1690_Locke_Versuch_Verstand.html



         
     1 Die Untersuchung des menschlichen Verstandes ist unterhaltend und

nützlich Indem der Verstand es ist welcher den Menschen über alle andern

lebenden Wesen erhebt und ihm die Vorteile und Herrschaft gewährt die er über

sie besitzt ist der Verstand, schon seines Adels wegen ein Gegenstand welcher

sicherlich der Mühe einer Untersuchung wert ist Während der Verstand, gleich

dem Auge uns alle andern Dinge sehen und erkennen lässt achtet er auf sich

selbst nicht und es erfordert Kunst und Mühe ihn sich gegenüber zu stellen und

ihn zu seinem eigenen Gegenstand zu machen Allein welcher Art auch die auf dem

Wege seiner Untersuchung liegenden Schwierigkeiten sein mögen und was auch das

sein mag was uns so in Dunkelheit über uns selbst erhält so bin ich doch

überzeugt dass all das Licht was wir auf unsern eignen Geist fallen lassen

und alle die Bekanntschaft die wir mit unserm eignen Verstande machen können

nicht allein unterhaltend sondern auch für die Untersuchung andrer Dinge wenn

wir unser Denken darauf richten von großem Nutzen sein wird

     2 Meine Absicht Es ist deshalb meine Absicht den Ursprung die

Gewissheit und die Ausdehnung des menschlichen Wissens sowie die Grundlagen und

Abstufungen des Glaubens der Meinung und der Zustimmung zu erforschen Ich

werde dabei nicht auf eine physikalische Betrachtung der Seele eingehen und

nicht untersuchen worin das Wesen derselben bestehe und durch welche Bewegung

unsre Lebensgeister oder durch welche Veränderungen in unserem Körper wir zu

einer Empfindung durch unsre Sinnesorgane und zu Vorstellungen In unserem

Verstande gelangen und ob einige dieser Vorstellungen oder alle bei ihrer

Bildung von dem Stoffe abhängen oder nicht Diese Untersuchungen mögen anziehend

und unterhaltend sein allein ich lasse sie bei Seite da sie bei dem Ziele was

ich jetzt verfolge außerhalb meines Weges liegen Für meinen jetzigen Zweck

genügt die Betrachtung der verschiedenen Vermögen des Menschen in ihrer

Anwendung auf Gegenstände, mit denen er zu tun hat und ich meine dass ich

mein Denken bei diesem Unternehmen nicht schlecht angewendet haben werde wenn

ich auf diesem beobachtenden und einfachem Wege einige Auskunft über die Mittel

gewinnen kann durch welche unser Verstand die Begriffe erlangt die wir von den

Dingen haben und wenn ich einen Maßstab für die Gewissheit unseres Wissens

und die Gründe jener Überzeugungen auffinde welche unter den Menschen in so

mannigfacher verschiedener ja ganz entgegengesetzter Weise bestehen und

dabei doch im Einzelnen mit soviel Zuversicht und Sicherheit festgehalten

werden dasswenn man die Meinungen der Menschen überschaut ihre Gegensätze

bemerkt und zugleich sieht mit welcher Liebe und Verehrung sie festgehalten

und mit welcher Entschlossenheit und Eifer sie verteidigt werden man wohl mit

Grund zweifeln darf ob es überhaupt so Etwas wie Wahrheit gebe und ob die

Menschheit die genügenden Mittel zur Erlangung einer sicheren Kenntnis

derselben besitze

     3 Mein Verfahren Es ist daher wohl der Mühe wert die Grenzen

zwischen Meinung und Erkenntnis zu untersuchen und die Maßregel zu prüfen

durch die wir da wo wir keine sichere Kenntnis besitzen unsere Zustimmung zu

regeln und unsere Überzeugungen zu mäßigen haben Ich werde hierbei in

nachstehender Weise verfahren

    Zuerst werde ich den Ursprung der Vorstellungen oder Begriffe oder wie man

es sonst nennen will untersuchen die der Mensch in seiner Seele findet und

deren er sich bewusst ist, sowie der Wege auf denen der Verstand zu ihnen

gelangt

    Zweitens werde ich zeigen welches Wissen der Verstand durch diese

Vorstellungen besitzt und worin die Sicherheit Gewissheit und Ausdehnung

dieses Wissens besteht

    Drittens werde ich die Natur und die Grundlagen des Glaubens und der Meinung

untersuchen Ich verstehe darunter die Zustimmung, die wir einem Satze als

einem wahren geben obgleich wir von seiner Wahrheit noch keine sichere

Kenntnis haben Dies wird mir die Gelegenheit bieten die Gründe und die Grade

der Zustimmung zu prüfen

     4 Die Kenntnis wie weit unser Wissen sich erstreckt ist nützlich

Wenn ich durch diese Untersuchung der Natur des Verstandes seine Kräfte

entdecke und sehe wie weit sie reichen für welche Dinge sie einigermaßen

zureichend sind und wo sie ausgehen so meine ich dass dies den geschäftigen

Geist der Menschen bestimmen wird sich vorzusehen und nicht mit Dingen

einzulassen die seine Fassungskraft übersteigen so wie anzuhalten wenn er an

den äußersten Grenzen seines Vermögens angekommen ist und sich über seine

Unwissenheit von Dingen zu beruhigen wenn sie bei ihrer Prüfung sich als solche

zeigen die außer dem Bereich unserer Vermögen liegen Man wird dann vielleicht

weniger bereit sein ein allumfassendes Wissen in Anspruch zu nehmen und Fragen

zu erheben oder sich und Andere in Streit über Dinge zu verwickeln für welche

unser Verstand nicht passt und von denen man keine klare und deutliche

Vorstellung in seiner Seele bilden kann oder von denen man wie es nur zu oft

vorkommen dürfte überhaupt keinen Begriff hat Wenn man ausfindig machen kann

wie weit der Verstand seinen Blick auszudehnen vermag wie weit er die

Gewissheit zu erreichen im Stande ist und in welchen Fällen er nur meinen und

vermuten kann so wird man lernen mit dem sich zu begnügen was dem Menschen

in seinem jetzigen Zustande erreichbar ist

     5 Unsere Vermögen sind unserem Zustande und Bedürfnissen angemessen

Denn wenn auch unser Verstand zum umfassen der weiten Ausdehnung der Dinge viel

zu klein ist so haben wir doch allen Grund den gütigen Urheber unseres Daseins

für das uns verliehene Verhältnis und Maß der Erkenntnis zu preisen da es

so hoch über das aller übrigen Bewohner unseres Aufenthalts steht Die Menschen

können sehr wohl mit dem zufrieden sein was Gott für sie passend erachtet hat

denn er hat ihnen wie der heilige Petrus sagt panta pros zôên kai eusebeian

dh Alles zum Leben und zur Kenntnis der Tugend Nötige gegeben und ihnen

möglich gemacht die Mittel für ein behagliches Leben so wie den zu einem

bessern Leben führenden Weg aufzufinden Ihr Wissen bleibt allerdings weit

hinter einer umfassenden und vollkommenen Erkenntnis der Dinge zurück aber es

sichert sie doch in ihren wichtigsten Angelegenheiten da es hell genug ist um

den Menschen zur Erkenntnis seines Schöpfers und seiner eignen Pflichten zu

führen Die Menschen werden immer genügenden Stoff für die Beschäftigung ihres

Kopfes und für die mannichfache angenehme und befriedigende Benutzung ihrer

Hände finden wenn sie nur nicht frech auf ihre eigene Verfassung schelten und

den Segen der ihre Hände erfüllt nicht deshalb wegwerfen weil sie nicht stark

genug zur Erfassung aller Dinge seien Wir brauchen uns über die Schranken

unseres Geistes nicht zu beklagen wenn wir ihn zu dem für uns Nützlichen

anwenden denn dazu ist er völlig geschickt Es wäre ein unverzeihlicher und

kindischer Eigensinn die Vorzüge unseres Verstandes zu unterschätzen und seine

Verbesserung für die Ziele zu vernachlässigen für welche er uns gegeben ist

weil es Dinge gibt die außer seinem Bereiche liegen Ein fauler und

mürrischer Diener der seine Geschäfte bei Kerzenlicht nicht besorgen mag darf

sich nicht mit dem fehlenden Sonnenlicht entschuldigen die in uns brennende

Kerze leuchtet für all unsere Zwecke hell genug und die damit möglichen

Entdeckungen müssen uns genügen Wir gebrauchen unsere Verstandeskräfte dann

recht wenn wir alle Gegenstände in der Weise und dem Maß nehmen wie es für

unsere Fähigkeiten passend ist und auf Grundlagen die wir verstehen können

und wenn wir nicht durchaus und maßlos auf Beweisen bestehen und Gewissheit

verlangen wo nur Wahrscheinlichkeit zu erlangen ist die aber für die Besorgung

unserer Angelegenheiten zureicht Wenn man jedem Dinge misstraut weil man nicht

Alles sicher erkennt so handelt man beinah so weise wie Der welcher seine

Beine nicht brauchen wollte sondern still saß und umkam weil er keine Flügel

zum Fliegen hätte

     6 Die Kenntnis unserer Vermögen schützt vor Zweifelsucht und Trägheit

Wenn man seine eigenen Kräfte kennen gelernt hat so kann man besser wissen was

man mit Aussicht auf Erfolge unternehmen kann und hat man die Kräfte seines

Geistes wohl überschaut und überschlagen was sich von ihnen erwarten lässt so

wird man weder still sitzen und sein Denken gar nicht gebrauchen wollen weil

man an der Erkenntnis von Allem verzweifelt noch umgekehrt Alles in Zweifel

ziehen und alle Erkenntnis leugnen weil Manches nicht erkannt werden kann. Dem

Schiffer ist die Kenntnis von der Länge seines Lothseils sehr nützlich wenn er

auch nicht alle Tiefen des Meeres damit ergründen kann es genügt dass er

weiß es sei lang genug um den Grund da zu erreichen wo es auf die Richtung

seiner Weges und auf Schutz gegen Untiefen ankommt die ihm verderblich werden

könnten Wir haben hier nicht Alles zu erkennen sondern nur das was unsern

Lebenswandel betrifft Kann man die Mittel ausfindig machen durch welche ein

vernünftiges Wesen was in dem Zustande wie der Mensch in die Welt gesetzt

ist sein Fürwahrhalten und sein davon abhängiges Handeln leiten kann so

braucht man sich darüber nicht zu beunruhigen dass einige andere Dinge sich

unserer Erkenntnis entziehen

     7 Der Anlass zu diesem Versuche Dies veranlasste mich zunächst zu

diesem Versuche über den Verstand Ich meinte dass der erste Schritt für eine

befriedigende Untersuchung jener Dinge in die der Mensch so leicht sich

vertieft darin bestände dass man die eigenen geistigen Vermögen überschaue

seine Kräfte prüfe und sehe wofür sie geeignet sind Ehe dies nicht geschehen

fängt man fürchte ich bei dem falschen Ende an Man sucht vergeblich nach dem

zufriedenstellenden ruhigen und sichern Besitz der für uns wichtigsten

Wahrheiten wenn man seine Gedanken auf dem weiten Meer der Dinge so schweifen

lässt als wäre dieser grenzenlose Raum das natürliche und unzweifelhafte

Eigentum unseres Verstandes als entziehe sich darin Nichts seiner

Entscheidung und als entschlüpfe Nichts seiner Erkenntnis Wenn die Menschen

in dieser Weise ihre Untersuchungen weit über ihr Vermögen ausdehnen und ihre

Gedanken in Tiefen schweifen lassen wo sie keinen festen Fuß fassen können so

darf man sich nicht wundern wenn sich Fragen erheben und Streitigkeiten häufen

die niemals zu einer klaren Lösung gelangen und deshalb nur dazu dienen die

Zweifel zu erhalten und zu vermehren und den Menschen zuletzt in den

vollständigen Skeptizismus zu stürzen Sind dagegen die Fähigkeiten unseres

Verstandes wohl betrachtet die Grenzen unseres Wissens einmal ermittelt und der

Gesichtskreis gefunden welcher den hellen und dunklen Teil der Dinge, das

Erkennbare und NichtErkennbare scheidet so wird man leichter sich bei der

eingestandenen Unkenntnis des einen Teils beruhigen und seine Gedanken und

Reden mit mehr Nutzen und Genugtuung dem andern zuwenden

     8 Was das Wort Vorstellung bedeutet So viel glaubte ich über den

Anlass zu dieser Untersuchung des menschlichen Verstandes sagen zu müssen Ehe

ich jedoch zu meinen Gedanken über diesen Gegenstand übergehe muss ich hier in

dem Beginn den Leser wegen des häufigen Gebrauchs des Wortes: »Vorstellung« in

der folgenden Abhandlung um Entschuldigung bitten Dieses Wort passt nach meiner

Ansicht am besten zur Bezeichnung von Allem was der Mensch denkt mag der

Gegenstand seines Denkens sein welcher er wolle Ich gebrauche es zur

Bezeichnung von dem was man unter Einbildungen Begriffen Arten usw

versteht oder womit irgend die Seele beim Denken sich beschäftigen kann ich

habe die häufige Benutzung dieses Wortes nicht vermeiden können und man wird

mir hoffentlich zugeben dass solche Vorstellungen in der menschlichen Seele

sind Jeder ist sich deren in seinem Innern bewusst und die Reden und

Handlungen Anderer können ihn überzeugen dass sie auch in Andern bestehen

    Ich will daher zunächst untersuchen wie sie in die Seele kommen

 
 





     1 Der Weg wie wir zu unsern Kenntnissen gelangen und dass sie nicht

angeboren sind wird gezeigt Für Manche ist es eine ausgemachte Sache dass in

dem Verstände angeborene Grundsätze bestehen oder gewisse Urbegriffe koinai

ennoiai gleichsam der menschlichen Seele eingeprägte Schriftzeichen welche sie

bei ihrem ersten Entstehen erhält und mit auf die Welt bringt Für unbefangene

Leser würfle es genügen um sie von der Unrichtigkeit dieser Annahme zu

überzeugen wenn ich bloß zeigte wie es hoffentlich in den folgenden

Abschnitten dieser Abhandlung geschehen wird dass die Menschen lediglich durch

den Gebrauch ihrer natürlichen Vermögen ohne Hülfe von angeborenen Eindrücken

all die Kenntnis erlangen die sie besitzen und wie sie ohne solche Urbegriffe

oder Grundsätze zur Gewissheit gelangen Jedermann wird hoffentlich anerkennen

dass es unverschämt wäre wenn man bei einem Geschöpf die Vorstellungen der

Farben für angeboren annehmen wollte welchem der Schöpfer das Gesicht und die

Macht gegeben hat die Farben durch die Augen von äußern Gegenständen

aufzunehmen ebenso unbegründet würde es sein wenn man gewisse Wahrheiten von

natürlichen Eindrücken und angeborenen SchriftZeichen ableiten wollte da

Fähigkeiten in uns angetroffen werden, die ebenso geeignet sind diese

Erkenntnis leicht und sicher zu erwerben als wenn sie dem Menschen angeboren

wäre

    Da indes bei der Aufsuchung der Wahrheit Niemand ohne getadelt zu werden

seinen eignen Gedanken folgen kann sobald sie ihn auch nur ein wenig von der

großen Heerstraße abführen so führe ich die Gründe an die mich an der

Wahrheit dieser angeborenen Grundsätze haben zweifeln lassen sie mögen mich

zugleich entschuldigen wenn ich irren sollte Ich überlasse die Prüfung dieser

Gründe Denen welche mit mir die Wahrheit überall wo sie sie finden

aufzunehmen bereit sind

     2 Die allgemeine Zustimmung ist der Hauptgrund für die angeborenen

Grundsätze Nichts hält man für unzweifelhafter als dass gewisse Grundsätze

sowohl theoretische wie praktische denn von beiden wird gesprochen von

Jedermann anerkannt werden deshalb schließt man müssen sie bleibende

Eindrücke sein welche die menschliche Seele bei ihrem ersten Entstehen

empfangen und mit sich ebenso notwendig und wirklich auf die Welt gebracht hat

wie die ihr einwohnenden Vermögen

     3 Die allgemeine Zustimmung beweist nichts für das Angeborensein

Dieser der allgemeinen Übereinstimmung entnommene Grund hat indes den

Übelstand an sich dasswenn es tatsächlich richtig wäre dass alle Menschen

in gewissen Wahrheiten übereinstimmten er nicht deren Eingeborensein bewiese

sofern noch ein anderer Weg aufgezeigt werden kann, auf dem die Menschen in den

Diagen wo sie übereinstimmen zu dieser allgemeinen Zustimmung kommen und

dieser Weg dürfte sich zeigen lassen

     4 Die Sätze der Dieselbigkeit und des Widerspruchs sind nicht allgemein

anerkannt Aber schlimmer ist es dass dieser von der allgemeinen Zustimmung

entlehnte Grund um die eingeborenen Grundsätze zu beweisen mir eher zu beweisen

scheint dass es deren keine gibt denen alle Menschen zustimmen Ich beginne

mit den theoretischen und nehme als Beispiel jene gerühmten Grundsätze des

Beweisens »Was ist das ist« und »Es ist für ein und dasselbe Ding unmöglich

zu sein und nichtzusein« die glaube ich noch am meisten von allen als

angeborene gelten könnten Ihr Ansehen als allgemein anerkannte Grundsätze

steht so fest dass es sonderbar erscheinen würde wenn Jemand sie bezweifeln

wollte Dennoch sind diese Grundsätze so fern von der allgemeinen Zustimmung

dass ein großer Teil der Menschen sie nicht einmal kennt

     5 Auch sind sie nicht von Natur der Seele eingeprägt da Kinder Dumme

und Andere sie nicht kennen Denn erstens ist klar dass Kinder und dumme

Menschen nicht die leiseste Vorstellung oder einen Begriff davon haben dieser

Mangel genügt um jene allgemeine Zustimmung aufzuheben welche notwendig alle

angeborenen Wahrheiten begleiten müsste Es scheint mir ein Widerspruch dass der

Seele Wahrheiten eingedrückt seien die sie nicht bemerkt oder nicht versteht

denn dieses »Eingedrückte« kann wenn es überhaupt Etwas bedeuten soll nur

bewirken dass gewisse Wahrheiten gewusst werden und ich kann nicht Verstehen

wie Etwas der Seele eingeprägt sein könnte ohne dass sie es bemerkte Wenn

daher. Kinder und dumme Menschen eine Seele oder einen Verstand mit solchen

Einprägungen haben so müssen sie sie auffassen sie kennen und diesen

Wahrheiten beistimmen und da sie dies nicht tun kann es solche Eindrücke

nicht geben Denn wenn sie keine von Natur eingeprägten Begriffe sind wie

können sie da angeboren sein und wenn diese Begriffe eingeprägt sind wie

können sie da nicht gewusst werden Sagt man ein Begriff sei der Seele

eingeprägt und zugleich die Seele kenne ihn nicht und habe ihn nie bemerkt so

macht man diese Einprägung zunichte Kein Satz kann in der Seele bestehen den

sie niemals gekannt hat und dessen sie sich niemals bewusst gewesen ist Wäre

dies bei einem möglich so könnte man aus demselben Grunde sagen dass alle

Sätze die wahr sind und denen überhaupt die Seele zustimmen kann in der Seele

bestehen und ihr eingeprägt seien Wenn man von einem sagen kann er sei in der

Seele obgleich sie ihn nie gewusst hat so kann es nur deshalb geschehen weil

die Seele fähig ist ihn kennen zu lernen und dann gilt dies für alle

Wahrheiten die sie je erfassen wird ja es sind dann auch jene Wahrheiten der

Seele eingeprägt welche sie niemals gekannt hat noch kennen wird da ein

Mensch lange leben kann und doch wenn er stirbt viele Wahrheiten nicht kennen

kann zu deren Kenntnis und zwar sicherer Kenntnis seine Seele die Fähigkeit

hatte Soll also diese behauptete natürliche Einprägung nur die Fähigkeit zum

Wissen bezeichnen so werden alle Wahrheiten die Jemand allmählich kennen

lernt zu den angeborenen gehören und diese große Frage sinkt dann zu einer

bloßen unpassenden Redeweise herab die während sie das Gegenteil scheinbar

behauptet doch nur dasselbe sagt wie die welche die angeborenen Grundsätze

bestreiten denn Niemand hat wohl je geleugnet dass die Seele zur Erkenntnis

gewisser Wahrheiten fähig ist Sagt man die Fähigkeit ist angeboren die

Kenntnis erworben wozu dann dieser Kampf für gewisse angeborene Grundsätze

Können Wahrheiten dem Verstand eingeprägt sein ohne dass er sie bemerkt so

finde ich in Bezug auf ihren Ursprung keinen Unterschied gegen Wahrheiten die

die Seele fähig ist zu erkennen entweder müssen alle angeboren oder alle

erworben sein und man sucht dann vergeblich nach einem Unterschied zwischen

denselben Wenn daher Jemand von der Seele angeborenen Begriffen spricht sofern

er dabei eine bestimmte Art von Wahrheiten meint so kann er darunter nicht

solche Wahrheiten verstehen die der Verstand nie aufgefasst hat und die er gar

nicht kennt Denn wenn die Worte »in dem Verstande sein« überhaupt etwas

bedeuten so ist es dass sie vom Verstande erfasst sind Mithin wollen

Ausdrücke wie »In dem Verstand sein aber nicht verstanden sein« »In der

Seele sein und nie bemerkt sein« ebenso so viel sagen als Etwas ist und ist

nicht in der Seele oder in dem VerstandeWenn daher jene Sätze »Was ist das

ist« und »dasselbe Ding kann sein und nicht sein« von Natur eingeprägt sind

so müssen die Kinder sie kennen Kinder und Jeder der eine Seele hat müssen

sie dann in ihrem Verstande haben ihre Wahrheit kennen und ihr zustimmen

     6 Auf den Einwand wird geantwortet dass die Menschen die Grundsätze

kennen wenn sie zum Gebrauch ihrer Vernunft kommen Um dem zu entgehen sagt

man gewöhnlich dass alle Menschen sie kennen und ihnen zustimmen wenn sie zu

dem Gebrauche ihrer Vernunft kommen und dies genüge für den Beweis dass sie

angeboren seien Ich antworte

     7 Schwankende Ausdrücke die kaum Etwas bedeuten gelten bei Denen für

klare Gründe die in ihrer Voreingenommenheit sich nicht die Mühe nehmen ihre

eigenen Worte zu prüfen denn soll diese Erwiderung auf unsere Frage irgend

passen so muss sie eins von den beiden sagen entweder dass diese angeblichen

natürlichen Eindrücke sobald die Menschen zum Gebrauch ihrer Vernunft kommen

von ihnen gewusst und bemerkt werden oderdass der Gebrauch und die Hebung der

Vernunft dem Menschen diese Grundsätze entdecken hilft und ihm die gewisse

Kenntnis derselben gewährt

     8 Selbst wenn man sie durch die Vernunft entdeckt so beweist dies nicht

ihr Angeborensein Sollen diese Grundsätze nur durch den Gebrauch der Vernunft

entdeckt werden und dies zum Beweis genügen dass sie angeboren seien so hieße

dies so viel als dass jedwede Wahrheit die die Vernunft sicher entdecken kann

und der sie zustimmt von Natur der Seele eingeprägt sei weil dann die

allgemeine Zustimmung die dass Kennzeichen sein soll nur sagt dass durch den

Gebrauch der Vernunft man fähig wird gewisse Kenntnisse zu gewinnen und ihnen

zuzustimmen Dann ist aber kein Unterschied mehr zwischen den Grundsätzen

Axiomen der Mathematiker und den Lehrsätzen die sie daraus ableiten sie sind

dann alle gleich angeboren weil sie alle durch den Gebrauch des Verstandes

entdeckt werden und Wahrheiten sind die ein vernünftiges Geschöpf erlangen

kann wenn es sein Denken in rechter Weise gebraucht

     9 Die Vernunft entdeckt sie nicht Wie können aber Jene annehmen dass

der Gebrauch der Vernunft zur Entdeckung von angeblich angeborenen Grundsätzen

nötig sei wenn die Vernunft sofern man ihnen glaubt nur das Vermögen ist

was unbekannte Wahrheiten aus bereits bekannten Grundsätzen oder Lehrsätzen

ableitet Das was man erst durch die Vernunft entdecken muss kann sicherlich

niemals für angeboren gelten wenn man nicht wie gesagt alle von der Vernunft

uns gelehrte sichere Wahrheiten zu angeborenen machen will Man kann dann auch

ebenso den Gebrauch der Vernunft für notwendig halten damit die Augen die

sichtbaren Dinge wahrnehmen und dass die Vernunft oder ihr Gebrauch nötig ist

damit der Verstand das sehe was ihm ursprünglich eingeprägt ist und was nicht

in dem Verstande sein kann bevor er es wahrgenommen hat Lässt man die Vernunft

diese so eingeprägten Wahrheiten entdecken so heißt das so viel als der

Gebrauch der Vernunft entdeckt was sie schon vorher wusste Haben aber die

Menschen diese angeborenen und eingeprägten Wahrheiten ursprünglich und vor dem

Gebrauch ihrer Vernunft und kennen sie sie doch nicht eher als bis sie zu dem

Gebrauch ihrer Vernunft gelangen so sagt man in Wahrheit damit dass die

Menschen sie kennen und zugleich nicht kennen

     10 Man entgegnet hier vielleicht dass mathematischen Beweisen und andern

nicht angeborenen Wahrheiten nicht gleich bei ihrer Aufstellung zugestimmt werde

und dass sie sich darin von den Grundsätzen und angeborenen Wahrheiten

unterscheiden Ich werde später über die bei der ersten Aufstellung eines Satzes

erfolgende Zustimmung ausführlicher sprechen will indes hier gern einräumen

dass diese Grundsätze sich von den mathematischen Beweisen unterscheiden dass

letztere der Gründe und der Beweise bedürfen um sie als ausgemacht anzunehmen

und ihnen zuzustimmen während die ersten sofort wenn sie verstanden sind ohne

alle Begründung angenommen werden und ihnen zugestimmt wird Allein damit wird

gerade die Schwäche dieser Ausflucht dargelegt wonach der Gebrauch der Vernunft

für die Entdeckung dieser allgemeinen Wahrheiten verlangt wird obgleich man

doch einräumen muss dass zu deren Entdeckung von der Vernunft gar kein Gebrauch

gemacht wird und ich denke die welche so antworten werden nicht gern

behaupten dass die Kenntnis des Grundsatzes »Ein Ding kann nicht sein und

nichtsein« aus unserer Vernunft erst abgeleitet sei denn dies würde jene

ihnen so liebe Freigebigkeit der Natur aufheben wenn die Kenntnis dieser

Grundsätze von der Arbeit unseres Denkens abhängig wäre denn alles Begründen

ist ein Suchen und Umherblicken was Mühe und Ausdauer verlangt Wie kann man

ferner verständiger Weise annehmen dass das was die Natur als Grundlage und

Führerin der Vernunft eingeprägt haben soll nur mittelst des Gebrauches der

Vernunft gefunden werden könne

     11 Jeder der sich die Mühe nimmt auf die Tätigkeit des Verstandes ein

wenig zu achten wird finden dasswenn die Seele gewissen Wahrheiten sofort

zustimmt dies weder auf einer natürlichen Einprägung noch auf dem Gebrauch der

Vernunft, sondern auf einem Seelenvermögen beruht was wie wir später sehen

werden von beiden sehr verschieden ist Die Vernunft hat daher bei der

Herbeiführung unserer Zustimmung zu diesen Wahrheiten nichts zu tun Wenn also

mit den Worten dass nachdem man zu dem Gebrauche der Vernunft gelangt sei man

diese Wahrheiten erkenne und ihnen zustimme gemeint ist dass der Gebrauch der

Vernunft uns bei der Erkenntnis dieser Grundsätze beistehe so ist dies

durchaus falsch wäre es aber auch wahr so würde es vielmehr beweisen dass

diese Grundsätze uns nicht angeboren sind

     12 Die Zeit wo man zur Vernunft kommt ist nicht die wo man zur

Kenntnis dieser Sätze kommt Wenn aber mit den Worten dass wir diese

Grundsätze erkennen wenn wir zu dem Gebrauch der Vernunft gelangt sind gemeint

ist dass dies die Zeit sei wo die Seele von ihnen Kenntnis nimmt und dass

sobald Kinder zu dem Gebrauch ihrer Vernunft kommen sie auch zur Erkenntnis

und Zustimmung zu diesen Grundsätzen kommen so ist auch dies falsch und eine

leichtfertige Behauptung Erstlich ist es falsch denn diese Grundsätze sind

nicht so zeitig in der Seele wie der Gebrauch der Vernunftund deshalb wird

die Zeit wo man zu dem Gebrauch der Vernunft kommt fälschlich als die Zeit

ihrer Entdeckung bezeichnet Man kann gar viele Fälle von Vernunftgebrauch bei

den Kindern bemerken lange bevor sie eine Kenntnis von dem Grundsatze haben

dass es für dasselbe Ding unmöglich ist zu sein und nicht zu sein und ein

großer Teil der Ungebildeten und Wilden leben selbst viele Jahre ihres

vernünftigen Alters ohne je an diese oder ähnliche allgemeine Sätze zu denken

Ich gebe zu dass die Menschen nicht eher zur Erkenntnis dieser allgemeinen und

abgetrennten Wahrheiten die man für angeboren hält kommen als bis sie den

Gebrauch ihrer Vernunft erlangt haben aber ich setze hinzu auch dann nicht und

zwar weil wenn die Menschen zu dem Gebrauch ihrer Vernunft gelangt sind diese

allgemeinen höheren Begriffe auf welche diese allgemeinen angeblich angeborenen

Grundsätze sich beziehen in der Seele nicht gebildet sind vielmehr werden

diese Sätze entdeckt und als Wahrheiten der Seele auf demselben Wege zugeführt

und durch dieselben Schritte aufgefunden wie viele andere Sätze von denen es

noch Niemand eingefallen ist sie für angeboren zu erklären Ich hoffe dies in

dem Fortgange dieser Untersuchung darlegen zu können und ich gebe deshalb zu

dass die Menschen notwendig den Gebrauch ihrer Vernunft erlangt haben müssen

ehe sie die Erkenntnis dieser allgemeinen Wahrheiten erlangen aber ich

bestreite dass die Zeit wo man den Gebrauch der Vernunft erlangt die Zeit

ihrer Entdeckung ist

     13 Deshalb unterscheiden sie sich dadurch nicht von andern auffindbaren

Wahrheiten Zugleich erhelltdasswenn man sagt die Menschen erkennen und

nehmen diese Grundsätze an wenn sie den Gebrauch ihrer Vernunft erlangt haben

man in Wahrheit nur sagt dass diese Grundsätze vor dem Gebrauche der Vernunft

niemals gekannt noch bemerkt werden aber dass man ihnen möglicherweise später

im Leben zustimmt wobei die Zeit wenn dies geschieht ungewiss bleibt Ebenso

verhält es sich aber auch mit allen andern erkennbaren Wahrheiten daher haben

jene keinen Vorzug und keine Auszeichnung vor diesen deshalb weil sie angeblich

erkannt werden, wenn man zu dem Gebrauche des Verstandes kommt Es kann daher

damit auch nicht bewiesen werden, dass sie angeboren sind vielmehr folgt das

Gegenteil daraus

     14 Selbst wenn sie zur Zeit wo man zum Gebrauche seiner Vernunft kommt

entdeckt würden bewiese dies nicht dass sie angeboren seien Aber zweitens

würde der Umstand dass diese Sätze erkannt und ihnen zugestimmt wird wenn man

zu dem Gebrauch der Vernunft kommt selbst wenn er wahr wäre nicht beweisen

dass sie angeboren wären Diese Beweisführung ist ebenso leichtfertig wie der

Satz selbst falsch ist Denn welche Logik zeigt dass ein Begriff von Natur der

Seele ursprünglich bei ihrer ersten Bildung eingeprägt worden weil man ihn dann

bemerkt und ihm zustimmt wenn ein Seelenvermögen was einem ganz andern Gebiete

angehört sich zu entwickeln beginnt Wenn die Zeit wo man den Gebrauch der

Sprache erlangt die wäre wo man diesen Grundsätzen zuerst beistimmt was

ebenso wahr sein möchte als die Zeit wo man den Gebrauch der Vernunft

erlangt so bewiese dies ebensogut dass sie angeboren seien als wenn man dies

deshalb behauptet weil man ihnen zustimmt wenn man zu dem Gebrauch der

Vernunft gelangt ist Ich trete deshalb diesen Verteidigern von angeborenen

Grundsätzen darin bei dass die Seele vor der Erlangung des Gebrauchs der

Vernunft keine Kenntnis von diesen allgemeinen und von selbst einleuchtenden

Grundsätzen hat aber ich leugne dass die Zeit wo man zu dem Gebrauch der

Vernunft kommt die ist wo man sie zuerst bemerkt und selbst wenn dies der

Fall wäre so würde dies nicht beweisen dass sie angeboren seien Alles was

mit einiger Wahrheit durch den Satz wonach man ihnen zustimme wenn man zu dem

Gebrauch der Vernunft gelangt ist gemeint sein kann ist dass die Bildung

allgemeiner höherer Begriffe und das Verständnis allgemeiner Worte mit dem

Vermögen der Vernunft verbunden ist mit ihm zunimmt und dass deshalb Kinder

diese Begriffe nur erlangen und die dafür gebrauchten Worte nur verstehen wenn

sie zuvor längere Zeit ihre Vernunft für bekanntere und dem Einzelnen nähere

Begriffe geübt haben und durch ihr Reden und Benehmen mit Andern sich als

solche erwiesen haben welche einer vernünftigen Unterhaltung fähig sind Sollte

der Satz, dass man diesen Wahrheiten zustimmt sobald man zu dem Gebrauch der

Vernunft gelangt ist in einem anderen Sinne gelten so bitte ich mir dies zu

zeigen oder wenigstens wie aus einem solchen oder anderem Sinne desselben

folgtdass jene Wahrheiten angeboren seien

     15 Die Schritte durch welche die Seele die Wahrheiten kennen lernt

Zuerst lassen die Sinne EinzelVorstellungen ein und richten das noch leere

Kabinett ein die Seele wird dann allmählich mit einzelnen derselben vertraut

sie werden in das Gedächtnis aufgenommen und es werden ihnen Namen gegeben

Dann schreitet die Seele weiter vor trennt sie begrifflich und erlernt

allmählich den Gebrauch allgemeiner Worte So wird die Seele mit Vorstellungen

und Worten ausgestattet als dem Stoffe an dem sie ihr begriffliches Vermögen

üben kann Je mehr dieser Stoff für ihre Beschäftigung zunimmt desto sichtbarer

wird der Gebrauch der Vernunft. Wenngleich so der Besitz allgemeiner

Vorstellungen und der Gebrauch allgemeiner Worte und der Vernunft gleichzeitig

zunehmen so sehe ich doch in keiner Weise ab wie dies beweiset dass jene

angeboren seien Allerdings ist die Kenntnis gewisser Wahrheiten sehr

frühzeitig in der Seele aber doch in einer Weise welche zeigt dass sie nicht

angeboren sind Denn bei genauer Beobachtung wird man immer finden dass sie

sich auf erworbene und nicht auf angeborene Vorstellungen beziehen und zwar

zunächst auf die von äußern Gegenständen empfangenen welche die Kinder

zunächst beschäftigen und auf ihre Sinne die häufigsten Eindrücke machen In

diesen so erlangten Vorstellungen entdeckt die Seele dass einzelne

zusammenstimmen andere verschieden sind wahrscheinlich sogleich wenn das

Gedächtnis benutzt wird und sie im Stande ist bestimmte Vorstellungen zu

fassen und festzuhalten Mag es indes zu dieser Zeit geschehen oder nicht so

geschieht dies jedenfalls lange vor dem Gebrauch der Worte oder vor dem

sogenannten Gebrauch der Vernunft. Denn ein Kind kennt schon ehe es sprechen

kann den Unterschied der Wahrnehmungen von süß und bitter dh dass süß

nicht bitter ist so gewiss als es später wenn es sprechen kann weiß dass

Wermut und Zuckererbsen nicht ein und dasselbe Ding sind

     16 Ein Kind weiß nicht eher dass 3 und 4 gleich 7 sind als bis es bis

7 zählen kann und den Namen und die Vorstellung der Gleichheit erlangt hat dann

stimmt es bei Erklärung dieser Worte sofort zu oder begreift die Wahrheit dieses

Satzes Indes stimmt es dann nicht zu weil es eine ihm eingeborene Wahrheit

ist und ebenso fehlte seine Zustimmung nicht deshalb so lange weil ihm der

Gebrauch der Vernunft fehlte sondern die Wahrheit erscheint ihm dann wenn es

in seiner Seele die klaren und bestimmten Vorstellungen befestigt hat zu denen

diese Worte gehören Dann erkennt es die Wahrheit dieses Satzes aus demselben

Grunde und auf dieselbe Weise als es vorher wusste dass eine Rute und eine

Kirsche nicht dasselbe Ding sind und aus demselben Grunde aus dem es später zu

dem Wissen gelangt dass es für dasselbe Ding unmöglich ist zu sein und nicht

zu sein wie später noch weiter gezeigt werden soll Je später also Jemand zu

diesen allgemeinen Vorstellungen gelangt aus welchen diese Grundsätze bestehen

oder je später er die Bedeutung der Worte für diese Vorstellungen kennen lernt

oder je später er die Vorstellungenwelche sie bezeichnen in seiner Seele

zusammenbringt desto später wird er auch diesen Sätzen zustimmen deren Worte

mit den dadurch bezeichneten Vorstellungen so wenig ihm angeboren sind wie die

einer Katze oder eines Wiesels vielmehr muss er warten bis die Zeit und

Beobachtung ihn damit bekannt gemacht hat Dann wird er fähig sein die Wahrheit

dieser Sätze zu verstehen sobald ein Umstand ihn bestimmt diese Vorstellungen

zu verbinden und zu beobachten ob sie so wie diese Sätze es aussagen

zusammenstimmen oder nicht Deshalb erkennt ein Erwachsener mit derselben

Selbstgewissheit dass 18 und 19 gleich 37 sind mit der er weiß dass 1 und 2

gleich 3 sind Indes erkennt ein Kind das eine nicht so schnell als das

andere nicht aus Mangel an Vernunftgebrauch sondern weil die Vorstellungen,

welche mit den Worten 18 19 und 37 bezeichnet werden nicht so schnell gewonnen

werden als die welche durch 1 2 und 3 bezeichnet sind

     17 Eine Zustimmung die erfolgt sofort wenn der Satz aufgestellt und

verstanden worden beweist noch nicht dass er angeboren ist Wenn sonach diese

Ausflucht mit einer allgemeinen Zustimmung sobald man zu dem Gebrauch seiner

Vernunft gelangt hinfällig ist und den Unterschied zwischen diesen angeblich

angeborenen und den später erworbenen und erlernten Wahrheiten aufhebt so hat

man gesucht die allgemeine Zustimmung zu diesen sogenannten Grundsätzen dadurch

zu sichern dass man sagte man stimme denselben sofort zu wenn sie

ausgesprochen und die Worte verstanden worden Indem man sah dass Jedermann und

selbst Kinder sobald sie diese Wahrheiten hörten und die Worte verstanden

ihnen zustimmten so hielt man dies für genügend um ihr Eingeborensein zu

beweisen Denn da Niemand sobald er die Worte verstanden zögert sie für

unzweifelhafte Wahrheiten anzuerkennen so will man daraus folgern dass diese

Sätze zunächst in den Verstand gelegt worden sind, weil dieser ohne alle

Belehrung bei ihrer ersten Aufstellung ihnen sofort zustimmt und dann niemals

mehr daran zweifelt

     18 Wenn solche Zustimmung das Angeborensein bewiese so würde die Menge

der angeborenen Grundsätze zahllos sein In Antwort hierauf frage ich ob die

Zustimmung, welche sofort einem Satze bei dessen erstem Hören und Verstehen

gegeben wird das sichere Zeichen eines angeborenen Grundsatzes ist Wo nicht

so kann diese allgemeine Zustimmung nicht als Beweis geltend gemacht werden

soll sie dagegen ein solches Zeichen sein so müssen dann alle jene Sätze

angeboren sein denen man sofort bei dem Hören zustimmt und Jene befinden sich

dann überaus reichlich mit angeborenen Grundsätzen versorgt Denn aus demselben

Grunde dh aus der Zustimmung bei dem ersten Hören und Verstehen der Worte,

der diese Grundsätze für angeborene erweisen soll muss man auch die vielerlei

Sätze über Zahlen für angeboren anerkennen zB den Satz dass 1 und 2 gleich

3 dass 2 und 2 gleich 4 und viele andere ähnliche Zahlensätze denen Jeder bei

dem ersten Hören und Verstehen der Worte zustimmt Diese alle müssen dann einen

Platz unter den angeborenen Grundsätzen erhalten Auch ist dies kein Vorzug der

Zahlen allein und der davon gebildeten Lehrsätze vielmehr bringen auch die

Naturwissenschaft und andere Wissenschaften Lehrsätze die der sofortigen

Zustimmung bei ihrem Verständnis sicher sind Dass zwei Körper nicht denselben

Ort einnehmen können ist eine Wahrheit bei der man mit der Zustimmung so wenig

zögert als bei dem Satze dass unmöglich dasselbe Ding sein und auch nichtsein

kann oderdass weiß nicht schwarz ist dass ein Viereck kein Kreis ist dass

das Gelbe nicht das Süße ist Allen diesen und Millionen anderen wenigstens so

vielen als man bestimmte Vorstellungen hat muss ein Mensch von gesundem

Verstande bei dem ersten Hören und Verstehen der Worte notwendig zustimmen

Wollen also Jene ihrer Regel treu bleiben und soll die Zustimmung bei dem

ersten Hören und Verstehen der Worte ein Zeichen des Eingeborenseins sein so

müssen sie so viele angeborene Grundsätze anerkennen als es bestimmte

Vorstellungen gibt ja selbst so viele als Lehrsätze in denen verschiedene

Vorstellungen von einander verneint werden aufgestellt werden können; denn

jeder solcher Satz wird sicherlich bei dem ersten Hören und Verstehen der Worte

ebenso die Zustimmung erhalten als jener Satz dass unmöglich dasselbe Ding sein

und auch nichtsein kann oder dass, was die Grundlage von diesem und der

leichter verständliche Satz ist dass ein Ding nicht von sich selbst verschieden

ist Damit haben sie Legionen angeborener Grundsätze schon von dieser einen Art

ohne der andern zu erwähnen Da nun kein Satz uns angeboren sein kann wenn

nicht auch seine Vorstellungen angeboren sind so muss man alle untere

Vorstellungen von Farben Tönen Geschmäcken Gestalten für angeborene

anerkennen obgleich doch nichts mehr der Vernunft und Erfahrung als eine

solche Folge widersprechen kann Die allgemeine und sofortige Zustimmung bei

dem Hören und Verstehen der Worte ist wie ich einräume ein Zeichen der

Selbstgewissheit allein diese Selbstgewissheit hängt nicht von angeborenen

Eindrücken ab sondern von etwas Anderem wie ich später zeigen werde und sie

kommt vielen Sätzen zu von denen noch Niemand es gewagt hat sie für angeboren

zu erklären

     19 Solche Sätze von geringerer Allgemeinheit werden vor denen von

größerer Allgemeinheit gewusst Auch darf man nicht sagen dass diese mehr

besonderen selbstgewissen Sätze denen man bei dem ersten Hören zustimmt wie

dass 1 und 2 gleich sind 3 dass grün nicht rot ist usw als die Folge von

allgemeineren Sätzen angenommen werden die als angeboren gelten denn wenn

Jemand nur auf den Vorgang dabei im Verstande Acht gibt so wird er finden

dass diese und ähnliche weniger allgemeinen Sätze offenbar von Personen

aufgefasst werden und ihnen zugestimmt wird welche die allgemeineren Sätze gar

nicht kennen Wenn daher die besonderen Sätze früher in der Seele sind als die

sogenannten obersten Grundsätze so kann von letztem nicht die Zustimmung

kommen mit der jene bei dem ersten Hören angenommen werden

     20 Der Einwand dass diese besondere Sätze ohne Nutzen seien wird

widerlegt Sagt man dass Sätze wie 2 und 2 sind gleich 4 rot ist nicht

blau usw keine allgemeinen Grundsätze und von geringem Nutzen seien so

erwidere ich dass dieser Umstand darauf ohne Einfluss ist dass sie beim Hören

und Verstehen sofort von Jedermann angenommen werden Denn soll es als ein

sicheres Zeichen des Angeborenseins gelten wenn ein Satz sei er welcher er

wolle bei dem ersten Hören und Verstehen sofort angenommen wird so müssen jene

Sätze ebenso für angeboren gelten wie der Satz: es ist unmöglich dass ein Ding

ist und nicht ist da dieser Grund für beide derselbe bleibt Und wenn letzterer

Satz von allgemeinerer Natur ist so kann man ihn um so weniger für angeboren

ansehen weil diese allgemeinen und hohem Begriffe für die erste Auffassung

fremdartiger sind als die Begriffe in den mehr besonderen selbstgewissen Sätzen

deshalb dauert es auch länger ehe der wachsende Verstand sie annimmt und ihnen

zustimmt Was aber den Nutzen dieser hochgerühmten Grundsätze anlangt so durfte

er bei der später folgenden Untersuchung dieser Frage sich nicht so groß

ergeben als man gewöhnlich annimmt

     21 Diese Grundsätze werden meist nicht eher gekannt als bis sie

aufgestellt worden und dies beweist dass sie nicht angeboren sind Damit ist

es indes in Bezug auf diese Zustimmung zu Sätzen so wie man sie das erste Mal

hört und versteht noch nicht abgetan es ist zunächst hier zu bemerken dass

diese Zustimmung anstatt ein Zeichen des Eingeborenseins zu sein vielmehr der

Beweis des Gegenteils ist weil dabei vorausgesetzt wird dass die welche

andere Dinge verstehen und kennen diese Grundsätze so lange nicht kennen als

sie ihnen nicht vorgesagt werden und dass man mit diesen Wahrheiten so lange

unbekannt sein kann als man sie nicht von Anderen gehört hat Wären sie

angeboren was bedürfte es da ihrer Aufstellung um die Zustimmung zu erlangen

da sie wenn sie dem Verstande ursprünglich und von Natur eingeprägt wären

vorausgesetzt es gäbe solche Sätze schon vorher bekannt sein mussten Soll

etwa die Aufstellung derselben sie der Seele klarer eindrücken als die Natur es

getan Ist dies der Fall so folgtdass man sie besser kennt wenn man sie so

gelernt hat als vorher Daraus folgt weiter dass diese Grundsätze

selbstverständlicher für uns sind wenn Andere sie uns lehren als vermittelst

der bloßen Einprägung durch die Natur Dies stimmt aber schlecht mit der Lehre

von angeborenen Grundsätzen und unterstützt sie wenig im Gegenteil werden sie

damit unfähig die Grundlagen unseres ganzen Wissens zu bilden was sie doch

sein sollen Man kann nicht bestreiten dass man mit manchen dieser

selbstverständlichen Grundsätze erst bei deren Aufstellung bekannt wird

offenbar bemerkt also Der dem dies begegnet dass er einen Satz kennen lernt

der ihm vorher unbekannt war und wenn er ihn von da ab nicht mehr bezweifelt

so kommt dies nicht von dessen Angeborensein sondern weil die Rücksicht auf die

Natur des in diesen Worten enthaltenen Inhalts es ihm nicht gestattet ihn

anders aufzufassen wenn bei spätem Gelegenheiten dieser Satz ihm wieder

vorkommt Soll Etwas dem man bei dem ersten Hören und Verstehen zustimmt

allemal für einen angeborenen Grundsatz gelten so ist jede wohl begründete

Betrachtung die aus Einzelnem zu einer allgemeinen Regel sich erhebt

angeboren Dessenungeachtet macht nicht Jedweder sondern nur scharfsinnige

Menschen zuerst diese Betrachtungen nur diese führen sie auf allgemeine Sätze

zurück die also nicht angeboren, sondern aus vorgebenden Erfahrungen und dem

Nachdenken über einzelne Fälle abgenommen sind Wenn Beobachter solche Sätze

gebildet haben so können dann die NichtBeobachter ohne eigenes Nachdenken

bei dem Hören derselben ihnen die Zustimmung nicht versagen

     22 Das »unentwickelte Wissen« solcher Sätze sagt entweder nur dass der

Verstand sie begreifen kann oder es hat keinen Sinn Man sagt auch dass der

Verstand vor dem ersten Hören solcher Sätze eine unentwickelte Kenntnis

derselben habe und nur keine entwickelte So muss man sprechen wenn man

behauptet dass diese Sätze vor ihrem Wissen in dem Verstande seien Allein man

kann sich schwer vorstellen was mit einer solchen unentwickelten Einprägung

eines Grundsatzes in den Verstand gemeint ist es wäre denn die Seele sei

fähig solche Sätze zu verstehen und ihnen fest zuzustimmen Dann müssen aber

alle mathematischen Beweise ebenso wie die obersten Grundsätze als natürliche

Einprägungen der Seele gelten obgleich man dies schwerlich zugeben wird da man

einen Satz schwerer beweisen als dem Bewiesenen zustimmen kann Nur wenige

Mathematiker werden glauben wollen dass alle Figuren die sie gezeichnet nur

Abbilder der angeborenen Gestaltungen seien welche die Natur in ihre Seele

eingeprägt habe

     23 Der Grund welcher aus der Zustimmung beim ersten Hören entnommen

wird beruht auf der falschen Annahme dass keine Unterweisung dabei

vorhergegangen sei Noch eine andere schwache Seite hat der Grund dass die

Sätze denen man bei dem ersten Hören zustimmt deshalb als angeboren gelten

weil man hierbei Sätzen zustimme die nicht gelehrt seien und die ihre Kraft von

keinem Gründe und Beweise ableiten sondern nur einer einfachen Erklärung und

des Verständnisses der Worte bedürfen Mir scheint hier nämlich die Täuschung

unterzuliegen dass man meint der Mensch könne nichts lernen und über nichts

belehrt werden de novo obgleich in Wahrheit er das was er lernt oder gelehrt

erhält vorher nicht gekannt hat Denn erstens ist klar dass der Mensch die

Worte und ihre Bedeutung gelernt hat was Beides ihm nicht angeboren gewesen

istdies sind indes noch nicht all die erlernten Kenntnisse auch die

Vorstellungen selbst welche der Satz befasst sind so wenig wie die Worte

angeboren sondern erst später erworben Daher sind bei allen Sätzen denen man

bei dem ersten Hören zustimmt weder die Worte und ihre Verbindung mit den

Vorstellungen noch diese selbst angeboren Was bleibt nun aber nach Abzug dessen

an den Sätzen noch Angeborenes übrig Ich möchte wohl dass man mir einen Satz

angäbe wo entweder die Worte oder die Vorstellungen angeboren sind Im

Gegenteil erwerben wir die Vorstellungen und Worte allmählich und ebenso ihre

passende Verbindung mit einander; erst dann stimmten wir bei dem ersten Hören

den Sätzen zu die in Worten ausgedrückt sind deren Bedeutung wir gelernt

haben und bei denen wir die Zusammenstimmung oder NichtZusammenstimmung der

verbundenen Worte verstehen während wir gleichzeitig solchen Sätzen nicht

beistimmen können die zwar in sich ebenso gewiss und überzeugend sind aber

Vorstellungen befassen die wir noch nicht so schnell oder so leicht erlangt

haben So stimmt ein Kind leicht dem Satze zu dass ein Apfel kein Feuer ist

wenn es durch genaue Bekanntschaft sich die Vorstellungen dieser zwei

verschiedenen Dinge in seiner Seele eingeprägt hat und es die Worte Apfel und

Feuer als die Bezeichnung dieser Dinge gelernt hat allein wahrscheinlich wird

dasselbe Kind erst mehrere Jahre später dem Satze beistimmen dass dasselbe Ding

unmöglich sein und nichtsein kann Die Worte sind hier vielleicht ebenso leicht

zu lernen aber ihre Bedeutung ist weiter umfassender und abgetrennter als die

Worte welche den sinnlichen Dingen beigelegt werden mit denen das Kind sich

beschäftigt Deshalb lernt es erst nach längerer Zeit den Sinn jener Worte und

es braucht mehr Zeit um in seiner Seele die allgemeinen damit verknüpften

Vorstellungen zu bilden Vorher wird man vergebens die Zustimmung des Kindes zu

solchen allgemein gefassten Sätzen zu erlangen suchen sobald es aber diese

Vorstellungen gewonnen und ihre Worte kennen gelernt hat so stimmt es

ebensowohl dem einen wie dem andern Satze bereitwillig zu und zwar aus ein und

demselben Grunde nämlich weil es findet dass die Vorstellungen in seiner Seele

ebenso mit einander stimmen oder nicht stimmen wie sie in den Sätzen mit

einander verbunden oder von einander verneint sind Sagt man ihm aber Sätze in

Worten die Vorstellungen bezeichnen welche es noch nicht in seiner Seele hat

so stimmt es solchen Sätzen wenn sie auch noch so offenbar wahr oder falsch

sind weder zu noch nicht zu sondern entscheidet sich zu nichts weil Worte

die keine Zeichen unserer Vorstellungen sind nur leere Töne bleiben Deshalb

kann man ihnen nur so weit zustimmen als sie Vorstellungen bezeichnen die man

besitzt Die nähere Darlegung der Mittel und Wege auf welchen die Seele ihr

Wissen erwirbt und die Gründe für die verschiedenen Grade der Zustimmung werden

später zur Untersuchung kommen deshalb sind sie hier nur als einer der Gründe

berührt worden die mich an den angeborenen Grundsätzen zweifeln lassen

     24 Sie sind nicht angeboren, denn die Zustimmung zu ihnen ist keine

allgemeine Um mit diesem aus der allgemeinen Zustimmung entnommenen Grunde

abzuschließen gab ich den Verteidigern angeborener Grundsätze zu dass sie

wenn sie angeboren sind allgemeine Zustimmung finden müssen denn ich könnte es

nicht verstehen dass eine Wahrheit zwar angeboren wäre aber doch keine

Zustimmung fände dies wäre ebenso als wenn ein Mensch eine Wahrheit wüsste und

sie doch nicht wüsste Allein nach dem eignen Zugeständnis dieser Verteidiger

können sie nicht angeboren sein weil Diejenigen ihnen nicht zustimmen welche

die Worte nicht verstehen oder welche diese Worte zwar verstehen aber solche

Sätze noch nicht gehört oder bedacht haben und dies wird glaube ich

mindestens die Hälfte aller Menschen sein Aber selbst wenn die Zahl viel

kleiner wäre genügte sie die allgemeine Zustimmung aufzuheben und selbst wenn

nur die Kinder diese Sätze nicht kennten würde dies schon ergeben dass sie

nicht angeboren sind

     25 Diese Grundsätze sind nicht das was man zuerst weiß Damit man

mich indes nicht beschuldige dass ich meine Beweise aus dem Denken der Kinder

entnehme was man doch nicht kenne und dass ich Folgerungen aus den Vorgängen

in ihrer Seele ziehe bevor sie davon etwas mittheilen können so erwidere ich

zunächst dass jene beiden allgemeinen Sätze nicht die ersten Wahrheiten sind

welche das Kind besitzt und dass sie nicht jeder erworbenen und von Außen

gekommenen Kenntnis vorhergehen was doch sein müsste wenn sie angeboren

wären Wenn man dies auch nicht sollte feststellen können so gibt es doch

sicherlich einen Zeitpunkt wo die Kinder zu denken beginnen denn ihre Worte

und Handlungen überzeugen uns davon Sind sie also zu dieser Zeit im Stande zu

denken zu erkennen und zuzustimmen so kann man vernünftiger Weise nicht

annehmen dass sie dann die Begriffe noch nicht erkennen sollten welche die

Natur ihnen wenn es der Fall wäre eingeprägt hätte Kann man vernünftiger

Weise glauben dass sie von äußern Dingen die Eindrücke empfangen und

gleichzeitig die SchriftZeichen nicht kennen welche die Natur selbst ihnen

eingeprägt habe Wie könnten sie die von Außen kommenden Begriffe aufnehmen und

ihnen zustimmen und doch die nicht kennen welche in die Grundlage ihres Daseins

selbst eingewoben und da in unvertilgbaren Zeichen eingegraben sein sollen um

die unterläge und den Führer all ihrer erworbenen Kenntnisse und ihres spätem

Denkens abzugeben Dies hieße die Natur sich nutzlos anstrengen oder sie sehr

schlecht schreiben lassen wenn ihre SchriftZeichen selbst von den Augen nicht

gesehen würden die Anderes sehr gut sehen Diese klarsten Stücke der Wahrheit

und diese Grundlagen unseres Wissens wären dann sehr schlecht eingerichtet wenn

sie nicht zuerst erkannt würden und wenn auch ohne sie die sichere Kenntnis

vieler Dinge erlangt werden könnte Das Kind weiß sicherlich dass die Amme

welche es stillt weder die Katze ist mit der es spielt noch der schwarze

Mohr vor dem es sich fürchtet und dass der Wurmsamen oder Senf den es nicht

mag nicht der Apfel oder der Zucker ist nach dem es schreit Dies ist

unzweifelhaft aber kann man deshalb sagen dass es vermittelst des Grundsatzes

geschehe wonach dasselbe Ding unmöglich sein und nichtsein kann wenn es so

fest diesen und andern Vorstellungen seiner Seele zustimmt Oderdass das Kind

in einem Alter wo es offenbar schon eine Menge anderer Wahrheiten kennt schon

einen Begriff und ein Verständnis von jenem Satze habe Wer da sagt dass

Kinder diese allgemeinen und abgetrennten Grundsätze mit ihrer Saugflasche oder

Klapper bei sich führen wird mit Recht als ein eifriger und hitziger aber nicht

als ein aufrichtiger und wahrheitsliebender Verteidiger seiner Meinung gelten

     26 Und deshalb sind sie nicht angeboren.) Es mag daher allgemeine Sätze

geben welche bei erwachsenen Personen die mit den allgemeinen und hohem

Begriffen und deren Worten bekannt sind gleich bei ihrer Aufstellung eine

beständige und wahrhafte Zustimmung finden aber da dies sich nicht auch bei

Personen zartem Alters findet obgleich sie Anderes kennen so können diese

Sätze keine allgemeine Zustimmung bei allen vernünftigen Personen beanspruchen

und deshalb auch nicht als angeboren gelten Denn eine angeborene Wahrheit wenn

es eine solche gibt kann unmöglich ungekannt bleiben wenigstens nicht für

Jemand der schon Anderes kennt Gibt es angeborene Wahrheiten so gibt es auch

angeborene Gedanken da keine Wahrheit in der Seele bestehen kann an die sie

niemals gedacht hat Daraus erhelltdass wenn es Wahrheiten gibt die der

Seele angeboren sind die Seele auch zuerst an sie denken muss und sie zuerst in

ihr sich zeigen müssen

     27 Sie sind nicht angeboren, weil sie am wenigsten sich zeigen während

das Angeborene sich am klarsten zeigen muss Dass diese besprochenen allgemeinen

Grundsätze den Kindern Dummen und vielen Menschen unbekannt sind habe ich

bereits zur Genüge gezeigt und daraus erhelltdass ihnen keine allgemeine

Zustimmung zukommt und dass sie keine allgemeinen Einprägungen sind Indes

spricht gegen ihr Angeborensein noch der weitere Grund dasswenn diese Zeichen

ursprüngliche und angeborene Eindrücke wären sie bei denjenigen Personen am

ersten und deutlichsten hervortreten müssten bei denen man doch keine Spur

davon bemerkt Es spricht nach meiner Ansicht stark gegen dieses Angeborensein

dass sie gerade den Personen am wenigsten bekannt sind bei denen sie wenn es

sich so verhielte gerade am stärksten und kräftigsten sich geltend machen

müssten Denn Kinder Dumme Wilde und alle unwissende Leute sind weniger wie

Andere durch Gewohnheit oder angenommene Meinungen verdorben bei ihnen hat

Unterricht und Erziehung die ursprünglichen Gedanken nicht in neue Formen

gepresst und keine fremde und erlernte Lehre kann diese von der Natur

eingeschriebenen deutlichen Zeichen verwischt haben Deshalb kann man mit Recht

erwarten dass in der Seele Dieser jene angeborenen Begriffe offen für Jedermanns

Anblick darliegen werden wie dies bei den Gedanken der Kinder immer der Fall

ist; man sollte mit Recht erwarten dass diese Grundsätze jenen Naturen

vollkommen bekannt sein müssten wenn sie unmittelbar der Seele eingeprägt wären

wie Jene annehmen und deshalb von dem Zustand und den Organen des Körpers

unabhängig wären wodurch sie sich allein von andern Sätzen unterscheiden Nach

den Ansichten Jener sollte man meinen dass alle diese natürlichen Lichtstrahlen

wenn es deren gibt in ihrem vollen Glänze bei Denen leuchten müssten welche

nichts verheimlichen und künstlich verbergen können und dass sie uns über ihr

Dasein so wenig zweifeln lassen könnten als man an ihrer Liebe zum Angenehmen

und an ihrer Sehen vor dem Schmerze zweifelt Aber welche Grundsätze welche

allgemeine Regeln des Wissens findet man denn bei Kindern Dummen Wilden und

Ungebildeten Ihre Begriffe sind beschränkt nur den Gegenständen entnommen mit

denen sie am meisten zu tun haben und welche ihre Sinne am häufigsten und

stärksten erregt haben Ein Kind kennt seine Amme und seine Wiege und allmählich

mit zunehmendem Alter sein Spielzeug ein junger Wilder ist vielleicht von der

Liebe zur Jagd nach der Weise seines Stammes erfüllt wer aber bei einem

unerzogenen Kinde und einem wilden Bewohner der Wälder diese höheren Sätze und

berühmten Grundlagen der Wissenschaften erwartet wird sich fürchte ich sehr

getäuscht finden Solche allgemeine Sätze hört man nicht in den Hütten der

Indianer noch weniger finden sie sich in dem Denken der Kinder und in den

Seelen der Naturmenschen eingeprägt sie sind vielmehr nur die Sprache und die

Beschäftigung in den Schulen und Akademien gebildeter Völker welche an diese

Art von Unterhaltung und Gelehrsamkeit gewöhnt sind und wo häufig Streitfälle

sich erheben Hier sind diese Regeln für die künstlichen Beweise zurecht gemacht

und für die Widerlegung zu gebrauchen aber sie helfen wenig bei der Entdeckung

der Wahrheit und zu dem Fortschritt des Wissens. Über diesen Punkt werde ich

noch bei Kap 7 Buch IV Gelegenheit haben mehr zu sagen

     28 Wiederholung Was ich hier ausgeführt habe mag den Meistern in der

Beweiskunst töricht vorkommen und bei dem ersten Hören wird es Niemandem in

den Kopf wollen Ich bitte deshalb um einen kurzen Waffenstillstand mit dem

Vorurteil und um ein Anhalten im Tadel bis man mich in dem Folgenden

vollständig angehört haben wird dann bin ich gern bereit mich dem bessern

Urteile zu unterwerfen Ich suche ernstlich nach der Wahrheit und bin deshalb

nicht in Sorgen dass man mich überführen könnte indem ich von meiner Meinung

zu eingenommen wäre obgleich wie ich gestehe Alle gern dazu neigen wenn

Anstrengungen und Nachdenken den Kopf erhitzt haben Mit einem Worte Ich kann

diese beiden wissenschaftlichen Grundsätze nicht für angeboren halten weil man

nicht allgemein ihnen zustimmt Die Zustimmung, welche ihnen in der Regel zu

Teil wird erhalten auch andere Sätze in gleicher Weise obgleich sie nicht als

angeborene behauptet werden Wenn ihnen zugestimmt wird so geschieht dies

anderer Umstände wegen und nicht weil sie von Natur uns eingeprägt sind wie

ich später auszuführen hoffe Sind also diese obersten Grundsätze der

Erkenntnis und Wissenschaft nicht angeboren, so kann auch kein anderer höherer

Grundsatz nach meiner Meinung ein besseres Recht als jene darauf geltend

machen

 
 






     1 Kein moralischer Grundsatz ist so klar und allgemein anerkannt als die

vorerwähnten theoretischen Grundsätze Wenn jene theoretischen Sätze von denen

ich in dem vorigen Kapitel gehandelt habe nicht bei allen Menschen

tatsächliche Zustimmung haben wie dort gezeigt worden so erhelltdass den

praktischen Grundsätzen noch viel mehr zur allgemeinen Annahme fehlt Man wird

schwerlich eine Moralregel anführen können die eine so allgemeine und schnelle

Zustimmung beanspruchen könnte als der Satz: Was ist das ist öder deren

Wahrheit so offenbar ist wie die des Satzes Es ist unmöglich dass dasselbe

Ding ist und nichtist Sie haben deshalb noch weniger Anspruch darauf

angeboren zu sein und der Zweifel ob sie der Seele von Natur eingeprägt seien

ist hier stärker als bei jenen Sätzen Nicht dass ihre Wahrheit damit in Frage

gestellt werden soll sie sind vielmehr ebenso wahr und nur nicht ebenso

einleuchtend Die theoretischen Sätze führen ihre Selbstgewissheit mit sich

aber die moralischen Grundsätze verlangen Nachdenken Begründung und einige

Verstandesübung um die Gewissheit ihrer Wahrheit zu erkennen Sie liegen nicht

wie von Natur eingegebene Schriftzeichen offen in der Seele vor denn sonst

müssten sie durch sich selbst erkennbar und durch ihr eigenes Licht gewiss und

Jedermann bekannt sein Damit soll ihrer Wahrheit und Gewissheit nichts entzogen

sein auch die Wahrheit und Gewissheit dass die drei Winkel eines Dreiecks

zweien rechten gleich sind, leidet ja dadurch nicht dass dieser Satz nicht so

einleuchtend ist als der dass das Ganze grösser ist als ein Teil und dass

man jenem bei dem ersten Hören nicht ebenso gleich beistimmen kann wie diesem

Es genügt dass diese Moralregeln bewiesen werden können; wenn wir also zu

keiner solchen Kenntnis derselben gelangen so ist es nur unsere eigene Schuld

Indes ist die Unwissenheit in der sich Viele in Bezug auf sie befinden und

die Langsamkeit mit der Andere ihnen zustimmen doch ein klarer Beweis dass

sie nicht angeboren sind und dass sie sich dem Blick nicht ohne Suchen

darbieten

     2 Treue und Gerechtigkeit werden nicht von Jedermann als Grundsätze

anerkannt Ich berufe mich auf Alle die sich nur etwas mit der Geschichte der

Menschheit bekannt gemacht und über den Rauch ihrer Feueresse hinweggesehen

haben ob es Moralsätze gibt in denen alle Menschen übereinstimmen Wo ist die

praktische Wahrheit die ohne Zweifel und Bedenken allgemein so anerkannt würde

wie es bei einer angeborenen Wahrheit sein muss In der Gerechtigkeit und in der

treuen Erfüllung der Verträge scheinen noch die meisten Menschen

übereinzustimmen dieser Grundsatz erstreckt sich selbst auf die Höhlen der

Diebe und auf die Verbindungen zwischen den verworfensten Menschen selbst die

welche in der Verleugnung aller Menschlichkeit am weitesten gehen halten doch

einander noch Wort und untereinander auf Gerechtigkeit Ich gebe zu dass selbst

Geächtete dies gegen einander beobachten aber nicht weil sie sie als

angeborene Gesetze der Natur anerkennen Sie befolgen sie in ihren

Gemeinschaften als Regeln der Zweckmäßigkeit aber derjenige kann unmöglich die

Gerechtigkeit als einen praktischen Grundsatz erachten der bei seinen

Raubgenossen ehrlich danach handelt aber gleichzeitig den ersten ehrlichen

Mann der ihm begegnet plündert oder tötet Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit

sind das gemeinsame Band der Gesellschaft und es müssen deshalb selbst

Geächtete und Räuber die sonst mit aller Welt gebrochen haben unter sich auf

Treue und Billigkeit halten da sie ohnedem nicht zusammen bestehen können kann

man aber deshalb sagen dass die welche vom Betruge und Raube leben angeborene

Grundsätze der Gerechtigkeit und Wahrheit haben welche sie anerkennen und denen

sie zustimmen

     3 Der Einwurf wird beantwortet dass die Menschen zwar in der Ausübung

sie verleugnen aber sie doch innerlich anerkennen Vielleicht entgegnet man

dass ihre stillschweigende Zustimmung das anerkennt dem ihr Handeln

widerspricht Ich antworte zunächst dass ich die Handlungen der Menschen immer

für die besten Ausleger ihrer Gedanken genommen habe Indes ist es sicher dass

viele Menschen durch ihre Handlungen und mancher durch offene Erklärungen diese

Grundsätze entweder bezweifelt oder geleugnet haben Man kann daher keine

allgemeine Zustimmung behaupten selbst wenn man hierbei bloß auf die

Erwachsenen achtet und ohnedem kann man sie auch nicht als angeboren

anerkennen Zweitens wäre es sonderbar und unvernünftig angeborene praktische

Grundsätze anzunehmen die sich bloß darauf beschränken sie denkend zu

betrachten Praktische Grundsätze die von der Natur abgeleitet werden gelten

für das Handeln und sollen die Einstimmigkeit im Handeln und nicht bloß die

theoretische Zustimmung zu ihrer Wahrheit herbeiführen sonst wäre es nutzlos

sie von den theoretischen Sätzen zu sondern Die Natur hat wie ich anerkenne

in den Menschen das Begehren nach Glück und den Abscheu vor Unglück gelegt dies

sind wahrhafte angeborene Grundsätze die wie solche es sollen fortwährend

wirksam sind und alle unsere Handlungen ohne Unterlass bestimmen dies kann man

an allen Personen jedes Alters stetig und allgemein bemerken allein dies sind

Neigungen aus dem Begehren nach dem Guten und keine Einprägungen von Wahrheiten

in den Verstand Ich bestreite nicht dass der menschlichen Seele von Natur

gewisse Bestrebungen eingeprägt sind und dass mit Beginn des Wahrnehmens und

Vorstellens manche Dinge als angenehm und andere als unangenehm gelten dass man

zu manchen neigt und vor anderen flieht aber dies führt nicht zu angeborenen

Schriftzeichen in der Seele welche als Grundsätze der Erkenntnis unser Handeln

regeln sollen Dergleichen bestätigt so wenig natürliche Eindrucke auf den

Verstand dass es vielmehr gegen sie spricht denn gäbe es wirklich dergleichen

Eindrücke ähnlich den Grundsätzen der Erkenntnis, so müsste man ihre stetige

Wirksamkeit auf die Erkenntnis doch in sich bemerken wie dies mit jenen andern

auf den Willen und das Begehren geschieht denn diese sind ohne Unterlass die

Triebfedern und Beweggründe für all unser Handeln und wir fühlen sehr deutlich

wie sie uns fortwährend dazu antreiben

     4 Die Moralvorschriften bedürfen eines Beweises deshalb sind sie nicht

angeboren.) Ein anderer Grund weshalb ich an dergleichen angeborenen praktischen

Grundsätze zweifle ist dass schwerlich eine Moralvorschrift aufzustellen ist

für welche man nicht mit Recht einen Grund verlangen kann Dies wäre ganz

verkehrt und lächerlich wenn sie uns angeboren oder selbstverständlich wären

was jeder angeborene Grundsatz sein muss der weder eines Beweises zur Begründung

seiner Wahrheit noch eines Grundes zur Erlangung seiner Billigung bedarf Man

würde Den für ganz unverständig halten der für den Satz dass dasselbe Ding

unmöglich sein und nichtsein kann nach einer oder der anderen Seite hin einen

Grund verlangte Dieser Satz führt sein eigenes Licht und seine Gewissheit mit

sich und braucht keinen andern Beweis wer die Worte versteht stimmt ihm als

solchem bei nichts Anderes könnte ihn dazu bestimmen Wenn man dagegen die

sicherste Moralregel und die Grundlage aller gesellschaftlichen Tugend nämlich

dass man dem Andern das tun solle was man selbst für sich getan verlangt

Jemandem sagt der sie nie gehört hat aber sie zu verstehen fähig ist sollte

der nicht mit vollem Recht nach ihrem Grunde fragen dürfen und ist der welcher

sie aufstellt nicht verpflichtet ihm ihre Wahrheit und Vernünftigkeit

darzulegen Dies zeigt klar dass dieser Satz nicht angeboren ist denn wäre er

es so würde man einen Beweis dafür weder verlangen noch erhalten können

vielmehr müsste der Satz wenigstens bei dem ersten Hören und Verstehen

angenommen und ihm als eine unzweifelhafte Wahrheit zugestimmt werden bei der

Niemand Bedenken haben kannDeshalb hängt die Wahrheit aller Moralregeln von

andern ihnen vorgehenden ab aus denen sie abgeleitet werden müssen dies könnte

aber nicht sein wenn sie angeboren oder so viel als selbstverständlich wären

     5 Der Fall mit dem Halten der Verträge Dass die Menschen ihre Verträge

halten sollen ist sicherlich eine wichtige und unbestreitbare Regel der Moral

Fragt man indes einen Christen mit seiner Aussicht auf Glück oder Elend in

einem andern Leben weshalb ein Mann sein Wort halten müsse so wird er als

Grund angeben weil Gott der die Macht über ewiges Leben und ewigen Tod habe

es so von uns verlange Fragt man aber einen Anhänger von Hobbes so wird er

sagen weil das Publikum es verlangt und Leviathan den strafen würde der dem

entgegenhandelt wäre aber einer der alten Philosophen gefragt worden so hätte

er geantwortet weil es unanständig unter der Würde des Menschen sei und der

Tugend als der höchsten Vollkommenheit der menschlichen Natur widerspreche

wenn man anders handle

     6 Die Tugend wird im Allgemeinen nicht weil sie uns angeboren sondern

weil sie uns nützlich ist gebilligt Daher kommt es dass die Ansichten über

die Regeln der Moral bei den Menschen nach den verschiedenen Arten von Glück

das sie erwarten oder erstreben so verschieden sind Dies wäre unmöglich wenn

die Grundsätze des Handelns uns angeboren und durch Gottes Hand unmittelbar

unserer Seele eingeprägt worden wären Allerdings ist das Dasein Gottes in so

vieler Weise offenbar und der ihm schuldige Gehorsam stimmt so mit dem Licht

der Vernunft überein dass viele Menschen dies Gesetz der Natur bezeugen allein

dennoch muss man anerkennen dass sehr viele Moralregeln eine allgemeine

Anerkennung bei Menschen finden die den wahren Grund der Moralität weder kennen

noch zulassen welcher nur in dem Willen und dem Gebote eines Gottes bestehen

kann der den Menschen in der Finsternis sieht in seiner Hand Lohn und Strafe

hält und mächtig genug ist auch den frechsten Übertreter zur Rechenschaft zu

ziehen Denn da Gott Tugend und allgemeines Glück unzertrennlich mit einander

verknüpft hat und daher die Hebung derselben für die Erhaltung der Gesellschaft

unentbehrlich ist und ihre wohltätigen Folgen für Alle mit denen ein

tugendhafter Mann zu tun hat augenfällig sind so kann man sich nicht wundern

wenn Jedermann diese Regeln nicht bloß anerkennt sondern auch empfiehlt und

preist denn er hat von deren Beobachtung einen sichern Nutzen für sich zu

erwarten Er wird sowohl aus Interesse wie aus Überzeugung das für heilig

erklären was wenn einmal niedergetreten und entheiligt ihn selbst seines

Wohls und seiner Sicherheit beraubt Obgleich dies der moralischen und ewigen

Verbindlichkeit die diesen Regeln offenbar einwohnt nichts entzieht so zeigt

es doch dass die äußere Anerkennung welche die Menschen ihnen in ihren Worten

zollen noch kein Beweis ist dass sie angeboren seien ja nicht einmal dass

die Menschen ihnen innerlich als den unverletzlichen Regeln ihres Handelns

zustimmen der eigene Vorteil und die Rücksichten im Leben lassen vielmehr

Viele diese Regeln äußerlich bekennen und billigen obgleich ihre Handlungen

klärlich zeigen dass sie wenig auf den Gesetzgeber achten der diese Gebote

erlassen und auf die Hölle welche er als Strafe den Übertretern angedroht

hat

     7 Die Handlungen der Menschen zeigen dass die Regeln der Tugend nicht

Grundsätze in ihrem Innern sind Vertraut man nicht aus Höflichkeit zu sehr den

Versicherungen der meisten Menschen sondern nimmt man ihre Handlungen für die

Dolmetscher ihrer Gedanken so findet man keine solche innere Verehrung für

diese Regeln bei ihnen und keine so volle Überzeugung von ihrer Gewissheit und

Verbindlichkeit Der große Grundsatz der Moral Andern das zu tun was man

sich selbst getan verlangt wird mehr empfohlen als geübt Aber die Verletzung

dieses Grundsatzes gilt nicht für ein so großes Laster wie es für Tollheit

gelten würde wenn man Andern lehren wollte dieser Satz sei keine Moralregel und

habe keine Verbindlichkeit und laufe nicht gegen den eigenen Vorteil dem zu

Liebe man doch diese Regel übertritt Vielleicht entgegnet man dass das

Gewissen uns für solche Übertretungen straft und dass dadurch die innere

Verbindlichkeit und Geltung der Regel bewahrt bleibe

     8 Das Gewissen beweist nicht dass irgend eine Moralregel angeboren ist

 Hierauf antworte ich dass unzweifelhaft Viele ohne dass es in ihr Herz

geschrieben ist auf demselben Wege auf dem sie zur Kenntnis anderer Dinge

gelangen auch zu der Zustimmung zu manchen Moralregeln gelangen und von deren

Verbindlichkeit überzeugt werden Andere kommen zu derselben Gesinnung durch

ihre Erziehung ihren Umgang und die Sitten ihres Landes Wie auch diese

Überzeugung erlangt sein mag so dient sie doch das Gewissen in Wirksamkeit zu

bringen da dasselbe nur die eigene Meinung oder Ansicht von der moralischen

Rechtlichkeit oder Schlechtigkeit unserer Handlungen ist Wäre das Gewissen ein

Zeichen angeborener Grundsätze so wären die entgegengesetzten Grundsätze

angeboren da der Eine aus demselben Gewissensdrang das erstrebt was der Andere

vermeidet

     9 Beispiele von Ungeheuerlichkeiten die ohne Gewissensbisse verübt

worden Wie könnte Jemand diese Moralregeln vertrauensvoll und heiter

übertreten wenn sie angeboren und der Seele eingeprägt wären Allein man sehe

nur ein Heer was eine Stadt plündert und suche nach der Beobachtung jener

MoralGrundsätze nach dem Gefühl für solche oder nach den Gewissensbissen für

alle dabei verübten Gräueltaten Raub Mord Notzucht wird die Lust derer die

vor Strafe und Tadel gesichert sind Hat es nicht ganze Völker selbst in den

gebildetsten Erdteilen gegeben bei denen das Aussetzen der Kinder die man auf

dem Felde dem Hungertode oder wilden Tieren überließ eine Sitte war die so

wenig verdammt oder verdächtigt wurde wie die Erzeugung derselben Wird nicht

in manchen Ländern das neugeborene Kind in dasselbe Grab mit der Mutter gelegt

wenn sie bei der Niederkunft gestorben ist und schafft man es nicht auf die

Seite wenn ein vermeintlicher Sterndeuter erklärt dass die Sterne ihm

ungünstig seien Gibt es nicht Gegenden wo die Eltern wenn sie alt geworden

ohne alle Gewissensbisse ausgesetzt oder getötet werden In einem Theile Asiens

werden die Kranken sobald man an ihrem Aufkommen verzweifelt schon vor ihrem

Tode hinausgetragen und auf die Erde gelegt wo man sie dem Winde und Wetter

Preis gegeben ohne Mitleid oder Hülfe umkommen lässt Unter den Mingreliern

einem das Christentum bekennenden Volke ist es Sitte die Kinder lebendig zu

begraben ohne dass man sich darüber ein Bedenken macht an andern Orten werden

die eigenen Kinder verzehrt Die Karaiben pflegten ihre Kinder zu entmannen um

sie fett zu machen und dann zu verzehren Garzilasso de la Vega erzählt von

einem Volke in Peru was die Kinder zu mästen und zu verzehren pflegte die sie

mit gefangenen Frauen erzeugt hatten welche sie zu dem Ende sich als

Beischläferinnen hielten und wenn diese über die Zeit des Gebärens hinaus

kamen so wurden auch sie getötet und verzehrt Die Tuupinambos glaubten nur

durch die Tugend dass sie sich an ihren Feinden rächten und möglichst viele von

ihnen verzehrten das Paradies gewinnen zu können Sie haben nicht einmal einen

Namen für Gott und weder Religion noch Gottesverehrung Die welche unter den

Türken für heilig erklärt worden sind, haben ein Leben geführt was man ohne

Verletzung des Anstandes nicht schildern kann In Baumgartens Reisen einem

seltenen Buche findet sich hierfür eine Stelle die ich in der Sprache des

Verfassers hier wiedergebe Er sagt »In Belbec in Ägypten sahen wir einen

Sarazenischen Heiligen unter Haufen von Spinnen so nackt sitzen wie er aus dem

Mutterleibe gekommen war Es ist wie wir hörten bei den Mohammedanern Sitte

dass die Blödsinnigen und Wahnsinnigen als Heilige betrachtet und verehrt

werden Auch Die welche lange ein verruchtes Leben geführt haben aber dann

freiwillig die Reue und Armut auf sich nehmen halten sie wegen ihrer

Heiligkeit für verehrungswürdig Solche Heilige genießen einer zügellosen

Freiheit sie können nach Belieben in die Häuser eintreten essen trinken ja

den Beischlaf mit den Frauen vollziehen und entsteht eine Nachkommenschaft

daraus so gilt auch diese für heilig So lange diese Menschen leben wird ihnen

alle Ehre erwiesen und nach ihrem Tode werden ihnen Tempel und kostbare

Denkmäler errichtet und sie halten den Ort für glücklich wo deren Leichnam

hinkommt und beerdigt wird Wir hörten dergleichen durch den Dolmetscher von

unserm Macrelus Übrigens wurde jener Heilige welchen wir dort sahen

vorzugsweise als ein göttlicher und besonders rechtlicher Mann gerühmt weil er

weder mit Frauen noch mit Knaben seiner Sinnlichkeit frönte sondern nur mit

Eselinnen und Mauleselinnen« Man sehe die Reisen von Baumgarten Buch II Kap

1 Seite 73 Mehr dergleichen in Betreff dieser kostbaren Heiligen bei den

Türken findet man bei Pietro della Valle in seinem Briefe vom 26 Januar 1616

Wo bleiben da jene angeborenen Grundsätze der Gerechtigkeit Frömmigkeit

Dankbarkeit Billigkeit und Keuschheit Und wo ist jene allgemeine Zustimmung da

zu finden die uns solcher angeborenen Regeln vergewissern soll Morde beim

Duell werden wo die Mode sie zur Ehrensache gemacht hat ohne Gewissensbisse

vollbracht und an manchen Orten gereicht die Unschuld in solchem Falle zur

größten Schande Überschaut man die Menschen wie sie sind so zeigt sich

dass sie an dem einen Ort Gewissensbisse über Handlungen oder Unterlassungen

haben die an einem andern Orte als verdienstlich gelten

     10 Es bestehen praktische Grundsätze die sich widersprechen Wer die

Geschichte der Menschheit sorgfältig liest sich unter den verschiedenen

Volksstämmen umsieht und ihre Handlungen ohne Vorurteil betrachtet kann sich

überzeugen dass man kaum einen moralischen Grundsatz angeben oder eine

Tugendregel auffinden kann die ausgenommen welche die Gesellschaft zu ihrem

Bestehen nicht entbehren kann obgleich selbst diese gewöhnlich zwischen

mehreren Gesellschaften nicht beachtet werden die nicht in einer oder der

andern Weise von der allgemeinen Mode ganzer Gesellschaftsklassen verspottet

oder verurteilt wird deren praktische Ansichten und Lebensregeln ganz denen

Anderer entgegenlaufen

     11 Ganze Völker verwerfen manche Moralregeln Man erwidert hier

vielleicht dass es nichts gegen die Kenntnis einer Regel beweise wenn sie

übertreten werde Ich erkenne diesen Einwurf da an wo die Menschen die Gesetze

trotz der Übertretung nicht verleugnen und wo die Furcht vor Schande Tadel

oder Strafe ein Zeichen bleibt dass das Gesetz ihnen noch eine gewisse

Ehrfurcht einflößt Aber unmöglich kann ein ganzes Volk das verwerfen und

verleugnen was jeder Einzelne sicher und untrügerisch als Gesetz anerkennt und

doch müsste es sich so verhalten wenn das Gesetz von Natur dem Gemüt des

Einzelnen eingeprägt wäre Allerdings kann es kommen dass Menschen sich für

Moralregeln aussprechen welche sie innerlich nicht für wahr halten allein sie

wollen dann damit nur ihren guten Ruf und ihre Achtung sich bei denen erhalten

welche an die Verbindlichkeit dieser Regeln glauben Eine ganze Gesellschaft

kann aber unmöglich offen und ausdrücklich eine Regel verleugnen und verwerfen

welche die Einzelnen in ihrem Innern doch als ein unzweifelhaftes Gesetz

anerkennen müssen und von der sie wüssten dass Alle mit denen sie verkehren

ebenso dächten Deshalb müsste Jeder fürchten dass die Andern ihn so verachten

und verabscheuen wie es der verdient welcher sich aller Menschlichkeit bar

erklärt und der welcher die natürlichen und anerkannten Vorschriften über

Recht und unrecht vermengt kann nur als der erklärte Feind ihres Friedens und

Glückes angesehen werden. Ein praktischer Grundsatz der angeboren wäre müsste

von Jedermann für einen gerechten und guten gehalten werden Deshalb ist es

beinah ein Widerspruch zu behaupten dass ganze Völker in ihren Reden und

Handeln einstimmig und allgemein das verleugnen sollten was jeder Einzelne mit

untrüglicher Gewissheit als wahr, recht und gut anerkennte Dies zeigt somit

dass eine praktische Regel die irgendwo allgemein und mit offener Billigung

oder Nachsicht übertreten wird nicht angeboren sein kann Indes habe ich noch

mehr auf diesen Einwurf zu erwidern

     12 Man sagt die Übertretung einer Vorschrift ist noch kein Beweis dass

sie unbekannt istDies gebe ich zu wenn aber irgendwo die Übertretung

allgemein zugelassen wird so beweist dies dass sie nicht angeboren ist Wir

wollen beispielsweise eine von den Regeln nehmen die am unmittelbarsten aus der

Vernunft sich ergeben mit den natürlichen Neigungen der meisten Menschen

stimmen und die nur wenige Völker frech verleugnet oder unbedachtsam bezweifelt

haben Ist irgend eine Regel von Natur eingeprägt so hat keine mehr Anspruch

darauf als die dass Eltern ihre Kinder schützen und lieben sollen Was soll es

nun heißen wenn man sagt diese Regel sei angeboren Entweder ist sie dann ein

angeborener Grundsatz der bei jeder Gelegenheit das Handeln Jedermanns bestimmt

und leitet oder sie ist eine Wahrheit die in Jedermanns Seele eingeprägt und

deshalb gekannt und gebilligt wird Aber weder in diesem noch in jenem Sinne ist

sie angeboren Denn erstens bestimmt sie nicht das Handeln aller Menschen wie

ich durch die obigen Beispiele dargelegt habe auch braucht man nicht bis

Mingrelien und Peru zu gehen um solche Vernachlässigung und Misshandlung ja

Vernichtung der Kinder zu finden auch kann dies nicht bloß als die rohe Sitte

einiger wilden und barbarischen Völker angesehen werden; man erinnere sich nur

der Griechen und Römer bei denen es gewöhnlich und straflos war die

unschuldigen Kinder ohne Mitleid und Gewissensbedenken auszusetzen Ebenso ist

es zweitens falsch dass diese Regel eine angeborene Wahrheit sei die alle

Menschen kennen Diese Regel dass Eltern ihre Kinder schützen und ernähren

sollen ist nicht bloß keine angeborene sondern überhaupt keine Wahrheit denn

es ist ein Gebot und kein Lehrsatz und daher kann sie weder wahr noch falsch

sein. Um eine Zustimmung zu ihr als eine Wahrheit zu erlangen müsste sie in

einen Lehrsatz etwa der Art umgewandelt werden »Es ist eine Pflicht der

Eltern ihre Kinder zu erhalten« Allein was eine Pflicht ist kann ohne Gesetz

nicht eingesehen werden und ein Gesetz gibt es nicht ohne Gesetzgeber oder

ohne Lohn und Strafe Daher kann weder dieser noch ein anderer praktischer

Grundsatz angeboren sein dh der Seele als eine Pflicht eingeprägt sein wenn

nicht auch die Begriffe von Gott Gesetz Verbindlichkeit Strafe und einem

jenseitigen Leben ebenfalls angeboren sind Denn die Strafe folgt der

Übertretung dieser Regel nicht in diesem Leben und deshalb ist klar dass sie

in Ländern nicht die Kraft eines Gesetzes haben kann wo die allgemein

zugelassene Sitte dagegen geht Jene Begriffe die sämtlich angeboren sein

müssten wenn es so etwas wie eine Pflicht geben soll sind aber so wenig

angeboren dass sie weder bei allen fleißigen und denkenden Menschen und noch

weniger bei allen lebenden Menschen klar und deutlich bestehen Dies gilt selbst

für den Begriffder noch am meisten als angeboren angenommen werden könnte

nämlich den Begriff von Gott Dies wird im nächsten Kapitel sich hoffentlich

für jeden denkenden Leser herausstellen

     13 Aus dem Bisherigen ergibt sich wohl unbedenklich dass eine Regel

die irgendwo allgemein und ohne Tadel übertreten wird nicht angeboren sein

kann denn es ist unmöglich dass Menschen ohne Scheu und Furcht dreist und

offen eine Regel übertreten sollten von der sie klar wüssten und dies müsste

sein wenn sie angeboren wäre dass Gott sie aufgestellt habe und ihre

Übertretung mit einer Strafe sicher belegen werde welche die Sache für den

Übertreter zu einem schlechten Geschäfte mache Ohne ein solches Wissen kann

Niemand sicher sein dass ihm Etwas als Pflicht obliegt Kennt man ein Gesetz

nicht oder bezweifelt man es oder hofft man der Wissenschaft und Macht des

Gesetzgebers zu entgehen so kann vielleicht eine gegenwärtige Begierde die

Übermacht gewinnen sieht man aber den Fehler und die dabei liegende Peitsche

und ein Feuer als die bereite Strafe der Übertretung oder sieht man einen

lockenden Genuss aber zugleich die Hand des Allmächtigen der sie erhebt und

Rache zu nehmen bereit ist und dies muss der Fall sein wenn eine Pflicht der

Seele eingeprägt ist dann möchte ich wissen ob bei einer solchen Aussicht und

einer solchen sichern Kenntnis Jemand in Übermut und Gewissenlosigkeit das

Gesetz übertreten könnte was er in unvertilgbaren Schriftzügen in sich trüge

und was ihm in das Gesicht starrte während er es verletzte Kann wohl Jemand

wenn er das eingeprägte Gebot eines allmächtigen Gesetzgebers in sich fühlt

ruhig und vergnügt dessen heiligste Gebote übersehen und mit Füssen treten Und

wäre es endlich wohl möglich dasswenn Jemand so offen dem angeborenen Gesetz

und dem höchsten Gesetzgeber Trotz bietet alle Umstehenden und selbst die

Leiter und Führer des Volkes die in gleichem Sinne das Gesetz und den

Gesetzgeber in sich fühlen dem schweigend nachsehen ihr Missfallen nicht

aussprechen und nicht den leisesten Tadel darüber ausdrücken sollten Allerdings

sind Grundsätze des Handelns in den Trieben des Menschen enthalten aber sie

sind keine angeborenen Moralregeln da wenn man ihnen volle Freiheit gäbe sie

die Menschen zur Vernichtung aller Moralität führen würden Moralische Gesetze

sind eine Kinnkette und ein Zügel gegen jene übermäßigen Begierden aber sie

können es nur durch Strafen und Belohnungen sein welche der zu erwartenden Last

aus der Gesetzesübertretung das Gleichgewicht halten Ist daher irgend Etwas der

menschlichen Seele als Gesetz eingeprägt so müsste es die sichere und

unvermeidliche Kenntnis sein dass eine gewisse und unvermeidliche Strafe der

Übertretung des Gesetzes folgt Kann man aber über angeborene Grundsätze noch

zweifeln so hat die Behauptung und Geltendmachung von solchen keinen Zweck

dann sind Wahrheit und Gewissheit um die es sich handelt nicht voll durch sie

gesichert und der Mensch bleibt in derselben unsicheren schwankenden Lage als

gäbe es deren gar nicht Jedes angeborene Gesetz muss mit dem sichern Wissen

verbunden sein dass seiner Übertretung eine unvermeidliche Strafe folgt die

groß genug ist um von der Übertretung abzuschrecken man müsste dann mit

einem angeborenen Gesetz zugleich ein angeborenes Evangelium annehmen Indes

missverstehe man mich nicht Wenn ich die angeborenen Gesetze leugne so will ich

damit nicht alle andern Gesetze die positiven ausgenommen verleugnen Es ist

ein großer Unterschied zwischen angeborenen und natürlichen Gesetzen zwischen

dem was in Urschrift in unsere Seele eingeprägt sein soll und dem was wir

zwar nicht kennen aber durch Gebrauch und die rechte Anwendung unserer

natürlichen Fähigkeiten lernen können Dagegen scheint mir dass man in beiden

Fällen die Wahrheit einbüßt mag man ein angeborenes Gesetz behaupten oder mag

man leugnen dass ein Gesetz durch das natürliche Licht dh ohne die Hülfe

einer wirklichen Offenbarung erkannt werden könne

     14 Die Verteidiger angeborener praktischer Grundsätze geben dieselben

nicht näher an Der Zwiespalt der Menschen über praktische Grundsätze ist so

offenbar dass nach dem Gesagten es unmöglich sein dürfte mittelst des

Kennzeichens der allgemeinen Zustimmung eine angeborene praktische Regel

aufzufinden und es muss schon deshalb die Annahme solcher angeborenen Grundsätze

bedenklich scheinen weil die welche so sicher davon sprechen doch sehr

zurückhaltend werden wenn sie solche angeben sollen Und doch kann man dies mit

Recht von Männern verlangen die auf diese Meinung so großes Gewicht legen Man

möchte entweder ihrem Wissen oder ihrer christlichen Liebe misstrauen wenn sie

behaupten dass Gott die Grundlagen der Erkenntnis und die Regeln des Lebens

der Seele des Menschen eingeprägt habe und sie doch für die Belehrung ihrer

Nachbarn und die Ruhe der Menschen diese Grundsätze nicht aus der Menge solcher

die die Menschen verwirrt herausheben mögen Allerdings würde solche Belehrung

nicht nötig sein wenn es wirklich solche angeborene Grundsätze gäbe denn wenn

der Mensch solche angeborenen Sätze in seiner Seele eingeprägt fände so würde er

sie leicht von andern Wahrheiten unterscheiden können die er später gelernt und

daraus abgeleitet hat und nichts wäre leichter als die Art und Zahl dieser

Sätze zu kennen Man würde über ihre Zahl so wenig wie über die Zahl unserer

Finger zweifeln und jedes System würde sie dann bereitwillig aufzählen Allein

so viel ich weiß hat bis jetzt noch Niemand ein Verzeichnis derselben

gegeben und man kann daher Die nicht tadeln welche dergleichen angeborene

Sätze in Zweifel stellen da selbst Jene welche von uns verlangen dass wir an

solche angeborene Sätze glauben diese selbst nicht angeben Wenn Menschen

verschiedener Sekten es unternehmen ein Verzeichnis dieser angeborenen

Grundsätze aufzustellen so würde Jeder offenbar nur solche aufnehmen die

seinen besonderen Ansichten entsprächen und die Lehren seiner besonderen Schule

oder Kirche unterstützten dies zeigt klar dass es dergleichen angeborene

Grundsätze nicht gibt Ja Viele sind so fern von Annahme solcher Grundsätze

dass sie dem Menschen sogar die Freiheit abstreiten und sie zu bloßen Maschinen

machen obgleich sie damit nicht bloß die angeborenen sondern alle moralischen

Regeln über den Haufen werfen und denen die Möglichkeit des Glaubens daran

nehmen welche nicht begreifen können wie ein Gesetz noch einen Sinn für Wesen

haben könne denen die Freiheit fehlt Aus einem solchen Grunde müssen natürlich

alle Gebote der Tugend von Denen verworfen werden welche Moralität und

Mechanismus nicht vereinigen können und die Versöhnung oder Verträglichkeit

beider dürfte nicht leicht zu bewerkstelligen sein

     15 Die angeborenen Grundsätze von Lord Herbert werden geprüft Als ich

dies geschrieben hatte hörte ich dass Lord Herbert in seinem Buche »Über die

Wahrheit« diese angeborenen Grundsätze angenommen habe ich holte mir deshalb bei

ihm Rath und hoffte von einem so geistvollen Manne Etwas zu erfahren was mir

hier genügte und meinen Untersuchungen ein Ende machte In seinem Kapitel über

den natürlichen Instinkt S 72 der Ausgabe von 165 fand ich folgende sechs

Kennzeichen der von ihm angenommenen gemeinsamen Erkenntnisse Ursprünglichkeit

Unabhängigkeit Allgemeinheit Gewissheit Notwendigkeit dh nach seiner

Erklärung dass sie zur Erhaltung des Menschen beitragen und die Weise der

Einstimmung dh eine sofortige Zustimmung In seiner kleinen Abhandlung

»Über die Religion des Laien« sagt er am Ende über diese angeborenen Grundsätze

Folgendes »Diese Wahrheitenwelche überall gelten werden nicht durch das

Geltungsgebiet einzelner Religionen beschränkt denn sie sind in die Seele vom

Himmel aus eingeschrieben und bedürfen weder einer geschriebenen noch

ungeschriebenen Überlieferung« und Seite 3 »Unsere katholischen Wahrheiten

die als die unzweifelhaften Aussprüche Gottes in das Innere eingeschrieben

sind« Nachdem er so die Kennzeichen der angeborenen Grundsätze oder allgemeinen

Begriffe gegeben und behauptet hat dass sie von Gottes Hand in die Seele der

Menschen eingeprägt worden zählt er als solche folgende auf 1 Es gibt ein

höchstes Wesen 2 Dieses Wesen muss verehrt werden 3 Die mit Frömmigkeit

verbundene Tugend ist die beste Art Gott zu verehren 4 Man muss von den

Sünden wieder zu sich kommen 5 Nach diesem Leben gibt es einen Lohn und eine

Strafe  Ich gebe zu dass dies klare Wahrheiten sind denen wenn sie richtig

erklärt werden, von jedem vernünftigen Wesen zugestimmt werden muss aber der

Beweis dass sie dem Innern eingeprägte und angeborene Grundsätze seien ist

meines Erachtens nicht geführt

     16 Ich erlaube mir zuerst zu bemerken dass man an diesen fünf

Grundsätzen entweder zu wenige oder zu viele hat wenn sie als die allgemeinen

Begriffe gelten sollen die Gottes Finger in unsere Seele geschrieben habe

sofern man dergleichen überhaupt vernünftiger Weise annehmen kann Es gibt noch

mehr Sätze die nach des Verfassers eigenen Regeln denselben Anspruch erheben

und als angeborene Grundsätze zugelassen werden können, wie diese fünf zB

»Handle so wie Du willst dass man gegen Dich handle« und vielleicht finden

sich bei genauer Betrachtung noch hundert andere gleicher Art

     17 Zweitens findet sich keines der von ihm aufgestellten Kennzeichen an

diesen fünf Sätzen sein erstes zweites und drittes Kennzeichen stimmt mit

keinem und das erste zweite dritte vierte und sechste passen nur schlecht

auf seinen dritten vierten und fünften Satz Denn die Geschichte lehrt uns

dass nicht bloß Einzelne sondern ganze Völker diese Sätze sämtlich oder zum

Teil bezweifeln oder nicht daran glauben So kann ich nicht einsehen wie der

dritte dass Tugend mit Frömmigkeit die beste Gottesverehrung sei ein

angeborener Satz sein soll denn das Wort oder der Laut Tugend ist seinem Sinne

nach schwer zu verstehen unterliegt vielen Unsicherheiten und der damit

bezeichnete Gegenstand ist bestritten und schwer zu erkennen Deshalb kann

dieser Satz nur eine sehr unsichere Regel für das menschliche Handeln abgeben

für die Führung unseres Lebens nur wenig nützen und ist daher zu einem

angeborenen Grundsatz völlig ungeeignet

     18 Erwägt man den Sinn dieses Satzes denn dieser Sinn und nicht der Laut

macht den Grundsatz oder den Gemeinbegriff aus so heißt Tugend ist die beste

Gottesverehrung so viel als sie ist Gott die angenehmste Versteht man nun

unter Tugend wie gewöhnlich das Handeln was nach den verschiedenen Meinungen

der Länder als lobenswert gilt so ist dieser Satz nicht bloß ungewiss sondern

auch unwahr Wird dagegen unter Tugend das Handeln verstanden was Gottes Willen

oder seinen Vorschriften entspricht und dies ist der wahre und alleinige

Maßstab der Tugend wenn man damit das bezeichnet was seiner Natur nach recht

und gut ist so ist der Satz allerdings wahr und gewiss aber für das Leben

wenig nütze weil er dann nur sagt dass Gott sich der von ihm befohlenen

Handlungen erfreut Man kann einen solchen Satz für wahr halten und doch nicht

wissen was Gott befiehlt und man entbehrt mit ihm ebenso wie ohne ihn jeder

Regel und jedes Grundsatzes für das Handeln Schwerlich wird ein Satz der nur

sagt dass Gott sich an den von ihm befohlenen Handlungen erfreut für einen

angeborenen Moralgrundsatz gehalten werden der in jede Seele eingeschrieben sein

soll mag er auch noch so wahr und groß sein da er so wenig besagt Wer dem

beistimmt muss mit gleichem Recht noch hundert andere Grundsätze für angeboren

halten viele haben ebenso viel Recht dazu wie dieser obgleich noch Niemand

sie zu angeborenen Grundsätzen erhoben hat

     19 Ebensowenig belehrend ist der vierte Satz dass die Menschen ihre

Sünden bereuen sollen bevor nicht bestimmt istwelche Handlungen als sündhaft

gelten sollen Das Wort peccata oder Sünden bezeichnet gewöhnlich die bösen

Taten überhaupt welche eine Strafe für den Täter nach sich ziehen wie kann

da der Ausspruch zu sorgen dass wir nicht das tun was uns Unglück bringt

ein großer moralischer Satz sein wenn man dabei die Taten nicht kennt die

diese Folge haben Der Satz ist gewiss wahr und man hat ihn zu merken und sich

einzuprägen wenn man zuvor belehrt worden welche Art Handlungen sündhaft

seien aber weder dieser noch der vorige Satz können als angeborene gelten noch

selbst wenn dies der Fall wäre etwas nützen wenn nicht gleichzeitig die

besonderen Schranken und Grenzen aller Tugenden und Laster in die menschliche

Seele eingeschriebene und angeborene Grundsätze sind und dies möchte sehr zu

bezweifeln sein Gott dürfte daher wohl schwerlich Grundsätze in der Menschen

Seele in Worten eingegraben haben die wie Tugend und Sünde schwankende

Bedeutungen haben und bei verschiedenen Menschen auch Verschiedenes bezeichnen

ja man kann nicht denken dass es überhaupt in Worten geschehen ist da sie in

diesem Grundsatze nur eine sehr allgemeine Bedeutung haben und nur verstanden

werden können, wenn man das Einzelne darunter Befasste kennt In den einzelnen

Fällen muss das Urteil nach der Kenntnis der Handlungen selbst und deren

Regeln sich bestimmen die von Worten entnommen sind welche der Kenntnis der

hohem Begriffe vorausgehen und diese Regeln muss man kennen gleichviel ob man

Englisch oder Japanisch spricht oder gar keine Sprache gelernt hat und der

Worte sich nicht bedienen kann wie bei Taubstummen der Fall ist. Wenn man es

erreichen kann dass Menschen ohne Kenntnis der Worte und der Gesetze und

Sitten ihres Landes wissen es gehöre zur Gottesverehrung Niemand zu töten

nur ein Weib zu erkennen die Leibesfrucht nicht abzutreiben die Kinder nicht

auszusetzen Niemand das Seinige zu nehmen auch wenn man selbst Mangel leidet

vielmehr ihm zu helfen und in seiner Not beizustehen und im Falle dagegen

gehandelt worden es zu bereuen sich darüber zu bekümmern und sich zu

entschließen es nicht wieder zu tun wenn sage ich alle Menschen diese und

tausend ähnliche Regeln wissen und anerkennen die sämtlich unter die oben

gebrauchten allgemeinen Worte von »Tugenden und Sünden« fallen so hätte man

erst dann mehr Grund diese und ähnliche Worte für Gemeinbegriffe und praktische

Grundsätze anzuerkennen Nach Allem also kann die allgemeine Zustimmung wenn es

eine solche bei Moralsätzen gibt zu Wahrheiten deren Kenntnis auf andere

Weise erlangt werden kann, schwerlich beweisen dass sie angeboren sind und

dies allein ist es was ich behaupte

     20 Der Einwand dass angeborene Grundsätze verdorben werden können, wird

beantwortet Es ändert hierbei nichts wenn man mit der geläufigen aber nicht

viel bedeutenden Erwiderung kommt dass angeborene MoralGrundsätze durch

Erziehung Beispiel und die allgemeine Meinung der Umgebung verdunkelt und

zuletzt aus der Seele ganz ausgetilgt werden können. Wäre diese Behauptung wahr

so würde sie den aus der allgemeinen Zustimmung entnommenen Grund umstoßen

durch welchen man beweisen will dass diese Grundsätze angeboren seien diese

Personen müssten denn die Überzeugungen ihrer selbst und ihrer Partei für die

allgemeine Zustimmung halten Dies geschieht allerdings nicht selten Menschen

die sich für die alleinigen Meister der wahren Vernunft halten werfen die

Ansichten und Meinungen der übrigen Menschen als der Beachtung unwert bei

Seite dann lautet ihr Beweis »Die von allen Menschen für wahr anerkannten

Grundsätze sind angeboren die von vernünftigen Menschen anerkannten Grundsätze

sind solche von allen Menschen anerkannte wir und unsere Genossen sind

vernünftig deshalb erhelltdass unsere Grundsätze angeboren sind« was

allerdings eine ganz hübsche Art zu beweisen ist bei welcher der Schritt bis

zur Untrüglichkeit sehr kurz ist zumal es ohnedem schwer ersichtlich wäre wie

es Grundsätze geben kann welche alle Menschen wissen und anerkennen und wo

dennoch jeder dieser Grundsätze durch Gewohnheit und schlechte Erziehung

verdorben und aus der Seele wieder vertilgt werden kann. Dies hieße so viel

als »Alle Menschen erkennen es an aber einige Menschen bestreiten es und sind

anderer Ansicht« In Wahrheit kann die Annahme solcher obersten Grundsätze uns

wenig nützen wir sind mit ihnen und ohne sie in der gleichen Verlegenheit wenn

durch menschliche Macht nämlich durch den Willen der Lehrer und die Meinungen

unserer Umgebung sie verändert oder verloren werden können. Trotz allen Pochens

auf solche oberste Grundsätze und dies angeborene Licht bleibt man ebenso in der

Dunkelheit und Ungewissheit als wenn es dergleichen gar nicht gibt es ist

gleich ob man keine Regel oder nur eine solche hat die sich bei jeder

Gelegenheit verbirgt oder ob man unter verschiedenen und entgegengesetzten

Regeln die rechte nicht kennt In Betreff des Angeborenseins der Grundsätze

bitte ich deren Verteidiger mir zu sagen ob sie durch Erziehung und

Gewohnheit ausgelöscht und vertilgt werden können oder nicht Ist Letzteres der

Fall so müssen sie bei allen Menschen gleich und überall klar sein und wenn

sie von hinzukommenden Begriffen leiden so müssen sie je näher der Quelle um

so klarer und erkennbarer sein dh bei Kindern und Ungebildeten die noch die

wenigsten fremden Eindrücke empfangen haben Welche Wendung die Verteidiger

dieser angeborenen Grundsätze auch nehmen sie werden immer finden dass sie mit

den klaren Tatsachen und den täglichen Wahrnehmungen in Widerspruch geraten

     21 Es gibt entgegengesetzte Grundsätze in der Welt Ich gebe gern zu

dass es viele Ansichten gibt welche von Personen verschiedener Länder

Erziehung und Temperament als oberste und unzweifelhafte Grundsätze angenommen

und festgehalten werden obgleich viele davon sowohl wegen ihrer Verkehrtheit

wie wegen ihres gegenseitigen Widerspruchs unmöglich wahr sein können Allein

trotzdem dass alle diese Sätze der Vernunft gerade entgegen sind werden sie

doch hier oder da für heilig gehalten so dass selbst Menschen die sonst

verständig sind lieber ihr Leben und ihre teuersten Güter hingeben als dass

sie sich selbst gestatteten an deren Wahrheit zu zweifeln oder Anderen sie in

Frage zu stellen

     22 Wie die Menschen meist zu ihren Grundsätzen kommen Es mag dies

seltsam scheinen aber die tägliche Erfahrung bestätigt es und es erscheint

vielleicht nicht so wunderbar wenn man die Wege und Mittel betrachtet woher es

kommt und wie es möglich ist dass Lehren die aus keiner bessern Quelle als dem

Aberglauben der Ammen und dem Ansehen eines alten Weibes stammen endlich durch

die Länge der Zeit und die Übereinstimmung der Nachbaren zur Würde von

Grundsätzen in der Religion und Moral emporsteigen Denn Personen die wie sie

sagen Kindern gute Grundsätze beibringen wollen und es gibt nur Wenige die

nicht eine Reihe solcher Grundsätze bei der Hand haben an die sie glauben

flössen in den sorglosen und noch uneingenommenen Verstand derselben denn

weißes Papier nimmt alle Schriftzüge an die Lehren ein welche die Kinder

behalten und bekennen sollen Diese Sätze lehrt man ihnen sobald sie nur

überhaupt Etwas fassen können und wenn sie heranwachsen hören sie deren

Bestätigung durch offenes Bekenntnis oder stillschweigende Zustimmung Aller

mit denen sie zusammenkommen oder wenigstens Derer die sie wegen ihrer

Weisheit Kenntnisse und Frömmigkeit hoch schätzen und die von diesen Sätzen

nur als dem Boden und der Grundlage sprechen auf welchen Religion und Sitte

errichtet sind So gelangen diese Sätze zu dem Ansehen unzweifelhafter selbst

gewisser und angeborener Wahrheiten

     23 Dem kann man noch zufügen dasswenn so unterrichtete Menschen

erwachsen sind und auf ihr Inneres blicken sie darin nichts finden können was

älter wäre als diese Ansichten die ihnen gelehrt wurden ehe noch ihr

Gedächtnis ein Verzeichnis ihrer Handlungen führen und die Zeit merken konnte

wo etwas Neues ihnen begegnete Sie schließen deshalb mit Sicherheit dass

diese Sätze von denen sie den Ursprung nicht auffinden können von Gott kommen

und der Natur ihrer Seele eingeprägt worden und dass Niemand anders sie ihnen

gelehrt habe Mit Ehrfurcht halten sie sie fest und unterwerfen sich ihnen wie

Viele es ihren Eltern gegenüber tun nicht weil es natürlich ist da Kinder

denen es nicht gelehrt ist nicht so handeln sondern sie halten es für

natürlich weil sie immer so erzogen worden sind und sich des Anfanges dieser

Ehrfurcht nicht mehr entsinnen können

     24 Ein solcher Vorgang erscheint natürlich und beinah unvermeidlich wenn

man die menschliche Natur und die menschlichen Zustände und Verhältnisse

berücksichtigt Die meisten Menschen können sich nur das Leben fristen dadurch

dass sie ihre Zeit zu den Arbeiten ihres Berufs verwenden sie können daher in

ihrem Innern nicht ruhig sein wenn sie nicht eine Grundlage oder einen

Grundsatz haben an dem sie in ihren Gedanken sich halten können Selten ist

Jemand so schwankend und oberflächlich in seinem Denken dass er nicht einige

hochgeehrte Sätze hätte die für ihn die Grundlage abgeben auf welche er seine

Beweise stützt und nach welchen er über Wahrheit und Irrtum Recht und Unrecht

sich entscheidet Entweder fehlt ihm das Geschick und die Müsse oder die

Neigung oder man hat ihm gelehrt dass diese Sätze nicht geprüft werden dürfen

Deshalb nehmen die Meisten aus Unwissenheit Trägheit oder in Folge ihrer

Erziehung oder Voreiligkeit sie für die baare Wahrheit

     25 Offenbar findet dies bei allen Kindern und jungen Personen Statt die

Gewohnheit hat eine größere Macht als die Natur selbst und lässt sie das als

göttlich verehren wovor ihr Inneres zu beugen und ihren Verstand zu

unterwerfen man ihnen eingeprägt hat Es ist deshalb kein Wunder wenn

Erwachsene die mit der täglichen Arbeit beladen sind oder die nur nach dem

Vergnügen jagen sich um die ernstliche Prüfung ihrer Grundsätze nicht

bekümmern zumal wenn einer dieser Grundsätze verlangt dass sie überhaupt nicht

geprüft werden dürfen Selbst wenn Jemand Müsse Geschick und guten Willen hat

wird er es nicht wagen die Grundlagen all seines frühem Denkens und Handelns zu

erschüttern und sich die Schmach zuzuziehen dass er lange Zeit in Irrtümern

und Missverständnissen sich befunden habe Wer fühlt sich fest genug zum Kampf

mit dem Tadel der überall für die bereit gehalten wird welche es wagen von

den herrschenden Meinungen ihres Landes oder Standes abzuweichen Welcher Mann

wird sich gelassen darauf vorbereiten dass er den Namen eines Sonderlings

Zweiflers oder Gottesleugners bekomme der ihm sicherlich gegeben wird sobald

er den leisesten Zweifel an dem hegt was die allgemeine Meinung fordert Er

wird um so mehr sich scheuen diese Grundsätze in Frage zu stellen da er sie

wie von den Meisten geschieht für die Schriftzeichen hält die Gott in seinem

Innern aufgerichtet hat damit sie die Regel und den Prüfstein für jede andere

Meinung bilden Was kann ihn hindern sie für heilig zu halten wenn er findet

dass sie zu den frühesten seiner Seele gehören und die sind welche auch die

Andern am meisten verehren

     26 Hiernach kann man leicht abnehmen weshalb die Menschen die in ihrer

Seele aufgerichteten Götzenbilder verehren die Begriffe festhalten mit denen

sie seit langer Zeit bekannt gemacht worden sind, und weshalb sie Verkehrtheiten

und Irrtümern den Stempel der Göttlichkeit aufdrücken eifrige Anbeter von

Stieren und Affen werden und für die Verteidigung dieser Meinungen kämpfen

fechten und den Tod erleiden »Denn nur die können nach seiner Meinung Götter

sein die er selbst verehrt« Die geistigen Vermögen der Seele die zwar ohne

Unterlass aber nicht immer sorgsam und weise angewendet werdenkönnen sich in

den meisten Menschen aus Mangel einer Grundlage und eines Bodens nicht

entwickeln Aus Trägheit oder Zerstreuung oder aus Mangel an Zeit an Hülfe

oder aus andern Ursachen können sie zu den letzten Grundlagen der Erkenntnis

nicht vordringen und die Wahrheit nicht bis zu ihrer Quelle und ihrem Ursprung

verfolgen deshalb greifen sie natürlich ja beinah unvermeidlich einzelne

erborgte Grundsätze auf die nun als die sichern Beweise für alles Andere gelten

und deshalb nicht selbst eines Beweises bedürfen Wenn irgend Jemand solche

Grundsätze in sich aufnimmt und mit der Ehrfurcht die man gewöhnlich

Grundsätzen zollt bei sieh hegt dabei sie nicht zu prüfen wagt sondern sich

an den Glauben an sie gewöhnt weil sie geglaubt werden sollen so kann er in

Folge seiner Erziehung und der Landessitte jede beliebige Verkehrtheit für einen

angeborenen Grundsatz halten und das lange Hinstarren auf denselben Gegenstand

kann seinen Blick so verdunkeln dass er die in seinem Gehirn steckenden

Ungeheuer für das Bild der Gottheit und ihr Werk nimmt

     27 Die Grundsätze bedürfen der Prüfung Wie Viele auf diese Weise zu

Grundsätzen kommen die sie für angeboren halten ergibt sich leicht aus der

Mannigfaltigkeit der einander widersprechenden Grundsätze welche von allen

Klassen und Ständen der Menschen festgehalten und verteidigt werden Wer nicht

anerkennt dass auf diese Weise die Menschen zu der Überzeugung von der

Wahrheit und Gewissheit ihrer Grundsätze gelangen wird schwer einen andern Weg

für jene sich widerstreitenden Grundsätze angeben können die fest geglaubt

vertrauensvoll behauptet werden und welche Viele jederzeit mit ihrem Blute zu

besiegeln bereit sind Ist es wirklich das Vorrecht angeborener Grundsätze dass

man sie ohne Prüfung auf ihr eigenes Ansehen annimmt so wüsste ich nicht was

nicht Alles geglaubt werden könnte und wie die Grundsätze irgend Jemandes in

Zweifel gezogen werden können. Sollen sie aber geprüft und erprobt werden so

möchte ich zuvor wissen wie man die höchsten und angeborenen Grundsätze prüfen

soll wenigstens darf man sich dann die Kennzeichen und Eigenschaften erbitten

durch die man die ächten von den falschen unterscheiden kann damit man in

Mitten einer solchen Menge von Ansprüchen bei einem so wichtigen Punkte sich

vor Missgriffen schützen könne Ist dies geschehen so werde ich gern solche

willkommene und nützliche Sätze festhalten bis dahin sei es mir aber gestattet

zu zweifeln denn die allgemeine Zustimmung auf die allein man sich beruft

kann schwerlich das sichere Zeichen für die Leitung meiner Wahl sein und mir von

irgend einem angeborenen Grundsatze Gewissheit geben Nach dem bisher Gesagten

ist es wohl unzweifelhaft dass es keine praktischen Grundsätze gibt in denen

alle Menschen übereinstimmen und deshalb auch keine die angeboren sind

 
 



                                



     1 Grundsätze sind nicht angeboren, wenn ihre Begriffe es nicht auch sind

 Wenn Die welche uns der angeborenen Grundsätze überführen wollen sie nicht

in Pausch und Bogen genommen sondern deren Theile einzeln betrachtet hätten so

würden sie vielleicht nicht so schnell sie für angeboren geheilten haben denn

wenn die Begriffe aus denen diese Wahrheiten bestehen nicht angeboren sind so

können auch die daraus gebildeten Sätze es nicht sein und ihre Kenntnis kann

uns nicht angeboren sein Sind diese Begriffe nicht angeboren, so musste es eine

Zeit geben wo die Seele diese Grundsätze noch nicht hatte und sie sind dann

nicht angeboren, sondern aus einer andern Quelle geflossen denn wo die Begriffe

fehlen da kann es keine Kenntnis keine Zustimmung keine Sätze weder in

Gedanken noch in Worten von ihnen geben

     2 Die Begriffe insbesondere die zu den Grundsätzen gehörenden sind den

Kindern nicht angeboren.) Betrachtet man neugeborene Kinder aufmerksam so ist

wenig Grund vorhanden dass sie viele Begriffe mit sich auf die Welt brächten

Mit Ausnahme einiger schwachen Vorstellungen von Hunger und Durst Wärme und

etwas Schmerzen die sie im Mutterleibe empfunden haben mögen zeigen sie nicht

die leiseste Spur von bestimmten Vorstellungen insbesondere von Begriffen die

den Ausdrücken entsprechen aus denen die allgemeinen Sätze gebildet sind

welche für angeborene Grundsätze gelten sollen vielmehr kann man bemerken wie

erst später und allmählich Vorstellungen in ihrer Seele entstehen und wie sie

deren nicht mehr gewinnen als die Erfahrung und Beobachtung der Gegenstände,

welche ihnen in den Weg kommen sie damit versehen Schon dies zeigt, dass sie

keine ursprünglich der Seele eingeprägte SchriftZeichen sind

     3 Der Satz: Dieselbe Sache kann unmöglich sein und nicht sein ist

sicherlich wenn es deren gibt ein angeborener Grundsatz Kann aber Jemand

behaupten dass die Unmöglichkeit und die Dieselbigkeit zwei angeborene Begriffe

seien Gehören sie zu denen die alle Menschen haben und mit auf die Welt

bringen Und sind sie die ersten bei den Kindern die allen erworbenen Begriffen

vorausgehen Dennoch müsste dies sein wenn sie angeboren wären Hat ein Kind

die Vorstellung der Unmöglichkeit und Dieselbigkeit vor der Vorstellung von

weiß und schwarz süß und bitter Und schließt es vermöge dieses Grundsatzes

dass die Brust wenn sie mit Wermut bestrichen nicht so wie gewöhnlich

schmeckt Ist es die wirkliche Kenntnis von der Unmöglichkeit des Seins und

NichtSeins von Etwas wodurch das Kind seine Mutter von einer Fremden

unterscheidet weshalb es die eine liebt und die andere flieht Und bestimmt die

Seele sich und ihre Zustimmung nach Vorstellungendie sie noch nicht gehabt

hat Oder zieht der Verstand Folgerungen aus Grundsätzen die er noch niemals

gekannt und verstanden hat Die Worte Unmöglichkeit und Dieselbigkeit

bezeichnen zwei Vorstellungendie so wenig uns angeboren oder bei der Geburt

eingeflößt sind dass es vielmehr großer Sorgfalt und Aufmerksamkeit bedürfen

möchte um sie überhaupt in unserm Wissen richtig zu bilden Wir haben sie so

wenig mit auf die Welt gebracht sie liegen dem Denken des Kindes und Knaben so

fern, dass sogar mancher Erwachsene wenn er geprüft wird sie nicht kennen

wird

     4 Der Begriff der Dieselbigkeit ist nicht angeboren.) Wäre der Begriff

der Dieselbigkeit um bei diesem Beispiel zu bleiben von Natur uns eingeprägt

mithin so klar und fassbar dass man ihn schon in der Wiege kennen müsste so

würde ich ebenso von einem siebenjährigen wie einem siebzigjährigen Menschen die

Antwort erhalten ob ein Mensch der aus Leib und Seele besteht derselbe

bleibt wenn sein Körper wechselt und ob Euphorbus und Pythagoras welche

dieselbe Seele hatten derselbe Mensch waren obgleich sie in verschiedenen

Zeitaltern lebten ja ob selbst der Hahn welcher dieselbe Seele hatte mit

beiden derselbe gewesen sei Vielleicht ergibt sich dann dass die Vorstellung

der Dieselbigkeit nicht so bestimmt und klar ist dass man sie für angeboren

halten könnte Denn wenn diese angeborenen Begriffe nicht klar und bestimmt sind

und allgemein gekannt und angenommen sind so können aus ihnen keine allgemeinen

und unzweifelhaften Wahrheiten abgeleitet werden vielmehr müssen sie dann den

Anlass zu steter Ungewissheit geben Ich nehme nämlich an dass der Begriff der

Dieselbigkeit nicht bei jedem mit dem des Pythagoras und seiner Anhänger

übereinstimmt Welcher ist nun hier der wahre und angeborene Oder sind bei

zwei verschiedenen Begriffen der Dieselbigkeit beide angeboren

     5 Man halte auch die hier erhobenen Fragen über die Dieselbigkeit eines

Menschen nicht für leere Spitzfindigkeiten wäre dies der Fall so bewiese dies

schon dass der menschlichen Seele die Vorstellung der Dieselbigkeit nicht

angeboren ist Wer etwas aufmerksam über die Auferstehung nachdenkt und erwägt

dass die göttliche Gerechtigkeit am jüngsten Tage entscheiden wird ob dieselbe

Person in jenem Leben glücklich oder elend werden soll je nachdem sie hier gut

oder böse gehandelt hat der wird nicht leicht mit sich darüber ins Reine

kommen worin die Dieselbigkeit besteht und was macht dass der Mensch derselbe

ist er wird deshalb nicht voreilig glauben dass er und Jedermann selbst

Kinder von Natur einen klaren Begriff davon haben

     6 Das Ganze und die Theile sind keine angeborenen Begriffe Wir wollen

den Satz der Mathematiker prüfen dass das Ganze grösser ist wie der Teil Man

wird ihn wohl zu den angeborenen Grundsätzen rechnen und ich meine dass er so

gut ein Recht dazu hat wie irgend einer; dennoch kann dies Niemand annehmen

wenn er bedenkt dass die darin befassten Begriffe von Ganzen und Teilen nur

Beziehungen sind Die bejahenden positiven Begriffe zu denen sie eigentlich

und unmittelbar gehören sind die Ausdehnung und die Zahl von denen das Ganze

und die Theile nur Verhältnisse sind Wenn daher letztere angeboren sind so

müssen es auch die Ausdehnung und die Zahl sein da man sich kein Verhältnis

vorstellen kann ohne die Dinge auf die es sich bezieht und gründet Ob aber

der menschlichen Seele die Vorstellungen von Ausdehnung und Zahl von Natur

eingeprägt sind mögen die Schutzherren der angeborenen Vorstellungen

entscheiden

     7 Der Begriff der Gottesverehrung ist nicht angeboren.) Dass Gott

verehrt werden müsse ist unzweifelhaft eine so große Wahrheit als irgend eine

in der Seele sie verdient den ersten Platz unter den praktischen Grundsätzen

Dennoch kann sie nur für angeboren gelten wenn auch die Begriffe von Gott und

von Verehrung angeboren sind Nun wird wohl Jeder leicht einräumen dass die

Vorstellungdie das Wort Verehrung bezeichnet nicht in dein Verstande der

Kinder ist und der Seele nicht bei ihrem Entstehen eingeprägt worden ist, wenn

er bedenkt dass ja selbst unter den Erwachsenen nur Wenige einen klaren und

deutlichen Begriff davon haben Es gäbe wohl nichts Lächerlicheres als zu

sagen dass den Kindern der praktische Grundsatz angeboren sei Gott müsse

verehrt werden und dass sie dabei doch nicht wissen was Verehrung ist die

ihnen zur Pflicht gemacht ist Doch genug davon

     8 Die Vorstellung Gottes ist nicht angeboren.) Wenn irgend eine

Vorstellung für angeboren gelten könnte so müsste es aus vielen Gründen die

Vorstellung Gottes sein weil man sieh schwer angeborene moralische Grundsätze

vorstellen könnte ohne eine angeborene Vorstellung Gottes denn ohne den Begriff

eines Gesetzgebers kann man sich kein Gesetz vorstellen und keine

Verbindlichkeit es zu befolgen Nun sind aber außer den Gottesleugnern von

denen die Alten berichten und deren Gedächtnis von der Geschichte gebrandmarkt

ist neuerlich durch Seefahrer ganze Völker in dem Meerbusen von Soldania in

Brasilien in Boronday und auf den Karaibischen Inseln entdeckt worden bei

denen weder von Gott noch von der Religion eine Vorstellung angetroffen worden

ist. Nicolo de Techo sagt in seinen Briefen aus Paraguay über die Bekehrung der

Caaiguaven »Ich fand bei diesem Volke kein Wort für Gott und die menschliche

Seele sie haben weder Heiligtümer noch Götzenbilder« Dies sind Beispiele von

Völkern wo die rohe Natur sich selbst überlassen geblieben ist und der Hülfe

der Schrift und Zucht so wie der aus Kunst und Wissenschaften hervorgehenden

Verbesserungen entbehrt hat Aber andere Völker haben sich dieser Vorteile in

großem Maß erfreut und haben dennoch weil sie ihr Denken nicht in dieser

Richtung anstrengten die Vorstellung und Kenntnis Gottes entbehrt Es wird

Andere ebenso wie mich überraschen zu erfahren dass die Siamiten dazu gehören

Man kann über diesen Punkt den letzten dortigen französischen Gesandten zu Rat

ziehen welcher auch von den Chinesen dasselbe berichtet Und selbst wenn man

dem La Loubere nicht glauben will so stimmen doch die Missionare in China und

selbst die Jesuiten trotzdem dass sie die größten Lobredner Chinas sind alle

ohne Ausnahme unter Beibringung von Beweisen darin überein dass die Klasse der

Gelehrten und Gebildeten welche der alten Religion Chinas zugetan sind so

wie die herrschende Klasse sämtlich an keinen Gott glauben wie man aus »

Navarette Band I seiner gesammelten Reisen« und aus der »Geschichte über den

Siamesischen Gottesdienst« ersehen kann Selbst in zivilisierten Ländern dürften

nur zu Viele keine festen und klaren Einprägungen über Gott in ihrer Seele

haben wenn man sich des Lebens und der Aussprüche eines nicht sehr entfernten

Volkes sorgfältig erinnert die von der Kanzel ertönenden Klagen über den

Atheismus erscheinen dann begründet Allerdings wird dergleichen Gottesleugnung

jetzt nur von völlig gesunkenen Nichtswürdigen offen und ins Gesicht behauptet

allein man würde auch von Andern dergleichen zu hören bekommen wenn nicht die

Furcht vor dem Schwerte der Obrigkeit oder dem Tadel der Nachbaren die Zunge

dieser Leute gebunden hielte Nähme man die Furcht vor Strafe und Schande

hinweg so würden auch Andere ihren Atheismus so offen mit dem Munde bekennen

wie es jetzt durch ihre Taten geschieht

     9 Allein selbst wenn die ganze Menschheit überall den Begriff Gottes

besäße obgleich die Geschichte das Gegenteil lehrt so würde dies doch nicht

beweisen dass dieser Begriff angeboren sei Wenn auch kein Volk ohne den Namen

und einige dunkle Begriffe von Gott angetroffen würde so spräche dies nicht

mehr für deren Angeborensein als die Worte Feuer Sonne Hitze Zahl beweisen

dass diese Begriffe ihnen angeboren sind obgleich auch die Worte für diese

Dinge und deren Vorstellungen bei den Menschen allgemein bekannt und im

Gebrauche sind Umgekehrt ist der Mangel eines solchen Wortes und das Fehlen

seines Begriffes in der menschlichen Seele noch kein Beweis gegen das Dasein

Gottes so wenig wie es ein Beweis ist dass es keinen Magneten in der Welt

gibt weil vielen Leuten sowohl der Begriff wie der Name für solche Sache

fehlt Ebenso kann man keinen auch nur scheinbaren Beweis führen dass es keine

verschiedenen Arten von Engeln oder einsichtigen Wesen gibt weil man von

solchen Arten weder die Vorstellungen noch die Worte hat Die Menschen erhalten

ihre Worte durch die allgemeine Sprache ihres Landes und damit auch notwendig

eine Art von Vorstellungen der Dinge, deren Worte sie von ihrer Umgebung oft

hören Verbindet sich damit die Vorstellung von Vorzüglichkeit Größe oder

etwas Außerordentlichem sind sie von Furcht oder Interesse begleitet treibt

die Furcht vor einer unbeschränkten und unwiderstehlichen Macht diese

Vorstellung in die Seele so prägt sie sich um so tiefer ein und breitet sich um

so weiter aus namentlich wenn sie dem natürlichen Verstande genehm ist und

leicht aus jeder unserer Kenntnisse abgeleitet werden kann, wie dies mit der

Vorstellung Gottes der Fall ist. Die Zeichen einer außerordentlichen Weisheit

und Macht finden sich überall so deutlich und klar in allen Werken der

Schöpfung dass ein vernünftiges Wesen bei ernstem Nachdenken die Gottheit

entdecken muss Der Einfluss von der Entdeckung eines solchen Wesens muss auf

die Seele Aller die nur einmal davon gehört haben so groß sein und eine

solche Menge von Gedanken oder einen so häufigen Verkehr mit ihm erwecken dass

ich es sonderbarer finden würde wenn ein ganzes Volk so vernunftlos wäre und

der Begriff Gottes ihm ganz fehlte als wenn es die Begriffe von Zahlen oder von

Feuer nicht besäße

     10 Wenn der Name Gottes einmal irgendwo auf der Erde genannt worden um

damit ein höheres mächtiges weises unsichtbares Wesen zu bezeichnen so

entspricht dieser Begriff so sehr den Gesetzen des gesunden Verstandes und das

Interesse diesen Namen oft zu nennen wird so groß dass er sich weit und

breit verbreiten und zu spätem Geschlechtern fortpflanzen muss obgleich diese

allgemeine Annahme des Namens und einiger unvollkommenen und schwankenden

Begriffe welche der gedankenlosen Menge damit zugeführt werden nicht beweist

dass er angeboren istsondern nur dass Die welche ihn fanden ihre Vernunft

recht gebraucht reichlich über die Ursachen der Dinge nachgedacht und sie von

ihrem Ursprünge abgeleitet haben Andere weniger nachdenkende Völker haben

diesen Begriff dann von Jenen empfangen und konnten ihn bei seiner Wichtigkeit

nicht wieder verlieren

     11 Nur so viel könnte man über dem Gottesbegriff folgern wenn er bei

allen Stämmen der Menschen allgemein angetroffen und von den Erwachsenen in

allen Ländern allgemein anerkannt würde Das Anerkenntnis von Gottes Dasein

geht nun in dieser Allgemeinheit wohl nicht weiter und genügte dies für den

Beweis dass diese Vorstellung angeboren sei so müsste dies auch von der des

Feuers gelten denn sicherlich wird Jedermann der die Vorstellung Gottes hat

auch die des Feuers haben Wenn eine Kolonie kleiner Kinder auf eine Insel

gebracht würde wo kein Feuer wäre so würden sie unzweifelhaft weder die

Vorstellung eines solchen Dinges noch das Wort dafür haben so bekannt und

gebräuchlich auch Beides in der übrigen Welt wäre und möglicherweise könnte

ihrem Vorstellen der Name und Begriff Gottes so lange fern bleiben bis eines

von ihnen sein Nachdenken auf die Beschaffenheit und die Ursachen der Dinge

richtete und es damit zu dem Begriffe Gottes gelangte Wäre dann dieser Begriff

den Andern einmal mitgeteilt so würde die Vernunft und die natürliche Richtung

ihres Denkens ihn dann weiter ausbreiten und unter ihnen erhalten

     12 Der Einwurf dass es Gottes Güte entspreche dass alle Menschen eine

Vorstellung von ihm haben und dass sie deshalb von Natur eingeprägt sei Man

hat Gewicht darauf gelegt dass es der Güte Gottes entspreche der menschlichen

Seele Zeichen und Begriffe von ihm einzuprägen und sie in einem so wichtigen

Punkte nicht in Zweifel und Dunkelheit zu belassen auch habe er sich damit der

Ehrfurcht und Anbetung versichert welche so vernünftige Wesen wie die Menschen

ihm schuldeten und deshalb habe Gott es auch so ausgeführt

    Sollte dieser Grund gelten so bewiese er viel mehr als Die welche sich

seiner hier bedienen von ihm erwarten Kann man folgern dass Gott für die

Menschen alles getan habe was diese für zuträglich halten weil dies seiner

Güte entspreche so muss Gott nicht bloß einen Begriff von sich selbst den

menschlichen Seelen eingeprägt haben sondern er muss auch in leserlichen Zügen

ihnen Alles das eingeprägt haben was die Menschen von ihm wissen oder glauben

sollen und Alles was sie in Befolgung seines Willens zu tun haben er müsste

ihnen dann auch die dem entsprechenden Neigungen und Entschlüsse zugeteilt

haben Dies wäre sicherlich viel besser für die Menschen als dass sie im

Dunkeln nach der Erkenntnis umhertappen wie nach dem heiligen Paulus

Apostelgeschichte Kap XVII v 27 »alle Völker nach Gott suchen und ihr Wille

mit ihrem Verstände nicht passt und ihre Neigungen ihre Pflichten

durchkreuzen« Auch die Romanisten sagen es ist am besten für die Menschen und

deshalb der Güte Gottes angemessen dass ein untrüglicher Richter über ihre

Streitigkeiten auf Erden bestehe und deshalb ist ein solcher da und ich sage

aus demselben Grunde es ist besser dass Jedermann für sich untrüglich sei

Deshalb mögen Jene bedenken ob dies nicht aus ihrem Grunde folgt Es ist ein

vortrefflicher Beweisgrund zu sagen der unendlich weise Gott habe es so

gemacht und deshalb sei es das Beste allein wir vertrauen wohl etwas zu viel

auf unsere Weisheit wenn wir sagen Wir halten es für das Beste und deshalb

hat Gott es so gemacht Für die gegenwärtige Frage wird man vergeblich durch

dieses logische Hilfsmittel beweisen können Gott habe es so gemacht wenn die

Erfahrung uns sicher das Gegenteil lehrt Trotzdem hat indes die Güte Gottes

den Menschen nicht gemangelt wenn er ihnen auch keine ursprüngliche Kenntnisse

und Begriffe in die Seele geprägt hat denn er hat sie mit den genügenden

Fähigkeiten ausgerüstet um Alles das zu entdecken was der Endzweck solcher

Wesen erfordert Ich glaube sicher zeigen zu können dass der Mensch bei dem

rechten Gebrauch seiner natürlichen Fähigkeiten auch ohne angeborene Grundsätze

Gott und andere ihn betreffende Dinge erkennen kann Nachdem Gott den Menschen

mit dieser Fähigkeit zur Erkenntnis ausgestattet hatte war er durch seine Güte

so wenig verpflichtet noch jene angeborenen Begriffe in seine Seele zu pflanzen

als nachdem er ihnen Vernunft Hände und die nötigen Stoffe gegeben er

verpflichtet war auch die Brücken und Häuser ihnen zu bauen welche manchen

Völkern der Erde trotz guter Anlagen ganz oder in guter Beschaffenheit fehlen

ähnlich wie ändere entweder ganz ohne den Begriff Gottes und die Grundsätze der

Moral leben oder nur schlecht damit versehen sind In beiden Fällen liegt es

nur daran dass die Menschen niemals ihre Anlagen Vermögen und Kräfte

verständig entwickelten vielmehr sich mit den herrschenden Ansichten und

Meinungen und mit den Erzeugnissen ihres Landes so begnügten wie sie sie

vorfanden ohne weiter zu blicken Wäre der Leser oder ich am Meerbusen von

Soldania geboren so möchten leicht unsere Gedanken und Begriffe nicht jene

tierischen Begriffe der dortigen Hottentotten übersteigen und wäre der König

von Virginien Apochancana in England erzogen worden so hätte er vielleicht in

der Theologie und Mathematik ebenso viel gelernt als irgend ein Engländer Der

Unterschied zwischen ihm und dem gebildeten Engländer kommt bloß daher dass

seine Fähigkeiten sich nur in den Wegen Weisen und Begriffen seines eigenen

Landes üben konnten und nie zu andern und weitem Untersuchungen angeleitet

worden sind, und wenn er keinen Begriff von Gott haben sollte so käme es nur

davon dass er die Gedanken nicht aufsuchte die ihn zu Gott geführt haben

würden

     13 Die Begriffe von Gott sind bei den Menschen sehr verschieden Gäbe

es irgend eine der menschlichen Seele eingeprägte Vorstellung so würde mit

Recht dies von der Vorstellung ihres Schöpfers gelten müssen indem Gott sie als

ein Zeichen seinem Werke aufgedrückt hätte damit es seiner Abhängigkeit und

Pflicht eingedenk bleibe es würde dann diese Vorstellung als das erste Zeichen

menschlicher Kenntnis hervortreten Allein wie spät erst zeigt sich bei Kindern

diese Vorstellung? Und kommt sie hervor gleicht sie da nicht vielmehr der

Ansicht und den Vorstellungen des Lehrers als der wahren Vorstellung Gottes

Wenn man bei den Kindern die Wege beachtet auf denen sie zu Kenntnissen

gelangen so wird man finden das die Dinge mit denen sie zunächst und am

häufigsten verkehren die ersten Eindrücke auf ihren Verstand machen keine Spur

von etwas Anderm wird sich finden Man kann leicht beobachten wie ihr Wissen

sich nur in dem Maß erweitert als sie mit mehr sinnlichen Gegenständen

bekannt werden deren Vorstellungen sie in ihrem Gedächtnis behalten sie

lernen dann dieselben zu vergleichen auszubreiten und auf verschiedene Weise

zu verbinden Wie sie auf diese Weise dazu kommen die Vorstellung der Gottheit

zu bilden welche die Menschen haben werde ich später darlegen

     14 Können wohl die Vorstellungenwelche die Menschen von Gott haben als

sein Zeichen und Bild angesehen werden, die er ihren Seelen mit seiner Hand

eingeprägt habe wenn Menschen desselben Landes mit demselben Worte

verschiedene ja widersprechende und unverträgliche Vorstellungen und Begriffe

von ihm verbinden Die bloße Übereinstimmung in dem Namen oder Laute kann doch

schwerlich als Beweis gelten dass die Vorstellung Gottes angeboren sei

     15 Wie konnten Die welche hunderte von Göttern anerkannten und

verehrten eine wahre und erträgliche Vorstellung von ihm haben Jeder über den

Einen hinausgehende Gott zeigte ihre Unkenntnis seiner und dass ihr

GottesBegriff dem die Einzelheit Unendlichkeit und Ewigkeit fehlte kein

wahrer sei Nimmt man die groben Vorstellungen der Körperlichkeit hinzu in

denen ihre Götter dargestellt und gemalt wurden die Liebschaften Heiraten

Verbindungen Gelage Streitigkeiten und anderen niederen Züge ihrer Götter so

kann man doch nicht annehmen dass die heidnische Welt dh der größte Teil

der Menschheit eine Vorstellung von Gott habe und gehabt habe die Gott selbst

um sie vor jedem Fehlgriff zu schützen ihnen eingeprägt Wenn jene so viel

benutzte allgemeine Übereinstimmung irgend das Angeborensein einer Vorstellung

bewiese so wäre es nur die dass Gott den Seelen aller Menschen welche

dieselbe Sprache sprechen den Namen aber nicht die Vorstellung von sich

eingeprägt habe da das Volk zwar in dem Namen übereinstimmt aber die

verschiedensten Vorstellungen damit verknüpft Wenn man sagt dass die vielen

Götter welche die Heiden verehrten nur bildliche Formen seien um die

verschiedenen Eigenschaften oder die verschiedenen Richtungen der Vorsehung

dieses unbegreiflichen Wesens zu bezeichnen so will ich hier nicht untersuchen

was sie ursprünglich gewesen sein mögen aber Niemand kann behaupten dass diese

Götter von der großen Menge in diesem Sinne aufgefasst wurden Wer in der Reise

des Bischofs von Berytus Kap 13 liest ohne anderer Zeugnisse zu gedenken

wird finden dass die Siamesischen Gottesgelehrten ausdrücklich eine Menge von

Göttern anerkennen oder dass, wie Abbé von Choisy in seinem Reisebericht über

Siam S 107177 bemerkt sie eigentlich gar keinen Gott anerkennen Sagt man

dass die Weisen aller Völker zu dem wahren Begriffe von Gottes Einheit und

Unendlichkeit gelangt seien so gebe ich dies zu aber dann bleibt von der

allgemeinen Übereinstimmung in der Sache nur die im Namen übrig da dieser

weisen Männer nur wenige vielleicht nur einer auf Tausend kommen so ist diese

Allgemeinheit sehr klein zweitens beweist dieser Umstand deutlich dass die

wahren und besten Begriffe über Gott den Menschen nicht eingeprägt werden

sondern durch Überlegung und Nachdenken und durch den rechten Gebrauch ihrer

Vermögen sowohl über Gott wie über andere Dinge gewonnen worden sind. Der träge

und unbedachtsame Teil der Menschen welcher die größte Zahl ausmacht nahm

dann diese Begriffe durch Zufall oder durch die allgemeine Überlieferung und

die Meinung der Menge an ohne sich den Kopf darüber zu zerbrechen Wäre es ein

Beweis für das Angeborensein des GottesBegriffs dass alle weisen Menschen ihn

haben so muss auch die Tugend für angeboren gelten da auch diese alle weisen

Männer gehabt haben

     16 So verhielt es sich offenbar mit allen heidnischen Völkern aber auch

bei den Juden Christen und Mohammedanern die nur einen Gott anerkennen hat

diese Lehre und die Sorgfalt mit der man bei diesen Völkern den wahren Begriff

Gottes durch Lehre zu verbreiten gesucht hat nicht vermocht dass alle Menschen

dieselben und wahren Begriffe von ihm haben Selbst unter uns werden sich wenn

man sucht Viele finden welche sich Gott in der Gestalt eines im Himmel

sitzenden Mannes vorstellen und manche andere verkehrte und unpassende

Vorstellungen von ihm haben Unter Christen wie unter Türken haben ganze Sekten

gemeint und ernstlich behauptet dass die Gottheit einen Körper von menschlicher

Gestalt habe und wenn auch unter uns Wenige diesen der Menschengestalt

entnommenen Begriffen anhängen obgleich ich Manche der Art getroffen habe so

wird man doch wenn man sich Mühe gibt unter den unwissenden und

ununterrichteten Christen viele finden welche derselben Meinung sind Man

spreche nur mit Landleuten jeden Alters und mit den jungen Leuten aus allen

Ständen sie führen zwar den Namen Gottes viel im Munde aber sie knüpfen an

diesen Namen so sonderbare seltsame und erbärmliche Vorstellungen dass man

kaum glauben kann ein vernünftiger Mann habe sie unterrichtet noch weniger

kann man es für ein Zeichen nehmen was Gottes Finger selbst ihnen

eingeschrieben hat Wenn es der Güte Gottes widerspräche dass er uns eine Seele

gegeben die mit dieser Vorstellung von ihm nicht versehen sei so würde es

seiner Güte auch widersprechen dass er uns nackt in die Welt gesetzt hat und

dass wir keine Kunst und Fertigkeit mit auf die Welt gebracht haben Es genügt

dass wir mit dem Vermögen dazu ausgestattet sind und wenn wir die Vorstellung

von Gott nicht haben so liegt es nicht an Gottes Güte sondern an unserm

fehlenden Fleiße und Nachdenken Es ist so gewiss dass Gott ist als dass die

gegenüberliegenden Winkel zweier sich schneidenden geraden Linien gleich sind.

