder Name habe

oder sollte haben eine einzige bestimmte und feste Bedeutung was die Menschen

geneigt macht zu denken es gebe gewisse abstrakte bestimmte Ideen welche die

wahre und allein unmittelbare Bedeutung eines jeden Gemeinnamens ausmachen und

durch Vermittlung dieser abstrakten Ideen gelange ein Gemeinname dazu irgend

ein einzelnes Ding zu bezeichnen während es doch in Wahrheit keineswegs eine

einzelne genau bestimmte Bedeutung gibt die sich an irgend einen Gemeinnamen

knüpfte da sie alle eine große Zahl einzelner Ideen unterschiedslos

bezeichnen Dieses Alles folgt offenbar aus dem schon Gesagten und wird einem

Jeden durch einiges Nachdenken einleuchtend werden Hiergegen wird eingewandt

werden dass jeder Name der eine Definition habe hierdurch auf eine bestimmte

Bedeutung eingeschränkt sei Ist zB ein Dreieck definiert als eine durch drei

gerade Linien begrenzte ebene Fläche so ist hierdurch dieser Name darauf

eingeschränkt eine einzige bestimmte Idee und keine andere zu bezeichnen Ich

antworte hierauf dass in der Definition nicht gesagt ist ob die Fläche groß

oder klein sei schwarz oder weiß ob die Seiten lang oder kurz seien gleich

oder ungleich auch nicht unter was für Winkeln sie gegen einander geneigt

seien in diesem Allem kann große Verschiedenheit bestehen und es ist

demgemäß keine bestimmte Idee gegeben auf welche die Bedeutung des Wortes

Dreieck eingeschränkt wäre Einen Namen beständig im Sinne einer bestimmten

Definition gebrauchen heißt nicht das Nämliche wie durch ihn jedesmal die

nämliche Idee bezeichnen Das Erstere ist durchaus erforderlich das Andere

nutzlos und unausführbar

     Um aber ferner noch Rechenschaft davon zu geben wie Worte den Anlass

zu der Lehre von den abstrakten Ideen gegeben haben muss bemerkt werden dass

es eine herrschende Meinung ist die Sprache habe keinen anderen Zweck als

unsere Ideen mitzuteilen und jeder Name der etwas bezeichne stehe für eine

Idee Setzen wir dies voraus und ist es zugleich gewiss dass Namen die doch

nicht für ganz bedeutungslos gelten nicht immer denkbare Einzelvorstellungen

ausdrücken so lässt sich mit Strenge folgern dass sie für einen abstrakten

Begriff stehen Dass manche allgemeine Bezeichnungen unter Gelehrten im Gebrauch

sind die nicht immer bei Anderen bestimmte Einzelvorstellungen anregen wird

Niemand leugnen Und durch einiges Nachdenken wird man finden dass es nicht

notwendig ist dass selbst bei der strengsten Gedankenverknüpfung Namen die

etwas bedeuten und Ideen vertreten jedesmal so oft sie gebraucht werden, in

dem Geiste eben dieselben Ideen erwecken zu deren Vertretung sie gebildet

worden sind, da im Lesen und Sprechen Gemeinnamen größtenteils so gebraucht

werden wie Buchstaben in der Algebra wo obschon durch jeden Buchstaben eine

bestimmte Quantität bezeichnet wird es doch zum Zwecke des richtigen Fortgangs

der Rechnung nicht erforderlich ist dass bei einem jeden Schritt jeder

Buchstabe die bestimmte Quantität zu deren Vertretung er bestimmt war ins

Bewusstsein treten lasse

     Zudem ist nicht wie gewöhnlich angenommen wird die Mittheilung von

Ideen welche durch Worte ausgedrückt werden, der hauptsächliche und sogar

einzige Zweck der Sprache Es gibt andere Zwecke wie zB die Erregung irgend

einer Leidenschaft die Bewirkung des Entschlusses eine Handlung auszuführen

oder zu unterlassen die Versetzung des Gemüts in irgend einen bestimmten

Zustand Zwecke denen der erstgenannte in manchen Fällen völlig untergeordnet

ist ja derselbe kann ganz wegfallen wenn diese Zwecke sich ohne ihn erreichen

lassen wie dies denke ich nicht selten in dem gewöhnlichen Reden der Fall

ist. Ich bitte den Leser selbst nachzudenken und zu beobachten ob es nicht

beim Hören oder Lesen einer Rede oft geschieht dass die Affekte der Furcht der

Liebe des Hasses der Bewunderung der Verachtung und ähnliche unmittelbar in

seinem Geiste entstehen sobald er gewisse Worte vernimmt ohne dass irgend

welche Ideen dazwischen treten Ursprünglich mögen in der Tat die Worte Ideen

angeregt haben die geeignet waren solche Gemütsbewegungen hervorzubringen

aber es lässt sich wenn ich nicht irre beobachten dasswenn uns einmal die

Sprache geläufig geworden ist das Hören der Töne das Sehen der Zeichen oft

unmittelbar die Affekte zur Folge hat die anfänglich nur durch Vermittlung der

Ideen hervorgerufen werden konnten welche nun völlig ausbleiben Können wir

zB nicht freudig affiziert werden durch das Versprechen eines guten Dings auch

ohne eine Vorstellung davon zu haben worin dieses bestelle Oder reicht nicht

schon die Bedrohung mit einer Gefahr zu Furcht zu erregen obschon wir nicht an

irgend ein einzelnes Übel denken das uns wahrscheinlich treffen werde und uns

auch nicht eine abstrakte Vorstellung bilden Ich glaube dass Jeder der auch

nur ein wenig eigenes Nachdenken mit dem Gesagten verbinden will gewiss die

Ansicht gewinnen wird dass Gemeinnamen oft als Bestandteile der Sprache

gebraucht werden, ohne dass der Sprechende sie zu Zeichen solcher Ideen in

seinem eigenen Geiste bestimmt welche sie nach seiner Absicht in dem Geiste des

Hörers hervorrufen sollen Auch sogar Eigennamen scheinen nicht immer in der

Absicht ausgesprochen zu werden uns die Vorstellungen der Individuen ins

Bewusstsein zu rufen die wie man voraussetzt durch sie bezeichnet werden

Sagt mir zB ein Schulphilosoph »Aristoteles hat dies gesagt« so ist nach

meinem Verständnis alles was er damit beabsichtigt dies mich geneigt zu

machen seine Meinung mit der Ehrerbietung und Unterwürfigkeit anzunehmen

welche die Gewohnheit an jenen Namen geknüpft hat Diese Wirkung kann im Geiste

solcher die gewöhnt sind ihr Urteil dem Ansehen dieses Philosophen zu

unterwerfen so augenblicklich eintreten dass unmöglich irgendeine

Vorstellung seiner Person seiner Schriften seines Rufs vorausgegangen sein

kann Unzählige Beispiele dieser Art könnten aufgestellt werden aber warum

sollte ich bei Dingen verweilen die einem Jeden seine eigene Erfahrung ohne

Zweifel reichlich ins Bewusstsein ruft

    Es ist von uns denke ich die Unmöglichkeit abstrakter Ideen erwiesen

worden Wir haben erwogen was von ihren geschicktesten Verteidigern gesagt

worden ist und wir haben zu zeigen gesucht dass sie von keinem Nutzen für die

Zwecke seien um deren willen man sie für erforderlich hält Wir haben

schließlich der Quelle nachgespürt woraus die Annahme derselben fließt und

diese in der Sprache gefunden Es kann nicht geleugnet werden dass Worte

trefflich dazu dienen den ganzen Vorrat von Kenntnissen der durch die

vereinten Bemühungen von Forschem aller Zeiten und Völker gewonnen worden ist,

in den Gesichtskreis eines jeden Einzelnen zu ziehen und in seinen Besitz zu

bringen Zugleich aber muss anerkannt werden dass die meisten Theile des

Wissens erstaunlich verwirrt und verdunkelt worden sind durch den Missbrauch von

Worten und allgemeinen Redeweisen worin sie überliefert worden sind. Weil

demgemäß Worte so leicht den Geist zu täuschen vermögen so werde ich welche

Ideen auch immer ich betrachte versuchen sie gleichsam bloß und nackt

anzuschauen indem ich aus meinem Denken so weit ich es vermag jene

Benennungen entferne welche eine lange und beständige Gewohnheit so eng mit

ihnen verknüpft hat und ich darf erwarten dass hieraus folgende Vorteile

herfließen werden

     Zuerst darf ich gewiss sein von allen bloß verbalen Kontroversen

loszukommen das Emporwachsen dieses Unkrauts aber ist in fast allen

Wissenszweigen ein Haupthindernis des Gedeihens der Wahrheit und gesunden

Erkenntnis gewesen Zweitens scheint dies ein sicherer Weg zu sein mich jenem

feinen und zarten Netze abstrakter Ideen zu entziehen welches auf eine so

klägliche Weise den Geist der Menschen verwirrt und verstrickt hat und zwar in

der seltsamen Weise dass je schärfer und wissbegieriger der Verstand eines

Menschen war er desto leichter tief verstrickt und gefesselt werden konnte

Drittens so lange ich meine Betrachtung auf meine eigenen der Worte

entkleideten Ideen einschränke sehe ich nicht wie ich leicht in die Irre

geraten könnte Die Objekte meiner Betrachtung kenne ich klar und genau Ich

kann nicht die falsche Meinung hegen ich hatte eine Idee die ich nicht habe

Es ist mir nicht möglich mir einzubilden einige meiner eigenen Ideen seien

einander ähnlich oder unähnlich die dies nicht wirklich sind Die

Übereinstimmungen oder Verschiedenheiten zu unterscheiden die zwischen meinen

Ideen bestehen zu sehen welche Ideen in einer zusammengesetzten Idee enthalten

sind und welche nicht dazu ist nichts Weiteres erforderlich als eine

aufmerksame Wahrnehmung dessen was in meinem eigenen denkenden Geiste vorgeht

     Aber die Erreichung aller dieser Vorteile hat zur Voraussetzung eine

völlige Befreiung von der Täuschung durch Worte und diese darf ich mir kaum

versprechen so schwer ist es eine Verbindung aufzulösen die so früh begonnen

hat und durch eine so lange Gewöhnung fest geworden ist wie die welche

zwischen Ideen und Worten besteht Diese Schwierigkeit scheint durch die Lehre

von der Abstraktion um sehr vieles vermehrt worden zu sein Denn es dürfte nicht

befremdlich sein dass man so lange man dafür hielt abstrakte Ideen seien an

die Worte geknüpft Worte statt der Ideen gebrauchte da es unausführbar

gefunden wurde das Wort bei Seite zu setzen und abstrakte Ideen im Geiste zu

behalten die an sich selbst durchaus undenkbar waren Dies scheint mir die

Hauptursache zu sein warum die Männer welche so nachdrücklich Anderen

empfohlen haben allen Gebrauch von Worten in ihrem Nachsinnen bei Seite zu

setzen und ihre bloßen Ideen zu betrachten doch bei dem Versuch dies selbst

zu leisten gescheitert sind Neuerdings sind von Manchen die absurden Meinungen

und sinnlosen Streitverhandlungen welche aus dem Missbrauch der Worte

erwachsen wohl bemerkt worden und sie geben den guten Rath um diese Übel zu

vermeiden solle man auf die bezeichneten Ideen achten und seine Aufmerksamkeit

von den Worten ablenken welche dieselben bezeichnen Wie trefflich aber auch

dieser Rath sein mag den sie Anderen erteilt haben so ist doch klar dass sie

selbst ihn nicht genügend befolgen konnten so lange sie dafür hielten die

Worte dienten unmittelbar nur zur Ideenbezeichnung und die unmittelbare

Bedeutung eines jeden Gemeinnamens sei eine bestimmte abstrakte Idee

    Nachdem aber diese Meinungen als Irrtümer erkannt sind so kann man

leichter sich davor hüten durch Worte getäuscht zu werden Wer weiß dass er

keine anderen Ideen als Einzelideen besitzt wird sich nicht vergeblich bemühen

die an irgend einen Namen geknüpfte abstrakte Idee herauszufinden und zu denken

Wer weiß dass Namen nicht immer Ideen vertreten wird sich die Mühe ersparen

nach Ideen zu suchen wo keine gewesen sind Es wäre demgemäß zu wünschen dass

ein Jeder so sehr als möglich sich bemühte eine klare Einsicht in die Ideen zu

gewinnen die er betrachten will indem er von denselben alle die Bekleidung und

allen den beschwerenden Anhang von Worten abtrennt der so sehr dazu beiträgt

das Urteil zu trüben und die Aufmerksamkeit zu teilen Vergeblich erweitern

wir unsern Blick in die himmlischen Räume und erspähen das Innere der Erde

vergeblich ziehen wir die Schriften gelehrter Männer zu Rat und verfolgen die

dunkeln Spuren des Altertums wir sollten nur den Vorhang von Worten wegziehen

um klar und rein den Erkenntnisbaum zu erblicken dessen Frucht vortrefflich

und unserer Hand erreichbar ist

     Wenn wir nicht Sorge tragen die ersten Prinzipien der Erkenntnis rein

als solche zu denken abgelöst von der Verwirrung und Täuschung die sich an

Worte knüpft so mögen wir endlose Betrachtungen über sie ohne irgend einen

Erfolg anstellen wir mögen Konsequenzen aus Konsequenzen ziehen und werden doch

niemals weiser werden Je weiter wir gehen um so unrettbarer werden wir in

Schwierigkeiten und Irrtümer uns verlieren um so tiefer in diese uns

verwickeln Ich bitte demgemäß einen Jeden der die folgenden Bogen zu lesen

gedenkt meine Worte sich als Anlass zu eigenem Denken dienen zu lassen und zu

versuchen beim Lesen den nämlichen Gedankengang zu bilden welcher der meinige

beim Schreiben war Hierdurch wird es ihm leicht werden die Wahrheit oder

Unwahrheit dessen was ich sage zu entdecken Er wird ganz außer Gefahr sein

durch meine Worte getäuscht zu werden und ich sehe nicht wie er zu einem

Irrtum verleitet werden könne wenn er seine eigenen nackten der entstellenden

Hülle entledigten Ideen betrachtet

 
 






    Jedem der einen Blick auf die Gegenstände der menschlichen Erkenntnis

wirft leuchtet ein dass dieselben teils den Sinnen gegenwärtig eingeprägte

Ideen sind teils Ideen welche durch ein Aufmerken auf das was die Seele

leidet und tut gewonnen werden teils endlich Ideen welche mittelst des

Gedächtnisses und der Einbildungskraft durch Zusammensetzung Teilung oder

einfache Vergegenwärtigung der ursprünglich in einer der beiden vorhin

angegebenen Weisen empfangenen Ideen gebildet werden. Durch den Gesichtssinn

erhalte ich die Licht und FarbenIdeen in ihren verschiedenen Abstufungen und

qualitativen Modifikationen durch den Tastsinn perzipiere ich zB Härte und

Weichheit Hitze und Kälte Bewegung und Widerstand und von diesem allem mehr

oder weniger hinsichtlich der Quantität oder des Grades Der Geruchssinn

verschafft mir Gerüche der Geschmackssinn Geschmacksempfindungen der Sinn des

Gehörs führt dem Geiste Schallempfindungen zu in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit

nach Ton und Zusammensetzung Da nun beobachtet wird dass einige von diesen

Empfindungen einander begleiten so geschieht es dass sie mit Einem Namen

bezeichnet und in Folge hiervon als Ein Ding betrachtet werden. Ist zB

beobachtet worden dass eine gewisse Farbe Geschmacksempfindung

Geruchsempfindung Gestalt und Festigkeit vereint auftreten so werden sie für

Ein bestimmtes Ding gehalten welches durch den Namen Apfel bezeichnet wird

Andere Gruppen von Ideen bilden einen Stein einen Baum ein Buch und ähnliche

sinnliche Dinge die je nachdem sie gefallen oder missfallen die Gefühle des

Hasses der Freude des Kummers usw hervorrufen

     Aber neben all dieser endlosen Mannigfaltigkeit von Ideen oder

Erkenntnisobjekten existiert ebensowohl auch etwas das sie erkennt oder

perzipiert und verschiedene Tätigkeiten wie wollen sich vorstellen sich

wiedererinnern an den Ideen ausübt Dieses perzipierende tätige Wesen ist

dasjenige was ich Gemüt Geist Seele oder mich selbst nenne Durch diese

Worte bezeichne ich nicht irgend eine meiner Ideen sondern ein von ihnen allen

ganz verschiedenes Ding worin sie existieren oder was das Nämliche besagt

wodurch sie perzipiert werden denn die Existenz einer Idee besteht im

Percipiertwerden

    Dass weder unsere Gedanken noch unsere Gefühle noch unsere

Einbildungsvorstellungen außerhalb des Geistes existieren wird ein Jeder

zugeben Es scheint aber nicht weniger evident zu sein dass die verschiedenen

Sinnesempfindungen oder den Sinnen eingeprägten Ideen wie auch immer dieselben

mit einander vermischt oder verbunden sein mögen dh was für Objekte auch

immer sie bilden mögen nicht anders existieren können als in einem Geiste der

sie perzipiert Dies kann glaube ich von einem Jeden anschaulich erkannt

werden, der darauf achten will was unter dem Ausdruck existieren bei dessen

Anwendung auf sinnliche Dinge zu verstehen ist Sage ich der Tisch an dem ich

schreibe existiert so heißt das ich sehe und fühle ihn wäre ich außerhalb

meiner Studierstube so könnte ich die Existenz desselben in dem Sinne aussagen

dass ich wenn ich in meiner Studierstube wäre denselben perzipieren könnte oder

dass irgend ein anderer Geist denselben gegenwärtig perzipiere Es war da ein

Geruch heißt derselbe ward wahrgenommen ein Ton fand statt heißt derselbe

ward gehört eine Farbe oder Gestalt sie ward durch den Gesichtssinn oder durch

den Tastsinn perzipiert Dies ist der einzige verständliche Sinn dieser und aller

ähnlichen Ausdrücke Denn was von einer absoluten Existenz undenkender Dinge

ohne irgend eine Beziehung auf ihr Percipiertwerden gesagt zu werden pflegt

scheint durchaus unverständlich zu sein Das Sein esse solcher Dinge ist

Percipiertwerden percipi Es ist nicht möglich dass sie irgend eine Existenz

außerhalb der Geister oder denkenden Wesen haben von welchen sie perzipiert

werden

     Es besteht in der Tat eine auffallend verbreitete Meinung dass Häuser

Berge Flüsse mit Einem Wort alle sinnlichen Objekte eine natürliche oder

reale Existenz haben welche von ihrem Percipiertwerden durch den denkenden Geist

verschieden sei Mit wie großer Zuversicht und mit wie allgemeiner Zustimmung

aber auch immer dieses Prinzip behauptet werden mag so wird doch wenn ich

nicht irre ein Jeder der den Muth hat es in Zweifel zu ziehen finden dass

dasselbe einen offenbaren Widerspruch involviert Denn was sind die vorhin

erwähnten Objekte anderes als die sinnlich von uns wahrgenommenen Dinge und was

perzipieren wir anderes als unsere eigenen Ideen oder Sinnesempfindungen und ist

es nicht ein vollkommener Widerspruch dass irgend eine solche oder irgend eine

Verbindung derselben unwahrgenommen existiere

    Wenn wir diese Annahme gründlich prüfen so wird sich vielleicht

herausstellen dass sie sich schließlich auf die Lehre von den abstrakten Ideen

zurückführen lässt Denn kann wohl die Abstraktion auf eine größere Höhe

getrieben werden als bis zur Unterscheidung der Existenz sinnlicher Dinge von

ihrem Percipiertwerden so dass man sich vorstellt sie existierten unperzipiert

Licht und Farben Hitze und Kälte Ausdehnung und Figuren mit Einem Wort die

Dingewelche wir sehen und fühlen was sind sie anderes als verschiedenartige

Sinnesempfindungen Vorstellungen Ideen oder Eindrücke auf die Sinne, und ist

es möglich auch nur in Gedanken irgend eine derselben vom Percipiertwerden zu

trennen Ich für meine Person könnte ebenso leicht ein Ding von sich selbst

abtrennen Ich kann in der Tat vermöge meines Denkens solche Dinge von einander

abtrennen oder gesondert auffassen die ich vielleicht niemals durch die Sinne

in solcher Trennung perzipiert habe So stelle ich den Rumpf eines menschlichen

Körpers ohne die Glieder vor oder den Geruch einer Rose ohne an die Rose selbst

zu denken Insoweit das leugne ich nicht vermag ich zu abstrahieren wenn

anders der Ausdruck Abstraktion hier noch im eigentlichen Sinne gilt wo es sich

nur darum handelt solche Objekte gesondert zu denken welche in der Tat von

einander getrennt existieren oder wirklich eins ohne das andere perzipiert werden

können; aber meine Fähigkeit zu denken oder vorzustellen erstreckt sich nicht

weiter als die Möglichkeit einer realen Existenz oder Perzeption So unmöglich

es mir ist ein Ding ohne eine wirkliche Wahrnehmung desselben zu sehen oder zu

fühlen eben so unmöglich ist es mir hiernach irgend ein sinnlich wahrnehmbares

Ding oder Objekt gesondert von der sinnlichen Wahrnehmung oder Perzeption

desselben zu denken

     Einige Wahrheiten liegen so nahe und sind so einleuchtend dass man nur

die Augen des Geistes zu öffnen braucht um sie zu erkennen Zu diesen rechne

ich die wichtige Wahrheit dass der ganze himmlische Chor und die Fülle der

irdischen Objekte mit Einem Wort alle die Dinge die das große Weltgebäude

ausmachen keine Subsistenz außerhalb des Geistes haben dass ihr Sein ihr

Percipiertwerden oder Erkanntwerden ist dass sie also so lange sie nicht

wirklich durch mich erkannt sind oder in meinem Geiste oder in dem Geiste irgend

eines anderen geschaffenen Wesens existieren entweder überhaupt keine Existenz

haben oder in dem Geiste eines ewigen Wesens existieren müssen da es etwas

völlig Undenkbares ist und alle Verkehrtheit der Abstraktion in sich schließt

wenn irgend einem Theile derselben eine von dem Geiste unabhängige Existenz

zugeschrieben wird Um sich hiervon zu überzeugen braucht der Leser nur durch

eigenes Nachdenken den Versuch zu machen in Gedanken das Sein eines sinnlich

wahrnehmbaren Dinges von dessen Percipiertwerden zu trennen

    Aus dem Gesagten folgtdass es keine andere Substanz gibt als den

Geist oder das, was perzipiert Zum vollständigeren Erweis dieses Satzes aber

werde in Erwägung gezogen dass die sinnlichen Qualitäten Farbe Figur

Bewegung Geruch Geschmack und ähnliche sind dh die durch die Sinne

perzipierten Ideen Nun ist es ein offenbarer Widerspruch dass eine Idee in

einem nicht perzipierenden Dinge existiere denn eine Idee haben ist ganz

dasselbe was perzipieren ist dasjenige also worin Farbe Figur und die

ähnlichen Qualitäten existieren muss sie perzipieren hieraus ist klar dass es

keine nicht denkende Substanz oder kein nicht denkendes Substrat dieser Dinge

geben kann

    Aber sagt ihr obschon die Ideen selbst nicht außerhalb des Geistes

existieren so kann es doch ihnen ähnliche Dinge deren Kopien oder Ebenbilder

sie sind geben und diese Dinge existieren außerhalb des Geistes in einer nicht

denkenden Substanz Ich antworte eine Idee kann nur einer Idee ähnlich sein

eine Farbe oder Figur nur einer anderen Farbe oder Figur Wenn wir auch noch so

wenig auf unsere Gedanken achten so werden wir es unmöglich finden eine andere

Ähnlichkeit als zwischen unseren Ideen zu begreifen Außerdem frage ich ob

diese vorausgesetzten Originale oder Äußeren Dinge deren Abbilder oder

Darstellungen unsere Ideen seien selbst percipierbar seien oder nicht Sind sie

es dann sind sie Ideen und wir haben erreicht was wir wollten sagt ihr

dagegen sie seien es nicht so gebe ich jedem Beliebigen die Entscheidung

anheim ob es einen Sinn habe zu behaupten eine Farbe sei ähnlich etwas

Unsichtbarem Härte oder Weichheit ähnlich etwas Untastbarem usw

    Einige machen einen Unterschied zwischen primären und sekundären

Qualitäten unter den ersteren verstehen sie Ausdehnung Figur Bewegung Ruhe

Solidität oder Undurchdringlichkeit und Zahl durch den letzteren Ausdruck aber

bezeichnen sie alle anderen sinnlichen Qualitäten wie zB Farben Töne

Geschmacksempfindungen u so fort Sie erkennen an dass die Ideen welche wir

von diesen Qualitäten haben nicht die Ebenbilder von irgend etwas seien das

außerhalb des Geistes oder unperzipiert existiere sie behaupten aber unsere

Ideen der primären Qualitäten seien Abdrücke oder Bilder von Dingen, die

außerhalb des Geistes existieren in einer nicht denkenden Substanz welche sie

Materie nennen Unter Materie haben wir demgemäß eine träge empfindungslose

Substanz zu verstehen in welcher Ausdehnung Figur und Bewegung wirklich

existieren Aber es geht aus dem schon Gesagten deutlich hervor dass Ausdehnung

Figur und Bewegung nur Ideen sind die in dem Geiste existieren und dass eine

Idee nur einer Idee ähnlich sein kann und dass demgemäß weder sie selbst noch

auch ihre Urbilder in einer nicht perzipierenden Substanz existieren können

Hieraus ist offenbar dass eben der Begriff von dem was Materie oder

körperliche Substanz genannt wird einen Widerspruch in sich schließt

    Diejenigenwelche behaupten dass Figur Bewegung und die übrigen

primären oder ursprünglichen Qualitäten außerhalb des Geistes in undenkenden

Substanzen existieren erkennen gleichzeitig an dass von Farben Tönen Hitze

Kälte und derartigen sekundären Qualitäten nicht das Nämliche gelte sie

behaupten die letzteren seien Sinnesempfindungen die nur im Geiste existieren

und dieselben seien abhängig oder werden veranlasst von der verschiedenen

Größe Struktur und Bewegung der kleinen Theile der Materie. Sie halten dies

für eine unzweifelhafte Wahrheit für die sie Beweise die keine Widerrede

zulassen zu führen vermögen Wenn es nun aber gewiss ist dass diese

»ursprünglichen Qualitäten« untrennbar mit den anderen sinnlichen Qualitäten

vereinigt sind und sogar nicht in Gedanken von ihnen abgesondert werden können,

so folgt offenbar dass sie nur in dem Geiste existieren Ich bitte aber einen

Jeden nachzudenken und zu erproben ob er irgendwie durch eine

Vorstellungszerlegung die Ausdehnung und Bewegung eines Körpers ohne alle

anderen sinnlichen Qualitäten denken könne Ich für meine Person sehe deutlich

dass es nicht in meiner Macht steht eine Idee eines ausgedehnten und bewegten

Körpers zu bilden ohne ihm zugleich eine Farbe oder andere sinnliche Qualität

zuzuschreiben welche anerkanntermaßen nur in dem Geiste existiert Kurz

Ausdehnung Figur und Bewegung sind undenkbar wenn sie von allen anderen

Eigenschaften durch Abstraktion gesondert werden Wo also die anderen sinnlichen

Eigenschaften sind da müssen sie auch sein dh in dem Geiste und nirgendwo

anders

   Ferner sind anerkanntermaßen Größe und Kleinheit Raschheit und

Langsamkeit nur in unserem Geiste da sie völlig relativ sind und sich ändern

wie die Gestalt oder Lage der Sinnesorgane sich ändert Die Ausdehnung

demgemäß welche außerhalb des Geistes existiert ist weder groß noch klein

die Bewegung weder rasch noch langsam dh diese Ausdehnung und diese Bewegung

sind überhaupt nichts Aber sagt ihr sie sind Ausdehnung im Allgemeinen und

Bewegung im Allgemeinen So zeigt sich wie sehr die Annahme, dass es

ausgedehnte bewegbare Substanzen außerhalb des Geistes gebe von jener

seltsamen Lehre der abstrakten Ideen abhängt Und bei dieser Gelegenheit kann

ich nicht umhin zu bemerken wie sehr die vage und unbestimmte Vorstellung einer

Materie oder körperlichen Substanz wozu die neueren Philosophen durch ihre

eigenen Voraussetzungen gedrängt werden jenem antiquierten und so viel

verlachten Begriff einer materia prima gleicht der bei Aristoteles und seinen

Anhängern gefunden wird Ohne Ausdehnung kann Solidität nicht gedacht werden

Ist demnach gezeigt worden dass Ausdehnung nicht in einer nicht denkenden

Substanz existiert so muss das Gleiche von der Solidität wahr sein

     Dass die Zahl durchaus ein Produkt des Geistes sei auch wenn zugegeben

würde dass die anderen Qualitäten außerhalb des Geistes existieren wird einem

Jeden einleuchten der bedenkt dass das nämliche Ding eine verschiedene

Zahlbezeichnung erhält wenn der Geist es in verschiedenen Beziehungen

betrachtet So ist zB die nämliche Ausdehnung 1 oder 3 oder 36 je nachdem der

Geist sie im Verhältnis zu einer Elle einer engl Elle von 3 Fuß oder zu

einem Fuß oder zu einem Zoll betrachtet Die Zahl ist so augenscheinlich

relativ und von dem menschlichen Verstande abhängig dass es kaum zu denken ist

dass irgend Jemand ihr eine absolute Existenz außerhalb des Geistes zuschreiben

könne Wir sagen Ein Buch Eine Seite Eine Linie diese alle sind gleich sehr

Einheiten obschon einige derselben mehrere der anderen enthalten Und in jedem

Betracht ist es klar dass die Einheit sich auf eine besondere Kombination von

Ideen bezieht welche der Geist willkürlich zusammenstellt

     Ich weiß dass Einige dafür halten die Einheit sei eine einfache

oder unzusammengesetzte Idee die alle anderen Ideen in unserem Geiste begleite

Ich finde nicht dass ich irgend eine solche Idee habe die dem Worte Einheit

entspräche und ich denke doch dass es wenn ich sie hätte nicht fehlen

könnte dass ich sie fände es müsste vielmehr mein Geist mit ihr am

allervertrautesten sein da sie ja wie behauptet wird alle anderen Ideen

begleiten und durch alle Weisen der sinnlichen und inneren Wahrnehmung perzipiert

