1701_4_Leibniz_Verstand.html






    Philalethes Nach Beendigung meiner Geschäfts in England und Rückkehr von

dort habe ich gleich daran gedacht Sie mein Herr zu besuchen um unsere alte

Freundschaft fortzusetzen und uns über die Dinge zu unterhalten welche uns

beiden so sehr am Herzen liegen und über die ich während meines Aufenthaltes in

London neue Aufschlüsse erlangt zu haben glaube Als wir einst zu Amsterdam ganz

nahe beieinander wohnten machte es uns allen beiden viel Vergnügen

Untersuchungen über die Grundsätze und Mittel anzustellen um in das Wesen der

Dinge einzudringen Waren unsere Ansichten auch oft verschieden so vermehrte

diese Verschiedenheit eben nur unsere Befriedigung wenn wir miteinander

verhandelten ohne dass der Gegensatz der sich mitunter zeigte etwas

Unangenehmes einmischte Sie waren für Descartes und für die Meinungen des

berühmten Verfassers der »Erforschung der Wahrheit« und ich für meinen Teil

fand die durch Bernier erläuterten Ansichten Gassendis leichter fasslich und

natürlicher Gegenwärtig fühle ich mich durch das ausgezeichnete Werk ganz

besonders bestärkt welches ein berühmter Engländer den ich persönlich zu

kennen die Ehre habe seitdem veröffentlicht hat und welches mehrmals in

England unter dem bescheidenen Titel der »Abhandlung über den menschlichen

Verstand« wieder gedruckt worden ist. Man versichert sogar dass es binnen kurzem

in Latein und Französisch erscheint worüber ich mich sehr freue denn es kann

so von ausgebreiteterem Nutzen sein Ich habe aus der Lektüre dieses Werkes und

selbst aus der Unterhaltung mit dem Verfasser großen Nutzen gezogene oft bin ich

mit ihm zu London und mitunter zu Oates bei Mylady Masham zusammengetroffen der

würdigen Tochter des berühmten Cudworth eines großen englischen Philosophen und

Theologen und Verfassers des Intellektualsystems dessen spekulativen Geist und

dessen Liebe zu höherer Erkenntnis sie geerbt hat welche besonders in der mit

dem Verfasser der besagten Abhandlung unterhaltenen Freundschaft erscheint  und

als er von einigen verdienstvollen Gelehrten angegriffen worden ist, habe ich

auch mit Vergnügen die Verteidigungsschrift gelesen welche eine sehr gescheute

und geistreiche Dame für ihn verfasst hat außer denen welche er selbst verfasst

hat Im ganzen folgt er dem System Gassendis welches im Grunde das des Demokrit

ist Er ist für den leeren Raum und für die Atome er glaubt dass die Materie

lenken könne dass es keine angeborenen Vorstellungen gebe dass unser Geist eine

Tabula rasa sei und dass er nicht beständig denke auch bezeigt er sogar Lust

die Einwürfe welche Gassendi gegen Descartes erhoben größtenteils zu billigen

Er hat dies System mit zahlreichen vortrefflichen Bemerkungen bereichert und

verstärkt und ich zweite nicht dass gegenwärtig unsere Partei über ihre Gegner

die Peripatetiker und Kartesianer den entschiedenen Sieg davontrage Dies ist

der Grund warum ich Sie wenn Sie dieses Buch noch nicht gelesen haben dazu

auffordere und wenn Sie es gelesen haben mir Ihre Ansicht darüber zu sagen

inständig bitte

    Theophilus Ich freue mich Sie nach langer Abwesenheit wieder zurückgekehrt

zu sehen nach glücklichem Ablauf Ihres wichtigen Geschäftes gesund in Ihrer

Freundschaft für mich beständig und immer mit gleichem Eifer auf die Erforschung

der wichtigsten Wahrheiten gerichtet Ich habe mein Nachdenken nicht minder in

demselben Geiste fortgesetzt und glaube ohne mir zu schmeicheln ebensoweit

und vielleicht weiter als Sie gekommen zu sein Es war auch für mich nötiger als

für Sie denn Sie waren mir voraus Sie hatten mehr Umgang mit den spekulativen

Philosophen und ich mehr Neigung zur Moral Aber ich habe mehr und mehr gelernt

wieviel Stärke die Moral aus den wohlbefestigten Grundsätzen der wahren

Philosophie empfängt Darum habe ich sie seitdem mit größerem Eifer studiert und

bin auf ganz neue Gedanken gekommen Es wird uns also ein gegenseitiges und

langdauerndes Vergnügen machen wenn wir uns einander die erhaltenen

Aufklärungen mitteilen Ich muss Ihnen aber als etwas Neues mitteilen dass ich

nicht mehr Kartesianer bin und gleichwohl mehr als jemals von Ihrem Gassendi

mich entfernt habe dessen Wissen und Verdienst ich übrigens anerkenne Ich bin

auf ein neues System gestoßen wovon ich etwas in den gelehrten Zeitschriften

von Paris Leipzig und Holland und in dem bewundernswürdigen Wörterbuch Bayles

art Rorarius gelesen habe Seitdem glaube ich einen neuen Anblick des inneren

Wesens der Dinge gewonnen zu haben Dies System scheint Plato mit Demokritus

Aristoteles mit Descartes die Scholastiker mit den Neueren die Theologie und

Moral mit der Vernunft zu versöhnen Von allen Seiten scheint es das Beste zu

nehmen und dann weiterzukommen als man jemals gekommen ist Ich habe darin eine

verständliche Erklärung der Einheit von Seele und Leib gefunden etwas an dem

ich bisher verzweifelt war Die wahren Gründe der Dinge finde ich in der von

diesem System eingeführten Einheit der Substanzen und in deren durch die

Ursubstanz vorherbestimmter Harmonie Ich habe darin eine so erstaunliche

Einfachheit und Übereinstimmung gefunden dass man sagen kann es sei alles und

immer nach verschiedenen Graden der Vollkommenheit dasselbe jetzt begreife ich

was Plato darunter verstand wenn er die Materie für ein unvollkommenes und

wandelbares Wesen nahm was Aristoteles durch seine Entelechie sagen wollte was

jenes Versprechen eines anderen Lebens sagen will das nach Plinius selbst

Demokritus machte wieweit die Skeptiker recht hatten wenn sie sich gegen die

Sinne aussprachen wie die Tiere nach Descartes Automaten sind und wie sie nach

der allgemeinen Meinung der Menschen doch Seelen und Empfindung haben wie man

diejenigenwelche allen Dingen Leben und Wahrnehmung verliehen haben

vernunftgemäß erklären kann wie Cardan Campanella und besser als sie die

verstorbene Gräfin von Connaway eine Anhängerin Platos und unser verstorbener

Freund Franz Mercurius van Helmont der übrigens freilich durch viele

unverständliche und paradoxe Meinungen dunkel bleibt mit seinem verstorbenen

Freund Heinrich Morus wie die Gesetze der Natur, wovon man vor dem Auftreten

dieses Systems einen guten Teil nicht kannte ihrem Ursprung nach aus

Grundsätzen hergeleitet werden müssen welche über das Materielle hinausgehen

wenn sich gleich im Materiellen alles auf mechanische Weise vollzieht Im

letzteren Punkte haben die spiritualisierenden Schriftsteller die ich eben

genannt habe mit ihren »Archeen« und selbst mit den Kartesianern gefehlt indem

sie glaubten dass die immateriellen Substanzen wo nicht die Kraft so doch

wenigstens die Richtung oder Bestimmung der Bewegung der Körper änderten

während nach dem neuen System die Seele und der Körper ihre Gesetze jedes von

beiden die seinigen vollkommen einhalten und nichtsdestoweniger doch soviel es

nötig ist einander folgen Endlich hat mich das Nachdenken über dies System

aufzufinden veranlasst wie die Annahme von Seelen und sinnlichen Empfindungen

bei den Tieren gegen die Unsterblichkeit der menschlichen Seele nicht spricht

oder vielmehr wie nichts geeigneter ist unsere natürliche Unsterblichkeit zu

sichern als die Annahme, dass alle Seelen unvergänglich sind morte carent

animae ohne dass wir deshalb doch die Seelenwanderungen zu fürchten hätten da

nicht allein die Seelen sondern auch die Tiere lebend empfindend handelnd

bleiben und bleiben werden Es ist überall wie hier und immer und überall wie

bei uns gemäß dem was ich Ihnen schon gesagt habe nur dass die Zustände der

Tiere mehr oder weniger vollkommen und entwickelt sind ohne dass man je ganz und

gar vom Körper getrennte Seelen anzunehmen braucht während wir

nichtsdestoweniger immer eine soviel wie möglich reine Geistigkeit haben

unbeschadet unserer Organe die durch ihren Einfluss nie die Gesetze unserer

Spontaneität stören können Ich finde den leeren Raum und die Atome ganz anders

als durch den Trugschluss der Kartesianer ausgeschlossen welcher sich auf die

angebliche Gleichbedeutung der Vorstellung des Körpers und der Ausdehnung

gründet Ich erblicke alles in Ordnung und Harmonie mehr als man es bis jetzt

jemals begriffen hat überall organische Materie nichts Leeres Unfruchtbares

und Vernachlässigtes nichts zu Einförmiges alles mannigfaltig aber in

Ordnung und was über die Phantasie hinausgeht das ganze Weltall im kleinen

jedoch von einem ganz verschiedenen Anblick in jedem seiner Teile und selbst in

jeder seiner substantiellen Einheiten Außer dieser neuen Analyse der Dinge habe

ich die der Begriffe oder Vorstellungen und der Wahrheiten besser begriffen Ich

verstehe was eine wahre klare bestimmte und wenn ich dies Wort gebrauchen

darf adäquate Vorstellung ist. Ich verstehe welches die ursprünglichen

Wahrheiten und die wahren Grundsätze sind die Unterscheidung der notwendigen

und der tatsächlichen Wahrheiten des Vernunftgebrauchs der Menschen und der

Folgerungen der Tiere die nur ein Schatten von jenem sind Kurz Sie werden

erstaunt sein alles zu hören was ich Ihnen zu sagen habe und vor allen Dingen

zu erkennen wie die Erkenntnis der Größe und der Vollkommenheit Gottes dadurch

erhöht wird Denn ich kann Ihnen nicht verhehlen da ich vor Ihnen kein

Geheimnis habe wie ich gegenwärtig von Bewunderung und wenn wir uns dieses

Ausdruckes zu bedienen wagen von Liebe für diese oberste Quelle aller Dinge und

Schönheiten durchdrungen bin nachdem ich gefunden habe dass diejenigen

Vollkommenheiten Gottes welche dieses System enthüllt alles übertreffen was

man bis jetzt davon begriffen hat Sie wissen dass ich ehemals ein wenig zu weit

gegangen bin und mich auf die Seite der Spinozisten zu schlagen anfing die Gott

nur eine unendliche Macht beilegen ohne Vollkommenheiten und Weisheit bei ihm

anzuerkennen und indem sie die Erforschung der Zweckursachen vernachlässigen

alles von einer blinden Notwendigkeit ableiten Aber diese neue Aufklärung hat

mich davon geheilt und seitdem nehme ich mitunter den Namen Theophilus an Ich

habe das Buch jenes berühmten Engländers gelesen wovon Sie eben gesprochen

haben Ich schätze es sehr und habe Vortreffliches darin gefunden man muss aber

weitergehen und sich sogar seiner Ansichten entschlagen weil er oft solche

angenommen hat welche uns mehr als nötig beschränken und nicht allein die

Stellung des Menschen sondern auch die des Weltalls ein wenig zu sehr

herabsetzen

    Philalethes Sie setzen mich in der Tat durch alle die Wunder in Erstaunen

von denen Sie mir Bericht abstatten er klingt etwas zu günstig als dass ich so

leicht daran glauben könnte Indessen will ich hoffen dass unter so viel Neuem

von dem Sie mich unterrichten wollen etwas haltbares sein wird In diesem Falle

werden Sie mich ganz gelehrig finden Sie wissen dass es immer meine Neigung

war mich an die Vernunft zu halten und ich mir mitunter den Namen Philalethes

gab Deswegen wollen wir uns jetzt wenn es Ihnen recht ist dieser beiden

Namen die so viel Beziehung haben bedienen Um zum Ziele zu gelangen schlage

ich Ihnen ein Mittel vor Da Sie das Buch des berühmten Engländers gelesen

haben welches mir so viel Befriedigung gewährt und er darin die Gegenstände

wovon wir eben gesprochen haben großenteils behandelt und vor allem die

Analyse unserer Vorstellungen und Erkenntnisse so wird es das kürzeste sein

dem Faden desselben zu folgen und zuzusehen was Sie zu bemerken haben

    Theophilus Ich billige Ihren Vorschlag Hier ist das Buch

     1 Philalethes Ich habe es so oft gelesen dass ich es bis auf die

Ausdrücke im Gedächtnisse habe denen ich sorgfältig folgen werde Ich werde

also nur nötig haben bei gewissen Streitfragen wo wir es für notwendig

erachten werden nachzuschlagen Zuerst wollen wir von dem Ursprung der

Vorstellungen oder Begriffe reden erstes Buch darauf von den verschiedenen

Arten der Vorstellungen zweites Buch und der Worte, deren wir uns um sie

auszudrücken bedienen drittes Buch endlich von den Erkenntnissen und

Wahrheiten die daraus folgen viertes Buch und zwar wird dieses letzte Buch

uns am meisten beschäftigen

    Was den Ursprung der Vorstellungen betrifft so glaube ich mit diesem

Schriftsteller und vielen andern Gelehrten dass es ebensowenig angeborene

Vorstellungen als angeborene Grundsätze gibt Und um den Irrtum derjenigen

welche solche annehmen zu widerlegen genügt es wie in der Folge sich zeigen

wird nachzuweisen dass man derselben gar nicht bedarf und dass die Menschen

alle ihre Erkenntnisse ohne die Hilfe irgend eines angeborenen Eindruckes

erlangen können

    Theophilus Sie wissen Philalethes dass ich seit langer Zeit anderer

Meinung bin dass ich beständig wie auch jetzt noch für die angeborene

Vorstellung Gottes bin wie sie Descartes aufrechterhalten hat und folglich

auch für andere angeborene Vorstellungendie von den Sinnen nicht stammen

können Gegenwärtig gehe ich im Anschluss an das neue System noch viel weiter und

glaube sogar dass alle Gedanken und Tätigkeiten unserer Seele aus ihrem eigenen

Innern stammen da sie ihr wie Sie in der Folge sehen werden nicht durch die

Sinne gegeben werden können. Gegenwärtig jedoch will ich diese Untersuchung

beiseite setzen und mich den einmal angenommenen Ausdrücken anbequemen da sie

in der Tat gut und haltbar sind und man in einem gewissen Sinne sagen kann dass

die äußeren Sinne zum Teil Ursache unserer Gedanken sind  um zu prüfen wie

man meiner Ansicht nach auch bei dem gewöhnlichen System indem man von der

Tätigkeit der Körper auf die Seele redet wie die Anhänger des Copernicus mit

den übrigen Menschen von der Bewegung der Sonne und zwar mit Grund reden

sagen muss dass es Vorstellungen und Grundsätze gibt die nicht von den Sinnen

stammen und welche wir in uns ohne sie zu bilden verenden wenngleich die

Sinne uns Gelegenheit geben uns derselben bewusst zu werden Wie ich mir denke

hat unser gelehrter Schriftsteller die Bemerkung gemacht dass man unter dem

Namen angeborener Grundsätze häufig seine Vorurteile festhält und sich damit der

Mühe der Untersuchungen überheben will und dieser Missbrauch wird seinen Eifer

gegen jene Voraussetzung entzündet haben Er wird die Trägheit und

oberflächliche Denkungsart derer haben bekämpfen wollen die unter dem

gleitenden Vorwand angeborener Vorstellungen und dem Geiste von Natur

eingeprägter Wahrheiten denen wir ohne Schwierigkeit beistimmen sich nicht die

Mühe nehmen die Quellen Verbindungen und die Gewissheit dieser Kenntnisse zu

erforschen und zu untersuchen Darin bin ich ganz seiner Ansicht und gehe sogar

noch weiter Ich wünschte dass man unsere Analyse gar nicht beschränkte von

allen Bezeichnungen die dessen fähig sind die Begriffsbestimmungen gäbe und

alle Grundsätze die nicht fundamental sind bewiese oder zu beweisen Anstalt

machte ohne auf die Meinung der Menschen darüber zu sehen und sich darum zu

bekümmern ob sie damit übereinstimmen oder nicht Damit würde mehr Nutzen

verbunden sein als man denkt Mir scheint aber dass der Verfasser durch seinen

sonst sehr löblichen Eifer zu weit nach der anderen Seite geführt worden ist. Er

hat meiner Ansicht nach den Ursprung der notwendigen Wahrheiten deren Quelle im

Verstande ist nicht genug von den tatsächlichen unterschieden die man aus den

Erfahrungen der Sinne und selbst aus den in uns vorhandenen verworrenen

Wahrnehmungen gewinnt Sie sehen also ich gebe nicht zu was Sie als Tatsache

hinstellen dass wir alle unsere Erkenntnisse ohne angeborene Eindrücke nötig zu

haben erlangen können und die Folge wird zeigen wer von uns recht hat

     2 Philalethes Das werden wir in der Tat sehen Ich gebe Ihnen zu lieber

Theophil dass es keine allgemeiner angenommene Meinung gibt als die wonach

gewisse Grundsätze der Wahrheit vorhanden sind, über welche die Menschen

allgemein übereinkommen darum werden sie Gemeinbegriffe koinai ennoiai

genannte man schließt daraus dass diese Grundsätze ebensoviel Eindrücke seien

welche unsere Seelen mit dem Dasein empfangen

     3 Aber falls die Tatsache sicher wäre dass es von dem ganzen

Menschengeschlecht angenommene Grundsätze gibt so würde diese allgemeine

Übereinstimmung doch nicht beweisen dass sie angeboren sind wenn man wie ich

glaube einen anderen Weg zeigen kann auf dem die Menschen zu dieser

Übereinstimmung in ihrer Ansicht haben gelangen können

     4 Was aber noch viel schlimmer ist diese allgemeine Übereinstimmung

endet gar nicht statt selbst nicht in Bezug auf jene beiden berühmten

Grundsätze der Spekulation denn von denen der Praxis werden wir nachher

sprechen dass alles was istist, und dass etwas zur selben Zeit unmöglich sein

und nicht sein kann denn einem großen Teil des Menschengeschlechts sind diese

beiden Grundsätze die Ihnen ohne Zweifel als notwendige Wahrheiten und

Grundsätze gelten nicht einmal bekannt

    Theophilus Ich gründe die Gewissheit der angeborenen Grundsätze nicht auf

die allgemeine Übereinstimmung denn ich habe Ihnen schon gesagt Philalethes

dass man meiner Meinung nach darauf hinarbeiten müsse alle Grundsätze die nicht

fundamentale sind beweisen zu können Auch gebe ich Ihnen zu dass eine sehr

allgemeine Übereinstimmung die aber nicht ganz durchgängig ist aus einer über

das ganze Menschengeschlecht verbreiteten Überlieferung stammen könne wie die

Sitte des Tabakrauchens von fast allen Völkern in weniger als einem Jahrhundert

angenommen worden ist, obgleich man einige Inselbewohner gefunden hat die da

sie nicht einmal das Feuer kannten auch nicht rauchen konnten So haben einige

Gelehrte selbst unter den Theologen jedoch von der Sekte des Arminius

geglaubt dass die Gotteserkenntnis aus einer sehr alten und sehr allgemeinen

Überlieferung stammte und ich bin in der Tat zu glauben geneigt dass der

Unterricht diese Kenntnis befestigt und berichtigt hat Gleichwohl scheint es

dass die Natur auch ohne Lehre dazu anleite die Wunder des Weltalls sind die

Ursache gewesen an eine höhere Macht zu denken Man hat ein taubstumm geborenes

Kind dem Vollmond seine Anbetung bezeugen sehen und Völker gefunden die nichts

anderes kannten und wieder andere Völker welche sich vor unsichtbaren rächten

fürchteten Ich gebe Ihnen zu lieber Philalethes dass dies noch nicht die Idee

Gottes sei wie wir sie haben und fordern diese Idee ist jedoch

nichtsdestoweniger im Grunde unserer Seele ohne wie wir sehen werden

hineingebracht zu sein Auch die ewigen Gesetze Gottes sind zum Teil auf eine

noch lesbarere Art und durch eine Art von Instinkt derselben eingeprägt Aber

dies sind Grundsätze des Handelns von denen wir noch zu reden Gelegenheit haben

werden Man muss indessen gestehen dass unsere Neigung zur Anerkennung der Idee

Gottes in der menschlichen Natur liegt Und wenn wir den ersten Unterricht darin

auch der Offenbarung zuschreiben wollten so kommt doch immer die Leichtigkeit

welche die Menschen in der Annahme dieser Lehre gezeigt haben aus der

Naturanlage ihrer Seele Aber wir werden in der Folge zu dem Urteil gelangen

dass die äußere Lehre dabei das was in uns ist hier nur erwecke Ich schließe

also dass eine allgemeine Übereinstimmung unter den Menschen ein Zeichen und

nicht ein Beweis für einen angeborenen Grundsatz ist der strikte und

entscheidende Beweis dieser Grundsätze aber darin besteht aufzuzeigen dass

deren Gewissheit nur von dem uns Innewohnenden stammt Um noch auf das zu

antworten was Sie gegen die allgemeine Zustimmung zu den beiden großen

Grundsätzen der Spekulation geltend machen die doch aufs beste festgestellt

sind so kann ich Ihnen sagen dass sie seihst wenn sie nicht bekannt wären

doch angeboren wären weil man sie anerkennt sobald man sie vernommen hat Aber

ich will noch hinzufügen dass im Grunde genommen jedermann sie kennt und man

sich zB jeden Augenblick des Grundsatzes des Widerspruchs ohne besonders

darauf acht zu haben bedient Kein Mensch ist so roh dass er nicht in einer

ernsten Sache von dem Betragen eines Lügners der sich selbst widerspricht

verletzt werden sollte So wendet man diese Grundsätze an ohne sie ausdrücklich

ins Auge zu fassen und das ist ungefähr wie wenn man in den Enthymemen die

nicht ausgedrückten Vordersätze nur der Möglichkeit nach im Geiste hat indem

man sie nicht nur im Ausdruck sondern selbst im Denken beiseite lässt

     5 Philalethes Was Sie von diesen möglichen Kenntnissen und dem inneren

Unterdrücken derselben sagen überrascht mich denn zu behaupten dass es in die

Seele eingeprägte Wahrheiten gibt deren sie sich nicht bewusst ist, das scheint

mir wahrlich ein Widerspruch

    Theophilus Wenn Sie in diesem Vorurteil befangen sind so wundere ich mich

nicht dass Sie die angeborenen Erkenntnisse verwerfen Aber ich bin erstaunt

wie es Ihnen noch nicht eingefallen ist dass wir unendlich viele Erkenntnisse

haben deren wir uns nicht immer bewusst sind selbst nicht wenn wir sie

brauchen das Gedächtnis muss sie aufbewahren und die Wiedererinnerung sie uns

darbieten wie nach Bedürfnis oft aber nicht immer geschieht Man nennt dies

sehr gut »beikommen« denn die Wiedererinnerung verlangt Beistand Und

sicherlich müssen wir bei dieser Menge unserer Erkenntnisse durch etwas bestimmt

werden, eine davon eher als die andere wieder zu erwecken weil es unmöglich

ist an alles was wir wissen ganz zu derselben Zeit deutlich zu denken

    Philalethes Darin glaube ich haben Sie recht und diese zu allgemeine

Vorstellung dass wir uns immer aller Wahrheiten die in unserer Seele sind

bewusst seien ist mir entgangen ohne dass ich hinlänglich Aufmerksamkeit darauf

gehabt habe Aber Sie werden etwas mehr Mühe haben auf das was ich Ihnen jetzt

vorlegen will zu erwidern Wenn man nämlich von einem einzelnen Satz sagen

kann dass er angeboren ist so wird man mit demselben Grunde behaupten können

dass alle Sätze welche vernunftgemäß sind und die der Geist jemals als solche

wird betrachten können der Seele bereits eingeprägt sind

    Theophilus Ich gebe Ihnen dies hinsichtlich der reinen Vorstellungen zu,

die ich den phantastischen Erscheinungen der Sinne entgegensetze sowie in

betreff der notwendigen oder Vernunftwahrheiten welche ich den tatsächlichen

Wahrheiten entgegensetze In diesem Sinne muss man sagen dass die ganze

Arithmetik und die ganze Geometrie angeboren und auf eine potentielle Weise in

uns sind dergestalt dass man sie wenn man aufmerksam das im Geiste schon

Vorhandene betrachtet und ordnet darin auffinden kann ohne sich irgend einer

durch die Erfahrung oder Überlieferung von einem anderen lernten Wahrheit zu

bedienen wie Plato dies in einem Gespräch gezeigt hat wo er den Sokrates ein

Kind durch bloße Fragen ohne es etwas zu lehren zu fernliegenden Wahrheiten

führen lässt Man kann also diese Wissenschaften in seinem Zimmer und sogar mit

geschlossenen Augen sich bilden ohne durch das Gesicht oder selbst das Gefühl

die nötigen Wahrheiten zu lernen obgleich man allerdings die Vorstellungen, um

die es sich handelt nicht gewahr werden würde wenn man niemals etwas gesehen

oder berührt hätte Denn durch eine bewunderungswürdige Einrichtung der Natur

geschieht es dass wir niemals abstrakte Gedanken haben können ohne dazu etwas

Sinnliches zu bedürfen wären es auch nur solche reichen wie die Gestalten der

Buchstaben oder die Töne sind wenngleich zwischen solchen willkürlichen Zeichen

und jenen Gedanken keine notwendige Verknüpfung besteht Und wenn die sinnlichen

Spuren nicht erforderlich wären so würde die vorherbestimmte Harmonie zwischen

der Seele und dem Körper womit ich Sie noch ausführlicher zu unterhalten

Gelegenheit haben werde nicht stattfinden Dies hindert aber keineswegs dass

der Geist die notwendigen Wahrheiten aus sich selbst schöpfe Auch sieht man

mitunter wie weit er ohne irgend eine Hilfe durch eine rein natürliche Logik

und Arithmetik kommen kann wie jener schwedische Knabe durch Ausbildung der

seinigen bis zu großen Rechnungen die er sofort im Kopfe macht gekommen ist

ohne die gewöhnliche Rechenkunst noch selbst lesen und schreiben gelernt zu

haben wenn ich mich dessen was man mir davon erzählt hat recht erinnere

Allerdings könnte er nicht mit der Auflösung so schwieriger Probleme fertig

werden welche das Ausziehen der Wurzeln erfordern Aber das hindert nicht dass

er sie nicht durch irgend einen neuen Kunstgriff des Geistes aus sich selbst

hätte lösen können Also beweist das nur dass es in der Schwierigkeit sich

dessen was in uns ist bewusst zu werden verschiedene Grade gibt Es gibt

angeborene Grundsätze die allen bekannt und sehr leicht fasslich sind es gibt

Lehrsätze die man auch gleich entdeckt und aus denen die natürlichen

Wissenschaften bestehen welche bei dem einen ausgebreiteter sind als bei dem

anderen Endlich können in einem noch weiteten Sinne den anzuwenden gut ist um

umfassendere und bestimmtere Begriffe zu haben alle diejenigen Wahrheiten

angeborene genannt werden, die man aus den ursprünglichen angeborenen

Erkenntnissen ziehen kann weil der Geist sie aus seinem eigenen Innern zu

schöpfen vermag was freilich oft keine leichte Sache ist Wenn aber jemand den

Ausdrücken einen anderen Sinn beilegt so will ich nicht mit ihm über Worte

streiten

    Philalethes Ich habe Ihnen zugegeben dass man in der Seele manches dessen

man sich nicht bewusst ist, haben kann denn man erinnert sich nicht immer wenn

es gerade ein muss alles dessen was man weiß Aber man muss es doch einmal

gelernt und vordem ausdrücklich gekannt haben Wenn man also sagen kann dass

etwas in der Seele ist obgleich diese es noch nicht gekannt hat so kann dies

nur dadurch sein dass sie die Fähigkeit oder das Vermögen es zu erkennen

besitzt

    Theophilus Warum könnte dies nicht noch eine andere Ursache haben nämlich

die dass die Seele etwas in sich haben kann ohne dass man sich desselben bewusst

wäre Denn da eine erworbene Erkenntnis mittels des Gedächtnisses darin

verborgen sein kann wie Sie es zugeben warum sollte nicht auch die Natur eine

ursprüngliche Erkenntnis darin haben verbergen können muss denn alles was einer

sich erkennenden Substanz natürlich ist sogleich wirklich von ihr erkannt

werdenKann und muss nicht eine Substanz wie unsere Seele verschiedener

Eigenschaften und Regungen haben welche alle sofort und alle gleich gewahr zu

werden unmöglich ist Die Platoniker meinten dass alle unsere Erkenntnisse aus

der Erinnerung und zwar so herrühren dass die Wahrheitenwelche die Seele mit

der Geburt des Menschen auf die Welt gebracht hat und die man angeborene nennt

Reste einer ausdrücklichen vorhergegangenen Erkenntnis sein müssen Aber diese

Meinung ist ohne Grund und es ist leicht einzusehen dass die Seele schon in dem

vorhergegangenen Zustand wenn die Präexistenz stattfand so entfernt er auch

sein mochte ganz wie hier bereits angeborene Erkenntnisse haben musste diese

müssten sich also auch aus einem vorhergegangenen Zustand herschreiben wo sie am

Ende angeboren oder wenigstens mit anerschaffen sein würden oder aber man müsste

bis ins Unendliche gehen und die Seele als von Ewigkeit her annehmen in welchem

Falle diese Kenntnisse in der Tat angeboren sein würden weil sie dann in der

Seele niemals einen Anfang gehabt haben würden Wollte jemand noch behaupten

dass jeder frühere Zustand etwas von einem noch früheren gehabt habe was er den

folgenden nicht zurückgelassen hat so würde man ihm antworten dass offenbar

gewisse evidente Wahrheiten allen diesen Zuständen hätten zukommen müssen und

dass wie man die Sache auch nehme in allen Zuständen der Seele die notwendigen

Wahrheiten ganz gewiss angeboren seien und aus dem Inneren bewiesen werden, da

sie durch Erfahrungen wie man durch solche die tatsächlichen Wahrheiten

begründet nicht begründet werden konnten Warum sollte mau denn auch in der

Seele nichts besitzen können wovon mau niemals Gebrauch gemacht hat Ist es

denn einerlei etwas haben ohne es zu gebrauchen und nur das Vermögen es sich

anzueignen besitzen Wäre dies der Fall so würden wir immer nur das besitzen

was wir gebrauchen Statt dessen weiß man dass außer dem Vermögen und dem

Gegenstande oft eine gewisse Anlage in der Fähigkeit oder in dem Gegenstande

oder in allen beiden nötig ist damit die Fähigkeit sich auf den Gegenstand

anwenden lasse

    Philalethes Wenn man es auf diese Art nimmt wird man behaupten können es

seien der Seele gewisse Wahrheiten eingeprägt welche sie gleichwohl niemals

gekannt hat und sogar niemals erkennen würde was mir befremdlich erscheint

    Theophilus Ich sehe darin nichts Widersinniges obgleich man auch nicht

versichern kann dass es solche Wahrheiten gibt Denn es möchten sich dereinst

noch erhabenere Dinge als wir im gegenwärtigen Lebenslauf erkennen können in

unseren Seelen entwickeln wenn sie in eisern anderen Zustande sein werden

    Philalethes Gesetzt nun es gebe Wahrheitenwelche dem Verstande ohne dass

er sich ihrer bewusst ist, eingeprägt sein können so sehe ich nicht ein wie sie

hinsichtlich ihrer Entstehung von den Wahrheitenwelche zu erkennen er allein

fähig ist verschieden sein können

    Theophilus Der Geist ist nicht allein fähig sie zuerkennen sondern auch

sie in sich aufzufinden und hätte nur die bloße Fähigkeit die Erkenntnisse in

sich aufzunehmen oder die leidende Möglichkeit dazu die so unbestimmt wäre als

die des Wachses formen anzunehmen und die der leeren Tafel Buchstaben

aufzunehmen so würde er nicht die Quelle der notwendigen Wahrheiten sein wie

er sie doch nach meinem eben gelieferten Beweis ist denn es ist unbestreitbar

dass die Sinne nicht ausreichen um deren Notwendigkeit einzusehen und dass also

der Geist eine sowohl tätige als leidende Anlage hat sie aus seinem eigenen

Inneren selbst zu schöpfen wenn auch die Sinne notwendig sein mögen um ihm

Gelegenheit dazu und Aufmerksamkeit dafür zu geben und ihn auf die einen eher

als auf die anderen zu lenken Sie sehen also dass diejenigen sonst sehr

gescheiten Leute welche anderer Ansicht sind nicht genug über die Tragweite

des Unterschiedes nachgedacht zu haben scheinen der wie ich schon bemerkt

habe und wie unser ganzer Streit zeigt zwischen den notwendigen oder ewigen

Wahrheiten und den ErfahrungsWahrheiten obwaltet Der ursprüngliche Beweis der

notwendigen Wahrheiten kommt allein vom Verstande und die übrigen Wahrheiten

stammen aus den Erfahrungen oder Beobachtungen der Sinne. Unser Geist ist fähig

die einen und die anderen zu erkennen aber er ist die Quelle der ersteren und

so zahlreiche einzelne Erfahrungen man von einer allgemeinen Wahrheit haben mag

so kann man sich doch derselben durch Induktion nicht für immer versichern ohne

ihre Notwendigkeit durch die Vernunft zu erkennen

    Philalethes Wenn aber diese Worte im Verstande sein etwas Positives in sich

schließen müssen sie dann nicht so viel bedeuten als dass der Verstand ihrer

sich bewusst ist und sie begreift

    Theophilus Sie bedeuten für uns etwas ganz anderes es genügt dass das was

im Verstande ist auch darin gefunden werden könne und dass die ursprünglichen

beweise der Wahrheiten um die es sich handelt nur im Verstande seien die Sinne

können diese Wahrheiten anregen rechtfertigen und bestätigen aber nicht ihre

unfehlbare und immerwährende Gewissheit beweisen

    Philalethes Gleichwohl werden alle die welche sich die Mühe geben mit

einiger Aufmerksamkeit auf das Verfahren des Verstandes zu achten finden dass

diese vom Geiste ohne weiteres gewissen Wahrheiten erteilte Zustimmung von dem

Vermögen des menschlichen Geistes abhängt

    Theophilus Ganz rechte aber eben dieses besondere Verhältnis des

menschlichen Geistes zu diesen Wahrheiten macht die Anwendung des Vermögens auf

sie leicht und natürlich und bewirkt dass man sie angeborene nennt Es ist also

kein nacktes Vermögen welches in der bloßen Möglichkeit sie zu begreifen

besteht es ist eine Anlage eine Fertigkeit eine Keimbildung welche unsere

Seele bestimmt und bewirkt dass sie aus ihr gewonnen werden können. Ganz so wie

es zwischen den Gestalten welche man dem Stein oder dem Marmor willkürlich

gibt und zwischen denen welche seine Adern schon bezeichnen oder zu bezeichnen

angelegt sind wenn der Künstler davon Gebrauch machen will einen Unterschied

gibt

    Philalethes Ist es aber nicht wahr dass die Wahrheiten den Vorstellungen,

aus denen sie hervorgehen nachfolgen Es stammen also die Vorstellungen von den

Sinnen ab

    Theophilus Die intellektuellen Vorstellungenwelche die Quelle der

notwendigen Wahrheiten sind stammen nicht von den Sinnen ab und Sie müssen

anerkennen dass es Vorstellungen gibt welche der Reflexion des Geistes verdankt

werden wenn er über sich selbst nachdenkt Es ist übrigens wahr dass die

deutliche Erkenntnis der Wahrheiten der deutlichen Erkenntnis der Vorstellungen

tempore vel natura nach Zeit und Wesen erst folgt wie das Wesen der

Wahrheiten von dem der Vorstellungen abhängt ehe man die einen und die anderen

deutlich bildet und wie die Wahrheiten zu denen die aus den Sinnen stammenden

Vorstellungen mitwirken wenigstens zum Teil von den Sinnen abhangen Es sind

aber die aus den Sinnen stammenden Vorstellungen verworren und die davon

abhängigen Wahrheiten zum Teil wenigstens auch während die intellektuellen

Vorstellungen und die davon abhängigen Wahrheiten deutlich bestimmt sind und

weder die einen noch die anderen ihren Ursprung aus den Sinnen haben obgleich

wir allerdings ohne die Sinne niemals an sie denken würden

    Philalethes Nach Ihrer Meinung sind jedoch die Zahlen intellektuelle

Vorstellungen und dennoch hängt die dabei vorkommende Schwierigkeit von der

deutlichen Bildung der Vorstellungen ab Ein Erwachsener zB weiß dass 18 und

19 zusammen gleich 37 sind mit derselben Evidenz wie er weiß dass 1 und 2

zusammen 3 machen gleichwohl erkennt aber ein Kind den ersteren Satz nicht so

reicht als den zweiten weil es die Vorstellungen nicht so schnell gebildet hat

als die Worte

    Theophilus Ich kann Ihnen zugeben dass die Schwierigkeit in der deutlichen

Bildung der Wahrheiten oft von der abhängt welche man bei der deutlichen

Bildung der Vorstellungen hat Gleichwohl glaube ich dass es in Ihrem Beispiel

sich darum handelte schon gebildete Vorstellungen anzuwenden denn die welche

bis 10 zu zählen und die Art mittels einer gewissen Verdoppelung der Zehner

weites zu gehen gelernt haben verstehen ohne Mühe dass 18 und 19  37 nämlich

ist nämlich ein zwei oder dreimal 10 mit 8 oder 9 oder 7 aber um daraus zu

schließen dass 18 und 19 37 macht bedarf es mehr Aufmerksamkeit als um zu

wissen dass 1 und 2  3 sind was im Grunde nur die Definition von 3 ist

     18 Philalethes Es ist kein den von Ihnen intellektuell genannten Zahlen

oder Vorstellungen anhaftendes Vorrecht Sätze zu liefern denen man sobald man

sie hört unfehlbar beistimmt Es gibt deren auch in der Physik und in allen

anderen Wissenschaften und selbst die Sinne liefern uns solche So zBist der

Satz: Zwei Körper können nicht zugleich an demselben Orte sein eine Wahrheit

von der man auf keine andere Weise überzeugt ist als von folgenden Grundsätzen

Unmöglich kann etwas zu der nämlichen Zeit sein und nicht sein Weiß ist nicht

Rot ein Viereck ist kein Kreise die gelbe Farbe ist nicht die Süßigkeit

    Theophilus Diese Sätze enthalten doch Unterschiede Der erste welcher die

Unmöglichkeit der Durchdringlichkeit der Körper ausspricht bedarf eines

Beweises In der Tat verwerfen ihn alle die welche wie die Peripatetiker und

der verstorbene Ritter Digby an wirkliche und im eigentlichen Sinn genommene

Verdichtungen und Verdünnungen glauben ohne von den Christen zu sprechen

welche meistens das Gegenteil glauben dass nämlich die Durchdringung des

Ausgedehnten für Gott möglich die anderen Sätze aber sind identische oder doch

beinahe und die identischen oder unmittelbaren bedürfen keines Beweises Was

diejenigen betrifft welche von den Sinnen geliefert werden wie der welcher

aussagt dass die gelbe Farbe nicht die Süßigkeit ist so wenden diese nur den

allgemeinen Identitätssatz auf besondere Fälle an

    Philalethes Jeder aus zwei verschiedenen Vorstellungen gebildete Satz

deren eine die andere aufhebt wie zB dass das Viereck kein Kreis ist das

Gelbsein nicht Süßsein ist wird ebenso sicher als unzweifelhaft angenommen

werden sobald man die Ausdrücke darin versteht wie jener allgemeine Grundsatz

»Unmöglich kann etwas zur nämlichen Zeit sein und nicht sein«

    Theophilus Dies kommt daher dass der eine nämlich der allgemeine

Grundsatz und der andere nämlich die Aufhebung einer Vorstellung durch eine

andere entgegengesetzte davon die Anwendung ist

    Philalethes Mir scheint vielmehr dass der Grundsatz von jener Aufhebung

welche ihn begründet abhängig ist, und dass er noch leichter zu verstehen ist

als der Satz: Was dasselbe istist nicht verschieden oder der Grundsatz des zu

vermeidenden Widerspruches Auf diese Weise würde man ja eine zahllose Menge von

Sätzen dieser Art welche eine Vorstellung der anderen absprechen ohne von den

übrigen Wahrheiten zu reden als angeborene Wahrheiten annehmen müssen Dazu

kommt dass weil kein Satz angeboren sein kann wenn nicht die ihn bildenden

Vorstellungen angeboren sind man voraussetzen müsste dass alle Vorstellungen,

welche wir von Farben Tönen Geschmäcken Gestalten usw haben angeboren sind

    Theophilus Ich sehe gar nicht ein wie der Satz: »Einerlei ist nicht

verschieden« der Ursprung des Grundsatzes des Widerspruches und leichter

begreiflich als er sein sollte denn mir scheint man nimmt sich mehr

Freiheit wenn man behauptet dass A nicht B ist, als wenn man sagt dass A nicht

A ist Der Grund der AB zu sein hindert ist dass B nicht A in sich enthält

Übrigens ist nach dem Sinne welchen wir diesem Ausdruck »angeborene Wahrheit«

gegeben haben der Satz: »Das Süße ist nicht das Bittere« nicht angeboren. Denn

die Empfindungen des Süßen und des Bitteren stammen von den äußeren Sinnen Also

ist es ein gemischter Schluss hybrida conclusio wo der Grundsatz auf eine

sinnliche Wahrheit angewendet worden ist. Was aber jenen Satz anbetrifft »Das

Viereck ist kein Kreis« so kann man sagen dass er angeboren ist denn indem man

ihn ins Auge fasst macht man eine Subsumtion oder Anwendung des Grundsatzes des

Widerspruchs auf das was der Verstand selbst liefert sobald man sich bewusst

ist, dass diese angeborenen Vorstellungen Begriffe in sich schließen die

miteinander unverträglich sind

     19 Philalethes Wenn Sie annehmen dass diese besonderen und durch sich

selbst evidenten Sätze deren Wahrheit man erkennt sobald man sie aussprechen

hört wie zB dass das Grüne nicht das Rote ist als Folgerungen jener anderen

noch allgemeineren Sätze welche man als ebenso viele angeborene Grundsätze

betrachtet angenommen werden so scheinen Sie nicht in Erwägung zu ziehen dass

diese besonderen Sätze von denen welche keine Erkenntnis jener allgemeineren

Grundsätze haben als unzweifelhafte Wahrheiten angenommen werden

    Theophilus Darauf habe ich bereits vorhin geantwortet man beruft sich auf

diese allgemeinen Grundsätze wie man sich auf die Obersätze beruft welche man

beim Schließen durch Enthymeme voraussetzte denn obgleich man gar häufig beim

Schließen nicht deutlich an das was man tut denkt ebensowenig wie an das was

man beim Gehen und beim Springen tut so ist doch immer wahr dass die Kraft des

Schlusses zum Teil in dem besteht was man unterdrückt und was nirgends sonst

her gewonnen werden kann,  wie man finden wird wenn man ihn zu rechtfertigen

sucht

     20 Philalethes Es scheint aber dass die allgemeinen und abstrakten

Vorstellungen unserem Geiste fremder sind als die besonderen Begriffe und

Wahrheiten also müssen diese besonderen Wahrheiten dem Geiste natürlicher sein

als der Grundsatz des Widerspruchs von dem sie Ihrer Meinung nach nur die

Anwendung sein sollen

    Theophilus Allerdings beginnen wir früher der besonderen Wahrheiten uns

bewusst zu sein sowie wir mit den zusammengesetzteren und gröberen Vorstellungen

beginnen dies hindert aber nicht dass die Ordnung der Natur mit dem Einfachsten

beginne und die Begründung der besonderen Wahrheiten von den allgemeineren

abhange wovon sie nur die Beispiele sind Und wenn man in Betracht ziehen will

was in uns der Anlage nach und jedwedem Bewusstsein voraus liegt so hat man

Ursache mit dem Einfachsten anzufangen Denn die allgemeinen Grundsätze sind in

unserem Denken enthalten und bilden deren Seele und Zusammenhalt Sie sind so

notwendig wie die Muskeln und Sehnen zum Gehen sind wenn man auch nicht daran

denkt Der Geist stützt sich jeden Augenblick auf diese Grundsätze; aber es

gelingt ihm nicht so leicht sie sich klar zu machen und sich deutlich und

gesondert vorzustellen weil dies eine große Aufmerksamkeit auf sein Tun

erfordert welche die meisten Menschen zum Nachdenken wenig gewöhnt nicht

besitzen Haben nicht die Chinesen artikulierte Laute wie wir Und dennoch sind

sie bei ihrer Gewöhnung an eine andere Schreibweise noch nicht darauf gekommen

von diesen Lauten ein Alphabet zu machen So haben wir vieles in unserem Besitz

ohne es zu wissen

     21 Philalethes Wenn der Geist gewissen Wahrheiten so schnell zustimmt

könnte das nicht eher von der Betrachtung der Natur der Dinge selbst herkommen

die ihm anders zu urteilen nicht erlaubt als davon dass diese Sätze von Natur

unserem Geist eingepflanzt sind

    Theophilus Eines und das andere ist richtig Die Natur der Dinge und die

Natur des Geistes tragen dazu bei Und wenn Sie die Betrachtung der Sache dem

Bewusstsein des unserem Geist Eingepflanzten entgegensetzen so zeigt dieser

Einwand selbst dass die deren Partei Sie ergreifen unter den angeborenen

Wahrheiten nur das verstehen was man von Natur wie durch Instinkt und sogar bei

nur verworrener Erkenntnis gutheißen würde Es gibt Wahrheiten von dieser Art

und wir werden davon zu sprechen noch Gelegenheit haben was man jedoch das

natürliche Licht nennt setzt eine deutliche Erkenntnis voraus und sehr oft ist

die Betrachtung des Wesens der Dinge nichts anderesals die Betrachtung des

Wesens unseres Geistes und jener angeborenen Vorstellungendie man auswärts zu

suchen nicht nötig hat Also nenne ich diejenigen Wahrheiten angeboren welche

nur einer solchen Inbetrachtnahme bedürfen um als wahr anerkannt zu werden Auf

den  22 gemachten Einwurf habe ich schon im  5 geantwortet Dieser Einwurf

besagt dasswenn man behauptet die angeborenen Begriffe seien implicite im

Geiste dies nur bedeuten dürfe er habe sie zu erkennen das Vermögen ich habe

dagegen die Bemerkung gemacht dass er außerdem sie in sich zu finden das

Vermögen und wenn er sie gehörig denkt sie anzuerkennen die Neigung hat

     23 Philalethes Wie es scheint nehmen Sie also an dass diejenigen

welchen man jene allgemeinen Grundsätze zuerst vorträgt nichts erfahren was

ihnen völlig neu ist Es ist aber klar dass sie zuerst die Bezeichnung darauf

die Wahrheiten und selbst die Vorstellungenvon denen diese Wahrheiten

abhangen lernen

    Theophilus Es handelt sich hier nicht um die Bezeichnungen welche

gewissermaßen willkürlich sind während die Vorstellungen und die Wahrheiten

natürlich sind Was aber diese Vorstellungen und Wahrheiten anbetrifft so

messen sie uns eine Lehre bei von der wir weit entfernt sind denn ich gebe zu

dass wir die angeborenen Vorstellungen und Wahrheiten sei es durch Aufmerken auf

ihre Quelle sei es durch Bestätigung aus der Erfahrung, kennen lernen Ich

mache also gar nicht die von Ihnen erwähnte Voraussetzung als ob wir in dem von

Ihnen besprochenen Fall nichts Neues lernten und würde auch den Satz »Alles

was man lernt ist nicht angeboren« nicht zugeben Die arithmetischen Wahrheiten

sind in uns und dennoch lernt man sie indem man sie entweder aus ihrer Quelle

auf dem Wege demonstrativen Nachweises herleitet was ihr Angeborensein zeigt

oder durch Beispiele erhärtet wie die gewöhnlichen Rechner es tun die weil

sie die Gründe nicht wissen ihre Regeln nur durch Überlieferung lernen und

höchstens ehe sie sie lehren durch die Erfahrung rechtfertigen welche sie so

weit treiben als sie für angemessen erachten Und mitunter ist selbst ein sehr

geschickter Mathematiker wenn er die Quelle der Entdeckung eines anderen nicht

kennt gezwungen sich zu ihrer Prüfung mit dieser Induktionsmethode zu

begnügen So verfuhr ein berühmter Schriftsteller zu Paris als ich dort war der

die Untersuchung meines arithmetischen Tetragonismus durch Vergleichung mit den

Ludolphschen Zahlen in dem Glauben sehr weit trieb einen Fehler darin zu finden

und er hatte auch Grund zu zweifeln bis ihm der Beweis davon mitgeteilt wurde

der uns solcher Untersuchungen die man immer fortsetzen könnte ohne jemals

vollkommen sicher zu sein überhebt Und selbst das letztere nämlich die

Unvollkommenheit der Induktionen kann man noch durch die Beispiele aus der

Erfahrung ausgleichen denn es gibt Progressionen in denen man sehr weit

vorwärts gehen kann ehe man die darin vorkommenden Veränderungen und Gesetze

bemerkt

    Philalethes Wäre es aber nicht möglich dass nicht allein die Ausdrücke oder

Worte deren man sich bedient sondern auch die Vorstellungen uns von außen

kommen

    Theophilus Dann müssten wir ja selbst außer uns sein da die intellektuellen

oder ReflexionsVorstellungen aus unserem Geiste hergeleitet werden und ich

möchte wohl wissen wie wir die Vorstellung des Seins haben könnten wenn wir

nicht selbst Seiendes wären und so das Sein in uns fänden

    Philalethes Was sagen Sie aber zu dieser Herausforderung eines meiner

Freunde Wenn jemand so sagt er einen Satz finden kann worin die

Vorstellungen angeborene sind so nenne er ihn mir er könnte mir keinen

größeren Gefallen erweisen

    Theophilus Ich würde ihm die Sätze der Arithmetik und Geometrie nennen

welche alle von dieser Art sind und auf dem Gebiete der notwendigen Wahrheiten

würde man gar keine anderen finden

     25 Philalethes Das wird vielen Leuten sonderbar vorkommen Kann man

sagen dass die schwierigsten und tiefsten Wissenschaften angeboren sind

    Theophilus Ihre wirkliche Erkenntnis ist es nicht wohl aber das was man

die mögliche Erkenntnis nennen kann wie die durch die Adern des Marmors

vorgezeichnete Gestalt im Marmor ist ehe man sie beim Arbeiten entdeckt

    Philalethes Aber ist es möglich dass die Kinder wenn sie die ihnen von

außen kommenden Begriffe empfangen und ihnen zustimmen keine Erkenntnis von

denjenigen haben welche man als ihnen angeboren und gleichsam einen Teil ihres

Geistes bildend voraussetzt wo sie  so sagt man  in unauslöschlichen Zügen

um als Grundlage zu dienen eingeprägt sind Wäre das der Fall so hätte sich

die Natur unnütze Mühe gegeben oder wenigstens diese Züge schlecht eingeprägt

da sie von Augen die anderes doch sehr gut sehen nicht bemerkt werden können.

    Theophilus Das Bewusstsein dessen was in uns liegt hängt von einer

bestimmten Aufmerksamkeit und Ordnung ab Nun ist es nicht allein möglich

sondern selbst angemessen dass die Kinder den gegriffen der Sinne mehr

Aufmerksamkeit schenken weil die Aufmerksamkeit durch das Bedürfnis geleitet

wird Indessen zeigt die Erfahrung in der Folge dass die Natur sich nicht unnütz

die Mühe gegeben hat uns angeborene Erkenntnisse einzuprägen da es ohne diese

kein Mittel geben würde zur wirklichen Erkenntnis der notwendigen Wahrheiten in

den demonstrativen Wissenschaften und zu den Erkenntnisgründen der Tatsachen zu

gelangen und wir würden nichts vor den Tieren voraushaben

     26 Philalethes Wenn es angeborene Wahrheiten gibt muss es dann nicht

auch angeborene Gedanken geben

    Theophilus Durchaus nicht denn die Gedanken sind Handlungen und die

Erkenntnisse oder die Wahrheiten sofern sie selbst dann in uns sind wenn man

nicht an sie denkt sind nur Wertigkeiten oder Anlagen und gar viele Dinge

wissen wir an die wir nicht denken

    Philalethes Es ist schwer zu begreifen dass im Geiste eine Wahrheit sei

wenn er an diese Wahrheit niemals gedacht hat

    Theophilus Das ist ebenso, wie wenn jemand sagen wollte es ist schwer zu

begreifen dass es im Marmor Adern gibt bevor man sie entdeckt Dieser Einwurf

scheint sich auch einem Zirkelschluss allzusehr zu nähern Alle diejenigen,

welche angeborene Wahrheiten annehmen ohne sie auf die Platonische

Wiedererinnerung zu begründen nehmen auch solche an an die man noch nicht

gedacht hat Übrigens beweist dieser Schluss zu viel denn wenn die Wahrheiten

Gedanken sind so wird man nicht nur der Wahrheiten an die man niemals gedacht

hat sondern auch deren beraubt werden an die man gedacht hat und an die man

gegenwärtig nicht mehr denkt und wenn die Wahrheiten nicht Gedanken sondern

natürliche oder erworbene Fertigkeiten oder Geschicklichkeiten sind so hindert

nichts dass solche in uns seien an die man niemals gedacht hat noch jemals

denken wird

     27 Philalethes Wenn die allgemeinen Grundsätze angeboren wären so

müssten sie im Geiste gewisser Menschen mit größerer Helligkeit erscheinen

worin wir doch davon keine Spur sehen  ich meine der Kinder Blödsinnigen und

Wilden  denn von allen Menschen ist bei diesen der Geist am wenigsten durch die

Gewohnheit und den Eindruck fremder Meinungen verfälscht und verderbt

    Theophilus Man muss glaube ich hier ganz anders urteilen Die angeborenen

Grundsätze treten nur durch die Aufmerksamkeit welche man ihnen schenkt ans

Licht aber die haben jene Menschenklassen nicht oder haben sie nur für etwas

ganz anderes Sie denken fast nur an die körperlichen Bedürfnisse und es ist

vernunftgemäß dass die reinen und übersinnlichen Gedanken der Preis edlerer

Bemühungen seien Allerdings ist in Kindern und Wilden der Geist durch die

Gewohnheiten weniger verderbt aber dafür auch durch die geistige Bildung

welche Aufmerksamkeit verleiht weniger gehoben Es würde sehr ungerecht sein

wenn die lebendigsten Erkenntnisse in denjenigen Geistern mehr glänzten welche

sie weniger verdienen und in dickeren Nebel gehüllt sind Ich wünschte also

nicht dass man der Unwissenheit und Roheit so viel Ehre antäte wenn man so

gescheit ist wie Sie Philaleth und wie unser trefflicher Autor Das würde die

Gaben Gottes erniedrigen heißen Sonst würde man sagen können je unwissender

einer ist desto mehr nähert er sich dem Vorzug eines Marmorblockes oder eines

Stückes Holz die unfehlbar und sündlos sind Aber unglücklicherweise nähert man

sich auf diese Weise jenen Eigenschaften nicht und sündigt insofern man der

Erkenntnis fähig ist dadurch dass man sie zu erwerben vernachlässigt und wird

je weniger man unterrichtet ist es desto leichter darin fehlen lassen

 
 



                                  



    Philalethes Die Moral ist eine demonstrative Wissenschaft hat aber dennoch

keine angeborenen Grundsätze Es würde sogar schwer sein eine moralische

Vorschrift von der Art aufzustellen dass sie mit einer so allgemeinen und so

schnellen Zustimmung wie der Satz: Was da istist, aufgenommen würde

    Theophilus Es ist schlechthin unmöglich dass es so evidente

Vernunftwahrheiten wie die identischen oder unmittelbaren gebe Und obgleich

man in Wahrheit sagen kann dass die Moral unerweisbare Grundsätze hat und davon

einer der ersten und der brauchbarsten der ist dass man die Lust suchen und die

Unlust fliehen solle so muss man doch hinzufügen dass dies keine durch die

Vernunft allein erkannte Wahrheit ist da sie sich auf die innere Erfahrung oder

auf verworrene Erkenntnis gründet denn was Lust und Unlust ist lässt sich nicht

empfinden

    Philalethes Nur durch Vernunftbetrachtungen Verhandlungen und eine gewisse

Geistesanstrengung kann man sich der praktischen Wahrheiten versichern

    Theophilus Wenn dies der Fall wäre so würden sie darum nicht weniger

angeboren sein Indessen scheint die Maxime welche ich eben angezogen habe von

einer anderen Art zu sein man kennt sie nicht durch die Vernunft, sondern

sozusagen durch einen Instinkt Es ist ein angeborener Grundsatz aber er macht

keinen Teil des natürlichen Lichtes aus denn man kennt ihn nicht auf eine

lichtvolle Art Indes wenn dieser Grundsatz einmal aufgestellt ist so kann man

wissenschaftliche Folgerungen daraus ziehen und ich stimme dem was Sie soeben

von der Moral als einer demonstrativen Wissenschaft gesagt haben durchaus

bei Wie wir denn auch sehen lehrt sie so evidente Wahrheiten dass Räuber

Piraten und Banditen sie unter sich zu beobachten gezwungen sind

     2 Philalethes Aber die Banditen beobachten unter sich die Regeln der

Gerechtigkeit ohne sie als angeborene Grundsätze zu betrachten

    Theophilus Was liegt daran Kümmert sich die Welt etwa um diese

theoretischen Fragen

    Philalethes Jene beobachten die Gesetze der Gerechtigkeit nur als

angemessene Regeln deren Ausübung für die Erhaltung ihrer Gemeinschaft

schlechthin notwendig ist

    Theophilus Sehr richtig Man kann sich hinsichtlich aller Menschen im

allgemeinen gar nicht besser ausdrücken Also sind diese Gesetze der Seele

eingeprägt nämlich als Folgerungen aus unserer Selbsterhaltung und unseren

wahren Gütern Soll man nun die Annahme machen dass in unserem Verstande die

Wahrheiten wie unabhängig voneinander sich verenden und gleichsam so wie die

Edikte des Prätors in seinem Anschlag oder Album verzeichnet waren Ich setze

dabei den sogleich zu besprechenden Instinkt welcher den einen Menschen treibt

den anderen zu lieben beiseite denn jetzt will ich nur von den Wahrheiten

reden insofern sie von der Vernunft erkannt werden. Auch erkenne ich an dass

gewisse Regeln der Gerechtigkeit in ihrer ganzen Ausdehnung und Vollkommenheit

nur unter der Voraussetzung des Daseins Gottes und der Unsterblichkeit der Seele

bewiesen werden können und diejenigen zu denen der Instinkt der Menschlichkeit

uns nicht anhält sind der Seele nur wie andere abgeleitete Wahrheiten

eingeprägt Diejenigen indessen welche die Gerechtigkeit nur auf die

Notwendigkeiten dieses Lebens und das Bedürfnis gründen statt auf die Lust

welche sie darin finden sollen eine Lust welche da Gott den Grund davon

bildet eine der größten ist  die freilich sind einigermaßen mit der

Gesellschaft der Banditen zu vergleichen

 

 Sit spes fallendi miscebunt sacra profanis



 An schlimmsten Übeltaten wirds nicht fehlen

 Ist Hoffnung nur der Welt sie zu verhehlen

 

     3 Philalethes Ich gebe zu dass die Natur in alle Menschen den Wunsch

glücklich zu sein und eine starke Abneigung gegen das Elend gelegt hat Das

sind also wahrhaft angeborene praktische Grundsätze welche nach der Bestimmung

aller praktischen Prinzipien einen beständigen Einfluss auf alle unsere

Handlungen haben Aber sie sind doch Neigungen der Seele gegen das Gute und

nicht Eindrücke irgend einer unserem Verstand eingeprägten Wahrheit

    Theophilus Ich freue mich außerordentlich zu sehen dass Sie in der Tat wie

ich gleich erläutern werde angeborene Wahrheiten anerkennen Dieser Grundsatz

kommt mit dem dessen ich eben erwähnt habe wohl überein demgemäß wir der Lust

nachzugehen und die Unlust zu meiden getrieben werden Denn das Glück ist nichts

anderesals eine beständige Lust Indessen geht unsere Neigung nicht eigentlich

auf das Glück sondern auf die Lust dh in der Gegenwart während uns die

Vernunft auf die Zukunft und das Beständige richtet Nun geht die durch den

Verstand sich ausdrückende Neigung in eine Vorschrift oder in eine praktische

Wahrheit über und wenn die Neigung angeboren istist es also die Wahrheit

auch da es in der Seele nichts gibt was sich nicht im Verstande ausdrückte

wenn auch nicht immer mittelst einer tatsächlichen deutlich bestimmten

Betrachtung wie ich schon genugsam gezeigt habe Auch sind die Instinkte nicht

immer praktischer Art einige davon enthalten theoretische Wahrheiten und

dieser Art sind die inneren Grundsätze der Wissenschaften und des

Vernunftgebrauchs wenn wir sie ohne den Grund davon zu erkennen aus

natürliches Instinkt anwenden Und in diesem Sinne können Sie sich der

Anerkennung angeborener Grundsätze nicht entschlagen selbst wenn Sie leugnen

wollten dass die abgeleiteten Wahrheiten angeboren sind Aber das würde nach der

von mir gegebenen Erklärung dessen was ich angeboren nenne nur ein Streit um

Worte sein Und will jemand diese Bezeichnung nur denjenigen Wahrheiten geben

welche man sofort durch Instinkt empfängt so würde ich ihm nicht widersprechen

    Philalethes Ich bin damit zufrieden Wenn es aber in unserer Seele gewisse

von Natur eingeprägte Züge als ebenso viele Erkenntnisgrundsätze gäbe so würden

wir uns derselben nur bewusst werden wenn sie in uns wirken wie wir den Einfluss

der beiden Grundsätze welche beständig in uns wirken nämlich den Wunsch

glücklich zu sein und die Furcht elend zu sein empfinden

    Theophilus Es gibt Erkenntnisgrundsätze welche ebenso beständig auf

unseren Vernunftgebrauch Einfluss haben als die praktischen auf unseren Willen

so wendet zB jedermann die Regeln des Schließens durch eine natürliche Logik

an ohne sich dessen bewusst zu sein

    Philalethes Die Moralgesetze müssen bewiesen werden, also sind sie nicht

angeboren, wie jenes Gesetz welches die Quelle aller gesellschaftlichen

Tugenden ist Was du nicht willst dass dir geschieht das tue auch dem andern

nicht

    Theophilus Sie wiederholen immer den von mir schon widerlegten Einwand Ich

gebe Ihnen zu dass es Moralgesetze gibt welche keine angeborenen Grundsätze

sind aber das hindert sie nicht angeborene Wahrheiten zu sein denn eine

abgeleitete Wahrheit ist angeboren wenn wir sie aus unserem Geiste schöpfen

können Es gibt aber angeborene Wahrheitenwelche wir auf zwei Arten in uns

finden durch das Licht der Vernunft und durch Instinkt Die welche ich soeben

bezeichnet haben werden aus unseren Vorstellungen bewiesen welches Sache des

natürlichen Lichtes ist Aber es gibt Folgerungen aus dem natürlichen Lichte

welche in Beziehung auf den Instinkt Grundsätze sind So werden wir zu

Handlungen der Menschlichkeit durch den Instinkt getrieben weil uns dies

angenehm ist und durch die Vernunft, weil es recht ist Es gibt in uns also

instinktmäßige Wahrheitenwelche angeborene Grundsätze sind die man auch ohne

den Beweis dafür zu haben empfindet und anerkennt welchen Beweis man

gleichwohl aber erhält wenn man sich von diesem Instinkt Rechenschaft ablegt

So bedient man sich der Gesetze des Schließens infolge einer verworrenen

Erkenntnis und gleichsam aus Instinkt die Logiker aber zeigen den Grund

derselben auf wie auch die Mathematiker von dem was man beim Gehen und

Springen ohne daran zu denken tut den Grund angeben Was jenes Gesetz

anbetrifft wonach man den anderen nur das antun darf was man von ihnen getan

haben mag so bedarf dies nicht allein eines Beweises sondern auch noch einer

Erklärung Wenn man Herr wäre würde man von den anderen zu viel verlangen sind

wir ihnen dann aber auch zu viel schuldig Man wird mir einwenden dass dies

Gesetz nur von einem gerechten Willen zu verstehen ist Dann wäre aber diese

Regel weit entfernt zu genügen als Maßstab zu dienen eines solchen vielmehr

bedürftig Der wahre Sinn derselben ist dass um billig zu urteilen der Platz

des anderen der wahre Gesichtspunkt ist auf den man sich stellen muss

     9 Philalethes Man begeht oft schlechte Handlungen ohne Gewissensbisse

zB wenn man Städte mit Sturm nimmt begehen die Soldaten ohne sich zu

bedenken die schlimmsten Handlungen Gebildete Völker haben ihre Kinder

ausgesetzt einige Karaibenstämme kastrieren die ihrigen um sie zu mästen und

zu verzehren Garcilasso de la Vega erzählt dass gewisse Völker in Peru Weiber

gefangen nehmen um sie zu Konkubinen zu machen und die Kinder bis zum 13

Jahre erzögen worauf sie sie verzehrten und es mit den Müttern ebenso machten

sobald sie nicht mehr Kinder bekämen In Baumgartens Reise ist erzählt dass es

in Ägypten einen Derwisch gegeben habe der für einen Heiligen galt weil er

sich niemals zu Weibern oder Knaben sondern nur zu Eselinnen und Mauleselinnen

gehalten habe

    Theophilus Die Moralwissenschaft die Instinkte ausgenommen wie den der

Lust nachzutrachten und die Unlust zu fliehen ist nicht auf andere Weise als

die Arithmetik angeboren denn auch sie hängt von Beweisen ab welche das innere

Licht darbietet Und da die Beweise nicht sofort ins Auge springen so ist es

kein großes Wunder wenn die Menschen nicht immer und sofort sich alles dessen

was sie in sich besitzen bewusst sind und nicht immer schnell genug die Züge

des natürlichen Gesetzes welches Gott nach St Paulus in ihr Herz gegraben

hat lesen Da indessen die Moral wichtiger als die Arithmetik ist hat Gott dem

Menschen Instinkte gegeben die ihn sofort und ohne vernünftige Überlegung auf

das Vernunftgemäße leiten So gehen wir auch nach den Gesetzen der Mechanik

einher ohne dieser Gesetze zu gedenken und essen nicht allein weil das uns

nötig ist sondern auch und erst recht darum weil das Essen uns Vergnügen macht

Aber diese Instinkte treiben uns nicht auf eine unwiderstehliche Weise zum

Handeln man leistet ihnen durch die Leidenschaften Widerstand aber man

verdunkelt sie durch die Vorurteile und verderbt sie durch widrige Gewohnheiten

Indessen erkennt man diese Instinkte des Bewusstseins meistens an und folgt ihnen

sogar wenn nicht stärkere Eindrücke sie überwinden Der größte und sittlich

gesundeste Teil des menschlichen Geschlechts zeugt für sie Orientalen und

Griechin oder Römer Bibel und Alkoran stimmen darin überein die Polizei der

Mohammedaner bestraft gewöhnlich das was Baumgarten erzählt und man müsste

ebenso vertiert wie die wilden Amerikaner sein um ihre Sitten deren

Grausamkeit selbst die der Tiere übertrifft gut zu heißen Gleichwohl fühlen

diese Wilden bei anderen Gelegenheiten recht gut was Gerechtigkeit ist und mag

es vielleicht auch keine schlimme Handlungsweise geben die nicht irgendwo und

bei gewissen Vorfällen Billigung erfährt so gibt es doch deren wenige welche

nicht in den meisten Fällen und von dem größten Teil der Menschheit verurteilt

werden Das geschieht zwar nicht ohne Vernunft da es aber nicht durch den

bloßen Gebrauch derselben geschieht muss es zum Teil natürlichen Instinkten

zugeschrieben werden Die Gewohnheit die Überlieferung die Erziehung tragen

dazu bei aber das Naturell ist die Ursache, dass die Sitte sich in Bezug auf

diese Reichten allgemeiner nach dem Rechten wendet Das Naturell ist auch

Ursache dass die Überlieferung vom Dasein Gottes entstanden ist Nun gibt die

Natur dem Menschen und selbst den meisten Tieren Liebe und Sanftmut gegen die

welche ihres Geschlechts sind Selbst der Tiger »parcit cognatis maculis«

schont seinesgleichen Daher kommt das schöne Wort eines römischen Juristen

quia inter omnes homines natura cognationem constituit inde hominem homini

insidiari nefas esse weil die Natur unter allen Menschen Verwandtschaft

gestiftet hat ist es Unrecht dass ein Mensch dem anderen Nachstellungen

bereite Fast die Spinnen allein machen davon eine Ausnahme und fressen sich

untereinander auf so zwar dass das Weibchen das Männchen frisst nachdem es mit

ihm der Lust gepflogen hat Nach diesem allgemeinen SozialInstinkt welchen man

beim Menschen Menschenliebe nennen kann gibt es noch besondere wie die Liebe

zwischen Mann und Weib die Liebe der Väter und Mütter gegen ihre Kinder welche

die Griechen storgên nennen und andere ähnliche Neigungen welche jenes

natürliche Recht oder vielmehr jenes Bild des Rechts bilden das den römischen

Juristen zufolge die Natur die lebendigen Wesen gelehrt hat Aber besonders im

Menschen findet sich eine gewisse Sorge um Würde und Anstand welche uns

antreibt das was uns erniedrigt zu verbergen schamhaft zu sein gegen

Blutschande Widerwillen zu haben die Leichname zu begraben Menschen Überhaupt

nicht und keine lebendigen Tiere zu essen Man ist auch geneigt für seinen Ruf

Sorge zu tragen selbst über Bedürfnis und Leben hinaus Gewissensbissen

unterworfen zu sein und jene laniatus et ictus jene Martern und Schmerzen von

denen Tacitus nach Platos Vorgange spricht zu fühlen  außerdem noch Furcht vor

der Zukunft und einer höchsten Macht die gleichfalls ganz natürlich entsteht

In dem allen ist etwas Wirkliches aber im Grunde sind diese Eindrücke so

natürlich sie auch sein können nur Hilfen für die Vernunft und Zeichen eines

von der Natur erteilten Rates Die Gewohnheit die Erziehung die Überlieferung

die Vernunft trügen viel dazu bei aber die menschliche Natur hat nicht weniger

teil daran Allerdings würden diese Hilfen ohne die Vernunft nicht hinreichen

um der Moral eine vollständige Gewissheit zu verleihen Will man endlich leugnen

dass der Mensch von Natur getrieben werde zB von hässlichen Dingen sich

fernzuhalten  unter dem Vorwande dass es Leute gibt die nur gern von

unflätigen Dingen reden dass es selbst solche gibt deren Lebensberuf sie

veranlasst mit Unrat umzugehen und dass es Völker in Butan gibt welche die

Exkremente des Königs für wohlriechend halten Ich denke mir dass Sie in

Hinsicht dieser natürlichen Instinkte für das sittlich Gute der Ehrbarkeit im

Grunde meiner Ansicht sind wenn Sie vielleicht auch wie Sie in Hinsicht auf

den Instinkt des Strebens nach Glück erklärt haben sagen werden dass jene

Eindrücke nicht angeborene Wahrheiten sind Aber ich habe schon darauf

geantwortet dass jedes Gefühl die Wahrnehmung feiner Wahrheit ist und dass das

natürliche Gefühl das einer angeborenen aber sehr oft verworrenen Wahrheit ist

wie die Erfahrungen der äußeren Sinne auch man kann also die angeborenen

Wahrheiten von dem natürlichen Licht welches nur deutlich Erkennbares enthält so

unterscheiden wie der Geschlechtsbegriff vom Artbegriff unterschieden werden

muss da die angeborenen Wahrheiten sowohl die Instinkte als das natürliche Licht

in sich begreifen

     11 Philalethes Wer die natürlichen Grenzen von Recht und Unrecht kennte

und sich dennoch nicht enthielte sie untereinander zu wirren der könnte nur

als ein erklärter Feind der Ruhe und des Glücks der Gesellschaft an welcher er

teilnimmt betrachtet werden. Da aber die Menschen sie in jedem Augenblick

verwirren kennen sie sie also nicht

    Theophilus Das heißt die Sachen doch ein wenig zu theoretisch nehmen

Täglich geschieht es dass die Menschen ihren Erkenntnissen indem sie dieselben

vor sich selbst verbergen zuwiderhandeln wenn sie um ihren Leidenschaften zu

folgen ihrem Geist eine andere Richtung geben Sonst würden wir niemals die

Leute das essen und trinken sehen was ihnen doch wie sie wissen Krankheiten

und selbst den Tod bringen muss sie würden ihre Geschäfte nicht vernachlässigen

sie würden nicht handeln wie in mancher Hinsicht doch ganze Nationen getan

haben Die Zukunft und die Vernunft haben selten soviel Gewalt über uns wie die

Gegenwart und die Sinne. Das wusste jener Italiener sehr wohl welcher als er

auf die Tortur gebracht werden sollte sich vornahm beständig den Galgen vor

Augen zu halten und den man öfter sagen hörte Jo ti vedo ich sehe dich was

er nachher als er freigekommen war erklärte Ohne den festen Entschluss zu

ergreifen das wahrhaft Gute und das wahrhaft Schlechte immer ins Auge zu

fassen um ihnen nachzustreben oder sie zu vermeiden findet man sich

fortgerissen und erfährt in Hinsicht der wichtigsten Aufgaben dieses Lebens

dasjenige was in Hinsicht auf Paradies und Hölle denen begegnet welche am

meisten daran glauben

 

Cantantur haec laudantur haec

Dicuntur audiuntur

Scribuntur haec leguntur haec

Et lecta  negliguntur

 

Man singt es und man lobt es viel

 Man sagts und hörts in jedem Stil

 Man schreibt davon und ließt es

 Man liessts und doch  vergisst es

 

    Philalethes Jeder Grundsatz welchen man als angeboren voraussetzt muss von

einem jeden als recht und vorteilhaft erkannt werden.

    Theophilus Das heißt ja immer auf die von mir so oft widerlegte

Voraussetzung zurückkommen dass jede angeborene Wahrheit immer und allgemein

bekannt sein müsse

     12 Philalethes Aber eine öffentliche Erlaubt das Gesetz zu verletzen

beweist dass dies Gesetz nicht angeboren ist so ist zB das Gesetz, die Kinder

zu lieben und zu erhalten bei den Alten verletzt worden als sie die Aussetzung

derselben erlaubten

    Theophilus Auch diese Verletzung einmal vorausgesetzt folgt daraus nur

dass man jene in unsere Seelen gegrabenen aber mitunter durch unsere

Übertretungen ganz verhüllten Züge der Natur nicht recht gelesen hat außerdem

muss man um die Notwendigkeit der Pflichten auf unüberwindliche Art

wahrzunehmen deren Beweis ins Auge fassen was nicht ganz gewöhnlich ist Wenn

die Geometrie unseren Leidenschaften und gegenwärtigen Interessen ebenso wie die

Moral zuwider liefe würden wir sie nicht weniger bestreiten und verletzen

trotz aller Beweise des Euklides und Archimedes die man als Träumereien

behandeln und als voll von logischen Fehlern ansehen würde und Joseph Scaliger

Hobbes und andere die gegen Euklides und Archimedes geschrieben haben würden

nicht so wenige Nachfolger finden wie es der Fall ist. Nur die Ruhmsucht

welche diese Schriftsteller in der Quadratur des Kreisen und anderen schwierigen

Aufgaben zu befriedigen glaubten war es was Männer von so großem Verdienst bis

zu solchem Grade verblenden konnte Und wenn andere dasselbe Interesse hätten

würden sie es ebenso machen

    Philalethes Jede Pflicht führt auf die Vorstellung des Gesetzes und wie

man annimmt kann es nicht ein Gesetz ohne einen Gesetzgeber geben der es

vorgeschrieben hat ebensowenig wie ohne Belohnung und Strafe

    Theophilus Er kann natürliche Belohnungen und Strafen ohne Gesetzgeber

geben so wird die Unmäßigkeit zB durch Krankheiten bestraft Wie sie indessen

nicht allen sogleich schadet gebe ich auch zu dass keine Vorschrift an die man

unwiderruflich gebunden wäre bestehen könnte wenn es nicht einen Gott gäbe

der kein Verbrechen ungestraft und keine gute Handlung unbelohnt lässt

    Philalethes Also müssen die Vorstellungen von Gott und einem zukünftigen

Leben auch angeboren sein

    Theophilus In dem von mir schon erklärten Sinne bin ich damit

einverstanden

    Philalethes Aber diese Ideen sind so weit entfernt von Natur in den Geist

aller Menschen eingegraben zu sein dass sie selbst nicht einmal sehr klar und

deutlich in dem Geiste mancher Gelehrten und solcher Männer erscheinen die ein

Geschäft daraus machen die Dinge genau zu untersuchen so viel fehlt daran dass

sie jedem menschlichen Wesen bekannt seien

    Theophilus Das heißt wieder auf dieselbe Voraussetzung zurückkommen nach

deren Vorgäben das was nicht bekannt ist auch nicht angeboren sein soll die

ich indessen schon oft widerlegt habe Das Angeborene ist nicht von vornherein

klar und deutlich als solches bekannt man hat oft viel Aufmerksamkeit und

Methode nötig um sich desselben bewusst zu werden Solche wird aber nicht immer

von den Geloben angewendet und von den anderen Menschen noch weniger

     13 Philalethes Wenn aber die Menschen das was angeboren ist ignorieren

oder bezweifeln können so redet man vergebens von angeborenen Grundsätzen und

gibt vergebens deren Notwendigkeit zu zeigen vor Weit entfernt dass sie dazu

dienen könnten uns wie man vorgibt von der Wahrheit und Gewissheit der Dinge

zu unterrichten würden wir mit diesen Grundsätzen uns in demselben Zustand von

Ungewissheit befinden als wenn wir sie gar nicht in uns hätten

    Theophilus Man kann gar nicht alle angeborenen Grundsätze in Zweifel

ziehen Sie haben dies hinsichtlich der identischen oder des Grundsatzes vom

Widerspruch zugegeben indem Sie gestanden dass es unbestreitbare Grundsätze

gebe obgleich Sie dieselben damals nicht als angeboren anerkannten aber es

folgt daraus nicht dass alles was angeboren und mit diesen angeborenen

Grundsätzen notwendig verbunden ist auch sofort von zweifelloser Evidenz sei

    Philalethes Soviel ich weiß hat bisher noch niemand unternommen von

diesen Grundsätzen ein genaues Verzeichnis zu entwerfen

    Theophilus Hat man uns denn etwa ein vollständiges und genaues Verzeichnis

der Grundsätze der Geometrie entworfene

     15 Philalethes Lord Herbert hat einige dieser Grundsätze aufzeichnen

wollen nämlich folgendes 1 es gibt ein höchstes göttliches Wesen 2 man muss

diesem dienen 3 die mit der Frömmigkeit verbundene Tugend ist der beste

Gottesdienst 4 man muss seine Sünden bereuen 5 es gibt Belohnungen und

Strafen nach diesem Leben  Ich gebe zu dies sind Wahrheiten von Evidenz und

von solcher Art dasswenn man sie recht erklärt kein vernünftiges Geschöpf

umhin kann ihnen zuzustimmen Aber nach unserer Ansicht fehlt noch viel daran

dass sie ebensoviel angeborene Eindrücke sind Und wenn diese fünf Sätze

allgemeine Begriffe sind welche Gottes Ringer in unsere Merzen prägte so gibt

es deren noch andere welchen man gleichen Rang zuerkennen muss

    Theophilus Ich gebe dies zu denn ich halte alle notwendigen Wahrheiten für

angeboren und füge sogar die Instinkte hinzu Aber ich gestehe dass jene fünf

Sätze keine angeborenen Grundsätze sind denn ich halte dafür dass man sie

beweisen kann und muss

     18 Philalethes Im dritten Satz dass die Tugend der Gott angenehmste

Dienst ist bleibt es dunkel was man unter Tugend versteht Versteht man sie in

dem Sinne welchen man ihr am gewöhnlichsten gibt ich meine in dem was nach

den verschiedenen Meinungen die in verschiedenen Ländern herrschen für löblich

gilt so ist dieser Satz so weit entfernt evident zu sein dass er nicht einmal

wahr ist Nennt man Tugend die Handlungen welche dem Willen Gottes gemäß sind

so wäre dies fast ein idem per idem dasselbige für dasselbige und wir würden

aus dem Satze nicht viel lernen denn er würde nur besagen dass Gott das

angenehm ist was seinem Willen gemäß ist Es verhält sich dies mit dem Begriff

der Sünde im vierten Satze ebenso

    Theophilus Ich erinnere mich nicht bemerkt zu haben dass man das Wort

Tugend gemeiniglich für etwas von den Meinungen Abhängiges annimmt wenigstens

nehmen es die Philosophen nicht so Allerdings hängt der Name Tugend von der

Meinung derer ab welche ihn verschiedenen Wertigkeiten oder Handlungsweisen

beilegen je nachdem sie sie für gut oder schlimm erachten und von ihrer

Vernunft Gebrauch machen aber alle stimmen über den begriff der Tugend im

allgemeinen genugsam überein wenn sie auch in dessen Anwendung verschiedener

Meinung sind Nach Aristoteles und mehren anderen ist die Tugend eine

Wertigkeit die Leidenschaften durch die Vernunft zu mäßigen und noch

einfacher eine Wertigkeit nach der Vernunft zu handeln Und dies ist ohne

Zweifel demjenigen angenehm welcher die oberste und letzte Ursache der Dinge

ist dem nichts gleichgültig ist und die Handlungen aller vernünftigen Geschöpfe

weniger als aller übrigen gleichgültig sind

     20 Philalethes Man sagt gewöhnlich dass die Sitten die Erziehung und

die allgemeinen Meinungen derer mit denen man verkehrt diese als angeboren

vorausgesetzten Grundsätze der Moral verdunkeln können Ist aber dieser Satz

richtig so vernichtet er den Beweis den man aus der allgemeinen Zustimmung zu

ziehen vorgibt Das Beweisverfahren vieler Leute lässt sich auf folgendes

zurückbringen Die Grundsätze welche Menschen von gesundem Verstande

anerkennen sind angeboren wir und die von unserer Partei sind Leute von

gesundem Verstande also sind unsere Grundsätze angeboren Eine lustige Manier

Schlüsse zu machen welche auf Unfehlbarkeit gerade losgeht

    Theophilus Was mich anbetet so bediene ich mich der allgemeinen Zustimmung

nicht als eines eigentlichen Beweises sondern nur als einer Bestätigung denn

die angeborenen Wahrheiten sofern man sie für das natürliche Licht der Vernunft

nimmt tragen ihre Charakterzüge wie die Geometrie, an sich denn sie sind in

den unmittelbaren Grundsätzen welche Sie selbst als unbestreitbar betrachten

gleichsam eingehüllt Ich gestehe aber dass es schwerer ist die Instinkte und

einige andere natürliche Wertigkeiten von den Gewohnheiten zu unterscheiden

obgleich dies meistenteils möglich zu sein scheint Mir scheinen übrigens die

Völker welche ihren Geist ausgebildet haben Grund zu haben sich den Gebrauch

des gesunden Menschenverstandes vor den rohen Völkern zuzuschreiben da sie

durch deren fast ebenso leichte Unterwerfung wie die der Tiere ihre

Überlegenheit zeigen Wenn man mit ihnen nicht immer zum Ziele kommen kann so

geschieht dies weil sie sich wie die wilden Tiere in dichte Wälder retten wo

es schwer ist sie zu bezwingen und der Preis nicht der Mühe lohnt Ohne

Zweifel ist es ein Vorteil seinen Geist ausgebildet zu haben und wenn es

erlaubt ist für die Roheit gegen die Kultur zu sprechen so wird man auch das

Recht haben die Vernunft zugunsten der wilden Tiere zu bekämpfen und die

geistreichen Scherze Despréaux in einer seiner Satiren für bare Münze zu

nehmen wo er um dem Menschen seinen Vorzug vor den Tieren streitig zu machen

fragt

 

 Flieht wohl der Bär den Wanderer oder dieser ihn

 Und würden auf Befehl der Hirten Lybiens

 Die Liebe aus Numidiens Waldgebirgen ziehen

 

    Man muss indessen zugeben dass in wichtigen Stücken die rohen Völker uns

überlegen sind vor allem in Betracht der körperlichen Stärke und selbst in

Bezug auf die Seele kann man sagen dass in gewisser Hinsicht ihre praktische

Moral besser ist als die unserige weil sie weder den Geiz zusammenzuscharren

noch die Lust zu herrschen haben Man kann sogar noch hinzufügen dass der

Verkehr mit den Christen sie in vielen Dingen schlimmer gemacht hat Man hat

sie indem man ihnen Branntwein zuführte sich zu betrinken zu schwören zu

lästern und andere Laster gelehrt die ihnen wenig bekannt waren Bei uns gibt

es mehr Gutes und mehr Schlimmes als bei ihnen ein schlechter Europäer ist

schlimmer als ein Bilder da er das Böse durch Verfeinerung verschlimmert

Indessen hindert nichts die Menschen die Vorteile welche die Natur jenen

Völkern gibt mit denen welche die Vernunft verleiht zu verbinden

    Philalethes Aber wie wollen Sie folgendem Dilemma eines meiner Freunde

antworten Ich wünschte sagt er dass die Verfechter der angeborenen

Vorstellungen mir sagten ob diese Grundsätze durch Erziehung und Gewohnheit

vertilgt werden können oder nicht können sie es nicht so müssen wir sie bei

allen Menschen finden und sie müssen im Geiste eines jeden einzelnen Menschen

im besonderen klar erscheinen können sie aber durch fremde Begriffe verderbt

werden so müssen sie deutlicher und glänzender erscheinen wenn sie noch ihrer

Quelle näher sind ich meine bei den Kindern und Unwissenden auf welche die

fremden Meinungen am wenigsten Eindruck gemacht haben Welche Partei sie auch

ergreifen wollen so werden sie schließlich klar sehen dass sie durch die immer

gleichen Tatsachen und eine beständige Erfahrung Lügen gestraft wird

    Theophilus Ich bin erstaunt dass Ihr scharfsinniger Freund verdunkeln und

vertilgen miteinander verwechselt hat wie man auf Ihrer Seite nicht sein und

nicht erscheinen miteinander verwechselt Die angeborenen Vorstellungen und

Wahrheiten können nicht vertilgt aber bei allen Menschen wie sie gegenwärtig

sind durch ihre Neigung zu körperlichen Bedürfnissen und oft nach mehr durch

die dazukommenden schlimmen Angewohnheiten verdunkelt werden Diese Züge inneren

Lichtes würden den Verstand immer erleuchten den Willen immer erwärmen wenn

die verworrenen Wahrnehmungen der Sinne sich nicht unserer Aufmerksamkeit

bemächtigten Das ist jener Streit von dem die heilige Schrift nicht weniger

als die alte und neuere Philosophie redet

    Philalethes Wir beenden uns also in ebenso dichter Finsternis und in einer

ebenso großen Ungewissheit als wenn es eine solche Erleuchtung gar nicht gäbe

    Theophilus Gott bewahret wir würden dann weder Wissenschaften noch Gesetze

und würden sogar keine Vernunft haben

     21 22 Philalethes Hoffentlich werden Sie wenigstens die Macht der

Vorurteile zugeben Diese lassen oft das als natürlich erscheinen was von

schlechtem Unterricht dem man die Kinder ausgesetzt hat oder von schlechten

Gewohnheiten welche die Erziehung und der Umgang ihnen gegeben haben herrührt

    Theophilus Ich gebe zu dass der vortreffliche Autor dem Sie folgen

darüber viel Schönes und wenn man es richtig nimmt Wertvolles sagt aber ich

glaube nicht dass er der recht verstandenen Lehre vom Naturell oder den

angeborenen Wahrheiten widerspricht Und sicherlich wird er mit seinen

Bemerkungen nicht zu weit gehen wollen wie ich denn ebenso überzeugt bin dass

viele Meinungen als Wahrheiten gelten die nur die Wirkungen der Gewohnheiten

und der Leichtgläubigkeit sind als dass es auch deren viele gibt welche gewisse

Philosophen als Vorurteile gelten lassen wollen und die gleichwohl in der

gesunden Vernunft und in der Natur begründet sind Man hat ebensoviel oder mehr

Ursache sich vor denen zu hüten welche meist aus Ehrgeiz Neuerungen anstreben

als gegen alte Eindrücke Misstrauen zu hegen Und nachdem ich lange genug über

das Alte und das Neue nachgedacht habe habe ich gefunden dass die meisten

angenommenen Lehren einen guten Sinn zulassen Ich wünschte daher die

geistreichen Leute möchten ihren Ehrgeiz lieber damit zu befriedigen suchen dass

sie sich mit Bauen und Vorwärtsgehen als mit Zurückschreiten und Zerstören

beschäftigten Mich verlangt auch dass man mehr den Römern die so schöne

öffentliche Bauwerke errichteten als jenem VandalenKönige gleichen möchte dem

seine Mutter empfahl da er nicht auf den Ruhm rechnen könne diese großen

Bauwerke zu erreichen sie lieber zu zerstören zu suchen

    Philalethes Der Zweck derjenigen Gelehrten welche die angeborenen

Wahrheiten bekämpft haben ist gewesen zu verhindern dass man unter diesem

schönen Namen Vorurteile gewähren lasse und die Trägheit damit zu verdecken

trachte

    Theophilus Über diesen Punkt sind wir einige denn weit entfernt zu

billigen dass man sich zweifelhafte Grundsätze bilde wünsche ich dass man mit

den Beweisen bis zu Euklides Axiomen zu gelangen suche wie einige Alte auch

getan haben Und wenn man nach dem Mittel fragt die angeborenen Grundsätze zu

erkennen und zu prüfen so antworte ich gemäß dem schon vorhin bemerkten dass

man sie mit Ausnahme der Vernunftinstinkte deren Grund unbekannt ist auf erste

Grundsätze dh auf identische oder unmittelbar Axiome mittels der Definitionen

zurückzuführen suchen müsse welche Definitionen nichts anderes als eine

deutliche Auseinandersetzung der Vorstellungen sind Ich zweifle selbst nicht

dass Ihre Freunde welche bisher den angeborenen Vorstellungen entgegen waren

diese Methode billigen die ihrem Hauptzweck zu entsprechen scheint

 
 



 


     3 Philalethes Sie wollen die Wahrheiten auf die erstes Grundsätze

zurückgeführt haben und ich gestehe dasswenn es einen Grundsatz gibt es ohne

Widerrede folgender ist Ein Ding kann zur nämlichen Zeit unmöglich sein und

nicht sein Indessen scheint es schwierig zu behaupten dass er angeboren ist da

man zugleich überzeugt sein muss dass die Vorstellungen der Unmöglichkeit und der

Identität angeboren seien

    Theophilus Freilich müssen diejenigenwelche für die angeborenen

Wahrheiten sind behaupten und überzeugt sein dass diese Vorstellungen es auch

sind und ich gestehe ihrer Ansicht zu sein Die Vorstellungen des Seins, des

Möglichen des Selbigen sind so sehr angeboren dass sie an allen unseren

Gedenken und Schlüssen teilhaben und ich betrachte sie als unserem Geiste

wesentlich aber ich habe schon gesagt dass man ihnen nicht immer eine besondere

Aufmerksamkeit schenkt und sie nur mit der Zeit unterscheiden lernt Ich habe

schon ausgesprochen dass wir sozusagen uns selbst angeboren sind und dass die

Erkenntnis des Seins in derjenigen welche wir von uns selbst haben

eingewickelt ist Etwas Ähnliches findet bei anderen Gemeinbegriffen statt

     4 Philalethes Wenn die Vorstellung der Identität natürlich und folglich

so evident und dem Geiste so gegenwärtig ist dass wir sie von der Wiege an

kennen müssten so möchte ich gern von einem Kinde von 7 Jahren und selbst von

einem Greise von 70 Jahren hören ob ein Mensch der ein aus Leib und Seele

zusammengesetztes Geschöpf ist derselbe bleibt wenn sein Körper gewechselt

hat und ob die Seelenwanderung vorausgesetzt Euphorbus derselbe ist wie

Pythagoras

    Theophilus Ich habe schon hinlänglich erklärt dass das was uns natürlich

ist uns darum nicht von der Wiege an bekannt ist und eine Vorstellung uns

selbst bekannt sein kann ohne dass wir sogleich alle Fragen die man daran

knüpfen kann zu beantworten imstande wären Das wäre so als wenn jemand

behauptete ein Kind könne nicht wissen was das Quadrat und seine Diagonale

sei weil es zu erkennen Mühe haben wird dass die Diagonale mit der Seite des

Quadrates inkommensurabel ist Was die Frage an sich selbst betritt so scheint

sie mir durch die Monadenlehre die ich an anderer Stelle deutlich gemacht habe

auf dem Wege des Beweises gelöst zu sein Von diesem Gegenstande werden wir in

der Folge weitläufiger sprechen

    Philalethes Ich sehe wohl dass ich Ihnen vergebliche den Einwurf machen

würde der Grundsatz das Ganze ist größer als sein Teil sei nicht angeboren,

weil die Vorstellungen des Ganzen und des Teiles relativ und von denen der Zahl

und der Ausdehnung abhängig sind  da Sie sicherlich behaupten werden dass es

angeborene Relativvorstellungen gibt und auch die der Zahlen und der Ausdehnung

angeboren sind

    Theophilus Sie haben recht und ich glaube sogar dass der Vorstellung der

Ausdehnung die des Ganzen und des Teiles vorausgeht

     8 Philalethes Was sagen Sie von der Wahrheit dass Gott verehrt werden

müsse Ist sie angeborene

    Theophilus Meines Erachtens bedeutet die Pflicht der Gottesverehrung dass

man bei jeder Gelegenheit bemerken muss wir ehren ihn mehr als jeden anderen

Gegenstand und dass dies eine notwendige Folge aus seiner Vorstellung und seinem

Dasein ist was bei mir das Angeborensein dieser Wahrheit bedeutet

    Philalethes Die Atheisten scheinen durch ihr Beispiel zu beweisen dass die

Vorstellung Gottes nicht angeboren ist Und von denen nicht zu sprechen deren

die Alten erwähnt haben hat man nicht ganze Völker entdeckt die von Gott keine

Vorstellung hatten und auch nicht Worte Gott oder die Seele zu bezeichnen wie

im soldanischen Meerbusen in Brasilien auf den karaibischen Inseln in

Paraguay

    Theophilus Der selige Fabricius ein berühmter Heidelberger Theologe hat

eine Apologie des Menschengeschlechts geschrieben um es von dem Vorwurfe des

Atheismus zu reinigen Es war das ein Schriftsteller von vieler Genauigkeit und

über viele Vorurteile weit erhabene indessen will ich auf diese Untersuchung von

Tatsachen mich nicht einlassen deinetwegen mögen ganze Völker niemals an das

höchste Wesen noch an das was die Seele ist gedacht haben Und ich erinnere

mich dass als man auf meine von dem berühmten Witsen unterstützte Bitte in

Holland für mich eine Übersetzung des Vaterunsers in der Sprache von Barantola

anfertigen wollte man bei der Stelle Dein Name werde geheiligt stecken blieb

weil man den Barantolern nicht begreiflich machen konnte was »heilig« bedeuten

solle Auch erinnere ich mich dass in dem für die Hottentotten angefertigten

Glaubensbekenntnis man den heiligen Geist durch die Worte der Landessprache

auszudrücken gezwungen war welche einen sanften und angenehmen Wind bezeichnen

was nicht ohne Grund war denn unsere griechischen und lateinischen Worte pneuma

 anima Spiritus bezeichnen ursprünglich nur die Luft oder den Wind den man

einatmet als einen der feinsten durch die Sinne uns bekannten Stoffe und durch

die Sinne beginnt man die Menschen nach und nach zu dem was über die Sinne

hinausgeht zu führen Diese ganze Schwierigkeit indessen zu abstrakten

Erkenntnissen zu gelangen spricht nicht gegen die angeborenen Erkenntnisse Es

gibt Völker welche kein dem Sein entsprechendes Wort haben zweifelt man nun

dass sie wissen was das Sein ist obgleich sie nicht besonders daran denken

Übrigens finde ich das was ich bei unserem vortrefflichen Autor über die Idee

Gottes gelesen habe so schön und mir zusagend Abh über den Verstand B I c

3  9 dass ich es anzuführen nicht umhin kann Es lautet »Die Menschen können

nicht umhin eine gewisse Vorstellung von dem zu haben womit die mit denen sie

umgehen sie unter gewissen Namen oft zu unterhalten Gelegenheit haben und wenn

dies etwas ist was die Vorstellung der Vortrefflichkeit Größe oder irgend

einer anderen außerordentlichen Eigenschaft mit sich bringt was irgendwie

interessiert und sich dem Geiste unter der Vorstellung einer absoluten und

unwiderstehlichen Macht einprägt die man zu fürchten nicht umhin kann ich füge

hinzu und unter der Vorstellung einer allergrößten Güte die man zu lieben

nicht umhin kann so muss eine solche Vorstellung allem Anschein nach die

stärksten Eindrücke liefern und sich weiter als irgendwelche andere verbreiten

zumal wenn es eine Vorstellung istwelche sich mit den einfachsten

VernunftWahrheiten verträgt und aus jedem Teile unserer Erkenntnis auf

natürliche Weise folgt Nun ist die Vorstellung von Gott eine solche denn die

in die Augen springenden Wichen einer außerordentlichen Weisheit und Macht

erscheinen in allen Werken der Schöpfung so sichtlich dass jedes vernünftige

Geschöpf welches sein Nachdenken darauf richtet den Urheber aller dieser

Wunder zu entdecken nicht verfehlen kann und der Eindruck welchen die

Entdeckung eines solchen Wesens naturgemäß auf die Seele aller derer machen muss

die ein einziges Mal davon sprechen gehört haben ist so groß und bringt

Gedanken von so großem Gewicht und so allgemeiner Verbreitungsfähigkeit mit

sich dass es mir ganz sonderbar vorkommt wenn sich auf der Erde ein ganzes Volk

von so geistesarmen Menschen finden soll dass sie keine Vorstellungen von Gott

haben Dies sage ich scheint mir ebenso erstaunlich als sich Menschen zu

denken die keine Vorstellung von den Zahlen oder dem Feuer haben«

    Ich wünschte dass es mir stets vergönnt wäre Wort für Wort eine Anzahl

anderer vortrefflicher Stellen unseres berühmten Antors abzuschreiben die wir

zu übergehen gezwungen sind Ich will hier nur sagen dass der Verfasser wenn er

von den einfachsten Vernunftwahrheiten spricht die mit der Vorstellung von Gott

sich vertragen und von dem was naturgemäß daraus folgt sich von meiner

Ansicht über die angeborenen Wahrheiten nicht zu entfernen scheint und darüber

dass es ihm ebenso sonderbar erscheint dass es Menschen ohne eine Vorstellung von

Gott gibt als es überraschend sein würde Menschen zu finden die keine

Vorstellung von den Zahlen oder dem Feuer haben will ich bemerken dass die

Einwohner der marianischen Inseln denen man den Namen der Königin von Spanien

welche die Mission dort begünstigte gegeben hat keine Kenntnis vom Feuer

hatten als man sie entdeckte wie dies aus dem Gericht hervorgeht den P

Gobien ein französischer mit der Sorge für die entfernten Missionen betrauter

Jesuit veröffentlicht und mir zugesandt hat

     16 Philalethes Wenn man daraus dass alle verständigen Leute die

Vorstellung Gottes gehabt haben zu schließen das Recht hat dass diese

Vorstellung angeboren ist so muss die Tugend auch angeboren sein weil die

verständigen Leute davon stets eine wahrhaftige Vorstellung gehabt haben

    Theophilus Nicht die Tugend sondern die Vorstellung der Tugend ist

angeboren und vielleicht wollen Sie nur das sagen

    Philalethes Dass es einen Gott gibt ist ebenso gewiss als es gewiss ist dass

die durch das Sichschneiden zweier geraden Linien entstehenden Winkel einander

gleich sind. Auch hat niemals ein vernünftiges Geschöpf gegeben welches sich

aufrichtig mit der Prüfung der Wahrheit dieser beiden Sätze abgegeben und ihnen

seine Zustimmung zu geben verfehlt hat Gleichwohl ist es außer Zweifel dass es

viele Menschen gibt welchen da sie ihre Gedanken nicht dahin gerichtet haben

diese beiden Wahrheiten in gleicher Weise unbekannt sind

    Theophilus Ich gebe es zu doch hindert dies nicht dass sie angeboren sind

ohne dass man sie in sich finden kann

     18 Philalethes Es würde auch ersprießlich sein eine angeborene

Vorstellung von der Substanz zu haben aber es zeigt sich dass wir sie weder als

angeboren noch als erworben besitzen da wir sie weder durch die Sinnlichkeit

noch aus der Reflexion haben

    Theophilus Ich bin der Meinung dass die Region hinreicht um die

Vorstellung der Substanz in uns selbst zu finden die wir ja Substanzen sind

Und zwar ist dieser begriff einer der wichtigsten Wir werden aber vielleicht in

der Folge unserer Zusammenkunft noch weiter davon sprechen

     20 Philalethes Gibt es angeborene Vorstellungendie im Geiste sein

sollen ohne dass der Geist wirklich daran denkt so müssen sie wenigstens im

Gedächtnis sein aus dem sie mit Hilfe der Wiedererinnerung gezogen werden dh

 wenn man sich ihr Andenken zurückruft  als ebensoviel Wahrnehmungen erkannt

werden müssen die vordem in der Seele gewesen sind sonst müsste die

Wiedererinnerung ohne Wiedererinnerung sein können Denn diese innerlich

vorhandene Überzeugung dass die und die Vorstellung vordem in unserem Geiste

gewesen ist unterscheidet recht eigentlich die Wiedererinnerung von jeder

anderen Art des Denkens.

    Theophilus Es ist gar nicht nötig dass damit die Erkenntnisse

Vorstellungen oder Wahrheiten in unserem Geiste seien wir jemals wirklich an

sie gedacht haben es sind nur natürliche Fertigkeiten dh tätige und

leidendliche Anlagen und Zustände jedoch mehr als eine tabula rasa Die

Platoniker haben allerdings geglaubt dass wir schon wirklich einmal das gedacht

hätten was wir in uns verenden und um sie zu widerlegen genügt nicht zu

sagen dass wir uns nicht daran erinnern denn es lehren uns sicherlich unendlich

viele Gedanken ins Bewusstsein zurück die wir gehabt zu haben vergessen haben

Es ist vorgekommen dass jemand einen neuen Vers zu machen geglaubt hat von dem

sich fand dass er ihn lange vorher Wort für Wort in irgend einem alten Dichter

gelesen hatte Und oft haben wir eine ungewöhnliche Leichtigkeit Dinge zu

begreifen weil wir sie früher ohne dass wir uns dessen erinnern begriffen

hätten So kann ein blindgewordenes Kind das Licht und die Farben jemals gesehen

zu haben vergessen wie es im Alter von 2 12 Jahren durch die blättern dem

berühmten Ulrich Schönberg geschah der zu Weide in der Oberpfalz gebürtig im

Jahre 1649 zu Königsberg in Preußen starb wo er die Philosophie und die

mathematischen Wissenschaften zur Bewunderung aller Welt gelehrt hatte Einem

solchen können auch die Wirkungen der alten Eindrücke verbleiben ohne dass er

sich daran erinnert Ich glaube dass die Träume auf diese Weise uns oft alte

Gedanken wieder erneuern Als Julius Scaliger die berühmten Männer Versen in

Versen verherrlicht hatte erschien ihm ein gewisser Brugnolus mit Namen der

von Geburt ein Bayer später in Verona sich niedergelassen hatte im Traume und

beklagte sich vergössen worden zu sein Julius Scaliger erinnerte sich zwar

nicht von ihm vorher reden gehört zu haben unterlass aber nicht auf diesen

Traum hin zu seiner Ehre elegische Verse zu machen Endlich erfuhr sein Sohn

Joseph Scaliger auf einer Reise durch Italien das Nähere dass es ehemals zu

Verona einen berührten Grammatiker oder gelehrten Kritiker dieses Namens gegeben

habe der zur Wiederherstellung der schönen Wissenschaften in Italien

beigetragen diese Geschichte findet sich in den Gedichten des Scaliger Vater

mit der Elegie und in den Gedichten des Sohnes Auch ist sie in den Scaligerana

welche aus den Unterhaltungen des Joseph Scaliger gesammelt worden sind,

mitgeteilt Wahrscheinlich hatte Julius Scaliger vom Brugnolus etwas gewusst

dessen er sich nicht mehr erinnerte und war der Traum zum Teil nur die

Wiedererinnerung einer alten Vorstellung obgleich nicht eine eigentlich

sogenannte Wiedererinnerung dabei stattgefunden hatte welche uns kundgibt dass

wir schon diese nämliche Idee gehabt haben wenigstens sehe ich keine

Notwendigkeit welche uns zu glauben zwingt dass von einer Vorstellung keine

Spur übrig bleibt wenn nicht mehr so viel davon da ist um sich zu erinnern

dass man sie schon gehabt hat

     24 Philalethes Ich muss anerkennen dass Sie den Schwierigkeiten die wir

gegen die angeborenen Wahrheiten ausgestellt haben auf recht natürliche Weise

begegnen Vielleicht bestreiten auch die Schriftsteller unserer Partei dieselben

nicht in dem Sinne in welchem Sie sie behaupten Ich komme also nur darauf

zurück Ihnen zu sagen dass man zu befürchten Ursache hat die Meinung von den

angeborenen Wahrheiten werde den Trägen zum Vorwand dienen sich der Mühe der

Untersuchungen zu entschlagen und Lehrern und Schulmeistern die Bequemlichkeit

verschaffen als Grundsatz aller Grundsätze hinzustellen dass die

Grundwahrheiten nicht in Frage gestellt werden dürfen

    Theophilus Ich habe schon bemerkt dasswenn es der Vorsatz Ihrer

Gesinnungsgenossen ist zu verlangen dass man Beweise für diejenigen Wahrheiten

sucht welche solche zulassen ohne Unterschied ob sie angeboren sind oder

nicht wir miteinander vollkommen einig sind Die Annahme angeborener Wahrheiten

in der Weise wie ich sie verstehe darf niemand davon abwendig machen denn

außerdem dass man gut daran tut die Ursache der Instinkte auszusuchen ist es

für mich eine maßgebende Maxime dass die Beweise auch der ersten Grundsätze

aufzusuchen wichtig ist und ich erinnere mich dass als man sich zu Paris über

den seligen damals schon alten Herrn Roberval deswegen lustig machte weil er

nach dem Beispiele des Apollonius und des Proclus die Grundsätze des Euklides

beweisen wollte ich den Nutzen dieser Untersuchung zeigte Was den Grundsatz

derjenigen betrifft welche sagen dass man gegen den die Grundsätze Leugnenden

nicht streiten müsse so gilt er nur hinsichtlich derjenigen Prinzipien die

weder Zweifel noch beweis zulassen Allerdings kann man um Ärgernis und

Unordnungen zu vermeiden Regeln für öffentliche Disputationen und anderweitige

Konferenzen aufstellen auf Grund deren es verboten ist gewisse anerkannte

Wahrheiten zum Gegenstand des Streites zu machen Aber das gehört mehr in das

Gebiet der Polizei als der Philosophie.

 
 






     1 Philalethes Nachdem wir untersucht haben ob die Vorstellungen

angeboren sind wollen wir ihr Wesen und ihre Unterschiede betrachten Nicht

wahr die Vorstellung ist der Gegenstand des Denkens?

    Theophilus Ich gebe es zu wenn Sie hinzufügen dass es ein unmittelbarer

innerer Gegenstand und dieser Gegenstand ein Ausdruck des Wesens oder der

Eigenschaften der Dinge ist Wenn die Vorstellung die Form des Denkens wäre so

würde sie mit den wirklichen Gedanken die ihr entsprechen entstehen und

aufhören aber indem sie deren Gegenstand ist, wird sie den Gedanken voraussehen

und nachfolgen können Die äußeren sinnlichen Gegenstände sind nur mittelbare

weil sie nicht unmittelbar auf die Seele wirken können Gott allein ist der

unmittelbare äußere Gegenstand Man könnte sagen dass die Seele selbst ihr

unmittelbarer innerer Gegenstand ist aber sie ist dies insofern sie die

Vorstellungen oder das, was den Dingen entspricht enthält denn sie ist eine

kleine Welt worin die deutlichen Vorstellungen ein Bild Gottes und die

verworrenen ein Bild des Universums sind

     2 Philalethes Unsere Partei fragt in der Voraussetzung, dass die Seele zu

Anfang eine tabula rasa ist leer von allen Schriftzügen und ohne irgend eine

Vorstellung, wie sie dazu komme Vorstellungen zu enthalten und durch welches

Mittel sie deren eine so außerordentliche Menge erwerbe Darauf antwortet sie

mit einem Wortes durch die Erfahrung.

    Theophilus Diese tabula rasa von der man so viel spricht ist nach meiner

Meinung nichts als ein Phantasiegebilde das in der Natur nicht vorkommt und nur

in den unvollständigen Begriffen der Philosophen begründet istebenso wie der

leere Raum die Atome die unbedingte oder die relative Ruhe zweier Teile eines

Ganzen gegeneinander oder ebenso wie die erste Materie die man sich ohne

Formen denkt Das einförmige und keine Mannigfaltigkeit in sich Schließende ist

immer nur eine Abstraktion wie die Zeit der Raum und die übrigen Wesen der

reinen Mathematik Es gibt keinen Körper dessen Teile in Ruhe sind und es gibt

keine Substanz die sich nicht in irgend etwas von jeder anderen unterschiede

Die menschlichen Seelen sind nicht allein von den Seelen anderer Wesen sondern

auch untereinander verschieden obgleich dieser Unterschied nicht von derjenigen

Art ist welchen man spezifisch nennt Und nach den Beweisen welche ich zu

haben glaube hat jedes substantielle Wesen es sei Seele oder Körper zu allem

übrigen ein ihm eigentümliches Verhältnis und das eine muss sich von dem anderen

immer durch innerliche Bestimmungen unterscheiden Diejenigen aber welche von

jener tabula rasa reden können nachdem sie ihr die Vorstellungen genommen

haben nicht sagen was ihr dann noch bleibt wie die Schulphilosophen ihrer

ersten Materie auch nichts Übrig lassen Man wird mir vielleicht entgegnen

diese tabula rasa der Philosophen wolle sagen dass die Seele von Natur und

ursprünglich nur nackte Vermögen habe Aber die Vermögen ohne irgend eine

Handlung mit einem Worte die bloßen Möglichkeiten der Schule sind auch nur

Nabeln von welchen die Natur nichts weiß und die man nur durch Abstraktionen

erhält Denn wo wird man jemals in der Welt ein Vermögen finden das die bloße

Möglichkeit ohne irgend eine Handlung auszuüben in sich enthält Es gibt immer

eine besondere Disposition zur Handlung und zwar zu einer Handlung mehr als zu

einer anderen Und außer der Disposition gibt es noch eine Strebung zum handeln

deren es sogar stets eine unendliche Menge in jedem Subjekte zugleich gibt und

diese Strebungen sind niemals gänzlich ohne Wirkung Ich gebe zu dass die

Erfahrung notwendig ist damit die Seele zu diesen oder jenen Gedanken bestimmt

werde und auf die in uns vorhandenen Vorstellungen acht habe aber wie können

denn Erfahrung und Sinnlichkeit Vorstellungen geben Hat die Seele Fenster

gleicht sie einer Tafel ist sie wie Wachs Es ist einleuchtend dass alle die

welche so von der Seele denken sie im Grunde für körperlich halten Man wird

mir den von den Philosophen angenommenen Grundsatz entgegenhalten dass in der

Seele nichts sei das nicht von den Sinnen kommt Aber man muss die Seele und

ihre Zustande selbst davon ausnehmen Nihil est in intellectu quod non fuerit in

sensu excipe nisi ipse intellectus das Denken selbst ausgenommen Die Seele

enthält also das Sein die Substanz, das Eine das Selbige die Ursachedie

Wahrnehmungdas Denken und eine Menge anderer Vorstellungenwelche die Sinne

nicht verleihen können Dies stimmt recht gut mit Ihrem Verfasser der

Abhandlung welche einen guten Teil der Vorstellungen in der Reflexion des

Geistes über sein eigenes Wesen sucht

    Philalethes Ich hoffe doch Sie werden diesem gelehrten Schriftsteller

zugeben dass alle Vorstellungen aus der Sinnlichkeit oder aus der Reflexion

stammen dh aus den Beobachtungen die wir entweder über die äußeren und

sinnlichen Gegenstände oder über die inneren Verrichtungen unserer Seele machen

    Theophilus Um einen Streit der uns schon allzulange aufgehalten hat zu

vermeiden erkläre ich Ihnen zum voraus dasswenn Sie sagen die Vorstellungen

stammen auf der einen oder anderen dieser Ursachen ich dies von ihrer

wirklichen Wahrnehmung verstehe da ich gezeigt zu haben glaube dass sie in uns

sind ehe man sich ihrer sofern sie nur etwas für sich Besonderes haben bewusst

ist.

     9 Philalethes Hierauf wollen wir zusehen wann man sagen müsse dass die

Seele anfange Wahrnehmung zu haben und wirklich an die Vorstellungen zu denken

Ich weiß wohl dass die Behauptung aufgestellt wird die Seele denke immer und

dass das wirkliche Denken von der Seele ebenso untrennbar sei als die wirkliche

Ausdehnung untrennbar vom Körper  10 Aber ich kann nicht begreifen dass es

für die Seele notwendiger sein soll immer zu denken als für die Körper, immer

in Bewegung zu sein indem nämlich die Wahrnehmung für die Seele das ist was

die Bewegung für den Körper Dies scheint mir wenigstens sehr vernünftig und

ich möchte gern Ihre Ansicht darüber wissen

    Theophilus Sie haben sie eben ausgesprochen Die Tätigkeit ist nicht mehr

mit der Seele als mit dem Körper verknüpft und ein Zustand ohne Denken in der

Seele und eine unbedingte Ruhe im Körper scheint mir gleich sehr naturwidrig und

beispiellos in der Welt Eine Substanz die einmal in Tätigkeit ist wird es

immer sein denn alle Eindrücke dauern fort und vermischen sich nur mit anderen

neuen Wenn man einen Körper anstößt so erregt man oder bringt man vielmehr zum

Ausdruck eine unendliche Menge von Wirbelbewegungen wie in einer Flüssigkeit

denn im Grunde hat jeder feste Körper einen Grad von Flüssigkeit und jede

Flüssigkeit einen Grad von Festigkeit und man kann diese inneren

Wirbelbewegungen niemals ganz aufhören machen Man kann daher glauben dasswenn

der Körper niemals in Ruhe ist die ihm entsprechende Seele auch niemals ohne

Wahrnehmung sein werde

    Philalethes Vielleicht ist es aber ein besonderes Vorrecht des Urhebers und

Erhalters aller Dinge dass er als in seinen Vollkommenheiten unendlich niemals

schläft und schlummert Einem endlichen Wesenoder wenigstens einem solchen

Wesen wie der Seele des Menschen kommt dies aber nicht zu

    Theophilus Sicherlich schlafen und schlummern wir und Gott nicht aber

daraus folgt nicht dass wir im Schlummer ohne irgend welche Wahrnehmung seien

Vielmehr findet wenn man wohl darauf achtet das Gegenteil statt

    Philalethes Es gibt in uns etwas was das Vermögen zu denken hat aber

daraus folgt nicht dass wir stets in wirklicher Denktätigkeit seien

    Theophilus Die wahren Vermögen sind niemals bloße Möglichkeiten Mit ihnen

ist immer Strebung und Tätigkeit verbunden

    Philalethes Aber dieser Satz Die Seele denkt immer ist nicht durch sich

selbst evident

    Theophilus Das sage ich auch nicht Man hat ihn zu finden ein wenig

Aufmerksamkeit und Nachdenken nötig Der gemeine Mann ist sich desselben

ebensowenig bewusst als des Druckes der Luft oder der Kugelgestalt der Erde

    Philalethes Ich zweifle daran dass ich in der vergossenen Nacht gedacht

habe Es handelt sich dabei um eine Untersuchung der Tatsache man muss darüber

durch sinnliche Erfahrungen entscheiden

    Theophilus Man entscheidet darüber wie man beweist dass es nicht

wahrnehmbare Körper und unsichtbare Bewegungen gibt obgleich gewisse Leute dies

als lächerlich betrachten Ebenso gibt es unklare Wahrnehmungen welche sich

nicht so viel voneinander unterscheiden dass man sich derselben bewusst werden

oder erinnern könnte aber durch gewisse Resultate werden sie erkannt

    Philalethes Ein gewisser Schriftsteller hat uns den Vorwurf gemacht dass

wir behaupteten die Seele höre auf zu sein weil wir ihr Dasein während des

Schlafes nicht fühlen aber dieser Einwurf kann nur aus einem seltsamen

Vorurteil entspringen denn wir sagen nicht dass der Mensch keine Seele in sich

habe weil wir ihr Dasein während des Schlafes nicht empfinden sondern

behaupten nur dass der Mensch nicht denken kann ohne sich desselben bewusst zu

sein

    Theophilus Ich habe das Buch nicht gelesen welches diesen Einwurf enthält

aber man würde nicht unrecht daran haben ihn zu machen weil daraus dass man

sich des Denkens nicht bewusst ist, nicht folgtdass es darum aufhöre denn sonst

könnte man mit demselben Grunde sagen es gebe keine Seele solange man sich

derselben nicht bewusst ist. Und um diesen Vorwurf zurückzuweisen müsste man

besonders vom Denken zeigen dass es ihm wesentlich ist ins Bewusstsein zu

fallen

     11 Philalethes Es ist nicht leicht sich vorzustellen dass ein Wesen

denken kann und nicht merkt dass es denkt

    Theophilus Darin steckt ohne Zweifel der Knoten der Frage und die

Schwierigkeit welche auch gescheite Leute in Verlegenheit gesetzt hat Aber nun

auch das Mittel herauszukommen man muss erwägen dass wir an eine Menge Dinge

zugleich denken aber nur auf diejenigen Gedanken welche am meisten

hervortreten achthaben und anders kann es sich nicht verhalten denn wenn wir

auf alles achtgäben müssten wir an unendlich vieles zu gleicher Zeit mit

Aufmerksamkeit denken was wir alles empfinden und was auf unsere Sinne Eindruck

macht Ich behaupte noch mehr von allen unseren vergangenen Gedanken bleibt

etwas übrig und keiner derselben kann jemals vollständig ausgelöscht werden

Wenn wir also ohne Traum schlafen oder durch einen Schlag Fall

Krankheitszustand oder anderen Zufall betäubt sind so bildet sich in uns eine

unendliche Menge von kleinen verworrenen Empfindungen und der Tod selbst könnte

auf die Seelen der Tiere keine andere Wirkung hervorbringen da sie ohne Zweifel

früher oder später denn in der Natur geht alles ordentlich zu zu deutlich

bestimmten Wahrnehmungen zurückkehren müssen Indessen gebe ich zu dass in jenem

Zustand von Verwirrung die Seele ohne Lust und ohne Schmerz sein wird denn das

sind merkbare Wahrnehmungen

     12 Philalethes Nicht wahr diejenigen mit welchen wir gegenwärtig zu

tun haben nämlich die Kartesianer die da glauben dass die Seele immer denke

gestehen allen vom Menschen verschiedenen Tieren das Leben zu ohne ihnen eine

erkennende und denkende Seele zu geben und finden ebenso keine Schwierigkeit

darin zu behaupten dass die Seele ohne an einen Körper gebunden zu sein

denken könne

    Theophilus Ich für meinen Teil bin anderer Ansicht denn obgleich ich darin

der der Kartesianer folge dass sie behaupten die Seele denke beständig

entferne ich mich doch von ihnen in zwei anderen Punkten Ich glaube dass die

Tiere unvergängliche Seelen haben und dass die menschlichen Seelen wie die

anderen alle niemals ohne allen Körper sind ich nehme sogar an dass Gott

allein da er reine Tätigkeit ist davon gänzlich befreit ist

    Philalethes Wenn Sie der Ansicht der Kartesianer wären so hätte ich in

Ihrem Sinne geschlossen dass die Körper des Kastor und Pollux da sie bald mit

bald ohne Seele sein können obwohl sie immer leben bleiben und ihre Seele bald

in einem Körper und bald außer demselben sein kann nur eine einzige Seele

hätten die abwechselnd den Körper dieser beiden Menschen da sie umwechselnd

einschlafen und erwachen regierte folglich würden sie zwei so verschiedene

Personen wie Kastor und Herkules sein könnten ausmachen dürfen

    Theophilus Ich will Ihnen meinerseits eine viel natürliche scheinende

Annahme vorschlagen Nicht wahr man muss immerhin zugeben dass man nach irgend

einer Zwischenzeit oder einer großen Veränderung in ein vollständiges Vergessen

sinken kann So sagt man dass Sleidan vor seinem Tode alles was er wusste

vergab Und es gibt noch andere zahlreiche Beispiele dieses traurigen Halles

Nehmen wir nun an dass ein solcher Mensch wieder jung würde und alles von neuem

kennen lernte Wird er dann ein anderer Mensch sein Das Gedächtnis also ist es

nicht was gerade denselbigen Menschen ausmacht Indessen ist die phantastische

Annahme einer Seele die abwechselnd verschiedene Körper belebt ohne dass das

was ihr in dem einen dieser Körper begegnet den anderen angeht eine jener

naturwidrigen Erdichtungen die aus den unvollständigen Begriffen der

Philosophen stammen wie der Raum ohne Körper und der Körper ohne Bewegung Sie

verschwinden wenn man ein wenig tiefer eindringt denn man muss wissen dass jede

Seele alle vergangenen Eindrücke bewahrt und sich auf eben berührte Art nicht

zweiteilen kann In jener Substanz hat die Zukunft eine vollständige Verbindung

mit der Vergangenheit Darin besteht die Identität des Individuums indessen ist

sich zu erinnern gar nicht nötig und wegen der Menge der gegenwärtigen und

vergangenen Eindrücke welche mit unseren gegenwärtigen Gedanken sich verbinden

selbst nicht immer möglich denn es gibt meiner Überzeugung nach im Menschen

keine Gedanken die nicht irgend eine wenigstens verwegene Wirkung haben und

einen den folgenden Gedanken beigemischten Rest bilden Man kann wohl etwas

vergessen aber man kann sich auch immer aus noch so werter Ferne wieder daran

erinnern wenn man in der richtigen Weise darauf zurückgeführt wird

     13 Philalethes Wer ohne irgendwelchen Traum geschlafen hat wird sich

niemals überzeugen lassen dass seine Gedanken in Tätigkeit gewesen seien

    Theophilus Man ist niemals ohne irgend eine schwache Empfindung wenn man

schläft selbst wenn man dabei nicht träumt Dies zeigt selbst das Erwachen und

je näher man dem Erwachen ist desto mehr Empfindung hat man von dem was sich

außer uns zuträgt obgleich diese Empfindung nicht immer stark genug sein mag

uns zu erwecken

     14 Philalethes Es erscheint mir sehr schwer begreiflich dass die Seele

in diesem Augenblick in einem schlafenden und im nächsten Augenblick in einem

wachenden Menschen denke ohne sich daran zu erinnern

    Theophilus Das ist nicht nur sehr leicht zu begreifen sondern es lässt sich

sogar tagtäglich wahrend man wacht etwas Ähnliches beobachten denn alsdann

wirken fortwährend Gegenstände auf unsere Augen oder Ohren und folglich ist

ohne dass wir darauf achtgeben auch die Seele davon berührt weil unsere

Aufmerksamkeit von anderen Gegenständen in Anspruch genommen ist bis der

Gegenstand mächtig genug wird sie durch Verstärkung seiner Tätigkeit oder durch

irgendeine andere Ursache auf sich zu ziehen das wäre gleichsam ein teilweiser

Schlaf in Bezug auf solchen Gegenstand und dieser Schlaf wird ein allgemeiner

wenn unsere Aufmerksamkeit in Bezug auf alle Gegenstände zusammen aufhört Es

ist ja auch ein Mittel sich einzuschläfern dass man die Aufmerksamkeit

verteilt um sie zu schwächen

    Philalethes Ich habe von einem Menschen gehört der sich in seiner Tugend

dem Studium gewidmet und ein sehr glückliches Gedächtnis gehabt hatte  dass

diesem ehe er das Fieber gehabt hatte niemals geträumt habe und davon war er

in der Zeit als ich mit ihm sprach im Alter von etwa 25 oder 26 Jahren gerade

geheilt worden

    Theophilus Man hat mir auch von einem Gelehrten von noch viel

vorgerückterem Alter erzählt der niemals einen Traum gehabt hatte Aber man muss

nicht auf die Träume allein die ununterbrochene Stetigkeit der Wahrnehmung der

Seele gründen da ich schon gezeigt habe wie sie selbst im Schlaf eine gewisse

Wahrnehmung dessen was außer ihr vorgeht besitzt

     15 Philalethes Oft denken und nicht einen einzigen Augenblick das

Andenken dessen was man denkt sich erhalten heißt recht unnütz denken

    Theophilus Alle Eindrücke haben ihre Wirkung aber nicht alle Wirkungen

sind immer bemerkbar wenn ich mich eher nach der einen Seite wende als nach der

anderen, so geschieht dies wohl häufig durch die Verkettung kleiner Eindrücke

deren ich mir nicht bewusst bin und welche die eine Bewegung ein wenig unbequemer

als die andere machen Alle von uns ohne Überlegung ausgeführten Handlungen sind

Resultate eines Zusammenwirkens schwacher Wahrnehmungen und selbst unsere

Gewohnheiten und Leidenschaften die auf unsere Entschlüsse so viel Einfluss

haben stammen daher denn diese Angewöhnungen entstehen nach und nach und man

würde folglich ohne die schwachen Wahrnehmungen zu merklichen Neigungen gar

nicht kommen Ich habe schon einmal bemerkt dasswenn man diese Wirkungen in

der Moral leugnen wollte man den schlecht unterrichteten Leuten gleichen würde

die in der Physik die unsichtbaren Körperchen leugnen und gleichwohl gibt es

darunter wie ich bemerke solche welche ohne auf diese unmerklichen

Eindrücke die doch imstande sind die Wage nach einer Seite zu neigen

achtzuhaben von der Freiheit sprechen indem sie phantastischerweise eine

vollständige Indifferenz in den moralischen Handlungen annehmen wie die des

Buridanschen Esels zwischen seinen zwei Wiesen ist Aber diesen Punkt werden wir

in der Folge noch mehr reden Ich gebe allerdings zu dass diese Eindrücke uns

nur nach einer Seite neigen machen ohne Zwang auszuüben

    Philalethes Vielleicht wird man sagen dass in einem wachen Menschen der

denkt der Körper etwas dabei leistet und das Gedächtnis durch die Spuren im

Gehirn sich erhält dass aber wenn er schläft die Seele ihre Gedanken für sich

allein hat

    Theophilus Dies zu behaupten bin ich weit entfernt da ich vielmehr

glaube dass stets eine genaue Übereinstimmung zwischen Körper und Seele

stattfindet und ich nach der Eindrücke des Körpers, deren man weder im Erwachen

noch im Schlaf sich bewusst ist, bediene um zu beweisen dass die Seele ähnliche

hat Ich halte sogar dafür dass in der Seele etwa der Blutzirkulation und allen

inneren Bewegungen der Eingeweide Entsprechendes geschieht dessen man sich

freilich gar nicht bewusst ist, ganz so wie diejenigenwelche neben einer

Wassermühle wohnen des Lärmes den sie macht sich auch gar nicht bewusst sind

Gäbe es in der Tat Eindrücke im Körper während des Schlafens oder Wachens wovon

die Seele überhaupt gar nicht berührt oder getrogen würde so müsste man die

Einheit der Seele und des Körpers einschränken als ob die körperlichen

Eindrücke eine bestimmte Gestalt und Größe haben müssten damit die Seele

dieselben bemerken könnte dies ist aber wenn die Seele unkörperlich ist nicht

aufrechtzuerhalten denn zwischen einer unkörperlichen Substanz und dieser oder

jener Modifikation der Materie gibt es kein Proportionsverhältnis Mit einem

Worte der Glaube dass es in der Seele keine anderen Wahrnehmungen gibt als

die deren sie sich bewusst istist eine große Quelle von Irrtümern

     16 Philalethes Die meisten Träume deren wir uns erinnern sind

unordentlich und schlecht verbunden man müsste also behaupten dass die Seele das

Vermögen vernünftig zu denken dem Körper verdankt oder von ihren vernünftigen

Selbstgesprächen nichts behält

    Theophilus Der Körper entspricht allen Gedanken der Seele mögen sie

vernünftig sein oder nicht Und die Träume haben ebensogut ihre Spuren im

Gehirn wie die Gedanken der Wachenden

     17 Philalethes Da Sie so sicher sind dass die Seele wirklich immer

denkt so möchte ich von Ihnen hören welches denn die Vorstellungen sind die

in der Seele eines Kindes ehe sie mit dem Körper verbunden ist oder gerade in

der Zeit ihrer Verbindung mit ihm ehe sie irgend eine Vorstellung auf dem Wege

der sinnlichen Empfindung erhalten hat vorkommen

    Theophilus Nach unseren Prinzipien ist es leicht Ihnen zu genügen Die

Wahrnehmungen der Seele entsprechen natürlicherweise immer der Verfassung des

Körpers, und wenn es im Gehirn eine Menge verworrener und wenig deutlicher

Bewegungen gibt wie bei denen der Fall istwelche wenig Erfahrung haben so

können die Gedanken der Seele nach der Ordnung der Dinge nicht deutlicher sein

Die Seele ist indessen der Unterstützung durch die Sinnlichkeit niemals beraubt

weil sie immer ihren Körper ausdrückt und dieser Körper stets durch andere

Körper die ihn umgeben auf unendlich mannigfache Weise aber oft nur mit der

Wirkung eines verworrenen Eindrucks in Bewegung gesetzt wird

    Philalethes Aber da wirft der Verfasser der Abhandlung noch eine andere

Frage auf Ich möchte gerne sagt er von denen welche mit so viel Zuversicht

behaupten dass die Seele des Menschen oder was dasselbe ist, der Mensch immer

denkt erfahren woher Sie das wissen

    Theophilus Ich weiß nicht ob man nicht mehr Zuversicht bedarf um zu

leugnen dass sich in der Seele etwas zuträgt dessen wir uns nicht bewusst sind

denn damit etwas bemerkbar sei muss es aus Teilen bestehen die nicht bemerkbar

sind weil nichts der Gedanke so wenig wie die Bewegung, auf einmal entstehen

kann Übrigens klingt dies so als wenn heutzutage jemand fragte wie wir die

unsichtbaren Körperchen erkennen

     19 Philalethes Ich erinnere mich nicht dass diejenigenwelche

behaupten dass die Seele immer denke uns jemals sagen dass der Mensch immer

denke

    Theophilus Ich meine dies geschieht weil sie es auch von der vom Körper

gesonderten Seele verstehen Indessen werden sie leicht zugeben dass während der

Vereinigung beider der Mensch immer denkt Ich für meinen Teil der ich daran

festzuhalten Gründe habe dass die Seele niemals von aller Körperlichkeit

geschieden ist glaube man könne schlechthin sagen dass der Mensch denkt und

immer denken wird

    Philalethes Zu sagen dass der Körper ausgedehnt sei ohne Teile zu haben

und dass ein Ding denke ohne sich seines Denkens bewusst zu sein sind zwei

Behauptungen welche mir gleich sehr unverständlich scheinen

    Theophilus Verzeihen Sie mir ich bin gezwungen Ihnen zu sagen dasswenn

Sie behaupten es gebe in der Seele nichts dessen sie sich nicht bewusst sei

dies ein Zirkelschluss ist der schon während unserer ganzen ersten Zusammenkunft

geherrscht hat wo er zur Widerlegung der angeborenen Vorstellungen und

Wahrheiten dienen sollte Geben wir dies Prinzip zu so würden wir nicht nur

gegen Erfahrung und Vernunft zu verstoßen glauben sondern auch ohne Grund

unserer Ansicht entsagen die ich doch hinreichend verständlich gemacht zu haben

glaube Außerdem aber dass unsere Gegner trotz aller ihrer Geschicklichkeit

keinen beweis dessen beigebracht haben was sie in dieser Hinsicht so oft und so

positiv behaupten ist es auch leicht ihnen das Gegenteil zu zeigen dh dass

es für uns nicht möglich ist über alle unsere Gedanken immer ausdrücklich zu

reflektieren sonst würde der Geist über jede Reflexion eine neue Reflexion bis

ins Unendliche anstellen ohne jemals zu einem neuen Gedanken übergehen zu

können Indem ich mir zB irgend einer gegenwärtigen Empfindung bewusst wäre

müsste ich immer denken dass ich daran denke und wieder auch denken dass ich

daran zu denken denke und so bis ins Unendliche Aber ich muss wohl über alle

diese Reflexionen zu reflektieren aufhören und endlich einmal einen Gedanken

haben den man ohne daran zu denken vorüberlässt sonst würde man immer bei

derselben Sache bleiben

    Philalethes Würde es dann aber nicht ebensowohl begründet sein zu

behaupten dass der Mensch immer hungert indem man sagt es sei möglich zu

hungern ohne sich dessen bewusst zu sein

    Theophilus Dabei ist ein großer Unterschieds der Junger hat besondere

Gründe die nicht immer obwalten Gleichwohl ist es doch wahr dass man auch

Hunger haben kann ohne jeden Augenblick daran zu denken aber wenn man daran

denkt ist man sich dessen bewusst da er eine sehr bemerkbare Stimmung ist Es

gibt immerfort Irritationen im Magen aber sie müssen ziemlich stark werden um

den Junger zu verursachen Dieselbe Unterscheidung muss man zwischen dem Denken

überhaupt und den merkbaren Gedanken machen So dient dass was man vorbringt um

unsere Ansicht ins Lächerliche zu ziehen dazu sie zu bestätigen

     23 Philalethes Man kann nun fragen wann der Mensch in seinem Denken

Vorstellungen zu haben anfange Und mir scheint man muss antworten es geschehe

sowie er Empfindung hat

    Theophilus Ich bin derselben Ansicht aber das ist ein etwas eigentümlicher

Grundsatz ich glaube nämlich dass wir niemals ohne Denken und auch niemals ohne

Empfindung sind Ich unterscheide nur zwischen Empfindungen und Gedanken denn

wir haben stets alle unsere Gedanken rein oder von den Sinnen unabhängig

bestimmt aber die Gedanken entsprechen immer irgend einer Empfindung

     25 Philalethes Leidend aber ist der Geist doch nur in der Wahrnehmung

der einfachen Vorstellungenwelche die Fundamente oder Materialien der

Erkenntnis sind während er tätig ist wenn er zusammengesetzte Vorstellungen

bildet

    Theophilus Wie kann er denn hinsichtlich der Wahrnehmung aller einfachen

Vorstellungen leidend sein da es nach Ihrem eigenen Geständnis einfache

Vorstellungen gibt deren Wahrnehmung aus der Reflexion stammt und der Geist

sich also wenigstens die Gedanken der Reflexion selbst gibt denn er ist es ja

doch welcher reflektiert Ob er sie sich versagen kann das ist eine andere

Frage ohne Zweifel kann er es nicht ohne irgend einen Grund der ihn auf

gegebene Veranlassung davon entfernt

    Philalethes Bis jetzt haben wir wie es scheint ex professo verhandelt

Nunmehr wo wir zu den Vorstellungen im einzelnen kommen wollen hoffe ich

werden wir miteinander einiger sein und nur in gewissen Besonderheiten

voneinander abweichen

    Theophilus Mich soll es freuen gescheite Männer an den Ansichten welche

ich für wahr halte teilnehmen zu sehen denn sie sind dazu angetan jenen

Geltung zu verschaffen und sie in das rechte Licht zu setzen

 
 






    Philalethes Ich hoffe also Sie werden mir darin beistimmen dass es einfache

und zusammengesetzte Vorstellungen gibt so liefern uns Warme und Weichheit im

Wachs und Kälte im Eise einfache Vorstellungen denn die Seele hat davon einen

einförmigen Begriffder nicht verschiedene Vorstellungen zerlegt werden kann.

    Theophilus Man kann glaube ich sagen dass diese empfindbaren

Vorstellungen dem Anscheins nach einfach sind weil sie dem Geiste nicht das

Mittel bieten das Verworrene zu unterscheiden was sie enthalten Das verhält

sich so wie wenn uns das Entfernte rund erscheint weil man die Ecken daran

nicht unterscheiden kann da man einen verworrenen Eindruck davon empfängt Es

ist zB offenbar dass das Grüne aus der Mischung des Blauen und Gelben

entsteht so kann man also auch glauben dass die Vorstellung des Grünen aus

diesen beiden Vorstellungen zusammengesetzt ist Und doch erscheint uns die

Vorstellung des Grünen ebenso einfach als die des Blauen oder die des Warmen

Also ist zu glauben dass diese Vorstellungen des Blauen oder des Warmen auch nur

dem Anscheine nach einfach sind Gleichwohl will ich gern dem zustimmen dass man

diese Vorstellungen als einfache behandelt weil unser Bewusstsein wenigstens sie

nicht teilte man muss aber in dem Maße als man sie verständlicher machen kann

aus anderen Erfahrungen und Gründen zu ihrer Analyse schreiten Und daraus sieht

man auch dass es Wahrnehmungen gibt deren man sich nicht bewusst ist. Denn die

Wahrnehmungen der scheinbar einfachen Vorstellungen sind zusammengesetzt aus den

Vorstellungen der Teile, aus denen jene Wahrnehmungen bestehen ohne dass der

Geist sich dessen bewusst ist, denn jene verworrenen Vorstellungen erscheinen ihm

als einfache

 
 






    Man kann nun die einfachen Vorstellungen nach den Mitteln ordnen welche uns

ihre Wahrnehmungen gewähren denn dies geschieht entweder 1 mittels eines

Sinnes oder 2 mittels mehr als eines Sinnes oder 3 durch die Reflexion oder

4 auf allen Wegen der Sinnlichkeit so gut wie durch die Reflexion Was die

anbetrifft welche durch einen einzigen Sinn uns zukommen der besonders dazu

angelegt ist sie aufzunehmen so kommen uns das Licht und die Farben einzig

durch die Augen zu alle Arten Geräusch Klänge und Töne durch die Ohren die

verschiedenen Geschmäcke durch den Gaumen und die Gerüche durch die Nase Die

Organe oder Nerven bringen sie zum Gehirn und wenn das eine oder andere dieser

Organe zerstört worden ist, können diese sinnlichen Empfindungen nur durch eine

Hintertür eingelassen werten Die wichtigsten Beschaffenheiten für das Gefühl

sind die Kälte die Wärme und die Dichtigkeit Die anderen bestehen entweder in

der Anordnung der sinnlich empfindbaren Teile die das Glatte und das Raue

oder in ihrer Verbindung die das Feste Weiche Harte Zerbrechliche ausmacht

    Theophilus Ich gebe was Sie sagen bereitwillig zu obgleich ich bemerken

könnte dass es nach dem Experiment des verstorbenen Mariotte über das fehlen des

Sehens an der Stelle des Gesichtsnerven scheint dass die Membranen mehr als die

Nerven die sinnliche Empfindung erhalten sowie dass es für das Hören und für

den Geschmack eine Hintertür gibt da die Zähne und der Scheitel dazu beitragen

einen Ton vernehmlich zu machen und die Geschmäcke sich wegen der inneren

Verbindungen dieser Organe einigermaßen durch die Nase erkennen lassen Aber

dies alles ändert hinsichtlich der Erklärung der Vorstellungen im Grunde nichts

Und was die fühlbaren Beschaffenheiten angeht so kann man sagen dass das Glatte

oder Raue und das Harte oder Weiche nur Modifikationen des Widerstandes oder

der Dichtigkeit sind

 
 



 


    Philalethes Sie werden zweifelsohne auch zugeben dass die Empfindung der

Dichtigkeit durch den Widerstand verursacht wird den wir an einem Körper

finden bis er die von ihm eingenommene Stelle verlassen hat wenn ein anderer

Körper wirklich dieselbe hinnimmt Also nenne ich Dichtigkeit das was das

Nachgeben zweier Körper wenn sie sich gegeneinander bewegen verhindert Findet

jemand es passender es Undurchdringlichkeit zu nennen so habe ich auch nichts

dagegen Aber ich glaube dass der Ausdruck Dichtigkeit etwas Bestimmteres

bedeutet Diese Vorstellung scheint die wesentlichste und dem Körper am engsten

verbundene und man kann sie nur in der Materie finden

    Theophilus Allerdings finden wir bei der Berührung Widerstand wenn es

einem anderen Körper Mühe kostet dem unserigen Platz zu machen und es

widerstrebt allerdings auch den Körpern, an einem und demselben Orte zusammen zu

sein Dennoch zweifeln manche an der Unüberwindlichkeit dieses Widerstandes und

freilich ist es nicht unwichtig zu bemerken dass der Widerstand den die Materie

leistet von verschiedener Art sein und aus sehr verschiedenen Ursachen

herrühren kann Ein Körper leistet dem anderen Widerstand wenn er entweder den

schon eingenommenen Platz räumen muss oder wenn er einen Platz in welchen er zu

treten bereit war deswegen nicht einnehmen kann weil auch ein anderer in ihn

zu treten sich bestrebte in welchem Falle es sich ereignen kann dasswenn der

eine dem anderen nicht weicht sie beide stille stehen oder sich einander

zurückstoßen Der Widerstand wird in der Veränderung dessen erkannt dem

Widerstand geleistet wird sei es dass er von seiner Kraft verliert sei es dass

er seine Richtung ändert sei es dass beides zu gleicher Zeit eintritt Nun kann

man im allgemeinen sagen dass dieser Widerstand daher kommt dass zwischen zwei

Körpern ein Widerstreben an demselben Orte zu sein stattfindet welches man

Undurchdringlichkeit nennen könnte Wenn also der eine in einen Ort zu treten

sich bestrebt so bestrebt er sich zugleich den anderen daraus zu verdrängen

oder ihn am Eintritt zu hindern Aber diese Art von Unverträglichkeit welche

den einen vor dem anderen oder beide zusammen weichen macht einmal

vorausgesetzt gibt es außer diesem noch mehrere andere Gründe aus welchen ein

Körper dem welcher ihn zu verdrängen strebte Widerstand leistet Sie liegen

entweder in ihm selbst oder in den benachbarten Körpern Deren die in ihm

selbst liegen gibt es zwei der eine ist passiv und immerwährend der andere

tätig und wechselnd Der erste ist das was ich nach Kepler und Descartes die

Trägheit nenne welche Ursache ist dass die Materie der Bewegung widersteht und

man Kraft verlieren muss um einen Körper zu bewegen wenn weder Schwere noch

Anhaften dabei stattfände So muss ein Körper, welcher einen anderen zu

verdrängen strebt deswegen einen sollen Widerstand erfahren Die andere

Ursache welche tätig und wechselnd ist besteht in der Impetuosität dem

Bewegungsdrang des Körpers selbst der nicht weicht ohne einem Augenblick dass

seine eigene Impetuosität ihn in einen Ort treibt Widerstand zu leisten

Dieselben Gründe finden auch für die benachbarten Körper statt wenn der Körper,

welcher widerstrebt nicht weichen kann ohne noch andere weichen zu machen

Aber dabei kommt dann noch eine andere Beobachtung in Betracht nämlich die der

Festigkeit oder des Umstandes dass ein Körper dem anderen anhaftet Dies

Anhaften ist häufig die Ursache, dass man einen Körper nicht forttreiben kann

ohne zu gleicher Zeit einen anderen ihm anhaftenden mit zu bewegen was

hinsichtlich dieses anderen eine Art von Anziehung ergibt Dies Anhaften macht

auch dass selbst dann noch wenn man die bemerkbare Trägheit und Impetuosität

beiseite setzen wollte Widerstand da sein würde denn hat man sich den Raum von

einer vollkommen flüssigen Materie voll gedacht und setzt einen einzigen festen

Körper hinein vorausgesetzt dass in der Flüssigkeit weder Trägheit noch

Impetuosität statthat so wird er ohne irgend einen Widerstand zu finden

darin bewegt werden war aber der Raum voll kleiner Würfel so würde der

Widerstand den der fest zwischen den Würfeln zu bewegende Körper finden würde

daher kommen dass die kleinen harten Würfel eben ihrer Härte wegen oder wegen

des Anhaftens ihrer Teile aneinander sich nur mühsam soviel als nötig ist

teilen würden um einen Bewegungskreis zu bilden und den Platz des beweglichen

Körpers sobald er weiterrückt auszufüllen Wenn aber beide Körper zu gleicher

Zeit in eine zu beiden Seiten offene Röhre an den beiden Enden einträten und die

Höhlung gleichmäßig erfüllten so würde die in dieser Röhre handliche

Flüssigkeit so flüssig sie auch sein möchte wessen ihrer Undurchdringlichkeit

allein Widerstand leisten Also muss man in dem Widerstand um den es sich hier

handelt die Undurchdringlichkeit der Körper, die Trägheit die Impetuosität und

das Anhaften in Betracht ziehen Allerdings kommt dies Anhaften der Körper

meiner Meinung nach aus einer feineren Bewegung des einen Körpers gegen den

anderen her aber da dies ein bestreitbarer Punkt ist so muss man ihn nicht von

vornherein voraussetzen Und aus demselben Grunde darf man ebensowenig von

vornherein voraussetzen dass es eine ursprüngliche wesentliche Dichtigkeit gibt

welche dem Körper den von ihm eingenommenen Raum immer gleich macht dh dass

die Unverträglichkeit oder um richtiger zu reden die Unmöglichkeit der Körper,

an demselben Ort zu sein eine vollständige Undurchdringlichkeit istwelche

kein Mehr und kein Weniger zulässt während mehrere behaupten dass die sinnlich

empfindbare Dichtigkeit von dem Widerstreben der Körper, sich an demselben Orte

zu beenden kommen kann die aber nicht unüberwindlich zu sein braucht Denn

alle die gewöhnlichen Peripatetiker und manche andere glauben dass eine und

dieselbe Materie mehr oder weniger Raum einnehmen kann was sie Verdünnung und

Verdichtung nennen und zwar nicht bloß eine scheinbare wie wenn man durch das

Zusammendrücken eines Schwammes das Wasser heraustreibt sondern eine ganz

eigentliche wie die Schule sie sich hinsichtlich der Luft denkt Ich bin zwar

nicht dieser Ansicht finde aber nicht dass man von vornherein die

entgegengesetzte Ansicht voraussetzen darf da die Sinne ohne Vernunftgebrauch

nicht hinreichen um diese vollständige Undurchdringlichkeit auszumachen welche

ich wohl für richtig in der Ordnung der Natur halte die man aber durch die

sinnliche Empfindung allein nicht kennen lernt Auch könnte jemand behaupten

dass der Widerstand der Körper beim Zusammendrücken von einer Anstrengung

herkomme mit welcher die Teile wenn sie nicht ihre ganze Freiheit haben sich

auszudehnen streben Um diese Eigenschaften noch zu beweisen helfen übrigens

die Augen viel indem sie dem Gefühl zu Hilfe kommen Und im Grunde begreift man

die Dichtigkeit sofern sie einen deutlich bestimmten Begriff gibt durch die

bloße Vernunft obgleich die Sinne der Vernunft das Beweismittel liefern dass

sie in der Natur vorkommt

     4 Philalethes Wir sind wenigstens darüber einig dass die Dichtigkeit

eines Körpers bedeutet er erfülle den von ihm eingenommenen Platz dergestalt

dass er jeden anderen Körper schlechthin davon ausschließt wenn er nicht einen

Platz finden kann wo er vorher nicht war während die Härte oder vielmehr die

Konsistenz welche einige Festigkeit nennen eine enge Vereinigung gewisser

Teile der Materie ist die in der Weise Haufen von sinnlich wahrnehmbarem Umfang

bilden dass die ganze Masse ihre Gestalt nicht leicht verändert

    Theophilus Diese Konsistenz wie ich bereits bemerkt habe ist eigentlich

das was einen Teil eines Körpers ohne den anderen zu bewegen erschwert

dergestalt dasswenn man den einen anstößt es vorkommt dass der andere der

nicht angestoßen ist und gar nicht in die Richtungslinie fällt

nichtsdestoweniger auch nach derselben Seite hin durch eine Art von Anziehung

sich zu bewegen veranlasst ist und ferner wenn dieser letztere Teil einem

Hindernis begegnet das ihn zurückhält oder zurückstößt so zieht oder hält er

auch den ersteren zurück und zwar ist dies stets wechselseitig Dasselbe

begegnet mitunter zweien Körpern die sich nicht berühren und keinen

zusammenhängenden Körper bilden wovon sie zusammenhängende Teile wären und

dennoch macht der Anstoß des einen dass der andere ohne Anstoß sich bewegt

soweit die Sinne es erkennbar machen Davon geben der Magnet die elektrische

und diejenige Anziehung welche man früher der Furcht vor dem leeren Raum

zuschrieb Beispiele ab

    Philalethes Wie es allgemein scheint sind das Harte und das Weiche

Bezeichnungen welche wir den Dingen nur hinsichtlich unserer besonderen

Körperbeschaffenheit beizulegen pflegen

    Theophilus Auf diese Art würden aber viele Philosophen ihren Atomen nicht

die Härte zuschreiben Der Begriff der Härte hängt nicht von den Sinnen ab und

man kann deren Möglichkeit durch die Vernunft begreifen obgleich wir auch durch

die Sinne überzeugt werden dass sie sich tatsächlich in der Natur vorfindet

Indessen würde ich den Ausdruck Festigkeit wenn es mir erlaubt wäre mich

desselben in diesem Sinne zu bedienen dem der Härte vorziehen denn es gibt

immer noch einige Festigkeit auch in den weichen Körpern Ich suche sogar ein

noch bequemeres und allgemeineres Wort wie Konsistenz oder Kohäsion Also würde

ich das Harte dem Weichen und das Feste dem Flüssigen gegenüber setzen denn das

Wachs ist weich aber ohne durch die Hitze geschmolzen zu werden ist es nicht

flüssig und bewahrt seine Gestalt und in den Flüssigkeiten sogar gibt es

gewöhnlich Kohäsion wie die Wasser und Quecksilbertropfen zeigen Ich bin auch

der Meinung dass alle Körper einen gewissen Grad von Kohäsion haben ebenso wie

ich glaube dass es keine Körper gibt welche nicht eine gewisse Flüssigkeit

enthalten und deren Kohäsion unüberwindlich wäre so dass nach meiner Ansicht die

Atome Epikurs deren Härte als unüberwindlich vorausgesetzt wird ebensowenig

statthaben können als die vollständig flüssige feine Materie der Kartesianer

Aber es ist hier nicht der Ort diese Ansicht zu rechtfertigen oder die Ursache

der Kohäsion aufzuklären

    Philalethes Die vollkommene Dichtigkeit der Körper scheint sich aus der

Erfahrung rechtfertigen zu lassen So drang das Wasser da es nicht ausweichen

konnte durch die Poren einer hohlen goldenen Kugel worin man es

eingeschlossen hindurch als man diese Kugel zu Florenz unter die Presse

brachte

    Theophilus Aber die Folgerung welche Sie aus diesem Experiment und dem

ziehen was dem Wasser geschehen ist lässt sich noch etwas sagen Auch die Luft

ist ein Körper so gut wie das Wasser und ist gleichwohl wenigstens ad sensum

für den Sinn zusammendrückbar und diejenigenwelche eine eigentliche

Verdünnung und Verdichtung aufrechterhalten wollen werden sagen dass das Wasser

schon zu sehr zusammengedrückt ist um unseren Maschinen zu weichen wie eine

sehr zusammengedrückte Luft auch einer weiteren Pressung Widerstand leisten

würde Ich gestehe andererseits dennoch zu dasswenn man eine kleine

Veränderung des Volumens am Wasser bemerken würde man sie der darin

eingeschlossenen Luft zuschreiben müsste ohne auf die Streitfrage ob das reine

Wasser nicht selbst zusammendrückbar ist wie man es ausdehnbar findet wenn es

verdunstet gegenwärtig einzugehen bin ich im Grunde doch der Ansicht derer

welche glauben dass die Körper vollkommen undurchdringlich sind und dass alle

Verdichtung und Verdünnung nur scheinbar ist Aber Experimente dieser Art sind

so wenig imstande es zu beweisen wie die Röhre Toricellis oder die Maschine

Guerickes genügen um einen vollkommen leeren Raum nachzuweisen

    Philalethes Wäre der Körper im eigentlichen Sinne verdünnbar und

verdichtbar so könnte er sein Volumen oder seine Ausdehnung ändern aber da

dies nicht der Fall ist, so wird er immer in demselben Raume gleich und seine

Ausdehnung dennoch stets von der des Raumes bestimmt unterschieden sein

    Theophilus Der Körper könnte eine ihm eigene Ausdehnung haben aber daraus

folgt nicht dass sie immer bestimmt oder demselben Raume gleich wäre Obgleich

man indessen wenn man den Körper denkt allerdings etwas mehr als den bloßen

Raum denkt so folgt daraus doch keineswegs dass es zwei Ausdehnungen gibt die

des Raumes und die des Körpers, denn das wäre wie wenn man indem man mehrere

Dinge zugleich denkt noch etwas mehr als die Zahl nämlich die res numeratas

gezählten Dinge begriffe während es doch nicht zwei Mehrheiten gibt die eine

abstrakte nämlich die der Zahl die andere konkrete nämlich die der gezählten

Dinge Ebenso kann man sagen dass man sich nicht zwei Ausdehnungen in der

Einbildung vorstellen darf die eine abstrakte des Raumes und die andere

konkrete des Körpers indem die konkrete nur durch die abstrakte eine solche ist

Und wie der Körper von einer Stelle des Raumes zur anderen übergehen nämlich in

ihrer Ordnung untereinander wechseln so gehen auch die Dinge von einer Stelle

der Ordnung oder der Zahl zur anderen über wenn zB das erste das zweite wird

und das zweite das dritte usw In der Tat sind Zeit und Raum nur Weisen der

Ordnung und in diesen Ordnungen würde der freie Platz den man in Bezug auf den

Raum das Leere nennt wenn es einen solchen gäbe nur die Möglichkeit dessen

bezeichnen was in Bezug auf die Wirklichkeit fehlt

    Philalethes Ich bin immer sehr erfreut wenn Sie mit mir im Grunde darin

eins sind dass die Materie im Volumen sich nicht verändert Sie scheinen mir

aber zu weit zu gehen wenn Sie nicht zwei Ausdehnungen anerkennen und den

Kartesianern sich zu nähern welche den Raum von der Materie gar nicht

unterscheiden Wenn sich nun Leute fänden welche diese deutlichen Vorstellungen

vom Raume und der ihn füllenden Dichtigkeit nicht hätten sondern sie

vermischten und daraus nur eine machten so sehe ich nicht wie dieselben sich

mit den anderen verständigen könnten Sie verhielten sich wie der Blinde in

Hinsicht auf einen anderen Menschen der ihm von der Scharlachfarbe spricht

sich verhalten würde während dieser Blinde glaubte sie gleiche dem Ton einer

Trompete

    Theophilus Ich nehme aber zugleich an dass die Vorstellungen der Ausdehnung

und der Dichtigkeit nicht wie die des Scharlachs in einem undenkbaren Etwas

bestehen Gegen die Ansicht der Kartesianer unterscheide ich Ausdehnung und

Materie Indessen glaube ich nicht dass es zwei Ausdehnungen gibt und da

diejenigenwelche über die Verschiedenheit der Ausdehnung und der Wichtigkeit

miteinander streiten über diesen Gegenstand in mehreren Wahrheiten

übereinkommen und bestimmte Begriffe haben so können sie dadurch das Mittel

finden ihre Uneinigkeit fahren zu lassen So sollte die angebliche

Misshelligkeit über die Vorstellungen ihnen nicht zum Vorwande dienen die

Streitigkeiten zu verewigen wie ich weiß dass einige Kartesianer die doch

sonst recht gescheit sind sich hinter ihren vermeinten Vorstellungen zu

verschanzen die Gewohnheit haben Wenn sie sich jedoch des von mir vordem

angegebenen Mittels bedienen wollten um die Richtigkeit und Unrichtigkeit der

Vorstellungen zu erkennen wovon wir auch in der Folge reden werden so würden

sie ihren unhaltbaren Standpunkt verlassen

 
 




    Philalethes Die Vorstellungen, deren Wahrnehmung aus mehr als einem Sinne

stammt sind die des Raumesder Ausdehnung, der Gestalt der Bewegung und der

Ruhe

    Theophilus Diese Vorstellungenvon denen man sagt dass sie aus mehr als

einem Sinne stammen wie die des Raumes, der Gestalt der Bewegung, stammen für

uns vielmehr aus dem Gemeinsinn her dh aus dem Geiste selbst denn sie sind

Vorstellungen des reinen Verstandes die sich aber auf das Äußere beziehen und

deren wir durch die Sinne uns bewusst werden auch sind sie fähig definiert und

nachgewiesen zu werden

 
 






    Philalethes Die einfachen Vorstellungenwelche aus der Reflexion stammen

sind die Vorstellungen des Verstandes und des Willens denn wir werden uns ihrer

nur bewusst indem wir über uns selbst reflektieren

    Theophilus Man kann zweifeln ob alle die Vorstellungen einfach sind denn

es ist zB klar dass die Vorstellung des Willens die des Verstandes in sich

schließt und die Idee der Bewegung die der Gestalt enthält

 
 






     1 Philalethes Es gibt einfache Vorstellungenwelche im Geiste auf allen

Wegen der sinnlichen Empfindung und auch der Reflexion zum Bewusstsein gelangen

nämlich der Lust der Schmerz die Kraft das Dasein und die Einheit.

    Theophilus Die Sinne scheinen uns ohne die Hilfe der Vernunft nicht von dem

Dasein der sinnlichen Dinge überzeugen zu können Auch möchte ich glauben dass

die Erwägung des Daseins aus der Reflexion stammt Die der Kraft und der Einheit

stammen auch aus der nämlichen Quelle und wie mir Einheit sind diese

Vorstellungen von einer ganz anderen Art als die Wahrnehmungen der Lust und des

Schmerzes

 
 





     2 Philalethes Was werden wir von den Vorstellungen der negativen

Eigenschaften sagen Mir scheint dass die Vorstellungen der Ruhe der Finsternis

und der Kälte ebenso positiv sind wie die der Bewegung, des Lichtes und der

Wärme Wenn man indessen diese Negationen als Ursachen der positiven

Vorstellungen hinstellt bin ich der gewöhnlichen Meinung aber im Grunde wird

es zu bestimmen schwer sein ob wirklich eine Vorstellung dabei istwelche aus

einer negativen Ursache stammt bis man nämlich bestimmt hat ob die Ruhe eher

als die Bewegung eine Negation ist

    Theophilus Ich hätte nicht geglaubt dass man an dem negativen Wesen der

Ruhe zu zweifeln Veranlassung haben könnte Es genügt dazu dass man die Bewegung

beim Körper aufhebt aber zur Bewegung genügt nicht dass man die Ruhe aufhebt

denn man muss noch etwas anderes hinzufügen um den Grad der Bewegung zu

bestimmen, weil es zu ihrem Wesen gehört davon mehr oder weniger zu erhalten

während alle Arten Ruhe gleich sind. Etwas anderes ist es von der Ursache der

Ruhe zu reden welche in der zweiten Materie oder Masse positiv sein muss Ich

möchte auch glauben dass selbst die Vorstellung der Ruhe negativ ist dh dass

sie nur in einer Negation besteht Allerdings ist die Handlung des Verneinens

etwas Positives

     9 Philalethes Da die Eigenschaften der Dinge die Vermögen sind in uns

die Wahrnehmung der Vorstellungen hervorzubringen so ist es zweckmäßig sie

voneinander zu unterscheiden Es gibt erste und zweite Eigenschaften Die

Ausdehnung, die Dichtigkeit die Gestalt die Zahl die Beweglichkeit sind

ursprüngliche und vom Körper untrennbare Eigenschaftenwelche ich erste nenne

     10 Aber zweite Eigenschaften nenne ich die Vermögen oder Kräfte des

Körpers, gewisse sinnliche Empfindungen in uns oder gewisse Wirkungen in anderen

Körpern hervorzubringen wie zB das Feuer im Wachs hervorbringt indem es

dasselbe schmelzt

    Theophilus Man könnte glaube ich sagen dasswenn die Kraft wohl zu

verstehen ist und deutlich erklärt werden kann, sie unter die ersten

Eigenschaften gerechnet werden müsse wenn sie aber nur sinnlich ist und nur

eine verworrene Vorstellung bietet wird man sie unter die zweiten Eigenschaften

setzen müssen

     11 Philalethes Diese ersten Eigenschaften zeigen wie die Körper

aufeinander wirken Nun wirken die Körper nur durch Anstoß wenigstens soweit

als wir es begreifen können denn unmöglich ist zu begreifen dass die Körper auf

das was sie nicht berühren wirken können was ebensoviel wäre als sich

einbilden der Körper könne wirken wo er nicht ist

    Theophilus Ich bin auch der Ansicht dass die Körper nur durch Anstoß

wirken Indessen liegt in dem soeben vernommenen Beweis noch eine Schwierigkeit

denn die Anziehung findet nicht immer ohne Berührung statt und man kann

berühren und fortbewegen ohne sichtbaren Anstoß wie ich oben als ich von der

Härte sprach gezeigt habe Wenn es die Atome des Epikur gäbe so würde ein

angestoßener Teil den anderen mit sich fortbewegen und ihn berühren indem er

ihn ohne Anstoß in Bewegung setzte und bei der gegenseitigen Anziehung der

einander naheliegenden Dinge kann man nicht sagen dass das was ein anderes mit

sich fortbewegt da wo es nicht ist wirkt Dieser Grund würde nur gegen die

Anziehung aus der Ferne streiten wie auch hinsichtlich dessen was man die

vires centripetas zentripetalen Kräfte nennt die von einigen Gelehrten

vorgebracht worden sind.