Kein vernünftiges Wesen was sich die Mühe nimmt die Wahrheit dieser Sätze

aufrichtig zu prüfen kann ihnen seine Beistimmung versagen obgleich

unzweifelhaft Viele beide Sätze oder einen von beiden nicht kennen weil sie

ihre Gedanken nicht in dieser Richtung angestrengt haben Will dies Jemand

allgemeine Übereinstimmung nennen eine dann sehr weit gehende Auslegung so

erkenne ich eine solche gern an aber eine solche beweist dann ebenso wenig das

Angeborensein der Vorstellung Gottes wie das der Vorstellungen der Engel

     17 Ist die GottesVorstellung nicht angeboren, so kann es auch keine

andere sein Wenn sonach die Kenntnis Gottes obgleich die menschliche

Vernunft sie noch am natürlichsten gewinnen kann doch nicht angeboren ist wie

aus dem Bisherigen sich klar ergeben haben dürfte so wird kaum irgend eine

andere Vorstellung einen Anspruch darauf machen können Denn hätte Gott irgend

einen Eindruck oder Schriftzug der menschlichen Seele mitgegeben so würde es

sicherlich die klare und einstimmige Vorstellung seiner selbst gewesen sein

soweit nämlich unsere schwachen Vermögen ein so unbegreifliches und unendliches

Wesen erfassen können Wenn aber die Seele dieser für sie wichtigsten

Vorstellung ermangelt so spricht dies stark gegen angeborene Vorstellungen

überhaupt ich wenigstens kann keine andere mehr dazu geeignete finden und würde

mich freuen wenn sie mir gezeigt werden könnte

     18 Die Vorstellung der Substanz ist nicht angeboren.) Es gibt noch eine

andere Vorstellung deren Besitz für die Menschen von allgemeinem Nutzen sein

würde da Alle davon reden als besäßen sie dieselbe Es ist die Vorstellung

der Substanz, die man weder durch Sinnes noch innere Wahrnehmung erlangen kann

Wollte die Natur uns mit Vorstellungen versorgen so hätten es wohl vor Allem

solche sein müssen die wir uns durch unsere eigenen Kräfte nicht verschaffen

können allein wir sehen im Gegenteil dass weil wir diese Vorstellung nicht

auf dem Wege gewinnen können auf dem wir unsere Vorstellungen überhaupt

erlangen wir auch keine klare Vorstellung von jener haben Das Wort Substanz

bezeichnet deshalb Nichts sondern ist nur die schwankende Annahme von etwas

Unbekanntem dh ein Etwas das wir uns nicht klar und deutlich vorstellen

können und was wir nur als das Unterliegende oder als den Träger der bekannten

Vorstellungen auffassen

     19 Kein Satz kann angeboren sein weil kein Begriff angeboren ist Was

man auch immer über angeborene theoretische und praktische Grundsätze sagen mag

so kann doch Jemand mit demselben Rechte behaupten er habe 100 Pfund Sterling

in seiner Tasche und dabei bestreiten dass er Pfennige Schillinge Kronen

oder andere Geldsorten aus denen jene Summe bestehtdarin habe wie Jene

annehmen dass gewisse Sätze angeboren seien während doch die Vorstellungen,

aus denen sie bestehen keineswegs als angeborene gelten können Die allgemeine

Annahme und Zustimmung ist durchaus kein Beweis dass die Vorstellungen solcher

Sätze angeboren sind denn in vielen Fällen wird gleichviel wie die

Vorstellungen dahin gelangt sind die Zustimmung notwendig Worten folgen

welche das Zusammenstimmen solcher Vorstellungen oder das Gegenteil ausdrücken

Jeder der eine wahre Vorstellung von Gott und von Verehrung hat wird dem Satze

zustimmen dass Gott zu verehren sei sobald er in einer ihm verständlichen

Sprache ausgesprochen wird Jeder vernünftige Mann der ihn heute noch nicht

kennt wird morgen ihm bereitwillig zustimmen und doch kann man wohl annehmen

dass Millionen von Menschen die eine oder beide dieser Vorstellungen heute

entbehren Denn wenn ich selbst zugebe dass die Wilden und die meisten

Landleute die Vorstellung von Gott und Verehrung haben obgleich die

Unterhaltung mit ihnen dies eben nicht bestätigen wird so können doch sicher

nur selten Kinder diese Vorstellungen haben sondern sie erst später erwerben

Ist dieses geschehen so werden sie auch jenem Satze sogleich zustimmen und ihn

schwerlich später in Zweifel ziehen Solch eine Zustimmung bei dem ersten Hören

beweist indes das Angeborensein der Vorstellungen so wenig wie bei einem

BlindGeborenen dem morgen der Staar gestochen werden soll das Angeborensein

der Vorstellung der Sonne oder des Lichts oder des Safran und des Gelben

daraus folgtdasswenn er das Gesicht erhalten er sicherlich dem Satze

zustimmt die Sonne sei leuchtend und der Safran sei gelb Wenn deshalb eine

solche Zustimmung bei dem Anhören eines Satzes nicht beweist dass die darin

enthaltenen Vorstellungen angeboren sind so kann dies noch weniger von den

Sätzen selbst gelten Hat aber Jemand angeborene Begriffe so wäre es mir lieb

er nennte mir sie und gäbe mir deren Anzahl an

     20 Es gibt keine angeborenen Vorstellungen in dem Gedächtnis Ich füge

dem noch hinzu Sollte es angeborene Vorstellungen geben an die die Seele nur

nicht wirklich denke so muss das Gedächtnis sie befassen und von dort müssen

sie bei dem Erinnern sichtbar werden dh man muss wenn man sich ihrer

erinnert erkennen dass sie schon vorher in der Seele gewesen sind wenn man

nicht eine Erinnerung ohne Erinnerung annehmen will Denn Erinnern ist ein

Vorstellen von Etwas mit Gedächtnis oder mit dem Bewusstsein dass man es schon

vorher gekannt oder vorgestellt habe Wo dies nicht Statt hat da ist die in der

Seele auftretende Vorstellung eine neue und keine erinnerte Dieses Wissen dass

die Vorstellung schon früher in der Seele gewesen sei macht den Unterschied des

Erinnerns gegen alle andern Arten des Vorstellens aus Eine Vorstellungdie die

Seele nie erfasst hat ist niemals in ihr gewesen Jede Vorstellung in der Seele

ist entweder in ihr gegenwärtig oder sie war dies früher und ist jetzt so

darin dass das Gedächtnis sie wieder zu einer gegenwärtigen erheben kann Ist

eine gegenwärtige Vorstellung ohne dieses Erinnern so erscheint sie dem

Verstande als eine durchaus neue die er vorher nicht gekannt hat Tritt aus dem

Gedächtnis eine Vorstellung in die Gegenwärtigkeit heraus so geschieht es mit

dem Wissen, dass die Seele sie schon früher gehabt hat und dass sie ihr nicht

ganz fremd ist Ich berufe mich auf eines Jeden Erfahrung ob dies sich nicht so

verhält und deshalb mag man nur eine angeborene Vorstellung anführen die Jemand

ehe er irgend einen Eindruck von ihr auf den später zu nennenden Wegen

empfangen hat als eine schon früher gekannte Vorstellung in sich zurückrufen

kann Ohne dieses Wissen dass man die Vorstellung früher gehabt habe gibt es

keine Erinnerung jede in der Seele ohne dieses Wissen auftretende Vorstellung

ist keine Erinnerung und kommt nicht aus dem Gedächtnis und man kann von ihr

nicht sagen dass sie vor ihrem jetzigen Auftreten in der Seele gewesen sei

denn jede Vorstellungdie nicht gegenwärtig oder in dem Gedächtnis istist

überhaupt nicht in der Seele sondern der Art als wäre sie nie in der Seele

gewesen Man nehme an Jemand habe als Kind das Gesicht gehabt und die Farben

gekannt und unterschieden dann habe ihm der Staar dieses Fenster geschlossen

und er 40 bis 50 Jahre sich in dieser Finsternis befunden und alle Erinnerung

an die frühem Vorstellungen der Farben verloren Dies war wirklich der Fall bei

einem alten Manne mit welchem ich zu sprechen kam er hatte als Kind das

Gesicht durch die Blattern verloren und wusste von den Farben nicht mehr als ein

BlindGeborener Soll nun dieser Mann die Vorstellungen der Färben mehr in seiner

Seele haben wie ein BlindGeborener Ich denke Jedermann wird sagen dass weder

der Eine noch der Andere eine Vorstellung von Farben habe Nun wird ihm der

Staar gestochen und dann empfängt er die Vorstellungen der Farben deren er

sich nicht entsinnt von Neuem sein wiederhergestelltes Gesicht führt sie

seiner Seele zu ohne dass er sich ihres frühem Besitzes bewusst ist; nur diese

neuen Farben kann er sich jetzt wieder vergegenwärtigen und im Dunklen sich

vorstellen Dann sind alle diese Farben Vorstellungen in der Seele die ohne

sie zu sehen mit dem Bewusstsein wieder vergegenwärtigt werden können, dass er

sie schon gehabt hat und sie so in dem Gedächtnis sind Ich folgere hieraus

dass die in der Seele befindlichen aber nicht gegenwärtigen Vorstellungen dies

nur durch das Gedächtnis sind sind sie nicht darin so sind sie auch nicht in

der Seele und sind sie in dein Gedächtnis so kann dies sie nur mit der

Empfindung zu gegenwärtigen machen dass sie aus dem Gedächtnis kommen dh

dass man sie schon vorher gehabt hat und sich ihrer jetzt erinnert Gibt es

also angeborene Vorstellungen so müssen sie in dem Gedächtnis sein und können

nicht sonst wo in der Seele sein sind sie im Gedächtnis so kann man sie ohne

äußere Eindrücke erwecken und wenn sie irgendwann in der Seele auftreten so

sind sie dann erinnerte dh sie führen das Wissen mit sich dass sie nicht

ganz neue sind Wenn dies der feste und scharfe Unterschied zwischen den

Vorstellungen ist die im Gedächtnis sind und denen die nicht darin oder

nicht in der Seele sind so ist Alles was nicht in dem Gedächtnis ist und

auftritt neu und bisher unbekannt gewesen und umgekehrt ist alles in dem

Gedächtnis oder in der Seele Befindliche wenn das Gedächtnis es herbeibringt

nicht neu sondern die Seele findet es in sich selbst und weiß dass es schon

darin gewesen ist Danach kann man prüfen ob es angeborene allen Eindrücken der

Sinne oder der Selbstwahrnehmung vorangehende Vorstellungen in der Seele gibt

Ich möchte wohl den Menschen sehen der wenn er zum Gebrauch seiner Vernunft

gekommen ist oder zu irgend einer Zeit sich einer solchen angeborenen

Vorstellung erinnerte und dem sie nach seiner Geburt nicht als neue

Vorstellungen erschienen Sagt man aber dass es Vorstellungen in der Seele

gibt die nicht in dem Gedächtnis sind so bitte ich um eine nähere Erklärung

was man damit meint damit ich es verstehen könne

     21 Grundsätze sind nicht angeboren; denn sie wären von geringem Nutzen

und geringer Gewissheit Außer dem Bisherigen habe ich noch einen andern Grund

dafür dass weder diese noch andere Grundsätze angeboren sind Ich habe die

feste Überzeugung dass der unendliche weise Gott Alles in vollkommener Weisheit

gemacht habe und kann deshalb nicht einsehen weshalb er der Seele gewisse

allgemeine Grundsätze sollte eingeprägt haben da sie soweit sie rein

erkennender Natur sind wenig nützen und soweit sie für das Handeln gelten

sollen nicht selbst gewiss sind und da beide von andern Wahrheiten die

zugestandener Maassen nicht angeboren sind sich nicht unterscheiden lassen Zu

welchem Ende sollte Gottes Finger Schriftzüge in die Seele gezogen haben die

nicht klarer als die später eingeschriebenen sind und von ihnen nicht

unterschieden werden können? Meint Jemand dergleichen angeborene Vorstellungen

und Sätze unterschieden sich durch ihre Klarheit und Nützlichkeit von allen

später in die Seele gelangten so kann es ihm nicht schwer fallen sie

mitzuteilen und dann kann Jeder darüber urteilen ob es sich so verhält oder

nicht denn wenn dergleichen angeborene Vorstellungen und Eindrücke von aller

andern Kenntnis und Wissen ganz verschieden sind so wird Jeder dies an sich

erfahren Nun habe ich aber über die Gewissheit dieser angeblichen angeborenen

Grundsätze schon früher gehandelt und auf ihre Nützlichkeit werde ich später

kommen

     22 Ob die Menschen mehr oder weniger entdecken hängt von dem

verschiedenen Gebrauch ihrer Vermögen ab Ich schließe und sage Manche

Vorstellungen bieten sich bereitwillig dem Verstande aller Menschen gewisse

Wahrheiten ergeben sich aus den Vorstellungen, sobald sie zu Sätzen verbunden

werden andere Wahrheiten verlangen eine Reihe geordneter Vorstellungendie

verglichen werden und aus denen sie sorgfältig abgeleitet werden müssen ehe

sie entdeckt werden und Zustimmung finden Von der ersten Art sind Einzelne

wegen ihrer allgemeinen und leichten Erkenntnis fälschlich für angeboren

gehalten werden allein in Wahrheit werden Vorstellungen und Begriffe so wenig

wie Kräfte und Wissenschaften mit uns geboren wenn auch einzelne sich dem

Verstande leichter als andere darbieten und deshalb allgemeiner aufgefasst

werden Indes hängt auch dies von den körperlichen Organen und Seelenvermögen

je nach deren Gebrauche ab denn Gott hat die Menschen mit Fähigkeiten und

Mitteln versehen um je nach ihrer Anwendung Wahrheiten zu entdecken zu

empfangen und zu behalten Der größte Unterschied in den Begriffen der

einzelnen Menschen kommt von dem Unterschied im Gebrauch ihrer Kräfte Manche

und zwar ist dies der größere Teil nehmen die Dinge auf Treu und Glauben an

missbrauchen ihr Vermögen der Zustimmung indem sie ihren Verstand den Geboten

und der Herrschaft Anderer träge bei den Lehren unterordnen welche sie vielmehr

sorgfältig prüfen und nicht blind und mit rücksichtslosem Vertrauen

hinunterschlucken sollten Andere richten ihr Denken nur auf wenige Gegenstände

mit diesen werden sie genau bekannt und erreichen einen hohen Grad in der

Erkenntnis derselben aber sonst bleiben sie unwissend und lassen ihr Denken

sich nie auf Untersuchung anderer Fragen richten So ist der Satz, dass die drei

Winkel eines Dreiecks zweien rechten gleich seien eine Wahrheit so gewiss wie

irgend eine und gewisser als viele Sätze die für selbstverständlich gelten und

doch wissen Millionen Menschen obgleich sie in Anderem erfahren sind nichts

davon weil sie sich niemals mit Winkeln beschäftigt haben selbst die welche

diese Lehrsätze kennen können sehr wohl andere Wahrheiten selbst in der

Mathematik, nicht wissen die ebenso klar und gewiss sind wie dieser weil sie

in der Aufsuchung der Wahrheiten der Mathematik abgebrochen haben und nicht weit

genug gegangen sind Dasselbe kann bei unseren Vorstellungen über Gottes Dasein

Statt finden keine Wahrheit wird der Mensch gewisser aus sich selbst entnehmen

können als die von Gottes Dasein allein wer sich mit den Dingen, die er in

dieser Welt vorfindet soweit begnügt als sie seinen Vergnügen und

Leidenschaften dienen und nicht weiter ihre Ursachen Zwecke und wunderbare

Einrichtungen untersucht und diese Fragen nicht mit Fleiß und Aufmerksamkeit

verfolgt kann Fange ohne den Begriff eines solchen Wesens zubringen Hat Jemand

ihm diesen Begriff durch Worte beigebracht so glaubt er vielleicht daran

allein ohne eigene Prüfung wird sein Wissen hiervon nicht vollkommener sein als

das wo er den Satz von der Gleichheit der drei Winkel eines Dreiecks mit zwei

rechten auf Glauben und ohne Prüfling des Beweises annimmt er wird dem Satze

seine Zustimmung als einer wahrscheinlichen Annahme geben aber er hat keine

Erkenntnis seiner Wahrheit obgleich seine Vermögen der Art sind dass er bei

deren sorgfältigem Gebrauche sich den Satz klar und gewiss machen könnte Ich

erwähne dies nur nebenbei um zu zeigen wie sehr unser Wissen von dem rechten

Gebrauche unserer natürlichen Kräfte abhängt und wie wenig von angeborenen

Grundsätzen die man vergeblich in Jedermanns Seele behufs deren Leitung

annimmt Alle Menschen müssten sie kennen wenn sie solche hätten sonst wären

sie zwecklos allein kein Mensch kennt sie und keiner kann sie von erworbenen

Wahrheiten unterscheiden deshalb kann man mit Recht folgern dass keine

angeborenen Grundsätze bestehen

     23 Der Mensch muss selbst denken und erkennen Diese Zweifel an

angeborenen Grundsätzen werden vielleicht von Männern getadelt werden die damit

alle Grundlagen der Erkenntnis und Gewissheit für aufgehoben halten allein ich

bin überzeugt dass der Weg den ich gehe der Wahrheit nützt und deren

Grundlagen fester legt Ich kann wenigstens versichern dass ich bei meinen

Untersuchungen die Autorität Anderer weder verleugne noch ihr folge vielmehr

ist nur die Wahrheit mein Ziel und wo ein Weg zu ihr sich zeigt bin ich ihm

ohne Voreingenommenheit mit meinem Denken gefolgt und habe mich nicht gekümmert

ob auch Andere diesen Weg gegangen sind oder nicht Ich achte die Meinungen

Anderer aber ich achte die Wahrheit noch höher es wird nicht anmaßend

klingen wenn ich sage dass man in der Entdeckung vernünftiger und

betrachtender Erkenntnisse schnellere Fortschritte machen würde wenn man sie in

der Quelle selbst dh in der Beobachtung der Dinge suchte und das eigene

nicht fremdes Denken zu deren Auffindung benutzte Es ist ebenso verkehrt mit

Anderer Augen sehen wie mittelst Anderer Verstände erkennen zu wollen Kur so

weit man selbst betrachtet und selbst die Wahrheit und Vernunft auffasst

besitzt man eine wahre und wirkliche Erkenntnis Wenn Anderer Meinungen in

unserm Gehirn umherziehen so macht uns dies um kein Jota klüger selbst wenn

sie wahr sind. Was bei Jenen Wissenschaft istist dann bei uns nur ein Meinen

man gibt die Zustimmung dann nur berühmten Namen aber gebraucht nicht wie

Jene seine Vernunft um diese Wahrheitenwelche Jene berühmt gemacht haben zu

verstehen Aristoteles war sicherlich ein kenntnisreicher Mann aber Niemand

hielt ihn dafür weil er etwa die Meinungen Anderer blind angenommen hatte und

vertrauensvoll weiter verkaufte Ist er durch Annahme der Grundsätze Anderer

ohne eigene Prüfung kein Philosoph geworden so wird es auch schwerlich ein

Anderer auf diesem Wege werden In den Wissenschaften besitzt Jeder nur so viel

als er wirklich weiß und versteht was er nur glaubt und in Vertrauen annimmt

sind bloß Schnitzel wenn sie auch einzeln sich noch so gut ausnehmen so

vermehrt doch der der sie sammelt sein Vermögen damit nur wenig Solch

geborgter Reichtum wird gleich der Zaubermünze in der Hand aus der man sie

empfängt für Gold gehalten aber er wird zu Spreu und Dunst wenn man ihn

gebrauchen will

     24 Wie ist die Meinung von angeborenen Grundsätzen entstanden Wenn man

allgemeine Sätze auffand die sofort mit ihrem Verständnis auch einleuchteten

so war es leicht und einfach sie für angeboren zu halten Mit dieser Annahme

wurde der Träge aller Mühe des Suchens enthoben und der Zweifler ließ von der

Untersuchung Alles dessen was als angeboren erklärt worden ab Für die welche

sich als Meister und Lehrer aufwarfen war es kein kleiner Vorteil dass sie

zum Grundsatz aller Grundsätze den erhoben dass Grundsätze nicht angezweifelt

werden dürfen Nachdem sie einmal den Satz aufgestellt hatten dass es

angeborene Grundsätze gebe so waren ihre Anhänger genötigt gewisse Lehren als

solche anzunehmen Damit waren diese der Prüfung ihrer eigenen Vernunft und

ihres Urteils enthoben und sie mussten sie auf Treu und Glauben ohne weitere

Untersuchung annehmen In diesem Zustande blinder Gläubigkeit wurden die Schüler

dann leichter geführt und von jener Klasse Menschen ausgenutzt die das Geschick

und den Auftrag hatten sie zu führen und zu belehren Es ist keine kleine Macht

über Andere die man durch das Ansehen eines Diktators von Grundsätzen und eines

Lehrers unangreifbarer Wahrheiten erlangt wo die Schüler das als angeborene

Grundsätze hinunterschlucken was dem Vorteile des Lehrenden dient Hätte man

dagegen die Wege erkannt auf denen der Mensch zu allgemeinen Wahrheiten

gelangt so würde man gefunden haben dass sie in der Seele sich bilden wenn

diese die daseienden Dinge mit Aufmerksamkeit betrachtet und dass jene

Wahrheiten nur durch den Gebrauch jener Vermögen entdeckt worden sind, die von

Natur zu deren Aufnahme und Prüfung geeignet waren sobald man sie in rechter

Weise gebrauchte

     25 Schluss Es ist der Zweck der folgenden Abhandlung zu zeigen wie

der Verstand hierbei verfährt Zu dem Ende musste ich vorweg den Weg frei

machen der zu den Grundlagen führt auf denen allein nach meiner Ansicht die

Begriffe über die Natur unseres Wissens gestützt werden können. Deshalb habe ich

die Gründe aufzählen müssen die mich an den angeborenen Grundsätzen zweifeln

lassen Manche meiner Gründe sind den allgemein geltenden Ansichten entnommen

deshalb habe ich manche Sätze für zugestanden ansehen müssen es kann dies nicht

wohl vermieden werden wenn die Falschheit oder die Unwahrscheinlichkeit eines

Satzes dargelegt werden soll Es verhält sich mit solchen Streitfragen wie mit

dem Angriff auf Festungen wenn nur der Grund und Boden auf dem die Batterien

errichtet sind fest ist so fragt man nicht wer ihn geliehen hat oder wem er

angehört sofern er nur einen passenden Angriff für den vorliegenden Zweck

gestattet In dem weitem Verlauf dieser Abhandlung will ich eben ein Gebäude

errichten was einfach mit sich selbst übereinstimmt und ich werde es deshalb

so weit meine Erfahrung und Beobachtung reicht auf einer Grundlage errichten

die keiner solchen Stützen und Pfeiler für sich bedarf welche auf erborgtem

oder bittweisem Grunde ruhen Selbst wenn mein Werk mir ein Luftschloss werden

sollte soll es doch zusammenhängend und aus einem Gusse sein Der Leser möge

aber deshalb keine unbestreitbaren und zwingenden Beweisführungen erwarten man

müsste mir denn das Vorrecht was Andere nicht selten sich anmaßen gestatten

dass ich meine Grundsätze für zugestanden ansehen dürfte denn dann will auch

ich strenge Beweise führen Alles was ich in Bezug auf die Grundsätze von

denen ich ausgehe sagen kann ist dass ich mich lediglich auf eigene

unbefangene Erfahrung und Beobachtung eines Jeden rücksichtlich ihrer Wahrheit

berufe dies genügt für einen Mann der offen und frei nur seine eigenen

Ansichten über einen Gegenstand darlegen will der noch etwas im Dunklen liegt

und dessen Zweck nur auf die unparteiische Erforschung der Wahrheit gerichtet

ist

 
 



                                 Zweites Buch



                             




     1 Vorstellungen sind der Gegenstand des Denkens.) Jedermann weiß wenn

er auf sein Denken achtet dass das womit seine Seele während des Denkens

befasst ist die darin enthaltenen Vorstellungen sind deshalb haben

unzweifelhaft die Menschen in ihrer Seele mancherlei Vorstellungen wie

dergleichen zB mit den Worten Weiße Härte Süßigkeit Denken Bewegung

Mensch Elephant Armee Trunkenheit und anderen bezeichnet werden Es gehört zu

den wichtigsten Fragen wie die Seele zu ihnen gelangt Es ist wie ich weiß

ein angenommener Satz dass den Menschen Vorstellungen angeboren und

ursprüngliche Zeichen gleich mit dem Beginn ihres Daseins eingeprägt seien Ich

habe diese Meinung in dem vorgehenden Buche bereits untersucht und ich hoffe

dem dort Gesagten wird noch leichter beigestimmt werden wenn ich gezeigt haben

werde woher der Verstand alle seine Vorstellungen entnimmt und auf welchem

Wege und in welchem Maß sie in ihn eintreten Ich rechne dabei auf die

Beobachtungen und Erfahrungen eines Jeden

     2 Alle Vorstellungen kommen von der sinnlichen und SelbstWahrnehmung

Wir wollen also annehmen die Seele sei wie man sagt ein weißes

unbeschriebenes Blatt Papier ohne irgend welche Vorstellungen wie wird sie nun

damit versorgt Woher kommt sie zu dem großen Vorrat welche die geschäftige

und ungebundene Phantasie des Menschen darauf in beinah endloser

Mannigfaltigkeit verzeichnet hat Woher hat sie all den Stoff für die Vernunft

und das Wissen Ich antworte darauf mit einem Worte Von der Erfahrung. All

unser Wissen ist auf diese gegründet und von ihr leitet es sich im letzten

Grunde ab Unser Beobachten entweder der äußern wahrnehmbaren Dinge oder der

Inneren Vorgänge in unserer Seele ist es was den Verstand mit dem Stoff zum

Denken versieht Sie sind die beiden Quellen des Wissens, aus der alle

Vorstellungendie wir haben oder natürlicherweise haben können entspringen

     3 Die Gegenstände der Sinne sind die eine Quelle der Vorstellungen.)

Zunächst führen die Sinne in Berührung mit einzelnen sinnlichen Gegenständen

verschiedene Vorstellungen von Dingen der Seele zu je nach dem Wege auf dem

diese Gegenstände die Sinne erregen So gelangen wir zu den Vorstellungen des

Gelben Weißen Heißen Kalten Weichen Harten Bitteren Süßen und allen

sogenannten sinnlichen Eigenschaften Mit diesem »Zuführen« meine ich dass die

Sinne von äußern Gegenständen das der Seele zuführen was die Vorstellung in

ihr hervorbringt Diese große Quelle unserer meisten Vorstellungendie ganz

von unsern Sinnen abhängen und durch sie in den Verstand übergeführt werden

nenne ich die SinnesWahrnehmung

     4 Die Wirksamkeit unserer Seele ist die andere Quelle von Vorstellungen

 Zweitens ist die andere Quelle aus der die Erfahrung den Verstand mit

Vorstellungen versieht die Wahrnehmung der Vorgänge in unserer eigenen Seele

wenn sie sich mit den erlangten Vorstellungen beschäftigt Wenn die Seele auf

diese Vorgänge blickt und sie betrachtet so versehen sie den Verstand mit einer

andern Art von Vorstellungendie von Außendingen nicht erlangt werden können;

dahin gehören das Wahrnehmen das Denken, Zweifeln Glauben Begründen Wissen

Wollen und alle jene verschiedenen Tätigkeiten der eigenen Seele Indem wir uns

deren bewusst sind und sie in uns betrachten so empfängt unser Verstand dadurch

ebenso bestimmte Vorstellungen wie von den unsere Sinne erregenden Körpern

Diese Quelle von Vorstellungen hat Jeder ganz in sich selbst und obgleich hier

von keinem Sinn gesprochen werden kann, da sie mit äußerlichen Gegenständen

nichts zu tun hat so ist sie doch den Sinnen sehr ähnlich und könnte ganz

richtig innerer Sinn genannt werden. Allein da ich jene Quelle schon

Sinneswahrnehmung nenne so nenne ich diese Selbstwahrnehmung da die von ihr

gebotenen Vorstellungen von der Seele nur durch Wahrnehmung ihres eigenen Thuns

in ihr gewonnen werden können, unter Selbstwahrnehmung verstehe ich in dem

Folgenden die Kenntnis welche die Seele von ihrem eigenen Thun und seiner

Weise nimmt wodurch die Vorstellungen von diesen Tätigkeiten in dem Verstand

entstehen Diese beiden Dinge dh die stofflichen als die Gegenstände der

Sinne, und die Vorgänge innerhalb unserer Seele als die Gegenstände der

Selbstwahrnehmung sind für mich der alleinige Ursprung aller unserer

Vorstellungen. Ich brauche hier das Wort Vorgänge in einem weitem Sinne wo es

nicht bloß die Tätigkeit der Seele in Bezug auf ihre Vorstellungen sondern

auch eine Art von Gefühlen umfasst die mitunter aus ihnen entstehen wie zB

die Zufriedenheit oder Unzufriedenheit welche aus einem Gedanken entspringt

     5 All unsere Vorstellungen gehören zu einer von diesen beiden Arten.)

Der Verstand scheint mir keine Spur von Vorstellungen zu haben die nicht aus

einer dieser beiden Quellen hervorgehen Die äußern Gegenstände versehen die

Seele mit den Vorstellungen der sinnlichen Eigenschaften wozu alle jene

verschiedenen Wahrnehmungen gehören welche sie in uns hervorbringen und die

eigene Seele versieht den Verstand mit den Vorstellungen ihrer Wirksamkeit Wenn

wir die volle Übersicht derselben und ihrer verschiedenen Arten, Verbindungen

und Beziehungen erlangt haben so wird sich zeigen dass sie den ganzen Vorrat

unseres Vorstellens umfassen und dass nichts in unserer Seele ist was nicht

auf diesen beiden Wegen in sie gelangt Ein Jeder prüfe seine Gedanken und

untersuche seinen Verstand und er mag mir dann sagen ob die ursprünglichen

Vorstellungen darin andere sind als die von den Gegenständen seiner Sinne oder

von der Wirksamkeit seiner Seele als Gegenstande der Selbstwahrnehmung

genommen kommen Wie groß auch die Masse der darin enthaltenen Vorstellungen

sein mag so wird er bei genauer Besichtigung sehen dass er in seiner Seele nur

solche aus einer dieser beiden Quellen geflossenen Vorstellungen hat obgleich

sie vielleicht von dem Verstande in endloser Mannigfaltigkeit verknüpft und

erweitert sein mögen wie wir später sehen werden

     6 Dies zeigt sich bei Kindern Betrachtet man aufmerksam den Zustand

eines neugeborenen Kindes so hat man wenig Anlass es mit einer Fülle von

Vorstellungen versehen anzunehmen welche der Stoff seines künftigen Wissens

sind vielmehr gelangt es allmählich zum Besitz derselben Allerdings prägen die

Vorstellungen nahe liegender und häufig vorkommender Eigenschaften sich ein ehe

das Gedächtnis über die Zeit und Ordnung derselben ein Register zu halten

beginnt indes kommen doch manche seltenere Eigenschaften so spät auf diesem

Wege in die Seele dass die meisten Menschen sich wohl entsinnen können wenn

sie mit ihnen bekannt geworden Wäre es der Mühe wert so könnte man leicht ein

Kind so behandeln dass es selbst von den gewöhnlichen Vorstellungen nur wenig

besäße ehe es groß geworden Jetzt sind alle Kinder nach ihrer Geburt von

Gegenständen umgeben die sie ohne Unterlass und verschieden erregen eine

Mannigfaltigkeit von Vorstellungen drücken sich der Seele des Kindes ein mag

man darauf Acht haben oder nicht Licht und Farben sind überall geschäftig bei

der Hand sobald das Kind die Augen öffnet Töne und einzelne fühlbare

Eigenschaften reizen seine Sinne und erzwingen sich einen Eingang in seine

Seele würde aber ein Kind an einem Ort gehalten wo es nur Schwarzes und

Weißes sähe bis es groß geworden so würde es wie wohl Jeder einräumen wird

von Purpur und Grün ebenso wenig eine Vorstellung haben als Jemand von dem

Geschmack einer Auster oder Ananas die er nie gegessen hat

     7 Die Menschen sind damit verschieden versehen je nach den verschiedenen

Gegenständen die ihnen vorkommen Die Menschen werden deshalb mit mehr oder

weniger einfachen Vorstellungen von außen versehen je nach der großen oder

geringen Mannigfaltigkeit der Gegenstände, mit denen sie verkehren oder je

nachdem sie mehr oder weniger auf die Vorgänge in ihrer Seele achten Denn wenn

auch Der welcher auf diese Vorgänge achtet einfache und klare Vorstellungen

von ihnen erlangen muss so wird er doch wenn er seine Gedanken nicht darauf

richtet und sie nicht aufmerksam betrachtet von den Vorgängen in seiner Seele

und allem dabei Vorkommenden so wenig klare und deutliche Vorstellungen haben

als Der von den Einzelheiten einer Landschaft oder den Bewegungen einer

Wanduhr welcher seine Augen nicht hinwendet und nicht alle Theile aufmerksam

betrachtet Das Gemälde oder die Uhr können so gestellt sein dass sie alle Tage

ihm aufstoßen aber er wird dennoch nur eine verworrene Vorstellung aller

Theile aus denen sie bestehen haben wenn er sie nicht aufmerksam im Einzelnen

betrachtet

     8 Die Vorstellungen der Selbstwahrnehmung kommen später weil sie

Aufmerksamkeit erfordern Hier haben wir den Grand weshalb Kinder ziemlich

spät die Vorstellungen von ihren inneren Vorgängen gewinnen manche haben selbst

ihr ganzes Leben lang von den meisten dieser Vorgänge keine klare und

vollständige Vorstellung denn sie finden zwar fortwährend statt aber sie

machen wie schwankende Erscheinungen keinen so tiefen Eindruck um in der

Seele eine klare deutliche und dauernde Vorstellung zurückzulassen ehe nicht

der Verstand sich nach innen auf sich wendet auf seine eigene Tätigkeit achtet

und sie zu dem Gegenstand seiner Betrachtung macht Neugeborene Kinder sind von

einer Welt neuer Gegenstände umgeben die ihre Sinne ohne Unterlass erregen und

die Seele auf sich ziehen die gern das Neue beachtet und steh an dem

mannichfachen Wechsel der Gegenstände erfreut So werden die ersten Jahre meist

im Herumschauen auf äußere Gegenstände verbracht das Geschäft des Menschen ist

in dieser Zeit sich mit dem was draußen ist bekannt zu machen so wächst er

In einem beständigen Wahrnehmen der Außendinge auf und gibt selten genauer auf

die Vorgänge in seinem Innern Acht bis er zu reifem Jahren kommt ja Manche

selbst dann nicht

     9 Die Seele beginnt Vorstellungen zu haben wenn sie wahrzunehmen

beginnt Fragt man wann ein Mensch die ersten Vorstellungen erlange so heißt

dies fragen wann er wahrzunehmen anfange denn Wahrnehmen und Vorstellungen

haben ist dasselbe Ich weiß man ist der Meinung dass die Seele immer denke

und dass sie so lange sie bestehe ohne Unterlass wirklich gegenwärtige

Vorstellungen habe und dass das wirkliche Denken von der Seele so untrennbar

sei wie die Ausdehnung von dem Körper Wäre dies richtig so fiele die Frage

nach dem Anfange des Vorstellens mit der nach dem Anfange der Seele zusammen

denn nach dieser Auffassung müsste die Seele und ihr Vorstellen wie der Körper

und seine Ausdehnung beide zugleich zu bestehen anfangen

     10 Die Seele denkt nicht immer dafür fehlt der Beweis Ob die Seele

vorher oder gleichzeitig oder etwas später zu bestehen anfängt als die ersten

Grundlagen des Organismus oder der Anfang des Lebens in dem Körper mögen die

entscheiden die dies besser verstehen Ich für meine Person gestehe dass ich

eine von jenen dummen Seelen habe die sich nicht immer in der Betrachtung von

Vorstellungen bemerkt und die das stete Denken für die Seele ebenso wenig

nötig hält wie die stete Bewegung für einen Körper da das Erfassen von

Vorstellungen nach meinem Verstande für die Seele dasselbe ist, wie die

Bewegung für den Körper nicht ihr Wesen sondern eine ihrer Verrichtungen Mag

daher das Denken noch so sehr als die eigentliche Tätigkeit der Seele angesehen

werden, so braucht die Seele doch nicht als immer denkend und in Tätigkeit

angenommen zu werden Es mag dies das Vorrecht des unendlichen Urhebers und

Erhalters der Dinge sein der niemals schlummert noch schläft aber es passt

nicht zu einem endlichen Wesen wenigstens nicht für die menschliche Seele Wir

wissen durch Erfahrung dass wir manchmal denken und folgern daraus mit Recht

dass in uns Etwas ist was die Kraft zu denken hat allein ob diese Substanz

ununterbrochen denkt oder nicht kann man nur durch Erfahrung erkennen Denn

wenn man sagt dass das wirkliche Denken der Seele wesentlich und untrennbar von

ihr sei so setzt man nur das was eben in Frage steht dies ist kein

vernünftiger Beweis der doch nötig ist wo es sich nicht um

selbstverständliche Grundsätze handelt Ob aber der Satz: Die Seele denkt immer

zu den selbstverständlichen Grundsätzen gehöre denen Jeder bei dem ersten Hören

zustimme darüber berufe ich mich auf alle Menschen Es ist in Frage ob ich

vergangene Nacht gedacht habe oder nicht es handelt sich also um eine

Tatsache, und man nimmt die Sache schon als ausgemacht an wenn man als Beweis

dafür eine Hypothese bringt um deren Beweis es sich eben handelt Ich brauche

dann nur anzunehmen dass alle Uhren so lange der Pendel sich bewegt denken

um zu beweisen und zwar zweifellos dass meine Uhr die ganze letzte Nacht

gedacht habe Wer sich aber nicht täuschen will muss seine Hypothese auf

Tatsachen stützen und durch wirkliche Erfahrungen begründen und in den

Tatsachen nichts als ausgemacht annehmen bloß seiner Hypothese wegen dh

weil er es so voraussetzt Solche Beweise laufen darauf hinaus dass ich die

vorige ganze Nacht gedacht habe weil ein Anderer annimmt dass ich immer denke

obgleich ich dies an mir nicht bemerken kann Indes setzen Menschen die in

ihre Meinung verliebt sind nicht nur das in Frage stehende als ausgemacht

voraus sondern bringen auch entstellte Tatsachen herbei Wie könnte man mir

sonst den Schluss zur Last legen dass ein Ding nicht ist weil man es im

Schlafe nicht bemerkt Ich behaupte ja nicht dass keine Seele in dem Menschen

sei weil er sich derselben im Schlafe nicht bewusst istsondern: Man kann

weder im Wachem noch im Schlafe denken ohne es zu bemerken Unser Wahrnehmen

ist nicht für Alles notwendig ausgenommen für unser Denken dazu ist es

notwendig und wird es immer bleiben bis man denken kann ohne es zu wissen

     11 Die Seele ist sich ihres Denkens nicht immer bewusst Ich gebe zu

dass bei einem wachenden Menschen die Seele niemals ohne Denken ist weil dies

die Bedingung des Wachseins ist altem ob das Schlafen ohne zu träumen nicht

ein Zustand des ganzen Menschen ist seiner Seele wie seines Körpers mag der

wachende Mensch überlegen da es schwer zu begreifen ist dass ein Wesen denken

sollte ohne es zu wissen Tut die Seele dies bei einem schlafenden Menschen

ohne es zu wissen so frage ich ob sie während eines solchen Denkens Lust oder

Schmerz empfindet und des Glückes oder Unglücks fähig ist Sicherlich ist es ein

solcher Mensch so wenig wie sein Bett oder die Erde auf der er liegt denn

glücklich oder elend zu sein ohne es zu wissen scheint mir unverträglich und

unmöglich Ist es möglich dass die Seele während der Körper schläft denkt

Lust und Kummer Vergnügen und Schmerz für sich hat wovon der Mensch kein

Wissen hat und woran er nicht Teil nimmt so ist auch der Sokrates im Schlafe

nicht dieselbe Person mit dem Sokrates im Wachen seine Seele wenn er schläft

und der Mensch Sokrates der aus Seele und Körper besteht sind dann zwei

verschiedene Personen da der wachende Sokrates nicht weiß und sich nicht

kümmert um dieses Glück oder Elend seiner Seele das sie für sich empfindet

während er schläft und nichts davon bemerkt gleich als handele es sich um das

Glück oder Elend eines Menschen in Indien den er nicht kennt Denn wenn man

alles Bewusstsein um unser Handeln und Empfinden insbesondere um Lust und

Schmerz und die sie begleitende Teilnahme ganz hinwegnimmt so dürfte es

schwer sein anzugeben worin dann die Dieselbigkeit einer Person noch bestehen

soll

     12 Wenn Jemand im Schlafe denkt ohne es zu wissen so sind der

schlafende und wachende Mensch zwei verschiedene Personen Man sagt die Seele

denkt während des gesunden Schlafes Wenn sie denkt und vorstellt w kann sie

sich sicherlich auch Lust und Schmerz vorstellen wie Anderes und sie muss

notwendig sich ihrer eigenen Vorstellungen bewusst sein Allein sie hat dies

Alles für sich der schlafende Mensch weiß nichts davon Kastors Seele soll

also danach während seines Schlafes sich aus seinem Körper zurückgezogen haben

dies kann für meinen Gegner keine unmögliche Annahme sein da sie ja allen

Tieren das Leben ohne eine denkende Seele zugestehen Meine Gegner können es

daher nicht für unmöglich oder widersprechend halten dass der Körper ohne die

Seele leben kann und dass die Seele bestehen denken oder vorstellen ja selbst

Glück und Elend ohne den Körper empfinden kann Die Seele Kastors soll deshalb

wie gesagt während er schläft für sich besonders bestehen und für sich denken

Sie mag als Schauplatz ihres Denkens den Körper eines andern Menschen zB des

Pollux wählen der ohne Seele schläft denn wenn Kastors Seele denken kann

während Kastor schläft und er nichts davon weiß so ist es gleichgültig welche

Stelle sie zu ihrem Denken auswählt So haben wir die Körper von zwei Menschen

mit nur einer Seele zwischen ihnen die wechselweise schlafen und wachen mögen

die Seele denkt in dem wachenden Menschen wovon der schlafende nichts weiß und

nicht die leiseste Wahrnehmung hat Nun frage ich ob Kastor und Pollux so mit

einer Seele für Beide die in dem Einen denkt und auffasst was der Andere nie

weiß noch was ihn kümmert nicht ebenso zwei verschiedene Personen sind als

Kastor und Hercules oder Sokrates und Plato gewesen sind Könnte dann nicht der

Eine sehr glücklich der Andere sehr elend sein Gerade so machen Die aus der

Seele und dem Menschen zwei Personen die die Seele denken lassen wovon der

Mensch nichts weiß denn ich nehme an dass Niemand die Dieselbigkeit einer

Person in die Verbindung der Seele mit genau bestimmten einzelnen Stoffteilen

setzt denn dann könnte bei dem fortwährenden Ab und Zutreten der

Stoffteilchen in unserm Körper kein Mensch zwei Tage ja selbst zwei

Augenblicke lang dieselbe Person sein

     13 Der Beweis dass Personen denken die ohne zu träumen schlafen ist

unmöglich So erschüttert jedes schläfrige Nicken die Lehre dass die Seele

immer denkt wenigstens kann man Die welche einmal ohne zu träumen schlafen

nie überzeugen dass ihr Denken während vielleicht vier Stunden geschäftig

gewesen ist ohne dass sie es gewusst haben Selbst wenn man sie mitten in

dieser schlafenden Betrachtung aufweckt können sie darüber keine Auskunft

geben

     14 Träume derer man sich nicht entsinnt beweisen nichts Man erwidert

vielleicht dass die Seele selbst in dem gesundesten Schlafe denke nur das

Gedächtnis behalte es nicht Indes ist es schwer zu begreifen dass die Seele

eines Schlafenden in diesem Augenblick denkend tätig sein und in dem nächsten

wo er aufwacht nicht das Geringste von dem Gedachten sich soll zurückrufen

können deshalb sind hierfür bessere Beweise nötig als bloße Behauptungen

wenn man es glauben soll Denn wer kann wohl bloß weil es ihm gesagt worden

sich ohne Schwierigkeit vorstellen dass die meisten Menschen täglich an vier

Stunden während ihres Lebens etwas denken dessen sie sich wenn man sie selbst

mitten in diesen Gedanken fragt durchaus nicht entsinnen können Die meisten

Menschen werden glaube ich während eines großen Teils ihres Schlafens nichts

träumen Ich habe einen Mann gekannt der eine gelehrte Erziehung erhalten und

kein schlechtes Gedächtnis hatte dieser sagte mir dass er nicht eher geträumt

habe als bis er das Fieber bekommen von dem er erst neuerlich genesen war

also hat er bis zu dem 25 oder 26sten Jahre seines Lebens nicht geträumt Ich

glaube es gibt mehr solcher Beispiele und Jedermann wird Bekannte haben die

ihm Beispiele dafür beibringen können dass Menschen die Nächte meistenteils

ohne Träume verbringen

     15 Nach dieser Annahme müssten die Gedanken eines schlafenden Mannes die

vernünftigsten sein Ein häufiges Denken ohne auch nur einen Augenblick darum

zu wissen ist eine sehr ungewöhnliche Art zu denken in solchem Zustande ist

die Seele wenig oder gar nicht besser als ein Spiegel der fortwährend

mannichfache Bilder oder Vorstellungen empfängt aber nicht behält Sie

verschwinden und verlöschen ohne eine Spur zu hinterlassen der Spiegel ist

nicht besser für solche Bilder wie die Seele für solche Gedanken Man erwidert

vielleicht »dass bei einem wachenden Menschen die Stoffteilchen beim Denken

benutzt und gebraucht werden, und das das Gedächtnis von diesen Gedanken von

den Eindrücken auf das Gehirn und von den Spuren die das Denken dort

zurückgelassen habe komme dagegen denke bei dem nicht bewussten Denken eines

schlafenden Menschen die Seele für sich ohne die Organe des Körpers zu

benutzen und deshalb träten diese Gedanken nicht in das Gedächtnis«  Ich

will dagegen nicht die Widersinnigkeit nochmals geltend machen dass mit dieser

Annahme der Mensch in zwei Personen aufgelöst wird allein wenn die Seele ohne

Hülfe ihres Körpers Vorstellungen aufnehmen und betrachten kann so kann man

doch auch annehmen dass sie dieselben ohne Hülfe des Körpern behalten kann

sonst hätte die Seele für sich und die bloßen Geister nur wenig Vorteil von

ihrem Denken Wenn der Seele das Gedächtnis für ihre Gedanken abgeht wenn sie

dieselben nicht für ihren Gebrauch aufbewahren und gelegentlich zurückrufen

kann wenn sie das Vergangene nicht überdenken und ihre früheren Erfahrungen

Überlegungen und Betrachtungen sich nicht zu Nutze machen kann was hilft ihr

da ihr Denken Wenn man die Seele zu einem denkenden Wesen dieser Art macht so

ist sie um nichts besser als wenn man sie nur zu den feinsten Teilen des

Stoffes herabsetzt Zeichen auf Staub geschrieben welche der nächste Windhauch

verlöscht oder Eindrücke auf einen Haufen Atome oder Lebensgeister sind dann

ebenso nützlich und machen ihren Gegenstand ebenso edel als Gedanken die in

der Seele bei dem Denken erlöschen und die einmal das dem Gesicht gekommen

für immer verschwunden sind und kein Gedächtnis von sich zurücklassen Die

Natur schafft keine ausgezeichneten Wesen bloß zu niedrigen oder gar keinem

Gebrauche und man kann schwer begreifen dass der allweise Schöpfer eine so

wunderbare Kraft wie das Denken, die der Vortrefflichkeit seines

unbegreiflichen Wesens am nächsten kommt geschaffen haben sollte um so leer

und nutzlos verwendet zu werden dass sie wenigstens den vierten Teil ihres

irdischen Daseins denken sollte ohne sich desselben zu erinnern und ohne sich

oder Anderen damit zu nützen oder irgend einem Theile der Schöpfung Vorteil zu

bringen Selbst die Bewegung des vernunft und gefühllosen Stoffes in irgend

einem Theile eines Weltalls wird nicht so nutzlos erschaffen und so ganz

weggeworfen sein

     16 Nach dieser Hypothese müsste die Seele Vorstellungen haben die weder

von der Sinnesnoch Selbstwahrnehmung kämen allein solche zeigen sich nicht

Wir haben allerdings mitunter Vorstellungen während des Schlafes die im

Gedächtnis bleiben allein wer mit Träumen bekannt ist weiß wie maßlos und

unzusammenhängend sie in der Regel sind und wie sie wenig der Vollkommenheit

und Ordnung eines vernünftigen Wesens entsprechen Ich möchte nun gern wissen

ob wenn die Seele so für sich als wäre sie vom Körper getrennt denkt sie

dabei weniger vernünftig verfährt als in Verbindung mit ihm Sind ihre

getrennten Gedanken weniger vernünftig dann müssen meine Gegner anerkennen

dass die Seele ihr vollkommeneres und vernünftigeres Denken dem Körper verdankt

ist dies aber nicht der Fall so ist es unbegreiflich dass unsere Träume meist

so sinnlich und unvernünftig sind und dass die Seele von ihren vernünftigem

Selbstgesprächen und Überlegungen nichts behalten sollte

     17 Wenn ich nicht weiß ob ich denke so kann es auch kein Anderer

wissen Wenn man so zuversichtlich behauptet dass die Seele immer denkt so

sollte man doch sagen welcher Art die Vorstellungen in der Seele eines Kindes

sind ehe sie oder genau wenn sie sich mit dem Körper verbindet und ehe sie

noch eine Wahrnehmung gehabt hat Die Träume des Schlafenden sind meines

Erachtens nur aus Vorstellungen des wachenden Menschen gebildet obgleich

verkehrt genug verbunden Es wäre sonderbar wenn die Seele eigene Vorstellungen

hätte die sie nicht aus der Sinnes oder Selbstwahrnehmung abgeleitet hätte

wie es in solchem Falle sein müsste und wenn sie dennoch von ihrem eigenen

Denken so ihr eigen dass der Mensch selbst nichts davon merkt im Augenblick

des Erwachens nichts zurückbehalten könnte um den Menschen mit neuen

Entdeckungen zu erfreuen Wie erklärte es sich wohl dass die Seele in ihrer

Zurückgezogenheit auf sich selbst während des Schlafes viele Ständen denkt und

doch niemals auf einen jener Gedanken trifft der nicht der Wahrnehmung entlehnt

ist und dass sie nur solche sich bewahrt die von dem Körper veranlasst sind

und deshalb einem Geiste weniger angemessen sein können Es wäre sonderbar dass

die Seele während des ganzen menschlichen Lebens niemals einen solchen rein

angeborenen Gedanken und solche Vorstellungen zurückrufen könnte die sie hatte

ehe sie Etwas von dem Körper borgte und dass sie in das Wissen des wachenden

Menschen nur Vorstellungen bringt welche einen Beigeschmack vom Fasse haben und

der Verbindung mit dem Körper offenbar entsprossen sind Denkt die Seele immer

und hatte sie ebenso Vorstellungen vor ihrer Verbindung mit dem Körper und ehe

sie Vorstellungen vom Körper erhielt so muss man annehmen dass sie während des

Schlafens sich dieser angeborenen Vorstellungen erinnert Während dieser Zeit

wo sie sich aus der Verbindung mit dem Körper zurückgezogen hat und sie bei sich

selbst denkt müssten die Gedanken mit denen sie sich beschäftiget wenigstens

manchmal jene natürlichen und ihr entsprechenderen sein die sie aus sich selbst

nimmt und die nicht vom Körper und dessen Wirksamkeit abgeleitet sind Allein da

der wachende Mensch sich niemals solcher Gedanken erinnert so müsste man danach

auch annehmen dass die Seele sich der Vorstellungen erinnert ohne dass der

Mensch es tut oder dass das Gedächtnis sich nur auf solche Vorstellungen

erstreckt die von dem Körper oder von der Wirksamkeit der Seele auf den Körper

abhängen

     18 Woher weiß man dass die Seele immer denkt Wenn es kein

selbstverständlicher Grundsatz ist so bedarf er eines Beweises Ich möchte

auch gern wissen wie man wenn man so zuversichtlich behauptet die Seele oder

was dasselbe ist, der Mensch denke immer zu dieser Kenntnis gelangt ist ja

wie die Verteidiger dieser Ansicht wissen dass sie selbst denken wenn sie

dasselbe nicht bemerken Ich fürchte dafür fehlt der Beweis ein Wissen ohne

dass man es bemerkt scheint mir eine verworrene Vorstellungdie nur einer

Hypothese zur Liebe angenommen ist und die nicht zu den klaren Wahrheiten

gehört welche entweder selbstverständlich sind oder der allgemeinen Erfahrung

wegen nicht abgeleugnet werden können. Das Äußerste was man sagen kann ist

es sei möglich dass die Seele immer denke ohne die Gedanken immer im

Gedächtnis zu behalten ich sage dagegen es ist ebenso möglich dass die Seele

nicht immer denkt und viel wahrscheinlicher dass sie manchmal nicht denkt als

dass sie oft und lange hintereinander denken sollte ohne sich dessen selbst den

Augenblick nachdem sie gedacht bewusst zu sein

     19 Es ist sehr unwahrscheinlich dass ein Mensch mit Denken beschäftigt

wäre und doch den nächsten Augenblick es nicht mehr wüsste Lässt man die Seele

denken und den Menschen es nicht wissen so macht man wie gesagt aus einem

Menschen zwei Personen und wenn man die Art wie man sich dabei ausdruckt

genau betrachtet so sollte man meinen es sei wirklich so gemeint Denn Alle

die sagen dass die Seele immer denke sagen soviel ich mich entsinne niemals

dass der Mensch immer denke Kann nun die Seele denken und der Mensch nicht

oder ein Mensch denken und sich dessen nicht bewusst sein Man würde dies bei

Andern für leeres Gerede halten Zu sagen Der Mensch denkt immer aber ist sich

dessen nicht immer bewusst heißt ebenso viel als sein Körper ist ausgedehnt

hat aber keine Theile denn es ist ebenso unverständlich zu sagen ein

ausgedehnter Körper hat keine Theile als ein Wesen denkt ohne es zu wissen

und ohne zu bemerken dass es denkt Man kann dann ebenso gut zur

Aufrechthaltung solcher Hypothesen sagen dass ein Mensch immer hungert aber

dies nicht immer empfindet obgleich der Hunger gerade so in diesem Gefühle

besteht wie das Denken in dem Bewusstsein dass man denkt Sagt man ein Mensch

sei sich seines Denkens immer bewusst so frage ich woher man dies weiß

Bewusstsein ist die Wahrnehmung dessen was in der eignen Seele vorgeht Kann

nun ein Anderer behaupten dass ich von Etwas das Bewusstsein habe wenn ich

selbst es nicht bemerke Niemandes Wissen kann hier über seine Erfahrung

hinausgehen Man wecke einen Menschen aus seinem tiefen Schlafe und frage ihn

was er eben jetzt gedacht habe Sollte dieser selbst von nichts was er gedacht

hatte wissen so muss der Andere in merkwürdiger Weise Gedanken erraten

können wenn er ihm versichern kann dass er dennoch gedacht habe vielleicht

könnte er ihn noch eher versichern dass er nicht geschlafen habe Dergleichen

geht über Philosophie und nur die Offenbarung kann einen Andern die Gedanken in

meiner Seele erkennen lassen wo ich selbst keine bemerke Man muss ein

durchdringendes Gesicht haben wenn man sicher sehen kann dass ich denke

während ich selbst es nicht bemerken kann und erkläre dass ich nicht denke

Dabei kann man auch wieder sehen dass Hunde und Elephanten nicht denken wenn

sie alle möglichen Kennzeichen desselben zeigen und nur nicht sagen können

dass sie denken Dergleichen dürfte selbst die Rosenkreuzer überbieten da man

noch leichter sich selbst für Andere unsichtbar als Anderer Gedanken sich

selbst sichtbar machen kann die ihnen selbst nicht sichtbar sind Indes

braucht man nur die Seele als ein Wesen was immer denkt zu definieren und die

Sache ist abgemacht Soll diese Definition gelten so weiß ich nicht wie

manche Menschen sich vor dem Zweifel schützen wollen dass sie überhaupt keine

Seele haben da sie sehen dass sie einen guten Teil ihres Lebens ohne Denken

verbringen Keine mir bekannte Definition keine Annahme irgend einer Sekte

vermag eine beständige Erfahrung zu widerlegen nur die Sucht mehr zu wissen

als man wahrnimmt veranlasst so viel nutzlosen Streit und so viel Lärm in der

Welt

     20 Nur aus der Sinnes und Selbstwahrnehmung kommen alle Vorstellungen

wie sich bei Kindern klar zeigt Ich kann daher nicht annehmen das die Seele

denkt ehe die Sinne sie mit Vorstellungen versehen haben über welche sie

denken kann je mehr diese zunehmen und sich ausdehnen desto mehr gelangt die

Seele durch Übung zur Steigerung ihres Denkvermögens teils in dessen

einzelnen Richtungen teils in Verbindung derselben und im Nachdenken über die

eignen Tätigkeiten Die Seele vermehrt so sowohl ihren Vorrat wie die

Leichtigkeit im Erinnern bildlichem Vorstellen Begründen und andere Arten des

Denkens.

     21 Wer sich durch Erfahrung und Beobachtung unterrichten lässt und seine

eignen Hypothesen nicht zu Naturgesetzen erhebt wird bei einem neugeborenen

Kinde wenig finden was auf eine an vieles Denken gewöhnte Seele deutete und

noch weniger was von Nachdenken zeugte Demnach ist es schwer glaublich dass

die vernünftige Seele so viel denken und doch so wenig vernünftig denken sollte

Wenn man sieht wie neugeborene Kinder den größten Teil der Zeit verschlafen

und nur wachen wenn der Hunger nach der Brust verlangt oder ein Schmerz die

lästigste aller Empfindungen oder sonst ein heftiger Eindruck auf den Körper

die Seele zum Wahrnehmen und Aufmerken nötigt so wird man vielleicht die

Annahme begründet finden dass die Frucht im Mutterleibe nicht viel von dem

Zustand einer Pflanze abweicht und dass sie den größten Teil ihrer Zeit ohne

Wahrnehmung und Gedanken verbringt und wenig an einem Orte tut wo sie nicht

nach Nahrung zu suchen braucht und von einer immer gleich zarten und gleich

temperierten Flüssigkeit umgäben ist wo den Augen das Licht fehlt die

verschlossenen Ohren für Töne wenig empfänglich sind und wo wenig oder gar kein

Wechsel in den Gegenständen stattfindet der die Sinne anregen könnte

     22 Folgt man einem Kinde von seiner Geburt ab und beobachtet man die

Veränderungen die die Zeit hervorbringt so findet man dass je mehr die Seele

durch die Sinne mit Vorstellungen versorgt wird es mehr und mehr erwacht und

das es mehr denkt je mehr es Stoff dafür hat Nach einiger Zeit lernt es die

Gegenstände kennen die weil es mit ihnen am vertrautesten ist die dauerndsten

Eindrücke auf es gemacht haben So lernt es allmählig die Personen kennen mit

denen es täglich verkehrt und unterscheidet sie von Fremden dies sind die

Beispiele und die Folgen davon dass es die von den Sinnen ihm zugeführten

Vorstellungen festhalten und unterscheiden lernt So kann man beobachten wie

die Seele allmählig darin fortschreitet und geübter wird diese Vorstellungen zu

erwecken zu verbinden zu trennen die Gründe aufzusuchen und über Alles dies

nachzudenken wie ich später weiter ausführen werde

     23 Fragt man also wann ein Mensch mit seinem Vorstellen beginne so wird

die richtige Antwort sein dann wenn er die ersten Wahrnehmungen macht Da

keine Vorstellungen sich in der Seele zeigen ehe die Sinne solche eingeführt

haben so verstehe ich wie die Vorstellungen des Verstandes gleichzeitig sind

mit der Sinneswahrnehmung dh mit einem solchen Eindruck oder Bewegung an

einem Theile des Körpers, welche eine Vorstellung in dem Verstande herbeiführt

Mit diesen Eindrücken die unsere Sinne von äußeren Gegenständen erleiden

scheint die Seele sich zu beschäftigen und die Tätigkeiten zu üben die man

Vorstellen Erinnern Betrachten Begründen usw nennt

     24 Der Ursprung all unsers Wissens Mit der Zeit beginnt die Seele auf

ihr eignes Thun in Betreff der durch die Sinne gewonnenen Vorstellungen zu

achten dadurch sammelt sie eine neue Art von Vorstellungendie ich die

Vorstellungen aus der Selbstwahrnehmung nenne Somit sind es die Eindrücke auf

unsere Sinne durch äußere Gegenstände welche der Seele äußerlich sind und

die eignen Tätigkeiten die von Inneren der Seele selbst angehörigen Kräften

ausgehen und die wenn an sich selbst betrachtet ebenfalls zu Gegenständen der

Betrachtung werden die wie gesagt der Ursprung all unsres Wissens sind Das

erste Vermögen des menschlichen Verstandes ist daher die Empfänglichkeit der

Seele für Eindrücke die ihr entweder durch die Sinne von äußern Gegenständen

oder durch ihre eigne Tätigkeit wenn sie darauf sich richtet zugehen Dies

sind für den Menschen die ersten Schritte zur Erkenntnis der Dinge und die

Grundlage für alle Begriffe die wir auf natürlichem Wege in dieser Welt

erlangen können Alle jene erhabenen Gedanken die über die Wolken aufsteigen

und den Himmel selbst erreichen haben hier ihren Ursprung und ihren Boden in

all den weiten Räumen in denen die Seele wandert in den hochstrebenden

Gedankenbauten zu denen sie sich aufschwingt bringt sie nicht das kleinste

Stück über jene Vorstellungen hinzu die ihr die Sinne oder die innere

Wahrnehmung für ihr Denken geboten haben

     25 Bei der Aufnahme einfacher Vorstellungen ist die Seele meistens nur

leidend In diesem Theile verhält sich der Verstand rein leidend und es hängt

nicht von seinen Kräften ab ob er diesen Stoff seines Wissens erlangt oder

nicht Die Sinnesgegenstände drängen meist ohne dass die Seele will oder nicht

ihre besonderen Vorstellungen ihr auf und ebenso werden die Tätigkeiten der

Seele uns nicht ganz ohne einige dunkle Vorstellungen von ihnen lassen Niemand

kann sich seiner Tätigkeit wenn er denkt ganz unbewusst bleiben Wenn diese

einfachen Vorstellungen sich der Seele angeboten haben so kann der Verstand sie

nicht mehr von sich ablehnen sie nicht ändern wenn sie sich eingeprägt haben

und sie weder vertilgen noch selbst neue machen so wenig wie ein Spiegel die

Bilder oder Vorstellungen verweigern verändern oder auslöschen kann welche die

vor ihm gesetzten Gegenstände an ihm hervorbringen Je nachdem die uns

umgebenden Gegenstände unsere Organe erregen muss die Seele diese Eindrücke

aufnehmen und kann die Auffassung der damit verknüpften Vorstellungen nicht von

sich abhalten

 
 



 


     1 Unverbundene Wahrnehmungen Um die Natur Weise und Ausdehnung

unserer Kenntnisse besser zu verstehen ist ein Umstand bei unseren

Vorstellungen sorgfältig zu beachten nämlich dass manche einfach andere

zusammengesetzt sind Obgleich die unsere Sinne erregenden Eigenschaften so in

den Dingen vereint und gemischt sind dass keine Trennung und kein Abstand

zwischen ihnen besteht so treten doch offenbar die von ihnen in dem Verstand

hervorgebrachten Vorstellungen durch die Sinne einfach und unvermischt ein

Allerdings nimmt das Gesicht und das Gefühl oft von demselben Gegenstände

gleichzeitig verschiedene Vorstellungen auf und ein Mensch sieht zugleich die

Bewegung und die Farbe die Hand fühlt an demselben Stück Wachs die Weichheit

und die Wärme allein die einfachen Vorstellungendie so in demselben

Gegenstand verbunden sind, sind ebenso vollständig getrennt wie die welche

durch verschiedene Sinne eintreten So sind die Kälte und Härte die man an

einem Eisstück fühlt in der Seele so verschiedene Vorstellungen als der Geruch

und die Weiße einer Lilie oder der Geschmack des Zuckers und der Geruch der

Rose Auch gibt es nichts für den Menschen als die klare und deutliche

Auffassung dieser einfachen Vorstellungen denn jede ist an sich unverbunden und

enthält daher in sich nur eine einfache Bestimmung oder Auffassung der Seele

welche sich nicht in verschiedene Vorstellungen auflösen lässt

     2 Die Seele kann sie weder erzeugen noch zerstören Diese einfachen

Vorstellungenwelche den Stoff unseres ganzen Wissens bilden erhält die Seele

nur auf den oben erwähnten zwei Wegen zugeführt dh durch die Sinne und die

Selbstwahrnehmung Wenn der Verstand mit diesen einfachen Vorstellungen

angefüllt ist so kann er sie in beinah endloser Mannigfaltigkeit wiederholen

vergleichen verbinden und so nach Belieben neue zusammengesetzte Vorstellungen

bilden Aber weder der höchste Scharfsinn noch die ausgedehnteste Kenntnis

vermag durch Schnelligkeit oder Mannigfaltigkeit des Denkens eine neue einfache

Vorstellung in der Seele zu erfinden oder zu bilden die nicht auf dem erwähnten

Wege aufgenommen wäre ebensowenig kann selbst der stärkste Verstand die darin

befindlichen vernichten Die Herrschaft des Menschen in dieser kleinen Welt

seines Verstandes ist ohngefähr dieselbe als die in der großen Welt der

sichtbaren Dinge auch hier reicht seine Macht trotz aller Kunst und

Geschicklichkeit nicht weiter als die Stoffe welche er zur Hand hat zu

verbinden oder zu trennen und er kann nicht das kleinste Stück neuen Stoffes

hervorbringen oder ein vorhandenes Atom vernichten Das gleiche Unvermögen

findet man in sich selbst wenn man in seinem Verstande eine neue einfache

Vorstellung bilden will die nicht durch die Sinne von außen oder durch Achtung

auf die Tätigkeiten der eigenen Seele erlangt ist Es soll doch Jemand einen

Geschmack sich ausdenken den sein Gaumen noch nicht gekostet hat er soll einen

Geruch sich bilden den er nie gerochen hat vermag er es so will ich auch

glauben dass der Blinde die Vorstellungen der Farben und der Taube bestimmte

und wahre Begriffe von den Tönen hat

     3 Deshalb mag es Gott wohl möglich sein ein Wesen mit andern Organen und

mit mehr Wegen die dem Verstande die körperlichen Bestimmungen zufuhren zu

erschaffen als die fünf welche nach gewöhnlicher Annahme er den Menschen

gegeben hat allein kein Mensch kann andere Eigenschaften an irgend einem

Körper, die man an denselben erkennen könnte sich vorstellen als Töne

Geschmäcke Gerüche sichtbare und fühlbare Eigenschaften Wären dem Menschen

nur vier Sinne gegeben worden so wären die den Gegenstand des fünften Sinnes

bildenden Eigenschaften unserer Kenntnis Einbildung und Auffassung ebenso

entzogen als jetzt die welche zu irgend einem sechsten siebenten und achten

Sinne gehören obgleich man nicht ohne Anmaßung leugnen kann dass andere

Geschöpfe in einem andern Theile des weiten und ungeheuren Weltalls dergleichen

haben können Wer sich nicht stolz auf den Gipfel aller Dinge stellen sondern

die Unermesslichkeit dieses Baues und die große Mannigfaltigkeit

berücksichtigen will die sich schon in dem kleinen und unbeträchtlichen Theile

mit dem er es zu tun hat findet wird einsehen dass in andern Wohnstätten

andere und verschiedene verständige Wesen sich befinden mögen deren Fähigkeiten

er so wenig erfassen und keimen kann wie ein Wurm der in einem Tischkasten

steckt die Sinne und den Verstand eines Menschen denn eine solche

Mannigfaltigkeit und Vortrefflichkeit entspricht der Weisheit und Macht des

Schöpfers

    Ich bin hier der gewöhnlichen Annahme gefolgt wonach der Mensch fünf Sinne

hat obgleich man vielleicht deren mehr annehmen kann indes bleibt meine

Ausführung für beide Annahmen gültig

 
 



                                



     1 Einteilung der einfachen Vorstellungen Um die Vorstellungen besser

zu verstehen die man durch die Sinne erhält ist es zweckmäßig sie mit

Rücksicht auf die verschiedenen Wege zu betrachten wodurch sie sich unsrer

Seele nahem und für uns fassbar werden

    Erstlich kommen manche nur durch einen Sinn allein in die Seele

    Zweitens gibt es andere die sich durch mehrere Sinne in die Seele

einführen

    Drittens gibt es andere die man nur durch Selbstwahrnehmung erlangt

    Viertens gibt es welchedie sich selbst den Weg bahnen und der Seele

durch alle Arten der Sinnesund Selbstwahrnehmung zugeführt werden

    Wir wollen sie jede besonders nach diesen Gesichtspunkten betrachten

 

  Vorstellungen eines Sinnes wie der Farben durch Sehen und der Töne durch

                                    Hören

 

    Zunächst gibt es also Vorstellungendie nur durch einen Sinn eintreten

der für ihre Aufnahme besonders eingerichtet ist So treten das Licht und die

Farben wie weiß rot gelb blau mit ihren verschiedenen Abstufungen und

Mischungen wie grün purpur scharlachrot meergrün usw nur durch die Augen

ein alle Arten von Geräusch Lauten und Tönen nur durch die Ohren und die

verschiedenen Geschmäcke und Gerüche durch die Nase und den Gaumen Wenn diese

Organe oder die Nerven welche die Leiter bilden die sie von außen zu ihrem

Empfange im Gehirn dem Audienzzimmer der Seele führen wie ich es nennen

möchte irgend wie gestört sind und ihre Aufgabe nicht verrichten können so

haben sie keine Thür um einzutreten und keinen andern Weg sich bemerkbar zu

machen und von dem Verstande aufgefasst zu werden Die wichtigsten dem Gefühl

angehörenden Eigenschaften sind das Kalte Warme und Feste während die übrigen

bekanntlich beinah nur auf der fühlbaren Gestaltung beruhen wie glatt und rau

oder auf der mehr oder weniger festen Abhängung der Theile wie hart und weich

zähe und zerbrechlich

     2 Für wenige einfache Vorstellungen sind Worte vorhanden Ich werde

wohl nicht alle einzelnen einfachen Vorstellungendie zu jedem Sinn gehören

aufzuzählen brauchen auch würde es nicht möglich sein da für die meisten Sinne

deren mehr als Worte dafür vorhanden sindDie verschiedenen Gerüche deren es

vielleicht so viel wo nicht mehr gibt als verschiedene Körper in der Welt

bestehen haben meist keinen besonderen Namen Wohlriechend und stinkend genügen

hier meist dem Bedürfnis was ziemlich dasselbe sagt als angenehm und

unangenehm obgleich der Geruch einer Rose und eines Veilchens beide

wohlriechend und doch sehr verschiedene Vorstellungen sind Auch die Geschmäcke

unsers Gaumens sind nicht besser mit Namen versehen Süß bitter sauer herbe

und salzig sind beinah die einzigen Beiworte um die zahllose Menge von

Geschmäcken zu bezeichnen die nicht bloß bei jeder Art von Dingen verschieden

sind sondern selbst in den verschiedenen Teilen derselben Pflanze Frucht oder

desselben Tieres sich unterscheiden Ich begnüge mich deshalb hier nur die

einfachen Vorstellungen aufzuzählen die für meinen Zweck die wichtigeren sind

oder weniger bemerkt werden obgleich sie sehr oft Bestandteile unserer

zusammengesetzten Vorstellungen bilden Ich kann wohl dazu die Dichtheit

rechnen die deshalb der Gegenstand des nächsten Kapitels sein soll

 
 



                                



     1 Wir erhalten diese Vorstellung durch das Gefühl Man erhält die

Vorstellung der Dichtheit durch das Gefühl sie entsteht durch den Widerstand

den uns ein Körper leistet wenn ein anderer Körper in seine Stelle eintreten

will bevor er sie verlassen hat Keine andere Vorstellung führt das Gefühl uns

so fortwährend zu wie diese Mögen wir gehen oder stehen oder sonst eine

Stellung annehmen so fühlen wir immer etwas unter uns was uns trägt und unser

tieferes Sinken hindert ebenso bemerken wir an den täglich behandelten

Gegenständen dass sie wenn man sie in die Hand nimmt durch eine

unübersteigliche Kraft es verhindern dass die Theile der Hand welche sie

drücken sich näher kommen Dies was so die Annäherung zweier Körper die

gegeneinander bewegt werden hindert nenne ich Dichtheit Ich untersuche nicht

ob diese Bedeutung des Wortes »Dicht« seinem ursprünglichen Sinne näher kommt

als die in welcher die Mathematiker es gebrauchen es genügt mir dass die

allgemeine Meinung über Dichtheit diese meine Auffassung gestattet wo nicht

rechtfertigt will indes Jemand es Undurchdringlichkeit nennen so habe ich

nichts dagegen nur halte ich das Wort Dichtheit besser zur Bezeichnung der

Vorstellung geeignet weil man teils es gewöhnlich so gebraucht und weil es

mehr Bejahendes in sich trägt als Undurchdringlichkeit die verneinend ist und

wohl nur eine Folge der Dichtheit aber nicht diese selbst istDiese

Vorstellung scheint am innigsten mit jedem Körper verbunden und ihm wesentlich

zu sein so dass man sie nur bei den Körpern findet und sich vorstellen kann

Allerdings bemerken unsere Sinne sie nur in einer gewissen Menge von Stoff oder

in einer Masse die groß genug ist unsere Sinne zu erregen aber wenn die

Seele diese Vorstellung von solchen groben Körpern empfangen hat so dehnt sie

sie weiter aus legt sie auch den kleinstmöglichen Teilen des Stoffes ebenso

wie die Gestalt bei und findet sie untrennbar von jedem Körper mag er sonst

beschaffen sein wie er wolle

     2 Dichtheit füllt den Raum aus Diese Vorstellung gehört zu jedem

Körper und man bemerkt dabei dass sie den Raum ausfüllt In dieser Ausfüllung

des Raumes stellen wir vor dass jeder von einem dichten Körper eingenommene

Raum von diesem so besessen wird dass er alle andern dichten Stoffe davon

ausschließt er hindert zwei andere Körper die in gerader Linie sich gegen ihn

bewegen einander zu berühren wenn jener dazwischen nicht in einer Richtung

ausweicht die mit der Richtung dieser nicht gleichlaufend ist Die Körper, mit

denen wir zu tun haben versehen uns genügend mit dieser Vorstellung

     3 Sie ist von dem Raum verschieden Der Widerstand mit dem sie andere

Körper außerhalb des von ihr eingenommenen Raumes hält ist so groß dass

keine noch so große Kraft ihn überwinden kann Wenn alle Körper der Welt einen

Tropfen Wasser von allen Seiten drückten so würden sie nie den Widerstand

überwinden können den dieser Tropfen trotz seiner Weichheit ihrer Berührung

entgegenstellt so lange er nicht aus dem Wege geschafft ist Unsere Vorstellung

von Dichtheit ist deshalb sowohl von dem bloßen Räume der weder widerstehen

noch sich bewegen kann als von der Härte im gewöhnlichen Sinne verschieden

Zwei entfernte Körper können ohne einen andern dichten Körper zu berühren oder

wegzuschieben sich nähern bis ihre Oberflächen sich berühren man hat dabei

die deutliche Vorstellung eines Raumes ohne Dichtheit Denn weshalb soll man

ohne dass man die Vernichtung eines Teils des Stoffes anzunehmen braucht

sich nicht vorstellen können dass ein Körper allein sich bewegt ohne dass ein

anderer gleich keinen Platz einnimmt Offenbar kann man es da die Vorstellung

der Bewegung eines Körpers die Bewegung eines andern so wenig einschließt als

die Vorstellung der viereckigen Gestalt des einen die der viereckigen Gestalt

eines andern einschließt Ich frage nicht ob die Körper wirklich so bestehen

dass keiner sich ohne die wirkliche Bewegung eines andern bewegen kann dies

wäre die Frage für und wider den leeren Raum Meine Frage geht nur dahin ob man

nicht die Vorstellung eines so allein bewegten Körpers haben könne während die

andern ruhen und ich denke dies wird Niemand bestreiten Ist dem so so gibt

der verlassene Platz die Vorstellung des bloßen Raumes ohne Dichtheit in dem

jeder Körper ohne Widerstand oder Fortstoßung eines andern eintreten kann Wenn

der Sänger einer Pumpe aufgezogen wird so ist der Raum den er ausfüllte

derselbe mag ein andrer Körper der Bewegung des Saugers nachfolgen oder nicht

und es enthält keinen Widerspruch wenn ein Körper dem andern den er berührt

bei dessen Bewegung nicht nachfolgt Die Notwendigkeit einer solchen Folge

beruht nur auf der angenommenen Erfüllung der Welt aber nicht auf der

Vorstellung des Raumes und der Dichtheit die ebenso verschieden sind wie

Widerstand und NichtWiderstand wie Fortstoßung und NichtFortstoßung Schon

die Streitigkeiten über den leeren Raum zeigen dass die Menschen eine

Vorstellung von einem Räume ohne Körper haben wie anderwärts dargelegt worden

ist.

     4 Verschieden von Härte Die Dichtheit ist auch von der Härte

unterschieden jene besteht in der Erfüllung und somit in der gänzlichen

Ausschließung andrer Körper von dem eingenommenen Platze Härte besteht dagegen

in den festen Zusammenhang der Stoffteile die wahrnehmbare Massen ausmachen

und wo die einzelne Masse ihre Gestalt nicht leicht ändert Hart und weich sind

Bezeichnungen die wir denDingen nur in Beziehung auf unsern eignen Körper

beilegen hart nennt man was uns eher Schmerzen verursacht als dass es seine

Gestalt auf den Druck eines Theiles unsers Körpers ändert und weich was die

Lage seiner Theile auf eine leichte und schmerzlose Berührung ändert Dieser

Unterschied je nachdem die Theile ihre Lage oder die Gestalt des Ganzen sich

leicht oder schwer verändern erteilt indes dem härtesten Körper nicht mehr

Dichtheit als dem weichsten und ein Diamant ist nicht im geringsten dichter als

Wasser Die Flächen von zwei Marmorstücken werden sich allerdings leichter

nähern wenn nur Luft oder Wasser statt eines Diamanten dazwischen ist aber

nicht weil die Theile des Diamanten dichter sind und mehr widerstehen als

Wasser sondern weil die Wasserteilchen sich leichter von einander trennen

deshalb werden sie durch eine seitliche Bewegung leicht entfernt und lassen die

zwei Marmorstücke einander näher rücken werden sie aber an dieser seitlichen

Bewegung gehindert so hindern sie ebenso wie der Diamant in alle Ewigkeit die

Annäherung der Marmorstücke und ihr Widerstand kann so wenig durch irgend eine

Kraft überwunden werden wie der der Theile des Diamanten Der weichste Körper

von der Welt wird wenn er nicht aus dem Weg geräumt wird ebenso

unwiderstehlich der Berührung zweier andrer Körper widerstehen als der härteste

den man finden oder sich erdenken kann Sobald man einen nachgebenden weichen

Körper mit Luft oder Wasser anfüllt bemerkt man den Widerstand und wenn man

meint dass nur harte Körper die Berührung der beiden Hände hindern können so

mache man nur die Probe mit einem Luftballon Der mir mitgeteilte Versuch wurde

in Florenz mit einer goldenen Hohlkugel gemacht die mit Wasser gefüllt und genau

verschlossen worden war er zeigte die Dichtheit eines so weichen Körpers wie

das Wasser ist Nachdem die goldene Kugel unter eine Schraubenpresse gebracht

worden war drang das Wasser durch die Poren dieses dichten Metalls es fand im

Innern keinen Raum für die größere Annäherung seiner Teilchen und drang

deshalb auf die Außenseite wo es wie ein Tau sich zeigte und in Tropfen

herabfiel ehe die Seiten der Kugel dem heftigen Druck der Maschine nachgaben

die sie zusammenpresste

     5 Auf der Dichtheit beruht der Stoß der Widerstand und das Fortstoßen

 Durch die Dichtheit unterscheidet sich die Ausdehnung eines Körpers von der

Ausdehnung des Raumes; jene ist nur der Zusammenhang oder die Stetigkeit von

dichten trennbaren und beweglichen Teilen dagegen letztere die Stetigkeit

undichter untrennbarer und unbeweglicher Theile Auf der Dichtheit beruht auch

der gegenseitige Stoß Widerstand und Fortstoße der Körper. Viele wozu ich

mich selbst rechne glauben daher von dem Räume und der Dichtheit klare und

deutliche Vorstellungen zu haben sie können sich den Raum vorstellen ohne

etwas darin was Körpern widersteht oder davon fortgestoßen wird Dies ist die

Vorstellung des bloßen Raumes die ihnen ebenso klar wie die der Ausdehnung

eines Körpers ist Die Vorstellung des Abstandes der entgegengesetzten Seiten

einer hohlen Oberfläche bleibt gleich klar mag sie von dichten Stoffteilen

erfüllt gedacht werden oder nicht daneben hat man die Vorstellung von Etwas

was den Raum erfüllt was durch den Stoß anderer Körper fortgestoßen werden

oder deren Bewegung Widerstand leisten kann Können Andere diese beiden

Vorstellungen nicht unterscheiden sondern vermengen sie sie und machen sie nur

eine daraus so weiß ich nicht wie Menschen mit einander verhandeln können

welche dieselbe Vorstellung mit verschiedenen Namen oder verschiedene

Vorstellungen mit demselben Namen bezeichnen sie können es so wenig wie ein

Mensch der weder blind noch taub ist und eine klare Vorstellung von der

ScharlachFarbe und dem TrompetenTone hat mit dem oben erwähnten blinden Mann

über die Scharlachfarbe sprechen kann der sich diese wie einen Trompetenton

vorstellte

     6 Was die Dichtheit ist Fragt man mich Was ist die Dichtheit so

verweise ich ihn an seine Sinne er mag einen Feuerstein oder einen Luftball

zwischen seine Hände nehmen und versuchen seine Hände zusammenzubringen dann

wird er es wissen Will er dies nicht für eine genügende Erklärung Mischen so

will ich ihm sagen was Dichtheit ist und worin sie bestehet wenn er mir sagt

was Denken ist und worin es bestehet oder was Ausdehnung oder Bewegung ist,

was vielleicht eher möglich scheint Die einfachen Vorstellungen sind so wie

die Erfahrung sie uns lehrt versuchen wir sie darüber hinaus mit Worten klarer

zu machen so wird uns dies so wenig gelingen als wenn man die Dunkelheit bei

einem blinden Mann durch Reden klarer machen will und die Begriffe von Licht

und Farben mit ihm bespricht Den Grund hiervon werde ich anderwärts darlegen

 
 



                                



    Die von mehr als einem Sinne erlangten Vorstellungen sind die des Raumes

oder der Ausdehnung, der Gestalt der Ruhe und der Bewegung; sie machen sowohl

auf die Augen wie auf das Gefühl sinnliche Eindrücke und man kann die

Vorstellungen von Ausdehnung Gestalt Bewegung und Ruhe der Körper sowohl durch

Sehen wie durch Fühlen empfangen und zur Seele führen Da ich über diese

später ausführlicher sprechen werde so habe ich sie hier nur aufgezählt

 
 





     1 Die Tätigkeiten der Seele in Bezug auf ihre sonstigen Vorstellungen

gewähren einfache Vorstellungen Wenn die Seele die in den froheren Kapiteln

erwähnten Vorstellungen von außen aufgenommen hat und sie nun ihren Blick auf

sich selbst wendet und ihr eignes Thun in Bezug auf diese erlangten

Vorstellungen beobachtet so gewinnt sie davon andere Vorstellungendie ebenso

gut zum Gegenstand der Betrachtung genommen werden können, wie die von äußern

Dingen

     2 Die Vorstellung des Vorstellens und die des Wollens erlangt man durch

Selbstwahrnehmung Die zwei großen und hauptsächlichsten Tätigkeiten der

Seele die man am meisten betrachtet und die so häufig sind dass Jeder nach

Belieben sie an sich selbst bemerken kann sind Vorstellen oder Denken und

Verlangen oder Wollen Das Vermögen zu denken heißt der Verstand, und das

Vermögen zu verlangen der Wille Diese beiden Vermögen oder Anlagen der Seele

heißen Fähigkeiten Über einige Arten dieser aus der Selbstwahrnehmung

genommenen einfachen Vorstellungen wie Erinnern Unterscheiden Begründen

Urteilen Wissen Glauben werde ich später zu sprechen Gelegenheit haben

 
 



 


     1 Lust und Schmerz Noch andere einfache Vorstellungen gelangen auf

allen Wegen der Sinnesund Selbstwahrnehmung in die Seele zB Vergnügen oder

Last und sein Gegenteil Schmerz oder Unbehaglichkeit Kraft Dasein Einheit

     2 Lust oder Schmerz eines von beiden verbindet sich beinah mit allen

unsern Vorstellungen sowohl denen der Sinnes wie der Selbstwahrnehmung es

wird kaum eine Erregung unserer Sinne von außen oder einen Gedanken wo die

Seele sich auf sich selbst zurückgezogen hat geben der nicht Schmerz oder Lust

in uns erregen könnte Ich verstehe hier unter Lust und Schmerz das was uns

vergnügt oder belästigt mag es aus den Gedanken unserer Seele oder einem auf

unsern Körper einwirkenden Dinge kommen Mag man es Genugtuung Genuss

Vergnügen Glück usw auf der einen Seite und Unannehmlichkeit Sorge

Schmerz Qual Angst Elend usw auf der andern Seite nennen so sind dies

doch immer nur verschiedene Grade desselben Dinges und sie gehören zu den

Vorstellungen der Lust und des Schmerzes des Angenehmen und Unangenehmen

welche Worte ich vorzüglich für diese zwei Arten von Vorstellungen gebrauchen

werde

     3 Unser allweiser Schöpfer hat uns die Macht über mehrere Theile unseres

Körpers verliehen dass wir sie nach Belieben bewegen oder still halten können

und dass wir durch ihre Bewegung uns selbst und andere benachbarte Körper

bewegen worin alle Tätigkeit unsers Körpers besteht ebenso hat er unserer

Seele für viele Falte die Macht verliehen unter den Vorstellungen, an die sie

denken will zu wählen und die Untersuchung dieses oder jenes Gegenstandes mit

Aufmerksamkeit und Obacht fortzusetzen desgleichen uns zu diesen Tätigkeiten

des Denkens und Bewegens deren wir fähig sind zu bestimmen. Ebenso hat es ihm

gefallen mit manchen Gedanken und Sinnesempfindungen die Empfindung einer Lust

zu verbinden Wären Lust und Schmerz von allen Empfindungen des Äußern und von

allen Gedanken des Innern ganz getrennt so hätten wir keinen Grund einen

Gedanken oder eine Tätigkeit der andern oder die Nachlässigkeit der

Aufmerksamkeit und die Bewegung der Ruhe vorzuziehen Wir würden dann weder

unsern Körper bewegen noch unsere Seele in Tätigkeit setzen sondern würden

unsern Gedanken wie man sagt freien Lauf lassen ohne Richtung und Ziel wir

würden den Vorstellungen unserer Seele gestatten gleich unbeachteten Schatten

aufzutreten wie es sich träfe und nicht auf sie achten In solchem Zustande

würde der Mensch trotz seines Verstandes und seines Willens ein träges

untätiges Wesen bleiben und seine Zeit in einem lässigen tiefen Traume

verbringen Deshalb hat es unserm weisen Schöpfer gefallen an verschiedene

Gegenstände und die von ihnen empfangenen Vorstellungen wie an verschiedene

unserer Gedanken eine sie begleitende Lust zu heften und zwar nach dem

Unterschiede der Gegenstände in verschiedenem Grade damit die uns von ihm

verliehenen Fähigkeiten nicht ganz in Ruhe und unbenutzt blieben

     4 Der Schmerz hat auf unsere Tätigkeit dieselbe Wirksamkeit und

denselben Nutzen wie die Lust denn wir benutzen unsere Kraft ebenso um jenen

zu vermeiden als diese zu erlangen Es bleibt nur bemerkenswert dass oft

dieselben Gegenstände und Gedanken die uns Lust gewähren auch Schmerz

verursachen Diese ihre nahe Verbindung die uns oft in den Sinneswahrnehmungen

Schmerzen fühlen lässt wo wir Lust erwarteten lässt uns von Neuem die Güte und

Weisheit unsers Schöpfers bewundern Um unser Dasein zu erhalten verband er mit

der Anwendung mancher Dinge auf unsern Körper Schmerzen sie sollen uns vor dem

Schaden warnen den sie machen und sie zu vermeiden raten Allein er wollte

uns nicht bloß erhalten sondern jeden Teil und jedes Organ auch in

Vollkommenheit erhalten und verband deshalb oft Schmerzen mit denselben

Vorstellungendie uns erfreuen So erregt die Hitze die bis zu einem gewissen

Grade uns angenehm ist bei einiger Steigerung ungewöhnliche Schmerzen und

selbst das lieblichste aller sinnlichen Gegenstände das Licht verursacht eine

schmerzliche Empfindung wenn es zu stark ist und das richtige Verhältnis zu

unsern Augen übersteigt Es ist dies weislich von der Natur zu unserm Besten so

angeordnet damit wenn ein Gegenstand durch seine zu heftige Wirksamkeit das

fühlende Organ stört dessen Bau sehr fein und zart ist wir durch den Schmerz

gewarnt werden um es wegzuwenden ehe das Organ ganz zerrüttet und für die

Zukunft unbrauchbar gemacht wird Wenn wir die Gegenstände welche so wirken

betrachten so erkennen wir dass dies der Zweck und Nutzen der Schmerzen ist

Denn obgleich der höchste Grad des Lichtes für die Augen unleidlich ist so

schmerzt sie doch der höchste Grad der Finsternis nicht weil diese keine

störende Bewegung in denselben veranlasst und dieses kunstvolle Organ auch ohne

Schatz in seinem natürlichen Zustande lässt Dagegen schmerzt uns sowohl das

Übermaß der Hitze wie der Kälte denn beide sind der Temperatur nachtheilig

die zur Erhaltung des Lebens nötig ist und einen massigen Grad von Wärme

verlangt oder wenn man lieber will eine Bewegung der feinsten Körperteilchen

innerhalb gewisser Grenzen

     5 Außerdem lässt sich noch ein anderer Grund finden weshalb Gott die

verschiedenen Grade von Lust und Schmerz in all den Gegenständen ausgestreut

hat die uns umgeben und erregen und weshalb er sie beinah in Allem mit

einander gemischt hat womit unser Denken und Empfinden zu tun hat Wir sollen

in allen den Freuden welche das Erschaffene uns gewähren kann

Unvollkommenheit Enttäuschung und Mangel an vollkommenem Glück empfinden und so

dahin geführt werden das Glück in der Freude an Gott zu suchen bei dem die

Fülle der Lust ist und in dessen rechter Hand Freude für immer ist

     6 Lust und Schmerz Das was ich hier gesagt mag die Vorstellungen von

Lust und Schmerz nicht klarer machen als die eigene Erfahrung tut die der

einzige Weg ist durch die wir sie erlangen können indes dient die

Betrachtung weshalb sie an so manche Vorstellungen geknüpft sind dazu uns die

wahre Vorstellung von der Weisheit und Güte des erhabenen Ordners aller Dinge zu

geben und deshalb ist sie nicht ohne Nutzen für den letzten Zweck dieser

Untersuchung denn die Erkenntnis und Verehrung seiner ist der Endzweck all

unseres Denkens und das wahre Geschäft des Verstandes.

     7 Dasein und Einheit Dasein und Einheit sind zwei andere

Vorstellungenwelche dem Verstande durch jeden äußern Gegenstand und jede

innere Wahrnehmung zugeführt werden Wenn Vorstellungen in unserer Seele sind

so nehmen wir sie als wirklich darin vorhanden an und ebenso nehmen wir die

Dinge als wirklich außerhalb uns an dh sie bestehen oder sie haben Dasein

Ebenso führt Alles was man als ein Ding betrachten kann sei es ein wirkliches

Ding oder eine Vorstellungdem Verstande die Vorstellung der Einheit zu

     8 Die Kraft Die Kraft ist auch eine von jenen einfachen Vorstellungen,

die wir von der Sinnes oder Selbstwahrnehmung empfangen Denn wenn wir in aus

selbst bemerken dass wir verschiedene ruhende Theile unseres Körpers nach

Gefallen bewegen können und wenn jeden Augenblick die Wirkungen, welche

Naturkörper in anderen hervorzubringen vermögen unsern Sinnen aufstoßen so

erlangen wir auf beiden dieser Wege die Vorstellung der Kraft

     9 Die zeitliche Folge Außer diesen gibt es eine Vorstellungdie

zwar uns auch durch die Sinne zugeführt wird aber beständiger durch die

Vorgänge in unserer Seele dies ist die Vorstellung der zeitlichen Folge Denn

schaut man unmittelbar in sich selbst und betrachtet das dort Wahrnehmbare so

findet man dass unsere Gedanken wenn wir wachen oder denken in einem Zuge

sich bewegen wobei ohne Unterbrechung der eine geht und der andere kommt

     10 Die einfachen Vorstellungen sind der Stoff all unseres Wissens Dies

werden glaube ich wenn nicht alle doch die meisten einfachen Vorstellungen

sein welche die Seele hat und aus der all unser anderes Wissen gebildet wird

sie bekommt sie alle nur durch die beiden vorerwähnten Wege der Sinnes und

Selbstwahrnehmung Man glaube auch nicht dass dies zu enge Schranken für die

wissensfähige Seele des Menschen seien um darin sich auszubreiten etwa weil

sie ihren Flug über die Sterne hinaus nimmt und sich nicht auf die Grenzen der

Welt beschränken lässt sie vielmehr ihre Gedanken über die äußerste Ausdehnung

des Stoffes hinüber führt und Ausflüge in das unbegreifliche Leere macht Ich

will dies Alles zugeben aber ich möchte irgend eine einfache Vorstellung

genannt haben die nicht aus jenen vorgenannten zwei Einlassen erlangt ist oder

eine zusammengesetzte Vorstellungdie nicht aus diesen einfachen gebildet ist

Es ist auch nicht sonderbar wenn diese wenigen einfachen Vorstellungen genügen

um das schnellste Denken und die weitgehendsten Vermögen zu beschäftigen und den

Stoff zu all den mannichfachen Kenntnissen und zu den noch mannigfaltigern

Phantasien und Meinungen der Menschen zu liefern Man bedenke nur wie viele

Worte aus der verschiedenen Verbindung der 24 Buchstaben gebildet werden können,

und will man einen Schritt weiter gehen so bedenke man nur welche mannichfache

Verbindungen schon mit einer einzigen dieser erwähnten Vorstellungen nämlich

der Zahl gemacht werden können, deren Vorrat wahrhaft unerschöpflich ja

unendlich ist Welches weite und ungeheure Feld bietet nicht ebenso die

Ausdehnung den Mathematikern dar

 
 





     1 Bejahende Vorstellungen von beraubenden Ursachen In Betreff der

einfachen Vorstellungen aus der Sinneswahrnehmung ist zu erwägen dass Alles in

der Natur, was so beschaffen ist um durch Erregung unserer Sinne eine

Vorstellung in der Seele zu bewirken dabei eine einfache Vorstellung in dem

Verstande hervorbringt welche gleichviel welches ihre äußere Ursache ist

wenn unser Unterscheidungsvermögen sie bemerkt von der Seele als eine

wirkliche bejahende Vorstellung in dem Verstände angesehen und aufgefasst wird

so gut wie irgend eine andere wenn auch ihre Ursache nur eine Beraubung des

Gegenstandes sein sollte

     2 So sind die Vorstellungen von Hitze und Kälte von Licht und

Finsternis von Weiß und Schwarz von Bewegung und Ruhe gleich klare und

bejahende Vorstellungen in der Seele obgleich vielleicht die Ursachen einiger

davon nur Beraubungen in dem Gegenstande sind von denen unsere Sinne diese

Vorstellungen ableiten Der Verstand nimmt sie in seiner Auffassung sämtlich

als bestimmte bejahende Vorstellungen ohne Rücksicht auf ihre Ursachen denn es

ist dies eine Untersuchung die nicht zur Vorstellungdie in dem Verstande ist

gehört sondern zur Natur des außerhalb bestehenden Gegenstandes Dies sind

zwei verschiedene Dinge die man sorgfältig unterscheiden muss das Eine ist ein

Vorstellen und Wissen um die Vorstellung von Weiß oder Schwarz und das Andere

ist ein Prüfen welche Art von Stoffteilchen und wie sie auf der Oberfläche

geordnet sein müssen um einen Gegenstand weiß oder schwarz erscheinen zu

lassen

     3 Ein Maler oder Färber hat obgleich er die Ursachen der Vorstellungen

von Weiß, Schwarz und den übrigen Farben nie untersucht hat doch in seinem

Verstande ebenso klare deutliche und bestimmte und vielleicht noch bestimmtere

Vorstellungen davon als der Philosoph welcher sich mit deren Natur beschäftigt

hat und zu verstehen glaubt wie weit jede nach ihrer Ursache bejahend oder

verneinend ist Die Vorstellung der schwarzen Farbe ist ebenso bejahend in Jenes

Seele wie die der weißen wenngleich die Ursache jener in dem äußern

Gegenstande nur eine Beraubung sein mag

     4 Wäre es bei meiner jetzigen Untersuchung meine Absicht die natürlichen

Ursachen und Weisen des Vorstellens zu ermitteln so wurde ich dies als einen

Grund anführen dass eine nur eine Beraubung enthaltende Ursache wenigstens in

manchen Fällen eine bejahende Vorstellung erzeugen kann dh dass alle unsere

Wahrnehmungen nur durch verschiedene Grade und Weisen der Bewegung unserer

Lebensgeister bewirkt werden insofern diese von den äußern Gegenständen

verschieden bewegt werden das Nachlassen einer Bewegung muss dann notwendig

ebenso eine neue Wahrnehmung veranlassen wie deren Veränderung oder Steigerung

und so eine neue Vorstellung einführen die lediglich von einer verschiedenen

Bewegung der Lebensgeister in diesem Sinnesorgan bedingt ist

     5 Ob es sich nun so verhalten mag oder nicht will ich hier nicht

entscheiden aber ich berufe mich auf die eigene Erfahrung eines Jeden ob nicht

der Schatten eines Menschen wenngleich er nur in der Abwesenheit von Licht

besteht und je mehr das Licht darin fehlt desto erkennbarer ist der Schatten

wenn man auf ihn sieht eine ebenso klare bejahende Vorstellung in der Seele

erweckt als ein ganz von der Sonne beschienener Mensch Ebenso ist der gemalte

Schatten ein bejahender Gegenstand Wir haben allerdings verneinende Worte die

nicht geradezu bejahende Vorstellungen bezeichnen sondern nur deren

Abwesenheit zB geschmacklos Stille Nichts usw Diese Worte beziehen sich

auf bejahende Vorstellungen zB auf Geschmack Laut Sein mit der

Bezeichnung dass sie nicht vorhanden sind.

     6 Bejahende Vorstellungen von verneinenden Ursachen.) Und so kann man in

Wahrheit sagen dass man die Dunkelheit sieht Denn man nehme eine vollkommen

dunkle Höhle die kein Licht zurückwirft und man wird ihre Gestalt sehen

ebenso wenn sie gemalt ist auch wird die Tinte mit der ich schreibe

schwerlich eine andere Vorstellung als eine solche veranlassen Diese

verneinenden Ursachen von bejahenden Vorstellungendie ich hier angegeben habe

stimmen mit der gewöhnlichen Ansicht indes ist es schwer zu entscheiden ob

wirklich gewisse Vorstellungen von verneinenden Ursachen bewirkt werden bevor

nicht entschieden ist ob Ruhe mehr eine Verneinung ist als Bewegung

     7 Vorstellungen in der Seele Eigenschaften in den Körpern.) Um die

Natur unserer Vorstellungen besser zu erkennen und verständlicher von ihnen zu

sprechen muss man sie so weit sie Vorstellungen oder Wahrnehmungen in unserer

Seele sind von den Veränderungen des Stoffes in den Gegenständen unterscheiden

welche diese Wahrnehmungen in uns verursachen damit man sie nicht wie

gewöhnlich geschehen mag für die genauen Abbilder von Etwas in dem Gegenstande

ansehe da die meisten dieser Wahrnehmungen in der Seele den äußeren

Gegenständen so wenig gleichen wie die Worte den damit bezeichneten

Vorstellungen obgleich bei dem Hören dieser Worte diese Vorstellungen erweckt

werden

     8 Alles was die Seele auffasst oder was unmittelbar der Gegenstand der

Auffassung des Denkens oder des Verstandes ist nenne ich Vorstellung dagegen

nenne ich die Kraft eine Vorstellung in unserer Seele hervorzubringen

Eigenschaft des Gegenstandes, indem diese Kraft enthalten ist. So hat ein

Schneeball die Kräfte die Vorstellungen von Weiß, Kalt und Rund in uns

hervorzubringen und ich nenne deshalb diese Kräfte in dem Schneeball seine

Eigenschaften und die Wahrnehmungen oder Auffassungen derselben in unserm

Verstande nenne ich Vorstellungenund wenn ich von diesen Vorstellungen

mitunter so spreche als wenn sie in den Gegenständen selbst wären so meine ich

damit die Eigenschaften in den Gegenständen, welche jene Vorstellungen in uns

erwecken

     9 Erste Eigenschaften Wenn man die Eigenschaften in den Körpern so

betrachtet so ergeben sich zunächst solche welche von dem körperlichen

Gegenstande ganz untrennbar sind gleichviel in welchem zustande er sich

befindet er behält sie trotz aller Veränderungen die er erleidet und aller

gegen ihn gebrauchten Kraft sie werden in jedem Stoffteilchen wahrgenommen

das noch wahrnehmbar ist und die Seele findet dass sie von keinem

Stoffteilchen abgetrennt werden können, selbst wenn diese so klein sind dass

sie von unsern Sinnen nicht mehr wahrgenommen werden können. Man nehme zB ein

Weizenkorn und teile es in zwei Theile jeder Teil hat noch Dichtheit

Ausdehnung Gestalt und Beweglichkeit man setzt nun die Teilung fort bis die

Theile nicht mehr wahrnehmbar sind und die Teilchen müssen dennoch all diese

Eigenschaften behalten Keine Teilung und mehr vermag weder die Mühle noch

ein Stößer noch sonst ein Körper, wenn er einen Gegenstand auf unsichtbare

Teilchen zurückführt kann die Dichtheit Ausdehnung Gestalt und Beweglichkeit

einem Körper entziehen es werden dadurch nur zwei oder mehr Gegenstände aus

einem gemacht diese Theile können als so viele bestimmte Körper angesehen und

nach der Teilung gezählt werden Diese Eigenschaften der Körper nenne ich die

ursprünglichen oder ersten und man bemerkt dass sie einfache Vorstellungen in

uns wie Dichtheit Ausdehnung Gestalt Bewegung oder Ruhe und Zahl

hervorbringen

     10 Zweite Eigenschaften Zweitens gibt es Eigenschaftenwelche in

Wahrheit in den Gegenständen selbst nichts sind als Kräfte welche verschiedene

Empfindungen in uns durch ihre ursprünglichen Eigenschaften hervorbringen Wenn

sie zB durch die Masse Gestalt das Gewebe und die Bewegung ihrer

unsichtbaren Teilchen Farben Töne Geschmäcke usw hervorbringen so nenne

ich diese zweite Eigenschaften Diesen könnte man noch eine dritte Art von

Eigenschaften beifügen die man für bloße Kräfte nimmt obgleich sie ebenso gut

solche Eigenschaften in dem Gegenstande sind wie die welche ich dem

gewöhnlichen Sprachgebrauch zu Liebe Eigenschaften genannt habe aber der

Unterscheidung wegen zweite Eigenschaften Denn die Kraft des Feuers vermöge

seiner ursprünglichen Eigenschaften im Wachs oder Thon eine neue Farbe oder

Beschaffenheit hervorzubringen ist ebensogut eine Eigenschaft des Feuers als

die Kraft die es hat in mir eine neue Vorstellung oder Wahrnehmung von Wärme

oder Brennen hervorzubringen die ich vorher durch dieselben ursprünglichen

Eigenschaften nicht fühlte dh durch die Größe das Gewebe und die Bewegung

seiner kleinsten Theile

     11 Wie die ursprünglichen Eigenschaften ihre Vorstellungen hervorbringen

 Die nächste Frage ist nun wie Körper Vorstellungen in uns hervorbringen

offenbar geschieht dies durch Stoß da dies die einzige Art ist wie Körper

nach unserer Auffassung auf einander einwirken können

     12 Sind also äußere Gegenstände mit unserer Seele nicht eins wenn sie

Vorstellungen darin hervorbringen und nehmen wir dennoch diese ursprünglichen

Eigenschaften in denen wahr die unsern Sinnen geboten werden so muss offenbar

eine gewisse Bewegung sich von ihnen durch unsere Nerven oder Lebensgeister

durch gewisse Theile unsers Körpers zu dem Gehirn oder dem Sitz der Empfindung

fortsetzen und dort die besonderen Vorstellungen in der Seele hervorbringen

welche wir von ihnen haben Da nun die Ausdehnung, Gestalt Zahl und Bewegung

von Körpern die eine wahrnehmbare Größe haben durch die Augen aus der Ferne

wahrgenommen werden kann, so müssen offenbar einzelne nicht wahrnehmbare

Körperchen von ihnen zu den Augen kommen und damit dem Gehirn eine gewisse

Bewegung zuführen welche die Vorstellungen hervorbringen welche wir von ihnen

haben

     13 Wie die zweiten Eigenschaften ihre Vorstellungen hervorbringen In

derselben Weise wie die Vorstellungen dieser ursprünglichen Eigenschaften in

uns hervorgebracht werden, mögen auch die Vorstellungen der mittelbaren

hervorgebracht werden, nämlich durch die Wirksamkeit der kleinsten Teilchen auf

unsere Sinne. Denn es gibt Körper und zwar in großer Menge die so klein

sind dass man ihre Masse Gestalt oder Bewegung mit denSinnen nicht

wahrnehmen kann dergleichen bilden offenbar die Teilchen der Luft und des

Wassers auch gibt es noch viel kleinere in Verhältnis zu den Luft oder

Wasserteilchen als diese kleiner sind wie Erbsenoder Hagelkörner Man kann

also annehmen dass die verschiedenen Bewegungen und Gestalten Massen und

Mengen solcher Teilchen durch die Erregung der verschiedenen Sinnesorgane in

uns diese verschiedenen Wahrnehmungen hervorbringen die wir in den Farben und

Gerüchen der Körper haben So bewirkt zB ein Veilchen durch den Stoß solcher

kleinsten Teilchen von besonderer Gestalt und Umfang und durch die

verschiedenen Grade und Maßgaben ihrer Bewegung die Vorstellungen der blauen

Farbe und des angenehmen Geruchs welche diese Blume in unserer Seele

hervorbringt denn man kann ebenso gut begreifen dass Gott solche Vorstellungen

mit solchen Bewegungen verknüpft hat mit denen sie keine Ähnlichkeit haben

als dass er die Vorstellung des Schmerzes mit der Bewegung eines Stuckes Stahl

verknüpft hat welches uns das Fleisch zerschneidet obgleich diese Vorstellung

keine Ähnlichkeit damit hat

     14 Was ich hier über Färben und Gerüche gesagt habe kann auch von den

Geschmäcken Tönen und andern solchen Wahrnehmungen gelten Wenn wir auch aus

Missverstand ihnen eine Wirklichkeit beilegen so sind sie doch in Wahrheit in

den Gegenständen nur Kräfte welche verschiedene Wahrnehmungen in uns

hervorbringen und die von jenen ersten Eigenschaften bedingt sind als welche

ich die Masse die Gestalt das Gewebe und die Bewegung der Teilchen genannt

habe

     15 Die Vorstellungen der ersten Eigenschaften sind diesen Eigenschaften

ähnlich aber nicht die der zweiten Man kann hieraus leicht abnehmen dass die

Vorstellungen von den ersten Eigenschaften der Körper denselben ähnlich sind

und dass ihre Muster wirklich in den Körpern selbst gestehen dagegen haben die

Vorstellungenwelche von den zweiten Eigenschaften in uns hervorgebracht

werden, keine Ähnlichkeit mit ihnen hier besteht nichts in den Körpern, was

ihnen gliche vielmehr sind sie in den Körpern, die wir so bezeichnen nur

Kräfte welche diese Wahrnehmungen in uns hervorbringen und das was in der

Vorstellung süß blau oder warm istist nur eine gewisse Masse Gestalt oder

Bewegung der kleinsten Theile der Körper, die wir so nennen

     16 So heißt die Flamme heiß und hell der Schnee weiß und kalt Manna

weiß und süß nach den Vorstellungendie sie in uns hervorbringen und man

glaubt gemeiniglich dass diese Eigenschaften dieselben in den Körpern wie in

unsern Vorstellungen seien und eine der andern so gleiche wie bei dem Spiegel

die meisten Menschen würden es nicht begreifen wie man anderer Ansicht sein

könne Dennoch bringt dasselbe Feuer was in einer gewissen Entfernung nur als

warm gefühlt wird bei größerer Annäherung das ganz verschiedene Gefühl des

Schmerzes in uns hervor und man sollte deshalb bedenken weshalb man die von

dem Feuer hervorgebrachte Vorstellung der Wärme dem Feuer beilege dagegen die

Vorstellung des Schmerzes die dasselbe Feuer in uns hervorgebracht hat nicht

Weshalb soll die Weiße und Kälte in dem Schnee sein aber der Schmerz nicht

obgleich er doch beide Vorstellungen in uns hervorbringt und beide nur durch

die Masse Gestalt Zahl und Bewegung seiner festen Theile

     17 Die besondere Masse Zahl Gestalt und Bewegung der Teilchen ist

wirklich im Feuer und im Schnee gleichviel ob man sie wahrnimmt oder nicht Man

kann sie deshalb wahre Eigenschaften nennen weil sie wirklich in diesen Körpern

so bestehen aber Licht Weiße Kälte sind so wenig in ihnen wie Krankheit

oder Schmerzen in dem Manna Man nehme die Wahrnehmung derselben hinweg man

lasse die Augen kein Licht und keine Farben sehen die Ohren keine Töne hören

den Gaumen nichts schmecken und die Nase nichts riechen und alle Farben

Geschmäcke Gerüche und Töne so weit sie nur solche Vorstellungen sind

erlöschen und verschwinden und sind auf ihre Ursachen zurückgebracht dh auf

Masse Gestalt und Bewegung der kleinsten Teilchen

     18 Ein Stück Manna von wahrnehmbarer Größe kann in uns die Vorstellung

von einer runden oder viereckigen Gestalt und wenn es von einem Ort nach dem

andern bewegt wird die Vorstellung von Bewegung erwecken Diese Vorstellung der

Bewegung gibt es so wieder wie sie wirklich in dem Manna enthalten ist; ein

Kreis und ein Viereck bleiben dieselben in der Vorstellung wie in der

Wirklichkeit in der Seele wie in dem Manna die Bewegung und die Gestalt sind

wirklich in dem Manna mögen wir sie wahrnehmen oder nicht Jedermann erkennt

dies bereitwillig an Daneben kann das Manna durch die Masse das Gewebe und die

Bewegung seiner Teilchen die Empfindungen des Unwohlseins und manchmal die von

heftigen Schmerzen oder Kneipen in uns hervorbringen Jedermann erkennt

ebenfalls bereitwillig an dass diese Vorstellungen von Unwohlsein und Schmerzen

nicht in dem Manna sind sondern nur seine Wirkungen in uns und dass sie

nirgends sind wenn wir sie nicht fahlen Dennoch kann man sich schwer dazu

entschließen das Süße und das Weiße nicht in das Manna selbst zu verlegen

obgleich sie auch nur die Wirkungen der Bewegung, Größe und Gestalt der

Mannateilchen auf das Auge und den Gaumen sind wie die Schmerzen und das

Unwohlsein was das Manna verursacht anerkanntermaßen nur die Wirkungen der

Größe Bewegung und Gestalt seiner kleinsten Teilchen auf den Magen sind da

kein Körper auf einen anderen in anderer Weise wirken kann wie ich dargelegt

habe Weshalb sollte das Mann also nicht auf die Augen und den Gaumen wirken

und dabei besondere bestimmte Vorstellungen in der Seele hervorbringen können

die es nicht in sich selbst hat da es doch geständigermaßen auf den Darm und

Magen wirken und dadurch Vorstellungen hervorbringen kann welche es in sich

selbst nicht hat Da diese Vorstellungen sämtlich die Wirkungen des Manna in

einzelnen Teilen unsers Körpers sind weshalb sollen die durch die Augen und

den Gaumen hervorgebrachten Vorstellungen eher wirklich in dem Manna sein als

die durch den Magen und den Darm hervorgebrachten Weshalb sollen Schmerz und

Unwohlsein Vorstellungenwelche das Manna bewirkt hat nirgends sein wenn man

sie nicht fühlt und weshalb sollen das Süße und das Weiße obgleich Wirkungen

desselben Manna auf andere Theile des Körpers, deren Wirkungsweise ebenso

unbekannt ist in dem Manna wirklich bestehen auch wenn man sie nicht schmeckt

oder sieht Dieser Unterschied würde eine besondere Erklärung verlangen

     19 Die Vorstellungen der ersten Eigenschaften sind ähnlich die der

zweiten aber nicht Man betrachte die rote und weiße Farbe im Porphyr nun

soll kein Licht darauf scheinen und seine Farben verschwinden er bringt dann

deren Vorstellungen in uns nicht mehr hervor So wie das Licht zurückkehrt

zeigen sich diese Erscheinungen wieder in uns Kann man aber annehmen dass

durch die Gegenwart oder Abwesenheit von Licht wirkliche Veränderungen in dem

Porphyr herbeigeführt werden und dass diese Vorstellungen von Roth und Weiß

wirklich in dem Porphyr bei Licht sind obgleich er diese Farben in der

Dunkelheit nicht hat Er hat allerdings eine solche Gestaltung seiner Teilchen

sowohl bei Tage wie bei Nacht die durch die Wertung der Lichtstrahlen von

gewissen Teilen dieses harten Steines fähig sind in uns die Vorstellung des

Rothen und bei andern Teilen die des Weißen hervorzubringen Dagegen ist das

Weiße und das Rothe niemals in ihm sondern nur ein Gewebe welches die Macht

hat eine solche Empfindung in uns hervorzubringen

     20 Man stoße eine Mandel und die klare weiße Farbe verändert sich in

eine schmutzige und der süße Geschmack in einen öligen welche andere wirkliche

Veränderung kann aber das Stoßen der Keule in einem Körper hervorbringen als

eine Veränderung seines Gewebes

     21 Wenn die Vorstellungen so unterschieden und aufgefasst werden so kann

man erklären wie dasselbe Wasser gleichzeitig von der einen Hand kalt und von

der andern heiß gefühlt werden kann, obgleich doch dasselbe Wasser nicht warm

und kalt sein könnte wenn diese Eigenschaften wirkliche wären Ist dagegen die

Wärme an unserer Hand nur eine gewisse Weise und Stärke der Bewegung in den

kleinsten Teilchen unserer Nerven oder Lebensgeister so erklärt sich diese

Erscheinung Dagegen zeigt sich diese nie bei der Gestalt niemals bringt sie

mit der einen Hand gefühlt die Vorstellung eines Viereckes und mit der andern

die Vorstellung eines Kreises hervor Ist dagegen die Hitze und Kälte nur die

Zunahme oder Abnahme in der Bewegung der kleinsten Teilchen unseres Körpers

durch die Teilchen eines andern Körpers verursacht so kann man verstehen dass

diese Bewegung in der einen Hand grösser ist als in der andern Bringt man einen

Körper dessen Bewegung in seinen kleinsten Teilen grösser ist als die Bewegung

der kleinsten Theile in der einen Hand und kleiner ist als die in der andern

Hand so wird er bei Berührung beider Hände die Bewegung in der einen Hand

steigern und in der andern Hand vermindern und so die verschiedenen

Wahrnehmungen von kalt und warm veranlassen die davon bedingt sind

     22 Ich bin hier vielleicht etwas weiter in physikalische Untersuchungen

eingegangen als ich wollte allein es war nötig um die Natur der

Sinneswahrnehmungen zu erklären und um den Unterschied zwischen den

Eigenschaften der Körper und den von ihnen in der Seele verursachten

Vorstellungen mehr begreiflich zu machen da man ohnedem sie nicht verständlich

besprechen kann Ich hoffe man wird mir diese kleine Abschweifung in die

Naturwissenschaft vergeben da sie in meiner jetzigen Untersuchung nicht

entbehrt werden konnte um die ersten und wirklichen Eigenschaften der Körper,

welche denselben immer anhaften nämlich Dichtheit Ausdehnung Gestalt Zahl

und Bewegung oder Ruhe und die von uns wahrgenommen werden wenn die Körper, in

denen sie bestehen groß genug sind um einzeln unterschieden werden zu

können von jenen zweiten und fälschlich ihnen zugeschriebenen Eigenschaften zu

unterscheiden die nur die Kräfte der mancherlei Verbindungen dieser

ursprünglichen Eigenschaften sind sobald sie wirken ohne dass man die

einzelnen erkennen kann Dadurch weiß man nun auch welche Vorstellungen den

wirklich bestehenden Eigenschaften in den danach bezeichneten Körpern ähnlich

sind und welche nicht

     23 Drei Arten von Eigenschaften der Körper.) Sonach bestehen recht

betrachtet die Eigenschaften der Körper aus drei Arten erstens aus der Masse

Gestalt Zahl Lage und Bewegung oder Ruhe ihrer Theile Diese Eigenschaften

sind m innen gleichviel ob wir sie wahrnehmen oder nicht Haben sie die

genügende Größe um sie zu erkennen so hat man durch sie eine Vorstellung von

dem Gegenstande wie er an sich ist, wie dies bei künstlichen Gegenständen klar

ist Diese nenne ich die ersten Eigenschaften

    Zweitens Aus der Macht wodurch jeder Körper vermöge seiner unwahrnehmbaren

ersten Eigenschaften in einer besonderen Weise auf einen unserer Sinne wirken und

damit in uns die verschiedenen Vorstellungen von Farben Tönen Gerüchen

Geschmäcken usw hervorbringen kann Sie heißen gewöhnlich die sinnlichen

Eigenschaften

    Drittens Aus der Macht vermöge der jeder Körper durch die besondere

Stellung seiner ersten Eigenschaften eine solche Veränderung in der Masse

Gestalt dem Gewebe und der Bewegung eines andern Körpers so verursachen kann

dass dieser anders als vorher auf unsere Sinne wirkt So hat die Sonne eine

Kraft Wachs weiß und das Feuer eine Macht Blei flüssig zu machen Diese

nennt man gewöhnlich Kräfte

    Jene ersten Eigenschaften dürften wie gesagt passend wirkliche

ursprüngliche oder erste Eigenschaften zu nennen sein weit sie in den

Gegenständen bestehen gleichviel ob sie wahrgenommen werden oder nicht von

ihren verschiedenen Veränderungen hängen die zweiten Eigenschaften ab

    Die beiden letzten sind nur Kräfte die verschieden auf andere Gegenstände

wirken und diese Kräfte hängen von den verschiedenen Zuständen der ersten

Eigenschaften ab

     24 Die ersten sind den Vorstellungen ähnlich von den zweiten glaubt man

es und die dritten sind weder ähnlich noch gelten sie dafür Obgleich die zwei

letzten Arten von Eigenschaften nur Kräfte und nichts weiter sind die sich auf

andere Körper beziehen und aus den verschiedenen Zuständen der ursprünglichen

Eigenschaften hervorgehen so werden sie doch gewöhnlich anders aufgefasst Die

zweite Art dh die Kräfte welche in uns durch die Sinne gewisse Vorstellungen

erwecken gelten als wirkliche Eigenschaften der Dinge, die uns so erregen

dagegen heißen und gelten die der dritten Art als bloße Kräfte so gilt zB

die Vorstellung der Hitze des Lichts welche wir durch unsere Augen oder Gefühl

von der Sonne erhalten gewöhnlich als wirkliche Eigenschaft der Sonne und als

etwas mehr als eine bloße Kraft derselben Betrachtet man indes die Sonne in

Beziehung auf Wachs das sie schmilzt und bleicht so betrachtet man diese

Weiße und Weichheit nicht als Eigenschaften der Sonne sondern als Wirkungen

ihrer Kraft obgleich recht betrachtet diese Eigenschaften des Lichts und der

Wärme welche Vorstellungen in mir sind wenn ich von der Sonne erhellt oder

erwärmt werde nicht anders in der Sonne sind als die Veränderungen des Wachses

bei seinem Schmelzen und Bleichen in der Sonne sind Sie sind sämtlich in

gleicher Weise Kräfte der Sonne die von deren ersten Eigenschaften abhängen

dadurch vermag sie in dem einen Fall die Masse Gestalt das Gewebe und die

Bewegung einiger kleinsten Teilchen meiner Augen oder Hände so zu ändern dass

sie in mir die Vorstellung von Licht und Hitze erwecken und in dem andern Fass

die Masse Gestalt das Gewebe und die Bewegung der kleinsten Teilchen des

Wachses so zu ändern dass sie in mir die bestimmten Vorstellungen von Weiß und

Flüssig hervorrufen

     25 Der Grund weshalb jene für wirkliche Eigenschaften diese aber nur

für Kräfte gehalten werden ist wohl dass die Vorstellungen bestimmter Farben

Töne usw in sich nichts von Größe Gestalt oder Bewegung enthalten und wir

deshalb nicht wohl sie für Wirkungen dieser ersten Eigenschaften halten können

da wir deren Wirksamkeit für die Hervorbringung jener nicht wahrnehmen und sie

mit jenen anscheinend keine Übereinstimmung oder fassbare Verbindung haben

Deshalb sind wir so geneigt diese Vorstellungen als die Bilder von etwas in den

Gegenständen wirklich Vorhandenem zu nehmen die Wahrnehmung entdeckt bei ihrer

Hervorbringung nichts von Größe Gestalt und Bewegung der Teilchen und die

Vernunft kann nicht darlegen wie Körper durch ihre Größe Gestalt und Bewegung

die Vorstellungen von blau oder gelb usw in der Seele hervorbringen können

In dem anderen Falle wo Körper die Eigenschaften eines andern verändern sehen

wir deutlich dass die hervorgebrachte Eigenschaft in der Regel keine

Ähnlichkeit mit Etwas in dem wirkenden Gegenstande hat und deshalb sehen wir

es als eine bloße Wirkung einer Kraft an Wenn man die Vorstellung der Hitze

oder des Lichts von der Sonne empfängt so neigt man dazu sie als eine

Auffassung oder ein Bild von einer solchen Eigenschaft in der Sonne selbst zu

nehmen ändert dagegen das Wachs oder ein schönes Gesicht seine Farbe durch die

Sonne so kann man dies nicht als die Aufnahme von einer ähnlichen Bestimmung in

der Sonne nehmen weil man diese verschiedenen Farben nicht selbst in der Sonne

wahrnimmt Unsere Sinne vermögen die Gleichheit oder Ungleichheit zweier

wahrnehmbaren Eigenschaften in zwei verschiedenen äußern Gegenständen

wahrzunehmen und schließen deshalb bereitwillig dass die Hervorbringung einer

wahrnehmbaren Eigenschaft in einem Gegenstande die Wirkung einer bloßen Kraft

sei und nicht die Mittheilung einer wirklich in dem wirkenden Gegenstände

befindlichen Eigenschaft wenn wir nicht eine solche Eigenschaft in dem

wirkenden Gegenstande wahrnehmen Dagegen vermögen wir mit unsern Sinnen die

Ungleichheit zwischen der Vorstellung in uns und der Eigenschaft des

hervorbringenden Gegenstandes nicht zu bemerken deshalb nehmen wir an dass

unsere Vorstellungen einer Bestimmung im Gegenstande ähnlich seien und halten

sie nicht für Wirkungen gewisser Kräfte die den Veränderungen der ersten

Eigenschaften anhaften da diese ersten Eigenschaften mit den in uns

hervorgebrachten Vorstellungen keine Ähnlichkeit haben

     26 Die zweiten Eigenschaften sind zwiefach die einen werden geradezu

wahrgenommen die andern nur mittelbar Sonach sind außer den erwähnten ersten

Eigenschaften der Körper, nämlich der Masse Gestalt Ausdehnung Zahl und

Bewegung ihrer dichten Teilchen alles Andere was man an den Körpern wahrnimmt

und wodurch man sie von einander unterscheidet nur die verschiedenen, von ihren

ersten Eigenschaften abhängenden Kräfte sie bewirken dadurch entweder mittelst

unmittelbarer Einwirkung auf unseren Körper verschiedene Vorstellungen in uns

oder sie wirken auf andere Körper und ändern deren erste Eigenschaften so dass

diese in uns Vorstellungen bewirken welche von den frühem verschieden sind

erstere könnten zweite unmittelbar wahrnehmbare Eigenschaften letztere zweite

mittelbar wahrnehmbare Eigenschaften heißen

 
 



 


     1 Das Wahrnehmen ist die erste einfache Vorstellung der

Selbstwahrnehmung Das Wahrnehmen ist das erste Vermögen was die Seele in

Bezug auf ihre Vorstellungen in Ausübung bringt es ist deshalb die erste und

einfachste Vorstellungdie man durch die Selbstwahrnehmung erlangt Manche

nennen sie deshalb das Denken überhaupt allein Denken bezeichnet in der

englischen Sprache die Wirksamkeit der Seele in Bezug auf ihre Vorstellungen

wobei sie tätig ist und wo sie mit einem gewissen Grad freiwilliger

Aufmerksamkeit Etwas betrachtet Dagegen ist sie bei dem bloßen Wahrnehmen in

der Regel nur leidend und sie muss das was sie wahrnimmt wahrnehmen

     2 Es findet nur Statt wenn die Seele einen Eindruck erhält Was das

Wahrnehmen ist kann Jeder durch Betrachtung dessen was er selbst tut was er

sieht hört fühlt usw oder denkt besser erkennen als durch eine

Auseinandersetzung von mir Wer auf das in seiner Seele Vorgehende achtet muss

bemerken was das Wahrnehmen ist und tut er dies nicht so können alle Worte

der Welt ihm keinen Begriff davon beibringen

     3 So viel ist gewiss dass jede Veränderung im Körper die nicht die

Seele erreicht und jeder Eindruck auf dessen äußere Theile der nicht bemerkt

wird kein Wahrnehmen ist Das Feuer kann unsern Körper brennen ohne dass es

mehr ist als wenn ein Stück Papier brennt sofern diese Bewegung nicht zu dem

Gehirn fortgeht und dort in der Seele die Empfindung der Hitze oder die

Vorstellung des Schmerzes hervorbringt nur darin besteht die wirkliche

Wahrnehmung

     4 Oft kann man an sich selbst bemerken dass man während die Seele in

die Betrachtung eines Gegenstandes vertieft ist und mit Interesse einzelne dahin

gehörige Vorstellungen überschaut sie die Eindrucke nicht beachtet welche

tönende Körper auf die Ohren und zwar so stark machen dass sie für gewöhnlich

die Vorstellung des Tones hervorbringen Der Anstoß auf das Organ kann

hinreichend sein aber wenn er nicht innerlich Beachtung findet so folgt keine

Wahrnehmung trotz des für die Hervorbringung des Tones genügenden Eindruckes

auf das Gehör wird doch kein Ton gehört Dieser Mangel kommt nicht von einen

Fehler in dem Organe die Ohren sind da nicht weniger erregt als in andern

Fällen wo man hört allein das was die Vorstellung hervorzubringen pflegt

wird trotz der Überleitung durch das regelmäßige Organ in dem Verstande nicht

beachtet es bewirkt keine Vorstellung und es erfolgt deshalb keine

Wahrnehmung Wo daher Empfindung oder Wahrnehmung ist da wird auch eine

Vorstellung wirklich hervorgebracht und ist dem Verstande gegenwärtig

     5 Kinder mögen Vorstellungen im Mutterleibe haben aber keine angeborenen

 Deshalb werden Kinder durch Hebung ihrer Sinne rücksichtlich gewisser

Gegenstände die sie im Mutterleibe erregen schon vor ihrer Geburt einige

wenige Vorstellungen haben es sind dies die unvermeidlichen Folgen der sie

umgebenden Gegenstände oder der Entbehrungen und Übel die sie erleiden

wahrscheinlich gehören dazu wenn eine Vermutung über Dinge die keiner

Untersuchung fähig sind gestattet ist die Vorstellung von Hunger und Wärme

beide mögen zu den ersten Vorstellungen der Kinder gehören die sie später nie

wieder verlieren

     6 Allein trotzdem sind doch diese einfachen Vorstellungen keineswegs

angeborene Grundsätze wie Manche behaupten ich aber oben widerlegt habe Die

hier genannten Vorstellungen sind die Wirkung von Empfindungen welche lediglich

von Erregungen ihres Körpers die sie treffen herrühren sie hängen deshalb von

etwas Äußerem ab und unterscheiden sich in der Art ihrer Entstehung von andern

durch die Sinne empfangenen Vorstellungen nur durch ihre frühere Zeit Dagegen

sollen jene angeborenen Grundsätze von ganz anderer Natur sein und nicht durch

zufällige Veränderungen oder Wirksamkeiten des Körpers in die Seele gelangen

sondern gleichsam ursprüngliche Schriftzeichen sein die ihr mit dem ersten

Augenblick ihres Seins und ihres Bestehens eingeprägt sind

     7 So wie wahrscheinlich manche Vorstellungen in die Seele der Kinder

schon im Mutterleibe eingeführt werden die für ihr Leben und Sein dort von

Nutzen sind so werden nach ihrer Geburt diejenigen Vorstellungen am frühsten in

ihnen erweckt welche die ihnen zuerst aufstoßenden wahrnehmbaren Eigenschaften

betreffen und das Licht ist unter diesen eine der wichtigsten und stärksten

Wie begierig die Seele der Kinder nach Vorstellungen verlangt die mit keinen

Schmerzen verbunden sind, kann man an neugeborenen Kindern sehen die ihre Augen

immer nach dem Licht wenden wie man sie auch legen mag Indes sind die

Vorstellungenmit denen sie am vertrautesten werden von verschiedener Art je

nach den Umständen unter denen die Kinder zunächst auferzogen werden und so

ist auch die Ordnung nach der diese Vorstellungen in der Seele eintreten

verschieden und ungewiss auch kommt auf deren Kenntnis wenig an

     8 Die sinnlichen Vorstellungen werden durch das Urteil oft verändert

Ich habe ferner in Bezug auf die Wahrnehmungen zu bemerken dass die durch

Wahrnehmen gewonnenen Vorstellungen bei Erwachsenen sehr häufig durch ihr

Urteil verändert werden ohne dass sie es bemerken Sieht man eine einfarbige

Kugel zB von Gold Alabaster oder Lava so ist offenbar die davon der Seele

beigebrachte Vorstellung nur die eines flachen verschieden schattierten Kreises

von dessen einzelnen Stellen das Licht und die Helligkeit in verschiedenen

Graden in die Augen gelangt Allein aus der Erfahrung weiß man in welcher

Weise erhabene Körper erscheinen und welche Veränderungen das Licht in seiner

Zurückwerfung je nach den verschiedenen Gestalten der Körper erleidet deshalb

verändert das Urteil gewohnheitsmäßig die Erscheinung in ihre wahre Ursache

und macht aus dem was für den Sinn nur ein Wechsel von Schatten in der Farbe

ist ein Zeichen für seine Gestalt indem es sich die Vorstellung einer

erhabenen Gestalt von gleicher Farbe bildet obgleich die davon empfangene

Vorstellung nur eine verschieden gefärbte Ebene ist wie man an den Gemälden

bemerken kann Ich will zu dem Ende hier eine Frage einschalten welche mir Herr

Molineaux der geistreiche und eifrige Beförderer der Erfahrungswissenschaften

vor einigen Monaten brieflich mitgeteilt hat Man stelle sich nämlich einen

blindgeborenen Mann vor der erwachsen ist und durch sein Gefühl einen Würfel und

eine Kugel von demselben Metall und ohngefähr derselben Größe zu unterscheiden

gelernt hat so dass er angeben kann ob er die Kugel oder den Würfel fühle Nun

nehme man an beide würden auf einen Tisch gelegt und der Blinde erhalte sein

Gesicht hier fragt es sich nun ob er ehe er die Kugeln befühlt sagen kann

welches der Würfel und welches die Kugel sei Der scharfsinnige Fragesteller

sagt Nein Der Mann wisse zwar aus Erfahrung wie sich eine Kugel und wie ein

Würfel anfühle allein er wisse noch nicht aus Erfahrung ob das was sein

Gefühl so oder so errege auch sein Gesicht so oder so erregen müsse und dass

eine vorstehende Ecke in dem Würfel die seine Hand ungleich drückte seinem

Auge so erscheinen müsse wie es bei einem Würfel geschehe Ich stimme diesem

scharfsinnigen Herrn den ich stolz bin meinen Freund zu nennen darin bei und

glaube dass der blinde Mann bei dem ersten bloßen Sehen nicht mit Bestimmtheit

wird angeben können welches die Kugel und welches der Würfel ist wenn er auch

nach seinem Gefühl sie sicher bezeichnen und mit Bestimmtheit nach diesem Sinne

ihre Gestalten unterscheiden kann Ich begnüge mich hiermit und überlasse es dem

Leser danach zu überlegen wie viel er der Erfahrung für die Berichtigung

bereits erworbener Begriffe verdankt wo er vielleicht glaubt nicht die

mindeste Hülfe und Dienst von ihr zu empfangen und zwar um so mehr da jener

Herr noch hinzufügt dass er in Anlass meines Buches die Frage manchem sehr

scharfsinnigen Manne vorgelegt habe und kaum einer die richtige Antwort gegeben

habe bis seine Gründe ihn überzeugt hätten dass er sich geirrt habe

     9 Indes wird dies nur bei den Gesichtswahrnehmungen vorkommen weil das

Gesicht als der umfassendste Sinn die Vorstellungen von Licht und Farben unserer

Seele zuführt die diesem Sinn eigentümlich sind und neben dieser auch die

ganz verschiedenen Vorstellungen von Raum Gestalt und Bewegung deren

Mannigfaltigkeit die Erscheinung seiner eigentlichen Wahrnehmungen nämlich des

Lichts und der Farben verändert So lernt man durch Hebung von dem Einen auf das

Andere schließen In manchen Fällen wo dieselbe Wahrnehmung sich oft

wiederholt wird dies zur festen Gewohnheit und geschieht so regelmäßig und

schnell dass man dies für eine Sinneswahrnehmung hält was nur eine durch

Urteilen gewonnene Vorstellung ist; wobei die eine nur diente die andere zu

erwecken und an sich von jener kaum Kenntnis genommen wird So achtet ein

Mann der aufmerksam und gespannt liest oder zuhört wenig auf die Zeichen der

Laute sondern nur auf die durch sie erweckten Vorstellungen

     10 Man braucht sich auch nicht zu wundern dass dies nicht mehr bemerkt

wird man bedenke nur wie schnell die Tätigkeiten der Seele sich vollziehen

und dass das Denken keines Raumes und keiner Ausdehnung bedarf deshalb scheint

ihre Tätigkeit keiner Zeit zu bedürfen und viele Gedanken scheinen sich in

einem Augenblick zusammenzudrängen Ich sage dies in Vergleich mit den

Tätigkeiten des Körpers, und Jeder kann dies an seinem Denken bemerken wenn er

sich die Mühe gibt darauf zu achten unsere Seele übersieht gleichsam in einem

Augenblick alle Theile eines Beweises der sehr lang genannt werden kann, wenn

man auf die Zeit achtet um ihn in Worte zu fassen und Schritt vor Schritt dem

Andern darzulegen Man darf sich zweitens nicht wundern dass dies so unbemerkt

geschieht wenn man bedenkt wie durch die Gewohnheit eine solche Leichtigkeit

in einzelnen Verrichtungen erlangt wird dass sie oft unbemerkt von uns

geschehen Insbesondere lassen frühzeitig angenommene Gewohnheiten uns zuletzt

Handlungen vollziehen die wir gar nicht bemerken Wie oft bedeckt man nicht in

einem Tage die Augen mit den Augenlidern ohne zu bemerken dass man dann im

Dunkeln ist So hat Mancher sich angewöhnt ein Wort beim Sprechen

einzuschalten er bringt es beinah in jeder Redensart an was Andere zwar

bemerken er selbst aber weder hört noch bemerkt Deshalb ist es nichts

Sonderbares wenn die Seele ihre Sinneswahrnehmung in ein Urteil verändert und

jene nur zur Erweckung dieses benutzt ohne sie sonst zu beachten

     11 Durch das Wahrnehmen unterscheiden sich die lebenden Wesen von den

leblosen Dieses Wahrnehmungsvermögen scheint mir den Unterschied zwischen dem

Tierreich und den niederen Naturreichen auszumachen Wenn auch einzelne

Pflanzen eine Art von Bewegung haben und bei Berührung mit andern Körpern sehr

deutlich ihre Gestalt und Bewegung verändern weshalb sie den Namen von

GefühlsPflanzen bekommen haben da diese Bewegung mit der bei den Tieren in

Folge von SinnesWahrnehmungen eintretenden Ähnlichkeit hat so halte ich doch

diese Bewegung nur für rein mechanisch gleich dem Drehen des wilden Hafers

wenn man ihn benetzt und dem Zusammenziehen eines Seiles das mit Wasser

begossen wird Alles das geschieht ohne dass ein Wahrnehmen in dem Gegenstande

Statt hat und ohne dass er eine Vorstellung hat oder empfängt

     12 Dagegen glaube ich dass das Wahrnehmen in einem gewissen Grade sich

bei allen Tieren findet obgleich allerdings bei manchen der von der Natur

bereiteten Zugänge für die Aufnahme von Wahrnehmungen so wenige sind und die

Empfindung so dumpf und dunkel bleibt dass sie in dem schnellen und

mannichfachen Wahrnehmen andern Tieren erheblich nachstehen Indes genügt

dieses Wahrnehmen doch für den Zustand und die Verhältnisse dieser so

eingerichteten Tiere und es ist dafür so weislich angepasst dass die Weisheit

und Güte des Schöpfers aus allen Teilen dieses ungeheuren WeltGebäudes und aus

allen Abstufungen und Rangordnungen der darin vorhandenen Wesen hervorleuchtet

     13 Aus den Bau einer Auster oder einer MeerSchnecke kann man mit Recht

schließen dass sie nicht so viele und schnelle Sinne wie ein Mensch oder

manches andere Thier haben aber wenn sie sie auch hätten würden sie bei ihrem

Zustande und Unvermögen sich von einer Stelle zur andern zu bewegen dadurch

nicht besser daran sein Was soll das Sehen und Hören einem Geschöpfe nützen

was sich nach Gegenständen weder hin noch von denselben fortbewegen kann die

es in der Ferne als gut oder schlimm wahrnimmt Wäre nicht die Schnelligkeit der

Wahrnehmung für ein Thier unpassend was da liegen bleiben muss wo der Zufall

es hingebracht hat und da den Zufluss von kaltem oder warmem reinem oder

faulem Wasser annehmen muss wie es kommt

     14 Dennoch werden sie eine schwache dumpfe Wahrnehmung haben wodurch

sie sich von der vollkommenen Unempfindlichkeit unterscheiden Dafür haben wir

selbst klare Beispiele an dem Menschen Man nehme Jemand bei dem sein hohes

Alter das Gedächtnis an sein früheres Wissen ausgelöscht und die in seiner

Seele früher aufgehäuften Gedanken ausgefegt hat und der durch gänzlichen

Verlust seines Gesichts Gehörs und Geruchs sowie eines großen Teils seines

Geschmacks alle Zugänge für neue Vorstellungen so ziemlich eingebüßt hat oder

bei dem zwar noch einzelne Zugänge halb offen sind aber die Eindrücke kaum

aufgefasst und nicht festgehalten werden und ich gebe zu bedenken ob ein

solcher Mensch trotz allen Rühmens von angeborenen Vorstellungenin seiner

Kenntnis und seinen geistigen Fähigkeiten über der Auster oder Meerschnecke

stehen wird Sollte ein Mensch in solchem Zustande sechzig Jahre zubringen was

so gut möglich ist wie drei Tage so dürfte kaum in den geistigen Fähigkeiten

zwischen ihm und den niedrigsten Tierarten ein unterschied sein

     15 Die Wahrnehmung ist der Einlass für das Wissen Wenn so die

Wahrnehmung der erste Schritt und Stufe zum Wissen und der Einlass allen Stoffes

für dasselbe istso folgtdass, je weniger Sinne ein Mensch oder ein Thier

hat und je geringer und dumpfer die Eindrücke mittelst derselben und je

schwächer die dabei auftretenden Vermögen sind sie um So mehr im Wissen andern

Menschen nachstehen Da hier eine große Abstufung Statt hat wie dies schon bei

den Menschen sich zeigt so kann dies bei den verschiedenen Tiergattungen

nicht sicher ermittelt werden und noch weniger bei einzelnen Individuen Ich

begnüge mich hier mit der Bemerkung dass das Wahrnehmen die erste Äußerung

unserer geistigen Vermögen und der Einlass alles Wissens in unsere Seele ist

und ich möchte ebenso annehmen dass das Wahrnehmen in seinem untersten Grade

die Grenze zwischen den Tieren und den niederen Naturgegenständen bildet Indes

erwähne ich dies hier nur nebenbei als meine Vermutung denn für meine Aufgabe

ist es gleichgültig wie die Entscheidung der Gelehrten hierüber ausfallen wird

 
 



 


     1 Betrachtung Das nächste Vermögen wodurch die Seele weiter in der

Kenntnis vorschreitet ist das was ich das Behalten nenne oder das Festhalten

der einfachen Vorstellungenwelche sie durch die Sinnes und Selbstwahrnehmung

empfangen hat Dies Behalten geschieht in zwei Weisen erstens indem die

eingeführte Vorstellung eine Zeit lang wirklich gegenwärtig behalten wird was

Betrachtung heißt

     2 Gedächtnis Die zweite Art des Behaltens besteht in der Kraft diese

Vorstellungen in der Seele wieder zu erwecken die nach deren Empfang

verschwunden oder gleichsam bei Seite gelegt worden sind; so wenn wir uns die

Hitze und das Licht die gelbe Farbe und das Süße vorstellen während der

Gegenstand nicht gegenwärtig istDies ist das Gedächtnis gleichsam die

Niederlage unserer VorstellungenDie menschliche Seele ist zu eng um viele

Vorstellungen auf einmal gegenwärtig zu haben deshalb war eine Niederlage

nötig für die Vorstellungen, um sie zur gelegenen Zeit wieder hervorzusuchen

Da indes unsere Vorstellungen nur in Auffassungen der Seele bestehen die

Nichts sind wenn sie nicht wirklich erfasst sind so bedeutet dieses

Zurücklegen der Vorstellungen in die GedächtnisNiederlage nur dass die Seele

eine Kraft hat in gewissen Fällen Vorstellungen wieder zu erwecken die sie

früher gehabt hat mit dem zusätzlichen Wissen dass sie dieselben schon gehabt

habe In diesem Sinne ist es gemeint wenn man sagt die Vorstellungen seien im

Gedächtnis da sie doch in Wahrheit nirgends sind und die Seele nur die

Fähigkeit hat sie mach Belieben zu erwecken als wenn sie von Neuem in sie

eingedrückt wären und zwar bald schwerer bald leichter einzelne lebhafter

andere dunkler So beruht es auf diesem Vermögen dass man alle jene Gedanken in

der Seele hat die wenn man sie auch nicht gegenwärtig hat man doch immer in

Sicht bringen und wieder erscheinen lassen und zu Gegenständen des Denkens

machen kann und zwar ohne Hülfe der sinnlichen Eigenschaftenwelche diese

Vorstellungen zuerst uns eingeprägt haben

     3 Aufmerksamkeit Wiederholung Schmerz und Lust befestigen die

Vorstellungen.) Aufmerksamkeit und Wiederholung dienen sehr zur Befestigung der

Vorstellungen in dem Gedächtnis den tiefsten und dauerndsten Eindruck machen

jedoch von Natur die mit Schmerz oder Lust verbundenen Vorstellungen Da es das

Hauptgeschäft der Sinne ist uns von dem dem Körper Schädlichen oder Nützlichen

Kenntnis zu geben so ist es wie ich gezeigt habe ein weise Anordnung dass

manche Vorstellungen mit Schmerz begleitet sind er ersetzt bei den Kindern die

Betrachtung und das Nachdenken und wirkt bei Erwachsenen schneller als

Betrachtung lässt Jung und Alt schmerzerregende Gegenstände mit der Eile

vermeiden die ihre eigene Erhaltung erfordert und befestigt in dem Gedächtnis

Beider die Vorsicht für die Zukunft

     4 Die Vorstellungen erbleichen in dem Gedächtnis In Betreff der

Dauer der dem Gedächtnis eingeprägten Vorstellungen zeigt sich dass manche der

Seele nur durch einen bloß die Sinne erregenden Gegenstand und zwar nur

einmal zugeführt worden sind; andere haben sich den Sinnen öfters dargeboten

aber sind wenig beachtet worden entweder aus Leichtsinn bei den Kindern oder

wegen anderweiter Beschäftigung wie zB bei Menschen die nur auf einen

Gegenstand ihren Sinn gerichtet haben der Eindruck sich nicht tief festsetzt

Auch da wo die Eindrücke sorgfältig aufgenommen und wiederholt worden sind, ist

bei Manchen doch das Gedächtnis entweder in Folge körperlicher Zustande oder

eines Mangels im Gedächtnis selbst schwach In all diesen Fällen erbleichen die

Vorstellungen in der Seele schnell und verschwinden oft ganz aus dem Verstande,

ohne mehr Spuren und Zeichen von sich wie die über Kornfelder hinfliegenden

Wolkenschatten zu hinterlassen die Seele ist dann so leer an ihnen als hätte

sie dieselben nie gehabt

     5 So gehen bei Kindern Vorstellungen aus dem Anfange ihres Wahrnehmens

bei Manchen mit Schmerz oder Lust verknüpften vielleicht schon aus der Zeit vor

ihrer Geburt bei andern aus ihrer frühesten Kindheit wenn sie nicht später

wiederholt werden gänzlich verloren und lassen keine Spur von sich zurück Man

kann dies bei Personen beobachten die ihr Gesicht in früher Jugend verloren

haben die Vorstellungen der Farben die sie nur leichthin aufgenommen hatten

und die nicht wiederholt werden konnten sind bei ihnen ganz verschwunden sie

haben nach einigen Jahren gleich den BlindGeborenen keinen Begriff noch

Erinnerung von Farben mehr Bei manchem Menschen ist allerdings das Gedächtnis

wunderbar stark allein dennoch scheint ein allgemeines Nachlassen unserer

Vorstellungen, selbst der am tiefsten eingeprägten und selbst bei Menschen von

gutem Gedächtnis Statt zu finden Wenn daher die Vorstellungen nicht mitunter

dadurch erneuert werden dass die Sinne oder die Selbstwahrnehmung auf die sie

zuerst veranlassenden Gegenstände gerichtet werden so verwischen sich

allmählich die Eindrücke und es bleibt zuletzt nichts übrig So sterben die

Vorstellungen unserer Jugend gleich unseren Kindern oft vor uns und die Seele

gleicht Gräbern wo wenn man ihnen nahe tritt zwar das Erz und der Marmor

geblieben ist aber die Inschrift vor der Zeit verlöscht und die Bildnerei

vermodert ist Die Bilder in unserer Seele sind nur mit schwachen Farben gemalt

wenn sie nicht aufgefrischt werden erbleichen und verlöschen sie Ich will hier

nicht untersuchen wie weit die Verfassung unsers Körpers und der Zustand

unserer Lebensgeister dabei Einfluss haben und ob die Eigenschaften des Gehirns

es bewirken dass manche Menschen die Eindrücke behalten als wären sie in

Marmor Andere als wären sie nur in Thon und wieder Andere als wären sie nur

in Sand eingegraben Der Zustand des Körpers mag allerdings das Gedächtnis

beeinflussen oft beraubt eine Krankheit die Seele ganz ihrer Vorstellungenund

die Fieberhitze verbrennt in wenig Tagen alle Bilder zu Staub und Dunst die so

dauernd schienen als wären sie in Marmor eingegraben

     6 Häufig wiederholte Vorstellungen können kaum verloren gehen In

Betreff der Vorstellungen selbst bemerkt man leicht dass die welche durch eine

häufige Wiederkehr der sie erweckenden Gegenstände oder Handlungen am häufigsten

erneuert werden wozu die der Seele durch mehr als einen Sinn zugeführten

gehören sich am besten in dem Gedächtnis befestigen und am längsten darin

klar bleiben deshalb gehen die ursprünglichen Eigenschaften der Körper, also

Dichtheit Ausdehnung Gestalt Bewegung und Ruhe und die welche beinah

beständig ungern Körper erregen wie Hitze und Kälte und die welche Zustände

sind die allen Wesen gemein sind wie Dasein Zahl Dauer und welche beinah

Jeder sinnliche Gegenstand und jeder Gedanke unsrer Seele mit sich führt

deshalb sage ich gehen diese und ähnliche Vorstellungen selten ganz verloren

so lange die Seele überhaupt noch Vorstellungen festhält

     7 Bei dem Erinnern ist die Seele oft tätig In diesem zweiten

Wahrnehmen wie ich es nennen möchte oder in diesem Wiedersehen der in dem

Gedächtnis bewahrten Vorstellungen verhält sich die Seele nicht immer untätig

vielmehr hängt das Erscheinen dieser schlafenden Bilder mitunter von dem Willen

ab Oft unternimmt die Seele selbst die Aufsuchung einer verborgenen Vorstellung

und wendet gleichsam ihre Augen dahin Mitunter springen sie aber auch in unsrer

Seele von selbst hervor und zeigen sich dem Verstande; oft sind es drängende und

heftige Leidenschaften die sie aufwecken und aus ihren dunklen Zellen an das

offene Tageslicht treiben die Gemütsbewegungen bringen Vorstellungen zur

Erinnerung die sonst ruhig und unbeachtet geblieben wären Bei diesen in dem

Gedächtnis enthaltenen und von der Seele gelegentlich erweckten Vorstellungen

muss man indes festhalten dass keine derselben eine neue ist wie das Wort

»erwecken« andeuten könnte vielmehr erfasst die Seele sie als frühere

Eindrücke und erneuert nur ihre Bekanntschaft mit ihnen als schon vorher

gehabten Vorstellungen Früher empfangene Vorstellungen sind deshalb nicht immer

gegenwärtig aber wenn sie wieder hervortreten werden sie von dem Verstande

immer als solche erkannt die früher einmal gegenwärtig gewesen und gewusst

worden sind.

     8 Zwei Mängel des Gedächtnisses das Vergessen und die Langsamkeit Das

Gedächtnis ist nach dem Wahrnehmen das Unentbehrlichste für ein geistiges

Wesen Seine Bedeutung ist so groß dass wo es fehlt die übrigen

Seelenvermögen zum großen Theile nutzlos werden und man könnte ohne

Gedächtnis beim Denken Urteilen und Wissen nicht über die den Sinnen

gegenwärtigen Dinge hinausgehen In dem Gedächtnis zeigen sich indes zwei

Mängel erstens dass es eine Vorstellung ganz verliert und soweit vollkommenes

NichtWissen erzeugt man kann nämlich die Dinge nur durch die Vorstellungen

derselben kennen und ist daher diese dahin so ist man vollkommen unwissend

zweitens dass es sich zu langsam bewegt und die Vorstellungendie es bat und

die in ihm aufgehäuft sind in dem einzelnen Falle der Seele nicht schnell genug

herbeischafft Findet dies in einem hohem Maß statt so ist es Dummheit Wer

wegen dieses Fehlers die in seinem Gedächtnisse aufbewahrten Vorstellungen nicht

schnell bei der Hand hat wenn er deren bei Gelegenheit bedarf ist nicht besser

daran als hätte er sie gar nicht da sie ihm nichts nutzen können Ein dummer

Mensch der über das Suchen nach diesen Vorstellungendie er braucht die

Gelegenheit versäumt ist in Bezug auf sein Wissen nicht besser daran als ein

ganz Unwissender Das Gedächtnis hat deshalb die Aufgabe der Seele jene

schlafenden Vorstellungendie sie braucht zuzuführen insofern es dieselben

jederzeit bei der Hand hat besteht darin das was man Erfindung Phantasie und

Geistesgegenwart nennt

     9 Diese Mängel kann man schon bemerken wenn man mehrere Personen mit

einander vergleicht dagegen mag wohl in dem menschlichen Gedächtnis wenn es

mit höheren Wesen verglichen wird noch ein allgemeiner Mangel enthalten sein

jene übertreffen vielleicht den Menschen so sehr dass sie die ganze Scene ihres

früheren Handelns vollständig gegenwärtig haben und dass keiner ihrer Gedanken

die sie je gehabt aus diesem gegenwärtigen Wissen verschwindet Die

Allwissenheit Gottes welcher alle Dinge die vergangenen wie die gegenwärtigen

und zukünftigen weiß und vor dem die Herzen der Menschen offen da liegen

zeigt dass dergleichen möglich ist Offenbar kann Gott jenen hohen Geistern

seinen unmittelbaren Dienern von seinen Vollkommenheiten so viel mitteilen als

ihm gefällt und als die Natur endlicher Wesen gestattet Von Herrn Pascal

erzählt man er habe eine solche Natur des Gedächtnisses besessen dass er ehe

nicht seine erschütterte Gesundheit sein Gedächtnis geschwächt hatte er nichts

von Allem vergessen habe was er zu irgend einer Zeit seit seiner Knabenzeit

getan gelesen oder gedacht gehabt Dieser Vorzug ist den meisten Menschen so

unbekannt dass er beinah unglaublich erscheint weil sie Alle nur nach sich

selbst zu urteilen pflegen indes können solche Fälle uns helfen für Wesen

hohem Ranges von deren größeren Vollkommenheiten einen ungefähren Begriff zu

bekommen Bei Herrn Pascal blieb immer die Schranke wonach die menschliche

Seele viele Gedanken nur nach einander aber nicht gleichzeitig haben kann die

Engel in ihren verschiedenen Abstufungen haben aber vielleicht ein weiteres

gegenwärtiges Wissen und manche von ihnen vermögen vielleicht alle ihr früheres

Wissen auf einmal als gegenwärtiges festzuhalten und immer sich vorzustellen

Für einen denkenden Menschen wurde dergleichen kein geringer Vorteil sein und

man kann daraus abnehmen dass dies eine von den Arten sein mag in denen das

Wissen der höheren Geister das unsrige weit übertrifft

     10 Auch die Tiere haben Gedächtnis Viele Tiere scheinen so gut wie

der Mensch das Vermögen empfangene Vorstellungen aufzubewahren und

festzuhalten bis zu einem ziemlich hohen Maß zu besitzen Um andere Fälle

nicht zu erwähnen führe ich nur an dass Vögel welche Töne lernen sich

bestreben die rechten Noten zu treffen und dies zeigt unzweifelhaft dass sie

wahrnehmen die Vorstellungen im Gedächtnis behalten und als Muster benutzen

ohnedem wäre es unmöglich dass sie ihre Stimme den Noten anpassen könnten wie

sie doch tun wenn sie keine Vorstellungen davon hätten Ich gebe zwar zu

dass die Töne eine Art mechanischer Bewegung der Lebensgeister in dem Gehirn

dieser Vögel bewirken so lange der Ton angeschlagen wird diese Bewegung mag

sich zu den Muskeln der Flügel fortsetzen und so der Vogel durch manches

Geräusch mechanisch fortgescheucht werden weil dies zu seiner Erhaltung dient

allein dies kann nicht erklären dass während des Tones und noch weniger nach

seinem Aufhören mechanisch eine solche Bewegung in des Vogels Stimmorganen

bewirkt werde die den Tönen einer fremden Stimme entspricht zumal diese

Nachahmung für die Erhaltung des Vogels nichts beiträgt Aber mit noch weniger

Schein kann angenommen und noch weniger bewiesenwerden, dass der Vogel ohne

Wahrnehmung und Gedächtnis seine Töne den Tags zuvor gehörten Tönen allmählich

mehr annähern könne hätten sie keine Vorstellung davon in ihrem Gedächtnisse

so bestände diese Vorstellung nirgends und könnte ihnen nicht zu einem Muster

dienen das sie nachahmen und dem sie durch wiederholte Versuche mehr und mehr

sich annähern könnten Es ist kein Grund vorhanden dass die Töne einer Pfeife

in ihrem Gehirn Spuren zurücklassen sollten welche nicht sogleich sondern nach

späterem Versuchen die gleichen Töne hervorbrächten und es wäre dann

unbegreiflich weshalb die eigenen Töne der Vögel nicht Spuren zurücklassen

sollten denen sie ebenso zu folgen hätten wie den Tönen der Pfeife

 
 



                                



     1 Es gibt kein Wissen ohne Unterscheidungsvermögen Als ein weiteres

Vermögen der Seele zeigt sich das vermöge dessen sie zwischen ihren

verschiedenen Vorstellungen unterscheidet Die verworrene Vorstellung von Etwas

im Allgemeinen genügt nicht hätte die Seele nicht eine bestimmte Auffassung von

den einzelnen Gegenständen und deren Eigenschaften so wäre sie nur weniger

Kenntnisse fähig wenn auch die uns umgebenden Körper ebenso wie jetzt uns

erregten und die Seele fortwährend mit Denken beschäftigt wäre Auf diesem

Unterscheidungsvermögen beruht die Beweiskraft und Gewissheit mehrerer selbst

sehr allgemeinen Sätze die für angeborene Wahrheiten gegolten haben indem man

die wahre Ursache dieser allgemeinen Zustimmung zu denselben übersah und sie in

natürlichen Eindrücken suchte obgleich doch nur dieses Unterscheidungsvermögen

es der Seele ermöglicht zwei Vorstellungen als dieselben oder verschieden

aufzufassen Doch mehr hiervon später

     2 Der Unterschied zwischen Witz und Scharfsinn Ich will hier nicht

untersuchen wie weit der Mangel dieses Unterscheidungsvermögens in der

Stumpfheit oder Fehlerhaftigkeit der Sinnesorgane oder in dem Mangel an

Schärfe Aufmerksamkeit und Hebung des Verstandes oder in dem heftigen und

flatterhaften Naturell einzelner Temperamente liegen mag es genügt dass dieses

Unterscheiden zu den Tätigkeiten gehört welche die Seele in sich wahrnehmen

und beobachten kann Seine Wichtigkeit für alles andere Wissen erhellt daraus

dass soweit Jenes Vermögen bei der Unterscheidung der einzelnen Dinge schwach

oder frisch gebraucht wird auch unsere Begriffe verworren sind und unser

Urteil gestört oder irre geleitet wird Darauf dass man die Vorstellungen des

Gedächtnisses schnell bei der Hand hat beruht die schnelle Bewegung der

Gedanken darauf dass man sie unverworren hat und ein Ding scharf von dem

andern zu unterscheiden vermag wenn der Unterschied auch noch so klein ist

beruht zum großen Theile die Genauigkeit des Urteils und die Klarheit des

Denkens, durch die der Eine sich vor dem Andern auszeichnet Daraus erklärt sich

vielleicht weshalb Menschen mit viel Witz und schnellem Gedächtnis nicht immer

das klarste Urteil und den eingehendsten Scharfsinn besitzen Witz beruht mehr

auf der Zusammenstellung von Vorstellungen und deren schneller und mannigfacher

Verbindung soweit dabei Ähnlichkeit und Übereinstimmung gefunden wird werden

daraus gefällige und angenehme Bilder in der Phantasie geformt Dagegen liegt

das Urteilen auf der entgegengesetzten Seite es trennt sorgfältig die eine

Vorstellung von der anderen, so weit sie sich unterscheiden es lässt sich dabei

durch Ähnlichkeiten und Verwandtschaft nicht irreführen und eine Sache nicht

für die andere nehmen Diese Tätigkeit ist den Anspielungen und bildlichen

Ausdrücken ganz entgegengesetzt auf denen zum größten Teil das Unterhaltende

und Gefällige des Witzes beruht womit er die Einbildungskraft anregt und aller

Welt willkommen ist Seine Schönheit tritt sofort hervor und die Vernunft

braucht dabei nicht mühsam zu untersuchen wie weit er wahr und begründet ist

Die Seele sieht dabei nicht weiter sondern ruht zufrieden aus bei der

Annehmlichkeit des Bildes und der Heiterkeit der Phantasie es wäre verletzend

den Witz nach den verschiedenen Regeln der Wahrheit und Vernunft prüfen zu

wollen und daraus erhelltdass er aus Etwas besteht was sich damit nicht ganz

verträgt

     3 Nur die Klarheit verhindert die Verwirrung Für die gute

Unterscheidung der Vorstellungen hilft vorzüglich deren Klarheit und

Bestimmtheit haben sie diese Eigenschaften so wird es kein Missverständnis

oder Verwirrung geben wenn auch die Sinne wie mitunter geschieht sie von

demselben Gegenstand bei verschiedenen Gelegenheiten verschieden der Seele

zuführen sollten und so zu irren scheinen Wenn auch ein Mensch im Fieber von

dem Zucker einen bitteren Geschmack statt des süßen zu andern Zeiten haben

sollte so wird doch die Vorstellung des Bitteren in seiner Seele ebenso klar und

von der des Süßen verschieden sein als wenn er nur Galle geschmeckt hätte Es

entsteht für die beiden Vorstellungen von Süß und Bitter dadurch dass derselbe

Gegenstand einmal bitter das andere Mal süß schmeckt keine größere

Verwirrung als wenn die zwei Vorstellungen des Weiß und Süß oder des Weiß

und Rund durch dasselbe Stück zu gleicher Zeit hervorgebracht werdenDie

Vorstellungen von Orange und Blau welche derselbe Aufguss von dem Holz gegen

Steinschmerzen hervorbringt sind nicht weniger bestimmt als die derselben

Farben welche andern Gegenständen entnommen sind

     4 Vergleichen Die Vergleichung der Vorstellungen in Bezug auf

Ausdehnung Grad Zeit Ort und andere Umstände ist eine andere Tätigkeit der

Seele von ihr hängt der große Stamm von Vorstellungen ab die man unter

Beziehungen befasst deren große Ausdehnung ich später darzulegen Gelegenheit

haben werde

     5 Die Tiere vergleichen nur mangelhaft Es ist nicht leicht zu

bestimmen, wie weit die Tiere an diesem Vermögen Teil haben nach meiner

Ansicht besitzen sie es nur in einem schwachen Grade wenn sie auch einzelne

genügend bestimmte Vorstellungen haben so ist es doch wohl ein besonderer

Vorzug des menschlichen Verstandes die verschiedenen Vorstellungendie er hat

als verschiedene aufzufassen und demzufolge zu übersehen und zu bedenken in

welchen Beziehungen sie mit einander verglichen werden können, während die

Tiere wohl ihre Vorstellungen nicht weiter mit einander vergleichen als die

sinnlichen den Gegenständen anhaftenden Eigenschaften gehen Dagegen haben

jedenfalls die Tiere die weitere dem Menschen einwohnende Kraft nicht welche

sich auf Vergleichung der Begriffe bezieht und zur Begründung allgemeiner Sätze

benutzt wird

     6 Das Verbinden Eine weitere Tätigkeit der Seele in Bezug auf ihre

Vorstellungen ist das Verbinden dabei stellt sie die mehreren einfachen durch

Sinnes und Selbstwahrnehmung gewonnenen Vorstellungen zusammen und verbindet

sie zu einer zusammengesetzten Unter dieses Verbinden fällt auch das Ausdehnen

der Vorstellungendie Verbindung erscheint hier zwar nicht so auffällig als in

den zusammengesetzten Vorstellungen allein trotzdem ist es doch nur ein

Zusammenstellen von mehreren Vorstellungen wenn auch von derselben Art. So

bildet man durch Hinzufügung mehrerer Einheiten zu einander die Vorstellung

eines Dutzend und durch die Aneinanderfügung mehrerer Ruthen die einer Meile

     7 Die Tiere verbinden nur wenig Auch hier dürften die Tiere tief

unter den Menschen stehen Sie nehmen allerdings auf und behalten auch manche

Verbindungen einfacher Vorstellungen so bildet vielleicht die Gestalt der

Geruch und die Stimme des Herrn die zusammengesetzte Vorstellungdie sein Hund

von ihm hat oder es sind vielmehr so viel einzelne Merkmale an denen er ihn

erkennt allein von selbst mögen sie wohl nie Vorstellungen zu

zusammengesetzten verbinden Selbst da wo man vielleicht zusammengesetzte

Vorstellungen bei ihnen annimmt ist es doch nur eine einfache die sie bei der

Erkenntnis der Gegenstände leitet da sie dazu wahrscheinlich das Gesicht

weniger benutzen als man glaubt So hat man mir versichert dass eine Hündin

junge Füchse ernährt mit ihnen spielt und sie liebt genau wie ihre eigenen

Jungen sobald man es dahin gebracht hat dass diese Füchse so lange an ihr

gesaugt haben bis sie die Milch verdaut haben Ebenso scheinen die Tiere

welche viel Junge auf einmal werfen deren Zahl nicht zu kennen da sie zwar

sehr besorgt sind wenn eines davon ihnen weggenommen wird so lange sie es

sehen oder hören nimmt man aber eins oder zwei heimlich in Abwesenheit der

Eltern oder unvermerkt hinweg so scheinen sie sie nicht zu vermissen und nicht

zu bemerken dass die Zahl derselben vermindert ist

     8 Das Benennen Wenn die Kinder durch wiederholtes Wahrnehmen feste

Vorstellungen gewonnen haben so lernen sie allmählich Zeichen dafür gebrauchen

und wenn sie erst mit ihren Sprachwerkzeugen artikulierte Laute bilden können so

benutzen sie die Worte zur Bezeichnung ihrer Vorstellungen Diese Wortzeichen

entlehnen sie bald von Andern bald machen sie sie selbst wie man an den neuen

und ungewöhnlichen Namen sehen kann welche Kinder im Anfange ihres Sprechens

den Sachen geben

     9 Das Abtrennen Wenn so die Worte als äußere Zeichen für die Inneren

Vorstellungen dienen und diese Vorstellungen den einzelnen Dingen entlehnt

werden so würden die Worte zahllos werden wenn jede EinzelVorstellungdie

wir aufnehmen ein besonderes Wort erhalten sollte Um dies zu verhindern macht

die Seele aus diesen besonderen Vorstellungen allgemeine und zwar dadurch dass

sie sie als Erscheinungen in der Seele auffasst getrennt von allen andern

bestehenden Dingen und von den Nebenumständen der wirklichen Dinge wie Zeit

Ort oder andern begleitenden Vorstellungen Man nennt dies das Abtrennen die

der einzelnen Sache entlehnte Vorstellung wird dadurch zur allgemeinen

Vertreterin aller Dinge derselben Art, und ihr Name wird zu einem allgemeinen

Worte das auf alles Bestehende angewendet werden kann, was solcher abgetrennten

Vorstellung entspricht Solche absichtlich entkleidete Erscheinungen in der

Seele wobei man nicht mehr fragt wie wann und mit welchen andern sie in die

Seele gekommen sind häuft der Verstand auf mit Worten die mit ihnen gemeinhin

verknüpft sind als die Zeichen nach denen die wirklichen Dinge in Arten

geordnet und danach benannt werden je nachdem sie mit diesen Mustern stimmen

Wenn die Seele somit heute dieselbe Farbe im Kalk oder Schnee antrifft die sie

gestern von der Milch gehabt hat so fasst sie diese Erscheinung allein auf und

macht sie zu einem Vertreter für alle gleicher Art und wenn sie ihr den Namen

Weiß gegeben hat so bezeichnet dieser Laut dieselbe Eigenschaft wo sie auch

vorgestellt oder angetroffen werden mag Auf diese Weise werden die allgemeinen

Vorstellungen und Worte gebildet

     10 Die Tiere haben dies Vermögen nicht Man kann schwanken ob die

Tiere auf diese oder jene Weise ihre Vorstellungen verbinden und erweitern

aber sicher fehlt ihnen das Vermögen des Abtrennens gänzlich Der Besitz

allgemeiner Vorstellungen unterscheidet den Menschen vom Tiere vollständig und

ist ein Vorzug welchen die Tiere nie erreichen Bei ihnen ist offenbar keine

Spur vorhanden dass sie allgemeine Zeichen für allgemeine Vorstellungen

benutzten und daraus kann man abnehmen dass ihnen das Vermögen des Abtrennens

oder der Bildung allgemeiner Vorstellungen abgeht sonst müssten sie sich der

Worte oder anderer allgemeiner Zeichen bedienen

     11 Auch liegt der Grund davon nicht etwa darin dass sie nicht die

passenden Organe für artikulierte Töne hätten Manche können ja solche Töne zu

Stande bringen und deutlich genug Worte aussprechen aber sie machen niemals

einen solchen Gebrauch davon Umgekehrt drücken Menschen die wegen eines

Fehlers ihrer Organe nicht sprechen können ihre allgemeinen Vorstellungen durch

reichen statt allgemeiner Worte aus ein Vermögen was den Tieren wie man

sieht abgeht Hierin mag also der Unterschied der Tiere von dem Menschen

enthalten sein durch diesen eigentümlichen Gegensatz sind sie völlig getrennt

er dehnt sich zuletzt zu einer weiten Kluft aus obgleich man wenn die Tiere

Vorstellungen haben und keine bloßen Maschinen sind wie Manche behaupten

denselben eine Art von Verstand nicht ansprechen kann Manche von ihnen denken

nach meiner Meinung in gewissen Fällen so gut wie sie Sinne haben aber Jenes

nur innerhalb der Vorstellungendie sie von ihren Sinnen empfangen haben

Selbst die höchsten Klassen derselben sind in diese engen Schranken

eingeschlossen und können sie durch ein Vermögen des Abtrennens nicht erweitern

     12 Blödsinnige und Wahnsinnige Ob den Blödsinnigen einzelne oder alle

diese Vermögen ganz oder bis zu einem Grade abgehen würde durch genaue

Beobachtung ihrer Schwächen sich feststellen lassen denn wer die in seiner

Seele eintretenden Vorstellungen nur stumpf auffassen oder schlecht behalten

kann wer sie nicht leicht erwecken oder verbinden kann hat wenig Stoff für

sein Denken Wer nicht unterscheiden vergleichen und abtrennen kann wird

schwerlich die Worte verstehen und sich ihrer bedienen lernen oder nur leidlich

urteilen und überlegen nur über gegenwärtige und durch die Sinne ihm gut

bekannte Gegenstände wird er es einigermaßen vermögen Fehlt daher eines jener

Vermögen oder ist es gestört so hat dies für den Verstand und das Wissen die

entsprechenden Folgen

     13 Bei Blödsinnigen liegt also der Fehler in der geringen Beweglichkeit

Tätigkeit und Schnelligkeit ihrer geistigen Vermögen deshalb fehlt ihnen der

Verstand; dagegen leiden die Wahnsinnigen an dem entgegengesetzten Übermaß

sie haben nicht die Fähigkeit zu denken eingebüßt aber sie haben einzelne

Vorstellungen falsch verbunden und halten sie für Wahrheiten sie irren wie

Leute die aus falschen Gesetzen richtig folgern Die Übermacht ihrer

Einbildungen lässt sie ihre Inneren Gebilde für Wirklichkeiten nehmen und daraus

richtige Folgerungen ziehen So verlangt ein Wahnsinniger der sich für einen

König hält die dem entsprechende Achtung Aufmerksamkeit und Folgsamkeit und

Andere die glauben sie seien von Glas brauchen die nötige Vorsicht welche

solche zerbrechliche Körper verlangen

    Deshalb kann ein mäßiger und sonst verständiger Mann in einem einzelnen

Punkte so verrückt sein wie irgend einer im Irrenhause sobald durch plötzliche

heftige Eindrücke oder lange ausschließliche Beschäftigung mit einem Gedanken

ungehörige Vorstellungen sich so fest bei ihm verbunden haben dass sie sich

nicht mehr trennen lassen In dem Wahnsinn und der Verrücktheit gibt es indes

Grade die Verbindung verkehrter Vorstellungen ist bei dem Einen grösser als

bei dem Andern Der Unterschied zwischen Blödsinnigen und Wahnsinnigen liegt

also darin dass die Wahnsinnigen die Vorstellungen falsch verbinden damit

falsche Sätze bilden aber nach diesen richtig schließen und verfahren während

Blödsinnige keine oder wenig Sätze bilden und wohl gar nicht vernünftig denken

     14 Mein Verfahren Dies werden die nächsten Vermögen und Tätigkeiten

sein welche die Seele beim Verstehen gebraucht sie übt sie zwar bei allen

ihren Vorstellungen überhaupt aus indes habe ich bisher sie nur in Beziehung

auf einfache Vorstellungen dargelegt und die Erklärung dieser Vermögen der der

einfachen Vorstellungen nachfolgen lassen ehe ich zu den zusammengesetzten

Vorstellungen übergehe und zwar aus folgenden Gründen Erstens werden manche

dieser Vermögen zunächst und hauptsächlich an einfachen Vorstellungen geübt und

man wird deshalb wenn man so der Natur in ihrem Verfahren folgt sie in ihrem

Entstehen Fortschreiten und allmählichen Vervollkommnen aufspüren und verfolgen

können Zweitens kann man wenn man diese Vermögen in ihrer Wirksamkeit bei

einfachen Vorstellungen beobachtet hat die bei den meisten Menschen klarer und

bestimmter als die zusammengesetzten Vorstellungen zu sein pflegen dann desto

besser prüfen und erkennen wie die Seele bei den zusammengesetzten

Vorstellungen wo viel leichter Missverständnisse möglich sind trennt benennt

vergleicht und ihre übrigen Vermögen ausübt Drittens sind es diese Tätigkeiten

der Seele in Bezug auf Vorstellungen aus der Sinneswahrnehmung welche wenn sie

an sich betrachtet werden, eine andere Art von Vorstellungen ergeben die aus

der anderen Quelle unseres Wissen der Selbstwahrnehmung sich ableiten Auch

deshalb eignen sie sich zur Betrachtung nach den einfachen Sinnesvorstellungen

Das Verbinden Vergleichen Trennen usw habe ich hier nur erwähnt da ich an

einem andern Orte ausführlicher darüber zu handeln Gelegenheit haben werde

     15 Dies sind die Anfänge des menschlichen Wissens Somit habe ich eine

kurze und ich meine wahre Darstellung der ersten Anfänge des menschlichen

Wissens gegeben und gezeigt woher die Seele ihre ersten Gegenstände hat und

auf welchen Wegen sie ihre Vorstellungen allmählich sammelt und aufhäuft aus

denen das ganze Wissen sich bildet dessen sie fähig ist Ich berufe mich auf

die Erfahrung und Beobachtung ob ich die Wahrheit getroffen denn der beste Weg

zu ihr ist dass man die Dinge prüft wie sie wirklich sind und nicht folgert

sie seien so wie man sie sich einbildet oder wie Andere es uns gelehrt haben

     16 Berufung auf die Erfahrung.) Offen gestanden erscheint mir dies als

der einzige Weg wie die Vorstellungen der Dinge in den Verstand gelangen

sollten Andere angeborene Vorstellungen oder eingeflößte Grundsätze besitzen

so mögen sie sich deren erfreuen und wenn sie dessen gewiss sind so kann ein

Anderer ihnen diesen Vorzug nicht abstreiten den sie vor ihren Mitmenschen

voraus haben Ich kann nur das sagen was ich in mir finde und was den

Begriffen gemäß istwelche, wenn man den ganzen Lebenslauf der Menschen nach

Verschiedenheit des Alters des Landes und der Erziehung betrachtet auf den

Grundlagen ruhen dürften die ich hier gelegt habe und mit dieser Methode in

allen ihren Teilen und Abstufungen übereinstimmen

     17 Ein dunkler Raum Ich will nicht belehren sondern erforschen ich

muss deshalb nochmals bekennen dass die innere und äußere Wahrnehmung die

einzigen Wege sind die ich für das Wissen der Seele auffinden kann Sie sind

die einzigen Fenster durch welche Licht in diesen dunklen Raum dringt denn mir

scheint der Verstand einer gegen das Licht ganz verschlossenen Kammer zu

gleichen nur eine kleine Öffnung ist geblieben um die äußern sichtbaren

Bilder oder Vorstellungen von den Außendingen einzulassen blieben die in einen

solchen Raum eindringenden Bilder darin und zwar in einer Ordnung dass sie

sich leicht finden ließen so würde er in hohem Maß dem Verstande des

Menschen rücksichtlich aller sichtbaren Gegenstände und deren Vorstellungen

gleichen

    Dies sind meine Ansichten über die Mittel wie der Verstand die einfachen

Vorstellungen erlangt und fest hält so wie über die Arten derselben und die sie

betreffenden Tätigkeiten Ich werde nun einige dieser einfachen Vorstellungen

mit ihren Besonderungen ein wenig näher betrachten

 
 



                               


     1 Die Seele bildet sie aus den einfachen Bisher habe ich die

Vorstellungen betrachtet bei deren Aufnahme die Seele sich nur leidend verhält

und welche in den einfachen durch die Sinnes und Selbstwahrnehmung empfangenen

Vorstellungen bestehen die die Seele nicht selbst erzeugen kann und aus denen

jedwede andere Vorstellung besteht Allein so wie die Seele bei Aufnahme aller

einfachen Vorstellungen sich nur leidend verhält so ist sie doch auch

mannichfach tätig und bildet aus diesen einfachen Vorstellungen alle andern

wobei jene ihr als Stoff und Grundlage dienen Die Tätigkeiten in Bezug auf

diese einfachen Vorstellungen sind hauptsächlich dreierlei Art 1 ein Verbinden

mehrerer einfachen zu einer zusammengesetzten Vorstellungdie letztem entstehen

nur auf diese Weise 2 ein Zusammenstellen zweier Vorstellungen gleichviel ob

einfach oder zusammengesetzt und ein Aneinanderbringen derselben in der Art

dass sie beide mit einem Blick übersehen werden ohne jedoch sie zu verbinden

auf diese Weise gewinnt die Seele alle BeziehungsVorstellungen 3 ein

Abtrennen derselben von allen andern in der Wirklichkeit sie begleitenden

Vorstellungen dies ist das Abtrennen wodurch die allgemeinen Vorstellungen

gebildet werden. Hieraus erhelltdass die Kraft des Menschen und deren

Wirkungsweise in der stofflichen und in der geistigen Welt sich so ziemlich

gleich sind. In beiden hat der Mensch keine Macht den Stoff zu schaffen oder zu

vernichten Alles was er vermag ist diesen Stoff zu verbinden neben einander

zu stellen oder zu trennen Ich werde mit der ersten Kraft in der Betrachtung

der zusammengesetzten Vorstellungen beginnen und die anderen später an ihrem

Orte behandeln Die einfachen Vorstellungen zeigen sich in mannigfacher Weise

verbunden und die Seele hat daher die Kraft mehrere einfache Vorstellungen

durch deren Verbindung als eine aufzufassen und zwar nicht bloß so wie sie in

den äußern Gegenständen verbunden sind, sondern auch wie sie selbst sie

verbunden hat Solche aus mehreren einfachen Vorstellungen gebildete

Vorstellungen nenne ich zusammengesetzte wie zB Schönheit Dankbarkeit ein

Mensch ein Heer die Welt Obgleich sie aus mehreren einfachen Vorstellungen

gebildet sind so kann doch die Seele solche aus mehreren einfachen bestehenden

Vorstellungen jede für sich als ein ganzes Ding auffassen und mit einem Worte

bezeichnen

     2 Sie werden freiwillig gebildet Durch dieses Vermögen der Seele ihre

Vorstellungen herbeizuholen und zu verbinden vermag sie die Gegenstände ihres

Denkens weit über das was ihr die Selbst und Sinneswahrnehmung bietet zu

vermehren und zu vermannigfachen sie bleibt aber dabei immer auf diese zwei

Quellen beschränkt welche ihr zuletzt den Stoff für all ihre Gebilde liefern

da die einfachen Vorstellungen allein den Dingen selbst entlehnt sind und die

Seele davon nicht mehr oder andere haben kann als ihr zugeführt worden sind.