werden soll Um Alles mit Einem Male zu sagen sie ist eine abstrakte Idee

    Ich füge hinzu dass in derselben Weise wie neuere Philosophen

beweisen dass gewisse sinnliche Eigenschaften keine Existenz in der Materie

oder außerhalb des Geistes haben das Gleiche auch von allen anderen sinnlichen

Eigenschaften bewiesen werden kann. So wird zB gesagt dass Hitze und Kälte

nur psychische Affektionen seien und durchaus nicht Abdrücke von wirklichen in

den körperlichen Substanzen durch welche sie angeregt werden existierenden

Wesen denn der nämliche Körper welcher einer Hand als warm erscheine

erscheine einer anderen als kalt Warum sollen wir nun nicht ebensowohl

Schließen dass Figur und Ausdehnung nicht Abdrücke oder Ähnlichkeiten von in

der Materie existierenden Eigenschaften seien da sie dem nämlichen Auge von

verschiedenen Punkten aus oder von dem nämlichen Punkte aus Augen von

verschiedener Struktur verschieden erscheinen und daher nicht Bilder von etwas

außerhalb des Geistes unwandelbar Bestimmtem sein können Ferner wird bewiesen

dass Süßigkeit nicht wirklich in dem wohlschmeckendes Dinge sei weil ohne

Veränderung dieses Dinges die Süßigkeit sich in Bitterkeit umwandelt zB beim

Fieber oder einer anderweitigen Alteration des Gaumens Ist es nicht ebenso

vernunftgemäß zu sagen dass Bewegung nicht außerhalb des Geistes stattfinde

da wenn die Aufeinanderfolge von Vorstellungen in dem Geiste rascher wird die

Bewegung anerkanntermaßen ohne dass irgend eine Veränderung in irgend einem

realen Objekt stattgefunden hat langsamer zu sein scheinen wird

    Kurz wenn Jemand jene Argumente recht erwägt von denen man glaubt

dass sie deutlich erweisen dass Farben und Geschmacksempfindungen bloß in dem

Geiste existieren so wird er finden dass sie mit gleicher Kraft das Nämliche

von der Ausdehnung, Figur und Bewegung darzutun vermögen Doch muss zugegeben

werden dass diese Argumentationsweise nicht sowohl beweist dass es keine

Ausdehnung oder Farbe in einem Äußeren Objekte gebe als vielmehr nur dass wir

nicht durch die Sinne erkennen welches die wahre Ausdehnung oder Farbe des

Objektes sei Aber die vorhergehenden Argumente zeigen deutlich die

Unmöglichkeit dass überhaupt irgend eine Farbe oder Ausdehnung oder sinnlich

wahrnehmbare Eigenschaft irgend welcher Art in einem nicht denkenden Substrat

außerhalb des Geistes existiere oder vielmehr die Unmöglichkeit dass es irgend

etwas Derartiges wie ein Äußeres Objekt gebe

     Prüfen wir jedoch noch ein wenig die herrschende Ansicht Man sagt

Ausdehnung sei ein Modus oder ein Accidens der Materie, und diese sei das

Substrat welches jene trage Nun möchte ich gern dass mir erklärt würde was

unter dem der Materie zugeschriebenen Tragen der Ausdehnung zu verstehen sei

Sagt ihr ich habe keine Idee von der Materie und kann dies daher nicht

erklären so antworte ich mögt ihr auch keine positive Idee der Materie haben

so darf doch zum mindesten eine negative euch nicht fehlen wenn ihr überhaupt

irgend einen Sinn mit dem Worte verknüpft obschon ihr nicht wisst was sie ist

so muss doch vorausgesetzt werden dürfen dass ihr wisst in welcher Beziehung

sie zu ihren Accidentien stehe und was unter ihrem Tragen derselben zu verstehen

sei Offenbar kann das Wort »tragen« hier nicht in seinem gewöhnlichen oder

buchstäblichen Sinne genommen werden wie wenn wir sagen dass Säulen ein

Gebäude tragen in welchem Sinne ist es denn nun zu verstehen

     Prüfen wir das was die sorgfältigsten Philosophen selbst unter dem

Ausdruck »materielle Substanz« zu verstehen erklären so finden wir dass sie

bekennen keinen anderen Sinn mit diesen Lauten zu verknüpfen als die Idee

eines Wesens eines Etwas eines Seienden being überhaupt zusammen mit dem

relativen Begriff seines Tragens von Accidentien Mir scheint die allgemeine

Idee eines Wesens abstrakter und unbegreiflicher als alle anderen zu sein und

was das Tragen von Accidentien betrifft so kann dies wie vorhin bemerkt worden

ist, nicht in dem gewöhnlichen Wortsinn verstanden muss also in einem anderen

Sinne genommen werden der unerklärt bleibt Demgemäß gelange ich wenn ich die

beiden Theile oder Seiten der Bedeutung der Worte »materielle Substanz«

betrachte zu der Überzeugung dass damit gar kein bestimmter Sinn verbunden

ist Doch warum sollen wir uns noch weiter bemühen mit der Erörterung dieses

materiellen Substrats oder Trägers von Figur Bewegung und anderen sinnlichen

Qualitäten Setzt dasselbe nicht voraus dass diese eine Existenz außerhalb des

Geistes haben Und ist dies nicht ein direkter Widerspruch und durchaus

unbegreiflich

     Wäre es aber auch möglich dass feste gestaltete bewegliche

Substanzendie den Ideen welche wir von Körpern haben entsprächen außerhalb

des Geistes existierten wie sollte es uns möglich sein dies zu wissen Entweder

müssten wir es durch die Sinne oder durch ein Denken erkennen Durch unsere

Sinne aber haben wir nur die Kenntnis unserer Sinnesempfindungen Ideen oder

jener Dinge die man benenne sie wie man wolle unmittelbar sinnlich

wahrgenommen werden aber die Sinne lehren uns nicht dass Dinge außerhalb des

Geistes oder unperzipiert existieren die denjenigen gleichen welche perzipiert

werden Dies erkennen die Materialisten selbst an Es bleibt also nur übrig

dass wir wenn wir überhaupt irgend ein Wissen von Äußeren Objekten besitzen

dieses durch ein Denken erlangt haben indem wir die Existenz derselben aus dem

was unmittelbar sinnlich perzipiert ist erschließen Welcher Schluss aber kann

uns bestimmen auf Grund dessen was wir perzipieren die Existenz von Körpern

außerhalb des Geistes anzunehmen da doch gerade die Vertreter der Lehre von

der Materie selbst nicht behaupten dass irgend eine notwendige Verbindung

zwischen denselben und unseren Ideen bestehe Es wird ja allseitig zugegeben

und was in Träumen im Wahnsinn und ähnlichen Zuständen geschieht setzt es

außer Zweifel dass es möglich sei dass wir mit allen den Ideen die wir

jetzt haben ausgestattet seien wenngleich keine Körper außer uns existierten

die ihnen glichen Also leuchtet ein dass die Annahme der Existenz äußerer

Körper zur Erklärung unserer Ideenbildung nicht erforderlich ist da zugegeben

wird dass Ideen in der nämlichen Ordnung in welcher wir sie gegenwärtig

vorfinden ohne Mitwirkung derselben zuweilen wirklich hervorgebracht werden und

möglicherweise immer hervorgebracht werden können.

     Jedoch wenn wir auch möglicherweise zu allen unseren sinnlichen

Wahrnehmungen ohne äußere Objekte gelangen so könnte man es doch vielleicht

für leichter halten ihre Entstehungsweise durch die Voraussetzung von Äußeren

Körpern die ihnen ähnlich seien als auf andere Weise zu erklären und so würde

es denn wenigstens für wahrscheinlich gelten dürfen dass solche Dinge wie

Körper existieren die ihre Ideen in unseren Seelen anregen Aber auch dies kann

nicht gesagt werden denn geben wir auch den Materialisten ihre Äußeren Körper

zu so wissen sie nach ihrem eigenen Bekenntnis doch noch ebenso wenig wie

unsere Ideen hervorgebracht werden, da sie sich selbst für unfähig erklären zu

begreifen in welcher Art ein Körper auf einen Geist einwirken könne oder wie

es möglich sei dass eine Idee dem Geiste eingeprägt werde Hiernach leuchtet

ein dass die Produktion von Ideen oder Sinneswahrnehmungen in unserem Geiste

kein Grund sein kann Materie oder körperliche Substanzen vorauszusetzen da

anerkannt wird dass diese Produktion unter jener Voraussetzung und ohne

dieselbe gleich unerklärlich bleibt Also selbst dann wenn es möglich wäre

dass Körper außerhalb des Geistes existierten müsste doch die Annahme, dass

solche wirklich existieren eine sehr unsichere Meinung sein da dies

voraussetzen hieße Gott habe unzählige Dinge geschaffen die durchaus nutzlos

seien und in keiner Art zu irgend welchem Zwecke dienen

    Kurz gäbe es äußere Körper so konnten wir unmöglich zur Kenntnis

derselben gelangen und gäbe es keine so möchten wir doch die gleichen Gründe

wie jetzt für die Existenz derselben haben Macht die Voraussetzung deren

Möglichkeit Niemand leugnen kann eine Intelligenz habe ohne Mitwirkung äußerer

Körper die nämliche Reihe von Sinneswahrnehmungen oder Ideen die ihr habt und

zwar sei dieselbe in der nämlichen Ordnung und mit gleicher Lebhaftigkeit dem

Geiste eingeprägt Ich frage ob diese Intelligenz nicht ganz eben den Grund

habe die Existenz körperlicher Substanzendie durch seine Ideen repräsentiert

würden und dieselben in ihr anregten anzunehmen den ihr möglicherweise haben

könnt das Nämliche anzunehmen Dies kann gar nicht zweifelhaft sein und diese

Eine Betrachtung genügt schon jedem vernünftig Erwägenden die Kraft der

Argumente von welcher Art auch dieselben sein mögen verdächtig zu machen die

er für die Annahme, dass Körper außerhalb des Geistes existieren vielleicht zu

haben glaubt

     Wäre es erforderlich irgend welchen ferneren Beweis gegen die Existenz

einer Materie dem schon Gesagten noch beizufügen so könnte ich einige von jenen

Irrtümern und Schwierigkeiten um nicht zu sagen Gottlosigkeiten anführen

welche aus jener Annahme hergeflossen sind Dieselbe hat zahllose Streitfragen

und Disputationen in der Philosophie und nicht wenige von weit größerer

Bedeutung in der Religion hervorgerufen Aber ich werde hier nicht speziell

darauf eingehen teils weil ich dafür halte dass es keiner aus den

Konsequenzen a posteriori entnommenen Argumente zur Bestätigung dessen

bedürfe was wenn ich nicht irre zureichend aus den Realgründen a priori)

erwiesen worden ist, teils darum weil ich hernach noch Gelegenheit finden

werde einiges darüber zu sagen

    Ich fürchte dass ich Anlass gegeben habe zu glauben ich sei

unnötigerweise weitläufig bei der Behandlung dieses Gegenstandes gewesen Denn

wozu dient es ausführlich zu sein über das was mit der größten Deutlichkeit in

einem oder zwei Sätzen einem Jeden erwiesen werden kann, der auch nur des

geringsten Nachdenkens fällig ist Ihr braucht bloß eure eigenen Gedanken zu

betrachten und so zu erproben ob ihr für möglich halten könnt dass ein Ton

eine Figur eine Bewegung oder eine Farbe außerhalb des Geistes oder

unperzipiert existiere Dieser leichte Versuch lässt euch erkennen dass eure

Behauptung ein völliger Widerspruch ist so sehr dass ich damit einverstanden

bin die Entscheidung der ganzen Frage von dem Ergebnis abhängig zu machen

Falls ihr es auch nur als möglich denken könnt dass eine ausgedehnte bewegliche

Substanz oder im Allgemeinen irgend eine Idee oder etwas einer Idee Ähnliches

in einer anderen Weise existiere als in einem sie perzipierenden Geiste so werde

ich willig meinen Satz aufgeben und euch die Existenz des ganzen Gefüges

äußerer Körper die ihr behauptet zugestehen obschon ihr mir keinen Grund

angeben könnt warum ihr glaubt dass es existiere und keinen Zweck dem es

diene wenn vorausgesetzt wird dass es existiere Ich sage die bloße

Möglichkeit dass eure Meinung wahr sei soll für ein Argument gelten dass sie

in der Tat wahr sei

     Aber es ist doch sagt ihr gewiss nichts leichter als sich

vorzustellen dass zB Bäume in einem Parke oder Bücher in einem Kabinett

existieren ohne dass Jemand sie wahrnimmt Ich antworte es ist freilich nicht

schwer dies vorzustellen aber was ich bitte euch heißt dies alles anders

als in eurem Geiste gewisse Ideen bilden die ihr Bücher und Bäume nennt und

gleichzeitig unterlassen die Idee von Jemandem der dieselben perzipiere zu

bilden Aber perzipiert oder denkt ihr selbst denn nicht unterdess eben diese

Objekte Dies führt also nicht zum Ziel es zeigt nur dass ihr die Macht habt

zu erdenken oder Vorstellungen in eurem Geiste zu bilden aber es zeigt nicht

dass ihr es als möglich begreifen könnt dass die Objekte eures Denkens

außerhalb des Geistes existieren um dies zu erweisen müsstet ihr vorstellen

dass sie existieren ohne dass sie vorgestellt werden oder an sie gedacht werde

was ein offenbarer Widerspruch ist Wenn wir das Äußerste versuchen um die

Existenz äußerer Körper zu denken so betrachten wir doch immer nur unsere

eigenen Ideen Indem aber der Geist von sich selbst dabei keine Notiz nimmt so

täuscht er sich mit der Vorstellung, er könne Körper denken und denke Körper

die ungedacht von dem Geiste oder außerhalb des Geistes existieren obschon sie

doch zugleich auch von ihm vorgestellt werden oder in ihm existieren Ein wenig

Aufmerksamkeit wird einem Jeden die Wahrheit und Evidenz dessen was hier gesagt

worden ist, zeigen und es überflüssig machen andere Beweise gegen die Existenz

einer materiellen Substanz aufzustellen

    Es ist schon bei der geringsten Prüfung unserer eigenen Gedanken sehr

leicht zu wissen ob es uns möglich sei zu verstehen was gemeint sei mit der

absoluten Existenz sinnlich wahrnehmbarer Objekte an sich oder außerhalb des

Geistes. Mir ist offenbar dass diese Worte entweder einen direkten Widerspruch

oder andernfalls überhaupt nichts bedeuten Um hiervon auch Andere zu

überzeugen weiß ich keinen leichteren und geraderen Weg einzuschlagen als

den dass ich sie bitte ruhig auf ihre eigenen Gedanken zu achten und wenn

hierdurch die Sinnlosigkeit dieser Ausdrücke oder der Widerspruch in denselben

zu Tage tritt so ist gewiss nichts Weiteres zu ihrer Überzeugung erforderlich

Hierauf also lege ich Gewicht dass die Worte »absolute Existenz undenkender

Dinge« ohne Sinn oder mit einem Widersprach behaftet seien Dies wiederhole und

betone ich und empfehle es ernstlich dem aufmerksamen Nachdenken des Lesers

    Alle unsere Ideen Sinneswahrnehmungen oder die Dinge die wir

perzipieren durch welche Namen auch immer dieselben bezeichnet werden mögen

sind augenscheinlich ohne Aktivität es ist in ihnen nichts von Kraft oder

Tätigkeit enthalten so dass eine Idee oder ein Denkobjekt nicht irgendeine

Veränderung in einem anderen hervorbringen oder bewirken kann Um uns von der

Wahrheit dieses Satzes zu überzeugen brauchen wir nur unsere Ideen zu

beobachten Denn da sie und ein jeder ihrer Bestandteile nur In dem Geiste

existieren so folgtdass nichts in ihnen ist als was perzipiert wird Ein

Jeglicher der auf seine vermittelst der Sinne oder vermittelst der auf

Seelenvorgänge gerichteten Reflexion hervorgebrachten Ideen achtet wird in

denselben keine Kraft oder Tätigkeit wahrnehmen es ist demgemäß nichts

Derartiges in ihnen enthalten Ein wenig Aufmerksamkeit wird uns zeigen dass

das Sein einer Idee die Passivität oder Inaktivität so durchaus involviert dass

es unmöglich ist dass eine Idee etwas tue oder um den genauen Ausdruck zu

gebrauchen die Ursache von irgend Etwas sei auch kann sie nicht das Abbild

oder der Abdruck von irgend einem aktiven Dinge sein wie aus Sektion VIII

hervorgeht Hieraus folgt offenbar dass Ausdehnung Figur und Bewegung nicht

die Ursache unserer Sinnesempfindungen sein können Wenn man sagt dass diese

die Wirkungen von Kräften seien die aus der Gestalt Zahl Bewegung und Größe

von kleinsten Körperteilen hervorgehen so muss dies hiernach gewiss falsch

sein.

     Wir perzipieren eine beständige Folge von Ideen einige derselben

werden von Neuem hervorgerufen andere werden verändert oder verschwinden ganz

Es gibt demnach eine Ursache dieser Ideen wovon sie abhängen und durch die sie

hervorgebracht und verändert werden Dass diese Ursache keine Eigenschaft oder

Idee oder Verbindung von Ideen sein kann ist klar aus der vorigen Sektion

Dieselbe muss also eine Substanz sein es ist aber gezeigt worden dass es nicht

eine körperliche oder materielle Substanz gibt es bleibt also nur übrig dass

die Ursache der Ideen eine unkörperliche tätige Substanz oder ein Geist ist

     Ein Geist ist ein einfaches unteilbares tätiges Wesen welches

sofern es Ideen perzipiert Verstand und sofern es sie hervorbringt oder

anderweitig in Bezug auf sie tätig ist Wille heißt Daher kann keine Idee

einer Seele oder eines Geistes gebildet werden; denn da nach Sektion XXV alle

Ideen passiv oder untätig sind so können sie uns nicht als Abbilder oder durch

Ähnlichkeit das was wirkt repräsentieren Ein wenig Aufmerksamkeit wird einem

Jeden klar machen dass es absolut unmöglich ist eine Idee zu haben welche

jenem tätigen Prinzip der Bewegung und des Wechsels der Ideen ähnlich sei

Derartig ist die Natur des Geistes oder dessen was wirkt dass derselbe nicht

an sich selbst perzipiert werden kann, sondern nur vermöge der Wirkungen, die er

hervorbringt Wenn Jemand an der Wahrheit des hier Vorgetragenen zweifelt so

mag er nur nachdenken und versuchen ob er die Idee irgend einer Kraft oder

eines tätigen Dinges bilden könne und ob er Ideen von zwei Grundkräften habe

die durch die Namen Wille und Verstand bezeichnet werden und ebensowohl von

einander verschieden sind wie von einer dritten Idee nämlich der Idee der

Substanz oder des Seienden überhaupt die mit der Relationsvorstellung verbunden

ist die vorhin genannten Kräfte zu tragen oder ihr Substrat zu sein und den

Namen trägt Seele oder Geist Einige nehmen dies an aber so viel ich sehen

kann bezeichnen die Worte Wille Seele Geist nicht verschiedene Ideen oder in

Wahrheit überhaupt nicht irgend eine Idee sondern etwas was von Ideen sehr

verschieden ist und was da es etwas Tätiges ist nicht irgend welcher Idee

ähnlich oder durch dieselbe repräsentiert sein kann Doch muss gleichzeitig

zugegeben werden dass wir einen gewissen Begriff notion von der Seele dem

Geist und den psychischen Tätigkeiten wie Wollen Lieben Hassen haben sofern

wir den Sinn dieser Worte kennen oder verstehen

     Ich finde dass ich Ideen in meinem Geiste nach Belieben hervorrufen

und die Scene so oft wechseln und sich verändern lassen kann als ich es für

geeignet halte Ich brauche nur zu wollen und sofort taucht diese oder jene Idee

in meiner Phantasie auf und durch dieselbe Kraft tritt sie ins Unbewusstsein

zurück und macht einer anderen Platz Dieses Produzieren und Aufheben von Ideen

berechtigt uns den Geist recht eigentlich aktiv zu nennen Dieses alles ist

gewiss und auf Erfahrung gegründet wenn wir dagegen von nicht denkenden aktiven

Dingen oder von einem Hervorrufen von Ideen durch etwas anderes als den Willen

reden dann spielen wir nur mit Worten

     Aber was für eine Macht ich auch immer über meine eigenen Gedanken

haben mag so finde ich doch dass die Ideen die ich gegenwärtig durch die

Sinne perzipiere nicht in einer gleichen Abhängigkeit von meinem Willen stehen

Wenn ich bei vollem Tageslicht meine Augen öffne so steht es nicht in meiner

Macht ob ich sehen werde oder nicht noch auch welche einzelnen Objekte sich

meinem Blicke darstellen werden und so sind gleicherweise auch beim Gehör und

den anderen Sinnen die ihnen eingeprägten Ideen nicht Geschöpfe meines Willens

Es gibt also einen anderen Willen oder Geist der sie hervorbringt

     Die sinnlichen Ideen sind stärker lebhafter und bestimmter als die

Ideen der Einbildungskraft sie haben desgleichen eine gewisse Beständigkeit

Ordnung und Zusammenhang und werden nicht aufs Geratewohl hervorgerufen wie

es diejenigen oft werden welche die Wirkungen menschlicher Willensakte sind

sondern in einer geordneten Folge oder Reihe deren bewunderungswürdige

Verbindung ausreichend die Weisheit und Güte ihres Urhebers bezeugt Nun werden

die festen Regeln oder bestimmten Weisen wonach der Geist, von dem wir abhängig

sind in uns die sinnlichen Ideen erzeugt die Naturgesetze genannt und diese

lernen wir durch Erfahrung kennen die uns belehrt dass gewissen bestimmten

Ideen bestimmte andere Ideen in dem gewöhnlichen Laufe der Dinge folgen

    Dies gibt uns eine gewisse Voraussicht welche uns befähigt unsere

Handlungen zum Nutzen des Lebens zu ordnen Ohne diese Voraussicht würden wir

unablässig in Verlegenheit sein wir könnten nicht wissen wie wir es

anzustellen hätten uns auch nur das geringste Vergnügen zu verschaffen oder den

geringsten sinnlichen Schmerz abzuwehren Dass Speise uns nährt Schlaf

erfrischt Feuer wärmt dass das Säen in der Saatzeit das Mittel ist im Herbst

zu ernten und im Allgemeinen dass um bestimmte Zwecke zu erreichen bestimmte

Mittel dienlich sind dies alles wissen wir nicht durch Entdeckung irgend einer

notwendigen Verbindung zwischen unseren Ideen sondern nur durch die

Beobachtung der festen Naturgesetze ohne welche wir Alle in Ungewissheit und

Verwirrung wären und ein erwachsener Mann ebensowenig wie ein neugeborenes Kind

wüsste wie er sich im Leben zu benehmen habe

     Und doch ist diese beständige gleichmäßige Wirksamkeit welche so

deutlich die Güte und Weisheit des herrschenden Geistes offenbart dessen Wille

die Gesetze der Natur konstituiert so weit davon entfernt unsere Gedanken zu

ihm hinzuleiten dass es sie vielmehr veranlasst zweiten Ursachen

Mittelursachen durch Gott bedingten Ursachen nachzuforschen Denn wenn wir

bemerken dass bestimmten sinnlichen Ideen beständig andere Ideen folgen und

wenn wir wissen dass dies nicht durch uns bewirkt wird so schreiben wir sofort

Kraft und Wirksamkeit den Ideen selbst zu und betrachten die eine als die

Ursache einer anderen und doch kann nichts törichter und unverständiger sein

als dies Haben wir zB beobachtet dasswenn wir durch das Gesicht eine

gewisse runde leuchtende Gestalt wahrgenommen haben wir gleichzeitig durch das

Gefühl die Idee oder Sinneswahrnehmung erhalten welche Hitze genannt wird so

Schließen wir hieraus die Sonne sei die Ursache der Hitze In gleicher Weise

sind wir geneigt wenn wir wahrnehmen dass die Bewegung und der Zusammenstoß

von Körpern mit einem Schall verbunden ist den letzteren für eine Wirkung jenes

Vorgangs zu halten

     Die durch den Urheber der Natur den Sinnen eingeprägten Ideen

heißen wirkliche Dinge diejenigen aber welche durch die Einbildungskraft

hervorgerufen werden und weniger regelmäßig lebhaft und beständig sind werden

als Ideen im engeren Sinne oder als Bilder der Dingewelche sie nachbilden und

darstellen bezeichnet Dann sind aber unsere Sinneswahrnehmungen wie lebhaft

und bestimmt sie auch sein mögen nichtsdestoweniger Ideen dh sie existieren

in dem Geiste oder werden durch den Geist perzipiert ebenso gewiss wie die

Ideen welche er selbst gestaltet Es ist zuzugeben dass die sinnlichen Ideen

mehr Realität in sich tragen dh sie sind kräftiger geordneter

zusammenhängender als die Geschöpfe des Geistes; aber dies beweist nicht dass

sie außerhalb des Geistes existieren Sie sind auch in geringerem Grade von dem

Geiste oder der denkenden Substanz welche sie perzipiert abhängig indem sie

durch den Willen eines anderen und mächtigeren Geistes hervorgerufen werden

aber sie sind doch Ideen und sicherlich kann keine Idee sie mag schwach oder

stark sein anders existieren als in einem Geiste der sie perzipiert

     Bevor wir weiter gehen müssen wir einige Zeit auf die Beantwortung

von Einwürfen wenden die vermutlich gegen die bisher dargelegten Prinzipien

erhoben werden mögen Wenn ich hierbei Personen von rascher Auffassung zu

ausführlich zu sein scheine so hoffe ich doch auf Verzeihung weil nicht alle

Menschen mit gleicher Leichtigkeit Dinge von dieser Art auffassen und ich doch

von Jedermann verstanden werden mochte Es wird wohl zuerst eingewandt werden

dass durch die vorstehenden Prinzipien alles was reell und substantiell in der

Natur sei aus der Welt verbannt werde und dass an die Stelle davon ein

phantastisches Ideensystem trete Alles was existiert existiert nur in dem

Geiste, dh es wird bloß vorgestellt Was wird demnach aus Sonne Mond und

Sternen Was müssen wir denken von Häusern Flüssen Bergen Bäumen Steinen ja

von unserem eigenen Körper Sind diese alle nur ebenso viele Chimären und

Täuschungen der Phantasie Auf alle diese und alle derartigen Einwürfe antworte

ich dass wir vermöge der vorstehenden Prinzipien keines einzigen Naturobjektes

verlustig gehen Was auch immer wir sehen fühlen hören oder irgendwie

begreifen oder verstehen bleibt so gewiss und ist so real wie es je gewesen

ist Es gibt eine Natur rerum natura und die Unterscheidung zwischen

Realitäten und Chimären behält ihre volle Kraft Dies geht klar hervor aus Sect

XXIX XXX XXXIII wo wir gezeigt haben was unter dem Ausdruck reelle Dinge im

Unterschied von Chimären oder durch uns selbst gebildeten Ideen zu verstehen

sei beide jedoch existieren gleichmäßig in dem Geiste und sind in diesem Sinne

gleich sehr Ideen

    Ich bestreite nicht die Existenz irgend eines Dinges, das wir durch

Sinneswahrnehmung oder durch Reflexion auf unser Inneres zu erkennen vermögen

Dass die Dinge die ich mit meinen Augen sehe und mit meinen Händen betaste

existieren wirklich existieren bezweifle ich nicht im Mindesten Das Einzige

dessen Existenz wir in Abrede stellen ist das was die Philosophen Materie oder

körperliche Substanz nennen Und indem dies geschieht verlieren die übrigen

Menschen nichts die wie ich wohl sagen darf diese Materie nicht vermissen

werden Allerdings werden die Atheisten die anscheinende Stütze verlieren

welche ein leeres Wort ihrer unfrommen Ansicht gewährt und die Philosophen

werden vielleicht finden dass sie einen mächtigen Anlass zur Tändelei und

Disputation verloren haben

     Wenn Jemand glaubt dies tue der Existenz oder Realität der Dinge

Eintrag so ist er weit davon entfernt das zu verstehen was in so deutlichen

Ausdrücken wie es mir nur möglich war bisher auseinandergesetzt worden ist.