     13 Philalethes Gewisse Teile die auf eine gewisse Art unsere Organe

treffen verursachen in uns gewisse Empfindungen von Farben oder Geschmäcken

oder anderen sekundären Eigenschaftenwelche das Vermögen haben diese

Empfindungen hervorzubringen Und es ist nicht schwerer zu begreifen dass Gott

solche Vorstellungen wie die der Wärme mit Bewegungen verknüpfen könne mit

denen sie keine Ähnlichkeit haben als zu begreifen schwer ist dass er die

Vorstellung des Schmerzes mit der Bewegung eines Stückes Eisen verbunden hat

das unser Fleisch zerteilt einer Bewegung welcher der Schmerz in keiner Weise

gleicht

    Theophilus Man darf sich nicht einbilden dass diese Vorstellungen der Farbe

oder des Schmerzes willkürlich und ohne Beziehung oder natürliche Verbindung mit

ihren Ursachen sind mit so wenig Ordnung und Vernunft zu handeln ist nicht

Gottes Gewohnheit Ich möchte vielmehr sagen dass dabei eine Art von Ähnlichkeit

ist zwar keine gänzliche und sozusagen in terminis aber doch eine in Ausdruck

zu fassende oder eine Art von Beziehung der Anordnung wie eine Ellipse und

selbst eine Parabel oder Hyperbel in gewisser Beziehung dem Kreise gleichen

dessen Projektion auf der Ebene sie sind da zwischen dem was projiziert wird

und der Projektion die davon gemacht wird jeder Punkt des einen jedem Punkte

der anderen nach einer gewissen Beziehung entspricht Dies beachten die

Kartesianer nicht genüge und Sie haben diesmal ihnen mehr als gewöhnlich

nachgegeben und mehr als Grund dazu war

     15 Philalethes Ich nehme an was mir richtig erscheint und der

Augenschein lehrt dass die Vorstellungen der ersten Eigenschaften der Körper

diesen Eigenschaften gleichen aber dass die in uns durch die zweiten

Eigenschaften erzeugten Vorstellungen ihnen in keiner Weise gleichen

    Theophilus Ich habe eben bemerkt wie in Hinsicht der zweiten ebensogut als

in Hinsicht der ersten Eigenschaften Ähnlichkeit und genaue Beziehung

stattfindet Es ist ganz vernünftig dass die Wirkung ihrer Ursache entspreche

und wie kann man das Gegenteil versichern da man weder die sinnliche Empfindung

des Blauen noch die Bewegungen welche sie hervorrufen genau kennt Allerdings

gleicht der Schmerz nicht den Bewegungen einer Nadel er kann aber sehr wohl den

Bewegungen welche diese Nadel in unserem Körper verursacht gleichen und diese

Bewegungen in der Seele darstellen wie ich gar nicht zweite dass es der Fall

ist. Deswegen sagen wir auch dass der Schmerz in unserem Körper und nicht in der

Nadel ist Wir sagen aber das Licht ist im Feuer weil es im Feuer Bewegungen

gibt die zwar nicht auf bestimmte Art besonders wahrnehmbar sind aber deren

Vermischung oder Verbindung wahrnehmbar wird und durch die Vorstellung des

Lichtes sich uns darstellt

     21 Philalethes Wenn aber die Beziehung zwischen Gegenstand und

sinnlicher Empfindung natürlich wäre wie könnte es doch geschehen dass wie wir

in der Tat wahrnehmen das nämliche Wasser der einen Hand warm und der andern

kalt erscheinen kann Was auch zeigt dass die Wärme nicht mehr im Wasser ist

als der Schmerz in der Nadel

    Theophilus Das Angeführte zeigt höchstens dass die Wärme keine sinnlich

empfindbare Qualität oder Kraft istwelche ganz und gar für sich empfunden

werden kann, sondern dass sie sich auf die ihr angemessenen Organe bezieht denn

eine eigene Bewegung in der Hand kann sich damit verbinden und ihre Erscheinung

ändern Auch erscheint das Licht Augen von schlechter Beschaffenheit nicht und

wenn sie selbst schon von starkem Licht erfüllt sind ist ein schwächeres für

sie nicht mehr empfindbar Selbst die nach Ihrer Bezeichnung ersten

Eigenschaften zB die Einheit und die Zahl brauchen nicht immer in gehöriger

Weise zu erscheinen Denn wie schon Descartes erwähnt hat erscheint eine mit

den Fingern auf eine gewisse Art berührte Kugel doppelt und die fazettiert

geschliffenen Spiegel oder Gläser vervielfältigen den Gegenstand. Es folgt

daraus also nicht dass das was immer ebenso erscheint eine Beschaffenheit des

Gegenstandes sei und dass sein Bild ihm gleiche Und was die Wärme anbetrifft so

lässt sich wenn unsere Hand sehr heiß ist die mittlere Wärme des Wassers nicht

bemerken und mäßigt vielmehr die der Hand und das Wasser erscheint uns folglich

kalt wie das Salzwasser des Baltischen leeres wenn es mit dem Wasser des

Portugiesischen leeres gemischt wird dessen spezifischen Salzgehalt vermindert

obgleich das erstere selbst salzhaltig ist So kann man in einer Hinsicht sagen

dass die Wärme dem Wasser eines Bades angehört obgleich es jemand kalt

erscheinen kann wie der Honig schlechthin süß genannt wird und das Silber weiß

obgleich manchem Kranken der eine bitter das andere gelb erscheint denn die

Bezeichnung geschieht nach dem Gewöhnlichsten Dennoch bleibt es wahr dasswenn

das Organ und das Mittel gehörigermaßen beschaffen sind die inneren Bewegungen

und die der Seele sie darstellenden Vorstellungen den Bewegungen des

Gegenstandes gleichen welche die Farbe den Schmerz usw bewirken oder was

hierbei dasselbe ist, ihn durch einen ganz genauen Rapport ausdrücken obgleich

dieser Rapport uns nicht deutlich erscheint weil wir jene Menge kleiner

Eindrücke weder in unserer Seele noch in unserem Körper noch in dem was außer

uns ist voneinander unterscheiden können

     24 Philalethes Die Eigenschatten der Sonne das Wachs zu bleichen und zu

erweichen oder den Kot zu verhärten betrachten wir nur als einfache Kräfte

ohne in der Sonne etwas vorzustellen was dieser Weiße oder dieser Weichheit

oder dieser Härte gleicht die Wärme aber und das Licht werden gemeiniglich als

wirkliche Eigenschaften der Sonne betrachtet Erwägt man indessen die Sache

wohl so sind diese Eigenschaften des Lichts und der Wärme welche in mir

Wahrnehmungen sind auf keine andere Art in der Sonne als die im Wachs

hervorgebrachten Veränderungen wenn es gebleicht oder geschmolzen wird

    Theophilus Diese Lehre haben einige so weit getrieben dass sie uns haben

überreden wollen jemand der die Sonne berühren könne würde darin gar keine

Wärme finden Die nachgeahmte Sonne welche sich im Fokus eines Spiegels oder

eines Brennglases fühlbar macht kann diesen Irrtum widerlegen Was aber die

Vergleichung zwischen dem Vermögen des Erwärmens und dem des Schmelzens

anbetrifft so wage ich zu behaupten dasswenn das geschmolzene oder gebleichte

Wachs Empfindung hätte es auch etwas dem Ähnliches empfinden würde was wir

empfinden wenn die Sonne uns wärmt und wenn es könnte würde es sagen dass

die Sonne heiß sei  nicht weil seine Weiße der Sonne ähnlich ist denn wenn

die Gesichter von der Sonne gebrannt werden würde deren dunkle Farbe ihr auch

gleichen müssen sondern weil im Wachs Bewegungen geschehen welche zu den sie

verursachenden der Sonne eine Beziehung haben Seine Weiße könnte aus einer

anderen Ursache stammen aber nicht die Bewegungen welche es gehabt hat als es

jene von der Sonne empfing

 
 





     1 Philalethes Wir wollen jetzt zu den ReflexionsVorstellungen im

besonderen kommen Die Wahrnehmung ist das erste Vermögen der mit unseren

Vorstellungen beschäftigten Seele Sie ist auch die erste und einfachste

Vorstellungdie wir von der Reflexion empfangen Das Denken bezeichnet oft die

Wirkung des Geistes auf seine eigenen Vorstellungen wenn er tätig ist und etwas

mit einem gewissen Grad freiwilliger Aufmerksamkeit betrachtet aber in dem was

man Wahrnehmung nennt verhält der Geist sich gewöhnlich rein leidend da er

sich dessen bewusst zu sein nicht vermeiden kann wessen er sich augenblicklich

bewusst ist.

    Theophilus Vielleicht könnte man hinzufügen dass die Tiere Wahrnehmungen

haben und dass sie nicht notwendigerweise denken dh Reflexion oder das haben

was deren Gegenstand sein kann Wir haben auch selber schwache Wahrnehmungen

deren wir uns in unserem gegenwärtigen Zustand nicht bewusst werden Allerdings

könnten wir uns sehr wohl derselben bewusst werden und darauf reflektieren wenn

wir nicht durch deren Menge die uns zerstreut macht davon abgelenkt oder wenn

sie nicht durch stärkere verwischt oder vielmehr verdunkelt würden

     4 Philalethes Ich gestehe dasswenn der Geist stark damit beschäftigt

ist gewisse Gegenstände zu betrachten er sich in keiner Weise des Eindruckes

bewusst wird den gewisse Körper auf das Gehörorgan machen obgleich dieser

Eindruck ziemlich stark sein mag er bringt aber keine Wahrnehmung hervor wenn

die Seele nicht davon Notiz nimmt

    Theophilus Ich würde vorziehen zwischen Wahrnehmung und Bewusstsein zu

unterscheiden Die Wahrnehmung des Lichts oder der Farbe zB deren wir uns

bewusst sind ist aus einer Menge kleiner Wahrnehmungen zusammengesetzt deren

wir uns nicht bewusst sind und ein Geräusch von dem wir Wahrnehmung haben aber

auf das wir nicht achtgeben wird durch eine kleine Zugabe oder Vermehrung

fähig ins Bewusstsein zu fallen Denn wenn das was vorhergeht nicht auf die

Seele wirkte so würde diese kleine Zugabe auch nicht darauf wirken und das

Ganze auch nicht Ich habe diesen Punkt schon  11 12 15 usw des zweiten

Kapitels dieses Buches berührt

     8 Philalethes Es ist hier der Ort zu bemerken dass die Vorstellungen,

welche aus der Sinnlichkeit stammen bei Erwachsenen oft durch das Urteil des

Geistes, ohne dass sie sich dessen bewusst sind verändert werden Die Vorstellung

einer Kugel von gleichmäßiger Farbe stellt einen dachen Kreis von verschiedener

Schattierung und Beleuchtung dar Aber da wir die Bilder der Körper und die

Veränderungen der Lichtreflexe nach der Gestaltung ihrer Oberfläche zu

unterscheiden gewohnt sind so setzen wir an Stelle dessen was uns erscheint

die Ursache des Bildes selbst und verwechseln so das Urteil mit dem Anblick

    Theophilus Dies ist vollkommen wahr und darin besteht das Mittel der

Malerei uns durch den Kunstgriff einer richtig verstandenen Perspektive zu

täuschen Wenn die Ränder des Körpers platt sind so kann man sie darstellen

ohne Schatten anzuwenden indem man sich nur der Konturen bedient und die

Malereien einfach nach der Weise der Chinesen aber mit besserer Proportion als

jene entwirft Auf eben diese Art pflegt man Medaillen zu zeichnen damit der

Zeichner sich weniger von den genauen Zügen der Antiken entferne Aber genau

lässt sich das innere eines Kreises von dem Innern einer von diesem Kreise

begrenzten sphärischen Fläche ohne Hilfe von Schatten nicht unterscheiden da

das Innere des einen wie der anderen weder hervorstehende Punkte noch

unterscheidende Züge hat obgleich zwischen ihnen freilich ein sehr großer

bemerkenswerter Unterschied besteht Herr v Argues hat deswegen über die Stärke

der Farbentöne und Schatten eigene Vorschriften gegeben Wenn uns also ein

Gemälde täuscht so irren wir auf zweifache Art in unserem Urteil Zuerst

nämlich setzen wir die Ursache für die Wirkung und glauben das was die Ursache

des Bildes ist unmittelbar zu sehen worin wir ein wenig jenem Bunde gleichen

welcher gegen einen Spiegel anbellt Denn eigentlich sehen wir nichts weiter als

das Bild und werden nur von den Strahlen affiziert Da nun die Lichtstrahlen

eine wenn auch nur geringe Zeit bedürfen so ist es möglich dass der Gegenstand

in dieser Zwischenzeit zerstört und nicht mehr da ist wenn der Strahl zum Auge

gelangte was aber nicht mehr ist kann auch nicht ein dem Gesichte gegenwärtiger

Gegenstand sein Zweitens täuschen wir uns auch indem wir die eine Ursache für

die andere setzen und etwa glauben dass das was nur von einem dachen Gemälde

kommt von einem Körper abgeleitet sei dergestalt dass in diesem Falle unsere

Urteile zugleich eine Metonymie und eine Metapher begehen denn auch die

rhetorischen Figuren werden zu Sophismen wenn sie uns täuschen Diese

Verwechslung der Wirkung mit der Ursache, sei sie die wahre oder die vorgebliche

kommt auch sonst noch bei unseren Urteilen vor So glauben wir wenn wir unseren

Körper oder das, was ihn berührt fühlen oder wenn wir durch einen

unmittelbaren physischen Einguss unsere Arme bewegen dass darin die Verbindung

der Seele mit dem Körper erscheine während wir in Wahrheit nur das dabei fühlen

und verändern was in uns selbst enthalten ist.

    Philalethes Bei dieser Gelegenheit will ich Ihnen ein Problem vorlegen

welches der gelehrter Molineux der seinen herrlichen Geist so nützlich dem

Fortschritt der Wissenschaften widmet dem berühmten Locke mitgeteilt hat

Folgendes sind ungefähr seine eigenen Worte Denken wir uns einen

Blindgeborenen der jetzt erwachsen ist Diesen hat man gelehrt durch Berührung

einen Würfel von einer Kugel desselben Metalls und fast von gleicher Größe zu

unterscheiden so dass er wenn er den einen oder die andere berührt sagen kann

was der Würfel und was die Kugel ist Man nehme nun an dasswenn der Würfel und

die Kugel auf einen Tisch gesetzt sind dieser Blinde plötzlich das Glicht

erhalte Es fragt sich ob er sie nun wo er so sieht ohne sie zu berühren

unterscheiden und sagen kann dies ist der Würfel dies ist die Kugel Ich bitte

Sie mir Ihre Meinung darüber zu sagen

    Theophilus Diese Frage zu überlegen die mir sehr merkwürdig erscheint

würde ich mir Bedenkzeit ausbitten müssen da Sie mich aber sofort zu antworten

drängen will ich Ihnen aufs Geratewohl unter vier Augen als meine Ansicht

bekennen dass der blinde wenn er weiß das die von ihm erblickten zwei Figuren

die des Würfels und der Kugel sind sie wird unterscheiden und ohne sie zu

berühren sagen können dies ist die Kugel dies der Würfel

    Philalethes Ich fürchte man wird Sie unter diejenigen zählen müssen

welche Herrn Molineux falsch geantwortet haben Denn in dem diese Frage

enthaltenden Schreiben bemerkt er dass nachdem er sie bei Gelegenheit der

Lockeschen Schrift über den menschlichen Verstand verschiedenen höchst

scharfsinnigen Männern vorgelegt habe kaum einer ihm darauf so geantwortet

habe wie seiner Meinung nach darauf geantwortet werden muss wenngleich sie

sich nachdem sie seine Gründe vernommen von ihrem Irrtum überzeugt hätten Die

Antwort dieses scharfsinnigen und durchdringenden Schriftstellers ist

verneinend denn fügt er hinzu mag auch jeder Blinde durch Erfahrung gelernt

haben auf welche Weise die Kugel und der Würfel seinen Tastsinn affizieren so

weiß er doch noch nicht dass das was den Tastsinn auf diese oder jene Weise

affiziert den Augen so oder so erscheinen müsse noch dass die vorspringende

Ecke eines Würfels welche seine Hand auf ungleiche Weise drückt seinen Angen

so erscheinen müsse wie sie am Würfel erscheint Der Verfasser des Versuchs

erklärt dass er ganz derselben Ansicht ist

    Theophilus Vielleicht sind Molineux und der Verfasser des Versuchs über den

menschlichen Verstand von meiner Meinung nicht so weit entfernt als es von

vornherein scheint und die Gründe ihrer Ansicht in dem Briefe des ersteren

offenbar enthalten der sich derselben mit Erfolg bedient hat um die Leute von

ihrem Irrtum zu überzeugen sind im zweiten eigens unterdrückt worden um den

Lesern Übung des Nachdenkens zu verschalen Wenn Sie meine Antwort erwägen

wollen so werden Sie finden dass ich eine Bedingung hinzugefügt habe welche

man als in der Frage inbegriffen betrachten kann dass es sich nämlich nur um die

Unterscheidung handle und dass der Blinde wisse dass die beiden Körper die er

unterscheiden soll vor ihm seien und dass somit von den beiden Erscheinungen

welche er sieht die eine die des Würfels oder die andere die der Kugel sei In

diesem Falle scheint es mir unzweifelhaft dass der Blinde welcher blind zu sein

aufgehört hat sie durch die Grundsätze der Vernunft unterscheiden kann wenn er

diese mit dem was ihm an sinnlicher Erkenntnis der Tastsinn vorher geliefert

hat verbindet Denn ich rede nicht von dem was er in der Tat und auf der

Stelle tun wird da er vielleicht durch die Neuheit geblendet und verwirrt oder

sonst wenig daran gewöhnt ist Schlüsse zu ziehen Der Grund meiner Ansicht ist

dass bei der Kugel an ihrem Rande keine hervortretenden Punkte vorkommen da

alles daran einförmig und ohne Ecken ist während an dem Würfel acht von allen

andern unterschiedene Punkte sind Gäbe es nicht dies Mittel die Gestalten zu

unterscheiden so könnte ein Blinder nicht die Anfangsgründe der Geometrie durch

den Tastsinn lernen Gleichwohl sehen wir dass die geborenen Blinden imstande

sind die Geometrie zu erlernen und sie besitzen sogar immer gewisse

Anfangsgründe einer natürlichen Geometrie und dass man meistens die Geometrie

bloß durch den Blick erlernt ohne sich des Tastsinns zu bedienen wie ein

Gelähmter oder jemand dem das Tasten so gut wie versagt ist es machen könnte

und müsste Und diese zwei Arten der Geometrie nun die des Blinden und des

Gelähmten müssen sich begegnen und zueinander stimmen und sogar auf dieselben

Vorstellungen zurückkommen obgleich sie keine gemeinsamen Bilder haben Dies

lässt auch erkennen wie man die Bilder und die in Definitionen gefassten genau

bestimmten Vorstellungen unterscheiden muss Es würde in der Tat etwas sehr

Merkwürdiges und Unterrichtendes sein die Vorstellungen eines blind Geborenen

wohl zu untersuchen und die Beschreibungen die er von den Gestalten macht zu

vernehmen Denn so weit kann er kommen und selbst die Wissenschaft der Optik

verstehen insofern sie von deutlichen und mathematischen Vorstellungen abhängig

ist, obschon er nicht dazu gelangen kann zu begreifen was gebrochenes Licht

ist dh das Bild des Lichts und der darben Deshalb antwortete ein gewisser

blind Geborener nachdem er Unterricht in der Optik gehabt hatte den er wohl zu

verstehen schien jemand der ihn nach seiner Meinung über das Licht fragte dass

er sich einbilde es müsse etwas Angenehmes sein wie der Zucker Es würde sogar

sehr wichtig sein die Vorstellungen zu prüfen welche ein taubstumm Geborener

von den nicht mit Gestalt versehenen Dingen haben kann von denen wir die

Beschreibung gewöhnlich in Worten haben und die er auf eine durchaus

verschiedene Art haben muss obgleich sie mit der unserigen gleiche Geltung haben

mag wie die Schrift der Chinesen eine unserem Alphabete gleiche Bedeutung hat

obgleich sie davon unendlich verschieden ist und durch einen Tauben erfunden zu

sein scheinen könnte Ich erfahre durch die Güte eines großen Fürsten dass in

Paris ein geborener Taubstummer der endlich den Gebrauch der Ohren

wiedererlangt und gegenwärtig das Französische gelernt hat denn man hat ihn vor

kurzem von seifen des französischen Hofes kommen lassen sehr merkwürdige Dinge

über die Vorstellungendie er in seinem früheren Zustand hatte und über die

Veränderung seiner Vorstellungen als der Gehörsinn geübt zu werden anfing

erzählen kann Diese geborenen Taubstummen können weiter kommen als man denkt

Es gab einen solchen zu Oldenburg zur Zeit des letzten Grafen der ein guter

Maler geworden war und sich auch sonst sehr intelligent zeigte Ein großer

Gelehrter von Geburt ein Bretone hat mir erzählt dass es 10 französische

Meilen von Nantes zu Blainville das dem Herzog von Rohan gehört ungefähr um

1690 einen Armen gab der in einer Hütte nahe am Schloss vor der Stadt wohnte

und ein geborener Taubstummer Briefe und andere Gegenstände in die Stadt trug

Er fand die Häuser indem er gewissen Zeichen folgte welche ihm die Leute

gaben die ihn zu benutzen pflegten Endlich wurde der arme Mensch noch blind

hörte aber nicht auf gewisse Dienste zu leisten und die Briefe in die Stadt zu

tragen auf das hin was man ihm durch den Tastsinn bemerklich machte Er hatte

in seiner Hütte ein Brett welches von der Tür bis zu dem Orte lief wo er die

Füße hatte und das ihm durch die Bewegung, welche es empfing erkennen ließ ob

jemand bei ihm eintrat Es ist eine große Nachlässigkeit sich nicht eine genaue

Kenntnis der Weise wie solche Menschen denken zu verschaffen Wenn er nicht

mehr lebt so würde allem Anschein nach jemand an Ort und Stelle noch darüber

Nachricht geben und uns wissen lassen können wie man ihm das was er ausführen

sollte bezeichnete Aber um auf das zurückzukommen was jener Blindgeborene

der zu sehen anfängt von der Kugel und dem Würfel urteilen würde wenn er sie

sieht ohne sie zu berühren so antworte ich dass er sie wie ich eben gesagt

habe unterscheiden werde wenn ihm jemand angibt dass die eine oder die andere

Erscheinung oder Wahrnehmung die er davon hat der Kugel oder dem Würfel

zukommt aber ohne diese vorgängige Anweisung wird er gestehe ich nicht

sogleich darauf verfallen zu denken dass diese Arten von Bildern welche er sich

in der Tiefe seiner Angen davon macht und die von einer dachen Zeichnung auf dem

Tische herrühren können Körper darstellen bis der Tastsinn ihn davon

überzeugt oder er infolge des Nachdenkens über die Strahlen auf Grund der Optik

durch die Lichter und Schatten begreifen wird dass etwas da sein muss was diese

Strahlen aufhält und dass dies gerade das sein muss was ihm beim Betagten bleibt

 dann wird er endlich dazu gelangen wenn er diese Kugel und diesen Würfel sich

wird bewegen sehen und der Bewegung gemäß Schatten und Erscheinungen wechseln

oder selbst dann wenn das Licht das diese Körper erleuchtet während sie

selbst in Ruhe verharren seinen Platz wechselt oder seine Augen in ihrer Lage

sich ändern Denn das sind ungefähr die Mittel mit denen wir von fern ein Bild

oder eine Perspektive die einen Körper darstellt von dem wirklichen Körper

unterscheiden können

     11 Philalethes Kommen wir nun zur Wahrnehmung im allgemeinen Sie

unterscheidet die Tiere von den niedrigen Wesen

    Theophilus Ich bin zu glauben geneigt dass auch die Pflanzen eine gewisse

Wahrnehmung und Begehrung haben der großen Analogie wegen die zwischen den

Pflanzen und Tieren obwaltete gibt es wie die allgemeine Meinung ist eine

Pflanzenseele so muss diese Wahrnehmung haben Indessen schreibe ich doch alles

was in dem Körper der Pflanzen und Tiere geschieht dem Mechanismus zu  ihre

erste Bildung ausgenommen Ich gebe also zu dass diejenige Bewegung der Pflanze

welche man sensitiv nennt vom Mechanismus stammt und billige es nicht wenn

man zur Seele seine Zuflucht nimmt sobald es sich darum handelt die

Erscheinungen bei Pflanzen und Tieren im einzelnen zu erklären

     14 Philalethes Ich kann mich selbst nicht enthalten zu glauben dass

solche Tierarten wie die Austern und Muscheln sind nur einige schwache

Wahrnehmung haben denn lebhafte Empfindungen würden ein Tier nur belästigen

das gezwungen ist stets an dem Orte zu bleiben wohin der Zufall es gesetzt hat

und wo es von kaltem oder warmem Wasser reinem oder trübem je nachdem es zu

ihm gelangt benetzt wird

    Theophilus Ganz recht und ich glaube dass man fast dasselbe von den

Pflanzen sagen kann was aber den Menschen anbetrifft so sind seine

Wahrnehmungen von dem Reflexionsvermögen begleitet welches sobald sich dazu

Gelegenheit bietet in Wirksamkeit tritt Wenn er aber in einen Zustand

verfällt wo er wie in einer Lethargie und fast ohne Empfindung sich beendet

hören Reflexion und Bewusstsein auf und man denkt dann nicht mehr an die

allgemeinen Wahrheiten Die angebotenen und erworbenen Fähigkeiten und

Dispositionen und selbst die Eindrücke welche man in diesem Zustand der

Verwirrung empfängt hören indes darum doch nicht auf und verwischen sich nicht

obwohl man sie vergisst sie können selbst an die Reihe kommen um einmal zu

einer merkbaren Wirkung beizutragen denn in der Natur ist nichts unnütz jede

Verwirrung muss sich lösen die lebendigen Wesen sogar nachdem sie in einen

Zustand der Stumpfheit gelangt sind müssen wieder einmal zu höheren

Wahrnehmungen zurückkehren und da die einfachen Substanzen immer währen darf

man nicht aus der Erfahrung einiger Jahre über die Ewigkeit urteilen

 
 





     1 2 Philalethes Das andere Geistesvermögen wodurch derselbe in der

Erkenntnis der Dinge mehr vorwärts kommt als durch die bloße Wahrnehmung ist

das was ich das Behalten nenne Dies bewahrt die durch die Sinne oder die

Reflexion empfangenen Erkenntnisse Das Behalten geschieht auf zwei Weisen

indem man die gegenwärtige Vorstellung behält was ich Betrachtung 

contemplation nennen und indem man die Möglichkeit bewahrt sie die

Vorstellungen, wieder vor den Geist zurückzuführen das was ich das Gedächtnis

nenne

    Theophilus Man behält auch und betrachtet kontempliert die angeborenen

Erkenntnisse und kann sehr oft das Angeborene vom Erworbenen nicht

unterscheiden Es gibt auch eine Wahrnehmung der Bilder sowohl derer welche

uns schon einige Zeit innewohnen als derer die sich neu in uns bilden

     2 Philalethes Unsere Partei glaubt dass diese Bilder oder Vorstellungen

etwas zu sein aufhören wenn sie nicht mehr tatsächlich bemerkt werden und dass

die Behauptung von im Gedächtnis aufbewahrten Vorstellungen im Grunde nichts

anderes bedeutet als dass die Seele bei verschiedenen Gelegenheiten die Macht

hat Wahrnehmungen wieder zu erwecken welche sie schon mit einer Empfindung

gehabt hat durch welche sie zugleich überzeugt sein kann solcherlei

Wahrnehmungen bereits früher gehabt zu haben

    Theophilus Wenn die Vorstellungen nur die Normen oder Gestalten der

Gedanken wären so würden sie mit ihnen aufhören Sie haben aber selbst

anerkannt dass sie deren innere Gegenstände sind und auf diese Art bestehen

bleiben können Ich wundern mich wie Sie immer von diesen bloßen Vermögen oder

Fähigkeiten reden können welche Sie bei den Schulphilosophen sicherlich

verwerfen würden Man müsste ein wenig deutlicher erklären worin diese Fähigkeit

besteht und wie sie ausgeübt wird dies würde zeigen dass es Dispositionen gibt

welche Reste der früheren Eindrücke sowohl in der Seele als im Körper sind

deren man sich aber nur dann bewusst ist, wenn das Gedächtnis dazu Anlass findet

Und wenn nichts von den früheren Gedanken übrig bliebe sobald man nicht mehr

daran denkt so würde es nicht möglich sein zu erklären wie man das Andenken

daran bewahren kann deswegen heißt auf jene bloße Fähigkeit zurückgehen etwas

Unverständliches behaupten

 
 






     1 Philalethes Von der Unterscheidung der Vorstellungen hängt die Evidenz

und Gewissheit mehrerer Sätze ab die für angeborene Wahrheiten gelten

    Theophilus Ich gebe zu dass man um diese angeborenen Vorstellungen zu

denken und klar einzusehen Unterscheidung nötig hat darum hören sie aber nicht

auf angeboren zu sein

     2 Philalethes Die Lebendigkeit des Geistes nun besteht darin,

Vorstellungen sich schnell zu vergegenwärtigen aber es gehört Urteil dazu sie

sich deutlich zu vergegenwärtigen und genau voneinander zu unterscheiden

    Theophilus Vielleicht ist das eine oder das andere Lebendigkeit der

Einbildungskraft und besteht das Urteil in der vernunftgemäßen Prüfung der

Sätze

    Philalethes Ich stehe dieser Unterscheidung von Geist und Urteil gar nicht

fern Mitunter besteht das Urteil darin es nicht zu sehr anzuwenden Es wäre

zB für manche geistreiche Gedanken gewissermaßen ein Schaden wenn man sie

nach den strengen Regeln der Wahrheit und des triftigen Urteils prüfen wollte

    Theophilus Das ist eine gute Bemerkung Geistreiche Gedanken müssen eine

gewisse wenigstens scheinbare Begründung in der Vernunft haben aber man muss

sie nicht mit allzugroßer Ängstlichkeit zerlegen wie man ein Gemälde nicht

allzunahe betrachten darf In diesem Punkte scheint mir P Bonhours mehr als

einmal in seinem Buche über die Art und Weise über Werke des Geistes richtig zu

denken zu fehlen wie wenn er das schöne Wortspiel des Lucan verächtlich

behandelt Victrix causa Diis placuit sed victa Catoni

     4 Philalethes Ein anderes Verfahren des Geistes hinsichtlich seiner

Vorstellungen ist die Vergleichung zwischen einer Vorstellung und einer zweiten

in Absicht der Ausdehnung, der Grade der Zeit des Ortes oder irgend eines

anderen Umstandes davon hängt jene große Zahl von Vorstellungen ab die unter

der Benennung der Relation Beziehung begriffen werden

    Theophilus Meinem Sinne nach ist die Relation Beziehung allgemeiner als

die Vergleichung Denn die Relationen sind entweder Beziehungen der Vergleichung

oder des Zusammenhanges Die ersten betroffen die Übereinstimmung oder

Nichtübereinstimmung ich nehme diese Ausdrücke in einem weniger ausgedehnten

Sinne was die Ähnlichkeit Gleichheit Ungleichheit usw umfasst Die anderen

beziehen sich auf irgendeine Verknüpfung wie der Ursache und Wirkung, des

Ganzen und der Teile, der Lage Ordnung usw

     6 Philalethes Die Zusammenstellung der einfachen Vorstellungen zu

zusammengesetzten ist auch noch eine Vefahrungsweise unseres Geistes Man kann

darauf das Vermögen beziehen die Vorstellungen zu erweitern indem man

diejenigen verbindet welche von derselben Art sind wie wenn man zB aus

mehreren Einheiten ein Dutzend bildet

    Theophilus Ohne Zweifel ist auch die eine ebensogut zusammengesetzt wie die

andere aber die Zusammenstellung gleicher Vorstellungen ist einfacher als die

verschiedener

     7 Philalethes Eine Hündin ernährt wohl junge Füchse schwatzt mit ihnen

und hat für sie ganz dieselbe Leidenschaft wie für ihre Zungen wenn man es nur

bewirken kann dass die Füchslein ganz wie es sein muss an ihr sangen damit die

Milch sich durch ihren ganzen Körper verbreitet Auch scheint es nicht dass die

Tiere welche mehrere Zungen zu gleicher Zeit haben irgend eine Kenntnis von

deren Zahl besitzen

    Theophilus Die Liebe der Tiere stammt aus einem Lustgefühl welches durch

die Gewohnheit erhöht wird Was jedoch die genaue Zahl betrifft so können

selbst die ansehen die Zahlen der Dinge nur durch irgend ein künstliches

Hilfsmittel erkennen wie wenn sie sich der Zahlwörter zum Zählen bedienen

welche gleich ohne Zählen erkennen lassen ob etwas fehlt

     10 Philalethes Ebensowenig bilden die Tiere Abstraktionen

    Theophilus Ich bin derselben Meinung Sie erkennen augenscheinlich die

Weiße und bemerken sie in der Kreide wie im Schnee aber das ist noch keine

Abstraktion denn diese fordert eine Auffassung des von dem Besonderen

getrennten Gemeinsamen und folglich gehört die Erkenntnis der allgemeinen

Wahrheiten dazu die den Tieren nicht verliehen ist Auch bemerkt man sehr wohl

dass die Tiere welche sprechen sich der Worte nicht bedienen um allgemeine

Vorstellungen auszudrücken und dass die des Gebrauchs der Sprache und der Worte

beraubten Menschen deswegen doch nicht unterlassen sich andere allgemeine

Zeichen zu machen Ich freue mich außerordentlich Sie hier wie auch sonst die

Vorzüge der menschlichen Natur so richtig bemerken zu sehen

     11 Philalethes Wenn die Tiere Vorstellungen haben und nicht bloße

Maschinen sind wie einige es vorgeben so können wir nicht leugnen dass sie bis

zu einem gewissen Grade Vernunft haben Und was mich anbetrifft so scheint es

mir ebenso klar dass sie Vernunft gebrauchen als mir scheint dass sie Gefühl

haben Aber ihr Vernunftgebrauch bezieht sich allein auf die besonderen

Vorstellungen je nachdem ihre Sinne sie ihnen darstellen

    Theophilus Die Tiere gehen von einem Phantasiebild zu einem anderen durch

die Verknüpfung über welche sie früher bemerkt haben wenn zB der Herr einen

Stock nimmt fürchtet der Hund geschlagen zu werden Und in vielen Fällen haben

die Kinder ebenso wie die übrigen Menschen bei ihrem Übergang von einem Gedanken

zum anderen kein anderes Verfahren Dies könnte man in einem sehr erweiterten

Sinn Folgerung und Vernunftgebrauch nennen Aber ich ziehe vor mich dem einmal

angenommenen Gebrauch zu fügen indem ich diese Worte den Menschen weihe und sie

der Erkenntnis eines Grundes bei der Verknüpfung der Wahrnehmungen vorbehalte

welche die bloßen sinnlichen Empfindungen nicht geben können Denn deren Wirkung

ist nur dass man naturgemäß ein anderes Mal dieselbe Verknüpfung die man vorher

bemerkt hat erwartet wenn auch die Gründe vielleicht nicht mehr dieselben

sind ein Umstand welcher diejenigen oft täuscht die sich nur durch die Sinne

leiten lassen

     13 Philalethes Die Geistesschwachen entbehren der Lebhaftigkeit

Tätigkeit und Beweglichkeit im Denkvermögen wodurch sie sich des Gebrauchs der

Vernunft beruht finden Die Narren scheinen in dem entgegengesetzten Extrem zu

sein denn mir scheint nicht dass sie das Vermögen des vernünftigen Denkens

verloren haben sondern sie nehmen gewisse von ihnen falsch verbundene

Vorstellungen für Wahrheiten und täuschen sich auf dieselbe Art wie diejenigen,

welche auf Grund falscher Prinzipien richtig schließen So sehen Sie dass ein

Narr welches König zu sein sich einbildet durch eine richtige Folgerung

verlangt seiner Würde gemäß Bedienung Ehre und Gehorsam zu finden

    Theophilus Die Geistesschwachen gebrauchen nicht die Vernunft und

unterscheiden sich darin von den Dummen eines gewissen Schlages welche zwar ein

gutes Urteil haben aber da sie nicht schnell fassen verachtet und unbequem

sind wie derjenige sein würde welcher mit angesehenen Leuten Lhombre spielen

wollte und zu lange und zu oft darüber nachdenken müsste was er spielen soll

Ich erinnere mich dass ein gescheiter Mann welcher durch den Gebrauch starker

Medikaments sein Gedächtnis verloren hatte in diesen Zustand vorbei aber seine

Urteilskraft ließ sich immer erkennen Einem Narren schlechthin fehlt dagegen

fast bei jeder Gelegenheit das Urteil. Es gibt indessen Narren in Einzelheiten

welche sich eine falsche Voraussetzung über einen bedeutenden Punkt ihres Lebens

bilden und darüber wie Sie sehr gut bemerkt haben richtig weiter denken Solch

einer ist ein wohlbekannter Mann an einem gewissen Hofe welcher sich dazu

bestimmt glaubt die Angelegenheiten der Protestanten zu ordnen und Frankreich

zur Vernunft zu bringen und dass Gott zu diesem Zweck die größten

Persönlichkeiten durch seinen Körper hindurchgehen lässt um ihn zu veredeln er

verlangt alle ihm bekannten heiratsfähigen Prinzessinnen zu heiraten aber erst

nachdem er sie heilig gemacht hat damit er eine heilige Nachkommenschaft

erhalte welche die Erde beherrschen soll Er schreibt alle Übel des Krieges der

geringen Beachtung seiner Ratschläge zu Spricht er mit einem Souverän so

trifft er alle nötigen Maßregeln um seiner Würde nichts zu vergeben Wenn man

mit ihm in Unterhaltung tritt verteidigt er sich endlich so gut dass ich mehr

als einmal ungewiss gewesen bin ob seine Narrheit nicht Verstellung ist denn er

macht es gar zu gut Die ihn indessen besser kennen versichern mir dass es

ehrlich gemeint sei

 
 





    Philalethes Der Verstand lässt sich nicht übel mit einem ganz dunklen Zimmer

vergleichen welches nur einige kleine Öffnungen hat um von außen die äußeren

sichtbaren Bilder einzulassen dergestalt dass wenn diese Bilder welche sich in

dem dunklen Zimmer abbilden dort bleiben und in Ordnung aufgestellt werden

könnten so dass man sie gelegentlich finden könnte zwischen diesem Zimmer und

dem menschlichen Verstande große Ähnlichkeit sein würde

    Theophilus Um die Ähnlichkeit noch zu vergrößern müsste man annehmen dass

in dem dunklen Zimmer eine Leinwand die Bilder aufzunehmen ausgespannt wäre

die aber nicht eine ganz ebene sondern eine durch Halten welche die

angeborenen Erkenntnisse darstellen unterbrochene Fläche bildete dass weiter

diese ausgespannt Leinwand oder Haut eine Art Elastizität oder Wirkungskraft und

selbst eine sowohl den älteren Falten als den neugekommenen Eindrücken der

Bilder angepasste Tätigkeit oder Reaktionskraft habe Und zwar müsste diese

Tätigkeit in gewissen Schwingungen oder Oszillationen bestehen wie man solche

an einer ausgespannten Saite bemerkt wenn man sie berührt dergestalt dass sie

eine Art von musikalischem Ton von sich gäbe Denn wir empfangen nicht allein

Bilder oder Spuren in unserem Gehirn sondern formen auch neue wenn wir

zusammengesetzte Vorstellungen auffassen So muss also die unser Gehirn

veranschaulichende Leinwand tätig und elastisch sein Diese Vergleichung würde

das was im Gehirn vor sich geht ziemlich gut erklären was aber die Seele

anbetrifft welche eine einfache Substanz oder Monade ist so stellt diese ohne

Ausdehnung dieselben Mannigfaltigkeiten der ausgedehnten Massen vor und hat eine

Wahrnehmung desselben

     3 Philalethes Die zusammengesetzten Vorstellungen sind nun entweder Modi

oder Substanzen oder Relationen Beziehungen

    Theophilus Diese Unterscheidung der Gegenstände unseres Denkens in

Substanzen Modi und Relationen Beziehungen hat ganz meinen Beifall Ich

glaube dass die Eigenschaften nur Modifikationen der Substanzen sind und diesen

fügt der Verstand die Relationen noch hinzu Es folgt daraus mehr als man

denkt

    Philalethes Die Modi sind entweder einfache wie ein Dutzend ein Schock

welche aus einfachen Vorstellungen derselben Art, dh aus Einheiten gebildet

sind oder gemischte wie die Schönheit zu denen einfache Vorstellungen

verschiedener Arten gehören

    Theophilus Vielleicht sind Dutzend und Schock nur Relationen und nur durch

das Verhältnis zum Verstande gebildet Die Einheiten sind für sich und der

Verstand fasst sie zusammen mögen sie auch noch so zerstreut sein Obgleich

jedoch die Relationen aus dem Verstande stammen sind sie doch nicht ohne Grund

und Wirklichkeit Denn der erste Verstand ist der Ursprung der Dinge, und selbst

die Wirklichkeit aller Dinge die einfachen Substanzen ausgenommen besteht nur

auf Grund der Wahrnehmungen der Erscheinungen der einfachen Substanzen

hinsichtlich der gemischten Modi verhält es sich häufig ebenso dh man muss sie

lieber den Relationen zuweisen

     6 Philalethes Die Vorstellungen der Substanzen sind gewisse

Verknüpfungen einfacher Vorstellungen durch welche man besondere und bestimmte

Dinge dargestellt werden lässt die durch sich selbst bestehen  unter wichen

Vorstellungen man immer als den ersten und ursprünglichen den dunklen Begriff

der Substanz betrachtet die man was sie auch an und für sich sein mag ohne

sie zu erkennen voraussetzt

    Theophilus Die Vorstellung der Substanz ist nicht so dunkel als man denkt

Man kann von ihr erkennen was nötig ist und was man an anderen Dingen auch

erkennt auch ist die Erkenntnis des Konkreten sogar immer früher als die des

Abstrakten man erkennt das Warme eher als die Wärme

     7 Hinsichtlich der Substanzen gibt es noch zwei Arten von Vorstellungen.

Die eine ist die der einzelnen Substanzen wie die eines Menschen oder eines

Schafes die andere die von mehreren Substanzen zusammengenommen wie die eines

Heeres von Menschen oder einer Schafherde diese Sammelvorstellungen bilden auch

eine einzige Vorstellung

    Theophilus Mit dieser Vorstellungseinheit der Aggregate hat es ganz seine

Richtigkeit aber im Grunde muss man gestehen dass solche Einheit von

Sammelvorstellungen nur ein Rapport oder eine Relation ist deren Begründung in

dem liegt was jede der einzelnen Substanzen für sich hat So haben also diese

aus Aggregation entstandenen Wesen keine andere völlige Einheit als eine

geistige und folglich ist auch ihre Wesenheit gewissermaßen eine geistige oder

Erscheinungswesenheit wie die des Regenbogens am Himmel

 
 





     3 Philalethes Der Raum wenn er hinsichtlich der Länge welche zwei

Körper trennt betrachtet wird heißt Entfernung hinsichtlich der Länge Breite

und Tiefe kann man ihn Raumerfüllung Kapazität nennen

    Theophilus Um genauer zu sprechen so ist die Entfernung zweier in

räumlicher Lage befindlichen Dinge mögen es Punkte oder Flächen sein die Länge

der möglich kleinsten Linie welche man von dem einen zum andern ziehen kann

Diese Entfernung kann man entweder für sich oder in einer gewissen Figur die

die beiden voneinander entfernten Dinge mit in sich begreift betrachten Die

gerade Linie zBist für sich genommen die Entfernung zwischen zwei Punkten

Aber sind diese beiden Punkte in derselben Kugeloberfläche so ist die

Entfernung dieser beiden Punkte auf dieser Oberfläche die Länge des kleinsten

Kreisbogens welchen man von dem einen Punkte zum andern ziehen kann Auch ist

wichtig zu bemerken dass die Entfernung nicht bloß zwischen zwei Körpern

sondern auch zwischen den Flächen Linien und Punkten stattfindet Man kann

sagen dass die Raumerfüllung oder vielmehr der Zwischenraum zwischen zwei

Körpern oder zwei anderen Flächen oder zwischen einer Flache und einem Punkte

der durch alle diejenigen kürzesten Linien hergestellte Raum istwelche man

zwischen den Punkten des einen oder des anderen Gegenstandes ziehen kann Dieser

Zwischenraum ist erfüllt ausgenommen wenn die beiden in räumlicher Lage

befindlichen Gegenstände in derselben Fläche liegen und die kürzesten Linien

zwischen den Punkten der in räumlicher Lage befindlichen Gegenstände müssen auch

in diese Fläche fallen wo sie für sich genommen werden müssen

     4 Philalethes Außer dem was es in der Wirklichkeit gibt haben die

Menschen in ihrem Geiste die Vorstellungen gewisser bestimmter Längen

festgesetzt wie die eines Zolles oder Fußes

    Theophilus Das können sie nicht Denn es ist unmöglich die deutlich

bestimmte Vorstellung einer Länge zu haben Man kann mittels des Geistes weder

sagen noch begreifen was ein Zoll oder ein Fuß ist Und man kann die Bedeutung

dieser Namen auch nur durch die wirklichen Maße berechnen welche man als

unveränderlich annimmt und durch die man sie immer wieder finden kann Darum hat

der englische Mathematiker Greave sich der ägyptischen Pyramiden die schon

lange gedauert haben und sicherlich noch eine Zeit dauern werden zur Erhaltung

unserer Masse bedienen wollen indem er der Nachwelt die Verhältnisse bemerkte

welche sie zu gewissen bestimmten auf einer dieser Pyramiden verzeichneten

Längen haben Allerdings hat man seit kurzem gefunden dass die Pendel dazu

dienen die Masse zu verewigen mensuris rerum ad posteros transsmittendis wie

die Herren Huygens Ponton und Buratini weiland Münzmeister von Polen zu

zeigen unternommen haben indem sie das Verhältnis unserer Längenmaße zur Länge

eines Pendels berechneten welches genau eine Sekunde lang schwingt dh den

86400 sten Teil einer Drehung des Fixsternhimmels oder eines astronomischen

Tages worüber Buratini eine besondere Schrift abgefasst hat welche ich im

Manuskript gesehen habe Aber bei diesem Pendelmaß findet noch die

Unvollkommenheit statt dass man sich auf gewisse Länder beschränken muss denn um

die gleiche Zeit zu schwingen bedürfen die Pendel unter dem Äquator eine

kleinste Länge Auch muss man noch die beständige Gleichheit des wirklichen

Fundamentalmaßes voraussetzen dh der Tagesdauer oder der Dauer einer

Achsendrehung der Erde und sogar der Ursache ihrer Schwere von anderen

Umständen nicht zu reden

     5 Philalethes Indem wir bemerken wie die äußersten Grenzen entweder

durch gerade Linien welche bestimmte Winkel bilden oder durch krumme Linien

wobei man keinen bestimmten Winkel bemerken kann endigen bilden wir die

Vorstellung der Figur

    Theophilus Eine Flächenfigur wird durch eine oder mehrere Linien begrenzt

aber die Figur eines Körpers kann ohne bestimmte Linien begrenzt werden wie

zB die einer Kugel Eine einzige gerade Linie oder ebene Fläche kann keinen

Raum einschließen oder eine Figur ausmachen Aber eine einzige Linie kann eine

Flächenfigur einschließen zB den Kreis das Oval ebenso wie eine einzige

krumme Oberfläche eine körperliche Figur umschließen kann wie die Kugel oder

das Sphaeroid Indessen können nicht allein mehrere gerade Linien oder ebene

Oberflächen sondern auch mehrere krumme Oberflächen zusammentreffen und sogar

miteinander Winkel bilden wenn die eine nicht die Tangente der anderen ist Es

ist nicht leicht von der Figur im allgemeinen nach dem Gebrauch der Geometer

die Definition zu geben Zu sagen sie sei ein begrenztes Ausgedehntes würde zu

allgemein sein denn eine gerade Linie zB wenngleich sie au beiden Enden

begrenzt istist keine Figur und selbst zwei gerade Linien können nicht eine

solche bilden Zu sagen sie sei ein durch ein Ausgedehntes begrenztes

Ausgedehntes ist nicht allgemein genug denn die gesamte Kugeloberfläche ist

eine Figur und dennoch ist sie nicht durch irgend ein Ausgedehntes begrenzt

Man kann ferner sagen dass die Figur ein solches begrenztes Ausgedehntes ist in

welchem es unendlich viel Wege von einem Punkte zum anderen gibt Dies umfasst

die ohne Begrenzungslinien endigenden Oberflächen welche die vorhergehende

Definition nicht umfasste und schließt die bloßen Linien aus weil es von einem

Punkte zum anderen bei einer Linie nur einen Weg oder doch eine bestimmte Anzahl

von Wegen gibt Aber noch besser wird es sein zu sagen dass die Figur ein

solches begrenztes Ausgedehntes ist welches einen ausgedehnten Schnitt zulässt

oder auch welches Breite hat ein Ausdruck von dem man bis jetzt auch noch

keine Definition gegeben hat

     6 Philalethes Wenigstens sind alle Figuren nichts anderes als einfache

Modi des Raumes.

    Theophilus Die einfachen Modi wiederholen Ihrer Ansicht nach dieselbe

Vorstellung aber bei den Figuren kommt nicht immer die Wiederholung desselbigen

vor Die krummen sind von den geraden Linien und untereinander sehr verschieden

Somit weiß ich nicht wie die Definition des einfachen Modus hier passt

     7 Philalethes Man muss unsere Definitionen nicht allzustreng nehmen

Gehen wir aber von der Figur auf den Ort über Wenn wir alle die Schachfiguren

auf denselben Geldern des Schachbrettes wiederfinden wo wir sie gelassen haben

so sagen wir dass sie alle an derselben Stelle sind obgleich das Schachbrett

selbst versetzt sein mag Wir sagen auch dass das Schachbrett an demselben Orte

steht falls es an derselben Stelle der Kajüte des Schiffes bleibt wenn auch

das Schiff weitergesegelt ist Man sagt auch dass das Schiff an demselben Orte

ist vorausgesetzt dass es dieselbe Entfernung hinsichts der benachbarten

Länderteile innehält wenn die Erde sich auch vielleicht gedreht hat

    Theophilus Der Ort ist entweder ein besonderer wenn man ihn hinsichtlich

bestimmter Körper in Betracht zieht oder ein allgemeiner wenn er sich auf das

Ganze bezieht und hinsichtlich dessen alle Veränderungen in Bezug auf jeden

beliebigen Körper in Rechnung gezogen werden Und wenn es auch nichts Festes in

der Welt gäbe so würde der Ort eines jeden Dinges darum doch durch

Vernunftschluss bestimmt werden können, wenn es möglich wäre alle Veränderungen

zu verzeichnen oder wenn das Gedächtnis eines Geschöpfes dazu genügen könnte

wie man sagt dass die Araber aus dem Gedächtnis und im Reiten Schach spielen

Auch was wir nicht begreifen können kann darum dennoch durch die Wahrheit der

Dinge bestimmt sein

     15 Philalethes Wenn mich jemand fragt was der Raum ist so bin ich ihm

das zu sagen bereit wenn er mir erst sagt was die Ausdehnung ist

    Theophilus Ich würde ebensogut zu sagen wissen was das Fieber oder irgend

eine andere Krankheit ist als ich glaube dass die Natur des Raumes klar ist

Ausdehnung ist das Abstraktum von Ausgedehnt Das Ausgedehnte ist aber ein

Zusammenhangendes dessen Teile koexistent sind oder zugleich da sind

     17 Philalethes Wenn man fragt ob der Raum körperlos ist ob er Substanz

oder Akzidenz ist so antworte ich ohne Zögern dass ich davon nichts weiß

    Theophilus Ich habe Ursache zu fürchten dass ich der Eitelkeit angeklagt

werde indem ich bestimmen will was Sie nicht zu wissen gestehen Aber man kann

mit Grund annehmen dass Sie davon mehr wissen als Sie sagen oder glauben

Einige haben geglaubt dass Gott der Ort der Dinge ist Dieser Ansicht waren

Lessius und Guericke wenn ich nicht irre aber dann enthält der Ort etwas mehr

als wir dem Raum zuschreiben dem wir jede Tätigkeit abzusprechen pflegen und

auf diese Weise ist er nicht mehr eine Substanz als die Zeit und wenn er Teile

hat kann er nicht Gott sein Er ist eine Beziehung eine Ordnung nicht allein

für die wirklichen sondern auch für die möglichen Dinge wie wenn sie wären

Aber seine Wahrheit und Wirklichkeit ist in Gott begründet wie alle die ewigen

Wahrheiten

    Philalethes Ich stehe Ihrer Ansicht nicht fern und Sie kennen den Spruch

des h Paulus dass wir in Gott leben weben und sind So kann man den

verschiedenen Betrachtungsweisen gemäß sagen dass der Raum Gott ist und ebenso

kann man sagen dass er nur eine Ordnung oder Relation ist

    Theophilus Das Beste wird also sein zu sagen dass der Raum eine Ordnung

Gott aber deren Quelle ist

     19 Philalethes Um jedoch zu wissen ob der Raum eine Substanz ist müsste

man wissen worin die Natur der Substanz im allgemeinen besteht Aber das hat

seine Schwierigkeit Wenn Gott die endlichen Geister und die Körper gemeinsam

an demselben Wesen der Substanz teilnehmen folgt daraus nicht dass sie nur

durch die verschiedene Modifikation dieser Substanz sich voneinander

unterscheiden

    Theophilus Wenn diese Folgerung gälte so würde auch daraus folgen dass

Gott die endlichen Geister und die Körper, da sie gemeinschaftlich an demselben

Wesen des Seins teilnehmen nur durch die verschiedene Modifikation dieses Seins

sich voneinander unterscheiden

     19 Philalethes Diejenigenwelche zuerst darauf gekommen sind die

Akzidenzien als eine Art realer Wesen zu betrachten welche eines Dinges

bedürfen dem sie verknüpft sein müssen sind gezwungen gewesen das Wort

Substanz zu ermüden um den Akzidenzien als Stütze zu dienen

    Theophilus Glauben Sie also dass die Akzidenzien ohne Substanz bestehen

könnend Oder wollen Sie dass sie keine realen Wesen sein sollen Es scheint dass

Sie sich ohne Grund Schwierigkeiten machen auch habe ich schon darüber bemerkt

dass die Substanzen oder Concreta eher als die Akzidenzien oder Abstracta

begriffen werden

    Philalethes Die Worte Substanz und Akzidenz sind meiner Ansicht nach in der

Philosophie von geringem Nutzen

    Theophilus Ich gestehe anderer Meinung zu sein und glaube dass die

Betrachtung der Substanz einer der bedeutendsten und fruchtbarsten Punkte der

Philosophie ist

     21 Philalethes Wir haben jetzt von der Substanz nur gelegentlich der

Frage gesprochen ob der Raum eine Substanz ist Aber es genügt hier dass er

kein Körper ist Auch wird niemand wagen den Körper unendlich zu machen wie

den Raum

    Theophilus Descartes und seine Anhänger haben gleichwohl erklärt dass die

Substanz keine Schranken hat indem sie die Welt unbestimmt  unendlich machten

dergestalt dass es uns nicht möglich sei ihre äußersten Grenzen zu begreifen

Sie haben auch den Ausdruck unendlich mit einigem Grunde in unbestimmt 

unendlich verändert denn es gibt niemals ein unendliches Ganze in der Welt

obgleich es darin immer bis ins Unendliche Ganze gibt von denen das eine größer

ist als das andere Sogar das Universum kann nicht für ein Ganzes gelten wie

ich anderswo gezeigt habe

    Philalethes Diejenigenwelche die Materie und das Ausgedehnte für ein und

dasselbe nehmen behaupten dass die inneren Wände eines leeren hohlen Körpers

sich berühren müssten Der Raum aber zwischen zwei Körpern genügt um ihre

gegenseitige Berührung zu verhindern

    Theophilus Ich bin Ihrer Meinung denn obwohl ich keinen leeren Raum

zugebe unterscheide ich doch die Materie von der Ausdehnung und gestehe dass,

wenn es in einer Kugel einen leeren Raum gäbe die entgegengesetzten Pole in der

Höhlung sich dann doch nicht berühren würden Ich glaube aber dass dies kein

Fall ist, den die göttliche Vollkommenheit zulässt

     23 Philalethes Dennoch scheint die Bewegung den leeren Raum zu beweisen

Wenn der geringste Teil des geteilten Körpers so groß ist wie ein Senfkorn so

muss es einen leeren der Größe eines Senfkornes gleichen leeren Raum geben um

zu bewirken dass die Teile dieses Körpers zu freier Bewegung Platz haben Es

würde sich ebenso verhalten wenn die Teile der Materie hundertmillionenmal

kleiner wären

    Theophilus Wenn die Welt voll harter Körperchen wäre die nicht nachgeben

noch geteilt werden könnten wie man die Atome beschreibt so würde es

allerdings unmöglich sein dass Bewegung stattfände Aber es gibt in Wahrheit

keine ursprüngliche Härter im Gegenteil ist die Flüssigkeit ursprünglich und

teilen die Körper sich nach Bedürfnis wenn nichts ist was sie daran hindert

Dieser Umstand raubt dem von der Bewegung hergenommenen Argument für den leeren

Raum jede Bedeutung

 
 





     10 Philalethes Der Ausdehnung entspricht die Dauer Und einen Teil der

Dauer, in dem wir keine Abfolge von Vorstellungen bemerken nennen wir einen

Augenblick

    Theophilus Diese Definition des Augenblicks muss wie ich glaube von dem

volkstümlichen Begriff verstanden werden wie die welche der gemeine Mann vom

Punkt hat Denn streng genommen sind Punkt und Augenblick keine Teile von Raum

und Zeit und haben ebensowenig Teile Es sind nur äußerste Grenzen

     16 Philalethes Nicht die Bewegung, sondern eine beständige Reihenfolge

von Vorstellungen gibt uns die Vorstellung der Dauer.

    Theophilus Eine Reihenfolge von Wahrnehmungen erweckt in uns die

Vorstellung der Dauer, bringt sie aber nicht hervor Unsere Wahrnehmungen haben

niemals eine so beständige und regelmäßige Folge um der der Zeit zu

entsprechen welche ein einförmiges einfaches Kontinuum ist wie eine gerade

Linie Die Veränderung der Vorstellungen gibt uns Gelegenheit an die Zeit zu

denken und man misst sie durch gleichmäßige Veränderungen aber wenn es auch

nichts Gleichmäßiges in der Natur gäbe so würde die Zeit dann doch bestimmt

sein wie der Ort darum nicht weniger bestimmt sein würde wenn es keinen festen

oder unbeweglichen Körper gäbe Der Grund ist dasswenn man die Gesetze der

ungleichmäßigen Bewegungen kennt man dieselben immer auf denkbare gleichmäßige

Bewegungen zurückbringen und mittels dessen voraussehen kann was durch die

verschiedenen miteinander verbundenen Bewegungen herauskommen wird In diesem

Sinne ist denn auch die Zeit das Maß der Bewegung, dh die gleichmäßige

Bewegung ist das Maß der ungleichmäßigen

     21 Philalethes Man kann nicht auf sichere Weise erkennen dass zwei

Zeitteile an Dauer einander gleich sind; und man muss gestehen dass die

Beobachtungen nur auf das Ungefähre gehen können Nach genauer Untersuchung hat

man entdeckt dass in den täglichen Sonnenumläufen Unregelmäßigkeit vorkommt und

wir gewissen nicht ob nicht die jährlichen Umläufe auch ungleich sind

    Theophilus Der Pendel hat die Ungleichheit der Tage von einem Mittag zum

anderen sinnlich bemerkbar und sichtbar gemacht solem dicere falsum audet Man

wusste es allerdings schon und auch dass diese Ungleichheit ihre Regeln habe Was

den jährlichen Umlauf anbetrifft welcher die Ungleichheiten der Sonnentage

ausgleicht so könnte er in der Folgezeit wechseln Die Umwälzung der Erde um

ihre Achse die man gewöhnlich dem Primum mobile zuschreibt ist bis jetzt unser

bestes Maß und die Uhren und Zeiger dienen dazu sie einzuteilen Indessen kann

selbst auch diese tägliche Umwälzung der Erde in der Folgezeit wechseln und

wenn irgend eine Pyramide lange genug dauern könnte oder wenn man deren wieder

neue baute so könnte man es bemerken indem man darauf die Länge der Pendel

aufbewahrte von denen eine bekannte Zahl von Schwingungen jetzt während dieser

Umwälzung stattfindet man würde auch einigermaßen die Veränderung erkennen

indem man diese Umwälzung mit anderen vergliche wie mit dem Umlauf der

Jupitertrabanten denn es scheint unwahrscheinlich dasswenn in den einen oder

in den anderen Veränderung vorkommt diese stets proportional sein werde

    Philalethes Unser Zeitmaß würde richtiger sein wenn man einmal einen

vergangenen Tag aufbewahren könnte um ihn mit den zukünftigen Tagen zu

vergleichen wie Man die räumlichen Maße aufbewahrt

    Theophilus Statt dessen sind wir aber darauf angewiesen die Körper

aufzubewahren und zu beobachten die ihre Bewegungen in einer ungefähr gleichen

Zeit vollziehen Auch werden wir nicht behaupten können dass ein räumliches Maß

wie zB eine Elle welche man in Holz oder Metall aufbewahrt vollkommen

dieselbe bleibe

     22 Philalethes Da nun alle Menschen die Zeit sichtbarlich durch die

Bewegung der himmlischen Körper wessen ist es gar seltsam dass man die Zeit als

Maß der Bewegung zu definieren nicht aufhört

    Theophilus Ich sagte eben  16 wie das verstanden werden muss Allerdings

sagt Aristoteles dass die Zeit die Zahl und nicht das Maß der Bewegung ist. Und

Man kann in der Tat behaupten dass die Dauer durch die Zahl der periodischen

gleichen Bewegungen erkannt wird von denen eine anfängt wenn die andere

schließt zB durch so und so viel Umläufe der Erde oder der Gestirne

     24 Philalethes Indessen antizipiert man hinsichts dieser Umläufe und

sagen dass Abraham im Jahre 2712 der Julianischen Periode geboren wurde heißt

ebenso unverständlich sprechen als wenn man vom Beginn der Welt an rechnen

wollte obschon man voraussetzt dass die Julianische Periode mehrere hundert

Jahre eher angefangen hat als es durch irgend einen Sonnenumlauf bezeichnete

Tage Nächte oder Jahre gab

    Theophilus Diese Leere welche man in der Zeit denken kann zeigt wie die

des Raumes, dass Zeit und Raum ebensogut auf das Mögliche als auf das Wirkliche

gehen Übrigens ist von allen chronologischen Methoden die die Jahre seit dem

Anfang der Welt zu rechnen die ungeeignetste wäre es auch nur wegen des

starken Widerspruchs zwischen den Septuaginta und dem hebräischen Texte anderer

Gründe nicht zu gedenken

     26 Philalethes Man kann den Anfang der Bewegung denken obgleich man den

der Dauer, dieselbe in ihrer ganzen Ausdehnung genommen nicht begreifen kann

Ebenso kann man dem Körper Grenzen geben aber nicht ebenso hinsichtlich des

Raumes verfahren

    Theophilus Darum weil wie ich eben bemerkt habe die Zeit und der Raum

Möglichkeiten über die Annahme von Wirklichkeiten hinaus zeigen Die Zeit und

der Raum haben die Natur ewiger Wahrheitenwelche sich ebensowohl auf das

Mögliche wie auf das Wirkliche beziehen

     27 Philalethes In der Tat stammt die Vorstellung Zeit und die der

Ewigkeit aus derselben Quelle denn wir können in unserem Geiste bestimmte

Längen der Zeitdauer soviel es uns gefällt aneinanderfügen

    Theophilus Aber um den Begriff der Ewigkeit daraus zu ziehen muss man

ferner bedenken dass derselbe Grund immer bleibt um weiter zu gehen Diese

Erwägung der Gründe vollendet den Begriff des Unendlichen oder des

UnbestimmtUnendlichen in dem mögliche fortschreiten Die Sinne allein also

können nicht genügen um die Bildung dieser Begriffe zu bewerkstelligen Und im

Grunde kann man sagen dass die Vorstellung des Absoluten in der Natur der Dinge

der der hinzugefügten Schranken vorausgeht Aber wir bemerken die erstere nur

indem wir mit dem beginnen was beschränkt ist und uns in die Sinne fällt

 
 






     4 Philalethes Man lässt leichter eine unendliche Zeitdauer zu als eine

unendliche Ausdehnung des Raumes, weil wir eine unendliche Dauer in Gott denken

und Ausdehnung nur der Materie, die endlich ist zuschreiben die Räume

außerhalb des Weltalls aber als bloß eingebildete betrachten Aber  2 Salomon

scheint andere Gedanken zu haben indem er von Gott redend sagt Die Himmel und

die Himmel der Himmel fassen dich nicht und ich für meinen Teil glaube dass

sich derjenige eine zu hohe Vorstellung von der Fassungsgabe seines eigenen

Verstandes macht welcher sich einbildet mit seinen Gedanken weiter gehen zu

können als an den Ort wo Gott ist

    Theophilus Wenn Gott ausgedehnt wäre würde er Teile haben Aber die Dauer

gibt nur seinen Wirkungen Teile Indessen muss man ihm rücksichtlich des Raumes

die Unmöglichkeit zuschreiben welche auch den unmittelbaren Wirkungen Gottes

Teile und Ordnungen gibt Er ist die Quelle der Möglichkeiten wie der

Wirklichkeiten der einen durch sein Wesen und der anderen durch seinen Willen

So hat der Raum wie die Zeit ihre Wirklichkeit nur von ihm und er kann das

Leere nach seinem Belieben ausfüllen In dieser Hinsicht ist er also überall

     11 Philalethes Wir wissen nicht welche Beziehungen die Geister zu dem

Raum haben noch wie sie daran teilnehmen Wir wissen aber dass sie an der Dauer

teilnehmen

    Theophilus Alle endlichen Geister sind immer mit irgend einem organischen

Körper verbunden und stellen die übrigen Körper durch Beziehung zu den ihrigen

dar So ist ihre Beziehung zum Raum ebenso offenbar als die der Körper.

Übrigens möchte ich ehe wir diesen Gegenstand verlassen eine Vergleichung der

Zeit und des Orts zu den von Ihnen gegebenen hinzufügen dass man nämlich wenn

es im Raum ein Leeres gäbe wie zB wenn eine Kugel innerlich hohl wäre man

die Größe davon bestimmen könnte aber wenn es in der Zeit eine Leere gäbe dh

eine Dauer ohne Veränderungen deren Länge zu bestimmen unmöglich sein würde

Deshalb kann man denjenigen widerlegen welcher sagen würde dass zwei Körper

zwischen denen es eine Leere gibt sich berühren denn zwei einander

entgegengesetzte Pole einer leeren Kugel können sich nicht berühren das

verbietet die Geometrie; man würde aber denjenigen nicht widerlegen können

welcher sagte dass zwei Welten von denen die eine nach der anderen ist sich

hinsichtlich der Dauer berühren dergestalt dass die eine notwendig beginnt

wann die andere endet ohne dass es dabei einen Zwischenraum gibt Man würde ihn

nicht widerlegen können sage ich weil dieser Zwischenraum sich nicht bestimmen

lässt Wenn der Raum nur eine Linie und der Körper unbeweglich wäre so würde es

ebensowenig möglich sein die Länge des leeren Raumes zwischen zwei Körpern zu

bestimmen.

 
 





     4 Philalethes Bei den Zahlen sind die Vorstellungen bestimmter und eher

zur Unterscheidung voneinander geeignet als bei der Ausdehnung, wo man nicht

jede Gleichheit oder Ungleichheit der Größe so leicht wie bei den Zahlen

beobachten oder messen kann aus dem Grunde dass wir im Raum durch das Denken

nicht bis zu einer bestimmten geringen Größe gelangen können über welche wir

nicht hinausgehen könnten wie die Einheit in der Zahl eine solche ist

    Theophilus Das muss von den ganzen Zahlen verstanden werden Denn sonst ist

die Zahl in ihrer ganzen Ausdehnung gefasst mit Einschluss der irrationalen

gebrochenen und transzendenten und allem was sich als zwischen zwei ganzen

Zahlen liegend auffassen lässt der Linie proportional und findet dabei

ebensowenig ein Kleinstes statt wie im Kontinuierlichen Auch gilt jene

Definition dass die Zahl eine Menge Einheiten ist nur für die ganzen Die

genaue Unterscheidung der Vorstellungen in der Ausdehnung besteht nur in der

Größe denn um die Größe bestimmt zu erkennen muss man auf die ganzen Zahlen

oder zu den anderen zurückgehen welche man mittels der ganzen erkannt hat wie

man von der kontinuierlichen Größe zur diskreten seine Zuflucht nehmen muss um

eine deutliche Erkenntnis der Größe zu erlangen Die Modifikationen der

Ausdehnung können also wenn man sich nicht der Zahlen bedient nur durch die

Gestalt unterschieden werden, wenn man dabei dies Wort so allgemein nimmt dass

es alles das bezeichnet was bewirkt dass zwei ausgedehnte Dinge nicht einander

gleich sind.

     5 Philalethes Wenn man die Vorstellung der Einheit wiederholt und zu

einer Einheit eine andere fügt so machen wir daraus eine Kollektivvorstellung

welche wir zwei nennen Und wer dies tun und immer eins weiter bis zur letzten

Kollektivvorstellung gehen kann welcher er einen besonderen Namen gibt kann

zählen solange es eine Folge von Namen gibt und er Gedächtnis genug hat um

dieselbe zu behalten

    Theophilus Auf diese Art allein wird man nicht weit kommen Denn das

Gedächtnis würde zu sehr beschwert werden wenn man für jede Zuzählung einer

neuen Einheit einen ganz neuen Namen behalten müsste Daher ist eine gewisse

Ordnung und eine bestimmte Wiederholung in diesen Namen nötig indem man einer

bestimmten Progression gemäß wieder von neuem anfängt

    Philalethes Die verschiedenen Modi der Zahlen sind keiner anderen

Verschiedenheit fähig als der des Mehr oder Weniger darum sind es einfache

Modi wie die der Ausdehnung.

    Theophilus Das kann man von der Zeit und von der geraden Linie sagen aber

keineswegs von den Figuren und noch weniger von den Zahlen die nicht allein an

Größe verschieden sondern auch einander unähnlich sind Eine gerade Zahl kann

in zwei gleiche geteilt werden aber nicht eine ungerade Drei und sechs sind

Dreieckszahlen vier und neun sind Quadratzahlen acht ist eine Kubikzahl usw

und das gilt von den Zahlen noch mehr als bei den Figuren denn zwei ungleiche

Figuren können einander vollkommen ähnlich sein niemals aber zwei ungleiche

Zahlen Aber ich wundere mich nicht dass man sich so oft darüber tuscht weil

man gewöhnlich keine deutliche Vorstellung von dem hat was ähnlich und

unähnlich ist Sie sehen also dass Ihre Vorstellung oder Ihre Anwendung der

einfachen und gemischten Modifikationen einer bedeutenden Abänderung bedarf

     6 Philalethes Sie haben recht zu bemerken dass es gut sei den Zahlen

Eigennamen zu geben um sie zu behalten Ich halte es also für passend dass man

beim Zählen statt Million mal Million zu sagen der Abkürzung wegen Billion

sage und statt Million mal Million mal Million oder Million mal Billion

Trillion sage und so fort bis zur Nonillion denn beim Gebrauch der Zahlen

weiter zu gehen hat man nicht nötig

    Theophilus Diese Bezeichnungen sind ganz gut Wenn x  10 ist so wäre eine

Million  x6 eine Billion  x12 eine Trillion  x18 usw und eine Nonillion  x

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     1 Philalethes Einer der wichtigsten Begriffe ist der des Endlichen und

des Unendlichen welche als Modi der Größe betrachtet werden.

    Theophilus Eigentlich zu sprechen gibt es allerdings eine Unendlichkeit

von Dingen, dh stets mehr als man bezeichnen kann Aber es gibt keine

unendliche Zahl noch Linie noch irgend eine andere unendliche Menge wenn man

sie für wirkliche Ganze nimmt wie leicht zu zeigen ist Das haben die Schulen

sagen wollen oder sollen indem sie ein syncategorematisches Unendliches wie

sie sich ausdrücken zuließen Das wahre Unendliche ist strenggenommen nur im

Absoluten welches jeder Zusammensetzung vorausgeht und nicht durch

Zusammenfügen von Teilen gebildet ist

    Philalethes Wenn wir unsere Vorstellung des Unendlichen auf das erste

Seiende anwenden so tun wir es gewöhnlich in Hinsicht auf seine Dauer und seine

Allgegenwart und figürlicher hinsichtlich seiner Macht Weisheit Güte und

seiner übrigen Attributs

    Theophilus Nicht figürlicher sondern weniger unmittelbar weil die anderen

Attribute ihre Größe durch die Beziehung zu denen erkennbar machen bei denen

die Inbetrachtnahme der Teile stattfindet

     2 Philalethes Ich nahm es für ausgemacht dass der Geist das Endliche und

das Unendliche als Modifikationen der Ausdehnung und der Dauer betrachtet

    Theophilus Ich finde nicht dass dies ausgemacht wäre Die Inbetrachtnahme

des Endlichen und des Unendlichen findet überall da statt wo es Größe und Menge

gibt Auch ist das wahrhafte Unendliche keine Modifikation es ist das Absoluter

dagegen so wie man modifiziert beschränkt man sich oder bildet ein Endliches

     3 Philalethes Wir haben geglaubt dass da die Macht des Geistes, seine

Vorstellung des Raumes durch neue Zusätze ohne Ende auszudehnen immer dieselbe

ist er die Vorstellung des unendlichen Raumes daher entlehnt

    Theophilus Man tut wohl dabei hinzuzufügen dass dies der Fall ist, weil

man sieht dass dasselbe Verhältnis immer bleibt Nehmen wir eine gerade Linie

und verlängern wir sie dergestalt dass sie das Doppelte von der ersten ist so

ist klar dass die zweite welche der ersten vollkommen gleich istebenso

verdoppelt werden kann, um eine dritte zu haben welche auch den früheren gleich

ist und da dasselbe Verhältnis immer statt hat so wird man unmöglich jemals

aufgehaltene es kann also die Linie bis ins Unendliche dergestalt verlängert

werden dass die Anschauung des Unendlichen aus der der Ähnlichkeit oder des

nämlichen Verhältnisses entspringt und ihr Ursprung derselbe ist wie der der

allgemeinen und notwendigen Wahrheiten Dies zeigt, dass dasjenige welche dem

Begreifen dieser Vorstellung Vollzug gibt sich in uns findet und aus

Sinneserfahrungen nicht kommen kann ganz so wie die notwendigen Wahrheiten

weder durch Induktion noch durch Sinnlichkeit bewiesen werden könnenDie

Vorstellung des Absoluten ist innerlich in uns wie die des Seins. Diese

Bestimmungen des Absoluten sind nichts anderes als die Attribute Götter und man

kann sagen dass sie nicht weniger die Quelle der Vorstellungen sind als Gott

selbst das Prinzip der Wesen istDie Vorstellung des Absoluten hinsichtlich des

Raumes ist nichts anderes als die der Unermesslichkeit Gottes und so der

anderen. Aber man täuscht sich wenn man sich einen absoluten Raum in der

Einbildung vorstellen will der ein aus Teilen zusammengesetztes unendliches

Ganze sein soll So etwas gibt nicht Es ist das ein Begriffder in sich

widersprechend ist und jene unendlichen Ganzheiten und ihr Gegenteil die

unendlichen Kleinheiten haben nur in der mathematischen Berechnung Sinn ganz

wie die eingebildeten Wurzeln der Algebra

     6 Philalethes Man erkennt auch die Größe ohne in derselben Teile außer

den Teilen anzunehmen Wenn ich meiner vollkommensten Vorstellung vom

blendendsten Weiß eine andere von gleichem nicht minder lebhaftem Weiß

hinzufüge denn ich kann derselben nicht die Vorstellung eines mehr Weißen als

dessen wovon ich schon die Vorstellung habe hinzufügen da ich das schon als

das blendendste voraussetze was ich wirklich vorzustellen vermag so vermehrt

oder vergrößert dies meine Vorstellung in keiner Weiser man nennt darum die

verschiedenen Vorstellungen des Weißen Grade

    Theophilus Ich verstehe nicht die Beweiskraft dieser Betrachtung denn es

hindert doch nichts dass man die Wahrnehmung einer noch blendenderen Weiße

empfangen mag als die welche man wirklich hat Die wahre Ursache warum man

Grund zu glauben hat dass die Weiße nicht bis ins Unendliche gesteigert werden

kann, ist dass es keine ursprüngliche Eigenschaft istindem die Sinne nur eine

verwirrte Erkenntnis davon geben und man wenn man eine deutliche davon haben

würde sehen würde dass sie von der Struktur der Körper stammt und sich auf die

des Sehorgans beschränkt Hinsichtlich der ursprünglichen oder deutlich

erkennbaren Eigenschaften sieht man aber dass man mitunter bis zum Unendlichen

nicht nur da gehen kann wo Ausdehnung Extension stattfindet oder wenn Sie

wollen Ausbreitung Diffusion oder das, was die Schule partes extra partes

nennt Teile außer den Teilen wie bei der Zeit und dem Orte sondern auch da

wo Intension ist oder Grade sind wie zB hinsichtlich der Schnelligkeit

     8 Philalethes Wir haben nicht die Vorstellung eines unendlichen Raumes

und nichts ist klarer als der Widersinn einer wirklichen Vorstellung einer

unendlichen Zahl

    Theophilus Ich bin derselben Ansicht Aber das ist nicht der Fall weil man

nicht die Vorstellung des Unendlichen haben kann sondern weil ein Unendliches

nicht ein wahres Ganze sein kann

     16 Philalethes Aus dem nämlichen Grunde haben wir also keine positive

Vorstellung einer unendlichen Dauer oder der Ewigkeit ebensowenig wie der

Unermesslichkeit

    Theophilus Ich glaube dass wir die positive Vorstellung der einen und der

anderen haben und dass diese Vorstellung wahr ist falls man sie nicht als ein

unendliches Ganze versteht sondern als ein absolutes oder schrankenloses

Attribut welches sich hinsichtlich der Ewigkeit in der Notwendigkeit des

Daseins Gottes findet ohne dass man darin Teile wahrnimmt oder den Begriff davon

durch eine Zusammenzählung der Zeiten bildet Man sieht daraus auch wie ich

schon gesagt habe dass der Ursprung des Begriffs des Unendlichen aus derselben

Quelle stammt wie der der notwendigen Wahrheiten

 
 






    Philalethes Es gibt noch viele einfache Modi welche aus einfachen

Vorstellungen gebildet werden. Solcher Art sind  2 die Modi der Bewegung,

wie gleiten rollen die der Töne  3 welche durch die Noten und Melodien

modifiziert werden wie die darben durch die Grade ohne von den Geschmäcken und

Gerüchen zu sprechen  6 Es gibt dabei ebensowenig immer bestimmte Maße und

Namen wie bei den zusammengesetzten Modi  7 weil man sich nach dem

Gebrauche richtet Wir werden weiter davon sprechen wenn wir zu den Worten

kommen werden

    Theophilus Die meisten Modi sind nicht so einfach und könnten unter die

zusammengesetzten gerechnet werden zB um zu erklären was gleiten oder rollen

ist muss man außer der Bewegung noch den Widerstand der Oberfläche in Betracht

ziehen

 
 






     1 Philalethes Von den aus den Sinnen stammenden Modi wollen wir zu denen

übergehen welche die Region uns gibt Die Sinnlichkeit ist sozusagen der

wirkliche Eingang der Vorstellung in den Verstand mittels der Sinne. Wenn

dieselbe Vorstellung in den Geist zurückkehrt ohne dass der äußere Gegenstand,

der sie zuerst entstehen ließ auf unsere Sinne wirkt so heißt dieser Akt des

Geistes Wiedererinnerung wenn der Geist sie sich zurückzurufen sucht und

endlich nach einiger Anstrengung sie findet und sich vergegenwärtigt so ist

das Sich auf etwas besinnen Wenn der Geist lange mit Aufmerksamkeit die

Vorstellung verfolgt so ist das Betrachtung Kontemplation wenn die

Vorstellungwelche wir im Geiste haben daselbst sozusagen schwankt ohne dass

der Verstand darauf merkt so kann man das Träumen nennen Wenn er auf die

Vorstellungen reflektiert die sich von selbst darbieten und man sie im

Gedächtnis sozusagen einregistriert so ist das Aufmerksamkeit und wenn der

Geist sich auf eine Idee mit viel Nachdenken vertieft so dass er sie von allen

Seiten betrachtet und sich nicht von ihr wenden will trotzdem dass andere

Vorstellungen ihm in die Quere kommen so nennt man das Studium oder Anspannung

des Geistes. Der von keinem Traum begleitete Schlaf ist ein Auf hören von diesem

allem und träumen heißt Vorstellungen im Geiste haben während die äußeren

Sinne verschlossen sind so dass sie den Eindruck der äußeren Gegenstände nicht

mit derjenigen Lebhaftigkeit empfangen welche ihnen gewöhnlich ist Träumen

ist sage ich Vorstellungen haben ohne dass sie durch irgend einen Gegenstand

von außen oder durch irgend eine bekannte Veranlassung dargeboten und ohne dass

sie vom Verstand gewählt oder in irgend einer Weise bestimmt worden sind. Was

die sogenannte Ekstase anbetrifft so überlasse ich anderen darüber zu

urteilen wenn es nicht etwa ein Träumen mit offenen Augen ist

    Theophilus Es ist wichtig diese Begriffe klar zu machen und ich will dazu

beizutragen versuchen Ich sage also Sinnliche Wahrnehmung ist wenn man eines

äußeren Gegenstandes sich bewusst wird die Wiedererinnerung aber ist die

Wiederholung davon ohne dass der Gegenstand wiederkehrte wenn man aber weiß dass

man sie gehabt hat so ist es Angedenken Man nimmt gewöhnlich das Sichbesinnen

in einem anderen als in dem von Ihnen aufgestellten Sinne nämlich für einen

Zustand wo man sich von Handlungen fernhält um sich mit Nachdenken zu

beschäftigen Da es aber soviel ich weiß kein Wort gibt das mit Ihrem

Begriffe übereinstimmt so könnte man das von Ihnen angewandte dazu gebrauchen

Wir haben auf diejenigen Gegenstände Aufmerksamkeit welche wir von den übrigen

unterscheiden und ihnen vorziehen Wenn die Aufmerksamkeit im Geiste andauert

mag nun der äußere Gegenstand verharren oder nicht und gleichviel ob er selbst

vorhanden sein mag oder nicht so heißt das Betrachtung welche wenn sie zur

bloßen Erkenntnis ohne Beziehung zum handeln strebt Kontemplation heißen mag

Diejenige Aufmerksamkeit deren Zweck ist zu lernen dh Erkenntnisse zu

erwerben um sie zu behalten heißt Studium Betrachtung um irgend einen

Entwurf zu bilden heißt Nachdenken Meditieren aber Träumen scheint nichts

anderes zu sein als gewissen bedanken des Vergnügens wegen das man an ihnen

hat nachgehen ohne einen anderen Zweck dabei zu haben Damm kann das Träumen

zur Narrheit führen man vergisst sich vergisst das dic cur hic gelangt an

Traumbilder und Chimären und baut Luftschlösser Wir können die Träume von den

sinnlichen Empfindungen nur dadurch unterscheiden dass sie mit ihnen nicht

verbunden sind, sondern eine besondere Welt für sich bilden Der Schlaf ist ein

Aufhören sinnlicher Empfindungen und auf diese Weise ist die Ekstase ein sehr

tiefer Schlaf aus dem man nur mühsam geweckt werden kann, und der aus einer

vorübergehenden inneren Ursache stammt Dies wird hinzugefügt um dadurch jenen

tiefen Schlaf auszuschließen der von einem narkotischen Mittel oder irgend

einer dauernden Verletzung der Lebensverrichtungen herkommt wie es in der

Lethargie der Fall ist. Die Ekstasen sind mitunter von Gesichtern begleitet aber

deren gibt es auch ohne Ekstase und das Gesicht ist wie es scheint nichts

anderes als ein Traum welcher für eine sinnliche Wahrnehmung gilt als ob er

uns wahrhaftige Gegenstände darstellte Und wenn diese Gesichte göttliche sind

so ist in der Tat Wahrheit darin enthalten was erkannt werden kann, wenn sie

zB ins einzelne eingehende Weissagungen enthalten welche der Ausgang

bestätigt

     4 Philalethes Aus den verschiedenen Graden der Anspannung oder

Abspannung des Geistes folgtdass der Gedanke die Handlung und nicht die

Wesenheit der Seele ist

    Theophilus Zweifelsohne ist der Gedanke eine Handlung und kann nicht das

Wesen sein aber er ist eine wesentliche Handlung und alle Substanzen haben

dergleichen Ich habe vorhin gezeigt dass wir immer eine Unendlichkeit von

schwachen Wahrnehmungen haben ohne uns derselben bewusst zu sein Wir sind

niemals ohne Wahrnehmungen aber wir sind notwendigerweise oft ohne Bewusstsein

derselben wenn wir nämlich nicht deutlich hervortretende Wahrnehmungen haben

Aus mangelnder Erwägung dieses wichtigen Punktes hat eine mattherzige und ebenso

unedle wie oberflächliche Philosophie bei so vielen wackeren Geistern dazu

geführt dass wir bisher fast nichts von dem Allerbesten was es in den Seelen

gibt gewusst haben Dies ist auch der Grund dass man in jenem Irrtum welcher

die Vergänglichkeit der Seelen lehrt so viele Wahrscheinlichkeit gefunden hat

 
 






     1 Philalethes Ebenso wie die Empfindungen des Körpers, sind auch die

Gedanken des Geistes entweder dem Gefühle gleichgültig oder aber von Lust oder

Schmerz begleitet Die Vorstellungen davon kann man ebensowenig als alle anderen

einfachen Vorstellungen beschreiben noch eine Definition der Ausdrücke geben

deren man sich zu ihrer Bezeichnung bedient

    Theophilus Ich glaube es gibt keine Wahrnehmungen welche uns ganz und gar

gleichgültig sind aber es ist genug dass um sie so nennen zu können ihre

Wirkung nicht merkbar sei denn die Lust oder der Schmerz scheint in einer

merkbaren Hilfe oder in einem merkbaren Hindernis zu bestehen Ich gebe zu dass

diese Definition keine nominale ist und man auch keine solche geben kann

     2 Philalethes Gut ist dasjenige welches in uns Lust hervorzubringen und

zu vermehren oder Schmerz zu vermindern und abzukürzen dient Schlimm ist das

was den Schmerz in uns hervorzurufen oder zu vermehren oder eine Lust zu

vermindern dient

    Theophilus Ich bin auch dieser Meinung Man teilt das Gute in das Ehrbare

Angenehme und Nützliche ein aber im Grunde glaube ich dass es entweder selbst

angenehm sein oder zu etwas anderem dienen müsse was uns eine angenehme

Empfindung verleihen kann dh das Gute ist das Angenehme oder Nützliche und

das ehrbare selbst besteht in einer Lust des Geistes.

     4 5 Philalethes Von der Lust und dem Schmerz stammen die

Leidenschaften Liebe hat man zu dem was Lust hervorbringen kann und der

Gedanke der Unlust oder des Schmerzes welchen eine gegenwärtige oder abwesende

Ursache hervorrufen kann ist der Hass Aber derjenige Hass und diejenige Liebe

die sich auf des Glückes oder des Unglücks fähige Wesen beziehen sind oft eine

Lust oder eine Befriedigung die wir in uns selbst als durch die Betrachtung

ihres Daseins oder des Glückes das sie genießen in uns entstanden fühlen

    Theophilus Auch ich habe fast dieselbe Definition der Liebe gegeben als

ich in der Vorrede meines Codex juris gentium diplomaticus die Grundsätze der

Gerechtigkeit erläuterte nämlich dass Lieben sei getrieben werden an der

Vollkommenheit dem Wohl oder Glück des geliebten Gegenstandes Lust zu haben

Und deshalb erwägt und verlangt man in der Liebe keine andere eigene Lust als

die welche man in dem Wohlsein oder der Lust dessen was man liebt findet

aber in diesem Sinne lieben wir das was der Lust oder des Glückes unfähig ist

eigentlich nicht und genießen Dinge dieser Art ohne sie darum zu lieben es sei

denn durch eine phantastische Personifizierung und wie wenn wir uns

einbildeten dass sie selbst ihrer Vollkommenheit genießen Es ist also

eigentlich nicht Liebe wenn man sagt dass man ein schönes Gemälde um der Lust

willen liebt welche man beim Empfinden seiner Vollkommenheiten erfährt Es ist

aber erlaubt den Sinn der Ausdrücke zu erweitern und der Gebrauch ist darin

wandelbar Die Philosophen und selbst die Theologen unterscheiden auch zwei

Gattungen der Liebe nämlich diejenige Liebe welche sie die der Begehrlichkeit

nennen die nichts anderes ist als das Bestreben oder das Gefühl für alles das

was uns Lust verschafft ohne dass wir uns darum bekümmern ob es seihst deren

empfängt und die Liebe des Wohlwollens welche das Gefühl für dasjenige ist

das uns durch seine Lust oder sein Glück Lust und Glück gewährt Die erstere

lässt uns unsere Lust die zweite die des anderen im Auge halten jedoch so dass

sie die unsrige macht oder vielmehr ausmachte denn wenn sie nicht in irgend

einer Art auf uns zurückginge würden wir uns nicht dafür interessieren können

da sage man was man wolle es unmöglich ist sich von seinem eigenen Wohlsein

loszulösen Auf diese Weise aber muss man die uneigennützige und nicht nach

Lohnhaschende Liebe verstehen um ihren Adel wohl zu begreifen und dennoch nicht

auf Chimären zu verfallen

     6 Philalethes Das Unbehagen auf Englisch uneasiness welches jemand

in sich wegen des Mangels eines Dinges, das ihm Lust erwecken würde wenn es

gegenwärtig wäre empfindet wird das Verlangen genannt Dieses Unbehagen ist

der erste um nicht zu sagen einzige Antrieb welcher den Fleiß und die

Tätigkeit der Menschen aufstachelte denn welches Gut man auch immer dem Menschen

vorhalten mag wenn die Abwesenheit desselben weder von Unlust noch von Schmerz

begleitet ist und derjenige welcher desselben beraubt ist ohne es zu

besitzen zufrieden sein und sich wohlbefinden kann so wird er auch nicht

danach verlangen und noch weniger Anstrengungen machen um es zu genießen Er

empfindet für diese Art von Gut nur eine bloße Willensneigung welchen Ausdruck

man angewendet hat um den untersten Grad des Verlangens auszudrücken der sich

demjenigen Zustand am meisten nähert in welchem sich die Seele hinsichtlich

eines ihr gänzlich gleichgültigen Dinges befindet wenn die Unlust über die

Abwesenheit eines Dinges so unbedeutend ist dass sie nur zu schwachen Wünschen

führt ohne zu veranlassen sich der Mittel es zu erhalten zu bedienen Das

Verlangen ist noch tot oder aufgehalten durch die noch vorhandene Ansicht dass

das gewünschte Gut nur in dem Maße als das Unbehagen der Seele durch diese

Erwägung geheilt oder vermindert wird erlangt werden kann. Übrigens habe ich

was ich jetzt von dem Unbehagen rede in dem berühmten englischen

Schriftsteller dessen Ansichten ich Ihnen vielfach vortrage gefunden Ich habe

in der Bedeutung des englischen Wortes uneasiness ein wenig Schwierigkeit

gefunden Der französische Übersetzer aber dessen Geschicklichkeit in der

Erledigung seiner Aufgabe nicht in Zweifel gezogen werden kann, bemerkt am Ende

der Seite Kap 20  6 dass der Verfasser durch dies englische Wort den Zustand

eines Menschen bezeichne der sich nicht wohlbefindet den Mangel an Wohlsein

und Ruhe der in dieser Hinsicht rein leidenden Seele und dass er dies Wort durch

den Ausdruck Unbehagen inquiétude habe wiedergebend müssen der zwar nicht

dieselbe Vorstellung ausdrückt sich ihr aber am meisten nähert Diese

Bemerkung wie er hinzufügt ist vor allem nötig in Bezug auf das folgende

Kapitel über die Macht wo der Verfasser über diese Art von Unbehagen viel

spricht denn wenn man mit diesem Worte die eben bezeichnete Vorstellung nicht

verbindet so würde es nicht möglich sein die Gegenstände ordentlich zu fassen

die in diesem Kapitel abgehandelt werden und welche die bedeutendsten und die

schwierigsten des ganzen Werkes sind

    Theophilus Der Übersetzer hat recht und die Lektüre seines trefflichen

Antors hat mir gezeigt dass diese Erwägung des Unbehagens ein Hauptpunkt ist wo

der Verfasser ganz besonders den Scharfsinn und die Tiefe seines Geistes zeigt

Aus diesem Grunde habe ich meine Aufmerksamkeit darauf gewendet und nachdem ich

die Sache wohl erwogen habe scheint es mir fast dass das Wort Unbehagen wenn

es den Sinn des Verfassers nicht hinlänglich ausdrückt meiner Meinung nach doch

hinlänglich mit der Natur der Sache übereinkommt und das Wort uneasiness wenn

es eine Unlust einen Verdruss eine Unannehmlichkeit mit einem Wort irgend einen

wirklichen Schmerz bezeichnete würde damit nicht übereinkommen Denn ich würde

lieber sagen dass in dem Verlangen an sich eher eine Disposition und eine

Vorbereitung zum Schmerze als Schmerz selbst liegt Allerdings unterscheidet

sich diese Empfindung mitunter von der welche man im Schmerze hat nur durch

das Weniger gegen das Mehr aber das Wesen des Schmerzes besteht eben im Grade

denn er ist eine bemerkbare Empfindung Man sieht dies auch an dem Unterschiede

zwischen dem Appetit und dem Hunger denn wenn die Erregung des Magens zu stark

wird so wird sie störend so dass man also auch hier unsere Lehre von den für

das Bewusstsein zu geringen Wahrnehmungen anwenden muss denn wenn das was in uns

vorgeht sobald wir Appetit und Verlangen haben hinlänglich angewachsen ist

würde es uns Schmerz verursachen Aus diesem Grunde hat der unendlich weise

Urheber unseres Daseins es zu unseres lösten so eingerichtet dass wir uns oft in

der Unwissenheit und in verworrenen Vorstellungen beenden damit wir um so

schneller aus Instinkt handeln und nicht durch die zu deutlichen Empfindungen

einer Menge von Gegenständen belästigt werden die uns nicht eigentlich angehen

und deren doch die Natur zur Erreichung ihrer Zwecke nicht hat entbehren können

Wie viele Insekten verschlucken wir nicht ohne es gewahr zu werden wie viele

Personen sehen wir nicht dadurch in Missbehagen versetzt dass sie einen zu feinen

Geruch haben und wie viele ekelerregende Gegenstände würden wir sehen wenn

unser Gesicht durchdringend genug wäre Aus eben dieser Kunst hat uns die Natur

den Antrieb des Verlangens wie die Anfänge oder Elemente des Schmerzes oder

sozusagen halbe Schmerzen oder wenn Sie missbräuchlich reden wollen um sich

stärker auszudrücken geringe unbewusste Schmerzen gegeben damit wir den

Vorteil des Übels genießen ohne dessen Unbequemlichkeit zu erfahren denn man

würde sonst wenn diese Wahrnehmung zu deutlich wäre in Erwartung des Guten

immer elend sein statt dass dieser beständige Sieg über jene halben Schmerzen

welche man empfindet indem man seinem Verlangen folgt und in irgend einer Art

diesem Triebe oder diesem Reize genugtut uns eine Menge halber Lustempfindungen

gewährt deren Fortsetzung und Anhäufung wie bei der Fortsetzung des Anstoßes

eines schweren im Fall begriffenen und dadurch an Geschwindigkeit zunehmenden

Körpers endlich eine ganze und wahrhafte Lust wird Und ohne diese halben

Schmerzen würde es im Grunde genommen keine Lust und kein Mittel geben sich

dessen bewusst zu werden dass uns etwas unterstützt und Erleichterung verschafft

wenn Widerstand vorhanden ist, der uns zum Wohlbefinden zu gelangen verhindert

Auch erkennt man gerade darin die nahe Verwandtschaft von Lust und Schmerz die

Sokrates in Platos Phaedo bemerkt als die Füße ihm versagen Diese

Inbetrachtnahme der kleinen Hilfen oder kleinen Befreiungen und unmerklichen

Auslösungen des aufgehaltenen Strebens woraus endlich eine merkbare Lust sich

ergibt dient auch dazu eine deutlichere Erkenntnis der verworrenen Vorstellung

zu gewähren die wir von der Lust und dem Schmerz haben und haben müssen ganz

wie die Empfindung der Wärme oder des Lichtes aus einer Menge von kleinen

Bewegungen folgt welche gemäß dem oben von mir Bemerkten Kap IX  13 die

der Gegenstände ausdrücken und sich davon nur dem Scheine nach und weil wir uns

dieser Analyse nicht bewusst werden unterscheiden Freilich glauben heutzutage

mehrere dass unsere Vorstellungen der sinnlichen Eigenschaften von den

Bewegungen selbst und dem was in den Gegenständen vorgeht gänzlich verschieden

und etwas Ursprüngliches und Unerklärliches ja selbst etwas Willkürliches sind

als wenn Gott der Seele nach bloßer Willkür Empfindungen gäbe und nicht nach

dem was im Körper vorgeht eine von der wahren Analyse unserer Vorstellungen

sehr entfernte Ansicht der Sache

    Um aber zum Unbehagen zurückzukehren dh zu jenen kleinen unmerklichen

Erregungen die uns beständig in Atem erhalten so sind dies verworrene

Bestimmungen dergestalt dass wir oft nicht wissen was uns fehlt während wir

bei den Neigungen und Leidenschaften wenigstens wissen was wir wollen obschon

die verworrenen Wahrnehmungen auch auf die ihnen eigene Art zu handeln

einwirken und die Leidenschaften selbst auch noch diese Unruhe oder Reizung

verursachen Diese Antriebe sind gleichsam ebensoviel Federn die sich

abzuspannen versuchen und unsere Maschine in Gang setzen Ich habe auch darüber

schon bemerkt dass wir aus diesem Grunde niemals ganz gleichgültig sind wenn

wir es am meisten zu sein scheinen wie wenn wir uns zB am Ende einer Allee

auf die rechte statt auf die linke Seite wenden Denn die von uns ergriffene

Entscheidung kommt von diesen unmerklichen aus den Wirkungen der Gegenstände

und des Innern unseres Körpers gemischten Entschlüssen her wonach wir es für

uns leichter finden uns nach der einen als nach der anderen Seite zu kehren Im

Deutschen nennt man den Pendel einer Uhr die Unruhe Man kann sagen dass es sich

mit unseres Körper ebenso verhält der sich auch niemals vollkommen im

Wohlbehagen beendet weil wenn ein neuer Eindruck von Gegenständen, eine kleine

Veränderung in den Organen in den Eingeweiden in den Gefäßen vorkäme dies

sofort das Gleichgewicht verändern und sie zu irgend einer kleinen Anstrengung

um sich in den möglich besten Zustand zu versetzen führen würde Dies bringt

aber einen beständigen Kampf hervor der sozusagen die Unruhe unseres

Uhrwerkes macht daher ich diese Benennung ganz nach meinem Geschmack finde

     7 Philalethes Die Freude ist eine Lust welche die Seele empfindet wenn

sie den Besitz eines gegenwärtigen oder zukünftigen Gutes als gesichert

betrachtet und wir sind im Besitz eines Gutes wenn wir es dergestalt in

unserer Macht haben dass wir wenn wir wollen dasselbe genießen können

    Theophilus In den Sprachen fehlen die Ausdrücke die geeignet sind

einander naheliegende Begriffe gehörig zu unterscheiden Vielleicht nähert sich

dieser Definition der Freude das lateinische Gaudium mehr als Laetitia die man

auch durch das Wort Freude wiedergibt aber dann scheint sie mir einen Zustand

zu bezeichnen wo die Lust in uns vorherrscht denn während der tiefstes

Traurigkeit und inmitten der quälendsten Ärgernisse kann man sich eine gewisse

Lust verschaffen wie wenn man trinkt oder Musik hört während freilich die

Unlust vorherrschte und selbst inmitten der heftigsten Schmerzen kann der Geist

doch freudig sein wie den Märtyrern geschah

     8 Philalethes Die Traurigkeit ist eine Unruhe der Seele wenn sie an ein

verlorenes Gut denkt dessen sie länger hätte genießen können oder wenn sie von

einem wirklich gegenwärtigen Übel gequält wird

    Theophilus Nicht allein das gegenwärtige wirkliche Übel sondern auch die

Furcht vor einem zukünftigen Übel kann traurig machen so dass ich glaube dass

die Definition der Freude und der Traurigkeit die ich oben gegeben habe mit

dem Sprachgebrauch mehr zusammenstimmen Was die Unruhe betrifft so ist im

Schmerz und folglich in der Traurigkeit etwas mehr und die Unruhe ist selbst

bei der Freude denn sie macht den Menschen munter tätig voll Hoffnung

weiterzuschreiten Die Freude hat sich schon fähig erwiesen durch zu heftige

Aufregung zu töten und dabei war dann in ihr noch mehr als bloße Unruhe

     9 Philalethes Die Hoffnung ist die Befriedigung der Seele wenn sie an

den Genuss denkt den sie der Wahrscheinlichkeit nach von etwas haben muss was

ihr Lust zu gewähren geeignet ist und die Furcht ist eine Unruhe der Seele

wenn sie an ein zukünftiges Übel denkt das sich ereignen kann

    Theophilus Wenn die Unruhe eine Unlust bezeichnet so gestehe ich dass sie

die Furcht immer begleitete nimmt man sie aber für jenen unmerklichen Antrieb

der uns vorwärts treibt so kann man sie auch mit der Hoffnung verbünde denken

Die Stoiker nahmen die Leidenschaften für Meinungen So war ihnen die Hoffnung

die Meinung von einem zukünftigen Gute und die Furcht die Meinung von einem

zukünftigen Übel Aber lieber sage ich dass die Leidenschaften weder

Befriedigungen noch Missbehagen noch Meinungen sind sondern Strebungen oder

vielmehr Modifikationen von Strebungen die aus der Meinung oder dem Gefühl

stammen und von Lust oder Unlust begleitet sind

     11 Philalethes Die Verzweiflung ist der Gedanke den man hat dass ein

Gut nicht zu erlangen ist was Betrübnis und mitunter Gefühllosigkeit

verursachen kann

    Theophilus Nimmt man die Verzweiflung als eine Leidenschaft an so wird sie

eine Art starker Strebung sein welche sich auf einmal angehalten endete dies

verursacht einen heftigen Kampf und viel Unlust Wenn aber die Verzweiflung von

Ruhe und Gefühllosigkeit begleitet wird wird sie mehr eine Meinung als eine

Leidenschaft sein

     12 Philalethes Der Zorn ist diejenige Unruhe oder Unordnung welche wir

empfinden nachdem wir irgend eine Beleidigung empfangen haben und die von dem

augenblicklichen Verlangen uns zu rächen begleitet wird

    Theophilus Der Zorn scheint etwas Einfacheres und Allgemeineres zu sein da

die Tiere desselben fähig sind denen man doch keine Beleidigung zufügt Im

Zorne liegt eine gewaltsame Anstrengung welche sich des Übels zu entschlagen

strebt Das Verlangen der Rache kann auch bei kaltem Blute bleiben und wenn man

viel mehr Hass als Zorn hat

     13 Philalethes Der Neid ist die Unruhe die Unlust der Seele welche

aus der Betrachtung eines von uns erstrebten aber von einem anderen besessenen

Gutes kommt der unserer Ansicht nach es nicht vor uns hätte haben sollen

    Theophilus Nach dieser Fassung würde der Neid stets eine löbliche und

wenigstens unserer Meinung nach immer auf der Gerechtigkeit begründete

Leidenschaft sein Aber ich weiß nicht ob man nicht mitunter auf ein

anerkanntes Verdienst neidisch ist das man wenn man es besäße zu missachten

sich nicht scheuen würde Man beneidet andere selbst um ein Gut das zu haben

man sich gar nicht wünschen würde Man wäre zufrieden sie desselben beraubt zu

sehen ohne daran zu denken das von ihnen Verlorene zu gewinnen und selbst

ohne dies hoffen zu können Denn manche Güter sind wie Freskogemälde welche man

wohl zerstören aber nicht wegnehmen kann

     17 Philalethes Die meisten Leidenschaften verursachen bei manchen

Personen Eindrücke auf den Körper und bringen in ihm verschiedene Veränderungen

hervor aber diese Veränderungen sind nicht Turner bemerkbar So ist zB die

Scham nicht immer vom Erröten begleitet jene Unruhe der Seele welche man

fühlt wenn man etwas Unanständiges oder sonst etwas was uns in der Achtung

anderes heruntersetzt getan zu haben innewird

    Theophilus Wenn die Menschen sich die äußeren Bewegungen mehr zu beobachten

bemühten welche die Leidenschaften begleiten so würde es schwer sein sie zu

verheimlichen Was die Scham anbetrifft so ist es der Bemerkung wert dass

sittsame Menschen mitunter Bewegungen welche denen der Scham ähnlich sind

empfinden wenn sie nur Zeugen einer unanständigen Handlung sind

 
 



                                  



     1 Philalethes Indem der Geist beobachtet wie ein Ding zu sein aufhört

und wie ein anderes das vorher nicht war da zu sein anfängt und indem er

schließt dass es mit gleichen Dingen die durch gleiche Mittel hervorgebracht

werden, ebenso sein werde kommt er dabei auf den Gedanken es sei möglich dass

in einem Dinge eine seiner einfachen Vorstellungen sich ändere und wiederum es

sei möglich dass ein anderes diese Veränderung hervorbringe dadurch bildet der

Geist sich die Vorstellung der Macht

    Theophilus Wenn die Macht dem lateinischen Potentia entspricht so ist sie

der Tatsache entgegengesetzt und der Übergang von der Macht zur Tatsache ist

die Veränderung Das ist es was Aristoteles unter dem Ausdruck Bewegung

versteht wenn er sagt sie sei die Tatsache oder vielleicht die Betätigung

dessen was eine Macht hat Man kann also sagen dass die Macht im allgemeinen

die Möglichkeit der Veränderung sei Da nun die Veränderung oder die Betätigung

dieser Möglichkeit in einem Subjekt Handlung und in einem anderen Leiden ist so

wird es auch zwei Arten von Macht geben die eine leidend und die andere tätig

Die tätige wird Vermögen genannt werden können, und die leidende könnte

vielleicht Fähigkeit oder Rezeptivität genannt werden. Allerdings wird die

tätige Macht mitunter in einem noch höheren Sinne genommen wenn außer dem

einfachen Vermögen noch eine Strebung dabei ist und so nehme ich sie in meinen

dynamischen Betrachtungen Man könnte ihr den Ausdruck Kraft besonders beilegen

und die Kraft würde entweder Entelechie oder Kraftäußerung effort sein denn

die Entelechie obgleich Aristoteles sie so allgemein nimmt dass sie noch die

ganze Tätigkeit und Kraftäußerung umfasst scheint mir eher den ursprünglichen

wirkenden Kräften zuzukommen und das Wort Kraftäußerung den abgeleiteten Es

gibt selbst auch noch eine Art leidender Macht die noch spezieller und von

Realität erfüllter istdies ist diejenige welche in der Materie waltet worin

nicht allein die Beweglichkeit vorhanden ist, welches die Tätigkeit oder

Rezeptivität der Bewegung istsondern auch die Widerstandskraft welche die

Undurchdringlichkeit und die Trägheit umfasst Die Entelechien dh die

ursprüngliches oder substantiellen Strebungen sofern sie mit Wahrnehmung

verbunden sind, sind die Seelen

     3 Philalethes Die Vorstellung der Macht drückt etwas Relatives aus Aber

haben wir irgend eine Vorstellungvon welcher Art sie auch immer sei die nicht

etwas Relatives in sich schließt Unsere Vorstellungen von Ausdehnung Dauer

Zahl  enthalten sie nicht alle in sich eine stillschweigende Beziehung auf

Teile Dasselbe lässt sich auf eine noch sichtbarere Weise bei der Gestalt und

der Bewegung bemerken Sind die sinnliches Eigenschaften etwas anderes als die

Machtäußerungen verschiedener Körper in Bezug auf unsere Wahrnehmung und nicht

an sich selbst von der Größe Gestalt der inneren Bildung und der Bewegung der

Teile abhängig Dies bewirkt eine Art von Beziehung unter ihnen So kann denn

meiner Meinung nach die Vorstellung der Macht sehr wohl unter die übrigen

einfachen Vorstellungen gesetzt werden

    Theophilus Im Grunde genommen sind die Vorstellungenwelche soeben

aufgezählt wurden zusammengesetzt Die der sinnlichen Eigenschaften behaupten

ihren Rang unter den einfachen Vorstellungen nur infolge unserer Unwissenheit

und die übrigen welche man deutlich erkennt behalten ihre Stelle dort nur

durch eine Nachsicht welche man lieber nicht ausüben sollte Es verhält sich

damit ungefähr wie in betreff der gewöhnlichen Grundsätze welche unter den

Lehrsätzen stehen könnten und bewiesen zu werden verdienten und welche man

dennoch als Grundsätze gelten lässt als ob es ursprüngliche Wahrheiten wären

Diese Nachsicht ist schädlicher als man denkt aber man ist allerdings nicht

immer imstande ihrer zu entbehren

     4 Philalethes Wenn wir dabei recht achtgeben so gewähren uns die Körper

mittels der Sinne keine so klare und deutliche Vorstellung von der tätigen

Macht als wir sie durch die Reflexionen haben die wir über die Wirkungen

unseres Geistes anstellen Es gibt meiner Überzeugung nach nur zwei Arten von

Handlungen wovon wir Vorstellung haben nämlich Denken und Bewegen Was das

Denken anbetrifft so gibt uns der Körper davon keine Vorstellung und wir haben

sie nur durch Vermittlung der Reflexion Ebensowenig haben wir durch

Vermittlung des Körpers irgend eine Vorstellung vom Anfang der Bewegung.

    Theophilus Diese Betrachtungen sind sehr triftig sind obgleich das Denken

dabei auf so allgemeine Weise genommen wird dass es jede Wahrnehmung umfasst so

will ich doch den Gebrauch der Worte nicht anfechten

    Philalethes Wenn der Körper selbst in Bewegung ist, so ist diese im Körper

eher eine Tätigkeit als ein Leiden Aber wenn eine Billardkugel dem Stoß des

Queues nachgibt so ist dies keine Tätigkeit der Kugel sondern ein bloßes

Leiden

    Theophilus Darüber ließe sich etwas sagen denn die Körper würden durch den

Anstoß keine Bewegung empfangen gemäß den dabei zu bemerkenden Gesetzen wenn

sie nicht schon in sich Bewegung hätten Wir wollen jedoch jetzt diesen Punkt

übergehen

    Philalethes Ebenso wenn ein Ball einen anderen der sich auf seinem Wege

findet anstößt und in Bewegung setzt so teilt er ihm nur die empfangene

Bewegung mit und verliert ganz ebensoviel

    Theophilus Ich sehe dass diese irrige Meinung welche die Kartesianer

aufgebracht haben wie wenn die Körper so viel Bewegung verlören als sie

abgeben die heutzutage durch die Erfahrungen und die Vernunftgründe zerstört

und selbst von dem berühmten Verfasser der Untersuchung über die Wahrheit

aufgegeben worden ist der eine kleine Abhandlung ganz besonders zu dem Zweck

hat drucken lassen sie zurückzunehmen dennoch nicht unterlässt vielen

einsichtigen Leuten Gelegenheit zu Missverständnis zu geben indem sie auf so

gebrechlichem Grunde ihr Lehrgebäude errichten

    Philalethes Das Übertragen der Bewegung gibt nur eine ganz dunkle

Vorstellung von einer tätigen Macht der Bewegung im Körper indem wir nichts

weiter sehen als dass der Körper die Bewegung, ohne sie irgendwie

hervorzubringen überträgt

    Theophilus Ich weiß nicht ob hier behauptet wird Maß die Bewegung von

Körper zu Körper übergeht und dieselbe Bewegung idem numero dabei übertragen

wird Ich weiß dass einige gegen die Ansicht der ganzen Schule so weit gegangen

sind unter anderen der Jesuitenpater Casati Ich zweifle jedoch dass dies Ihre

Meinung oder die Ihrer gelehrten Freunde ist die in der Regel von solchen

Einbildungen weit entfernt sind Wenn indessen dieselbe Bewegung nicht

übertragen wird so muss man zugeben dass sich in dem Körper der sie empfängt

eine neue Bewegung erzeugte also würde der welcher sie erteilt wirklich tätig

sein obwohl er zu gleicher Zeit Kraftverlust erleiden würde Denn obgleich der

Körper allerdings nicht so viel Bewegung verliert als er erteilte so bleibt es

doch immer wahr dass er deren verliert und zwar so viel Kraft verliert als er

abgibt wie ich anderswo erklärt habe so dass man stets in ihm Kraft oder tätige

Macht zugeben muss Ich verstehe die Macht in einen höheren Sinne den ich ein

wenig vorher erläutert habe wo nämlich die Strebung mit dem Vermögen sich

verbindet Indessen stimme ich mit Ihnen immer darin überein dass wir die

klarste Vorstellung der tätigen Macht durch den Geist empfangen Auch ist sie

nur in desjenigen Wesen welche mit dem Geiste Analogie haben nämlich in den

Entelechien denn der Stoff bezeichnet eigentlich nur die leidende Macht

     5 Philalethes Wir finden in uns selbst die Macht gewisse Handlungen

unserer Seele und gewisse Bewegungen unseres Körpers anzufügen oder nicht

anzufangen fortzusetzen oder abzubrechen und zwar einfach durch einen Gedanken

oder eine Wahl unseres Geistes der sozusagen bestimmt und befehlt dass solch

eine besonders Handlung geschehe oder nicht geschehe Diese Macht nennen wir den

Willen Die tatsächliche Ausübung dieser Macht nennt man Wollen das Abbrechen

oder hervorbringen der einem solchen Befehl der Seele folgenden Handlung nennen

wir das Freiwillige und jede Handlung die ohne eine solche Leitung der Seele

geschielt heißt unfreiwillig

    Theophilus Ich finde dies alles sehr gut und richtig Um es indessen runder

auszudrücken und vielleicht ein wenig weiterzugehen möchte ich sagen dass das

Wollen die Anstrengung oder Strebung conatus ist auf das was man für gut

hält loszugehen und sich von dem zu entfernen was man für schlimm hält so dass

diese Strebung unmittelbar aus dem Bewusstsein welche man von ihr hat folgt

und das Korollarium dieser Definition ist der berühmte Grundsatz dass aus dem

Wollen und Können zusammengenommen die Handlung folgt da aus jeder Strebung die

Handlung folgt wenn sie nicht Hindernis findet So folgen vermöge der Einheit

von Seele und Leib wovon ich anderswo die Begründung gegeben habe nicht allein

die inneren freiwilligen Handlungen unseres Geistes sondern auch die äußeren

aus diesem Conatus dh die freiwilligen Bewegungen unseres Körpers Es gibt

auch noch aus unmerklichen Wahrnehmungen entspringende Anstrengungen deren man

sich nicht bewusst ist; ich möchte diese lieber Begehrungen als Wollen obgleich

auch dabei bemerkbare Begehrungen vorkommen nennen denn freiwillige Handlungen

nennt man nur solche deren man sich bewusst sein und auf welche unsere Reflexion

bei der Erwägung dessen was gut und schlimm ist verfallen kann

    Philalethes Die Macht des Bewusstseins nennen wir Verstand dieser besitzt

die Wahrnehmung der Vorstellungendie der Bedeutung der Zeichen und endlich die

der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung unter einigen unserer

Vorstellungen.

    Theophilus Wir sind uns vieler Dinge in uns und außer uns bewusst die wir

nicht verstehen und wir verstehen sie wenn wir in uns deutliche Vorstellungen

davon haben nebst dem Vermögen zu reflektieren und die notwendigen Wahrheiten

daraus zu gewinnen Darum haben die Tiere keinen Verstand wenigstens in diesem

Sinne obgleich sie das Vermögen haben sich der bemerklichsten und

hervortretendsten Eindrücke bewusst zu sein wie das Wildschwein jemand bemerkt

der ihm zuruft und auf ihn losgeht von dem es schon vorher eine bloße aber

nur verworrene Wahrnehmung wie von allen den übrigen Gegenständen hatte die ihm

in die Augen fielen und deren Strahlen seine Kristalllinse trafen So entspricht

denn nach meiner Erklärung der Verstand dem was bei den Lateinern intellectus

heißt und die Ausübung dieses Vermögens heißt das Verstehen welches eine mit

dem Vermögen der Reflexion verbundene bestimmte Wahrnehmung istwelche sich bei

den Tieren nicht findet Jede mit diesem Vermögen verbundene Wahrnehmung ist

Denken welches ich den Tieren ebensowenig zusprechen kann als den Verstand so

dass man sagen darf das Verstehen finde dann statt wenn das Denken deutlich

ist Übrigens verdient die Wahrnehmung der Bedeutung der Zeichen von der

Wahrnehmung der bezeichneten Vorstellungen hier gar nicht unterschieden zu

werden

     6 Philalethes Gewöhnlich sagt man dass Verstand und Wille zwei Vermögen

der Seele sind ein ganz bequemer Ausdruck wenn man sich desselben bedient wie

man sich aller Worte bedienen muss indem man sich davor in acht nimmt dass sie

im menschlichen Denken Verwirrung anrichten was wie ich fürchte hier beim

Seelenleben geschehen ist Und wenn man uns sagt dass der Wille jene höhere

Fähigkeit der Seele sei welche alles regelt und anordnet dass er frei sei oder

nicht dass er die unteren Vermögen bestimme dass er dem Gebot des Verstandes

folge obgleich auch diese Ausdrücke in einem klaren und bestimmten Sinn

verstanden werden können), so fürchte ich doch dass sie bei verschiedenen Leuten

die verworrene Idee von ebensoviel besonderen tätigen Wesen die in uns jedes

für sich wirken hervorgerufen haben

    Theophilus Das ist eine Streitfrage welche den Schulen schon lange zu tun

gemacht hat Nämlich ob zwischen der Seele und deren Vermögen ein realer

Unterschied obwalte und ob das eine Vermögen von den anderen real verschieden

sei Die Realisten haben es bejaht die Nominalisten verneint Und dieselbe

Streitfrage ist über das wirkliche dasein von noch mehreren anderen abstrakten

Wesen die demselben Schicksal anheimfallen müssen angestellt worden Ich meine

aber nicht dass hier diese Frage zu entscheiden und sich in diese dornige

Untersuchung zu vertiefen nötig sei obgleich wie ich mich erinnere Episcopius

sie für so wichtig erachtet hat dass er glaubte man könne die Freiheit des

Menschen nicht aufrecht erhalten wenn die Seelenvermögen wirkliche Wesen seien

Indessen wenn sie auch wirkliche und voneinander verschiedene Wesen wären so

dürften sie doch nicht als reale wirkende Wesen gelten wenn man sich nicht ganz

missbräuchlich ausdrücken will Nicht die Vermögen oder Eigenschaften sind es

welche wirken sondern die Substanzen mittels der Vermögen

     8 Philalethes Sofern der Mensch die Macht hat zu denken oder nicht zu

denken sich entsprechend der vorziehenden Entscheidung oder Wahl seines eigenen

feistes zu bewegen oder nicht zu bewegen sofern ist er frei

    Theophilus Der Ausdruck Freiheit ist sehr zweideutig Es gibt eine Freiheit

des Rechts und eine tatsächliche Nach der des Rechts ist ein Sklave nicht frei

und ein Untertan nicht ganz aber ein Armer ist so frei wie ein Reicher Die

tatsächliche Freiheit besteht entweder in der Macht zu wollen wie man soll

oder in der Macht zu handeln wie man kann Das ist die Freiheit des Handelns

von der Sie sprechen und diese hat ihre Grade und Verschiedenheiten Im

Allgemeinen ist derjenige welcher mehr Mittel hat freier das zu tun was er

will aber im besonderen versteht man die Freiheit von dem Gebrauch der Dinge

welche man gewöhnlich in seiner Gewalt hat und vor allem von deren freien

Gebrauch unseres Körpers So beeinträchtigen der Kerker und die Krankheiten

unsere Freiheit indem sie uns verhindern unserem Körper und unseren Gliedern

diejenige Bewegung zu geben die wir ihnen geben wollen und gewöhnlich geben

können also ist auf diese Weise ein Gefangener und ein Gelähmter der keinen

freien Gebrauch seiner Glieder hat unfrei Die Freiheit des Wollens wird auch

in zwei verschiedenen Bedeutungen genommen Die eine findet statt wenn man sie

der Unvollkommenheit oder demjenigen Gebrauch des Geistes entgegensetzt der ein

Zwang oder ein Hindernis aber ein inneres ist wie dasjenige welches von den

Leidenschaften stammt Die andere findet statt wenn man die Freiheit der

Notwendigkeit entgegensetzt Im ersten Sinne sagten die Stoiker dass der Weise

allein frei sei und man hat in der Tat keinen freien Geist wenn er von einer

großen Leidenschaft in Anspruch genommen ist denn alsdann kann man nicht

wollen wie man sollte dh mit der nötigen Überlegung Auf diese Weise ist

Gott allein vollkommen frei und die erschaffenen Geister sind es nur in dem

Maße als sie über die Leidenschaften erhaben sind Und diese Freiheit betrifft

eigentlich unseren Verstand Diejenige Freiheit des Geistes aber welche der

Notwendigkeit entgegengesetzt ist betrifft bloß den Willen und zwar sofern er

vom Verstande sich unterscheidet Diese ist was man die freie Willkür nennt

womit gemeint sein soll dass die stärksten Gründe oder Eindrücke welche der

Verstand dem Willen vorhält den Willensakt nicht verhindern zufällig zu sein

und ihm nicht eine absolut und sozusagen metaphysische Notwendigkeit verleihen

Und in diesem Sinne pflege ich zu sagen dass der Verstand den Willen gemäß dem

Vorwiegen der Wahrnehmungen und Gründe bestimmen kann jedoch auf eine Art dass

er wenn auch sicher und untrüglich doch nur geneigt macht ohne mit

Notwendigkeit zu wirken

     9 Philalethes Wie dabei zu bemerken gut ist hat sich noch niemand

herbeigelassen eine Kugel mag sie nun durch den Anstoß einer Rakete in

Bewegung gesetzt oder in Ruhe sein für ein frei wirkendes Wesen zu nähmen Dies

kommt daher dass wir einem Ball weder Denken noch irgend einen Willensakt

demgemäß er die Bewegung der Ruhe vorzieht beimessen

    Theophilus Wenn das frei wäre was ohne Hindernis wirkt so würde die

Kugel wenn sie in einem gleichmäßigen Horizont einmal in Bewegung wäre ein

frei wirkendes Wesen sein Aber Aristoteles hat schon richtig bemerkt dass um

die Handlungen frei zu nennen wir nicht allein verlangen dass sie spontan

sondern auch dass sie überlegt seien

    Philalethes Aus diesem Gründe betrachten wir die Bewegung oder die Ruhe der

Kugeln unter der Vorstellung eines Notwendigen

    Theophilus Die Bezeichnung notwendig fordert ebensoviel Umsicht als die

von frei Jene bedingungsweise geltende Wahrheit nämlich Gesetzt dass die

Kugel in einem gleichmäßigen Horizont einmal ohne Hindernis in Bewegung ist, so

wird sie dieselbe Bewegung fortsetzen kann gewissermaßen für notwendig

angesehen werden, obgleich diese Folgerung im Grunde genommen nicht ganz

geometrisch ist da sie sozusagen nur unter einer Voraussetzung angenommen und

auf die Weisheit Gottes gegründet ist der ohne vernünftigen Grund seinen

Einfluss nicht ändert welcher jetzt vermutlich nicht eintreten wird Aber jener

schlechthin aufgestellte Satz Die Kugel hier ist gegenwärtig in dieser Ebene in

Bewegung ist nur eine zufällige Wahrheit und in diesem Sinne ist die Kugel ein

zufälliges nicht frei wirkendes Wesen

     10 Philalethes Nehmen wir an dass man einen Menschen während eines

tiefen Schlafes in ein Zimmer trägt wo sich jemand beendet den er sehr zu

sehen und zu sprechen wünscht und dass man die Tür hinter ihm zuschließt so

wird dieser Mensch beim Erwachen froh sein mit jener Person sich zu treffen

und also mit Vergnügen im Zimmer bleiben Ich denke nicht dass man darüber in

Ungewissheit sein werde ob er an jenem Orte freiwillig bleibt Gleichwohl steht

es ihm nicht frei sich wenn er will daraus zu entfernen Also ist die

Freiheit keine Vorstellungdie dem Willen zukommt

    Theophilus Ich finde das Beispiel sehr gut gewählt um zu zeigen dass in

einem gewissen Sinne eine Handlung oder ein Zustand freiwillig sein kann ohne

frei zu sein Indessen wenn die Philosophen und Theologen über die freie

Willkür streiten haben sie einen ganz anderen Sinn im Auge

     11 Philalethes Die Freiheit fehlt wenn die Lähmung die Beine

verhindert der Bestimmung des Geistes zu gehorchen obgleich es in dem

Gelähmten selbst etwas freiwilliges sein kann sitzen zu bleiben solange er das

Sitzen der Ortsveränderung vorzieht Freiwillig ist also nicht dem Notwendigen

sondern dem Unfreiwilligen entgegengesetzt

    Theophilus Diese Genauigkeit im Ausdruck würde mir schon gefallen wenn

nicht der Sprachgebrauch sich dass von entfernter diejenigenwelche die Freiheit

der Notwendigkeit entgegensetzen wollen dies nicht von den äußeren Handlungen

sondern von dem Willensakte selbst verstanden wissen

     12 Philalethes Ein wachender Mensch besitzt nicht mehr Freiheit zu

denken oder nicht zu denken als er frei ist zu verhindern oder nicht zu

verhindern dass sein Körper einen anderen Körper berührt Aber seine Gedanken

von einer Vorstellung zur anderen übertragen  das steht oft zu seiner

Disposition Und in diesem Fall hat er soviel Freiheit in Hinsicht seiner

Vorstellungen als in Hinsicht der Körper, auf welche er sich stützt indem er

wie es ihm in den Sinn kommt sich von dem einen zum anderen fortbewegen kann

Gleichwohl gibt es Vorstellungenwelche wie gewisse Bewegungen dergestalt dem

Geiste eingepflanzt sind dass man sie in gewissen Umständen man mag sich

anstrengen wie man will nicht entfernen kann Ein Mensch auf der Folter hat

nicht die Freiheit der Vorstellung des Schmerzes sich zu entschlagen und

mitunter wirkt eine heftige Leidenschaft auf unseren Geist wie der wütendste

Wind auf unseren Körper wirkt

    Theophilus In den Vorstellungen findet Ordnung und Zusammenhang statt wie

in den Bewegungen denn das eine entspricht dem anderen vollkommen obgleich die

Bestimmung in den Bewegungen ohne Bewusstsein geschieht frei aber oder mit Wahl

im denkenden Wesen welchem die Güter und die Übel nur Neigung verursache ohne

es zu zwingen Denn indem die Seele die Körper vorstellt bewahrt sie ihre

Vollkommenheiten und obgleich sie  wohlverstanden  in den unfreiwilligen

Handlungen vom Körper abhängig ist, so ist sie doch in den übrigen unabhängig

und macht den Körper von sich abhangen Aber diese Abhängigkeit ist nur

metaphysisch und besteht in den Rücksichten Gottes auf die eine intern er den

anderen regelt oder mehr auf die eine als auf den anderen nach Maßgabe der

ursprünglichen Vollkommenheiten eines jeden während die physische Abhängigkeit

in einem unmittelbaren Einguss bestehen würde den der eine vor der anderen, von

welcher er abhängt empfangen müsste Übrigens kommen uns unfreiwillige Gedanken

teils von außen durch die Gegenstände welche unsere Sinne treffen teils von

innen auf Grund der oft unmerklichen Eindrücke welche von den früheren

Wahrnehmungen zurückgeblieben sind die ihre Wirksamkeit fortsetzen und sich mit

den neu hinzukommenden vermischen In dieser Hinsicht verhalten wir uns leidend

und selbst wenn wir wachen kommen uns ungerufen Bilder worunter ich nicht

allein die Darstellungen von Gestalten sondern auch der Töne und anderer

sinnlicher Eigenschatten begreife wie in den Träumen Die deutsche Sprache

nennt sie fliegende Gedanken die nicht in unserer Macht sind und wobei mitunter

Widersinnigkeiten vorkommen die wohlgesinnten Leuten Bedenken erregen und den

Kasuisten und Gewissensräten zu schaffen machen Das ist wie in einer Laterna

magica welche die Gestalten auf der Mauer erscheinen lässt je nachdem man

inwendig etwas vorbeischiebt Aber wenn unser Geist sich eines Bildes bewusst

wird das ihm kommt kann er ihm Halt gebieten und es sozusagen festhalten

Ferner kann der Geist, wenn es ihm gut scheint auf gewisse Gedanken näher

eingehen die ihn zu anderen führen Aber dies gilt nur wenn die inneren oder

äußeren Eindrücke nicht das Übergewicht haben Allerdings sind die Menschen

darin sehr verschieden sowohl ihrem Temperamente als der Übung in der

Selbstbeherrschung nach dergestalt dass der eine die Eindrücke überwinden kann

wo der andere sich hingibt

     13 Philalethes Notwendigkeit hat überall da statt wo das Denker fehlte

Und wenn diese Notwendigkeit sich in einem des Wollens fähigen wirkenden Wesen

findet und der Anfang oder die Fortsetzung einer Handlung seiner inneren Wahl

widerspricht so nenne ich das Zwang und wenn die Verhinderung oder das

Aufhören einer Handlung dem Wollen dieses wirkenden Wesens zuwiderläuft so

erlaube man mir dies Einhalten Kohibition zu nennen Was aber die Wesen

betrifft welche durchaus kein Denken und kein Wollen haben so sind diese in

jeder Hinsicht aus Notwendigkeit wirkende Wesen

    Theophilus Mögen die Willensakte auch zufällig sein so scheint doch

eigentlich zu reden die Notwendigkeit nicht dem Wollen sondern dem Zufall

entgegengesetzt werden zu müssen wie ich schon in  9 bemerkt habe und die

Notwendigkeit nicht mit dem Bestimmtsein Determination verwechselt werden zu

dürfen denn beim Denken findet nicht weniger Verknüpfung oder Bestimmtsein

statt als bei den Bewegungen Bestimmt  determiniert  zu werden ist etwas

ganz anderesals mit Gewalt gestoßen oder durch Zwang vergewaltigt zu werden

Und wenn wir nicht immer die Ursache bemerken welche uns bestimmt oder um

derentwillen wir uns bestimmen so ist der Grund davon dass wir ebensowenig

fähig sind uns des ganzen Spieles unseres Geistes und unserer meist

unvernehmlichen und verworrenen Gedanken bewusst zu werden als wir den ganzen

Mechanismus welchen die Natur in unserem Körper spielen lässt erkennen können

Wenn man daher unter der Notwendigkeit das feste Bestimmtwerden des Menschen

verstände welches durch eine vollkommene Erkenntnis aller Umstände von dem was

in und außer dem Menschen vorgeht einen vollkommenen Geist zur Voraussicht

bringen könnte so würde jeder freie Akt ein notwendiger sein da die Gedenken

sicherlich ebensogut wie die von ihnen dargestellten Bewegungen bestimmt

werden. Aber man muss das Notwendige von dem wenn auch bestimmten Zufälligen

unterscheiden und nicht allein die zufälligen Wahrheiten sind nicht notwendig

sondern auch ihre Verknüpfungen haben nicht immer eine absolute Notwendigkeit

denn in der Art und Weise die Konsequenzen zu bestimmen, die in notwendigen

Verhältnissen stattfinden und denen die in zufälligen stattfinden gibt es

ohne Zweifel einen Unterschied Die geometrischen und metaphysischen

Konsequenzen bestimmen mit Notwendigkeit die physischen und moralischen aber

machen nur geneigt ohne mit Notwendigkeit zu bestimmen, indem das Physische

selbst etwas Moralisches und Gewolltes ist hinsichtlich Gottes da die Gesetze

der Bewegung keine andere Notwendigkeit als die Wahl des Besten haben Nun

wählt Gott frei obgleich er das Beste zu wählen bestimmt wird, und da die

Körper selbst keine Wahl haben indem Gott für sie gewälzt hat so hat der

Sprachgebrauch gewollt dass man sie notwendig Wirkendes nennt Ich widersetze

mich dem nicht sofern man nur nicht das Notwendige und das Bestimmte

verwechselt und so weit geht sich einzubilden dass die freien Wesen auf

unbestimmte Weise wirken ein Irrtum der bei manchem sich geltend gemacht hat

und die wichtigsten Wahrheiten ja sogar jenen fundamentalen Satz zerstört dass

nichts ohne Ursache geschieht  ohne welchen weder das Dasein Gottes noch

andere große Wahrheiten recht bewiesen werden können. Was den Zwang anbetrifft

so ist es gut zwei Arten desselben zu unterscheiden den einen physischen wie

wenn man einen Menschen gegen seinen Willen ins Gefängnis bringt oder in einen

Abgrund wirft den anderen moralischen wie zB den Zwang mittels Androhung

eines größeren Übels denn die Handlung, welche dadurch veranlasst wird hört

nicht auf freiwillig zu sein Man kann auch durch die Erwägung eines größeren

Gutes gezwungen werden wie wenn man einen Menschen durch Versprechen eines

unverhältnismäßig großen Vorteils in Versuchung führt obgleich man dies

gewöhnlich nicht Zwang zu nennen pflegt

     14 Philalethes Sehen wir jetzt zu ob man nicht den seit so lange

geführten meines Erachtens aber sehr unvernünftigen weil unverständlichen

Streit endigen kann ob der Wille des Menschen frei ist oder nicht

    Theophilus Man hat alle Ursache sich über das sonderbare Verfahren der

Menschen zu wundern die sich durch Aufwerfen schlecht verstandener Streitfragen

quälen Sie suchen was sie wissen und wissen nicht was sie suchen

    Philalethes Die Freiheit welche bloß eine Macht ist gehört einzig und

allein wirkenden Wesen an und kann nicht ein Attribut oder eine Modifikation des

Willens sein der selbst nichts anderes als eine Macht ist

    Theophilus Nach der eigentlichen Wortbedeutung haben Sie recht Indessen

kann man den angenommenen Sprachgebrauch auch einigermaßen entschuldigen In

derselben Weise pflegt man ja auch der Wärme oder anderen Eigenschaften die

Macht zuzuschreiben nämlich dem Körper sofern er diese Eigenschaften besitzt

und ebenso ist hier die Absicht zu fragen ob der Mensch frei istindem er

will

     15 Philalethes Die Freiheit besteht in der Macht des Menschen eine

Handlung seinem Willen gemäß zu tun oder zu unterlassen

    Theophilus Wenn die Menschen nur das unter Freiheit verständen wenn sie

fragen ob der Wille oder die Willkür frei sei so würde ihre Streitfrage in der

Tat widersinnig sein aber man wird bald sehen was sie eigentlich wollen und

ich habe es sogar schon berührt Allerdings fordern sie hierbei aber kraft

eines anderen Grundsatzes etwas Widersinniges und Unmögliches indem sie eine

durchaus nur eingebildete und nicht zu verwirklichende Freiheit des

Gleichgewichts verlangen die ihnen auch nichts nützen würde wenn es möglich

wäre dass sie sie hätten dh die Freiheit besitzen könnten im Gegensatz zu

allen Eindrücken die aus dem Verstande stammen können zu wollen Dies würde

die wahre Freiheit zugleich mit der Vernunft zerstören und uns unter die Tiere

erniedrigen

     17 Philalethes Wer da sagen wollte dass die Macht zu sprechen die Macht

zu singen leite und dass die Macht zu singen der Macht zu reden gehorche würde

sich ebenso schicklich und ebenso verständlich ausdrücken als wer sagte wie

man zu sagen pflegt dass der Wille den Verstand leitet und der Verstand dem

Willen gehorcht oder nicht gehorcht   18 Indessen hat diese Art zu reden den

Vorzug erhalten und wenn ich nicht irre viel Verwirrung verursacht obgleich

die Macht zu denken ebensowenig auf die Macht zu wählen wirkt wie die Macht zu

singen auf die Macht zu tanzen   19 Ich gestehe zu dass dieser oder jener

Gedanke dem Menschen Gelegenheit geben kann seine Macht des Wählens zu

gebrauchen und dass die Wahl des Geistes Ursache sein kann dass er an dies oder

jenes wirklich denkt ebenso wie das Singen einer gewissen Melodie die wirkliche

Veranlassung sein kann einen bestimmten Tanz zu tanzen

    Theophilus Es kommt hier noch auf etwas mehr an als auf das Darbieten von

Gelegenheiten da eine gewisse Abhängigkeit dabei stattfindet denn man kann nur

das wollen was man für gut hält und je nachdem das Verstandesvermögen

fortgeschritten ist fällt die Wahl des Wissens besser aus wie auf der anderen

Seite der Mensch je nachdem er im Wollen kräftig ist die Gedanken nach seiner

Wahl bestimmt statt durch unfreiwillige Wahrnehmungen bestimmt und fortgerissen

zu werden

    Philalethes Die Macht ist eine Relation und kein wirkendes Wesen

    Theophilus Wenn die wesentlichen Vermögen nur Relationen sind und der

Wesenheit nichts mehr hinzufügen so sind die zufälligen oder der Veränderung

unterworfenen Eigenschaften und Fähigkeiten etwas ganz anderes Man kann von

diesen letzteren sagen dass die einen in der Ausübung ihrer Verrichtungen von

den anderen oft abhangen

     21 Philalethes Meines Erachtens darf nicht gefragt werden ob der Wille

frei sei was eine unangemessene Ausdrucksweise istsondern ob der Mensch frei

sei Dies einmal gesetzt behaupte ich dass jemand so lange frei ist als er

durch die Richtung oder die Wahl seines Geistes das Dasein einer Handlung dem

Nichtdasein dieser Handlung vorziehen kann und umgekehrt dh so lange als er

machen kann dass sie seinem Willen gemäß sei oder nicht sei Und wir würden kaum

die Möglichkeit behaupten können ein noch freieres Wesen zu denken als ein

solches das fähig wäre das zu tun was es will so dass der Mensch ebenso frei

zu sein scheint hinsichtlich der Handlungen welche von diesen in ihm sich

verendenden Vermögen abhangen als es der Freiheit wenn ich mich so ausdrücken

darf ihn frei zu machen möglich ist

    Theophilus Wenn man über die Freiheit des Willens oder über die freie

Willkür spricht so fragt man nicht ob der Mensch tun kann was er will

sondern ob er in seinem Willen selbst Unabhängigkeit hat Man fragt nicht ob er

freie Füße und Hände hat sondern ob sein Geist frei ist und worin dies

besteht In dieser Beziehung wird das eine geistige Wesen freier sein können als

das andere und der höchste Geist wird in einer vollkommenen Freiheit sich

beenden deren die Kreaturen nicht fähig sind

     22 Philalethes Die Menschen von Natur neugierig und bestrebt soviel

sie können aus ihrem Geist den Gedanken zu entfernen dass sie schuldbefleckt

seien obgleich sie sich dadurch in einen Zustand schlimmer als den einer

Schicksalsnotwendigkeit versetzen sind dennoch damit nicht zufrieden Wenn die

Freiheit sich nicht noch weiter erstreckt so sind sie nicht damit zufrieden

und ihrer Ansicht nach ist es eine sehr starke Probe dass der Mensch überhaupt

nicht frei ist wenn er nicht ebenso gut die Freiheit hat zu wollen als die was

er will zu tun

     23 Darüber glaube ich dass der Mensch hinsichtlich dieses besonderen

Aktes eine Handlung zu wollen die in seiner Macht steht nicht frei sein kann

wenn er diese Handlung einmal in seinem Geists sich vorgesetzt hat Die Ursache

davon ist ganz klar denn da die Handlung von seinem Willen abhängt so muss sie

ganz notwendigerweise sein oder nicht sein und da ihr Sein oder ihr Nichtsein

nicht umhin kann der Bestimmung und der Wahl seines Willens zu folgen so kann

er es nicht vermeiden das Sein oder Nichtsein dieser Handlung zu wollen

    Theophilus Ich möchte glauben dass man seine Wahl suspendieren kann und dass

dies auch recht oft geschieht besonders wenn anderweitige Gedanken die

Überlegung unterbrechen Wenn daher auch die Handlungwelche man überlegt sein

oder nicht sein muss so folgt daraus nicht dass man notwendig deren Sein oder

Nichtsein beschließen müsse denn das Nichtsein kann auch aus Mangel eines

Beschlusses eintreten Das wäre so wie die Areopagiten in der Wirklichkeit

jenen freisprachen dessen Prozess zu entscheiden sie zu schwierig gefunden

hatten indem sie ihn auf einen sehr entfernten Zeitpunkt verschoben und sich

hundert Jahre zur Überlegung nahmen

    Philalethes Wenn man den Menschen auf diese Art frei macht ich meine

indem man die Handlung des Wollens vom Willen abhängig macht so muss er einen

anderen Willen oder ein anderes Vermögen des Wollens vorher haben um die Akte

dieses Willens zu beschließen und wieder einen anderen um dieses zu

beschließen und so bis ins Unendliche fort denn wo man auch immer anhält

können die Handlungen des letzten Willens nicht frei sein

    Theophilus Allerdings spricht man ungenau wenn man sagt wir wollten was

wir wollen Wir können nicht wollen wollen sondern wir wollen handeln und wenn

wir wollen wollen könnten so würden wir wollen wollen wollen können und das

würde bis ins Unendliche fortgehen indessen dürfen wir uns nicht verhehlen dass

wir durch freiwillige Handlungen oft indirekt zu anderen freiwilligen Handlungen

beitragen und obwohl man das was man will nicht wollen kann wie man selbst

nicht über das urteilen kann was man will so kann man dennoch dies dergestalt

im voraus tun dass man nämlich in der Folge das urteile oder wolle was man in

der Gegenwart wollen oder urteilen zu können wünschen möchte Man gewöhnt sich

an Menschen an Lektüre an Lieblingsbetrachtungen an einen gewissen

Gesichtspunkt man beachtet nicht was vom entgegengesetzten Gesichtspunkt

kommt und gewinnt durch diese Mittel und tausend andere Umstände die man

meistens ohne bestimmten Vorsatz und ohne daran zu denken anwendet es über

sich sich zu täuschen oder wenigstens zu ändern und sich nach seinen

Begegnissen zu bessern oder zu verschlimmern

     25 Philalethes Da es also ausgemacht ist dass der Mensch nicht die

Freiheit hat zu wollen dass er will oder nicht will so ist jetzt zunächst zu

fragen ob der Mensch die Freiheit hat dasjenige von zweien Dingen zu wollen

was ihm gefällt zB die Bewegung oder die Ruhe Aber diese Frage ist in sich

selbst so offenbar widersinnig dass sie genügt jeden welcher darüber

nachdenkst zu überzeugen dass die Freiheit in keinem Falle den Willen angeht

Denn fragen ob der keusch die Freiheit habe zu wollen was ihm gefällt die

Bewegung oder die Ruhe das Reden oder das Schweigen  das heißt fragen ob ein

Mensch das wollen kann was er will oder ob ihm das gefällt was ihm gefällt 

eine Frage die meiner Ansicht nach keiner Beantwortung bedarf

    Theophilus Trotz alledem schaden die Menschen allerdings sich hierin eine

Schwierigkeit welche gelöst zu werden verdient Sie sagen dass nachdem sie

alles erkannt und erwogen haben es noch in ihrer flacht stehe nicht nur das zu

wollen was am meisten zusagt sondern auch das grade Gegenteil bloß um ihre

Freiheit zu zeigen Man muss aber dabei bedenken dasswenn diese Laune oder

dieser Eigensinn oder wenigstens dies Motiv welches sie den übrigen Motiven zu

folgen hindert in die Waagschale geworfen wird und sie das anzunehmen veranlasst

was ihnen sonst nicht annehmbar erscheinen würde ihre Wahl doch noch immer

durch die Wahrnehmung bestimmt ist Man will also nicht das was man wollen

möchte sondern was gefällt obgleich der Wille indirekt und gleichsam von ferne

dazu beitragen kann zu machen dass etwas gefalle oder nicht gefalle wie ich

schon bemerkt habe Und da die Menschen diese verschiedenen Erwägungen nicht

gehörig zu sondern wissen so ist es nicht zu verwundern dass der Verstand sich

über diesen Gegenstandder viele verborgene Schwierigkeiten enthält in

Unklarheit verwirrt

     29 Philalethes Wenn man fragt was denn den Willen bestimme so besteht

die wahre Antwort darin zu sagen dass der Geist es ist welcher ihn bestimmt

Wenn diese Antwort nicht genügt so ist klar dass der Sinn dieser Frage sich

darauf zurückführen lässt was denn den Geist bei jeder besonderen Gelegenheit

antreibt seine allgemeine Macht womit er seine Fähigkeiten auf diese Ruhe oder

auf jene Bewegung richtet zu einer solchen Bewegung oder einer solchen Ruhe zu

bestimmen? Ich antworte darauf dass das was uns veranlasst in demselben Zustand

zu bleiben oder dieselbe Handlung fortzusetzen allein die gegenwärtige

Befriedigung sei welche man darin findet Im Gegenteil ist das Motiv zur

Veränderung immer eine gewisse Unruhe

    Theophilus Diese Unruhe wie ich schon im vorigen Kapitel gezeigt habe ist

nicht immer ein Missvergnügen wie die ruhige Stimmung in der man sich befindet

nicht immer eine Befriedigung oder ein Vergnügen ist Oft veranlasst uns eine

unmerkliche Wahrnehmung die man nicht klar und deutlich unterscheiden kann uns

eher nach der einen als nach der anderen Seite zu neigen ohne dass man sich

darüber Rechenschaft ablegen kann

     30 Philalethes Der Wille und das Verlangen dürfen nicht miteinander

verwechselt werden Jemand hat das Verlangen von der Gicht befreit zu sein da

er aber begreift dass die Entfernung dieses Schmerzes die Übertragung eines

gefährlichen Krankheitsstoffes in einen edleren Teil verursachen kann so wird

sein Wille sich zu keiner Handlung bestimmen lassen die diesen Schmerz zu

entfernen dienen kann

    Theophilus Dieses Verlangen ist eine Art von Willensneigung im Vergleich

mit dem vollen Wollen man möchte zB wollen wenn man nicht ein viel größeres

Übel zu fürchten hätte im Fall man das was man will erlangte oder man nicht

ein viel größeres Gut zu hoffen hätte wenn man sich dessen entschlüge Man kann

indessen sagen dass der Mensch mit einem gewissen Grad des Willens von der Gicht

befreit sein will der aber nicht bis zur entscheidend letzten Anstrengung

reicht Diese Art Willen nennt man Velleität insofern er eine gewisse

Unvollkommenheit oder Ohnmacht in sich schließt

     31 Philalethes Man muss indessen bemerken dass dasjenige was den Willen

zum handeln bestimmt nicht das größte Gut ist wie man gewöhnlich annimmt

sondern vielmehr eine gewisse gerade vorhandene Unruhe und für gewöhnlich

diejenige welche am meisten drängt Diese kann man Verlangen nennen welches in

der Tat eine Unruhe des Geistes ist verursacht durch die Entbehrung eines

abwesenden Gutes außer dem Verlangen vom Schmerze befreit zu werden Nicht

jedes abwesende Gut erzeugt einen dem Grade der in ihm liegenden oder von uns

bei ihm vorausgesetzten Vortrefflichkeit angemessenen Schmerz während jeder

Schmerz ein ihm gleiches Verlangen verursachte denn die Abwesenheit eines Gutes

ist nicht immer ein Übel wie es die Anwesenheit des Schmerzes istDies ist der

Grund warum man ein abwesendes Gut ohne Schmerz betrachten und ins Auge fassen

kann aber in dem Maße als es irgendwo Verlangen gibt gibt es dabei auch

Unruhe    32 Wer sollte nicht beim Verlangen das empfunden haben was der

Weise von der Hoffnung sagt Sprichw Salom XIII 12 Die Hoffnung die da

verziehet ängstigt das Herz Rahel ruft aus 1 Buch Mos XXX 1 Schaffe mir

Kinder oder ich sterbe   34 Wenn der Mensch in dem Zustande in welchem er

sich findet vollständig befriedigt ist oder wenn er vollkommen von aller

Unruhe frei ist was kann ihm dann noch für ein Wille bleiben als der in

diesem Zustande zu verharren So hat der weise Urheber unseres Wesens die

Unbequemlichkeit des Hungers und des Durstes und die anderen natürlichen Triebe

in die Menschen gepflanzt um ihren Willen zur Selbsterhaltung und Fortpflanzung

ihres Geschlechtes aufzuregen und zu bestimmen. Es ist besser freien denn

Brunst leiden sagt St Paulus 1 Cor VII 9 So wahr ist es dass die

gegenwärtige Empfindung einer kleinen Wunde mehr Gewalt über uns hat als der

Reiz der größten Vergnügungen wenn man dieselben von fern betrachtet

     35 Allerdings ist der Grundsatz dass das Gute und zwar das größte Gut den

Willen bestimme ein so allgemein angenommener dass ich mich gar nicht darüber

wundere ihn sonst als unzweifelhaft vorausgesetzt zu haben Indes bin ich nach

einer gründlichen Untersuchung zu schließen gezwungen dass das Gute und zwar das

größte Gut wenn es auch als solches beurteilt und anerkannt wird nicht den

Willen bestimmt wenn uns nicht indem wir auf eine seiner Vortrefflichkeit

angemessene Art danach verlangen dies Verlangen darüber beunruhigt dass wir

desselben entbehren müssen Setzen wir den Fall ein Mensch sei von dem Nutzen

der Tugend so sehr überzeugte dass er sie für jeden welcher etwas Großes in

dieser Welt sich vorsetzt oder in der anderes glücklich zu sein hofft für

notwendig erachtet so wird sich doch der Wille dieses Menschen bevor ihn noch

hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit niemals zu irgend einer Handlung

bestimmen die ihm zur Verfolgung dieses vortrefflichen Gutes dient und irgend

eine andere Unruhe die ihm in die Quere kommt wird seinen Willen zu anderen

Dingen fortreißen Setzen wir auf der anderen Seite den Fall jemand der dem

Trunk ergäben ist erwäge dass er durch die Lebensweise welche er führt seine

Gesundheit zerstöre und sein Vermögen vergeude dass er sich vor der Welt

entehre sich Krankheiten zuziehe und endlich so weit in Mangel fallen werde um

nicht einmal seiner festgewurzelten Leidenschaft des Trunkes mehr nachhangen zu

können  gleichwohl bringt ihm die Wiederkehr der von ihm darüber gefühlten

Unruhe dass er von seinen Zechbrüdern entfernt sein soll ins Wirtshaus zurück

zu den Stunden an welchen er dorthin zu gehen gewohnt ist obgleich er dann den

Verlust seiner Gesundheit und seines Vermögens und vielleicht sogar den des

Glückes im anderen Leben vor Augen hat  eines Glückes das er gewiss nicht als

ein an sich unbedeutendes Gut betrachten kann weil es nach seinem eigenen

Geständnis viel vortrefflicher ist als das Vergnügen zu trinken und das leere

Geschwätz einer Gesellschaft von Trinkern Nicht also weil er seine Augen auf

dass höchste Gut zu richten unterlässt beharrt er in seinem unordentlichen Leben

denn er versteht die Vortrefflichkeit jenes und erkennt sie an soweit dass er

während der Zeit die zwischen den zum Trinken angewandten Stunden verstreicht

sich entschließt der Verfolgung dieses höchsten Gutes nachzuleben sondern wenn

das Unbehagen des gewohnten Vergnügens zu entbehren ihn zu quälen kommt so

hat dies Gut welches er als viel vortrefflicher anerkennt als das des Trinkens

keine Gewalt mehr über seinen Geist und diese augenblickliche Unruhe bestimmt

seinen Willen zur gewohnten Handlung Ja sie macht eben dadurch noch einen

stärkeren Eindruck und überwiegt bei der ersten Gelegenheit obgleich er sich

zur selben Zeit sozusagen durch geheime Gelübde selbst angelobt nicht mehr

dasselbe zu tun und sich einbildet dies werde das letzte Mal sein dass er

gegen sein höchstes Interesse handelt So findet er sich denn von Zeit zu Zeit

darauf angewiesen zu sagen

 

Video meliora proboque

 Deteriora sequor

 