Sie kann weder Vorstellungen von sinnlichen Eigenschaften über die hinaus haben

die ihr durch die Sinne von außen zugeführt werden noch andere Arten der

Tätigkeit eines denkenden Wesens vorstellen als die sie in sich selbst findet

Hat sie aber einmal diese Vorstellungen erlangt so bleibt sie nicht auf die

Wahrnehmung und das was ihr von außen sich bietet beschränkt sondern kann

durch ihre eigene Kraft diese Vorstellungen verbinden und dadurch

zusammengesetzte bilden die sie als solche nie empfangen hat

     3 Sie sind entweder Zustände oder Substanzen oder Beziehungen Wie

mannichfach auch diese Vorstellungen verbunden und getrennt werden mögen und

wie endlos auch die Zahl und Mannigfaltigkeit sein mag womit sie das Denken

des Menschen erfüllen und ergötzen so lassen sie sich doch sämtlich auf die

drei Arten der 1 Zustände 2 der Substanzen und 3 der Beziehungen

zurückführen

     4 Zustände Zustände nenne ich jene zusammengesetzten Vorstellungen,

welche, wie sie auch verbunden sind, nicht als solche genommen werden die für

sich selbst bestehen vielmehr gelten sie als von den Substanzen abhängend oder

als Erregungen derselben dahin gehören zB die durch die Worte Dreieck

Dankbarkeit Mord usw bezeichneten Wenn ich hier das Wort Zustand in einer

etwas ungewöhnlichen Bedeutung nehme so möge man es entschuldigen da bei

Untersuchungen die von den gewöhnlichen Begriffen sich entfernen es

unvermeidlich ist entweder neue Worte zu machen oder alte in etwas verändertem

Sinne zu gebrauchen und Letzteres ist hier vielleicht noch das Erträglichere

     5 Einfache und gemischte Zustände Von diesen Zuständen gibt es zwei

Arten, die eine besondere Betrachtung verdienen manche sind nur Abwechslungen

oder Verbindungen ein und derselben einfachen Vorstellung ohne dass eine andere

ihr zugemischt wird zB ein Dutzend oder ein Schock es sind dabei eine

gewisse Menge Einheiten nur zusammengerechnet und ich nenne sie deshalb

einfache Zustände da sie sich innerhalb einer einfachen Vorstellung halten

Andere sind aus einfachen Vorstellungen verschiedener Art gebildet um eine

zusammengesetzte darzustellen zB Schönheit die aus einer Verbindung von

Farbe und Gestalt besteht welche den Beschauer ergötzt Diebstahl als den

heimlichen Wechsel des Besitzes einer Sache ohne Einwilligung des Eigentümers

Sie enthalten wie man sieht eine Verbindung verschiedenartiger Vorstellungen

ich nenne sie gemischte Zustände

     6 Einzel und SammelSubstanzen.) Die Vorstellungen von Substanzen sind

solche Verbindungen einfacher Vorstellungenwelche bestimmte einzelne für sich

bestehende Dinge bedeuten Die vermeintliche und verworrene Vorstellung der

Substanz bleibt dabei immer die erste und oberste Verbindet man so mit Substanz

die einfache Vorstellung einer trüben weißlichen Farbe eines gewissen Grades

von Gewicht von Härte Biegsamkeit und Schmelzbarkeit so hat man die

Vorstellung des Bleies und ähnlich bildet die Verbindung einer gewissen Gestalt

und der Kraft zu bewegen zu denken und zu begründen mit der Substanz die

gewöhnliche Vorstellung des Menschen Es gibt zwei Arten Vorstellungen von der

Substanz; die von einzelnen Substanzen wie sie für sich als ein einzelner

Mensch oder als ein Schaf bestehen und die von mehreren solchen zusammen wie

zB ein Heer von Männern und eine Herde Schafe Diese Sammelvorstellungen

mehrerer so zusammengestellter Substanzen sind ebenso eine einzelne Vorstellung

wie die eines Menschen oder einer Einheit

     7 Beziehung Drittens sind die letzte Art der zusammengesetzten

Vorstellungen die sogenannten Beziehungen die in der Betrachtung und

Vergleichung einer Vorstellung mit einer andern bestehen Diese verschiedenen

Arten werde ich in dieser Ordnung behandeln

     8 Die den beiden Quellen fernsten Vorstellungen Verfolgt man die

Tätigkeit des Verstandes, und betrachtet man aufmerksam wie er seine von der

Sinnes und Selbstwahrnehmung empfangenen einfachen Vorstellungen wiederholt

zusammenstellt oder zu einer verknüpft so führt dies weiter als man anfänglich

erwartet hat Verfolgt man sorgfältig den Ursprung der Begriffe, so wird man

finden dass selbst die schwerfasslichsten Vorstellungen wenn sie auch unsern

Sinnen und Geistestätigkeiten noch so fern zu stehen scheinen doch nur Gebilde

des eigenen Denkens sind wobei sinnliche Vorstellungen oder Vorstellungen von

den inneren Tätigkeiten aufgenommen und verbunden worden sind. Deshalb leiten

sich selbst diese umfassenden und höchsten Vorstellungen von der Sinnes und

Selbstwahrnehmung ab und sind nur das Werk des Verstandes im Gebrauche seiner

eigenen Vermögen und in Anwendung auf Vorstellungen von sinnlichen Gegenständen

oder von ihm selbst wahrgenommenen Tätigkeiten Ich werde versuchen dies an

den Vorstellungen des Raumes, der Zeit der Unendlichkeit und einigen andern

darzulegen welche von diesem Ursprünge am weitesten entfernt zu sein scheinen

 
 



                              



     1 Einfache Zustände Bisher habe ich oft der einfachen Vorstellungen

erwähnt die den wahrhaften Stoff für all unser Wissen abgeben indes habe ich

sie bis jetzt mehr nach dem Wege wie sie in die Seele kommen behandelt als

nach ihrem Unterschiede von andern mehr zusammengesetzten Vorstellungen deshalb

ist es vielleicht nicht unzweckmäßig einige davon noch einmal unter diesem

letztem Gesichtspunkt zu betrachten und die verschiedenen Besonderungen

derselben Vorstellung zu prüfen welche die Seele entweder in den bestehenden

Dingen antrifft oder ohne die Hülfe äußerer Gegenstände oder fremder

Einflüsterung in sich selbst erzeugen kann

    Diese verschiedenen Besonderungen derselben einfachen Vorstellung die ich

wie gesagt einfache Zustände nenne bestehen ebenso als vollkommen verschiedene

und getrennte Vorstellungen in der Seele wie die welche am weitesten von

einander abstehen und die größten Gegensätze und Abstände bilden So ist die

Vorstellung der Eins ebenso unterschieden von der der Zwei wie das Blau von dem

Heißen oder beide von irgend einer Zahl und dennoch sind jene nur aus der

Wiederholung derselben einfachen Vorstellung der Einheit gebildet

Wiederholungen dieser Art bilden im Fortgange die einfachen Zustände des

Dutzend des Schocks der Million

     2 Die Vorstellung des Raumes.) Ich beginne mit der einfachen Vorstellung

des Raumes. Ich habe oben in Kap 4 gezeigt dass die Vorstellung des Raumes

sowohl durch das Gesicht wie durch das Gefühl erlangt wird Es ist deshalb

ebenso wenig ein Beweis dafür nötig dass man durch das Gesicht den Abstand

zweier verschieden gefärbter Körper oder zwischen den Teilen eines Körpers

bemerkt wie dass man überhaupt die Farben sieht Ebenso klar ist es dass man

dasselbe in der Dunkelheit durch Fühlen und Berühren erreichen kann

     3 Raum und Ausdehnung Wird der Raum zwischen zwei Dingen nur der Länge

nach betrachtet ohne Rücksicht auf das zwischen ihnen Befindliche so nennt man

ihn Abstand wird er aber nach Länge Breite und Tiefe betrachtet so kann man

ihn wohl Fassbarkeit nennen Das Wort Ausdehnung gebraucht man in jeder dieser

Bedeutungen

     4 Unermesslichkeit Jeder bestimmte Abstand ist eine bestimmte

Besonderung des Raumes, und jede Vorstellung von einem bestimmten Abstand oder

Räume ist ein einfacher Zustand dieser VorstellungIn Folge der Gewohnheit zu

messen befestigen sich in der Seele gewisse feste Längen wie die des Zolls

des Fußes der Elle der Rute der Meile des Erddurchmessers usw sie sind

so viele einzelne aus dem Räume gebildete Vorstellungen Sind solche Längen oder

Maß einem Menschen geläufig geworden so kann er sie in Gedanken so oft er

will wiederholen ohne dass er die Vorstellung eines Körpers oder von sonst

Etwas damit verbindet und er kann sich die Vorstellungen von lang viereckig

von dem Würfel vom Fuß von der Elle und Rute sowohl unter den Körpern der

Welt wie noch darüber hinaus bilden und er kann durch deren Aneinanderfügung

seine Vorstellung des Raumes so weit vergrößern als es ihm beliebt Dieses

Vermögen die Vorstellung irgend eines Abstandes zu wiederholen oder zu

verdoppeln und einer frühem so oft man will hinzuzufügen ohne dass man zu

einem Halt oder einer Grenze gelangen kann ist das was uns die Vorstellung der

Unermesslichkeit gibt

     5 Gestalt Eine andere Besonderung dieser Vorstellung besteht lediglich

in dem Verhältnis welches die Theile der Enden einer Ausdehnung oder eines

umschriebenen Raumes zu einander haben Bei fühlbaren Körpern lehrt dies das

Gefühl so weit deren Enden in das Auge entnimmt sie sowohl von Körpern wie von

Farben deren Grenzen in sein Gesichtsfeld fallen es kann da erkennen wie der

Umriss entweder in geraden Linien endet die sich in bestimmten Winkeln treffen

oder in krummen Linien wo kein Winkel sich erkennen lässt Indem man diese in

ihrem Verhältnis zu einander in allen Teilen des Umrisses eines Körpers oder

Raumes betrachtet erlangt man die Vorstellung der Gestalt welche der Seele

sich in unendlicher Mannigfaltigkeit bietet Denn neben der großen Zahl

verschiedener Gestalten die in den zusammenhängenden Massen des Stoffes

wirklich bestehen bleibt der Vorrat welchen die Seele durch Veränderung der

Vorstellung des Raumes und durch Bildung neuer Gestalten vermittelst

Wiederholung der eigenen Vorstellungen und der beliebigen Verbindung derselben

besitzt unerschöpflich und sie kann damit die Gestalten in das Endlose

vermehren

     6 Gestalt Denn die Seele vermag die Vorstellung einer Länge geradeaus

mit einer andern von derselben Richtung zu verbinden und so jene zu verdoppeln

oder sie kann auch beide in einer beliebigen Neigung verbinden und so irgend

einen Winkel bilden ebenso kann sie eine Linie verkürzen die Hälfte das

Viertel oder welchen andern Teil davon nehmen ohne mit solcher Teilung zu

Ende zu kommen so kann sie Winkel von jeder beliebigen Größe bilden und ebenso

deren Seiten verlängern Verbindet sie nun diese wieder mit andern Linien von

verschiedener Länge und verschiedenen Winkeln bis der Raum ganz eingeschlossen

ist so erhelltdass sie Gestalten in Form und Inhalt ohne Ende machen kann

was Alles einfache Zustände des Raumes sind Dasselbe kann mit krummen Linien

geschehen oder mit krummen und geraden unter einander und was mit Linien

geschehen kann ist auch mit Flächen ausführbar dies führt zu einer neuen

endlosen Mannigfaltigkeit von Gestalten welche die Seele bilden kann und

wodurch sie die einfachen Zustände des Raumes vermehren kann

     7 Ort Eine andere unter dieser Klasse und zu diesem Stamme gehörende

Vorstellung ist die des Ortes So wie man in dem bloßen Raum die Beziehung der

Entfernung zweier Körper oder Punkte betrachtet so betrachtet man bei der

Vorstellung des Ortes die Beziehung der Entfernung eines Dinges von einem oder

mehreren Punkten welche Punkte man als dieselbe Entfernung von einander

einhaltend und somit in Ruhe annimmt Findet man nämlich heute Etwas in gleicher

Entfernung wie gestern von zwei oder mehr Punkten die ihren Abstand von

einander seitdem nicht geändert haben so sagt man dann in Vergleich mit jenen

dass es seinen Ort behalten habe hat es dagegen merkbar seinen Abstand von

einem dieser Punkte geändert so sagt man es habe seinen Ort verändert Im

gewöhnlichen Leben und Auffassen des Orts beachtet man nicht immer genau den

Abstand von solchen bestimmten Punkten sondern man richtet sich nur nach den

großeren Teilen sichtbarer Gegenstände auf diese wird der Gegenstand bezogen

so weit man Anlass hat seinen Abstand davon zu beachten

     8 So sagt man von den SchachFiguren wenn sie noch auf denselben

Vierecken des Schachbretts stehen wo man sie verlassen hat dass sie noch alle

auf demselben Platze oder unverändert stehen wenn auch vielleicht inmittelst

das Schachbrett in ein anderes Zimmer getragen wordenIst, weil man sie bloß

mit dem Schachbrett vergleicht wo sie noch dieselbe Entfernung inne haben

Ebenso sagt man von dem Schachbrett dass es sich noch an demselben Orte

befinde wenn es an derselben Stelle der Kajüte steht obgleich das Schiff

währenddem fortwährend weitergesegelt istEbenso sagt man von einem Schiff es

habe seinen Ort nicht verändert wenn es seinen Abstand zu der benachbarten

Küste beibehalten hat obgleich die Erde sich vielleicht rund umgedreht hat So

haben die Schachfiguren das Brett und das Schiff jedes seinen Ort rücksichtlich

entfernterer Gegenstände die unter einander den gleichen Abstand behalten

haben geändert Allein da der Abstand von den einzelnen Vierecken des

Schachbretts den Ort der Schachfiguren und der Abstand von festen Punkten der

Kajüte die ich als Beispiel benutzte den Ort des Schachbretts bestimmt und da

man nach festen Teilen der Erde den Ort des Schiffes bestimmt so kann man in

dieser Beziehung sagen dass diese Dinge an demselben Orte geblieben sind

obgleich ihr Abstand von andern Gegenständen die aber nicht beachtet werden

sich geändert hat und sie deshalb unzweifelhaft ihren Ort gewechselt haben was

man auch anerkennt wenn man Anlass erhält sie damit zu vergleichen

     9 Diese Bestimmung des Abstandes die man Ort nennt wird bloß zu dem

Zweck gemacht um dadurch die besondere Stellung von Dingen angäben zu können

wo es auf eine solche ankommt deshalb beurteilt und bestimmt man diesen Ort

durch Beziehung auf die Gegenstände die hierzu am besten sich eignen ohne

Rücksicht auf andere die für andere Zwecke sich besser dazu eignen würden So

hat die Angabe des Ortes der Schachfiguren nur Bedeutung für das Schachbrett

und deshalb würde dieser Zweck verfehlt werden wenn man den Ort nach andern

Dingen bemessen wollte Steckt man dagegen die Schachfiguren in einen Beutel und

fragt man dann wo der schwarze König sei so würde es unpassend sein den Ort

nach dem Schachbrett statt nach den Teilen des Zimmers zu bestimmen, da die

Bezeichnung des jetzigen Ortes einen andern Zweck hat als wenn der König auf

dem Schachbrett beim Spiele steht deshalb muss er dann durch andere Körper

bestimmt werden. Ebenso würde wenn Jemand fragte wo die Verse stehen welche

die Erzählung von Nisus und Euryalus enthalten es eine sehr verkehrte Antwort

sein wenn man sagte sie wären da oder dort auf der Erde oder in Bodleys

Buchhandlung vielmehr würde die richtige Bezeichnung des Ortes nur durch die

Theile von Virgils Werke geschehen und die passende Antwort wäre dass diese

Verse sich in der Mitte des neunten Buchs der Aeneide befinden und dass sie da

sich immer an demselben Orte befunden haben seitdem Virgil gedruckt worden

Dies bleibt wahr obgleich das Buch tausendfach seinen Ort gewechselt hat da

man hier unter dem Orte nur den Teil des diese Geschichte enthaltenden Buches

meint um zu wissen wo man sie nötigenfalls zu suchen hat und da man den Ort

nur dazu benutzen will

     10 Ort Man wird leicht anerkennen dass unsere Vorstellung von dem

Orte nur diese erwähnte bezügliche Stellung eines Dinges ist wenn man bedenkt

dass man sich für das Weltall keinen Ort vorstellen kann obgleich es von jedem

Theile desselben möglich ist Es fehlt bei dem Weltall die Vorstellung irgend

eines festen bestimmten und besonders Dinges auf welches der Abstand desselben

in irgend einer Weise bezogen werden könnte Alles außer ihm ist ein einförmig

ausgedehnter Raum in welchem die Seele keinen Unterschied und kein Merkzeichen

finden kann Wenn man sagt die Welt sei irgendwo so sagt dies nicht mehr als

dass sie besteht diese Redensart die von dem Orte entlehnt wird bezeichnet

nur deren Dasein aber keine Ortsstellung Sollte Jemand klar und deutlich in

seiner Seele den Ort der Welt sich vorstellen können so müsste er auch angeben

können ob sie in diesem gleichförmigen leeren und unendlichen Räume still

steht oder sich bewegt Allerdings hat das Wort Ort mitunter einen verworrenen

Sinn und bezeichnet oft nur den von einer Sache eingenommenen Raum dann ist

allerdings die Welt in einem solchen Orte Die Vorstellung des Ortes wird dann

ebenso wie die des Raumes erlangt indem jene nur eine besonders eingeschränkte

Auffassung von dieser ist dh durch unser Sehen und Fühlen jedes von beiden

gibt der Seele die Vorstellungen von Ausdehnung und Abstand

     11 Ausdehnung und Körper sind nicht dasselbe Manche wollen uns

überreden dass Ausdehnung und Körper dasselbe seien Ich kann nämlich nicht

annehmen dass dabei diese Worte in einer andern als der gewöhnlichen Bedeutung

genommen werden da Jene die Philosophie Anderer wegen deren schwankenden Sinn

und der trügerischen Dunkelheit zweifelhafter oder bedeutungsloser Worte

verurteilt haben Meinen sie also mit diesen Worten dasselbe wie andere

Menschen dh unter Körper etwas Dichtes und Ausgedehntes dessen Theile

trennbar und beweglich sind und unter Ausdehnung nur den Raum der sich zwischen

den Grenzen des dichten zusammenhängenden Körpers befindet und von ihm

eingenommen ist so vermischen sie sehr verschiedene Vorstellungen mit einander.

Ich berufe mich auf Jedermanns eigenes Denken ob nicht seine Vorstellung vom

Raum sich so bestimmt von der der Dichtheit wie von der der roten Farbe

unterscheidet Allerdings kann Dichtheit nicht ohne Ausdehnung bestehen so

wenig wie die rote Farbe allein deshalb bleiben sie doch besondere

Vorstellungen Viele Vorstellungen bedürfen anderer zu ihrem Bestande oder ihrer

Auffassung und doch bleiben es verschiedene Vorstellungen So kann die Bewegung

nicht ohne Raum vorgestellt werden, und dennoch ist die Bewegung nicht der Raum

und der Raum nicht die Bewegung; Raum kann ohne sie bestehen und beide sind

bestimmt unterschiedene Vorstellungen Dasselbe wird auch von dem Räume und der

Dichtheit gelten Dichtheit ist von der Vorstellung des Körpers nicht trennbar

auf ihr beruht seine Ausfüllung des Raumes, die Berührung der Stoß und die

Mittheilung der Bewegung desselben an andere Körper Wenn der Unterschied

zwischen Seele und Körper darauf gestützt werden kann, dass das Denken nicht die

Vorstellung der Ausdehnung einschließt so gilt dies auch für den Unterschied

von Raum und Körper da jener nicht die Dichtheit einschließt Raum und

Dichtheit sind deshalb ebenso unterschiedene Vorstellungen wie Denken und

Ausdehnung jede kann von der andern ganz abgetrennt werden Also sind der

Körper und die Ausdehnung zwei verschiedene Vorstellungen denn

     12 erstens schließt die Ausdehnung nicht die Dichtheit und den

Widerstand gegen die Bewegung von Körpern ein wie es bei dem Körper der Fall

ist;

     13 zweitens können die Theile des bloßen Raumes nicht von einander

getrennt werden und seine Stetigkeit kann weder im Vorstellen noch in der

Wirklichkeit aufgehoben werden Möge doch Jemand wenn auch nur in Gedanken

einen Teil des Raumes von dem andern trennen mit dem er stetig zusammenhängt

Ein wirkliches Trennen und Teilen geschieht meine ich durch Entfernung eines

Theiles von dem andern so dass zwei Oberflächen entstehen wo früher nur

Zusammenhang war ein Trennen in Gedanken geschieht wenn man in der Seele zwei

Oberflächen vorstellt wo vorher stetiger Zusammenhang war und man beide Stücke

als von einander entfernt vorstellt allein dies ist nur möglich bei trennbaren

Dingen welche durch Trennung neue besondere Oberflächen bekommen die sie

vorbei nicht hatten aber deren fähig waren Keine dieser beiden Arten von

Trennung weder die wirkliche, noch die in Gedanken verträgt sich also mit dem

bloßen Raum Allerdings kann man von dem Räume so viel als dem Maß eines

Fasses entspricht vorstellen ohne auf den übrigen Raum zu achten dies ist

zwar eine teilweise Betrachtung aber keine Trennung oder Teilung in Gedanken

da man in Gedanken nur teilen kann wenn man sich die Oberflächen getrennt

vorstellen kann so wie man es nur wirklich kann wenn man die beiden

Oberflächen trennt eine bloß teilweise Betrachtung ist keine Trennung So kann

man das Licht der Sonne ohne ihre Hitze in Betracht nehmen oder die

Beweglichkeit eines Körpers ohne seine Ausdehnung obgleich man dabei nicht an

ihre Trennung denkt das Eine ist nur ein teilweises Betrachten was mit dem

Einen abschließt und das Andere ist ein Betrachten beider als wären sie

gesondert

     14 Drittens sind die Raumteile unbeweglich was aus deren Untrennbarkeit

folgt da Bewegung nur die Veränderung des Abstandes zwischen zwei Dingen ist;

dies kann aber bei untrennbaren Teilen nicht statthaben Daher müssen sie in

ewiger Ruhe untereinander bleiben So unterscheidet sich die Vorstellung des

bloßen Raumes klar und hinlänglich von der des Körpers; denn die Theile Jenes

sind untrennbar unbeweglich und leisten der Bewegung der Körper keinen

Widerstand

     15 Die Definition der Ausdehnung erklärt sie nicht Fragt man mich was

der Raum von dem ich spreche sei so will ich antworten wenn man mir zuvor

sagt was die Ausdehnung ist von der man spricht Sagt man wie gewöhnlich

geschieht dass Ausdehnung das sei was Theile außerhalb Teilen habe so sagt

man nur Ausdehnung ist Ausdehnung denn was weiß ich mehr von der Natur des

Raumes, wenn man mir sagt die Ausdehnung sei ein Haben von Teilen die

ausgedehnt seien außerhalb von Teilen die ausgedehnt seien dh Ausdehnung

bestehe in ausgedehnten Teilen Es ist gerade so als wenn ich Jemand auf seine

Frage was das Fieber sei sagte es sei ein Ding, was aus mehreren Fiebern

bestehe er würde dann so wenig wie vorher wissen was das Fieber ist oder er

könnte vielleicht mit Recht denken ich wolle ihn nur zum Besten haben und nicht

ernstlich belehren

     16 Die Einteilung der Dinge in Körper und Geister beweist nicht dass

Raum und Körper dasselbe sind Die Verteidiger der Dieselbigkeit von Raum und

Körper stellen die Alternative Der Raum ist entweder Etwas oder Nichts ist er

nur das Nichts zwischen zwei Körpern so müssen sie sich berühren ist er Etwas

so fragen sie weiter ob Geist oder Körper Ich antworte hierauf durch eine

andere Frage Wer hat gesagt dass es bloß dichte Dinge die nicht denken

können und bloß denkende Dinge ohne Ausdehnung gebe oder geben könne Denn nur

solche meinen sie mit ihren Worten Körper und Geist

     17 Die uns unbekannte Substanz ist kein Beweis gegen den leeren Raum

Wenn man wie häufig geschieht fragt ob der leere Raum Substanz oder Akzidenz

sei so antworte ich sofort dass ich es nicht weiß und dass ich mich dessen

so lange nicht schämen werde als die Fragenden mir nicht eine klare und

deutliche Vorstellung von der Substanz bieten

     18 Ich suche nach Möglichkeit mich von den Täuschungen frei zu machen in

die man gerät wenn man Worte für Dinge nimmt Unser Nichtwissen wird dadurch

nicht gehoben dass man tut als wisse man Etwas wenn man ein Geräusch mit

Lauten macht die keine klare und deutliche Bedeutung haben Beliebig gemachte

Worte ändern die Natur der Dinge nicht wir verstehen letztere nur so weit jene

Zeichen deutlicher Vorstellungen sind Ich möchte wohl wissen ob die welche so

viel Gewicht auf die beiden Silben Substanz legen dies bei der Anwendung

derselben auf den unendlichen und unbegreiflichen Gott auf endliche Geister und

auf Körper in demselben Sinne tun und ob man dieselbe Vorstellung meint wenn

man jedes dieser drei so verschiedenen Dinge Substanzen nennt Behauptet man

dies so folgt daraus dass Gott die Geister und Körper in der gemeinsamen

Natur der Substanz übereinstimmen und nur durch eine verschiedene Besonderung

derselben sich unterscheiden so wie ein Baum und ein Kieselstein beide Körper

sind und in der gemeinsamen Natur der Körper übereinstimmen und nur in der

bloßen Besonderung dieses Stoffes sich unterscheiden Allem dies wäre eine

bedenkliche Lehre Sagen sie aber dass sie dies Wort für diese drei Gegenstände

in drei verschiedenen Bedeutungen gebrauchen und dass bei jedem derselben es

etwas Anderes bezeichne so haben sie diese drei unterschiedene Vorstellungen

anzugeben und noch besser ihnen drei verschiedene Namen zu geben um bei einem

so wichtigem Begriffe Verwirrung und Irrtum zu vermeiden die aus dem

verschiedenartigen Gebrauch eines so zweideutigen Wortes entstehen müssen

Indes dürfte dies Wort schwerlich drei bestimmte Bedeutungen haben da es

gewöhnlich nicht einmal eine klare und bestimmte Bedeutung hat und wenn Jene

drei Bedeutungen von Substanz annehmen weshalb sollen Andere deren nicht vier

annehmen

     19 Substanzen und Akzidenzen haben in der Philosophie wenig Nutzen Als

man zuerst auf den Begriff der Akzidenzen als einer Art Dinge die des

Anhängens bedürften geriet musste man das Wort Substanz erfinden um sie zu

tragen Hätte der arme indische Philosoph der meinte auch die Erde bedürfe

Etwas was sie trage nur das Wort Substanz gekannt so hätte er sich mit seinem

Elephanten nicht zu bemühen brauchen der sie tragen sollte und nicht mit der

Schildkröte um den Elephanten zu tragen das Wort Substanz hätte dies allein

geleistet Und der indische Philosoph hätte auf die Frage was Substanz sei

ganz gut ohne zu wissen was sie sei antworten können sie sei das was die

Erde trage da man es ja für eine genügende Antwort und gute Lehre halte wenn

ein europäischer Philosoph ohne zu wissen was die Substanz ist sage sie sei

das was die Akzidenzen trage Man hat daher von der Substanz keine Vorstellung

was sie istsondern nur eine verworrene und dunkle von dem was sie tut

     20 Wie sich auch ein Gelehrter hierbei verhalten mag so würde ein

einsichtiger Amerikaner bei seiner Untersuchung der Dinge sich schwerlich

zufrieden geben wenn er unsre Baukunst lernen wollte und dabei ihm gelehrt

würde dass die Säule ein Ding sei was von der Unterlage getragen werde und

die Unterlage das was eine Säule trage Er würde sich durch solche Antwort für

geäfft statt belehrt halten Wer die Natur der Bücher und ihres Inhaltes nicht

kennt könnte dann für sehr ausreichend belehrt gelten wenn er hörte dass alle

gelehrten Bücher aus Papier und Buchstaben beständen und dass die Buchstaben

Dinge seien die dem Papiere anhafteten und Papier ein Ding, was die Buchstaben

festhalte Dies wäre ein schätzbarer Weg klare Vorstellungen von Buchstaben

und Papier zu erlangen Würden die lateinischen Worte Inhärentia und Substantia

in einfache entsprechende vaterländische Worte übersetzt und Anhängsel und

Unterstützendes genannt so wurde man die angebliche Klarheit dieser Lehre von

Substanzen und Anordnungen besser erkennen und sehen was sie für die

Entscheidung philosophischer Fragen nützen

     21 Ein leerer Raum jenseits der äußersten Grenze der Körper.) Um auf

unsere Vorstellung des Raumes zurückzukommen so frage ich wenn man den Stoff

nicht für endlos annehmen will was wohl Niemand tun wird ob wenn Jemand von

Gott an das Ende der körperlichen Dinge gestellt würde er nicht seine Hand über

seinen Körper hinausstrecken könnte Könnte er es so bringt er seinen Arm

dahin wo vorher ein Raum ohne Körper war und wenn er da seine Finger spreizte

so würde wieder ein Raum zwischen denselben ohne Körper sein Könnte er seine

Hand aber nicht ausstrecken so müsste etwas ihn daran hindern da ich annehme

dass er lebt und dieselben Kräfte sich bewegen zu können wie jetzt hat ein

Fall der wenn es Gott so beliebt an sich nicht unmöglich sein würde

wenigstens ist es Gott nicht unmöglich den Menschen so zu bewegen und nun

frage ich Ist das was seine Hand in diesem Fall hindert eine Substanz oder

eine Akzidenz Etwas oder Nichts Wenn man dies gelöst haben wird wird man

vielleicht auch lösen können was das ist was zwischen zwei von einander

abstehenden Körpern ist und dabei kein Körper ist und keine Dichtheit hat Bis

dahin ist wohl auch der Grund dass wo Nichts hindert nämlich jenseits der

Grenze der Körper), ein angestoßener Körper sich bewegen wird ebenso gut wie

der dass wo nichts dazwischen ist zwei Körper sich berühren müssen denn der

leere Raum genügt die Notwendigkeit der Berührung aufzuheben und der bloße

Raum vermag eine Bewegung nicht anzuhalten Die Wahrheit ist dass man entweder

zugestehen muss man nehme den Stoff als unendlich an obgleich man vermeidet

es auszusprechen oder man muss einräumen dass der Raum kein Körper ist denn

ich möchte wohl den verständigen Mann sehen der sich eine Grenze des Raumes

eher vorstellen könnte wie eine Grenze der Zeit oder der im Vorstellen das

Ende bei einem von beiden erreichen zu können hoffte Ist daher seine

Vorstellung der Ewigkeit unendlich so ist es auch seine Vorstellung der

Unermesslichkeit sie sind entweder beide endlich oder beide unendlich

     22 Die Kraft zu vernichten beweist den leeren Raum Ferner muss man

wenn man leugnet dass ein Raum ohne Körper bestehen könne den Stoff nicht

allein unendlich setzen sondern auch Gott die Macht einen Teil des Stoffes zu

vernichten absprechen Niemand wird wohl leugnen dass Gott alle Bewegung des

Stoffes aufheben und die Körper im Weltall in vollkommene Ruhe und Stillstand

versetzen kann und dass er dies so lange währen lassen kann als ihm beliebt

Wer dann anerkennt dass Gott während einer solchen allgemeinen Ruhe dies Buch

oder den Körper des Lesers vernichten kann muss auch die Möglichkeit des leeren

Raumes anerkennen da der Raum den ein so vernichteter Körpers einnahm bleiben

und ohne Körper sein wird denn die benachbarten Körper sind in vollkommener

Ruhe und bilden daher einen diamantenen Wall welcher das Eindringen jedes

andern Körpers verhindert Auch ist die Notwendigkeit dass sofort ein

Stoffteil die Stelle eines seinen Platz verlassenden Stoffteiles einnehme nur

die Folge dass man den Raum als erfüllt setzt dies bedarf deshalb eines

besseren Beweises als die bloße Annahme eines Vorganges der nie durch

Versuche dargelegt werden kann; vielmehr überzeugen uns unsere eigenen klaren

und deutlichen Vorstellungen dass zwischen Raum und Dichtheit keine notwendige

Verknüpfung besteht da man eine ohne die andere vorstellen kann Wer daher für

oder gegen den leeren Raum kämpft gesteht damit dass er die bestimmte

Vorstellung eines leeren und eines erfüllten Raumes habe dh dass er die

Vorstellung einer Ausdehnung die an Dichtheit leer ist habe wenn er auch

deren Wirklichkeit leugnet sonst fehlt aller Streitgegenstand Wer aber die

Bedeutung der Worte so weit ändert dass er die Ausdehnung Körper nennt und

daher das Wesen des Körpers in leere Ausdehnung ohne Erfüllung umwandelt

spricht widersinnig wenn er von einem leeren Raum spricht da es für die

Ausdehnung unmöglich ist ohne Ausdehnung zu sein denn der leere Raum mag man

ihn annehmen oder nicht bezeichnet einen Raum ohne Körper dessen Dasein

Niemand als unmöglich bestreiten kann der nicht den Stoff unendlich setzen und

Gott die Kraft einen Teil des Stoffes zu vernichten nehmen will

     23 Die Bewegung beweist den leeren Raum Ich brauche indes nicht über

die äußersten Grenzen des Stoffes hinauszugehen oder auf Gottes Allmacht mich

wegen des leeren Raumes zu berufen da die Bewegung der uns umgebenden und

sichtbaren Körper mir ihn klar zu beweisen scheint Denn Niemand wird einen

dichten Körper von irgend einer beliebigen Größe so teilen können dass dessen

dichte Theile sich innerhalb der Grenzen seiner Oberfläche nach oben oder unten

und nach allen Richtungen frei bewegen können wenn nicht ein leerer Raum

gelassen wird der wenigstens so groß ist als der kleinste Teil in den er

den besagten Körper geteilt hat Selbst wenn der kleinste Teil nur so groß

wie ein Senfkorn ist so ist doch ein Raum so groß wie ein Senfkorn nötig am

Raum für die freie Bewegung der Theile des getrennten Körpers innerhalb der

Grenzen seiner Oberfläche zu schaffen und selbst wenn die Stoffteilchen

hundert Millionenmal kleiner als ein Senfkorn wären so muss ein ebenso großer

leerer Raum da sein gilt es hier so gilt es auch dort und so fort ohne Ende

Ist nun dieser leere Raum auch noch so klein so hebt er doch die Annahme der

Raumerfüllung auf da wenn es einen leeren Raum von der Größe des kleinsten

jetzt in der Natur bestehenden Stoffteils geben kann er immer ein leerer Raum

bleibt und der Unterschied zwischen Raum und Körper ist dann ebenso groß als

bestände eine große Kluft soweit als irgend eine in der Natur zwischen beiden

Selbst wenn man den zur Bewegung notwendigen leeren Raum nicht gleich dem

kleinsten Stoffteil sondern nur zu einem Zehntel oder Tausendstel dieser

Größe annimmt bleibt doch die Folge dass es einen leeren Raum gibt

     24 Die Vorstellungen von Raum und Körper sind verschieden Da es sich

indes hier nur darum handelt ob die Vorstellung des Raumes oder der Ausdehnung

dieselbe wie die des Körpers ist so braucht nicht einmal das wirkliche Bestehen

des leeren Raumes sondern nur das seiner Vorstellung bewiesen zu werden und

diese Vorstellung besteht offenbar bei denen die streiten ob es einen leeren

Raum gibt oder nicht denn hätten sie diese Vorstellung nicht so könnten sie

über das Dasein des leeren Raumes nicht streiten enthielte ihre Vorstellung von

Körper nicht etwas mehr als die bloße Vorstellung des Raumes, so könnte über

die Erfüllung der Welt bei ihnen kein Zweifel bestehen und die Frage ob ein

Raum ohne Körper sei wäre ebenso widersinnig wie die ob ein Raum ohne Raum

oder ein Körper ohne Körper sei da dann jene Worte nur verschiedene Ausdrücke

für dieselbe Vorstellung wären

     25 Die Untrennbarkeit der Ausdehnung von dem Körper zeigt dass beide

nicht dasselbe sind Allerdings verbindet sich die Vorstellung der Ausdehnung

so untrennbar mit allen sichtbaren und den meisten fühlbaren Eigenschaften dass

man keinen äußern Gegenstand sehen und nur wenige fühlen kann ohne den

Eindruck der Ausdehnung mit zu erhalten Indem so die Ausdehnung sich sogleich

und beharrlich mit andern Vorstellungen bemerkbar macht haben deshalb

wahrscheinlich Manche das Wesen des Körpers in seine Ausdehnung verlegt Dies

kann nicht auffallen denn sie hatten durch Sehen und Fühlen die beiden am

meisten beschäftigten Sinne ihre Seele so mit der Vorstellung der Ausdehnung

erfüllt dass sie ganz davon eingenommen war und keines Gegenstandes Dasein

ohne Ausdehnung anerkennen wollte Ich mag mich jetzt mit ihnen nicht in Streit

einlassen da sie das Maß und die Möglichkeit für alles Seiende nur nach ihren

beschränkten und groben Vorstellungen bemessen da ich es indes hier nur mit

denen zu tun habe welche das Wesen des Körpers deshalb in die Ausdehnung

verlegen weil sie angeblich keine sinnliche Eigenschaft ohne Ausdehnung sich

vorstellen können so möchte ich sie doch darauf aufmerksam machen dass sie

ebenso ihre Vorstellungen von Geschmack und Geruch wie die von Gesicht und

Gefühl bemerkt haben müssen und hätten sie ihre Vorstellungen von Hunger und

Durst und anderen Schmerzen geprüft so würden sie gefunden haben dass diese

die Vorstellung der Ausdehnung durchaus nicht einschließen sie ist vielmehr

nur ein Zustand des Körpers wie die übrigen unsere Sinne können sie entdecken

aber sie sind schwerlich scharf genug um in das reine Wesen der Dinge zu

schauen

     26 Wenn diese Vorstellungenwelche mit allen andern beständig verbunden

sind, deshalb als das Wesen der Dinge gelten sollen mit denen diese

Vorstellungen stets untrennbar verbunden sind, so müsste unzweifelhaft die

Einheit das Wesen jedes Dinges sein da es keinen Gegenstand der Sinnes oder

Selbstwahrnehmung gibt der nicht die Vorstellung des Einen mit sich führt

Indes habe ich die Schwäche dieses Grundes schon genügend dargelegt

     27 Die Vorstellungen von Raum und Dichtheit sind verschieden Was man

schließlich auch von der Wahrheit des leeren Raumes halten mag so ist mir doch

so viel klar dass wir eine von der Dichtheit verschiedene Vorstellung des

Raumes ebenso deutlich haben wie eine von Bewegung verschiedene Vorstellung von

Dichtheit und wie eine von dem Räume verschiedene Vorstellung von Bewegung Wir

haben keine schärfer unterschiedene Vorstellungen als diese und wir können

ebenso den Raum ohne Dichtheit wie den Körper und den Raum ohne Bewegung

vorstellen wenngleich sicherlich kein Körper und keine Bewegung je ohne Raum

bestehen kann Ob man nun den Raum nur als ein aus dem Dasein anderer von

einander entfernter Dinge hervorgehendes Verhältnis nehmen oder ob man die

Worte des weisen Salomo »Der Himmel und der Himmel der Himmel kann dich nicht

fassen« oder die leidenschaftlichen Worte des inspirierten Philosophen St

Paulus »In ihm leben wandeln und sind wir« im wörtlichen Sinne verstehen will

überlasse ich einem Jeden; nur meine ich dass unsere Vorstellung des Raumes

sich so wie erwähnt verhält und von der des Körpers verschieden ist Mag man

an dem Stoff selbst den Abstand seiner zusammenhängenden Theile mit Rücksicht

auf dessen dichte Theile Ausdehnung nennen oder mag man das innerhalb der Enden

eines Körpers nach seinen verschiedenen Richtungen Liegende Länge Breite und

Tiefe nennen oder mag man in Rücksicht auf das zwischen zwei Körpern oder

wirklichen Dingen Liegende gleichviel ob es von Stoff ist oder nicht Abstand

nennen so bleibt es unter alten diesen Namen und Gesichtspunkten immer die

einfache Vorstellung des Raumes, die den Gegenständen, mit denen unsere Sinne

sich beschäftigen entnommen ist Haben sich einmal diese Vorstellungen in der

Seele befestigt so kann man sie erwecken wiederholen und eine zu der andern so

oft fügen als man will und den so vorgestellten Raum entweder mit dichten

Teilen gefüllt vorstellen so dass ein anderer Körper nur nach Fortstoßung des

frühem da eindringen kann oder als leer von Dichtem so dass ein Körper

gleicher Größe diesen leeren und bloßen Raum einnehmen kann ohne irgend ein

darin befindliches Ding zu entfernen oder fortzustoßen Um indes Verwirrung

bei Besprechung dieses Gegenstandes zu vermeiden wäre es vielleicht

zweckmäßig das Wort Ausdehnung nur auf den Stoff anzuwenden oder auf die

Entfernung der Enden der einzelnen Körper und das Wort Ausspannung für den

Raum überhaupt zu gebrauchen gleichviel ob er von Körpern erfüllt ist oder

nicht so dass man sagte der Raum ist ausgespannt und der Körper ist

ausgedehnt Indes ist hierin Jeder frei mein Vorschlag soll nur die Weise

sich auszudrücken klarer und bestimmter machen

     28 Die Menschen sind in den klaren einfachen Vorstellungen meist

übereinstimmend Die genaue Kenntnis der Bedeutung unseres Wortes dürfte hier

wie in vielen andern Fällen dem Streite schnell ein Ende machen Denn ich

möchte annehmen dass alle Menschen bei näherer Prüfung in der Regel in den

einfachen Vorstellungen übereinstimmen und nur im Gespräch die verschiedenen

Bezeichnungen derselben sich verwirren Ich meine Menschen welche ihre

Gedanken trennen und die Vorstellungen ihrer Seele sorgfältig prüfen können in

ihrem Denken nicht sehr von einander abweichen wenngleich sie mit einander

durch Worte in Verwickelung geraten können je nach der Sprachweise der

einzelnen Schulen und Sekten in denen sie aufgezogen worden Dagegen muss unter

Menschen die nicht nachdenken und ihre Vorstellung nicht sorgsam und

gewissenhaft prüfen und sie nicht von den Merkzeichen abstreifen die dafür

gebräuchlich sind sondern sie mit den Worten verwechseln das Streiten Zanken

und Schwätzen kein Ende nehmen namentlich wenn sie Büchergelehrte sind die

einer bestimmten Sekte zugetan sind und deren Sprache sich angewöhnt und

Anderen nachzusprechen gelernt haben Solltet aber zwei denkende Menschen

wirklich verschiedene Vorstellungen haben so wüsste ich nicht wie sie mit

einander verhandeln und streiten könnten Man verstehe mich hier flicht falsch

ich verstehe unter den Vorstellungenvon denen ich hier spreche nicht jeden in

einem Gehirn auftauchenden Einfall auch ist es nicht leicht alle verworrenen

Begriffe und Vorurteile abzulegen welche die Seele Gewohnheit Unachtsamkeit

aus der gewöhnlichen Unterhaltung aufgenommen hat die Prüfung dieser

Vorstellungen erfordert Mühe und Ausdauer bis sie in die klaren und deutlichen

aufgelöst sind aus denen sie zusammengesetzt sind und bis man erkennt welche

einzelnen Vorstellungen eine notwendige Verbindung oder Abhängigkeit von

einander haben Ehe man nicht dies mit den ersten und ursprünglichen Begriffen

der Dinge ausgeführt hat baut man auf schwankenden und unsicheren Grundsätzen

und wird oft in Verlegenheit geraten

 
 



 


     1 Die Dauer ist eine fließende Ausdehnung Es gibt noch eine andere

Art von Länge oder Abstand deren Vorstellung man nicht durch die bleibenden

Theile des Raumes, sondern durch die fließenden und fortwährend vergehenden

Theile der Folge erlangt Sie heißt Dauer und deren einfache Zustände sind nur

die verschiedenen Längen von denen wir bestimmte Vorstellungen haben wie

Stunden Tage Jahre usw Zeit und Ewigkeit

     2 Ihre Vorstellung kommt von der Selbstwahrnehmung des Zuges unsrer

Vorstellungen Ein großer Mann antwortete auf die Frage was die Zeit sei »Si

non rogas intelligo« was wohl sagen will Je mehr ich darüber nachdenke desto

weniger kann ich es einsehen vielleicht hält man deshalb die Zeit die alles

Andere offenbart selbst für unerkennbar und allerdings haben die Dauer die

Zeit und die Ewigkeit etwas schwer Fassbares in ihrer Natur So fern indes

dieselben auch dem Verständnis zu stehen scheinen so wird doch wohl wenn man

auf ihren wahren Ursprung zurückgeht eine der beiden Quellen allen Wissens

nämlich die Sinnes oder SelbstWahrnehmung uns mit dieser Vorstellung ebenso

klar und deutlich versehen wie mit vielen andern die man für weniger dunkel

hält und man wird finden dass selbst die Vorstellung der Ewigkeit aus

demselben Ursprunge herkommt wie unsere übrigen Vorstellungen

     3 Um Zeit und Ewigkeit recht zu verstehen muss man die Vorstellung von

der Dauer, und wie man dazu kommt untersuchen Für Jeden der sich beobachtet

zeigt sich in seiner Seele ein Zug von Vorstellungendie sich ohne Unterlass

einander so lange er wach ist folgen Die Wahrnehmung des Auftretens dieser

Vorstellungen, einer nach der andern ist das was uns die Vorstellung der Folge

gewährt und der Abstand zwischen irgend welchen Teilen in dieser Reihe oder

zwischen der Erscheinung zweier Vorstellungen in der Seele nennen wir Dauer

Weil wir denken und der Reihe nach verschiedene Vorstellungen erhalten wissen

wir dass wir bestehen und deshalb nennen wir unser Dasein oder den Fortgang

unseres Daseins oder eines andern Dinges nach dem Maß der Folge der

Vorstellungen in unserer Seele die Dauer von uns oder von einem andern Dinge

was mit unserem Denken gleichzeitig da ist

     4 Dass unser Begriff von Dauer und Folge diesen Ursprung hat dh aus

der Selbstwahrnehmung des Zuges der Gedanken kommt die einer nach dem andern in

der Seele auftreten scheint mir daraus klar dass man die Dauer nur durch

Betrachtung des in unsrer Seele ablaufenden Gedankenzuges wahrnimmt Hört diese

Folge der Vorstellungen auf so nehmen wir auch keine Folge wahr Ein Jeder

erfahrt dies deutlich an sich selbst denn bei einem gesunden Schlafe sei es

während einer Stunde oder eines Tages oder eines Jahres hat er während er

schläft oder nicht denkt von dieser Dauer keine Wahrnehmung sondern ist ganz

in sich verloren so dass der Augenblick wo er mit Denken nachlässt von dem

Augenblick wo er wieder zu denken beginnt keinen Abstand für ihn zu haben

scheint Ebenso würde es einem wachenden Menschen gehen wenn er eine und

dieselbe Vorstellung ohne Wechsel und Folge von andern festhalten könnte Auch

sieht man dasswenn Jemand sich sehr in eine Sache vertieft und während dieser

Betrachtung keine Acht auf die seine Seele durchziehenden Vorstellungen hat er

einen guten Teil dieser Dauer außer Acht lässt und diese Zeit für kürzer

hält als sie ist Wenn also der Schlaf in der Regel die entfernten Zeitpunkte

vereint so geschieht es nur weil währenddem sich die Vorstellungen in der

Seele nicht folgen Träumt dagegen Jemand während des Schlafes und machen sich

dadurch mancherlei Vorstellungender Reihe nach seiner Seele bemerkbar so hat

er während dieses Traumes eine Wahrnehmung von der Dauer und ihrer Länge

Deshalb ist es mir klar dass die Vorstellung der Dauer sich von der Wahrnehmung

der Vorstellungendie sich einander in der Seele folgen ableitet ohnedem ist

der Begriff der Dauer unmöglich mag in der Welt vorgehen was da will

     5 Die Anwendbarkeit der Vorstellung der Dauer auf Dinge während man

schläft Wenn Jemand durch diese Wahrnehmung der Folge und Zahl seiner eigenen

Gedanken den Begriff oder die Vorstellung der Dauer erlangt hat so kann er

diesen Begriff dann auch auf Dinge anwenden die bestehen während er nicht

denkt ebenso wie Der welcher durch Sehen oder Fühlen von Körpern die

Vorstellung der Ausdehnung gewonnen hat sie auch dann auf Entfernungen anwenden

kann wo er keinen Körper sieht oder fühlt Wenn man daher auch von der Länge

der Dauer, während man geschlafen oder nicht gedacht hat keine Vorstellung hat

so kann man doch in Folge der Kenntnis von dem Wechsel des Tages und der Nacht

und deren anscheinender gleichmäßigen Länge und in Voraussetzung dass dies

auch während des Schlafes so geschehen sei wie zu andern Zeiten sich die Länge

seines Schlafes vorstellen und davon abnehmen Hätten aber Adam und Eva als sie

noch allem in der Welt waren statt ihres gewöhnlichen Schlafes in der Nacht

ganze 24 Stunden in einem fort geschlafen so wäre die Dauer dieser 24 Stunden

unwiederbringlich für sie verloren gewesen und sie wäre bei ihrer Zeitrechnung

außer Ansatz geblieben

     6 Die Vorstellung der Zeitfolge kommt nicht von der Bewegung.) In dieser

Weise wird die Vorstellung der Zeitfolge durch Wahrnehmen der in dem Verstände

einander folgenden Vorstellungen erlangt wollte dagegen Jemand diese

Vorstellung von der durch die Sinne wahrgenommenen Bewegung ableiten so wird er

vielleicht mir beitreten wenn er bedenkt dass ja auch die Bewegung in seiner

Seele die Vorstellung der Folge nur dadurch hervorbringt dass sie eben einen

fortlaufenden Zog verschiedener Vorstellungen in seiner Seele veranlasst Sieht

man auf einen sich bewegenden Körper so bemerkt man doch nur dann die

Bewegung, wenn dieselbe einen fortgehenden Zug von einander folgenden

Vorstellungen erweckt So kann man bei ruhiger See wenn kein Land sichtbar ist

an einem hellen Tage die Sonne oder die See oder das Schiff stundenlang

betrachten und doch wird man an keinem eine Bewegung bemerken obgleich

offenbar zwei davon und vielleicht alle drei in dieser Zeit einen weiten Weg

zurückgelegt haben Sobald man aber eine Veränderung in dem Abstand eines

derselben von andern Gegenständen bemerkt bewirkt diese Bewegung eine neue

Vorstellung in uns indem man bemerkt dass hier eine Bewegung stattgehabt Wo

man aber auch sein mag selbst wenn Alles ruht und man keine Bewegung bemerkt

so wird man doch wenn man in dieser Zeit gedacht hat bemerken wie die

verschiedenen Vorstellungen der eigenen Gedanken eine nach der andern in der

Seele auftreten und man wird deshalb hier eine zeitliche Folge auch ohne

Bewegung wahrnehmen

     7 Deshalb werden glaube ich die sehr langsamen Bewegungen nicht

bemerkt die Veränderungen ihres Abstandes von andern sichtbaren Gegenständen

sind bei dieser Bewegung so langsam dass sie eine neue Vorstellung in uns nur

lange nach einer andern erwecken und daher kein beständiger Zug neuer einander

folgenden Vorstellungen in uns entsteht Deshalb nimmt man die Bewegung nicht

wahr da sie in einer stetigen Folge besteht die man ohne die stetige Folge

neuer dadurch erweckter Vorstellungen nicht bemerken kann

     8 Ebenso werden auch sehr schnelle Bewegungen nicht bemerkt da unsere

Sinne nicht mehrere unterscheidbare Abstände bei Bewegung solcher Gegenstände

wahrnehmen können und deshalb auch keinen Zug von Vorstellungen in der Seele

bewirken so bemerkt man nicht dass ein Gegenstand sich in einem Kreise dreht

wenn dies schneller geschieht als unsere Vorstellungen in der Seele sich

einander zu folgen pflegen man sieht dann einen ganzen Kreis des Stoffes oder

der Farbe und nicht dass ein Stück desselben sich im Kreise dreht

     9 Der Zug der Vorstellungen hat sein bestimmtes Maß von Schnelligkeit

 Hiernach dürften während des Wachens unsere Vorstellungen eine der andern

in gewissen Abständen folgen wie die Bilder in dem Innern einer Laterne welche

durch die Hitze eines Lichtes sich im Kreise bewegen Der Zug der Vorstellungen

mag manchmal schneller manchmal langsamer geschehen indes dürfte bei einem

wachenden Menschen der Unterschied hierin nicht erheblich sein und es scheinen

für die Schnelligkeit und die Langsamkeit der Gedankenfolge feste Grenzen zu

bestehen über die sie nicht schneller noch langsamer werden kann.

     10 Diese sonderbare Annahme stütze ich darauf dass man bei den auf einen

Sinn gemachten Eindrücken nur bis zu einem gewissen Grade die Folge bemerken

kann darüber hinaus wird bei großer Schnelligkeit die Folge nicht mehr

bemerkt obgleich die Bewegung unzweifelhaft wirklich statthat Wenn eine

Kanonkugel durch das Zimmer dringt und dabei Jemandem das Bein oder ein anderes

Glied mitnimmt so muss sie offenbar die beiden Seiten des Zimmers nach einander

treffen und ebenso einen Teil des Gliedes eher als den andern und doch wird

wohl Niemand bei einer solchen Verletzung oder bei dem Hören des Schlages gegen

die Wände eine zeitliche Folge in dem Schmerz oder in dem Schlagen eines so

schnellen Knallens bemerken können Ein solcher Zeitteil in dem man keine

Folge bemerkt wird ein Augenblick genannt die Seele nimmt in solchen nur eine

Vorstellung auf und keine weiter deshalb empfindet man keine Zeitfolge

     11 Dasselbe erfolgt bei einer zu langsamen Bewegung welche die Sinne

nicht mit einem steten Zuge frischer Vorstellungen so schnell versorgt als die

Seele dessen fähig ist deshalb drängen sich Vorstellungen anderer Gedanken ein

da Raum dazu zwischen denen welcher der bewegte Körper den Sinnen bietet da

ist und die Wahrnehmung der Bewegung geht verloren Obgleich der Gegenstand

sich wirklich bewegt so wechselt doch sein Abstand von anderen Körpern nicht in

bemerkbarer Weise so schnell als der Zug der Vorstellungen in unserer Seele

sich in der Regel bewegt und deshalb scheint der Gegenstand zu ruhen wie man

an den Zeigern der Wanduhren und an den Schatten der Sonnenweiser und andern

stetigen aber langsamen Bewegungen bemerken kann man sieht hier wohl nach

einem gewissen Zeitraum dass der Abstand sich geändert und eine Bewegung

stattgehabt hat aber die Bewegung selbst nimmt man nicht wahr

     12 Dieser Zug der Gedanken ist das Maß für andere Folgen Es scheint

mir daher dass die stetige und regelmäßige Folge der Gedanken bei dem

wachenden Menschen dass Maß und der Anhalt für jede andere zeitliche Folge

ist wenn daher eine solche Folge den Schritt unserer Vorstellungen übereilt

wenn zB zwei Töne oder zwei Schmerzen in ihrer Folge nur die Zeitdauer einer

Vorstellung ausfüllen oder wenn irgend eine Bewegung so langsam ist dass sie

mit der Schnelligkeit unserer Vorstellungen keinen Schritt hält wenn also eine

oder mehrere Vorstellungen in dem gewöhnlichen Gedankenzuge in die Seele

zwischen denen eintreten welche dem Gesicht durch die verschiedenen

wahrnehmbaren Abstände eines bewegten Körpers geboten werden oder zwischen

Tönen oder Gerüchen die einander folgen so geht die Wahrnehmung einer stetigen

Folge verloren und man bemerkt sie nur nach gewissen dazwischen liegenden

Pausen

     13 Die Seele kann nicht lange bei derselben unveränderten Vorstellung

verharren Wenn dies sich so verhält und die Vorstellungen, so lange wir deren

haben in ununterbrochener Folge wechseln und sich Platz machen so könnte man

meinen ein Mensch könne nicht lange an einen Gegenstand denken Meint man

damit dass man dieselbe einzelne Vorstellung nicht lange Zeit allein in der

Seele ohne Veränderung festhalten könne so glaube ich in der That dass dies

nicht möglich ist und ich kann dafür da ich nicht weiß wie die Vorstellungen

in der Seele gebildet werden, aus welchem Stoff sie gebildet werden, woher sie

ihr Licht bekommen und wie sie zum Vorschein kommen mich nur auf die Erfahrung

stützen Jeder mag versuchen ob er eine einzelne Vorstellung unverändert und

ohne eine andere eine erhebliche Zeit lang festhalten kann

     14 Als Probe mag er eine Gestalt ein Licht oder etwas Weißes oder sonst

etwas nehmen er wird dann finden wie schwer es ihm wird alle anderen

Vorstellungen abzuhalten es werden vielmehr Vorstellungen anderer Art oder

mancherlei Beziehungen auf jene von denen jede eine neue Vorstellung ist) sich

stetig in seiner Seele folgen wenn er auch noch so sehr sich dagegen zu

verwahren sucht

     15 In solchem Falle ist Alles was man vermag nur die Vorstellungen,

die in der Seele ablaufen zu merken und zu beobachten oder dem Zuge die

Richtung zu geben und die welche man braucht herbeizurufen aber die stetige

Folge neuer Vorstellungen kann man nicht hindern wenn man auch wählen kann ob

man sie aufmerksam beachten und betrachten will

     16 Die Vorstellungen schließen wie sie auch beschaffen sind die

Bewegung nicht ein Ich will hier nicht entscheiden ob diese Vorstellungen in

der Seele aus gewissen Bewegungen hervorgehen indes enthalten sie bei ihrem

Auftreten keine Vorstellung von Bewegung hat Jemand diese Vorstellung nicht

schon anderweit erlangt so wird er sie gar nicht besitzen Das genügt mir hier

und zeigt dass die Kenntnis die man von seinen Vorstellungen wenn sie nach

einander auftreten nimmt die istwelche die Vorstellung der zeitlichen Folge

und Dauer gewährt ohnedem würden uns letztere ganz abgehen Also nicht die

Bewegung, sondern der stete Zug unsrer Gedanken während des Wachens gewährt uns

die Vorstellung der Dauerdie Bewegung gibt diese Vorstellung nur dann wenn

sie eine stetige Folge von Vorstellungen in uns erweckt wie ich oben gezeigt

habe Durch den Zug anderer einander folgenden Vorstellungen ohne die Bewegung,

haben wir die Vorstellung der Folge und Dauer ebenso klar als durch den Zug

solcher Vorstellungen welcher durch die stetige wahrnehmbare Veränderung des

Abstandes zwischen zwei Körpern dh durch die Bewegung veranlasst wird Man

würde daher die Vorstellung der Dauer haben wenn auch die Wahrnehmung der

Bewegung ganz fehlte

     17 Die Zeit ist eine Dauer die gemessen ist Wenn so die Vorstellung

der Dauer erlangt worden so sucht die Seele zunächst ein Maß dafür zu

gewinnen wodurch sie über deren verschiedene Länge urteilen und die

verschiedene Ordnung in der die Dinge bestehen erkennen kann Ohnedem würde

ein großer Teil unseres Wissens verworren und ein großer Teil der

Geschichte nutzlos werden Diese Auffassung der Dauer, als abgesteckt nach

gewissen Perioden und durch gewisse Maß oder Haltepunkte bezeichnet ist das

was eigentlich Zeit genannt wird

     18 Ein gutes Maß der Zeit muss ihre ganze Dauer in gleiche Abschnitte

einteilen Bei der Messung der Ausdehnung braucht man nur das Maß oder den

Maßstab an die Sache anzulegen deren Ausdehnung man kennen lernen will Allein

bei der Zeitmessung ist dies nicht ausführbar weil man zwei verschiedene

Zeitgrößen behufs der Messung nicht neben einander legen kann da die Dauer nur

durch die Dauer wie die Ausdehnung nur durch die Ausdehnung gemessen werden

kann, so kann mau das unveränderliche Zeitmaß da es in einer fließenden

Folge besteht auch nicht so wie das Längenmaß von Zollen Fußen Ellen

usw was in feste kleinere Abstände eingeteilt ist bei sich führen Es kann

deshalb nur ein solches Maß für die Zeit gebraucht werden, was die ganze Länge

ihrer Dauer durch wiederkehrende feste Perioden in gleiche Theile teilt Wenn

Theile der Dauer nicht so unterschieden oder als durch solche Perioden gemessen

und unterschieden aufgefasst werden so fallen sie eigentlich nicht unter den

Begriff der Zeit wie auch die Ausdrücke vor aller Zeit oder Wenn es keine

Zeit mehr geben wird lehren

     19 Die Umdrehungen der Sonne und des Mondes sind die passendsten

Zeitmaße Die tägliche und jährliche Umdrehung der Sonne die von Beginn der

Welt beständig regelmäßig und für Jedermann wahrnehmbar gewesen ist und die

man als gleichmäßig angenommen hat ist mit Recht zum Zeitmaß benutzt worden

Da ebensowohl der Unterschied der Tage wie der Jahre auf der Bewegung der Sonne

beruht so hat man irrigerweise gemeint dass Bewegung und Dauer ihr

gegenseitiges Maß seien Indem man bei der Messung der Zeit sich an die

Vorstellungen der Minuten Stunden Tage Monate und Jahre gewöhnt hatte und

man bei Erwähnung einer Zeit oder Dauer sofort an jene Maß dachte welche

Zeitmaße sämtlich durch die Bewegung der Himmelskörper bestimmt werden, so

war man geneigt Zeit und Bewegung zu verwechseln oder wenigstens eine

notwendige Verbindung zwischen ihnen anzunehmen obgleich ein beständiges

periodisches Auftreten oder ein Wechseln in den Vorstellungen in anscheinend

gleichen Zeitabständen wenn sie beständig und allgemein zu beobachten wären

ebenso gut die Zeitabschnitte erkennbar gemacht haben würden als die jetzt

gebräuchlichen Man nehme zB die Sonne welche von Manchen für ein Feuer

gehalten wird wäre zu demselben Zeitpunkte wo sie jetzt durch denselben

Meridian geht allemal angezündet und dann nach 12 Stunden allemal ausgelöscht

worden und sie hätte im Laufe jeden Jahres merkbar an Helligkeit und Hitze erst

zu und dann wieder abgenommen so würden diese regelmäßigen Erscheinungen

obgleich keine Bewegung dabei stattgehabt ebenso gut für Alle die sie

wahrnehmen konnten zum Maß aer Zeitabschnitte gedient haben Diese

Erscheinungen würden wenn sie beständig allgemein bemerkbar und in gleich weit

abstehenden Perioden einträten den Menschen ganz gut zum Zeitmaße dienen

wenn auch keine Bewegung dabei wäre

     20 Aber nicht wegen ihrer Bewegung sondern wegen ihrer periodischen

Erscheinungen Das Gefrieren des Wassers oder das Blühen einer Pflanze würde

wenn es zu gleichen Perioden für die ganze Erde wiederkehrte ebenso gut zur

Jahresrechnung dienen können wie die Bewegung der Sonne und wirklich rechnen

einige Völker in Amerika ihre Jahre nach der Ankunft und dem Fortzug gewisser

Vögel die bei ihnen zu bestimmten Jahreszeiten stattfinden Auch ein

Gichtanfall oder das Gefühl des Hungers oder Durstes oder eines Geschmackes

oder irgend eine Vorstellungdie beständig zu gleichen Zeitabschnitten

wiederkehrte und allgemein bemerkt werden könnte würde zur Messung der

Folgenreihe und zur Unterscheidung der Zeitabstände dienen können So zählen

Blindgeborne die Zeit ganz gut nach Jahren obgleich sie deren Ablauf durch

keine Bewegung die sie gar nicht sehen wahrnehmen können und sollte ein

Blinder welcher seine Jahre entweder nach der Sommerhitze oder nach der

Winterkälte zählt oder nach dem Geruch einer Frühlingsblume oder dem Geschmack

einer Herbstfrucht daran nicht ein besseres Zeitmaß haben als die Römer

bevor Julius Cäsar ihren Kalender verbessert hatte und manches andere Volk

deren Jahre unregelmäßig sind trotz der Sonnenbewegung deren sie sich dabei

angeblich bedienen Es macht die Zeitrechnung besonders schwierig dass die

Länge der Jahre nach denen die verschiedenen Völker gerechnet haben genau zu

erkennen schwer ist da sie von einander und wohl auch von dem genauen Lauf der

Sonne sehr abweichen Sollte die Sonne von der Schöpfung bis zur Sündflut sich

beständig in dem Äquator bewegt und so Licht und Wärme an alle bewohnbare

Gegenden in Tagen von gleicher Länge gleich verteilt haben ohne die jährlichen

Veränderungen nach den Sonnenwenden wie ein geistreicher Schriftsteller

kürzlich angenommen hat1 so könnte man sich nicht leicht denken dass trotz

der Bewegung der Sonne die Menschen in der vorsündflutlichen Welt von Anfang

ab nach Jahren gezählt hätten oder ihre Zeit nach Abschnitten gemessen hätten

die keine leicht erkennbare Merkzeichen hatten

     21 Man kann von keinen zwei Teilen der Dauer erkennen dass sie gleich

sind.) Vielleicht erhebt sich aber hier die Frage wie ohne die regelmäßige

Bewegung der Sonne oder eines anderen Gegenstandes die Gleichheit der

Zeitabschnitte erkannt werden könne Ich antworte dass diese Gleichheit ebenso

wie bei den Tagen erkannt oder anfänglich vermutet werden konnte indem man sie

nach dem Zug der Gedanken beurteilte der in einem solchen Abschnitt die Seele

durchlaufen hatte Dadurch bemerkte man eine Ungleichheit in den natürlichen

Tagen aber keine in den künstlichen Tagen deshalb nahm man die Gleichheit der

letzten oder der Tages und Nachtzeit zusammen an und dies genügte sie zu dem

Zeitmaß zu machen obgleich jetzt genauere Untersuchungen Ungleichheiten in

der täglichen Umdrehung der Sonne ergeben haben und man nicht weiß ob dies

mit der jährlichen sich nicht ebenso verhält Indes genügt deren vermutete und

scheinbare Gleichheit ebenso gut zur Zeitrechnung wenn auch nicht zur genauen

Messung der Zeitabschnitte als wenn man ihre genaue Gleichheit beweisen

könnte Man muss deshalb sorgfältig zwischen der Dauer an sich und ihren

Maassen nach denen wir ihre Länge beurteilen unterscheiden Von der Dauer

nimmt man an dass sie gleichmäßig stetig und einförmig ablaufe aber von

keinem Maß was man benutzt kann man dasselbe behaupten dh dass die

einzelnen Theile oder Perioden in der Dauer einander gleich sind; denn man kann

von zwei einander folgenden Zeitlängen wie man sie auch messen mag nie deren

Gleichheit beweisen So hat sich die Bewegung der Sonne welche die Welt so

lange und so sicher als ein genaues Zeitmaß benutzt hat in ihren einzelnen

Teilen als ungleich ergeben und wenn man auch neuerlich von dem Pendel als

einer stetigeren und gleichmäßigeren Bewegung wie die der Sonne oder richtiger

gesprochen der Erde Gebrauch gemacht hat so würde doch der Beweis für die

genaue Gleichheit zweier Pendelschwingungen schwer mit Zuverlässigkeit zu führen

sein da man nicht weiß ob die uns unbekannte Ursache dieser Bewegung immer

gleichmäßig wirkt Auch ist das Medium in dem der Pendel schwingt nicht immer

genau dasselbe jede Veränderung hier wird also die Gleichheit dieser Perioden

andern und damit die Gewissheit und Genauigkeit dieses auf der Bewegung

beruhenden Zeitmaßes ebenso aufheben wie es mit den Perioden anderer

Erscheinungen der Fall ist. So bleibt also der Begriff der Dauer immer klar

aber von keinem ihrer Maß kann dessen Genauigkeit bewiesen werden, und da nie

zwei Zeitfolgen auf einander gelegt werden können, so bleibt es stets unmöglich

ihre Gleichheit sicher festzustellen Alles hierbei Ausführbare ist solche

Maß zu wählen bei denen die fortgehenden Erscheinungen in scheinbar gleichen

Perioden erfolgen und von dieser scheinbaren Gleichheit hat man kein anderes

Maß als was der Zug unserer eigenen Gedanken in das Gedächtnis eingeprägt

hat und mit dem noch andere Gründe sich verbinden die deren Gleichheit

wahrscheinlich machen

     22 Die Zeit ist nicht das Maß der Bewegung.) Es ist auffallend dass

während alle Welt die Zeit offenbar nach der Bewegung der größten und

sichtbarsten Weltkörper misst die Zeit dennoch als das Maß der Bewegung

definiert wird Offenbar ist der Raum zum Maß der Bewegung ebenso nötig wie

die Zeit und genauer betrachtet wird auch die Masse des bewegten Körpers mit

in Rechnung gezogen werden müssen wenn man die Bewegung richtig beurteilen

oder messen will Auch hilft die Bewegung nur dadurch zur Messung der Zeit dass

sie regelmäßig die Wiederkehr gewisser sinnlichen Vorstellungen in anscheinend

gleichen Zeitabschnitten veranlasst denn wenn die Bewegung der Sonne so

ungleich wäre wie die eines von unsteten Winden getriebenen Schiffes also

manchmal langsam und dann wieder ohne Regel sehr schnell oder wenn die Bewegung

zwar gleichmäßig schnell aber nicht kreisrund wäre und nicht dieselben

Erscheinungen wiederkehrend hervorbrächte so würde sie so wenig wie die

ungleiche Bewegung eines Kometen für das Maß der Zeit zu brauchen sein

     23 Die Minuten Stunden Tage und Jahre sind keine notwendigen Maß

der Zeit Hiernach sind die Minuten Stunden Tage und Jahre zur Messung der

Zeit und der Dauer so wenig nötig wie die irgendwie angemerkten Zolle Fasse

Ellen und Meilen es für die Ausdehnung sind Allerdings sind in diesem Theile

des Weltalls durch den steten Gebrauch derselben als Zeitabschnitte welche

durch die Umdrehung der Sonne bestimmt werden, und als Theile dieser Abschnitte

die Vorstellungen solcher Zeitlängen in der Seele befestigt worden und sie

werden für alle Zeitgrößen deren Länge man in Betracht nimmt benutzt allein

es wird andere Theile des Weltalls geben wo man sie so wenig braucht wie man

in Japan unsere Zolle Fuße und Meilen braucht Indes muss etwas Ähnliches

auch dort bestehen da man ohne solche periodische Wiederkehr weder für sich

noch für Andere die Länge einer Zeit messen könnte wenn auch die Welt dabei so

voll von Bewegung wie jetzt wäre aber kein Teil in regelmäßigen und scheinbar

gleich langen Umdrehungen sich bewegte Die verschiedenen Maß die man zur

Zeitrechnung benutzt ändern jedoch den Begriff der Dauer nicht die gemessen

werden soll ebenso wie die verschiedene Länge eines Fußes oder Würfels für

Die welche sie gebrauchen den Begriff der Ausdehnung nicht ändern

     24 Unser Zeitmaß ist selbst für die Dauer vor der Zeit anwendbar Hat

man einmal ein solches Zeitmaß wie die jährliche Umdrehung der Sonne

erlangt so kann es auf eine Dauer angewendet werden in welcher dieses Maß

nicht besteht und mit welchem die Dauer in Wirklichkeit nichts zu tun hat

Wenn man zB sagte Abraham sei in dem 2712ten Jahre der Julianischen

Zeitrechnung geboren so wäre dies ebenso verständlich als rechnete man vom

Beginn der Welt obgleich da noch keine Bewegung der Sonne und überhaupt noch

keine Bewegung war Die Julianische Zeitrechnung beginnt mehrere Hundert Jahre

vor der Zeit wo es wirklich Tage Nächte oder Jahre gab die durch die

Umdrehung der Sonne bezeichnet wurden und dennoch rechnen wir damit ebenso

richtig und messen Zeitlängen ebenso gut als wenn damals die Sonne wirklich

bestanden und ihre regelmäßige Bewegung wie jetzt innegehalten hätte Die

Vorstellung der Dauer einer JahresUmdrehung der Sonne ist in Gedanken ebenso

leicht auf eine Dauer anzuwenden wo es weder Sonne noch Bewegung gibt wie die

von irdischen Gegenständen entlehnten Vorstellungen des Fußes und der Elle in

Gedanken auf Entfernungen angewendet werden können, die sich über die Grenzen

der Welt erstrecken wo es keine Körper mehr gibt

     25 Gesetzt es wären 5639 Meilen oder Millionen von Meilen von hier bis

zu dem entferntesten Körper der Welt denn da sie endlich ist so muss er sich

in einer bestimmten Entfernung befinden wie man annimmt es seien 5639 Jahre

bis jetzt von dem ersten Dasein eines Körpers im Anfang der Welt verflossen so

kann man dieses Jahresmaß auf die Dauer vor der Schöpfung oder über die Dauer

von Körpern und Bewegung hinaus ebenso anwenden wie das Meilenmaß auf den

Raum jenseits des äußersten Körpers und durch das eine die Dauer auch ohne

Bewegung wie durch das andere den Raum auch ohne Körper in Gedanken messen

     26 Wendet man mir bei dieser Erklärung der Zeit ein dass ich etwas ohne

Recht vorausgesetzt habe nämlich dass die Welt nicht ewig und unendlich sei so

dürfte es hier der Gründe dafür nicht bedürfen da man indes zuletzt sich die

Welt ebenso endlich wie unendlich vorstellen kann so darf ich wohl das Eine so

gut wie ein Anderer das Entgegengesetzte annehmen auch wird wohl Jeder der es

versucht sich leicht den Anfang der Bewegung vorstellen können wenn nicht den

Anfang aller Dauer und so in seiner Betrachtung der Bewegung zu einen Halt

kommen über den er nicht hinaus kann Ebenso kann man einem Körper und der zu

ihm gehörenden Ausdehnung Grenzen setzen aber nicht dem leeren Räume Die

äußersten Grenzen von Raum und Dauer sind dem Denken so unerreichbar wie die

äußerste Grenze der Zahlen das umfassendste Denken überschreitet und zwar

überall aus demselben Grunde wie ich später darlegen werde

     27 Ewigkeit Dieselben Mittel und Quellen welche zu der Vorstellung

der Zeit führen gewähren auch die der Ewigkeit hat man nämlich die Vorstellung

der Folge und Dauer durch Wahrnehmung unseres Gedankenlaufs erlangt der

entweder durch die natürlichen Erscheinungen der Vorstellungen stetig während

des Wachens in uns kommt oder sonst durch äußere Gegenstände veranlasst

wird welche die Sinne erregen und hat man durch die Umdrehung der Sonne die

Vorstellung gewisser Zeitlängen erlangt so kann man in Gedanken eine solche

Länge der andern zusetzen so oft man will und sie so vermehrt auf die

vergangene oder kommende Zeit anwenden und man kann dies ohne Ende fortsetzen

und in das Endlose vorschreiten und so diese Länge einer Jahresbewegung der

Sonne auf eine Zeit anwenden wo es noch keine Sonne und Bewegung gab Es ist

dies nicht schwieriger oder verkehrter als wenn man die Bewegung des Schattens

des Sonnenweisers für eine Stunde am Tage auf die Zeitlänge von Etwas in der

vergangenen Nacht zB auf das Brennen einer Kerze anwendet das ohne alle

wirkliche Bewegung ist. Die Zeit wo dieses Licht eine Stunde in letzter Nacht

gebrannt hat kann ebensowenig mit einer Bewegung jetzt oder später zugleich

sein als ein Teil der Zeit vor Beginn der Welt mit der Sonne jetzt zugleich

sein kann aber dennoch hindert dies mich nicht die Zeit welche das Licht in

letzter Nacht gebrannt hat nach der Vorstellung der Zeitlänge zu messen welche

die Bewegung des Schattens des Sonnenweisers zwischen zwei Stundenstrichen

ergibt und ebenso kann ich die Dauer jedes anderen Gegenstandes danach messen

man stellt sich dabei nur vor dass wenn die Sonne in der Nacht auf die Uhr

geschienen hätte und sich so wie Jetzt bewegt hätte der Schatten des Weisers

von einem Stundenstrich zu dem andern fortgerückt sein würde während das Licht

gebrannt hat

     28 Der Begriff einer Stunde eines Tages oder Jahres enthält nur die

Vorstellung von der Länge gewisser periodischer und regelmäßiger Bewegungen

sie bestehen auch nicht alle zugleich sondern nur in meinem Gedächtnis in den

Vorstellungendie der Sinnes und SelbstWahrnehmung entlehnt sind deshalb

kann ich sie gleich leicht und mit gleichem Recht in meinen Gedanken auf die

aller Bewegung vorhergehende Zeit ebenso gut anwenden als auf Etwas was nur um

eine Minute oder einen Tag der Bewegung vorhergegangen ist in welcher sich die

Sonne diesen Augenblick befindet Alle vergangenen Dinge sind gleich vollkommen

in Ruhe und in dieser Hinsicht ist es gleich ob sie sich vor Beginn der Welt

oder gestern ereignet haben denn das Maß der Zeit durch eine Bewegung hängt

nicht davon ab dass diese Bewegung wirklich gleichzeitig geschieht sondern nur

dass man eine klare Vorstellung von der Länge einer bekannten periodischen

Bewegung habe und diese auf die zu messende Dauer eines Gegenstandes anwende

     29 Daher stellen sich Manche die Dauer der Welt vom Beginn bis zu dem

gegenwärtigen Jahre 1689 zu 5639 Jahren dh gleich 5639 JahresUmdrehungen der

Sonne vor Andere dagegen viel länger so zählten die alten Ägypter zu

Alexanders Zeit 23000 Jahre seit der Herrschaft der Sonne und die Chinesen

nehmen jetzt das Alter der Welt auf 3269000 Jahre oder noch länger an Wenn

ich auch ihre Rechnung nicht für richtig halte so kann ich die von ihnen

berechnete längere Dauer der Welt ebenso gut wie sie mir vorstellen sie

verstehen und ebenso die eine für länger als die andere nehmen wie ich

verstehe dass Methusalem länger als Enoch gelebt hat Selbst wenn die

gewöhnliche Rechnung von 5639 Jahren wahr sein sollte wie sie es gleich jeder

andern aufgestellten sein kann so kann man es doch sehr wohl verstehen wenn

Andere die Welt um 1000 Jahre älter machen da man sich gleich leicht vorstellen

ich sage nicht glauben kann die Welt sei 50000 Jahre alt wie 5639 und man

die Dauer von 50000 Jahren so gut wie die von 5639 begreifen kann Daraus

erhelltdass zur Messung irgend einer Dauer durch die Zeit es nicht nötig ist

dass die Sache gleichzeitig mit der Bewegung oder einer andern periodischen

Wiederkehr an der man sie misst bestehe es genügt dass man die Vorstellung

von der Länge einer periodischen regelmäßigen Erscheinung habe die man in

Gedanken an die Dauer anlegen kann obgleich die Bewegung oder Erscheinung nicht

zugleich mit ihr erfolgt

     30 So kann man sich in der von Moses überlieferten Schöpfungsgeschichte

vorstellen dass das Licht drei Tage vor der Sonne da war und sich bewegt hat

man braucht nur sich vorzustellen dass die Dauer des Lichts vor Erschaffung der

Sonne so lang war als drei ihrer täglichen Umdrehungen wenn die Sonne sich

damals so bewegt hätte wie jetzt Auf demselben Wege kann man sich das Chaos

oder die Erschaffung von Engeln vorstellen ehe noch das Licht war oder eine

stetige Bewegung für eine Minute oder Stunde oder für einen Tag oder Jahr oder

für tausend Jahre bestanden hatte Denn wenn man nur die Dauer einer Minute vor

dem Dasein eines Körpers oder einer Bewegung sich vorstellen kann so kann man

deren so viel hinzutun bis man zu 60 gelangt und auf diesem Wege durch

Hinzufügung von Minuten Stunden oder Jahren dh solcher SonnenUmläufe oder

solcher Theile von dieser oder einer andern Periode wovon man die Vorstellung

hat zu dem Unendlichen vorschreiten und eine Dauer annehmen die jede auch noch

so große Anzahl solcher Perioden übersteigt Dies ist nach meiner Ansicht die

Vorstellungdie man von der Ewigkeit hat man hat von ihrer Unendlichkeit

keinen andern Begriff als den von der Unendlichkeit der Zahl die man immer

ohne Ende vermehren kann

     31 So hat sich ergeben dass die Vorstellungen der Dauer und ihrer Maß

aus jenen beiden Quellen alles Wissens nämlich aus der Sinnes und

Selbstwahrnehmung hervorgehen Durch Beobachtung des Inneren Vorganges wo in dem

steten Zuge der Vorstellungen einzelne erlöschen und andere hervortreten

gelangt man erstens zur Vorstellung der Folge beobachtet man dann zweitens den

Abstand der Theile in dieser Folge so erlangt man die Vorstellung der Dauer,

und drittens gelangt man durch Wahrnehmung gewisser Erscheinungen die zu

gewissen regelmäßigen und anscheinend gleich weiten Zeitabschnitten auftreten

zur Vorstellung gewisser Längen oder Maß der Dauer, wie der Minuten Stunden

Tage Jahre usw Indem man viertens diese Zeitmaße oder diese Vorstellungen

bestimmter Längen der Dauer, so oft man will in Gedanken wiederholen kann kann

man sich eine Dauer vorstellen wo nichts wirklich dauert oder besteht so

stellt man sich den morgenden Tag das nächste Jahr oder sieben Jahre von jetzt

ab vor Fünftens gelangt man durch das Vermögen Vorstellungen von Zeitlängen

wie Minuten Jahre Lebensalter so oft man will in Gedanken zu wiederholen und

an einander zu legen ohne hierbei zu einem Ende zu kommen wie bei den Zahlen

die man auch immer vermehren kann zur Vorstellung der Ewigkeit als der

kommenden ewigen Dauer unserer Seelen und die Ewigkeit jenes unendlichen

Wesens was notwendig immer bestanden haben muss Sechstens gelangt man zur

allgemeinen Vorstellung der Zeit überhaupt wenn man irgend einen Teil aus der

unendlichen Dauer als durch periodische Maß abgesondert betrachtet

 
 



 


     1 Beide sind der Vermehrung und Verminderung fähig Obgleich ich in den

vorgehenden beiden Kapiteln ziemlich lange bei der Betrachtung von Raum und

Dauer verweilt habe so wird doch eine Vergleichung beider da sie von großer

Bedeutung sind und in ihrer Natur etwas Dunkles und Besonderes haben vielleicht

zu ihrer Erläuterung dienen und eine gemeinsame Betrachtung beider wird

vielleicht deren Begriff klarer und deutlicher machen Den Abstand oder Raum

nenne ich in seinem einfachen reinen Begriffe um Verwirrung zu vermeiden

Ausspannung um ihn von der Ausdehnung, zu unterscheiden welche mir für die

Bezeichnung dieses Abstandes in den festen Teilen des Stoffes von Manchen

gebraucht wird und so die Vorstellung von Körperlichem einschließt oder

wenigstens andeutet Ich ziehe auch das Wort Ausspannung dem des Raumes vor

weil Raum ebenso oft für den Abstand fließender einander zeitlich folgender

Theile gebraucht wird die nicht zugleich sind wie für den Abstand solcher die

dauernd sind In beiden dh Ausspannung und Dauer hat man die Vorstellung

einer stetigen Länge die vermehrt oder vermindert werden kann; denn man hat

eine ebenso klare Vorstellung von dem Unterschied in der Länge einer Stunde und

eines Tages wie von dem eines Zolles und eines Fußes

     2 Die Ausspannung ist durch den Stoff nicht beschränkt Wenn die Seele

die Vorstellung von der Länge einer gewissen Ausspannung erlangt hat mag es

eine Spanne oder einen Schritt oder sonst eine sein so kann sie wie gesagt

diese Vorstellung wiederholen und so durch Vermehrung diese Vorstellung

vergrößern und sie zwei Spannen oder Schritten gleich machen und dies so oft

wiederholen bis die Länge der Länge irgend eines Abstandes auf der Erde gleich

Kommt und so wächst bis sie den Abstand von der Sonne oder von den

entferntesten Sternen erreicht Bei einem solchen Fortgange entweder von dem

eigenen Standorte oder von jedem andern kann man weiter schreiten und über all

diese Längen hinausgehen ohne dass man dabei durch Etwas gehindert wird und

zwar sowohl mit einem Körper wie ohne solchen Man kann zwar leicht in Gedanken

an das Ende der körperlichen Ausdehnung gelangen und es ist nicht schwer an

das Ende und die Grenze alles Körperlichen zu gelangen allein von dort hindert

nichts die Seele in das Endlose weiter zu gehen und sie kann nie das Ende der

Ausspannung finden oder sich vorstellen Man kann auch nicht sagen dass jenseits

der Grenze des Körperlichen Alles aufhört wenn man nicht Gott in die Grenzen

des Körperlichen bannen will Salomon dessen Geist voll Weisheit war scheint

ebenso zu denken wenn er sagt »der Himmel und der Himmel der Himmel kann Dich

nicht fassen« und wer glaubt dass er seine Gedanken über Gottes Dasein hinaus

ausdehnen oder einen Raum vorstellen kann wo er nicht ist überschätzt die

Fähigkeit seines Verstandes

     3 Auch die Dauer ist nicht durch die Bewegung beschränkt Ebenso

verhält es sich mit der Dauer. Wenn die Seele die Vorstellung einer bestimmten

Länge der Dauer erlangt hat so kann sie sie verdoppeln vervielfältigen und

vergrößern nicht bloß aber ihre eigene Dauer sondern auch über die aller

körperlichen Dinge und über alle Zeitmaße die den großen Weltkörpern und

ihren Bewegungen entlehnt sind Indes gibt Jeder leicht zu dass wenn man auch

die Dauer endlos macht was sie sicher ist man sie doch nicht über alles

Seiende hinaus ausdehnen kann Gott füllt wie Jeder leicht zugesteht die

Ewigkeit aus und man wird auch nicht daran zweifeln können dass er ebenso die

Unermesslichkeit ausfüllt Sein unendliches Wesen ist unzweifelhaft in der einen

Richtung so grenzenlos als in der andern und man erhebt den Stoff ein wenig zu

hoch wenn man sagt wo kein Körper ist da ist nichts

     4 Weshalb man eher eine unendliche Dauer wie eine unendliche Ausdehnung

zulässt Darin liegt der Grund weshalb Jedermann leichthin und ohne Bedenken

die Ewigkeit annimmt davon spricht und nicht zögert sie der Dauer beizulegen

dagegen nur zweifelhafter und vorsichtiger die Unendlichkeit des Raumes zulässt

Es geschieht deshalb weil Dauer und Ausdehnung auch für die Bezeichnung der

Zustände anderer Wesen gebraucht werden und man deshalb leicht in Gott die ewige

Dauer begreift und dazu genötigt ist allein Ausdehnung wird nicht ihm sondern

nur den Körpern beigelegt die endlich sind und deshalb zweifelt man leichter

ob es eine Ausspannung ohne Körper gibt da man sie gewöhnlich nur als eine

Eigenschaft dieser behandelt Deshalb beschränkt man bei Untersuchung des Raumes

denselben leicht auf die Grenzen des Körperlichen als wenn der Raum da zu Ende

wäre und nicht weiter reichte Selbst wenn man in der Auffassung weiter geht so

nennt man doch das über die Grenzen des Weltalls Hinausgehende nur den

eingebildeten Raum als wenn er nichts wäre weil er keinen Körper enthielte

Dagegen nennt man die Dauer welche dem Körperlichen vorgeht und nach dessen

Bewegungen sie bestimmt wird, niemals bloß eine eingebildete weil sie niemals

leer von irgend einem andern Seienden ist Leiten nun die Worte der Dinge

überhaupt das Denken auf den Ursprung unserer Vorstellungen wie ich dies

annehmen möchte so wird man bei dem Worte Dauer duration veranlasst zu

denken dass die Fortsetzung des Seins mit einer Art Widerstand gegen

zerstörende Gewalten und die Fortsetzung von Dichtheit solidity welche leicht

mit Härte verwechselt wird und davon auch wenig verschieden ist wenn man auf

die kleinsten Teilchen des Stoffes zurückgeht eine gewisse Ähnlichkeit haben

und sonach verwandte Worte wie durare und durum esse veranlasst haben Dass

durare auf die Vorstellung von Härte ebenso wie auf die vom Dasein angewendet

wird sieht man aus Horaz Epod XVI »ferro duravit secula« Allein sei dem

wie ihm wolle so viel ist gewiss dass man Jedenfalls manchmal mit seinen

Gedanken jenseits des Körperlichen in die Unendlichkeit des Raumes und der

Ausdehnung eingeht und dass diese Vorstellung bestimmt und gesondert ist von dem

Körperlichen und allem Andern  Dies mag wenn es beliebt Stoff zu weiterem

Nachdenken abgeben

     5 Die Zeit verhält sich zur Dauer wie der Ort zur Ausspannung Die

Zeit verhält sich im allgemeinen zur Dauer wie der Ort zur Ausspannung Sie

sind von diesem grenzenlosen Ozean der Ewigkeit und Unermesslichkeit wie durch

Grenzzeichen abgetrennt und unterschieden sie dienen damit zur Bezeichnung der

gegenseitigen Stelle der endlichen wirklichen Dinge in diesem gleichförmigen

unendlichen Ozean von Dauer und Raum Genau betrachtet sind es nur

Vorstellungen bestimmter Abstände von bestimmten und bekannten festen Punkten

innerhalb der einzelnen Dinge und man nimmt an dass sie denselben Abstand von

einander bewahren Von solchen festen Punkten ab rechnet man von da aus misst

man Theile von diesen unendlichen Größen und so betrachtet sind sie das was

man Zeit und Ort nennt Dauer und Raum sind an sich grenzenlos und einförmig

und deshalb wurde sich ohne solche bekannte feste Punkte die Ordnung und

Stellung der Dinge darin verlieren und Alles würde in eine unheilbare

Verwirrung geraten

     6 Zeit und Ort gelten für so viel von der Dauer und Ausspannung als

deren durch das Dasein und die Bewegung der Körper besonders herausgehoben wird

 Wenn die Zeit und der Ort so für die bestimmten erkennbaren Theile dieser

unendlichen Abgründe von Raum und Dauer gelten und als durch Zeichen und

bekannte Grenzen von dem Rest geschieden angenommen werden so hat jedes eine

zwiefache Bedeutung Erstens wird Zeit im Allgemeinen für so viel von der

unendlichen Dauer genommen als durch das Dasein und die Bewegung der großen

Himmelskörper so weit wir sie kennen gemessen wird und mit ihnen zugleich ist

In diesem Sinne beginnt und endet die Zeit mit den Enden dieser sichtbaren Welt

so in den früher erwähnten Ausdrücken »Vor aller Zeit« und »Wenn keine Zeit mehr

sein wird« Ebenso wird der Ort manchmal für den Teil des unendlichen Raumes

genommen welcher von der stofflichen Welt erfüllt und eingenommen ist Dadurch

unterscheidet er sich von der übrigen Ausspannung obgleich er besser Ausdehnung

als Ort genannt werden könnte Die besondere Zeit oder der Raum und die

besondere Ausdehnung oder der Ort von allen körperlichen Dingen ist innerhalb

dieser Beiden befasst und sie werden durch die erkennbaren Theile derselben

gemessen

     7 Mitunter gelten sie für so viel davon als man durch Maß

bezeichnet die der Masse oder der Bewegung der Körper entlehnt sind Zweitens

wird das Wort Zeit in einem weitem Sinne genommen und wird nicht auf Theile der

unendlichen Dauer angewendet die durch das wirkliche Sein und die periodischen

Bewegungen der Körper unterschieden und gemessen werden die von Anfang ab als

Zeichen und als Jahreszeiten und als Tage und Jahre bestimmt waren und die

deshalb unsere ZeitMaß wurden sondern auf jene andere Theile der

unendlichen einförmigen Dauer die man gelegentlich für gleich mit gewissen

Längen der gemessenen Zeit annimmt und deshalb als begrenzt und bestimmt

betrachtet Nimmt man zB an dass die Schöpfung oder der Fall der Engel am

Anfange der Julianischen Zeitrechnung Statt gehabt so würde man passend und

verständlich sagen können dass die Zeit der Erschaffung der Engel der der Welt

um 7640 Jahre vorangegangen sei man bezeichnet damit so viel von der

einförmigen Dauer als man den 7640 JahresUmwälzungen der Sonne nach ihrer

jetzigen Bewegung gleich erachtet Ebenso spricht man mitunter von Orten

Entfernungen und Maassen innerhalb der großen Leere jenseits des Weltallsindem

man so viel von diesem Raum sich vorstellt dass er gleich ist oder vermag

einen Körper von bestimmter Größe zB einen Kubikfuß in sich aufzunehmen

oder wenn man einen Punkt darin in einer bestimmten Entfernung von irgend einem

Theile des Weltalls sich vorstellt

     8 Sie kommen Beide allen Dingen zu Die Frage nach dem Wo und Wenn

treffen alle endlichen Dinge sie werden von dem Menschen immer nach irgend

einem bekannten Theile der wahrnehmbaren Welt und von gewissen Zeitabschnitten

ab gerechnet die man durch die in ihr Statt habenden Bewegungen erkennen kann

Ohne solche feste Punkte oder Perioden würde die Ordnung der Dinge für unsern

endlichen Verstand in dem grenzenlosen und einförmigen Ozean der Dauer und

Ausspannung verloren gehen sie umfassen alle endlichen Dinge in sich und

gehören in ihrem vollen Umfange Gott allein an Man darf sich daher nicht

wundern dass man sie nicht versteht und dass unser Denken so oft stockt wenn

man sie entweder für sich oder als dem höchsten unendlichen Wesen in irgend

einer Weise angehörig betrachten will So wie die Vorstellung von der Dauer

eines besonderen Dinges eine Vorstellung von dem Theile der unendlichen Dauer

ist die während seines Bestehens abläuft so ist die Zeit wo ein Ding bestand

die Vorstellung von der Größe der Dauer, die von einem bekannten und festen

Zeitabschnitte der Dauer bis zu dem Dasein dieses Dinges abgelaufen ist Man

bezeichnet den Abstand der Grenzen einer Sache nach ihrer Größe oder ihrem

zeitlichen Bestehen beispielsweise durch einen Quadratfuß oder sagt die Sache

hat zwei Jahre gedauert und andererseits bezeichnet man seine Entfernung nach

Ort und Zeit von andern festen Punkten des Raumes oder der Dauer, wie zB in

der Mitte von Lincolns Feld oder von dem ersten Grade des Stiers oder in

dem Jahre unseres Herrn 1671 oderdas tausendste Jahr der Julianischen Periode

Alle diese Entfernungen misst man durch bereits bekannte Vorstellungen gewisser

Raum und Zeitgrößen wie Zolle Fuße Meilen und Grade oder wie Minuten

Tage Jahre usw bei der Zeit

     9 Alle Theile der Ausdehnung sind selbst Ausdehnungund alle Theile der

Dauer sind selbst Dauer Raum und Zeit haben noch in einem andern Punkte eine

große Übereinstimmung obgleich sie nämlich mit Recht zu den einfachen

Vorstellungen gezählt werden so ist doch keine der von ihnen vorhandenen

bestimmten Vorstellungen ohne irgend eine Art von Zusammensetzung denn ihre

eigentliche Natur ist aus Teilen zu bestehen allein da ihre Theile alle von

gleicher Art und ohne Zumischung anderer Vorstellungen sind so können sie

deshalb doch einen Platz unter den einfachen Vorstellungen einnehmen Wenn man

wie bei der Zahl zu einem so kleinen Teil des Raumes oder der Zeit gelangen

könnte dass er nicht mehr teilbar wäre so würde er gleichsam die unteilbare

Einheit oder Vorstellung sein und durch Wiederholung würden dann die größeren

Vorstellungen von Ausdehnung und Dauer entstehen Allein man kann keine solche

unteilbare Vorstellung gewinnen deshalb benutzt man die gewöhnlichen Maß

die durch häufigen Gebrauch sich in jedem Lande dem Gedächtnis eingeprägt haben

so Zolle und Fuße Kubikfuße und Parasangen für die Zeit Sekunden Minuten

Stunden Tage Jahre man gebraucht sie als einfache Vorstellungenund die

größeren Theile werden durch wiederholte Zusammensetzungen solcher bekannten

Maß gebildet Andererseits wird das gebräuchliche kleinste Maß von beiden

gewöhnlich als die ZahlEinheit angesehen wenn man jene größeren Maß in

kleinere Theile auflösen will Allerdings wird die Vorstellung des Raumes und

der Zeit wenn sie entweder durch Vermehrung oder durch Teilung zu groß oder

zu klein wird in ihrem bestimmten Umfange etwas dunkel und verworren nur die

Zahl bleibt wie oft sie auch aneinandergelegt oder geteilt wird klar und

deutlich wie man leicht bemerkt wenn man seine Gedanken frei in der weiten

Ausdehnung des Raumes oder der Teilbarkeit des Stoffes sich ergehen lässt

Jeder Teil der Dauer ist wieder Dauer und jeder Teil von Ausdehnung ist

wieder Ausdehnung beide sind der Vermehrung und der Teilung ohne Ende fähig

Indes dürften die kleinsten Theile von beiden die man sich noch klar und

deutlich vorstellen kann am passendsten als die einfachen Vorstellungen dieser

Art anzusehen sein aus denen die zusammengesetzten Besonderungen von Raum

Ausdehnung und Dauer gebildet und in die sie wieder aufgelöst werden können.

Solch ein kleiner Teil der Dauer kann ein Augenblick heißen und ist gleich der

Zeit die eine Vorstellung in dem gewöhnlichen Lauf der Gedanken ausfüllt Bei

der Ausdehnung fehlt dafür ein eigener Name ich darf ihn vielleicht den

wahrnehmbaren Punkt nennen worunter ich den kleinsten noch unterscheidbaren

Teil des Stoffes oder Raumes verstehe er beträgt ohngefähr eine Minute und

selbst für das schärfste Auge selten weniger als 30 Sekunden eines Kreises in

dessen Mittelpunkt das Auge sich befindet

     10 Ihre Theile sind untrennbar Die Ausdehnung und Dauer stimmen ferner

darin überein dass zwar in beiden Theile angenommen werden aber diese Theile

von einander nicht getrennt werden können; selbst nicht in Gedanken obgleich

die Körperteile von denen man das Maß für den Raum und die Theile der

Bewegung oder vielmehr der Gedankenfolge in der Seele von denen man das Maß

für die Zeit entnimmt unterbrochen und getrennt werden können; denn die Körper

sind oft in Ruhe und ebenso die Gedanken beim Schlafe was man auch Ruhe nennt

     11 Die Dauer gleicht der Linie die Ausspannung dem Dichten Dagegen

unterscheiden sich beide erheblich dadurch dass die Vorstellung der Länge die

man von einer Ausspannung hat sich nach allen Richtungen wendet und so Breite

Tiefe und Gestalten hervorbringt dagegen gleicht die Dauer nur einer geraden

Linie die ohne Ende fortgeht und die keiner Mannigfaltigkeit Vervielfältigung

und Gestalt fähig ist sie ist vielmehr das gemeinsame Maß alles Daseienden

an dem Alles so lange es besteht Teil nimmt So ist der jetzige Augenblick

allen jetzt bestehenden Dingen gemeinsam sie werden alle davon so befasst als

wären sie nur ein einziges Ding und man kann wahrhaft sagen dass sie alle in

demselben Zeitpunkte sind Ob Engel und Geister in Beziehung auf Ausdehnung

etwas dem Ähnliches haben geht über meinen Verstand Wir deren Verstand und

Fassungskraft nur für unsere Erhaltung und den Zwecken unseres Daseins aber

nicht für das Sein und den Umfang anderer Wesen bemessen ist können ebenso

schwer ein Dasein oder ein wirkliches Wesen vorstellen dem alle Ausdehnung

abgeht als ein wirkliches Wesen dem alle Art von Dauer abgeht deshalb wissen

wir nicht wie die Geister sich zu dem Räume verhalten und wie sie in demselben

mit einander verkehren Wir wissen nur dass jeder Körper seinen eigenen Teil

davon nach seiner Größe inne hat und deshalb, so lange er darin bleibt jeden

andern Körper davon ausschließt

     12 Bei der Dauer sind nie zwei Theile zugleich aber bei der Ausdehnung

sind alle Theile zugleich Die Dauer und die einen Teil derselben bildende

Zeit ist die Vorstellung von einem untergeben des Abstandes nicht zwei Theile

davon bestehen zugleich sondern sie folgen einer dem andern dagegen ist die

Ausdehnung die Vorstellung von einem dauernden Abstande alle Theile davon sind

zugleich und können einander nicht folgen Man kann deshalb keine Dauer ohne

Folge fassen und es nicht begreifen dass ein Wesen den morgenden Tag jetzt

besteht oder auf einmal mehr als einen Augenblick inne hat indes kann man sich

vorstellen dass das ewige Dasein des Allmächtigen sehr verschieden von dem der

Menschen oder eines andern endlichen Wesens ist Der Mensch befasst mit seiner

Kenntnis oder Kraft nicht alle vergangenen und kommenden Dinge seine Gedanken

sind nur von gestern und er weiß nicht was der kommende Morgen bringen wird

das Vergangene kann er nicht zurückrufen und das Kommende nicht zu Gegenwärtigem

machen Dies gilt von allen endlichen Wesen wenn sie auch den Menschen in

Kenntnis und Macht weit übertreffen in Vergleich mit Gott sind sie nicht mehr

als das niedrigste Geschöpf da das Endliche in keinem Verhältnis zu dem

Unendlichen steht Da Gottes unendliche Dauer mit unendlichem Wissen und Macht

verbunden ist so sieht er das Vergangene wie das Kommende Beides ist nicht

entfernter für seinen Blick und sein Wissen wie das Jetzt sie werden alle mit

einem Blick befasst und er kann beliebig Alles zum Dasein rufen Alles hängt in

seinem Dasein nur von Gottes Willen ab und besteht nur so lange als Gott es

gefällt Sonach befassen und umfassen Ausspannung und Dauer einander

wechselseitig jeder Teil des Raumes ist in jedem Theile der Zeit und jeder

Teil der Zeit ist in jedem Theile des Raumes. Eine solche Verbindung zwei so

verschiedener Vorstellungen dürfte sich in all der Mannigfaltigkeit die man

begreift und begreifen kann kaum wiederfinden und somit Stoff zu weitem

Nachdenken geben

 
 





     1 Die Zahl ist die einfachste und allgemeinste Vorstellung.) Von allen

Vorstellungendie man hat wird keine der Seele auf mehr Wegen zugeführt und

ist mehr einfach als die der Einheit oder der Eins Sie hat nicht den Schatten

von Mannigfaltigkeit oder Zusammensetzung an sich jeder Gegenstandder die

Sinne erregt jede Vorstellung in dem Verstande, jeder Gedanke in der Seele

führt diese Vorstellung mit sich Sie ist deshalb nicht allein die der Seele

bekannteste sondern auch in Bezug auf ihre Zusammenstimmung zu allen andern

Dingen die allgemeinste unserer VorstellungenDie Zahl gilt für Menschen

Engel Handlungen Gedanken und jedes Ding das sein oder vorgestellt werden

kann.

     2 Ihre Besonderung erfolgt durch Vermehrung Wenn man diese Vorstellung

in der Seele wiederholt und diese Mehreren zusammennimmt so gelangt man zu den

zusammengesetzten Besonderungen derselben So gewinnt man durch Zunahme von Eins

zu Eins die zusammengesetzte Vorstellung des Paares durch Zusammenstellung von

12 Einheiten erlangt man die zusammengesetzte Vorstellung eines Dutzend und in

gleicher Weise auch die von einem Schock einer Million und jeder andern Zahl

     3 Jede Besonderung ist in sich bestimmt Die einzelnen Besonderungen

der Zahl sind von allen andern die bestimmtesten auch die geringste Veränderung

um eine Einheit macht jede zusammengesetzte Zahl ebenso offenbar verschieden von

ihrer nächsten wie von ihrer entferntesten deshalb ist die 2 so verschieden von

der 1 wie die 100 und die 2 ist so bestimmt von der 3 unterschieden wie die

ganze große Erde von einem Kornwurm Die Besonderungen anderer einfachen

Vorstellungen verhalten sich nicht so man kann die einander nächsten

Vorstellungen trotz ihrer Verschiedenheit nicht so leicht und mitunter gar nicht

unterscheiden so wird man schwerlich den Unterschied zwischen der Weiße dieses

Papieres und dem daran grenzenden nächsten Grad erkennen ebenso wenig kann man

sich den kleinsten Überschuss in der Ausdehnung klar vorstellen

     4 Deshalb sind die Beweise durch Zahlen die schärfsten Die Klarheit

und der Unterschied jeder Zahlbesondernng selbst von ihrer nächsten dürfte die

Beweise durch Zahlen wenn auch nicht überzeugender und genauer wie die Beweise

bei Ausdehnungen aber doch allgemeiner anwendbar und bestimmter in ihrem

Gebrauche machen Die Zahlen sind bestimmter und leichter unterscheidbar als die

verschiedenen Ausdehnungen bei denen man die Gleichheit oder den Überschuss

nicht so leicht bemerkt und in ihrer Größe erfasst denn man kann bei dem Räume

durch kein Denken zu einem bestimmten Kleinsten kommen wie die Einheit, über

die man nicht hinaus kanndeshalb sind die Größe und das Verhältnis der

kleinsten Unterschiede beim Räume nicht erkennbar während dies bei den Zahlen

offenbar sich anders verhält da wie gesagt hier die 90 von der 91 ebenso

leicht unterschieden werden kann wie von der 9000 obgleich die 91 ihr am

nächsten steht Bei der Ausdehnung kann dagegen nicht jedes Mehr über einen Fuß

oder einen Zoll von diesen selbst immer unterschieden werden. Von Linien die

gleich lang erscheinen kann doch die eine um einen nicht angebbaren Teil

grösser sein als die andere und man kann den Winkel nicht angeben der der

nächst größere über den rechten ist

     5 Die Zahlen bedürfen der Bezeichnung durch Worte Durch Wiederholung

der 1 und Verbindung beider bildet man daraus die SammelVorstellungdie man

mit 2 bezeichnet Wer so verfährt und zu der letzten SammelZahl immer wieder

eine Einheit hinzufügt und ihr einen Namen gibt kann zählen oder hat die

Vorstellung verschiedener Ansammlungen von Einsen die von einander verschieden

sind und zwar so weit als er für jede dieser Zahlen Namen hat und er diese

Reihe von Zahlen mit ihren Namen behalten kann Alles Zählen besteht nur in

Hinzufügung einer Eins mehr und in Belegung der neuen zusammengefassten

Vorstellung mit einem besonderen Namen oder Zeichen um sie unter den vorgehenden

und den nachfolgenden zu erkennen und von jeder größeren oder kleinem Menge von

Einsen zu unterscheiden Wer mithin Eins zu Eins hinzufügen und so zur 2 und

dann weiter in seinem Zählen gehen und für jede so zunehmende Zahl den

bestimmten Namen behalten kann und umgekehrt durch Abziehen der Eins von einer

größeren Zahl diese vermindern kann der ist der Vorstellungen aller Zahlen

innerhalb des Umfanges seiner Sprache oder so weit fähig als er Namen dafür

hat wenn auch vielleicht nicht weiter Denn die verschiedenen Besonderungen der

Zahl bestehen in der Seele nur in so vielen Verbindungen von Einsen die sonst

nichts Mannichfaltiges enthalten und nur durch das Mehr oder Weniger sich

unterscheiden deshalb scheinen bei ihnen mehr wie bei andern Arten von

Vorstellungen Namen oder Zeichen für die einzelnen Verbindungen nötig Ohne

solche Namen oder Zeichen kann man die Zahlen kaum zum Rechnen gebrauchen

namentlich wenn es sich um eine Zahl von sehr vielen Einheiten handelt fehlt

hier der Name oder das Zeichen was diese bestimmte Zahl bezeichnet so kann sie

kaum etwas Anderes als ein verworrener Haufen sein

     6 Deshalb können die früher genannten Amerikaner obgleich sie sonst

schnelle und gute Geistesanlagen haben auf keine Weise wie wir bis 1000

zählen sie haben keine bestimmte Vorstellung von dieser Zahl obgleich sie bis

20 sehr gut rechnen können Ihre Sprache ist dürftig und nur den wenigen

Bedürfnissen eines kargen und einfachen Lebens angepasst sie kennen weder

Handel noch Mathematik und haben daher für das Tausend kein Wort Sprach man mit

ihnen von solchen großen Zahlen so zeigten sie auf die Haare ihres Kopfes um

die große Menge zu bezeichnen die sie nicht bestimmter ausdrücken könnten und

dieses Unvermögen wird nur von dem Mangel an Namen dafür hergekommen sein Die

Tuupinambos hatten kein Wort für die Zahlen aber die 5 jede größere Zahl

deuteten sie durch das Aufzeigen ihrer Finger und der Finger anderer Anwesenden

an Wir selbst würden wohl ein gut Stück weiter in Worten zählen als jetzt

gewöhnlich geschieht wenn wir passende Worte zu der Bezeichnung der größeren

Zahlen hätten denn indem wir jetzt diese hohem Zahlen als Millionen von

Millionen der Millionen bezeichnen kann man kaum über 18 oder höchstens 24

Dezimalstellen gehen wenn man nicht Verwirrung veranlassen will Wie sehr

bestimmte Worte das gute Rechnen und den Besitz brauchbarer Vorstellungen von

Zahlen unterstützen erhellt wenn man die hier folgenden Zahlengruppen in eine

Linie bringt als Zeichen einer Zahl zB

    

    Nonillionen

    857324

    Octillionen

    162486

    Septillionen

    345896

    Sextillionen

    437918

    Quintillionen

    423147

    Quadrillionen

    248106

    Trillionen

    235421

    Billionen

    261734

    Millionen

    368149

    Einheiten

    623137

    

    Die gewöhnliche Art diese Zahl im Englischen auszusprechen geschieht durch

wiederholtes Aussprechen von Millionen von Millionen von Millionen von Millionen

von Millionen von Millionen womit die Zahl der letzten sechs Zahlgruppen

ausgesprochen sein würde Auf diese Weise kann man offenbar nur sehr schwer

eine bestimmte Vorstellung von dieser Zahl erhalten Wenn aber jede dieser sechs

Zahlenreihen eine gebräuchliche Benennung hätte so würde nach meiner Meinung

diese Zahl und noch größere Zahlen leichter sich unterscheiden lassen und

leichter aufgefasst werden und Anderen deutlicher mitgeteilt werden können. Ich

erwähne dies nur um zu zeigen wie notwendig bei dem Zählen bestimmte Worte

für die Zahlen sind ohne aber deshalb selbst solche Worte einführen zu wollen

     7 Weshalb Kinder nicht frühzeitiger zählen Den Kindern fehlen somit

entweder die Worte für die verschiedenen anwachsenden Zahlen oder sie vermögen

noch nicht zerstreute Vorstellungen in eine zu fassen sie zu ordnen und so im

Gedächtnis zu behalten wie es zum Rechnen nötig ist deshalb fangen sie erst

später zu zählen an und Kommen dabei nicht eher mit Sicherheit weiter als bis

sie einen genügenden Vorrat anderer Vorstellungen gesammelt haben So kann man

beobachten wie Kinder oft ganz gut sprechen Gründe aufstellen und klare

Vorstellungen von Vielerlei haben können ohne doch bis zwanzig zählen zu

können Manche können selbst ihr ganzes Leben lang aus Mangel an Gedächtnis

für das Behalten der verschiedenen Zahlverbindungen und deren Namen und für die

Abhängigkeit langer Zahlenreihen und deren Verhältnisse zu einander nicht

rechnen lernen und über eine mäßige Reihe von Zahlen nicht hinauskommen Denn

wer bis 20 zählen und eine Vorstellung von ihr haben will muss wissen dass die

19 vorhergeht und die Namen und Zeichen aller vorhergehenden kennen ist hier

ein Mangel so tritt eine Kluft ein die Kette bricht und das Zählen stockt Zu

dem richtigen Rechnen gehört also 1 dass man zwei Vorstellungendie nur durch

das Mehr oder Weniger einer Eins unterschieden sind genau auffassen könne 2

dass man die Namen und reichen der verschiedenen Zahlverbindungen von der Eins

bis zu dieser Zahl im Gedächtnis habe und zwar nicht durcheinander sondern

genau in der Ordnung in der die Zahlen sich folgen Fehlt es an einer dieser

beiden Bedingungen so ist das Zählen gestört und es kommt dann nur zu der

verworrenen Vorstellung einer Menge ohne dass die zum genauen Zählen

erforderlichen Vorstellungen erlangt werden

     8 Die Zahl misst alles Messbare Die Zahl hat die weitere Eigenschaft

dass man von ihr bei allen messbaren Dingen Gebrauch macht namentlich für Raum

und Zeit Selbst die Unendlichkeit von beiden scheint nur die Unendlichkeit der

Zahl zu sein da die Vorstellungen von Ewigkeit und Unermesslichkeit nur die

wiederholten Hinzuzufügen bestimmter Theile der Dauer oder Ausspannung in

Verbindung mit der Unendlichkeit der Zahl sind wobei man mit diesem Hinzufügen

zu keinem Ende kommen kann Die Zahl ist es wie klar erhellt welche vor allen

andern Vorstellungen uns mit einem so unerschöpflichen Vorrat versieht Mag

Jemand eine noch so große Zahl aufsammeln so vermindert diese Menge wenn sie

auch noch so groß ist nicht im Mindesten die Macht sie zu vermehren und

erschöpft nicht im Mindesten den Vorrat an Zahlen bei dem immer noch so viel

zur Hinzufügung übrig bleibt als wenn gar keine hinweggenommen worden wäre

Diese endlose Vermehrung oder Vermehrbarkeit wenn man letzteres Wort vorzieht

der Zahlen, die so klar hervortritt dürfte die klarste und deutlichste

Vorstellung von der Unendlichkeit geben von welcher das folgende Kapitel

handeln wird

 
 



 


     1 Ursprünglich hat man die Unendlichkeit nur dem Raume der Zeit und der

Zahl beilegen wollen Um die mit Unendlichkeit bezeichnete Vorstellung am

besten kennen zu lernen hat man auf die Dinge zu achten denen dieses Wort

beigelegt wird und darauf wie die Seele zur Bildung dieser Vorstellung

veranlasst wird Endlich und unendlich werden von der Seele als Besonderungen

der Größe genommen und zunächst in ihrer ersten Bedeutung nur den Dingen

beigelegt welche aus Teilen bestehen und durch Abnahme oder Hinzufügung

selbst des kleinsten Theiles der Verminderung oder Vergrößerung fähig sind

Dies sind die in den frühem Kapiteln betrachteten Vorstellungen des Raumesder

Dauer und der Zahl Allerdings ist der große Gott aus dem und von dem alle

Dinge sind unbegreiflichunendlich dessenungeachtet legt man diesem ersten und

höchsten Wesen nach unserm schwachen und beschränkten Denken die Unendlichkeit

zunächst in Bezug auf seine Dauer und Allgegenwart bei mehr figürlich geschieht

es bei seiner Macht Weisheit Güte und seinen übrigen Eigenschaften die

eigentlich unerschöpflich und unerfassbar sind Denn wenn diese unendlich

genannt werden, so hat man nur diejenige Unendlichkeit dabei im Sinne die

nachahmend sich darauf bezieht dass die Zahl und Ausdehnung der Handlungen

oder der Gegenstände von Gottes Macht Weisheit und Güte jede ihr beizulegende

Größe und Menge übersteigt wenn man sie auch in Gedanken so oft vermehrt als

die Unendlichkeit der endlosen Zahl gestattet Ich masse mir nicht an

anzugeben wie diese Eigenschaften in Gott bestehen denn es geht über das

Bereich unserer eingeschränkten Vermögen sie enthalten sicherlich in sich alle

Vollkommenheit allein nur auf diesem Wege kann man sie begreifen und nur so

sind unsere Vorstellungen von ihrer Unendlichkeit

     2 Die Vorstellung des Endlichen wird leicht erlangt Wenn demnach das

Endliche und Unendliche von der Seele nur als Besonderungen der Ausspannung und

der Dauer behandelt werden so fragt es sich zunächst wie die Seele zu diesen

Besonderungen kommt Für das Endliche ist dies nicht schwierig Die

augenfälligen Stücke des Raumeswelche die Sinne wahrnehmen bringen die

Vorstellung des Endlichen gleichzeitig in die Seele und die gewöhnlichen

Zeitabschnitte womit gemessen wird wie Stunden Tage und Jahre sind begrenzte

Größen Die Schwierigkeit besteht nur darin wie man zu den grenzenlosen

Vorstellungen der Ewigkeit und Unermesslichkeit kommt da die Gegenstände mit

denen man verkehrt weit hinter einer Annäherung oder einem Verhältnis zu

solcher Größe zurückbleiben

     3 Wie man zu der Vorstellung des Unendlichen gelangt Wenn man die

Vorstellung eines Fußes hat so kann man sie verdoppeln und so die eine

Vorstellung von 2 Fuß gewinnen und durch Hinzufügung eines dritten Fußes die

von 3 Fuß usw ohne dass man bei diesem Hinzufügen an ein Ende kommt Dies

gilt ebenso für jede andere Länge wie die Meile den Erddurchmesser den

Durchmesser der Welt wenn ein solcher noch verdoppelt oder sonst in Gedanken

vervielfacht wird so ist doch selbst dann wenn man mit dieser Verdoppelung so

lange als man will fortfährt und die Vorstellung so groß als möglich macht

deshalb kein Grund da damit anzuhalten vielmehr ist man dann dem Ende der

Vermehrung nicht näher als bei dem Beginne Indem so die Kraft den Raum in

Gedanken noch grösser zu machen immer bleibt so bildet sich daraus die

Vorstellung des unendlichen Raumes

     4 Unsere Vorstellung des Raumes hat keine Grenzen Auf diese Weise

gelangt man zur Vorstellung des unendlichen Raumes Eine ganz andere Frage ist

es ob die Seele damit die Vorstellung eines wirklich bestehenden unendlichen

Raumes erlangt denn unsere Vorstellungen sind nicht immer ein Beweis dass das

Vorgestellte besteht indes möchte ich bei dieser Gelegenheit doch sagen dass

wir uns vorstellen können dass der Raum selbst unendlich ist die Vorstellung

von Raum oder Ausspannung leitet ganz von selbst dazu hin Mag man sie nur als

Ausdehnung des Stoffes oder als für sich und ohne Erfüllung bestehend ansehen

denn von solchem leeren Räume hat man nicht bloß die Vorstellung, sondern ich

habe auch aus der Bewegung der Körper dessen Wirklichkeit bewiesen so kann man

doch keine Grenze desselben auffinden und in der Vermehrung des Raumes auf kein

Hemmnis stoßen wenn man sie auch noch so weit in Gedanken fortsetzt Keine

körperliche Schranke selbst kein diamantener Wall vermag die Seele in ihrer

fortgehenden Ausdehnung vom Räume aufzuhalten Dergleichen dient eher diese

Ausdehnung zu erleichtern und zu verstärken denn so weit der Stoff reicht so

weit reicht auch die Ausdehnungund ist man zu dem letzten Ende des Stoffes

gelangt was könnte da einen Halt setzen oder die Seele glauben machen sie sei

am Ende des Raumes, da sie nichts der Art bemerkt ja sie sieht dass selbst der

Stoff sich darin bewegen kann Denn wenn zur Bewegung der Körper ein leerer Raum

zwischen den Körpern gehört sei er auch noch so klein und wenn die Körper sich

nur in oder durch diesen leeren Raum bewegen können ja wenn jeder Stoffteil

sich nur in einem leeren Raum bewegen kann so ist es klar und überzeugend dass

die Möglichkeit der Bewegung der Körper in einem leeren Raum jenseits der

äußersten Grenzen des Stoffes dieselbe bleibt als in dem zwischen den Körpern

befindlichen leeren Räume denn die Vorstellung des leeren und reinen Raumes

bleibt dieselbe innerhalb der Körper wie jenseits allen Stoffes der Unterschied

liegt nicht in der Sache sondern in der Masse nichts kann den Körper an der

Bewegung auch jenseits des äußersten Stoffes hindern Mag man sich also in

Gedanken unter die Körper oder fern von ihnen stellen so findet man doch in

dieser einförmigen Vorstellung des Raumes keine Grenze und kein Ende und so

muss man notwendig schließen dass der Raum vermöge der Natur und Vorstellung

jedes Theiles desselben wirklich unendlich ist

     5 Auch die Vorstellung der Dauer hat keine Grenzen So wie man also

durch das Vermögen eine Raumgröße so oft man will zu wiederholen die

Vorstellung der Unermesslichkeit erlangt ebenso kommt man durch die wiederholte

Hinzufügung einer Zeitgröße und der endlosen Vermehrung der Zahl zur

Vorstellung der Ewigkeit Man bemerkt dass man auch bei der Zeit wie bei der

Zahl kein Ende erreichen kann und Jeder kann die Erfahrung davon an sich

selbst machen Aber auch hier tritt die von unserer Vorstellung der Ewigkeit

verschiedene Frage auf ob es ein wirkliches Wesen gibt dessen Dauer ewig

bestanden hat In Bezug hierauf meine ich dasswenn man jetzt Etwas als

daseiend anerkennt man auch notwendig ein Ewiges anerkennen muss Ich habe

indes hierüber an einem andern Orte mich ausgesprochen und gehe deshalb ohne

Weiteres zu einigen weiteren Betrachtungen der Vorstellung von der Ewigkeit

über

     6 Weshalb andere Vorstellungen der Unendlichkeit nicht fähig sind Ist

es richtig dass die Vorstellung der Ewigkeit durch unser Vermögen

Vorstellungen ohne Ende an einander zu fügen erlangt wird so entsteht die

Frage weshalb man nicht auch anderen Vorstellungen neben denen des Raumes Und

der Dauer die Unendlichkeit zuteilt Denn sie können ja ebenso oft wie jene in

Gedanken wiederholt werden und dennoch spricht Niemand von einer unendlichen

Süße von einem unendlichen Weißen obgleich man beide ebenso oft wie die

Vorstellungen einer Elle oder eines Jahres wiederholen kann Ich antworte

darauf dass alle Vorstellungendie Theile enthalten und der Vermehrung durch

gleiche oder kleinere Theile fähig sind die Vorstellung der Unendlichkeit

herbeiführen indem dieses endlose Vermehren zu einer Ausdehnung führt die kein

Ende haben kann Bei andern Vorstellungen verhält es sich aber nicht so denn

wenn ich zu der möglichstgrößten Vorstellung von Raum oder Zeit die ich jetzt

habe nur das Geringste hinzufüge so wird sie grösser während die

vollkommenste Vorstellung des weißesten Weißen durch die Hinzufügung von etwas

weniger oder von gleichem Weißen denn von einer größeren Weiße als ich sie

habe kann ich nichts hinzufügen nicht grösser oder ausgedehnter wird Deshalb

heißen die verschiedenen Vorstellungen des Weißen usw Grade Denn die aus

Teilen bestehenden Vorstellungen sind allein fähig durch Hinzufügung des

kleinsten Theiles vermehrt zu werden nimmt man aber die Vorstellung von Weiß,

welche zB eine Fläche Schnee gestern gewährte und eine andere solche

Vorstellung von einer andern Fläche Schnee den man heute sieht und fügt man

sie zusammen so werden sie gleichsam Eins und laufen zusammen ohne dass die

Vorstellung des Weißen gewachsen ist fügt man aber ein geringeres Weiß zu

einem stärkeren so wird letzteres nicht grösser sondern nimmt an Weiße ab

Diese nicht aus Teilen bestehenden Vorstellungen können nicht beliebig

verstärkt und über das Wahrgenommene hinaus nicht höher gespannt werden dagegen

lassen der Raum die Dauer und die Zahl weil sie durch Wiederholung sich

vermehren in der Seele die Vorstellung eines endlosen Platzes für Mehr

ebensowenig kann man sich ein Hindernis gegen die weitere Vermehrung und den

Fortschritt vorstellen und deshalb führen diese Vorstellungen allein die Seele

zu dem Gedanken der Unendlichkeit

     7 Der Unterschied zwischen der Unendlichkeit des Raumes und dem

unendlichen Raume Wenngleich die Vorstellung der Unendlichkeit aus dem Begriff

der Größe und aus der endlosen Vermehrung entspringt welche die Seele mit der

Größe vornehmen kann indem sie sie so oft wiederholt als es ihr beliebt so

würde es doch in unserem Denken große Verwirrung anrichten wenn man die

Unendlichkeit mit irgend einer von der Seele vorgestellten Größe verbinden

wollte und wenn man über eine unendliche Größe spräche und nachdächte dh

über einen unendlichen Raum oder eine unendliche Dauer Denn unsere Vorstellung

der Unendlichkeit ist eine endlos wachsende Vorstellung wenn man daher zu einer

Größe welche die Seele zu einer Zeit sich bestimmt vorstellt die mag sie so

groß sein als sie will nicht grösser werden kann, als sie ist die

Unendlichkeit hinzufügt so ist dies so als wenn man einer zunehmenden Masse

ein Maß anfügen wollte Es ist deshalb keine nutzlose Spitzfindigkeit wenn

ich verlange dass man genau zwischen der Unendlichkeit des Raumes und einem

unendlichen Räume unterscheide erstere ist nur ein angenommener endloser

Fortgang der Seele über irgend welche wiederholte Vorstellungen von Raum sollte

aber die Seele wirklich die Vorstellung des unendlichen Raumes haben so müsste

sie wirklich schon alle jene wiederholten Vorstellungen des Raumes durchgegangen

sein und übersehen obgleich bei einer endlosen Wiederholung diese ich ihr

niemals bieten kann da es einen klaren Widersprach enthält

     8 Man hat keine Vorstellung des unendlichen Raumes Betrachtet man dies

in Zahlen so wird es etwas deutlicher werden Die Unendlichkeit der Zahlen, die

man durch keine Vermehrung erreichen kann ist leicht zu fassen allein so klar

diese Vorstellung auch ist so verkehrt ist doch die Annahme einer wirklichen

Vorstellung der unendlichen Zahl denn jedwede bejahende Vorstellung von Raum

Dauer oder Zahl die man in seiner Seele hat bleibt wenn sie auch noch so

groß ist endlich und wenn man einen unerschöpflichen Rest annimmt von dem

man alle Schranken beseitigt und worin das Denken sich ohne Ende ergehen kann

ohne dass man die Vorstellung je vollenden kann so hat man die menschliche

Vorstellung der Unendlichkeit Sie erscheint zwar ziemlich klar wenn man nur

auf die Verneinung des Endes in ihr sieht allein wollte man die Vorstellung

eines unendlichen Raumes oder einer solchen Dauer sich machen so würde diese

Vorstellung sehr dunkel und verworren bleiben da sie aus zwei sehr

verschiedenen wenn nicht unverträglichen Stücken gebildet wäre Sobald man die

Vorstellung von einer auch noch so großen Ausdehnung oder Dauer bildet so wird

offenbar die Seele damit fertig und kommt zum Abschluss allein dies

widerspricht der Vorstellung des Unendlichen die gerade in einem endlosen

Fortgehen besteht Deshalb entstehen so leicht Verwirrungen wenn man über die

unendliche Ausdehnung und Dauer sich in Streit und Ausführungen einlässt Indem

die Unverträglichkeit der Stücke aus denen diese Vorstellung besteht nicht

eingesehen wird gerät man mit den aus einer Seite derselben gezogenen

Folgerungen in Verwickelung mit den aus der andern ebenso würde die Vorstellung

einer nicht vorwärts kommenden Bewegung Jeden der aus ihr etwas Weiteres

ableiten wollte in Verlegenheit bringen denn sie ist dasselbe wie eine

Bewegung in Ruhe Ganz so verhält es sich mit der Vorstellung eines unendlichen

Raumes oder was dasselbe ist) einer unendlichen Zahl die Seele soll dabei eine

abgeschlossene Vorstellung von Raum und Zahl wirklich haben und zugleich auch

die von einem Raum oder einer Zahl die sich in einer unendlichen Zunahme

befinden welche die Seele nie befassen kann Denn so groß auch die Vorstellung

von einem Räume ist so ist sie doch nicht grösser als wie man sie in diesem

Augenblicke hat obwohl man sie in dem nächsten Augenblick verdoppeln und damit

ohne Ende fortfahren kann Nur das ist unendlich was keine Grenzen hat und nur

die Vorstellung ist die der Unendlichkeit in welcher das Denken kein Ende

finden kann

     9 Die Zahl gewährt die klarste Vorstellung der Unendlichkeit Wie

gesagt gewährt die Zahl vor allen andern Vorstellungen die klarste und

bestimmteste Vorstellung der Unendlichkeit deren der Mensch fähig ist Selbst

beim Räume und der Dauer macht man in Verfolgung der Vorstellung der

Unendlichkeit von den Vorstellungen und Wiederholungen der Zahlen Gebrauch zB

von Millionen und Millionen Meilen oder Jahren es sind dies bestimmte

Vorstellungendie durch die Zahl vor dem Zusammenfließen in einen verworrenen

Haufen worin die Seele sich verliert geschützt werden Hat man so viel

Millionen als man Lust hat von bekannten Raum oder Zeitgrößen an einander

gelegt so ist die klarste Vorstellungdie man von der Unendlichkeit gewinnt

der verworrene und unbegreifliche Überrest endloser noch hinzuzunehmender

Zahlen bei welchem sich kein Halt und keine Grenze zeigt

     10 Die Unterschiede in den Vorstellungen der Unendlichkeit der Zahl der

Dauer und der Ausdehnung.) Unsere Vorstellung von der Ewigkeit wird etwas mehr

Licht gewinnen und sich nur als die auf bestimmte Arten von Vorstellungen

angewandte Unendlichkeit der Zahl ergeben wenn man erwägt dass die Zahl nicht

allgemein wie die Dauer und die Ausdehnung, als unendlich vorgestellt wird

Dies kommt daher dass man bei der Zahl auf der einen Seite gleichsam ein Ende

hat denn bei der Zahl gibt es nichts Geringeres als die Eins hier hält man an

und ist zu Ende nur in dem Zusetzen und Vermehren der Zahl kann keine Grenze

gezogen werden Die Zahl gleicht daher einer Linie die bei uns auf einer Seite

endet während sie auf der andern Seite sich ohne alles Ende ausdehnt Bei der

Dauer und dem Räume ist dies aber nicht so da man bei der Dauer diese Linie

nach beiden Seiten als ohne Ende fortlaufend auffasst Jedermann wird dies

bemerken sobald er nur über seine Vorstellung von der Ewigkeit nachdenkt er

wird dann finden dass sie nur die Unendlichkeit der Zahl nach beiden Richtungen

ist a parte ante und a parte post wie man sagt Betrachtet man die Ewigkeit a

parte ante so tut man nichts Anderesals dass man von der jetzigen Zeit ab

nach rückwärts in Gedanken die Vorstellungen vergangener Jahre oder anderer

erheblicher Zeiträume mit der Absicht wiederholt dabei mit diesem Wiederholen

bis zu der Unendlichkeit der Zahl fortzufahren Und betrachtet man die Ewigkeit

a parte post so beginnt man ebenso von sich selbst und rechnet durch Vermehrung

der Perioden nach der kommenden Zeit zu indem man die Reihe der Zahlen ebenso

wie vorher ohne Ende ausdehnt Setzt man dann diese beiden Dinge zusammen so

hat man die unendliche Dauer welche man Ewigkeit nennt Sowohl rückwärts als

vorwärts erscheint sie als unendlich weil man das unendliche Ende der Zahl

dh das Vermögen ohne Ende zu vermehren dabei nach beiden Richtungen wendet

     11 Dasselbe gilt für den Raum man betrachtet sich selbst dabei wie in

dem Mittelpunkte und verfolgt nach allen Richtungen diese endlosen Zahlreihen

man rechnet dabei von sich entweder nach Ellen oder Meilen oder

Erddurchmessern oder Durchmessern unseres Sonnensystems mittelst der

Unendlichkeit der Zahl indem man den einen zu dem andern so oft man will

hinzufügt Dabei hat man ebensowenig einen Anlass dieser Vermehrung der

Raumvorstellung eine Grenze zu setzen wie der Vermehrung der Zahlen, und

dadurch gewinnt man die unbestimmbare Vorstellung der Unermesslichkeit

     12 Die Teilbarkeit ohne Ende Auch bei einem Stoffe von irgend einer

Größe kann man im Denken zu keinem Ende seiner Teilbarkeit gelangen hier ist

also bei einem Gegenstande noch eine Unendlichkeit die auch die Unendlichkeit

der Zahl an sich hat nur wurde oben von der Hinzufügung der Zahlen Gebrauch

gemacht während diese Unendlichkeit einer Teilung der Eins in ihre Brüche

gleicht welche die Seele auch ohne Ende fortsetzen kann da diese Teilung in

Wahrheit nur in einer Vermehrung der Zahlen besteht Man kann weder durch

Vermehrung die bejahende Vorstellung eines unendlich großen Raumes erlangen

noch durch Teilung die bejahende Vorstellung eines unendlich kleinen Körpers

gewinnen unsere Vorstellung der Unendlichkeit möchte ich vielmehr eine Art

wachsende und zurückweichende Vorstellung nennen die stets in einem endlosen

Fortgange sich befindet und niemals anhalten kann

     13 Es gibt keine bejahende Vorstellung der Unendlichkeit Man wird

nicht leicht Jemand treffen der verkehrter Weise behauptet er habe die

bejahende Vorstellung einer unendlichen Zahl da deren Unendlichkeit nur in dem

Vermögen liegt jeder Zahl neue Einheiten so lange und so viel man will

zuzufügen Dasselbe gilt auch für die Unendlichkeit des Raumes und der Dauer;

auch hier gewährt dieses Vermögen der Seele Raum für eine endlose Vermehrung

trotzdem bilden sich Manche ein eine bejahende Vorstellung von der unendlichen

Dauer und Ausdehnung zu haben Um eine solche Meinung zu widerlegen braucht man

einen Solchen nur zu fragen ob er diese seine Vorstellung vergrößern könne

oder nicht er wird dann leicht das Verkehrte einer solchen bejahenden

Vorstellung bemerken Man kann nur solche bejahende Vorstellungen von Raum und

Zeit haben die aus wiederholten Zahlen von Fußen oder Ellen oder Tagen und

Jahren gebildet und danach bemessen sind von welchen Maassen man die

Vorstellung in der Seele hat und nach denen man diese Art von Größen bemisst

Wenn daher eine unendliche Vorstellung des Raumes und der Zeit aus unendlichen

Teilen gebildet werden muss so kann sie nur die Unendlichkeit der Zahl haben

die immer der Vermehrung fähig bleibt und keine wirkliche bejahende Vorstellung

der unendlichen Zahl ist Es ist Klar dass die Zusammensetzung von endlichen

Dingen was alle Größen sind von denen man eine bejahende Vorstellung hat

niemals anders als wie bei der Zahl die Vorstellung des Unendlichen

hervorbringen kann und bei der Zahl beruht sie auf der Hinzurechnung von

endlichen Einheiten zu andern solchen die Vorstellung des Unendlichen wird hier

nur durch das Vermögen erlangt wodurch man jede Summe noch vermehren und

Gleiches hinzufügen kann ohne dadurch dem Ende eines solchen Verfahrens und

näher zu kommen

     14 Der Beweis für die bejahende Natur solcher Vorstellung des Unendlichen

wird auf den blendenden Satz gestützt dass wenn die Verneinung des Endes eine

verneinende Vorstellung sei damit die Verneinung dieser Verneinung bejahend

werde Wer indes bedenkt dass das Ende eines Körpers die Oberfläche oder das

Äußere desselben ist wird nicht so leicht die Vorstellung des Endes als eine

bloß verneinende anerkennen und wer bemerkt dass das Ende seiner Feder schwarz

oder weiß ist wird das Ende für etwas mehr als eine bloße Verneinung halten

Ebenso ist das Ende bei der Dauer nicht die bloße Verneinung des Da ins

sondern eigentlich der letzte Augenblick desselben Selbst wer das Ende nur als

eine bloße Verneinung des Daseins nimmt wird doch den Anfang als den ersten

Augenblick des Daseins anerkennen müssen und wird ihn sich bei keinem

Gegenstande als bloße Verneinung denken können dann ist aber nach dessen

eignem Beweisgrunde die Vorstellung der Ewigkeit a parte ante oder der Dauer

ohne einen Anfang nur eine verneinende Vorstellung

     15 Was bejahend und was verneinend in der Vorstellung des Unendlichen

ist Allerdings enthält die Vorstellung des Unendlichen bei allen Dingen

worauf man sie anwendet etwas Bejahendes Will man den unendlichen Raum oder

die unendliche Dauer sich vorstellen so bildet man zunächst eine sehr große

Vorstellung von vielleicht Millionen von Zeitaltern oder Meilen die man

möglicherweise noch ein oder mehrere Male verdoppelt Alles so in Gedanken

Zusammengebrachte ist bejahend und eine Anhäufung von einer großen Zahl

bejahender Raumoder Zeitvorstellungen Allein von dem Darüberhinausgehenden hat

man so wenig einen bestimmten bejahenden Begriff wie der Matrose von der Tiefe

des Meeres wenn er durch Herablassen des Senkbleies den Grand nicht erreichen

kann obgleich er weiß dass diese Tiefe viele Faden und noch mehr beträgt von

diesem Mehr hat  er keine bestimmte Vorstellung Wenn er die Leine immer

verlängern und das Gewicht immer tiefer sinken lassen könnte so würde er wenn

dieses Sinken nicht nachließe sich in der Lage Dessen befinden der eine

vollständige und bejahende Vorstellung des Unendlichen zu erreichen sucht Mag

die Leine zehn oder tausend Faden lang sein so zeigt sie in beiden Fällen das

Darüberhinausgehende in gleicher Weise an in beiden Fällen gibt sie nur die

verworrene und bejahende Vorstellung dass diese Länge nicht Alles istsondern

man weiter gehen muss Soweit die Seele einen Raum befasst hat sie eine

bejahende Vorstellung versucht sie aber diese Vorstellung unendlich zu machen

so bleibt dieselbe da sie immer erweitert und vermehrt werden muss immer

unvollendet und unvollständig Der Teil des Raumes, den die Seele bei der

Betrachtung seiner Größe bestimmt übersieht ist ein klares Bild von bejahender

Natur im Verstande aber das Unendliche ist immer grösser denn 1 ist die

Vorstellung von so viel Raum bejahend und klar 2 ebenso ist die Vorstellung

des Größeren klar aber sie ist nur eine BeziehungsVorstellung dh die

Vorstellung eines solchen Größeren als man nicht befassen kann also offenbar

eine verneinende und keine blähende Vorstellung Niemand hat die bejahende klare

Vorstellung von der Größe einer Ausdehnung welche man bei der Vorstellung des

Unendlichen erstrebt wenn er nicht die zusammenfassende Vorstellung ihrer

Dimensionen hat und eine solche wird Niemand bei dem Unendlichen zu haben

behaupten Die bejahende Vorstellung einer Größe von der man nicht angeben

kann wie groß sie istist nicht mehr als die bejahende klare Vorstellung von

der Zahl der Sandkörner an der Meeresküste bei der man nicht weiß wie viel es

sind sondern nur dass es mehr als zwanzig sind Man hätte dann auch von dem

unendlichen Raum und der Zeit dieselbe vollständige und bejahende Vorstellung

wenn man sagte sie seien grösser als die Ausdehnung oder Dauer von 10 100

1000 oder irgend einer andern Zahl von Meilen oder Jahren von denen man eine

bejahende Vorstellung besitzt Nur in dieser Weise kann das Unendliche

vorgestellt werden; das über die bejahende Vorstellung hinausliegende Stück der

Unendlichkeit liegt in der Dunkelheit und ist nur eine unbestimmte und

verworrene verneinende Vorstellungin der ich alles dazu Nötige weder befasse

noch befassen kann da es für ein endliches und beschränktes Vermögen zu groß

ist Es muss daher eine Vorstellung noch weit von einer bejahenden fern sein

wenn der größte Teil dessen was in sie hineingehört unter der unbedeutenden

Andeutung eines immer noch Größeren ausgelassen werden muss Ist man bei der

Messung einer Größe so weit als möglich gegangen und doch noch nicht an das

Ende gelangt so ist dies nur ein Ausdruck dafür dass der Gegenstand noch

grösser ist Die Verneinung des Endes bei irgend einer Größe ist mit andern

Worten der Ausdruck dass sie grösser ist und die gänzliche Verneinung alles

Endes enthält nur dieses Grösser als fortwährend gegenwärtig wenn man auch in

Gedanken die Vermehrung noch so weit fortsetzt und dieses Grösser allen

Vorstellungendie man von der Größe haben oder bilden kann hinzufügt

Hiernach mag Jeder urteilen ob eine solche Vorstellung als blähend gelten

könne

     16 Man hat keine bejahende Vorstellung von einer unendlichen Dauer Ich

frage Den welcher eine bejahende Vorstellung von der Ewigkeit zu haben

behauptet ob seine Vorstellung die zeitliche Folge einschließt oder nicht

Sagt er Nein so muss er den Unterschied seines Begriffes von der Dauer in

Anwendung auf ein ewiges und auf ein endliches Wesen darlegen denn

wahrscheinlich werden hier Viele mit mir eingestehen dass ihr Verstand hierzu

zu schwach ist und dass ihr Begriff der Dauer sie nötigt anzuerkennen wie

Alles was Dauer hat heute von einer langem Zeitfolge ist als es gestern war

Will man um der Zeitfolge bei dem äußerlichen Dasein auszuweichen zu dem

punctum stans der Schulen zurückgehen so wird man die Sache damit wenig bessern

und zu keiner klarem und mehr bejahenden Vorstellung von der unendlichen Dauer

gelangen da dem Menschen nichts unbegreiflicher ist als eine Dauer ohne

zeitliche Folge Überdem ist dieses punctum stans wenn es überhaupt etwas

bedeutet keine Größe und deshalb gehört weder das Endliche noch das

Unendliche ihm an Kann daher unser schwacher Verstand die zeitliche Folge von

keiner Dauer abtrennen so kann unsere Vorstellung der Ewigkeit nur die von

einer unendlichen Folge von Augenblicken der Dauer sein während ein Ding

besteht Ob man aber von einer wirklich unendlichen Zahl eine bejahende

Vorstellung hat oder haben kann mag Derjenige erwägen der seine unendliche

Zahl so weit gebracht hat dass er sie nicht mehr vermehren kann Ich denke so

lange man sie noch vermehren kann wird man selbst diese Vorstellung zu knapp

für eine bejahende Unendlichkeit erachten

     17 Wenn irgend ein vernünftiges Wesen sein eigenes oder eines Andern

Dasein prüft so wird es sicherlich den Begriff eines ewigen Wesens erreichen

das keinen Anfang hat ich habe wenigstens die Vorstellung von solch einer

unendlichen Dauer Allein diese Verneinung eines Anfangs ist nur die Verneinung

einer bejahenden Bestimmung und gibt mir kaum die bejahende Vorstellung der

Unendlichkeit vielmehr finde ich mich in Verlegenheit wenn ich versuche

meinen Gedanken so weit auszudehnen ich kann keine klare Vorstellung davon

gewinnen

     18 Es gibt keine bejahende Vorstellung von dem unendlichen Raume Wer

die bejahende Vorstellung eines unendlichen Raumes zu haben meint wird bei

deren Betrachtung finden dass seine Vorstellung von dem größten Räume nicht

mehr bejahend ist als die von dem kleinsten Räume Denn wenngleich die letztere

leichter und mehr innerhalb unserer Fassungskraft zu liegen scheint so ist sie

doch immer nur eine BeziehungsVorstellung der Kleinheit die immer kleiner ist

als irgend eine bejahende Vorstellung eines kleinen Raumes denn alle unsere

Vorstellungen von irgend einer Größe mag sie klein oder groß sein haben

immer ihre Grenzen während jene BeziehungsVorstellung welcher man entweder

immer noch etwas zusetzen oder abnehmen kann keine Grenze hat da das noch

übrig bleibende Größe oder Kleine was die bejahende Vorstellung nicht

mitbefasst in der Dunkelheit liegt Die Vorstellung desselben ist nur die dass

man ohne Ende die eine vermehren und die andere vermindern kann Eine Keule und

ein Mörser würden einen Stoffteil ebenso schnell zur Unteilbarkeit bringen

wie der schärfste Gedanke eines Mathematikers und ein Feldmesser würde mit

seiner Kette diesen unendlichen Raum ebenso schnell ausmessen wie der Philosoph

es mit dem schnellsten Flug seiner Gedanken vermag oder durch Denken ihn

befassen kann dies will die bejahende Vorstellung sagen Die Vorstellung eines

Würfels von einem Zoll Länge ist klar und deutlich und man kann davon die

Vorstellung der Hälfte des Viertels des Achtels bilden bis man zu der von

etwas sehr Kleinem gelangt allein damit hat man keineswegs die Vorstellung der

unfassbaren durch Teilung hervorzubringenden unendlichen Kleinheit erreicht

Man ist dann immer noch so weit als wie im Beginn davon entfernt und deshalb

erlangt man niemals die klare bejahende Vorstellung jenes Kiemen welches sich

aus der endlosen Teilbarkeit ergibt

     19 Das Bejahende und Verneinende in der Vorstellung des Unendlichen

Wer auf die Unendlichkeit ausgeht macht sich wie gesagt bei dem ersten

Beginnen eine sehr große Vorstellung von Raum oder Zeit worauf er jene dann

anwendet allein er kommt damit dem Besitz einer klaren bejahenden Vorstellung

von dem nicht näher was noch zu der bejahenden Unendlichkeit gehört so wenig

wie der Bauer mit seiner Vorstellung des Wassers was in dem Kanal an dem er

stand immer noch ablaufen und hinzukommen sollte

    »Der Bauer will das Verschwinden des Flusses abwarten allein dieser fließt

und wird flüchtig in alle Ewigkeit fließen«

     20 Manche meinen eine bejahende Vorstellung von der Ewigkeit aber nicht

von dem unendlichen Raume zu haben Ich habe Personen getroffen welche

zwischen unendlicher Dauer und unendlichem Räume einen Unterschied zogen und

meinten sie hätten eine bejahende Vorstellung von der Ewigkeit aber nicht von

dem unendlichen Räume von dem man keine haben könne Der Grund dieses

Missverständnisses mag darin liegen dass eine richtige Betrachtung der Ursachen

und Wirkungen zur Annahme eines ewigen Wesens führt dessen wirkliches Dasein

daher ihrer Vorstellung von der Ewigkeit entnommen und ihr entsprechend ist

dagegen finden sie auf der andern Seite es nicht notwendig vielmehr offenbar

verkehrt den Stoff für unendlich anzunehmen und sie folgern deshalb dreist

dass sie keine Vorstellung von dem unendlichen Räume haben können weil sie

keine Vorstellung von einem unendlichen Stoff haben können Allein dieser

Schluss ist sehr bedenklich da der Raum von dem Stoffe so wenig wie die Dauer

von der Bewegung oder von der Sonne bedingt ist obgleich sie danach gemessen

wird Man kann deshalb ebenso gut die Vorstellung eines Vierecks von 10000

Meilen haben ohne die eines so großen Körpers wie dieVorstellung von 10000

Jahren ohne die eines so alten Körpers Die Vorstellung eines von Stoff leeren

Raumes scheint mir so leicht wie die von dem Rauminhalt eines Scheffels ohne

Korn darin und von der Höhlung einer Nussschale ohne Kern Es folgt deshalb das

Daseineines unendlich ausgedehnten Körpers aus unsrer Vorstellung eines

unendlichen Raumes so wenig wie die Ewigkeit der Welt aus unsrer Vorstellung

von der unendlichen Dauer Weshalb sollte auch unsere Vorstellung des

unendlichen Raumes das wirkliche Dasein eines sie stützenden Stoffes erfordern

da mau doch die klare Vorstellung der zukünftigen wie der vergangenen

unendlichen Dauer haben kann obgleich Niemand behaupten wird dass in dieser

kommenden Zeit schon ein Ding besteht oder bestanden habe Die Vorstellung der

kommenden Zeit lässt sich mit einem gegenwärtigen oder vergangenen Dasein so

wenig verbinden als sich die Vorstellung von Gestern Heute und Morgen zu ein

und derselben machen lässt oder als aus zukünftigem oder Vergangenem ein

Gegenwärtiges gemacht werden kann. Meint man dass man eine klarere Vorstellung

von der unendlichen Dauer als von dem unendlichen Räume habe weil Gott

unzweifelhaft in dieser Ewigkeit bestanden habe während kein wirklicher

Gegenstand gleichzeitig den unendlichen Raum ausfülle so muss man dann auch

jenen Philosophen welche den unendlichen Raum durch Gottes Allgegenwart ebenso

ausgefüllt annehmen wie die unendliche Zeit durch sein unendliches Dasein

zugestehen dass sie eine ebenso klare Vorstellung von dem unendlichen Räume wie

von der unendlichen Zeit haben obgleich wohl Keiner von Beiden eine bejahende

Vorstellung beider Unendlichkeiten haben wird denn jedwede bejahende

Vorstellung einer Größe kann wiederholt und der frühem so leicht zugesetzt

werden als man die Vorstellungen von zwei Tagen oder zwei Schritten verbindet

welche bejahende Vorstellungen von Glossen sind und dieses Vermehren kann

beliebig fortgesetzt werden hätte also Jemand die bejahende Vorstellung einer

unendlichen Dauer oder Ausdehnung so konnte er zwei solche unendlichen Dinge

zusammenfügen ja das eine Unendliche grösser als das andere machen welche

Widersinnigkeiten keiner Widerlegung bedürfen

     21 Die angeblichen bejahenden Vorstellungen der Unendlichkeit sind der

Anlass zu Irrtümern Wenn nach alledem dennoch Menschen dabei beharren dass

sie die klare bejahende und umfassende Vorstellung des Unendlichen besitzen so

mögen sie sich dieses Vorrechtes erfreuen und ich werde mich sehr freuen mit

Anderen, die diese Vorstellung geständlich nicht haben wenn ihre Mittheilungen

mich eines Bessern belehren Bisher habe ich die großen und unlösbaren

Schwierigkeiten die sich bei allen Erörterungen über die Unendlichkeit von

Raum Dauer und Teilbarkeit ergeben als das sichere Zeichen eines Mangels in

unsern Vorstellungen von der Unendlichkeit und des Missverhältnisses gehalten

welches zwischen der Natur dieser Vorstellung und unserm beschränkten

Fassungsvermögen besteht Wenn man über den unendlichen Raum und die Dauer so

spricht und streitet als hätte man von derselben die gleich klare und bejahende

Vorstellung wie von einer Elle einer Stunde oder einer andern bestimmten

Größe so muss natürlich die unfassbare Natur des behandelten Gegenstandes in

Verlegenheiten und Widersprüche verwickeln und der Geist muss durch ein Ding

erdrückt werden das für seinen Überblick und seine Behandlung zu groß und

gewaltig ist

     22 Alle diese Vorstellungen kommen aus der Sinnes und Selbstwahrnehmung

 Wenn ich etwas länger bei der Betrachtung von Dauer Raum und Zahl und der

daraus hervorgehenden Unendlichkeit verweilt habe so erforderte dies der

Gegenstand; denn es gibt kaum eine andere einfache Vorstellung deren

Besonderungen das Denken so wie diese in Anspruch nehmen Ich will nicht

behaupten dass ich den Gegenstand erschöpft habe es genügt mir wenn ich

gezeigt habe dass die Seele sie so wie sie sind durch die Sinnes und

Selbstwahrnehmung empfangt und dass selbst die Vorstellung der Unendlichkeit

trotz ihres scheinbar weiten Abstandes von jedem sinnlichen Gegenstände und

jeder Tätigkeit der Seele dennoch ebenso wie alle andern Vorstellungen nur

dort ihren Ursprung hat Vielleicht führen Mathematiker deren Forschungen

weiter gegangen sind die Vorstellungen der Unendlichkeit in anderer Weise in

die Seele ein allein trotzdem haben sie ebenso wie Andere ihre ersten

Vorstellungen von Unendlichkeit in der hier beschriebenen Weise durch Sinnes

und Selbstwahrnehmung erlangt

 
 





     1 Die Besonderungen der Bewegung.) In den frühem Kapiteln habe ich

gezeigt wie die Seele vermittelst der durch Wahrnehmung empfangenen einfachen

Vorstellungen dahin kommt sich bis zur Unendlichkeit auszudehnen Obgleich

diese allen sinnlichen Auffassungen am fernsten zu stehen scheint ist ihr

Inhalt doch nur aus einfachen Vorstellungen gebildet welche die Seele durch die

Sinne empfangen und dann durch ihr Vermögen die eigenen Vorstellungen zu

wiederholen zusammengesetzt hat Diese bisher behandelten Besonderungen

einfacher sinnlicher Vorstellungen dürften vielleicht zur Darlegung wie man zu

ihnen gelangt hinreichen indes will ich in Innehaltung meines Verfahrens noch

einige andere aber nur kurz behandeln und dann zu den zusammengesetztem

Vorstellungen übergehen

     2 Das Rutschen Rollen Taumeln Gehen Kriechen Laufen Tanzen

Springen Hupfen und vieles Andere was ich nennen könnte sind Worte bei deren

Hören wenn man die Sprache versteht man sofort in seiner Seele bestimmte

Vorstellungen hat welche sämtlich nur verschiedene Besonderungen der Bewegung

sind Die Besonderungen der Bewegung entsprechen denen der Ausdehnung; Schnell

und Langsam sind zwei verschiedene Vorstellungen der Bewegung, deren Maß aus

der Verbindung der verschiedenen Zeiten und Ausdehnungen entnommen wird es sind

deshalb Vorstellungendie aus Zeit Raum und Bewegung zusammengesetzt sind

     3 Besonderungen des Tones Die gleiche Mannigfaltigkeit zeigt sich bei

den Tönen Jedes artikulierte Wort ist eine Besonderung des Tones vermittelst

des Gehörs wird die Seele durch solche Besonderungen mit einer Mannigfaltigkeit

von Vorstellungen ohne Ende versorgt Auch werden die Töne abgesehen von den

verschiedenen Lauten der Vögel und vierfüßigen Tiere durch die verschiedene

Höhe und Tiefe und deren Verbindung besondert daraus entstehen die

zusammengesetzten Vorstellungen der musikalischen Töne die ein Musiker auch

ohne einen Ton zu hören oder erklingen zu machen in seiner Seele hat und durch

Richtung seiner Aufmerksamkeit auf diese Töne dann in seiner Phantasie im

Stillen verbindet

     4 Besonderungen der Farbe Auch die Besonderung der Farben ist äußerst

mannichfach manche gelten als die verschiedenen Grade oder Schattierungen ein

und derselben Farbe Doch stellt man Farben selten allein zu einem Zweck oder

Genuss zusammen sondern man nimmt die Gestalt hinzu wie dies bei dem Malen

Weben Sticken usw der Fall ist. Deshalb gehören die hie vorkommenden

Vorstellungen meist zu den gemischten Besonderungen die aus verschiedenen Arten

sich bilden wie aus Gestalt und Farbe zB die Schönheit der Regenbogen

usw

     5 Die Besonderungen des Geschmacks Alle gemischten Geschmäcke und

Gerüche sind Besonderungen der einfachen Vorstellungen dieser Sinne Da indes

für die meisten die besonderen Worte fehlen so werden sie weniger beachtet und

können schriftlich nicht bezeichnet werden ich muss sie deshalb auch ohne

weitere Aufzählung dem Denken und der Erfahrung meiner Leser anheimgeben

    6 Manche einfache Besonderungen haben keine Namen Im Allgemeinen haben

die einfachen Besonderungen die als die verschiedenen Grade derselben einfachen

Vorstellung gelten trotzdem dass sie sehr unterschieden von einander sind doch

keine besonderen Namen und man achtet auf sie als besondere Vorstellungen dann

nur wenig wenn der Unterschied derselben gering ist Ich überlasse dem Leser

die Entscheidung ob man diese Besonderungen deshalb vernachlässigt und ohne

Namen gelassen hat weil man kein Maß zu ihrer genauen Unterscheidung hatte

oder weil trotz einer solchen Unterscheidung von ihrer Kenntnis kein

allgemeiner und notwendiger Gebrauch gemacht werden konnte Für meinen Zweck

genügt die Darlegung dass alle unsere einfachen Vorstellungen nur durch

Sinnes und Selbstwahrnehmung in die Seele gelangen und dass wenn die Seele sie

gewonnen hat sie dieselben in mannigfacher Weise wiederholen und verbinden und

so neue zusammengesetzte Vorstellungen bilden kann Wenn indes auch Weiß Roth

oder Süß usw nicht besondert und nicht zu zusammengesetzten Vorstellungen

mannichfach in der Art verbunden worden sind, dass letztere besondere Namen

erhalten hätten und zu besonderen Arten geordnet worden wären so sind doch

andere einfache Vorstellungen wie die oben erwähnten der Einheitder Dauer,

der Bewegung usw desgleichen die der Kraft und des Denkens, besondert und zu

mannichfachen zusammengesetzten Vorstellungen verbunden worden denen auch

besondere Namen gegeben worden sind.

     7 Weshalb manche Besonderung einen Namen erhalten hat und andere nicht

Der Grund davon mag wohl der sein dass bei dem großen Interesse was der

Mensch für seine Nebenmenschen mit denen er lebt bat die Kenntnis des

Menschen und seines Handelns und die gegenseitige Mittheilung davon ihm am

notwendigsten ist Deshalb wurden Worte selbst für die feinem Besonderungen des

Handelns gebildet und man gab diesen zusammengesetzten Vorstellungen Namen um

sich ihrer leichter zu erinnern und um ohne große Umwege und Umschreibungen

über diese täglich vorkommenden Dinge mit einander sprechen und über das

worüber man fortwährend Mittheilung zu machen oder zu empfangen hatte sich

leichter verständigen zu können Dass dem so ist und dass die Menschen bei

Bildung der mancherlei zusammengesetzten Vorstellungen und ihrer Namen durch den

allgemeinen Zweck der Sprache bestimmt worden sind der in einem möglichst

kurzen und schnellen Mittel für die Mittheilung der Gedanken besteht erhellt

klar aus den Namen in den mancherlei Künsten welche Namen für die verschiedenen

zusammengesetzten Vorstellungen der besonderen darin vorkommenden Verrichtungen

zur schnellem Bezeichnung derselben behufs ihrer Leitung und Besprechung

erfunden worden sind; denn von Menschen die sich mit dergleichen nicht

beschäftigen werden auch solche Vorstellungen nicht gebildet und deshalb

werden auch die Worte dafür von den meisten Menschen obgleich sie dieselbe

Sprache sprechen nicht verstanden So sind zB Entkohlen Anschweißen

Filtrieren doppeltes Filtrieren Worte für gewisse zusammengesetzte Vorstellungen,

die nur bei den wenigen Personen vorkommen deren besondere Beschäftigung sie

ihnen immer wieder zuführt und die deshalb nur von den Schmieden und Chemikern

verstanden werden denn nur diese haben die mit diesen Worten bezeichneten

Vorstellungen gebildet und ihnen Namen gegeben oder diesen Namen von Andern

angenommen Deshalb bilden sie beim Hören dieser Namen schnell diese

Vorstellungen in ihrer Seele zB bei der Refiltration alle die einfachen

Vorstellungen von Destillieren von dem Wiederaufgießen der destillierten

Flüssigkeit auf den gebliebenen Rest und von dem nochmaligen Destillieren Man

sieht also dass es für vielerlei einfache Vorstellungen im Schmecken und

Riechen und für deren noch zahlreichere Besonderungen keine Namen gibt Sie

sind entweder nicht allgemein genug bemerkt worden oder ihr Nutzen ist nicht so

erheblich um in den Geschäften und dem Verkehr der Menschen beachtet zu werden

deshalb haben sie keinen Namen erhalten und gelten nicht als besondere Arten Es

wird dies später noch ausführlicher zur Betrachtung kommen wenn ich zur

Untersuchung der Sprache gelangen werde

 
 




     1 Sinneswahrnehmung Erinnerung Betrachtung usw Wenn die Seele

ihren Blick nach innen kehrt und ihr eigenes Thun betrachtet so ist das Denken

das Erste was sie trifft Sie bemerkt eine mannichfaltige Besonderung desselben

und erhält dadurch unterschiedene Vorstellungen So gewährt die Auffassung

welche tatsächlich jeden Eindruck eines äußern Gegenstandes auf den Körper

begleitet damit verbunden ist und sich von allen andern des Denkens

unterscheidet der Seele die besondere Vorstellung der Sinneswahrnehmung die

gleichsam der tatsächliche Eintritt einer Vorstellung durch die Sinne in den

Verstand ist Wenn dieselbe Vorstellung ohne die Wirksamkeit desselben

Gegenstandes auf die Sinne wiederkehrt so ist dies die Erinnerung wird von der

Seele nach ihr gesucht und sie nur mit Mühe und Anstrengung gefunden und wieder

gegenwärtig gemacht so ist dies das Besinnen wird sie dann lange unter

aufmerksamer Betrachtung festgehalten so ist dies die Überlegung Folgen sich

dagegen die Vorstellungen in der Seele ohne dass der Verstand darauf achtet

oder sie betrachtet so ist es das was die Franzosen rêverie nennen und wofür

im Englischen der rechte Name fehlt Wenn die auftretenden Vorstellungen denn

während des Wachens besteht wie ich anderwärts bemerkt habe ein fortwährender

Zog von einander in der Seele folgenden Vorstellungen beachtet und in das

Gedächtnis gleichsam eingeschrieben werden so ist dies die Aufmerksamkeit und

wenn die Seele mit vollem Ernst und absichtlich ihren Blick auf eine Vorstellung

heftet sie von allen Seiten betrachtet und sich durch das gewöhnliche Andrängen

anderer Vorstellungen nicht irre machen lässt so ist dies das angestrengte

Nachdenken oder Studieren Der Schlaf ohne Träume ist die Ruhe von alledem und

das Träumen ist ein Vorstellen in der Seele während die äußern Sinne

verschlossen sind so dass sie äußere Gegenstände nicht mit der gewöhnlichen

Schnelligkeit aufnehmen was nicht durch äußere Gegenstände oder bekannte

Veranlassungen unterhalten wird und überhaupt nicht unter der Auswahl und

Leitung des Verstandes steht Ob das was man Außersichsein nennt nicht ein

Träumen mit offenen Augen ist überlasse ich der Prüfung

     2 Dies sind einige Beispiele von den mancherlei Besonderungen des

Denkenswelche die Seele in sich beobachtet und von denen sie daher ebenso

bestimmte Vorstellungen erlangt wie sie sie von dem Roth oder Weiß von dem

Viereck oder dem Kreise hat Ich habe nicht die Absicht diese Besonderungen

sämtlich aufzuzählen und ausführlich diese Reihe von Vorstellungen zu

behandeln welche durch Selbstwahrnehmung erlangt werden sie allein würden ein

Buch füllen Für meinen Zweck genügt der durch diese Beispiele geführte

Nachweis welcher Art diese Vorstellungen sind und wie die Seele zu ihnen

gelangt zumal ich später Gelegenheit haben werde ausführlicher über das

Beweisen Urteilen Wollen und Wissen zu handeln die zu den wichtigsten

Tätigkeiten der Seele und Besonderungen des Denkens gehören

     3 Die verschiedene Aufmerksamkeit der Seele beim Denken Es wird wohl

erlaubt sein wenn ich hier mir eine kleine Abschweifung gestatte die dem

vorliegenden Gegenstand nicht ganz fremd ist wenn ich nämlich die verschiedenen

Seelenzustände während des Denkens betrachte auf die jene vorgenannten Fälle

von Aufmerksamkeit Hinbrüten und Träumen von selbst führen Ein Jeder bemerkt

dass während des Wachens immer irgend welche Vorstellungen in seiner Seele

gegenwärtig sind wenn er auch in verschiedenen Graden von Aufmerksamkeit sich

mit ihnen beschäftigt Manchmal bleibt die Seele mit so viel Ernst bei der

Betrachtung eines Gegenstandes, dass sie dessen Vorstellungen nach allen Seiten

wendet ihre Beziehungen und Nebenumstände bemerkt und jeden Teil so genau und

so tief auffasst dass alle anderen Gedanken ausgeschlossen und die sinnlichen

Eindrücke nicht beachtet werden die zu einer andern Zeit sehr merkbare

Wahrnehmungen veranlassen In andern Fällen wird nur auf den Zug der

Vorstellungen geachtet die sich in dem Denken einander folgen ohne dass eine

einzelne verfolgt und herausgehoben wird und mitunter lässt die Seele die

Gedanken ganz unbeachtet vorüberziehen gleich matten Schatten die keinen

Eindruck machen

     4 Deshalb mag das Denken nur die Tätigkeit aber nicht das Wesen der

Seele sein Diesen unterschied von Anspannung und Abspannung der Seele bei dem

Denken wird ein Jeder samt den mannichfachen Abstufungen von ernstem Studium

bis zu einem ziemlichen NichtDenken an sich selbst erfahren haben Geht man

noch ein wenig weiter so findet man die Seele im Schlafe von den Sinnen

gleichsam zurückgezogen und außer dem Bereich jener Bewegungen welche die

Sinnesorgane erleiden und die zu andern Zeiten sehr lebhafte sinnliche

Vorstellungen erwecken Ich brauche mich hierbei nicht auf Die zu beziehen

welche stürmische Nächte ganz durchschlafen den Donner nicht hören die Blitze

nicht sehen und die Erschütterung des Hauses nicht fühlen obgleich alle

Wachenden sie sehr stark gewahr werden Doch behält die Seele bei diesem

Zurücktreten von den Sinnen mitunter eine losere und unzusammenhängende Weise

des Denkens, die man Träumen nennt zuletzt schließt aber der gesunde Schlaf

die Sinne ganz und macht allen Erscheinungen ein Ende Dies wird Jedermann an

sich selbst erfahren haben und so weit führt ihn seine eigene Selbstbeobachtung

ohne Schwierigkeit Wenn indes die Seele zu verschiedenen Zeiten verschiedene

Grade des Denkens annehmen kann und wenn sie selbst im Wachen mitunter in ihren

Gedanken so nachlassen kann dass diese trübe und dunkel bleiben und keiner noch

als ein Denken gelten kann und wenn endlich in den dunklen Zuständen eines

gesunden Schlafes die Seele das Wissen aller ihrer Vorstellungen gänzlich

verliert und dies alles klare Tatsachen sind die Jedermann an sich erfährt

so möchte ich daraus folgern dass das Denken wohl nur die Tätigkeit aber

nicht das Wesen der Seele ausmachen dürfte Denn die Wirksamkeit einzelner

Kräfte gestattet eine Steigerung und ein Nachlassen aber das Wesen der Dinge

ist solcher Veränderungen unfähig Indes will ich dies nur nebenbei bemerkt

haben

 
 



                              



     1 Lust und Schmerz sind einfache Vorstellungen Unter den durch Sinnes

und Selbstwahrnehmung empfangenen einfachen Vorstellungen gehören die der Lust

und des Schmerzes zu den wichtigeren So wie bei dem Körper die Sinneswahrnehmung

entweder rein für sich oder mit Schmerz oder Lust begleitet ist so ist auch das

Denken und Auffassen der Seele entweder rein oder es ist mit Lust oder Schmerz

Verzagen oder Sorge oder wie man es sonst nennen mag verbunden Diese Zustände

können wie alle einfachen Vorstellungen weder beschrieben noch definiert

werden man kann sie nur wie die Sinneswahrnehmungen durch eigene Erfahrung

kennen lernen Will man sie als die Gegenwart eines Gutes oder Hebels definieren

so kann man sie doch nur kennen lernen wenn man auf die Gefühle in sich selbst

achtet die beiden verschiedenen Wirkungen der Güter und der Übel in der Seele

entstehen je nachdem letztere auf uns eindringen oder von uns betrachtet

werden.