Ich fasse hier die Hauptpunkte des Gesagten zusammen Es gibt psychische

Substanzen Geister oder menschliche Seelen welche in sich selbst Ideen nach

Belieben durch ihren Willen hervorrufen aber diese Ideen sind matt schwach und

unbeständig im Vergleich mit anderen, die sie durch die Sinne perzipieren und

die indem sie diesen nach gewissen Regeln oder Naturgesetzen eingeprägt werden

sich selbst als Wirkungen eines Geistes bekunden der mächtiger und weiser ist

als die menschlichen Geister Von diesen letzteren Ideen wird gesagt dass sie

mehr Realität in sich tragen als die ersteren worunter zu verstehen ist dass

sie stärker affizieren mehr geordnet und bestimmt und nicht willkürliche Gebilde

des sie perzipierenden Geistes sind In diesem Sinne ist die Sonne welche ich

bei Tage sehe die wirkliche Sonne und die welche ich zur Machtzeit vorstelle

die abbildliche Idee der ersteren In dem hier bezeichneten Sinne von Realität

ist offenbar jede Pflanze jeder Stern jedes Mineral und im Allgemeinen jeder

Teil des Weltsystems nach unseren Prinzipien ebenso sehr wie nach irgend

welchen anderen ein wirkliches Ding Ich bitte die Leser ihre eigenen Gedanken

zu betrachten und zuzusehen ob sie etwas hiervon Verschiedenes unter dem

Terminus Realität verstehen

    Es wird entgegnet werden es sei doch wenigstens so viel wahr dass

wir alle körperlichen Substanzen aufheben Hierauf antworte ich dasswenn das

Wort Substanz in dem gewöhnlichen Sinne genommen wird als Bezeichnung einer

Verbindung sinnfälliger Eigenschaften wie Ausdehnung Solidität Gewicht und

ähnlicher mit einander, wir nicht beschuldigt werden können, dies zu negieren

wird es aber in einem philosophischen Sinne genommen worin es den Träger von

Accidentien oder Eigenschaften außerhalb des Geistes bezeichnen soll dann

erkenne ich in der Tat an dass wir das hiermit Gemeinte aufheben wenn anders

von Jemand gesagt werden kann, dass er etwas aufhebe was niemals irgend eine

Existenz gehabt hat selbst nicht in der bloßen Vorstellung

     Aber sagt ihr es lautet sehr anstößig wenn gesagt wird wir

essen und trinken Ideen und sind bekleidet mit Ideen Ich gebe zu dass dies

einen solchen Eindruck mache und zwar darum weil das Wort Idee in der

gewöhnlichen Rede nicht gebraucht wird um die verschiedenen Kombinationen

sinnlicher Eigenschaften zu bezeichnen welche Dinge genannt werden, und es ist

gewiss dass eine jegliche Ausdrucksweise die von dem gewöhnlichen

Sprachgebrauch abweicht anstößig und lächerlich erscheint Aber dies betrifft

nicht die Wahrheit dieses Satzes der obschon in anderen Worten, nichts anderes

besagt als dass wir uns nähren und bekleiden mit Dingen welche wir unmittelbar

durch unsere Sinne perzipieren Die Härte oder Weichheit die Farbe der

Geschmack die Wärme die Figur und derartige Eigenschaftenwelche in ihrer

gegenseitigen Verbindung die verschiedenen Arten von Lebensmitteln und

Kleidungsstücken ausmachen existieren wie gezeigt worden ist, bloß in dem

Geiste, der sie perzipiert und nur dies ist gemeint wenn wir sie Ideen nennen

wäre dieses Wort ebenso im gewöhnlichen Gebrauch wie Ding so würde jener

Ausdruck ebenso wenig seltsam oder lächerlich klingen als dieser Ich kämpfe

nicht für die Schicklichkeit sondern für die Wahrheit des Ausdrucks und werde

demgemäß wenn ihr mit mir in der Ansicht übereinkommt dass wir die

unmittelbaren Objekte der Sinne, die nicht unperzipiert oder außerhalb des

Geistes existieren können essen und trinken und zu unserer Bekleidung

gebrauchen gern zugeben dass es schicklicher oder dem Gebrauch angemessener

ist sie »Dinge« als »Ideen« zu nennen

     Wenn gefragt wird warum ich das Wort Idee gebrauche und sie nicht

lieber im Anschluss an den Sprachgebrauch Dinge nenne so antworte ich ich tue

das aus zwei Gründen erstens weil insgemein vorausgesetzt wird dass der

Ausdruck Ding im Gegensatz zu Idee etwas bezeichne das außerhalb des Geistes

existiere zweitens weil Ding eine umfassendere Bedeutung hat als Idee indem es

Geister oder denkende Dinge ebensowohl wie Ideen bezeichnet Da nun die

Sinnesobjekte bloß in dem Geiste existieren und durchaus ohne Denken und

Tätigkeit sind so ziehe ich vor sie durch das Wort Idee zu bezeichnen in

dessen Bedeutung diese Merkmale liegen

    Vielleicht aber erwidert Jemand was wir auch immer sagen mögen er

wolle seinen Sinnen glauben und nicht zugeben dass Argumente irgend welcher

Art wie plausibel dieselben auch seien mehr gelten als die sinnliche

Gewissheit Dem sei so behauptet so sehr ihr mögt die Zuverlässigkeit der

Sinne, wir sind ganz damit einverstanden Das was ich sehe höre und fühle

existiert dh es wird durch mich perzipiert daran zweifle ich ebenso wenig wie

an meinem eigenen Sein Aber ich sehe nicht wie das Zeugnis des Sinnes als ein

Beweis der Existenz eines Dinges angeführt werden kann, welches nicht durch den

Sinn perzipiert wird Wir wollen nicht dass irgend Jemand ein Zweifler werde und

seinen Sinnen misstraue wir gestehen denselben im Gegenteil alle denkbare

Kraft und Zuverlässigkeit zu auch gibt es keine Prinzipien welche dem

Skeptizismus mehr widerstritten als die von uns dargelegten wie hernach klar

gezeigt werden wird

     Zweitens wird eingewandt werden es sei ein großer Unterschied

zwischen wirklichem Feuer zB und der Idee eines Feuers zwischen dem Traum

oder der Einbildung man habe sich verbrannt und dem wirklichen Verletztsein

durch Feuer dies und Ähnliches mag zur Bekämpfung unserer Thesen vorgebracht

werden Die Antwort auf alles dies ergibt sich klar aus dem schon Gesagten und

ich darf hier nur beifügen dass wenn wirkliches Feuer sehr verschieden von der

Idee Feuer istebenso auch der wirkliche Schmerz den es verursacht sehr

verschieden von der Idee des nämlichen Schmerzes ist und es hat doch noch

Niemand behauptet dass nur die Idee des Schmerzes in dem Geiste sei wirklicher

Schmerz aber in einem nicht perzipierenden Dinge oder außerhalb des Geistes sei

oder sein könne

     Drittens wird eingewandt werden dass wir Objekte tatsächlich

außerhalb unser oder in einer Entfernung von uns erblicken und dass dieselben

demgemäß nicht in dem Geiste existieren da die Annahme ungereimt sei dass die

Dingewelche in der Entfernung von einigen Meilen gesehen werden uns so nahe

seien wie unsere eigenen Gedanken Hierauf antworte ich man möge doch in

Betracht ziehen dass wir im Traume oft Dinge so perzipieren als existierten sie

in einer großen Entfernung von uns und dass ungeachtet dessen anerkannt wird

dass diese Dinge ihre Existenz nur in dem Geiste haben

     Um aber hierüber vollere Klarheit zu gewinnen mag es der Mühe wert

sein in Betracht zu ziehen wie es geschieht dass wir durch den Gesichtssinn

Entfernungen und von uns entfernte Dinge wahrnehmen Denn wenn wir in Wahrheit

einen außer uns liegenden Raum und wirklich in ihm existierende Körper die

einen in größerer Nähe die anderen in weiterer Entfernung von uns wahrnehmen

können so scheint dies einigermaßen dem oben Gesagten dass sie nirgendwo

außerhalb des Geistes existieren zu widerstreiten Die Erwägung dieser

Schwierigkeit war das was meinen »Versuch einer neuen Theorie des Sehens«

veranlasste der vor nicht langer Zeit veröffentlicht worden ist. Hierin wird

gezeigt dass Entfernung oder Draussensein vermöge des Gesichtssinnes nicht

unmittelbar durch sich selbst perzipiert wird und dass sie auch nicht auf Grund

von Linien und Winkeln oder irgend etwas damit in notwendiger Verbindung

Stehendem aufgefasst oder beurteilt wird sondern vielmehr uns zum Bewusstsein

durch gewisse sichtbare Ideen und das Sehen begleitende Wahrnehmungen gelangt

welche an sich selbst keine Ähnlichkeit mit oder Beziehung zu Entfernung und

entfernten Dingen haben vermöge einer Verbindung aber welche wir durch

Erfahrung kennen lernen uns zu reichen für Entfernung und entfernte Dinge

werden und uns diese ins Bewusstsein rufen in derselben Weise wie Worte irgend

einer Sprache die Ideen zu deren Vertretung sie gebildet worden sind, ins

Bewusstsein rufen So erklärt es sich dass ein Blindgeborner der später zum

Sehen befähigt wird anfänglich nicht glaubt dass die Dinge die er sieht

außerhalb seines Geistes oder in irgend einer Entfernung von ihm selbst seien

Siehe Sektion XLI der erwähnten Abhandlung

    Die Ideen des Gesichts und des Tastsinnes machen zwei ganz

verschiedene und unähnliche Spezies aus Die ersteren sind Zeichen und

Prognostica der letzteren. Dass die eigentümlichen Objekte des Gesichtssinnes

weder außerhalb des Geistes existieren noch Bilder von Äußeren Dingen sind

haben wir auch in jener Abhandlung gezeigt obschon in derselben vorausgesetzt

wird dass das Gegenteil von den tastbaren Objekten gelte nicht als ob die

Zustimmung zu diesem vulgären Irrtum erforderlich sei um die dort

aufgestellten Ansichten zu begründen sondern nur weil es außerhalb meines

Planes lag denselben in einer Abhandlung über das Sehen zu prüfen und zu

widerlegen Streng genommen ist demnach von den Gesichtswahrnehmungen wenn wir

durch sie Entfernung und entfernte Dinge auffassen zu sagen dass sie uns nicht

Dinge die gegenwärtig in einer Entfernung existieren bekunden oder zum

Bewusstsein bringen sondern uns nur darauf aufmerksam machen welche Tastideen

in unserem Geiste entstehen werden nach bestimmten Zeitabschnitten und in Folge

bestimmter Handlungen Es ist sage ich offenbar nach dem was in den früheren

Teilen dieser Schrift gesagt worden ist, wie auch in Sektion CXLVII und an

anderen Stellen des »Versuchs über das Sehen« dass sichtbare Ideen die Sprache

sind wodurch der herrschende Geist von dem wir abhängig sind uns belehrt was

für tastbare Ideen er uns einzuprägen in Begriff stehe falls wir diese oder

jene Bewegung in unserem eigenen Körper hervorrufen Wer jedoch eine

vollständigere Belehrung über diesen Punkt sucht den verweise ich auf den

»Versuch« selbst

Viertens wird eingewandt werden es folge aus den obigen Prinzipien

dass die Dinge in jedem Augenblick vernichtet und neugeschaffen werden Die

sinnlichen Dinge existieren nur wenn sie perzipiert werden die Bäume also sind

in dem Garten oder die Stühle in dem Zimmer nicht länger als Jemand da ist der

sie wahrnimmt Schließe ich meine Augen so wird Alles was sich auf der

Straße befindet auf nichts reduziert und wenn ich nur dieselben öffne so wird

es von Neuem geschaffen Zur Antwort auf alles dies verweise ich den Leser auf

das was in Sektion III IV etc gesagt worden ist, und wünsche er möge

erwägen ob er unter der wirklichen Existenz einer Idee etwas verstehe was von

ihrem Perzipiert werden verschieden ist Ich meinesteils bin nach der genauesten

Untersuchung die ich anstellen konnte nicht im Stande gewesen irgend etwas

Anderes zu entdecken was diese Worte bedeuten Und ich bitte noch einmal den

Leser seine eigenen Gedanken zu erforschen und sich nicht durch Worte täuschen

zu lassen Wenn er es als möglich denken kann dass entweder seine Ideen oder

deren Urbilder existieren ohne perzipiert zu werden dann verteidige ich meinen

Satz nicht mehr kann er dies aber nicht so muss er zugeben dass er nicht

vernunftgemäß verfährt indem er sich zum Verteidiger von  er weiß nicht was

 aufwirft und mir als eine Ungereimtheit vorwirft dass ich Sätzen nicht

beistimme die im Grunde sinnlos sind

Es darf nicht unbemerkt bleiben in welchem Maße den herrschenden

philosophischen Prinzipien selbst die vorgeblichen Ungereimtheiten sich

vorwerfen lassen Es wird für eine gar ungereimte Ansicht gehalten dasswenn

ich meine Augen schließe alle sichtbaren Objekte in meiner Umgebung auf nichts

sich reduzieren sollen und ist es nicht doch eben dies was die Philosophen

durchgängig zugeben indem sie allseitig darin übereinkommen dass Licht und

Farben die einzigen eigentlichen und unmittelbaren Objekte des Sehens bloße

sinnliche Empfindungen sind die nicht länger existieren als sie perzipiert

werden Ferner mag es Einigen vielleicht sehr unglaublich scheinen dass die

Dinge jeden Augenblick erschaffen werden aber eben dieser Satz ist die

gewöhnliche Lehre der Schulen Denn die Schulphilosophen sind obschon sie die

Existenz der Materie anerkennen und annehmen dass das ganze Weltgebäude aus ihr

gebildet sei nichtsdestoweniger der Ansicht dass dieselbe nicht ohne die

göttliche Erhaltung bestehen könne die von ihnen für ein fortwährendes Schaffen

erklärt wird

 Ferner wird einiges Nachdenken uns zeigen dass wenn schon die

Existenz der Materie oder körperlichen Substanz zugegeben wird doch unabweisbar

aus den Prinzipien die jetzt allgemein anerkannt sind folgtdass die

einzelnen Körper von welcher Art dieselben auch sein mögen sämtlich nicht

existieren so lange sie nicht perzipiert werden Denn aus Sektion XI ff geht

hervor dass die Materie, deren Existenz die Philosophen behaupten ein

unbegreifliches Etwas ist welches keine solchen Eigenschaften hat durch welche

die unseren Sinnen wahrnehmbaren Körper sich von einander unterscheiden Um dies

aber genauer zu erklären muss ich bemerken dass die unendliche Teilbarkeit

der Materie jetzt allgemein angenommen wird wenigstens von den anerkanntesten

und ausgezeichnetsten Philosophen die auf Grund der angenommenen Grundlehren

dieselbe unwiderleglich dartun Hieraus folgtdass unendlich viele Theile in

jedem Theile der Materie seien die nicht sinnlich wahrgenommen werden

Demgemäß ist der Grund weshalb irgend ein einzelner Körper von einer

begrenzten Größe zu sein scheint oder nur eine endliche Zahl von Teilen den

Sinnen zeigt nicht der dass er nicht mehr Theile enthielte da er ja an sich

selbst eine unendliche Zahl von Teilen enthalten soll sondern der dass der

Sinn nicht scharf genug ist dieselben zu unterscheiden In dem Maße wie der

Sinn schärfer wird perzipiert er demnach eine größere Zahl von Teilen in dem

Objekt dh das Objekt erscheint grösser und seine Gestalt ändert sich da die

Theile an seinen Enden welche zuvor unwahrnehmbar waren jetzt es in Linien und

Winkeln begrenzen die sehr verschieden von den früher durch den stumpferen Sinn

wahrgenommenen sind Und zuletzt muss nach verschiedenen Änderungen der Größe

und Gestalt wenn der Sinn unendlich scharf wird der Körper als unendlich

erscheinen Während aller dieser Vorgänge findet keine Änderung in dem Körper

statt sondern nur in dem denselben wahrnehmenden Sinne Demnach ist jeder

Körper an sich selbst betrachtet unendlich ausgedehntes und demzufolge ohne

alle Gestalt oder Figur Hieraus ergibt sich dasswenn schon die Existenz der

Materie als noch so gewiss zugegeben würde es doch ebenso gewiss ist dass die

Materialisten selbst durch ihre eigenen Prinzipien genötigt sind anzuerkennen

dass weder die einzelnen sinnlich wahrgenommenen Körper noch irgend etwas das

denselben ähnlich wäre außerhalb des Geistes existiere Die Materie, sage ich

und jedes Teilchen von ihr ist nach der Konsequenz ihrer Prinzipien unendlich

und gestaltlos und der Geist ist es der alle die Mannigfaltigkeit von Körpern

gestaltet welche die sichtbare Welt ausmachen und von welchen jeder beliebige

nicht länger existiert als er perzipiert wird

Sehen wir genauer zu so zeigt sich dass der in Sektion XLV

vorgetragene Einwurf nicht mit Recht gegen unsere oben aufgestellten Prinzipien

gerichtet wird und dass er überhaupt nicht irgendwie als ein Einwurf gegen

dieselben gelten kann Denn obschon wir in der Tat die Sinnesobjekte für nichts

anderes halten als für Ideen die nicht unperzipiert existieren können so dürfen

wir doch hieraus nicht Schließen dass sie nur so lange eine Existenz haben

als sie durch uns perzipiert werden weil ein anderer Geist existieren kann der

sie perzipiert wenn auch wir dies nicht tun Wird gesagt Körper existieren

nicht außerhalb des Geistes, so darf dies nicht so verstanden werden als wäre

dieser oder jener einzelne Geist gemeint sondern alle Geister welche es auch

seien Demgemäß folgt nicht aus den vorstehenden Prinzipien dass die Körper in

jedem Augenblick vernichtet und geschaffen werden oder überhaupt gar nicht

während der Intervalle zwischen unseren Perzeptionen existieren

Fünftens wird vielleicht eingewandt werden wenn Ausdehnung und Figur

nur in dem Geiste existieren so folge dass der Geist ausgedehnt und gestaltet

sei denn Ausdehnung sei ein Modus oder ein Attribut das um in der

Schulsprache zu reden von dem Subjekt Substrat in welchem es existiert

prädiziert werde Ich antworte diese Qualitäten sind in dem Geiste nur insofern

als sie durch ihn perzipiert werden dh nicht in der Weise eines Modus oder

Attributs sondern nur in der Weise einer Idee und es folgt ebenso wenig dass

die Seele oder der Geist ausgedehnt sei weil Ausdehnung in ihm existiert wie

dass er rot oder blau sei weil diese Farben wie allseitig zugegeben wird in

ihm und nirgendwo sonst existieren Was die Philosophen über Subjekt Substrat

und Modus sagen das scheint sehr grundlos und unverständlich zu sein Sie

wollen zB dass in dem Satze ein Würfel ist hart ausgedehnt und eckig das

Wort Würfel ein Subjekt oder eine Substanz bezeichne die von der Härte

Ausdehnung und Figur welche davon ausgesagt werden und darin existieren

verschieden sei Dies kann ich nicht verstehen mir scheint ein Würfel nichts

von dem was als seine Modi oder Accidentien bezeichnet wird Verschiedenes zu

sein Sagt man ein Würfel ist hart ausgedehnt und eckig so heißt das nicht

dass man diese Eigenschaften einem von ihnen verschiedenen Subjekt das sie

trage zuschreibe sondern es ist nur eine Erklärung dessen was man unter dem

Worte Würfel verstehe

Sechstens werdet ihr sagen es sei sehr vieles durch Materie und Bewegung

erklärt worden wer diese wegnehme zerstöre die ganze KorpuskularPhilosophie

und untergrabe jene mechanischen Prinzipien die mit so beträchtlichem Erfolge

zur Erklärung der Erscheinungen angewandt worden seien Alle Fortschritte die

in der Naturforschung durch alte oder neuere Philosophen gemacht worden seien

fließen sämtlich aus der Voraussetzung her dass die körperliche Substanz oder

Materie wirklich existiere Hierauf antworte ich dass nicht eine einzige

Erscheinung durch diese Voraussetzung erklärt wird die nicht ebenso gut ohne

dieselbe erklärt werden könne wie dies leicht durch eine induktive

Zusammenstellung des Einzelnen gezeigt werden kann. Die Phänomene erklären

heißt dasselbe wie zeigen warum wir bei bestimmten Anlässen mit bestimmten

Ideen affiziert werden Aber wie Materie auf einen Geist wirken oder irgend eine

Idee in ihm hervorbringen möge das zu erklären wird sich kein Philosoph

anheischig machen Demgemäß ist offenbar dass die Annahme der Existenz der

Materie von keinem Nutzen in der Naturlehre ist Auch gründen die welche die

Dinge erklären wollen ihre Erklärungsversuche nicht auf die körperliche

Substanz sondern auf Figur Bewegung und andere Eigenschaften die in Wahrheit

bloße Ideen sind und demgemäß nicht Ursache von irgend etwas sein können wie

schon gezeigt worden ist. Siehe Sektion XXV

Siebentens wird hierbei gefragt werden ob es nicht ungereimt zu sein

scheine mit Aufhebung von Naturursachen jegliches der unmittelbaren Wirkung von

Geistern zuzuschreiben Wir müssen diesen Prinzipien gemäß nicht mehr sagen

dass Feuer heiß macht Wasser kühlt sondern dass der Geist heiß macht und so

fort Würde nicht Jemand der sich in dieser Weise ausdrücken wollte gebührend

verlacht werden Ich antworte ja er würde es werden In solchen Dingen müssen

wir denken mit den Gelehrten und sprechen mit dem Volke Die welche durch

Beweisführung von der Wahrheit des Kopernikanischen Systems überzeugt worden

sind, sagen nichtsdestoweniger die Sonne geht auf geht unter erreicht den

Meridian und erkünstelten sie eine entgegengesetzte Ausdrucksweise in der

gewöhnlichen Rede so würde das ohne Zweifel als sehr lächerlich erscheinen Ein

wenig Nachdenken über das hier Gesagte wird zeigen dass der gemeine

Sprachgebrauch in keiner Art eine Änderung oder Störung durch die Annahme

unserer Prinzipien erfahren würde

In den gewöhnlichen Angelegenheiten des Lebens mögen übliche Ausdrücke

so lange beibehalten werden als sie in uns die geeigneten Empfindungen oder

Zustände hervorrufen vermöge deren wir so handeln wie es für unser Wohlsein

erforderlich ist so falsch sie auch immer sein mögen wenn sie in einem

strengen theoretischen Sinne genommen werden Ja dieses Verhältnis ist

unvermeidlich da der eigentliche Sinn der Ausdrücke durch den Gebrauch bestimmt

wird und die Spräche daher den herrschenden Meinungen sich anschließt welche

nicht immer die wahrsten sind Hiernach ist es unmöglich selbst in den

strengsten philosophischen Betrachtungen niemals durch Abweichung von der

Tendenz und dem Geiste der Sprache in der wir reden Spitzfindlern Anlass zu

geben angebliche Schwierigkeiten und Widerspruche bei uns zu finden Aber ein

wohlgesinnter und unbefangener Leser wird den Sinn aus dem Ziel und Fortgang und

Zusammenhang eines Vertrags entnehmen und die ungenauen Redeweisen gestatten

welche der Sprachgebrauch unvermeidlich macht

Was die Ansicht betrifft dass es keine körperlichen Ursachen gebe so

ist diese schon früher durch einige Scholastiker vertreten worden wie

neuerdings durch einige der modernen Philosophen welche obschon sie annehmen

dass Materie existiere doch wollen dass Gott allein die unmittelbar wirkende

Ursache von Allem sei Diese Männer haben richtig erkannt dass unter allen

Sinnesobjekten keine seien die irgend eine Kraft besäßen oder eine Tätigkeit

zu üben vermöchten und dass demgemäß das Gleiche von allen Körpern deren

Existenz außerhalb des Geistes sie voraussetzen ebenso gelte wie von den

unmittelbaren Sinnesobjekten Aber wenn sie nun annehmen dass es eine unzählige

Menge geschaffener Dinge gebe die doch nach ihrer eigenen Ansicht nicht fähig

sind irgend eine Wirkung in der Natur hervorzubringen und die daher zu gar

keinem Zweck geschaffen sind da Gott Jegliches ebenso gut auch ohne dieselben

hätte bewirken können so ist dies, meine ich auch wenn es als möglich

zugegeben würde doch gewiss eine sehr vernunftwidrige und ausschweifende

Annahme

 Achtens Die allgemeine einmütige Anerkennung der Menschen mag von

Einigen für ein unüberwindliches Argument zu Gunsten der Materie oder der

Existenz äußerer Dinge gehalten werden Sollen wir annehmen dass alle Welt im

Irrtum sei und wenn dem so istwelche Ursache kann dann angegeben werden für

einen so weit verbreiteten und herrschenden Irrtum Ich antworte Erstens

Durch eine genaue Untersuchung wird vielleicht gefunden werden dass nicht so

Viele wie man sich vorstellt wirklich an die Existenz von Materie oder Dingen

außerhalb des Geistes glauben Streng genommen ist es unmöglich an das zu

glauben was einen Widersprach in sich schließt oder sinnlos ist und ob die

vorerwähnten Ausdrücke von dieser Art seien oder nicht gebe ich der

unparteiischen Prüfung des Lesers anheim In einem Sinne kann in der Tat gesagt

werden dass die Menschen an die Existenz der Materie glauben dh sie handeln

so als ob die unmittelbare Ursache ihrer Wahrnehmungen welche sie in jedem

Augenblicke affiziert und ihnen so nahe und gegenwärtig ist ein empfindungsloses

undenkendes Wesen wäre Aber es ist mir undenkbar dass sie irgend einen klaren

Sinn mit diesen Worten verknüpfen und daraus eine bestimmte theoretische Ansicht

bilden sollten Es ist dies nicht der einzige Fall einer Selbsttäuschung der

Menschen vermöge der Einbildung dass sie Sätze glaubten die sie oft gehört

haben obschon sie im Grunde keinen bestimmten Gedanken damit verknüpfen

Ich antworte aber zweitens dasswenn auch zugestanden werden muss

dass einer Vorstellung eine sehr allgemeine und entschiedene Zustimmung zu Teil

werde hierin doch nur ein schwaches Argument ihrer Wahrheit für einen Jeden

liegt der in Betracht zieht welch einer großen Zahl von Vorurteilen und

falschen Meinungen mit der äußersten Zähigkeit der nicht reflektierende Teil

der Menschheit welcher der weitaus größere ist anhange Es gab eine Zeit zu

welcher die Gegenfüßler und die Erdbewegung als monströse Ungereimtheiten

selbst von Gelehrten betrachtet wurden und wenn wir erwägen welch einen

geringen Teil diese von der gesamten Menschheit ausmachen so werden wir

finden dass bis auf den heutigen Tag diese Begriffe nur noch sehr wenig in der

Welt festen Fuß gefasst haben

Aber man fordert wir sollen eine Ursache dieses Vorurteils angeben

und seine Verbreitung in der Welt erklären Ich antworte hierauf dass die

Menschen da sie wissen dass sie manche Ideen perzipieren deren Urheber sie

nicht selbst sind da dieselben nicht von innen her angeregt werden noch auch

von ihren eigenen Willensakten abhangen in Folge hiervon annehmen diese Ideen

oder Objekte der Wahrnehmung hätten eine vom Geiste unabhängige Existenz

außerhalb desselben ohne dass sie es sich jemals auch nur im Traum in den Sinn

kommen lassen dass in diesen Worten ein Widerspruch liege Da aber Philosophen

klar erkannt hatten dass die unmittelbaren Objekte der Wahrnehmung nicht

außerhalb des Geistes existieren so korrigierten sie in gewissem Maße den

Irrtum der Menge fielen aber gleichzeitig in einen andern der nicht weniger

ungereimt scheint nämlich dass es gewisse Objekte gebe die wirklich

außerhalb des Geistes seien oder eine von ihrem Percipiertwerden verschiedene

Subsistenz haben Objekte von welchen unsere Ideen nur Bilder oder

Ähnlichkeiten seien die durch diese Dinge dem Geiste eingeprägt würden Diese

Vorstellung der Philosophen verdankt ihren Ursprung der nämlichen Ursache wie

die vorhin erwähnte nämlich dem Bewusstsein dass sie nicht selbst die Urheber

ihrer eigenen Wahrnehmungen seien von denen sie mit Evidenz erkennen dass sie

ihnen von Außen eingeprägt seien und die demnach eine von den Geistern denen

sie eingeprägt sind verschiedene Ursache haben müssen

Warum sie aber annehmen die sinnlichen Ideen würden von Dingen, die

denselben ähnlich seien hervorgerufen und nicht lieber auf einen Geist

rekurrieren der doch allein wirken kann davon mag der Grund darin liegen 1

dass sie nicht den Widerspruch bemerken welcher ebensowohl in der Voraussetzung

liegt dass es außerhalb des Geistes existierende Dinge gebe die unseren Ideen

ähnlich seien als auch in der Annahme dass diesen Kraft oder Tätigkeit

zukomme 2 dass der höchste Geist der jene Ideen in unseren Geistern