Ich sehe das Bessere und billige es folge aber dem Schlechteren Dieser

Spruch den man als wahrhaftig kennt und der nur zu sehr durch fortlaufende

Erfahrung bestätigt wird ist auf diesem Wege leicht zu begreifen in irgend

einem anderen Sinne aber vielleicht nicht

    Theophilus In diesen Betrachtungen liegt etwas Richtiges und

Wohlbegründetes Ich möchte indessen nicht dadurch zu dem Glauben veranlassen

dass man jene alten Grundsätze fahren lasse wonach der Wille dem größten Gute

folgt oder das größte Übel vermeidet das er Empfindet Der Umstand dass man den

wahren Gütern wenig zugetan ist kommt zum guten Teile daher dass bei den

Gegenständen und den Umständen wo die Sinne nicht wirken unsere meisten

Gedanken sozusagen taub sind auf Latein nenne ich sie cogiatationes caecas 

blinde Gedanken dh leer von Verständnis und Gefühl und in der bloßen

Anwendung von reichen bestehend wie es denjenigen ergeht die algebraische

Berechnungen machen ohne daran zu denken dass die geometrischen Figuren und die

Wörter von Zeit zu Zeit dabei dieselbe Wirkung haben wie die arithmetischen oder

algebraischen Zeichen Man denkt oft in Worten fast ohne den Gegenstand nur im

Geiste zu haben Nun hat diese Art von Erkenntnis nichts Rührende es ist etwas

Lebendiges nötig um ergriffen zu werden Indessen ist dies die Art wie die

Menschen meistens an Gott die Tugend die Glückseligkeit denken sie reden und

denken ohne bestimmt ausgeprägte Vorstellungen Dies ist nicht deswegen der

Fall weil sie keine haben könnten sie sind ja ihrem Geiste innewohnend aber

sie geben sich nicht die Mühe die Analyse weit genug zu treiben Sie haben

mitunter die Vorstellungen eines abwesenden Gutes oder Übels aber nur sehr

schwache Kein Wunder also dass sie davon nicht berührt werden Wenn wir also

das Schlechtere vorziehen so geschieht es weil wir das darin enthaltene Gute

empfinden ohne das darin enthaltene Übel und das ihm entgegengesetzte Gute zu

fühlen Wir nehmen an und glauben oder vielmehr wir wiederholen nur auf fremden

Glauben oder höchstens auf Glauben an das Andenken unserer früheren Gedanken

dass das größte Gut auf der besseren Seite und das größte Übel auf der

entgegengesetzten sei Fassen wir sie aber nicht fest ins Auge so sind unsere

Gedanken und Räsonnements entgegengesetzt dem Gefühle eine Art von

Psittacismus der im Augenblicke für den Geist nichts ausmacht und wenn wir

nicht Maßregeln zur Abhilfe dagegen ergreifen so sind sie wie im Winde

verlogen was ich schon oben bemerkt habe B I Kap 2  11 Die schönsten

Vorschriften der Moral nebst den besten Klugheitsregeln haften nur in einer

Seele welche dafür empfindet entweder direkt oder weil dies nicht immer

geschehen kann wenigstens indirekt wie ich bald zeigen werde und für das

Gegenteil nicht mehr empfindet Cicero sagt irgendwo sehr gut dasswenn unsere

Augen die Schönheit der Tugend sehen könnten wir sie mit Inbrunst lieben

würden aber da weder dies noch etwas Dementsprechendes geschieht so muss man

sich nicht wundern wenn in dem Kampfe zwischen Fleisch und Geist der Geist so

oft unterliegt weil er seiner Vorteile nicht lebendig innegeworden ist Dieser

Kampf ist nichts anderes als der Gegensatz der verschiedenen Strebungen welche

aus verworrenen und aus deutlichen Gedanken hervorgehen Die verworrenen

Gedanken lassen sich oft sehr klar empfinden aber unsere deutlichen Gedanken

sind gewöhnlich nur der Möglichkeit nach klar Sie könnten es freilich sein

wenn wir uns die Mühe geben wollten in den Sinn der Worte oder Zeichen

einzudringen aber da man es entweder aus Nachlässigkeit oder wegen der Kürze

der Zeit nicht tut so setzt man bloße Worte oder wenigstens zu schwache Bilder

lebhaften Empfindungen entgegen Ich habe einen in der Kirche und im Staate

bedeutenden Mann gekannt den sein schwächlicher Zustand veranlasst hatte sich

mit bloßer Pflanzenkost zu begnügen aber er gestand dass er dem Geruch der

Fleischspeisen nicht habe widerstehen können die man an seinem Zimmer vorbei

den anderen auftrug Das ist ohne Zweifel eine schmähliche Schwäche aber so

sind die Menschen nun einmal angetane Wenn indessen der Geist seiner Vorteile

sich recht bedienen wollte so würde er den entschiedensten Sieg davontragen

Man müsste mit der Erziehung den Anfang machen welche in der Art geregelt werden

sollte dass man die wahren Güter und die wahren Übel so viel als möglich ist

zur Empfindung brühte indem man die über sie gebildeten Begriffe auf die zu

diesem Zweck möglichst passenden Umstände anwendete und ein schon Erwachsener

dem eine solche treuliche Erziehung fehlt muss lieber spät als niemals

erleuchtete und vernünftige Vergnügungen zu suchen beginnen um sie denen der

Sinne, welche verworren aber eindringlich sind entgegenzusetzen Auch ist in

der Tat die göttliche Gnade selbst eine Lust welche Erleuchtung verleiht Wenn

also ein Mensch gute Regungen hat so muss er sich für die Zukunft Gesetze und

Regeln machen und sie mit Strenge durchführen sich den Umständen welche ihn

verderben könnten entziehen sei es auf einmal oder allmählich je nach der

Natur der Sache Eine ganz besonders zu diesem Zweck unternommene Reise kann

einen Verliebten heilen ein Rückzug in die Einsamkeit uns vom Umgang befreien

welcher uns in irgend einer schlechten Neigung festhielt Der Jesuitengeneral

Franz von Borgia welcher schließlich kanonisiert worden ist, war gewohnt stark

zu zechen als er noch in der großen Welt lebte nach und nach aber als er sich

zurückzuziehen gedachte gewöhnte er sich an Mäßigkeit indem er täglich einen

Tropfen Wachs in den Pokal tröpfelte welchen er zu leeren gewohnt war

Gefährlichen sinnlichen Vergnügungen muss man irgend ein anderes unschuldiges

sinnliches Vergnügen wie Ackerbau oder Gärtnerei entgegensetzen man muss den

Müßiggang fliehen Merkwürdigkeiten der Natur und der Kunst sammeln Erfahrungen

und Untersuchungen machen sich zu einer Beschäftigung der man sich nicht

entziehen darf verpachten wenn man keine hat oder irgend eine nützliche und

angenehme Unterhaltung oder Lektüre anstellen Mit einem Worte man muss die

guten Regungen als Gottes Stimme die uns ruft benutzen um wirksame Beschlüsse

zu fassen Und da man nicht immer die Begriffe die wahren Güter und die wahren

Übel bis zur Wahrnehmung der in ihnen enthaltenen Lust und des in ihnen

enthaltenen Schmerzes um davon ergriffen zu werden analysieren kann so muss

man es sich ein für allemal zum Gesetz machen auf die Schlüsse der gesunden

Vernunft zu achten und ihnen zu folgen nachdem man sie einmal gut begriffen

hat selbst wenn man sich ihrer in der Folge und gewöhnlich nicht oder nur

mittels tauber und von sinnlichen Reizen entblößter Gedanken bewusst ist. Dadurch

wird man sich endlich ebensosehr in den Besitz der Herrschaft über die

Leidenschaften als über die unmerklichen Neigungen oder Unruhen setzen indem

man jene Wertigkeit erlangt der Vernunft gemäß zu handeln welche die Tugend

angenehm und gleichsam natürlich machte Aber es handelt sich hier nicht darum

moralische Vorschriften oder geistliche Ratschläge und Aufforderungen zur Übung

wahrer Frömmigkeit zu erteilen es ist genug dass bei der Betrachtung der

Vorgänge in unserer Seele die Quelle unserer Schwächen deren Erkenntnis zu

gleicher Zeit die Heilmittel dagegen gewährt erblickt werde

     36 Philalethes Die uns in der Gegenwart bedrängende Ursache wirkt allein

auf den Willen und bestimmt ihn auf natürliche Weise hinsichtlich des Glückes

nach dem wir alle in allen unseren Handlungen streben weil jeder den Schmerz

und die uneasiness dh die Unruhe oder vielmehr Unannehmlichkeit welche uns

nicht zum Gefühl der Behaglichkeit kommen lässt als mit der Glückseligkeit

unverträgliche Dinge ansieht Ein geringer Schmerz reicht hin alles Vergnügen

dessen wir genießen zu verderben folglich wird was die Wahl unseres Willens

zur folgenden Handlung unaufhörlich bestimmt immer die Entfernung des Schmerzes

sein solange wir noch einen Angriff desselben fühlen diese Entfernung ist der

erste Schritt zum Glück

    Theophilus Wenn Sie Ihre uneasiness oder Unruhe für eine wahre Unlust

nehmen so gebe ich nicht zu dass sie die alleinige Triebfeder sei Dies sind am

häufigsten jene geringen unmerklichen Wahrnehmungen welche man unbewusste

Schmerzen nennen könnte wenn der Begriff des Schmerzes nicht das Bewusstsein

einschlösse Diese kleinen Anregungen bestehen darin sich fortwährend von

kleinen Hemmungen zu befreien woran unsere Natur ohne dass man daran denkt

immer arbeitet Darin besteht in Wahrheit jene Unruhe die man ohne sie zu

erkennen empfindet die uns in den Leidenschaften ebensogut als wenn wir am

ruhigsten erscheinen tätig macht denn wir sind niemals ohne irgendwelche

Handlung und Bewegung was nur daher kommt dass die Natur immer darauf

hinarbeitet sich in einen befriedigenderen Zustand zu versetzen Und sie

bestimmt uns denn auch vor jeder Beratschlagung in denjenigen Fällen welche uns

die gleichgültigsten scheinen weil wir niemals vollkommen im Gleichgewicht sind

und nie zwischen zwei Fällen genau in der Mitte uns beenden können Wenn uns

diese Elemente des Schmerzes die in wahren Schmerz oder in wahre Unlust

mitunter ausarten wenn sie zu sehr anwachsen wahre Schmerzen wären so würden

wir stets elend sein indem wir das Gute das wir mit Unruhe und Eifer suchen

verfolgen Aber es findet ganz das Gegenteil statt indem wie ich darüber schon

gesagt habe  6 des vorigen Kapitels die Anhäufung dieser kleinen beständigen

Erfolge der Natur, die sich immer je mehr und mehr bequem macht indem sie auf

das Gute hinzielt und dessen Schattenbild genießt oder das Gefühl des Schmerzes

vermindert selbst schon eine bedeutende Lust und oft mehr wert ist als der

Genuss eines Gutes selbst Weit entfernt also dass man diese Unruhe als etwas mit

dem Glück Unverträgliches betrachten darf finde ich sie vielmehr als zum Glück

der erschaffenen Kreaturen wesentlich Denn diese besteht niemals in einem

vollkommenen Besitze welcher sie unempfindlich und gleichsam stumpfsinnig

machen würde sondern in einem beständigen ununterbrochenen Fortschritt zu

größeren Gütern der nicht umhin kann mit einem immerwährenden Verlangen oder

wenigstens einer unaufhörlichen Unruhe verbunden zu sein aber einer solchen

wie ich eben erläutert habe die nicht so weit geht beschwerlich zu fallen

sondern sich auf jene teilweise unbewussten Elemente oder Rudimente des Schmerzes

beschränkt welche zum Antrieb zu dienen und den Willen zu erregen hinreichen

Ebenso macht es bei einem gesunden Menschen der Appetit wenn er nicht bis zu

jener Unbequemlichkeit geht die uns ungeduldig macht und durch eine zu starke

Eingabe an die Vorstellung dessen plagt was uns fehlt Diese schwachen oder

starken Begehrungen nennt man in den Schulen motus primo primi sie sind in

Wahrheit die ersten Schritte welche uns die Natur nicht sowohl auf das Glück

als die Lust zu tun lässt da man dabei nur die Gegenwart im Auge hält aber

Erfahrung und Vernunft lehren diese Begehrungen regeln und mäßigen damit sie

zum Glück führen mögen Ich habe davon schon etwas gesagt Bd I K 2  3

diese Begehrungen sind wie das Streben eines Steins der zwar immer den geraden

aber nicht immer den besten Weg gegen den Mittelpunkt der Erde zu geht da er

nicht voraussehen kann dass er reisen auf seinem Wege treten wird an denen er

zerschellen muss während er sich seinem Ziele mehr genähert haben würde wenn er

den Geist und das Mittel einen Umweg zu nehmen gehabt hätte So fallen wir

mitunter indem wir auf eine gegenwärtige Lust gerade losgehen in den Abgrund

des Elends Deswegen hält uns die Vernunft dabei die Bilder größerer zukünftiger

Güter oder Übel und einen festen Entschluss sowie die Gewohnheit entgegen zu

überlegen ehe wir handeln und dann dem zu folgen was wir als das Beste

erkannt haben werden selbst dann wenn die empfindbaren Gründe unserer

Entschlüsse unserem Geiste nicht mehr gegenwärtig sein und fast nur in schwachen

Bildern oder selbst tauben Gedanken bestehen sollten die uns nur Worte oder

Zeichen ohne tatsächliche Erklärung derselben geben Demnach besteht alles in

dem Bedenke es wohl und in dem Sei eingedenk das erste um sich die Gesetze

zu machen das zweite um ihnen selbst dann zu folgen wenn man nicht mehr an

den Entstehungsgrund derselben denkt Es ist inzwischen gut daran so viel als

möglich zu denken um die Seele von einer vernunftgemäßen Freude und einer

erleuchteten Lust erfüllt zu haben

     37 Philalethes Diese Vorsichtsmaßregeln sind ohne Zweifel um so nötiger

als die Vorstellung eines abwesenden Gutes die Empfindung von Unruhe und Unlust

wovon wir gerade belästigt werden nur insofern aufwiegen können als jenes Gut

in uns Verlangen erweckt Wieviel Leute gibt es nicht denen man die

unaussprechlichen Freuden des Paradieses in lebhaften Bildern darstellt welche

sie für möglich und wahrscheinlich anerkennen  die sich gleichwohl gern mit der

Glückseligkeit deren sie in dieser Welt genießen begnügen würden Weil nämlich

die Unruhe ihres gegenwärtigen Verlangens die Oberhand behält und sich der Lust

dieses Lebens mit Ungestüm zukehrt so beschließt ihr Wille diese zu verfolgen

und so sind sie mittlerweile ganz unempfindlich gegen die Güter des anderen

Lebens

    Theophilus Zum Teil kommt dies daher dass die Menschen oft wenig überzeugt

sind und im Grunde ihrer Seele was sie auch sagen mögen eine verborgene

Ungläubigkeit herrscht denn sie haben nie die guten Gründe begriffen welche

jene der Gerechtigkeit Gottes des wahren Grundpfeilers der wahren Religion

würdige Unsterblichkeit der Seelen beweisen oder sie erinnern sich nicht mehr

sie begriffen zu haben wovon doch das eine oder andere der Fall sein muss damit

man überzeugt sei Wenige fassen selbst dass ein zukünftiges Leben wie die

wahre Religion und selbst die wahre Vernunft ein solches lehrt möglich sei

weit entfernte die Wahrscheinlichkeit, um nicht zu sagen die Gewissheit

desselben zufassen Alles was sie darüber denken ist nur Psittazismus oder es

sind grobsinnliche eitle Bilder nach mohammedanischer Weise denen sie selbst

wenig Glauben beimessen denn sie sind weit entfernt davon ergriffen zu werden

wie es nach der Sage die Krieger des Assassinenfürsten waren des Alten vom

Berge welche im tiefen Schlafe an einen reizenden Ort gebracht wurden wo sie

sich im Paradies des Mohammed wähnten und durch zu Engeln oder zu heiligen

Verkleidete solche Lehren empfingen wie ihr Fürst sie bei ihnen wünschte und

welche dann wieder eingeschläfert an den Ort zurückgebracht wurden woher man

sie genommen hatte dies gab ihnen alsdann die Kühnheit alles zu unternehmen

sogar Angriffe auf das Leben der Fürsten welche ihrem Herrn feind waren Ich

weiß nicht ob man diesem Alten vom Berge nicht unrecht getan hat denn man kann

eben nicht viele bedeutende dürsten nennen die er hätte töten lassen man müsste

denn den ihm zugeschriebenen Brief bei den englischen Geschichtsschreibern in

Betracht ziehen durch welchen er König Richard I von der Ermordung eines

Grafen oder dürsten von Palästina freispricht den dieser Alte vom Borge

gesteht töten gelassen zu haben weil er von ihm beleidigt worden war Dem sei

nun wie ihm wolle es war vielleicht ein großer Eifer für die Religion der

Grund dass dieser Fürst der Assassinen seinen Leuten eine vorteilhafte

Vorstellung vom Paradiese geben wollte welche deren Gedanken stets begleitete

und diese taub zu sein verhinderte ohne darum zu verlangen dass sie glauben

müssten sie seien wirklich im Paradies gewesen Aber gesetzt dass er es verlangt

hätte so dürfte man sich nicht wundern dass dieser fromme Betrug mehr Wirkung

gehabt habe als die schlecht angebrachte Wahrheit Gleichwohl würde nichts

stärker sein als die Wahrheit wenn man sich ihrer Erkenntnis und Geltendmachung

widmete und es würde ohne Zweifel Mittel geben ihr die Menschen kräftig

zuzuführen Wenn ich in Betracht ziehe was Ehrgeiz oder Habsucht bei allen

denen vermag die sich einmal auf solche Lebensführung eingelassen haben welche

doch von sinnlichen und lebendigen Reizen fast ganz bar ist so verzweifle ich

an nichts mehr und behaupte dass die Tugend begleitet wie sie ist von so vielen

echten Gütern unendlich mehr Wirkung haben würde wenn irgend eine glückliche

Umwälzung der Menschheit sie einmal empor und sogar in die Mode bringen würde

Es ist ganz gewiss dass man die Tugend daran gewöhnen könnte in der Ausübung der

Tugend ihre größte Lust zu suchen Und selbst die Erwachsenen könnten sich

Gesetze und eine Gewohnheit daraus machen ihr zu folgen was sie wenn sie

davon abgebracht würden ebenso stark und mit ebensoviel Unruhe ihr

nachzuleben veranlassen müsste als ein Trunkenbold empfindet wenn er ins

Wirtshaus zu gehen verhindert ist Diese Betrachtungen über die Möglichkeit und

selbst über die Leichtigkeit der Heilmittel gegen unsere Übel habe ich gern

hinzugefügt uni nicht dazu beizutragen die Menschen in der Verfolgung der

wahren Güter durch die bloße Darlegung unserer Schwachheiten mutlos zu machen

     39 Philalethes Fast alles kommt darauf an dass man das Verlangen nach

den wahren Gütern erweckt Und selten geschieht es dass eine freiwillige

Handlung in uns zustande kommt ohne von irgend einem Verlangen begleitet zu

sein darum werden der Wille und das Verlangen so oft miteinander verwechselt

Indessen darf man die Sache nicht so ansehen als ob die Unruhe welche an den

meisten Leidenschaften teilhat oder wenigstens deren Folge ist wie gänzlich

dabei ausgeschlossen sei denn Hass Furcht Zorn Neid und Scham haben jedes

seine Unruhe und wirken dadurch auf den Willen Dass irgend eine dieser

Leidenschaften ganz allein bestehe bezweifle ich ich glaube sogar dass man

Mühe haben würde eine Leidenschaft zu finden die nicht vom Verlangen begleitet

wäre Und da unsere Ewigkeit nicht vom gegenwärtigen Augenblick abhängt so

werfen wir unseren Blick welches auch die Lust sein möge die wir gerade

genießen über das Jetzt hinaus und das Verlangen das diese die Zukunft im

voraus umfassenden Anschauungen begleitet zieht den Willen immer nach sich so

dass selbst inmitten der Freude der Wunsch die Lust fortzusetzen und die Furcht

derselben beraubt zu werden die Handlung unterhält von der diese gegenwärtige

Lust abhängt und so oft eine größere Unruhe als jene sich des Geistes zu

bemächtigen kommt bestimmt sie sogleich den Geist zu einer neuen Handlung und

die gegenwärtige Lust wird hintangesetzt

    Theophilus Zur Bildung eines vollkommenen Willensaktes gehören mehrere

Wahrnehmungen und Neigungen aus deren Kampf er als Resultat hervorgeht Es gibt

darunter solche die für sich nicht wahrzunehmen sind deren Zusammenwirken eine

Unruhe erzeugt die uns ohne dass man den Grund davon sieht vorwärts treibt

mehrere von ihnen zusammengenommen lenken uns auf einen Gegenstand zu oder

entfernen uns von ihm und das ist dann Verlangen oder Furcht die auch von

einer Unruhe begleitet sind aber niemals bis zur Lust geht Endlich gibt es

Antriebe die von Lust und Schmerz tatsächlich begleitet sind und alle diese

Wahrnehmungen sind entweder neue sinnliche Empfindungen oder Phantasiebilder

welche eine frühere sinnliche Empfindung zurückgelassen hat und die mit

Wiedererinnerung verbunden sind oder nicht Diese indem sie die Reize erneuern

welche eben diese Bilder bei jenen früheren sinnlichen Empfindungen hatten

erneuern auch nach Maßgabe der Lebendigkeit der Einbildungskraft die alten

Eindrücke Und endlich folgt aus allen diesen Antrieben jene durchschlagende

Kraftanstrengung welche den vollen Willen ausmacht Indessen werden die Akte

des Verlangens und die Strebungen deren man sich bewusst ist, oft auch

Willensakte genannt wenn auch nicht volle mögen sie nun das Übergewicht

erhalten und uns zum Handels bringen oder nicht Daraus lässt sich leicht

schließen dass der Willensakt ohne Verlangen und ohne Abkehr nicht bestehen

kann denn so glaube ich kann man das Gegenteil des Verlangens nennen Die

Unruhe ist nicht allein mit den unbequemen Leidenschaften verbunden wie dem

Hass der furcht dem Zorn dem Neide der Scham sondern auch mit den

entgegengesetzten wie der Liebe der Hoffnung der Gunst und dem Ruhm Man kann

sagen dass überall wo Verlangen ist auch Unruhe sei aber das Gegenteil ist

nicht immer wahr weil man oft Unruhe hat ohne zu wissen was man will und

dann das Verlangen noch nicht fertig ist

     40 Philalethes Gewöhnlich bestimmt die stärkst Unruhe von der man sich

dann zu befreien imstande zu sein glaubt den Willen zur Handlung

    Theophilus Da das Resultat des Abwägens die schließliche Entscheidung

ergibt so kann es glaube ich geschehen dass die stärkste Unruhe nicht das

Übergewicht erhält denn wenn sie auch einer jeden der entgegengesetzten

Strebungen sie einzeln genommen überlegen wäre so können doch die übrigen

miteinander verbunden sie übersteigen Der Geist kann sogar des Kunstgriffs der

Dichotomien sich bedienen um bald die einen bald die anderen vorherrschend zu

machen wie man in einer Versammlung irgend eine Partei durch die Mehrheit der

Stimmen vorherrschend machen kann je nachdem man die Ordnung der Fragen bildet

Allerdings muss der Geist schon im voraus dafür sorgen denn im Augenblick des

Kampfes ist es nicht mehr Zeit diese Kunstgriffe anzuwenden Alles was sich

dann im Innern meldet drückt auf die Wage und trägt dazu bei eine Richtung zu

bilden die beinahe wie in der Mechanik eine zusammengesetzte ist und sich ohne

eine schleunige Abwehr nicht aufhalten lässt

 

 Fertur equis auriga nec audit currus habenas

 

     41 Philalethes Fragt man außerdem was denn das Verlangen errege so

antworten wir das Glück und weiter nichts Das Glück und das Unglück sind die

Namen der beiden äußersten Punkte deren letzte Grenzen uns unbekannt sind Sie

sind was kein Auge gesehen kein Ohr gehört und das Herz des Menschen niemals

begriffen hat Aber wir erhalten in unserem Inneren lebhafte Eindrücke von dem

einen und dem anderen durch verschiedene Arten von Befriedigung und Freude von

Qual und Verdruss die ich der Kürze wegen unter den Namen der Lust und des

Schmerzes begreife Diese kommen dem Geiste ebensogut als dem Körper zu oder

gehören genauer zu reden nur dem Geiste an obgleich sie bald im Geiste bei

Gelegenheit gewisser Gedanken bald im Körper bei Gelegenheit gewisser

Modifikationen der Bewegung ihren Ursprung haben

     42 So ist das Glück in seinem ganzen Umfang genommen die größte Lust

deren wir fähig sind und das Unglück ebenso genommen der größte Schmerz den

wir fühlen können Und der unterste Grad dessen was man Glück nennen kann ist

derjenige Zustand wo man von jedem Schmerze frei ein solches Maß

gegenwärtiger Lust genießt dass man mit einem geringeren nicht zufrieden sein

kann Ein Gut nennen wir das was in uns Lust hervorzubringen und ein Übel das

was in uns Schmerz hervorzubringen geeignet istIndessen geschieht es häufig

dass wir es nicht so nennen wenn das eine oder andere dieser Güter oder Übel

sich mit einem größeren Gute oder größeren Übel in Wettstreit beendet

    Theophilus Ich weiß nicht ob eine größte Lust möglich ist und möchte

vielmehr glauben dass sie bis ins Unendliche wachsen kann denn wir wissen

nicht bis wohin unsere Erkenntnisse und Organisation in jener ganzen Ewigkeit

die uns erwartet gelangen können Ich möchte also annehmen dass das Glück eine

dauernde Lust sei die ohne ein beständiges Fortschreiten zu immer neuer Lust

nicht stattfinden kann So wird von zweien von denen der eine unvergleichlich

schneller und durch größere Lust als der andere fortschreitet ein jeder in sich

selbst glücklich sein obgleich ihr Glück sehr ungleich sein mag Das Glück ist

also, um so zu sagen ein Weg von Lust zu Lust und die Lust ist nur ein Schritt

und eine Annäherung zum Glück  der kürzeste der sich infolge der jedesmaligen

Eindrücke machen lässt aber nicht immer der beste wie ich gegen das Ende des 

36 gesagt habe Man kann den wahren Weg verfehlen indem man den kürzesten

aufsucht wie der geradeaus fallende Stein nur zu bald Hindernissen begegnen

kann die ihn verhindern sich dem Mittelpunkt der Erde hinlänglich anzunähern

Dies lässt uns erkennen worin Vernunft und Wille bestehen die uns zum Glucke

führen dass aber das Gefühl und die Begierde uns nur der Lust zuführen Obgleich

nun die Lust ebensowenig wie das Licht oder die Farbe eine Nominaldefinition

zulässt so lässt sie doch wie sie eine genetische Definition zu und so glaube

ich dass die Lust im Grunde genommen ein Gefühl der Vollkommenheit und der

Schmerz ein Gefühl der Unvollkommenheit ist wenn er nämlich so weit merklich

ist dass man sich desselben bewusst werden kann. Denn die kleinen unmerklichen

Wahrnehmungen irgend einer Vollkommenheit oder Unvollkommenheit die gleichsam

die Elemente von Lust und Schmerz sind und von denen ich schon so oft

gesprochen habe bilden die Triebe und Neigungen aber noch nicht die

Leidenschaften selbst So gibt es unmerkliche und unbewusste Neigungen so gibt

es merkliche deren Vorhandensein und Gegenstand man kennt deren Bildung man

aber nicht merkt und das sind die verworrenen Neigungen die wir dem Körper

zuschreiben obgleich immer etwas dabei ist was im Geists damit parallel geht

endlich gibt es deutliche Empfindungen welche die Vernunft uns verleiht deren

Stärke und Bildung wir empfinden und die Freuden dieser Art welche mit der

Erkenntnis und Erzeugung von Ordnung und Harmonie verbunden sind, sind die

schätzbarsten Man hat Grund zu erklären dass im allgemeinen alle diese

Neigungen Leidenschaften diese Freuden und Schmerzen nur dem Geiste oder der

Seele angehören ich möchte sogar hinzufügen dass ihr Ursprung in der Seele

selbst liegt wenn man die Dinge in einem gewissen streng metaphysischen Sinne

nimmt dass man aber nichtsdestoweniger zu sagen recht hat die verworrenen

Gedanken kämen vom Körper her weil über sie die Betrachtung des Körpers und

nicht die der Seele etwas Bestimmtes und Erklärliches bietet Ein Gut ist das

was zur Lust dient oder beiträgt wie ein Übel das was zum Schmerz beiträgt

Aber im Kampfe mit einem größeren Gut würde dasjenige Gut das uns desselben

berauben würde in Wahrheit ein Übel werden insofern es zu dem Schmerze

beitragen würde der daraus hervorgehen müsste

     47 Philalethes Die Seele hat die Macht den Vollzug einiger dieser

Begierden aufzuschieben und besitzt folglich die Freiheit sie eine nach der

anderen zu betrachten und miteinander zu vergleichen Darin besteht die Freiheit

des Menschen und was wir freilich meines Erachtens nach sehr uneigentlich die

Willkür nennen und der schlechte Gebrauch den wir davon machen ist die

Ursache aller der verschiedenen Verirrungen Irrtümer und Fehler in welche wir

fallen wenn wir unseren Willen zu schnell oder zu langsam entscheiden

    Theophilus Die Ausübung unserer Begierde wird aufgeschoben oder

aufgehalten wenn diese Begierde nicht stark genug ist uns in Bewegung zu

setzen und die Mühe oder Unbequemlichkeit bei ihrer Befriedigung zu überwinden

und diese Mühe besteht mitunter nur in einer unmerklichen Trägheit oder

Schlaffheit welche uns unvermerkt zurückhält und welche größer ist bei Personen

von weichlicher Erziehung oder phlegmatischem Temperament und bei solchen

welche durch das Alter oder ihre schlechten Erfolge verkümmert sind Aber auch

wenn das Verlangen an sich stark genug ist um in Bewegung zu setzen wenn ihm

nichts in den Weg tritt so kann es durch entgegengesetzte Neigungen aufgeholten

werden mögen sie nun in einem bloßen Hange bestehen der gleichsam der Urstoff

oder der Anfang des Verlangens ist oder sei es dass sie bis zum Verlangen

selbst gehen Da sich indessen diese entgegengesetzten Arten von Neigung Hang

und Verlangen schon in der Seele vorfinden müssen so hat sie dieselben nicht in

ihrer Macht und würde folglich nicht auf eine freie und spontane Weise woran

die Vernunft teilhaben kann Widerstand leisten können wenn sie nicht noch ein

anderes Mittel hätte nämlich den Geist anderswohin abzulenken Wie soll man es

aber anfangen im Notfalle dies zu tun Denn das ist gerade der Punkt vor

allem wenn man von einer starken Leidenschaft erfüllt ist Der Geist muss also

im voraus gerüstet sein und sich schon im Gange beenden von Gedanken zu

Gedanken fortzuschreiten um sich nicht mit ausgleitendem und unsicherem Tritt

zu sehr aufzuhalten Es ist darum gut sich im allgemeinen anzugewöhnen an

gewisse Dinge gleichsam nur im Vorübergehen zu decken um sich die

Geistesfreiheit besser zu erhalten Das Beste aber ist an methodisches Vorgehen

sich zu gewöhnen und in einen Gedankengang einzuleben dessen Verbindung die

Vernunft und nicht der Zufall dh die unmerklichen und zufälligen Eindrücke

stiften Und darum ist die Gewohnheit gut sich von Zeit zu Zeit zu sammeln und

sich über den jedesmaligen Tumult der Eindrücke zu erhebe sich von der Stelle

wo man sich gerade beendet sozusagen zu entfernen und sich zu sagen Die cur

hic respice finem wo sind wir denn Schreiten wir zur Tat Die Menschen hätten

oft jemand mit einer Art amtlicher Befugnis nötig wie Philipp der Vater

Alexanders des Großen einen solchen hatte um sie zu unterbrechen und sie zu

ihrer Reicht zurückzurufen Aber in Ermangelung eines solchen Beamten ist es

gut dass wir dazu angetan seien dies Amt für uns selbst zu übernehmen Denn

sind wir einmal imstande die Wirkung unserer Begierden und Leidenschaften

aufzuhalten dh die Handlung aufzuschieben so können wir auch die Mittel

finden sie zu bekämpfen sei es durch entgegengesetzte Begierden und Neigungen

sei es durch Abkehr dh durch Beschäftigungen anderer Art Durch diese

Verfahrungsweisen und Kunstgriffe werden wir gleichsam Herren unserer selbst und

können uns mit der Zeit dazu bringen zu denken und zu handeln wie wir zu

wollen wünschen und die Vernunft uns gebietet Indessen geschieht es immer durch

bestimmte gewiesene Wege und niemals ohne Grund oder etwa durch das

phantastische Prinzip einer vollkommenen Indifferenz oder eines Gleichgewichts

in welches manche das Wesen der Freiheit setzen als ob man sich ohne Grund und

selbst gegen jeden Grund bestimmen und geradezu gegen alles Übergewicht der

Eindrücke und Neigungen angehen könnte Ohne Grund sage ich dh ohne den

Gegensatz anderer Neigungen oder ohne dass man im voraus im Zuge sei den Geist

davon abzuwenden und ohne irgend ein anderes ähnliches erklärliches Mittel

Sonst hieße das zu einer Chimäre seine Zuflucht nehmen wie bei den bloßen

Vermögen oder verborgenen Eigenschaften der Scholastiker die keinen Sinn und

Verstand haben der Fall war

     48 Philalethes Auch ich bin für diese vernunftgemäße Bestimmung des

Willens durch das was in der Wahrnehmung und im Verstände ist Zu wollen und

dem letzten Resultate einer ernstlichen Prüfung gemäß zu handeln ist eher eine

Vollkommenheit als ein Fehler unserer Natur Und so viel fehlt daran dass

dadurch unsere Freiheit erstickt oder verkürzt werde dass sie vielmehr gerade

dadurch vollkommener und vorteilhafter wird Auch sind wir je mehr wir uns von

dieser Weise uns zu bestimmen, entfernen desto näher dem Unglück und der

Knechtschaft Setzt man im Geiste eine vollständige und absolute Indifferenz

die durch ein letztes Urteil über das was Gut und Böse sein soll nicht

bestimmt werden kann, so bringt man ihn in einen sehr unvollkommenen Zustand

    Theophilus Alles das ist ganz nach meinem Sinne und zeigt dass der Geist

nicht eine volle und direkte Macht habe seine Begierden stets anzuhalten denn

sonst würde er niemals sich bestimmen soviel er auch Prüfungen anstellen und so

gute Gründe oder wirksame Gedanken er haben möchte  er würde immer

unentschlossen bleiben und zwischen Furcht und Hoffnung ewig schwanken Endlich

muss er sich doch entschließen und daher kann er sich seinen Begierden nur

indirekt widersetzen indem er sich im voraus die Waffen bereitet welche sie,

wie ich eben erklärt habe nach Bedürfnis bekämpfen

    Philalethes Indes besitzt der Mensch die Freiheit seine Hand auf den Kopf

zu legen oder sie in Ruhe zu lassen Er ist vollständig gleichgültig in Hinsicht

auf das eine und das andere von beiden und es würde bei ihm eine

Unvollkommenheit sein wenn diese Macht ihm fehlte

    Theophilus Genau zusprechen ist man niemals gleichgültig in Hinsicht auf

zwei Dinge zB sich nach rechts oder links zu wenden denn wir tun das eine

oder andere ohne daran zu denken und es ist das ein Zeichen dass ein

Zusammenwirken innerer Zustände und äußerer Eindrücke wenngleich unmerklich

uns zu der Entscheidung die wir ergreifen bestimmt freilich ist das

Übergewicht nur gering und fast sieht es aus als ob wir in dieser Hinsicht

gleichgültig wären da der geringste sinnlich wahrnehmbare Gegenstandder sich

uns darbietet imstande ist uns ohne Schwierigkeit zu dem einen statt zum

anderen zu bestimmen; und mag es auch eine kleine Mühe sein den Arm zu erheben

um die Hand auf den Kopf zu legen so ist sie doch so gering dass wir sie ohne

Schwierigkeit überwinden sonst gestehe ich würde es eine große

Unvollkommenheit sein wenn der Mensch dabei weniger gleichgültig wäre und ihm

die Macht fehlte sich bis zum Erheben oder Nichterheben des Armes zu bestimmen.

    Philalethes Nicht weniger aber würde es eine große Unvollkommenheit sein

wenn er dieselbe Gleichgültigkeit in allen Begegnissen hätte wie zB wenn er

Kopf oder Augen vor einem Schlage schützen wollte von dem er sich bedroht sähe

dh wenn es ihm eben so leicht wäre diese Bewegung wie die anderen von denen

wir gesprochen haben anzuhalten bei denen es fast gleichgültig ist denn das

würde bedeuten dass er nicht kräftig und schnell genug im Notfalle dazu

schreiten würde Also ist das Bestimmtwerden für uns nützlich und sehr oft sogar

notwendig und wenn wir bei jeder Art von Begegnungen wenig bestimmt und

gleichsam gegen die Gründe unempfindlich wären die aus der Wahrnehmung von Gut

und Schlimm stammen so würden wir ohne wirksame Wahl sein  ebenso wie wir

nicht frei sein würden wenn wir durch etwas anderes als durch das letzte in

unserem Geiste gemäß unserem Urteil über das Gute und Böse einer gewissen

Handlung gebildete Resultat bestimmt würden

    Theophilus Das ist vollständig wahr und wer eine andere Freiheit sucht

weiß nicht was er will

     49 Philalethes Die höheren Wesen welche eine vollkommene Glückseligkeit

genießen werden stärker als wir zur Wahl des Guten bestimmt und wir haben

gleichwohl keinen Grund uns vorzustellen dass sie weniger frei seien als wir

    Theophilus Deswegen sagen die Theologen dass diese seligen Wesen im Guten

befestigt und von jeder Gefahr des Falles frei sind

    Philalethes Ich glaube sogar dasswenn es so armseligen Geschöpfen wie

wir sind darüber zu urteilen zukäme was eine unendliche Weisheit und Güte tun

kann wir sagen könnten dass Gott selbst nichts wählen könnte was nicht gut

ist und dass die Freiheit dieses allmächtigen Wesens es nicht verhindert durch

das was das Beste ist bestimmt zu werden

    Theophilus Ich bin von dieser Wahrheit dergestalt überzeugt dass ich

glaube wir können sie dreist als gesichert behaupten so armselige und

beschränkte Kreaturen wir immer sein mögen und würden sogar sehr unrecht tun

daran zu zweifeln denn wir würden eben dadurch seiner Weisheit Güte und seinen

übrigen unendlichen Vollkommenheiten Abbruch tun Indessen darf diese Wahl so

sehr sie auch durch den Willen bestimmt sein mag doch nicht im eigentlichen

Sinne absolut notwendig genannt werden, da das Übergewicht der bewussten Güter

den Willen lenkt ohne ihn mit Notwendigkeit zu zwingen mag auch alles in

Betracht gezogen diese Lenkung bestimmend sein und niemals ihre Wirkung

hervorzubringen verfehlen

     50 Philalethes Durch die Vernunft zum Besten bestimmt werden, heißt am

freisten sein Wer würde deswegen geistesschwach sein wollen weil ein

Geistesschwacher durch weise Überlegungen weniger bestimmt wird als ein Mensch

von gesundem Geister Wenn die Freiheit darin besteht das Joch der Vernunft

abzuschütteln so sind die Narren und Unsinnigen allein frei aber ich glaube

nicht dass aus Liebe zu einer solchen Freiheit jemand ein Narr werden möchte

den ausgenommen welcher es schon ist

    Theophilus Heutzutage gibt es Leute welche es für geistreich halten gegen

die Vernunft zu predigen und sie als eine unbequeme Pedantin zu behandeln Ich

sehe kleine Broschüren inhaltlose Gespräche die sich damit groß tun und

mitunter sogar Verse welche zu schön sind um zu so unrechten Gedanken

gebraucht zu werden Wenn diejenigenwelche die Vernunft verspotten im ernste

redeten so wäre das in der Tat eine neue den vergangenen Jahrhunderten

unbekannte Verirrung Gegen die Vernunft sprechen heißt gegen die Wahrheit

sprechen denn die Vernunft ist die Verkettung von Wahrheiten Es heißt gegen

sich selbst sprechen gegen sein eigenes Wohl da der Hauptzweck der Vernunft

darin besteht es zu erkennen und ihm nachzuleben

     51 Philalethes So wie also die höchste Vollkommenheit eines vernünftigen

Wesens darin besteht sich sorgfältig und beständig der Verfolgung seines wahren

Glückes zu widmen so ist die Sorge welche wir anwenden müssen um nicht eine

eingebildete Glückseligkeit für eine wirkliche zu nehmen der Grund unserer

Freiheit Je mehr wir zur unablässigen Verfolgung des Glückes im allgemeinen

verbunden sind, das niemals der Gegenstand unseres Verlangens zu sein aufhört

desto mehr findet sich unser Wille von der Notwendigkeit entbunden durch das

Verlangen bestimmt zu werden das uns auf irgend ein besonderes Gut hinrichtet

bis wir untersucht haben ob es sich auf unser wahres Glück bezieht oder dagegen

ist

    Theophilus Das wahre Glück sollte immer der Gegenstand unseres Verlangens

sein aber man muss zweifeln ob es das sei denn oft denkt man nicht daran und

ich habe schon mehr als einmal bemerkt dass der Trieb  es sei denn dass er

durch die Vernunft gelenkt wird  auf die gerade gegenwärtige Lust und nicht

auf das Glück dh auf die dauernde Lust geht mag er auch danach streben sie

dauerhaft zu machen Siehe  36 und 41

     53 Philalethes Wenn irgend eine außerordentlich starke Störung sich

unserer Seele ganz bemächtigt wie zB der Schmerz einer grausamen Tortur sein

würde so sind wir nicht hinlänglich Herren unseres Geistes Um indessen unsere

Leidenschaften so viel als möglich zu mäßigen müssen wir unseren Geist den

Geschmack an dem wirklichen und wirksamen Guten und Schlimmen annehmen lassen

und nicht zugeben dass ein vortreffliches und bedeutendes Gut unserem Geiste

entgehe ohne ihm einigen Geschmack zurückzulassen bis wir in uns ein seiner

Vortrefflichkeit entsprechendes Verlangen erweckt haben dergestalt dass dessen

Abwesenheit uns ebensogut ruhig macht als die furcht es zu verlieren wenn wir

es genießen

    Theophilus Dies kommt ganz mit den Bemerkungen überein welche ich bei den

 31  35 gemacht habe und mit dem was ich mehr als einmal über die

erleuchteten Lustgefühle gesagt habe woraus man erkennt wie sie uns

vervollkommnen ohne uns in die Gefahr einer größeren Unvollkommenheit zu

bringen wie die verworrenen Lustgefühle der Sinne. Vor diesen letzteren muss man

sich hüten besonders wenn man nicht durch die Erfahrung erkannt hat dass man

sich derselben auf sichere Weise bedienen kann

    Philalethes Niemand sage dabei dass er seine Leidenschaften nicht

beherrschen noch verhindern könne dass sie ausbrechen und ihn zum handeln

zwingen denn was er in Gegenwart eines Fürsten oder eines angesehenen Cannes

tun kann das kann er auch wenn er will falls er allein oder in Gottes

Gegenwart ist

    Theophilus Diese Bemerkung ist sehr gut und verdient dass man oft darüber

nachdenke

     54 Philalethes Indessen beweisen die verschiedenen Wahlen welche die

Menschen in dieser Welt vornehmen dass nicht dasselbe für jeden von ihnen gleich

gut ist Und wenn die Interessen der Menschen sich nicht über dies Leben hinaus

erstreckten so würde die Ursache dieser Verschiedenheit  welche zB bewirkt

dass die einen sich in Luxus und Schwelgerei stürzen und die anderen die

Mäßigkeit der Wollust vorziehen  einzig daher kommen dass sie ihr Glück in

verschiedene Dinge setzen

    Theophilus Sie kommt auch jetzt noch daher obgleich alle diesen

gemeinsamen Vorwurf des zukünftigen Lebens vor den Angen haben oder haben

müssen Allerdings würde die Betrachtung des wahren Glückes selbst dieses

Lebens hinreichen um die Tugend den uns von ihr entfernenden Wollüsten

vorzuziehen obwohl die Verpflichtung weder so stark noch so entscheidend dabei

sein würde Auch das ist wahr dass der Geschmack der Menschen verschieden ist

und man sagt über den Geschmack dürfe man nicht streiten Aber da er nur in

verworrenen Wahrnehmungen besteht so darf man sich ihm nur in Bezug auf solche

Dinge hingeben die man als sittlich gleichgültig und unschädlich erprobt hat

sonst würde es zB lächerlich sein zu sagen wenn jemand an Giften Geschmack

fände die ihn töten oder elend machen würden dürfe man ihm seinen Geschmack

nicht streitig machen

     55 Philalethes Wenn es jenseits des Grabes nichts zu hoffen gibt so ist

ohne Zweifel jener Schluss sehr richtig Lasset uns essen und trinken lasst uns

alles genießen was uns Freude macht denn morgen sind wir tot

    Theophilus Meiner Meinung nach lässt sich über diesen Schluss noch manches

sagen Aristoteles und die Stoiker und mehrere andere alte Philosophen waren

anderer Ansicht und ich glaube in der Tat dass sie recht hatten Wenn es auch

nichts jenseits dieses Lebens gäbe so würde dennoch die Ruhe der Seele und die

Gesundheit des Körpers darum nichtsdestoweniger den ihnen schädlichen

Vergnügungen vorzuziehen sein Dass ein Gut nicht immer dauern wird ist kein

Grund es zu vernachlässigen Ich gestehe aber dass es Fälle gibt wo man

unmöglich beweisen kann dass das Ehrenvollste zugleich auch das Nützlichste ist.

Also ist es allein die Rücksicht auf Gott und die Unsterblichkeit welche die

Verpflichtungen zur Tugend und zur Gerechtigkeit absolut unentbehrlich macht

     58 Philalethes Mir scheint dass das jedesmalige Urteil über Gut und

Schlimm das wir fällen stets das richtige ist Und was das gegenwärtige Glück

oder gegenwärtige Unglück betrifft so wählt der Mensch wenn die Reflexion

nicht weitergeht und alle Folgen gänzlich beiseite gesetzt werden niemals

falsch

    Theophilus Das heißt wenn alles auf diesen gegenwärtigen Augenblick sich

beschränkte so würde es keinen Grund geben die sich darbietende Lust

zurückzuweisen In der Tat habe ich darüber schon bemerkt dass jede Lust ein

Gefühl der Vollkommenheit ist Aber es gibt gewisse Vollkommenheiten welche

größere Unvollkommenheiten nach sich ziehen Wenn sich jemand zB sein ganzes

Leben damit beschäftigte Erbsen gegen Nadeln zu werfen um zu lernen ihre Öhre

nicht zu verfehle nach dem Vorbilde dessen dem Alexander der Große zur

Belohnung einen ganzen Scheffel Erbsen geben ließ so würde dieser Mensch zu

einer gewissen Vollkommenheit gelangen die aber sehr winzig ist und mit so

vielen anderen sehr nötigen Vollkommenheiten die er würde versäumt haben nicht

in Vergleich gestellt werden kann. So muss denn die Vollkommenheit die sich in

gewissen Lustgefühlen des Augenblicks findet vor allem der Fürsorge für die

Vollkommenheiten weichen welche nötig sind damit man nicht in das Unglück

verfalle dh in jenen Zustand wo man von Unvollkommenheit zu Unvollkommenheit

von einem Schmerz zum anderen übergeht Aber wenn es nur die Gegenwart gäbe so

müsste man sich mit der Unvollkommenheit genügen lassen die sich in ihr gerade

darbietet dh mit der gegenwärtigen Lust

     62 Philalethes Niemand würde seinen Zustand freiwillig unselig machen

wenn er nicht durch falsche Urteile dazu gebracht würde Ich rede nicht von

denjenigen Täuschungen welche die Folgen eines unüberwindlichen Irrtums sind

und kaum den Namen falscher Urteile verdienen sondern von demjenigen falschen

Urteil welches dem eigenen Bekenntnis nach ein solches ist das ein jeder

darüber in seinem eigenen Innern fällen muss   63 Zuerst also irrt die Seele

wenn wir die gegenwärtige Lust oder Unlust mit einer zukünftigen Lust oder

Unlust vergleichen die wir nach der Verschiedenheit des Abstandes hinsichtlich

unser messen  dem verlorenen Sohn ähnlich der um des augenblicklichen Besitzes

von wenigem willen einer großen Erbschaft die ihm nicht entgehen konnte

entsagte Jeder muss dies falsche Urteil anerkennen denn die Zukunft wird zur

Gegenwart werden und alsdann denselben Vorteil der größten Nähe haben Wenn in

dem Augenblick wo der Mensch das Glas in die Hand nimmt die Lust des Trinkens

mit dem Kopfschmerz und Magenleiden begleitet wäre das in wenigen Stunden sich

einstellen wird so würde er nicht im geringsten vom Wein kosten wollen Wenn

ein so kleiner Zeitunterschied so viel Täuschung verursachen kann so wird mit

um so viel mehr Recht eine größere Entfernung dieselbe Wirkung haben

    Theophilus Zwischen der Entfernung des Ortes und der Zeit besteht eine

gewisse Übereinstimmung Aber es findet auch der Unterschied statt dass die

sichtbaren Gegenstände ihre Wirkung auf das Gesicht ungefähr nach Verhältnis der

Entfernung äußern und dass hinsichtlich der zukünftigen Gegenstände welche auf

die Phantasie und den Geist wirken dies nicht ebenso der Fall ist. Die

sichtbaren Strahlen sind gerade Linien die sich nach Verhältnis entfernen aber

es gibt krumme Linien die nach einiger Entfernung mit den geraden

zusammenzufallen scheinen und sich nicht mehr sichtbar davon entfernen wie die

Asymptoten deren scheinbarer Intervall von der geraden Linie verschwindet

obgleich sie in Wirklichkeit bis ins Unendliche davon geschieden bleiben Wir

machen sogar die Erfahrung, dass die erscheinenden Gegenstände sich nicht nach

Verhältnis des Anwachsens der Entfernung verkleinern denn ihre Erscheinung

verschwindet gänzlich wenn auch die Entfernung keine unendliche istEbenso

geschieht es dass eine kleine Zeitentfernung uns die Zukunft ganz entzieht ganz

wie wenn der Gegenstand verschwunden wäre Oft bleibt davon im Geiste nur das

Wort und jene von mir bereits besprochene Art von Gedanken übrig die taub und

zu rühren unfähig sind wenn man nicht methodisch und gewohnheitsmäßig dafür

gesorgt hat

    Philalethes Ich spreche hier nicht von jener Art falschen Urteils durch

welches das Abwesende im menschlichen Geiste nicht nur verringert sondern

gänzlich vernichtet wird wenn man alles was man in der Gegenwart erreichen

kann genießt und dabei den Schluss macht dass kein Übel daraus erfolgen wird

    Theophilus Das ist eine andere Art falschen Urteils wenn die Erwartung des

Guten oder Bösen vernichtet istindem man die aus der Gegenwart gezogene Folge

leugnet oder in Zweifel zieht aber außerdem ist der Irrtum welcher die

Empfindung des Zukünftigen vernichtet dasselbe wie jenes falsche Urteil von

dem ich bereits gesprochen habe das nämlich von einer zu schwachen Vorstellung

der Zukunft die man nur wenig oder gar nicht in Betracht zieht herstammt Man

könnte übrigens hier vielleicht zwischen schlechtem Geschmack und falschem

Urteil unterscheiden denn oft stellt man nicht einmal die Untersuchung darüber

an ob das zukünftige Gute vorgezogen werden müsse und handelt nur nach dem

Eindruck ohne sich auf die Prüfung einzulassen Denkt man aber daran so muss

von zwei Dingen eines geschehen dass man entweder nicht fortfährt genug daran

zu denken und darüber hinweggeht ohne die angefangene Untersuchung

weiterzuführen oder dass man die Untersuchung verfolgt und daraus einen Schluss

zieht Und mitunter bleibt in dem einen und anderen Fall eine mehr oder minder

große Reue zurück mitunter findet sich auch ganz und gar keine formido oppositi

Furcht des Gegenteils oder Bedenklichkeit sei es nun dass der Geist sich ganz

und gar davon abwendet oder durch Vorurteile irregeleitet ist

     64 Philalethes Die beschrankte Fassungskraft unseres Geistes ist die

Ursache der falschen Urteile die wir bei der Vergleichung der Güter und der

Übel fällen Wir können nicht gut zweierlei Lust zugleich genießen und noch

weniger können wir zu einer Zeit wo wir von Schmerz überwältigt sind irgend

eine Lust genießen Ein dem Becher beigemischter bitterer Tropfen hindert uns

dessen Süßigkeit zu schmecken Das Übel das Man gerade fühlt ist uns immer das

ärgster man ruft Lieber jeden anderen Schmerz als diesen

    Theophilus Bei diesem allen besteht je nach dem Temperament je nach der

Kraft der Empfindung und den angenommenen Gewohnheiten der Menschen ein großer

Unterschieds Ein Mensch der die Gicht hat kann in Freude geraten weil ihm ein

großes Vermögen zufällt und ein Mensch der in allen Vergnügungen schwimmt und

behaglich auf seinen Gütern leben könnte wird wegen einer Ungnade bei Hofe in

Trauer gestürzt Freude und Traurigkeit entstehen aus dem Resultate oder dem

Übergewicht der Lust oder des Schmerzes wenn eine Mischung stattfindet Leander

achtete nicht auf die Unannehmlichkeit und die Gefahr einer nächtlichen

Schwimmfahrt durch das Meer da die Reize der schönen Hero ihn dazu trieben Es

gibt Leute die wegen irgend einer Krankheit oder eines Gebrechens nicht essen

oder trinken dürfen und dennoch ihren Appetit über die Grenzen des Notwendigen

und Richtigen hinaus befriedigen Andere sind so weichlich oder so verzärtelt

dass sie die Vergnügungen mit denen irgend ein Schmerz Ekel oder eine

Unbequemlichkeit verbunden ist von sich stoßen Es gibt Menschen welche sich

über die gegenwärtigen mittelmäßigen Schmerzund Lustgefühle ganz hinwegsetzen

und fast nur aus Furcht oder Hoffnung handeln Andere sind so verweichlicht dass

sie sich über das kleinste Ungemach beklagen oder fast den hindern gleich der

kleinsten sinnliches Lust der Gegenwart nacheilen Das sind diejenigen denn der

Schmerz oder die Lust der Gegenwart immer die größte scheint sie sind wie

unbedachtsame Prediger oder Lobredner bei denen das Sprichwort gilt Der

Heilige den sie loben ist immer der größte heilige des Paradieses So groß

indessen die Mannigfaltigkeit unter den Menschen sein mag so bleibt es immer

wahr dass sie nur den gegenwärtigen Wahrnehmungen gemäß handeln und dasswenn

die Zukunft sie bewegt dies entweder durch das Bild das sie von ihr haben

geschieht oder durch den gefassten Entschluss und die angenommene Gewohnheit ihr

bis auf das bloße Wort oder ein anderes willkürliches Zeichen zu folgen ohne

davon ein Bild oder natürliches Zeichen zu haben weil dies nicht ohne Unruhe

und mitunter ohne schmerzliche Empfindung abgehen würde welche sie einem schon

gefassten festen Entschluss und vor allem einer Gewohnheit entgegensetzen müssten

     65 Philalethes Die Menschen sind sehr geneigt die zukünftige Lust zu

zerkleinern und bei sich den Schluss zu machen dasswenn es auf die Probe

ankommen würde sie der von ihr erregten Hoffnung oder der im allgemeinen davon

gehegten Meinung vielleicht nicht entsprechen würde Sie haben nämlich oft aus

ihrer eigenen Erfahrung gefunden dass nicht allein die Lust welche andere

gepriesen haben ihnen sehr geschmacklos erschienen istsondern dass auch das

was ihnen selbst zu einer Zeit viel Lust verursacht hat zu einer anderen sie

zurückgestoßen und ihnen missfallen hat

    Theophilus Das sind die Ansichten besonders der Lüstlinge aber gewöhnlich

findet man dass die Ehrgeizigen und habsüchtigen von Ehre und Reichtum ganz

anders urteilen obgleich sie von eben diesen Gütern wenn sie sie besitzen nur

einen mäßigen und oft sogar sehr geringen Genuss haben da sie immer weiter zu

eilen beschäftigt sind Ich finde dies eine schöne Ermüdung der schöpferischen

Natur den Menschen so viel Empfindung für das was die Sinne so wenig berührt

verliehen zu haben und wenn die Menschen nicht ehrgeizig oder habsüchtig werden

könnten so würde es im gegenwärtigen Zustand ihrer Natur schwer halten

hinlänglich tugendhaft und vernünftig werden zu können um trotz der Lüste des

Augenblicks welche sie von ihrer Vollkommenheit abwendig machen daran zu

arbeiten

     66 Philalethes Was nun diejenigen Dinge anbetrifft welche in ihren

Folgen gut oder böse und zwar darum sind weil sie uns Gutes oder Böses zu

verschaffen sich eignen so urteilen wir darüber auf verschiedene Weise indem

wir entweder urteilen dass sie unfähig sind uns wirklich so viel Übles

zuzufügen oder dass die Sache wenn auch ihre Folge von Wichtigkeit ist nicht

so sicher sei dass es nicht auch anders kommen oder dass Man sie wenigstens durch

irgendwelche Mittel wie durch Fleiß Geschicklichkeit oder Änderung des

Lebenswandels oder Reue vermeiden könnte

    Theophilus Wenn man unter der Wichtigkeit der Folge die des Erfolgenden

versteht dh die Größe des Guten oder des Übels welches erfolgen kann so muss

man wie es mir scheint in die vorhergehende Art des falschen Urteilens

verfallen wo das zukünftige Gute oder Böse schlecht vorgestellt wird So bleibt

denn nur die zweite Art von falschem Urteil übrig um die es sich hier handelt

nämlich die wo die Folge in Zweifel gezogen wird

    Philalethes Es würde leicht sein im einzelnen zu zeigen dass die eben

berührten Arten des Ausweichens ebensoviel vernunftwidrige Urteile sind jedoch

begnüge ich mich im allgemeinen zu bemerken dass es geradezu gegen die Vernunft

handeln heißt wenn man ein größeres Gut gegen ein kleineres aufs Spiel setzt

oder sich dem Unglück aussetzt um ein kleineres Gut zu erwerben und ein

kleines Übel zu vermeiden und zwar auf unsichere Vermutungen hin und ehe man

eine gehörige Untersuchung angestellt hat

    Theophilus Da die Erwägung der Größe der Folge und der Größe des

Erfolgenden zwei heterogene und nicht miteinander zu vergleichende Dinge sind

so haben sich die Moralisten bei deren Vergleichung vielfach verwirrt wie bei

denen zutage tritt die von der Probabilität gehandelt haben Die Wahrheit ist

dass hierbei wie bei anderen disparaten und heterogenen und sozusagen aus mehr

denn einer Dimension bestehenden Schätzungen die Größe dessen worum es sich

handelt aus der einen und anderen Schätzung zusammengesetzt ist und einem

Rechteck gleicht wobei zwei Schätzungen nämlich die der Länge und die der

Breite stattfinden und was die Größe der Folge und die Grade der Probabilität

anbetrifft so fehlt uns noch derjenige Teil der Logik, der ihre Schätzung

lehren soll So haben denn die meisten Kasuisten welche über die Probabilität

geschrieben haben nicht einmal deren Wesen begriffen indem sie es mit

Aristoteles auf die Autorität gründeten statt sie wie sie hätten tun sollen

auf die Wahrscheinlichkeit zu gründen da die Autorität nur einen Teil der

Gründe ausmacht welche die Wahrscheinlichkeit bilden

     67 Philalethes Hier einige der gewöhnlichen Ursachen dieses falschen

Urteilens Die erste ist die Unwissenheit die zweite die Unachtsamkeit wenn

ein Mensch nicht einmal auf das wovon er unterrichtet ist merkt Das ist eine

angenommene und augenblickliche Unwissenheit die das Urteil ebensosehr wie den

Willen irreleitet

    Theophilus Sie ist stets eine augenblickliche aber nicht immer eine

angenommene denn man denkt nicht immer wenn es sein muss an das was man weiß

und dessen Andenken man sich zurückrufen sollte wenn man davon Herr wäre Die

angenommene Unwissenheit ist während der Zeit dass man sie annimmt immer mit

einer gewissen Achtsamkeit gemischte in der Folge kann allerdings gewöhnlich

dabei Unachtsamkeit eintreten Die Kunst sich nach Bedürfnis dessen was man

weiß zu bedienen wäre eine der wichtigsten wenn sie erfunden wäre aber ich

sehe noch nicht dass man bis jetzt auch nur daran gedacht habe deren Anfänge zu

bildet denn die Gedächtniskunst über welche so viel Autoren geschrieben haben

ist etwas ganz anderes

    Philalethes Wenn man also auf der einen Seite verworren und hastig die

Gründe zusammenhält und sich dabei aus Nachlässigkeit mehrere Summen entgehen

lässt welche einen Teil der Rechnung bilden müssen so bringt solch eine

Übereilung nicht weniger falsche Urteile hervor als wenn es eine vollständige

Unwissenheit gewesen wäre

    Theophilus Wenn es sich um das Abwägen der Gründe handelt ist in der Tat

vielerlei nötige um gehörig zu verfahren es ist damit beinahe so wie bei den

Rechnungsbüchern der Kaufleute Denn da darf man keine Summe auslassen man muss

jede Summe besonders wohl berechnen man muss sie wohl ordnen und endlich genau

zusammenziehen Aber man pflegt dabei mehrere wichtige Punkte zu versäumen sei

es dass man überhaupt daran zu denken versäumt sei es dass man zu leicht

darüber hinweggeht oder man gibt nicht jedem seinen wahren Wert ähnlich jenem

Buchführer der wohl Sorge trug die Kolumnen jeder Seite richtig zu rechnen

aber die einzelnen dummen jeder Linie oder jedes Postens sehr falsch berechnete

ehe er sie in die Kolumne setzte um damit die Revisoren zu täuschen die

besonders auf das was in den Kolumnen steht achten Endlich wenn man auch

alles gut bemerkt hat kann man sich auch noch beim Zusammenziehen der Summen

der Kolumnen und selbst in der endlichen Zusammenzählung wo die Summe aller

Summen erscheint irren So müssten wir also noch die Kunst des Sichbesinnens und

die der Abschätzung der Probabilitäten und ferner die Erkenntnis des Wertes der

Güter und der Übel besitzen um die Kunst der Schlüsse wohl anzuwenden und nach

dem allem hätten wir auch noch Aufmerksamkeit und Geduld nötig um bis zum

Abschluss zu gelangen Endlich bedarf es eines festen und unveränderlichen

Entschlusses um das was beschlossen worden ist, auszuführen und Kunstgriffe

Methoden besonderer Gesetze und durchgebildeter Fertigkeiten um ihn auch in

der Folge aufrechtzuerhalten wenn die Erwägungen um derentwillen er ergriffen

wurde dem Geiste nicht mehr gegenwärtig sind Man hat Gott sei Dank in dem was

das Wichtigste ist und das Oberste betrifft Glück und Unglück allerdings nicht

so viel Kenntnisse Hilfen und Kunstgriffe nötig wie man wohl haben müsste um

in einem Staats oder Kriegsrat in einem Justizhofe bei einer ärztlichen

Konsultation in einer theologischen oder historischen Kontroverse oder bei

einem mathematischen und mechanischen Streitpunkte richtig zu urteilen dafür

braucht man aber in dem was jenen wichtigen Punkt des Glücks und der Tugend

anbetrifft mehr Festigkeit und Fertigkeit um immer gute Entschlüsse zu fassen

und ihnen zu folgen Mit einem Worte genügt für das wahre Glück weniger

Erkenntnis mit mehr gutem Willen so dass der größte Idiot ebenso leicht dazu

gelangen kann als der Gelehrteste und Gescheiteste

    Philalethes Man sieht also dass der Verstand ohne Freiheit von keinem

Nutzen sein und die Freiheit ohne Verstand nichts bedeuten würde Wenn ein

Mensch das erblicken könnte was ihm Gutes oder Übles bringen kann ohne

imstande zu sein einen Schritt zu machen um sich dem einen zu nähern oder von

dem anderen sich zu entfernen würde er dann um der Gabe dieses Blickes willen

besser daran sein Er würde sogar unglücklicher sein denn er würde

unnützerweise nach dem Guten schmachten und das Üble fürchten was er als

unvermeidlich erblicken würde und derjenige welcher die Freiheit hat inmitten

vollständiger Dunkelheit hierhin und dorthin zu laufen worin ist er besser

daran als wenn er vom Winde hin und her geworfen würde

    Theophilus Seinem Gelüste geschähe ein wenig mehr Befriedigung aber er

würde dennoch nicht besser imstande sein das Gute zu finden und das Üble zu

vermeiden

     68 Philalethes Eine andere Quelle des falschen Urteilens Zufrieden mit

der ersten Lust die uns entgegenkommt oder welche die Gewohnheit angenehm

gemacht hat sehen wir nicht weiter um uns Dies ist also auch noch eine

Veranlassung für die Menschen schlecht zu urteilen wenn sie das nicht als zu

ihrem Glücke notwendig betrachten was in der Tat dazu nötig ist

    Theophilus Diese Art falschen Urteils scheint mir unter der vorherigen Art

begriffen zu sein wenn man sich hinsichtlich der Folgen täuscht

     69 Philalethes Zu untersuchen ist noch ob es in der Macht eines

Menschen steht das Angenehme oder Unangenehme das irgend eine besondere

Handlung begleitet zu verändern Es ist in mehreren Fällen möglich Die

Menschen können und müssen ihren Gaumen verbessern und ihm Geschmack beibringen

Man kann auch den Geschmack der Seele verändern Eine gehörige Untersuchung

Übung Fleiß Gewohnheit haben diese Wirkung Auf solche Weise gewöhnt man sich

an den Tabak den Gewohnheit oder Gebrauch endlich angenehm finden lassen

Ebenso steht es hinsichtlich der Tugend Die Gewohnheiten haben großen Reiz und

man kann sich nicht ohne Unruhe von ihnen trennen Vielleicht wird man die

Behauptung als widersinnig betrachten die Menschen könnten es dahin bringen

dass Dinge oder Handlungen ihnen mehr oder weniger angenehm seien  so sehr

vernachlässigt man diese Pflicht

    Theophilus Dasselbe habe ich schon oben bemerkt in  37 gegen das Ende und

 47 auch gegen das Ende Man kann machen dass man etwas will und sich seinen

Geschmack bilden

     70 Philalethes Die auf ihren wahren Grundlagen aufgeführte Moral kann

nur zur Tugend bestimmen es genügt dass ein ewiges Glück und ein ewiges Unglück

nach diesem Leben möglich seien Man muss zugeben dass ein mit der Erwartung

einer möglichen ewigen Glückseligkeit verbundenes gutes Leben einem schlimmen

Leben vorzuziehen ist das von der Furcht vor einem entsetzlichen Unglück oder

wenigstens von der schrecklichen und unsicheren Hoffnung vernichtet zu werden

begleitet wird Alles dies ist von der äußersten Klarheit selbst wenn die

Rechtschaffenen in dieser Welt nur Übel zu erdulden hätten und die Bösen in ihr

eine ewige Glückseligkeit genossen während es doch für gewöhnlich sich ganz

anders verhält Denn wenn man alles wohl erwägt so haben sie glaube ich

selbst in diesem Leben den schlimmsten Teil

    Theophilus So würde also wenn es auch nichts jenseits des Grabes gäbe das

Leben eines Epikureers nicht das vernunftgemäßeste sein Ich freue mich dass Sie

auf diese Weise das was Sie darüber  55 Gegenteiliges gesagt haben

berichtigen

    Philalethes Wer würde närrisch genug sein um bei ruhigem Nachdenken sich

dazu zu entschließen sich einer möglichen Gefahr auszusetzen ewig unglücklich

zu werden so dass er dabei nichts für sich zu gewinnen hat als dies einfache

Nichts statt sich in den Zustand des Rechtschaffenen zu versetzen der auch nur

die Vernichtung zu fürchten und eine ewige Glückseligkeit zu hoffen hat Ich

habe von der Gewissheit oder Wahrscheinlichkeit des zukünftigen Zustandes zu

reden vermieden weil ich bei dieser Gelegenheit keine andere Absicht hege als

das falsche Urteil zu zeigen dessen sich ein jeder seinen eigenen Grundsätzen

nach schuldig bekennen muss

    Theophilus Die Bösen sind sehr geneigt zu glauben dass ein anderes Leben

unmöglich ist Aber sie haben dafür keinen anderen Grund als dass man sich auf

dasjenige beschränken müsse was man durch die Sinne erfahrt und dass ihres

Wissens noch niemand aus der anderen Welt zurückgekommen sei Es gab eine Zeit

wo man nach demselben Grundsatz die Antipoden verwerfen konnte als man die

Mathematik mit den Volksvorstellungen nicht verbinden wollte und man konnte es

mit ebensoviel Grund als man jetzt haben kann um das andere Leben zu

verwerfen wo man die wahre Metaphysik mit den Vorstellungen der Phantasie nicht

vereinigen kann Denn es gibt drei Stufen der Begriffe oder Vorstellungen

nämlich Volksvorstellungen mathematische und metaphysische Die erste Klasse

genügte nicht um den Glauben an die Antipoden hervorzubringen und die erste und

zweite genügt noch nicht um den Glauben an die andere Welt hervorzubringen

Allerdings liefern sie schon günstige Mutmaßungen aber wenn die zweite Klasse

die Antipoden vor der Erfahrung gewiss gemacht hat die man jetzt darüber hat

ich rede nicht von den Bewohnern sondern wenigstens von der Stelle welche die

Erkenntnis der Kugelform der Erde ihnen bei Geographen und Astronomen anwies

so gibt die letzte Klasse über ein anderes Leben schon jetzt und ehe noch jemand

dahin gegangen ist es zu besuchen nicht weniger Gewissheit

     72 Philalethes Kommen wir jetzt auf die Macht zurück welches eigentlich

der allgemeine Gegenstand dieses Kapitels ist da die Freiheit nur eine Spezies

derselben ausmacht aber freilich eine der wichtigsten Um von der Macht

bestimmtere Vorstellungen zu gewinnen wird es nicht unpassend oder unnütz sein

eine genauere Kenntnis dessen was man Tätigkeit nennt sich zu verschaffen Ich

habe zu Anfang unserer Unterhaltung über die Macht gesagt dass es nur zwei Arten

von Tätigkeit gibt von denen wir eine Vorstellung haben nämlich Bewegung und

Denken

    Theophilus Ich glaube man könnte einen allgemeineren Ausdruck als den des

Denkens gebrauchen nämlich den der Wahrnehmungindem man das Denken nur den

Geistern zuschreibt während die Wahrnehmung allen Entelechien zukommt Aber ich

will dennoch niemand die Freiheit streitig machen den Ausdruck lenken in

derselben Allgemeinheit zu nehmen Und ich selbst mag es mitunter getan haben

ohne darauf zu achten

    Philalethes Obwohl man nun diesen beiden Dingen den Namen Tätigkeit gibt

wird man doch finden dass er auf sie nicht immer vollkommen passt und dass man in

gewissen Fällen sie vielmehr als Leiden anerkennen muss Denn in diesen Fällen

empfängt die Substanz, in der sich Bewegung oder Denken findet lediglich von

außen den Eindruck durch welchen ihr die Tätigkeit mitgeteilt wird und sie ist

allein tätig durch ihre Fähigkeit diesen Eindruck aufzunehmen was nur eine

leidende Macht ist Mitunter setzt sich die Substanz oder das wirkende Wesen

durch seine eigene Macht in Tätigkeit und dies ist eigentlich eine tätige

Macht

    Theophilus Ich habe schon gesagt dasswenn man mit metaphysischer Strenge

das Wort Tätigkeit für das annimmt was der Substanz auf spontane Weise und aus

ihrem eigenen Innern geschieht alles was eigentlich eine Substanz ist nur

tätig ist denn nächst Gott kommt ihr alles von ihr selbst indem es unmöglich

ist dass eine erschaffene Substanz auf die anders Einguss hat Nehmen wir aber

Tätigkeit als eine Ausübung der Vollkommenheit und Leiden für das Gegenteil so

gibt es in den wirklichen Substanzen nur dann Tätigkeit wenn ihre Wahrnehmung

denn diese lege ich allen bei sich entwickelt und deutlicher wird wie es

Leiden nur dann gibt wenn sie verworrener wird so dass in den der Lust und des

Schmerzes obigen Substanzen jede Handlung eine Beförderung der Lust und jedes

Leiden eine Beförderung des Schmerzes ist Was die Bewegung anbetrifft so ist

sie ihrem Wesen nach eine wirkliche Erscheinung weil die Materie und Masse der

die Bewegung zukommt nicht im eigentlichen Sinn eine Substanz istIndessen

bietet die Bewegung das Bild einer Tätigkeit dar wie die Masse ein Bild der

Substanzund in dieser Beziehung kann man sagen dass der Körper tätig ist wenn

in seiner Veränderung Spontaneität herrscht und dass er leidend ist wenn er

durch einen anderen getrieben oder aufgehalten wird wie man in der wirklichen

Tätigkeit oder Leidenheit einer eigentlichen Substanz die Veränderung wodurch

sie ihrer Vollkommenheit zustrebt für ihre Tätigkeit welche man ihr als

solcher zuschreiben muss nehmen kann Und ebenso kann man die Veränderung

wodurch ihr das Gegenteil widerfährt für Leiden nehmen und einer fremden

Ursache zuschreiben obgleich diese keine unmittelbare ist weil im ersten Falle

die Substanz selbst und im zweiten die fremden Dinge dazu dienen diese

Veränderung auf verständliche Weise zu erklären Ich teile den Körpern nur das

Bild der Substanz und Tätigkeit zu weil genau gesprochen das aus Teilen

Zusammengesetzte ebensowenig für eine Substanz gelten kann wie eine Herde

indessen kann Man sagen dass etwas Substantielles darin ist dessen Einheit die

daraus gleichsam ein Wesen macht aus dem Denken stammt

    Philalethes Ich hatte geglaubt dass die Macht Vorstellungen oder Gedanken

durch die Wirksamkeit einer fremden Substanz zu erhalten Macht zu denken

genannt werde obgleich dies im Grunde nur eine passive Macht oder einfache

Fähigkeit ist wenn man von den Reflexionen und inneren Veränderungen absieht

welche das aufgenommene Bild immer begleiten Denn der in der Seele vorhandene

Ausdruck ist so wie der eines lebendigen Spiegels sein würde unser Vermögen

aber nichts gegenwärtige Vorstellungen nach unserer Wahl zurückzurufen und

diejenigen untereinander zu vergleichen die wir für geeignet erachten ist in

Wahrheit ein aktives Vermögen

    Theophilus Dies stimmt auch mit den von mir gegebenen Begriffen denn dabei

findet ein Übergang zu einem vollkommeneren Zustand statt Indessen möchte ich

glauben dass auch bei den sinnlichen Empfindungen Tätigkeit sei insofern sie

uns deutlichere Wahrnehmungen und folglich die Gelegenheit geben Bemerkungen zu

machen und uns sozusagen zu entwickeln

     73 Philalethes Man wird jetzt glaube ich die ursprünglichen und

originalen Vorstellungen auf folgende kleine Anzahl zurückbringen können die

Ausdehnung, die Dichtheit die Beweglichkeit dh die leidende Macht oder auch

Fähigkeit bewegt zu werden die unser Geist auf dem Wege der Reflexion erhält

und endlich das Dasein, die Dauer und die Zahl welche wir auf den beiden Wegen

der sinnlichen Empfindung und der Reflexion erhalten denn durch diese

Vorstellungen würden wir wenn ich mich nicht täusche das Wesen der Farben

Töne Geschmäcke Gerüche und aller unserer anderen Vorstellungen erklären

können wenn unsere Organe fein genug wären der verschiedenen Bewegungen der

kleinen Körper welche diese sinnlichen Empfindungen erzeugen bewusst zu werden

    Theophilus Um die Wahrheit zu sagen so glaube ich dass diese

Vorstellungenwelche hier ursprüngliche und originale genannt werden, es zum

größten Teile nicht ganz sind da sie meiner Ansicht nach einer weiteren

Auflösung fähig sind indessen tadle ich Sie nicht sich auf sie beschränkt und

die Analyse nicht weitergetrieben zu haben Ist es übrigens wahr dass deren Zahl

durch dies Mittel verringert werden kann, so glaube ich dass sie auch durch die

Hinzufügung anderer noch originalerer oder ebenso originaler Vorstellungen

vermehrt werden könnte Was ihre Anordnung anbetrifft so möchte ich der

Ordnung der Analyse zufolge das Dasein als den übrigen vorausgehend ansehen

die Zahl der Ausdehnung, die Dauer der Motivität oder Beweglichkeit obgleich

diese analytische Ordnung gewöhnlich nicht die der äußeren Gelegenheiten ist,

welche uns an sie zu denken veranlassen

    Die Sinne liefern uns den Stoff zum Nachdenken und wir würden gar nicht

einmal an das Denken denken wenn wir nicht an etwas anderes dächten nämlich an

die Besonderheiten welche die Sinne liefern Auch bin ich überzeugt dass die

Seelen und geschaffenen Geister niemals ohne Organe und niemals ohne sinnliche

Empfindungen sind wie sie niemals ohne Zeichen denken können Diejenigen,

welche eine gänzliche Loslösung und solche Denkweisen in der losgetrennten Seele

haben aufrechterhalten wollen die durch nichts im Umkreise unserer Erkenntnis

erklärbar sind und nicht allein von unserer gegenwärtigen Erfahrung sondern

was noch viel schlimmer ist von der allgemeinen Ordnung der Dinge sich

entfernen  haben den vermeintlich starken Geistern in die Hände gearbeitet und

vielen die schönsten und größten Wahrheiten verdächtig gemacht indem sie sich

dadurch sogar einiger guter Beweismittel welche diese Ordnung der Dinge uns

liefert beraubt haben

 
 





     1 Gehen wir zu den gemischten Modi über Ich unterscheide sie von den

einfacheren Modi die nur aus einfachen Vorstellungen derselben Gattung

zusammengesetzt sind Übrigens sind die gemischten Modi gewisse Verbindungen

einfacher Vorstellungendie man nicht als charakteristische Merkmale irgend

eines wirklichen Wesens das ein beständiges Dasein hat sondern als lose und

unabhängige Vorstellungen betrachtet welche der Geist zusammenfasst und dadurch

sind sie von den zusammengesetzten Vorstellungen der Substanzen verschieden

    Theophilus Um dies richtig zu verstehen muss man sich die vorher gemachten

Einteilungen zurückrufen Ihrer Ansicht nach sind die Vorstellungen einfach oder

zusammengesetzt Die zusammengesetzten sind entweder Substanzen oder Modi oder

Relationen Die Modi sind entweder einfache aus einfachen Vorstellungen

derselben Art zusammengesetzte oder gemischte Ihrer Ansicht nach gibt es also

einfache Vorstellungen Vorstellungen von Modi sowohl der einfachen als der

gemischten Vorstellungen von Substanzen und Vorstellungen von Relationen

Vielleicht könnte man die Bezeichnungen oder Objekte der Vorstellungen in

abstrakte und konkrete einteilen die abstrakten in absolute und in solche

welche die Relationen ausdrücken die absoluten in Attribute und Modifikationen

die einen wie die anderen in einfache und zusammengesetzte die konkreten in

Substanzen und in substantielle zusammengesetzte oder aus wirklichen einfachen

Substanzen gebildete Dinge

     2 Philalethes Lediglich leidend ist der Geist in betreff seiner

einfachen Vorstellungendie er empfängt je nachdem die sinnliche Empfindung

und die Reflexion sie ihm darbieten Aber oft ist er aus sich selbst in betreff

der gemischten Modi tätig denn er kann die einfachen Vorstellungen miteinander

verbinden indem er zusammengesetzte bildet ohne in Betracht zu ziehen ob sie

so vereinigt in der Natur vorhanden sind. Aus diesem Grunde gibt man solchen

Arten von Vorstellungen den Namen Begriff

    Theophilus Die Reflexion aber welche uns einfache Vorstellungen denken

macht ist oft auch freiwillig und es können ferner die Verbindungen welche

die Natur nicht gemacht hat wie von selbst in uns durch das bloße Gedächtnis in

den Träumen und Phantasien gebildet werden, ohne dass der Geist dabei mehr als in

den einfachen Vorstellungen tätig ist Was aber das Wort Begriff anbetrifft so

wenden mehrere dasselbe bei allen Arten von Vorstellungen oder Denkbildern an

sowohl bei den ursprünglichen als den abgeleiteten

     4 Philalethes Die Bezeichnung mehrerer in eine einzige verknüpfter

Vorstellungen heißt Name

    Theophilus Das heißt wenn sie verbunden werdende können worin man oft

fehlt

    Philalethes Da das Verbrechen einen Greis zu töten keinen Namen wie der

Vatermord hat so betrachtet man das erstere nicht als eine zusammengesetzte

Vorstellung

    Theophilus Der Grund warum der Mord eines Greises keinen Namen hat ist

dass er da die Gesetze keine besondere Strafe darauf gesetzt haben von geringem

Nutzen sein würde Indessen hangen die Vorstellungen nicht von den Namen ab Ein

Moralist der für das Verbrechen einen erfinden und in einem besonderen Kapitel

vom Greisenmord der Gerontophonie handeln wollte indem er zeigte was man den

Greisen schuldig ist und welch eine barbarische Handlungsweise es ist sie nicht

zu verschonen würde uns darum keine neue Vorstellung verschaffen

     6 Philalethes Der Umstand dass die Sitten und Gebräuche einer Nation die

ihr gewöhnlichen Verbindungen zuwege bringen macht allerdings dass jede Sprache

besondere Ausdrücke hat und man wörtliche Übersetzungen nicht machen kann So

waren der Ostrazismus bei den Griechen und die Proskription beiden Römern Worte

welche die anderen Sprachen durch entsprechende Worte nicht ausdrücken können

Deshalb bringt die Veränderung der Sitten auch neue Wörter hervor

    Theophilus Daran hat auch der Zufall seinen Teil denn wenn zB die

Franzosen sich der Pferde so gut wie andere benachbarte Völker bedienen so sind

sie doch gezwungen da sie ihr altes Wort das dem cavalcar der Italiener

entsprach aufgegeben haben mit einer Umschreibung zu sagen aller à cheval

     9 Philalethes Wir gewinnen die Vorstellungen der gemischten Modi durch

die Beobachtung wie wenn man zwei Menschen kämpfen sieht wir gewinnen sie

ferner durch Erfindung oder freiwillige Zusammensetzung einfacher

Vorstellungen wie derjenige welcher die Buchdruckerkunst erfand die

Vorstellung davon hatte bevor diese Kunst bestand Endlich erwerben wir sie

durch die Erklärung der den Handlungen die man niemals gesehen hat beigelegten

Ausdrücke

    Theophilus Man kann sie auch noch gewinnen durch Träumen und Phantasieren

ohne dass die Verknüpfung freiwillig ist zB wenn man im Traume goldene Paläste

sieht ohne vorher daran gedacht zu haben

     10 Philalethes Die am meisten modifizierten einfachen Vorstellungen sind

die des Denkensder Bewegung und der Macht von der man die Tätigkeiten

herkommend vorstellt denn die große Angelegenheit des menschlichen Geschlechts

besteht in der Tätigkeit Alle Tätigkeiten sind Gedanken oder Bewegungen Die

Macht oder Fähigkeit etwas zu tun welche sich bei einem Menschen findet

bildet diejenige Vorstellungwelche wir Fertigkeit nennen wenn man diese Macht

dadurch erlangt hat dass man oft dasselbe tut und wenn man sie bei jeder sich

darbietenden Gelegenheit ausüben kann nennen wir sie Disposition So ist die

Zärtlichkeit eine Disposition zur Freundschaft oder zur Liebe

    Theophilus Unter Zärtlichkeit verstehen Sie hier glaube ich das zärtliche

Herz aber übrigens scheint mir betrachtet man die Zärtlichkeit als eine

Eigenschaftwelche man als Liebender besitzt wodurch der Liebende für die

Güter und Übel des geliebten Gegenstandes sehr empfindlich gestimmt ist darin

wie mir scheint besteht die Rolle des Zärtlichen in dem trefflichen Roman

Clelia Und da die Liebreichen ihren Nächsten mit einem gewissen Grad von

Zärtlichkeit lieben so sind sie gegen die Güter und Übel des Nächsten

empfindlich und überhaupt haben diejenigenwelche ein zärtliches Herz haben

die Disposition mit Zärtlichkeit zu lieben

    Philalethes Die Kühnheit ist das Vermögen vor den anderen zu tun oder zu

sagen was man will ohne sich einschüchtern zu lassen welches Selbstvertrauen

in Bezug auf diesen letzteren Punkt welcher das Reden betrifft bei den

Griechen einen besonderen Namen hatte

    Theophilus Man würde gut tun wenn man demjenigen Begriff welchem man hier

den Namen der Kühnheit beilegt den man aber oft ganz anders anwendet wie bei

der Bezeichnung »Karl der Kühner« ein besonderes Wort gäbe Sich nicht

einschüchtern zu lassen ist eine Geistesstärke welche aber die Bösen

missbrauchen wenn sie bis zur Unverschämtheit gehen wie sich zu schämen eine

wenn auch entschuldbare und unter gewissen Umständen selbst löbliche Schwäche

ist Was die Parrhesie betrifft welche Sie vielleicht mit dem griechischen

Ausdruck meinen so schreibt man sie auch den Schriftstellern zu welche die

Wahrheit ohne Scheu sagen obgleich sie dann nicht vor den Leuten sprechen und

also keine Veranlassung haben eingeschüchtert zu sein

     11 Philalethes Wie die Macht die Quelle ist aus der alle Tätigkeiten

fließen so gibt man den Namen Ursache den Substanzen welche der Sitz der Macht

und wenn sie ihre Macht betätigen und Wirkungen nennt man die auf diese Art

hervorgebrachten Substanzen oder vielmehr die einfachen Vorstellungen dh

Gegenstände einfacher Vorstellungen), welche durch die Ausübung der Macht einem

Subjekt zugeführt worden sindDie Wirksamkeit, wodurch eine neue Substanz oder

Vorstellung Eigenschaft hervorgebracht wird wird in dem dies Vermögen

ausübenden Subjekt Handlung genannt und in einem Subjekt wo eine einfache

Vorstellung Eigenschaft verändert oder hervorgebracht wird nennt man sie

Leiden

    Theophilus Wenn die Macht für die Quelle der Handlung genommen wird so

bedeutet sie etwas mehr als eine Fertigkeit oder Leichtigkeit durch welche die

Macht im vorigen Kapitel erklärt worden ist, denn sie schließt auch die Strebung

noch in sich wie ich schon mehr als einmal bemerkt habe In diesem Sinne pflege

ich ihr darum den Ausdruck Entelechie beizulegen welche entweder ursprünglich

ist und der Seele entspricht wenn man sie für etwas Abstraktes ansieht oder

abgeleitet so wie man sie in dem Versuch Conatus und der Kraft und

Strebsamkeit betrachtet Der Ausdruck Ursache wird hier nur von der wirklichen

Ursache causa efficiens verstanden aber man versteht sie auch noch von den

Endursachen oder dem Motiv um hier nicht von dem Stoffe und der Form zu reden

die man in den Schulen auch Ursache nennt Ich weiß nicht ob man sagen kann

dass dasselbe Wesen in dem Tätigen Handlung und in dem Leidenden Leiden genannt

werden und sich so in zwei Subjekten zugleich vorfinden kann wie es bei der

Beziehung der Fall ist, und ob es nicht vorzuziehen ist zu sagen dass es zwei

Wesen sind eines in dem Tätigen und das andere in dem Leidenden

    Philalethes Verschiedene Worte welche eine Handlung auszudrücken scheinen

bedeuten nur die Ursache und die Wirkung, wie die Schöpfung und Vernichtung

keine Vorstellung von der Handlung oder Art und Weise zu handeln sondern

einfach von der Ursache und dem hervorgebrachten Dinge in sich schließen

    Theophilus Ich gebe zu dasswenn man an die Schöpfung denkt man darunter

nicht eine näherer Auseinandersetzung fähige Art und Weise zu handeln die dabei

gar nicht stattfinden kann versteht sondern weil wir etwas Mehreres als bloß

Gott und die Welt damit ausdrücken  denn man denkt dass Gott die Ursache und

die Welt die Wirkung ist oder eigentlich dass Gott die Welt hervorgebracht hat

 so denkt man offenbar noch an die Handlung.

 
 






     1 Philalethes Der Geist bemerkt dass eine gewisse Anzahl von einfachen

Vorstellungen beständig zusammengeht welche da sie als einem einzigen Dinge

angehörig betrachtet werden, wenn sie so in einem Subjekt vereinigt sind mit

einem einzigen Namen bezeichnet werden Daher kommt es dasswenn dies auch in

Wahrheit eine Zusammenhäufung mehrerer miteinander verbundener Vorstellungen

ist wir in der Folge aus Unachtsamkeit davon als von einer einfachen

Vorstellung zu reden geneigt sind

    Theophilus In den gangbaren Ausdrücken sehe ich nichts was als

Unachtsamkeit getadelt zu werden verdient und obschon man nur ein Subjekt und

eine Vorstellung annimmt so nimmt man doch damit noch nicht eine einfache

Vorstellung an

    Philalethes Da wir uns nicht vorstellen können wie diese einfachen

Vorstellungen durch sich selbst bestehen können so gewöhnen wir uns daran

etwas vorauszusetzen was sie trägt substratum auf dem sie ruhen und woher

sie stammen dem man zu diesem Zweck den Namen Substanz gibt

    Theophilus Ich glaube dass man so zu denken recht hat und wir uns nur

daran zu gewöhnen oder es so vorauszusetzen haben da wir von vornherein mehrere

Prädikate desselben Subjektes denken und jene metaphorischen Worte von Träger

oder Substrat nur dies bedeuten Ich sehe also nicht warum man hierbei

Schwierigkeit erhebt Im Gegenteil ist es eher das Konkrete wie gelehrt warm

leuchtend welches uns in den Sinn kommt als die Abstraktionen oder

Eigenschaften denn diese sind es welche in dem Objekt substantiell sind und

nicht die Vorstellungen), wie Gelehrsamkeit Wärme Licht usw die viel

schwerer zu begreifen sind Man kann sogar bezweifeln ob diese Akzidenzien

wirkliche Wesen sind wie sie in Wirklichkeit sehr oft nur Beziehungen sind

Auch weiß man dass gerade diese Abstraktionen am meisten Schwierigkeiten machen

wenn man sie auflösen will Das wissen diejenigenwelche mit den

Spitzfindigkeiten der Scholastiker bekannt sind deren dornigste

Bedenklichkeiten auf einmal wegfallen wenn man die abstrakten Wesen verbannt

und sich entschließt in der Regel nur in Concreto zu reden und in der Darlegung

der Wissenschaften keine anderen Ausdrücke zuzulassen als diejenigenwelche

substantielle Subjekte bezeichnen So heißt dies dann ein nodum quaerere in

scirpo wenn ich es zu sagen wage und die Sache umkehren wenn man die

Eigenschaften und andere abstrakte Ausdrücke für das Leichteste und die

konkreten Wesen für etwas sehr Schweres nimmt

     2 Philalethes Es gibt keinen anderen Begriff von der bloßen Substanz im

allgemeinen als von einem gänzlich unbekannten Subjekt von dem man

voraussetzt dass es der Träger der Eigenschaften sei Wir drücken uns dabei wie

Kinder aus welche man nicht sobald gefragt hat was eine gewisse ihnen

unbekannte Sache sei als sie die ihrer Meinung nach sehr befriedigende Antwort

geben es sei etwas was aber in dieser Weise angewendet besagt dass sie nicht

wissen was es sei

    Theophilus Wenn man in der Substanz zweierlei unterscheidet die Attribute

oder Prädikate und das gemeinsame Subjekt dieser Prädikate so ist kein Wunder

dass man bei diesem Subjekt sich nichts Besonderes denken kann Es muss wohl so

sein weil man ja alle Attribute davon getrennt hat durch die man etwas

Besonderes dabei denken könnte In diesem bloßen Subjekt überhaupt etwas mehr

verlangen als nötig ist um zu denken dass es dasselbige sei dh welches

vorstellt und will Phantasie und Denkkraft ausübt heißt Unmögliches verlangen

und seiner eigenen Voraussetzung widersprechen der gemäß man abstrahiert und

das Subjekt von seinen eigenen Eigenschaften oder Akzidenzien gesondert

aufgefasst hat Diese vorgebliche Schwierigkeit könnte man ebenso beim Begriff

des Seins geltend machen und überhaupt bei allen ganz klaren ursprünglichen

Begriffen denn man könnte die Philosophen fragen was sie sich denken indem

sie das bloße Ding überhaupt denken da man auch davon nachdem dadurch jede

Besonderheit ausgeschlossen ist ebensowenig zu sagen wissen wird als auf jene

Frage was die reine Substanz überhaupt sei Ich glaube also dass die

Philosophen nicht verspottet zu werden verdienen wie hierbei geschieht indem

man sie mit jenem indischen Weisen vergleicht welcher auf die Frage wodurch

die Erde gehalten würde antwortete durch einem großen Elefanten und dann auf

die Frage was den Elefanten halte antwortete es wäre eine große Schildkröte

und endlich als man ihn zu sagen drängte worauf die Schildkröte sich stütze

zu erklären gezwungen war es sei etwas was er nicht wisse Indessen ist diese

Betrachtung von der Substanz, so unwichtig sie auch scheinen mag nicht so leer

und unfruchtbar wie man denkt Es gehen daraus für die Philosophie die

bedeutendsten Folgerungen hervor die ihr ein neues Aussehen zu geben fähig

sind

     4 Philalethes Von der Substanz überhaupt haben wir keine klare

Vorstellung, und  5 vom Geiste haben wir eine ebenso klare Vorstellung wie vom

Körper denn die Vorstellung einer körperlichen Substanz in der Materie ist

unseren Begriffen ebenso fern wie die einer geistigen Substanz Es geht uns

damit beinahe so wie jenem jungen Doktor der Rechte dem der Promovent als er

ihm bei der Feierlichkeit zurief zu sagen utriusque »beider« antwortete Sie

haben recht denn Sie wissen von dem einen ebensoviel wie von dem anderen

    Theophilus Was mich angeht so glaube ich dass diese Meinung von unserer

Unwissenheit daher kommt dass man eine Art der Erkenntnis fordert welche der

Gegenstand nicht zulässt Das sichere Merkmal eines klaren und deutlichen

Begriffes von einem Dinge ist dass man daraus durch Beweise a priori viel

Wahrheiten erkennen kann wie ich in einer Abhandlung über die Wahrheiten und

die Vorstellungenwelche in die Acta Lipsiensia des Jahres 1684 eingerückt ist

gezeigt habe

     12 Philalethes Wären unsere Sinne scharf genug so würden die sinnlichen

Eigenschaften zB die gelbe Farbe des Goldes, verschwinden und wir statt

deren eine gewisse bewunderungswürdige Fügung der Teile sehen Das zeigt sich

ganz augenscheinlich durch die Vergrößerungsgläser Diese unsere gegenwärtige

Erkenntnis entspricht dem Zustande in welchem wir uns befinden Eine

vollkommene Erkenntnis dessen was uns umgibt übersteigt vielleicht die

Fähigkeit eines jeden endlichen Wesens Unsere Geistesvermögen genügen uns den

Schöpfer erkennen zu lassen und uns über unsere Pflichten zu unterrichten Wenn

unsere Sinne sehr viel lebhafter würden so würde eine solche Veränderung mit

unserer Natur unverträglich sein

    Theophilus Das alles ist wahr und ich habe darüber schon etwas gesagt

Indessen hört die gelbe Farbe darum nicht auf eine Wirklichkeit zu sein wie

der Regenbogen und augenscheinlich sind wir zu einem über den jetzigen weit

erhabenen Zustande bestimmt und werden selbst bis ins Unendliche fortschreiten

denn es gibt in der körperlichen Natur keine eigentlichen Elemente Gäbe es

Atome wie der Verfasser an einer anderen Stelle anzunehmen schien so würde die

vollkommene Erkenntnis der Körper nicht für jedes endliche Wesen zu hoch sein

Wenn übrigens manche Farben oder Eigenschaften unseren besser bewaffneten oder

schärfer gewordenen Augen verschwinden würden so würden offenbar andere

entstehen und ein neues Wachstum unserer Erkenntnisschärfe würde nötig sein

auch sie verschwinden zu machen und das würde bis ins Unendliche so fortgehen

wie die Teilung der Materie tatsächlich so fortgeht

     13 Philalethes Vielleicht besteht einer der großen Vorteile gewisser

Geister über uns darin dass sie sich selbst Sinnesorgane bilden können welche

ihrem Zwecke in der Gegenwart entsprechen

    Theophilus Wir tun es auch indem wir uns Vergrößerungsgläser machen aber

andere Geschöpfe werden vielleicht noch weiter gehen können Wenn wir unsere

Augen selbst verwandeln könnten wie wir in gewisser Weise tatsächlich tun je

nachdem wir in der Nähe oder aus der Ferne sehen wollen so müssten wir da der

Geist nicht unmittelbar auf die Körper wirken kann und alles auf mechanische

Art sich zutragen muss etwas uns noch Eigentümlicheres als sie besitzen um sie

durch dies Mittel zu bilden Übrigens bin auch ich der Meinung dass die Geister

die Dinge auf eine der unserigen einigermaßen ähnliche Weise bemerken selbst

wenn sie den angenehmen Vorteil hätten den der phantasiereiche Cyrano gewissen

beseelten Naturen in der Sonne zuschreibt die aus einer unendlichen Menge von

kleinen fliegenden Wesen bestehen und durch deren nach dem Gebote der

herrschenden Seele geschehenden Wechsel alle Arten von Körpern bilden Es gibt

nichts so Wunderbares was der Mechanismus der Natur nicht imstande ist

hervorzubringen und ich glaube dass die gelehrten Kirchenväter recht gehabt

haben den Engeln Leiber zuzuschreiben

     15 Philalethes Die Vorstellungen des Denkens und der Körperbewegung

welche wir in der des Geistes finden können ebenso klar und deutlich verstanden

werden wie die der Ausdehnung, der Dichtheit und der Beweglichkeit welche wir

in der Materie vorfinden

    Theophilus Was die Vorstellung des Denkens anbetrifft so stimme ich bei

Aber ich bin nicht dieser Ansicht hinsichtlich der Vorstellung der

Körperbewegung denn meinem System der vorherbestimmten Übereinstimmung zufolge

sind die Körper so eingerichtet dass sie einmal in Bewegung gesetzt von selbst

darin verharren je nachdem die Tätigkeiten des Geistes es fordern Diese

Hypothese ist verständlich die andere nicht

    Philalethes Jeder Empfindungsakt gibt uns in gleicher Weise Erkenntnis des

Körperlichen und des Geistigen denn während das Gesicht und das Gehör mich

erkennen lässt dass es ein körperliches Sein außer mir gibt weiß ich auf noch

gewissere Art dass es in mir ein geistiges Wesen gibt welches sieht und hört

    Theophilus Sehr richtig es ist ganz wahr dass das Dasein des Geistes

sicherer ist als das der sinnlichen Gegenstände

     19 Philalethes Die Geister können wie die Körper nur wirken wo sie sind

und in verschiedener Zeit und an verschiedenen Orten daher muss ich auch die

Ortsveränderung allen endlichen Geistern zuschreiben

    Theophilus Das geschieht glaube ich mit Recht da der Ort nur die Ordnung

der zusammen existierenden Dinge ist

    Philalethes Man braucht nur die Trennung von Seele und Körper im Tode zu

erwägen um von der Bewegung der Seele überzeugt zu werden

    Theophilus Die Seele könnte aufhören in einem sichtbaren Körper zu wirken

und wenn sie zu denken gänzlich aufhören könnte wie der Verfasser oben

behauptet hat so könnte sie sich von einem Körper trennen ohne mit einem

anderen vereinigt zu werden so dass ihre Trennung ohne Bewegung sein würde Was

mich aber anbetrifft so glaube ich dass sie immer denkt und empfindet dass sie

immer mit einem Körper verbunden ist und selbst dass sie niemals gänzlich und

mit einem Mal den Körper verlässt mit dem sie verbunden ist

     21 Philalethes Wenn jemand sagt dass die Geister nicht in loco sed in

aliquo ubi dh nicht an einem Orte sondern in irgend einem Wo sind so

glaube ich nicht dass man heutzutage auf eine solche Redensart viel Gewicht

legen wird Wenn sich aber jemand einbildet dass sie einen vernünftigen Sinn

annehmen kann so bitte ich ihn in gewöhnlicher verständlicher Sprache

denselben auszudrücken und dann einen Grund herauszuziehen welcher dartut dass

die Geister zur Bewegung nicht fähig sind

    Theophilus Die Schulen haben drei Arten von Ubietät Woheit oder Arten

irgendwo zu sein angenommen Die erste wird circumscriptive umschließend

beschreibende genannt welche man denjenigen im Raume befindlichen Körpern

zuschreibt welche punctatim Punkt für Punkt darin sind dergestalt dass sie

durch Bezeichnung der Grenzpunkte der im Raum befindlichen Sache die den

Punkten des Raumes entsprechen gemessen werden können. Die zweite Art ist die

definitive bezeichnende nach der man bezeichnen dh bestimmen kann dass die

örtlich vorhandene Sache sich in einem solchen Raume befindet ohne die genauen

Punkte oder die Stellen angehen zu können welche dem daselbst Befindlichen

ausschließlich eigen sind Auf diese Weise hat man geurteilt dass die Seele im

Körper istindem man nicht an die Möglichkeit glaubte einen bestimmten Punkt

anzugeben wo die Seele oder ein Teil der Seele sei ohne dass sie auch an irgend

einem anderen Punkte ist Viele gescheite Leute denken darüber noch so

Allerdings hat Descartes der Seele engere Schranken geben wollen indem er ihr

die Zirbeldrüse als eigentlichen Sitz anwies aber er hat gleichwohl nicht zu

sagen gewagt dass sie ausschließlich in einem Punkt dieser Drüse sich befinde

er hat damit also gar nichts gewonnen und es ist gerade ebenso als wenn man

ihr den ganzen Körper zum Kerker oder Aufenthaltsorte anwiese Ich glaube dass

das was man von den Seelen sagt sich ungefähr auch von den Engeln behaupten

lässt von denen der große Lehrer von Aquino annahm dass sie nur der Wirksamkeit

nach an einem Orte wären welche Wirksamkeit meiner Ansicht nach keine

unmittelbare ist und sich auf die vorherbestimmte Übereinstimmung zurückführen

lässt Die dritte Woheit ist die repletive erfüllende welche man Gott

zuschreibt der das ganze Universum in noch eminenterem Sinne erfüllt als die

Geister ihre Körper denn er wirkt unmittelbar auf alle Geschöpfe indem er sie

fortwährend hervorbringt während die endlichen Geister einen unmittelbaren

Einfluss oder eine unmittelbare Wirksamkeit nicht ausüben können Ob diese Lehre

der Schulen ins Lächerliche gezogen zu werden verdient wie man sich so scheint

es zu tun bestrebt weiß ich nicht immer wird man indessen den Seelen eine

gewisse Art von Bewegung wenigstens in Beziehung auf die mit ihnen verbundenen

Körper oder hinsichtlich ihrer Weise wahrzunehmen zuschreiben können

     23 Philalethes Wenn jemand sagte er wisse nicht wie er denkt so würde

ich antworten dass er auch nicht wisse wie die festen Körperteile

aneinandergefügt sind um ein ausgedehntes Ganzes zu bilden

    Theophilus Die Erklärung der Kohäsion hat ihre große Schwierigkeit aber

diese Kohäsion der Teile scheint doch nicht nötig zu sein um ein ausgedehntes

Ganzes zu bilden da man sagen kann dass die vollkommen feine und flüssige

Materie sich zu einem Ausgedehnten zusammensetzt ohne dass die Teile dabei

aneinander haften Um aber die Wahrheit zu sagen glaube ich dass die

vollkommene Flüssigkeit nur der ersten Materie zukommt dh in der Abstraktion

und als eine ursprüngliche Eigenschaft ebenso wie die Ruhe nicht aber der

zweiten Materie so wie sie sich in der Wirklichkeit findet mit ihren

abgeleiteten Eigenschaften bekleidet Ich glaube nämlich nicht dass es eine

Masse von äußerster Feinheit gibt und dass überall mehr oder weniger

Zusammenhang vorkommt der aus denjenigen Bewegungen stammt welche miteinander

übereinstimmen und behufs der Trennung gestört werden müssen was ohne

Gewaltsamkeit und Widerstand nicht abgehen kann Übrigens liefert das Wesen der

Wahrnehmung und weiter des Denkens einen der ursprünglichsten Begriffe Wie ich

glaube wird indessen die Lehre von den substantiellen Einheiten oder Monaden

ihn bedeutend aufklären

    Philalethes Was die Kohäsion betrifft so erklären manche sie durch die

Oberflächen an denen zwei Körper die durch eine Umhüllung zB die Luft

gegeneinander gepresst werden sich berühren Allerdings kann der Druck  24

einer Umhüllung verhindern dass man zwei glatte Oberflächen voneinander in

perpendikulärer Richtung entfernt er kann aber nicht hindern dass man sie durch

eine diesen Oberflächen parallele Bewegung trennt

    Gäbe es keine andere Ursache der Kohäsion der Körper, so würde es darum

leicht sein alle Teile derselben dadurch voneinander zu sondern dass man sie so

zur Seite gleiten ließe indem man irgend eine Fläche welche einen Teil der

Materie schneidet dazu nimmt

    Theophilus Ohne Zweifel ja wenn alle die flachen aufeinanderliegenden

Teile sich in derselben Fläche oder in parallelen Flächen befänden da dies aber

nicht stattfindet und nicht stattfinden kann so ist offenbar dass indem man

versucht die einen gleiten zu machen man auf eine unendliche Menge anderer

ganz anders wirkt deren Fläche mit der ersten einen Winkel bildet denn man muss

wissen dass man um zwei aneinanderpassende Oberflächen zu trennen Mühe

anwenden muss nicht allein wenn die Richtung der Bewegung behufs der Trennung

perpendikulär istsondern auch wenn sie gegen die Oberfläche schräg ist So

muss man in den vielseitigen Körpern welche die Natur in den Bergwerken und

sonst bildet auf blätterartige Schichten schließen die in jeder Hinsicht

aneinander haften Ich gebe indessen zu dass der Druck der Umhüllung auf die

glatten aneinanderhaftenden Oberflächen nicht genügt um den Grund der Kohäsion

überhaupt zu erklären denn man setzt stillschweigend dabei voraus dass diese

aneinanderschließenden Tafeln schon Kohäsion haben

     27 Philalethes Ich hatte angenommen dass die Ausdehnung des Körpers

nichts anderes als die Kohäsion der festen Teile ist

    Theophilus Dies scheint mir mit Ihren eigenen vorhergegangenen Erklärungen

nicht übereinzukommen Mir scheint dass ein Körper, welcher innerliche

Bewegungen hat oder dessen Teile in der Tätigkeit sich voneinander zu lösen

begriffen sind wie meiner Überzeugung nach dies immer der Fall ist), darum

nicht aufhört ausgedehnt zu sein Somit scheint mir der Begriff der Ausdehnung

von dem der Kohäsion gänzlich verschieden

     28 Philalethes Eine andere Vorstellungdie wir vom Körper haben ist

das Vermögen die Bewegung durch Anstoß mitzuteilen und eine andere welche wir

von der Seele haben ist das Vermögen durch das Denken Bewegung

hervorzubringen Die Erfahrung liefert uns tagtäglich diese beiden Vorstellungen

auf eine überzeugende Art wenn wir aber tiefer nachforschen wollen wie dies

geschieht so finden wir uns gleichfalls im Dunkeln Denn in Hinsicht der

Mitteilung der Bewegung, wodurch ein Körper so viel Bewegung verliert als ein

anderer empfängt welches der gewöhnlichste Fall ist, verstehen wir darunter

weiter nichts als eine aus einem Körper in den anderen übergehende Bewegung

was ich für ebenso dunkel und unbegreiflich halte als die Art wie unser Geist

durch das Denken unseren Körper bewegt oder anhält Noch schwieriger ist es die

Zunahme der Bewegung mittels des Anstoßes zu erklären wie man sie beobachtet

oder in gewissen Fällen geschehen zu sehen glaubt

    Theophilus Ich wundere mich nicht wenn man da unübersteigliche Hindernisse

findet wo man etwas so Unbegreifliches vorauszusetzen scheint wie den Übergang

eines Akzidenz von einem Subjekt ins andere ich sehe aber keinen Grund welcher

uns zu einer Voraussetzung nötigt die nicht weniger befremdend ist als die der

Scholastiker von Akzidenzien ohne Subjekt welche sie gleichwohl sich hüten nur

der wunderbaren Tätigkeit der göttlichen Allmacht zuzuschreiben während jener

Übergang hier nur ein gewöhnlicher sein würde Ich habe darüber oben schon etwas

gesagt Kap 21  4 wo ich auch bemerkt habe dass der Körper keineswegs

soviel Bewegung verliert wie er einem anderen gibt was man anzunehmen scheint

als ob die Bewegung etwas Substantielles wäre und im Wasser aufgelöstem Salze

gliche was wenn ich nicht irre die Vergleichung ist deren Rohhaut sich

bedient hat Ich füge hier hinzu dass dies nicht einmal der gewöhnlichste Fall

ist, denn ich habe anderswo gezeigt dass dieselbe Quantität der Bewegung sich

nur dann erhält wenn die beiden aufeinander treffenden Körper vor dem

Zusammenstoße nach derselben Richtung gehen wie nach demselben Allerdings

werden die wahren Gesetze der Bewegung von etwas Höherem als die Materie ist

abgeleitet Was das Vermögen durch das Denken Bewegung hervorzubringen

betrifft so haben wir meiner Überzeugung nach davon so wenig eine Vorstellung,

als wir eine Erfahrung davon haben Die Kartesianer selbst gestehen zu dass die

Seelen der Materie keine neue Kraft verleihen können sie behaupten aber dass

sie derselben eine neue Bestimmung oder Richtung der von ihr schon besessenen

Kraft geben Ich für meinen Teil behaupte dass die Seelen weder in der Kraft

noch in der Richtung der Körper etwas ändern dass das eine so unbegreiflich und

widersinnig ist wie das andere und dass man sich der vorherbestimmten

Übereinstimmung bedienen muss um die Einheit von Seele und Leib zu erklären

    Philalethes Es ist allerdings nichts unserer Untersuchung Unwürdiges

zuzusehen ob die tätige Kraft das eigentliche Attribut der Geister und die

leidende Kraft das der Körper ist Daraus ließe sich die Vermutung gewinnen dass

die geschaffenen Geister da sie sowohl tätig als leidend sind nicht gänzlich

von der nur leidenden Materie getrennt sind und dass diejenigen anderen Wesen

welche zugleich tätig und leidend sind an beiden teilnehmen

    Theophilus Diese Gedanken sagen mir ungemein zu und drücken ganz meine

Meinung aus wenn man nur das Wort Geist so allgemein versteht dass es alle

Seelen umfasst oder vielmehr um noch allgemeiner sich auszudrücken alle

diejenigen substantiellen Entelechien oder Einleiten welche mit den Geistern

Analogie haben

     31 Philalethes Ich wünschte wohl dass man mir in unserem Begriff von

Geist etwas Verworrenes oder dem Widerspruch Näherliegendes zeigte als was der

Begriff selbst des Körpers, ich meine die Teilbarkeit ins Unendliche in sich

schließt

    Theophilus Was Sie da sagen um zu zeigen dass wir die Natur des Geistes

ebenso oder besser als die des Körpers verstehen ist sehr wahr und Fromond

der eigens ein Buch De compositione continui Über die Bildung des

Zusammenhangenden geschrieben hat hat dasselbe mit Recht Labyrinth betitelt

Das kommt aber von einer falschen Vorstellung her welche man, wie vom Raume so

von der körperlichen Natur hat

     33 Philalethes Selbst die Vorstellung von Gott entsteht uns ebenso wie

die anderen indem diese unsere zusammengesetzte Vorstellung von Gott aus den

einfachen Vorstellungen gebildet wird die wir durch die Region empfangen und

durch unsere Vorstellung von der Unendlichkeit erweitern

    Theophilus In Hinsicht dessen beziehe ich mich auf das was ich schon

mehrmals gesagt habe um zu zeigen dass alle diese Vorstellungen und besonders

die von Gott ursprünglich in uns sind und wir nur auf sie zu achten haben

sowie vor allem dass die der Unendlichkeit sich nicht durch eine Erweiterung der

endlichen Vorstellungen bilden lässt

     37 Philalethes Die meisten einfachen Vorstellungenwelche unsere

zusammengesetzten Vorstellungen von den Substanzen bilden sind recht betrachtet

nur Kräfte wenn wir auch noch so geneigt sind sie für positive Eigenschaften

zu halten

    Theophilus Ich denke dass die Kräfte welche der Substanz nicht wesentlich

sind und nicht bloß eine Fertigkeit sondern auch eine gewisse Strebung in sich

schließen gerade das sind was man unter realen Eigenschaften versteht oder

verstehen muss

 
 






     1 Philalethes Nach den einfachen Substanzen wollen wir zu den

zusammengesetzten kommen Ist die Vorstellung desjenigen Menschenhaufens

welcher ein Heer bildet nicht ebensogut eine einzige Vorstellung wie die eines

Menschen es ist

    Theophilus Man hat recht zu sagen dass dieses Aggregat ens per

aggregationem um sich schulgemäß auszudrücken eine einzige Vorstellung

ausmacht obgleich eigentlich zu reden dieser Haufe Substanzen nicht wirklich

eine Substanz bildet Es ist das vielmehr ein Resultat dem die Seele durch ihre

Wahrnehmung und ihr Denken den letzten Vollzug der Einheit verleiht Man kann

gleichwohl in gewisser Weise sagen dass es etwas Substantielles sei insofern es

nämlich Substanzen in sich begreift

 
 





     1 Philalethes Es ist noch übrig die Vorstellungen der Relationen in

Betracht zu ziehen welche von Wirklichkeit das Geringste enthalten Wenn der

Geist ein Ding neben einem anderen ins Auge fasst so ist das eine Relation oder

Beziehung und die darüber gebildeten Benennungen oder Relationsbezeichnungen

sind wie ebenso viele Zeichen welche unsere Gedanken über das Subjekt hinaus

auf etwas davon Verschiedenes zu richten dienen dies beides nennt man Subjekte

der Relation Relata

    Theophilus Die Relationen und die Ordnungen haben etwas vom Gedankenwesen

an sich obgleich sie in den Dingen selbst ihren Grund haben denn man kann

sagen dass ihre Realität wie die der ewigen Wahrheiten und die der

Möglichkeiten aus der höchsten Vernunft stammt

     5 Philalethes Gleichwohl kann dabei eine Veränderung der Relation

vorkommen ohne dass in dem Subjekt irgend eine Veränderung geschieht Titius

den ich heute als Vater betrachte hört morgen ohne dass sich in ihm irgend eine

Veränderung zuträgt allein dadurch auf es zu sein dass sein Sohn stirbt

    Theophilus Man kann dies ganz mit Recht sagen Hinsicht auf das dessen man

sich bewusst ist, obgleich metaphysisch streng genommen es allerdings zufolge der

wirklichen Verknüpfung aller Dinge keine gänzlich äußerliche Bezeichnung 

denominatio pure extrinseca gibt

     6 Philalethes Ich meine dass die Relation nur zwischen zwei Dingen

stattfindet

    Theophilus Gleichwohl gibt es Beispiele von einer Relation zwischen

mehreren Dingen zugleich wie die der Ordnung oder die eines Stammbaumes welche

den Rang und die Verknüpfung aller Teile oder Ahnen ausdrücken und sogar eine

Figur wie zB die eines Vielecks schließt das gegenseitige Verhältnis aller

Seiten in sich

     8 Philalethes Es ist auch gut in Betracht zu ziehen dass die

Vorstellungen der Relationen oft viel klarer sind als die der Dingewelche die

Subjekte der Relation sind So ist das Verhältnis des Vaters viel klarer als das

des Menschen

    Theophilus Dies ist der Fall weil diese Relation so allgemein ist dass sie

auch anderen Substanzen zukommen kann Wie übrigens ein Subjekt Klarheit und

Dunkelheit haben kann so wird auch die Relation auf der Klarheit begründet sein

können Wenn aber das Formelle selbst der Relation die Erkenntnis dessen was in

dem Subjekt dunkel ist in sich enthielte so würde sie an dieser Dunkelheit

teilnehmen

     10 Philalethes Die Ausdrücke welche den Geist notwendig auf andere

Vorstellungen bringen als diejenigen sind welche man in dem Dinge als wirklich

vorhanden voraussetzt auf das sich der Ausdruck oder das Wort bezieht sind

relativ und die anderen sind absolut

    Theophilus Sie haben jenes »notwendig« mit Recht hinzugefügt und man

könnte »ausdrücklich« oder »von vornherein« hinzufügen denn man kann zB an

das Schwarze denken ohne an dessen Ursache zu denken Dies kommt daher dass man

innerhalb der Schranken einer Erkenntnis sich hält die sich von vornherein

darbietet und verworren oder wenn auch klar doch unvollständig ist  das

erstere wenn die Vorstellung keine Analyse erfahren hat und das letztere wenn

man sie einschränkt Übrigens gibt es keinen so absoluten er so abgegrenzten

Ausdruck der nicht Relationen in sich schließt und dessen vollständige Analyse

nicht auf anderes und sogar auf alles andere führt dergestalt dass man sagen

kann die Relationsausdrücke bezeichnen ausdrücklich die Beziehungwelche sie

enthalten Ich setze dabei das Absolute dem Relativen entgegen und zwar in einem

anderen Sinne als ich es oben dem Beschränkten entgegengesetzt habe

 
 





     1 2 Philalethes Ursache ist dasjenige was eine einfache oder nicht

zusammengesetzte Vorstellung hervorbringt und Wirkung ist das was

hervorgebracht wird

    Theophilus Ich sehe dass Sie unter Vorstellung oft die objektive Realität

der Vorstellung oder die von ihr vorgestellte Eigenschaft verstehen Sie

definieren nur die wirkende Ursache wie ich schon oben bemerkt habe Man muss

zugehen dasswenn man sagt Wirkende Ursache ist das was hervorbringt und

Wirkung das was hervorgebracht wird  man nur gleichbedeutende begriffe

braucht freilich habe ich Sie ein wenig deutlicher sagen hören Ursache sei

was da macht dass etwas anderes dazusein anfange obwohl auch dies Wort »macht«

die hauptsächliche Schwierigkeit noch ganz bestehen lässt Aber dies wird sich

ein andermal besser erläutern lassen

    Philalethes Um noch einige andere Relationen zu berühren so bemerke ich

dass es Ausdrücke gibt die man zur Bezeichnung der Zeit anwendet Man betrachtet

diese gewöhnlich als nur positive Vorstellungen bezeichnend die indessen doch

relative sind wie jung alt usw denn sie schließen eine Beziehung zur

gewöhnlichen Dauer der Substanz, welcher man sie zuschreibt in sich So wird

ein Mensch im Alter von 20 Jahren jung genannt und sehr jung im Alter von 7

Jahren Alt nennen wir indessen ein Pferd von 20 und einen Hund von 7 Jahren

Aber wir sagen nicht die Sonne und die Sterne ein Rubin oder ein Diamant seien

alt oder jung weil wir die gewöhnlichen Zeitabschnitte ihrer Dauer nicht

kennen   5 Dasselbe findet hinsichtlich des Ortes und der Ausdehnung statt

wie wenn man sagt dass etwas hoch oder niedrig groß oder klein sei So

erscheint einem Flamänder ein Pferd sehr klein welches nach der Vorstellung

eines Wallisers groß wäre jeder denkt an die Pferde welche man in seinem

Vaterlande zieht

    Theophilus Diese Bemerkungen sind sehr triftig Allerdings entfernen wir

uns mitunter ein wenig von dieses Sinn wie wenn wir sagen dass etwas alt ist,

indem wir es nicht mit Dingen seiner Art sondern mit anderen Arten vergleichen

Wir sagen zB dass die Welt oder die Sonne sehr alt ist Jemand fragte Galilei

ob er glaubte dass die Sonne ewig sei Er antworteten Eterno nò ma ben antico

Nicht ewig aber sehr alt

 
 






     1 Philalethes Eine der wichtigsten relativen Vorstellungen ist die der

Identität und der Verschiedenheit Wir finden niemals und können nicht als

möglich begreifen dass zwei Dinge derselben Art zu gleicher Zeit an demselben

Orte seien Wenn wir deshalb fragen ob etwas dasselbe ist oder nicht so

bezieht sich dies immer auf etwas was in einer bestimmten Zeit an einem

bestimmten Orte ist woraus folgtdass hinsichtlich der Zeit und des Ortes etwas

nicht zwei Anfänge der Existenz noch zweierlei einen einzigen Anfang haben

kann

    Theophilus Außer der Verschiedenheit von Zeit und Ort ist immer das

Vorhandensein eines inneren Prinzips der Unterscheidung vonnöten und obwohl es

mehrere Dinge derselben Art gibt bleibt es dennoch wahr dass es niemals zwei

vollkommen gleiche gibt obgleich also Zeit und Ort dh die Beziehung nach

außen uns dazu dienen die Dinge zu unterscheiden die wir für sich selbst

nicht gut unterscheiden so sind die Sachen darum doch an und für sich

unterscheidbar Das eigentliche Wesen der Identität und der Verschiedenheit

besteht also nicht in der Zeit und dem Orte obgleich die Verschiedenheit der

Dinge allerdings von der der Zeit oder des Ortes begleitet ist weil sie

verschiedene Eindrücke über die Sache mit sich bringen um nicht zu sagen dass

man vielmehr eine Zeit oder einen Ort von einem anderen durch die Dinge

unterscheiden muss denn an sich selbst sind sie vollkommen gleich aber doch

sind sie nicht vollständige Substanzen oder Realitäten Die Unterscheidungsart

welche Sie hier als die bei den Dingen derselben Art einzige vorzuschlagen

scheinen ist auf jene Voraussetzung begründet dass die Durchdringlichkeit nicht

der Natur entspreche Diese Voraussetzung ist vernunftgemäß aber sogar die

Erfahrung zeigt dass man hier nicht daran gebunden ist wo es sich um die

Unterscheidung handelt Wir sehen zB zwei Schatten oder zwei Lichtstrahlen

die einander durchdringen und könnten uns eine Phantasiewelt wo die Körper es

ebenso machten ausdenken Indessen unterscheiden wir dennoch einen Strahl von

dem anderen selbst dann wenn sie sich kreuzen gerade durch die Verfolgung

ihres Weges

     3 Philalethes Das was man in den Schulen Prinzip der Individuation

nennt wo man sich so viel quält zu erfahren was es sei besteht in dem Dasein

selbst welches jedes Wesen zu einer besonderen Zeit an einen bestimmten Ort

setzt der zweien Wesen derselben Art nicht gemeinsam sein kann

    Theophilus Das Prinzip der Individuation kommt in den Individuen auf das

Prinzip der Unterscheidung zurück wovon ich eben gesprochen habe Wenn zwei

Individuen vollkommen ähnlich und gleich und mit einem Worte an sich selbst

ununterscheidbar wären so würde es kein Prinzip der Individuation geben und

ich wage selbst zu behaupten dass es unter dieser Bedingung keine individuelle

Unterscheidung oder verschiedene Individuen geben würde Darum ist der Begriff

der Atome schimärisch und stammt nur aus den unvollständige Vorstellungen der

Menschen Denn wenn es Atome dh vollkommen harte und vollkommen

unveränderliche oder zu innerem Wechsel unfähige und nur an Größe und Gestalt

voneinander verschiedene Körper gäbe so würde es offenbar bei der Möglichkeit,

dass sie von gleicher Gestalt und Größe sind dann unter ihnen solche geben

welche an sich ununterscheidbar nur durch äußere Bezeichnungen ohne inneren

Grund voneinander getrennt werden könnten was den wichtigsten

Vernunftgrundsätzen zuwiderläuft In Wahrheit ist aber jeder Körper veränderlich

und wird sogar stets wirklich verändert dergestalt dass er an sich selbst von

jedem anderen sich unterscheidet Ich erinnere mich dass eine geistvolle hohe

Fürstin einmal auf einem Spaziergange in ihrem Garten sagte sie glaube nicht

dass es zwei vollkommen gleiche Blätter gäbe Ein gescheiter Edelmann welcher

den Spaziergang mitmachte glaubte es sei leicht solche zu finden aber

obschon er viel danach suchte musste er sich durch seine eigenen Augen

überzeugen dass man stets dabei Verschiedenheit bemerken konnte Man sieht aus

diesen bisher vernachlässigten Betrachtungen wie sehr man sich in der

Philosophie von den natürlichsten Begriffen entfernt hat und wie sehr man von

den wichtigsten Prinzipien der wahren Metaphysik fern ist

     4 Philalethes Die Einheit einer und derselben Pflanze besteht darin,

eine solche Organisation von Teilen in einem einzelnen an einem gemeinsamen

Leben teilnehmenden Körper zu haben dass sie so lange dauert als die Pflanze

wenn sie in ihren Teilen sich auch ändert bestehen bleibt

    Theophilus Die Organisation oder Ausgestaltung ohne ein subsistierendes

Lebensprinzip welches ich Monade nenne würde nicht genügen um ein idem numero

der Zahl nach eins oder dasselbe Individuum beharren zu machen denn die

Ausgestaltung kann auf spezifische Art beharren ohne auf individuelle Art zu

beharren Wenn sich ein Hufeisen in einem bestimmten Mineralwasser Ungarns in

Kupfer verhandelt so bleibt dieselbe Gestalt der Art nach nicht aber bleibt

dasselbe dem Individuum nach denn das Eisen löst sich auf und das Kupfer mit

dem das Wasser geschwängert ist schlägt sich nieder und tritt unmerklich an

seinen Platz Nun ist die Gestalt nur ein Akzidenz welches nicht von einem

Subjekt zum anderen de subjecto in subjectum übergeht Man muss also sagen dass

die organisierten Körper ebensogut wie die übrigen nur der Erscheinung nach

beharren und nicht wenn man es mit dem Ausdruck streng nimmt Es ist das wie

mit einem Fluss dessen Nasser stets wechselt oder wie mit dem Fahrzeug des

Wesens, welches die Athener stets erneuerten Was aber die Substanzen

anbetrifft die in sich selbst eine wahrhafte und wirkliche substantielle

Einheit besitzen der die eigentlich sogenannten Lebensverrichtungen zukommen

können und was die substantiellen Wesen betrifft quae uno spiritu continentur

die von einem Geiste zusammengehalten werden wie sich ein alter Rechtslehrer

ausdrückt dh welche ein gewisser unteilbarer Geist bereit so hat man das

Recht zu behaupten dass sie vermittels dieser Seele oder dieses Geistes welcher

in den Seelen die denken das Ich ausmacht vollständig dasselbe Individuum

bleiben

     5 Philalethes Bei den Tieren und Pflanzen ist der Fall kein besonders

davon verschiedener

    Theophilus Wenn die Pflanzen und die Tiere keine Seele haben so ist ihre

Identität nur scheinbare sie haben aber eine solcher die individuelle Einheit

findet ganz streng genommen bei ihnen wirklich statt obgleich ihre organischen

Körper dieselbe nicht behalten

     6 Philalethes Dies zeigt auch worin die Identität eines und desselben

Menschen besteht nämlich allein darin dass er das nämliche durch die

materiellen Teilchen fortgesetzte Leben genießt welche in einem fortwährenden

Fluss begriffen aber in dieser Aufeinanderfolge denselben organisierten Körper

auf eine zu dessen Leben dienende Art verknüpft sind

    Theophilus Das lässt sich auch in meinem Sinne verstehen In der Tat ist der

organisierte Körper länger als einen Augenblick nicht derselbe er behält nur

gleiche Geltung Und wenn man die Seele nicht berücksichtigt so findet auch

nicht mehr dasselbe Leben und ebensowenig dieselbe Lebenseinheit statt Diese

Identität würde also nur eine scheinbare sein

    Philalethes Wer die Identität des Menschen in etwas anderem sucht als in

einem zu einem bestimmten Moment wohlorganisierten Körper welcher fortan in

dieser Lebensorganisation durch eine Aufeinanderfolge verschiedener mit ihm

verbundener Teilchen der Materie fortdauert wird es schwerlich durchführen

können dass ein Embryo und ein Erwachsener ein Wahnsinniger und ein Weiser

derselbe Mensch sind ohne dass übrigens aus dieser Voraussetzung die Möglichkeit

fließt dass Seth Ismael Sokrates Pilatus St Augustin ein und derselbe

Mensch seien Dies würde sich noch schlechter mit den Begriffen derjenigen

Philosophen vertragen welche die Seelenwanderung anerkannten und da glaubten

dass die Seelen der Menschen zur Strafe ihrer Übertretungen in Tierleiber gebannt

werden können; denn ich glaube nicht dass jemand der überzeugt wäre dass die

Seele Heliogabals in einem Schweine fortlebte behaupten würde dass dies Schwein

ein Mensch und derselbe Mensch wie Heliogabal sei

    Theophilus Es handelt sich dabei um eine Untersuchung des Wortes und um

eine der Sache Was die der Sache anbetrifft so kann die Identität derselben

individuellen Substanz nur durch die Fortdauer derselben Seele aufrechterhalten

werden denn der Körper ist in einem beständigen Fluss und die Seele wohnt nicht

in bestimmten ihr zugewiesenen Atomen noch in einem kleinen unverweslichen

Gebein wie im sogenannten Luz der Rabbiner Indessen gibt es keine

Seelenwanderung mittels deren die Seele ihren Körper gänzlich verlässt und in

einen anderen übergeht Sie behält immer selbst im Tode einen organisierten

Leib einen Teil des früheren obgleich das was sie behält stets unmerklicher

Zerstreuung und Wiederherstellung und selbst großer zu gewisser Zeit zu

erleidender Veränderung unterworfen ist So findet also statt einer

Seelenwanderung Wandelung Einhüllung oder Entwickelung und endlich ein fließen

des Körpers dieser Seele statt Der jüngere van Helmont glaubte dass die Seelen

von Körper zu Körper aber immer in ihrer Art bleibend wandern so dass es immer

dieselbe Zahl von Seelen derselben Art und folglich dieselbe Zahl Menschen und

Wölfe gibt und dass die Wölfe wenn sie in England vermindert und vernichtet

werden sich entsprechend anderswo vermehren müssten Gewisse in Frankreich

veröffentlichte Betrachtungen scheinen eben dahin zu gehen Wenn die

Seelenwanderung nicht im strengen Sinne genommen wird dh wenn jemand glaubte

dass die in demselben feinen Körper bleibenden Seelen nur den gröberen Körper

wechseln so würde sie möglich sein sogar bis zum Übergänge derselben Seele in

einen Körper anderer Art wie die Ansicht der Brahmanen und der Pythagoreer ist

Aber alles was möglich istist darum nicht der Ordnung der Dinge entsprechend

Indessen die Frage ob im Falle dass eine solche Seelenwanderung wirklich

stattfände Kain Ham und Ismael  vorausgesetzt dass sie nach der Lehre der

Rabbiner dieselbe Seele hätten  derselbe Mensch genannt zu werden verdienten

beträfe nur einen Wortstreite und ich habe bemerkt dass der berühmte

Schriftsteller dessen Ansichten Sie aufrechterhalten haben dies anerkennt und

sehr gut erklärt im letzten Paragraphen dieses Kapitels Die Identität der

Substanz würde dann stattfinden aber im Falle dass kein Zusammenhang der

Erinnerung unter den verschiedenen Persönlichkeiten stattfände welche von

derselben Seele gebildet würden würde auch nicht soviel moralische Identität

dabei stattfinden um zu sagen es sei dieselbe Person Und wenn Gott wollte

dass die menschliche Seele in den Leib eines Schweines führe des Menschen

vergessend und vernünftige Handlungen nicht ausübend so würde sie nicht einen

Menschen ausmachen Wenn sie aber in dem Tierleib die Gedanken eines Menschen

hätte und zwar desjenigen Menschen den sie vor der Veränderung beseelte wie

der goldene Esel des Apulejus so würde man vielleicht keine Schwierigkeit

machen zu sagen dass derselbe Lucius der seine Freunde zu besuchen nach

Thessalien gekommen war unter der Haut des Esels wohin ihn Photis ohne es zu

wollen gebannt hatte derselbe blieb und von einem Herrn zum andern wanderte

bis dass die verzehrten Rosen ihm seine natürliche Gestalt wiedergaben

     8 Philalethes Ich glaube dreist behaupten zu können dass wer von uns

ein Geschöpf sähe wie er selbst gemacht und gestaltet wenn dies auch niemals

mehr Vernunft zeigte als eine Katze oder ein Papagei darum nicht unterlassen

würde es Mensch zu nennen oder wenn er einen Papageien vernünftig und

philosophisch sprechen hörte würde er ihn doch nur einen Papageien nennen und

dafür halten er würde vom ersteren dieser Wesen sagen es sei ein einfältiger

stumpfer und von Vernunft verlassener Mensch und von letzterem dass es ein

geistvoller und gescheiter Papagei sei

    Theophilus Ich würde über den zweiten Punkt eher derselben Meinung sein

als über den ersten obgleich sich darüber noch etwas sagen lässt Wenige

Theologen würden kühn genug sein ein Wesen von menschlicher Gestalt aber ohne

bemerkbare Vernunft sofort und unbedingt zur Taufe zuzulassen wenn man es im

Walde fände und ein katholischer Priester würde vielleicht mit Hinzufügung

einer Bedingung sagen wenn du ein Mensch bist so taufe ich dich denn man

würde nicht wissen ob es von menschlichem Geschlecht wäre und eine vernünftige

Seele in ihm wohnte es könnte ein OrangUtan sein jener dem menschlichen

Äußeren so nahekommende Affe solch einer wie derjenige von dem Tulpius redet

der ihn gesehen hat und solch einer wie derjenige dessen Anatomie ein

gelehrter Arzt veröffentlicht hat Ich gebe allerdings zu dass der Mensch

sicherlich so dumm werden kann wie ein OrangUtan aber das Innere der

vernünftigen Seele würde in ihm bleiben trotz der einstweiligen Aufhebung des

Vernunftgebrauches wie ich das oben erläutert habe das also ist der Punkt wo

man nicht nach dem äußeren Scheine urteilen darf Was den zweiten Fall angeht

so hindert nichts dass es vernünftige Tiere einer von der unserigen

verschiedenen Art gebe wie jene Bewohner des poetischen Vogelreichs in der

Sonne wo ein aus dieser Welt nach seinem Tode hingekommener Papagei dem

Reisenden das Leben rettete der ihm hienieden wohlgetan hatte Wenn es sich

indessen zutrüge wie im Lande der Feen und meiner Mutter Gans sich zuträgt dass

ein Papagei eine verwandelte Prinzessin wäre und sich durch die Sprache als

solche zu erkennen gäbe so würden ohne Zweifel Vater und Mutter ihn als ihre

Tochter liebkosen indem sie sie zu haben glaubten wenngleich sie unter dieser

fremdartigen Gestalt versteckt wäre Gleichwohl würde ich mich demjenigen nicht

widersetzen welcher sagte dass in dem goldenen Esel wie das Selbst oder

Individuum wegen der Einheit immateriellen Geistes so Lucius oder die Person

wegen des Bewusstseins dieses Ich geblieben aber dass dies nicht mehr ein Mensch

sei wie es in der Tat scheint dass man der Definition des Menschen etwas von

der Gestalt und Körperbildung hinzufügen muss wenn man sagt es sei ein

vernünftiges lebendiges Wesen sonst würden meiner Ansicht nach auch die Geister

Menschen sein

     9 Philalethes Das Wort Person bedeutet ein denkendes und vernünftiges

der Vernunft und Religion fähiges Wesen welches sich selbst als ein Selbiges

als dasselbe Wesen betrachten kann das zu verschiedenen Zeiten und an

verschiedenen Grien denkt dies geschieht einzig und allein durch das Bewusstsein

seiner eigenen Handlungen Und diese Erkenntnis begleitet immer unsere

sinnlichen Empfindungen und gegenwärtigen Wahrnehmungen wenn sie deutlich genug

sind wie ich schon vorhin mehr als einmal bemerkt habe und aus diesem Grunde

ist jeder für sich selbst das was er das eigene Ich nennt Man zieht bei dieser

Gelegenheit nicht in Betracht ob dasselbe Ich in derselben Substanz oder in

verschiedenen Substanzen sich fortsetzt denn da das Bewusstsein consciousness

oder Konsciosität das Denken immer begleitet und darin die Ursache liegt dass

jeder das ist was er sein eigenes Ich nennt und wodurch er sich von jedem

anderen denkenden Dinge unterscheidet so besteht darin auch allein die

persönliche Identität oder das, wodurch ein vernünftiges Wesen immer dasselbe

ist, und so weit dies Bewusstsein sich auf die schon vergangenen Handlungen oder

Gedanken erstrecken kann so weit erstreckt sich die Identität dieser Person

und das Ich ist jetzt dasselbe welches es damals war

    Theophilus Auch ich bin dieser Meinung dass die Konsciosität oder das

Selbstbewusstsein eine moralische persönliche Identität beweist Und hierin

unterscheide ich das Nichtaufhören einer Tierseele von der Unsterblichkeit der

Menschenseele die eine wie die andere behält die physische und wirkliche

Identität aber was den Menschen anbetrifft so bewahrt gemäß den Regeln der

göttlichen Vorsehung dessen Seele gewiss noch die moralische Identität die uns

selbst als solche erscheint um dieselbe Persönlichkeit zu bilden welche

folglich die Strafen und Belohnungen zu empfinden fähig ist Sie scheinen

anzunehmen dass diese erscheinende Identität bewahrt bleiben kann wenn es keine

wirkliche geben sollte Ich möchte glauben dass dies vielleicht durch die

Allmacht Gottes geschehen kann aber nach der Ordnung der Dinge setzt die der

Person welche sich als dieselbe empfindet selbst erscheinende Identität die

wirkliche Identität bei jedem nächsten Übergang der von Reflexion und

Selbstgefühl begleitet wird voraus da eine so innerliche unmittelbare

Wahrnehmung von Natur nicht täuschen kann Könnte der Mensch nur Maschine sein

und dabei Konsciosität haben so müsste man Ihrer Ansicht sein aber ich

behaupte dass dieser Fall wenigstens auf natürliche Weise nicht möglich ist

Ebensowenig möchte ich auch sagen dass die persönliche Identität und selbst das

Ich uns nicht bleiben und dass ich nicht dieses Ich bin das ich in der Wiege

gewesen bin unter dem Vorwand dass ich mich alles dessen was ich damals getan

habe nicht mehr erinnere Um die moralische Identität durch sich selbst zu

finden genügt es dass ein mittlerer Zusammenhang des Bewusstseins eines

benachbarten oder selbst eines etwas entfernten Zustandes wenn ein vergessener

Sprung oder Zwischenraum dabei unterläuft mit dem anderen stattfindet Wenn

zB eine Krankheit eine Unterbrechung in dem Zusammenhang der Verbindung des

Bewusstseins herbeigeführt hätte so dass ich nicht wüsste wie ich in den

gegenwärtigen Zustand gelangt bin obschon ich mich noch entfernterer Dinge

erinnere könnte das Zeugnis der anderen die Lücke meiner Wiedererinnerung

ausfüllen Man könnte auf dieses Zeugnis hin mich selbst strafen wenn ich in

einer Zwischenzeit etwas absichtlich gedachtes Böses getan was ich kurz darauf

durch jene Krankheit vergessen hätte Und wenn ich alles Vergangene vergessen

hätte so dass ich gezwungen wäre es mich von neuem lehren zu lassen bis auf

meinen Namen und bis aufs Lesen und Schreiben so könnte ich immerhin von den

anderen mein vergangenes Leben in meinem früheren Zustand erfahren wie meine

Rechte mir bewahrt bleiben ohne dass ich mich in zwei Personen zu teilen und

mich zu meinem eigenen Erben zu machen nötig habe Alles das genügt die

moralische Identität aufrecht zu erhalten welche dieselbe Person ausmacht Wenn

sich die anderen verschwören wollten mich zu täuschen wie ich sogar selbst

getäuscht werden kann, durch irgend eine Vision einen Traum oder eine

Krankheit wenn ich glaube dass das was ich geträumt habe mir wirklich

widerfahren sei so würde der Schein allerdings falsch sein; aber es gibt Fälle

wo man der Wahrheit in Umsicht auf einen anderen moralisch sicher sein kann und

bei Gott mit dem verknüpft zu sein den Hauptpunkt der Moralität für uns

ausmacht kann der Irrtum nicht statthaben Was das Ich anbetrifft so wird es

gut sein zwischen dessen Erscheinung und dem Bewusstseinszustand zu

unterscheiden Das Ich macht die reale und physische Identität und die von

Wahrheit begleitete Erscheinung des Ich fügt die persönliche Identität hinzu

Will ich also nicht sagen dass die persönliche Identität sich nicht weiter

erstreckt als die Erinnerung so werde ich noch weniger sagen können dass das

Ich oder die physische Identität davon abhängig ist. Die reale und persönliche

Identität lässt sich auf die bei tatsächlichen Dingen möglich sicherste Weise

durch die gegenwärtige unmittelbare Reflexion beweisen sie lässt sich für

gewöhnlich hinlänglich durch unsere Erinnerung an die Zwischenzeit oder durch

das übereinstimmende Zeugnis der anderen beweisen Wenn aber Gott auf

außerordentliche Weise die reale Identität veränderte so würde die persönliche

bleiben falls der Mensch die Erscheinungen der Identität bewahrte sowohl die

inneren dh des Bewusstseins) als die äußeren sowie die welche in dem den

anderen Erscheinenden bestehen So ist das Bewusstsein nicht das einzige Mittel

die persönliche Identität zu bilden und das Verhältnis zu den anderen oder

selbst andere Zeichen können dafür eintreten Schwierigkeit entsteht aber wenn

unter diesen verschiedenen Erscheinungen sich Widerspruch findet Das Bewusstsein

kann schweigen wie beim Vergessen wenn es aber ganz deutlich Dinge sagte die

den übrigen Erscheinungen zuwider wären so würde man bei der Entscheidung in

Verlegenheit und mitunter zwischen zwei Möglichkeiten gleichsam in der Schwebe

sein der des Irrens in unserem Gedächtnis und der irgend einer Täuschung in den

äußeren Erscheinungen

     11 Philalethes Man wird sagen dass die Gliedmaßen des Körpers eines

jeden Menschen ein Teil von ihm sind und der Mensch also da der Körper sich in

einem beständigen Fluss beendet nicht derselbe bleiben kann

    Theophilus Ich würde lieber sagen dass das Ich und das Er ohne Teile sind

weil man sagt und zwar mit Recht dass dieselbe Substanz oder dasselbe physische

Ich sich wirklich erhält Man kann aber nicht sagen wenn man der genauen

Wahrheit der Dinge gemäß redet dass dasselbe Ganze sich erhält wenn ein Teil

zugrunde geht Was also körperliche Teile hat kann nicht umhin in jedem

Augenblick deren zu verlieren

     13 Philalethes Das Bewusstsein der früheren Handlungen kann nicht von

einer denkenden Substanz auf die andere übertragen werden und es wäre gewiss

dass dieselbe Substanz bleibt da wir uns als dieselben empfinden wenn dies

Bewusstsein eine einzige und selbige individuelle Handlung wäre dh wenn die

Handlung des Reflektierens dieselbe wäre wie die Handlung, über welche man,

indem man sich ihrer bewusst wird reflektiert Aber da sie nur eine tatsächliche

Darstellung einer früheren Handlung ist so bleibt noch die Unmöglichkeit zu

beweisen dass das was niemals stattgefunden hat sich dem Geiste so darstellen

könne als ob es wirklich stattgefunden hätte

    Theophilus Eine Erinnerung an einen der Vergangenheit angehörigen

Zwischenfall kann täuschen man erfährt dies oft und kann sich einen natürlichen

Grund dieses Irrtums denken Aber die gegenwärtige und unmittelbare Erinnerung

oder die Erinnerung dessen was sich soeben erst zugetragen hat dh das

Bewusstsein oder die Reflexion welche die innere Tätigkeit begleitet kann von

Natur nicht täuschen sonst würde man selbst nicht sicher sein dass man dies

oder jenes denkt denn man sagt sich dies innerlich auch nur von der vergangenen

Handlung und nicht bei der Handlung selbst Wenn die inneren unmittelbaren

Erfahrungen nicht gewiss sein sollen so gibt es gar keine tatsächliche Wahrheit

deren man versichert sein könnte Und ich habe schon gesagt dass es von dem

Irrtum welcher bei den mittelbaren und äußeren Wahrnehmungen begangen wird

eine verständliche Ursache gibt dass man aber in den inneren unmittelbaren

Wahrnehmungen keine solche finden kann man müsste denn auf die göttliche

Allmacht zurückgehen

     14 Philalethes Was die Frage betritt ob es beim Fortbestehen derselben

unkörperlichen Substanz zwei verschiedene Personen in ihr geben könne so

gründet sie sich auf Folgendes  nämlich ob dasselbe immaterielle Wesen

jedweder Empfindung seines früheren Daseins beraubt werden und sie gänzlich

einbüßen kann ohne sie jemals wiedererlangen zu können dergestalt dass es beim

Anfing sozusagen einer neuen Rechnung seit einer neuen Lebensperiode ein

Bewusstsein hat das sich über diesen neuen Zustand nicht hinaus erstrecken kann

Alle diejenigenwelche an die Präexistenz der Seele glauben folgen

augenscheinlich diesem Gedanken Ich habe einen Menschen gesehen der überzeugt

war dass seine Seele die des Sokrates gewesen war und ich kann versichern dass

er in dem Posten welchen er bekleidete und der von keiner geringen Bedeutung

war für einen sehr verständigen Mann gegolten hat und durch die von ihm

herausgegebenen Werke zeigte dass es ihm weder an Geist noch an Wissen fehlte

Sind also die Seelen hinsichtlich irgend eines Teiles der Materie, soweit wir es

aus ihrem Wesen erkennen können gleichgültig so schließt jene Voraussetzung

dass eine und dieselbe Seele in verschiedene Leiber eingeht keinen Widersinn

wie es scheint in sich Derjenige indessen welcher gegenwärtig keine

Empfindung von irgend etwas das Nestor oder Sokrates jemals getan oder gedacht

haben hat begreift er oder kann er denken er sei dieselbe Person wie Nestor

oder Sokrates Kann er an den Handlungen dieser beiden alten Griechen

teilnehmen Kann er sie sich zuschreiben oder denken dass sie eher seine eigenen

Handlungen seien als die irgend eines anderen Menschen der schon dagewesen

ist Er ist nicht mehr dieselbe Person wie einer von ihnen als wenn die

gegenwärtig in ihm lebende Seele damals geschaffen worden wäre als sie den

Körper welchen sie gegenwärtig innehat zu beleben anfing Dies würde nicht

mehr dazu beitragen ihn zu derselben Person wie Nestor zu machen als wenn

einige Teilchen der Materie, die einmal am Nestor teilhatten gegenwärtig einen

Teil dieses Menschen bildeten Denn dieselbe körperliche Substanz ohne das

nämliche Bewusstsein macht nicht mehr dieselbe Person aus um mit diesem oder

jenem Körper vereint zu werden als dieselben Teilchen der Materie, die zu

irgend einem Körper ohne gemeinsames Bewusstsein verbunden sind, dieselbe Person

ausmachen können

    Theophilus Ein körperloses Wesen oder ein Geist kann nicht jeder

Wahrnehmung seines früheren Auslandes beraubt werden Es bleiben ihm Eindrücke

von allem dem was ihm einstmals begegnet ist und er hat sogar Vorempfindungen

von allem dem was ihm widerfahren wird aber diese Empfindungen sind sehr

häufig zu gering um vernehmlich zu sein und um ihrer bewusst werden zu können

obwohl sie sich vielleicht einmal entwickeln mögen Diese Fortsetzung und

Verknüpfung von Wahrnehmungen macht dasselbe Individuum in Wirklichkeit aus

aber die Bewusstseinsakte dh wenn man sich der früheren Empfindungen bewusst

ist, beweisen noch die moralische Identität und lassen die wirkliche erscheinen

Die Präexistenz der Seelen tritt nicht durch unsere Wahrnehmungen in die

Erscheinung aber wenn sie in der Wahrheit begründet wäre so könnte sie

dereinst erkannt werden. Es ist also nicht der Vernunft gemäß dass die

Wiederherstellung des Gedächtnisses auf immer unmöglich werde da die

unmerklichen Wahrnehmungen deren Nutzen ich bei so viel anderen wichtigen

Gelegenheiten schon gezeigt habe auch hier dazu dienen die Keime davon zu

bewahren Der verstorbene Henry Morus Theologe der englischen Kirche war von

der Präexistenz überzeugt und hat sie literarisch verteidigt Der verstorbene

van Helmont Sohn ging noch weiter wie ich eben gesagt habe und glaubte an die

Seelenwanderung aber immer in die Körper derselben Gattung so dass nach seiner

Meinung die menschliche Seele immer einen Menschen beseelte Er glaubte mit

einigen Rabbinern an den Übergang der Seele Adams in den Messias als in den

neuen Adam Und vermutlich glaubte er auch selbst irgend ein Alter gewesen zu

sein so gescheit er auch sonst war Wenn also dieser Übergang der Seelen in der

Wahrheit gegründet wäre wenigstens in der vorher von mir erläuterten möglichen

Weise die aber nicht wahrscheinlich erscheint dh dass die Seelen indem sie

feine Körper behalten plötzlich in andere gröbere Körper übergingen so wurde

dasselbe Individuum immer im Nestor im Sokrates und in irgend einem Menschen

der neueren Zeit da sein und er könnte selbst seine Identität demjenigen

erkennbar machen der hinlänglich in sein Wesen eindringen würde auf Grund der

Eindrücke oder Zeichen die daselbst von allem dem was Nestor oder Sokrates

getan haben geblieben sind und welche ein genugsam scharfsinniger Geist auch da

lesen könnte Wenn der Mensch der neuen Zeit indessen kein inneres oder äußeres

Mittel hätte um zu erkennen was er gewesen ist so würde dies hinsichtlich der

moralischen Welt gerade so sein wie wenn er es nicht gewesen wäre Aber es hat

den Anschein dass im Universum nichts versäumt wird gerade wegen der

moralischen Welt weil Gott dessen Herrschaft eine vollkommene ist darüber

Monarch ist Meinen Annahmen nach sind die Seelen nicht gleichgültig

hinsichtlich irgend eines Teiles der Materie, wie es Ihnen zu sein scheint sie

drücke im Gegenteil ursprünglich diejenigen Teile aus denen sie der Ordnung

nach verknüpft sind und verknüpft sein müssen Wenn sie also in einen neuen

groben oder sinnlich wahrnehmbaren Körper übergingen würden sie immer den

Ausdruck alles dessen wovon sie in den alten Körpern eine Wahrnehmung gehabt

haben bewahren und der neue Körper müsste dies sogar immer empfinden so dass

die individuelle Fortdauer immer ihre wirklichen Spuren haben wird Aber welches

auch immer unser vergangener Zustand gewesen sein mag die von ihm hinterlassene

Wirkung kann uns nicht immer vernehmbar sein Der geschickte Verfasser der

Abhandlung über den Verstand dessen Ansichten Sie zu den Ihrigen gemacht haben

hatte bemerkt im zweiten Buch Kapitel von der Identität  27 dass ein Teil

seiner als möglich vorgestellten Annahmen oder Fiktionen vom Durchgang der

Seelen sich darauf gründet dass man den Geist gemeiniglich nicht allein als

unabhängig von der Materie, sondern auch als gleichgültig gegen jegliche Art

derselben betrachtet Ich hoffe aber dass dasjenige was ich Ihnen über diesen

Gegenstand hie und da gesagt habe diesen Beitel aufzuklären und was von Natur

möglich ist besser erkennen zu lassen dienen wird Man begreift dadurch wie

die Handlungen eines Alten einem Menschen der Neuzeit angehören würden der

dieselbe Seele hätte wenn er sich dessen auch nicht bewusst wäre Wenn man sie

aber als solche erkannt haben würde würde überdies noch eine persönliche

Identität daraus folgen Übrigens macht ein von einem Körper in den anderen

übergehender Teil der Materie nicht dasselbe menschliche Individuum aus noch

das was man das Ich nennt sondern die Seele ist es die es ausmacht

     16 Philalethes Dennoch ist es wahr dass ich für eine Handlung die mir

in der Gegenwart durch dies Bewusstsein Konsciosität oder conciousness das ich

davon habe als durch mich selbst vollbracht zugesprochen wird wenn sich auch

vor tausend Jahren begangen worden ist, dasselbe Interesse und dieselbe gerechte

Verantwortung habe als ich sie für das habe was ich im eben verflossenen

Augenblick getan habe

    Theophilus Diese Meinung etwas getan zu haben kann bei entfernten

Handlungen täuschen Man hat infolge häufiger Wiederholung für wirklich

genommen was man geträumt oder was man erfunden hatte diese falsche Meinung

kann in Verlegenheit setzen aber nicht machen dass man strafbar wird wenn

andere nicht damit übereinkommen Auf der anderen Seite kann man für das was

man getan hat verantwortlich sein wenn man es auch vergessen hätte falls die

Handlung nur sonst sich beglaubigen lässt

     17 Philalethes Jedermann erfährt es tagtäglich dass klänge sein kleiner

Finger in diesem Bewusstsein inbegriffen ist er an dem Ich ebensogut teilnimmt

wie ein beliebiger größter Teil

    Theophilus Ich habe schon bemerkt  11 warum ich nicht behaupten möchte

dass mein Finger ein Teil seines Ichs ist aber allerdings gehört er mir zu und

macht einen Teil meines Körpers aus

    Philalethes Die welche anderer Meinung sind werden sagen dasswenn

dieser kleine Finger vom übrigen Körper getrennt wird falls jenes Bewusstsein

ihn begleitete und den übrigen Körper verließe der kleine Finger dann offenbar

die Person dieselbe Person sein und das Ich alsdann mit dem übrigen Körper

nichts zu schaffen haben würde

    Theophilus Die Natur lässt dergleichen erdichtete Fälle nicht zu Diese

zerfallen in sich durch das System der vorherbestimmten Übereinstimmung oder des

vollkommenen Entsprechens von Seele und Leib

     18 Philalethes Dennoch scheint es dasswenn der Körper zu leben und

sein besonderes Bewusstsein zu haben fortführe an dem der kleine Finger keinen

Anteil hätte und dabei die Seele im Finger wäre dieser Finger keine Handlung

des übrigen Körpers als die seinige in Anspruch nehmen könnte und man ihm

dieselbe auch nicht zurechnen dürfte

    Theophilus Die Seele die im Finger wäre würde diesem Körper auch nicht

angehören Ich gebe zu dasswenn Gott machte dass die Bewusstseinszustände auf

andere Seelen übertragen würden man sie nach den gegriffen der Moral so

behandeln müsste als ob sie dieselben wären aber das würde heißen die Ordnung

der Dinge ohne Ursache verwirren und zwischen dem Bemerkbaren und der durch die

unbemerkbaren Wahrnehmungen sich erhaltenden Wahrheit eine Scheidewand

aufrichten welche nicht in der Vernunft begründet wäre weil die für den

Augenblick unbemerkbaren Wahrnehmungen sich einmal entwickeln können denn es

gibt nichts Unnützes und die Ewigkeit bietet zu Veränderungen ein großes Feld

     20 Philalethes Die menschlichen Gesetze bestrafen nicht einen

Geisteskranken für die Handlungen welche er als Mensch von gesundem Verstande

begangen hat noch einen Menschen von gesundem Verstande für das was er als

Geisteskranker getan hat dadurch machen wie zwei Personen aus ihm Es ist das

so wie man sagt er ist außer sich

    Theophilus Die Gesetze drohen Strafen und verheißen Belohnungen um die

schlimmen Handlungen zu verhüten und die guten zu fördern Nun kann ein

Geisteskranker in dem Maße ein solcher sein dass Drohungen und Belohnungen nicht

gehörig auf ihn wirken da die Vernunft nicht mehr die Meisterin istalso muss

nach dem Maß der Geistesschwäche die Strenge der Strafe nachlassen Auf der

anderen Seite will man dass der Verbrecher die Wirkung des von ihm begangenen

Bösen empfinde damit man von vornherein Verbrechen zu begehen fürchte da aber

der Geisteskranke nicht hinlänglich Verständnis dafür hat so wartet man gern

eine gehörige Zwischenzeit zur Ausführung des Urteils ab das ihn für das bei

gesundem Verstande Begangene bestraft Demnach kommt was die Gesetze oder die

Richter bei solchen Gelegenheiten tun nicht daher dass man sich zwei Personen

dabei denkt

     22 Philalethes Man macht sich in der Tat auf seifen derjenigen deren

Ansichten ich vor Ihnen vertrete den Einwurf dasswenn jemand der betrunken

ist und es nachher nicht mehr ist nicht dieselbe Person sein soll man ihn dann

auch nicht für das bestrafen dürfe was er in der Trunkenheit getan hat weil er

davon nichts mehr weiß Aber die Antwort darauf lautet dass er doch ganz ebenso

dieselbe Person ist wie jemand der während seines Schlummerns umherwandelt und

allerlei anders Handlungen ausübt und für allen den Schaden welchen er in

diesem Zustande angerichtet hat verantwortlich ist

    Theophilus Zwischen den Handlungen eines Betrunkenen und denen eines

wirklichen und als solchen anerkannten Nachtwandlers waltet ein Unterschied ob

Man straft die Betrunkenen weil sie die Trunkenheit meiden und selbst während

ihrer Trunkenheit eine gewisse Erinnerung an die Strafe haben können Es ist

aber nicht ebenso in der Macht der Nachtwandler sich ihres nächtlichen Ganges

und dessen was sie tun zu enthalten Könnte man aber allerdings dadurch dass

man ihnen auf der Stelle die Rute gäbe sie im Bette halten so würde man dazu

das Recht haben und auch nicht verfehlen es zu tun obgleich das mehr ein

Heilmittel als eine Züchtigung wäre In der Tat soll dies Mittel geholfen

haben

    Philalethes Die menschlichen Gesetze bestrafen den einen wie den andern

gemäß einer der Art entsprechenden Gerechtigkeit wie die Menschen die Dinge

erkennen weil sie in dieser Art Fällen zwischen dem was wirklich ist und dem

was nur vorgegeben ist nicht sicher unterscheiden können also wird das

Nichtwissen nicht als Entschuldigung für das was man in der Trunkenheit oder im

Schlaf getan hat angenommen Die Tatsache ist gegen den der sie begangen hat

bewiesen und man kann nicht zu seinen Gunsten den Mangel an Bewusstsein

beweisen

    Theophilus Es handelt sich nicht so sehr darum als um das was man tun

muss wenn es sicher festgestellt ist dass der Trunkene oder der Nachtwandler

außer sich gewesen sind wie dies der Fall sein kann In diesem Falle kann der

Nachtwandler nur als ein Geisteskranker betrachtet werden, aber da die

Trunkenheit freiwillig ist die Krankheit jedoch nicht so bestraft man den

einen und nicht den andern

    Philalethes An dem großen und furchtbaren Tage des Gerichts aber wo die

Geheimnisse aller Herzen aufgedeckt werden sollen hat man recht zu glauben dass

niemand dasjenige zu verantworten haben wird was ihm gänzlich unbekannt ist

und dass jeder empfangen wird was er nach dem Zeugnis seines eigenen Gewissens

verdient

    Theophilus Ich halte es nicht für nötig dass das Gedächtnis des Menschen am

Tage des Gerichts so weit gesteigert werde dass er sich alles dessen erinnert

was er vergessen hatte und glaube dass die Erkenntnis der anderen und vor allem

des gerechten Richters der sich nicht täuschen lässt genügen werde Man könnte

einen der Wahrheit freilich wenig entsprechenden erdichteten Fall denken der

sich aber doch vorstellen lässt nämlich dass ein Mensch am Tage des Gerichts

schlecht gewesen zu sein glaubte und dass allen übrigen geschaffenen Geistern

die darüber zu urteilen in der Lage wären dasselbe als wahr erschiene ohne dass

es wahr wäre  würde man nun sagen können dass der höchste gerechte Richter der

allein das Gegenteil weiß diesen Menschen verdammen und seinen Taten entgegen

richten könnte Und doch würde dies aus dem von Ihnen über die moralische

Persönlichkeit aufgestellten Begriff zu folgen scheinen Man wird vielleicht

sagen dasswenn Gott gegen den Schein richtet er nicht genug Ruhm erhalten und

den übrigen Unmut bereiten wird aber man kann darauf erwidern dass er sich

selbst das einzige und höchste Gesetz ist und in diesem Falle die übrigen

urteilen müssen dass sie sich getäuscht haben

     23 Philalethes Könnten wir entweder voraussetzen dass zwei verschiedene

und miteinander nicht in Verbildung stehende Bewusstseinsvermögen abwechselnd in

demselben Körper tätig sind das eine beständig ehrend des Tages und das andere

während der Nacht oder dass dasselbe Bewusstsein in Zwischenräumen in zwei

verschiedenen Körpern tätig wäre frage ich oh im ersteren Falle der

Tagesmensch und der Nachtmensch dass ich mich so auszudrücken wage nicht zwei

ebenso verschiedene Personen wären wie Sokrates und Plato und ob er nicht im

zweiten Fall eine einzige Person in zwei verschiedenen Körpern ist Es

verschlägt nichts dass das nämliche Bewusstsein welches zwei verschiedene Körper

beherrscht und jene beiden Bewusstseinsvermögen die denselben Körper zu

verschiedenen Zeiten beherrsche einer und derselben immateriellen Substanz und

die beiden anderen zwei verschiedenen immateriellen Substanzen angehören welche

diese verschiedenen Bewusstseinsvermögen in jene Körper einführen da die

persönliche Identität in gleicher Weise durch das Bewusstsein bestimmt sein

würden es dass dies Bewusstsein mit irgend einer individuellen unkörperlichen

Substanz verbunden wäre oder nicht Übrigens muss ein unkörperliches Wesen das

denkt mitunter sein vergangenes Bewusstsein aus dem Gesicht verlieren und es

sich aufs neue zurückrufen Nun nehme man an dass diese Zwischenzeiten von

Gedächtnis und Vergessen den ganzen Tag und die ganze Nacht wiederkehren so

wird man zwei Personen mit demselben unkörperlichen Geist haben Daraus folgt,

dass das Ich nicht durch die Identität oder Verschiedenheit der Substanz bestimmt

wird, deren man nicht sicher sein kann sondern nur durch die Identität des

Bewusstseins.

    Theophilus Ich gebe zu dasswenn alle Erscheinungen gewechselt und von

einem Geist auf den anderen übertragen würden oder wenn Gott einen Tausch

zwischen zwei Geistern machte indem er den sichtbaren Leib und die

Erscheinungen und das Bewusstsein des einen auf den anderen übertrüge die

persönliche Identität statt an die der Substanz geknüpft zu sein den sich

gleichbleibenden Erscheinungen folgen würde welche die menschliche Moral im

Auge halten muss aber diese Erscheinungen werden nicht bloß in den

Bewusstseinsakten bestehen und Gott würde nicht allein die

Bewusstseinserscheinungen oder vermögen der in Rede stehenden Individuen

miteinander vertauschen müssen sondern auch diejenigen Erscheinungen welche

sich anderen in Hinsicht auf diese Personen darbieten sonst würde zwischen den

Bewusstseinsvermögen der einen und dem Zeugnis der anderen Widerspruch

stattfinden was die moralische Weltordnung verwirren würde Man muss mir

indessen zugeben dass die Scheidung zwischen der unsinnlichen und der sinnlichen

Welt dh zwischen den unmerklichen Wahrnehmungen die in denselben Substanzen

bleiben würden und den Bewusstseinsakten die vertauscht werden würden ein

Wunder sein müsste wie wenn man voraussetzt dass Gott einen leeren Raum

hervorbringt denn ich habe vorher gesagt warum dies nicht der Naturordnung

gemäß ist Hier eine annehmbarere Voraussetzung Möglicherweise findet sich an

einer anderen Stelle des Universums oder zu einer anderen Zeit eine Weltkugel

die auf bemerkbare Weise nicht von der von uns bewohnten Erdkugel sich

unterscheidet und wo sich jeder der sie bewohnenden Menschen auf keine

bemerkbare Weise von jedem von uns der ihm entspricht unterscheidet So gibt

es zugleich mehr als hundert Millionen Paare einander gleicher Menschen dh von

Menschen derselben äußeren Erscheinung und desselben Bewusstseins und Gott

könnte die Geister allein oder mit ihrem Körper von einer Kugel auf die andere

ohne dass sie es gewahr würden übertragen  aber sei es dass sie übertragen oder

belassen werden  was wird man von ihrer Person oder ihrem Ich nach der Meinung

Eurer Partei sagen Sind es zwei Personen oder eine und dieselbe da das

Bewusstsein und die inneren und äußeren Erscheinungen der Menschen auf diesen

Kugeln keinen Unterschied machen könnend Allerdings würden Gott und diejenigen

Geister welche die Zwischenräume und äußeren Beziehungen der Zeiten und der

Orte und selbst die inneren den Menschen der beiden Kugeln unmerklichen

Verhältnisse zu erkennen fähig sind sie unterscheiden können aber da nach

Euren Voraussetzungen der Umstand des Bewusstseins allein die Personen

unterscheidet ohne dass man sich um die wirkliche Identität oder Verschiedenheit

der Substanz oder selbst dessen was den anderen erscheinen würde zu bekümmern

braucht wie kann man umhin zu sagen dass diejenigen zwei Personen welche zu

gleicher Zeit auf den beiden einander entsprechenden aber auf eine nicht

auszudrückende Entfernung auseinandergelegenen Weltkugeln sich beenden eine und

dieselbe Person seien  was doch ein handgreiflicher Widersinn ist Spricht man

übrigens von dem was von Natur möglich ist so würden die beiden gleichen

Weltkugeln und die beiden gleichen Seelen auf denselben es nur für eine Zeit

bleiben Denn da eine individuelle Verschiedenheit stattfindet muss dieser

Unterschied wenigstens in den unmerklichen Verhältnissen welche sich in der

Folge der Zeiten entwickeln müssen bestehen

     26 Philalethes Denken wir einen Menschen der in der Gegenwart für das

was er in einem anderen Leben getan hat und worüber er durchaus nicht zum

Bewusstsein gebracht werden kann, bestraft wird welchen Unterschied gibt es

zwischen solcher Behandlung und diejenigen bei welcher man ihn unglücklich

erschaffen hätte

    Theophilus Die Platoniker Origenisten einige Juden und andere Verteidiger

der Präexistenz der Seelen haben geglaubt dass die Seelen dieser Welt in

unvollkommen Körper gesetzt wären zur Strafe für die Verbrechen welche sie in

einer früheren Welt begangen haben Aber wenn man darüber das Wahre weder weiß

noch jemals erfahren wird weder durch die Erinnerung des Gedächtnisses noch

durch gewisse Spuren noch durch das Wissen anderer so wird man dies allerdings

nicht eine Strafe nach den gewöhnlichen Begriffen nennen können Wenn man

indessen von der Strafe im allgemeinen spricht so ist man zu zweifeln befugt

ob es absolut notwendig ist dass diejenigenwelche leiden selbst einmal die

Ursache davon erfahren und ob es nicht sehr oft genügen würde dass andere

besser unterrichtete Geister daraus Veranlassung nähmen die göttliche

Gerechtigkeit zu preisen Es ist inzwischen wahrscheinlicher dass die leidenden

wenigstens im allgemeinen das Warum davon erfahren

     29 Philalethes Sie werden vielleicht beim Rechnungsabschluss mit meinem

Gewährsmann sich einverstanden erklären der sein Kapitel von der Identität

folgendermaßen endet dass die Frage ob der Mensch derselbe bleibe eine

Wortfrage ist je nachdem man unter Mensch den vernünftigen Geist allein

versteht oder den Körper allein in derjenigen Form welche Mensch genannt wird

oder endlich den mit einem solchen Körper verbundenen Geist Im ersten Falle

wird der abgetrennte Geist wenigstens der von dem gröberen Körper abgetrennte

Geist noch der Mensch sein im zweiten wird ein OrangUtan der uns mit

Ausnahme der Vernunft vollständig gliche auch ein Mensch sein und wenn der

Mensch seiner vernünftigen Seele beraubt würde und eine Tierseele empfinge so

würde er derselbe Mensch bleiben Im dritten Falle muss der eine und der andere

in derselben Vereinigung bleiben derselbe Geist und derselbe Körper zum Teil

oder wenigstens ein entsprechender was die sinnliche körperliche Form betrifft

So könnte man als dasselbe Wesen physisch oder moralisch verharren dh dieselbe

Person bleiben ohne Mensch zu bleiben im Fall dass man diese Gestalt diesem

letzteren Sinne gemäß als dem Menschen wesentlich betrachtet

    Theophilus Ich gestehe dass es sich dabei um eine Wortfrage handelt und

dass es im dritten Falle so ist wie wenn dasselbe Tier bald Raupe oder

Seidenwurm und bald Schmetterling ist und wie nach der Einbildung gewisser

Leute die Engel dieser Welt Menschen in einer früheren Welt gewesen sind Aber

wir sind in dieser Zusammenkunft mit wichtigeren Untersuchungen als mit den über

die Wortbedeutungen beschäftigt Ich habe Ihnen die Quelle der wahren physischen

Identität gezeigt ich habe dargetan wie die Moral ebensowenig wie das

Gedächtnis dagegen spricht dass sie nicht immer die psychische Identität

derselben Person die es sich handelt auch nicht denen welche mit ihr in

Verkehr stehen anzeigen können dass gleichwohl aber sie der psychischen

Identität niemals widersprechen und sich von ihr niemals trennen dass es immer

erschaffene Geister gibt welche erkennen oder doch erkennen können wie es

damit steht aber dass man zB anzunehmen Grund hat das was hinsichtlich der

Personen Gleichgültiges dabei ist könne nur für eine Zeit gelten

 
 






     1 Philalethes Außer den auf die Zeit den Ort und die Kausalität

gegründeten Relationen mit denen wir uns eben beschäftigt haben gibt es noch

unendlich viele andere von denen ich einige vorführen will Jede einfache der

Teilung und der Steigerungsgrade fähige Vorstellung gibt Gelegenheit die

Gegenstände an denen sie sich findet zu vergleichen zB die Vorstellung des

mehr oder weniger oder gleich Weißen Diese Relation kann proportional genannt

werden.