     2 Was ist ein Gut und ein Übel Deshalb sind die Dinge nur gut oder

übel durch ihre Beziehung auf Lust und Schmerz Etwas heißt ein Gut was die

Lust in uns zu wecken oder zu steigern oder den Schmerz zu mindern oder uns

sonst den Besitz eines andern Gutes oder die Entfernung eines Übels zu

verschaffen oder zu erhalten vermag Umgekehrt nennt man das ein Übel was den

Schmerz veranlasst oder steigert oder die Lust mindert oder uns ein anderes

Hebel bereitet oder ein Gut entzieht Unter Lust und Schmerz verstehe ich sowohl

die des Körpers wie der Seele man unterscheidet sie gewöhnlich obgleich beide

in Wahrheit nur verschiedene Zustände der Seele sind welche bald durch eine

Störung in dem Körper bald durch die Gedanken der Seele veranlasst werden

     3 Unsere Leidenschaften werden durch das Gute und das Übel erweckt

Die Lust und der Schmerz und ihre Ursachen das Gute und das Üble sind die

Angeln um welche sich die Leidenschaften drehen Man gewinnt die Vorstellungen

derselben durch Selbstwahrnehmung und Beobachtung ihrer verschiedenen

Wirksamkeit nach dem Wechsel der Umstände auf die Zustände und Stimmungen der

Seele und die Inneren Empfindungen wie ich sie nennen möchte die sie

veranlassen

     4 Liebe Wenn also Jemand auf die Gedanken achtet die er von dem

Vergnügen hat welche ein gegenwärtiges oder abwesendes Ding ihm verursachen

kann so hat er die Vorstellung der Liebe Denn wenn Jemand im Herbst beim Essen

der Trauben oder im Frühjahr wo es keine mehr gibt sagt dass er sie liebe

so heißt dies nur dass der Geschmack der Trauben ihn erfreue Wenn aber eine

Störung seiner Gesundheit oder seines Körperzustandes dies Vergnügen an dem

Geschmack der Trauben vernichtet so kann man nicht mehr sagen dass er die

Trauben liebe

     5 Der Hass Umgekehrt ist der Gedanke an den Schmerz den ein

gegenwärtiges oder abwesendes Ding uns verursachen kann das was man Hass

nennt Wollte ich meine Untersuchung über die reinen Vorstellungen der Gefühle

de von den verschiedenen Besonderungen der Lust und des Schmerzes bedingt sind

ausdehnen so müsste ich bemerken dass die Liebe und der Hass in Bezug auf

leblose Dinge sich meist auf die Lust und den Schmerz stützen den ihr Gebrauch

ja selbst ihre Zerstörung den Sinnen gewährt dagegen ist Hass und Liebe zu

Wesen die des Glücks oder Unglücks fähig sind meist der Ärger oder das

Vergnügen was in uns aus der Betrachtung von deren Dasein und Glück entsteht

Wenn so das Dasein und die Wohlfahrt von Kindern und Freunden eine dauernde

Freude gewährt so nennt man dies die Liebe zu ihnen Indes sind unsere

Vorstellungen von Liebe und Hass nur Seelenzustände in Bezug auf Lust und

Schmerz im Allgemeinen ohne Unterschied der Ursachen, aus denen sie in uns

entstehen

     6 Das Verlangen Das Unbehagen wenn Etwas nicht da ist dessen Genuss

sich mit der Vorstellung des Vergnügens verbindet ist das Verlangen es steigt

und fällt je nachdem dieses Unbehagen wächst oder abnimmt Ich bemerke hier

nebenbei dass der hauptsächlichste wenn nicht alleinige Antrieb für den Fleiß

und die Tätigkeit der Menschen dies Unbehagen sein dürfte Wenn irgend ein Gut

durch seine Abwesenheit keine Unannehmlichkeit oder Schmerzen veranlagst

vielmehr man auch ohne dasselbe sich behaglich und zufrieden fühlt so entsteht

kein Verlangen und keine Anstrengung danach es besteht dann höchstens ein

Wünschen welches Wort den niedrigsten Grad des Verlangens bezeichnet wo die

Unannehmlichkeit über die Abwesenheit des Gegenstandes so gering ist dass es

nur zu jenen schwachen Wünschen treibt ohne von den Mitteln zu seiner Erlangung

einen wirklichen und kräftigen Gebrauch zu machen Auch wird das Verlangen

gehemmt oder gemindert wenn das Gut für unmöglich oder unerreichbar gehalten

wird so weit nämlich das unangenehme Gefühl durch diese Rücksicht gemindert

oder aufgehoben wird Ich könnte noch weiter gehen wenn hier der Ort dazu wäre

     7 Die Freude Die Freude ist ein Vergnügen der Seele in Folge des

Wissens, dass der Besitz eines Gutes erreicht oder dessen baldige Erreichung

sicher ist Dieser Besitz ist dann vorhanden wenn man das Gut so in der Gewalt

hat dass man davon beliebig Gebrauch machen kann So wird der dem Hungertode

nahe Mensch durch die Ankunft von Nahrung erfreut wenn er auch noch nicht die

Lust aus deren Verzehrung genossen hat und ein Vater dem das Wohl seiner

Kinder Vergnügen macht bleibt so lange die Kinder sich in diesem Zustande

befinden in dem Besitz dieses Gutes er braucht nur daran zu denken um dieses

Vergnügen zu empfinden

     8 Die Traurigkeit Die Traurigkeit ist ein Unbehagen der Seele wenn

sie an den Verlust eines Gutes denkt das sie noch länger hätte gemessen können

oder wenn sie ein gegenwärtiges Übel empfindet

     9 Die Hoffnung Die Hoffnung ist eine Lust der Seele wenn sie an das

kommende Vergnügen mit einem Gegenstande denkt welcher dazu geschickt ist

     10 Die Furcht Die Furcht ist ein Unbehagen der Seele wenn sie an den

wahrscheinlichen Eintritt eines kommenden Übels denkt

     11 Die Verzweiflung Die Verzweiflung ist der Gedanke der

Unerreichbarkeit eines Gutes welcher verschieden auf die menschliche Seele

wirkt indem er bald Unbehagen und Schmerz bald Ruhe und Gleichgültigkeit

hervorbringt

     12 Der Zorn Der Zorn ist das Unbehagen oder Außersichsein der Seele

wenn man einen Schaden erlitten und die Absicht sich zu rächen hat

    13 Der Neid Der Neid ist ein Unbehagen der Seele welches durch die

Betrachtung eines begehrten Guts veranlasst wird das ein Anderer erlangt hat

welcher es nicht vor uns hätte erlangen sollen

     14 Die allen Menschen gemeinsamen Leidenschaften Diese beiden letzten

Gefühle der Neid und der Zorn die nicht durch Schmerz oder Lust an sich

veranlasst werden sondern in sich die gemischte Betrachtung seiner selbst und

Anderer enthalten finden sich deshalb nicht bei allen Menschen weil die andern

Bedingungen nämlich die Werthschätzung des eigenen Verdienstes und die

beabsichtigte Sache bei ihnen fehlen dagegen enden alle andern Gefühle rein in

Schmerz oder Lust und finden sich deshalb bei allen Menschen Man liebt

verlangt erfreut sich und hofft nur in Bezug auf eine Lust man hasst fürchtet

und sorgt sich schließlich nur eines Schmerzes wegen kurz alle diese

Seelenzustände werden durch Dinge veranlasst die sich entweder als Ursachen der

Lust oder des Schmerzes zeigen oder die in irgend einer Weise Lust oder Schmerz

mit sich führen So dehnt man meist den Hass auf den Gegenstand wenigstens wenn

es ein fühlendes und wollendes Wesen ist) aus der uns den Schmerz verursacht

hat weil die Furcht welche er hinterlässt ein steter Schmerz ist Dagegen

liebt man nicht so dauernd dasjenige was uns Gutes getan hat weil die Lust

nicht so stark wie der Schmerz auf uns einwirkt und weil man nicht so

bereitwillig hofft es werde wieder so wirken Doch bemerke ich dies nur

nebenbei

     15 Was Lust und Schmerz ist Unter Lust und Schmerz Vergnügen und

Unbehagen meine ich wie ich schon bemerkt habe nicht bloß den körperlichen

Schmerz und die körperliche Lust sondern jedes angenehme oder unangenehme

Gefühl mag es aus einer willkommenen oder unwillkommenen Sinnes oder

Selbstwahrnehmung entstanden sein

     16 Es ist außerdem festzuhalten dass in Beziehung auf diese Gefühle

jede Entfernung oder Minderung eines Schmerzes als eine Lust gilt und wirkt und

ebenso der Verlust oder die Minderung eines Vergnügens wie ein Schmerz

     17 Die Scham Die meisten Gefühle wirken außerdem in der Regel

mancherlei Veränderungen in dem Körper da diese aber nicht immer wahrnehmbar

sind so bilden sie keinen wesentlichen Teil der Vorstellung des betreffenden

Gefühls So ist die Scham welche ein Unbehagen der Seele in Folge des Gedankens

ist dass man etwas Unanständiges getan habe oder etwas was die Achtung

Anderer für uns mindern könnte nicht immer mit einem Erröten verbunden

     18 Diese Beispiele zeigen dass Vorstellungen von den Gefühlen durch

Sinnes oder Selbstwahrnehmung erlangt werden Ich möchte nicht dass man das

Vorstehende als eine Abhandlung über die Gefühlszustände ansähe da deren mehr

sind als ich hier genannt habe und jede der genannten eine ausführlichere und

genauere Untersuchung verlangen dürfte Ich habe sie hier nur als Beispiele von

den verschiedenen Besonderungen der Lust und des Schmerzes angeführt die aus

der verschiedenen Betrachtung von Gütern und Hebeln hervorgehen Ich hätte

vielleicht einfachere Besonderungen von Lust und Schmerz als die genannten

aufstellen können so den Schmerz des Hungers und Durstes und die Lust des

Essens und Trinkens bei Entfernung jener den Schmerz empfindlicher Augen und

die Lust aus der Musik den Schmerz aus verfänglichem und nutzlosem Gezanke und

die Lust einer vernünftigen Unterhaltung mit einem Freunde oder aus einem gut

geleiteten Studium behufs Aufsuchung und Entdeckung der Wahrheit Indessen sind

jene leidenschaftlichen Zustände von höherem Interesse und ich habe deshalb

meine Beispiele ihnen entnommen und gezeigt wie die Vorstellungen derselben

sich aus der Sinnes und Selbstwahrnehmung ableiten

 
 





     1 Wie diese Vorstellung erlangt wird Wenn die Seele täglich mittelst

der Sinne erfährt wie die in den äußern Dingen bemerkten einfachen

Vorstellungen sich ändern und wahrnimmt wie die eine endet und zu sein aufhört

und eine andere zu sein beginnt die vorher nicht bestand wenn sie ferner auf

sich selbst achtet und den steten Wechsel der Vorstellungen bemerkt der bald

durch den Eindruck äußerer Dinge auf die Sinne, bald durch ihre eigene Wahl

erfolgt und wenn sie aus diesen bisher regelmäßig beobachteten Veränderungen

folgert dass dieselben Veränderungen in der Zukunft in denselben Dingen auf die

gleiche Weise durch dieselben wirkenden Bestimmungen erfolgen werden und wenn

sie ferner bei dem einen Dinge dessen Möglichkeit beachtet eine Veränderung in

seinen einfachen Vorstellungen zu erleiden und bei dem andern die Möglichkeit

diese Veränderung herbeizuführen so gelangt die Seele dadurch zur Vorstellung

der Kraft So sagt man das Feuer hat die Kraft Gold zu schmelzen dh die

Festigkeit von dessen kleinsten Teilen und damit seine Härte aufzuheben und es

flüssig zu machen ebenso sagt man das Gold hat die Kraft geschmolzen zu

werden die Sonne hat die Kraft Wachs zu bleichen und das Wachs die Kraft

durch die Sonne gebleicht zu werden wobei die gelbe Farbe zerstört wird und die

weiße an deren Stelle tritt In diesen und ähnlichen Fällen betrachtet man die

Kraft in Beziehung auf den Wechsel sinnlicher Vorstellungen denn man kann die

Veränderung und den Einfluss auf ein Ding nur durch den Wechsel seiner

sinnlichen Vorstellungen bemerken und keine Veränderung desselben sich anders

wie als einen Wechsel in einigen seiner Vorstellungen vorstellen

     2 Die tätige und die leidende Kraft Diese so aufgefasste Kraft ist

zwiefacher Art sie kann nämlich entweder eine Veränderung bewirken oder

erleiden und man kann jene die tätige und diese die leidende Kraft nennen Ob

der Stoff ganz der tätigen Kraft so entbehrt wie sein Schöpfer Gott über

alle leidende Kraft erhaben ist und ob der zwischen Beiden stehende geschaffene

Geist allein der tätigen und der leidenden Kraft fähig ist wäre wohl der

Untersuchung wert indes kann ich nicht darauf eingehen da ich nicht den

Ursprung der Kraft sondern den unserer Vorstellung von ihr zu erforschen habe

Indes bilden die tätigen Kräfte einen großen Teil unserer zusammengesetzten

Vorstellungen von natürlichen Substanzen wie sich später ergeben wird und ich

nehme sie als solche, indem ich dabei der gewöhnlichen Ansicht folge allem in

Wahrheit sind sie vielleicht nicht solche tätige Kräfte wie man sie in der

Eilfertigkeit des Denkens nimmt und deshalb geschieht es nicht ohne Not wenn

ich durch diese Andeutung den Leser auf die Betrachtung Gottes und der Geister

verweise um die klarste Vorstellung von tätigen Kräften zu erlangen

     3 Die Kraft schließt eine Beziehung ein Ich erkenne an dass die

Kraft eine Art von Beziehung einschließt nämlich eine Beziehungauf

Tätigkeit oder Veränderung indes bei welcher andern Vorstellung zeigt sich

nicht bei genauer Betrachtung dasselbe Enthalten unsere Vorstellungen von

Ausdehnung Dauer und Zahl nicht alle eine geheime Beziehung der Theile Die

Gestalt und die Bewegung haben dieses Beziehende noch viel deutlicher an sich

und was sind die sinnlichen Eigenschaften der Farben Gerüche usw anders als

die Kräfte verschiedener Körper in Beziehung auf unser Wahrnehmen Hängen nicht

selbst die Dinge wenn man sie an sich selbst betrachtet von der Masse

Gestalt dem Gewebe und der Bewegung ihrer Theile ab Dies Alles schließt eine

Art Beziehung ein Deshalb kann unsere Vorstellung von der Kraft mit Recht einen

Platz unter den einfachen Vorstellungen einnehmen und als eine solche gelten

denn sie bildet einen Hauptbestandteil der zusammengesetzten Vorstellungen der

Substanzen wie sich später ergeben wird

     4 Die klarste Vorstellung der tätigen Kraft wird von dem Geiste

entlehnt Mit der Vorstellung der leidenden Kraft wird man beinah durch alle

Arten von Dingen genügend versehen Bei den meisten derselben muss man

wahrnehmen dass ihre sinnlichen Eigenschaften ja selbst ihre Substanzen in

einer steten Veränderung sich befinden und deshalb gelten sie mit Recht als in

dieser Weise veränderlich Ebenso zahlreich sind die Fälle einer tätigen Kraft

welches die eigentliche Bedeutung des Wortes Kraft ist denn zu jedweder

Veränderung muss man eine Kraft annehmen die diese Veränderung hervorzubringen

vermag und ebenso eine Möglichkeit in dem Gegenstande sie zu erleiden Indes

gewähren genauer erwogen die Körper durch die Sinne keine so klare und

deutliche Vorstellung der tätigen Kraft wie die Selbstwahrnehmung sie von den

Tätigkeiten unserer Seele gewährt Denn alle Kraft bezieht sich auf eine

Tätigkeit und von dieser kennt man nur zwei Artendas Denken und die Bewegung

 Es fragt sich daher woher man die klarste Vorstellung von der diese

Tätigkeiten bewirkenden Kraft habe 1 Vom Denken gibt uns der Körper keine

Vorstellung nur durch Selbstwahrnehmung erlangt man sie 2 ebensowenig hat man

von dem Körper die Vorstellung einer selbst anfangenden Bewegung Ein ruhender

Körper gibt keine Vorstellung der tätigen bewegenden Kraft und wird er

bewegt so ist diese Bewegung eher ein Leiden als eine Tätigkeit seiner denn

wenn die Billardkugel der Bewegung des stoßenden Stabes gehorcht so ist dies

nicht eine Tätigkeit sondern ein Leiden der Kugel ebenso teilt sie wenn sie

durch Stoß eine andere ihr in dem Wege liegende Kugel in Bewegung setzt die

empfangene Bewegung nur mit und verliert davon so viel als sie mittheilt aber

dies gibt nur eine dunkle Vorstellung der tätigen Kraft die in dem Körper

bewegend wirkt man sieht dabei nur die Übertragung aber nicht die

Hervorbringung der Bewegung; denn es ist nur eine sehr dunkle Vorstellung der

Kraft die nicht die Hervorbringung der Handlung sondern nur die Fortsetzung

des Leidens enthält und so verhält sich die Bewegung bei einem durch einen

andern gestoßenen Körper die Fortsetzung dieser seiner Veränderung aus der

Ruhe in Bewegung ist nur wenig mehr Tätigkeit als die Fortbehaltung der durch

den Stoß bewirkten Veränderung in seiner Gestalt eine Tätigkeit ist Man

erlangt die Vorstellung von einer beginnenden Bewegung lediglich durch die

Wahrnehmung dessen was in uns selbst vorgeht hier sieht man dass man

lediglich durch das Wollen lediglich durch einen Gedanken der Seele seine

Glieder bewegen kann die vorher in Ruhe waren Deshalb erlangt man von der

Wahrnehmung der Wirksamkeiten der Körper nur eine unvollkommene und dunkle

Vorstellung der tätigen Kraft da sie nicht die Vorstellung einer Kraft

gewähren die in ihnen ein Thun oder Bewegen oder Denken anfängt Wenn man

indes von dem Stoß der Körper auf einander ebenfalls eine klare Vorstellung

der Kraft erlangt zu haben meint so passt auch dies zu meiner Absicht da die

Sinneswahrnehmung einer der Wege ist wodurch die Seele zu Vorstellungen

gelangt es scheint mir hier nur zweckmäßig nebenbei zu erwägen ob die Seele

die Vorstellung der tätigen Kraft nicht klarer durch Wahrnehmung ihrer eigenen

Tätigkeit als durch die äußere Sinneswahrnehmung gewinnt

     5 Der Wille und der Verstand sind zwei Kräfte So viel dürfte

wenigstens gewiss sein dass man in sich eine Kraft zum Beginnen oder Anhalten

zum Fortfahren oder Beenden jener verschiedenen Tätigkeiten der Seele und

Bewegungen des Körpers bemerkt welche lediglich durch ein Denken oder vorziehen

der Seele gleichsam das Vollziehen oder NichtVollziehen von solch einer

einzelnen Handlung anordnet oder befiehlt Diese Kraft der Seele vermöge deren

sie die Betrachtung einer Vorstellung oder deren NichtBetrachtung anordnet

oder die Bewegung der Ruhe eines Gliedes oder das Umgekehrte in jedem einzelnen

Falle vorzieht ist das was man Wille nennt Die wirkliche Ausübung dieser

Kraft durch Bewirkung oder Unterlassung einer einzelnen Handlung ist das was

man Wollen oder Begehren nennt Die Unterlassung einer solchen Handlung in

Gemäßheit solcher Anordnung oder Befehls der Seele heißt freiwillig Dagegen

heißt jede ohne ein solches Denken der Seele vollzogene Wirksamkeit

unwillkürlich Die Kraft der Auffassung ist das was man Verstand nennt Diese

die Tätigkeit des Verstandes ausmachende Auffassung ist dreifach 1 die

Auffassung der Vorstellungen in der Seele 2 die Auffassung der Bedeutung der

Zeichen 3 die Auffassung der Verbindung oder des Widerspruchs des

Zusammenstimmens oder NichtStimmens zwischen irgend welchen Vorstellungen Dies

Alles wird dem Verstande zugeschrieben als der auffassenden Kraft obgleich nur

die beiden letzten Arten es machen dass man etwas versteht

     6 Vermögen Gewöhnlich werden diese Seelenkräfte des Auffassens und

Vorziehens anders benannt man nennt gewöhnlich den Verstand und den Willen

Seelenvermögen welches Wort sich wohl dazu eignet wenn es wie alle Worte es

sollten nicht zur Erregung von Verwirrung in dem Denken benutzt wird und wenn

man nicht deshalb annimmt wie es wohl geschehen sein mag es bezeichne

wirkliche Wesen in der Seele welche diese Tätigkeiten des Verstehens und

Wollens vollziehen Denn wenn man den Willen als das befehlende und obere

Vermögen der Seele bezeichnet wenn man ihn frei oder nicht frei nennt wenn man

sagt er bestimme die niederen Vermögen und dass er selbst den Geboten des

Verstandes folge usw so mögen diese und ähnliche Ausdrücke wohl in einem

klaren und deutlichen Sinne von Denen aufgefasst werden welche auf ihre

Vorstellungen sorgfältig Acht haben und ihr Denken mehr nach der Wirklichkeit

der Dinge, als nach den Lauten der Worte bestimmen allein dennoch wird diese

Ausdrucksweise vielfach zu dem verworrenen Begriff verschiedener wirkender Wesen

in der Seele geführt haben von denen jedes sein besonderes Gebiet und Ansehen

hat und jedes gebietet gehorcht und einzelne Handlungen verrichtet als wäre

es ein besonderes Wesen Dies hat Anlass zu vielem Streit Unklarheit und

Ungewissheit in den hierauf bezüglichen Fragen gegeben

     7 Woher die Vorstellung der Freiheit und Notwendigkeit kommt Jeder

findet in sich eine Kraft einzelne Handlungen zu beginnen oder zu unterlassen

fortzusetzen oder zu beenden aus der Betrachtung des Umfanges dieser

Seelenkraft über das Handeln des Menschen die Jeder in sich bemerkt

entspringen die Vorstellungen der Freiheit und Notwendigkeit

     8 Was die Freiheit ist Da alle Tätigkeit von der man eine

Vorstellung hat sich wie gesagt auf das Denken und Bewegen beschränkt so ist

ein Mensch insoweit frei als er die Kraft hat je nachdem seine Seele es

vorzieht oder bestimmt zu denken oder nicht zu denken zu bewegen oder nicht zu

bewegen Wo dagegen eine Verrichtung oder Unterlassung nicht so in der Gewalt

des Menschen ist wo das Vollziehen oder NichtVollziehen nicht so dem

Entschlüsse und der Bestimmung seiner Seele folgt da ist er nicht frei wenn

auch die Handlung vielleicht eine freiwillige istDaher ist die Vorstellung der

Freiheit die der Kraft eines Wesens eine einzelne Handlung dem Entschlüsse oder

Denken der Seele gemäß zu tun oder zu unterlassen wobei eines von beiden dem

andern vorgezogen wird Wo dagegen Beides nicht durch die Kraft dieses Wirksamen

seinem Wollen gemäß hervorgebracht wird da ist keine Freiheit sondern da

steht dieses Wirksame unter der Notwendigkeit Freiheit kann daher nur da sein

wo Denken Wollen und Wille ist allein alle diese können vorhanden sein und

doch nicht die Freiheit Die Betrachtung einiger hierher gehörender Fälle wird

dies klarer machen

     9 Die Freiheit setzt den Verstand und Willen voraus Ein Federball wird

von Niemand für ein freies Wesen gehalten mag er durch den Schlag der Peitsche

bewegt werden oder sich in Ruhe befinden Der Grund liegt bei näherer

Betrachtung darin dass man dem Federball kein Denken und folglich auch kein

Wollen und keine Wahl zwischen Ruhe und Bewegung zuschreibt deshalb hat er

keine Freiheit und gilt nicht als ein freies Wesen seine Ruhe und Bewegung wird

nur als notwendig genommen und auch so benannt Ebenso hat ein Mensch der in

das Wasser fällt indem die Brücke unter ihm bricht hierbei keine Freiheit und

ist kein freies Wesen denn wenn er auch einen Willen hat und das NichtFallen

dem Fallen vorzieht so ist doch die Unterlassung dieser Bewegung nicht in

seiner Macht und das Anhalten oder Aufhören dieser Bewegung erfolgt nicht durch

sein Wollen und deshalb ist er hierbei nicht frei Ebenso hält man einen

Menschen nicht für frei der durch eine krampfhafte Bewegung seines Armes

welche er durch Wollen und die Leitung seiner Seele nicht hemmen noch

unterlassen kann sich oder seinen Freund schlägt vielmehr bedauert man ihn

wegen dieser notwendigen oder erzwungenen That

     10 Die Freiheit gehört dem Wollen nicht an Wird dagegen ein Mensch im

Schlafe in ein Zimmer getragen wo sich Jemand befindet den er gern sehen und

sprechen will und wird er dort so eingeschlossen dass er nicht herauskann und

erwacht er und freut er sich einen so erwünschten Gesellschafter zu treffen

bei dem er gern bleibt dh wo er das Bleiben dem Fortgehen vorzieht so frage

ich ob dieses Bleiben nicht freiwillig ist Niemand wird dies bestreiten Und

dennoch kann er da er fest eingeschlossen ist nicht fortgehen und hat nicht

die Freiheit nicht zu bleiben Die Freiheit ist deshalb eine Vorstellungdie

nicht dem Wollen oder Vorziehen angehört sondern dem Menschen der nach seiner

Wahl etwas tun oder nicht tun kann Die Vorstellung der Freiheit reicht so

weit als diese Macht und nicht weiter Wenn irgendwie diese Macht erschüttert

wird oder wenn ein Zwang diese Unentschiedenheit in dem Vermögen zu handeln

oder nicht zu handeln aufhebt so hört die Freiheit und unser Begriff von

derselben sofort auf

     11 Der Gegensatz von Freiwillig ist nicht das Notwendige sondern das

Unfreiwillige Davon hat man Beispiele genug an seinem eigenen Körper Das Herz

schlägt und das Blut rollt ohne dass man es durch ein Wollen oder Denken hemmen

kanndeshalb ist man rücksichtlich dieser Bewegungen wo die Ruhe nicht von der

Wahl abhängt und dem Entschlüsse nicht nachfolgt kein freies Wesen Wenn

Krämpfe die Beine zucken machen und man trotz allen Wollens diese Bewegung durch

keine Kraft seiner Seele hemmen kann wie bei der sonderbaren Krankheit des

sogenannten St Veitstanzes sondern immer springen muss so ist man hierbei

nicht frei sondern die Bewegung ist ebenso notwendig wie die des fallenden

Steines oder des von der Pritsche geschlagenen Balls Umgekehrt kann eine

Lähmung oder ein Klotz es hindern dass die Füße der Bestimmung des Willens

gehorchen im Fall man wo anders hingehen wollte In all diesen Fällen fehlt die

Freiheit wenn auch ein Gelähmter das Stillsitzen der Bewegung vorzieht und es

deshalb wahrhaft freiwillig ist Das Freiwillige ist deshalb nicht der Gegensatz

von dem Notwendigen sondern von dem unfreiwilligen ein Mensch kann das was

er vermag dem was er nicht vermag und seinen gegenwärtigen Zustand jeder

Veränderung vorziehen wenn auch die Notwendigkeit diesen Zustand

unveränderlich gemacht hat

     12 Was ist die Freiheit So wie mit den Bewegungen des Körpers, verhält

es sich auch mit den Gedanken der Seele so weit man die Macht hat einen

Gedanken nach der Wahl der Seele aufzunehmen oder zu beseitigen ist man frei

Wenn ein wachender Mensch immer gewisse Vorstellungen in seiner Seele haben

muss so hat er die Freiheit zu denken oder nicht Zu denken ebenso wenig wie

die dass sein Körper keinen andern Körper berühren solle oder nicht aber oft

steht es in seiner Wahl ob er von einem Gedanken zu dem andern übergehen will

und dann ist er in Bezug auf sein Denken so frei als er es in Bezug auf Körper

ist auf denen er ruht und wo er beliebig sich von dem einen zu dem andern

bewegen kann Indes gibt es Vorstellungen der Seele wie Bewegungen des

Körpers, die unter gewissen Umständen nicht vermieden werden können und deren

Beseitigung selbst durch die äußerste Anstrengung nicht erreicht werden kann.

Ein Mann auf der Folter ist nicht frei in Beseitigung der Vorstellung des

Schmerzes und in Beschäftigung seiner mit andern Gedanken und manchmal reißt

eine aufbrausende Leidenschaft unsere Gedanken davon wie ein Sturmwind unsern

Körper und es bleibt uns nicht die Freiheit an Anderes zu denken was wir

lieber täten Sobald indes die Seele die Macht wiedererlangt diese Bewegungen

des Körpers äußerlich und die der Gedanken innerlich je nachdem sie es passend

findet zu hemmen oder fortzusetzen zu beginnen oder zu unterlassen so

betrachtet man den Menschen wieder als ein freies Wesen

     13 Was ist die Notwendigkeit Wo das Denken oder die Macht nach der

Leitung der Gedanken zu handeln oder nicht zu handeln ganz fehlt da tritt die

Notwendigkeit ein Wenn bei einem des Willens fähigen Wesen der Anfang oder die

Fortsetzung einer Handlung gegen seine Wahl erfolgt so ist dies der Zwang wird

es gegen seinen Willen an einer Handlung oder deren Fortsetzung gehindert so

nennt man es gewaltsame Hemmung Dinge ohne Denken und Wollen sind überall in

der Notwendigkeit befangen

     14 Dem Willen kommt keine Freiheit zu Wenn dies so ist und ich

glaube es ist so so hilft es vielleicht zur Beseitigung der lang

verhandelten und ich glaube unverständigen weil unverständlichen Frage ob der

menschliche Wille frei ist oder nicht Denn nach dem Gesagten ist diese Frage an

sich verkehrt und es ist so unverständlich nach der Freiheit des Willens zu

fragen als danach ob der Schlaf schnell oder die Tugend viereckig ist Die

Freiheit ist so wenig auf den Willen anwendbar wie die Bewegung auf den Schlaf

und die viereckige Gestalt auf die Tugend Jedermann lacht über das Verkehrte

dieser letzten Fragen da die Arten der Bewegung offenbar nicht dem Schlafe und

die der Gestalt nicht der Tugend zukommen und wenn man es genau betrachtet so

wird man ebenso finden dass die Freiheit die bloß eine Kraft ist nur einem

Wesen zukommt und nicht eine Eigenschaft oder eine Besonderung des Willens sein

kann da dieser auch nur eine Kraft ist

     15 Das Wollen Die Schwierigkeit durch Worte eine Erklärung und einen

klaren Begriff von Inneren Tätigkeiten zu geben ist so groß dass ich meine

Leser erinnern muss wie die von mir gebrauchten Worte von Anordnen Leiten

Wählen Vorziehen usw das Wollen nicht bestimmt genug bezeichnen wenn er

nicht sein eigenes Wollen betrachtet Denn das Vorziehen scheint vielleicht die

Tätigkeit des Wollens noch am besten auszudrücken aber tut es doch nicht

genau denn wenn man auch das Fliegen dem Gehen vorzieht so kann man doch nicht

sagen dass man fliegen will Das Wollen ist offenbar ein Thun der Seele die

wissentlich die Herrschaft ausübt die sie über jeden Teil des Menschen in

Anspruch nimmt indem sie sie durch eine einzelne Handlung ausübt oder davon

abhält Und was ist der Wille Anderes als das Vermögen dies zu tun Und ist

dieses Vermögen in Wahrheit mehr als eine Kraft und zwar die Kraft der Seele

ihr Denken zur Hervorbringung Fortführung oder Hemmung einer Handlung so weit

zu bestimmen, als diese Handlung von ihr abhängt Kann man leugnen dass jedes

Wesen was die Kraft hat an sein eigenes Handeln zu denken und dessen

Ausführung oder Unterlassung vorzuziehen das Vermögen besitzt was man Willen

nennt Der Wille ist deshalb nur eine solche Kraft Freiheit ist dagegen die

Kraft eine einzelne Handlung zu tun oder zu unterlassen je nachdem der Mensch

das Eine oder Andere vorzieht was ebenso viel heißt als je nachdem er es

will

     16 Die Kräfte gehören den Wesen an Es ist also klar dass der Wille

nur eine Macht oder ein Vermögen und die Freiheit eine andere Macht oder

Vermögen ist deshalb gleicht die Frage ob der Wille Freiheit hat der ob die

Kraft eine andere Kraft hat und ein Vermögen ein anderes welche Frage zu

offenbar widersinnig ist als dass man sie zu beantworten oder darüber zu

streiten brauchte Wer sieht nicht dass die Kraft nur einem Wesen zukommt und

nur die Eigenschaft von selbstständigen Dingen nicht aber von Kräften ist

Stellt man also die Frage so ob der Wille frei ist so fragt man eigentlich ob

der Wille ein selbstständiges Ding ein Wesen ist, oder man setzt dies

wenigstens voraus da man die Freiheit eigentlich von nichts Anderem aussagen

kann Könnte die Freiheit irgend wie von der Kraft ausgesagt werden oder der

Kraft beigelegt werden vermöge deren der Mensch nach seiner Wahl die Bewegung

seiner Glieder veranlassen oder unterlassen kann was wäre denn das was man an

ihm frei nennt und was ist dann die Freiheit selbst Früge Jemand ob die

Freiheit frei sei so würde man glauben er verstehe nicht was er sage und

verdiene des Midas Ohren welcher wusste dass reich der Ausdruck für den Besitz

von Reichtümern sei und fragte ob der Reichtum selbst reich sei

     17 Indes mag das Wort Vermögen womit man die Willen genannte Kraft

bezeichnet hat und in Folge dessen man von dem Handeln des Willens zu sprechen

verleitet wird durch eine Wendung welche den wahren Sinn verdeckt diesen

Widersinn etwas verhüllen Der Wille bezeichnet jedoch in Wahrheit nur eine

Kraft oder ein Vermögen vorzuziehen oder zu wählen und wenn man den Willen

unter dem Kamen eines Vermögens so wie er ist als eine reine Fähigkeit etwas

zu tun auffasst so erkennt man leicht wie verkehrt es ist ihn frei oder

nicht frei zu nennen Denn wäre es zulässig Vermögen anzunehmen und von solchen

zu sprechen die als besondere Wesen handeln können wie dies geschieht wenn

man sagt der Wille bestimmt der Wille ist frei so wäre es auch angemessen

ein Vermögen zum Sprechen zum Gehen zum Tanzen anzunehmen welches diese

Handlungen vollzieht die doch nur verschiedene Arten der Bewegung so sind wie

man den Willen und den Verstand als Vermögen nimmt welche die Handlungen des

Wählens und Verstehens vollführen sollen obgleich sie doch nur verschiedene

Arten des Denkens sind Man kann dann ebenso gut sagen dass das Vermögen zu

singen es ist was singt und dass das Vermögen zu tanzen tanzt wie dass der

Wille wählt und der Verstand versteht oder dass, wie man zu sagen pflegt der

Wille den Verstand leitet oder der Verstand dem Willen gehorcht oder nicht

gehorcht Denn es ist dann ebenso richtig und verständlich zu sagen dass die

Kraft des Sprechens die Kraft des Singens leitet und dass die Kraft des Singens

der Kraft des Sprechens gehorcht oder nicht gehorcht

     18 Indes hat diese Weise zu sprechen die Oberhand behalten und wie ich

vermute große Verwirrung angerichtet Denn wenn sie sämtlich verschiedene

Kräfte der Seele oder des Menschen für die verschiedenen Handlungen sind so

gebraucht er sie wie es ihm passt allein die Kraft zu einer Handlung wird

nicht durch die Kraft zu einer andern Handlung angeregt So wirkt die Kraft des

Denkens nicht auch auf die Kraft zu wählen und die Kraft zu wählen nicht auf die

Kraft zu denken es geschieht dies so wenig wie die Kraft zu tanzen auf die

Kraft zu singen oder umgekehrt wirkt Jeder bemerkt dies bei einigem Nachdenken

und doch sagt man dies wenn man spricht dass der Wille auf den Verstand oder

der Verstand auf den Willen wirkt

     19 Ich gebe zu dass der Verstand oder das wirkliche Denken das Wollen

oder die Ausübung der Kraft zu wählen veranlassen mag oder dass eine wirkliche

Wahl der Seele die Ursache eines wirklichen Denkens an dies oder jenes Ding ist

so wie das wirkliche Singen dieses Tones die Ursache davon sein mag dass dieser

Tanz getanzt wird und umgekehrt Aber in all diesen Fällen wirkt nicht eine

Kraft auf eine andere vielmehr ist es die Seele welche wirkt und diese Kräfte

entwickelt der Mensch verrichtet diese Handlung das Wirkende hat die Kraft

oder das Vermögen etwas zu tun Denn die Kräfte sind Beziehungen aber keine

Wesen und das was die Kraft oder nicht die Kraft zu wirken hat ist allein

frei oder nicht frei aber nicht die Kräfte selbst denn die Freiheit oder die

NichtFreiheit kann nur dem zukommen was eine Kraft zu handeln hat oder sie

nicht hat

     20 Die Freiheit kommt dem Willen nicht zu Dieser Sprachgebrauch ist

daher gekommen dass man den Vermögen Etwas zuteilt was ihnen nicht zukommt

allein damit dass man bei den Verhandlungen über die Seele mit dem Namen von

Vermögen den Begriff ihrer Wirksamkeit einführte hat man die Erkenntnis in

dieses Gebiet unserer selbst so wenig gefördert als der häufige Gebrauch

derselben Erfindung von Vermögen bei der Wirksamkeit der Körper die Kenntnis

der Natur erweitert hat Ich bestreite nicht das Dasein von Vermögen im Körper

und in der Seele beide haben ihre Kräfte zum Wirken sonst könnte weder der

eine noch die andere wirken da nur das wirken kann was dazu vermögend ist und

dazu vermögend ist nur was die Kraft zu wirken hat Auch mögen diese und

ähnliche Worte in dem gewöhnlichen Sprachgebrauch ihre Stelle so behalten wie

sie eingeführt sind es wäre zu gesucht wenn man sie bei Seite legen wollte

Wenn die Philosophie auch nicht in einem festlichen Kleide auftritt so muss sie

doch in ihrem öffentlichen Erscheinen bei ihrer Kleidung auf die Mode und die

gewöhnliche Sprache des Landes so weit Rücksicht nehmen als sich mit der

Wahrheit und Klarheit verträgt Der Fehler liegt nur darin dass man von diesen

Vermögen wie von besonderen Wesen gesprochen und sie so behandelt hat Denn auf

die Frage was die Verdauung der Speisen in dem Magen bewirkt war es eine

schnelle und befriedigende Antwort wenn man als solches das Verdauungsvermögen

nannte und was bewirkte die Ausführung gewisser Dinge aus dem Körper Das

ausführende Vermögen was bewegte Das BewegungsVermögen Und so war es in der

Seele das geistige oder verstehende Vermögen was verstand und das wählende

Vermögen oder der Wille welcher wollte oder befahl Mit einem Worte das

Vermögen zu verdauen verdaute das Vermögen zu bewegen bewegte und das Vermögen

zu verstehen verstand denn Vermögen Fähigkeit Kraft sind nur verschiedene

Namen einer Sache und wenn man diese Redeweise in verständlichere Worte

übersetzt so heißt es so viel als dass die Verdauung durch Etwas erfolgt was

dazu die Fähigkeit hat die Bewegung durch Etwas das zu bewegen fähig ist und

das Verstehen durch Etwas was des Verstehens fähig ist Auch würde es in

Wahrheit sonderbar sein wenn es sich anders verhielte so sonderbar als wenn

ein Mensch frei sein wollte ohne die Fähigkeit frei zu sein

     21 Die Freiheit kommt vielmehr dem Wesen oder dem Menschen zu Um nun

auf die Freiheit zurückzukommen so fragt man wohl nicht richtig wenn man

fragt ob der Wille frei istsondern die Frage ist ob der Mensch frei ist So

weit nun Jemand vermag durch die Richtung oder Wahl seiner Seele und indem er

das Dasein einer Handlung ihrem Nichtdasein vorzieht oder umgekehrt das Dasein

oder Nichtdasein derselben zu bewirken so weit ist er frei Denn wenn ich durch

einen die Bewegung meines Fingers betreffenden Gedanken den ruhenden Finger

bewegen kann oder umgekehrt so bin ich offenbar hierbei frei und wenn ich

durch einen ähnlichen Gedanken meiner Seele und durch Vorziehen des einen vor

dem andern entweder ein Sprechen oder ein Schweigen bewirken kann so habe ich

die Freiheit zu sprechen oder zu schweigen und man ist so weit frei als diese

Kraft durch die Bestimmung des eigenen Denkens und Vorziehens zum Handeln oder

NichtHandeln genügt Denn wie kann man sich Jemand mehr frei vorstellen als

wenn er die Macht hat zu tun was er will Und so weit Jemand durch Vorziehen

einer Handlung vor ihrem Nichtsein oder der Ruhe vor dem Bewegen diese

Handlung oder Ruhe bewirken kann so weit kann er tun was er will Denn ein

solches Vorziehen einer Handlung vor ihrem NichtGeschehen ist das Wollen

derselben und man kann sich kein Wesen freier vorstellen als wenn es tun

kann was es will Deshalb erscheint ein Mensch in Bezug auf Handlungen

innerhalb des Bereiches einer solchen Kraft so frei als die Freiheit ihn nur

frei machen kann

     22 Der Mensch ist in Bezug auf das Wollen nicht frei Allein der

forschende Geist des Menschen ist damit nicht zufrieden weil er den Gedanken

der Schuld so weit als möglich von sich entfernen möchte wäre es auch nur

dadurch dass er sich selbst in einen noch schlechtem Zustand als den einer

fatalistischen Notwendigkeit versetzte Dazu reicht aber die Freiheit innerhalb

der bisherigen Grenzen nicht aus und es gilt für einen guten Grund dass der

Mensch nur erst dann frei ist wenn er ebenso frei wollen kann als er bei

seinem Thun das kann was er will Man hat deshalb in Bezug auf die menschliche

Freiheit die weitere Frage erhoben Ob ein Mensch die Freiheit zu wollen hat

Dies meint man nämlich wenn man über die Freiheit des Willens streitet

     23 Hierüber denke ich nun dass da das Wollen und Begehren ein Handeln

ist und die Freiheit in der Kraft zu handeln oder nicht zu handeln besteht ein

Mensch bezüglich des Wollens oder der Handlung des Wollens wenn eine ihm

mögliche Handlung sich seinen Gedanken als eine gleich zu vollziehende

vorstellt nicht frei sein kann Der Grund hierfür ist klar denn es ist

unvermeidlich dass die von seinem Willen abhängende Handlung geschehen oder

nicht geschehen muss und ihr Geschehen oder Nichtgeschehen folgt lediglich dem

Entschluss und der Wahl seines Willens der Mensch muss also das Geschehen oder

Nichtgeschehen dieser Handlung wollen er muss also notwendig das eine oder das

andere wollen dh das eine dem andern vorziehen da eines von beiden

notwendig eintreten muss und dieses Eintreten folgt aus der Wahl und dem

Entschluss seiner Seele dh durch sein Wollen denn wenn er es nicht wollte

würde es nicht geschehen Deshalb ist der Mensch in Bezug auf die That des

Wollens in solchem Falle nicht frei indem die Freiheit in der Macht zu handeln

oder nicht zu handeln besteht die der Mensch in Bezug auf das Wollen bei einem

solchen Falle nicht hat Denn es ist unvermeidlich notwendig die Verrichtung

oder Unterlassung einer in der Gewalt des Menschen liegenden Handlung zu wählen

welche sich so seinen Gedanken vorstellt man muss entweder das eine oder das

andere wollen und je nach dem Vorziehen oder Wollen folgt sicherlich die

Handlung oder ihre Unterlassung also nicht wahrhaft freiwillig Und da man das

Wollen oder Vorziehen des einen oder andern nicht vermeiden kann so steht man

in Bezug auf dieses Wollen unter der Notwendigkeit und kann so nicht frei sein

wenn nicht Notwendigkeit und Freiheit sich vertragen und man zugleich frei und

gebunden sein soll

     24 So viel ist also klar dass bei allen Vorsätzen zu einer gegenwärtigen

Handlung der Mensch nicht die Freiheit hat zu wollen oder nicht zu wollen da

er das Wollen nicht unterlassen kann und Freiheit nur in der Macht besteht zu

handeln oder nicht zu handeln Denn ein sitzender Mensch heißt dennoch frei

weil er gehen kann wenn er will hat er aber dazu nicht die Macht so ist er

nicht frei und ebenso ist ein Mensch nicht frei der einen Abgrund hinabfällt

obgleich er sich bewegt weil er diese Bewegung wenn er will nicht anhalten

kann Ist dem so so ist offenbar ein gehender Mensch dem vorgeschlagen wird

das Gehen aufzugeben darin nicht frei ob er sich zum Gehen oder Stillstehen

bestimmen will oder nicht er muss notwendig eines von beiden vorziehen das

Gehen oder Nichtgehen und so verhält es sich mit allen von uns abhängigen so

vorgestellten Handlungen welche die bei weitem größte Zahl bilden Denn

betrachtet man die große Zahl freiwilliger Handlungen die sich in jedem

Augenblick des Wachens während unsers Lebens einander folgen so zeigt sich

dass nur wenige bedacht oder dem Willen vorgestellt werden, ehe sie vollzogen

werden und bei allen diesen hat wie ich gezeigt die Seele in ihrem Wollen

nicht die Macht zu handeln oder nicht zu handeln worin die Freiheit besteht

Die Seele kann in solchen Fällen das Wollen nicht unterlassen sie kann irgend

einen Entschluss darüber nicht umgehen mag die Betrachtung auch noch so kurz

und das Denken noch so schnell geschehen sie lässt den Menschen entweder in

seinem Zustand vor dem Denken oder ändert ihn setzt die Handlung fort oder

macht ihr ein Ende Hierbei bestimmt oder verordnet sie offenbar das eine weil

sie es dem andern vorzieht und so geschieht die Fortdauer oder der Wechsel

unvermeidlich willkürlich

     25 Der Wille wird durch Etwas außerhalb seiner bestimmt Da sonach der

Mensch in den meisten Fällen nicht die Freiheit zu wollen oder nicht zu wollen

hat so ist die nächste Frage ob der Mensch die Freiheit hat das zu wollen

was ihm gefällt die Bewegung oder die Ruhe Diese Frage ist in sich selbst so

verkehrt dass daraus sich genügend ergibt wie die Freiheit den Willen nichts

angeht Denn die Frage ob der Mensch die Freiheit hat entweder die Bewegung

oder die Ruhe zu wollen zu sprechen oder zu schweigen wenn es ihm beliebt

heißt fragen Ob der Mensch wollen kann was er will oder belieben was ihm

beliebt worauf man wohl nicht zu antworten braucht Wer so fragen kann muss

einen Willen zur Bestimmung der Handlungen des andern und wieder einen andern

zur Bestimmung jenes annehmen und so fort ohne Ende

     26 Um diese und ähnliche Verkehrtheiten zu vermeiden ist es das Beste

bestimmte Vorstellungen über die fraglichen Gegenstände zu gewinnen Wären die

Vorstellungen von Freiheit und Wollen in dem Verstande wohl befestigt und würden

sie so bei allen Fragen festgehalten die sich über dieselben ergeben so würde

ein großer Teil der das Denken verwirrenden und den Verstand einschnürenden

Schwierigkeiten sich viel leichter lösen lassen und man würde erkennen wie

weit die Dunkelheit von der verworrenen Bedeutung der Worte und wie weit von der

Natur der Sache herkommt

     27 Die Freiheit Man halte erstlich sorgfältig fest dass die Freiheit

in der Abhängigkeit des Seins oder NichtSeins einer Handlung von ihrem Wollen

besteht und nicht in der Abhängigkeit einer Handlung oder ihres Gegenteils von

unserm Vorziehen Der auf der Klippe stehende Mensch hat die Freiheit vierzig

Fuß tief in das Meer zu springen nicht weil er die Macht hat das

Entgegengesetzte zu tun dh vierzig Fuß in die Höhe zu springen was er

nicht vermag sondern er ist deshalb frei weil er die Macht hat zu springen

oder nicht zu springen Hält aber eine größere Gewalt als die seinige ihn fest

oder stürzt sie ihn hinab so ist er dann hierbei nicht länger frei weil das

Thun oder Unterlassen dieser bestimmten Handlung nicht mehr in seiner Gewalt

ist Wer in einem Zimmer von zwanzig Fuß als Gefangener eingeschlossen ist

hat wenn er auf der Nordseite seines Zimmers steht die Freiheit zwanzig Fuß

weit südwärts zu gehen da er gehen oder es unterlassen kann allein er hat da

nicht auch die Freiheit zu dem Gegenteil nämlich zwanzig Fuß nordwärts zu

gehen Hierin besteht also seine Freiheit nämlich in dem Vermögen zu handeln

oder nicht zu handeln wie man wählt oder will

     28 Was ist das Wollen Man muss zweitens festhalten dass das Verlangen

oder Wollen eine That der Seele ist insofern sie ihr Denken auf die

Hervorbringung einer Handlung richtet und dabei ihre Macht zu deren

Hervorbringung ausübt Um die vielen Worte zu vermeiden möchte ich mir

gestatten hier unter dem Wort Handlung auch deren Unterlassung zu befassen Das

Sitzen oder Schweigen verlangen wenn das Gehen oder Sprechen vorgeschlagen

wird obgleich sie reine Unterlassungen sind ebenfalls einen Entschluss des

Willens und sind in ihren Folgen oft ebenso gewichtig wie ihre Gegenteile

deshalb können sie in dieser Beziehung recht wohl als Handlungen gelten Man

möge mich also nicht missverstehen wenn ich der Kürze halber mich so ausdrücke

     29 Was den Willen bestimmt Drittens ist der Wille nur eine Kraft der

Seele reiche Kraft die wirkenden Vermögen derselben zur Bewegung oder Ruhe

bestimmt soweit sie von dieser Bestimmung abhängig sind und auf die Frage Was

bestimmt den Willen ist die wahre und passende Antwort Die Seele Denn das

was die zu dieser oder jener besonderen Richtung leitende allgemeine Kraft

bestimmt ist nur das Wirkende selbst was seine Kraft in dieser besonderen

Richtung ausübt Genügt diese Antwort nicht so ist der Sinn dieser Frage was

der Willen bestimme offenbar der Was veranlasst die Seele in jedem einzelnen

Fall ihre allgemeine leitende Kraft zu dieser besonderen Bewegung oder Ruhe zu

bestimmen? und darauf antworte ich Der Beweggrund für das Verharren in

demselben Zustand oder Handeln ist nur die darin liegende Befriedigung der

Beweggrund zur Änderung ist immer irgend ein Unbehagen denn nur ein solches

bestimmt uns zur Veränderung unseres Zustandes oder zu einem neuen Handeln Dies

ist der große Beweggrund welcher die Seele zum Handeln bestimmt welches ich

der Kürze halber die Bestimmung des Willens nennen will Ich werde dies weiter

erklären

     30 Das Wollen und das Wünschen dürfen nicht verwechselt werden Hierbei

möchte ich vorausschicken dass ich zwar eben versucht habe die Tätigkeit des

Wollens durch Wählen Vorziehen und ähnliche Worte auszudrücken welche ebenso

das Wünschen wie das Wollen bezeichnen weil andere Worte für diese Tätigkeit

der Seele fehlen deren eigentlicher Name das Wollen oder Begehren ist indes

ist das Wollen eine so einfache Tätigkeit der Seele dass Jeder sie am besten

nicht durch eine Mannigfaltigkeit von Lauten sondern dadurch kennen lernt

dass er sich selbst bei seinem Wollen beobachtet Diese Vorsicht und Sorge gegen

Irreführung durch Worte welche den Unterschied zwischen dem Willen und andern

davon ganz verschiedenen Tätigkeiten der Seele nicht genug hervorheben ist um

so nötiger weil der Wille oft mit andern Zuständen namentlich mit dem

Wünschen vermengt oder verwechselt worden ist, und zwar selbst von Männern bei

denen man wohl bestimmte Begriffe und eine deutliche Schreibart über dieselben

erwarten konnte Dergleichen ist der hauptsächliche Anlass zur Dunkelheit und zu

Missverständnissen bei dieser Frage und deshalb möglichst zu vermeiden Wer auf

sich wenn er will achtet wird sehen dass der Wille oder die Kraft des

Wollens es nur mit der besonderen Bestimmung der Seele zu tun hat bei welcher

die Seele durch bloßes Denken eine Handlung anzufangen fortzusetzen oder damit

aufzuhören unternimmt die überhaupt in ihrer Macht steht Daraus erhelltdass

der Wille von dem Wünsche ganz verschieden ist letzterer kann bei derselben

Handlung eine ganz andere Richtung als der Wille haben Jemand dem ich es

nicht abschlagen mag kann mich veranlassen einen Andern zu überreden obgleich

ich während ich es tue wünsche es möge mir nicht gelingen Hier sind

offenbar Wille und Wunsch einander entgegengesetzt Ich will die Handlung, die

jenen Zweck verfolgt während mein Wunsch nach der entgegengesetzten Richtung

geht Wenn Jemand durch einen heftigen GichtAnfall in seinen Beinen sich von

einer Schwere im Kopfe oder einer Appetitlosigkeit im Magen befreit fühlt so

wünscht er auch noch von den Schmerzen in Händen oder Füssen befreit zu sein

denn wo Schmerz ist da ist auch der Wunsch davon befreit zu sein allein er

fürchtet dass die Beseitigung dieser Schmerzen die schlechten Säfte zu einer

gefährlichem Stelle führen möchte und deshalb geht sein Wille auf keine

Handlung zur Entfernung dieser Schmerzen Das Wünschen und Wollen sind also zwei

besondere Tätigkeiten der Seele und daher der Wille als die Kraft zu wollen

noch mehr von dem Wunsche verschieden

     31 Das Unangenehme bestimmt den Willen Kehre ich nun zu der Frage

zurück Was bestimmt den Willen zu dem einzelnen Handeln so möchte ich bei

näherer Erwägung nicht wie gewöhnlich das größere in Aussicht stehende Gut

dafür angeben sondern das und zwar meist das drückendste Unbehagen in dem

man sich zur Zeit befindet Diese Unbehagen bestimmen der Reihe nach den Willen

und fuhren zu dem Handeln was man vollbringt Man kann dieses Unbehagen ein

Begehren nennen da dieses das aus dem Mangel eines fehlenden Gutes entstehende

Unbehagen ist Alle körperlichen Schmerzen jeder Art und alle Unruhe der Seele

ist ein Unbehagen und damit verbindet sich allemal ein dem Schmerze oder dem

Unbehagen gleiches Begehren von welchem man es kaum unterscheiden kann Denn da

das Begehren nur das Unbehagen über den Mangel eines abwesenden Gutes in

Beziehung auf einen gefühlten Schmerz ist so ist das Behagen jenes abwesende

Gut und so lange dieses Behagen nicht erreicht ist kann man es Begehren

nennen da jeder Schmerz den Wunsch erweckt davon befreit zu sein wobei dieses

Begehren so stark ist als der Schmerz und sich von ihm nicht trennen lässt

Neben diesem Begehren nach der Erleichterung von Schmerz besteht das andere nach

dem abwesenden Gut und auch hierbei sind das Unbehagen und das Begehren sich

gleich So stark man nach dem abwesenden Gut verlangt so stark hat man deshalb

Schmerzen Indes bewirkt das abwesende Gut nicht immer eine seiner Größe oder

vermeintlichen Größe entsprechende Stärke des Schmerzes obgleich doch jeder

Schmerz das Verlangen in gleicher Stärke erweckt weil die Abwesenheit eines

Guts nicht immer ein Schmerz ist wie es der gegenwärtige Schmerz ist Deshalb

kann ein abwesendes Gut auch ohne Begehren betrachtet und überdacht werden

soweit aber dabei ein Begehren besteht soweit ist auch ein Unbehagen vorhanden

     32 Das Begehren ist ein Unbehagen Achtet man auf sich selbst so wird

man leicht bemerken dass das Begehren ein Zustand des Unbehagens ist Wer hat

nicht bei seinem Begehren empfunden was der Weise von der Hoffnung sagt die

sich nicht sehr von dem Begehren unterscheidet »sie mache das Herz krank wenn

sie nicht erfüllt werde« und zwar im Verhältnis zur Größe des Begehrens

Deshalb steigert sie das Unbehagen manchmal zu einer Höhe dass der Mensch

schreit Gib mir Kind gib mir was ich verlange oder ich sterbe Selbst das

Leben mit allen seine Freuden wird unter dem dauernden und ungehobenen Druck

eines solchen Unbehagens zu einer unerträglichen Last

     33 Das Unbehagliche des Begehrens bestimmt den Willen Das Gute und das

Hebel wirken allerdings sowohl als gegenwärtige wie als abwesende auf die Seele

allein was den Willen von einer Zeit zur andern unmittelbar zu jeder

willkürlichen Handlung bestimmt ist das Unbehagen in dem Begehren nach einem

abwesenden Gute entweder in verneinendem Sinne als Schmerzlosigkeit bei

Jemand der Schmerzen hat oder bejahend als Genuss der Lust Ich werde sowohl

aus der Erfahrung, als aus der Natur der Sache darlegen dass nur dieses

Unbehagen den Willen zu jener Reihe von willkürlichen Handlungen bestimmt

welche den größten Teil des Lebens ausfüllen und durch welche man auf

verschiedenen Wegen zu verschiedenen Zielen gelangt

     34 Dies ist die Triebfeder zum Handeln Ist Jemand vollkommen mit

seinem gegenwärtigen Zustand zufrieden dh ist er völlig frei von jedem

Unbehagen welche andere Anstrengung welches andere Handeln und Wollen ist da

bei ihm vorhanden als mir das darin zu verharren davon kann sich Jeder durch

Beobachtung seiner selbst überzeugen Deshalb hat unser allweiser Schöpfer

unserer Beschaffenheit und Einrichtung entsprechend und wohl wissend was den

Willen bestimmt in den Menschen das Unbehagen des Hungers und Durstes und

anderer natürlichen Begierden gelegt die zu ihrer Zeit wiederkehren um den

Willen zu erregen und zu bestimmen, damit der Mensch sich erhalte und seine

Gattung fortpflanze Denn ich möchte glauben dasswenn die bloße Betrachtung

dieser guten Zwecke zu denen diese mancherlei Unbehaglichkeiten treiben genügt

hätte um den Willen zu bestimmen und uns zu dem Handeln zu veranlassen wir

keine dieser natürlichen Schmerzen und vielleicht in dieser Welt nur wenig oder

gar keine Schmerzen haben würden »Es ist besser zu heiraten als zu brennen«

sagt Paulus woraus erhelltdass dies vorzüglich zu den Freuden des ehelichen

Lebens treibt Ein wenig Brennen treibt kräftiger als größere Lust in Aussicht

zieht und lockt

     35 Selbst das größte bejahende Gut bestimmt den Willen nicht sondern

nur das Unbehagen Alle Welt hält fest an dem Satz dass das Gut und das

größere Gut den Willen bestimme deshalb wundre ich mich nicht wenn auch ich

bei der ersten Bekanntmachung meiner Gedanken über diesen Gegenstand dies für

ausgemacht annahm und ich glaube Viele werden mich eher wegen dieser damaligen

Annahme entschuldigen als jetzt wo ich es wage von einer so allgemein

angenommenen Ansicht abzugehen Allein bei näherer Erwägung muss ich annehmen

dass das Gut und das größere Gut trotz der Kenntnis desselben den Willen so

lange nicht bestimmt als das ihm entsprechende Begehren kein Unbehagen über

dessen Mangel erweckt Man kann Jemand noch so sehr überzeugen dass Reichtum

besser als Armut ist man kann ihm zeigen dass die zierlichen Bequemlichkeiten

des Lebens der schmutzigen Armut vorzuziehen sind und doch wird er sich

deshalb nicht regen wenn er bei seiner Armut zufrieden ist und kein Unbehagen

dabei empfindet sein Wille bestimmt sich dann zu keiner Handlung die ihm

heraushelfen könnte Ein Mensch kann noch so überzeugt sein dass die Tugend

vorteilhaft und Demjenigen als Lebensnahrung nötig sei der Größes in dieser

Welt erreichen oder seine Hoffnungen in jener Welt erfüllt sehen will er wird

doch seinen Willen nicht eher zu einer Handlung in Verfolgung dieses größeren

Gutes bestimmen als bis er nach der Rechtschaffenheit hungert und dürstet und

er ein Unbehagen über deren Mangel fühlt bis dahin wird jedes andere Unbehagen

was er fühlt sich geltend machen und seinen Willen zu andern Handlungen

treiben Wenn umgekehrt ein Trunkenbold sieht dass seine Gesundheit abnimmt und

sein Vermögen schwindet dass Misstrauen und Krankheiten und Mangel an Allem

selbst an seinem beliebten Getränk ihn bei Fortsetzung seiner Lebensweise

erwartet so treibt dennoch das Unbehagen weil die Genossen fehlen und der

gewohnte Durst nach seinem Becher ihn zur bestimmten Stunde in die Schenke

obgleich er den Verlust seiner Gesundheit und seines Vermögens und vielleicht

der Freuden einer andern Welt voraussieht und das kleinste dieser Güter nicht

unbeträchtlich istsondern, wie er selbst einsieht viel grösser ist als der

Gaumenkitzel von einem Glase Wein oder das eitle Geschwätz seiner

Trinkgesellschaft Es fehlt ihm nicht die Kenntnis des größeren Gutes denn er

sieht und erkennt es an und in den Zwischenpausen seines Trinkens fasst er wohl

auch den Vorsatz es zu verfolgen wenn aber das Unbehagen aus dem Mangel seines

gewohnten Genusses wiederkommt so verliert das als grösser anerkannte Gut seine

Anziehungskraft und das gegenwärtige Unbehagen bestimmt den Willen zu dem

gewohnten Handeln welches damit festem Fuß gewinnt und bei der nächsten

Gelegenheit überwiegt obgleich er vielleicht heimlich sich verspricht dass er

nicht mehr so fortfahren wolle es solle das letzte Mal sein dass er gegen den

Reiz des größeren Guts handeln werde So ist er von Zeit zu Zeit in dem Zustand

jenes Unglücklichen welcher klagte »Video meliora proboque deteriora sequor«

Ich sehe und billige das Bessere aber ich folge dem Schlechteren welcher als

wahr anerkannte und durch die Erfahrung stets bestätigte Spruch so und

vielleicht in keiner andern Weise verständlich gemocht werden kann.

     36 Denn die Beseitigung des Unbehagens ist der erste Schritt zum Glück

Sucht man nach den Gründen dieser klaren Tatsachen und dass nur das Unbehagen

auf den Willen einwirkt und seine Wahl bestimmt so zeigt sich dass man auf

einmal nur zu einer Handlung sich bestimmen kann und dass deshalb das

gegenwärtige Unbehagen natürlich den Willen bestimmt um jenes Glück zu

erlangen was man bei allen seinen Handlungen als Ziel verfolgt denn so lange

man jenes Unbehagen empfindet kann man sich nicht glücklich fühlen und auch

nicht auf dem Wege dahin sich finden Jeder fühlt dass Schmerz und Unbehagen

sich mit Glück nicht vertragen indem sie selbst den Genuas der Güter die man

besitzt zerstören ein kleinerer Schmerz genügt alle Freude daran zu

verderben Und deshalb wird natürlich das was den Entschluss bestimmt immer

die Beseitigung des Schmerzes so lange sein als man noch einen solchen

empfindet da es der erste und notwendigste Schritt zum Glück ist

     37 Weshalb allein das Unbehagen gegenwärtig ist Ein anderer Grund

weshalb allein das Unbehagen den Willen bestimmt ist wohl der dass es allein

gegenwärtig ist und natürlich das Abwesende da nicht wirken kann wo es nicht

ist Man sagt dass durch die Betrachtung das entfernte Gut herbeigeführt und

gegenwärtig gemacht werden könne indes mag die Vorstellung desselben wohl in

die Seele treten und da als gegenwärtig gelten aber Nichts kann in der Seele

als ein gegenwärtiges Gut sein was die Beseitigung eines Unbehagens unter dem

man leidet hemmen könnte bevor es nicht das Begehren erweckt hat und hierbei

hat das Unbehagen in Bestimmung des Willens die Oberhand So lange also die

bloße Vorstellung irgend eines Guts in der Seele ist bleibt sie wie andere

nur Gegenstand untätiger Betrachtung aber wirkt nicht auf das Wollen und

treibt nicht zur That wovon ich den Grund nebenbei darlegen werde Wie Viele

werden wohl trotz der lebhaften Vorstellungen von den unaussprechlichen Freuden

des Himmels die sie als möglich und wahrscheinlich anerkennen bereit sein sie

gegen ihre Glückseligkeit hier zu vertauschen Deshalb bestimmt das überwiegende

Unbehagen ihres Begehrens was sich nach den Gütern des irdischen Lebens geltend

macht ihren Entschluss während sie keinen Schritt tun noch im mindesten sich

nach den Gütern eines andern Lebens wenden wenn sie auch als noch so groß

gelten

     38 Weshalb man an die Freuden des Himmels glaubt und sie dennoch nicht

verfolgt Wenn der Wille durch die Aussicht auf ein Gut bestimmt würde je

nachdem es der Seele grösser oder kleiner erscheint was der Fall bei jedem

abwesenden Gute ist und wenn es nach der gewöhnlichen Meinung den Willen

erregen und nach sich ziehen soll so begreife ich nicht wie der Wille hier von

den unendlichen und ewigen Freuden des Himmels loskommen könnte nachdem man

einmal davon gehört und sie als erreichbar erkannt hat Denn wenn jedes

abwesende Gut durch seine bloße Vorstellung und Anblick den Willen angeblich

bestimmen und zum Handeln bewegen soll sobald es nur erreichbar wenn auch noch

nicht sicher ist so muss das unendlich größere erreichbare Gut der Regel nach

den Willen ununterbrochen in all seinen weitem Entschlüssen bestimmen und man

müsste dann seinen Weg zum Himmel beharrlich und fest innehalten ohne

stillzustehen oder sein Handeln einem andern Ziele zuzuwenden denn der endlose

Zustand eines künftigen Lebens überwiegt unendlich die Hoffnung auf Reichtümer

Ehren und andere irdische Freuden die man sich vorstellen kann Dies gilt

selbst dann wenn letztere sich als die wahrscheinlichererreichbaren

darstellen denn kein Zukünftiges hat man in Besitz und deshalb kann auch hier

die Hoffnung getäuscht werden Wenn die Vorstellung eines größeren Guts wirklich

den Willen bestimmte so müsste ein einmal vorgestelltes so großes Gut den

Willen erfassen und in der Verfolgung seiner festhalten ohne ihn je wieder

loszulassen denn der Wille hat auch über das Denken Gewalt und lenkt es so gut

wie andere Tätigkeiten und er würde deshalb wenn es sich so verhielte die

Seele in der Betrachtung dieses größten Gutes festhalten

    Dagegen bleibt kein erhebliches Unbehagen unbeachtet Dies wäre der

Seelenzustand und die regelmäßige Richtung des Willens bei all seinen

Entschlüssen wenn er durch das bestimmt würde was als das größere Gut

erachtet und wahrgenommen wird allein die Erfahrung lehrt dass dem nicht so

ist Das anerkannt unendlich größte Gut wird oft vernachlässigt um die

verschiedenen Unbehagen aus unserm Verlangen nach Kleinigkeiten zu beseitigen

Das anerkannt größte ja immerwährende und unaussprechbare Gut bewegt wohl

manchmal die Seele aber hält den Willen nicht fest während jedes große und

erhebliche Unbehagen den Willen wenn es ihn einmal erfasst hat nicht loslässt

Daraus kann man abnehmen was den Villen bestimmt So hält ein heftiger

körperlicher Schmerz oder die unbezwingliche Leidenschaft eines verliebten

Mannes oder das ungeduldige Verlangen nach Rache den Willen stetig fest und

dieser lässt wenn er so bestimmt ist den Verstand nicht den Gegenstand bei

Seite legen vielmehr werden alle Gedanken der Seele und alle Kräfte des Körpers

ohne Unterlass in dieser Richtung durch den Entschluss des Willens bewegt

welcher durch jenes peinigende Unbehagen so lange bestimmt wird, als es besteht

Daraus erhelltdass der Wille oder die Kraft eine Handlung statt der andern

vorzunehmen nur durch das Unbehagen bestimmt wird. Jeder mag sich selbst

beobachten ob es sich nicht so verhält

     39 Jedes Unbehagen ist von einem Begehren begleitet Ich habe bis jetzt

das Unbehagen des Begehrens als das betont was den Willen bestimmt denn es ist

das wichtigste und fühlbarste und der Wille wird selten sich zu einer Handlung

entschließen und sie vollziehen wenn nicht ein Begehren danach besteht

Deshalb werden der Wille und das Begehren so oft verwechselt Allein deshalb

darf das Unbehagen was die meisten andern Leidenschaften ausmacht oder

wenigstens begleitet in diesem Falle nicht als ganz ausgeschlossen angesehen

werden; auch der Abscheu die Furcht der Zorn der Neid die Scham usw haben

ihr Unbehagen und beeinflussen deshalb das Wollen Im Leben und Handeln sind

diese Leidenschaften nicht einfach und für sich ohne Mischung mit andern wenn

auch bei der Besprechung und Betrachtung nur die genannt wird welche die

stärkste ist und am meisten bei dem betreffenden Geisteszustand hervortritt ja

man wird wohl kaum eine Leidenschaft finden die nicht mit einem Begehren

verbunden wäre Sicherlich ist da wo ein Unbehagen ist auch ein Begehren denn

man verlangt stets nach dem Glück und so lange man ein Unbehagen fühlt fehlt

selbst nach der eigenen Meinung das Glück wie auch sonst die Lage und der

Zustand beschaffen sein mag Überdem ist der gegenwärtige Augenblick nicht die

Ewigkeit und deshalb sieht man bei jeder Art von Lust über die Gegenwart

hinaus das Begehren verbindet sich mit dieser Voraussicht und nimmt den Willen

mit sich So ist selbst in der Lust das was die Tätigkeit aufrecht hält von

der die Lust bedingt ist das Verlangen sie länger zu behalten lud die Furcht

sie zu verlieren sobald aber ein größeres Unbehagen als dies In der Seele

Sich einstellt wird der Wille durch dies neue zu einem andern Handeln bestimmt

und die vorhandene Lust vernachlässigt

     40 Das drückendste Unbehagen bestimmt natürlich den Willen Da wir

indes in dieser Welt mit verschiedenem Unbehagen beladen sind und durch

mancherlei Begehren getrieben werden so fragt es sich zunächst welches bei der

Bestimmung des Willens zur nächsten Handlung das Übergewicht hat Die Antwort

ist In der Regel jenes was unter denen die zu beseitigen sind am meisten

drückt Denn der Wille ist die Macht unsere Vermögen zum Handeln für ein

bestimmtes Ziel zu leiten und er kann sich nicht gegen Etwas wenden was zu

dieser Zeit als unaufhebbar gilt sonst müsste ein verständiges Wesen

absichtlich ein Ziel verfolgen bloß um seine Mühe zu verschwenden wie es bei

einem unerreichbaren Ziele der Fall sein würde Deshalb erregt selbst ein

großes Unbehagen den Willen nicht wenn es für unheilbar gehalten wird und man

fängt alsdann nicht mit Versuchen an Davon abgesehen ist das zu einer Zeit

empfundene erheblichste und dringendste Unbehagen das was in der Regel den

Willen zu der Reihe von Handlungen hintereinander bestimmt die unser Leben

ausmachen Das größte gegenwärtige Unbehagen was sich beharrlich fühlbar

macht ist der Sporn zum Handeln und bestimmt meistens den Willen in der Wahl

seiner nächsten That Denn man muss festhalten dass der eigentliche und einzige

Gegenstand des Willens nichts weiter als ein Handeln unserer ist und da man

durch den Willen nur eine uns mögliche Handlung hervorbringen kann so endet in

diesem Handeln der Wille und reicht nicht weiter

     41 Jedermann verlangt nach dem Glück Fragt man weiter was das

Begehren erregt so antworte ich Das Glück und nur dieses Glück und Elend sind

die Worte für zwei Gegensätze deren äußerste Grenzen der Mensch nicht kennt

sie sind »was das Auge nicht gesehen noch das Ohr gehört hat noch in des

Menschen Herz zum Begreifen eingedrungen ist« Aber bis zu einem gewissen Grade

hat man sehr lebhafte Eindrücke von beiden die durch verschiedene Arten von

Lust und Freude auf der einen Seite und von Qual und Kammer auf der andern

Seite bewirkt werden Der Kürze wegen fasse ich sie unter den Worten von Lust

und Schmerz zusammen da es deren sowohl von der Seele wie von dem Körper gibt

»Mit Ihm ist Fülle der Freude und Lust immerdar« Oder in Wahrheit gehören sie

alle der Seele an nur entstehen manche durch Gedanken und andere durch gewisse

Bewegungen in dem Körper

     42 Was ist das Glück Glück ist daher das äußerste Maß der Lust

dessen der Mensch fähig ist und Elend der äußerste Schmerz der niedrigste

Grad der noch Glück heißen kann ist so viel Befreiung von Schmerz und so viel

gegenwärtige Lust dass man zufrieden sein kann Da nun Lust und Schmerz durch

die Wirksamkeit gewisser Dinge auf unsere Seele oder unsern Körper und zwar in

verschiedenen Graden hervorgebracht werden, so heißt Alles was uns Lust

gewähren kann ein Gut und Alles was uns Schmerzen macht ein Übel bloß weil

es diese Gefühle in uns hervorzubringen vermag in welchen unser Glück und Elend

besteht Obgleich indes das was einen Grad von Lust erwecken kann an sich ein

Gut ist und das was einen Grad von Schmerz verursachen kann an sich ein Übel

ist so heißen doch beide oft nicht so wenn sie im Kampfe mit einem größeren

der Art geraten denn in solchem Falle werden auch die Grade jedes der beiden

Gefühle erwogen Bei einer richtigen Abschätzung dessen was man Gut und Übel

nennt liegen daher beide mehr in der Vergleichung denn Alles was einen

geringeren Grad von Schmerz oder einen hohem Grad von Lust herbeiführt hat die

Natur eines Gutes und umgekehrt

     43 Welche Güter begehrt werden und welche nicht Obgleich dies es ist

was man ein Gut und ein Übel nennt und im Allgemeinen jedes Gut der

eigentliche Gegenstand des Begehrens ist so erregt doch nicht jedes Gut selbst

wenn man es sieht und als solches anerkennt notwendig bei Jedem das Begehren

sondern nur der Teil desselben oder so viel davon als Jemand für ein

notwendiges Stück zu seinem Glücke ansieht und annimmt Für jedes andere Gut

wenn es auch noch so groß wirklich ist oder erscheint besteht bei Dem kein

Verlangen der es nicht als einen Teil des Glücks ansieht was ihn in seinem

gegenwärtigen Zustande erfreuen kann Das Glück in diesem Sinne wird von Jedem

beharrlich erstrebt und jeder Teil desselben begehrt während andere Dinge

obgleich sie als Güter gelten ohne Verlangen gesehen werden und man an ihnen

vorübergehen und zufrieden sein kann Niemand wird leugnen dass das Wissen Lust

gewährt und die sinnlichen Freuden haben so viele Anhänger dass man nicht zu

fragen braucht ob die Menschen davon erfasst werden oder nicht Findet nun der

Eine seinen Genuss in sinnlicher Lust und der Andere in dem Wissen, so wird

trotzdem dass Jeder in dem Ziele des Andern eine gewisse Lust anerkennt doch

Keiner des Andern Vergnügen zu einem Teil seines Glückes rechnen das Begehren

des Einen wird durch das was den Andern erfreut nicht erregt und sein Wille

nicht zu dessen Erlangung bestimmt Sobald indes Hunger und Durst dem

studierenden Mann Unbehagen erwecken wird er obgleich er niemals nach gutem

Essen scharfen Brühen kostbaren Weinen wegen ihres guten Geschmackes verlangt

durch das Unbehagen des Hungers und Durstes sofort bestimmt zu essen und zu

trinken wobei es ihm vielleicht gleich istwelche gesunde Nahrung er zu sich

nimmt Umgekehrt wird der Epikureer sich mit Studieren abmühen wenn die Scham

oder der Wunsch seiner Geliebten zu gefallen ihn den Mangel an Wissen

unbehaglich empfinden lässt So kann man trotz des ernsten und fortwährenden

Jagens nach dem Glück ein großes und anerkanntes Gut deutlich sehen ohne davon

erregt zu werden sobald man sein Glück auch ohnedem erreichen kann Bei dem

Schmerz ist man dagegen allemal beteiligt und man fühlt kein Unbehagen ohne

davon bestimmt zu werden Indem daher der Mensch in Folge des Mangels von etwas

zu dem Glücke Nötigen ein Unbehagen fühlt so begehrt er jedes Gut wenn es ihm

als ein Teil seines Glückes erscheint

     44 Weshalb das größte Gut nicht immer begehrt wird Jeder denke ich

kann an sich und Andern bemerken dass das größere sichtbare Gut das Begehren

nicht immer in Verhältnis zu der Größe erweckt in der es sich zeigt und

anerkannt wird während doch jede kleine Unruhe uns erregt und zur Beseitigung

derselben antreibt Der Grund davon liegt in der Natur des Glückes und Elendes

selbst Jeder gegenwärtige Schmerz bildet einen Teil unseres gegenwärtigen

Elends während nicht jedes fehlende Gut einen notwendigen Teil unseres

gegenwärtigen Glückes bildet und dessen Abwesenheit uns nicht elend macht Wäre

dies der Fall so wären wir fortwährend unendlich elend da eine Menge Grade von

Glück nicht in unserer Macht stehen Deshalb genügt wenn nur alles Unbehagen

beseitigt ist ein mäßiges Gut zur Zufriedenheit ein geringer Grad von Glück

mit einem Wechsel einfacher Freuden kann ein Glück bilden mit dem man zufrieden

ist Wäre dem nicht so so bliebe kein Raum für jene unbedeutenden und offenbar

kleinlichen Handlungen zu denen man sich so oft entschließt und in denen man

so absichtlich einen großen Teil seines Lebens verschwendet denn dergleichen

verträgt sich nicht mit dem steten Entschluss und Verlangen nach dem größten

sich zeigenden Gute Um sich von der Wahrheit dessen zu überzeugen braucht man

nicht weit zu wandern auch reicht in diesem Leben das Glück von vielen Personen

nicht so weit dass es ihnen eine stete Reihe mäßiger einfacher Vergnügen

gewährte dem kein Unbehagen beigemischt wäre und dennoch würden Alle gern für

immer hier bleiben wenn sie auch nicht leugnen können dass jenseits ein ewiger

Zustand dauernder Freude nach diesem Leben bestehen möge der alle irdischen

Güter weit übertrifft Sie müssen sogar einsehen dass jene himmlischen Güter

erreichbarer sind als jene Kleinigkeiten von Ehre und Lust die sie jetzt

aufsuchen und derentwegen sie den jenseitigen Zustand vernachlässigen allein

trotz der vollen Erkenntnis dieses Unterschiedes und trotz der Erreichbarkeit

eines vollkommenen sichern und dauernden Glückes in jener Welt und trotz der

Überzeugung dass dies hier nicht erreicht werden kann, wenn sie ihr Glück an

einen kleinen Genuss oder ein kleines Lebensziel hängen und die Freuden des

Himmels nicht zu einem wesentlichen Teil desselben machen wird doch das

Begehren durch dieses größere sich zeigende Gut nicht erweckt und der Wille zu

keinem Handeln und keinem Versuche es zu gewinnen bestimmt

     45 Weil es nicht begehrt wird erregt es den Willen nicht Die

notwendigen Bedürfnisse des Lebens erfüllen in ihrer regelmäßigen Wiederkehr

einen großen Teil desselben mit dem Unbehagen des Hungers und Durstes der

Hitze und Kälte der Erschöpfung durch die Arbeit der Schläfrigkeit Diesen

fügt man neben zufälligem Unglück noch die eingebildeten Schmerzen wie die

Begierde nach Ehre Macht Reichtum usw hinzu welche die durch Mode

Beispiel und Erziehung angenommenen Gewohnheiten uns eingepflanzt haben so wie

tausenderlei andere Wünsche welche die Gewohnheit uns zur andern Natur gemacht

hat und deshalb erhelltdass nur ein kleiner Teil des Lebens so frei von

Unbehagen ist um sich der Erwerbung entfernter Güter zuwenden zu können Man

fühlt sich selten behaglich und selten genügend frei von natürlichen oder

angewöhnten Wünschen vielmehr beschäftiget eine fortlaufende Reihe von

Unbehaglichkeiten aus jenem Vorrat welchen natürlicher Mangel und Gewohnheiten

aufgehäuft haben den Willen kaum ist das eine abgemacht zu dem man durch eine

solche Willensbestimmung getrieben worden so ist schon ein anderes Unbehagen

da um uns wieder in Tätigkeit zu setzen Denn die Entfernung des gefühlten

Schmerzes der uns gegenwärtig drückt beseitigt ein Stück Elend es ist deshalb

das erste was für das Glück geschehen muss und deshalb wird das entfernte Gut

trotzdem dass man daran denkt es anerkennt und es sich als ein solches zeigt

dennoch weil es keinen Teil unseres Unglücks durch seine Abwesenheit bildet

aus dem Wege gestoßen um für die Beseitigung des gefühlten Unbehagens Platz zu

gewinnen Nur wenn die schuldige wiederholte Betrachtung desselben es der Seele

näher gebracht hat einen Geschmack davon geschaffen und ein Verlangen danach

erweckt hat beginnt es einen Teil unseres gegenwärtigen Unbehagens zu bilden

sich mit dem übrigen behufs der Beseitigung gleich zu stellen und damit je nach

seiner Größe und seinem Drängen an seinem Ort den Willen zu bestimmen.

     46 Die gehörige Betrachtung erweckt das Begehren So kann man durch

eine gehörige Betrachtung und Prüfung eines vorgestellten Guts das Verlangen

danach in einem seinem Wert entsprechenden Grade erwecken und dadurch kann

es an seinem Orte und in seinem Reiche auf den Willen wirken und erstrebt

werden Denn jedes noch so große Gut was sich als solches darstellt und gilt

erregt doch den Willen nicht eher als bis es das Verlangen danach in der Seele

erweckt hat und damit seinen Mangel unangenehm empfinden lässt ohnedem befindet

man sich nicht in dem Bereich seiner Wirksamkeit denn der Wille wird bloß durch

das gegenwärtige Unbehagen bestimmt dieses allein wenn man es hat treibt und

ist bei der Hand um den Willen zunächst zu bestimmen. Wenn ein Schwanken in der

Seele stattfindet so bezieht es sich bloß darauf welches Begehren zunächst

befriedigt werden welches Unbehagen zuerst beseitigt werden soll Dabei zeigt

es sich dass so lange noch ein Unbehagen ein Begehren in der Seele ist ein

Gut als solches nicht an den Willen herankommen und ihn bestimmen kann Denn der

erste Schritt um zu dem Glück zu gelangen ist wie gesagt aus dem Bereich des

Elendes herauszukommen und keinen Teil desselben zu empfinden So lange nicht

jedes Unbehagen beseitigt ist hat der Wille keine Müsse für etwas Anderes und

bei der Menge von Mängeln und Begehren die in dem unvollkommenen Zustande hier

den Menschen drängen wird er schwerlich von allem Unbehagen in dieser Welt frei

werden können.

     47 Das Vermögen die Ausführung eines Begehrens zu hemmen bahnt den Weg

für die Überlegung Da stets eine große Menge von Unbehagen den Willen reizen

und bestimmen wollen so entscheidet naturgemäß wie gesagt das größte und

drückendste zunächst über das erste Handeln Dies ist die Regel aber nicht ohne

Ausnahme Denn die Erfahrung lehrt dass die Seele in der Regel die Ausführung

und Befriedigung eines Begehrens und damit auch aller eines nach dem andern

hemmen kann Dadurch wird sie frei für die allseitige Betrachtung der

Gegenstände des Begehrens und deren Vergleichung mit einander. Hierin liegt die

Freiheit welche der Mensch besitzt Aus ihrem unrechten Gebrauch kommen alle

jene mannichfachen Missverständnisse Irrtümer und Fehler in die man während

seines Lebens in seinen Bestrebungen nach dem Glücke gerät man überstürzt

seine Entschlüsse und bindet sich ehe man die gehörige Prüfung angestellt hat

Um dies zu hindern hat man die Kraft die Erfüllung jedes Begehrens zu hemmen

wie aus der eigenen Erfahrung leicht zu entnehmen istDies scheint mir die

alleinige Quelle der Freiheit darin besteht das was man ich glaube

unpassender Weise freien Willen nennt Denn während dieser Hemmung des

Begehrens ehe noch ein Entschluss gefasst ist und die Handlung die diesem

Entschlüsse folgt geschehen ist kann man das Gut oder Übel prüfen beschauen

und man kann beurteilen was zu tun ist Hat man nach gehöriger Prüfung

geurteilt so hat man seine Schuldigkeit getan Es ist dies Alles was man in

Verfolgung des Glückes zu tun hat und es ist kein Fehler sondern ein Vorzug

unserer Natur dass man nach dem letzten Ausfall einer ehrlichen Untersuchung

begehrt will und handelt

     48 Dass das eigene Urteil uns bestimmt ist keine Beschränkung der

Freiheit Darin liegt so wenig eine Beschränkung oder Verminderung der

Freiheit dass es vielmehr ihre wahre Verbesserung und eine Wohltat für sie

ist es ist keine Verkürzung sondern das Ziel und der Nutzen der Freiheit und

je weiter man von einer solchen Bestimmung des Willens entfernt desto näher

steht man dem Elend und der Knechtschaft Eine völlige Gleichgültigkeit der

Seele die durch das letzte Urteil über das ihre Wahl begleitende Gute oder

Üble nicht beseitigt würde wäre kein Vorzug und keine Auszeichnung eines

verständigen Wesens sondern eine ebenso große Unvollkommenheit als das Fehlen

dieser Unbestimmtheit zu handeln bevor der Wille sich entschieden hat auf der

andern Seite eine Unvollkommenheit sein würde Der Mensch hat die Freiheit

seine Hand zu erheben oder sie in Ruhe zu lassen Beides gilt ihm vollkommen

gleich und es wäre eine Unvollkommenheit wenn ihm diese Kraft fehlte und er

diese Gleichgültigkeit nicht hätte Allein es wäre eine gleiche

Unvollkommenheit wenn er dieselbe Gleichgültigkeit da behielte wo er durch

Aufheben der Hand seinen Kopf oder sein Auge vor einem drohenden Schlage

schützen kann es ist ein Vorzug dass das Begehren oder das Vermögen

vorzuziehen durch ein Gut bestimmt wird, und ebenso ist es ein Vorzug dass das

Vermögen zu handeln von dem Willen bestimmt wird; je sicherer diese Bestimmung

erfolgt desto grösser ist der Vorzug ja wenn etwas Anderesals das letzte

Ergebnis der Seele bei ihrem Urteil über das Gute oder Schlimme einer Handlung

bestimmend wirkte so wäre man nicht frei da das wahre Ziel der Freiheit darin

liegt dass man das erwählte Gut erlange Deshalb befindet sich der Mensch nach

seiner Natur als verständiges Wesen in der Notwendigkeit dass er bei seinem

Wollen durch sein Denken und sein Urteil über das Beste bestimmt werde sonst

bestimmte ihn ein Anderesals er selbst was ein Mangel der Freiheit wäre Wenn

man leugnet dass der Mensch bei jedem seiner Entschlüsse seinem eigenen

Urteile folge so hieße dies der Mensch wolle und verfolge ein Ziel was er

während er danach verlangt und dafür tätig ist nicht haben mag Denn wenn er

es in seinen Gedanken jedem anderen vorzieht so hält er es für das bessere und

will es lieber als jedes andere man müsste dann das Ziel zugleich haben und

nicht haben wollen und nicht wollen können was als offenbarer Widerspruch

nicht möglich ist

     49 Die freisten Wesen werden in dieser Weise bestimmt Blickt man nach

jenen höheren Wesen über uns welche eine vollkommene Glückseligkeit gemessen

so dürften sie wohl bei ihrem Wählen des Guten noch entschiedener wie wir

bestimmt werden, ohne dass man deshalb sie für weniger glücklich oder frei

halten kann und wenn es so armen endlichen Wesen wie uns anstünde sich über

das auszusprechen was die unendliche Weisheit und Güte tun kann so darf man

wohl sagen dass Gott das was nicht gut ist nicht wählen kann und dass die

Freiheit des Allmächtigen nicht hindert dass er durch das Beste bestimmt werde

     50 Das stete Bestimmtwerden dahin dass man das Glück verfolge ist

keine Beschränkung der Freiheit Um diesen Irrtum in Bezug auf die Freiheit

ins rechte Licht zu stellen frage ich Würde man wohl ein Dummkopf sein

wollen weil dieser durch weise Betrachtungen weniger wie der Weise bestimmt

wird? Ist es der Freiheit würdig beliebig den Narren spielen und Schande und

Elend über sich selbst bringen zu können Wenn es Freiheit und wahre Freiheit

ist dass man sich der Leitung der Vernunft entzieht und des Schatzes der

Prüfung und des Urteils entbehrt welches von der Wahl des Schlechten abhält

so sind die Verrückten und Narren allein frei Indes wird wohl nur der welcher

schon toll ist hier die Tollheit um solcher Freiheit willen vorziehen Niemand

hält das stete Verlangen nach dem Glücke und den Zwang den es in Verfolgung

desselben auflegt für eine Verkürzung oder zum mindesten für eine

beklagenswerte Verkürzung der Freiheit Selbst der allmächtige Gott muss

notwendig glücklich sein und je mehr sich ein vernünftiges Wesen dem nähert

desto näher rückt es der Vollkommenheit und der Seligkeit Damit wir

kurzsichtigen Geschöpfe in unserm Zustand der Unwissenheit in dem wahren Glücke

nicht fehl greifen sind wir mit dem Vermögen versehen worden jedes einzelne

Begehren hemmen und von der Bestimmung unseres Willens und von der Verwickelung

unserer in Handlungen fern halten zu können Dies ist ein Stillstehen wo man

des Weges nicht ganz sicher ist die Prüfung ist eine Frage an den Führer Der

Willensentschluss nach dieser Untersuchung folgt der Anweisung dieses Führers

und wer nach solcher Anweisung sein Handeln oder NichtHandeln einzurichten

vermag ist ein freies Wesen solcher Einfluss verkürzt nicht die Macht in der

die Freiheit besteht Wer seine Ketten gebrochen und die Thore seines

Gefängnisses sich geöffnet hat ist vollkommen frei weil er je nachdem es ihm

beliebt gehen oder bleiben kann wenn er sich auch wegen der Dunkelheit der

Nacht oder dem schlechten Wetter oder wegen Mangels eines andern Unterkommens

zum Bleiben entschließt er hört deshalb nicht auf frei zu sein wenn auch das

Verlangen nach einer Bequemlichkeit seinen Entschluss unbedingt bestimmt und ihn

in dem Gefängnis bleiben lässt

     51 Die Notwendigkeit das wahre Glück zu suchen ist die Grundlage der

Freiheit Wenn sonach die höchste Vollkommenheit einer geistigen Natur in einer

sorgsamen und steten Aufsuchung des wahren und sichern Glückes besteht so

bildet die Fürsorge dass man nicht ein eingebildetes Glück für ein wirkliches

nehme die wahre Grundlage der Freiheit Je fester die Bande sind die uns an die

unveränderliche Aufsuchung des Glückes überhaupt fesseln welches das größte

Gut ist auf welches als solchem das Begehren immer gerichtet ist desto freier

ist man davon dass der Wille zu einer einzelnen Handlung notwendig bestimmt

werde und dass man einem besonderen Begehren nachzugeben gezwungen ist was auf

ein zu wählendes Gut sich richtet ehe man noch gehörig geprüft hat ob es zum

wahren Glücke hinoder davon abführt Ehe man deshalb dies nicht der Wichtigkeit

des Gegenstandes und der Natur des Falles entsprechend untersucht hat ist man

durch den Zwang das wahre Glück als unser größtes Gut zu erstreben genötigt

die Befriedigung der Begehren in einzelnen Fällen zu hemmen

     52 Der Grund dafür Dies ist die Angel um welche die Freiheit

vernünftiger Wesen sich dreht sie besteht darin, dass man in seinem steten

Streben und beharrlichen Aufsuchen des wahren Glückes dieses Streben in

einzelnen Fällen so lange hemmen kann bis man sich vorgesehen und unterrichtet

hat ob das besondere hier aufgefasste und begehrte Ding auf dem Wege zu dem

Hauptziele liege und einen wirklichen Teil des höchsten Gutes bilde denn das

natürliche Streben und Begehren nach Glück gilt als eine Pflicht und als

Beweggrund sich gegen Miss und Fehlgriffe vorzusehen es nötigt zur Vorsicht

Überlegung und Aufmerksamkeit bei Leitung des einzelnen Handelns wodurch jenes

Glück erreicht werden soll Dieselbe Notwendigkeit welche zur Verfolgung der

wahren Seligkeit nötigt führt auch mit derselben Gewalt zur Hemmung

Betrachtung und Untersuchung der einzelnen Begehren damit ihre Befriedigung

nicht der wahren Glückseligkeit entgegentrete und davon ableite Dies dürfte das

größte Vorrecht endlicher vernünftiger Wesen sein Ich bitte streng zu prüfen

ob der volle Eintritt und die Übung aller Freiheit deren der Mensch fähig ist

oder die ihm nützen kann und das wonach sein Handeln sich bestimmt nicht darin

liegt dass er sein Begehren aufhalten und an der Bestimmung seines Willens so

lange hindern kann bis er gehörig und gründlich dessen Gutes und Übles so

weit als es die Wichtigkeit des Falles erfordert geprüft hat Dazu ist der

Mensch fähig und hat er es getan so hat er seine Pflicht erfüllt und Alles

was in seiner Macht steht und in Wahrheit alles Nötige getan Der Wille

erfordert das Wissen zur Leitung seiner bei der Wahl und Alles was der Mensch

tun kann besteht darin, seinen Willen so lange unentschieden zu halten bis er

das Gute und Üble seines Begehrens geprüft hat Die dann daraus hervorgehenden

Folgen sind in einer Reihe aneinander gekettet die zunächst von dem Ausfall

jenes Urteils abhängt und ob dies in einem bloßen hastigen und übereilten

Blick oder in einer gehörigen und reiflichen Prüfling bestehen soll dies steht

in des Menschen Macht da die Erfahrung lehrt dass man in der Regel die

sofortige Erfüllung eines Begehrens verschieben kann

     53 Die Herrschaft über die Leidenschaften ist die wahre Verbesserung der

Freiheit Erfasst aber wie dies manchmal geschieht eine außerordentliche

Störung unsere ganze Seele wenn zB die Qual einer Folter oder ein heftiges

Unbehagen aus der Liebe dem Zorne oder einer andern gewaltigen Leidenschaft

die uns hinreißt das freie Denken nicht zulässt und ist man dann nicht genug

Herr seiner selbst, um vollständig zu betrachten und gründlich zu prüfen so

wird Gott der unsere Hinfälligkeit kennt unsere Schwäche bemitleidet der nur

fordert was uns möglich ist und sieht was in unserer Macht steht und was

nicht wie ein liebender und gnädiger Vater über uns richten Allein die wahre

Richtung unseres Benehmens zur vollen Glückseligkeit liegt in dem Unterlassen

einer zur hastigen Erfüllung unserer Begehren in der Mäßigung und Hemmung der

Leidenschaften damit der Verstand frei prüfen und die Vernunft ungebeugt

urteilen kannDeshalb hat man seine Sorgfalt und sein Streben hauptsächlich

darauf zu richten hier hat man sich zu bemühen dass die Neigungen unserer

Seele sich dem wahren innerlichen Guten der Dinge anpassen und nicht zu

gestatten dass ein anerkanntes und erreichbares großes und wichtiges Gut

unserm Denken entschlüpfe ohne den Sinn dafür und das Verlangen danach so lange

zurückzulassen bis man durch eine gehörige Betrachtung seines wahren Werths ein

demselben entsprechendes Begehren in seiner Seele entwickelt hat und sich bei

dessen Mangel oder bei der Furcht es zu verlieren unbehaglich fühlt Jeder

kann es leicht an sich erproben wie sehr dies in seiner Gewalt steht indem er

solche Entschlüsse fasst die er zu halten vermag Niemand darf sagen dass er

seine Leidenschaften nicht beherrschen und ihren Ausbruch und ihren Einfluss auf

sein Handeln nicht hindern könne denn was er vor einem Fürsten oder großem

Manne vermag das kann er auch für sich allein oder in der Gegenwart Gottes

     54 Wie es kommt dass die Menschen verschiedene Richtungen einschlagen

Man kann deshalb die oft aufgeworfene Frage leicht beantworten nämlich wie es

komme dass obgleich Alle nach dem Glück verlangen ihr Wollen sie doch so

entgegengesetzt führt und Manchen in das Übel bringt Ich meine das

Verschiedene und Entgegengesetzte was die Menschen in dieser Welt wählen

beweist nicht dass sie nicht Alle dem Gute nachstreben sondern nur dass

dasselbe Ding nicht für alle Menschen das gleiche Gut ist Die Verschiedenheit

der Bestrebungen zeigt dass nicht Jeder sein Glück in demselben Dinge sucht und

denselben Weg dazu wählt Schlösse das Leben mit diesem irdischen ab so wäre

der Grund weshalb der Eine nach Studium und Erkenntnisder Andere nach

Fischen und Jagen strebt weshalb der Eine sich den Luxus und die

Liederlichkeit der Andere die Müßigkeit und den Reichtum wählt nicht der

dass nicht Jeder nach seinem eigenen Glücke strebte sondern dass das Glück

derselben in verschiedenen Dingen beruhte Deshalb war es eine treffende Antwort

des Arztes an den Patienten mit kranken Augen »Finden Sie mehr Vergnügen am

Weintrinken als an dem Gebrauch Ihrer Augen so ist der Wein gut für Sie ist

aber das Sehen für Sie eine größere Lust als das Trinken so ist der Wein

schlecht«

     55 Der Geschmack der Seele ist so verschieden wie der des Gaumens und

es ist ebenso unmöglich alle Menschen durch Reichtum und Ruhm zu erfreuen

wenn auch Mancher darin seine Glückseligkeit setzt wie eines Jeden Hunger mit

Käse und Austern zu stillen da diese für Manche so angenehmen und köstlichen

Speisen Andern widerwärtig und ekelhaft sind und Viele mit Recht das Kneipen

eines hungrigen Magens diesen Gerichten vorziehen die für Andere ein

Leckerbissen sind Deshalb war es wohl eine vergebliche Untersuchung der alten

Philosophen ob das höchste Gut in Reichtum oder in sinnlichen Genüssen oder

in der Tugend oder in der Erkenntnis bestehe sie hätten ebenso gut darüber

streiten können ob die Äpfel oder die Pflaumen oder die Nüsse am besten

schmeckten und sich danach in Sekten trennen können Denn der Wohlgeschmack

hängt nicht von dem Gegenstande ab sondern davon ob er dem einzelnen Gaumen

entspricht hier besteht aber eine große Verschiedenheit und deshalb liegt das

größte Glück in dem Besitz der Dingewelche die größte Lust gewähren und in

der Entfernung von Allem was Schmerz und Störung verursacht und dies sind für

die Einzelnen sehr verschiedene Dinge Setzt man daher seine Hoffnung nur auf

dieses Leben kann nur hier das Leben genossen werden so ist es weder sonderbar

noch unvernünftig wenn man das Glück in der Vermeidung von Allem was hier

unangenehm ist und in Verfolgung von Allem was hier ergötzt sucht wobei die

Mannigfaltigkeit und die Gegensätze nicht auffallen dürfen Gibt es keine

Aussicht über das Grab hinaus so ist der Schluss gerechtfertigt »Lasst uns

essen und trinken lasst uns das was ergötzt genießen denn morgen sind wir

tot« Dies lehrt weshalb nicht alle Menschen von demselben Gegenstand erregt

werden obgleich sie Alle nach dem Glücke verlangen sie können Verschiedenes

wählen und Jeder doch recht wenn man sie wie eine Gesellschaft armer Insekten

betrachtet von denen die Bienen sich an Blumen und deren Honig erfreuen und

andere als Käfer sich an anderer Nahrung ergötzen und nachdem dies einen Sommer

geschehen ihr Dasein beschließen und nicht länger bestehen

     56 Wie es kommt dass der Mensch schlecht wählt Wenn diese Dinge

gehörig erwogen werden so dürften sie einen klaren Blick in die Natur der

menschlichen Freiheit gewähren Die Freiheit besteht offenbar in der Macht zu

handeln oder nicht zu handeln zu handeln oder das Handeln zu unterlassen wie

man will Dies kann nicht geleugnet werden Allein da dies nur die Handlungen

als Folge des Wollens befasst so hat man weiter gefragt »ob der Mensch die

Freiheit habe zu wollen oder nicht zu wollen« Hierauf hat man geantwortet

dass er in der Regel die Äußerung seines Willens nicht unterlassen könne er

muss sein Wollen äußern und dadurch machen dass die Handlung geschieht oder

nicht geschieht Dennoch gibt es einen Fall wo der Mensch in Bezug auf seinen

Willen frei ist nämlich bei der Wahl eines entfernten Gutes als ein zu

verfolgendes Ziel Hier kann man zweifeln ob die Wahl für oder gegen bestimmt

ist so lange geprüft wird ob sie an sich und in ihren Folgen geeignet ist

glücklich zu machen Denn ist die Wahl getroffen und sie damit zu einem Teil

seines Glückes geworden so weckt sie das Verlangen woraus ein Unbehagen

entsteht welches den Willen bestimmt und ihn zur wirklichen Verfolgung seines

erwählten Zweckes bei jeder geeigneten Gelegenheit führt Damit erklärt sich

nun wie Jemand mit Recht bestraft werden kann, obgleich unzweifelhaft in allem

einzelnen Handeln was er will er nur das will und notwendig will was er da

für gut erachtet Denn wenn auch sein Wollen stets durch sein Urteil über das

Gut bestimmt wird, so entschuldigt ihn dies doch nicht weil er durch eine

übereilte Wahl seiner Seits sich selbst ein schlechtes Maß für das Gute und

das Übel gegeben hat die trotz ihrer Falschheit und Trüglichkeit doch sein

späteres Handeln also bestimmen als wenn sie wahr und richtig wären Er hat

selbst seine Gaumen verdorben und ist sich deshalb selbst für die daraus

folgende Krankheit und den Tod verantwortlich Das ewige Gesetz und die Natur

der Dinge kann sich nicht seiner schlechten Wahl zur Liebe ändern Wenn die

Vernachlässigung oder der Missbrauch seiner Freiheit in Prüfung was wirklich

und wahrhaft sein Glück fordert ihn falsch fuhrt so sind die daraus folgenden

Übelstände die Schuld seiner Wahl Er konnte seinen Entschluss verschieben er

konnte prüfen und für sein Glück sorgen und gehen dass er nicht betrogen würde

in einer Sache ff von so großem und wahrem Interesse für ihn konnte er es nicht

für das Bessere halten getäuscht zu werden Dies Gesagte erklärt auch weshalb

die Menschen in dieser Welt jeder etwas Anderes vorziehen und auf verschiedenen

Wegen ihr Glück versuchen Da indes in Fragen des Glücks und Elendes man stets

sorgfältig und ernst verfährt so bleibt immer die Frage wie es komme dass die

Menschen so oft das Schlechtere dem Bessern vorziehen und das wählen was sie

nach ihrem eigenen Geständnis elend gemacht hat

     57 Um die verschiedenen und entgegengesetzten Wege zu erklären welche

die Menschen einschlagen trotzdem dass Alle nach dem Glücke streben muss man

untersuchen woher die verschiedenen Unbehagen entstehen welche den Entschluss

bei den von dem Willen abhangenden Handeln bestimmen

    I Von körperlichen Schmerzen Erstens kommen manche von Ursachen, die man

nicht in seiner Gewalt hat wie von körperlichen Schmerzen welche aus Mangel

aus Krankheit oder äußerlichen Beschädigungen wie die Folter usw

entstehen Sind diese Schmerzen gegenwärtig und heftig so bestimmen sie den

Willen mit Macht und entfernen den Lebenslauf von der Tugend Frömmigkeit und

Religion und Allem was vorher als zum Glück führend erachtet worden ist. Denn

Niemand versucht oder vermag es durch die Betrachtung eines entfernten und

zukünftigen Guts in sich ein Begehren zu wecken was stark genug ist um dem

Unbehagen was er bei diesen Körperqualen fühlt das Gleichgewicht zu halten und

seinen Willen in der Wahl dessen was zum Glück führt fest zu erhalten Ein

benachbartes Land hat in dieser Hinsicht ein trauriges Schauspiel geboten was

neue Beläge hierzu liefert wenn es deren bedurfte und nicht jedes Zeitalter

genug Beispiele brächte um den anerkannten Ausspruch zu bestätigen dass die

Notwendigkeit zu dem Schlechten zwingt Wir haben deshalb alle Ursache zu

beten »Führe uns nicht in Versuchung«

    II Von schlechten Begehren die von dem falschen Urteil kommen Anderes

Unbehagen kommt von dem Verlangen nach einem fehlenden Gute Dergleichen

Verlangen steht allemal in Verhältnis zu diesem fehlenden Gut und hängt von

dem Urteil ab was man fallt und von der Neigung die man dazu hat in beiden

kann man und zwar durch eigene Schuld fehl greifen

     58 Unser Urteil über ein gegenwärtiges Gut oder Übel ist immer richtig

 Den ersten Platz nehmen die falschen Urteile ein die man über ein

zukünftiges Gut oder Übel fällt wodurch das Begehren irregeleitet wird denn

das gegenwärtige Glück und Elend für sich und ohne ihre Folgen werden niemals

falsch beurteilt man weiß was am meisten ergötzt und zieht dies wirklich

vor Die Dinge sind während man sie genießt das was sie scheinen das

erscheinende und das wirkliche Gut sind in solchem Falle immer sich gleich denn

der Schmerz und die Lust sind gerade so groß als man sie fühlt und daher das

gegenwärtige Gut oder Übel so groß wie es erscheint Schlösse daher jede

Handlung mit ihr selbst ab ohne Folgen nach sich zu ziehen so würde man

unzweifelhaft in der Wahl des Guten niemals irren und das Beste würde sicherlich

vorgezogen werden Könnte man den Schmerz welcher dem redlichen Fleiße

anhängt und den Schmerz wenn man vor Hunger und Kälte stirbt nebeneinander

vor den Menschen hinstellen so würde er in seiner Wahl nicht zweifeln und

würden der Genuss und Lust und die Freuden des Himmels gleichzeitig ihm als

gegenwärtige angeboten so würde er nicht schwanken und in seiner Wahl nicht

irren

     59 Allein da die freiwilligen Handlungen nicht all das aus ihnen folgende

Glück oder Elend schon bei ihrer Vollziehung mit sich führen da sie vielmehr

nur die vorgehenden Ursachen des ihnen nachfolgenden Guten und Übeln sind was

sie über den Menschen bringen wenn die Handlung schon geschehen und vorbei ist

so geht das Begehren über die Lust der Gegenwart hinaus und führt die Seele zu

dem abwesenden Guten je nachdem man es zur Begründung oder Steigerung seines

Glückes für nötig hält Nur die eigene Meinung über eine solche Wirksamkeit

gibt ihm das Anziehende ohnedem wurde man von einem abwesenden Gute nicht

erregt werden Denn bei der knappen Empfänglichkeit für die Gefühle an die man

hier gewöhnt ist und wonach man nur eine Lust auf einmal genießen kann die

wenn alles Unbehagen entfernt ist während ihrer Dauer genügt glücklich zu

machen wird man nicht von jedem entfernten und selbst nicht von jedem sich

zeigenden Gute erregt Da diese Unempfänglichkeit und die gegenwärtige Lust für

das gegenwärtige Glück genügen so will man die Veränderung nicht wagen man

hält sich schon für glücklich ist zufrieden und das ist genug Denn wer

zufrieden istist glücklich sobald aber ein neues Unbehagen herbeikommt wird

dies Glück gestört und man muss von Neuem die Jagd nach dem Glück beginnen

     60 Von dem falschen Urteil aber die Dinge die das Glück ausmachen

Indem man also sich schon in dieser Weise für glücklich halten kann so bleibt

das Verlangen nach dem größten aber entfernten Gute oft aus Bei solchem

Zustande reizen die Freuden eines zukünftigen Zustandes den Menschen nicht er

kümmert sich nur wenig darum und fühlt sich nicht unbehaglich der Wille ist

deshalb von dem Drucke solchen Begehrens frei und kann näher liegende Genüsse

verfolgen und das Unbehagen beseitigen was aus dem Mangel und dem Sehnen nach

diesen empfunden wird Indes möge man nur eines Menschen Urteil über diese

Dinge ändern man zeige ihm dass Tugend und Religion zu seinem Glück nötig

seien man lasse ihn den zukünftigen Zustand von Seligkeit und Elend schauen und

wie Gott der gerechte Richter bereit sei »Jedem nach seinen Taten zu geben

denen welche in stetem Guthandeln ihren Rahm gesucht Ehre Unsterblichkeit und

ewiges Leben und jeder Seele die böse gehandelt Scham und Reue Pein und

Angst« Ich sage wer die verschiedenen Zustände des vollkommenen Glückes und

Elendes vor sich sieht welche alle Menschen in jenem Leben nach ihrem Betragen

hier erwarten bei dem werden die Schätzungen des Guten und Hebeln die seine

Wahl bestimmen wesentlich geändert werden Denn nichts in diesem Leben kann mit

dem endlosen Glück oder ausgesuchten Elend der unsterblichen Seele in jener Welt

verglichen werden seine Handlungen werden sich dann nicht nach den

vergänglichen Freuden und Schmelzen die sie hier begleiten bestimmen sondern

nach dem vollkommenen und dauernden Glück zu dessen Gewinnung sie beitragen

     61 Eine genauere Prüfung des falschen Urteils Um indes genauere

Rechenschaft über das Elend zu geben was der Mensch obgleich er allen Ernstes

das Glück verfolgt über sich bringt muss man erwägen wie die Dinge unter

trügerischem Schein sich unserm Begehren darstellen Dies geschieht durch ein

falsches Urteilen über sie Um die Ausdehnung dessen zu übersehen und die

Ursachen des falschen Urteilens zu erkennen muss man sich erinnern dass die

Dinge in zwiefachem Sinne für gut und übel gelten

    Erstens ist das was eigentlich gut und übel ist rein nur die Lust und der

Schmerz Allein zweitens sind nicht bloß die gegenwärtigen Freuden und

Schmerzen sondern auch die Dingewelche durch ihre Wirkungen und Folgen

dergleichen später nach sich ziehen ein Gegenstand unseres Begehrens und

geeignet ein mit Voraussicht begabtes Wesen zu bestimmen; deshalb gelten auch

die Dingewelche Lust oder Schmerz zur Folge haben als gut und übel

     62 Das falsche irreführende Urteil was den Willen oft auf die falsche

Seite leitet liegt in der falschen Auffassung der verschiedenen hier

eintretenden Vergleichungen Das falsche Urteil von dem ich hier spreche ist

nicht das was über den Entschluss eines Andern gefällt wird sondern das was

Jeder in Bezug auf sich selbst für falsch anerkennen muss Denn da mir als feste

Grundlage gilt dass jedes verständige Wesen nach seinem wirklichen Glücke

strebt welches in dem Genüsse der Lust ohne erhebliche Beimischung von

Schmerzen besteht so kann unmöglich Jemand seinem eigenen Trunke absichtlich

das Bittere zumischen oder Etwas was von ihm abhängt ihn erfreuen und sein

Glück voll machen würde weglassen wenn er nicht falsch urteilte Ich spreche

hier nicht von den Missgriffen welche die Folgen eines unvermeidlichen Irrtums

sind dies verdient kaum den Namen eines falschen Urteils sondern von dem

falschen Urteil was Jedermann selbst als solches anerkennen muss

     63 Bei Vergleichung der Gegenwart mit der Zukunft Wenn die Seele wie

gesagt bei der Lust und den Schmerzen die gegenwärtig sind nicht fehlgreift

und die große Lust und der große Schmerz gerade so wirklich sind wie sie

erscheinen mithin die gegenwärtige Lust und Schmerz ihren Unterschied und ihre

Grade so deutlich zeigen dass für ein Versehen kein Raum bleibt so urteilt

man dagegen bei der Vergleichung gegenwärtiger Lust oder Schmerzes mit

zukünftigen was bei wichtigen Entschlüssen meistenteils der Fall ist) sehr

leicht falsch weil die Entfernungen aus denen man sie bemisst verschieden

sind Nahe Gegenstände scheinen grösser als entferntere von größerem umfange

ebenso ist es mit der Lust und dem Schmerz als gegenwärtige treten sie hervor

und die fernem stehen bei der Vergleichung im Nachtheil Deshalb denken die

Meisten wie verschwenderische Erben dass ein Weniges in der Hand besser sei als

Viel in der Zukunft und man tauscht für den Besitz von Kleinem die Aussicht auf

Großes aus Allein Jeder muss anerkennen dass dies ein schlechtes Urteil ist

mag er seine Lust finden worin er will denn das Zukünftige wird ja sicher zu

einem Gegenwärtigen dann zeigt es sich in seiner vollen Größe und offenbart

den durch Benutzung ungleichen Maßes begangenen Fehler Wäre die Lust des

Trinkens gleich bei dem Ergreifen des Glases mit dem verdorbenen Magen und den

Kopfschmerzen verbunden die meist wenige Stunden danach folgen so würde

schwerlich Jemand trotz aller Freude am Trinken unter diesen Bedingungen den

Wein mit seinen Lippen berühren Dennoch trinkt er ihn täglich und diese

schlechte Wahl kommt nur von einem geringen Unterschied in der Zeit Wirken so

schon wenige Stunden Abstand auf die Verminderung von Lust und Schmerz wie

vielmehr wird dies bei größeren Abständen sich zeigen wenn man durch richtiges

Urteil nicht das vollführt was die Zeit vollführen wird nämlich es sich näher

zu stellen und als ein gegenwärtiges anzusehen wo es dann seine wahre Größe

zeigt Auf diese Weise täuscht man sich gewöhnlich über die Lust und den

Schmerz und über die Grade des Glücks und Elends man verliert für das

Zukünftige das richtige Maß und zieht das Gegenwärtige als das Größere vor

Ich erwähne hier nicht des Fehlers wonach das Entfernte nicht bloß verkleinert

sondern ganz als Nichts behandelt wird wo der Mensch in der Gegenwart nach

Möglichkeit genießt und sich mit dem Glauben täuscht dass kein Übel

nachfolgen werde Dieser Irrtum trifft nicht das Vergleichen der Größe des

zukünftigen Guts und Übels von dem ich hier handle sondern jene andere Art

des falschen Urteils über das Gute und Üble sofern es als die Ursache und

Vermittlung von Lust und Schmerzen die daraus folgen aufgefasst wird

     64 Die Ursachen dessen Die Ursache, dass wir bei der Vergleichung der

gegenwärtigen Lust und Schmerzen mit den zukünftigen falsch urteilen scheint

mir in der schwachen und beschränkten Natur der menschlichen Seele zu liegen

Man kann nicht zweierlei Lust gleichzeitig genießen und noch weniger eine Lust

wenn der Schmerz die Seele erfüllt Die gegenwärtige Lust füllt wenn sie nicht

sehr schwach und so gut wie keine ist die enge Seele aus und nimmt sie ganz in

Anspruch so dass sie an abwesende Dinge nicht denken kann Selbst wenn eine

Lust nicht so stark ist dass sie die Gedanken von entfernten Dingen ganz

abzieht wird der Schmerz doch so stark verabscheut dass ein Weniges davon alle

Lust erstickt ein wenig Bitteres was in unsern Trunk gemischt wird nimmt ihm

allen Wohlgeschmack Deshalb will man auf jede Weise das gegenwärtige Übel los

sein dem wie man meint nichts Abwesendes gleich kommt da man sich bei dem

gegenwärtigen Schmerz nicht der geringsten Lust für fähig hält Die täglichen

Klagen der Menschen bezeugen dies laut jeder hält seinen gegenwärtigen Schmerz

für den schlimmsten mit Angst ruft man »Alles Andere lieber als dies Nichts

kann so unerträglich sein als was ich jetzt leide« Deshalb ist das Denken und

Thun vor Allem auf Befreiung von dem gegenwärtigen Hebel als der ersten

Bedingung zum Glück gerichtet mag daraus entstehen was da wolle nichts meint

man in seiner Aufregung kann dem jetzt so schwer drückenden Schmerze

gleichkommen oder übertreffen und da die Enthaltung von einer gegenwärtigen

Lust die sich zeigt ein Schmerz ja oft ein sehr großer Schmerz ist weil das

Begehren durch den wahren und verführerischen Gegenstand entzündet wird so kann

es nicht auffallen wenn es ebenso wie der Schmerz wirkt das Zukünftige

verkleinert und sich jenem Gegenstand blind in die Arme wirft

     65 Dazu kommt dass ein abwesendes Gut oder was dasselbe ist, eine

zukünftige Lust namentlich wenn man mit dieser Art noch nicht bekannt ist

selten dem Unbehagen eines gegenwärtigen Schmerzes oder Begehrens das

Gleichgewicht halten kann Denn da die Größe dieser Lust nur nach dem

wirklichen Genuss wenn man ihn hat sich bestimmt so pflegt man sie gern zu

verkleinern um einem gegenwärtigen Begehren Platz zu machen und man meint

dass wenn es auf die Probe ankäme sie möglicherweise den Angaben oder der

allgemeinen Ansicht nicht entsprechen werde da man oft gefunden habe dass das

was Andere gerühmt haben ja was man selbst mit großer Lust zu einer Zeit

genossen habe zu einer andern Zeit sich als gleichgültig ja als widerwärtig

erwiesen habe Deshalb findet man darin keinen Anlass einer gegenwärtigen Lust

vorbeizugehen Allein man muss einräumen dass dieser Grundsatz wenn man ihn

auf das Glück eines jenseitigen Lebens anwendet falsch ist sofern man nicht

sagt »Gott kann Jeden nach seinem Belieben glücklich machen« Denn wenn jenes

Leben ein Zustand des Glückes ist so entspricht es sicherlich eines Jeden

Wunsch und Begehren selbst wenn der Geschmack dort so verschieden wie hier

sein sollte wird doch das Manna des Himmels jedem Gaumen behagen So viel über

das falsche Urteil rücksichtlich der gegenwärtigen und zukünftigen Lust und

Schmerzgefühle wenn sie verglichen und die abwesenden als zukünftige behandeln

werden

     66 Bei Betrachtung der Folgen des Handelns Was nun die in ihren Folgen

guten und schlimmen Dinge anlangt die fähig sind uns Gutes und Übles in der

kommenden Zeit zu gewähren so fehlt hierbei das Urteil in mancherlei Weise 1

Wenn man meint dass nicht wirklich so viel Schlimmes aus ihnen folgen werde

als doch in Wahrheit der Fall ist; 2 Wenn man meint dasswenn auch die Folge

so bedeutend sei sie doch noch nicht sicher sei sondern es auch anders kommen

könne und dass mancherlei Mittel wie Fleiß Geschicklichkeit Veränderung

Reue usw sie beseitigen können Dass dies falsche Urteile sind könnte man

leicht bei Prüfung der einzelnen Fälle zeigen indes will ich nur im

Allgemeinen bemerken dass man sehr falsch und unverständig verfährt wenn man

auf unsichere Vermutungen hin und nach ehe gehörig und der Wichtigkeit des

Falles entsprechend geprüft worden ob man sich nicht irre ein größeres Gut

für ein kleineres wagt Jeder muss dies einräumen namentlich wenn er die

gewöhnlichen Ursachen beachtet die zu falschen Urteilen bestimmen von denen

hier einige angeführt werden sollen

     67 Die Ursachen davon Die erste ist Unwissenheit  wer ohne sich

vorher genügend erkundigt zu haben urteilt trägt die Schuld wenn er falsch

urteilt 2 Die zweite ist Nachlässigkeit wenn man selbst das übersieht was

man weiß Es ist dies eine für diesen Zeitpunkt vorgespiegelte Unwissenheit

welche das Urteil ebenso irre leitet wie die vorige Ursache Das Urteilen

gleicht dem Abschließen einer Rechnung wo man ermittelt auf welcher Seite der

Überschuss ist Werden beide Seiten hastig aufgerechnet und mancher

einzureihende Posten übersehen und ausgelassen so macht diese Überstürzung das

Urteil ebenso falsch wie die völlige Unwissenheit Meist wird dies durch das

Übergewicht einer gegenwärtigen Lust oder Schmerzes veranlasst die durch

unsere schwache Natur welche vom Gegenwärtigen am meisten erregt wird

gesteigert werden Zur Hemmung dieser Überstürzung ist dem Menschen Verstand

und Vernunft gegeben sofern man sie recht gebraucht erst sieht und forscht und

dann urteilt Ohne die Freiheit hätte der Verstand keinen Nutzen und ohne den

Verstand hätte die Freiheit wenn es möglich wäre keine Bedeutung Wenn der

Mensch sähe was ihm gut und schädlich ist was ihn glücklich oder elend macht

ohne doch einen Schritt deshalb vor oder rückwärts tun zu können so hülfe das

Sehen ihm nichts und wer in völliger Dunkelheit die Freiheit sich zu bewegen

hat wäre mit seiner Freiheit nicht besser daran als eine von dem Winde auf

und niedergetriebene Wasserblase es ist kein Unterschied ob ein blinder

Anstoß von außen oder von innen mich treibt Deshalb ist der erste und größte

Nutzen der Freiheit dass sie das blinde Überstürzen verhindert ihr Gebrauch

besteht wesentlich in einem Stillstehen und Öffnen der Augen in einem

Umsichschauen und Betrachten der Folgen der zu unternehmenden Handlung je nach

der Wichtigkeit des Gegenstandes. Ich brauche nicht näher anzugeben wie viel

hierbei Faulheit und Nachlässigkeit oder die Hitze der Leidenschaft der

Einfluss der Mode und die Gewohnheit zu dem falschen Urteile beitragen Ich

will nur noch eines andern falschen Urteiles gedenken das man obgleich es von

großem Einfluss ist weniger beachtet

     68 Das falsche Urteil über das zu unserem Glück Erforderliche

Jedermann verlangt unzweifelhaft nach dem Glück allein ist man frei vom

Schmerz so ist man wie gesagt mit jeder Lust die zur Hand ist oder welche

die Gewohnheit süß gemacht hat zufrieden so ist man glücklich und sieht nicht

weiter bis ein neues Begehren mit seinem Unbehagen dieses Glück stört und

zeigt dass man noch nicht glücklich ist Vorher ist der Wille zu keiner

Handlung bereit um ein anderes bekanntes oder sich zeigendes Gut zu verfolgen

denn da man nicht alle Arten von Gütern gleichzeitig gemessen kann sondern

eines das andere ausschließt so richtet sich das Begehren nicht auf das

größere Gut was sich zeigt so lange es nicht für das Glück notwendig

gehalten wird es erregt uns nicht so lange wir ohne es glücklich zu sein

glauben Dies ist ein anderer Anlass zu falschem Urteilen wenn man nämlich das

nicht für zum Glücke nötig hält was es doch wirklich ist Dieser Fehlgriff

leitet sowohl in der Wahl des erstrebten Guts wie in den Mitteln dazu bei

entfernten Gütern irre Mag man indes dabei dem Gute eine falsche Stelle

anweisen oder die für dasselbe nötigen Mittel versäumen so hat man jedenfalls

falsch geurteilt wenn man sein Endziel das Glück verfehlt Zu diesem

Missgriff trägt hauptsächlich das wirkliche oder vermeintliche Unangenehme der

dazu nötigen Handlungen bei da es verkehrt scheint des Glückes wegen sich

unglücklich zu machen und man deshalb nicht leicht sich zu diesen Handlungen

entschließt

     69 Man kann das Angenehme und Unangenehme in den Dingen verändern Die

letzte Frage hier ist also: ob der Mensch vermag das Angenehme oder Unangenehme

zu verändern was irgend eine Handlang begleitet Dies vermag er allerdings in

vielen Fällen Der Mensch kann und soll seinen Geschmack verbessern und das sich

wohlschmeckend machen was es nicht ist oder nicht dafür gehalten wird Der

Geschmack der Seele ist so mannichfach wie der des Körpers und kann ebenso

leicht umgeändert werden es ist ein Irrtum wenn man meint das Unangenehme

oder Gleichgültige mancher Handlung könne nicht in Lust und Freude umgewandelt

werden sofern man nur Alles tut was man vermag Eine gehörige Überlegung

wird dazu schon manchmal hinreichen und Übung Fleiß Gewohnheit

meistenteils Brot oder Tabak können trotzdem dass sie der Gesundheit nützen

aus Gleichgültigkeit oder Widerwillen vernachlässigt werden aber die Vernunft

und Überlegung empfehlen sie und lassen den ersten Versuch machen der Gebrauch

findet oder die Gewohnheit macht sie dann angenehm Dies gilt sicher auch für

die Tugend Eine Handlung ist entweder an sich angenehm oder unangenehm oder

sie ist es als Mittel für ein größeres und ersehnteres Ziel Isst man ein gut

zubereitetes Gericht was dem Gaumen zusagt so empfindet die Seele die Lust

die das Essen an sich und ohne weitere Beziehungen gewährt diese Lust kann

durch die Betrachtung der in der Gesundheit und Kraft enthaltenen Lust wozu das

Gericht hilft einen neuen guten Beigeschmack erhalten und sie kann uns selbst

ein schlecht schmeckendes Getränk verschlucken lassen Hier ist die Handlung zu

einer mehr oder weniger angenehmen lediglich durch die Betrachtung ihrer Wirkung

gemacht worden und durch die Überzeugung dass diese Wirkung notwendig

eintreten werde aber am meisten hilft für die Annehmlichkeit einer Handlung die

Übung und Gewohnheit Die Ausführung versöhnt oft mit dem was aus der Ferne

mit Widerwillen betrachtet wurde und die Wiederholung lässt zuletzt an dem

Gefallen finden was vielleicht bei dem ersten Versuch missfallen hat Die

Gewohnheit hat einen mächtigen Reiz und verbindet Behagen und Lust so fest mit

dem gewohnten Handeln dass man es nicht mehr unterlassen kann man fühlt sich

unbehaglich wenn das fehlt was die tägliche Übung für uns passend und deshalb

empfehlenswert gemacht hat Obgleich dies offenbar ist und Jedermann es aus

eigener Erfahrung weiß so wird doch dieses Mittel in dem Streben nach Glück in

einem Grade vernachlässigt dass es beinah als ein Widersinn klingt wenn man

sagt dass der Mensch Dinge und Handlungen sich mehr oder weniger angenehm

machen und damit dem zuvorkommen kann was in Wahrheit einen großen Teil

unserer Verirrungen veranlasst Die Mode und die allgemeine Ansicht haben

falsche Begriffe und die Erziehung und Lebensweise haben schlechte Gewohnheiten

befestigt die richtige Würdigung der Dinge ist damit verfälscht und der

Geschmack der Menschen verderbt worden Schmerzen sollten als Hilfsmittel

dagegen gelten und entgegengesetzte Gewohnheiten sollten unsere Vergnügen

verändern und das schmackhaft machen was zu dem Glücke notwendig oder nützlich

ist Jeder muss anerkennen dass er dies vermag und hat er sein Glück verloren

und hat das Elend ihn erfasst so muss er einsehen dass er diese

Vernachlässigung verschuldet hat und deshalb Tadel verdient Ich frage Jeden ob

ihm dies nicht manchmal begegnet ist

     70 Wenn das Laster der Tugend vorgezogen wird so liegt dies offenbar an

einem falschen Urteile Ich gehe jetzt nicht weiter auf diese falschen

Urteile und Vernachlässigungen des in der Macht der Menschen Stehenden ein

wodurch sie auf Irrwege geraten es würde Bände füllen und ist nicht meine

Aufgabe Allein wenn auch falsche oder sträfliche Vernachlässigung dessen was

in der Menschen Kräfte steht sie von dem Wege zum Glück abbringt und wie man

sieht auf entgegengesetzte Lebenswege führen kann so ist doch sicher dass nur

eine auf ihre wahren Grundlagen erbaute Moral die Wahl bei jedem Verständigen

bestimmen darf Wer als ein vernünftiges Wesen nicht einmal ernstlich über das

unendliche Glück und Elend nachdenken mag muss sich also selbst anklagen dass

er von seinem Verstande nicht den gehörigen Gebrauch gemacht hat Die

Belohnungen und Strafen in jenem Leben welche der Allmächtige zur Verstärkung

seiner Gesetze festgesetzt hat sind gewichtig genug um die Wahl selbst gegen

jede Lust und Schmerz dieses Lebens zu bestimmen; selbst wenn das ewige Leben um

als möglich gedacht wird welche Möglichkeit Niemand bezweifeln kann Wer dies

ausgesuchte und endlose Glück auch nur als die mögliche Folge eines guten

Lebenswandels hier anerkennt und den entgegengesetzten Zustand als den möglichen

Fehler eines schlechten der muss sich selbst für einen schlechten Richter

halten wenn er nicht erkennt dass ein tugendhaftes Leben mit der sichern

Erwartung künftiger ewiger Seligkeit einem lasterhaften Leben mit der Furcht vor

dem schrecklichen Zustand des Elendes welcher den Schuldigen treffen kann oder

im besten Fall der schrecklichen Aussicht möglicher Vernichtung vorzuziehen ist.

Dies gilt selbst wenn das tugendhafte Leben hier nur mit Schmerzen und das

lasterhafte mit steter Lust verbunden wäre obgleich es in der Regel sich anders

verhält und böse Menschen selbst in ihrem Besitz hier sich keiner großen

Gewinnst rühmen können sondern alles recht betrachtet selbst hier sich in

der schlechtesten Lage befinden Ist aber unendliches Glück in die eine

Waagschale gegen unendliches Elend in der andern gelegt und ist das Schlimmste

was den frommen Mann im Falle er irrt treffen kann doch das Beste was der

Schlechte erreichen kann wenn er Recht haben sollte wer kann da ohne

wahnsinnig zu sein das Wagstück unternehmen Welcher Verständige wird sich der

Möglichkeit aussetzen in unendliches Elend zu geraten in so fern auch dann

wenn er ihm entgeht durch dieses Wagstück nichts gewonnen werden kann; während

umgekehrt der redliche Mann nichts wagt gegenüber dem unendlichen Glücke das er

gewinnt wenn seine Erwartung eintrifft Hat der gute Mensch Recht so ist er

ewig glücklich hat er geirrt so ist er nicht elend er fühlt nichts Hat

dagegen der Böse Recht so ist er nicht glücklich und hat er geirrt so ist er

unendlich elend Es muss ein ganz schlechtes Urteilsvermögen sein was hier

nicht sofort sieht welche Seite den Vorzug verdient Ich habe nichts über die

Gewissheit oder Wahrscheinlichkeit des jenseitigen Lebens gesagt da ich hier

nur das falsche Urteil aufdecken wollte das Jeder selbst nach seinen eigenen

Grundsätzen sein sie welche sie wollen fällen muss wenn er nur mit einiger

Überlegung die kurzen Freuden eines lasterhaften Lebens wählt obgleich er

weiß und sicher ist dass ein zukünftiges Leben wenigstens möglich ist

     71 Wiederholung Ich schließe hier diese Untersuchung über die

menschliche Freiheit Bei der frühem Darstellung war ich Anfangs selbst deshalb

besorgt und einer meiner scharfsinnigen Freunde vermutete als ich sie

veröffentlichte dass sie einen Fehlgriff enthalte obgleich er mir denselben

nicht näher angeben konnte Ich habe deshalb dieses Kapitel einer genaueren

Durchsicht unterworfen dabei allerdings ein kleines und kaum bemerkbares

Versehen gefunden was ich verbessert und dabei ein anscheinend gleichgültiges

Wort mit einem andern vertauscht habe Diese Entdeckung führte mich zu der

Auffassung welche ich jetzt in dieser zweiten Auflage der gelehrten Welt

vorlege und welche in der Kürze dahin geht »Die Freiheit ist die Macht zu

handeln oder nicht zu handeln wie die Seele es bestimmt« Die Kraft welche die

wirkenden Vermögen in dem einzelnen Falle in Bewegung oder Ruhe versetzt ist

das was man Willen nennt Das was in dem Reiche der freiwilligen Handlungen

den Willen zu einer Änderung seiner Wirksamkeit bestimmt ist ein gegenwärtiges

Unbehagen welches in dem Begehren enthalten oder wenigstens immer damit

verknüpft ist Das Begehren wird immer durch das Übel erweckt und will es

fliehen indem die gänzliche Befreiung von Schmerz einen notwendigen

Bestandteil unsers Glücks bildet Dagegen erweckt kein Gut sogar kein

größeres Gut regelmäßig das Begehren sofern es keinen notwendigen Teil

unsers Glücks ausmacht oder nicht dafür gehalten wird denn Alles was man

begehrt ist nur glücklich zu sein Obgleich indes dieses allgemeine Verlangen

nach Glück fortwährend und unveränderlich wirkt so kann doch die Befriedigung

des einzelnen Begehrens und dessen Einfluss auf den Willen in Bezug auf die

entsprechende Handlung so lange gehemmt werden bis man reiflich erwogen hat ob

das begehrte anscheinende Gut einen wirklichen Teil des Glückes ausmacht und

sich mit demselben verträgt oder nicht Das schließlich Urteil nach solcher

Prüfung bestimmt den Menschen der nicht frei sein könnte wenn sein Wille von

etwas Anderem als seinem eigenen durch sein Urteil geleiteten Begehren

bestimmt würde Ich weiß dass vielfach die Freiheit in die Unentschiedenheit

des Menschen vor dem Entschlusse gesetzt wird indes wünschte ich dass die

welche so viel Gewicht auf diese sogenannte vorgängige Unentschiedenheit legen

deutlicher gesagt hätten ob diese angebliche Unentschiedenheit auch dem Denken

und Urteilen des Verstandes, ebenso wie dem Willensentschluss vorhergehe Denn

es zwischen diese Beiden zu stellen ist schwer dh unmittelbar nach dem

Urteil des Verstandes und vor dem Willensentschluss weil letzterer unmittelbar

auf jenes Urteil folgt Setzt man aber die Freiheit in eine Unentschiedenheit

vor dem Denken und Urteilen des Verstandes, so versetzt man damit die Freiheit

in einen Zustand von Dunkelheit in der man nichts von ihr sehen und sagen kann

wenigstens wird sie dann einem Wesen beigelegt dem die Fähigkeit für sie

abgeht da kein Wesen der Freiheit fähig ist wenn man ihm das Denken und

Urteilen nimmt Ich bin in Worten nicht peinlich und sage deshalb gern mit

denen die es vorziehen dass die Freiheit in der Unentschiedenheit besteht

aber in der welche nach dem Urteile des Verstandes noch bleibt ja selbst nach

dem Willensentschluss und deshalb ist diese keine Unentschiedenheit des

Menschen denn hat er einmal entschieden was das Beste ist dh zu handeln

oder nicht zu handeln so ist er nicht mehr unentschieden sondern eine

Unentschiedenheit der wirkenden Kräfte welche nach wie vor dem

Willensentschluss gleich fähig bleiben zu wirken oder nicht zu wirken und

sonach in einem Zustande sind den man Unentschiedenheit nennen mag So weit

diese Unentschiedenheit reicht ist der Mensch frei aber nicht weiter So habe

ich zB das Vermögen meine Hand zu bewegen oder sie ruhen zu lassen dieser

wirkenden Kraft ist es gleichgültig ob sie meine Hand bewegt oder nicht und

ich bin deshalb in dieser Beziehung vollkommen frei Bestimmt mein Wille diese

Kraft zur Rohe so bleibe ich doch frei weil diese Gleichgültigkeit jener Kraft

für das Handeln oder Nichtzuhandeln immer bleibt die Kraft meine Hand zu

bewegen ist nicht gänzlich durch den Willensentschluss welcher gegenwärtig die

Ruhe anordnet aufgehoben vielmehr ist diese Kraft zu handeln oder nicht zu

handeln genau noch so wie zuvor wie sich leicht ergibt wenn der Wille sie

auf die Probe stellt und das Gegenteil anordnet Wird aber die Hand während der

Ruhe plötzlich gelähmt so ist die Unentschiedenheit dieser Kraft verloren und

damit auch meine Freiheit ich bin nun in dieser Hinsicht nicht mehr frei

sondern gezwungen meine Hand in Ruhe zu lassen Wird umgekehrt meine Hand durch

einen Krampf bewegt so ist auch damit die Unentschiedenheit dieser Kraft

aufgehoben und meine Freiheit verloren denn ich bin gezwungen meine Hand zu

bewegen Ich habe dies beigefügt um zu zeigen in welcher Art von

Unentschiedenheit die Freiheit mir zu bestehen scheint nur diese und keine

andere wirkliche oder eingebildete kann ich anerkennen

     72 Wahre Begriffe über die Natur und den Umfang der Freiheit sind so

wichtig dass man mir hoffentlich diese Abschweifung verzeihen wird zu welcher

mein Streben nach Klarheit mich verleitet hat Die Begriffe von Willen Wollen

Freiheit und Notwendigkeit kamen mir von selbst in diesem Kapitel über die

Kraft in den Weg In einer frühem Ausgabe dieser Schrift gab ich darüber eine

Darstellung wie sie meiner damaligen Einsicht entsprach jetzt gestehe ich als

ein Freund der Wahrheit der nicht eigensinnig an seine Lehren hängt gern dass

ich meine Ansicht etwas geändert habe da ich Grund dazu vorfand In der ersten

Darstellung folgte ich der Wahrheit mit unbeugsamem Gleichmut wohin sie auch

mich führen mochte allein ich bin weder so eitel um mir Untrüglichkeit

einzubilden noch so unredlich dass ich meinen Irrtum verhüllen möchte um

meinen Ruf zu schützen Deshalb habe ich in dem gleichen aufrichtigen Streben

nach Wahrheit mich nicht gescheut das zu veröffentlichen wozu eine strengere

Untersuchung mich geführt hat Möglicherweise werden Manche meine frühere

Darstellung und Andere wie ich bereits erfahren habe diese letzte für die

richtige halten und Manche keine von Beiden Über solche Gegensätze der

Ansichten werde ich mich nicht verwundern denn unparteiische und gründliche

Ausführungen sind bei großen Streitfragen selten auch sind genaue

Untersuchungen über dergleichen hohe Begriffe nicht leicht namentlich wenn die

Untersuchung lang wird Ich wäre daher Jedermann dankbar der mit diesen oder

andern Gründen diese Frage der Freiheit zur vollen Lösung brächte und sie von

den jetzt noch vorhandenen Schwierigkeiten befreite

    Bevor ich dieses Kapitel schließe ist es vielleicht zweckmäßig und klärt

die Begriffe über Kraft wenn man sich eine etwas genauere Übersicht von dem

Begriffe der Handlung durch Nachdenken verschafft Ich habe bereits gesagt dass

man Vorstellungen nur von zwei Arten des Handelns hat nämlich von der Bewegung

und von dem Denken Obgleich beide Handlungen heißen und dafür gelten so

werden sie bei näherer Betrachtung doch nicht immer als solche angesehen werden

können. Denn irre ich mich nicht so gibt es für beide Arten Fälle die bei

genauerer Betrachtung sich eher als ein Leiden wie Handeln erweisen Sie sind

deshalb eher die Wirkungen der leidenden Kraft in den Personen die jetzt

ihretwegen als handelnde Wesen angesehen werden. In diesen Fällen erhält nämlich

die Substanz, welche sich bewegt oder denkt den Eindruck wodurch sie in diese

Tätigkeit versetzt wird lediglich von Außen und sie handelt daher nur so in

Folge ihres Vermögens einen solchen Eindruck von einem äußerlich Wirksamen zu

empfangen Solche Kraft ist aber keine eigentliche tätige Kraft sondern bloß

eine leidende Fähigkeit in der Person Dagegen setzt sieh manchmal die Substanz

oder das wirkende Wesen durch seine eigene Kraft in Tätigkeit dies ist dann

die eigentliche tätige Kraft Jede Besonderung einer Substanz durch die sie

eine Wirkung hervorbringt heißt Tätigkeit wenn zB eine dichte Substanz

vermittelst der Bewegung die sinnlichen Vorstellungen einer andern Substanz

erregt oder verändert deshalb nennt man diese Besonderung der Bewegung

Tätigkeit allein näher betrachtet ist diese Bewegung des dichten Körpers nur

ein Leiden was er von einem äußern Wirkenden empfangen hat Deshalb besteht

die tätige Kraft der Bewegung nur in jenen Substanzen welche die Bewegung bei

sich selbst oder bei einer andern ruhenden Substanz anfangen können Ebenso

heißt bei dem Denken die Kraft Vorstellungen oder Gedanken von der Wirksamkeit

einer äußerlichen Substanz zu empfangen eine Kraft des Denkens; allein sie ist

nur eine leidende Kraft oder eine Empfänglichkeit Wenn man dagegen nicht

vorhandene Vorstellungen nach Belieben hervorruft und mit andern beliebigen

vergleicht so ist dies eine tätige Kraft Diese Erklärung schützt vielleicht

vor Irrtümern über die Kräfte und Tätigkeiten in welche man durch die

Sprachlehren und die gewöhnlichen Sprachformen geraten kann weil die von den

Sprachlehrern als Aktiven behandelten Zeitworte nicht immer eine Tätigkeit

bezeichnen Sagt man zB Ich sehe den Mond oder einen Stern oder Ich fühle

die Sonnenhitze so wird dies zwar durch das Aktivum des Zeitworts ausgedrückt

aber bezeichnet keine Tätigkeit meiner wodurch ich auf diese Dinge einwirke

sondern nur meine Aufnahme der Vorstellungen von Licht Rundung und Hitze wobei

ich mich nicht tätig sondern nur leidend verhalte und bei der Stellung meiner

Augen oder meines Körpers diese Vorstellung in mich aufnehmen muss Wende ich

aber meine Augen anders wohin oder gehe ich aus den Strahlen der Sonne so bin

Ich wahrhaft tätig weil ich mich nach meiner eigenen Wahl durch meine innere

Kraft in Bewegung setze Solche Bewegung ist die Wirkung einer tätigen Kraft

     73 Somit habe ich in kurzer Darstellung eine Übersicht unserer

ursprünglichen Vorstellungen gegeben aus denen alle übrigen sich ableiten und

bilden Wollte ich dies als Philosoph in Betracht nehmen und die bestimmenden

Ursachen so wie das erforschen woraus die übrigen gebildet werden, so würden

sie sich leicht auf nur wenige ursprüngliche zurückführen lassen Diese sind

Ausdehnung Dichtheit und Beweglichkeit oder das Vermögen bewegt zu werden

diese empfängt man durch die Sinne von den Körpern; ferner Auffassung oder die

Kraft aufzufassen und zu denken Bewegung oder die Kraft zu bewegen die man

durch die Selbstwahrnehmung der Seele empfängt Man gestatte mir diese zwei

neuen Worte um jedes Missverständnis in Gebrauch anderer zweideutigen zu

vermeiden Fügt man noch das Dasein, die Dauer und die Zahl hinzu welche beiden

Arten des Wahrnehmens angehören so hat man vielleicht die sämtlichen

Urvorstellungen von welchen die übrigen sich ableiten denn aus denselben

dürfte die Natur der Farben Töne Geschmäcke und Gerüche und aller andern

Vorstellungen erklärt werden können, wenn unsere Vermögen scharf genug wären um

die verschiedenen Ausdehnungen und Bewegungen der kleinsten Körper zu bemerken

welche diese Empfindungen in uns hervorbringen Allein meine Absicht geht nur

auf die Untersuchung des Wissens, was die Seele von den Dingen durch diejenigen

Vorstellungen und Erscheinungen hat wozu Gott sie befähigt hat und auf die

Art wie die Seele zu diesem Wissen gelangt aber nicht auf deren Ursachen und

die Weise ihrer Entstehung Deshalb werde ich nicht gegen diese meine Absicht

mich auf die philosophische Untersuchung der besonderen Verfassung der Körper und

auf die Gestaltung ihrer Theile einlassen durch welche sie die Vorstellungen

ihrer sinnlichen Eigenschaften in uns hervorbringen Ich gehe nicht weiter auf

diese Ermittlung ein vielmehr genügt zu meinem Zweck die Beobachtung dass

Gold und Safran die Kraft haben in uns die Vorstellung des Gelben und Schnee

und Milch die Vorstellung des Weißen hervorzubringen Diese kann man durch das

Gesicht erlangen ohne dass man das Gewebe der betreffenden Körper oder die

besondere Gestalt und Bewegung der Teilchen prüft welche durch ihr

Zurückprallen diese besonderen Empfindungen in uns bewirken obgleich man wenn

man über die bloßen Vorstellungen in der Seele hinaus die Ursachen derselben

aufsucht in den sinnlichen Gegenständen nichts Anderes was diese verschiedenen

Vorstellungen in uns erweckt sich vorstellen kann als die verschiedene Masse

Gestalt Zahl Gewebe und Bewegung ihrer nicht mehr wahrnehmbaren kleinsten

Theile

 
 






     1 Was gemischte Zustände sind Nachdem ich in den vorgehenden Kapiteln

die einfachen Zustände abgehandelt und die wichtigsten derselben aufgeführt

habe um ihre Natur und die Art wie man zu ihnen kommt darzulegen so haben

wir nun zunächst die sogenannten gemischten Zustände zu betrachten dahin

gehören die mit den Worten Verbindlichkeit Trunkenheit Lüge bezeichneten

zusammengesetzten Vorstellungenwelche aus verschiedenen Verbindungen

mannigfacher einfacher Vorstellungen bestehen Ich nenne sie gemischte

Zustände zum Unterschied von den einfacheren welche nur aus einer einfachen

gleichartigen Vorstellung bestehen Diese gemischten Zustände sind daher solche

Verbindungen einfacher Vorstellungendie nicht als besondere Bezeichnungen

wirklicher Dinge gelten welche ein dauerndes Dasein haben sondern solcher

zerstreuten und abgetrennten Vorstellungenwelche die Seele verbunden hat

dadurch unterscheiden sie sich von den zusammengesetzten Vorstellungen der

Substanzen

     2 Die Seele bildet sie Die Erfahrung lehrt dass die Seele bei den

einfachen Vorstellungen sich nur leidend verhält und sie durch die Sinnes und

Selbstwahrnehmung sämtlich von dem Dasein und der Wirksamkeit der Dinge erhält

ohne eine davon selbst bilden zu können Dagegen zeigt eine genaue Betrachtung

der gemischten Zustände die ich jetzt behandle einen ganz andern Ursprung

denn die Seele übt oft eine tätige Kraft bei Bildung dieser verschiedenen

Verbindungen ist sie einmal mit einfachen Vorstellungen versorgt so kann sie

dieselben in verschiedener Weise verbinden und so mannichfach zusammengesetzte

bilden ohne dabei danach zu fragen ob sie wirklich so in der Natur bestehen

oder nicht Daher mögen diese Vorstellungen Begriffe genannt worden sein indem

sie ihren Ursprung und ihr Bestehen mehr dem menschlichen Denken als den

wirklichen Dingen verdanken und indem zur Bildung derselben genügt dass die

Seele ihre Theile verbindet und dass sie in dem Verstande bestehen ohne

Rücksicht ob sie auch ein wirkliches Dasein haben Indes will ich nicht

bestreiten dass auch manche der Beobachtung entlehnt sind und wirklich so

bestehen wie sie der Verstand verbunden hat Wer zB die Vorstellung der

Heuchelei zuerst bildete kann sie entweder zunächst der Beobachtung eines

Menschen entlehnt haben der gute Eigenschaften sehen ließ ohne sie zu haben

oder er kann sie zuerst in seiner Seele ohne ein solches Muster gebildet haben

denn beim Beginn der Sprachen und der menschlichen Gesellschaft müssen offenbar

manche zusammengesetzte Vorstellungendie mit den geschehenen Einrichtungen

zusammenhängen erst in der Seele dieser Menschen bestanden haben ehe sie

irgendwo ein Dasein erlangt haben auch manche Worte müssen dafür in Gebrauch

gewesen mithin diese Vorstellung gebildet worden sein ehe noch die ihnen

entsprechenden Zustände bestanden

     3 Mitunter werden sie durch die Erklärung ihrer Worte gewonnen Jetzt

wo die Sprachen gebildet sind und ein Überfluss an Worten für solche Zustände

vorhanden ist, werden allerdings diese zusammengesetzten Vorstellungen häufig

durch die Erklärung ihrer Worte gewonnen Indem sie aus einer Verbindung

einfacher Vorstellungen bestehen können sie durch die Worte für diese einfachen

Vorstellungen der Seele dessen der diese Worte versteht zugeführt werden wenn

er auch diese zusammengesetzten Vorstellungen nie von wirklich so bestehenden

Dingen empfangen hat So kann man die Vorstellungen eines Kirchenraubes eines

Mordes erlangen wenn die einfachen Vorstellungen aus denen sie bestehen

aufgezählt werden obwohl man eine solche That nie gesehen hat

     4 Der Name verknüpft die Theile der gemischten Zustände zu einer

Vorstellung Wenn jeder gemischte Zustand aus mehreren einfachen besteht so

entsteht die Frage woher diese Einheit kommt und wie eine solche bestimmte

Menge nur eine Vorstellung bilden könne da eine solche Verbindung nicht immer

in der Natur besteht Ich antworte dass diese Einheit von einer Tätigkeit der

Seele kommt welche die einfachen Vorstellungen zusammentut und sie als eine

betrachtet die aus diesen Teilen besteht das Zeichen dieser Vereinung oder

das, was gemeinhin als deren Vollendung gut ist der Name welcher dieser

Verbindung gegeben wird Nach diesen Namen regelt sieh gewöhnlich die Auffassung

der verschiedenen Arten von gemischten Zuständen denn nur selten nimmt oder

betrachtet man mehrere einfache Vorstellungen als eine zusammengesetzte wenn

für ihre Verbindung nicht bereits ein Name besteht So ist die Tötung eines

alten Mannes ebenso gut zu einer zusammengesetzten Vorstellung geeignet als die

Tötung des Vaters eines Menschen allein da nur für die letzte das besondere

Wort Vatermord vorhanden ist, so gilt Jene nicht als eine zusammengesetzte

Vorstellung und nicht als eine besondere Art von Handlung im Unterschied von der

Tötung eines jungen Mannes oder eines andern Menschen

     5 Weshalb gemischte Zustände gebildet werden.) Forscht man nach der

Ursache, welche diese Verbindungen einfacher Vorstellungen zu bestimmten und

gleichsam festen Zuständen veranlasst während andere nicht beachtet werden

obgleich sie an sich ebenso gut dazu sich eignen so zeigt sich als solche

Ursache der Zweck der Sprache Man will damit möglichst schnell seine Gedanken

bezeichnen oder Anderen mittheilen deshalb sammelt man die einfachen

Vorstellungen zu zusammengesetzten Zuständen und gibt ihnen einen Namen weil

sie im Leben und Gespräch viel gebraucht werden; dagegen werden andere bei

denen dieser Anlass selten vorkommt gesondert und ohne verknüpfenden Namen

gelassen man zählt dann lieber die einfachen Vorstellungen wenn es

erforderlich ist mit ihren Namen auf als dass man das Gedächtnis mit so

vielen zusammengesetzten Vorstellungen und deren Namen belastet da man selten

einen Anlass sie zu gebrauchen hat

     6 Weshalb die Worte einer Sprache nicht mit denen einer andern stimmen

Daraus erhellt weshalb jede Sprache ihre eigentümlichen Worte hat die in

einer andern durch ein einzelnes Wort nicht wiedergegeben werden könnenDie

verschiedenen Lebensweisen Gewohnheiten und Sitten eines Volkes führen zu

Verbindungen von Vorstellungendie bei dem einen gebräuchlich und nötig sind

während ein anderes dazu weder Anlass gehabt noch daran gedacht hat man knüpft

Namen daran um lange Umschreibungen von Dingen der täglichen Unterhaltung zu

vermeiden und damit werden sie zu bestimmten zusammengesetzten Vorstellungen

So waren der ostrakismos bei den Griechen und die proscriptio bei den Römern

Wortefür welche andere Sprachen keine entsprechenden hatten weil sie

zusammengesetzte Vorstellungen bezeichneten die in den Seelen der Menschen

eines andern Volkes nicht bestanden Wo die Sitte fehlte da fehlte auch der

Begriff für eine solche Handlung man brauchte keine solche Verbindungen von

Vorstellungen und keine Worte für ihre Verknüpfung und deshalb fehlten den

andern Sprachen auch die Namen

     7 Die Sprachen ändern sich Daraus erhellt weshalb die Sprachen sich

ändern neue Worte aufnehmen und alte beseitigen Der Wechsel der Sitten und

Meinungen führt zu neuen Verbindungen von Vorstellungen, an die man oft denken

und von denen man oft sprechen muss deshalb gibt man ihnen zur Vermeidung

langer Umschreibungen neue Namen und es entstehen neue Gattungen

zusammengesetzter Zustände Welche große Zahl verschiedener Vorstellungen

dadurch in einen kurzen Laut zusammengefasst werden und wie viel Zeit und Atem

damit erspart wird sieht man leicht wenn man sich die Mühe nimmt alle

Vorstellungen aufzuzählen welche mit dem Worte Frist oder Berufung befasst

werden und wenn man statt dieser Worte eine Umschreibung gebraucht um deren

Bedeutung einem Andern verständlich zu machen

     8 Wo gemischte Zustände bestehen Obgleich ich später noch näher

hierauf eingehen werde wenn ich zur Untersuchung der Worte und ihres Nutzens

kommen werde so konnte ich doch das Obige über die gemischten Zustände nicht

unerwähnt lassen Es sind fließende und vergängliche Verbindungen einfacher

Vorstellungendie nur in der Seele des Menschen ein kurzes Dasein haben und

zwar nur so lange als man an sie denkt sie haben deshalb nur in ihren Namen

den Schein eines beharrlichen und dauernden Daseins und deshalb werden bei

dieser Art von Vorstellungen die Worte leicht für die Vorstellungen selbst

genommen Untersucht man zB worin die Vorstellung eines Triumphs oder einer

Vergötterung besteht so erhelltdass eine jede niemals in den Dingen selbst

zugleich bestehen kann da sie Handlungen sind die Zeit zu ihrer Ausführung

bedürfen und deshalb in ihren Teilen nicht zugleich bestehen können auch in

der Seele der Menschen wo diese Vorstellungen sich befinden sollen haben sie

nur ein unsicheres Dasein und deshalb verknüpft man sie gern mit Namen welche

sie in der Seele erwecken

     9 Wie die Vorstellungen gemischter Zustände erlangt werden Es gibt

also drei Wege auf denen man die zusammengesetzten Vorstellungen gemischter

Zustände erlangt 1 durch die Erfahrung und Beobachtung der Dinge selbst. So

gewinnt man wenn man zwei Menschen fechten oder ringen sieht die Vorstellung

des Fechtens und Ringens 2 durch Erfindung oder willkürlicher Verbindung

einfacher Vorstellungen in der Seele so hatte der Erfinder des Bücherdrucks und

Kupferstiches die Vorstellung davon schon in seiner Seele ehe Beides bestand

3 Durch Erklärung der Worte für Tätigkeiten die man noch nicht gesehen hat

oder für Begriffe die man nicht sehen kann Dieser Weg ist der gewöhnlichste

es werden dabei die einzelnen Vorstellungen aus denen sie bestehen aufgezählt

und gleichsam vor das innere Auge gestellt Denn wenn erst die Seele durch die

Sinnes und Selbstwahrnehmung ein Vorrat einfacher Vorstellungen erlangt und an

die sie bezeichnenden Worte sich gewöhnt hat so kann man jede zusammengesetzte

Vorstellung dem Andern mittheilen sofern darin nur solche einfache

Vorstellungen vorkommen die der Andere schon kennt und in gleicher Weise

bezeichnet Denn alle zusammengesetzten Vorstellungen lassen sich schließlich

in die einfachen auflösen aus denen sie gebildet und ursprünglich

zusammengesetzt Bind wenn auch ihre unmittelbaren Bestandteile falls ich mich

so ausdrücken darf ebenfalls zusammengesetzte Vorstellungen sein sollten So

ist der gemischte Zustand welchen das Wort Lügen bezeichnet aus folgenden

einfachen Vorstellungen gebildet 1 artikulierte Laute 2 bestimmte

Vorstellungen in der Seele des Sprechenden 3 bestimmte Worte als Zeichen

dieser Vorstellungen, 4 die Verbindung dieser Zeichen durch Beziehung oder

Verneinung auf eine andere Weise als sie es in der Seele des Sprechenden sind

Ich brauche wohl in der Auflösung dieser zusammengesetzten Vorstellung Lüge

nicht weiter zu gehen das Gesagte genügt um zu zeigen dass sie aus einfachen

Vorstellungen gebildet ist und es würde den Leser ermüden wenn ich ihn mit der

Aufzählung der einzelnen darin enthaltenen belästigen wollte jeder wird dies

nach dem Gesagten selbst tun können Dasselbe kann mit den zusammengesetzten

Vorstellungen aller andern Arten geschehen ihre Verbindung und Trennung mag

sein welche sie wolle so kann sie doch zuletzt in ihre einfachen Vorstellungen

getrennt werden diese sind der Stoff für all unser Wissen und Denken Auch ist

deshalb die Seele nicht auf eine zu knappe Zahl von Vorstellungen beschränkt

wenn man bedenkt welchen unerschöpflichen Vorrat einfacher Vorstellungen nur

die Zahl und die Gestalt darbieten daraus kann man abnehmen dass die

gemischten Zustände in ihren mannichfachen Verbindungen der einfachen

Vorstellungen und deren zahlloser Besonderungen nichts weniger als knapp und an

Zahl gering sind Deshalb sieht man schon hier dass Niemand zu fürchten

braucht es werde ihm an Raum und Platz für seine Gedanken fehlen obgleich sie,

wie ich behaupte auf die einfachen, durch die Sinnes und Selbstwahrnehmung

empfangenen Vorstellungen und deren Verbindung beschränkt bleiben

     10 Die Bewegungdas Denken und die Kraft sind am meisten besondert Es

ist interessant zu wissen welche einfachen Vorstellungen am meisten besondert

und zu gemischten mit Namen versehenen Zuständen benutzt worden sind; es sind

die drei Denken Bewegung welche beide alle Tätigkeit in sich fassen und

Kraft aus welcher diese Tätigkeiten abfließen Diese einfachen Vorstellungen

von Denken Bewegung und Kraft sind die welche am meisten besondert und aus

denen die meisten gemischten Zustände mit ihren Namen gebildet worden sind. Denn

Tätigkeit ist das große Geschäft der Menschen und der Gegenstand, mit dem sich

alle Gesetze beschäftigen es kann deshalb nicht auffallen dass die

Besonderungen des Denkens und der Bewegung beachtet deren Vorstellungen

beobachtet in dem Gedächtnis aufbewahrt worden sind und Namen bekommen haben

ohnedem hätte man schwer Gesetze machen und das Laster und die Unordnung hemmen

können Auch die gegenseitige Mittheilung war ohne solche zusammengesetzte

Vorstellungen und ihre Namen nicht ausführbar Deshalb hat man feste Namen und

Vorstellungen von den Besonderungen des Thuns gebildet welche sich nach ihren

Ursachen Mitteln Gegenständen Zielen Werkzeugen so wie nach Zeit Ort und

andern Nebenumständen und den zu diesem Thun nötigen Kräften unterscheiden Die

Dreistigkeit ist zB die Kraft vor Andern ohne Furcht oder Verwirrung nach

seiner Absicht zu sprechen und zu handeln Die Griechen gaben dieser Sicherheit

im Sprechen den besonderen Namen der parrhêsia Wenn die Kraft oder das Vermögen

etwas zu vollführen durch häufige Hebung erlangt worden ist, so nennt man es

Gewohnheit und ist sie bereit bei jeder Gelegenheit in Tätigkeit überzugehen

so nennt man es Neigung So ist der Eigensinn die Neigung zornig zu werden

Prüft man schließlich irgend eine Besonderung des Thuns zB die Überlegung

und die Zustimmung, welche Tätigkeiten der Seele sind oder Laufen und

Sprechen welche körperliche Tätigkeiten sind oder Rache und Mord welche

Tätigkeiten von beiden sind so zeigt sich dass sie sämtlich nur Verbindungen

einfacher Vorstellungen sind welche die mit diesen Worten bezeichneten

zusammengesetzten ausmachen

     11 Manche Worte welche ein Handeln zu bedeuten scheinen bezeichnen nur

eine Wirkung Da die Kraft die Quelle ist aus der alles Thun hervorgeht so

heißen die Substanzen, in denen diese Kraft enthalten ist, Ursachen wenn sie

diese Kraft durch die That äußern die dadurch hervorgebrachten Substanzen oder

die dadurch in Jemand eingeführten Vorstellungen heißen Wirkungen Die

Wirksamkeit, wodurch die neue Substanz oder Vorstellung hervorgebracht wird

heißt in dem die Kraft äußernden Dinge Tätigkeit und in dem Wesen in

welchen damit eine einfache Vorstellung hervorgebracht oder geändert wird

Leiden Diese Wirksamkeit dürfte trotz ihrer Mannigfaltigkeit und ihrer beinah

zahllosen Wirkungen in geistigen Wesen doch nur eine Besonderung des Denkens

oder Wollens und in körperlichen Wesen nur eine Besonderung der Bewegung sein

Ich sage man kann sich nur diese zwei vorstellen denn ich gestehe dass ich

von einer andern Art von Tätigkeit die Wirkungen hervorbrächte mir keinen

Begriff und keine Vorstellung machen kann sie steht meinem Denken Auffassen

und Wissen ebenso fern und ist mir ebenso dunkel wie fünf neue Sinne und wie

die Farben dem Blinden Deshalb bezeichnen manche auf Tätigkeit hinweisenden

Ausdrücke gar keine Tätigkeit oder Wirkungsweise sondern bloß die Wirkung mit

einigen Nebenumständen des handelnden Wesens oder der wirkenden Ursache wie

zB Schöpfung oder Vernichtung Beide enthalten keine Vorstellung von der Weise

oder Handlung wie sie hervorgebracht werden, sondern nur die Vorstellung der

Ursache und der geschaffenen Sache Wenn ein Bauer sagt die Kälte mache das

Wasser gefrieren so enthält zwar der Ausdruck scheinbar eine Tätigkeit allein

in Wahrheit bezeichnet er nur die Wirkung, nämlich dass flüssiges Wasser hart

und fest geworden die Handlung, wodurch es geschehen ist darin nicht

ausgedrückt

     12 Gemischte Zustände werden auch von andern Vorstellungen gebildet

Ich brauche hier wohl nicht zu sagen dass die Kraft und das Thun zwar die

größte Anzahl gemischter Zustände bilden welche besondere Namen haben und dem

Denken und Sprechen der Menschen geläufig sind aber deshalb sind andere

einfache Vorstellungen und deren Verbindungen nicht ausgeschlossen Noch weniger

brauche ich wohl alle diese gemischten Zustände und ihre Worte aufzuführen ich

müsste sonst ein Wörterbuch für beinah all die Worte anfertigen die in der

Gottesgelehrtheit in der Moral in den Rechts und Staats und andern

Wissenschaften gebraucht werden. Für meinen Zweck hier genügt es dass ich

gezeigt habe welche Art von Vorstellungen die sind welche ich gemischte

Zustände nenne in welcher Weise die Seele sie erlangt und dass sie aus dem

Zusammenstellen der durch Sinnes und Selbstwahrnehmung gewonnenen einfachen

Vorstellungen hervorgehen Dies wird wie ich glaube von mir geschehen sein

 
 





     1 Wie die Vorstellungen von Substanzen gebildet werden.) Die Seele wird

wie gesagt mit einer großen Zahl einfacher Vorstellungen versorgt die ihr so

wie sie an den äußern Dingen angetroffen werden, durch die Sinne und in Bezug

auf ihre eigenen Tätigkeiten durch die Selbstwahrnehmung zugeführt werden Sie

bemerkt dabei dass eine große Anzahl solcher einfacher Vorstellungen stets mit

einander geht Daraus vermutet sie dass sie einem Dinge zugehören und da die

Worte den gewöhnlichen Auffassungen angepasst und für die schnelle Mittheilung

gebraucht werden, so belegt man solche in einen Gegenstand vereinigte

Vorstellungen mit einem Namen Aus Unachtsamkeit spricht man nachher davon und

behandelt das wie eine Vorstellung, was in Wahrheit eine Verbindung vieler

Vorstellungen ist und weil wie gesagt man sich nicht vorstellen kann wie

diese einfachen Vorstellungen für sich bestehen können so gewöhnt man sich

daran ein Unterliegendes anzunehmen in dem sie bestehen und von dem sie

ausgehen Dieses unterliegende nennt man deshalb die Substanz.