hervorruft unserm Blick nicht bezeichnet und begrenzt wird durch irgend eine

einzelne beschränkte Gruppe sinnlicher Ideen wie menschliche wirkende Wesen uns

bezeichnet werden durch ihre Größe ihr Aussehen ihre Glieder und Bewegungen

3 dass seine Wirkungen regelmäßig und gleichförmig sind denn jedesmal wenn

der Lauf der Natur durch ein Wunder unterbrochen wird sind die Menschen bereit

die Gegenwart eines höheren wirkenden Wesens anzuerkennen sehen wir aber die

Dinge ihren gewöhnlichen Verlauf nehmen dann regen sie uns nicht zum Nachdenken

an ihre Ordnung und Verkettung ist zwar in der Tat ein Beweis der größten

Weisheit Macht und Güte ihres Schöpfers ist aber so beständig und uns etwas so

Gewöhnliches dass wir sie nicht als die unmittelbaren Wirkungen eines freien

Geistes denken besonders weil Unbeständigkeit und Veränderlichkeit beim

Handeln obwohl diese in der Tat eine Unvollkommenheit sind uns doch als ein

Zeichen von Freiheit zu gelten pflegen

Zehntens wird eingewandt werden dass die von uns aufgestellten

Begriffe nicht mit gewissen wohlbegründeten Wahrheiten in der Philosophie und

Mathematik zusammenbestehen können So sei zB jetzt die Bewegung der Erde von

den Astronomen allgemein als eine auf die klarsten und überzeugendsten Beweise

gegründete Wahrheit anerkannt aber nach den obigen Prinzipien könne es etwas

Derartiges gar nicht geben Denn da Bewegung nur eine Idee sei so folge dass

dieselbe wenn sie nicht wahrgenommen werde nicht existiere die Erdbewegung

aber werde nicht sinnlich wahrgenommen Ich antworte man wird finden dass jene

Annahme wenn sie recht verstanden wird den oben dargelegten Prinzipien nicht

widerstreitet denn die Frage ob die Erde in Bewegung sei oder nicht läuft in

Wahrheit nur darauf hinaus ob wir Grund haben aus den astronomischen

Beobachtungen zu Schließen dasswenn wir unter gewissen Verhältnissen auf

einem gewissen Standpunkt in einer bestimmten Entfernung von der Erde und Sonne

ständen wir die Erde inmitten des Chors der Planeten sich bewegen und in jedem

Betracht als einen derselben erscheinen sehen würden und dies wird nach den

festgestellten Naturgesetzen denen wir nicht Ursache haben zu misstrauen

vernunftgemäß aus den Erscheinungen geschlossen

Wir können oft nach der Erfahrung, die wir von dem Lauf und der

Aufeinanderfolge unserer Ideen gemacht haben nicht etwa ungewisse Vermutungen

sondern sichere und wohlbegründete Voraussagen über die Ideen machen die wir in

Folge einer großen Menge von Handlungen haben werden und wir können im Stande

sein richtig darüber zu urteilen was uns erschienen sein würde im Fall wir in

Lagen wären welche sehr verschieden von denjenigen sind in welchen wir uns

gegenwärtig befinden Hierin besteht die Naturerkenntnis die ihren Nutzen und

ihre Gewissheit in sehr guter Übereinstimmung mit dem oben Gesagten behalten

kann Es wird leicht sein dies auf alle Einwürfe gleicher Art anzuwenden

welche auch immer es seien die man aus der Größe der Sterne oder irgend

welchen anderen Entdeckungen in der Astronomie und der Naturwissenschaft

überhaupt entnehmen kann

Elftens wird gefragt werden wozu die merkwürdige Organisation der

Pflanzen und der bewunderungswürdige Mechanismus in den Teilen der Tiere

diene Könnten nicht Pflanzen wachsen und Blätter und Blüten treiben und

Tiere alle ihre Bewegungen vollziehen auch ohne dass sie versehen wären mit

allen jenen mannigfachen inneren Teilen die so hübsch eingerichtet und

zusammengefügt sind und die wenn sie Ideen sind keine Kraft oder Wirksamkeit

in sich haben und in keiner notwendigen Verbindung mit den Wirkungen stehen

die ihnen zugeschrieben werden Bringt ein Geist unmittelbar durch ein »Fiat«

oder einen Akt seines Willens jegliche Wirkung hervor so müssen wir annehmen

dass alles Feine und Kunstvolle in den Werken der Menschen und der Natur

zwecklos sei Nach dieser Lehre müsste ein Künstler obschon er Feder und Räder

und das ganze Getriebe einer Uhr gemacht und alles in solcher Art eingerichtet

hätte wie er wusste dass dadurch die beabsichtigten Bewegungen bewirkt

würden doch glauben dass dies alles zu nichts diene und dass eine Intelligenz

den Zeiger richte und gemäß der Tagesstunde stelle Ist es so warum sollte

dann nicht die Intelligenz dies tun ohne dass der Künstler sich die Mühe

machte das Getriebe anzufertigen und zusammenzustellen Warum ist nicht ein

leeres Gehäuse ausreichend Und wie geschieht es dasswenn irgend ein Fehler

im Gang der Uhr ist eine entsprechende Unordnung im Getriebe gefunden wird und

dass nachdem eine geschickte Hand die Reparatur vollzogen hat alles wieder in

Ordnung ist Das Gleiche kann gesagt werden von dem Uhrwerk der Natur, das

großenteils so wundervoll fein und zart ist dass es kaum durch das beste

Mikroskop zu erkennen ist Kurz es wird gefragt werden wie nach unseren

Prinzipien uns auch nur irgendwie befriedigende Erklärung gegeben oder ein Zweck

bezeichnet werden könne von der Existenz unzähliger Körper und Maschinen die

mit der ausgesuchtesten Kunst gebildet sind und die doch nach der gewöhnlichen

philosophischen Theorie eine sehr angemessene Verwendung finden und eine Fülle

von Erscheinungen zu erklären dienen

 Auf alles dies antworte ich erstens dasswenn auch in Bezug auf das

Verfahren der Vorsehung und die Zwecke die sie einigen Teilen der Natur

gesetzt hat einige Schwierigkeiten übrig blieben die ich nicht durch die

vorstehenden Prinzipien zu lösen vermöchte dennoch dieser Einwurf von geringem

Gewicht sein würde gegen die Wahrheit und Gewissheit von Dingen, die mit der

größten Evidenz a priori bewiesen werden können. Zweitens sind aber auch die

herrschenden Prinzipien nicht frei von den gleichen Schwierigkeiten denn es

kann dabei ebensowohl die Frage aufgeworfen werden zu welchem Zweck Gott jenen

Umweg einschlage durch Instrumente und Maschinen Dinge zu bewirken die er wie

Niemand leugnen kann durch das bloße Gebot seines Willens ohne jenen Apparat

hätte bewirken können ja wenn wir näher die Sache betrachten so werden wir

finden dass der Einwurf mit großer Kraft gegen die zurückgewendet werden kann,

welche annehmen dass jene Maschinen außerhalb des Geistes bestehen denn es

ist überzeugend nachgewiesen worden dass Solidität Größe Figur Bewegung und

Ähnliches keine Aktivität oder Wirkungskraft in sich tragen wodurch sie fähig

wären irgend eine Wirkung in der Natur hervorzubringen S Sektion XXV Wer also

annimmt dass sie unwahrgenommen existieren die Möglichkeit hiervon zugegeben

tut dies offenbar zwecklos da der einzige Zweck der ihnen in ihrer

unwahrgenommenen Existenz zugeschrieben wird der ist jene wahrnehmbaren

Erfolge hervorzubringen die in Wahrheit nur einem Geiste zugeschrieben werden

können.

Um aber die Schwierigkeit näher ins Auge zu fassen muss bemerkt

werden dass mag auch die Produktion aller jener Theile und Organe nicht

durchaus notwendig zur Hervorbringung irgend einer Wirkung sein sie doch dazu

erforderlich ist in einer konstanten regelmäßigen Weise den Naturgesetzen

gemäß die Dinge hervorzubringen Es gibt gewisse allgemeine Gesetze die durch

die ganze Kette von Naturerfolgen hindurchgehen diese lernt man durch

Beobachtung und Studium der Natur kennen und wendet sie an ebensowohl zur

Bildung von Kunstprodukten zum Behuf des Nutzens und Schmuckes des Lebens wie

zur Erklärung der verschiedenen Phänomene diese Erklärung besteht nur darin

dass man die Übereinstimmung nachweist in welcher irgend eine einzelne

Erscheinung mit den allgemeinen Gesetzen der Natur steht oder was dasselbe

ist, dass man die Gleichmäßigkeit entdeckt mit welcher die natürlichen

Wirkungen erfolgen dies wird Jedem einleuchten der auf die verschiedenen Fälle

achtet in welchen Philosophen von Naturerscheinungen Rechenschaft zu geben

behaupten Dass ein großer Nutzen in diesen regelmäßigen konstanten Weisen

des Handelns liegt welche der höchste Wirkende beobachtet ist in Sektion XXXI

gezeigt worden Auch ist es nicht weniger einleuchtend dass eine bestimmte

Größe Figur Bewegung und Anordnung von Teilen erforderlich ist obschon nicht

absolut zur Hervorbringung irgend einer Wirkung doch zur Hervorbringung

derselben gemäß den beständigen mechanischen Gesetzen der Natur. So kann es

zB nicht geleugnet werden dass Gott oder die höchste Intelligenz welche den

geordneten Lauf der Dinge aufrechterhält und beherrscht falls er ein Wunder

tun wollte alle die Bewegungen die über dem Zifferblatt einer Uhr erfolgen

hervorbringen konnte auch wenn Niemand das Getriebe bearbeitet und eingefügt

hätte will er aber gemäß den Gesetzen des Mechanismus bandeln die von ihm zu

weisen Zwecken bei der Schöpfung begründet sind und aufrechterhalten werden so

ist es notwendig dass jene Handlungen des Uhrmachers die Anfertigung und

angemessene Einrichtung des Getriebes der Hervorbringung der erwähnten

Bewegungen vorausgehen ebenso wie auch dass irgend welche Unregelmäßigkeit in

diesen Bewegungen verbunden sei mit der Wahrnehmung irgend welcher Unordnung im

Getriebe nach deren Beseitigung alles wieder in Ordnung ist

Es kann in der Tat bei gewissen Anlässen erforderlich sein dass der

Urheber der Natur seine oberherrliche Macht bekunde durch Hervorbringung einer

Erscheinung außerhalb der geordneten Reihe der Dinge. Solche Ausnahmen von den

allgemeinen Gesetzen der Natur sind geeignet zu überraschen und die Menschen im

ehrerbietigen Anerkennung des Daseins Gottes zu bringen aber dann darf von

diesem Mittel nur selten Gebrauch gemacht werden weil andernfalls zu erwarten

steht dass es seine Wirkung verfehle Zudem will Gott so scheint es lieber

unsere Vernunft von seinen Eigenschaften durch die Werke der Natur überzeugen

die so viele Harmonie und Kunst in ihrem Bau bekunden und so deutlich die

Weisheit und Güte ihres Urhebers bezeugen als uns durch Erregung von Erstaunen

mittelst außerordentlicher und überraschender Ereignisse zum Glauben an sein

Dasein bringen

Um diesen Gegenstand in ein noch helleres Licht zu setzen bemerke

ich dass das was in Sektion LX eingeworfen worden ist, in der Tat nur auf

Folgendes hinausläuft Ideen werden nicht auf irgend eine beliebige Art und

ordnungslos erzeugt es ist zwischen ihnen eine bestimmte Ordnung und Verbindung

gleich der zwischen Ursache und Wirkung; es gibt auch verschiedene in einer

sehr regelmäßigen und künstlichen Weise gebildete Ideengruppen die wie

Instrumente in der Hand der Natur erscheinen welche gleichsam hinter der Scene

verborgen eine geheime Wirkung bei der Produktion der Erscheinungen haben die

auf dem Schauplatze der Welt gesehen werden während sie selbst nur dem

nachspürenden Auge des Forschers erkennbar sind Aber da eine Idee nicht die

Ursache einer andern sein kann wozu dient denn diese Verbindung Und da diese

Instrumente als bloße unwirksame Perzeptionen in dem Geiste nicht zur

Hervorbringung natürlicher Wirkungen dienen so wird gefragt warum sie gebildet

werden oder mit andern Worten was für ein Grund angeführt werden könne warum

Gott uns bei einer sorgsamen Betrachtung seiner Werke eine so große

Mannigfaltigkeit von so kunstvoll und so gesetzmäßig mit einander verknüpften

Ideen zeige da es doch nicht glaublich sei dass er so zu sagen den Aufwand

aller dieser Kunst und Regelmäßigkeit zwecklos mache

Auf alles dies ist meine Antwort erstens dass die Verbindung der

Ideen nicht das Verhältnis von Ursache und Wirkung in sich schließt sondern

nur das Verhältnis eines Merkmals oder Zeichens zu dem bezeichneten Objekt Das

Feuer welches ich sehe ist nicht die Ursache des Schmerzes den ich empfinde

wenn ich mich ihm nähere sondern das Merkmal welches mich davor warnt In

gleicher Art ist das Geräusch das ich höre nicht die Wirkung dieser oder jener

Bewegung oder des Zusammenstoßes von Körpern in unserer Umgebung sondern nur

das Zeichen davon Zweitens der Grund warum Ideen zu Maschinen gestaltet sind

dh zu künstlichen und regelmäßigen Verbindungen ist der nämliche wie der

Grund der Verbindung von Buchstaben zu Worten Damit einige wenige primitive

Ideen dazu verwendet werden können, eine große Zahl von Wirkungen und

Handlungen zu bezeichnen ist erforderlich dass sie mannigfach mit einander

kombiniert seien und damit ihr Nutzen ein beständiger und allgemeiner sei

müssen diese Kombinationen nach Gesetzen und planmäßig gemacht werden Auf

diese Weise wird uns eine Fülle von Belehrung gegeben über das was wir von

bestimmten Handlungen zu erwarten haben und welches Verfahren jedesmal

einzuhalten sei um bestimmte Ideen hervorzurufen und dies ist in der Tat

alles was ich als klaren Sinn der Aussage erkenne dass wir durch Erkenntnis

der Figur Zusammenfügung und des Mechanismus der inneren Theile von natürlichen

oder künstlichen Körpern dahin gelangen können die verschiedenen davon

abhängigen Erfolge und Eigenschaften oder die Natur des Dinges zu erkennen

Hieraus ist offenbar dass die Dingewelche unter dem Begriff einer

mitwirkenden oder zur Hervorbringung von Wirkungen beitragenden Ursache gänzlich

unerklärbar sind und uns in große Ungereimtheiten verwickeln sehr naturgemäß

sich erklären lassen und einen eigentümlichen und naheliegenden Nutzen

bekunden wenn sie nur als Merkmale oder Zeichen die zu unserer Belehrung

dienen betrachtet werden. Und eben darin sollte die Aufgabe des Naturforschers

bestehen diese durch den Urheber der Natur begründeten Zeichen aufzusuchen und

nach dem Verständnis derselben zu streben sie liegt nicht in der Erklärung von

Vorgängen durch körperliche Ursachenwelche Lehre so sehr den Geist der

Menschen von jenem aktiven Prinzip jenem höchsten und weisen Geiste abgelenkt

zu haben scheint »in dem wir leben weben und sind«

Zwölftens wird vielleicht eingewandt werden dasswenn schon aus dem

Bisherigen klar sei es könne so etwas wie eine untätige unempfindliche

ausgedehnte solide gestaltete bewegliche Substanz die außerhalb des Geistes

existiere wie von Philosophen die Materie beschrieben werde nicht geben doch

nicht einleuchte dass nicht möglicherweise eine Materie existiere wenn dieses

Wort so verstanden werde dass man daraus die positiven Ideen Ausdehnung Figur

Solidität und Bewegung weglasse und darunter nur verstehe eine untätige

unempfindliche Substanz die außerhalb des Geistes oder unperzipiert existiere

und die Ursache unserer Ideen sei oder bei deren Gegenwart es Gott gefalle

Ideen in uns hervorzurufen Hierauf antworte ich erstens dass es nicht weniger

ungereimt zu sein scheint eine Substanz ohne Accidentien wie Accidentien ohne

eine Substanz vorauszusetzen Aber zweitens auch wenn wir zugäben dass diese

unbekannte Substanz möglicherweise existiere so fragt sich doch wo sie denn

etwa sein könne Dass sie nicht im Geiste existiere ist zugegeben und dass sie

nicht an einem Orte sei ist nicht minder gewiss da alle Ausdehnung nur im

Geiste existiert wie schon bewiesen worden ist. Es bleibt also übrig dass sie

überhaupt nirgendwo existiere

Lasst uns ein wenig die Beschreibung prüfen die uns hier von der

Materie gegeben wird Diese ist weder wirkend noch perzipierend noch wird sie

perzipiert denn nur eben dies ist gemeint wenn gesagt wird sie sei eine träge

unempfindliche unbekannte Substanz diese Definition besteht ganz aus

Negationen nur mit Ausnahme des relativen Begriffs des Drunterstehens oder

Tragens es muss aber dann bemerkt werden dass die Materie überhaupt nichts

trägt und wie nahe dies der Beschreibung eines Nichtseienden kommt möge doch

erwogen werden Aber sagt ihr sie ist die unbekannte Veranlassung bei deren

Gegenwart Ideen in uns durch den Willen Gottes hervorgerufen werden Nun möchte

ich gern wissen wie irgend etwas uns gegenwärtig sein könne das weder durch

sinnliche noch durch innere Wahrnehmung perzipierbar noch auch fähig ist

irgend eine Idee in uns hervorzubringen noch auch ausgedehnt ist noch auch

irgend eine Form hat noch auch an irgend einer Stelle existiert Die Worte

gegenwärtig sein müssen wenn sie so angewandt werden notwendig in irgend

einem abstrakten und seltsamen Sinne genommen werden den ich nicht fähig bin zu

verstehen

 Lasst uns ferner prüfen was unter Veranlassung verstanden werde So

viel ich aus dem gewöhnlichen Sprachgebrauch entnehmen kann bezeichnet dieses

Wort entweder das Wirkende das irgend einen Erfolg hervorbringt oder

andernfalls etwas das in dem gewöhnlichen Laufe der Dinge als den Erfolg

begleitend oder demselben vorausgehend beobachtet wird Wird aber das Wort auf

die Materie, wie diese oben beschrieben worden ist, angewandt so kann es in

keiner von diesen Bedeutungen genommen werden Denn da die Materie passiv und

untätig sein soll so kann sie nicht etwas Wirkendes oder eine hervorbringende

Ursache sein da sie aber auch unperzipierbar istindem ihr alle sinnlich

wahrnehmbaren Qualitäten fehlen so kann sie nicht die Veranlassung unserer

Perzeptionen in dem letzteren Sinne sein wie wenn gesagt wird dass ich mir den

Finger verbrannt habe sei die Veranlassung des Schmerzes den ich daran

empfinde Was kann demnach gemeint sein wenn jene Materie eine Veranlassung

genannt wird Dieser Terminus wird dann entweder überhaupt in keinem Sinne

gebraucht oder in einem solchen der von seiner üblichen Bedeutung weit absteht

 Vielleicht werdet ihr sagen die Materie werde wenn schon nicht durch

uns perzipiert doch perzipiert durch Gott für den sie die Veranlassung sei

Ideen in unsern Geistern hervorzurufen Denn sagt ihr da wir beobachten dass

unsere Sinneswahrnehmungen in einer geordneten und sich gleich bleibenden Weise

hervorgerufen werden so ist es nur vernunftgemäß vorauszusetzen dass

bestimmte sich gleichbleibende und regelmäßige Veranlassungen zu ihrem

Hervorgebrachtwerden bestehen Das besagt dass es bestimmte beharrliche und von

einander unterschiedene Theile der Materie gebe die unseren Ideen entsprechen

und die obschon sie dieselben nicht in unseren Geistern hervorrufen oder uns

irgendwie unmittelbar affizieren da sie durchaus passiv und uns unperzipierbar

sind nichtsdestoweniger für Gott durch den sie perzipiert werden gleichsam

ebensoviele Anlässe sind ihn zu erinnern wann Ideen und was für Ideen unseren

Geistern einzuprägen seien damit so die Dinge in einer beständigen und

gleichmäßigen Weise geschehen

Zur Antwort hierauf bemerke ich dass wie hier der Begriff der

Materie gefasst ist die Frage nicht länger die Existenz eines von Geist und

Idee vom Perzipierenden und Perzipiertwerdenden verschiedenen Dinges betrifft

sondern darauf geht ob es nicht gewisse Ideen von ich weiß nicht was für einer

Art in Gottes Geiste gebe welche eben so viele Merkmale oder Zeichen seien die

ihn dazu leiten Sinnesempfindungen in unseren Geistern nach einer sich

gleichbleibenden und regelmäßigen Methode hervorzurufen zum guten Teil in

derselben Weise wie ein Musiker durch die Musiknoten bei der Erzeugung jener

harmonischen Folge und Verbindung von Tönen geleitet wird die ein Tonstück

genannt wird obschon die welche die Musik hören die Noten nicht wahrnehmen

und vielleicht gar nichts von ihnen wissen Aber dieser Begriff der Materie

scheint zu ausschweifend zu sein um eine Widerlegung zu verdienen Zudem bildet

derselbe in der Tat keinen Einwurf gegen das von uns Behauptete dass es

nämlich keine empfindungslose unperzipierte Substanz gebe

Folgen wir dem Lichte der Vernunft, so werden wir aus der beständigen

gleichförmigen Weise unserer Sinneswahrnehmungen auf die Güte und Weisheit des

Geistes Schließen der dieselben in uns hervorruft Aber dies ist alles was

ich vernünftiger Weise daraus Schließen kann Mir sage ich ist es

einleuchtend dass das Sein eines unendlich weisen guten und mächtigen Geistes

völlig zureichend ist alle Erscheinungen der Natur zu erklären Mit einer

untätigen empfindungslosen Materie aber hat nichts von dem was ich begreife

das Mindeste zu tun nichts leitet meine Gedanken darauf hin Und ich möchte

gern sehen wie Jemand auch nur die geringste Naturerscheinung dadurch erkläre

oder irgend einen Grund aufzeige möge derselbe auch nur den geringsten Grad von

Wahrscheinlichkeit besitzen warum er die Existenz derselben annehme oder dass

auch nur dieser Annahme in einer irgend erträglichen Weise ein Sinn oder eine

Bedeutung gegeben werde Denn wird gesagt jene Materie sei eine Veranlassung

so haben wir denke ich deutlich gezeigt dass dieselbe für uns dies nicht ist

sie müsste also für Gott die Veranlassung sein Ideen in uns hervorzurufen und

worauf dies hinauslaufe hat sich uns jetzt eben gezeigt

Es ist der Mühe wert ein wenig über die Motive nachzudenken

welche die Menschen bewegen haben die Existenz einer materiellen Substanz

anzunehmen so dass wir nachdem wir das stufenweise Hinschwinden und den

Untergang dieser Motive oder Gründe beobachtet haben in gleichem Verhältnis

die Zustimmung aufheben können welche auf dieselben gegründet worden war

Zuerst also glaubte man dass Farbe Figur Bewegung und die übrigen sinnlichen

Qualitäten oder Accidentien wirklich außerhalb des Geistes existieren und aus

diesem Grunde schien es erforderlich ein gewisses nicht denkendes Substrat oder

eine Substanz vorauszusetzen worin sie Existenz hätten da sie nicht als an

sich selbst existierend gedacht werden konnten Als hernach im Fortgange der

Zeit man sich überzeugte dass Farben Töne und die übrigen »sekundären

Qualitäten« nicht außerhalb des Geistes existieren streifte man diesem Substrat

oder der materiellen Substanz jene Qualitäten ab und ließ ihm nur die primären

übrig Figur Bewegung und ähnliche von denen man immer noch annahm dass sie

außerhalb des Geistes existierten und demgemäß eines materiellen Trägers

bedürften Da nun aber gezeigt worden ist, dass auch von diesen Eigenschaften

keine anders als in einem Geiste oder einer Seele wodurch sie perzipiert werde

existieren könne so folgtdass wir nicht länger irgend einen Grund haben das

Dasein einer Materie vorauszusetzen ja dass es durchaus unmöglich ist dass

etwas Derartiges existiere so lange dieses Wort in dem Sinne genommen wird

worin es ein undenkendes Substrat von Eigenschaften oder Accidentien bezeichnet

in welchem diese außerhalb des Geistes existieren

 Aber obschon es von den Materialisten selbst zugegeben wird dass die

Materie nur zu dem Zweck als Trägerin von Accidentien zu dienen angenommen

werde und obschon man erwarten dürfte dass da der Grund ganz wegfalle der

Geist natürlich auch und zwar ohne irgend ein Widerstreben den Glauben an das

was ausschließlich auf denselben gebaut war aufgeben werde so ist doch das

Vorurteil so tief in unser Denken eingedrungen dass wir uns schwer von ihm

losmachen können und demgemäß geneigt sind da die Sache selbst unhaltbar ist

wenigstens den Namen beizubehalten den wir dann auf ich weiß nicht was für

abstrakte und unbestimmte Begriffe eines Seienden oder einer Veranlassung

anwenden obschon ohne irgend einen auch nur anscheinenden Grund so viel ich

wenigstens sehen kann Denn was für einen Anhalt haben wir oder was perzipieren

wir unter allen Ideen Sinneswahrnehmungen Begriffen welche unserm Geiste durch

die Sinne oder durch Selbstbetrachtung eingeprägt sind woraus sich die Existenz

einer trägen gedankenlosen unperzipierten Veranlassung erschließen ließe Und

andererseits was kann es bei einem allgenugsamen Geiste geben das uns glauben

oder auch nur vermuten ließe derselbe werde durch ein träges Ding geleitet

das für ihn die Veranlassung sei Ideen in unserm Geiste hervorzurufen

Es ist ein sehr auffälliger Beweis der Stärke des Vorurteils und

etwas sehr Beklagenswertes dass der Geist der Menschen trotz aller

Vernunftevidenz eine so große Vorliebe für ein stupides gedankenloses Etwas

behält durch dessen Einschiebung er sich wenn ich so sagen darf gegen die

göttliche Vorsehung decken und Gott weiter von den Angelegenheiten der Welt

entfernen möchte Aber mögen wir auch das Äußerste tun was wir können um

den Glauben an eine Materie zu sichern mögen wir auch versuchen wenn

Vernunftgründe uns im Stich lassen unsere Meinung auf die bloße Möglichkeit

des Dinges zu gründen und mögen wir dabei auch um diese bloße Möglichkeit

herauszubringen unserer Phantasie den vollen Spielraum gestatten den sie

findet wenn sie nicht durch die Vernunft geleitet wird so ist doch das

Endresultat nur dass es gewisse unbekannte Ideen im Geiste Gottes gebe denn

dies wenn überhaupt irgend etwas ist alles was ich als den Sinn von

Veranlassung in Bezug auf Gott zu verstehen vermag Und dies heißt im Grunde

nicht länger für die Sache sondern für den Namen kämpfen

 Ob es nun solche Ideen im Geiste Gottes gebe und ob sie durch den

Namen Materie zu bezeichnen seien darüber werde ich nicht streiten Aber wenn

ihr festhaltet an dem Begriff einer undenkenden Substanz oder eines Trägers von

Ausdehnung Bewegung und anderen sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften dann

finde ich es offenbar unmöglich dass ein solches Ding existiere denn es ist ein

voller Widerspruch dass jene Eigenschaften in einer nicht perzipierenden

Substanz existieren oder durch eine solche getragen werden

 Aber sagt ihr mag es auch zuzugeben sein dass es kernen nicht

denkenden Träger von Ausdehnung und den anderen Qualitäten oder Accidentien

gebe die wir perzipieren so gibt es doch vielleicht eine gewisse träge nicht

perzipierende Substanz oder ein Substrat gewisser anderer Qualitäten welche uns

eben so unerkennbar sind wie einem Blindgebornen die Farben weil wir keinen

auf sie eingerichteten Sinn haben Hätten wir aber einen neuen Sinn so würden

wir dann wohl ebenso wenig an ihrer Existenz zweifeln als ein Blinder nachdem

er sehend geworden ist an der Existenz von Licht und Farben zweifelt Ich

antworte erstens wenn das was ihr unter dem Worte Materie versteht nur der

unbekannte Träger unbekannter Qualitäten ist so ist es gleichgültig ob ein

solches Ding existiert oder nicht da es uns nichts angeht und ich sehe nicht

welchen Nutzen eine Disputation über etwas wovon wir nicht wissen was noch

warum es sei gewähren könne

 Zweitens aber hätten wir einen neuen Sinn so könnte derselbe uns

nur mit neuen Ideen oder Sinnesempfindungen versehen und wir hätten dann den

nämlichen Grund gegen ihre Existenz in einer nicht perzipierenden Substanz der

bereits in Betreff der Gestalt Bewegung Farbe etc vorgebracht worden ist.