    Theophilus Gleichwohl gibt es ein Übermaß ohne Proportion und zwar

hinsichtlich einer Größe die ich unvollkommen nenne wie zB wenn man sagt

dass der Winkel welchen der Radius mit seinem Kreisbogen macht kleiner sei als

ein Rechter denn es ist nicht möglich dass zwischen diesen beiden Winkeln oder

zwischen dem einen von ihnen und ihrem Unterschiede welches der Nebenwinkel

ist eine Proportion stattfinde

     2 Philalethes Eine andere Gelegenheit zum Vergleich wird durch die

Umstände des Ursprungs gegeben aus denen die Relationen von Vater und Kind

Brüdern Vettern Landsleuten entspringen Bei uns denkt man nicht daran zu

sagen Dieser Stier ist der Großvater dieses Kalbes oder Diese beiden Tauben

sind rechte Geschwisterkinder denn die Sprachen richten sich nach dem Gebrauch

Aber es gibt Länder wo die Menschen weniger um ihre eigene Genealogie

bekümmert als um die ihrer Pferde nicht nur Namen für jedes Pferd besonders

sondern auch für deren verschiedene Verwandtschaftsgrade haben

    Theophilus Denen der Verwandtschaft kann man noch die Vorstellung der

Familie und die Familiennamen hinzufügen Man bemerkt allerdings unter der

Regierung Karls des Großen und ziemlich lange vorher oder nachher noch nicht

dass es in Deutschland Frankreich und der Lombardei Familiennamen gibt Es ist

noch nicht lange her dass es selbst adlige Familien im Norden gegeben hat die

keinen Namen hatten und wo man jemand an seinem Geburtsorte nur damit

bezeichnete dass man seinen Namen und den seines Vaters nannte und übrigens

wenn er sich anderswohin begab seinem Namen den des Ortes woher er kam

hinzufügte Die Araber und Turkomanen haben wie ich glaube noch jetzt

denselben Gebrauch da sie keine besonderen Familiennamen haben und sich

begnügen den Vater und den Großvater usw jemandes zu nennen und dieselbe Ehre

erzeigen sie ihren kostbaren Pferden die sie bei ihrem Namen und dem des Vaters

und selbst noch weiter hinauf benennen Auf diese Art sprach man von den

Pferden welche der Großherr der Türken dem Kaiser nach dem Frieden von

Carlowitz geschickt hatte und der selige Graf von Oldenburg der letzte seines

Stammes dessen Marställe berühmt waren und der ein hohes Alter erreichte

hatte Stammbäume von seinen Pferden so dass sie ihren Adel nachweisen konnten

und sogar die Porträts ihrer Vorfahren imagines majorum besaßen ein bei den

Römern so gesuchter Artikel Aber um auf die Menschen zurückzukommen so gibt es

bei den Arabern und Tataren Namen von Stämmen welche wie große Familien sind

die sich im Laufe der Zeiten ausgebreitet haben Und diese Namen sind entweder

von dem Stammvater wie aus der Zeit des Moses oder von dem Wohnort oder irgend

einem anderen Umstand hergenommen Ein wissbegieriger Reisender Worsley der sich

von dem gegenwärtigen Zustand des wüsten Arabiens wo er sich eine Zeitlang

aufgehalten unterrichtet hat versichert dass in dem ganzen Lande zwischen

Ägypten und Palästina und wo Moses durchzog es heutzutage nur drei Stämme gibt

die sich zusammen auf 5000 Menschen belaufen können Der eine dieser Stämme

nennt sich Sali von dem Stammvater her glaube ich dessen Nachkommenschaft das

Grab wie das eines Heiligen verehrt indem es davon Staub nimmt den die Araber

auf ihren Kopf und den ihrer Kamele streuen Übrigens findet Blutsverwandtschaft

da statt wo derselbe Ursprung ist wie zwischen denen deren Relation wir

betrachten aber man wird sagen können dass verwandtschaftlicher Zusammenhang

oder Affinität zwischen zwei Personen stattfindet wenn sie mit der nämlichen

Person Blutsverwandtschaft haben können ohne sie deswegen untereinander zu

haben was sich durch Vermittlung der Heiraten so macht Wie man jedoch nicht

die Gewohnheit hat zu sagen dass zwischen Mann und Frau Affinität stattfindet

obgleich deren Ehe Ursache der Affinität in Hinsicht auf andere Personen sein

mag so wird es vielleicht besser sein zu sagen dass unter denjenigen Affinität

ist die untereinander blutsverwandt sein würden wenn Mann und Frau für eine

und dieselbe Person genommen würden

     3 Philalethes Die Gründung einer Beziehung ist mitunter ein moralisches

Recht wie die eines Heerführers oder eines Bürgers Diese Arten von Relationen

von den Verbindungen abhängig welche die Menschen unter sich gemacht haben

sind freiwillige oder eingeführte die man von den natürlichen unterscheiden

kann Mitunter haben die beiden gegeneinander in Relation also in Korrelation

stehenden jeder seinen besonderen Namen die Patron und Klient General und

Soldat Aber dies ist nicht immer so wie man zB keinen Ausdruck für die hat

welche zu einem Kanzler in Beziehung stehen

    Theophilus Es gibt mitunter natürliche Relationen welche die Menschen mit

moralischen Relationen bekleidet und bezeichnet haben wie zB die Kinder das

Recht haben den gesetzlichen Teil an der Hinterlassenschaft ihrer Väter oder

Mütter zu beanspruchen junge Leute haben gewisse Beschränkungen und alte Leute

gewisse Freiheiten Indessen geschieht es auch dass man das für natürliche

Relation nimmt was es nicht ist wie wenn die Gesetze sagen dass derjenige der

Vater ist welcher mit der Mutter sich innerhalb der Zeit verheiratet hat dass

das Kind ihm zugeschrieben werden kann, und dieses Setzen dessen was

eingeführte Sitte ist an die Stelle des Natürlichen ist mitunter nur

Voraussetzung Präsumtion also ein Urteil wodurch das als wahr angenommen

wird was es vielleicht nicht ist so lange man nur nicht das Gegenteil beweisen

kann Und in diesem Sinne wird der Satz: pater est quem nuptiae demonstrant

derjenige ist Vater den die Eheschließung als solchen nachweist im römischen

Recht und bei den meisten Völkern genommen die ihn angenommen haben In England

aber wie man mir mitgeteilt hat nutzt es nichts sein Alibi zu beweisen wenn

man nur in einem der drei Königreiche gewesen ist so dass die Voraussetzung sich

in diesem Falle in eine Fiktion oder in das verwandelt was einige Rechtslehrer

praesumtio juris et de jure nennen

     4 Philalethes Moralische Relation ist die Übereinstimmung oder

Nichtübereinstimmung zwischen den freiwilligen Handlungen der Menschen und einer

Regel welche das Urteil bestimmt ob sie moralisch gut oder schlecht sind 

5 und das moralisch Gute oder moralisch Schlechte ist die Übereinstimmung oder

der Gegensatz zwischen den freiwilligen Handlungen und einem bestimmten Gesetz

das uns nach Willen und Macht des Gesetzgebers oder dessen der das Gesetz

aufrecht erhalten will physisches Gutes oder Übles zuzieht und dies ist

dasjenige was wir Belohnung und Strafe nennen

    Theophilus So trefflichen Schriftstellern wie der dessen Ansichten Sie

vertreten ist erlaubt die Ausdrücke nach Belieben zu wählen Allein ebenso

wahr ist dass nach dem aufgestellten Begriff eine und dieselbe Handlung zu

gleicher Zeit bei verschiedenen Gesetzgebern moralisch gut und moralisch schlimm

sein kann ganz wie unser vortrefflicher Autor vorher die Tugend für das

erklärte was gelobt wird und folglich die nämliche Handlung je nach den

Meinungen der Leute tugendhaft oder nicht sein mag Da dies nun der gewöhnliche

Sinn nicht ist welchen man den moralisch guten und tugendhaften Handlungen

gibt so würde ich für mich vorziehen als Maßstab des moralischen Guten und der

Tugend die unveränderliche Vernunftregel zu nehmen welche aufrecht zu erhalten

Gottes Amt ist Auch kann man versichert sein dass durch seine Vermittlung jedes

moralische Gut ein physisches wird oder wie die Alten sagten dass jedes

rechtschaffene handeln nützlich sei statt dass man um den Begriff des Autors

auszudrücken sagen müsste dass das moralische Gute oder Schlimme ein auferlegtes

oder eingeführtes Gut oder Übel sei welchem derjenige der die Gewalt in Händen

hat durch Strafen oder Belohnungen Nachfolge oder Vermeiden zu verschaffen

sucht Das Gute ist dass das was aus Gottes allgemeiner Gesetzgebung stammt

der Natur oder der Vernunft entspricht

     7 Philalethes Es gibt drei Arten von Gesetzen: das göttliche Gesetz das

bürgerliche Gesetz und das Gesetz der Meinung oder des guten Namens Das erste

ist die Regel der Sünden oder der Pflichten das zweite der verbrecherischen

oder unschuldigen Handlungen das dritte der Tugenden oder Laster

    Theophilus Dem gewöhnlichen Wortsinne nach unterscheiden sich die Tugenden

oder Laster von den Pflichten und den Sünden nur wie die Gewohnheiten sich von

den Handlungen unterscheiden man betrachtet die Tugend und das Laster nicht für

etwas von der Meinung Abhängiges Eine große Sünde nennt man ein Verbrechen und

setzt das Unschuldige nicht dem Verbrecherischen sondern dem Schuldigen

entgegen Das göttliche Gesetz ist von zweierlei Art natürliches und positives

Das bürgerliche Gesetz ist positiv Das Gesetz des guten Namens verdient den

Namen Gesetz nur uneigentlich oder ist unter dem natürlichen Gesetz befasst wie

wenn ich sagte das Gesetz der Gesundheit das Gesetz der Wirtschaft wenn die

Handlungen naturgemäß ein Gutes oder Übles nach sich ziehen wie die Billigung

der anderen, die Gesundheit den Gewinn

     10 Philalethes Inder Tat behauptet man in der ganzen Welt dass die Worte

Tugend und Laster Natur gute und schlimme Handlungen bedeuten und sofern sie

wirklich in diesem Sinne angewendet werden kommt die Tugend vollständig mit dem

göttlichen natürlichen Gesetz überein Aber welches auch immer die Ansprüche

der Menschen sein mögen so ist klar dass diese Worte in ihrer besonderen

Anwendung betrachtet beständig und einzig solchen oder solchen Handlungen

beigelegt werden die in jedem Lande oder in jeder Gesellschaft als ehrenhaft

oder schändlich betrachtet werden; sonst würden die Menschen sich selbst

verdammen Also ist der Maßstab dessen was man Tugend oder Laster nennt jene

Billigung oder jene Verachtung jenes Lob oder jener Tadel der sich durch eine

heimliche und stillschweigende Übereinstimmung bildet Denn wenn auch die in

politischen Gesellschaften vereinigten Menschen den freien Gebrauch aller Kräfte

dergestalt den Händen des öffentlichen Wesens anheimgestellt haben dass sie

dieselben gegen ihre Mitbürger nicht über das hinaus was durch das Gesetz

erlaubt ist anwenden können so behalten sie doch immerhin die Macht für sich

gut oder schlimm von jemand zu denken zu loben oder zu tadeln

    Theophilus Wenn der treffliche Schriftsteller der sich mit Ihnen in dieser

Weise ausdrückt erklärte dass es ihm gefallen habe diese in Rede stehende

willkürliche Nominaldefinition den Worten Tugend und Lasten zu geben so könnte

man nur sagen dass es in der Theorie zur Bequemlichkeit ihm erlaubt ist sich

vielleicht aus Mangel an anderen Ausdrücken so auszudrücken aber es wird nötig

sein hinzuzufügen dass diese Bedeutung dem Gebrauch nicht entspricht dass sie

selbst nicht zur Erbauung dient und in den Ohren vieler übel klingen würde wenn

sie jemand in die Praxis des Lebens und den mündlichen Verkehr einführen wollte

wie jener Schriftsteller es in der Vorrede selbst anzuerkennen scheint Aber das

würde hier zu weit gegangen sein und wenn Sie auch zugeben dass die Menschen

von dem was nach unveränderlichen Gesetzen von Natur tugendhaft oder lasterhaft

ist zu reden vorgeben so behaupten Sie doch dass sie in der Tat und Wahrheit

nur von dem zu sprechen verstehen was von der Meinung abhängt Es scheint mir

aber dass man mit demselben Grunde auch behaupten könnte dass die Wahrheit und

die Vernunft und alles was man sonst noch Wesenhaftes nennen mag von der

Meinung abhängt weil die Menschen indem sie darüber urteilen der Täuschung

unterworfen sind Ist es daher nicht in jeder Hinsicht besser zu sagen dass die

Menschen unter Tugend wie unter Wahrheit das verstehen was der Natur

entspricht dass sie sich aber oft in der Anwendung täuschen wobei sie sich aber

doch weniger täuschen als man denkt Denn was sie loben verdient gewöhnlich in

gewisser Hinsicht gelobt zu werden Die Tugend zu trinken dh den Wein gut zu

vertragen ist ein Vorteil welcher dem Bonosus dazu diente die Barbaren sich

geneigt zu machen und ihre Geheimnisse aus ihnen herauszubringen Die

nächtlichen Kräfte des Herkules worin Bonosus auch ihm zu gleichen behauptete

waren nicht minder eine Vollkommenheit Die List der Diebe wurde bei den

Lazedämoniern belobt und tadelnswert ist dabei nicht die Geschicklichkeit

sondern der übel angebrachte Gebrauche und diejenigenwelche man in

Friedenszeit rädert könnten mitunter in Kriegszeiten ausgezeichnete

Parteigänger abgeben So hängt alles von der Anwendung und von dem guten oder

üblen Gebrauch der Vorteile die man besitzt ab Auch ist es sehr oft wahr und

muss nicht für etwas besonders Befremdendes genommen werden dass die ansehen sich

selbst verdammen wie wenn sie das tun was sie an den anderen tadeln und oft

kommt ein Widerspruch zwischen den Handlungen und den Worten vor der dem

Publikum Ärgernis gibt da das was ein Beamter oder ein Prediger tut und

verbietet aller Welt in die Augen springt

     12 Philalethes Überall gilt gerade dasjenige als Tugend was man für

lobenswürdig erachtet Die Tugend und das Lob werden oft mit denselben Worten

bezeichnet Sunt hic etiam sua praemia laudi sagt Virgil lib I der Äneis v

461 und Cicero sagt Nihil habet natura praestantius quam honestatem quam

dignitatem quam decus Quaest Tusc l II c 20 und er fügt ein wenig darauf

hinzu Hisce ego pluribus nominibus unam rem declarare volo

    Theophilus Allerdings haben die Alten die Tugend durch das Wort der

Ehrenhaftigkeit bezeichnet wie wenn sie lobten inococtum generoso pectus

honesto Und wahr ist auch dass das Ehrenhafte seinen Namen von der Ehre und vom

Lobe trägt Aber das will nicht sagen dass Tugend das ist was man lobt sondern

dass sie das ist was lobenswert ist und von der Wahrheit nicht aber von der

Meinung abhängt

    Philalethes Manche denken nicht ernstlich an das Gesetz Gottes oder hoffen

sich mit dem Urheber desselben dereinst noch versöhnen zu können und

hinsichtlich des Staatsgesetzes schmeicheln sie sich ungestraft zu bleiben

Aber man denke nicht dass derjenige welcher etwas den Meinungen der Menschen

seiner Umgebung und derer denen er sich empfehlenswert machen will entgegen

tut der Strafe ihres Tadels und ihrer Missbilligung entgehen kann niemand dem

noch einige Empfindung seiner eigenen Natur bleiben mag kann unter beständiger

Verachtung in Gesellschaft leben dies ist die Stärke des Gesetzes des guten

Namens

    Theophilus Ich habe schon bemerkt dass dies nicht sowohl die Strafe eines

Gesetzes als eine natürliche Strafe istwelche die Handlung sich von selbst

zuzieht Freilich kümmern sich indessen viele nicht darum weil sie gewöhnlich

wenn sie von den einen infolge irgend einer getadelten Handlung verachtet

werden Teilnehmer oder wenigstens Parteigänger finden welche sie nicht

verachten wenn sie nur auf irgend einer anderen Seite wenn auch noch so wenig

lobenswert sind Man drückt selbst über ganz ehrlose Handlungen die Augen zu

und oft genügt es frech und schamlos wie jener Phormio im Terenz zu sein

damit einem alles hingehe Wenn die Exkommunikation eine wirkliche beständige

und allgemeine Verachtung hervorbringen könnte so würde sie die Kraft eines

solchen Gesetzes haben von dem unser Autor redet und in der Tat hatte sie bei

den ersten Christen diese Wirkung und ersetzte ihnen die ihnen fehlende

Gerechtigkeitspflege um die Schuldigen zu bestrafen ungefähr so wie die

Handwerker unter sich gewisse Gewohnheiten trotz der Gesetze aufrechterhalten

bloß durch die Verachtung welche sie denen die sie nicht beobachten bezeigen

Und dies hat auch die Duelle gegen die Gesetzesbestimmungen aufrechterhalten Es

wäre zu wünschen dass das Publikum in seinem Lob und Tadel mehr mit sich selber

und der Vernunft einig wäre und dass vor allem die Großen nicht die Schlechten

durch Belachen schlechter Handlungen in Schutz nehmen wo meistens nicht der

welcher sie begangen sondern der welcher darunter gellten hat durch

Verachtung gestraft und ins Lächerliche gezogen zu werden scheint Man wird auch

gemeiniglich sehen dass die Menschen nicht sowohl das Laster verachten als die

Schwäche und das Unglück So hat das Gesetz des guten Namens wohl nötig

berichtigt und auch besser beobachtet zu werden

     19 Philalethes Ehe ich die Betrachtung der Relationen verlasse will ich

bemerken dass wir gewöhnlich einen ebenso klaren oder noch klareren Begriff von

der Relation haben als von dem was deren Grund ist Wenn ich glaubte dass

Sempronia den Titus aus einem Busch geholt hat wie man den kleinen Kindern zu

sagen pflegt und sie nachher Gajus auf dieselbe Art bekommen hat so hätte ich

einen ebenso klaren Begriff von dem brüderlichen Verhältnis zwischen Titus und

Gajus als wenn ich alles Wissen der Hebammen besäße

    Theophilus Als man aber einmal einem Kinde sagte dass sein kleiner eben

geborener Bruder aus einem Brunnen geholt worden sei eine Antwort der man sich

in Deutschland bedient um die Neugier der Kinder zu befriedigen so antwortet

das Kind es wundere sich dass man ihn nicht wieder in denselben Brunnen würfe

weil er so schrie und die Mutter belästigte Jene Erklärung konnte ihm nämlich

keinen Grund zu der Liebe welche die Mutter für das Kind bezeugte anzeigen

Man kann also sagen dass diejenigenwelche die Gründe der Relation nicht

wissen darüber nur teilweise taube und unzureichende Gedanken haben wie ich

sie nenne welche Gedanken indessen in gewissen Beziehungen und bei gewissen

Gelegenheiten genügen können

 
 






     2 Philalethes Wir wollen jetzt zu einigen Unterschieden der

Vorstellungen kommen Unsere einfachen Vorstellungen sind klar wenn sie ebenso

sind wie die Gegenstände selbst von denen man sie empfängt und dieselben mit

allen zu einer wohlgeordneten Empfindung oder Wahrnehmung erforderlichen

Umständen darstellen oder darstellen können Wenn das Gedächtnis sie auf diese

Art bewahrt so sind es in diesem Falle klare Vorstellungenund in dem Maße

als es ihnen an dieser ursprünglichen Genauigkeit fehlt oder sie sozusagen

von ihrer ersten Frische verloren haben und mit der Zeit getrübt und verwelkt

sind in dem Maße sind sie dunkel  Die zusammengesetzten Vorstellungen sind

klar wenn die sie bildenden einfachen klar sind und Zahl und Ordnung dieser

einfachen Vorstellungen feststeht

    Theophilus Ich habe in einer kleinen in die Leipziger Acta im Jahre 1684

eingerückten Abhandlung über die wahren und falschen klaren und dunklen

deutlichen und verworrenen Vorstellungen eine Definition von den klaren

Vorstellungen gegeben die den einfachen und zusammengesetzten gemeinsam

zukommend über das hier gesagte Rechenschaft gibt Ich nenne also eine

Vorstellung klar wenn sie genügt etwas zu erkennen und zu unterscheiden wie

ich zB wenn ich eine ganz klare Vorstellung von einer Farbe habe nicht eine

andere für die von mir gemeinte nehmen werde und wenn ich eine klare

Vorstellung von einer Pflanze habe sie von andern ähnlichen unterscheiden kann

sonst ist die Vorstellung dunkel Ich glaube dass wir von den sinnlichen Dingen

nicht vollständig klare Vorstellungen haben Es gibt Farben die einander so

nahe stehen dass man sie im Gedächtnis nicht voneinander unterscheiden kann und

die man gleichwohl mitunter unterscheidet wenn man die eine neben die andere

hält Und wenn wir eine Pflanze gut beschrieben zu haben glauben so wird man

eine solche aus Indien uns bringen können die alles das haben wird was wir in

unserer Beschreibung gesagt haben und die sich dennoch als eine andere Spezies

zeigen mag somit werden wir niemals vollkommen die untersten Spezies species

infimas bestimmen können

     4 Philalethes So wie eine klare Vorstellung diejenige ist von welcher

der Geist eine volle und evidente Wahrnehmung der Art hat wie er sie von einem

äußeren Objekt empfängt das auf ein richtig gestimmtes Werkzeug gehörig wirkt

ebenso ist eine deutliche Vorstellung diejenige wo der Geist einen dieselbe von

jeder anderen Vorstellung unterscheidenden Unterschied bemerkt und eine

verworrene Vorstellung diejenige welche man nicht hinlänglich von einer

anderen von der sie verschieden sein soll unterscheiden kann

    Theophilus Nach dem von Ihnen gegebenen Begriff der deutlichen Vorstellung

sehe ich kein Mittel sie von der klaren Vorstellung zu unterscheiden Ich

pflege darum hierbei dem Sprachgebrauch Descartes zu folgen bei welchem eine

Vorstellung zugleich klar und verworren sein kann und solcher Art sind die

Vorstellungen der den Sinnesorganen sich darbietenden sinnlichen Beschaffen

heilen wie die der Farbe oder der Wärme Sie sind klar denn man erkennt sie

wieder und unterscheidet sie leicht voneinander aber sie sind nicht deutlich

denn man unterscheidet nicht das was sie in sich schließen Daher kann man von

ihnen keine Definition geben Man zeigt sie nur durch Beispiele auf und muss

übrigens sagen dass es ein unbekanntes Etwas ist bis man ihre innere

Beschaffenheit entziffert Obgleich also die deutliches Vorstellungen nach

unserer Definition den Gegenstand von einem anderen unterscheiden so nennen wir

doch da die klaren aber in sich verworrenen Vorstellungen es auch tun

deutlich nicht alle diejenigenwelche wohl unterscheidende sind oder welche die

Gegenstände unterscheiden sondern diejenigenwelche wohl unterschieden sind

dh welche in sich selbst deutlich sind und in dem Gegenstande die ihn

kenntlich machenden Merkmale unterscheiden was die Analyse oder Definition

ergibt sonst nennen wir sie verworren Und in diesem Sinne kann die in unseren

Vorstellungen herrschende Verwirrung da sie eine Unvollkommenheit unserer Natur

ist nicht getadelt werden denn wir können zB die Ursache der Gerüche und

Geschmäcke nicht unterscheiden noch was diese Beschaffenheiten in sich

schließen Tadelnswert kann jedoch diese Verworrenheit sein wenn es wichtig und

in meiner Gewalt stehend ist deutliche Vorstellung zu haben wie wenn ich zB

falsches Gold für echtes ansehe indem ich die notwendigen Versuche zu machen

unterlasse welche die Zeichen des guten Goldes angeben

     5 Philalethes Man wird aber sagen dass es nach Ihrem Wortsinn gar keine

verworrene oder vielmehr dunkle Vorstellung gibt denn sie kann immer nur so

sein wie sie vom Geiste wahrgenommen wird und dies unterscheidet sie

hinlänglich von allen übrigen  6 Und um diese Schwierigkeit zu heben muss man

wissen dass die Mangelhaftigkeit in den Vorstellungen aus den Bezeichnungen

stammt und das was sie fehlerhaft macht der Umstand ist dass sie mitunter

ebensogut durch einen anderen Namen bezeichnet werden können als durch

denjenigen dessen man sich um sie auszudrücken bedient hat

    Theophilus Mir scheint dass man dies nicht von der Bezeichnung abhängig

machen dürfe Alexander der Große hatte der Sage nach im Traum eine Pflanze

gesehen welche den Lysimachus zu heilen imstande sein wollte Sie wurde nachher

Lysimachea genannt weil sie diesen Freund des Königs in der Tat heilte Als nun

Alexander sich einen ganzen Haufen Pflanzen bringen ließ unter denen er

diejenige wiedererkannte welche er im Traume gesehen hatte so würde offenbar

wenn er glücklicherweise nicht eine genügende Vorstellung von ihr um sie

wiederzuerkennen gehabt und wie Nebukadnezar einen Daniel um sich seinen Traum

wieder ins Gedächtnis zurückzurufen nötig gehabt hätte die Vorstellungwelche

er davon gehabt hatte dunkel und unvollkommen gewesen sein  denn so möchte ich

sie lieber nennen als verworren  nicht etwa weil er auf irgend eine Benennung

sie richtig zu beziehen versäumt hätte denn es gab eine solche gar nicht

sondern aus Mangel an Beziehung auf die Sache dh auf die zur Teilung bestimmte

Pflanze In diesem letzteren Falle würde sich Alexander gewisser Umstände

erinnert haben aber über andere wäre er im Zweifel gewesen und da die

Benennung uns dazu dient etwas zu bezeichnen so irren wir uns wenn wir uns in

der Beziehung auf die Benennung irren gewöhnlich hinsichtlich der Sache die

man sich unter dieser Benennung vorstellt

     7 Philalethes Da die zusammengesetzten Vorstellungen diesem Mangel am

meisten unterworfen sind so mag er daher stimmen dass eine Vorstellung aus zu

wenig Vorstellungen besteht wie zB die Vorstellung eines Tieres mit

geflecktem Fell zu allgemein ist und nicht genügt um den Luchs Leopard oder

Panther zu unterscheiden welche man doch durch besondere Namen unterscheidet

    Theophilus Befänden wir uns auf dem Standpunkte welchen Adam einnahm

bevor er den Tieren Namen gegeben hatte so würde dieser Mangel

nichtsdestoweniger stattfinden Denn angenommen man wüsste dass es unter den

gedeckten Tieren eines von außerordentlich scharfem Gesicht gäbe von dem man

aber nicht wüsste ob es ein Tiger oder ein Luchs oder eine andere Art wäre so

ist das eine Unvollkommenheit sie nicht unterscheiden zu können Es handelt

sich also nicht sowohl um den Namen als um das was dessen Gegenstand sein kann

und das Tier einer besonderen Bezeichnung würdig macht Man ersieht auch daraus

dass die Vorstellung eines gedeckten Tieres an sich selbst gut und ohne

Verworrenheit und Dunkelheit ist wenn sie nur zur Bezeichnung der Gattung

dienen soll aber wenn sie mit einer anderen Vorstellung deren man sich nicht

hinreichend erinnert verbunden die Art bezeichnen soll so ist die daraus

zusammengesetzte Vorstellung dunkel und unvollkommen

     8 Philalethes Es gibt einen entgegengesetzten Mangel wenn die einfachen

Vorstellungenwelche die zusammengesetzte Vorstellung bilden zwar in

hinreichender Anzahl aber zu verwirrt und vermengt miteinander sind wie es

Gemälde gibt die auch verworren erscheinen wie wenn sie nur die Darstellung

des mit Wolken bedeckten Himmels sein sollten in welchem Falle man auch nicht

sagen würde dass Verwirrung darin wäre ebensowenig als wenn dies ein anderes

jenes nachzuahmen gemachtes Gemälde wäre aber wenn man sagt dass dies Gemälde

ein Porträt zeigen soll so wird man zu sagen ein Recht haben es sei verworren

weil man nicht bestimmen kann ob es das eines Menschen oder Affen oder Fisches

istIndessen kann die Verwirrung möglicherweise verschwinden wenn man es durch

einen zylindrischen Spiegel betrachtet und erkennt es sei ein Julius Cäsar So

kann auch keines der geistigen Bilder wenn ich mich so auszudrücken wagen darf

verworren genannt werden, wie auch immer seine Teile miteinander verbunden sein

mögen denn wie diese Bilder auch immer beschaffen sind so werden sie offenbar

von jedem anderen unterschieden werden können, bis sie unter einen gewöhnlichen

Ausdruck gebracht sind von dem man nicht einsehen kann dass sie ihm mehr als

irgend einem anderen Ausdruck von anderweitiger Bedeutung angehören

    Theophilus Jenes Gemälde dessen Teile man deutlich sieht ohne aber das

Ganze zu erkennen wenn man sie nicht auf eine bestimmte Art betrachtet gleicht

der Vorstellung eines Steinhaufens welche in der Tat nicht allein in Ihrem

sondern auch in meinem Sinne verworren ist bis man Anzahl und andere

Eigentümlichkeiten deutlich aufgefasst hat Wären zB 36 Steine darin so würde

man indem man sie aufeinandergehäuft sieht ohne dass sie geordnet sind nicht

erkennen können dass sie ein Dreieck ebensogut als ein Viereck geben können wie

sie es in der Tat können weil sechsunddreißig sich durch vier teilen lässt wie

durch drei So wird man auch wenn man eine Figur von 1000 Seiten betrachtet

nur eine verworrene Vorstellung davon haben bis man die Zahl der Seiten weiß

welche die Kubikzahl von 10 istAlso handelt es sich nicht um Worte sondern um

bestimmte Eigenschaften die sich in der Vorstellung finden müssen wenn man

deren Verworrenheit aufgelöst hat Und mitunter ist es auch schwer den

Schlüssel davon zu finden oder die Art von einem bestimmten Standpunkt aus oder

durch die Vermittlung eines gewissen Spiegels oder Glases sie zu betrachten um

den Zweck dessen der das Ding gemacht hat zu erkennen

     9 Philalethes Man kann gleichwohl nicht leugnen dass in den

Vorstellungen noch eine dritte Art von Mangel verkommt welche in Wahrheit von

dem schlechten Gebrauch der Ausdrücke abhängt wann nämlich unsere Vorstellungen

ungewiss oder unbestimmt sind So kann man alle Tage Leute sehen welche indem

sie ohne Schwierigkeit sich der in ihrer Muttersprache gebräuchlichen Worte

bedienen ehe sie deren genauen Sinn gelernt haben die Vorstellungwelche sie

damit verbinden fast ebensooft wechseln als sie sie in ihrer Rede anwenden 

10 So sieht man wie sehr die Worte zu jener Bezeichnung deutlicher und

verworrener Vorstellungen beitragen und dass ohne die Inbetrachtnahme bestimmter

Ausdrücke welche als Zeichen bestimmter Dinge gebraucht werden, es sehr schwer

sein würde zu sagen was eine verworrene Vorstellung ist.

    Theophilus Dennoch habe ich das eben erklärt ohne die Worte in Betracht zu

ziehen sei es in dem Falle dass Verworrenheit mit Ihnen für das genommen wird

was ich Dunkelheit nenne sei es in dem wo sie in meinem Sinne für den Mangel

der Analyse des Begriffs, den man hat genommen wird Und ich habe auch gezeigt

dass jede dunkle Vorstellung in der Tat undeutlich und unsicher ist wie in jenem

angezogenen Beispiel von dem gedeckten Tiere wo wie man weiß diesem

allgemeinen Begriff noch etwas hinzugefügt werden muss dessen man sich nicht

klar erinnert dergestalt dass der erste und dritte der von Ihnen bezeichneten

Fehler auf dasselbe hinausläuft Allerdings ist der Missbrauch der Worte noch

eine bedeutende Quelle von Irrtümern denn es entsteht eine Art Rechnungsfehler

daraus wie wenn man beim Rechnen einen Zahlpfennig nicht an den rechten Ort

setzte oder die Zahlzeichen so schlecht hinschriebe dass man eine 2 nicht von

einer 7 unterscheiden könnte oder wenn man sie ausließe oder aus Versehen

verwechselt Dieser Missbrauch der Worte besteht darin, dass wir entweder gar

keine Vorstellungen oder nur eine unvollkommene teilweise leere und sozusagen

offen gebliebene damit verbinden und in diesen beiden Fällen gibt es etwas

Leeres und Taubes im Denken was nur durch das Wort ausgefüllt wird Oder

endlich der Fehler ist mit dem Worte verschiedene Vorstellungen zu verbinden

sei es dass man unsicher istwelche davon gewählt werden muss was die

Vorstellung ebensogut dunkel macht als wenn ein Teil davon taub ist sei es

dass man sie wechselweise wählt und sich bald der einen bald der anderen

Vorstellung für den Sinn desselben Wortes in demselben Gedankenzusammenhang auf

eine Art bedient welche Irrtum zu verursachen fähig ist ohne zu bedenken dass

die Vorstellungen nicht zueinander passen So ist das unsichere Denken entweder

leer und ohne Vorstellung oder zwischen mehr als einer Vorstellung schwankend

Dies ist schädlich sei es dass man dem Worte einen gewissen Sinn beilegen will

welcher dem bereits gebrauchten entspricht oder dem dessen sich die anderen

besonders in der gewöhnlichen allen oder den Leuten vom Fach gemeinsamen

Sprache bedienen Daraus entstehen denn auch unendlich viele vage und leere

Streitigkeiten in der Unterhaltung in den Hörsälen und in den Büchern die man

mitunter durch Distinktionen beschwichtigen will aber diese dienen meistens nur

dazu die Sache noch mehr zu verwirren indem sie an die Stelle eines vagen und

dunklen Ausdrucks andere noch vagere und noch dunklere setzen wie häufig durch

diejenigen geschieht welche von den Philosophen in ihren Distinktionen

angewandt werden ohne dass sie gute Definitionen davon haben

     12 Philalethes Wenn es noch eine andere Art Verworrenheit in den

Vorstellungen gibt als die welche eine geheime Beziehung zu den Bezeichnungen

hat so bringt diese wenigstens mehr als irgend eine andere in den Gedanken und

Gesprächen der Menschen Unordnung hervor

    Theophilus Das gebe ich zu aber es mischt sich meistens irgend ein Begriff

der Sache und der Absicht in welcher man sich des Ausdrucks bedient hat dabei

ein wie zB wenn man von der Kirche spricht einige eine Regierungsgewalt im

Auge haben während andere an die Wahrheit der Lehre denken

    Philalethes Das Mittel dieser Verirrung zuvorzukommen besteht darin,

stets denselben Ausdruck auf einen gewissen Sammelbegriff einfacher in

bestimmter Zahl und festgesetzter Ordnung vereinigter Vorstellungen anzuwenden

Aber da dies weder der Trägheit noch der Eitelkeit der Menschen zusagt es auch

nur zur Entdeckung und Verteidigung der Wahrheit dienen kann welches nicht

immer das ihnen vorgesteckte Ziel ist so ist eine solche Genauigkeit eines von

den Dingen, die man mehr wünschen als hoffen muss Die vage Beziehung der

Ausdrücke auf undeutliche veränderliche und fast bloßen Nichtigkeiten in den

tauben Gedanken gleichende Vorstellungen dient auf der einen Seite dazu unsere

Unwissenheit zu bemänteln und auf der anderen Seite die übrigen zu verwirren

und in Verlegenheit zu bringen was dann als wahres Wissen und Zeichen

überlegener Gelehrsamkeit gilt

    Theophilus Zu dieser Sprachverwirrung hat auch noch das affektierte Streben

nach Eleganz und gutem Ausdruck viel beigetragen denn um die Gedanken auf eine

schöne und angenehme Weise auszudrücken trägt man kein Bedenken den Worten

durch eine Art von Tropen einen von dem gewöhnlichen ein wenig abweichenden Sinn

zu geben der bald allgemeiner bald beschränkter was man Synekdoche nennt

bald nach der Beziehung der Dinge, deren Bezeichnung man wechselt übertragen

ist was bei der Zusammenstellung Metonymie bei der Vergleichung Metapher

heißt nicht zu reden von der Ironie deren man sich beim Gegensatz des einen

gegen das andere bedient So nennt man diese Veränderungen wenn man sie

wirklich entdeckt aber man entdeckt sie nur selten Und bei dieser

Unbestimmtheit der Sprache wo man jene Art von Gesetzen vermisst welche die

Wortbedeutung regeln wie es etwas derartiges in dem Digestentitel des Römischen

Rechtes de verborum significationibus über die Wortbedeutungen gibt würden

die urteilsvollsten Leute wenn sie für gewöhnliche Leser schreiben sich

dessen was ihrem Ausdruck Reiz und Kraft verleiht berauben sofern sie sich an

feste Bedeutungen der Ausdrucke strenge halten wollten Sie müssen sich nur in

acht nehmen dass ihre Abwechslung keinen Irrtum und keine falsche

Gedankenverknüpfung hervorbringe Hier hat die Unterscheidung der Alten zwischen

der exoterischen dh populären Schreibweise und der acroamatischen dh

derjenigen statt welche für die mit der Entdeckung der Wahrheit Beschäftigten

ist Und wenn jemand in der Metaphysik oder in der Moral als Mathematiker

schreiben wollte so würde ihn nichts hindern dies mit aller Strenge zu tun

Manche haben sich dies zur Aufgabe gemacht und uns mathematische Beweise

außerhalb der Mathematik vorgelegt aber es ist nur sehr selten geglückt Ich

glaube man ist der Mühe überdrüssig geworden welche man für einen kleinen

Leserkreis aufwenden musste wo man wie bei Persius fragen konnte Qui leget hoec

 und antworten Vel duo vel nemo Gleichwohl glaube ich dasswenn man es

gehörig angriffe man nicht Ursache haben würde es zu bereuen Auch ich bin in

Versuchung gewesen es zu probieren

     13 Philalethes Sie werden mir indessen beipflichten dass die

zusammengesetzten Vorstellungen auf der einen Seite sehr klar und sehr bestimmt

und auf der anderen sehr dunkel und verworren sein können

    Theophilus Daran ist nicht zu zweifeln Wir haben zB von einem großen

Teile der festen sichtbaren Teile des menschlichen Körpers sehr deutliche

Vorstellungen aber von den Flüssigkeiten welche durch denselben gehen haben

wir solche nicht

    Philalethes Wenn jemand von einer tausendseitigen Figur spricht kann deren

Vorstellung in seinem Geiste sehr dunkel sein obschon darin die der Zahl sehr

deutlich sein mag

    Theophilus Dies Beispiel passt hier nicht Ein regelmäßiges tausendseitiges

Vieleck kann ebenso deutlich erkannt werden wie die Zahl tausend weil man darin

alle Arten Wahrheit entdecken und beweisen kann

    Philalethes Man hat aber keine genaue Vorstellung von einer tausendseitigen

Figur so dass man sie von einer anderen unterscheiden könnte die nur 999 Seiten

hat

    Theophilus Dies Beispiel zeigt dass hier Vorstellung und Bild verwechselt

werden Zeigt mir jemand ein regeln mäßiges Vieleck so lassen mich Blick und

Einbildungskraft nicht die Tausendzahl die darin ist fassen ich habe nur eine

verworrene Vorstellung sowohl von der Figur als von ihrer Zahl bis ich die

letztere durch Zählen unterscheide Habe ich sie aber gefunden so kenne ich

sehr gut die Natur und die Eigenschaften des vorliegenden Vielecks sofern sie

die des Tausendecks sind und folglich habe ich diese Vorstellung davon aber

das Bild des Tausendecks kann ich nicht haben und man müsste feinere und

geübtere Sinne und Einbildungskraft besitzen um durch sie das Tausendeck von

einem Polygon von weniger Seiten zu unterscheiden Aber die Kenntnis der Figuren

hängt ebensowenig wie die der Zahlen von der Einbildungskraft ab obgleich sie

dazu diente und ein Mathematiker kann die Natur eines Neunecks und eines

Zehnecks genau erkennen weil er sie zu konstruieren und zu untersuchen

versteht wenn er sie auch nicht durch das Gesicht zu unterscheiden imstande

ist Allerdings wird ein Arbeiter oder ein Ingenieur der ihre Natur vielleicht

nicht erkennt über einen großen Mathematiker den Vorteil haben dass er sie bloß

durch das Gesicht ohne sie zu messen unterscheiden kann wie es Lastträger

gibt welche das Gewicht dessen was sie trügen müssen angeben können ohne

sich um ein Pfund zu irren worin sie den geschicktesten Statistiker der Welt

übertreffen werden Diese durch eine lange Übung erworbene erfahrungsmäßige

Erkenntnis kann zum schnellen Handeln großen Nutzen haben was ein Ingenieur der

Gefahr wegen welcher er sich durch Zögern aussetzt oft nötig hat Indessen

besteht dies klare Bild oder diese Empfindung die man von einem regelmäßigen

Zahneck oder einem Gewicht von 99 Pfund haben kann nur in einer verworrenen

Vorstellung da sie nicht dazu dient die Natur und die Eigentümlichkeiten jenes

Gewichts oder jenes regelmäßigen Zehnecks zu enthüllen wie eine deutliche

Vorstellung dies verlangt Jenes Beispiel dient auch dazu den Unterschied der

Vorstellungen oder vielmehr den zwischen Vorstellung und Bild besser zu

verstehen

     15 Philalethes Ein anderes Beispiel Wir sind zu glauben geneigt dass

wir eine positive und vollständige Vorstellung von der Ewigkeit haben was

ebensoviel ist als wenn wir sagten dass es in dieser Zeitlänge keinen Teil

gibt der in unserer Vorstellung nicht klar erkannt werde aber so groß die

vorgestellte Dauer auch sein mag so ist da es sich um eine schrankenlose

Ausdehnung handelt immer ein Teil der Vorstellung über das wirklich

Vorgestellte hinaus übrig der dunkel und unbestimmt bleibt und daher kommt es

dass wir in den die Ewigkeit oder anderes Unendliche betreffenden Streitigkeiten

und Vernunftbetrachtungen dem Übel unterworfen sind uns in offenbare

Widersinnigkeiten zu verstricken

    Theophilus Dies Beispiel scheint mir auch nicht besser für Ihren Zweck zu

passen wohl aber für den meinigen welcher darin besteht Ihre Begriffe über

diesen Punkt zu berichtigen Denn es herrscht darin dieselbe Verwechslung des

Bildes mit der Vorstellung. Wir haben eine vollständige oder richtige

Vorstellung der Ewigkeit weil wir deren Definition haben obschon wir davon

kein Bild haben aber man bildet nicht die Verteilung des Unendlichen durch

Zusammensetzung der Teile, und die bei der denkenden Betrachtung über das

Unendliche begangenen Irrtümer kommen nicht vom Fehlen des Bildes her

     16 Philalethes Haben wir aber nicht wenn wir von der Teilbarkeit der

Materie ins Unendliche reden falls wir auch klare Vorstellungen von der Teilung

haben doch nur sehr dunkle und sehr verworrene Vorstellungen der Teile selbst

Denn ich frage ob jemand wenn er den kleinsten Staubteil den er jemals

gesehen hat nimmt eine deutliche Vorstellung von dem Unterschiede zwischen dem

zehntausendsten und dem zehnmillionsten Teil dieses Stäubchens hat

    Theophilus Das ist wieder dieselbe Vertauschung des Bildes mit der

Vorstellungwelche ich mich wundere so verwechselt zu sehen es handelt sich

gar nicht darum ein Bild von so großer Kleinheit zu haben Ein solches ist

unserer gegenwärtigen Körperbeschaffenheit zufolge unmöglich und wenn wir es

haben könnten so würde es ungefähr so sein wie dasjenige von den Dingen, die

uns jetzt bewusstbar erscheinen dafür würde aber das was gegenwärtig Gegenstand

unserer Einbildung ist uns entgehen und zu groß werden um Gegenstand derselben

zu sein Die Größe an sich hat keine Bilder und die Bilder welche man davon

hat hangen nur von der Vergleichung zwischen den Organen und anderen

Gegenständen ab und es ist dabei unnütz die Einbildungskraft anzuwenden Aus

allem was Sie mir hier noch gesagt haben geht also hervor dass man sich

Schwierigkeiten ohne Grund zu machen erfinderisch istindem man mehr fragt als

nötig ist

 
 






     1 Philalethes In Hinsicht der Dinge sind die Vorstellungen wirkliche

oder chimärische vollständige oder unvollständige wahre oder falsche Unter

wirklichen Vorstellungen verstehe ich diejenigenwelche in der Natur begründet

sind und einem wirklichen Wesen dem Dasein der Dinge oder den Urbildern

entsprechen Sonst sind sie phantastische oder chimärische

    Theophilus In dieser Erklärung ist ein wenig Dunkelheit Die Vorstellung

kann in der Natur einen Grund haben ohne diesem Gründe zu entsprechen wie wenn

man behauptet dass die sinnlichen Empfindungen der Farbe oder der Wärme keinem

Originale oder Urbilde gleichen Eine Vorstellung kann auch wirklich sein wenn

sie möglich ist ohne dass ihr ein vorhandenes Wesen entspricht sonst würde

wenn alle Individuen einer Art aussterben die Vorstellung derselben zu einer

chimärischen werden

     2 Philalethes Die einfachen Vorstellungen sind alle wirklich denn

obgleich nach der Ansicht mancher die Weiße und die Kälte ebensowenig im Schnee

sind wie der Schmerz so sind doch deren Vorstellungen in uns die Wirkungen von

Kräften welche den äußeren Dingen zukommen und diese immer gleichen Wirkungen

dienen uns ebenso sehr die Dinge zu unterscheiden als wenn sie die genauen

Bilder dessen wären was in den Dingen selbst vorhanden ist.

    Theophilus Ich habe diesen Punkt schon oben geprüft aber es scheint

danach dass nicht immer eine Übereinstimmung mit einem Urbilde verlangt wird

und nach der  von mir übrigens nicht gebilligten  Ansicht derer welche

annehmen dass uns Gott willkürlicherweise Ideen zugemessen hat welche die

Eigenschaften der Gegenstände zu bezeichnen bestimmt sind ohne dass dabei

Ähnlichkeit oder selbst nur natürliche Beziehung stattfindet würde ebensowenig

dabei Übereinstimmung zwischen unseren Vorstellungen und den Urbildern sein wie

zwischen den Worten deren man sich in den Sprachen nach Übereinkunft bedient

und den Vorstellungen oder den Dingen selbst.

     3 Philalethes Der Geist ist hinsichtlich der einfachen Vorstellungen

leidend dagegen hat die Verbindung die er mit ihnen vornimmt um

zusammengesetzte Vorstellungen zu bilden wobei mehrere einzelne unter demselben

Namen zusammengefasst werden etwas Willkürliches denn der eine nimmt bei der

zusammengesetzten Vorstellungdie er von dem Gold oder von der Gerechtigkeit

hat einfache Vorstellungen hinzu die der andere nicht dazu nimmt

    Theophilus Der Geist verhält sich auch hinsichtlich der einfachen

Vorstellungen tätig indem er sie voneinander absondert um sie getrennt in

Betracht zu ziehen was ebenso Sache der freien Willkür ist wie die Verbindung

mehrerer Vorstellungen mag es nun deshalb geschehen um auf eine

zusammengesetzte Vorstellung zu achten welche daraus entspringt oder mag er

sie unter dem der Verbindung gegebenen Namen zu umfassen beabsichtigen Dabei

kann auch der Geist sich nicht täuschen wenn er nur keine damit unverträglichen

Vorstellungen dazu tut und wenn dieser Name nur sozusagen ganz unberührt ist

dh dass man nur nicht schon einen Begriff damit verbunden hat welcher eine

Vermengung mit demjenigen welchen man neuerdings damit verbindet verursachen

kann Denn daraus würden entweder unmögliche Begriffe hervorgehen indem man

Dinge verbindet die nicht zusammengehören oder überflüssige und irgend eine

Erschleichung enthaltende Begriffe indem man Vorstellungen verbindet von denen

die eine aus der anderen auf demonstrative Weise abgeleitet werden kann und muss

     4 Philalethes Da die gemischten Modi und die Relationen keine andere

Wirklichkeit als im Geiste des Menschen besitzen so ist zur Wirklichkeit dieser

Art von Vorstellungen nur die Möglichkeit erforderlich zusammen dazusein und

zusammenzustimmen

    Theophilus Die Relationen haben eine vom Geiste abhängige Wirklichkeit wie

die Wahrheiten jedoch nicht vom menschlichen Geiste da es eine höchste

Vernunft gibt welche sie alle zu jeder Zeit bestimmt Die gemischten Modi die

sich von den Relationen unterscheiden können wirkliche Akzidenzien sein Mögen

sie nun aber vom Geiste abhangen oder nicht so genügt es für die Wirklichkeit

ihrer Vorstellungen dass diese Modi möglich oder was dasselbe bedeutet dass

sie deutlich zu begreifen seien Und zu diesem Zweck müssen ihre Bestandteile

zusammen möglich sein dh miteinander bestehen können

     5 Philalethes Die zusammengesetzten Vorstellungen der Substanzen aber

da sie allesamt durch den Bezug auf die uns äußerlichen Dinge und um die

Substanzen so wie sie in Wirklichkeit vorhanden sind, darzustellen gebildet

werden, sind nur insofern wirklich als sie die Verbindungen einfacher

Vorstellungen sind welche mit den außer uns zugleich vorhandenen Dingen

verknüpft und zugleich vorhanden sind. Im Gegenteil sind diejenigen chimärische

welche aus solchen Sammlungen einfaches Vorstellungen zusammengesetzt sind die

niemals wirklich vereinigt gewesen und niemals in irgend einer Substanz

zusammengefunden waren wie diejenigenwelche einen Zentauren einen mit

Ausnahme des Gewichtes dem Golde ähnlichen Körper und leichter als Wasser einen

Körper welcher für die Sinne aus gleichmäßigem Stoff besteht und doch mit

Wahrnehmung und freies Bewegung begabt ist usw bilden

    Theophilus Wenn ich auf diese Weise den Ausdruck wirklich und chimärisch

anders in Bezug auf die Vorstellungen der Modi nehme als in Bezug auf

diejenigenwelche ein substantielles Ding bilden so sehe ich nicht welcher

von Ihnen den wirklichen oder chimärischen Vorstellungen gegebene Begriff in dem

einen und anderen Falle der gemeinsame sein kann denn die Modi gelten Ihnen

dann als wirklich wenn sie möglich sind und die substantiellen Dinge haben bei

Ihnen wirkliche Vorstellungen nur dann wenn sie wirklich vorhanden sind. Wenn

sich aber nun an das dasein hält kann man nicht bestimmen ob eine Vorstellung

chimärisch ist oder nicht weil das Mögliche wenn es auch an dem Orte oder zu

der Zeit wo wir sind sich nicht verendet doch vormals dagewesen sein kann

oder vielleicht dereinst da sein wird oder sich sogar schon in der Gegenwart auf

einer anderen Welt oder selbst auf der unsrigen ohne dass man es weiß verenden

mag wie Demokrit schon von der Milchstraße eine Vorstellung hatte welche die

Fernröhre später bestätigt haben Demnach scheint es am besten zu sein zu

sagen dass die möglichen Vorstellungen nur dann chimärische werden wenn man mit

ihnen ohne Grund die Vorstellung tatsächlichen Daseins verbindet wie diejenigen

es machen welche den Stein der Philosophen finden zu können meinen oder wie

diejenigen es gemacht haben die an eine Nation von Zentauren glaubten Sonst

würde man sich wenn man sich nur nach dem Dasein richtete ohne Not von dem

angenommenen Sprachgebrauch entfernen demzufolge jemanden welcher im Winter

von Rosen und Nelken spricht keine Chimäre beigemessen wird sofern er sich

nicht einbildet sie in seinem Garten finden zu können wie man es von Albertus

Magnus oder irgend einem anderen angeblichen Zauberer erzählt

 
 



 


     1 Philalethes Wirkliche Vorstellungen sind vollständig wenn sie die

Originale aus denen der Geist sie entnommen zu haben voraussetzt und worauf er

sie zurückbezieht vollkommen darstellen Die unvollständigen Vorstellungen

stellen nur einen Teil davon dar Unsere einfachen Vorstellungen sind

vollständige Die Vorstellung der Weiße oder der Süßigkeit die man am Zucker

bemerkt ist vollständig weil dazu genügt dass sie den Kräften die Gott diesem

Körper um jene Empfindungen hervorzubringen verliehen hat gänzlich

entspricht

    Theophilus Wie ich sehe nennen Sie vollständige oder unvollständige

Vorstellungen solche die Ihr Lieblingsautor adäquate oder nicht adäquate

Vorstellungen nennt man könnte sie fertige oder unfertige nennen Früher habe

ich die adäquate Vorstellung die fertige als diejenige definiert welche so

deutlich ist dass alle ihre Bestandteile deutlich sind Von dieser Art ist etwa

die der Zahl Wenn eine Vorstellung aber auch deutlich ist und die Definition

oder die bezüglichen Merkmale des Gegenstandes enthält so kann sie doch

inadäquat oder unfertig sein wenn nämlich jene Merkmale oder Bestandteile auch

nicht alle deutlich erkannt werden. So ist zB das Gold ein Metall welches der

Kapelle und dem Scheidewasser Widerstand leistete das ist eine deutliche

Vorstellung denn sie gibt Merkmale oder die Definition des Goldes an sie ist

aber unfertig weil die Natur des Prozesses in der Kapelle und der Wirksamkeit

des Scheidewassers uns nicht hinlänglich bekannt sind Dies ist der Grund

weshalb derselbe Gegenstand bei einer unfertigen Vorstellung mehrerer

voneinander unabhängiger Definitionen fähig ist so dass man nicht immer die eine

aus der anderen ableiten noch voraussehen kann dass sie demselben Subjekt

zugehören müssen und dann lehrt uns die Erfahrung allein dass sie ihm alle

zugleich angehören So kann das Gold auch als der schwerste oder der dehnbarste

der uns bekannten Körper diniert werden ohne von anderen Definitionen zu reden

die man sich noch ausdenken könnte Aber erst wenn die Menschen tiefer in die

Natur der Dinge eingedrungen sein werden wird man sehen können warum es dem

schwersten der Metalle zukommt jenen beiden Proben der Experimentatoren zu

widerstehen während es sich in der Geometrie, wo wir fertige Vorstellungen

haben ganz anders verhält denn da können wir beweisen dass die durch eine

ebene Fläche gemachten Kegel und Zylinderschnitte dieselben sind nämlich

Ellipsen und dies kann uns wenn wir darauf acht geben nicht verborgen sein

weil unsere Begriffe davon fertige sind Bei mir ist die Teilung der

Vorstellungen in fertige und unfertige nur eine Unterabteilung der deutlichen

Vorstellungenund mir scheinen die verworrenen Vorstellungen wie diejenige

welche wir von der Süßigkeit haben diesen Namen nicht zu verdienen denn obwohl

sie die die sinnliche Empfindung hervorbringende Kraft ausdrücken so drücken

sie sie doch nicht ganz aus oder wir können es wenigstens nicht wissen denn

wenn wir begriffen was in dieser unserer Vorstellung der Süßigkeit enthalten

ist, so könnten wir beurteilen ob sie hinreicht um von dem allen was die

Erfahrung darin bemerken lässt Rechenschaft zu geben

     3 Philalethes Von den einfachen Vorstellungen kommen wir zu den

zusammengesetzten sie sind entweder Modi oder SubstanzenDie der Modi sind

willkürliche Verbindungen von einfachen Vorstellungenwelche der Geist

zusammenfügt ohne auf gewisse Urbilder oder wirkliche und tatsächlich

vorhandene Vorbilder zu achten Sie sind vollständig und können anders nicht

sein weil ihnen da sie eben keine Abbilder sondern Urbilder sind welche der

Geist, um sich ihrer behufs der Einordnung der Dinge unter gewisse Kategorien zu

bedienen bildet nichts fehlen kann denn eine jede umschließt eine solche

Ideenverbindung welche der Geist hat bilden wollen und hat folglich eine

solche Vollendung als er ihr zu geben beabsichtigt hat und unmöglich kann der

Verstand irgend jemandes eine vollständigere oder vollkommenere Vorstellung von

einem Dreieck haben als die von drei Seiten und drei Winkeln Derjenige

welcher die Vorstellungen der Gefahr der Ausführung der von der Furcht

verursachten Verwirrung einer ruhigen Erwägung dessen was zu tun vernünftig

sein würde und eines schnellen Entschlusses zur Ausführung ohne sich von der

Gefahr erschrecken zu lassen verknüpfte der bildete die Vorstellung des Mutes

und hatte damit das Gewollte nämlich eine vollständige seinem Wunsche

entsprechende Vorstellung Anders ist es mit den Vorstellungen von den

Substanzen bei denen wir uns das was wirklich vorhanden ist, denken

    Theophilus Die Vorstellungen des Dreiecks oder des Mutes haben in der

Möglichkeit der Dinge ebensogut ihre Vorbilder als die Vorstellung des Goldes.

Auch ist es hinsichtlich des Wesens der Vorstellung gleichgültig ob man sie vor

aller Erfahrung erfunden oder nach der Wahrnehmung einer von der Natur gemachten

Verbindung behalten hat Auch diejenige Verbindung aus welcher die Modi

hervorgehen ist nicht ganz freiwillig oder willkürlich denn man könnte nach

der Weise derer welche Maschinen von immerwährender Bewegung ermüden wollen

dasjenige miteinander verknüpfen was sich nicht zusammen verträgt während

wieder andere gute und ausführbare Maschinen erfinden die unserer Ansicht nach

keine anderen Urbilder als die Vorstellung des Erfinders haben welche selbst

wieder zum Urbild die allgemeine Möglichkeit oder die göttliche Vorstellung hat

Diese Maschinen haben also etwas Substantielles Man kann auch unmögliche Modi

aussinnen wie wenn man sich den Parallelismus der Parabeln vorstellt indem man

sich denkt zwei einander parallele Parabeln finden zu können wie zwei rechte

Winkel oder zwei Kreise Eine Vorstellung also kann mag sie nun die eines Modus

oder eines substantiellen Dinges sein vollständig oder unvollständig sein je

nachdem man die Teilvorstellungen welche die Gesamtvorstellung bilden richtig

oder falsch versteht und das Zeichen einer fertigen Vorstellung ist, wenn man

die Möglichkeit ihres Gegenstandes durch sie vollständig erkennt

 
 






     1 Philalethes Da die Wahrheit und die Falschheit sich nur auf die Sätze

beziehen so folgt daraus dasswenn die Vorstellungen wahr oder falsch genannt

werden, stillgestanden ein Satz oder eine Behauptung dabei gemeint ist   3

oder eine stillschweigende Voraussetzung ihrer Übereinstimmung mit etwas   5

besonders mit allem dem was andere mit diesem Namen bezeichnen wie wenn sie

von der Gerechtigkeit reden sowie mit dem was wirklich vorhanden ist, zB

das ist ein Mensch und nicht ein Zentaur sowie mit der Wesenheit von der die

Eigenschaften der Sache abhangen und in diesem Sinne sind unsere gewöhnlichen

Vorstellungen von den Substanzen falsch wenn wir uns die Phantasiebilder

gewisser substantieller formen machen Übrigens wäre es besser wenn die

Vorstellungen richtig oder unrichtig als wahr oder falsch genannt würden

    Theophilus Man könnte glaube ich darunter auch die wahren oder falschen

Vorstellungen verstehen aber da diese verschiedenen Bedeutungen miteinander

nicht übereinkommen und nicht bequem unter einen allgemeinen Begriff gebracht

werden können, so ziehe ich es vor die Vorstellungen wahr oder falsch zu nennen

in Bezug auf eine andere stillschweigende Bejahung welche sie alle aufhalten

nämlich die der Möglichkeit. So gefasst sind die möglichen Vorstellungen wahr

und die unmöglichen falsch

 
 





     1 Philalethes Man bemerkt oft im Denkverfahren der Menschen etwas

Sonderbares und jedermann ist dem unterworfen Das ist nicht bloß Eigensinn

oder Eigenliebe denn oft machen die wackersten Leute sich dieses Fehler

schuldig Selbst das genügt nicht immer ihn der Erziehung und den Vorurteilen

beizumessen   4 vielmehr ist es eine Art Wahnsinn und wenn man immer so

handelte würde man närrisch sein   5 Dieser Fehler nun kommt von einer

unnatürlichen Verbindung der Vorstellungendie ihren Ursprung im Zufall oder in

der Gewohnheit hat   6 Die Neigungen oder Interessen tragen dazu bei

Gewisse Spuren des häufigen Laufs der Lebensgeister werden gebahnte Wege wie

wenn man eine bestimmte Melodie die man verfolgt findet wenn man sie einmal

angefangen hat   7 Daher kommen die Sympathien und Antipathien die mit uns

nicht geboren werden Ein Kind hat zu viel Honig gegessen sich danach übel

befunden und kann nun nachdem es erwachsen ist das Wort Honig nicht hören

ohne Ekel zu bekommen Die Kinder sind solchen Eindrucken außerordentlich leicht

zugänglich worauf zu achten wichtig ist Diese unregelmäßige Assoziation der

Vorstellungen hat auf alle unsere Handlungen und Leidenschaften natürliche wie

moralische einen großen Einfluss Finsternis erweckt bei Kindern die Vorstellung

von Gespenstern wegen der ihnen von diesen gemachten Erzählungen Man denkt an

jemand den man hat nicht ohne zugleich an das Üble das er uns zugefügt hat

oder zufügen kann zu denken Man meidet das Zimmer worin man einen Freund

sterben gesehen hat Eine Mutter die ein sehr teures Kind verloren hat

verliert mit ihm zuweilen alle ihre Freudigkeit bis dass die Zeit den Eindruck

dieser Vorstellung verwischt was mitunter niemals geschieht Ein Mensch der

durch eine äußerst schmerzliche Operation von der Raserei geheilt worden war

hielt sich sein Lebenlang dem verpflichtet welcher die Operation vollzogen

hatte aber dessen Anblick zu ertragen war ihm unmöglich Manche hassen die

Bücher ihr ganzes Leben der schlechten Behandlung wegen welche sie in den

Schulen erfahren haben Jemand der über einen anderen bei einer gewissen

Gelegenheit eine Überlegenheit gewonnen hat behauptet sie wohl für immer Es

ist vorgekommen dass jemand ganz gut tanzen gelernt hatte aber es doch nicht

ausführen konnte wenn er in dem Zimmer nicht einen Koffer hatte demjenigen

ähnlich welcher sich in dem Zimmer wo er gelernt befunden hatte   17

Derselbe nicht natürliche Zusammenhang der Vorstellungen findet sich bei den

intellektuellen Fertigkeiten man verknüpft zB die Materie dergestalt mit dem

Sein als ob es nichts Immaterielles gäbe   18 Man verknüpft mit seinen

Meinungen den Parteistandpunkt in der Philosophie, Religion und im Staate

    Theophilus Diese Bemerkung ist wichtig und ganz nach meinem Geschmack und

man könnte sie durch unzählige Beispiele erhärten Descartes hatte in seiner

Jugend eine Neigung für eine schielende Person gehabt und konnte sich sein

ganzes Leben nicht enthalten Personen von gleichem Fehler zugetan zu sein Ein

anderer großer Philosoph Hobbes konnte wie man sagt nicht allein an einem

dunklen Ort bleiben ohne durch die Bilder von Gespenstern erschreckt zu werden

obgleich er nicht daran glaubte  da ihm dieser Eindruck von den Erzählungen

wie man sie den Kindern vormacht geblieben war Manche gelehrte und verständige

Leute die durchaus über dem Aberglauben stehen würden sich nicht entschließen

zu dreizehn bei einem Mahle zu sein ohne dadurch aufs äußerste beunruhigt zu

werden da sie im Voraus von der Einbildung dass einer davon im Laufe des Jahres

sterben müsse eingenommen sind Es hat einen Edelmann gegeben der weil er

vielleicht in seiner Jugend von einer schlecht gesteckten Nadel verwundet worden

war nicht mehr eine solche an ähnlicher Stelle sehen konnte ohne mit Ohnmacht

zu kämpfen Ein erster Minister welcher am Hofe seines Herrn den Rang eines

Präsidenten hatte fand sich durch den Titel des Buches von Ottavio Pisani

Lycurgus genannt beleidigt und ließ dagegen schreiben weil der Verfasser

indem er gegen die von ihm für überflüssig gehaltenen großen Justizbeamten

redete auch die Präsidenten genannt hatte obgleich diese Bezeichnung in der

Person jenes Ministers etwas ganz anderes bezeichnete so hatte er dergestalt das

Wort mit seiner Person verknüpft dass er dadurch beleidigt war Und dies ist

einer der gewöhnlichsten Fälle von nicht natürlichen leicht zu Täuschungen

veranlassenden Assoziationen bei diesen Beziehungen der Worte auf die

Gegenstände sogar dann wenn eine Zweideutigkeit dabei stattfindet

    Um die Quelle der nichtnatürlichen Verbindung der Vorstellungen besser zu

verstehen muss man das von mir schon oben als ich von dem Denken der Tiere

sprach Kap XI  11 Bemerkte in Betracht ziehen dass der Mensch so gut wie

das Tier dem Gesetz unterworfen ist in seinem Gedächtnis und seiner

Einbildungskraft das miteinander zu verbinden was er in seinen Wahrnehmungen

und seinen Erfahrungen als miteinander verluden bemerkt hat Darin besteht der

Denkprozess der Tiere wenn es ihn so zu nennen erlaubt ist und oft auch der der

Menschen sofern sie sich an die Erfahrung halten und nur durch Sinnlichkeit und

Beispiele geleitet werden ohne zu prüfen ob noch derselbe Grund obwaltet Und

da uns die Gründe oft unbekannt sind so müssen wir auf die Beispiele in dem

Maße Bezug nehmen als sie häufig sind denn dann ist die Erwartung oder

Wiedererinnerung einer anderen gewöhnlich damit verbundenen Wahrnehmung

vernünftig vor allem wenn es sich darum handelt vorsichtig zu sein Aber da

die Wucht eines sehr starken Eindruckes oft ebensoviel Wirkung auf einmal hat

als die Häufigkeit und Wiederholung mehrerer mittelmäßiger Eindrücke in längerer

Zeit hätten haben können so geschieht es dass diese Wucht in die Phantasie ein

ebenso tiefes und lebhaftes Bild eingräbt als die lange Erfahrung hätte

verursachen können Daher kommt es dass ein zufälliger aber gewaltsamer

Eindruck in unserer Einbildungskraft und in unserem Gedächtnis zwei

Vorstellungen verbindet die schon vorher darin verbunden waren und uns

dieselbe Neigung gibt sie zu verbinden und das Eintreten der einen nach der

anderen zu erwarten als wenn eine lange Gewohnheit ihre Verknüpfung bestätigt

hätte Also zeigt sich dabei dieselbe Wirkung der Assoziation obgleich nicht

derselbe Grund dabei stattfindet Autorität und Gewohnheit haben auch dieselbe

Wirkung wie die Erfahrung und die Vernunft; und es ist nicht leicht sich von

solchen Neigungen loszumachen Aber es würde nicht sehr schwer zu vermeiden

sein in seinen Urteilen davon getäuscht zu werden wenn die Menschen sich mit

rechtem Ernste der Erforschung der Wahrheit befleißigten oder mit Methode

verfahren wollten wenn sie erkennen dass diese aufzufinden für sie von

Wichtigkeit ist

 
 






     1 Philalethes Da Gott den Menschen zu einem geselligen Geschöpf gemacht

hat hat er ihm nicht nur den Wunsch gegeben und ihn in die Notwendigkeit

versetzt mit seinesgleichen zu leben sondern ihm auch das Vermögen der Sprache

verliehen welche das große Hilfsmittel und das gemeinsame Band dieser

Gesellschaft sein sollte Das ist der Ursprung der Worte, welche dazu dienen

die Vorstellungen zu vertreten und sogar zu erklären

    Theophilus Ich freue mich Sie von der Ansicht des Hobbes fern zu finden

der nicht zugeben wollte dass der Mensch für die Gesellschaft gemacht sei indem

er sich vorstellte dass man nur durch die Notwendigkeit und durch die Bosheit

von seinesgleichen dazu gezwungen worden Er erwog aber nicht dass die besten

von jeder Bosheit freien Menschen sich um ihnen Zweck besser zu erreichen

vereinigen würden wie die Vögel um in Gesellschaft besser zu reisen sich

zusammenscharen und wie die Biber sich zu Hunderten vereinigen um große Dämme

zu bauen was eine kleine Zahl dieser Tiere nicht zustande bringen könnte und

diese Dämme sind ihnen nötig um damit Wasserbehälter oder kleine Seen zu

machen in denen sie ihre Hütten erbauen und Fische fangen von denen sie sich

nähren Das ist der Grund der Geselligkeit der Tiere die dazu gemacht sind und

keineswegs die Furcht vor ihresgleichen welche bei den Tieren nicht vorkommt

    Philalethes Ganz recht und um diese Geselligkeit besser zu pflegen sind

von Natur die Organe des Menschen in der Art geformt dass sie artikulierte Töne

zu bilden geeignet sind die wir Worte nennen

    Theophilus Was die Organe betrifft so haben die Affen dem Scheine nach

ebenso geeignete wie wir um Worte zu bilden und doch trifft man bei ihnen

nicht die geringste Annäherung dazu an Es muss ihnen also dazu etwas was nicht

in die Sinne fällt fehlen Man muss auch in Betracht ziehen dass man sprechen

dh durch die Laute des rundes sich vernehmlich machen könnte wenn man sich

der Töne der Musik zu diesem Zwecke bediente Aber um eine Sprache der Töne zu

finden würde es mehr Kunst bedürfen während die der Worte nach und nach durch

Menschen die sich in der natürlichen Einfachheit bewegen hat gebildet und

vervollkommnet werden können. Indessen gibt es Völker wie die Chinesen welche

mittelst der Töne und Akzente ihre Worte vermannigfaltigen da sie deren nur

eine kleine Zahl haben Dies war denn auch der Gedanke des Golius eines

berühmten Mathematikers und großen Sprachkenners dass die Sprache der Chinesen

künstlich sei dh dass sie auf einmal durch irgend einen klugen Mann erfunden

worden sei um einen Wortverkehr zwischen einer Menge von verschiedenen Nationen

herzustellen welche jenes große Land welches wir China nennen bewohnen wenn

diese Sprache sich auch jetzt durch den langen Gebrauch verändert haben könnte

     2 Philalethes Wie der OrangUtan und andere Affen die Organe haben ohne

Worte zu bilden so kann man sagen dass die Papageien und einige andere Vögel

Worte haben ohne Sprache zu haben denn man kann diese und einige andere

Vögelgattungen abrichten ganz deutliche Worte zu bilden dennoch sind sie

keineswegs der Spräche fähig Nur der Mensch ist imstande sich dieser Laute als

Zeichen innerer Vorstellungen zu bedienen um sie dadurch anderen kund tun zu

können

    Theophilus Ich glaube dass wir ohne den Wunsch uns verständlich zu machen

in der Tat niemals die Sprache gebildet haben würden nachdem sie aber gebildet

worden ist, dient sie den Menschen noch dazu über sich selbst nachzudenken

sowohl durch das Mittel welches ihm die Worte gewähren sich abstrakter

Gedanken zu erinnern als durch den Nutzen welchen man beim Nachdenken im

Gebrauch von Charakteren und tauben Gedanken findet Denn es würde zu viel Zeit

erfordern wenn man alles erklären und die Definition immer an die Stelle der

Ausdrücke setzen wollte

     3 Philalethes Da aber die Vervielfältigung der Worte deren Gebrauch

verwirrt haben würde wenn man zur Bezeichnung jedes besonderen Dinges ein

bestimmtes Wort nötig gehabt hätte so ist die Sprache durch den Gebrauch

allgemeiner Ausdrücke die da die allgemeinen Vorstellungen bezeichnen noch

vervollkommnet worden

    Theophilus Die allgemeinen Ausdrücke dienen nicht allein zur Vollkommenheit

der Sprachen sondern sind sogar notwendig um ihr Wesen herzustellen Denn wenn

man unter den besonderen Dingen die individuellen Dinge versteht so würde es

unmöglich sein zu sprechen wenn es nur Eigennamen und keine Appellativa gäbe

dh wenn es nur Worte für das Individuelle gäbe da in jedem Augenblick Neues

wiederkehrt wenn es sich um individuelle Zufälligkeiten und besonders um

Handlungen handelt welche man gerade am meisten bezeichnete wenn man aber unter

den besonderen Dingen die niedrigsten Arten species infimas versteht so ist

es außer der häufig vorkommenden Schwierigkeit sie fest zu bestimmen, auch

offenbar dass sie schon auf die Ähnlichkeit begründete allgemeine Begriffe sind

Da es sich also nur um die größere oder geringere Ähnlichkeit handelt je

nachdem man von Gattungen oder Arten spricht so ist es natürlich jede Art von

Ähnlichkeit oder Übereinstimmung zu bezeichnen und folglich allgemeine Worte

jeglichen Grades anzuwenden und selbst die allgemeinsten da sie in Hinsicht

der von ihnen umfassten Vorstellungen oder Wesenheiten mögen sie auch

umfassender sein weniger in sich enthalten waren sehr oft in Hinsicht auf die

Individuen denen sie zukommen leichter zu bilden und sind die nützlichsten So

sehen Sie auch dass die Kinder und diejenigen die von der Sprache welche sie

sprechen wollen oder von dem Gegenstand wovon sie sprechen nur wenig wissen

allgemeiner Worte sich bedienen wie Sache Pflanze Tier statt besondere Worte

anzuwenden die ihnen fehlen Und es ist sicher dass alle Eigennamen oder

individuelle Bezeichnungen ursprünglich Appellativa oder allgemeine Worte

gewesen sind

     4 Philalethes Es gibt sogar Worte welche die Menschen anwenden nicht

um eine Vorstellung, sondern um den Mangel oder die Abwesenheit einer gewissen

Vorstellung zu bezeichnen wie Nichts Unwissenheit Unfruchtbarkeit

    Theophilus Ich sehe nicht ein warum man nicht sagen könnte dass es

negative Vorstellungen gibt wie es negative Wahrheiten gibt denn die Handlung

des Verneinens ist positiv Ich habe dies schon vorher einigermaßen berührt

     5 Philalethes Ohne darüber zu streiten wird es um sich dem Ursprunge

aller unserer Begriffe und Erkenntnisse ein wenig mehr zu nähern zu bemerken

nützlich sein wie die Worte welche man zum Ausdruck für den Sinnen ganz

entrückte Handlungen und Begriffe anwendet ihren Ursprung aus den sinnlichen

Vorstellungen gewinnen von woher sie zu abstruseren Bezeichnungen übertragen

worden sind.

    Theophilus Unsere eigenen Bedürfnisse zwingen uns die natürliche Ordnung

der Vorstellungen zu verlassen denn wenn wir nicht auf unsere Interessen

Rücksicht nähmen würde diese Ordnung Engeln und Menschen und allen Geistern im

allgemeinen gemeinsam sein und von uns befolgt werden müssen Wir haben uns also

dem anpassen müssen was Gelegenheiten und Zufälle denen unser Geschlecht

einmal unterworfen ist uns geliefert haben und diese Ordnung gibt nicht den

Ursprung der Begriffe, sondern sozusagen die Geschichte unserer Entdeckungen

    Philalethes Sehr richtig und zwar kann uns die Analyse der Worte mittelst

der Namen selbst die Verkettung lehren welche die Analyse der Begriffe aus dem

von Ihnen schon angeführten Grunde nicht geben kann So sind folgende Worte

sich einbilden begreifen anhangen verstehen eingeben sich ekeln

Verwirrung Ruhe alle von den Wirkungen sinnlicher Dinge entlehnt und gewissen

Denkmodi angepasst Das Wort Geist ist in seiner ersten Bezeichnung der Wind und

das Wort Engel bedeutet Bote Daraus können wir abnehmen welche Art von

Begriffen diejenigen hatten welche jene Sprache zuerst redeten und wie die

Natur den Menschen den Ursprung und Anfang aller ihrer Erkenntnisse durch die

Worte selbst unbewussterweise darbot

    Theophilus Ich habe Ihnen schon bemerklich gemacht dass man in dem

Glaubensbekenntnis der Hottentotten den heiligen Geist durch ein Wort bezeichnet

hat das bei ihnen einen wohltätigen und sanften Windeshauch bezeichnet Ebenso

verhält es sich in Bezug auf die meisten anderen Worte und man erkennt das

sogar nicht immer weil die wahren Wortableitungen in den meisten Fällen

verloren gegangen sind Ein gewisser der Religion wenig zugetaner Holländer hat

von dieser Wahrheit dass nämlich die Ausdrücke der Theologie Moral und

Metaphysik ursprünglich von gemeinsinnlichen Dingen hergenommen sind den

schlimmen Gebrauch gemacht die Theologie und den christlichen Glauben in einem

kleinen flamändischen Wörterbuche lächerlich zu machen worin er in boshafter

Wendung den Ausdrücken nicht solche Definitionen und Erklärungen gab wie der

Sprachgebrauch es verlangt sondern wie die ursprüngliche Bedeutung der Vierte

zu ergeben schiene und da er auch sonst Zeichen von Gottlosigkeit gegeben hatte

wurde er wie man sagt im Raspelhaus dafür bestraft Indessen ist es gut diese

Analogie der sinnlichen und unsinnlichen Dinge in Betracht zu ziehen welche den

Übertragungen als Grund gedient hat man wird dies besser verstehen wenn man

ein solches sich weit erstreckendes Beispiel in Betracht zieht das uns der

Gebrauch der Präpositionen liefert wie zu mit von vor in außer durch

für über gegen die alle vom Ort der Entfernung und der Bewegung hergenommen

und nachher auf alle Arten von Veränderungen Ordnungen Folgen

Verschiedenheiten Übereinstimmungen übertragen worden sind. Zu bedeutet sich

einer Sache nähern wie wenn man sagt Ich gehe zur Stadt Wie man aber wenn

man ein Ding mit einem anderen verbinden will es demselben da nähert wo die

Vereinigung geschehen soll so sagen wir dass ein Ding zu einem anderen gefügt

werde und ferner da sozusagen eine übersinnliche Verknüpfung stattfindet wenn

etwas von einem anderen nach moralischen Gründen folgt sagen wir dass das

welches den Bewegungen und Willensakten jemandes folgt dieser Person zugehöre

oder ihr eigen sei wie wenn man es auf diese Person abgesehen hätte zu ihr

oder mit ihr zu gehen Ein Körper ist mit einem anderen wenn sie sich an

demselben Orte beenden Aber man sagt auch ein Ding sei mit einem anderen das

sich mit ihm zu derselben Zeit in derselben Ordnung oder einem Teil derselben

Ordnung beendet oder mit ihm an derselben Handlung teilnimmt Wenn man von einem

Orte kommt so ist dieser Ort der sinnlichen Dinge wegen welche er uns

dargeboten hat unser Gegenstand gewesen und ist noch Gegenstand unseres von ihm

ganz erfüllten Gedächtnisses und daher kommt es dass der Gegenstand mit dem

Vorworte von bezeichnet wird wie wenn man sagt es handelt sich davon nämlich

wie wenn man davon käme Und da das was in einem Orte oder einem Ganzen

eingeschlossen ist sich darauf stützt und mit ihm aufgehoben wird so werden

die Akzidenzien ebenso angesehen als gleichsam in dem Subjekte sunt in

subjecto als dem Subjekt inhärierend inhaerent subjecto Das Wörtchen über

wird auch von dem Gegenstande gebraucht man sagt Man ist über einer Materie

ungefähr wie ein Arbeiter über dem Holz oder über dem Stein ist den er

schneidet und formt Da nun diese Analogien außerordentlich veränderlich sind

und von deutlichen Begriffen gar nicht abhangen so sind aus diesem Grunde die

Sprachen sehr verschieden in dem Gebrauch der Partikeln und Fälle welche die

Vorwörter regieren oder in welchen sie sich als gemeint und eingeschlossen

finden

 
 





     1 Philalethes Da die Worte nun von den Menschen angewandt werden um

ihre Vorstellungen zu bezeichnen so kann man gleich fragen wie diese Worte

jene Bestimmung erlangt haben und man ist darüber einig dass dies nicht durch

eine natürliche Verknüpfung gesteht die zwischen bestimmten artikulierten

Lauten und bestimmten Vorstellungen stattfindet denn in diesem Falle würde es

unter den Menschen nur eine Sprache geben sondern durch eine willkürliche

Einrichtung auf Grund deren ein solches Wort zum Zeichen einer solchen

Vorstellung gewählt worden ist.

    Theophilus Ich weiß dass man in den Schulen und sonst überhaupt zu sagen

pflegt die Bedeutung der Worte sei willkürlich ex instituto und allerdings

sind sie nicht durch eine natürliche Notwendigkeit bestimmt aber sie sind es

nichtsdestoweniger bald durch natürliche Gründe an denen der Zufall mitwirkt

bald durch moralische Gründe wobei eine Wahl eintritt Vielleicht gibt es auch

künstliche Sprachen die ganz aus der Wahl hervorgehen und vollständig

willkürliche sind wie man glaubt dass die chinesische eine solche gewesen ist

oder wie die des Georgius Dalgarnus und des verstorbenen Bischofs von Chester

Wilkins es sind Aber diejenigen von welchen man weiß dass sie aus schon

bekannten Sprachen gemacht worden sind, sind willkürliche mit Beimischung

dessen was in den dabei zugrunde liegenden Sprachen Natur und Zufall ist So

verhält es sich mit denen welche die Diebe gemacht haben um nur von den

Mitgliedern ihrer Bande verstanden zu werden was die Deutschen Rotwelsch die

Italiener Lingua Zerga die Franzosen das Narquois nennen Man bildet dieselben

gewöhnlich aus den ihnen bekannten gemein üblichen Sprachen indem sie entweder

die gebräuchliche Wortbedeutung durch Übertragungen verändern oder neue Wörter

durch eine Zusammensetzung oder Ableitung auf ihre Art bilden Es bilden sich

auch Sprachen durch den Umgang verschiedener Völker miteinander sei es dass man

benachbarte Sprachen ohne Unterschied vermischt sei es dass man wie am

häufigsten geschieht eine derselben zur Grundlage nimmt die man durch

Vernachlässigung und Abänderung ihrer Gesetze und selbst durch Hinzufügung neuer

Worte verstümmelt ändert mischt und verdirbt Die Lingua Franca deren man

sich am mittelländischen Meere im Handel bedient ist aus dem Italienischen

gemacht und man hält sich darin nicht an die grammatischen Regeln Ein

armenischer Dominikaner den ich in Paris sprach hatte sich eine Art von Lingua

Franca die aus dem Latein gemacht war gebildet oder sie von seinesgleichen

gelernt ich fand sie ganz verständlich obgleich es darin weder Fälle noch

Zeiten noch andere Flexionen gab und da er derselben gewohnt war sprach er

sie mit Leichtigkeit Der sehr gelehrte durch so viele andere Werke bekannte

französische Jesuit Pater Labbé hat eine Sprache gebildet deren Grundlage das

Latein ist die bequem und weniger gezwungen ist als unser Latein aber

regelmäßiger als die Lingua Franca Er hat ein besonderes Buch darüber

geschrieben Was diejenigen Sprachen anbetrifft welche wie man findet seit

langer Zeit gebildet sind so gibt es darunter wenige die heutzutage nicht

außerordentlich verändert wären Dies zeigt sich wenn man sie mit den alten

Büchern und Denkmälern vergleicht wie davon übrig sind Das alte Französische

nähert sich mehr dem Provenzalischen und Italienischen und wie das Deutsche

mit dem Französischen oder vielmehr Romanischen sonst Lingua Romana Rustica

genannt im neunten Jahrhundert nach Jesus Christus beschaffen war sieht man

aus den Eidesformeln der Söhne des Kaisers Ludwig des Frommen welche uns deren

Anverwandter Nithardt aufbewahrt hat Man findet sonst nirgends so altes

Französisch Italienisch oder Spanisch Für das Teutonische oder das alte

Deutsche gibt es das Evangelium des Otfried eines Weißenburger Mönches aus

derselben Zeit welches Flacius veröffentlicht hat und Schiller von neuem

herausgeben wollte Und noch ältere Bücher haben uns die nach Großbritannien

gezogenen Sachsen hinterlassen Es gibt eine durch einen gewissen Caedmon

gemachte Übersetzung oder Paraphrase des Anfangs der Genesis und anderer Teile

der heiligen Geschichte deren Beda schon erwähnt Aber das älteste Buch nicht

nur in deutscher Sprache sondern in allen europäischen Sprachen die

griechische und lateinische ausgenommen ist das Evangelienbuch der Goten vom

schwarzen Meere bekannt unter dem Namen des Codex Argenteus und in ganz

besonderen Schriftzügen abgefasst Dies fand sich in einem alten

Benediktinerkloster zu Werden in Westphalen und ist nach Schweden gebracht

worden wo man es begreiflicherweise ebenso sorgfältig aufbewahrt als die

Urschrift der Pandekten zu Florenz obgleich diese Übersetzung für die Ostgoten

und in einem von der skandinavischen Germanensprache sehr fernstehenden Dialekt

abgefasst war Der Grund aber ist dass man mit einiger Wahrscheinlichkeit glaubt

die Goten des schwarzen leeres seien ursprünglich aus Skandinavien oder

wenigstens vom baltischen Meere hergekommen denn die Sprache oder der Dialekt

dieser alten Goten ist vom neuen Deutschen sehr verschieden obgleich der

Grundzug der Sprache der nämliche ist Das alte Gallische war davon noch mehr

verschieden wenn man aus der dem wahren Gallischen ähnlichsten Sprache urteilt

welche die von Wales von Cornwallis und das Bas Breton ist Das Irländische

aber ist davon noch verschiedener und zeigt uns die Spuren einer noch älteren

britischen gallischen und deutschen Sprache Indessen alle diese Sprachen

stammen aus einer Quelle und können als Variationen der nämlichen Sprache

angenommen werden welche man das Keltische nennen könnte Auch die Alten

nannten sowohl die Germanen als die Gallier Kelten und wenn man höher

hinaufgeht um die Anfänge sowohl des keltischen und Lateinischen als des

Griechischen zu umfassen die mit den germanischen oder keltischen Sprachen

viele Wurzeln gemein haben so könnte man vermuten dass dies von dem gemeinsamen

Ursprung aller dieser Völker herkommt die von den vom schwarzen Meere

hergekommenen Skythen abstammen Diese Skythen haben die Donau und Weichsel

überschritten und ein Teil davon mag nach Griechenland gegangen sein der

andere mag Deutschland und Gallien erfüllt haben eine Folgerung der

Voraussetzung, dass die Europäer aus Asien eingewandert sind Das Sarmatische

vorausgesetzt dass es slawisch istist zur Hälfte wenigstens entweder deutschen

oder mit dem Deutschen gemeinsamen Ursprungs Etwas Ähnliches zeigt sich sogar

in der finnischen Sprache welche die der ältesten Skandinavier ist bevor die

germanischen Völker nämlich die Dänen Schweden und Norweger dort den besten

und dem Meere zunächst gelegenen Teil des Landes besetzt hatten Die Sprache der

Finnen oder des Nordosten unseres Weltteiles welche auch die der Lappen ist

erstreckt sich vom deutschen oder norwegischen Meere bis gegen das kaspische

Meer indem sie freilich durch die slawischen Völker unterbrochen wird die sich

dazwischen geschoben haben Sie hat auch Beziehung zum Ungarischen welches aus

Ländern stammt die gegenwärtig zum Teil unter Russland stehen Die tatarische

Sprache aber welche mit allen ihren verschiedenen Verzweigungen das

nordöstliche Asien erfüllt scheint die der Hunnen und humanen gewesen zu sein

wie sie die der Usbeken oder Türken der Kalmücken und der Mugallen ist Alle

diese skythischen Sprachen nun haben untereinander und mit unseren Sprachen

viele Wurzeln gemein und selbst im Arabischen unter das man das Hebräische

das Altpunische das Chaldäische das Syrische und das äthiopische der

Abessinier begreifen muss finden sich deren so viele und von so offenbarer

Übereinstimmung mit den unserigen dass man es nicht dem bloßen Zufall

zuschreiben kann noch selbst dem bloßen Verkehr sondern vielmehr den

Völkerwanderungen Also findet man hierin keinen Grund welcher der Ansicht von

dem gemeinschaftlichen Ursprunge aller Völker und einer ursprünglichen

Grundsprache widerstritte und sie nicht vielmehr begünstigte Wenn das

Hebräische oder Arabische sich derselben am meisten nähert so muss es sich

wenigstens stark verändert haben und das Deutsche scheint mehr Ursprüngliches

und um die Sprache des Jacob Böhme zu reden Adamitisches bewahrt zu haben

Denn wenn wir die ursprüngliche Sprache in ihrer Reinheit oder so weit erhalten

hätten um sie noch wieder zuerkennen so müssten die Gründe der Verbindungen

darin klar erscheinen mögen diese nun von der Natur oder aus einer

willkürlichen weisen und des ersten Urhebers würdigen Einrichtung stammen Aber

gesetzt auch dass unsere Sprachen abgeleitete sind so haben sie

nichtsdestoweniger doch im Gründe etwas Ursprüngliches in sich welches

hinsichtlich der Wurzelworte und der neuen später bei ihnen durch Zufall aber

auf natürliche Gründe hin gebildeten Wurzeln bei ihnen entstanden ist

Diejenigenwelche die Stimme der Tiere bezeichnen oder daher genommen sind

dienen dafür zum Beispiel Solches ist zB das lateinische Wort coaxare was

von den Fröschen gesagt wird und mit dem deutschen Quaken in Beziehung steht

Das Geräusche dieser Tiere scheint überhaupt die ursprüngliche Quelle auch

anderer Worte der deutschen Sprache zu sein Denn da diese Tiere großen Lärm

machen so wendet man es heutzutage für die Reden leerer Schwätzer an welche

man mit dem Verkleinerungswort Quakeler nennt aber offenbar wurde dieselbe

Wort quaken sonst im guten Sinne genommen und bezeichnete jede Art von Lauten

die man mit dem Munde machte sogar ohne die Sprache dabei auszunehmen Und da

diese Laute oder Geräusche der Tiere ein Lebenszeichen sind und man durch sie

ohne zu sehen erkennt dass etwas Lebendiges dahinter ist so kommt es dass »

quek« im Altdeutschen Leben oder Lebendiges bezeichnet wie man es in den

ältesten Büchern bemerken kann und auch in der neueren Sprache noch gibt es

davon Spuren denn Quecksilber ist lebendiges Silber und erquicken bedeutet

stärken gleichsam wiederbeleben oder sich nach einer Ohnmacht oder schwerer

Arbeit wieder erholen Man nennt auch im Plattdeutschen ein gewisses Unkraut

Quecken die sozusagen lebendig sind und fortlaufen wie man auf Deutsch sagt

die sich auf den Äckern zum Schaden des Getreides ausdehnen und leicht

fortkommen und im Englischen bedeutet quickly schnell und mit Lebhaftigkeit

Man kann also das Urteil fällen dass die deutsche Sprache hinsichtlich dieser

Worte als ursprünglich gelten kann da die Alten nicht nötig hatten anderswoher

einen Laut zu entleihen um den der Frösche nachzuahmen Es gibt noch viele

andere wobei dasselbe stattfindet Denn die alten Deutschen Kelten und andere

mit ihnen verwandte Völker scheinen aus einem Naturinstinkt den Buchstaben R

gebraucht zu haben um eine heftige Bewegung und ein Geräusch wie das dieses

Buchstabens zu bezeichnen Dies sieht man in rheô fließen rinnen rühren

rutir Rhein Rhone Roer Rhenus Rhodanus Eridanus Rura rauben rapere

ravir Rad rota radere raser rauschen ein schwer zu übersetzendes Wort es

bezeichnet ein Geräusch wie das der Blätter oder Bäume welches der Wind oder

ein durchstreifendes Tier darin macht oder den ein Schleppkleid verursacht

recken gewaltsam ausdehnen Daher kommt es dass reichen berühren ist dass der

Rick einen langen Stock oder eine Stange die zum Aufhängen von etwas dient in

jener Art von Plattdeutsch oder Niedersächsisch bezeichnet das bei Braunschweig

gesprochen wird dass Rige Reihe regula regere sich auf eine Länge oder gerade

Linie bezieht und dass Reck eine sehr ausgedehnte lange Sache oder Person

bezeichnet hat besonders einen Riesen und sodann einen reichen und mächtigen

Mann wie im »reich« der Deutschen und im riche oder ricco der romanischen

Völker erscheint Im Spanischen bezeichnet ricos hombres die Adligen oder

Vornehmen was zugleich verständlich macht wie die Metaphern Synekdochen und

Metonymien die Worte von einer Bedeutung in die andere übergehen machen ohne

dass man immer die Spur davon verfolgen kann Geräusch und gewaltsame Bewegung

bemerkt man auch in »Riss« womit das lateinische rumpo das griechische rhêgnymi

 das französische arracher das italienische straccio in Verbindung stehen Wie

nun der Buchstabe R von Natur eine heftige Bewegung bezeichnet so der Buchstabe

L eine sanftere So sehen wir dass die Kinder und diejenigen denen das R zu

hart und zu schwierig auszusprechen ist an dessen Stelle den Buchstaben L

setzen wie wenn man zB sagt Mon levelend pèle Diese sanfte Bewegung

erscheint in leben laben lind lenis lentus lieben laufen dh schnell

dahingleiten wie gießendes Wasser labi gleiten  labitur uncta vadis abies

legen leicht hinsetzen woher liegen kommt lage oder laye ein Bett zB ein

Steinlager Laystein Tonschieferlage lego lese dh was da steht sammle

ich das Gegenteil von legen Laub etwas leicht sich Bewegendes wohin auch

gehören lap liel lenken luo lyô lien im Niedersächsischen sich auflösen

schmelzen wie Schnee daher der Name des Flusses Leine im Hannöverschen der aus

dem Gebirge kommend durch geschmolzenen Schnee stark anschwillt Wir haben

nicht nötig noch eine zahllose Menge anderer Bezeichnungen hinzuzufügen die

beweisen dass in dem Ursprung der Worte etwas Natürliches waltet was den

Zusammenhang zwischen den Dingen und den Lauten und Bewegungen der Sprachorgane

zeigt worin auch der Grund liegt dass der Buchstabe L mit anderen Worten

verbunden bei den Lateinern den Romanen und den Hochdeutschen die

Verkleinerung bezeichnet Indessen muss man nicht behaupten dass jene Beziehung

sich überall bemerken lässt denn der Löwe der Luchs der Wolf auf französisch

loup sind nichts weniger als sanft Aber man kann sich dabei an einen anderen

Umstand gehalten haben nämlich die Schnelligkeit den Lauf die sie furchtbar

macht oder zum Laufen zwingt wie wenn der welcher ein solches Tier kommen

sieht den anderen zuruft Lauft dh Flieht Überdies sind die meisten Worte

durch verschiedene Zufälle und Veränderungen außerordentlich modifiziert und von

ihrer ursprünglichen Aussprache und Bedeutung abgewichen

    Philalethes Ein ferneres Beispiel würde dies noch besser verständlich

machen

    Theophilus Da haben Sie eins das klar genug ist und zugleich mehrere

andere in sich fasst Das Wort Auge und seine Verwandtschaft kann dazu dienen

was zu zeigen ich ein wenig weiter ausholen will Aus A dem ersten Buchstaben

wenn man eine kleine Aspiration folgen lässt wird Ah und da dies ein Aushauchen

der Luft ist das einen anfangs ziemlich hellen und darauf verschwindenden Ton

gibt so bezeichnet dieser Ton natürlicherweise einen gelinden Hauch spiritus

lenis wenn A und H nicht besonders stark sindDaher haben aô aer aura

haugh halare haleine atmos Atem Odem im Deutschen ihren Ursprung Da nun

das Wasser auch eine Flüssigkeit ist und Geräusch macht so ist es wie mir

scheint gekommen dass Ah nachdem man es durch Verdoppelung stärker gemacht

hat also aha oder ahha für das Wasser genommen wurde Die Teutonen und übrigen

Kelten haben um die Bewegung besser zu bezeichnen dem einen wie dem anderen

ihr W vorgesetzt darum bezeichnen Wehen Wind vent die Bewegung der Luft und

waten vadum water die Bewegung des Wassers oder im Wasser Um aber auf Aha

zurückzukommen so scheint es wie ich gesagt habe eine Art Wurzel zu sein

welche Wasser bezeichnet Die Isländer die von dem alten skandinavischen

Teutonismus etwas übrig behalten haben schwächten die Aspiration und sagten Aa

andere welche Aken sprechen indem sie Aix Aquas grani verstanden haben sie

verstärkt wie auch die Lateiner in ihrem Aqua und die Deutschen an gewissen

Stellen indem sie Ach in den Zusammensetzungen gebrauchen um das Wasser zu

bezeichnen wie wenn Schwarzach schwarzes Wasser Biberach Biberwasser

bezeichnet Und statt Wiser oder Weser sagte man in den alten Rechtsurkunden

Wiseraha und Wisurach bei den alten Einwohnern woraus die Lateiner Visurgis

gemacht haben wie sie aus Iler Ilerach Ilargus gemacht haben Aus Aqua

Aiugues Auue haben die Franzosen endlich ihr Eau gemacht welches sie Oo

aussprechen wobei dann vom Ursprünglichen nichts mehr bleibt Auwe Auge bei

den Deutschen ist heutzutage ein Ort den das Wasser oft überschwemmt und der

zur Viehweide geeignet ist locus irriguus pascuus in noch engerer Bedeutung

aber bezeichnet es eine Insel wie im Namen des Klosters Reichenau Augia dives

und in vielen anderen Und dies muss bei vielen teutonischen und keltischen

Völkern stattgefunden haben denn daher ist es gekommen dass alles was in einer

Art Ebene wie abgesondert ist Auge oder Ouge oculus genannt worden ist. So

nennt man auch bei den Deutschen die Öltropfen auf dem Wasser und bei den

Spaniern ist ojo ein Loch Indessen sind Auge Ooge oculus occhio usw

vorzugsweise auf das Sehorgan angewandt worden welches jene hervorstehende

gesonderte Vertiefung im Gesicht ausmacht und ohne Zweifel kommt das

französische oeil auch daher aber dessen Ursprung ist ganz und gar nicht

erkennbar wenn man nicht der soeben gegebenen Verkettung nachgeht und omma und

ophis der Griechen scheint aus derselben Quelle zu stammen Oe oder Oeland ist

eine Insel bei den Nordländern und davon gibt es eine Spur im Hebräischen wo

Ai Ai eine Insel ist Bochart nahm an dass die Phönizier den Namen welchen

sie seiner Ansicht nach dem von Inseln erfüllten ägäischen Meere gegeben hatten

daher bezogen hätten Augere vermehren kommt auch von Auue oder Auge dh

von der Wasserausschüttung wie ooken auken im Altsächsischen vermehren

bedeutete und Augustus wenn man darunter den Kaiserverstand wurde durch Ooker

übersetzt Der Fluss bei Braunschweig welcher aus dem Erzgebirge kommt und

folglich Anschwellungen sehr unterworfen ist wird Ocker genannt und hieß

ehemals Ouacra Auch bemerke ich im Vorbeigehen dass die Flussnamen weil sie in

der Regel aus dem höchsten bekannten Altertum stammen am besten auf die alte

Sprache und die alten Bewohner hindeuten daher sie eine besondere Untersuchung

verdienten Und da die Sprachen im allgemeinen die ältesten Denkmäler der Völker

noch vor der Schrift und den Künsten sind so zeigen sie auch am besten den

Ursprung der Verwandtschaften und Wanderungen an Aus diesem Grunde würden die

Etymologien richtig verstanden merkwürdig und bedeutsam sein man muss nur die

Sprachen mehrerer Völker zusammennehmen und nicht von einer Nation zu einer

anderen sehr entfernten zu viel Sprünge machen ohne hinlängliche Begründungen

dafür zu haben wobei es vor allem darauf ankommt die Völker dazwischen als

Gewährsmänner zu haben Und im allgemeinen darf man den Etymologien keinen

Glauben schenken als wenn man eine Menge zusammenstimmender Zeugnisse hat

sonst goropisiert man

    Philalethes Goropisiert man Was heißt das

    Theophilus Man sagt so weil die seltsamen und oft lächerlichen Etymologien

des Goropius Becanus eines gelehrten Arztes im sechzehnten Jahrhundert

sprüchwörtlich geworden sind obgleich er übrigens nicht so ganz unrecht gehabt

hat zu behaupten dass die deutsche Sprache welche er die cimbrische nennt

ebensoviel und mehr Zeichen von etwas Ursprünglichem bietet als seihst das

Hebräische Ich erinnere mich dass der verstorbene Clauberg der ausgezeichnete

Philosoph eine kleine Abhandlung über den Ursprung der deutschen Sprache

geschrieben hat welche den Verlust dessen was er über diesen Gegenstand

versprochen hatte bedauern lässt Ich selbst habe einige Gedanken dazugegeben

und außerdem den verstorbenen Gerard Meier einen Bremischen Theologen darüber

zu arbeiten veranlasst was er auch getan hat aber er wurde durch den Tod

unterbrochen Gleichwohl hoffe ich dass die Welt noch einmal davon ebensogut

Nutzen haben wird als von den ähnlichen Arbeiten des berühmten Juristen

Schiller zu Straßburg der aber nun auch gestorben ist

    Wenigstens ist sicher dass die Sprache und Altertümer der Teutonen in den

meisten Untersuchungen über den Ursprung die Sitten und Altertümer Europas von

Gewicht sind Und ich möchte wünschen dass die Gelehrten ebenso in der

walisischen biscaischen slawonischen finnischen türkischen persischen

armenischen georgischen und anderen Sprachen arbeiteten um deren

Übereinstimmung zu entdecken was wie ich eben gesagt habe besonders dazu

dienen würde den Ursprung der Nationen aufzuklären

     2 Philalethes Dieser Vorschlag ist von Wichtigkeit aber gegenwärtig ist

es an der Zeit das Materielle der Worte zu verlassen und auf das Formelle

zurückzukommen dh auf die verschiedenen Sprachen gemeinsame Bedeutung Da

werden Sie mir nun zuerst zugeben dasswenn ein Mensch mit dem anderen spricht

er von seinen eigenen Vorstellungen Zeichen geben will da die Worte von ihm

nicht auf das was er nicht kennt angewandt werden können. Und sofern jemand

Vorstellungen von eigener Ermüdung hat kann er nicht annehmen dass sie mit den

Eigenschaften der Dinge oder den Begriffen anderer Leute übereinstimmen

    Theophilus Dennoch ist es wahr dass man sehr oft vielmehr das bezeichnen

will was andere denken als was man auf eigene Hand denkt wie es nur zu oft

Laien begegnet deren Glaube blind ist Ich gebe indessen zu dass man immer

etwas Allgemeines versteht mag der Gedanke auch noch so taub und von

Verständnis bar sein und sich wenigstens bemüht die Worte nach der Gewohnheit

der anderen zu ordnen mit dem Glauben zufrieden im Notfall den Sinn davon

lernen zu können So ist man mitunter nur der GedankenDolmetscher oder

Worthandlanger eines anderen ganz wie ein Brief sein würde und das ist man

sogar öfter als man denkt

     3 Philalethes Sie haben recht mit dem Zusatze dass man immer etwas

Allgemeines versteht mag man noch so einfältig sein Wenn ein Kind in dem was

es Gold nennen hört nur eine glänzende gelbe Farbe bemerkt hat so gibt es den

Namen Gold derselben Farbe welche es im Schweif eines Pfauen sieht während

andere die bedeutende Schwere Schmelzbarkeit Dehnbarkeit hinzudenken werden

    Theophilus Das gebe ich zu indessen ist oft die Vorstellung eines in Rede

stehenden Gegenstandes noch allgemeiner als die jenes Kindes und ich zweifle

nicht dass ein Blinder von den Farben angemessen sprechen und eine Lobrede auf

das Licht halten kann das er nicht kennt weil er nämlich dessen Wirkungen und

Umstände kennen gelernt hat

     4 Philalethes Was Sie da bemerken ist sehr wahr Es geschieht oft dass

die Menschen ihre Gedanken mehr auf die Worte als auf die Sachen richten und da

man die meisten dieser Worte vor der Kenntnis der mit ihnen bezeichneten

Vorstellungen gelernt hat so gibt es nicht bloß Kinder sondern auch

Erwachsene welche oft wie die Papageien sprechen   5 Indessen behaupten die

Menschen gewöhnlich ihre eigenen Gedanken zu bezeichnen und messen weiter den

Worten noch eine geheime Beziehung zu den Vorstellungen anderer Leute und zu den

Dingen selbst bei Denn wenn die Laute von demjenigen mit welchem wir uns

unterhalten einer anderen Vorstellung verknüpft würden so hieße das zwei

Sprachen reden allerdings hält man sich nicht allzuviel dabei auf zu prüfen

welches die Vorstellungen der anderen sind und nimmt an dass unsere Vorstellung

diejenige istwelche der große Haufe und die Gebildeten eines Landes mit

demselben Wort verbinden   6 Dies findet im besonderen hinsichtlich der

einfachen Vorstellungen und der Modi statt was aber die Substanzen anbetrifft

so glaubt man dabei noch spezieller dass die Worte auch die Wirklichkeit der

Dinge bezeichnen

    Theophilus Substanzen und Modi werden in gleicher Weise von den

Vorstellungen dargestellt und die Sachen ebensogut wie die Vorstellungen in dem

einen und anderen Falle durch die Worte bezeichnet Ich sehe also keinen

Unterschied sonst dabei als dass die Vorstellungen der substantiellen Dinge und

der sinnlichen Eigenschaften mehr feststehen Es kommt übrigens zuweilen vor

dass unsere Vorstellungen und Gedanken der Gegenstand unserer Unterredungen sind

und dasjenige was man bezeichnen will selbst ausmachen und dass die

Reflexionsbegriffe mehr als man denkt an den Begriffen der Wirklichkeit

teilnehmen Mitunter spricht man sogar von den horten materiellerweise ohne in

diesem Falle an Stelle des Wortes die Bedeutung oder die Beziehung zu den

Vorstellungen oder Dingen bestimmt setzen zu können Dies geschieht nicht

allein wenn man als Grammatiker sondern auch wenn man als Lexikograph

spricht indem man die Erklärung des Wortes gibt

 
 





     1 Philalethes Obgleich es nur besondere Dinge gibt so besteht der

größte Teil der Wörter nichtsdestoweniger in allgemeinen Ausdrücken weil es

unmöglich ist   2 dass jede besondere Sache einen besonderen und bestimmten

Namen für sich hat und außerdem dazu ein wunderbares Gedächtnis nötig wäre

gegen welches dasjenige gewisser Feldherren die alle ihre Soldaten bei Namen

nennen konnten nichts sein würde Die Sache wächst sogar bis ins Unendliche

wenn jedes Tier jede glänze und selbst jedes Pflanzenblatt jedes Korn endlich

jedes Sandkörnchen dass man zu nennen nötig hätte seinen Namen haben müsste Und

wie soll man die für die Sinnlichkeit gleichartigen Teile der Dinge, wie des

Wassers des Feuers benennen  3 Zudem wären diese besonderen Namen unnütz

weil der Hauptzweck der Sprache darin besteht im Geiste dessen der mich hört

eine der meinigen ähnliche Vorstellung zu erwecken Also genügt die Ähnlichkeit

welche durch die allgemeinen Ausdrücke bezeichnet wird  4 Auch würden die

besonderen Worte allein nicht dazu dienen unsere Erkenntnisse zu erweitern

noch uns von der Vergangenheit auf die Zukunft oder von einem Individuum auf

ein anderes schließen zu lassen  5 Da man indes oft nötig hat gewisse

Individuen besonders unserer Art zu erwähnen so bedient man sich der

Eigennamen diese gibt man auch den Ländern Städten Bergen und anderen

Ortsunterscheidungen Geben doch die Rosshändler so gut wie Alexander seinem

Bucephalus eigene Namen um dies oder jenes besondere Pferd wenn es aus ihren

Augen entfernt ist unterscheiden zu können

    Theophilus Diese Bemerkungen sind gut und darunter solche welche mit den

eben von mir gemachten zusammenstimmen Aber ich möchte im Verfolg dessen was

ich schon bemerkt habe hinzufügen dass die Eigennamen gewöhnlich Appellativa

gewesen sind dh allgemeine Ausdrücke wie Brutus Cäsar Augustus Capito

Lentulus Piso Cicero Elbe Rhein Ruhr Leine Ocker Bucephalus Alpen

Brenner oder Pyrenäen denn man weiß dass der erste Brutus diesen Namen von

seinem anscheinenden Stumpfsinn hatte dass Caesar den Namen eines Kindes hatte

welches durch einen Schnitt aus dem Mutterschoß gezogen worden ist, dass Augustus

ein Ehrenname war dass Capito Dickkopf bedeutet wie auch Bucephalus dass

Lentulus Piso und Cicero ursprünglich denjenigen Personen gegebene Namen

gewesen sind welche besonders gewisse Gemüsearten bauten Was die Namen jener

Flüsse Rhein Ruhr Leine Ocker bedeuten habe ich schon gesagt Man weiß

auch dass in Skandinavien noch alle Flüsse »Elbe« genannt werden. Endlich sind

Alpen solche Berge die mit Schnee bedeckt sind womit album dh weiß stimmt

und Brenner oder Pyrenäen bedeutet eine große Höhe denn bren war im Keltischen

hoch oder Haupt wie Brennus wie noch bei den Niedersachsen Brinck die Höhe

ist und es zwischen Deutschland und Italien einen Brenner gibt und wie die

Pyrenäen zwischen Gallien und Spanien gelegen sind Demnach möchte ich zu

behaupten wagen dass fast alle Worte ursprünglich Gemeinausdrücke sind weil es

sehr selten vorkommen wird dass man einen Namen Express ohne Grund erfindet um

dies oder jenes Individuum zu bezeichnen Man kann also sagen dass die Namen der

Individuen Gattungsnamen waren welche man vorzugsweise oder sonstwie irgend

einem Individuum beilegte wie den Namen Dickkopf demjenigen in der ganzen

Stadt welcher den größten hatte oder von allen dicken Köpfen die man könnte

der am meisten beachtete war So gibt man sogar die Geschlechtsnamen den Arten

dh man begnügt sich mit einem allgemeinen oder unbestimmten Worte um mehr

besondere Arten zu bezeichnen wenn man sich um die Unterschiede dabei nicht

kümmert So begnügt man sich zB mit dem allgemeinen Namen Wermut obgleich es

davon so viel Arten gibt dass einer der Bauhins darüber ein eigenes Werk

vollgeschrieben hat

     6 Philalethes Ihre Bemerkungen über den Ursprung der Eigennamen sind

sehr richtige um aber auf die Appellativa oder allgemeinen Ausdrücke zu kommen

so werden sie ohne Zweifel zugeben dass die Worte allgemein werden wenn sie

Zeichen von allgemeinen Vorstellungen sind und dass die Vorstellungen allgemein

werden wenn man durch Abstraktion die Zeit den Ort oder diejenigen anderen

Umstände davon abtrennt welche sie zu diesem oder jenem besonderen Dasein

bestimmen können

    Theophilus Ich leugne diese Anwendung der Abstraktionen nicht aber sie

gilt viel mehr beim Aufsteigen von den Arten zu den Gattungen als von den

Individuen zu den Arten Denn es ist uns unmöglich so widersinnig dies

erscheinen mag die Erkenntnis der individuellen Wesen zu haben und das Mittel

zur genauen Bestimmung der Individualität irgend einer Sache zu finden ohne sie

selbst festzuhalten denn alle Umstände können wiederkehren die kleinsten

Unterschiede bleiben für uns unbemerkt Ort und Zeit weit entfernt von sich

aus zu bestimmen, müssen vielmehr selbst durch die Dingewelche sie enthalten

bestimmt werden. Das Bemerkenswerteste dabei ist dass die Individualität die

Unendlichkeit in sich schließt und dass nur derjenige welcher dies zu erkennen

imstande ist die Erkenntnis des Prinzips der Individuation dieser oder jener

Sache haben kann Dies kommt von dem  richtig zu verstehenden  Einfluss aller

Dinge des Weltalls aufeinander her Allerdings würde es nicht so sein wenn es

demokritische Atome gäbe aber dann würde es auch keinen Unterschied zwischen

zwei verschiedenen Individuen derselben Gestalt und Größe geben

     7 Philalethes Dennoch ist ganz klar dass die Vorstellungenwelche sich

die Kinder von denjenigen Personen bilden mit denen sie umgehen um bei diesem

Beispiel zu verweilen den Personen selbst ähnlich und eben nur besondere sind

Die Vorstellungenwelche sie von ihrer Amme oder ihrer Mutter haben sind ihrem

Geiste wohl eingeprägt und die Namen »Amme« oder »Mama« deren die Kinder sich

bedienen beziehen sich nur auf diese Personen Wenn nachher die Zeit sie hat

bemerken lassen dass es mehrere andere Wesen gibt die ihrem Vater oder ihrer

Mutter gleichen so bilden sie eine Vorstellung, an der wie sie finden alle

diese besonderen Wesen gleichzeitig teilhaben und geben ihr dann wie andere

auch den Namen Mensch  8 Auf dem nämlichen Wege erwerben sie allgemeinere

Namen und Begriffe so wird zB die neue Vorstellung »lebendes Wesen« nicht

durch Addition gebildet sondern nur durch Aufhebung der Gestalt oder besonderer

Eigenschaften der Menschen und durch Festhaltung des mit Leben Gefühl und

selbständiger Bewegung versehenen Körpers

    Theophilus Sehr gut aber dies beweist nur das soeben von mir Bemerkte

denn wie das Kind durch Abstraktion von der Auffassung der Vorstellung des

Menschen zu der der Vorstellung des lebenden Wesens fortgeht ist es von der

mehr spezifischen Vorstellungwelche es an seiner Mutter oder seinem Vater oder

anderen ansehen auffasste zu der der menschlichen Natur gekommen Denn um zu

schließen dass es keine genaue Vorstellung des Individuums hatte braucht man

nur zu erwägen dass eine mäßige Ähnlichkeit es leicht täuschen und veranlassen

würde eine andere Frau für seine Mutter zu halten die es nicht wäre Sie

kennen die Geschichte von dem falschen Martin Guerra welcher sogar die Frau des

wirklichen und dessen nächste Verwandte durch die mit Gewandtheit verbundene

Ähnlichkeit betrog und die Richter lange in Verlegenheit setzte selbst nachdem

der wahre dazugekommen war

     9 Philalethes So kommt dies ganze Geheimnis von der Gattung und den

Arten wovon man in den Schulen so viel Lärm macht das aber außerhalb derselben

mit Recht so wenig beachtet wird dies ganze Geheimnis sage ich kommt einzig

auf die Bildung mehr oder minder weiter abstrakter Vorstellungen zurück denen

man gewisse Namen gibt

    Theophilus Die Kunst die Dinge in Geschlechter und Arten zu ordnen ist

von nicht geringer Bedeutung und dient sowohl dem Urteil als dem Gedächtnis

erheblich Sie wissen von welcher Wichtigkeit dies in der Botanik ist nicht zu

reden von den Tieren und anderen Substanzen und auch von den moralischen und

rationalen Wesen wie einige sie nennen Ein guter Teil der Ordnung hängt davon

ab und mehrere gute Schriftsteller drücken sich so aus dass ihr ganzer Vortrag

sich auf Einteilungen oder Untereinteilungen beschränkt gemäß einer Methode

nach welcher man sich an Geschlechter und Arten hält und die nicht nur dazu

dient die Dinge zu behalten sondern sie sogar zu finden Auch diejenigen,

welche alle Arten von Begriffen unter gewisse in Unterabteilungen zerfällte

Titel oder Kategorien verteilt haben haben etwas sehr Nützliches vollbracht

     10 Philalethes Indem wir die Worte definieren bedienen wir uns des

nächsten Geschlechtes oder allgemeinen Ausdruckes und zwar geschieht dies um

sich die Mühe zu sparen die verschiedenen einfachen Vorstellungen aufzuzählen

welche dies Geschlecht bezeichnet oder vielleicht mitunter auch um uns die

Schande zu sparen diese Aufzählung nicht machen zu können Obgleich aber der

kürzeste Weg zu definieren durch das Mittel des Geschlechts und des

artbildenden Unterschiedes wie die Logiker sprechen erreicht wird so kann

man meines Erachtens zweifeln ob es der beste sei wenigstens ist er nicht der

einzige In der Definition welche besagt dass der Mensch ein vernünftiges

lebendes Wesen sei welche vielleicht die genaueste nicht ist aber dem

vorliegenden Zweck hinlänglich dient könnte man an die Stelle von »lebendes

Wesen« dessen Definition setzen Dies zeigt, wie unnötig die Regel ist dass eine

Definition aus Geschlecht und Artunterschied bestehen müsse und wie

unvorteilhaft es ist sie sorgfältig zu beobachten Ferner sind die Sprachen

nicht immer dergestalt nach den Regeln der Logik gebildet dass die Bedeutung

eines jeden Ausdruckes durch zwei andere genau und klar ausgedrückt werden kann.

Auch haben die welche diese Regel gemacht haben unrecht gehabt uns so wenig

Definitionen welche damit übereinstimmen zu geben

    Theophilus Ich bin mit Ihren Bemerkungen einverstanden gleichwohl würde es

aus vielen Gründen vorteilhaft sein dass die Definitionen aus zwei Ausdrücken

bestehen könnten Dies würde ohne Zweifel die Sache sehr abkürzen und alle

Einteilungen könnten auf Dichotomien zurückgeführt werden welche die beste Art

der Einteilungen sind und für die Erfindung das Urteil und das Gedächtnis

vorzugsweise dienen Indessen glaube ich nicht dass die Logiker immer das

Geschlecht oder den Artunterschied in einem Worte ausgedrückt verlangen So kann

zB der Ausdruck regelmäßiges Polygon für die Gattung des Quadrats gelten und

in der Figur des Kreises kann die Gattung eine flache krummlinige Figur sein

und der Artunterschied würde dann darin bestehen dass alle Punkte der

Umkreislinie gleichmäßig von einem bestimmten Punkte als Mittelpunkt entfernt

sind Übrigens ist noch gut zu bemerken dass das Geschlecht oft mit dem

Artunterschied und dieser mit dem Geschlecht vertauscht werden kann, zB das

Quadrat ist ein regelmäßiges Viereck oder eine vierseitige Figur die regulär

ist so dass also Geschlecht und Artunterschied nur wie Substantiv und Adjektiv

sich voneinander unterscheiden wie wenn man anstatt zu sagen der Mensch ist

ein vernünftiges Lebewesen der Sprache zu sagen verstattete dass der Mensch ein

lebendiges Vernunftwesen ist dh eine vernünftige Substanz die mit einer

natürlichen Lebenskraft begabt ist wahrend die Geister vernünftige Substanzen

sind deren Wesen aber nicht das Leben in dem gewöhnlichen Sinne wie bei den

Tieren ist Und zwar hängt die Möglichkeit dieses Wechsels von Gattungen und

Artunterschieden von der Veränderung der Ordnung in den Unterabteilungen ab

     11 Philalethes Aus dem was ich eben gesagt habe folgtdass das was

man allgemein und universell nennt nicht zum Dasein der Dinge gehört sondern

das Werk des Verstandes ist  12 Und die Wesenheiten jeder Art sind nur

abstrakte Vorstellungen

    Theophilus Ich sehe diese Folgerung nicht ein Denn die Allgemeinheit

besteht in der Ähnlichkeit der einzelnen Dinge untereinander und diese

Ähnlichkeit ist eine Realität

     13 Philalethes Ich wollte Ihnen schon selbst sagen dass diese Arten auf

der Ähnlichkeit beruhen

    Theophilus Warum sollen wir denn also nicht auch das Wesen der Gattungen

und Arten darin suchen

    14  Philalethes Man wird sich über den von mir ausgesprochenen Satz

weniger wundern dass die Wesenheiten das Werk des Verstandes sind wenn man in

Betracht zieht dass es wenigstens zusammengesetzte Vorstellungen gibt die im

Geiste verschiedener Personen häufig verschiedene Vereinigungen einfacher

Vorstellungen bilden und so ist das was im Geist des einen Menschen Geiz ist

nicht dasselbe im Geist eines zweiten

    Theophilus Ich gestehe Ihnen dass ich in wenige Punkten die Gültigkeit

Ihrer Folgerungen weniger eingesehen habe als hierbei und das tut mir leid

Wenn die Menschen über das Wort nicht einige sind ändert denn das die Dinge

selbst oder deren Ähnlichkeiten Wenn der eine das Wort Geiz der einen

Ähnlichkeit der andere einer anderen leiht so sind das zwei verschiedene durch

das nämliche Wort bezeichnete Arten

    Philalethes Bei derjenigen Art von Substanzendie uns die vertrauteste

ist und welche wir auf die genaueste Art kennen hat man mitunter gezweifelt

ob die von einer Frau zur Welt gebrachte Frucht ein Mensch sei so dass man sogar

darüber uneinig wurde ob man sie erziehen und taufen sollte dies könnte nicht

der Fall sein wenn die abstrakte Vorstellung oder das Wesen, dem der Name des

Menschen zukommt das Werk der Natur wäre und nicht eine davon verschiedene

unsichere Verknüpfung einfacher Vorstellungenwelche der Verstand

zusammengefügt hat und welcher er einen Namen beilegt nachdem er sie auf dem

Wege der Abstraktion allgemein gemacht Dergestalt ist im Grunde genommen eine

jede bestimmte durch Abstraktion entstandene Vorstellung für sich eine bestimmte

Wesenheit

    Theophilus Verzeihen Sie mir die Bemerkung dass Ihre Rede mich in

Verlegenheit setzt weil ich darin keinen Zusammenhang sehe Wenn wir nicht

immer von den äußeren Ähnlichkeiten auf die inneren schließen können sind diese

denn darum weniger wirklich Wenn man ungewiss ist ob eine Missgeburt ein Mensch

ist so kommt dies daher dass man an ihrer Vernunft zweifelt Sobald sich

findet dass sie eine solche hat werden die Theologen den Ausspruch tun dass sie

getauft werde und die Juristen dass sie erzogen werde Freilich kann man über

die im logischen Sinne genommen niedrigsten Arten miteinander streiten die

sich durch Zufälligkeiten innerhalb derselben physischen Art oder in demselben

Zeugungsstamme abändern man hat aber gar nicht nötig sie zu bestimmen; man

kann sie sogar bis ins Unendliche abändern wie man an der großen

Verschiedenheit der Orangen Apfelsinen und Zitronen sieht welche die

Sachkundigen zu benennen und zu unterscheiden wissen Ebenso sah man es an den

Tulpen und Nelken als diese Blumen in der Mode waren Ob übrigens die Menschen

diese oder jene Vorstellungen damit verbinden oder nicht und selbst ob die

Natur sie wirklich oder nicht damit verbindet hat auf die Wesenheiten

Geschlechter oder Arten keinen Einfluss weil es sich dabei nur um Möglichkeiten

handelt die von unserem Denken unabhängig sind

     15 Philalethes Gewöhnlich setzt man voraus dass die Art eines jeden

Dinges in der Wirklichkeit begründet ist und dass es etwas geben müsse von dem

jede Vereinigung einfacher Vorstellungen oder zugleich vorhandener Eigenschaften

in einem bestimmten Dinge abhangen muss ist ohne Zweifel Aber da

augenscheinlich die Dinge nur insofern unter bestimmten Namen in Klassen und

Arten geordnet sind als sie mit gewissen abstrakten Vorstellungen

übereinkommen denen wir diesen bestimmten Namen beigelegt haben so ist auch

das Wesen eines jeden Geschlechtes oder jeder Art nichts anderesals die durch

den allgemeinen oder besonderen Namen bezeichnete abstrakte Vorstellung und wir

werden finden dass dies der gewöhnlichste Gebrauch des Wortes Wesenheit ist

Meiner Meinung nach würde es nicht übel sein diese zwei Arten von Wesenheiten

mit zwei verschiedenen Namen zu bezeichnen und die erstere reale Wesenheit die

andere nominale Wesenheit zu nennen

    Theophilus Mir scheint dass unsere Sprache in ihren Ausdrucksweisen

außerordentlich viel Neuerungen einführt Man hat bisher wohl von nominalen und

von kausalen oder Real  Definitionen nicht aber dass ich es wüsste von anderen

als realen Wesenheiten gesprochen wenigstens würde man unter nominalen

Wesenheiten falsche und unmögliche verstanden haben die Wesenheiten zu sein nur

scheinen aber es nicht sind wie zB die eines regelmäßigen Dekaeders dh des

von 10 Flächen umschlossenen regelmäßigen Körpers Die Wesenheit ist im Grunde

nichts anderes als die Möglichkeit dessen was man denkt Was man als möglich

voraussetzt wird durch die Definition ausgedrückt aber diese Definition ist

nur nominal wenn sie nicht zugleich die Möglichkeit ausdrückt Denn dann kann

man zweifeln ob eine solche Definition etwas Wirkliches dh Mögliches

ausdrückt bis die Erfahrung uns zu Hilfe kommt um uns diese Wirklichkeit a

posteriori zu zeigen wenn die Sache sich tatsächlich in der Welt findet was da

in Ermangelung des Grundes genügt der die Wirklichkeit a priori zeigen würde

indem er die mögliche Ursache der Entstehung des definierten Dinges angibt Es

hängt also nicht von uns ab die Vorstellungen nach unserem Belieben zu

verknüpfen wenn diese Verknüpfung nicht entweder durch die Vernunftwelche sie

als möglich zeigt oder durch die Erfahrungwelche sie als tatsächlich und

folglich auch als möglich zeigt gerechtfertigt wird Um Wesenheit und

Definition besser zu unterscheiden muss man auch erwägen dass es nur eine

Wesenheit des Dinges, aber mehrere Definitionen davon gibt welche die nämliche

Wesenheit ausdrücken wie dasselbe Bauwerk oder dieselbe Stadt von verschiedenen

Seiten aus denen man sie betrachtet durch verschiedene Ansichten dargestellt

werden kann.

     19 Philalethes Ohne Zweifel denke ich werden Sie mir zugeben dass das

Reale und das Nominale in den einfachsten Vorstellungen und in den Vorstellungen

der Modi stets dasselbe ist; in den Vorstellungen der Substanzen aber sind sie

immer ganz verschieden Eine Figur welche einen Raum mit drei Linien

einschließt ist sowohl die reale als die nominale Wesenheit des Dreiecks denn

sie ist nicht allein die abstrakte Vorstellung mit der der allgemeine Name

verbunden istsondern die Wesenheit oder das eigentümliche Sein der Sache oder

der Grund aus dem ihre Eigenschaften hervorgehen und mit dem sie alle verknüpft

sind Ganz anders aber verhält es sich mit dem Golde Der wirkliche Zusammenhang

seiner Teile von der die Farbe die Schwere die Schmelzbarkeit die

Feuerfestigkeit abhangen ist uns unbekannt und da wir davon keine Vorstellung

haben haben wir auch kein dieselbe bezeichnendes Wort Gleichwohl machen es

jene Eigenschaften dass dieser Stoff Gold genannt wird und sind seine nominale

Wesenheit dh dasjenige was zum Namen ein Recht gibt

    Theophilus Ich würde lieber nach dem eingeführten Sprachgebrauch sagen die

Wesenheit des Goldes ist das was dasselbe bildet und ihm jene sinnlichen

Eigenschaften gibt die es erkennen lassen und seine Nominaldefinition

ausmachen während wir die Real und Kausaldefinition dann haben würden wenn

wir diese innere Bildung oder Verfassung erklären könnten Indessen wird hierbei

die Nominaldefinition auch als reale gefunden zwar nicht durch sie selbst denn

sie lässt die Möglichkeit oder Entstehung der Körper a priori nicht erkennen

sondern durch die Erfahrungindem wir erfahren dass es einen Körper gibt in

dem jene Eigenschaften sich zusammenfinden Sonst könnte man doch zweifeln ob

so viel Schwere und so viel Dehnbarkeit zusammen bestehen könnten wie man bis

zur Stunde zweifeln kann ob es Glas gibt das unerhitzt sich hämmern lässt

Übrigens bin ich nicht Ihrer Meinung dass es hier zwischen den Vorstellungen der

Substanzen und denen der Prädikate einen Unterschied gibt als wenn die

Definitionen der Prädikate dh der Modi und der Gegenstände der einfachen

Vorstellungen immer zugleich reale und nominale wären und die der Substanzen

nur nominale Ich gebe freilich gern zu dass es schwerer ist Realdefinitionen

von den Körpern zu haben welche substantielle Wesen sind weil ihre innere

Bildung weniger bemerkbar ist Aber nicht mit allen Substanzen verhält es sich

ebenso denn wir haben von den wahren Substanzen oder Einheiten wie von Gott

oder von der Seele eine ebenso genaue Erkenntnis wie von den meisten der Modi

Übrigens gibt es auch Prädikate die ebensowenig bekannt sind wie die innere

Körperbildung es ist denn das Gelbe oder das Bittere zB sind die Gegenstände

einfacher Vorstellungen oder Phantasiebilder und dennoch hat man davon nur eine

verworrene Erkenntnis Sogar in der Mathematik ist dies der Fall wo derselbe

Modus ebensogut eine Nominal als Realdefinition haben kann Worin der

Unterschied dieser beiden Definitionen besteht welcher auch den Unterschied der

Wesenheit und der Eigenschaft setzen muss haben wenige richtig erklärt Meiner

Meinung nach besteht dieser Unterschied darin dass die Realdefinition die

Möglichkeit des Definierten zeigt was die Nominaldefinition nicht tut Die

Definition von zwei geraden Parallellinien welche besagt dass sie in derselben

Fläche sind und sich nicht begegnen wenn man sie auch bis in das Unendliche

verlängert ist nur nominal und man könnte zunächst zweifeln ob so etwas

möglich ist Sobald man aber begriffen hat dass man eine gerade Linie in einer

Fläche mit einer anderen gegebenen geraden Linie parallel ziehen kann wenn man

nur darauf achtet dass die Spitze des Stiftes welcher die Parallele beschreibt

von den gegebenen Graden stets gleich weit entfernt bleibt so sieht man

zugleich dass die Sache möglich ist und warum die Linien jene Eigenschaft

haben sich niemals zu begegnen was zwar ihre Nominaldefinition ausmacht aber

das Kennzeichen des Parallelismus nur dann ist wenn die beiden Linien gerade

sind während wenn nur eine davon krumm wäre sie ihrer Natur nach sich niemals

zu begegnen brauchten und dessenungeachtet darum doch nicht miteinander

parallel wären

     19 Philalethes Wenn die Wesenheit etwas anderes wäre als eine abstrakte

Vorstellung so würde sie nicht unerschaffbar und unvergänglich sein Ein

Einhorn eine Sirene ein vollkommener Kreis sind vielleicht gar nicht in der

Welt vorhanden

    Theophilus Ich habe Ihnen schon gesagt dass die Wesenheiten ewig sind weil

dabei bloß von Möglichkeiten die Rede ist

 
 






     2 Philalethes Ich gestehe die Bildung von Modi immer für willkürlich

gehalten zu haben habe mich aber überzeugt dass was die einfachen

Vorstellungen und die der Substanzen anbetrifft diese Vorstellungen außer der

Möglichkeit auch ein wirkliches Dasein bezeichnen müssten

    Theophilus Ich sehe nicht ein dass dies notwendig ist Gott hat die

Vorstellungen vor der Schöpfung der Gegenstände derselben und nichts hindert

dass er verständigen Kreaturen solche Vorstellungen auch mitteilen könne es gibt

selbst nicht einmal einen bündigen Beweis welcher die Gegenstände unserer Sinne

und der einfachen Vorstellungenwelche die Sinne uns vergegenwärtigen als

außer uns vorhanden dartut Dies gilt vor allem hinsichtlich derer welche mit

den Kartesianern und unserem berühmten Autor glauben unsere einfachen

Vorstellungen der sinnlichen Eigenschaften hätten keine Ähnlichkeit mit dem

außer uns in den Gegenständen Vorhandenen es würde danach keinen zwingenden

Grund geben dass diese Vorstellungen in irgend einem wirklichen Dasein begründet

wären

     4 5 6 7 Philalethes Wenigstens werden Sie mir diesen zweiten

Unterschied zwischen den einfachen und den zusammengesetzten Vorstellungen

zugeben dass die Namen der einfachen Vorstellungen nicht definiert werden

können, während die der zusammengesetzten Vorstellungen es wohl werden können;

denn die Definitionen müssen mehr als einen Ausdruck erhalten wovon ein jeder

eine Vorstellung bezeichnet So sieht man was definiert werden kann und was

nicht und warum die Definitionen nicht in das Unendliche gehen können was bis

jetzt niemand dass ich wüsste bemerkt hat

    Theophilus In einer kleinen Abhandlung über die Vorstellungendie vor

ungefähr zwanzig Jahren in die Acta zu Leipzig eingerückt wurde habe ich auch

schon bemerkt dass die einfachen Ausdrücke keine Nominaldefinition haben können

aber zugleich habe ich auch hinzugefügt dasswenn die Ausdrücke nur

hinsichtlich unser einfach sind indem wir nicht das Mittel haben sie zu

analysieren um zu den ursprünglichen sie bildenden Wahrnehmungen zu gelangen

wie heiß kalt gelb grün sie eine Realdefinition erhalten können welche ihre

Ursache erklären würde So ist die Realdefinition von Grün das Zusammengesetzte

aus dem inniggemischten Blauen und Gelben zu sein Indessen mag dabei das Grüne

einer Nominaldefinition nicht mehr fähig sein aus der man erkennt was das

Blaue und Gelbe ist Dagegen können die an sich einfachen Ausdrucke dh solche

von denen man einen klaren und deutlichen Begriff hat keine Definition

empfangen weder eine nominale noch eine reale Sie werden in jener kleinen in

die Acta von Leipzig eingerückten Abhandlung die Begründung eines großen Teils

der den Verstand betretenden Theorie kurz erläutert finden

     7 8 Philalethes Es wäre gut diesen Punkt zu erläutern und zu

bemerken was definiert werden könnte und was nicht Ich bin zu glauben

versucht dass sehr oft großer Streit sich erhebt und viel Unsinn sich in die

Reden der Menschen einschleicht weil man nicht daran denkt Jene berühmten

Streitpunkte von denen man in den Schulen so viel Wesens macht sind daher

gekommen dass man auf diesen Unterschied in den Vorstellungen nicht gehörig

geachtet hat Auch die größten Meister in der Methode sind genötigt gewesen den

größten Teil der einfachen Vorstellungen undefiniert zu lassen und wenn sie es

zu tun unternommen haben ist es ihnen nicht geglückt Hätte zB wohl der

menschliche Geist ein künstlicheres Gallimathias erfinden können als jenes das

in folgender Definition des Aristoteles enthalten istdie Bewegung ist die

Tätigkeit eines Wesens in der Möglichkeit, sofern es in derselben ist  9 und

die Neueren welche die Bewegung so erklären dass sie der Übergang aus einem Ort

in den anderen sei setzen nur ein gleichbedeutendes Wort an die Stelle des

anderen

    Theophilus Ich habe schon in einer unserer früheren Unterredungen bemerkt

dass bei Ihnen häufig Vorstellungen als einfache gelten die es nicht sind Zu

dieses gehört die Bewegung, welche ich für definierbar halte und die

Definitionwelche sie als Ortsveränderung erklärt ist nicht zu verachten Die

Definition des Aristoteles ist nicht so widersinnig als man denkt wenn man

begreift dass das griechische Wort kinêsis bei ihm nicht das bezeichnete was

wir Bewegung nennen sondern was wir durch das Wort Veränderung ausdrücken

würden Daher kommt es dass er ihm eine so abstrakte und metaphysische

Definition gibt während das was wir Bewegung nennen bei ihm phora latio

genannt wird und unter die Arten der Bewegung tês kinêseôs fällt

     10 Philalethes Sie werden aber die Definition desselben Schriftstellers

vom Licht doch wenigstens nicht entschuldigen dass sie nämlich der Akt oder die

Wirklichkeitdes Durchsichtigen ist

    Theophilus Ich finde sie mit Ihnen nicht stichhaltig er bedient sich des

Ausdrucks »Akt« Wirklichkeit zu oft der uns doch nicht viel sagt Das

Durchsichtige ist bei ihm ein Medium durch welches man hindurchsehen kann und

das Licht ihm zufolge dasjenige was in dem wirklichen Durchgang besteht Das

versteht sich

     11 Philalethes Wir sind also darüber einverstanden dass sich von unseren

einfachen Vorstellungen keine Nominaldefinitionen geben lassen wie wir den

Geschmack der Ananas aus der Schilderung der Reisenden nicht erkennen könnten

wir müssten denn die Dinge durch die Ohren schmecken können wie Sancho Pansa das

Vermögen besaß die Dulcinea durch Hörensagen zu sehen oder wie jener Blinde

welcher von dem Glanz des Scharlachs so viel hatte reden hören glaubte er

müsse dem Schall der Trompete gleichen

    Theophilus Ganz recht Alle Reisenden der Welt würden durch ihre

Schilderungen nicht das geben können was wir einem Edelmann dieses Landes

verdanken welcher drei Meilen von Hannover fast an dem Ufer der Weser Ananas

mit Erfolg zieht und das Mittel gefunden hat sie dergestalt zu vermehren dass

wir sie vielleicht einst ebensogut wie die portugiesischen Apfelsinen auf

unserem Grund und Boden haben können wenn dabei auch der Geschmack sich

einigermaßen zu verschlechtern scheint

     12 13 Philalethes Ganz anders verhält es sich mit den zusammengesetzen

Vorstellungen Ein Blinder kann verstehen was Statue sagen will und ein

Mensch der niemals den Regenbogen gesehen hätte würde begreifen können was

das ist wenn er nur die Farben gesehen hätte aus denen er besteht  15

Während aber die einfachen Vorstellungen nicht definierbar sind sind sie

deshalb dennoch die am wenigsten zweifelhaften denn die Erfahrung leistet mehr

als die Definition.

    Theophilus Gleichwohl findet sich hinsichtlich der Vorstellungendie nur

rücksichtlich unserer einfach sind eine gewisse Schwierigkeit Es würde zB

schwierig sein die Grenzlinien des Blauen und des Grünen genau zu bestimmen und

überhaupt die einander sehr naheliegenden Farben zu unterscheiden während wir

genaue Begriffe der Ausdrücke deren man sich in der Arithmetik und Geometrie

bedient haben können

     16 Philalethes Auch haben die einfachen Vorstellungen noch die

Eigentümlichkeit dass sie hinsichtlich der Prädikamentallinie wie die Logiker

sie nennen von der untersten Art bis zum höchsten Geschlecht sehr geringe

Unterordnung zeigen Die Ursache davon ist dass da die unterste Art nur eine

einfache Vorstellung ist, man von ihr nichts abtrennen kann man kann zB von

den Vorstellungen des Weißen und des Roten nichts abtrennen um eine gemeinsame

Erscheinung übrig zu behalten in der sie übereinstimmen Darum fasst man sie mit

dem Gelben und anderen unter dem Geschlechtsbegriff oder dem Namen Farbe

zusammen Will man dann einen noch allgemeineren Ausdruck bilden der auch die

Töne die Geschmäcke und die durch Berührung fühlbaren Eigenschaften umfassen

soll so bedient man sich des allgemeinen Ausdrucks Eigenschaft in dem Sinne

welchen man ihm gewöhnlich leiht um diese Eigenschaften von der Ausdehnung, der

Zahl der Bewegung, der Lust und dem Schmerze zu unterscheiden die alle auf den

Geist wirken und ihre Vorstellungen durch mehr als einen Sinn ihm zuführen

    Theophilus Ich habe über diese Bemerkung noch etwas zu sagen in der

Hoffnung Sie werden mir hier und anderswo die Gerechtigkeit widerfahren lassen

zu glauben dass es nicht aus einem Geist des Widerspruchs geschieht sondern dass

der Gegenstand selbst es zu fordern scheint Es ist kein Vorteil dass die

Vorstellungen der sinnlichen Eigenschaften sich so wenig unterordnen lassen und

so wenig der Untereinteilungen fähig sind denn das kommt nur daher dass wir sie

so wenig kennen Indessen gerade das was alle Farben miteinander gemein haben

dass sie alle mit den Augen gesehen werden alle durch die Körper dringen durch

welche eine und die andere unter ihnen scheint und dass sie von den glatten

Körperoberflächen welche sie nicht durchlassen zurückgeworfen werden zeigt

dass man doch etwas von unseren Vorstellungen über sie abtrennen kann Man kann

sogar die Farben mit vielem Recht in äußerste von denen die eine nämlich das

Weiße die positive und die andere nämlich das Schwarze die negative ist und

in mittlere welche man noch in einem spezielleren Sinne Farben nennt teilen

Diese letzteren entstehen mittelst der Refraktion aus dem Licht und man kann

sie noch weiter in solche der konvexen und solche der konkaven Seite des

gebrochenen Lichtstrahls einteilen Diese Einteilungen und Untereinteilungen der

Farben sind von nicht geringer Wichtigkeit

    Philalethes Wie kann man aber Gattungen in den einfachen Vorstellungen

finden

    Theophilus Da sie nur dem Anscheine nach einfach sind so werden sie von

Umständen begleitet welche mit ihnen in Verknüpfung stehen wenn auch diese

Verknüpfung von uns nicht verstanden werden mag Diese Umstände nun liefern uns

etwas was der Erklärung und der Analyse fähig ist was auch einige Hoffnung

gewährt dass man einst die Gründe dieser Erscheinungen wird finden können Daher

kommt es dass in unseren Wahrnehmungen der sinnlichen Eigenschaften ebensowohl

als der sinnlichen Massen eine Art von Pleonasmus ist und dieser ist dass wir

mehr als einen Begriff von dem nämlichen Gegenstande haben Das Gold kann auf

nominale Weise verschiedenartig definiert werden man kann sagen es ist der

schwerste der uns bekannten Körper es ist der dehnbarste es ist ein

schmelzbarer Körper welcher der Kapelle und dem Scheidewasser widersteht usw

Jedes dieser Merkmale ist gut und genügt zur Erkennung des Goldes, wenigstens

vorläufig und im gegenwärtigen Zustande der uns bekannten Körper bis sich ein

noch schwererer findet wie einige Chemiker es von ihrem Stein der Weisen

behaupten oder bis man jene Luna fixa aufzeigen kann ein Metall das die Farbe

des Silbers und fast alle die übrigen Eigenschaften des Goldes haben soll und

welches der Ritter Boyle wie er zu sagen scheint hergestellt hat Auch könnte

man sagen dass für alle Gegenstände welche wir auf dem Wege der Erfahrung

kennen alle unsere Definitionen nur vorläufig sind wie ich schon vorher

bemerkt zu haben glaube Wir wissen also wahrhaftig nicht auf Grund eines

Beweises ob nicht eine Farbe durch die bloße Reflexion ohne Refraktion

entstehen kann und ob nicht die Farben welche wir bisher an der konkaven Seite

des gewöhnlichen Refraktionswinkels bemerkt haben sich an der konvexen Seite

einer bisher unbekannten Refraktionsweise vorfinden und umgekehrt So würde die

einfache Vorstellung des Blauen von dem Gattungsbegriff welchen wir ihr auf

unsere Erfahrungen hin zugewiesen haben getrennt werden müssen Aber gut ist

es uns an das Blaue wie wir es haben und an die es begleitenden Umstände zu

halten Auch ist es etwas wert dass sie uns Anhaltspunkte geben um Gattungen

und Arten zu bilden

     17 Philalethes Was sagen Sie aber zu der Bemerkung wonach die einfachen

Vorstellungendie von dem Dasein der Dinge hergenommen sind nicht willkürlich

sein sollen während die der gemischten Modi dies gänzlich und die der

Substanzen es wenigstens in einem gewissen Sinne sind

    Theophilus Ich glaube das Willkürliche ist nur in den Worten und gar nicht

in den Vorstellungen. Denn diese drücken nur Möglichkeiten aus So würde zB

wenn es auch niemals einen Vatermord gegeben hätte und alle Gesetzgeber davon

ebensosehr wie Solon davon zu sprechen sich gehütet hätten der Vatermord

dennoch ein mögliches Verbrechen und die Vorstellung davon eine wirkliche sein

Denn die Vorstellungen sind in Gott von aller Ewigkeit und sind sogar in uns

ehe wir tatsächlich daran denken wie ich in unserer Unterredung gezeigt habe

Wenn jemand sie für wirkliche Gedanken der Menschen nehmen will so steht ihm

das frei aber er würde dann ohne Grund sich dem angenommenen Sprachgebrauch

widersetzen

 
 





     2 3 folg Philalethes Allein bildet der Geist nicht die gemischten

Vorstellungen durch Zusammensetzungen der einfachen nach seiner Willkür ohne

ein wirkliches Muster nötig zu haben während ihm die einfachen Vorstellungen

der Dinge ohne seine Wahl durch das wirkliche Dasein der Dinge zukommen Sieht

man nicht oft die gemischte Verteilung ehe die Sache selbst da ist

    Theophilus Wenn sie die Vorstellungen für wirkliche Gedanken nehmen so

haben Sie recht aber ich sehe nicht die Notwendigkeit ein Ihre Unterscheidung

auf das anzuwenden was die Form selbst oder die Möglichkeit dieser Gedanken

betrifft und doch ist dies eben das um was es sich in der idealen Welt

handelt die man von der wirklichen Welt unterscheidet Das wirkliche Dasein der

Dinge, die nicht notwendig sind ist eine Tatsache oder ein historisches Faktum

aber die Erkenntnis der Möglichkeiten und Notwendigkeiten denn notwendig ist

das dessen Gegenteil nicht möglich ist macht die demonstrativen Wissenschaften

aus

    Philalethes Aber findet nicht eine nähere Verbindung zwischen den

Vorstellungen des Tötens und des Menschen statt als zwischen den Vorstellungen

des Tötens und des Schafes Ist Vatermord aus enger verbundenen Begriffen

zusammengesetzt als Kindesmord und ist es natürlicher dass das was die

Engländer Stabbing nennen dh Mord durch einen Stoß oder durch Verwundung mit

der Spitze was bei ihnen ein schlimmeres Verbrechen ist als wenn man durch

einen Schlag mit der Degenscheide tötet  einen besonderen Namen und eine

Vorstellung verdient hat welche man zB der Handlung ein Schaf zu töten oder

einen Menschen durch einen Schwertstreich zu töten nicht zugestanden hat

    Theophilus Wenn es sich nur um Möglichkeiten handelt so sind alle diese

Vorstellungen gleich natürlich Wer Schafe töten gesehen hat hat eine

Vorstellung dieser Handlung in Gedanken gehabt obgleich er ihr keinen Namen

gegeben und sie seiner Aufmerksamkeit nicht weiter gewürdigt haben mag Warum

sollen wir uns denn auf die Namen beschränken wenn es sich um die Vorstellungen

selbst handelt und warum uns mit dem Wert der gemischten Modi besonders

beschäftigen wenn es sich um diese Vorstellungen im allgemeinen handelt

     6 Philalethes Da die Menschen die verschiedenen Arten gemischter Modi

willkürlich bilden so findet man infolgedessen in der einen Sprache Worte

denen es in einer anderen Sprache nichts Entsprechendes gibt Es gibt keine

Worte in anderen Sprachen welche dem unter den Römern gebräuchlichen Wort

Versura oder dem Ausdruck Corban entsprechen dessen sich die Juden bedienten

Man übersetzt dreist die lateinischen Wörter Hora Pes und Libra mit Stunde Fuß

und Pfund aber die Vorstellungen des Römers waren dabei von den unserigen sehr

verschieden

    Theophilus Wie ich sehe kommt jetzt zu Gunsten der Namen dieser

Vorstellungen viel von dem wieder vor was wir besprochen haben als es sich um

die Vorstellungen selbst und deren Arten handelte Die Bemerkung ist gut was

die Namen und Gebräuche der Menschen anbetrifft aber sie ändert nichts in den

Wissenschaften und in der Natur der Dinge; wer eine allgemeine Grammatik

schreiben wollte würde allerdings gut tun von dem Wesen der Sprache absehend

ihre wirkliche Beschaffenheit aufzufassen und die Grammatiken mehrerer Sprachen

zu vergleichen ebenso wie ein Autor welcher eine allgemeine aus der Vernunft

geschöpfte Jurisprudenz schreiben wollte wohl daran tun würde Parallelen der

Gesetze und Gebräuche der Völker damit zu verbinden was nicht allein in der

Praxis sondern auch in der philosophischen Betrachtung von Nutzen sein und dem

Autor sogar Gelegenheit geben würde verschiedene Erwägungen anzustellen die

ihm ohne dies entgangen sein würden Indessen kommt es bei der von ihrer

Geschichte oder ihrem wirklichen Dasein getrennten Wissenschaft nicht darauf an

ob die Völker sich dem Vernunftgebot gefügt haben oder nicht

     9 Philalethes Die zweifelhafte Bedeutung des Wortes Art ist schuld dass

manche daran Anstoß nehmen wenn sie die Erklärung hören dass die Arten der

gemischten Modi durch den Verstand gebildet werden. Ich überlasse es indessen

anderen auszudenken womit die Grenzen von jeder Sorte oder Art zu bestimmen

sind denn für mich sind diese Worte vollkommen gleichbedeutend

    Theophilus Gewöhnlich bestimmt die Natur der Dinge diese Grenzen der Arten,

zB zwischen Mensch und Vieh zwischen Stoßdegen und Haudegen Indessen gebe

ich zu dass bei gewissen Begriffen wirklich etwas Willkürliches mitwirkt zB

wenn es sich darum handelt einen Fuß zu bestimmen, denn da die gerade Linie

einförmig und unbestimmt ist so gibt die Natur darauf keine Abschnitte an

Ebenso gibt es auch unbestimmte und unvollkommene Wesenheiten bei deren

Bestimmung die Meinung mitwirkt wie wenn man fragt wie viele Haare man

wenigstens einem Menschen lassen muss damit er nicht kahl sei welches ein

Sophisma der Alten war wenn man den Gegner in die Enge treibt

    Dum cadat elusus ratione ruentis acervi

    Die wahre Antwort aber ist dass die Natur diesen Begriff nicht bestimmt hat

und die Meinung daran ihren Anteil hat dass es Leute gibt von denen man

zweifelhaft sein kann oh sie kahl sind oder nicht und dass es solche gibt

welche zweideutig bei den einen als kahl gelten nicht aber bei den anderen wie

Sie bemerkt hatten dass ein Pferd was man in Holland als klein ansieht in

Wales für groß gehalten werden wird Es gibt selbst etwas der Art bei den

einfachen Vorstellungen ich habe in dieser Hinsicht schon bemerkt dass die

äußersten Grenzen der Farben ungewiss sind es gibt auch Wesenheiten die halb

und halb nominal sind wo der Name auf die Definition der Sache von Einfluss ist

So erkennt man zB den Grad oder die Würde eines Doktors Ritters

Botschafters Königs wenn jemand das anerkannte Recht sich dieses Namens zu

bedienen erworben hat Kein fremder Minister wenn er auch noch so viel Macht

und Gefolge haben mag wird als Botschafter gelten wenn ihm nicht sein Kreditiv

diesen Namen verleiht Aber diese Wesenheiten und Vorstellungen sind unbestimmt

zweifelhaft willkürlich nominal in einem von dem bisher erwähnten etwas

verschiedenen Sinne

     10 Philalethes Der Name scheint aber oft das Wesen der gemischten Modi

welche Sie für nicht willkürlich halten zu enthalten wir würden zB ohne den

Namen Triumph kaum die Vorstellung von dem haben was bei den Römern zu dieser

Gelegenheit geschah

    Theophilus Ich gebe zu dass der Name dazu dient die Aufmerksamkeit auf die

Dinge zu lenken um deren Andenken und wirkliche Erkenntnis zu bewahren aber

dies hat nichts mit dem worum es sich handelt zu tun und macht die Wesenheiten

nicht zu Namenwesen Ich begreife auch nicht warum die Anhänger Ihrer Meinung

mit aller Gewalt wollen dass die Wesenheiten selbst von der Wahl und den Namen

abhängen Es wäre zu wünschen gewesen dass euer berühmter Autor statt darauf zu

bestehen sich lieber mehr auf das Einzelne der Vorstellungen und der Modi

eingelassen und deren Spielarten geordnet und entwickelt hätte Auf diesem Wege

würde ich ihm mit Vergnügen und Nutzen nachgewandelt sein denn er würde uns

ohne Zweifel viel Licht verschafft haben  12 Philalethes Wenn wir von einem

Pferde oder von Eisen reden so betrachten wir sie als Sachen welche uns die

ursprünglichen Muster unserer Vorstellungen bieten aber wenn wir von den

gemischten Modi oder wenigstens von den bedeutendsten derjenigen Modi reden

welche die moralischen Wesen sind zB von der Gerechtigkeit der Dankbarkeit

so sehen wir deren ursprüngliche Muster als in unserem Geiste befindlich an

Darum sprechen wir von einem Begriff der Gerechtigkeit und der Mäßigkeit nicht

aber redet man von dem Begriff eines Pferdes und eines Steines

    Theophilus Die Muster der Vorstellungen sind für die einen ebenso real wie

die Muster der Vorstellungen für die anderen Die Eigenschaften des Geistes sind

nicht weniger real als die des Körpers; freilich sieht man nicht die

Gerechtigkeit wie ein Pferd aber man versteht sie nicht weniger oder vielmehr

man versteht sie besser Sie ist nicht weniger in den Handlungen als das Gerade

und das Schiefe in den Bewegungen mag man sie nun beachten oder nicht Und um

Ihnen zu zeigen dass die Menschen meiner Meinung sind und zwar gerade die in

den menschlichen Dingen Fähigsten und Erfahrensten brauche ich mich nur der

Autorität der römischen Juristen zu bedienen diese hierin von allen übrigen

gefolgt nennen diese gemischten Modi oder moralischen Wesen Sachen und

insbesondere unkörperliche Sachen So sind die Servituten zB wie das des

Durchgangs durch des Nachbars Grundstück bei ihnen Res incorporales

unkörperliche Sachen worauf es ein Eigentumsrecht gibt welches man durch

langen Gebrauch erwerben das man besitzen und geltend machen kann Was das Wort

Begriff angeht so haben sehr gescheite Leute dasselbe für eben so weit genommen

als das Wort VorstellungDer lateinische Sprachgebrauch ist dem nicht entgegen

und ebensowenig so viel ich weiß der der Engländer und der Franzosen

     16 Philalethes Es ist noch zu bemerken dass man eher die Namen als die

Vorstellungen der gemischten Modi lernt indem der Name erkennen lässt dass diese

Vorstellung bemerkt zu werden verdient

    Theophilus Diese Bemerkung ist gut obgleich allerdings heutzutage die

Kinder mit Hilfe der Wörterbücher die Worte nicht allein der Modi sondern auch

der Substanzen vor den Dingen und sogar die Namen der Substanzen eher als der

Modi lernen Denn man stellt fehlerhafterweise in diesen nämlichen Wörterbüchern

nur die Nennwörter und nicht die Verba auf ohne zu bedenken dass die

Zeitwörter wiewohl sie Modi bezeichnen in dem sprachlichen Verkehr notwendiger

sind als die meisten Hauptwörter welche besondere Substanzen bezeichnen

 
 






     1 Philalethes Die Gattungen und Spezies der Substanzen wie der anderen

Wesen sind nur Arten Die Sonnen zB sind eine Art von Sternen dh es sind

Fixsterne denn man glaubt nicht ohne Grund dass jeder Fixstern sich für jemand

der in richtiger Entfernung sich befindet als eine Sonne zeigen würde  2 Nun

ist das was jede Art bestimmt ihre Wesenheit  3 Diese wird erkannt entweder

durch das Innere der Bildung oder durch äußere Merkmale die uns dieselbe

erkennen und mit einem bestimmten Namen benennen lassen So kann man die Uhr von

Straßburg entweder als der Uhrmacher welcher sie verfertigt hat oder als ein

Zuschauer der ihre Verrichtungen sieht erkennen

    Theophilus Wenn Sie sich so ausdrücken habe ich nichts dagegen

einzuwenden

    Philalethes Ich drücke mich auf eine Weise aus die geeignet ist unsere

Streitigkeiten nicht wieder aufleben zu lassen Ich füge jetzt hinzu dass sich

die Wesenheit nur auf die Arten bezieht und dass den Individuen nichts wesentlich

ist Ein Unglücksfall oder eine Krankheit kann meine Hautfarbe oder meine

Gestalt verändern ein Fieber oder ein Fall kann mir die Vernunft oder das

Gedächtnis rauben Ein Schlagfluss kann mich dazu bringen dass ich weder

Empfindung noch Verstand noch leben habe Fragt man mich ob es mir wesentlich

ist Vernunft zu haben so werde ich mit Nein antworten

    Theophilus Ich glaube dass den Individuen etwas Wesentliches beiwohnt und

zwar mehr als man denkt Es ist den Substanzen wesentlich tätig zu sein den

geschaffenen Substanzen zu leiden den Geistern zu denken den Körpern,

Ausdehnung und Bewegung zu haben dh es gibt Arten oder Spezies denen ein

Individuum wenigstens natürlicherweise nicht aufhören kann zuzugehören wenn

es einmal dazu gehört hat welche Umwälzungen auch in der Natur vorfallen mögen

Es gibt aber auch Arten oder Spezies welche ich gestehe es zu den Individuen

zufällig sind die ihnen anzugehören aufhören können So kann man aufhören

gesund schön weise und selbst sichtbar und fühlbar zu sein man hört aber

nicht auf Leben Organe und Wahrnehmungen zu haben Ich habe darüber genug

gesagt warum es den Menschen so scheint dass das Leben und das Denken mitunter

aufhören obgleich sie nicht aufhören zu dauern und Wirkungen zu haben

     8 Philalethes Zahlreiche Individuen die unter einen gemeinsamen Namen

gebracht als eine einzige Art betrachtet werden, haben doch sehr verschiedene

Eigenschaften die von ihren wirklichen besonderen inneren Bildungen

abhangen Dies bemerken ohne Mühe alle diejenigenwelche die natürlichen Körper

prüfen und Chemiker überzeugen sich oft davon durch trübselige Erfahrungen

indem sie vergeblich in einem Stück Spiesglanz Schwefel und Vitriol die

Eigenschaften suchen die sie in anderen Stücken dieser Mineralien gefunden

haben

    Theophilus Das ist vollkommen richtig und ich könnte selbst Neues

hinzufügen auch hat man ganze Bücher geschrieben »über den unsicheren Erfolg

chemischer Experimente« Die Täuschung geschieht aber dadurch dass man diese

Körper für gleichartig oder einförmig nimmt während sie mehr als man denkt

gemischt sind denn in den ungleichmäßigen Körpern wundert man sich nicht

Verschiedenheiten zwischen den einzelnen Exemplaren wahrzunehmen und die Ärzte

wissen nur gar zu wohl wie verschieden die Temperamente und das Naturell der

menschlichen Körper sind Man kann mit einem Worte niemals die letzten logischen

Arten finden wie ich schon früher bemerkt habe und niemals sind zwei wirkliche

und vollständige Individuen derselben Art einander vollkommen gleich

    Philalethes Wir bemerken nicht alle diese Unterschiede weil wir nicht alle

die kleinen Teile folglich auch nicht die innere Bildung der Dinge kennen auch

können wir uns derselben nicht bedienen um die Arten oder Spezies der Dinge zu

bestimmen, und wenn wir es durch jene Wesenheiten oder was die Schulen

substantielle Formen nennen tun wollten so würden wir wie ein Blinder sein

welcher die Körper nach den Farben ordnen wollte  11 Wir erkennen nicht

einmal die Wesenheiten der Geister wir können nicht verschiedene spezifische

Vorstellungen von den Engeln uns bilden obschon wir wohl wissen dass es

verschiedene Arten von Geistern geben müsse Auch scheinen wir in unseren

Vorstellungen keinen Unterschied zwischen Gott und den Geistern mittels irgend

einer Anzahl einfacher Vorstellungen zu machen ausgenommen die dass wir Gott

die Unendlichkeit beilegen

    Theophilus Es gibt in meinem Systeme noch einen anderen Unterschied

zwischen Gott und den geschaffenen Geistern dass nämlich meiner Ansicht nach

alle geschaffenen Geister Körper haben müssen ganz wie unsere Seele einen

solchen hat

     12 Philalethes Wenigstens glaube ich dass zwischen den Körpern und den

Geistern die Analogie stattfindet dass wie es in den Abwandelungen der

körperlichen Welt keine Lücke gibt es nicht weniger Verschiedenheit unter den

vernünftigen Geschöpfen gibt Fängt man von uns an und geht bis zu den

niedrigsten Wesen so ergibt sich eine Stufenleiter von sehr kleinen Abstufungen

und mittels einer ununterbrochenen Reihe von Dingen, die in jeglichem Abstande

sehr wenig voneinander verschieden sind Es gibt Fische die Flügel haben und

denen die Luft nicht fremd ist und es gibt Vögel die im Wasser wohnen kaltes

Blut wie die Fische haben und deren Fleisch ihnen im Geschmack so gleicht dass

man gewissenhaften Leuten erlaubt während der Fastentage davon zu essen Es

gibt Tiere welche sich der Art der Vögel und der der Säugetiere so nähern dass

sie zwischen ihnen die Mitte halten Die Amphibien gleichen den Landtieren

ebenso wie den Wassertieren Die Seekälber leben auf der Erde und im Meer und

die Meerschweine haben heißes Blut und Eingeweide wie ein Schwein Um nicht

davon zu sprechen was man von den Seemenschen erzählt so gibt es Tiere welche

ebensoviel Erkenntnis und Vernunft zu haben scheinen als manche Wesen die man

Menschen nennt und zwischen den Tieren und den Pflanzen ist eine so große

Verwandtschaft dasswenn Sie das Unvollkommenste von den einen und das

Vollkommenste von den anderen nehmen Sie kaum eine bedeutende Verschiedenheit

zwischen ihnen bemerken werden Bis wir also zu den niedrigsten und am wenigsten

organisierten Teilen der Materie kommen werden wir überall die Arten

miteinander verbunden und nur durch fast unmerkliche Abstufungen voneinander

verschieden finden Und wenn wir die unendliche Weisheit und Macht des Urhebers

aller Dinge erwägen so haben wir Grund zu denken es sei etwas der prachtvollen

Harmonie des Weltalls und dem großen Plane sowohl als der unendlichen Güte

dieses obersten Baumeisters Angemessenes dass die verschiedenen Arten der

Geschöpfe sich so allmählich von uns bis zu seiner unendlichen Vollkommenheit

erheben Wir haben also Ursache überzeugt zu sein dass es weit mehr Arten von

Geschöpfen über uns gibt als unter uns weil wir von Gottes unendlichem Wesen

an Vollkommenheitsgraden viel weiter entfernt sind als von dem was sich dem

Nichts am meisten nähert Indessen haben wir keine klare und deutliche

Vorstellung von allen diesen verschiedenen Arten.