     2 Unsere Vorstellung der Substanz im Allgemeinen Prüft sich deshalb

Jemand in Bezug auf seinen Begriff von Substanz im Allgemeinen so zeigt sich

dass er dabei nur die Vorstellung von einem nicht näher bekannten Träger solcher

Eigenschaften hat die einfache Vorstellungen in uns erwecken können und diese

Eigenschäften werden gewöhnlich die Akzidenzen genannt Fragt man was das ist

dem die Farben oder die Schwere anhängen so können nur die ausgedehnten dichten

Theile genannt werden, und fragt man wem die Dichtheit und Ausdehnung anhängt

so ist der Antwortende in keiner bessern Lage wie der früher erwähnte Indier

welcher auf seine Angabe dass die Welt von einem großen Elephanten getragen

werde gefragt wurde auf was der Elephant sich stütze er nannte darauf eine

große Schildkröte und auf die fernere Frage was die breitrückige Schildkröte

trage erwiderte er Etwas aber er wisse nicht was So spricht man hier wie in

allen Fällen, wo man Worte ohne klare und deutliche Vorstellungen gebraucht

gleich Kindern die auf die Frage was das ist was sie nicht kennen sofort

antworten Etwas Dies bedeutet bei Kindern wie bei Erwachsenen in solchem

Falle dass sie nicht wissen was und dass sie von dem Dinge das sie kennen

und besprechen wollen überhaupt keine bestimmte Vorstellung haben vielmehr es

gar nicht kennen und im Dunkeln tappen So ist die mit dem allgemeinen Kamen

Substanz bezeichnete Vorstellung nur der angenommene aber unbekannte Träger

jener seienden Eigenschaften die nach unserer Meinung sine re substante nicht

bestehen können dh nicht ohne etwas was sie trägt Diese Träger nennt man

Substantia was nach der wahren Entstehung des Worts in einfachem Deutsch das

darunter Stehende oder das Tragende bedeutet

     3 Von den Arten der Substanzen Wenn so die dunkele und bezügliche

Vorstellung der Substanz im Allgemeinen gebildet ist gelangt man zu besonderen

Arten derselben durch die Zusammenfassung solcher einfachen Vorstellungendie

nach der Erfahrung und Beobachtung der Sinne zusammen bestehen und von denen

deshalb angenommen wird dass sie aus der besonderen Inneren Verfassung oder dem

unbekannten Wesen dieser Substanz abfließen So gelangt man zu der Vorstellung

von Mensch Pferd Gold Wasser usw Ich berufe mich hier auf die eigene

Erfahrung eines Jeden ob er dabei sich etwas Mehreres klar vorstellt als dass

gewisse einfache Vorstellungen zusammen bestehen Die beobachteten Eigenschaften

des Eisens oder eines Diamanten zusammen machen die wahre zusammengesetzte

Vorstellung dieser Substanzen aus die der Schmied oder Juwelier meist besser

als der Philosoph kennt der wenn er von irgend welchen substantiellen Formen

spricht nur die Vorstellung einer Zusammenfassung der in den Substanzen

angetroffenen einfachen Vorstellungen dabei im Sinne hat Indes hat die

zusammengesetzte Vorstellung der Substanz neben diesen sie bildenden einfachen

Vorstellungen noch allemal auch die verworrene Vorstellung von Etwas dem jene

angehören und an dem sie bestehen Deshalb sagt man bei Besprechung irgend einer

Art von Substanz dass es ein Ding mit solchen oder solchen Eigenschaften sei

So ist der Körper ein ausgedehntes gestaltetes und bewegliches Ding der Geist

ein zum Denken befähigtes Ding und so gelten Härte die Erregbarkeit durch

Reiben und die Kraft Eisen anzuziehen als Eigenschaften des Magnetsteins

Diese und andere Ausdrücke zeigen dass man unter Substanz immer neben der

Ausdehnung, Gestalt Dichtheit Bewegung dem Denken und andern wahrnehmbaren

Eigenschaften noch etwas Besonderes vorstellt obgleich man nicht weiß was es

ist

     4 Die allgemeine Vorstellung der Substanz ist nicht klar So spricht

und denkt man zwar von einzelnen Arten der körperlichen Substanzen wie von

Pferd Stein usw obgleich die Vorstellung davon nur die Verbindung oder

Zusammenfassung der einfachen sinnlichen Eigenschaften ist die man in dem Pferd

oder Stein genannten Dinge anzutreffen pflegt allein da man nicht begreifen

kann wie sie für sich oder die eine in der andern bestehen kann so nimmt man

an dass sie in einem gemeinsamen Unterliegenden bestehen und davon getragen

werden Diesen Träger nennt man Substanz obgleich man offenbar davon keine

klare und deutliche Vorstellung hat

     5 Die Vorstellung der Seele ist so klar wie die des Körpers.) Dasselbe

zeigt sich bei den Tätigkeiten der Seele wie Denken Begründen Fürchten

usw man hält sie nicht für selbstständig und kann auch nicht annehmen dass

sie dem Körper zukommen und von ihm hervorgebracht werden; deshalb bezieht man

sie auf eine andere Substanz die man Geist nennt da man indes von dem Stoffe

nur die Vorstellung eines Etwas hat in welchem die verschiedenen sinnlichen und

wahrnehmbaren Eigenschaften bestehen so hat man in der Annahme einer Substanz

in der das Denken, Wissen Zweifeln eine Kraft zu bewegen usw besteht eine

ebenso klare Vorstellung von der Substanz des Geistes wie von der des Körpers;

die eine gilt ohne dass man weiß was sie ist als die Unterlage der einfachen

von Außen empfangenen Vorstellungendie andere von der man auch nicht weiß

was sie ist als die Unterlage der in uns selbst wahrgenommenen Tätigkeiten

Die Vorstellung des Stoffes, als körperliche Substanz steht deshalb unsern

Begriffen und Auffassungen ebenso fern als die des Geistes oder der geistigen

Substanz Wenn man somit keinen Begriff von der Substanz des Geistes hat so

kann man doch daraus sein Nichtdasein so wenig folgern als man aus diesem

Grunde das Dasein der Körper leugnen kann man könnte dann mit gleichem Rechte

sagen dass es keinen Körper gebe weil man keine klare und deutliche

Vorstellung vom Stoffe habe wie man sagte es gebe keinen Geist weil man keine

klare und deutliche Vorstellung von ihm habe

     6 Von den Arten der Substanzen Was daher auch die geheime und tiefere

Natur der Substanz im Allgemeinen sein mag so sind doch alle unsere

Vorstellungen von den besonderen Arten der Substanzen nur unterschiedene

Verbindungen einfacher Vorstellungendie in der wenn auch unbekannten Ursache

ihrer Einheit zusammenbestehen welche macht dass das Ganze von selbst besteht

Nur durch solche Verbindungen einfacher Vorstellungen stellt man sich die

besonderen Arten der Substanzen vor von solcher Art sind deren Vorstellungen in

uns und nur solche teilen wir durch ihre Namen Andern mit zB durch Mensch

Pferd Sonne Wasser Eisen Bei dem Hören solcher Worte bildet Der welcher die

Sprache versteht in seiner Seele eine Verbindung der einfachen Vorstellungen,

die er unter diesem Namen zusammen angetroffen hat oder als bestehend sich

vorstellt und lässt sie auf der unbekannten Unterlage ruhen und ihr anhängen

ohne dass sie selbst einem andern Dinge anhängt trotzdem zeigt es sich

gleichzeitig und Jeder findet bei Untersuchung seiner Gedanken dass er von der

Substanz, sei sie Gold oder ein Pferd Eisen ein Mensch Vitriol oder Brot nur

die Vorstellung der sinnlichen Eigenschaften hat die er als einer Unterlage

anhängend annimmt welche diese Eigenschaften oder einfachen Vorstellungen

stützt die er beisammen bestehend angetroffen hat Was ist so die Sonne anders

als die Zusammenfassung der einfachen Vorstellungen von hell heiß rund

regelmäßiger Bewegung in einer bestimmten Entfernung von uns und vielleicht

noch einigen andern Eigenschaften je nachdem Der welcher die Sonne sich

vorstellt oder von ihr spricht mehr oder weniger genau diese sinnlichen

Eigenschaften Vorstellungen oder Eigentümlichkeiten beobachtet hat die sich

in dem »Sonne« genannten Dinge befinden

     7 Die Kraft bildet einen erheblichen Teil von der zusammengesetzten

Vorstellung der Substanzen Denn Derjenige hat die vollkommenste Vorstellung

von einer Art der Substanzen der die meisten in ihr bestehenden einfachen

Vorstellungen gesammelt und verbunden hat und dazu gehören auch ihre tätigen

Kräfte und leidenden Empfänglichkeiten Diese sind zwar keine einfachen

Vorstellungen indes können sie hier der Kürze halber als solche gelten So ist

die Kraft Eisen anzuziehen eine Vorstellungdie zu der zusammengesetzten

Vorstellung der Substanz gehört welche man Magnet nennt und das Vermögen so

angezogen zu weiden ist ein Teil der Substanz, welche Eisen heißt beide

Kräfte gelten als ihren Unterlagen anhaftende Eigenschaften Da Jede Substanz

durch die in ihr bemerkten Kräfte ebensowohl sinnliche Eigenschaften in andern

Substanzen verändern wie einfache Vorstellungen in uns erwecken kann die wir

unmittelbar von ihr empfangen so zeigt sie durch diese neuen in andern

Substanzen eingeführten Eigenschaften uns die Kräfte die dadurch mittelbar

unsere Sinne ebenso regelmäßig erregen als ihre sinnlichen Eigenschaften es

unmittelbar tun So nimmt man durch die Sinne unmittelbar die Hitze und die

Farbe des Feuers wahr obgleich sie, genau betrachtet nur Kräfte des Feuers

sind welche diese Vorstellungen in uns erwecken Ebenso nimmt man durch die

Sinne die Farbe und Brüchigkeit der Holzkohle wahr wodurch man eine andere

Kraft des Feuers kennen lernt nämlich die Farbe und Festigkeit des Holzes zu

verändern Bei jenen zeigt uns das Feuer unmittelbar bei diesen mittelbar diese

verschiedenen Eigenschaften die man deshalb dem Feuer zuteilt und damit zu

einem Theile der zusammengesetzten Vorstellung desselben macht Denn alle

Kräfte die man kennt endigen lediglich in der Veränderung einer sinnlichen

Eigenschaft der Dinge, auf welche sie wirken und die damit uns neue

Eigenschaften zeigen deshalb habe ich diese Kräfte zu den einfachen

Vorstellungen gerechnet aus denen die zusammengesetzten der verschiedenen

Substanzen sich bilden obgleich diese Kräfte an sich wahrhaft zusammengesetzte

Vorstellungen sind In diesem weitem Sinne rechne ich einige dieser Kräfte zu

den einfachen Vorstellungendie in die Seele mit eintreten wenn man an

einzelne Substanzen denkt denn man muss auf die verschiedenen in ihnen

enthaltenen Kräfte zurückgehen wenn man wahre und bestimmte Begriffe von den

verschiedenen Arten der Substanzen erlangen will

     8 Und weshalb Auch kann es nicht auffallen dass die Kräfte einen

großen Teil unserer zusammengesetzten Vorstellungen der Substanzen ausmachen

da die zweiten Eigenschaften der Substanzen hauptsächlich zur Unterscheidung

derselben dienen und meist einen erheblichen Teil der zusammengesetzten

Vorstellungen ihrer verschiedenen Arten ausmachen Da uns die Sinne für die

Wahrnehmung der Masse des Gewebes und der Gestalt der kleinsten Körperteilchen

fehlen von denen ihre wahrhaften Zustände und Unterschiede abhängen so benutzt

man diese zweiten Eigenschaften als die eigentümlichen Merkmale und Zeichen zur

Bildung ihrer Vorstellungen und zur Unterscheidung derselben alle diese zweiten

Eigenschaften sind aber nur Kräfte Sowohl die Farbe und der Geschmack des

Opiums wie seine einschläfernde und schmerzstillende Natur sind reine von

seinen ersten Eigenschaften abhängige Kräfte wodurch er verschiedene Wirkungen

in verschiedenen Teilen des Körpers hervorzubringen vermag

     9 Drei Arten von Vorstellungen bilden die zusammengesetzten

Vorstellungen der Substanzen.) Die Vorstellungenwelche die zusammengesetzten

der körperlichen Substanzen bilden sind dreierlei Art Erstens die

Vorstellungen der ersten Eigenschaften der Dingewelche die Sinne wahrnehmen

und die in den Dingen auch dann sind wenn sie nicht wahrgenommen werden dazu

gehören die Masse Gestalt Zahl Lage und Bewegung der Bestandteile der

Körper; sie bestehen wirklich in den Körpern, auch wenn man nicht auf sie

achtet Zweitens die sinnlichen zweiten Eigenschaften die von jenen abhängen

und nur Kräfte sind womit die Substanzen verschiedene Vorstellungen in uns

vermittelst der Sinne hervorbringen diese Vorstellungen sind nur so weit in den

Dingen, als diese Dinge ihre Ursache sind Drittens die Fähigkeit der

Substanzen solche Veränderungen der ersten Eigenschaften zu bewirken oder zu

empfangen dass die so veränderte Substanz nun andere Vorstellungen als zuvor

erweckt Man nennt sie sämtlich tätige und leidende Kräfte und so weit man

Kenntnis oder Begriffe davon hat endigen sie alle in einfachen sinnlichen

Vorstellungen Denn welche Veränderungen ein Magnet auch in den kleinsten

Teilen des Eisens hervorbringen mag so würde man doch von einer solchen Kraft

keine Vorstellung haben wenn nicht wahrnehmbare Bewegungen sie offenbarten und

sicher gibt es tausend Veränderungen welche die Körper, die man täglich in den

Händen hat an einander bewirken können von denen man keine Ahnung hat weil

sie in keinen Wahrnehmbaren Wirkungen sich äußern

     10 Die Kräfte bilden einen großen Teil der zusammengesetzten

Vorstellungen von Substanzen.) Die Kräfte bilden deshalb in Wahrheit einen

großen Teil in den zusammengesetzten Vorstellungen der Substanzen Wer zB

die des Goldes untersucht wird finden dass mehrere Vorstellungen desselben

bloß Kräfte sind so die Kraft zu schmelzen ohne im Feuer zu vergehen ferner

sich in Königswasser aufzulösen Diese Vorstellungen gehören ebenso notwendig

zu der zusammengesetzten des Goldes wie seine Farbe und Schwere die recht

betrachtet auch nur Kräfte sind Denn dasselbe ist in Wahrheit nicht wirklich

im Golde sondern nur die Kraft diese Vorstellung vermittelst der Angen bei

gehörigem Lichte in uns zu erregen und die bei der Sonne nicht wegzulassende

Hitze ist so wenig wirklich in der Sonne wie die weiße Farbe welche sie in dem

Wachse hervorbringt Beides sind Kräfte derselben die durch die Bewegung und

Gestalt ihrer kleinsten Theile so auf den Menschen wirken dass er die

Vorstellung der Hitze bekommt und auf Wachs so dass es in dem Menschen die

Vorstellung des Weißen hervorbringt

     11 Die zweiten Eigenschaften würden verschwinden wenn man die ersten

Eigenschaften ihrer kleinsten Theile wahrnehmen könnte Wären die Sinne so

scharf dass sie die kleinsten Theile und die wirkliche Verfassung der Körper

erkennen könnten wovon ihre sinnlichen Eigenschaften abhängen so würden sie

ganz andere Vorstellungen in uns erwecken das Gelbe des Goldes würde dann

verschwinden und man wurde statt dessen ein bewunderungswürdiges Gewebe der

Theile in Gestalt und Größe sehen Die Mikroskope zeigen dies deutlich denn

das was dem bloßen Auge als Farbe sich darstellt erscheint bei einer solchen

Steigerung der Schärfe des Sinnes als etwas ganz Anderes und indem so das

Verhältnis der Masse der kleinsten Theile eines farbigen Gegenstandes zu dem

gewöhnlichen Sehen geändert wird entstehen andere Vorstellungen wie vorher So

zeigt sich Sand oder gestoßenes Glas dem bloßen Auge dunkel und weiß in

einem Mikroskop aber durchsichtig das Haar verliert darin seine frühere Farbe

und wird zum großen Teil durchsichtig gemischt mit einzelnen hellen farbigen

Flecken wie sie bei dem Strahlen von Diamanten und andern durchsichtigen

Körpern vorkommen Das Blut ist für das bloße Auge ganz rot bei einem guten

Mikroskop wo seine kleineren Theile hervortreten zeigen sich aber nur einzelne

rote Kügelchen darin die in einer durchsichtigen Flüssigkeit schwimmen und

man kann nicht sagen wie diese Kügelchen erscheinen würden wenn man sie

mittelst der Gläser noch 1000 oder 10000 mal mehr vergrößern könnte

     12 Unser Wahrnehmungsvermögen ist unserm Zustande angepasst Der

unendlich weise Schöpfer der Menschen und der sie umgebenden Dinge hat die

Sinne, Vermögen und Organe des Menschen den Bedürfnissen des Lebens und der hier

von ihm zu erfüllenden Aufgabe angepasst Vermittelst der Sinne können wir die

Dinge erkennen unterscheiden und so weit untersuchen als es uns nützlich und

für die Bedürfnisse des Lebens nötig ist Wir haben so viel Einblick in ihre

wunderbare Einrichtungen und Wirkungen als nötig um die Weisheit Macht und

Güte ihres Urhebers zu bewundern und zu preisen Zu einer solchen unseren

gegenwärtigen Zustand angemessenen Erkenntnis fehlen uns nicht die Vermögen

Allein Gott scheint nicht gewollt zu haben dass wir eine vollkommene klare und

entsprechende Erkenntnis der Dinge haben sollen vielleicht übersteigt dies die

Fassungskraft eines endlichen Wesens Wir sind mit Vermögen wenn auch schwach

und stumpf versehen um so viel in den Geschöpfen zu erkennen als nötig um

uns zu dem Schöpfer und der Kenntnis unserer Pflichten zu führen und wir haben

die hinreichenden Fähigkeiten für das was das Leben verlangt dies ist unser

Geschäft in dieser Welt Wären aber unsere Sinne anders schneller und schärfer

so würden die Dinge für uns eine ganz andere Gestalt und Erscheinung haben die

vielleicht mit unserm Dasein oder mindestens Wohlsein in diesem Theile des

Weltalls sich nicht vertragen dürften Wenn man bedenkt wie wenig unser Zustand

eine Erhebung in Regionen der Luft vertragen kann die nur etwas höher sind als

die deren Luft wir gewöhnlich einatmen so wird man zufrieden sein dass diese

zu unserer Wohnung bestimmte Erdkugel von dem allweisen Baumeister für unsere

und die sie erregenden Körper gegenseitig angepasst worden Wäre unser

Gehörsinn nur tausendmal feiner so würde ein fortwährender Lärm uns zerstreuen

man würde dann in dem stillsten Versteck weniger schlafen oder nachdenken

können als jetzt mitten in einer Seeschlacht und wenn der belehrendste der

Sinne, das Gesicht bei einem Menschen 1000 oder 100000 mal schärfer wäre als

bei einem Mikroskope so würden dann dem bloßen Auge Dinge sichtbar werden die

viele Millionenmal kleiner wären als das Kleinste was es jetzt sieht und man

würde so dem Gewebe und der Bewegung der kleinsten Theile der Körper näher

kommen und bei vielen vielleicht ihre inneren zustände erkennen allein ein

solcher Mensch wäre dann in einer ganz andern Welt gegen seine Mitmenschen

Nichts würde ihm so erscheinen wie den Andern seine GesichtsVorstellungen

würden ganz verschieden sein so dass er schwerlich mit den Andern über

sichtbare Gegenstände und Farben sprechen und verkehren könnte Er würde dann

vielleicht den hellen Sonnenschein oder das helle Tageslicht nicht ertragen und

nur sehr wenig auf einmal und nur in kleinen Entfernungen erkennen können

Selbst wenn ein Mensch mit solchen mikroskopischen Augen wenn ich sie so nennen

darf tiefer als Andere in die geheime Zusammensetzung und in das Urgewebe der

Körper eindringen könnte so würde ihm das wenig nützen wenn sein scharfes

Gesicht ihn nicht auch auf den Markt und in die Börse begleiten könnte wenn er

dann den entferntem Dingen nicht ausweichen könnte wo es nötig ist noch die

Dinge so wie Andere unterscheiden könnte Wer so scharfsehend wäre dass er die

Gestaltung der kleinsten Theile einer Uhrfeder sehen und beobachten könnte auf

welchem besonderen Bau und Anstoß ihre elastische Bewegung beruht würde

sicherlich viel Wunderbares entdecken allein wenn solche Augen nicht zugleich

die Zeiger und die Ziffern auf dem Zifferblatt sehen und die Zeit nicht erkennen

könnten so wäre dem Besitzer damit wenig geholfen er würde während er die

geheimsten Einrichtungen der Maschinenteile entdeckte noch den Gebrauch

derselben verlieren

     13 Vermutungen über die Geister Ich möchte hier noch eine kühne

Vermutung äußern man hat nämlich Grund wenn man nämlich Berichten vertrauen

darf wofür unsere Philosophie nicht einstehen kann zu glauben dass die

Geister Körper von verschiedener Größe Gestalt und Zusammensetzung annehmen

können allein ihr Vorteil über uns dürfte nicht darin liegen dass sie so sich

Sinnes und WahrnehmungsOrgane verschaffen können sondern dass sie dieselben

ihrer zeitweiligen Absicht und den Umständen unter denen sie den Gegenstand

betrachten wollen anpassen können Denn wie viel grösser würde die Kenntnis

eines Menschen gegen die der andern sein wenn er den Bau seiner Augen also nur

dieses einen Sinnes so ändern könnte dass sie sich immer den verschiedenen

Graden des Sehens anpassten welche man mit Hülfe der Gläser zunächst durch

zufällige Beleuchtung kennen gelernt hat Welche Wunder würde er entdecken

wenn er seine Augen allen Arten von Gegenständen so anpassen könnte dass er die

kleinsten Theile in dem Blute und in andern tierischen Flüssigkeiten nach ihrer

Gestalt und Bewegung so genau erkennen könnte wie ein andermal die Gestalt und

Bewegung der Tiere selbst Dagegen würden uns unveränderliche Organe mit denen

wir die kleinsten Theile der Körper nach Gestalt und Bewegung erkennen könnten

von denen ihre jetzigen sinnlichen Eigenschaften abhängen für unsern jetzigen

Zustand nichts nützen Gott hat sie sicherlich so gemacht wie es für unsern

jetzigen Zustand am besten ist Er hat sie für die Nähe der uns umgebenden

Körper eingerichtet mit denen wir zu tun haben und wenn wir auch durch die

empfangenen Vermögen keine vollkommene Kenntnis der Dinge erlangen können so

genügen sie doch für die oben genannten Zwecke die uns vor Allem angehen Ich

bitte um Entschuldigung dass ich dem Leser eine so weitgehende Vermutung über

die Mittel der Wahrnehmung bei hohem Wesen unterbreitet habe allein trotzdem

wird man doch wohl über das Wissen der Engel keine andere Vorstellung gewinnen

können als nach Verhältnis der Art die wir an uns selbst bemerken Gott kann

allerdings in seiner unendlichen Macht und Weisheit Wesen mit tausend andern

Vermögen und Sinnen erschaffen allein unser Denken kann nicht über unsere

eigenen hinaus und es ist uns unmöglich selbst nur vermutungsweise über das

was die Sinnes und Selbstwahrnehmung uns bietet hinauszugehen Wenigstens darf

die Annahme, dass die Engel mitunter sich Körper zulegen uns nicht erschrecken

da schon mehrere der ältesten und gelehrtesten Kirchenväter ihnen Körper

zugeteilt haben So viel ist sicher dass ihr Zustand und die Art ihres Seins

uns unbekannt ist

     14 Die zusammengesetzten Vorstellungen von Substanzen Um indes auf

die Frage über die Vorstellungen von Substanzen zurückzukommen so wiederhole

ich dass das Eigentümliche von deren Vorstellungen nur in der Zusammenfassung

einer Anzahl von einfachen Vorstellungen besteht die als zu einem Dinge geeint

genommen werden Wenn sie auch gemeiniglich einfache Wahrnehmungen und ihre

Namen einfache Worte sind so sind sie doch in Wahrheit zusammengesetzt und

verbunden So ist die mit dem Worte Schwan Bezeichnete Vorstellung die weiße

Farbe der lange Hals der rote Schnabel die schwarzen Beine und verbundenen

Zehen und zwar Alles dies von einer gewissen Größe mit dem Vermögen im

Wasser zu schwimmen und eine Art Geräusch zu machen und vielleicht noch einigen

andern Eigenschaften wenn man diese Art Vögel lange beobachtet hat aber alle

laufen auf einfache sinnliche Vorstellungen hinaus welche in einem

Unterliegenden geeint sind

     15 Die Vorstellung geistiger Substanzen ist so klar wie die von

körperlichen Neben den eben besprochenen zusammengesetzten Vorstellungen von

stofflichen wahrnehmbaren Substanzen kann man auch aus den einfachen

Vorstellungendie den Tätigkeiten der Seele entlehnt sind und die man täglich

in sich übt wie Denken Verstehen Wollen Wissen Bewegen usw welche in

einer Substanz beisammen sind die zusammengesetzte Vorstellung einer geistigen

Substanz bilden Durch Zusammensetzung der Vorstellungen des Denkensder

Wahrnehmung, der Freiheit der Selbstbewegung und anderer erlangt man eine

ebenso klare Vorstellung und Begriff von geistigen Substanzen wie von

körperlichen Denn verbindet man die Vorstellungen von Denken und Wollen oder

die Kraft eine körperliche Bewegung zu veranlassen oder aufzuhalten mit der

unbestimmten Vorstellung der Substanz, so hat man die Vorstellung eines

körperlosen Geistes und ebenso erlangt man durch Verbindungen Vorstellungen

von zusammenhängenden dichten Teilen und der Kraft bewegt zu werden mit der

Vorstellung der Substanz überhaupt die Vorstellung des Stoffes. Die eine ist so

klar als die andere denn die Vorstellungen des Denkens und des Bewegens sind so

klar und bestimmt wie die der Ausdehnung, Dichtheit und des Bewegtwerdens Die

Vorstellung der Substanz bleibt in beiden gleich dunkel oder ist gar keine sie

ist bloß Etwas ich weiß nicht was das nur angenommen wird um die

Vorstellungendie man Akzidenzen nennt zu tragen Nur aus Mangel sich selbst

zu beobachten meint man dass die Sinne uns nur stoffliche Dinge zeigen

vielmehr gewährt jedes Wahrnehmen bei gehöriger Betrachtung den Anblick beider

Seiten der Naturder körperlichen wie der geistigen Während ich durch Sehen

oder Hören weiß dass ein körperliches Ding außerhalb meiner der Gegenstand

meiner Wahrnehmung ist so erkenne ich noch sicherer dass ein geistiges Wesen

in mir ist was siebt und hört Dies kann offenbar nicht die Tätigkeit von

einem Stoffe sein der bloß nicht wahrgenommen wird vielmehr ist sie ohne ein

stoffloses denkendes Wesen unmöglich

     16 Es gibt keine Vorstellung von der Substanz an sich Trotz der

zusammengesetzten Vorstellung von einem Ausgedehnten Gestalteten und mit andern

sinnlichen Eigenschaften Versehenen was Alles ist was man von ihr weiß

bleibt doch die Vorstellung der Substanz des Körpers uns so fremd als wenn wir

sie gar nicht kennten und trotz aller vermeintlichen Bekanntschaft und

Vertrautheit mit dem Stoffe und den vielen Eigenschaftenwelche man an den

Körpern wahrzunehmen und zu kennen überzeugt ist wird sich doch wohl bei der

Prüfung ergeben dass man von den den Körpern zukommenden ersten Eigenschaften

keine mehreren und klareren Vorstellungen hat als von denen des stofflosen

Geistes

     17 Der Zusammenhang der dichten Theile und der Stoß sind die ersten

Vorstellungen vom Körper  Die ersten Vorstellungendie man vom Körper im

Gegensatz zum Geiste hat sind der Zusammenhang dichter und somit trennbarer

Theile und ein Vermögen die Bewegung durch den Stoß mitzuteilen Dies dürften

die ursprünglichen besonderen und eigentümlichen Vorstellungen von den Körpern

sein denn die Gestalt ist nur die Folge einer bestimmten Ausdehnung

     18 Denken und das Vermögen zu bewegen sind die ersten Vorstellungen

vom Geist Unsere Vorstellungen vom Geiste die ihm eigentümlich angehören

sind Denken und Wollen oder das Vermögen die Körper durch Denken zu bewegen

und die daraus folgende Freiheit Der Körper kann nur durch Stoß seine Bewegung

einem andern ruhenden mittheilen aber die Seele kann nach Belieben Körper

bewegen oder anhalten Die Vorstellungen des Seinsder Dauer und Beweglichkeit

sind beiden gemeinsam

     19 Die Geister sind der Bewegung fähig Es kann nicht auffallen dass

ich den Geistern Beweglichkeit zuschreibe denn ich habe keine andere

Vorstellung von Bewegung als den Wechsel des Orts in Bezug auf andere Dinge

die als ruhend gelten Da nun die Geister ebenso wie die Körper nur da wo sie

sind wirken können und da die Geister zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen

Orten wirken so muss ich allen endlichen Geistern einen Wechsel des Ortes

beilegen Denn von dem unendlichen Geiste spreche ich hier nicht Die Seele

ist wie der Körper ein wirkliches Wesen sie kann also sicherlich wie die Körper

ihren Abstand von einem andern Körper oder Wesen andern also sich bewegen und

wenn die Mathematiker zwischen zwei Punkten einen Abstand und eine Veränderung

dieses Abstandes in Betracht ziehen können so kann man dies sicherlich auch für

den Abstand zweier Geister und damit sich ihre Bewegung Annäherung oder

Entfernung von einander vorstellen

     20 Jeder findet an sich selbst dass seine Seele denken wollen und auf

seinen Körper an dem Orte wo er ist wirken kann aber dass sie es nicht auf

einen andern Körper oder an einem hundert Meilen entfernten Orte vermag Niemand

kann meinen dass seine Seele in Oxford denken oder einen Körper bewegen kann

während er in London ist Jeder weiß dass seine Seele die mit seinem Körper

verbunden ist während seiner Reise von Oxford nach London stetig ihren Ort

wechselt ebenso wie die Kutsche und die Pferde die ihn fahren die Seele kann

währenddem wahrhaft bewegt genannt werden, und sollte dies noch nicht als eine

genügend klare Vorstellung ihrer Bewegung gelten so wird die Trennung ihrer im

Tode von dem Körper es tun denn man kann unmöglich sich vorstellen dass sie

ohne Bewegung den Körper verlässt oder heraustritt

     21 Wenn man sagt die Seele kann den Ort nicht wechseln weil sie keinen

habe da die Geister nicht in loco sondern ubi seien so wird wohl diese

Redeweise in einem Zeitalter nicht mehr viel bedeuten welches nicht Lust hat

solche unverständliche Ausdrücke zu bewundern oder sich dadurch täuschen zu

lassen Soll diese Unterscheidung einen Sinn haben und auf die gegenwärtige

Frage anwendbar sein so möge man sie in gutem Englisch aussprechen und damit

zeigen dass stofflose Geister der Bewegung unfähig seien Allerdings kann man

Gott keine Bewegung zuteilen aber nicht weil er ein stoffloser sondern weil

er ein unendlicher Geist ist

     22 Vergleichung der Vorstellungen von Seele und Körper Man vergleiche

die zusammengesetzten Vorstellungen der stofflosen Geister und des Körpers und

sehe ob eine und welche dunkler als die andere ist Die Vorstellung des Körpers

ist meine ich die einer ausgedehnten dichten Substanz die durch Stoß

Bewegung mittheilen kann und von der Seele als eines stofflosen Geistes die

einer Substanz welche denkt und durch Wollen und Denken Körper in Bewegung

setzen kann Dies sind die Vorstellungen von Körper und Seele als Gegensätzen

und nun prüfe man welche die dunkelste und am schwersten fassbare ist

Menschen deren Denken nur auf körperliche Dinge gerichtet ist und deren Seele

sich ganz ihren Sinnen untergeordnet hat und selten an Etwas darüber hinaus

denkt sagen vielleicht dass sie ein denkendes Ding nicht begreifen können und

dies mag wahr sein allein sie werden im richtigen Sinne auch kein

ausgedehntes Ding begreifen

     23 Der Zusammenhang dichter Theile im Körper ist so schwer begreiflich

wie das Denken in der Seele Wenn Jemand sagt er wisse nicht was das Denkende

in ihm sei so meint er dass er nicht wisse was die Substanz dieses denkenden

Dinges sei allein ich sage dass er auch nicht weiß was die Substanz des

dichten körperlichen Dinges ist Wenn er ferner sagt er wisse nicht wie er

denke so sage ich dass er auch nicht weiß wie er ausgedehnt ist und wie die

dichten Theile der Körper vereint sind oder zusammenhängen am die Ausdehnung zu

bilden Denn wenn auch der Druck der Luft den Zusammenhang mancher Stoffteile

erklärt die grösser als die Luftteile sind so kann doch die Schwere oder der

Druck der Luft den Zusammenhang der Luftteile selbst nicht erklären oder

bewirken und soll der Druck des Äthers oder eines feineren Stoffes als die

Luft die Theile eines Luftraumes wie anderer Körper einen und zusammenhalten so

kann dieser Aether doch kein Band für sich selbst sein und die Theile

zusammenhalten welche die kleinsten Stücke dieser materia subtilis bilden

Deshalb genügt diese geistreiche Hypothese von dem Zusammenhalt der

wahrnehmbaren Körper durch den Druck unwahrnehmbarer Körper für die Theile des

Äthers nicht Wenn auch der Zusammenhalt anderer Körper dadurch erklärt wird

so bleibt doch der Zusammenhalt der Ätherteilchen selbst im Dunkeln denn man

kann sich den Aether nicht ohne Theile vorstellen die körperlich und teilbar

sind und für diese Theile fehlt dann die Ursache ihres Zusammenhalts die für

die Theile anderer Körper damit gegeben wird

     24 Allein wenn man auch den Druck einer umgebenden Flüssigkeit noch so

groß annimmt so kann doch damit die Ursache des Zusammenhalts der dichten

Stoffteile nicht erklärt werden. Allerdings kann solcher Druck die Abtrennung

zweier glatten Ebenen von einander in senkrechter Richtung hindern wie bei dem

Versuche mit zwei geglätteten Marmorplatten sich zeigt allein die Trennung in

einer den Ebenen parallelen Richtung kann dadurch nie gehindert werden Da die

umgebende Flüssigkeit in jeden durch diese seitliche Bewegung frei gewordenen

Raum nachfolgen kann so hemmt sie eine solche Bewegung verbundener Körper so

Wenig wie die Bewegung eines Körpers, der von allen Seiten von dieser

Flüssigkeit umgehen ist und keinen andern Körper berührt Gäbe es daher nicht

noch eine andere Ursache des Zusammenhaltes so müssten alle Körper durch solche

seitliche gleitende Bewegung sich leicht in Theile trennen lassen Ist der Druck

des Äthers die entsprechende Ursache des Zusammenhalts so kann dieser da nicht

sein wo diese Ursache nicht wirkt und da sie wie gezeigt gegen eine solche

seitliche Bewegung nicht wirken kann so könnte für jede mögliche schneidende

Ebene eines Körpers so wenig Zusammenhalt wie für die beiden polierten

Marmorstücke bestehen die trotz allen Drucks der Flüssigkeit doch seitlich

leicht von einander gleiten So vermeintlich klar daher auch die Vorstellung der

Ausdehnung eines Körpers ist so erhellt doch da sie nur der Zusammenhalt der

dichten Theile ist bei näherer Betrachtung dass die klare Vorstellung einer

denkenden Seele ebenso leicht ist wie die eines ausgedehnten Körpers Denn der

Körper ist nicht weiter ausgedehnt als die Verbindung und der Zusammenhalt

seiner dichten Theile geht und deshalb begreift man die Ausdehnung der Körper

nicht wenn man nicht weiß worin die Verbindung und der Zusammenhalt ihrer

Theile besteht Mir scheint diese ebenso unbegreiflich wie die Art des Denkens,

und wie es geschieht

     25 Die meisten Menschen pflegen sich allerdings zu wundern wie Jemand

eine Schwierigkeit in dem findet was sie täglich wahrzunehmen glauben Sieht

man nicht sagen sie die Körperteile fest aneinander haften Gibt es etwas

Gewöhnlicheres und wie will man dies in Zweifel ziehen Ebenso fragen sie bei

dem Denken und der freiwilligen Bewegung Erfährt man sie nicht jeden Augenblick

an sich selbst und kann man daher daran zweifeln  Allerdings sind die

Tatsachen, wie ich anerkenne klar allein betrachtet man sie näher und fragt

man wie sie erfolgen so gerät man in beiden Fällen in Verlegenheit und kann

weder einsehen wie die Körperteile zusammenhängen noch wie man sich selbst

wahrnimmt oder bewegt erkläre man mir wie die Gold oder Messingteilchen die

jetzt flüssig und so lose sind wie die des Wassers oder des Sandes in der

Sanduhr in wenig Augenblicken sich so verbinden und so fest aneinanderhaften

dass der stärkste Mann sie nicht trennen kann jeder Verständige wird hier sich

in Verlegenheit befinden wenn er seinen oder Anderer Verstand zufriedenstellen

soll

     26 Die kleinen Körperchen welche das flüssige Wasser bilden sind so

außerordentlich klein dass Niemand selbst durch ein Mikroskop und doch sollen

manche 10000 mal ja 100000 mal vergrößern ihre Größe Gestalt und Bewegung

bestimmt gesehen zu haben behaupten wird und ebenso sind sie so lose dass die

geringste Kraft sie trennt ja ihrer fortwährenden Bewegung nach kann man ihnen

gar keinen Zusammenhang beilegen und doch vereinen sich diese feinen Atome

verdichten sich und werden wenn eine strenge Kälte eintritt so

zusammenhängend dass nur große Gewalt sie trennen kann Wer die Bande welche

diese Haufen kleiner Körper so fest zusammenbinden wer den Kitt der sie so

zähe aneinanderklebt fände hätte ein großes noch unbekanntes Geheimnis

entdeckt und doch würde er auch dann die Ausdehnung der Körper welche der

Zusammenhang seiner dichten Theile ist nicht erklären können wenn er nicht

zeigen könnte worin die Vereinung oder Befestigung der Bestandteile dieser

Bande dieses Kittes oder der Kleinsten Stoffteile besteht Es scheint

hiernach dass diese erste angeblich augenscheinliche Eigenschaft der Körper

bei ihrer Prüfung uns so unbegreiflich wie irgend Etwas wird und dass eine

dichte ausgedehnte Substanz ebenso schwer zu fassen ist als eine denkende und

stofflose wenn man sich dem auch noch so sehr entgegenstellt

     27 Denn geht man weiter so wird der Druck welcher den Zusammenhang der

Körper erklären soll ebenso unbegreiflich wie dieser Zusammenhang selbst Denn

der Stoff gilt als endlich deshalb gehe man an die Grenzen des Weltalls, um zu

sehen welche Reifen welche Bande sich denken lassen die diese Masse von Stoff

so dicht zusammenpressen und woher der Stahl seine Festigkeit und die Theile

des Diamanten ihre Härte und Unauflöslichkeit haben Ist der Stoff endlich so

muss er eine Grenze haben und es muss da Etwas sein Auseinanderstäuben hindern

Will man diesem damit entgehen dass man sich in den angenommenen Abgrund eines

unendlichen Stoffes stürzt so wird damit nicht mehr Licht für den Zusammenhang

der Körper gewonnen und dessen Verständnis dadurch nicht näher gebracht dass

man ihn in eine der verkehrtesten und unverständlichsten Annahmen auflöst Die

Ausdehnung des Stoffes welche nur der Zusammenhang der letzten Theile ist wird

also so wenig wie die Vorstellung des Denkens klarer und bestimmter wenn man

ihre Natur Ursache und Weise näher untersucht

     28 Die Mittheilung der Bewegung durch Stoß oder durch Denken ist also

unbegreiflich Eine andere unserer Vorstellungen betrifft die Kraft der Körper,

durch Stoß die Bewegung mitzuteilen und die der Seele die Bewegung durch das

Denken zu erwecken Die tägliche Erfahrung bietet uns diese beiden

Vorstellungen fragt man aber wie es geschieht so befindet man sich wieder im

Dunkeln Denn für die Mittheilung der Bewegung durch Stoß wo der eine Körper

so viel davon verliert als der andere erhält welches der gewöhnlichste Fall

ist, hat man nur die Vorstellung, dass die Bewegung aus dem einen in den andern

übergeht allein dies ist ebenso dunkel und unbegreiflich wie die Art auf

welche die Seele ihren Körper durch Denken bewegt oder zur Ruhe bestimmt

obgleich es jeden Augenblick geschieht Noch schwerer ist die Zunahme der

Bewegung durch den Stoß zu verstehen die mitunter stattfinden soll Man

erfährt täglich dass Bewegungen offenbar durch Stoß und Denken veranlagst

werden allein die Art des Vorganges ist schwer begreiflich man ist für beide

gleich ratlos Mag man daher die von dem Körper oder die von der Seele kommende

Bewegung nehmen so ist die letztere ebenso klar wie die erstere und wenn man

die tätige Kraft zu bewegen betrachtet so ist sie bei der Seele klarer wie

bei dem Körper denn zwei ruhende an einander liegende Körper geben nie die

Vorstellung einer Kraft in dem einen die den andern bewegt sie bleibt immer

eine erborgte die Seele gewährt dagegen täglich die Vorstellung einer tätigen

Kraft Körper zu bewegen und deshalb fragt es sich wohl ob die tätige Kraft

nicht die Eigenschaft der Geister und die leidende die der Körper ist Dann

wären die erschaffenen Geister nicht ganz stofffrei weil sie sowohl leidend wie

tätig sind Der reine Geist dh Gott ist nur tätig der reine Stoff ist nur

leidend und Wesen die tätig und leidend sind dürften an beiden Teil haben

Sei dem aber wie man wolle so hat man doch über den Geist ebenso viele und

klare Vorstellungen als über die Körperdie Substanz ist bei beiden unbekannt

aber die Vorstellung vom Denken der Seele ist so klar wie die von der

Ausdehnung der Körper, und die der Seele beigelegte Mittheilung der Bewegung

durch Denken ist ebenso offenbar als die dem Körper beigelegte durch Stoß Die

fortwährende Erfahrung lässt uns beide bemerken obgleich unser beschränkter

Verstand keine von beiden begreifen kann denn wenn die Seele über diese

ursprünglichen durch Sinnes und Selbstwahrnehmung gewonnenen Vorstellungen

hinaus blicken und in ihre Ursachen und Entstehungsweise eindringen will so

zeigt sich dass sie nur ihre eigene Kurzsichtigkeit entdeckt

     29 Kurz die Sinneswahrnehmung überzeugt uns dass es dichte ausgedehnte

Substanzen gibt und die Selbstwahrnehmung dass es denkende Substanzen gibt

die Erfahrung versichert uns von dem Dasein solcher Wesen und dass das eine die

Kraft hat Körper durch Stoß zu bewegen und das andere durch Denken daran

kann man nicht zweifeln und die Erfahrung versieht uns jeden Augenblick mit den

klaren Vorstellungen von beiden allein über diese aus ihren Quellen

empfangenen Vorstellungen reichen unsere Vermögen nicht hinaus Jede

Untersuchung ihrer Natur Ursachen und Wirkungsarten lässt das Wesen der

Ausdehnung nicht klarer als das des Denkens erkennen jede weitere Erklärung ist

bei dem einen so schwer wie bei dem andern und man kann ebenso schwer

begreifen wie eine Substanz die man nicht kennt durch Denken den Körper

bewegt als wie eine Substanz die man nicht kennt durch Stoß denselben

bewegt Deshalb kann man von dem Körper so wenig wie von der Seele einsehen

worin die ihnen zugehörenden Vorstellungen bestehen Deshalb dürften die von der

Sinnes und Selbstwahrnehmung empfangenen einfachen Vorstellungen die Grenzen

unseres Denkens bilden darüber hinaus kann die Seele trotz aller Anstrengung

nicht einen Schritt weiter kommen und nichts entdecken wenn sie über die Natur

und die verborgenen Ursachen dieser Vorstellungen grübelt

     30 Die Vorstellung des Körpers und des Geistesmit einander verglichen

 Somit steht es wenn man die Vorstellungen von Körper und von Geist mit

einander vergleicht so dass die Substanz des Geistes so unbekannt ist wie die

des Körpers. Von zwei ursprünglichen Eigenschaften des Körpers, nämlich von den

dichten und zusammenhängenden Teilen und vom Stoß hat man klare Vorstellungen

und ebenso von den zwei ursprünglichen Eigenschaften der Seele vom Denken und

der Kraft zu handeln oder einzelne Gedanken oder Bewegungen zu erwecken und zu

hemmen Ebenso hat man klare Vorstellungen von andern den Körpern zugehörenden

Eigenschaftenwelche aber nur mannichfache Besonderungen jener beiden

ursprünglichen Eigenschaften sind Ebenso hat man Vorstellungen von den

Besonderungen des Denkens, wie das Glauben das Zweifeln das Beabsichtigen das

Fürchten das Hoffen die sämtlich nur Besonderungen des Denkens sind Auch hat

man die Vorstellung vom Wollen und von einem dem gemäßen Bewegen des Körpers

und damit auch der Seele da wie gezeigt die Geister der Bewegung fähig sind

     31 Der Begriff des Geistes ist nicht schwerer als der des Körpers.) Wenn

endlich der Begriff des stofflosen Geistes auch manche nicht leicht zu

beseitigende Schwierigkeit bietet so kann man deshalb doch das Dasein solcher

Geister so wenig leugnen oder bezweifeln als das Dasein der Körper; denn der

Begriff des Körpers ist auch mit großen Schwierigkeiten belastet die kaum

erklärt und gelöst werden dürften Man zeige mir dass der Begriff des Geistes

mehr Verwickelungen oder Widersprüche enthalte als der Begriff des Körpers! Die

endlose Teilbarkeit einer endlichen Ausdehnung verwickelt mag man sie zugeben

oder leugnen in folgen die man nicht erklären oder von Widersprüchen nicht

befreien kann in Folgen die schwieriger und anscheinend verkehrter sind als

Alles was aus dem Begriffe einer stofflosen wissenden Substanz folgt

     32 Wir kennen nur die einfachen Vorstellungen Man darf sich darüber

nicht wundern da man nur einige oberflächliche Vorstellungen von den Dingen

hat weil sie nur durch die Sinne von Außen oder durch die Beobachtung der

Inneren Vorgänge bekannt werden ohne dass man etwas Weiteres davon weiß und

uns die Vermögen fehlen um die Inneren Zustände und die wahre Natur der Dinge zu

erkennen Indem man daher in sich das Wissen und die Macht willkürlich zu

bewegen so sicher wahrnimmt wie in den äußern Dingen den Zusammenhang und die

Trennung der dichten Bestandteile dh die Ausdehnung und Bewegung der Körper,

so kann man mit dem Begriffe des stofflosen Geistes und seines Daseins ebenso

sich begnügen wie mit dem Begriffe und Dasein des Körpers. Es ist nicht

widersprechender dass ein Denken getrennt und unabhängig von Dichtheit besteht

als dass die Dichtheit besonders und unabhängig vom Denken besteht da sie beide

nur einfache von einander unabhängige Vorstellungen sind und man von beiden

klare Vorstellungen hat Ich wüsste deshalb nicht warum man das Dasein eines

denkenden Dinges ohne Dichtheit dh ohne Stoff nicht ebenso zulassen wollte

als ein dichtes Ding ohne Denken oder den Stoff Eines ist so schwer und so

leicht zu fassen als das Andere da wenn man über diese einfachen

Vorstellungen der Sinnes und Selbstwahrnehmung hinausgehen und in die Natur der

Dinge tiefer eindringen will man sofort in Dunkelheit Verwickelungen und

Schwierigkeiten gerät und dann nur die eigene Blindheit und Unwissenheit

wahrnimmt Sollte aber auch eine dieser beiden zusammengesetzten Vorstellungen

klarer als die andere sein so ist doch so viel offenbar dass die einfachen

Vorstellungen aus denen sie bestehen nur aus der Sinnes und Selbstwahrnehmung

stammen dies gilt von den Vorstellungen aller Substanzen ja von der Gottes

selbst

     33 Die GottesVorstellung Prüft man die Vorstellungwelche man von

dem unbegreiflichen höchsten Wesen hat so zeigt sich dass man auf demselben

Wege zu ihr kommt und dass sowohl die zusammengesetzte Vorstellung von Gott wie

von andern Geistern aus den einfachen durch Selbstwahrnehmung gewonnenen

Vorstellungen gebildet wird dh aus dem was man in sich selbst bemerkt also

von den Vorstellungen des Daseins und der Dauerdes Wissens und der Macht der

Lust und des Glückes und andern Eigenschaften und Kräften deren Besitz

wertvoll ist Wenn daraus die angemessenste Vorstellung des höchsten Wesens

gebildet werden soll so wird Jede dieser Eigenschaften durch unsere Vorstellung

der Unendlichkeit vergrößert und durch deren Verbindung die Vorstellung Gottes

erlangt denn ich habe bereits gezeigt dass die Seele ihre durch Sinnesund

Selbstwahrnehmung gewonnenen Vorstellungen so erweitern kann

     34 Wenn ich finde dass ich nur wenige Dinge und zum Teil oder

vielleicht alle nur unvollkommen kenne so kann ich doch die Vorstellung von

zweimal so viel Wissen bilden und ich kann sie so oft wie die Zahl verdoppeln

und damit auf alle seienden und möglichen Dinge ausdehnen Dasselbe kann ich mit

dem vollkommeneren Wissen tun dh mit dem Wissen von allen ihren

Eigenschaften Kräften Ursachen Wirkungen Beziehungen usw bis Alles in

den Dingen, und alle Beziehungen zu denselben gekannt sind und ich kann so die

Vorstellung eines unendlichen und grenzenlosen Wissens bilden Ebenso kann man

die Kraft bis zur unendlichen vergrößern und auch die Dauer so zu einer nach

Anfang und Ende unendlichen machen und damit die Vorstellung eines ewigen Wesens

bilden indem die Grade oder die Ausdehnung des Daseins der Macht der Weisheit

und aller andern Vollkommenheiten die man vorstellen kann welche dem

höchsten Gott genannten Wesen beigelegt werden sämtlich grenzenlos und

unendlich sind so entsteht daraus die bestmöglichste Vorstellung von ihm aber

all dies geschieht nur durch Steigerung jener einfachen Vorstellungendie man

durch Selbstwahrnehmung von den Tätigkeiten der Seele und durch die Sinne von

den äußern Dingen entlehnt hat zu jener Unermesslichkeit zu welcher die

Unendlichkeit sie ausdehnen kann

     35 Die GottesVorstellung Denn die Unendlichkeit ist es die mit den

Vorstellungen des Daseins der Macht des Wissens usw verbunden jene

zusammengesetzte Vorstellung bildet durch die man sich am besten das höchste

Wesen vorstellt Denn wenn auch Gott in seiner Wesenheit die wir sicherlich

nicht kennen da wir nicht einmal die wirkliche Wesenheit eines Steines oder

einer Fliege oder von uns selbst kennen einfach und nicht zusammengesetzt ist

so haben wir doch keine andere Vorstellung von ihm als die aus einem ewigen und

unendlichen Dasein Wissen Macht Glück zusammengesetzte Dies sind Alles

besondere Vorstellungen ja einige sind Beziehungen und daher selbst aus andern

zusammengesetzt aber alle sind wie gezeigt ursprünglich durch Sinnes und

Selbstwahrnehmung erlangt und bilden als solche die Vorstellung oder den

Begriff, den wir von Gott haben

     36 Jede einzelne Vorstellung in der zusammengesetzten von Geistern ist

aus der Sinnes und Selbstwahrnehmung entlehnt Auch teilt man Gott keine

Vorstellung mit Ausnahme der Unendlichkeit zu die nicht auch einen Teil der

Vorstellung von andern Geistern bildet Denn man kann keine andern einfachen

Vorstellungenwelche Dingen mit Ausnahme der Körper zugehören haben als die

welche die Selbstwahrnehmung von den Tätigkeiten der eigenen Seele bietet und

man kann daher auch nur solche den Geistern beilegen Aller Unterschied den man

zwischen den Geistern sich vorstellen kann betrifft nur die verschiedene

Ausdehnung der Grade ihres Wissens ihrer Macht Dauer Seligkeit usw Denn

dass man bei den Vorstellungen von Geistern wie bei denen von andern Dingen

auf die durch die Sinnesund Selbstwahrnehmung empfangenen beschränkt ist

erhellt daraus dass wenn man auch die Vorstellungen der Geister noch so sehr in

ihrer Vollkommenheit über die der Körper und selbst bis zur Unendlichkeit

erhöht man doch sich über die Art wie sie ihre Gedanken sich mittheilen keine

Vorstellung machen kann obgleich man anerkennen muss dass die Geister als

Wesen von vollkommenerem Wissen und größerem Glück auch eine vollkommenere Art

für die Mittheilung ihrer Gedanken haben müssen als wir die dafür auf

körperliche Zeichen und besondere Laute beschränkt sind deren allgemeiner

Gebrauch nur daher kommt dass diese Zeichen die besten und schnellsten sind

deren wir fähig sind Von einer unmittelbaren Mittheilung der Gedanken haben wir

dagegen keine eigene Erfahrung und deshalb auch überhaupt keinen Begriff davon

wie Geister ohne Worte ihre Gedanken mit Schnelligkeit mittheilen und noch

weniger wie Geister ohne Körper Meister ihrer Gedanken sein und dieselben nach

Belieben mittheilen oder verbergen können obgleich man doch ein solches

Vermögen notwendig bei ihnen voraussetzen muss

     37 Wiederholung So hat sich gezeigt welche Art von Vorstellungen man

von den mancherlei Substanzen hat woraus sie bestehen und wie man zu ihnen

gelangt Danach dürfte ziemlich klar sein

    1 dass all unsere Vorstellungen der mancherlei Substanzen nur

Zusammenfassungen einfacher Vorstellungen sind mit der Annahme von Etwas dem

sie zugehören und in dem sie bestehen obgleich man von diesem angenommenen

Etwas durchaus keine klare Vorstellung hat

    2 dass all diese einfachen Vorstellungendie so auf einer gemeinsamen

Unterlage vereint die zusammengesetzten Vorstellungen der verschiedenen

Substanzen bilden nur durch Sinnes und Selbstwahrnehmung erlangt werden

Deshalb kann man selbst bei den Vorstellungenmit denen man am vertrautesten zu

sein meint und die dem Verständnis unserer weitesten Fassungskraft am nächsten

kommen nicht über diese einfachen Vorstellungen hinauskommen und umgekehrt

kann man selbst bei den Vorstellungenwelche allen bekannten am fernsten

stehen und die Alles das unendlich übertreffen was man in sich durch

Selbstwahrnehmung und in andern Dingen durch Sinneswahrnehmung erkennt auch

über diese einfachen aus der Sinnes und Selbstwahrnehmung stammenden

Vorstellungen nichts weiter erreichen wie die zusammengesetzten Vorstellungen

der Engel und insbesondere Gottes selbst ergeben

    3 dass die meisten der einfachen Vorstellungen aus denen die

zusammengesetzten von den Substanzen bestehen in Wahrheit nur Kräfte sind

wenngleich man sie als bejahende Eigenschaften auffassen kann So sind zB die

meisten der die Vorstellung des Goldes ausmachenden Vorstellungen wie gelbe

Farbe schweres Gewicht Dehnbarkeit Schmelzbarkeit Auflösbarkeit in

Königswasser usw alle in einem unbekannten Unterliegenden vereint gedacht

nur so viele Beziehungen zu andern Substanzen ohne in dem Golde an sich

wirklich enthalten zu sein obgleich sie von jenen wirklichen und ersten

Eigenschaften seiner Inneren Verfassung abhängen welche das Gold zu

verschiedener Tätigkeit und zum Erleiden der Einwirkungen von andern Substanzen

befähigen

 
 





     1 EINE Vorstellung.) Außer diesen zusammengesetzten Vorstellungen

einzelner Substanzen wie Mensch Pferd Gold Veilchen Apfel usw hat die

Seele auch zusammengesetzte SammelVorstellungen von Substanzendie ich so

nenne weil sie aus vielen einzelnen zusammengefassten Substanzen bestehen die

in eine verbunden und so nur als eine gelten zB die Vorstellung von einer

solchen Sammlung von Menschen als ein Heer ausmachen obgleich dies aus sehr

vielen Substanzen besteht ist es doch nur eine Vorstellung, wie die eines

Menschen und die große SammelVorstellung aller Körper überhaupt welche man

die Welt nennt ist ebenso gut eine Vorstellung, wie die von den kleinsten

Teilchen in ihr da es zur Einheit einer Vorstellung genügt dass sie als eine

Darstellung oder ein Bild aufgefasst werde wenn sie auch aus noch so vielen

Teilen besteht

     2 Gebildet durch die verbindende Kraft der Seele Diese

Sammelvorstellungen von Substanzen bildet die Seele durch ihre verbindende

Kraft mittelst welcher sie mehrere einfache oder zusammengesetzte Vorstellungen

zu einer ebenso verbindet wie es bei den zusammengesetzten Vorstellungen

einzelner Substanzen geschieht die aus einer Ansammlung von einfachen zu einer

Substanz verbundenen Vorstellungen bestehen und wie es durch wiederholtes

Zusetzen der Vorstellung der Einheit bei der SammelBesonderung oder

zusammengesetzten Vorstellung einer Zahl geschieht zB eines Schockes eines

Mandels Die Seele stellt auch mehrere besondere Substanzen ebenso zusammen und

macht daraus Sammelvorstellungen wie die einer Truppe einer Armee eines

Schwarmes einer Stadt einer Flotte in jeder stellt man sich eine Vorstellung

mit einem Blick vor und betrachtet unter diesem Begriff die mehreren Dinge

völlig als eines gleich einem Schiff oder einem Atom Es ist auch nicht schwer

begreiflicher wie ein Heer von 10000 Mann eine Vorstellung ausmachen könne

als wie bei dem Menschen dies geschehen kann da die Seele ebenso leicht eine

große Zahl Menschen verbinden und als eine Vorstellung fassen kann wie die

verschiedenen Vorstellungenwelche das Verbinden zu einem Menschen ausmacht

     3 Alle künstlichen Sachen sind SammelVorstellungen Dazu gehören die

meisten künstlichen Gegenstände wenigstens die aus mehreren besonderen

Substanzen gefertigten und wenn man alle die SammelVorstellungen wie Heer

Sternbild Weltall in ihrer Einheit recht betrachtet so erscheinen sie nur als

die künstlichen Werke der Seele welche sehr entfernte und unabhängige Dinge

unter einen Gesichtspunkt befasst weil sie besser betrachtet und von ihnen

leichter gesprochen werden kann, wenn sie zu einem Begriffe verbunden und mit

einem Worte bezeichnet sind Selbst die entferntesten und entgegengesetztesten

Dinge kann die Seele auf diese Weise zu einer Vorstellung machen wie die mit

Welt bezeichnete ergibt

 
 



                          



     1 Was Beziehung ist Außer den einfachen und zusammengesetzten

Vorstellungenwelche die Seele von den Dingen an sich selbst hat gibt es

andere welche sie aus deren Vergleichung mit einander erlangt Der Verstand ist

bei Betrachtung eines Dinges nicht auf dasselbe streng beschränkt er kann jede

Vorstellung gleichsam über sie hinaus führen oder er kann wenigstens über sie

hinaus blicken um zu sehen wie sie mit andern übereinkommt Wenn die Seele in

dieser Weise ein Ding betrachtet und dasselbe gleichsam zu einem andern trägt

und daneben stellt und ihren Blick von dem einen zu dem andern wendet so ist

dies, wie das Wort andeutet das Beziehen oder Berücksichtigen und die Worte

die man den seienden Dingen gibt um diese Rücksicht anzuzeigen und als Mittel

zu dienen was die Gedanken über das eine hinaus zu einem andern leitet heißen

Beziehungen und die so behandelten Dinge bezogene Wenn die Seele zB den Cajus

als ein solches seiendes Ding nimmt so nimmt sie nichts in ihrer Vorstellung

was nicht in Cajus wirklich besteht wenn ich ihn zB als einen Menschen

betrachte so habe ich nur die zusammengesetzte Vorstellung von der Gattung

Mensch und wenn ich den Cajus einen weißen Menschen nenne so denke ich nur an

einen Menschen mit solcher weißen Farbe Gebe ich aber dem Cajus den Namen

Gatte so deute ich auf eine andere Person und nenne ich ihn weißer so deute

ich auf ein anderes Ding in beiden Fällen geht das Denken zu Etwas über Cajus

hinaus und es werden zwei Dinge dabei in Betracht gezogen Jede Vorstellungdie

einfachen wie die zusammengesetzten kann die Seele veranlassen so zwei Dinge

zusammenzubringen und sie gleichsam in Einem zu überblicken obgleich sie als

verschieden gelten deshalb kann jede Vorstellung die Grundlage zu einer

Beziehung abgeben So ist in dem obigen Beispiel der Heiratsvertrag und die

Trauung mit der Sempronia der Anlass den Cajus Gatte zu nennen und so zu

beziehen und die weiße Farbe der Anlass dass er weißer als Sandstein genannt

wird

     2 Beziehungen werden ohne bezügliche Worte nicht leicht bemerkt Wenn

diese und andere Beziehungen durch bezügliche Worte ausgedrückt werden, denen

andere Worte entsprechen und die so gegenseitig auf einander deuten wie zB

Vater und Sohn dicker und dünner Ursache und Wirkung, so sind sie Jedermann

verständlich und man bemerkt sogleich die Beziehung. Vater und Sohn Mann und

Frau und andere dergleichen Beziehungen gehören so eng zu einander harmonieren

und entsprechen durch Gewohnheit so leicht einander im Gedächtnis dass bei dem

einen Wort das Denken sofort über das bezeichnete Ding hinausgeht und dass

Niemand die Beziehung übersieht oder bezweifelt wenn sie so deutlich angedeutet

wird Wo aber die Sprache keine solche bezügliche tarnen gebildet hat wird die

Beziehung nicht immer so leicht bemerkt Die Beischläferin ist ebenso wie die

Gattin ein bezügliches Wort allein wo in der Sprache das entsprechende andere

fehlt wird es nicht leicht so aufgefasst weil ihm das klare Zeichen der

zwischen den bezüglichen Dingen bestehenden Beziehung fehlt wo eins das andere

erklärt und beide nur gemeinsam bestehen zu können scheinen Deshalb sind manche

Worte die näher betrachtet offenbar Beziehungen enthalten als äußerliche

Bezeichnungen genommen worden Allein jedes Wort das mehr als ein leerer Schall

ist muss eine Vorstellung bezeichnen die entweder in dem betreffenden Dinge

ist wo sie dann als bejahend und als verbunden und in dem Dinge enthalten gut

oder das Wort entspringt aus einer Beziehung welche die Seele zwischen diesem

und einem andern Dinge bemerkt und dann schließt es eine Beziehung ein

     3 Manche anscheinend selbstständige Worte enthalten Beziehungen Andere

bezügliche Worte nimmt man weder als Beziehungen noch als äußerliche

Benennungen allein unter dem Schein als bezeichneten sie etwas Selbstständiges

in dem Gegenstand verhüllen sie doch stillschweigend eine wenn auch weniger

bemerkbare BeziehungDer Art sind die anscheinend bejahenden Worte alt groß

unvollkommen usw von denen ich in dem folgenden Kapitel mehr sagen werde

     4 Die Beziehungen sind von den bezogenen Dingen verschieden Man

beachte weiter dass zwei Menschen dieselbe BeziehungsVorstellung und doch sehr

verschiedene Vorstellungen von den so bezogenen oder verglichenen Dingen haben

können so können sie trotz verschiedener Vorstellungen über den Menschen doch

in dem Begriff des Vaters übereinstimmen da dieser Begriff der Substanz oder

dem Menschen nur übergezogen wird und sich nur auf eine Handlung des »Mensch«

genannten Dinges bezieht wodurch er ein Wesen seines Gleichen hervorbringen

hilft mag der Mensch an sich sein was er will

     5 Man kann die Beziehungen wechseln ohne die bezogenen Dinge zu

wechseln Das Wesen der Beziehung liegt also in dem Berücksichtigen und

Vergleichen zweier Dinge wobei das eine oder beide nach dieser Vergleichung

benannt werden Hört eines dieser beiden auf oder wird es entfernt so hört die

Beziehung auf und ebenso auch die entsprechende Benennung wenn auch das andere

Ding an sich keine Veränderung erleidet So hört der heute als Vater geltende

Cajus morgen als Vater auf wenn sein Sohn stirbt obgleich er selbst keine

Veränderung erlitten hat Deshalb kann durch die bloße Veränderung des

Gegenstandes, mit dem im Denken die Vergleichung geschieht dasselbe Ding

entgegengesetzte Bezeichnungen gleichzeitig erhalten wird zB Cajus mit

mehreren Personen verglichen so kann er in Wahrheit jünger und älter stärker

und auch schwächer usw genannt werden.

     6 Die Beziehung besteht nur zwischen zwei Dingen Alles was als ein

Ding bestehen oder aufgefasst werden kann, ist bejahend deshalb sind nicht bloß

einfache Vorstellungen und Substanzen sondern auch Eigenschaften bejahende

Dinge wenn auch ihre Theile sich oft auf einander beziehen allein das Ganze

als ein Ding aufgefasst erweckt in uns die zusammengesetzte Vorstellung eines

Dinges, welche Vorstellung gleich einem Gemälde in der Seele besteht und trotz

seiner Ansammlung vieler Theile doch ein mit einem Namen bezeichnetes bejahtes

und selbstständiges Ding oder solche Vorstellung ist. So ist das Dreieck als

Ganzes eine bejahte und beziehungslose Vorstellung wenn auch seine Theile durch

die Vergleichung unter einander bezüglich werden Dasselbe gilt von der

»Familie« dem »Ton« usw denn nur wo zwei Dinge als zwei betrachtet werden,

ist eine Beziehung möglich Es müssen immer zwei Vorstellungen oder Dinge zur

Beziehung gehören die entweder wirklich besondere sind oder als solche

vorgestellt werden, und daneben ein Grund oder ein Anlass zu ihrer Vergleichung

     7 Alles kann bezogen werden.) Rücksichtlich der Beziehung überhaupt ist

Folgendes zu bemerken

    Erstens gibt es kein Ding sei es einfache Vorstellung Substanz

Eigenschaft oder Beziehung oder ein Wort davon was nicht unzähliger

Auffassungen in Beziehung zu andern Dingen fähig wäre deshalb bilden die

Beziehungen einen großen Teil der Gedanken und Reden der Menschen So kann ein

einzelner Mensch bei allen folgenden Beziehungen und noch mehreren beteiligt

sein wie Vater Bruder Sohn Großvater Enkel Schwiegervater

Schwiegersohn Gatte Freund Feind Subjekt General Richter Beschützer

Beschützter Professor Europäer Engländer Insulaner Diener Herr Besitzer

Kapitän Vorgesetzter Unterbeamter stärker schwächer älter jünger

Zeitgenosse gleich ungleich usw beinah ohne Ende da er so vieler

Beziehungen fähig ist als Anlass zur Vergleichung seiner mit andern Dingen nach

Übereinstimmung oder Unterschied oder sonst einer Rücksicht vorhanden ist. Denn

das Beziehen ist wie gesagt nur eine Art Vergleichen und Betrachten von zwei

Dingen zusammen wo beide oder eines danach benannt werden und auch die

Beziehung selbst oft einen Namen erhält

     8 Die BeziehungsVorstellung ist oft klarer als die der Dinge selbst.)

Zweitens sind zwar die Beziehungen nicht in dem wirklichen Sein der Dinge

enthalten sondern etwas von außen Kommendes und darüber Gezogenes aber

dennoch sind die Beziehungsvorstellungen oft klarer und bestimmter als die

damit bezogenen Substanzen So ist der Begriff des Vaters oder des Bruders viel

klarer und bestimmter als der des Menschen und von der Vaterschaft kann man

leichter eine klare Vorstellung erlangen als von der Menschennatur und ich

begreife viel eher was ein Freund als was Gott ist denn oft genügt die

Kenntnis einer Tätigkeit oder einer einfachen Vorstellung um die

Beziehungsvorstellung zu gewähren während zur Kenntnis einer Substanz eine

sorgfältige Sammlung verschiedener Vorstellungen nötig ist Vergleicht man zwei

Dinge so muss man das worin man sie vergleicht kennen und deshalb muss man

bei solcher Vergleichung eine klare Vorstellung dieser Beziehung haben Deshalb

können wenigstens die Beziehungsvorstellungen vollkommener und klarer als die

der Substanzen sein Es ist meist schwer alle in einer Substanz wirklich

enthaltenen einzelnen Vorstellungen zu kennen aber wohl kann man in der Regel

die einfache Vorstellung kennen welche zu einer Beziehung gehört oder danach

genannt ist Wenn ich so zwei Menschen auf ihren gemeinsamen Vater beziehe so

kann ich leicht die Vorstellung der Brüder bilden ohne dass ich noch die volle

Vorstellung des Menschen habe Denn die bezüglichen Worte drücken ebenso wie

alle andern nur Vorstellungen aus und da diese entweder einfach oder aus

einfachen gebildet sind so genügt zur genauen Kenntnis der Vorstellungwelche

das beziehende Wort bezeichnet die klare Vorstellung von der Grundlage der

Beziehung. Dies kann Statt haben ohne dass man eine klare und vollkommene

Vorstellung von dem Dinge selbst hat dem sie beigelegt wird Wenn ich so den

Begriff habe dass das eine Ding das Ei gelegt hat woraus das andere Ding

ausgekrochen ist so habe ich eine klare Vorstellung von der Beziehung zwischen

der Henne und ihren Hühnchen in Bezug auf die beiden Kakadus in St James Park

obgleich ich von diesen Vögeln selbst nur eine dunkele und unvollständige

Vorstellung habe

     9 Alle Beziehungen laufen auf einfache Vorstellungen hinaus Drittens

ist zwar die Zahl der Auffassungen wonach Dinge mit einander verglichen werden

können, groß und gibt es deshalb eine Menge von Beziehungen allein sie enden

oder betreffen sämtlich die einfachen Vorstellungen aus der Sinnes und

Selbstwahrnehmung welche den ganzen Stoff unsers Wissens bilden Um dies

deutlicher zu machen werde ich es an den wichtigsten Beziehungen von denen wir

einen Begriff haben und ebenso an einigen die von der Sinnes und

Selbstwahrnehmung scheinbar am meisten entfernt sind darlegen Dabei wird sich

zeigen dass auch diese Vorstellungen daher entspringen und dass deren Begriffe

nur gewisse einfache Vorstellungen und daher aus der Sinnes und

Selbstwahrnehmung abgeleitet sind

     10 Worte welche die Seele über den bezeichneten Gegenstand

hinausführen sind bezügliche Viertens erhelltdass, da das Beziehen nur das

Betrachten eines Dinges mit einem andern ist das außerhalb seiner ist alle

Worte welche die Seele zu andern als den in dem bezeichneten Dinge wirklich

enthaltenen Vorstellungen führen bezügliche Worte sind So sind zB die Worte

ein lustiger strenger gedankenvoller durstiger zorniger großer Mensch

sämtlich beziehungslos denn sie bezeichnen und deuten nur das an was wirklich

in dem so bezeichneten Menschen besteht dagegen befassen die Worte Vater

Bruder König Gatte schwärzer lustiger usw neben dem bezeichneten Dinge

noch ein anderes Besondere was neben jenem besteht

     11 Schluss Nachdem ich so diese Grundsätze in Betreff der Beziehungen

im Allgemeinen festgestellt habe werde ich an einigen Beispielen zeigen wie

alle Vorstellungen von Beziehungen ebenso wie andere Vorstellungen aus einfachen

Vorstellungen gebildet werden, und dass sie alle darauf hinauslaufen wenn sie

auch noch so fein und den Sinnen fern zu stehen scheinen Ich beginne mit der

umfassendsten Beziehung unter welche alle vorhandenen und möglichen Dinge

befasst werden können, nämlich mit der Beziehung von Ursache und Wirkung. Ich

werde im nächsten Kapitel darlegen wie deren Vorstellung sich aus den beiden

Quellen all unseres Wissens aus der Sinnes und Selbstwahrnehmung ableitet

 
 



 


     1 Woher deren Vorstellungen erlangt werden Bei den sinnlichen

Wahrnehmungen des steten Wechsels der Dinge bemerkt man dass Eigenschaften und

Substanzen zu bestehen anfangen und zwar durch die gehörige Anwendung und

Wirksamkeit anderer Dinge Davon rührt die Vorstellung der Ursache und Wirkung.

Das was eine einfache oder zusammengesetzte Vorstellung hervorbringt heißt

Ursacheund das hervorgebrachte Wirkung So ist die Flüssigkeit des Wachses

eine einfache Vorstellungdie vorher nicht da war aber durch die Anwendung

eines bestimmten Hitzegrades regelmäßig hervorgebracht wird Die Flüssigkeit

des Wachses ist also die Wirkung, und die Hitze ist die Ursache. So wird die

Substanz Holz womit eine Anzahl einfacher Vorstellungen bezeichnet wird durch

Anwendung von Feuer in eine andere Substanz verwandelt welche Asche heißt

dh in eine andere zusammengesetzte Vorstellungdie von der Holz genannten

Vorstellung ganz verschieden ist deshalb gilt Feuer mit Bezug auf die Asche als

die Ursache und letztere als die Wirkung. Überhaupt gilt Alles was für uns

eine einfache Vorstellung herbeiführt oder hervorbringt sei es Substanz oder

Eigenschaft die vorher nicht bestand in der Seele als eine Beziehung und

Ursacheund wird so genannt

     2 Schöpfung Erzeugung Veränderung Wenn man so durch die

sinnlichwahrgenommenen Wirksamkeiten der Körper auf einander den Begriff von

Ursache und Wirkung erlangt hat nämlich dass Ursache das ist was macht dass

etwas Anderes sei es einfache Vorstellung Substanz oder Eigenschaft zu sein

beginnt und Wirkung, was seinen Anfang von etwas Anderem hat so findet die

Seele es nicht schwer den Ursprung der Dinge auf zwei Arten zurückzuführen 1

die wo das Ding ganz neu entsteht ohne dass ein Teil desselben schon vorher

bestanden hat wenn zB ein neuer Stoffteil in rerum natura zu sein beginnt

der vorher kein Dasein hatte Dies nennt man Schöpfung 2 die wo ein Ding aus

Stücken gemacht wird die schon vorher bestanden haben wo aber dieses Ding was

so aus frühem Stücken besteht als solche Sammlung einfacher Vorstellungen

aufgefasst vorher nicht bestanden hat wie dieser Mensch dieses Ei diese Rose

oder Kirsche usw Diese letztere Art heißt in Bezug auf eine Substanz die

im gewöhnlichen Lauf der Natur durch innere Kräfte hervorgebracht wird und nur

den Anstoß von einem äußerlich Wirkenden oder einer Ursache empfängt und die

auf unsichtbaren Wegen wirkt die man nicht erfasst Erzeugung Ist dagegen die

Ursache äußerlich und die Wirkung durch eine sichtbare Trennung Anfügung

erkennbarer Stücke erfolgt so nennt man es Machen solcher Art sind alle

Kunsterzeugnisse Wird eine einfache Vorstellung hervorgebracht die vorher in

dem Unterliegenden nicht bestand so nennt man es Veränderung Hiernach wird ein

Mensch erzeugt ein Gemälde gemacht und eines von beiden geändert wenn eine

neue sinnliche Eigenschaft oder einfache Vorstellung daran hervorgebracht wird

die vorher nicht da war Dinge die so zum Dasein gelangen und vorher nicht

waren heißen Wirkungen und die Welche dieses Dasein bewirken Ursachen Hier

wie bei allen andern Ursachen entspringt der Begriff der Ursache und Wirkung von

Vorstellungen der Sinnes oder Selbstwahrnehmung und deshalb schließt diese

Beziehung wie man sie auch auffasst zuletzt in solchen ab denn für die

Vorstellung der Ursache und Wirkung genügt die Auffassung einer einfachen

Vorstellung oder Substanz welche durch die Wirksamkeit einer andern zu sein

beginnt ohne dass man die Art dieser Wirksamkeit kennt

     3 Die Beziehungen der Zeit Zeit und Raum sind ebenfalls Grundlagen

sehr weiter Beziehungen bei denen alle endlichen Wesen beteiligt sind An

einem andern Ort ist schon gezeigt worden wie man diese Vorstellungen erlangt

so genügt hier die Andeutung dass die meisten von einer Zeit entlehnten

Benennungen der Dinge nur Beziehungen sind Sagt zB Jemand dass die Königin

Elisabeth 69 Jahr gelebt und 45 Jahre regiert habe so enthalten diese Worte nur

die Beziehung dieser Dauer zu einer andern und sagen nur dass die Dauer ihres

Lebens 69 Umläufen der Sonne und die Dauer ihrer Regierung 45 solchen gleich

gewesen Dies gilt für alle eine Zeitlänge bezeichnenden Worte Sagt man

Wilhelm der Eroberer fiel in England um das Jahr 1066 ein so wird damit wenn

man die Zeit von Geburt unsers Erlösers bis jetzt als eine auffasst nur gesagt

wie weit dieser Einfall von beiden Enden absteht Dies gilt für alle Worte die

auf die Frage Wann Auskunft geben sie zeigen nur den Abstand eines

Zeitpunktes aus einer langem Zeitperiode von dem aus man zählt und auf die man

ihn bezieht

     4 Indes gibt es andere auf die Zeit bezügliche Worte die nach

gewöhnlicher Ansicht bejahende Vorstellung bezeichnen aber näher betrachtet

doch nur als Beziehungen sich ergeben solche sind zB jung alt usw sie

bezeichnen die Beziehung eines Dinges zu einer gewissen Zeitlänge deren

Vorstellung man kennt So hat man die gewöhnliche Lebensdauer des Menschen auf

70 Jahre angenommen und wenn man Jemand jung nennt so meint man dass sein

Alter nur erst ein kleiner Teil davon sei und wird er alt genannt so meint

man dass seine Lebenszeit jener bereits ziemlich nahe komme So enthalten also

diese Worte nur eine Vergleichung des besonderen Alters oder der Lebenszeit

dieses oder jenes Menschen mit der Lebensdauer die man bei dieser Art von

Geschöpfen als Regel annimmt deshalb heißt ein Mensch von 20 Jahren jung und

von 7 Jahren sehr jung während ein Pferd mit 20 Jahren und ein Hund mit 7

Jahren alt heißen überall wird die Vergleichung mit der als regelmäßig

angenommenen Lebensdauer dieser Tiere vorgenommen Dagegen nennt man die Sonne

und die Sterne nicht alt obgleich sie schon viele Geschlechter der Menschen

überdauert haben weil man die Daseinslänge dieser Art von Dingen, die Gott

ihnen gesetzt hat nicht kennt Dieser Ausdruck passt daher nur auf solche

Dinge die nach unsern Beobachtungen im gewöhnlichen Lauf der Natur durch

natürliche Abnahme in einer gewissen Zeit ein Ende nehmen deshalb ist hier ein

Maßstab vorhanden mit dem man die verschiedenen Theile ihrer Dauer

vergleichen und sie danach jung oder alt nennen kann Bei einem Diamant oder

Rubin kann man das nicht da man deren regelmäßige Zeitdauer nicht kennt

     5 Beziehungen des Orts und der Ausdehnung.) Auch die Beziehungen der

Dinge auf einander nach Ort und Abstand sind sehr augenfällig wie zB bei dem

Ausdruck über eine Meile oder unter einer Meile von CharingCross oder In

England in London Wie bei der Zeit so ist auch bei der Ausdehnung und der

Masse manche Vorstellung bezüglich obgleich sie anscheinend bejahend benannt

wird so sind Groß und Klein wahre Beziehungen Denn auch hier sind nach den

Beobachtungen bestimmte Größen für die verschiedenen Gattungen der Dingean

die man am meisten gewöhnt ist angenommen welche als Maßstäbe gelten nach

denen man die Größe anderer bezeichnet So heißt der Apfel groß der die

gewöhnliche Größe dieser Sorte übersteigt und ein Pferd klein wenn es nicht

die gebräuchliche Größe der Pferde erreicht so kann dasselbe Pferd für einen

Welschen groß gelten das bei einem Flamländer nur klein ist da beide von der

in ihren Ländern bestehenden PferdeRace verschiedene Maßstäbe entnommen

haben nach denen sie das Große und Kleine bemessen

     6 Unbezügliche Ausdrücke werden oft für Beziehungen gebraucht Ebenso

sind Schwach und Stark nur bezügliche Benennungen der Kraft in Vergleichung zu

gewissen Vorstellungendie man zu dieser Zeit von großer und kleiner Kraft

hat Nennt man zB einen Menschen schwach so heißt das dass er nicht so viel

Kraft oder Gewalt zum Bewegen habe wie die Menschen überhaupt oder die von

seiner Größe meist haben es wird also seine Stärke mit dieser verglichen

Ebenso gilt wenn man sagt »Alle Geschöpfe sind schwache Wesen« das »Schwach«

nur als ein bezügliches Wort was das Missverhältnis der Macht der Geschöpfe

zur Gottes Macht bezeichnet So bezeichnen eine große Menge vielleicht die

meisten Worte nur Beziehungen während sie auf den ersten Blick keine solche

Bedeutung zu haben scheinen Sagt man zB das Schiff braucht MundVorräte so

sind braucht und MundVorräte beides bezügliche Worte eines bezieht sich auf

die Vollendung der beabsichtigten Fahrt und das andere auf den zukünftigen

Nutzen Dass alle diese Beziehungen auf Vorstellungendie sich aus der Sinnes

oder Selbstwahrnehmung ableiten gehen und darin endigen ist so offenbar dass

es keiner Erläuterung bedarf

 
 



 


     1 Worin die Dieselbigkeit besteht Einen andern Anlass zum Vergleichen

entnimmt die Seele von dem Sein der Dinge. Wird ein Ding als daseiend zu einer

bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort aufgefasst so vergleicht man es mit

sich selbst zu einer andern Zeit und an einem andern Ort und bildet danach die

Vorstellungen der Dieselbigkeit und Verschiedenheit Sieht man ein Ding zu einer

bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort so ist man sicher sei es was man

will dass es dasselbe Ding ist und kein anderes was zu diesem Zeitpunkt an

einem andern Orte besteht so sehr sich auch beide gleichen und in jeder andern

Rücksicht nicht zu unterscheiden sind Es besteht also die Dieselbigkeit dann

wenn die als dieselben erklärten Vorstellungen sich durchaus nicht von dem

unterscheiden was sie in dem Augenblick waren wo man ihr früheres Sein

betrachtet und womit man ihr gegenwärtiges vergleicht Denn man bemerkt niemals

und kann es sich nicht als möglich vorstellen dass zwei Dinge derselben Art an

demselben Orte zu derselben Zeit bestehen sollten und deshalb schließt man mit

Recht dass das zu irgend einer Zeit an einem Orte bestehende Ding jedes andere

der Art daselbst ausschließe und daher nur allein es Selbst ist. Fragt man

daher ob ein Ding dasselbe sei oder nicht so bezieht sich dies immer auf

Etwas das zu dieser Zeit an diesem Orte bestand welches in diesem Zeitpunkte

sicherlich mit sich selbst dasselbe war und kein anderes Daraus folgtdass ein

Ding nicht zwei Anfänge des Daseins noch zwei Dinge denselben Anfang haben

können da es für zwei Dinge derselben Art unmöglich ist in demselben Zeitpunkt

an demselben Orte zu sein oder für ein und dasselbe Ding in verschiedenen Orten

Was daher denselben Anfang gehabt hat ist dasselbe Ding, und was einen nach

Zeit und Ort davon verschiedenen Anfang gehabt hat ist nicht dasselbe sondern

verschieden Die Schwierigkeiten bei dieser Beziehung sind von der geringen

Sorgfalt und Aufmerksamkeit für genaue Begriffe der Dinge entstanden auf die

man diese Beziehung angewendet hat

     2 Die Dieselbigkeit der Substanzen Man hat nur von drei Arten von

Substanzen eine Vorstellung, 1 von Gott 2 von endlichen Geistern und 3 von

Körpern Gott ist ohne Anfang ewig unveränderlich überall über seine

Dieselbigkeit kann daher kein Zweifel entstehen Endliche Geister haben Jeder

seine bestimmte Zeit und Stelle des Anfanges im Dasein gehabt die Beziehung auf

diese Zeit und Stelle wird immer für jeden seine Dieselbigkeit bestimmen so

lange er besteht Dasselbe gilt für jeden Teil des Stoffs welcher wenn kein

Zusatz oder Abzug von Stoff gemacht worden derselbe ist Denn wenn auch diese

drei Arten vom Substanzen einander in derselben Stelle nicht ausschließen so

muss doch eine jede dies für die andern ihrer Art tun sonst wären die Begriffe

und Worte der Dieselbigkeit und Verschiedenheit leer und dergleichen Substanzen

oder sonst Etwas könnten nicht von einander unterschieden werden.

    Könnten zB zwei Körper gleichzeitig an demselben Orte sein so müssten

diese zwei Stücke des Stoffs ein und dasselbe sein mögen sie groß oder klein

sein ja alle Körper müssten dann dieselben sein Denn wenn zwei Körper an

derselben Stelle gleichzeitig sein könnten so könnten es auch alle Körper und

nimmt man das für möglich an so verschwindet aller Unterschied von

Dieselbigkeit und Verschiedenheit von Einem und Mehreren und sie werden

lächerlich Allein es ist ein Widerspruch dass Zweie Eins seien deshalb

bleiben die Dieselbigkeit und Verschiedenheit Beziehungen und Vergleichungen

die begründet und für das Denken nützlich sind

    Die Dieselbigkeit von Eigenschaften.) Da alle andern Dinge nur

Eigenschaften oder Beziehungen sind die in Substanzen enden so wird die

Dieselbigkeit und Verschiedenheit auch von jeder einzelnen auf dieselbe Weise

bestimmt Nur bei Dingen die in zeitlicher Folge bestehen wie die Handlungen

endlicher Wesen zB die Bewegung und das Denken, die beide in einem stetigen

Zuge zeitlichen Fortganges sich befinden kann über deren Verschiedenheit keine

Frage entstehen denn da jedes denselben Augenblick wo es beginnt auch

erlöscht so kann es nicht zu verschiedenen Zeiten oder Orten bestehen wie

beharrliche Dinge und deshalb ist jede Bewegung oder jedes Denken zu

verschiedenen Zeiten auch verschieden und jeder Teil desselben hat einen

verschiedenen Anfang

     3 Der Grund der Einzelheit Principium individuationis Aus dem

Gesagten ergibt sich leicht das so viel gesuchte principium individuationis es

ist offenbar das Dasein selbst welches einem Dinge für eine besondere Zeit und

Ort bestimmt wird; indem diese zwei Dingen derselben Art nicht zugeteilt werden

können. Wenn dies auch bei einfachen Substanzen und Eigenschaften sich leichter

begreift so ist es doch wenn man darauf achtet auch bei zusammengesetzten

nicht schwieriger zu fassen wenn man auf das achtet worauf es angewendet wird

Man nehme zB ein Atom dh einen stetig unter einer Oberfläche

fortbestehenden Körper der in einer besonderen Stelle des Raumes und der Zeit da

ist offenbar ist er in jedem Zeitpunkt seines Daseins derselbe mit sich selbst

Denn indem er zu diesem Zeitpunkt das ist was er ist und nichts Anderes so ist

er derselbe und muss dies bleiben so lange sein Dasein währt denn so lange

wird er derselbe und kein anderer sein Ebenso werden wenn zwei oder mehr Atome

zu derselben Masse verbunden werden jedes nach der vorgehenden Regel dasselbe

bleiben und so lange sie verbunden fortbestehen muss die aus denselben Atomen

bestehende Masse dieselbe Masse oder derselbe Körper bleiben wenn auch die

Theile noch so verschieden gemischt werden Wird dagegen ein Atom weggenommen

oder ein neues zugefügt so ist es nicht länger dieselbe Masse oder derselbe

Körper Der Zustand lebender Wesen hängt in seiner Dieselbigkeit nicht von der

Masse derselben Teilchen ab sondern von etwas Anderem denn hier hebt der

Wechsel in großen Stücken des Stoffes die Dieselbigkeit nicht auf So bleibt

eine Eiche dieselbe wenn sie aus einem Pflänzchen zu einem großen Baume

geworden und dann wieder beschnitten wird ein Füllen was zu einem Pferde

herangewachsen und bald dick bald mager ist bleibt immer dasselbe Pferd

obgleich ein offenbarer Wechsel der Theile stattgehabt hat Hier ist allerdings

die Masse nicht mehr dieselbe und doch ist die Eiche und das Pferd dasselbe

geblieben Der Grund ist weil die Dieselbigkeit in den beiden Fällen nämlich

bei einer bloßen Masse von Stoff und bei einem lebendigen Körper nicht auf

dasselbe Ding angewendet wird

     4 Die Dieselbigkeit der Pflanzen Man hat deshalb zu sehen worin eine

Eiche sich von einer Masse Stoff unterscheidet und dies scheint mir darin zu

liegen dass letzterer nur ein Zusammenhang von irgend wie verbundenen

Stoffteilen ist aber erstere eine solche Anordnung derselben wie sie die

Theile einer Eiche ausmacht und eine solche Organisation dieser Theile dass

sie Nahrung empfangen und verteilen und damit das Holz die Rinde die Blätter

usw von einer Eiche bilden und erhalten können worin das Pflanzenleben

besteht Mithin ist das eine Pflanze was eine solche Organisation der Theile in

einem zusammenhängenden Körper hat welcher an dem gemeinsamen Leben Teil

nimmt und sie bleibt eine so lange sie an demselben Leben Teil nimmt wenn

auch dieses Leben sich auf neue Stoffteile erstreckt die mit der lebenden

Pflanze lebendig zu einer gleichen stetig dauernden Organisation entsprechend

dieser Art von Pflanzen vereint werden Diese Organisation besteht zu jedwedem

Zeitpunkt in irgend einer Ansammlung von Stoff und ist damit in dieser

Bestimmtheit von allen andern verschieden es ist das EinzelLeben welches vor

und rückwärts von diesem Zeitpunkt ab stetig besteht und in derselben

Stetigkeit von unmerklich sich folgenden Teilen die mit dem lebendigen Körper

einer Pflanze verbunden werden jene Dieselbigkeit hat welche die Pflanze zu

derselben und alle ihre Theile zu Teilen dieser Pflanze macht so lange sie in

dieser stetigen Organisation vereint fortbestehen die allen so geeinten Teilen

das gemeinsame Leben zu gewahren geeignet ist

     5 Die Dieselbigkeit der Tiere Der Fall ist bei den Tieren nicht so

verschieden dass man nicht daraus leicht entnehmen könnte was die

Dieselbigkeit eines Tieres ausmacht und erhält Etwas Ähnliches hat man bei

Maschinen was zur Erläuterung dienen kann Was ist zB eine Taschenuhr

Offenbar nur eine passende Organisation oder Einrichtung von Teilen zu einem

bestimmten Zweck welchen sie wenn eine genügende Kraft hinzukommt erfüllen

kann Nimmt man diese Maschine als einen stetig dauernden Körper dessen Theile

in ihrer Einrichtung sämtlich in Stand gehalten und durch einen steten Zugang

und Abgang unmerklicher Teilchen vergrößert oder verkleinert worden und der

ein gemeinsames Leben hat so müsste man daran etwas dem Körper der Tiere sehr

Ähnliches haben nur mit dem Unterschied dass bei den Tieren die richtige

Organisation und Bewegung worin das Leben besteht zugleich beginnt da die

Bewegung von innen kommt während bei den Maschinen diese Kraft von außen kommt

und oft fehlt obgleich die Maschine in Ordnung und zur Aufnahme der Kraft

geeignet ist

     6 Die Dieselbigkeit des Menschen Dies zeigt, worin die Dieselbigkeit

des Menschen besteht nämlich in der bloßen Teilnahme an demselben

fortgesetzten Leben wobei die Stoffteilchen immer fließend und mit demselben

organisierten Körper lebendig verbunden sind. Wer die Dieselbigkeit des Menschen

in etwas Anderem als bei den Tieren sucht also nicht in einem zweckmäßig

organisierten Körper der von einem bestimmten Zeitpunkt aus in einer

Organisation zum Leben in stetig fließenden und mit ihm vereinten

Stoffteilchen fortbesteht wird schwer eine Leibesfrucht einen in Jahren

Vorgerückten einen Verrückten und einen Mäßigen als denselben Menschen

darlegen können wenn er nicht etwas aufstellt was auch Seth Ismael Sokrates

Pilatus St Augustin und Cäsar Borgia zu ein und demselben Menschen macht Denn

wenn nur die Dieselbigkeit der Seele die Dieselbigkeit des Menschen bedingt und

die Natur des Stoffes kein Hindernis bietet dass dieselbe Seele sich mit

verschiedenen Körpern verbinden kann so ist es möglich dass diese Personen

die zu verschiedenen Zeiten gelebt haben und verschiedenen Charakters gewesen

sind doch ein und derselbe Mensch gewesen sind man müsste dabei durch einen

ungewöhnlichen Gebrauch des Wortes Mensch diese Ausdrücke auf eine Vorstellung

anwenden von welcher die Gestalt und der Körper ausgeschlossen blieben Auch

würde diese Ausdrucksweise noch schlechter zu den Begriffen der Philosophen

passen welche eine Seelenwanderung zulassen und glauben dass die Seelen der

Menschen wegen ihres schlechten Lebenswandels in die Leiber von wilden Tieren

mit Organen die zu ihren unvernünftigen Neigungen passen als Wohnstellen

verstoßen werden Indes wird trotzdem wohl Niemand auch wenn er sicher wäre

dass des Heliogabal Seele in einem seiner Schweine stäke sagen dieses Schwein

sei ein Mensch oder Heliogabal

     7 Die Dieselbigkeit passt sich der Vorstellung an Deshalb umfasst die

Einheit der Substanz nicht alle Arten der Dieselbigkeit und entscheidet nicht in

Jedem Falle vielmehr muss man um hierüber richtig zu urteilen beachten

welche Vorstellung das gebrauchte Wort bezeichnet denn die Ausdrücke dass

Etwas dieselbe Substanz derselbe Mensch und dieselbe Person sei bezeichnen

nicht ein und dasselbe wenn Substanz Mensch und Person drei verschiedene

Vorstellungen bezeichnen denn die Dieselbigkeit muss so sein wie die zu dem

Worte gehörende Vorstellung Hätte man dies etwas sorgfältiger beachtet so

würden viel Verwirrung hierüber und manche scheinbar großen Schwierigkeiten

vermieden worden sein namentlich in Bezug auf die Dieselbigkeit von Personen

welche hier zunächst in Betracht kommen soll

     8 Derselbe Mensch Das Thier ist ein lebendiger und organisierter

Körper und deshalb bleibt ein Thier dasselbe wenn dasselbe fortgesetzte Leben

sich verschiedenen Stoffteilen mittheilt je nachdem sie sich im Laufe der Zeit

mit diesem lebendigen und organisierten Körper verbinden Was man auch sonst für

Definitionen aufstellt so setzt es eine unbefangene Beobachtung doch außer

Zweifel dass die Vorstellungwelche das Wort Mensch bezeichnet nur das

Zeichen für ein lebendes Wesen von solcher bestimmten Form ist Denn ich bin

überzeugt dass Jeder der ein Geschöpf von seiner Gestalt und Einrichtung

sieht es einen Menschen nennen wird wenn es auch in seinem ganzen Leben nicht

mehr Verstand als eine Katze oder ein Papagei gehabt hat und dasswenn er eine

Katze oder einen Papagei reden beweisen und philosophieren hörte er sie doch

nur für eine Katze oder einen Papagei halten und so nennen und nur sagen würde

der eine sei ein dummer unvernünftiger Mensch und der andere ein sehr kluger

vernünftiger Papagei Der nachfolgende Bericht eines bedeutenden Schriftstellers

wird diese Annahme eines vernünftigen Papageien unterstützen Seine Worte sind

    »Ich glaube aus des Prinzen Moritz eignem Munde eine verbreitete und viel

geglaubte Geschichte von einem Papagei gehört zu haben den er während seiner

Regierang in Brasilien gehabt doch habe ich auch anderwärts davon gehört Der

Papagei sprach fragte und antwortete auf gewöhnliche Fragen wie ein

vernünftiges Wesen so dass die Umgebung des Prinzen es für Zauberei hielt oder

meinte er sei von dem Teufel besessen Einer von des Prinzen Kaplanen der

später lange in Holland lebte konnte seitdem keinen Papagei mehr leiden und

meinte alle hätten den Teufel im Leibe Ich hatte vielerlei Sonderbares über

dieses Thier gehört was selbst von glaubwürdigen Männern bestätigt wurde und

dies gab mir Anlass den Prinzen Moritz darüber zu befragen Er sagte mit seiner

gewöhnlichen Einfachheit und Trockenheit im Gespräch dass Manches von der

Geschichte wahr sei ein großer Teil sei aber falsch Ich bat ihn das Erstere

mir mitzuteilen worauf er kurz und kalt sagte dass er von einem solchen alten

Papagei während er in Brasilien gewesen gehört hätte obgleich er nichts davon

geglaubt und es weit dahin gewesen wäre so hätte er doch aus Neugierde das

Thier holen lassen Es wäre ein sehr großer und alter Vogel gewesen der als

er zuerst in das Zimmer gebracht worden wo der Prinz mit vielen Holländern sich

befunden sogleich gesagt habe Was ist das hier für eine Gesellschaft weißer

Leute Sie hätten ihn dann indem sie auf den Fürst gewiesen gefragt für wen

er diesen Mann halte und er habe geantwortet Für irgend einen General Als er

dem Fürsten näher gebracht worden hätte der Vogel gefragt Doù venezvous 

Ich sagte Von Marinnan mais qui êtes  vous  Der Papagei Ein Portugiese 

Der Fürst Was machst Du da  Der Papagei Je garde les poules  Der Prinz

hätte gelacht und gesagt Vous gardez les poules und der Papagei habe

geantwortet Oui moi et je sais bien faire und dabei habe er vier oder

fünfmal so gekluckst wie eine alte Henne wenn sie ihre Küchlein rufe  Ich

schrieb die Worte dieses Gespräches gleich französisch nieder nachdem der Prinz

Moritz mir es erzählt hatte Ich frag ihn in welcher Sprache der Papagei

gesprochen habe und er sagte Brasilianisch Auf meine Frage ob der Prinz

Brasilianisch verstehe sagte er Nein aber er hätte zwei Dolmetscher bei sich

gehabt einen Holländer der Brasilianisch und einen Brasilianer der Holländisch

gesprochen Jeden hätte er allein hierüber befragt und beide hätten ihm genau

dieselben Worte des Papageien berichtet  Ich musste diese sonderbare

Geschichte erzählen da sie so ungewöhnlich ist und ich sie aus einer

zuverlässigen Quelle habe denn der Prinz glaubte an Alles was er hierüber

erzählte und er hatte immer für einen rechtschaffenen und frommen Mann

gegolten Ich überlasse es den Naturforschern über diesen Fall zu grübeln und

den Andern ob sie es glauben wollen indes ist es mitunter gut eine

anstrengende Arbeit durch solche Abschweifung zu stützen und zu beleben wenn

sie auch nicht zur Sache gehört«

    Derselbe Mensch Ich habe hier die Geschichte ausführlich mit den eignen

Worten des Berichterstatters wiedergegeben weil er sie anscheinend für

glaubwürdig gehalten hat denn man kann nicht annehmen dass ein so rechtlicher

Mann dessen Zeugnis allein schon genügen könnte so mühsam an einem Ort wo er

nichts zu tun hatte von einem Manne den er seinen Freund nennt und von einem

Prinzen dessen Rechtlichkeit und Frömmigkeit er lobt eine Geschichte erdichten

sollte die er wenn er sie selbst nicht geglaubt nur für lächerlich hätte

halten müssen So viel ist klar der Prinz der für diese Geschichte einsteht

und unser Verfasser der sie erzählt nennen dieses sprechende Wesen einen

Papagei und ich frage Jeden der diese Geschichte der Beachtung wert hält ob

wenn dieser Papagei und alle seiner Gattung immer so gesprochen hätten wie es

nach des Prinzen Worten jener eine getan er sie nicht für eine Art

vernünftiger Tiere gehalten haben würde aber ob er trotzdem sie wohl für

Menschen und für keine Papageien gehalten hätte Ich meine nicht die

Vorstellung eines denkenden und vernünftigen Wesens allein macht bei dem Meisten

die Vorstellung des Menschen aus sondern es gehört dazu auch ein Körper von

einer bestimmten Gestalt Ist dies richtig so gehört die Dieselbigkeit eines

fortbestehenden Körpers der nicht auf einmal sich verändert ebenso wie die

Dieselbigkeit einer stofflosen Seele zur Dieselbigkeit des Menschen

     9 Die Dieselbigkeit der Person Nach Feststellung dessen fragt es sich

worin die Dieselbigkeit der Person besteht Ich verstehe darunter ein denkendes

vernünftiges Wesen mit Verstand und Überlegung was sich als sich selbst und

als dasselbe denkende Wesen zu verschiedenen Zeiten und Orten auffassen kann

indem dies nur durch das Selbstbewusstsein geschieht was vom Denken nicht zu

trennen ist und wie mir scheint ihm wesentlich ist da unmöglich Jemand

auffassen kann ohne zu bemerken dass er auffasst und da man beim Sehen

Hören Riechen Schmecken Fühlen Nachdenken oder Wollen weiß dass man es

tut So verhält es sich immer mit den gegenwärtigen Wahrnehmungen und

Auffassungen und dadurch ist ein Jeder sich das was er nennt »Er selbst« ohne

dass dabei darauf geachtet wird ob dieses selbe Selbst sich in denselben oder

andern Substanzen fortsetzt Da das Selbstbewusstsein das Denken immer begleitet

und macht dass Jeder das ist was man »Sein Selbst« nennt und wodurch man sich

von andern denkenden Dingen unterscheidet so besteht die Dieselbigkeit der

Person oder die Dieselbigkeit eines vernünftigen Wesens nur hierin und soweit

dieses Selbstbewusstsein sich rückwärts auf vergangene Handlungen oder Gedanken

ausdehnen kann so weit reicht die Dieselbigkeit der Person sie ist dieselbe

jetzt wie damals dasselbe Selbst welches jetzt sich dessen bewusst ist, hat

die Handlung verrichtet

     10 Das Selbstbewusstsein macht die Dieselbigkeit der Person aus Allein

man kann fragen ob es auch dieselbe identische Substanz sei Man würde wohl

nicht daran zweifeln wenn diese Wahrnehmungen mit ihrer Selbstbewusstheit in

der Seele immer gegenwärtig blieben dann wäre dasselbe denkende Wesen immer

selbst bewusst gegenwärtig und müsste deshalb offenbar als ein und dasselbe

gelten Allein die Sache wird schwieriger weil dieses Selbstbewusstsein immer

durch Vergesslichkeit unterbrochen wird und man deshalb in keinem Zeitpunkt

seines Lebens die ganze Reihe aller eignen frühem Handlungen mit einem Blick vor

Augen hat selbst das beste Gedächtnis verliert den Anblick eines Teils davon

während es die andern beschaut und weil man öfters und zwar den größten Teil

des Lebens nicht an das Vergangene denkt sondern mit seinen jetzigen Gedanken

beschäftiget ist oder in gesundem Schlafe überhaupt keine Gedanken hat

wenigstens nicht mit jenem Selbstbewusstsein was die Gedanken während des

Wachens auszeichnet Da in all diesen Fällen das Selbstbewusstsein unterbrochen

ist und man den Anblick der eignen Vergangenheit verliert so entsteht der

Zweifel ob man noch dasselbe denkende Ding sei dh dieselbe Substanz Mag

sich dies indes rechtfertigen lassen oder nicht so trifft es doch nicht die

Dieseselbigkeit der Person es handelt aber sich nur um diese und nicht um die

Dieselbigkeit der Substanz, die in derselben Person denkt Auf diese kommt es

hier gar nicht an weil verschiedene Substanzen durch ein und dasselbe

Selbstbewusstsein wenn sie daran Teil nehmen ebenso zu einer Person geeint

worden wie verschiedene Körper durch dasselbe Leben zu einem Tiere dessen

Dieselbigkeit trotz des Wechsels dieser Substanzen vermittelst der Einheit des

fortgesetzten Lebens sich erhält Denn wenn die Dieselbigkeit des Bewusstseins

es macht dass ein Mensch derselbe bleibt so kommt es bei der Dieselbigkeit der

Person nicht darauf an ob sie bloß an eine einzelne Substanz gebunden ist oder

ob sie sich durch eine Folge verschiedener Substanzen fortsetzen kann Denn so

weit ein vernünftiges Wesen die Vorstellung einer früheren Handlung mit

demselben Bewusstsein welches es zuerst bei ihr hatte und welches es bei einer

jetzigen Handlung hat sich wiederholen kann so weit ist es auch dieselbe

Person Denn wenn nur das Bewusstsein von seinen gegenwärtigen Gedanken und

Handlungen macht dass es mit sich selbst dasselbige ist so bleibt es auch

dasselbe Selbst so weit dasselbe Bewusstsein sich über vergangene und

zukünftige Handlungen erstrecken kann der Abstand der Zeit oder der Wechsel der

Substanz macht es nicht zu zwei Personen so wenig wie ein Mensch zu zweien

wird wenn er heute eine andere Kleidung als gestern trägt und ein längerer

oder kürzerer Schlaf dazwischen liegt sofern nur dasselbe Bewusstsein diese

getrennten Handlungen in eine Person einigt ohne Rücksicht auf die

verschiedenen Substanzendie dazu mitgewirkt haben

     11 Die Dieselbigkeit der Person bei dem Wechsel der Substanzen Für die

Wahrheit dessen hat man eine Bestätigung an seinem eigenen Körper dessen

sämtliche Theile so lange sie lebendig mit dem denkenden Selbstbewusstsein so

verbunden sind, dass man es fühlt wenn sie berührt oder erregt werden und dass

man des sie treffenden Guten und Schädlichen sich bewusst ist, ein Teil seiner

selbst sind dh ein Teil von seinem denkenden Selbstbewusstsein In dieser

Weise sind eines Menschen Beine ein Teil von ihm selbst er fühlt mit ihnen und

ist dabei beteiligt Haut man eine Hand ab und trennt man damit deren Wärme

Kälte und andere Zustände von dem Selbstbewusstsein, so ist sie nicht mehr ein

Teil jenes Selbst und gehört so wenig wie der entfernteste Stoffteil dazu

Deshalb kann die Substanz, an welcher das persönliche Selbst zu einer Zeit

haftete zu einer andern Zeit sich ändern ohne dass die Dieselbigkeit der

Person davon berührt wird da die Person offenbar dieselbe bleibt wenn sie auch

ihre Beine verliert

     12 Ob auch bei dem Wechsel der denkenden Substanz Indes fragt es

sich 1 ob die Person dieselbe bleibt wenn die Substanz, welche denkt

wechselt und 2 ob wenn letztere dieselbe bleibt zwei verschiedene Personen

daraus werden können? Ich antworte dass dies für alle die nicht zweifelhaft

sein kann welche das Denken für eine bloße stoffliche tierische Einrichtung

halten ohne alle stofflose Substanz Denn mag diese Ihre Annahme wahr sein oder

nicht so legen sie doch offenbar die Erhaltung der persönlichen Dieselbigkeit

in etwas Anderes als in die Dieselbigkeit der Substanz, da die tierische

Dieselbigkeit auf der Dieselbigkeit des Lebens und nicht auf der der Substanz

beruht Wer aber das Denken nur in eine stofflose Substanz verlegt muss ehe er

hierüber mit Jenen streiten kann zeigen weshalb die Dieselbigkeit der Person

sich bei dem Wechsel der stofflosen Substanz oder bei einer Mannigfaltigkeit

besonderer stoffloser Substanzen nicht ebenso erhalten kann als die tierische

Dieselbigkeit sich bei dem Wechsel der stofflichen Substanzen oder der

Mannigfaltigkeit besonderer Körper erhält er müsste denn sagen dass nur ein

stoffloser Geist die Dieselbigkeit des Lebens der Tiere so ausmache wie ein

stoffloser Geist die Dieselbigkeit der Person bei dem Menschen Indes werden

wenigstens die Cartesianer dies nicht einräumen da sie sonst die Tiere auch zu

denkenden Geschöpfen machen würden

     13 Sodann antworte ich auf den ersten Teil dieser Frage ob bei dem

Wechsel der denkenden Substanz wenn man nur stofflose Substanzen als denkend

annimmt die Dieselbigkeit der Person sich erhalten kann dass nur Die sie

beantworten können welche die Natur der denkenden Substanz kennen und wissen

ob das Bewusstsein vergangener Handlungen von einer denkenden Substanz auf die

andere übertragen werden kann. Ich gebe zu dass dies nicht möglich ist wenn

dasselbe Selbstbewusstsein ein und dieselbe einzelne Handlung ist allem da es

die jetzige Vorstellung einer frühem Handlung ist so müsste noch dargelegt

werden dass es unmöglich sei dass von der Seele dasjenige als vergangen

vorgestellt werden könne was in Wirklichkeit niemals gewesen ist Wie weit

daher das Bewusstsein vergangener Handlungen an ein einzelnes Wesen so geknüpft

ist dass ein anderes es nicht haben kann dies wird so lange schwer zu

bestimmen sein als man nicht weiß welche Art von Handlung nicht ohne ein sie

begleitendes Selbstbewusstsein geschehen könne und wie denkende Substanzen sie

vollziehen können deren Denken nicht ohne Selbstbewusstsein geschehen kann

Allein da das was man das selbige Bewusstsein nennt nicht dieselbe einzelne

Handlung ist weshalb sollte da nicht eine geistige Substanz die Vorstellung

davon haben als hätte sie selbst sie getan obgleich es nie geschehen und sie

vielleicht von einem andern Wesen getan worden ist. Weshalb sage ich sollte

eine solche Vorstellung auch ohne Wirklichkeit der Tatsachen nicht ebenso gut

möglich sein wie die verschiedenen Vorstellungen im Traume welche man während

des Träumens für wahr hält Die entgegengesetzte Behauptung dürfte schwer aus

der Natur der Dinge abzuleiten sein und könnte so lange man die Natur der

denkenden Substanzen nicht deutlicher kennt noch am besten aus der Güte Gottes

bewiesen werden, der so weit es sich um das Glück und Elend seiner fühlenden

Geschöpfe handelt nicht gestatten wird dass durch einen verhängnisvollen

Irrtum jenes Bewusstsein von Einem auf den Andern übergehen könne was Lohn und

Strafe mit sich führt Wie weit dies als ein Grund gegen Die benutzt werden

kann, welche das Denken in ein System fließender Lebensgeister verlegen

überlasse ich der Erwägung Indes muss in Bezug auf die vorliegende Frage

zugegeben werden dasswenn dasselbe Bewusstsein was wie ich gezeigt etwas

ganz Anderes ist als dieselbe numerische Gestalt oder Bewegung in dem Körper

von einer denkenden Substanz auf eine andere übertragen werden kann, allerdings

zwei denkende Substanzen dann möglicherweise nur eine Person ausmachen denn wo

dasselbe Bewusstsein sich erhält sei es in einer oder mehreren Substanzen da

erhält sich auch die Dieselbigkeit der Person

     14 Der zweite Teil der Frage ob wenn die stofflose Substanz dieselbe

bleibt doch zwei Personen sein können scheint mir von der Frage abzuhängen ob

ein und dasselbe stofflose Wesen was sich seiner vergangenen Handlungen bewusst

ist, dieses Bewusstseins seines frühem Daseins ganz beraubt werden und es

unwiederbringlich verlieren könne und ob es dann als finge es eine neue

Rechnung von einem neuen Zeitpunkt an mit seinem Bewusstsein nicht darüber

hinausgehen könne Alle Die welche an ein früheres Dasein glauben sind

offenbar dieser Ansicht da sie zugeben dass die Seele von ihrem vorirdischen

Dasein kein Bewusstsein behalten hat mag sie einen Körper gehabt haben oder

nicht denn wollten sie dies leugnen so spräche die Erfahrung gegen sie Wenn

daher die Dieselbigkeit der Person nicht weiter reicht wie das Bewusstsein, dann

muss ein Geist der früher bestanden und nicht viele Zeitalter in Schweigen

verharrt hat notwendig zu verschiedenen Personen werden Man nehme dass ein

Christ Platoniker oder Pythagoreer nachdem Gott am siebenten Tage sein

Schöpfungswerk vollendet hatte annähme seine Seele hätte seitdem immer

bestanden und hätte verschiedene menschliche Körper durchwandert wie ich denn

Jemand gekannt welcher überzeugt war seine Seele sei die des Sokrates gewesen

aus welchen Gründen will ich hier nicht untersuchen allein seinen Posten

füllte der Mann nicht schlecht aus er galt für einen sehr verständigen Mann

und die Presse hat gezeigt dass es ihm weder an Talenten noch Kenntnissen

fehlte würde man da sagen können dass er dieselbe Person mit Sokrates

ausmache obgleich er sich keiner von dessen Handlungen und Gedanken bewusst

war Wenn Jemand sich betrachtet und erkennt dass er einen stofflosen Geist in

sich hat von dem sein Denken ausgeht und welcher bei dem steten Wechsel in

seinem Körper ihn als denselben erhält und das ist was er sein Selbst nennt

und wenn er weiter seine Seele für dieselbe halten sollte die bei der

Belagerung von Troja in Nestor oder Thersites sich befunden denn da die Seele

so weit wir deren Natur kennen gegen jeden Stoff sich gleichgültig verhält so

ist diese Annahme nicht widersinnig was so gut möglich ist als sie jetzt die

Seele in einem andern Menschen ist aber ohne dass er etwas von den Handlungen

des Nestor oder Thersites weiß kann dieser wohl sich für eine Person mit Jenen

halten kann ihn eine Handlung Jener interessieren kann er sie sich selbst

zurechnen und mehr wie die jedes andern Menschen der einmal gelebt hat sie als

seine eigenen ansehen Wenn daher dieses Bewusstsein zu den Handlungen beider

Personen nicht hinreicht so ist er so wenig dieselbe Person mit Jenen als wenn

die Seele oder der stofflose Geist der jetzt in ihm wohnt geschaffen worden

war und zu sein begonnen hatte als er in seinen Körper eintrat sollte es auch

noch so wahr sein dass derselbe Geist welcher des Nestor oder Thersites Körper

erfüllte numerisch derselbe mit dem gewesen der ihn jetzt erfüllt Dies würde

ihn so wenig zu einer Person mit Nestor machen als wenn einige von den

Stoffteilen die sonst zu Nestor gehörten jetzt einen Teil von ihm

ausmachten da die Dieselbigkeit der stofflosen Substanz ohne die Dieselbigkeit

des Bewusstseins so wenig die Dieselbigkeit einer mit einem Körper verbundenen

Person ausmacht als dies der Fall ist, wenn derselbe Stoffteil ohne

Bewusstsein mit irgend einem Körper verbunden wird Sollte er aber einmal einer

der Handlungen des Nestor sich bewusst werden so wird er sich dann für dieselbe

Person mit Nestor halten

     15 Deshalb hat die Dieselbigkeit der Personen bei der Auferstehung keine

Schwierigkeit wenn sie auch mit einem Körper erfolgt welcher in Gestalt und in

seinen Teilen nicht genau der ist den man hier hatte sofern nur dasselbe

Bewusstsein in der den Körper bewohnenden Seele verharrt Dennoch wird die Seele

allein bei dem Wechsel ihrer Körper nur demjenigen der sie hat für die

Dieselbigkeit des Menschen genügen Denn wenn die Seele eines Fürsten mit dem

Bewusstsein des fürstlichen Lebens in den Leib eines Schuhflickers einträte

sobald dessen Seele ihn verlassen hätte so würde doch Jeder ihn für dieselbe

Person mit dem Fürsten halten der für dessen Taten einzustehen hätte allein

würde man ihn deshalb für denselben Menschen nehmen Auch der Körper macht den

Menschen und würde hier wahrscheinlich für Jedermann den Menschen bestimmen

während die Seele trotz all ihrer fürstlichen Gedanken keinen andern Menschen

aus ihm machen würde vielmehr würde er für Jeden sich selbst ausgenommen

derselbe Schuhflicker bleiben

    Ich weiß dass im gewöhnlichen Sprechen dieselbe Person und derselbe Mensch

als ein und dasselbe gelten und es kann allerdings Jeder sprechen wie ihm

beliebt und mit einer beliebigen Vorstellung einen beliebigen artikulierten Laut

verbinden und damit beliebig wechseln allein wenn er bestimmen will was die

Dieselbigkeit des Geistes, des Menschen und der Person ausmacht so muss er erst

feste Vorstellungen davon bieten und ist der Sinn dieser Worte festgestellt so

wird es nicht schwer sein bei ihnen und ähnlichen zu bestimmen, wann sie

dieselben sind und wann nicht

     16 Das Bewusstsein macht die Dieselbigkeit der Person aus Wenn auch

dieselbe stofflose Substanz oder Seele nicht allein für alle Orte und Zustände

die Dieselbigkeit des Menschen ausmacht so verbindet doch offenbar das

Bewusstsein, so weit es reicht und sollte es bis zu vergangenen Zeitaltern sich

erstrecken die Existenzen und Handlungen seien sie der Zeit nach auch noch so

entfernt zu einer Person und zwar ebenso wie es dies für die Existenzen und

Handlungen des unmittelbar verflossenen Augenblicks tut Deshalb ist das Wesen,

welches das Bewusstsein von gegenwärtigen und vergangenen Handlungen hat

dieselbe Person der beide Handlungen angehören Hätte ich das Bewusstsein, dass

ich den Regenbogen bei der Flut Noahs so gesehen wie dass ich letzten Winter

die Überschwemmung der Themse gesehen oder wie dass ich jetzt dies schreibe

so könnte ich nicht zweifeln dass ich der ich jetzt schreibe und der im

vergangenen Winter die Überschwemmung der Themse und der die große Sündflut

sah genau dieselbe Person sind gleichviel in welcher Substanz sie sich

befinde der Fall wäre dann dem gleich wo ich der ich jetzt schreibe derselbe

während meines Schreibens bin mag ich aus denselben stofflichen oder

unstofflichen Substanzen bestehen oder nicht der ich gestern war Denn für

dieses Ichselbstsein ist es gleichgültig ob es aus denselben oder

verschiedenen Substanzen gemacht ist und ich bin ebenso beteiligt und

verantwortlich für eine That vor tausend Jahren wenn sie durch das Bewusstsein

die meine wird wie für die welche ich in dem eben verflossenen Augenblick

verübt habe

     17 Das Ichselbst ist von dem Bewusstsein abhängig Das Ichselbst ist

jenes bewusste denkende Ding was ohne Rücksicht auf die Substanz, aus der es

gebildet ist sei sie stofflich oder geistig einfach oder zusammengesetzt

fühlt oder bewusst ist der Lust und des Schmerzes welches fähig ist des

Glückes und Elendes und so weit für sich selbst interessiert ist als dieses

Bewusstsein reicht So findet Jeder dass der kleine Finger unter dieses

Bewusstsein befasst ebenso sehr ein Teil seiner selbst ist, als das was es am

meisten ist Sollte bei der Trennung dieses kleinen Fingers dieses Bewusstsein

mit ihm gehen und den obigen Körper verlassen so würde offenbar der kleine

Finger die Person und dieselbe Person sein und das Ichselbst hätte dann mit

dem übrigen Körper nichts mehr zu tun Wie in diesem Falle das Bewusstsein es

ist was wenn es mit der Substanz bei Trennung eines Teils von dem andern

geht dieselbe Person ausmacht und dieses untrennbare Selbst bildet so

geschieht es auch in Beziehung auf Substanzendie zeitlich getrennt sind Das

womit das Bewusstsein dieses gegenwärtigen denkenden Dinges sich verbinden kann

ergibt die Dieselbigkeit der Person und das Ichselbst geht damit und mit

nichts Anderem Deshalb schreibt es sich alle Handlungen dieses Dinges zu und

erkennt sie als seine eigenen so weit an als dieses Bewusstsein reicht aber

auch nicht weiter wie Jeder bei einigem Nachdenken bemerken wird

     18 Gegenstände des Lohns und der Strafe Auf dieser persönlichen

Dieselbigkeit ruht alles Recht und alle Gerechtigkeit im Lohnen und Strafen

Glück und Elend ist das wobei Jeder für sich selbst interessiert ist und wobei

es gleichgültig ist was mit irgend einer Substanz wird die mit diesem

Bewusstsein nicht verbunden oder behaftet ist Denn das eben gegebene Beispiel

ergibt klär dasswenn das Bewusstsein mit dem Kleinen Finger bei dessen

Abschneidung davon ginge er dasselbe Ichselbst sein würde welches gestern

noch bei dem ganzen Körper beteiligt war der gestern an dem Ichselbst Teil

nahm und dessen Handlungen er deshalb auch als seine eigenen jetzt anerkennen

müsste Wenn so der übrige Körper fortleben und sofort nach Abtrennung des

kleinen Finger sein eigenes Bewusstsein haben sollte wovon aber der kleine

Finger nichts wüsste so würde er nicht im Mindesten dabei als ein Teil seiner

beteiligt sein er könnte keine von dessen Handlungen als die seine anerkennen

und es könnte keine ihm zugerechnet werden

     19 Dies ergibt worin die Dieselbigkeit der Person besteht nicht in der

Dieselbigkeit der Substanz, sondern wie gesagt in der des Bewusstseins; sind

Sokrates und der jetzige Bürgermeister von Königsburg hierin eins dann sind sie

dieselbe Person und wenn derselbe Sokrates im Wachen und Schlafen nicht

dasselbe Bewusstsein hat so ist er in beiden Zuständen nicht dieselbe Person

und es wäre ebenso unrecht den wachenden Sokrates für das was der schlafende

Sokrates gedacht und der wachende nicht gewusst hat zu strafen als den einen

Zwilling wegen der Taten des andern von denen er nichts gewusst bloß weil ihr

Äußeres so gleich ist dass man sie nicht unterscheiden kann wie es deren

wirklich gegeben hat

     20 Indes kann man möglicherweise entgegnen dass Jemand das Gedächtnis

für gewisse Theile seines Lebens so ganz verlieren könne dass er es nie wieder

erlangen könne und kein Bewusstsein davon mehr habe aber dennoch sei er

dieselbe Person welche diese Handlungen verübt und diese Gedanken gehabt deren

er früher bewusst gewesen wenn er sie auch jetzt vergessen habe Ich antworte

darauf dass man Acht haben muss worauf das Er hier angewendet wird in diesem

Fall ist es nur der Mensch und da derselbe Mensch auch leicht für dieselbe

Person gilt so wird das Er leicht von derselben Person verstanden Ist es

indes für denselben Menschen möglich zu verschiedenen Zeiten zwei verschiedene

einander unzugängliche Bewusstsein zu haben so stellt derselbe Mensch

unzweifelhaft zu verschiedenen Zeiten verschiedene Personen vor Man sieht dies

im Sinne der Menschen in den feierlichsten Aussprüchen ihrer Meinungen denn das

menschliche Gesetz straft den wahnsinnigen Menschen nicht wegen der Taten des

vernünftigen noch den letztem für das was der erste getan indem es sie zu

zwei Personen macht Auch die Sprache zeigt dies wenn man sagt Jemand ist

nicht er selbst oder; Er ist außer sich Man deutet damit an dass das Selbst

geändert sei und dieselbe Person nicht mehr in diesem Menschen sich befinde

     21 Der Unterschied zwischen der Dieselbigkeit des Menschen und der

Person Dennoch kann man es sich kaum vorstellen dass derselbe einzelne Mensch

Sokrates zwei Personen sein sollte um hier zu helfen erwäge man was mit

Sokrates oder demselben einzelnen Menschen gemeint wird Es muss entweder

dieselbe einzelne stofflose denkende Substanz sein dh numerisch dieselbe

Seele und nichts weiter oder dasselbe organische Wesen ohne Rücksicht auf die

stofflose Seele oder endlich derselbe stofflose Geist in Verbindung mit

demselben organischen Wesen Welche von diesen drei Annahmen man nun auch wähle

so bleibt es unmöglich die Dieselbigkeit der Person in etwas Anderem zu suchen

als in dem Bewusstsein und es ist unmöglich jene weiter als dieses geht

auszudehnen Denn bei der ersten Annahme muss man es als möglich anerkennen

dass zwei von verschiedenen Frauen zu verschiedenen Zeiten geborene Menschen

derselbe Mensch seien Eine anerkannte Ausdrucksweise muss es als möglich

zulassen dass derselbe Mensch zwei so verschiedene Personen ist als irgend zu

verschiedenen Zeiten gelebt und ihre Gedanken nicht gekannt haben  Bei der

zweiten und dritten Annahme kann Sokrates in diesem und jenem Leben nur vermöge

desselbigen Bewusstseins derselbe Mensch sein damit lässt man die Dieselbigkeit

des Menschen in derselben Bestimmung wie die Dieselbigkeit der Person bestehen

und es ist dann leicht anzuerkennen dass derselbe Mensch dieselbe Person ist

Wer aber so die Dieselbigkeit des Menschen nur in das Bewusstsein verlegt und in

nichts weiter mag erwägen wie er das Kind Sokrates mit dem auferstandenen

Sokrates zu ein und demselben Menschen machen will Was indes für Manche auch

den Menschen und also auch denselben einzelnen Menschen ausmachen mag ein

Punkt worin vielleicht Wenige mit einander übereinstimmen so kann doch die

Dieselbigkeit der Person nur in das Bewusstsein gesetzt werden welches allein

bewirkt dass man derselbe heißt wenn man nicht in Widersinnigkeiten geraten

will

     22 Allein ist nicht der Betrunkene derselbe Mensch mit dem Nüchternen

Wie könnte er sonst für die That in seiner Trunkenheit bestraft werden obgleich

er sich deren später nie bewusst ist? Allein er ist dennoch dieselbe Person

ebenso wie Der welcher im Schlafe geht und Verschiedenes verrichtet dieselbe

Person bleibt und für jedes dadurch angerichtete Unheil verantwortlich ist Die

menschlichen Gesetze strafen Beide nach einer Gerechtigkeit die der

menschlichen Art zu wissen entspricht in diesen Fällen können sie nämlich nicht

sicher unterscheiden was wirklich und was Vorstellung ist; deshalb gilt die

Unwissenheit im trunkenen Zustande oder im Schlafe nicht als eine

Entschuldigung Obgleich die Persönlichkeit mit dem Bewusstsein und dieses mit

jener verknüpft ist und der Trunkenbold vielleicht nicht gewusst hat was er

getan so straft ihn doch der menschliche Richter mit Recht weil die That

gegen ihn erwiesen ist und der Mangel des Bewusstseins für ihn nicht erwiesen

werden kann. Dagegen mag an jenem großen Tage wo die Geheimnisse aller Herzen

offenbar werden mit Recht erwartet werden dass Jeder nur für seine bewussten

Taten verantwortlich sein und sein Urteil empfangen wird je nachdem ihn sein

Gewissen anklagt oder entschuldigt

     23 Nur das Bewusstsein bedingt das Selbst.) Nur das Bewusstsein kann die

von einander entfernter Dasein zu einer Person verbinden die Dieselbigkeit der

Substanz vermag dies nicht Denn welcher Alt und Gestalt auch die Substanz sein

mag so ist sie doch ohne Bewusstsein keine Person ein Leichnam könnte dann

ebenso gut eine Person sein wie jede andere Substanz ohne Bewusstsein Wenn man

sich zwei verschiedene sich nicht mittheilende Bewusstsein vorstellen könnte

die auf denselben Körper wirken und zwar das eine bei Tage das andere bei

Nacht und umgekehrt ein Bewusstsein was hintereinander auf zwei verschiedene

Körper wirkte so frage ich ob denn im ersten Falle der Tages und der

NachtMann nicht ebenso zwei verschiedene Personen darstellen würde wie

Sokrates und Plato Und ob im andern Falle nicht eine Person in zwei Körpern

ebenso bestände wie ein Mensch derselbe in zwei verschiedenen Anzügen bleibt

Auch ist es unerheblich wenn man sagt dass in diesen Fällen die Dieselbigkeit

und der Unterschied des Bewusstseins auf der Dieselbigkeit und dem Unterschied

der stofflosen Substanzen beruhe die sie mit sich diesen Körpern zuführen denn

mag dies wahr sein oder nicht so ändert es nichts an der Sache da die

persönliche Dieselbigkeit offenbar ebenso durch das Bewusstsein bestimmt werden

würde möchte es mit derselben stofflosen Substanz verbunden sein oder nicht

Denn wenn ich auch zugebe dass die denkende Substanz bei dem Menschen als

stofflos angenommen werden muss so kann doch diese stofflose denkende Substanz

sich manchmal von dem Bewusstsein des Vergangenen trennen und wieder damit

verbinden wie daraus erhelltdass man oft seine vergangenen Handlungen

vergisst und die Seele oft das Gedächtnis eines frühem Bewusstseins wieder

erlangt das es seit 20 Jahren verloren hatte Wenn dieser Zeitraum des Wissens

und Vergessens regelmäßig Tag und Nacht wechselte so hätte man zwei Personen

bei derselben stofflosen Substanz wie vorhin zwei Personen mit einem Körper.

Das Selbst ist daher nicht durch die Dieselbigkeit oder den Unterschied der

Substanz bedingt deren es nicht sicher sein kann sondern nur durch die

Dieselbigkeit des Bewusstseins.

     24 Man kann sich allerdings vorstellen dass die Substanz, aus der man

jetzt besteht schon früher bestanden habe und mit demselben bewussten Wesen

verknüpft gewesen sei allein nimmt man das Bewusstsein hinweg so ist die

Substanz nicht mehr das Selbst und bildet so wenig als irgend eine andere einen

Teil davon wie das obige Beispiel mit dem abgelösten Beine ergibt von dessen

Wärme Kälte und andern Zuständen man kein Wissen mehr hat und was deshalb so

wenig wie irgend ein Stoff in der Welt noch zu des Menschen Selbst gehört

Dasselbe gilt auch für eine stofflose Substanz die des Bewusstseins entbehrt

durch welches ich selbst bei mir selbst bin kann ich irgend einen Teil ihres

Daseins nicht durch Wiedererinnerung mit meinem gegenwärtigen Bewusstsein

verbinden wodurch ich jetzt Ichselbst bin so ist in diesem Teil ihres

Daseins so wenig wie in irgend einem andern stofflosen Wesen mein Selbst

enthalten Denn was ich von dem Denken einer Substanz nicht zurückrufen und

durch mein Bewusstsein zu meinem Gedanken und Handeln machen kann das gehört

nicht zu mir wenn auch ein Teil von mir es gedacht oder getan hat Es ist

ebenso, als hätte es irgend ein anderes stoffloses Wesen irgendwo gedacht oder

getan

     25 Ich gebe es als wahrscheinlich zu dass dieses Bewusstsein mit einer

einzelnen stofflosen Substanz verknüpft und eine Erregung derselben ist allein

mag man dies durch irgend eine beliebige Annahme erklären so muss doch das

einsichtige Wesen was Glück und Elend empfindet zugeben dass ein Etwas

besteht was es selbst ist, für das es sich interessiert und was es glücklich

haben will und dass dieses Selbst in einer stetigen Dauer länger als einen

Augenblick gelebt hat und dass es daher möglicherweise so noch Monate und Jahre

fortbestehen kann ohne dass eine Grenze seiner Dauer gesetzt Ist und dass es

dasselbe Selbst durch das in der kommenden Zeit fortgehende selbige Bewusstsein

sein werde So erkennt man sich durch dieses Bewusstsein als dasselbe Selbst

welches vor einigen Jahren die und die Handlung begangen hat wodurch man jetzt

glücklich oder unglücklich ist In all diesen Beziehungen des Selbst gilt nicht

dieselbe numerische Substanz sondern dasselbe fortgesetzte Bewusstsein als das

was dieses Selbst ausmacht Es können dabei verschiedene Substanzen mit

demselben verbunden oder davon getrennt worden sein allein nur die lebendige

Vereinung dieser Substanzen mit dem Bewusstsein hat sie zu einem Theile

desselben Selbst gemacht Deshalb macht jeder Teil unsers Körpers der lebendig

mit diesem Bewusstsein vereint ist einen Teil von uns aus allein mit der

Trennung aus dieser Vereinung worauf dieses Bewusstsein beruht bleibt solcher

Teil so wenig wie der Teil eines andern Menschen ein Teil von mir und es ist

möglich dass er in kurzer Zeit ein wirklicher Teil einer andern Person wird

So zeigt sich dass dieselbe numerisch eine Substanz ein Teil von zwei

Personen werden kann, und dass dieselbe Person sich trotz mannigfacher Wechsel

der Substanzen erhalten kann Könnte man einen Geist annehmen der alles

Gedächtnisses oder Bewusstseins seiner vergangenen Handlungen beraubt wäre wie

dies bei der Seele des Menschen für einen großen Teil der seinigen ja

manchmal für alle der Fall ist, so würde die Vereinigung oder Trennung einer

solchen geistigen Substanz die persönliche Dieselbigkeit so wenig stören wie

irgend ein Stoffteil es tut Jede mit dem letzt denkenden Wesen lebendig

geeinte Substanz ist ein Teil seines jetzigen Selbst und Alles was durch das

Bewusstsein früherer Handlungen damit vereint ist bildet auch einen Teil

desselben Selbst welches sowohl früher als jetzt dasselbe ist.

     26 Person ist ein gerichtlicher Ausdruck Person ist wie ich es nehme

das Wort für dieses Selbst Das was ein Mensch mit Sich und Selbst bezeichnet

wird ein Anderer »dieselbe Person« nennen Es ist dies ein bei den Gerichten

übliches Wort was sich auf die Handlungen und deren Zurechnung bezieht deshalb

kommt es nur vernünftigen Wesen zu welche für Gesetze und für Glück und Elend

empfänglich sind Diese Persönlichkeit erstreckt sich von der Gegenwart zurück

in die Vergangenheit lediglich durch das Bewusstsein, wodurch es allein für

vergangene Handlungen zurechnungsfähig wird und sie als seine eigenen aus

demselben Grunde anerkennt wie es dies für die gegenwärtigen tut Dieses Alles

gründet sich auf das Interesse an dem Glück was das Bewusstsein untrennbar

begleitet dieses ist sich der Lust und des Schmerzes bewusst und verlangt dass

das bewusste Selbst glücklich sei Alle vergangenen Handlungen die es diesem

gegenwärtigen Selbst durch Bewusstsein nicht aneignen kann haben für es so

wenig Bedeutung als wenn sie gar nicht geschehen wären und wenn es Lust oder

Schmerz dh Lohn oder Strafe wegen einer solchen Handlung empfängt so ist

dies ebenso als wenn es ohne alles eigene Verdienst oder Schuld gleich bei dem

Beginne seines Daseins glücklich oder unglücklich gemacht worden wäre Sollte

ein Mensch für das bestraft werden was er in einem früheren Leben getan hat

dessen er aber überhaupt sich nicht bewusst werden kann, so wäre zwischen einer

solchen Strafe und einem gleich so geschaffenen elenden Dasein kein Unterschied

Deshalb sagt der Apostel »dass an jenem großen Tage wo Jeder nach seinen

Taten empfangen werde die Geheimnisse der Herzen offenbar werden sollen«

Dieser Ausspruch wird durch das Bewusstsein Aller gerechtfertigt wonach sie

in welchen Körpern sie auch erscheinen oder welchen Substanzen dieses

Bewusstsein auch anhangen mag dieselben sind welche diese Handlungen verübt

und die Strafe dafür verdient haben

     27 Vielleicht wird manche Annahme in dieser Untersuchung dem Leser

sonderbar erscheinen und vielleicht sind sie es auch an sich allein dann

werden sie doch bei der Unwissenheit verzeihlich sein in der wir uns über das

denkende Wesen in uns befinden das wir als unser Selbst ansehen Wüssten wir

was es ist oder wie es mit einem System fließender Lebensgeister verknüpft ist

und ob es sein Denken und Erinnern ohne einen organisierten Körper wie den

unsrigen vollziehen könne und ob Gott beschlossen habe dass jeder solcher

Geist für immer mit solch einem Körper verbunden sein solle von dessen Organen

sein Gedächtnis abhängt so würde vielleicht die Verkehrtheit mancher meiner

Annahmen hervortreten Allein wenn man wie jetzt in der Dunkelheit über diesen

Gegenstand die menschliche Seele für eine stofflose von dem Stoff unabhängige

und dafür gleichgültige Substanz annimmt so widerspricht es nicht der Natur der

Dinge, wenn ich annehme dass dieselbe Seele zu verschiedenen Zeiten mit

verschiedenen Körpern vereint sein und damit für diese Zeit einen Menschen

ausmachen könne wie man ja auch von einem Stück was gestern zu dem Körper

eines Schafes gehörte annehmen kann dass es morgen einen Teil eines

Menschenkörpers bilden werde und dass es in solcher Verbindung ebenso ein Stück

von Melibäos wie ein Stück von einem seiner Böcke werden könne

     28 Die aus dem unrichtigen Gebrauch der Worte entspringenden

Schwierigkeiten Ich wiederhole Jede Substanz die dazusein beginnt muss

während ihres Daseins notwendig dieselbe sein mögen Substanzen aller Art

entstehen so muss während der Verbindung derselben diese einzelne dieselbe

bleiben mögen während ihres Daseins Eigenschaften aller Art entstehen so

bleibt sie doch dieselbe und diese Regel gilt sowohl von der Verbindung der

Substanzen wie der Eigenschaften. Hieraus erhelltdass die Schwierigkeiten und

die Dunkelheit bei diesem Gegenstande mehr von dem falschen Gebrauch der Worte,

als von der Dunkelheit in der Sache selbst kommen Welcher Art auch die mit

einem Worte bezeichnete Vorstellung ist, so kann doch wenn diese Vorstellung

fest damit verbunden gehalten wird die Unterscheidung eines Dinges in dasselbe

und Verschiedenes leicht gefasst werden und kein Zweifel dabei entstehen

     29 Das fortgehende Dasein macht die Dieselbigkeit Nimmt man zB an

dass die vernünftige Seele den Begriff des Menschen ausmacht so kann man leicht

wissen ob Jemand derselbe Mensch ist es wird nämlich dieselbe Seele dann

denselben Menschen ausmachen gleichviel ob sie in einem Körper ist oder nicht

Nimmt man aber an dass eine vernünftige Seele in lebendiger Verbindung mit

einem bestimmt gestalteten Körper den Menschen ausmache so ist Jemand derselbe

Mensch so lange seine vernünftige Seele mit einer lebendigen Gestaltung von

Teilen verbunden bleibt wenn auch der Körper sich in einem stetigen Fluss

befindet Gilt aber für Jemand nur die lebendige Vereinigung der Stoffteile zu

einer gewissen Gestalt als der Begriff des Menschen so wird ein Mensch derselbe

so lange sein als diese lebendige Vereinigung und Gestalt bleibt die bei dem

einzelnen nur durch eine stetige Folge fließender Teilchen sich vollziehen

kann Sei die Verbindung einer zusammengesetzten Vorstellungwelche sie wolle

so erhält wenn das Dasein sie unter irgend einem Namen zu einem besonderen Dinge

macht dasselbe Dasein in seinem Fortgange dieses selbige Einzelne unter

derselben Benennung

 
 






     1 Das Verhältnismäßige Außer den bisher erwähnten zeitlichen

örtlichen und ursachlichen Anlässen zur Vergleichung und Beziehung der Dinge auf

einander gibt es wie gesagt noch unzählige andere von denen ich einige

erwähnen will Die erste betrifft die einfachen Vorstellungenwelche der Theile

oder der Grade fähig sind sie geben den Anlass die Dinge in denen sie sind

in Bezug auf die in ihnen enthaltenen einfachen Vorstellungen zu vergleichen

zB wenn man sagt weißer süßer gleich mehr Diese Beziehungen welche von

der Gleichheit oder dem Überschuss einer einfachen Vorstellung in verschiedenen

Dingen abhängen kann man allenfalls Verhältnisse nennen Sie betreffen

lediglich die von der Sinnes und Selbstwahrnehmung empfangenen einfachen

Vorstellungen dies ist so klar dass es keines Beweises bedarf

     2 Natürliche Einen andern Anlass zur Vergleichung der Dingemit

einander und zur Auffassung eines in der Weise dass dabei ein anderes

eingeschlossen wird sind die Umstände ihres Ursprungs oder Anfangs wenn diese

sich später nicht verändern so werden diese Beziehungen so dauernd wie die

Gegenstände auf die sie gehen zB Vater und Sohn Bruder Vettern usw

welche ihre Beziehung aus einer Gemeinsamkeit des Blutes entnehmen an der sie

in verschiedenem Maß Teil nehmen Ferner Landsleute dh Personen die in

demselben Lande oder Landstrich geboren sind Ich nenne sie natürliche

Beziehungen bei welchen der Mensch seine Begriffe und Worte dem täglichen Leben

und nicht der Wahrheit und dem Umfange der Dinge angepasst hat Denn sicherlich

ist die Beziehung zwischen Erzeuger und Erzeugtem in Wahrheit bei den Tieren

dieselbe wie bei den Menschen und doch wird selten dieser Stier der Großvater

dieses Kalbes oder werden zwei Tauben Vettern genannt werden. Es ist nämlich

zweckmäßig diese Beziehungen durch bestimmte Worte bei den Menschen kenntlich

zu machen da man in den Gesetzen und in dem Verkehr die Menschen unter diesen

Beziehungen erwähnen und beachten muss und die Verbindlichkeiten der Menschen

sich danach verschieden gestalten aber bei den Tieren hat der Mensch wenig

oder keinen Grund diesen Unterschied in diesen Beziehungen zu beachten und

deshalb hat er ihnen keine besonderen Namen gegeben Dies gibt nebenbei einigen

Aufschluss über den Zustand und das Wachstum der Sprachen die nur für die

Mittheilung berechnet den Begriffen und dem Vermehr entsprechen welche dem

Menschen geläufig sind aber nicht der Wirklichkeit und dem Umfang der Dinge,

noch den mancherlei Beziehungen denen sie unterliegen noch den verschiedenen

Begriffen die von ihnen gebildet werden. Gäbe es keine philosophischen

Begriffe so gäbe es auch keine Worte dafür und man hat natürlich keine Worte

für Dinge gebildet über die zu sprechen kein Anlass war Deshalb kann es leicht

kommen dass in einem Lande das Wort für das Pferd fehlt während in andern wo

man mehr um die Stammbäume der Pferde als um seine eigenen besorgt ist nicht

bloß Namen für einzelne Pferde sondern auch für deren verschiedene

Verwandtschaftsgrade bestehen

     3 Eingerichtete Manchmal wird die Beziehung der Dinge auf einander

durch das Recht oder die moralische Macht oder Verbindlichkeit zu einer Handlung

veranlasst So ist der General ein Mensch der ein Heer befehligt und das Heer

unter einem General ist eine Anzahl bewaffneter Leute welche einem Menschen

gehorchen müssen so ist Bürger wer zu gewissen Vorzügen in einem Orte

berechtiget ist All diese Arten hängen von dem Wollen und dem Übereinkommen

der in Gemeinschaft lebenden Menschen ab ich nenne sie deshalb eingerichtete

oder willkürliche Beziehungen Sie unterscheiden sich von den natürlichen

dadurch dass sie meist in irgend einer Weise veränderlich sind und von der

Person der sie angehören getrennt werden können, ohne dass die so bezogenen

Substanzen deshalb zerstört werden Sie sind zwar alle gegenseitig wie die

übrigen und enthalten die Beziehung zweier Dinge zu einander aber da eines

davon oft keinen Namen hat so wird dies meist nicht beachtet und die Beziehung

wird übersehen So erkennt man wohl an dass der Patron und der Klient

Beziehungen sind aber ein Polizeidiener oder ein Diktator werden nicht sofort

als solche erkannt da hier für die Untergebenen der besondere Name fehlt der

diese Beziehung ausdrückte obgleich sicherlich Beide eine gewisse Gewalt über

Andere haben und deshalb Beide zu denselben ebenso in Beziehung stehen wie der

Patron zu seinen Klienten und der General zu seinem Heere

     4 Moralische Eine vierte Art von Beziehungen bildet die

Übereinstimmung oder der Gegensatz in dem menschliche Handlungen zu einer

Regel stehen auf welche sie bezogen und nach welcher sie beurteilt werden Man

kann diese Beziehungen wohl moralische nennen indem danach unser sittliches

Handeln benannt wird was eine sorgfältige Prüfung verdient da in keinem Zweige

des Wissens man mehr für Erlangung bestimmter Vorstellungen sorgen und jede

Dunkelheit und Verwirrung möglichst vermeiden sollte Wenn das menschliche

Handeln mit so mancherlei Zielen Gegenständen Verfahrungsweisen und Umständen

in bestimmte zusammengesetzte Vorstellungen verbunden wird so entstehen wie

ich gezeigt gemischte Zustände von denen viele ihre eigenen Namen haben Wenn

zB die Dankbarkeit eine Bereitwilligkeit ist empfangene Gefälligkeiten

anzuerkennen und zu erwidern und wenn die Vielweiberei ein Haben von mehreren

Frauen auf einmal ist so erlangt man durch Bildung dieser Begriffe ebenso viele

Vorstellungen von gemischten Zuständen Indes genügt dies nicht für unser

Handeln es reicht nicht aus dass man bestimmte Vorstellungen davon habe und

die Namen solcher zusammengesetzten Vorstellungen kenne wichtiger ist ob

solches Handeln moralisch gut oder schlecht ist

     5 Das moralisch Gute und Schlechte Das Gut und das Übel sind wie in

Buch II Kap 20  2 und Kap 21  42 gezeigt worden nur die Lust und der

Schmerz oder das, was diese gewährt und verschafft Das moralisch Gute und

Schlechte ist die Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung unserer freien

Handlungen mit dem Gesetz wobei das Gut und das Übel von dem Gesetzgeber über

uns gebracht wird Diese Gute und Übel diese Lust und dieser Schmerz welche

der Befolgung oder Verletzung des Gesetzes nach dem Beschluss des Gesetzgebers

folgen ist das was man Lohn und Strafe nennt

     6 MoralRegeln Von diesen MoralRegeln oder Gesetzen auf welche die

Menschen Bezug nehmen und wonach sie das Rechte oder Unrechte ihres Handelns

beurteilen scheinen mir drei Arten mit ihren besonderen sie verstärkenden

Löhnen und Strafen zu bestehen Denn es würde ganz vergeblich sein den freien

Handlungen der Menschen eine Regel vorzuschreiben wenn nicht zur Bestimmung

ihres Willens ein Lohn oder eine Strafe damit als Verstärkung verbunden wird

deshalb muss man wo man ein Gesetz annimmt auch ein Gut oder Übel als damit

verbunden annehmen Es wäre nutzlos dass ein vernünftiges Wesen Andern für ihre

Handlungen eine Regel gäbe wenn es nicht deren Befolgung durch ein Gut belohnen

und deren Übertretung durch ein Übel bestrafen könnte was nicht schon von

selbst der Handlung nachfolgt denn letzteres würde auch ohne eine Vorschrift

wirken Dies dürfte die wahre Natur aller eigentlichen Gesetze sein

     7 Gesetze Die Gesetze nun nach denen die Menschen das Recht oder

Unrecht ihres Handelns beurteilen scheinen mir folgende drei zu sein 1 das

göttliche Gesetz 2 das bürgerliche Gesetz und 3 das Gesetz der Meinung oder

Achtung wenn ich es so nennen darf Nach dem ersten beurteilt man ob die

Handlung eine Sünde oder eine Pflicht ist nach dem zweiten ob sie strafbar

oder straffrei ist und nach dem dritten ob sie zur Tugend oder zu einem Laster

gehört

     8 Das göttliche Gesetz ist der Maßstab für die Sünde und die Pflicht

unter dem göttlichen Gesetz verstehe ich das was Gott für das Handeln der

Menschen gegeben hat mag er es ihnen durch das Licht der Natur oder durch die

Stimme der Offenbarung mitgeteilt haben Niemand ist so unvernünftig zu

leugnen dass Gott eine Regel gesetzt hat nach der die Menschen sich benehmen

sollen Gott hat das Recht dazu wir sind seine Geschöpfe er besitzt Güte und

Weisheit um unsere Handlungen zum Besten zu leiten und er hat die Macht seine

Vorschriften durch Belohnungen und Strafen von unendlicher Schwere und Dauer in

jenem Leben zu verstärken denn Niemand kann uns seinen Händen entziehen Dies

ist der alleinige Prüfstein des moralischen Verhaltens durch Vergleichung mit

diesem Gesetz urteilen die Menschen über das wichtige moralisch Gute und

Schlechte ihrer Handlungen dh ob sie als Pflichterfüllung oder Sünde ihnen

Glück oder Elend aus den Händen des Allmächtigen gewähren können

     9 Das bürgerliche Gesetz ist der Maßstab für Verbrechen und die

Unschuld Das bürgerliche Gesetz was der Staat als Regel für seine Bürger

gegeben hat ist eine andere Regel auf welche die Menschen ihre Handlungen

beziehen um zu urteilen ob sie strafbar seien oder nicht Dies Gesetz

übersieht Niemand da sein Lohn und seine Strafe schnell bei der Hand ist und

der Macht des Gesetzgebers entspricht nämlich der Kraft des Gemeinwesens

welches das Leben die Freiheiten und das Eigentum Derer die nach seinen

Gesetzen leben zu schützen hat und welches Macht hat das Leben die Freiheit

und die Güter dem zu nehmen der nicht gehorcht worin die Strafen solcher

Gesetzesverletzungen bestehen

     10 Das philosophische Gesetz ist der Maßstab der Tugend und des

Lasters Das dritte Gesetz ist das der Meinung und des Rufes Tugend und Laster

sind Worte welche überall Handlungen bezeichnen die durch ihre eigene Natur

recht oder unrecht sind Was man hier auch für eine Ansicht haben mag so ist

doch so viel klar dass diese Worte Tugend und Laster bei ihrer Anwendung auf

einzelne Fälle in den verschiedenen Völkern und Gemeinschaften der Menschen auf

dieser Erde immer nur von solchen Handlungen ausgesagt werden welche in jedem

Lande in Achtung oder Missachtung stehen Es kann auch nicht auffallen dass man

überall solche Handlungen tugendhaft nennt welche in dem Lande als preiswürdige

gelten und lasterhaft solche welche tadelnswert sind denn andernfalls würde

man sich selbst verurteilen wenn man etwas für recht erklärte das man nicht

empfehlen wollte und etwas für unrecht ohne es zu tadeln So ist die Billigung

oder Missbilligung das Lob und der Tadel welche durch ein geheimes und

stillschweigendes Einverständnis sich in den verschiedenen Gesellschaften

Stämmen und Verbindungen der Menschen auf dieser Erde feststellen der Maßstab

dessen was überall als Tugend oder Laster gilt die einzelnen Handlungen werden

gebilligt oder gemissbilligt nach den Grundsätzen Ansichten und der Mode des

betreffenden Ortes Denn wenn auch die Menschen bei ihren politischen

Verbindungen dem öffentlichen Wesen es überlassen haben über der Bürger Macht

zu verfügen und der Einzelne ebenso diese Macht gegen seine Mitbürger nicht

weiter anwenden kann als das Gesetz gestattet so hat er doch die Macht gut

oder übel von den Handlungen Derer mit denen er lebt und mit denen er verkehrt

zu denken und sie zu billigen oder zu missbilligen Durch solche Billigung oder

Missbilligung wird das begründet was man Tugend und Laster nennt

     11 Dass dies der allgemeine Maßstab der Tugend und des Lasters ist

erhellt daraus dass obgleich in dem einen Lande das als Laster gilt was man

in dem andern als Tugend oder wenigstens nicht als Laster ansieht doch überall

Tugend mit Lob Laster mit Tadel zusammengehen Tugend ist überall das was als

preiswürdig gilt und nur was die öffentliche Achtung für sich hat wird Tugend

genannt Tugend und Lob sind so eng verbunden dass sie oft denselben Namen

haben Sunt sua pramia laudi das Lob hat seinen eigenen Lohn sagt Virgil und

Cicero sagt »Nihil habet natura prästantius quam honestatem quam laudem quam

dignitatem quam decus« Es gibt in der Natur nichts Besseres als die

Rechtlichkeit das Lob die Achtung und die Ehre welche Worte wie er sagt

sämtlich nur dieselbe Sache bezeichnen Tusculanische Untersuchungen Buch

II So sprechen nie heidnischen Philosophen welche die Bedeutung ihrer

Begriffe von Tugend und Laster wohl kannten Allerdings möchte es nach dem

Unterschied des Temperamentes der Erziehung der Sitten Grundsätze und

Interessen der verschiedenen Menschenklassen vorkommen dass das an einem Orte

Gelobte an einem andern dem Tadel nicht entginge und so die Tugend und die

Laster nach der Gesellschaft wechselten allein in der Hauptsache waren sie in

der Regel überall dieselben da nichts natürlicher ist als das durch Achtung

und Ansehen zu stützen was Jeder überall als für sich nützlich erachtet und

das Gegenteil zu tadeln und ihm entgegenzutreten und mithin Achtung und

Verachtung Tugend und Laster überall im Großen und Ganzen mit der

unveränderlichen Regel des Rechten und Unrechten die Gottes Gesetz gegeben

übereinstimmen denn nichts in der Welt sichert und befördert so geradezu und

sichtlich das allgemeine Wohl der Menschen als der Gehorsam gegen das von Gott

gegebene Gesetz wie umgekehrt nichts solches Elend und Unglück bereitet als

dessen Vernachlässigung und deshalb konnten die Menschen wenn sie nicht auf

alle Vernunft und ihren eigenen Vorteil den sie so beharrlich verfolgen

verzichten wollten ihr Lob und ihren Tadel nicht einer Richtung zuwenden die

ihn nicht wahrhaft verdiente Selbst Die welche nicht danach handelten gaben

doch dem Rechten ihre Billigung denn nur Wenige sind so verdorben dass sie

nicht wenigstens bei Andere die Fehler verdammen die sie selbst begehen selbst

bei einer vorhandenen Sittenverderbnis werden die wahren Grenzen des

Naturgesetzes welches die Regel für die Tugend und das Laster abgeben sollte

für die bessern erklärt Selbst begeisterte Lehrer haben in ihren Ermahnungen

auf die öffentliche Meinung sich gestützt und es heißt in dem Briefe an die

Philipper Kap 4 Vers 8 »Was lieblich ist was wohl lautet ist etwa eine

Tugend ist etwa ein Lob dem denket nach«

     12 Achtung und Missachtung sind die Einschärfungsmittel Wenn ich das

Gesetz, nach dem die Menschen über Tugend und Laster entscheiden nur für die

Übereinstimmung der Privatpersonen erkläre denen das genügende Ansehen des

Gesetzgebers und insbesondere die dem Gesetz so unentbehrliche und wesentliche

Kraft es zu verstärken abgeht so könnte man glauben ich hätte meine eigenen

Begriffe vom Gesetz vergessen allein wer Lob und Tadel nicht für so starke

Beweggründe hält dass man sich der Meinung und den Regeln seiner Mitmenschen

fügt dürfte wenig mit der menschlichen Natur und Geschichte bekannt sein Die

meisten Menschen lassen sich hauptsächlich wo nicht ausschließlich durch das

Gesetz der Mode bestimmen und man tut das was die Achtung der Gesellschaft

erwirbt ohne die Gesetze Gottes und der Obrigkeit viel zu beachten Die

Strafen welche der Übertretung des göttlichen Gesetzes nachfolgen werden von

Vielen ja von den Meisten nur selten ernstlich bedacht und selbst von den

Übrigen hoffen Viele während sie das Gesetz übertreten auf die kommende

Versöhnung und machen ihren Frieden für solchen Bruch Ebenso hofft man den von

den Staatsgesetzen angedrohten Strafen zu entgehen Dagegen entgeht Niemand dem

Übel des Tadels und der Missbilligung wenn er die Sitten und die Ansichten der

Gemeinschaft verletzt in welcher er lebt und der er sich empfehlen will unter

Zehntausend ist kaum Einer stark und unempfindlich genug um die stete

Missbilligung und Verurteilung seiner eigenen Genossenschaft zu ertragen denn

es gehört ein seltener und ungewöhnlicher Charakter dazu um in steter

Missbilligung und in Unfrieden mit seinen Genossen zu leben Die Einsamkeit hat

Mancher aufgesucht und sich damit ausgesöhnt aber Niemand der für seine

Umgebung Sinn und einiges Gefühl hat kann mit derselben leben wenn seine

Angehörigen und Bekannten stets ihr Missfallen und ihren Tadel gegen ihn

aussprechen Diese Last ist zu schwer für menschliche Schultern und Derjenige

befindet sich in unversöhnlichen Widersprüchen welcher Vergnügen in der

Gesellschaft finden und doch für die Verachtung und Ungunst seiner Genossen

unempfindlich bleiben kann

     13 Diese drei Gesetze sind die Regeln für das moralische Gute und Böse

Hiernach sind es diese drei Gesetze das Gesetz Gottes das der politischen

Verbindungen und das der Mode und der PrivatUrteile wonach die Menschen ihr

Handeln beurteilen von der Übereinstimmung mit diesen Gesetzen nehmen sie den

Maßstab für das MoralischRechte und nennen danach ihr Handeln gut und

schlecht

     14 Moralität ist die Beziehung des Handelns auf diese Regeln Mag die

Regel an welche man wie an einen Probierstein die Handlungen hält um sie zu

prüfen und ihre Güte zu erforschen sie danach zu benennen und ihnen gleichsam

das Zeichen ihres Wertes aufzudrücken mag wie gesagt diese Regel der Sitte

des Landes oder dem Willen eines Gesetzgebers entnommen sein so kann man doch

leicht diese Beziehung der Handlung auf sie erkennen und sehen ob sie mit der

Regel stimmt oder nicht Damit hat man den Begriff des moralisch Guten und

Schlechten was in der Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung der Handlung

mit der Regel besteht und deshalb oft das moralische Rechte heißt Diese Regel

ist nur eine Verbindung mehrerer einfachen Vorstellungen für welche die

Übereinstimmung der Handlung so verlangt wird dass die einfachen Vorstellungen

in der Handlung dem von dem Gesetze Verlangten entsprechen So sieht man wie

moralische Dinge und Begriffe auf jene einfachen Vorstellungen begründet sind

und darin enden welche man von der Sinnesund Selbstwahrnehmung empfangen hat

Wenn man zB die zusammengesetzte Vorstellung eines Mordes betrachtet sie

auseinander genommen und im Einzelnen geprüft hat so zeigt sie sich aus einer

Anzahl einfacher aus der Sinnes und Selbstwahrnehmung kommender Vorstellungen

gebildet denn erstens hat man durch die Selbstwahrnehmung der eigenen

Seelentätigkeiten die Vorstellungen des vorausgehenden Wollens Überlegens

Beschließens so wie der Bosheit und des Begehrens eines den Andern treffenden

Hebels ebendaher kommen die Vorstellungen von Leben Wahrnehmen und eigener

Bewegung Zweitens hat man von der SinnesWahrnehmung jene sinnlichen

Vorstellungendie in dem Menschen bestehen und von einem Handeln womit man

dem Wahrnehmen und der Bewegung eines Menschen ein Ende setzt All diese

einfachen Vorstellungen sind in dem Worte Mord verbunden Wenn eine solche

Verbindung einfacher Vorstellungen zu den Achtungsbegriffen meines Vaterlandes

stimmt oder ihnen widerspricht und von den Meisten für lobens oder tadelnswert

gehalten wird so nenne ich die Handlung eine tugendhafte oder lasterhafte

Nehme ich aber den Willen eines höchsten unsichtbaren Gesetzgebers zu meiner

Regel so nenne ich sie je nachdem Gott sie befohlen oder verboten hat gut

oder schlecht Pflichterfüllung oder Sünde und vergleiche ich sie mit dem

bürgerlichen Gesetz und der von der Staatsgewalt gesetzten Regel so nenne ich

sie gesetzmäßig oder ungesetzlich ein Vergeben oder kein Vergehen Woher man

mithin auch die Regel für das moralische Handeln nehmen mag und nach welchem

Maßstabe man die Begriffe von Tugend und Laster bilden mag so sind sie doch

immer nur aus einer Anzahl einfacher Vorstellungen gebildet die man

ursprünglich von der Sinnes und Selbstwahrnehmung empfangen hat und bei denen

das Rechte oder Unrechte in der Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung mit

dem von einem Gesetz vorgeschriebenen Muster besteht

     15 Um über moralische Handlungen richtig zu urteilen muss man sie von

zwei Gesichtspunkten aus betrachten erstens so wie sie an sich aus einer

Zusammenfassung mehrerer einfachen Vorstellungen bestehen So bezeichnet die

Trunkenheit oder die Lüge eine solche Zusammenfassung einfacher Vorstellungen,

die ich gemischte Zustände nenne und in diesem Sinne sind sie ebenso viele

bejahende Vorstellungen wie das Trinken eines Pferdes oder das Sprechen eines

Papagei Zweitens werden unsere Handlungen als gut schlecht oder gleichgültig

aufgefasst dann sind sie bezüglicher Natur da dies ihre Übereinstimmung oder

Abweichung von einer Regel bezeichnet wodurch sie recht oder unrecht gut oder

schlecht werden So weit sie daher mit einer Regel verglichen und danach benannt

werden gehören sie zu den Beziehungen So wird die Herausforderung und das

Fechten mit einem Manne als eine bestimmte bejahende Besonderung oder Art des

Handelns die sich durch ihre eigenen Vorstellungen von andern unterscheidet

ein Duell genannt allein in Beziehung auf das göttliche Gebot betrachtet

verdient es den Namen einer Sünde in Beziehung auf das Gesetz der Sitte in

mehreren Ländern heißt es Tapferkeit und Mannhaftigkeit und in Beziehung auf

die Gesetze einzelner Staaten ein todeswürdiges Verbrechen Wenn die bejahenden

Bestimmungen ihren besonderen Namen haben und die Beziehung auf das Gesetz einen

andern so ist der Unterschied ebenso leicht erkennbar wie bei Substanzen wo

der eine Name zB Mensch die Sache selbst und ein anderer wie Vater die

Beziehung bezeichnet

     16 Die Namen der Handlungen leiten oft irre Oft werden indes die

bejahende Vorstellung der Handlung und ihre moralische Beziehung mit einem Worte

bezeichnet und dasselbe Wort für die besondere Handlung und auch für ihre

moralische Güte oder Schiechtheit gebraucht dann wird die Beziehung weniger

beachtet und beide Bedeutungen oft nicht unterschieden Durch solche Vermengung

beider Begriffe werden Die welche leicht dem Klang der Worte nachgeben und die

Worte leicht für die Dinge nehmen zu falschen Urteilen verleitet So heißt es

Stehlen wenn man einem Andern das Seinige ohne sein Wissen und Willen nimmt

allein da das Wort allgemein auch die moralische Schlechtigkeit der Handlung und

die darin liegende Gesetzesverletzung bezeichnet so neigt man dazu jede

Stehlen genannte That als eine schlechte zu verdammen die das Recht verletzt

Allein wenn der Einzelne dem Wahnsinnigen sein Schwert nimmt damit er kein

Unglück anrichte so kann dies wohl als ein gemischter Zustand Stehlen genannt

werden, aber in Vergleich mit dem Gesetz Gottes und in Beziehung auf diese

höchste Regel ist es keine Sünde und Übertretung obgleich das Wort Stehlen

gewöhnlich diese Bedeutung mit sich führt

     17 Die Beziehungen sind unzählig So viel über die Beziehungen der

menschlichen Handlungen auf das Gesetz, die ich deshalb moralische Beziehungen

nenne Es würde nun Bände füllen wenn ich hier alle Arten der Beziehungen

durchgehen wollte ich kann sie deshalb nicht alle hier aufzählen Es genügt

mir durch die obigen gezeigt zu haben welche Vorstellungen man durch diese

zusammenfassenden Betrachtungen erlangt die Beziehungen heißen Sie sind so

mannichfach und der Anlass dazu so häufig nämlich so viel als man

Vergleichungen zwischen den Dingen anstellen kann dass ihre Zurückführung auf

Regeln und richtige Arten nicht leicht ist Die oben erwähnten dürften zu den

erheblichsten gehören und so beschaffen sein dass man daraus erkennt woher man

die VorstellungsBeziehungen erlangt und worauf sie beruhen Ehe ich indes

diesen Gegenstand verlasse gestatte man mir noch folgende Bemerkungen

     18 Alle Beziehungen enden in einfache Vorstellungen Erstens ist klar

dass alle Beziehungen in den einfachen aus der Sinnes und Selbstwahrnehmung

stammenden Vorstellungen enden und zuletzt darauf gestützt sind Deshalb ist

Alles was man in seinem Denken hat wenn man an ein Ding denkt oder eine

Meinung hat oder Andern mittheilen will auch bei dem Gebrauch von Worten

welche Beziehungen bezeichnen nur eine einfache Vorstellung oder eine

Zusammenfassung solcher die mit andern verglichen werden Bei derjenigen Art

welche man Verhältnisse nennt ist dies Klar denn wenn man den Honig süßer als

das Wachs nennt so endet offenbar das Denken bei dieser Beziehung in der

einfachen Vorstellung des Süßen und dies gilt ebenso für alle andern obgleich

bei ihren Verbindungen und Trennungen die sie bildenden einfachen Vorstellungen

selten beachtet werden Wenn zB das Wort Vater genannt wird so wird damit

erstens die besondere Gattung oder zusammengesetzte Vorstellung gemeint welche

das Wort Mensch bezeichnet zweitens die sinnlichen einfachen Vorstellungen,

welche das Wort Erzeugung bezeichnet und drittens ihre Wirkung und all die

einfachen durch das Wort Kind bezeichneten Vorstellungen So bedeutet das Wort

Freund einen Menschen der einen Andern liebt und ihm Gutes zu erweisen bereit

ist es besteht aus folgenden Vorstellungen 1 aus allen jenen einfachen die

das Wort Mensch oder vernünftiges Wesen befasst 2 aus der Vorstellung der

Liebe 3 aus der der Bereitwilligkeit oder Neigung 4 aus einer Handlung die

eine Art des Denkens oder Bewegens ist 5 aus der Vorstellung des Guts was

Alles bezeichnet was zu seinem Glücke beiträgt und was wie gezeigt worden

zuletzt in einfachen Vorstellungen endet von denen das Wort Gut überhaupt eine

bezeichnet so dasswenn alle einfachen Vorstellungen davon entfernt werden es

gar nichts bedeutet Ebenso enden auch alle moralischen Worte zuletzt wenn auch

entfernter in eine Zusammenfassung einfacher Vorstellungen denn die

unmittelbare Bedeutung mancher bezüglichen Worte geht oft auf andere bekannte

Beziehungen allein gebt man dabei von einer zur andern so endigen sie zuletzt

alle in einfachen Vorstellungen

     19 Man hat gewöhnlich einen ebenso klaren oder klareren Begriff von der

Beziehung, wie von ihrer Grundlage Zweitens bemerke ich dass man bei dem

Beziehen meistenteils wo nicht immer von der Beziehung eine ebenso klare

Vorstellung hat wie von den einfachen Vorstellungen auf die sie gegründet

wird denn von der Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung von welcher die

Beziehungen abhängen hat man allgemein ebenso klare Vorstellungen wie von jedem

andern Dinge da es nur das Unterscheiden einfacher Vorstellungen oder ihrer

Grade von einander ist ohne die jedes bestimmte Wissen unmöglich ist Denn wenn

man eine klare Vorstellung von Süßigkeit Licht oder Ausdehnung hat so hat man

sie auch von der Gleichheit und dem Mehr oder Weniger jener Wenn ich weiß was

das Geborensein eines Menschen von der Sempronia ist so weiß ich auch was das

Geborensein von der Sempronia für einen andern Menschen ist und deshalb ist

meine Vorstellung von Brüdern so klar wie die von Vögeln und vielleicht noch

klarer Denn wenn ich glaube dass Sempronia den Titus von dem Petersilienbeet

geholt hat wie man den Kindern zu sagen pflegt und dadurch seine Mutter

geworden und dass sie später den Cajus ebenso von dem Petersilienbeet geholt

hat so wäre meine Vorstellung von dem Verhältnis von Brüdern ebenso klar als

wenn ich die ganze Geschicklichkeit einer Hebamme besäße denn der Begriff,

dass dasselbe Weib als Mutter zu ihrer Geburt beigetragen habe wenn ich auch in

der Art hierbei irre gehe oder sie nicht kenne ist das worauf ich die

Beziehung stütze und dass beide in diesem Vorgänge der Gebart übereinstimmen

mag dieser Vorgang sonst enthalten was er will Die Vergleichung beider

Personen nach ihrer Abkunft von derselben Person genügt wenn man auch die

nähern Umstände davon nicht kennt um darauf den Begriff von ihrer Beziehung als

Brüder zu gründen Obgleich sonach die Vorstellungen der einzelnen Beziehungen

bei gehöriger Betrachtung so klar und bestimmt in der Seele sein können als die

von gemischten Zuständen und sogar bestimmter als die von Substanzen so haben

doch die zu diesen Beziehungen gehörenden Worte oft eine ebenso zweifelhafte und

Ungewisse Bedeutung wie die von gemischten Zuständen oder Substanzen und noch

mehr wie die von einfachen Vorstellungen weil die bezüglichen Worte nur diese

Vergleichung bezeichnen welche bloß im Denken geschieht und nur eine Bestimmung

in der Seele ist und sie daher oft zu verschiedenen Vergleichungen der Dinge

nach der eigenen Einbildung benutzt werden die nicht immer mit denen der Andern

bei Gebrauch dieser Worte übereinkommen

     20 Der Begriff der Beziehung bleibt derselbe mag die Regel mit der

eine Handlung verglichen wird wahr oder falsch sein.) Drittens kann man bei den

moralischen Beziehungen einen wahren Begriff von der Beziehung durch

Vergleichung der Handlung mit der Regel haben wenn auch die Regel selbst falsch

ist Denn wenn ich eine Sache nach meiner Elle messe so weiß ich ob sie

länger oder kürzer als diese Elle ist wenn diese auch nicht genau eine richtige

Elle ist denn dies ist eine andere Frage wo selbst wenn die Regel falsch ist

und ich hierbei irre doch die zu erkennende Übereinstimmung oder

NichtÜbereinstimmung mit dem Andern die Beziehung bemerken lässt Deshalb kann

man bei Anwendung einer falschen Regel wohl zu einem falschen Urteil über die

moralische Eigenschaft einer Handlung verleitet werden allein deshalb irrt man

nicht in der Frage ob die mit der Regel verglichene Handlung mit ihr stimme

oder nicht

 
 



 1 Manche Vorstellungen sind klar und deutlich andere dunkel und

verworren Ich habe bisher den Ursprung unserer Vorstellung dargelegt und ihre

verschiedenen Arten behandelt auch den Unterschied der einfachen und

zusammengesetzten Vorstellungen und ihre Einteilung in Eigenschaften

Substanzen und Beziehungen betrachtet Es war dies notwendig wenn man sich

gründlich über das Verfahren der Seele bei der Wahrnehmung und Erkenntnis der

Dinge unterrichten will Vielleicht habe ich lange genug bei dieser Prüfung der

Vorstellungen verweilt allein ich muss doch bitten mir noch einige Bemerkungen

darüber zu gestatten Das Nächste ist dass von den Vorstellungen manche klar

und andere dunkel manche deutlich und andere verworren sind

     2 Die klaren und dunklen werden durch das Sehen erklärt Die

Wahrnehmungen der Seele lassen sich am besten durch die auf das Sehen

bezüglichen Worte erläutern und deshalb wird man verstehen was unter klaren

und dunklen Vorstellungen gemeint ist wenn man das erwägt was bei dem Sehen

klar und dunkel heißt Da das Licht uns die sichtbaren Gegenstände offenbart

so nennt man dunkel was nicht so stark beleuchtet ist dass man seine Gestalt

und Farben erkennen kann obgleich dies bei mehr Licht geschehen könnte Ebenso

sind unsere einfachen Vorstellungen klar wenn sie so beschaffen sind wie ihre

Gegenstände von denen sie entnommen sind sie in einer gut geordneten

Wahrnehmung darstellen würden Behält das Gedächtnis sie so und kann es

dieselben wenn man sie braucht wieder vorführen so sind sie klar so weit

ihnen aber etwas von ihrer frühem Genauigkeit abgeht oder sie ihre frühere

Frische verloren haben und mit der Zeit blass und bleich geworden sind so weit

sind sie dunkel Zusammengesetzte Vorstellungendie aus einfachen gebildet

wordensind so weit klar als diese ihre einfachen Vorstellungen klar sind und

als die Menge und die Ordnung dieser welche den Inhalt der zusammengesetzten

bilden bestimmt und gewiss ist

     3 Die Ursachen der Dunkelheit Die Ursachen der Dunkelheit scheinen

bei den einfachen Vorstellungen in der mangelhaften Empfindlichkeit der Organe

oder in den leichten und vorbeigehenden Eindrücken der Gegenstände oder in einer

Schwäche des Gedächtnisses zu liegen welches die Vorstellungen nicht so

behalten kann wie es dieselben empfangen hat Denn wenn um wieder die

sichtbaren Dinge zum Verständnis zu benutzen die Sinneswerkzeuge gleich dem

durch die Kälte hart gewordenen Wachs von dem Siegel beim gewöhnlichen Druck

nicht erregt werden oder wenn zu weiches Wachs den guten Eindruck nicht

festhalten kann oder wenn das Wachs zwar gut aber die genügende Kraft zu einem

deutlichen Abdruck des Siegels fehlt so wird der Abdruck in all diesen Fällen

unklar sein und die Anwendung hiervon ist wohl selbstverständlich

     4 Was deutliche und verworrene Vorstellungen sind Da die klare

Vorstellung die ist von welcher die Seele eine volle und sichere Auffassung

hat wie sie dieselben von einem äußern Gegenstande der richtig auf ein gut

beschaffenes Organ wirkt empfingt so ist die deutliche Vorstellung diewelche

die Seele von allen andern unterscheiden kann und die verworrene die die von

andern nicht genügend unterschieden werden kann.