Qualitäten sind wie gezeigt worden ist, nichts anderesals Sinneswahrnehmungen

oder Ideen welche nur in einem Geiste existieren der sie perzipiert und dies

gilt nicht nur von den Ideen die wir zur Zeit besitzen sondern gleichermaßen

von allen möglichen Ideen von welcher Art auch immer dieselben sein mögen

Doch werdet ihr behaupten wenn sich auch der Glaube an die Existenz

der Materie auf keinen Grund stützen wenn sich auch kein Zweck der Materie

angeben und nichts durch sie erklären lasse wenn selbst sich nicht der Sinn

dieses Wortes begreifen lasse so sei es doch kein Widerspruch zu sagen dass

Materie existiere und dass diese Materie eine Substanz im Allgemeinen oder eine

Veranlassung von Ideen sei obschon in der Tat der Fortgang zur Entwickelung

dieser Meinung oder die Zustimmung zu irgend einer besonderen Erklärung jener

Worte mit großen Schwierigkeiten verbunden sein möge Ich antworte wenn Worte

ohne Sinn gebraucht werden, dann könnt ihr dieselben nach Belieben

zusammenstellen ohne Gefahr in einen Widerspruch zu verfallen Ihr dürft zB

sagen dass zweimal zwei gleich sieben sei so lange ihr erklärt dass ihr nicht

die Worte dieses Satzes in ihrem üblichen Sinne nehmt sondern als Zeichen für

etwas wovon ihr nicht wisst was es sei In derselben Art dürft ihr sagen es

gebe eine träge gedankenlose Substanz ohne Accidentien welche die Veranlassung

zu unseren Ideen sei Wir werden durch den einen Satz gerade eben so sehr

belehrt werden wie durch den andern

Zuletzt werdet ihr sagen wie aber wenn wir die Behauptung, es

existiere eine materielle Substanz aufgeben und unter der Materie ein

unbekanntes Etwas verstehen das weder Substanz noch Accidens weder Geist noch

Idee trag gedankenlos unteilbar unbeweglich unausgedehnt ist und an keinem

Orte existiert Denn sagt ihr was auch immer gegen Substanz oder Veranlassung

oder irgend einen andern positiven oder Relationsbegriff von Materie eingewandt

werden mag findet gar keine Anwendung mehr so lange diese negative Definition

der Materie festgehalten wird Ich antworte ihr mögt wenn euch das gut dünkt

das Wort Materie in dem nämlichen Sinne gebrauchen worin Andere das Wort Nichts

gebrauchen so dass beide Worte nach eurer Redeweise mit einander vertauscht

werden können. Denn dies scheint mir nach allem das Ergebnis dieser

Definition zu sein wenn ich mit Aufmerksamkeit die Theile derselben insgesamt

oder einzeln betrachte so finde ich nicht dass dadurch irgend eine Wirkung auf

meinen Geist geübt würde die verschieden wäre von der welche das Wort Nichts

hervorruft

Vielleicht werdet ihr entgegnen es liege in der vorstehenden

Definition etwas was einen ausreichenden Unterschied von dem Nichts begründe

nämlich die positive abstrakte Idee der Wesenheit des Seins oder der Existenz

In der Tat ich erkenne an dass die welche sich die Fähigkeit zuschreiben

abstrakte allgemeine Ideen zu bilden so reden als hätten sie eine solche Idee

welche wie sie sagen der abstrakteste und allgemeinste von allen Begriffen

ist dh für mich der unbegreiflichste von allen Ich sehe keinen Grund zu

leugnen dass es eine große Mannigfaltigkeit von Geistern verschiedenen Ranges

und verschiedener Befähigung gebe die eine weit größere Zahl von Kräften und

weit umfassendere Kräfte besitzen als die welche der Urheber meines Seins mir

verliehen hat und wollte ich mich anheischig machen nach meinen eigenen

geringen eingeschränkten nicht weit reichenden Perzeptionsweisen zu bestimmen,

was für Ideen die unerschöpfliche Macht des höchsten Geistes ihnen einpräge so

wäre dies gewiss die äußerste Torheit und Anmaßung Denn es kann so weit

ich darüber zu urteilen vermag unzählige Arten von Ideen oder

Sinnesempfindungen geben die eben so verschieden von einander und von allem

was ich perzipiert habe sind wie Farben von Tönen Wie sehr ich aber auch

bereit bin die Beschränktheit meiner Erkenntniskraft in Betracht der endlosen

Mannigfaltigkeit von Geistern und Ideen welche möglicherweise existieren

anzuerkennen so ist es doch vermute ich ein völliger Widerspruch dass

irgend einer dieser Geister einen Begriff eines Seins oder einer Existenz haben

könne wobei von Geist und Idee Perzipieren und Percipiertwerden abstrahiert wäre

 Nun bleibt uns noch übrig die Einwürfe zu erwägen welche möglicherweise im

Namen der Religion erhoben werden

Es gibt Personen welche dafür halten dasswenn schon zugegeben

werden müsse die aus der Vernunft entnommenen Argumente für die wirkliche

Existenz von Körpern seien nicht beweiskräftig doch die heilige Schrift über

diesen Punkt so klar sei dass dies zureiche jeden guten Christen davon zu

überzeugen dass Körper in Wirklichkeit existieren und etwas mehr seien als

bloße Ideen da ja in der Bibel unzählige Tatsachen erzählt werden welche

offenbar die Realität von Holz und Stein Bergen und Flüssen Städten und

menschlichen Leibern voraussetzen Hierauf antworte ich dass keine Art von

Schriften seien es heilige oder profane welche diese und derartige Worte in

ihrer gewöhnlichen Bedeutung gebrauchen oder doch so dass ein Sinn darin liege

in die Gefahr komme dass ihre Wahrheit durch unsere Lehre in Frage gestellt

werde Dass alle jene Dinge wirklich existieren dass es Körper gebe selbst

körperliche Substanzen falls dieses Wort im vulgären Sinne gebraucht wird

stimmt wie bewiesen worden ist, mit unseren Prinzipien zusammen und der

Unterschied zwischen Dingen und Ideen Realitäten und Chimären ist deutlich

erklärt worden Sect XXIX XXX XXXIII XXXVI etc Und ich denke dass weder

das was die Philosophen Materie nennen noch die Existenz von Objekten

außerhalb des Geistes irgendwo in der Schrift erwähnt wird

Ferner mag es äußere Dinge geben oder nicht so wird doch

allseitig anerkannt dass der eigentliche Zweck der Worte darin besteht unsere

Begriffe zu bezeichnen oder die Dinge nur so zu bezeichnen wie sie uns bekannt

und von uns aufgefasst seien Hieraus folgt offenbar dass in den oben

dargelegten Sätzen nichts ist was mit dem richtigen Gebrauch und der Bedeutung

der Sprache nicht zusammen bestände und dass jede Ausdrucksweise von welcher

Art sie auch sei sofern sie einen verständlichen Sinn hat unangegriffen

bleibt Jedoch dies alles scheint nach dem was früher schon auseinandergesetzt

worden ist, so handgreiflich zu sein dass es nicht nötig ist länger dabei zu

verweilen

Doch es wird eingewandt werden dass die Wunder zum mindesten viel

von ihrer Wichtigkeit und Bedeutung durch unsere Prinzipien verlieren Was

müssen wir von Moses Stabe denken wurde derselbe nicht wirklich in eine

Schlange verwandelt und fand nur ein Wechsel von Ideen in den Geistern der

Zuschauer statt Und darf man annehmen dass unser Erlöser auf der Hochzeit zu

Kana nicht mehr tat als auf Gesicht Geruch und Geschmack der Gäste so

einwirken dass er in ihnen die Erscheinung oder Idee Wein erschuf Das Nämliche

kann von allen andern Wundern gesagt werden die den vorstehenden Prinzipien

zufolge als ebenso viele Täuschungen oder Illusionen der Phantasie angesehen

werden müssen Hierauf antworte ich dass der Stab in eine wirkliche Schlange

und das Wasser in wirklichen Wein verwandelt wurde Dass dies nicht im Mindesten

dem was ich anderswo gesagt habe widerstreite wird aus Sektion XXXIV und XXXV

einleuchten Aber dies wie es um reell und imaginär stehe ist schon so

deutlich und vollständig erklärt es ist so oft darauf Bezug genommen worden

und die aufgeworfenen Zweifel lassen sich so leicht lösen dass es den Verstand

des Lesers beleidigen hieße wenn an dieser Stelle die Erklärung aufs Neue

vorgebracht werden sollte Ich will nur bemerken dasswenn bei Tisch alle

Anwesenden Wein sehen und riechen und schmecken und trinken und die Wirkungen

desselben vorfinden nach mir kein Zweifel an der Realität desselben bestehen

kann so dass im Grunde der die Realität der Wunder betreffende Zweifel nicht

unsere sondern nur die herrschenden Prinzipien betrifft und folglich eher für

als gegen das Gesagte spricht

 Nachdem wir mit den Einwürfen uns abgefunden haben die ich in das

hellste Licht zu stellen und denen ich alle mögliche Kraft und Stärke zu geben

versuchte gehen wir nun zunächst dazu fort einen Blick auf die Konsequenzen

unserer Sätze zu werfen Einige von diesen springen sofort in die Augen Mehrere

schwierige und dunkle Probleme an welche ein Übermaß von Spekulation

verschwendet worden ist, werden gänzlich aus der Philosophie verbannt Kann eine

körperliche Substanz empfinden Ist die Materie ins Unendliche teilbar Und

wie wirkt sie auf den Geist Mit diesen und ähnlichen Untersuchungen haben sich

Philosophen zu allen Zeiten unablässig unterhalten Da dieselben aber durch die

Existenz der Materie bedingt sind so können sie nach unseren Prinzipien nicht

mehr stattfinden Es gibt sowohl in Betracht der Religion als der

Wissenschaften noch manche andere Vorteile die leicht ein Jeder aus dem

Vorstellenden entnehmen kann Doch dies wird in dem Folgenden deutlicher werden

 Aus den vorgetragenen Prinzipien folgtdass die menschliche

Erkenntnis naturgemäß in zwei Hauptklassen eingeteilt werden kann, nämlich in

die Erkenntnis von Ideen und die von Geistern Von einer jeden derselben werde

ich ordnungsgemäß handeln Was zuerst die Ideen oder undenkenden Dinge

betrifft so ist unsere Erkenntnis derselben sehr verdunkelt und verwirrt und

wir sind zu sehr gefährlichen Irrtümern verleitet worden durch die

Voraussetzung einer zweifachen Existenz der Sinnesobjekte einer intelligiblen

in dem Geiste und einer realen außerhalb des Geistes, wobei angenommen wurde

dass undenkende Dinge eine natürliche Existenz an sich selbst hätten die

verschieden wäre von ihrem Percipiertwerden durch Geister Dies was wenn ich

mich nicht ganz täusche als eine durchaus grundlose und ungereimte Vorstellung

erwiesen worden istist der gerade Weg zum Skeptizismus denn so lange man

dafür hielt dass reale Dinge außerhalb des Geistes existieren und dass der

Erkenntnis derselben nur in so weit Realität zukomme als sie realen Dingen

konform sei musste folgen dass es uns nicht gewiss sein könne dass wir irgend

eine reale Erkenntnis überhaupt besitzen Denn wie kann erkannt werden, dass

die Dingewelche perzipiert werden jenen andern konform seien welche nicht

perzipiert werden oder außerhalb des Geistes existieren

Farbe Gestalt Bewegung Ausdehnung etc sind sofern wir sie nur

als eben so viele sinnliche Wahrnehmungen in dem Geiste betrachten vollkommen

bekannt da nichts in ihnen ist was nicht perzipiert würde Werden sie aber als

Merkmale oder Bilder betrachtet die in Beziehung stehen zu Dingen oder

Urbildern welche außerhalb des Geistes existieren dann verfallen wir Alle in

Skeptizismus Wir sehen nur die Erscheinungsweisen und nicht die realen

Qualitäten der Dinge. Was Ausdehnung Figur oder Bewegung irgend eines Dinges

wirklich und absolut oder an sich seien ist uns unmöglich zu erkennen wir

erkennen nur das Verhältnis oder die Beziehung, worin sie zu unseren Sinnen

stehen Während die Dinge unverändert bleiben wechseln unsere Ideen und welche

von diesen die wirklich in dem Dinge existierende wahre Qualität repräsentieren

oder ob irgend welche derselben überhaupt diese repräsentieren ist eine uns

nicht erreichbare Erkenntnis so dass so weit wir darüber zu urteilen

vermögen alles was wir sehen hören und fühlen ein bloßes Phantom und eine

eitle Chimäre sein und nicht im mindesten mit den wirklichen Dingen welche in

rerum natura existieren übereinstimmen mag Alle diese Anzweifelung folgt aus

der Voraussetzung, dass ein unterschied zwischen Dingen und Ideen bestehe und

dass die ersteren ein Bestehen außerhalb des Geistes oder unwahrgenommen haben

Es wäre leicht ausführlich über dieses Thema zu handeln und zu zeigen wie die

von den Skeptikern zu allen Zeiten vorgebrachten Argumente von der Voraussetzung

äußerer Objekte abhangen

 So lange wir undenkenden Dingen eine wirkliche Existenz

zuschreiben welche von ihrem Percipiertwerden verschieden sei ist es uns nicht

bloß unmöglich mit Evidenz die Natur irgend eines wirklichen undenkenden

Dinges zu erkennen sondern auch nur dies dass ein solches existiere Daher

geschieht es dass wir gewisse Philosophen ihren Sinnen misstrauen und an der

Existenz von Himmel und Erde von jeglichem Ding das sie sehen und fühlen

selbst von ihrem eigenen Körper zweifeln sehen Und nach all ihrer mühevollen

Gedankenarbeit sind sie genötigt einzugestehen dass wir gar keine an sich

selbst evidente oder durch einen Beweis gesicherte Erkenntnis von der Existenz

sinnlicher Dinge zu erlangen vermögen Aber alle diese Ungewissheit die so sehr

den Geist irre führt und verwirrt und die Philosophie lächerlich macht in den

Augen der Welt verschwindet wenn wir einen Sinn mit unseren Worten verknüpfen

und uns nicht selbst durch die Termini absolut äußerlich existieren und

ähnliche täuschen welche etwas bezeichnen wovon wir nicht wissen was es ist

Ich kann ebensowohl an meinem eigenen Sein zweifeln wie an dem Sein jener

Dinge die ich tatsächlich durch den Sinn wahrnehme da es ein offenbarer

Widerspruch wäre dass irgend ein sinnliches Ding unmittelbar durch das Gesicht

oder Getast wahrgenommen werde und doch gleichzeitig keine wirkliche Existenz

habe da die wirkliche Existenz eines undenkenden Dinges gerade in seinem

Percipiertwerden besteht

 Nichts scheint von größerer Wichtigkeit zur Begründung eines festen

Systems gesunder und echter Erkenntnis zu sein die probehaltig gegenüber den

Angriffen des Skeptizismus befunden werde als das Ausgehen von einer bestimmten

Erklärung was verstanden werde unter Ding Realität Existenz denn vergeblich

werden wir über die reelle Existenz von Dingen disputieren oder irgend etwas

darüber zu wissen behaupten so lange wir nicht den Sinn dieser Worte

festgestellt haben Ding oder Seiendes ist der allgemeinste aller Samen

darunter fallen zwei völlig von einander verschiedene und heterogene Klassen

welche nichts mit einander gemein haben nämlich Geister und Ideen Die ersteren

sind tätige unteilbare Substanzendie andere träge vergängliche abhängige

Dinge die nicht an sich existieren sondern getragen sind von oder existieren in

Geistern oder spirituellen Substanzen Wir erkennen unsere eigene Existenz durch

ein inneres Wahrnehmen einen inneren Sinn oder »Reflektion« und die Existenz

anderer Geister durch Schließen Man darf sagen dass wir in einem gewissen

Sinn eine Kenntnis oder Vorstellung von unserm eigenen Gemüte von Geistern

und aktiven Dingen haben wovon wir nicht Ideen im strengen Sinne besitzen In

gleicher Art kennen wir Beziehungen zwischen Dingen oder Ideen und haben eine

Vorstellung von diesen Beziehungen welche von den auf einander bezogenen Dingen

oder Ideen verschieden sind sofern die letzteren von uns perzipiert werden

können, ohne dass wir die ersteren perzipieren Mir scheint dass Ideen Geister

und Beziehungen in allen ihren Arten den Gegenstand der menschlichen Erkenntnis

und das wovon geredet wird ausmachen und dass der Ausdruck Idee nur

uneigentlich in einem so weiten Sinne gebraucht werden könne dass er zur

Bezeichnung von allem diene was wir erkennen oder wovon wir irgend eine

Vorstellung notion haben

Ideen welche den Sinnen eingeprägt sind sind wirkliche Dinge oder

existieren wirklich dies leugnen wir nicht aber wir leugnen dass sie

außerhalb der Geister welche sie perzipieren selbständig bestehen oder dass

sie Abbilder von Urbildern seien welche außerhalb des Geistes existieren da

das wirkliche Sein einer Sinneswahrnehmung oder Idee in ihrem Percipiertwerden

besteht und eine Idee nur einer Idee ähnlich sein kann Ferner mögen die durch

die Sinne perzipierten Dinge äußere genannt werden mit Rücksicht auf ihren

Ursprung sofern sie nicht von innen her durch den Geist selbst erzeugt

sondern durch einen Geist der von dem sie perzipierenden verschieden ist diesem

eingeprägt werden Ebenso mögen sinnlich wahrnehmbare Objekte noch in einem

andern Sinne außerhalb des Geistes befindlich genannt werden, nämlich wenn sie

in irgend einem andern Geiste existieren So können, wenn ich meine Augen

schließe die Dingewelche ich sah noch existieren aber sie müssen dann in

einem andern Geiste existieren

Es wäre ein Missverständnis wenn man annähme das hier Gesagte tue

im Mindesten der Realität der Dinge Eintrag Nach der herrschenden Doktrin wird

anerkannt dass Ausdehnung Bewegung mit Einem Wort alle sinnlichen Qualitäten

eines Trägers bedürfen da sie nicht für sich selbst subsistieren können Dass

aber die sinnlich perzipierten Objekte nur Kombinationen von solchen Qualitäten

seien und demgemäß nicht für sich subsistieren können wird zugegeben In so

weit stimmen Alle miteinander überein Wenn wir also negieren dass die sinnlich

perzipierten Dinge eine von einer Substanz oder einem Träger worin sie

existieren unabhängige Existenz haben so entziehen wir nichts der herrschenden

Annahme ihrer Realität und machen uns in diesem Betracht keiner Neuerung

schuldig Die ganze Differenz liegt darin dass nach uns die undenkenden

sinnlich perzipierten Dinge keine von ihrem Percipiertwerden verschiedene Existenz