    Theophilus Ich hatte den Plan an einer anderen Stelle etwas dem von Ihnen

soeben Auseinandergesetzten Ähnliches zu sagen ich freue mich aber dass Sie mir

zuvorgekommen sind da ich sehe dass Sie die Dinge besser sagen als ich es zu

tun hätte hoffen können Einsichtsvolle Philosophen haben jene Frage behandelt

utrum detur vacuum formarum dh ob es mögliche Arten gibt die gleichwohl

nicht wirklich existieren und welche die Natur vergessen zu haben scheinen

könnte Ich habe Ursachen zu glauben dass alle logisch möglichen Arten doch

nicht wirklich mögliche compossibiles in dem Weltall sind so groß es auch

ist und zwar nicht allein hinsichtlich der Dinge, die zur nämlichen Zeit

zusammen da sind sondern sogar hinsichtlich der ganzen Reihenfolge der Dinge;

dh es gibt glaube ich notwendig Arten die niemals gewesen sind und niemals

sein werden da sie sich mit derjenigen Reihenfolge der Geschöpfe welche Gott

gewählt hat nicht vertragen Ich glaube aber dass alle Dingewelche die

vollkommene Harmonie des Weltalls in sich aufnehmen konnte darin enthalten

sind Dieser nämlichen Harmonie entspricht dass es Geschöpfe mittlerer Art gibt

außer denen die einander fernstehen wenn dies auch nicht immer auf demselben

Weltall oder System stattfindet Auch ist das Mittlere zwischen zwei Arten dies

mitunter nur hinsichtlich gewisser Umstände nicht aber hinsichtlich anderer

Die vom Menschen in anderen Dingen so verschiedenen Vögel nähern sich ihm doch

durch die Sprache aber wenn die Affen wie die Papageien sprechen könnten

würden sie doch viel weiter gelangen Das Gesetz der Stetigkeit lässt in der

Natur keine Lücke in der von ihr befolgten Ordnung zu aber nicht jede Form oder

Art passt für jedwede Ordnung Was die Geister oder Genien betrifft so nehme ich

an dass wie alle geschaffenen Geister organische Körper haben deren

Vollkommenheit der der Intelligenz oder des in diesem Körper gemäß der vorher

bestimmten Harmonie befindlichen Geistes entspricht so auch um etwas von den

Vollkommenheiten der höheren Geister zu begreifen viel dazu dient sich auch

Vollkommenheiten in den körperlichen Organen vorzustellen welche die des

unsrigen übertreffen An diesem Punkte kann die lebendigste und reichste

Phantasie und um mich eines italienischen Ausdrucks zu bedienen den ich nicht

gut anders ausdrücken kann linvenzione la più vaga Veranlassung sein uns

über uns selbst zu erheben Auch das was ich gesagt habe um mein System der

Harmonie zu rechtfertigen welches die göttlichen Vollkommenheiten über das

hinaus erhebt worauf das Denken bisher gekommen ist wird gleichfalls dazu

dienen dass man auch von den Geschöpfen unvergleichlich viel großartigere

Vorstellungen als bisher haben wird

     14 Philalethes Um auf die geringe Wirklichkeit der Arten selbst in den

Substanzen zurückzukommen frage ich Sie ob Wasser und Eis von verschiedener

Art ist

    Theophilus Und ich frage meinerseits ob das im Tiegel geschmolzene Gold

und das zu einem Barren wieder erstarrte Gold von derselben Art sind

    Philalethes Der antwortet nicht auf die Frage welcher eine neue aufwirft

und »litem lite resolvit« den Streit mit dem Streit auflöst Sie werden

indessen daraus erkennen dass die Zurückführung der Dinge auf Arten sich einzig

und allein auf unsere Vorstellungen von ihnen bezieht was genügt um sie durch

Benennungen zu unterscheiden wenn wir aber voraussetzen dass diese

Unterscheidung sich auf ihre wirkliche innere Bildung begründet und die Natur

die vorhandenen Dinge nach ihren wirklichen Wesenheiten in ebensoviel Arten

unterscheidet so wie wir selbst sie durch diese oder jene Bezeichnungen in

Arten unterscheiden so würden wir großen Täuschungen unterworfen sein

    Theophilus In dem Ausdruck Art oder Wesen von verschiedener Art liegt eine

gewisse Zweideutigkeit welche alle diese Schwierigkeiten verursacht und wenn

wir die gehoben haben werden wir uns nicht mehr darüber streiten als

vielleicht über das Wort Man kann Art im mathematischen und physischen Sinne

nehmen Im streng mathematischen Sinne macht der geringste Unterschied wonach

zwei Dinge nicht in allem einander gleich sind, dass sie der Art nach sich

unterscheiden So sind in der Geometrie alle Kreise von derselben Art, denn sie

sind alle vollkommen gleich und aus demselben Grunde sind auch alle Parabeln

von derselben Art, aber es verhält sich nicht ebenso mit den Ellipsen und

Hyperbeln denn davon gibt es eine unendliche Menge von Klassen oder Arten

wobei es wieder auch unendlich viel verschiedene in jeder Art gibt Alle die

unzähligen Ellipsen in denen die Entfernung der Brennpunkte zur Entfernung der

Scheitel dasselbe Verhältnis hat sind von derselben Art. Da aber die

Verhältnisse dieser Entfernungen sich nur der Größe nach ändern so folgtdass

alle diese unendlichen Arten von Ellipsen nur eine Gattung ausmachen und es

darin keine Unterteilungen gibt während ein Oval mit drei Brennpunkten wieder

sogar eine unendliche Menge solcher Gattungen und eine unendlich unendliche Zahl

von Arten haben würde indem jede Gattung deren eine einfach  unendliche Zahl

hat Auf diese Art werden zwei physische Einzelwesen niemals einander vollkommen

gleich sein ja was mehr sagen will dasselbe Einzelwesen wird von einer Art

zur anderen übergehen denn es ist sich selbst niemals länger als einen

Augenblick in allem gleich Wenn aber physische Arten aufgestellt werden so

verbindet man damit nicht diesen strengen Sinn und es hängt von uns ab zu

sagen dass eine Masse welche wir unter ihre erste Form zurückkehren lassen

können in dieser Beziehung auch von derselben Art bleibt So sagen wir dass das

Wasser das Gold das Quecksilber das gewöhnliche Kochsalz dies bleiben und

unter den gewöhnlichen Veränderungen sich nur verstecken In den organischen

Körpern aber oder in den Pflanzen und Tierarten definieren wir die Art durch die

Abkunft so dass jedes Gleiche welches aus demselben Ursprung oder Samen kommt

oder gekommen sein könnte von derselben Art wäre Beim Menschen hält man sich

außer an die menschliche Abkunft noch an seine Eigenschaft ein Vernunftwesen zu

sein und wenn es auch Menschen gibt die ihr ganzes Leben lang den Tieren

ähnlich bleiben so setzt man doch voraus dass dies nicht aus Mangel des

Vermögens oder des Prinzips der Fall istsondern aus Hindernissen welche jenes

Vermögen bannen aber man hat sich noch nicht hinsichtlich aller der äußeren

Bedingungen entschieden die man für hinreichend annehmen will um solche

Voraussetzung zuzugeben Was indessen die Menschen immer für Regeln hinsichtlich

ihrer Bezeichnungen und der den Namen beigelegten Rechte aufstellen mögen wenn

nur ihre Einrichtung zusammenhängend oder einheitlich und verständlich ist so

wird sie in der Wirklichkeit begründet sein und sie werden sich keine Arten

bilden können als solchewelche die bis zu den Möglichkeiten alles umfassende

Natur schon vor ihnen gemacht oder unterschieden hat Was das Innere anbetrifft

so kann wenngleich es keine äußere Erscheinung gibt die nicht in der inneren

Beschaffenheit begründet ist nichtsdestoweniger doch mitunter dieselbe

Erscheinung aus zwei verschiedenen Beschaffenheiten entspringen Dabei wird

freilich immer etwas Gemeinschaftliches sein was wir in der Philosophie die

nächste formelle Ursache nennen

    Aber wenn diese auch nicht da wäre wie wenn zB nach Mariotte das Blau des

Regenbogens einen ganz anderen Ursprung als das Blau eines Türkises hätte ohne

dass eine gemeinsame formelle Ursache dabei obwaltete worin ich nicht seiner

Meinung bin und man zugäbe dass gewisse Naturen in ihrer Erscheinung die uns

zum Benennen veranlassen miteinander nichts Inneres gemein hätten so würden

unsere Definitionen dennoch in den wirklichen Arten begründet sein denn die

Phänomene selbst sind Realitäten Wir können also sagen dass alles was wir mit

Wahrheit unterscheiden oder vergleichen die Natur auch unterscheidet oder

knüpft wiewohl sie viele Unterscheidungen oder Vergleichungen haben mag die

wir nicht kennen und die besser sein können als die unserigen Auch wird es

noch vieler Mühe und Erfahrung bedürfen um die Geschlechter und Arten auf eine

der Natur annähernd gleiche Weise zu bestimmen. Die neueren Botaniker glauben

dass die von den Formen der Blumen hergenommenen Unterscheidungen der natürlichen

Ordnung am nächsten kommen Aber sie finden dabei doch noch viel Schwierigkeit

und es würde passend sein Vergleichungen und Anordnungen nicht nur nach einem

einzigen Grunde zu machen wie der eben von mir erwähnte von den Blumen

hergenommene sein würde welcher bis jetzt vielleicht der angemessenste für ein

erträgliches und den Lernenden bequemes System istsondern auch nach den

anderen Gründen welche von anderen Teilen und Verhältnissen der Pflanzen

hergenommen sind Ein jeder Vergleichungsgrund verdient seine besonderen

Tabellen ohne deren Hilfe man viele untergeordnete Gattungen und viele

Vergleichungspunkte Unterscheidungen und nützliche Bemerkungen sich entgehen

lassen würde Aber je mehr man in die Entstehung der Arten eindringen und je

mehr man bei der Einteilung den dazu nötigen Bedingungen folgen wird desto mehr

wird man ach der natürlichen Ordnung nähern Wenn daher die Vermutung einiger

einsichtigen Leute sich als wahr herausstellen sollte dass es in der Pflanze

außer dem Korn oder dem bekannten dem Ei des Tieres entsprechenden Samen noch

einen anderen Samen gibt welcher den Namen des männlichen Samens verdienen

würde nämlich einen sehr oft sichtbaren wenngleich mitunter vielleicht wie

das Samenkorn selbst es bei gewissen Pflanzen ist unsichtbaren Staub Pollen

den der Wind oder andere gewöhnliche Umstände verbreiten um ihn mit dem

Samenkorn in Verbindung zu bringen und der mitunter von der nämlichen Pflanze

kommt mitunter aber auch wie beim Hanf aus einer benachbarten Pflanze

derselben Art entsteht welche folglich mit dem männlichen Anteile in Analogie

stehen würde wenngleich die weibliche nicht immer ganz dieses männlichen

Pollens entbehrt   wenn das sage ich sich als wahr herausstellen würde so

zweifle ich nicht dass die dabei zu bemerkenden Unterschiede einen Grund zu sehr

natürlichen Einteilungen abgeben würden und wenn wir den durchdringenden

Scharfblick höherer Geister hätten und die Sachen tief genug erkennten so

würden wir vielleicht feststehende Attribute für jede Spezies finden die allen

ihren Individuen gemeinsam und immer in demselben lebendigen Organismus als

feststehend vorhanden sind, welche Veränderungen oder Umwandlungen ihm auch

begegnen mögen wie in der bekanntesten physischen Spezies der menschlichen

nämlich die Vernunft ein solches feststehendes Attribut ist welches jedem

Individuum und immer unverlierbar zukommt obschon man es nicht immer bemerken

kann Aber in Ermangelung dieser Erkenntnisse bedienen wir uns derjenigen

Attribute welche uns die bequemsten scheinen um die Dinge zu unterscheiden und

zu vergleichen und mit einem Wort ihre Arten und Klassen zu erkennen und diese

Attribute haben immer ihre reellen Gründe

     14 Philalethes Um die substantiellen Wesen nach der gewöhnlichen

Voraussetzung zu unterscheiden wonach es bestimmte Wesenheiten oder eigene

Formen der Dinge gibt durch welche alle bestehenden Individuen von Natur in

Arten unterschieden werden, müsste man erstlich versichert sein  15 dass die

Natur sich bei der Hervorbringung der Dinge immer vorsetzt sie an bestimmten

und feststehenden Wesenheiten wie an Musterbildern teilnehmen zu lassen und

zweitens  16 dass die Natur diesen Zweck immer erreicht Die Missgeburten aber

lassen uns an dem einen und dem anderen zweifeln  17 Drittens müsste man

bestimmen ob diese Missgeburten wirklich eine besondere neue Art bilden denn

wir finden dass wenige oder gar keine von ihnen an den Eigenschaften teilhaben

welche man von der Wesenheit derjenigen Art herleitet aus der sie ihren

Ursprung haben und der sie kraft ihrer Geburt anzugehören scheinen

    Theophilus Wenn es sich darum handelt zu bestimmen, ob die Missgeburten

eine besondere Art ausmachen so ist man oft auf Vermutungen angewiesen Dies

zeigt, dass man sich da nicht auf das Innere beschränkt weil man vielmehr

erraten will ob die den Individuen einer bestimmten Art gemeinsame innere Natur

 wie zB die Vernunft im Menschen wie die Abkunft es vermuten lässt auch

denjenigen Individuen zukommt denen ein Teil der äußeren Zeichen fehlt die

sich bei dieser Art gewöhnlich finden Aber unsere Ungewissheit hat mit der Natur

der Dinge nichts zu schaffen und wenn es eine solche innere Naturbeschaffenheit

gibt so wird sie sich bei der Missgeburt finden oder nicht finden wir mögen es

nun wissen oder nicht Wenn nun die innere Natur keiner Art sich darin findet

so wird die Missgeburt eine eigene Art bilden aber wenn es in den Arten um die

es sich handelt keine solche innere Natur gibt und man ebensowenig bei der

Herkunft stehen bliebe so würden dann die inneren Merkmale allein die Art

bestimmen und die Missgeburten derjenigen von welcher sie sich entfernen nicht

angehören man müsste sie denn auf eine unbestimmte und einigermaßen erweiterte

Weise nehmen und in diesem Falle auch wäre unsere Mühe die Art erraten zu

wollen vergeblich Das haben Sie vielleicht mit allem dem sagen wollen was Sie

gegen die von den inneren wirklichen Wesenheiten hergenommenen Arten einwerfen

Sie müssten also beweisen dass es dann kein gemeinschaftliches inneres

spezifisches Kennzeichen gibt wo das äußere gänzlich vermisst wird Aber das

Gegenteil findet sich bei der menschlichen Spezies wo mitunter Kinder die

etwas Missgeborenes haben bis zu einem Alter gelangen wo sie Vernunft zeigen

Warum könnte bei anderen Arten nicht etwas Ähnliches vorkommen Allerdings

können wir aus Mangel an Kenntnis derselben uns dessen nicht bedienen um sie zu

definieren aber das Äußere vertritt die Stelle davon wenngleich wir anerkennen

müssen dass es zu einer genauen Definition nicht genügt und selbst die

Nominaldefinitionen in solchen Fällen nur Vermutungen sind und wie ich schon

vorher gesagt habe mitunter nur als vorläufige gelten So könnte man z B das

Mittel finden das Gold dergestalt nachzumachen dass es allen bis jetzt damit

gemachten Proben genügte Aber man könnte auch eine neue Art des Probierens

entdecken welche das Mittel gewährte das natürliche Gold von diesem künstlich

gemachten Gold zu unterscheiden Alte Urkunden schreiben dem Kurfürsten August

von Sachsen das eine und das andere zu aber ich erlaube mir nicht diese

Tatsache zu verbürgen Hätte es indessen damit seine Richtigkeit so könnten wir

vom Golde eine vollkommenere Definition haben als gegenwärtig und wenn das

künstliche Gold in Menge und billig gemacht werden könnte wie die Alchimisten

es behaupten so würde diese neue Probe von Wichtigkeit sein denn man würde der

Menschheit dadurch den Vorteil erhalten welchen das natürliche Gold durch seine

Seltenheit im Handel gibt indem es uns einen dauerhaften gleichförmigen

leicht zu teilenden und wiederzuerkennenden und auch im kleinen Umfange

wertvollen Stoff darbietet Ich will mich dieser Gelegenheit bedienen um eine

Schwierigkeit zu heben man sehe den  50 des Kapitels über die Namen der

Substanzen bei dem Verfasser der Abhandlung über den Verstand Der Einwurf ist

Wenn man sagt alles Gold ist feuerbeständig und man unter der Vorstellung des

Goldes eine Masse von gewissen Eigenschaften versteht worin die

Feuerbeständigkeit mit einbegriffen ist so bildet man nur einen identischen und

leeren Satz wie wenn man sagte das Feuerbeständige ist feuerbeständig

versteht man aber darunter ein substantielles mit einer gewissen inneren

Wesenheit begabtes Ding wovon die Feuerbeständigkeit eine Folge ist so wird

man unverständlich sein denn diese wirkliche Wesenheit ist gänzlich unbekannt

Darauf antworte ich dass der mit dieser inneren Beschaffenheit begabte Körper

durch andere äußere Kennzeichen bestimmt ist bei denen die Feuerbeständigkeit

nicht mit inbegriffen ist wie wenn jemand sagte der schwerste aller Körper ist

auch einer der feuerbeständigsten Aber alles dies ist nur vorläufig denn man

könnte einmal einen flüchtigen Körper finden der wie ein neues Quecksilber

schwerer sein könnte als das Gold und auf dem das Gold schwämme wie das Blei

auf unserem Quecksilber schwimmt

     19 Philalethes Allerdings können wir auf diese Art niemals die Zahl der

Eigenschaftenwelche von der wirklichen Wesenheit des Goldes abhangen genau

erkennen es sei denn dass wir die Wesenheit des Goldes selbst erkennten  21

Wenn wir uns indessen bestimmt auf gewisse Eigenschaften beschränken so wird

das für uns hinreichen um genaue Nominaldefinitionen in erhalten welche uns

für die Gegenwart dienen wobei es uns frei steht die Bedeutung der Worte zu

verändern wenn ein neuer nützlicher Unterscheidungsgrund entdeckt werden

sollte Aber diese Definition muss wenigstens dem Wortgebrauch entsprechen und an

dessen Stelle gesetzt werden können. Dies dient dazu diejenigen zu widerlegen

nach deren Behauptung die Ausdehnung die Wesenheit des Körpers ausmacht denn

sagt man dass ein Körper dem anderen einen Anstoß gibt so würde dies eine

offenbare Ungereimtheit sein wenn man die Ausdehnung dafür setzend sagen würde

dass eine Ausdehnung eine andere Ausdehnung mittels eines Anstoßes in Bewegung

setzt denn man braucht dazu noch die Dichtheit Ebensowenig kann man sagen dass

die Vernunft oder das, was den Menschen vernünftig macht Unterhaltung pflegt

denn die Vernunft macht ebensowenig das ganze Wesen des Menschen aus es sind

die vernünftigen lebendigen Wesen die miteinander der Unterhaltung pflegen

    Theophilus Ich glaube Sie haben recht denn die Gegenstände der abstrakten

und unvollständigen Vorstellungen genügen nicht um von allen Handlungen der

Dinge die Gründe anzugeben Indessen glaube ich dass allen Geistern die

einander ihre Gedanken mitteilen können die Unterhaltung zukommt Die

Scholastiker sind darüber in großer Verlegenheit wie die Engel dies tun können

aber wenn sie ihnen wie ich nach dem Vorgang der Alten feine Körper

zuschrieben so würde darin keine Schwierigkeit mehr sein

     22 Philalethes Es gibt Geschöpfe die eine der unsrigen ähnliche Gestalt

haben aber mit Haaren bedeckt sind und nicht den Gebrauch der Sprache und der

Vernunft haben Es gibt unter uns Schwachsinnige die vollkommen die nämliche

Gestalt wie wir haben aber denen die Vernunft fehlt und von denen einige nicht

den Gebrauch der Sprache haben Es gibt wie man sagt Geschöpfe welche mit dem

Gebrauch der Sprache und der Vernunft und einer der unsrigen in jedem anderen

Stück gleichen Gestalt haarige Schweife haben wenigstens ist es nicht

unmöglich dass es solche Geschöpfe gebe Andere gibt es bei denen die Männchen

keinen Bart haben und wiederum andere bei denen die Weibchen einen solchen

haben Fragt man nun ob alle diese Geschöpfe Menschen sind oder nicht ob sie

zur menschlichen Spezies gehören so bezieht sich offenbar die Frage nur auf die

Nominaldefinition oder auf die zusammengesetzte Vorstellungwelche wir uns

bilden um sie mit diesem Namen zu bezeichnen Denn die innere Wesenheit ist uns

vollständig unbekannt obgleich wir Grund haben anzunehmen dass da wo die

Fähigkeiten oder auch die äußere Gestalt so unterschieden sind die innere

Beschaffenheit nicht dieselbe ist

    Theophilus Ich glaube dass wir hinsichtlich des Menschen eine Definition

haben welche zugleich real und nominal ist denn nichts kann dem Menschen so

wesentlich sein als die Vernunft, und sie lässt sich gewöhnlich wohl erkennen

Darum können neben ihr der Bart und der Schweif nicht in Betracht kommen Ein

Waldmensch sowohl als ein behaarter Mensch lassen als Menschen sich erkennen

und Haare wie die des Affen sind kein Grund jemand von der Menschheit

auszuschließen Die Blödsinnigen ermangeln des Gebrauches der Vernunft; da wir

aber aus Erfahrung wissen dass die Vernunft oft gebunden ist und sich nicht

zeigen kann und dies Menschen widerfährt welche sie schon gezeigt haben und

künftig noch zeigen werden so fällen wir nach der Wahrscheinlichkeit das

nämliche Urteil über diese Blödsinnigen auf Grund anderer Kennzeichen nämlich

der körperlichen Gestalt Auf Grund dieser mit der Abkunft verbundenen Zeichen

nimmt man an dass die Kinder Menschen sind und Vernunft zeigen werden und man

täuscht sich darin selten Gäbe es aber vernünftige lebendige Wesen von einer

von der unserigen ein wenig verschiedenen Gestalt so würden wir in Verlegenheit

sein Man sieht daraus dasswenn unsere Definitionen von der Äußerlichkeit der

Körper abhangen sie unvollkommene und vorläufige sind Wenn sich jemand für

einen Engel ausgäbe und Dinge wüsste oder zu verrichten wüsste die über uns

hinausgehen so würde er sich Glauben verschaffen können Wenn ein anderer wie

Gonzales mittels einer außerordentlichen Maschine aus dem Monde käme und uns

glaubhafte Dinge von seinem Geburtslande erzählte so würde er für einen

Mondbewohner gelten und doch könnte man ihm so fremd er auch unserer Weltkugel

wäre den Indigenat und die Bürgerrechte mit dem Titel eines Menschen

bewilligen wenn er aber die Taufe verlangte und als Proselyt unseres Glaubens

aufgenommen werden wollte so glaube ich dass man unter den Theologen unseres

Glaubens große Streitigkeiten sich erheben sehen würde Und wenn der Verkehr mit

jenen Planetenmenschen die nach Huygens Meinung denen unserer Erde ganz

ähnlich sind offen wäre so würde die Frage ein allgemeines Konzil verdienen

um zu entscheiden ob wir die Ausbreitung des Glaubens über unsere Erdkugel

hinaus weiter zu treiben Sorge tragen müssten Manche würden ohne Zweifel dabei

behaupten dass da die vernünftigen lebendigen Wesen jenes Landes nicht von

Adams Rasse wären sie auch an der Erlösung durch Jesus Christus keinen Teil

hätten andere aber würden vielleicht sagen dass wir weder genug wissen wo Adam

immer gewesen ist noch was aus seiner Nachkommenschaft geworden ist wie es

denn sogar Theologen gegeben hat die geglaubt haben dass der Mond der Ort des

Paradieses gewesen sei Man würde daher vielleicht durch Stimmenmehrheit als das

Sicherste beschließen jene zweifelhaften Menschen unter der Bedingung zu

taufen wenn sie der Taufe fällig sind ich zweifle aber dass man in der

römischen Kirche Priester aus ihnen machen würde weil ihre Weihen immer ungewiss

sein würden und man nach der Voraussetzung dieser Kirche das Volk der Gefahr

eines materiellen Götzendienstes aussetzen würde Glücklicherweise sichert uns

die Natur vor allen diesen Verlegenheiten indessen haben solche sonderbare

Erdichtungen in der Spekulation ihren Nutzen um das Wesen unserer Vorstellungen

recht erkenntlich zu machen

     23 Philalethes Vielleicht würden sich manche nicht allein in den

theologischen Streitfragen sondern auch bei anderen Gelegenheiten nach der

Rasse richten und erklären dass bei den Tieren die Fortpflanzung durch die

Begattung des Männchens und des Weibchens und bei den Pflanzen mittelst des

Samens die vorausgesetzten wirklichen Arten als besondere und in ihrer Ganzheit

erhält aber dies wurde nur dazu dienen die Arten der Tiere und der

Vegetabilien festzusetzen Was soll man mit den übrigen machen Es reicht auch

nicht einmal hinsichtlich jener aus denn wenn man der Geschichte glauben darf

sind Frauen durch Affen geschwängert worden Da entsteht also eine neue Frage

zu welcher Art ein solches Erzeugnis gehören soll Man sieht oft Maulesel und

Jumarts man vergleiche das etymologische Lexikon von Menage die ersteren

erzeugt von einem Esel und einer Stute die letzteren von einem Stier und einer

Stute Ich habe ein von einer Katze und einer Ratte erzeugtes Tier gesehen

welches sichtbare Kennzeichen dieser beiden Tiere hatte Nimmt man dazu noch

missgeborene Erzeugnisse so wird man finden dass es gar schwer hält die Art

durch die Zeugung zu bestimmen, und wenn man sie nur auf diese Weise machen

könnte müsste man da nicht nach Indien gehen um Vater und Mutter eines Tigers

und den Samen der Teepflanze zu sehen Oder lässt es sich nicht auf andere Weise

beurteilen oh die zu uns kommenden Individuen zu jenen Arten gehören

    Theophilus Die Abkunft oder Rasse ergibt wenigstens eine starke Vermutung

dh einen vorläufigen Beweis und ich habe schon gesagt dass unsere Kennzeichen

gar oft nur mutmaßliche sind Mitunter wird die Rasse durch die Gestalt Lügen

gestraft wenn das Kind dem Vater und der Mutter unähnlich ist und die Mischung

in der Gestalt ist nicht immer das Kennzeichen der Mischung der Rassen denn es

kann geschehen dass ein Muttertier ein Wesen zur Welt bringt das einer fremden

Art anzugehören scheint und dass die bloße Einbildung der Mutter diese

Abweichung verursacht hat Nicht einmal dessen zu erwähnen was man Mondkalb

nennt Aber da man doch vorläufigerweise aus der Rasse die Art beurteilt so

beurteilt man auch aus der Art die Rasse Als man einmal dem König Johann

Kasimir von Polen ein unter den Bären gefundenes Kind aus dem Walde brachte

welches von deren Manieren viel an sich hatte endlich aber als ein vernünftiges

Wesen erkannt wurde hat man kein Bedenken getragen es als der adamitischen

Rasse zugehörig anzuerkennen und auf dem Namen Joseph zu taufen wiewohl

vielleicht unter der Bedingung si baptizatus non es wenn da noch nicht getauft

bist nach dem Gebrauch der römischen Kirche weil es ja nach der Taufe durch

einen Bären hätte geraut sein können Man kennt noch nicht genug die Wirkungen

der Vermischungen von Tieren und tötet oft die Missgeburten statt sie

aufzuziehen da sie doch ohnehin nicht lange zu leben pflegen Man glaubt dass

die gemischten Tierarten sich nicht vermehren indessen schreibt Strabo den

Mauleseln von Kappadozien die Fortpflanzung zu und aus China schreibt man mir

dass es in der benachbarten Tatarei eine besondere Rasse von Mauleseln gebe Auch

sehen wir dass die gemischten Arten bei den Pflanzen fähig sind ihre neue Art

zu erhalten Bei den Tieren weiß man nicht immer recht ob es das Männchen oder

das Weibchen oder beide oder keins von beiden ist was am meisten die Art

bestimmt Die Lehre von dem weiblichen Ei welche der verstorbene Kerkring so

berühmt gemacht hatte schien den männlichen Teil bei der Zeugung auf die Rolle

des Staubregens hinsichtlich der Pflanzen zu beschränken welcher dem Samen das

Mittel gibt aufzugehen und sich aus der Erde zu erheben nach den Versen des

Virgil welche die Priscillianer anzuführen pflegten

 

 Dum Pater omnipotens fecundis imbribus aether

 Conjugis in laetae gremium descendit et omnes

 Magnus alit magno commissus corpore foetus

 

    Mit einem Worte würde nach dieser Hypothese der Mann nichts mehr als der

Regen sein aber Leeuwenhoeck hat die Ehre des männlichen Geschlechts

wiederhergestellt und seinerseits das weibliche heruntergesetzt als ob es nur

die Leistung der Erde hinsichtlich des Samens hätte indem es ihm den Ort und

die Nahrung gibt was selbst dann stattfinden könnte wenn man die Theorie von

den Eiern aufrechterhielte Dies hindert aber nicht dass die Einbildungskraft

der Frau auf die Form des Fötus einen großen Einfluss hat auch wenn man

voraussetzen wollte dass das Wesen selbst von dem Mann abstammt denn er

befindet sich in einem Zustand welcher schon für gewöhnlich zu großer

Veränderung bestimmt und darum auch um so mehr für außerordentliche

Veränderungen empfänglich ist Man versichert dass die Einbildungskraft einer

Dame vom Stande welche durch den Anblick eines Verstümmelten verletzt wurde

dem der Geburt schon sehr nahen Fötus die Hand abgetrennt habe welche Hand sich

nachher bei der Nachgeburt gefunden haben soll doch verdient dies erst

Beglaubigung Vielleicht könnte jemand mit der Behauptung kommen dasswenn auch

die Seele nur von einem Geschlecht herkommen kann doch das eine wie das andere

Geschlecht etwas Organisches hergäbe und aus beiden Körpern ebenso einer werde

wie wir sehen dass der Seidenwurm gleichsam ein doppeltes Tier ist und unter der

Form der Raupe ein fliegendes Insekt in sich schließt so sehr sind wir noch

über einen so wichtigen Gegenstand im dunklen Vielleicht wird uns einmal die

Analogie der Pflanzen darüber Licht geben aber gegenwärtig sind wir über die

Erzeugung der Pflanzen selbst noch nicht unterrichtet die Mutmaßung über den

Staub der sich dabei bemerken lässt als oh derselbe dem menschlichen Samen

entsprechen könnte ist noch nicht recht aufgeklärt Übrigens ist oft genug ein

Pflanzenschößling imstande eine ganz neue Pflanze zu geben wofür man noch

keine Analogie bei den Tieren kennt auch kann man nicht sagen dass der Fuß des

Tieres ein Tier ist wie jeder Zweig eines Baumes eine des Fruchtbringens fähige

Pflanze für sich ist. Auch gelingen die Mischungen der Arten und selbst die

Veränderungen innerhalb derselben Art bei den Pflanzen oft mit vielem Erfolge

Vielleicht sind oder waren die Tierarten zu irgend einer Zeit oder an irgend

einem Ort des Universums der Veränderung mehr unterworfen als sie es

gegenwärtig unter uns sind oder künftig sein werden Manche Tiere die etwas von

der Katze haben wie der Löwe der Tiger und der Luchs könnten von der

nämlichen Rasse gewesen sein und gegenwärtig gleichsam neue Unterabteilungen der

alten Katzenarten bilden So komme ich immer auf das schon mehr als einmal

Gesagte zurück dass unsere Bestimmungen der physischen Arten vorläufige und

unseren Kenntnissen entsprechende sind

     24 Philalethes Wenigstens haben die Leute als sie ihre Einteilung der

Arten vornahmen niemals an die substantiellen Formen gedacht diejenigen

ausgenommen welche hierzulande wo wir sind unsere Schulsprache gelernt haben

    Theophilus Seit kurzem scheint der Ausdruck substantielle Formen bei

gewissen Leuten in Verruf gekommen zu sein und man schämt sich von ihnen zu

reden Indessen ist dabei vielleicht immer noch mehr Mode als Vernunft Die

Scholastiker gebrauchten einen allgemeinen Begriff fälschlich wenn es sich

darum handelte besondere Erscheinungen zu erklären aber dieser Missbrauch hebt

die Sache selbst nicht auf Die menschliche Seele bringt die Zuversichtlichkeit

einiger unserer neueren Philosophen ein wenig in Verlegenheit Einige derselben

erklären sie für die Form des Menschen aber zugleich auch für die einzige

substantielle Form der uns bekannten Natur Descartes drückt sich ebenso darüber

aus und erteilt dem Regius eine Rüge dafür dass er der Seele diese

Beschaffenheit einer substantiellen Form bestritt und leugnen wollte dass der

Mensch ein unum per se, ein mit einer wahrhaften Einheit begabtes Wesen sei

Manche glauben jener ausgezeichnete Mann habe aus Politik so gehandelt Ich

zweifle ein wenig daran weil ich glaube dass er darin recht hatte Aber man

sollte nicht dem Menschen allein dies Vorrecht geben wie wenn die Natur übers

Knie gebrochen wäre wir haben Grund zu dem Schluss dass es eine Unendlichkeit

von Seelen oder um allgemeiner zu reden von ursprünglichen Entelechien gibt

die etwas mit der Wahrnehmung und dem Triebe Analoges besitzen und die alle

substantielle Formen der Körper sind und stets bleiben Scheinbar gibt es

freilich manche Arten die nicht eigentlich ein unum per se sind dh Körper mit

einer wahrhaften Einheit oder mit einem unteilbaren Wesen begabt das ihr ganzes

Tätigkeitsprinzip ausmacht ebensowenig wie eine Mühle oder eine Uhr dies sein

könnten Von dieser Art könnten die Salze die Mineralien und die Metalle sein

dh einfache Zusammenhäufungen oder Massen Ton einer gewissen Regelmäßigkeit

Aber die Körper der einen und der anderen. Art dh die beseelten Körper sowohl

wie die unbelebten Zusammenhäufungen werden durch ihren inneren Bau spezifiziert

sein da in denen selbst welche belebt sind die Seele und die Maschine jede

für sich zur Bestimmung genügen denn sie stimmen vollkommen miteinander überein

und drücken sich obgleich sie keinen unmittelbaren Einfluss aufeinander haben

wechselweise aus indem die eine alles das was die andere in der Vielheit

verteilt hat in eine vollkommene Einheit zusammengefasst hat Wenn es sieh also

um die Anordnung der Arten handelt so ist der Streit um die substantiellen

Formen unnütz wenn es auch aus anderen Gründen wichtig sein mag zu erkennen

ob und wie es deren gibt denn sonst wurde man in der intellektuellen Welt ein

Fremdling sein Übrigens haben die Griechen und Araber von diesen Formen

ebensogut wie die Europäer gesprochen und wenn der gemeine Mann nicht davon

redet so redet der ebensowenig von der Algebra oder von inkommensurablen

Größen

     25 Philalethes Die Sprachen sind vor den Wissenschaften gebildet worden

und das unwissende ungelehrte Volk hat die Dinge unter gewisse Arten gebracht

    Theophilus Allerdings aber die Gelehrten berichtigen die volkstümlichen

Begriffe Die Chemiker haben sichere Mittel gefunden die Metalle zu

unterscheiden und zu trennen die Botaniker haben die Wissenschaft von den

Pflanzen wunderbar bereichert und die über die Insekten erhaltenen Erfahrungen

haben uns in der Kenntnis der Tiere eine neue Bahn eröffnet indessen sind wir

noch weit von der Hälfte unserer Laufbahn entfernt

     26 Philalethes Wenn die Arten ein Werk der Natur wären so könnten sie

von verschiedenen Personen nicht so verschieden aufgefasst werden Der Mensch

erscheint dem einen als ein zweifüßiges lebendiges Wesen ohne Federn mit großen

Nägeln und der andere fügt nach tieferer Untersuchung noch die Vernunft dazu

Viele Leute bestimmen indessen die Arten der Tiere mehr nach ihrer äußeren

Gestalt als nach ihrer Abkunft weil man mehr als einmal in Frage gestellt hat

ob gewisse menschliche Geburten zur Taufe zugelassen werden sollten oder nicht

bloß aus dem Grunde dass ihre äußere Bildung von der gewöhnlichen Form der

Kinder abwich ohne dass man wusste ob sie nicht ebensogut zur Vernunft fähig

wären wie Kinder die in einer anderen Form gegossen sind unter denen man

manche findet die wenn auch von anerkannter Gestalt ihr ganzes Leben lang

niemals so viel Vernunft zu zeigen imstande sind als in einem Affen oder

Elefanten vorkommt und die niemals ein Zeichen geben dass sie von einer

vernünftigen Seele regiert werden Hieraus ergibt sich offenbar dass die äußere

Form von der man allein hat reden wollen und nicht die Fähigkeit der Vernunft,

von der niemand wissen kann ob sie zu ihrer Zeit fehlen durfte zum

wesentlichen Merkmal gemacht worden ist. In diesen Fällen sind denn auch die

gescheitesten Theologen und Juristen gezwungen von ihrer hochverehrten

Definition eines vernünftigen lebendigen Wesens abzugehen und an deren Stelle

irgend eine andere Wesensbestimmung der Menschenart zu setzen Menage Menagiana

Tom I pag 278 der holländischen Ausgabe von 1649 führt uns das Beispiel

eines gewissen Abbé de St Martin an was erzählt zu werden verdient Als dieser

Abbé de St Martin zur Welt kam sagt er hatte er so wenig eine menschliche

Gestalt dass er eher einer Missgeburt glich Man beratschlagte einige Zeit ob

man ihn taufen sollte Indessen er wurde getauft und man erklärte ihn vorläufig

für einen Menschen dh bis die Zeit erkennen lassen würde was er wäre Er war

von Natur so missgestaltet dass man ihn sein ganzes Leben den Abbé Malotru

nannte Er war von Caen Da haben wir ein Kind welches einfach wegen seiner

Gestalt nahe daran war von der Menschenart ausgeschlossen zu werden so wie es

war kam es mit genauer Not davon und sicherlich würde eine noch etwas

ungestaltetere Form es ins Verderben gestürzt haben als ein Wesen welches

nicht für einen Menschen gelten dürfe Und doch kann man keinen Grund angeben

warum eine vernünftige Seele nicht in ihm hätte wohnen können wenn seine

Gesichtszüge ein wenig mehr verzerrt gewesen wären warum ein etwas längeres

Gesicht oder eine plattere Nase oder ein größerer Mund nicht ebensogut wie das

ihrige seiner hässlichen Gestalt mit einer Seele und Eigenschäften hätten

zusammenbestehen können die ihn so ungestaltet er immer war fähig machten

eine kirchliche Würde zu bekleiden

    Theophilus Bisher hat man noch kein vernünftiges lebendiges Wesen gefunden

dessen äußere Gestalt von der unseren sehr verschieden gewesen wäre darum

wurden wenn es sich darum handelte ein Kind zu taufen Abstammung und Gestalt

immer nur als Kennzeichen angesehen um zu entscheiden ob es ein vernünftiges

Wesen sei oder nicht So haben denn die Theologen und Juristen nicht nötig

deshalb ihrer hochgehaltenen Definition zu entsagen

     27 Philalethes Wenn aber jene Missgeburt von der Licetus im 3 Kap des

1 Buches redet die den Kopf eines Menschen und den Leib eines Schweines hatte

oder andere Missgeburten welche auf Menschenleibern Hunde und Pferdeköpfe usw

hatten am Leben erhalten worden wären und hätten reden können so würde die

Schwierigkeit viel größer gewesen sein

    Theophilus Ich gebe das zu und wenn es vorkäme und jemand so angetan wäre

wie ein gewisser Schriftsteller ein Mönch aus alter Zeit Hans Kalb genannt

der sich in einem von ihm geschriebenen Buche mit einem Kalbskopf malte die

Feder in der Hand was einige lächerlicherweise glauben machte dass dieser

Schriftsteller wirklich einen Kalbskopf gehabt hätte wenn sage ich dies

vorkäme so würde man künftig behutsamer sein Missgeburten abzutun Denn die

Vernunft würde allem Anschein nach bei Theologen und Juristen trotz der Gestalt

und sogar trotz der Schwierigkeiten das Übergewicht behalten welche die

Anatomie dabei den Ärzten bereiten könnte Letztere würden ebensowenig der

Menschenwürde schaden wie jene Umkehrung der Eingeweide bei dem Menschen

dessen Obduktion zu Paris Bekannte von mir mitgemacht haben welche Aufsehen

erregt hat wo die Natur

 

 Als hatte sie sich dran ergötzt

 Die Leber hatte links gesetzt

 Und rechte das Herz im Widerspiel 

 Sie trank vielleicht einmal zu viel

 

 wenn ich mich recht der Verse erinnere welche der verstorbene Alliot ein

wegen seiner geschickten Behandlung des Krebses berühmter Arzt über dieses

Wunder gemacht hatte und mir zeigte Es versteht sich dass die Verschiedenheit

der Bildung bei den vernünftigen Wesen nicht zu weit gehen und man nicht in die

Zeit zurückkommen darf wo die Tiere sprachen denn sonst würden wir den uns

besonders eigenen Vorzug der Vernunft verlieren und aufmerksamer auf die

Abstammung und das Äußere sein um die Abkömmlinge Adams von denen unterscheiden

zu können welche von einem Könige oder Patriarchen irgend eines afrikanischen

Affenstaates abstammen mögen Unser gelehrter Autor hat recht mit der Bemerkung

 29 dasswenn die Eselin des Bileam ihr ganzes Leben lang ebenso vernünftig

geredet hätte wie das eine Mal mit ihrem Herrn vorausgesetzt dass es nicht

eine prophetische Vision gewesen ist sie doch immer Mühe gehabt haben würde

Sitz und Stimme unter den Frauen zu erhalten

    Philalethes Wie ich sehe lachen Sie und vielleicht lachte der Verfasser

auch aber ernstlich gesprochen Sie begreifen dass man nicht immer bestimmte

Grenzen für die Arten festsetzen kann

    Theophilus Das habe ich Ihnen schon zugegeben denn wenn es sich um

Erdichtungen und die bloße Möglichkeit der Dinge handelt können die Übergänge

von Art zu Art unmerklich sein und sie unterscheiden wollen würde mitunter

ungefähr so sein wie wenn man entscheiden wollte wieviel Haare man einem

Menschen lassen muss damit er nicht kahlköpfig sei Diese Unentschiedenheit

würde selbst dann wahr sein wenn wir das Innere der Geschöpfe um die es sich

handelt vollständig kennten Aber ich sehe nicht ein wie sie verhindern soll

dass die Dinge unabhängig von dem Verstande wirkliche Wesenheiten haben und wir

diese auch erkennen können Freilich würden sich die Benennungen und die Grenzen

der Arten mitunter wie die Benennungen der Maße und Gewichte verhalten wo man

um feste Grenzen zu erhalten seine Wahl treffen muss Für gewöhnlich ist

indessen so etwas nicht zu fürchten da die einander zu nahe stehenden Arten

sich nicht leicht zusammenfinden

     28 Philalethes Wie es scheint stimmen wir hier im Grunde überein

wiewohl wir ein wenig in den Bezeichnungen voneinander abweichen Auch gebe ich

Ihnen zu dass in der Benennung der Substanzen weniger Willkür herrscht als in

den Namen der zusammengesetzten Modi Denn man wird nicht darauf fallen das

Blöken eines Schafes mit der Gestalt des Pferdes oder die Farbe des Bleies mit

der Schwere und Feuerfestigkeit des Goldes zu verbinden Lieber kopiert man die

Natur

    Theophilus Dies kommt nicht sowohl daher dass man bei den Substanzen nur

auf das achtet was wirklich da ist als dass man in den physischen

Vorstellungendie man nicht ganz bis auf den Grund versteht unsicher ist ob

ihre Verknüpfung möglich und nützlich ist wenn das wirkliche Dasein uns nicht

dabei Gewähr bietet Dies findet aber auch noch bei den Modi statt nicht

allein wenn deren Dunkelheit uns wie mitunter in der Physik vorkommt

undurchdringlich istsondern auch wenn sie zu durchdringen nicht leicht ist

wovon es in der Geometrie genug Beispiele gibt Denn in der einen und der

anderen dieser Wissenschaften steht es bei uns nach Belieben Kombinationen zu

machen sonst hätte man das Recht von regelmäßigen Dekaëdern zu reden und

könnte in einem Halbkreise einen Mittelpunkt der Größe aufsuchen wie es einen

Mittelpunkt der Schwere darin gibt Denn es ist in der Tat auffallend dass der

eine dabei vorkommt und der andere nicht dabei vorkommen sollte Wie nun bei

den Modi die Kombinationen nicht immer willkürlich sind so findet sich im

Gegensatz dazu dass sie dies mitunter bei den Substanzen sind und oft hängt es

von uns ab Kombinationen der Eigenschaften zu machen um noch vor angestelltem

Versuch substantielle Wesen zu definieren wenn man diese Eigenschaften

hinlänglich kennt um über die Möglichkeit der Kombination zu urteilen So

können in der künstlichen Blumenzucht erfahrene Gärtner mit Recht und Erfolg

sich irgend eine neue Art zu erzielen vorsetzen und ihr im voraus einen Namen

geben

     29 Philalethes Sie werden mir immer zugestehen müssen dasswenn es sich

um die Definition der Arten handelt die Zahl der Vorstellungenwelche man

kombiniert von dem verschiedenen Fleiße dem Eifer oder der Phantasie dessen

abhängt welcher diese Kombination bildet Wie zur Bestimmung der Pflanzen und

Tierarten man sich am häufigsten nach der Gestalt richtet ebenso hält man sich

bei den meisten der nicht durch Samen hervorgebrachten natürlichen Körper am

meisten an die Farbe  10 In der Tat gibt das sehr oft nur verworrene grobe

und ungenaue Begriffe und es fehlt viel daran dass man über die bestimmte Zahl

der einfachen Vorstellungen oder der Eigenschaften miteinander übereinstimme

die einer bestimmten Art oder Benennung angehören sollen denn zur Auffindung

der einfachen Vorstellungendie beständig miteinander verbunden sind, hat man

Mühe Geschick und Zeit nötig Indessen genügen in der Unterhaltung gewöhnlich

wenige Eigenschaftenwelche diese ungenauen Definitionen bilden aber trotz des

Geschreies über die Gattungen und Arten sind doch die Formen von denen man in

den Schulen so viel gesprochen hat nur Chimären die keineswegs dazu dienen um

uns in die Erkenntnis spezifischer Wesenheiten einzuführen

    Theophilus Wer immer eine mögliche Kombination macht begeht insofern

keinen Irrtum auch nicht wenn er ihr eine Benennung gibt er irrt aber wenn

er glaubt dass dasjenige was er sich vorstellt alles das ist was andere

Erfahrenere unter demselben Namen oder in demselben Körper sich vorstellen Er

denkt sich vielleicht eine zu allgemeine Gattung statt einer anderen

spezielleren In diesem allen liegt nichts was der Schulmeinung widerspricht

und ich sehe nicht ein warum Sie jetzt gegen die Gattungen Arten und Formen

Ihren Angriff wiederholen da Sie doch selbst Gattungen Arten und selbst innere

Wesenheiten oder Formen anerkennen müssen die man übrigens wenn man sie noch

nicht zu kennen zugestehen muss zur Erkenntnis des spezifischen Wesens der Sache

gar nicht anzuwenden behauptet

     30 Philalethes Wenigstens ist klar dass die von uns den Arten

angewiesenen Grenzen nicht genau denen entsprechen welche durch die Natur

gesetzt sind Denn bei unserem Bedürfnis allgemeiner Namen zum augenblicklichen

Gebrauch bemühen wir uns nicht ihre Eigenschaften zu entdecken welche uns ihre

wesentlichen unterschiede und Übereinstimmungen besser erkennen lassen würden

sondern wir selbst teilen sie in Arten auf Grund gewisser jedermann in die

Angen fallender Erscheinungen ein um dadurch mit anderen leichter verkehren in

können

    Theophilus Wenn wir Vorstellungendie miteinander verbunden werden können,

verbinden so sind die von uns den Arten angewiesenen Grenzen immer genau mit

der Natur übereinstimmend und wenn wir solche Vorstellungen miteinander zu

verbinden uns bemühen die sich wirklich zusammenfinden so stimmen unsere

Begriffe auch noch mit der Erfahrung überein Betrachten wir sie nur als

vorläufig hinsichtlich der wirklichen Körper vorbehaltlich gemachter oder zu

machender Erfahrung um mehr darin zu entdecken und gehen wir auf Sachkundige

zurück wenn es sich um etwas Bestimmtes handelt hinsichtlich dessen was man

öffentlich unter dem  es bezeichnenden  Worte versteht so werden wir uns

darin nicht irren So kann die Natur vollständigere und passendere Vorstellungen

liefern aber sie wird die unsrigen die gut und natürlich sind nicht Lügen

strafen mögen sie vielleicht auch nicht die besten und die natürlichsten sein

     32 Philalethes Unsere Gattungsbegriffe von den Substanzen wie zB die

des Metalls folgen nicht genau den ihnen von der Natur dargebotenen Mustern da

man keinen Körper finden kann welcher einfach die Dehnbarkeit und

Schmelzbarkeit ohne andere Eigenschaften besitzt

    Theophilus Solche Muster verlangt man auch nicht und würde auch nicht Grund

haben sie zu verlangen sie finden sich auch nicht in den deutlichsten

Begriffen Man findet niemals eine Zahl an der nichts als die Vielheit

Überhaupt zu bemerken wäre kein Ausgedehntes worin nur Dichtigkeit und keine

anderen Eigenschaften vorkommen und wenn die spezifischen Unterschiede positiv

und einander entgegengesetzt sind so muss die Gattung unter ihnen Partei

ergreifen

    Philalethes Wenn also jemand sich einbildet dass ein Mensch ein Pferd

eine Pflanze etc sich durch wirkliche von der Natur gebildete Wesenheiten

voneinander unterscheiden so muss er sich die Natur als sehr freigebig mit

dergleichen wirklichen Wesenheiten vorstellen wenn sie deren eine für den

Körper eine andere für das Tier und noch eine andere für das Pferd hervorbringt

und alle diese Wesenheiten freigebig dem Bucephalus mitteilt Vielmehr sind

Gattungen und Arten nichts weiter als mehr oder weniger in sich begreifende

Zeichen

    Theophilus Wenn Sie die wirklichen Wesenheiten für diejenigen

substantiellen Muster nehmen welche ein Körper und weiter nichts ein Tier und

nichts Spezielleres ein Pferd ohne individuelle Eigenschaften sein würden so

haben Sie recht sie als Chimären zu behandeln Niemand aber denke ich selbst

nicht die größten Realisten der Vergangenheit hat behauptet dass es so viel auf

die Gattung sich beschränkende Substanzen gebe als es Gattungen gibt Daraus

folgt jedoch nicht dasswenn die allgemeinen Wesenheiten dies nicht sind sie

bloße Zeichen sind denn ich habe Ihnen schon mehrmals bemerklich gemacht dass

sie Möglichkeiten in den Ähnlichkeiten der Dinge sind Dies ist ebenso, wie aus

dem Umstände dass die Farben nicht immer Substanzen oder extrahierbare Tinkturen

sind nicht folgtdass sie bloß in der Einbildungskraft bestehen Übrigens kann

man sich die Natur nicht zu freigebig denken sie ist dies über alle unsere

möglichen Erfindungen hinaus und alle im voraus denkbaren Möglichkeiten finden

sich auf der großen Bühne ihrer Darstellungen verwirklicht Früher gab es bei

den Philosophen zwei Hauptthesen die der Realisten wollte die Natur

verschwenderisch machen die der Nominalisten sie für geizig erklären Der eine

behauptet dass die Natur kein Leeres duldet und der andere dass sie nichts

umsonst tut Diese beiden Grundsätze sind gut wenn man sie recht versteht denn

die Natur ist wie ein guter Haushalter der wo es sein muss spart um zu

rechter Zeit und am gehörigen Orte freigebig zu sein In ihren Wirkungen ist sie

freigebig und in den von ihr angewandten Ursachen sparsam

     34 Philalethes Ohne uns weiter mit dem Streite über die wirklichen

Wesenheiten aufzuhalten genügt es den Zweck der Sprache und den Gebrauch der

Worte festzuhalten welcher darin besteht unsere Gedanken abgekürzt

auszudrücken Wenn ich zu jemand über eine Art Vögel drei bis vier Fuß hoch

reden will deren Haut mit etwas zwischen Federn und Haaren in der Mitte

Stehendem bedeckt ist von dunkelbrauner Farbe ohne Flügel an deren Stelle

aber zwei oder drei dem Pfriemenkraut gleiche Äste sich befinden die ihnen bis

unten hin hangen mit großen und dicken Schenkeln und Füßen von nur drei Klauen

und ohne Schwanz  so bin ich genötigt diese Beschreibung zu geben um mich

dadurch anderen verständlich zu machen Sagt man mir aber dass der Name dieses

Tieres Kasuar ist so kann ich mich dann dieses Namens bedienen um im Gespräch

jene ganze zusammengesetzte Vorstellung zu bezeichnen

    Theophilus Vielleicht würde aber eine recht genaue Vorstellung von der

Hautbedeckung oder irgend eines anderen Teiles ganz allein genügen um dies Tier

von allen anderen Tieren zu unterscheiden wie man den Herkules an seiner

Fußspur erkannte und den Löwen nach dem lateinischen Sprichwort an seiner Klaue

erkennt Je mehr man aber Unterscheidungszeichen zusammenhäuft desto haltbarer

ist die Definition.

     35 Philalethes In diesem Falle können wir ohne Nachteil für die Sache

etwas von der Vorstellung fallen lassen wenn aber die Natur etwas davon nimmt

so ist dann die Frage ob die Art noch bleibt Wenn es zB einen Körper gäbe

der alle Eigenschaften des Goldes, ausgenommen die Dehnbarkeit hätte würde es

Gold sein Dies zu entscheiden hängt von den Menschen ab Sie also sind es

welche die Arten der Dinge bestimmen

    Theophilus Keineswegs sie würden nur den Namen bestimmen Indessen würde

diese Erfahrung uns lehren dass die Dehnbarkeit mit allen den übrigen

Eigenschaften des Goldes zusammengenommen nicht in notwendiger Verbindung steht

Sie würde uns also eine neue Möglichkeit und folglich eine neue Art kennen

lehren Was aber das brüchige und spröde Gold anbetrifft so kommt dies nur von

den Zusätzen her und hat mit den anderen Proben des Goldes nichts gemein denn

die Probierkapelle und das Antimon nehmen ihm diese Sprödigkeit

     36 Philalethes Aus unserer Lehre folgt etwas augenscheinlich sehr

Seltsames dass nämlich jede abstrakte Vorstellungdie einen bestimmten Namen

hat eine bestimmte Art bildet Aber was will man dabei tun wenn die Natur es

so verlangt Ich möchte wohl wissen warum ein Bologneser Hund und ein Windhund

nicht ebenso verschiedene Arten sind als ein Hühnerhund und ein Elefant

    Theophilus Ich habe vorher die verschiedenen Bedeutungen des Wortes Art

festgesetzt Nimmt man es logisch oder vielmehr mathematisch so kann die

geringste Unähnlichkeit genügen Jede verschiedene Vorstellung wird also eine

andere Art liefern und ob sie einen Namen hat oder nicht ist gleichgültig

Aber im physischen Sinne hält man sich nicht bei jedweder Abweichung auf und

redet entweder bestimmt wenn es sich nur um die Erscheinungen handelt oder

vermutungsweise wenn es sich um die innere Wahrheit der Dinge handelt indem

man dabei eine wesentliche und unveränderliche Natur voraussetzt wie beim

Menschen die Vernunft. Man setzt also voraus dass dasjenige was nur durch

zufällige Veränderungen voneinander verschieden ist wie das Wasser und das Eis

das Quecksilber in seiner Flüssigkeit und als Sublimat von derselben Art ist

und bei den organischen Körpern setzt man gewöhnlich das vorläufige Merkmal

derselben Art in die Abstammung oder Rasse wie bei den gleichförmigsten Körpern

in die Reproduktion Allerdings kann man darüber aus Mangel an Erkenntnis des

Inneren der Dinge kein sicheres Urteil fällen Man urteilt aber wie ich schon

mehr als einmal gesagt habe auf vorläufige und oft bloß vermutende Weise Wenn

man indessen aus Vorsicht nur Gewisses sagen zu wollen bloß vom Äußeren reden

will so ergibt es einen weiteren Sinn und in diesem Falle darüber zu streiten

ob ein Unterschied spezifisch ist oder nicht wäre ein Wortstreit In diesem

Sinne findet unter den Hunden ein so großer Unterschied statt dass man sehr wohl

sagen kann die englischen Doggen und die Bologneser Hündchen seien von

verschiedenen Arten. Demungeachtet könnten sie von der einen und selbigen

entfernten Kasse sein die man auffinden würde wenn mau höher aufsteigen

könnte und ihre Voreltern könnten einander ähnlich oder dieselben gewesen nach

großen Veränderungen aber einige aus der Nachkommenschaft größer andere kleiner

geworden sein Man kann sogar auch glauben ohne der Vernunft zu nahe zu treten

dass sie eine innere feststehende spezifische Wesenheit gemein haben die nun

nicht mehr in weitere Unterabteilungen zerfällt oder die man nicht bei mehreren

anderen Naturen der Art antrifft und die folglich nur durch Zufälligkeiten

weiter verändert wird obgleich wir freilich auch keinen Grund zu dem Schlusse

haben dass dies so bei allem dem was wir die unterste Art species infima

nennen notwendig stattfinden müsse Dass aber ein Hühnerhund und ein Elefant zu

derselben Kasse gehören und eine solche gemeinsame spezifische Natur haben ist

ganz unwahrscheinlich So kann man bei den verschiedenen Hundesorten wenn man

von den Erscheinungen spricht die Arten unterscheiden und wenn man von der

inneren Wahrheit spricht unentschieden bleiben vergleicht man aber den Hund

und den Elefanten so ist kein Grund ihnen äußerlich das zuzuschreiben was sie

als Wesen derselben Rasse erscheinen lassen konnte Also ist kein Grund

vorhanden sich gegen die Präsumtion unentschieden zu verhalten Auch beim

Menschen könnte man wenn man im logischen Sinne redet die Arten unterscheiden

und wenn man beim Äußeren stehen bliebe Verschiedenheiten im physischen Sinne

ausfinden welche als spezifische gelten konnten So hat es einen Reisenden

gegeben welcher annahm dass die Neger die Chinesen und endlich die Amerikaner

weder untereinander noch mit den uns gleichenden Völkern von gleicher Rasse

wären Aber sobald man die innere Wesenheit des Menschen dh die Vernunft,

welche bei demselben Menschen verharrt und sich bei allen Menschen findet

erkennt und sonst nichts festes Innerliches unter uns bemerkt das eine

Unterabteilung ausmacht so haben wir keinen Grund zu dem Urteil dass es unter

den Menschen dem wahren Innern nach einen spezifischen inneren Unterschied gibt

während sich zwischen Mensch und Tier ein solcher findet  vorausgesetzt dass

die Tiere dem vorhin von mir Auseinandergesetzten zufolge nur sinnliche

Erkenntnis besitzen wie in der Tat die Erfahrung uns darüber zu keinem anderen

Urteil Grund gibt

     39 Philalethes Nehmen wir das Beispiel von einem Werke der Kunst dessen

innerer Bau uns bekannt ist Eine Uhr die nur die Stunden zeigt und eine Uhr

welche schlägt sind hinsichtlich derer welche sie zu bezeichnen nur einen

Namen haben von derselben Art, aber hinsichtlich dessen welcher um die erste

zu bezeichnen den Namen Zeiger und um die letztere zu bezeichnen den Namen

Schlaguhr hat sind sie  für ihn  verschiedene Arten Also der Name und nicht

die innere Einrichtung ist es was eine neue Art gibt sonst würde es zu viele

Arten geben Es gibt Uhren mit vier Bädern und andere mit fünf einige haben

Schnüre und Spindeln und andere nicht in einigen geht die Unruhe frei in

anderen wird sie durch eine Spiralfeder und in noch anderen durch

Schweineborsten in Bewegung gesetzt Welcher dieser Umstände genügt nun um

einen spezifischen Unterschied zu bilden Ich sage keiner solange diese Uhren

im Namen übereinkommen

    Theophilus Und ich würde es doch behaupten denn ohne mich bei den

verschiedenen Namen aufzuhalten würde ich die Verschiedenheiten des Werkes und

vor allem den Unterschied der Unruhen in Erwägung ziehen Denn seitdem man eine

Springfeder dabei angewendet hat welche die Bewegungen der Uhr nach den ihrigen

regelt und sie folglich gleichmäßiger macht haben sich die Taschenuhren ganz

umgewandelt und sind unvergleichlich richtiger geworden Ich habe früher einmal

sogar auf ein anderes Prinzip der Gleichmäßigkeit aufmerksam gemacht das man

auf die Uhren anwenden konnte

    Philalethes Will jemand Einteilungen machen welche auf die ihm bekannten

Unterschiede in der inneren Gestaltung sich gründen so kann er es tun das

würden indessen nicht verschiedene Arten sein für Leute welche jenen inneren

Bau nicht kennen

    Theophilus Ich sehe nicht ein warum man bei Ihnen die Vermögen die

Wahrheiten und die Arten von unserer Meinung oder Erkenntnis abhängig machen

will Sie liegen in der Natur, mögen wir es nun wissen und anerkennen oder

nicht Wollte man sich anders ausdrücken so würde man die Namen der Dinge und

den angenommenen Sprachgebrauch ohne Not ändern Bis jetzt haben die Menschen

immer geglaubt dass es verschiedene Arten von Uhren gibt ohne sich darum zu

bekümmern worin die Verschiedenheit derselben besteht und wie man sie nennen

könnte

    Philalethes Gleichwohl haben Sie kurz vorher anerkannt dasswenn man die

physischen Arten nach der äußeren Erscheinung unterscheiden will man dabei mit

willkürlicher Beschränkung verfährt so wie man es gerade zweckmäßig findet

dh je nachdem man den Unterschied mehr oder weniger bedeutend findet und nach

dem Gesichtspunkt welchen man hat Auch haben Sie sich selbst des Vergleichs

mit Gewichten und Maßen bedient welche man nach dem Belieben der Menschen

regelt und benennt

    Theophilus Jawohl seitdem ich Sie zu verstehen angefangen habe Zwischen

den spezifischen Unterschieden bloß logischer Art zu denen die geringste

Änderung einer anwendbaren Definition so zufällig sie sein mag genügt und den

spezifischen Unterschieden die bloß physisch sind und sich auf das Wesentliche

oder Unveränderliche gründen kann man ein Mittelding setzen das sich aber

freilich nicht genau bestimmen lässt man richtet sich dann nach den wichtigsten

Erscheinungen die nicht gänzlich unwandelbar sind sich aber auch nicht leicht

ändern indem die eine sich dem Wesentlichen mehr als die andere nähert Da nun

ein Kenner weiter gehen kann als ein anderer so scheint die Sache freilich

willkürlich und hinsichtlich der Menschen relativ auch erscheint es bequem die

Namen nach diesen hauptsächlichen Verschiedenheiten einzurichten Man könnte

also auch sagen dass dies spezifische Unterschiede des bürgerlichen Lebens und

nominelle Arten sind die man nicht verwechseln muss was ich vorher

Nominaldefinitionen genannt habe welche bei den spezifischen Unterschieden

sowohl logischer wie physischer Art vorkommen Übrigens können außer dem

gewöhnlichen Sprachgebrauch die Gesetze selbst zu Wortbedeutungen berechtigen

und dann würden die Arten gesetzliche werden wie in denjenigen Verträgen

welche man nominati nennt dh solchen die auf einen besonderen Namen gehen

Dies ist so wie wenn das römische Recht die Mannbarkeit mit zurückgelegtem

vierzehnten Jahr anfangen lässt Diese ganze Erwägung ist zwar nicht zu

verachten indessen sehe ich nicht ein dass sie hier von großem Nutzen ist denn

außerdem dass Sie dieselbe mitunter da wo sie gewiss keinen hatte angewendet zu

haben scheinen wird man ungefähr die nämliche Wirkung auch erreichen wenn man

erwägt dass es von den Menschen abhängt so weit als sie es angemessen finden

in den Unterabteilungen weiterzugehen um von noch weitergehenden Unterschieden

abzusehen ohne dass man sie zu leugnen nötig hat und dass es auch von ihnen

abhängt das Gewisse für das Ungewisse zu wählen um Begriffe und Maße dadurch

dass man ihnen Namen gibt festzusetzen

    Philalethes Ich freue mich dass wir jetzt einander viel näher gekommen

sind als den Anschein hatte  41 Sie werden mir auch wie ich sehe gegen die

Ansicht gewisser Philosophen zugegeben dass die Werke der Kunst ebensogut wie

die der Natur, Arten bilden  42 aber bevor wir die Namen der Substanzen

verlassen will ich noch hinzusetzen dass von allen unseren verschiedenen

Vorstellungen die der Substanzen allein eigene oder individuelle Namen haben

denn es geschieht selten dass die Menschen nötig hätten eine individuelle

Eigenschaft oder irgend eine andere individuelle Zufälligkeit häufig zu

erwähnen Außerdem vergehen die individuellen Handlungen sogleich und die dabei

stattfindende Kombination der Umstände dauert nicht so wie bei den Substanzen

der Fall ist.

    Theophilus Es gibt indessen Fälle wo wir uns eines individuellen Akzidens

erinnern müssen und man ihm eine Bezeichnung gegeben hat somit ist ihre Regel

im ganzen genommen richtig aber sie erleidet Ausnahmen deren uns die Religion

liefert So feiern wir zB jährlich das Andenken an die Geburt Jesu Christi

die Griechen nannten diese Begebenheit Theogonie und die Anbetung der Weisen

Epiphanie So nannten die Hebräer Passah das Fest von dem Umgang des Engels

welcher die Erstgeburt der Ägypter tötete ohne die der Hebräer anzurühren

wovon sie das Andenken alle Jahre feiern mussten Was die Arten der künstlich

erzeugten Dinge betrifft so haben die scholastischen Philosophen sie unter ihre

Prädikamente aufzunehmen Bedenken getragen Aber ihre Bedenklichkeit war dabei

kaum nötig weil jene Tafeln der Prädikamente eben dazu dienen sollten eine

allgemeine Musterung unserer Vorstellungen in liefern Es ist indessen nützlich

den Unterschied zwischen den vollständigen Substanzen und denjenigen

Verbindungen der Substanzen aggregata zu erkennen welche durch die Natur oder

durch die menschliche Kunst zusammengesetzte substantielle Wesen sind Denn die

Natur liefert auch solche Verbindungen wie zB die Körper, deren Mischung um

die Sprache unserer Philosophen zu reden unvollkommen ist imperfecte mixta

die kein unum per se bilden und keine vollkommene Einheit in sich darstellen

Meiner Meinung nach sind freilich die vier von ihnen »Elemente« genannten

Körper welche sie für einfach hielten und die Salze Metalle und andere

Körper welche sie für vollständig vermischt hielten und denen sie ihre

sogenannten Temperamente beimaßen auch kein unum per se, um so weniger als man

urteilen muss dass sie nur dem Scheine nach einförmig und gleichartig sind und

selbst ein in sich gleichartiger Körper darum doch eine Mischung sein mag Die

vollkommene Einheit muss mit einem Wort den beseelten oder mit ursprünglichen

Entelechien begabten Körpern allein zugeschrieben werden denn diese Entelechien

haben mit den Seelen Analogie und sind auch unteilbar und unvergänglich wie sie

ich habe auch sonst schon das Urteil ausgesprochen dass ihre organischen Körper

in der Tat Maschinen sind welche aber die künstlichen von unserer Erfindung so

weit übertreffen als der Erfinder der natürlichen uns übertrifft Denn diese

natürlichen Maschinen sind so unvergänglich wie die Seelen selbst und mit der

Seele besteht auch immer der Organismus wie um mich durch ein ganz

lächerliches Gleichnis besser zu erklären wenn man Harlekin auf dem Theater

entkleiden wollte aber damit nicht Zustandekommen könnte weil er ich weiß

nicht wie viel Kleider anhätte Freilich sind diese ins Unendliche gehenden

Entwicklungen der organischen Körper die in einem lebendigen Wesen stecken

nicht so einander gleich und nicht so aufeinander passend wie Kleidungsstücke

da die Kunst der Natur von einer ganz anderen Feinheit ist Aus alledem erkennen

wir dass die Philosophen durchaus nicht unrecht gehabt haben zwischen den

Werken der Kunst und den mit einer wahrhaften Einheit begabten natürlichen

Körpern einen so großen Unterschied zu machen Aber unserer Zeit erst war es

vorbehalten dies Geheimnis zu enthüllen und dessen Wichtigkeit und Folgen

begreiflich zu machen um die natürliche Theologie und das was man die Lehre

vom Geist nennt in einer Weise zu begründen die in der Tat natürlich und dem

was wir erfahrungsmäßig feststellen und verstehen können entsprechend ist,

welche uns ferner von den wichtigen Betrachtungen nichts verloren gehen lässt

die jene Wissenschaften liefern müssen oder sie vielmehr im Werte erhöht wie

durch das System der vorherbestimmten Harmonie geschieht Besser als so glaube

ich können wir diese lange Besprechung über die Namen der Substanzen nicht

enden

 
 






     1 Philalethes Außer den Worten welche dazu dienen die Vorstellungen zu

benennen hat man solche nötig welche den Zusammenhang der Vorstellungen oder

der Sätze bezeichnen Das ist das ist nicht sind die allgemeinen Zeichen der

Bejahung oder der Verneinung Der Geist verbindet aber außer den Gliedern der

Sätze noch ganze Sentenzen oder Sätze  2 indem er sich derjenigen Worte

bedient welche diesen Zusammenhang der verschiedenen Bejahungen und

Verneinungen ausdrücken und Umstandswörter genannt werden. In deren richtigem

Gebrauch besteht hauptsächlich die Kunst des Wohlredens Damit also die

Schlussfolgerungen methodische Folgerichtigkeit haben braucht man Ausdrücke

welche den Zusammenhang die Einschränkung den Unterschied den Gegensatz den

Nachdruck usw zeigen Und wenn man sich dabei irrt verwirrt man den

Zuhörenden

    Theophilus Ich gestehe dass die Umstandswörter von großem Nutzen sind aber

ob die Kunst des Wohlredens auf ihnen hauptsächlich beruht weiß ich doch nicht

Wenn jemand nur Aphorismen gäbe oder abgerissene Thesen wie auf den

Universitäten oft geschieht oder bei dem was bei den Juristen artikuliertes

Libell genannt wird oder wie in den den Zeugen vorgelegten Artikeln so wird

man wenn man nur die Sätze gut ordnet fast dieselbe Wirkung erzielen um sich

verständlich zu machen als wenn man Verbindungen und Umstandswörter beigefügt

hätte denn der Leser ergänzt sie dabei Dagegen gestehe ich dass er verwirrt

werden würde wenn man die Umstandswörter schlecht anwenden wollte und zwar

viel mehr als wenn man sie ausließe Auch scheinen mir die Umstandswörter nicht

allein die Teile der aus Sätzen bestehenden Rede und die aus Vorstellungen

bestehenden Teile des Satzes zu verbinden sondern auch die Teile der auf

verschiedene Arten durch die Kombination anderer Vorstellungen gebildeten

Vorstellung Und zwar wird diese letztere Verknüpfung durch die Präpositionen

bezeichnet während die Adverbien auf Bejahung und Verneinung im Zeitwort

Einfluss üben und die Bindewörter zur Verbindung verschiedener Bejahungen oder

Verneinungen dienen Aber das alles haben Sie ohne Zweifel schon selbst bemerkt

wenn auch Ihre Worte anders zu lauten scheinen

     3 Philalethes Der die Umstandswörter behandelnde Teil der Grammatik ist

weniger bearbeitet als der welcher die Fälle, die Geschlechter die Modi die

Zeiten die Gerundien und Supina der Reihe nach darstellt Allerdings hat man in

einigen Sprachen auch die Umstandswörter mittels bestimmter Untereinteilungen

mit scheinbar großer Genauigkeit unter Titel gebracht Aber diese Listen

durchzulaufen genügt noch nicht man muss über seine eigenen Gedanken

reflektieren um die Formen welche der Geist beim Denken gebraucht zu

beobachten denn die Umstandswörter sind ganz ebensogut Merkzeichen der

geistigen Tätigkeit

    Theophilus Allerdings ist die Lehre von den Umstandswörtern wichtig und

ich wünsche man möchte sie mehr im einzelnen bearbeiten Denn nichts würde

geeigneter sein die verschiedenen Formen des Verstandes erkennbar zu machen

Die Geschlechter bedeuten für die philosophische Grammatik nichts die Kasus

aber entsprechen den Präpositionen und oft steckt die Präposition im Worte

selbst und ist davon gleichsam verschlungen und sind andere Umstandswörter in

den Flexionen der Verba versteckt

     4 Philalethes Um die Umstandswörter richtig zu erklären genügt es nicht

wie man in einem Wörterbuche häufig es macht sie mit den Worten einer anderen

Sprache die ihnen am nächsten kommen zu übersetzen weil es ebenso schwer ist

ihren genauen Sinn in der einen Sprache wie in der anderen zu begreifen und

außerdem die Bedeutungen der verwandten Wörter beider Sprachen nicht immer genau

dieselben sind und auch in derselben Sprache wechseln Ich erinnere mich dass es

in der hebräischen Sprache ein Umstandswort von einem einzigen Buchstaben gibt

von dem man mehr als fünfzig Bedeutungen aufzählt

    Theophilus Es haben sich Gelehrte damit befasst Abhandlungen über die

Umstandswörter des Lateinischen Griechischen und des Hebräischen zu machen und

der berühmte Jurist Strauchius hat ein Buch eigens über den Gebrauch der

Umstandswörter in der Jurisprudenz geschrieben wo die Bedeutung von nicht

geringem Gewicht ist Indessen findet man dass man sie gewöhnlich mehr durch

Beispiele und Synonyme zu erklären versucht als durch deutliche Begriffe Auch

kann man nicht immer für sie eine allgemeine oder formelle Bedeutung wie der

verstorbene Bohlius es nannte die allen Beispielen Genüge leisten könnte

finden aber dessenungeachtet könnte man immer alle Gebrauchsarten eines Wortes

auf eine beschränkte Zahl von Bedeutungen zurückführen Und das eben müsste

geschehen

     5 Philalethes In der Tat übertrifft die Zahl der Bedeutungen die der

Umstandswörter bedeutend Im Englischen hat das Wörtchen but sehr verschiedene

Bedeutungen 1 wenn ich sage but to say no more so bedeutet das aber um

nicht mehr zu sagen als wenn dieses Umstandswort bezeichnete dass der Geist in

seinem Fortschritt anhielte nachdem er seinen Lauf eröffnet hatte Aber wenn

ich sage 2 I saw but two planets dh ich sah nur zwei Planeten so schränkt

der Geist den Sinn dessen was er sagen will auf das gerade Ausgedrückte mit

Ausschluss alles übrigen ein Und wenn ich sage 3 you pray but it is not that

God would bring you to the true religion but that he would confirm you in your

own dh »Ihr bittet Gott aber nicht dass er Euch zur Erkenntnis der wahren

Religion bringen wolle sondern in der eurigen befestige« so bezeichnet das

eiste dieser but oder aber eine Voraussetzung im Geiste die anders ist als sie

sein sollte und die zweite zeigt dass der Geist einen direkten Gegensatz

zwischen dem Folgenden und dem Vorausgehenden setzt 4 All animals have sense

but a dog is an animal dh alle Tiere haben Empfindung nun ist der Hund ein

Tier Da bezeichnet die Partikel die Verbindung des Untersatzes mit dem

Obersatze

    Theophilus Das französische mais kann in allen diesen Fällen, den zweiten

ausgenommen dafür gesetzt werden das deutsche »allein« aber als Partikel

genommen welches eine Mischung von mais und seulement bedeutet kann

zweifelsohne an Stelle des but in allen jenen Beispielen das letzte

ausgenommen wo man noch ein wenig zweifelhaft sein könnte gesetzt werden Auch

wird mais im Deutschen bald durch aber bald durch sondern wiedergegeben

welches letztere eine Trennung oder Scheidung bezeichnet und sich dem

Umstandswort allein annähert

    Um die Umstandswörter richtig zu erklären genügt es nicht eine abstrakte

Erklärung davon zu geben wie wir hier eben getan haben sondern man muss zu

einer Umschreibung schreiten welche an ihre Stelle gesetzt werden kann, wie die

Definition an Stelle des Definierten treten kann Wenn man sich bemühen wollte

diese stellvertretenden Umschreibungen bei allen Umstandswörtern so weit sie

dessen fähig sind zu suchen und festzusetzen so würde man ihre Bedeutungen

damit bestimmen Versuchen wir in unseren Tier Beispielen uns dem zu nähern Im

ersten will man sagen Bis jetzt soll bloß von dem geredet sein und nicht mehr 

non più im zweiten Ich sah nur zwei Planeten und nicht mehr im dritten Ihr

bittet Gott nur darum nämlich in eurer Religion befestigt zu werden und nicht

mehr usw im vierten als wenn man sagte Alle Tiere haben Empfindungen das

allein hat man in Betracht zu ziehen und braucht nicht mehr Der Hund ist ein

Tier also hat er Empfindung Somit bezeichnen alle diese Beispiele

Beschränkungen und ein Non plus ultra sei es in den Dingen, sei es in der Rede

Auch bedeutet but ein Ende eine Grenze des Laufes wie wenn man sagte Halt da

sind wir wir sind bei unserem But angelangt But Bute ist ein altes deutsches

Wort welches etwas Festes einen Standort bedeutet Beuten ein veraltetes

Wort welches sich noch in einigen Kirchengesängen findet heißt verweilen Das

mais hat seinen Ursprung von magis wie wenn jemand sagen wollte »Was das

weitere angeht so muss man das lassen« was so viel ist als sagen es braucht

nicht mehr es ist genug kommen wir zu etwas anderem oder das ist etwas

anderes Da aber der Sprachgebrauch auf wunderliche Art wechselt so müsste man

mit den Beispielen sehr ins einzelne gehen um die Bedeutungen der

Umstandswörter ordentlich zu bestimmen Im Französischen vermeidet man das

doppelte mais durch ein cependant und würde sagen Vous priez cependant ce

nest pas pour obtenir la vérité mais pour être confirmé dans votre opinion

Ihr bittet indessen nicht um die Wahrheit zu erlangen sondern um in eurer

Meinung befestigt zu werden Das sed der Lateiner wurde früher oft durch ains

ausgedrückt welches das anzi der Italiener ist und die Franzosen haben bei

ihrer Sprachverbesserung dieselbe um einen vorteilhaften Ausdruck gebracht ZB

Il ny avait rien de sûr cependant on était persuadé de ce je vous ai mandé

parce quon aime à croire ce quon souhaite mais il sest trouvé que ce nétait

pas cela ains plutôt etc

     6 Philalethes Meine Absicht war diesen Gegenstand nur ganz leicht zu

berühren Ich will noch hinzufügen dass die Umstandswörter oft entweder

beständig oder in einer gewissen Satzbildung den Sinn eines ganzen Satzes

umfassen

    Theophilus Wenn das aber ein vollständiger Sinn ist so geschieht es

glaube ich durch eine Art Ellipse sonst können meiner Ansicht nach die

Ausrufungswörter allein für sich stehen und in einem Wort alles sagen wie Ach

Wehe Denn wenn man »aber« sagt ohne etwas anderes hinzuzufügen so ist es eine

Ellipse wie um zu sagen Aber da können wir noch lange warten und brauchen uns

nicht vergeblich etwas vorzureden Etwas dem Ähnliches gibt es im nisi der

Lateiner si nisi non esset wenn es kein Aber gäbe Übrigens wäre es mir ganz

recht gewesen wenn Sie auf die Wendungen des Geistes, welche im Gebrauch der

Umstandswörter wunderbar hervortreten etwas näher eingegangen wären Aber da

wir Ursache haben uns mit dem Abschluss dieser Untersuchung der Worte und der

Rückkehr zu den Dingen zu beeilen so will ich Sie hier nicht weiter aufhalten

obwohl ich wirklich glaube dass die Sprachen der beste Spiegel des menschlichen

Geistes sind und eine genaue Analyse der Wortbedeutungen mehr als jedes andere

die Verrichtungen des Verstandes erkennen lassen würde

 
 






     1 Philalethes Noch ist zu bemerken dass die Ausdrücke entweder abstrakt

oder konkret sind Jede abstrakte Vorstellung ist deutlich so dass die eine von

zweien niemals die andere sein kann Der Geist muss durch seine intuitive

Erkenntnis den unterschied zwischen ihnen bemerken und folglich können niemals

zwei dieser Vorstellungen die eine von der anderen bejaht werden Jedermann

sieht sogleich die Falschheit dieser Sätze die Menschheit ist die organische

Wesenheit oder Vernünftigkeit dies ist von so großer Evidenz wie irgend einer

der am allgemeinsten angenommenen Grundsätze

    Theophilus Dennoch lässt sich darüber etwas sagen Man kommt darin überein

dass die Gerechtigkeit eine Tugend eine Fertigkeit habitus eine Eigenschaft,

ein Akzidens ist usw Also können zwei abstrakte Ausdrucke voneinander

prädiziert werden Ich pflege auch noch zwei Arten von Abstrakta zu

unterscheiden Es gibt abstrakte logische Ausdrücke und auch abstrakte reale

Ausdrücke Die realen oder wenigstens als solche gedachten Abstrakta sind

entweder Wesenheiten oder Teile von Wesenheiten oder Akzidenzien dh der

Substanz Beigelegtes Die abstrakten logischen Ausdrücke sind auf einen

sprachlichen Ausdruck zurückgebrachte Bezeichnungen wie wenn ich zB sagte

Mensch sein organisches Wesen sein und in diesem Sinne kann man sie einen vom

andern prädizieren und sagen Mensch sein ist organisches Wesen sein Aber bei

den Realitäten findet dies nicht statt Denn man kann nicht sagen dass die

Menschheit oder Homoität wenn man will welche das ganze Wesen des Menschen

ist die organische Wesenheit ist da diese nur einen Teil jenes Wesens bildet

indessen haben diese abstrakten und unvollständigen Wesen welche durch

abstrakte reale Ausdrücke bezeichnet werden auch ihre Geschlechter und Arten

die nicht minder durch abstrakte reale Ausdrücke ausgedrückt werden; also findet

ein Prädizieren unter ihnen statt wie ich am Beispiele der Gerechtigkeit der

Tugend gezeigt habe

     2 Philalethes Man kann immerhin sagen dass die Substanzen nur wenig

abstrakte Namen haben man hat in den Schulen kaum von der organischen

Wesenheit Körperlichkeit geredet Aber im großen Publikum hat sich dies nicht

durchgesetzt

    Theophilus Weil man diese Ausdrücke nur sehr wenig nötig hatte um als

Beispiel zu dienen und den allgemeinen Begriff den nicht gänzlich zu

vernachlässigen geboten war zu erklären Wenn die Alten sich des Wortes »

Menschheit« im Sinne der Schule nicht bedienten so sagten sie die menschliche

Natur was dasselbe ist. Auch sagten sie sicherlich Gottheit oder wenigstens

göttliche Natur und da die Theologen nötig hatten von diesen beiden Naturen

und realen Akzidenzien in reden so hat man sich in den philosophischen und

theologischen Schulen mit diesen abstrakten Wesenheiten und vielleicht mehr als

passend war vertraut gemacht

 
 






     1 Philalethes Wir haben schon von dem doppelten Gebrauch der Worte

geredet Der eine besteht darin, zur Unterstützung unseres Gedächtnisses

welches uns mit uns selbst reden macht unsere eigenen Gedanken einzuprägen der

andere mittels der Worte unsere Gedanken anderen mitzuteilen Diese beiden

Arten des Gebrauchs lassen uns die Vollkommenheit oder Unvollkommenheit der

Worte erkennen  2 Wenn wir nur mit uns sprechen ist es gleichgültig welche

Worte man anwendet wenn man sich nur ihres Sinnes erinnert und ihn nicht ändert

Aber  3 der Mitteilungsgebrauch ist noch von zwei Arten, ein bürgerlicher und

ein philosophischer Der bürgerliche besteht in der Unterhaltung und im Umgange

des bürgerlichen Lebens der philosophische Gebrauch ist der dass man Worte

vorbringen muss um genaue Begriffe anzugehen und gewisse Wahrheiten in

allgemeinen Sätzen auszudrücken

    Theophilus Sehr wahr die Worte sind nicht weniger Merkzeichen Notae für

uns wie die Zahlen oder algebraischen Zeichen sein konnten als Zeichen für

andere und der Gebrauch der Worte als Zeichen findet sowohl dann statt wenn es

sich darum handelt die allgemeinen Vorschriften auf das Leben und die

Individuen anzuwenden als wenn es sich darum handelt diese Vorschriften zu

finden oder zu bewahrheiten der erstere Gebrauch der Zeichen ist der

bürgerliche und der zweite der philosophische

     5 Philalethes Nun ist es schwer besonders in folgenden Fällen die von

jedem Wort bezeichnete Vorstellung zu erkennen und zu behalten 1 wenn diese

Vorstellungen sehr zusammengesetzt sind 2 wenn diese Vorstellungendie eine

neue bilden keinen natürlichen Zusammenhang unter sich haben so dass es in der

Natur kein festes Maß oder Muster gibt sie zu berichtigen oder zu regeln 3

wenn das Muster nicht leicht zu erkennen ist 4 wenn die Bedeutung des Wortes

und das wirkliche Wesen nicht genau dasselbe sind Die Bezeichnungen der Modi

sind dem Zweifel und der Unvollkommenheit mehr um der ersten beiden Gründe

willen ausgesetzt und die der Substanzen mehr um der beiden letzten willen 

6 Wenn die Vorstellung der Modi sehr zusammengesetzt ist wie die der meisten

Ausdrücke in der Moral so haben sie selten genau dieselbe Bedeutung wie die

Geister zweier verschiedener Personen  7 Auch macht das Fehlen der Muster

diese Art Worte zweideutig Der welcher zuerst das Wort »brusquer« anfahren

erfunden hat hat darunter verstanden was er für entsprechend ansah ohne dass

die welche sich desselben wie er bedienten von dem was er eigentlich sagen

wollte sich unterrichtet hätten und ohne dass er ihnen irgend ein stehendes

Modell gezeigt hätte  8 Der allgemeine Gebrauch regelt hinlänglich den Sinn

der Worte für die gewöhnliche Unterhaltung aber Genauigkeit ist nicht dabei

und man streitet täglich über die der Eigentümlichkeit der Sprache angemessenste

Bedeutung Viele Leute reden von Ruhm und doch gibt es wenige die sich darüber

miteinander verstehen  9 In vieler Munde sind es nur einfache Laute oder

bleiben wenigstens die Bedeutungen ganz unbestimmt Und in einer Rede oder einer

Unterhaltung wo man von der Ehre dem Glauben der Gnade der Religion der

Kirche redet und vor allem in einer Kontroverse bemerkt man gleich dass die

Leute verschiedene Begriffe haben welche sie mit denselben Ausdrücken

verbinden Und wenn es schwierig ist den Sinn der Ausdrücke der Menschen

unserer Zeit zu verstehen so ist die Schwierigkeit noch viel größer die alten

Bücher zu verstehen Das Gute dabei ist dass man sich dessen entschlagen kann

ausgenommen wenn sie das was wir zu glauben oder zu tun haben enthalten

    Theophilus Diese Bemerkungen sind gut aber was die alten Bücher

anbetrifft so müssen wir da wir die heilige Schrift in allen Stücken zu

verstehen nötig haben und die römischen Gesetze in einem großen Teil Europas im

Gebrauch sind eben deswegen eine Menge anderer alter Bücher zu Bäte ziehen die

Rabbiner die Kirchenväter sogar die Profanhistoriker Übrigens verdienen auch

die alten Ärzte vernommen zu werden Die Ausübung der Heilkunst der Griechen ist

von den Arabern bis zu uns gekommen das Quellwasser ist in den Bächen der

Araber getrübt und in vielen Dingen wieder geklärt worden nachdem man

angefangen hat auf die alten Griechen selbst wieder zurückzugehen Indessen

sind diese Araber darum doch nützlich und man versichert zB dass Ebenbitar

der in seinen Büchern über die Heilmittel Dioscorides ausgeschrieben hat oft

ihn zu erklären dient Auch finde ich dass nach der Religion und Geschichte

besonders in der Medizin soweit sie empirisch ist die schriftlich erhaltene

Überlieferung der Alten und überhaupt die Bemerkungen anderer nützlich sein

können Darum habe ich immer die noch mit der Kenntnis des Altertums vertrauten

Ärzte sehr verehrt und hat es mir sehr leid getan dass der in beiden Fächern

ausgezeichnete Reinesius sich mehr dazu gewendet hat die Gebräuche und

Geschichten der Alten aufzuhellen als einen Teil ihrer Naturerkenntnis wieder

herzustellen was ihm wie er gezeigt hat ganz ausnehmend gut gelungen sein

würde Wenn die Lateiner Griechen Hebräer und Araber einmal ausgebeutet sein

werden werden die mit alten Werken noch versehenen Chinesen an die Reihe kommen

und der Wissbegierde unserer Kritiker Stoff geben Ohne noch von gewissen alten

Büchern der Perser der Armenier der Kopten und Brahmanen zu reden die man mit

der Zeit aus der Verborgenheit ziehen wird um keine Aufklärung zu

vernachlässigen welche das Altertum durch die Überlieferung der Lehrmeinungen

und die Geschichte der Tatsachen liefern kann Und wenn es kein altes Buch mehr

zu prüfen geben wird werden die Sprachen die Stelle der Bücher einnehmen denn

sie sind die ältesten Denkmale des menschlichen Geschlechts Man wird mit der

Zeit alle Sprachen des Weltalls buchen sie in Wörterbücher und Grammatiken

bringen und miteinander vergleichen was von sehr großem Nutzen sowohl zur

Erkenntnis der Dinge sein wird weil die Namen oft deren Eigenschaften

entsprechen wie man an den Benennungen der Pflanzen bei den verschiedenen

Völkern sieht als auch zur Erkenntnis unseres Geistes und der wunderbaren

Mannigfaltigkeit seiner Verrichtungen Nicht zu reden von dem Ursprung der

Völker den man mittels begründeter Etymologien welche die Sprachvergleichung

am besten liefern kann erkennen wird Aber davon habe ich bereits gesprochen

    Alles dies lässt ferner den Nutzen und den Wirkungskreis der Kritik erkennen

die bei manchen sonst gescheiten Philosophen wenig in Ansehen steht Diese

suchen sich darüber zu erheben indem sie mit Verachtung von der Rabbinage und

überhaupt der Philologie sprechen Man sieht auch dass die Kritiker noch lange

Zeit Stoff finden werden sich mit Nutzen zu üben und sie würden gut tun sich

nicht allzusehr mit Kleinigkeiten die Zeit zu vertreiben da sie so viel mehr

anmutende Gegenstände zu behandeln haben Freilich weiß ich wohl dass auch die

Kleinigkeiten bei den Kritikern sehr oft notwendig sind um die wichtigsten

Erkenntnisse zu entdecken Und da die Kritik sich großenteils auf die Bedeutung

der Worte und die Auslegung der Schriftsteller vor allem der Alten bezieht so

hat diese unsere Besprechung der Worte, verbunden mit der von Ihnen getanen

Erwähnung der Alten mich diesen wichtigen Punkt zu berühren veranlasst

    Um aber auf Ihre vier Mängel der Bezeichnung zurückzukommen so muss ich

Ihnen sagen dass man sie alle beseitigen kann vor allem seitdem die Schrift

erfunden ist und dass sie nur unserer Nachlässigkeit wegen da sind Denn es

hängt von uns ab die Bezeichnungen wenigstens in irgend einer Gelehrtensprache

festzustellen und sich darüber zu verständigen um vor allen Dingen jenen Turm

von Babel zu zerstören Aber zwei Fehler gibt es die zu heilen schwieriger sein

dürfte wovon der eine in der uns treffenden Unsicherheit besteht ob

Vorstellungen einstimmig sind wenn die Erfahrung sie uns nicht alle in dem

nämlichen Gegenstande verbunden liefert der andere in der Notwendigkeit von

den sinnlichen Dingen vorläufige Definitionen zu machen wenn man noch nicht

genug Erfahrungen hat um vollständigere Definitionen davon zu haben Ich habe

indessen schon mehr als einmal von dem einen wie von dem anderen dieser Mängel

gesprochen

    Philalethes Ich gehe dazu über Ihnen anzugeben was noch dazu dienen kann

die von Ihnen eben bezeichneten Mängel in gewisser Weise aufzuhellen Der dritte

der von mir bezeichneten Mängel ist wie mir scheint die Ursache, dass jene

Definitionen vorläufige sind wenn wir nämlich unsere sinnlichen Muster nicht

genug erkennen dh die substantiellen Wesen körperlicher Natur Dieser Mangel

macht auch dass wir nicht wissen ob es erlaubt ist die sinnlichen

Eigenschaftenwelche die Natur nicht verbunden hat zu verbinden weil man sie

nämlich nicht bis auf den Grund versteht Wenn nun die Bedeutung der Worte,

welche für die zusammengesetzten Modi dienen aus Mangel an Mustern welche

dieselbe Zusammensetzung zeigen zweifelhaft ist so ist die der Worte für die

substantiellen Wesen aus einem ganz entgegengesetzten Grunde zweifelhaft weil

sie nämlich das bezeichnen müssen was als der Realität der Dinge entsprechend

vorausgesetzt wird und sich auf von der Natur gebildete Muster bezieht

    Theophilus Ich habe schon mehr als einmal in unseren früheren

Unterhaltungen bemerkt dass dies für die Vorstellungen der Substanzen nicht

wesentlich ist gestehe aber dass die der Natur nachgebildeten Vorstellungen die

zuverlässigsten und nützlichsten sind

     12 Philalethes Wenn man also den ganz und gar von der Natur gemachten

Mustern folgt ohne dass die Phantasie etwas anderes nötig hat als deren

Abbilder zu behalten so haben die Worte für die substantiellen Wesen wie ich

schon gezeigt habe im gewöhnlichen Gebrauch eine doppelte Beziehung Die erste

ist dass sie die innere und reale Bildung der Dinge bezeichnen das Muster davon

kann jedoch nicht erkannt werden und folglich auch nicht dazu dienen die

Bedeutungen zu regeln

    Theophilus Darum handelt es sich hier nicht weil wir von den Vorstellungen

sprechen von welchen wir Muster haben die innere Wesenheit ist in der Sache

es muss aber zugegeben werden dass sie nicht als Prägstock dienen könne

     13 Philalethes Die zweite Beziehung ist also die welche die Namen der

substantiellen Wesen unmittelbar auf die einfachen Vorstellungen haben die

zugleich in der Substanz sind Aber da die Zahl dieser in dem nämlichen Subjekt

vereinigten Vorstellungen groß ist werden indem man von demselben Subjekt

spricht sehr verschiedene Vorstellungen davon gebildet sowohl durch die

verschiedene Verknüpfung der gebildeten einfachen Vorstellungen als weil der

größte Teil der Eigenschaften der Körper die von diesen besessenen Kräfte sind

Veränderungen in anderen Körpern hervorzubringen und deren zu empfangen wie

dies zB diejenigen Veränderungen bezeugen welche eines der niedrigsten

Metalle durch die Wirkungen des Feuers zu erleiden fähig ist und deren es noch

viel mehr unter den Händen eines Chemikers durch die Anwendung anderer Körper

empfängt Übrigens begnügt der eine sich mit dem Gewicht und der Farbe bei der

Erkenntnis des Goldes, während der andere noch die Dehnbarkeit und die

Feuerfestigkeit dazu nimmt der dritte aber noch in Betracht ziehen will dass

man es in Königswasser auflösen kann

     14 Da die Dinge auch häufig Ähnlichkeit unter sich haben so ist es

mitunter schwer die Verschiedenheiten genau zu bezeichnen

    Theophilus Da die Körper hauptsächlich dem unterworfen sind verändert

versteckt verfälscht nachgemacht zu werden so ist es eine große Hauptsache

sie unterscheiden und wiedererkennen zu können Das Gold versteckt sich in der

Auflösung aber man kann es daraus zurückerhalten sei es durch Präzipitation

sei es durch Destillation des Wassers und das nachgemachte oder falsche Gold

wird durch die Kunst der Probierer erkannt oder gereinigt die weil sie nicht

der ganzen Welt bekannt ist uns der Verwunderung darüber enthebt dass die

Menschen nicht alle dieselbe Vorstellung vom Golde haben Und gewöhnlich sind es

nur die Sachkundigen welche von den Dingen ganz richtige Vorstellungen haben

     15 Philalethes Gleichwohl richtet diese Verschiedenheit im bürgerlichen

Verkehr nicht so viel Unordnungen an als in den wissenschaftlichen

Untersuchungen

    Theophilus Sie würde erträglicher sein wenn sie nicht auf die Praxis

Einfluss hätte wo es oft wichtig ist nicht ein Quiproquo zu bekommen und also

die Merkzeichen der Dinge zu kennen oder Leute welche sie kennen bei der Hand

zu haben Und das ist vor allem wichtig hinsichtlich der Drogen und kostbarer

bei wichtigen Vorfällen nötiger Stoffe Die wissenschaftliche Unordnung lässt

sich mehr beim Gebrauch der allgemeinen Ausdrücke bemerken

     18 Philalethes Die Namen der einfachen Vorstellungen sind der

Zweideutigkeit weniger unterworfen und selten täuscht man sich über die

Ausdrücke für Weiß Bitter usw

    Theophilus Dennoch bleibt es wahr dass diese Ausdrücke nicht ganz frei von

Unsicherheit sind und ich habe schon das Beispiel der einander nahestehenden

Farben angemerkt welche sich auf den Grenzen zwischen zwei Grundfarben befinden

und deren Grundfarbe ungewiss ist

     19 Philalethes Nächst den Namen der einfachen Vorstellungen sind die der

einfachen Modi am wenigsten ungewiss wie zB die der Figuren und der Zahlen.

Aber  20 die zusammengesetzten Modi und die Substanzen verursachen die ganze

Schwierigkeit  21 Man könnte sagen dass statt den Namen die Schwierigkeiten

zuzuschreiben man sie vielmehr auf Rechnung unseres Verstandes setzen müsse

ich antworte aber dass die Worte sich dergestalt zwischen unseren Geist und die

Wahrheit der Dinge einschieben dass man die Worte mit dem Mittel vergleichen

kann durch welches die Strahlen der sichtbaren Gegenstände hindurchgehen und

das oft vor unseren Augen Nebel verbreitet Ich bin daher zu glauben geneigt

dass wenn man die Unvollkommenheiten der Sprache gründlicher prüfen wollte der

größte Teil der Streitigkeiten von selbst wegfiele und der Weg der Erkenntnis

und vielleicht des Friedens den Menschen offener werden wurde

    Theophilus Ich glaube man könnte damit bei Verhandlungen schon jetzt

schriftlich zustande kommen wenn die Leute über gewisse Regeln miteinander

Übereinkommen und sie sorgfältig ausführen wollten Aber um mündlich und

schlagfertig in gründlicher Weise vorschreiten zu können würde es einer

Veränderung in der Sprache bedürfen Übrigens habe ich mich mit dieser

Untersuchung beschäftigt

     22 Philalethes Ehe diese Reform welche nicht so bald eintreten wird

zustande kommt sollte diese Unbestimmtheit der Worte uns lehren gemäßigt zu

sein besonders wenn es sich darum handelt anderen den Sinn welchen wir den

alten Schriftstellern zuschreiben anzubefehlen weil es bei den griechischen

Schriftstellern sich findet dass beinahe jeder von ihnen eine besondere Sprache

redet

    Theophilus Ich bin vielmehr erstaunt gewesen zu sehen dass griechische

Schriftsteller hinsichtlich der Zeiten und Orte so weit voneinander entfernt

wie Homer Herodot Strabo Plutarch Lucian Eusebius Procopius Photius

einander so nahe kommen statt dass die Lateiner so viel geändert haben und noch

mehr die Deutschen Engländer und Franzosen Der Grund davon ist dass die

Griechen seit der Zeit Homers und mehr noch als die Stadt Athen in einem

blühenden Zustande war gute Schriftsteller gehabt haben welche die späteren

wenigstens beim Schriftstellern sich zum Muster genommen haben Denn ohne

Zweifel musste die Volkssprache der Griechen schon unter der Herrschaft der Römer

sehr verändert sein und eben dieser Grund macht dass das Italienische nicht so

sehr wie das Französische sich verändert hat weil die Italiener die früher

Schriftsteller von dauerndem Ruhm gehabt Dante Petrarca Boccaccio und andere

Autoren nachgeahmt haben und noch verehren  zu einer Zeit wo die der Franzosen

sich nicht sehen lassen dürfen

 
 






     1 Philalethes Außer den natürlichen Unvollkommenheiten der Sprache gibt

es deren noch willkürliche die aus der Nachlässigkeit stammen Man missbraucht

die Worte wenn man sie schlecht anwendet Der erste und sichtbarste Missbrauch

ist  2 dass man keine klare Vorstellung damit verbindet Was diese Art Worte

anbetrifft so gibt es deren zwei Arten. Die einen haben niemals eine bestimmte

Vorstellung enthalten weder ihrem Ursprunge noch ihrem gewöhnlichen Gebrauch

nach Die meisten Sekten in der Philosophie und Religion haben dergleichen

eingeführt um irgend eine seltsame Meinung aufrechtzuerhalten oder irgend einen

schwachen Punkt ihres Systems zu verbergen Dennoch sind dies die

unterscheidenden Charaktermerkmale im Munde der Parteigänger  3 Es gibt

zweitens andere Worte welche in ihrem ersten und gewöhnlichen Gebrauch eine

klare Vorstellung erhalten haben die man hinterher aber sehr wichtigen

Gegenständen zugeeignet hat ohne mit ihnen irgend eine bestimmte Vorstellung zu

verbinden Auf diese Weise sind die Worte Weisheit Ruhm Gnade oft im Munde der

Menge

    Theophilus Ich glaube es gibt nicht so viel bedeutungsvolle Worte wie man

denkt und man kann mit ein wenig Sorgfalt und gutem Willen entweder die Leere

darin ausfüllen oder die Unbestimmtheit festmachen Die Weisheit scheint nichts

anderes zu sein als die Wissenschaft des Glückes Die Gnade ist ein denjenigen

verliehenes Gut welche es nicht verdient haben sich aber in einem Zustande

befinden wo sie desselben bedürfen Und der Ruhm ist der Ruf der

Vortrefflichkeit eines Menschen

     4 Philalethes Ich will jetzt nicht untersuchen ob über diese

Definitionen etwas zu sagen ist um lieber die Ursachen des Missbrauchs der Worte

anzumerken Zuerst lernt man die Worte früher kennen ehe man die zu ihnen

gehörigen Vorstellungen kennen lernt und die von der Wiege an daran gewöhnten

Kinder bedienen sich ihrer ebenso während ihres ganzen Lebens um so mehr als

sie nicht umhin können sich im Gespräch hören zu lassen ohne jemals ihre

Vorstellung befestigt zu haben indem sie sich verschiedener Ausdrücke bedienen

um den anderen das was sie sagen wollen begreiflich zu machen Dies füllt

insofern oft ihr Gespräch mit einer Menge leeren Schalles besonders im Fache

der Moral Die Menschen nehmen die Worte welche sie im Gebrauche bei ihren

Nächsten vorfinden um nicht als unwissend hinsichtlich dessen zu erscheinen

was sie bedeuten und wenden sie mit Zuversicht an ohne ihnen einen bestimmten

Sinn beizulegen und wie in dieser Art der Unterhaltung ihnen selten widerfährt

dass sie recht haben so werden sie auch selten überzeugt dass sie unrecht haben

und sie aus dem Irrtum reißen heißt einem Vagabunden Besitztum nehmen wollen

    Theophilus In der Tat nimmt man sich so selten die Mühe welche man sich

doch geben müsste ein Verständnis der Ausdrücke oder Worte zu erzielen dass ich

mich mehr als einmal gewundert habe wie die Kinder so schnell die Sprache

lernen können und wie die Menschen noch so richtig reden in Anbetracht dass

man sich so wenig bemüht die Kinder in ihrer Muttersprache zu unterrichten und

auch die übrigen so wenig daran denken klare Definitionen sich zu verschaffen

während diejenigenwelche man in den Schulen lernt gewöhnlich nicht die Worte

welche im öffentlichen Gebrauch sind betreffen Übrigens gestehe ich dass es

den Menschen häufig widerfährt selbst dann unrecht zu haben wann sie ernstlich

streiten und ihrer Überzeugung gemäß reden indessen habe ich auch oft genug

bemerkt dass sie in ihren spekulativen Streitigkeiten über Dingewelche sie zu

beurteilen imstande sind alle von beiden Seiten recht haben ausgenommen in den

Gegensätzen welche sie widereinander geltend machen wo sie die Ansicht des

Gegners falsch verstehen Dies kommt vom üblen Gebrauch der Ausdrücke und auch

mitunter von dem Widerspruchsgeist und der Selbstüberhebung her

     5 Philalethes Zweitens ist der Gebrauch der Worte mitunter unbeständig

das kommt unter den Gelehrten nur zu oft vor Indessen ist das eine offenbare

Täuschung und wenn sie mit Willen geschieht eine Narrheit oder Bosheit Wenn

jemand in seinen Rechnungen so verfahren wollte zB ein X für ein V zu nehmen

wer würde dann noch mit ihm zu tun haben wollen

    Theophilus Da dieser Missbrauch nicht allein unter den Gelehrten sondern

auch in der großen Welt so allgemein ist so halte ich es eher für eine

schlechte Gewohnheit und Unachtsamkeit als für Bosheit was ihn verursacht

Gewöhnlich haben die verschiedenen Bedeutungen desselben Wortes eine gewisse

Verwandtschaft dies macht dass eine für die andere genommen wird und man sich

nicht die Zeit nimmt mit aller wünschenswerten Genauigkeit das was man sagt

in Betracht zu ziehen Man ist an Tropen und Redefiguren gewöhnt und eine

gewisse Eleganz oder etwas Flitterglanz imponiert uns leicht Denn am häufigsten

sucht man das Vergnügen die Unterhaltung und den Schein mehr als die Wahrheit

wozu noch die Einmischung der Eitelkeit kommt

     6 Philalethes Der dritte Missbrauch ist eine affektierte Dunkelheit

entweder indem man gewöhnlichen Ausdrücken ungewöhnliche Bedeutungen gibt oder

indem man neue Ausdrücke einführt ohne sie zu erklären Die alten Sophisten

welche Lucian so vernünftigerweise lächerlich macht die über alles zu sprechen

sich anheischig machten bedeckten ihre Unwissenheit mit dem Schleier der

Dunkelheit der Worte. Unter den Sekten der Philosophen hat sich die

peripatetische durch diesen Fehler berühmt gemacht aber auch die übrigen

Sekten selbst unter den neueren sind nicht ganz und gar davon frei Es gibt

zB Leute welche den Ausdruck Ausdehnung missbrauchen und ihn mit dem Ausdruck

Körper zu verwechseln für nötig halten

     7 Die vielgeschätzte Logik oder Disputierkunst hat das Dunkel zu

unterhalten gedient  8 Diejenigenwelche sich ihr ergeben haben sind für

das Gemeinwesen unnütz oder vielmehr schädlich gewesen  9 während die Männer

der mechanischen Künste welche von den Gelehrten so verachtet werden dem

menschlichen Leben genützt haben Inzwischen sind jene unnützen Doktoren von den

Unwissenden bewundert worden und man hat sie für unbesiegbar gehalten weil sie

mit Disteln und Dornen gepanzert waren mit welchen sich einzulassen kein

Vergnügen war dabei konnte die Dunkelheit allein der Ungereimtheit zur

Verteidigung dienen  12 Das Übel ist dass diese Kunst die Worte zu

verdunkeln die beiden großen Richtmaße der menschlichen Handlungen die

Religion und das Rechtswesen verwirrt hat

    Theophilus Ihre Klagen sind großenteils gerecht indessen gibt es

allerdings wenn auch selten verzeihliche und selbst löbliche Dunkelheiten wie

wenn man ausdrücklich rätselhaft sein will und das Rätsel in der Ordnung ist

Pythagoras hat sich auf diese Weise derselben bedient und es ist viel die Sitte

der Orientalen Die Alchimisten welche sich Adepten nennen erklären nur von

den Kindern der Kunst verstanden werden zu wollen Aber es wäre gut wenn diese

angeblichen Kinder der Kunst den Schlüssel der Geheimschrift hätten Eine

gewisse Dunkelheit könnte erlaubt sein indessen muss sie etwas verbergen was

geahnt zu werden verdient und das Rätsel muss zu lösen sein Aber die Religion

und die Justiz verlangen klare VorstellungenDer Mangel an Ordnung welchen man

beim Unterricht derselben angewandt hat hat deren Lehre verwirrt gemacht und

die Unbestimmtheit der Ausdrücke kann dabei schädlicher sein als die Dunkelheit

Wenn nun die Logik die Kunst ist die Ordnung und den Zusammenhang der Gedanken

zu lehren so sehe ich keinen Grund sie zu tadeln Im Gegenteil geschieht es

aus Mangel an Logik dass die Menschen sich irren

     14 Philalethes Der vierte Missbrauch ist wenn man die Worte für Dinge

hält dh wenn man glaubt dass die Ausdrücke der wirklichen Wesenheit der

Substanzen entsprechen Wer ist wohl in der peripatetischen Philosophie groß

geworden und bildet sich nicht ein dass die zehn Worte welche die Kategorien

bezeichnen der Natur der Dinge genau entsprechen Dass die substantiellen Formen

 die Pflanzenseelen der Horror vacui die intentionellen Arten etwas

Wirkliches sind Die Platoniker haben ihre Weltseele und die Epikureer die

Neigung ihrer Atome zur Bewegung während dieselben in Ruhe sind Wenn die Luft

oder Ätherwagen des Dr Morus irgendwo in der Welt zur Geltung gekommen wären

so würde man sie nicht weniger für wirklich angesehen haben

    Theophilus Eigentlich ist das nicht die Worte für die Sachen nehmen

sondern das für wahr halten was es nicht ist Ein nur zu gewöhnlicher Irrtum

aller Menschen der aber nicht allein vom Missbrauch der Worte abhängt sondern

in etwas ganz anderem besteht Der Zweck der Kategorien ist sehr nützlich und

man sollte statt sie zu verwerfen lieber daran denken sie zu verbessern Die

Substanzen, Quantitäten Qualitäten Handlungen oder Leidenheiten und

Relationen dh fünf Allgemeinbegriffe der Dinge, könnten mit denen welche aus

ihrer Zusammensetzung gebildet werden, genügen und haben Sie nicht selbst bei

der Anordnung der Vorstellungen sie als Kategorien geben wollen Über die

substantiellen Formen habe ich schon oben gesprochen Auch weiß ich nicht ob

man hinlänglich Grund hat die Pflanzenseelen zu verwerfen weil sehr gewiegte

und urteilsvolle Leute zwischen Pflanzen und Tieren eine große Analogie

anerkennen und Sie selber wie es scheint die Tierseele zugelassen haben Der

horror vacui kann einen haltbaren Sinn haben dh vorausgesetzt dass die Natur

einmal die Arten alle ausgefüllt hat und die Körper undurchdringlich und nicht

zusammendrückbar sind so kann sie keine Leere zulassen und ich halte jene drei

Voraussetzungen für wohlbegründet Aber die intentionellen Spezies welche den

Verkehr der Seele und des Leibes bewirken sollen leisten dies nicht man kann

vielleicht nur die sinnlichen Spezies entschuldigen welche vom Objekt zu dem

entfernten Organ übergehen sollen die Fortpflanzung der Bewegungen dabei

vorausgesetzt Ich gebe zu dass es keine platonische Weltseele gibt denn Gott

ist über der Welt als extramundana oder vielmehr supramundana intelligentia

außerweltliche  überweltliche Intelligenz Ich weiß nicht ob Sie unter der

Neigung zur Bewegung der Atome der Epikureer nicht die Schwere verstehen welche

sie ihnen zuschrieben und die ohne Zweifel unbegründet war weil sie

behaupteten dass die Körper alle von selbst nach der einen Seite fallen Der

verstorbene Henry Morus Theologe der englischen Kirche zeigte sich so gescheit

er sonst war ein wenig zu geneigt im Schmieden von Hypothesen die weder

verständlich noch wahrscheinlich waren wovon sein hylarchisches Prinzip der

Materie als die Ursache der Schwere der Elastizität und der anderen dabei

vorkommenden Wunder zeugt Über seine ätherischen Fahrzeuge habe ich Ihnen

nichts zu sagen da ich deren Wesen nicht geprüft habe

     16 Philalethes Ein Beispiel über das Wort Materie wird Ihnen meinen

Gedanken näher legen Man nimmt die Materie für ein vom Körper verschiedenes

wirklich in der Materie vorhandenes Wesen was in der Tat von äußerster Evidenz

ist sonst könnten diese beiden Vorstellungen unterscheidungslos die eine an die

Stelle der anderen gesetzt werden Denn man kann sagen dass eine und dieselbe

Materie alle Körper bildet nicht aber dass ein einziger Körper alle Materien

bildet Man wird auch nicht wie ich denke sagen dass eine Materie größer ist

als die andere Die Materie drückt die Substanz und Solidität des Körpers aus

also begreifen wir nicht mehr verschiedene Materien als verschiedene

Soliditäten Seitdem man indes die Materie für den Namen eines unter dieser

Bestimmtheit daseienden Dinges genommen hat hat dieser Gedanke unverständliche

Reden und verworrene Streitigkeiten über die erste Materie hervorgerufen

    Theophilus Wie mir scheint dient dies Beispiel eher dazu die

peripatetische Philosophie zu entschuldigen als zu tadeln Wenn alles Silber

gestaltet wäre oder vielmehr weil alles Silber durch die Natur oder die Kunst

gestaltet ist wird es darum weniger erlaubt sein zu sagen dass das Silber ein

in der Natur wirklich vorhandenes Wesen sei verschieden  wenn man es genau

nimmt  vom Geschirr oder vom Gelde Man wird darum nicht sagen dass das Silber

nichts anderes ist als einige Eigenschaften des Geldes Auch ist es nicht

unnützlich dass man in der allgemeinen Physik sich über die erste Materie

Verständnis zu schaffen und deren Natur zu bestimmen sucht um zu wissen ob sie

immer einförmig ist ob sie noch eine andere Eigenschaft als die

Undurchdringlichkeit hat wie ich in der Tat nach Kopier gezeigt habe dass sie

noch das hat was man Trägheit nennen kann usw obwohl sie sich niemals ganz

nackt findet wie es uns erlaubt wäre wissenschaftlich vom reinen Silber zu

reden auch wenn es auf Erden kein solches gäbe und wir nicht das Mittel es

rein darzustellen hätten Ich missbillige es also nicht dass Aristoteles von der

ersten Materie geredet hat aber man kann sich nicht enthalten diejenigen zu

tadeln welche sich zu viel dabei aufgehalten und Chimären über schlecht

verstandene Worte dieses Philosophen geschmiedet haben der auch vielleicht

mitunter zu viel Gelegenheit zu diesem Missverständnis und Gallimathias gegeben

bat Man soll aber nicht die Fehler dieses berühmten Schriftstellers so sehr

vergrößern weil man weiß dass mehrere seiner Werke von ihm selbst nicht

vollendet oder veröffentlicht worden sind.

     17 Philalethes Der fünfte Missbrauch ist die Worte an die Stelle der

Sachen zu setzen welche sie in keiner Art bezeichnen oder bezeichnen können

Dies geschieht wenn wir durch die Namen der Substanzen etwas mehr als dies

sagen wollen was ich Gold nenne ist dehnbar wiewohl das Gold dann im Grunde

genommen nichts anderes bezeichnet als das was dehnbar ist womit ich

verstanden haben will dass die Dehnbarkeit von der wirklichen Wesenheit des

Goldes abhängt So sagen wir es sei richtig mit Aristoteles den Menschen als

vernünftiges Wegen und unrichtig ihn mit Plato als ein Wesen mit zwei Füßen

ohne Federn und mit großen Nägeln zu definieren  18 Es findet sich kaum

jemand der nicht voraussetzt dass diese Worte etwas Wirkliches und Wesenhaftes

bezeichnen von dessen Wesen diese Eigenschaften abhangen Dies ist indessen ein

klarer Missbrauch da jenes nicht in der zusammengesetzten Vorstellungwelche

durch dieses Wort bezeichnet wird enthalten sein kann

    Theophilus Und ich möchte vielmehr glauben dass es offenbar unrecht ist

diesen allgemeinen Gebrauch zu tadeln weil es sehr wahr ist dass in der

zusammengesetzten Vorstellung des Goldes der Begriff einer Sache enthalten ist,

die eine wirkliche Wesenheit hat deren innere Bildung uns im besonderen nicht

anders bekannt ist als dass Qualitäten wie die Dehnbarkeit davon abhangen

Aber um die Dehnbarkeit ohne Identität davon auszusagen und ohne in den Fehler

des Coccysmus oder der Wiederholung zu verfallen siehe Kap VIII  18 muss man

dies Ding aus anderen Eigenschaften erkennen wie wenn man sagte dass ein

gewisser schmelzbarer gelber und sehr gewichtiger Körper welchen man Gold

nennt eine Wesenheit hat die ihm auch die Eigenschaft gibt unter dem Hammer

sehr weich zu sein und außerordentlich dünn geschlagen werden zu können Was die

dem Plato zugeschriebene Definition des Menschen anbetrifft welche er nur zur

Übung gefertigt zu haben scheint und welche Sie selbst glaube ich nicht im

Ernst mit der allgemein angenommenen werden vergleichen wollen so ist sie

offenbar ein wenig zu äußerlich und zu vorläufig denn wenn jener Kasuar von

dem Sie kürzlich gesprochen haben sich zufällig mit langen Nägeln gefunden

hätte so würde er ein Mensch sein denn man würde ihm nicht erst die Federn

auszureißen haben wie jenem Hahn den Diogenes nach der Erzählung zu einem

Menschen des Plato machen wollte

     19 Philalethes In den zusammengesetzten Modi erkennt man auch sogleich

so wie eine dazu gehörige Vorstellung wechselt dass man etwas anderes erhält

wie augenscheinlich in folgenden Wörtern der Fall ist: murder welches auf

Englisch wie Mord in Deutschland einen vorbedachten Totschlag bedeutet

manslaughter ein in seinem Ursprunge dementsprechendes Wort welches einen

freiwilligen aber nicht vorbedachten Totschlag bedeutet chancemedly ein

zufällig eingetretenes Handgemenge in der Bedeutung des Wortes Totschlag aber

eines unbedachten das was durch diese Worte ausgedrückt wird und was ich also

als in der Sache liegend annehme ist dabei dasselbe Ich nannte es früher

nominale und reale Wesenheit Aber anders ist es mit den Namen der Substanzen

denn wenn einer in die Vorstellung des Goldes das hineinlegt was der andere

dabei auslässt zB die Dehnbarkeit und die Löslichkeit in Königswasser so

glauben die Menschen darum doch nicht dass man die Spezies gewechselt habe

sondern nur dass der eine vollkommenere Vorstellung als der andere von dem

hat was die verborgene wirkliche Wesenheit ausmacht welcher man den Namen Gold

beilegt mag diese geheime Beziehung auch ohne Nutzen sein und nur uns zu

verwirren dienen

    Theophilus Ich glaube es schon gesagt zu haben aber will Ihnen jetzt noch

einmal ordentlich zeigen dass sich das was Sie eben bemerkt haben in den Modi

findet wie in den substantiellen Wesen und dass man keine Ursache hat diese

Beziehung auf die innere Wesenheit zu tadeln Hier ein Beispiel davon Man kann

eine Parabel im Sinne der Geometer als eine Figur definieren in welcher alle

einer bestimmten geraden Linie parallelen Radien durch die Reflexion in einen

bestimmten Punkt oder Brennpunkt zusammenfallen Aber durch diese Vorstellung

oder Definition wird eher das Äußere und die Wirkung als die innere Wesenheit

dieser Figur oder das, was sofort ihren Ursprung zeigen könnte ausgedrückt Man

kann anfangs sogar zweifeln ob eine solche verlangte Figur welche diese

Wirkung haben etwas Mögliches ist und daran lässt sich meiner Ansicht nach

erkennen ob eine Definition nur nominal und von den Eigenschaften hergenommen

oder ob sie auch real ist Derjenige indessen welcher die Parabel nennt und sie

nur gemäß der eben genannten Definition kennt versteht darunter freilich wenn

er davon spricht eine Figur welche eine bestimmte Gestaltung oder

Beschaffenheit hat von der er nichts weiß aber die er um sie konstruieren zu

können kennen zu lernen wünscht Ein anderer der sie gründlicher kennt wird

irgend eine andere Eigenschaft hinzufügen und an ihr zB entdecken dass in der

verlangten Figur der Teil der Achse welcher zwischen der Ordinate und der nach

demselben Punkt der krummen Linie gezogenen Perpendikularlinie liegt stets

konstant und der Entfernung des Scheitels vom Brennpunkte gleich ist Somit wird

er eine vollkommenere Vorstellung als der erste haben und leichter damit

zustande kommen die Figur zu ziehen wenn er es auch noch nicht kann Und doch

wird man zugeben dass dies dieselbe Figur ist deren Wesen aber noch verborgen

ist Sie sehen also dass alles was Sie im Gebrauch der substantielle Dinge

bezeichnenden Worte finden und teilweise tadeln sich auch im Gebrauch der

zusammengesetzte Modi bedeutenden Worte findet und sich offenbar rechtfertigen

lässt Aber was Sie glauben macht dass zwischen den Substanzen und den Modi ein

Unterschied stattfindet ist der Umstand dass Sie hierbei nicht die

verstandesmäßigen Modi von schwieriger Erkennbarkeit in Betracht gezogen haben

welche man in dem allem den Körpern ähnlich findet die noch schwerer zu

erkennen sind

     20 Philalethes So fürchte ich also dass ich das zurückziehen muss was

ich Ihnen über die Ursache des von mir für einen Missbrauch Gehaltenen sagen

wollte Das war der meiner Ansicht nach falsche Glaube dass die Natur immer

regelrecht handelt und jeder Art ihre Grenzen durch diejenige spezifische

Wesenheit oder innere Bildung setzt welche wir darin voraussetzen und welcher

stets derselbe spezifische Name beigelegt wird

    Theophilus Sie sehen doch nun wohl am Beispiel der geometrischen Modi dass

man nicht unrecht hat sich an die inneren und spezifischen Wesenheiten zu

halten wenngleich zwischen den sinnlichen Dingen  mögen sie Substanzen oder

Modi sein von denen wir nur vorläufige Nominaldefinitionen haben und bei denen

wir nicht leicht auf Realdefinitionen hoffen dürfen  und zwischen den

verstandesmäßigen Modi von schwierigem Verständnisse ein großer Unterschied ist

weil wir schließlich bis zur inneren Bildung der geometrischen Figuren uns

durcharbeiten können

     21 Philalethes Ich sehe endlich dass ich unrecht gehabt habe diese

Beziehung auf innere Wesenheiten und Bildungen unter dem Vorwande zu tadeln dass

wir dadurch unsere Worte zu Zeichen eines Nichts oder eines Unbekannten machten

Denn was in gewisser Beziehung unbekannt ist kann auf eine andere Art erkannt

werden, und das Innere zeigt sich teilweise durch die daraus entspringenden

Erscheinungen Und was die Frage anbetrifft ob ein monströser Fötus ein Mensch

ist oder nicht so scheint es wohl dasswenn man nicht sofort darüber

entscheiden kann dies nicht hindert dass die Art in sich selbst fest bestimmt

sei da unsere Unwissenheit an der Natur der Dinge nichts ändert

    Theophilus In der Tat ist es sehr gescheiten Geometern begegnet dass sie

nicht vollständig gewusst haben welches die Figuren seien von denen sie mehrere

Eigenschaften kannten die ihnen den Gegenstand zu erledigen schienen Es gab

zB Linien welche man Perlen nannte von denen man selbst Quadrationen und

Messungen ihrer Oberfläche und der durch ihre Drehung entstandenen Körper

machte ehe man wusste dass sie nur eine Zusammensetzung aus gewissen kubischen

Paraboloiden seien Indem man also diese Perlen als eine besondere Art bildend

betrachtete hatte man von ihnen nur eine vorläufige Erkenntnis Wenn dies in

der Geometrie vorkommen kann darf man sich da wundern wenn es schwer ist die

Arten in der körperlichen Natur zu bestimmen, die unvergleichlich mehr

zusammengesetzt sind

     22 Philalethes Gehen wir zum sechsten Missbrauch über um die angefangene

Aufzählung fortzusetzen obwohl ich schon sehe dass ich einige davon aufgeben

muss

    Dieser allgemeine aber wenig bemerkte Missbrauch besteht darin, dass die

Menschen nachdem sie gewisse Vorstellungen durch einen langen Gebrauch mit

gewissen Worten verknüpft haben sich einbilden dass dieser Zusammenhang evident

sei und jedermann damit übereinstimme Daher kommt dass sie es sonderbar finden

wenn man sie nach der Bedeutung der von ihnen angewandten Worte fragt selbst

wenn es absolut notwendig ist Es gibt wenige welche es nicht als eine

Beleidigung aufnähmen wenn man sie fragte was sie darunter verständen wenn

sie vom Leben reden Indes genügte die vage Vorstellungdie sie davon haben

mögen dann nicht wenn es sich darum zu wissen handelt ob eine schon im Samen

vorgebildete Pflanze oder ein Huhn das in einem noch nicht bebrüteten Ei

steckt oder auch ein Mensch in der Ohnmacht ohne Empfindung und Bewegung 

Leben hat Und wenngleich die Menschen nicht so kurzsichtig oder nicht so

unbescheiden erscheinen wollen um einer Nachfrage zur Erklärung der gebrauchten

Ausdrücke zu bedürfen noch als so unbequeme Kritiker um andere wegen ihres

Gebrauchs der Worte unaufhörlich zu tadeln so muss man gleichwohl wenn es sich

um eine genaue Untersuchung handelt zur Erklärung schreiten Oft reden die

Gelehrten der verschiedenen Parteien in ihren gegeneinander ausgesponnenen

Räsonnements durchaus verschiedene Sprachen und denken doch dasselbe obwohl

ihre Interessen vielleicht verschieden sind

    Theophilus Ich glaube mich hinlänglich über den Begriff des Lebens

ausgelassen zuhaben das immer von Wahrnehmung in der Seele begleitet sein muss

sonst würde es nur ein Schein davon sein wie dasjenige Leben welches die

Wilden Amerikas den Zeigern oder Uhren zuschreiben oder welches jene

obrigkeitlichen Personen den Marionetten zuschrieben welche sie als von Dämonen

beseelt annahmen als sie denjenigen der dies Schauspiel zierst in ihrer Stadt

aufgeführt hatte als Zauberer strafen wollten

     23 Philalethes Um zu schließen es dienen die Worte 1 unsere Gedanken

verständlich zu machen 2 dies zu erleichtern und 3 in die Erkenntnis der

Dinge einzuführen Man fehlt im ersten Punkt wenn man keine bestimmte und

feststehende keine von anderen angenommene oder verstandene Vorstellung von den

Worten hat  23 Man verfehlt sich leicht verständlich zu machen wenn man

sehr zusammengesetzte Vorstellungen hat ohne deutliche Namen dazu zu haben

dies ist oft der Fehler der Sprachen selbst wenn ihnen die bezüglichen

Ausdrücke fehlen oft auch des Menschen der sie nicht kennt man hat alsdann

große Umschreibungen nötig  24 Wenn aber die durch die Worte bezeichneten

Vorstellungen mit der Wirklichkeit nicht zusammenstimmen so fehlt man im

dritten Punkt  26 Derjenige welcher die Ausdrücke ohne Vorstellungen hat ist

wie einer der nur ein Verzeichnis von Büchern hätte  27 Derjenige welcher

sehr zusammengesetzte Vorstellungen hat würde wie ein Mensch sein welcher eine

Menge von Büchern in einzelnen Blättern ohne Titel hätte und das Buch nicht

anders geben kann als indem er die Blätter eines nach dem anderen reicht  28

Derjenige welcher im Gebrauch der Zeichen sich nicht gleich bleibt würde wie

ein Kaufmann sein der verschiedene Dinge unter demselben Namen verkaufte  29

Der welcher besondere Vorstellungen von den einmal angenommenen Wortbedeutungen

trennt würde andere durch die Erkenntnisse welche er haben mag nicht

aufklären können  30 Derjenige welcher Vorstellungen von Substanzendie

niemals gewesen sind im Kopfe hat kann in den wirklichen Erkenntnissen keine

Fortschritte machen  33 Der erste würde vergeblich von der Tarantel oder der

christlichen Liebe sprechen Der zweite sieht vielleicht neue Tiere ohne sie

anderen Menschen auf leichte Art zu erklären Der dritte wird den Körper bald

für das Solide nehmen und bald für das nur Ausgedehnte unter der Genügsamkeit

wird er bald die verwandte Tugend bald das verwandte Laster bezeichnen Der

vierte wird einem Maulesel den Namen Pferd geben und der welchen die ganze

Welt einen Verschwender nennt wird ihm als freigebig gelten und der fünfte

wird auf die Autorität des Herodot in der Tatarei eine Nation von Einäugigen

suchen Ich bemerke dass die vier ersten Fehler den Namen der Substanzen und

Modi gemeinsam sind der letzte aber den Substanzen eigen ist

    Theophilus Ihre Bemerkungen sind sehr unterrichtend Ich möchte noch

hinzufügen dass es wie mir scheint auch in unseren Vorstellungen von den

Akzidenzien oder Daseinsformen noch Chimärisches gibt und dass also der fünfte

Fehler den Substanzen und Akzidenzien noch gemeinsam ist Der ausschweifende

Schäfer war dies nicht nur weil er glaubte es seien hinter den Bäumen Nymphen

versteckt sondern weil er auch stets auf romantische Abenteuer aus war

     34 Philalethes Ich hatte zu schließen vor aber ich erinnere mich noch

des siebenten und letzten Missbrauchs welcher der der figürlichen Ausdrücke oder

Anspielungen ist Man wird indes Mühe haben an diesen Missbrauch zu glauben weil

das was man Geist und Phantasie nennt besser als die trockne Wahrheit

aufgenommen wird Das gilt wohl bei den Unterhaltungen wo man nur zu gefallen

sucht aber im Grunde dienen in der gesamten rhetorischen Kunst alle diese

künstlichen und figürlichen Anwendungen der Worte die Ordnung und

Beschaffenheit ausgenommen nur dazu falsche Vorstellungen beizubringen die

Leidenschaften zu erregen und das Urteil irrezuführen so dass es nur bloße

Täuschungen sind Gleichwohl gibt man dieser trügerischen Kunst den eisten Rang

und die größten Belohnungen weil die Menschen sich nicht viel um die Wahrheit

kümmern und es vorziehen zu täuschen und sich täuschen zu lassen Dies ist so

wahr dass ich nicht zweifle man werde das soeben gegen jene Kunst Gesagte als

die Wirkung einer maßlosen Kühnheit betrachten Denn die Beredsamkeit hat wie

das schöne Geschlecht zu mächtige Beize als dass ein Widerstand dagegen in der

Ordnung gefunden würde

    Theophilus Weit entfernt Ihren Eifer für die Wahrheit zu tadeln finde ich

ihn gerecht Und zu wünschen wäre dass er Wirkung hätte Ich verzweifle nicht

gänzlich daran weil Sie die Beredsamkeit durch ihre eigenen Waffen zu bekämpfen

und selbst eine andere Art derselben zu haben scheinen jener trügerischen

überlegen wie es eine Venus Urania die Mutter der himmlischen Liebe gab vor

welcher jene andere Bastardvenus die Mutter der blinden Liebe nebst ihrem

Sohne mit verbundenen Augen nicht zu erscheinen wagte Aber gerade das beweist

dass Ihre These einer gewissen Mäßigung bedarf und gewisse Zierraten der

Beredsamkeit jenen ägyptischen Gefäßen zu vergleichen sind deren man sich zum

Dienste des wahren Gottes bedienen konnte Es ist damit wie mit der Malerei und

der Musik die man missbraucht und von denen die eine oft groteske und selbst

schädliche Phantasien darstellt und die andere das Gemüt verweichlicht alle

beide gewähren ein eitles Vergnügen aber sie können dennoch nützlich angewendet

werden die eine um die Wahrheit klar die andere um sie ergreifend zu machen

 welche letztere Wirkung auch die der Poesie sein muss die zwischen der

Rhetorik und Musik die Mitte hält

 
 





     1 Philalethes Es ist hier nicht der Ort sich in diese Untersuchung über

den Nutzen einer wahrhaften Beredsamkeit zu vertiefen und noch weniger auf Ihr

verbindliches Lob zu antworten weil wir darauf denken müssen diesen

Gegenstand die Worte abzuschließen indem wir Mittel gegen die dabei bemerkten

Unvollkommenheiten aufsuchen

     2 Es würde lächerlich sein eine Reform der Sprachen zu versuchen und die

Menschen zwingen zu wollen nur in dem Maße als sie Erkenntnis haben zu

sprechen  3 Das aber wird kein zu großes Verlangen sein dass die Philosophen

sorgfältig sprechen wenn es sich um eine ernstliche Untersuchung der Wahrheit

handelt sonst würde alles voll Irrtümer Einseitigkeiten und leeren Streites

sein  8 Das erste Mittel ist sich keines Wortes zu bedienen ohne eine

Vorstellung damit zu verbinden statt dass man oft Worte anwendet wie Instinkt

Sympathie Antipathie ohne irgend einen Sinn damit zu verbinden

    Theophilus Die Regel ist gut aber ob die Beispiele passen ist mir

zweifelhaft Unter Instinkt pflegt alle Welt die Neigung eines Tieres zu dem ihm

Zuträglichen zu verstehen ohne dass es die Ursache davon begreift und selbst

die Menschen sollten diese Instinkte weniger vernachlässigen die auch bei ihnen

sich entdecken lassen obwohl ihre künstliche Lebensweise sie meistens fast

gänzlich verwischt hat Derjenige welcher sein eigener Arzt ist wird dies wohl

bemerkt haben Die Sympathie und Antipathie bezeichnet das was in den der

Empfindung entbehrenden Körpern dem bei den Tieren sich findenden Instinkt der

Vereinigung oder Trennung entspricht Und obwohl man nicht das wünschenswerte

Verständnis der Ursache dieser Neigungen oder Strebungen hat so hat man doch

einen ausreichenden Begriff davon um verständlich darüber reden zu können

     9 Philalethes Das zweite Hilfsmittel ist die Vorstellungen der Namen

der Modi wenigstens bestimmt und die der Namen der Substanzen der Wirklichkeit

angemessener zu machen Wenn jemand sagt die Gerechtigkeit ist ein dem Gesetze

entsprechendes Verhalten hinsichtlich des Wohles eines anderen so ist diese

Vorstellung nicht genug bestimmt wenn man keine deutliche Vorstellung dessen

hat was Gesetz genannt wird

    Theophilus Da könnte man sagen dass das Gesetz eine Vorschrift der Weisheit

oder der Wissenschaft des Glücks ist

     11 Philalethes Das dritte Hilfsmittel ist die Ausdrücke so viel als

möglich dem angenommenen Gebrauch gemäß zu gebrauchen

     12 Das vierte ist zu erklären in welchem Sinne man die Worte nimmt sei

es dass man neue macht oder dass man die alten in einem neuen Sinne anwendet

oder sei es dass man die Bedeutung durch den Gebrauch nicht hinlänglich

festgesetzt findet  13 Es gibt dabei aber verschiedene Fälle  14 Die Worte

für die einfachen Vorstellungenwelche nicht definiert werden können, werden

durch synonyme Worte wenn diese bekannter sind oder durch Hinweis auf die

Sache erklärt Durch diese Mittel kann man einem Bauer begreiflich machen was

die »Tote Blatt«Farbe bedeutet indem man ihm sagt dass es die Farbe der im

Herbst herabfallenden trockenen Blätter ist  15 Die Namen für die

zusammengesetzten Modi müssen durch die Definition erklärt werden, denn das ist

möglich  16 Dadurch ist die Moral des Beweises fähig Man wird in ihr den

Menschen als körperliches und vernünftiges Wesen ohne sich um die äußerliche

Figur zu bekümmern nehmen müssen  17 Denn mittels der Definitionen können

die Gegenstände der Moral klar behandelt werden Man wird besser tun die

Gerechtigkeit nach der in unserem Geiste vorhandenen Vorstellung zu definieren

als ein Muster derselben wie den Aristides außer uns zu suchen und sie danach

zu bilden  18 Und da die meisten zusammengesetzten Modi nirgends zusammen da

sind so kann man sie nur durch Definieren festsetzen durch Aufzählung dessen

was darin zusammengefasst ist  19 Bei den Substanzen gibt es gewöhnlich

leitende oder charakteristische Eigenschaftenwelche wir als die

entscheidendste Vorstellung der Art betrachten und mit denen wir die übrigen die

zusammengesetzte Vorstellung der Art bildenden Vorstellungen verbunden denken

Bei Pflanzen und Tieren ist dies die Gestalt bei den leblosen Körpern die Farbe

und bei einigen die Farbe und Gestalt zusammen  20 Darum ist die von Plato

gegebene Definition des Menschen charakteristischer als die des Aristoteles

wenigstens dürfte man sonst nicht die Missgeburten töten  21 Oft auch dient

der Blick ebensogut wie irgend eine andere Prüfung so unterscheiden die mit der

Prüfung des Goldes vertrauten Leute durch den Blick das echte oft vom falschen

das reine von dem verfälschten

    Theophilus Ohne Zweifel kommt alles auf die Definitionen zurück welche bis

zu den ursprünglichen Vorstellungen gehen können Dasselbe Subjekt kann mehrere

Definitionen haben um aber zu wissen welche einem und demselben Dinge

zukommen muss man darüber von der Vernunft belehrt werden indem man eine

Definition durch die andere beweist oder durch die Erfahrungindem man

erprobt welche beständig zusammengehen Was die Moral anbetrifft so ist ein

Teil derselben auf der Vernunft begründet aber es gibt auch einen anderen

welcher von den Erfahrungen abhängt und sich auf die Temperamente bezieht Um

die Substanzen zu erkennen geben uns Gestalt und Farbe dh das Sichtbare die

ersten Vorstellungen weil man dadurch die Dinge von weitem erkennt aber sie

sind gewöhnlich zu oberflächlich bei den für uns wichtigen Dingen sucht man die

Substanzen näher kennen zu lernen Ich wundere mich übrigens dass Sie noch

einmal auf die dem Plato zugeschriebene Definition des Menschen zurückkommen

nachdem sie selbst soeben gesagt haben dass man in der Moral den Menschen als

ein körperliches und vernünftiges Wesen ohne sich um die äußerliche Gestalt zu

bekümmern nehmen muss Übrigens tut freilich eine große Übung viel dazu auf

einen Blick Dinge zu entscheiden welche ein anderer durch schwierige Versuche

kaum zu wissen vermag Auch erkennen Ärzte von großer Erfahrung welche einen

scharfen Blick und ein gutes Gedächtnis haben oft beim ersten Anblick des

Kranken was ein anderer ihm durch Fragen und Pulsfühlen mühsam entreißen muss

Aber es ist gut alle die Zeichen welche man haben kann miteinander zu

verbinden

     22 Philalethes Ich gebe zu dass der welchem ein guter Probierer alle

Eigenschaften des Goldes zeigt davon eine bessere Erkenntnis erhalten muss als

der bloße Anblick geben kann Könnten wir aber die innere Bildung desselben

erkennen so würde die Bedeutung des Wortes Gold ebenso leicht wie die des

Wortes Dreieck bestimmt werden.

    Theophilus Sie kann ganz ebenso bestimmt werden; es braucht darin nichts

Vorläufiges zu sein aber sie wird sich nicht so leicht bestimmen lassen Denn

es wird meiner Ansicht nach dazu eine etwas weitläufige Festsetzung nötig sein

um die Bildung des Goldes zu erklären wie es sogar in der Geometrie Figuren

gibt deren Definition lang ist

     23 Philalethes Die von den Körpern getrennten Geister haben ohne Zweifel

vollkommenere Erkenntnisse als wir obschon wir keinen Begriff von der Art und

Weise haben wie sie sie erwerben können Sie könnten indessen von der innersten

Bildung der Körper ebenso klare Vorstellungen haben als wir von einem Dreieck

    Theophilus Ich habe Ihnen schon bemerkt dass ich Ursachen habe anzunehmen

es gebe keine geschaffenen Geister welche gänzlich vom Körper los wären

indessen gibt es ohne Zweifel solche deren Organe und Verstand unvergleichlich

vollkommener als die unsrigen sind und welche uns in jeder Art der

Begriffsbildung soweit überragen und noch mehr als Frenicle oder der von mir

erwähnte schwedische Knabe die gewöhnlichen Menschen im Kopfrechnen übertrifft

     24 Philalethes Wir haben schon bemerkt dass die Definitionen der

Substanzendie dazu dienen können die Namen zu erklären in Hinsicht der

Sacherkenntnis unvollkommen sind Denn gewöhnlich setzen wir den Namen an Stelle

der Sache deren Namen mehr als die Definitionen besagt um also die Substanzen

gut zu definieren muss man die Naturgeschichte studieren

    Theophilus Sie sehen also dass der Name des Goldes zB nicht allein das

bezeichnet was derjenige welcher ihn ausspricht vom Golde weiß zB dass es

ein sehr schwerer gelber Körper istsondern auch was nicht er aber vielleicht

ein anderer weiß dh dass es ein mit einer gewissen inneren Beschaffenheit

versehener Körper ist aus der die Farbe und Schwere sich ergeben und noch

andere Eigenschaften entspringen welche wie er zugibt den Sachkennern besser

bekannt sind

     25 Philalethes Es wäre gegenwärtig zu wünschen dass diejenigenwelche

in naturwissenschaftlichen Untersuchungen geübt sind die einfachen

Vorstellungenin welchen ihrer Beobachtung zufolge die Individuen jeder Art

vollständig miteinander übereinkommen aufstellen wollten Aber um ein

Wörterbuch dieser Art anzufertigen welches sozusagen die Naturgeschichte

enthält braucht es zu viel Leute zu viel Zeit und zu viel Mühe und zu viel

Scharfsinn als dass man auf ein solches Werk jemals hoffen könnte Indessen

würde es gut sein die Worte hinsichtlich der Dingewelche man durch ihre

äußerliche Figur erkennt mit kleinen Abbildungen zu begleiten Ein solches

Wörterbuch würde der Nachkommenschaft von großem Nutzen sein und den künftigen

Kritikern viel Mühe ersparen Kleine Bilder wie von dem Eppich apium oder von

einem Steinbock ibex eine Art Alpenbock würden besser sein als lange

Beschreibungen dieser Pflanze oder dieses Tieres Und um zu erkennen was die

Lateiner strigiles und sistrum tunica und pallium nannten würden Zeichnungen

am Rande unvergleichlich mehr aufklären als die angeblichen Synonyma Striegel

Cymbale Robe Kleid Mantel die sie nicht deutlich machen Übrigens will ich

mich nicht beim siebenten Hilfsmittel gegen den Missbrauch der Worte aufhalten

das darin besteht beständig denselben Ausdruck in demselben Sinne anzuwenden

oder wenn man ihn wechselt es anzuzeigen Denn davon haben wir schon genug

geredet

    Theophilus Pater Grimaldi Präsident der Gesellschaft der Mathematiker zu

Peking hat mir gesagt dass die Chinesen Wörterbücher haben welche mit Bildern

versehen sind Es gibt ein kleines zu Nürnberg gedrucktes Wortverzeichnis wo

bei jedem Worte solche Bilder stehen die recht gut sind Ein solches

illustriertes Universallexikon wäre zu wünschen und es herzustellen würde nicht

sehr schwierig sein Was die Beschreibung der Spezies anbelangt so ist das

eigentlich die Sache der Naturwissenschaft und nach und nach kommt man an diese

Arbeit Ohne die Kriege welche Europa seit den ersten Gründungen der

königlichen Gesellschaften oder Akademien beunruhigt haben würde man weit

gekommen und schon imstande sein von unseren Arbeiten Nutzen zu ziehen aber

die Großen wissen meistenteils nichts von deren Wichtigkeit noch welcher Güter

sie sich berauben indem sie den Fortschritt der gründlichen Kenntnisse

vernachlässigen außerdem sind sie gewöhnlich durch die Sorgen für den Krieg zu

sehr in Anspruch genommen um die Dingewelche ihnen nicht gleich von

vornherein in die Augen stechen richtig zu würdigen

 
 



                                 



     1 Philalethes Bis hierher haben wir von den Vorstellungen und den sie

vertretenden Worten gesprochen jetzt wollen wir auf die Erkenntnisse kommen

welche die Vorstellungen liefern denn auf diesen beruhen jene  2 Die

Erkenntnis nun ist nichts anderes als die Wahrnehmung der Verbindung und

Übereinstimmung oder des Gegensatzes und der Nichtübereinstimmung zwischen

zweien unserer Vorstellungen. Mag man auch phantasieren vermuten oder glauben

es ist doch immer so Wir werden dadurch zB inne dass das Weiße nicht das

Schwarze ist und dass die Winkel eines Dreiecks und der Umstand dass sie zweien

Rechten gleich sind, eine notwendige Verbindung miteinander haben

    Theophilus Erkenntnis hat noch eine all gemeinere Bedeutung Es gibt eine

solche auch in den Vorstellungen oder Ausdrücken ehe man noch in den Sätzen

oder Wahrheiten kommt und man kann sagen dass derjenige welcher mit

Aufmerksamkeit mehr Abbildungen von Pflanzen und Tieren mehr Figuren von

Maschinen mehr Beschreibungen oder Darstellungen von Häusern oder Festungen

gesehen wer mehr geistreiche Romane nämlich mehr interessante Erzählungen

gelesen hat  dieser sage ich wird auch mehr Erkenntnis als ein anderer haben

wenn auch kein Wort eigentlicher Wahrheit in dem allem was man ihm vorgemalt

oder erzählt hat enthalten war denn seine Übung sich im Geiste viele Begriffe

oder ausdrückliche und willkürliche Vorstellungen zu vergegenwärtigen macht ihn

geeigneter das was man ihm vorlegt zu begreifen und er wird sicherlich

unterrichteter und fähiger sein als ein anderer der nichts gesehen gelesen

oder gehört hat  wenn er nur in jenen Geschichten und Darstellungen nicht das

für wahr annimmt was nicht wahr ist und jene Eindrücke ihn nicht auch sonst

verhindern das Wahre von dem Eingebildeten oder das Wirkliche vom Möglichen zu

unterscheiden Aus diesem Grunde haben gewisse Logiker des

Reformationszeitalters die sich einigermaßen der Partei der Ramisten

anschlossen nicht unrecht zu sagen dass die Topen oder loca inventionis die

Argumenta wie sie sie nannten sowohl zur Erklärung oder weitläufigen

Beschreibung eines zusammengesetzten Gedankens dh eines Dinges oder einer

Vorstellung als zum Beweis eines zusammengesetzten Gedankens dienen dh einer

Behauptung eines Urteils oder einer Wahrheit Und eine Behauptung kann sogar

um ihrem Sinn und ihrer Geltung nach verstanden zu werden erklärt werden, ohne

dass es sich dabei um die Wahrheit und den Beweis handelt wie man an den

Predigten oder Homilien sieht welche gewisse Stellen der Heil Schrift

erklären oder an dem Wiederholen oder den Vorlesungen über gewisse Sätze des

bürgerlichen oder kanonischen Rechts deren Wahrheit dabei vorausgesetzt wird

Man kann sogar sagen dass es Gedankenvorwürfe gibt welche zwischen einer

Vorstellung und einem Satz die Mitte halten Dies sind diejenigen Fragesätze

welche nur ja und nein als Antwort fordern und diese stehen den Urteilen am

nächsten Allein es gibt auch solche in welchen es auf das Wie und die Umstände

ankommt um davon Urteile zu bilden Man kann allerdings sagen dass bei den

Beschreibungen selbst der rein idealen Dinge eine stillschweigende Annahme der

Möglichkeit stattfindet aber ebenso wahr ist es auch dass man die Erklärung und

den Beweis einer Unwahrheit unternehmen kann was mitunter am besten dazu dient

dieselben zu widerlegen Ferner lassen sich noch von dem Unmöglichen

Beschreibungen geben Damit ist es so wie mit den Erdichtungen des Grafen

Scandiano dem Ariosto gefolgt ist auch dem Amadis von Gallien und anderen

alten Romanen auch den Feenmärchen die vor kurzem wieder in die Mode gekommen

sind mit der wahrhaften Geschichte des Lucian und den Reisen Cyranos von

Bergerac um von dem Grotesken in der Malerei nicht zu reden Ebenso weiß man

dass bei den Rhetorikern die Fabeln unter die Progymnasmata oder Vorübungen

gezählt werden

    Nimmt man aber die Erkenntnis in einem engeren Sinne dh als

Wahrheitserkenntnis wie Sie es hier tun so sage ich dass allerdings die

Wahrheit immer auf Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung sich gründet aber

das ist nicht allgemein wahr dass unsere Erkenntnis der Wahrheit eine

Wahrnehmung der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung ist Denn wenn wir die

Wahrheit nur empirisch wissen weil wir sie erfahren haben ohne die Verknüpfung

und den Grund der Sachen zu kennen welcher das von uns Erfahrene beherrscht

haben wir von dieser Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung keine

Wahrnehmung wenn man nicht das darunter versteht dass wir sie verworren

empfinden ohne uns derselben deutlich bewusst zu sein Ihre Beispiele aber

deuten wie mir scheint darauf hin dass Sie immer da eine Erkenntnis fordern

wo mau sich der Verbindung oder des Gegensatzes bewusst ist, und das kann ich

Ihnen nicht zugeben Ferner kann man einen zusammengesetzten Gedanken nicht

allein so abhandeln dass man die Beweise für seine Wahrheit sucht sondern auch

indem man ihn auf andere Weise wie ich es schon bemerkt habe der Topik gemäß

erläutert und erklärt Endlich habe ich über Ihre Definition noch eine Bemerkung

zu machen dass sie nämlich nur auf kategorische Wahrheiten zu passen scheint

wobei zwei Vorstellungen das Subjekt und das Prädikat, vorkommen es gibt aber

noch eine Erkenntnis der hypothetischen Wahrheiten oder derjenigen die sich wie

die disjunktiven und andere darauf zurückfahren lassen Bei diesen findet

zwischen einem zweiten als Antezedens und einem zweiten als Konsequenz eine

Verknüpfung statt es können also mehr als zwei Vorstellungen dabei vorkommen

     3 Philalethes Wir wollen uns jetzt auf die Erkenntnis der Wahrheit

beschränken und um die kategorischen und die hypothetischen Urteile

zusammenzufassen das was von der Verbindung der Vorstellungen zu sagen sein

wird auch auf die der Urteile anwenden Ich glaube nun dass man diese

Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung auf vier Arten zurückführen kann

nämlich 1 Einerleiheit oder Verschiedenheit 2 Relation 3 Zugleichsein oder

notwendige Verknüpfung 4 wirkliches Dasein  4 Denn dass die eine

Vorstellung nicht die andere ist zB dass das Weiße nicht das Schwarze ist

bemerkt der Geist unmittelbar  5 weil er ihre Beziehung bemerkt indem er

sie miteinander vergleicht zB dass zwei Dreiecke deren Grundlinie gleich ist

und die zwischen zwei Parallellinien liegen einander gleich sind.  6 Dann

kommt das Zugleichsein in Betracht oder vielmehr der Zusammenhang wie zB

die Feuerbeständigkeit alle die anderen Vorstellungen vom Golde begleitet 

7 Endlich gibt es noch ein wirkliches Dasein außer dem Geiste, wie wenn man

sagt Gott ist

    Theophilus Man kann wie ich glaube sagen dass die Verbindung nichts

anderes ist als die Beziehung oder Relation dieselbe allgemein genommen Auch

habe ich vorhin bemerklich gemacht dass jede Beziehung entweder eine Beziehung

des Vergleiches oder des Zusammenhanges ist Die des Vergleichs ergibt die

Verschiedenheit und die Einerleiheit sei es die durchgängige oder teilweise

wodurch sich die Begriffe des Nämlichen und Verschiedenen des Ähnlichen oder

Unähnlichen bilden Der Zusammenhang begreift dasjenige in sich was Sie das

Zugleichsein nennen nämlich die DaseinsVerknüpfung Wenn man aber sagt dass

ein Ding da ist oder dass es wirkliches Dasein hat so ist dies Dasein selbst

das Prädikat, dh es hat einen mit der Vorstellung, um welche es sich handelt

verbundenen Begriff und zwischen diesen beiden Begriffen findet Zusammenhang

statt Auch kann man das Dasein des Gegenstandes einer Vorstellung als den

Zusammenhang dieses Gegenstandes mit dem Ich sich denken Ich glaube also man

kann sagen dass es nur Vergleichung oder Zusammenhang gibt aber dass die

Vergleichung welche Einerleiheit oder Verschiedenheit bezeichnet und der

Zusammenhang des Dinges mit dem Ich Beziehungen sind welche unter den übrigen

hervorgehoben zu werden verdienen Vielleicht könnte man noch genauere und

tiefere Untersuchungen darüber anstellen doch begnüge ich mich hier bloß

Bemerkungen zu machen

     8 Philalethes Es gibt eine Erkenntnis in der Gegenwart welche die

jedesmalige Wahrnehmung der Beziehung der Vorstellungen ist und eine auf

Gewohnheit beruhende wann der Geist sich der Übereinstimmung oder

Nichtübereinstimmung der Vorstellungen so klar bewusst geworden ist und sie

dergestalt in sein Gedächtnis eingeordnet hat dass er jedesmal wenn er über den

Satz nachdenkt sofort der darin enthaltenen Wahrheit ohne im geringsten daran

zu zweifeln sicher ist Denn da man immer nur eine einzige Sache zu gleicher

Zeit klar und deutlich zu denken imstande ist so würden die Menschen wenn sie

nur den jedesmaligen Gegenstand ihrer Gedanken erkennten alle sehr unwissend

sein und der welcher das meiste erkennte würde nur eine einzige Wahrheit

erkennen

    Theophilus Allerdings muss unsere Wissenschaft selbst die am meisten auf

Beweisen beruhende da man sie sehr häufig durch eine lange Kette von Schlüssen

erwerben muss das Andenken an eine frühere Beweisführung welche man nach

gemachtem Schluss nicht mehr deutlich übersieht in sich enthalten sonst würde

man dieselbe Beweisführung immer wiederholen müssen Und selbst wahrend ihrer

Bauer würde man sie nicht ganz auf einmal umfassen können denn nicht alle ihre

Teile können zu gleicher Zeit dem Geiste gegenwärtig sein Indem man also immer

den vorhergehenden Teil sich vor Augen hält würde man niemals bis zum letzten

der den Schluss vollendet fortschreiten können Aus diesem Grunde würde es auch

schwer sein ohne Schrift die Wissenschaften herzustellen da das Gedächtnis

nicht sicher genug ist Hat man aber eine lange Beweisführung schriftlich

aufgesetzt wie zB die des Apollonius sind und sie allen ihren Teilen nach

durchlaufen wie wenn man eine Kette Ring für Ring untersuchte so kann man

seinem Vernunftgebrauch vertrauen wozu auch die Proben dienen und endlich

rechtfertigt der Erfolg das Ganze Dabei erkennt man denn auch dass da der

Glaube stets in der Erinnerung an den getanen Überblick der Beweise oder Gründe

besteht es nicht in unserer Macht oder in unserem freien Willen gelegen ist zu

glauben oder nicht zu glauben weil das Gedächtnis nicht von unserem Willen

abhängig ist.

     9 Philalethes Allerdings enthält unsere auf Gewohnheit beruhende

Erkenntnis zwei Arten oder Stufen Mitunter erkennt unser Geist wenn die

gleichsam im Gedächtnis aufbewahrten Wahrheiten sich ihm darstellen sofort die

Beziehung, welche zwischen den dazu gehörigen Vorstellungen stattfindet aber

mitunter begnügt sich der Geist, der Überzeugung sich zu erinnern ohne die

Beweise davon zu behalten und oft sogar ohne sie wenn er wollte sich wieder

zurückrufen zu können Man könnte dabei auf den Gedanken geraten dies wäre mehr

ein Glaube an das Gedächtnis als ein wirkliches Erkennen der in Frage stehenden

Wahrheit und vordem ist mir dies als ein Mittleres zwischen der Meinung und der

Erkenntnis erschienen und als eine Gewissheit welche den einfachen auf das

Zeugnis eines anderen gegründeten Glauben übertrifft Nachdem ich indes reiflich

die Sache überdacht finde ich dass diese Erkenntnis eine vollständige Gewissheit

in sich schließt Ich erinnere mich dh ich erkenne da die Erinnerung ja nur

die Wiederauffrischung eines früheren Dinges ist dass ich einmal der Wahrheit

dieses Satzes dass die drei Winkel eines Dreiecks zweien Rechten gleich sind,

sicher gewesen bin Nun bildet die Unveränderlichkeit derselben Beziehungen

zwischen denselben unveränderlichen Dingen augenblicklich die vermittelnde

Vorstellungwelche mir zeigt dass wenn sie einmal gleich gewesen sind sie es

noch immer sein werden Auf dieser Grundlage liefern in der mathematischen

Wissenschaft die besonderen Beweisführungen allgemeine Erkenntnisse sonst würde

die Erkenntnis eines Geometers sich nicht über diejenige besondere Figur

hinauserstrecken welche er sich beim Beweisen vorgezeichnet hat

    Theophilus Die vermittelnde Vorstellungvon welcher Sie reden setzt die

Treue unseres Gedächtnisses voraus aber mitunter geschieht es dass unsere

Erinnerung uns täuscht und wir nicht alle nötige Sorgfalt angewendet haben

obgleich wir es gerade jetzt glaubten Dies zeigt sich klar bei der Revision der

Rechnungen Es gibt mitunter amtlich bestellte Revisoren wie bei unseren

Bergwerken im Harz und man hat um die Einnehmer der einzelnen Bergwerke

aufmerksamer zu machen auf jeden Rechnungsfehler eine bestimmte Geldstrafe

gesetzt und trotzdem kommen dergleichen vor Je sorgfältiger man indessen dabei

verfährt desto mehr kann man den früheren Berechnungen trauen Ich habe eine

Art die Rechnungen zu schreiben entworfen wonach der welcher die Summen der

Kolonnen zusammenzieht auf dem Papier die Spuren der Fortschritte seiner

Berechnungen auf eine solche Art zurücklässt dass kein Schritt unnütz gemacht

wird Er kann stets revidieren und die letzten Fehler verbessern ohne dass sie

auf die ersten zurückwirken auch die Revision welche ein anderer darüber

vornehmen kann kostet auf diese Art fast keine Mühe weil er dieselben Spuren

mit einem Überblick prüfen kann Außerdem gibt es noch Mittel auch die

Rechnungen jedes einzelnen Artikels durch eine sehr bequeme Probe zu

verifizieren ohne dass diese Bemerkungen die Arbeit des Rechnens sonderlich

vermehren Dies alles macht wohl begreiflich dass man auf dem Papier strikte

Beweisführungen haben kann und deren zweifelsohne in unendlicher Zahl hat Aber

ohne sich zu erinnern dabei eine vollkommene Strenge gebraucht zu haben kann

man in seinem Innern diese Gewissheit nicht haben Und diese Strenge besteht in

einem ordnungsmäßigen Verfahren dessen Beobachtung jedem Teil eine Sicherheit

für das Ganze ist wie in der Ring für Ring geschehenden Prüfung der Kette wo

man durch Untersuchung eines jeden um zu sehen ob er fest ist und durch

Messen mit der Hand um keinen zu überspringen sich von der Güte der Kette

überzeugt Durch dies Mittel erhält man alle diejenige Gewissheit deren die

menschlichen Dinge überhaupt fähig sind

    Aber ich gebe nicht zu dass in der Mathematik die besonderen Beweisführungen

für die Figur welche man zeichnet jene allgemeine Gewissheit gewähren wie Sie

es zu fassen schienen Denn man muss wissen dass nicht die Figuren es sind

welche bei den Geometern die Beweise liefern obgleich der Stil des Vertrags

dies glauben machen kann Die Kraft der Beweisführung ist von der gezeichneten

Figur ganz unabhängig welche nur dazu dient das Verständnis dessen zu

erleichtern was man sagen will und die Aufmerksamkeit zu fesseln die

allgemeinen Sätze dh die Definitionen Grundsätze und die schon bewiesenen

Lehrsätze sind es welche den Beweis bilden und ihn auch wenn keine Figur dabei

wäre aufrecht erhalten würden Aus diesem Grunde hat ein gelehrter Geometer

Scheubelius die Figuren des Euklid ohne ihre Buchstaben gegeben weil man sich

dieselben mit der von ihm beigefügten Beweisführung verknüpft denken könnte und

ein anderer Herlinus hat eben diese Beweise in Syllogismen und Prosyllogismen

aufgelöst

 
 






     1 Philalethes Die Erkenntnis ist also intuitiv wenn der Geist sich der

Übereinstimmung zweier Vorstellungen unmittelbar durch sie selbst ohne

Dazwischenkunft irgend einer anderen bewusst ist. In diesem Falle hat der Geist

keine Mühe nötig um die Wahrheit zu beweisen oder zu prüfen Es ist so wie das

Auge das Licht sieht wie der Geist sieht dass das Weiße nicht das Schwarze ein

Kreis nicht ein Dreieck ist zwei und eins drei sind Diese Erkenntnis ist

die klarste und gewisseste deren die menschliche Schwäche fähig ist sie wirkt

auf eine unwiderstehliche Art ohne dem Geiste Zögerung zu verstatten Man

erkennt intuitiv wenn die Vorstellung so im Geiste ist wie man sich ihrer

bewusst ist. Wer eine größere Gewissheit verlangt weiß nicht was er verlangt

    Theophilus Die Grundwahrheiten welche man durch Intuition weiß sind wie

die abgeleiteten von zwei Klassen Sie sind entweder Vernunftwahrheiten oder

tatsächliche Wahrheiten Die Vernunftwahrheiten sind notwendige und die

tatsächlichen sind zufällige Die Grundwahrheiten unter den Vernunftwahrheiten

sind solche welche ich mit einem Gesamtnamen identische nenne weil sie nur

dasselbe zu wiederholen scheinen ohne uns etwas zu lehren Sie sind bejahend

oder verneinend die bejahenden sind wie die folgenden Jedes Ding ist was es

ist Und in sovielen Beispielen als man will ist A  AB  B Ich werde sein

was ich sein werde Was ich geschrieben habe habe ich geschrieben Und Nichts

in Versen wie in Prosa ist nichts oder sehr wenig Ein gleichseitiges Rechteck

ist ein Rechteck Die Kopulativ Disjunktiv und andere Sätze sind gleichfalls

dieser Identitätsform fähig und ich rechne unter die bejahenden sogar folgenden

Satz Nicht A ist Nicht  AUnd folgenden hypothetischen Wenn A Nicht  B ist,

so folgtdass A nicht B istEbenso: Wenn Nicht  A BC ist so folgtdass Nicht

 A BC ist Wenn eine Figur die keinen stumpfen Winkel hat ein regelmäßiges

Dreieck sein kann so kann eine Figur die keinen stumpfen Winkel hat

regelmäßig sein

    Ich komme jetzt zu den identischen Verneinungssätzen die entweder unter das

Prinzip des Widerspruches fallen oder disparate sind Das Prinzip des

Widerspruchs ist im allgemeinen Ein Satz ist entweder wahr oder falsch dies

schließt zwei andere Urteile ein zuerst dass das Wahre und das Falsche in

demselben Satze nicht zusammen bestehen können oder dass ein Satz nicht zugleich

wahr und falsch sein kann zweitens dass das Entgegengesetzte oder die

Verneinung des Wahren und Falschen nicht zugleich stattfindet oder dass es

zwischen Wahrem und Falschem kein Mittleres gibt oder auch dass ein Satz

unmöglich zugleich weder wahr noch falsch sein kann Dies alles nun ist ebenso

im besonderen wahr in allen nur denkbaren Sätzen zB Was A ist kann nicht

Nicht  A sein Ebenso es ist wahr dass wenn sich ein Mensch findet er kein

Tier ist Man kann diese Urteile auf viele Arten abändern und sie mit

Kopulativ Disjunktiv und anderen Sätzen verbinden

    Was die disparaten Sätze betrifft so sind dies solche welche besagen dass

der Gegenstand einer Vorstellung nicht Gegenstand eines anderen sei zB dass

die Wärme nicht dasselbe ist wie die Farbe ebenso dass der Mensch und das

lebende Wesen nicht dasselbe sind obgleich der Mensch ein lebendes Wesen ist.