     5 Ein Einwurf Wenn dies der Fall ist, so könnte man vielleicht

einwenden dass eine verworrene Vorstellung sich werde schwer finden lassen

denn möge die Vorstellung sein welche sie wolle so könne sie doch nur die

sein welche die Seele so aufgefasst habe und diese Auffassung unterscheide sie

hinreichend von allen andern die nur andere dh verschieden sein können wenn

sie so aufgefasst werden deshalb könne es keine Vorstellung geben die nicht

von andern unterscheidbar wäre von denen sie an sich verschieden ist wenn man

sie nicht auch zu einer von sich selbst verschiedenen mache denn von jeder

andern sei sie offenbar verschieden

     6 Die Verworrenheit der Vorstellungen bezieht sich auf deren Namen Um

diese Schwierigkeit zu beseitigen und zu erkennen was die Verworrenheit mit

der manche Vorstellungen belastet sind veranlasst bedenke man dass die unter

verschiedenen Namen geordneten Dinge für genügend verschieden gelten um auch

unterschieden werden zu können deshalb wird jede Art mit ihren besonderen Namen

bezeichnet und gelegentlich als eine besondere behandelt und nichts scheint

zuverlässiger als dass die verschiedenen Namen in der Regel auch verschiedene

Dinge bezeichnen Da nun jede Vorstellungdie man hat sich als das zeigt was

sie ist und sich von allen andern unterscheidet so macht sie nur der Umstand

verworren dass sie auch noch mit einem andern Worte als den gebrauchten benannt

werden kannDer Unterschied, welcher die Dinge sondert am so unter

verschiedenen Worten gestellt zu werden und macht dass diese zu diesen Namen

und jene zu jenen Namen gehören wird dann übersehen und so der Unterschied

verloren der durch diesen Namen aufrecht erhalten werden sollte

     7 Die Fehler welche diese Verwirrung veranlassen Die Fehler welche

diese Verwirrung zu veranlassen pflegen dürften hauptsächlich folgende sein

    Erstens wenn zusammengesetzte Vorstellungen aus zu wenig einfachen

gebildet werden.) Erstens wenn zusammengesetzte Vorstellungen denn diese sind

am meisten der Verworrenheit ausgesetzt aus einer zu geringen Zahl einfacher

Vorstellungen und aus solchen gebildet werden, die auch andern Dingen gemein

sind und wenn dabei die Unterschiede, die ihre verschiedene Benennung

veranlasst haben übersehen werden Wer zB eine Vorstellung hat die bloß aus

den einfachen Vorstellungen eines gefleckten Tieres gebildet ist dessen

Vorstellung vom Leoparden ist verworren da sie sich nicht genügend von der des

Luchses und mehrerer andern gefleckten Tiere unterscheidet Wenngleich also

solche Vorstellung mit dem besonderen Namen Leopard benannt wird so kann sie

doch von denen mit Luchs und Panther bezeichneten nicht unterschieden werden,

und sie kann selbst mit Luchs oder Panther bezeichnet werden Wie sehr die

Gewohnheit Worte durch allgemeine Ausdrücke zu definieren die damit

bezeichneten Vorstellungen verworren und unbestimmt macht überlasse ich Andern

zur Erwägung So viel ist klar dass verworrene Vorstellungen den Gebrauch der

Worte unsicher machen und den Sätzen bestimmter Bezeichnungen aufheben Wenn die

Vorstellungen mit verschiedenen Namen sich nicht diesen verschiedenen Namen

entsprechend unterscheiden und daher von einander nicht unterschieden werden

können, so kommt es davon dass sie in Wahrheit verworren sind

     8 Zweitens sind die einfachen unordentlich zusammengeworfen Ein

zweiter Fehler der die Vorstellungen verwirrt ist der dass zwar die Zahl der

EinzelVorstellungen genügend ist aber sie so durcheinander gemengt sind dass

man nicht leicht unterscheiden kann ob die Vorstellung zu diesem oder jenem

Worte gehört Nichts macht diese Verwirrung begreiflicher als jene Art Gemälde

die meist als wunderbare Werke der Kunst gezeigt werden die Farben bilden

darin so wie sie durch den Pinsel auf die Tafel gebracht worden sonderbare und

ungewohnte Gestalten und in ihrer Lage zeigt sich keine erkennbare Ordnung

Solch Bild mit seinen verschiedenen Teilen ohne Symmetrie und Ordnung ist an

sich nicht verworrener als das Gemälde eines wolkigen Himmels welches Niemand

für ein verworrenes Gemälde hält wenn man auch in seinen Gestalten und Farben

wenig Ordnung bemerkt Was macht nun Jenes Bild verworren wenn es der Mangel an

Symmetrie nicht tut Denn dass dieser es nicht tut erhellt daraus dass ein

anderes Bild was jenes nur kopierte nicht verworren genannt werden könnte Also

liegt die Ursache der Verwirrung In der Verknüpfung mit einem Namen dem es

nicht mehr angehört wie einem andern Sagte man also zB es sei das Bild eines

Menschen oder Cäsars dann wird es Jeder für verworren halten weil es in seinem

Zustande ebenso gut den Namen Pavian oder Pompejis führen kann wie den eines

Menschen oder von Cäsar obgleich die Vorstellungen jener sich doch von denen

des Menschen und Cäsars unterscheiden Hat aber ein hohlgeschliffener Spiegel

bei richtiger Stellung diese unregelmäßigen Linien auf der Leinwand in die

gehörigen Ordnungen und Verhältnisse gebracht so hört die Verworrenheit auf

und man sieht sofort dass es ein Mensch oder Cäsar ist dh dass es unter

diesen Namen gehört und dass es sich genügend von einem Pavian oder Pompejis

unterscheidet dh von den durch diese Worte bezeichneten Vorstellungen Gerade

so verhält es sich mit unsern Vorstellungendie gleichsam Bilder der Dinge

sind Keines dieser geistigen Bilder kann wie auch die Theile zusammengestellt

sein mögen verworren genannt werden denn sie sind als solche völlig

unterscheidbar erst wenn es unter einen Kamen gebracht wird und man nicht

erkennen kann ob es diesem mehr als einem andern von anderer Bedeutung

zugehöre wird es verworren

     9 Drittens wenn die Vorstellungen veränderlich und unbestimmt sind

Ein dritter die Verwirrung veranlassender Fehler ist es wenn der Name unsicher

und unbestimmt ist Es gibt Menschen welche nicht warten bis sie die

Bedeutung der gewöhnlichen Worte ihrer Sprache gelernt haben und die

Vorstellungdie sie mit einem Worte verbinden beinah so oft wechseln als sie

sich des Wortes bedienen Wer dies tut weil er nicht sicher ist was er zB

bei seiner Vorstellung von Kirche und Götzendienst weglassen oder zusetzen soll

wenn er an eines von beiden denkt und wer nicht an eine bestimmte Verbindung

einfacher Vorstellungen dabei festhält hat eine verworrene Vorstellung von

Kirche und Götzendienst und zwar aus demselben Grunde wie oben nämlich weil

eine veränderliche Vorstellung wenn dies von einer Vorstellung angenommen

werden darf so gut mit dem einen Namen wie mit dem andern belegt werden kann;

damit verliert sie den Unterschiedder durch die einzelnen Worte ausgedrückt

werden soll

     10 Eine verworrene Vorstellung ohne Rücksicht auf ihre Namen ist schwer

aufzufinden Hieraus kann man abnehmen wie die Worte als angenommene feste

Zeichen der Dinge, und wie deren Unterschiede um die Unterschiede der Dinge

auszudrücken der Anlass werden Vorstellungen deutlich oder verworren zu

nennen indem die Seele im Stillen und Unbemerkt ihre Vorstellungen auf solche

Worte bezieht Man wird dies noch mehr verstehen wenn man das gelesen und

erwogen haben wird was ich in dem dritten Bache aber die Worte sage Ohne

Beachtung dieser Beziehung der Vorstellungen auf bestimmte Worte als den

Zeichen bestimmter Dinge dürfte es schwer sein zu sagen was eine verworrene

Vorstellung ist. Wird deshalb durch ein Wort eine Art von Dingen oder ein

einzelnes Ding zum Unterschied von andern bezeichnet so ist die

zusammengesetzte Vorstellungdie man an dieses Wort knüpft um so bestimmter

je mehr besondert die Vorstellungen sind und je großer und bestimmter die Zahl

und Ordnung derselben ist aus denen jene gebildet worden ist Je mehr die

zusammengesetzte Vorstellung aus solchen gebildet ist desto mehr hat sie

erkennbare Unterschiede durch die sie von allen zu andern Worten gehörenden

Vorstellungen getrennt gehalten werden kann, und selbst von denen welchen sie

am nächsten steht Dadurch ist jede Verwirrung mit denselben vermieden

     11 Die Verworrenheit betrifft immer zwei Vorstellungen.) Die

Verworrenheit welche die Unterscheidung zweier Dinge erschwert betrifft immer

zwei Vorstellungenund am meisten die welche einander am nächsten stehen Hat

man daher Verdacht dass eine Vorstellung verworren sei so muss man

untersuchen welche andere mit ihr verwechselt werden kann, oder von welcher sie

nicht leicht zu unterscheiden ist und man wird dann immer finden dass letztere

einem andern Worte zugehört und deshalb ein besonderes Ding betrifft von dem

sie noch nicht gehörig gesondert istindem sie entweder mit jener ein und

dasselbe ist oder einen Teil jener ausmacht oder wenigstens ebenso gut mit dem

Worte benannt werden kann, unter das jene gestellt ist und deshalb nicht den

Unterschied von der andern Vorstellung innehält welchen die verschiedenen Worte

anzeigen

     12 Die Ursachen der Verworrenheit Dies ist die den Vorstellungen

eigene Verworrenheit welche immer eine geheime Beziehung auf Worte mit sich

führt Wenigstens bringt diese Verworrenheit die Gedanken und Reden der Menschen

am meisten in Unordnung weil die mit Worten bezeichneten Vorstellungen

diejenigen sind womit man am meisten im Denken sich beschäftigt und immer die

mittelst welcher man Andern sich mittheilt Sobald daher zwei als verschieden

angenommene Vorstellungen mit zwei verschiedenen Worten bezeichnet werden diese

Vorstellungen aber nicht so leicht wie die Laute unterscheidbar sind so ist

immer eine Verworrenheit vorhanden wo aber die Vorstellungendie durch diese

zwei verschiedenen Laute bezeichnet werden wirklich verschieden sind da kann

zwischen ihnen keine Verwirrung entstehen Das Mittel diese zu verhindern ist

so bestimmt als möglich in eine zusammengesetzte Vorstellung alle ihre

Bestandteile zu sammeln und zu verbinden wodurch sie ihren unterschied von

andern erhält und diesen so in bestimmter Zahl und Ordnung verbundenen

Vorstellungen immer denselben Namen zu geben Da dies indes weder der

Bequemlichkeit noch der Eitelkeit der Menschen sondern nur der nackten Wahrheit

dient die man nicht immer erstrebt so bleibt solche Sorgfalt mehr zu wünschen

als zu hoffen Die lockere Verbindung der Worte mit unbestimmten veränderlichen

oder beinah gar keinen Vorstellungen hilft sowohl der eigenen Unwissenheit als

sie Andere verlegen und verwirrt macht Da dies für Gelehrsamkeit und

Überlegenheit im Wissen gilt so ist es kein Wunder dass alle Welt diese

Mittel für sich selbst benutzt und es bei Andern beklagt Obgleich durch

Sorgfalt und Unbefangenheit ein großer Teil der verworrenen Begriffe vermieden

werden kann, so dürfte doch schwerlich immer der Wille dazu vorhanden sein

Manche Vorstellungen sind so zusammengesetzt und bestehen aus so vielen Teilen

dass dieselbe genaue Verbindung ihrer einfachen Vorstellungen unter einem Namen

nicht immer im Gedächtnis festgehalten wird und noch weniger kann man

erraten für welche bestimmte zusammengesetzte Vorstellung dies Wort von einem

Andern gebraucht zu werden pflegt Der erste Grund führt zur Verwirrung in dem

eigenen Denken und Meinen der andere zu häufigen Verwirrungen im Sprechen und

Streiten mit Andern Da ich über die Worte ihre Mängel und ihren Missbrauch in

dem folgenden Buche ausführlicher handle so breche ich hier ab

     13 Zusammengesetzte Vorstellungen können zum Teil klar zum Teil

verworren sein Da die zusammengesetzten Vorstellungen aus einer Anzahl

verschiedener einfacher bestehen so können sie zum Teil sehr klar und deutlich

und zum Teil verworren und dunkel sein Wenn Jemand von einem Chiliedron oder

Tausendeck spricht so kann seine Vorstellung von dessen Figur sehr verworren

sein obgleich die der Zahl sehr klar ist und weil er über diesen Teil seiner

zusammengesetzten Vorstellung welcher von der Zahl 1000 abhängt sprechen und

streiten kann meint er vielleicht eine klare Vorstellung von dem Tausendeck zu

besitzen obgleich er keine bestimmte Vorstellung von dessen Gestalt hat und es

deshalb nicht von einer Figur unterscheiden kann die nur 999 Ecken hat die

Nichtbeachtung dessen veranlasst viele Irrtümer im Denken und viel Verwirrung

im Gespräch

     14 Wird dies nicht beachtet so entsteht Verwirrung in den Beweisen

Wer meint er habe eine deutliche Vorstellung von der Gestalt eines Tausendecks

mag zur Probe ein anderes Stück desselben Stoffes und gleicher Größe zB von

Wachs oder Gold nehmen und daraus eine Gestalt von 999 Ecken machen er wird

unzweifelhaft diese beiden Vorstellungen von einander durch die Zahl der Ecken

unterscheiden können und hierüber deutlich sprechen und Sätze aufstellen können

wenn er sich dabei bloß auf den Teil dieser Vorstellungen beschränkt der sich

auf die Zahl bezieht er wird zB darlegen können dass die Ecken der einen

Gestalt in zwei gleiche Hälften geteilt werden können, die der andern aber

nicht will er sie aber nach ihrer Gestalt unterscheiden so wird er sofort

stecken bleiben und in seiner Seele schwerlich zwei so bestimmt unterschiedene

Gestalten bilden können wie wenn das eine Goldstück zu einem Würfel und das

andere zu einem Fünfeck geformt worden wäre Mit solchen mangelhaften

Vorstellungen kann man leicht sich selbst täuschen oder mit Andern darüber in

Streit geraten namentlich wenn sie besondere und bekannte Namen haben Denn

man begnügt sich dabei mit dem klaren Theile während der bekannte Name auf die

ganze Vorstellung angewendet wird die auch den unvollständigen und dunkeln

Teil befasst und neigt so dazu den Namen auch für diesen verworrenen Teil zu

gebrauchen und Ausführungen darauf eben so sicher zu stutzen wie es für den

deutlichen Teil geschieht

     15 Ein Beispiel von der Ewigkeit So gebraucht man oft das Wort

Ewigkeit und meint eine bejahende umfassende Vorstellung davon zu haben dh

dass jeder Teil einer solchen Dauer klar in dieser Vorstellung enthalten sei

Vielleicht hat man nun dabei wohl die klare Vorstellung der Dauer, und

vielleicht auch die von einer großen Länge der Dauer und von der Vergleichung

dieser mit einer noch größeren allein man vermag nicht in seiner Vorstellung

der Dauer, sei sie auch noch so groß die ganze Ausdehnung einer endlosen Dauer

einzuschließen und deshalb ist dieser Teil seiner Vorstellung welcher über

die Grenzen der langen Dauer noch hinaus geht dunkel und unbestimmt Daher

gerät man bei Streitigkeiten oder Ausführungen über die Ewigkeit oder ein

anderes Unendliche leicht in Irrtümer und offenbaren Widersinn

     16 Die Teilbarkeit des Stoffes.) Bei dem Stoff hat man keine klare

Vorstellung von der Kleinheit der Theile die noch viel kleiner als die

kleinsten erkennbaren sind deshalb kann man bei dem Reden über die unendliche

Teilbarkeit des Stoffes klare Vorstellungen von Teilung und Teilbarkeit und

auch von den aus dem Ganzen erlangten Teilen haben allein man hat nur eine

dunkele und verworrene Vorstellung von den Körperchen dieser Teilung wenn sie

dadurch so klein werden dass sie nicht mehr wahrnehmbar sind So ist nur die

Teilung überhaupt oder in ihrer Trennung und die Beziehung zwischen Ganzem und

Teil klar und deutlich aber von der Masse eines aus solcher ins Unendliche

fortgesetzten Teilung gewonnenen Körperchens dürfte man keine klare und

deutliche Vorstellung haben Denn man nehme das kleinste Staubteilchen was man

je gesehen hat und frage sich ob man eine deutliche Vorstellung von dem

100000sten und den 1000000sten Theile eines solchen habe abgesehen von der

Zahl an sich die mit der Ausdehnung nichts zu tun hat und wenn man meint

dass man die Vorstellung in dieser Weise verfeinern könne ohne sie aus dem

Gesicht zu verlieren so möge man noch zehn Ziffern zu jeder dieser Zahlen

hinzusetzen Eine solche Kleinheit anzunehmen ist nicht unvernünftig denn auch

diese Teilung bringt sie dem Ende der unendlichen Teilung nicht näher als die

erste in zwei Hälften ich gestehe dass ich von der verschiedenen Größe oder

Ausdehnung solcher kleinen Körperchen keine klare Vorstellung, habe vielmehr

ist sie von beiden Körperchen nur dunkel Wenn man daher von der endlosen

Teilung der Körper spricht so gerät die Vorstellung der Größe der

Körperteilchen welche die Unterlage der Teilung bildet bei fortgehender

Teilung bald in Verwirrung und verliert sich beinah in der Dunkelheit da die

Vorstellungwelche nur den Umfang bieten darf sehr verworren und dunkel sein

muss wenn man sie von der zehnmal größeren nur durch die Zahl unterscheiden

kann man hat deshalb wohl klare Vorstellungen von der 10 und der 1 aber nicht

von zwei solchen Ausdehnungen Deshalb gelten bei dem Gespräch über die

unendliche Teilbarkeit der Körper oder der Ausdehnung die klaren und deutlichen

Vorstellungen nur den Zahlen aber die klaren und deutlichen Vorstellungen der

Ausdehnung gehen mit Fortgang der Teilung bald ganz verloren und man hat von

solchen kleinen Teilchen überhaupt keine bestimmte Vorstellung mehr sie

beschränkt sich wie alle unsere Vorstellungen des Unendlichen zuletzt nur auf

das stete Zusetzen von Zahlen ohne die bestimmte Vorstellung wirklich er

unendlicher Teilchen zu erreichen Man hat zwar eine klare Vorstellung von der

Teilung aber damit hat man so wenig eine klare Vorstellung von dem

unendlichkleinen Theile als von der unendlichen Zahl obgleich man jede

bestimmte Zahl vergrößern kanndeshalb enthält die endlose Teilbarkeit so

wenig eine bestimmte Vorstellung von wirklich unendlichkleinen Teilen wie die

endlose Vermehrbarkeit wenn ich mich so ausdrücken darf eine klare und

deutliche Vorstellung von einer wirklichen unendlichgroßen Zahl gibt bei

beiden denkt man nur an die Macht die Zahl sei sie auch noch so groß immer

noch vermehren zu können Deshalb hat man von dem noch Übrigen was hinzugehört

und worin die Unendlichkeit besteht nur eine verworrene und dunkle

Vorstellung und deshalb kann man nicht bestimmt und klar darüber sprechen und

Ausführungen machen wie man dies auch in der Arithmetik nicht für Zahlen kann

deren Vorstellungen nicht so klar und deutlich sind wie die von 4 oder 100

sondern von denen man sich nur dunkel vorstellt dass sie grösser sind als jede

mit der man sie vergleicht Man hat ebensowenig eine klare Vorstellung von

ihnen wenn man sie grösser oder als mehr wie 400000000 vorstellt als wenn

man sagt sie ist grösser als 40 oder 4 denn 400000000 stehen

verhältnismäßig dem Ende des Vermehrens oder Zusetzens nicht näher als 4 da

Der welcher nur 4 zu 4 setzt und so fortfährt ebenso so schnell zu dem Ende

des Vermehrens gelangt wie Der welcher 400 Millionen zu 400 Millionen zusetzt

Dasselbe gilt für die Ewigkeit wer die Vorstellung von 4 Jahren hat dessen

Vorstellung von der Ewigkeit ist ebenso viel beziehend als Der welcher die

Vorstellung von 400 Millionen Jahren hat denn das bei ihnen an der Ewigkeit

noch Fehlende ist bei dem Einen so klar wie bei dem Andern dh Keiner von

Beiden hat überhaupt eine bejahende Vorstellung von der Unendlichkeit Der

welcher immer fort 4 Jahr zu 4 Jahren setzt wird die Ewigkeit so schnell

erreichen wie Der welcher 400 Millionen Jahre an einander setzt denn wenn auch

der Zuwachs noch so groß vorgestellt wird so bleibt doch der Rest immer noch

so weit diesseits des Endes solcher Vermehrung wie er es bei der Länge eines

Tages oder einer Stunde ist Kein Endliches hat ein Verhältnis zu dem

unendlichen und deshalb haben es auch unsere Vorstellungen nicht, die sämtlich

endlich sind So verhält es sich also mit der Vorstellung der Ausdehnung sowohl

bei ihrer Vermehrung durch Hinzusetzen wie bei ihrer Verminderung durch Teilen

wenn man damit die Unendlichkeit erreichen will Nach wenigen Verdoppelungen

solcher Ausdehnung welche die größte uns bekannte ergibt verlieren wir die

klare Vorstellung ihrer Größe sie wird verworrengroß mit dem Zusatz von immer

Mehr Will man nun darüber streiten und Beweise führen so gerät man allemal in

Verlegenheit da Ableitungen und Beweise von verworrenen Stücken unserer

Vorstellungen immer wieder zur Verwirrung führen müssen

 
 



 


     1 Wirkliche Vorstellungen entsprechen ihren Mustern Neben dem bisher

Erwähnten kann man die Vorstellungen auch in Beziehung auf die Dinge betrachten

von denen sie entnommen sind oder die sie wie man annimmt darstellen Man kann

sie dann in dreifacher Weise enteilen sie sind dann 1 entweder wirkliche oder

eingebildete 2 entsprechende oder nicht entsprechende und 3 wahre oder

falsche Vorstellungen Unter wirklichen Vorstellungen verstehe ich die welche

in der Natur eine Grundlage haben und mit dem wirklichen Sein und Bestehen der

Dinge oder mit ihren Vorbildern übereinstimmen Eingebildet oder chimärisch

nenne ich die welche in der Natur keine Grundlage haben und mit der

Wirklichkeit der Dinge nicht übereinstimmen auf welche sie im Stillen als ihre

Muster bezogen werden. Untersucht man die früher erwähnten verschiedenen Arten

der Vorstellungen, so findet man

     2 Die einfachen Vorstellungen sind alle wirklich Erstens dass die

einfachen Vorstellungen sämtlich wirklich sind und der Wirklichkeit der Dinge

entsprechen wenn sie auch nicht alle die Bilder oder Darstellung des Daseienden

sind indem ich schon das Gegenteil davon bei allen Eigenschaften der Körper

mit Ausnahme der ersten Eigenschaften dargelegt habe Wenn aber auch das Weiße

und Kalte so wenig wie der Schmerz im Schnee enthalten ist, so sind diese

Vorstellungen von Weiß, Kalt Schmerz die Wirkungen von Kräften der Dinge

außerhalb unserer die nach der Bestimmung des Schöpfers solche Empfindungen in

uns hervorbringen sollen und sie sind deshalb wirkliche Vorstellungen durch

die man die wirklich in den Dingen enthaltenen Eigenschaften erkennt Denn diese

verschiedenen Empfindungen sollen das Mittel sein wodurch man die Dinge mit

denen man verkehrt erkennt und unterscheidet und deshalb erfüllen diese

Vorstellungen diese Zwecke ebenso gut und sind wirklich unterscheidende Zeichen

mögen sie nur regelmäßige Wirkungen oder genaue Bilder des in den Dingen

enthaltenen Inhaltes sein da die Wirklichkeit in dem beständigen Zusammenhange

liegt in dem die Vorstellungen mit bestimmten Zuständen der Dinge stehen Es

ist dabei gleichgültig ob diese Zustände als Ursachen oder als Muster

auftreten es genügt dass die Vorstellungen regelmäßig von ihnen

hervorgebracht werden. Deshalb sind alle einfachen Vorstellungen wirklich und

wahr denn sie entsprechen und stimmen zu den Kräften der Dinge, von denen sie

in der Seele hervorgebracht werden; dies genügt um sie zu wirklichen und nicht

zu beliebig erfundenen zu machen da bei den einfachen Vorstellungen wie ich

gezeigt habe die Seele ganz auf die Wirksamkeit der Dinge auf sich angewiesen

ist und über die empfangenen hinaus keine neuen sich machen kann

     3 Die zusammengesetzten Vorstellungen sind willkürliche Verbindungen

Wenn auch die Seele bei den einfachen Vorstellungen sich ganz leidend verhält

so dürfte dies doch nicht für die zusammengesetzten Vorstellungen gelten denn

da sie Verbindungen von einfachen unter einem Namen befassten Vorstellungen

sind so hat die Seele offenbar eine gewisse Freiheit bei deren Bildung denn

sonst könnte die Vorstellung des Goldes oder der Gerechtigkeit bei dem einen

Menschen nicht von der bei dem andern verschieden sein Dies ist nur dadurch

möglich dass der Eine gewisse einfache Vorstellungen dabei zugesetzt oder

weggelassen hat während der Andere dies nicht getan hat Es fragt sich daher

welche zusammengesetzte Vorstellungen wirklich und welche nur eingebildet sind

Welche Sammelvorstellung mit der Wirklichkeit der Dinge stimmt und welche nicht

Hierauf antworte ich

     4 Gemischte Zustände die aus Vorstellungen gebildet sind welche sich

mit einander vertragen sind wirklich Gemischte Zustände und Beziehungen haben

keine andere Wirklichkeit als die welche sie in der menschlichen Seele

besitzen und deshalb ist, um sie zu wirklichen zu machen nur nötig sie so zu

bilden dass ein Ding, möglicherweise ihnen entsprechend bestehen kann Da

diese Vorstellungen ihre eigenen Muster sind so können sie von ihrem Muster

nicht abweichen und deshalb können sie nicht chimärisch sein ausgenommen wenn

man mit einander unverträgliche Vorstellungen verbindet Allerdings haben manche

dieser Vorstellungen in den bekannten Sprachen ihre Namen durch die Der

welcher diese Vorstellungen hat sie einem Andern mittheilen kann und deshalb

genügt die bloße Möglichkeit des Bestehens des Gegenstandes nicht sondern sie

müssen der gewöhnlichen Bedeutung des ihnen gegebenen Namens entsprechen wenn

sie nicht als eingebildet gelten sollen Dies wäre zB der Fall wenn man die

Vorstellungwelche man gewöhnlich Freigebigkeit nennt Gerechtigkeit nennen

wollte Indes bezieht sich dies willkürliche Bilden mehr auf die

Eigentümlichkeit der Redeweise als auf die Wirklichkeit der Dinge. So ist der

Zustand eines Menschen der in der Gefahr ruhig bleibt und besonnen überlegt

was am besten zu tun sei und der dies standhaft ausführt ein gemischter

Zustand oder die zusammengesetzte Vorstellung eines Zustandes der wirklich sein

kann allein eine Ruhe in der Gefahr ohne dass man Vernunft und Anstrengung

dabei gebraucht ist auch möglich und deshalb ist diese Vorstellung so wirklich

wie jene allein jene hat den Namen Muth erhalten und kann mit Rücksicht auf

diesen Namen eine falsche oder richtige Vorstellung sein während die andere

welche keinen gebräuchlichen Namen aus einer bekannten Sprache erhalten hat

nicht entstellt werden kann, weil sie nicht in Bezug auf einen bestimmten

vorhandenen Zustand gebildet worden ist.

     5 Die Vorstellungen von Substanzen sind wirklich wenn sie mit dem

Dasein von Dingen übereinstimmen Die zusammengesetzten Vorstellungen von

Substanzen sind sämtlich in Bezug auf äußere bestehende Dinge gebildet worden

und sollen Darstellungen derselben so sein wie sie wirklich sind sie sind

deshalb nur so weit wirklich als sie solche Verbindungen einfacher

Vorstellungen sind die als wirklich so verbundene und zusammenbestehende Dinge

äußerlich bestehen Dagegen sind diejenigen eingebildete welche aus solchen

Zusammenfassungen einfacher Vorstellungen gebildet sind die in dieser

Verbindung niemals bestanden haben und in keiner Substanz so angetroffen werden.

Dahin gehören zB die Vorstellungen, eines vernünftigen Geschöpfes mit einem

Pferdekopf und einem Menschenleib wie die Zentauren beschrieben werden oder

von einem gelben biegsamen schmelzbaren und dichten Körper der aber leichter

als Wasser ist oder von einem einförmigen unorganisierten Körper der dem

Ansehen nach aus lauter gleichen Teilen besteht und mit dem die Wahrnehmung

und das freiwillige Bewegen verbunden ist Ob dergleichen Substanzen

möglicherweise bestehen können oder nicht weiß man nicht allein sei dem wie

man wolle so sind doch diese Vorstellungen von Substanzen nach keinem

bestehenden Muster so viel man weiß gebildet und sie befassen Vorstellungen,

die man in keiner Substanz noch beisammen gefunden hat deshalb können sie nur

als reine Erdichtungen gelten Noch mehr gilt dies von solchen zusammengesetzten

Vorstellungen bei denen ihre Theile mit einander unverträglich sind oder

einander widersprechen

 
 





     1 Entsprechende Vorstellungen sind die welche ihre Muster vollkommen

darstellen Von den wirklichen Vorstellungen sind manche entsprechend und

andere nicht Entsprechend nenne ich die welche vollkommen die Muster

darstellen von denen man sie abgenommen hält als deren Bezeichnungen man sie

nimmt und auf die man sie bezieht Nicht entsprechend sind die Vorstellungen,

welche nur teilweise oder unvollständig die Muster darstellen auf die sie

bezogen werden. Hierbei ist klar

     2 Die einfachen Vorstellungen sind sämtlich entsprechend Erstens

dass alle einfachen Vorstellungen entsprechend sind denn sie sind nur die

Wirkungen gewisser Kräfte in den Dingen, die Gott so eingerichtet und geordnet

hat dass sie solche Vorstellungen in dem Menschen erwecken Deshalb müssen sie

mit diesen Kräften übereinstimmen und ihnen entsprechen und man ist sicher

dass sie der Wirklichkeit der Dinge angemessen sind Denn wenn der Zucker die

Vorstellung von Weiß und Süß erregt so ist man sicher dass der Zucker die

Kraft diese Vorstellung hervorzubringen besitzt da sie ohnedem vom Zucker

nicht hätten hervorgebracht werden können. So entspricht also jede Wahrnehmung

einer auf einen unserer Sinne einwirkenden Kraft und deshalb ist die

hervorgebrachte Vorstellung eine wirkliche und keine Einbildung der Seele

welche keine einfachen Vorstellungen hervorbringen kann die entsprechend sein

muss weil sie lediglich dieser Kraft entsprechen muss Deshalb sind alle

einfachen Vorstellungen entsprechende Allerdings werden die Dingewelche diese

einfachen Vorstellungen erregen nur in den wenigsten Fällen so benannt als

wären sie nur die Ursachen dieser Vorstellungen, sondern als wären sie wirklich

in den Dingen enthalten So wird das Feuer zwar schmerzlich für das Gefühl

genannt was nur die Kraft diesen Schmerz in uns zu erwecken bezeichnet aber

es heißt auch leuchtend und heiß als wenn Beides in dem Feuer etwas

Wirkliches und mehr als eine bloße diese Vorstellungen in uns hervorbringende

Kraft wäre und sie heißen deshalb Eigenschaften des Feuers oder in dem Feuer

Allein da sie in Wahrheit nur Kräfte sind durch welche diese Vorstellungen

erweckt werden so möchte ich auch in diesem Sinne verstanden werden wenn ich

von zweiten Eigenschaften als in den Dingen enthalten spreche oder von ihren

Vorstellungen als wenn die Gegenstände sie erweckten Diese Ausdrucksweise ist

des Verständnisses wegen dem gewöhnlichen Vorstellen angepasst worden aber in

Wahrheit sollen damit nur die Kräfte in den Dingen bezeichnet werden welche

diese Wahrnehmungen oder Vorstellungen erwecken denn gäbe es keine geeigneten

Organe für die Eindrücke welche das Feuer auf das Auge und Gefühl macht und

wäre die Seele nicht mit diesen Organen verbunden um so die Vorstellungen von

Licht und Hitze von denselben vermittelst der Eindrücke des Feuers oder der

Sonne zu empfangen so würde es ebensowenig Hitze und Licht in der Welt geben

wie Schmerzen wenn das Geschöpf fehlte was sie fühlen könnte obgleich die

Sonne genau so wie jetzt bestehen und der Ätna seine Flammen höher wie jetzt

schleudern könnte Die Dichtheit und Ausdehnung und deren Begrenzung die

Gestalt mit Bewegung und Ruhe von denen man die Vorstellungen hat würden

dagegen ebenso wie jetzt wirklich in der Welt bestehen möchte ein Wesen da

sein was sie wahrnähme oder nicht deshalb ist man berechtiget sie als

wirkliche Besonderungen des Stoffes anzusehen welche für alle andern

Wahrnehmungen bei den Körpern die erregenden Ursachen sind Indes gehört diese

Untersuchung nicht hierher ich gehe daher nicht weiter darauf ein sondern will

weiter zeigen welche zusammengesetzte Vorstellungen als entsprechende gelten

können und welche nicht

     3 Die ZustandsVorstellungen sind sämtlich entsprechend Zweitens

müssen die zusammengesetzten Vorstellungen von Zuständen da sie willkürliche

Zusammenfassungen einfacher Vorstellungen sind welche die Seele ohne Rücksicht

auf wirkliche oder feste Muster zusammenstellt immer entsprechende

Vorstellungen sein weil sie keine Abbilder wirklich bestehender Dinge sein

sollen sondern nur Muster welche die Seele gebildet hat um die Dinge danach

zu ordnen und zu benennen mithin ihnen nichts fehlen kann Sie haben vielmehr

diejenige Verbindung einfacher Vorstellungenund damit die Vollkommenheit

welche die Seele ihnen geben wollte und bei der die Seele sich beruhigt und

nichts vermisst Wenn ich zB die Vorstellung einer Figur mit drei an drei

Winkeln sich treffenden Seiten habe so habe ich eine vollständige Vorstellung

an der mir zu ihrer Vollkommenheit nichts fehlt Dass die Seele mit dieser

Vollkommenheit ihrer Vorstellung zufrieden ist erhellt daraus dass sie nicht

fassen kann wie Jemand eine vollständigere oder vollkommenere Vorstellung von

dem mit dem Wort Dreieck bezeichneten Dinge dann haben kann wenn es besteht

als sie selbst in der zusammengesetzten Vorstellung von drei Seiten und drei

Winkeln bereits besitzt in der Alles enthalten ist, was wesentlich ist oder

sein könnte oder notwendig um sie zu vervollständigen wo und wie das Ding

selbst auch bestehen mag Dagegen verhält es sich mit den Vorstellungen von

Substanzen anders Hier verlangt man ein Abbild wirklich bestehender Dinge,

welche deren Verfassung darstellen sollen von welcher deren Eigenschaften

abhängen und da man bemerkt dass die Vorstellungen diese Vollkommenheit

niemals erreichen und dass ihnen allen etwas fehlt was man noch gern darin

hätte so sind sie alle nichtentsprechend Aber gemachte Zustandsvorstellungen

und Beziehungen sind Bilder ohne Vorbilder sollen nur sich selbst darstellen

und müssen deshalb entsprechend sein da jedes Ding sich zu sich selbst

entsprechend verhält Wer zuerst die Vorstellung einer erkannten Gefahr der

Abwesenheit aller Störung durch Furcht und der ruhigen Überlegung was zu tun

sei und dessen feste Ausführung ohne von der Gefahr sich abschrecken zu

lassen zusammenfasste hatte unzweifelhaft in seiner Seele die aus dieser

Verbindung zusammengesetzten Vorstellungenund indem er nichts weiter als diese

selbst wollte und keine andern einfachen Vorstellungen in ihr suchte als die

welche sie hatte so konnte sie auch nur eine entsprechende Vorstellung sein

und indem er sie mit dem daran geknüpften Namen »Muth« in sein Gedächtnis

aufnahm um sie Andern zu bezeichnen und die damit übereinstimmenden Handlungen

danach zu benennen hatte er damit einen Maßstab um daran die

übereinstimmenden Handlungen zu messen und danach zu benennen Die so gebildete

und als Muster aufbewahrte Vorstellung musste notwendig entsprechend sein da

sie nur sich auf sich bezog und keinen andern Ursprung hatte als das Belieben

und den Willen Dessen der zuerst diese Verbindung gebildet hatte

     4 Dagegen können ZustandsVorstellungen in Bezug auf feste Namen

nichtentsprechend sein Kommt ein Anderer nach ihm und hört er von ihm in der

Unterhaltung das Wort Muth so kann Dieser leicht eine Vorstellung bilden und

Muth nennen welche von der des ersten Urhebers die dieser bei Gebrauch des

Wortes im Sinne hat abweicht und wenn in diesem Falle der Andere will dass

diese Vorstellung der des Ersten so entspreche wie der Name derselben im Klange

dem Namen des Ersten entspricht von dem er ihn gelernt hat so kann seine

Vorstellung schlecht und nichtentsprechend sein weil er in diesem Falle die

Vorstellung des Ersten zu seinem Muster nimmt und deshalb seine Vorstellung

insofern mangelhaft und nicht entsprechend ist als sie von dem Muster auf das

sie sich bezieht abweicht und er doch sie mit demselben Wort bezeichnen will

denn er möchte dass dieser Name das Zeichen für die Vorstellung Jenes welcher

es vor seinem eigentlichen Gebrauche zunächst angeheftet war und für seine

eigne wäre als stimmten beide überein und deshalb ist seine Vorstellung

fehlerhaft und nichtentsprechend sofern sie diese Forderung nicht genau

erfüllt

     5 Deshalb können diese zusammengesetzten Vorstellungen von Zuständen

durch ihre Beziehung und beabsichtigte Übereinstimmung mit Vorstellungen eines

andern vernünftigen Wesens und durch ihre Bezeichnung mit den gebräuchlichen

Worten sehr mangelhaft schlecht und nichtentsprechend werden indem sie dem

nicht entsprechen was als ihr Original und Urbild genommen ist in dieser

Hinsicht allein können auch die Vorstellungen von gemischten Zuständen schlecht

unvollkommen und nicht entsprechend werden und nach dieser Rücksicht sind diese

Vorstellungen am meisten der Fehlerhaftigkeit unterworfen obwohl dies mehr auf

die Ausdrucksweise als auf das richtige Wissen sich bezieht

     6 Die Vorstellungen von Substanzen sind in Beziehung auf wirkliche

Wesenheiten nicht entsprechend Drittens habe ich oben gezeigt welche

Vorstellungen von Substanzen man hat Diese haben nun in der Seele eine

zwiefache Beziehung 1 manchmal werden sie auf das wirkliche Wesen bezogen was

man in jeder Art von Dingen voraussetzt und 2 sollen sie manchmal mir Bilder

oder Darstellungen von Dingen in der Seele bezeichnen welche durch

Vorstellungen solcher Eigenschaften bestehen die in ihnen erkennbar sind In

beiden Fällen sind die Abbilder dieser Originale und Muster unvollkommen und

nicht entsprechend

    Erstens ist es gebräuchlich Namen für Dinge aufzustellen die angeblich

gewisse Wesenheiten haben vermöge deren sie zu dieser oder jener Art gehören

und wenn Namen nur Vorstellungen in der Seele bezeichnen so müssen diese auf

solche wirkliche Wesenheiten als ihre Muster bezogen werden. Dass man

namentlich wenn man die Wissenschaften so wie in diesem Theile der Welt

gelehrt bekommen hat gewisse eigentümliche Wesenheiten der Substanzen annimmt

denen jedes Exemplar der betreffenden Art entsprechend gebildet ist und an

denen es Teil hat bedarf keines Beweises ja man würde jede andere Ansicht

für seltsam halten Deshalb gibt man gewöhnlich die eigentümlichen Namen

unter die man die besonderen Substanzen ordnet den Dingen, als wenn sie durch

solche besondere wirkliche Wesenheiten sich unterschieden Wer würde es nicht

übelnehmen wenn man zweifelte dass er sich nur deshalb einen Menschen nenne

weil er die wirkliche Wesenheit eines solchen habe Und doch weiß man auf die

Frage was diese Wesenheiten sind nichts zu antworten und kennt sie nicht

Deshalb müssen die Vorstellungendie sich auf solche wirkliche Wesenheiten als

auf ihre unbekannten Muster beziehen nichtentsprechend sein ja sie können

überhaupt nicht als Darstellungen jener Wesenheiten gelten unsere

zusammengesetzten Vorstellungen von Substanzen sind wie ich gezeigt habe

Zusammenfassungen einfacher Vorstellungenvon denen man bemerkt hat oder

annimmt dass sie immer beisammen bestehen Eine solche zusammengesetzte

Vorstellung kann aber nicht das wirkliche Wesen einer Substanz sein sonst

müssten die Eigenschaften eines solchen Körpers von dieser zusammengesetzten

Vorstellung abhängen daraus ableitbar sein und ihre notwendige Verknüpfung

müsste bekannt sein wie zB alle Eigenschaften eines Dreiecks soweit sie

entdeckbar sind von der zusammengesetzten Vorstellung dreier Linien die einen

Raum einschließen abhängen und daraus abgeleitet werden können. Allein

offenbar enthalten unsere zusammengesetzten Vorstellungen der Substanzen nicht

solche Vorstellungenvon denen alle andern an ihnen bemerkten Eigenschaften

abhängen Die gewöhnliche Vorstellung von Eisen ist die eines Körpers von

bestimmter Farbe Gewicht und Härte eine weitere Eigentümlichkeit die ihm

zugehört ist die Hämmerbarkeit aber sie hat keine notwendige Verknüpfung mit

dieser so zusammengesetzten Vorstellung oder einem ihrer Theile und man kann

ebenso gut annehmen dass die Farbe das Gewicht von dieser Hämmerbarkeit

abhänge wie umgekehrt diese von jenen Obgleich man also nichts von diesen

wirklichen Wesenheiten kennt so ist doch nichts gewöhnlicher als dass die

Arten der Dinge auf solche Wesenheiten zurückgeführt werden Das Stückchen

Stoff was den Ring an meinem Finger bildet hat nach Annahme der meisten

Menschen eine wirkliche Wesenheit wodurch es Gold ist und wovon alle

Eigenschaften herkommen die man darin bemerkt wie die eigentümliche Farbe

das Gewicht die Härte die Schmelzbarkeit die Feuerbeständigkeit und der

Wechsel der Farbe bei Berührung mit Quecksilber usw Forsche ich aber nach der

Wesenheit aus der all diese Eigenschaften abfließen so zeigt sich klar dass

ich sie nicht finden kann das Weiteste ist die Annahme, dass da es sich nur um

einen Körper handelt sein wirkliches Wesen oder seine innere Verfassung von

der diese Eigenschaften abhängen nur aus der Gestalt Größe und der Verbindung

seiner dichten Theile bestehe und da ich von diesen keine bestimmte Wahrnehmung

habe so kann ich auch keine Vorstellung von seinem Wesen haben welches seine

besondere glänzende gelbe Farbe sein schwerstes Eigengewicht von allen Dingen

und seine Fähigkeit die Farbe bei Berührung mit Quecksilber zu verändern

verursache Will Jemand behaupten dass das wirkliche Wesen und die innere

Verfassung von denen diese Eigenschaften abhängen nicht die Gestalt Größe

und die Ordnung oder Verbindung seiner dichten Theile sondern etwas Anderes

sei und dies seine eigentliche Form nennen so weiß ich dann von seinem

wirklichen Wesen noch weniger wie vorher denn ich habe wenigstens im

Allgemeinen eine Vorstellung von Gestalt Größe und Lage dichter Theile wenn

ich auch die besondere Gestalt Größe und Zusammensetzung der Theile nicht

kenne woraus die erwähnten Eigenschaften hervorgehen die ich an dem besonderen

Stück Stoff an meinem Finger bemerke und nicht an jenem andern Stück Stoff mit

dem ich meine Schreibfeder geschnitten habe Sagt man mir aber dass Etwas neben

der Gestalt Größe und Stellung der dichten Theile dieses Körpers sein Wesen

sei was die substantielle Form heiße so gestehe ich dass ich davon gar keine

Vorstellung habe sondern nur von dem Worte Form die aber weit abliegt von der

Vorstellung seines wirklichen Wesens oder seiner Verfassung Ebenso unwissend

wie hier bin ich auch über das wirkliche Wesen aller andern natürlichen

Substanzen ich habe von ihnen allen keine bestimmte Vorstellung und ich möchte

glauben dass es Andern wenn sie ihr Wissen näher prüfen nicht besser geht

     7 Wird nun diesem besonderen Stück Stoff an meinem Finger ein allgemeiner

bereits gebräuchlicher Name gegeben und es Gold genannt so geschieht es oder

man nimmt an dass es deshalb geschehe weil dieser Name zu einer besonderen Art

von Körpern gehört die ein inneres Wesen haben wodurch diese besondere

Substanz zu dieser Art gehört und so genannt wird Ist dem so was offenbar der

Fall ist, so muss der Name welcher die Dinge mit diesem angeblichen Wesen

bezeichnet zunächst auf diese Wesen sich beziehen und folglich muss auch die

mit diesem Namen bezeichnete Vorstellung auf dieses Wesen sich beziehen und

dasselbe darstellen Da nun aber Die welche diese Worte gebrauchen dieses

Wesen nicht kennen so müssen in dieser Beziehung all ihre Vorstellungen von

Substanzen nichtentsprechend sein weil sie das wirkliche Wesen nicht enthalten

was sie doch sollen

     8 Die Vorstellungen der Substanzen als Zusammenfassungen ihrer

Eigenschaften sind sämtlich nichtentsprechend Zweitens lassen Andere diese

nutzlose Annahme unbekannter wirklicher Wesenheiten welche den Unterschied der

Substanzen bestimmen sollen bei Seite und suchen die in der Welt bestehenden

Substanzen dadurch abzubilden dass sie die Vorstellungen der in ihnen

angetroffenen Eigenschaften zusammenstellen Sie kommen allerdings dadurch der

Ähnlichkeit mit ihnen näher als Die welche sich wirkliche Wesenheiten

ausdenken die sie selbst nicht kennen indes gelangen auch sie dann nicht zu

vollkommen entsprechenden Abbildern dieser Substanzen und diese Abbilder

enthalten auch nicht genau und vollständig Alles was in ihren Originalen

angetroffen wird, weil diese Eigenschaften und Kräfte der Substanzen aus denen

ihre zusammengesetzten Vorstellungen gebildet werden, so zahlreich und

mannichfach sind dass keines Menschen zusammengesetzte Vorstellung sie

sämtlich befassen kann Es ist klar dass unsere abgezogenen Begriffe von

Substanzen nicht all die einfachen Vorstellungen enthalten die in denselben

vereint sind da man nicht einmal alle an der Substanz bekannten Eigenschaften

hinein verlegt weil man die Bedeutung ihrer Namen möglichst klar und leicht zu

machen sucht und deshalb die besonderen Vorstellungen der Arten der Substanzen

meist nur aus wenigen in ihnen gefundenen Bestimmungen bildet Da aber diese

ursprünglich keinen Vorrang und kein Recht dazu haben und sie das

Eigentümliche der Substanz nicht mehr als andere die ausgelassen werden

ausmachen so ist klar dass auf beiden Wegen diese Vorstellungen von Substanzen

mangelhaft und nichtentsprechend werden müssen Die einfachen Vorstellungen aus

denen die zusammengesetzten von Substanzen gebildet werden, sind sämtlich

Kräfte nur die Gestalt und die Masse einiger ausgenommen welche in

Beziehungen zu andern Substanzen bestehen und man kann deshalb niemals sicher

sein dass man alle in einem Körper enthaltenen Kräfte kenne ehe man nicht

erprobt hat welche Veränderungen der Körper in andern Substanzen bewirken oder

von ihnen je nach der verschiedenen Anwendung empfangen kann Diese Probe ist

indes schon bei einem Körper unmöglich geschweige bei allen und man kann

deshalb keine entsprechenden Vorstellungen von irgend einer Substanz haben die

all ihre Eigenschaften befasste

     9 Wer zuerst ein Stück von der Substanz antraf die man Gold benennt

konnte allerdings vernünftiger Weise annehmen dass die an einem Klumpen

bemerkte Größe und Gestalt nicht von seinem wirklichen Wesen abhänge deshalb

gingen zwar beide in seiner Vorstellung von dieser Art Körper nicht mit ein

sondern nur die eigentümliche Farbe und vielleicht das Gewicht waren die ersten

Trennstücke aus denen er die Vorstellung dieser Art von Körpern zusammensetzte

Allein beide sind nur Kräfte von denen die eine unsere Augen so erregt dass

die Vorstellung des Gelben entsteht und die andere hebt einen Körper von

gleicher Größe aufwärts wenn man beide in die Schalen einer Wage legt Ein

Anderer fügte diesen vielleicht noch die Vorstellungen der Schmelzbarkeit und

Festigkeit hinzu was zwei andere leidende Kräfte sind die sich auf das gegen

Gold wirkende Feuer beziehen ein Anderer setzte weiter die Biegsamkeit und

Auflöslichkeit des Goldes in Königswasser hinzu zwei andere Kräfte die sich

auf die Wirksamkeit anderer Körper rücksichtlich der Veränderung der äußern

Gestalt oder die Trennung in nicht mehr wahrnehmbare Theile beziehen Diese

Eigenschaften oder ein Teil davon verbunden machen gewöhnlich die

zusammengesetzte Vorstellung von der Art der Substanzen aus die Gold heißt

     10 Wer indes die Eigenschaften der Körper allgemein oder die von dieser

Art insbesondere untersucht hat ist nicht zweifelhaft dass das Gold noch viele

andere Eigenschaften hat die in dieser zusammengesetzten Vorstellung nickt

enthalten sind Wer das Gold näher untersucht wird wahrscheinlich noch zehnmal

mehr Eigenschaften vom Golde aufzählen können die von seiner Inneren Verfassung

ebenso untrennbar sind wie seine Farbe und sein Gewicht und wenn Jemand alle

Eigenschaften kennte welche den verschiedenen Personen von diesem Metalle

bekannt sind so würden hundertmal so viel Eigenschaften in die zusammengesetzte

Vorstellung des Goldes eintreten wie der Einzelne davon hat und doch wäre es

vielleicht noch nicht der tausendste Teil von denen die noch darin entdeckt

werden könnten da die Veränderungen welche diese Körper von andern erleiden

oder die er an diesen bewirken kann bei gehöriger Zusammenstellung derselben

nicht bloß das was man davon weiß sondern auch das was man davon sich

vorstellen kann weit übersteigen Dies wird Niemand sonderbar finden wenn er

bedenkt wie weit man noch von der Kenntnis aller Eigenschaften jener einen

nicht sehr zusammengesetzten Gestalt des Dreiecks entfernt ist wenn auch die

Anzahl seiner durch die Mathematiker entdeckten Eigenschaften schon sehr

erheblich ist

     11 Die Vorstellungen von Substanzen als Zusammenfassungen ihrer

Eigenschaften sind sämtlich nichtentsprechend Demnach sind alle unsere

zusammengesetzten Vorstellungen von Substanzen unvollständig und

nichtentsprechend Dies würde auch für die mathematischen Gestalten gelten wenn

man deren zusammengesetzte Vorstellungen nur durch Sammeln ihrer

Eigentümlichkeiten rücksichtlich anderer Figuren erlangen könnte Wie unsicher

und unvollkommen würde die Vorstellung einer Ellipse sein wenn sie nur aus

einigen ihrer Eigenschaften gebildet wäre während wir jetzt in ihrer einfachen

Vorstellung das ganze Wesen dieser Figur haben von wo aus wir ihre

Eigenschaften entdecken und mittelst der Beweise sehen wie sie daraus

abfließen und davon untrennbar sind

     12 Die einfachen Vorstellungen sind ektypa und entsprechend So hat die

Seele drei Arten von TrennVorstellungen oder WortWesen 1 einfache

Vorstellungenwelche ektypa oder Abbilder aber sicherlich entsprechende sind

denn sie sollen nur die Kraft in den Dingen bezeichnen welche in der Seele

bestimmte Wahrnehmungen hervorbringen deshalb können diese Wahrnehmungen wenn

sie hervorgebracht werden, nur die Wirkung solcher Kräfte sein So hat das

Papier worauf ich schreibe die Kraft im Hellen nach der gewöhnlichen Meinung

ausgedrückt die Weiß genannte Wahrnehmungsvorstellung hervorzubringen und sie

kann deshalb nur die Wirkung von einer solchen Kraft außerhalb der Seele sein

da die Seele nicht die Kraft hat solche Vorstellungen für sich hervorzubringen

Indem somit die einfache Vorstellung nur als die Wirkung einer solchen Kraft

gilt so ist sie wirklich und entsprechend und die Empfindung des Weiß in

meiner Seele ist weil sie nur die Wirkung dieser in dem Papier enthaltenen

Kraft ist dieser Kraft völlig entsprechend da sonst diese Kraft eine andere

Vorstellung hervorbringen würde

     13 Die Vorstellungen von Substanzen sind ektypa aber nichtentsprechend

Zweitens sind auch die zusammengesetzten Vorstellungen der Substanzen Abbilder

aber keine vollständigen und entsprechenden was leicht begreiflich ist weil

man bei keiner Zusammenfassung der einfachen Vorstellungen einer bestehenden

Substanz sicher sein kann dass sie allen in der Substanz enthaltenen

entspricht denn man hat nicht alle Wirkungen anderer Substanzen auf sie

erprobt und nicht alle Veränderungen die sie von solchen erhält oder in ihnen

bewirkt erkannt und kann deshalb auch keine genau entsprechende

Zusammenfassung all ihrer tätigen und leidenden Vermögen haben Deshalb ist die

entsprechende zusammengesetzte Vorstellung der Kräfte irgend einer bestehenden

Substanz und ihrer Beziehungen welches diese Art der Vorstellungen von

Substanzen ist unmöglich Aber selbst wenn dies möglich wäre und man eine

solche Vorstellung aller zweiten Eigenschaften oder Kräfte einer Substanz haben

könnte so würde man damit doch noch keine Vorstellung von ihrem Wesen haben

denn die Kräfte oder wahrnehmbaren Eigenschaften sind nicht das wirkliche Wesen

der Substanz, sondern nur davon abhängig und daraus abfließend daher kann

keine Verbindung dieser Eigenschaften das wirkliche Wesen des Dinges sein

Hieraus erhelltdass die Vorstellungen von den Substanzen nichtentsprechend und

nicht das sind was man verlangt Überdem fehlt dem Menschen die Vorstellung

der Substanz überhaupt und er weiß nicht was sie an sich ist.

     14 Die Vorstellungen der Zustände und Beziehungen sind Urbilder und

müssen entsprechend sein Drittens sind die zusammengesetzten Vorstellungen der

Zustände und Beziehungen Urbilder Originale und keine Abbilder die nach dem

Muster eines Daseienden so gemacht sind dass sie ihnen genau entsprechen

sollen Es sind Verbindungen von einfachen Vorstellungenwelche die Seele

selbst macht und da solche Verbindungen genau so viel enthalten als sie nach

ihrer Absicht sollen so sind sie Urbilder und Wesenheiten von Zuständen die

möglicher Weise so bestehen können Sie sind also nur für solche Zustände

bestimmt und gehören nur zu solchen die wenn sie bestehen dann auch genau

damit übereinstimmen Deshalb müssen die Vorstellungen von Zuständen und

Beziehungen notwendig entsprechend sein

 
 



 


     1 Die Wahrheit und der Irrtum gehören eigentlich nur Sätzen an

Obgleich die Wahrheit und der Irrtum eigentlich nur den Sätzen zukommen so

werden doch oft auch Vorstellungen wahr oder falsch genannt denn welche Worte

würden nicht in einem weitern Sinne und in einiger Abweichung von ihrer strengen

und eigentlichen Bedeutung gebraucht obgleich in solchem Falle immer ein

geheimer oder verschwiegener Satz den Grund zu solcher Benennung abgeben dürfte

wie die besonderen Fälle wo dies vorkommt ergeben werden weil alle

Vorstellungen eine gewisse Bejahung oder Verneinung enthalten welche diese

Bezeichnung veranlasst Denn die Vorstellungen sind nur Erscheinungen oder

Auffassungen in der Seele und können deshalb eigentlich und an sich nicht wahr

oder falsch genannt werden, so wenig wie dies von dem Namen für ein Ding gesagt

werden kann.

     2 Die metaphysische Wahrheit enthält einen geheimen Satz In einem

metaphysischen Sinne können allerdings Vorstellungen und Worte wahr genannt

werden, wie man dies von allen vorhandenen Dingen sagen kann dh dass sie

wirklich so sind wie sie sind Indes ist selbst bei solchen Aassprüchen eine

geheime Beziehung auf unsere Vorstellungen enthalten die dann als der Maßstab

dieser Wahrheit gelten und so steckt in solchen Gedanken ein Satz der

allerdings in der Regel nicht beachtet wird

     3 Keine Vorstellung als bloße Erscheinung in der Seele ist wahr oder

falsch Allein ich frage hier nicht in diesem metaphysischen Sinne nach der

Wahrheit oder dem Irrtum der Vorstellungen, sondern in dem gewöhnlichen Sinne

dieser Worte und deshalb können die Vorstellungen als bloße Auffassungen oder

Erscheinungen in der Seele nicht falsch sein. Die in der Seele auftretende

Vorstellung von Zentauren ist so wenig falsch wie das Wort Zentaur falsch ist

wenn es ausgesprochen oder auf Papier geschrieben wird Die Wahrheit und der

Irrtum liegen immer in einer Bejahung oder Verneinung sei es in Gedanken oder

Worten und deshalb sind die Vorstellungen nicht eher falsch als bis die Seele

sie zu einem Urteil benutzt dh bis sie etwas damit verneint oder bejaht

     4 Die Vorstellungen werden wahr oder falsch wenn sie auf einen

Gegenstand bezogen werden.) Wird eine Vorstellung aber auf einen ihr

äußerlichen Gegenstand bezogen so kann sie dann wahr oder falsch genannt

werden, da man dann bei solcher Beziehung stillschweigend ihre Übereinstimmung

mit der Sache voraussetzt und je nachdem diese Voraussetzung wahr oder falsch

ist werden auch die Vorstellungen so benannt Die häufigsten Fälle dieser Art

sind die folgenden

     5 Gewöhnlich werden die Vorstellungen auf die Vorstellungen Anderer

oder auf das wirkliche Sein oder auf das angenommene wirkliche Wesen bezogen

Erstens Wenn man annimmt dass die eigene Vorstellung der in anderer Personen

Seele bestehenden und ebenso genannten entspricht wenn man zB will oder

meint dass die eigenen Vorstellungen von Gerechtigkeit Mäßigkeit Religion

dieselben seien wie die welche Andere mit diesen Worten bezeichnen Zweitens

Wenn man meint dass eine Vorstellungdie man hat einem daseienden Dinge

entspreche Nimmt man zB an dass die Vorstellung von Mensch und von Zentaur

wirkliche Substanzen bezeichnen so ist die eine wahr und die andere falsch da

die eine dem vorhandenen Gegenstande entspricht und die andere nicht Drittens

Wenn man eine seiner Vorstellungen auf die wirkliche Verfassung und Wesenheit

eines Dinges bezieht von der all seine Eigenschaften abhängen Auf diese Weise

sind der größte Teil wo nicht alle unsere Vorstellungen von Substanzen

falsch

     6 Der Grund für solche Beziehungen Man neigt sehr zur

stillschweigenden Annahme solcher Beziehungen der eigenen Vorstellungendie

nähere Prüfung ergibt indes dass dies hauptsächlich wenn nicht

ausschließlich mit den zusammengesetzten begrifflichen Vorstellungen geschieht

Die Seele strebt von Natur nach Kenntnissen da sie nun bemerkt dass sie darin

nur langsam vorwärts kommen und ihre Arbeit kein Ende nehmen würde wenn sie

nur mit den einzelnen Dingen beginnen und dabei stehen bleiben wollte so ist

um diesen Weg zum Erkennen abzukürzen und jede Auffassung umfassender zu machen

das Nächste was sie tut um ihre Kenntnisse leichter auszubreiten sei es

durch die Betrachtung der zu erkennenden Dinge selbst oder durch Vergleichung

mit andern dass sie dieselben in Bündel bindet und in Arten ordnet damit das

was man von einigen weiß mit Sicherheit auf alle dieser Art ausgedehnt werden

kann, und die Seele so in ihrem Geschäft der Erwerbung von Kenntnissen in

großen Schritten vorschreite Deshalb sammelt man wie ich anderwärts gezeigt

habe die Dinge unter zusammenfassende Vorstellungenund gibt ihnen Kamen und

sondert sie in genera und species dh in Gattungen und Arten

     7 Gibt man also aufmerksam auf die Bewegungen der Seele Acht und

beobachtet man den gewöhnlich eingeschlagenen Weg zur Erlangung von Kenntnissen

so wird man finden dasswenn die Seele eine Vorstellung gewonnen hat die sie

beim Nachdenken oder im Gespräch brauchen kann das Erste was sie tut ist

sie zu verallgemeinern und ihr einen Namen zu geben dann wird sie in das

Vorratshaus des Gedächtnisses gelegt als enthielte sie das Wesen dieser Art

von Dingen, was durch den Namen bezeichnet werde Daher kommt es dasswenn

Jemand etwas Neues sieht was er nicht kennt er gleich fragt was es ist womit

er nur den Namen meint als wenn dieser Name die Kenntnis der Art oder ihres

Wesens mit sich führte obgleich man allerdings ihn als das Zeichen davon und

allgemein als damit verbunden anzusehen pflegt

     8 Der Grund zu solchen Beziehungen Da indes die allgemeine

Vorstellung in der Seele Etwas zwischen dem bestehenden Dinge und dem ihm

gegebenen Namen ist so beruht auf diesen Vorstellungen sowohl die Richtigkeit

unserer Kenntnisse wie die Angemessenheit und Verständlichkeit der Sprache

Deshalb sind die Menschen so zu der Annahme geneigt dass die allgemeinen

Vorstellungen in ihrer Seele den Dingen außerhalb auf die sie bezogen werden,

entsprechen und dass diese Vorstellungen dieselben sind welche nach dem

Gebrauch und der Eigentümlichkeit der Sprache mit den Worten bezeichnet sind

die sie ihren Vorstellungen geben Ohne diese zwiefache Übereinstimmung ihrer

Vorstellungen würden sie dieselben sowohl für inhaltslos wie im Gespräch mit

Andern für unverständlich halten

     9 Einfache Vorstellungen können in Bezug auf andere desselben Namens

falsch sein, allein sie sind dem am wenigsten ausgesetzt Ich sage also

zunächst dasswenn die Wahrheit einer Vorstellung nach ihrer Übereinstimmung

mit den Vorstellungen Anderer die sie mit demselben Namen bezeichnen

beurteilt wird einzelne wohl falsch sein können Indes sind die einfachen

Vorstellungen diesem Irrtum am wenigsten ausgesetzt da man sich durch die

Sinne und die tägliche Beobachtung leicht über die einfachen Vorstellungendie

durch gebräuchliche Worte bezeichnet werden vergewissern kann denn ihre Zahl

ist nicht groß und Zweifel und Irrtümer können hier leicht durch die

Gegenstände an denen sie sich zeigen beseitigt werden Deshalb irrt man sich

selten in den Namen der einfachen Vorstellungenund nennt das Grüne nicht rot

und das Bittere nicht süß Noch weniger werden Worte für Vorstellungen

verschiedener Sinne verwechselt und keine Farbe durch einen Geschmack

bezeichnet usw Hieraus erhelltdass die mit einem Namen bezeichnete einfache

Vorstellung in der Regel dieselbe ist die auch Andere haben und beim Gebrauch

dieses Namens meinen

     10 Die Vorstellungen von gemischten Zuständen sind noch am meisten in

diesem Sinne falsch Zusammengesetzte Vorstellungen sind eher in diesem Sinne

falsch und die von gemischten Zuständen mehr als die von Substanzen weil bei

letztem namentlich bei solchen die mit bekannten nicht geborgten Kamen

bezeichnet werden einzelne hervortretende sinnliche Eigenschaften wodurch die

eine Art sich von der andern unterscheidet bei sorgfältigem Gebrauch der Worte

vor Anwendung derselben auf Arten der Substanzen schützen zu denen sie nicht

gehören Dagegen ist man bei den gemischten Zuständen viel unsicherer weil bei

Handlungen sich nicht so leicht bestimmen lässt ob sie gerecht oder grausam

freigebig oder verschwenderisch zu nennen sind Deshalb können diese

Vorstellungen, wenn sie auf die welche Andere unter demselben Namen haben

bezogen werdenfalsch sein, und die Vorstellungdie Jemand mit Gerechtigkeit

benennt müsste vielleicht einen andern Namen erhalten

     11 Oder sie können wenigstens für falsch gehalten werden Mögen indes

die Vorstellungen von gemischten Zuständen leichter wie andere von denen Anderer

unter gleichen Samen abweichen oder nicht so wird wenigstens diese Art der

Unrichtigkeit gemeinhin diesen Vorstellungen von gemischten Zuständen mehr

zugeschrieben denn wenn man die Vorstellungendie Jemand von der

Gerechtigkeit oder Dankbarkeit oder von dem Ruhme hat für falsch hält so

geschieht es nur weil mit diesen Worten ein Anderer eine andere Vorstellung

verbindet und jene damit nicht übereinstimmt

     12 Und weshalb Es wird dies daher kommen dass die Begriffe gemischter

Zustände von den Menschen aus einer Anzahl einfacher Vorstellungen beliebig

gebildet werdendas Wesen jeder Art ist deshalb das Werk des Menschen und der

sinnliche Maßstab dafür ist nur der Name oder die Definition dieses Namens so

kann man die Vorstellungen gemischter Zustände an keinen andern Maßstab halten

als an die Vorstellungen Derer die deren Namen in ihrem richtigsten Sinne

gebrauchen je nachdem sie mit diesen stimmen oder nicht gelten sie für wahr

oder falsch So viel über die Wahrheit und Unwahrheit der Vorstellungen in Bezug

auf ihre Namen

     13 In Bezug auf wirklich vorhandene Dinge können nur die Vorstellungen

von Substanzen falsch sein.) Wenn zweitens die Wahrheit oder Unwahrheit der

Vorstellungen auf wirklich bestehende Dinge bezogen wird und diese als

Maßstab der Wahrheit dabei gelten so können nur die Vorstellungen von

Substanzen falsch genannt werden.

     14 Erstens sind die einfachen Vorstellungen in diesem Sinne nicht

falsch und weshalb nicht Erstens sind die einfachen Vorstellungen nur solche

Auffassungen als wir nach der Art wie Gott uns geschaffen hat empfangen und

wie die den äußern Gegenständen verliehenen Kräfte sie in uns auf den Wegen und

nach den Gesetzen hervorbringen können die der Weisheit und Güte Gottes

entsprechen wenn wir sie auch nicht fassen können Deshalb besteht ihre

Wahrheit nur in solchen in uns hervorgebrachten Erscheinungen welche diesen

Kräften entsprechen müssen welche in die äußern Gegenstände gelegt sind da

sie sonst in uns nicht hervorgebracht werden könnten indem sie also diesen

Kräften entsprechen sind sie was sie sein sollen dh wahre Vorstellungen

Auch unterliegen sie nicht dem Vorwurfe der Falschheit wenn man wie es

meistenteils geschieht diese Vorstellungen als in den Dingen selbst enthalten

annimmt Denn Gott hat sie in seiner Weisheit als Zeichen des Unterschiedes in

die Dinge gelegt damit man sie von einander unterscheiden Könne und so

eintretenden Falls unter denselben für seine Zwecke wählen könne deshalb ändert

es nicht die Natur einer einfachen Vorstellung ob man meint die Vorstellung

von Blau sei in dem Veilchen selbst oder bloß in der Seele und in dem Veilchen

selbst sei nur die Kraft dieselbe durch sein Gewebe welches die Lichtteilchen

in einer bestimmten Weise zurückwirft hervorzubringen Denn wenn das Gewebe

eines Gegenstandes regelmäßig und beständig dieselbe Vorstellung von Blau in

der Seele hervorbringt so kann man dadurch den Gegenstand mittelst der Augen

von andern Dingen unterscheiden mag das entscheidende Zeichen das wirklich in

dem Veilchen besteht nur ein besonderes Gewebe seiner Theile oder eine Farbe

selbst sein welcher die in der Seele befindliche Vorstellung genau gleicht und

 wenn sie wegen dieser Erscheinung Blau genannt wird so ist es gleichviel ob

diese wirkliche Farbe oder nur ein besonderes Gewebe in dein Gegenstande diese

Vorstellung erweckt da das Wort Blau eigentlich nur das Erkennungszeichen

bedeutet was bei dem Veilchen nur durch die Augen wahrnehmbar ist Denn was

dabei eigentlich im Gegenstande enthalten istdies genau zu wissen geht über

unsere Kräfte und würde uns vielleicht auch weniger nützen selbst wenn man die

Kräfte dazu hätte

     15 Wenn auch die Vorstellung von Blau bei dem einen Menschen von der bei

dem andern verschieden sein sollte Auch würde man die einfachen Vorstellungen

nicht deshalb für falsch halten können wenn durch einen verschiedenen Bau der

Organe derselbe Gegenstand in den Seelen verschiedener Menschen gleichzeitig

verschiedene Vorstellungen hervorbrächte wenn zB die bei dem Einen durch ein

Veilchen hervorgebrachte Vorstellung der bei einem Andern durch eine gelbe

Ringelblume hervorgebrachten gleich wäre und umgekehrt Denn dies kann niemals

festgestellt werden da die Seele des Einen nicht in den Leib des Andern

eintreten kann um zusehen welche Vorstellungen durch dessen Organe

hervorgebracht werdenund deshalb würden selbst in solchem Falle weder die

Vorstellungen noch die Namen verwechselt werden oder Eines von Beiden falsch

werden Denn alle Gegenstände mit dem Gewebe eines Veilchens brächten dann die

Vorstellung hervor die er Blau nennte und alle mit dem Gewebe einer

Ringelblume die welche er regelmäßig Gelb nennte welcher Art nun auch diese

Vorstellungen in seiner Seele wären so wäre er doch im Stande dadurch die

Dinge für seine Zwecke ebenso regelmäßig zu unterscheiden und diese

Unterschiede zu erkennen und durch die Zeichen kennbar zu machen welche die

Worte Blau und Gelb gewähren als wenn seine von diesen beiden Blumen

empfangenen Vorstellungen genau dieselben mit denen des Andern wären Indes

möchte ich doch annehmen dass die bei mehreren Menschen durch denselben

Gegenstand hervorgebrachten Sinneswahrnehmungen wohl immer beinah gleich und

nicht zu unterscheiden seien dafür ließen sich viele Gründe anführen indes

gehört dies nicht zu meiner jetzigen Aufgabe und ich will daher den Leser nicht

damit belästigen sondern ihn nur erinnern dass die entgegengesetzte Annahme

selbst wenn man sie beweisen könnte für die Vermehrung der Kenntnisse oder die

Bequemlichkeiten des Lebens ohne Nutzen sein würde deshalb braucht man sich

damit nicht zu bemühen

     16 Erstens sind einfache Vorstellungen in diesem Sinne nicht falsch und

weshalb Aus dem über die einfachen Vorstellungen Gesagten ergibt sich dass

von den einfachen Vorstellungen keine in Bezug auf die äußerlich vorhandenen

Dinge falsch sein kann Denn die Wahrheit dieser Vorstellungen besteht wie

gesagt nur darin dass sie den Kräften in den äußerlichen Gegenständen

entsprechen die solche Vorstellungen in uns hervorbringen können und da jede

so wie sie in der Seele ist der Kraft die sie hervorgebracht hat angemessen

ist und nur diese darstellt so kann sie in dieser Hinsicht oder auf solches

Muster bezogen nicht falsch sein. Blau und Gelb Bitter und Süß können niemals

falsche Vorstellungen sein diese Auffassungen der Seele sind gerade so wie sie

es sind und entsprechen den Kräften die Gott zu deren Hervorbringung bestimmt

hat deshalb sind sie in Wahrheit das was sie sind und sein sollen Die Worte

derselben können allerdings falsch gebraucht werden, allein dies macht die

Vorstellungen nicht falsch zB wenn Jemand der die Sprache nicht versteht

das Scharlach Purpurroth nennen sollte

     17 Zweitens sind die Zustände nicht falsch Zweitens können auch die

zusammengesetzten Vorstellungen von Zuständen in Beziehung auf das Wesen der

Dinge nicht falsch sein, weil solche Vorstellungen sich auf kein bestehendes und

von der Natur gebildetes Muster beziehen denn sie sollen keine Vorstellung

weiter enthalten als sie haben Habe ich zB die Vorstellung von dem Benehmen

eines Menschen dass er sich solche Speisen Getränke und Kleider versagt die

seine Vermögensverhältnisse gestatten und seine Stellung verlangt so habe ich

keine falsche Vorstellung sondern sie stellt nur ein Handeln vor wie ich es

wahrnehme oder mir einbilde deshalb ist sie weder falsch noch wahr Wenn ich

aber dieses Benehmen Mäßigkeit oder Tugend nenne so kann die Vorstellung

falsch genannt werden, weil dann angenommen wird dass sie mit der nach dem

Sprachgebrauch mit diesen Worten bezeichneten Vorstellung stimme und dass sie

dem Gesetze entspreche was den Maßstab für Tugend und Laster abgibt

     18 Drittens wenn die Vorstellungen von Substanzen falsch sind Drittens

können die zusammengesetzten Vorstellungen von Substanzen weil sie sich alle

auf vorhandene Dinge als Muster beziehen falsch sein. Dass sie sämtlich falsch

seien wenn man sie als die Darstellungen des unbekannten Wesens der Dinge

nimmt ist so offenbar dass ich darüber nichts zu sagen brauche Ich übergehe

daher diese chimärische Meinung und betrachte sie als Zusammenfassungen

einfacher Vorstellungendie von Verbindungen solcher Bestimmungen wie sie

dauernd in den Dingen bestehen entlehnt sind Von diesen Mustern gelten sie als

Abbilder und in dieser ihrer Beziehung auf vorhandene Dinge sind sie falsch

und zwar 1 wenn sie einfache Vorstellungen verbinden die in den vorhandenen

Dingen sich so nicht vereint vorfinden wenn zB mit der Gestalt und Größe

eines Pferdes das Bellen eines Hundes verbunden wird solche Verbindung dieser

drei Vorstellungen besteht nirgends in der Natur, und man kann sie daher eine

falsche Vorstellung von einem Pferde nennen 2 sind SubstanzVorstellungen in

dieser Beziehung falsch wenn von der Verbindung einfacher Vorstellungendie

wirklich besteht eine einzelne durch Verneinung abgetrennt wird die

regelmäßig damit verbunden ist wenn zB mit der Ausdehnung, Dichtheit

Schmelzbarkeit dem Eigengewicht und der gelben Farbe des Goldes die Verneinung

einer größeren Festigkeit als bei Blei und Kupfer in Gedanken verbunden wird so

kann diese Vorstellung ebenso falsch genannt werden, als wenn damit die

Vorstellung einer völligen unbeschränkten Festigkeit verbunden wird in beiden

Fällen wird die Vorstellung des Goldes aus solchen zusammengesetzt die in der

Natur nicht vereint sind und deshalb ist sie falsch Lässt man dagegen die

Vorstellung der Festigkeit bei dieser zusammengesetzten Vorstellung nur weg

verbindet sie also nicht und trennt sie nicht so kann das Übrige eher für eine

unvollständige und nichtentsprechende Vorstellung als für eine falsche gelten

denn sie enthält zwar nicht alle in der Natur verbundenen Vorstellungen aber

doch auch keine die nicht wirklich zusammen beständen

     19 Die Wahrheit und der Irrtum setzen immer eine Bejahung oder

Verneinung voraus Ich habe dem Sprachgebrauch nachgegeben und gezeigt in

welchem Sinne und aus welchem Grunde die Vorstellungen mitunter wahr und falsch

genannt werden; sieht man sich jedoch diese Fälle genauer an so kommen sie von

einem Urteile was man macht oder vermeintlich macht und was wahr oder falsch

ist da die Wahrheit und der Irrtum immer eine ausdrückliche oder

stillschweigende Bejahung oder Verneinung befassen und mithin nur da

anzutreffen sind wo Zeichen so verbunden werden wie es den damit bezeichneten

Dingen entspricht oder widerstreitet Die hauptsächlich angewendeten Zeichen

sind entweder Vorstellungen oder Worte mittelst deren man in Gedanken oder im

Sprechen Sätze bildet Die Wahrheit ist da vorhanden wo diese Zeichen so

verbunden oder getrennt werden wie die Dinge die sie bezeichnen es selbst

sind der Irrtum liegt in dem Gegenteile wie später ausführlich gezeigt

werden soll

     20 Die Vorstellungen an sich sind weder wahr noch falsch Eine

Vorstellungdie mit einem vorhandenen Dinge oder mit der Vorstellung eines

Andern stimmt oder nicht stimmt kann daher deshalb allein nicht eigentlich

falsch genannt werden; denn wenn diese Vorstellungen nur das in den äußern

Dingen Bestehende enthalten so können nie nicht für falsch gelten da sie doch

Etwas genau wiedergeben und selbst wenn sie in ihrem Inhalte etwas von den

bestehenden Dingen abweichen kann man sie keine falschen Darstellungen nennen

oder als Vorstellungen von Dingen nehmen die sie nicht darstellten Vielmehr

liegt der Irrtum und die Unrichtigkeit darin

     21 Aber sie gelten als falsch 1 wenn sie der Vorstellung eines Andern

entsprechend genommen werden und es nicht sind Erstens dass die Seele welche

eine solche Vorstellung hat sie für dieselbe erachtet und nimmt die ein

Anderer mit demselben Worte verbindet oder dass sie dieselbe für

übereinstimmend mit der gewöhnlichen Bedeutung oder Definition dieses Wortes

hält obgleich es nicht der Fall ist. Dieser Irrtum kommt bei den gemischten

Zuständen am meisten vor obgleich auch andere Vorstellungen ihm unterworfen

sind

     22 2 wenn sie den bestehenden Dingen für entsprechend gehalten werden

und es nicht sind Zweitens dass die Seele eine zusammengesetzte Vorstellung

aus einer solchen Zahl von einfachen Vorstellungen gebildet hat wie sie die

Natur nicht verbunden hat und sie dennoch für übereinstimmend mit einer Art von

wirklich bestehenden Dingen hält zB wenn sie das Gewicht des Zinnes mit der

Farbe Schmelzbarkeit und Festigkeit des Goldes verbindet

     23 3 wenn sie für entsprechend gehalten wird und es nicht ist

Drittens wenn die Seele in ihrer zusammengesetzten Vorstellung eine Anzahl

einfacher Vorstellungen verbunden hat die wirklich so verbanden in der Natur

bestehen aber andere die auch untrennbar davon sind weggelassen hat und sie

nun diese Vorstellung als die vollständige für eine Artwirklich bestehender

Dinge nimmt obgleich sie es nicht ist zB wenn sie die Vorstellungen von

Substanz von hell hämmerbar sehr schwer und schmelzbar verbindet und diese

Verbindung für die vollständige Vorstellung des Goldes hält obgleich seine

besondere Festigkeit und seine Auflösbarkeit in Königswasser von jenen

Eigenschaften ebenso untrennbar sind wie jene von einander.

     24 4 wenn sie für die Vorstellung des wirklichen Wesens gehalten wird

Viertens ist der Irrtum noch grösser wenn man meint die zusammengesetzte

Vorstellung enthalte das wirkliche Wesen eines bestehenden Dinges obgleich sie

nur einige seiner Eigenschaften enthält die aus dessen wirklichem Wesen und

seiner Beschaffenheit abfließen Ich sage nur einige seiner Eigenschaften da

diese meist in tätigen und leidenden Vermögen in Bezug auf andere Dinge

bestehen und da die von dem betreffenden Körper bekannten Vermögen nur ein

Teil von denen sind die ein Mensch der den Körper vielfach geprüft und

untersucht hat kennt und da selbst alle Vermögen die der erfahrenste Mensch

davon kennt doch nur eine kleine Zahl von denen wirklich in dem Körper

bestehenden und aus seiner Inneren und wesentlichen Verfassung abfließenden

Kräften sind Das Wesen eines Dreiecks liegt in einem beschränkten Gebiete und

besteht aus wenig Vorstellungen drei einen Raum einschließende gerade Linien

machen sein Wesen aus und doch sind der daraus abfließenden Eigenschaften so

viele dass sie nicht sämtlich erkannt und hergezählt werden können. So mag

auch bei Substanzen ihr wirkliches Wesen nur ein beschränktes Gebiet befassen

obgleich die daraus hervorgehenden Eigenschaften zahllos sind

     25 Wenn die Vorstellungen falsch sind Fasse ich also Alles zusammen

so hat der Mensch von den äußern Dingen nur Begriffe durch die Vorstellungen in

seiner Seele die er beliebig nennen kann und er kann allerdings Vorstellungen

bilden die weder mit dem Wesen der Dinge noch mit den mit dem Worte verbundenen

gebräuchlichen Vorstellungen übereinstimmen aber er kann Keine falsche

Vorstellung eines Dinges bilden das ihm nur durch seine Vorstellung bekannt

ist Wenn ich zB eine Vorstellung von den Beinen Armen und dem Körper eines

Menschen bilde und damit einen Pferdekopf und Hals verbinde so mache ich keine

falsche Vorstellung von Etwas weil sie überhaupt Nichts außerhalb meiner Seele

vorstellt nenne ich sie aber einen Menschen oder einen Tartaren und meine ich

dass ich damit ein außer mir bestehendes Ding vorstelle oder dass diese

Vorstellung mit der von Andern mit diesem Wort verbundenen übereinstimme so

irre ich in beiden Fällen Aus diesem Grunde wird die Vorstellung falsch

genannt obgleich in Wahrheit das Falsche nicht in ihr liegt sondern in dem

innerlichen Satze welcher ihr eine Übereinstimmung oder Ähnlichkeit zuteilt

die sie nicht hat Wenn ich aber von einer solchen Vorstellung weder annehme

dass ihr ein Daseiendes entspreche noch dass ihr der Name Mensch oder Tartar

zukomme und ich sie nur so nenne so kann meine Benennung phantastisch genannt

werden, aber mein Urteil ist nicht irrig und die Vorstellung ist nicht falsch

     26 Vorstellungen werden besser richtig oder unrichtig genannt

Überhaupt glaube ich dass Vorstellungen in Beziehung entweder auf die

eigentliche Bedeutung ihres Namens oder auf die Wirklichkeit der Dinge am

passendsten richtige oder unrichtige Vorstellungen zu nennen sind je nachdem

sie mit ihren Mustern auf die sie bezogen werden, übereinstimmen oder nicht

Will Jemand sie aber wahr oder falsch nennen so mag er es tun da Jedem

freisteht die Dinge mit den Worten zu benennen die er für die besten hält

allein der Natur der Sprache nach werden diese Ausdrücke kaum passend sein da

sie in dieser oder jener Weise einen Inneren Satz enthalten Die Vorstellungen in

der Seele können an sich nicht falsch sein; die zusammengesetzten ausgenommen

welche unverträgliche Eigenschaften vereinen Alle andern Vorstellungen sind an

sich richtig und das Wissen von ihnen ist ein richtiges und wahres Wissen nur

wenn man sie auf Etwas als ihr Muster und Vorbild bezieht können sie unrichtig

werden soweit sie mit diesem Vorbilde nicht übereinstimmen

 
 



                          



     1 In den meisten Menschen steckt etwas Unverständiges In den

Meinungen Begründungen und Handlungen anderer Menschen bemerkt wohl Jeder

Etwas was ihm seltsam scheint und an sich das richtige Maß überschreitet

Jedermann ist so scharfsichtig dass er bei den Andern den geringsten Fehler

dieser Art sobald er von seinen eigenen verschieden ist erspäht und durch das

Ansehen der Vernunft schnell verurteilt obgleich er vielleicht in seinen

Aussprüchen und Lebenswandel viel größerer Fehler schuldig ist nur dass er sie

nie bemerkt und sich dabei schwer oder gar nicht überzeugen lässt

     2 Es geschieht dies nicht bloß aus Selbstliebe Dies kommt nicht immer

von der Selbstliebe obgleich sie ihre Hand dabei oft mit im Spiele hat Oft

haben Menschen von hellem Geist die sich selbst oft zu schmeicheln pflegen

diesen Fehler und man hört mit Erstaunen die Begründungen eines würdigen

Mannes und wundert sich über die Hartnäckigkeit mit der er sich der Kraft der

Vernunftgründe entgegenstellt wenn sie ihm auch so klar wie das Tageslicht

dargelegt werden

     3 Auch nicht von der Erziehung Man schiebt diese Art von Unverstand

meist auf die Erziehung und die Vorurteile dies trifft auch in den meisten

Fällen zu aber es geht nicht auf den Grand der Krankheit ein und zeigt nicht

bestimmt genug woher sie kommt und worin sie besteht Die Erziehung mag

allerdings die Ursache sein und mit Vorurteil bezeichnet man die Sache im

Allgemeinen ganz gut indes muss man doch ein wenig weiter blicken wenn man

die Wurzel dieser Torheit finden und sie so darlegen will dass man sieht

woraus dieser Fehler selbst bei vernünftigen und massigen Menschen entsteht und

worin er liegt

     4 Eine Art von Verrücktheit Man wird mir verzeihen dass ich es mit

dem harten Namen Verrücktheit bezeichne wenn man bedenkt dass der Widerstand

gegen die Vernunft diesen Namen verdient und dass er wirklich verrückt ist Es

wird schwerlich ein Mensch ganz frei davon sein und wenn er immer und bei allen

Gelegenheiten so spräche und handelte als er in gewissen Fällen es tut so

würde man glauben er passe eher ins Irrenhaus als in die Gesellschaft Ich

meine nicht die Fälle, wo man sich in einer maßlosen Leidenschaft befindet

sondern den stetigen und ruhigen Lauf des Lebens Dieser harte Name und

verletzende Tadel des größten Teils der Menschheit wird sich mehr

rechtfertigen wenn ich nebenbei die Natur der Verrücktheit ein wenig näher

betrachte In Buch II Kap 11  13 habe ich gezeigt dass sie aus derselben

Wurzel entspringt und von derselben Ursache abhängt die ich hier behandle

Diese Betrachtung der Sache zu einer Zeit wo ich nicht im mindesten an die

jetzige Frage dachte brachte mich darauf Ist es eine Schwäche der alle

Menschen ausgesetzt sind und ist es ein Fleck der allgemein den Menschen

anklebt so sollte man sich höchlich bemühen ihn bei seinem wahren Namen zu

nennen und so die Sorgfalt zu steigern die seine Abhaltung oder Heilung

erfordert

     5 Von einer falschen Verbindung der Vorstellungen.) Manche Vorstellungen

haben eine natürliche Beziehung und Verbindung mit einander; es ist das Geschäft

und der Vorzug der Vernunft, diese aufzusuchen und diese Vorstellungen in der

Verbindung und Beziehung zu erhalten welche in deren besonderem Wesen begründet

ist Außer dieser besteht aber noch eine andere Verbindung der Vorstellungen,

die nur auf Zufall oder Gewohnheit beruht es werden dadurch Vorstellungen ohne

an sich verwandt zu sein so verbunden dass sie in der Seele schwer wieder zu

trennen sind sie bleiben immer beisammen und sobald die eine in der Seele

auftritt findet sich auch deren Genösse ein sind es mehr als zwei die so

verbunden sind, so zeigt sich die ganze Sippschaft

     6 Wie diese Verbindung entsteht Diese enge Verbindung von

Vorstellungenwelche die Natur nicht verknüpft hat entsteht in der Seele

entweder absichtlich oder zufällig deshalb ist sie bei den Einzelnen je nach

dem Unterschied ihrer Erziehung Neigungen und Interessen sehr verschieden Die

Gewohnheit hat ihren Einfluss sowohl auf die Wege des Denkens wie des Wollens

und der körperlichen Bewegungen Sie scheinen sämtlich nur Bewegungsreihen der

Lebensgeister zu sein die wenn sie einmal einen Weg genommen diesen

fortbehalten durch das oft Betreten wird er zu einem glatten Pfade und die

Bewegung vollzieht sich so leicht als wenn sie eine natürliche wäre So weit

man das Denken begreift entstehen Vorstellungen auf diesem Wege oder es erklärt

sich daraus wenigstens ihre Folge in der gewohnten Reihe wenn sie einmal in Zug

gekommen sind wie ja auch die körperlichen Bewegungen sich so erklären Ein mit

einer Melodie bekannter Musiker bemerkt dass mit dem Eintritt des ersten Tones

in seinem Vorstellen die spätem sich in seinem Kopfe ordnungsmäßig folgen ohne

dass er sich darum zu bemühen oder Acht zu haben braucht es geschieht so

regelmäßig als seine Finger sich über die Orgeltasten bewegen um die

begonnene Melodie fortzusetzen obgleich er mit seinen Gedanken ganz wo anders

ist Ob die natürliche Ursache dieser Folge der Vorstellungen und dieser

regelmäßigen Bewegung der Finger von der Bewegung der Lebensgeister kommt will

ich nicht entscheiden wenn es auch durch dieses Beispiel sehr wahrscheinlich

wird jedenfalls hilft es die geistigen Gewohnheiten und das Verknüpfen der

Vorstellungen verstehen

     7 Manches Widerstreben kommt davon Dass solche Verbindungen von

Vorstellungen durch die Gewohnheit beiden meisten Menschen sich bilden wird

wohl Niemand bezweifeln der sich oder Andere beobachtet hat und diesem

Umstande dürften wohl mit Recht die meisten der bei den Menschen sich zeigenden

unbewussten Zuneigungen und Abneigungen zuzuschreiben sein die ebenso so stark

und regelmäßig wirken als wären sie natürliche Sie heißen so weil sie zwar

zunächst nur mit dem zufälligen Zusammentreffen zweier Vorstellungen beginnen

aber durch die Stärke des ersten Eindrucks oder durch späteres Nachgeben sich so

eng verbinden dass sie in der Seele dann fest zusammenhalten gleich als wären

sie nur eine Vorstellung. Ich sage die meisten der Abneigungen nicht alle

denn manche sind wirklich natürliche hängen von der ursprünglichen Verfassung

des Menschen ab und werden mit ihm geboren allein bei vielen die auch als

natürliche gelten würde eine sorgfältige Beobachtung zeigen dass sie aus

unbeachteten wenn auch frühzeitigen Eindrücken oder eitlen Einbildungen

herrühren Wenn ein Erwachsener sich einmal in Honig überessen hat so braucht

er nur dies Wort zu hören und seine Phantasie macht gleich seinen Magen krank

und aufgebläht er kann nicht einmal die Vorstellung von Honig vertragen ohne

dass sofort die Zeichen von Widerwillen Unwohlsein und Erbrechen sich

einstellen und er darunter leidet indes weiß er woher dies kommt und kann

angeben wie diese Schwäche entstanden ist Hätte dieses Honigessen im

Übermaß sich bei ihm ereignet als er noch ein Kind war so wären die Folgen

dieselben gewesen aber er hätte sich in der Ursache geirrt und diesen

Widerwillen für einen natürlichen gehalten

     8 Ich erwähne dies hier nicht weil es für die vorliegende Frage nötig

wäre genau zwischen dem natürlichen und angenommenen Widerwillen zu

unterscheiden sondern nur zu dem Zweck dass die welche Kinder haben oder sie

erziehen sollen sich die Mühe nehmen auf dergleichen ungehörige Verknüpfungen

der Vorstellungen in der Seele der Kinder zu achten und sie zu verhindern Die

Eindrücke dieser Zeit sind die bleibendsten die welche sich auf die

körperliche Gesundheit beziehen werden zwar von aufmerksamen Erziehern beachtet

und abgehalten aber die welche sich vorzugsweise auf die Seele beziehen und in

dem Verstande oder in Leidenschaften endigen scheinen mir weniger beachtet zu

werden als sie es verdienen ja die nur den Verstand betreffenden scheinen mir

meist übersehen zu werden

     9 Eine erhebliche Ursache der Irrtümer Diese falschen Verbindungen

von Vorstellungendie an sich nicht zu einander gehören und einander nicht

bedingen sind so einflussreich und können sowohl das moralische wie natürliche

Handeln die Leidenschaften das Denken und selbst die Begriffe so verkehren

dass nicht leicht etwas Anderes größere Aufmerksamkeit verdienen dürfte

     10 Beispiele Die Vorstellungen von Kobolden und Geistern haben an sich

so wenig mit der Dunkelheit wie mit dem Lichte zu tun wenn aber eine törichte

Magd sie der Seele des Kindes oft einprägt und zusammen erweckt so kann es

vielleicht sein ganzes Leben lang sie nicht mehr trennen und in der Dunkelheit

werden immer jene schreckhaften Vorstellungen sich einfinden die so verbunden

sind, dass es weder die einen nach die andern ertragen kann

     11 Jemand wird von einem Andern empfindlich beleidigt und denkt wieder

und wieder an den Mann und die Handlung. Durch dieses Brüten über dieselben

verbindet er beide Vorstellungen so dass sie beinah zu einer werden und wenn

er an den Mann denkt so tritt auch der erlittene Schmerz wieder vor seine

Seele er unterscheidet sie kaum und verabscheut den einen wie den andern So

entsteht der Hass oft aus leichten und unschuldigen Anlässen ebenso werden

Streitigkeiten so fortgeführt und erweitert

     12 Jemand hat an einem Orte an Schmerzen oder einer Krankheit gelitten

er sah seinen Freund in einem solchen Zimmer sterben Obgleich diese Dinge in

der Natur nichts mit einander zu tun haben so erweckt die Vorstellung des

Ortes wenn der Eindruck einmal erfolgt ist die des Schmerzes und

Missvergnügens er vermengt sie in seiner Seele und kann das eine so wenig wie

das andere ertragen

     13 Weshalb die Zeit manche Störung in der Seele heilt wo die Vernunft

es nicht vermag Hat sich eine solche Verbindung befestigt so kann die

Vernunft, so lange jene währt nicht helfen und sich von deren Einwirkung

befreien die Vorstellungen der Seele wecken einander wenn sie entstehen ihrer

Natur und den Umständen gemäß Hier zeigt sich der Grund weshalb die Zeit

manche Gemütsbewegungen beseitigt worüber die Vernunft trotz ihres anerkannten

Rechtes dazu keine Macht hat und sie selbst bei Denen nicht überwinden kann

die in andern Fällen auf sie zu hören geneigt sind Der Tod eines Kindes an

welches der Mutter Augen sich täglich erfreuten und was die Lust ihrer Seele

war entzieht ihr allen Genuss des Lebens und stürzt sie in alle erdenkbaren

Qualen Man versucht es in solchem Falle mit den Tröstungen der Vernunft; aber

man könnte ebenso gut Jemandem auf der Folter predigen und glauben mit Gründen

der Vernunft seine Schmerzen lindern zu können wenn ihm die Beine auseinander

gerissen werden So lange nicht die Zeit das Gefühl dieser Lust und ihres

Verlustes von der in das Gedächtnis zurückkehrenden Vorstellung des Kindes

dadurch dass diese Verbindungen überhaupt in der Seele nicht mehr auftreten

getrennt hat sind alle Vorhaltungen selbst die vernünftigsten vergebens

Deshalb verbringen Die bei denen dieses Band zwischen beiden Vorstellungen sich

niemals löst ihr Leben in Trauer und tragen ihren unheilbaren Kummer bis ins

Grab

     14 Fernere Beispiele von den Wirkungen der Verbindung von Vorstellungen

 Einer meiner Freunde kennt Jemand der durch eine sehr harte und schmerzhafte

Operation von seinem Irrsinn geheilt worden war Der so hergestellte Mann

erkannte während seines ganzen Lebens mit dankbarem und anerkennendem Gefühl

diese Kur als die größte Wohltat die ihm erzeigt worden allein trotz aller

Antriebe der Dankbarkeit und Vernunft konnte er niemals den Anblick des

Wundarztes ertragen sein Bild weckte in ihm die Erinnerung an die Qualen die

er unter seinen Händen erlitten hatte und die so groß waren dass er die

Erinnerung daran nicht ertragen konnte

     15 Viele Kinder schieben die in der Schule erlittenen Strafen auf die

Bücher wegen deren sie die Strafen bekommen hatten es verbinden sich beide

Vorstellungen so mit einander, dass jedes Buch sie anekelt und sie sich ihr

ganzes Lebenlang nicht zum Studium und Gebrauch der Bücher entschließen können

So wird das Lesen ihnen zur Qual während es andernfalls ihnen das größte

Vergnügen gewährt haben würde Manche Zimmer sind ganz bequem und doch können

manche Menschen darin nicht studieren aus manchen Gläsern kann man nicht

trinken obgleich sie rein und gut zu gebrauchen sind lediglich weil sich

zufällig eine Vorstellung damit verknüpft hat und sie dadurch unangenehm

geworden sind Wer hat nicht schon bemerkt wie Manche bei dem Erscheinen einer

gewissen Person oder in der Gesellschaft derselben sich verbeugen obgleich sie

nicht ihr Vorgesetzter istsondern weil sie nur einmal bei einer Gelegenheit

ihre Überlegenheit erfahren haben Deshalb begleitet die Vorstellung der

Autorität und Überlegenheit die Vorstellung der Person und der einmal so

Gedemütigte kann sie nicht mehr trennen

     16 Die Beispiele hierzu sind überall in solchem Maß zu finden dass,

wenn ich hier noch Eines anführe es nur seiner komischen Seltsamkeit halber

geschieht Es betrifft einen jungen Mann der das Tanzen und zwar sehr gut in

einem Zimmer gelernt hatte worin ein alter Schrank sich befand deshalb hatte

sich die Vorstellung von diesem alten Möbel so mit den Wendungen und Bewegungen

seines Tanzens verknüpft dass er zwar in diesem Zimmer vortrefflich tanzen

konnte aber nur so lange der Schrank darin stand ebensowenig vermochte er es

in einem andern Zimmer ehe nicht ein ähnlicher Schrank hineingestellt worden

war Diese Geschichte hält man vielleicht für eine durch komische Umstände

ausgeschmückte allein ich versichere dass ich sie vor einigen Jahren von einem

rechtlichen und glaubhaften Manne mitgeteilt erhalten habe der sie selbst so

angesehen hatte wie ich sie hier erzählt habe Wahrscheinlich werden meine

aufmerksamem Leser selbst Erzählungen gehört und Fälle erlebt haben die dem

obigen gleich Kommen und ihn bestätigen

     17 Ihr Einfluss auf geistige Angewöhnungen Gewisse Angewöhnungen und

Fehler die auf diesem Wege entstehen sind nicht weniger häufig und mächtig

wenn gleich weniger bemerkt Wenn die Vorstellungen von Dasein und Stoff durch

Erziehung oder vieles Nachdenken eng verbunden werden was wird man da wenn

solche Verbindung noch besteht über bloße Geister denken Wenn die Gewohnheit

seit der Kinderzeit eine Gestalt und Form mit der Vorstellung Gottes verbunden

hat welchen Verkehrtheiten ist da nicht die Seele in Bezug auf die Gottheit

ausgesetzt Wenn die Vorstellung der Untrüglichkeit mit einer Person untrennbar

verbunden ist und beide vereint die Seele eingenommen haben so muss dann der

gleichzeitig an verschiedenen Orten befindliche Körper von einem unbedingt

Gläubigen ungeprüft als eine unzweifelhafte Wahrheit verschluckt werden im Fall

die für untrüglich gehaltene Person es gebietet und die Beistimmung des Andern

ohne Untersuchung verlangt

     18 Man kann dies an mehreren Religionssekten bemerken Solche falsche

und unnatürliche Verbindungen von Vorstellungen bilden den unversöhnlichen

Gegensatz verschiedener philosophischer und religiöser Sekten denn es lässt

sich nicht denken dass Jeder ihrer Anhänger sich freiwillig betrügen lassen und

absichtlich die von der klaren Vernunft gebotene Wahrheit von sich stoßen

sollte Der Eigennutz vermag zwar viel aber er kann nicht ganze Gesellschaften

zu einer so allgemeinen Verkehrheit bringen dass sie Alle wie ein Mann den

Irrtum wissentlich verteidigen sollten wenigstens einige müssten das wirklich

tun was Alle vorgeben dh der Wahrheit aufrichtig nachgehen deshalb muss

etwas Anderes ihren Verstand blenden und den Irrtum dessen was sie als reine

Wahrheit festhalten nicht sehen lassen Das was ihre Vernunft so gefangen hält

und unbefangene Menschen von dem gesunden Verstände geradezu ableitet zeigt

sich bei Prüfung als das wovon hier gesprochen worden ist; zwei selbstständige

in keiner Verbindung stehende Vorstellungen sind durch Erziehung Gewohnheit und

das stete Geklingel ihrer Partei in ihren Seelen so verknüpft worden dass sie

immer zusammen auftreten für eine Vorstellung gelten und nicht getrennt werden

können. Dies lässt sie Verstand in leerem Gerede Beweise in Verkehrtheiten und

Übereinstimmung im Unsinn finden und wird zur Grundlage der größten ich

hätte beinah gesagt aller Irrtümer in der Welt Selbst wenn sie nicht so weit

reicht ist sie mindestens eine der gefährlichsten weil sie so weit sie wirkt

das Sehen und Prüfen verhindert Wenn zwei an sich besondere Dinge dem Auge

immer als verbunden erscheinen und sie sich fest vernietet zeigen obgleich sie

getrennt sind wie soll man da die Irrtümer berichtigen die aus der so

gewohnten Verbindung zweier Vorstellungen folgen wo eine die andere vertritt

ohne dass die Personen selbst wie ich glauben möchte es bemerken Unter dieser

Täuschung werden sie der Überführung unfähig und sie rühmen sich selbst

eifrige Kämpfer für Wahrheit zu sein während sie in Wahrheit für den Irrtum

fechten Die Verschmelzung zweier Vorstellungenwelche durch die gewohnte

Verbindung derselben in ihrer Seele zu einer einzigen geworden füllt ihre Köpfe

mit falschen Auffassungen und ihr Denken mit falschen Folgerungen

     19 Schluss Hiermit habe ich eine Darstellung von dem Ursprung den

Arten und dem Umfang der menschlichen Vorstellungen gegeben und mancherlei

Betrachtungen über diese ich weiß nicht ob ich sagen darf Instrumente oder

Stoffe unseres Wissens beigefügt Das Verfahren das ich mir vorgesetzt

verlangt nun dass ich sofort zur Darlegung des Gebrauchs überginge den der

Verstand von den Vorstellungen macht und welche Erkenntnis dadurch erlangt

wird Dies war auch anfänglich bei der Aufstellung des allgemeinen Plans mein

Wille und ich meinte danach verfahren zu müssen allein nachdem ich der Sache

näher getreten bin finde ich eine so enge Verknüpfung zwischen den

Vorstellungen und Worten und die Begriffe und allgemeinen Ausdrücke haben eine

so stete Beziehung auf einander dass man von der Erkenntnis, die lediglich im

Sätzen besteht nicht klar und deutlich handeln kann wenn nicht zuvor die

Naturder Gebrauch und die Bedeutung der Sprache in Betracht genommen worden

istdies soll daher die Aufgabe des nächsten Buches sein

 

                          Schluss des ersten Bandes

 
 






     1 Der Mensch kann artikulierte Laute bilden Da Gott den Menschen zu

einem geselligen Wesen bestimmt hatte so gab er ihm nicht bloß eine Neigung ja

Notwendigkeit mit seines Gleichen zu verkehren sondern versah ihn auch mit

einer Sprache welche das große Werkzeug und gemeinsame Band der Gesellschaft

werden sollte Der Mensch hat deshalb von Natur so eingerichtete Organe dass er

artikulierte Laute bilden kann die Worte heißen Doch reicht dies zur Sprache

nicht hin denn auch Papageien und anderen Vögeln kann das Bilden von

artikulierten Lauten angelernt werden obgleich sie auf keine Weise der Sprache

fähig sind

     2 Um sie zum Zeichen der Vorstellungen zu machen Es war also außerdem

noch die Fähigkeit erforderlich die Laute als Zeichen innerer Auffassungen zu

gebrauchen und sie zu Zeichen von Vorstellungen zu machen die Anderen dadurch

erkennbar würden damit die Menschen ihre Gedanken einander mittheilen konnten

     3 Und um sie zu allgemeinen Zeichen zu machen Aber auch dies reichte

nicht hin um die Worte so nützlich als möglich zu machen Es genügt für die

Vollkommenheit einer Sprache nicht dass Laute zu Zeichen von Vorstellungen

erhoben werden wenn mit diesen Zeichen nicht mehrere einzelne Dinge befasst

werden können. Denn wenn jedes Ding seinen besonderen Namen erhalten müsste so

würde die Menge der Worte ihren Gebrauch erschwert haben Zur Abstellung dieser

Schwierigkeit erhielt die Sprache eine weitere Verbesserung in dem Gebrauch

allgemeiner Ausdrücke durch welche mit einem Wort eine Menge einzelner Dinge

bezeichnet wurden Dieser Vorteil wird nur durch den Unterschied der damit

bezeichneten Vorstellungen erreicht es wurden nämlich diejenigen Worte zu

allgemeineren welche allgemeinen Vorstellungen gegeben wurden und diejenigen

blieben einzelne die für Vorstellungen eines Einzelnen gebraucht wurden

     4 Neben diesen Worten als Zeichen der Vorstellungen, gebraucht man noch

andere die keine Vorstellung bezeichnen sondern den Mangel oder die

Abwesenheit einer solchen sei sie einfach oder zusammengesetzt oder überhaupt

den Mangel aller Vorstellung andeuten Der Art ist nihil im Lateinischen und

Unwissenheit und Unfruchtbarkeit im Deutschen Von allen verneinenden und

beraubenden Worten kann man eigentlich nicht sagen dass sie keiner Vorstellung

angehören und keine bezeichnen da sie dann bedeutungslose Laute wären vielmehr

beziehen sie sich auf bejahende Vorstellungen und bezeichnen deren Abwesenheit

     5 Die Worte sind ursprünglich von solchen abgeleitet die sinnliche

Vorstellungen bezeichnen Es führt ein wenig weiter zu dem Ursprung all unserer

Begriffe und Kenntnisse wenn man bemerkt wie sehr die Worte von bekannten

sinnlichen Vorstellungen abhängig sind und wie selbst die womit man

Tätigkeiten und Begriffe die von den Sinnen weit abstehen bezeichnet dort

ihren Ursprung haben und von bekannten sinnlichen Vorstellungen zu entferntem

Bedeutungen übertragen worden sind und nun Vorstellungen bezeichnen die nicht

zu den Sinneswahrnehmungen gehören zB einbilden verstehen erfassen

beitreten begreifen beibringen missfallen Unruhe Ruhe usw Alle diese

Worte sind von sinnlichen Tätigkeiten entlehnt und demnächst gewissen

Besonderungen des Denkens beigelegt Das Wort spirit Geist bezeichnet

ursprünglich den Atem angel Engel einen Boten und wenn man alle Worte für

unsinnliche Dinge bis zu ihrem Ursprung verfolgen könnte so würde man

sicherlich finden dass sie in allen Sprachen von sinnlichen Vorstellungen

herkommen Hieraus kann man einigermaßen die Art der Begriffe erraten welche

die ersten Erfinder der Sprache im Kopfe hatten woher sie sie ableiteten und

wie die Natur selbst bei Benennung der Dinge unbemerkt den Menschen die

Ursprünge und Anfänge all ihres Wissens zuführte Denn wenn die Worte Anderen

eine innere Tätigkeit oder eine andere unsinnliche Vorstellung erkennbar machen

sollten so mussten sie von bekannten sinnlichen Vorstellungen entlehnt werden

um damit dem Anderen die eigenen innerlichempfundenen Tätigkeiten die

äußerlich nicht erkennbar waren leichter begreiflich zu machen Waren so erst

Worte für diese innerlichen Vorgänge gebildet so hatte man genügende Mittel

auch alle anderen Vorstellungen zu benennen weil sie nur sinnliche

Wahrnehmungen oder innere geistige Tätigkeiten befassen konnten da man wie

ich gezeigt habe überhaupt nur Vorstellungen hat die ursprünglich entweder von

äußeren sinnlichen Gegenständen oder von inneren Vorgängen deren man sich

bewusst ist, kommen

     6 Die Einteilung Um indes den Nutzen und die Bedeutung der Sprache

für Belehrung und Erkenntnis besser einzusehen ist zu erwägen 1 welchen

Dingen in den Sprachen Worte gegeben werden; 2 da alle Worte mit Ausnahme der

Eigennamen nicht einzelne Dinge sondern Arten und Gattungen derselben

bezeichnen so ist dann zu erwägen was die Gattungen und Arten oder lateinisch

ausgedrückt die genera und species der Dinge sind worin sie bestehen und wie

sie gebildet werdenIst dies wie sich gehört genau untersucht so wird der

rechte Gebrauch der Worte, sowie die natürlichen Vorzüge und Mängel der Sprache

und die Hilfsmittel gegen die Übelstände welche aus der Dunkelheit und

Ungewissheit der Bedeutung der Worte hervorgehen leichter erkannt werden.

Ohnedem kann über wissenschaftliche Dinge nicht klar und ordnungsmäßig

verhandelt werden da es bei diesen sich um Sätze handelt und zwar meist um

allgemeine die mit den Worten enger verknüpft sind als man vielleicht glaubt

Dies wird der Gegenstand der nächsten Kapitel sein

 
 



                                



     1 Die Worte sind sinnliche Zeichen für die Mitteilung Wenn auch Jemand

viele und solche Gedanken hat die Anderen ebenso viel Nutzen und Vergnügen wie

ihm selbst gewähren könnten so sind sie doch alle in seiner Brust unsichtbar

den Anderen verborgen und können sich äußerlich nicht zeigen Da aber die

Bequemlichkeiten und der Nutzen der Gemeinschaft ohne Mittheilung der Gedanken

unmöglich waren so mussten die Menschen gewisse äußerliche Zeichen ausfindig

machen wodurch sie die unsichtbaren Vorstellungen aus denen ihre Gedanken

bestehen Anderen erkennbar machen konnten Dazu war nichts in Rücksicht auf

Vollständigkeit und Schnelligkeit so geeignet als die artikulierten Laute die

der Mensch so leicht und mannichfach hervorbringen kann Hieraus begreift es

sich wie die von Natur so gut dazu geeigneten Worte von den Menschen zur

Bezeichnung ihrer Vorstellungen benutzt worden sind. Es geschah nicht wegen

einer natürlichen Verbindung zwischen bestimmten artikulierten Lauten und

einzelnen Vorstellungen denn dann würde es nur eine Sprache für alle Menschen

geben sondern willkürlich ein beliebiges Wort wurde zum Zeichen einer

Vorstellung erhoben Der Nutzen der Worte liegt also in ihrer sinnlichen

Bezeichnung der Vorstellungenund diese Vorstellungen machen deren unmittelbare

und eigentliche Bedeutung aus

     2 Die Worte sind die sinnlichen Zeichen der Vorstellungen Dessen der

sie gebraucht Die Worte werden entweder gebraucht um in Unterstützung des

Gedächtnisses sich seiner eigenen Gedanken zu erinnern oder um die

Vorstellungen gleichsam zu äußern und den Anderen vor Augen zu legen Deshalb

bezeichnen sie ursprünglich und unmittelbar und die Vorstellungen Dessen der

sie gebraucht wenn auch diese Vorstellungen noch so unvollständig und

nachlässig den Dingen, die sie vorstellen sollen entlehnt sind Wenn Menschen

mit einander sprechen so wollen sie verstanden sein und der Zweck des

Sprechens ist durch Laute als Zeichen seine Vorstellungen dem Hörer bekannt

zu machen Also bezeichnen die Worte die Vorstellungen des Sprechenden und

Niemand kann sie unmittelbar für etwas Anderes als für seine eigenen

Vorstellungen benutzen denn sonst würden sie als Zeichen der eigenen

Vorstellungen für andere Vorstellungen benutzt dh sie wären gleichzeitig

Zeichen und auch nicht reichen der eigenen Vorstellungen dh sie hätten gar

keine Bedeutung Worte sind willkürliche Zeichen und können als solche von

Niemand unbekannten Dingen beigelegt werden damit würden sie Zeichen von Nichts

und Laute ohne Bedeutung Niemand kann sein Wort zu Zeichen von Eigenschaften

der Dinge oder Vorstellungen in eines Anderen Seele machen wovon er keine

eigene Vorstellung hat Ehe er nicht eine solche hat kann er nicht annehmen

dass sie mit denen Anderer stimme und kann kein Zeichen dafür gebrauchen denn

sie wären dann Zeichen für etwas ihm Unbekanntes dh in Wahrheit Zeichen für

Nichts Wenn er sich aber die Vorstellungen Anderer durch seine eigenen

vorstellt und ihnen denselben Namen wie Andere gibt so geschieht es doch nur

für seine eigenen Vorstellungen also für die Vorstellungendie er hat und

nicht für solche die er nicht hat

     3 Dies ist für den Gebrauch der Sprache so notwendig dass in dieser

Hinsicht der Kluge und der Dumme der Gelehrte und der Ungelehrte die Worte

wenn sie sprechen und dies Sprechen irgend Etwas bedeuten soll alle in

gleicher Art gebrauchen In Jedes Munde bezeichnen sie seine Vorstellungendie

er damit ausdrücken will Wenn ein Kind nichts außer der glänzenden gelben

Farbe an dem Metall beachtet hat das es Gold nennen hört so benutzt es das

Wort Gold doch nur für seine eigene Vorstellung von dieser Farbe und für nichts

weiter und nennt deshalb diese Farbe auch an dem Schweife eines Pferdes Gold

Ein anderes hat besser beobachtet und fügt dieser Farbe das schwere Gewicht

hinzu dann bedeutet der Laut Gold wenn es ihn gebraucht die zusammengesetzte

Vorstellung einer glänzendgelben und sehr schweren Substanz Ein Anderer fügt

dann die Schmelzbarkeit hinzu und dann bedeutet ihm Gold einen glänzenden

gelben schmelzbaren und sehr schweren Körper Ein Anderer setzt die

Hämmerbarkeit hinzu Jeder von ihnen gebraucht das Wort wenn der Anlass kommt

gleichmäßig zum Ausdruck der von ihm damit verknüpften Vorstellungenund Jeder

kann ihm offenbar nur seine eigenen Vorstellungen beilegen und es nicht als

Zeichen einer Vorstellungdie er nicht hat nehmen

     4 Die Worte werden oft im Stillen bezogen zunächst auf die

Vorstellungen in der Seele Anderer Wenn hiernach die Worte eigentlich und

unmittelbar nur die Vorstellungen des Sprechenden bezeichnen können so wird

ihnen doch in Gedanken eine Beziehung auf zweierlei Anderes gegeben Erstens

nimmt man die Worte auch als Zeichen der Vorstellungen Anderer mit denen man

verkehrt denn das Sprechen wäre vergeblich und unverständlich wenn der Hörer

den Laut mit einer anderen Vorstellung als der Sprechende verbände das hieße

zwei Sprachen reden Indes sind die Menschen auf diesen Punkt meist nicht

aufmerksam genug halten es für genügend wenn sie das Wort in dem nach ihrer

Meinung allgemein geltenden Sinne gebrauchen sie nehmen dabei an dass die

Vorstellung, dessen Zeichen das Wort nach ihnen sein soll genau die istwelche

die verständigen Leute des Landes mit diesem Worte verbinden

     5 Sodann auf die Wirklichkeit der Dinge.) Zweitens will man dass die

Menschen nicht denken man spreche nur von seinen eigenen Einbildungen sondern

von wirklichen Dingen Indes gilt dies mehr von Substanzen und deren Namen

während der erste Fall mehr von einfachen Vorstellungen und Zuständen gilt ich

werde daher von diesem verschiedenen Gebrauche der Worte mehr und ausführlicher

bei Gelegenheit der Worte für die gemischten Zustände und für die Substanzen

sprechen nur das möchte ich hier bemerken dass es ein verkehrter Gebrauch der

Worte ist welcher unvermeidlich Dunkelheit und Verwirrung in ihre Bedeutung

bringt wenn man sie zu Zeichen der Dinge selbst und nicht der Vorstellungen der

Dinge macht

     6 Die Worte erwecken in Folge von Übung leicht die Vorstellungen.) In

Betreff der Worte ist ferner zu erwähnen Erstens dass indem sie die

unmittelbaren Zeichen der Vorstellungen sind und damit die Werkzeuge wodurch

man sich seine Gedanken mittheilt und die in der engeren Brust enthaltenen

Gedanken und Phantasiebilder für Andere ausspricht durch den fortwährenden

Gebrauch die Verbindung zwischen Laut und der zugehörigen Vorstellung so fest

wird dass bei dem Hören des Wortes sofort dessen Vorstellung sich ebenso

einfindet als wenn der Gegenstand selbst den Sinn erregte Dies ist offenbar

bei allen bekannten sinnlichen Eigenschaften und ebenso bei allen häufig

vorkommenden und bekannten Substanzen der Fall

     7 Die Worte werden nicht ohne Bedeutung gebraucht Zweitens bezeichnen

zwar die Worte in ihrer eigentlichen und unmittelbaren Bedeutung Vorstellungen

des Sprechenden allein sie werden von der Wiege ab so viel gebraucht dass man

viele artikulierte Laute vollkommen inne hat schnell auf der Zunge und im

Gedächtnis immer bei der Hand hat ohne doch deren Bedeutung sorgfältig zu

prüfen und festzustellen Daher kommt es dass man selbst bei aufmerksam

geführten Untersuchungen seine Gedanken mehr an Worte wie an die Dinge hängt

Ja viele Worte hat man eher gelernt ehe man ihre Vorstellungen kannte deshalb

sprechen Manche und nicht bloß die Kinder die Worte nach Art der Papageien

bloß weil sie den Laut gelernt und sich daran gewöhnt haben Allein so weit die

Worte von Nutzen und Bedeutung sind so weit haben sie auch eine feste

Verbindung mit Vorstellungen und bezeichnen diese ohnedem würden sie nur

bedeutungslose Töne bleiben

     8 Ihre Bedeutung ist ganz willkürlich Durch den langen und häufigen

Gebrauch erwecken wie gesagt die Worte so regelmäßig und so schnell gewisse

Vorstellungen dass man geneigt ist eine natürliche Verbindung zwischen beiden

anzunehmen Allein sie bezeichnen die Vorstellungen des Menschen nur durch eine

rein willkürliche Verknüpfung wie daraus erhelltdass sie bei Anderen

obgleich sie dieselbe Sprache sprechen nicht immer dieselbe Vorstellung

erwecken für deren reichen sie gelten und es kann Niemand die Freiheit

genommen werden Worte mit beliebigen Vorstellungen zu verbinden deshalb vermag

Niemand zu bewirken dass Andere bei dem Gebrauch derselben Worte auch dieselben

Vorstellungen haben die er selbst hat Selbst der große Augustus der in dem

Besitz der Herrschaft über die ganze Welt war erkennt es an dass er kein neues

lateinisches Wort zu machen vermöge dh dass er nicht beliebig bestimmen

könne welche Vorstellung ein Laut in dem Munde und in der Sprache seiner

Untertanen bezeichnen solle Allerdings verknüpft der gemeinsame Gebrauch in

allen Sprachen stillschweigend gewisse Laute mit gewissen Vorstellungenund die

Bedeutung dieser Laute ist dadurch insoweit beschränkt dass der Mensch nicht

richtig spricht wenn er nicht diese Vorstellung damit verknüpft und ich sage

weiter dass ein Mensch nicht verständlich spricht wenn seine Worte in dem

Hörer nicht dieselbe Vorstellung erwecken für die er sie bei seiner Rede

gebraucht Mögen indes die Folgen eines von der allgemeinen Bedeutung oder dem

besonderen durch den Hörenden den Worten beigelegten Sinne abweichenden

Gebrauchs derselben sein welche sie wollen so ist doch so viel sicher dass

ihre Bedeutung bei ihrem Gebrauche auf die engeren Vorstellungen des Sprechenden

beschränkt ist und dass sie nicht Zeichen von etwas Anderem sein können

 
 






     1 Die meisten Worte sind allgemeine Da alle bestehenden Dinge einzelne

sind so wäre es völlig vernünftig wenn die Worte die den Dingen entsprechen

sollen es ebenfalls wären ich meine in ihrer Bedeutung allein es findet

gerade das Gegenteil statt Bei Weitem die meisten Worte in den Sprachen sind

allgemeine Ausdrücke und es ist dies nicht die Folge von Nachlässigkeit und

Zufall sondern von Verstand und Notwendigkeit

     2 Denn es ist unmöglich dass jedes einzelne Ding einen Namen haben

könne Erstens ist es unmöglich dass jedes einzelne Ding einen besonderen

Namen habe Die Bedeutung und der Gebrauch der Worte hängt von der Verbindung

ab welche die Seele zwischen ihren Vorstellungen und den Worten als deren

Zeichen macht Deshalb muss die Seele bei Anwendung der Namen auf die Dinge

bestimmte Vorstellungen von letzteren haben und auch den jedem einzelnen Dinge

zugehörigen Namen und dessen Gebrauch für dasselbe sich einprägen nun

übersteigt es aber die Kräfte des Menschen von allen einzelnen Dingen die er

antrifft besondere Vorstellungen zu bilden und zu behalten selbst in dem

größten Verstande könnte nicht jeder Vogel und jedes andere Thier das man

gesehen nicht jeder Baum und jede Pflanze welche die Sinne erregten einen

Platz finden Wenn es schon als ein staunenswertes Gedächtnis gilt dass

manche Generale jeden Soldaten ihres Heeres bei Namen gekannt haben so erklärt

dies genügend weshalb man nicht jedem Schafe in der Herde und nicht jeder

Krähe die über den Köpfen wegfliegt einen Namen gegeben hat und weshalb dies

noch weniger mit jedem Blatt eines Baumes und jedem Sandkorn auf dem Wege

geschehen ist

     3 Es wäre auch nutzlos Wäre es aber zweitens auch möglich so würde es

doch nutzlos sein weil es zu dem Hauptzweck der Sprache nichts beitrüge Man

würde vergeblich Namen der einzelnen Dinge anhäufen denn sie wären zur

Mittheilung der Gedanken nicht zu gebrauchen Man lernt die Worte und gebraucht

sie in dem Gespräch mit Anderen nur des Verständnisses halber und das geschieht

nur wenn durch Gebrauch oder Übereinstimmung mein Laut in dem Hörer dieselbe

Vorstellung erweckt von der ich spreche Dies ist aber bei Namen für die

einzelnen Dinge nicht möglich denn der Andere kann nicht mit all den einzelnen

Dingen die ich wahrgenommen bekannt sein und deshalb können meine Worte für

den Anderen nicht bezeichnend oder verständlich sein

     4 Drittens würden selbst wenn dies möglich wäre was es wohl nicht sein

dürfte bestimmte Worte für die einzelnen Dinge zur Vermehrung des Wissens

wenig helfen da es zwar auf dies Einzelne sich gründet aber nur durch

allgemeine Auffassungen sich erweitert wozu die unter allgemeinen Namen

gebrachten Arten der Dinge vorzüglich dienen Diese Arten mit ihren Namen halten

sich in einer gewissen Grenze und vermehren sich nicht jeden Augenblick über das

Maß hinaus was der Mensch fassen kann oder was die Sache erfordert Deshalb

hat man sich meist hierauf beschränkt ohne indes deshalb die Unterscheidung

des Einzelnen durch Eigennamen da zu hindern wo das Bedürfnis es erforderte

Deshalb macht der Mensch von den Eigennamen insbesondere bei seiner eigenen

Gattung Gebrauch mit der er am meisten zu tun hat und wo er oft Anlass hat

den Einzelnen hervorzuheben da hat daher der Einzelne auch seinen besonderen

Namen

     5 Welche Dinge eigene Namen haben Aus demselben Grunde haben außer

den Personen auch die Länder die Städte die Flüsse die Gebirge und ähnliche

bestimmte Örtlichkeiten ihren Namen erhalten da man oft Anlass hat

dergleichen im Einzelnen so zu bezeichnen als wären sie Dem mit welchem man

spricht vor Augen gestellt und wo man Grund hafte der einzelnen Pferde so oft

wie der einzelnen Menschen zu erwähnen da werden sicherlich die Eigennamen bei

ihnen so gebräuchlich wie bei den Menschen sein Bucephalos wäre dann ein

ebenso gebräuchliches Wort wie Alexander Deshalb haben auch bei Bereitern die

Pferde ebenso wie die Bedienten ihre Eigennamen nach denen sie gekannt und

genannt werden, da dort oft Anlass ist des einzelnen Pferdes zu erwähnen ohne

es vor Augen zu haben

     6 Wie die allgemeinen Worte gebildet worden sind.) Zunächst ist zu

untersuchen wie die Worte gebildet werden. Da alle Dinge nur einzelne sind so

fragt sich wie man zu allgemeinen Worten kommt und wo man die allgemeinen

Naturen findet die sie bezeichnen Die Worte werden allgemein wenn sie zu

Zeichen allgemeiner Vorstellungen gemacht werden die Vorstellungen werden

allgemein wenn man die Nebenumstände der Zeit und des Ortes und Anderes

abtrennt was sie zu dem einzelnen bestimmten Dinge macht Auf diesem Wege des

Abtrennens können sie mehrere einzelne Dinge darstellen denn jedes einzelne

Ding hat in sich das was mit dieser Trennvorstellung übereinstimmt oder wie

man sich ausdrückt von dieser Art ist

     7 Um indes dem etwas näher zu treten will ich den Begriffen und Namen

bis zu ihrem Ursprung folgen und untersuchen wie allmählich und in welchen

Schritten die Vorstellungen sich von der Kindheit ab erweitern Unzweifelhaft

sind die Vorstellungen von den Personen mit denen Kinder verkehren um bei

diesem Fall stehen zu bleiben so einzelne wie diese Personen selbst Die

Vorstellung der Amme und der Mutter sind in ihrer Seele gut ausgebildet sie

stellen wie Gemälde nur diese Einzelnen vor und die ihnen gegebenen Namen

beziehen sich nur auf diese einzelnen Personen die Namen der Amme und der Mama

beschränken sich nur auf diese Später wenn Zeit und weitere Bekanntschaft die

Kinder bemerken lassen dass es auch viele andere Wesen in der Welt gibt die

in manchen Stücken wie in der Gestalt und anderen Eigenschaften ihrem Vater

oder ihrer Mutter und ihren Bekannten gleichen bilden sie eine Vorstellung von

dem an welchem wie sie bemerken all diese Einzelnen teilnehmen und dieser

geben sie dann zB den Namen Mensch So gelangen sie zu allgemeinen Worten und

Vorstellungen sie machen dabei nichts Neues sondern lassen nur von der

zusammengesetzten Vorstellungdie sie von Peter und Jakob von Maria und

Johanna haben das Eigentümliche weg und behalten bloß das Allen Gemeinsame

     8 So wie sie auf diese Weise zu dem allgemeinen Namen und der Vorstellung

des Menschen kommen gelangen sie auch zu noch allgemeineren Namen und

Vorstellungen Sie bemerken dass manche Dinge sich von ihrer Vorstellung des

Menschen unterscheiden und daher nicht unter diesen Namen befasst werden können,

dass sie aber doch gewisse Eigenschaften mit dem Menschen gemein haben indem

sie nun letztere allein festhalten und zu einer Vorstellung verbinden gewinnen

sie eine andere noch allgemeinere Vorstellung und wenn sie ihr einen Namen

gegeben haben sie einen Ausdruck von größerem Umfange Diese neue Vorstellung

ist nicht durch einen Zusatz erlangt sondern wie vorher durch Weglassung der

Gestalt und einzelner anderer mit dem Worte Mensch befasster Eigenschaften und

Zurückbehaltung des Körpers mit Leben Sinnen und freiwilliger Bewegung allein

die unter dem Namen lebendiges Geschöpf befasst werden

     9 Allgemeine Naturen sind nur begriffliche Vorstellungen Dass dies der

Weg ist auf dem der Mensch zuerst allgemeine Vorstellungen und Namen gebildet

hat ist so klar dass man statt Beweises nur sich selbst und Andere und das

Vorschreiten in Kenntnissen zu beobachten braucht Wer da meint dass allgemeine

Naturen oder Begriffe etwas Anderes als solche abgetrennte und teilweise

Vorstellungen von mehr zusammengesetzten seien wird in Verlegenheit sein wo er

sie hernehmen soll Man überlege und sage mir wodurch die Vorstellung des

Menschen von der des Peter und Paul und die Vorstellung des Pferdes von der des

Bucephalos sich anders unterscheidet als dass das jedem Einzelnen Besondere

weggelassen und das ihnen Allen Gemeinsame zurückbehalten worden ist? Lässt man

von den zusammengesetzten Vorstellungendie unter den Worten Mensch und Pferd

verstanden werden das Besondere worin sie unterschieden sind weg und behält

man nur das worin sie übereinstimmen und macht man davon eine neue

zusammengesetzte Vorstellung mit dem Namen lebendiges Geschöpf so hat man

einen allgemeineren Ausdruck der neben dem Menschen auch noch andere Geschöpfe

befasst Lässt man davon die Vorstellung des Wahrnehmens oder der freiwilligen

Bewegung weg und macht man aus den übrigen einfachen des Körpers, des Lebens

und der Ernährung eine neue zusammengesetzte Vorstellung so hat man eine neue

noch allgemeinere unter den Namen der Organismen Kurz auf diesem selbigen Wege

gelangt die Seele zu den Vorstellungen von Körper Substanzund zuletzt von

Sein Ding und solchen allgemeinen Ausdrücken die für alle unsere Vorstellungen

überhaupt gelten Das ganze Geheimnis der genera und species von dem man

solchen Lärm in den Schulen macht und das man mit Recht außerhalb derselben

sowenig beachtet ist nichts weiter als solche Trennvorstellungen die mehr oder

weniger umfassend und mit einem Namen verbunden worden sind. Überall gilt hier

ohne Ausnahme dass der allgemeinere Name eine solche Vorstellung bezeichnet

die nur ein Teil von jeder unter ihr befassten ist

     10 Weshalb man meist von dem genus bei den Definitionen Gebrauch macht

Dies erklärt weshalb man bei der Definition der Worte, welche nur eine

Erklärung ihrer Bedeutung ist von dem genus Gebrauch macht dh von dem

nächsten sie befassenden allgemeinen Worte Es geschieht nicht aus

Notwendigkeit sondern nur um sich die Aufzählung der einzelnen einfachen

Vorstellungen zu ersparen welche das nächste allgemeine Wort befasst und

manchmal wohl auch aus Scham dass man es nicht vermag Obgleich das Definieren

durch genus und differentia man entschuldige diese lateinischen Kunstausdrücke

sie bezeichnen am besten die ihnen zugehörigen Begriffe ich sage obgleich das

Definieren durch genus der kürzeste Weg sein mag so fragt es sich doch ob es

auch der beste ist es ist wenigstens sicherlich nicht der einzige und der

unbedingt notwendige Denn da das Definieren durch Worte dem Andern nur

verständlich macht welche Vorstellung der definierte Ausdruck enthält so

geschieht es am besten wenn man die einfachen darin verbundenen Vorstellungen

aufzählt Wenn man statt dessen sich an den nächsten allgemeinen Ausdruck

gewöhnt hat so ist es nicht aus Notwendigkeit oder der Klarheit wegen

sondern der Schnelligkeit und Bequemlichkeit wegen geschehen denn ich glaube

dasswenn man sagt Der Mensch ist eine ausgedehnte Substanz welche Leben

Sinne freie Bewegung und Vernunft hat der Sinn des Ausdrucks »Mensch« dadurch

ebensogut verstanden werden wird als wenn er durch »vernünftiges Thier«

definiert würde da diese Definition durch die Definitionen des Tieres des

Körpers und des Lebendigen sich ebenfalls in die aufgezählten Bestimmungen

auflöst Ich bin hier bei der Erklärung des Ausdrucks Mensch der gewöhnlichen

Definition der Schulen gefolgt sie ist vielleicht nicht ganz genau allein sie

passt hier für meinen Zweck Sie zeigt auch was die Regel veranlasst hat dass

eine Definition aus dem genus und der differentia bestehen müsse und wie wenig

man derselben bedarf und wie gering der Nutzen ihrer genauen Befolgung ist

Denn wenn das definieren wie gesagt nur ein Wort durch andere erklärt damit

seine Vorstellung sicher erfasst werde so sind doch die Sprachen nicht immer

nach den Regeln der Logik so gebildet dass die Bedeutung jedes Wortes genau und

klar durch zwei andere ausgedrückt werden könnte die Erfahrung zeigt vielmehr

das Gegenteil oder es haben Die welche diese Regel aufgestellt nicht Recht

getan dass sie uns so wenig ihr entsprechende Vorstellungen gegeben haben Im

nächsten Kapitel werde ich mehr darüber sagen

     11 Allgemeine Worte sind Geschöpfe des Verstandes  Aus dem Gesagten

erhelltdass allgemeine Worte nicht zum wirklichen Dasein eines Dinges gehören

sie sind vielmehr Erzeugnisse und Erfindungen des Verstandes, die er für seine

Zwecke gebildet hat und nur Zeichen entweder von Worten oder VorstellungenDie

Worte sind wie gesagt allgemeine wenn sie allgemeine Vorstellungen bezeichnen

und deshalb auf viele einzelne Dinge angewendet werdenkönnen, und die

Vorstellungen sind allgemeine wenn sie als die Darstellungen vieler einzelnen

Dinge aufgestellt sind Aber Allgemeinheit gehört nicht den Dingen selbst an

vielmehr sind diese als daseiende sämtlich einzelne und dies gilt selbst bei

den Worten und Vorstellungen deren Bedeutung eine allgemeine ist Verlässt man

daher das Einzelne so ist das Allgemeine, was übrig bleibt nur ein von uns

selbst gemachtes Geschöpf seine allgemeine Natur ist nur die von dem Verstande

ihm beigelegte Fähigkeit vieles Einzelne zu bezeichnen und darzustellen seine

Bedeutung ist nur eine Beziehung die ihm von der Seele zugegeben ist

     12 Die begrifflichen Vorstellungen sind das Wesen der genera und species

 Es ist also zunächst zu untersuchen welche Art von Bedeutung die allgemeinen

Worte haben denn da sie offenbar nicht bloß ein einzelnes Ding bezeichnen weil

sie sonst keine allgemeinen Worte sondern Eigennamen sein würden so ist doch

klar dass sie auch keine Mehrheit bezeichnen denn sonst würden Mensch und

Menschen dasselbe bedeuten und die Unterscheidung der Zahl wie die

Sprachlehrer sagen wäre überflüssig und nutzlos Das was die allgemeinen Worte

bezeichnen ist deshalb eine Art von Dingen, und jedes tut dies indem es das

Zeichen einer begrifflichen Vorstellung in der Seele ist wenn mit dieser die

daseienden Dinge übereinstimmen so werden sie unter diesem Samen gebracht

oder was dasselbe ist, sie sind von dieser Art Daraus erhelltdass das Wesen

der Arten oder wenn die lateinischen Ausdrücke vorgezogen werden der species

der Dinge nur diese begrifflichen Vorstellungen sind Denn wenn ein Ding

dadurch dass es das Wesen einer Art enthält zu dieser Art gehört und wenn die

Übereinstimmung des Namens mit der damit verknüpften Vorstellung diesen Namen

rechtfertigt so muss es dasselbe sein dieses Wesen oder diese Übereinstimmung

mit der Vorstellung zu haben denn es ist dasselbe ob etwas von derselben

Artist oder ob es ein Recht auf den Namen dieser Art hat So ist es zB

dasselbe ein Mensch oder von dieser Art zu sein und ein Recht auf den Namen

Mensch zu haben ebenso ist es dasselbe ein Mensch oder von der Art des

Menschen zu sein und das Wesen des Menschen zu haben Wenn also nur das Ding ein

Mensch ist oder das Recht zu diesem Namen hat welches mit der begrifflichen

Vorstellungwelche das Wort Mensch bezeichnet übereinstimmt und wenn nur das

Ding ein Mensch ist und ein Recht auf die Art Mensch hat was das Wesen dieser

Art hat so folgtdass die begriffliche Vorstellungdie das Wort bezeichnet

und das Wesen der Art ein und dasselbe ist. Daraus erhelltdass das Wesender

Arten der Dinge, und also auch ihre Teilung in Arten das Werk des Verstandes

ist welcher abtrennt und diese allgemeinen Vorstellungen bildet

     13 Sie sind das Werk des Verstandes, aber haben ihre Grundlage in der

Ähnlichkeit der Dinge.) Man glaube nicht ich hätte hier übersehen und

bestritten dass die Natur bei der Hervorbringung der Dinge manche einander

ähnlich macht es ist dies allbekannt namentlich bei den Arten der Tiere und

aller durch Samen fortgepflanzten Dinge Allein dennoch dürfte ihre Ordnung nach

Arten und ihre Benennung danach das Werk des Verstandes sein indem er von ihrer

Ähnlichkeit den Anlass zur Bildung begrifflicher allgemeiner Vorstellungen

nimmt und diese mit daran gehefteten Namen als Muster oder Formen denn in

diesem Sinne hat das Wort eine besondere Bedeutung in der Seele aufstellt Je

nachdem die einzelnen Dinge damit übereinstimmen sind sie von dieser Art und

erhalten deren Bezeichnung oder werden in diese Klasse gestellt Wenn man zB

sagt Dieser ist ein Mensch dies ist ein Pferd dies ist Gerechtigkeit jenes

Grausamkeit dies ist eine Uhr jenes ein Hanswurst so ist dies nur ein

Einreihen dieser Dinge unter verschiedene Namen weil sie den begrifflichen

Vorstellungen entsprechen zu deren Zeichen jene Worte gemacht worden sind; und

die Wesenheiten dieser herausgehobenen und mit Namen belegten Arten sind nur

jene begrifflichen Vorstellungen in der Seele die gleichsam die einzelnen

bestehenden Dinge zusammenbinden und Namen erhalten unter die sie geordnet

werden Wenn allgemeine Worte mit den einzelnen Dingen eine Verbindung haben so

geschieht es vermittelst der sie vereinenden begrifflichen Vorstellung deshalb

kann das Wesen der Art was der Mensch unterscheidet und benennt nur die in

seiner Seele bestehende begriffliche Vorstellung sein Deshalb können die

angeblichen wirklichen Wesenheiten der Substanzen wenn sie von den

begrifflichen Vorstellungen verschieden sein sollen nicht das Wesen der Arten

sein unter die man sie ordnet Zwei Arten können ebenso gut eine Art sein wie

zwei verschiedene Wesenheiten die Wesenheit einer Art und ich frage worin

bestehen die Veränderungen in einem Pferde oder in dem Blei wenn sie nicht

dadurch zu einer andern Art werden Erklärt man die Arten der Dinge durch die

begrifflichen Vorstellungen so ist dies leicht zu lösen will man sich aber

hier mit angeblichen wirklichen Wesenheiten helfen so dürfte man in

Verlegenheit kommen und man wird nie wissen können wenn ein Ding genau aufhört

zur Art des Pferdes oder Bleis zu gehören

     14 Jede bestimmte begriffliche Vorstellung ist eine bestimmte Wesenheit

 Wenn ich diese Wesenheiten oder begrifflichen Vorstellungen welche die

Maße der Worte und die Grenzen der Arten sind das Werk des Verstandes nenne

so kann dies Niemand wundern welcher bedenkt dass wenigstens die amen oft bei

verschiedenen Personen auch verschiedene Verbindungen einfacher Vorstellungen

sind und dass deshalb dem Einen etwas als Habgierde gilt und den Andern nicht

Selbst bei den Substanzen wo die begrifflichen Vorstellungen den Dingen selbst

entlehnt zu sein scheinen sind sie doch nicht immer sich gleich selbst nicht

bei den uns am meisten bekannten Arten mit denen man am vertrautesten ist da

man mehrmals bezweifelt hat ob die von einem Weibe geborene Frucht ein Mensch

sei und deshalb sogar überlegt hat ob sie ernährt und getauft werden solle

Dies wäre unmöglich gewesen wenn die begriffliche Vorstellung oder das Wesen,

dem der Name zukommt von der Natur gebildet wäre und nicht in der unsicheren

und veränderlichen Verbindung einfacher Vorstellungen bestünde die der Verstand

zusammenbringt und ihnen in ihrer Abtrennung dann einen besonderen Namen gibt

Deshalb ist in Wahrheit jede begriffliche Vorstellung eine bestimmte Wesenheit

und die Worte für solche begriffliche Vorstellungen bezeichnen wesentlich

verschiedene Dinge So ist ein Kreis so wesentlich von einem Oval verschieden

wie das Schaf von der Ziege und Regen ist so wesentlich vom Schnee verschieden

wie Wasser von Erde Die begriffliche Vorstellungwelche das Wesen von einem

Dinge ist kann einem andern nicht mitgeteilt werden deshalb bilden zwei

begriffliche Vorstellungendie in einem Punkte von einander abweichen mit

ihren Namen zwei verschiedene Arten oder species und sind ebenso wesentlich

verschieden als die zwei entferntesten und entgegengesetztesten in der Welt

     15 Die wirklichen und die WortWesen Da das Wesen der Dinge vielfach

als unbekannt angesehen wird und nicht ohne Grund so ist eine Untersuchung

der verschiedenen Bedeutungen dieses Wortes nötig Erstens kann Wesen für das

gelten wodurch ein Ding das ist was es ist und deshalb kann man die wirkliche

innere aber bei Substanzen meist unbekannte Verfassung der Dinge, von welcher

ihre erkennbaren Eigenschaften abhängen ihr Wesen nennen Dies ist die

eigentliche und ursprüngliche Bedeutung dieses Wortes wie aus seiner Bildung

hervorgeht da essentia in seinem ursprünglichen Sinne das Sein bedeutet In

diesem Sinne gebraucht man das Wort wenn man von dem Wesen einzelner Dinge

spricht ohne ihnen einen Namen zu geben Zweitens hat man in den Büchern und

Streitigkeiten der Schulen sich viel mit genus und species gemüht und dadurch

hat das Wort Wesen seine ursprüngliche Bedeutung beinahe verloren anstatt die

wirkliche Verfassung von Dingen bezeichnet man damit die künstliche Verfassung

der genera und species Man nimmt allerdings gewöhnlich an dass diese eine

wirkliche Verfassung haben und unzweifelhaft muss es wirkliche Verfassungen

geben von denen jede Verbindung zusammen bestehender einfacher Vorstellungen

abhängt Allein da die Dinge offenbar nur soweit in Gattungen und Arten geordnet

werden als sie den begrifflichen Vorstellungen entsprechen die mit diesem

Namen bezeichnet sind so ist das Wesen jedes genus oder jeder Gattung nur die

begriffliche Vorstellungwelche der Gattungs oder ArtName bezeichnet Dies

ist der Sinn des Wortes Wesen in dem es am meisten gebraucht wird Man kann

diese bisherigen zwei Arten des Wesens vielleicht am besten die eine mit

wirklichen die andere mit WortWesen bezeichnen

     16 Die stete Verbindung zwischen dem Namen und WortWesen Zwischen dem

Namen und dem WortWesen besteht eine so enge Verbindung dass der Name einer

Art von Dingen dem einzelnen Dinge nur beigelegt werden kann, wenn es die

Wesenheit hat die der begrifflichen Vorstellung entspricht welche der Name

bezeichnet

     17 Die Annahme, dass die Arten durch ihr wirkliches Wesen von einander

unterschieden seien hat keinen Nutzen Über das wirkliche Wesen körperlicher

Substanzen wenn ich mich auf diese beschränke gibt es wenn ich nicht irre

zwei Ansichten Die eine herrscht bei Denen welche das Wort Wesen ich weiß

nicht für was gebrauchen und eine Anzahl solcher Wesen annehmen denen

entsprechend alle Dinge gemacht sind und an denen jedes Einzelne genau Teil

nimmt und dadurch von dieser oder jener Art ist Die andere und verständigere

Ansicht herrscht bei Denen welche in allen natürlichen Dingen eine wirkliche

aber unbekannte Verfassung ihrer nicht wahrnehmbaren Theile annehmen aus der

die sinnlichen Eigenschaften sich ableiten wodurch sie von einander

unterschieden werden, je nachdem man Anlass hat sie in Arten mit besonderen

Namen zu ordnen Die erste dieser Ansichten welche diese Wesenheiten als eine

Anzahl von Formen oder Modelle ansieht in die alle bestehenden natürlichen

Dinge gepresst worden sind, und an denen sie gleichen Antheil haben hat die

Erkenntnis der natürlichen Dinge nach meiner Ansicht sehr erschwert Das

häufige Vorkommen von widernatürlichen Formen bei allen Arten der Geschöpfe von

Missgeburten und anderen seltsamen Gestalten bei menschlichen Geburten führen

hier zu Schwierigkeiten die sich mit dieser Annahme nicht vereinigen lassen

denn es ist ebenso unmöglich dass zwei Dinge die an demselben wirklichen Wesen

Teil haben verschiedene Eigentümlichkeiten haben als dass zwei Figuren die

an demselben wirklichen Wesen des Kreises Teil haben verschiedene

Eigentümlichkeiten haben könnten Stände dieser Ansicht auch sonst kein Grund

entgegen so ist doch die Annahme von Wesenheiten die man nicht erkennen kann

obgleich sie das sein sollen was die Arten der Dinge trennt so nutzlos und

hilft unserem Wissen so wenig dass man sie schon deshalb bei Seite lassen kann

und sich mit solchen Wesenheiten der Arten oder Gattungen der Dinge begnügen

sollte die in den Bereich der Erkenntnis fallen und als solche werden sich

bei genauerer Prüfung wie gesagt nur jene begrifflichen zusammengesetzten

Vorstellungen ergeben denen besondere Namen gegeben worden sind.

     18 Das wirkliche und das WortWesen sind bei einfachen Vorstellungen und

bei eigenschaftlichen Besonderungen ein und dasselbe aber bei den Substanzen

verschieden Wenn man so das Wesen in das wirkliche und in das WortWesen

einteilt so zeigt sich dass bei den einfachen Vorstellungen und bei den

Eigenschaften beide immer dasselbe sind aber bei den Substanzen immer

verschieden so ist die einen Raum innerhalb dreier Linien einschließende Figur

sowohl das wirkliche, wie das WortWesen des Dreiecks da sie nicht bloß die

begriffliche Vorstellung ist, mit welcher dieser Name verbunden wird sondern

auch das wahre Wesen oder Sein des Dinges selbst und die Grundlage von der all

seine Eigenschaften herkommen und an welche sie sämtlich untrennbar geheftet

sind Ganz anders ist es aber mit dem Stücke Stoff welches den Ring meines

Fingers ausmacht hier sind diese beiden Wesen offenbar verschieden Denn es ist

die wirkliche Verfassung seiner kleinsten Theile von der seine Eigenschaften in

Bezug auf Farbe Gewicht Schmelzbarkeit Festigkeit usw abhängen diese

Verfassung ist unbekannt und da die Vorstellung dafür fehlt ist auch kein

besonderer Name dafür vorhanden Dennoch sind es die Farbe das Gewicht die

Schmelzbarkeit die Festigkeit usw welche machen dass Etwas Gold ist und so

genannt wird deshalb sind sie sein WortWesen nichts kann Gold genannt werden,

was nicht in seinen Eigenschaften mit der begrifflichen Vorstellung

übereinstimmt zu der dieser Name gehört Da indes dieser Unterschied des

Wesens mehr zu den Substanzen gehört so wird er da wo über deren Namen

gehandelt werden wird vollständiger zu erörtern sein

     19 Die Wesen sind unerzeugbar und unverderblich Dass diese

begrifflichen Vorstellungen mit ihren Namen das Wesen sind erhellt weiter aus

dem was man von dem Wesen sagt nämlich dass es nicht erzeugt werden und nicht

vergehen kann Von der wirklichen Verfassung der Dinge kann dies nicht gelten

da diese mit ihnen entsteht und untergeht Alle bestehenden Dinge mit Ausnahme

ihres Schöpfers sind dem Wechsel unterworfen namentlich die Dinge die wir

kennen und in Klassen mit bestimmten Namen oder Zeichen geordnet haben So ist

das was heute Gras ist morgen das Fleisch eines Schafes und einige Tage später

das Fleisch eines Menschen bei allen diesen und ähnlichen Veränderungen wird

offenbar sein wirkliches Wesen dh die Verfassung wovon die Eigenschaften der

Dinge abhängen zerstört und geht mit ihnen unter Nimmt man aber die Wesen als

Vorstellungen in der Seele die bestimmte Namen haben so gelten sie als

unveränderlich trotz der Veränderungen welche die einzelnen Substanzen

erleiden denn was zB auch aus Alexander und Bucephalus werden mag so bleiben

doch die Vorstellungen, an welche der Mensch und das Pferd geknüpft waren

dieselben und so bleiben die Wesen dieser Arten ganz und unzerstört wenn auch

die einzelnen Individuen dieser Arten noch so viel sich verändern Auf diese

Weise bleibt das Wesen einer Art ganz unverletzt und von dem Dasein eines oder

vieler Individuen dieser Art unabhängig Wenn es jetzt auch gar keinen Kreis in

der Welt gäbe da vielleicht eine genaue Kreisgestalt in der Welt gar nicht

besteht so bliebe doch die Vorstellung dieses Namens das was sie ist und

hörte nicht auf das Muster zu sein wonach sich bestimmt welche einzelne sich

findenden Figuren ein Recht auf den Namen Kreis haben und welches zeigt welche

Figuren vermöge dieser Wesenheit zu dieser Art gehören Und wenn es so niemals

in Natur ein Thier wie das Einhorn oder einen Fisch wie die Seejungfer gegeben

hätte so würde doch wenn diese Namen zusammengesetzte begriffliche

Vorstellungen bezeichnen die keinen Widerspruch in sich enthalten das Wesen

der Seejungfer ebenso verständlich sein wie das des Menschen und das Wesen des

Einhorns würde so gewiss beständig und fest sein wie das des Pferdes Aus dem

Gesagten erhellt wie diese Lehre von der Unveränderlichkeit der Wesenheiten sie

nur als begriffliche Vorstellungen darlegt die sich auf die Beziehung ihrer zu

gewissen Lauten als ihren Zeichen stützen sie werden so lange wahr sein als

der Name dieselbe Bedeutung behält

     20 Wiederholung Ich fasse also das Bisherige zusammen und sage dass

diese ganze große Frage der genera und species und ihrer Wesen nur bedeutet

dass man durch Bildung begrifflicher Vorstellungenwelche mit bestimmten ihnen

gegebenen Namen festgehalten werden im Stande ist Dinge zu betrachten und von

ihnen wie in Bündeln zu sprechen und damit die Vermehrung und Mittheilung des

Wissens leichter und bequemer zu machen während dies nur langsam geschehen

würde wenn die Worte und Gedanken nur am einzelne Dinge beschränkt worden

wären

 
 



 

     1 Die Worte für einfache Vorstellungen für die Zustände und für die

Substanzen haben für jede Art etwas Besonderes Obgleich alle Worte wie ich

gezeigt habe unmittelbar nur die Vorstellung des Sprechenden bezeichnen so

ergibt doch die nähere Betrachtung dass die Worte für einfache Vorstellungen

für gemischte Zustände unter denen ich auch die Beziehungen begreife und für

die natürlichen Substanzen in jeder Art etwas Eigentümliches und von einander

Verschiedenes haben Zum Beispiel

     2 Die Worte für einfache Vorstellungen und für Substanzen bedeuten das

wirkliche Dasein Erstens die Worte für einfache Vorstellungen und für

Substanzen mit den sie unmittelbar bezeichnenden Vorstellungen in der Seele

bedeuten auch ein wirkliches Sein von dem ihr ursprüngliches Muster abgeleitet

worden ist; aber die Worte für gemischte Zustände schließen mit der Vorstellung

in der Seele ab und führen das Denken nicht darüber hinaus wie das nächste

Kapitel deutlicher ergeben wird

     3 Die Worte für einfache Vorstellungen und Zustände bedeuten immer

sowohl das wirkliche, wie das WortWesen Zweitens Die Worte für einfache

Vorstellungen und für Zustände bezeichnen sowohl das wirkliche, wie das

WortWesen ihrer Art während die Worte für natürliche Substanzen nur selten

oder wohl niemals mehr als das WortWesen ihrer Art bedeuten wie das über die

Namen der Substanzen handelnde Kapitel näher ergeben wird

     4 Die Worte für einfache Vorstellungen sind undefinierbar Drittens Die

Worte für einfache Vorstellungen können nicht definiert werden aber wohl die

Worte für zusammengesetzte Vorstellungen Ich wüsste nicht dass man schon

bemerkt hätte welche Worte definierbar sind und welche nicht dies veranlasst

wie ich glauben möchte oft großes Schwanken und Dunkelheit in dem Reden

indem der Eine Definitionen von Ausdrücken verlangt die nicht definiert werden

können, und der Andere sich nicht bei einer Erklärung beruhigen zu dürfen meint

die durch ein allgemeines Wort und seine Beschränkung gegeben wird oder nach

den Kunstausdrücken durch das genug und den ArtUnterschied wenn Der welcher

eine solche nach der Regel gemachte Definition hört keine klarere Vorstellung

von dem Sinn des Wortes dadurch erlangt als er schon vorher hatte Es liegt

wohl nicht ganz außerhalb meiner Aufgabe wenn ich zeige welche Worte nicht

definiert werden können und worin eine gute Definition besteht die Natur dieser

Zeichen und unserer Vorstellungen dürfte dadurch so viel Licht erlangen dass

die Sache wohl einer näheren Betrachtung wert sein dürfte

     5 Wenn Alles definierbar wäre so nähme die Definition kein Ende Ich

mühe mich nicht damit ab dass ich aus dem Fortgange ohne Ende beweise dass

nicht alle Worte definierbar seien offenbar geriete man in dieses Endlose wenn

alle Worte definierbar wären Wären die Ausdrücke einer Definition durch andere

wieder definierbar wo sollte man da zuletzt einhalten Ich will vielmehr aus der

Natur unserer Vorstellungen und aus der Bedeutung unserer Worte zeigen weshalb

manche Worte definiert werden können und andere nicht und welche es sind

     6 Was eine Definition ist Ich denke es ist anerkannt dass eine

Definition den Sinn eines Wortes durch mehrere andere nicht gleichlautende

Ausdrücke darlegt Der Sinn der Worte sind nur die Vorstellungenwelche die

Worte bei Dem der sie gebraucht bezeichnen und deshalb ist deren Sinn dann

dargelegt oder das Wort definiert wenn die dazu in der Seele des Sprechenden

gehörende Vorstellung durch andere Worte dem Andern gleichsam dargelegt oder vor

Augen gestellt und so seine Bedeutung vergewissert worden istDies allein ist

der Zweck und der Nutzen der Definitionen und deshalb auch der alleinige

Maßstab für ihre Güte

     7 Weshalb einfache Vorstellungen nicht definierbar sind Dies

vorausgeschickt sage ich dass die Worte für einfache Vorstellungenund zwar

nur diese undefinierbar sind weil die mehreren Ausdrücke einer Definition

mehrere Vorstellungen bezeichnen und daher niemals zusammen eine Vorstellung

darlegen können die überhaupt nicht zusammengesetzt ist Deshalb kann die

Definition, die in Wahrheit nur den Sinn eines Wortes durch mehrere andere

aufzeigt die nicht alle dasselbe bedeuten bei Worten für einfache

Vorstellungen nicht Platz greifen

     8 Beispiele hierzu Die Bewegung.) Indem man diesen Unterschied bei den

Vorstellungen und ihren Worten nicht bemerkte geriet man in jene

Jämmerlichkeiten die man leicht an den Definitionen der Schulen bei einzelnen

dieser einfachen Vorstellungen erkennt Die meisten derselben haben sie

allerdings weislich unberührt gelassen weil sie es geradezu unmöglich fanden

sie zu definieren Welches leerere Geschwätz konnte der Menschenwitz wohl

erfinden als die Definition: »Die Tätigkeit eines in Kraft seienden Dinges

insofern es in Kraft ist« Jedermann würde dadurch in Verlegenheit geraten der

sie nicht schon durch ihre berüchtigte Widersinnigkeit kennt wenn er das Wort

raten sollte was dadurch erklärt werden soll Wenn Tullius einen Holländer

gefragt hätte was »Beweeginge« sei und ihm nun als Erläuterung in seiner

Sprache gesagt worden wäre es sei ein »Actus entis in potentia quatenus in

poteitia« so frage ich ob Jemand wohl glauben kann Tullius habe nun

verstanden was »Beweeginge« bedeute oder habe erraten was der Holländer bei

diesem Laut in der Regel denkt und dem Andern dadurch mittheilen will

     9 Auch den neueren Philosophen ist es trotz ihres Versuchs dieses Gerede

und unverständliche Geschwätz der Schulen bei Seite zu werfen nicht besser

gelungen die einfachen Vorstellungen zu definieren weder die Erklärung ihrer

Ursachen noch Anderes wollte dazu helfen Wenn die Atomiker die Bewegung als

den Übergang aus einem Orte in einen andern definieren so setzen sie nur ein

anderes Wort desselben Sinnes für das zu definierende denn Übergang ist eben

Bewegung und fragte man sie was Übergang sei so könnten sie es nicht besser

als durch Bewegung definieren es ist wenigstens ebenso passend und deutlich zu

sagen Übergang ist die Bewegung aus einem Ort in den andern wie Bewegung ist

der Übergang aus usw Dies nennt man übersetzen aber nicht definieren wenn

man nur zwei Worte gleichen Sinnes wechselt Ist das eine verständlicher als das

andere so kann es allerdings die Vorstellungwelche das unverstandene Wort

bezeichnet entdecken helfen allein dies ist lange noch keine Definition denn

sonst müsste jedes deutsche Wort in dem Wörterbuche die Definition des

lateinischen sein soweit es ihm entspricht und Bewegung wäre dann die

Definition von motus Auch die Cartesianische Definition nämlich die

fortgehende Berührung der Theile der Oberfläche eines Körpers mit denen eines

andern ist bei näherer Prüfung keine bessere Definition der Bewegung.