haben und dass sie demgemäß in keiner andern Substanz existieren können als in

jenen unausgedehnten unteilbaren Substanzen oder Geistern welche handeln und

denken und sie perzipieren wogegen die Philosophen in der Regel annehmen dass

die sensiblen Qualitäten in einer trägen ausgedehnten nicht perzipierenden

Substanz welche sie Materie nennen existieren in einer Substanz der sie eine

natürliche selbständige Existenz außerhalb aller denkenden Wesen zuschreiben

welche verschieden sei von dem Percipiertwerden durch einen Geist welcher es

auch sein möge selbst durch den ewigen Geist des Schöpfers in dem sie nur

Ideen der von ihm geschaffenen körperlichen Substanzen voraussetzen wenn anders

sie überhaupt das Geschaffensein dieser Substanzen zugeben

Denn wie wir gezeigt haben dass die Lehre von der Materie oder

körperlichen Substanz die Hauptstütze und Säule des Skeptizismus gewesen ist,

ebenso sind auch aus dem nämlichen Grunde alle jene unfrommen Systeme des

Atheismus und der Religionsverwerfung hervorgegangen Ja es ist als so

schwierig erschienen zu begreifen dass Materie aus Nichts geschaffen sei dass

selbst die berühmtesten derjenigen alten Philosophen die das Sein eines Gottes

annahmen die Materie für ungeschaffen und gleich ewig mit ihm gehalten haben

Wie sehr die materielle Substanz den Atheisten aller Zeiten wert gewesen ist

bedarf nicht der Erwähnung Alle ihre monströsen Systeme stehen in einer so

offenbaren und notwendigen Abhängigkeit von ihr dass ist dieser Eckstein

einmal weggenommen das ganze Gebäude notwendig zusammenstürzen muss so sehr

dass sich nicht länger der Zeitaufwand lohnen wird eine besondere Betrachtung

auf die Absurditäten einer jeden nichtswürdigen Sekte von Atheisten zu richten

Dass unfromme und weltlich gesinnte Personen leicht auf solche

Systeme fallen welche ihre Neigungen begünstigen indem sie die Annahme einer

immateriellen Substanz verspotten und voraussetzen die Seele sei teilbar und

dem Untergang ebensowohl wie der Körper unterworfen Systeme die alle

Freiheit Intelligenz und Absicht aus der Bildung der Dinge ausschließen und

statt dessen eine von selbst existierende stupide nicht denkende Substanz Zur

Wurzel und zum Ursprung aller Dinge machen dass sie auf solche horchen die

eine Vorsehung oder Aufsicht eines höheren Geistes auf die Dinge der Welt

leugnen und die ganze Reibe der Ereignisse entweder einem blinden Zufall oder

einer verhängnisvollen Notwendigkeit zuschreiben die aus der Einwirkung der

Körper aufeinander entspringe  das alles ist sehr natürlich Und wenn

andererseits Männer von besseren Prinzipien bemerken dass die Feinde der

Religion ein so großes Gewicht auf eine nicht denkende Materie legen und dass

sie alle so viele Mühe und Kunst aufwenden alles auf dieselbe zu reduzieren so

sollte ich denken jene müssten sich freuen ihre Gegner ihres mächtigen Halts

beraubt und aus jener einzigen Festung vertrieben zu sehen außerhalb welcher

die Epikureer Hobbisten und ähnlich Denkende auch nicht einmal den Schatten

eines Vorwands haben sondern über sie aufs Einfachste und Leichteste der Sieg

errungen wird

 Die Existenz einer Materie oder unwahrgenommener Körper ist nicht nur

die Hauptstütze der Atheisten und Fatalisten gewesen sondern auf dem nämlichen

Prinzip ruht ebenso auch der Götzendienst in allen seinen mannigfachen Formen

Möchten die Menschen nur erwägen dass Sonne Mond und Sterne und alle anderen

Sinnesobjekte nur eben so viele Wahrnehmungen in ihren Geistern seien die keine

andere Existenz als ihr bloßes Percipiertwerden haben so würden sie gewiss

nicht niederfallen und ihre eigenen Ideen anbeten sondern vielmehr ihre

Huldigung jenem ewigen unsichtbaren Geiste darbringen der alle Dinge

hervorbringt und erhält

Das nämliche ungereimte Prinzip hat indem er sich mit den Artikeln

unsers Glaubens mischte Christen nicht geringe Schwierigkeiten verursacht Wie

viele Zweifel und Einwürfe sind nicht zB in Betreff der Wiederauferstehung von

Socinianern und Anderen erhoben worden Aber hangen nicht die plausibelsten

derselben von der Voraussetzung ab dass ein Körper der nämliche genannt werde

nicht in Betracht seiner Form oder dessen was durch die Sinne perzipiert wird

sondern der materiellen Substanz welche unter mancherlei Formen die nämliche

bleibe Wird diese materielle Substanz hinweggenommen um deren Identität der

ganze Streit sich dreht und wird unter Körper verstanden was jede schlichte

gewöhnliche Person unter diesem Worte versteht nämlich das unmittelbar Gesehene

und Gefühlte was nur eine Verbindung von sinnlichen Eigenschaften ist so

reduzieren sich jene unbeantwortbaren Einwürfe auf nichts

Ist einmal die Materie aus der Natur ausgetrieben so nimmt sie mit

sich fort so manche skeptische und unfromme Vorstellungen solch eine

unglaubliche Zahl von Streitigkeiten und verwirrenden Fragen die sowohl für

Theologen als Philosophen Dornen gewesen sind und den Menschen so viele

fruchtlose Arbeit gemacht haben dasswenn die Gründe die wir dagegen

aufgestellt haben nicht beweiskräftig gefunden werden was sie meines Erachtens

doch offenbar sind ich doch dessen gewiss bin dass alle Freunde der

Erkenntnis, des Friedens und der Religion Grund haben zu wünschen sie wären

es

 Neben der vermeintlichen Äußeren Existenz der Sinnesobjekte ist eine

andere reiche Quelle von Irrtümern und Schwierigkeiten in Betreff der

Ideenerkenntnis die Lehre von abstrakten Ideen wie dieselbe in der Einleitung

auseinandergesetzt worden ist. Die einfachsten Dinge von der Welt mit denen wir

aufs Genaueste vertraut sind und die wir vollkommen kennen erscheinen wenn

sie in einer abstrakten Weise betrachtet werden, auf eine seltsame Art schwierig

und unbegreiflich Zeit Raum und Bewegung sind wenn sie im Einzelnen oder

concret genommen werden einem Jeden bekannt sind sie aber durch den Kopf eines

Metaphysikers gegangen so werden sie zu abstrakt und fein um von Menschen mit

gewöhnlicher Auffassungskraft verstanden zu werden Sagt euerm Diener er solle

euch zu einer gewissen Zeit an einem gewissen Orte erwarten so wird er sich

nicht mit einer Überlegung aufhalten was mit diesen Worten gemeint sei er

findet nicht die mindeste Schwierigkeit darin sich die einzelne Zeit und den

Ort vorzustellen oder die Bewegung, durch welche er sich dorthin zu begeben hat

Wird aber Zeit mit Ausschluss aller jener einzelnen Handlungen und Ideen die

Abwechslung in den Tag bringen bloß als Fortsetzung der Existenz oder Dauer

in abstrakte genommen dann wird es vielleicht auch einem Philosophen Mühe

machen den Sinn zu erfassen

Jedesmal wenn ich versucht habe eine einfache von der Ideenfolge

in meinem Geist abstrahierte Idee der Zeit zu bilden die gleichmäßig

verfließe und an der alle Dinge Teil haben habe ich mich in unauflösbare

Schwierigkeiten verwickelt und verloren Ich habe überhaupt keinen Begriff von

ihr und höre nur Andere sagen sie sei ins unendliche teilbar und so über

sie reden dass ich zu wunderlichen Gedanken über meine Existenz veranlasst

werde da diese Lehre ihrem Bekenner durchaus die Notwendigkeit auferlegt zu

denken entweder dass er unzählige Zeitalter hindurch ohne einen Gedanken

fortdauere oder andererseits dass er in einem jeden Augenblick seines Lebens

vernichtet werde was doch beides gleich ungereimt zu sein scheint Da also die

Zeit nichts ist wenn wir absehen von der Ideenfolge in unserm Geist so folgt,

dass die Dauer eines endlichen Geistes nach der Zahl der Ideen oder der

Handlungen abgeschätzt werden muss die einander in eben diesem Geiste oder

Gemüte folgen Hieraus ist eine offenbare Konsequenz dass die Seele immer

denkt und in der Tat wird ein Jeder der in seinen Gedanken oder durch

Abstraktion die Existenz eines Geistes von dessen Denken abzusondern unternimmt

den Versuch wie ich glaube nicht leicht finden

 Ebenso verlieren wir wenn wir versuchen Ausdehnung und Bewegung von

allen andern Eigenschaften abzulösen und für sich zu betrachten dieselben aus

dem Gesicht und verfallen in sehr ausschweifende Meinungen was die Folge einer

zweifachen Abstraktion istindem erstens vorausgesetzt wird dass zB die

Ausdehnung sich von allen anderen sinnlichen Eigenschaften abtrennen lasse und

zweitens dass das Sein die Entität der Ausdehnung sich von ihrem

Percipiertwerden durch Abstraktion sondern lasse Aber ein Jeder der nachdenken

und Sorge tragen will zu verstehen was er sagt wird wenn ich nicht irre

anerkennen dass alle sinnlichen Qualitäten gleichermaßen Sinnesempfindungen

und alle gleichermaßen real sind dass wo Ausdehnung ist auch Farbe ist

dh in seinem Geiste und dass ihre Urbilder nur in einem andern Geiste

existieren können und dass die sinnlich wahrnehmbaren Dinge nichts anderes als

verbundene gemischte oder wenn man so sagen darf zusammengewachsene

konkrete Sinnesempfindungen sind von welchen allen keiner eine unperzipierte

Existenz zugeschrieben werden darf

Was es heiße Jemand sei glücklich oder ein Objekt sei gut mag ein

Jeder zu wissen glauben Aber auf die Bildung einer abstrakten Idee von Glück

die von aller einzelnen Lust abgelöst wäre oder von Güte die von jeglichem

Ding das gut ist abgesondert wäre können Wenige Anspruch machen Ebenso kann

Jemand gerecht und tugendhaft sein ohne genaue Ideen von Gerechtigkeit und

Tugend zu besitzen Die Meinung dass diese und ähnliche Worte für allgemeine

Begriffe stehen welche von allen einzelnen Personen und Handlungen abstrahiert

seien scheint die Sittenlehre schwierig und das Studium derselben für die

Menschen minder nützlich gemacht zu haben Und in der Tat hat die Lehre von der

Abstraktion nicht wenig dazu beigetragen den nützlichsten Teil der

Wissenschaft zu schädigen

 Die beiden großen Abtheilungen theoretischer Wissenschaft die auf

sinnlich gegebene Ideen und deren Relationen gehen sind Naturbetrachtung

natural philosophy und Mathematik In Bezug auf jede derselben will ich

Einiges bemerken und zwar zuerst in Bezug auf die Naturbetrachtung Auf diesem

Gebiete triumphieren die Skeptiker Der ganze Vorrat von Argumenten welche sie

vorbringen um unsere Fähigkeiten herabzusetzen und die Menschen als unwissend

und schwach erscheinen zu lassen ist besonders aus der Grundannahme geflossen

dass wir in Betreff der wahren und wirklichen Natur der Dinge von einer

unbesiegbaren Blindheit seien Dies urgieren sie und lieben es sich darüber zu

verbreiten Wir werden sagen sie auf eine klägliche Weise von unseren Sinnen

irre geführt und getäuscht mit der bloßen Außenseite und Erscheinung der

DingeDas wirkliche Wesen die inneren Eigenschaften und die Einrichtung eines

jeden auch des geringsten Objects ist unserm Blick verborgen es ist etwas in

jedem Wassertropfen in jedem Sandkorn das zu ergründen oder zu begreifen die

Kraft des menschlichen Verstandes übersteigt Es ist aber aus dem Nachgewiesenen

offenbar dass all diese Klage grundlos ist und dass wir nur unter dem Einfluss

falscher Prinzipien zu dem Grade des Misstrauens gegen unsere Sinne gelangen

dass wir glauben wir wüssten nichts von den Dingen, die wir vollkommen

begreifen

Uns selbst als unwissend über die Natur der Dinge zu bekennen dazu

liegt eine große Verleitung in der herrschenden Meinung dass jegliches Ding in

sich die Ursache seiner Eigenschaften trage oder dass in einem jeden Dinge ein

inneres Wesen sei welches die Quelle seiner unterscheidbaren Eigenschaften

bilde und wovon diese abhängig seien Einige haben sich anheischig gemacht

Rechenschaft von den Erscheinungen durch verborgene Qualitäten zu geben die

aber neulich in jüngster Zeit meistens in mechanische Ursachen aufgelöst

worden sind, dh in Figur Bewegung Gewicht und derartige Qualitäten

unwahrnehmbarer Teilchen während doch in Wahrheit es keine andere tätige oder

wirkende Ursache gibt als Geist da es offenbar ist dass Bewegung ebensowohl

wie alle anderen Ideen durchaus trag ist s Sektion XXV Daher muss der

Versuch die Hervorbringung von Farben oder Tönen durch Figur Bewegung Größe

und Ähnliches zu erklären notwendigerweise eine vergebliche Arbeit sein Und

demgemäß sehen wir dass die hierauf abzielenden Versuche durchaus nicht

befriedigen Dies mag im Allgemeinen über jene Bezeichnung einer Idee oder

Eigenschaft als der Ursache einer andern gesagt sein Ich brauche nicht zu

sagen wie viele Hypothesen und Spekulationen durch diese Lehre wegfallen und

wie sehr das Naturstudium durch dieselbe vereinfacht wird

 Das große mechanische Prinzip welches jetzt in Ansehen steht ist

die Attraktion  Dass ein Stein zur Erde fällt oder die See zum Monde hin

anschwillt mag Einigen hierdurch zureichend erklärt zu sein scheinen Aber wie

sind wir denn aufgeklärt wenn uns gesagt wird dies geschehe durch Anziehung

Zeigt dieses Wort die Weise des Strebens an und bedeutet es dass die

Annäherung durch einen gegenseitigen Zug der Körper erfolge und nicht dadurch

dass sie zu einander hin gestoßen oder gedrängt werden Aber es ist nichts über

die Weise oder Tätigkeit festgestellt und diese kann vielleicht so viel wir

wissen mit gleicher Wahrheit als Impuls oder Fortstoßung wie als Anziehung

bezeichnet werden Ferner sehen wir dass die Theile des Stahls fest an einander

haften und auch dies wird durch die Attraktion erklärt aber in diesem Falle

wie in den übrigen finde ich nicht dass irgend etwas Weiteres als der Erfolg

selbst bezeichnet sei die Art und Weise der Tätigkeit wodurch derselbe

hervorgebracht wird oder die Ursache, welche ihn hervorbringt wird dadurch

auch nicht einmal mutmaßlich bestimmt

In der Tat können wir wenn wir einen Blick auf die verschiedenen

Phänomene werfen und sie miteinander vergleichen einige Ähnlichkeit und

Übereinstimmung zwischen ihnen finden ZB in dem Fall eines Steines auf den

Boden in der Erhebung der See gegen den Mond hin in der Kohäsion und

Kristallisation ist etwas Ähnliches nämlich eine Vereinigung oder gegenseitige

Annäherung von Körpern so dass eine jede von diesen oder den ähnlichen

Erscheinungen demjenigen nicht befremdlich oder überraschend sein mag der genau

die Naturwirkungen beobachtet und miteinander verglichen hat denn dafür wird

nur dasjenige gehalten was ungewöhnlich oder ein für sich dastehendes und

außerhalb des gewöhnlichen Verlaufs unserer Beobachtung liegendes Ding ist

Dass Körper zum Mittelpunkte der Erde hin streben wird nicht für etwas

Seltsames gehalten weil es etwas ist das wir in einem jeden Augenblick unseres

Lebens beobachten Dass sie aber eine gleiche Gravitation zum Mondmittelpunkte

hin haben wird den meisten Menschen als wunderlich und unerklärbar erscheinen

weil es nur bei der Ebbe und Flut beobachtet wird Aber ein Naturforscher

dessen Gedanken einen größeren Kreis von Naturvorgängen umfassen hat eine

gewisse Ähnlichkeit unter himmlischen und irdischen Erscheinungen beobachtet

welche bekundet dass unzählige Körper eine Tendenz haben sich einander zu

nähern diese bezeichnet er durch den allgemeinen Namen Attraktion und glaubt

nun dass von allem was daraus zurückgeführt werden kann, eine genügende

Rechenschaft gegeben sei So erklärt er die Ebbe und Flut durch das

Angezogenwerden der Erdkugel zum Monde hin welches ihm nicht als wunderlich

oder gesetzlos erscheint sondern nur als ein einzelnes Beispiel einer

allgemeinen Regel oder eines Naturgesetzes

Wenn wir demgemäß den Unterschiedder zwischen Naturforschern und

Andern hinsichtlich ihrer Erkenntnis der Erscheinungen besteht näher ins Auge

fassen so werden wir finden dass derselbe nicht in einer genaueren Kenntnis

der wirkenden Ursache welche die Erscheinungen hervorbringt besteht denn

diese kann nur der Wille eines Geistes sein sondern nur in einer größeren

Breite der Auffassung wodurch Ähnlichkeiten Harmonien Übereinstimmungen in

den Naturwerken entdeckt und die einzelnen Erscheinungen erklärt dh auf

allgemeine Regeln zurückgeführt werden s Sektion LXII welche Regeln

gegründet auf die in der Hervorbringung der natürlichen Wirkungen beobachtete

Ähnlichkeit und Gleichförmigkeit dem Geiste höchst erfreulich sind und von ihm

gesucht werden und zwar darum weil sie unsern Blick über das hinaus was

gegenwärtig und uns nahe ist erweitern und uns befähigen sehr wahrscheinliche

Vermutungen über Dinge aufzustellen die in sehr weiten zeitlichen und

räumlichen Entfernungen sich ereignet haben mögen ebenso wie Zukünftiges

vorauszusagen und diese Art von Hinstreben zur Allwissenheit wird von dem

Geiste sehr geliebt

 Aber wir sollten vorsichtig bei solcher Forschung verfahren denn wir

sind geneigt zu großes Gewicht auf Analogien zu legen und zum Nachtheil der

Wahrheit jenem ungestümen Dränge des Geistes nachzugeben seine Kenntnisse zu

allgemeinen Theoremen zu erweitern So sind zB Einige sofort geneigt

Gravitation oder gegenseitige Anziehung weil dieselbe sich in vielen Fällen

zeigt für allgemein auszugeben und anzunehmen dass das Anziehen und das

Angezogenwerden durch jeden andern Körper eine wesentliche Eigenschaft sei die

allen Körpern welche es auch seien innewohne Wogegen es doch scheint dass

die Fixsterne kein solches Zueinanderstreben haben und so weit ist jene

Gravitation davon entfernt den Körpern wesentlich zu sein dass in einigen

Fällen ein gerade entgegengesetztes Prinzip sich zu bekunden scheint wie in dem

Wachsen der Pflanzen nach oben und in der Elastizität der Luft Es ist nichts

Notwendiges oder Wesentliches in dem Vorgang sondern dieser hängt gänzlich von

dem Willen des herrschenden Geistes ab der verursacht dass gewisse Körper sich

fest zusammenschließen oder zu einander hinstreben gemäß verschiedenen

Gesetzen während er andere in einer fixierten Entfernung hält und einigen gibt

er eine völlig entgegengesetzte Tendenz auseinander zu fliehen gerade wie er

es passend findet

 Nach dem Vorstehenden dürfen wir denke ich folgende Schlüsse ziehen

1 Es ist klar dass die Philosophen sich selbst fruchtlos täuschen wenn sie

eine natürliche wirkende Ursache suchen die von einer Seele oder einem Geist

verschieden sei 2 In Anbetracht dessen dass die gesamte Schöpfung das Werk

eines weisen und guten wirkenden Wesens ist sollte es als Aufgabe der Forscher

gelten ihre Gedanken im Gegensatz zu dem was Einige fordern auf die

Zweckursachen der Dinge zu richten und ich muss gestehen dass ich keinen Grund

sehe warum eine Aufzeigung der verschiedenen Zwecke zu welchen Naturobjekte

bestimmt sind und denen gemäß sie uranfänglich mit unaussprechlicher Weisheit

eingerichtet worden sind, nicht für eine gute Weise Rechenschaft über sie zu

geben gelten solle die eines Forschers durchaus würdig sei 3 Aus dem Obigen

kann kein Grund entnommen werden warum fernerhin nicht die Naturgeschichte

studiert und Beobachtungen und Versuche gemacht werden sollten dass aber diese

den Menschen zum Nutzen gereichen und uns befähigen Schlüsse zu ziehen ist

nicht das Ergebnis irgend welcher unveränderlichen Eigenschaften oder

Beziehungen zwischen den Dingen selbst, sondern allein der göttlichen Güte und

Freundlichkeit gegen die Menschen in der Leitung der Welt s Sektion XXX und

XXXI 4 Durch eine sorgsame Beobachtung der in unsern Gesichtskreis fallenden

Erscheinungen können wir die allgemeinen Gesetze der Natur erkennen und aus

ihnen die anderen Erscheinungen herleiten ich sage nicht als notwendig

erweisen deduzieren nicht demonstrieren denn alle Herleitungen Deduktionen

dieser Art sind abhängig von der Voraussetzung, dass der Urheber der Natur

stets gleichmäßig handle unter beständiger Beobachtung jener Regeln die wir

für Prinzipien ansehen und das können wir doch nicht mit Sicherheit wissen

 Die welche allgemeine Regeln aus den Erscheinungen entnehmen und

hernach die Erscheinungen aus diesen Regeln ableiten scheinen vielmehr Zeichen

als Ursachen zu betrachten Jemand kann natürliche Zeichen wohl verstehen ohne

ihre Analogie zu kennen oder sagen zu können nach was für einem Gesetz ein Ding

so oder anders sei Und gleich wie es sehr wohl möglich ist inkorrekt zu

schreiben durch eine zu strenge Befolgung allgemeiner grammatischer Regeln so

ist es bei Schlüssen aus allgemeinen Naturgesetzen nicht unmöglich durch zu

weite Ausdehnung der Analogie zu irren

Wie bei dem Lesen anderer Bücher ein weiser Mann seine Gedanken

vielmehr auf den Sinn richten und denselben sich zu Nutzen zu machen streben

als dieselben zu grammatischen Bemerkungen über die Sprache verwenden wird so

scheint es bei der Lesung des Buchs der Natur unter der Würde des Geistes zu

sein allzusehr nach Exaktheit in der Zurückführung jeder einzelnen Erscheinung

auf allgemeine Gesetze oder in dem Nachweis wie sie aus denselben folge zu

streben Wir sollten uns edlere Ziele stecken unsern Geist erfrischen und

erheben durch einen Blick auf die Schönheit Ordnung Fülle und Mannigfaltigkeit

der Naturobjekte dann durch richtig hierauf gebaute Schlüsse unsere Begriffe

von der Größe Weisheit und Güte des Schöpfers erweitern und zuletzt die

verschiedenen Theile der Schöpfung so weit dies bei uns steht den Zwecken

dienstbar machen zu welchen sie bestimmt sind nämlich Gottes Ehre und

Erhaltung und Schmückung des Lebens für uns und unsere Mitgeschöpfe

Dass den besten Aufschluss über die vorhin erwähnte

naturwissenschaftliche Erkenntnis der Regelmäßigkeit in den Erscheinungen ein

gewisser berühmter Traktat über die Mechanik gewähre wird man zweifellos

anerkennen In der Einleitung dieses mit Recht bewunderten Traktats werden Zeit

Raum und Bewegung eingeteilt in die absolute und relative wahre und

anscheinende mathematische und vulgäre diese Unterscheidung setzt wie ihr

Verfasser dies ausführlich erklärt voraus dass jene Größen eine Existenz

außerhalb des Geistes haben und dass sie gewöhnlich in Beziehung zu den

sinnlichen Dingen betrachtet werden, zu welchen sie jedoch ihrer eigenen Natur

nach überhaupt keine Beziehung haben

Was die Zeit betrifft wie sie hier in einem absoluten oder abstrakten

Sinne genommen wird als die Dauer oder Beharrung der Existenz der Dinge, so

habe ich nichts dem hinzuzufügen was hierüber schon Sektion XCVII und XCVIII

gesagt worden ist. Übrigens hält dieser berühmte Schriftsteller dafür es gebe

einen absoluten Raum der als nicht durch die Sinne perzipierbar an sich

gleichförmig und unbeweglich bleibe und einen relativen Raum der das Maß des

absoluten sei dieser relative Raum sei beweglich und bestimmt durch seine Lage

in Rücksicht der sinnlich wahrnehmbaren Körper werde aber gewöhnlich für den

unbeweglichen Raum genommen Den Ort definiert er als den Teil des Raumes, den

ein Körper einnehme Ebenso wie der Raum teils absolut teils relativ sei

sei dies auch der Ort Absolute Bewegung ist der Übergang eines Körpers aus

einem absoluten Ort an einen andern absoluten Ort relative Bewegung der

Übergang aus einem relativen Ort an einen andern Da die Theile des absoluten

Raumes nicht in die Sinneswahrnehmung fallen so sind wir genötigt statt ihrer

ihre sinnfälligen Maße zu gebrauchen und somit Ort und Bewegung mit Rücksicht

auf Körper zu bestimmenwelche wir als unbeweglich betrachten Aber es wird

gesagt wir müssen in philosophischen Betrachtungen von unseren Sinnen

abstrahieren weil es sein kann dass keiner von den Körpern, die zu ruhen

scheinen wirklich ruht und dass das nämliche Ding welches relativ in Bewegung

ist, in Wirklichkeit ruht Ebenso kann ein und derselbe Körper in relativer Ruhe

und Bewegung oder selbst gleichzeitig in entgegengesetzter relativer Bewegung

sein jenachdem sein Ort verschieden bestimmt wird. Alle diese Vieldeutigkeit

wird in den anscheinenden Bewegungen gefunden aber durchaus nicht in der wahren

oder absoluten Bewegung welche demgemäß allein in der Philosophie betrachtet

werden sollte Die wahre Bewegung wird uns gesagt ist von den anscheinenden

oder relativen Bewegungen durch folgende Eigenschaften zu unterscheiden 1 In

der wahren oder absoluten Bewegung nehmen alle die Theile welche die nämliche

Lage in Beziehung auf das Ganze behalten an den Bewegungen des Ganzen Teil 2

Wird der Ort bewegt so bewegt sich auch das darin Befindliche so dass ein

Körper, der sich an einem Orte bewegt welcher selbst in Bewegung ist, an der

Bewegung seines Ortes Teil nimmt 3 Wahre Bewegung wird niemals anders erzeugt

oder abgeändert als durch eine auf den Körper selbst einwirkende Kraft 4

Wahre Bewegung wird stets geändert durch eine auf den bewegten Körper

einwirkende Kraft 5 In einer nur relativen kreisförmigen Bewegung ist keine

Zentrifugalkraft die jedoch in der wahren oder absoluten Bewegung der Quantität

der Bewegung proportional ist

Aber ungeachtet dessen was hier gesagt worden ist, scheint mir keine

Bewegung eine andere als eine relative sein zu können so dass wir um uns

Bewegung vorzustellen uns zum Mindesten zwei Körper vorstellen müssen deren

Abstand oder gegenseitige Lage sich ändert Hiernach könnte wenn überhaupt nur

Ein Körper existierte dieser unmöglich in Bewegung sein Dies scheint

einleuchtend zu sein sofern die Idee, die ich von Bewegung habe notwendig

eine Beziehung in sich schließt

 Aber obschon es bei jeglicher Bewegung notwendig ist mehr als Einen

Körper zu denken so kann es doch geschehen dass nur Einer bewegt ist nämlich

der auf welchen die Kraft wirkt die den Wechsel des Abstandes verursacht

oder mit anderen Worten, der auf welchen die Tätigkeit gerichtet ist Denn

wenn gleich Einige die relative Bewegung so definieren dass darunter die

Änderung des Abstandes eines Körpers von irgend einem andern Körper zu

verstehen sei mag die Kraft oder Tätigkeit welche diese Änderung bewirkt

auf ihn gerichtet worden sein oder nicht so scheint es doch dass da die

relative Bewegung diejenige istwelche sinnlich perzipiert und bei den

gewöhnlichen Vorgängen im Leben beobachtet wird Jedermann der gesunden

Menschenverstand hat ebensowohl wie der beste Philosoph wisse was sie sei

nun frage ich einen jeden Beliebigen ob nach dem Sinne worin er Bewegung

nimmt die Steine über die er schreitet wenn er durch die Straßen geht

bewegt genannt werden können, weil sie ihren Abstand von seinen Füssen ändern

Mir scheint dass obwohl Bewegung eine Beziehung eines Dinges auf ein anderes

in sich schließt doch nicht notwendig sei dass jede veränderte Beziehung

Bewegung genannt werde Wie ein Mensch über etwas denken kann was selbst nicht

denkt so kann ein Körper zu einem andern Körper hin oder von demselben weg sich

bewegen ohne dass doch darum der letztere selbst in Bewegung ist.