Alles dies lässt sich bejahen unabhängig von jeder Probe oder jeder

Zurückführung auf das Entgegengesetzte oder auf das Prinzip des Widerspruchs 

wenn die Vorstellungen hinlänglich verstanden werden um nicht eine Analyse

dabei nötig zu machen sonst ist man Irrtümern unterworfen denn wenn man sagt

ein Dreieck und eine dreiseitige Figur ist nicht dasselbe so würde man sich

irren weil man bei richtiger Betrachtung findet dass die drei Seiten und die

drei Winkel immer beisammen sind Wenn man sagt ein vierseitiges Rechteck und

ein Rechteck ist nicht dasselbe würde man sich auch irren denn man findet dass

bloß die Figur mit vier Seiten alle ihre Winkel als rechte haben kann Indessen

kann man immer in abstracto sagen dass ein Dreieck keine dreiseitige Figur ist

oder dass die formellen Gründe für das Dreieck und die dreiseitige Figur wie die

Philosophen sagen nicht dieselben sind Es sind verschiedene Beziehungen

derselben Sache

    Wenn nun jemand das was wir bisher gesagt haben mit Geduld angehört hat

wird er sie am Ende verlieren und sagen dass wir uns mit leeren Sätzen die Zeit

vertreiben und alle identischen Wahrheiten zu nichts dienen Aber man würde so

nur urteilen wenn man über diese Gegenstände nicht gehörig nachgedacht hat Die

logischen Folgerungen werden zB durch die identischen Grundsätze bewiesen und

die Geometer haben das Prinzip des Widerspruchs in ihren Beweisführungen nötig

welche aufs Unmögliche zurückführen

    Begnügen wir uns hier die Anwendung der identischen Sätze in den Beweisen

aus den logischen Folgerungen zu zeigen Ich sage also dass das bloße Prinzip

des Widerspruchs genügt um die zweite und die dritte syllogistische Figur durch

die erste nachzuweisen Man kann zB in der ersten Figur nach Modus Barbara

schließen

Alles B ist C

Alles A ist B

also Alles A ist C

    Setzen wir dass der Schluss falsch sei oder es sei wahr dass einiges A nicht

C ist so muss auch einer der beiden Vordersätze falsch sein. Setzen wir dass

der Untersatz wahr ist so muss der Obersatz falsch sein, welcher behauptet dass

alles B C ist Es muss also das Gegenteil wahr sein Einiges B ist nicht C Und

dies ist der Schlusssatz eines neuen Syllogismus der aus der Falschheit des

Schlusssatzes und der Wahrheit des einen Vordersatzes des vorhergehenden gezogen

wird Folgendes ist der neue Syllogismus 

                             Einiges A ist nicht C

    Dies ist das Gegenteil des als falsch angenommenen vorherigen Schlusssatzes

                                 Alles A ist B

    Dies ist der vorher als wahr angenommene Untersatz

                          Also ist Einiges B nicht C

    Dies ist der nunmehrige wahre Schlusssatz welcher dem früheren falschen

Vordersatz entgegengesetzt ist Dieser Syllogismus ist aus dem Modus Disamis der

dritten Figur welcher also offenbar und auf den ersten Blick aus dem Modus

Barbara der ersten Figur sich ableiten lässt ohne etwas anderes als das Prinzip

des Widerspruchs anzuwenden Schon in meiner Jugend als ich diese Dinge genauer

untersuchte machte ich die Bemerkung dass alle Modi der zweiten und dritten

Figur durch diese Methode allein aus der ersten hergeleitet werden könnenindem

man voraussetzt dass der Modus der ersten richtig ist und folglich wenn der

Schlusssatz falsch oder sein kontradiktorisches Gegenteil als wahr angenommen und

auch einer der Vordersätze als wahr angenommen wird das kontradiktorische

Gegenteil des anderen Vordersatzes wahr sein muss Allerdings bedient man sich in

den logischen Schulen lieber der Umkehrungen um die weniger ursprünglichen

Figuren aus der ersten welche die ursprüngliche ist abzuleiten weil dies für

die Schüler bequemer scheint Für diejenigen aber welche die Beweisgründe

suchen wo man so wenig als möglich Voraussetzungen anwenden muss wird man nicht

durch die Voraussetzung der Umkehrung dasjenige beweisen was man durch das

Grundprinzip allein beweisen kann und dies ist das des Widerspruchs welches

weiter nichts voraussetzt Ich habe sogar folgende bemerkenswerte Beobachtung

gemacht dass nämlich allein diejenigen weniger ursprünglichen Figuren welche

man direkte nennt nämlich die zweite oder dritte ganz allein durch das Prinzip

des Widerspruchs bewiesen werden können; die weniger ursprüngliche indirekte

Figur aber welches die vierte ist und deren Erfindung die Araber dem Galen

zuschreiben obwohl wir in dessen uns noch übrigen Schriften nichts davon finden

und auch nicht in den übrigen griechischen Autoren diese vierte sage ich hat

den Nachteil dass sie aus der ersten oder ursprünglichen nicht durch diese

Methode allein gezogen werden kann, sondern dass man noch eine andere

Voraussetzung nämlich die Umkehrungen anwenden muss so dass sie um einen Grad

ferner steht als die zweite und dritte welche sich gleich verhalten und von

der ersten gleichmäßig entfernt sind während die vierte noch die zweite und

dritte nötig hat um bewiesen zu werden Denn es trifft sich gerade dass die

Umkehrungen deren sie nötig hat aus der zweiten und dritten Figur bewiesen

werden, welche ihrerseits von Umkehrungen unabhängig sind wie ich soeben

gezeigt habe Schon Petrus Ramus hatte diese Bemerkung über die Beweisbarkeit

der Umkehrung durch diese Figuren gemacht und warf wenn ich mich nicht irre

den Logikern welche sich der Umkehrung bedienen um diese Figuren zu beweisen

einen Zirkelschluss vor obgleich es nicht sowohl ein Zirkelschluss war den er

ihnen hätte vorwerfen sollen denn sie bedienten sich ihrerseits gar nicht

dieser Figuren um die Umkehrungen zu rechtfertigen als ein Hysteron Proteron

oder das Spätere früher weil die Umkehrungen eher durch diese Figuren als

diese Figuren durch die Umkehrungen nachgewiesen zu werden nötig hätten Da aber

dieser Nachweis der Umkehrungen noch die Anwendung der bejahenden

Identitätssätze welche einige für ganz nichtig ansehen zeigt so wird es um so

passender sein sie hierher zu setzen Ich will nur von den Umkehrungen ohne

Kontraposition sprechen die mir hier genügen und welche entweder einfache

oder wie man sie nennt per accidens sind

    Die einfachen Umkehrungen sind von zwei Arten, die der allgemeinen Negation

zB kein Quadrat hat einen stumpfen Winkel also ist keine Figur mit stumpfem

Winkel ein Quadrat und die der besonderen Bejahung zB einige Dreiecke haben

einen stumpfen Winkel also sind einige Figuren mit stumpfem Winkel dreieckig

Die Umkehrung per accidens aber wie man sie nennt betrifft die allgemeine

Bejahung zB jedes Quadrat ist ein Rechteck also sind einige Rechtecke

Quadrate Hier versteht man unter einem Rechteck immer eine Figur deren Winkel

sämtlich rechte sind und unter einem Quadrat ein regelmäßiges Viereck

    Jetzt handelt es sich darum diese drei Arten von Umkehrungen zu zeigen wie

folgt

    1 Kein A ist B also kein B ist A

    2 Einiges A ist B also einiges B ist A

    3 Alles A ist B also einiges B ist A

Nachweis der ersten Umkehrung im Modus Cesare welcher der zweiten Figur

angehört

Kein A ist B

Alles A ist B

also Kein B ist A

    Nachweis der zweiten Umkehrung im Modus Datisi welcher der dritten Figur

angehört

Alles A ist A

Einiges A ist B

also Einiges B ist A

    Nachweis der dritten Umkehrung im Modus Darapti welcher der dritten Figur

angehört

Alles A ist A

Alles A ist B

also Einiges B ist A

    Dies zeigt, dass die reinsten und scheinbar unnützesten identischen Sätze

einen großen Nutzen im abstrakten und allgemeinen haben und dies lehrt uns dass

man keine Wahrheit verachten darf Was jenen von Ihnen noch als ein Beispiel

intuitiver Erkenntnisse angeführten Satz anbetrifft dass drei so viel ist als

zwei und eins so will ich bemerken dass dies nur die Definition des Ausdrucks

drei ist denn die einfachsten Definitionen der Zahlen werden so gebildet zwei

ist eins und eins drei ist zwei und eins vier ist drei und eins usw fort

Allerdings steckt darin ein verhülltes Urteil wie ich schon bemerkt habe

nämlich dass diese Vorstellungen möglich sind und dies wird hier intuitiv

erkannt Man kann daher sagen dass eine intuitive Erkenntnis in den Definitionen

enthalten ist, wenn ihre Möglichkeit sofort einleuchtet Und auf diese Art

enthalten alle adäquaten Definitionen ursprüngliche Vernunftwahrheiten und

folglich intuitive Erkenntnisse Endlich kann man im allgemeinen sagen dass alle

ursprünglichen Vernunftwahrheiten als unmittelbare aus einer Unmittelbarkeit von

Vorstellungen stammen

    Was die ursprünglichen tatsächlichen Wahrheiten anbetrifft so sind dies

die unmittelbaren inneren Erfahrungen aus einer Gefühlsunmittelbarkeit Hierher

gehört die erste Wahrheit der Kartesianer oder des heiligen Augustin Ich denke

also bin ich dh ich hin ein Wesen das denkt Man muss aber wissen dass ebenso

wie die identischen Sätze allgemeine oder besondere und wie die einen ebenso

klar als die anderen sind  weil es ebensoviel ist zu sagen dass A A ist als

zu sagen dass ein Ding das ist was es ist,  dies mit den ersten tatsächlichen

Wahrheiten sich ebenso verhält Denn mir ist nicht allein unmittelbar klar dass

ich denke sondern es ist mir ganz ebenso klar dass ich verschiedene Gedanken

habe dass ich bald A und bald B denke usw Also ist das Kartesianische Prinzip

gültig aber es ist nicht das einzige seiner Art Man sieht daraus dass alle

ursprünglichen Vernunft oder auch tatsächlichen Wahrheiten dies miteinander

gemein haben dass man sie nicht durch etwas Gewisseres beweisen kann

     2 Philalethes Ich bin ganz damit einverstanden dass Sie das was ich

hinsichtlich der intuitiven Erkenntnisse nur angedeutet habe weiter ausführen

Die demonstrative Erkenntnis ist also nur eine Verkettung der intuitiven

Erkenntnisse in allen Verknüpfungen der mittelbaren Vorstellungen Denn oft kann

der Geist die Vorstellungen nicht miteinander verbinden vergleichen oder in

unmittelbare Beziehung setzen was ihn nötigt sich anderer vermittelnder

Vorstellungen einer oder mehrerer zu bedienen um die Übereinstimmung oder

Nichtübereinstimmung welche gesucht wird zu entdecken und dies nennt man eben

schließen um zB zu beweisen dass die drei Winkel eines Dreiecks zweien

rechten gleich sind, sucht man einige andere Winkel welche man als entweder den

drei Winkeln des Dreiecks oder den beiden rechten gleich erkennt  3 Diese

Vorstellungenwelche man dazwischen treten lässt heißen Beweise und die Anlage

des Geistes, sie zu finden Scharfsinn  4 Und selbst wenn sie gefunden sind

erwirbt mäh solche Erkenntnis nicht ohne Mühe und Aufmerksamkeit auch nicht

durch einen bloßen flüchtigen Blick denn man maß sich auf eine fortschreitende

Reihe von Vorstellungen einlassen die nur allmählich und schrittweise entsteht

 5 Auch geht dem Beweisverfahren der Zweifel voraus  6 Diese demonstrative

Erkenntnis ist weniger klar als die intuitive Wie das durch mehrere Spiegel von

dem einen zum andern geworfene Bild bei jeder Zurückwerfung schwächer wird und

nicht mehr gleich so erkennbar ist besonders für schwache Augen  ebenso

verhält es sich mit einer durch eine lange Folge von Beweisen hervorgebrachten

Erkenntnis  7 Und obwohl jeder Schritt den die Vernunft beim Beweisen tut

eine intuitive oder einfach anschauende Erkenntnis ist so nehmen

nichtsdestoweniger die Menschen in dieser langen Folge von Beweisen da das

Gedächtnis diese Verbindung von Vorstellungen nicht so genau behalt häufig

Falschheiten für Beweise

    Theophilus Außer dem natürlichen oder durch Übung erlangten Scharfsinn gibt

es eine Kunst die mittleren Vorstellungen den Medius zu finden und diese

Kunst ist die Analyse. Nun ist zu bemerken dass es sich hierbei bald darum

handelt die Wahrheit oder Falschheit eines gegebenen Satzes zu finden was

nichts anderes ist als die Beantwortung der Frage An dh ist es so oder

nicht Bald handelt es sich auf die  unter übrigens gleichen Umständen 

schwerere Frage zu antworten wo man zB fragt wodurch und wie und wo man

noch mehr zu ergänzen hat Dies sind eigentlich die von Mathematikern »Probleme«

genannten Fragen welche einen Teil des Satzes unentschieden lassen wie wenn

man einen Spiegel zu finden verlangt der alle Sonnenstrahlen auf einen Punkt

vereinigt dh man fragt nach seiner Gestalt oder wie er sein muss Was die

erste Art von Fragen anbetrifft wo es sich bloß um das Wahre und Falsche

handelt und im Subjekt oder Prädikat nichts weiter zu ergänzen ist findet

weniger Erfindung statt indessen doch einige und das bloße Urteil genügt dazu

nicht Allerdings kann jemand der Urteil hat dh welcher der Aufmerksamkeit

und Überlegung fähig ist und die nötige Muße Geduld und Freiheit des Geistes

hat den schwersten Beweis verstehen wenn er ihm gehörig vorgelegt wird Aber

der scharfsinnigste Mensch auf Erden wird ohne andere Hilfe niemals diesen

Beweis zu finden imstande sein Also ist auch noch Erfindung dabei und ihrer

gab es bei den Geometern sonst mehr als jetzt Denn als die Analyse noch weniger

geübt wurde brauchte man mehr Scharfsinn um zum Ziel zu gelangen und deshalb

haben noch einige Geometer vom alten Schlage oder andere welche in den neuen

Methoden noch nicht genug geübt sind Wunder was zu tun geglaubt wenn sie den

Beweis irgend eines Lehrsatzes fanden den andere vor ihnen erfunden hatten

Aber die in der Kunst des Erfindens Geübten wissen wann dies schätzbar ist oder

nicht Wenn zB jemand die Quadratur eines von einer krummen und einer geraden

Linie eingeschlossenen Baumes veröffentlicht welche in allen ihren Segmenten

gelingt und die ich eine allgemeine nenne so ist es nach unseren Methoden

immer in unserer Macht den Beweis davon zu finden wenn man sich nur die Mühe

dazu nehmen will Es gibt aber besondere Quadraturen gewisser Abschnitte wo die

Sache so verwickelt sein kann dass man es nicht immer in seiner Gewalt hat sie

zu entwirren Auch geschieht es dass die Induktion uns in den Zahlen und Figuren

auf Wahrheiten bringt deren allgemeinen Grund man noch nicht entdeckt hat Denn

es fehlt viel daran dass man zur Vollendung der Analyse in der Geometrie und

Zahlentheorie gelangt sei wie mehrere auf die Prahlereien einiger sonst

ausgezeichneter aber ein wenig vorschneller oder zu ehrgeiziger Männer hin sich

eingebildet haben

    Viel schwerer aber ist es bedeutende Wahrheiten zu finden und noch mehr

die Mittel zu finden das was man sucht gerade dann wann man es sucht zu

vollbringen als den Beweis der von einem anderen entdeckten Wahrheiten Man

gelangt oft zu schönen Wahrheiten durch die Synthese indem man vom Einfachen

zum Zusammengesetzten fortschreitet aber wenn es sich darum handelt gerade das

Mittel zu finden um das was man sich vorsetzt zu vollbringen so genügt

gewöhnlich die Synthese nicht und oft würde dies heißen ein Meer austrinken

wenn man alle die erforderlichen Kombinationen machen wollte Freilich könnte

man sich dabei häufig durch die Methode der Ausschließungen helfen welche einen

guten Teil der unnützen Kombinationen fortschafft und oft lässt die Natur der

Sache keine andere Methode zu Aber man hat nicht immer die Mittel sie

fördersam anzuwenden Die Analyse also hat uns in diesem Labyrinth den Faden zu

geben wenn dies möglich ist denn es gibt Fälle wo die Natur der Frage selbst

fordert dass man überall herumtasten geht indem die Abkürzungen nicht immer

möglich sind

     8 Philalethes Da man nun beim Beweisen immer die intuitiven Erkenntnisse

voraussetzt so hat dies denke ich zu dem Grundsatze Veranlassung gegeben dass

jeder Schluss aus schon Bekanntem und Zugestandenem hervorgeht ex praecognitis

et praeconcessis Wir werden aber Gelegenheit haben die in diesem Grundsätze

enthaltene Unrichtigkeit zu besprechen wenn wir von den Maximen handeln werden

welche man fälschlich für die Grundlage unserer Beweise nimmt

    Theophilus Ich bin neugierig in vernehmen welche Unrichtigkeit Sie in

einem Grundsatze finden können der so vernünftig scheint Musste man immer alles

auf intuitive Erkenntnisse zurückfahren so würden die Beweise oft von

unerträglicher Weitschweifigkeit sein Aus diesem Grunde haben die Mathematiker

die Geschicklichkeit gehabt die Schwierigkeiten zu teilen und die

dazwischenfallenden Sätze besonders zu beweisen Und auch dabei gibt es noch

Kunstgriffe denn da die vermittelnden Wahrheiten welche man die Lemmata 

hinzugenommene Lehrsätze  nennt da sie nebenher zu gehen scheinen auf

mancherlei Weise ausgefunden werden können, so ist es zur Unterstützung der

Fassungskraft und des Gedächtnisses gut diejenigen davon auszuwählen welche

zur Abkürzung dienen und für sich allein behaltenswert und des Beweises würdig

erscheinen Aber es gibt noch ein anderes Hindernis dass es nämlich nicht leicht

ist alle Grundsätze zu beweisen und die Schlüsse gänzlich auf intuitive

Erkenntnisse zurückzuführen Hätte man auch darauf warten wollen so würden wir

vielleicht die Wissenschaft der Geometrie noch nicht besitzen Aber wir haben

darüber schon in unseren ersten Unterredungen gesprochen und werden Gelegenheit

haben noch mehr davon zu reden

     9 Philalethes Wir werden bald dazu kommen jetzt werde ich nur noch

bemerken was ich schon mehr als einmal berührt habe dass der allgemeinen

Meinung nach nur die mathematischen Wissenschaften einer auf Beweis beruhenden

Gewissheit fähig seien aber da die Übereinstimmung und Nichtübereinstimmung

welche intuitiv erkannt werden kann, nicht ein den Vorstellungen der Zahlen und

Figuren allein anhaftendes Privilegium ist so mag es vielleicht aus einem

Mangel an Fleiß von unserer Seite geschehen sein dass die Mathematik allein auf

Schlüsse gebracht ist  10 Verschiedene Gründe haben dazu beigetragen Die

mathematischen Wissenschaften sind von sehr allgemeinem Nutzen und der

geringste Unterschied der Größe ist sehr leicht zu erkennen  11 Diejenigen

übrigen einfachen Vorstellungenwelche in uns hervorgerufene Erscheinungen oder

Zustände sind haben zwar kein genaues Maß hinsichtlich ihrer verschiedenen

Grade  12 aber wenn die Verschiedenheit solcher zB sinnlichen Qualitäten

groß genug ist um im Geiste klar unterschiedene Vorstellungen zu erwecken wie

etwa die des Blauen und Boten so sind auch diese des Beweises ebenso fähig als

die der Zahl und der Ausdehnung.

    Theophilus Es gibt recht ansehnliche Beispiele von Schlussverfahren außer

der Mathematik, und man kann sagen dass Aristoteles deren schon in seiner ersten

Analytik gegeben hat In der Tat ist die Logik ebenso beweisfähig als die

Geometrie, und man kann sagen dass die Logik der Geometer oder die

Schlussmethoden welche Euklides bei seiner Lehre von den Sätzen erläutert und

aufgestellt hat eine besondere Erweiterung oder Entwickelung der allgemeinen

Logik bilden Archimedes ist der erste der in seinen uns erhaltenen Schriften

die Kunst des Beweisens bei einer Gelegenheit ausgeübt hat wo er Physik

behandelt wie er in seinem Buch vom Gleichgewicht getan hat Ferner kann man

sagen dass die Rechtsgelehrten mehrere gute Beweisführungen enthalten vor allem

die alten römischen Juristen deren Bruchstücke uns in den Pandekten aufbewahrt

worden sind. Ich bin durchaus der Ansicht des Laurentius Valla der diese

Schriftsteller nicht genug bewundern kann unter anderem weil sie alle sich so

richtig und präzis ausdrücken und in der Tat auf eine Weise argumentieren die

sich der beweisenden gar sehr nähert und oft gänzlich die beweisende ist Auch

weiß ich keine Wissenschaft außer der des Rechte und des Krieges in welcher

die Römer etwas Bedeutendes dem von den Griechen Empfangenen hinzugefügt hätten

 

 Tu regere imperio populos Romane memento

 Hae tibi erunt artes pacisque imponere morem

 Parcere subjectis et debellare superbos

 

Diese Präzision des Ausdrucks ist der Grund dass alle diese Juristen der

Pandekten obgleich sie der Zeit nach mitunter einander ganz fern stehen doch

ein einziger Autor in sein scheinen und man viel Mähe haben würde sie zu

unterscheiden wenn die Schriftstellernamen nicht an der Spitze der Auszüge

ständen wie man Euklides Archimedes und Apollonius auch mit Mühe unterscheiden

würde wenn man ihre Beweise über Gegenstände liest welche der eine ebensogut

wie der andere berührt hat Man muss gestehen dass die Griechen in der Mathematik

mit aller nur möglichen Schärfe argumentiert und dem Menschengeschlecht die

Vorbilder der Kunst zu beweisen hinterlassen haben denn wenn die Babylonier und

Ägypter eine ein wenig mehr als erfahrungsmäßige Geometrie gehabt haben so ist

davon wenigstens nichts mehr übrig aber zum Erstaunen ist es dass eben diese

Griechen sobald sie sich nur ein wenig von den Zahlen und Figuren entfernten

gleich so weit davon abgekommen sind indem sie zur Philosophie übergingen Denn

auffallenderweise sieht man im Plato und im Aristoteles die erste Analytik

ausgenommen nicht einen Schatten vom Beweise und ebensowenig bei allen übrigen

alten Philosophen Proklus war ein guter Geometer aber wenn er von Philosophie

spricht scheint er ein anderer Mensch zu sein Aus diesem Grunde ist es denn

auch viel leichter gewesen in der Mathematik mit Beweisverfahren zu

argumentieren und zwar hauptsächlich darum weil dabei die Erfahrung in jedem

Augenblick für die Argumentation Gewähr leistet wie es auch bei den

Schlussfiguren der Fall ist Aber in der Metaphysik und Moral findet dieser

Parallelismus von Gründen und Erfahrungen nicht statt und in der Physik

erfordern die Erfahrungen Mühe und Ausgaben So haben denn die Menschen gleich

von vornherein in ihrer Aufmerksamkeit nachgelassen und sind folglich in die

Irre geraten nachdem sie sich von diesem treuen Führer der Erfahrung, entfernt

hatten welcher sie auf ihrem Wege unterstützte und aufrechthielt wie jene

kleine rollende Maschine welche die Kinder verhindert beim Gehen zu fallen

Dabei fand eine gewisse Stellvertretung statt was man aber nicht genug bemerkt

hat und noch jetzt nicht genug bemerkt Ich werde seiner Zeit davon reden

Übrigens sind Blau und Rot nicht imstande Gelegenheit zu Beweisen mittels der

Vorstellungendie wir von ihnen haben zu liefern weil diese Vorstellungen

eben verworrene sind Diese Farben liefern zu Schlüssen nur insofern

Veranlassung als man sie erfahrungsmäßig von gewissen deutlichen Vorstellungen

begleitet findet deren Zusammenhang aber mit den sie betreffenden Vorstellungen

nicht klar ist

     14 Philalethes Außer der Intuition und Demonstration Beweisführung

welches die zwei Stufen unserer Erkenntnis sind ist alles übrige Glaube oder

Meinung und nicht Erkenntnis wenigstens hinsichtlich aller allgemeinen

Wahrheiten Aber der Geist hat noch eine andere Art der Wahrnehmung, welche das

besondere Dasein der endlichen Wesen außer uns betrifft und das ist die

sinnliche Erkenntnis

    Theophilus Diejenige Meinung welche in der Wahrscheinlichkeit begründet

ist verdient vielleicht auch den Namen der Erkenntnis, sonst würden fast die

gesamte historische Erkenntnis und viele andere wegfallen Aber ohne über Worte

zu streiten nehme ich an dass die Untersuchung der Wahrscheinlichkeitsgrade

sehr wichtig sein würde und uns noch fehlt was ein großer Mangel in unseren

Logiken ist Denn wenn man nicht schlechthin eine Frage entscheiden kann so

könnte man immerhin den Grad der Wahrscheinlichkeit aus den vorliegenden

Umständen ex datis bestimmen und folglich vernunftgemäß entscheiden welche

Wahl zu empfehlen ist Wenn die jetzigen Moralisten ich verstehe darunter die

weisesten solche wie den neuen Jesuitengeneral das Gewisseste mit dem

Wahrscheinlichsten verbinden und das Gewisse sogar dem Wahrscheinlichen

vorziehen so entfernen sie sich in der Tat nicht von dem Wahrscheinlichsten

denn die Frage der Gewissheit dabei ist eben die nach der geringen

Wahrscheinlichkeit des zu befürchtenden Übels Der Fehler der in diesem Artikel

fahrlässigen Moralisten hat zum großen Teile darin bestanden dass sie einen zu

beschränkten und zu unzureichenden Begriff des Wahrscheinlichen gehabt haben

welches sie mit dem Endoxon oder dem Angenommenen des Aristoteles verwechselt

haben denn Aristoteles hat in seiner Topik sich nur den Meinungen anderer wie

Redner und Sophisten anbequemen wollen »Endoxon« ist ihm das was von der

größten Zahl oder von den besten Autoritäten angenommen ist er hat Unrecht

seine Topik darauf beschränkt zu haben und dieser Gesichtspunkt ist der Grund

dass er sich nur an angenommene größtenteils unsichere Grundsätze gehalten hat

als ob man nur mittels eines Quodlibets oder Sprichwörter Schlüsse ziehen

wollte Das Wahrscheinliche aber hat einen größeren Umfang man muss es aus der

Natur der Dinge gewinnen und die Meinung derer deren Autorität von Gewicht

istist nur einer der Umstände welche dazu beitragen können eine Meinung

wahrscheinlich zu machen aber nicht von der Art die Wahrscheinlichkeit in

ihrer Ganzheit voll zu machen Während Kopernikus fast allein seiner Meinung

war war sie immerhin unvergleichlich wahrscheinlicher als die der übrigen

Menschheit Ich weiß also nicht ob die Aufrichtung der Kunst die

Wahrscheinlichkeiten abzuschätzen nicht nützlicher sein möchte als ein guter

Teil unserer demonstrativen Wissenschaften und ich habe mehr als einmal an sie

gedacht

    Philalethes Die sinnliche Erkenntnis oder diejenige welche das Dasein der

besonderen Wesen außer uns dartut geht über die bloße Wahrscheinlichkeit

hinaus aber sie hat nicht die ganze Gewissheit der beiden eben besprochenen

Erkenntnisgrade Dass die von uns empfangene Vorstellung eines äußeren

Gegenstandes in unserem Geiste sei  nichts ist sicherer als das und dies ist

eine intuitive Erkenntnis aber zu wissen ob wir von da aus sicher schließen

dürfen auf ein dieser Vorstellung entsprechendes Dasein eines Dinges außer uns

das kann nach der Meinung gewisser Leute in Zweifel gezogen werden weil die

Menschen dergleichen Vorstellungen ihres Geistes haben können wenn nichts davon

in der Wirklichkeit da ist Was mich anbetrifft so glaube ich dennoch dass

damit ein Grad von Evidenz verbunden ist welcher uns über den Zweifel erhebt

Man ist unwiderstehlich davon überzeugt dass zwischen den Vorstellungenwelche

man hat wenn man am Tage die Sonne betrachtet und wenn man nachts an dies

Gestirn denkt ein großer Unterschied obwaltet und die mit Hilfe des

Gedächtnisses wiedererneuerte Vorstellung ist sehr verschieden von derjenigen

welche uns durch die Vermittlung der Sinne tatsächlich entsteht Will jemand

sagen dass ein Traum die nämliche Wirkung haben kann so antworte ich zuerst

dass nicht viel daran gelegen ist diesen Zweifel zu heben weil

Vernunftschlüsse wenn alles ein Traum ist ohne Nutzen sind da Wahrheit und

Erkenntnis dann gar nicht mehr stattfinden An zweiter Stelle wird er meiner

Ansicht nach den Unterschied zwischen Träumen in einem Feuer zu sein und dem

wirklich im FeuerSein anerkennen Und wenn er dabei bleibt als Skeptiker sich

zu zeigen so werde ich ihm sagen es genüge die sichere Beobachtung dass Lust

und Schmerz die Folge der Einwirkung gewisser Gegenstände wahrer oder

erträumter auf uns sind und dass diese Gewissheit ebenso groß wie unser Glück

und unser Unglück ist zwei Dinge über welche unser Interesse nicht hinausgeht

So glaube ich denn dass wir drei Arten von Erkenntnissen rechnen dürfen die

intuitive die demonstrative und die sinnliche

    Theophilus Ich glaube Sie haben recht und denke sogar dass sie diesen

Arten der Gewissheit oder der gewissen Erkenntnis die des Wahrscheinlichen

hinzufügen können so wird es zwei Arten von Erkenntnissen geben wie es zwei

Arten von Beweisen gibt davon die einen die Gewissheit hervorrufen und die

anderen nur bis zur Wahrscheinlichkeit reichen Aber lassen Sie uns zu dem

Streite kommen welchen die Skeptiker mit den Dogmatikern über das Dasein der

Dinge außer uns haben Wir haben denselben schon berührt müssen aber jetzt

darauf zurückkommen Ich habe ehemals mündlich und schriftlich darüber sehr viel

mit dem seligen Abbé Foucher Kanonikus von Dijon gestritten einem gelehrten

und scharfsinnigen aber ein wenig zu sehr für seine Akademiker eingenommenen

Manne deren Schule er gern wiederbelebt hätte wie Gassendi die der Epikureer

wieder auf die Bühne gebracht hatte Seine Kritik der »Untersuchung der

Wahrheit« und die übrigen kleinen nachher von ihm veröffentlichten Abhandlungen

haben ihren Verfasser von einer sehr vorteilhaften Seite bekannt gemacht Er hat

auch in das Journal des Savans Einwürfe gegen mein System der vorherbestimmten

Harmonie einrücken lassen als ich dasselbe nach mehrjähriger Überlegung in die

Öffentlichkeit brachte aber der Tod hat ihn verhindert auf meine Antwort zu

erwidern Er predigte immer dass man sich vor Vorurteilen hüten und große

Genauigkeit anwenden müsse aber außerdem dass er selbst es sich nicht zur

Pflicht machte das was er anderen riet auszuführen worin er wohl zu

entschuldigen war schien er mir auch nicht darauf acht zu haben ob ein anderer

es tat ohne Zweifel voraussetzend dass niemand es je tun würde Ihm nun machte

ich bemerklich dass die Wahrheit der sinnlichen Dinge nur in der Verknüpfung der

Erscheinungen, die ihren Grund haben müsste bestände und dass dieser Umstand sie

von den Träumen unterschiede aber dass die Wahrheit unseres Daseins und der

Ursache der Erscheinungen von einer anderen Beschaffenheit sei weil sie auf die

Annahme von Substanzen führe und dass die Skeptiker das was sie Gutes

behaupteten dadurch wieder verdürben dass sie es zu weit trieben und ihre

Zweifel selbst auf die unmittelbaren Erfahrungen und bis auf die geometrischen

Wahrheiten was Foucher übrigens nicht tat und auf die übrigen

Vernunftwahrheiten ausdehnen wollten was etwas zu weit gegangen ist

    Um aber zu Ihnen zurückzukehren so haben Sie recht zu sagen dass für

gewöhnlich zwischen sinnlichen Empfindungen und Phantasiebildern ein Unterschied

sei aber die Skeptiker werden sagen dass das Mehr oder Weniger dabei im

Wesentlichen nichts ändert Obgleich übrigens die sinnlichen Empfindungen

lebhafter als die Phantasiebilder zu sein pflegen so weiß man doch dass es

Fälle gibt wo Personen von starker Einbildungskraft durch ihre Phantasiebilder

ebenso oder vielleicht mehr als ein anderer durch die Wirklichkeit gefesselt

werden Ich halte daher für das wahre Kriterion hinsichtlich der

Sinnengegenstände den Zusammenhang der Erscheinungen, dh die Verknüpfung

dessen was an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten und in der

Erfahrung der verschiedenen Menschen vor sich geht welche in dieser Hinsicht

einander selbst sehr wichtige Erscheinungen sind Die Verbindung der

Erscheinungen aber welche die tatsächlichen Wahrheiten in Hinsicht der

sinnlichen Dinge außer uns verbürgt wird mittels der Vernunftwahrheiten

bewährt wie die Erscheinungen der Optik durch die Geometrie ihre Aufklärung

erhalten Allerdings muss man zugeben dass diese ganze Gewissheit nicht eine des

höchsten Grades ist wie Sie ganz richtig anerkannt haben Denn es ist

metaphysisch gesprochen nicht unmöglich dass es einen so konsequenten und

langandauernden Traum geben kann wie das Leben eines Menschen aber das ist

etwas so Vernunftwidriges als wenn man sich ein Buch denken wollte das durch

Zufall gebildet würde indem man die Drucklettern bunt durcheinander wirft

Übrigens ist wenn die Erscheinungen nur verbunden sind, wirklich auch nichts

daran gelegen ob man sie Träume nennt oder nicht weil die Erfahrung zeigt dass

man sich in den um der Erscheinungen willen genommenen Maßregeln nicht täuscht

wenn sie nach Maßgabe der Vernunftwahrheiten genommen werden

     15 Philalethes Übrigens ist die Erkenntnis nicht immer klar wenngleich

die Vorstellungen es sein mögen Jemand welcher von den Winkeln eines Dreiecks

und dem Gleichsein derselben mit zwei rechten so klare Vorstellungen hat wie

irgend ein Mathematiker in der Welt kann gleichwohl eine sehr dunkle Erkenntnis

ihrer Übereinstimmung miteinander haben

    Theophilus Wenn die Vorstellungen gründlich verstanden werden leuchten

gewöhnlich auch ihre Übereinstimmungen und Nichtübereinstimmungen ein Indessen

gibt es wie ich zugestehe dabei mitunter so zusammengesetzte dass es viel Mühe

macht das darin Verborgene zu entwickeln und insofern können gewisse

Übereinstimmungen oder Nichtübereinstimmungen noch dunkel bleiben Was Ihr

Beispiel betrifft so bemerke ich dass wenn man die Winkel des Dreiecks in der

Phantasie hat man darum noch nicht eine klare Vorstellung davon zu haben

braucht Die Einbildungskraft kann uns kein gemeinsames Bild von spitz und

stumpfwinkligen Dreiecken liefern und doch ist beiden die Vorstellung des

Dreiecks gemeinschaftlich also besteht diese Vorstellung nicht in den

Phantasiebildern und es ist auch nicht so leicht wie man denken könnte die

Winkel eines Dreiecks gründlich zu verstehen

 
 






     1 Philalethes Unsere Erkenntnis geht nicht weiter als unsere

Vorstellungen  2 auch nicht weiter als die Wahrnehmung ihrer Übereinstimmung

oder Nichtübereinstimmung  3 Sie kann nicht immer intuitiv sein weil man die

Dinge nicht immer unmittelbar vergleichen kann zB die Größen zweier Dreiecke

welche von gleicher Basis aber sonst ganz verschieden sind  4 Unsere

Erkenntnis kann auch nicht immer demonstrativ sein denn man kann nicht immer

die vermittelnden Vorstellungen finden  5 Endlich betrifft unsere sinnliche

Erkenntnis nur das Dasein derjenigen Dingewelche tatsächlich unsere Sinne

treffen  6 So sind nicht allein unsere Vorstellungen sehr beschränkt sondern

ist auch unsere Erkenntnis noch beschränkter als unsere Vorstellungen

Gleichwohl zweifle ich nicht dass die menschliche Erkenntnis viel weiter

gebracht werden kann, wenn die Menschen sich aufrichtig der Auffindung der

Mittel zur Vervollkommnung der Wahrheit mit völliger Geistesfreiheit und mit

allem dem Fleiß und aller der Emsigkeit widmen wollten welche sie zur

Beschönigung oder Aufrechterhaltung des Falschen und der Verteidigung eines

Systems anwenden für welches sie sich erklärt haben oder auch einer bestimmten

Partei und gewisser Interessen an denen sie beteiligt sind Aber trotzdem kann

unsere Erkenntnis niemals alles dasjenige umfassen was wir in Betreff unserer

Vorstellungen zu erkennen wünschen können Wir werden zum Beispiel vielleicht

niemals fähig sein ein einem Kreise gleiches Quadrat zu finden und sicher zu

wissen ob es ein solches gibt

    Theophilus Es gibt verworrene Vorstellungen bei denen wir uns keine

völlige Erkenntnis versprechen können welcher Art die mancher sinnlicher

Eigenschaften sind Aber wenn die Vorstellungen deutlich sind so darf man alles

davon hoffen Was das dem Kreise gleiche Quadrat anbetrifft so hat schon

Archimedes gezeigt dass es ein solches gibt Es ist nämlich dasjenige dessen

Seite die mittlere Proportionale zwischen dem Halbmesser und dem Halbkreis ist

Er hat sogar auch vermittelst einer geraden Tangente der Spirallinie wie andere

durch die Tangente der Quadratlinie eine dem Kreisumfange gleiche gerade Linie

bestimmt mit welcher Art von Quadratur Clavius ganz zufrieden war ohne eines

an den Umkreis befestigten und darauf ausgestreckten Fadens oder des Umkreises

welcher eine Cycloïde zu beschreiben sich entrollt und in eine gerade Linie sich

verwandelt zu gedenken Einige verlangen dass die Konstruktion nur mittels

Lineals und Zirkels gemacht werde aber die meisten Probleme der Geometrie

können durch dies Mittel nicht konstruiert werden Es handelt sich also viel

mehr darum das Verhältnis zwischen Quadrat und Kreis zu finden Da nun aber

dies Verhältnis sich durch keine endlichen Rationalzahlen ausdrücken lässt so

hat man um nur Rationalzahlen anzuwenden dieses selbige Verhältnis durch eine

unendliche Reihe solcher Zahlen ausdrücken müssen wie ich dies auf eine sehr

einfache Weise zu tun vorgeschlagen habe Nun handelt es sich darum zu wissen

ob es nicht irgend eine endliche Größe gibt welche diese unendliche Reihe

ausdrücken kann möge sie auch irrational oder mehr als das sein dh wenn man

gerade eine Abkürzung dafür finden kann Aber die endlichen besonders die

irrationalen Ausdrücke können wenn man zu den allerirrationalsten geht auf zu

viel Arten abgeändert werden als dass man davon eine Herzählung vornehmen und

alle Möglichkeiten dabei leicht bestimmen könnte Es gäbe vielleicht noch ein

Mittel es zu vollbringen wenn diese Irrationalität durch eine gewöhnliche oder

selbst auch ungewöhnliche Gleichung auszudrücken ist die das Irrationale oder

selbst das Unbekannte in den Exponenten einführte wozu freilich auch eine

weitläufige Berechnung erforderlich wäre zu welcher man sich nicht so leicht

entschließen wird wenn man nicht einst noch zur Überwindung dieser

Schwierigkeit eine Abkürzung findet Aber alle endlichen Ausdrücke

auszuschließen ist unmöglich das habe ich erfahren und gerade den letzten

Ausdruck zu bestimmen, ist eine schwierige Sache  Alles dies zeigt, dass der

menschliche Geist sich so sonderbare Probleme setzt besonders wenn das

Unendliche dabei im Spiel ist dass man sich nicht wandern darf wenn man damit

zustande zu kommen Mühe hat zumal da oft alles in diesen geometrischen Dingen

Ton einer Abkürzung abhängt auf die man sich nicht immer Rechnung machen kann

gerade wie man nicht immer die Brüche auf kleinste Ausdrücke zurückfahren oder

die Divisoren einer Zahl finden kann Man kann freilich diese Divisoren an sich

betrachtet immer haben weil ihre Zahl endlich ist aber wenn der Gegenstand der

Untersuchung bis ins Unendliche veränderlich ist und von Stufe zu Stufe zeigt

so ist man nicht immer Herr darüber wenn man es will und zu mühsam ist es

alle nötigen Versuche zu machen um auf methodische Weise zu derjenigen

Abkürzung oder Progressionsregel zu gelangen welche der Notwendigkeit noch

weiter zu gehen überhebt Und da der Nutzen nicht der Mühewaltung entspricht

so überlässt man die Auflösung davon lieber der Nachwelt die davon Gebrauch

machen wird wenn diese Mühe oder Weitläufigkeit durch neue Vorbereitungen und

Entdeckungen welche die Zeit liefern kann verringert sein wird Damit soll

nicht gesagt sein dass wenn diejenigenwelche sich von Zeit zu Zeit diesen

Studien widmen gerade das Nötige um weiter zu kommen tun wollten man mit der

Zeit nicht bedeutend fortzuschreiten hoffen könnte Man darf sich auch nicht

einbilden dass alles schon getan sei da man ja selbst in der niederen Geometrie

noch keine Methode hat die besten Konstruktionen zu bestimmen, wenn die

Probleme ein wenig zusammengesetzt sind Ein gewisser Fortschritt der Synthese

müsste mit unserer Analyse verbunden werden um einen besseren Erfolg zu

erzielen Wie ich mich erinnere erfahren zu haben hatte der Ratspensionär de

Wit mit diesem Gegenstand sich beschäftigt

    Philalethes Eine ganz andere Schwierigkeit ist es herauszubringen ob ein

bloß materielles Wesen denken kann oder nicht Wir werden das vielleicht niemals

auszumachen imstande sein obgleich wir die Vorstellungen der Materie und des

Denkens haben  aus dem Grunde weil es uns unmöglich ist durch die Betrachtung

unserer eigenen Vorstellungen ohne die Offenbarung zu entdecken ob nicht Gott

irgend welchen nach seinem Willen geordneten materiellen Massen das Vermögen des

Bewusstseins und Denkens verliehen oder ob er nicht einer so geordneten Materie

eine immaterielle denkende Substanz verknüpft und verbunden hat Denn was unsere

Begriffe angeht so ist es für uns nicht schwerer zu begreifen dass Gott nach

seinem Wohlgefallen unserer Vorstellung von der Materie das Denkvermögen

hinzufügen kann als zu fassen dass er eine andere mit dem Denkvermögen begabte

Substanz damit verknüpft hat weil wir nicht wissen worin das Denken besteht

und welcher Art von Substanz dies allmächtige Wesen solch ein Vermögen zu

verleihen beliebt hat das sich in einem geschaffenen Wesen nur auf Grund des

freien Willens und der Güte des Schöpfers finden kann

    Theophilus Diese Frage ist zweifelsohne unvergleichlich wichtiger als die

vorhergehende aber ich wage Ihnen zu erklären dass ich wünschen möchte es wäre

ebenso leicht die Seelen zum Rechttun zu bewegen und die Leiber von ihren

Krankheiten zu heilen als es meiner Ansicht nach in unserer Macht steht sie zu

entscheiden Hoffentlich werden Sie mir zugeben dass ich dies wenigstens

behaupten kann ohne die Bescheidenheit zu verletzen und aus Mangel guter Gründe

absprechend zu sein denn nicht allein dass ich nur der angenommenen und

allgemeinen Ansicht nachspreche habe ich der Sache auch eine ungewöhnliche

Aufmerksamkeit geschenkt Zuerst gebe ich Ihnen zu dass wenn man wie dies

gewöhnlich der Fall ist, nur verworrene Vorstellungen vom Denken und von der

Materie hat man sich nicht wundern darf wenn man solche Fragen zu entscheiden

außerstande ist Ebensowenig wird jemand wie ich schon kurz vorher bemerkt

habe der nur solche Vorstellungen von den Winkeln eines Dreiecks hat wie man

sie gewöhnlich zu haben pflegt jemals zu der Entdeckung gelangen dass sie stets

zwei rechten Winkeln gleich sind. Man muss in Betracht ziehen dass die Materie,

wenn man sie für ein vollständiges Wesen nimmt dh die der ersten Materie

entgegengesetzte zweite Materie welche etwas rein Leidendes und folglich

unvollständiges ist nur eine Zusammenhäufung oder deren Resultat ist und dass

jedes wirkliche Zusammengesetzte einfache Substanzen oder reale Einheiten

voraussetzt Erwägt man ferner was das Wesen dieser realen Einheiten ist

nämlich die Wahrnehmung und deren Folgen so wird man sozusagen in eine andere

Welt versetzt nämlich in die intelligible Welt der Substanzen während man

vorher nur unter den sinnlichen Erscheinungen gewesen war Und diese Erkenntnis

des Inneren der Materie zeigt hinlänglich wessen sie von Natur fähig ist und

dass so oft Gott ihr angemessene Organe die Vernunfttätigkeit auszudrücken

verleiht die immaterielle Substanz welche denkt ihr auch nicht fehlen

sondern gegeben sein wird kraft jener Harmonie die auch eine natürliche Folge

der Substanzen ist Die Materie kann ohne immaterielle Substanzen dh ohne die

Einheiten nicht bestehen daher man nicht mehr fragen darf ob es Gott frei

steht ihr jenes Vermögen zu geben oder nicht Und wenn jene Substanzen nicht in

sich die Korrespondenz oder Harmonie von der ich eben gesprochen habe hätten

so würde Gott nicht nach der Ordnung der Natur handeln Wenn man ganz einfach

vom Geben oder Verleihen der Vermögen spricht so kehrt man damit zu den »

nackten Vermögen« der Scholastiker zurück und bildet sich kleine für sich

bestehende Wesen die wie die Tauben zum Schlag kommen und wieder daraus gehen

können Das heißt Substanzen machen ohne dass man darüber denkt Die

ursprünglichen Kräfte machen die Substanzen selbst aus und die abgeleiteten

Kräfte oder wenn Sie wollen Vermögen sind nur Arten des Seinswelche man von

den Substanzen ableiten muss aus der Materie jedoch lassen sie sich nicht

ableiten sofern sie nur etwas Mechanisches ist dh sofern man sie mittels

Abstraktion nur als das unvollständige Sein der ersten Materie oder das ganz und

rein Leidende betrachtet Das aber denke ich werden Sie mir zugeben dass es

nicht in der Macht einer bloßen Maschine steht die Wahrnehmung, Empfindung

Vernunft entstehen zu lassen Sie müssen also aus irgend einem anderen

substantiellen Dinge hervorgehen Wollen dass Gott anders handeln und den Dingen

Akzidenzien geben solle die nicht Arten des Seins oder aus den Substanzen

abgeleitete Modifikationen sind heißt zu Wundern und zu dem seine Zuflucht

nehmen was die Scholastik potentia obedientalis nannte durch eine Art

übernatürlicher Versteigung wie wenn gewisse Theologen behaupten dass das Feuer

der Hölle die vom Körper getrennten Seelen brenne in welchem Falle man sogar

bezweifeln kann ob das Feuer das dabei Tätige ist und nicht Gott selbst indem

er an Stelle des Feuers tätig ist diese Wirkung hervorbringt

    Philalethes Sie überraschen mich ein wenig durch Ihre Aufklärungen und

kommen mir in gar manchem zuvor was ich Ihnen über die Schranken unserer

Erkenntnisse sagen wollte Ich würde Ihnen gesagt haben dass wir nicht im

Zustande des Schauens sind wie die Theologen sich ausdrücken dass der Glaube

und die Wahrscheinlichkeit uns für viele Dinge genügen müssen und besonders

hinsichtlich der Immaterialität der Seele dass alle die großen Endzwecke der

Moral und Religion auf hinlänglich festem Grunde ohne Hilfe der aus der

Philosophie gezogenen Gründe für diese Immaterialität ruhen und dass offenbar

derjenige welcher uns den Anfang unseres Daseins hienieden als

sinnlichvernünftiger Wesen gegeben und uns eine Reihe von Jahren in diesem

Zustande erhalten hat die Macht und den Willen besitzt uns im anderen Leben

den Genuss eines ähnlichen Zustandes von Empfindung zu verleihen und uns in

demselben des Empfanges der Vergeltung fähig zu machen die er den Menschen

gemäß dem wie sie in diesem Leben sich aufgeführt haben bestimmt hat dass man

endlich ebendadurch schließen kann die Entscheidung für und gegen die

Immaterialität der Seele sei nicht von entschiedener Notwendigkeit wie einige

für ihre eigenen Meinungen zu leidenschaftlich eingenommenen Leute es haben

glauben machen wollen Alles das wollte ich Ihnen sagen und in diesem Sinne noch

mehr aber jetzt sehe ich welch ein Unterschied es ist zu behaupten dass wir

sinnlich empfindend denkend und unsterblich von Natur und dass wir es nur durch

ein Wunder sind Allerdings erkenne ich an dass man ein Wunder annehmen muss

wenn die Seele nicht immateriell ist aber diese Meinung von einem Wunder ist

nicht nur unbegründet sondern macht auch auf viele Leute keinen besonders guten

Eindruck Auch sehe ich wohl dass man auf die Art wie Sie die Sache nehmen

über die vorliegende Frage sich vernünftigerweise entscheiden kann ohne nötig

zu haben den Zustand des Schauens zu Hilfe zu nehmen und sich in die

Gesellschaft jener höheren Genien zu begeben welche in das innere Wesen der

Dinge tief eindringen und deren lebhafter und durchdringender Blick und

ausgedehntes Erkenntnisgebiet uns vermutungsweise ein Bild des Glückes dessen

sie genießen müssen verstatten kann Ich hatte geglaubt dass es gänzlich über

unsere Erkenntnis hinausgehe die sinnliche Empfindung mit einer ausgedehnten

Materie und das Dasein mit einem Dinge, das durchaus keine Ausdehnung hat zu

verbinden Ich war aus dem Grunde überzeugt dass diejenigenwelche dafür Partei

nehmen die unvernünftige Methode gewisser Leute befolgen welche sich nachdem

sie erkannt haben dass die Dinge von einer gewissen Seite angesehen

unbegreiflich sind sieh mit geschlossenen Augen zur entgegengesetzten Partei

schlagen obwohl dies nicht weniger unbegreiflich istDies kam meines Erachtens

daher dass die einen die ihren Geist zu tief in die Materie versenkt haben

dem was nicht materiell ist kein Dasein zuerteilen mögen und die anderen

welche nicht annehmen dass das Denken in dem natürlichen Vermögen der Materie

beschlossen ist daraus schlossen dass selbst Gott einer körperlichen Substanz

das Leben und die Wahrnehmung nicht geben könne ohne eine immaterielle Substanz

hineinzulegen während ich jetzt sehe dasswenn er es täte dies durch ein

Wunder geschehen müsste und dass diese Unbegreiflichkeit der Einheit von Seele

und Körper oder der Verknüpfung sinnlicher Empfindung mit Materie durch Ihre

Hypothese von der zwischen den verschiedenen Substanzen vorherbestimmten

Harmonie zu verschwinden scheint

    Theophilus In der Tat gibt es in dieser neuen Hypothese nichts

Unbegreifliches weil sie der Seele und dem Körper nur solche Modifikationen

zuschreibt welche wir in uns und in ihnen erfahren und weil sie dieselben nur

in besserer Ordnung und Verbindung als man es bisher geglaubt hat aufstellt

Die noch übrig bleibende Schwierigkeit findet nur rücksichtlich derer statt

welche das was nur durch den Verstand erkennbar ist mit der Einbildungskraft

auffassen wollen wie wenn sie die Töne sehen oder die Farben hören wollten und

zwar sind dies diejenigenwelche allem nicht Ausgedehnten das Dasein absprechen

 was sie eigentlich nötigt es Gott selbst abzusprechen dh den Ursachen und

Gründen der Veränderungen und zwar solcher Veränderungen zu entsagen da diese

Gründe nicht von der Ausdehnung und von bloß leidenden Wesen ja nicht einmal

gänzlich von den besonderen und niederen tätigen Wesen ohne den reinen und

allgemeinen Akt der obersten Substanz herstammen können

    Philalethes Hinsichtlich der Dinge, deren Materie dem Gefühlsreize

zugänglich ist bleibt mir noch ein Einwurf übrig Der Körper, soweit wir ihn

uns vorstellen können ist nur fähig einen Körper zu treffen und zu affizieren

und die Bewegung kann nichts anderes als Bewegung erzeugen so dasswenn wir

darin übereinkommen dass der Körper die Lust oder den Schmerz oder wenigstens

die Vorstellung einer Farbe oder eines Tones erzeugt wir gezwungen zu sein

scheinen unsere Vernunft aufzugeben und über unsere eigenen Vorstellungen

hinausgehend diese Hervorbringung der bloßen Willkür unseres Schöpfers

zuzuschreiben Welchen Grund werden wir also zu dem Schlusse haben dass es mit

der Wahrnehmung in der Materie sich ebenso verhält Ich sehe ungefähr was man

darauf erwidern kann und obwohl Sie darüber schon mehr als einmal etwas gesagt

haben so verstehe ich Sie erst jetzt besser als früher Ich werde mich indessen

freuen zu hören was Sie mir bei dieser wichtigen Gelegenheit darauf zu

antworten haben

    Theophilus Ich werde wie Sie richtig urteilen erklären dass die Materie

nicht Lust Schmerz oder Empfindung in uns erzeugen kann Die Seele ist es

welche diese selbst für sich erzeugt entsprechend dem was in der Materie

vorgeht Und einige tüchtige Männer unter den Neueren fangen an sich dahin zu

erklären dass sie die Gelegenheitsursachen nur so wie ich verstehen Dies nun

vorausgesetzt ist nichts Unbegreifliches mehr dabei außer dass wir nicht allen

Inhalt unserer verworrenen Wahrnehmungen welche selbst vom Unendlichen etwas an

sich haben und der Ausdruck der in den Körpern vor sich gehenden einzelnen

Vorgänge sind uns klar machen können Was ferner die freie Willkür des

Schöpfers betrifft so ist sie wie man sagen muss dergestalt den Wesenheiten

der Dinge gemäß geordnet dass sie darin nichts hervorbringt und erhält als was

ihnen zukommt und sich durch ihre Wesenheiten wenigstens im allgemeinen erklären

lässt  denn das Einzelne geht oft über unsere Kräfte so wie etwa die Arbeit

und das Vermögen die Sandkörner eines Berges nach der Ordnung der Figuren zu

legen obwohl es dabei nichts Schwieriges zu verstehen gibt als die Masse

    Wenn diese Erkenntnis an sich selbst genommen uns entginge und wir nicht

einmal den Grund der Beziehungen der Seele und des Körpers im allgemeinen

begreifen könnten wenn endlich Gott den Dingen zufällige von ihren Wesenheiten

abgesonderte und mithin der Vernunft im allgemeinen fremde Kräfte gäbe würde

dies sonst nur eine Hintertür sein jene zu verborgenen Beschaffenheiten welche

kein Geist verstehen kann zurückzubringen und jene kleinen grundlosen Geister

von Vermögen

 

 Et quidquid schola finxit otiosa

 Und was sonst der müßige Schulwitz erdachte

 

die dienstbaren Geisterlein welche wie die Götter auf dem Theater oder die Feen

im Amadis erscheinen und wenn es nötig ist alles was ein Philosoph verlangen

kann ohne Umstände und Werkzeuge verrichten Aber den Ursprung davon dem freien

Belieben Gottes zuzuschreiben das scheint demjenigen der die oberste Vernunft

ist bei welchem alles geregelt alles in Harmonie ist nicht besonders zu

geziemen Solches freie Belieben würde sogar weder etwas Gutes noch etwas

Liebliches sein während doch zwischen der Macht und der Weisheit Gottes ein

beständiger Parallelismus stattfinden muss

     8 Philalethes Unsere Erkenntnis der Einerleiheit und Verschiedenheit

geht ebensoweit als unsere Vorstellungen aber die der Verknüpfung unserer

Vorstellungen  9 und 10 hinsichtlich des gleichzeitigen Vorhandenseins

derselben in demselben Subjekt ist sehr unvollständig und fast keine  11 vor

allem hinsichtlich der Eigenschaften zweiten Ranges wie der Farben Töne

Geschmäcke  12 weil wir ihre Verknüpfung mit den ersten Eigenschaften nicht

kennen dh wie sie von der Größe der Figur oder der Bewegung abhangen Ein

wenig mehr wissen wir von der Unverträglichkeit dieser Eigenschaften zweiter

Klasse miteinander denn ein Gegenstand kann zB nicht zwei Farben zu gleicher

Zeit haben und wenn es scheint dass man solche in einem Opal oder einem Aufguss

von Lignum nephriticum sieht so gilt dies doch nur von den verschiedenen Teilen

des Gegenstandes  16 Ebenso verhält es sich mit den tätigen und leidenden

Kräften der Körper. In diesem Falle müssen unsere Untersuchungen von der

Erfahrung abhangen

    Theophilus Die Vorstellungen der sinnlichen Eigenschaften sind verworren

und die Kräfte welche sie hervorbringen sollen gewähren folglich auch nur

Vorstellungenin denen Verworrenes vorkommt so kann man denn die Verbindungen

dieser Vorstellungen nicht anders als durch Erfahrung erkennen insofern man sie

auf bestimmte sie begleitende Vorstellungen zurückführt wie man zB

hinsichtlich der Farben des Regenbogens und der Prismen getan hat Und diese

Methode führt gewissermaßen in die Analyse ein welche in der Physik von großem

Nutzen ist durch deren Verfolg wie ich nicht zweifle die Medizin mit der Zeit

sich bedeutend vorgeschritten finden wird besonders wenn das Publikum sich ein

wenig mehr als bisher dafür interessiert

     18 Philalethes Was die Erkenntnis der Beziehungen betrifft so ist dies

das weiteste Feld unserer Erkenntnisse und es ist schwer zu bestimmen, wie weit

es sich ausdehnen kann Die Fortschritte hangen von dem Scharfsinn ab die

vermittelnden Vorstellungen zu finden Diejenigenwelche die Algebra nicht

kennen können sich die erstaunlichen Dinge nicht vorstellen welche man in

diesem Felde vermittelst dieser Wissenschaft verrichten kann Und ich sehe nicht

ein dass sich leicht bestimmen ließe welche neuen Mittel zur Vervollkommnung

der anderen Teile unserer Erkenntnisse durch einen durchdringenden Geist noch

erfunden werden können. Wenigstens sind die die Größe betreffenden Vorstellungen

nicht die einzigen des Beweises fähigen es gibt andere welche vielleicht den

wichtigsten Teil unserer Betrachtungen bilden von denen man sichere

Erkenntnisse ableiten könnte wenn die Laster Leidenschaften und herrschenden

Interessen sich der Ausführung einer solchen Unternehmung nicht geradezu

widersetzten

    Theophilus Was Sie da sagen ist unbedingt wahr Was gibt es Wichtigeres 

vorausgesetzt dass es wahr ist  als das was wir so nehme ich an über das

Wesen der Substanzen über die Einheiten und Vielheiten über die Einerleiheit

und Verschiedenheit über die innere Bildung der Individuen über die

Unmöglichkeit des leeren Raumes und der Atome über den Ursprung der Kohäsion

über das Kontinuitätsgesetz und über die übrigen Naturgesetze vorzüglich aber

über die Harmonie der Dinge, die Immaterialität der Seelen die Einheit der

Seele und des Körpers, die Erhaltung der Seelen und selbst des Tieres bis über

den Tod hinaus  festgestellt haben Und in dem allem ist nichts was ich nicht

für bewiesen oder beweisbar halte

    Philalethes Allerdings scheint Ihre Hypothese außerordentlich konsequent

und von großer Einfachheit ein Gelehrter welcher sie in Frankreich hat

widerlegen wollen gesteht öffentlich davon überrascht worden zu sein Und zwar

ist die Einfachheit soviel ich sehen kann eine äußerst fruchtbare Es wird

sich empfehlen diese Lehre mehr und mehr ins rechte Licht zu stellen Aber wenn

wir von Dingen reden die uns am wichtigsten sind so habe ich an die Moral

gedacht für welche Ihre Metaphysik wie ich zugebe die vortrefflichsten

Stützen gibt aber ohne soweit vorzugehen hat die Moral doch hinlänglich

sichere Stützen obschon sie sich vielleicht nicht soweit erstrecken wie Sie

soviel ich mich erinnere bemerkt haben  wenn eine natürliche Theologie wie

die Ihrige nicht die Grundlage davon bildet Es dient ja schon die bloße

Inbetrachtnahme der Güter dieses Lebens dazu wichtige Folgerungen für die

Anordnung der menschlichen Gesellschaften festzusetzen Man kann über das Rechte

und Unrechte ebenso unbestreitbare Urteile fällen als in der Mathematikder

Satz zB Es kann da keine Ungerechtigkeit geben wo es kein Eigentum gibt ist

ebenso gewiss wie irgend ein Beweis aus dem Euklid da das Eigentum das Recht auf

eine gewisse Sache ist und die Ungerechtigkeit die Verletzung eines Rechts

Ebenso verhält es sich mit dem Satze Keine Regierung bewilligt eine unbedingte

Freiheit Denn die Regierung ist die Festsetzung gewisser Rechte deren

Ausführung sie fordert Und die unbedingte Freiheit ist die Macht welche jeder

hat zu tun was ihm beliebt

    Theophilus Für gewöhnlich bedient man sich des Wortes Eigentum in etwas

anderem Sinne denn man versteht darunter ein Recht des einen auf etwas mit

Ausschluss des Rechtes eines anderen Wenn es also auch kein Eigentum gäbe wie

wenn alles gemeinschaftlich wäre so könnte es dabei doch Ungerechtigkeit geben

Ferner muss in der Definition von Eigentum unter »Sache« auch Handlung verstanden

werden denn wenn man auf die Sachen kein Recht hätte so würde es doch immer

eine Ungerechtigkeit sein die Menschen zu verhindern dass sie handeln wo sie

es nötig haben Allein nach dieser Erklärung ist es unmöglich dass es kein

Eigentum gibt Was aber den Satz von der Unvereinbarkeit einer Regierung mit der

absoluten Freiheit betrifft so gehört er zu den Folgesätzen dh den Sätzen

welche nur anzumerken nötig ist In der Rechtsgelehrsamkeit gibt es noch

zusammengesetzte Wahrheiten wie zB hinsichtlich dessen was man das jus

accrescendi nennt hinsichtlich der Bedingungen und verschiedener anderer

Gegenstände Ich habe dies bei Veröffentlichung der Thesen über die Bedingungen

in meiner Jugend gezeigt wo ich einige derselben bewiesen habe Und wenn ich

Zeit hätte würde ich sie noch einmal überarbeiten

    Philalethes Dies würde den Wissbegierigen Vergnügen machen und dazu dienen

jemand zu verhindern sie etwa wieder auflegen zu lassen ohne dass sie neu

bearbeitet wären

    Theophilus Wie dies meiner Ars combinatoria widerfahren ist worüber ich

mich schon beklagt habe Es war die Frucht meiner frühesten Jünglingszeit und

dennoch druckte man sie lange nachher wieder ab ohne mich um Rat zu fragen und

selbst ohne zu bemerken dass es eine zweite Auflage sei was einige Leute zu

meinem Schaden glauben machte dass ich fähig wäre eine solche Arbeit im

vorgerückten Alter zu veröffentlichen denn obwohl darin Gedanken von einiger

Wichtigkeit sind die ich noch billige so gab es darin gleichwohl auch solche

die nur einem jungen Anfänger zustehen konnten

     19 Philalethes Ich finde dass die Figuren ein großes Hilfsmittel gegen

die Ungewissheit der Worte sind was bei den sittlichen Begriffen nicht

stattfinden kann Überdies sind die sittlichen Begriffe zusammengesetzter als

die Figuren welche man gewöhnlich in der Mathematik seinen Betrachtungen

zugrunde legt Daher hat der Geist Mühe die scharfen Kombinationen dessen was

zu den sittlichen Vorstellungen gehört auf eine so vollkommene Art zu behalten

als es nötig sein würde wo lange Deduktionen eintreten müssen Und wenn man in

der Arithmetik die verschiedenen Posten nicht durch Ziffern bezeichnete deren

Bedeutung genau bekannt ist und die da vor den Augen stehen bleiben so würde

es fast unmöglich sein große Rechnungen zu machen  20 Die Definitionen

helfen etwas wenn man sie in der Moral beständig anwendet Übrigens ist es

nicht leicht vorauszusehen welche Methoden durch die Algebra oder irgend ein

anderes Mittel dieser Art dargeboten werden können, um die übrigen

Schwierigkeiten zu verbannen

    Theophilus Der selige Erhard Weigel ein Mathematiker von Jena in

Thüringen erfand mit vielem Geiste Figuren zur Darstellung moralischer

Gegenstände Und als der selige Samuel von Puffendorf welcher sein Schüler war

seine mit den Gedanken Weigels viel übereinstimmenden »Grundzüge der allgemeinen

Jurisprudenz« veröffentlichte fügte man denselben in der Jenaischen Ausgabe die

»moralische Sphäre« dieses Mathematikers hinzu Aber diese Figuren sind eine Art

von Allegorie etwa wie die der Tafel des Cebes wenngleich weniger populär und

dienen mehr dem Gedächtnis um die Vorstellungen zu behalten und zu ordnen als

dem Urteile um demonstrative Erkenntnisse zu erwerben Übrigens haben sie darum

doch ihren Nutzen den Geist zu wecken Die geometrischen Figuren erscheinen

einfacher als die moralischen Gegenstände aber sie sind es nicht weil das

Kontinuierliche die Unendlichkeit in sich schließt aus dem dabei eine Wahl

getroffen werden muss Ein Dreieck zB in vier gleiche Teile durch zwei gerade

miteinander perpendikulare Linien zu teilen ist ein Problem dessen Lösung

einfach scheint und doch recht schwer ist Mit den moralischen Problemen verhält

es sich nicht ebenso weil sie ganz allein durch die Vernunft bestimmbar sind

Übrigens ist hier nicht der Ort von der »Grenzerweiterung der Wissenschaft des

Beweisverfahrens« zu reden und die wahren Mittel anzugeben die Kunst des

Beweisens über ihre alten Schranken auszudehnen welche bisher fast dieselben

geblieben sind wie die des mathematischen Gebietes Ich hoffe wenn Gott mir

die dazu nötige Zeit schenkt einmal darüber eine Anweisung erscheinen zu

lassen indem ich die Mittel dazu in wirkliche Ausübung bringe ohne mich auf

die bloßen Vorschriften zu beschränken

    Philalethes Wenn Sie diesen Plan und zwar gehörigermaßen ausführen so

werden Sie alle Philalethen wie mich unendlich verbinden dh diejenigen,

welche die Wahrheit zu erkennen aufrichtig begehren Auch ist sie von Natur für

die Geister anmutend und es gibt nichts so Abstoßendes und so mit dem Verstande

Unverträgliches als die Lüge Man darf indessen nicht hoffen dass man sich auf

diese Entdeckungen viel legen werde so lange die Sacht und die Wertschätzung

der Reichtümer oder der Macht die Menschen antreiben wird die von der Mode

angenommenen Meinungen zu den ihrigen zu machen und hinterher noch Gründe

aufzusuchen um sie als richtig darzustellen oder sie zu beschönigen und ihre

Hässlichkeit zu verdecken Und so lange die verschiedenen Parteien ihre Meinungen

von allen denjenigen angenommen haben wollen welche sie in ihrer Macht haben

können ohne zu prüfen ob sie falsch oder richtig sind was für ein neues Licht

kann man in den der Moral zugehörigen Wissenschaften da noch erhoffen Statt

dessen müsste derjenige Teil des menschlichen Geschlechts welcher unter dem Joch

ist in den meisten Gegenden der Welt ebenso dicke Finsternis wie die

ägyptische war gewärtigen wenn das Licht des Herrn nicht selber dem Geiste des

Menschen gegenwärtig wäre jenes heilige Licht welches alle menschliche Macht

nicht gänzlich auslöschen kann

    Theophilus Ich verzweifle nicht daran dass zu einer ruhigeren Zeit oder an

einem ruhigeren Orte die Menschen sich mehr als bisher geschehen ist nach der

Vernunft richten werden Denn man darf in der Tat an nichts verzweifeln und ich

glaube dass dem Menschengeschlecht große Veränderungen in Gutem und Schlimmem

aufbehalten sind aber schließlich mehr im Guten als im Schlimmen Gesetzt dass

einmal ein großer Fürst der wie die alten Könige von Assyrien oder von Ägypten

oder wie ein anderer Salomo lange in tiefem Frieden regiert erscheint und dass

dieser Fürst aus Liebe zur Tugend und Wahrheit und mit großem und tüchtigem

Geiste begabt sich vornimmt die Menschen glücklicher und unter sich

friedfertiger und mächtiger über die Natur zu machen  welche Wunder würde er

nicht in wenig Jahren vollbringen Denn sicherlich würde man in diesem Falle in

zehn Jahren mehr ausrichten als sonst in hundert oder vielleicht in tausend

wenn man die Dinge ihren gewöhnlichen Weg gehen lässt Ohnehin aber würden wenn

einmal die Bahn ordentlich gebrochen wäre viele sie beschreiten wie in der

Mathematik, wäre es auch nur zu ihrem Vergnügen oder um Ruhm zu erwerben Das

besser aufgeklärte Publikum wird sich einstens mehr der Förderung der Medizin

als bisher zuwenden man wird in allen Ländern Naturgeschichten wie

Musenalmanache oder galante Merkure herausgeben man wird keine gute Beobachtung

vorübergehen lassen ohne sie zu registrieren man wird diejenigen unterstützen

welche sich darauf legen werden man wird die Kunst solche Beobachtungen zu

machen verbessern und auch die sie anzuwenden um Aphorismen zu verfassen Es

wird eine Zeit geben wo die Zahl der guten Ärzte größer und die Zahl von Leuten

eines gewissen Schlages deren man dann weniger bedarf im Verhältnis kleiner

geworden sein wird so dass das Publikum imstande ist der Naturforschung mehr

Aufmunterung zu schaffen und vor allem dem Fortschritte der Medizin und dann

wird diese wichtige Wissenschaft sehr bald über ihren jetzigen Standpunkt sich

erheben und zusehends wachsen Ich glaube in der Tat dass dieser Teil der

Staatsverwaltung der Gegenstand größerer Sorge für die welche regieren sein

sollte nächst der für die Tugend und dass einer der größten Erfolge der wahren

Sittlichkeit oder Politik die Herstellung einer besseren Medizin sein wird wenn

die Menschen weiser als jetzt zu sein angefangen und die Großen ihre Reichtümer

und ihre Macht für ihr eigenes Glück besser anzuwenden gelernt haben werden

     21 Philalethes Was die Erkenntnis des wirklichen Daseins  der vierten

Art der Erkenntnisse  angeht so muss man sagen dass wir von unserem Dasein eine

intuitive von dem Gottes eine demonstrative und von den übrigen Dingen eine

sinnliche Erkenntnis haben Davon werden wir in der Folge weitläufig reden

    Theophilus Nichts kann treffender gesagt sein

     22 Philalethes Nachdem wir jetzt von der Erkenntnis gesprochen haben

scheint es passend dass wir um den gegenwärtigen Zustand unseres Geistes besser

zu entdecken auch ein wenig seine dunkle Seite in Betracht ziehen und von

unserer Unwissenheit Einsicht nehmen welche die Erkenntnis unendlich

übersteigt Folgende sind die Ursachen dieser Unwissenheit 1 dass uns

Vorstellungen fehlen 2 dass wir die Verknüpfung zwischen unseren Vorstellungen

nicht zu entdecken wissen und 3 dass wir ihnen zu folgen und sie genau zu

prüfen vernachlässigen  23 Was den Mangel an Vorstellungen betrifft so haben

wir von einfachen Vorstellungen nur diejenigenwelche uns durch unsere inneren

oder äußeren Sinne zukommen Daher sind wir hinsichtlich einer unendlichen Zahl

von Geschöpfen des Weltalls und ihrer Eigenschaften wie die Blinden

hinsichtlich der Farben nicht einmal im Besitze der zu ihrer Erkenntnis nötigen

Geistesvermögen und allem Anscheine nach nimmt der Mensch unter allen

vernünftigen Wesen den untersten Rang ein

    Theophilus Ich weiß nicht ob es nicht noch dergleichen gibt die unter uns

stehen Warum wollten wir uns ohne Not erniedrigen Vielleicht nehmen mir unter

den vernünftigen Wesen einen recht ehrenvollen Rang ein denn höhere Geister

könnten Körper von anderer Beschaffenheit haben so dass der Name »lebende« Wesen

für sie nicht passen würde Man kann nicht sagen ob unsere Sonne unter der

großen Zahl anderer mehr über als unter sich hat und wir sind in ihrem System

wohl gestellt denn die Erde nimmt die Mitte unter den Planeten ein und ihre

Entfernung scheint für ein denkendes Wesen das sie bewohnen sollte wohl

gewählt Übrigens haben wir unendlich mehr Grund uns über unser Los zu freuen

als zu klagen da die meisten unserer Übel unserer eigenen Schuld zugerechnet

werden müssen Und vor allem würden wir sehr Unrecht haben uns über die Fehler

unserer Erkenntnis zu beklagen da wir uns ja derjenigen Kenntnisse welche die

liebreiche Natur uns schenkt so wenig bedienen

     24 Philalethes Indessen entzieht allerdings die außerordentliche

Entfernung fast aller uns sichtbaren Teile der Welt sie unserer Erkenntnis und

offenbar ist diese sichtbare Welt nur ein kleiner Teil des unendlichen Weltalls

Wir sind in einem kleinen Winkel des Raumes eingeschlossen dh in dem System

unserer Sonne und dennoch wissen wir selbst das nicht was auf den anderen

Planeten sich zuträgt die ebenso gut wie unsere Erdkugel sich um sie drehen

     25 Diese Kenntnisse entgehen uns wegen der Größe und Entfernung aber

andere Körper sind uns ihrer Kleinheit wegen verborgen und das sind diejenigen,

welche zu erkennen uns am wichtigsten wäre denn aus deren innerer Bildung

würden wir den Nutzen und die Wirkungsart derer welche uns sichtbar sind

erschließen und wissen können warum der Rhabarber abführt der Schierling tötet

und das Opium einschläfert So weit also auch immer der menschliche

Forschungsgeist die Experimentalwissenschaft über die natürlichen Dinge bringen

kann so bin ich doch zu glauben versucht dass wir niemals zu einer

wissenschaftlichen Erkenntnis über diese Stoffe werden kommen können

    Theophilus Ich glaube gern dass wir niemals so weit gelangen können als es

zu wünschen wäre mir scheint es indessen dass man mit der Zeit einige

bedeutende Fortschritte in der Erklärung mancher Erscheinungen machen werde

weil die größte Zahl der Erfahrungen welche wir zu machen imstande sind uns

mehr als hinlängliche Data liefern kann so dass nur die Kunst sie anzuwenden

fehlt Dass man aber deren kleine Anfänge weiter bringen wird daran verzweifle

ich nicht seitdem wir in der Infinitesimalrechnung das Mittel besitzen die

Geometrie mit der Physik zu vermählen und die Dynamik uns die allgemeinen

Naturgesetze geliefert hat

     27 Philalethes Die Geister stehen unserer Erkenntnis noch ferner wir

können uns keine Vorstellungen ihrer verschiedenen Klassen bilden und dennoch

ist sicherlich die geistige Welt größer und schöner als die materielle

    Theophilus Diese beiden Welten sind einander immer parallel was die

bewirkenden Ursachen anbetrifft aber nicht was die Endursachen angeht Denn in

dem Maße als die Geister über die Materie herrschen bringen sie darin

wunderbare Ordnungen hervor

    Dies ist klar aus den Veränderungen welche die Menschen zur Verschönerung

der Erdoberfläche gemacht haben wie kleine Götter welche dem großen Baumeister

des Weltalls nachahmen obgleich dies nur durch die Anwendung der Körper und

deren Gesetze geschieht Was kann man nicht über diese unendliche Menge von

Geistern die über uns erhaben sind vermuten Und da die Geister alle zusammen

eine Art von Staat unter Gott bilden dessen Regierung vollkommen ist so sind

wir weit entfernt das System dieser geistigen Welt zu begreifen und die Strafen

und Belohnungen zu fassen welche denen die sie nach genauester Erwägung

verdienen bereitet sind sowie uns vorzustellen was kein Auge gesehen und kein

Ohr gehört hat und niemals in des Menschen Herz gekommen ist Alles dies zeigt

indessen dass wir alle uns nötigen deutlichen Vorstellungen um die Körper und

die Geister zu erkennen jedoch nicht das hinlängliche Detail der Tatsachen noch

so durchdringende Sinne besitzen um die verworrenen Vorstellungen zu

entwickeln noch soviel Ausdehnung der Erkenntnis, sich ihrer aller bewusst zu

werden

     28 Philalethes Was die Verknüpfung anbetrifft deren Erkenntnis uns bei

unseren Vorstellungen fehlt so wollte ich sagen dass die mechanischen

Körperreize keinerlei Verbindung mit den Vorstellungen der Farben der Töne der

Gerüche und Geschmäcke der Lust und des Schmerzes haben und dass deren

Verknüpfung nur vom Belieben und der Willkür Gottes abhängt Wie ich mich aber

erinnere urteilen Sie dass dabei eine vollständige Korrespondenz stattfindet

obgleich das nicht immer eine vollständige Ähnlichkeit istIndessen erkennen

Sie selbst an dass das übergroße Detail der dabei vorkommenden Kleinigkeiten uns

das darin Verborgene zu entdecken verhindert wenngleich Sie noch die Hoffnung

hegen dass wir der Sache uns bedeutend nähern werden Sie werden also nicht wie

mein berühmter Autor die Behauptung zulassen dass es  29 verlorene Mühe sei

sich auf eine solche Untersuchung einzulassen aus Furcht dass dieser Glaube dem

Wachstum der Wissenschaft Abbruch tue Ich würde auch von der Schwierigkeit

gesprochen haben welche man bisher gehabt hat die Verbindung von Seele und

Leib zu erklären da man nicht begreifen konnte dass ein Gedanke eine Bewegung

im Körper erzeugt oder eine Bewegung einen Gedanken im Geiste aber seit ich

Ihre Hypothese von der vorherbestimmten Harmonie kenne scheint mir diese

Schwierigkeit an deren Lösung man verzweifelte mit einem Schlag und wie durch

einen Zauber gehoben

     30 Also bleibt noch die dritte Ursache unserer Unwissenheit übrig dass

wir nämlich die Vorstellungenwelche wir haben oder doch haben können nicht

gehörig verfolgen und uns der Auffindung der Mittelbegriffe nicht befleißigen

auf diese Weise entgehen uns zB die mathematischen Wahrheiten obgleich dabei

weder Unvollkommenheit in unseren Geisteskräften noch irgend eine Unsicherheit

in den Dingen selbst stattfindet Der üble Gebrauch der Worte hat am meisten

dazu beigetragen uns an der Auffindung der Übereinstimmung und

Nichtübereinstimmung der Vorstellungen zu verhindern und die Mathematiker

welche ihre Gedanken unabhängig von den Worten bilden und gewohnt sind ihrem

Geiste die Vorstellungen selbst anstatt der Laute vorzustellen haben dadurch

einen großen Teil der Schwierigkeit vermieden Wenn die Menschen bei ihren

Entdeckungen in der materiellen Welt ebenso gehandelt hätten wie sie es

hinsichtlich der die geistige Welt betreffenden gewohnt gewesen sind und alles

in ein Chaos von Ausdrücken unbestimmter Bedeutung eingehüllt hätten so würden

sie ohne Ende über die Zonen Ebbe und Fiat den Bau der Schiffe und die Seewege

gestritten haben man würde niemals über die Linie hinausgegangen sein und die

Antipoden wären noch jetzt so unbekannt als damals wo man erklärt hatte dass

daran zu glauben eine Ketzerei sei

    Theophilus Diese dritte Ursache unserer Unwissenheit ist die allein

tadelnswerte Und Sie sehen dass die Verzweiflung weiter zu kommen darin

einbegriffen ist Diese Mutlosigkeit schadet viel und gescheite und bedeutende

Menschen haben die Fortschritte der Medizin durch die falsche Überzeugung

aufgehalten dass daran zu arbeiten verlorene Mühe wäre Wenn Sie die

aristotelischen Philosophen der vergangenen Zeit von den Meteoren wie zB vom

Regenbogen reden hören so werden Sie finden dass sie glaubten man dürfe nicht

einmal daran denken diese Erscheinung genau zu erklären und die Unternehmungen

eines Maurolycus und darauf des Marcus Antonius de Dominis erschienen ihnen als

ein Ikarusflug Die Folgezeit hat indessen die Welt darüber aufgeklärt

Allerdings hat der üble Gebrauch der Ausdrücke einen großen Teil der Unordnung

verursacht der sich in unseren Erkenntnissen vorfindet nicht allein in der

Moral und Metaphysik oder in dem was Sie die geistige Welt nennen sondern auch

in der Medizin wo dieser Missbrauch der Ausdrücke mehr und mehr zunimmt Wir

können uns nicht immer durch Figuren wie in der Geometrie helfen aber die

Algebra zeigt dass man große Entdeckungen machen kann ohne immer auf die

Vorstellungen der Dinge selbst zurückzugehen

    Hinsichtlich der angeblichen Ketzerei der Antipoden wollte ich noch im

Vorübergehen bemerken dass Bonifacius Erzbischof von Mainz den Vigilius von

Salzburg allerdings in einem über diesen Gegenstand gegen ihn dem Papste

geschriebenen Briefe angeklagt hat und dass der Papst in einer Weise darauf

antwortet die zeigt dass er nach dem Sinne des Bonifacius dachte man findet

aber nicht dass diese Beschuldigung Folgen gehabt habe Vigilius hat sich immer

behauptet Die beiden Gegner galten für Heilige und die Gelehrten von Bayern

welche Vigilius als einen Apostel Kärntens und der benachbarten Länder

betrachten haben sein Andenken in Ehren gehalten

 
 





     1 Philalethes Wenn jemand die Wichtigkeit des Besitzes richtiger

Vorstellungen und des Verständnisses ihrer Übereinstimmung und

Nichtübereinstimmung nicht begriffen hat so wird er glauben dass wir wenn wir

darüber mit soviel Sorgfalt handeln Luftschlösser bauen und dass in unserem

ganzen System nur Transzendentes und Eingebildetes vorkomme Ein Phantast von

erhitzter Einbildungskraft kann den Vorteil voraushaben lebhaftere und

zahlreichere Vorstellungen zu besitzen also würde er auch mehr Erkenntnisse

haben In den Visionen eines Enthusiasten würde also ferner auch ebensoviel

Gewissheit sein als in den vernünftigen Erwägungen eines Menschen von gesunden

Sinnen wenn der Enthusiast nur zusammenhängend spricht und es würde ebenso

wahr sein zu sagen dass eine Harpye nicht ein Zentaur ist als zu sagen dass ein

Quadrat nicht ein Kreis ist  2 Ich antworte darauf dass unsere Vorstellungen

mit den Dingen übereinstimmen  3 Aber man wird ein Kriterium dafür fordern 

4 Ich antworte noch einmal dass 1 diese Übereinstimmung hinsichtlich der

einfachen Vorstellungen unseres Geistes offenbar ist denn da er sie nicht

selbst bilden kann müssen sie durch die Dinge hervorgebracht sein welche auf

unseren Geist wirken und 2 dass  5 alle unsere zusammengesetzten

Vorstellungen ausgenommen die der Substanzen da sie Musterbilder sind welche

der Geist selbst gebildet und weder Kopien von irgend etwas zu sein bestimmt

noch auf das Dasein irgend eines Dinges, als auf ihre Originale bezogen hat

sie nicht umhin können alle diejenige Übereinstimmung mit den Dingen zu haben

die zu einer realen Erkenntnis gehört

    Theophilus Unsere Gewissheit würde gering oder vielmehr nichtig sein wenn

sie für die einfachen Vorstellungen keine andere Begründung als die von den

Sinnen stammende darböte Sie haben meinen Nachweis vergessen dass die

Vorstellungen ursprünglich unserem Geiste innewohnen und dass selbst unsere

Gedanken aus unserem eigenen Innern kommen ohne dass die übrigen Geschöpfe einen

unmittelbaren Einfluss auf die Seele haben können Übrigens liegt der Grund

unserer Gewissheit hinsichts der allgemeinen und ewigen Wahrheiten in den

Vorstellungen selbst unabhängig von den Sinnen, wie auch die reinen

Vernunftvorstellungen nicht von den Sinnen abhangen wie zB die des Seins, des

Einen des Selbigen usw Aber die Vorstellungen der sinnlichen Eigenschaften

wie der Farbe des Geschmacks usw welche in der Tat nur

PhantasieErscheinungen sind kommen uns aus der Sinnlichkeit, dh von unseren

verworrenen Wahrnehmungen Und der Grund der Wahrheit der zufälligen und

einzelnen Dinge liegt in der Aufeinanderfolge wonach die Erscheinungen der

Sinne geradeso verbunden sind, wie die Vernunftwahrheiten es fordern Das ist

der Unterschied, den man dabei machen muss während der von Ihnen hier zwischen

den einfachen und zusammengesetzten den Substanzen und den Akzidenzien

zugehörigen Vorstellungen gemachte mir nicht begründet scheint weil alle

Vernunftvorstellungen ihre Urbilder in der ewigen Möglichkeit der Dinge haben

     5 Philalethes Allerdings brauchen unsere zusammengesetzten Vorstellungen

nur dann Urbilder außer dem Geiste, wenn es sich um eine wirklich daseiende

Substanz handelt welche außer uns die einfachen Vorstellungen aus denen jene

zusammengesetzten bestehen tatsächlich vereinigen muss Die Erkenntnis der

mathematischen Wahrheiten ist eine reale obgleich sie sich nur an unsere

Vorstellungen hält und man zB nirgends vollkommene Kreise findet Man ist

indessen überzeugt dass die daseienden Dinge mit unseren Vorbildern

übereinstimmen in dem Maße als das was man dabei voraussetzt sich als

wirklich ausweist  7 Dies dient auch noch dazu die Realität der moralischen

Verhältnisse zu rechtfertigen  8 Die Offizien Ciceros sind darum nicht

weniger mit der Wahrheit übereinstimmend weil es niemand in der Welt gibt der

sein Leben genau nach dem Muster eines solchen Rechtschaffenen einrichtet wie

ihn Cicero uns beschreibt  9 Aber wird man sagen wenn die moralischen

Vorstellungen von unserer Erfindung sind welchen sonderbaren Begriff werden wir

von der Gerechtigkeit und Mäßigkeit haben  10 Ich antworte dass die

Ungewissheit nur in der Sprache ist weil man nicht immer versteht was man sagt

oder nicht immer dasselbe darunter versteht

    Theophilus Sie könnten auch und meiner Ansicht nach viel besser antworten

dass die Vorstellungen der Gerechtigkeit und Mäßigkeit nicht von unserer

Erfindung sind ebensowenig wie die des Kreises oder Vierecks Ich glaube das

hinlänglich gezeigt zu haben

     11 Philalethes Was die Vorstellungen der Substanzendie außer uns

vorhanden sind, anbetrifft so ist unsere Erkenntnis soweit real als sie jenen

Urbildern entspricht und in dieser Hinsicht darf der Geist die Vorstellungen

nicht willkürlich verbinden um so weniger als er nur sehr wenige einfache

Vorstellungen hat von denen wir sicher behaupten könnten dass sie über das

hinaus was durch sinnliche Beobachtungen klar ist in der Natur zusammen sein

oder nicht zusammen sein können

    Theophilus Weil wie ich schon mehr als einmal erklärt habe diese

Vorstellungen, wenn die Vernunft ihre Zusammenstimmung oder Verknüpfung nicht

beurteilen kann verworren sind ebenso wie die der besonderen Eigenschaften der

Sinne.

     13 Philalethes Es ist auch empfehlenswert sich hinsichtlich der

daseienden Substanzen nicht auf Namen oder auf Arten welche man durch die Namen

oder bestimmt hält zu beschränken Dies lässt mich wieder auf das zurückkommen

was wir schon ziemlich oft hinsichtlich der Definition des Menschen besprochen

haben Denn wenn man von einem Blödsinnigen spricht der vierzig Jahre gelebt

hat ohne das geringste Zeichen von Vernunft zu geben könnte man nicht sagen

dass er die Mitte zwischen Menschen und Tier einnimmt Dies würde vielleicht für

ein sehr kühnes Paradoxon oder selbst für einen Irrtum von sehr gefährlichen

Folgen gelten Indessen kam es mir sonst vor und kommt es noch einigen meiner

Freunde vor die ich noch nicht eines Besseren belehren kann dass dies nur

infolge eines auf jene falsche Voraussetzung gegründeten Vorurteils geschieht

wonach diese beiden Worte Mensch und Tier verschiedene durch wirkliche

Wesenheiten in der Natur so wohlbezeichnete Arten ausdrücken dass keine andere

Art zwischen sie fallen kann wie wenn alle Dinge genau nach der Zahl jener

Wesenheiten gleichsam in Formen gegossen wären  14 Wenn man diese Freunde

fragt welche Art von lebenden Wesen jene Blödsinnigen sind wenn sie weder

Menschen noch Tiere sein sollen so antworten sie dass es Blödsinnige sind und

damit gut Fragt man noch was aus ihnen in der anderen Welt werden solle so

antworten unsere Freunde dass es ihnen nicht darauf ankommt es zu wissen oder

zu erforschen Dass »sie stehen und fallen ihrem Herrn« Römerbrief Kap 10 V

4 der gut und treu ist und über seine Kreaturen nicht nach den engen Schranken

unseres Denkens oder unserer besonderen Meinungen bestimmt und sie nicht

entsprechend den Namen und Arten welche uns auszusinnen gefällt unterscheidet

dass es uns genügt wenn die der Unterweisung Fähigen Rechenschaft von ihrem

Wandel abzulegen aufgerufen und ihren Lohn empfangen werden nach dem was sie

bei Leibesleben getan haben 2 Corinth Kap 5 V 10  15 Ich will Ihnen

den Schluss Ihrer Argumentation darlegen Die Frage so sagen Sie ob man den

Blödsinnigen dies zukünftige Leben absprechen solle beruht auf zwei in gleicher

Weise falschen Voraussetzungen die erste davon ist dass jedes Wesen das die

Form und äußere Erscheinung des Menschen hat für einen Zustand der

Unsterblichkeit nach diesem Leben bestimmt ist und die zweite dass alles was

von menschlicher Abkunft istdies Vorrecht genießen muss Nehmt diese

Einbildungen weg und ihr werdet sehen dass diese Art Probleme lächerlich und

unbegründet ist Und ich glaube in der Tat dass man die erste Voraussetzung

aufgeben muss und den Geist nicht so in Materie versenkt haben wird um zu

glauben das ewige Leben komme irgend einer Gestalt von materiellem Stoffe

dergestalt zu dass der Stoff in Ewigkeit Bewusstsein haben müsse weil er in eine

solche Gestalt geformt worden ist.  16 Aber die zweite Voraussetzung hilft

vielleicht Man wird sagen jener Blödsinnige komme von vernunftbegabten Eltern

und müsse deswegen eine vernunftbegabte Seele haben Ich weiß nicht auf welche

Regel der Logik man eine solche Folgerung gründen kann und wie man nachher

schlecht geformte und monströse Geburten zu zerstören wagen darf O das sind

Monstra wird man sagen Gut es sei Aber wird der Blödsinnige für immer

unheilbar sein Soll denn ein leiblicher Fehler ein Monstrum ausmachen und nicht

ein geistiger Das heißt zu der schon widerlegten ersten Voraussetzung

zurückkehren dass das Äußere genügt Ein wohlgeformter Blödsinniger ist ein

Mensch sofern man glaubt dass er eine vernünftige Seele hat mag sie sich auch

nicht zeigen Aber macht die Ohren ein wenig länger und spitzer und die Nase ein

wenig platter als gewöhnlich so fangt ihr schon ungewiss zu werden an Macht das

Gesicht enger platter und länger  dann seid ihr völlig entschieden Und wenn

der Kopf vollkommen der irgend eines Tieres ist so ists ohne Zweifel ein

Monstrum und das ist euch ein Beweis dass er keine vernünftige Seele hat und

aus der Welt geschafft werden muss Ich frage euch wo das rechte Maß und die

letzten Grenzen finden welche eine vernünftige Seele noch zulassen Es gibt

menschliche Fötus die halb Tier halb Mensch sind es haben andere drei Viertel

vom Tier ein Viertel vom Menschen Wie soll man nun auf gerechte Weise die

Charakterzüge bestimmen welche die Vernunft bezeichnen Wird ferner ein solches

Monstrum nicht eine Mittelart zwischen Mensch und Tier sein Und gerade ein

solches ist der Blödsinnige um den es sich handelt

    Theophilus Ich wundere mich dass Sie zu dieser Streitfrage zurückkehren

welche wir doch hinlänglich und zwar mehr als einmal untersuchten und dass Sie

Ihre Freunde nicht besser unterrichtet haben Wenn wir den Menschen vom Tier

durch das Vermögen des vernünftigen Denkens unterscheiden so gibt es kein

Mittleres das lebende Wesen um das es sich handelt muss jenes Vermögen haben

oder nicht aber da es sich mitunter nicht zeigt so urteilt man aus Anzeichen

darüber welche freilich nicht einen strikten Beweis liefern bis die Vernunft

sich zeigt denn man weiß aus Erfahrung von denen die sie verloren oder die

endlich den Gebrauch derselben erlangt haben dass ihre Ausübung zeitweise

aufgehoben werden kann. Die Abkunft und die Leibesgestalt geben von dem noch

Verborgenen ein vorläufiges Urteil Aber dies von der Abkunft hergenommene

Vorurteil wird durch eine von der menschlichen sehr verschiedene Gestalt

entkräftet wie eine solche zB dasjenige Wesen hatte welches von einer Frau

in Zeeland bei Levinus Lemnius I l Kap 8 geboren war und das einen krummen

Schnabel einen langen runden Hals funkelnde Augen einen spitzen Schwanz und

sogleich eine große Fertigkeit besaß durch das Zimmer zu laufen Man könnte

aber sagen dass es Monstra oder sogenannte lombardische Brüder gäbe wie die

Ärzte sie sonst nannten auf Grund der Sage dass die Frauen in der Lombardei

solchen Arten von Geburten unterworfen waren die sich der menschlichen Figur

mehr annähern Gut es sei Wie also werdet Ihr sagen kann man die Grenzen der

Gestalt welche für eine menschliche gelten muss gerade so richtig bestimmen

Ich antworte dass bei einem Gegenstande der nur Vermutungen zulässt man keine

genauen Grenzen hat Und damit ist die Sache zu Ende Man wirft ein der

Blödsinnige zeige keine Vernunft und gelte dennoch für einen Menschen aber wenn

er eine monströse Gestalt hat würde er es nicht sein und nehme man also mehr

Rücksicht auf die Gestalt als auf die Vernunft? Aber zeigt denn jenes Monstrum

Vernunft Freilich nicht Ihr seht also dass ihm mehr fehlt als dem

Blödsinnigen Der Mangel in der Anwendung der Vernunft dauert oft eine Zeitlang

hört aber nicht bei denen auf wo er von einem Hundekopf begleitet ist Wenn

übrigens dies Wesen von menschlicher Gestalt kein Mensch ist so ists nicht

schlimm es während der Unsicherheit über sein Schicksal zu erhalten Und mag es

eine vernünftige Seele haben oder eine solche die das nicht ist so wird es

Gott doch nicht umsonst gemacht haben und man wird von solchen Menschen die in

einem dem ersten Kindesalter ähnlichen Zustande verharren sagen dass ihr

Schicksal dasselbe sein möge als das der Seelen derjenigen Kinder welche in

der Wiege sterben

 
 






     1 Philalethes Viele Jahrhunderte hat man schon gefragt was die Wahrheit

ist Die Unsrigen glauben dass es die Verbindung oder Trennung der Zeichen gemäß

der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung der Dinge unter sich ist. Unter

der Verbindung oder Trennung der Zeichen muss verstanden werden was man sonst

einen Satz Urteil nennt

    Theophilus Aber ein Beiwort macht noch keinen Satz zB der weise Mensch

obgleich dabei eine Verbindung zweier Ausdrücke stattfindet Auch ist Negation

etwas ganz anderes als Trennung denn wenn ich sage Mensch und nach einem

kleinen Zwischenraume ausspreche weise so negiere ich nicht Die

Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung ist auch nicht eigentlich das was man

durch den Satz ausdrückt Zwei Eier stehen in Übereinstimmung zwei Feinde in

Nichtübereinstimmung Es handelt sich hier um eine ganz besondere Art des

Übereinkommens oder Nichtübereinkommens Ich glaube also dass jene Definition

den Punkt um welchen es sich handelt nicht erklärt Aber was mir an Ihrer

Definition der Wahrheit am wenigsten gefällt ist dass man dabei die Wahrheit in

den Worten sucht Also würde derselbe Sinn in Latein Deutsch Englisch

Französisch ausgedrückt nicht dieselbe Wahrheit sein und man würde mit Hobbes

sagen müssen dass die Wahrheit vom menschlichen Belieben abhängt was doch auf

eine sehr sonderbare Art sprechen wäre Man schreibt die Wahrheit sogar Gott zu

welcher wie Sie mir glaube ich zugeben werden keine Zeichen nötig hat

Endlich habe ich mich schon mehr als einmal über die Grille Ihrer Freunde

gewundert dass sie sich darin gefallen die Wesenheiten Arten und Wahrheiten zu

etwas Nominellem zu machen

    Philalethes Übereilen Sie sich nicht Unter den Zeichen verstehen sie die

Vorstellungen. Also werden die Wahrheiten entweder Gedanken oder nominelle

Wahrheiten sein je nach den Arten der Zeichen

    Theophilus Wir werden also auch noch Buchstabenwahrheiten bekommen die man

wieder in Papieroder Pergamentwahrheiten in Wahrheiten gewöhnlicher

Schreibtinte oder Druckerschwärze unterscheiden könnte wenn man die Wahrheiten

nach den Zeichen unterscheiden muss Es ist also vorzuziehen die Wahrheiten in

die Beziehung, welche unter den Gegenständen der Vorstellungen stattfindet zu

setzen wonach die eine in der anderen enthalten oder nicht enthalten istDies

hängt von den Sprachen nicht ab und ist uns mit Gott und den Engeln gemein und

wenn Gott uns eine Wahrheit offenbart so erlangen wir diejenige welche seinem

Verstande innewohnt denn obgleich zwischen seinen und unseren Vorstellungen ein

unendlicher Unterschied stattfindet sowohl was Vollendung als was Umfang

anbetrifft so bleibt doch immer wahr dass wir in derselben Beziehung mit ihm

übereinstimmen Also muss man die Wahrheit in diese Beziehung setzen und wir

können zwischen den von unserem Belieben unabhängigen Wahrheiten und zwischen

den Ausdrücken unterscheiden welche wir, wie es uns gut scheint erfinden

     3 Philalethes Es ist nur zu wahr dass die Menschen selbst in ihrem

Innern die Worte an die Stelle der Dinge setzen besonders wenn die

Vorstellungen zusammengesetzt und unbestimmt sind Aber wie Sie bemerkt haben

ist es auch ebenso wahr dass der Geist sich alsdann begnügt nur die Wahrheit zu

bezeichnen ohne sie für den Augenblick zu verstehen weil er überzeugt ist dass

es sie zu verstehen von ihm abhängt wenn er will Übrigens ist die Handlung,

welche man beim Bejahen oder Verneinen ausübt leichter zu begreifen indem man

das was in uns vorgeht überdenkt als es leicht ist es in Worten klar zu

machen Wollen Sie es darum nicht übel finden wenn man in Ermangelung eines

Besseren von Zusammenfügen oder Trennen gesprochen hat  8 Auch werden Sie

zugeben dass die Sätze wenigstens als Wortsätze bezeichnet werden können, und

dasswenn sie wahr sind, sie zugleich Wortsätze und Realsätze sind denn  9

die Falschheit besteht darin, die Worte anders zu verbinden als die Begriffe

davon miteinander übereinkommen oder nicht übereinkommen Wenigstens  10 sind

die Worte wichtige Förderungsmittel der Wahrheit  11 Auch gibt es eine

moralische Wahrheit die darin besteht von den Dingen unserer Überzeugung gemäß

zureden endlich eine metaphysische Wahrheit welche das reale Dasein der Dinge

ist wie es unseren Vorstellungen davon entspricht

    Theophilus Die moralische Wahrheit wird von einigen Wahrhaftigkeit genannt

und die metaphysische Wahrheit pflegen die Metaphysiker gewöhnlich als ein

Attribut des Seins zu betrachten aber es ist ein sehr unnützes und fast

sinnloses Attribut Begnügen wir uns die Wahrheit in der Übereinstimmung der in

unserem Geiste vorhandenen Vorstellungen mit den Dingen, um die es sich handelt

zu suchen Allerdings habe ich auch die Wahrheit den Vorstellungen beigelegt

indem ich sagte dass die Vorstellungen wahr oder falsch sind aber dann verstehe

ich das in der Tat von der Wahrheit der Sätze welche die Möglichkeit des

Gegenstandes der Vorstellung bejahen Und in diesem selbigen Sinne kann man auch

sagen dass ein Wesen wahr ist dh der Satz, der sein wirkliches oder wenigstens

mögliches Dasein bejaht

 
 






     2 Philalethes Alle unsere Erkenntnis betrifft allgemeine oder besondere

Wahrheiten Die ersteren welche die wichtigsten sind würden wir niemals zum

rechten Verständnis bringen noch selbst als in den seltensten Fällen begreifen

können wenn sie nicht in Worte gefasst und ausgedruckt wären

    Theophilus Ich glaube dass auch andere Zeichen noch diese Wirkung haben

könnten dies zeigen die Charaktere der Chinesen So könnte man eine sehr leicht

verständliche und noch bessere Universalcharakteristik als die ihrige einführen

wenn man anstatt der Worte kleine Figuren anwendete welche die sichtbaren Dinge

durch ihre Züge und die unsichtbaren durch die sie begleitenden sichtbaren

darstellten wozu man noch gewisse zusätzliche die Flexionen und Partikeln

anzudeuten geeignete Zeichen fügen müsste Dies würde sofort dazu dienen mit

entfernten Nationen bequem zu verkehren aber auch wenn man es unter uns

einführte ohne deshalb der gewöhnlichen Schrift zu entsagen so würde der

Gebrauch dieser Schreibweise von großem Nutzen sein um die Phantasie zu

bereichern und weniger taube und weniger leere Gedanken als man jetzt hat zu

bringen Da die Zeichenkunst nicht von allen verstanden wird so folgt daraus

allerdings dass die auf diese Art gedruckten Bücher ausgenommen welche

jedermann bald lesen lernen würde man sich derselben nicht anders bedienen

könnte als durch eine Art von Druckverfahren dh indem man alle Figuren

geschnitten und vorrätig hätte um sie auf Papier zu drucken und nachher mit

der Feder die Zeichen der Flexionen oder Partikeln hinzufügte Aber mit der Zeit

würde jedermann das Zeichnen von Jugend auf lernen um nicht der Bequemlichkeit

dieses Figurencharakterikums beraubt zu sein welches in Wahrheit zu den Augen

sprechen und dem gemeinen Manne sehr angenehm sein würde wie in der Tat das

Landvolk schon gewisse Kalender hat die ihm ohne Worte einen großen Teil

dessen wonach es fragt sagen Auch erinnere ich mich in Stichen gedruckte

Satiren die einigermaßen an Rätsel erinnerten gesehen zu haben worin mit

Worten untermischte an sich selbst bedeutsame Figuren vorkamen statt dass

unsere Buchstaben und die chinesischen Charaktere ihre Bedeutung nur durch den

Willen der Menschen ex instituto empfangen

     3 Philalethes Ich glaube dass Ihr Gedanke einmal zur Ausführung kommen

wird so anmutend und natürlich scheint mir diese Schrift und sie scheint mir

von nicht geringer Wichtigkeit zu sein um die Vollkommenheit unseres Geistes zu

vermehren und unsere Begriffe solider zu machen Aber um auf die allgemeinen

Erkenntnisse und ihre Gewissheit zurückzukommen so ist hier zu bemerken dass es

eine Gewissheit der Wahrheit nach und auch eine Gewissheit der Erkenntnis nach

gibt Wenn die Worte in den Sätzen dergestalt miteinander verbunden sind, dass

sie die Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung wie sie in Wirklichkeit

stattfindet genau ausdrücken so ist das eine Gewissheit der Wahrheit nach und

die Gewissheit der Erkenntnis nach besteht darin, sich der Übereinstimmung oder

Nichtübereinstimmung der Vorstellungen bewusst zu sein sofern sie in den Sätzen

ausgedrückt ist Das ist es was wir gewöhnlich eines Satzes gewiss sein nennen

    Theophilus In der Tat wird diese letztere Art von Gewissheit auch ohne den

Gebrauch der Worte genügen und sie ist nichts anderes als eine vollständige

Erkenntnis der Wahrheit während die letztere Art von Gewissheit nichts anderes

als die Wahrheit selbst zu sein scheint

     4 Philalethes Da wir nun von der Wahrheit irgend eines allgemeinen

Satzes nicht anders versichert sein können als indem wir die genauen Grenzen

der Bedeutung der Ausdrücke aus denen er besteht erkennen so müssten wir

notwendigerweise die Wesenheit jeder Art kennen was hinsichtlich der einfachen

Vorstellungen und der Modi keine Schwierigkeit hat Aber bei den Substanzen wo

vorausgesetzt wird dass eine wirkliche von der nominellen verschiedene

Wesenheit die Arten bestimme ist der Umfang des Ausdrucks »Allgemein« sehr

unbestimmt weil wir jene wirkliche Wesenheit nicht kennen und folglich können

wir in diesem Sinne keines allgemeinen Satzes sicher sein welcher in Hinsicht

solcher Substanzen gebildet wird Aber wenn man voraussetzt dass die Arten der

Substanzen nichts anderes sind als die Zurückführung der substantiellen

Individuen auf gewisse unter verschiedenen allgemeinen Namen geordnete Klassen

je nachdem sie mit den verschiedenen abstrakten Vorstellungenwelche wir durch

diese Namen bezeichnen übereinkommen so kann man nicht zweifelhaft sein ob

ein genugsam wohlbekannter Satz wahr ist oder nicht

    Theophilus Ich weiß nicht warum Sie noch einmal auf einen zwischen uns

hinlänglich durchgesprochenen Gegenstand den ich erledigt glaubte

zurückkommen Schließlich aber freue ich mich darüber weil Sie mir eine wie mir

scheint sehr angemessene Gelegenheit geben Sie von neuem Ihres Irrtums zu

überführen Ich erkläre Ihnen also dass wir zB von tausend Wahrheiten

überzeugt sein können welche das Gold oder denjenigen Körper betreffen deren

Wesen durch die größte hienieden bekannte Schwere oder durch die größte

Dehnbarkeit oder durch andere Zeichen erkannt wird Denn wir können sagen dass

der Körper von der größten bekannten Dehnbarkeit auch der schwerste aller

bekannten Körper ist Es würde allerdings nicht unmöglich sein dass alles was

man bis jetzt am Golde bemerkt hat sich einmal in zwei durch andere neue

Eigenschaften unterscheidbaren Körpern vorfindet und dies also nicht mehr die

unterste Art wäre wie man es bis jetzt vorläufig so annimmt Auch könnte man

wenn die eine Art selten bliebe und die andere sehr alltäglich wäre es für

passend erachten den Namen des wahren Goldes nun für die seltene Art allein zu

sparen um es mittels neuer ihm angemessener Versuche zum Münzgebrauch zu

behalten Man wird alsdann auch nicht mehr zweifeln dass das innere Wesen dieser

beiden Arten verschieden ist und selbst wenn die Definition einer wirklich

vorhandenem Substanz nicht in jeder Hinsicht wohl bestimmt ist wie in der Tat

die des Menschen es hinsichtlich der äußeren Figur nicht ist so würde man darum

doch eine Unzahl allgemeiner Sätze in Hinsicht auf ihn haben die aus der

Vernunft und den anderen bei ihm erkennbaren Eigenschaften folgen würden Alles

was man über diese allgemeinen Sätze sagen kann ist dass man falls man den

Menschen für die unterste Art nimmt und ihn auf die Nachkommenschaft Adams

beschränkt von den Eigenschaften des Menschen alsdann diejenigen nicht haben

wird welche man in quarto modo nennt oder welche man von ihm durch einen

Reziprok oder einfach umkehrbaren Satz aussagen könnte wenn es nicht bloß

vorläufig ist wie wenn man sagt der Mensch ist das einzige vernünftige

Naturwesen Und indem man als Menschen die Wesen unserer Abstammung nimmt

besteht das Vorläufige darin darunter zu verstehen dass er von allen uns

bekannten das einzige vernünftige Wesen ist, denn es könnten sich einmal andere

lebende Wesen finden denen mit der Nachkommenschaft der Menschen von heute

alles das gemeinsam wäre was wir bis jetzt an ihnen bemerken aber die von

anderer Herkunft wären Das wäre so wie wenn die  phantastischerweise

angenommenen  Australier unsere Gegenden überschwemmen würden wo man alsdann

allem Anscheine nach irgend ein Mittel sie von uns zu unterscheiden finden

müsste Aber im Falle dies nicht geschähe und vorausgesetzt dass Gott die

Vermischung dieser Rassen verboten und Jesus Christus nur die unsrige erlöst

hätte so müsste man den Versuch machen künstliche Merkmale zu ihrer

Unterscheidung voneinander zu finden Ohne Zweifel würde es einen innerlichen

Unterschied geben aber da dieser unerkennbar sein würde so wäre man auf das

bloße äußere Kennzeichen der Abkunft angewiesen welches man mit einem

bleibenden künstlichen Merkzeichen zu begleiten versuchen müsste das ein inneres

Kennzeichen und ein stehenden Mittel unsere Rasse von den übrigen in

unterscheiden abgeben würde Das sind alles erdichtete Fälle denn wir brauchen

nicht auf solche Unterscheidungen zurückzugehen da wir die einzigen

vernünftigen Wesen auf dieser Weltkugel sind Indessen dienen solche künstlichen

Fälle dazu das Wesen der Vorstellungen von den Substanzen und allgemeinen

Wahrheiten hinsichtlich ihrer zu erkennen Wenn aber der Mensch nicht für die

unterste Art noch für die der vernünftigen Wesen von adamitischer Abstammung

genommen würde und statt dessen ein mehreren Arten gemeinsames Geschlecht

bezeichnete das gegenwärtig einer einzigen bekannten Rasse zukommt aber auch

anderen voneinander entweder durch die Abkunft oder selbst durch andere

natürliche Merkzeichen unterscheidbaren zukommen könnte wie zB den

vorausgesetzten Australiern  dann sage ich würde dieser Geschlechtsbegriff

umkehrbare Sätze zulassen und die gegenwärtige Definition des Menschen würde

nicht eine vorläufige sein Ebenso verhält es sich mit dem Golde denn gesetzt

dass man davon einmal zwei unterscheidbare Sorten hätte die eine seltene und

bisher bekannte und die andere gewöhnliche und vielleicht künstliche in der

Folgezeit etwa gefundene alsdann gesetzt dass der Name des Goldes der

gegenwärtigen Spezies verbleiben müsste dh dem natürlichen und seltenen Golde

um dadurch die Bequemlichkeit der auf die Seltenheit dieses Stoffes sich

gründenden Goldmünze zu erhalten so würde dessen bis jetzt durch innerliche

Kennzeichen bekannte Definition nur eine vorläufige gewesen sein und nunmehr

durch neue Merkmale vermehrt werden müssen die man entdecken würde um das

seltene Gold oder das Gold alter Art von dem neuen künstlichen Golde zu

unterscheiden Wenn aber der Name des Goldes alsdann beiden Arten

gemeinschaftlich bleiben sollte dh wenn man unter Gold einen

Geschlechtsbegriff verstehen würde von dem wir bis jetzt keine Unterabteilung

kennen und daher gegenwärtig als die unterste Art betrachten aber bloß

vorläufig bis dass die Unterabteilung bekannt ist und wenn man davon einmal

eine neue Art fände dh ein künstliches leicht zu machendes und leicht

allgemein zu verbreitendes Gold  so sage ich dass in diesem Sinne die

Definition dieses Geschlechtes nicht als eine vorläufige sondern als eine

bleibende erachtet werden maß Und selbst ohne sich um die Namen des Menschen

und des Goldes zu kümmern welchen Namen man auch immer dem Geschlechte oder der

untersten bekannten Art gibt und selbst wenn man ihnen keinen gäbe so würde

doch das eben Bemerkte immer wahr sein von den Vorstellungen, den Geschlechtern

oder den Arten und die Arten würden mitunter durch die Definition der

Geschlechter nur vorläufig definiert werden Indessen wird es immer erlaubt und

vernünftig sein anzunehmen dass es eine innere wirkliche mittels eines

umkehrbaren Satzes sei es dem Geschlecht sei es den Arten angehörige Wesenheit

gebe welche sich gewöhnlich durch äußere Merkmale erkennen lässt Ich habe dabei

bisher immer vorausgesetzt dass die Rasse nicht ausartet oder sich nicht ändert

wenn aber dieselbe Rasse in eine andere Art überginge so würde man um so mehr

genötigt sein auf andere Merkmale und innere oder äußere Klassifikationen

zurückzugehen ohne sich an die Rasse zu halten

     7 Philalethes Die zusammengesetzten Vorstellungenwelche durch die von

uns den Arten der Substanzen gegebenen Namen sich rechtfertigen lassen sind

Zusammenstellungen von Vorstellungen gewisser Eigenschaftenwelche wir als in

einem unbekannten Träger zusammenbestehend wahrgenommen haben den wir Substanz

nennen Aber welche andere Eigenschaften mit solchen Kombinationen notwendig

zusammenbestehen vermögen wir nicht sicher zu erkennen wir müssten denn ihre

Abhängigkeit hinsichtlich ihrer ersten Eigenschaften entdecken können

    Theophilus Schon früher habe ich bemerkt dass sich dasselbe bei den

Vorstellungen der Akzidenzien findet deren Wesen ein wenig versteckt ist wie

zB die Figuren der Geometrie sind denn wenn es sich zB um die Gestalt eines

Spiegels handelt der alle parallelen Strahlen in einen Punkt als Fokus sammelt

so kann man mehrere Eigenschaften dieses Spiegels finden ehe man die

Konstruktion desselben erkennt aber man wird über viele andere Beziehungen die

er haben kann in Ungewissheit sein bis man das in ihm findet was der inneren

Beschaffenheit der Substanzen entspricht dh die Konstruktion jener Gestalt

des Spiegels welche gleichsam den Schlüssel der weiteren Erkenntnis ausmacht

    Philalethes Wenn wir aber die innere Beschaffenheit dieses Körpers erkannt

hätten würden wir darin doch nur finden wie die ersten oder die von Ihnen als

bekannt bezeichneten Eigenschaften davon abhangen können dh man würde

erkennen welche Größen Gestalten und bewegenden Kräfte davon abhangen aber

niemals würde man die Verbindung erkennen welche sie mit den Eigenschaften

zweiter Klasse oder den verworrenen Eigenschaften dh mit den sinnlichen

Qualitäten wie Farben Geschmäcken usw haben können

    Theophilus Sie nehmen also noch immer an dass diese sinnlichen Qualitäten

oder vielmehr die Vorstellungendie wir davon haben nicht naturgemäß von den

Gestalten und Bewegungen sondern bloß von dem Belieben Gottes der uns diese

Vorstellungen gibt abhangen Sie scheinen also vergessen zu haben was ich

schon mehr als einmal gegen diese Meinung dargetan habe um Sie vielmehr zu

überzeugen dass diese sinnlichen Vorstellungen von dem Detail der Gestalten und

Bewegungen abhangen und sie genau ausdrücken obgleich wir dabei dies Detail in

der Verworrenheit einer zu bedeutenden Menge und Kleinheit der mechanischen

Wirkungen welche unsere Sinne treffen nicht entwirren können Wenn wir

indessen zu der inneren Beschaffenheit einiger Körper vorgedrungen wären würden

wir auch sehen wann sie diese Eigenschaften haben müssten die ihrerseits selbst

auf ihre vernünftigen Gründe zurückgeführt werden würden  selbst wenn es

niemals in unserer Macht stehen würde sie in diesen sinnlichen Vorstellungen,

welche ein verworrenes Resultat der Wirkungen der Körper auf uns sind sinnlich

zu erkennen wie wir zB jetzt wo wir die vollkommene Analyse des Grünen in

Blau und Gelb besitzen und in Bezug darauf fast nichts mehr zu fragen haben als

hinsichtlich dieser Ingredienzien doch nicht imstande sind die Vorstellungen

des Blauen und des Gelben in unserer sinnlichen Vorstellung des Grünen zu

scheiden eben deswegen weil es eine verworrene Vorstellung ist. Das ist

ungefähr ebenso als wie man die Vorstellung der Zähne eines Rades dh der

Ursache in der Wahrnehmung eines künstlichen Transparentes welches ich bei den

Uhrmachern bemerkt habe nicht auflösen kann das durch die rasche Drehung eines

gezahnten Bades entsteht welche die Zähne desselben verschwinden und an deren

Stelle ein kontinuierliches von der Phantasie gebildetes Transparent erscheinen

lässt zusammengesetzt aus den hintereinander folgenden Erscheinungen der Zähne

und ihrer Zwischenräume wobei aber die Aufeinanderfolge so schnell ist dass

unsere Phantasie sie nicht mehr unterscheiden kann Man findet also wohl diese

Zähne in dem deutlichen Begriff dieses Transparents nicht aber in der

verworrenen sinnlichen Wahrnehmung deren Natur es ist verworren zu sein und zu

bleiben sonst würde wenn die Verworrenheit aufhörte wie wenn die Bewegung so

langsam wäre dass man die einzelnen Teile und deren Aufeinanderfolge

unterscheiden könnte es nicht mehr dasselbe sein dh nicht mehr diese

PhantasieErscheinung eines Transparentes Und da man nicht nötig hat sich

vorzustellen dass Gott durch sein Belieben uns diese Phantasievorstellung gibt

und sie von der Bewegung der Zähne des Bades und ihrer Zwischenräume unabhängig

ist und man im Gegenteil begreift dass es nur ein verworrener Ausdruck dessen

ist was in dieser Bewegung geschieht ein Ausdruck sage ich der darin

besteht dass die aufeinanderfolgenden Dinge in ein scheinbares Zugleichsein

verschmolzen sind so ist leicht einzusehen dass es sich hinsichtlich der

übrigen sinnlichen Erscheinungen von denen wir noch keine so vollkommene

Analyse haben wie die Farben Geschmäcke usw sind ebenso verhalten werde

denn um die Wahrheit zu sagen verdienen sie viel mehr diesen Namen der

Erscheinungen als den der Eigenschaften oder gar der VorstellungenUnd in jeder

Hinsicht muss es uns genügen sie ebensogut wie jenes künstliche Transparent zu

verstehen ohne dass es vernünftig oder möglich ist davon mehr wissen zu wollen

denn zu verlangen dass jene Erscheinungen verworren bleiben und man doch die sie

bildenden Teile durch die Phantasie selbst analysiere ist ein Widerspruch ist

das Vergnügen haben wollen durch eine angenehme Perspektive getäuscht zu werden

und zugleich wollen dass das Auge den Betrug sehe was denselben verderben

wurde Kurz das ist ein Fall wo

    

    

                            Du nichts anderes tust

                   Als mit Vernunft um Unvernunft dich mühen

 

Aber es geschieht oft in der Welt dass man sich Schwierigkeiten schafft wo

keine sind indem man Unmögliches verlangt und sich nachher über seine Ohnmacht

und die Beschränktheit seines Wissens beklagt

 8 Philalethes Alles Gold ist feuerbeständig das ist ein Satz dessen

Wahrheit wir auf sichere Art nicht erkennen können Denn wenn das Gold eine Art

von Dingen bezeichnet die durch eine von Natur ihnen verliehene reale Wesenheit

sich von anderen unterscheidet so weiß man doch noch nicht welche besondere

Substanzen zu dieser Art gehören man kann es also nicht mit Sicherheit bejahen

obgleich es Gold sein mag Und wenn man unter Gold einen Körper versteht der

mit einer gewissen gelben Farbe begabt der hämmerbar schmelzbar und schwerer

als irgend ein bekannter Körper ist so lässt sich unschwer erkennen was Gold

ist und was nicht aber bei alledem kann keine andere Eigenschaft mit Gewissheit

vom Golde bejaht oder verneint werden als das was mit dieser Vorstellung

dergestalt verbunden ist dass man die Verbindung oder die Unverträglichkeit

beider entdecken kann Da nun die Feuerfestigkeit keine bekannte Verbindung mit

der Farbe der Schwere und den anderen einfachen Vorstellungen hat welche

meiner Voraussetzung nach die zusammengesetzte Vorstellungdie wir vom Golde

haben ausmachen so können wir unmöglich die Wahrheit dieses Satzes dass alles

Gold feuerfest ist auf sichere Weise erkennen

Theophilus Dass der schwerste unter allen uns hienieden bekannten Körpern

feuerfest ist wissen wir fast ebenso gewiss als dass es morgen Tag werden wird

Denn weil man es hunderttausendmal erfahren hat ist es eine erfahrungsmäßige

oder faktische Wahrheit obgleich wir die Verbindung der Feuerfestigkeit mit den

übrigen Eigenschaften dieses Körpers nicht kennen Übrigens muss man zwei Dinge

die zusammenstimmen und auf dasselbe hinauskommen nicht einander

entgegensetzen Denke ich an einen Körper welcher zu gleicher Zeit gelb

schmelzbar und der Kapelle widerstehend ist so denke ich an einen solchen

dessen spezifische Wesenheit wenn sie auch in ihrem Innern unbekannt ist jene

Eigenschaften aus ihrem Schoß hervorgehen und sich wenigstens verworren durch

sie erkennen lässt Ich sehe nichts Unrechtes darin noch was verdiente dass man

so oft darauf zurückkommt um es anzugreifen

 10 Philalethes Ich begnüge mich jetzt damit dass diese Erkenntnis der

Feuerfestigkeit des schwersten der Körper uns nicht durch die Übereinstimmung

oder Nichtübereinstimmung der Vorstellungen bekannt ist Auch glaube ich für

meinen Teil dass man unter den zweiten Eigenschaften und den sich darauf

beziehenden Kräften der Körper nicht zwei nennen kann deren notwendiges

Zugleichsein oder Unverträglichsein sicher erkannt werden könnte diejenigen

Eigenschaften ausgenommen welche demselben Sinne zugehören und sich einander

notwendig ausschließen wie wenn man sagt was weiß istist nicht schwarz

Theophilus Dennoch glaube ich dass man dergleichen vielleicht finden könnte

zB jeder fühlbare oder durch den Tastsinn wahrnehmbare Körper ist sichtbar

Jeder harte Körper macht Geräusch wenn man in der Luft auf ihn schlägt Die

Töne der Saiten oder Fäden stehen in verdoppeltem Verhältnis der Gewichte

welche ihre Spannung verusachen Allerdings gelingt was Sie verlangen nur

insofern als man es von deutlichen Vorstellungen versteht die mit den

verworrenen sinnlichen Vorstellungen sich verbinden

 11 Philalethes Immerhin muss man sich nicht einbilden dass die Körper ihre

Eigenschaften durch sich selbst unabhängig von anderen Dingen haben Ein dem

Druck und Einfluss aller anderen Körper entzogenes Stück Gold würde sofort seine

gelbe Farbe und seine Schwere verlieren vielleicht würde es auch oxydierbar

werden und seine Dehnbarkeit einbüßen Man weiß wie die Pflanzen und Tiere von

der Erde Luft Sonne abhängig sind wer weiß ob die soweit entfernten

Fixsterne nicht auf uns noch Einfluss haben

Theophilus Eine sehr triftige Bemerkung Wenn der innere Bau gewisser Körper

uns auch bekannt wäre so würden wir ihre Wirkungen doch nicht hinlänglich

beurteilen können ohne das Innere derer welche sie berühren und durchdringen

zu kennen

 13 Philalethes Indessen kann unser Urteil weiter reichen als unsere

Erkenntnis Denn Leute die Beobachtungen zu machen emsig sind können weiter

dringen und häufig vermittelst irgendwelcher Wahrscheinlichkeiten einer genauen

Beobachtung und gewisser glücklich zusammengestellter Erscheinungen richtige

Vermutungen über das anstellen was ihnen die Erfahrung noch nicht entdeckt hat

aber das heißt doch immer nur vermuten

Theophilus Wenn aber die Erfahrung diese Schlüsse auf konstante Weise

rechtfertigt finden Sie dann nicht dass man durch dies Mittel sichere Sätze

erlangen kann Wenigstens soweit sicher meine ich als die welche zB uns

darüber vergewissern dass der schwerste der uns bekannten Körper feuerfest ist

und der nach ihm schwerste flüchtig Es scheint nämlich dass die Gewissheit

versteht sich die moralische oder physische nicht aber die Notwendigkeit

oder metaphysische Gewissheit derjenigen Sätze welche man durch die Erfahrung

allein und nicht durch die Analyse und die Verknüpfung der Vorstellungen gelernt

hat für uns und zwar mit Recht feststeht

 





     1 Philalethes Es gibt eine Art von Sätzen welche unter dem Namen von

Maximen oder Axiomen als Grundsätze der Wissenschaften gelten und man hat sich

weil sie durch sich selbst evident sind begnügt sie angeborene zu nennen ohne

dass jemand jemals dass ich wüsste versucht hätte die Ursache und den Grund

ihrer außerordentlichen Klarheit die uns sozusagen zwingt ihnen unseren

Beifall zu schenken anzugeben Gleichwohl ists nicht unnütz auf diese

Untersuchung einzugehen und zuzusehen ob diese große Evidenz jenen Sätzen

allein eigen ist wie auch zu prüfen inwieweit sie zu unseren übrigen

Erkenntnissen beitragen

    Theophilus Diese Untersuchung ist sehr nützlich und sogar wichtig Aber man

muss sich nicht einbilden dass sie gänzlich vernachlässigt worden ist. Sie werden

an hundert Stellen finden dass die Schulphilosophen von jenen Sätzen behaupten

sie seien ex terminis evident sobald man die Termini dh die Ausdrücke

versteht dass sie also sicher waren die Kraft der Überzeugung sei auf dem

Verständnis der Ausdrücke begründet dh bestehe im Zusammenhang ihrer

Vorstellungen Aber die Geometer haben viel mehr geleistet sie haben sehr

häufig unternommen die Axiome zu beweisen Proklus schreibt schon dem Thales

von Milet einem der ältesten aller bekannten Mathematiker die Absicht zu die

Sätze welche Euklides nachher als evident vorausgesetzt hat zu beweisen Man

berichtet dass Apollonius andere Axiome bewiesen hat und Proklus tut es auch

Roberval wollte noch achtzig Jahre oder ungefähr so alt neue Grundsätze der

Geometrie veröffentlichen wovon ich Ihnen schon einmal geredet zu haben glaube

Vielleicht hatten die »neuen Elemente« Arnaulds welche damals Aufsehen

erregten dazu beigetragen Er zeigte etwas davon in der Kgl Akademie der

Wissenschaften vor und einige machten dagegen Einwendungen dass er mit

Voraussetzung des Axioms »Gleiches zu Gleichem hinzugefügt gibt Gleiches«

jenes andere Axiom welches als von gleicher Evidenz angenommen wird beweisen

wollte dasswenn man Gleiches von Gleichem abzieht Gleiches bleibt Man

bemerkte dass man alle beide Sätze voraussetzen oder beide beweisen müsste Ich

aber war nicht dieser Meinung und glaubte es sei schon immer etwas gewonnen

wenn man die Zahl der Axiome vermindert hätte Und zweifelsohne geht die

Addition der Subtraktion voraus und ist einfacher weil die beiden Ausdrücke in

der Addition einer wie der andere gebraucht werden, was bei der Subtraktion

nicht der Fall ist. Arnauld tat das Gegenteil von dem was Roberval tat er

machte noch mehr Voraussetzungen als Euklides Was nun die Maximen anbetrifft

so nimmt man sie mitunter für festgestellte Sätze mögen sie nun evident sein

oder nicht Für Anfänger mag das gut sein welche die Bedenklichkeit aufhält

aber wenn es sich um die Begründung der Wissenschaft handelt ist es etwas

anderes So fasst man sie auch oft in der Moral und selbst in den Topiken der

Logiker wo man einen guten Vorrat derselben findet wovon aber ein Teil recht

unbestimmt und dunkel ist Übrigens habe ich schon längst öffentlich und

privatim gesagt dass es wichtig sei alle unsere sekundären Axiome zu beweisen

deren man sich gewöhnlich bedient indem man sie auf die ursprünglichen die

unmittelbaren und unbeweislichen Axiome zurückführt welche ich neulich und

sonst die identischen nannte

     2 Philalethes Die Erkenntnis ist durch sich selbst evident wenn man der

Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung der Vorstellungen sich unmittelbar

bewusst ist.  3 Aber es gibt Wahrheiten die man nicht als Axiome anerkennt

und welche doch nichtsdestoweniger durch sich selbst evident sind Wir wollen

nun einmal zusehen ob die vier Arten der Übereinstimmung, von denen wir

unlängst gesprochen haben Kap l  3 und Kap 3  7 nämlich die

Einerleiheit die Verknüpfung die Relation und das wirkliche Dasein uns solche

liefern  4 Was die Einerleiheit und die Verschiedenheit betrifft so haben

wir soviel evidente Sätze als wir deutliche Vorstellungen haben denn wir

können die eine von der anderen verneinen wie zB wenn wir sagen der Mensch

ist kein Pferd das Rote ist nicht blau usw Übrigens ist es ebenso evident zu

sagen was istist; als zu sagen ein Mensch ist ein Mensch

    Theophilus Allerdings und ich habe schon bemerkt es sei ebenso evident

auf ekthetische Weise im besonderen zu sagen A ist A als im allgemeinen zu

sagen Man ist das was man ist Aber man ist nicht immer sicher wie ich auch

schon bemerkt habe die Subjekte der verschiedenen Vorstellungen eines vom

anderen zu verneinen wie wenn man sagen wollte Das Dreiseitige oder das, was

drei Seiten hat ist nicht dreiwinklig weil in der Tat die Dreiseitigkeit nicht

die Dreieckigkeit istebenso, wenn jemand gesagt hätte »Die Perlen des Slusius

von denen ich vorlängst gesprochen habe sind nicht Linien der kubischen

Parabel« so würde er sich geirrt haben und dies doch gar vielen evident

erschienen sein Der selige Hardy Rat am Pariser Châtelet ein ausgezeichneter

Mathematiker und Orientalist und wohl bewandert in den alten Mathematikern

welcher den Kommentar des Marinos zu den Data des Euklides veröffentlicht hat

war von der falschen Ansicht dass der schiefe Kegelschnitt welchen man Ellipse

nennt von dem schiefen Zylinderschnitt verschieden sei dergestalt eingenommen

dass der Beweis des Serenus ihm unlogisch schien und ich ihm durch meine

Gegenvorstellungen in dieser Hinsicht nichts abgewinnen konnte Auch war er

damals als ich ihn besuchte fast im Lebensalter Robervals und ich ein noch

sehr junger Mann ein Unterschiedder mir ihm gegenüber keine große

Überredungskraft geben konnte obwohl ich sonst mich sehr gut mit ihm stand

Beiläufig zeigt dies Beispiel was ein Vorurteil auch bei gescheiten Leuten

vermag denn das war er wirklich wie denn von ihm in Descartes Briefen mit

Achtung gesprochen wird Ich habe es aber nur angeführt um zu zeigen wie man

sich täuschen kann indem man eine Vorstellung von der anderen verneint wenn

man sie nicht hinlänglich da wo es nötig war ergründet hat

     5 Philalethes Hinsichtlich der Verknüpfung oder Koexistenz haben wir

sehr wenig an sich selbst evidente Sätze gleichwohl gibt es dergleichen und

solch ein durch sich evidenter Satz scheint der zu sein dass zwei Körper nicht

zugleich an demselben Orte sein können

    Theophilus Das machen Ihnen wie ich schon bemerkt habe viele Gelehrte der

christlichen Zeit streitig und sogar Aristoteles und diejenigenwelche mit ihm

wirkliche Verdichtungen im eigentlichen Sinne annehmen wodurch der nämliche

Körper in seiner Ganzheit auf einen kleineren Raum als den welchen er vorher

erfüllt hatte zurückgebracht werden soll und diejenigenwelche, wie der

verstorbene Comenius in einem kleinen eigens dazu geschriebenen Buche getan

hat behaupten die neuere Naturlehre werde durch die mit der Windbüchse

gemachte Erfahrung umgestoßen können auch nicht darin einstimmen Wenn Sie den

Körper für eine undurchdringliche Masse nehmen so ist Ihr Satz wahr weil er

dann ganz oder fast ganz identisch sein wird aber man kann es leugnen dass der

wirkliche Körper von solcher Art sei Wenigstens kann man sagen dass Gott ihn

anders machen könnte so dass man nur diese Undurchdringlichkeit als der

natürlichen Ordnung der Dinge entsprechend zugesteht welche Gott eingerichtet

und von der die Erfahrung uns überzeugt hat obgleich man übrigens zugeben maß

dass sie auch der Vernunft ganz entspricht

     6 Philalethes Was die Relationen der Modi anbetrifft so haben die

Mathematiker mehrere Axiome bloß über die Relation der Gleichheit gebildet wie

das vorher erwähnte dasswenn man Gleiches von Gleichem abzieht der Rest

gleich bleibt Es ist aber denke ich nicht weniger evident dass eins und eins

gleich zwei sind und wenn man von den fünf Fingern einer Hand zwei fortnimmt

und auch zwei von den fünf Fingern der anderen Hand wird die Zahl der Finger

die gleiche bleiben

    Theophilus Dass eins und eins zwei macht ist eigentlich gesprochen nicht

eine Wahrheit sondern die Definition von Zwei Freilich ist darin das wahr und

evident dass es die Definition eines Möglichen ist Hinsichtlich des auf die

Finger angewendeten Axioms des Euklides will ich zugeben dass das was Sie von

den Fingern sagen ebenso leicht zu begreifen als es von A und B einzusehen

ist aber um nicht dasselbe oft zu wiederholen bezeichnet man es allgemein und

begnügt sich dann darunter zu subsummieren Sonst würde es so sein als wenn

man die Rechnung in besonderen Zahlen den allgemeinen Regeln vorzöge wodurch

man weniger erlangen würde als möglich ist Denn es ist vorzuziehen diese

allgemeine Aufgabe zu lösen Zwei Zahlen zu finden deren Summe eine gegebene

Zahl gibt und deren Unterschied auch eine gegebene Zahl gibt als nur zwei

Zahlen zu suchen deren Summe zehn und deren Unterschied sechs ausmacht Denn

wenn ich bei der zweiten Aufgabe nach der Rechnungsart der niederen Arithmetik

zusammen mit der Algebra verfahre so wird die Berechnung so sein Es sei a  b

 10 a  b  6 Addiert man nun die rechte Seite mit der rechten und die linke

mit der linken so ergibt sich a  b  a  h  10  6 dh da  b und  b

einander aufheben 2a  16 oder a  8 Und zieht man die eine rechte Seite von

der anderen rechten ab die eine linke von der anderen linken da a  b abziehen

dasselbe ist, als  a  b dazu zu addieren so kommt heraus a  b  a  b  10

 6 dh 2b  4 oder b  2 So würde ich in Wahrheit die verlangten a und b

haben welche gleich 8 und 2 sind Diese lösen die Aufgabe dh deren Summe

macht 10 und deren Unterschied 6 Aber ich habe dadurch nicht die allgemeine

Methode für irgendwelche andere Zahlen die man an Stelle von 10 oder 6 setzen

könnte und wollte welche Methode ich gleichwohl mit derselben Leichtigkeit wie

die zwei Zahlen 8 und 2 finden könnte wenn ich x und v an Stelle der Zahlen 10

und 6 setzte Denn verfährt man ebenso wie vorher so wird man erhalten 10 a  b

 a  b  x  v dh 2a  x  v oder a  12 x  v und ferner a  b  a  b

 x  v dh 2b  x  v oder b  12 x  v Und diese letztere Rechnung gibt

den allgemeinen Lehrsatz oder Kanon dass wenn man zwei Zahlen sucht deren Summe

und Differenz gegeben ist man für die größere der verlangten Zahlen nur die

Hälfte der aus der gegebenen Summe und Differenz gewonnenen Summe für die

kleinere die Hälfte der Differenz zwischen gegebener Summe und Differenz nehmen

muss Man sieht auch dass ich mich der Buchstaben hätte entschlagen können wenn

ich die Zahlen wie Buchstaben behandelt hätte dh wenn ich statt 2a  16 und

2b  4 zu setzen geschrieben hätte 2a  10  6 und 2b  10  6 was gegeben

haben würde a  12 10  6 und b  12 10  6 So würde ich in der

besonderen Berechnung die allgemeine gehabt haben indem ich die Zeichen 10 und

6 als allgemeine Zahlen genommen hätte wie wenn es die Buchstaben a und v

gewesen wären  um eine allgemeinere Wahrheit oder Methode zu erhalten und

nehme ich dann wieder dieselben Zeichen 10 und 6 für die Zahlen welche sie in

der Regel bezeichnen habe ich ein ähnliches Beispiel das selbst zur Probe

dienen kann Wie nun Vieta die Buchstaben an Stelle der Zahlen gesetzt hat um

mehr Allgemeinheit zu haben so habe ich die Zahlencharaktere wieder einführen

wollen weil sie sogar in der Algebra brauchbarer sind als die Buchstaben Ich

habe dies bei großen Rechnungen von bedeutendem Nutzen gefunden um Irrtümer in

verhüten und selbst um Proben anzustellen wie zB die Auslassung der Nenn

inmitten der Rechnung ohne dabei das Resultat abzuwarten wenn nur Zahlen statt

Buchstaben vorkommen was sich oft anwenden lässt wenn man bei den Aufstellungen

mit Geschick verfährt so dass die Voraussetzungen sich im besonderen als wahr

ausweisen des Nutzens gar nicht zu gedenken der darin liegt dass man dabei

Zusammenhänge und Gesetze bemerkt welche die Buchstaben allein niemals so

leicht dem Geiste enthüllen können Dies habe ich schon anderswo gezeigt

nachdem ich gefunden dass eine gute Charakteristik eines der größten Hilfsmittel

des menschlichen Geistes ist

     7 Philalethes Was das wirkliche Dasein betrifft das ich als die vierte

Art des bei den Vorstellungen zu bemerkenden Übereinkommens gerechnet hatte so

kann uns dasselbe kein Axiom liefern denn wir haben nicht einmal eine

demonstrative Erkenntnis der Wesen außer uns Gott allein ausgenommen

    Theophilus Man kann immerhin sagen dass der Satz: ich bin da er ein

solcher ist der durch keinen anderen bewiesen werden kann, von äußerster

Evidenz oder auch eine unmittelbare Wahrheit ist Und sagen ich denke also bin

ich heißt nicht das Dasein durch das Denken beweisen weil denken und denkend

sein dasselbe ist, und sagen ich bin denkend schon sagen ist ich bin

Indessen können Sie diesen Satz aus der Zahl der Axiome mit einigem Grunde

auslassen denn es ist ein faktischer auf eine unmittelbare Erfahrung

begründeter Satz nicht aber ein notwendiger dessen Notwendigkeit in der

unmittelbaren Übereinstimmung der Vorstellungen erkannt wird Im Gegenteil sieht

nur Gott allein wie die beiden Ausdrucke Ich und das Daseinverbunden sind,

dh warum ich da bin Aber wenn man Axiome allgemeiner für unmittelbare oder

unbeweisbare Wahrheiten nimmt so kann man sagen dass der Satz: ich bin ein

Axiom ist und auf jeden Fall sicher sein dass er eine primitive Wahrheit ist

oder auch unum ex primis cognitis inter terminos complexos dh einer der

ersten bekannten Sätze welcher in der natürlichen Ordnung unserer Erkenntnis

sich findet denn möglicherweise mag jemand niemals daran gedacht haben diesen

Satz ausdrücklich zu bilden der ihm gleichwohl angeboren ist

     8 Philalethes Ich hatte immer geglaubt dass die Axiome wenig Einfluss auf

die übrigen Teile unserer Erkenntnisse ausüben Aber Sie haben mich davon

zurückgebracht da Sie mir sogar einen wichtigen Nutzen selbst der identischen

Sätze gezeigt haben Erlauben Sie mir aber doch Ihnen vorzutragen was mir über

diesen Punkt vorschwebte denn Ihre Erläuterungen können noch dazu dienen

andere von ihrem Irrtum zurückzubringen  8 Es ist eine berühmte Schulregel

dass alle Beweisführung aus schon Bekanntem und Zugegebenem herkommt ex

praecognitis et praeconcessis Dieser Regel nach scheint man jene Maximen als

Wahrheiten nehmen zu sollen welche dem Geiste vor den übrigen bewusst sind und

die übrigen Teile unserer Erkenntnis als von den Axiomen abhängige Wahrheiten

Ich glaubte gezeigt zu haben Liv 1 cap 1 dass jene Axiome nicht das zuerst

Erkannte sind indem ein Kind viel eher erkennt dass die ihm gezeigte Rute nicht

der Zucker ist den es gekostet hat als irgend ein beliebiges Axiom Doch Sie

haben zwischen den besonderen Erkenntnissen oder faktischen Erfahrungen und

zwischen den Prinzipien einer allgemeinen und notwendigen Erkenntnis wobei man

wie ich anerkenne auf die Axiome zurückgehen muss wie auch zwischen zufälliger

und natürlicher Ordnung unterschieden

    Theophilus Ich hatte auch hinzugefügt dass in der natürlichen Ordnung eher

gesagt werden muss ein Ding ist was es ist als es ist kein anderes denn es

handelt sich hier nicht um die Geschichte unserer Entdeckungen die bei

verschiedenen Menschen verschieden istsondern um die Verknüpfung und

natürliche Ordnung der Wahrheitenwelche immer dieselbe ist Ihre Bemerkung

aber dass nämlich was das Kind sieht nur eine Tatsache ist verdient noch

weitere Überlegung denn die Erfahrungen der Sinne geben nach Ihrer eigenen

unlängst gemachten Bemerkung keine absolut gewissen Wahrheiten noch solche bei

denen jede Gefahr einer Täuschung ausgeschlossen ist Denn wenn es erlaubt ist

metaphysisch mögliche Erdichtungen zu machen so könnte sich der Zucker auf

unmerkliche Weise um das Kind wenn es unartig gewesen zu strafen in eine

Rute verwandeln wie sich das Wasser bei uns am Weihnachtsabend in Wein

verwandelt wenn es artig gewesen ist Aber der Schmerz werden Sie einwerfen

den die Rute verursacht wird niemals das Vergnügen sein welches der Zucker

gibt Ich antworte das Kind wird ebenso spät darauf kommen einen

ausdrücklichen Satz daraus zu machen als das Axiom zu bemerken dass man in

Wahrheit nicht behaupten könne das was ist sei zu gleicher Zeit nicht obwohl

es des Unterschiedes von Lust und Schmerz sich sehr wohl bewusst sein kann

ebensowohl als des Unterschiedes von Bewusstsein und Nichtbewusstsein

     10 Philalethes Indessen gibt es eine Menge anderer Wahrheitenwelche

ebenso wie jene Maximen durch sich selbst evident sind ZBist der Satz: Eins

und zwei sind so viel als drei ebenso evident als das Axiom das besagt dass

das Ganze allen seinen Teilen zusammengenommen gleich ist

    Theophilus Sie scheinen vergessen zu haben wie ich Ihnen mehr als einmal

gezeigt habe dass der Satz: Eins und zwei sind drei nur die Definition des

Ausdrucks drei ist so dass zu sagen eins und zwei ist gleich drei ebensoviel

ist als sagen dass etwas sich selbst gleich ist Was jenes Axiom betrifft dass

das Ganze allen seinen Teilen zusammengenommen gleich ist so hat Euklides sich

desselben nicht ausdrücklich bedient Auch bedarf dieses Axiom der

Einschränkung denn man muss hinzufügen dass diese Teile selbst keinen

gemeinsamen Teil haben dürfen denn 7 und 8 sind Teile von 12 aber geben

zusammen mehr als 12 Büste und Rumpf zusammengenommen sind mehr als ein Mensch

insofern die Brust allen beiden gemeinsam ist Euklides aber sagt das Ganze ist

größer als sein Teil wobei keine weitere Vorsicht nötig ist Und zu sagen dass

der Körper größer ist als der Rumpf macht nur insofern einen Unterschied gegen

das Axiom des Euklides als dieses Axiom sich auf das Notwendige beschränkt

aber indem man exemplifiziert und ihm gleichsam einen Körper gibt erreicht man

dass das Verstandesmäßige auch sinnlich wird denn zu sagen dass dies bestimmte

Ganze größer ist als dieser sein bestimmter Teil ist in der Tat ein Satz dass

ein Ganzes größer ist als sein Teil dessen Züge aber durch einige Beleuchtung

oder Zugabe verstärkt sind gerade so wie der welcher A B sagt auch A sagt

Man muss also hier nicht Axiom und Beispiel als in dieser Hinsicht verschiedene

Wahrheiten zueinander in Gegensatz stellen sondern das Axiom als in dem

Beispiel verkörpert und das Beispiel bewahrheitend ansehen Etwas anderes ist

es wenn die Evidenz im Beispiele selbst nicht bemerkt wird und die Bejahung

des Beispiels eine Folge und nicht bloß eine Subsumption des allgemeinen Satzes

ist wie dies auch in Hinsicht der Axiome vorkommen kann

    Philalethes Unser gelehrter Verfasser sagt hier Ich möchte diejenigen,

welche jede andere Erkenntnis als die der Tatsachen von allgemeinen

angeborenen und aus sich evidenten Prinzipien abhängig sein lassen fragen aus

welchem Prinzip sie zu beweisen nötig haben dass zwei und zwei vier ist Denn

seiner Ansicht nach erkennt man die Wahrheit derartiger Sätze ohne die Hilfe

irgend welcher Probe Was sagen Sie dazu

    Theophilus Ich sage dass ich wohl vorbereitet diese Frage erwartet habe Es

ist nicht eine ganz unmittelbare Wahrheit dass zwei und zwei vier sind

vorausgesetzt dass vier soviel bedeutet als drei und eins Man kann den Satz

also beweisen und zwar folgendermaßen

 

                                 Definitionen

                                        

                           1 Zwei ist eins und eins

                           2 Drei ist zwei und eins

                           3 Vier ist drei und eins

                                        

                                     Axiom

                                        

                Wenn man Gleiches substituiert bleibt gleiches

                                        

                                    Beweis

 

2 und 2 ist 2 und 1 und 1 nach Def 1

2 und 1 und 1 ist 3 und 1 nach Def 2

3 und 1 ist 4 nach Def 3

 