     10 Licht »Die Tätigkeit des Durchsichtigen als Durchsichtiges« ist

eine andere Definition einer einfachen Vorstellungwelche die Aristotelischen

Schulen bieten Sie ist nicht verkehrter als die vorige aber sie verrät ihre

Nutzlosigkeit und Bedeutungslosigkeit deutlicher weil die Erfahrung leicht

Jedermann belehrt dass sie den Sinn des Wortes Licht was sie definieren will

einem Blinden nicht begreiflich machen kann während jene Definition der

Bewegung auf den ersten Blick nur deshalb nicht so wertlos erscheint weil bei

ihr diese Art von Probe nicht gemacht werden kann. Für diese einfache

Vorstellungdie man durch das Gefühl und das Gesicht erlangt kann man keine

solche Probe an Jemand machen der die Vorstellung der Bewegung nur allein durch

deren Definition erlangen könnte Die welche sagen dass das Licht aus einer

großen Zahl feiner Kügelchen bestehe welche scharf auf den Grund des Auges

stoßen sprechen zwar verständlicher als die Schulen aber auch diese Worte

selbst wenn man sie noch so gut versteht würden die mit dem Wort Licht

bezeichnete Vorstellung Jemandem der das Licht nicht schon kennt so wenig

verständlich machen als wenn man ihm sagte dass das Licht ein Spiel sei wo

Feen den ganzen Tag Federbälle mit ihren Pritschen gegen den Vorderkopf der

Menschen schlagen während sie bei andern vorübergehen Gesetzt auch diese

Erklärung sei die wahre so gibt doch die noch so genaue Vorstellung von der

Ursache des Lichts nicht die Vorstellung von dem Lichte selbst als einer

besonderen Empfindung in uns ebenso wie die Vorstellung von der Gestalt und

Bewegung eines scharfen Stückes Stahl nicht die Vorstellung vom dem Schmerz

gibt den es verursachen kann Die Vorstellung von der Ursache einer Empfindung

und die Empfindung selbst sind bei allen einfachen sinnlichen Vorstellungen zwei

verschiedene Vorstellungenund zwar zwei so verschiedene und von einander

getrennte als es nur möglich ist Wenn daher auch die Kügelchen des Descartes

noch so lange auf die Netzhaut eines Blinden treffen so erlangt er damit doch

keine Vorstellung vom Licht oder etwas dem Ähnlichen obgleich er recht gut

versteht was kleine Kügelchen sind und was das Stoßen an einen Körper

bedeutet Deshalb unterscheiden die Cartesianer auch sehr wohl zwischen dem

Licht was die Empfindung in dem Menschen verursacht und zwischen der

Vorstellungdie dadurch verursacht wird und eigentlich das ist was man Licht

nennt

     11 Es wird weiter erklärt weshalb einfache Vorstellungen nicht definiert

werden können.) Einfache Vorstellungen kann man wie ich früher gezeigt habe

nur erlangen durch die Eindrücke welche die Gegenstände durch die für jede Art

derselben bestimmten Eingänge auf die Seele machen Sind sie nicht auf diesem

Wege erlangt worden so können alle Worte der Welt womit man die entsprechenden

Worte erläutern oder definieren will die betreffende Vorstellung in der Seele

nicht hervorbringen Denn Worte sind Laute und können als solche nur

Vorstellungen von diesen Lauten erwecken nur wenn die willkürliche Verbindung

derselben mit jenen einfachen Vorstellungen für welche sie dem Gebrauche nach

als Zeichen gelten gekannt ist können sie diese andern Vorstellungen erwecken

Wer dies nicht glaubt mag versuchen ob er durch Worte den Geschmack einer

Ananas erlangen und die wahre Vorstellung von dem Geschmacke dieser berühmten

köstlichen Frucht erreichen kann Soweit man ihm sagt dass sie dem Geschmacke

von andern Dingen ähnelt deren Geschmack ihm schon bekannt und durch die seinem

Gaumen bekannten sinnlichen Gegenstände eingedrückt worden ist, soweit kann er

sich jener Vorstellung zwar nähern allein dann wird ihm diese Vorstellung nicht

durch die Definition beigebracht sondern es werden nur andere einfache

Vorstellungen durch deren bekannte Namen wachgerufen die immer noch sehr von

dem wahren Geschmack dieser Frucht verschieden sein können Mit dem Licht den

Farben und allen andern einfachen Vorstellungen verhält es sich ebenso denn die

Bedeutung der Laute ist keine natürliche sondern sie ist nur willkürlich damit

verknüpft und jede Definition des Lichts oder des Rothen ist zur Hervorbringung

dieser Vorstellung so wenig geeignet wie der Laut Licht oder Roth selbst Die

Hoffnung dass die Vorstellung von Licht oder einer Farbe durch irgend welchen

artikulierten Laut hervorgebracht werde gleicht der Erwartung dass die Laute

sichtbar oder die Farben hörbar werden und dass die Ohren das Geschäft aller

übrigen Sinne übernehmen Es ist gerade so als wenn man sagte dass man

mittelst der Ohren schmecke rieche und sehe Dies wäre eine Art Philosophie

würdig des Sancho Pansa der seine Dulcinea durch Hörensagen sehen konnte Wer

daher nicht zuvor in seiner Seele durch den entsprechenden Einlass die

Vorstellungwelche das Wort bezeichnet empfangen hat kann die Bedeutung

desselben niemals durch irgend welche andern Worte oder Laute erlangen wenn sie

auch nach den Regeln der Definition mit einander verbunden sind. Der einzige Weg

dazu ist seinen Sinnen den betreffenden Gegenstand vorzustellen und so die

Vorstellung in ihm zu erwecken deren Wort er schon kennen gelernt hat Ein

eifriger blinder Mann der seinen Kopf sehr mit sichtbaren Gegenständen

angestrengt und die Erklärungen der Bücher und seiner Freunde benutzt hatte um

die Worte Licht und Farben verstehen zu lernen die ihm so oft begegneten

rühmte sich eines Tages dass er nun wüsste was Purpur bedeute als ihn seine

Freunde danach fragten sagte der blinde Mann Es gleicht dem Ton der Trompete

In derselben Weise wird Jeder den Sinn anderer einfacher Vorstellungen

auffassen wenn er ihn allein durch eine Definition oder eine Erklärung

vermittelst anderer Worte zu erlangen versucht

     12 Das Gegenteil bei zusammengesetzten Vorstellungen wird in den

Beispielen einer Statue und eines Regenbogens dargelegt Ganz anders verhält es

sich mit zusammengesetzten Vorstellungen diese bestehen aus einfachen und

deshalb kann durch die Worte für diese auch bei Demjenigen die zusammengesetzte

Vorstellung erweckt werden der sie noch nicht gehabt hat und ihm damit deren

Name verständlich gemacht werden Bei solchen Verbindungen von Vorstellungen,

die mit einem Namen bezeichnet sind hat die Definition, wo durch andere Worte

die Bedeutung des einen erläutert wird ihre Stelle und kann selbst Worte von

Dingen, verständlich machen die vorher den Sinnen nicht vorgekommen sind Es

können dadurch die entsprechenden Vorstellungen zu diesen Namen in der Seele

Anderer gebildet werden, sobald jedes Wort in der Definition was eine einfache

Vorstellung bezeichnet Dem welchem die Definition gegeben wird schon bekannt

ist So kann das Wort Statue selbst einem Blinden durch andere Worte erklärt

werden, obgleich bei einem Gemälde dies nicht möglich ist da er durch seine

Sinne wohl die Vorstellungen von Gestalten aber nicht von Farben erlangt hat

deren Worte mithin ihm die Vorstellungen von Farben nicht erwecken können

Dadurch gewann der Maler den Preis gegen den Bildhauer jeder rühmte seine

Kunst und der Bildhauer stellte seine voran weil sie weiter reiche und selbst

Blinde ihre Vortrefflichkeit erkennen könnten Der Maler war bereit sich dem

Urteil des Blinden zu unterwerfen und dieser wurde dahin gebracht wo eine von

dem Andern gefertigte Statue und ein Gemälde des Malers sich befanden Man

führte ihn zuerst zur Statue an der er mittelst seiner Hand alle Linien des

Gesichts und des Körpers befühlte und voll Bewunderung die Geschicklichkeit des

Künstlers rühmte Als er dann zu dem Gemälde geführt wurde und er seine Hände

darauf gelegt hatte sagte man ihm dass er jetzt den Kopf nun die Stirn die

Augen die Nase berühre je nachdem seine Hände über diesen Teil des Gemäldes

auf der Leinwand sich bewegten ohne dass er sie unterscheiden konnte O rief

er da aus dies ist offenbar ein wunderbares und göttliches Meisterstück da es

Ihnen alle die Theile darstellt von denen ich weder etwas fühlen noch sonst

wahrnehmen kann

     13 Wenn man das Wort Regenbogen Jemand nennt der dessen Farben alle

kennt aber niemals einen gesehen hat so kann ihm durch Angabe der Gestalt

Breite Stellung und Ordnung der Farnen das Wort so definiert werden dass er es

vollständig versteht Trotz der Vollkommenheit dieser Definition wird sie aber

für einen Blinden unverständlich bleiben weil dieser die meisten der einfachen

Vorstellungen darin nie durch Erfahrung und Wahrnehmung kennen gelernt hat und

deshalb bloße Worte sie in ihm nicht hervorbringen können

     14 Dasselbe gilt für zusammengesetzte Vorstellungen wenn sie durch

Worte verständlich gemacht werden können.) Die einfachen Vorstellungen können

wie ich gezeigt habe nur durch Erfahrung von den Gegenständen gewonnen werden

die zur Hervorbringung dieser Vorstellung geeignet sind Hat man so die Seele

mit einem Vorrat davon versehen und kennt man ihre Namen so vermag man zu

definieren und durch Definitionen die Worte für zusammengesetzte Vorstellungen zu

verstehen Bezeichnet aber ein Wort eine einfache Vorstellungdie der Hörer

noch nicht in seiner Seele gehabt hat so kann ihm deren Sinn durch kein Wort

verständlich gemacht werden Kennt der Hörer die Vorstellung, und nur das dafür

gebrauchte Wort nicht so kann ein anderes Wort dafür was ihm bekannt ist ihm

den Sinn verständlich machen aber niemals kann das Wort von einer einfachen

Vorstellung definiert werden

     15 Die Worte für einfache Vorstellungen sind am wenigsten zweifelhaft

Viertens Wenn auch den Worten für einfache Vorstellungen die Hülfe der

Definitionen zur Feststellung ihres Sinnes abgeht so hindert dies doch nicht

dass sie in der Regel nicht so zweifelhaft und unsicher sind als die Worte für

gemischte Zustände und für Substanzen denn jene bezeichnen nur eine einfache

Vorstellung und die Menschen stimmen deshalb leicht und vollkommen in deren

Bedeutung überein für Irrtum und Schwanken im Sinne des Wortes ist hier kein

Platz Wer einmal weiß dass Weiß das Wort für die Farbe ist die er am Schnee

und an der Milch wahrgenommen hat der wird dies Wort so lange nicht falsch

gebrauchen als er die Vorstellung behält und selbst wenn er sie verloren hat

wird er den Sinn des Wortes nicht falsch auffassen sondern nur bemerken dass

er es nicht versteht Bei den einfachen Vorstellungen ist keine Menge von zu

verbindenden einfachen Vorstellungen vorhanden welche die Worte für gemischte

Zustände zweifelhaft macht auch nicht ein angebliches wenn auch unbekanntes

wirkliches Wesen von dem die Eigenschaften abhängen deren Zahl ebenfalls

unbekannt ist Umstände die bei den Worten für Substanzen die Schwierigkeiten

herbeiführen vielmehr ist bei den einfachen Vorstellungen die ganze Bedeutung

des Wortes auf einmal erfasst sie besteht nicht aus Teilen wo die Vorstellung

wechselt je nachdem mehr oder weniger zusammengefasst werden und damit das Wort

dunkel und unsicher wird

     16 Einfache Vorstellungen haben nur wenige Stufen auf der Bezeichnungs

Leiter Fünftens haben einfache Vorstellungen und ihre Worte nur wenige Stufen

in der linea prädicamentali wie man sich ausdrückt von der niedrigsten Art bis

zu der höchsten Gattung denn die niedrigste Art ist eine einfache Vorstellung

bei der Nichts ausgelassen werden kann. Man kann deshalb hier keinen

ArtUnterschied wegnehmen damit sie dann mit einem andern Dinge in etwas was

beiden gemeinsam ist übereinstimme und damit die Gattung von beiden sei So

kann zB aus der Vorstellung von Weiß und Roth nichts weggelassen werden

damit sie in einer gemeinsamen sinnlichen Bestimmung übereinstimmen und einen

Namen haben während man bei der zusammengesetzten Vorstellung von Mensch das

Vernünftige weglassen und so sie in der Vorstellung und in dem Worte Thier mit

unvernünftigen Geschöpfen übereinstimmend machen kann Als man deshalb um

lästige Aufzählungen zu vermeiden das Weiß und Roth und andere solche einfache

Vorstellungen unter einem gemeinsamen Namen befassen wollte konnte man es nur

mittelst eines Wortes was den Weg bezeichnete wie man zu demselben gelangt

Wenn zB Weiß Roth und Gelb unter der gemeinsamen Gattung der Farbe befasst

werden so bedeutet dies nur dass diese Vorstellungen bloß durch das Gesicht

hervorgebracht werden und nur durch die Augen in die Seele gelangen Und wenn

man ein allgemeines Wort für Farben und Töne und ähnliche einfache Vorstellungen

bilden will so geschieht es nur durch ein Wort was alle bloß durch einen Sinn

in die Seele eintretenden Vorstellungen befasst So befasst der allgemeine

Ausdruck Eigenschaft in seinem gewöhnlichen Sinne die Farben die Töne die

Geschmäcke die Gerüche und das Fühlbare im Unterschied von der Ausdehnung,

Zahl Bewegung Lust und des Schmerzes welche durch mehr als einen Sinn die

Seele erregen und ihre Vorstellungen einführen

     17 Die Worte für einfache Vorstellungen sind nicht ganz willkürlich

Sechstens unterscheiden sich die Worte für einfache Vorstellungen für gemischte

Zustände und für Substanzen auch darin dass die Worte für die Zustände ganz

willkürliche Vorstellungen bezeichnen die Worte für die Substanzen sind nicht

ganz der Art sondern beziehen sich auf ein Muster was jedoch eine gewisse

Breite hat dagegen sind die Worte für einfache Vorstellungen vollständig den

bestehenden Dingen entlehnt und durchaus nicht willkürlich Das nächste Kapitel

wird zeigen welche Unterschiede dies in deren Namen herbeiführt Die Worte für

einfache Zustände sind von denen für einfache Vorstellungen wenig verschieden

 
 






     1 Sie bezeichnen begriffliche Vorstellungen gleich andern allgemeinen

Worten Da die Worte für die gemischten Zustände allgemeine sind so bezeichnen

sie wie ich gezeigt habe Arten von Dingen, die ihre eigene Wesenheit haben

Diese Wesenheiten sind wie ich ebenfalls gezeigt habe nur begriffliche

Vorstellungen der Seele denen ein Name gegeben worden ist. Insoweit haben die

Worte und Wesenheiten der gemischten Zustände nichts von anderen Vorstellungen

Abweichendes indessen findet sich bei näherer Prüfung doch etwas

Eigentümliches an ihnen was Beachtung verdient

     2 Die Vorstellungenwelche sie bezeichnen sind von dem Verstande

gebildet Die erste Eigentümlichkeit ist dass die begrifflichen

Vorstellungen oder wenn man lieber will die Wesenheiten der verschiedenen

gemischten Zustände von dem Verstande gebildet sind dadurch unterscheiden sie

sich von den einfachen Vorstellungendie der Verstand nicht aus sich bilden

kann sondern von den wirklichen Dingen die auf ihn wirken nur so erhält wie

sie ihm dargeboten werden

     3 Sie sind willkürlich und nach keinem Vorbilde gemacht Diese

Wesenheiten von den Arten der gemischten Zustände sind aber nicht bloß

willkürlich gemacht sondern auch ohne ein Vorbild oder Berücksichtigung eines

bestehenden Dinges Sie unterscheiden sich darin von den Vorstellungen der

Substanzen bei denen man annimmt dass sie von einem wirklichen Dinge

abgenommen sind mit dem sie übereinstimmen Dagegen nimmt sich die Seele bei

ihren gemischten Zuständen die Freiheit den bestehenden Dingen nicht genau zu

folgen Sie verbindet und hält Verbindungen als ebenso viele Vorstellungen fest

während sie andere die in der Natur oft vorkommen und durch die äußeren Dinge

klar geboten sind vernachlässigt und ohne besondere Benennung oder Hervorhebung

lässt Auch werden sie nicht wie die zusammengesetzten Vorstellungen der

Substanzen nach wirklich bestehenden Dingen geprüft und nicht nach Mustern

untersucht welche solche Verbindungen in der Natur enthalten Niemand wird um

zu wissen ob seine Vorstellung des Ehebruchs oder der Blutschande richtig ist

sie unter den bestehenden Dingen aufsuchen ihre Wahrheit beruht nicht darauf

dass Jemand Zeuge einer solchen Handlung gewesen ist es genügt vielmehr dass

man eine solche Sammlung in eine Vorstellung vereinigt hat welche die

eigentliche MusterVorstellung bildet ohne Rücksicht ob eine solche Handlung

in rerum natura begangen worden ist oder nicht

     4 Wie dies geschieht Um dies recht zu verstehen muss man untersuchen

worin die Bildung dieser zusammengesetzten Vorstellungen besteht und bemerken

dass diese nicht in der Herstellung einer neuen Vorstellung besteht sondern in

der Verbindung solcher die man schon vorher hatte Die Seele tut hierbei

dreierlei 1 wählt sie eine bestimmte Anzahl aus 2 verbindet sie diese und

macht sie zu einer Vorstellung 3 bindet sie dieselben durch einen Namen

zusammen Beachtet man wie die Seele hier vorgeht und welche Freiheiten sie

sich gestattet so bemerkt man leicht dass das Wesen der verschiedenen

gemischten Zustände nur das Werk der Seele ist und mithin die Arten von den

Menschen selbst gemacht werden

     5 Ihre Willkürlichkeit erhellt daraus dass die Vorstellung oft vor dem

Gegenstande da ist Man wird nicht bestreiten dass diese Vorstellungen von

gemischten Zuständen aus einer willkürlichen Verbindung von Vorstellungen durch

die Seele hervorgehen und unabhängig von einem ursprünglichen Muster in der

Natur, wenn man erwägt dass diese Art zusammengesetzter Vorstellungen gebildet

selbstständig gemacht benannt und so zu einer Art erhoben wird ehe noch ein

Exemplar dieser Art bestanden hat Niemand kann bezweifeln dass die

Vorstellungen des Kirchenraubs oder des Ehebruchs in der Seele des Menschen

gebildet und mit Namen belegt worden sind, dass also diese Arten von gemischten

Zuständen fertig gewesen sind ehe noch eine Handlung der Art begangen worden

war Man hat sie schon besprochen erörtert und als entdeckte Wahrheiten

behandelt als sie vielleicht nur erst in der Seele bestanden und zwar ebenso

gut als jetzt wo sie ein Vielleicht zu häufiges Dasein gewonnen haben Hieraus

erhelltdass die Arten der gemischten Zustände nur die Geschöpfe des Verstandes

sind in ihm haben sie ihr Bestehen was den Zwecken der Wahrheit und

Erkenntnis ebenso dient als wenn sie im Dasein beständen Unzweifelhaft haben

Gesetzgeber oft Gesetze für gewisse Handlungen gemacht die nur erst die

Geschöpfe ihres Verstandes waren und nur darin ihr Dasein hätten auch wird wohl

Niemand leugnen dass die Auferstehung eine Art gemischten Zustandes in der

Seele gewesen ist ehe sie noch wirkliches Dasein erlangt hatte

     6 Beispiele Mord Blutschande Meuchelmord Um die Willkürlichkeit in

Bildung dieser gemischten Zustände durch die Seele einzusehen braucht man nur

einzelne sich anzusehen Man erkennt dann dass die Seele es istwelche mehrere

zerstreute Vorstellungen in eine verbindet und durch die Benennung mit einem

Worte zur Wesenheit einer bestimmten Art erhebt ohne sich durch die in der

Natur bestehenden Verbindungen dabei leiten zu lassen Ist etwa die Vorstellung

des Menschen in der Natur enger wie die des Schafes mit dem Töten verbunden

so dass man deshalb eine besondere Art von Handlungen daraus gemacht hat die

man mit Mord bezeichnet während bei dem Schafe dies nicht geschieht Und welche

Verbindungen hat in der Natur die Beziehung eines Vaters mehr wie die des Sohnes

oder Nachbars mit dem Töten so dass jene mit letzterer zu einer Vorstellung

verbunden und damit zu dem Wesen der bestimmten Art Vatermord gemacht worden

während bei den beiden andern nichts der Art geschehen ist So hat man zwar die

Tötung des Vaters oder der Mutter zu einer bestimmten Art gemacht die sich von

dem Töten des Sohnes oder der Tochter unterscheidet aber in andern Fällen sind

Sohn und Tochter so gut wie Vater und Mutter zusammengefasst und in derselben

Art zusammengefasst worden nämlich bei der Blutschande So verbindet die Seele

bei den gemischten Zuständen nach Belieben und wie es ihr passt Einzelnes zu

einer zusammengesetzten Vorstellung während sie Anderes das in der Natur

ebenso viel Verbindung hat frei gelassen und zu keiner Vorstellung verknüpft

hat weil sie keines Namens da bedarf Es ist also klar dass die Seele in

freier Wahl eine Anzahl Vorstellungen verbindet die in dem Sein nicht mehr

Verbindung mit einander haben als andere welche die Seele nicht beachtet Wie

könnte sonst das Stück einer Waffe mit der man eine Wunde zu machen beginnt

aufgefasst und zu einer bestimmten Art des Meuchelmordes benutzt werden während

der Stoff und die Gestalt der Waffe dabei unbeachtet bleibt Ich sage nicht

dass dies ohne Grund geschehen ist wie sich auch nebenbei ergeben wird aber es

ist doch aus freier Wahl der Seele geschehen die ihre eigenen Zwecke im Auge

hat Deshalb sind diese Arten der gemischten Zustände das Werk des Verstandes,

und es ist klar dass die Seele in der Regel bei Bildung dieser Vorstellungen

das Vorbild nicht in der Natur sucht und die zu bildende Vorstellung nicht auf

bestehende Dinge bezieht sondern dass sie sie nur so verbindet wie es ihren

Absichten dient ohne sich an die genaue Nachahmung eines bestehenden Dinges zu

binden

     7 Aber immer in Verfolgung des Zwecks der Sprache Obgleich die

zusammengesetzten Vorstellungen oder Wesenheiten der gemischten Zustände von der

Seele abhängen und mit großer Freiheit von ihr gebildet werden, so geschieht

dies doch nicht ganz aufs Geratewohl noch geschieht die Verbindung ohne allen

Grund Wenn auch diese zusammengesetzten Vorstellungen nicht immer der Natur

nachgebildet sind so werden sie doch immer den Zwecken angepasst für welche

begriffliche Vorstellungen gebildet werden, und obgleich die Verbindungen

Vorstellungen betreffen die wenig Zusammenhang und nicht mehr Einheit an sich

haben wie viele andere die die Seele nie zu einer Vorstellung verbindet so

dienen sie doch nur der bequemen Mittheilung also dem Hauptzwecke aller

Sprache Der Nutzen der Sprache liegt in der leichten und schnellen Bezeichnung

allgemeiner Vorstellungen durch kurze Laute wobei nicht bloß eine reiche Menge

von Besonderheiten befasst wird sondern auch eine große Mannigfaltigkeit

selbstständiger Vorstellungen durch eine zusammengefasste erreicht wird Bei der

Bildung der Worte für gemischte Zustände leitet deshalb bloß die Rücksicht auf

solche Verbindungen die man einander mitzuteilen Anlass hat Deshalb hat man

einzelne zu einer bestimmten zusammengesetzten Vorstellung verbunden und ihnen

einen Namen gegeben während andere die in der Wirklichkeit einander ebenso

nahe stehen lose und unbeachtet geblieben sind Wenn man auch nicht über

menschliches Handeln hinausgehen wollte so würde doch wenn von jedem hier

vorkommenden Unterschiede besondere begriffliche Vorstellungen gebildet werden

sollten die Zahl derselben endlos werden und das Gedächtnis mit deren Fülle

überladen und ohne Nutzen verwirrt werden Es genügt deshalb die Benennung und

Bildung so vieler zusammengesetzten Vorstellungen von gemischten Zuständen als

der gewöhnliche Verkehr dazu Anlass gibt Wenn mit der Vorstellung des Tötens

die des Vaters oder der Mutter verbunden wird und so als besondere Art von der

Tötung eines Kindes oder Nachbars unterschieden wird so geschieht es wegen der

besonderen Scheußlichkeit des Verbrechens und der besonderen Strafe welche die

Tötung des Vaters oder der Mutter verdient im Vergleich zur Tötung eines

Kindes oder Nachbars Deshalb wird jenes durch einen besonderen Namen

ausgezeichnet was der Zweck dieser besonderen Verbindung ist Wenn somit auch

die Vorstellungen der Mutter und Tochter in Bezug auf Töten verschieden

behandelt werden und nur die eine damit verbunden und zu einer begrifflichen

Vorstellung mit einem besonderen Namen und damit zu einer besonderen Art gemacht

worden ist, so werden doch Beide in fleischlicher Beziehung bei der Unzucht

wieder zusammen befasst und zwar auch hier behufs derselben Bequemlichkeit des

Ausdrucks durch ein Wort und der Behandlung in einer Art für solche hässlichen

fleischlichen Vermischungen die an Unsittlichkeit die andern überbieten es

geschieht nur um ermüdende Umschreibungen und Beschreibungen zu vermeiden

     8 Die unübersetzbaren Worte verschiedener Sprachen sind ein Beweis dafür

 Eine mäßig Kenntnis verschiedener Sprachen überzeugt leicht von der

Wahrheit des Obigen da eine Menge Worte in der einen Sprache kein ihnen

entsprechendes in der andern haben Dies zeigt, dass die Einwohner des einen

Landes nach ihrer Sitte und Lebensweise zur Bildung und Benennung von

zusammengesetzten Vorstellungen veranlasst worden während in einem andern Lande

dies nicht geschah Dies konnte nicht geschehen wenn diese Arten das feste Werk

der Natur wären und keine durch die Seele gemachten und abgetrennten

Zusammenfassungen denen man der Leichtigkeit der Mittheilung wegen besondere

Namen gegeben hat Die Ausdrücke der englischen Gesetze die doch keine leeren

Laute sind werden kaum entsprechend im Spanischen oder Italienischen

ausgedrückt werden können, obgleich beide reiche Sprachen sind noch weniger

werden sie sich in das Karaibische oder in die WestSprachen übersetzen lassen

das Wort Versura der Römer und Corban der Juden haben in andern Sprachen keine

ihnen entsprechenden Worte wovon die Ursache nach dem Gesagten klar ist Ja

wenn man etwas näher tritt und verschiedene Sprachen vergleicht so zeigt sich

dass zwar in den Wörterbüchern und Übersetzungen ein Wort als das entsprechende

für ein anderes steht aber doch bei den Worten für zusammengesetzte

Vorstellungen namentlich für gemischte Zustände kaum eins von zehn genau

dieselbe Vorstellung bezeichnet wie das Wort was in den Wörterbüchern als

gleichbedeutend aufgeführt ist Es gibt keine gebräuchlicheren und weniger

zusammengesetzten Vorstellungen als die Maße für Zeit Raum und Gewicht und

die lateinischen Namen Hora pes libra lassen sich leicht durch die deutschen

Stunde Fuß und Pfund wiedergeben und dennoch waren die Vorstellungenwelche

die Römer mit diesen Namen verbanden sehr von denen verschieden die der

Deutsche mit den seinigen verbindet Sollte der Römer mit diesen deutschen

Maassen oder umgekehrt der Deutsche mit jenen rechnen so würden sie ganz in

Verwirrung geraten Diese Beispiele sind so klar dass sie keinen Zweifel übrig

lassen und noch mehr gilt dies für die Worte von höheren und zusammengesetzten

Begriffen die den größten Teil der Reden über sittliche Dinge ausmachen

Vergleicht man diese Worte mit denen einer andern Sprache in die sie übersetzt

worden so zeigt sich dass nur wenig in dem ganzen Umfange ihrer Bedeutung

einander entsprechen

     9 Dies zeigt, dass die Arten der Mittheilung halber gebildet worden sind

 Wenn ich so ausführlich diese Frage behandle so geschieht es um den

Irrtümern in Bezug auf genera und species und deren Wesenheiten

entgegenzutreten als wären es regelmäßige und feste natürliche Dinge von

wirklichem Dasein da sie doch bei genauerer Betrachtung nur ein Kunstgriff des

Verstandes sind um solche Zusammenfassungen von Vorstellungen, über die man oft

zu sprechen hat leichter mit einem allgemeinen Ausdruck zu bezeichnen und viele

einzelne Dinge soweit sie mit der begrifflichen Vorstellung übereinkommen mit

einem Worte zu befassen Wenn dabei das zweideutige Wort Art es Manchem

sonderbar erscheinen lässt dass wie ich behaupte die Arten der gemischten

Zustände von dem Verstande gebildet werden, so wird doch Niemand bestreiten

können dass diese begrifflichen zusammengesetzten Vorstellungendie besondere

Namen bekommen haben von der Seele gebildet werden, und wenn es wahr ist wie

es der Fall ist, dass die Seele die Muster zur Ordnung und Benennung der Dinge

macht so erwäge man wer wohl die Grenzen zwischen diesen Arten feststellt da

nach meiner Meinung species und Art nur den einzigen Unterschied haben dass

jenes ein lateinisches und dieses ein deutsches Wort ist

     10 Bei gemischten Zuständen hält der Name die Verbindung zusammen und

macht sie zu einer Art Die nahe Verwandtschaft zwischen Arten Wesenheiten und

deren allgemeinen Namen wenigstens bei gemischten Zuständen zeigt sich auch

darin dass der Name es ist der diese Wesenheiten erhält und Omen eine lange

Dauer gibt Denn da die Seele die Verbindung zwischen den losen Teilen dieser

Vorstellungen gemacht hat so würde diese Verbindung die keine Unterlage in der

Natur hat sofort wieder sich lösen wenn nicht Etwas sie so gleichsam

zusammenhielte und die Theile an der Zersplitterung hinderte Wenn daher auch

die Zusammenfassung von der Seele ausgeht so ist der Name doch gleichsam der

Knoten der sie fest zusammenhält Welche Menge von Vorstellungen hält zB

nicht das Wort Triumph zusammen und überliefert sie uns als eine Art Wäre

dieses Wort nie gebildet worden oder wieder ganz verloren gegangen so würden

wir wohl Beschreibungen des bei dieser Feierlichkeit Vorgegangenen besitzen

allein das was diese verschiedenen Stücke in die Einheit einer Vorstellung

zusammenfasst und erhält ist dies daran geknüpfte Wort ohne dieses Wort würden

die verschiedenen Stücke nicht als Theile eines Vorgangs gelten so wenig wie

eine andere Schaustellung die nur einmal geschehen und nie durch ein Wort zu

einer zusammengesetzten Vorstellung verbunden worden ist. Mögen deshalb Die

welche die Wesenheiten und Arten als wirklich in der Natur bestehende Dinge

ansehen erwägen wie sehr bei gemischten Zuständen die der Wesenheit nötige

Einheit von der Seele abhängt und wie sehr die Erhaltung und Befestigung dieser

Einheit von dem Namen abhängt den man ihr im gemeinen Gebrauche gegeben hat

     11 Dem entsprechend hat man wenn man von gemischten Zuständen spricht

nur die im Sinne und lässt nur solche als Arten gelten die durch einen Namen

ausgezeichnet sind Da diese Namen nur das Werk des Menschen sind um damit zu

bezeichnen so beachtet man keine Art und lässt keine als solche gelten wenn

sie keinen Namen hat der als Zeichen gilt dass der Mensch verschiedene lose

Vorstellungen zu einer verbunden hat Durch den Namen sind die Theile dauernd

vereint ohne den würden sie sich schnell wieder trennen wenn die Seele diese

begriffliche Vorstellung bei Seite legte und nicht mehr wirklich an sie dächte

Ist aber ein Name daran geknüpft an dem die Theile der Vorstellung einen festen

und dauernden Halt haben dann gilt das Wesen für hergerichtet und die Art als

vollständig Wozu sollte man sein Gedächtnis mit solchen Verbindungen beladen

wenn man nicht durch die Abtrennung sie allgemein machen wollte Und wozu würde

man sie allgemein machen wenn man ihnen nicht allgemeine Namen geben wollte um

das Gespräch und die Mittheilung zu erleichtern Deshalb gilt die Tötung eines

Menschen mit einem Schwert oder einer Hacke nicht als eine besondere Art des

Handelns dringt aber die Spitze des Schwertes zuerst in den Körper so gilt es

für eine besondere Art die ihren besonderen Namen hat und mit Erstechen

bezeichnet wird während in Ländern wo dieser Name fehlt es nicht für eine

besondere Art gilt Wenn dagegen bei körperlichen Substanzen die Seele das

WortWesen bildet so gelten doch die hier verbundenen Vorstellungen als in der

Natur vereinigt gleichviel ob die Seele sie verbindet oder nicht Deshalb

betrachtet man sie als besondere Namen ohne dass die Seele dabei durch

Abtrennung oder Benennung der zusammengesetzten Vorstellung mitgewirkt habe

     12 Die Originale der gemischten Zustände sucht man nur in der Seele

auch dies zeigt, dass sie das Werk des Verstandes sind Es entspricht dem

Gesagten wonach die Wesenheiten der Arten von gemischten Zuständen nur die

Geschöpfe des Verstandes und nicht das Werk der Natur sind dass ihre Namen die

Gedanken nur auf die Seele lenken und nicht weiter Wenn man von Gerechtigkeit

von Dankbarkeit spricht so bildet man sich nicht ein das ein Ding der Art

bestehe vielmehr endet das Denken in den begrifflichen Vorstellungen dieser

Tugenden ohne weiter zu blicken während dies geschieht wenn man von einem

Pferde oder von Eisen spricht deren Vorstellungen man nicht bloß aus der Seele

sondern von bestehenden Dingen entnimmt welche die ursprünglichen Muster dafür

darbieten Dagegen verlegt man bei gemischten Zuständen welche das sittliche

Gebiet betreffen in der Regel die Muster nur in die Seele und man bezieht sich

darauf bei Unterscheidung der einzelnen mit Namen bezeichneten Deshalb heißen

auch die Wesenheiten dieser Arten von gemischten Zuständen vorzugsweise

Begriffe da sie dem Verstande aus einem besonderen Rechte zugehören

     13 Da der Verstand sie ohne Muster bildet so erklärt sich daraus ihre

große Zusammensetzung Deshalb sind auch die Vorstellungen gemischter Zustände

in der Regel mehr zusammengesetzt oder auseinander gelegt wie die Vorstellungen

natürlicher Substanzen Sie sind das Werk des Verstandes, der dabei sein eigenes

Ziel verfolgt er will damit die Vorstellungen kurz ausdrücken die er Andern

mittheilen will und deshalb verbindet er oft sehr willkürlich Dinge in einem

Begriff die in der Natur keinen Zusammenhang haben Mit einem Worte bindet er

eine große Menge zusammengesetzter und einfacher Vorstellungen zusammen man

nehme zB das Wort Procession welche große Mischung enthält es nicht es

vereint die selbstständigen Vorstellungen von Personen Trachten Kerzen

Befehlen Bewegungen Tönen welche die Seele beliebig verbunden hat um sie mit

einem Worte auszudrücken Dagegen sind die Vorstellungen von den Arten der

Substanzen meist nur aus wenigen einfachen gebildet und bei den ThierArten

besteht das ganze WortWesen derselben meist nur aus zweien nämlich der Gestalt

und der Stimme

     14 Die Namen gemischter Zustände bezeichnen immer deren wirkliche

Wesenheiten Man bemerkt auch dass die Namen für gemischte Zustände wenn sie

eine bestimmte Bedeutung haben immer das wirkliche Wesen dieser Arten

bezeichnen Da diese begrifflichen Vorstellungen das Werk der Seele sind und

sich nicht auf ein wirklich bestehendes Ding beziehen so wird mit dem Namen

auch kein solches sondern nur die von der Seele gebildete Vorstellung gemeint

von ihr hängen alle weiteren Eigenschaften der Gattung ab und leiten sich daraus

her deshalb ist das wirkliche und das WortWesen hier dasselbe und es wird

sich später herausstellen wie wichtig dies für die Kenntnis allgemeiner

Wahrheiten ist

     15 Weshalb in der Regel hier die Namen den Vorstellungen vorausgehen

Daraus erklärt sich weshalb in der Regel die Kamen der gemischten Zustände

schon da sind ehe man noch die Vorstellungendie sie bezeichnen vollständig

kennt Da sie Nichts darstellen was auch ohne Namen schon bemerkt wird sondern

ihre Arten oder vielmehr ihre Wesenheiten nur begriffliche von der Seele

willkürlich gebildete Vorstellungen sind so ist es natürlich ja notwendig

dass man diese Namen kenne ehe man ihre zusammengesetzten Vorstellungen zu

gewinnen sucht Wollte Jemand seinen Kopf mit einer Anzahl begrifflicher

Vorstellungen füllen für die Andere keine Namen hätten so könnte er mit ihnen

nichts anfangen als sie bei Seite legen und wieder vergessen Allerdings musste

im Anfang der Sprache die Vorstellung da sein ehe man ihr einen Namen geben

konnte und so wird auch jetzt noch wenn Jemand eine neue Vorstellung bildet

und ihr einen neuen Namen gibt ein neues Wort gemacht Allein dies gilt nicht

für fertige Sprachen die in der Regel mit solchen Vorstellungen genügend

versorgt sind die viel vorkommen und mitzuteilen sind hier lernen offenbar

die Kinder die Namen für die gemischten Zustände eher als deren Vorstellungen

Würde wohl von Tausenden auch nur Einer die Begriffe von Rahm und Ehrgeiz

bilden ehe er die Worte dafür gehört hätte Bei einfachen Vorstellungen und

Substanzen verhält es sich allerdings anders weil ihren Vorstellungen ein

wirkliches Ding und eine Verbindung in der Natur entspricht hier werden bald

die Vorstellungen vor den Namen bald diese vor jenen erlangt je nachdem es

sich trifft

     16 Weshalb ich bei diesem Gegenstand so ausführlich gewesen bin Das

hier über gemischte Zustände Gesagte gilt auch mit wenig Unterschied für

Beziehungen und da hier Jeder sich selbst weiter helfen kann so spare ich mir

die Mühe weiterer Ausführung zumal Manchen die Erörterungen dieses dritten

Buches leicht zu umständlich für einen so geringfügigen Gegenstand wie Worte

gelten könnten Ich hätte allerdings gedrängter schreiben können allein mir lag

daran den Leser bei einem Punkt festzuhalten der mir neu und ungewohnt

erschien Wenigstens habe ich nicht eher an ihn gedacht als bis ich zu

schreiben begann Indem ich bis auf den Grund ging und ihn nach allen Seiten

wendete hoffte ich den Gedanken Anderer zu begegnen und den Leser trotz allen

Widerstrebens oder Leichtsinns auf einen allgemeinen Übelstand aufmerksam zu

machen der trotz seiner Wichtigkeit nur wenig beachtet wird Bedenkt man

welcher Lärm über die Wesenheiten gemacht worden ist, und wie alle

Wissenschaften alle Reden und Gespräche durch einen sorglosen und verworrenen

Gebrauch der Worte verdorben und gestört werden so wird eine gründliche

Offenlegung dieser Schäden wohl der Mühe wert erachtet werden Man wird mir

deshalb verzeihen dass ich bei einem Gegenstand so lange verweilt bin der so

sehr der Einschärfung bedarf Die Fehler welche hier so häufig begangen werden

sind die größten Hindernisse wahrer Erkenntnis und gelten dabei selbst für

Kenntnisse Man würde leicht bemerken welch kleines Stückchen Vernunft und

Wahrheit in diesen hoffärtigen Meinungen steckt wenn überhaupt welche darin

ist mit denen so Viele sich aufblasen wenn man nur über die Modeworte

hinausblickte und sich fragte welche Vorstellungen hinter diesen Worten stecken

oder auch nicht stecken mit denen man überall sich bewaffnet und um sich wirft

Vielleicht habe ich der Wahrheit dem Frieden und der Wissenschaft einen Dienst

geleistet wenn durch diese eingehenden Erörterungen die Aufmerksamkeit auf die

eigene Sprache gelenkt werden sollte und man sich fragte ob das was man bei

Andern so häufig bemerkt nicht auch auf die eigene Person passe nämlich dass

man zwar oft schöne und belobte Worte im Munde und in der Feder führt aber doch

nur solche die eine unsichere geringe oder gar keine Bedeutung haben Es ist

deshalb ratsam auf sich selbst hierbei Acht zu haben und über die Prüfung

durch Andere nicht unwillig zu werden In dieser Absieht fahre ich mit dem fort

was ich über diese Gegenstände noch zu sagen habe

 
 






     1 Die gewöhnlichen Namen von Substanzen bezeichnen Arten Die

gewöhnlichen Namen von Substanzen bezeichnen wie die andern allgemeinen Worte

die Arten, was so viel heißt als dass sie zu den Zeichen solcher

zusammengesetzten Vorstellungen gemacht sind in denen mehrere einzelne

Substanzen übereinstimmen oder übereinstimmen könnten und wodurch sie in einen

gemeinsamen Begriff befasst und mit einem Worte bezeichnet werden können. Ich

sage »in denen sie übereinstimmen oder übereinstimmen könnten« denn wenn auch

nur eine Sonne besteht so kann doch ihre Vorstellung so begrifflich gefasst

werden dass mehrere Substanzen wenn es deren gäbe darin übereinstimmten sie

ist deshalb ebenso gut eine Art als wenn es so viel Sonnen wie Sterne gäbe Man

nimmt nicht ohne Grund an dass es deren gebe und dass jeder Fixstern der

Vorstellung einer Sonne entsprechen würde wenn er die entsprechende Entfernung

hätte Dies zeigt nebenbei wie sehr die Arten oder die genera und species der

Dinge welche lateinischen Worte für mich nicht mehr wie die Art bedeuten von

den durch die Menschen gebadeten Sammelvorstellungen und nicht von wirklichen

natürlichen Dingen abhängen denn es ist im richtigen Sinne sehr wohl möglich

dass dem Einen das eine Sonne ist was für den Andern nur ein Stern ist

     2 Das Wesen jeder Art ist die begriffliche Vorstellung Das Maß und

die Grenze jeder Art oder jeder species wodurch sie diese besondere Art ist und

von andern sich unterscheidet ist das was man ihr Wesen nennt und dies ist

nur die begriffliche Vorstellung mit der ihr Name verknüpft ist Deshalb ist

alles in dieser Vorstellung Befasste dieser Art wesentlich Wenn auch dies das

Wesen bei allen natürlichen Substanzendie man kennt ist und durch die man

sie in Arten sondert so nenne ich es doch mit einem besonderen Namen das Wort

Wesen um es von der wirklichen Verfassung der Substanzen zu unterscheiden von

der dieses WortWesen und alle Eigenschaften dieser Art abhängen und die

deshalb wie gesagt das wirkliche Wesen heißen kann So ist zB das

WortWesen des Goldes die zusammengesetzte Vorstellungwelche dieses Wort

bezeichnet und es könnte zB ein gelber Körper von einer bestimmten Schwere

sein der hämmerbar schmelzbar und fest wäre Dagegen ist das wirkliche Wesen

des Goldes die Verfassung seiner nicht mehr wahrnehmbaren Theile von denen

diese und alle andern Eigenschaften des Goldes abhängen Wenn auch beide das

Wesen genannt werden, so liegt doch ihr Unterschied auf den ersten Blick zu

Tage

     3 Das wirkliche und das WortWesen sind verschieden Denn wenn die

freiwillige Bewegung Wahrnehmung und der Verstand in Verbindung mit einem

Körper von bestimmter Gestalt die zusammengesetzte Vorstellung ist, mit der der

Name Mensch verbunden wird und welche das WortWesen dieser Art ausmacht so

wird doch Niemand behaupten dass diese Vorstellung das wahre Wesen und die

Quelle all der Tätigkeiten und Vorgänge sei die sich in einem Einzelnen dieser

Art finden Die Grundlage aller jener die zusammengesetzte Vorstellung bildenden

Eigenschaften ist etwas ganz Anderes und hätte man die Kenntnis von der

Verfassung des Menschen aus der sein Vermögen zur Bewegung Wahrnehmung zum

Denken usw abfließen und von denen seine Gestalt abhängt welche Kenntnis

vielleicht die Engel jedenfalls aber sein Schöpfer besitzen so würde man eine

ganz andere Vorstellung von seinem Wesen haben als es die jetzige Definition

seiner Art bietet und unsere Vorstellung von einem einzelnen Menschen würde

ebenso verschieden von der jetzigen sein als die Vorstellung Dessen der alle

Federn Räder und andern Einrichtungen der berühmten Straßburger Turmuhr

kennt von der Vorstellung des Bauers ist der diese Uhr angafft nur die

Bewegung der Zeiger sieht die Glocke schlagen hört und einige Äußerlichkeiten

an ihr bemerkt

     4 Dem Einzelnen ist nichts wesentlich Dieses Wesen bezieht sich nach

dem gewöhnlichen Sinne des Wortes auf die Arten; bei den einzelnen Dingen kommt

es nur in Betracht sofern sie unter eine Art gebracht werden wie daraus

erhelltdasswenn man die begrifflichen Vorstellungen bei Seite lässt durch

welche man die Einzelnen in Arten ordnet und unter gemeinsame Namen bringt der

Gedanke von etwas dem einzelnen Dinge Wesentlichen sofort verschwindet man kann

das Eine nicht ohne das Andere fassen und dies zeigt deutlich ihre Beziehung

Ich muss so sein wie ich bin Gott und die Natur haben mich so gemacht aber

ich habe nichts an mir was wesentlich wäre Ein Unfall eine Krankheit kann

meine Farbe oder Gestalt ganz verändern ein Sturz oder ein Fieber kann mir die

Vernunft oder das Gedächtnis oder Beides nehmen und ein Schlaganfall kann mir

weder die Sinne, noch den Verstand noch selbst das Leben lassen Andere

Geschöpfe meiner Gestalt können mehr und bessere oder weniger und schlechtere

Vermögen als ich haben und Andere haben vielleicht Vernunft und Sinne in einem

von dem meinigen an Gestalt ganz verschiedenen Körper Keines von alledem ist

dem Einen oder dem Andern oder überhaupt irgend Einem wesentlich so lange die

Seele sie nicht auf eine Art oder species der Dinge bezieht Bei der Prüfung der

eigenen Gedanken zeigt sich dass mit einem Wesentlichen woran man denkt oder

wovon man spricht sofort die Beziehung auf eine Art oder die zusammengesetzte

Vorstellungdie durch deren Namen bezeichnet wird in die Seele tritt nur in

Beziehung auf diese heißt eine Eigenschaft wesentlich Fragt man zB ob mir

oder einem andern körperlichen Dinge der Besitz der Vernunft wesentlich sei so

sage ich Nein so wenig wie es dem weißen Dinge auf das ich schreibe

wesentlich ist Worte an sich zu haben Wird aber dieses einzelne Ding zu den

Menschen gerechnet und so genannt dann wird die Vernunft ihm wesentlich da die

Vernunft als ein Teil der Vorstellung gilt welche Mensch heißt und es wird

ebenso dem Dinge auf dem ich schreibe wesentlich Worte zu enthalten wenn ich

ihm den Namen Abhandlung gebe und es unter diese Art stelle Deshalb beziehen

sich das Wesentliche und Unwesentliche nur auf die begrifflichen Vorstellungen

und deren Namen und es wird damit nur gesagt dass jedes einzelne Ding was

nicht die in dem Begriff enthaltenen Eigenschaften besitzt nicht zu dieser Art

gerechnet und nicht mit ihrem Namen bezeichnet werden kann, weil diese

begriffliche Vorstellung das wahre Wesen dieser Art ausmacht

     5 Wenn zB die Vorstellung des Körpers nach Einigen nur die Ausdehnung

oder der Raum ist dann ist die Dichtheit dem Körper nicht wesentlich wenn

dagegen Andere die Vorstellungwelche sie Körper nennen aus der Dichtheit und

Ausdehnung bilden so ist die Dichtheit ihm wesentlich Also gilt nur allein das

als wesentlich was einen Teil der Vorstellungdie mit diesem Namen bezeichnet

wird ausmacht kein einzelnes Ding kann ohne dem zu dieser Art gerechnet und

danach benannt werden Fände man ein Stück das alle sonstigen Eigenschaften des

Eisens hätte aber von dem Magnet nicht angezogen würde und keine Richtung von

ihm erhielte würde man da wohl fragen ob einem wirklich vorhandenen Dinge

etwas Wesentliches fehle Oder könnte man fragen ob dieser Umstand einen

wesentlichen oder eigentümlichen Unterschied ausmache da man doch keinen

andern Maßstab als die begriffliche Vorstellung für das Wesentliche oder

Eigentümliche hat Wenn man daher von eigentümlichen Unterschieden in der

Natur ohne Beziehung auf allgemeine Vorstellungen oder Namen spricht so spricht

man unverständlich Denn ich möchte wohl Jemand fragen was genüge um einen

wesentlichen Unterschied zwischen zwei Dingen in der Natur zu bilden wenn man

nicht eine begriffliche Vorstellung dabei berücksichtigt welche als das Wesen

und der Maßstab dieser Art gilt Legt man alle diese Muster und Maßstäbe bei

Seite so werden die einzelnen Dinge an sich alle ihre Eigenschaften gleich

wesentlich besitzen und jede Bestimmung in einer einzelnen Sache wird ihr

wesentlich sein oder was mehr ist nichts überhaupt wird ihr wesentlich sein

Denn wenn man auch richtig fragen kann ob die Anziehung durch den Magnet dem

Eisen wesentlich sei so ist doch die Frage unpassend und sinnlos ob sie dem

besonderen Stück Stoff mit dem ich meine Feder schneide wesentlich sei ohne

dass ich es als Eisen oder als ein Ding von einer besonderen Art nehme Wenn

also wie gesagt unsere begrifflichen Vorstellungen mit ihren Namen die Grenzen

der Arten bilden so ist nur das in diesen Vorstellungen Enthaltene wesentlich

     6 Ich habe allerdings oft von dem wirklichen Wesen so gesprochen dass es

bei den Substanzen von den begrifflichen Vorstellungendie ich das WortWesen

nenne verschieden sei Unter jenem meine ich die wirkliche Verfassung eines

Dingeswelche die Grundlage der in ihm enthaltenen Eigenschaften ist die mit

dem WortWesen immer zugleich bestehen nicht jenes wirkliche Wesen das jedes

Ding in sich hat ohne Beziehung auf ein anderes Aber selbst in diesem Sinne

bezieht sich das Wesen auf eine Art und setzt eine species voraus denn wenn es

die wirkliche Verfassung ist von der seine Eigentümlichkeiten abhängen so

wird dabei notwendig eine Art von Dingen vorausgesetzt da Eigentümlichkeiten

nur der Art zukommen und nicht einzelnen Dingen Wenn zB das WortWesen des

Goldes in einem Körper von einer bestimmten Farbe und Gewicht besteht der

hämmerbar und schmelzbar ist so ist das wirkliche Wesen des Goldes die ganze

Verfassung seiner stofflichen Theile von der diese Eigenschaften und ihre

Verbindung abhängen es ist deshalb auch die Grundlage für seine Auflösbarkeit

in KönigsWasser und andere diese zusammengesetzte Vorstellung begleitenden

Eigentümlichkeiten Hierbei beruhen alle Wesenheiten und Eigentümlichkeiten

auf der Annahme einer Art oder einer allgemeinen begrifflichen Vorstellungdie

als unveränderlich betrachtet wird allein es gibt keinen einzelnen Stoffteil

mit dem eine dieser Eigenschaften so verknüpft ist dass sie ihm wesentlich und

untrennbar von ihm wäre Das Wesentliche an ihm ruht auf der Bedingung dass er

zu dieser oder jener Art gehöre lässt man aber diese Unterordnung unter einen

bestimmten Begriff bei Seite so ist ihm nichts Wesentlich nichts untrennbar

Also wird in Wahrheit auch bei dem wirklichen Wesen der Substanzen dessen Dasein

nur vorausgesetzt ohne dass man weiß was es ist und das was dasselbe mit

einer Art verbindet ist das WortWesen jenes ist nur die angenommene Grundlage

und Ursache von diesem

     7 Das WortWesen bestimmt die Art Es fragt sich also zunächst welches

von diesen Wesen die Art für die Substanzen bestimmt hier ist klar dass dies

durch das WortWesen geschieht Denn der Name das Zeichen der Art bezeichnet

nur das WortWesen Deshalb kann keine sachliche Bestimmung über die Art der

Dinge entscheiden die nach allgemeinen Namen geordnet werden sondern nur die

begriffliche Vorstellung für welche der Name das Zeichen ist und diese ist

das was man das WortWesen nennt Weshalb nennt min dies Ding ein Pferd jenes

einen Maulesel Dieses ein Thier jenes eine Pflanze Kommt wohl ein einzelnes

Ding unter diese oder jene Art durch etwas Anderesals durch sein WortWesen,

oder, was dasselbe ist, durch seine Übereinstimmung mit der begrifflichen

Vorstellung dieses Namens Jeder möge nur seine Gedanken prüfen wenn er von

diesen oder jenen Namen der Substanzen sprechen hört oder spricht um zu wissen

welche Art von Wesen sie bezeichnen

     8 Dass die Arten der Dinge für uns nur ihre Einordnung unter bestimmte

Namen je nach den zusammengesetzten Vorstellungenund nicht nach ihrem

bestimmten wirklichen Wesen bedeuten erhellt daraus dass viele Einzelne die

zu einer Art von besonderem Namen gerechnet werden und deshalb als von derselben

Art gelten doch Eigenschaften die von ihrer wirklichen Verfassung abhängen

haben durch welche sie sich ebenso stark von einander wie von andern Dingen

unterscheiden von denen sie der Art nach unterschieden gelten Jeder der mit

natürlichen Körpern zu tun hat kann dies leicht bemerken namentlich sind

Chemiker durch eine dunkle Erfahrung davon überzeugt wenn sie mitunter

vergeblich bei einem Stück Schwefel Antimon oder Vitriol nach denselben

Eigenschaften suchen die sie bei andern Stücken bemerkt haben denn trotzdem

das sie Körper einer Art sind und dasselbe WortWesen mit demselben Namen haben

so zeigen sie doch bei genauer Untersuchung oft so verschiedene Eigenschaften

dass sie die Erwartung und Arbeit der sorgfältigsten Chemiker zunichte machen

Wären die Dinge nach ihrem wirklichen Wesen in Arten unterschieden so wäre es

unmöglich in zwei Stücken derselben Art verschiedene Eigentümlichkeiten zu

finden ebenso wie es unmöglich ist in zwei Kreisen oder gleichseitigen

Dreiecken verschiedene Eigentümlichkeiten anzutreffen Uns gilt das als das

Wesen, was die Einzelnen einer bestimmten Art oder was dasselbe ist, einem

allgemeinen Namen zuweist und was könnte dies Anderes sein als jene

begriffliche mit diesem Namen bezeichnete Vorstellung Deshalb bezieht sich in

Wahrheit das Wesen nicht sowohl auf das Sein einzelner Dinge als auf ihre

allgemeinen Benennungen

     9 Nicht das wirkliche Wesen was man nicht kennt Auch kann man in

Wahrheit die Dinge nicht nach ihrem wirklichen Wesen ordnen und also was der

Zweck des Ordnens ist auch nicht danach benennen denn man kennt es nicht

Unsere Vermögen bringen uns in der Kenntnis und Unterscheidung der Substanzen

nur bis zur Zusammenfassung der an ihnen wahrgenommenen sinnlichen

Eigenschaften und wenn hierbei auch die größte Sorgfalt und Genauigkeit

angewandt wird so bleibt diese doch von der wahren inneren Verfassung aus der

diese Eigenschaften abfließen entfernter als die besagte Vorstellung jenes

Bauers von der Straßburger Turmuhr von der er nur die äußere Gestalt und

Bewegung gesehen hatte Selbst die verächtlichste Pflanze oder ein solches Thier

bringt den größten Verstand in Verwirrung Der tägliche Verkehr mit ihnen hebt

zwar unsere Verwunderung auf aber heilt nicht unsere Unwissenheit Sobald man

den Stein auf den man tritt oder das Eisen das man täglich in Händen hat

prüft sieht man sofort dass man ihre Verfassung nicht kennt und die an ihnen

bemerkten Eigenschaften nicht erklären kann Es erhelltdass die innere

Verfassung von der diese Eigentümlichkeiten abhängen uns unbekannt ist um

nicht über die gröbsten und augenfälligsten Beispiele hinauszugehen frage ich

was ist das Gewebe das wirkliche Wesen welches Blei und Antimon schmelzbar und

Holz und Stein nicht schmelzbar macht Was macht Blei und Eisen hämmerbar

Antimon und Steine nicht Und doch sind diese Unterschiede unendlich gröber als

jene feinen Einrichtungen und das unbegreifliche wirkliche Wesen von Pflanzen

und Tieren Die Wirksamkeit des allweisen und allmächtigen Gottes in dem

großen Bau des Weltalls und aller seiner Theile übersteigt das Vermögen und

Begreifen des scharfsinnigsten und geistvollsten Mannes mehr als die beste

Einrichtung des geistvollsten Mannes die Begriffe der unwissendsten Wesen

übertrifft Es ist deshalb vergeblich die Dinge nach deren wirklichem Wesen in

Arten ordnen und in gewisse Klassen mit Namen verteilen zu wollen jenes Wesen

können wir nicht entdecken noch erfassen Ebenso gut kann ein Blinder die Dinge

nach den Farben ordnen und der welcher den Geruch eingebüßt hat die Lilien

von der Rose durch den Geruch wie nach den unbekannten inneren Verfassungen

derselben unterscheiden Wer da meint die Schafe und Ziegen nach deren

wirklichem Wesen was er nicht kennt unterscheiden zu können mag seine

Geschicklichkeit an den Arten versuchen die man Cassiowary und Querechinchio

nennt und durch ihr inneres wirkliches Wesen die Grenzen beider Arten

bestimmen obgleich ihm die zusammengesetzte Vorstellung der sinnlichen

Eigenschaften fehlt welche diese Worte in den Ländern bezeichnen wo diese

Tiere angetroffen werden.

     10 Ebensowenig die substantiellen Formen die man noch weniger kennt

Diejenigen denen man gelehrt hatte dass die verschiedenen Arten der Substanzen

ihre bestimmten innerlichen substantiellen Formen hätten und dass in diesen

Formen die Unterscheidung in ihre wahren Arten und Gattungen enthalten sei

wurden noch mehr irre geführt denn sie suchten nun vergeblich nach diesen ganz

unfassbaren substantiellen Formen von denen man nur eine ganz dunkle und

verworrene allgemeine Vorstellung hat

     11 Dass die Arten nach ihrem WortWesen unterschieden werden, ergibt

sich weiter aus den Geistern Dass die Unterscheidung und Ordnung der

natürlichen Substanzen in Arten auf ihrem von der Seele gebildeten WortWesen

und nicht auf dem in ihnen enthaltenen wirklichen Wesen beruht ergibt sich

auch noch aus unsern Vorstellungen über Geister Denn die Seele gewinnt nur

durch Selbstwahrnehmung ihrer eigenen Tätigkeiten jene einfachen Vorstellungen,

welche sie den Geistern zuteilt sie hat keinen andern Begriff von Geistern und

kann keinen andern haben als dass sie alle diese Tätigkeiten die sie in sich

selbst bemerkt einer Art Wesen zuteilt ohne dabei auf den Stoff Rücksicht zu

nehmen Selbst die höchste Vorstellung von Gott enthält nur jene einfachen

durch Selbstwahrnehmung in aus selbst gefundenen Bestimmungen die man Gott

zuteilt weil sie in sich mehr Vollkommenheit enthalten als ohne sie vorhanden

sein würde indem man nämlich diese einfachen Bestimmungen ihm in grenzenlosem

Maße zuteilt So findet man durch Selbstbeobachtung in sich die Vorstellung

des Daseins des Wissens, der Macht der Lust und dass es besser ist eine jede

derselben zu haben als zu entbehren Indem man alle verbindet und jeder die

Unendlichkeit zuteilt wird damit die zusammengesetzte Vorstellung eines

ewigen allwissenden allmächtigsten allweisen und seligsten Wesens gewonnen

Es wird uns zwar gelehrt dass es verschiedene Arten von Engeln gibt allein

wir wissen nicht wie wir die bestimmten Vorstellungen dieser Arten bilden

sollen nicht weil das Dasein dieser verschiedenen Arten unmöglich istsondern

weil wir keine weiteren einfachen Vorstellungen haben und solche auch nicht

machen können die auf solche Wesen anwendbar sind als die wenigen die wir

von uns selbst und unsern geistigen Tätigkeiten entlehnt haben und die sich

auf die Lust und die Bewegung der Glieder beziehen Deshalb kann man nur

mittelst Beilegung dieser unserer Tätigkeiten und Vermögen in höherem und

niederem Grade an dieselben die Begriffe verschiedener Geister bilden und

deshalb haben wir keine bestimmten unterschiedenen Vorstellungen von Geistern

Gott ausgenommen dem man sowohl die Dauer wie all jene andern Bestimmungen in

unendlichem Maße zuteilt während sie den Geistern nur beschränkt gegeben

werden. Deshalb unterscheidet man wie ich bescheidentlich annehme sie von Gott

nicht durch die Zahl der beiden beigelegten einfachen Eigenschaften sondern nur

durch deren unendliches Maß Alle jene besonderen Vorstellungen von Dasein

Wissen Wollen Macht Bewegung usw sind den Tätigkeiten der Seele entlehnt

man teilt sie allen Arten der Geister aber in unterschiedenem Grade mit und

zwar in dem äußersten fassbaren ja unendlichen Grade wenn man die Vorstellung

des ersten Wesens so gut als möglich bilden will Allein trotzdem steht dieses

Wesen in der wirklichen Vollkommenheit seiner Natur selbst von den höchsten und

vollkommensten aller geschaffenen Wesen noch weiter ab als der größte Mann ja

als der reinste Seraph von dem verächtlichsten Stück nes Stoffes absteht

deshalb muss er auch in unendlicher Weise unsern beschränkten Verstandesbegriff

von ihm übertreffen

     12 Wahrscheinlich gibt es zahllose Arten von Geistern Es ist nicht

unmöglich noch unvernünftig dass es viele Arten von Geistern gibt die sich

durch bestimmte Eigentümlichkeiten von denen man keine Vorstellung hat ebenso

unterscheiden wie die Arten der sinnlichen Dinge durch die uns bekannten und an

ihnen bemerkten Eigenschaften sich unterscheiden Ich halte es für

wahrscheinlich dass es mehr Arten verständiger Wesen über uns als sinnlicher

und körperlicher Dinge unter uns gibt weil man in der sichtbaren körperlichen

Welt keinen Sprung und keine Kluft antrifft Das Absteigen nach unten vom

Menschen ab geschieht nur in kleinen Stufen und in einer fortlaufenden Reihe der

Dinge, von denen die nächsten sich wenig unterscheiden Es gibt Fische mit

Flügeln die keine Fremdlinge in der Luft sind und es gibt Vögel die das

Wasser bewohnen und deren Blut so kalt und deren Fleisch so dem der Fische

gleich ist dass selbst die gewissenhaftesten Christen sie an Fasttagen essen

Sie sind den Vögeln und Fischen so nahe dass sie zwischen beiden stehen ebenso

verketten die Amphibien die Land und Wassertiere Seehunde leben auf dem Lande

und im Meere und Schildkröten haben das warme Blut und die Eingeweide vom

Schwein ohne der Seejungfern und Meermännchen zu gedenken von denen man sich

im Vertrauen erzählt Manche Tiere scheinen so viel Wissen und Verstand zu

haben wie manche die Menschen heißen und das Pflanzen und Tierreich sind

so eng verknüpft dass zwischen dem höchsten aus jenem und dem niedersten das

diesem kaum ein Unterschied bestehen wird Dies gilt bis zu den untersten

unorganischen Stoffen überall sind die verschiedenen Arten verkettet und nur in

geringem Grade verschieden Berücksichtigt man daher die Allmacht und Weisheit

des Schöpfers so kann man wohl mit Recht annehmen dass es der großen Harmonie

des Weltalls, den hohen Absichten und der unendlichen Güte des Baumeisters

entspricht wenn die Arten der Geschöpfe auch nach aufwärts von uns allmählich

zur unendlichen Vollkommenheit so aufsteigen wie dies bereits der Fall ist.

Deshalb ist es wahrscheinlich dass es viel mehr Arten von Wesen über wie unter

uns gibt da wir selbst von dem unendlichen Wesen Gottes weiter abstehen als

von der niedrigsten Art der Dingewelche Nichts am nächsten kommt Trotzdem

haben wir von all diesen höheren Arten wie gesagt keine klare und deutliche

Vorstellung

     13 Das WortWesen der Art wird am Wasser und Eise dargelegt Ich kehre

indes zu den körperlichen Substanzen zurück Auf die Frage ob Eis und Wasser

zwei verschiedene Arten der Dinge seien wird man sicherlich mit Ja antworten

und man kann nicht bestreiten dass der Antwortende Recht hat Wenn Aber ein in

Jamaika erzogener Engländer der Eis vielleicht nie gesehen noch davon gehört

hat im Winter nach England käme und er das Wasser in seinem Waschbecken des

Morgens zum großen Teil gefroren fände und dessen besonderen Namen nicht

kennte und es hartes Wasser nennte so frage ich ob er es wohl für eine

besondere vom Wasser verschiedene Art halten würde Hier wird man sicher Nein

antworten es gut ihm so Wenig für eine neue Art wie die durch die Kälte

geronnene Brühe im Gegensatz zu der warmen und flüssigen Brühe und wie das

flüssige Gold im Ofen für eine neue Art gegen das harte Gold in den Händen des

Arbeiters Ist dies richtig so sind unsere verschiedenen Arten nur verschieden

zusammengesetzte Vorstellungen mit besonderen Namen Allerdings hat jedes

bestehende Ding seine besondere Verfassung von der seine sinnlichen

Eigenschaften und Kräfte abhängen allein wenn man die Dinge in Arten ordnet

dh sie unter besondere Titel bringt so geschieht es nur nach den

Vorstellungendie man von ihnen hat Es genügt dies um sie nach Namen zu

unterscheiden damit man über sie sprechen kann auch wenn sie nicht zur Hand

sind allein wenn man meint es beruhe dies auf ihrer wahren inneren Verfassung

und dass die bestehenden Dinge von Natur in Arten durch ihr wirkliches Wesen so

gesondert seien wie man sie nach Arten und Namen sondert so gibt dies zu

großen Irrtümern Anlass

     14 Die Bedenken gegen eine bestimmte Anzahl von wirklichen Wesenheiten

Sollen Substanzen wie man gewöhnlich meint sich in Arten sondern weil

bestimmte Wesenheiten oder Formen derselben bestehen durch welche alle Dinge

von Natur in Arten gesondert sind so ist Folgendes nötig

     15 Erstens muss man sicher sein dass die Natur bei Hervorbringung der

Dinge immer will dass sie an bestimmten festgestellten Wesenheiten teilnehmen

welche für alle einzelnen die Muster abgeben In diesem groben Sinne wie man

diesen Satz gewöhnlich aufstellt bedarf er jedoch der Erläuterung ehe man ihm

zustimmen kann

     16 Zweitens müsste man wissen ob die Natur immer die Wesenheit erreicht

die sie bei der Hervorbringung der Dinge im Sinne hat Die an regelmäßigen und

ungeheuerlichen Geburten welche bei verschiedenen Tierarten vorgekommen sind

lassen eins oder beides bezweifeln

     17 Drittens muss entschieden werden ob die sogenannten Ungeheuer eine

wirkliche besondere Art nach dem scholastischen Begriff des Wortes species

bilden denn unzweifelhaft hat jedes vorhandene einzelne Ding seine besondere

Verfassung und dennoch haben manche dieser Missgeburten wenige oder gar keine

von den Eigenschaftenwelche aus dem Wesen dieser Art hervorgehen sollen aus

dem die Urbilder abgeleitet werden und zu welchem sie nach ihrer Abstammung zu

gehören scheinen

     18 Das WortWesen der Substanzen ist keine vollständige Zusammenfassung

der Eigentümlichkeiten Viertens müsste das wirkliche Wesen der Dinge, die man

nach Arten sondert und so verschieden benennt bekannt sein dh man müsste

eine Vorstellung von demselben haben Allein da man diese vier Punkte nicht

kennt so hält das angebliche wirkliche Wesen der Dinge für die Sonderung der

Substanzen in Arten nicht Stand

     19 Fünftens wäre die einzige Hülfe hiergegen dass man vollständige

zusammengesetzte Vorstellungen von den Eigenschaften der Dinge hätte die man

dann zur Sonderung derselben nach Arten benutzen könnte Aber keines von Beiden

ist ausführbar denn da man das wirkliche Wesen nicht kennt so kann man auch

nicht sämtliche daraus abfließenden Eigenschaften kennen die mit demselben so

verknüpft sind dasswenn eine fehlt man sicher annehmen kann das Wesen sei

hier nicht vorhanden und das Ding gehöre daher nicht in dieser Art Man kann

niemals die bestimmte Zahl der von dem wirklichen Wesen des Goldes abhängenden

Eigenschaften so genau kennen dasswenn eine davon fehlt das wirkliche Wesen

des Goldes, und also auch das Gold selbst dann nicht da wäre nur wenn man das

wirkliche Wesen des Goldes kennte und danach die Art bestimmte würde dies

möglich sein Unter Gold verstehe ich ein Stück davon zB die letzte gemünzte

Goldmünze Denn sollte darunter nur wie gewöhnlich die Vorstellung verstanden

werden die man Gold nennt also das WortWesen desselben so wäre dies ein

verworrenes Gerede So schwer fällt es den verschiedenen Sinn und die

Unvollkommenheiten der Worte darzulegen wenn es nur mit Worten geschehen kann

     20 Aus alledem erhelltdass die Unterscheidung der Substanzen nach Arten

sich nicht auf ihr wirkliches Wesen gründet und dass man nicht vermag sie in

solche Arten zu ordnen welche ihren inneren wesentlichen Unterschieden genau

entsprechen

     21 Sondern nur eine solche Zusammenfassung wie sie der Name bezeichnet

 Da man indes allgemeiner Worte bedarf obgleich man das wirkliche Wesen der

Dinge nicht kennt so bleibt nur übrig eine solche Anzahl einfacher

Vorstellungen zu verbinden wie sie in bestehenden Dingen sich vereinigt finden

und daraus eine zusammengesetzte Vorstellung zu bilden Wenn sie auch nicht das

wirkliche Wesen einer bestehenden Substanz ist so bildet sie doch das besondere

Wesen zu welchem der Name gehört und das sie vertreten kann Dadurch kann man

wenigstens die Wahrheit dieser WortWesenheiten prüfen So setzen zB Manche

das Wesen des Körpers in die Ausdehnungist dies der Fall so kann man niemals

irrtümlich das Wesen eines Dinges für dieses selbst nehmen Gebraucht man daher

beim Sprechen die Ausdehnung für den Körper und sagt man statt der Körper

bewegt sich die Ausdehnung bewegt sich so würde sich dies schlecht ausnehmen

Wer da sagte dass eine Ausdehnung durch Stoß eine andere Ausdehnung bewege

würde durch seine bloßen Worte genügend zeigen wie verkehrt ein solcher

Begriff ist Das Wesen eines Dinges bezüglich unserer ist die ganze

zusammengefasste Vorstellungdie unter ihrem Namen befasst und bezeichnet wird

bei Substanzen bildet neben den einzelnen zu ihr gebärenden einfachen

Vorstellungen auch die verworrene Vorstellung der Substanz selbst jenes

unbekannten Trägers und jener Ursache der Verbindung immer einen Teil Deshalb

ist das Wesen des Körpers nicht die bloße Ausdehnung sondern ein ausgedehntes

dichtes Ding und deshalb ist es ebenso verständlich zu sagen Ein ausgedehntes

dichtes Ding bewegt sich oder stößt ein anderesals zu sagen ein Körper

bewegt sich oder stößt Ebenso ist es dasselbe ob man sagt ein vernünftiges

Geschöpf ist der Unterscheidung fähig oder ein Mensch ist es Niemand dagegen

wild sagen dass die Vernünftigkeit der Unterhaltung fähig sei da sie nicht das

ganze Wesen dessen ausmacht was man Mensch nennt

     22 Die begrifflichen Vorstellungen sind für uns der Maßstab der Arten,

ein Beispiel ist der Mensch Es gibt Geschöpfe auf der Erde deren Gestalt der

unsrigen ähnelt die aber behaart sind und der Sprache und Vernunft ermangeln

Es gibt auch Geschöpfe unter den Menschen die genau unsere Gestalt haben aber

der Vernunft, und Einzelne die auch der Sprache ermangeln Es soll auch

Geschöpfe geben »der Erzähler mag es vertreten« obgleich kein Widerspruch dann

liegt die mit Sprache und Verstand und einer uns gleichenden Gestalt begabt

sind aber behaarte Schwänze haben und wieder Andere wo nicht die Männer

sondern die Frauen Bärte haben Fragt man nun ob alle diese Menschen seien und

alle zur Menschengattung gehören so bezieht sich diese Frage offenbar nur auf

das WortWesen denn von jenen Geschöpfen sind nur diejenigen Menschen die mit

der Definition des Wortes Mensch oder mit der zusammengesetzten Vorstellung

dieses Namens übereinstimmen die andern sind es nicht Geht aber die Frage auf

das angebliche wirkliche Wesen und ob die innere Verfassung und Gestalt dieser

verschiedenen Geschöpfe wesentlich verschieden seien so kann darauf keine

Antwort erteilt werden da Nichts davon in unserer ArtVorstellung enthalten

ist; man kann höchstens annehmen dass wo die Vermögen und die äußere Gestalt

so verschieden sind auch die innere Verfassung nicht genau dieselbe sein könne

Welcher Unterschied in der inneren wirklichen Verfassung aber einen

ArtUnterschied herbeiführt kann man nicht ermitteln da für uns der Maßstab

für die Arten, wie sie sind mir die begrifflichen Vorstellungen sind die man

kennt und nicht die innere Verfassung die keinen Teil dieser Vorstellung

ausmacht Soll zB der bloße Unterschied dass die Haut behaart ist das

Zeichen einer verschiedenen inneren Verfassung zwischen einem Wechselbalg und

einem Pavian sein wenn sie sonst in Gestalt übereinkommen und Beiden die

Sprache und die Vernunft fehlt Und soll der Mangel der Vernunft und Sprache

nicht als ein Zeichen gelten dass ein Wechselbalg und ein verständiger Mensch

von verschiedener innerer Verfassung und Art sind Dasselbe gilt für alles

Andere wenn man meint dass der Unterschied der Arten aus der wirklichen Form

und der geheimen Verfassung der Dinge bestimmt werde und hervorgehe

     23 Die Art kann nicht durch die Fortpflanzung definiert werden Auch

kann man nicht behaupten dass die Fähigkeit der Fortpflanzung bei den Tieren

durch Begattung des Männchens und Weibchens und bei Pflanzen durch den Samen

die angebliche wirkliche Art bestimme und vollständig enthalte Selbst wenn es

wahr wäre so kommt man damit für die Untersuchung der Arten der Dinge nicht

weiter als bis zu dem Gegensatz von Tieren und Pflanzen Was soll aber bei

diesen geschehen Aber der Satz ist nicht einmal für jene hinreichend denn

wenn die Geschichte nicht logt so sind Weiber von Pavianen geschwängert worden

und es tritt dann die neue Frage auf zu welcher Art ein solches Geschöpf

gehöre Dass dergleichen nicht unmöglich ist beweisen die vielen Maultiere und

Jumarts von denen jene die Frucht eines Esels und einer Stute und diese die

Frucht eines Stiers und einer Stute sind Ich selbst habe ein Geschöpf gesehen

das von einer Katze und Ratte erzeugt war und die deutlichen Zeichen von Beiden

an sich trug so dass die Natur dem Muster keines allein gefolgt sondern beide

vermengt hatte Nimmt man noch die häufigen Missgeburten hinzu so dürfte es

selbst bei den Tieren schwer fallen durch die Abstammung die Art derselben

bestimmen zu wollen und das wirkliche Wesen anzugeben was durch die

Fortpflanzung hier übergeführt sei und allein zu dem Namen berechtigt sein soll

Könnte übrigens der Unterschied der Tiere und Pflanzen nur hiernach erkannt

werden, so müsste man nach Indien reisen um zu wissen ob dies ein Tiger und

dies Thee sei und dort den Vater und die Mutter von jenem und die Pflanze von

welcher der Samen zu diesem gesammelt war aufsuchen

     24 Auch nicht durch substantielle Formen Also erhelltdass nur die

sinnlichen Eigenschaftenwelche der Mensch verbindet das Wesen der Arten der

Substanzen bilden und dass ihr wahrer innerer Bau bei ihrer Einteilung in der

Regel nicht beachtet wird Noch weniger denkt man dabei an substantielle Formen

nur die welche auf diesem Weltteil die Sprache der Schulen gelernt haben

machen eine Ausnahme allein trotzdem können die Unstudierten die sich keines

Einblicks in das wahre Wesen rühmen und sich mit substantiellen Formen nicht

plagen sondern sich begnügen die Dinge nach ihren sinnlichen Eigenschaften zu

kennen die Dinge besser unterscheiden und besser wissen was man von jedem zu

erwarten hat als jene gelehrten kurzsichtigen Männer die so tief in die Dinge

schauen und so zuverlässig von ihrem verborgenen Wesen schwätzen

     25 Die ArtUnterschiede sind Bildungen der Seele Selbst wenn das

wirkliche Wesen bei genauerer Erforschung zu entdecken wäre so würde doch die

Einteilung der Dinge in Arten nicht danach sondern nur nach ihrer äußeren

Erscheinung bestimmt werden, weil die Sprachen längst fertig waren als die

Wissenschaften entstanden Deshalb sind die allgemeinen Namen die bei den

Völkern gebräuchlich sind nicht von den Philosophen oder Logikern oder von

Solchen gemacht worden die sich mit Formen und Wesen geplagt haben vielmehr

haben diese mehr oder weniger umfassenden Ausdrücke in allen Sprachen ihre

Bildung und ihre Bedeutung von unwissenden und ungelehrten Leuten empfangen die

die Dinge nach den an ihnen bemerkten sinnlichen Eigenschaften unterschieden und

benannten um dadurch dieselben auch wenn sie nicht da waren Andern bezeichnen

zu können

     26 Deshalb sind sie sehr veränderlich und unsicher Wenn also die Dinge

nicht nach ihrem währen sondern nur nach ihrem WortWesen geordnet und benannt

werden so fragt es sich zunächst wie und von wem dieses Wesen gemacht wird

Das WortWesen offenbar von der Seele und nicht von der Natur, denn sonst könnte

es nicht so verschieden und wechselnd sein als mehrere Personen es auffassen

Nicht von einer einzigen Art wird sich bei mehreren Menschen das WortWesen als

gleich ergeben wenn man der Sache näher tritt selbst nicht bei der Art mit

der man am genauesten bekannt ist Die begriffliche Vorstellungder man einen

Namen gab könnte bei mehreren Menschen nicht verschieden sein wenn die Natur

sie bestimmte dann hätte der Eine sie nicht als »ein vernünftiges Thier« und

der Andere als »ein federloses zweifüßiges Thier mit breiten Nägeln«

bezeichnen können Wenn der Eine den Namen Mensch mit einer Vorstellung

verbindet die aus der Wahrnehmung und körperlichen Bewegung verbunden mit

einem so gestalteten Körper gebildet ist so hat er damit eine Wesenheit der

Art Mensch und wenn ein Anderer in Folge weiterer Prüfung die Vernünftigkeit

hinzufügt so hat er eine andere Wesenheit der Art die er Mensch nennt und so

kann dieselbe Person für jenen ein wahrer Mensch sein und für diesen nicht

Schwerlich wird man die so gut gekannte aufrechte Gestalt als den wesentlichen

Unterschied der Gattung Mensch anerkennen und doch entscheidet man

augenscheinlich über die Tiergattungen mehr nach der Gestalt als nach der

Abstammung der Einzelnen und man hat mehr als einmal darüber gestritten ob man

eine Leibesfrucht erhalten und zur Taufe zulassen solle bloß weil sie in ihrer

äußern Gestalt von der gewöhnlichen Gestalt der Kinder abwich und man nicht

wusste ob sie nicht ebenso der Vernunft fähig sei wie anders geformte Kinder

von denen manche trotz ihrer guten Gestalt doch eines Zeichens von Vernunft ihr

ganzes Leben lang nicht fähiger waren wie ein Affe oder Elephant und welche

nie bemerken ließen dass sie durch eine vernünftige Seele geleitet wurden Man

hat also offenbar die äußere Gestalt die allein mangelhaft war und nicht die

Vernünftigkeit deren Mangel zu dieser Zeit Niemand wissen konnte zum Wesen der

menschlichen Gattung erhoben Der gelehrte Theologe und Jurist müssen bei

solchen Gelegenheiten ihre geheiligte Definition des »vernünftigen Tieres«

aufgeben und etwas Anderes als das Wesen der menschlichen Gattung unterschieben

Herr Menage gedenkt in seinem Werke Menagiana Seite 278 und 430 eines

erwähnenswerten Falles er sagt »Der Abt von St Martin hatte bei seiner

Geburt so wenig Menschenähnliches in seiner Gestalt dass er danach eher für

eine Missgeburt gelten musste Man war eine Zeit lang unschlüssig ob man ihn

taufen sollte Indes geschah es und er wurde vorläufig bis die Zeit es

bestätigen werde für einen Menschen erklärt Die Natur hatte ihn so unförmlich

gestaltet dass er sein Lebelang der Abt Malotrn dh der Missgestaltete

genannt wurde er war aus Caen« Man sieht also wie hier ein Kind nur seiner

Gestalt wegen beinahe von der menschlichen Gattung ausgeschlossen worden wäre

Er entging dem mit Mühe und wäre seine Gestalt noch ein wenig verkehrter

gewesen so hätte man ihn für kein menschliches Wesen gehalten sondern bei

Seite geschafft Dennoch hatte man keinen Grund weshalb trotz den etwas

veränderten Gesichtszügen nicht eine vernünftige Seele in ihm hätte wohnen

können und weshalb ein etwas längeres Gesicht oder eine plattere Nase oder ein

größerer Mund nicht ebenso wie seine übrige Gestalt mit solch einer Seele und

solchen Talenten verträglich wären die ihn trotz seiner Missgestalt zu einem

Würdenträger der Kirche befähigten

     27 Worin bestehen also dies möchte ich gern wissen die festen und

unveränderlichen Grenzen dieser Gattung Offenbar hat die Natur nichts der Art

gemacht und für die Menschen aufgestellt Das wirkliche Wesen dieser oder jeder

andern Gattung von Substanzen ist uns unbekannt und es ist von dem WortWesen

welches der Mensch sich gebildet hat so unterschieden dasswenn man Mehrere

über missgestaltete Neugeburten fragte ob sie Menschen seien oder nicht man

sehr verschiedene Antworten erhalten würde Dies wäre unmöglich wenn das

WortWesen nach dem wir die Arten der Substanzen bestimmen und unterscheiden

nicht von dem Menschen selbst mit einer gewissen Freiheit gemacht sondern genau

nach natürlichen Grenzen festgesetzt wäre durch welche die Natur selbst die

Substanzen in verschiedene Arten getrennt hätte Wer möchte die Art bestimmen

zu der das bei Licetus Buch I Kap 3 erwähnte Ungeheuer mit einem

Menschenkopf und einem Schweinsleib gehörte oder jene mit dem Leib eines

Menschen und dem Kopf eines Hundes oder Pferdes oder eines andern Tieres

Hätte ein solches Geschöpf noch überdem leben und sprechen können so wäre diese

Frage noch weit schwieriger geworden Wäre das Oberteil bis zur Mitte von

menschlicher Gestalt und das Untere wie bei einem Schwein gewesen würde da

dessen Tötung ein Mord gewesen sein Und hätte man da den Bischof fragen

müssen ob es zur Taufe zu verstatten sei Etwas Ähnliches ereignete sich wie

man mir erzählt hat vor einigen Jahren in Frankreich So unsicher sind für uns

die Grenzen der Arten der Geschöpfe sie können nur nach den von uns verbundenen

Vorstellungen bemessen werden und man ist weit von der sichern Kenntnis was

der Mensch ist entfernt obgleich es für große Unwissenheit gelten würde wenn

man hierüber zweifelhaft wäre Die festen Grenzen dieser Gattung dürften indes

so wenig bestimmt und die genaue Zahl der einzelnen einfachen Vorstellungen

ihres WortWesens so wenig sicher und vollständig gekannt sein dass noch sehr

erhebliche Zweifel darüber erhoben werden können. Alle vorhandenen Definitionen

vom Menschen und alle Beschreibungen seiner Gattung können nach Genauigkeit und

Vollständigkeit keinen denkenden und forschenden Mann befriedigen noch weniger

können sie auf allgemeine Zustimmung rechnen oder erwarten dass alle Welt

danach entscheiden werde ob eine etwaige Missgeburt als Mensch gelten am Leben

erhalten und getauft werden solle

     28 Indes sind sie doch nicht so willkürlich wie die der gemischten

Besonderungen Obgleich diese WortWesen bei den Substanzen ein Werk der Seele

sind so sind sie doch nicht so willkürlich wie die der gemischten Zustände

gebildet Um das WortWesen einer Gattung zu bilden gehört 1 dass die

Vorstellungen, aus denen es besteht so verbunden sind, dass sie nur eine

Vorstellung ausmachen gleichviel welcher Art die Verbindung ist 2 muss die

besondere so verbundene Vorstellung genau dieselbe bleiben und nicht bald

Locke mehr bald weniger enthalten Denn wenn zwei begriffliche

zusammengesetzte Vorstellungen entweder in der Zahl oder in der Art ihrer Theile

verschieden sind so machen sie nicht ein sondern zwei Wesen aus Rücksichtlich

des ersten Erfordernisses folgt die Seele bei Bildung ihrer Vorstellungen von

Substanzen nur der Natur, und verbindet nichts was nicht als in der Natur

verbunden gilt Niemand verbindet die Stimme des Schafes mit der Gestalt des

Pferdes und die Farbe des Bleis mit der Schwere und Festigkeit des Goldes, um

damit eine besondere Art von Substanzen darzustellen er müsste denn seinen Kopf

mit Chimären und seine Rede mit unverständlichen Worten anfüllen wollen Die

Menschen bemerkten dass gewisse Eigenschaften immer miteinander verbunden

waren sie ahmten darin die Natur nach und aus den so verbundenen Vorstellungen

bildeten sie ihre Vorstellungen von den Substanzen Allerdings kann man bei

deren Bildung und Benennung willkürlich verfahren allein wenn man beim Sprechen

über bestehende Dinge verstanden sein will so muss man seine Vorstellungen

einigermaßen diesen Dingen anpassen sonst gliche das Sprechen dem von Babel

und eines Jeden Worte wären nur ihm selbst verständlich die Unterhaltung und

die täglichen Geschäfte wären unmöglich wenn die Vorstellungen der Substanzen

nicht der gemeinsamen Erscheinung und Übereinstimmung derselben wie sie

wirklich bestehen entsprächen

     29 Indes ist dies nur sehr unvollkommen der Fall Obgleich der Mensch

bei Bildung seiner zusammengesetzten Vorstellungen von Substanzen nur

Vorstellungen verbindet die zusammen bestehen oder als so bestehend

vorausgesetzt werden und er mithin die Verbindung wahrhaft der Natur entlehnt

so ist doch die Zahl der Vorstellungendie er verbindet von seiner wechselnden

Sorgfalt Tätigkeit und Einbildungskraft abhängig In der Regel begnügt man

sich mit wenigen augenfälligen Eigenschaften und lässt oft wenn nicht immer

andere ebenso wichtige und ebenso eng verbundene aus Es gibt von den

sinnlichen Substanzen zwei Arten; die eine hat einen organisierten Körper und

wird durch Samen fortgepflanzt hier bildet die Gestalt die charakteristische

Eigenschaft und das entscheidende Zeichen für die Art und deshalb genügt bei

Pflanzen und Tieren die Vorstellung einer ausgedehnten dichten Substanz von

einer bestimmten Gestalt Denn wenn auch die Definition von dem »vernünftigen

Tiere« noch so hoch gestellt wird so würde doch schwerlich ein Geschöpf für

einen Menschen gelten was zwar Vernunft und Sprache aber nicht die gewöhnliche

menschliche Gestalt besäße wenn es auch sonst noch so sehr ein »vernünftiges

Thier« wäre und hätte Bileams Esel immer so vernünftig wie das eine Mal mit

seinem Herrn gesprochen so würde dieser ihn doch schwerlich des Namens Mensch

für würdig erachtet und ihn von gleicher Art mit sich angesehen haben So wie

bei Pflanzen und Tieren die Gestalt so ist bei den meisten nicht durch Samen

fortgepflanzten Körpern die Farbe das was man am meisten beachtet und von der

man am meisten sich leiten lässt Wo man daher die Farbe des Goldes antrifft da

erwartet man auch die übrigen in unserer Vorstellung desselben befassten

Eigenschaften und gewöhnlich begründen die auffälligen Eigenschaften der

Gestalt und der Farbe so stark die Vermutung für eine bestimmte Art dass man

bei einem guten Gemälde danach gleich sagt dies ist ein Löwe und dies eine

Rose dies ist ein silberner und dies ein goldener Becher Alles nur auf Grund

der verschiedenen Gestalten und Farben die das Gemälde dem Auge bietet

     30 Indes genügt es für den menschlichen Verkehr Allerdings genügt

dies für grobe und verworrene Auffassungen und ein ungenaues Sprechen und

Denken aber trotzdem hat man sich über die bestimmte Zahl einfacher

Vorstellungen oder Eigenschaften die einer bestimmten mit Namen bezeichneten

Art von Dingen Zukommen nicht geeinigt Es ist dies freilich nicht zu

verwundern da viele Zeit Mühe und Geschicklichkeit sowie eine genaue

Untersuchung und eine lange Prüfung dazu gehören wenn man ermitteln will

welche und wie viele einfache Vorstellungen beständig und untrennbar in der

Natur verbunden sind und in den Gegenständen einer Art immer beisammen

angetroffen werden. Die meisten Menschen haben dazu entweder keine Zeit oder

keine Lust oder nicht Geschicklichkeit genug sie begnügen sich deshalb mit

wenigen augenfälligen äußerlichen Erscheinungen an den Dingen und ordnen sie

sofort danach in Arten für den täglichen Verkehr Man gibt ohne weitere Prüfung

ihnen deren Namen oder benutzt die bereits gebräuchlichen Namen dazu Im

gewöhnlichen Verkehr gelten sie leicht als die Zeichen einiger augenfälligen

zusammen bestehenden Eigenschaften allein sie umfassen keineswegs in fester

Bedeutung eine bestimmte Zahl einfacher Vorstellungenund noch weniger alle

die welche in der Natur verbunden sind. Wer nach so vielem Lärm über genus und

species und so vielem Geschwätz über spezifische unterschiede sieht wie wenige

Worte bis jetzt eine feste Definition haben kann mit Recht diese Formen von

denen man so viel Aufhebens gemacht hat für bloße Chimären halten die über

die eigentliche Natur der Dinge keinen Aufschluss gewähren und wer bedenkt wie

wenig die Namen der Substanzen bestimmte Bedeutungen haben kann mit Recht

annehmen dass alle WortWesen obgleich sie als der Natur entlehnt gelten nur

sehr unvollkommen sind Denn ihre Zusammensetzung erfolgt bei verschiedenen

Personen verschieden und ihre Grenzen der Arten sind deshalb nicht von der

Natur, sondern von den Menschen bestimmt wenn überhaupt die Natur solche

Grenzen gezogen hat Allerdings sind viele Substanzen von der Natur so gemacht

dass sie einander ähnlich sind und daher eine Grundlage für ihre Einordnung in

eine Art abgeben allein wenn die Menschen die Dinge in Arten ordnen so

geschieht es um sie unter einen allgemeinen Ausdruck zu befassen und danach zu

nennen und deshalb sehe ich nicht ab wie man sagen kann dass die Natur die

Grenzen der Arten bestimmt habe Selbst wenn dies der Fall wäre so würden doch

unsere Grenzen nicht genau mit denen der Natur stimmen denn der Mensch bedarf

der allgemeinen Worte für seine gegenwärtigen Zwecke und er wartet deshalb

nicht bis alle jene Eigenschaften vollständig entdeckt sind die am besten die

wesentlichen Unterschiede und Gleichheiten darlegen vielmehr teilt er die

Dinge nach einzelnen augenfälligen Erscheinungen in Arten um durch allgemeine

Worte leichter mit Andern verkehren zu können Er kennt von den Substanzen nur

die einfachen Vorstellungendie in ihnen vereint sind er bemerkt dass

einzelne Substanzen in einigen dieser einfachen Vorstellungen übereinstimmen

und aus dieser Verbindung bildet er die Vorstellung der Art und gibt ihr einen

Namen damit beim Wiedererinnern und im Gespräch er mit einem kurzen Wort alle

die einzelnen Dinge bezeichnen kann die in jener zusammengesetzten Vorstellung

zusammenstimmen ohne ihre einfachen Vorstellungen einzeln aufzählen zu müssen

es soll damit die Verschwendung an Zeit und Atem in langweiligen Beschreibungen

erspart werden wozu Die genötigt sind die von einer neuen Art Dingen

sprechen wollen welche noch keinen Namen haben

     31 Das Wesen der mit demselben Namen belegten Arten ist sehr

verschieden Wenn man auch mit diesen Arten der Substanzen in der gewöhnlichen

Unterhaltung gut fortkommt so wird doch diese zusammengesetzte Vorstellungin

welcher mehrere Personen übereinstimmen von den Einzelnen sehr verschieden

gebildet bald mehr bald weniger genau bald erhält sie eine größere bald

eine geringere Zahl von Eigenschaften; sie ist immer so wie gerade die Seele

sie gebildet hat Die gelbe glänzende Farbe macht das Gold bei Kindern aus

Andere setzen das Gewicht die Hämmerbarkeit und Schmelzbarkeit hinzu noch

Andere weitere Eigenschaften die mit der gelben Farbe ebenso beständig wie die

Schwere und die Schmelzbarkeit verbunden sind; denn jede dieser Eigenschaften

hat so gut wie die andern ein Recht in die Vorstellung der Substanz aufgenommen

zu werden die sie zusammen verbindet Deshalb haben die Menschen welche

einfache Vorstellungen auslassen oder zusetzen je nach ihrer Untersuchung

Geschicklichkeit oder Beobachtung des Gegenstandes, verschiedene Vorstellungen

vom Gold und deshalb können sie nur von ihnen selbst und nicht von der Natur

gemacht sein

     32 Je allgemeiner die Vorstellungen sind desto unvollständiger sind sie

und desto mehr befassen sie nur einzelne Theile Wenn die Zahl der einfachen

Vorstellungenwelche das WortWesen der untersten Arten welche zunächst die

einzelnen Dinge ordnen von der Seele abhängt die sie verschieden

zusammenfasst so ist dies offenbar bei jenen umfassenderen Klassen noch mehr

der Fall welche die Meister der Logik die Gattungen nennen Diese Vorstellungen

sind absichtlich unvollständig und man sieht auf den ersten Blick dass

Eigenschaften die in den Dingen bemerkt worden absichtlich bei denselben

ausgelassen worden sind. So wie die Seele schon bei Bildung allgemeiner

Vorstellungen für mehrere einzelne Dinge die Vorstellungen der Zeit des Ortes

und andere weglässt welche deren Geltung für mehrere einzelne Dinge hindern

würden so lässt sie auch um diese Vorstellungen noch allgemeiner zu machen

damit sie verschiedene Arten umfassen jene Vorstellungen weg welche die Arten

unterscheiden und nimmt in die neue Vorstellung nur das allen Arten Gemeinsame

auf Dieselbe Bequemlichkeit welche die verschiedenen aus Guinea und Peru

kommenden Stücke von gelber Farbe unter einen Namen zusammenfassen ließ

veranlasst auch die Bildung eines Namens für Gold und Silber und einige andere

Körper Dies geschieht durch Weglassung der eigentümlichen Eigenschaften jeder

Art und Bildung einer Vorstellung aus dem allen Arten Gemeinsamen Wird es dann

»Metall« benannt so ist die Gattung fertig Das Wesen dieser Gattung ist die

begriffliche Vorstellungdie nur die Hämmerbarkeit und Schmelzbarkeit mit

verschiedenen Graden von Schwere und Festigkeit befasst in denen die Körper

verschiedener Arten übereinstimmen dabei sind die Farben und andere dem Gold

Silber und den übrigen unter Metall befassten Stoffen eigentümlichen

Eigenschaften weggelassen Offenbar folgt man hierbei nicht genau den von der

Natur gebotenen Mustern denn es gibt keinen Körper der bloß hämmerbar und

schmelzbar wäre und keine weiteren Eigenschaften hätte Allein man sieht bei

Bildung der allgemeinen Vorstellungen mehr auf die Bequemlichkeit und

Schnelligkeit im Sprechen man benutzt dazu kurze und umfassende Zeichen und

achtet nicht auf die wahre und bestimmte Natur der Dinge, wie sie besteht

deshalb ist man bei Bildung der allgemeinen Vorstellungen nur auf einen Vorrat

von allgemeinen Namen verschiedentlichen Umfanges bedacht gewesen Deshalb ist

bei diesem ganzen Geschäft der Gattungen und Arten die Gattung oder die mehr

umfassende Vorstellung nur ein Teil des in der Art Enthaltenen und die Art nur

eine TeilVorstellung des in dem einzelnen Dinge Enthaltenen Meinte man also

dass der Mensch das Pferd das Thier und die Pflanze usw durch ihr

wirkliches natürliches Wesen unterschieden seien so müsste die Natur sehr

freigebig mit diesem natürlichen Wesen umgehen und eines für den Körper ein

anderes für das Thier und wieder ein anderes für das Pferd machen und alle

diese Wesen freigebig dem Bucephalus zuteilen Sieht man aber recht zu so

ergibt sich dass bei all diesen Gattungen und Arten kein neues Ding zu Stande

kommt sondern nur mehr oder weniger umfassende Zeichen durch die man mit wenig

Silben eine große Menge einzelner Dinge bezeichnen kann welche den mehr oder

weniger allgemeinen Vorstellungen entsprechen die zu diesem Ende gebildet

worden sind. Dabei ist allemal der allgemeinere Ausdruck der Name für die

weniger zusammengesetzte Vorstellung jede Gattung ist bloß eine

TeilVorstellung der unter ihr befassten Arten Die vermeintliche

Vollständigkeit dieser begrifflichen Vorstellungen bezieht sich also nur auf

eine feste Beziehung ihrer zu gewissen Namen die sie bezeichnen und nicht zu

bestellenden natürlichen Dingen

     33 Sie sind sämtlich den Zwecken der Sprache angepasst Sie sind also

für den Zweck der Sprache eingerichtet dh für die leichteste und kürzeste

Weise der Gedanken und Mittheilung So braucht Der welcher von Dingen sprechen

will die nur der zusammengesetzten Vorstellung von Ausdehnung und Dichtigkeit

entsprechen bloß das Wort Körper dafür zu benutzen Will ein Anderer die durch

die Worte Leben Sinne freiwillige Bewegung bezeichneten Vorstellungen damit

verbinden so braucht er nur das Wort Thier dafür zu benutzen und Der welcher

eine Vorstellung aus Leben Sinne Bewegung mit der Vernunftfähigkeit und einer

gewissen Gestalt verbunden hat braucht nur das einsilbige Wort Mensch zu

benutzen um alle Einzelnen die dieser Vorstellung entsprechen zu bezeichnen

Dies ist das eigentümliche Geschäft der Gattungen und Arten und dies geschieht

ohne Rücksicht auf die wirklichen Wesen oder substantiellen Formen die nicht in

den Bereich unseres Wissens fallen wenn wir an diese Dinge denken und nicht in

die Bedeutung der Worte, wenn man mit Andern spricht

     34 Ein Beispiel am Kasuar Wollte ich Jemand von den Vögeln erzählen

die ich neulich in St James Park gesehen die 34 Fuß hoch waren bedeckt mit

Etwas zwischen Haar und Federn die eine braune Farbe hatten und statt der

Flügel zwei oder drei kleine Zweige die wie Sprossen von Spanischem Flieder

herabhängen mit Füssen von nur drei Klauen und ohne Schwanz so müsste ich eine

lange Beschreibung machen damit der Andere mich verstehe nennt man sie aber

mit ihrem richtigen Namen Kasuar so kann ich dann dies Wort für alle in dieser

Beschreibung aufgeführten Eigenschaften benutzen wenn ich auch mit diesem Wort

was nun der Name einer Art geworden ist von dem wirklichen Wesen oder der

Verfassung dieser Art Tiere so wenig wie vorher weiß und auch von der Natur

dieser Vögel wahrscheinlich schon ehe ich ihren Namen erfuhr ebensoviel

wusste als manche meiner Landsleute von den Schwanen und Reihern welches

bekannte ArtNamen von Vögeln sind die in England häufig vorkommen

     35 Die Menschen bestimmen die Arten.) Aus dem Gesagten erhelltdass die

Menschen die Arten machen Denn nur das verschiedene WortWesen begründet die

verschiedenen Artenund deshalb machen die welche diese begrifflichen

Vorstellungen bilden die das WortWesen ausmachen damit auch die Art oder

species Fände man einen Körper der alle Eigenschaften des Goldes mit Ausnahme

der Hämmerbarkeit hätte so entstände die die Frage ob er Gold sei dh ob er

zu dieser Art gehöre Dies ließe sich nur durch die begriffliche Vorstellung

entscheiden die Jedermann mit dem Golde verbindet Deshalb würde es Der für

wahres Gold halten bei dem in seinem WortWesen die Hämmerbarkeit nicht mit

enthalten wäre und ein Anderer würde es nicht für wahres Gold halten im Fall

er auch die Hämmerbarkeit zu dem Wesen dieser Art rechnete Wer macht aber die

verschiedenen Arten sogar für ein und denselben Namen Nur der Mensch der zwei

verschiedene begriffliche Vorstellungen bildet die nicht genau dieselben

Eigenschaften befassen Überdem ist es kein bloßer Einfall dass ein Körper

bestehe der alle Eigenschaften des Goldes mit Ausnahme der Hämmerbarkeit

enthalte da Gold manchmal so spröde wie die Gewerbsleute sagen ist dass es

den Hammer so wenig wie Glas vertragen kann Was ich hier in Betreff des

Zusetzens oder Auslassens der Hämmerbarkeit bei der Vorstellung des Goldes

gesamt gilt ebenso für seine besondere Schwere Festigkeit und die übrigen

Eigenschaften mag irgend eine ausgelassen sein so bestimmt immer die mit Gold

bezeichnete Vorstellung seine Art und wenn ein Stück Stoff dieser entspricht

so kommt ihm der Name der Art wahrhaft zu und es gehört zu derselben So

bestimmt sich ob Etwas wahres Gold oder ächtes Metall ist all diese

Bezeichnungen der Art sind offenbar von dem Menschen abhängig je nachdem er die

Vorstellung davon so oder anders bildet

     36 Die Natur macht die Ähnlichkeit Also verhält es sich kurz so dass

die Natur viele einzelne Dinge macht die in manchen sinnlichen Eigenschaften

und vielleicht auch in ihrer inneren Form und Verfassung übereinkommen aber

nicht dieses wahre Wesen sondert sie in Arten sondern der Mensch welcher sie

nach den in ihnen vereinigt vorgefundenen Eigenschaften worin sie

übereinstimmen in Arten sondert und ihnen wegen der Bequemlichkeit umfassender

Zeichen Namen gibt Je nachdem einzelne Dinge mit dieser begrifflichen

Vorstellung übereinstimmen werden sie darunter wie unter Fahnen gestellt

dies gehört so zu dem roten und jenes zu dem blauen Regiment dies ist ein

Mensch und jenes ein Pavian und darin besteht die ganze Aufgabe der Gattungen

und Arten

     37 Ich behaupte nicht dass die Natur bei der Hervorbringung der

einzelnen Dinge immer neue und verschiedene Dinge mache viele sind einander

ähnlich und verwandt allein dennoch dürfte es richtig sein dass die Grenzen

der Arten, wonach die Menschen sie sondern von diesen gezogen werden weil die

Wesen der mit verschiedenen Namen bezeichneten Arten wie gezeigt worden das

Werk des Menschen sind und selten der inneren Natur der Dinge, von denen sie

entlehnt sind entsprechen Man kann deshalb in Wahrheit sagen dass diese

Weise die Dinge in Arten zu ordnen das Werk des Menschen ist

     38 Jede begriffliche Vorstellung ist eine Wesenheit Ein Punkt wird in

dieser Darstellung wahrscheinlich sonderbar erscheinen nämlich die daraus sich

ergebende Folge dass jede begriffliche Vorstellung mit einem Namen eine

bestimmte Art bildet Allein wer kann für die Wahrheit Denn dies muss so lange

gelten als nicht Jemand kommt und zeigt dass die Arten der Dinge durch etwas

Anderes begrenzt und unterschieden werden, und dass die allgemeinen Ausdrücke

nicht unsere begrifflichen Vorstellungen sondern etwas Anderes bezeichnen Ich

möchte wohl wissen weshalb ein Pudel und ein Jagdhund nicht ebenso zu

besonderen Arten gehören wie ein Wachtelhund und ein Elephant Der Unterschied

in dem Wesen des Elephanten gegen das des Wachtelhundes ist derselbe wie der

zwischen Pudel und Jagdhund denn der ganze wesentliche Unterschied wodurch man

den Einen von dem Andern sondert liegt nur in der Verschiedenheit der einfachen

Vorstellungendie zusammengefasst und mit einem Namen bezeichnet worden sind.

     39 Die Gattungen und Arten dienen nur der Benennung Wie sehr die

Bildung der Gattungen und Arten nur der allgemeinen Namen wegen geschieht und

wie sehr diese wo nicht dem Bestande doch der Vollständigkeit einer Art nötig

sind und sie als solche gelten lassen zeigt sich neben dem früher dargelegten

Beispiel von Eis und Wasser noch an einem andern sehr bekannten Eine schlagende

Uhr und eine die nicht schlägt gelten für Den der nur einen Namen für beide

hat nur als eine Art allein wer für die eine den Namen Turmuhr und für die

andere den Namen Taschenuhr und bestimmte zu diesen Namen gehörende

Vorstellungen hat für den sind es zwei verschiedene Arten Man entgegnet

vielleicht dass die innere Einrichtung und Verfassung bei ihnen verschieden

sei wie der Uhrmacher klar wisse Allein dennoch sind sie auch für diesen nur

eine Art wenn er nur einen Namen für Beide hat Denn wie müsste die innere

Einrichtung anders sein wenn sie eine neue Art bilden sollte Manche Uhren

haben vier andere fünf Räder werden sie deshalb für den Uhrmacher zu

verschiedenen Arten? Manche haben Ketten und Gewichte andere nicht manche

haben den Pendel lose bei andern wird er durch eine Spiralfeder und bei andern

durch Schweinsborsten geregelt genügt einer von diesen Unterschieden für den

Uhrmacher um sie zu einer neuen Art zu machen obgleich er diese und andere

innere Einrichtungen in der Verfassung der Uhren wohl kennt Offenbar ist jede

wirklich von der andern unterschieden allein ob dies einen wesentlichen und

ArtUnterschied ausmacht hängt bloß von der mit dem Namen verbundenen

Vorstellung ab so lange sie hierin übereinstimmen und der Name nicht bloß die

höhere Gattung bezeichnet sind sie weder wesentlich noch der Art nach

verschieden Teilt man aber die Uhren nach feineren Unterschieden ihrer inneren

Einrichtung ab und gibt man ihnen verschiedene Namen die sich einbürgern so

entstehen für Die welche diese Vorstellungen und Namen kennen neue Arten und

dir Name Uhr bezeichnet dann die Gattung Dennoch werden sie für Denjenigen

nicht als besondere Arten gelten welcher das Uhrmachergewerbe und die innere

Einrichtung der Uhren nicht kennt da seine Vorstellung nur die äußere Gestalt

und Größe nebst dem Zifferblatt enthält für ihn wären alle diese verschiedenen

Namen gleichbedeutend und bezeichneten nicht mehr oder weniger als überhaupt

eine Uhr Genau so ist es auch bei natürlichen Dingen Offenbar werden die Räder

und Federn wenn ich mich so ausdrücken darf in einem vernünftigen Menschen und

in einem Wechselbalg ebenso verschieden sein wie die Gestalt des Pavians von

der des Wechselbalgs Allein ob diese Unterschiede beide oder einzeln

wesentliche seien ergibt sich für uns nur daraus ob sie mit dem Begriff des

Menschen stimmen oder nicht dadurch allein kann entschieden werden ob sie alle

beide oder einer oder keiner zu den Menschen gehören

     40 Die Arten sind bei künstlichen Gegenständen weniger schwankend wie

bei natürlichen Aus dem Obigen ergibt sich weshalb über die Alten der

künstlichen Gegenstände weniger Unsicherheit und Zweifel bestehen als bei den

natürlichen Dingen Der künstliche Gegenstand ist von dem Menschen gemacht er

hat ihn sich ausgedacht und er kennt deshalb seine Vorstellungder Name gilt

für nichts Anderes und enthält nichts wesentlich was nicht bekannt wäre und

leicht gefasst werden könnte Denn für die Meisten bildet sich die Vorstellung

oder das Wesen der verschiedenen Arten künstlicher Dinge nur aus der Gestalt der

sichtbaren Theile und aus der mitunter davon abhängigen Bewegung welche der

Verfertiger in seiner Weise dem Stoffe gegeben hat deshalb kann man eine

bestimmte Vorstellung davon haben und eine deutliche Vorstellung mit deren Namen

verbinden die weniger Zweifeln Dunkelheiten und Zweideutigkeiten als bei

natürlichen Dingen unterliegt deren Unterschiede und Tätigkeiten von

Einrichtungen abhängen die außerhalb unseres Bereichs liegen

     42 Nur Substanzen haben Eigennamen Substanzen sind es auch allein

unter allen Arten von Vorstellungendie Eigennamen haben mit welchen die

Einzelnen bezeichnet werden Denn bei einfachen Vorstellungen Zuständen und

Beziehungen zeigt sich selten der Anlass die einzelnen wenn sie nicht

vorliegen zu erwähnen Überdem sind die meisten gemischten Zustände

Handlungen welche mit ihrer Geburt auch untergehen und einer längeren Dauer

nicht fähig sind wie dies bei den Substanzen der Fall istwelche handeln und

an denen die einfachen Vorstellungenwelche die durch den Namen bezeichnete

zusammengesetzte Vorstellung ausmachen eine dauernde Verbindung haben

     43 Die Schwierigkeit über Worte zu sprechen Der Leser möge mich

entschuldigen dass ich so lange bei diesem Gegenstand verweilt und vielleicht

nicht immer klar gewesen bin Allein es ist schwer Jemand durch Worte auf

Vorstellungen von Dingen zu bringen denen die ArtUnterschiede abgenommen sind

nenne ich sie nicht so sage ich nichts und nenne ich sie so bringe ich sie

unter irgend eine Art führe dem Hörer die gebräuchliche begriffliche

Vorstellung dieser Art zu und durchkreuze meine eigene Absicht Denn wenn ich

von dem Menschen spreche und doch die gewöhnliche Bedeutung dieses Wortes dh

die gewöhnlich damit verbundene zusammengesetzte Vorstellung bei Seite lasse und

den Leser bitte den Menschen an sich zu betrachten wie er in seiner inneren

Verfassung oder in seinem wirklichen Wesen wahrhaft von Andern unterschieden

istalso ihn als Etwas zu betrachten was er nicht kennt so scheint dies eine

Spielerei und doch ist es nötig wenn man von den angeblichen wirklichen

Wesenheiten und Arten der Dinge sprechen will als wären sie von der Natur

gemacht nur um zu zeigen dass es kein solches Ding gibt wie die allgemeinen,

den Substanzen gegebenen Namen besagen Da dies indes mit bekannten Worten

schwer ausführbar ist so gestatte man mir durch ein Beispiel die verschiedenen

Auffassungen der Seele in Bezug auf Namen und Vorstellungen der Arten etwas

deutlicher zu machen und zu zeigen wie die zusammengesetzten Vorstellungen von

Zuständen mitunter auf Urbilder in der Seele anderer vernünftiger Wesen bezogen

werden, oder was dasselbe ist, auf die Bedeutung, die Andere mit diesen Namen

verbinden und manchmal auch auf gar kein Urbild Auch möchte ich zeigen wie

die Seele ihre Vorstellungen von Substanzen immer entweder auf Substanzen

selbstoder auf die Bedeutung ihrer Namen als Urbilder bezieht und endlich

unsere Auffassung und unsern Gebrauch der Arten und der Ordnung der Dinge, sowie

der Wesenheiten die zu diesen Arten gehören deutlich machen Es ist dies

vielleicht erheblicher um die Aasdehnung und Gewissheit unserer Kenntnis zu

begreifen als man anfangs glaubt

     44 Beispiele von gemischten Zuständen an den Worten Kineah und Niuph

Man nehme an dass Adam als erwachsener Mann mit gutem Verstande sich in einem

ihm fremden Lande befinde wo Alles um ihn herum ihm neu und unbekannt ist und

wo er nur die jetzt üblichen Mittel eines Mannes seines Alters hat um sich

Kenntnisse zu erwerben Er sieht dass Lamech tiefsinniger als gewöhnlich ist

und vermutet dass er sein Weib Adah die Lamech leidenschaftlich liebt im

Verdacht habe gegen einen andern Mann zu freundlich zu sein Adam teilt diese

Gedanken der Eva mit und bittet sie auf Adah zu achten dass sie nichts

Verkehrtes beginne In dieser Unterhaltung bedient sich Adam der zwei neuen

Worte Kineah und Niuph Mittlerweile ergibt sich dass Adam sich geirrt da

Lamechs Unruhe davon kommt dass er einen Menschen getötet hat Allein

trotzdem verlieren die Worte Kineah und Niuph von denen das eine den Argwohn

bedeutet den ein Ehemann über das Benehmen seiner Frau hegt und das andere die

wirkliche Begehung des Unrechts durch sie bedeutet ihre bestimmten Bedeutungen

nicht Hier haben wir also zwei bestimmte Vorstellungen gemischter Zustände mit

ihren Namen für zwei Arten wesentlich verschiedener Tätigkeiten und ich frage

Worin bestand das Wesen dieser beiden Tätigkeiten Offenbar in einer Verbindung

einfacher von einander verschiedener Vorstellungen War nun diese Vorstellung

in Adams Seele die er Kineah nannte entsprechend Offenbar ja denn sie war

eine Verbindung einfacher Vorstellungen wobei weder auf ein Urbild noch auf

ein Ding als Muster geachtet war sondern sie war willkürlich zusammengesetzt

abgetrennt und mit dem Namen Kineah belegt worden um durch diesen Laut Andern

in Kürze all die einfachen darin vereinten Vorstellungen zu bezeichnen und

deshalb musste sie offenbar entsprechend sein Adam hatte nach eigener Wahl die

Verbindung gemacht er hatte darin Alles was er wollte und deshalb musste sie

vollständig und entsprechend sein da sie sich auf kein Urbild bezog was sie

darstellen sollte

     45 Allmählich kamen diese Worte Kineah und Niuph in allgemeinen

Gebrauch womit die Sache sich etwas änderte Adams Kinder konnten also wie

Adam beliebig sich Vorstellungen von gemischten Zuständen bilden sie abtrennen

und mit beliebigen Lauten bezeichnen Allein da die Worte unsere Vorstellungen

Andern mittheilen sollen so ist dies nur möglich wenn dasselbe Zeichen bei

beiden Personen die sich mit einander besprechen wollen dieselbe Vorstellung

bedeutet Diejenigen Kinder Adams die diese zwei Worte im Gebrauche vorfanden

konnten sie nicht für bedeutungslos sondern für Zeichen gewisser begrifflicher

Vorstellungen halten da sie allgemeine Namen waren wo die begrifflichen

Vorstellungen das Wesen der damit bezeichneten Arten bilden Wollten daher jene

Kinder Adams diese Worte als Namen von bereits bestehenden und anerkannten

Arten benutzen so mussten sie ihre diesen Namen beigelegten Vorstellungen mit

denen der Andern bei diesen Namen in Übereinstimmung bringen indem letztere

dabei als Muster und Vorbilder galten und dann konnten allerdings die

Vorstellungen jener Kinder von diesen gemischten Zuständen nicht entsprechend

werden da sie leicht mit den Vorstellungen Anderer nicht übereinstimmen konnten

namentlich da sie aus vielen einfachen Vorstellungen bestanden Indes ist

dafür in der Regel ein Mittel zur Hand indem man Den der das Wort gebraucht

nach seiner Bedeutung fragt denn ohne solche Erklärung ist es unmöglich

bestimmt zu wissen was die Worte Eifersucht und Ehebruch in eines Andern Seele

bedeuten Ebenso war es bei dem Beginn der Sprache unmöglich zu wissen was die

hebräischen Worte Kineah und Niuph in eines Andern Seele bedeuten da sie bei

Jedem nur willkürliche Zeichen sind

     46 Ein Beispiel in Betreff der Substanzen an Zahab Ich will nun in

derselben Weise auch die Namen der Substanzen in ihrer ersten Anwendung

betrachten Eines von Adams Kindern wandert in den Gebirgen umher und trifft

auf eine glänzende Substanz welche seinen Augen gefällt Er bringt sie nach

Hause zu Adam der sie betrachtet und bemerkt dass sie hart glänzend gelb und

auffallend schwer istDies sind vielleicht die Eigenschaften, die er zuerst

bemerkt und indem er danach die begriffliche Vorstellung einer Substanz von

glänzender gelber Farbe und verhältnismäßig großer Schwere bildet gibt er

ihr den Namen Zahab um damit alle Substanzen von gleichen Eigenschaften zu

bezeichnen Offenbar handelt hier Adam ganz anders als in dem Fall bei den

gemischten Zuständen die er Kineah und Niuph nannte bei welchen er einzelne

Vorstellungen nur nach seinen Gedanken und nicht nach einem bestehenden Dinge

verband und ihnen Namen gab um damit Alles zu bezeichnen was mit diesen

begrifflichen Vorstellungen stimmen würde ohne zu fragen ob ein solches Ding

bestehe oder nicht wo also der Maßstab von ihm selbst aufgestellt wurde Aber

hier bei der Bildung der Vorstellung von dieser neuen Substanz verfährt er

umgekehrt hier hat er einen von der Natur gemachten Maßstab und seine

Vorstellung soll ihm nur diesen bieten auch wenn das Ding selbst nicht da ist

deshalb fügt er seiner Vorstellung nur solche einfache hinzu die er in dem

Dinge selbst wahrgenommen hat Er sagt dass seine Vorstellung hier ihrem Urbild

gleiche und der Name soll nur für eine solche passende Vorstellung gelten

     47 Dieses so von Adam Zahab benannte Stück Stoff was von jedem andern

bis dahin gesehenen sich unterschied wird Jedermann als eine bestimmte Art mit

einem besonderen Wesen anerkennen das Wort Zahab ist das Zeichen für diese Art

und gilt für alle an diesem Wesen Teil habenden Dinge Hier ist es indes klar

dass das Wesen, dem Adam den Namen Zahab gab nur ein harter glänzender und

sehr schwerer Körper war Indes lässt der forschende menschliche Geist Adam mit

der Kenntnis dieser oberflächlichen Eigenschaften sich nicht begnügen sondern

treibt ihn zu weiterer Untersuchung Er pocht und schlägt es deshalb mit

Steinen um das Innere zu entdecken er sieht dass es den Schlägen nachgibt

aber nicht leicht zerbricht er sieht dass es sich ohne zu brechen biegt

Deshalb wird nun die Biegsamkeit der alten Vorstellung zugesetzt und zu einem

Bestandteil des mit Zahab benannten Wesens gemacht Weitere Versuche lassen die

Schmelzbarkeit und Festigkeit des Stückes erkennen und sie werden daher aus

denselben Gründen mit in die zusammengesetzte Vorstellung Zahab genannt

aufgenommen denn eines ist dazu ebenso wie das andere berechtigt und deshalb

müssen auch alle weiter entdeckten Eigenschaften in die Vorstellung des Zahab

aufgenommen werden und zu dem Wesen der so benannten Art gehören Da aber diese

Eigenschaften unerschöpflich sind so erhelltdass die hiernach gebildete

Vorstellung ihrem Urbilde nicht voll entsprechen kann

     48 Die Vorstellungen der Substanzen sind unvollständig und deshalb

wechselnd Allein es ergibt sich weiter dass die Namen der Substanzen nicht

bloß verschiedene Bedeutungen haben wie dies wirklich der Fall ist), sondern

auch als von verschiedener Bedeutung angesehen werden würden wenn verschiedene

Personen sie gebrauchten was den Gebrauch der Sprache sehr erschweren würde

Denn sollte jede neu entdeckte Eigenschaft einen notwendigen Teil der so

benannten Vorstellung bilden so müsste man annehmen dass dasselbe Wort bei

verschiedenen Personen auch verschiedene Dinge bezeichnete da offenbar von

mehreren Personen der Eine in den gleichbenannten Substanzen andere

Eigenschaften wie der Andere entdecken wird

     49 Um deshalb die Arten zu befestigen wird ein wirkliches Wesen

angenommen Um dem zu entgehen hat man ein dieser Art zugehöriges wirkliches

Wesen angenommen von dem die Eigenschaften abfließen und die Art ihren Namen

hat Allein da man keine Vorstellung von diesem wirklichen Wesen hat und die

Worte nur wirklich vorhandene Vorstellungen bezeichnen können so ist damit nur

erreicht dass ein Name oder Laut an die Stelle des dieses wirkliche Wesen

habenden Dinges getreten ist ohne dass man weiß was dieses wirkliche Wesen

istDies ist es was geschieht wenn die Menschen von den Arten der Dinge

sprechen als hätte die Natur sie gemacht und durch wirkliche Wesenheiten

unterschieden

     50 Diese Annahme nützt aber nichts Denn wenn man sagt dass alles Gold

fest sei so heißt dies entweder dass die Festigkeit einen Teil der

Definition und einen Teil des Gold benannten WortWesens bilde so dass diese

Behauptung dass alles Gold fest sei nur die Bedeutung des Wortes Gold

betrifft oder es heißt dass die Festigkeit kein Teil der Definition von Gold

sei sondern eine Eigenschaft des Goldes seihst Hier vertritt das Wort Gold

offenbar eine Substanz die das wirkliche Wesen von einer Art natürlicher Dinge

ausmacht In dieser Vertretung hat es aber eine so verworrene und unsichere

Bedeutung dass obgleich dieser Satz Gold ist fest in diesem Sinne von etwas

Wirklichem ausgesagt wird er doch in seiner einzelnen Anwendung uns im Stich

lassen und deshalb ohne Nutzen und Gewissheit sein wird Denn wenn es auch noch

so wahr ist dass alles Gold dh Alles was das wahre Wesen vom Gold enthält

fest ist so hilft dies uns nichts weil man nicht weiß was in diesem Sinne

Gold ist oder nicht Denn wenn man das wirkliche Wesen des Goldes nicht kennt

so kann man auch nicht wissen welche Stücke den Stoff dieses Wesens enthalten

also wirklich Gold sind oder nicht

     51 Schluss Die Freiheit welche Adam in der ersten Bildung der

Vorstellungen von gemischten Zuständen hatte wo nur seine Gedanken ihm als

Muster dienten diese selbe Freiheit haben auch alle Menschen seitdem behalten

und dieselbe Notwendigkeit vermöge deren Adam seine Vorstellungen von

Substanzen den äußeren Dingen als natürlichen Urbildern anpassen musste wenn

er sich nicht absichtlich täuschen wollte dieser selben Notwendigkeit sind

noch jetzt alle Menschen unterworfen Wo also Adam beliebig eine Vorstellung mit

einem Namen bezeichnen konnte da kann es noch jetzt geschehen insbesondere

wenn neue Sprachen gebildet werden und man dies annehmen kann nur mit dem

Unterschiede dass da wo bereits feste Sprachen bestehen die Bedeutungen der

Worte sehr vorsichtig und sparsam geändert werden denn hier ist man schon mit

tarnen für die Vorstellungen versehen und der gemeinsame Gebrauch hat bereits

bekannte Namen an bestimmte Vorstellungen geknüpft so dass eine absichtliche

schiefe Anwendung derselben nur lächerlich wäre Wenn Jemand neue Begriffe hat

so wagt er wohl mitunter die Bildung neuer Worte dafür aber es gilt für dreist

und es bleibt ungewiss ob der Sprachgebrauch sie in sich aufnehmen wird Bei

dem Vermehr mit Andern müssen aber die von uns gemachten und mit den

gebräuchlichen Worten der Sprache bezeichneten Vorstellungen der gewöhnlichen

Bedeutung ihrer Worte entsprechen wie ich bereits ausführlich dargelegt habe

oder die neue den Worten gegebene Bedeutung muss vorher bekannt gemacht werden

 
 



                               



     1 Die Nebenworte verbinden Theile oder ganze Gedanken miteinander

Außer den Worten welche Vorstellungen der Seele bezeichnen gibt es viele

andere die man zur Bezeichnung der Verbindung benutzt welche die Seele

Vorstellungen oder Sätzen gibt Denn bei der Mittheilung ihrer Gedanken an

Andere braucht die Seele nicht bloß Zeichen für ihre Vorstellungen sondern auch

für die Anzeige oder Andeutung gewisser eigener Tätigkeiten welche sich zu

dieser Zeit auf diese Vorstellungen beziehen Es geschieht dies auf verschiedene

Weise so ist das »Ist« oder »Ist nicht« das allgemeine Zeichen der Bejahung

oder Verneinung Allein neben diesen durch welche allein die Wahrheit oder

Unwahrheit in Worten ausgedrückt werden kann, verbindet man bei Mittheilung

seiner Gedanken an Andere nicht bloß die Satzteile sondern auch ganze Gedanken

mit ihren Beziehungen und abhängigen Sätzen mit einander, um eine

zusammenhängende Rede zu bilden

     2 Hierin besteht die Kunst gut zu sprechen Die Worte welche die

verschiedenen Verbindungen durch Bejahen und Verneinen ausdrücken womit eine

fortgehende Erzählung oder Begründung gebildet wird heißen die Nebenworte und

auf ihrem richtigen Gebrauche beruht hauptsächlich die Klarheit und Schönheit

eines guten Stils Um gut zu denken genügt es nicht klare und deutliche

Vorstellungen zu haben und ihre Übereinstimmung oder ihren Gegensatz zu

bemerken sondern es gehört dazu ein fortlaufendes Denken und man muss die

gegenseitige Abhängigkeit der Gedanken und Gründe kennen Um diese regelrechten

und vernünftigen Gedanken gut auszudrücken bedarf es der Wortewelche die

Verbindung Beschränkung Unterscheidung den Gegensatz die Steigerung usw

anzeigen die den verschiedenen Teilen der Rede zu geben sind Greift man hier

falsch so verwirrt man den Hörer anstatt ihn zu unterrichten deshalb sind

diese Worte obgleich sie nicht eigentlich Vorstellungen bezeichnen so

notwendig und unentbehrlich in der Sprache und deshalb unterstützen sie so

sehr die gute Ausdrucksweise

     3 Sie zeigen welche Beziehungen die Seele ihren eigenen Gedanken gibt

 Dieser Teil der Sprachlehre ist vielleicht ebenso vernachlässigt worden wie

umgekehrt andere Theile mit einem Übermaß von Fleiß gepflegt worden sind. Es

ist allerdings leicht wenn Einer nach dem Andern über die Casus und Genera

über die Modi und Zeiten über Gerundium und Supinum schreibt hierauf hat man

viel Fleiß verwendet und selbst die NebenSprachteile sind in mehreren

Sprachen mit dem Schein großer Genauigkeit in Arten und Klassen geordnet

worden Indes sind die Vorworte und die Verbindungsworte zwar wohlbekannte

Namen in den Sprachlehren und die NebenSprachteile sind sorgfältig danach

geordnet und in Unterabtheilungen gebracht worden allein um den rechten

Gebrauch dieser Nebenteile und ihre Bedeutung und Kraft darzulegen ist etwas

mehr Mühe nötig man muss dazu in seine eigenen Gedanken eindringen und

sorgfältig die verschiedenen Stellungen der Seele in ihren Reden beobachten

     4 Es genügt auch für das Verständnis dieser Worte nicht sie wie es in

den Wörterbüchern geschieht durch Worte aus einer andern Sprache wiederzugeben

die ihrem Sinne möglichst nahe kommen denn ihre Bedeutung ist meist in der

einen Sprache so schwer fassbar als in der andern Sie sind sämtlich Zeichen

einer gewissen Tätigkeit oder Andeutung der Seele will man sie daher recht

verstehen so müssen die verschiedenen Standpunkte Stellungen Auffassungen

Wendungen Beschränkungen Ausnahmen und andere Gedanken der Seele wofür keine

oder nur mangelhafte Namen vorhanden sind, sorgfältig untersucht werden Hier

besteht eine große Mannigfaltigkeit welche die Zahl dieser NebenSprachteile

in den meisten Sprachen weit übersteigt und daher erklärt es sich dass die

meisten dieser Sprachteile verschiedene und selbst entgegengesetzte Bedeutungen

haben In der Hebräischen Sprache gibt es ein solches Wort was nur aus einem

Buchstaben besteht und von dem soviel ich mich entsinne 70 oder wenigstens 50

Bedeutungen gezählt werden

     5 Ein Beispiel am Aber Das »Aber« ist eines der gebräuchlichsten

Nebenworte in der Sprache und man glaubt es genügend erklärt zu haben wenn man

sagt es entspreche dem sed im Lateinischen und dem mais im Französischen

allein es dient auch zur Andeutung verschiedener Beziehungen die den Sätzen

oder Satzteilen gegeben werden und welche in diesem kurzen Worte enthalten

sind

    ZB 1 »Um aber nicht mehr zu sagen« hier zeigt es ein Anhalten des

Geistes in seinem Gange an ehe er noch zu Ende gekommen ist

    2 »Ich sehe aber nur zwei Pflanzen« hier beschränkt es den Sinn auf das

Ausgesprochene und verneint alles Übrige

    3 »Du betest aber es geschieht nicht damit Gott Dich zur wahren Religion

führe«

    4 » aber wohl dass er Dich in Deiner eigenen befestige« Das erste dieser

»Aber« bezeichnet eine Annahme von etwas Anderem als da sein sollte das letzte

zeigt dass die Seele einen geraden Gegensatz zwischen diesem und dem

Vorgehenden aufstellt

    5 »Alle Tiere haben Sinne aber der Hund ist ein Thier« Hier bedeutet es

nur dass der zweite Satz mit dem ersten so verbunden ist wie die zweite

Prämisse bei dem Schluss

     6 Dieser Gegenstand wird hier nur kurz berichtet Außer diesen könnte

man noch viele andere Bedeutungen dieses Nebenwortes anführen wenn es auf

seinen vollen Umfang und alle Orte wo es Platz greift ankäme geschähe es so

würde sich ergeben dass dieses Wort nicht überall die Bezeichnung eines

trennenden verdient welche die Sprachlehrer ihm geben Indes geht meine

Untersuchung nicht so weit die hier an dem einen gegebenen Beispiele mögen zur

Untersuchung des Gebrauchs und der Wirkung dieser Redeteile anregen man wird

dann auf manche Tätigkeit der Seele bei dem Sprechen stoßen die durch diese

Nebenworte Andern mitgeteilt werden soll Manche dieser Worte haben beständig

andere in gewissen Verbindungen die Bedeutung eines ganzen in ihnen enthaltenen

Gedankens

 
 



                                



     1 Bei den abstrakten Ausdrücken kann der eine nicht als Beiwort eines

andern gebraucht werden.) Die gewöhnlichen Worte der Sprache und ihr

gewöhnlicher Gebrauch würden die Natur unserer Vorstellungen aufgehellt haben

wenn man jene mit Aufmerksamkeit betrachtet hätte Wie gezeigt hat die Seele

das Vermögen abstrakte Vorstellungen zu bilden dadurch werden diese zu

Wesenheiten und allgemeinen Wesenheiten durch welche die Arten der Dinge

unterschieden werden. Nur ist jede abstrakte Vorstellung eine bestimmte so dass

die eine nicht auch die andere sein kann und die Seele vermag ihren Unterschied

durch ihr anschauliches Wissen zu erfassen und deshalb können zwei vollständige

Vorstellungen in einem Satze nicht von einander ausgesagt werden Dies zeigt der

Sprachgebrauch welcher nicht gestattet dass man von zwei abstrakten Worten

oder von zwei Namen den einen von dem andern bejaht Denn wenn sie einander auch

noch so verwandt sind und wenn es auch noch so gewiss ist dass der Mensch ein

lebendes Geschöpf ist oder vernünftig oder weiß so bemerkt doch Jeder beim

ersten Hören die Unrichtigkeit solcher Sätze wie die Menschlichkeit ist

Lebendigkeit oder sie ist Vernünftigkeit oder sie ist die Weiße Dies ist so

klar wie nur irgend ein Satz Deshalb sind alle unsere Bejahungen inkonkret

dh es wird dabei nicht behauptet dass die abstrakte Vorstellung die andere

sei sondern dass sie nur mit einander verbunden seien Bei Substanzen können

diese abstrakten Vorstellungen von jeder Art sein bei den übrigen sind es meist

nur Beziehungen bei den Substanzen sind die meisten Vermögen zB »Ein Mensch

ist weiß« bedeutet dass das Ding was das Wesen des Menschen hat in sich auch

das Wesen des Weißen habe dieses ist aber nur die Kraft diese Vorstellung von

Weiß in Jemand zu erzeugen der sehen kann Oder »Ein Mensch ist vernünftig«

dies bedeutet dass dasselbe Ding, was das Wesen des Menschen hat auch das

Wesen der Vernünftigkeit in sich habe dh das Vermögen der Vernunft.

     2 Sie zeigen den unterschied unserer Vorstellungen.) Dieser Unterschied

der Worte zeigt uns auch den Unterschied unserer Vorstellungen; denn bei näherer

Betrachtung erhelltdass unsere einfachen Vorstellungen sowohl abstrakte wie

konkrete Namen haben der eine ist in der Sprache der Grammatiker ein

Substantiv der andere ein Adjektiv wie zB die Weiße und weiß die

Süßigkeit und süß Dasselbe gilt für die Vorstellungen von Besonderungen und

Beziehungen so Gerechtigkeit und gerecht Gleichheit und gleich nur mit dem

Unterschied dass einige konkrete Namen von Beziehungen hauptsächlich bei

Menschen Substantive sind zB Vaterschaft Vater wovon der Grund leicht

angegeben werden könnte Dagegen hat man für die Vorstellungen der Substanzen

nur wenig oder keine abstrakten Namen Die Schulen haben zwar Worte eingeführt

wie Tierheit Menschheit Körperlichkeit und andere allein sie verschwinden

gegen die zahllosen Namen von Substanzen wo man es nie gewagt hat sich durch

Ausmünzung von abstrakten Namen lächerlich zu machen die von den Schulen

geschmiedeten und in den Mund der Schüler gelegten sind niemals in den

allgemeinen Sprachgebrauch aufgenommen worden und haben Keine öffentliche

Billigung gefunden Dies dürfte als ein allgemeines Geständnis gelten dass man

überhaupt das wirkliche Wesen der Substanzen nicht kennt da die Namen dafür

fehlen denn diese wären sicher vorhanden wenn nicht das Bewusstsein der

eigenen Unwissenheit von einem so vergeblichen Versuche abgehalten hätte So

hatte man zwar Vorstellungen genug um Gold von den Steinen und Metall von Holz

zu unterscheiden aber man wagte sich nur scheu an solche Ausdrücke wie

»Goldheit« »Steinheit« »Metallheit« »Holzheit« und ähnliche Namen die sich

anmaßen das wahre Wesen der Substanzen zu bezeichnen von denen man doch

geständig keine Vorstellung hat Auch war es in Wahrheit nur die Lehre von den

substantiellen Formen und der vermeintliche Besitz von Kenntnissen die man

nicht hatte welche zuerst die Bildung und dann die Einführung solcher Worte

wie Tierheit Menschheit und ähnlicher veranlasste dennoch kamen diese

Ausdrücke nicht über die Schulen hinaus und gelangten nie zu einer geläufigen

Anwendung bei verständigen Leuten Allerdings war das Wort humanitas bei den

Römern ein gebräuchliches Wort allein in einem ganz anderen Sinne und es

sollte nicht das abstrakte Wesen einer Substanz damit bezeichnet werden es war

vielmehr der abstrakte Name für eine Besonderung sein konkretes Wort war

humanus nicht homo

 
 



 


     1 Die Worte dienen zur Mittheilung und Wiedererinnerung der Gedanken

Aus dem in den vorgehenden Kapiteln Gesagten erhellt die Unvollkommenheit der

Sprachen und wie die eigene Natur der Worte unvermeidlich zur Ungewissheit

ihrer Bedeutung führt Um die Vollkommenheit und Unvollkommenheit der Worte zu

untersuchen ist zunächst ihr Zweck und Nutzen zu betrachten je mehr sie

geeignet sind diesen Zweck zu erfüllen desto vollkommener sind sie Ich habe

in dem Bisherigen öfter eines doppelten Zweckes der Worte erwähnt 1 sollen sie

an die eigenen Gedanken erinnern und 2 sollen sie unsere Gedanken Andern

mittheilen

     2 Jedwedes Wort dient zum Erinnern Was den ersten Zweck anlangt die

Wiedererinnerung an unsere Gedanken als Unterstützung des Gedächtnisses wo man

gleichsam nur mit sich selbst spricht so ist hier jedwedes Wort dazu geeignet

Denn die Worte sind willkürliche und gleichgültige Zeichen der Vorstellungen,

und wir können deshalb nach eigenem Gefallen die wählen welche unsere

Vorstellungen bezeichnen sollen Hier genügt dass man dasselbe Zeichen immer

für dieselbe Vorstellung benutzt dann muss sein Sinn verstanden werden und

darin besteht der richtige Gebrauch und die Vollkommenheit der Sprache

     3 Die gesellige und die philosophische Mittheilung durch Worte Auch

die Mittheilung durch Worte geschieht in zweifacher Weise 1 als gesellige

oder 2 als philosophische Mittheilung Unter ersterer verstehe ich eine solche

Mittheilung der Gedanken und Vorstellungen durch Worte wie sie zur Führung der

gewöhnlichen Unterhaltung und des Verkehrs bei den täglichen Geschäften und

Vergnügungen unter den Menschen vorkommt Unter dem philosophischen Gebrauch der

Worte verstehe ich dagegen einen solchen der die scharfe Mittheilung der

Begriffe bezweckt damit sollen allgemeine Sätze und die festen und sicheren

Wahrheiten ausgedrückt werden, auf die der Mensch sich verlassen und mit denen

er in seinem Streben nach näherer Erkenntnis sich begnügen kann Diese beiden

Arten die Sprache zu benutzen sind sehr verschieden eine bedeutend geringere

Genauigkeit ist wohl in der einen aber nicht in der andern angebracht wie das

Folgende ergeben wird

     4 Die Unvollkommenheit der Worte liegt in der Zweifelhaftigkeit ihrer

Bedeutung Da der Hauptzweck aller Sprachen bei der Mittheilung ist dass man

verstanden werde so entsprechen Worte die in dem Hörer nicht dieselbe

Vorstellung wie sie der Sprechende hat erwecken diesem Zwecke weder in dem

geselligen noch in dem philosophischen Verkehr Nun besteht zwischen den Lauten

und Vorstellungen keine natürliche Verknüpfung die Bedeutung beruht auf der

willkürlichen Bestimmung der Menschen deshalb kommt das Schwankende und

Zweifelhafte ihrer Bedeutung worin die hier behandelte Unvollkommenheit

besteht mehr von den Vorstellungendie sie bezeichnen sollen als von dem

Unterschied in der Fähigkeit der Laute Vorstellungen zu bezeichnen vielmehr

sind in dieser Hinsicht alle Laute gleich vollkommen Das also was manche Worte

zweifelhafter und unsicherer als andere macht liegt in den verschiedenen

Vorstellungendie sie bezeichnen

     5 Die Ursachen dieser Unvollkommenheit Da die Worte an sich keine

Bedeutung haben so muss die von ihnen bezeichnete Vorstellung von denen erlernt

und behalten werden welche in irgend einer Sprache Gedanken austauschen oder

verständlich mit Andern sprechen wollen Dies ist aber da am schwersten wo 1

die bezeichneten Vorstellungen sehr zusammengesetzt und aus einer großen Zahl

von Vorstellungen gebildet worden sind; 2 wo die bezeichneten Vorstellungen

keine feste Verbindung mit der Natur haben und daher ein wirklicher Maßstab

für ihre Berichtigung und Verbesserung fehlt 3 wenn die Bedeutung des Wortes

auf einen nicht leicht erkennbaren Maßstab sich bezieht 4 wenn die Bedeutung

des Wortes und die wirkliche Kenntnis des Gegenstandes nicht genau

übereinstimmen Diese Schwierigkeiten bestehen bei vielen an sich verständlichen

Worten die überhaupt unverständlichen wie zB die Worte für einfache

Vorstellungen wozu dem Andern der Sinn sie wahrzunehmen fehlt wie die Farben

für den Blinden oder die Töne für den Tauben brauche ich hier nicht zu

berühren In all jenen Fällen zeigt sich eine von mir näher zu untersuchende

Unvollkommenheit der Worte je nach ihrer Anwendung auf verschiedene Arten von

Vorstellungendie Namen für gemischte Zustände unterliegen dem Zweifel und der

Unvollkommenheit hauptsächlich aus den beiden ersten Ursachenund die Namen der

Substanzen hauptsächlich aus den beiden letzten

     6 Die Worte für gemischte Zustände sind zweifelhaft 1 wegen der

großen Zusammengesetztheit ihrer Vorstellungen Zunächst sind es die Namen der

gemischten Zustände wo viele in ihrer Bedeutung unsicher und dunkel sind und

zwar erstens wegen der vielen einfachen Vorstellungen aus denen ihre

Vorstellungen gebildet sind Sollen die Worte die Mittheilung befördern so

müssen sie wie gesagt in dem Hörer genau die Vorstellung erwecken welche der

Sprechende damit verbindet Ohnedem füllt man wohl die Ohren des Andern mit

Geräusch und Tönen aber man teilt die Gedanken nicht mit und legt die

Vorstellungen nicht dar was doch der Zweck aller Sprache und Unterredung ist

Bezeichnet nun das Wort eine sehr zusammengesetzte Vorstellungdie verbunden

und getrennt wird so ist das genaue Festhalten derselben nicht leicht und die

Vorstellung wird nicht immer genau dieselbe bleiben Deshalb haben die Worte für

sehr zusammengesetzte Vorstellungenund namentlich Worte aus der Moral schon

bei zwei Menschen selten dieselbe Bedeutung denn deren Vorstellungen stimmen

selten überein ja die eigene gestrige ist oft eine andere als die heutige

oder morgende

     7 Zweitens weil sie keinen Maßstab haben Zweitens fehlt den Namen

der gemischten Zustände meistenteils der natürliche Maßstab nach dem die

Bedeutung berichtigt und geregelt werden kanndeshalb werden sie verschieden

und zweifelhaft Es sind beliebige Verbindungen von Vorstellungen, wobei der

Sprechende nur seine eigenen Zwecke und seine eigenen Begriffe beachtet er will

nicht ein wirklich bestehendes Ding damit bezeichnen sondern die Dinge nur

benennen und ordnen um zu sehen ob sie zu den Urbildern und Formen passen die

er selbst gemacht hat Wer zuerst das Wort Täuschung oder Schmeichelei oder

Spott in Gebrauch brachte setzte die Vorstellungendie sie bezeichnen sollten

nach eigenem Ermessen zusammen und so wie es sich mit allen neuen Worten die

in einer Sprache jetzt aufgestellt werden verhält so verhielt es sich mit den

alten Worten als sie zuerst aufgebracht wurden Deshalb müssen Worte für

Vorstellungendie der Mensch nach Belieben zusammensetzt notwendig eine

schwankende Bedeutung haben denn sie werden in der Natur in solcher Verbindung

nicht angetroffen und es fehlen die Muster nach denen man sie berichtigen

kann Was das Wort Mord oder Kirchenraub bedeutet kann nie aus den Dingen

selbst entnommen werden viele Theile dieser Handlung sind nicht einmal

sichtbar die innere Absicht und die Beziehung auf heilige Sachen welche einen

Bestandteil dieser Worte bilden haben mit der äußerlichen Handlung die

begangen wird keine notwendige Verbindung und das Abdrücken der Flinte

wodurch der Mord vielleicht begangen wird und was vielleicht das ganze von der

Handlung Sichtbare ausmacht hat keine natürliche Verbindung mit den andern

Bestimmungen die der Mord enthält diese Verbindung kommt nur von dem

Verstande, der sie unter einem Worte vereint dabei aber keine Regel und kein

Muster beachtet Deshalb muss der Sinn dieses Wortes das eine so willkürliche

Verbindung bezeichnet bei den einzelnen Menschen verschieden sein da ihnen

eine feste Regel zur Berichtigung ihrer Begriffe bei solchen willkürlichen

Vorstellungen fehlt

     8 Der Sprachgebrauch hilft hier nicht hinlänglich Allerdings pflegt

der gewöhnliche Sprachgebrauch hier als ein Hilfsmittel für die Befestigung der

Bedeutung der Worte angesehen zu werden und er ist es auch in gewissem Maße

Er regelt für den gewöhnlichen Verkehr den Sinn der Worte ganz gut allein da

Niemand das Recht hat die genaue Bedeutung der Worte festzustellen und zu

bestimmen, mit welchen Vorstellungen sie verknüpft werden sollen so genügt dies

für philosophische Untersuchungen nicht denn beinahe alle Worte für sehr

zusammengesetzte Vorstellungen ich sage von andern nichts haben im

gewöhnlichen Verkehr eine große Unbestimmtheit und können selbst nach dem

Sprachgebrauch sehr verschiedene Vorstellungen bezeichnen Überdies ist auch

die Regel und das Maß des Sprachgebrauchs nirgends festzustellen und oft wird

gestritten ob dieser oder jener Gebrauch eines Wortes der Sprache angemessen

sei Aus alledem erhelltdass die Worte für diese zusammengesetzten

Vorstellungen von Natur der Unvollkommenheit unterliegen und von zweifelhafter

Bedeutung sind selbst unter Personen die sich verständigen wollen bezeichnen

sie nicht immer dieselbe Vorstellung bei dem Hörenden wie bei dem Sprechenden

Wenn auch die Worte Ruhm und Dankbarkeit in dem Munde eines Jeden desselben

Landes gleich klingen so ist doch die Vorstellung, an die die Einzelnen dabei

denken offenbar bei Jedem verschieden

     9 Die Art wie diese Worte gelernt werden steigert ebenfalls ihre

Unsicherheit Auch die Art wie die Worte für gemischte Zustände meist gelernt

werden trägt viel zu dem Schwanken ihres Sinnes bei Denn betrachtet man die

Art wie Kinder die Worte lernen so sieht man dass um ihnen die Worte für

einfache Vorstellungen und Substanzen verständlich zu machen meist die Sache

gezeigt und dabei das Wort wiederholt vorgesagt wird zB bei weiß süß

Milch Zucker Katze Hund Dagegen lernen sie bei den gemischten Zuständen und

namentlich bei den das Sittliche betreffenden Worten den Laut zuerst und wenn

sie dann deren Sinn wissen wollen werden sie entweder an Andere zur Erklärung

verwiesen was die Regel ist oder ihrer eigenen Beobachtung und Mühe

überlassen Da sie sich nun wenig um die wahre und genaue Bedeutung bemühen so

bleiben diese auf die Moral bezüglichen Worte bei den Meisten ein leerer Schall

und wo ein Sinn damit verbunden wird ist er lose und unbestimmt und daher

verworren und dunkel Selbst Die welche ihre Begriffe aufmerksamer geregelt

haben entgehen doch selten der Unannehmlichkeit dass sie diese Worte für

andere Vorstellungen benutzen als andere fleißige und umsichtige Personen Wo

gäbe es einen wissenschaftlichen Streit oder ein vertrauliches Gespräch über

Ehre Glauben Gnade Religion Kirche usw in dem die abweichenden Begriffe

der einzelnen Personen nicht leicht bemerkbar wären was so viel heißt dass

sie in der Bedeutung dieser Worte nicht übereinstimmen und damit nicht dieselben

zusammengesetzten Vorstellungen verbinden Aller Streit der dann folgt trifft

nur den Sinn der Worte. Deshalb nimmt die Auslegung der menschlichen wie

göttlichen Gesetze kein Ende Kommentare erzeugen wieder Kommentare und

Erläuterungen geben Stoff zu neuen Erläuterungen es ist kein Aufhören in

Beschränkung Unterscheidung und Veränderung der Bedeutung bei den das Recht und

die Moral betreffenden Worten Diese selbst geschaffenen Vorstellungen werden

von den Menschen weil sie immer die Macht dazu behalten ohne Ende vermehrt

Mancher ist mit dem Sinne einer Bibelstelle oder einem GesetzesArtikel bei dem

ersten Lesen im Reinen aber über das Studieren der Kommentatoren ist ihm dieser

Sinn ganz verloren gegangen die Erläuterungen haben ihn nur in Zweifel gestürzt

und Dunkelheit über die Stelle verbreitet Ich will deshalb die Kommentare nicht

für unnötig erklären ich will nur zeigen wie unsicher von Natur die Worte für

gemischte Zustände sind selbst unter Personen die den Willen und die Fähigkeit

haben so klar zu sprechen wie die Natur der Sprache es gestattet

     10 Daher kommt die unvermeidliche Dunkelheit bei den alten

Schriftstellern Ich brauche kaum zu erwähnen welche Dunkelheit dies

unvermeidlich über die Schriften von Männern verbreitet hat die in entfernten

Zeiten und Ländern gelebt haben Die zahlreichen Bücher gelehrter Männer die

ihr Nachdenken hierauf verwendet haben beweisen zur Genüge welche

Aufmerksamkeit welcher Verstand Fleiß und Scharfsinn zur Auffindung der

wahren Meinung jener Schriftsteller erforderlich ist Da man indes nur bei

solchen Büchern den Sinn ängstlich erforscht welche Wahrheiten enthalten die

man glauben soll oder Gesetze denen man gehorchen soll und deren

Nichtbeachtung in Unannehmlichkeiten verwickelt so ist man über den Sinn der

Bücher anderer Schriftsteller weniger besorgt welche nur ihre eigenen Ansichten

aussprechen diesen liegt ebenso daran verstanden zu werden wie dem Leser sie

zu verstehen und da Glück oder Unglück nicht von ihren Aussprüchen abhängt so

kann man ohne Gefahr sie unbeachtet lassen wenn sie sich nicht gehörig deutlich

und klar aussprechen legt man deren Buch bei Seite und denkt ohne sie

beleidigen zu wollen

                      Si non vis intelligi debes negligi

Willst du nicht verständlich sein so magst du unbeachtet bleiben

     11 SubstanzNamen von zweifelhafter Bedeutung Wenn der Sinn der Worte

für gemischte Zustände unsicher ist weil der äußerliche Maßstab fehlt an

dem er gemessen und berichtigt werden kann, so hat das Unsichere in der

Bedeutung der Worte für Substanzen einen entgegengesetzten Grund nämlich dass

man meint die Vorstellungdie sie bezeichnen entspreche den Dingen, und dass

man sie auf natürliche Maßstäbe bezieht Bei den Worten für Substanzen hat man

nicht die gleiche Freiheit wie bei den gemischten Zuständen und kann die

Verbindung nicht beliebig so gestalten dass sie selbst als das eigentümliche

Kennzeichen gilt nach dem man die Dinge ordnet und benennt Hier muss man der

Natur folgen die Vorstellung dem Bestehenden anpassen und die Bedeutung der

Zeichen nach den Dingen selbst regeln wenn die Worte sie bezeichnen sollen

Hier sind Muster vorhanden aber Muster die die Bedeutung ihrer Worte sehr

unsicher machen Denn es muss diese Bedeutung schwanken wenn ihre Vorstellungen

auf äußerliche Maßstäbe bezogen werden, die man entweder gar nicht oder nur

unvollständig und unsicher erkennen kann

     12 Die Substanz  Namen in Beziehung 1 auf das wirkliche Wesen was

unerkennbar ist Die Worte für Substanzen haben im gewöhnlichen Leben wie ich

bereits gezeigt eine zweifache Beziehung Erstens sollen sie mitunter die

wirkliche Verfassung der Dinge, aus der alle Eigenschaften abfließen und in der

sie ihren Mittelpunkt haben bezeichnen und ihr Sinn soll damit übereinstimmen

Aber diese wirkliche Verfassung oder wie sie eigentlich genannt werden sollte

dieses Wesen ist gänzlich unbekannt und ein Laut der es bezeichnen soll kann

deshalb nur unsicher bleiben und man könnte nicht wissen was ein Pferd was

Anatomie ist und was so genannt werden soll wenn diese Worte das wirkliche

Wesen bezeichnen was man nicht im Mindesten kennt Indem bei dieser Annahme die

Substanz  Namen auf einen Maßstab bezogen werden, der unerkennbar ist kann

ihre Bedeutung aus demselben nie entnommen noch danach bemessen werden

     13 2 auf zusammen bestehende Eigenschaften die nur unvollkommen

gekannt sind Zweitens sind es die einfachen, an Substanzen zusammen

angetroffenen Vorstellungenwelche durch deren Namen bezeichnet werden sollen

hier sind diese verbundenen Eigenschaften der Maßstab auf den sie bezogen und

an denen ihre Bedeutung berichtigt werden kann. Aber diese Urbilder erfüllen

diesen Zweck nicht und lassen den Sinn der Worte schwankend und unsicher weil

diese gleichzeitig bestehenden einfachen Vorstellungen sehr zahlreich sind und

eine jede das Recht hat in die besondere Gesamtvorstellung welcher der Name

gilt mit einzutreten und weil die Menschen selbst bei Betrachtung desselben

Gegenstandes sehr verschiedene Vorstellungen davon bilden deshalb hat dasselbe

Wort bei verschiedenen Personen unvermeidlich verschiedene Bedeutungen Überdem

sind die einfachen Vorstellungen dieser Gesamtvorstellungen meist Kräfte

welche in Bezug auf Veränderungen die sie in andern Dingen bewirken oder von

ihnen erleiden zahllos sind Betrachtet man nur die vielen Veränderungen

welche ein gewöhnliches Metall durch Feuer erleiden kann und die noch

zahlreicheren die dasselbe unter den Händen des Chemikers erfährt so wird man

mir beistimmen dass die Eigenschaften keines Körpers leicht zusammenzufassen

und auf den uns zugänglichen Wegen zu erreichen sind Wenn sie daher so

zahlreich sind dass Niemand ihre bestimmte Anzahl kennen kann so werden sie

auch je nach dem Geschick der Aufmerksamkeit und Behandlungsweise der Einzelnen

verschiedentlich ermittelt Ein Jeder muss deshalb eine andere Vorstellung von

derselben Substanz gewinnen und es muss deshalb die Bedeutung ihres

gebräuchlichen Namens veränderlich und unsicher werden denn Jeder hat bei

solcher GesamtVorstellung das Recht die Eigenschaften hineinzulegen die er

in der Substanz angetroffen hat der Eine begnügt sich bei dem Golde mit der

Farbe und dem Gewicht allein ein Anderer hält dessen Auflösbarkeit in

Königswasser für ebenso wesentlich und ein Dritter dessen Schmelzbarkeit da

diese Eigenschaften gleich beständig verbunden sind; wieder Andere fügen die

Biegsamkeit oder die Festigkeit hinzu je nachdem sie es beobachtet oder gehört

haben Wer von diesen Personen hat nun die richtige Bedeutung des Wortes Gold

und wer soll hierüber entscheiden Jeder hat einen natürlichen Maßstab für

sich und hält sich berechtigt in die GesamtVorstellung des Wortes Gold die

Eigenschaften zu legen die er darin gefunden hat ein Anderer hält sich ebenso

berechtigt sie wegzulassen weil er sie nicht daran bemerkt hat und ein

Dritter der andere Eigenschaften gefunden hat legt wieder diese hinein Indem

die in der Natur bestehende Verbindung dieser Eigenschaften der wahre Grund zu

ihrer Verbindung in eine GesamtVorstellung ist, wie kann man da sagen dass

der Eine mehr als der Andere Grund gehabt die seinigen einzufügen und die

andern auszulassen Hieraus erhelltdass die GesamtVorstellungen der

Substanzen bei mehreren Personen trotzdem dass sie dasselbe Wort gebrauchen

verschieden sind und daher auch die Bedeutung dieser Worte unsicher ist

     14 3 auf zugleich bestehende Eigenschaften die nur unvollständig

bekannt sind Überdies wird wohl jedes einzelne bestehende Ding in seinen

einzelnen einfachen Bestimmungen mit mehr oder weniger anderen Dingen in

Verbindung stehen und wer will in diesem Falle angeben welche genaue Anzahl

derselben die Vorstellung ausmachen die dieses bestimmte Wort bezeichnet und

wer will mit einer Art von Recht vorschreiben dass augenfällige und bekannte

Eigenschaften ausgeschlossen und geheimere oder eigentümlichere in die

Bedeutung des Namens einer Substanz eingefügt werden sollen Und doch kommen

daher die verschiedenen und zweifelhaften Bedeutungen der Worte für Substanzen

was bei deren Gebrauche in den Wissenschaften so viel Unsicherheit Streit und

Missverständnisse veranlasst

     15 So unvollkommen genügen sie wohl für den gewöhnlichen aber nicht für

den wissenschaftlichen Gebrauch Allerdings genügen für den gewöhnlichen

Verkehr die allgemeinen Substanz  Namen die sich in ihrer gewöhnlichen

Bedeutung nach einigen augenfälligen Eigenschaften wie die Gestalt und Form in

Dingen die sich durch Samen fortpflanzen und die Farbe mit einigen andern

sinnlichen Eigenschaften bei den meisten übrigen Körpern bestimmen um die

Dinge zu bezeichnen von denen man sprechen will deshalb werden die Gold und

Apfel benannten Substanzen so weit genügend verstanden um sie von einander

unterscheiden zu können Dagegen wird in wissenschaftlichen Untersuchungen und

Verhandlungen wo es auf Feststellung allgemeiner Wahrheiten ankommt und

Folgerungen aus aufgestellten Sätzen gezogen werden sollen die genaue Bedeutung

der Substanz  Namen sich als schwankend ergeben und eine Feststellung

derselben wird sich sehr schwer erweisen Wer zB die Biegsamkeit oder eine

gewisse Festigkeit zu einem Theile seiner Vorstellung des Goldes gemacht hat

wird demgemäß Sätze aufstellen und Folgerungen ziehen wie sie aus einer

solchen Bedeutung des Wortes Gold wahrhaft und klar sich ergeben und doch kann

ein Anderer zu deren Anerkennung nicht genötigt und von ihrer Wahrheit nicht

überführt werden wenn er nicht ebenso die Biegsamkeit oder eine gewisse

Festigkeit in seine Vorstellung vom Gold aufgenommen hat

     16 Ein Beispiel an Liquor Dies ist ein natürlicher und beinahe

unvermeidlicher Mangel in beinahe allen SubstanzNamen den man leicht in jeder

Sprache bemerken wird wenn man von verworrenen und schwankenden Begriffen zu

genaueren und schärferen Untersuchungen übergeht Dann zeigt sich wie

zweifelhaft und dunkel die Worte in ihrer Bedeutung sind die bei dem

gewöhnlichen Verkehr so klar und bestimmt erscheinen Ich wohnte einst einer

Versammlung gelehrter und geistreicher Ärzte bei wo zufällig die Frage

entstand ob ein gewisser Liquor die Nerven durchdringe Der Streit hatte eine

Weile gedauert und von beiden Seiten hatte man Gründe vorgebracht die

vermuten Messen dass der Streit zum größten Theile sich nur um den Sinn der

Worte, und nicht um den wahren Begriff der Dinge drehte als ich bat man möge

ehe man weiter streite prüfen und feststellen was man unter Liquor verstehe

Man war anfangs überrascht und Leute von weniger Geist würden meine Bitte für

Scherz oder Unverschämtheit gehalten haben da Jeder sicher geglaubt den Sinn

des Wortes Liquor vollkommen zu verstehen der allerdings nicht zu den

schwierigsten tarnen von Substanzen gehört Indes ging man auf meinen Vorschlag

ein und es ergab sich nun dass der Sinn des Wortes Liquor nicht so fest und

sicher war als Alle gedacht hatten und das Jeder eine andere Vorstellung davon

hatte Man erkannte nun dass man sich großenteils um den Sinn des Worts

gestritten hatte und dass ihre Ansichten über die flüssige und feine Masse

selbst die durch die Nerven fließe wenig von einander abwichen nur darüber

ob sie Liquor zu nennen sei konnte man sich nicht vereinigen erkannte aber

dass dieser Punkt des Streitens nicht wert sei

     17 Ein Beispiel am Golde Wie dies beinahe von den meisten so heiß

geführten Streitigkeiten gilt werde ich noch anderwärts zu bemerken Gelegenheit

nahen Ich möchte hier nur das obige Beispiel mit dem Golde noch einmal

benutzen um zu zeigen wie schwer dessen Bedeutung zu bestimmen ist Alle geben

zu dass es einen gelben Körper bezeichnet und da dies die Vorstellung ist, die

Kinder damit verbinden so gilt diesen auch das glänzende gelbe Stück in dem

Pfauenschwanze für Gold Andere fanden auch die Schmelzbarkeit mit dieser gelben

Farbe in einzelnen Stücken verbunden sie machten daraus eine

GesamtVorstellungder sie den Namen Gold zur Bezeichnung dieser Substanzen

gaben damit wurden alle jene goldgelben Körper ausgeschlossen welche im Feuer

zu Asche verbrennen nur solche Körper galten nun als Gold welche bei ihrer

glänzenden gelben Farbe im Feuer schmolzen aber nicht zu Asche verbrannten Ein

Anderer fügte das Gewicht hinzu es ist ebenso, wie die Schmelzbarkeit eng mit

der gelben Farbe verbunden und man ist deshalb ebenso berechtigt es in die

Vorstellung des Goldes mit aufzunehmen und durch das Wort mit zu bezeichnen

Damit wurden die von den Früheren gemachten Vorstellungen unvollständig So geht

es weiter mit den übrigen Eigenschaften es gibt keinen Grund weshalb irgend

eine der Eigenschaften, die in der Natur immer sich vereint zeigen in das

WortWesen aufgenommen oder ausgelassen werden soll und weshalb das Wort Gold

was den Stoff aus dem der Ring am Finger gemacht ist bezeichnet diese Art

eher nach der Farbe und Schwere als nach der Farbe Schwere und Schmelzbarkeit

bestimmen soll da auch diese Lösbarkeit durch Königswasser von dem Gold ebenso

untrennbar ist wie seine Schmelzbarkeit durch Feuer beide sind nur Beziehungen

dieser Substanz zu zwei anderen Körpern die auf das Gold eigentümlich zu

wirken vermögen Weshalb sollte nun die Schmelzbarkeit zu dem Wesen und die

Lösbarkeit nur zu den Eigenschaften der mit Gold bezeichneten Substanz gehören

Ich meine nämlich dass sie alle nur Eigenschaften sind die von dessen

wirklicher Verfassung abhängen also tätige oder leidende Kräfte in Bezug auf

andere Körper Deshalb ist man nicht berechtigt das Wort Gold insofern es auf

einen solchen in der Natur bestehenden Körper bezogen wird mehr auf diese oder

jene SammelVorstellung der in ihm gefundenen Eigenschaften zu beziehen Damit

muss aber unvermeidlich seine Bedeutung schwankend werden denn wie gesagt

verschiedene Personen bemerken verschiedene Eigenschaften in dieser Substanz,

und ich denke dies gilt von allen Körpern Deshalb sind die Beschreibungen der

Dinge unvollständig und deren Worte von schwankender Bedeutung

     18 Die Worte für einfache Vorstellungen sind am wenigsten schwankend

Hieraus erhelltdass, wie ich früher bemerkte die Worte für einfache

Vorstellungen weniger wie andere dem Irrtum ausgesetzt sind und zwar aus

folgenden Gründen 1 weil die Vorstellungendie damit bezeichnet werden als

einzelne Wahrnehmungen leichter gewonnen und deutlicher behalten werden als die

zusammengesetzten Vorstellungen Sie sind daher nicht der Unsicherheit

ausgesetzt welche den GesamtVorstellungen von Substanzen und gemischten

Zuständen anhängt wo die bestimmte Zahl einfacher Vorstellungendie sie

ausmachen nicht leicht feststeht und behalten wird 2 weil sie immer nur auf

die Vorstellungendie sie unmittelbar bezeichnen als ihr Wesen bezogen werden,

während diese Beziehung es istwelche die Substanz-Namen so schwierig macht und

zu vielem Streit Anlass gibt Menschen die nicht absichtlich die Worte

verkehrt gebrauchen oder absichtlich Scherz damit treiben irren sich in den

Sprachen die sie kennen selten im Gebrauch und Sinne der Worte für einfache

Vorstellungen weiß und süß gelb und bitter haben einen augenfälligen Sinn

den Jeder genau erfasst oder leicht begreift wenn er danach fragt Aber nicht

so bekannt sind die Verbindungen einfacher Vorstellungen in dem Worte

Bescheidenheit oder Massigkeit wie sie bei dem Einen oder Andern bestehen Wenn

man auch genau zu wissen meint was unter Gold oder Eisen verstanden wird so

ist doch die GesamtVorstellungdie Andere davon haben nicht so gewiss

Selten wird diese bei dem Sprechenden und Hörenden dieselbe sein und daraus

müssen Missverständnisse und Streitigkeiten entstehen sobald man diese Worte in

Verhandlungen benutzt wo es sich um allgemeine Regeln handelt oder allgemeine

Wahrheiten festgestellt und Folgerungen daraus gezogen werden sollen

     19 Am nächsten stehen ihnen die einfachen Zustände Aus demselben

Grunde sind die Worte für einfache Zustände nach denen für einfache

Vorstellungen am wenigsten dem Zweifel und Schwanken ausgesetzt namentlich die

für die Gestalt und Zahl deren Vorstellungen so klar und deutlich sind Wer hat

je den Sinn von Sieben oder von dem Worte Dreieck missverstanden Im Allgemeinen

sind die Worte für die am wenigsten zusammengesetzten Vorstellungen jeder Art

auch am wenigsten zweideutig

     20 Am zweideutigsten sind die Worte für gemischte Zustände und

Substanzen Gemischte Zustände die aus wenigen und augenfälligen einfachen

Vorstellungen bestehen haben daher meist Namen deren Bedeutung nicht sehr

schwankt aber die welche eine große Zahl einfacher Vorstellungen befassen

haben wie ich gezeigt habe Worte von zweifelhaftem und schwankendem Sinne

Noch größerer Unvollständigkeit und Unsicherheit unterliegen die Worte für die

Substanzen, da sie Vorstellungen bezeichnen die weder das wahre Wesen noch die

genaue Darstellung des Musters auf das sie bezogen werden, sind namentlich

wenn es sich um einen wissenschaftlichen Gebrauch dieser Worte handelt

     21 Weshalb ich diese Unvollkommenheit den Worten zur Last lege Da

diese große Verwirrung in den SubstanzNamen meistenteils aus der mangelhaften

Kenntnis ihrer wahren Verfassung und dem Unvermögen darein einzudringen

hervorgeht so wird es auffallen wenn ich sie mehr den Worten als dem Verstande

zur Last lege es scheint dies so wenig begründet dass ich mich zur näheren

Rechtfertigung meines Verfahrens verpflichtet halte Ich gestehe dass bei dem

Beginn dieses Werkes über den Verstand und selbst noch ein gut Teil länger

ich nicht daran dachte dass auch eine Untersuchung der Worte dazu gehöre

Allein nachdem ich den Ursprung und die Bildung unserer Vorstellungen

durchgegangen war und die Ausdehnung und Gewissheit unseres Wissens zu prüfen

begann fand ich eine so enge Verbindung desselben mit den Worten dass zuvor

ihr Einfluss und die Weise ihrer Bezeichnung untersucht werden musste ehe ich

mich klar und angemessen über das Wissen auslassen konnte das immer mit Sätzen

es zu tun hat wenn es die Wahrheit bieten will Wenn diese auch bei den Dingen

selbst abschließen so liegt es doch großenteils in der Vermittlung durch

Worte dass die Sätze kaum von dem allgemeinen Wissen trennbar sind Wenigstens

stellen sie sich so sehr zwischen den Verstand und die Wahrheit die er

betrachten und erfassen möchte dass gleich dem Medium durch welches man

Gegenstände sieht ihre Dunkelheit oder Unordnung unsere Augen umnebelt und

unsern Verstand täuscht Bedenkt man dass die Täuschungen in die man sich

selbst und Andere verwickelt und die Missgriffe in den Streitigkeiten und

Begriffen großenteils aus der unsicheren oder falsch aufgefassten Bedeutung

der Worte entstehen so erscheinen sie offenbar als ein großes Hindernis auf

dem Wege der Erkenntnis, und diese warnende Bemerkung wird hier um so mehr an

ihrer Stelle sein als man diesen Punkt bisher so wenig für einen Mangel

gehalten hat dass viele Menschen sich vielmehr mit der Kunst der

SprachVerbesserung beschäftigt und dadurch das Ansehen gelehrter und

scharfsinniger Männer gewonnen haben wie das nächste Kapitel ergeben wird

Hätte man indes die Unvollkommenheiten der Sprache die das Instrument zur

Erkenntnis ist gründlich erwogen so würden von selbst eine Menge Streitfragen

verschwunden sein die jetzt so viel Lärm in der Welt verursachen und der Weg

zur Wahrheit und vielleicht auch zum Frieden würde freier sein als es jetzt

der Fall ist.