 Wenn der Ort auf verschiedene Weise bestimmt wird, so ändert sich die

auf ihn bezügliche Bewegung Von einem Menschen der in einem Schiffe ist kann

man sagen er ruhe in Bezug auf die Seiten des Fahrzeugs und bewege sich doch in

Bezug auf das Land oder er könne sich ostwärts in dem einen und westwärts in

dem andern Betracht bewegen Im gemeinen Leben denken die Menschen niemals über

die Erde hinaus um den Ort irgend eines Körpers zu bestimmen; was in Bezug auf

die Erde ruht wird als absolut ruhend angesehen Aber Forscher die einen

größeren Gedankenkreis umfassen und richtigere Begriffe von dem Ganzen der

Dinge haben entdecken dass auch die Erde selbst in Bewegung ist. In der

Absicht also ihre Gedanken zu fixieren scheinen sie die körperliche Welt als

begrenzt zu denken und deren äußerste unbewegte Grenze oder ihre Hülse als den

Ort sich vorzustellen wonach sie wahre Bewegungen abschätzen Prüfen wir unsere

eigenen Begriffe so werden wir denke ich finden dass alle die absolute

Bewegung von der wir uns eine Idee bilden können im Grunde nichts anderes ist

als in dieser Art bestimmte relative Bewegung Denn wie schon bemerkt worden

ist, absolute Bewegung ist, wenn man alle Beziehung auf Äußeres ausschließt

undenkbar und auf diese Art relativer Bewegung passen wie man wenn ich nicht

irre finden wird alle die oben erwähnten Eigenschaften Ursachen und

Wirkungen welche man der absoluten Bewegung zuschreibt Was das über die

Zentrifugalkraft Gesagte betrifft dass dieselbe nicht bei relativer

Kreisbewegung vorkomme so sehe ich nicht wie dies aus dem Experiment folge

welches zum Beweise beigebracht worden ist. Siehe Philosophiae naturalis

principia mathematica im Schol zu Defin VIII Denn das Wasser in dem Gefäße

hat zu der Zeit wo ihm die größte relative Bewegung zugeschrieben wird meiner

Meinung nach gar keine Bewegung wie aus der vorigen Sektion hervorgeht

Denn um einen Körper bewegt zu nennen ist erforderlich 1 dass

derselbe seinen Abstand oder seine Lage in Beziehung auf einen andern Körper

ändere 2 dass die diese Änderung veranlassende Kraft oder Tätigkeit auf ihn

gerichtet sei Bleibt eine dieser beiden Bedingungen unerfüllt so entspricht

es denke ich nicht der gewöhnlichen Auffassung noch auch dem Sprachgebrauch

einen Körper bewegt zu nennen Ich gebe zwar zu dass es uns möglich ist einen

Körper den wir seinen Abstand von einem andern ändern sehen als bewegt zu

denken obschon keine Kraft auf ihn gerichtet ist in welchem Sinne anscheinende

Bewegung vorhanden sein mag dann aber geschieht dies darum weil die Kraft

welche den Abstandswechsel verursacht von uns vorgestellt wird als gerichtet

oder bezogen auf den Körper den wir als bewegt denken was in der Tat zeigt

dass wir des Irrtums fähig sind ein Ding, welches unbewegt ist sei in

Bewegung das ist alles was sich folgern lässt

 Ans dem Gesagten folgtdass die philosophische Betrachtung der

Bewegung nicht das Dasein eines absoluten Raumes involviert der verschieden wäre

von dem durch die Sinne perzipierten und auf Körper bezüglichen Raume dass

dieser letztere nicht außerhalb des Geistes existieren kann ist klar vermöge

derselben Prinzipien welche das Gleiche von allen anderen Sinnesobjekten

beweisen und vielleicht werden wir bei genauer Untersuchung finden dass wir

nicht einmal eine Idee eines reinen Raumes mit Ausschluss aller Körper bilden

können Ich muss bekennen dass mir dies als unmöglich erscheint weil diese

Idee höchst abstrakt wäre Rufe ich eine Bewegung in einem Theile meines Körpers

hervor und lässt sich dieselbe frei oder ohne Widerstand vollziehen so sage

ich es ist dort Raum finde ich aber einen Widerstand so sage ich es sei dort

ein Körper, und in dem Maße wie der Widerstand gegen die Bewegung geringer

oder grösser ist sage ich der Raum sei mein oder weniger frei Es muss also

wenn ich von freiem oder leerem Raume spreche nicht vorausgesetzt werden das

Wort Raum stehe für eine Idee die von Körper und Bewegung gesondert oder ohne

diese denkbar wäre Freilich sind wir geneigt zu glauben dass jedes Nomen

substantivum eine bestimmte Idee vertrete die von allen anderen gesondert

werden könne was unzählige Irrtümer veranlasst hat Wenn ich also annehme die

ganze Welt werde vernichtet außer meinem eigenen Körper so sage ich es bleibe

noch der bloße Raum hiermit ist nichts anderes gemeint als dass ich es als

möglich denke dass die Glieder meines Leibes nach allen Seiten hin ohne den

geringsten Widerstand sich bewegen wäre aber auch noch mein Leib vernichtet

dann konnte keine Bewegung und folglich kein Raum sein Vielleicht glauben

Einige der Gesichtssinn liefere ihnen die Idee des bloßen Raumes aber es geht

aus dem was wir anderweitig gezeigt haben klar hervor dass die Ideen Raum und

Entfernung nicht durch diesen Sinn erlangt werden Siehe den Versuch über das

Sehen

 Das hier Vorgetragene scheint alle jene Disputationen und jene

Bedenken aufzuheben die unter den Gelehrten in Betreff der Natur des leeren

Raumes sich erhoben haben Der Hauptvorteil aber der daraus hervorgeht

besteht darin, dass wir von jenem gefährlichen Dilemma befreit werden in

welches Einige die ihre Gedanken auf diesen Gegenstand gerichtet haben sich

selbst verstrickt glauben nämlich entweder annehmen zu müssen dass der reale

Raum Gott sei oder andernfalls dass es etwas von Gott Verschiedenes gebe das

ewig ungeschaffen unendlich unteilbar unveränderlich sei und beide

Vorstellungen scheinen doch verderblich und ungereimt zu sein Es ist gewiss

dass nicht wenige Theologen ebensowohl wie Philosophen von großem Ansehen aus

der Schwierigkeit welche sie darin fanden Grenzen des Raums oder Vernichtung

des Raumes zu denken den Schluss gezogen haben derselbe müsse göttlich sein

In jüngster Zeit haben Einige sich besonders bemüht zu zeigen dass dies nicht

im Widerstreit zu den unmitteilbaren Attributen Gottes stehe Wie sehr auch

diese Lehre der Würde der göttlichen Natur widerstreiten mag so sehe ich doch

nicht wie wir von ihr loskommen können so lange wir den herrschenden Meinungen

anhangen

So viel über Naturphilosophie wir wenden uns nun zu einigen

Untersuchungen welche den andern Hauptzweig theoretischer Erkenntnis nämlich

die Mathematik betreffen Wie sehr diese auch wegen ihrer Klarheit und der

Sicherheit der Beweisführung gepriesen werden mag die schwerlich auf irgend

einem andern Gebiete wiedergefunden wird so kann sie dennoch nicht für durchaus

frei von Irrtümern gehalten werden sofern in ihren Prinzipien ein versteckter

Irrtum sitzt der den Vertretern dieser Wissenschaft mit den anderen Menschen

gemeinsam ist Obwohl die Mathematiker ihre Theoreme aus sehr einleuchtenden

Fundamentalsätzen ableiten so gehen doch ihre Prinzipien nicht über die

Betrachtung der Quantität hinaus und sie steigen nicht auf bis zu einer

Betrachtung jener die Schranken der Einzelwissenschaften überschreitenden

transzendentalen Grundsätze welche auf eine jede der Einzelwissenschaften

Einfluss haben jede von diesen die Mathematik nicht ausgenommen muss

demgemäß von Irrtümern die in diesen Grundsätzen liegen mitbetroffen werden

Wir leugnen nicht dass die von den Mathematikern aufgestellten Prinzipien wahr

seien und dass ihre Weise der Ableitung aus jenen Prinzipien klar und

unanfechtbar sei Wir halten aber dafür es gebe gewisse irrtümliche allgemeine

Sätze, die weiter reichen als das Objekt der Mathematik, und die aus diesem

Grunde in dieser Wissenschaft durchgängig nur stillschweigend vorausgesetzt

aber nicht ausdrücklich erwähnt werden wir glauben dass die üblen Wirkungen

jener verborgenen ungeprüften Irrtümer durch alle Zweige der Mathematik

hindurch sich erstrecken Um deutlich zu reden wir vermuten die Mathematiker

seien ebensowohl wie andere Menschen an den Irrtümern beteiligt welche aus

der Lehre herfließen dass es abstrakte allgemeine Ideen gebe und dass Objekte

außerhalb des Geistes existieren

   Man hat dafür gehalten die Arithmetik habe zu ihrem Objekt abstrakte

Zahlideen Die Eigenschaften und gegenseitigen Verhältnisse abstrakter Zahlen zu

verstehen wird für keinen geringen Teil theoretischer Erkenntnis gehalten

Die Meinung dass den Zahlen in abstracto ein reines durch den Verstand

erkennbares Wesen zukomme hat sie in Ansehen bei solchen Philosophen gesetzt

welche eine ungewöhnliche Feinheit und Erhebung des Denkens sich zum Ziele

gesetzt zu haben scheinen Der größte Werth ward den nichtigsten

Zahlenspekulationen zugeschrieben von denen sich keine nützliche Anwendung

machen lässt sondern die nur zur Ergötzung dienen und Einige gingen in Folge

davon so weit von hohen Mysterien zu träumen die in den Zahlen lägen und

mittelst derselben die Naturobjekte erklären zu wollen Wenn wir aber unsere

eigenen Gedanken durchforschen und das oben Gesagte erwägen so werden wir wohl

jene hohen Gedankenflüge und Abstraktionen gering achten und alle Untersuchungen

über Zahlen nur als eben so viele mühevolle Spielereien diffiziles nugae

betrachten so weit sie nicht der Praxis dienen und den Vorteil des Lebens

befördern

Die Einheit in abstracto haben wir oben in Sektion XIII betrachtet

daraus und aus dem in der Einleitung Gesagten folgt offenbar dass es gar keine

solche Idee gibt Da aber die Zahl als eine Zusammenfassung von Einheiten

definiert wird so dürfen wir Schließen dasswenn es nichts Derartiges wie

Einheit oder Eins in abstracto gibt es keine abstrakten Zahlideen gebe welche

durch die Zahlworte und Ziffern bezeichnet werden Werden also die Theorien in

der Arithmetik von den Worten und Ziffern durch Abstraktion abgesondert wie

gleicherweise auch von aller praktischen Anwendung und auch von den einzelnen

gezählten Objekten so darf man annehmen dass sie ganz gegenstandslos seien

Hieraus ergibt sich wie durchaus die Wissenschaft von den Zahlen der Anwendung

zu dienen hat und wie nüchtern und tändelnd sie wird wenn man sie als etwas

rein Theoretisches betrachtet

Da es jedoch Einige gibt die getäuscht durch den glänzenden Schein

der Entdeckung abstrakter Wahrheiten ihre Zeit an arithmetische Theoreme und

Probleme verschwenden welche gar keinen Nutzen bringen so wird es nicht

unangemessen sein eine vollständigere Betrachtung anzustellen und das

Täuschende jenes Scheines aufzudecken es wird dieses ganz offenbar werden wenn

wir einen Blick auf die Arithmetik in ihrer Kindheit werfen und beobachten was

es war das ursprünglich die Menschen zum Studium dieser Wissenschaft führte und

auf welches Ziel sie dabei ihr Streben richteten Es ist eine naturgemäße

Annahme dass die Menschen zuerst zur Unterstützung des Gedächtnisses und Hülfe

beim Zusammenzählen Gebrauch von Rechenmarken gemacht haben oder beim Schreiben

von einzelnen Strichen Punkten oder Ähnlichem wovon ein Jedes bestimmt war

eine Einheit zu bezeichnen dh ein gewisses einzelnes Ding irgend welcher Art

das sie mit andern zusammenzuzählen hatten Später erfanden sie die kürzere

Weise ein einzelnes Zeichen mehrere Striche oder Punkte vertreten zu lassen

Zuletzt kamen die arabischen oder indischen Zahlzeichen in Gebrauch wobei durch

Wiederholung einiger wenigen Zage oder Figuren und durch Änderung der Bedeutung

eines jeden Zeichens nach der Stelle die es einnimmt alle Zählen aufs

angemessenste ausgedrückt werden können; dies scheint vermöge einer Nachahmung

der Sprache geschehen zu sein so dass sich eine genaue Ähnlichkeit zwischen

der Bezeichnung durch Ziffern und durch Worte beobachten lässt indem die neun

einfachen Zahlzeichen den nenn ersten Zahlworten entsprechen und die Stellen in

der Zahlbezeichnung der Benennung als Zehner Hunderte etc in den Zahlworten

Gemäß jenen Bedingungen des einfachen Wertes und des Stellenwertes der

Ziffern wurden Methoden ersonnen aus den gegebenen Ziffern oder Zeichen der

Theile zu finden was für Ziffern und wie gestellte Ziffern geeignet seien das

Ganze zu bezeichnen und umgekehrt Nachdem man die gesuchten Ziffern gefunden

und beobachtet hat dass die nämliche Regel oder Analogie durchgängig gelte ist

es leicht sie in Worte zu fassen und so wird die Zahl vollständig bekannt

Denn die Zahl irgend welcher einzelnen Dinge heißt dann bekannt wenn wir das

Zahlwort oder die Zahlzeichen in ihrer richtigen Stellung kennen welche

gemäß der feststehenden Analogie denselben zugehören Denn wenn diese Zeichen

bekannt sind so können wir durch die arithmetischen Operationen die Zeichen

irgend eines Theiles der einzelnen durch sie bezeichneten Summen kennen lernen

und indem wir so in Zeichen rechnen können wir zufolge der zwischen ihnen und

der bestimmten Menge von Dingen, von welchen jedes als eine Einheit gilt zu

Stande gebrachten Verbindung die Geschicklichkeit erlangen richtig zu summieren

zu teilen und Verhältnisse zu bilden welche auf die Dinge selbst Anwendung

finden die wir der Rechnung zu unterwerfen beabsichtigen

In der Arithmetik werden demnach nicht Dinge sondern Zeichen

betrachtet welche jedoch nicht um ihrer selbst willen sondern darum weil sie

uns zeigen wie in Bezug auf die Dinge zu verfahren sei und wie über diese

richtig zu verfugen sei der Untersuchung unterworfen werden Nun geschieht es

hier ebenso wie wir dies oben Sect XIX der Einleitung in Bezug auf die Worte

im Allgemeinen bemerkt haben dass man dafür hält abstrakte Ideen würden durch

Zahlworte oder Zahlzeichen bezeichnet indem sie in unserm Geiste nicht Ideen

von einzelnen Dingen anregen Ich will jetzt nicht eine speziellere Untersuchung

hierüber führen sondern nur bemerken dass aus dem Gesagten klar ist dass das

was man als abstrakte Wahrheiten und Theoreme über Zahlen ansieht in Wahrheit

auf kein Objekt geht das von den einzelnen zählbaren Dingen verschieden wäre

daneben bloß auf Namen und Ziffern die ursprünglich in keinem andern Sinne

betrachtet wurden als sofern sie Zeichen sind oder geeignet auf eine

angemessene Weise alle einzelnen Dinge zu bezeichnen welche man zu zählen

nötig hatte Hieraus folgtdass, sie um ihrer selbst willen zu studieren eben

so weise sein und einem ebenso guten Zwecke dienen würde wie wenn Jemand mit

Vernachlässigung des rechten Gebrauchs oder der ursprünglichen Absicht und

Aufgabe der Sprache seine Zeit auf eine unschickliche Kritik über Worte oder auf

Erwägungen und Streitfragen die nur Worte betreffen verwenden wollte

Von den Zahlen gehen wir in unserer Betrachtung zur Ausdehnung fort

die als relative das Objekt der Geometrie ist Die unendliche Teilbarkeit

endlicher Ausdehnung wird zwar nicht ausdrücklich als Axiom oder als Theorem in

den Elementen dieser Wissenschaft ausgesprochen wird aber in ihr überall

vorausgesetzt und man denkt sie stehe in einer so untrennbaren und

wesentlichen Verbindung mit den geometrischen Prinzipien und Demonstrationen

dass die Mathematiker sie niemals in Zweifelziehen oder irgend eine Untersuchung

darauf richten Da diese Vorstellung die Quelle aller jener ergötzlichen

geometrischen Paradoxien istwelche in so schroffem Widerstreit zu dem

schlichten Menschenverstande stehen und die ein noch nicht durch Gelehrsamkeit

von dem geraden Wege abgelenkter Geist nur mit so vielem Widerstreben in sich

aufnimmt so ist sie der Hauptanlass zu all jener misslichen äußersten

Subtilität welche das mathematische Studium so schwierig und abstoßend macht

Können wir also zeigen dass keine endliche Ausdehnung unendlich viele Theile

enthält oder ins Unendliche teilbar ist so folgtdass hierdurch sofort die

geometrische Wissenschaft von einer Menge von Schwierigkeiten und Widersprüchen

befreit werden wird welche stets der menschlichen Vernunft zum Vorwurf gereicht

haben und dass zugleich die Aneignung dieser Wissenschaft weniger Zeit und Mühe

kosten wird als bisher

 Jede einzelne begrenzte Ausdehnung welche ein Objekt unseres Denkens

werden kann, ist eine Idee die nur in dem Geiste existieren kann und demgemäß

muss jeder Teil derselben perzipiert werden Wenn ich also nicht unzählig viele

Theile in irgend einer begrenzten Ausdehnung die ich betrachte perzipieren

kann so ist gewiss dass sie nicht darin enthalten sind es ist aber offenbar

dass ich nicht unzählig viele Theile in irgend einer einzelnen Linie Fläche

oder einem Körper unterscheiden kann mag ich diese Gebilde sinnlich wahrnehmen

oder sie mir in meinem Geiste vorstellen hieraus schließe ich dass dieselben

darin nicht enthalten sind Nichts kann mir klarer sein als dass die

Ausdehnungen die ich betrachte nichts anderesals meine eigenen Ideen sind

und es ist nicht weniger klar dass ich die Ideen die ich habe nicht in eine

unendliche Zahl anderer Ideen auflösen kann dh dass sie nicht ins Unendliche

teilbar sind Wenn unter endlicher Ausdehnung etwas von einer endlichen Idee

Verschiedenes gemeint ist so erkläre ich dass ich nicht weiß was das ist

und dass ich demgemäß nichts davon behaupten noch auch negieren kann Wenn aber

die Termini Ausdehnung Theile und ähnliche in einem verständlichen Sinne

genommen werden dh wenn sie Ideen bezeichnen dann ist es ein so offenbarer

Widerspruch zu sagen eine endliche Größe oder Ausdehnung bestehe aus

unendlich vielen Teilen dass ein Jeder auf den ersten Blick anerkennt dass es

ein solcher sei Und es ist eben unmöglich dass jener Aussage jemals irgend ein

denkendes Wesen beistimme wenn dasselbe nicht durch geringe und allmälige

Übergänge dahin gebracht worden ist, wie dass ein eben erst bekehrter Heide an

das Wunder der Transsubstantiation glaube Alte und eingewurzelte Vorurteile

erlangen oft die Geltung von Prinzipien und solche Sätze die einmal die Kraft

und das Ansehen eines Prinzips erlangt haben gelten nicht nur selbst sondern

mit ihnen zugleich auch das was sich aus ihnen ableiten lässt für erhaben über

alle Prüfung Keine Ungereimtheit ist so groß dass nicht der Geist auf diese

Weise bereit gemacht werden könnte sie hinzunehmen
Wer das Vorurteil hegt dass abstrakte allgemeine Ideen existieren