    Also nach dem Axiom ist 2 und 2  4 Was zu beweisen war Ich konnte

statt zu sagen dass 2 und 2 2 und 1 und 1 ist setzen dass 2 und 2 gleich ist 2

und 1 und 1 und so das übrige Aber man kann es durchweg um leichter

davonzukommen zugleich mitverstehen und zwar auf Grund eines anderen Axioms

wonach jedes Ding sich selbst gleich oder das, was dasselbe ist, auch gleich

ist

    Philalethes So wenig nötig dieser Beweis auch im Hinblick auf seinen

allbekannten Schlusssatz sein mag so dient er doch zu zeigen wie die Wahrheiten

von den Definitionen und Axiomen abhangen Ich sehe mithin schon voraus was Sie

auf noch mehrere Einwürfe gegen die Anwendung der Axiome erwidern werden Man

macht den Einwurf dass es eine zahllose Menge von Prinzipien geben müsste aber

das ist nur der Fall wenn man die Folgesätze welche sich mit Hilfe irgend

eines Axioms aus den Definitionen ergeben unter die Grundsätze rechnet und da

der Definitionen oder Vorstellungen unzählige sind so müssen es die Axiome in

diesem Sinne genommen auch sein sogar bei der von Ihnen geteilten

Voraussetzung dass die unbeweislichen Grundsätze identische Axiome sind Sie

werden auch durch die Exemplifikation unzählig aber im Grunde genommen kann man

die Sätze A ist AB ist B als ein und dasselbe verschieden ausgedrücktes Axiom

rechnen

    Theophilus Zudem verhindert mich diese Verschiedenheit der Grade der

Evidenz Ihrem berühmten Autor zuzugeben dass alle jene Wahrheitenwelche man

Prinzipien nennt und welche als von selbst evident gelten weil sie den ersten

unbeweisbaren Axiomen so nahe stehen voneinander ganz unabhängig und unfähig

sind voneinander irgend Licht oder Beweis zu empfangen Denn man kann sie immer

entweder auf die Axiome selbst oder auf andere den Axiomen näher liegende

Wahrheiten zurückführen wie jener Satz dass zwei und zwei vier sind Ihnen

gezeigt hat Auch habe ich Ihnen eben schon erzählt wie Roberval die Zahl der

euklidischen Axiome verringerte indem er mitunter das eine auf das andere

zurückbrachte

     11 Philalethes Der scharfsinnige Schriftsteller welcher zu unseren

Unterredungen die Veranlassung gegeben hat gesteht den Nutzen der Maximen zu

aber glaubt dass er vielmehr darin besteht den Widerspenstigen den Mund zu

stopfen als die Wissenschaften aufzurichten Ich würde mich sehr freuen sagt

er dass man mir eine jener auf die allgemeinen Axiome gegründeten Wissenschaften

zeigte von der man nicht zeigen konnte dass sie sich ebensogut auch ohne Axiome

aufrechterhalten lässt

    Theophilus Die Geometrie ist ohne Zweifel eine von diesen Wissenschaften

Euklides wendet die Axiome ausdrücklich in den Beweisen an und jenes Axiom dass

zwei homogene Größen einander gleich sind, wenn die eine weder größer noch

kleiner als die andere istist die Grundlage der Beweise des Euklides und des

Archimedes hinsichts der Größe krummliniger Figuren Archimedes hat Axiome

angewendet deren Euklides nicht bedurfte zB dass von zwei Linien von denen

jede ihre Krümmung stets an derselben Seite hat diejenige die größere ist,

welche die andere umschließt Auch kann man in der Geometrie die identischen

Axiome nicht entbehren wie zB das Prinzip des Widerspruchs oder die

indirekten Beweise Und was die anderen Axiome betrifft welche sich daraus

beweisen lassen könnte man sich ganz eigentlich gesprochen derselben

entschlagen und die Folgerungen unmittelbar aus den identischen Sätzen und

Definitionen ziehen aber die Länge der Beweise und die endlosen Wiederholungen

in welche man dann verfiele würden eine furchtbare Verwirrung verursachen wenn

man immer wieder von vorn anfangen müsste statt dass man bei Voraussetzung der

schon bewiesenen mittleren Lehrsätze leicht weiter kommt Und zwar ist diese

Voraussetzung schon bekannter Wahrheiten besonders hinsichtlich der Axiome

nützlich denn sie kehren so oft wieder dass die Geometer in jedem Augenblick

sich derselben zu bedienen genötigt sind ohne sie zu zitieren so dass man sich

wenn man glaubte dass sie nicht mitwirken weil man sie vielleicht nicht immer

am Bande angeführt sieht täuschen würde

    Philalethes Aber er braucht das Beispiel der Theologie zum Einwurf Aus der

Offenbarung sagt unser Autor stammt uns die Kenntnis dieser heiligen Religion

und ohne deren Hilfe würden die Maximen niemals fähig gewesen sein uns mit ihr

bekannt zu machen Die Erleuchtung kommt uns also unmittelbar aus den Sachen

selbst oder unmittelbar aus der unfehlbaren Wahrhaftigkeit Gottes

    Theophilus Der Fall ist so als ob ich sagte die Medizin gründet sich auf

die Erfahrung, also dient die Vernunft dabei zu nichts Die christliche

Theologie welche die wahre Medizin für die Seelen ist gründet sich auf die

Offenbarung welche der Erfahrung entspricht aber um daraus ein vollständiges

Ganze zu machen maß man die natürliche Theologie damit verbinden welche aus

den Axiomen der ewigen Vernunft gewonnen wird Ist nicht selbst jener Grundsatz

dass die Wahrhaftigkeit ein Attribut Gottes ist auf welchem wie Sie anerkennen

die Gewissheit der Offenbarung beruht eine aus der natürlichen Theologie

hergenommene Maxime 

    Philalethes Unser Verfasser verlangt dass man zwischen dem Mittel die

Erkenntnis zu erlangen und dem sie zu lehren oder auch zwischen lehren und

mitteilen unterscheide Nachdem man die Schulen errichtet und Professoren um

die Wissenschaften welche andere erfunden hatten zu lehren angestellt hat

haben diese Professoren sich jener Maximen um die Wissenschaften dem Geiste

ihrer Schüler einzuprägen und sie mittels der Axiome von gewissen besonderen

Wahrheiten zu überzeugen bedient statt dass die besonderen Wahrheiten den

ersten Erfindern dazu gedient haben die Wahrheiten ohne die allgemeinen Maximen

zu finden

    Theophilus Ich wollte dass man uns dieses vorgebliche Verfahren durch

Beispiele einiger besonderer Wahrheiten gerechtfertigt hätte Aber wenn man die

Sachen recht erwägt wird man es bei der Gründung der Wissenschaften gar nicht

angewendet finden Und wenn der Erfinder nur eine besondere Wahrheit findet ist

er nur halb und halb ein Erfinder Wenn Pythagoras nur die Beobachtung gemacht

hätte dass das Dreieck dessen Seiten 3 4 5 sind die Eigenschaft habe dass

das Quadrat seiner Hypotenuse denen seiner beiden Katheten gleich sei dh dass

9  16 25 mache würde er deswegen der Entdecker jener großen Wahrheit gewesen

sein welche alle rechtwinklige Dreiecke umfasst und bei den Geometern zu einer

Maxime geworden ist Allerdings kann häufig ein durch Zufall ins Auge gefasstes

Beispiel einem geistreichen Manne zur Veranlassung dienen sich des Aufsuchens

der allgemeinen Wahrheit zu befleißigen aber es macht noch oft genug

Schwierigkeit sie zu finden Außerdem ist dieser Weg des Entdeckens nicht der

beste noch der von denen am meisten angewandte welche ordentlich und

methodisch verfahren und diese bedienen sich desselben nur bei solchen

Gelegenheiten wo bessere Methoden mangeln

    Das wäre so wie Archimedes nach dem Glauben einiger die Quadratur der

Parabel dadurch gefunden haben soll dass er ein parabolisch geschnittenes Stück

Holz wog und diese besondere Erfahrung ihn die allgemeine Wahrheit finden ließ

Wer aber den Scharfsinn dieses großen Mannes kennt sieht wohl ein dass er

solche Hilfe nicht nötig hatte Wäre indessen dieser empirische Weg der

besonderen Wahrheiten die Veranlassung gewesen die Entdeckungen zu machen so

wäre er doch nicht genügend gewesen sie zu geben und die Entdecker selbst sind

lebhaft befriedigt die Maximen und allgemeinen Wahrheiten zu bemerken wenn sie

zu denselben haben gelangen können  sonst wären ihre Entdeckungen sehr

unvollkommen gewesen Alles was man also den Schulen und den Professoren als

Verdienst anrechnen kann ist die Maximen und die anderen allgemeinen

Wahrheiten gesammelt und geordnet zu haben und wollte Gott dass man es noch

mehr und mit mehr Sorgfalt und Auswahl gemacht hätte dann würden die

Wissenschaften sich nicht in so schlechtem Zusammenhange und so großer

Verwirrung befinden Übrigens gebe ich zu dass zwischen der Methode, deren man

sich zur Unterweisung in den Wissenschaften bedient und der durch welche man

sie findet oft ein Unterschied stattfindet das ist aber nicht der Punkt um

welchen es sich handelt Wie ich schon bemerkt habe hat der Zufall mitunter

Gelegenheit in Entdeckungen gegeben Wenn man diese Veranlassungen bemerkt und

das Andenken daran der Nachwelt aufbewahrt hätte was sehr nützlich gewesen

wäre so würden diese Einzelheiten ein sehr wichtiger Teil der Geschichte der

Künste gewesen sein jedoch nicht geeignet um darauf Systeme zu gründen

Mitunter sind auch die Entdecker zwar vernunftgemäß zur Wahrheit vorgeschritten

aber auf großen Umwegen Ich finde dass bei wichtigen Fällen die Schriftsteller

dem Publikum einen Dienst geleistet haben würden wenn sie in ihren Schriften

die Spuren ihrer Versuche aufrichtig angemerkt hätten aber wenn das System der

Wissenschaft nach diesem Maße hätte gearbeitet werden sollen so würde dies so

sein als ob man in einem fertigen Hause das ganze Baugerüst das der Baumeister

zur Aufrichtung desselben nötig gehabt hat aufbewahren wollte Die guten

Unterrichtsmethoden sind immer diejenigenwelche die Wissenschaft auf ihrem

Wege sicherlich hätte finden können und wenn sie alsdann nicht empirisch sind

dh wenn die Wahrheiten durch Gründe oder durch aus den Vorstellungen gewonnene

Beweise gelehrt werden so wird dies immer durch Axiome Theoreme Richtsätze

Canones und andere solche allgemeine Sätze geschehen Etwas anderes ist es

wenn die Wahrheiten Aphorismen sind wie die des Hippokrates dh faktische

Wahrheitenwelche entweder ganz allgemein oder mindestens in den meisten Fällen

richtig sind die durch Beobachtung gewonnen werden oder auf Erfahrung sich

gründen und für die man nicht durchweg überführende Gründe hat Aber darum

handelt es sich hier nicht denn diese Wahrheiten werden nicht durch die

Ideenverknüpfung erkannt

    Philalethes Die Art in welcher nach der Ansicht unseres geistreichen

Autors das Bedürfnis nach Maximen sich geltend gemacht hat ist diese Da die

Schulen als Probierstein der Geschicklichkeit der Gelehrten die Disputierkunst

aufgestellt hatten so schrieben sie demjenigen den Sieg zu der den Kampfplatz

behauptete und dem das letzte Wort blieb Um aber die Widerspenstigen zu

überzeugen musste man als Mittel dazu die Maximen aufstellen

    Theophilus Die Schulen der Philosophie hätten ohne Zweifel besser daran

getan die Praxis mit der Theorie zu verbinden wie es die Schulen der Medizin

der Chemie und der Mathematik machen und lieber demjenigen den Preis zu

erteilen der es am besten gemacht hätte besonders in der Moral als dem

welcher am besten gesprochen hätte Da es indessen Gegenstände gibt wo die

Disputation selbst schon ein Erfolg ist und mitunter der einzige Erfolg und das

Meisterstück aus dem sich die Geschicklichkeit jemandes erkennen lässt wie in

den metaphysischen Gegenständen so hat man in einigen Fällen recht gehabt die

Geschicklichkeit der Gelehrten nach dem Erfolg zu beurteilen welchen sie in

Besprechungen gehabt haben Bekanntlich haben sogar zu Anfang der Reformation

die Protestanten ihre Gegner herausgefordert zu Unterredungen und Disputationen

zu kommen und aus dem Erfolg dieser Dispute hat die öffentliche Meinung

mitunter einen Schluss auf die Reform gemacht Man weiß auch was die Kunst zu

reden und den Gründen Licht und Kraft zu verleihen und wenn man sie so nennen

kann die Disputierkunst in einem Staats oder Kriegsrate an einem

Gerichtshofe bei einer ärztlichen Konsultation und selbst in einer Unterhaltung

vermag Man ist auch genötigt zu diesem Mittel seine Zuflucht zu nehmen und bei

dergleichen Vorfällen sich mit Worten statt der Taten eben deswegen zu begnügen

weil es sich dann um eine Begebenheit oder eine Tatsache handelt wobei die

Wahrheit durch den Erfolg zu erfahren zu spät sein würde Daher ist die Kunst

des Disputierens oder des durch Gründe Bekämpfens unter welche ich hier das

Anführen von Autoritäten und Beispielen befasse von sehr großer Wichtigkeit

aber unglücklicherweise ist sie sehr schlecht auf Regeln gebracht und darum

macht man auch entweder gar keine oder falsche Schlüsse Aus diesem Grunde habe

ich mehr als einmal den Plan gefasst Anmerkungen zu den Kolloquien der Theologen

zu machen über welche wir Berichte haben um die Fehler welche man darin

bemerken kann und die dagegen anwendbaren Mittel zu zeigen Wenn bei

geschäftlichen Beratschlagungen diejenigenwelche die meiste Macht haben nicht

einen sehr zuverlässigen Verstand haben so haben gewöhnlich Autorität oder

Beredsamkeit die Oberhand wenn sie gegen die Wahrheit gerichtet sind Mit einem

Worte die Kunst zu beraten und zu disputieren müsste völlig umgearbeitet

werden Was den Vorteil desjenigen anbetrifft welcher zuletzt spricht so

findet er fast nur in freien Umgangsgesprächen statt denn bei Beratschlagungen

gehen die Stimmen der Ordnung nach mag man nun mit dem im Range Letzten

anfangen oder endigen Freilich ist es gewöhnlich Sache des Präsidenten

anzufangen und zu endigen dh den Vorschlag und den Ausschlag zu geben aber

den letzteren gibt er nach der Mehrheit der Stimmen In den akademischen

Disputationen aber ist der Respondent oder Verteidiger derjenige welcher

zuletzt spricht und er behauptet den Kampfplatz nach stehender Sitte fast

immer Es handelt sich darum ihn auf die Probe zu stellen und nicht ihn zu

widerlegen sonst würde man als Feind auftreten Und die Wahrheit zu sagen so

handelt es sich bei diesen Gelegenheiten fast gar nicht um die Wahrheit daher

man zu verschiedenen Zeiten entgegengesetzte Thesen auf dem nämlichen Katheder

verteidigt Man zeigte dem Casaubonus einmal den Saal der Sorbonne und sagte

ihm Das ist der Ort wo man so viele Jahrhunderte lang disputiert hat Er

antwortete Was hat man nun da herausgebracht

    Philalethes Gleichwohl hat man verhindern wollen dass die Disputation bis

ins Unendliche gehe und ein Mittel schaffen um zwischen zwei gleich erfahrenen

Gegnern zu entscheiden damit der Streit sich nicht in eine endlose Reihe von

Schlüssen verliere Dies Mittel nun ist gewesen gewisse allgemeine meist durch

sich selbst evidente Sätze einzuführen die von Natur dazu angetan von allen

Menschen mit gänzlicher Übereinstimmung angenommen zu werden als allgemeine

Maßstäbe der Wahrheit betrachtet werden und die Stelle von Prinzipien wenn die

Disputierenden keine anderen aufgestellt hatten einnehmen mussten über die man

nicht hinausgehen durfte und an die man sich beiderseits zu halten verpflichtet

war Nachdem diese Maximen so den Namen von Prinzipien empfangen hatten die man

bei der Disputation nicht verleugnen durfte und welche den Streit endeten so

nahm man sie irrtümlicherweise  meinem Gewährsmanne nach  für die Quelle der

Erkenntnisse und für die Grundlagen der Wissenschaften

    Theophilus Wollte Gott dass man sie in Streitigkeiten so gebrauchte

dagegen wäre nichts zu bemerken denn man würde doch etwas entscheiden Und was

könnte man Besseres tun als den Streit dh die bestrittenen Wahrheiten auf

evidente und unbestreitbare Wahrheiten zurückbringen Würde man sie dadurch

nicht auf demonstrative Weise begründen Und wer kann zweifeln dass diese

Grundsätzewelche die Streitigkeiten mit Begründung der Wahrheit endigen

würden zugleich die Quellen der Erkenntnisse wären Denn wenn das logische

Verfahren gut ist bleibt es sich gleich ob man sie stillschweigend in seinem

Studierzimmer zustande bringt oder Öffentlich auf dem Katheder begründet Und

selbst wenn diese Prinzipien mehr Heischesätze als Axiome wären  erstere nicht

im Sinne des Euklides sondern des Aristoteles genommen dh als für so lange

zugegebene Voraussetzungen bis sie zu beweisen Gelegenheit ist  so würden

diese Prinzipien immer den Nutzen haben dass alle die übrigen Streitfragen

dadurch auf eine kleine Anzahl von Voraussetzungen zurückgebracht werden würden

Ich bin also ganz außerordentlich erstaunt aus ich weiß nicht welch einem

Vorurteil etwas Löbliches getadelt zu sehen und dessen machen sich wie man an

dem Beispiel Ihres Autors sieht die gescheitesten Leute aus Unachtsamkeit

schuldig Unglücklicherweise aber geht es bei den akademischen Disputationen

ganz anders zu Statt allgemeine Axiome aufzustellen tut man alles Mögliche um

sie durch nichtige und schlecht verstandene Distinktionen zu schwächen und

gefällt sich darin gewisse philosophische Regeln anzuwenden von denen zwar

dicke Bücher gefüllt die aber recht unsicher und unbestimmt sind und welchen

man durch Distinktionen beliebig ausweicht Das ist nicht das Mittel die

Streitigkeiten zu schlichten sondern sie endlos zu machen und den Gegner

schließlich zu ermüden Es ist das so als wenn man ihn an einen dunklen Ort

führte wo man blindlings darauf losschlägt und niemand über die Streiche

urteilen kann Das ist eine wundervolle Erfindung für die Respondenten welche

sich verbindlich gemacht haben gewisse Thesen zu verteidigen Es ist ein Schild

des Vulkan der sie unverwundbar macht es ist ein Helm des Orkus oder Pluto

der sie unsichtbar macht Sie müssen sehr ungeschickt oder sehr unglücklich

sein wenn man sie trotzdem beim Irrtum ertappen kann Allerdings gibt es Regeln

mit Ausnahmen besonders bei Streitigkeiten wo viele Umstände mit in Betracht

kommen wie in der Jurisprudenz Um aber deren Gebrauch sicher zu machen müssen

diese Ausnahmen ihrer Zahl und ihrem Sinne nach soviel als möglich bestimmt

sein und dann kann es kommen dass die Ausnahme wieder selbst ihre

Unterausnahmen dh ihre Repliken hat und die Replik Dupliken usw aber beim

Rechnungsschlusse müssen alle diese Ausnahmen und Unterausnahmen wohl bestimmt

und mit der Regel verbunden das Ganze herstellen Davon liefert die

Jurisprudenz sehr bemerkenswerte Beispiele Allein wenn diese mit Ausnahmen und

Unterausnahmen beladenen Arten von Regeln bei den akademischen Disputationen in

Anwendung gebracht werden sollten so müsste man immer die Feder in der Hand

disputieren indem man gleichsam ein Protokoll darüber hielte was von der einen

und der anderen Seite gesagt wird Und dies wurde auch sonst nötig sein wenn

man immer durch mehrere von Zeit zu Zeit mit Distinktionen vermischte

Syllogismen hindurch förmlich disputieren wollte wobei das beste Gedächtnis von

der Welt in Verwirrung geraten müsste Aber man hütet sich diese Mühe sich zu

geben in Syllogismen formell vorwärts angehen und sie zu registrieren um die

Wahrheit zu entdecken wenn sie ohne Belohnung ist und man sogar selbst wenn

man wollte nicht zum Zweck gelangen würde es sei denn dass die Distinktionen

ausgeschlossen oder besser geregelt wären

    Philalethes Dennoch ist es wahr wie unser Verfasser bemerkt dass die

Schulmethode auch in die Unterredungen außerhalb der Schulen eingeführt worden

ist, um auch den Nörglern den Mund zu stopfen und da eine schlimme Wirkung

gehabt hat Denn sobald man die vermittelnden Vorstellungen hat kann man deren

Verknüpfung ohne Hilfe der Maximen und ehe sie vorgebracht worden sind,

erkennen was für aufrichtige und verträgliche Leute genügen würde Aber da die

Methode der Schulen die Leute berechtigt und ermuntert hat sich evidenten

Wahrheiten zu widersetzen und zu widerstehen darf man sich nicht wundern dass

sie in der gewöhnlichen Unterhaltung sich nicht schämen zu tun was ein

Gegenstand des Ruhmes ist und in den Schulen als Vorzug gilt Der Verfasser fügt

hinzu dass vernünftige Leute welche sonst in der Welt bekannt und durch die

Erziehung nicht verdorben worden sind, große Mühe haben werden zu glauben dass

eine solche Methode jemals von Personen befolgt worden sei die die Wahrheit zu

lieben behaupten und ihr Leben im Studium der Religion oder der Natur

hinbringen Ich will hier nicht untersuchen sagt er wie diese Unterrichtsweise

geeignet ist den Geist der Jugend von der Liebe und aufrichtigen Verfolgung der

Wahrheit abzuwenden oder sie vielmehr zweifelhaft zu machen ob es wirklich

Wahrheit in der Welt gibt oder wenigstens eine solche die umfasst in werden

verdient Aber was ich stark glaube fügt er hinzu ist dass die Orte

ausgenommen welche die peripatetische Philosophie in ihren Schulen zugelassen

haben wo sie viele Jahrhunderte lang geherrscht hat ohne die Welt etwas

anderes als die Disputierkunst zu lehren man diese Maximen nirgends als die

Grundpfeiler der Wissenschaften und als bedeutende Hilfen zur Förderung in der

Erkenntnis der Dinge betrachtet hat

    Theophilus Euer gelehrter Autor behauptet dass die Schulen allein geneigt

sind Maximen zu bilden und doch ist das der allgemeine und sehr vernünftige

Instinkt des menschlichen Geschlechts Das können Sie aus den Sprichwörtern

schließen welche bei allen Nationen in Gebrauch sind und die in der Regel nur

die Maximen sind über welche die öffentliche Meinung übereingekommen ist Wenn

indessen urteilsfähige Leute etwas aussprechen was uns wahrheitswidrig

erscheint so muss man ihnen die Gerechtigkeit widerfahren lassen zu vermuten

dass mehr in ihren Ausdrücken als in ihren Ansichten Irrtum steckt was sich bei

unserem Autor hier bestätigt dessen ihn gegen die Maximen stimmendes Motiv ich

zu verstehen beginne Dies ist, dass es in den gewöhnlichen Unterredungen wo es

sich nicht bloß wie in den Schulen darum handelt sich zu üben als eine

Schikane erscheint überzeugt sein zu wollen um sich zu ergeben Sonst aber ist

es bei weitem gefälliger die sich von selbst verstehenden Obersätze zu

unterdrücken und sich mit Enthymemen zu begnügen und selbst ohne Prämissen zu

bilden genügt es oft den einfachen Medius terminus oder die Mittelvorstellung

vorzubringen wobei dann der Geist den Zusammenhang auch ohne dass man ihn

ausdrückt hinlänglich fasst Das geht gut wenn dieser Zusammenhang

unbestreitbar ist aber Sie werden mir auch zugeben dass man häufig zu schnell

dazu fortgeht ihn vorauszusetzen und daraus Paralogismen entstehen

dergestalt dass man beim Ausdruck besser tut sich der Sicherheit zu

befleißigen als ihr die Kürze und Eleganz vorzuziehen Indessen hat die

Voreingenommenheit unseres Verfassers gegen die Maximen ihn vermocht deren

Nutzen für die Begründung der Wahrheit gänzlich zu verwerfen er geht so weit

sie zu Mitschuldigen der Unordnungen in der Unterredung zu machen Allerdings

haben die jungen Leute welche sich an die akademischen Übungen gewöhnt haben

wo man sich ein wenig zu viel mit der bloßen Übung beschäftigt und nicht genug

damit aus der Übung die größtmögliche Frucht zu gewinnen  Mühe sich im

praktischen Leben dessen zu entschlagen Und eine ihrer Schikanen besteht darin,

sich der Wahrheit nicht eher ergeben zu wollen als bis man sie ihnen ganz und

gar greifbar gemacht hat obwohl die Aufrichtigkeit und selbst der Anstand sie

verpflichten sollte nicht auf dies äußerste zu warten was sie unbequem

erscheinen lässt und eine Üble Meinung von ihnen gibt Man muss freilich

zugestehen dass dies ein Fehler ist mit dem die Gelehrten sich häufig behaftet

finden Indessen besteht der Fehler nicht darin dass man die Wahrheiten auf

Maximen zurückfahren sondern dass man dies zu unrechter Zeit und ohne Not tun

will Denn der menschliche Geist übersieht viel auf einmal und man hemmt ihn

wenn man ihn zwingen will bei jedem Schritt den er tut anzuhalten und alles

was er denkt auszudrücken Das ist gerade so als wenn man bei seiner

Berechnung mit einem Kaufmann oder mit einem Wirte ihn nötigen wollte um

sicherer zu gehen alles an den Fingern herzuzählen Das zu fordern müsste man

entweder dumm oder eigensinnig sein In der Tat findet man mitunter dass Petron

recht gehabt hat zu sagen »dass die Jünglinge in den Schulen ganz dumm würden«

und bisweilen an den Orten den Verstand einbüßten welche die Schulen der

Weisheit sein sollten Corruptio optimi pessima Je besser etwas ist desto

schlimmer sein Verderbnis Aber noch öfter werden sie eitel händelsüchtig und

unverschämt störrig unbequem und das hängt oft von der Laune ihrer Lehrer ab

Übrigens finde ich dass es bei der Unterredung viel größere Fehler gibt als

den zu viel Klarheit zu verlangen Denn gewöhnlich fällt man in den

entgegengesetzten Fehler und gibt oder fordert nicht Klarheit genug Ist das

eine unbequem so ist das andere schädlich und gefährlich

     12 Philalethes Das ist mitunter auch die Anwendung der Maximen wenn man

sie mit falschen schwankenden und unsicheren Begriffen verbindet denn dann

dienen die Maximen dazu uns in unseren Irrtümern zu stärken und sogar

Widersprechendes zu beweisen Wer zB mit Descartes sich eine Vorstellung von

dem was man Körper nennt als einem nur ausgedehnten Dinge bildet kann mittels

der Maxime was istist, leicht zeigen dass es keinen leeren Raum dh Raum

ohne Körper gibt Denn er erkennt seine eigene Vorstellung er erkennt dass sie

das ist was sie ist und keine andere Vorstellung da nun Ausdehnung Körper

und Raum bei ihm drei Worte sind welche dasselbe bedeuten so ist es für ihn

ebenso wahr zu sagen dass der Raum Körper ist als zu sagen dass der Körper

Körper ist  13 Ein anderer aber dem Körper ein ausgedehntes solides Ding

bedeutet wird ebenso schließen dass der Satz: der Raum ist nicht Körper gerade

so sicher ist wie irgend ein anderer Satz den man durch die Maxime Unmöglich

kann etwas zugleich sein und nicht sein beweisen kann

    Theophilus Der schlechte Gebrauch der Maximen darf nicht ihren Gebrauch

überhaupt tadelnswert machen diesem Übelstande sind alle Wahrheiten

unterworfen dass man durch Verbindung derselben mit Falschem Falsches und selbst

Widersprüche daraus schließen kann In unserem Beispiele hat man auch nicht jene

identischen Axiome nötig denen man den Grund des Irrtums und des Widerspruchs

zuschreibt Das würde sich zeigen wenn das Argument derer welche aus ihren

Definitionen schließen dass der Raum Körper ist oder dass der Raum nicht Körper

ist förmlich aufgestellt würde Es liegt sogar etwas zu viel in diesem Schluss

der Körper ist ausgedehnt und solide folglich ist die Ausdehnung, dh das

Ausgedehnte kein Körper und ist die Ausdehnung kein körperliches Ding denn ich

habe schon bemerkt dass es überflüssige Ausdrücke der Vorstellungen gibt oder

solche die die Sachen selbst nicht vermehren wie wenn zB jemand sagte unter

einem Triquatrum verstehe ich ein dreiseitiges Dreieck und daraus schlösse dass

nicht jede dreiseitige Figur ein Dreieck sei So könnte auch ein Kartesianer

sagen dass die Vorstellung des soliden Ausgedehnten von derselben Art ist sie

enthalte nämlich etwas Überflüssiges wie in der Tat wenn man die Ausdehnung

für etwas Substantielles nimmt jedwede Ausdehnung solide sein oder auch jede

Ausdehnung körperlich sein muss Was den leeren Raum betrifft so wird ein

Kartesianer freilich das Recht haben aus seiner Vorstellung oder

Vorstellungsweise zu schließen dass es keinen solchen gebe vorausgesetzt dass

seine Idee richtig ist aller ein anderer wird nicht gleich recht haben aus der

seinigen zu schließen dass es einen solchen gibt wie ich in der Tat obschon

ich nicht für die kartesische Ansicht bin doch glaube dass es keinen leeren

Raum gibt und finde man mache in diesem Beispiel einen schlimmeren Gebrauch

von den Vorstellungen als von den Maximen

     15 Philalethes Wenigstens scheint es dass wie man auch bei den in

Worten gefassten Urteilen die Maximen gebrauchen mag sie uns doch von den außer

uns befindlichen Substanzen nicht die geringste Erkenntnis geben können

    Theophilus Ich bin ganz anderer Meinung Jene Maxime zB dass die Natur

immer die kürzesten oder wenigstens die bestimmtesten Wege einschlage genügt

allein um von fast der ganzen Optik Katoptrik und Dioptrik dh von dem was

sich außer uns bei den Lichtwirkungen zuträgt Rechenschaft zu geben Ich habe

dies früher einmal gezeigt und Molineux hat es in seiner Dioptrik welche ein

sehr gutes Buch ist durchaus gebilligt

    Philalethes Gleichwohl wird behauptet dasswenn man sich der identischen

Prinzipien bedient um Sätze zu beweisen welche Worte von der Bedeutung

zusammengesetzter Vorstellungen wie Mensch oder Tugend enthalten deren Gebrauch

äußerst gefährlich ist und die Menschen veranlasst das Falsche wie eine

offenbare Wahrheit zu betrachten und anzunehmen Und zwar weil die Menschen

glauben dasswenn man dieselben Ausdrücke beibehält die Sätze sich auf die

nämlichen Dinge beziehen wenn auch die von diesen Ausdrücken bezeichneten

Vorstellungen verschieden sein mögen so dass dann den Menschen welche wie

gewöhnlich geschieht die Worte für die Dinge nehmen die Maximen in der Regel

dazu dienen widersprechende Sätze zu beweisen

    Theophilus Welche Ungerechtigkeit die armen Maximen dafür in tadeln was

dem schlechten Gebrauch der Ausdrücke und deren Doppelsinnigkeiten zugeschrieben

werden muss Man kann die Syllogismen aus demselben Grunde tadeln weil man bei

doppelsinnigen Ausdrücken falsch schließt Aber der Syllogismus ist daran

unschuldig weil man alsdann in der Tat vier Termini gegen die Gesetze der

Syllogismen vor sich hat Aus demselben Grunde könnte man auch die Rechnung der

Arithmetiker oder der Algebristen tadeln weil man wenn man aus Versehen X für

V setzt oder a für b nimmt falsche und widersprechende Schlussfolgerungen daraus

zieht

     19 Philalethes Wenigstens möchte ich die Maximen dann für wenig nützlich

halten wenn man klare und deutliche Vorstellungen hat und andere wollen sogar

dass sie dann von durchaus keinem Nutzen sind sie behaupten dass wer in diesen

Fällen das Wahre und Falsche ohne diese Art von Maximen nicht unterscheiden

kann es auch durch ihre Vermittlung nicht werde tun können und unser Verfasser

 16 und 17 zeigt sogar dass sie nicht zu entscheiden dienen ob dieses oder

jenes Wesen Mensch ist oder nicht

    Theophilus Wenn die Wahrheiten sehr einfach und evident und den identischen

Sätzen und Definitionen ganz nahe verwandt sind so hat man nicht nötig

ausdrücklich Maximen anzuwenden um diese Wahrheiten herauszuziehen denn der

Geist wendet sie unbewusst an und zieht ohne Zwischengedanken sofort seine

Schlussfolgerung Aber ohne die schon erkannten Grund und Lehrsätze würden die

Mathematiker große Mühe haben vorwärts in kommen denn bei den langen

Schlussketten ist es gut von Zeit zu Zeit anzuhalten und sich gleichsam

Meilensteine mitten am Wege zu machen die auch anderen dazu dienen sollen ihn

zu bezeichnen Sonst würden diese langen Wege zu unbequem werden und selbst

verwirrt und dunkel erscheinen ohne dass man etwas darin unterscheiden und die

Stelle wo man ist hervorheben kann Es würde dann sein wie wenn man in einer

dunkeln Nacht ohne Kompass aufs Meer ginge ohne Grund Ufer oder Sterne zu

sehen wie wenn man auf weiter Steppe wanderte wo es nicht Bäume nicht Hügel

nicht Bäche gibt es wäre auch wie eine zum Längemaß bestimmte Kette mit Ringen

die aus einigen hundert unter sich ganz gleichen Ringen besteht ohne irgend

eine Unterbrechung wie bei einem Rosenkränze oder durch größere Körner oder

größere Ringe oder andere Abteilungen welche die Füße die Ruten usw

bezeichnen könnten Der Geist, welcher die Einheit in der Vielheit liebt fügt

also einige der Folgerungen zusammen um daraus vermittelnde Schlüsse zu bilden

dies ist der Nützen der Maximen und Lehrsätze Mittels dessen gibt es dabei mehr

Lust mehr Licht mehr Erinnerung mehr Aufmerksamkeit und weniger Wiederholung

Wenn irgend ein Analytiker bei der Rechnung die beiden geometrischen Maximen

dass das Quadrat der Hypotenuse dem der beiden Katheten gleich und dass die

gleichnamigen Seiten ähnlicher Dreiecke proportional sind nicht voraussetzen

wollte im Glauben dass weil man den Beweis dieser beiden Lehrsätze durch die

Verknüpfung der in ihnen enthaltenen Vorstellungen gewinnt er sich derselben

leicht entschlagen könnte indem er an ihre Stelle die Vorstellungen selbst

setzte so würde er schwerlich zu einem Abschluss gelangen Damit Sie aber nicht

denken dass der nützliche Gebrauch dieser Maximen sich auf die Grenzen der

bloßen mathematischen Wissenschaften beschränkt so können Sie finden dass er in

der Rechtswissenschaft kein geringeres und eins der vorzüglichsten Mittel ist

dieselbe leichter zu machen und deren weiten Ozean wie auf einer geographischen

Karte zu überschauen dh eine Menge besonderer Entscheidungen auf allgemeinere

Prinzipien zurückzubringen Man wird zB finden dass eine Menge Gesetze der

Digesten Klagen oder Exzeptionen  von denen welche man in factum nennt  von

der Maxime abhangen ne quis alterius damno fiat locupletior dh niemand darf

von dem Schaden der einem anderen daraus entstehen kann Vorteil ziehen was

man freilich ein wenig genauer ausdrücken müsste Allerdings muss man unter den

Rechtsregeln einen großen Unterschied machen Ich spreche von denen die gut

sind und nicht von gewissen durch die Rechtslehrer eingeführten

unverständlichen brocardica die unbestimmt und dunkel sind obschon auch

diese Regeln oft gut und nützlich werden könnten wenn man sie verbesserte

statt dass sie mit ihren endlosen Distinktionen cum suis fallaciis nur dazu

dienen zu verwirren Die brauchbaren Kegeln sind also entweder Aphorismen oder

Maximen und unter Maximen begreife ich sowohl Grund als Lehrsätze Sind es

Aphorismen welche durch Induktion und Beobachtung nicht aber durch Räsonnement

a priori entstehen und welche tüchtige Gelehrte nach einer Übersicht des

bestehenden Rechtes geschaffen haben so hat der Satz des Rechtsgelehrten Paulus

in dem Titel der Digesten welcher von den Rechtsregeln handelt statt non ex

regula jus sumi sed ex jure quod est regulam fieri dh man ziehe die Regeln

aus einem schon gekannten Rechte um sich dessen besser zu erinnern aber man

gründe nicht das Recht auf diese Regeln Es gibt aber Fundamentalmaximen die

das Recht selbst bilden und die Klagen Exzeptionen und Repliken und so weiter

ausmachen welche wenn sie durch die reine Vernunft gelehrt werden und nicht

von der Willkürmacht des Staats stammen das Naturrecht bilden und eine solche

ist die eben erwähnte Regel welche den Vorteil auf anderer Leute Kosten

verbietet Auch gibt es Regeln wobei Ausnahmen selten sind und die folglich

für allgemeingültig gehalten werden Solche ist die Regel der Institutionen des

Kaisers Justinian im  2 des Titels von den Klagen wonach wenn es sich um

körperliche Dinge handelt der Kläger nicht im Besitze ist einen einzigen Fall

ausgenommen von dem der Kaiser sagt dass er in den Digesten angemerkt sei Aber

man ist noch dahinter diesen zu suchen Allerdings wollen einige statt sane uno

casu lesen sane non uno und aus einem Fall kann man zuweilen deren mehrere

machen

    Bei den Medizinern behauptet der verstorbene Barner welcher uns durch

Herausgabe seines Prodromus Hoffnung auf einen neuen Sennert oder ein den neuen

Entdeckungen oder Meinungen angepasstes System der Medizin gemacht hatte dass die

von den Ärzten in ihren Systemen der Praxis gewöhnlich beobachtete Methode darin

bestehe die Heilkunst auseinanderzusetzen indem man von einer Krankheit nach

der anderen handelt gemäß der Ordnung der Teile des menschlichen Körpers oder

sonst wie ohne allgemeine Vorschriften der Praxis gegeben zu haben die

mehreren Krankheiten und Symptomen gemeinsam sind und dass sie dies zu unendlich

vielen Wiederholungen nötige dergestalt dass ihm zufolge man drei Viertel des

Sennert aufgeben und die Wissenschaft durch allgemeine Sätze und vor allen

Dingen durch solche unendlich abkürzen könne denen das katholou prôton des

Aristoteles das Allgemeine im ersten eigentlichen Sinne des Wortes) zukomme

dh die reziprok sind oder sich dem annähern Ich glaube er hat recht zu

dieser Methode zu raten vor allem hinsichtlich der Vorschriften wo die Medizin

sich auf Vernunftschlüsse stützt Aber in dem Maße als sie empirisch istist

es weder leicht noch sicher allgemeine Sätze zu bilden Auch kommen ferner in

den besonderen Krankheiten gewöhnlich Komplikationen vor die gleichsam eine

Nachahmung der Substanzen ausmachen dergestalt dass eine Krankheit wie eine

Pflanze oder ein Tier erscheint welches eine besondere Geschichte für sich

verlangt dh es sind Modi oder Arten des Seins, denen das zukommt was wir von

den Körpern oder Substanzen gesagt haben So ist ein viertägiges Fieber zu

ergründen ebenso schwer wie das Gold oder Quecksilber Daher ist es unbeschadet

der allgemeinen Vorschriften nützlich für die verschiedenen Arten der

Krankheiten Kurmethoden und Heilmittel die mehreren Symptomen sind

Komplikationen von Ursachen genügen aufzusuchen und vor allem die zu sammeln

welche die Erfahrung bewährt hat Dies hat Sennert gar nicht recht getan denn

tüchtige Sachkenner haben die Bemerkung gemacht dass die Zusammensetzungen der

von ihm vorgeschlagenen Rezepte oft mehr aus dem Kopfe nach Abschätzung gebildet

als durch die Erfahrung bewährt sind wie es sein müsste wenn man seiner Sache

sicherer sein wollte Ich glaube also dass das Beste sein wird beide Wege zu

verbinden und sich in einem so schwierigen und wichtigen Gegenstande wie die

Medizin ist nicht über Wiederholungen zu beklagen wo wie ich finde uns

gerade das fehlt was wir meiner Meinung nach in der Jurisprudenz zu viel haben

nämlich Bücher mit besonderen Fällen und Repertorien dessen was schon

beobachtet worden ist. Denn ich glaube dass der tausendste Teil der Bücher der

Rechtsgelehrten uns genügen könnte dass wir aber in Sachen der Medizin nichts zu

viel hätten wenn wir tausendmal mehr ausführlich dargestellte Beobachtungen

hätten weil sich die Rechtsgelehrsamkeit ganz und gar auf Vernunftgründe

hinsichtlich dessen stützt was nicht ausdrücklich durch die Gesetze oder das

Gewohnheitsrecht bestimmt worden ist. Denn man kann es immer entweder aus dem

Gesetz oder wenn dies versagt aus dem Naturrecht mittels der Vernunft

gewinnen Auch sind die Gesetze jedes Landes fest und bestimmt oder können es

werden während in der Medizin die Erfahrungsprinzipien dh die Beobachtungen

nicht zu sehr vervielfältigt werden können, um der Vernunft mehr Veranlassung zu

bieten das was die Natur uns nur halb zu erkennen gibt zu entziffern

    Übrigens wüsste ich niemand der die Grundsätze in der Art anwendet wie der

gelehrte Autor von dem Sie reden es geschehen lässt  16 17 wie zB als ob

jemand um einem Kinde zu zeigen dass ein Neger ein Mensch ist sich des

Grundsatzes Was istist, bedienen würde indem er sagte Ein Neger hat eine

vernünftige Seele nun ist die vernünftige Seele und der Mensch ein und

dasselbe und wenn folglich er der eine vernünftige Seele hat nicht ein Mensch

wäre so würde es falsch sein, dass das was istist, oder es würde dann auch

das Nämliche zu gleicher Zeit sein und nicht sein Denn ohne diese Maximen zu

brauchen die hier nicht herpassen und nicht direkt zum Schlussverfahren gehören

wie sie denn auch dabei nichts fördern wird sich jedermann so zu schließen

begnügen Ein Neger hat eine vernünftige Seele jeder der eine vernünftige

Seele hat ist ein Mensch folglich ist der Neger ein Mensch Und wenn jemand in

der vorgefassten Meinung dass es keine vernünftige Seele gibt wenn sie uns nicht

erscheint schließen wollte dass die eben erst geborenen Kinder und die

Blödsinnigen nicht zum Menschengeschlecht gehören  wie in der Tat der Verfasser

berichtet mit ganz verständigen Personen die es leugneten darüber verhandelt

zu haben  so glaube ich nicht dass der schlechte Gebrauch der Maxime

Unmöglich kann etwas zu derselben Zeit sein und nicht sein sie zu dieser

Annahme verleiten würde oder dass sie auch nur bei diesem Schlusse daran

dächten Die Quelle ihres Irrtums würde eine Ausdehnung des Prinzips unseres

Autors sein welcher leugnet dass es in der Seele etwas gibt dessen sie sich

nicht bewusst ist, während jene so weit gehen würden die Seele selbst

abzuleugnen weil andere dieselbe nicht wahrnehmen

 
 






    Philalethes Ich will gern glauben dass vernünftige Leute sich hüten werden

die identischen Grundsätze in der eben besprochenen Art und Weise anzuwenden 

2 Es scheint auch dass jene rein identischen Maximen nur inhaltsleere oder

nugatorische alberne Sätze sind wie sogar die Schulen sie nennen Und ich

würde mich nicht mit der Erklärung begnügen dass dies ein bloßer Schein ist

wenn Ihr überraschendes Beispiel von dem durch Vermittlung der identischen Sätze

vollzogenen Beweise der Urteilsumkehrung mich nicht seitdem zur Behutsamkeit

anhielte sobald es sich darum handelt etwas gering zu schätzen Indessen will

ich Ihnen vortragen was man geltend macht um sie für gänzlich inhaltsleer zu

erklären Dies  3 geschieht weil man auf den ersten Blick erkennt dass sie

keine Belehrung enthalten es sei denn um mitunter jemand die Ungereimtheit in

welche er sich verwickelt hat klar zu machen

    Theophilus Rechnen Sie das für nichts und erkennen Sie nicht an dass einen

Satz ins Ungereimte ad absurdum zu führen soviel ist als sein

kontradiktorisches Gegenteil beweisen Freilich glaube ich dass man jemand

dadurch nicht unterrichtet dass man ihm sagt er dürfe nicht das nämliche zu

gleicher Zeit leugnen und bejahen aber man unterrichtet ihn wenn man ihm durch

die Folgerungen nachweist dass er ohne daran zu denken so verfährt Es ist

meines Erachtens schwierig sich dieser apagogischen Beweise dh derer welche

aufs Ungereimte ad absurdum führen in jedem Falle zu entschlagen wie alles

durch ostensive oder direkte Beweise wie man sie nennt darzutun und die

Mathematiker welche daran viel Interesse haben erfahren es hinlänglich

Proklus bemerkt es von Zeit zu Zeit wenn er sieht dass gewisse alte Geometer

die nach Euklid gekommen sind einen vermeintlich direkteren Beweis als den

seinigen gefunden haben Das Stillschweigen dieses alten Kommentators zeigt

jedoch hinlänglich dass man es nicht immer gekonnt hat

     3 Philalethes Wenigstens werden Sie mir zugeben dass man eine Million

Sätze mit wenig Mühe aber auch sehr wenig Nutzen bilden kann denn ist es nicht

zB leere Mühe zu bemerken dass die Auster Auster ist und dass dies zu leugnen

falsch ist oder zu sagen dass die Auster keine Auster ist Witzig sagt unser

Verfasser darüber dass jemand der aus dieser Auster bald das Subjekt bald das

Prädikat machen wollte gerade wie ein Affe sein würde der sich damit

unterhielte eine Auster aus einer Hand in die andere zu werfen was seinen

Hunger gerade so stillen könnte als diese Sätze dem Verstande des Menschen

genug zu tun imstande sind

     3 Theophilus Ich halte dafür dass unser ebenso geist als urteilsvoller

Verfasser alle möglichen Ursachen hat gegen diejenigen sich auszusprechen

welche einen solchen Gebrauch davon machen würden Aber Sie erkennen wohl wie

man die identischen Sätze anwenden muss um sie nützlich zu machen indem man

nämlich auf Grund von Folgerungen und Definitionen zeigt dass andere Wahrheiten,

welche man aufstellen will sich darauf zurückführen lassen

     4 Philalethes Ich erkenne das an und sehe wohl dass man es mit noch mehr

Grund auf diejenigen Sätze anwenden kann die inhaltsleer zu sein scheinen und

es in vielen Fällen auch sind wo nämlich ein Teil der zusammengesetzten

Vorstellung von dem Gegenstand dieser Vorstellung bejaht wird wie wenn man

sagt das Blei ist ein Metall und dies zu einem Menschen sagt der die

Bedeutung dieser Ausdrücke kennt und weiß dass das Blei einen sehr schweren

schmelzbaren und dehnbaren Körper bezeichnet wobei der Nutzen eben nur darin

besteht dass man ihm indem man Metall sagt auf einmal mehrere einfache

Vorstellungen bezeichnet statt sie ihm eine nach der anderen aufzuzählen  6

Dasselbe findet statt wenn ein Teil der Definition von dem definierten Ausdruck

bejaht wird wie wenn man sagt Alles Gold ist schmelzbar vorausgesetzt dass

man das Gold definiert hat dass es nämlich ein gelber schmelz und dehnbarer

Körper istEbenso dient die Erklärung dass das Dreieck drei Seiten hat dass der

Mensch ein lebendes Wesen ist, dass ein Zelter ein altes Wort ein Tier ist das

wiehert dazu die Worte zu definieren nicht aber außer der Definition etwas zu

lehren Aber wir lernen etwas wenn man uns sagt dass der Mensch einen Begriff

von Gott hat und dass das Opium ihn in Schlaf versetzt

    Theophilus Außer dem was ich von denjenigen identischen Sätzen gesagt

habe die dies ganz und gar sind wird man finden dass die halb identischen noch

einen besonderen Nutzen haben Zum Beispiel Ein weiser Mensch ist immer ein

Mensch gibt zu erkennen dass er nicht unfehlbar dass er sterblich ist usw

Jemand hat in einer Gefahr eine Pistolenkugel nötig ihm fehlt Blei um solche

in die Form, die er hat zu gießen da sagt ihm ein Freund Erinnere dich dass

das Silber das du in deiner Börse hast schmelzbar ist Dieser Freund lehrt ihn

nicht eine Eigenschaft des Silbers kennen aber veranlasst ihn an einen Gebrauch

zu denken den er davon machen kann um bei diesem dringenden Bedürfnis

Pistolenkugeln zu haben Ein großer Teil der moralischen Wahrheiten und der

schönsten Sentenzen der Schriftsteller ist von dieser Art Sie lehren uns sehr

oft nichts Neues aber veranlassen uns an das was wir wissen zur rechten Zeit

zu denken Jener sechsfüßige Jambus der römischen Tragödie

 

Cuivis potest accidere quod cuiquam potest

Geschehen kann jedem was dem einen kann geschehen

 

den man wenngleich weniger hübsch so ausdrücken könnte

 

 Was einem mal geschehen kann

 Das kann geschehen jedermann

 

bewirkt nur uns an die menschliche Lage überhaupt zu erinnern

 

Quod nihil humani a nobis alienum putare debemus

Dass wir nichts Menschliches von uns fern annehmen dürfen

 

Jene Regel der Rechtslehrer qui jure suo utitur nemini facit injuriam der

welcher sein Recht gebraucht tut dadurch niemand unrecht scheint inhaltsleer

sie hat indessen bei gewissen Gelegenheiten einen sehr wichtigen Nutzen und lässt

uns gerade an das denken, woran wir denken sollen Wenn zB jemand sein Haus

soweit erhöhte als es durch statutarisches und Gewohnheitsrecht erlaubt ist

und seinem Nachbar auf diese Weise eine Aussicht nähme so würde man diesen

Nachbar gleich mit eben dieser Rechtsregel abweisen wenn er sich zu beklagen

Lust hätte Übrigens bringen uns die faktischen Sätze oder Erfahrungen wie der

dass das Opium schlaferregend ist weiter als die reinen Vernunftwahrheiten die

uns niemals einen Schritt über das Gebiet unserer deutlichen Vorstellungen

hinaus machen lassen Was jenen Satz anbetrifft dass jeder Mensch einen Begriff

von Gott hat so ist das ein Vernunftsatz wenn unter Begriff Vorstellung zu

verstehen ist Denn nach meiner Ansicht ist die Vorstellung von Gott allen

Menschen angeboren aber wenn dieser Begriff eine Vorstellung, an die man

tatsächlich denkt bedeutet so ist es ein faktischer Satz welcher von der

Geschichte des Menschengeschlechts abhängt  7 Wenn man endlich sagt dass ein

Dreieck drei Seiten hat so ist das nicht so identisch als es scheint denn man

hat ein wenig Überlegung dazu nötig einzusehen dass eine mehrseitige Figur

ebensoviel Winkel als Seiten hat Es würde also eine Seite mehr darin vorkommen

wenn die mehrseitige Figur nicht als geschlossen vorausgesetzt würde

     9 Philalethes Die allgemeinen, über die Substanzen gebildeten Sätze

scheinen größtenteils nichtig zu sein wenn sie sicher sind Wer die Bedeutungen

der Worte: Substanz Mensch Tier Form vegetative empfindende

vernunftbegabte Seele kennt wird daraus mehrfache zweifellose aber unnütze

Sätze besonders über die Seele bilden von der man oft spricht ohne zu

wissen was sie eigentlich ist Jeder kann eine zahllose Menge von Sätzen

Vernunftbetrachtungen und Schlüssen dieser Art in den Büchern über Metaphysik

scholastische Theologie und eine gewisse Art Physik ersehen deren Lektüre ihn

über Gott Geister und Körper nichts mehr lehren wird als das was er schon

wusste ehe er jene Bücher durchlaufen hatte

    Theophilus Allerdings lehren die Kompendien über Metaphysik und andere

solche Bücher dieser Art wie man sie gewöhnlich sieht nur Worte ZB zu

sagen dass die Metaphysik die Wissenschaft des Seins im allgemeinen istwelche

die Prinzipien dieses Seins und die daraus fließenden Affektionen erklärt dass

die Prinzipien des Seins das Wesen und Dasein sind und dass die Affektionen

entweder ursprüngliche sind nämlich das Eine Wahre und Gute oder abgeleitete

nämlich das Selbige und Verschiedene das Einfache und Zusammengesetzte usw

und bei der Anführung jedes dieser Ausdrücke nur unbestimmte Begriffe und

Wortunterscheidungen geben  das heißt mit dem Namen der Wissenschaft nur

Missbrauch treiben Indessen muss man den tieferen Scholastikern wie Suarez von

dem Grotius so viel hielt die Gerechtigkeit widerfahren lassen anzuerkennen

dass bei ihnen mitunter bedeutende Untersuchungen vorkommen zB über das

Kontinuum das Unendliche die Zufälligkeit die Realität der Abstrakta über

das Prinzip der Individuation über den Ursprung und das Leere der Formen über

die Seele und deren Vermögen über die Einwirkung Gottes auf die Kreaturen usw

und selbst in der Moral über die Natur des Willens und die Prinzipien der

Gerechtigkeit  mit einem Worte man muss gestehen dass es doch noch Gold in

diesen Schlacken gibt aber nur Leute von Einsicht können Nutzen daraus ziehen

und die Jugend mit einem Haufen unnützer Dinge zu belasten weil hie und da

etwas Gutes darin steckt hieße das kostbarste aller Dinge die Zeit schlecht

zu Rate halten

    Übrigens gebricht es uns nicht ganz und gar an allgemeinen Sätzen über die

Substanzen, welche gewiss sind und gewusst zu werden verdienen Es gibt große

vortreffliche Wahrheiten über Gott und die Seele welche unser gelehrter

Verfasser entweder auf eigene Hand oder zum Teil nach anderen gelehrt hat Wir

haben dem vielleicht auch etwas hinzugefügt Und was die allgemeinen

Erkenntnisse hinsichtlich der Körper anbetrifft so hat man recht bedeutende

denjenigen hinzugefügt die Aristoteles hinterlassen hatte so dass man sagen

kann die Physik selbst die allgemeine sei zu größerer Vollendung gekommen

als sie ehemals war Und was die echte Metaphysik betrifft so fangen wir eben

an sie herzustellen und finden bedeutende in der Vernunft gegründete und durch

die Erfahrung bestätigte Wahrheitenwelche sich auf die Substanzen im

allgemeinen beziehen Ich hoffe auch die allgemeine Erkenntnis der Seele und

der Geister ein wenig vorwärts gebracht zu haben Eine solche Metaphysik ist

das was Aristoteles forderte  die Wissenschaft, welche bei ihm Zêtoumenê die

ersehnte oder welche er suchte heißt welche hinsichts der anderen

theoretischen Wissenschaften das sein muss was die Wissenschaft der

Glückseligkeit für die zu ihrer Herstellung erforderlichen praktischen

Disziplinen und was der Baumeister für die Arbeiter ist Darum sagte

Aristoteles dass die übrigen Wissenschaften von der Metaphysik als der

allgemeinsten abhangen und von ihr ihre durch sie bewiesenen Prinzipien

entlehnen müssten Auch muss man wissen dass die wahre Moral sich zur Metaphysik

verhält wie die Praxis zur Theorie weil von der Lehre der Substanzen die

Erkenntnis der Geister und besonders Gottes und der Seele gemeinsam abhängt

welche Erkenntnis der Gerechtigkeit und Tugend den ihnen zukommenden Umfang

gibt Denn wie ich anderswo bemerkt habe würde der Weise wenn es weder

Vorsehung noch zukünftiges Leben gäbe in der Ausübung der Tugend beschränkter

sein denn er würde alles nur auf seine gegenwärtige Zufriedenheit beziehen und

selbst diese Zufriedenheit die schon bei Sokrates beim Kaiser Mark Antonin

bei Epiktet und anderen Alten vorkommt würde ohne jene schönen und großen

Aussichten welche die Ordnung und Harmonie des Weltalls uns bis zu einer

unbegrenzten Zukunft eröffnen nicht immer so wohl begründet sein Sonst wird

die Seelenruhe nur das sein was man erzwungene Geduld nennt so dass man sagen

kann die natürliche Theologie mit ihren zwei Teilen dem theoretischen und dem

praktischen enthalte zugleich die echte Metaphysik und die vollkommenste

Sittenlehre

     12 Philalethes Das sind ohne Zweifel Erkenntnisse die weit davon

entfernt sind nichtssagend oder bloß aus Worten bestehend zu sein Es scheint

aber dass diese letzteren diejenigen sind wo zwei Abstrakta das eine vom

anderen bejaht werden zB dass das Sparen Mäßigkeit dass die Dankbarkeit

Gerechtigkeit ist und blendend solche und andere dergleichen Sätze mitunter auf

den ersten Blick erscheinen so finden wir doch wenn wir ihren Sinn genau

erwägen dass dies alles weiter nichts besagt als die Bedeutung der Ausdrücke

    Theophilus Indessen drücken die Bedeutungen der Ausdrücke dh die

Definitionen mit den identischen Axiomen verbunden die Prinzipien aller

Beweise aus und da diese Definitionen zugleich die Vorstellungen und deren

Möglichkeit erkennen lassen so ist klar dass das davon Abhängige nicht immer

bloß in Worten besteht Was das angeführte Beispiel betrifft dass die

Dankbarkeit Gerechtigkeit oder vielmehr ein Teil der Gerechtigkeit ist so ist

es nicht zu verachten denn es lässt erkennen dass das was man actio ingrati

oder die Klage nennt welche man gegen Undankbare anstellen kann in den

Gerichtshöfen weniger vernachlässigt werden sollte Die Körner ließen diese

Klage gegen die Liberti oder Freigelassenen zu und auch heutzutage sollte sie

hinsichtlich des Widerrufs von Schenkungen gelten Übrigens habe ich schon an

einer anderen Stelle gesagt dass von den abstrakten Vorstellungen die eine von

der anderen, der Geschlechtsbegriff vom Artbegriff noch ausgesagt werden kann,

zB wenn man sagt die Dauer ist ein Kontinuum die Tugend ist eine Fertigkeit

die allgemeine Gerechtigkeit aber ist nicht allein eine Tugend sondern ist

sogar die ganze sittliche Tugend

 
 






     1 Philalethes Bisher haben wir nur die Wesenheiten der Dinge betrachtet

und da unser Geist sie nur durch Abstraktion erkennt indem er sie von jedem

besonderen Dasein ablöst welches ein anderes ist als das in unserem Verstande

vorkommende so geben sie uns durchaus keine Erkenntnis irgend eines wirklichen

Daseins Die allgemeinen Sätze von denen wir eine gewisse Erkenntnis haben

können beziehen sich auch nicht auf das Dasein. So oft man übrigens einem

Individuum eines Geschlechts oder einer Art etwas durch einen Satz der nicht

gewiss ist beilegt selbst wenn dasselbe dem Geschlecht oder der Art im

allgemeinen zukommt so bezieht sich der Satz nur auf das Dasein und zeigt nur

eine zufällige Verbindung in diesen besonders daseienden Dingen an wie wenn man

zB sagt dieser oder jener ist gelehrt

    Theophilus Sehr richtig in diesem Sinne beziehen die Philosophen indem

sie so oft zwischen dem unterscheiden was zur Wesenheit und was zum Dasein

gehört auf das letztere alles was akzidentell oder zufällig ist Sehr oft weiß

man nicht einmal ob diejenigen allgemeinen Sätze welche wir nur aus Erfahrung

wissen vielleicht nicht auch akzidentell sind weil eben unsere Erfahrung

beschränkt ist wie in den Ländern wo das Wasser nicht friert jener dort etwa

gebildete Satz »Das Wasser ist immer in flüssigem Zustande« nicht das Wesen

ausdrückt wie man erkennt wenn man in kältere Länder kommt Man kann indessen

das Akzidentelle meinem beschränkteren Sinne nehmen so dass es ein Mittleres

zwischen ihm und dem Wesentlichen gibt und zwar ist dieses Mittlere das

Natürliche dh dasjenige was dem Dinge nicht mit Notwendigkeit angehört ihm

indessen aber an sich zukommt wenn kein Hindernis eintritt So könnte jemand

behaupten dass das Flüssigsein in Wahrheit dem Wasser nicht wesentlich sei dass

es ihm aber wenigstens natürlich ist Man könnte es sage ich behaupten aber

es ist gleichwohl nichts Bewiesenes und vielleicht hätten die Einwohner des

Mondes wenn es deren gäbe Grund sich nicht minder berechtigt zu der Erklärung

zu halten dass es dem Wasser natürlich ist gefroren zu sein Indessen gibt es

andere Fälle wo das Natürliche weniger zweifelhaft ist So geht zB ein

Sonnenstrahl immer gerade durch dasselbe Medium wenn er nicht zufällig irgend

einer Oberfläche begegnet die ihn zurückwirft Übrigens pflegt Aristoteles die

Quelle der zufälligen Dinge in die Materie zu verlegen alsdann muss man aber

darunter die zweite Materie verstehen dh den Haufen oder die Masse der

Körper.

     2 Philalethes Ich habe schon entsprechend dem vortrefflichen englischen

Schriftsteller der die Abhandlung über den Verstand geschrieben hat bemerkt

dass wir unser Dasein durch Intuition das Gottes durch Beweis und das der

übrigen Dinge durch sinnliche Wahrnehmung erkennen  3 Jene Intuition nun

welche uns unser eigenes Dasein erkennen lässt macht auch dass wir es mit

vollständiger Evidenz erkennen welche nicht fähig ist und nicht nötig hat

bewiesen zu werden dergestalt dass selbst wenn ich an allem zu zweifeln mich

unterfange selbst dieser Zweifel mir nicht verstattet an meinem Dasein zu

zweifeln Kurz hierüber haben wir den überhaupt größtmöglichen Grad der

Gewissheit.

    Theophilus Mit allem dem bin ich vollkommen einverstanden und füge noch

hinzu dass das unmittelbare Bewusstsein unseres Daseins und unseres Denkens uns

die ersten aposteriorischen oder faktischen Wahrheiten dh die ersten

Erfahrungen liefert wie die identischen Sätze die ersten apriorischen oder

Vernunftwahrheiten dh die ersten Erleuchtungen aus dem Innern enthalten Die

einen wie die anderen sind keines Beweises fähig und können unmittelbare genannt

werden, jene weil zwischen dem Verstande und seinem Gegenstande diese weil

zwischen dem Subjekt und dem Prädikat Unmittelbarkeit stattfindet

 
 





     1 Philalethes Gott welcher unserer Seele die Vermögen gegeben hat mit

denen sie ausgerüstet ist hat sich nicht unbezeugt gelassen denn die Sinne,

der Verstand und die Vernunft liefern uns offenbare Proben seines Daseins

    Theophilus Gott hat nicht allein der Seele ihn zu erkennen geeignete

Vermögen gegeben sondern ihr auch Charakterzüge eingeprägt welche auf ihn

hinweisen obgleich sie dieser Züge sich bewusst zu werden Vermögen nötig hat

Ich will aber nicht wiederholen was unter uns über die angeborenen

Vorstellungen und Wahrheiten unter die ich die Vorstellung von Gott und die

Wahrheit seines Daseins zähle verhandelt worden ist; kommen wir lieber zur

Sache

    Philalethes Mag nun auch das Dasein Gottes die durch die Vernunft am

leichtesten zu erweisende Wahrheit sein und deren Evidenz wenn ich mich nicht

täusche der der mathematischen Beweise gleichkommen so fordert sie doch

Aufmerksamkeit Es ist zunächst nötig auf uns selbst und auf unser eigenes

unzweifelhaftes Dasein zu reflektieren  2 Somit setze ich voraus dass jeder

erkennt es gebe etwas wirklich Daseiendes und also ein wirkliches Wesen Wenn

es jemand gibt der an seinem eigenen Dasein zweifeln kann so erkläre ich mit

ihm nicht zu verhandeln  3 Wir wissen ferner durch eine Erkenntnis einfacher

Art dass das bloße Nichts kein wirkliches Wesen hervorbringen kann Daraus folgt

mit mathematischer Evidenz dass von aller Ewigkeit her etwas dagewesen ist weil

alles was einen Anfang hat durch irgend etwas anderes erzeugt worden sein muss

 4 Nun empfängt jedes Wesen das sein Dasein von einem anderen erhält von

diesem auch alles das was es hat und alle seine Vermögen Darum ist die ewige

Quelle aller Wesen auch das Prinzip aller ihrer Kräfte dergestalt dass dies

ewige Wesen auch allmächtig sein muss  5 Weiter findet der Mensch in sich

Erkenntnis Also gibt es ein mit Verstand begabtes Wesen Nun ist unmöglich dass

ein der Erkenntnis und Wahrnehmung gänzlich entbehrendes Ding ein mit Verstand

begabtes Wesen hervorbringe und der Vorstellung des der Empfindung baren

Stoffes ist es zuwider in sich selbst Empfindung hervorzubringen Darum ist die

Quelle der Dinge mit Verstand begabt und es hat ein mit Verstand begabtes Wesen

von aller Ewigkeit her gegeben  6 Ein ewiges höchst mächtiges und

verständiges Wesen ist das was man Gott nennt Sollte sich jemand finden der

unvernünftig genug wäre vorauszusetzen dass der Mensch das einzige Wesen ist,

das Erkenntnis und Weisheit besitzt trotzdem aber durch den bloßen Zufall

gebildet worden sei und dass dies nämliche blinde und erkenntnislose Prinzip es

sei welches das ganze übrige Weltall leite so fordere ich ihn auf den

durchaus begründeten und nachdrücklichen Tadel Ciceros über die Gesetze, Buch

II mit Muße zu prüfen Sicherlich so sagt dieser darf niemand von so

törichtem Stolze sein sich einzubilden dass es in ihm einen Verstand und eine

Vernunft gibt und es doch keinen Verstand gebe der dies ganze weite Weltall

regiere Aus dem eben Bemerkten folgt klar dass wir von Gott eine sicherere

Erkenntnis als von irgend einem anderen Dinge außer uns haben

    Theophilus Wie ich mit vollkommener Aufrichtigkeit versichere tut es mir

außerordentlich leid etwas gegen diese Beweisführung sagen zu müssen ich tue

es aber nur um Ihnen Gelegenheit zu geben eine Lücke darin auszufüllen Und

zwar besonders an der Stelle wo Sie schließen dass etwas von aller Ewigkeit her

dagewesen ist Ich finde darin etwas Zweideutiges wenn es sagen will dass es

niemals eine Zeit gegeben hat wo nichts da war Das gestehe ich zu und es

folgt in Wahrheit aus den vorausgehenden Sätzen mittels einer ganz

mathematischen Konsequenz Denn wenn es jemals nichts gegeben hätte so würde es

immer nichts gegeben haben da das Nichts kein Seiendes hervorbringen kann wir

würden also nicht sein was gegen die erste Erfahrungswahrheit streitet Aber

die Folge zeigt sofort dass wenn Sie sagen es sei etwas von aller Ewigkeit her

dagewesen Sie darunter ein ewiges Etwas verstehen Das folgt indessen nicht auf

Grund dessen was Sie bis dahin vorgebracht haben dasswenn es immer etwas

gegeben hat dies ein gewisses Etwas dh ein ewiges Wesen gewesen ist Denn

gewisse Gegner werden sagen dass das Ich durch andere Dinge hervorgebracht

worden sei und diese Dinge wieder durch andere Wenn ferner einige die Annahme

ewiger Wesen machen wie die Epikureer die ihrer Atome so werden sie sich

deswegen noch nicht für verbunden halten ein ewiges Wesen zuzugestehen welches

allein die Quelle aller übrigen ist Denn wenn sie auch anerkennen würden dass

das was das Dasein verleiht auch die anderen Eigenschaften und Kräfte der

Sache verleiht so können sie doch leugnen dass ein einziges Ding den übrigen

das Dasein gibt und sogar behaupten dass zu jedem Dinge mehrere andere

beitragen müssen So werden wir dadurch allein niemals zu einer Quelle aller

Kräfte gelangen Gleichwohl ist es sehr vernünftig anzunehmen dass es nur eine

und dieselbe gibt und das Weltall mit Weisheit regiert wird Wenn man aber den

Stoff für der Empfindung fähig hält so wird man auch geneigt sein es nicht für

unmöglich zu halten dass er dieselbe hervorbringen könne Wenigstens wird es

schwer sein einen Beweis beizubringen welcher zugleich zeigt dass sie dazu

gänzlich unfähig ist und gesetzt dass unser Denken von einem denkenden Wesen

ausgebt kann man ohne Nachteil des Beweises, als zugestanden annehmen dass

dies Gott sein muss

     7 Philalethes Ich zweifle nicht dass der ausgezeichnete Mann von dem

ich diesen Beweis entlehnt habe imstande ist ihn zu vervollkommnen und ich

will versuchen ihn dazu zu veranlassen weil er der Welt keinen größeren Dienst

leisten könnte Sie selbst wünschen es Dies macht mich glauben dass Sie nicht

annehmen man müsse um den Atheisten den Mund zu schließen alles auf das

Dasein der Vorstellung Gottes in uns begründen wie einige tun die sich an

diese ihre Lieblingsentdeckung allzu stark halten und soweit gehen alle die

übrigen Beweise des Daseins Gottes zu verwerfen oder wenigstens sie

abzuschwächen zu versuchen und deren Anwendung zu verbieten als wenn sie

schwach oder falsch wären Und doch sind im Grunde genommen dies die Beweise

welche uns so klar und auf eine so überzeugende Weise das Dasein dieses höchsten

Wesens durch die Erwägung unseres eigenen Daseins und der sinnlich wahrnehmbaren

Teile des Universums zeigen dass meiner Meinung nach kein weiser Mann ihnen

widerstehen kann

    Theophilus Obschon ich für die angeborenen Vorstellungen und besonders die

Gottes eingenommen bin so glaube ich doch nicht dass die aus der Vorstellung

von Gott hergenommenen Beweise der Kartesianer vollkommen sind Ich habe

hinlänglich anderswo gezeigt in den Acta Lipsiensia und in den Memoiren von

Trevoux dass derjenige welchen Descartes dem Anselm Erzbischof von

Canterbury entlehnt hat in Wahrheit sehr schön und geistreich ist dass es

darin aber noch eine Lücke auszufüllen gibt Jener berühmte Erzbischof der ohne

Zweifel einer der fähigsten Männer seiner Zeit gewesen ist wünscht sich nicht

ohne Grund Glück ein Mittel gefunden zu haben das Dasein Gottes a priori,

durch seinen eigenen Begriff gefunden zu haben ohne auf die Wirkungen

zurückzugehen Folgendes etwa ist der Gang seines Beweises Gott ist das größte

oder wie Descartes es ausdrückt das vollkommenste der Wesen oder auch ein

Wesen von äußerster Größe und Vollkommenheit das alle Grade derselben in sich

schließt Dies also ist der Begriff Gottes Sehen wir nun wie aus diesem

Begriffe das Dasein folgt Es ist etwas mehr da zu sein als nicht da zu sein

oder auch das Dasein fügt der Größe oder der Vollkommenheit einen Grad hinzu

und wie Descartes es ausspricht das Dasein ist selbst eine Vollkommenheit

Darum ist dieser Grad von Größe und Vollkommenheit oder auch diese

Vollkommenheit welche im Dasein besteht in diesem höchsten durchaus großen

ganz vollkommenen Wesen denn sonst würde ihm ein Grad fehlen was gegen seine

Definition wäre Und folglich ist dies höchste Wesen da Die Scholastiker ohne

selbst ihren doctor angelicus auszunehmen haben diesen Beweis verachtet und

ihn als einen Paralogismus betrachtet worin sie sehr unrecht gehabt haben und

Descartes welcher die scholastische Philosophie im Kolleg der Jesuiten zu La

Flèche lange genug studiert hatte hat sehr recht gehabt ihn wieder zu Ehren zu

bringen Es ist nicht ein Paralogismus sondern ein unvollständiger Beweis der

etwas voraussetzt was man noch hätte beweisen sollen um ihm mathematische

Evidenz zu verleihen  nämlich dass man dabei stillschweigend voraussetzt diese

Vorstellung des durchaus großen oder durchaus vollkommenen Wesens sei möglich

und enthalte keinen Widerspruch Und es ist schon etwas dass man durch diese

Bemerkung beweist gesetzt dass Gott möglich ist so ist er was das Privilegium

der Gottheit allein ist Man hat recht die Möglichkeit eines jeden Wesens

anzunehmen und vor allem die Gottes bis ein anderer das Gegenteil beweist

Somit gibt dieser metaphysische Beweis schon einen moralischen zwingenden Schluss

ab wonach wir dem gegenwärtigen Stande unserer Erkenntnisse zufolge urteilen

müssen dass Gott da sei und demgemäß handeln Es wäre aber doch zu wünschen

dass gescheite Männer den Beweis mit der Strenge einer mathematischen Evidenz

vollendeten ich glaube anderswo etwas ausgesprochen zu haben was dazu dienen

könnte Der andere Beweis Descartes welcher das Dasein Gottes darzutun

unternimmt weil dessen Vorstellung in unserer Seele ist und sie von ihrem

Urbild herstammen muss ist noch weniger bündig Denn erstlich hat dieser Beweis

den mit dem vorhergehenden gemeinsamen Fehler vorauszusetzen dass sich eine

solche Vorstellung in uns findet dh dass Gott möglich ist Denn was Descartes

dafür anführt dass wir wenn wir von Gott sprechen wissen was wir sagen und

folglich die Vorstellung davon in uns haben ist ein trügerisches Kennzeichen

weil wir wenn wir zB von der immerwährenden mechanischen Bewegung sprechen

auch wissen was wir sagen und diese immerwährende Bewegung doch etwas

Unmögliches ist wovon man folglich nur scheinbar eine Vorstellung haben kann

Und zweitens zeigt dieser nämliche Beweis gar nicht dass die Vorstellung von

Gott wenn wir sie haben von ihrem Urbilde herkommt Ich will mich jedoch jetzt

nicht damit aufhalten Sie werden mir sagen dass wenn wir in uns die angeborene

Vorstellung Gottes anerkennen ich nicht sagen dürfe es könne zweifelhaft sein

ob es eine solche gibt Ich lasse aber diesen Zweifel nur zu hinsichtlich einer

strikten Beweisführung die ganz allein auf die Vorstellung begründet ist Denn

man ist auch sonst der Vorstellung und des Daseins Gottes hinlänglich

versichert Auch werden Sie sich erinnern dass ich gezeigt habe wie die

Vorstellungen in uns sind  nicht immer auf die Art dass man derselben sich

bewusst ist, aber immer so dass man sie aus seinem eigenen Innern hervorziehen

und ins Bewusstsein erheben kann Und dies glaube ich auch von der Vorstellung

Gottes dessen Möglichkeit und Dasein ich auf mehr als eine Art für bewiesen

halte Und die vorherbestimmte Harmonie liefert dazu ein neues unbestreitbares

Mittel Übrigens glaube ich dass fast alle zum Beweise des Daseins Gottes

angewandten Mittel gut sind und dienen mögen wenn man sie vervollkommnete und

bin keineswegs der Meinung dass man den aus der Ordnung der Dinge zu gewinnenden

Beweis vernachlässigen dürfe

     9 Philalethes Es wird vielleicht angemessen sein ein wenig bei der

Frage stehen zu bleiben ob ein denkendes Wesen von einem nicht denkenden und

aller Empfindung und Erkenntnis baren Wesen einem solchen wie die Materie sein

könnte herstammen kann  10 Nun ist selbst das klar dass ein Teil der Materie

unfähig ist aus sich etwas hervorzubringen und sich Bewegung zu verleihen Also

muss seine Bewegung entweder ewig oder ihm durch ein mächtigeres Wesen eingeprägt

sein Wenn nun diese Bewegung ewig wäre so würde sie doch immer unfähig sein

Erkenntnis hervorzubringen Man teile sie in so viel kleine Teile als man will

gleichsam um sie zu spiritualisieren man gebe ihr alle Gestalten und alle

Bewegungen die man ihr geben kann man mache daraus eine Kugel einen Würfel

ein Prisma einen Zylinder usw deren Durchmesser nur den millionsten Teil

eines Gry beträgt welches der zehnte Teil einer Linie des zehnten Teiles eines

Zolls des Zehntels eines Fußes ist der das Drittel eines Pendels ausmacht von

dem jede Schwingung unter dem 45 Breitengrade eine Sekunde dauert Mag dieses

Stoffteilchen noch so klein sein so wird es auf Körper von einer ihm

proportionalen Größe nicht anders wirken als die Körper von einem Zoll oder Fuß

Durchmesser aufeinander wirken Und man darf mit ebensoviel Grund hoffen

Empfindung Gedanken und Erkenntnis dadurch hervorzubringen dass man die groben

Stoffteile von gewisser Gestalt und Bewegung zusammenfügt als mittels der

kleinsten Stoffteilchen die es auf der Welt gibt Diese letzteren hemmen

stoßen und widerstehen einander gerade wie die groben und das ist alles was

sie vermögen Wenn aber die Materie aus ihrem Innern die Empfindung die

Wahrnehmung und die Erkenntnis unmittelbar und ohne Hilfsmittel oder ohne Hilfe

der Gestalten und der Bewegungen hervorrufen könnte so müsste in diesem Falle

sie zu besitzen eine von der Materie und allen ihren Teilen untrennbare

Eigenschaft sein Dem könnte man hinzufügen dass auch die allgemeine und

besondere Vorstellungwelche wir von der Materie haben uns von ihr zu reden

veranlasst als wenn sie ein der Zahl nach Einziges wäre während die gesamte

Materie eigentlich kein individuelles Ding ist das wie ein materielles Wesen da

ist oder als ein besonderer Körper den wir kennen oder uns denken können Ware

daher die Materie das erste ewige denkende Wesen so würde es nicht ein

einziges ewiges unendliches und denkendes Wesen geben sondern eine unendliche

Zahl ewiger unendlicher denkender Wesen die voneinander unabhängig wären

deren Kräfte beschränkt und deren Gedanken voneinander verschieden sein würden

und die folglich niemals diejenige Ordnung Harmonie und Schönheit hervorrufen

könnten welche man in der Natur bemerkt Daraus folgt notwendig dass das erste

ewige Wesen nicht die Materie sein kann Hoffentlich werden Sie von dieser dem

berühmten Urheber der vorhergehenden Beweisführung entnommenen Darstellung mehr

befriedigt sein als Sie von seiner Beweisführung gewesen zu sein schienen

    Theophilus Ich finde die jetzige Darstellung durchaus triftig und nicht

allein scharf sondern auch tief und ihres Verfassers würdig Ich bin durchaus

seiner Meinung dass es keine Kombination und Modifikation der Teile der Materie

gibt mögen sie noch so klein sein die Wahrnehmung hervorbringen könnte

während die großen Teile wie man offenbar erkennt sie nicht verleihen können

und dass alles in den kleinen Teilen dem was in den großen vorgehen kann

proportional ist Auch ist die vom Verfasser hierbei gemachte Bemerkung über die

Materie wichtig dass man sie nicht für ein der Zahl nach einziges Ding nehmen

darf oder wie ich zu sagen pflege für eine wahre und vollkommene Monade oder

Einheit weil sie nur eine Anhäufung einer unendlichen Zahl von Wesen ist. Hier

hätte es für diesen vortrefflichen Schriftsteller nur noch eines Schrittes

bedurft um bei meinem System anzulangen Denn ich messe in der Tat allen diesen

unendlichen Wesen Wahrnehmung bei von denen ein jedes gleichsam ein Organismus

ist begabt mit einer Seele oder einem analogen Tätigkeitsprinzip welches

seine wahre Einheit ausmacht nebst dem was solch ein Wesen bedarf um

leidentlich und mit einem organischen Körper begabt zu sein Nun haben diese

Wesen ihre teils tätige teils leidende Natur dh das was sie Immaterielles

und Materielles haben von einer allgemeinen und obersten Ursache empfangen

weil sie sonst wie der Verfasser sehr richtig bemerkt da sie voneinander

unabhängig sind niemals diejenige Ordnung diejenige Harmonie diejenige

Schönheit hätten hervorbringen können welche man in der Natur bemerkt Dieser

Beweis aber welcher uns von moralischer Gewissheit zu sein scheint wird durch

die von mir eingeführte neue Art von Harmonie welche die vorherbestimmte

Übereinstimmung ist zu einer durchaus metaphysischen Notwendigkeit gesteigert

Denn da jede dieser Seelen das was außer ihr vorgeht auf ihre Art ausdrückt

und diese nicht durch irgend welchen Einfluss der anderen besonderen Wesen

erhalten haben kann vielmehr diesen Ausdruck aus dem eigenen Innern ihrer Natur

hervorbringen muss so maß eine jegliche notwendig diese Natur oder diesen

inneren Grund das für sie Äußere auszudrücken von einer allgemeinen Ursache

empfangen haben von der diese Wesen alle abhangen und welche das eine mit dem

anderen vollkommen in Übereinstimmung und Korrespondenz setzt Dies kann nicht

ohne unendliche Erkenntnis und Macht und nur durch eine so große Kunst  vor

allem hinsichtlich der spontanen Mitwirkung des mechanischen Teils mit den

Handlungen der vernünftigen Seele  geschehen dass ein berühmter Schriftsteller

welcher in seinem bewundernswürdigen Wörterbuch dagegen Einwendungen machte

fast zweifelte ob es nicht über alle mögliche Weisheit hinausginge indem er

sagte dass die Weisheit Gottes ihm für eine solche Veranstaltung nicht zu groß

erschiene und so wenigstens anerkannte dass man von den schwachen Begriffen

die wir von der göttlichen Vollkommenheit haben können noch niemals einen so

erhabenen Ausdruck gegeben habe

     12 Philalethes Wie erfreuen Sie mich durch ihre Übereinstimmung Ihrer

Gedanken mit denen meines Autors Hoffentlich werden Sie mir nicht übel nehmen

dass ich Ihnen noch seine fernere Betrachtung über diesen Gegenstand mitteile

Zuerst prüft er ob das denkende Wesen von dem alle übrigen verstandesbegabten

Wesen abhangen und also um so mehr noch alle die übrigen Wesen materiell ist

oder nicht  13 Er macht sich den Einwurf dass ein denkendes Wesen materiell

sein könne Aber er antwortet auch dass wenn dies auch der Fall wäre es genug

sei dass dies ein ewiges Wesen ist, welches eine unendliche Wissenschaft und

Macht hat Wein ferner das Denken und die Materie getrennt werden können, so

würde das ewige Dasein der Materie nicht die Folge des ewigen Daseins eines

denkenden Wesens sein  14 Man kann noch diejenigenwelche Gott in einem

materiellen Wesen machen fragen ob sie glauben dass jeder Teil der Materie

denkt In diesem Fall würde daraus folgen dass es so viel Götter gäbe als Teile

der Materie. Wenn aber nicht jeder Teil der Materie denkt so bekommen wir

wieder ein denkendes aus nicht denkenden Teilen zusammengesetztes Wesen das

schon widerlegt worden ist. Sagen dass nur irgend ein Atom der Materie denkt und

die anderen obwohl in gleicher Weise ewigen Teile derselben nicht denken heißt

ohne Grund behaupten dass ein Teil der Materie unendlich über den anderen

erhaben ist und denkende nicht ewige Wesen hervorbringt  16 Will man dass

das denkende ewige und materielle Wesen eine bestimmte besondere

Zusammenhäufung von Materie ist deren Teile nicht denkende sind so fällt man

in das schon widerlegte zurück denn die Teile der Materie mögen immerhin

verbunden sein sie können dadurch doch nur eine neue örtliche Beziehung

gewinnen die ihnen die Erkenntnis nicht mitteilen kann  17 Es ist dabei

gleichgültig ob diese Anhäufung in Buhe oder in Bewegung ist. Wenn sie in Buhe

ist so ist sie nur ein untätiger Haufen welcher kein Vorrecht vor einem

einzelnen Atom hat wenn sie in Bewegung ist, so müssen da diese vor anderen

Teilen sich auszeichnende Bewegung das Denken hervorbringen soll alle diese

Gedanken zufällig und beschränkt sein denn jeder Teil für sich ist ohne

Gedanken und besitzt nichts was seine Bewegungen regelt So würde es also dabei

weder Freiheit noch Wahl noch Weisheit geben ebensowenig als in der einfachen

vernunftlosen Materie

     18 Andere mögen glauben dass die Materie mit Gott wenigstens gleich ewig

sei Aber sie sagen nicht warum auch ist die Erzeugung eines denkenden Wesens

die sie zugeben noch weit schwieriger als die der weniger vollkommenen Materie

Und wenn wir uns sagt der Verfasser vielleicht ein wenig von den gewöhnlichen

Vorstellungen entfernen unserem Geiste Schwung geben und uns auf eine tiefere

Untersuchung die wir über die Natur der Dinge anstellen könnten einlassen

wollten so würden wir so weit kommen auf eine wenn auch unvollkommene Art zu

begreifen wie die Materie anfänglich geschaffen worden sei und wie sie durch

die Macht dieses ersten ewigen Wesens dazusein angefangen hat Aber zugleich

würde man sehen dass einem Geiste das Sein zu verleihen eine viel schwerer zu

begreifende Wirkung dieser ewigen und unendlichen Macht ist Aber weil mich

dies fügt er hinzu vielleicht zu weit von den Begriffen entfernen würde auf

welche die Philosophie gegenwärtig in der Welt gegründet ist so würde es

unverzeihlich sein mich so viel davon zu entfernen und zu untersuchen so viel

als die Grammatik es verstatten mag ob im Grunde die gewöhnlich angenommene

Meinung jener besonderen Ansicht zuwiderläuft ich würde unrecht haben sage

ich mich auf diese Untersuchung einzulassen besonders auf diesem Fleck der

Erde wo die angenommene Lehre für meinen Zweck gut genug ist weil sie als

etwas Unzweifelhaftes hinstellt dasswenn man einmal die Schöpfung oder das

Anfangen irgend einer aus dem Nichts hervorgetretenen Substanz setzt man mit

derselben Leichtigkeit die Schöpfung jeder anderen Substanz den Schöpfer selbst

ausgenommen annehmen kann

    Theophilus Sie haben mir ein wahres Vergnügen damit bereitet mir von einem

tiefen Gedanken Ihres gelehrten Autors etwas berichtet zu haben den ganz und

gar vorzubringen seine nur zu peinliche Vorsicht ihn verhindert hat Es wäre

sehr schade wenn er ihn unterdrückte und uns da stehen ließe nachdem er uns

das Verlangen danach so heftig erregt Ich versichere Sie meiner Überzeugung

dass unter dieser Art von Rätsel etwas Schönes und Bedeutendes verborgen ist Das

groß gedruckte »Substanz« lässt mich argwöhnen dass er die Hervorbringung der

Materie sich so wie die der Akzidenzien denkt welche aus dem Nichts zu ziehen

keine Schwierigkeit hat und wenn er sein besonderes Denken von der gegenwärtig

in der Welt oder auf diesem Fleck der Erde begründeten Philosophie

unterscheidet so hat er vielleicht die Platoniker im Auge welche die Materie

für etwas nach der Art der Akzidenzien Flüchtiges und Vorübergehendes nahmen und

von den Geistern und Seelen eine ganz andere Vorstellung hatten

     19 Philalethes Wenn endlich einige die Schöpfung durch welche die Dinge

aus nichts gemacht sind weil sie sie nicht begreifen können leugnen so hält

unser Autor der eher geschrieben hat als er von Ihrer Entdeckung hinsichts der

Ursache der Einheit von Seele und Leib wusste ihnen entgegen dass sie auch nicht

begreifen wie die willkürlichen Bewegungen in den Körpern durch den Willen der

Seele hervorgebracht werden, an welche sie, durch die Erfahrung überzeugt zu

glauben nicht umhin können und mit Recht erwidert er denen welche antworten

dass die Seele da sie keine neue Bewegung hervorbringen kann nur eine neue

Bestimmung der Lebensgeister hervorbringt er erwidert ihnen sage ich dass das

eine so unbegreiflich ist als das andere Und nichts kann besser gesagt sein

als was er bei dieser Gelegenheit hinzufügt dass Gott in dem was er tun kann

auf das für uns Begreifliche beschränken wollen unserer Fassungskraft eine

unendliche Ausdehnung geben oder Gott selbst endlich machen heißt

    Theophilus Wiewohl gegenwärtig die Schwierigkeit hinsichts der Einheit von

Leib und Seele meiner Ansicht nach gehoben ist so bleiben doch noch andere

übrig Ich habe a posteriori durch die vorherbestimmte Harmonie gezeigt dass

alle Monaden ihren Ursprung aus Gott gewonnen haben und von ihm abhangen

Indessen kann man das Wie im einzelnen nicht begreifen und ihre Erhaltung ist

im Grunde nichts anderes als eine fortwährende Schöpfung wie die Scholastiker

ganz richtig anerkannt haben

 
 





     1 Philalethes Da also das Dasein Gottes allein in einem notwendigen

Zusammenhange mit dem unsrigen steht so beweisen unsere Vorstellungendie wir

von etwas haben können nicht mehr das Dasein dieses Dinges als das Bild eines

Menschen sein wirkliches Dasein beweist  2 Die Gewissheit indessen welche ich

mittels der sinnlichen Wahrnehmung von dem Weißen und Schwarzen auf diesem

Papier habe ist ebenso groß als die meiner Handbewegung welche aus der

Erkenntnis unseres Daseins und der Gottes entsteht  3 Diese Gewissheit

verdient den Namen der Erkenntnis. Denn ich glaube nicht dass jemand im Ernst so

skeptisch sein könnte um über das Dasein der Dingewelche er sieht und

empfindet ungewiss zu sein Wenigstens wird derjenige welcher seine Zweifel so

weit treiben kann niemals mit mir in Streit geraten weil er niemals wird

sicher sein können dass ich irgend etwas gegen seine Ansicht äußere

    Die Wahrnehmungen der sinnlichen Dinge sind  4 durch äußere Ursachen

hervorgebracht welche unsere Sinne affizieren denn wir erhalten diese

Wahrnehmungen nicht ohne die Organe und wenn die Organe ausreichten würden sie

dieselben immer hervorbringen  5 Ferner mache ich mitunter die Erfahrung, dass

ich ihre Hervorbringung in meinem Geiste nicht verhindern kann wie zB das

Licht wenn ich die Augen an einem Orte wo der Tag hineinscheinen kann offen

halte während ich die in meinem Gedächtnis vorhandenen Vorstellungen verlassen

kann Also muss es irgend eine äußere Ursache dieses lebhaften Eindrucks geben

deren Wirksamkeit ich nicht überwinden kann

     6 Einige dieser Wahrnehmungen werden von uns mit Schmerz hervorgebracht

obgleich wir uns hinterher ihrer erinnern ohne die geringste Unbequemlichkeit

zu verspüren Wenn nun auch die mathematischen Beweise nicht von den Sinnen

abhangen so trägt doch die mittels der Figuren auf sie gerichtete Untersuchung

viel dazu bei die Evidenz unseres Blickes darzutun und sie scheint ihm eine

Sicherheit zu verleihen welche der der Beweisführung selbst nahe kommt

     7 In manchen Fällen legen auch unsere Sinne voneinander Zeugnis ab Der

welcher das Feuer sieht kann auch wenn er daran zweifelt es fühlen Und

während ich dies schreibe sehe ich dass ich die Erscheinung des Papiers ändern

und zum voraus sagen kann welche neue Erscheinung es dem Geiste darbieten wird

wenn aber diese Zeichen niedergeschrieben sind kann ich nichtmehr vermeiden

sie zu sehen wie sie da sind Überdies würde der Anblick dieser Charaktere

einen anderen dieselben laute hervorbringen lassen

     8 Wenn jemand glaubt dass dies alles nur ein langer Traum ist so mag er

auch träumen wenn es ihm beliebt dass ich ihm darauf erwidere unsere auf das

Zeugnis der Sinne begründete Gewissheit sei so vollkommen als unsere Natur es

zulässt und unsere Lebenslage es fordert Wer eine Kerze brennen sieht und die

Hitze der Flamme erfährt die ihm Schmerz verursacht wenn er den Finger nicht

zurückzieht wird keine größere Gewissheit fordern um seine Handlungsweise

danach einzurichten und wenn dieser Träumer es nicht so machte würde er sich

bald erweckt finden Also genügt uns eine solche Sicherheit die ebenso gewiss

ist wie die Lust oder der Schmerz zwei Dinge über welche hinaus wir kein

Interesse an der Erkenntnis oder dem Dasein der Dinge haben  9 Aber über

unsere augenblickliche Sinneswahrnehmung hinaus gibt es keine Erkenntnis

sondern nur Wahrscheinlichkeit wie zB wenn ich glaube dass es in der Welt

Menschen gibt dafür ist die äußerste Wahrscheinlichkeit obgleich ich jetzt da

ich in meinem Zimmer allein bin keinen sehe  10 Auch würde es eine Torheit

sein für alles einen Beweis zu erwarten und nicht den klaren und evidenten

Wahrheiten gemäß zu handeln wenn sie nicht gerade beweisbar sind Ein Mensch

welcher so verfahren wollte könnte über nichts anderes sicher sein als in sehr

kurzer Zeit zugrunde zu gehen

    Theophilus Ich habe schon in unseren früheren Besprechungen bemerkt dass

die Wahrheit der sinnlichen Dinge durch ihren Zusammenhang gerechtfertigt wird

welcher von in der Vernunft begründeten Verstandeswahrheiten und sich

gleichbleibenden Beobachtungen an den sinnlichen Dingen selbst, sogar wenn die

Gründe nicht einleuchtend sind abhängt Und da diese Gründe und Beobachtungen

uns das Mittel geben in Bezug auf unser Interesse über die Zukunft zu urteilen

und der Erfolg unserem vernünftigen Urteil entspricht so kann man eine größere

Gewissheit über diese Gegenstände nicht verlangen und selbst nicht einmal

erhalten Man kann sogar auch von den Träumen und ihrem geringen Zusammenhange

mit anderen Erscheinungen Rechenschaft geben Indessen glaube ich dass man die

Bezeichnung der Erkenntnis und Gewissheit über die jedesmaligen sinnlichen

Wahrnehmungen hinaus ausdehnen könnte da die Klarheit und Evidenz darüber

hinausgehen die ich als eine Art der Gewissheit betrachte und es würde ohne

Zweifel eine Narrheit sein im Ernst daran zu zweifeln oh es Menschen auf der

Welt gebe weil wir gerade keine sehen Im Ernst zweifeln ist hinsichtlich der

Praxis zweifeln und man könnte die Gewissheit für eine Erkenntnis der Wahrheit

nehmen an der man hinsichtlich der Praxis nicht zweifeln kann ohne närrisch zu

sein und mitunter nimmt man sie noch allgemeiner und wendet sie auf diejenigen

Fälle an wo man ohne starken Tadel zu verdienen nicht zweifeln darf Die

Evidenz aber würde eine lichtvolle Gewissheit sein dh wo man wegen des

Zusammenhanges welchen man unter den Vorstellungen sieht nicht zweifelt

Dieser Definition der Gewissheit gemäß sind wir sicher dass Konstantinopel in der

Welt ist dass Konstantin Alexander der Große und Krösus gelebt haben

Allerdings könnte ein Bauer aus den Ardennen mit Recht daran zweifeln weil ihm

der Unterricht fehlt aber ein gelehrter und gebildeter Mann könnte es ohne eine

große Geistesverwirrung nicht

     11 Philalethes Wir sind in Wahrheit durch unser Gedächtnis von vielem

Vergangenen versichert aber ob es noch vorhanden ist, können wir nicht wohl

beurteilen Ich sah gestern Wasser und eine gewisse Zahl schöner Farben auf den

Blasen welche sich darüber bildeten Ich bin gegenwärtig gewiss dass diese

Blasen ebensogut als das Wasser dagewesen sind aber ich erkenne das

gegenwärtige Dasein des Wassers auf nicht gewissere Art als das der Blasen

obgleich das erstere unendlich mehr wahrscheinlich ist und man beobachtet hat

dass das Wasser dauernd ist die Blasen aber verschwinden  12 Außer uns und

Gott endlich erkennen wir andere Geister nur durch die Offenbarung und haben

darüber nur die Gewissheit des Glaubens

    Theophilus Ich habe schon bemerkt dass unser Gedächtnis uns mitunter

täuscht Und zwar messen wir ihm Glauben bei oder nicht je nachdem es mehr oder

weniger lebhaft und mit den Dingen, von denen wir wissen mehr oder weniger

verknüpft ist Und oft können wir an den Nebenumständen zweifeln wenn wir der

Hauptsache sicher sind Ich erinnere mich einen Menschen gekannt zu haben denn

ich empfinde dass sein Bild mir ebensowenig neu ist als seine Stimme und dies

doppelte Zeichen ist mir eine bessere Garantie als eines von beiden aber wo ich

ihn gesehen habe kann ich mich nicht erinnern Indessen kommt es wiewohl

selten vor dass man jemand im Traume sieht ehe man ihn leibhaftig gesehen hat

Man hat mich versichert dass eine wohlbekannte Hofdame den welchen sie nachher

heiratete im Traume sah und ihren Freundinnen beschrieb und auch den Saal wo

die Hochzeit gefeiert wurde und zwar eher als sie den Mann und den Ort gesehen

und gekannt hatte Man schrieb dies ich weiß nicht welchem geheimen Vorgefühl

zu aber der Zufall kann diese Wirkung hervorbringen weil es gar selten ist

dass so etwas vorkommt Außerdem hat man weil die Traumbilder ein wenig dunkel

sind hinterher mehr Freiheit sie auf andere Erscheinungen zu übertragen

     13 Philalethes Wir können also damit schließen dass es zwei Arten von

Sätzen gibt die einen besondere und auf das Dasein bezügliche wie zB dass es

einen Elefanten gibt die anderen allgemeine über die Abhängigkeit der

Vorstellungen, wie zB dass die Menschen Gott gehorchen müssen  14 Die

meisten dieser allgemeinen und gewissen Sätze führen den Namen ewiger Wahrheiten

und sind es in der Tat alle Nicht weil es Sätze sind die von aller Ewigkeit

her irgendwo wirklich gebildet oder nach irgend einem Muster das immer da war

dem Geiste eingeprägt worden wären sondern weil wir überzeugt sind dass wenn

ein zu diesem Zweck mit Vermögen und Mitteln begabtes Geschöpf sein Denken der

Erwägung seiner Vorstellungen zuwendet es die Wahrheit dieser Sätze findet

    Theophilus Ihre Einteilung scheint auf die meinige von tatsächlichen und

Vernunftsätzen hinauszukommen Auch die tatsächlichen Sätze können irgendwie

allgemein werden aber dies geschieht durch Induktion oder Beobachtungund zwar

in der Art dass dabei nur eine Vielheit gleicher Fälle gegeben ist wie wenn man

beobachtet dass alles Quecksilber durch die Kraft des Feuers verdunstet was

keine vollkommene Allgemeinheit gibt weil man die Notwendigkeit davon nicht

einsieht Die allgemeinen Vernunftwahrheiten sind notwendig obgleich die

Vernunft auch solche liefert die nicht schlechthin allgemein und nur

wahrscheinlich sind wie zB wenn wir annehmen dass eine Vorstellung möglich

ist bis dass das Gegenteil durch eine genauere Untersuchung entdeckt wird

Endlich gibt es gemischte Sätze welche aus Vordersätzen gezogen sind von denen

einige aus Tatsachen und Beobachtungen stammen andere notwendige Sätze sind

von solcher Art sind viele geographische und astronomische Schlüsse über die

Erdkugel und den Sternenlauf die durch die Kombination der Beobachtungen von

Reisenden und Astronomen mit den Lehrsätzen der Geometrie und Arithmetik

entstehen Da aber nach der Regel der Logiker die Schlussfolgerung dem

schwächsten der Vordersätze folgt und nicht mehr Gewissheit als sie haben kann

so haben diese gemischten Sätze nur die Gewissheit und Allgemeinheit welche den

Beobachtungen zukommt Was die ewigen Wahrheiten anbetrifft so muss man

bemerken dass sie im Grunde alle bedingt sind und in der Tat besagen Wenn

solches gesetzt ist findet solches andere statt Wenn ich zB sage Jede

Figur die drei Seiten hat hat auch drei Winkel so sage ich nichts anderes

als: Gesetzt dass es eine Figur mit drei Seiten gibt hat diese nämliche Figur

auch drei Winkel Ich sage diese nämliche und darin unterscheiden sich eben

die kategorischen Sätze welche bedingungslos ausgedrückt werden können, obwohl

sie im Grunde auch bedingt sind von denen welche man hypothetische nennt wie

folgender Satz sein würde Wenn eine Figur drei Seiten hat so sind ihre Winkel

zweien Rechten gleich wo man sieht dass der bedingende Satz nämlich die Figur

mit drei Seiten und der bedingte nämlich die Winkel der dreiseitigen Figur

sind zweien Rechten gleich nicht dasselbe Subjekt haben wie sie es in dem

vorigen Falle hatten wo der bedingende Satz war diese Figur hat drei Seiten

und der bedingte die genannte Figur hat drei Winkel Freilich kann der

hypothetische Satz oft in einen kategorischen verwandelt werden aber indem man

die Termini ein wenig verändert wie wenn ich statt des hypothetischen

Vordersatzes sagte die Winkel jeder dreiseitigen Figur sind zweien Rechten

gleich Die Scholastiker haben de constantia subjecti über das Mitbestehen des

Subjekts wie sie es nannten viel gestritten dh wie ein über ein Subjekt

gebildeter Satz wirklich wahr sein kann wenn dies Subjekt gar nicht existiert

Die Wahrheit ist aber nur eine bedingte und besagt dass wenn das Subjekt jemals

da ist man es immer so finden wird Man könnte jedoch noch fragen worauf diese

Verbindung begründet ist weil darin doch eine Realität steckt die nicht

täuscht Die Antwort wird sein sie gründet sich auf den Zusammenhang der

Vorstellungen. Aber man wird demgegenüber vielleicht fragen wo diese

Vorstellungen sein würden wenn es keinen Geist gäbe und was dann aus der

realen Grundlage dieser Gewissheit der ewigen Wahrheiten werden würde Das führt

uns endlich zur letzten Grundlage der Wahrheiten nämlich auf jenen obersten und

allgemeinen Geist dessen Dasein notwendig und dessen Verstand in Wirklichkeit

wie St Augustin es anerkannt und auf eine sehr lebhafte Weise ausdrückt der

Ort der ewigen Wahrheiten ist Und damit man nicht denke dass darauf

zurückzugehen nicht notwendig sei muss man erwägen dass diese notwendigen

Wahrheiten den Bestimmungsgrund und das Regulativprinzip alles Daseienden selbst

und mit einem Worte die Gesetze des Weltalls enthalten Gehen also diese

notwendigen Wahrheiten dem Dasein der zufälligen Wesen voraus so müssen sie in

dem Dasein einer notwendigen Substanz begründet sein Dort finde ich das Urbild

der Vorstellungen und Wahrheitenwelche unserer Seele eingeprägt sind nicht in

Form von Sätzen sondern wie Quellen aus deren Anwendung und Gelegenheiten

wirkliche Urteile hervorgehen

 
 






     1 Philalethes Wir haben von den Arten unserer Erkenntnis gesprochen

Jetzt wollen wir zu den Mitteln übergehen die Erkenntnis zu vermehren oder die

Wahrheit zu finden  Es ist eine unter den Gelehrten angenommene Meinung dass

die Maximen die Grundlagen aller Erkenntnis sind und jede Wissenschaft im

besonderen auf gewisse schon vorher bekannte Dinge Praecognita sich gründet 

2 Ich gestehe zu dass die Mathematik diese Methode durch ihren guten Erfolg zu

begünstigen scheint und Sie haben sich auch vielfach darauf gestützt Aber es

ist noch ungewiss ob es nicht vielmehr die Vorstellungen sind die durch ihren

Zusammenhang dazu gedient haben viel mehr als zwei oder drei allgemeine

Maximen welche man zu Beginn aufgestellt hat Ein junger Knabe erkennt dass

sein Körper größer ist als sein kleiner Finger aber nicht auf Grund jenes

Axioms dass das Ganze größer ist als sein Teil Die Erkenntnis hat mit

besonderen Sätzen angefangen aber hinterher hat man das Gedächtnis mittels der

allgemeinen Begriffe von einem verwirrenden Haufen besonderer Vorstellungen

entlasten wollen Wenn die Sprache so unvollkommen wäre dass sie die

Relativausdrücke Ganzes und Teil nicht besäße könnte man dann etwa nicht

erkennen dass der Körper größer als der Finger ist Ich lege Ihnen wenigstens

die Gründe meines Autors vor obgleich ich vorauszusehen glaube was Sie in

Übereinstimmung mit dem schon von Ihnen Bemerkten darüber sagen könnten

    Theophilus Ich weiß nicht warum Sie den Maximen um sie von neuem wieder

anzugreifen so übel begegnen wenn sie doch dazu dienen das Gedächtnis von

einer Menge besonderer Vorstellungen zu entlasten wie Sie es anerkennen so

müssen sie sehr nützlich sein wenn sie auch sonst keinen anderen Nutzen hätten

Aber ich füge hinzu dass sie auf die angegebene Weise nicht entstehen denn man

findet sie nicht durch Induktion aus Beispielen Derjenige welcher erkennt dass

zehn mehr ist als nenn dass der Körper größer ist als der Finger und das Haus

zu groß um durch die Tür davonlaufen zu können erkennt jeden dieser besonderen

Sätze durch denselben allgemeinen Grund der darin gleichsam verkörpert und

klargemacht wird ganz wie man mit Farben aufgemalte Züge sieht wo die

Proportion und Gestaltung eigentlich in den Zügen besteht mag die Farbe sein

welche sie wolle Nun dieser gemeinsame Grund ist eben der Grundsatz der

sozusagen auf verhüllte Weise implicite erkannt wird obwohl das nicht sofort

auf abstrakte und versinnlichte Weise geschieht Die Beispiele ziehen ihre

Wahrheit aus dem verkörperten Grundsatz aber der Grundsatz hat nicht seine

Begründung durch die Beispiele Und da dieser gemeinsame Grand jener besonderen

Wahrheiten im Geiste aller Menschen ist so sehen Sie wohl dass es für ihn nicht

nötig ist dass sich die Worte Ganzes und Teil in der Sprache dessen finden

welcher von ihm durchdrungen ist

     4 Philalethes Ists aber nicht gefährlich unter dem Verwande von

Grundsätzen Vollmacht zu Hypothesen zu geben Der eine wird mit einigen Alten

die Hypothese machen dass alles materiell sei der andere mit Polemo dass die

Welt Gott sei ein dritter wird als Tatsache aufstellen dass die Sonne die

oberste Gottheit sei Urteilen Sie welche Religion wir haben würden wenn das

erlaubt wäre So wahr ist es dass es Gefahr bringt Grundsätze ohne sie der

Prüfung zu unterwerfen anzunehmen besonders wenn sie die Moral angehen Denn

mancher würde ein zukünftiges Leben erwarten mehr dem des Aristipp ähnlich

welcher die Glückseligkeit in die körperlichen Lüste setzte als dem des

Antisthenes welcher behauptete dass die Tugend hinreiche um glücklich zu

machen Und Archelaus der als Prinzip aufstellt dass Recht und Unrecht Ehrbar

und Schändlich allein durch die Gesetze und nicht von der Natur bestimmt werden,

würde ohne Zweifel andere Maße des moralisch Guten und Bösen haben als

diejenigenwelche den menschlichen Festsetzungen vorausliegende Verpflichtungen

anerkennen  5 Die Prinzipien müssen also gewiss sein  6 Aber diese

Gewissheit kommt nur aus dem Vergleiche der Vorstellungen; wir haben also keine

anderen Prinzipien nötig und werden wenn wir dieser Regel allein folgen weiter

kommen als wenn wir unseren Geist der Willkür eines anderen unterwerfen

    Theophilus Ich bin erstaunt dass Sie gegen die Maximen dh gegen die

evidenten Grundsätze dasjenige geltend machen was man gegen die ohne Grund als

Grundsätze betrachteten Sätze sagen kann und maß Wenn man Vorhererkanntes in

den Wissenschaften verlangt oder vorausgehende Erkenntnisse welche dazu dienen

die Wissenschaft zu gründen so fordert man bekannte Grundsätze und nicht

willkürliche Aufstellungen deren Wahrheit nicht bekannt ist Aristoteles selbst

versteht es auch so dass die niedrigeren und untergeordneten Wissenschaften ihre

Prinzipien von anderen, höheren Wissenschaften in denen sie bewiesen worden

sind, entlehnen ausgenommen die erste der Wissenschaften welche wir die

Metaphysik nennen Diese verlangt ihm zufolge von den anderen nichts und liefert

ihnen die Prinzipien, deren sie bedürfen und wenn er sagt dei pisteuein ton

manthanonta der Lernende muss dem Lehrer glauben so ist seine Ansicht dabei

die dass er es nur einstweilen tun solle weil er in den höheren Wissenschaften

noch nicht unterrichtet ist so dass jenes nur vorläufig geschieht So bin ich

also gar weit davon entfernt willkürliche Prinzipien zuzulassen Ich muss dem

hinzufügen dass selbst Grundsätze deren Gewissheit nicht vollständig ist ihren

Nutzen haben können wenn man nur durch Beweisführung darauf weiter baut Denn

obwohl in diesem Falle alle Schlussfolgerungen nur bedingte sind und allein unter

der Voraussetzung gelten dass jenes Prinzip wahr ist so würden

nichtsdestoweniger dieser Zusammenhang selbst und diese bedingten Urteile

wenigstens logisch gültige sein  so dass sehr zu wünschen wäre wir hätten viele

auf diese Art geschriebene Bücher wobei keine Gefahr zu irren wäre wenn der

Leser oder Lernende von der Bedingung unterrichtet ist Und die Praxis würde man

nach diesen Schlussfolgerungen nur in dem Maße einrichten als die Voraussetzung

sich anderweitig gerechtfertigt findet Diese Methode dient ferner selbst sehr

oft dazu die Voraussetzungen oder Hypothesen zu rechtfertigen wenn viele

Schlussfolgerungen daraus hervorgehen deren Wahrheit anderweitig erkannt worden

ist, und das gibt mitunter eine vollständige Umkehrung welche die Wahrheit der

Hypothese zu beweisen genügt Conring von Beruf ein Arzt aber in jeder Art der

Gelehrsamkeit tüchtig vielleicht die Mathematik allein ausgenommen hatte einem

Freund einen Brief geschrieben der damit beschäftigt war zu Helmstädt das Buch

des Viottus eines geschätzten peripatetischen Philosophen welcher das

Beweisverfahren und die beiden letzten Bücher der Analytik des Aristoteles zu

erklären sucht wieder aufdrucken zu lassen Dieser Brief wurde dem Bach

hinzugefügt Conring tadelte darin den Pappus dass er sagt Die Analyse

beabsichtigt das Unbekannte zu finden indem sie es voraussetzt und von da

durch Folgerung zu bekannten Wahrheiten fortschreitet dies ist gegen die Logik

 sagte er  welche lehrt dass man aus Falschem Wahres schließen kann Ich

zeigte ihm aber später dass die Analyse sich der Definitionen und anderer

reziproker Sätze bedient welche das Mittel an die Hand geben die Umkehrung zu

machen und synthetische Beweise zu finden Und selbst wenn diese Umkehrung nicht

beweisend ist wie in der Physik so ist sie nichtsdestoweniger von großer

Wahrscheinlichkeit wenn die Hypothese viele Erscheinungen leicht erklärt die

sonst schwierig und voneinander unabhängig sind Ich halte in Wahrheit dafür

dass gewissermaßen der Grundsatz aller Grundsätze der richtige Gebrauch der

Vorstellungen und Erfahrungen ist aber wenn man sich darein vertieft so wird

man finden dass hinsichtlich der Vorstellungen er nichts anderes ist als die

Verknüpfung der Definitionen mittels identischer Axiome Es ist indessen nicht

immer ein leichtes zu dieser letzteren Analyse zu gelangen und so viel Lust

auch die Mathematiker wenigstens die alten bezeigt haben im damit zustande zu

kommen so haben sie es doch noch nicht vollbringen können Der berühmte

Verfasser der Abhandlung über den menschlichen Verstand würde ihnen viel

Vergnügen bereiten wenn er diese Untersuchung die bedeutend schwerer ist als

man vielleicht denkt abschließen wollte Euklid hat zB unter die Axiome eines

gesetzt welches darauf hinausläuft dass zwei gerade Linien sich nur einmal

treffen können Das von der sinnlichen Erfahrung hergenommene Phantasiebild

erlaubt uns nicht uns mehr als eine Begegnung zweier Graden vorzustellen aber

darauf darf die Wissenschaft nicht begründet werden Und wenn jemand glaubt dass

dies Phantasiebild den Zusammenhang der bestimmten Vorstellungen gewährt so ist

er über die Quelle der Wahrheiten nicht wohl unterrichtet und sehr viele Sätze

die nur durch andere Vordersätze beweisbar sind wurden ihm für unmittelbare

gelten Das haben viele welche Euklid getadelt haben nicht gehörig erwogen

Jene Arten von Phantasiebildern sind nur verworrene Vorstellungenund wer die

gerade Linie nur auf diese Weise erkennt wird nicht imstande sein etwas von

ihr zu beweisen Aas Mangel einer deutlich ausgedrückten Vorstellung dh einer

Definition der Geraden denn die von ihm vorläufig gegebene ist dunkel und hilft

ihm bei seinen Beweisen nicht ist darum Euklid gezwungen auf zwei Axiome

zurückzukommen welche ihm statt Definitionen gedient haben und die er in

seinen Beweisen anwendet das eine dass zwei Grade nichts miteinander gemein

haben und das zweite dass sie keinen Raum einnehmen Archimedes hat eine Art

Definition der geraden Linie gegeben indem er sagt dass sie der kürzeste Weg

zwischen zwei Paukten ist Aber er setzt dabei stillschweigend voraus indem er

in den Beweisen solche Elemente anwendet wie die des Euklid welche auf die

beiden von mir erwähnten Axiome gegründet sind dass die Affektionen von denen

diese Axiome reden der von ihm definierten Linie zukommen Wenn Sie also mit

Ihren Gesinnungsgenossen glauben dass man unter dem Vorwande der Übereinstimmung

und Sichtübereinstimmung der Vorstellungen in der Geometrie das annehmen durfte

und noch darf was die Bilder uns angeben ohne jene Strenge der Beweise durch

die Definitionen und Axiome anzustreben welche die Alten in dieser Wissenschaft

gefordert haben wie glaube ich viele ohne untersucht zu haben urteilen

durften so gestehe ich Ihnen dass man sich damit hinsichtlich derer

zufriedenstellen kann welche sich nur um die gewöhnliche praktische Geometrie

bemühen nicht aber hinsichtlich derer welche die Wissenschaft, mit der man die

Praxis selbst zu vervollkommnen hat haben wollen Und wenn die Alten dieser

Meinung gewesen und in diesem Punkte lässig gewesen wären so glaube ich wären

sie nicht vorwärts gekommen und hätten uns nur eine solche praktische Geometrie

hinterlassen wie die der Ägypter augenscheinlich war und die der Chinesen noch

zu sein scheint Dies hätte sie der schönsten physischen und mechanischen

Erkenntnisse beraubt welche die Geometrie sie auffinden ließ und die überall da

unbekannt sind wo es unsere Geometrie ist Es hat auch den Anschein dass man

wenn man den Sinnen und deren Bildern gefolgt wäre in Irrtümer verfallen sein

würde ungefähr so wie man sieht dass alle diejenigenwelche nicht in der

wissenschaftlichen Geometrie unterrichtet sind auf das Zeugnis ihrer

Einbildungskraft bin als eine unzweifelhafte Wahrheit annehmen dass zwei sich

beständig einander nähernde Linien zuletzt zusammenkommen müssen während die

Mathematiker mit gewissen Linien welche sie Asymptoten nennen Beispiele vom

Gegenteil geben Aber wir würden außerdem dessen beraubt sein was ich in der

Geometrie in Absicht der Spekulation am meisten schätze dass sie nämlich die

wahre Quelle der ewigen Wahrheiten und des Mittels uns deren Notwendigkeit

begreiflich zu machen erblicken lässt welche die verworrenen Bilder der Sinne

nicht deutlich zu zeigen vermögen Sie werden mir sagen dass Euklid gleichwohl

gezwungen gewesen ist sich auf gewisse Axiome zu beschränken deren Evidenz man

nur verworren mittels der Bilder erkennt Ich gebe Ihnen zu dass er sich auf

diese Axiome beschränkt hat aber es war besser sich auf eine kleine Anzahl von

Wahrheiten dieser Art zu beschränken die ihm als die einfachsten erschienen

und daraus die übrigen abzuleiten welche ein anderer von geringerer

wissenschaftlicher Schärfe gleichfalls ohne Beweis für sicher angenommen hätte

als viele unbewiesen zu lassen und was noch schlimmer ist den Leuten die

Freiheit zu lassen nach eigener Laune ihre Nachlässigkeit weiter zu treiben

    Sie sehen also dass das was Sie mit Ihren Freunden über den Zusammenhang

der Vorstellungen als wahre Quelle der Wahrheiten bemerkt haben der Aufklärung

bedarf Wenn Sie sich begnügen wollen diesen Zusammenhang verworren zu

erkennen so schwächen Sie die Strenge der Beweise und Euklid hat

unvergleichlich besser getan alles auf Definitionen und eine kleine Zahl von

Axiomen zurückzubringen Wollen Sie aber dass dieser Zusammenhang der

Vorstellungen deutlich gesehen und ausgedrückt werde so werden Sie genötigt

sein auf die Definitionen und identischen Grundsätze wie ich es verlange

zurückzugehen und mitunter werden Sie genötigt sein sich wie Euklides und

Archimedes mit einigen weniger ursprünglichen Grundsätzen zufrieden zu geben

wenn Sie Mühe haben werden zu einer vollständigen Analyse zu gelangen  und

daran werden Sie besser tun als schöne Entdeckungen welche Sie durch deren

Vermittlung bereits finden können zu vernachlässigen oder aufzuschieben Sonst

würden wir in der Tat wie ich Ihnen schon ein anderes Mal gesagt habe keine

Geometrie ich verstehe darunter keine demonstrative Wissenschaft haben wenn

die Alten  bevor sie die Grundsätze zu deren Anwendung sie genötigt waren

bewiesen hatten  nicht hätten dazu fortschreiten wollen

     7 Philalethes Ich fange zu verstehen an was ein bestimmt erkannter

Zusammenhang von Vorstellungen ist und sehe wohl dass auf diese Art die

Grundsätze notwendig sind Auch sehe ich wohl wie die Methodewelche wir bei

unseren Untersuchungen befolgen wenn es sich um die Prüfung der Vorstellungen

handelt nach dem Beispiele der Mathematiker geregelt werden muss die von

gewissen sehr klaren und leichten Ausgangspunkten aus die nichts anderes als

die Grundsätze und Definitionen sind in kleinen Schritten und mittels einer

ununterbrochenen Verkettung von Beweisen zur Entdeckung und zum Beweise der

Wahrheiten die anfangs über die menschliche Fassungskraft hinauszugehen

scheinen emporsteigen Die Kunst Beweise und jene bewundernswürdigen Methoden

aufzufinden welche sie zur Auseinandersetzung und Anordnung der Mittelbegriffe

erfunden haben hat so erstaunliche und unverhoffte Entdeckungen hervorgebracht

Ob man aber mit der Zeit nicht irgend eine ähnliche Methode wird erfinden

können welche für die übrigen Vorstellungen so gut als für die zur Größe

gehörigen dient darüber will ich nicht entscheiden Wenigstens werden wir wenn

andere Vorstellungen nach der den Mathematikern gewöhnlichen Methode geprüft

werden in unserem Denken dadurch weiter kommen als wir uns vorzustellen

vielleicht geneigt sind  8 Und dies könnte besonders in der Moral geschehen

wie ich schon mehr als einmal gesagt habe

    Theophilus Ich glaube dass Sie recht haben und bin seit lange geneigt

alles zu tun um ihre Voraussetzungen zu erfüllen

     9 Philalethes Hinsichtlich der Erkenntnis der Körper muss man einen

gerade entgegengesetzten Weg einschlagen denn da wir keine Vorstellungen von

deren wirklichen Wesenheiten haben sind wir genötigt auf die Erfahrung

zurückzugehen  10 Ich leugne indessen nicht dass wer vernünftige und

regelmäßige Erfahrungen zu machen gewohnt ist fähig ist richtigere Vermutungen

als ein anderer über deren noch unbekannte Eigenschaften aufzustellen Aber das

ist urteilen und meinen nicht aber erkennen und sicher wissen Dies veranlasst

mich zu glauben dass die Physik nicht fähig ist unter unseren Händen

Wissenschaft zu werden Indessen können die historischen Erfahrungen und

Beobachtungen uns hinsichtlich der körperlichen Gesundheit und der

Bequemlichkeiten des Lebens Dienste leisten

    Theophilus Ich stimme dem bei dass die ganze Physik niemals eine

vollkommene Wissenschaft bei uns sein wird aber wir können nichtsdestoweniger

eine physische Wissenschaft besitzen und besitzen davon sogar schon jetzt

Proben Die Magnetologie kann zB für eine solche Wissenschaft gelten denn

indem wir wenige in der Erfahrung gegründete Voraussetzungen machen können wir

daraus mit sicherer Folgerung eine Menge Erscheinungen nachweisen die

tatsächlich so vorkommen wie wir sie durch die Vernunft angegeben sehen Wir

dürfen nicht hoffen von allen Erfahrungen Rechenschaft abzulegen wie selbst

die Geometer noch nicht alle ihre Grundsätze bewiesen haben aber wie sie

zufrieden sind eine große Zahl von Lehrsätzen aus einer kleinen Anzahl von

Vernunftprinzipien abzuleiten ist es auch genug dass die Physiker mittelst

einiger Erfahrungsgrundsätze von einer großen Menge von Erscheinungen

Rechenschaft ablegen und sie in der Praxis sogar vorhersehen können

     11 Philalethes Weil aber unsere Geisteskräfte nicht dazu angetan sind

uns die innere Bildung der Körper deutlich zu machen müssen wir es als

hinlänglich erachten dass sie uns das Dasein Gottes und eine genügende

Selbsterkenntnis erschließen um uns über unsere Pflichten und über unsere

wichtigsten Interessen hinsichtlich der ganzen Ewigkeit zu unterrichten Und so

glaube ich im Recht zu sein daraus zu folgern dass die Moral die eigentliche

Wissenschaft und die große Angelegenheit der Menschen im allgemeinen ist wie

andrerseits die verschiedenen Künste welche verschiedene Teile der Natur

betreffen einzelnen zukommen Man kann zB sagen dass die Unwissenheit im

Gebrauch des Eisens Ursache ist dass in den Ländern von Amerika wo die Natur

alle Arten von Gütern ausgebreitet hat die meisten Bequemlichkeiten des Lebens

fehlen Weit entfernt also die Wissenschaft der Natur zu verachten  12

halte ich dafür dass dies Studium wenn es gehörig geleitet wird von größerem

Nutzen für das Menschengeschlecht sein kann als alles was man bisher gemacht

hat und derjenige welcher die Buchdruckerei erfand den Gebrauch des Kompasses

entdeckte und die Heilkraft der Quinquinarinde zeigte mehr zur Verbreitung des

Wissens und zur Förderung der dem Leben nützlichen Bequemlichkeiten beigetragen

und mehr Menschen vom Tode gerettet hat als die Gründer von Schulen und

Hospitälern und anderen mit großen Kosten errichteten Denkmalen rühmlichster

Menschenliebe

    Theophilus Sie können nichts sagen was mir mehr zusagte Die wahre Moral

oder Frömmigkeit weit entfernt die Trägheit gewisser fauler Quietisten zu

begünstigen muss uns dazu treiben die Künste zu pflegen Und wie ich vorlängst

gesagt habe würde eine bessere Staatskunst imstande sein uns dereinst eine

viel bessere Medizin als wie wir jetzt haben zu verschaffen Nächst der Sorge

für die Sittlichkeit kann man dies nicht genug predigen

     13 Philalethes Obwohl ich die Erfahrung empfehle verachte ich doch die

wahrscheinlichen Hypothesen keineswegs Sie können zu neuen Entdeckungen führen

und sind wenigstens dem Gedächtnis eine große Hilfe Aber unser Geist ist sehr

geneigt zu schnell fortzueilen und sich mit einigen leichten

Wahrscheinlichkeiten zufrieden zu geben ohne sich die nötige Mühe und Zeit zu

nehmen sie auf viele Erscheinungen anzuwenden

    Theophilus Die Kunst die Ursachen der Erscheinungen oder die wirklichen

Hypothesen zu entdecken ist wie die Dechiffrierkunst wo eine sinnreiche

Vermutung ein großes Stück Weges abkürzt Lord Bacon hat den Anfang gemacht die

Kunst zu experimentieren auf Vorschriften zu bringen und der Ritter Boyle hat

ein großes Talent sie auszuüben gehabt Aber verbindet man nicht damit die

Kunst die Erfahrungen anzuwenden und Folgerungen daraus zu ziehen so wird man

mit königlichem Kostenaufwande nicht dahin kommen was ein Mann von großem

Scharfsinn sogleich entdecken konnte Descartes der dies sicherlich war hat in

einem seiner Briefe bei Gelegenheit der Methode des Kanzlers von England eine

ähnliche Bemerkung gemacht und Spinoza den zu zitieren ich mich nicht scheue

wenn er etwas Gutes sagt macht in einem seiner Briefe an den verstorbenen

Oldenburg Sekretär der Royal Society von England welche unter den

nachgelassenen Werken dieses scharfsinnigen Juden gedruckt sind eine verwandte

Reflexion über ein Werk Boyles der die Wahrheit zu sagen sich ein wenig zu

lange damit aufhält aus einer unendlichen Zahl schöner Erfahrungen keinen

anderen Schluss zu ziehen als den welchen er als Grundsatz hätte annehmen

können dass nämlich in der Natur alles auf mechanische Art geschieht ein

Grundsatz dessen man sich durch die bloße Vernunft und niemals durch die

Erfahrungen so viel man auch deren mache versichern kann

     14 Philalethes Nachdem man klare und deutliche Vorstellungen mit

bestimmten Namen aufgestellt hat besteht das große Mittel zur Ausbreitung

unserer Erkenntnisse in der Kunst die Mittelbegriffe zu finden welche uns die

Verknüpfung oder die Unverträglichkeit der einander fernstehenden Begriffe

zeigen können Die Maximen wenigstens dienen nicht dazu sie uns zu verschaffen

Gesetzt dass jemand keine genaue Vorstellung von einem rechten Winkel hat so

wird er sich vergeblich quälen etwas über das rechtwinklige Dreieck zu

beweisen und welche Maximen man auch anwende man wird Mühe haben mit ihrer

Hilfe dahin zu gelangen zu beweisen dass die Quadrate der den rechten Winkel

einschließenden Seiten dem Quadrat der Hypothese gleich sind. Es könnte jemand

lange über die Grundsätze nachdenken ohne jemals in der Mathematik klarer zu

sehen

    Theophilus Über die Grundsätze nachzudenken hilft nichts wenn man nicht

sie anzuwenden Gelegenheit hat Die Grundsätze dienen oft dazu die

Vorstellungen zu verknüpfen wie zB jene Maxime dass die ähnlichen Strecken

zweiter und dritter Dimension sich wie die Quadrate und Kuben der entsprechenden

Stücke erster Dimension verhalten von größtem Nutzen ist Daraus entsteht zB

die Quadratur des Möndchens des Hippokrates wenn man eine Anwendung auf Kreise

macht und eine zweckmäßige Anordnung der Figuren damit verbindet

 
 






     1 Philalethes Vielleicht wird es noch hinzuzufügen passend sein dass

unsere Erkenntnis wie noch in anderen Dingen mehr so auch darin mit dem

Gesichte sich analog verhält dass sie weder ganz notwendig noch ganz freiwillig

ist Man kann nicht umhin zu sehen wenn man die Augen dem Lichte geöffnet hat

aber man kann sie gewissen Gegenständen zuwenden  2 und sie mit mehr oder

weniger Aufmerksamkeit betrachten Ist das Vermögen also einmal in Anwendung

gebracht so hängt es nicht mehr vom Willen ab die Erkenntnis zu bestimmen,

ebensowenig wie jemand das was er sieht zu sehen sich enthalten kann Man

soll aber seine Vermögen gehörig anwenden um sich zu unterrichten

    Theophilus Wir haben über diesen Punkt bereits früher gesprochen und

festgestellt dass es vom Menschen nicht abhängt diese oder jene sinnliche

Empfindung in der Gegenwart in haben aber es hängt von ihm ab sich darauf

vorzubereiten um sie in der Folge zu haben und nicht zu haben und somit sind

die Meinungen nur auf indirekte Art freiwillig

 
 



                                  



     1 Philalethes Der Mensch würde sich in den meisten Handlungen seines

Lebens unentschieden befinden wenn er in dem Falle wo eine sichere Erkenntnis

ihm mangelt zu seiner Leitung weiter nichts hätte  2 Er muss sich oft mit

einer einfachen Wahrscheinlichkeitsdämmerung begnügen  3 Das Vermögen sich

ihrer zu bedienen ist das Urteil. Man begnügt sich oft damit aus Notwendigkeit

aber oft auch aus Mangel an Fleiß Geduld und Geschicklichkeit Man nennt es

Zustimmung oder Verwerfung und es findet statt wenn man etwas vermutet dh

wenn man etwas vor dem Beweise als wahr annimmt Geschieht dies der Wirklichkeit

entsprechend so ist es ein richtiges Urteil

    Theophilus Andere nennen Urteilen diejenige Handlung welche man allemal

vollzieht wenn man gemäß einer Erkenntnis der Ursache sich entscheidet und

noch andere mag es geben welche das Urteil von der Meinung unterscheiden da es

nicht so unbestimmt sein dürfe Ich will aber mit niemand über den Gebrauch der

Worte streiten und es steht Ihnen frei das Urteil für eine wahrscheinliche

Ansicht zu nehmen Was die Vermutung Präsumtion anbetrifft so ist das ein

Ausdruck der Juristen bei denen die richtige Anwendung sie von der Konjektur

unterscheidet Dann ist sie etwas mehr und soll vorläufig für die Wahrheit

gellen bis das Gegenteil bewiesen ist statt dass ein Anzeichen und eine

Konjektur oft gegen eine andere Konjektur abgewogen werden muss So wird von

demjenigen welcher von einem anderen Geld geliehen zu haben gesteht vermutet

präsumiert dass er es bezahlen müsse wenn er nicht nachweist dass er es schon

getan habe oder dass die Schuld aus irgend einem anderen Rechtsgrunde aufhöre

Vermuten ist also in diesem Sinne nicht etwas annehmen ehe es bewiesen ist 

was nicht erlaubt ist   sondern es im voraus annehmen aber mit Grund indem

man unterdes einen Beweis des Gegenteils abwartet

 
 



                                  



     1 Philalethes Wenn das Beweisverfahren den Zusammenhang der

Vorstellungen aufzeigt so ist die Wahrscheinlichkeit nichts anderesals der

auf Beweise gegründete Anschein dieses Zusammenhanges von Vorstellungen, bei

denen man keine unveränderliche Verknüpfung gewahr wird Es gibt verschiedene

Grade der Zustimmung von der Sicherheit bis zur Konjektur zum Zweifel zum

Misstrauen  3 Wenn man Gewissheit hat so ist in allen Teilen des

Schlussverfahrens welche dessen Zusammenhang bezeichnen klare Erkenntnis

vorhanden was mich aber glauben macht ist etwas Fremdes  4 Die

Wahrscheinlichkeit nun gründet sich auf die Gleichförmigkeit mit dem was wir

wissen oder auf das Zeugnis derer welche es wissen

    Theophilus Eher würde ich behaupten dass sie immer in der Ähnlichkeit oder

in der Übereinstimmung mit der Wahrheit begründet ist und das Zeugnis von

anderen ist auch etwas was die Wahrheit hinsichtlich naheliegender Tatsachen

für sich zu haben pflegt Man kann also sagen dass die Ähnlichkeit des

Wahrscheinlichen mit dem Wahren entweder von der Sache selbst hergenommen wird

oder von etwas Fremdem Die Rhetoriker nehmen zwei Arten von Beweismitteln

Argumenten an die künstlichen welche durch das Beweisverfahren von den

Sachen selbst hergenommen sind und die nicht künstlichen welche sich nur auf

das ausdrückliche Zeugnis entweder eines Menschen oder vielleicht auch der Sache

selbst stützen Aber es gibt auch noch gemischte denn das Zeugnis kann selbst

eine Tatsache liefern welche zur Bildung eines künstlichen Beweises dient

     5 Philalethes Es geschieht aus Mangel an Ähnlichkeit mit dem Wahren dass

wir nicht leicht dasjenige glauben was sich dem von uns Gesagten nicht anpassen

lässt So antwortete der König von Siam einem Gesandten als dieser ihm sagte

dass das Wasser sich bei uns im Winter so verhärte dass ein Elefant darauf

hinschreiten könnte ohne einzubrechen Bisher habe ich Euch für einen ehrlichen

Mann gehalten aber jetzt sehe ich dass Ihr lügt  6 Wenn aber das Zeugnis der

anderen eine Tatsache wahrscheinlich machen kann so darf die Meinung der

anderen nicht an ihr selbst für eine richtige Begründung der Wahrscheinlichkeit

gelten Denn unter den Menschen gibt es mehr Irrtum als Erkenntnis und wenn der

Glaube derer die wir kennen und achten ein rechtmäßiger Grund für die

Zustimmung wäre so hatten die Menschen recht in Japan Heiden in der Türkei

Mohammedaner Papisten in Spanien Calvinisten in Holland und Lutheraner in

Schweden zu sein

    Theophilus Das Zeugnis der Menschen ist ohne Zweifel von größerem Gewicht

als ihre Meinung und man widmet demselben mit Recht auch größere Beachtung

Indessen weiß man dass der Richter mitunter einen Eid de credulitate wie man es

nennt ablegen lässt und in den Verhören fragt man die Zeugen oft nicht aus nach

dem was sie gesehen haben sondern nur nach ihrem Urteil indem man sie

zugleich nach den Ursachen ihres Urteils fragt und stellt dann die gebührende

Erwägung desselben an Auch richten sich die Richter sehr nach den Ansichten und

Meinungen der Sachverständigen in jedem Fach und dasselbe sind die Privatleute

nicht minder zu tun verpflichtet in dem Maße als es ihnen nicht zu eigener

Prüfung zu schreiten passt So ist ein Kind und auch sonst jemand dessen Stand

in dieser Hinsicht nicht mehr gilt selbst wenn er sich in einer gewissen

Stellung befindet genötigt der Landesreligion so lange zu folgen als er darin

kein Übles sieht und er nicht imstande ist zu untersuchen ob es keine bessere

gibt Und mag ein Pagenmeister einer Religionspartei angehören welcher er wolle

so wird er jeden von ihnen in diejenige Kirche zu gehen veranlassen welche die

Angehörigen des von dem jungen Menschen bekannten Glaubens besuchen Man kann

die Streitigkeiten zwischen Nicole und anderen über den Beweisgrund aus der

Mehrzahl in Glaubenssachen zu Rate ziehen wobei mitunter der eine ihm zu viel

einräumt und der andere ihm nicht genug Beachtung schenkt Es gibt andere

Vorurteile durch welche die Menschen sich der Untersuchung gern entziehen

möchten Dies nennt Tertullian in einem eigens dazu geschriebenen Traktat

Praescriptiones indem er sich eines Ausdrucks bedient den die alten Juristen

deren Sprache ihm nicht unbekannt war von verschiedenen Arten fremder und

auffallender Exzeptionen und Allegationen gebrauchten den man aber heutzutage

nur von der zeitlichen Präskription Verjährung versteht die man geltend

macht um eines anderen Forderung zurückzuweisen weil sie nicht innerhalb der

gesetzlich festgestellten Zeit gemacht worden ist. Deswegen hat man auch sowohl

von Seiten der römischen Kirche als der Protestanten gesetzliche Vorurteile

bekannt machen können Man hat darin das Mittel gefunden sowohl den einen als

den anderen in gewisser Hinsicht Neuerungen vorzuwerfen wie zB als die

Protestanten größtenteils die Form der alten Weihungen der Geistlichen

verließen oder als die Römischen den alten Kanon der Bücher der Heiligen

Schrift Alten Testamentes veränderten Dies habe ich ganz klar in einem Streit

bewiesen welchen ich schriftlich und in Zwischenräumen mit dem Bischof von

Meaux welchen man nach den vor einigen Tagen angelangten Nachrichten soeben

verloren hat geführt habe Da diese Vorwürfe also gegenseitig waren so ist die

Neuerung wenn sie gleich einigen Verdacht des Irrens in diesen Gegenständen

zulässt doch nicht ein sicherer Beweis davon

 
 





     1 Philalethes Was die Grade der Zustimmung anbetrifft so muss man sich

hüten die Wahrscheinlichkeitsgründe welche man hat darin nicht über diejenige

Stufe des Anscheins hinaus wirken zu lassen welche man darin findet oder bei

vorgängiger Prüfung darin gefunden hat Denn man muss zugeben dass die Zustimmung

nicht immer auf einer wirklichen Einsicht in die den Geist bestimmenden Gründe

ruht und selbst denen welche ein bewundernswürdiges Gedächtnis haben würde es

sehr schwer sein immer alle die Beweise zu behalten welche sie zu einer

gewissen Ansicht bestimmt haben und die mitunter einen Band über eine einzige

Frage füllen konnten Es genügt dass sie die Sache einmal aufrichtig und

sorgfältig durchdacht und sozusagen die Rechnung gezogen haben  2 Sonst

müssten die Menschen sehr skeptisch sein oder in jedem Augenblick ihre Ansicht

ändern um sich einem jeden hinzugeben der die Frage vor kurzem geprüft hat und

ihnen neue Gründe vorlegt auf die sie aus Mangel an Gedächtnis oder Muße zu

fleißiger Erwägung nicht gleich vollständig antworten können  3 Man muss

zugeben dass dies die Menschen oft hartnäckig im Irren macht der Fehler ist

aber nicht dass sie sich auf ihr Gedächtnis verlassen sondern dass sie früher

falsch geurteilt haben Denn oft tritt bei den Menschen an die Stelle der

Prüfung und der Vernunft die Bemerkung dass sie niemals anders gedacht haben

Gewöhnlich aber sind diejenigenwelche ihre Meinungen am wenigsten geprüft

haben denselben am meisten zugetan Während nun löblich ist dem was man

gesehen hat zugetan zu sein ist es nicht immer so mit dem was man geglaubt

hat weil man irgend eine Erwägung ausgelassen haben kann die alles umzustoßen

imstande ist Und es gibt vielleicht niemand in der Welt welcher die Muße die

Geduld und die Mittel hätte alle die Beweise der einen wie der anderen Seite

über die Streitfragen welche seine Meinungen angehen zu sammeln um sie zu

vergleichen und so sicher zu schließen dass ihm für eine weitere Kenntnisnahme

nichts mehr zu wissen bleibt Die Sorge für unseren Lebensunterhalt und unsere

wichtigsten Interessen leidet indessen keinen Aufschub und es ist durchaus

notwendig dass unser Urteil über diejenigen Punkte in denen wir zu einer

sicheren Erkenntnis zu gelangen unfähig sind eine Entscheidung treffe

    Theophilus Alles was Sie eben sagten ist durchaus richtig und

stichhaltig Indessen wäre es zu wünschen dass die Menschen in manchen Fällen

schriftliche Entwürfe in Form von Gedächtnisbüchern der Gründe besäßen welche

sie zu irgend einer bedeutsamen Ansicht veranlasst haben und welche sie in der

Folge noch oft vor sich oder anderen zu rechtfertigen genötigt sind Obgleich es

übrigens in Rechtsangelegenheiten gewöhnlich nicht erlaubt ist die ergangenen

Urteile umzustoßen und die Rechnungen zu revidieren sonst müsste man immerfort

in Unruhe sein was um so unerträglicher sein würde als man die Notizen aus der

Vergangenheit nicht immer bewahren kann so wird mitunter auf Grund neuer

Entdeckungen zugelassen dass man sich Gerechtigkeit verschaffe und sogar das

erlange was man restitutio in integrum Wiedereinsetzung in den dem Prozess

vorausgehenden Stand gegenüber dem nennt was angeordnet worden istebenso

dürfen in unseren eigenen Angelegenheiten besonders bei sehr wichtigen

Gegenständen wo es noch frei ist sich zu binden oder zurückzuziehen und es

unschädlich ist die Ausführung aufzuschieben oder wenig zu fördern die auf

Wahrscheinlichkeiten gegründeten Urteilssprüche unseres Innern niemals so in rem

judicatam übergehen wie die Juristen sagen dh als ein für allemal

feststehend gelten so dass man nicht zur Revision des Gedankenzusammenhanges

geneigt wäre wenn neue gewichtige Gründe sich dagegen darbieten Ist es aber

keine Zeit mehr zu überlegen so muss man dem einmal gefällten Urteil mit so

viel Festigkeit folgen als wenn es unfehlbar wäre wenn auch nicht immer mit

gleicher Strenge

     4 Philalethes Da die Menschen also nicht vermeiden können sich beim

urteilen dem Irrtum auszusetzen und verschiedene Ansichten zu hegen wenn sie

die Sachen nicht von der gleichen Seite betrachten können so müssen sie in

dieser Meinungsverschiedenheit untereinander den Frieden und die

Humanitätspflichten bewahren ohne zu verlangen dass ein anderer auf unsere

Einwendungen hin eine festgewurzelte Meinung sogleich umtauschen solle

besonders wenn er sich vorzustellen Ursache hat dass sein Gegner aus Interesse

oder Ehrgeiz oder aus irgend einem anderen besonderen Motiv handelt Auch haben

sich häufig diejenigenwelche den anderen die Notwendigkeit auferlegen wollen

sich ihren Ansichten zu fügen die Dinge nicht wohl geprüft Denn die welche in

die Untersuchung so tief eingedrungen sind um über den Zweifel hinauszukommen

sind in so geringer Zahl und finden so wenig Veranlassung andere zu verdammen

dass man sich von ihrer Seite eines gewaltsamen Auftretens nicht zu versehen

braucht

    Theophilus Was man an den Menschen wirklich am meisten zu tadeln das Recht

hat ist nicht ihre Meinung sondern ihr verwegenes Urteil die der anderen zu

tadeln als ob man einfältig oder schlecht sein müsste um andere wie sie zu

urteilen es ist dies bei den Urhebern jener von ihnen im Publikum verbreiteten

Leidenschaften und Feindseligkeiten die Wirkung eines hochfahrenden und

unbilligen Gemütes das zu herrschen wünscht und keinen Widerspruch dulden kann

Damit ist nicht geleugnet dass es nicht in Wahrheit gar oft Gelegenheit gibt

die Meinungen anderer zu kritisieren aber dies muss man im Geiste der Billigkeit

und des Mitleids für die menschliche Schwäche tun Man hat allerdings recht

gegen die schlimmen Lehren welche auf die Sitten und die Ausübung der

Frömmigkeit Einfluss haben Vorkehrungen zu treffen aber ohne weitere Beweise

davon zu haben soll man sie den Leuten nicht zum Verbrechen anrechnen Wenn die

Billigkeit verlangt die Person zu schonen so macht es die Frömmigkeit zur

Pflicht darzutun inwiefern ihre Dogmen eine schlimme Wirkung haben wenn sie

schädlich sind wie zB diejenigenwelche gegen die Vorsehung eines vollkommen

weisen guten und gerechten Gottes und gegen die Unsterblichkeit der Seele sind

welche sie für die Wirkungen seiner Gerechtigkeit empfänglich macht um nicht

von anderen hinsichtlich der Moral und Politik gefährlichen Meinungen zu reden

Ich weiß dass vortreffliche und wohlgesinnte Männer behaupten diese

theoretischen Meinungen hätten in der Praxis weniger Einfluss als man denkt und

weiß auch dass es Leute von trefflichem Naturell gibt die durch ihre Meinungen

niemals dahin kommen werden etwas ihrer Unwürdiges zu tun wie übrigens

diejenigenwelche durch die Spekulation zu dergleichen Irrtümern gekommen sind

von Natur aus den Lasten ferner zu sein pflegen für welche die große Masse der

Menschen empfänglich ist während sie außerdem noch für die Würde der Sekte der

sie gleichsam als Häupter vorstehen Sorge tragen müssen und man kann sagen

dass Epikur und Spinoza zB ein ganz exemplarisches Leben geführt haben Aber

diese Gründe hören bei ihren Schülern oder Nachahmern meistens auf welche sich

von der unbequemen Furcht vor einer wachsamen Vorsehung und einer drohenden

Zukunft befreit glaubend ihren tierischen Leidenschaften den Zügel schießen

lassen und ihren Geist darauf richten andere zu verführen und zu verderben und

wenn sie ehrgeizig und von etwas hartem Naturell sind so sind sie imstande für

ihr Vergnügen oder ihren Vorteil die Welt an allen vier Ecken anzuzünden wie

ich Leute dieses Schlages gekannt habe welche der Tod entfernt hat Ich finde

sogar dass ähnliche Meinungen wie sie sich nach und nach in das Gemüt der

Männer der vornehmen Welt welche die anderen regieren und von denen die

Geschäfte abhangen und in die gangbaren Schriften einschleichen alle Dinge zu

der allgemeinen Revolution mit der Europa bedroht ist vorbereiten und damit

endigen das zu zerstören was noch in der Welt von den edlen Gesinnungen der

alten Griechen und Römer übrig istwelche die Liebe zum Vaterland und zur

öffentlichen Wohlfahrt und die Sorge für die Zukunft dem Glück und seihst dem

Leben vorzogen Jene public spirits wie die Engländer sie nennen nehmen

außerordentlich ab und sind nicht mehr in der Mode und sie werden noch mehr

aufhören wenn sie nicht mehr durch die richtige Sittenlehre und die wahre

Religion welche die natürliche Vernunft selbst uns lehrt unterstützt sein

werden Die Besten von entgegengesetztem Charakter welcher zu herrschen

beginnt haben kein anderes Prinzip mehr als das was sie das der Ehre nennen

Aber das Zeichen des ehrenhaften Mannes und des Mannes von Ehre bei ihnen ist

allein keine Niederträchtigkeit wie sie dieselbe verstehen zu begehen Und

wenn jemand für die Größe oder aus Eigensinn Ströme Blutes vergösse wenn er

alles kopfüber stürzte so würde man das für nichts rechnen und ein antiker

Herostrat oder ein Don Juan der Oper würde als Held gelten Man spottet ganz

laut über die Liebe zum Vaterlande man verlacht diejenigenwelche für das

öffentliche Wohl sorgen und wenn irgend ein Wohlgesinnter von dem spricht was

aus der Nachkommenschaft werden sollte so antwortet man kommt Zeit kommt Rat

Aber solchen Leuten könnte widerfahren dass sie selbst die Übel erproben welche

sie anderen aufbehalten wähnen Wenn man jetzt noch von dieser epidemischen

Geisteskrankheit deren schlimme Wirkungen sichtbar zu werden beginnen sich

heilte so könnte jenen Übeln vielleicht noch vorgebeugt werden aber wenn sie

immer mehr wächst so wird die Vorsehung die Menschen durch die Revolution

selbst die daraus entstehen muss strafend bessern denn was auch geschehen

möge so wird stets alles am Ende der Rechnung sich zum besten wenden wenn

schon dies nicht ohne Züchtigung derer welche durch ihre schlimmen Handlungen

selbst zum Guten beigetragen haben geschehen darf und kann Ich komme jedoch

von einer Abschweifung zurück zu der mich die Betrachtung der schädlichen

Meinungen und des Rechtes sie zu tadeln geleitet hat Da nun in der Theologie

die Zensuren noch viel weiter gehen als anderswo und die welche ihre

Rechtsgläubigkeit geltend machen oft die Gegner verdammen wogegen sich in

ihrer Partei selbst diejenigen setzen welche von ihren Gegnern Synkretisten

genannt werden, so hat diese Meinung Bürgerkriege zwischen den Strenggläubigen

und den Nachgiebigen in einer und derselben Partei erregt Da indessen denen

welche anderer Meinung sind die ewige Seligkeit abzusprechen ein Eingriff in

die Rechte Gottes ist so verstehen dies die Weisesten unter den Verdammern nur

von der Gefahr in welcher sie die irrenden Seelen zu sehen glauben und

überlassen der besonderen Gnade Gottes diejenigen deren Bosheit sie nicht

unfähig macht jene Gnade zu empfangen und glauben sich ihrerseits

verpflichtet alle erdenkbaren Anstrengungen zu machen um sie einem so

gefährlichen Zustand zu entreißen Wenn diese Leute welche so über die Gefahr

anderer urteilen zu jener Ansicht nach einer angemessenen Prüfung gekommen

sind und es kein Mittel gibt sie ihres Irrtums zu überführen so kann man ihr

Verfahren nicht tadeln solange sie nur die Woge der Sanftmut wandeln Aber

sobald sie weiter gehen so heißt das die Gesetze der Billigkeit verletzen Denn

sie müssen bedenken dass andere ebenso überzeugt wie sie gerade soviel Recht

haben ihre Ansichten aufrechtzuerhalten und selbst zu verbreiten wenn sie

dieselben für wichtig halten Man muss die Meinungen ausnehmen welche Verbrechen

lehren diese darf man nicht dulden und man hat das Recht sie auf dem Wege der

Strenge zu ersticken selbst wenn derjenige welcher sie vertritt sich in

Wahrheit derselben nicht entschlagen kann wie man das Recht hat ein giftiges

Tier zu vertilgen mag es auch ganz unschuldig sein Ich spreche aber vom

Vertilgen der Sekte und nicht der Menschen weil man sie verhindern kann zu

schaden und Lehrsätze zu verbreiten

     5 Philalethes Um auf den Grund und die Grade der Zustimmung

zurückzukommen so ist es am Platze zu bemerken dass es Sätze von zwei Arten

gibt die einen betreffen Tatsachen die da sie von der Beobachtung abhangen

auf ein menschliches Zeugnis gegründet werden können, die anderen sind

spekulativ und sind da sie Dinge angehen welche unsere Sinne nicht entdecken

können eines ähnlichen Zeugnisses nicht fähig  6 Wenn eine einzelne Tatsache

unseren stets gleichbleibenden Beobachtungen und den einstimmigen Berichten

anderer entspricht verlassen wir uns so fest darauf als ob es eine sichere

Erkenntnis wäre und wenn es dem Zeugnis aller Menschen in allen Jahrhunderten

soweit es gekannt werden kann, entspricht so ist dies der erste und höchste

Grad der Wahrscheinlichkeit, zB dass das Feuer erwärmt dass das Eisen im Wasser

untersinkt Unser auf solchen Gründen ruhender Glaube erhebt sich bis zur

Gewissheit  7 Zweitens wenn alle Historiker erzählen dass dieser oder jener

seinen eigenen Vorteil dem öffentlichen vorgezogen hat so ist da man

beobachtet hat dass dies die Gewohnheit der meisten Menschen ist eine solchen

Erzählungen gegebene Zustimmung ein Vertrauensakt  8 Drittens wenn die Natur

der Dinge nichts enthält was dafür oder dagegen ist so wird eine durch das

Zeugnis Unverdächtiger bezeugte Tatsache zB dass ein Julius Caesar gelebt hat

mit einem festen Glauben daran aufgenommen Aber wenn die Zeugnisse dem

gewöhnlichen Naturlauf oder untereinander widersprechend sind so können die

Wahrscheinlichkeitsgrade sich bis ins Unendliche vervielfältigen Daher stammen

jene Grade welche wir Glauben Vermutung Zweifel Ungewissheit Misstrauen

nennen und da ist denn strenge Prüfung nötig um ein richtiges Urteil zu bilden

und unsere Zustimmung den Graden der Wahrscheinlichkeit anzupassen

    Theophilus Die Juristen haben bei ihrer Behandlung der Beweise

Präsumtionen Konjekturen und Merkmale viel Richtiges über diesen Gegenstand

gesagt und sind viel auf das einzelne eingegangen Sie beginnen mit dem

Ortskundigen Notorischen wobei man keinen Beweis nötig hat Darauf kommen sie

zu den vollständigen Beweisen oder solchen die dafür gelten auf Grund deren

man wenigstens in Zivilsachen Entscheidungen ergehen lässt aber bei anderen

Fällen in Kriminalsachen zurückhaltender ist Man hat auch nicht unrecht dafür

mehr als volle Beweise und namentlich je nach der Natur der Tatsache das zu

verlangen was man corpus delicti nennt Es gibt also mehr als volle Beweise und

auch gewöhnlich volle Beweise Ferner gibt es Präsumtionen Annahmen welche

als vorläufig vollständige Beweise gelten dh so lange als das Gegenteil nicht

nachgewiesen ist Ferner gibt es mehr als halb volle Beweise eigentlich zu

reden wo man dem der sich darauf stützt zu schwören erlaubt um sie zu

vervollständigen dies ist das juramentum suppletorium Es gibt dann wieder

andere weniger als halb volle Beweise wo man ganz im Gegenteil denjenigen zum

Reinigungseid lässt welcher die Tatsache leugnet dies ist das juramentum

purgationis Außerdem gibt es noch viele Grade von Konjekturen und Merkmalen

Und besonders gibt es in Kriminalsachen Merkmale ad torturam um zur

peinlichen Frage zu schreiten welche selbst wieder ihre durch die

Verhaftungsformeln bezeichneten Grade hat es gibt Merkmale ad terrendum bei

welchen es hinreicht die Marterinstrumente sehen zu lassen und die Tortur

vorzubereiten als ob man dazu schreiten wollte Es gibt deren ad capturam um

sich eines Verdächtigen zu versichern und ad inquirendum um sich unter der

Hand und ohne Aufheben zu unterrichten Diese Unterschiede können auch bei

anderen entsprechenden Gelegenheiten brauchbar sein und das ganze

Gerichtsverfahren in der Justiz ist in der Tat nichts anderes als eine auf die

Rechtsfragen angewendete Art Logik Auch die Ärzte haben eine Menge Grade und

Unterschiede ihrer Symptome und Indikationen welche man in ihren Büchern

nachsehen kann Die Mathematiker unserer Zeit haben bei Gelegenheit der Spiele

angefangen die Glückschancen abzuschätzen Der Ritter de Meré dessen »

Belustigungen« und andere Werke gedruckt sind ein Mann von durchdringendem

Geist der ein Spieler und Philosoph war gab dazu Veranlassung indem er Fragen

aber die Partien aufstellte um zu erfahren was das Spiel wenn es in diesem

oder jenem Punkte unterbrochen würde wert sei Er veranlasste dadurch seinen

Freund Pascal diese Dinge ein wenig zu untersuchen Die Frage machte Lärm und

gab Huygens Gelegenheit seinen Traktat de Alea über das Würfelspiel

abzufassen Andere Gelehrte nahmen gleichfalls teil Man setzte einige

Grundregeln fest die auch der Ratspensionär de Wit in einer Meinen auf

Holländisch geschriebenen Abhandlung über die lebenslänglichen Renten benutzte

    Der Grund auf welchem man gebaut hat kommt auf die Prosthaphaeresis dh

darauf zurück dass man zwischen mehreren gleich annehmbaren Voraussetzungen ein

arithmetisches Mittel nimmt dessen sich unsere Bauern schon lange mit ihrer

natürlichen Mathematik bedient haben Wenn zB eine Erbschaft oder ein Landgut

verkauft werden soll bilden sie drei Gruppen von Abschätzern diese Gruppen

werden im Niedersächsischen Schurzen genannt und jede davon macht eine

Abschätzung des fraglichen Gutes Setzen wir dass die eine es zu dem Werte von

1000 Tlr die andere zu 1400 Tlr die dritte zu 1500 Tlr schätzt so nimmt

man die Summe dieser drei Abschätzungen mit 3900 und davon weil drei Gruppen

gewesen sind den dritten Teil der für den verlangten Mittelwert 1300 ist

oder was dasselbe ist, man nimmt die Summe des dritten Teils jeder Schätzung

Das ist der Grundsatz aequalibus aequalia Gleiches für Gleiches  bei gleichen

Voraussetzungen muss man gleiche Folgerungen machen Wenn aber die

Voraussetzungen ungleich sind vergleicht man sie miteinander Vorausgesetzt

zB dass mit zwei Würfeln der eine Spieler gewinnen soll wenn er 7 Punkte hat

der andere wenn er 9 hat so fragt sich welches Verhältnis findet zwischen

ihren Wahrscheinlichkeiten zu gewinnen statt Ich antworte dass die

Wahrscheinlichkeit für den letzteren nur zwei Drittel der Wahrscheinlichkeit für

den ersteren wert ist denn mit zwei Würfeln kann der erstere 7 auf drei Arten

machen nämlich mit 1 und 6 oder 2 und 5 oder 3 und 4 und der andere kann 9 nur

auf zwei Arten machen indem er entweder 3 und 6 oder 4 und 5 wirft Und alle

diese Würfe sind gleich möglich Also werden die Wahrscheinlichkeiten welche

wie die Zahlen der gleichen Möglichkeiten sind sich wie 3 zu 2 oder wie 1 zu

23 verhalten Ich habe mehr als einmal gesagt dass eine neue Art Logik nötig

sein würde welche die Wahrscheinlichkeitsgrade behandeln müsste da Aristoteles

in seiner Topik nichts weniger als das gemacht sich vielmehr begnügt hat

gewisse leichtfassliche nach den Gemeinplätzen eingeteilte Regeln in eine

gewisse Ordnung zu bringen die in den Fällen dienen können wo es sich darum

handelt den Vortrag zu erweitern und ihm einige Wahrscheinlichkeit zu geben

ohne sich zu bemühen den notwendigen Maßstab zur Abwägung der

Wahrscheinlichkeiten und zur Bildung eines gründlichen Urteils darüber

hinzuzufügen Gut wäre es wenn derjenige welcher diesen Gegenstand behandeln

wollte die Prüfung der Hazardspiele fortsetzte und überhaupt möchte ich

wünschen dass ein geschickter Mathematiker ein großes weitläufiges und recht

gründliches Werk über alle Arten von Spielen machen wollte Dies würde von

großem Nutzen sein um die Erfindungskunst zu vervollkommnen da der menschliche

Geist sich mehr in den Spielen als in den ernsteren Gegenständen zeigt

     10 Philalethes Das Gesetz Englands beobachtet die Regel dass die

Abschrift eines Gesetzesaktes welche durch Zeugen als authentisch anerkannt

worden ist, ein guter Beweis ist dass aber die Abschrift einer Abschrift möge

sie auch noch so beglaubigt sein und zwar durch die glaubwürdigsten Zeugen vor

Gericht niemals als Zeugnis zugelassen wird Ich habe noch niemand diese weise

Vorsicht tadeln hören Wenigstens kann man die Bemerkung daraus ziehen dass ein

Zeugnis in dem Maße weniger Kraft hat als es von der ursprünglichen Wahrheit

sich entfernt die in der Sache selbst besteht während freilich bei manchen

Leuten man ein schnurstracks entgegengesetztes Verfahren angewendet findet Die

Meinungen erhalten durch das Altwerden Kraft und was vor tausend Jahren einem

vernünftigen Zeitgenossen dessen welcher es zuerst bezeugt hat nicht

wahrscheinlich vorgekommen sein würde gilt gegenwärtig für gewiss weil es

mehrere auf jenes Zeugnis hin nacherzählt haben

    Theophilus Die Kritiker im historischen Fach legen großes Gewicht auf die

zeitgenössischen Zeugen der Begebenheiten indessen verdient selbst ein

Zeitgenosse besonders nur hinsichtlich der öffentlichen Angelegenheiten Glauben

spricht er aber von Motiven Geheimnissen verborgenen Triebfedern und

streitigen Dingen wie zB von Vergiftungen Mordtaten so erfährt man

wenigstens was mehrere geglaubt haben Procopius ist sehr glaubwürdig wenn er

vom Krieg des Belisar gegen die Vandalen und Goten spricht wenn er aber in

seinen Anecdota schlimme Lästerreden gegen die Kaiserin Theodora auftischt so

mag sie glauben wer will Man muss im allgemeinen sehr zurückhaltend sein den

Satiren zu glauben wir kennen deren welche man zu unserer Zeit veröffentlicht

hat und die wenngleich aller Wahrscheinlichkeit entgegen dennoch von den

Unwissenden gierig verschlungen worden sind. Und vielleicht wird man noch einmal

sagen Ists möglich dass man solche Dinge zu jener Zeit zu veröffentlichen

gewagt haben würde wenn nicht irgend ein Wahrscheinlichkeitsgrund dafür war

Aber wenn man dies einmal sagt wird man sehr falsch urteilen Indessen ist die

Welt geneigt sich der Satire hinzugeben und um nur ein Beispiel davon

anzuführen so haben nachdem der verstorbene Mr du Maurier Sohn in seinen vor

einigen Jahren gedruckten Memoiren der Wahrheit zuwider in den Tag hinein

gewisse schlecht begründete Dinge gegen den unvergleichlichen Hugo Grotius

schwedischen Gesandten in Frankreich veröffentlicht hat  gegen das Andenken

dieses berühmten Freundes seines Vaters durch irgend einen Umstand

augenscheinlich aufgebracht  so haben sage ich viele Schriftsteller wie ich

bemerkt habe dies wiederholt obwohl die Staatshandlungen und Briefe des großen

Mannes hinlänglich das Gegenteil zeigen Man geht sogar so weit in der

Geschichte Romane zu schreiben und der welcher zuletzt ein Leben von Cromwell

angefertigt hat hielt es für erlaubt um den Gegenstand auszuschmücken indem

er von dem damals noch privaten Leben des gescheiten Usurpators sprach ihn nach

Frankreich reisen zu lassen wohin er ihm in die Wirtshäuser von Paris folgt

als ob er sein Reisemarschall gewesen wäre Es geht jedoch auch aus der von

Carrington geschriebenen Geschichte Cromwells hervor dass dieser niemals die

britischen Inseln verlassen hat Carrington war aber wohl unterrichtet und mit

Cromwells Sohn Richard als er noch den Protektor machte vertraut Vor allem

sind Einzelheiten wenig sicher Man hat fast gar keine guten Beschreibungen von

Schlachten die meisten derselben im Titus Livius scheinen aus der Phantasie

geschöpft zu sein ebenso wie die des Quintus Curtius Man müsste von beiden

Parteien die Berichte genauer und fähiger Männer haben die sogar Pläne

entwerfen müssten wie diejenigenwelche der Graf Dahlberg welcher schon mit

Auszeichnung unter König Karl Gustav von Schweden gedient hatte und als

Generalgouverneur von Livland Riga vor kurzem verteidigt hat über die

Kriegstaten und Schlachten dieser Fürsten stechen ließ

    Man muss indessen nicht gleich einen guten Geschichtsschreiber um eines Wortes

irgend eines Fürsten oder Ministers willen der bei irgend einer Gelegenheit

gegen ihn auftritt oder wegen irgend eines Punktes verschreien der nicht

gefällt und allerdings vielleicht irgend einen Fehler enthält Man erzählt dass

Karl der Fünfte wenn er sich etwas aus Sleidan vorlesen lassen wollte sagte

Bringt mir meinen Lügner und dass Carlowiz ein in jener Zeit wohl bewanderter

sächsischer Edelmann erklärte die Geschichte Sleidans zerstöre bei ihm alle

die gute Meinung welche er von den alten Geschichten gehabt habe Dies sage

ich darf bei wohlunterrichteten Personen von keinem Gewicht sein um das

Ansehen der Sleidanschen Geschichte umzustürzen deren bester Teil aus den

Staatsakten der Reichstage und Versammlungen und aus durch die Fürsten

beglaubigten Staatsschriften zusammengesetzt ist und wenn noch der geringste

Zweifel darüber bleiben sollte so wird er gerade jetzt durch die ausgezeichnete

Geschichte meines berühmten Freundes des verstorbenen Herrn von Seckendorf

gehoben bei dem ich indessen mich nicht enthalten kann den Ausdruck

»Luthertum« auf dem Titel zu missbilligen den eine schlechte Gewohnheit in

Sachsen zu Ansehen gebracht hat Dort wird das meiste durch zahllose aus den

sächsischen Archiven gewonnene Beweisstücke welche er zur Verfügung hatte

gerechtfertigt mag auch der Bischof von Meaux der dabei angegriffen wird und

dem ich das Bach schickte mir antworten es sei von einer fürchterlichen

Weitschweifigkeit Ich wünschte nur dass es in demselben Verhältnis zweimal

größer wäre Je weitläufiger es ist desto mehr müsste es Gelegenheit geben sich

mit ihm zu beschäftigen da man nur zu wählen brauchte wo man anfinge auch

gibt es sonst sehr geschätzte historische Werke welche noch viel größer sind

    Übrigens verachte man nicht immer die Schriftsteller welche nach der Zeit

von der sie sprechen gelebt haben wenn nur was sie erzählen auch sonst

bestätigt wird Mitunter kommt es auch vor dass sie die ältesten Stücke

aufbewahren Man war zB in Ungewissheit aus welcher Familie Suibert Bischof

von Bamberg nachher Papst unter dem Namen Clemens II stammte Ein anonymer

braunschweigischer Geschichtsschreiber der im 14 Jahrhundert gelebt hat hatte

seine Familie genannt aber die in unserer Geschichte bewanderten Gelehrten

hatten darauf keine Rücksicht genommen Ich habe aber eine viel ältere noch

ungedruckte Chronik gehabt wo dasselbe mit mehr Einzelheiten gesagt ist woraus

hervorgeht dass er von der Familie der alten Feudalherren von Homburg in der

Nähe von Wolfenbüttel stammte deren Land durch den letzten Besitzer dem

Halberstädter Dom geschenkt wurde

     11 Philalethes Man soll auch nicht von mir glauben dass ich das Ansehen

und den Nutzen der Geschichte durch meine Bemerkung habe herabsetzen wollen Aus

dieser Quelle erhalten wir mit überzeugender Klarheit einen großen Teil der uns

nützlichen Wahrheiten Ich kenne nichts Schätzenswerteres als die aus dem

Altertum uns übrig gebliebenen Memoiren und wollte gern dass wir deren noch

eine größere Zahl und weniger verfälschte hätten Aber es bleibt immer wahr dass

keine Abschrift sich über die Gewissheit der ersten Urschrift erhebt

    Theophilus Wenn man nur einen alten Schriftsteller als Gewährsmann einer

Tatsache hat so fügen sicherlich alle diejenigenwelche ihn ausgeschrieben

haben demselben kein Gewicht hinzu oder müssen vielmehr für nichts gerechnet

worden Dies muss sich dann ganz ebenso verhalten als ob das von ihnen Bemerkte

zur Zahl der hapax legomena gehörte dessen was nur einmal gesagt worden ist,

worüber Menagius ein Buch verfassen wollte Wenn hunderttausend kleine

Schriftsteller die Schmähreden Bolsecs zB wiederholen wollten würde auch

heute noch ein vernünftiger Mensch sich ebensowenig daran kehren als an das

Geschrei der Sperlinge Juristen haben de fide historica über die historische

Glaubwürdigkeit geschrieben aber dieser Gegenstand verdiente eine tiefer

eingehende Untersuchung und einige von jenen Schriftstellern sind zu

nachsichtig gewesen Was das hohe Altertum betrifft so sind einige der

hervorstechendsten Tatsachen zweifelhaft Gescheite Leute haben mit Grund

gezweifelt ob Romulus der erste Gründer der Stadt Rom gewesen ist Man streitet

über den Tod des Cyrus und außerdem hat der Widerspruch zwischen Herodot und

Ktesias über die Geschichte der Assyrier Babylonier und Perser Ungewissheit

verbreitet Die von Nebukadnezar von Judith und selbst diejenige des Ahasveros

aus dem Buch Esther leidet an großen Schwierigkeiten Die Römer widersprechen

mit ihrer Geschichte vom Gold von Toulouse dem was sie über die Niederlage der

Gallier durch Camillus erzählen Vor allem verdient die eigene und private

Geschichte der Völker keinen Glauben wenn sie nicht sehr alten Quellenschriften

entnommen ist und mit der allgemeinen Geschichte übereinstimmt Darum gilt

alles was man uns von den alten deutschen gallischen britischen

schottischen polnischen und anderen Königen erzählt mit Recht für fabelhaft

Jener Trebeta Ninus Sohn Gründer von Trier jener Brutus der Stammvater der

Britonen oder Briten sind gerade so viel wert als die Amadis Die aus

Romanschreibern hergeholten Erzählungen welche Trithemius Aretin und selbst

Albin und Sifrid Petri über die alten Fürsten der Franken Bojer Sachsen

Friesen aufzutischen sich die Freiheit genommen haben und das was Saxo

Grammaticus und die Edda uns von den fernsten nordischen Altertümern erzählen

kann nicht mehr Gewicht haben als was Kadlubko der erste polnische

Geschichtsschreiber von einem ihrer Könige erzählt welcher Eidam des Julius

Cäsar gewesen sein soll

    Wenn aber die Erzählungen verschiedener Völker sich in den Fällen begegnen

wo es keinen Anschein hat dass der eine den anderen abgeschrieben habe so ist

das ein bedeutendes Zeichen für die Wahrheit Solcher Art ist die Übereinstimmung

des Herodotus mit der Geschichte im Alten Testament in vielen Fällen wenn er

zB von der Schlacht von Megiddo zwischen dem Könige von Ägypten und den

Syriern Palästinas spricht dh den Juden wo nach dem Bericht der Heiligen

Schrift welche wir von den Hebräern haben der König Josias tödlich verwundet

wurde Auch die Übereinstimmung der arabischen persischen türkischen mit den

griechischen römischen und anderen abendländischen Schriftstellern ist denen

welche den Tatsachen nachforschen sehr willkommen wie denn auch die Zeugnisse

welche die aus dem Altertum übrigen Münzen und Inschriften den auf uns

gekommenen antiken Schriftstellern geben und die im Grunde Abschriften von

Abschriften sind Was die Geschichte von China uns noch lehren wird bleibt

abzuwarten bis wir besser imstande sein werden darüber zu urteilen und sie

sich Glauben verschafft haben wird

    Der Nutzen der Geschichte besteht hauptsächlich in dem Genuss den Ursprung

der Völker zu erkennen dass man ferner denen welche sich um die übrige

Menschheit wohl verdient gemacht haben Gerechtigkeit widerfahren lässt in der

Gründung einer historischen Kritik und vor allem der heiligen Geschichte welche

das Fundament der Offenbarung bildet und endlich wenn wir die Genealogien und

Fürsten wie Potentatenrechte beiseite setzen in den nützlichen Unterweisungen

welche die Beispiele uns liefern Ich halte es nicht für überflüssig die

Altertümer bis auf die kleinsten Kleinigkeiten genau zu untersuchen denn

mitunter kann die von den Kritikern daraus gezogene Kenntnis zu den wichtigsten

Dingen nützen Ich stimme zB ganz damit überein dass man sogar die gesamte

Geschichte der Kleidungen und der Schneiderkunst von den Anzügen der hebräischen

Hohenpriester oder wenn man will von den Pelzröcken aus die Gott den ersten

Ehegatten bei ihrem Abschiede aus dem Paradiese gab bis zu den Fontangen und

Falbalas unserer Zeit schreibe und dass man dem alles hinzufüge was man aus den

alten Skulpturen und den seit einigen Jahrhunderten gemachten Gemälden gewinnen

kann Auf Verlangen würde ich sogar die Memoiren eines Augsburgers aus dem

verflossenen Jahrhundert liefern der sich mit allen den Kleidern welche er

seit seiner Kindheit bis zum dreiundsechzigsten Jahre trug gemalt hat Auch hat

mir jemand erzählt dass der verstorbene Herzog von Aumont ein großer Kenner der

schönen Altertümer eine ähnliche Merkwürdigkeit gehabt hat Dies würde

vielleicht dazu dienen die wirklichen Altertümer von denen die es nicht sind

zu unterscheiden von manchem anderen Nutzen nicht zu reden Und weil es den

Menschen zu spielen erlaubt ist so würde es ihnen auch erlaubt sein sich mit

dieser Art von Arbeiten wenn die wesentlichen Pflichten nicht darunter leiden

zu unterhalten Aber ich wünschte auch dass es Leute gäbe die sich besonders

darauf legten das Nützlichste aus der Geschichte zu ziehen wie zB

außerordentliche Beispiele von Tugend Bemerkungen über die Bequemlichkeiten des

Lebens politische und Kriegslisten Auch möchte ich dass man eigens eine Art

von Universalgeschichte gründete die nur solche Sachen anmerkte und einige

andere von der höchsten Wichtigkeit denn mitunter kann man ein großes

Geschichtsbuch lesen gelehrt gut geschrieben dem Zwecke des Verfassers selbst

entsprechend und ausgezeichnet in seiner Art aber das keine nützlichen

Unterweisungen enthält unter denen ich hier aber nicht bloße Tugendlehren

verstehe von denen das Theatrum vitae humanae und andere solche Blumenlesen

angefüllt sind sondern Geschicklichkeiten und Kenntnisse an welche im Notfall

niemand gleich denken würde Auch wünschte ich dass man aus den Büchern der

Reisenden möglichst viele Dinge dieser Art zöge aus denen man Nutzen gewinnen

könnte und dass man sie nach der Ordnung der Gegenstände mitteilte Aber

erstaunlicherweise vergnügen sich die Menschen während so viel Nützliches zu

tun bleibt fast immer nur mit dem was schon getan ist oder mit bloßem

Unnützlichem oder wenigstens mit dem was am unbedeutendsten ist und dagegen

sehe ich kein Mittel bis die öffentliche Meinung sich bei ruhigeren Zeiten mehr

darein mischen wird

     12 Philalethes Ihre Abschweifungen gewähren so viel Vergnügen wie

Vorteil Von den Wahrscheinlichkeiten der Tatsachen wollen wir aber zu denen der

Meinungen über die nicht sinnenfälligen Dinge übergehen Diese sind keines

Zeugnisses fähig zB über das Dasein und Wesen der Geister Engel Dämonen

usw über die körperlichen Stoffe welche auf den Planeten und anderen

Wohnplätzen des großen Weltgebäudes vorkommen endlich über die Wirkungsart der

meisten Werke der Natur, und alles dessen was wir nur mit Vermutungen erfassen

können wobei die Analogie die große Wahrscheinlichkeitsregel ist Denn da sie

nicht bezeugt werden könnenso können sie nur insofern wahrscheinlich sein als

sie mit den feststehenden Wahrheiten mehr oder weniger übereinkommen Wenn die

starke Reibung zweier Körper Wärme und selbst Feuer hervorbringt wenn die

Refraktionen durchscheinender Körper Farben erscheinen lassen so schließen wir

dass das Feuer in einer heftigen Bewegung unsichtbarer Stoffteilchen bestehe und

dass die Farben deren Ursprung wir nicht bemerken aus einer ähnlichen

Refraktion stammen und wenn wir finden dass in allen Teilen der Schöpfung eine

stufenweise Verknüpfung herrscht welche ohne irgend eine beträchtliche Lücke

unter sich der menschlichen Beobachtung unterworfen sind so haben wir alle

Ursache zu denken dass die Dinge sich auch nach und nach und in unmerklichem

Grade zur Vollkommenheit erheben Es ist schwer zu sagen wo das Empfindende und

Vernünftige beginnt und welches die tiefste Stufe der lebenden Wesen ist,

gerade wie in einem regelmäßigen Regel die Größe zu oder abnimmt Zwischen

manchen Menschen und manchen Tieren gibt es einen außerordentlichen Unterschied

aber wenn wir den Verstand und die Fähigkeit mancher anderen Menschen und

mancher Tiere vergleichen wollten würden wir darin so wenig unterschied finden

dass es sehr schwer wäre sich zu vergewissern ob der Verstand dieser Menschen

stärker oder umfassender sei als solcher Tiere Wenn wir also eine solche

unmerkliche Steigerung zwischen den Teilen der Schöpfung vom Menschen bis zu den

niedrigsten Teilen die unter ihm sind bemerken so lässt uns die Regel der

Analogie als wahrscheinlich betrachten dass es eine ähnliche Steigerung in den

Dingen gibt die über uns und außerhalb des Gesichtskreises unserer

Beobachtungen sind und diese Art von Wahrscheinlichkeit ist die große Grundlage

vernunftgemäßer Hypothesen

    Theophilus Auf Grund dieser Analogie urteilt Huygens in seinem

Cosmotheoros dass der Zustand der anderen Hauptplaneten dem des unsrigen ganz

ähnlich sei ausgenommen dass der verschiedene Abstand der Sonne Verschiedenheit

verursachen muss und darüber hat Herr von Fontenelle welcher schon früher seine

geistvollen und gelehrten Unterhaltungen über die Mehrheit der Welten

herausgegeben hatte hübsche Dinge gesagt und die Kunst erfanden einen

schwierigen Gegenstand angenehm zu machen Man möchte beinahe sagen dass es in

Harlekins Mondreiche ganz wie hier zugeht Allerdings urteilt man von den

Monden welche bloß Trabanten sind ganz anders als von den Hauptplaneten

Kopier hat ein kleines Buch hinterlassen das über den Zustand des Mondes eine

sinnreiche Erdichtung enthält und ein Engländer von Geist hat die spaßhafte

Beschreibung von einem Spanier seiner Erfindung gegeben den die Zugvögel nach

dem Monde entführten Cyranos nicht zu erwähnen der diesen Spanier nachher

holen ging Einige geistreiche Leute die vom anderen Leben ein schönes Bild

geben wollten lassen die seligen Geister von Welt zu Welt herumspazieren und

unsere Einbildungskraft findet darin einen Teil der schönen Beschäftigungen

welche man den Geistern zuschreiben kann Aber welche Mühe sie sich auch geben

mag so zweifle ich doch dass sie ihren Zweck erreichen kann wegen des großen

Abstandes zwischen uns und jenen Geistern und deren großer Mannigfaltigkeit Und

bis wir Brillen erfinden welche Descartes uns in Aussicht stellte um Teile der

Mondscheibe nicht größer als unsere Häuser zu unterscheiden können wir nicht

bestimmen was auf einer von der unsrigen verschiedenen Weltkugel vor sich geht

Nützlicher und wahrheitsgemäßer würden unsere Vermutungen über die inneren Teile

irdischer Körper sein

    Ich hoffe man wird in vielen Fällen über die bloße Vermutung hinauskommen

und glaube schon jetzt dass wenigstens die heftige Bewegung der Teile des

Feuers welche wir soeben besprochen haben nicht unter diejenigen Dinge

gerechnet werden darf die nur wahrscheinlich sind Schade dass die Hypothese

Descartes über die innere Bildung des sichtbaren Metalls sich durch die seitdem

gemachten Untersuchungen und Entdeckungen so wenig bestätigt hat oder dass

Descartes nicht 50 Jahre später gelebt hat um uns eine ebenso geistvolle

Hypothese auf Grund der jetzigen Kenntnisse zu geben wie die welche er auf

Grund der Kenntnisse seiner Zeit gab

    Was die gradweise Verknüpfung der Arten anbetrifft so haben wir darüber in

einer früheren Unterredung schon etwas gesagt wo ich bemerkte dass schon

Philosophen über Lücken in den Formen oder Arten Betrachtungen angestellt haben

Alles geht in der Natur stufenweise und nichts sprungweise vor sich eine Regel

hinsichtlich der Veränderungen die einen Teil meines Gesetzes der Kontinuität

ausmacht Die Schönheit der Natur aber welche deutliche Wahrnehmungen will

fordert scheinbare Sprünge und sozusagen musikalische Intervalle in den

Erscheinungen, und findet ihre Lust daran die Arten zu vermischen So hat die

Natur wenngleich es in irgend einer anderen Welt mittlere Arten zwischen Mensch

und Tier je nachdem man den Sinn dieser Worte nimmt geben mag und es

wahrscheinlich irgendwo vernunftbegabte Wesen die über uns stehen gibt es für

gut befunden sie von uns fernzuhalten um uns die unstreitige Überlegenheit zu

geben welche wir auf unserem Erdball haben Ich rede von den Mittelarten und

will mich hier nicht auf die menschlichen Individuen welche sich den Tieren

nähern einlassen weil dabei offenbar nicht ein Mangel an Vermögen sondern ein

Hindernis der Ausübung ist dergestalt dass ich glaube der einfältigste Mensch

der nicht durch Krankheit oder durch einen anderen der Krankheit gleichen

dauernden Fehler in einem naturwidrigen Zustande sich befindet sei

unvergleichlich viel vernünftiger und gelehriger als das klügste aller Tiere

obwohl man mitunter aus Scherz das Gegenteil behauptet Übrigens billige ich

sehr die Erforschung der Analogien die Pflanzen Insekten und die vergleichende

Anatomie der Tiere werden uns deren mehr und mehr liefern besonders wenn man

fortfahren wird sich des Mikroskops noch mehr als bisher zu bedienen Und in

noch allgemeinerem Sinne wird man finden dass meine Ansichten über die überall

verbreiteten Monaden über ihre endlose Dauer über die Erhaltung des lebendigen

Wesens mit der Seele über die in einem gewissen Zustand kaum noch

hervortretenden Wahrnehmungen wie der Tod der einfachen Tiere ein solcher ist

über die der Vernunft gemäß den Geistern zuzuschreibenden Körper über die

Übereinstimmung der Seelen und der Körper, der zufolge ein jeder seinen eigenen

Gesetzen vollkommen folgt ohne durch den anderen gestört zu werden und ohne

dass Freiheit und Unfreiheit dabei unterschieden zu werden brauchen man wird

sage ich finden dass alle diese Ansichten ganz und gar der Analogie der von uns

bemerkten Dinge entsprechen und ich sie nur über unsere Beobachtungen hinaus

ausdehne ohne sie auf bestimmte Teile des Stoffes oder auf bestimmte Arten der

Tätigkeit zu beschränken und dass dabei kein anderer Unterschied obwaltet als

der des Größeren und Kleineren des Wahrnehmbaren und nicht Wahrnehmbaren

     13 Philalethes Nichtsdestoweniger gibt es einen Fall wo wir der durch

die Erfahrung erkannten Analogie der natürlichen Dinge weniger Glauben schenken

als dem entgegengesetzten Zeugnisse einer auffallenden sich davon entfernenden

Tatsache Denn wenn übernatürliche Begebenheiten den Zwecken desjenigen welcher

den Lauf der Natur zu verändern die Macht hat entsprechen so haben wir keinen

Grund den Glauben daran zu verweigern wenn sie wohl bezeugt sind und das ist

der Fall bei den Wundern welche nicht allein durch sich selbst Glauben finden

sondern ihn auch anderen Wahrheiten mitteilen die einer solchen Bestätigung

bedürfen  14 Endlich gibt es ein Zeugnis welches über jede andere Zustimmung

hinausgeht das ist die Offenbarung also die Bezeugung Gottes der weder

täuschen noch getäuscht werden kann, und die ihr erteilte Beistimmung nennen wir

Glauben welcher allen Zweifel ebenso vollständig ausschließt wie die gewisseste

Erkenntnis Aber der Punkt ist überzeugt zu sein dass die Offenbarung göttlich

ist und zu wissen dass wir deren wahren Sinn begreifen sonst setzt man sich

dem Fanatismus und den Irrtümern einer falschen Auslegung aus und wenn das

Vorhandensein und der Sinn der Offenbarung nur wahrscheinlich ist so kann die

Beistimmung keine größere Wahrscheinlichkeit haben als die welche sich in den

Beweisen vorfindet Aber davon wollen wir noch weiter sprechen

    Theophilus Die Theologen unterscheiden zwischen den Motiven der

Glaubhaftigkeit wie sie sie nennen nebst der natürlichen Zustimmung die

daraus hervorgehen muss und nicht mehr Wahrscheinlichkeit haben kann als diese

Motive und zwischen der übernatürlichen Zustimmung welche eine Wirkung der

göttlichen Gnade ist Man hat eigene Bücher über die Analyse des Glaubens

verfasst die nicht ganz miteinander übereinstimmen aber da wir in der Folge

davon reden werden so will ich jetzt nicht vorwegnehmen was wir an seinem Orte

darüber zu sagen haben werden

 
 






     1 Philalethes Ehe wir vom Glauben besonders reden wollen wir von der

Vernunft handeln Sie bezeichnet mitunter klare und wahrhafte Grundsätze

mitunter aus diesen Grundsätzen gezogene Schlüsse und mitunter die Ursache und

insbesondere die Zweckursache Hier wollen wir sie als ein Vermögen betrachten

durch das wie vorausgesetzt wird der Mensch sich von den Tieren unterscheidet

und worin er sie offenbar bedeutend übertrifft Wir haben ihrer nötig sowohl um

unsere Erkenntnis zu erweitern als um unsere Meinung zu regeln und sie bildet

wohlverstanden zwei Vermögen welche da sind der Scharfsinn um die

Mittelvorstellungen zu finden und das Vermögen Schlüsse zu ziehen oder zu

schließen Ferner können wir bei der Vernunft folgende vier Stufen in Betracht

ziehen 1 die Entdeckung der Beweise 2 die Anordnung derselben welche deren

Verbindung zeigt 3 das Innewerden der Verbindung in jedem Teile der

Beweisführung 4 das Ziehen des Schlusses daraus Diese Stufen kann man bei den

mathematischen Beweisen beobachten

    Theophilus Vernunft ist die erkannte Wahrheit deren Zusammenhang mit einer

anderen weniger bekannten bewirkt dass wir der letzteren beistimmen Aber

besonders und vorzugsweise nennt man das Vernunftgrund was nicht nur die

Ursache unseres Urteils sondern auch der Wahrheit selbst ist, was man auch

Grund a priori nennt und die Ursache in den Dingen entspricht dem Vernunft

Grunde in den Wahrheiten Darum wird die Ursache oft seihst Vernunft Grund

genannt und in diesem Sinne gebrauchen Sie den Ausdruck hier Dies Vermögen

der Vernunft) nun ist hienieden dem Menschen allein verliehen und kommt bei

anderen irdischen Wesen nicht vor denn ich habe schon früher gezeigt dass der

Schatten der Vernunft, welcher in den Tieren erscheint nur die Erwartung eines

ähnlichen Vorkommens in einem Falle ist der einem erlebten gleich scheint ohne

dass erkannt wird ob derselbe Grund stattfindet Selbst die Menschen handeln in

den Fällen wo sie bloß Empiriker sind nicht anders Aber insofern erheben sie

sich über die Tiere als sie die Zusammenhänge der Wahrheiten sehen die

Zusammenhänge sage ich die selbst noch notwendige und allgemeine Wahrheiten

bilden Diese Zusammenhänge sind sogar notwendig wenn sie auch nur eine Meinung

erzeugen da wo nach einer genauen Untersuchung das Vorwiegen einer

Wahrscheinlichkeit soweit man urteilen kann nachgewiesen werden kann; so dass

alsdann Beweisführung stattfindet wenn auch nicht hinsichtlich des eigentlichen

Sachverhaltes so doch der Seite welche die Klugheit zu ergreifen fordert

    Wenn wir dies Vernunftvermögen einteilen so glaube ich dass man einer

ziemlich allgemein angenommenen Ansicht zufolge nicht übel zwei Teile derselben

anerkennt wonach die Erfindung und das Urteil unterschieden werden. Was die

vier in den Beweisführungen der Mathematiker von Ihnen bemerkten Grade betrifft

so finde ich dass der erste davon welcher darin besteht die Beweise zu

entdecken dabei nicht vorkommt wie doch zu wünschen wäre Es sind das

Synthesen welche mitunter ohne Analyse gefunden worden sind, und mitunter ist

die Analyse unterdrückt worden Die Geometer setzen in ihren Beweisen zuerst den

zu beweisenden Satz und um zum Beweise zu gelangen setzen sie das Gegebene

durch eine Figur auseinander Diese nennt man Ekthesis Danach kommen sie zur

Vorbereitung und ziehen neue Linien deren sie für die Beweisführung bedürfen

und oft besteht die größte Kunst darin diese Vorbereitung zu finden Ist dies

geschehen so geben sie die Beweisführung selbst indem sie aus dem in der

Ekthesis Gegebenen und durch die Vorbereitung noch Hinzugefügten die Folgerungen

ziehen und kommen dadurch dass sie zu diesem Zweck die schon bekannten oder

bewiesenen Wahrheiten anwenden zum Schlusssatz Es gibt aber Fälle wo man sich

die Ekthesis und die Vorbereitung spart

     4 Philalethes Man glaubt allgemein dass der Syllogismus das große

Werkzeug der Vernunft und das beste Mittel istdies Vermögen auszuüben Was

mich anbetrifft so zweifle ich daran denn er dient nur dazu die Verknüpfung

der Beweise in einem einzigen Beispiele und nicht darüber hinaus sehen zu

lassen aber dies sieht der Geist leicht auch ohnedies und vielleicht besser

Auch setzen diejenigenwelche sich der Schlussfiguren und Modi zu bedienen

wissen sehr oft den Nutzen derselben aus einem ungeprüften Glauben an ihre

Lehrer voraus ohne den Grund davon einzusehen Wenn der Syllogismus notwendig

ist so erkannte vor dessen Erfindung niemand das Geringste aus Vernunft und

man müsste sagen dass Gott nachdem er eine zweibeinige Kreatur zum Menschen

gemacht dem Aristoteles die Sorge überlassen hätte ein vernünftiges Wesen

daraus zu machen ich meine aus derjenigen kleinen Anzahl die er dazu vermögen

konnte die Begründungen der Syllogismen zu prüfen wobei von mehr als sechzig

Arten die drei Figuren zu bilden es nur ungefähr vierzehn sichere gibt Gott

hat jedoch für die Menschen viel mehr Güte gehabt er hat ihnen einen des

Vernunftgebrauches fähigen Geist gegeben Ich sage dies nicht um Aristoteles

herabzusetzen den ich als einen der größten Männer des Altertums betrachte dem

wenige an Umfang Feinheit Scharfsinn des Geistes und Stärke der Urteilskraft

gleichkommen und der gerade dadurch dass er jenes kleine System der

syllogistischen Formen erfunden hat den Gelehrten einen großen Dienst gegen

diejenigenwelche sich nicht schämen alles zu leugnen geleistet hat Jene

Formen sind indessen doch weder das einzige noch das beste Mittel zu schließen

und Aristoteles selbst fand sie nicht mittels der Formen selbst sondern auf dem

ursprünglichen Wege der offenbaren Zusammengehörigkeit der Vorstellungenund

die Erkenntnis welche man dabei durch die natürliche Ordnung in den

mathematischen Beweisen erhält kommt ohne die Hilfe irgend eines Syllogismus

besser zum Vorschein

    Schließen heißt einen Satz aus einem anderen als wahr bereits hingestellten

Satz als wahrem ziehen indem man eine gewisse Verknüpfung von Mittelbegriffen

voraussetzt Dass zB die Menschen in der anderen Welt werden gestraft werden

wird man daraus schließen dass sie sich hienieden selbst bestimmen können

Folgendes ist dabei die Urteilsverknüpfung Die Menschen werden gestraft werden

und Gott ist derjenige welcher sie bestraft also ist die Strafe gerecht also

ist der Gestrafte schuldig also hätte er anders handeln können also besitzt er

Freiheit also endlich hat er das Vermögen sich zu bestimmen. Man sieht hier

den Zusammenhang besser als wenn man daraus fünf oder sechs ineinander

verschlungene Schlüsse machte wo die Vorstellungen transponiert wiederholt und

in künstliche Formen eingepfercht werden Es handelt sich darum zu wissen

welche Verknüpfung eine Mittelvorstellung im Schluss mit den beiden äußeren habe

aber das ist der Punkt den kein Schluss zeigen kann Der Geist ist es welcher

diese Vorstellungen durch eine Art von Nebeneinanderstellung als sich also

verhaltende bemerken kann und zwar durch seinen eigenen Blick Wozu dient also

der Schluss Er ist in den Schulen von Nutzen wo man sich nicht scheut die

Übereinstimmung solcher Vorstellungendie augenscheinlich miteinander

übereinkommen zu leugnen Woher kommt es dass die Menschen niemals bei sich

selbst Syllogismen machen wenn sie die Wahrheit suchen oder denen welche sie

aufrichtig zu erkennen wünschen vortragen Es ist auch deutlich genug dass

folgende Ordnung natürlicher ist

 

                     Mensch  organisches Wesen  lebendig

 

dh der Mensch ist ein organisches Wesen und ein organisches Wesen ist

lebendig also ist der Mensch lebendig als die des Schlusses

 

  Organisches Wesen  lebendig Mensch  organisches Wesen Mensch  lebendig

 

dh das organische Wesen ist lebendig der Mensch ist ein organisches Wesen

also ist der Mensch lebendig Allerdings können die Schlüsse dazu dienen eine

Falschheit zu entdecken welche sich unter dem blendenden Glanz eines der

Rhetorik entlehnten Flitterstaates verbirgt und ich habe ehemals geglaubt dass

der Schluss notwendig wäre um sich wenigstens vor den unter blumigem Vortrage

verhüllten Sophismen zu hüten aber nach einer schärferen Prüfung habe ich

gefunden dass man nur die Vorstellungenvon denen der Schlusssatz abhängt von

den übrigen zu trennen und sie in einer natürlichen Ordnung aufzureihen hat um

deren Nichtzusammenhang zu zeigen Ich habe jemand gekannt dem die Regeln des

Schlusses vollständig unbekannt waren der aber sofort die Schwäche und die

falschen Folgerungen eines langen künstlichen und annehmbar klingenden

Vortrages bemerkte von welchem andere in allen Feinheiten der Logik geübte

Leute sich hintergehen ließen und ich glaube dass es unter meinen Lesern wenige

gibt die solche Personen nicht kennen Und wenn dies nicht so wäre so würden

die Fürsten bei den Gegenständen, welche ihre Krone und Würde angehen nicht

verfehlen in den wichtigsten Verhandlungen Schlüsse zur Anwendung zu bringen

wo es doch nach aller Welt Ansicht sich deren zu bedienen etwas Lächerliches

wäre In Asien Afrika und Amerika hat unter den von den Europäern unabhängigen

Völkern fast niemand jemals davon reden hören Endlich findet sich um

abzuschließen dass diese scholastischen Formen nicht weniger dem Irrtum

unterworfen sind und selten werden die Leute durch diese scholastische Methode

zum Schweigen gebracht und noch seltener überzeugt und gewonnen Sie würden

höchstens anerkennen dass ihr Gegner geschickter ist aber darum bleiben sie

nichtsdestoweniger von der Gerechtigkeit ihrer Sache überzeugt Und wenn man in

der Schlussform trügerische Folgen verhüllen kann so muss der Trug durch irgend

ein anderes Mittel als das der Schlussform entdeckt werden können. Indessen bin

ich doch nicht der Meinung dass man die Schlussformen verwerfen noch sich irgend

eines Mittels berauben solle das den Verstand zu unterstützen fähig ist Es

gibt Augen die Brillen nötig haben aber wer sich derselben bedient soll nicht

sagen dass ohne Brille niemand gut sehen kann Das hieße die Natur zugunsten

eines Kunststücks dem man vielleicht Dank schuldet zu sehr herabsetzen Wenn

ihnen nicht gerade im Gegenteil begegnet ist was viele Leute erfahren haben

die sich der Brille zu viel oder zu früh bedienten so dass sie sich dadurch ihre

Augen so verdorben haben dass sie ohne deren Hilfe nicht mehr sehen konnten

    Theophilus Ihre Ausführung über den geringen Nutzen des Schlussverfahrens

enthält eine Fülle richtiger und schöner Bemerkungen Man muss es auch zugeben

dass die scholastische Form der Vernunftschlüsse wenig in der Welt angewendet

wird und dass sie zu lang sein und Verwirrung stiften würde wenn man sie

ernstlich anwenden wollte Und wollen Sie dennoch glauben dass ich die Erfindung

der Schlussform für eine der schönsten und selbst eine der wichtigsten

Erfindungen des menschlichen Geistes halte Sie ist eine Art allgemeiner

Mathematik deren Bedeutsamkeit noch nicht hinlänglich erkannt ist und man kann

sagen dass sie eine Unfehlbarkeitskunst enthält wenn man nur was nicht immer

angeht sich derselben wohl zu bedienen weiß und versteht Nun muss man wissen

dass ich unter den förmlichen Schlüssen Argumenten in forma nicht allein jene

scholastische Art des Vernunftverfahrens deren man sich in den Schulen bedient

verstehe sondern jedes Räsonnement das kraft der Form erschließt und wobei man

kein Glied zu ergänzen nötig hat dergestalt dass ein sogenannter Sorites

Haufenschluss eine andere syllogistische Reihe welche die Wiederholung

vermeidet sogar eine wohl aufgestellte Rechnung eine algebraische Berechnung

eine Infinitesimalanalyse mir allenfalls auch als »Argumente in Form« gelten

weil die Verfahrungsweise dabei in der Art vorher aufgezeigt worden ist, dass man

sicher ist sich darin nicht zu täuschen Und fast sind auch die Beweise des

Euklides meistens förmliche Argumente denn wenn er scheinbare Enthymeme macht

so wird das unterdrückte Urteil das zu fehlen scheint durch Bandverweisung

hinzugefügt wodurch das Mittel geboten wird jenes Urteil als schon bewiesen zu

finden Dadurch wird eine große Kürze erreicht ohne dass der Beweiskraft Abbruch

geschieht

    Diese Umkehrungen Zusammensetzungen und Teilungen der Gründe deren er sich

bedient sind nur Arten von Beweisformen wie sie den Mathematikern und ihrer

Behandlungsweise besonders eigen sind und sie beweisen diese Formen mit Hilfe

der allgemeinen Formen der Logik. Ferner muss man wissen dass es richtige

nichtsyllogistische Folgerungen gibt die man durch keinen Syllogismus streng

beweisen kann ohne die Termini ein wenig zu verändern und selbst diese

Veränderung der Termini ist die nichtsyllogistische Folgerung Es gibt deren

mehrere wie unter anderen a recto ad obliquum zB Jesus Christus ist Gott

also ist die Mutter Jesu Christi die Mutter Gottes Ebenso diejenige welche

gescheite Logiker Umkehrung der Beziehung genannt haben wie zB die Folgerung

Wenn David der Vater Salomons ist so ist Salomon ohne Zweifel Davids Sohn Und

diese Folgerungen sind ebensogut beweisbar durch die Wahrheiten von denen die

gewöhnlichen Schlüsse abhängen Diese Schlüsse sind ferner nicht nur

kategorisch sondern auch hypothetisch wobei die disjunktiven mitinbegriffen

sind Und von den kategorischen kann man sagen dass sie einfach oder

zusammengesetzt sind Die einfachen kategorischen Schlüsse sind solche welche

man für gewöhnlich aufzählt dh nach den Modi der Figuren und ich habe

gefunden dass die vier Figuren jede sechs Modi haben so dass es im ganzen 24

Modi gibt Die vier gewöhnlichen der ersten Figur sind nur das Resultat der

Zeichen Alle keiner irgend einer, und die um nichts auszulassen

hinzugefügten beiden sind nur die Sabalternationen der allgemeinen Sätze Denn

aus den beiden gewöhnlichen Modi Jedes B ist C und jedes A ist B also ist

jedes A C ebenso kein B ist C jedes A ist B also ist kein A C kann man

folgende zwei zusätzliche Modi machen Jedes B ist C jedes A ist B also ist

einiges A C ebenso Kein B ist C jedes A ist B also ist einiges A nicht C

Denn es ist nicht nötig die Subalternation zu beweisen und die Folgerungen

daraus darzutun Jedes A ist C also ist einiges A C ebenso kein A ist C also

ist einiges A nicht C obschon man sie durch die mit den schon angenommenen Modi

der ersten Figur verbundenen identischen Sätzen folgendermaßen dartun kann

Jedes A ist C einiges A ist A also ist einiges A C Ebenso kein A ist C

einiges A ist A also ist einiges A nicht C Dergestalt werden die zwei

zusätzlichen Modi der ersten Figur durch die beiden ersten gewöhnlichen Modi der

ersten Figur mit Hilfe der Subalternation bewiesen welche selbst durch die

beiden anderen Modi derselben Figur bewiesen werden. Und auf dieselbe Weise

empfängt auch die zweite Figur zwei neue Modi Die erste und zweite Figur haben

deren also sechs die dritte hat deren sechs von jeher gehabt bei der vierten

gab man deren fünf aber es findet sich dass auch sie nach demselben Prinzip der

Addition deren sechs hat

    Man muss aber wissen dass die logische Form uns keineswegs zu jener Ordnung

der Sätze zwingt deren man sich gewöhnlich bedient und ich bin ganz Ihrer

Meinung dass folgende anderweitige Anordnung besser ist Jedes A ist B jedes B

ist C also ist jedes A C was besonders durch die Soriten die eine Kette

solcher Schlüsse sind geschehen würde Denn es kam noch einer vor Jedes A ist

C jedes C ist D also ist jedes A D Man kann aus diesen beiden Schlüssen eine

Kette machen welche die Wiederholung durch folgende Fassung vermeidet Jedes A

ist B jedes B ist C jedes C ist D also ist jedes A D wo man sieht dass der

unnütze Satz jedes A ist C ausgelassen und die unnütze Wiederholung dieses

nämlichen Satzes den die beiden Schlüsse forderten vermieden worden ist, denn

dieser Satz ist nunmehr unnütz und die Kette bildet ein vollständiges und

formell richtiges Argument ohne diesen selbigen Satz wenn die Beweiskraft der

Schlusskette ein für allemal mittels dieser beiden Syllogismen bewiesen worden

ist. Es gibt noch eine unendliche Menge anderer mehr zusammengesetzter

Schlussketten nicht allein weil eine größere Zahl einfacher Schlüsse dazu

gehört sondern auch weil die sie bildenden Schlüsse unter sich verschiedener

sind denn man kann nicht allein kategorische Schlüsse hineinziehen sondern

auch kopulative und nicht bloß kategorische sondern auch hypothetische und

nicht bloß förmliche Schlüsse sondern auch Enthymeme wobei die für evident

gehaltenen Sätze unterdrückt sind Alles dies nun zusammengenommen mit

nichtsyllogistischen Folgerungen und mit zahlreichen Wendungen und Gedanken

welche durch die natürliche Neigung des Geistes zur Abkürzung und durch die

teilweise im Gebrauch der Partikeln erscheinenden Spracheigentümlichkeiten diese

Sätze verhüllen ergibt eine Kette des Vertrages welche selbst die ganze

Argumentation eines Redners darstellen würde aber ihrer Zierraten entkleidet und

beraubt und auf die logische Form zurückgeführt nicht auf scholastische Weise

jedoch immer genügend um die Beweiskraft nach den Gesetzen der Logik zu

erkennen Diese sind keine anderen als die des gesunden Menschenverstandes  die

man in Ordnung gebracht und aufgeschrieben hat sie unterscheiden sich davon

nicht mehr als das Gewohnheitsrecht einer Provinz sich von dem früheren

unterscheidet als es aus nicht Geschriebenem ein Geschriebenes wurde was

geschah damit es sich auf einmal besser übersehen lasse und dadurch mehr Licht

gebe wenn es vorgebracht und angewendet wird Denn der natürliche gesunde

Menschenverstand wird mit der Analyse eines Räsonnements beschäftigt ohne

Hilfe der Kunst mitunter ein wenig wegen der Geltung der Folgerungen in

Verlegenheit sein wenn er zB solche findet die einen zwar gültigen aber

gewöhnlich minder gebrauchten Modus enthalten Wenn aber ein Logiker verlangte

man solle sich einer solchen Reihe nicht bedienen oder sich derselben selbst

nicht bedienen wollte unter dem Vorwande dass man alle zusammengesetzten Beweise

stets auf einfache Schlüsse von denen jene in der Tat abhangen zurückführen

müsse so würde er nach dem von mir schon Bemerkten wie jemand sein welcher die

Handelsleute zwingen wollte von denen er etwas kauft ihm die Zahlen eine nach

der anderen vorzuzählen wie man an den Fingern abzählt oder die Stunden nach

der Stadtuhr zählt Es würde das seine Beschränktheit anzeigen wenn er nicht

anders rechnen und nur an den Fingern finden könnte dass 5 und 3 8 ausmachen

oder es würde gar seinen Eigensinn zeigen wenn er diese Abkürzungen kennte und

sich derselben nicht bedienen oder nicht erlauben wollte sie anzuwenden Er

würde auch wie jemand sein der nicht zulassen wollte dass man die Grundsätze

und schon bewiesenen Lehrsätze anwendete unter dem Vorgeben man müsse jedes

Räsonnement stets auf die ersten Prinzipien zurückführen wo der unmittelbare

Zusammenhang der Vorstellungenvon der in der Tat die Mittelsätze abhängen

erscheint

    Nachdem ich den Nutzen der logischen Formen auf die Art wie er meiner

Ansicht nach gefasst werden muss erklärt habe komme ich zu Ihren Betrachtungen

Da sehe ich nun nicht ein dass der Schluss wie Sie wollen nur dazu diene die

Verknüpfung der Beweise in einem einzigen Beispiel zu zeigen Dass der Geist die

Folgerungen stets leicht übersieht wird man nicht nachweisen können denn es

kommen deren mitunter vor  wenigstens in den Beweisführungen anderer  wo man

anfangs zu zweifeln veranlasst ist so lange man den eigentlichen Beweis noch

nicht durchschaut In der Regel bedient man sich der Beispiele um die

Folgerungen zu rechtfertigen das ist aber nicht immer hinlänglich sicher

obwohl es eine Kunst gibt Beispiele zu wählen die sich wenn die Folgerung

nicht richtig wäre als unrichtig ausweisen würden ich glaube dass in gut

geleiteten Schulen es nicht erlaubt sein wird schamloserweise offenbare

Folgerungen aus den Vorstellungen abzuleugnen und man wendet meiner Ansicht

nach nicht das Schlussverfahren an um sie darzutun Wenigstens ist das nicht

sein einziger und hauptsächlicher Gebrauch Man wird öfter als man denkt

finden wenn man die Fehlschlüsse der Schriftsteller prüft dass sie gegen die

Regeln der Logik gefehlt haben und ich habe es selbst mitunter erfahren sogar

wenn ich schriftlich mit redlichen Männern stritt dass man sich erst zu

verständigen anfing wenn man in förmlichen Schlüssen argumentierte um ein

Chaos von Räsonnements zu entwirren Es wäre ohne Zweifel lächerlich in

wichtigen Verhandlungen auf scholastische Art mit Schlüssen zu verfahren denn

die Weitschweifigkeiten dieser Art des Räsonnements sind widerwärtig und

verwirrend und es wäre das wie an den Fingern zu zählen Indessen ist es aber

nur zu wahr dass die Menschen in den wichtigsten Verhandlungen die das Leben

den Staat und die Seligkeit betreffen sich oft durch das Gewicht der Autorität

durch den Glanz der Beredsamkeit durch schlecht angebrachte Beispiele durch

Enthymeme welche fälschlich die Evidenz des von ihnen Nichtausgedrückten

voraussetzen und selbst durch unrichtige Folgerungen verblenden lassen so dass

eine strenge Logik aber von einem anderen Gepräge als die schulmäßige ihnen

nur zu notwendig wäre  unter anderem um zu entscheiden auf welcher Seite die

größte Wahrscheinlichkeit ist Dass übrigens der gemeine Mann die künstliche

Logik nicht kennt und trotzdem richtig und mitunter besser als die in der Logik

Geübten zu schließen weiß beweist deren Überflüssigkeit ebensowenig als man

die der künstlichen Arithmetik damit beweisen kann dass man manche Leute bei

gewöhnlichen Vorfällen gut rechnen sieht ohne dass sie lesen oder schreiben

gelernt haben und die ohne die Feder oder Zahlpfennige führen zu können sogar

die Fehler eines anderen der zu rechnen gelernt hat sich aber in den

Zahlzeichen oder Merkzeichen versehen oder verwirren mag verbessern können

    Allerdings können die Schlüsse auch sophistisch werden aber dies zu

entdecken dienen dann ihre eigenen Gesetze auch bekehren und überzeugen die

Schlüsse selbst nicht immer aber es kommt dies daher dass der Missbrauch der

falsch verstandenen Unterscheidungen und Ausdrücke den Gebrauch derselben so

weitläufig macht dass es unerträglich wird wenn man es bis zum Ende durchführen

sollte

    Mir bleibt jetzt nur übrig Ihr Argument in Betracht zu ziehen und zu

ergänzen welches Sie angeführt haben um als Beispiel eines klaren

Schlussverfahrens ohne logische Form in dienen Gott straft den Menschen dies

ist eine angenommene Tatsache Gott straft den welchen er straft gerecht

dies ist eine Vernunftwahrheit welche man als bewiesen annehmen kann also

straft Gott den Menschen gerecht das ist eine schlussgemäße Folgerung welche

aber anschlussmäßig a recto ad obliquum ausgedehnt wird also wird der Mensch

gerecht bestraft dies ist eine Umkehrung der Relation welche man aber ihrer

Evidenz wegen auslässt also ist der Mensch schuldig dies ist ein Enthymem

wobei man folgenden Satz der in der Tat nur eine Definition ist auslässt der

welchen man gerecht straft ist schuldig also hätte der Mensch anders handeln

können man lässt den Satz aus der welcher schuldig ist hätte anders handeln

können also ist der Mensch frei gewesen man lässt ferner aus wer anders hätte

handeln können ist frei gewesen also nach der Definition des Freien hat er

die Macht gehabt sich selbst zu bestimmen. Dies war zu beweisen Ich bemerke

noch dass jenes »Also« selbst in der Tat sowohl den mit darunter verstandenen

Satz dass der welcher frei ist die Macht der Selbstbestimmung hat

einschließt und die Wiederholung der Begriffe zu vermeiden dient Und in diesem

Sinne ist darin nichts ausgelassen und könnte das Argument insofern als

vollständig gelten Man sieht dasselbe ist eine Schlussreihe welche der Logik

gänzlich entspricht denn ich will jetzt nicht den Inhalt dieses Räsonnements in

Betracht ziehen wo es vielleicht Bemerkungen zu machen oder Aufklärungen zu

verlangen gibt Wenn zB ein Mensch nicht anders handeln kann gibt es Fälle

wo er doch vor Gott schuldig sein kann wie wenn es ihm lieb wäre seinem

Nächsten nicht helfen zu können um eine Entschuldigung zu haben Ich gestehe

schließlich dass die scholastische Form des Schlussverfahrens gewöhnlich

unbequem ungenügend schlecht zu handhaben ist aber ich behaupte zugleich dass

es nichts Wichtigeres gibt als die Kunst der wahren Logik gemäß förmlich zu

argumentieren dh vollständig dem Inhalt nach und klar der Ordnung und

Gültigkeit der Folgerungen nach mögen sie an sich evident oder vorher bewiesen

sein

     5 Philalethes Ich glaubte dass der Schluss noch weniger nützlich oder

vielmehr ohne allen Nutzen bei dem Wahrscheinlichen sei weil er nur ein

einziges topisches Argument zutage fördert Aber jetzt sehe ich ein dass man

das was im topischen Argument selbst Sicheres ist dh die darin liegende

Wahrscheinlichkeit immer gründlich beweisen muss und dass die Kraft der

Folgerung auf der Form beruht  6 Wenn indessen die Schlüsse dem Urteile

dienen so zweifle ich doch dass sie zur Erfindung dienen können dh dazu

Beweise zu finden und neue Entdeckungen zu machen Ich glaube zB nicht dass

die Entdeckung des 47 Lehrsatzes des ersten Buches von Euklid den Regeln der

gewöhnlichen Logik verdankt wird denn zuerst erkennt man und dann ist man

imstande in syllogistischer Form zu beweisen

    Theophilus Begreift man unter den Schlüssen auch die Schlussreihen und

alles was ich förmliche Argumentation genannt habe so kann man sagen dass die

Erkenntnis welche nicht an sich evident ist durch die Folgerungen erlangt

wird welche nur richtig sind wenn sie ihre gebührende Form haben Beim Beweis

des genannten Satzes welcher das Quadrat der Hypotenuse den beiden Quadraten

der Seiten gleich erklärt teilt man das große Quadrat in Stücke und auch die

beiden kleineren und es findet sich dann dass die Stücke der beiden kleinen

Quadrate gerade ganz auf das große gehen nicht mehr oder weniger Das heißt die

Gleichheit förmlich beweisen und die Gleichheiten der Stücke werden auch durch

Gründe in gültiger Form bewiesen Nach Pappus bestand die Analyse der Alten

darin das anzunehmen was man verlangt und so lange Folgerungen daraus zu

ziehen bis man zu etwas Gegebenem oder Erkanntem kommt Ich habe bemerkt dass

zu diesem Zweck die Sätze reziprok sein müssen damit der synthetische Beweis

auf den Spuren der Analyse wieder rückwärts geführt werden könne aber es ist

das immer ein Ziehen von Folgerungen Indessen wird hier zu bemerken gut sein

dass bei den astronomischen oder physischen Hypothesen die Umkehrung nicht

statthat aber da beweist der Erfolg auch nicht die Wahrheit der Hypothese Er

macht sie allerdings wahrscheinlich aber weil diese Wahrscheinlichkeit gegen

die Regel der Logik zu verstoßen scheint wonach Wahres aus Falschem erschlossen

werden kann, so wird man sagen dass die logischen Regeln bei den

Wahrscheinlichkeitsfragen nicht durchweg Geltung haben Ich antworte es sei

zwar möglich dass Wahres aus Falschem geschlossen werde aber nicht immer

wahrscheinlich besonders wenn eine einfache Voraussetzung den Grund von vielen

Wahrheiten angibt ein freilich seltener und schwer zu findender Fall Man

könnte mit Cardanus sagen dass die Logik des Wahrscheinlichen andere Folgerungen

zieht als die Logik der notwendigen Wahrheiten Es muss aber die

Wahrscheinlichkeit selbst dieser Folgerungen aus den Folgerungen der Logik des

Notwendigen bewiesen werden.

     3 Philalethes Sie scheinen die Verteidigung der gemeinen Logik zu

führen aber ich sehe wohl dass was Sie vorbringen einer höheren Logik

angehört zu der sich die gemeine verhält wie das ABC zur Wissenschaft Mich

erinnert das an eine Stelle des scharfsinnigen Hooker welcher in seinem Buche

die Kirchenpolitik betitelt Buch I  6 die Überzeugung ausspricht dasswenn

man die rechten Hilfsmittel des Wissens und der Kunst des Räsonnements liefern

könnte welche man im gegenwärtigen für aufgeklärt geltenden Zeitalter nicht

besonders kennt und sich auch nicht sehr zu erreichen bestrebt hinsichts der

Gründlichkeit des Urteils zwischen denen welche sich derselben bedienen würden

und dem was die Menschen jetzt sind ein ebenso großer Unterschied sein würde

wie zwischen den jetzigen Menschen und den Schwachsinnigen Ich wünsche dass

unsere Unterhaltung jemand Gelegenheit gäbe diese wahren Hilfsmittel derjenigen

Kunst zu finden von welcher jener große Mann redet welcher einen so

durchdringenden Geist hatte Das werden nicht die Nachahmer sein welche wie das

Vieh dem betretenen Wege imiatores servum pecus folgen Dennoch wage ich zu

behaupten dass es in diesem Jahrhundert Männer von so starkem Urteile und so

großem Umfange des Geistes gibt dass sie behufs des Fortschritts der Erkenntnis

neue Wege eröffnen könnten wenn sie sich die Mühe nehmen wollten ihre Gedanken

diesem Gegenstande zuzuwenden

    Theophilus Sie haben mit dem verstorbenen Hooker richtig bemerkt dass die

Welt sich gar wenig darum kümmert übrigens glaube ich dass es Leute gegeben hat

und noch gibt welche darin etwas zu leisten imstande sind Man muss indessen

gestehen dass wir gegenwärtig bedeutende Hilfe sowohl seitens der Mathematik als

der Philosophie erhalten wobei der »Versuch über den menschlichen Verstand« von

Ihrem ausgezeichneten Freunde nicht die kleinste ist Wir wollen sehen ob wir

nicht daraus Nutzen ziehen können

     8 Philalethes Ich muss Ihnen noch einmal sagen dass ich geglaubt habe es

sei darin eine sichtliche Missachtung der syllogistischen Regeln bemerkbar aber

seit unserem Gespräche haben Sie mich wankend gemacht Gleichwohl will ich Ihnen

mein Bedenken dartun Man sagt kein syllogistisches Verfahren könne die Kraft

des Schlusses haben wenn es nicht wenigstens einen allgemeinen Satz enthält

Nun gibt es aber offenbar nur besondere Dingewelche der unmittelbare

Gegenstand unserer Räsonnements und Erkenntnisse sind diese beschäftigen sich

nur mit der Übereinstimmung und Nichtübereinstimmung der Vorstellungenvon

denen jede nur ein besonderes Dasein hat und nur ein einzelnes Ding darstellt

    Theophilus Indem Sie sich die Ähnlichkeit der Dinge vorstellen denken Sie

sich noch etwas mehr dabei und nur darin besteht eben die Allgemeinheit Sie

werden nimmermehr eines unserer Argumente vorbringen können ohne dabei

allgemeine Wahrheiten anzuwenden Gleichwohl ist wichtig zu bemerken dass man

hinsichtlich der Form die besonderen Sätze unter die allgemeinen begreift Denn

obwohl in Wahrheit es nur einen Apostel Petrus gegeben hat so kann man doch

sagen dass wer auch immer der Apostel Petrus gewesen ist dieser seinen Herrn

und Meister verleugnet hat Man fällt daher das Urteil, dass der Schluss »Petrus

hat seinen Herrn und Meister verleugnet Petrus ist Jünger gewesen also hat ein

Jünger seinen Herrn und Meister verleugnet« obgleich er nur besondere Sätze

enthält sie als allgemein bejahende enthält und unter den Modus Darapti der

dritten Figur fällt

    Philalethes Ich wollte Ihnen noch sagen dass es mir besser schiene die

Prämissen der Syllogismen zu versetzen und zu sagen Jedes A ist B jedes B ist

C also ist jedes A C als zu sagen jedes B ist C jedes A ist B also ist

jedes A C Nach dem was Sie gesagt haben scheint es aber dass man sich nicht

davon entfernt und das eine wie das andere zu demselben Modus zählt Allerdings

ist wie Sie bemerkt haben die davon abweichende Einteilung der gewöhnlichen

Logik mehr dazu geeignet eine Kette von mehreren Syllogismen zu bilden

    Theophilus Ich bin durchaus Ihrer Ansicht Man scheint indessen geglaubt zu

haben dass es für den Lehrzweck besser sei mit allgemeinen Sätzen anzufangen

wie die Obersätze in der ersten und zweiten Figur sind und es gibt auch Redner

die diese Gewohnheit haben Aber der Zusammenhang erscheint doch besser so wie

Sie es uns darstellen Ich habe früher schon bemerkt dass Aristoteles einen

besonderen Grund für die gewöhnliche Einteilung gehabt haben kann Denn statt zu

sagen A ist B sagt er gewöhnlich B ist in AUnd von dieser Art des Urteils

ans könnte die von Ihnen verlangte Begriffsverbindung in die gebräuchliche

Stellung von ihm eingeführt werden Denn statt zB zu sagen B ist C A ist B

also ist A C würde er sagen C ist in B B ist in A also ist C in A ZB

statt zu sagen Das Rechteck ist isogon oder hat gleiche Winkel das Quadrat

ist ein Rechteck folglich ist das Quadrat isogon wird Aristoteles ohne die

Sätze umzustellen dem Medius terminus durch folgende Art die Sätze

auszusprechen welche die Termini umstellt die Mittelstelle erhalten und sagen

Das Isogon ist ein Rechteck das Rechteck ist ein Quadrat also ist das Isogon

ein Quadrat Auch ist diese Art der Urteilsbildung nicht zu verachten denn in

der Tat ist das Prädikat im Subjekt oder auch die Vorstellung des Prädikats in

der des Subjekts inbegriffen ZB das Isogon ist ein Rechteck denn das

Rechteck ist diejenige Figur deren sämtliche Winkel rechte sind nun sind alle

rechten Winkel einander gleich also ist in der Vorstellung des Rechtecks die

einer Figur inbegriffen von der alle Winkel gleich sind, was eben die

Vorstellung des Isogonen ist Die gewöhnliche Art der Urteilsstellung nimmt mehr

auf die Individuen Rücksicht die des Aristoteles dagegen berücksichtigt mehr

die Vorstellungen oder Allgemeinheiten Denn sage ich Jeder Mensch ist ein

lebendes Wesen so will ich sagen dass alle Menschen unter die lebenden Wesen

fallen aber ich verstehe zugleich darunter dass die Vorstellung des lebenden

Wesens in der des Menschen inbegriffen ist Lebendes Wesen umfasst mehr

Individuen als Mensch aber Mensch umfasst mehr Vorstellungen oder mehr

Formelles das eine hat mehr Exemplare der andere mehr Realitätsstufen das

eine hat mehr Umfang das andere mehr Inhalt Man kann auch der Wahrheit gemäß

sagen dass die ganze Lehre vom Schluss durch die Lehre de continente et contento

dh von dem Enthaltenden und dem Enthaltenen bewiesen werden könnte welche

von der Lehre vom Ganzen und Teil verschieden ist denn das Ganze ist immer

größer als der Teil aber das Enthaltende und das Enthaltene sind sich mitunter

gleich wie in den reziproken Sätzen der Fall ist.

     9 Philalethes Ich fange an mir eine ganz andere Vorstellung von der

Logik zu bilden als ich früher hatte Ich nahm sie für ein Schülerspiel aber

sehe jetzt dass auf die Art wie Sie sie verstehen eine allgemeine Mathematik

darin enthalten ist. Gebe Gott dass man sie noch zu etwas mehr mache als sie

jetzt ist damit wir darin jene wahren Hilfsmittel der Vernunft finden können

von denen Hooker sprach welche die Menschen über ihren gegenwärtigen Zustand

hinausheben würden Und die Vernunft ist ein Vermögen welches deren um so mehr

bedarf als ihr Umfang recht beschränkt ist und sie uns bei vielen

Gelegenheiten im Stich lässt Dies ist der Fall 1 weil uns oft schon die

Vorstellungen fehlen  10 und dann 2 sind diese oft dunkel und unvollkommen

während wir da wo sie klar und bestimmt sind wie bei den Zahlen keine

unübersteiglichen Schwierigkeiten finden und in keinen Widerspruch geraten 

11 Ferner kommt 3 die Schwierigkeit oft davon dass uns die Mittelbegriffe

fehlen Man weiß wie vor der Entdeckung der Algebra dieses großen Werkzeuges

und dieser ausgezeichneten Probe des menschlichen Scharfsinns die Menschen

manche Beweise der alten Mathematiker mit Staunen betrachteten  12 Auch das

kommt vor dass man auf falschen Grundsätzen fußt was in Schwierigkeiten bringen

kann wo die Vernunft mehr verwirrt als aufklärt  13 Endlich setzen auch die

Ausdrücke von unbestimmter Bedeutung die Vernunft in Verlegenheit

    Theophilus Ich weiß nicht ob wir so wenig Vorstellungen haben als man

glaubt dh deutliche Vorstellungen Was die verworrenen Vorstellungen oder

vielmehr Bilder oder wenn Sie wollen Eindrücke betrifft wie Farben

Geschmäcke usw die ein Resultat mehrerer unbedeutender an sich deutlicher

Vorstellungen sind die man aber nicht deutlich wahrnimmt so haben wir deren

unzählige nicht die vielmehr anderen Geschöpfen mehr als uns zukommen Aber

diese Eindrücke dienen auch mehr dazu uns Triebe zu erwecken und

Erfahrungsbeobachtungen zu begründen als der Vernunft Stoff zu liefern es sei

denn dass sie von deutlichen Wahrnehmungen begleitet sind Also hält uns

hauptsächlich die mangelhafte Erkenntnis dieser zwar deutlichen aber mit den

verworrenen vermischten Vorstellungen auf und selbst wenn unseren Sinnen oder

unserem Geiste alles bestimmt dargelegt worden ist, verwirrt uns mitunter die

Masse der in Betracht zu ziehenden Dinge Wenn man zB einen Haufen von 1000

Kugeln vor Augen hat so dient offenbar um die Zahl und die Eigenschaften

dieser Masse zu übersehen viel dazu sie in Figuren zu ordnen wie man in den

Magazinen tut um deutliche Vorstellungen davon zu haben und sie sogar

dergestalt festzustellen dass man sich die Mühe ersparen kann sie mehr als

einmal zu zählen Die Menge der Erwägungen gerade macht auch dass sogar in der

Wissenschaft der Zahlen sehr große Schwierigkeiten vorkommen denn man sucht

darin nach Abkürzungen und weiß mitunter nicht ob die Natur in ihren geheimen

Tiefen deren für den Fall hat um den es sich handelt Gibt es zB dem Anschein

nach etwas Einfacheres als den Begriff der Primzahl dh der ganzen durch

keine andere ausgenommen durch die Einheit und sie selbst teilbaren Zahl

Dennoch sucht man noch immer nach einem positiven und leichten Merkmal um sie

sicher zu erkennen ohne die Grunddivisoren anzuwenden welche kleiner sind als

die Quadratwurzel der gegebenen Primzahl Es gibt eine Menge Merkmale welche

ohne viel Rechnen zeigen dass irgend eine Zahl keine Primzahl ist aber man

verlangt eines das leicht und sicher anzeigt dass eine Zahl eine Primzahl ist

wenn sie eine ist Aus diesem Grunde ist die Algebra noch so unvollkommen

obgleich es nichts besser Bekanntes gibt als die von ihr gebrauchten

Vorstellungen weil sie nur die Zahlen im allgemeinen bezeichnen denn bis jetzt

ist noch keine Methode bekannt die irrationalen Wurzeln irgend einer Gleichung

über den 4 Grad hinaus einen sehr beschränkten Fall ausgenommen auszuziehen

Auch sind die Methoden deren sich Diophantes Scipio Du Fer und Louis von

Ferrara hinsichtlich des zweiten dritten und vierten Grades bedient haben um

sie auf den ersten zurückzubringen oder um eine unreine Gleichung in eine reine

zu verwandeln alle untereinander verschieden dh diejenige welche für einen

Grad gilt ist um einen Grad von der welche für einen anderen gilt

verschieden Denn der zweite Grad oder der der quadratischen Gleichung wird

dadurch auf den ersten zurückgeführt dass man nur das zweite Glied aufhebt Der

dritte Grad oder der der kubischen Gleichung wird dadurch gelöst dass durch die

Zerlegung des Unbekannten in Teile glücklicherweise eine Gleichung des zweiten

Grades sich herausbringen lässt Und im vierten Grad oder bei den biquadratischen

Gleichungen fügt man beiden Seiten der Gleichung etwas hinzu um sie hier und

dort ausziehbar zu machen und glücklicherweise findet sich dass man um zu

diesem Zweck zu gelangen nur eine kubische Gleichung nötig hat Aber dies alles

ist nur eine Mischung von Glück und Zufall mit der Kunst oder Methode und wenn

man bei den beiden letzteren Graden einen Versuch anstellt bleibt es ungewiss

ob er gelingt Auch ist noch ein anderer Kunstgriff nötig um im fünften oder

sechsten Grade zum Ziel zu kommen der sich auf die des vierten und die

bikubischen Gleichungen bezieht und obwohl Descartes geglaubt hat die Methode,

deren er sich beim vierten Grade bediente indem er nämlich die Gleichung als

aus zwei anderen quadratischen Gleichungen entstanden betrachtet die aber im

Grunde nicht mehr leisten kann als die des Louis von Ferrara würde auch beim

sechsten gelingen so ist dies doch ein Fehlgriff gewesen Diese Schwierigkeit

zeigt dass auch die klarsten und bestimmtesten Vorstellungen uns nicht immer

alles geben was man verlangt und daraus gewinnen kann Und dies begründet auch

das Urteil, dass die Algebra weit entfernt ist die Erfindungskunst zu sein weil

sie selbst einer noch allgemeineren Kunst bedarf und man kann sogar sagen dass

die Kunst der Zeichen im allgemeinen dh die Kunst der Charaktere ein ganz

außerordentliches Hilfsmittel ist weil sie die Phantasie unterstützt

    Man kann nicht zweifeln dass die Alten etwas dieser Art gehabt haben wenn

man die Arithmetik des Diophantes und die geometrischen Bücher des Apollonius

und Pappus sieht Vieta hat ihr eine größere Ausdehnung gegeben indem er nicht

nur das Gesuchte sondern auch die gegebenen Zahlen durch allgemeine Charaktere

ausdrückte und so beim Rechnen es ebenso machte wie schon Euklid beim Beweisen

und Descartes hat die Anwendung dieser Rechnung auf die Geometrie ausgedehnt

indem er die Linien durch die Gleichungen bezeichnete Jedoch noch nach der

Entdeckung unserer modernen Algebra betrachtete Bouillaud Ismael Bullialdus

ein ohne Zweifel ausgezeichneter Mathematiker welchen ich noch zu Paris gekannt

habe nur mit Bewunderung des Archimedes Beweisführungen über die Spirale und

konnte nicht begreifen wie dieser große Mann darauf gekommen war die Tangente

dieser Linie zur Dimension des Kreises zu gebrauchen Der Pater Gregor von St

Vincent scheint es durch richtige Vermutung gefunden zu haben indem er annahm

dass er durch den Parallelismus der Spirale mit der Parabel darauf gekommen sei

Aber diese Methode ist nur eine spezielle während die neue

Infinitesimalrechnung welche mittels der Differenzen fortschreitet auf welche

ich gekommen bin und welche ich mit Erfolg veröffentlicht habe einen

allgemeinen Weg angibt dem gegenüber jene Entdeckung durch die Spirale nur ein

Spiel und ein ganz leichter Versuch ist wie fast alles was man bisher über die

Dimensionen der krummen Linien gefunden hatte Der Vorteil dieser neuen

Rechnungsart besteht noch darin dass sie die Phantasie bei den Problemen aus dem

Spiel bringt welche Descartes unter dem Vorwande aus seiner Geometrie

ausgeschlossen hatte dass sie größtenteils zur Mechanik führten im Grunde aber

weil sie auf seine Rechnung nicht passten Was die Irrtümer anbetrifft welche

aus zweideutigen Ausdrücken entstehen so hängt es von uns ab sie zu vermeiden

    Philalethes Es gibt noch einen Fall wo die Vernunft nicht angewandt werden

kann, aber wo man sie auch nicht nötig hat und wo der Blick mehr gilt als die

VernunftDies ist bei der intuitiven Erkenntnis der Fall wo der Zusammenhang

der Vorstellungen und Wahrheiten unmittelbar angeschaut wird Eine solche ist

die Erkenntnis der unzweifelhaften Grundsätze und ich bin zu glauben versucht

dass dies derjenige Grad der Evidenz ist welchen die Engel schon jetzt haben

und den die Geister der zur Vollendung gelangten Gerechten in einem zukünftigen

Stande über Unzähliges was gegenwärtig unserem Verstande entgeht haben werden

 15 Aber das Beweisverfahren welches sich auf Mittelbegriffe gründet gibt

eine Vernunfterkenntnis Diese vollzieht sich nämlich durch den notwendigen

Zusammenhang eines Mittelbegriffs mit den äußeren und wird durch den Zusatz 

Juxtaposition einer Evidenz erreicht ähnlich wie der einer Elle istwelche

man bald an dies Stück Tuch bald an jenes anlegt um deren Gleichheit zu

zeigen  16 Wenn aber der Zusammenhang nur wahrscheinlich ist so ergibt das

Urteil nur eine Meinung

    Theophilus Gott allein hat den Vorzug nur intuitive Erkenntnisse zu haben

Die seligen Geister aber wenn sie auch von unseren groben Körpern losgelöst

sind und selbst die Genien mögen sie noch so erhaben sein müssen trotzdem

sie eine unvergleichlich intuitivere Erkenntnis als wir haben und oft mit einem

Blicke durchschauen was wir nur auf Grund von Folgerungen mit der Zeit und mit

Mühe finden doch auch auf ihrem Erkenntniswege Schwierigkeiten finden ohne

welche sie nicht die Lust haben würden Entdeckungen zu machen welche zu den

größten gehört Und immer muss man anerkennen dass es eine unzählige Menge

Wahrheiten gibt die ihnen entweder gänzlich oder zeitweise verborgen sind zu

denen sie mittelst Folgerungen und durch die Beweisführung oder oft selbst durch

Vermutung gelangen

    Philalethes Also sind diese Genien nur Wesen wie wir bloß vollkommener es

ist als ob Sie mit dem Kaiser im Monde sagen wollten Alles ist so wie hier

    Theophilus Das will ich auch sagen zwar nicht ganz und gar so aber was

den Grund der Dinge anbetrifft denn die Arten und Stufen der Vollkommenheit

sind bis ins Unendliche verschieden Der Grund ist indessen überall derselbe

was in meinem System der Hauptgrundsatz ist und meine ganze Philosophie

beherrscht Auch begreife ich die unbekannten oder nur verworren bekannten Dinge

nur nach Maßgabe derer welche deutlich bekannt sind was die Philosophie leicht

macht und meiner Überzeugung nach so gebraucht werden muss wenn aber diese

Philosophie in der Grundlage die einfachste ist so ist sie auch in den

Einzelheiten die reichste weil die Natur diese ins Unendliche abändern kann

wie sie auch wirklich mit so viel Fülle Ordnung und Zierraten tut als man sich

nur vorstellen kann Aus diesem Grunde glaube ich dass es keinen auch noch so

erhabenen Geist gibt welcher nicht unendlich viel andere über sich hat Obschon

wir nun aber so vielen vernünftigen Wesen nachstehen so haben wir doch den

Vorteil auf diesem unserem Erdballe wo wir ohne Widerrede den ersten Rang

einnehmen nicht auf sichtbare Weise überwacht zu werden wir haben bei aller

Unwissenheit in der wir stecken immerhin das Vergnügen nichts zu erblicken

was uns übertrifft Und wenn wir eitel wären könnten wir wie Cäsar denken

welcher lieber der Erste in einem Flecken als in Rom der Zweite sein wollte

Übrigens rede ich hier nur von den natürlichen Erkenntnissen dieser Geister und

nicht von dem beseligenden Gesicht oder von den übernatürlichen Erleuchtungen

welche ihnen Gott gewähren kann

     10 Philalethes Da ein jeder seine Vernunft entweder für sich allein oder

einem anderen gegenüber gebraucht so wird es nicht überflüssig sein einige

Betrachtungen über vier Arten von Argumenten anzustellen deren sich die

Menschen zu bedienen pflegen um die anderen für ihre Ansicht zu gewinnen oder

sie wenigstens in einer Art von Respekt welcher sie am Widerspruch verhindert

inerhalten Das erste Argument kann das des Respekts Argumentum ad verecundiam

genannt werden, wenn man die Meinung derer anführt welche durch ihr Wissen

ihren Rang ihre Macht oder sonstwie Ansehen gewonnen haben denn wenn ein

anderer sich daraufhin nicht gleich ergibt so ist man geneigt ihn als von

Eitelkeit erfüllt zu tadeln oder ihn selbst der Unverschämtheit zu zeihen  20

Es gibt zweitens ein argumentum ad ignorantiam des Nichtbesserwissens dh

die Forderung dass der Gegner den Beweis annehme oder einen besseren vorbringe

 21 Es gibt 3 ein argumentum ad hominem des Beimwortnehmens wenn man

jemand durch das was er selbst gesagt hat in die Enge treibt  22 Endlich

gibt es 4 ein argumentum ad judicium durch Urteile welches darin besteht

Beweismittel anzuwenden die aus irgend einer Quelle der Erkenntnis oder

Wahrscheinlichkeit stammen und dieses ist das einzige von allen was uns

vorwärts bringt und belehrt denn wenn ich vor Respekt nicht zu widersprechen

wage oder nur nichts Besseres zu sagen weiß oder mir selbst widerspreche so

folgt daraus gar nicht dass der andere recht hat Ich kann bescheiden

unwissend im Irrtum sein und der andere kann sich dabei doch auch noch

täuschen

    Theophilus Man muss ohne Zweifel zwischen dem was zu sagen gut ist und

dem was man als wahr zu glauben hat unterscheiden Da indessen die meisten

Wahrheiten dreist behauptet werden können, so besteht gegen eine Meinung die

man verhehlen muss ein gewisses Vorurteil Das Argument ad ignorantiam ist gut

in den Fällenin denen man mutmaßt wobei es vernünftig ist sich so lange an

eine Meinung zu halten bis das Gegenteil bewiesen wird Das Argument ad hominem

hat die Wirkung zu zeigen dass die eine oder andere Behauptung falsch ist und

der Gegner wie man es auch nehme sich geirrt hat Man könnte noch andere

Argumente anführen deren man sich bedient zum Beispiel das welches man ad

vertiginem das vom Schwindel nennen könnte wobei man so schließt Wenn dieser

Beweis nicht angenommen wird haben wir gar kein Mittel über den Punkt um den

es sich handelt zur Gewissheit zu kommen was man als eine Ungereimtheit

betrachtet Dieses Argument ist in gewissen Fällen brauchbar wie wenn jemand

die ursprünglichen und unmittelbaren Wahrheiten ableugnen wollte zB dass

nichts zu derselben Zeit sein und nichtsein kann denn wenn er recht hätte

würde es kein Mittel geben irgend etwas zu erkennen Aber wenn man sich gewisse

Prinzipien gemacht hat und sie aufrechterhalten will weil sonst das ganze

System der einmal angenommenen Lehre zusammenfallen würde so ist das Argument

nicht entscheidend denn man muss zwischen dem unterscheiden was zur

Aufrechterhaltung unserer Erkenntnisse notwendig ist und dem was unseren

angenommenen Meinungen oder praktischen Grundsätzen als Stütze dient Man hat

sich bei den Juristen mitunter eines ähnlichen Verfahrens bedient um die

Verurteilung oder Tortur angeblicher Zauberer auf die Aussagen anderer desselben

Verbrechens Angeklagter hin zu rechtfertigen denn man sagte wenn dies Argument

fällt wie wollen wir sie überführen Und manche Schriftsteller in

Kriminalsachen behaupten dass bei den Tatsachen, wo die Überführung noch

schwerer ist leichtere Beweise als genügend gelten können Aber das ist noch

kein vernünftiger Grund Es beweist nur dass man mehr Sorgfalt anwenden muss

nicht aber dass man leichter glauben dürfe ausgenommen in Fällen äußerst

gefährlicher Verbrechen wie in Sachen des Hochverrats wo diese Erwägung von

Gewicht ist nicht um jemand zu verdammen sondern um ihn zu verhindern Schaden

anzurichten Dabei kann es also ein Mittelding nicht zwischen Schuldig und

Unschuldig sondern zwischen Verurteilung und Landesverweisung in solchen

Untersuchungen geben wo das Gesetz und die Gewohnheit es gestatten

    Eines ähnlichen Argumentes hat man sich seit einiger Zeit in Deutschland

bedient um das Schlagen schlechter Münze zu beschönigen denn sagte man

wenn man sich an die vorgeschriebenen Regeln halten müsste würde man nicht ohne

Verlust Münzen schlagen können Es muss also erlaubt sein den Metallgehalt zu

verschlechtern Außerdem aber dass man nur das Gewicht und nicht den

Metallgehalt oder den Münzwert verringern dürfte um Betrügereien besser zu

verhüten setzt man die Notwendigkeit eines Verfahrens voraus die gar nicht

stattfindet denn es gibt weder ein göttliches Gebot noch ein menschliches

Gesetz welches diejenigen Geld zu schlagen nötigt welche weder Bergwerke noch

Gelegenheit haben Silber in Barren zu besitzen und Geld aus Geld zu schlagen

ist ein schlechter Gebrauchder natürlicherweise die Verschlechterung nach sich

zieht Aber wie wollen wir sagen sie unser Münzregal ausüben Die Antwort

ist leicht Begnügt euch damit etwas Weniges in gutem Silber auszumünzen

selbst mit einem kleinen Verlust wenn ihr glaubt es sei euch so wichtig unter

den Prägstock gebracht zu werden ohne das Bedürfnis oder das Recht zu haben

die Welt mit dem schlechten Gelde zu überschwemmen

     23 Philalethes Nachdem wir ein Wort über die Beziehung unserer Vernunft

zu anderen Menschen gesagt haben wollen wir etwas über ihre Beziehung zu Gott

hinzufügen bei der wir zwischen dem was gegen die Vernunft, und dem was über

der Vernunft ist unterscheiden Von der ersteren Art ist alles was mit unseren

klaren und bestimmten Vorstellungen sich nicht verträgt von der zweiten Art

jede Ansicht von der wir nicht einsehen dass ihre Wahrheit oder

Wahrscheinlichkeit aus der Sinnlichkeit oder der Reflexion mit Hilfe der

Vernunft abgeleitet werden kann. So ist das Dasein von mehr als einem Gott gegen

die Vernunft, und die Auferstehung der Toten über der Vernunft.

    Theophilus Über ihre Definition dessen was über der Vernunft ist

wenigstens wenn Sie sie in dem allgemein angenommenen Sinn dieser Phrase

wiedergeben finde ich noch etwas zu bemerken denn mir scheint dass auf die

Art wie diese Definition gefasst ist sie einerseits zu weit und andrerseits

nicht weit genug geht Wenn wir ihr folgen würde alles was wir nicht wissen

und in unserem gegenwärtigen Zustand zu erkennen nicht imstande sind über der

Vernunft sein zB dass irgend ein Fixstern größer oder kleiner ist als die

Sonne oder dass der Vesuv in diesem oder jenem Jahre Feuer speien wird das sind

Tatsachen deren Erkenntnis uns zu hoch ist aber nicht weil sie über die Sinne

gehen denn wir könnten sehr wohl darüber urteilen wenn wir vollkommenere

Organe und mehr Kenntnis der Umstände hätten Es gibt noch Schwierigkeiten

welche über unser gegenwärtiges Vermögen hinausgehen aber nicht über die

Vernunft überhaupt es gibt zB hier auf Erden keinen Astronomen der eine

Sonnenfinsternis im Zeiträume eines Paternosters und ohne die Feder zur Hand zu

nehmen genau berechnen könnte während es doch Genien geben könnte denen das

nur ein Spielwerk sein würde So könnten alle diese Dinge durch die Hilfe der

Vernunft bekannt oder ausführbar gemacht werden wenn man mehr Bekanntschaft mit

den Tatsachen, vollkommenere Organe und einen erhabeneren Geist voraussetzt

    Philalethes Dieser Einwurf fällt weg wenn ich meine Definition nicht

allein von unserer Sinnlichkeit oder Reflexion sondern auch von der eines jeden

anderen möglichen geschaffenen Geistes verstehe

    Theophilus Wenn Sie es so nehmen haben Sie recht Aber es wird dann noch

eine andere Schwierigkeit übrig bleiben dass nämlich dann Ihrer Definition

zufolge nichts mehr über die Vernunft geht weil Gott immer Mittel gewähren

könnte durch die Sinnlichkeit und Reflexion irgend eine Wahrheit zu erwerben

wie in der Tat die größten Mysterien uns durch das Zeugnis Gottes bekannt

werden was man durch die Beweggründe der Glaubwürdigkeit auf denen unsere

Religion ruht anerkennt Und diese Beweggründe hangen ohne Zweifel von der

Sinnlichkeit und der Reflexion ab Die Frage scheint also zu sein nicht ob das

Vorhandensein einer Tatsache oder die Wahrheit eines Satzes aus Grundsätzen

abgeleitet werden kann, deren sich die Vernunft bedient dh aus der

Sinnlichkeit und der Reflexion oder aus dem äußeren und inneren Sinne sondern

ob ein erschaffener Geist das Wie dieser Tatsache oder den apriorischen Grund

dieser Wahrheit zu erkennen fähig ist so dass man sagen kann das was über der

Vernunft ist könne wohl auf Wegen und durch Künste der geschaffenen Vernunft

ergriffen aber nicht begriffen werden mag sie auch noch so groß und erhaben

sein Gott allein ist es vorbehalten es zu verstehen wie es ihm allein

zukommt es auszuüben

    Philalethes Diese Betrachtung scheint mir triftig und auf diese Weise will

ich meine Definition genommen wissen Und zwar bestärkt mich diese Betrachtung

selbst auch in meiner Meinung dass die Ausdrucksweise wonach die Vernunft dem

Glauben entgegengesetzt wird obgleich sie sich auf große Autorität stützt

ungehörig ist denn durch die Vernunft eben verifizieren wir das was wir

glauben müssen Der Glaube ist eine feste Zustimmung und eine wohlbegründete

Zustimmung kann nur auf gute Gründe hin gegeben werden. So kann derjenige

welcher ohne irgend eine Ursache zum Glauben zu haben glaubt in seine

Einbildungen verliebt sein aber die Wahrheit sucht er darum doch sicherlich

nicht noch leistet er seinem göttlichen Meister den angemessenen Gehorsam nach

dessen Willen er die ihm zum Schutz gegen den Irrtum verliehenen Vermögen

gebrauchen muss Sonst ist es aus Zufall wenn er auf dem rechten Wege ist und

ist er auf dem falschen so ist er Gott dafür verantwortlich

    Theophilus Ich stimme Ihnen durchaus bei wenn Sie verlangen dass der

Glaube auf der Vernunft begründet sei warum sollten wir sonst die Bibel dem

Koran oder den alten Büchern der Brahmanen vorziehen Dies haben unsere

Theologen und andere Gelehrte auch richtig erkannt und dieser Umstand hat uns

auch so schöne Werke über die Wahrheit der christlichen Religion und so viel

schöne Beweise zuwege gebracht welche man den Heiden und anderen alten und

neuen Ungläubigen gegenüber geltend gemacht hat Auch haben die verständigen

Leute stets diejenigen für verdächtig gehalten welche vorgegeben haben dass wo

es sich um den Glauben handele man sich um Gründe und Beweise nicht zu bemühen

brauche etwas in der Tat Unmögliches wenn Glaube nicht Nachsprechen oder

Wiederholen und Hingehenlassen ohne sich zu bemühen bedeutet wie bei vielen

Leuten der Fall und selbst der Charakter einiger Nationen mehr als anderer ist

Als einige aristotelische Philosophen des 15 und 16 Jahrhunderts deren Spuren

noch lange nachher vorhanden gewesen sind wie man aus den Briefen des

verstorbenen Naudé und den Naudeana urteilen kann zwei einander

entgegengesetzte Wahrheiten eine philosophische und eine theologische behaupten

wollten hat das letzte lateranische Konzil unter Leo X sich dem mit Recht

widersetzt wie ich schon bemerkt zu haben glaube Auch erhob sich früher ein

ganz ähnlicher Streit zu Helmstädt zwischen dem Theologen Daniel Hoffmann und

dem Philosophen Cornelius Martin jedoch mit dem Unterschiede dass der Philosoph

die Philosophie mit der Offenbarung vereinigte und der Theologe den Nutzen davon

ableugnen wollte Der Herzog Julias aber der Gründer der Universität erklärte

sich für den Philosophen Allerdings hat zu unserer Zeit ein Mann von sehr hoher

Stellung erklärt dass man in Glaubenssachen sich die Augen ausreißen müsse um

klar zu sehen und Tertuilian sagt irgendwo es ist wahr denn es ist unmöglich

man muss es glauben denn es ist eine Ungereimtheit Aber wenn die Absicht derer

welche sich auf diese Weise aussprechen gut ist so sind doch immerhin ihre

Ausdrücke übertrieben und können Unheil stiften St Paul redet viel richtiger

wenn er sagt dass die Weisheit Gottes vor den Menschen Torheit ist weil nämlich

die Menschen die Sachen nur nach ihrer Erfahrung die äußerst beschränkt ist

beurteilen und alles damit nicht Übereinstimmende ihnen als eine Ungereimtheit

erscheint Aber dies Urteil ist sehr verwegen denn es gibt sogar in der Natur

unendlich vieles was für ungereimt gelten würde wenn man es uns erzählte wie

das Eis dem König von Siam erschien von welchem man ihm sagte dass es unsere

Flüsse bedecke Aber die Ordnung der Natur selbst da sie nicht von

metaphysischer Notwendigkeit istist nur auf der Willkür Gottes begründet so

dass er aus höheren Ursachen der Gnade sich davon entfernen kann obgleich man

dies nur auf gültige Beweise hin annehmen darf die nur von Gottes Zeugnis

selbst herrühren dürfen Ist dies gehörig bewährt so muss man sich ihm völlig

unterwerfen

 
 





     1 Philalethes Wir wollen uns indessen der angenommenen Sprechweise fügen

und in einem gewissen Sinne leiden dass man den Glauben von der Vernunft

unterscheidet Dann ist es aber billig dass man diesen Sinn ganz genau erklärt

und die Grenzen zwischen beiden festsetzt denn die Ungewissheit über diese

Grenzen hat sicherlich in der Welt große Streitigkeiten hervorgerufen und

vielleicht sogar große Unordnungen verursacht Es ist wenigstens offenbar dass

bis man sie bestimmt hat alles Streiten vergeblich ist weil man wenn man über

den Glauben streitet die Vernunft anwenden muss  2 Ich finde dass sich jede

Sekte mit Vergnügen der Vernunft bedient so lange sie daraus einigen Nutzen

ziehen zu können glaubt sobald indessen die Vernunft zu versagen angefangen

hat ruft man das ist ein Glaubensartikel welcher über der Vernunft steht

Aber der Gegner könnte sich derselben Entschuldigung bedienen wenn man gegen

ihn mit Vernunftgründen zu streiten versuchen wollte falls man ihm nicht

wenigstens bemerkt warum ihm das in einem gleichscheinenden Falle nicht erlaubt

wäre Ich setze dabei voraus dass die Vernunft hier die Entdeckung der Gewissheit

oder Wahrscheinlichkeit der Sätze istwelche wir aus den von uns durch den

Gebrauch unserer natürlichen Fähigkeiten dh durch Sinnlichkeit und durch

Reflexion erworbenen Erkenntnissen gewonnen haben und dass der Glaube die

Zustimmung istwelche man einem auf die Offenbarung dh auf eine

außerordentliche Mitteilung Gottes welche er die Menschen zu wissen getan hat

gegründeten Satze gibt  3 Aber ein von Gott inspirierter Mensch kann den

übrigen keine neue einfache Vorstellung mitteilen weil er sich nur der Worte

oder anderer Zeichen welche in uns einfache durch die Gewohnheit damit

verbundene Vorstellungen erwecken oder deren Verbindung bedient Mochte auch

St Paul noch so viel neue Vorstellungen empfangen haben als er in den dritten

Himmel entrückt wurde so ist doch alles was er davon sagen konnte nur es

sind Dinge die kein Auge gesehen kein Ohr gehört und die nie in eines Menschen

Herz gekommen sind Gesetzt es seien auf dem Jupitersballe mit sechs Sinnen

versehene Geschöpfe und Gott gebe einem Menschen unter uns die Vorstellungen

dieses sechsten Sinnes auf übernatürliche Weise so würde er sie doch nicht

durch Worte im Geiste der übrigen Menschen entstehen lassen können Man muss also

zwischen ursprünglicher und überlieferter Offenbarung unterscheiden Die erstere

ist ein Eindruck welchen Gott unmittelbar auf den Geist macht und diesem

können wir keine Schranken setzen die andere kommt uns nur auf den gewöhnlichen

Wegen der Mitteilung zu und kann keine neuen einfachen Vorstellungen geben  4

Allerdings können noch die Wahrheitenwelche man durch die Vernunft entdecken

kann uns durch eine überlieferte Offenbarung mitgeteilt werden wie wenn Gott

den Menschen geometrische Lehrsätze hätte mitteilen wollen aber dies würde

nicht mit ebensoviel Sicherheit geschehen als wenn wir den aus dem Zusammenhang

der Vorstellungen gewonnenen Beweis davon hätten So hatte auch Noah eine

sicherere Erkenntnis der Sündflut als die wir durch das Buch Mosis erhalten

und so war die Gewissheit dessen welcher sah dass Moses wirklich schrieb und die

Wunder tat welche seine göttliche Eingebung rechtfertigen größer als die

unsrige  5 Daher kann die Offenbarung nicht gegen die klare Evidenz der

Vernunft gehen weil man selbst dann wenn die Offenbarung unmittelbar und

ursprünglich ist mit Evidenz wissen muss dass wir uns nicht irren indem wir sie

Gott zuschreiben und den Sinn davon fassen und diese Evidenz kann niemals

größer sein als die unserer intuitiven Erkenntnis und folglich kann kein Satz

als göttliche Offenbarung angenommen werden wenn er dieser unmittelbaren

Erkenntnis kontradiktorisch entgegengesetzt ist Sonst würde in der Welt kein

Unterschied zwischen der Wahrheit und Falschheit kein Maßstab des Glaubhaften

und des Unglaubhaften übrig bleiben Auch ist nicht zu begreifen dass von Gott

diesem wohltätigen Urheber unseres Daseins etwas komme was wenn es als

wahrhaft angenommen ist die Grundlagen unserer Erkenntnisse umstürzen und alle

unsere Geistesvermögen unnütz machen muss  6 Auch haben diejenigenwelche die

Offenbarung nur mittelbar oder durch Überlieferung von Mund zu Mund oder auf

schriftlichem Wege haben die Vernunft noch nötiger um sich dessen zu

versichern  7 Indessen ist es immer wahr dass diejenigen Dingewelche über

das von unseren natürlichen Fähigkeiten möglicherweise zu Entdeckende

hinausgehen die eigentlichen Gegenstände des Glaubens sind wie der Fall der

aufrührerischen Engel die Auferstehung der Toten  9 Darin muss man allein die

Offenbarung hören und selbst hinsichtlich der wahrscheinlichen Sätze wird eine

evidente Offenbarung uns gegen die Wahrscheinlichkeit entscheiden

    Theophilus Wenn Sie den Glauben nur für das nehmen was auf den Motiven der

Glaubwürdigkeit wie man sie nennt beruht und Sie ihn von der inneren Gnade

welche den Geist unmittelbar dazu bestimmt trennen so ist alles von Ihnen

Gesagte unbestreitbar Man muss zugestehen dass es viel evidentere Urteile als

die von diesen Motiven abhängigen gibt Die einen gehen dabei weiter als die

anderen und es gibt sogar eine Menge von Leuten welche niemals erkannt und

noch weniger erwogen haben was für ein Motiv der Glaubwürdigkeit gelten könnte

Aber die innere Gnade des H Geistes tritt dabei als unmittelbare Ergänzung auf

übernatürliche Weise ein und dies ist es was die Theologen eigentlich einen

göttlichen Glauben nennen Allerdings gibt ihn Gott stets nur wenn das was er

glauben macht auf der Vernunft begründet ist sonst würde er die Mittel zur

Erkenntnis der Wahrheit zerstören und dem Enthusiasmus die Tür öffnen aber es

ist nicht nötig dass alle diejenigenwelche diesen göttlichen Glauben haben

diese Gründe erkennen und noch weniger dass sie sie immer vor Augen haben

Sonst würden die Einfältigen und die schwachen Köpfe wenigstens heutzutage

niemals den wahren Glauben haben und die Aufgeklärtesten würden ihn auch nicht

haben wenn sie dessen am meisten bedürfen könnten denn sie können sich nicht

immer der Gründe des Glaubens erinnern Die Frage vom Gebrauch der Vernunft in

der Theologie ist eine der am meisten verhandelten gewesen sowohl zwischen den

Sozinianern und denen welche man in einem allgemeinen Sinne Katholiken nennen

kann als zwischen den Reformierten und Evangelischen wie man in Deutschland

vorzugsweise diejenigen nennt welche manche sehr unpassend als Lutheraner

bezeichnen Ich erinnere mich einmal eine Metaphysik eines Sozinianers Stegmanus

gelesen zu haben eines von Josua Stegmann der sogar gegen die Sozinianer

geschrieben hat wohl zu unterscheidenden Schriftstellers welche noch nicht

dass ich wusste gedruckt worden ist; auf der anderen Seite hat ein sächsischer

Theologe Kessler eine Logik und einige andere philosophischen Disziplinen

ausdrücklich gegen die Sozinianer abgefasst Man kann im allgemeinen sagen dass

die Sozinianer zu hastig in der Verwerfung alles dessen sind was der Ordnung

der Natur nicht entspricht selbst wenn sie die Unmöglichkeit davon nicht

beweisen können Aber auch ihre Gegner gehen mitunter zu weit und treiben das

Geheimnisvolle bis zu den Grenzen des Widerspruchs worin sie der Wahrheit

welche sie zu verteidigen trachten Abbruch tun Ich war einmal überrascht in

der Summa theologiae des Pater Honoré Fabry der sonst einer der gescheitesten

seines Ordens gewesen ist zu sehen dass er in göttlichen Dingen  wie noch

einige andere Theologen gleichfalls  jenes Prinzip leugnete wonach die Dinge,

welche mit einem dritten identisch sind unter sich selbst identisch sind Das

heißt den Gegnern gewonnenes Spiel geben ohne es zu denken und jeder

vernünftigen Überlegung alle Sicherheit nehmen Man müsste lieber sagen dass

dieses Prinzip schlecht dabei angewendet worden ist. Derselbe Schriftsteller

verwirft in der Philosophie die virtuellen Unterschiede welche die Scotisten in

den erschaffenen Dingen annehmen weil sie sagt er das Prinzip des

Widerspruchs umstoßen würden und wenn man ihm einwirft dass man diese

Unterscheidungen in Gott annehmen muss so antwortet er dass der Glaube es

befiehlt Wie kann aber der Glaube irgend etwas befehlen was ein Prinzip

umwirft ohne das jeder Glaube jede Bejahung oder Verneinung eitel wäre

Unmöglich können also zwei wahre Sätze zu gleicher Zeit ganz einander

widersprechen und wenn A und C nicht dasselbe sind so muss wohl B welches mit

A identisch ist als etwas anderes genommen werden als das B welches mit C

identisch ist

    Nicolaus Vedelius Professor in Genf und später in Deventer hat ehedem ein

Buch geschrieben unter dem Titel rationale theologicum Über den Gebrauch der

Vernunft in der Theologie dem Johann Musaeus von Jena welches eine

evangelische Universität in Thüringen ist ein anderes Buch über denselben

Gegenstand dh über den Gebrauch der Vernunft in der Theologie entgegensetzte

Ich erinnere mich sie ehedem in Betracht gezogen und bemerkt zu haben dass die

Hauptstreitfrage durch die einschlägigen Nebenfragen verwickelt gemacht worden

war wie zB wenn man fragt was ein theologischer Schluss ist und ob man

darüber aus den Begriffen welche ihn bilden oder aus dem Beweismittel urteilen

solle und folglich ob Occam recht gehabt habe oder nicht zu sagen dass das

Wissen einer und derselben Folgerung dasselbe ist, als das dazu angewendete

Beweismittel Sie halten sich auch bei noch viel anderen noch unbedeutenderen

Nebensachen auf die nur die Ausdrücke betreffen Indessen gab Musaeus selbst

zu dass die zu einer logischen Notwendigkeit nötigen Vernunftprinzipien dh

die deren Gegenteil auf Widerspruch führt in der Theologie mit Sicherheit

angewendet werden müssen und können aber er hatte Grund zu leugnen dass das

was bloß mit physischer Notwendigkeit notwendig dh begründet ist auf einem

Schluss aus dem was in der Natur geschieht oder auf den Naturgesetzen die

sozusagen von göttlicher Einsetzung sind den Glauben an ein Mysterium oder an

ein Wunder zu widerlegen hinreicht weil es von Gott abhängt den gewöhnlichen

Lauf der Dinge zu verändern So kann man der Naturordnung gemäß versichern dass

nicht dieselbe Person zu gleicher Zeit Mutter und Jungfrau sein oder dass ein

menschlicher Körper nicht umhin kann sinnenfällig zu sein obgleich das

Gegenteil des einen oder anderen Gott möglich ist Auch Vedelius scheint mit

dieser Unterscheidung einverstanden zu sein Man streitet aber mitunter über

gewisse Prinzipien ob sie logisch oder nur physisch notwendig sind Solches ist

der Streit mit den Sozinianern ob die Substanz vervielfältigt werden kann, wenn

die einzelne Wesenheit nicht vervielfältigt wird und der Streit mit den

Zwinglianern ob ein Körper nur an einer Stelle sein kann Nun muss man zugeben

dass allemal wenn die logische Notwendigkeit nicht bewiesen ist man in einem

Satz nur eine physische Notwendigkeit annehmen kann Aber es bleibt meiner

Meinung nach noch eine Streitfrage übrig welche die von mir eben erwähnten

Schriftsteller nicht genug geprüft haben Es ist folgende Gesetzt es findet

sich auf der einen Seite der wörtliche Sinn eines Teiles der Heiligen Schrift

und auf der anderen eine starke Wahrscheinlichkeit einer logischen Unmöglichkeit

oder wenigstens einer anerkannten physischen Unmöglichkeit ist es dann

vernünftiger dem wörtlichen Sinn zu entsagen oder dem philosophischen Prinzip

Sicherlich gibt es Stellen wo man ohne Schwierigkeit den Wortsinn verlässt wie

zB wo die Schrift Gott Hände gibt und ihm Zorn Reue und andere menschliche

Affekte zuschreibt sonst müsste man sich zu den Anthropomorphisten schlagen oder

zu gewissen englischen Fanatikern die da glaubten dass Herodes tatsächlich in

einen Fuchs verwandelt worden war als Jesus Christus ihn mit diesem Namen

nannte Hier müssen die Auslegungsregeln eintreten und wenn sie nichts bieten

was den buchstäblichen Sinn bestreitet um den philosophischen Grundsatz zu

begünstigen und wenn der wörtliche Sinn übrigens nichts enthält was Gott eine

Unvollkommenheit beimisst oder in der Ausübung der Frömmigkeit Gefahr bringt so

ist es sicherer und sogar vernünftiger ihm zu folgen

    Diese beiden eben genannten Schriftsteller streiten noch über das

Unternehmen Kekermanns welcher die Trinität durch die Vernunft nachweisen

wollte wie Raimundus Lullus dies zu tun auch früher versucht hatte Aber

Musaeus erkannte mit großer Billigkeit an dass wenn der Nachweis des

reformierten Schriftstellers gut und richtig gewesen wäre nichts darüber zu

sagen gewesen wäre und er recht gehabt hätte hinsichtlich dieses Punktes zu

behaupten das Licht des heiligen Geistes könne durch die Philosophie entzündet

werden

    Sie haben auch die berühmte Frage verhandelt ob diejenigenwelche ohne

Erkenntnis von der Offenbarung des Alten oder Neuen Testaments zu haben in den

Gesinnungen einer natürlichen Frömmigkeit gestorben sind dadurch gerettet

werden und Vergebung ihrer Sünden erlangen könnten Man weiß dass Clemens von

Alexandria Justinus Martyr und der h Chrysostomus sich einigermaßen dazu

hingeneigt haben und ich selbst habe einst Pelisson gezeigt dass viele

ausgezeichnete Lehrer der römischen Kirche weit entfernt die nicht

hartnäckigen Protestanten zu verdammen sogar die Heiden von der Seligkeit nicht

haben ausschließen und behaupten wollen dass die eben erwähnten durch einen Akt

der Zerknirschung dh der auf die Liebe zum Guten gegründeten Reue hätten

gerettet werden können, der gemäß man Gott über alle Dinge liebt weil diese

Vollkommenheiten ihn höchst liebenswert machen Man wird dadurch von ganzem

Herzen getrieben sich nach seinem Willen zu richten und seine Vollkommenheiten

nachzuahmen um sich mit ihm besser zu vereinigen weil es gerecht erscheint

dass Gott seine Gnade denen nicht versage die solche Gesinnungen hegen Und ohne

von Erasmus und Ludovico Vives zu sprechen führte ich die Ansicht des Jakob

Payva Andradius eines sehr berühmten portugiesischen Lehrers seiner Zeit an

welcher einer der Theologen des Tridentiner Konzils gewesen war und sogar gesagt

hatte dass diejenigenwelche nicht damit übereinstimmten Gott im höchsten

Grade grausam sein ließen neque enim inquit immanitas deterior ulla esse

potest Pelisson hatte Mühe dies Buch in Paris zu finden zum Zeichen dass die

zu ihrer Zeit geehrten Schriftsteller später oft vernachlässigt werden Dies

veranlasste Bayle zu dem Urteil dass viele den Andradius nur auf Treu und Glauben

seines Gegners Chemnitius anführen Dies mag wohl so sein was aber mich

betrifft so hatte ich ihn gelesen ehe ich ihn anführte Sein Streit mit

Chemnitius hat ihn auch in Deutschland berühmt gemacht denn er hatte für die

Jesuiten gegen diesen Autor geschrieben und man findet in seinem Buche einige

Spezialitäten über den Ursprung dieses berühmten Ordens Ich habe bemerkt dass

einige Protestanten diejenigen Andradier nannten welche über den erwähnten

Gegenstand seiner Meinung waren Es hat Autoren gegeben welche eigens über die

Seligkeit des Aristoteles auf Grund dieser nämlichen Prinzipien unter Billigung

der Zensoren geschrieben haben Auch sind die Bücher des Collins in Latein und

La Mothe le Vayers im Französischen über die Seligkeit der Heiden sehr bekannt

Ein gewisser Fr Puccius aber ging zu weit Der h Augustin so gescheit und

scharfsinnig er gewesen ist hat sich auf ein anderes Extrem geworfen und sogar

die ohne Taufe gestorbenen Kinder verdammt und die Scholastiker scheinen recht

gehabt zu haben ihn zu verlassen Freilich haben einige sonst gescheite Männer

und darunter solche von großem Verdienst aber in dieser Hinsicht ein wenig

menschenfeindlich gestimmt diese Lehre jenes Kirchenvaters wieder aufbringen

wollen und haben sie vielleicht noch übertrieben

    Auch kann dieser Geist einigen Einfluss in der Streitigkeit zwischen mehreren

allzuheftigen Lehrern gehabt haben und als die Jesuiten als Missionare Chinas

berichtet hatten dass die alten Chinesen die wahre Religion ihrer Zeit und der

wahren Heiligen gehabt hätten und dass die Lehre des Konfuzius nichts

Abgöttisches oder Atheistisches enthielte scheint man in Rom richtiger

gehandelt zu haben dass man eine der größten Nationen nicht verdammen wollte

ohne sie gehört zu haben Wohl uns dass Gott mehr Menschenliebe besitzt als die

Menschen Ich kenne Leute welche im Glauben ihren Eifer durch Härte der

Ansichten zu beweisen sich einbilden man könne die Erbsünde nicht glauben ohne

ihrer Meinung zu sein aber darin irren sie sich Auch folgt nicht dass

diejenigenwelche die Heiden oder andere der gewöhnlichen Heilsmittel

Entbehrenden retten es den bloßen Naturkräften zuschreiben müssen obwohl

vielleicht einige Kirchenväter dieser Ansicht gewesen sind weil man behaupten

kann dass wenn Gott ihnen die Gnade schenkt einen Akt der Zerknirschung zu

erwecken er ihnen auch stets sei es tatsächlich sei es der Anlage nach aber

immer übernatürlich vor dem Tode wenn es auch nur in den letzten Augenblicken

wäre das ganze Licht des Glaubens und die ganze Glut der Liebe welche ihnen

zur Seligkeit nötig ist gibt So erklären auch die Reformierten bei Vedelius

die Ansicht Zwinglis welcher sich über diesen Punkt der Seligkeit tugendhafter

Heiden ebenso deutlich ausgedrückt hatte als die Lehrer der römischen Kirche es

nur immer tun konnten Auch hat diese Lehre darin nichts mit der besonderen

Lehre der Pelagianer oder Semipelagianer gemein von der wie man weiß Zwingli

weit entfernt war Und da man im Gegensatz zu den Pelagianern bei allen denen

welche den Glauben haben eine übernatürliche Gnade lehrt worin die drei

anerkannten Religionen übereinstimmen ausgenommen vielleicht die Schüler

Pajons und sogar entweder den Glauben oder wenigstens ähnliche Bewegungen den

die Taufe empfangenden Kindern zugibt so ist es nicht sehr außerordentlich

dasselbe  wenigstens in der Todesstunde  Leuten von gutem Willen zuzugestehen

die nicht das Glück gehabt haben auf die gewöhnliche Weise im Christentum

unterrichtet zu sein Aber das Weiseste ist über so wenig bekannte Punkte

nichts zu bestimmen und sich im allgemeinen mit dem Urteil zu begnügen dass Gott

nichts tun könne was nicht voller Güte und Gerechtigkeit ist melius est

dubitare de occultis quam litigare de incertis Besser über das Verborgene

ungewiss sein als über das Ungewisse hadern Augustin L 8 Gen ad litt c

5

 
 






     1 Philalethes Wollte Gott dass alle Theologen und der heil Augustin

selbst immer den in diesem Satze ausgedrückten Grundsatz ausgeübt hätten Die

Menschen glauben aber dass der Geist des Dogmatismus ein Zeichen ihres Eifers

für die Wahrheit sei und doch findet ganz das Gegenteil statt Man liebt sie

wahrhaft nur im Verhältnis wie man die Beweise zu prüfen liebt welche sie als

das zeigen was sie ist Und wenn man sein Urteil überstürzt so wird man immer

durch weniger reine Beweggründe getrieben  2 Die Herrschsucht ist einer der

gewöhnlichsten und ein zweiter ist eine gewisse Vorliebe für eigene

Träumereien Daraus geht der Enthusiasmus hervor  3 Mit diesem Namen

bezeichnet man den Fehler derjenigen welche sich einbilden sie hätten eine

unmittelbare Offenbarung wenn diese nicht auf der Vernunft begründet ist  4

Und da man sagen kann dass die Vernunft eine natürliche Offenbarung ist deren

Urheber Gott ist sowie er der der Natur ist so kann man auch sagen dass die

Offenbarung eine übernatürliche Vernunft ist dh eine durch eine neue Summe von

unmittelbar von Gott ausgegangenen Entdeckungen erweiterte Vernunft Aber diese

Entdeckungen setzen voraus dass wir das Mittel sie als solche zu erkennen

haben und dies ist die Vernunft selbst sie verbannen wollen um der

Offenbarung Platz zu machen hieße sich die Augen ausreißen um die Trabanten

des Jupiter besser durch ein Teleskop zu sehen  5 Die Quelle des Enthusiasmus

ist der Umstand dass eine unmittelbare Offenbarung bequemer und kürzer ist als

ein langes und mühsames Vernunftverfahren welches auch nicht immer von

glücklichem Erfolge begleitet ist Man hat zu allen Zeiten Menschen gesehen

deren mit Frömmigkeit gemischte und mit Selbstgefälligkeit verbundene Schwermut

sie hat glauben machen dass sie eine ganz andere Vertrautheit mit Gott hätten

als die anderen Menschen Sie setzen voraus dass er sie den Seinigen verheißen

hat und glauben vorzugsweise vor den übrigen sein Volk zu sein  6 Ihre

Phantasie wird eine Erleuchtung und göttliche Autorität und ihre Pläne sind

eine unfehlbare Lenkung des Himmels welcher sie zu folgen verpflichtet sind 

7 Diese Meinung hat große Wirkungen hervorgebracht und große Übel verursacht

denn ein Mensch handelt kräftiger wenn er seinen eigenen Antrieben folgt und

die Annahme einer göttlichen Autorität durch unsere Neigung aufrechterhalten

wird  8 Es ist schwer ihn davon loszumachen weil diese angebliche Gewissheit

ohne Beweis der Eitelkeit und Lust am Ungewöhnlichen schmeichelt Die Fanatiker

vergleichen ihre Meinung mit dem Blick und der Empfindung Sie sehen das

göttliche Licht wie wir das der Sonne am hellen Mittag sehen ohne nötig zu

haben dass die Dämmerung der Vernunft es ihnen zeigt  9 Sie sind überzeugt

weil sie überzeugt sind und ihre Überzeugung ist recht weil sie stark ist

denn darauf lässt sich ihre bilderreiche Sprache zurückfuhren  10 Wenn es nun

aber zwei Arten des Erkennens gibt die des logischen Urteilens und die der

Offenbarung so kann man sie fragen wo die Klarheit istIst diese ein

Auffassen des logischen Urteils wozu dient dann die Offenbarung Sie muss also

in dem Empfinden der Offenbarung sein Wie können sie aber bemerken dass es Gott

ist welcher offenbart und nicht ein Irrlicht das sie in jenem Zirkel

herumführt Das ist eine Offenbarung weil ich sie fest glaube und ich glaube

daran weil es eine Offenbarung ist  11 Gibt es etwas was mehr dazu gemacht

ist sich in Irrtum zu stürzen als wenn man die Einbildung zum Führer nimmt 

12 St Paul hatte einen großen Eifer als er die Christen verfolgte und

täuschte sich darum doch Man weiß dass der Teufel seine Märtyrer gehabt hat

und wenn es hinreicht fest überzeugt zu sein so kann man die Täuschungen

Satans nicht mehr von den Eingebungen des heiligen Geistes unterscheiden  14

Also ist es die Vernunft, was uns die Wahrheit der Offenbarung erkennen macht 

15 Wenn aber unser Glaube sie bezeugen sollte so würde der eben erwähnte

Zirkel eintreten Die Heiligen welche von Gott Offenbarungen empfingen hatten

äußere Zeichen welche sie von der Wahrheit des inneren Lichtes überzeugten

Moses sah einen brennenden Busch der sich nicht verzehrte und hörte eine

Stimme aus der Mitte des Busches und Gott gebrauchte um ihn im voraus seiner

Sendung zu vergewissern als er ihn zur Befreiung seiner Brüder nach Ägypten

schickte dabei das Wunder des in eine Schlange verwandelten Stabes Gideon ward

durch einen Engel gesendet das Volk Israel vom Joch der Midianiter zu befreien

Gleichwohl forderte er ein Zeichen um überzeugt zu sein dass ihm dieser Auftrag

von seiten Gottes gegeben wäre  16 Ich leugne indessen nicht dass nicht

mitunter Gott den Geist der Menschen erleuchte um ihnen gewisse wichtige

Wahrheiten begreiflich zu machen oder um sie durch unmittelbaren Einfluss und

Beistand des h Geistes ohne irgend welche außerordentliche diesen Einfluss

begleitende Zeichen zu guten Handlungen zu bewegen Aber auch in diesen Fällen

haben wir die Vernunft und die Schrift zwei untrügliche Regeln als

Richterinnen dieser Erleuchtungen denn wenn sie mit diesen Regeln stimmen

laufen wir wenigstens keine Gefahr wenn wir sie als von Gott eingegeben

ansehen auch wenn dies vielleicht keine unmittelbare Offenbarung ist

    Theophilus Enthusiasmus war anfangs ein Name von guter Bedeutung Und wie

Sophisma eigentlich eine Weisheitsübung bedeutet so bezeichnet Enthusiasmus

dass eine Gottheit in uns walte Est Deus in nobis In uns waltet ein Gott

Sokrates behauptete auch dass ihm ein Gott oder Dämon innere Kundgebungen mache

so dass Enthusiasmus ein göttlicher Instinkt wäre Nachdem aber die Menschen ihre

Leidenschaften Phantasien und Träume ja sogar ihren Wahnsinn als etwas

Göttliches heilig gesprochen hatten begann Enthusiasmus eine Geistesstörung zu

bezeichnen welche man der Wirksamkeit einer in den davon Befallenen

angenommenen Gottheit zuschrieb denn die Wahrsager und Wahrsagerinnen zeigten

eine Geistesstörung wenn ihr Gott sich ihrer bemächtigte wie die Sibylle von

Cumae bei Vergil Seitdem schreibt man sie denen zu welche ohne Grund glauben

dass ihre Bewegungen von Gott kommen Nisus bei demselben Dichter da er sich

durch einen fremdartigen Antrieb zu einer gefährlichen Unternehmung fortgerissen

fühlt in der er mit seinem Freunde umkommt schlägt ihm diese in folgenden von

vernünftigem Zweifel erfüllten Worten vor

 

 Dine hunc ardorem mentibus addunt

 Euryale an sua cuisque Deus fit dira cupido



Pflanzten die Götter o Freund mir die treibende Glut in die Seele

Oder wird jedem zum Gott nur die eigene wilde Begierde

 

    Er folgte dennoch seinem Trieb von dem er nicht wusste ob er von Gott oder

einer unglücklichen Lust sich auszuzeichnen herrührte Aber wenn es ihm

geglückt wäre würde er nicht ermangelt haben sich in einem anderen Falle für

auserwählt und durch irgend eine göttliche Macht getrieben zu glauben Die

Enthusiasten heutzutage glauben auch von Gott Lehrsätze zu ihrer Erleuchtung zu

empfangen Die Quäker sind dieser Überzeugung und Barclay ihr erster

methodischer Gründer behauptet dass sie in sich ein gewisses Licht fänden das

sich durch sich selbst zu erkennen gäbe Aber warum das Licht nennen was nichts

sehen macht Ich weiß wohl dass es Leute von solcher Geistesbeschaffenheit gibt

welche Funken und selbst noch Leuchtenderes sehen aber dies Bild des

körperlichen Lichts das sich bei der Erhitzung ihrer Lebensgeister zeigt gibt

dem Geiste kein Licht Manche einfältige Personen von aufgeregter Phantasie

bilden sich Vorstellungendie sie vorher nicht hatten sie sind imstande sich

in ihrem Sinne schon oder wenigstens sehr lebhaft auszudrücken sie bewundern

sich selbst und lassen von anderen diese Fruchtbarkeit bewundern welche als

Eingebung gilt Dieser Vorteil kommt für sie zum guten Teile von einer starken

durch die Leidenschaft belebten Phantasie her und von einem glücklichen

Gedächtnis welches die Redeweise der prophetischen durch Lesen oder Vortrag

anderer ihnen vertraut gewordener Bücher gut behalten hat

    Antoinette de Bourignon bediente sich ihrer Redeund Schreibfertigkeit als

eines Beweises ihrer göttlichen Sendung Auch kenne ich einen Schwärmer welcher

den seinigen auf sein Talent gründet ganz laut fast einen ganzen Tag ohne zu

ermüden oder heiser zu werden zu reden und zu beten Es gibt Menschen welche

nach durchgemachter harter Lebensweise oder nach einem Zustand des Trübsinns in

ihrer Seele einen entzückenden Frieden und Trost schmecken und darin finden sie

so viel Süßigkeit dass sie es für eine Wirkung des h Geistes halten Allerdings

ist die Befriedigung welche man in der Betrachtung der Größe und Güte Gottes

in dem Vollbringen seines Willens in der Ausübung der Tugenden findet eine

Gnade Gottes und zwar eine der größten aber es ist nicht immer eine Gnade

welche einer neuen übernatürlichen Hilfe bedarf wie viele dieser guten Leute es

behaupten Es hat vor noch nicht langer Zeit ein sonst ganz kluges Mädchen

gegeben welches von seiner Jugend an mit Jesus Christus zu reden und auf eine

ganz besondere Weise seine Gattin zu sein glaubte Die Mutter desselben war wie

man erzählte ein wenig zum Enthusiasmus geneigt gewesen aber die Tochter

welche früh angefangen hatte noch viel weiter gegangen Ihre Befriedigung und

Freudigkeit war unaussprechlich ihre Tugendhaftigkeit zeigte sich in ihrem

Wandel und ihr Geist in ihren Gesprächen Indessen ging das Ding doch so weit

dass sie Briefe entgegennahm welche man an unseren Herrn adressierte und welche

sie versiegelt wie sie sie empfangen hatte mit der Antwort zurückschickte die

mitunter ganz angemessen und immer vernünftig abgefasst war Aber endlich hörte

sie auf deren anzunehmen aus Furcht zu viel Aufsehen zu erregen In Spanien

würde sie eine zweite heilige Theresa gewesen sein Aber nicht alle Personen

welche ähnliche Gefühle haben haben einen gleichen Wandel Es gibt deren

welche Sekten zu stiften und selbst Unruhen zu erregen suchen und davon hat

England schlimme Beweise gehabt Wenn diese Leute in gutem Glauben handeln ist

es schwer sie zur Vernunft zu bringen mitunter führt der Umsturz aller ihrer

Pläne sie zur Besserung aber häufig ist es dann zu spät Es gab einen vor

kurzem gestorbenen Schwärmer welcher sich für unsterblich hielt weil er sehr

alt war und sich wohl befand und ohne das vor kurzem veröffentlichte Buch eines

Engländers gelesen zu haben welches glauben machen wollte dass Jesus Christus

auch deswegen in die Welt gekommen wäre um die wahren Gläubigen vom

körperlichen Tode zu befreien war er seit langen Jahren ungefähr derselben

Ansicht als er aber den Tod fühlte ging er so weit nun die ganze Religion

anzuzweifeln weil sie seiner Chimäre nicht entsprach Der Schlesier Quirinus

Kulman ein unterrichteter Mann von Geist der aber nachher in zweierlei gleich

gefährliche Schwärmereien geraten war in die der Enthusiasten und die der

Alchimisten und welcher in England Holland und bis nach Konstantinopel

Aufsehen gemacht hatte endlich aber auf den Gedanken gekommen war nach Russland

zu gehen und sich in gewisse Intriguen gegen das Ministerium zu mischen zu der

Zeit als die Prinzessin Sophie dort regierte wurde zum Feuer verdammt und

starb nicht wie ein von dem was er gepredigt hatte Überzeugter

    Die Meinungsverschiedenheiten dieser Leute untereinander müssten sie auch

überführen dass ihr vorgebliches inneres Zeugnis nicht göttlich sei und dass

andere Zeichen dazu gehören es zu rechtfertigen Die Labbadisten zB verstehen

sich nicht mit Antoinette Bourignon und obwohl William Penn bei seiner Reise

nach Deutschland von der man einen Bericht veröffentlicht hat den Plan gehabt

zu haben scheint eine Art von Einverständnis zwischen denen herbeizuführen

welche auf diesem Zeugnis fußen so scheint es ihm doch nicht geglückt zu sein

Es wäre in Wahrheit zu wünschen dass die redlichen Menschen sich miteinander

verständen und einträchtig handelten nichts wäre mehr imstande das menschliche

Geschlecht besser und glücklicher zu machen aber sie müssten dann selbst in

Wahrheit redliche Menschen sein dh rechtschaffen und außerdem gelehrig und

vernünftig statt dass man die welche man heutzutage Fromme nennt der Härte

Herrschsucht und des Eigensinns anklagt Ihre Misshelligkeiten zeigen wenigstens

dass ihr inneres Zeugnis einer äußeren Beglaubigung bedarf um geglaubt zu

werden und sie hätten Wunder nötig um mit Recht für Propheten und Inspirierte

zu gelten

    Gleichwohl gibt es einen Fall wo diese Inspirationen ihren Beweis mit sich

bringen würden Das wäre wenn sie in der Tat den Geist durch die bedeutsame

Entdeckung irgend einer außerordentlichen Erkenntnis aufklärten welche über die

Kräfte desjenigen hinausginge der sie ohne äußere Hilfe erworben hätte Wenn

der berühmte Lausitzer Schuster Jakob Böhme dessen Schriften unter dem Namen

des Philosophus teutonicus in andere Sprachen übersetzt sind die in der Tat

etwas Großartiges und Schönes für einen Mann dieser Lebensstellung haben hätte

Gold machen können wie einige es sich einreden oder wie der Evangelist

Johannes es konnte wenn wir das glauben was ein zu seiner Ehre gemachter

Hymnus sagt

 

 Inexhaustum fert thesaurum

 Qui di virgis fecit aurum

 Gemmas de lapidibus



 Unermeßnen Schatz besitzt

 Der aus Ruten Gold gemacht

 Und aus Kieseln Edelstein

 

so würde man Anlass haben diesem außerordentlichen Schuster mehr Glauben zu

schenken Und wenn Antoinette Bourignon dem französischen Ingenieur Bertrand La

Coste in Hamburg das Licht in den Wissenschaften welches er von ihr empfangen

zu haben glaubte geliefert hätte wie er es in seiner Dedikation des Werkes

über die Quadratur des Zirkels bemerkt wo er auf Antoinette und Bertrand

anspielend sie das A in der Theologie nannte wie er sich selbst als das B in

der Mathematik bezeichnet so würde man nicht wissen was man dazu sagen

sollte Aber man sieht keine Beispiele eines bedeutenden Erfolges dieser Art

noch auch wohl detaillierte Voraussagungen die solchen Leuten geglückt wären

Die Prophezeiungen der Poniatovia des Drabitius und anderer welche der gute

Comenius in seiner Lux in Tenebris Licht in der Finsternis veröffentlichte und

welche zu Unruhen in den kaiserlichen Erblanden beitrugen erwiesen sich als

falsch und diejenigenwelche ihnen Glauben schenkten machten sich

unglücklich Der Fürst von Siebenbürgen Ragozky wurde von Drabitius zur

Unternehmung gegen Polen angetrieben in welcher er sein Heer und infolgedessen

seine Staaten mit dem Leben verlor und dem armen Drabitius wurde lange nachher

im Alter von 80 Jahren endlich auf Befehl des Kaisers der Kopf abgeschlagen

Indessen zweifle ich nicht dass es jetzt Leute gibt welche diese Voraussagungen

zu übler Stunde in der gegenwärtigen Konjunktur der Unruhen in Ungarn wieder

beleben wollen indem sie nicht in Betracht ziehen dass diese angeblichen

Propheten von Ereignissen ihrer Zeit sprachen worin sie es ungefähr machten wie

der welcher nach der Beschießung von Brüssel ein fliegendes Blatt

veröffentlichte worin eine aus einem Buche der Antoinette Bourignon genommene

Stelle vorkam die nicht in diese Stadt kommen wollte weil  wenn ich mich

recht erinnere  sie geträumt hatte dieselbe in Feuer gesehen zu haben aber

jene Beschießung erfolgte lange Zeit nach ihrem Tode Ich habe einen Menschen

gekannt welcher während des durch den Frieden von Nymwegen geendeten Krieges

nach Frankreich ging um die Herren von Montausier und von Pomponne wegen der

angeblichen Wahrheit der von Comenius veröffentlichten Prophezeiungen zu

belästigen und ich glaube er wäre sich selbst als inspiriert vorgekommen wenn

er seine Gedanken in einer Zeit wie die unsrige hätte vorbringen können Hieraus

lässt sich nicht nur die Unbegründetheit sondern auch das Gefährliche solcher

Einbildungen erkennen Die Geschichte ist voll von der üblen Wirkung falscher

oder unrichtig verstandener Prophezeiungen wie man in einer gelehrten und

scharfsinnigen Abhandlung de officio viri boni circa futura contingentia über

die Pflicht des Rechtschaffenen hinsichtlich zukünftiger Ereignisse ersehen

kann welche der verstorbene Jakob Thomasius ein berühmter Leipziger Professor

vormals veröffentlicht hat Mitunter haben diese Glaubensartikel eine gute

Wirkung und dienen zu großen Dingen denn Gott kann sich des Irrtums bedienen

um die Wahrheit aufzurichten oder aufrechtzuerhalten Aber ich glaube nicht dass

es uns so leicht verstattet ist frommen Betrug zu einem guten Zweck anzuwenden

Und was die Lehrsätze der Religion anbetrifft so haben wir keine neuen

Offenbarungen nötig es reicht hin dass man uns die Heilsgesetze vorlegt damit

wir verpflichtet seien ihnen zu folgen mag auch der welcher sie vorlegt kein

Wunder tun und obgleich Jesus Christus damit ausgerüstet war verweigerte er

mitunter doch solche zu verrichten um einem verkehrten Geschlecht das Zeichen

verlangte zu willfahren während er nur die Tugend und das was schon durch die

natürliche Vernunft und die Propheten gelehrt worden war predigte

 
 





     1 Philalethes Nachdem wir genugsam von allen den Mitteln welche uns die

Wahrheit erkennen oder ahnen lassen gesprochen haben wollen wir noch etwas von

unseren Irrtümern und unrichtigen Urteilen sagen Die Menschen müssen sich wohl

oft irren weil es so viele Misshelligkeiten unter ihnen gibt

    Die Ursachen davon können auf folgende vier zurückgeführt werden 1 den

Mangel an Beweisen 2 die geringe Geschicklichkeit sich derselben zu bedienen

3 den Mangel an gutem Willen davon Gebrauch zu machen 4 die falschen

Wahrscheinlichkeitsregeln

     2 Wenn ich von dem Mangel an Beweisen spreche so begreife ich auch noch

diejenigen darunter welche man finden könnte wenn man dazu die Mittel und die

bequeme Gelegenheit hätte aber deren gerade entbehrt man am häufigsten Der

Zustand der Menschen ist so dass ihr Leben im Aufsuchen dessen wovon sie leben

müssen hingeht sie sind von dem was in der Welt vorgeht so wenig

unterrichtet wie ein Lasttier welches immer denselben Weg geht auf der

Landkarte bewandert werden kann. Sie müssten Sprachen Lektüre Unterhaltung

Naturbeobachtungen und technische Erfahrungen haben  3 Da nun aber dies alles

ihre Lebensverhältnisse nicht angeht können wir da leugnen dass der große Haufe

der Menschen zum Glück und zum Unglück nur durch einen blinden Zufall geführt

wird Müssen sie sich den herrschenden Meinungen und den in ihrem Vaterlande

autorisierten Führern überlassen selbst hinsichtlich ihres ewigen Glücks oder

Unglücks Oder soll man ewig unglücklich sein weil man statt in diesem in

einem anderen Lande geboren ist Gleichwohl muss man zugeben dass niemand von der

Sorge für seinen Unterhalt so sehr in Anspruch genommen ist dass er nicht eine

gewisse Ruhezeit hätte um an seine Seele zu denken und sich in dem was die

Religion betrifft zu unterrichten mag er auch noch so sehr mit unwichtigeren

Sachen beschäftigt sein

    Theophilus Angenommen dass die Menschen nicht immer imstande sind sich

selbst zu unterrichten und dass sie da sie die Sorge für den Unterhalt ihrer

Familie aus Fürsorge nicht aufgeben können um schwierige Wahrheiten

aufzusuchen genötigt sind den in ihrer Heimat autorisierten Meinungen zu

folgen so müsste man doch immer urteilen dass bei denen welche die wahre

Religion auch ohne sie erwiesen zu haben besitzen die innere Gnade den Mangel

der Motive zur Gläubigkeit ersetzt und die Liebe heißt uns ferner urteilen wie

ich Ihnen schon bemerkt habe dass Gott für die Menschen von gutem Willen wenn

sie auch in der dichten Finsternis der gefährlichsten Irrtümer groß geworden

sind alles tut was seine Güte und Gerechtigkeit erheischen  obwohl vielleicht

auf eine uns unbekannte Weise Es gibt in der römischen Kirche mit Beifall

aufgenommene Geschichten von Leuten die besonders auferweckt worden sind, um

heilbringender Hilfe nicht zu entbehren Aber Gott kann den Seelen durch die

innere Wirksamkeit des heiligen Geistes zu Hilfe kommen ohne ein so großes

Wunder nötig zu haben und das Beste und Tröstlichste für das Menschengeschlecht

besteht darin, dass um sich in den Stand der Gnade Gottes zu setzen man nur

guten Willen nötig hat aber aufrichtigen und ernsten Ich erkenne an dass man

selbst auch diesen guten Willen nicht ohne Gottes Gnade hat sofern alles

natürliche oder übernatürliche Gute von ihm kommt aber es ist immer genug dass

man nur den Willen zu haben braucht und Gott unmöglich eine leichtere und

vernünftigere Bedingung verlangen könnte

     4 Philalethes Es gibt Menschen welche gut genug gestellt sind um alle

geeigneten Bequemlichkeiten zur Aufklärung ihrer Zweifel zu haben aber sie

werden davon durch allerlei künstliche Hindernisse abwendig gemacht die zu

bemerken leicht genug ist ohne dass es notwendig wäre sich an dieser Stelle

über sie zu verbreiten Ich will lieber von denen reden welchen es an

Geschicklichkeit fehlt um die Beweise welche sie sozusagen an der Hand haben

geltend zu machen und welche weder eine lange Reihe von Folgerungen behalten

noch alle Umstände abwägen können Es gibt Leute die nur einen Schluss und es

gibt deren die nur zwei machen können Es ist hier nicht der Ort festzustellen

ob diese Unvollkommenheit von einer natürlichen Verschiedenheit der Seelen

selbst oder der Organe herrührt oder ob sie vom Mangel an Übung welche die

natürlichen Fähigkeiten schärft abhängt Es genügt uns hier dass sie

ersichtlich ist und man nur vom Palast oder von der Börse in die Hospitäler

oder Irrenhäuser zu gehen braucht um sie wahrzunehmen

    Theophilus Es sind die Armen nicht allein in der Not manchen Reichen

mangelt mehr als ihnen weil solche Reiche zuviel verlangen und sich freiwillig

in eine Art von Dürftigkeit versetzen welche sie wichtigen Erwägungen

obzuliegen verhindert Das Beispiel tut dabei viel Man bemüht sich dem von

seinesgleichen zu folgen das man auszuüben verpflichtet ist wenn man sich

nicht als Querkopf zeigen will und dies bewirkt leicht dass man ihnen ähnlich

wird Es ist gar schwer zugleich der Vernunft und der Sitte zu genügen Was

diejenigen anbetrifft denen Fähigkeit fehlt so gibt es deren vielleicht

weniger als man denkt ich glaube dass der gesunde Menschenverstand mit Fleiß

verbunden für alles ausreichen kann was nicht gerade Schlagfertigkeit

erfordert Ich stelle den gesunden Menschenverstand voran weil ich nicht

glaube dass Sie die Untersuchung der Wahrheit von den Bewohnern der Irrenhäuser

verlangen wollen Allerdings gibt es deren nicht viele welche nicht wieder zu

sich kommen könnten wenn wir die Mittel dazu kennten und welcher ursprüngliche

Unterschied zwischen unseren Seelen auch stattfinden mag wie ich in der Tat an

einen solchen glaube so könnte sicherlich immerhin die eine so weit kommen

wie die andere aber vielleicht nur nicht so schnell wenn sie nur richtig

geleitet würde

     6 Philalethes Es gibt eine andere Art von Menschen denen es nur am

guten Willen fehlt Eine heftige Sucht zum Vergnügen eine beständige

Beschäftigung mit dem was ihr Vermögen betrifft eine allgemeine Trägheit oder

Nachlässigkeit eine besondere Abneigung gegen das Stadium und Nachdenken

verhindern sie ernstlich an die Wahrheit zu denken Es gibt sogar solche

welche fürchten dass eine von jeder Parteilichkeit freie Untersuchung den

Meinungen welche sich am besten mit ihren Vorurteilen und ihren Plänen

vertragen nicht günstig sei Man kennt Personen welche einen Brief nicht lesen

wollen von dem sie vermuten dass er schlechte Neuigkeiten bringe und viele

Leute vermeiden ihre Rechnungsbilanz aufzustellen oder sich von dem Zustande

ihres Vermögens zu unterrichten aus Furcht zu erfahren was sie lieber für

immer nicht wissen möchten Es gibt Leute welche große Einkünfte haben und sie

alle auf Genussmittel für den Leib wenden ohne an die Mittel zu denken den

Verstand zu vervollkommnen Sie geben sich große Mühe immer in einer schönen

und glänzenden Equipage zu erscheinen und dulden es unbekümmert dass ihre Seele

mit schlechten Lumpen des Vorurteils und des Irrtums bedeckt sei und die Blöße

dh die Unwissenheit durchscheine Ohne von dem Interesse zu sprechen welches

sie am zukünftigen Leben nehmen sollten vernachlässigen sie nicht weniger das

was in dem auf dieser Welt zu führenden Leben zu erkennen ihr Interesse ist

Auch ist es etwas Seltsames dass sehr oft diejenigenwelche die Macht und das

Ansehen als eine ihrer Geburt oder ihrem Vermögen zukommende Berechtigung

betrachten sie nachlässigerweise Leuten von niedrigerer Stellung als die

ihrige istwelche sie aber an Wissen überragen preisgeben denn die Blinden

müssen freilich durch die Sehenden geführt werden sonst fallen sie in den

Graben und eine schlimmere Knechtschaft gibt es nicht als die des Verstandes.

    Theophilus Es gibt keinen deutlicheren Beweis von der Nachlässigkeit der

Menschen hinsichtlich ihrer wahren Interessen als ihre geringe Sorge für die

Erkenntnis und Ausübung dessen was der Gesundheit einem unserer größten Güter

zuträglich ist und obwohl die Großen ebenso und noch mehr als die übrigen die

schlimmen Wirkungen dieser Versäumnis empfinden kommen sie doch nicht davon

zurück Was den Glauben anbetrifft so betrachten manche das Denken, was sie zur

Untersuchung bringen könnte als eine Versuchung des Teufels welche sie nicht

besser überwinden zu können glauben als indem sie den Geist auf jedwedes andere

richten Die Menschen welche nur die Vergnügungen lieben oder sich irgend einer

Beschäftigung widmen pflegen die übrigen Dinge zu vernachlässigen Ein Spieler

ein Jäger ein Trinker ein Lüstling und selbst ein Liebhaber von Kleinigkeiten

wird eher sein Vermögen und sein Gut einbüßen als dass er sich die Mühe gibt

einen Prozess anzustrengen oder mit sachverständigen Leuten Rücksprache zu

nehmen Es gibt Leute wie der Kaiser Honorius war der als man ihm die

Nachricht brachte dass Rom verloren sei glaubte es wäre sein Huhn das diesen

Namen trug was ihn mehr schmerzte als die Wahrheit Es wäre zu wünschen dass

diejenigenwelche Macht haben in gleichem Verhältnisse auch Erkenntnis hätten

aber wenn sie auch das einzelne in den Wissenschaften den Künsten der

Geschichte und den Sprachen nicht besäßen so würde doch ein solides und geübtes

Urteil und eine Kenntnis des zugleich Großen und Allgemeinen mit einem Wort

eine summa rerum Summe des Wissenswertesten genügen können Und wie der Kaiser

Augustus einen kurzen Abriss der Kräfte und Bedürfnisse des Staates hatte

welchen er breviarium imperii Reichsbrevier nannte so könnte man einen Abriss

der Interessen des Menschen haben welcher Enchiridion sapientine Handbuch der

Weisheit genannt zu werden verdiente wenn die Menschen für das was ihnen am

wichtigsten ist Sorge tragen wollten

     7 Philalethes Endlich kommen unsere meisten Irrtümer von dem falschen

Wahrscheinlichkeitsmaße her welches man dadurch erhält dass man entweder sein

Urteil trotz offenbarer Bestimmungsgründe zurückhält oder es trotz

entgegengesetzter Wahrscheinlichkeiten fällt Dieses falsche Maß besteht 1 in

zweifelhaften als Prinzipien angenommenen Sätzen 2 in angenommenen Hypothesen

und 3 in der Autorität  8 Wir urteilen gewöhnlich über die Wahrheit aus der

Übereinstimmung mit dem was wir als unzweifelhafte Grundsätze betrachten und

dies lässt uns das Zeugnis anderer und selbst unserer Sinne verachten wenn sie

dem entgegengesetzt sind oder scheinen aber ehe man sich mit so viel Sicherheit

darauf verlässt sollte man sie mit der äußersten Strenge prüfen  9 Die Kinder

nehmen Sätze in sich auf welche ihnen von Vater und Mutter Wärterinnen

Lehrern und anderen Personen ihrer Umgebung eingeflößt werden und wenn diese

Sätze einmal Wurzel gefasst haben so gelten sie für heilig wie ein Urim und

Thummim das Gott selbst ihnen in die Seele gelegt hätte  10 Man kann das

was gegen diese inneren Orakelsprüche verstößt kaum ertragen während man die

größten Abgeschmacktheiten wenn sie sich damit vertragen verdaut Man ersieht

dies aus der unendlichen Hartnäckigkeit die man bei verschiedenen Personen

hinsichtlich des festen Glaubens an schnurstracks entgegengesetzte Meinungen als

Glaubensartikel wahrnimmt obwohl sie sehr oft gleich sehr abgeschmackt sind

Nehmen Sie einen Menschen von gesundem Verstande aber von demselben Grundsatz

durchdrungen dass man glauben muss was in der Kirchengemeinschaft geglaubt wird

sowie man in Wittenberg oder in Schweden lehrt  welche Neigung hat derselbe

nicht ohne Mühe die Lehre von der Konsubstantialität anzunehmen und zu glauben

dass ein und dasselbe Ding zugleich Fleisch und Brot ist

    Theophilus Sie scheinen von den Lehrsätzen der Evangelischen nicht gehörig

unterrichtet zu sein welche die reale Gegenwart des Leibes unseres Herrn im

Abendmahl annehmen Tausendmal haben sie sich darüber erklärt dass sie keine

Konsubstantialität des Brotes und des Weines mit dem Fleisch und Blut Jesu

Christi geglaubt haben wollen und noch weniger dass eine und dieselbe Sache

zusammen Fleisch und Brot ist Sie lehren nur dass man durch den Empfang des

sinnlichen Symbols auf eine unsichtbare und übernatürliche Weise den Leib des

Heilands empfängt ohne dass er in dem Brote eingeschlossen ist Und die von

ihnen gemeinte Gegenwart ist nicht eine lokale oder sozusagen räumliche dh

eine durch die Ausdehnung des gegenwärtigen Körpers bestimmte so dass was die

Sinne dagegen haben können sie nichts angeht Und um zu zeigen dass die aus der

Vernunft möglicherweise gezogenen Schwierigkeiten sie nicht berühren erklären

sie dass das was sie unter der Substanz des Körpers verstehen nicht in der

Ausdehnung oder Dimension besteht und es macht ihnen keine Schwierigkeit

zuzugestehen dass der verklärte Leib Jesu Christi eine gewisse regelmäßige und

örtliche aber seinem Zustand in dem erhabenen von ihm eingenommenen Platze

angemessene Gegenwart behauptet die von derjenigen sakramentalen Gegenwart um

welche es sich hier handelt oder von seiner wunderbaren Gegenwart mit welcher

er die Kirche regiert verschieden ist durch welche er zwar nicht wie Gott

überall ist aber da wo er sein will Dies ist die Ansicht der Gemäßigsten so

dass um den Widersinn ihrer Lehre zu zeigen man erst zeigen müsste dass jede

Wesenheit des Körpers nur in der Ausdehnung und dem was einzig und allein durch

sie gemessen wird besteht was meines Wissens noch niemand getan hat Auch

trifft diese ganze Schwierigkeit nicht weniger die Reformierten welche der

gallikanischen und niederländischen Konfession ferner der der sächsischen

Konfession entsprechenden für das Konzil von Trient bestimmten von Männern

beider Konfessionen der Augustanischen und Helvetischen abgefassten Erklärung

der Versammlung von Sendomir dem Glaubensbekenntnis der unter der Autorität des

Königs Wladislas von Polen zum Kolloquium nach Thorn gerufenen Reformierten und

der stehenden Lehre des Calvin und Beda folgen welche auf das Bestimmteste und

Stärkste erklärt haben dass die Symbole tatsächlich das was sie darstellen

gewähren und dass wir der eigenen Substanz des Leibes und Blutes Jesu Christi

teilhaftig werden Calvin nachdem er diejenigen widerlegt hat welche sich mit

einer metaphorischen Teilnahme des Gedankens oder der Besiegelung und einer

Glaubenseinheit begnügen fügt noch hinzu es gäbe keinen noch so starken

Ausdruck um die Realität festzustellen den er nicht zu unterzeichnen bereit

sei wenn man nur alles vermeide was die Umschreibung der Orte oder die

Verbreitung der Ausdehnung betreffe es scheint im Grunde also seine Lehre die

Melanchthons und sogar Luthers gewesen zu sein wie Calvin es selbst in einem

seiner Briefe voraussetzt ausgenommen dass er außer der Bedingung der

Wahrnehmung des Symbols mit welcher Luther sich begnügt noch die Bedingung des

Glaubens fordert um die Teilnahme der Unwürdigen auszuschließen Ich habe

Calvin an hundert Stellen seiner Werke und selbst in seinen Briefen wo er es

nicht nötig hatte über diese reale Gemeinschaft so bestimmt gefunden dass ich

keine Veranlassung sehe ihn hier eines bloßen Kunstgriffs zu verdächtigen

     11 Philalethes Ich bitte um Verzeihung wenn ich von diesen Herren der

gewöhnlichen Ansicht gemäß geredet habe Auch erinnere ich mich jetzt bemerkt zu

haben dass hervorragende Theologen der anglikanischen Kirche für diese reale

Teilnahme gewesen sind

    Gehen wir nun aber von den festgestellten Prinzipien zu den angenommenen

Hypothesen über Diejenigenwelche anerkennen dass es nur Hypothesen sind

halten sie dennoch oft hitzig aufrecht fast als ob es gesicherte Grundsätze

wären und übersehen die entgegengesetzten Wahrscheinlichkeiten Es würde für

einen gelehrten Professor unerträglich sein seine Autorität in einem Augenblick

durch den ersten besten der seine Hypothesen verwirft umgestürzt zu sehen

seine Autorität sage ich die seit 30 bis 40 Jahren in der Mode ist durch so

viele Nachtwachen erworben mit so viel Griechisch und Latein aufrechterhalten

worden istwelche die allgemeine Tradition und ein ehrwürdiger Bart bekräftigt

Alle Gründe welche man anwenden könnte um ihn von der Falschheit seiner

Hypothese zu überzeugen sind ebensowenig fähig auf seinen Geist zu wirken als

die Anstrengungen des Boreas den Reisenden zwingen konnten seinen Mantel fahren

zu lassen den er nur um so fester hielt mit je mehr Heftigkeit der Wind blies

    Theophilus In der Tat haben die Kopernikaner an ihren Gegnern erfahren dass

auch Hypothesen die als solche anerkannt werden doch um nichtsdestoweniger mit

brennendem Eifer aufrechterhalten werden Und die Kartesianer sind nicht weniger

ihrer kannelierten Stoffteilchen und kleinen Kugeln des zweiten Elementes sicher

als wenn es Lehrsätze des Euklid wären Es scheint dass der Eifer für unsere

Hypothesen nur eine Wirkung unserer Leidenschaft ist Achtung für uns einflößen

zu wollen Allerdings haben diejenigenwelche Galilei verurteilten den

Stillstand der Erde für mehr als eine Hypothese gehalten denn sie hielten ihn

für schrift und vernunftgemäß Aber hinterher hat man bemerkt dass die Vernunft

wenigstens diese Lehre nicht stützte und was die h Schrift anbetrifft so hat

der P Fabry Pönitentiarius von St Peter ein ausgezeichneter Theologe und

Philosoph in einer zu Rom selbst veröffentlichten Apologie der Beobachtungen

des berühmten Optikers Eustachio Divini sich nicht gescheut zu erklären dass die

wirkliche Bewegung der Sonne in dem heiligen Texte nur vorläufig zu verstehen

sei und dasswenn die Ansicht des Kopernikus sich bewahrheiten sollte man es

ohne Schwierigkeit so erklären dürfte wie jene Stelle des Vergil

 

                          terraeque urbesque recedunt

                      es entweichen die Länder und Städte

 

Indessen fährt man in Italien und Spanien und selbst in den Erbstaaten des

Kaisers unaufhörlich fort die Lehre des Kopernikus zum großen Schaden jener

Völker zu unterdrücken deren Geist sich zu den schönsten Entdeckungen erheben

könnte wenn sie eine vernünftige und philosophische Freiheit genössen

     12 Philalethes Die herrschenden Leidenschaften scheinen wie sie sagen

in der Tat die Quelle unserer Liebe für die Hypothesen zu sein aber sie

erstrecken sich noch viel weiter Die größtmögliche Wahrscheinlichkeit wird

nicht dazu dienen einem Geizigen oder Ehrsüchtigen sein Unrecht begreiflich zu

machen und ein Liebender wird sich mit der größten Leichtigkeit von der Welt

von seiner Geliebten anführen lassen so wahr ist der Satz, dass wir leicht

glauben was wir wünschen und nach der Bemerkung des Vergil

 

                        qui amant sibi somnia fingunt

                      erschaffen sich Träume die lieben

 

Man bedient sich aus diesem Grunde zweier Mittel um den augenscheinlichsten

Wahrscheinlichkeiten wenn sie unsere Leidenschaften und Vorurteile bekämpfen

auszuweichen  13 Das erste ist der Gedanke dass in dem uns entgegengehaltenen

Beweisgründe irgend ein Trugschluss verborgen sei  14 Und das zweite ist die

Voraussetzung dass wir ebenso gute und selbst bessere Gründe um den Gegner zu

schlagen auf die Bahn bringen könnten wenn wir die bequeme Gelegenheit

Geschicklichkeit oder Hilfe hätten die sie aufzufinden nötig ist  15 Diese

Mittel sich gegen das Überzeugtwerden zu wehren sind mitunter gut aber

mitunter auch Sophismen wenn der Gegenstand hinlänglich klargemacht worden ist,

und man alles in Rechnung gezogen hat denn nachdem dies geschehen ist kann man

im ganzen erkennen auf welcher Seite die Wahrscheinlichkeit sich findet Auf

diese Art ist zB keine Veranlassung zu zweifeln dass die organischen Wesen

viel mehr durch die von einem vernünftigen Agens geleiteten Bewegungen als durch

das zufällige Zusammentreffen der Atome gebildet worden sind, so wie es niemand

gibt welcher im allergeringsten darüber ungewiss ist ob die vom Druck

herrührenden Buchstaben welche eine verständige Rede bilden durch einen

aufmerksamen Menschen oder durch eine verworrene Mischung so zusammengebracht

worden sind. Ich möchte also annehmen dass es nicht von uns abhängt bei solchen

Gelegenheiten unsere Zustimmung aufzuschieben aber wir können das wenn die

Wahrscheinlichkeit weniger ersichtlich ist und mögen uns dann selbst mit den

schwächsten Beweisen begnügen die mit unserer Neigung sich am besten vertragen

 16 Es scheint mir sogar wirklich nicht ausführbar dass ein Mensch sich auf

die Seite neigt wo ihm die geringste Wahrscheinlichkeit erscheint die

Wahrnehmung, die Erkenntnis und Zustimmung sind nicht willkürlich wie es nicht

von mir abhängt die Übereinstimmung zweier Vorstellungen zu sehen oder nicht zu

sehen wenn mein Geist darauf gerichtet ist Gleichwohl können wir den

Fortschritt unserer Untersuchungen freiwillig aufhalten sonst könnten

Unwissenheit und Irrtum in keinem Fall eine Sünde sein In dieser Hinsicht üben

wir also unsere Freiheit aus Allerdings nimmt man in den Fällen wobei kein

Interesse obwaltet die allgemeine Meinung oder die Ansicht des ersten besten

an aber in den Punkten wo unser Glück oder Unglück im Spiel ist lässt sich

unser Geist ernstlicher darauf ein die Wahrscheinlichkeiten zu wägen und ich

meine dass in diesem Falle dh wenn wir Aufmerksamkeit haben wir nicht die

Wahl haben uns für diejenige Seite zu entscheiden welche wir wollen wenn

zwischen den beiden Parteien ganz und gar sichtbare Unterschiede vorhanden sind,

und dann wird vielmehr die größte Wahrscheinlichkeit unsere Zustimmung bestimmen

müssen

    Theophilus Ich bin im Grunde ihrer Ansicht auch haben wir uns in unseren

früheren Gesprächen als wir von der Freiheit redeten hinlänglich darüber

erklärt Damals habe ich gezeigt dass wir niemals das glauben was wir wollen

sondern vielmehr das was wir als das Wahrscheinlichste erblicken und dass wir

nichtsdestoweniger uns indirekt dasjenige können glauben machen was wir wollen

indem wir nämlich die Aufmerksamkeit von einem missliebigen Gegenstande abwenden

um sie auf einen anderen zu richten der uns gefällt wodurch es geschieht dass

wir durch fortgesetztes Erfassen der Gründe für einen Lieblingssatz endlich an

ihn als den wahrscheinlichsten glauben Was die Meinungen anbetrifft welche uns

nicht interessieren und die wir auf oberflächliche Gründe hin annehmen so

geschieht dies wenn man beinahe nichts bemerkt was dem widerspricht und wir

finden dass die uns im günstigen Lichte dargestellte Meinung die

entgegengesetzte Ansicht welche in unserer Auffassung nichts für sich hat

ebensoviel und mehr übertrifft als wenn für die eine und andere Seite viele

Gründe vorhanden gewesen wären Denn der Unterschied zwischen 0 und 1 oder

zwischen 2 und 3 ist ebenso groß wie der zwischen 9 und 10 und wir bemerken

dieses Übergewicht ohne an die Prüfung zu denken welche zum Urteilen noch

nötig sein würde aber wozu uns nichts einladet

     17 Philalethes Das letzte falsche Wahrscheinlichkeitsmaß an das ich zu

erinnern die Absicht habe ist die falsch verstandene Autorität welche mehr

Menschen in der Unwissenheit und im Irrtum hält als alle die übrigen zusammen

Wieviel Leute sieht man die für ihre Ansicht keinen anderen Grund haben als

die unter ihren Freunden und unter ihren Standesoder Partei oder

Landesgenossen angenommenen Meinungen Irgend eine Meinung ist von dem

ehrwürdigen Altertum gebilligt gewesen sie kommt mir unter dem Freibrief der

früheren Jahrhunderte zu andere gehen sich ihr hin darum bin ich vor dem

Irrtum geschützt wenn ich sie annehme Es wäre ebenso begründet das Los zu

werfen um seine Meinungen zu fassen als auf solche Regeln hin sie zu wählen

Außer dem dass alle Menschen dem Irrtum unterworfen sind würden wir glaube

ich wenn wir die geheimen Triebfedern sehen könnten welche die gelehrten und

Parteihäupter in Bewegung setzen oft etwas ganz anderes finden als die reine

Liebe zur Wahrheit Es gibt wenigstens sicherlich keine so abgeschmackte

Meinung welche nicht auf diesen Grund hin angenommen werden könnte da es

keinen Irrtum gibt der nicht seine Parteigänger hat

    Theophilus Man muss indessen zugeben dass man in vielen Fällen nicht umhin

kann sich der Autorität hinzugeben St Augustinus hat ein recht hübsches Buch

de utilitate credendi über den Nutzen des Glaubens geschrieben welches über

diesen Gegenstand gelesen zu werden verdient und was die angenommenen Meinungen

angeht so haben sie etwas Ähnliches für sich als das was die Juristen

Präsumtion günstiges Vorurteil nennen Obgleich man nicht genötigt sein mag

ihnen immer ohne Beweis zu folgen so ist man doch ebensowenig berechtigt sie

im Geiste eines anderen zu zerstören ohne gegenteilige Beweise zu haben Es ist

nämlich nicht erlaubt ohne Grund etwas zu verändern Man hat viel über den

Beweis gestritten welcher von der großen Zahl der Bekenner einer Ansicht

hergenommen wird seitdem der verstorbene Nicole sein Buch über die Kirche

veröffentlicht hat aber alles was man aus diesem Beweis ziehen kann wenn es

sich darum handelt einen Grund anzuerkennen nicht aber eine Tatsache zu

beglaubigen kommt nur auf das was ich eben bemerkt habe zurück Und wie

hundert Pferde nicht schneller laufen als ein Pferd obwohl sie mehr ziehen

können so ist es ebenso mit hundert Menschen verglichen mit einem sie können

nicht schneller gehen aber erfolgreicher arbeiten sie können nicht besser

urteilen aber sie werden imstande sein mehr Stoff zu liefern an dem das

Urteil geübt werden kann. Das ist der Sinn des Sprüchworts plus vident oculi

quam oculus vier Augen sehen mehr als zwei Man bemerkt das in den

Versammlungen wo in Wahrheit viele Betrachtungen auf die Bahn gebracht werden

die vielleicht einem oder zweien entgehen man läuft aber die Gefahr indem man

über alle diese Zweifel beschließt nicht das beste Teil zu ergreifen wenn

nicht gescheite Leute dabei sind welche mit dem Durcharbeiten und Erwägen

derselben betraut werden Darum haben verschiedene urteilsvolle Theologen der

römischen Glaubenspartei in der Einsicht dass die Autorität der Kirche dh die

der an Würde höchsten und von der großen Masse am meisten gestützten in Sachen

der Vernunft auch unsicher sein könne dieselbe auf die bloße Bezeugung von

Tatsachen unter dem Namen der Tradition zurückgeführt Dies war die Meinung

Heinrich Holdens eines Engländers und Lehrers an der Sorbonne Verfassers eines

»Analyse des Glaubens« betitelten Werkes worin er gemäß den Prinzipien des

Kommonitoriums Vincents von Lerina den Satz aufstellt dass man in der Kirche

keine neuen Entscheidungen geben dürfe und dass alles was die im Konzil

versammelten Bischöfe tun können darin besteht die Tatsache der in ihren

Diözesen allgemein angenommenen Lehre zu bezeugen Das Prinzip ist ansprechend

solange man bei den Allgemeinheiten bleibt aber wenn man zur Sache kommt so

findet sich dass verschiedene Länder verschiedene Meinungen seit langer Zeit

angenommen haben und dass man noch dazu in den nämlichen Ländern von dem einen

zum entgegengesetzten anderen  trotz der Arnauldschen Argumente gegen die

unmerklichen Veränderungen  übergegangen ist dass man sich überdies oft ohne

sich auf die bloße Beglaubigung zu beschränken in das Urteilen selbst

eingemischt hat Im Grunde ists auch die Meinung des gelehrten bayerischen

Jesuiten Gretser Verfassers einer von den Theologen seines Ordens anerkannten

Glaubensanalyse dass die Kirche über die Streitpunkte richten kann indem sie

neue Glaubenssätze gründet da ihr der Beistand des heiligen Geistes verheißen

ist obwohl man diese Ansicht meistens zu verhüllen trachtet besonders in

Frankreich wie wenn die Kirche nur die schon aufgestellten Lehren zu erläutern

hättet Aber die Erläuterung ist ein schon angenommener Satz oder ein neuer den

man aus der angenommenen Lehre zu gewinnen glaubt Die Praxis widersetzt sich

meistens dem ersteren Sinn und was kann im zweiten Sinne der aufgestellte neue

Satz anderes als ein neuer Glaubenssatz sein

    Ich bin indessen nicht der Ansicht dass man das Altertum in Religionssachen

verachten dürfe und glaube sogar man dürfe sagen dass Gott die wirklich

ökumenischen Konzilien bisher vor jedem Irrtum welcher der Heilslehre zuwider

läuft bewahrt hat Übrigens ist Parteivorurteil ein wunderliches Ding Ich habe

Leute mit Eifer eine Meinung umfassen sehen allein aus dem Grunde dass sie in

ihrem Stande angenommen war oder selbst allein deshalb weil sie der eines

Mitgliedes einer Religionsgemeinschaft oder eines Volkes die sie nicht liebten

zuwider war wenn auch die betreffende Frage mit der Religion und dem

Volksinteresse fast nichts gemein hatte Sie kannten vielleicht nicht einmal die

wahre Quelle ihres Eifers aber ich merkte dass sie auf die erste Nachricht dass

der oder jener dies oder jenes geschrieben habe in den Bibliotheken

herumwühlten und sich aufstachelten um etwas zur Widerlegung zu finden Dies

geschieht auch oft von denen welche auf den Universitäten Thesen verteidigen

und sich gegen ihre Gegner auszuzeichnen suchen Was sollen wir aber von den in

den symbolischen Büchern selbst unter den Protestanten vorgeschriebenen Lehren

sagen welche man oft zu beschwören genötigt ist Und von denen einige glauben

sie bedeuteten bei uns nur die Verpflichtung zu dem Bekenntnis dessen was diese

Bücher oder Formulare von der heiligen Schrift enthalten worin wieder andere

ihnen widersprechen Und in den religiösen Orden der römischen Kirche schreibt

man indem man mit den in der Kirche geltenden Lehren sich nicht begnügt den

Lehrern noch engere Schranken vor wie die von dem General der Jesuiten Claudius

Aquaviva wenn ich mich nicht irre in deren Schulen verbotenen Lehrsätze es

bezeugen Gut wäre es  um dies im Vorübergehen zu bemerken  wenn man eine

systematische Sammlung der durch Konzilien Päpste Bischöfe Oberen Fakultäten

entschiedenen und verworfenen Sätze machte welche der Kirchengeschichte zum

Nutzen sein würde Man kann zwischen Lehren und Annehmen einer Ansicht

unterscheiden Es gibt auf der ganzen Welt keinen Eid und kein Verbot welches

jemand bei derselben Ansicht zu verbleiben zwingen könnte denn die

Überzeugungen sind an sich unwillkürlich aber eine Lehre zu lehren welche für

gefährlich gilt kann und muss man sich enthalten wenn es nicht gegen die

Gewissenspflicht läuft und im letzteren Falle muss man sich aufrichtig erklären

und falls man zu lehren berufen ist seine Stelle niederlegen immer

vorausgesetzt dass man es tun könne ohne sich einer äußersten Gefahr

auszusetzen die einen zwingen könnte sich ohne Aufsehen zu entfernen Ein

anderes Mittel aber die Rechte des Publikums und des einzelnen zu vereinigen

gibt es nicht da das eine verhindern muss was es für schlimm erachtet und der

andere der von seinem Gewissen geforderten Pflichten sich nicht entschlagen

kann

     18 Philalethes Dieser Gegensatz zwischen dem Publikum und dem einzelnen

und selbst zwischen den öffentlichen Meinungen der verschiedenen Parteien ist

ein unvermeidliches Übel Aber oft sind eben diese Gegensätze nur scheinbar und

bestehen nur in den Formeln Ich bin auch zu erklären verpflichtet um dem

menschlichen Geschlechte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen dass es nicht so

viel im Irrtum verstrickte Leute gibt als man gewöhnlich voraussetzt nicht dass

ich glaube sie besitzen die Wahrheit sondern weil sie in der Tat über die

Lehren von denen man soviel Aufhebens macht absolut keine feste Meinung haben

und ohne etwas zu prüfen und nur mit den oberflächlichsten Vorstellungen über

die betreffende Angelegenheit im Kopfe entschlossen sind sich fest zu ihrer

Partei zu halten wie Soldaten welche die von ihnen verteidigte Sache nicht

prüfen und wenn das Leben eines Menschen zeigt dass er keine aufrichtige

Rücksicht auf die Religion nimmt so genügt es ihm Hand und Zunge zur

Behauptung der gemeinsamen Meinung bereit zu halten um sich denen welche ihm

Unterstützung gewähren können zu empfehlen

    Theophilus Diese von Ihnen dem menschlichen Geschlechte zugestandene

Gerechtigkeit gereicht ihm nicht zum Lobe und die Menschen wären eher zu

entschuldigen wenn sie aufrichtig ihren Meinungen folgten als wenn sie sie aus

Interesse erheucheln Indessen ist in ihrem Ton vielleicht doch noch mehr

Aufrichtigkeit als Sie zu verstehen zu geben scheinen Denn sie können ohne

irgend welche Erkenntnis des Grundes zu einem blinden Glauben gekommen sein

indem sie sich allgemein und bisweilen blindlings aber häufig ohne Arg dem

Urteile anderer unterwerfen deren Autorität sie einmal anerkannt haben

Allerdings trägt das Interesse das sie darin finden zu dieser Unterwerfung

bei aber das hindert nicht dass sich endlich die Meinung bildet In der

römischen Kirche begnügt man sich fast mit diesem dunklen Glauben da es in ihr

keinen aus der Offenbarung herstammenden Lehrsatz gibt der in ihr für absolut

grundlegend erachtet wird und für notwendig gilt »necessitate medii« dh an

den zu glauben eine zur Seligkeit notwendige Bedingung ist Sie sind es aber

alle »necessitate praecepti« durch die Notwendigkeit dass darin gelehrt wird

der Kirche zu gehorchen wie man es nennt und der darin aufgestellten Lehre

alle gebührende Aufmerksamkeit zu widmen alles unter der Strafe der Todsünde

Aber diese Notwendigkeit erheischt nur eine vernünftige Neigung sich belehren zu

lassen und verpflichtet nach den gelehrtesten Kirchenlehrern nicht unbedingt zur

Zustimmung Indessen glaubte selbst der Kardinal Bellarmin dass nichts besser

wäre als dieser Kinderglaube der sich einer geltenden Autorität unterwirft und

mit Genugtuung erzählt er die Anrede eines Sterbenden an den Teufel welchen er

durch diesen von ihm oft wiederholt gehörten Zirkelspruch verscheuchte

 

                       Ich glaube was die Kirche glaubt

                       Die Kirche glaubt was ich glaube

 
 






     1 Philalethes Da sind wir nun am Ende unseres Weges alle die

Verrichtungen des Verstandes sind erläutert Unsere Absicht ist nicht auf das

einzelne unserer Erkenntnisse selbst einzugehen Indessen wird es hier

vielleicht vor dem Schluss eine allgemeine Übersicht von ihnen zu geben passend

sein indem wir die Einteilung der Wissenschaften in Betracht ziehen

    Alles was in den Umkreis des menschlichen Verstandes eintreten kann ist

entweder das Wesen der Sachen an sich oder an zweiter Stelle der Mensch in

seiner Eigenschaft als handelndes Wesen der auf sein Ziel und besonders auf

sein Glück ausgeht oder es sind drittens die Mittel Erkenntnis zu erlangen und

mitzuteilen So wird also die Wissenschaft in drei Fächer geteilt  2 Das

erste ist die Physik oder die Naturphilosophie welche nicht allein die Körper

und deren Affektionen umfasst wie Zahl Gestalt sondern auch die Geister selbst

Gott und die Engel  4 Das zweite ist die praktische Philosophie oder die

Moral welche die Mittel lehrt das Gute und Nützliche zu erlangen und nicht

allein die Erkenntnis der Wahrheit sondern auch die Ausübung der Gerechtigkeit

zum Vorwurf hat  4 Das dritte endlich ist die Logik oder die Zeichenkunde

denn Logos bedeutet Wort Wir haben nämlich Zeichen unserer Vorstellungen nötig

um uns einander unsere Gedanken mitzuteilen ebensogut wie um sie zu unserem

eigenen Gebrauch zu verzeichnen Und wenn man deutlich und mit aller möglichen

Sorgfalt in Betracht zöge dass dieses letztere Fach der Wissenschaft sich auf

die Vorstellungen und Worte bezieht so würden wir vielleicht eine von der

bisher bekannten verschiedene Logik und Kritik erhalten Diese drei Fächer nun

Physik Moral und Logik sind wie drei große Gebiete in der intellektuellen

Welt gänzlich voneinander geschieden und getrennt

    Theophilus Diese Einteilung ist schon bei den Alten berühmt gewesen denn

unter der Logik umfassten sie noch alles wie Sie was sich auf die Worte und die

Auslegung unserer Gedanken bezieht die »artes dicendi« dh Künste der Rede

Indessen liegen darin noch Schwierigkeiten denn die Wissenschaft, das

Schlussverfahren anzuwenden zu urteilen und zu erfinden scheint sehr

verschieden von der Erkenntnis der Etymologien der Worte und des

Sprachgebrauches der etwas Unbestimmbares und Willkürliches ist Man ist ferner

bei der Auslegung der Worte genötigt in den Wissenschaften selbst sich

umzusehen wie aus den Wörterbüchern erhellt und kann auf der anderen Seite die

Wissenschaft nicht treiben ohne zugleich die Definition der Ausdrücke zu geben

Die hauptsächlichste Schwierigkeit aber welche sich bei dieser Einteilung der

Wissenschaften findet ist dass jeder Teil das Ganze zu verschlingen droht

zunächst werden Moral und Logik mit der Physik zusammenfallen wenn man sie so

allgemein nimmt wie eben geschehen ist denn indem man von den Geistern

spricht dh von den mit Verstand und Willen begabten Substanzen und diesen

Verstand gründlich erörtert muss man die ganze Logik mit hineinziehen und wenn

man in der Lehre vom Geiste das was den Willen betrifft auseinandersetzt

müsste man von dem Guten und Schlimmen von dem Glück und dem Unglück reden und

es hängt nur von der Darstellung ab diese Lehre so weit auszudehnen um die

ganze praktische Philosophie dabei unterzubringen Wiederum könnte alles in die

praktische Philosophie hineingezogen werden als zu unserem Glück dienend Sie

wissen dass man die Theologie mit Recht als eine praktische Wissenschaft

betrachten kann und die Jurisprudenz sowohl wie die Medizin sind es nicht

weniger so dass die Lehre vom menschlichen Glück oder dem für uns Guten und

Schlimmen alle diese Kenntnisse in sich aufnehmen muss wenn man alle die Mittel

welche zu dem von der Vernunft vorgesetzten Zwecke dienen genügend erklären

wollte Auf diese Art hat Zwinger in seiner methodischen Schaubühne des

menschlichen Lebens die Beyerling durch Einführung alphabetischer Anordnung

verunstaltet hat alles umfasst Und behandelt man wieder alle Gegenstände in

Wörterbüchern nach alphabetischer Ordnung so wird die Sprachwissenschaft

welche Sie mit den Alten in die Logik stellen dh bei diskursiver

Darstellung sich ihrerseits des Gebietes der beiden anderen bemächtigen So

sind denn also Ihre drei großen Gebiete der Enzyklopädie in beständigem Kriege

weil das eine immer Anspruch auf die Rechte der anderen erhebt Die Nominalisten

haben geglaubt dass es so viel besondere Wissenschaften als Wahrheiten gebe

welche sie nach Gruppen je nachdem man sie anordnete zusammensetzten und

andere vergleichen wieder das ganze Korpus unserer Erkenntnisse einem Ozean

welcher ganz aus einem Stücke ist und der in ein Kaledonisches Atlantisches

Äthiopisches Indisches Meer nur durch willkürliche Linien eingeteilt wird Es

kommt gewöhnlich vor dass die nämliche Wahrheit an verschiedene Stellen gebracht

werden kann, je nach den Ausdrücken welche sie enthält und selbst nach den

Mittelbegriffen oder Ursachen von denen sie abhängt und nach den Folgen und

Wirkungen welche sie haben kann Ein einfaches kategorisches Urteil hat nur

zwei Begriffe aber ein hypothetisches Urteil kann deren vier haben ohne von

den zusammengesetzten Urteilen zu sprechen Eine merkwürdige Begebenheit kann in

die Annalen der allgemeinen Geschichte und in die besondere Geschichte des

Landes wo sie geschehen und endlich in die Lebensgeschichte dessen welcher

daran beteiligt ist gesetzt werden Und gesetzt es handle sich dabei um irgend

eine schöne Sittenvorschrift um irgend eine Kriegslist um irgend eine

Erfindung in den Künsten welche der Bequemlichkeit des menschlichen Lebens oder

der Gesundheit dienen so kann diese nämliche Geschichte passend bei der

Wissenschaft oder der Kunst welche sie betrifft angeführt werden und man kann

selbst an zwei Stellen dieser Wissenschaft ihrer erwähnen nämlich in der

Geschichte der Wissenschaft, um ihr wirkliches Wachstum zu erzählen und auch

bei den Vorschriften um sie durch die Beispiele zu bestätigen oder zu

erläutern Was man zB ganz passend im Leben des Kardinals Ximenes erzählt dass

ihn ein maurisches Weib bloß durch Einreibungen von einer fast hoffnungslosen

Brustkrankheit heilte verdient noch eine Stelle in einem System der Medizin

sowohl beim Kapitel vom hektischen Fieber als wo es sieh um die medizinische

Diät mit Einschluss der körperlichen Übungen handelt und diese Bemerkung wird

dann dazu dienen die Ursachen dieser Krankheit besser zu entdecken Man könnte

aber noch in der medizinischen Logik davon reden wo es sich um die Kunst

handelt die Heilmittel zu finden und in der Geschichte der Medizin um zu

zeigen wie die Heilmittel zur Kenntnis der Menschen gelangt sind was sehr

häufig mit Hilfe einfacher Empiriker und selbst von Scharlatans der Fall war

Beverovicius würde mit seinem hübschen Buche über die antike Medizin welches

fast ganz aus nicht medizinischen Schriftstellern gezogen ist noch etwas viel

Besseres geleistet haben wenn er bis auf die neueren fortgegangen wäre Man

sieht daraus dass eine und dieselbe Wahrheit nach ihren verschiedenen

Beziehungen viele Stellen einnehmen kann Auch wissen diejenigenwelche eine

Bibliothek ordnen sehr häufig nicht wo sie dies und jenes Buch hinstellen

sollen indem sie zwischen zwei oder drei gleich passenden Stellen hin und her

schwanken Sprechen wir aber jetzt nur von den allgemeinen Wissenschaften mit

Beiseitesetzung der besonderen Tatsachen der Geschichte und Sprachen

    Ich nehme zwei Hauptanordnungen aller Lehrwahrheiten an von denen eine jede

ihren Vorzug hat und welche miteinander zu verbinden gut sein würde Die eine

würde synthetisch und theoretisch sein indem sie wie die Mathematiker die

Wahrheiten nach der Ordnung der Beweise aneinanderreiht so dass jeder Satz

hinter die zu stehen kommt von denen er abhängt Die andere Anordnung wurde

analytisch und praktisch sein indem sie mit dem menschlichen Zweck anfängt dh

mit den Gütern deren oberstes die Glückseligkeit ist und der Reihe nach die

Mittel aufsucht welche diese Güter zu erlangen oder die entgegengesetzten Übel

zu vermeiden dienen Und zwar gehören diese beiden Methoden in die Enzyklopädie

im allgemeinen wie auch einige sie in den besonderen Wissenschaften angewendet

haben denn selbst die von Euklid als eine Wissenschaft synthetisch behandelte

Geometrie ist von einigen anderen als eine Kunst behandelt worden und könnte

nichtsdestoweniger unter dieser Form demonstrativ behandelt werden die sogar

ihre Entstehung zeigen würde wie wenn jemand alle Arten ebener Figuren zu

messen sich vornähme und mit den geradlinigen beginnend davon ausginge dass man

sie in Dreiecke teilen kann dass jedes Dreieck die Hälfte eines Parallelogramms

ist und die Parallelogramme auf Rechtecke zurückgeführt werden können, deren

Messung leicht ist Schreibt man aber die Enzyklopädie nach beiden Anordnungen

nieder so könnte man um die Wiederholungen zu vermeiden sich der Verweisungen

bedienen

    Mit diesen beiden Anordnungen müsste man noch die dritte den Ausdrücken gemäß

verbinden die in der Tat nur eine Art von Repertorium sein würde sei es ein

systematisches wenn man die Ausdrücke nach gewissen Kategorien die allen

Nationen gemeinsam sind anordnet sei es alphabetisch nach der unter den

Gelehrten allgemein angenommenen Sprache Dies Repertorium nun würde nötig sein

um alle die Sätze zusammenzufinden worin der Ausdruck sich als solcher

besonders bemerkbar macht denn nach den beiden vorherbesprochenen Weisen wobei

die Wahrheiten nach ihrem Ursprung oder Gebrauch geordnet sind können

diejenigen Wahrheitenwelche denselben Ausdruck betreffen sich nicht

zusammenfinden Beispielsweise ist dem Euklid nicht erlaubt wo er die Hälfte

eines Winkels zu finden lehrt das Mittel hinzufügen den dritten Teil desselben

zu finden weil er dann von den Kegelschnitten hätte sprechen müssen deren

Kenntnis man an jener Stelle noch nicht empfangen haben konnte Das Repertorium

aber kann und muss die Stellen anzeigen wo sich die wichtigen Sätze die ein und

denselben Gegenstand betreffen finden Es fehlt uns noch ein solches

Repertorium für die Geometrie, welches ein großes Hilfsmittel wäre um selbst

die Erfindung zu erleichtern und die Wissenschaft vorwärts zu bringen denn es

würde das Gedächtnis unterstützen und uns oft die Mühe sparen das schon einmal

Gefundene von neuem zu suchen Und diese Repertorien würden mit noch mehr Grund

in den anderen Wissenschaften von Nutzen sein wo die Kunst des Schließens

weniger Macht hat und wäre besonders in der Medizin von äußerster Wichtigkeit

Aber die Kunst solche Repertorien anzufertigen würde keine geringe sein

    Betrachte ich nun diese drei Anordnungen so finde ich dabei das merkwürdig

dass sie der alten Einteilung entsprechen welche Sie erneuert haben die nämlich

die Wissenschaft oder Philosophie in theoretische praktische und diskursive

scheidet oder auch in physische moralische und logische Denn die synthetische

Anordnung entspricht der theoretischen die analytische der praktischen und die

des Repertoriums den Ausdrücken gemäß der logischen so dass diese alte

Einteilung sehr wohl passt wenn man sie nur so versteht wie ich jene

Anordnungen eben erklärt habe dh nicht als verschiedene bestimmte

Wissenschaften sondern als verschiedene Weisen der Anordnung derselben

Wahrheiten sofern man sie zu wiederholen für angemessen erachtet

    Es gibt auch noch eine bürgerliche Einteilung der Wissenschaften nach den

Fakultäten und dem Lebensberufe Deren bedient man sich auf den Universitäten

und beim Anordnen von Bibliotheken und Draudius mit seinem Fortsetzer Lipenius

die uns den weitschichtigsten wenn auch nicht besten Bücherkatalog hinterlassen

haben haben statt der ganz systematischen Methode der Gesnerschen Pandekten zu

folgen sich damit begnügt ähnlich wie die Bibliothekare sich der großen

Einteilung der Gegenstände nach den sogenannten vier Fakultäten der Theologie

der Jurisprudenz der Medizin und der Philosophie zu bedienen Sie tun dies nach

der alphabetischen Ordnung der hauptssächlichsten Ausdrücke welche in den

Aufschriften der Bücher vorkommen was für jene Schriftsteller eine

Erleichterung war weil sie nicht nötig hatten das Buch zu sehen oder den

Inhalt zu verstehen von welchem es handelt aber anderen Leuten hilft das

nicht wenn man nicht wenigstens Rückweisungen der Titel auf andere von

ähnlicher Bedeutung gibt denn um von vielen durch sie begangenen Fehlern nicht

in reden sieht man dass oft dasselbe unter verschiedenen Namen vorkommt wie

zB observationes juris miscellanea conjectanea electa semestria

probabilia benedicta und eine Menge ähnlicher Aufschriften solche juristischen

Bücher bedeuten nur vermischte Gegenstände aus dem römischen Recht Darum ist

die systematische Anordnung der Gegenstände ohne Zweifel die beste und man kann

damit hinlänglich umfassende alphabetische Anzeiger nach den Ausdrücken und den

Autoren verbinden Die allgemein angenommene bürgerliche Einteilung nach den

vier Fakultäten ist also nicht zu verachten Die Theologie handelt von der

ewigen Glückseligkeit und allem was sich darauf bezieht soweit es von der

Seele und dem Gewissen abhängt Sie ist gleichsam eine Jurisprudenz die das

betrifft was man dem Forum internum dem des Gewissens zuschreibt und was

sich auf die unsichtbaren Substanzen und Geister bezieht Die Jurisprudenz hat

die Regierung und die Gesetze zum Gegenstand deren Zweck das Glück der Menschen

insofern ist als man durch das Äußere und Sinnliche dazu beitragen kann aber

sie betrifft nicht vorherrschend das was von der Natur des Geistes abhängt und

lässt sich auch bei den körperlichen Dingen nicht besonders auf das einzelne ein

dessen Natur sie voraussetzt um es als Mittel anzuwenden Sie entledigt sich

also gleich von vornherein eines wichtigen Punktes welcher die Gesundheit

Kraft und Vollkommenheit des menschlichen Körpers betrifft wofür zu sorgen der

Fakultät der Medizin zugewiesen ist Einige haben mit einem gewissen Grunde

geglaubt dass man eine ökonomische Fakultät den übrigen hinzufügen könnte

welche die mathematischen und mechanischen Künste und alles was den Unterhalt

der Menschen und die Lebensbequemlichkeiten im einzelnen angeht worin der

Ackerbau und die Baukunst mit inbegriffen sein würden enthielte Aber man

überlässt der philosophischen Fakultät alles was nicht in den drei Fakultäten

die man die höheren nennt enthalten istDies hat man schlecht genug gemacht

da man den Mitgliedern dieser vierten Fakultät nicht die Mittel gegeben hat

sich durch die Praxis zu vervollkommnen wie die Lehrer der übrigen Fakultäten

es können Man betrachtet also mit vielleicht alleiniger Ausnahme der Mathematik

die philosophische Fakultät nur als eine Einführung zu den übrigen Darum will

man dass die Jugend die Geschichte die sprachlichen Künste und einige

Anfangsgründe der natürlichen Theologie und Jurisprudenz welche von göttlichen

und menschlichen Gesetzen unabhängig unter dem Titel der Metaphysik oder

Pneumatik der Moral und Politik begriffen werden mit noch etwas Physik lerne

was für die jungen Mediziner dienen soll

    Das wäre aber die bürgerliche Einteilung der Wissenschaften nach den

Korporationen und Berufsständen der sie lehrenden Gelehrten ohne von den

Professionen derer zu reden welche für das Publikum anders arbeiten als durch

ihre Rede und welche wenn die Maßregeln des Wissens richtig getroffen würden

durch die wahren Gelehrten geleitet werden müssten Und selbst bei den edleren

Handwerken ist das Wissen sehr gut mit der Ausübung verbunden worden und könnte

es noch mehr werden Wie man in der Tat bei der Medizin beides vereinigt nicht

allein ehemals bei den Alten wo die Ärzte noch Chirurgen und Apotheker waren

sondern auch heutzutage noch bei den Chemikern Diesen Bund der Praxis und der

Theorie sieht man auch im Kriege und bei den Lehrern dessen was man die Übungen

nennt wie auch bei den Malern oder Bildhauern und Musikern und bei einigen

anderen Klassen ausübender Künstler Virtuosi Und wenn die Grundsätze aller

dieser Berufsarten und Künste und selbst der Handwerke praktisch in der

philosophischen oder in irgend einer beliebigen anderen Fakultät von Gelehrten

gelehrt würden so würden diese in Wahrheit die Lehrer des menschlichen

Geschlechts sein Aber man müsste in vielen Dingen den gegenwärtigen Zustand der

Literatur und Jugenderziehung und folglich der Staatsverwaltung verändern Und

wenn ich erwäge wie seit einem oder zwei Jahrhunderten die Menschen in der

Erkenntnis vorgeschritten sind und wie leicht es ihnen wäre unvergleichlich

weiter zu kommen um sich glücklicher zu machen so verzweifle ich nicht daran

dass man in einer ruhigeren Zeit unter irgend einem großen Fürsten welchen Gott

zum Besten des menschlichen Geschlechtes erwecken kann zu einer bedeutenden

Verbesserung gelange