der kann auch die Annahme billigen dass was auch immer von den sinnlichen

Ideen gelten möge die Ausdehnung in abstrakte ins Unendliche teilbar sei und

wer dafür hält dass die Sinnesobjekte außerhalb des Geistes existieren wird

vielleicht auf Grund hiervon zu dem Zugeständnis gebracht werden dass eine

Linie die nur einen Zoll lang ist unzählig viele Theile enthalten Könne

welche wirklich existieren obwohl sie zu klein seien um unterschieden zu

werden Diese Irrtümer sind im Geist der Geometer ebensowohl eingewurzelt wie

in dem Geiste anderer Menschen und haben den gleichen Einfluss auf ihre

Erwägungen und es wäre nicht schwer zu zeigen wie darauf die geometrischen

Argumente beruhen auf welche die unendliche Teilbarkeit der Ausdehnung

gestützt wird Für jetzt wollen wir nur im Allgemeinen bemerken warum alle

Mathematiker diese Lehre so sehr lieben und mit solcher Zähigkeit an ihr

festhalten

Es ist an einer andern Stelle Sect XV der Einleitung bemerkt

worden dass die geometrischen Sätze und Beweise allgemeine Ideen betreffen es

ist dort erklärt worden in welchem Sinne dies zu verstehen sei nämlich dass

die einzelnen Linien und Figuren in der Zeichnung so betrachtet werden, dass sie

unzählige andere von verschiedener Größe vertreten oder mit andern Worten der

Geometer betrachtet sie mit Abstraktion von ihrer Größe was nicht in sich

schließt dass er eine abstrakte Idee bilde sondern nur dass er sich nicht

darum kümmere welches die einzelne Größe sei ob eine bedeutende oder geringe

sondern dieselbe als etwas für die Beweisführung Gleichgültiges ansieht hieraus

folgtdass von einer in der Zeichnung enthaltenen Linie obschon dieselbe nur

einen Zoll lang ist so gesprochen werden muss als ob dieselbe zehntausend

Theile enthielte weil sie nicht an sich sondern als allgemein betrachtet wird

allgemein aber ist sie nur in ihrer Bedeutung wonach sie unzählige Linien

vertritt die grösser sind als sie selbst in welchen zehntausend und mehr

Theile unterschieden werden können, obschon sie selbst nicht mehr als einen

Zoll lang sein mag Demgemäß werden die Eigenschaften der bezeichneten Linien

nach einer sehr üblichen Redeweise auf das Zeichen übertragen und durch

Missverständnis so betrachtet als ob sie diesem nach seiner eigenen Natur

angehörten

 Da keine Zahl von Teilen so groß ist dass es nicht eine Linie

geben konnte die deren noch mehrere enthielte so wird gesagt die Linie von

einem Zoll enthalte so viele Theile dass deren Zahl jede angebbare Zahl

überschreite dies ist wahr nicht von jener Linie an sich sondern nur von dem

durch sie Bezeichneten Hält man aber in seinem Denken diese Unterscheidung

nicht fest so kommt man unvermerkt zu dem Glauben dass die kleine einzelne auf

Papier gezeichnete Linie in sich selbst unzählig viele Theile habe Es gibt

nichts derartiges wie den zehntausendsten Teil eines Zolles wohl aber einer

Meile oder des Erddurchmessers welche durch jenen Zoll bezeichnet werden

können. Wenn ich also ein Dreieck aufs Papier zeichne und eine Seite zB die

nicht über einen Zoll lang ist als Radius nehme so betrachte ich diesen als

geteilt in zehntausend oder in hunderttausend Theile oder mehr Denn obwohl der

zehntausendste Teil jener Linie an sich betrachtet ganz und gar nichts ist und

demgemäß ohne irgend einen Irrtum oder Nachtheil vernachlässigt werden kann,

so folgt doch aus der Betrachtung dieser Linien als bloßer Zeichen für größere

Quantitäten deren zehntausendster Teil sehr beträchtlich sein kann dass um

beträchtliche Irrtümer in der Anwendung zu vermeiden der Radius als eine Linie

von zehntausend oder mehr Teilen genommen werden muss

Aus dem Gesagten ist klar warum wir wenn ein Satz allgemein

anwendbar werden soll von den auf das Papier hingezeichneten Linien so sprechen

müssen als ob dieselben Theile enthielten welche sie in Wirklichkeit nicht

enthalten Thun wir dies so werden wir doch bei genauer Prüfung wohl finden

dass wir dabei nicht einen Zoll selbst als bestehend aus tausend Teilen oder

als zerlegbar in tausend Theile betrachten können sondern nur eine gewisse

andere Linie die weit grösser ist als ein Zoll und durch diesen repräsentiert

wird und dass wir wenn wir sagen eine Linie sei ins Unendliche teilbar eine

unendlich große Linie meinen müssen In dem Erwähnten scheint die Hauptursache

zu liegen warum man die Voraussetzung der unendlichen Teilbarkeit endlicher

Ausdehnung in der Geometrie für erforderlich gehalten hat

 Die vielen aus dieser Voraussetzung hervorgehenden Ungereimtheiten

und Widersprüche hätten sollte man denken als ebensoviele Beweise gegen

dieselbe gelten sollen Aber ich weiß nicht nach was für einer Logik man

annimmt dass Beweise a posteriori gegen Sätze die das Unendliche betreffen

nicht zulässig seien Als ob es nicht sogar für einen unendlichen Geist

unmöglich wäre Widersprüche mit einander zu vereinigen oder als ob etwas

Ungereimtes und Widersprechendes in einer notwendigen Verbindung mit der

Wahrheit stehen oder aus ihr herfließen könnte Vielmehr wird ein Jeder der

die Schwäche dieses Vorgebens erkennt denken dass es ersonnen ward der

Trägheit des Geistes zu Gefallen der sich lieber bei einem gemächlichen Zweifel

beruhigt als dass er die Mühe auf sich nähme jene Voraussetzungen die er

stets als wahr angenommen hat einer strengen Prüfung zu unterwerfen

 In der jüngsten Zeit sind die Spekulationen über unendliche Größen so

weit getrieben worden und haben so seltsame Vorstellungen erzeugt dass dadurch

nicht geringe Zweifel und Disputationen unter den Geometern der Gegenwart

veranlagst worden sind. Einige derselben die in hohem Ansehen stehen begnügen

sich nicht mit der Behauptung dass endliche Linien in eine unendliche Zahl von

Teilen zerlegt werden können, sondern behaupten ferner noch dass ein jeder

dieser unendlich kleinen Theile selbst wieder in eine unendliche Zahl anderer

Theile oder unendlich kleiner Größen zweiter Ordnung zerlegbar sei und so fort

in infinitum Diese sage ich behaupten es gebe unendlich kleine Theile

unendlich kleiner Theile unendlich kleiner Größen ohne dass jemals ein Ende

erreicht werde so dass nach ihnen ein Zoll nicht nur eine unendliche Zahl von

Teilen enthält sondern eine Unendlichkeit einer Unendlichkeit einer

Unendlichkeit von Teilen ins unendliche hin Andere halten dafür dass alle

Ordnungen von Infinitesimalgrößen unterhalb der ersten gar nichts seien indem

sie die Annahme mit gutem Grunde für absurd halten dass es irgendeine

positive Quantität oder eine Teilgröße einer Ausdehnung gebe welche obschon

unendlich vervielfacht niemals der kleinsten gegebenen Ausdehnung gleich werden

könne Und doch scheint es andererseits nicht weniger absurd anzunehmen dass

das Quadrat der Kubus oder eine andere Potenz einer positiven realen Basis

selbst gar nichts sei was diejenigen behaupten müssen welche

Infinitesimalgrößen der ersten Ordnung aber keine der höheren Ordnungen

annehmen

 Haben wir also nicht Recht zu folgern dass sie beide im Unrecht

seien und dass es in der Tat nichts Derartiges gebe wie unendlich kleine

Theile oder eine unendliche Zahl von Teilen die in einer endlichen Größe

enthalten seien Aber ihr werdet sagen wenn diese Lehre gälte so würden die

Grundlagen der Geometrie zerstört werden und die großen Männer welche diese

Wissenschaft zu einer so erstaunlichen Hohe gebracht haben hätten ein

Luftschloss gebaut Hierauf kann entgegnet werden dass alles was in der

Geometrie nützlich ist und dem menschlichen Leben Förderung gewährt doch

gesichert und durch unsere Prinzipien unerschüttert bleibt Diese Wissenschaft

wird als eine praktische betrachtet eher Vorteil aus dem Gesagten ziehen als

irgend eine Schädigung zu befürchten haben Dies aber in das rechte Licht zu

stellen mag die Aufgabe einer besonderen Untersuchung sein Mag übrigens folgen

dass einige der verwickeltsten und subtilsten Theile der theoretischen

Mathematik wegfallen werden ohne irgend eine Benachteiligung der Wahrheit so

sehe ich doch nicht was für einen Schaden die Menschheit davon haben werde Im

Gegenteil es wäre sehr zu wünschen dass Männer von großen Fähigkeiten und

ausdauerndem Fleiß ihre Gedanken von jenen Ergötzungen ablenkten und dieselben

dem Studium solcher Dinge zuwendeten die den Angelegenheiten des Lebens näher

liegen oder mehr direkten Einfluss auf die Sitten haben

 Wenn man sagt dass einige unzweifelhaft wahre Sätze durch Methoden

wobei von dem Unendlichen Anwendung gemacht worden ist, entdeckt worden seien

und dass dies nicht möglich gewesen wäre wenn die Existenz desselben einen

Widerspruch in sich schlösse so antworte ich dass bei einer eindringenden

Untersuchung nicht gefunden werden wird dass in irgend einem Falle unendlich

kleine Theile endlicher Linien gedacht oder angewandt werden müssen oder auch

nur Quantitäten die geringer wären als das sinnlich wahrnehmbare Minimum ja

es wird einleuchten dass dies auch in der Tat niemals geschehe da es

unmöglich ist

 Aus dem Gesagten geht klar hervor dass sehr zahlreiche und

folgenschwere Irrtümer aus jenen falschen Prinzipien hervorgegangen sind die

wir in den vorstehenden Teilen dieser Abhandlung bekämpft haben Zugleich

erweisen sich die denselben entgegengesetzten Annahmen als die fruchtreichsten

Prinzipien aus welchen unzählige Konsequenzen hervorgehen die der wahren

Philosophie ebensowohl wie der Religion höchst vorteilhaft sind Insbesondere

ist gezeigt worden dass die Materie oder die absolute Existenz körperlicher

Objekte dasjenige sei worin die erklärtesten und verderblichsten Feinde aller

menschlichen oder göttlichen Erkenntnis immer ihre Hauptstütze gesucht und

worauf sie ihr Vertrauen gesetzt haben Und fürwahr wenn durch Unterscheidung

der wirklichen Existenz nicht denkender Dinge von ihrem Erkanntwerden und durch

die Annahme, dass sie eine Subsistenz an sich selbst außerhalb der Seelen oder

Geister haben kein einziges Ding in der Natur erklärt wird sondern im

Gegenteil eine große Zahl unlösbarer Schwierigkeiten entsteht wenn die

Voraussetzung dass es Materie gebe bloß eine prekäre ist da sie sich nicht

auch nur auf einen einzigen Grund stützt wenn ihre Konsequenzen nicht das Licht

der Prüfung und freien Forschung ertragen sondern sich durch die dunkle und

unbestimmte Behauptung der Unbegreiflichkeit des Unendlichen decken wenn

zugleich die Beseitigung dieser Materie nicht die geringste üble Folge nach sich

zieht wenn dieselbe nicht einmal in der Welt vermisst wird sondern jegliches

Ding eben so leicht ja leichter ohne sie sich begreifen lässt wenn endlich

sowohl Skeptiker als Atheisten durch die Voraussetzung dass es nur Geister und

Ideen gebe für immer zum Schweigen gebracht werden und diese Ansicht sowohl

der Vernunft, als der Religion gemäß ist dann denke ich sollte man erwarten

dass dieselbe gebilligt und entschieden festgehalten werde möchte sie auch nur

als eine Hypothese aufgestellt und die Existenz der Materie als möglich

zugegeben worden sein während wir doch wie ich glaube deutlich gezeigt haben

dass dieselbe nicht möglich ist

 Es ist wahr dass zufolge der obigen Prinzipien verschiedene

Disputationen und Spekulationen die für nicht unwesentliche Theile der

Gelehrsamkeit gehalten werden als nutzlos wegfallen Wie sehr dies aber auch

gegen unsere Prinzipien diejenigen einnehmen mag welche schon sehr in Studien

jener Art sich vertieft und große Fortschritte in denselben gemacht haben so

wird doch hoffen wir von Anderen nicht ein berechtigter Grund zur Verwerfung

der hier dargelegten Prinzipien und Sätze darin gefunden werden dass dieselben

die Mühe des Studiums vermindern und die menschlichen Wissenschaften klarer

übersichtlicher und zugänglicher machen als sie zuvor waren

 Nach Erledigung dessen was wir über die Erkenntnis von Ideen zu

sagen beabsichtigten haben wir der oben aufgestellten Disposition zufolge

zunächst von Geistern zu handeln die Erkenntnis welche die Menschen von

denselben haben ist wohl nicht so mangelhaft wie man gewöhnlich annimmt Als

Hauptgrund für die Ansicht dass wir die Natur der Geister nicht kennen wird

angeführt dass wir keine Idee davon haben Aber es sollte doch fürwahr nicht

als ein Mangel des menschlichen Verstandes angesehen werden, dass derselbe nicht

die Idee Geist perzipiert wenn es offenbar unmöglich ist dass es eine solche

Idee gebe dies aber ist wenn ich nicht irre in Sektion XXVII bewiesen worden

wozu ich hier noch füge dass gezeigt worden ist, ein Geist sei die einzige

Substanz oder der Träger worin die nichtdenkenden Dinge oder Ideen existieren

können und dass es offenbar eine ungereimte Annahme ist diese Substanz welche

Ideen trägt oder perzipiert sei selbst eine Idee oder ähnlich einer Idee

 Vielleicht wird gesagt werden es fehle uns ein Sinn der wie

Einige sich eingebildet haben geeignet sei auch Substanzen zu erkennen

besäßen wir denselben so könnten wir unsere Seele eben so gut erkennen wie

wir ein Dreieck erkennen Hierauf antworte ich dasswenn wir mit einem neuen

Sinne ausgestattet wären wir dadurch doch nur gewisse neue Sinneswahrnehmungen

oder sinnliche Ideen erlangen könnten Niemand aber wie ich glaube wird sagen

was er unter den Ausdrücken Seele und Substanz verstehe sei nur eine besondere

Art von Idee oder Sinneswahrnehmung Wir dürfen demgemäß Schließen dass

alles wohl erwogen es ebensowenig vernunftgemäß ist unsere Kräfte darum weil

sie uns nicht eine Idee von einem Geiste oder einer tätigen denkenden Substanz

liefern für mangelhaft zu halten als es sein würde sie wegen der Unfähigkeit

zu tadeln ein rundes Viereck zu begreifen

 Aus der Meinung dass Geister nach der Weise einer Idee oder

Sinneswahrnehmung zu erkennen seien sind manche ungereimte und vom rechten

Glauben abweichende heterodoxe Annahmen und Zweifel mancherlei Art in Betreff

der Natur der Seele entstanden Es ist sogar wahrscheinlich dass diese Meinung

Einige zu dem Zweifel geführt hat ob sie überhaupt irgend eine von ihrem Körper

verschiedene Seele haben da sie bei der Untersuchung sich nicht im Besitz einer

Idee von ihr finden konnten Dass eine Idee welche untätig ist und deren

Existenz im Percipiertwerden besteht das Abbild oder das Gleichnis eines an

sich bestehenden tätigen Wesens sei scheint keiner andern Widerlegung zu

bedürfen als der bloßen Aufmerksamkeit auf das was unter jenen Worten

verstanden werde Vielleicht aber werdet ihr sagen wenn gleich eine Idee einem

Geiste nicht in dessen Denken Handeln oder substantiellem Bestehen gleichen

könne so könne sie ihm doch in andern Beziehungen gleichen und es sei nicht

nötig dass eine Idee oder ein Bild in allen Beziehungen seinem Original

gleiche

 Ich antworte wenn nicht in den erwähnten Beziehungen dann

unmöglich in irgend welchen anderen Nehmt die Fähigkeit des Wollens Denkens

und der Ideenperzeption hinweg so bleibt nichts mehr übrig worin eine Idee

einem Geiste gleichen könnte Denn unter dem Worte Geist verstehen wir nur das

was denkt will und perzipiert dies und nur dies macht die Bedeutung dieses

Wortes aus Ist es also unmöglich dass diese Vermögen in irgend einem Grade in

einer Idee repräsentiert seien so ist es offenbar dass es keine Idee eines

Geistes geben kann

 Aber es wird entgegnet werden wenn es keine durch die Ausdrücke

Seele Geist und Substanz bezeichneten Ideen gebe so seien dieselben gänzlich

bedeutungslos oder ohne Sinn Ich antworte diese Ausdrücke bedeuten oder

bezeichnen ein wirkliches Ding welches weder eine Idee noch einer Idee ähnlich

istsondern Ideen perzipiert und in Bezug auf sie will und denkt Was ich selbst

bin was ich durch den Terminus »Ich« bezeichne ist identisch mit dem was

unter »Seele« oder »geistige Substanz« zu verstehen ist Wird gesagt dies

heiße nur um ein Wort rechten und da die unmittelbaren Bedeutungen anderer

Namen mit allgemeiner Übereinstimmung Ideen genannt würden so könne kein Grund

angeführt werden warum das was durch die Namen Geist oder Seele bezeichnet

werde nicht ebenso genannt werden solle so antworte ich alle nicht denkenden

Objekte des Geistes kommen darin miteinander überein dass sie gänzlich passiv

sind und dass ihre Existenz nur in ihrem Percipiertwerden besteht wogegen eine

Seele oder ein Geist ein aktives Ding ist dessen Existenz nicht im

Percipiertwerden sondern im Perzipieren von Ideen und im Denken besteht Es ist

demgemäß zur Vermeidung von Zweideutigkeit und von Nichtunterscheidung völlig

verschiedener und unähnlicher Wesen erforderlich zwischen Geist und Idee einen

Unterschied zu machen Siehe Sektion XXVII

In einem weiteren Sinne des Wortes mag gesagt werden dass wir eine

Idee oder vielmehr einen Begriff notion von einem Geiste haben dh wir

verstehen die Bedeutung des Wortes; andernfalls könnten wir ja nichts davon

bejahen oder verneinen Wie wir ferner die Ideen welche in anderen Geistern

sind vermittelst unserer eigenen die wie wir voraussetzen jenen ähnlich

sind verstehen so erkennen wir andere Geister vermittelst unserer eigenen

Seele welche in diesem Sinne das Abbild oder die Idee jener istindem sie eine

gleiche Beziehung zu anderen Geistern hat wie Bläue oder Hitze die ich

perzipiere zu den gleichartigen durch einen Andern perzipierten Ideen

Man muss nicht meinen dass die welche der Seele eine in ihrem Wesen

begründete natürliche Unsterblichkeit zuschreiben dafür halten dieselbe

Könne absolut nicht vernichtet werden selbst nicht durch die Allmacht ihres

Schöpfers sie behaupten nur sie sei nicht vermöge der gewöhnlichen Gesetze der

Natur oder der Bewegung dem Zerfallen oder Aufgelöstwerden ausgesetzt

Diejenigen dagegen welche annehmen die Seele eines Menschen sei nur eine feine

Lebensflamme oder ein System von materiellen Lebensgeistern lassen sie

vergänglich und zerstörbar gleich dem Körper sein da nichts leichter

zerstreut werden kann, als solch ein Ding, welches der Natur gemäß unmöglich

die Auflösung des umschließenden Gehäuses überleben kann Und diese Vorstellung

ist begierig ergriffen und gehegt worden von dem schlechtesten Theile der

Menschen als das wirksamste Gegenmittel gegen alle Eindrucke der Tugend und

Religion Aber es ist deutlich gezeigt worden dass Körper von welchem Bau oder

Gefüge sie auch seien nur passive Ideen im Geiste sind der von ihnen weiter

absteht und ihnen ungleichartiger ist als das Licht von der Finsternis Die

Seele ist wie wir gezeigt haben unteilbar unkörperlich unausgedehnt

folglich auch unzerstörbar Nichts kann deutlicher sein als dass der Naturlauf

dh die Bewegungen Wechsel der Verfall und die Auflösung wovon wir stündlich

Naturkörper betroffen sehen unmöglich eine tätige einfache

unzusammengesetzte Substanz betreffen kann ein solches Ding ist demgemäß nicht

durch die Kraft der Natur zerstörbar dh die menschliche Seele hat eine

natürliche Unsterblichkeit

 Nach dem Gesagten ist es denke ich klar dass unsere Seelen nicht

in derselben Weise wie empfindungslose untätige Objekte oder in der Weise

einer Idee erkannt werden können. Geister und Ideen sind so durchaus

verschiedene Dinge dasswenn wir sagen sie existieren sie werden erkannt

nicht angenommen werden darf dass diese Worte irgend etwas beiden Wesen

Gemeinsames bezeichnen es gibt nichts Ähnliches oder Gemeinsames in ihnen

und die Erwartung dass wir durch irgend eine Vermehrung oder Erweiterung

unserer Geisteskräfte befähigt werden könnten einen Geist so zu erkennen wie

wir ein Dreieck erkennen scheint mir ebenso ungereimt zu sein als wenn wir

hofften einen Ton zu sehen Ich betone dies weil ich denke dass es von

Bedeutung ist zur Klärung verschiedener wichtiger Fragen und zur Vermeidung

einiger sehr gefährlichen Irrtümer welche die Natur der Seele betreffen Man

kann glaube ich streng genommen nicht sagen dass wir eine Idee von einem

tätigen Ding oder von einer Tätigkeit haben obwohl man sagen kann dass wir

einen Begriff eine Vorstellung, notion davon haben Ich habe eine gewisse

Kenntnis oder einen Begriff von meinem Geiste und seinen Tätigkeiten die sich

auf Ideen beziehen sofern ich weiß oder verstehe was mit jenen Worten gesagt

werden soll Was ich weiß davon habe ich einen Begriff Ich schließe nicht

aus dass die Ausdrücke Idee und Begriff miteinander vertauschbar gebraucht

werden, wenn die Welt es so will Aber es fördert doch die Klarheit und

Bestimmtheit sehr verschiedene Dinge mit verschiedenen Namen zu bezeichnen

Ebenso ist zu bemerken dass da alle Beziehungen eine Tätigkeit des Geistes in

sich Schließen nicht in strengem Sinn gesagt werden kann, dass wir eine Idee

sondern vielmehr zu sagen ist dass wir einen Begriff von den Beziehungen oder

Verhältnissen zwischen den Dingen haben Indes wenn wie es heute üblich ist

das Wort Idee auf Geister Beziehungen und Tätigkeiten mitbezogen wird so

handelt es sich dabei schließlich doch nur um den Wortgebrauch

Es wird nicht unpassend sein hier noch die Bemerkung beizufügen

dass die Lehre von den abstrakten Ideen keinen geringen Antheil daran gehabt

hat die Wissenschaften welche eigens von geistigen Dingen handeln verwickelt

und dunkel zu machen Man hat sich vorgestellt man könne abstrakte Begriffe von

den Kräften und Tätigkeiten des Geistes bilden und dieselben abgelöst

ebensowohl von der Seele oder dem Geiste selbst wie von ihren bezüglichen

Objekten und Wirkungen betrachten In Folge hiervon ist eine große Zahl von

dunklen und mehrdeutigen Ausdrücken welche abstrakte Begriffe bezeichnen

sollen in die Metaphysik und Moral eingeführt worden und hieraus sind

unzählige Verwirrungen und Disputationen unter den Gelehrten erwachsen

Aber nichts scheint mehr zum Aufkommen von Streitigkeiten und

Irrungen welche die Natur und die Tätigkeiten der Seele betreffen beigetragen

zu haben als der Gebrauch von jenen Dingen in Ausdrücken zu reden die von

sinnlichen Dingen entnommen sind So wird zB der Wille als die Bewegung der

Seele bezeichnet dies flößt den Glauben ein der menschliche Geist sei wie ein

Ball in Bewegung angestoßen und bestimmt durch die Sinnesobjekte mit gleicher

Notwendigkeit wie dies durch den Schlag eines Ballschlägels geschieht Hieraus

fließen endlose Zweifel und Irrtümer mit gefährlichen Folgen auf dem Gebiete

der Moral Dieses alles kann ich zweifle daran nicht geklärt werden und die

Wahrheit kann schlicht einfach und in sich wohlgegründet erscheinen falls nur

die Philosophen dazu bestimmt werden könnten in sich selbst einzukehren und

aufmerksam ihre eigenen Gedanken zu betrachten

 Aus dem Gesagten geht klar hervor dass wir die Existenz anderer

Geister auf keine andere Weise als durch ihre Tätigkeiten oder durch die von

ihnen in uns hervorgerufenen Ideen erkennen können Ich nehme verschiedene

Bewegungen Veränderungen und Verknüpfungen von Ideen wahr die mir bekunden

dass es bestimmte einzelne tätige Wesen gleich mir selbst gibt welche damit

in Verbindung stehen und an der Hervorbringung derselben Teil haben Hiernach

ist die Kenntnis welche ich von anderen Geistern habe keine unmittelbare wie

die Kenntnis meiner Ideen es istsondern sie ist durch Ideen vermittelt

welche ich als Wirkungen oder begleitende Zeichen auf tätige Wesen oder Geister

beziehe die von mir selbst verschieden sind

 Aber obwohl es einige Dinge gibt die uns überzeugen dass die

Wirksamkeit menschlicher Wesen an ihrer Hervorbringung beteiligt sei so ist es

doch einem Jeden klar dass die Dingewelche wir Naturprodukte nennen dh der

weitaus größere Teil der von uns perzipierten Ideen oder Sinneswahrnehmungen

nicht durch menschliche Willensakte hervorgebracht oder von denselben abhängig

ist. Es existiert also ein anderer Geist der sie verursacht da die Annahme,

dass sie durch sich selbst bestehen einen Widerspruch in sich Schließen würde

Siehe Sektion XXIX Wenn wir aber aufmerksam jene beständige Regelmäßigkeit

Ordnung und Verkettung der Naturobjekte betrachten die erstaunliche Pracht

Schönheit und Vollkommenheit der größeren und die höchste Kunst in der Bildung

der kleineren Theile der Schöpfung zugleich mit der genauen Übereinstimmung

und dem Zusammenhang aller Theile des Ganzen und vor Allem die niemals genug

bewunderten Gesetze des Schmerzes und der Lust und die Instinkte oder

Naturtriebe Bestrebungen und Affekte der Tiere wenn wir sage ich dieses

alles in Betracht ziehen und gleichzeitig den Sinn und die Bedeutung der

Attribute »Einer ewig unendlich weise gut und vollkommen« beachten so werden

wir klar erkennen dass sie dem vorhin erwähnten Geiste angehören der alles in

allem wirkt und durch den alles besteht

 Hieraus leuchtet ein dass Gott eben so gewiss und unmittelbar

erkannt wird wie irgend ein anderes psychisches Wesen oder ein Geist welcher

es auch sei der von uns selbst verschieden ist Wir dürfen sogar behaupten

dass die Existenz Gottes weit einleuchtender perzipiert werde als die Existenz

von Menschen weil die Naturwirkungen unendlich zahlreicher und beträchtlicher

sind als die welche Menschen zugeschrieben werden Es gibt durchaus kein

Merkmal das einen Menschen oder eine von ihm hervorgebrachte Wirkung bekundet

und das nicht noch strenger das Sein jenes Geistes erwiese welcher der Urheber

der Natur ist Denn es leuchtet ein dass bei der Affizierung anderer Personen

der Wille eines Menschen kein anderes Objekt hat als nur die Bewegung der

Glieder seines Leibes dass aber eine solche Bewegung von irgend einer Idee im

Geiste eines Andern begleitet sei oder dieselbe hervorrufe hängt gänzlich von

dem Willen des Schöpfers ab Er allein ist der welcher da er alle Dinge trägt

durch das Wort seiner Macht jene Beziehung zwischen Geistern aufrecht erhält

wodurch sie fähig sind ihre Existenz gegenseitig zu erkennen Dieses reine und

helle Licht aber welches Jeglichen erleuchtet ist selbst unsichtbar

Die Menge gedankenloser Personen scheint ganz allgemein

vorzuschützen dass man Gott nicht sehen könne Könnten wir ihn nur sehen sagen

diese Leute wie wir einen Menschen sehen so würden wir glauben dass er sei

und auf Grund dieses Glaubens seinen Geboten gehorchen Aber ach wir brauchen

ja nur unsere Augen zu öffnen um den Oberherrn aller Dinge in vollerem Maße

und mit höherer Klarheit zu schauen als irgend eines unserer Mitgeschöpfe Ich

stelle mir nicht vor dass wir wie Einige wollen Gott durch einen direkten und

unmittelbaren Anblick sehen oder dass wir körperliche Dinge nicht durch sich

selbst sehen sondern durch das was sie im Wesen Gottes repräsentiert welche

Lehre wie ich bekennen muss mir unverständlich ist Doch ich will meine

Meinung erläutern Bin menschlicher Geist eine menschliche Person wird nicht

sinnlich perzipiert da er nicht eine Idee ist sehen wir also die Farbe Größe

Gestalt und die Bewegungen eines Menschen so perzipieren wir nur gewisse

Sinneswahrnehmungen oder Ideen in unseren eigenen Geistern und da diese unserem

Blick in mehreren besonderen Gruppen sich darstellen so dienen sie dazu uns

die Existenz von endlichen und geschaffenen Geistern die uns selbst ähnlich

sind anzuzeigen Hieraus ist klar dass wir nicht einen Menschen sehen wenn

unter Mensch etwas uns Ähnliches das lebt sich bewegt wahrnimmt und denkt

verstanden wird sondern nur einen solchen Ideenkomplex der uns anleitet zu

denken dass ein besonderes Denk und Bewegungsprinzip welches uns selbst

gleiche damit zugleich vorhanden und dadurch repräsentiert sei In der nämlichen

Weise sehen wir Gott der ganze Unterschied liegt darin dass während irgend

eine endliche und begrenzte Gruppe von Ideen einen einzelnen menschlichen Geist

anzeigt wir jederzeit und überall wohin wir auch unsere Blicke richten mögen

deutliche Spuren der Gottheit erblicken da jegliches Ding das wir sehen

hören fühlen oder irgendwie sinnlich wahrnehmen ein Zeichen oder eine Wirkung

der göttlichen Macht ist in eben der Weise wie unsere Perzeptionen der von

Menschen hervorgebrachten Bewegungen uns als Zeichen dienen

 Es ist also klar dass nichts offenbarer für Jeden der des

geringsten Nachdenkens fähig ist sein kann als die Existenz Gottes oder eines

Geistes der unsern Geistern innerlich gegenwärtig istindem er in ihnen alle

jene Mannigfaltigkeit von Ideen oder Sinneswahrnehmungen hervorbringt die uns

beständig affizieren eines Geistes von dem wir absolut und gänzlich abhängig

sind kurz »in dem wir leben weben und sind« Dass zur Entdeckung dieser

großen Wahrheit die dem Geiste so nahe liegt und so zugänglich ist nur die

Vernunft so Weniger gelangt ist ein betrübender Beweis der Stumpfheit und

Unaufmerksamkeit der Menschen die obschon sie rings umgeben sind von so klaren

Selbstbezeugungen der Gottheit doch so wenig davon ergriffen werden dass es

scheint als seien sie gleichsam geblendet durch ein Übermaß von Licht

 Aber werdet ihr sagen hat denn die Natur keinen Antheil an der

Hervorbringung von Naturobjekten und müssen diese alle der unmittelbaren und

alleinigen Wirksamkeit Gottes zugeschrieben werden Ich antworte wird unter

Natur nur verstanden die sichtbare Reihe von Wirkungen oder von

Sinneswahrnehmungen welche nach gewissen feststehenden und allgemeinen Gesetzen

unserm Geiste eingeprägt sind dann ist klar dass die Natur in diesem Sinne des

Wortes überhaupt nichts hervorbringen kann Wird aber unter Natur ein sowohl von

Gott als auch von den Naturgesetzen und sinnlich perzipierten Dingen

verschiedenes Wesen verstanden so muss ich gestehen dass mir dann dieses Wort

ein leerer Schall ohne irgend eine verständliche Bedeutung ist Natur in diesem

Sinne ist ein eitles Wahngebilde welche die Heiden aufgebracht haben die

keinen richtigen Begriff von der Allgegenwart und unendlichen Vollkommenheit

Gottes besaßen Unerklärlicher aber ist dass es Eingang finden konnte unter

Christen welche an die heilige Schrift zu glauben bekannten die doch beständig

der unmittelbaren Hand Gottes jene Wirkungen zuschreibt welche die heidnischen

Philosophen als Wirkungen der Natur zu erklären pflegen »Der Herr ziehet die

Nebel auf vom Ende der Erde er macht die Blitze im Regen und lässt den Wind

kommen aus verborgenen Orten« Jerem X 13 »Er macht aus der Finsternis den

Morgen und aus dem Tage die finstere Nacht« Amos V 8 »Du suchest das Land

heim und wässerst es und machest es sehr reich Du segnest sein Gewächs und

krönest das Jahr mit Deiner Güte Die Anger sind voll Schafe und die Auen

stehen dick mit Korn« Psalm LXV 10  14 Obschon dies aber die beständige

Sprache der Schrift ist so haben wir doch ich weiß nicht was für eine

Abneigung zu glauben dass Gott sich so direkt mit unseren Angelegenheiten

befasse Gern möchten wir ihn in einem großen Abstande von uns denken und eine

blinde nicht denkende Vertretung an seine Stelle setzen obschon wenn wir dem

hl Paulus glauben dürfen »er nicht fern ist von einem Jeglichen unter uns«

Es wird ohne Zweiter entgegen werden die langsame und allmähliche

Weise die sich bei der Entstehung von Naturobjekten beobachten lasse scheine

zu ihrer Ursache nicht die unmittelbare Hand eines allmächtigen wirkenden Wesens

zu haben Zudem sind Monstra unzeitige Geburten nicht zur Entwicklung gelangte

Früchte Regen in Wüsteneien Unglücksfälle die das menschliche Leben treffen

eben so viele Argumente dafür dass der gesamte Bau der Natur nicht unmittelbar

durch einen Geist von unendlicher Weisheit und Güte bewirkt und beaufsichtigt

werde Die Antwort aber auf diesen Einwurf liegt großenteils schon in Sektion

LXII vor es ist offenbar dass die vorerwähnten Wirkungsweisen der Natur

durchaus erforderlich sind zu dem Zweck nach den einfachsten und allgemeinsten

Gesetzen und auf eine gleichförmige und beständige Weise zu wirken was für

Gottes Weisheit und Güte zeugt Solcher Art ist die kunstvolle Einrichtung des

großen Mechanismus der Natur, dass während ihre Bewegungen und mannigfachen

Erscheinungen unsere Sinne treffen die Hand selbst welche das Ganze bewirkt

den fleischlichen Menschen unwahrnehmbar ist »Fürwahr« sagt der Prophet »Du

bist ein verborgener Gott« Jesaias XLV 15 Aber wiewohl Gott sich den

Sinnlichen und Trägen verbirgt die sich nicht im Geringsten mit Denken bemühen

wollen so kann doch dem vorurteilslosen und aufmerksamen Geiste nichts

deutlicher erkennbar sein als die Gegenwart eines allweisen Geistes im

Innersten der Dinge, der das System alles Seienden gestaltet ordnet und

aufrecht erhält Es ist nach dem was wir an anderen Stellen bemerkt haben

offenbar dass das Wirken nach allgemeinen und feststehenden Gesetzen so

notwendig zu unserer Leitung in den Geschäften des Lebens und Einweihung in das

Geheimnis der Natur ist dass ohne dies auch der umfassendste Verstand aller

menschliche Scharfsinn und alle Überlegung zu gar keinem Zwecke dienen könnten

es wäre sogar unmöglich dass es solche Vermögen oder Kräfte im Geiste gäbe

Siehe Sektion XXXI Diese eine Rücksicht wiegt reichlich alle einzelnen

Unzuträglichkeiten auf die aus der Gesetzmäßigkeit hervorgehen mögen

 Wir sollten ferner in Betracht ziehen dass gerade die Flecken und

Mängel der Natur nicht ohne Nutzen sind indem sie eine angenehme

Mannigfaltigkeit bewirken und die Schönheit des übrigen Theiles der Schöpfung

erhöhen wie Schatten in einem Gemälde dazu dienen die helleren und lichteren

Theile zu heben Es wäre auch gut wenn wir prüfen möchten ob unsere Auffassung

der Überfülle an Samen und Keimen und der zufälligen Zerstörung von Pflanzen

und Tieren als eines unzweckmäßigen Verfahrens des Urhebers der Natur nicht

die Wirkung eines Vorurteils sei welches aus dem gewohnten Verfahren schwacher

und sparsamer Sterblichen hergeflossen ist Bei einem Menschen mag mit Recht

eine haushälterische Verwaltung solcher Dinge die er sich nicht ohne viele Mühe

und Fleiß verschaffen kann für Weisheit gehalten werden Aber wir dürfen nicht

uns vorstellen dass der unerklärbar feine Mechanismus eines Tieres oder einer

Pflanze dem großen Schöpfer irgendwie mehr Mühe oder Sorge bei dem Akte des

Erschaffens als ein Kiesel koste da nichts einleuchtender ist als dass ein

allmächtiger Geist gleichmäßig ein jegliches Ding durch ein bloßes »Es werde«

oder einen Akt seines Willens hervorbringen kann Hiernach ist klar dass der

großartige Aufwand von Naturobjekten nicht als Schwäche oder Verschwendung von

Seiten des sie hervorbringenden wirkenden Wesens gedeutet werden sondern

vielmehr als ein Beweis der Fülle seiner Macht gelten sollte

Die Zumischung von Schmerz und Ungemach die in der Welt gemäß den

Naturgesetzen und den Handlungsweisen endlicher unvollkommener Geister istist

in unserm gegenwärtigen Zustande durchaus erforderlich für unser Wohlsein Aber

unser Blick ist zu beschränkt wir fassen zB die Idee irgend eines einzelnen

Schmerzes ins Auge und bezeichnen denselben als ein Übel wenn wir dagegen

unsern Blick erweitern so dass wir die verschiedenen Zwecke Verbindungen und

Abhängigkeitsverhältnisse der Dinge betrachten und erwägen bei was für

Gelegenheiten und in welchen Verhältnissen wir mit Schmerz und Lust affiziert

werden wenn wir das Wesen der menschlichen Freiheit und den Zweck um deswillen

wir in die Welt hineingesetzt worden sind, begreifen so werden wir uns

genötigt sehen anzuerkennen dass jene einzelnen Dinge die an sich als Übel

erscheinen die Natur eines Gutes haben sofern sie in ihrer Verbindung mit dem

ganzen System der Dinge betrachtet werden.

Nach dem Gesagten wird es jedem Nachdenkenden einleuchten dass nur

aus Mangel an Aufmerksamkeit und umfassendem Denken einige Personen als

Begünstiger des Atheismus oder auch der manichäischen Häresie auftreten

Beschränkte und nicht nachdenkende Geister mögen zwar die Werke der Vorsehung

die Schönheit und Ordnung die zu begreifen sie nicht im Stande sind oder sich

nicht die Mühe geben wollen herabsetzen Aber wer auch nur einigermaßen

richtig und umfassend zu denken vermag und zugleich Übung im Nachdenken hat

kann niemals genug die Spuren der göttlichen Weisheit und Güte bewundern die

aus der Einrichtung der Natur hervorleuchten Jedoch welche Wahrheit gäbe es

wohl die so klar dem Geiste einleuchtete dass wir nicht durch eine Abkehr

unseres Denkens ein freiwilliges Schließen der Augen ihrer Anerkennung zu

entgehen vermöchten Darf man sich demnach wundem wenn man finden sollte dass

die große Menge der Menschen stets auf Geschäfte oder auf Vergnügen ausgehend

und wenig gewöhnt die Augen ihres Geistes zu öffnen und fest auf ein Objekt zu

richten nicht die volle Überzeugung und Gewissheit von dem Sein Gottes habe

welche bei vernünftigen Wesen zu erwarten wäre

Wir können uns nicht sowohl darüber wundern dass unachtsame Menschen

unüberzeugt bleiben von einer so einleuchtenden und wichtigen Wahrheit als

vielmehr darüber dass Menschen gefunden werden können, die so stumpf sind

unachtsam zu bleiben Und doch ist zu fürchten dass nur zu viele Menschen

welche Fähigkeiten und Müsse haben und in christlichen Ländern leben bloß

durch eine trage erschreckliche Unachtsamkeit in einen gewissen Atheismus

verfallen sind Denn es ist durchaus unmöglich dass eine von der vollen

Empfindung der Allgegenwart Heiligkeit und Gerechtigkeit jenes allmächtigen

Geistes durchdrungene und erleuchtete Seele ohne Gewissensbisse in einer

Verletzung seiner Gesetze beharre Wir sollten also ernstlich und anhaltend

nachdenken über jene wichtigen Punkte um so eine völlig zweifellose

Überzeugung davon zu gewinnen »dass die Augen des Herrn überall hinschauen auf

Böse und Gute dass er mit Tina ist und uns schützt überall wohin wir gehen

und uns Brod zu essen gibt und Kleidung anzuziehen« dass er uns gegenwärtig

ist und unsere innersten Gedanken kennt und dass wir in der absolutsten und

unmittelbarsten Abhängigkeit vor ihm stehen Ein klarer Blick auf diese großen

Wahrheiten muss notwendig unsere Herzen mit ehrfurchtsvoller Andacht und

heiliger Furcht erfüllen welche der kräftigste Antrieb zur Tugend und der beste

Schutz gegen das Laster ist

 Denn was im Grunde doch den Vorrang vor allen unseren anderen Studien

verdient ist die Betrachtung Gottes und unserer Pflicht Diese zu befördern

war die Hauptabsicht und das Ziel meiner Arbeit und ich werde diese für

durchaus unnütz und fruchtlos halten wenn ich nicht durch das was ich gesagt

habe meine Leser mit einem frömmeren Gefühl der Gegenwart Gottes erfüllen und

durch Aufzeigung der Falschheit oder Leerheit jener unfruchtbaren Spekulationen

welche die Hauptbeschäftigung der Gelehrten ausmachen sie geneigter machen kann

zur ehrfurchtsvollen Annahme der heilsamen Wahrheiten des Evangeliums deren

Erkenntnis und Ausübung die höchste Vollendung des menschlichen Wesens ist