     22 Dies sollte vorsichtig machen damit man alten Schriftstellern nicht

seinen Sinn unterschiebt Da die Bedeutung der Worte in allen Sprachen viel von

den Gedanken Begriffen und Vorstellungen Dessen der dieser Sprache sich

bedient abhängt so muss sie schon bei Personen die dieselbe Sprache sprechen

und demselben Lande angehören große Unsicherheit haben Dies zeigen die

griechischen Schriftsteller wer ihre Schriften liest bemerkt dass jeder

derselben seine eigene Sprache hat wenn sie auch alle dieselben Worte

gebrauchen Kommt aber zu dieser natürlichen Schwierigkeit noch der Unterschied

der Länder und Zeitalter hinzu in denen die Sprechenden und Schreibenden sehr

abweichende Begriffe Gesinnungen Gewohnheiten Sprachverzierungen und Formen

usw hatten welche die Bedeutung der Worte wesentlich beeinflussten während

für uns dies Alles verloren und unbekannt ist so geziemt es uns bei der

Auslegung und dem etwanigen Missverständnis alter Schriftsteller nachsichtig

gegen einander zu sein Wenn ihr Verständnis uns auch von Wichtigkeit ist so

unterliegt es doch den unvermeidlichen Schwierigkeiten der Sprache welche mit

Ausnahme der Worte für einfache Vorstellungen und einige sehr augenfällige

Dinge ohne stete Definition ihrer Ausdrücke den Sinn und die Meinung des

Sprechenden dem Hörenden nicht sicher und unzweifelhaft mittheilen kann Diese

Schwierigkeiten sind gerade in Fragen der Religion des Rechts und der Moral

welche die wichtigsten sind auch die größten

     23 Die bändereichen Erklärungen und Kommentare zu dem alten und neuen

Testament sind offenbare Beweise hierfür Wenn auch alles im Text Gesagte

untrüglich wahr ist so ist doch der Leser in der Auffassung des Sinnes großen

Irrtümern ausgesetzt Auch kann es nicht auffallen wenn der in Worte

gekleidete Wille Gottes den Zweifeln und der Ungewissheit unterliegt welche bei

dieser Art der Mittheilung unvermeidlich sind selbst sein Sohn war als er im

Fleische erschien allen Schwächen und Mängeln der menschlichen Natur mit

Ausnahme der Sünde unterworfen Wir haben seine Güte zu preisen dass er vor

aller Welt solche leserliche Zeichen seiner Werke und Vorsehung ausgestreut und

allen Menschen so viel Verstandeslicht gegeben hat dass selbst Die zu denen

das geschriebene Wort nicht gelangte dennoch wenn sie zu suchen begannen an

dem Dasein Gottes und an dem ihm schuldigen Gehorsam nicht zweifeln konnten

Wenn daher die Lehren der natürlichen Religion einfach und für alle Menschen

verständlich sind wenn selten Streit darüber entsteht während die

geoffenbarten Wahrheiten die wir durch Bücher und in Worten überkommen haben

den allgemeinen und natürlichen Schwierigkeiten und der Dunkelheit der Worte

unterliegen so dürfte es sich ziemen sorgfältiger und eifriger in Befolgung

jener zu sein und weniger schulmeisterlich sicher und befehlshaberisch in

Erklärung und in Unterschiebung der eigenen Meinung bei letzterer

 
 



 


     1 Der Missbrauch der Worte.) Neben der natürlichen Unvollkommenheit der

Sprache und der so schwer vermeidlichen Dunkelheit und Verwirrung beim Gebrauch

der Worte gibt es auch freiwillige Fehler und Versäumnisse deren man sich bei

dieser Art der Mittheilung schuldig macht dadurch werden diese Zeichen noch

unklarer und unsicherer als sie es schon von Natur sind

     2 Erstens Worte ohne allen oder ohne klaren Sinn Der erste und

gröbste dieser Missbräuche ist dass man Worte gebraucht ohne klare und

bestimmte Vorstellungen oder was noch schlimmer ist dass man sich dieser

Zeichen bedient ohne damit überhaupt etwas zu bezeichnen Von diesem

Missbrauche gibt es zwei Arten; erstens finden sich in allen Sprachen Worte

die bei näherer Prüfung in ihrem ursprünglichen und eigentlichen Gebrauche keine

klare und deutliche Vorstellung bezeichnen und größtenteils durch die

verschiedenen philosophischen und religiösen Sekten eingeführt worden sind. Die

Begründer und Begünstiger dieser Sekten suchten nach etwas ganz Besonderem

außerhalb des gewöhnlichen Wissens um damit entweder seltsame Ansichten zu

stützen oder die Schwächen ihrer Behauptungen zu verdecken deshalb prägten sie

neue Worte die bei ihrer Prüfung sich meist als bedeutungslose Ausdrücke

ergeben Entweder hatten die Erfinder keine bestimmte GesamtVorstellung damit

verbunden oder nur eine solche deren Bestandteile sich nicht vertrugen

deshalb wurden diese Worte wenn sie bei ihrer Sekte in Gebrauch kamen zu

leeren Lauten die gar keine oder eine nur geringe Bedeutung hatten die

Anhänger begnügten sich sie als die Kennzeichen ihrer Kirche oder Schule viel

im Munde zu führen ohne sich den Kopf über ihren genauen Sinn zu zerbrechen

Ich brauche hier nicht die Beispiele zu häufen Jedermann kennt sie aus Büchern

und der Unterhaltung und sollte er noch mehr davon wünschen so können die

großen Münzmeister dieser Kunstausdrücke dh die Schulmeister und

Metaphysiker zu denen die streitenden Natur und MoralPhilosophen der letzten

Jahrhunderte wohl auch gehören dürften ihn im Überfluss damit versorgen

     3 Zweitens dehnen Andere diesen Missbrauch noch weiter aus sie sind so

wenig sorgfältig bei Worten die schon in ihrer ursprünglichen Bedeutung keine

klare und deutliche Vorstellung bezeichneten dass sie mit unverzeihlicher

Nachlässigkeit Worte die die Eigentümlichkeit der Sprache an sehr wichtige

Vorstellungen geknüpft hat gebrauchen ohne sich überhaupt etwas Bestimmtes

dabei zu denken Weisheit Gnade Ruhm usw sind Worte die man täglich in der

Leute Mund hört fragt man aber was sie damit meinen so werden die Meisten

stocken und nicht antworten können Dies zeigt klar dass sie diese Laute zwar

gelernt und schnell auf der Zunge haben aber keine bestimmten Vorstellungen

damit vorbinden die sie Andern dadurch ausdrücken wollen

     4 Dies kommt davon dass die Worte gelernt werden ehe noch die

entsprechenden Vorstellungen gekannt sind Da die Menschen von der Wiege ab

gewöhnt werden Worte zu lernen die leicht aufzufassen und zu behalten sind

ehe sie die GesamtVorstellungen kannten oder gebildet hatten die dazu

gehörten oder ehe sie sie in den Dingenwelche sie bezeichnen gefunden

hatten so setzen sie dies ihr ganzes Leben durch fort und nehmen sich nicht die

Mühe bestimmte Vorstellungen festzuhalten Sie benutzen die Worte für ihre

schwankenden und verworrenen Vorstellungen und begnügen sich die von Andern

gebrauchten Worte zu benutzen als wenn schon der bloße Laut auch immer

denselben Sinn mit sich führte So behilft man sich zwar im täglichen Leben

wenn man sich verständlich machen will und macht so lange Zeichen bis man dies

erreicht hat allein wenn man über Glaubenssätze oder eigene Angelegenheiten

sprechen will erfüllt diese Bedeutungslosigkeit der Worte das Reden mit einer

Masse von leerem und unverständlichem Geräusch und Geplapper Namentlich gilt

die für Gegenstände der Moral wo die Worte meist mit willkürlichen und

verschieden zusammengesetzten Verstellungen verknüpft worden sind, die in

Wirklichkeit nicht regelmäßig und dauernd mit einander verbunden sind; deshalb

wird dabei nur an den leeren Ton gedacht oder es werden nur dunkle und

schwankende Begriffe damit verbunden Die Menschen nehmen die Worte nicht wie

sie in ihrer Umgebung gebraucht werden, und damit es nicht scheine als kennten

sie deren Bedeutung nicht so gebrauchen sie sie dreist ohne sich um deren

rechten Sinn viel den Kopf zu zerbrechen Neben der Bequemlichkeit haben sie

dabei den Vorteil dass sie bei den Besprechungen auch wenn sie nicht im

Rechte sind doch selten des Unrechts überführt werden können; denn es ist

ebenso schwer solche Leute ohne feste Begriffe von ihrem Irrtume zu befreien

als einen Vagabunden aus seiner Wohnung zu weisen der keinen festen Aufenthalt

hat Jeder Leser möge an sich selbst und Andern beobachten ob es sich nicht so

verhält wie ich hier angenommen habe

     5 Die schwankende Anwendung der Worte.) Zweitens besteht ein großer

Missbrauch der Worte in der unregelmäßigen Benutzung derselben Man wird kaum

eine Abhandlung finden namentlich über Streitfragen wo nicht dieselben Worte

und zwar meist die wichtigsten Worte um welche diese Sache sich dreht bald

für diese bald für jene Gesamtvorstellung benutzt werden Dies ist ein grober

Missbrauch der Sprache da bei ihr die Worte als Zeichen der Vorstellungen zu

deren Mittheilungen an Andere dienen sollen Die Bedeutung ist keine natürliche

sondern ist willkürlich angenommen es ist also ein offenbarer Betrug und

Missbrauch wenn dasselbe Wort einmal für diese Sache ein andermal für jene

benutzt wird geschieht dies absichtlich so kann es nur eine große Narrheit

oder eine große Unehrlichkeit sein Ebenso gut könnte Jemand auf seine

Rechnungen mit Andern die Ziffern manchmal für diese und manchmal für jene Zahl

gebrauchen zB die 3 einmal für 3 ein andermal für 4 oder 8 als er in

seinen Reden oder Ausführungen die Worte bald für diese oder jene

Gesamtvorstellung benutzt Geschieht dies bei Rechnungen so würde schwerlich

Jemand sich mit ihm einlassen und wer in weltlichen Angelegenheiten und

Geschäften so sprechen und die 8 manchmal sieben manchmal neun nennte je

nachdem es ihm passt würde bald einen jener beiden Namen bekommen welche den

Leuten nicht gefallen Dennoch gilt in gelehrten Streitigkeiten und Beweisen

dieses Verfahren für Scharfsinn und Gelehrsamkeit ich muss es aber für

unehrlicher erklären als das Verstellen der Zahlen bei Berechnung einer Schuld

Der Betrug ist grösser weil die Wahrheit von größerer Bedeutung und höherem

Werth ist als das Geld

     6 3 sucht man durch falschen Gebrauch der Worte sich den Schein der

Tiefsinnigkeit zu geben Ein dritter Missbrauch der Worte liegt in dem Haschen

nach Dunkelheit indem man entweder veralteten Worten einen neuen und

ungebräuchlichen Sinn unterlegt oder neue und zweideutige Ausdrücke einführt

ohne sie vorher zu definieren oder indem man die Worte so verbindet dass ihr

gewöhnlicher Sinn verkehrt wird Die Aristotelische Philosophie hat hierin zwar

am meisten geleistet indes haben auch andere Sekten sich davon nicht frei

gehalten Beinahe alle sind mit Schwierigkeiten belastet so unvollkommen ist

die menschliche Wissenschaft die sie schönstens durch dunkle Worte verdeckt

haben deren Bedeutung sie verwirren damit sie wie der Nebel vor der Menschen

Augen deren schwache Seite verhüllen sollten So haben die Worte Körper und

Ausdehnung im gewöhnlichen Sinne eine verschiedene Bedeutung wie Jeder bei

einiger Aufmerksamkeit bemerkt denn wäre ihre Bedeutung genau dieselbe so

könnte man ebenso verständlich sagen der Körper der Ausdehnung, wie die

Ausdehnung des Körpers; dennoch gibt es Leute die es für nötig halten deren

Bedeutung zu vermengen Dieser Missbrauch und diese fehlerhafte Vermengung des

Sinnes der Worte ist durch die Behandlung welche die Logik und die

Wissenschaften in den Schulen erfahren haben zu Ehren gekommen und die

bewanderte Kunst des Disputierens hat die erklärliche Unvollkommenheit der

Sprachen sehr gesteigert man hat sie mehr benutzt und hergerichtet um die

Bedeutung der Worte zu verwirren als um die Erkenntnis und Wahrheit der Dinge

zu erlangen Wenn man die gelehrten Bücher von dieser Gattung studiert wird man

finden dass die Worte darin viel dunkler unsicherer und nach ihrer Bedeutung

unbestimmter sind als in dem täglichen Verkehr

     7 Die Logik und das Streiten haben viel dazu beigetragen Dies ist

unvermeidlich wenn das Talent und die Gelehrsamkeit nach dem Geschick im

Streiten bemessen werden Wenn Ruhm und Lohn diesen Siegen folgen die meist von

der Spitzfindigkeit und Feinheit der Worte abhängen so kann man sich nicht

wundern wenn bei solcher Richtung der Witz des Menschen die Bedeutung der Worte

so vereitelt erschwert und verfeinert dass es ihm dann bei Verteidigung oder

Bekämpfung eines Satzes nie an Worten dazu fehlt und der Sieg nicht Dem der die

Wahrheit auf seiner Seite hat sondern Dem zufällt der das letzte Wort behält

     8 Dies wird Scharfsinn genannt Obgleich diese Kunst nutzlos und der

gerade Gegensatz zum Weg nach der Erkenntnis ist so hat sie doch bisher den

löblichen und geachteten Namen des Scharfsinnes und der Feinheit geführt und

sowohl den Beifall der Schulen wie die Unterstützung eines Teils der Gelehrten

erhalten Es ist dies kein Wunder da die alten Philosophen ich meine jene

streitsüchtigen und zanksüchtigen Philosophen die Lucian so witzig und treffend

schildert und die heutigen Führer der Schulen in ihrer Ruhm und Ehrsucht nach

ausgebreiteten und großen Kenntnissen die leichter begehrt als zu erwerben

sind darin ein gutes Mittel fanden um mittelst eines unlösbaren Gewebes von

Worten ihre Unwissenheit zu verdecken und sich die Bewunderung Anderer durch so

unverständliche Andeutungen zu verschaffen die um so mehr Wunder wirkten je

weniger sie begriffen werden konnten Allein die Geschichte lehrt dass diese

gelehrten Doktoren nicht weiser und nicht nützlicher wie ihre Nachbaren waren

und dass sie dem menschlichen Leben oder den Gemeinschaften in denen sie leben

keinen Vorteil brachten man müsste es denn als einen solchen und als lobens

und lohnenswert ansehen wenn neue Worte geprägt werden ohne neue Dinge dafür

zu schaffen oder wenn die Bedeutung der alten verwirret und verdunkelt und

damit Alles in Frage gestellt und dem Streite unterworfen wird

     9 Solche Gelehrsamkeit nützt der menschlichen Gesellschaft wenig Denn

trotz dieser gelehrten Streiter und dieser allwissenden Doktoren waren es doch

nur angelehrte Staatsmänner welchen die Staaten dieser Welt den Frieden Schutz

und die Freiheit verdanken denn es war nur das einfache und verachtete Handwerk

ein unbeliebtes Wort von dem die Staaten die Fortschritte in nützlichen

Künsten empfingen Trotzdem hat ihre kunstvolle Unwissenheit und dieses gelehrte

Gewäsch in dem letzten Zeitalter sehr vorgeherrscht da Die welche auf diesem

leichten Weg zur Höhe ihres Ansehens und ihrer Herrschaft gelangt waren es in

ihrem Interesse fanden die praktischen Leute und die Unwissenden mit

schwerverständlichen Worten zu unterhalten Kluge und geschäftsfreie Personen

wurden in Streit über unverständliche Ausdrücke verwickelt und in diesem

endlosen Labyrinth stets eingeschlossen gehalten Überdem erlangt man am

leichtesten Ansehen und kann sonderbare und widersinnige Lehren am leichtesten

verteidigen wenn man sie mit einer Legion von dunklen zweifelhaften und

unbestimmten Worten umgibt ihre Verstecke gleichen dann mehr den Höhlen der

Räuber oder dem Bau der Füchse als den Festungen ehrlicher Krieger Wenn man

sie schwer daraus vertreiben kann so kommt es nicht von ihrer Stärke sondern

von den Dornen und Disteln und der Dunkelheit des Dickichts was sie umgibt Da

die Unwahrheit der menschlichen Seele zuwider ist so gibt es für den Unsinn

keinen anderen Schutz als die Dunkelheit

     10 Aber sie zerstört die Mittel zur Erkenntnis und Mittheilung Diese

gelehrte Unwissenheit und diese Kunst selbst eifrige Personen von wahren

Kenntnissen fern zu halten ist in der Welt ausgebreitet worden und hat viel

verwirrt während sie versicherte den Verstand zu belehren denn es zeigte

sich dass wohlmeinende und weise Männer deren Erziehung und Bildung nicht bis

zu dieser Spitze getrieben war sich verständlich unter einander ausdrücken und

den einfachen Gebrauch der Sprache zur Wohltat machen konnten Allein obwohl

nie Ungelehrten die Worte weiß und schwarz usw gut verstanden und feste

Begriffe mit diesen Worten verbanden so fanden sich doch Philosophen von so

großer Gelehrsamkeit und Spitzfindigkeit dass sie bewiesen der Schnee sei

schwarz dh weiß sei schwarz Ihr Ergebnis war dabei nur dass sie die

Mittel und Werkzeuge der Rede der Unterhaltung Belehrung und des Verkehrs

zerstörten indem sie mit großer Kraft und Spitzfindigkeit nur die Bedeutung

der Worte vermengten Sie machten die Sprache damit noch mangelhafter als sie

es schon durch ihre natürlichen Mängel ist ein Erfolg den die Ungelehrten

nicht hätten erreichen können

     11 Und vermengt die Laute der Buchstaben Diese gelehrten Leute taten

für die Belehrung des Verstandes und Verbesserung des Lebens gerade so viel als

die welche die Bedeutung bekannter Schriftzeichen verändern und durch einen

feinen gelehrten Kunstgriff der den Verstand der ungelehrten schwachen und

gemeinen Leute überstieg zur großen Verwunderung und Nutzen ihrer Leser

zeigten dass sie in ihren Schriften A für B und D für E setzen können Es ist

ebenso unsinnig das Wort schwarz was eine bestimmte sinnliche Eigenschaft

anerkanntermaßen bezeichnet für ein anderes zu setzen was das

Entgegengesetzte bezeichnet dh den Schnee schwarz zu nennen als den

Buchstaben A welcher für das Zeichen eines besonderen Lautes wie ihn bestimmte

Bewegungen der Sprachorgane erzeugen gilt statt B zu setzen welches

anerkanntermaßen einen anderen Laut bezeichnet

     12 Diese Kunst hat die Religion und die Gerechtigkeit verwirrt Dieser

Unfug hat sich auch nicht auf logische Spielereien und unterhaltende leere

Tiefsinnigkeiten beschränkt sondern ist in die großen Angelegenheiten des

Lebens und der menschlichen Gesellschaft eingedrungen und hat da die richtigen

Wahrheiten im Recht und in der Religion verdunkelt und verwirrt er hat

Unordnung Verwirrung und Unsicherheit in Angelegenheiten der Menschen gebracht

und jene beiden großen Richtmaße die Religion und die Gerechtigkeit wenn

nicht zerstört doch zum großen Theile nutzlos gemacht Wozu anders haben die

meisten Kommentare und Disputationen über die göttlichen und menschlichen

Gesetze geführt als deren Absicht zweifelhafter und deren Sinn dunkler zu

machen Was haben diese vielfältigen spitzfindigen Unterhaltungen und

kleinlichen Feinheiten anders erreicht als eine Dunkelheit und Ungewissheit

die die Worte nur dunkler macht und den Leser in Verlegenheit bringt Woher

anders sollte es kommen dass die Fürsten wenn sie zu ihren Dienern reden in

ihren gewöhnlichen Befehlen leicht verstanden werden aber nicht wenn sie in

ihren Gesetzen zu dem Volke reden Kommt es wie gesagt nicht oft vor dass ein

Mensch mit natürlichem Verstande eine Bibelstelle oder ein Gesetz ganz wohl

versteht so lange er keinen Erklärer befragt und zu keinem Advokaten geht erst

wenn diese sich an die Erklärung machen bedeuten die Worte entweder gar nichts

oder nur das was diesen Herren beliebt

     13 Sie darf nicht für eine Wissenschaft gelten Ob das Interesse dieser

Leute dabei im Spiele gewesen ist will ich hier nicht untersuchen allein ich

überlasse es der Erwägung ob es für die Menschheit der es daran liegt die

Dinge zu kennen wie sie sind und zu tun was sie soll und nicht das Leben im

Geschwätz darüber und im Schleudern der Worte gegeneinander zu verbringen nicht

besser wäre wenn der Gebrauch der Worte einfach und geradezu eingerichtet

würde und wenn die Sprache die nur für die Vermehrung des Wissens und für die

Verbindung zu Gemeinschaften gegeben worden nicht auf die Verdunkelung der

Wahrheit gerichtet und Moral und Religion damit unverständlich gemacht würde

Wenigstens sollte da wo dies vorkommt die Erkenntnis und die Wissenschaft

nicht dafür verantwortlich gemacht werden

     14 4 indem die Worte für die Dinge selbst genommen werden Viertens

besteht ein anderer großer Missbrauch der Worte darin dass sie für die Dinge

selbst genommen werden Es gilt dies zwar im Allgemeinen für alle Worte

hauptsächlich aber für die Substanz-Worte In diesen Missbrauch geraten Die am

meisten welche ihre Gedanken auf ein System beschränken und sich ganz dem

festen Glauben an die Vollkommenheit einer angenommenen Hypothese hingeben sie

halten die Ausdrücke ihrer Sekten für so der Natur der Dinge entsprechend dass

sie nach ihrer Überzeugung genau mit der vorhandenen Wirklichkeit

übereinstimmen Wer von den in der Peripatetischen Philosophie Auferzogenen hält

nicht die zehn Worte mit denen die zehn Kategorien bezeichnet werden genau der

Natur der Dinge entsprechend Wer aus dieser Schule ist nicht überzeugt dass

die substantiellen Formen die PflanzenSeelen die Scheu vor dem Leeren die

beabsichtigten Arten usw etwas Wirkliches sind Sie haben diese Worte bei

ihrem Eintritt in die Wissenschaft gelernt und gesehen wie ihre Meister und

Systeme großen Werth darauf legen deshalb glauben sie fest dass sie der Natur

entsprechen und etwas wirklich Bestehendes darstellen Ebenso haben die

Platoniker ihre Weltseele und die Epikureer das Streben ihrer Atome nach

Bewegung jedes philosophische System hat seine bestimmte Reihe von Ausdrücken

die für Andere unverständlich sind Trotzdem erscheint dieses Geschwätz welches

bei der Schwäche des menschlichen Verstandes so gut die Unwissenheit zu schützen

und den Irrtum zu verdecken vermag durch den steten Gebrauch innerhalb der

Sekte zuletzt als ein wichtiger Teil der Sprache und als die bezeichnendste

Ausdrucksweise Sollten die luftigen und die ätherischen Wagen einst durch das

Übergewicht dieser Lehre irgendwo allgemeine Anerkennung finden so würden

diese Ausdrücke unzweifelhaft sich in den Seelen einprägen und die Überzeugung

dass dergleichen wirklich bestehen herbeiführen wie dies bei den

Peripatetikern mit ihren Formen und bezweckenden Arten geschehen ist

     15 Ein Beispiel am Stoff Ein aufmerksamer Leser philosophischer

Schriften wird oft genug bemerken wie Worte die für die Dinge genommen werden

den Verstand irre geleitet haben und zwar selbst Worte bei denen man es am

wenigsten erwartet hätte Ich will nur ein sehr gebräuchliches anführen den

Stoff wie viele verwickelte Streitigkeiten hat es nicht darüber gegeben als

wenn wirklich so etwas in der Natur und getrennt von deren Körper vorhanden

wäre weil doch offenbar das Wort »Stoff« eine von der Vorstellung des Körpers

verschiedene Vorstellung bezeichnet Allerdings müssten sie wenn leere Worte

dieselbe Vorstellung bezeichneten in allen Fällen einander vertreten können

nun sagt man wohl Alle Körper bestehen aus einem Stoff aber nicht Aller Stoff

besteht aus einem Körper. Man sagt wohl dass ein Körper grösser als der andere

ist aber es klingt hart und ist wohl niemals geschehen dass man gesagt Ein

Stoff ist grösser als der andere Woher kommt das Davon dass zwar Stoff und

Körper nicht in Wirklichkeit getrennt bestehen vielmehr ist da wo der eine

ist auch der andere aber dass beide Worte doch verschiedene Begriffe

bezeichnen von denen der eine nur einen Teil des andern ausmacht Denn Körper

bezeichnet eine dichte ausgedehnte und gestaltete Substanz woran der Stoff nur

eine unklare Teilvorstellung ist die zwar die Substanz und Dichtheit des

Körpers, aber ohne Ausdehnung und Gestalt bezeichnen soll Deshalb spricht man

beim Stoff immer nur von einem weil er in Wahrheit nur die Vorstellung einer

dichten Substanz enthält die überall gleich und einförmig ist Deshalb spricht

man ebenso wenig von verschieden Stoffen einer Welt als von verschiedenen

Dichtigkeiten obgleich man beide auf verschiedene Körper bezieht weil

Ausdehnung und Gestalt von mannichfaltiger Art sein kann Da indes die

Dichtheit nicht ohne Ausdehnung und Gestalt bestehen kann so hat der Umstand

dass man den Stoff für den Namen von Etwas getrennt Bestehendem nahm offenbar

diese dunklen und unverständlichen Streitigkeiten und Ausführungen veranlasst

die über die prima materia die Köpfe und Bücher der Philosophen angefüllt haben

Wie weit dasselbe für Ausdrücke gelte möge der Leser selbst erwägen Sicher

wäre weniger Streit in der Welt wenn man die Worte nur für das nähme was sie

sind dh für Zeichen unserer Vorstellungen und nicht für die Dinge selbst.

Denn wenn man über Stoff oder einen ähnlichen Ausdruck verhandelt so verhandelt

man sicherlich nur über die damit bezeichneten Vorstellungen mögen diese

Vorstellungen mit gewissen in der Natur bestehenden Dingen übereinstimmen oder

nicht Und wenn man immer angäbe welche Vorstellungen die Worte bezeichnen

sollen so könnte nicht halb so viel Dunkelheit und Schwanken die Aufsuchung und

Verteidigung der Wahrheit wie jetzt erschweren

     16 Dies macht den Irrtum dauernd So schädlich also dieser Missbrauch

der Worte ist so verlocken diese Worte doch in Folge ihres stetigen und

häufigen Wiederholens zu Begriffen die weit ab von der Wahrheit liegen Man

würde nur schwer Jemand überzeugen können dass die Worte welche sein Vater

oder Schulmeister oder der Pfarrer des Ortes oder sonst ein ehrwürdiger Herr

gebraucht haben nichts in der Natur wirklich Bestehendes bezeichnen deshalb

lassen die Menschen so schwer von ihren Irrtümern selbst bei philosophischen

Fragen wo es sich nur um die Wahrheit handelt Sie haben die Worte zu lange

gebraucht sie haften fest in ihrer Seele und deshalb kann es nicht auffallen

wenn die damit verbundenen falschen Begriffe so schwer zu beseitigen sind

     17 Indem sie für Etwas benutzt werden wozu sie nicht geeignet sind

Fünftens besteht ein anderer Missbrauch der Worte darin dass sie an die Stelle

von Dingen gesetzt werden die sie keineswegs bezeichnen und nicht bezeichnen

können Wenn die Namen von Substanzen von denen man nur das WortWesen kennt

zu Sätzen verbunden werden und Etwas von ihnen bejaht oder verneint wird so

nimmt man meist stillschweigend an und meint dass damit das wirkliche Wesen von

Substanzen bezeichnet werde Denn wenn Jemand sagt das Gold ist biegsam so

meint und will er damit mehr sagen als was ich bei diesen Worten meine

obgleich auch seine Meinung in Wahrheit nicht mehr sagt er will nämlich

sagen dass das Gold dh das wahre Wesen des Goldes, biegsam sei so dass also

die Biegsamkeit des Goldes von dessen wahrem Wesen bedingt und davon untrennbar

sei Indes da Jemand der dieses wahre Wesen nicht kennt diese Biegsamkeit in

seiner Seele nicht mit einem ihm unbekannten Wesen verbinden kann so geschieht

es nur mit dem Laute der es bezeichnet Ebenso ist es klar dasswenn die

Definition des Menschen Ein »vernünftiges Thier« gut ist und die Ein Thier

ohne Federn mit zwei Füssen und breiten Nägeln schlecht ist dass das Wort

Mensch hierbei für die Bezeichnung seines wirklichen Wesens gilt und dass man

sagen will die erste Definition drückte das wirkliche Wesen des Menschen besser

als die zweite aus Denn weshalb hätte ohnedem Plato nicht das Wort anthrôpos

oder Mensch zur Bezeichnung der Vorstellung nehmen sollen die er aus der

Vorstellung eines Körpers, der von andern sich durch eine gewisse Gestalt und

andere äußerliche Bestimmungen unterscheidet gebildet hatte so gut wie

Aristoteles die Gesamtvorstellung die er anthrôpos oder Mensch nannte aus

einem mit Vernunft begabten Körper bildete Es geschah nur weil Beiden das Wort

anthrôpos oder Mensch zur Bezeichnung von etwas Anderem galt als es

bezeichnete und weil sie es an die Stelle von etwas Anderem als die

Vorstellungdie man gewöhnlich damit ausdrücken will gesetzt hatten

     18 Indem sie zB für das wirkliche Wesen der Substanzen gelten

Sicherlich würden die Substanz-Worte nützlicher und die daraus gebildeten

Urteile sicherer sein wenn die Vorstellungenwelche diese Worte bezeichnen

das wirkliche Wesen der Substanzen wären Nur weil dieses nicht gekannt ist

gewähren die Worte so wenig Erkenntnis oder Gewissheit bei dem Reden darüber

Um diese Unvollkommenheit möglichst zu beseitigen lässt man sie durch eine

stillschweigende Annahme Etwas was dieses wirkliche Wesen hat bezeichnen als

ob man damit diesem näher käme Denn wenn auch das Wort Mensch oder Gold in

Wahrheit nur eine Gesamtvorstellung von Eigenschaften bezeichnet die zu einer

Art von Substanz verbunden sind, so setzt doch beinah Jeder im Gebrauche dieser

Worte voraus dass diese Worte Dinge bezeichnen die das wahre Wesen besitzen

von denen diese Eigenschaften abhängen Die Unvollkommenheit der Worte wird

damit so wenig beseitigt dass dieselbe durch diesen Missbrauch nur gesteigert

wird indem man das Wort zum Zeichen von Etwas macht was gar nicht in der

Vorstellung enthalten istalso auch nicht von dem Worte bezeichnet werden kann.

     19 Deshalb wird die Veränderung in der Vorstellung von Substanzen nicht

für eine Veränderung ihrer Art gehalten Deshalb gut bei gemischten Zuständen

jede Auslassung oder Veränderung einer Vorstellungwelche die

Gesamtvorstellung mitbildet für ein anderes Ding dh von einer andern Art

wie dies zB bei dem fahrlässigen Todschlag dem absichtlichen Todschlag dem

Mord dem Vatermord usw sich ergibt und zwar weil die mit diesem Worte

bezeichnete Gesamtvorstellung sowohl das Wort wie das wirkliche Wesen ist, und

das Wort nicht insgeheim auf ein anderes Wesen bezogen wird Bei Substanzen

verhält es sich aber nicht so denn wenn auch bei dem was Gold heißt der Eine

in seiner Gesamtvorstellung das aufnimmt was der Andere auslässt und

umgekehrt so hält man dies doch für keine Veränderung der Art weil das Wort

insgeheim auf das wirkliche Wesen dieses Dinges bezogen wird und als damit

verbunden gilt und diese Eigenschaften davon abhängen sollen Wenn man in

seiner Vorstellung des Goldes die Festigkeit und Löslichkeit in Königswasser

die sie früher nicht enthielt einfügt so gilt doch die Art nicht als

verändert sondern nur als vollständiger aufgefasst durch Hinzufügung einer

einfachen Vorstellungdie immer mit denen verbunden istwelche dessen

Gesamtvorstellung vorher befasste Allein diese Beziehung des Wortes auf ein

Ding, was man nicht kennt hilft nichts sondern verwickelt nur mehr in

Schwierigkeiten Denn durch diese stille Beziehung auf das wirkliche Wesen

dieser Körper verliert das Wort Gold welches als Bezeichnung einer mehr oder

minder vollständigen Gesamtvorstellung diese Art Körper für den gewöhnlichen

Verkehr genügend bezeichnet jede Bedeutung überhaupt da es für Etwas gesetzt

wird was man nicht kennt und da dies Wort dann nichts bedeutet wenn der

Körper selbst fort ist Denn wenn man es auch für ein und dasselbe hält so ist

es doch bei genauerer Betrachtung ein ganz verschiedenes Ding ob man über Gold

dem Worte nach oder ob man über dasselbe als ein Stück von diesem Körper zB

über ein Stück BlattGold vor den Angen verhandelt wenn man auch im riechen

das Wort für die Sache nimmt

     20 Dieser Missbrauch kommt davon dass man meint die Natur wirke immer

regelmäßig Den Anlass dazu dass man die Namen für das wirkliche Wesen der

Dinge nimmt gibt die vorerwähnte Meinung dass die Natur bei der

Hervorbringung der Dinge regelmäßig wirke und bei jeder Art eine Grenze setze

indem sie jedem Exemplar dieses Namens die gleiche innere wirkliche Verfassung

gebe obgleich die Betrachtung ihrer verschiedenen Eigenschaften vermuten

lässt dass viele Dinge gleichen Namens in ihrer inneren Verfassung ebenso

verschieden sind wie die mit einem andern ArtNamen verbunden sei lässt diese

Namen für die Vertreter dieser wirklichen Wesenheiten nehmen obgleich diese

Namen in Wahrheit nur die Gesamtvorstellung in der Seele Derer die sie

gebrauchen bezeichnen So bezeichnen diese Worte dies Ding und werden doch

jenem Dinge untergeschoben ein Verfahren was notwendig das Sprechen unsicher

machen muss namentlich bei Denen die sich in die Lehre von den substantiellen

Formen vertieft haben die nach ihrer Überzeugung die Arten der Dinge fest

bestimmen und unterscheiden

     21 Dieser Missbrauch enthält zwei falsche Voraussetzungen Ist es nun

auch verkehrt die Worte zu den Zeichen für Vorstellungen zu machen die man

nicht hat oder was dasselbe ist) für unbekannte Wesenheiten indem die Worte

damit zu Zeichen von gar Nichts werden so geschieht es doch sehr häufig wie

sich an dem Gebrauche der von den Worten gemacht wird leicht erkennen lässt

Wenn Jemand fragt ob das Ding was er sieht sei es ein Pavian oder eine

Missgeburt ein Mensch sei so fragt er offenbar nicht danach ob dieses Ding

mit seiner Gesamtvorstellung des Menschen stimme sondern ob es das wirkliche

Wesen von der Art Dinge enthalte die nach seiner Annahme das Wort Mensch

bezeichnet Solcher Gebrauch der Substanz-Worte enthält aber folgende falsche

Annahmen Erstens dass es gewisse bestimmte Wesenheiten gebe nach denen die

Natur alle einzelnen Dinge machte durch welche sie sich in Arten sondern Jedes

Ding soll eine wirkliche Verfassung haben durch die es das ist was es ist und

von dem seine sinnlichen Eigenschaften abhängen dies gilt als zweifellos

allein ich habe dächte ich bewiesen dass dies nicht den Unterschied der

einzelnen Arten ausmacht und auch nicht die Grenzen für deren Namen Zweitens

deutet dies stillschweigend an dass man auch die Vorstellung dieser wirklichen

Wesenheiten habe Denn wozu fragt man sonst ob ein Ding das wirkliche Wesen des

Menschen habe wenn man diese Wesen nicht als bekannt annähme Und doch ist dies

durchaus falsch und eine solche Benutzung der Worte für Vorstellungendie man

nicht hat muss notwendig das Reden und die Beweise darüber verwirren und die

Mittheilung durch Worte stören

     22 Die Annahme, dass die Worte eine feste und offenbare Bedeutung haben

 Sechstens ist noch ein allgemeinerer wenn auch weniger bemerkter Missbrauch

der Worte übrig welcher darin besteht dass man durch die lange Gewohnheit

gewisse Vorstellungen mit den Worten zu verknüpfen diese Verknüpfung für so eng

und notwendig hält dass der Sinn der Worte zuletzt für selbstverständlich

gilt Deshalb soll der Andere sich mit den empfangenen Worten begnügen indem es

für zweifellos gilt dass der Hörer mit den bekannten Lauten dieselben

Vorstellungen wie der Sprechende verknüpfe Man vermeint deshalb durch den

Gebrauch eines Ausdruckes in der Rede auch die Sache selbst dem Andern dargelegt

zu haben und man fasst ebenso die Worte Anderer nur in dem Sinne auf den man

selbst mit ihnen zu verbinden gewohnt ist In Folge dessen bemüht man sich

niemals die eignen Worte zu erklären und den Sinn der Worte Anderer klar zu

fassen woraus nur Lärm und Streit ohne Belehrung und Fortschritt hervorgeht

Man hält die Worte für die festen und regelmäßigen Zeichen anerkannter

Vorstellungen während sie in Wahrheit nur die willkürlichen und schwankenden

Zeichen der eignen Vorstellungen sind Dennoch wundert man sich wenn im

Gespräch oder im Streit wo es oft unvermeidlich ist der Andere nach dem Sinn

eines Ausdrucks fragt obgleich die in die Unterhaltung eingeflochtenen

Ausführungen deutlich zeigen dass zwei Menschen selten ihre Worte für

Gesamtvorstellungen in gleichem Sinne gebrauchen Beispiele dazu sind leicht zu

finden welches Wort ist bekannter als Leben es würde für eine Beleidigung

gelten wenn man nach seiner Bedeutung fragte und doch entsteht mitunter die

Frage ob die in dem Samen fertig gebildet enthaltene Pflanze Leben habe ob der

Keim in dem Ei vor dem Brüten oder ob ein sinnlos und bewegungslos in Ohnmacht

daliegender Mensch Leben habe Man eicht hieraus dass mit diesem so bekannten

Worte keine ganz klare Vorstellung verbunden wird Allerdings hat man eine Reihe

grober und verworrener Vorstellungenmit denen die gebräuchlichen Worte der

Sprache verbunden werden und die für den unbestimmten Gebrauch im täglichen

Verkehr genügen allein für wissenschaftliche Untersuchungen reicht dies nicht

zu da die Wissenschaft und die Beweise genaue und bestimmte Vorstellungen

verlangen Wenn auch die Menschen hinreichend klug sind um auch ohne Frage und

Erklärung der Worte die Rede eines Andern zu verstehen und nicht so peinlich

dass sie Andere in dem Gebrauch der gehörten Worte verbesserten so wüsste ich

doch nicht weshalb da wo es sich um Wahrheit und Wissenschaft handelt es ein

Fehler sein sollte wenn man nach dem Sinn zweideutiger Worte fragt und weshalb

man sich schämen sollte dass man den Sinn der Worte eines Andern nicht kennt

da man ihn doch nur durch Belehrung sicher erfahren kann Dieser Missbrauch die

Worte in gutem Glauben aufzunehmen herrscht am meisten und am schlimmsten unter

den Gelehrten die Menge und die Hartnäckigkeit der Streitfälle welche die

geistige Welt so verwüsten kommt davon her Man weiß dass eine große

Verschiedenheit der Meinungen in den Büchern und in der Menge von Streitfällen

besteht welche die Welt spalten und dennoch ist Alles was die Gelehrten auf

beiden Seiten in ihren gegenseitigen Ausführungen tun nur dass sie

verschiedene Sprachen sprechen Ließen sie ihre Kunstworte bei Seite und

dächten sie an die Dinge und wüssten sie was sie dächten so würde sich

zeigen dass sie Alle dasselbe denken wenn sie auch Verschiedenes wollen

     23 Die Zwecke der Sprache sind 1 Mittheilung der Vorstellungen.) Indem

ich diese Untersuchung über den Missbrauch der Sprache schließe erhellt also

dass der Zweck aller Sprache in dem Verkehr mit Andern hauptsächlich ein

dreifacher ist 1 will man seine Gedanken dadurch Andern mittheilen 2 soll

dies möglichst schnell und leicht geschehen und 3 will man die Kenntnis der

Dinge ausbreiten Die Sprache ist missbraucht oder mangelhaft wenn sie einen

dieser Zwecke nicht erfüllt

    Die Worte verfehlen den ersten Zweck und eröffnen dem Andern nicht die

eignen Vorstellungen 1 wenn sie ohne bestimmte Vorstellungen gebraucht würden

obgleich sie Zeichen von solchen sein sollen oder 2 wenn die Worte gegen den

Sprachgebrauch mit ungehörigen Vorstellungen verbunden werden oder 3 wenn sie

schwankend gebraucht werden und bald diese bald jene Vorstellung bezeichnen

     24 2 Dies schnell und leicht zu tun Man verstößt zweitens gegen die

Schnelligkeit und Leichtigkeit der Mittheilung bei Gesamtvorstellungen ohne

Namen dafür Mitunter trifft dieser Fehler die Sprache selbst die kein

passendes Wort dafür enthält oft ist es aber der Fehler des Sprechenden der

das Wort nicht kennt was diese Vorstellung dem Andern zuführen würde

     25 Und 3 die Verbreitung der Kenntnis der Dinge.) Drittens enthalten

die Worte keine Mittheilung der Kenntnis der Dinge, wenn ihre Vorstellungen

nicht mit diesen übereinstimmen Allerdings entspringt dieser Fehler daraus

dass unsere Vorstellungen den Dingen nicht so entsprechen als es durch

Aufmerksamkeit Studium und Fleiß möglich wäre allein der Fehler dehnt sich

auch auf die Worte selbst aus wenn sie als Zeichen für wirkliche Dinge

gebraucht werden, die niemals bestanden und niemals wirklich gewesen sind

     26 Wie die Worte der Menschen gegen all diese Punkte verstoßen

Erstens macht Der welcher nur Worte ohne bestimmte Vorstellung dazu in seiner

Seele besitzt bei deren Gebrauch im Gespräch nur ein Geräusch ohne Sinn und

Bedeutung So gelehrt es auch klingt wenn er dunkle Worte und gelehrte

Ausdrücke gebraucht so ist er deshalb doch nicht kenntnisreicher wie Jener

nicht gelehrter war der bei seinem Studium sich nur die Titel der Bücher aber

nicht ihren Inhalt merkte Wenn auch diese Worte in einer Rede noch so

grammatikalisch richtig gestellt und in wohltönende und glatte Perioden

verbunden werden so bleiben sie doch nur leere Töne und nichts weiter

     27 Zweitens gleicht Der welcher Gesamtvorstellungen ohne besondere

Namen dafür hat einem Buchhändler in dessen Laden die Druckbogen ungebunden

und ohne Titel herumliegen so dass er sie Andern nur durch Aufzeigung der losen

Bogen und durch lange Erzählung mittheilen kann Jener ist in seinen Reden

gehindert weil ihm die Worte zur Mittheilung seiner Gesamtvorstellungen

fehlen er muss deshalb die einzelnen einfachen Vorstellungen aus denen sie

bestehen aufzählen und so oft zwanzig Worte machen wo ein Anderer mit einem

auskommt

     28 Drittens sollte Der welcher nicht immer dasselbe Zeichen für dieselbe

Vorstellung gebraucht sondern die Bedeutung seiner Worte wechselt in den

Schulen und bei der Unterhaltung Denen gleich gestellt werden die auf dem

Markte oder auf der Börse verschiedene Dinge unter denselben Namen verkaufen

     29 Viertens wird Der welcher Worte irgend einer Sprache gegen den

gewöhnlichen Gebrauch für andere Vorstellungen benutzt trotz allen Lichtes und

aller Wahrheit mit der sein Geist erfüllt ist doch nicht viel davon auf Andere

verbreiten wenn er seine Ausdrücke nicht erklärt Die Laute sind dann wohl

bekannt und dringen leicht in die an sie gewöhnten Ohren aber da sie für andere

Vorstellungen dienen als an die Jene gewöhnt sind so können die Gedanken des

Sprechenden ihnen dadurch nicht mitgeteilt werden

     30 Wer fünftens sich Substanzen in Gedanken macht die nicht bestanden

haben und seinen Kopf mit Vorstellungen füllt die mit der wirklichen Natur der

Dinge nicht übereinstimmen und ihnen doch bestimmte Namen gibt wird

allerdings seine Rede und vielleicht der Andern Köpfe mit den wilden

Erzeugnissen seines Gehirns füllen aber in der wirklichen Erkenntnis sie

keinen Schritt weiter bringen

     31 Wer Worte ohne Vorstellungen hat dem fehlt der Sinn seiner Worte er

spricht nur leere Laute wer Gesamtvorstellungen ohne Worte dafür hat dem

fehlt die Macht sie mit Leichtigkeit auszudrücken er muss Umschreibungen

machen Wer seine Worte schwankend und veränderlich gebraucht wird entweder

nicht beachtet oder nicht verstanden Wer sich der Worte gegen den

Sprachgebrauch bedient spricht unpassend und Kauderwelsch und wessen

Vorstellungen nicht mit den wirklichen Dingen stimmen dem fehlt der Stoff zum

wahren Wissen er hat statt dessen nur Chimären

     32 Wie bei den Substanzen Bei den SubstanzBegriffen ist man all

diesen Fehlern ausgesetzt Wer zB das Wort Tarantula benutzt ohne eine

Vorstellungdie es bezeichnet spricht zwar ein gutes Wort aus aber meint

nichts dabei 2 Wer in einem neu entdeckten Lande viele ihm unbekannte Tiere

und Pflanzen sieht hat von ihnen eine ebenso wahre Vorstellung wie von dem

Pferde oder Hirsch aber er kann nur durch lange Beschreibungen von denselben

sprechen so lange er ihnen keinen Samen gibt oder nicht die in jenem Lande

gebräuchlichen Namen dafür benutzt 3 Wer das Wort Körper bald für die bloße

Ausdehnung bald für die Ausdehnung und Dichtheit gebraucht spricht sehr

trügerisch 4 Wer der Vorstellungdie man insgemein mit Maulesel benennt den

Namen Pferd gibt spricht verkehrt und wird nicht verstanden 5 Wer glaubt

das Wort Zentaur bezeichne ein wirkliches Ding täuscht sich und nimmt ein Wort

für eine Sache

     33 Wie bei Zuständen und Beziehungen Bei den Zuständen und Beziehungen

ist man nur den vier zuerst genannten Mängeln ausgesetzt ich kann nämlich 1

die Worte für Zustände zB für Dankbarkeit und Nächstenliebe in meinem

Gedächtnis haben ohne eine bestimmte mit ihnen zu verbindende Vorstellung zu

haben 2 kann ich Vorstellungen haben und ihre Namen nicht kennen so kann ich

die Vorstellung eines Menschen haben der so lange trinkt bis seine Farbe und

Stimmung sich verändert bis seine Zunge stammelt seine Augen sich röten und

seine Füße den Dienst versagen ohne dass ich weiß dieser Zustand heiße

Betrunkenheit 3 kann ich die Vorstellungen und die Namen von Tugenden und

Lastern haben aber sie falsch gebrauchen zB wenn ich Den mäßig nenne

welchen Andere begehrlich nennen 4 kann ich die Worte schwankend gebrauchen

Dagegen können 5 bei den Zuständen und Beziehungen meine Vorstellungen den

Dingen nicht widersprechend sein denn die Zustände sind beliebig gebildete

Gesamtvorstellungen und Beziehungen sind Betrachtungen oder Vergleichungen

zweier Dinge mit einander und sind deshalb ebenfalls von dem Menschen gebildet

Sie können den bestellenden Dingen nicht zuwiderlaufen weil sie nicht als

Abbilder der natürlichen Dinge oder Eigenschaften gelten die aus der inneren

Verfassung und dem Wesen einer Substanz notwendig abfließen sondern als

Muster die mit Namen in das Gedächtnis eingestellt sind um Handlungen und

Beziehungen eintretenden Falles danach zu benennen Der Fehler liegt indes

meist in der falschen Bezeichnung der Vorstellungendie Worte werden in einem

von dem allgemeinen abweichenden Sinne gebraucht und man wird deshalb nicht

verstanden oder es werden dem Sprechenden falsche Vorstellungen statt falscher

Namen zur Last gelegt Nur wenn die Bestandteile der Vorstellungen von

gemischten Zuständen und Beziehungen sich widersprechen füllt man seinen Kopf

mit Chimären denn bei Prüfung solcher Vorstellungen können sie nicht einmal in

der Seele bestehen geschweige ein wirkliches Ding bezeichnen

     34 Auch die bildliche Rede ist ein Missbrauch der Sprache Da Witz und

Phantasie leichter als trockene Wahrheit und richtige Kenntnisse in der Welt

Aufnahme finden so wird man die bildliche Rede und die Anspielungen schwerlich

als eine Unvollkommenheit oder als einen Missbrauch der Sprache gelten lassen

In Reden von denen man nur Vergnügen und Genuss aber keine Belehrung und

Bereicherung des Wissens verlangt mögen auch die von daher entlehnten

Verzierungen nicht als Fehler gelten will man aber von den Dingen, wie sie

wirklich sind sprechen so muss man gestehen dass alle rhetorischen Künste

die über die Ordnung und Klarheit hinausgehen sowie jeder künstliche und

bildliche Gebrauch der Wortewelche die Bedeutsamkeit erfunden hat nur dazu

dienen unrichtige Vorstellungen unterzuschieben die Leidenschaften zu wecken

dadurch das Urteil irrezuführen und also reinen Betrag zu verüben So löblich

und zulässig dergleichen Beredsamkeit in leidenschaftlichen Ergüssen und in

Volks sein mag so ist sie doch in allen Reden die belehren und berichtigen

wollen zu vermeiden wo es sich am Wahrheit und Wissenschaft handelt sind sie

nur ein großer Fehler der die Sprache oder die Person trifft die davon

Gebrauch macht Ich brauche hier ihr Wesen und ihre Mannigfaltigkeit nicht

darzulegen aus den unzähligen Büchern über Beredsamkeit kann Jeder der Lust

hat die nötige Belehrung schöpfen doch möchte ich erwähnen dass für die

Bewachung und Vermehrung der Wahrheit und Wissenschaft wenig gesorgt wird

seitdem die Künste der Täuschung gepflegt und geehrt werden Die Neigung zu

täuschen und getäuscht zu werden ist sehr gewachsen seitdem die Beredsamkeit

dieses mächtige Werkzeug des Irrtums und Betrugs seine festen Professoren

erhalten hat öffentlich gelehrt wird und überall in großem Ansehen steht Man

wird mich sicherlich für dreist wo nicht unvernünftig halten dass ich mich so

dagegen geäußert habe denn die Beredsamkeit hat gleich dem schönen

Geschlecht eine so verführerische Schönheit an sich dass sie keinen

Widerspruch verträgt und es ist vergeblich dass man in diesen Künsten die

Täuschung die Fehler aufdeckt da Jedermann gern sich selber täuschen lässt

 
 



                                



     1 Sie sind des Aufsuchens wert Die natürlichen und die erkünstelten

Unvollkommenheiten der Sprachen sind im Obigen ausführlich dargelegt worden und

da die Sprache das große Band ist was die menschliche Gesellschaft

zusammenhält und der gemeinschaftliche Kanal mittelst dessen die Fortschritte

in den Wissenschaften von einem Menschen und von einem Geschlecht auf das andere

übergeführt werden so verdient die Aufsuchung der Mittel gegen diese Mängel das

ernsteste Nachdenken

     2 Sie sind nicht leicht Ich bin nicht so eitel dass ich glaubte ein

Einzelner könne unternehmen eine vollständige Reform in den Sprachen ja nur in

seiner Muttersprache zu Stande zu bringen ohne sich lächerlich zu machen Wer

verlangt dass alle Welt die Worte immer in demselben Sinn und nur für bestimmte

und gleichförmige Vorstellungen brauchen solle muss glauben dass alle Menschen

dieselben Begriffe haben und nur über das sprechen wovon sie klare und

deutliche Vorstellungen haben Dies kann aber Niemand erwarten er musste denn

so eitel sein dass er meinte die Menschen auch ganz gelehrt oder ganz

schweigsam machen zu können Man muss wenig von der Welt wissen wenn man meint

eine gewandte Zunge sei nur mit einem guten Verstande verbunden und das Maß

im Sprechen müsse mit dem Maße des Wissens bei dem Menschen Schritt halten

     3 Dennoch erfordert es die Wissenschaft.) Wenn indes auch dem Markte

und den Geschäften ihre Art zu sprechen belassen werden muss und den Schwätzern

ihr altes Vorrecht nicht genommen werden kann, zumal die Schulen und

streithaften Männer ein Anerbieten übel nehmen würden was die Länge ihrer

Disputationen kürzen und deren Zahl vermindern könnte so sollten doch Die

denen es mit dem Aufsuchen und Verteidigen der Wahrheit Ernst ist beharrlich

erwägen wie sie sich aus der Dunkelheit der Ungewissheit und Zweideutigkeit

befreien können welchem die Worte bei mangelnder Sorgfalt von Natur ausgesetzt

sind

     4 Der Missbrauch der Worte ist die Hauptursache des Irrtums Denn wenn

man die Irrtümer und Dunkelheiten die Missverständnisse und Verwirrungen

erwägt die durch Missbrauch der Worte in der Welt ausgestreut werden so kann

man billig zweifeln ob nicht die Sprache nach ihrer bisherigen Benutzung mehr

zur Hemmung als zur Steigerung der Wissenschaften beigetragen habe Wie Viele

die auf die Dinge selbst ihr Denken richten wollen bleiben an den Worten

hängen namentlich wenn sie auf Fragen der Moral kommen Wie kann man sich da

wundern wenn solche Betrachtungen und Ausführungen die kaum über die Laute

hinausgehen und bei denen die erforderlichen Vorstellungen nur verworren und

schwankend oder gar nicht vorhanden sind, in Dunkelheiten und Missverständnissen

enden ohne das Urteil und die Erkenntnis zu klären

     5 Eigensinn Man leidet unter dem falschen Gebrauch der Worte schon

beim eignen Nachdenken aber viel offenbarer ist die daraus hervorgehende

Unordnung in der Unterhaltung in dem Verhandeln und Streiten mit Andern Die

Sprache ist der große Kanal durch den die Menschen sich ihre Entdeckungen

Erwägungen und Kenntnisse mittheilen ein schlechter Gebrauch derselben zerstört

daher zwar nicht die Quellen derselben die in den Dingen selbst liegen aber er

zerbricht und verstopft nach Möglichkeit die Kanäle in denen sie zum

allgemeinen Gebrauch und Nutzen der Menschheit mitgeteilt werden Wer Worte

ohne klare und feste Bedeutung benutzt verleitet nur sich und Andere zum

Irrtum und wer dies absichtlich tut muss als ein Feind der Wahrheit und

Wissenschaft angesehen werden. Allein man darf sich nicht wundern dass alle

Wissenschaften und Gebiete des Wissens mit dunkeln und zweideutigen Ausdrücken

die selbst den Aufmerksamsten und Schnellfassenden keineswegs zu dem

Gescheutesten oder Rechtgläubigsten machen überladen worden sind, wenn bei

Denen welche die Verteidigung und die Lehre der Wahrheit zu ihrem Geschäft

machen die Spitzfindigkeit für ein Vorzug gegolten hat obgleich sie in der

Regel nur in einem täuschenden und trügerischen Gebrauch zweifelhafter und

trügerischer Worte besteht und die Menschen in ihren Irrtümern noch fester und

in ihrer Unwissenheit noch hartnäckiger macht

     6 und Zank Man schaue in die Bücher aber alle Arten von Streitfragen

und man wird finden dass die dunklen schwankenden und zweideutigen Ausdrücke

nur ein Lärm und Zank über Laute ist welcher den Verstand nicht überzeugt oder

bessert Wenn Sprecher und Hörer nicht über die Vorstellung einig sind die das

Wort bezeichnet dann dreht sich der Streit nicht um Dinge sondern um Worte So

oft ein solches zweifelhaftes Wort ertönt können Beide nur in dem Laute

übereinstimmen während die Sache an die Jeder bei dem Worte denkt sehr

verschieden ist

     7 Ein Beispiel an der Fledermaus und dem Vogel Bei der Frage ob die

Fledermaus ein Vogel ist handelt es sich nicht darum ob die Fledermaus etwas

anderes sei als sie ist oder ob sie andere Eigenschaften habe als sie hat

denn dies wäre sehr widersinnig sondern die Frage erhebt sich 1 zwischen

Personen welche geständlich nur unvollständige Vorstellungen von einem oder

beiden dieser so benannten Tiere haben In diesem Falle handelt es sich um eine

wirkliche Untersuchung in Betreff der Namen von Fledermaus und Vogel ihre

Vorstellungen sollen dadurch vervollständigt werden dass man prüft ob alle

einfachen Vorstellungen denen als Gesamtvorstellung beide Theile den Namen

Vogel geben in der Fledermaus angetroffen werden; in diesem Falle betrifft die

Frage bloß die Untersuchung nicht den Streit man behauptet oder verneint

nicht sondern man prüft nur oder es erhebt sich 2 diese Frage zwischen

Streitenden von denen Einer behauptet und der Andere leugnet dass die

Fledermaus ein Vogel sei Dann handelt es sich bloß um die Bedeutung von einem

oder von beiden Worten indem beide Theile nicht dieselbe Gesamtvorstellung

damit verbinden und der Eine behauptet der Andere aber leugnet dass beide

Worte von einander ausgesagt werden können. Wären sie über die Bedeutung beider

Worte einig so könnten sie nicht darüber streiten sie würden sofort klar

erkennen nachdem die Frage so zurecht gelegt worden ob alle einfachen

Vorstellungen des allgemeinen Wortes Vogel sich in der Gesamtvorstellung der

Fledermaus vorfinden und sie könnten daher nicht zweifeln ob eine Fledermaus

ein Vogel sei oder nicht Man erwäge und prüfe deshalb sorgfältig ob nicht die

meisten Streitfälle in der Welt bloß die Worte und ihre Bedeutung betreffen und

ob nicht wenn die gebrauchten Worte definiert und ihre Bedeutung was möglich

ist wenn sie überhaupt etwas bedeuten auf die Verbindung der einfachen

Vorstellungen zurückgeführt würde die sie bezeichnen oder bezeichnen sollen

solcher Streit von selbst aufhören und sofort erlöschen würde Hiernach erwäge

man was aus solchem Streit wohl sich lernen lasse und wie viel er den

Streitenden und Andern nützt und ob es sich nicht bloß um ein Prahlen mit

Lauten handelt nämlich bei Denen die ihr Leben in solchem Streit und

Disputieren hinbringen Wenn ich sehen werde dass diese Kämpfer all ihre

zweideutigen und dunklen Ausdrücke von sich werfen was Jeder mit den von ihm

gebrauchten Worten tun kann so will ich sie als Kämpfer für Wissenschaft

Wahrheit und Frieden und nicht für Sklaven eitlen Ruhmes Ehrgeizes oder der

Parteisucht gelten lassen

     8 Um diesen Mängeln der Rede einigermaßen abzuheben und den

Übelständen die daraus folgen zuvorzukommen dürften die nachfolgenden Regeln

sich so lange empfehlen bis ein Geschickterer darüber nachgedacht und die Welt

mit seinen Gedanken beglückt haben wird

    1stes Mittel die Worte nicht ohne Vorstellung zu gebrauchen Erstens hüte

man sich und gebrauche kein Wort ohne eine Bedeutung und keine Namen ohne eine

damit verknüpfte Vorstellung Diese Regel wird nicht überflüssig scheinen wenn

man sich erinnert wie oft Worte zB Instinkt Sympathie Antipathie usw

von Leuten gebraucht werden, die höchst wahrscheinlich keine Vorstellung dazu in

ihrer Seele haben sondern diese Worte nur als Laute aussprechen welche in

solchen Fällen für Gründe zu gelten pflegen Diese Worte haben allerdings ihre

eigene Bedeutung allein da zwischen Worten und ihrer Vorstellung keine

natürliche Verbindung besteht so werden solche Worte nur auswendig gelernt und

auch von Leuten ausgesprochen und geschrieben die keine Vorstellungen haben

womit sie sie als deren Zeichen verbinden könnten obgleich dies selbst dann

nötig ist wenn man nur mit sich selbst sprechen will

     9 2tens muss man bei den Zuständen bestimmte Vorstellungen mit den

Worten verbinden Zweitens genügt es nicht dass man die Worte als Zeichen

irgend einer Vorstellung gebraucht sondern diese Vorstellung muss wenn sie

eine einfache ist auch klar und deutlich sein und ist sie zusammengesetzt so

muss sie bestimmt sein dh eine bestimmte Verbindung einfacher und fester

Vorstellungen sein so dass das verbundene Wort als das Zeichen dieser genau

bestimmten Gesamtvorstellung und keiner andern gilt Dies ist buchst nötig bei

den Worten für Zustände namentlich in der Moral da bei ihnen der bestimmte

natürliche Gegenstand fehlt von dem die Vorstellung wie von dem Urbild

abgenommen werden könnte und deshalb leicht Verwirrung eintreten kann So ist

»Gerechtigkeit« ein Wort in Jedermanns Munde aber meist mit einer unbestimmten

losen Bedeutung Dies wird immer der Fall sein so lange man nicht die Theile

aus denen diese Gesamtvorstellung besteht einzeln und bestimmt sich klar

macht und man dies Wort nicht so weit aufzulösen vermag bis man zuletzt zu den

einfachen Vorstellungen aus denen es besteht gelangt So lange dies nicht

geschieht gebraucht man das Wort falsch sei es Gerechtigkeit oder ein anderes

Allerdings ist diese Überlegung und dieses ausführliche Auflösen des Wortes

Gerechtigkeit nicht jedesmal nötig wo es in den Weg kommt aber es muss diese

Prüfung wenigstens einmal geschehen und alle diese Einzelvorstellungen müssen

dann in ihrer Verbindung so der Seele eingeprägt werden dass diese Auflösung

jederzeit beliebig wieder vorgenommen werden kann. Wird die Gesamtvorstellung

der Gerechtigkeit zB als eine solche Behandlung eines Gegenstandes oder

fremden Gutes aufgefasst die dem Gesetz entspricht und fehlt die klare und

deutliche Vorstellung was Gesetz ist so ist die Vorstellung von Gerechtigkeit

noch verworren und unvollkommen Diese Genauigkeit mag lästig sein und deshalb

hält man es nicht immer für einen Verstoß wenn die Gesamtvorstellungen von

gemischten Zuständen nicht so genau innerlich festgestellt werden allein so

lange dies nicht geschieht darf man sich nicht wundern dass Dunkelheit und

Verwirrung in der Seele und viel Zank im Gespräch mit Andern herrscht

     10 Und bei den Substanzen solche die bestimmt und entsprechend sind

Bei den Substanzen ist zum richtigen Gebrauch ihrer Worte etwas mehr als nur

bestimmte Vorstellungen nötig hier müssen letztere auch den bestehenden

Gegenständen entsprechen doch wird sich die Gelegenheit zur ausführlichen

Besprechung dessen nebenbei finden Diese Genauigkeit ist unentbehrlich für die

Gewinnung wissenschaftlicher Erkenntnis und bei Streitigkeiten über die

Wahrheit es wäre zwar gut wenn sie sich auch auf die Unterhaltung und den

täglichen Verkehr in Geschäften ausdehnte doch kann man dies kaum erwarten

Gewöhnliche Begriffe passen zur gewöhnlichen Unterhaltung beide sind verworren

aber reichen doch für den Markt und für die Kirmesfeste aus Kaufleute

Liebhaber Köche und Schneider haben ihre Ausdrücke für schnelle Erledigung

ihrer gewöhnlichen Angelegenheiten dies sollten also auch die Philosophen und

Kämpfer bei den Disputationen können wenn es ihnen daran läge verstanden und

zwar deutlich verstanden zu werden

     11 3 die Richtigkeit Drittens genügt es nicht dass man bestimmte

Vorstellungen mit den Worten verbindet sondern es müssen gerade diejenigen

Vorstellungen damit verbunden werden die nach dem Sprachgebrauch dazu gehören

Denn die Worte sind namentlich bei einer schon ausgebildeten Sprache nicht der

Besitz eines Einzelnen sondern das gemeinsame Mittel für den Verkehr und die

Mittheilung deshalb darf der Einzelne nicht willkürlich den Stempel unter dem

sie umlaufen verändern noch die daran geknüpften Vorstellungen wechseln und

sollte es einmal unumgänglich sein so muss er es anzeigen Man will oder sollte

wenigstens wollen dass man beim Reden verstanden werde verlässt man aber dabei

den gewöhnlichen Gebrauch so sind häufige Erklärungen Fragen und andere

lästige Unterbrechungen unvermeidlich Die Richtigkeit im Sprechen führt die

Gedanken am leichtesten und besten in die Seele des Andern ein sie verdient

deshalb Sorgfalt und Aufmerksamkeit namentlich bei Worten für moralische

Begriffe Den richtigen Gebrauch der Sprache kann man am besten von Denen

lernen deren Begriffe nach ihren Schriften und Reden die klarsten sind und die

in der Wahl der passenden Worte am sorgfältigsten verfahren Spricht man wie

der Sprachgebrauch verlangt so ist man deshalb allerdings noch nicht immer so

glücklich verstanden zu werden indes trifft dann der Tadel nur Den der seine

Sprache so wenig kennt dass er sie bei richtigem Gebrauche nicht versteht

     12 4 um seine eigene Meinung auszudrücken Der Sprachgebrauch hat

indes den Worten ihre Bedeutung nicht so sichtbar angeheftet dass man diese

Andern sicher mittheilen könnte und der Fortschritt der Wissenschaften führt zu

Vorstellungendie von den gemeinen und gebräuchlichen abweichen und für welche

neue Worte gebildet was man gern vermeidet weil es leicht als Eitelkeit oder

Neuerungssucht aufgefasst wird oder alte in einem neuem Sinne gebraucht werden

müssen und deshalb ist es nach den obigen Regeln mitunter notwendig den Sinn

der Worte zur Sicherung ihrer Bedeutung zu erklären wo der Sprachgebrauch

diese Bedeutung ungewiss gelassen hat wie bei den meisten Worten für

Gesamtvorstellungen oder wo das Wort was für die Darstellung wichtig ist und

den Hauptpunkt bildet Zweifeln oder Missverständnissen ausgesetzt ist

     13 und zwar auf drei Arten Da die Vorstellungen verschiedene sind so

ist auch die Art wie die mit einem Wort verbundene Vorstellung mitzuteilen ist

verschieden Das Definieren könnte vielleicht hier für das beste Mittel gelten

allein manche Worte gestatten keine Definition andere können dagegen in ihrem

genauen Sinne nur durch Definition erläutert werden und eine dritte Art hat

etwas von beiden wie sich bei den Worten für einfache Vorstellungen für

Zustände und für Substanzen ergeben wird

     14 Bei einfachen Vorstellungen nur durch gleichbedeutende Worte oder

durch Aufzeigen Erstlich im Fall das Wort für eine einfache Vorstellung nicht

verstanden wird oder missverstanden werden könnte verlangt es die Höflichkeit

und der Zweck der Sprache den Sinn des Wortes zu erklären und dessen

Vorstellung darzulegen Dies ist hier wie ich gezeigt habe durch Definition

nicht möglich kann es also durch kein gleichbedeutendes Wort geschehen so

bleibt nur übrig entweder 1 einen Gegenstand zu nennen der diese einfache

Bestimmung an sich hat dies hilft bisweilen bei Denen zum Verständnis welche

diesen Gegenstand und sein Wort kennen Will man zB einem Bauer erklären

welche Farbe Feuillemorte bedeutet so kann man es durch Hinweisung auf die

Farbe der im Herbst abfallenden Blätter tun 2 Aber am sichersten ist es wenn

man den Gegenstand herbeiholt und wahrnehmen lässt damit so die Vorstellung in

der Seele des Andern hervorgebracht werde die das Wort bezeichnet

     15 2 bei gemischten Zuständen durch Definition Zweitens da gemischte

Zustände namentlich im Gebiete der Moral meist Verbindungen von Vorstellungen

sind welche die Seele beliebig bildet und von denen es nicht immer wirkliche

bestehende Muster gibt so kann ihre Bedeutung nicht wie bei den einfachen

Vorstellungen durch Aufzeigung dargelegt werden aber dafür können sie

vollständig und genau definiert werden Denn da diese Zustände willkürliche

Verbindungen mehrerer Vorstellungen sind wobei die Seele auf kein Urbild

geachtet hat so kann man diese in die Verbindung aufgenommenen Vorstellungen

genau kennen und daher sowohl das Wort in einem festen Sinne gebrauchen wie es

vollständig erklären wo es nötig ist Deshalb trifft Jene eine große Schuld

die sich über die Moral nicht klar und deutlich in ihren Reden ausdrücken denn

hier ist die Bedeutung der Worte für die gemischten Zustände oder was dasselbe

ist, für das wirkliche Wesen jeder Art genau bekannt da nicht die Natur

sondern der Mensch sie gemacht hat Es zeigt deshalb eine große Nachlässigkeit

und Verkehrtheit wenn man in Fragen der Moral sich unsicher und dunkel

ausdrückt während bei Behandlung natürlicher Dinge dies verzeihlicher ist wo

aus dem umgekehrten Grunde schwankende Ausdrücke kaum zu vermeiden sind wie

sich bald ergeben wird

     16 In der Moral sind Beweise möglich Aus diesem Grunde halte ich die

Sätze der Moral für so beweisbar wie die der Mathematik; denn das wirkliche

Wesen der Dinge kann bei Worten der Moral vollkommen erkannt und es kann deshalb

genau ermittelt werden ob die Dinge selbst mit den Begriffen übereinstimmen

oder nicht worin die vollkommene Erkenntnis besteht Man wende nicht ein dass

bei der Moral auch viele Warte von Substanzen wie von gemischten Zuständen

gebraucht werden, und jene daher die Dunkelheit veranlassen werden Wenn in

Verhandlungen über Moral Substanzen erwähnt werden so kommt es auf deren Natur

nicht so viel an wie man meint sagt man zB der Mensch ist dem Gesetz

untertan so wird unter Mensch nur ein körperliches und vernünftiges Geschöpf

verstanden ohne das wirkliche Wesen oder die übrigen Eigenschaften eines

solchen Geschöpfes zu beachten Deshalb mag unter den Naturforschern die Frage

ob ein Rind oder Wechselbalg ein Mensch im physikalischen Sinne sei sehr

zweifelhaft sein aber dies trifft nicht den Menschen in der Moral wo damit nur

die Vorstellung eines körperlich  vernünftigen Wesens gleichmäßig verknüpft

wird Fände sich ein Affe oder sonst ein Geschöpf was allgemeine Zeichen

verstehen oder aus allgemeinen Vorstellungen Folgerungen ziehen könnte so wurde

es sicher dem Gesetz unterliegen und in diesem Sinne ein Mensch sein wenn es

auch in Gestalt von Andern noch so verschieden wäre Die Substanzworte können

bei richtigem Gebrauche die Darstellung der Moral so wenig wie die der

Mathematik stören Auch der Mathematiker spricht von einem Würfel oder einer

Kugel von Gold oder einem andern Stoffe allein er hat eine klare und feste

Vorstellung dabei die sich nicht verändert obgleich sie aus Missverstand auf

einzelne Körper falsch angewendet werden kann.

     17 Definitionen können moralische Verhandlungen klar machen Ich habe

damit beiläufig zeigen wollen wie wichtig es ist wenn die Worte für gemischte

Zustände überhaupt und insbesondere bei Verhandlungen über die Moral wo es

nötig erscheint definiert werden dadurch kann die Kenntnis der Moral zu

großer Klarheit und Gewissheit gebracht werden Es zeigt wenig Offenherzigkeit

um mich nicht schlimmer auszudrücken wenn man dies verweigert denn die

Definition allein kann den bestimmten Sinn moralischer Worte darlegen und zwar

mit Sicherheit ohne dass noch Raum für Streit übrig bliebe Es ist deshalb eine

unentschuldbare Nachlässigkeit und Verkehrtheit wenn die Verhandlungen über

Moral nicht so klar sind als die über NaturWissenschaften sie behandeln

Vorstellungendie nicht falsch oder unangemessen sein können da kein äußeres

Urbild besteht auf das sie bezogen werden könnten und dem sie entsprechen

müssten Man kann viel leichter eine Vorstellung bilden und als Maßstab

aufstellen der man den Namen Gerechtigkeit gibt damit alle damit stimmenden

Handlungen unter diese Bezeichnung fallen als nachdem man den Aristides

gesehen hat eine Vorstellung bilden die ihm in allen Stücken gleichkommt

Aristides bleibt was er ist gleichviel welche Vorstellung die Menschen von ihm

bilden dort dagegen braucht man nur die Verbindung der Vorstellungen zu kennen

die man selbst gebildet hat während bei den körperlichen Dingen die Natur

vollständig mit ihrer schwer fassbaren geheimen Verfassung und mancherlei

Eigenschaften erforscht werden muss die außerhalb der Seele bestehen

     18 Es ist auch der einzige Weg Die Definition der gemischten Zustände

und insbesondere der moralischen Begriffe ist auch wie ich früher gesagt

deshalb nötig weil sie der einzige Weg ist auf dem man sicher die Bedeutung

der meisten ihrer Worte kennen lernen kann Denn die damit bezeichneten

Vorstellungen bestehen in der Regel nirgends in allen Teilen beisammen sondern

nur zerstreut in Verbindung mit andern die Seele allein sammelt sie und vereint

sie zu einer Vorstellung deshalb kann nur durch wörtliche Aufzählung der

verschiedenen einfachen so vereinten Vorstellungen Andern die Bedeutung dieser

Worte klar gemacht werden die Sinne können hier nicht zur Hülfe benutzt werden

um durch Aufstellung des sinnlichen Gegenstandes die Bedeutung sinnlich

darzulegen wie es bei den Worten für einfache Vorstellungen und in gewissem

Maße auch bei den Worten für Substanzen möglich ist

     19 3 Bei Substanzen durch Aufzeigung und durch Definition Drittens

was die Erklärung der Bedeutung von SubstanzNamen anlangt welche die

Vorstellungen ihrer verschiedenen Arten bezeichnen so müssen hier oft beide

obigen Mittel nämlich die Aufzeigung und die Definition benutzt werden In der

Regel enthält jede Art der Substanzen gewisse hervortretende Eigenschaften mit

denen die übrigen Theile der Gesamtvorstellung als verbunden gelten deshalb

gibt man bereitwillig dem Dinge den Namen der Art wenn die hervorstechenden

Eigenschaften dieser Art bei ihm angetroffen werden. Diese leitenden oder

kennzeichnenden Eigenschaften sind bei den Tieren und Pflanzen nach Kap 6 

29 und Kap 9  15 in der Regel die Gestalt und bei den leblosen Körpern die

Farbe und bei manchen beide Eigenschaften zusammen

     20 Die Vorstellung der leitenden Eigenschaften von Substanzen wird am

besten durch Wahrnehmen gewonnen Diese leitenden Eigenschaften bilden nur die

Hauptbestandteile der Artbegriffe und daher auch den erkennbarsten und

unveränderlichsten Teil in den Definitionen derselben Allerdings kann ein

gesunder Mensch an sich die aus der Lebendigkeit und Vernünftigkeit einer Person

gebildete Vorstellung ebenso gut wie eine andere Verbindung anstellen allein da

sie als das Zeichen für die menschlichen Geschöpfe gelten soll so dürfte die

äußere Gestalt ebenso notwendig in die Gesamtvorstellung des Menschen

gehören wie jede andere darin bemerkte Deshalb ist nicht ersichtlich weshalb

Platons Definition des Menschen als eines ungefiederten zweifüßigen

Geschöpfes mit breiten Nägeln nicht auch gut sein sollte denn die Gestalt als

die leitende Eigenschaft scheint die MenschenArt mehr zu bestimmen als die

Vernünftigkeit die erst später und bei Manchen gar nicht hervortritt Sollte

dies nicht zulässig sein so wären die des Mordes schuldig welche Missgeburten

töten weil sie keine menschliche Gestalt haben denn man kann nicht wissen ob

sie nicht eine vernünftige Seele besitzen da ja auch bei einem neugeborenen

gut geformten Kinde dies sich nicht entscheiden lässt Wer hat uns gelehrt dass

eine vernünftige Seele nur in einem Gehäuse wohnen könne was ein menschliches

Angesicht hat und dass sie sich nur mit einem Körper von der äußerlichen

Gestalt des Menschen verbinden und darin bestehen könne

     21 Diese leitenden Eigenschaften kann man aber durch Aufzeigung am besten

kenntlich machen und es gibt kaum einen andern Weg dafür Denn die Gestalt

eines Pferdes oder Kasuars kann durch Worte der Seele nur unvollkommen zugeführt

werden der Anblick derselben tut dies tausendmal besser ebenso kann die

eigentümliche Farbe des Goldes durch keine Beschreibung sondern nur durch

fleißiges Besehen erlangt werden wie man an Denen bemerkt welche mit Gold

viel zu tun haben und mit Leichtigkeit das ächte von dem falschen und das reine

von dem gemischten bloß mit den Augen unterscheiden während Andere die ebenso

gute Augen aber nicht durch Übung die genaue Kenntnis dieses besonderen Gelb

erlangt haben keinen unterschied bemerken Dasselbe gilt für alle einfachen

Vorstellungen so weit sie gewissen Substanzen eigentümlich sind so lange

keine besonderen Worte dafür vorhanden sind. So gibt es so wenig für den

eigentümlich klingenden Ton des Goldes ein besonderes Wort wie für seine

besondere gelbe Farbe

     22 Die Vorstellungen von den Kräften der Substanzen werden am besten

durch Definition mitgeteilt Indes sind viele einfache Vorstellungenwelche

die besonderen Vorstellungen von Substanzen bilden Kräfte die bei den Dingen in

ihrem gewöhnlichen Zustande nicht sofort in die Sinne fallen deshalb wird ein

Teil der Bedeutung der Substanznamen besser durch Angabe dieser einfachen

Vorstellungen als durch Aufzeigung der Substanzen selbst kennbar gemacht Wer

durch Sehen die glänzende gelbe Farbe kennen gelernt hat kann durch Aufzählung

der Worte: Große Biegsamkeit Schmelzbarkeit Festigkeit und Löslichkeit in

Königswasser eine vollständigere Vorstellung des Goldes erlangen als wenn er

ein Goldstück nur sieht und damit nur dessen augenfällige Eigenschaften sich

einprägt Könnte aber die wirkliche Verfassung dieses glänzenden schweren und

biegsamen Dinges aus welcher diese Eigenschaften herkommen den Sinnen offen

dargelegt werden wie es mit der wirklichen Verfassung oder Wesenheit eines

Dreiecks möglich ist so könnte die Bedeutung des Wortes Gold ebenso leicht wie

die des Dreiecks festgestellt werden

     23 Eine Betrachtung über das Wissen der Geister Man kann hieraus

abnehmen wie viel die Kenntnis der körperlichen Dinge von den Sinnen abhängt

Wie Geister ohne Körper deren Wissen und deren Vorstellungen von den Körpern

sicherlich vollkommener als die unsrigen sind die körperlichen Dinge erkennen

davon haben wir keinen Begriff All unser Wissen und Einbilden reicht nicht über

die auf dem Wege der Wahrnehmung gewonnenen Vorstellungen hinaus Sicherlich

haben die Geister welche über den Geistern im Fleische stehen eine ebenso

klare Vorstellung von der letzten Verfassung der Substanzen wie wir von dem

Dreieck und sie erkennen damit wie all deren Eigenschaften und Wirksamkeiten

daraus abfließen aber die Art wie sie zu diesem Wissen gelangen

überschreitet unsere Fassungskraft

     24 4 Auch müssen die Vorstellungen von Substanzen den Dingen

entsprechen Wenn auch Definitionen zur Erklärung der Substanzworte soweit sie

deren Vorstellungen bezeichnen dienen so erklären sie doch diese Worte nur

sehr unvollkommen soweit sie die Dinge selbst bezeichnen Denn die

Substanzworte sollen nicht bloß die Vorstellungen bezeichnen sondern zuletzt

die Dinge selbst darstellen und deren Stelle vertreten deshalb muss ihre

Bedeutung sowohl mit den Vorstellungen wie mit den Dingen selbst wahrhaft

übereinstimmen Deshalb kann man sich hier nicht immer mit der gewöhnlichen

Gesamtvorstellung begnügen welche die Bedeutung des Wortes ausmacht sondern

muss weiter gehen und die Natur und Eigenschaften der Sache selbst erforschen

und dadurch nach Möglichkeit die Vorstellung der betreffenden Art

vervollständigen oder man muss sie von Personen sich lehren lassen die damit

verkehren und darin erfahren sind Die Worte sollen nämlich hier eine solche

Verbindung einfacher Vorstellungen bezeichnen wie sie sowohl in den Dingen

selbst wirklich besteht als wie sie als Gesamtvorstellung bei Andern nach dem

gewöhnlichen Sinne des Wortes besteht um daher diese Worte richtig zu

definieren bedarf es der Naturkenntnis man muss die Eigenschaften sorgfältig

erforschen und prüfen Wenn die Übelstände im Gespräch und Streit über

natürliche Körper und substantielle Dinge vermieden werden sollen so genügt

nicht die aus dem Sprachgebrauch entnommene gemeine aber verworrene oder

unvollständige Vorstellungwelche zu einem Worte gehört und es genügt nicht

dieses Wort nur für diese Vorstellung zu benutzen sondern man muss sich auch

aus der Naturgeschichte mit diesem Dinge bekannt machen und danach die dem Worte

zugehörige Vorstellung berichtigen und sich einprägen und in dem Gespräch mit

Andern muss wenn sie es missverstehen sollten gesagt werden aus was die

Gesamtvorstellung besteht die das Wort bezeichnet Noch mehr gilt dies bei

wissenschaftlichen und philosophischen Untersuchungen denn die Kinder haben

hier die Worte gelernt ehe sie vollständige Begriffe von den Dingen hatten sie

gebrauchen deshalb die Worte nach Zufall ohne viel zu denken und ohne bestimmte

Vorstellungen dafür diese Gewohnheit die bequem ist und für die gewöhnlichen

Verhältnisse des Lebens und der Unterhaltung genügt behalten sie dann auch in

reifem Jahren bei und sie haben so bei dem falschen Ende angefangen indem sie

erst die Worte vollständig gelernt und dann die zugehörigen Begriffe später nur

oberflächlich gebildet haben So kommt es dass Menschen ihre Muttersprache

richtig nach grammatikalischen Regeln sprechen aber doch sehr unrichtig von den

Dingen selbst reden Deshalb kommen sie durch gegenseitige Erörterungen in der

Entdeckung nützlicher Wahrheiten und in der Erkenntnis der Dinge, wie sie an

sich und nicht wie sie in der Einbildung bestehen wenig weiter denn für die

Kenntnis der Dinge macht es wenig aus wie sie genannt werden.

     25 Dies ist nicht leicht durchzuführen Es wäre deshalb zu wünschen

dass Männer die in physikalischen Untersuchungen bewandert und mit den

verschiedenen Arten der Naturkörper bekannt sind die einfachen Vorstellungen

angäben worin die Exemplare der einzelnen Arten immer übereinstimmen Dies wäre

ein gutes Mittel gegen die Verwirrung wenn dasselbe Wort von verschiedenen

Personen mit einer großen oder geringem Anzahl sinnlicher Eigenschaften

verbunden wird je nachdem sie mehr oder weniger mit dem betreffenden

Gegenstande bekannt sind Ein solches Wörterbuch was eine Naturgeschichte

enthielte verlangt indes zu viele Hände und zu viel Zeit Kosten Mühe und

Scharfsinn als dass man sich darauf Hoffnung machen dürfte und so lange man

dies nicht hat muss man sich mit den Definitionen der Substanzworte begnügen

die den gebräuchlichen Sinn derselben erläutern Da wäre es schon gut wenn sie

erforderlichen Falles nur so viel leisteten allein auch dies geschieht meist

nicht sondern man spricht und streitet mit einander in Ausdrücken in deren

Sinn man nicht übereinstimmt bloß weil man irriger Weise glaubt dass die

Bedeutung der Worte fest bestimmt und die Vorstellungdie sie bezeichnen genau

bekannt seien und weil man sich schämt diese Bedeutung nicht zu kennen Allein

beide Voraussetzungen sind falsch kein Wort einer Gesamtvorstellung hat eine

so feste Bedeutung dass es stets für genau dieselbe Vorstellung gebraucht wird

und ebensowenig braucht man sich zu schämen wenn man die Dinge nur so weit

kennt als auf dem gewöhnlichen Wege erreichbar ist Deshalb ist es nicht

beschämend wenn man die Vorstellungdie ein Anderer mit dem Worte verbindet

nicht genau kennt so lange er sie mir nicht auf andere Weise als durch den

bloßen Laut erkennbar macht denn nur durch eine solche andere Weise kann man

sie sicher kennen lernen Allerdings fuhrt die Notwendigkeit der Mittheilung

durch die Sprache zu einer leidlich genauen Übereinkunft über den Sinn der

gebräulichen Worte die für die tägliche Unterhaltung genügen mag und deshalb,

kann man nicht sagen dass Jemand der seine Sprache kennt mit den an deren

Worten geknüpften Vorstellungen ganz unbekannt sei Allein der Sprachgebrauch

ist schwankend und hängt zuletzt von den Vorstellungen der Einzelnen ab er ist

deshalb kein zuverlässiger Maßstab Wenn auch ein Wörterbuch wie ich es oben

erwähnt zu viel Zeit Geld und Mühe kostet um darauf rechnen zu können so

wäre es doch gut wenn die Worte welche Dinge bezeichnen die nach ihrer

äußern Gestalt erkannt und unterschieden werden, durch kleine Zeichnungen und

Holzschnitte erläutert würden Ein solches Wörterbuch würde vielleicht schneller

und leichter die wahre Bedeutung vieler Ausdrücke darlegen namentlich würde

dies bei Sprachen ferner Länder oder Zeiten und für die richtige Auffassung

vieler Gegenstände von denen man in den alten Schriftstellern nur die Worte

findet mehr beitragen als die breiten und mühsamen Kommentare gelehrter

Kritiker Naturforscher die von Pflanzen und Tieren handeln kennen die

Vorteile dieses Verfahrens und wer mit ihnen verkehrt wird einräumen dass

ein kleiner Holzstich eine klarere Vorstellung von apium Eppich und ibex

Steinbock verschafft als lange Definitionen von deren Namen Ebenso würde man

von strigil und sisttrum eine deutlichere Vorstellung haben als ihm die

Wörterbücher mit deren Übersetzung durch Striegel und Becken bieten wenn man

am Rande die kleinen Bilder dieser Instrumente so wie sie bei den Alten in

Gebrauch waren sehen könnte Toga Tunica Pallium sind leicht durch Rock

Unterkleid und Mantel übersetzt allein man kennt deshalb so wenig die Gestalt

dieser Kleider bei den Römern wie die Gesichter der Schneider die sie machten

Dinge die sich nach ihrer sichtbaren Gestalt unterscheiden werden am besten

der Seele durch Zeichnungen kenntlich gemacht welche deren Bedeutung deutlicher

machen als andere Worte mit denen man sie bezeichnet oder definiert Indes sei

dies nur nebenbei erwähnt

     26 5 Durch Gleichmäßigkeit der Bedeutung.) Fünftens ist wenn man das

Lästige des steten Erklärens vermeiden will und Definitionen der Worte nicht zu

haben sind doch wenigstens zu verlangen dass bei allen Reden womit man Andere

belehren oder überführen will jedes Wort immer in demselben Sinne gebraucht

werde Hätte man dies getan und der Ehrliche kann es nicht verweigern so

hätte man viele Bücher ersparen können viele Streitfragen würden verschwinden

dicke Bände voll zweideutiger Worte die bald in diesem bald in jenem Sinne

gebraucht werden, würden zu kleinen Büchern zusammenschrumpfen und die Werke

vieler Philosophen um Andere nicht zu erwähnen und Dichter würde man in eine

Nussschale stecken können

     27 Wann die Abweichung erklärt werden muss Indes ist der Vorrat der

Worte im Verhältnis zu den unzähligen und mannichfachen Gedanken so knapp dass

man da wo passende Ausdrücke fehlen trotz aller Vorsicht doch dasselbe Wort

mitunter in verschiedenem Sinne gebrauchen muss auch ist im Laufe einer Rede

oder in dem Fortgange eines Beweises kein Platz zur jedesmaligen Einschiebung

einer Definition wenn das Wort in etwas anderem Sinne gebraucht wird

Allerdings kann schon der Fortgang der Rede in der Regel und wo nicht

absichtlich getäuscht werden soll einen verständigen und wohlmeinenden Leser zu

dem wahren Sinne dieser Worte führen wo dies aber nicht zureicht da hat der

Schriftsteller den Ausdruck zu erläutern und zu sagen in welchem Sinne er ihn

gebraucht

 
 



 


     1 Unser Wissen betrifft unsere Vorstellungen Da die Seele bei all

ihrem Denken und Überlegen nur ihre eignen Vorstellungen zum unmittelbaren

Gegenstande hat und sie nur diese betrachten kann so ist klar dass unser

Wissen es nur mit diesen Vorstellungen zu tun hat

     2 Das Wissen ist die Auffassung der Übereinstimmung oder Nicht

Übereinstimmung zweier Vorstellungen Das Wissen scheint mir daher nur die

Auffassung der Verbindung und Übereinstimmung oder der Nichtübereinstimmung und

des Widerstreits unserer einzelnen Vorstellungen zu sein Darin allein besteht

es Wo diese Auffassung ist da ist auch ein Wissen und wo sie fehlt da mag

ein Einbilden Vermuten Glauben statt haben aber kein Wissen Denn wenn man

weiß dass schwarz nicht weiß ist so erfasst man nur die Nichtübereinstimmung

dieser zwei Vorstellungen Wenn man durch den Beweis die höchste Gewissheit

erlangt dass die drei Winkel eines Dreiecks zweien rechten gleich seien so

erfasst man nur die Übereinstimmung und Untrennbarkeit der Gleichheit zweier

rechten Winkel mit den drei Winkeln des Dreiecks

     3 Diese Übereinstimmung ist vierfach Um genauer einzusehen worin

diese Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung besteht will ich sie auf

folgende vier Arten zurückführen

    1 Dieselbigkeit oder Verschiedenheit

    2 Beziehung

    3 Zusammenbestehen oder notwendige Verbindung

    4 Wirkliches Sein

 4 Von der Dieselbigkeit und der Verschiedenheit Was die erste Art anlangt

so ist das nächste was die Seele bei ihrem Wahrnehmen oder Vorstellen überhaupt

tut dieser Vorstellungen sich bewusst zu werden und so weit dies geschieht

von jeder zu wissen was sie ist und damit auch ihren Unterschied und dass die

eine nicht die andere ist zu erfassen Dies ist so unbedingt notwendig dass

ohnedem kein Wissen kein Begründen kein Einbilden und überhaupt kein

bestimmtes Denken möglich ist Dadurch bemerkt die Seele klar und untrüglich

dass jede Vorstellung mit sich selbst übereinstimmt und dass sie ist was sie

ist und dass alle bestimmten Vorstellungen von einander verschieden sind dh

dass die eine nicht die andere istDies geschieht ohne Mühe Anstrengung oder

Beweisführung sondern auf den ersten Blick vermöge des natürlichen Auffassungs

und UnterscheidungsVermögens Die Gelehrten haben dies zwar in die allgemeinen

Regeln gefasst »Was ist das ist« und »dasselbe Ding kann nicht sein und nicht

sein« damit man von diesen Sätzen gleich bei jeder Gelegenheit Gebrauch machen

könne allein die erste Ausübung dieses Vermögens geschieht immer an dem

einzelnen Falle Jedermann weiß untrüglich sobald die Vorstellungen von Weiß

und Rund in ihm auftreten dass sie gerade diese Vorstellungen sind und nicht

jene die er rot und viereckig nennt Kein Grundsatz und keine Regel in der

Welt kann ihn davon klarer und deutlicher überzeugen als er es schon vorher

istDies ist sonach die erste Art der Übereinstimmung und

Nichtübereinstimmung welche die Seele an ihren Vorstellungen bemerkt Sie

sieht dies immer auf den ersten Blick jeder etwanige Zweifel hierbei trifft

höchstens die Worte aber nie die Vorstellungen, deren Dieselbigkeit oder

unterschied immer sofort und klar mit deren Auftreten erkannt wird wie es auch

nicht anders sein kann

 5 Die Beziehung.) Die zweite Art von Übereinstimmung oder

Nichtübereinstimmung welche die Seele an ihren Vorstellungen bemerkt kann die

beziehende genannt werden und ist nur die Auffassung der Beziehung zweier

Vorstellungen zu einander seien sie Vorstellungen von Substanzen oder

Eigenschaften oder sonst etwas Denn da alle bestimmten Vorstellungen nicht

dieselben sein können und deshalb die eine durchgängig und stets von der andern

verneint werden muss so wäre kein Raum für irgend ein inhaltliches Wissen wenn

man nicht eine Beziehung zwischen den Vorstellungen auffassen und ihre

Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung bei den verschiedenen Arten, sie in

der Seele zu vergleichen bemerken könnte

 6 Das Zusammen  Bestehen Die dritte Art der Übereinstimmung und

Nichtübereinstimmung zwischen unsern Vorstellungenwelche die Seele erfasst

ist das Zusammenbestehen oder Nichtzusammenbestehen in demselben Gegenstande

sie betrifft vorzugsweise die Substanzen. Sagt man zB vom Gold dass es

feuerbeständig sei so will das Wissen um diese Wahrheit nur sagen dass diese

Beständigkeit oder die Kraft vom Feuer nicht verzehrt zu werden eine

Vorstellung ist, die immer mit der besonderen Gelbheit Schwere Schmelzbarkeit

Biegsamkeit und Löslichkeit in Königswasser verbunden istwelche unsere

Gesamtvorstellung die Gold genannt wird ausmacht

 7 Das wirkliche Dasein Die vierte und letzte Art ist die des wirklichen

Daseins und Bestehens entsprechend der VorstellungIn diesen vier Arten von

Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung ist meines Erachtens all unser

Wissen, soweit wir dessen fähig sind befasst Denn alle Untersuchungen über

unsere Vorstellungen Alles was wir über sie wissen oder behaupten können ist

dass sie dieselben mit andern sind oder nicht sind dass sie mit andern

Vorstellungen in demselben Gegenstand entweder zusammenbestehen oder nicht dass

sie diese oder jene Beziehung mit andern haben und dass sie ein wirkliches

Bestehen außerhalb der Seele haben So ist blau nicht gelb dies betrifft die

Dieselbigkeit so sind zwei Dreiecke auf gleichen Grundlinien zwischen zwei

Parallellinien einander gleich dies ist eine Beziehung so ist Eisen

magnetischer Einwirkungen fähig dies betrifft das Zusammenbestehen und so

betrifft der Satz: Gott besteht das wirkliche Dasein Allerdings sind die

Dieselbigkeit und das Zusammenbestehen nur Beziehungen indes ist diese

Übereinstimmung und Nichtübereinstimmung der Vorstellungen so eigentümlicher

Natur dass sie als besondere Arten zu behandeln und nicht unter die Beziehungen

im Allgemeinen zu stellen sind Sie enthalten ganz verschiedene Gründe für die

Bejahung und Verneinung wie man leicht nach dem bisher Gesagten bemerken wird

Ehe ich nun zu den verschiedenen Graden des Wissens übergehe werden zuerst die

verschiedenen Bedeutungen des Wortes Wissen zu betrachten sein

 8 Das gegenwärtige und das bekannte Wissen Die Seele kann die Wahrheit in

verschiedener Weise besitzen und eine jede heißt Wissen 1 gibt es ein

gegenwärtiges Wissen was dann vorhanden ist, wenn die Seele die

Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung gewisser Vorstellungen oder deren

Beziehungen zu einander in der Gegenwart erfasst 2 sagt man dass Jemand einen

Satz wisse wenn er einmal ihm vorgelegen hat er die Übereinstimmung oder

Nichtübereinstimmung seiner Vorstellungen klar erfasst hat und ihn so in sein

Gedächtnis eingestellt hat dass sobald dieser Satz einmal wieder vorkommt er

ohne Zögern und Zweifeln sofort die richtige Seite erfasst ihr beistimmt und

von ihrer Wahrheit überzeugt ist Man kann dies das bekannte Wissen nennen und

in diesem Sinne weiß man alle Wahrheitenwelche das Gedächtnis in Folge einer

vorgegangenen klaren und vollen Auffassung bewahrt und über welche die Seele

keine Zweifel hegt sobald sie gelegentlich wieder daran denkt Denn unser

endlicher Verstand vermag hier nur eine Sache auf einmal klar und deutlich zu

denken und wenn das Wissen der Menschen nicht über sein gegenwärtiges

hinausginge so wären die Menschen sämtlich sehr unwissend und selbst die

welche am meisten wüssten wüssten nur eine Wahrheit da sie mehr auf einmal zu

denken nicht im Stande sind

 9 Das bekannte Wissen ist zweifach Von dem bekannten Wissen gibt es im

gewöhnlichen Sinne zwei Grade der erste befasst die in dem Gedächtnis

aufbewahrten Wahrheiten von denen so wie sie in der Seele vorkommen sie die

zwischen ihnen bestehende Beziehung gegenwärtig erfasst Dies gilt von allen

Wahrheiten die man anschaulich weiß und wo die Vorstellungen unmittelbar als

übereinstimmend oder nicht übereinstimmend erkannt werden. Der zweite Grad

befasst solche Wahrheitenwelche die Seele nachdem sie sich von denselben

überzeugt hat zwar im Gedächtnis behält aber ohne ihre Beweise So ist

Jemand der sich bestimmt entsinnt einmal den Beweis eingesehen zu haben dass

die drei Winkel des Dreiecks zweien rechten gleich seien sicher dass er diesen

Satz weiß weil er seine Wahrheit nicht bezweifeln kann Bei einer solchen

Zustimmung zu einer Wahrheit wo der Beweis auf dem sie beruht vergessen ist

scheint man mehr seinem Gedächtnis zu vertrauen als wirklich zu wissen deshalb

hielt ich früher diese Art von Überzeugung als ein Mittelding zwischen Wissen

und Meinung und als eine Art Gewissheit die mehr als bloßes Glauben ist was

sich nur auf das Zeugnis Anderer stützt indes habe ich bei näherer Prüfung

gefunden dass es der vollkommenen Gewissheit gleich steht und wirklich wahres

Wissen ist Was hier leicht zu einer falschen Auffassung verleitet ist dass

die Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung der Vorstellungen nicht so

eingesehen wird wie das erste Mal nämlich durch das wirkliche Überschauen

aller Zwischenvorstellungen sondern dass dies jetzt auf andern

Zwischenvorstellungen beruht welche die Übereinstimmung oder

Nichtübereinstimmung der Vorstellungen des Lehrsatzes darlegen dessen

Gewissheit man sich erinnert Wenn zB Jemand von dem Satz dass die drei

Winkel des Dreiecks zwei rechten gleich seien den Beweis einmal klar erkannt

hat so weiß er auch wenn ihm der Beweis später entfallen ist doch noch dass

er wahr ist Der Beweis ist zwar jetzt nicht mehr gegenwärtig und er kann sich

auch nicht darauf besinnen allein er weiß die Wahrheit jetzt in einer andern

Weise als vorher Er erfasst auch jetzt die Übereinstimmung der zwei in diesem

Satze verbundenen Vorstellungen aber durch Vermittlung anderer Vorstellungen

als derer die dieses Wissen das erste Mal vermittelten Er entsinnt sich dh

er weiß denn das Entsinnen ist nur das Wiederaufleben eines früheren Wissens

dass er einst von der Wahrheit dieses Satzes überzeugt gewesen und so ist jetzt

die Unveränderlichkeit der Beziehungen zwischen denselben unveränderlichen

Dingen diejenige Vorstellungdie ihm zeigt dasswenn die drei Winkel des

Dreiecks einmal zweien rechten gleich waren sie dies immer sein werden Deshalb

ist er gewiss dass das was einmal wahr war immer wahr sein wird und dass

Vorstellungendie einmal übereinstimmten immer übereinstimmen und dass also

das was er einmal als wahr gewusst er immer als wahr wissen werde so lange er

sich entsinnen kann dass er es einmal gewusst habe Aus diesem Grunde gewähren

die Beweise für den einzelnen Fall in der Mathematik ein allgemeines Wissen

Wenn die Erkenntnis dass dieselben Vorstellungen ewig dieselben Eigenheiten

und Beziehungen behalten das Wissen nicht genügend begründeten so könnte in

der Mathematik kein Wissen allgemeiner Sätze Statt haben denn jeder

mathematische Beweis wird nur an einem einzelnen Falle geführt und wenn dieser

Beweis auch an dem einen Dreieck oder Kreise geführt ist so ginge er doch nicht

über diese Figur hinaus Sollte er eine weitere Geltung haben so müsste in dem

neuen Falle der Beweis erneuert werden ehe man wissen könnte ob der Satz auch

für dieses Dreieck gälte und so fort womit das Wissen des Satzes in seiner

Allgemeinheit nie erreicht werden würde Niemand wird bestreiten dass Herr

Newton weiß dass jeder Satz wahr ist den er jetzt in seinem Werke liest wenn

er auch die wunderbare Kette von Zwischenvorstellungen nicht gegenwärtig hat

durch welche er zuerst dessen Wahrheit entdeckt hat Ein Gedächtnis was die

Reihe solcher Besonderungen behielte übersteigt das menschliche Vermögen da

schon die bloße Entdeckung Auffassung und Darlegung dieser wunderbaren

Verbindung von Vorstellungen die Fassungskraft der meisten Leser übersteigt

Dennoch weiß offenbar der Verfasser die Wahrheit seines Satzes denn er

entsinnt sich dass er die Verbindung dieser Vorstellungen so sicher erfasst

gehabt als er weiß dass dieser Mann jenen verwundet hat weil er sich

entsinnt dass er gesehen wie er ihn durchstochen hat Indes ist die

Erinnerung nicht immer so klar wie das wirkliche Erfassen und sie nimmt mit

der Zeit allmählich ab deshalb und aus andern Umständen ist das auf Beweisen

ruhende Wissen unvollkommener als das anschauliche wie das folgende Kapitel

ergeben wird

 






     1 Das anschauliche Wissen All unser Wissen besteht wie ich gesagt

darin dass die Seele ihre eignen Vorstellungen erfasst es ist das das höchste

Licht und die größte Gewissheit deren wir mit unseren Vermögen und unserer Art

zu wissen fähig sind deshalb habe ich die Grade dieser Gewissheit näher zu

betrachten Die unterschiedene Klarheit des Wissens scheint mir in der

unterschiedenen Art der Auffassung zu liegen die die Seele von der

Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung ihrer Vorstellungen hat Denn

beobachtet man sein eigenes Denken so bemerkt man dass die Seele diese

Übereinstimmung zweier Vorstellungen manchmal unmittelbar durch diese selbst

erfasst ohne dass eine dritte dabei vermittelt dies kann man das anschauliche

Wissen nennen Hier braucht sich die Seele nicht mit Beweisen und Prüfen zu

bemühen sondern sie erkennt die Wahrheit wie das Auge das Licht bloß dadurch

dass sie darauf sich richtet In dieser Weise weiß die Seele dass schwarz

nicht weiß ist dass ein Kreis kein Dreieck ist dass drei mehr als zwei sind

und dass drei gleich ist zweien und eins Solche Wahrheiten erfasst die Seele

bei dem ersten Überblick der Vorstellungen, durch reines Anschauen ohne

Zwischenkunft einer andern Vorstellung es ist das klarste und sicherste Wissen

dessen wir schwache Menschen fähig sind Diese Art des Wissens ist

unwiderstehlich gleich dem hellen Sonnenlicht zwingt es zu seiner Erkenntnis

so wie die Seele sich darauf wendet es lässt keinen Raum für Zaudern Zweifeln

und Untersuchen die Seele ist sofort von dessen klarem Licht erfüllt Auf

dieser Anschaulichkeit beruht alle Gewissheit und Sicherheit unsers Wissens sie

ist so groß dass man sich eine größere nicht vorstellen und deshalb sie auch

nicht verlangen kann denn Niemand kann sich eine größere Gewissheit

vorstellen als die dass eine Vorstellung in seiner Seele so ist wie er sie

vorstellt und dass zwei Vorstellungendie er als verschieden erkennt

verschieden und nicht dieselben sind Wer noch eine höhere Gewissheit verlangt

weiß nicht was er will er möchte wohl ein Skeptiker sein aber er ist keiner

Die Gewissheit beruht so ganz auf dieser Anschauung dass sie bei dem nächsten

Grade der Gewissheit, den ich den beweisbaren nenne für alle Verbindungen der

Zwischenvorstellungen nötig ist ohne die das Wissen und die Gewissheit nicht

erreicht werden kann.

     2 Das beweisbare Wissen Der nächste Grad des Wissens ist der wo die

Seele nur mittelbar die Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung der

Vorstellungen bemerkt Wo die Seele diese Übereinstimmung überhaupt bemerkt

ist immer ein sicheres Wissen allein die Seele bemerkt sie nicht überall wo es

geschehen könnte In solchem Falle bleibt die Seele im Nichtwissen oder kommt

wenigstens nicht über Vermutungen und Wahrscheinlichkeiten hinaus Die Seele

bemerkt diese Übereinstimmung nicht immer weil sie die Vorstellungen, um die

es sich handelt nicht so nahe zusammenstellen kann um dies zu erkennen In

solchem Falle wo die Seele dies nicht kann um durch unmittelbare Vergleichung

oder gleichsam durch Aneinanderlegung dieser Vorstellungen ihre Übereinstimmung

zu erkennen ist es zweckmäßig durch die Vermittlung anderer Vorstellungen

einer oder mehrerer wie es passt diese gesuchte Übereinstimmung zu

entdecken Dies nenne ich überlegen So kann die Seele wenn sie die

Übereinstimmung der drei Winkel eines Dreiecks mit zwei rechten in der Größe

erkennen will dies nicht durch eine unmittelbare Anschauung und Vergleichung

derselben tun denn die drei Winkel des Dreiecks können nicht zusammengebracht

und mit ein oder zwei Winkeln verglichen werden deshalb hat die Seele hier kein

unmittelbares oder anschauliches Wissen In solchem Falle sucht die Seele gern

nach andern Winkeln denen die drei Winkel des Dreiecks gleich sind, und indem

sie findet das jene gleich zweien rechten seien weiß sie nunmehr auch dass

die drei Winkel des Dreiecks gleich zweien rechten sind

     3 Dies Wissen hängt von Beweisen ab Diese vermittelnden Vorstellungen,

welche dazu dienen diese Übereinstimmung zweier andern darzulegen heißen

Beweismittel und wenn damit die Übereinstimmung klar und deutlich dargetan

worden heißt es ein Beweis Die Übereinstimmung wird damit dem Verstande

dargelegt und bewirkt dass die Seele sieht dass es sich so verhält Die

Schnelligkeit womit die Seele diese vermittelnden Vorstellungen ausfindig macht

und sie richtig verwendet wird Scharfsinn genannt

     4 Dies ist aber nicht leicht Obgleich dieses durch Beweise vermittelte

Wissen ein gewisses ist so ist doch seine Gewissheit nicht so klar und hell

und die Zustimmung erfolgt nicht so schnell wie bei dem anschaulichen Wissen

Die Seele bemerkt wohl bei dem Beweise zuletzt die Übereinstimmung der

betreffenden Vorstellungen allein nicht ohne Mühe und Aufmerksamkeit mit einem

bloßen Blick im Vorübergehen ist es nicht abgemacht vielmehr gehört stetiger

Fleiß und Nachdenken zu dieser Erkenntnis und man muss Schritt vor Schritt

weiter gehen bevor man auf diesem Wege zur Gewissheit gelangt und die

Übereinstimmung oder den Widerstreit zwischen zwei Vorstellungen bemerkt es

bedarf hier der Beweise und der Vernunft, um sie aufzuzeigen

     5 Nicht ohne vorgängige Zweifel Das anschauliche Wissen unterscheidet

sich auch darin von dem beweisbaren dass zwar bei letzterem durch die

Vermittlung der ZwischenVorstellungen aller Zweifel über die Übereinstimmung

beseitigt wird aber doch vor dem Beweise Zweifel bestehen während bei dem

anschaulichen Wissen dergleichen so wenig vorkommen können wenn man überhaupt

bestimmte Vorstellungen fassen kann wie bei dem Auge was klar das Schwarz und

Weiß sehen kann man nicht zweifeln kann ob diese Tinte und dieses Papier von

gleicher Farbe seien Wenn das Auge überhaupt sehen kann so wird es auf den

ersten Blick ohne Zögern bemerken dass die auf diesem Papier gedruckten Worte

von der Farbe des Papiers verschieden sind und ebenso wird die Seele wenn sie

überhaupt bestimmter Auffassungen fähig ist die Übereinstimmung oder

Nichtübereinstimmung derjenigen Vorstellungen da bemerken wo ein anschauliches

Wissen Statt hat Hat das Auge seine Sehkraft oder die Seele ihre Fassungskraft

verloren so müht man sich vergeblich um die Schnelligkeit des Sehens dort und

um die Klarheit der Auffassung hier

     6 Dieses Wissen ist nicht so klar Die durch Beweise vermittelte

Auffassung ist zwar auch sehr klar allein doch ohne jenes helle Leuchten und

jene volle Gewissheit welche das anschauliche Wissen immer hat Jenes gleicht

einem Gesicht was durch mehrere Spiegel von dem einen Spiegel auf den andern

zurückgeworfen wird so lange dabei die Ähnlichkeit und Übereinstimmung mit

dem Gegenstande bleibt gewähren sie ein Wissen allein mit jeder

Weiterstrahlung mehr nimmt die Klarheit und Bestimmtheit ab bis der Gegenstand

nach vielen Überstrahlungen trübe wird und namentlich für schwache Augen nicht

mehr auf den ersten Blick erkannt werden kann. Ebenso verhält es sich mit dem

auf einem langen Beweise beruhenden Wissen

     7 Jeder Schritt muss dabei von anschaulicher Gewissheit sein Bei jedem

Schritte in dem bewiesenen Wissen ist ein anschauliches Wissen der

Übereinstimmung mit der nächsten als Beweismittel dienenden

Zwischenvorstellung vorbanden denn ohnedem wäre hier wieder erst ein Beweis

nötig da ohne die Auffassung dieser Übereinstimmung kein Wissen entstehen

kann Wird sie durch sich selbst erfasst so ist das Wissen anschaulich ist

dies nicht der Fall so bedarf es einer vermittelnden Vorstellung als eines

Maßes an dem die Übereinstimmung erkannt werden kannDies zeigt, dass jeder

Schritt bei Beweisen wenn sie Wissen erzeugen sollen anschauliche Gewissheit

haben muss bei der die Seele nur daran zu denken braucht um die

Übereinstimmung der betreffenden Vorstellung sichtbar oder gewiss zu machen Zu

einem Beweise gehört deshalb dass die Übereinstimmung jener vermittelnden

Vorstellungen unmittelbar erfasst werde durch welche die Übereinstimmung der

zwei Vorstellungen um die es sich handelt von denen die eine immer die erste

und die andere die letzte in der Rechnung ist gefunden werden soll Diese

anschauliche Auffassung der Übereinstimmung der ZwischenVorstellungen muss bei

jedem Schritt des Beweises sorgfältig der Seele zugeführt werden und man muss

sicher sein dass nichts ausgelassen ist weil bei langen Ausführungen und

vielen Beweismitteln das Gedächtnis dieselben nicht immer gleich genau behält

Daher kommt es dass dieses Wissen unvollkommener als das anschauliche ist und

dass man oft falsche Begründungen für Beweise hält

     8 Daher der Irrtum »ex präcognitis et präconcessis« Diese

Notwendigkeit eines anschaulichen Wissens für jeden Schritt in

wissenschaftlichen Beweisen und Begründungen hat wahrscheinlich den irrigen

Grundsatz veranlasst »ex präcognitis et präconcessis« aus dem bereits

Erkanntem und dem bereits Zugestandenen Ich werde diesen Irrtum bei

Behandlung der Sätze insbesondere dem sogenannten Grundsätze näher darlegen

und zeigen dass sie nur durch ein Missverständnis für die Grundlage all unsers

Wissens und unserer Begründungen gehalten werden

     9 Die Beweise sind nicht auf Großen beschränkt Es gilt allgemein für

ausgemacht dass nur die Mathematik der beweisbaren Gewissheit fähig sei Allein

die anschauliche Erfassung der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung ist

nicht auf ein Vorrecht der Zahlender Ausdehnung und der Gestalt beschränkt

vielmehr hat nur der Mangel gehöriger Methoden und Fleißes aber nicht der

genügenden Anschaulichkeit die Meinung veranlasst dass in andern Zweigen des

Wissens für dies Beweisen wenig Raum und nicht so viel sei als die Mathematiker

verlangen Denn überall wo man die Übereinstimmung gewisser Vorstellungen

unmittelbar erkennen kann ist auch anschauliches Wissen möglich und wo diese

Übereinstimmung durch anschauliche Auffassung von deren Übereinstimmung mit

Zwischenvorstellungen geschehen kann da sind Beweise möglich und dies ist

nicht bloß bei den Vorstellungen der Zahlender Ausdehnung und der Gestalt mit

ihren Besonderungen möglich

     10 Weshalb man dies geglaubt hat Man hat diesen Satz nicht bloß

deshalb angenommen weil diese Wissenschaften von allgemeinem Nutzen sind

sondern weil bei Bemessung der Gleichheit oder Ungleichheit der einzelnen Zahlen

diese selbst den kleinsten Unterschied klar und erkennbar machen Bei der

Ausdehnung ist dies zwar in diesem Maße nicht der Fall allein man hat Mittel

aufgefunden auch hier die genaue Gleichheit zweier Winkel oder Größen oder

Gestalten zu prüfen und durch Beweise darzulegen die Zahlen können wie die

Gestalten beide auf sichtbare und dauernde Zeichen gebracht werden durch

welche die betreffenden Vorstellungen scharf bestimmt werden, während dies da

wo es nur durch Worte und Namen geschieht meist nicht der Fall ist.

     11 Bei andern einfachen Vorstellungen deren Besonderungen und

Unterschiede sich allmählich vollziehen und nach Graden berechnet werden und

nicht nach der räumlichen Größe fehlt diese genaue Bestimmung ihrer

Unterschiede und man kann deshalb hier die volle Gleichheit und die kleinsten

Unterschiede nicht in solcher Weise messen Es handelt sich hier um sinnliche

Empfindungen die durch die Größe Gestalt Zahl und Bewegung der kleinen

nicht mehr wahrnehmbaren Körperchen hervorgebracht werden; ihre Unterschiede

sind also von dem Wechsel einiger oder aller dieser Ursachen abhängig und da

dies nicht bei diesen kleinsten unsichtbaren Stoffheilchen wahrgenommen werden

kann, so fehlt hier das Maß für die verschiedenen Grade dieser einfachen

Bestimmungen Nimmt man zB an dass die Empfindung des Weißen in uns durch

eine bestimmte Zahl Kügelchen bewirkt werde die sich um ihren Mittelpunkt

drehen und gleichzeitig mit einer gewissen Schnelligkeit auf die Netzhaut des

Auges treffen so folgtdass, je mehr die Theile eines Körpers an seiner

Oberfläche so geordnet sind dass sie mehr solche Lichtkugelchen aussenden und

ihnen ihre Drehung geben er um so weißer erscheinen muss Ich behaupte nicht

dass das Licht in solchen kleinen runden Kügelchen bestehe oder die Weiße in

einem solchen Gewebe der Theile dass diese Kügelchen die bestimmte Drehung

erhalten wenn der Körper sie abstößt da ich hier das Licht und die Farben

nicht nach ihrer Natur zu untersuchen habe allein ich kann nicht begreifen und

ich möchte wohl dass Jemand mir es verständlich machte wie äußere Körper

unsere Sinne anders erregen können als durch unmittelbare Berührung der zu

fühlenden Körper selbst wie dies bei dem Tasten und Fühlen geschieht oder

durch den Stoß unsichtbarer von denselben ausgehender Teilchen wie es beim

Sehen Hören und Riechen geschieht Die Mannigfaltigkeit dieser Wahrnehmungen

beruht dabei auf dem Unterschied der Stöße dieser Teilchen in Folge ihrer

verschiedenen Größe Gestalt und Bewegung

     12 Mögen es nun Kügelchen sein oder nicht und mögen sie sich um ihren

Mittelpunkt drehen oder nicht so muss doch ein Körper, je mehr Lichtteilchen

von ihm mit einer solchen Bewegung abgestoßen werden welche die Empfindung des

Weiß in uns erregen können und je schneller diese Bewegung geschieht um so

weißer erscheinen wenn diese größere Zahl Teilchen von ihm ausgeht wie ein

Blatt Papier zeigt je nachdem es in die Sonne in den Schatten oder in eine

dunkle Höhle gelegt wird an jedem dieser Orte wird es einen andern Grad von

Weiß in uns erregen

     13 Da man aber weder die Zahl dieser Teilchen noch ihre das Weiß

hervorbringende Bewegung kennt so kann man die Gleichheit zweier Grade von

Weiß nicht bestimmt beweisen es fehlt der Maßstab um sie zu messen und das

Mittel um die kleinsten Unterschiede zu erkennen da die Hülfe der Sinne hier

ausgeht Ist aber der Unterschied so groß dass die Seele ihn bestimmt erkennen

und behalten kann so sind diese Eigenschaften oder Farben wie ihre

verschiedenen Arten, zB blau und rot ergeben ebenso des Beweises fähig wie

die Bestimmungen der Zahl und der Ausdehnungund was ich hier über Weiß und

die Farben gesagt habe gilt für alle zweiten Eigenschaften und deren

Besonderungen

     14 Das wahrnehmende Wissen von den einzelnen daseienden Dingen Das

anschauliche und das beweisbare Wissen bilden die zwei Grade des Wissens; was

dieses nicht erreicht ist trotz aller Sicherheit mit der es festgehalten

wird nur Glauben oder Meinung aber kein Wissen wenigstens für die allgemeinen

Wahrheiten Allerdings gilt auch noch ein anderes Auffassen der Seele als

Wissen was die einzelnen außer uns vorhandenen endlichen Dinge betrifft

welches mehr als bloße Wahrscheinlichkeit enthält aber doch die vorerwähnten

beiden Grade der Gewissheit nicht vollkommen erreicht Hier ist es allerdings

völlig gewiss dass die von dem äußern Gegenstande empfangene Vorstellung in

der Seele istdies weiß man anschaulich allein ob hier noch etwas Anderes

neben dieser Vorstellung besteht und ob man von dieser sicher auf das Dasein

eines dieser Vorstellung entsprechenden Dinges außer uns schließen kann dies

wird von Manchem in Frage gestellt da der Mensch solche Vorstellungen in seiner

Seele haben könne ohne dass ein solches Ding bestehe und ohne dass ein

Gegenstand seine Sinne errege Indes ist uns hier ein überzeugendes Mittel

gewährt was jeden Zweifel ausschließt denn die Auffassung ist eine ganz

andere wenn man bei Tage in die Sonne sieht oder nur des Nachts an sie denkt

und wenn man wirklich Wermut schmeckt und eine Rose riecht oder bloß an diesen

Geschmack und Geruch denkt Der Unterschied zwischen einer nur durch das

Gedächtnis in der Seele wieder erweckten Vorstellung und der durch die Sinne

wirklich in die Seele eingetretenen ist so groß als er nur irgend zwischen

zwei Vorstellungen sein kann Sagt man dass der Traum dasselbe leiste und dass

alle diese Vorstellungen auch ohne äußere Gegenstände in uns erweckt werden

können, so träume man gefälligst dass ich folgendermaßen antworte

    Erstens will es nicht viel sagen ob ich diese Zweifel beseitige oder nicht

Denn wenn Alles nur ein Traum ist so bedarf es keiner Gründe und Beweise

Wahrheit und Wissen hören dann auf

    Zweitens wird sicherlich ein offenbarer Unterschied zwischen dem Traume

dass man im Feuer ist und zwischen dem wirklichen Darinsein anerkannt werden

Will man aber auch da den Skeptiker fortspielen und das was ich

WirklichindemFeuersein nenne bloß für einen Traum erklären und leugnen

dass man des Feuers außer uns gewiss sein könne so folgt doch sicher Lust oder

Schmerz auf die Berührung gewisser Gegenstände deren Dasein man durch die Sinne

wahrnimmt oder träumt Diese Gewissheit ist so groß wie unser Glück und Elend

über das hinaus das Wissen und Dasein uns gleichgültig ist Man kann deshalb den

beiden früheren Arten des Wissens noch das Wissen von dem Dasein einzelner

äußerer Gegenstände hinzufügen und zwar in Folge der Wahrnehmung oder des

Bewusstseins von dem wirklichen Eintritt ihrer Vorstellungen Es bestehen also

drei Grade des Wissens; das beschauliche das beweisbare und das sinnliche

jedes hat seinen besonderen Grad und Grund der Überzeugung und Gewissheit

     15 Das Wissen ist nicht immer klar selbst wenn die Vorstellungen es

sind Da unser Wissen sich nur auf unsere Vorstellungen gründet und nur sie

betrifft so scheint daraus zu folgen dass es auch diesen Vorstellungen

entsprechen muss wo also die Vorstellungen klar und deutlich oder dunkel und

verworren sind da müsste auch das Wissen so beschaffen sein Allein dies ist

nicht der Fall denn das Wissen besteht nur in der Erfassung der

Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung zweier Vorstellungenund deshalb

besteht seine Klarheit oder Dunkelheit in der Klarheit oder Dunkelheit dieser

Auffassung und nicht in der Klarheit oder Dunkelheit der Vorstellungen selbst

So kann zB Jemand eine ebenso klare Vorstellung von den Winkeln eines Dreiecks

und von der Gleichheit derselben mit zwei rechten haben wie irgend ein

Mathematiker der Welt und doch nur eine dunkle Auffassung von deren

Übereinstimmung und deshalb auch nur ein dunkles Wissen des Satzes haben

Dagegen können Vorstellungendie wegen ihrer Dunkelheit oder sonst verworren

sind kein klares und deutliches Wissen bilden denn wenn die Vorstellungen

selbst verworren sind so kann man auch nicht klar erkennen ob sie

übereinstimmen oder nicht oder um deutlicher zu sprechen Wer mit den

gebrauchten Worten keine bestimmten Vorstellungen verbindet kann daraus keine

Sätze bilden deren Wahrheit er gewiss wäre

 
 






     1 Wenn das Wissen wie gesagt in der Auffassung der Übereinstimmung

oder Nichtübereinstimmung bestimmter Vorstellungen besteht so folgt daraus

dass 1 Unser Wissen nicht weiter gehen kann als unsere Vorstellungen

     2 Nicht weiter als man die Übereinstimmung erfassen kann 2 Dass das

Wissen nicht weiter geht als man die Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung

desselben erfassen kann diese Erfassung geschieht 1 entweder durch Anschauung

oder unmittelbares Vergleichen zweier Vorstellungen oder 2 durch Gründe indem

die Übereinstimmung zweier Vorstellungen durch Vermittlung anderer festgestellt

wird oder 3 durch Wahrnehmung indem man sinnliche Dinge erfasst Hieraus

ergibt sich noch

     3 Das anschauliche Wissen erstreckt sich nicht auf alle Beziehungen

aller Vorstellungen 3 Dass das anschauliche Wissen sich nicht auf alle

Vorstellungen und Alles was man von ihnen wissen möchte erstrecken kann denn

es lassen sieh nicht alle Beziehungen derselben zu einander durch

Aneinanderlegung oder unmittelbare Vergleichung der einen mit der andern

erfassen So kann man wenn man sich ein stumpfwinkliges und ein spitzwinkliges

Dreieck auf gleicher Grundlinie zwischen Parallellinien vorstellt durch

anschauliches Wissen erfassen dass das eine nicht das andere ist aber nicht

ob sie einander gleich sind, da dies durch eine unmittelbare Vergleichung nicht

erfasst werden kann, weil der Unterschied in der Gestalt die unmittelbare

Aneinanderlegung ihrer Theile verhindert deshalb bedarf es zu ihrer Messung

einiger vermittelnder Eigenschaften und dies ist der Beweis oder das begründete

Wissen

     4 Auch das beweisbare Wissen nicht 4 Ergibt sich aus dem Obigen

dass auch das beweisbare Wissen sich nicht über alle unsere Vorstellungen

erstrecken kann da sich für zwei zu vergleichende Vorstellungen nicht immer

solche vermittelnde finden lassen die in allen Teilen der Beweisführung durch

anschauliches Wissen mit einander verknüpft werden können. Wo dies aber nicht

angeht da gibt es kein beweisbares Wissen

     5 Das sinnliche Wissen ist beschränkter als die beiden andern Arten 5

Reicht dies sinnliche Wissen nicht weiter als wirkliche Gegenstände für die

Sinne gegenwärtig sind es ist also noch beschränkter als die beiden vorigen

Arten

     6 Unser Wissen ist daher beschränkter als unsere Vorstellungen Aus

alledem erhelltdass der Umfang unseres Wissens beschränkter ist als die

bestehenden und selbst als der Umfang unserer Vorstellungen. Obgleich unser

Wissen auf unsere Vorstellungen beschränkt ist und es dieselben an Umfang und

Vollkommenheit nicht übertreffen kann und obgleich diese Vorstellungen in enge

Grenzen gestellt sind gegenüber dem Umfang alles Seienden und dem was der

Verstand anderer erschaffenen Wesen erfassen kann der nicht an die dumpfe und

beschränkte Belehrung einiger nicht einmal genauen Erkenntnismittel wie unsere

Sinne, gefesselt ist so würde es doch schon besser mit unserem Wissen stehen

wenn es nur so weit wie unsere Vorstellungen sich erstreckte und wenn nicht

viele Zweifel beständen und Ermittlungen in Betreff unserer Vorstellungen

unvermeidlich wären von denen wir in dieser Welt wahrscheinlich nie erlöst

werden dürften Trotzdem könnte das menschliche Wissen unter den gegenwärtigen

Verhältnissen unseres Daseins und unserer Verfassung viel weiter als bisher

ausgedehnt werden wenn nur die Menschen aufrichtig und freien Geistes all den

Fleiß und die Arbeit ihres Denkens auf die Verbesserung der Erkenntnismittel

verwenden wollten die sie auf die Ausübung und Unterstützung der Unwahrheit

verwenden um das System die Interessen oder die Partei aufrecht zu erhalten

bei denen sie beteiligt sind Indes wird ohne der menschlichen Vollkommenheit

zu nahe zu treten unser Wissen niemals Alles das erreichen was wir in Bezug

auf die vorhandenen Vorstellungen gern wissen möchten und es wird nie die

Schwierigkeiten überwinden noch all die Fragen lösen können die sich in

Betreff derselben erheben So haben wir die Vorstellungen des Vierecks des

Kreises und der Gleichheit und werden doch vielleicht nie einen Kreis auffinden

der einem Viereck gleich ist und nie diese Gleichheit gewiss erkennen So haben

wir die Vorstellung des Stoffes und des Denkens; aber wir werden wohl nie wissen

können ob jedes stoffliches Ding denkt oder nicht da durch die Betrachtung

unserer eigenen Vorstellungen ohne Offenbarung nicht ermittelt werden kann, ob

die Allmacht einem passend eingerichteten bloßen Stoffe nicht das Vermögen

aufzufassen und zu denken verliehen habe oder sonst mit dem so eingerichteten

Stoffe eine denkende stofflose Substanz verbunden habe denn nach unsern

Begriffen kann man sich ebenso gut vorstellen dass Gott den Stoff selbst mit

einem Denkvermögen ausgestattet wie dass er ihn mit einer Substanz welche

denken kann verbunden habe denn wir wissen nicht worin das Denken besteht

und welchen Arten von Substanzen dieses Vermögen zu verleihen dem allmächtigen

Gott gefallen hat da in einem erschaffenen Wesen dieses Vermögen nur durch den

Beschluss und die Güte des Schöpfers bestehen kann Ich sehe wenigstens darin

keinen Widerspruch weshalb nicht das höchste und ewige denkende Wesen gewissen

Systemen des erschaffenen geistlosen Stoffes in einer ihm passend scheinenden

Zusammensetzung einen Grad von Wahrnehmen Auffassen und Denken verleihen

könnte wenn es auch wie ich in Buch 4 Kap 10 und 14 u ff gezeigt ein

Widersprach sein würde dass der Stoff selbst dies ewige zuerstdenkende Wesen

sei Da dieser seiner Natur nach ohne Sinne und Denken ist Weshalb sollten

gewisse Auffassungen wie zB Lust oder Schmerz nicht in manchen Körpern von

bestimmter Einrichtung und Bewegung so gut bestehen wie sie in einer stofflosen

Substanz in Folge der Bewegungen körperlicher Theile eintreten

    Ein Körper vermag nach unsern Begriffen nur einen andern Körper zu stoßen

oder zu erregen und die Bewegung kann so weit wir mit unseren Vorstellungen

reichen nur wieder Bewegung hervorbringen räumt man daher ein dass sie auch

Lust und Schmerz oder die Vorstellung einer Farbe oder eines Tones hervorbringen

kann so gehen wir über unsere Einsicht und unser Vorstellen hinaus und leiten

dies bloß von dem Belieben unseres Schöpfers ab Denn wenn wir anerkennen

müssen dass er mit der Bewegung Wirkungen verbunden hat welche nach unseren

Begriffen die Bewegung nicht hervorbringen kann weshalb sollte er da sie nicht

auch in einem Wesen haben entstehen lassen können das nach unseren Begriffen

derselben unfähig ist da wir ja ebenso wenig begreifen können wie die Bewegung

auf ein Wesen wirken kann Ich will damit den Glauben an die Stofflosigkeit der

Seele keineswegs erschüttern denn ich handle hier nicht von der

Wahrscheinlichkeit, sondern von dem Wissen, und es ziemt der Bescheidenheit des

Philosophen sich da aller schulmeisterlichen Behauptungen zu enthalten wo die

Gewissheit fehlt die ein Wissen herbeiführen kann Man kann dadurch auch

erkennen wie weit unser Wissen reicht denn da unser jetziger Zustand nicht ein

visionärer ist so müssen wir in vielen Fällen uns mit Glauben und

Wahrscheinlichkeiten begnügen und wenn wir deshalb in der Frage von der

Stofflosigkeit der Seele keine beweisbare Gewissheit erreichen können so darf

dies uns nicht auffallen Alle die großen Ziele der Moral und Religion bleiben

unerschüttert wenn auch die Stofflosigkeit der Seele wissenschaftlich nicht

erwiesen werden kann; weil es offenbar ist dass Der welcher uns zunächst hier

das Dasein als wahrnehmende und einsehende Wesen gab und für eine Reihe von

Jahren uns in diesem Zustand erhält uns in einen gleichen Zustand von

Bewusstheit in eine andere Welt zurückversetzen kann und wird damit wir die

Vergeltung zu empfangen fähig bleiben die er dem Menschen nach seinen Taten

hier verheißen hat Deshalb ist es nicht von so zwingender Notwendigkeit jene

Frage nach der einen oder andern Seite zu entscheiden wie die übermäßigen

Eiferer für oder gegen die Unsterblichkeit der Seele die Welt haben glauben

machen wollen Entweder gab man dabei auf der einen Seite seinen ganz in den

Stoff vertieften Gedanken allzusehr nach und wollte nur ein Dasein des Stoffes

anerkennen oder man fand auf der andern Seite innerhalb der natürlichen Kräfte

des Stoffes kein Denken wenn man ihn auch noch so sehr mit aller Anstrengung

untersuchte und schloss deshalb dreist dass selbst der Allmächtige kein Wissen

und Denken einer Substanz verleihen könne welche in irgend einer Weise die

Dichtheit enthalte Wer bemerkt wie schwer das Wissen mit dem ausgedehnten

Stoff oder das Dasein mit Etwas das gar nicht besteht sich vereinigen lässt

wird einsehen wie wenig sicher er weiß was seine Seele ist Diese Frage

sollte außerhalb des Bereichs des menschlichen Wissens gestellt werden und wer

unbefangen die dunkeln und verwickelten Punkte aller hier aufgestellten

Hypothesen erwägt wird sich kaum mit Grund für oder gegen die Stofflichkeit der

Seele entscheiden können Auf welcher Seite er auch bleibt sei es bei einer

unausgedehnten Substanz oder einem ausgedehnten denkenden Stoffe so wird die

Schwierigkeit die eine Seite zu fassen wenn er sie für sich nimmt ihn immer

auf die andere Seite treten lassen Es ist nicht zu loben wenn man auf der

einen Seite die Unbegreiflichkeit von Etwas findet sich nun gewaltsam in die

entgegengesetzte Annahme zu stürzen obgleich sie für den unparteiischen

Verstand ebenso unbegreiflich ist Man zeigt damit nicht allein die Schwäche und

Dürftigkeit seines Wissens sondern auch wie nichtssagend der Triumph solcher

Gründe ist die von dem eigenen Standpunkt abgenommen nur genügen weil man

auf der einen Seite der Frage keine Gewissheit finden kann die aber deshalb

noch nicht zur Wahrheit führen weil die entgegengesetzte Meinung bei ihrer

Prüfung sich mit gleichen Schwierigkeiten belastet zeigt Was hilft es und nützt

es dass man um dem anscheinenden Widersinn und den unübersteiglichen

Schwierigkeiten der einen Ansicht zu entgehen sich in die entgegengesetzte

flüchtet die ebenso unbegreiflich ist und auf etwas ebenso Unerklärlichem

aufgerichtet ist Unzweifelhaft haben wir in uns Etwas was denkt selbst die

Zweifel was es sei bestätigen das Dasein desselben wenn man auch sich darin

finden muss dass man die Art seines Seins nicht weiß auch nützt ein

skeptisches Verhalten hier nichts da es auch in andern Fällen verkehrt ist das

Dasein eines Dinges abzuleugnen bloß weil man dessen Natur nicht begreifen

kann Ich möchte wohl die Substanz kennen die nicht Etwas in sich trägt bei

dem der Verstand still stehen muss Wie sehr müssen oft andere Geister welche

die Natur und innere Verfassung der Dinge sehen und kennen uns im Wissen

übertreffen Fügt man dem noch ein umfassenderes Begreifen hinzu so dass sie

mit einem Blick die Verbindung und Übereinstimmung vieler Vorstellungen

übersehen und sie schnell mit den unmittelbaren Beweisen unterstützen können

die wir nur langsam Schritt für Schritt nach langem Tappen in der Finsternis

zuletzt auffinden und von denen wir gar leicht den einen wieder vergessen ehe

wir den andern erhascht haben so können wir einigermaßen die Seligkeit der

höheren Geister begreifen die sowohl schneller und eindringender auffassen als

auch ihr Wissen weiter ausdehnen

    Um indes auf unseren Gegenstand zurückzukommen so ist unser Wissen nicht

bloß auf die geringe Zahl und Unvollkommenheit unserer Vorstellungen beschränkt

die dazu verwendet werden sondern es reicht auch für diese Verwendung nicht

einmal aus Indes wollen wir sehen wie weit es reicht

     7 Wie weit unser Wissen reicht Das Bejahen und Verneinen in Bezug auf

unsere Vorstellungen lässt sich wie ich oben im Allgemeinen bemerkt auf vier

Arten zurückführen nämlich auf Dieselbigkeit Zusammenbestehen Beziehung und

wirkliches Dasein Ich werde untersuchen wie weit unser Wissen bei jeder dieser

Arten reicht

     8 Unser Wissen der Dieselbigkeit und des Unterschieds reicht so weit als

unsere Vorstellungen Was zuerst die Dieselbigkeit und die Verschiedenheit

anlangt so reicht bei dieser Art von Übereinstimmung und Nichtübereinstimmung

unserer Vorstellungen unser anschauliches Wissen so weit als unsere

Vorstellungen selbst und es kann keine Vorstellung in der Seele auftreten die

sie nicht sofort durch ein anschauliches Wissen als die erfasst die sie ist

und die sie als verschieden von andern auffasst

     9 Unser Wissen von dem Zusammenbestehen reicht nicht weit Was zweitens

die andere Art anlangt die Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung unserer

Vorstellungen bezüglich des Zusammenbestehens so reicht hier unser Wissen nicht

weit obgleich der größte und erheblichste Teil unserer Kenntnis der

Substanzen darin besteht Denn unsere Vorstellungen von den Arten der Substanzen

sind wie ich gezeigt habe nur Zusammenfassungen mehrerer einfacher

Vorstellungendie zu einem Dinge vereint werden und so zusammen bestehen So

ist zB unsere Vorstellung von der Flamme die eines heißen leuchtenden nach

oben sich bewegenden Körpers von Gold die eines besonders schweren gelben

biegsamen und schmelzbaren Körpers Diese oder ähnliche Gesamtvorstellungen der

Seele werden durch diese Worte für die beiden Substanzen Flamme und Gold

bezeichnet Verlangt man nun mehr von ihnen zu wissen so sucht man nur nach

weiteren Eigenschaften und Kräften die diese Substanzen haben oder nicht haben

dh man will wissen welche anderen einfachen Vorstellungen mit diesen

Gesamtvorstellungen zusammenbestehen oder nicht

     10 Weil die Verbindung zwischen den einfachsten Vorstellungen unbekannt

ist So wichtig und erheblich dieser Teil des menschlichen Wissens ist so ist

er doch sehr dürftig und beschränkt denn die einfachen Vorstellungen aus denen

unsere Gesamtvorstellungen gebildet sind führen meistenteils in ihrer Natur

keine wahrnehmbare Verbindung mit andern einfachen Vorstellungen oder eine

Trennung von solchen mit sich über deren Zusammenbestehen man Auskunft haben

möchte

     11 Dies gilt namentlich von den zweiten Eigenschaften Die

Vorstellungen, aus denen unsere Gesamtvorstellungen von Substanzen bestehen

und um die es sich bei der Kenntnis der Substanzen handelt sind hauptsächlich

zweite Eigenschaftenwelche sämtlich wie gezeigt von den ersten

Eigenschaften ihrer kleinsten nicht wahrnehmbaren Teilchen abhängen oder

vielleicht von Etwas was unserer Auffassung noch ferner steht Man ist deshalb

nicht im Stande zu erkennen welche von ihnen in einer notwendigen Verbindung

oder Trennung zu einander stehen da man weder die Wurzel kennt aus der sie

hervorkommen noch die Größe Gestalt und das Gewebe ihrer Theile von denen

die Eigenschaften abhängen und woraus sie hervorgehen die unsere

Gesamtvorstellung zB vom Golde bilden Deshalb kann man die anderen aus der

Verfassung der unsichtbaren Teilchen des Goldes hervorgehenden Eigenschaften so

wenig wie die damit unverträglichen kennen die immer mit der

Gesamtvorstellung die man hat zugleich bestehen müssen oder damit

unverträglich sind

     12 Weil jede Verbindung zwischen den ersten und zweiten Eigenschaften

unerkennbar ist Neben dieser Unkenntnis der ersten Eigenschaften und der

unsichtbaren Körperteilchen von welchen die zweiten Eigenschaften abhängen

besteht noch ein anderes weniger heilbares NichtWissen was die Kenntnis des

Zusammenbestehens oder NichtZusammenbestehens der wahren Vorstellungen

desselben Gegenstandes noch weiter uns entrückt wenn ich mich so ausdrücken

darf Es besteht darin, dass wir die Verbindung der zweiten Eigenschaften mit

den ersten von denen sie abhängen nicht erkennen können

     13 Dass die Größe Gestalt und Bewegung eines Körpers die Ursache der

Veränderung in der Größe Gestalt und Bewegung eines andern ist übersteigt

unsere Begriffe nicht die Trennung der einzelnen Theile eines Körpers in Folge

des Eindringens eines anderen und der Übergang aus der Ruhe zur Bewegung dies

und Ähnliches scheint mit einander in Verbindung zu stehen Wenn man die ersten

Eigenschaften der Körper kennte so würde man wohl viel mehr von ihren

gegenseitigen Einwirkungen auf einander wissen allein da man keine Verbindung

zwischen diesen ersten Eigenschaften und den davon in uns bewirkten Empfindungen

entdecken kann so kann man niemals feste und sichere Regeln über die Folgen des

Zusammenbestehens von zweiten Eigenschaften aufstellen selbst wenn man die

Größe Gestalt und Bewegung dieser unsichtbaren Teilchen aus denen sie

unmittelbar hervorgehen kennte Wir wissen so wenig welche Gestalt Größe und

Bewegung dieser Theile die gelbe Farbe einen süßen Geschmack oder einen lauten

Ton veranlassen dass man nicht einmal sich vorstellen kann wie diese Gestalt

Größe und Bewegung der Theile überhaupt solche Vorstellungen erwecken könne es

fehlt uns alle fassbare Verbindung zwischen denselben

     14 Es ist deshalb ein vergeblicher Versuch wenn man durch sein

Vorstellen den alleinigen wahren Weg zur sicheren und allgemeinen Kenntnis

entdecken will welche andere Vorstellung mit denen der Gesamtvorstellung und

Substanz beständig verbunden sind; denn man kennt weder die wirkliche Verfassung

der kleinsten Teilchen von denen diese Eigenschaften abhängen noch würde man

selbst wenn dies der Fall wäre die notwendige Verbindung zwischen ihnen und

den zweiten Eigenschaften erkennen und doch müsste dies vorausgehen wenn deren

entsprechendes Zusammenbestehen erkannt werden sollte Mag deshalb unsere

Gesamtvorstellung einer Substanz sein welche sie wolle so kann man doch

schwer aus den in ihr enthaltenen einfachen Vorstellungen mit Gewissheit das

notwendige Zusammenbestehen anderer Eigenschaften sicher entnehmen unser

Wissen reicht bei diesen Ermittlungen wenig über die Erfahrung hinaus Einige

erste Eigenschaften haben allerdings eine notwendige Abhängigkeit und sichtbare

Verbindung mit einander; so kann die Gestalt nicht ohne Ausdehnung sein und das

Empfangen und Mittheilen der Bewegung durch Stoß setzt die Dichtheit voraus

allein trotz solcher Verbindung einzelner befasst unser Wissen doch nur so

wenige dass durch Anschauung oder Beweis das Zusammenbestehen von nur sehr

wenigen in einer Substanz vereinten Eigenschaften aufgefunden werden kann. Wir

bleiben nur auf den Beistand der Sinne angewiesen um zu erfahren welche

Eigenschaften die Substanzen besitzen Von allen in einem Gegenstand

zusammenbestehenden Eigenschaften kann man ohne Kenntnis dieser Abhängigkeit

und sichern Verbindung der zugehörigen Vorstellungen mit einander nicht wissen

ob ihr Zusammenbestehen weiter reicht als die Erfahrung durch die Sinne uns

belehrt So findet man zwar durch Proben dass mit der gelben Farbe in einem

Stück Gold die Schwere Biegsamkeit Schmelzbarkeit und Feuerbeständigkeit

verbunden sind; allein da keine dieser Vorstellungen mit der andern in einer

offenbaren Abhängigkeit oder notwendigen Verbindung steht so kann man nicht

gewiss wissen dass wo vier davon da sind auch die fünfte da sein werde so

wahrscheinlich das auch sein mag denn die höchste Wahrscheinlichkeit ist noch

keine Gewissheitund ohne diese gibt es kein wahres Wissen Dieses

Zusammenbestehen kann nur soweit gewusst werden als es wahrgenommen wird und

das ist nur an den einzelnen Gegenständen entweder vermittelst der Sinne oder

allgemein durch die notwendige Verbindung der Vorstellungen selbst möglich

     15 Weiter geht das Wissen von der Unvereinbarkeit des Zusammenbestehens

 In Bezug auf Unvereinbarkeit und Widerspruch gegen das Zusammenbestehen kann

man einsehen dass jedes Ding einer jeden Art der ersten Eigenschaften nur eine

bestimmte solche Eigenschaft auf einmal haben kann So schließt zB jede

bestimmte einzelne Größe Gestalt Zahl der Theile oder Bewegung alle anderen

dieser Art aus Das Gleiche gilt unzweifelhaft von Jeder besonderen sinnlichen

Vorstellung der Sinne; die in einem Gegenstande vorhandene bestimmte Eigenschaft

schließt alle anderen derselben Art aus so kann zB kein Ding zwei Gerüche

oder zwei Farben gleichzeitig haben Man wendet vielleicht ein dass ein Opal

und der Aufguss von Gichtholz gleichzeitig zwei Farben habe allein solche

Körper mögen wohl für Augen die an verschiedenen Orten sich befinden

gleichzeitig verschiedene Farben zeigen und in diesem Fall sind es auch

verschiedene Theile des Gegenstandes, die sich in den verschieden gestellten

Augen wiederspiegeln und deshalb ist es nicht ein und derselbe Teil des

Körpers, also nicht derselbe Gegenstandder zugleich gelb und blau aussieht

denn es ist so unmöglich dass dasselbe Teilchen des Körpers gleichzeitig die

Lichtstrahlen in verschiedener Weise zurückwerfen sollte wie dass es

gleichzeitig zwei verschiedene Gestalten und Gewebe haben sollte

     16 Das Wissen von dem Zusammenbestehen der Kräfte ist nur gering Aber

in Bezug auf die Kräfte wodurch Substanzen die sinnlichen Eigenschaften anderer

Körper verändern die viel untersucht werden und einen beträchtlichen Zweig des

Wissens bilden dürfte unser Wissen wenig weiter als unsere Erfahrung reichen

Man wird hier schwerlich viel davon entdecken noch erkennen dass diese Kräfte

in einem Gegenstande durch die Verbindung mit einer Vorstellung bestehen die

für uns dessen Wesen ausmacht Denn die tätigen und leidenden Kräfte der Körper

und die Art ihrer Wirksamkeit beruhen auf einem Gewebe und einer Bewegung der

Teilchen die unerreichbar für uns sind deshalb kann man nur selten ihre

Abhängigkeit oder ihren Gegensatz in Bezug auf die Vorstellungen entdecken

welche unsere Gesamtvorstellung dieser Art von Dingen bilden Ich bin hier auf

die KorpuskularHypothese eingegangen da diese am besten die Eigenschaften der

Körper zu erklären vermag und bei der Schwäche des menschlichen Verstandes wird

man kaum eine andere an deren Stelle setzen können welche die notwendige

Verbindung und das Zusammenbestehen der Kräfte die in einzelnen Arten vereint

angetroffen werden, vollständiger und klarer darlegen könnte In jedem Falle

wird auch durch die klarste und richtigste Hypothese worüber ich hier nicht zu

entscheiden habe unser Wissen von körperlichen Substanzen wenig weiter gebracht

werden so lange man nicht sieht welche Eigenschaften und Kräfte der Körper mit

einander in einer entsprechenden Verbindung oder in einem Gegensatze stehen Das

ist bei dem jetzigen Stand der Wissenschaft noch wenig der Fall und mit den

Vermögen die wir haben werden wir schwerlich unser allgemeines Wissen also

nicht die Erfahrung) in diesem Zweige viel weiter bringen Hier müssen wir uns

hauptsächlich auf die Erfahrung verlassen und in dieser hätte mehr geschehen

sollen Durch die edlen Anstrengungen weiser Männer ist auf diesem Wege der

vorhandene Vorrat der Naturerkenntnis erworben worden und wenn Andere

namentlich die Chemiker so sorgsam in ihren Beobachtungen und wahr in ihren

Berichten wären als es sich für Männer der Wissenschaft ziemt so wurde unsere

Bekanntschaft mit den uns hier umgebenden Körpern und unser Einblick in ihre

Kräfte und Wirksamkeit viel grösser sein

     17 Unser Wissen von den Geistern ist noch geringer Wenn wir schon über

die Kräfte und Wirksamkeit der Körper nur wenig wissen so lässt sich erwarten

dass wir in Bezug auf die Geister noch mehr im Dunkeln tappen werden Wir haben

von ihnen keine anderen Vorstellungen als die welche wir von unserer eigenen

Seele durch Beobachtungen soweit abnehmen als es möglich ist Allein ich habe

schon anderwärts angedeutet dass die unsere Körper bewohnenden Geister nur eine

unbedeutende Stelle unter den mannichfachen und wahrscheinlich unzähligen Arten

edlerer Wesen einnehmen und dass sie gegen die Cherubim und Seraphim und die

zahllosen Geister über uns nach ihren Anlagen und Vollkommenheiten sehr

zurückstehen

     18 Wie weit unser Wissen nach anderen Beziehungen geht ist nicht leicht

anzugeben In der dritten Art unseres Wissens nämlich von der Übereinstimmung

oder Nichtübereinstimmung unserer Vorstellungen nach irgend anderen Beziehungen

ist das Feld des Wissens am ausgedehntesten und deshalb schwer zu bestimmen,

wie weit es geht Die Fortschritte hier hängen von unserem Scharfsinn in

Ausfindung der Zwischenvorstellungen ab welche die Beziehungen und Richtungen

der Vorstellungen, abgesehen von ihrem wirklichen Zusammenbestehen darlegen

deshalb ist hier schwer zu sagen wann wir an der Grenze der Entdeckungen

anlangen werden und wann die Vernunft alle die Hilfsmittel so weit sie vermag

gewonnen haben wird deren sie zur Auffindung der Beweise und Grundsätze der

Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung bedarf Wer die Algebra nicht kennt

kann die Wunder die hier geschaffen worden sind, sich nicht vorstellen und so

Kann man schwer bestimmen welche weiteren Verbesserungen und Hilfsmittel der

menschliche Scharfsinn auch in anderen Gebieten des Wissens noch entdecken wird

Wenigstens sind die Vorstellungen der Größe nicht allein des Beweises und

Wissens fähig auch in anderen nützlichen Gebieten könnte die Gewissheit

erreicht werden wenn nicht die Leidenschaften Laster und vorherrschenden

Interessen solche Vorsicht hemmten und bedrohten

    In der Moral sind Beweise möglich Die Vorstellung eines höchsten Wesens

von unendlicher Macht Güte und Weisheit dessen Werk wir sind und von dem wir

abhängen und die Vorstellung unserer selbst als vernünftiger Wesen welche

Vorstellungen so klar sind bieten bei gehöriger Betrachtung und Untersuchung

solche Grundlagen für unsere Pflichten und für die Regeln des Handelns dass die

Moral dadurch zu den Wissenschaften die des Beweises fähig sind erhoben werden

kann. Gewiss wurden auch hier von selbstverständlichen Sätzen aus vermittelst

der Folgerungen so sicher wie in der Mathematik die Grenzen von Recht und

Unrecht von Denen dargelegt werden können, die ihnen dieselbe Unbefangenheit und

Aufmerksamkeit wie anderen Wissenschaften zuwenden Die Beziehungen zwischen den

Besonderungen dürften hier ebenso sicher wie bei den Zahlen und der Ausdehnung

erfasst werden können, und ich sehe nicht ein weshalb hier nicht ebenso gut ein

Beweis anwendbar sein soll wenn man nur in gehöriger Weise an die Prüfung und

Beobachtung der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung der Vorstellungen

ginge Wo es kein Eigentum gibt da gibt es auch kein Unrecht dies ist ein

Satz so sicher wie irgend ein Lehrsatz im Euklid denn die Vorstellung des

Eigentums ist das Recht auf eine Sache und die Vorstellungdie Unrecht

genannt wird ist der Einbruch in dieses Recht oder seine Verletzung Bei

solcher Feststellung der Vorstellungen und der ihnen gegebenen Namen kann die

Wahrheit dieses Satzes ebenso sicher erkannt werden, als dass die drei Winkel

des Dreiecks zweien rechten gleich sind. Ebenso bezeichnet in dem Satze »Kein

Staat genießt unbedingte Freiheit« das Wort Staat die Einrichtung einer

Gesellschaft nach gewissen Regeln und Gesetzen denen man sich fügen muss und

die Vorstellung einer unbedingten Freiheit bedeutet dass man tun kann was

beliebt Hiernach kann die Wahrheit dieses Satzes ebenso sicher eingesehen

werden wie die irgend eines Satzes in der Mathematik.

     19 Zweierlei hat die entgegengesetzte Meinung veranlasst die große

Zusammensetzung der moralischen Begriffe und der Mangel an sinnlichen

Gegenständen dafür Wenn die Vorstellungen der Größen hier in Vorteil

gekommen und allein des Beweises und der Gewissheit für fähig erachtet worden

sind, so kommt dies erstens davon dass sie durch sichtbare Zeichen dargestellt

und befestigt werden können, die ihnen näher stehen als die bloßen Worte und

Laute Die auf dem Papier verzeichneten Figuren sind Abbilder der Vorstellungen

und sind der Unsicherheit die der Bedeutung der Worte anhaftet nicht

unterworfen Ein hingezeichneter Winkel Kreis oder ein Viereck liegt dem Blick

offen vor und kann nicht missverstanden werden sie bleiben unverändert und

können mit Müsse betrachtet und geprüft werden der Beweis kann durchgegangen

und alle seine Theile können wiederholt untersucht werden ohne dass man zu

fürchten braucht dass die Vorstellungen sich verändern Dies ist bei

moralischen Begriffen unmöglich es fehlen hier solche sinnliche Zeichen für

ihre Festhaltung es sind nur Worte für ihre Bezeichnung vorhanden die zwar in

der Schrift sich nicht verändern aber doch die Veränderung der Vorstellungen in

demselben Menschen nicht hindern und meist sind sie bei verschiedenen Personen

auch selbst verschieden

    Zweitens kommt die größere Schwierigkeit bei sinnlichen Fragen von der

größeren Zusammensetzung der meisten sinnlichen Begriffe im Vergleich zu den in

der Mathematik gewöhnlich behandelten Figuren Daraus ergeben sich die

Übelstände 1 dass die Worte für jene eine schwankendere Bedeutung haben

indem man sich über die bestimmte Zahl der einfachen Vorstellungendie sie

bezeichnen nicht so leicht vereinigt und daher das im Gespräch immer und im

Denken oft gebrauchte Zeichen nicht immer dieselbe Vorstellung bedeutet Hieraus

entspringt dieselbe Unordnung Verwirrung und Unwahrheit als wenn man bei dem

Beweise für ein Siebeneck in der betreffenden Figur eine Ecke weglässt oder aus

Unachtsamkeit eine mehr hinzeichnet als man bei der ersten Überdenkung des

Beweises im Sinne hatte Bei verwickelten moralischen Begriffen kommt das oft

vor es ist da kaum zu vermeiden wo zu demselben Worte das eine Mal ein Winkel

dh eine einfache Vorstellung ausgelassen und das andere Mal zu viel zugesetzt

wird 2 Aus dieser Verwickelung der moralischen Begriffe folgt weiter dass

diese Begriffe sich nicht leicht so genau behalten lassen als die vollständige

Prüfung ihrer Richtungen auf einander und ihrer Verbindungen Übereinstimmungen

oder Nichtübereinstimmungen zu einander erfordert namentlich wenn dies durch

lange Ausführungen und die Vermittlung anderer verwickelter Begriffe geschehen

muss Hier zeigt sich die große Hülfe welche die Mathematiker in ihren Zeichen

und Figuren haben denn ohnedem würde das Gedächtnis sie schwerlich so genau

behalten wenn die Theile Schritt vor Schritt durchgegangen werden müssten um

ihre Übereinstimmung zu prüfen Bei dem ausrechnen großer Zahlen durch

Addition Multiplikation oder Division ist jeder Teil allerdings nur ein

Schritt der Seele die ihre eigenen Vorstellungen dabei beschaut und ihre

Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung erfasst die Lösung der Aufgabe ist

nur das Ergebnis der aus solchen Teilen die die Seele klar erfasst

bestehenden ganzen Arbeit Allein wenn die einzelnen Theile nicht ihre

sinnlichen Zeichen erhielten deren Bedeutung bekannt ist und wenn diese

Zeichen nicht sichtbar blieben trotzdem dass das Gedächtnis sie hat

entschlüpfen lassen so würde das Festhalten so vieler Vorstellungen der Seele

nicht möglich sein es würden einzelne Theile der Rechnung verwechselt oder

ausgelassen und damit die ganze Arbeit vergeblich werden Die Ziffern und

Zeichen dienen zwar keineswegs zur Erkenntnis der Übereinstimmung zweier oder

mehrerer Zahlen ihrer Gleichheit und ihres Verhältnisses diese gewinnt die

Seele nur durch die Anschauung ihrer Zahlenvorstellungen selbst allein diese

Zahlzeichen unterstützen das Gedächtnis in Festhaltung oder Zurückweisung der

Vorstellungenin denen der Beweis geführt wird und man ersieht daraus wohin

die äußerliche Erkenntnis der einzelnen Stücke im Fortgange führt Man kann

deshalb ohne Verwirrung zu dem noch Unbekannten vorschreiten und zuletzt mit

einem Blick das Ergebnis all dieser Auffassungen und Gründe überschauen

     20 Hilfsmittel gegen diese Schwierigkeiten Ein Teil dieser

Übelstände bei den moralischen Begriffen weshalb man sie nicht für beweisbar

hält kann durch Definitionen welche die Verbindung der einfachen Vorstellungen

darlegen die die einzelnen Ausdrücke bezeichnen und durch einen stetigen

dieser Aufzählung genau entsprechenden Gebrauch derselben nicht beseitigt

werden Auch kann man nicht vorhersagen welche Verfahrungsweisen die Algebra

oder andere ähnliche Wissenschaften später für die Beseitigung dieser

Schwierigkeiten darbieten werden Sicherlich würde wenn man in der gleichen

Weise und mit derselben Unbefangenheit die moralischen Fragen behandeln wollte

wie es mit den mathematischen geschieht sich zeigen dass sie in engerer

Verbindung mit einander stehen sich aus unseren klaren und deutlichen Begriffen

bestimmter ableiten lassen und den bewiesenen Wahrheiten näher kommen würden

als man gewöhnlich annimmt Indes wird sich schwerlich viel davon

verwirklichen denn die Begierde nach Ehre Reichtum und Macht verleitet die

Menschen sich mit den gutausgestatteten Ansichten wie sie gerade Mode sind zu

vermählen und nach Gründen zu suchen die ihre Schönheit auch tugendhaft machen

oder ihre Hässlichkeit durch Schminke ganz verhüllen sollen denn Nichts ist für

das Auge so schön wie die Wahrheit für die Seele und Nichts ist so hässlich und

abstoßend für den Verstand als die Lüge Mancher gesteht sich im Stillen mit

Befriedigung dass seine Frau nicht schön ist aber Niemand ist so dreist offen

einzuräumen dass er mit der Unwahrheit sich vermählt und in sein Herz ein so

hässliches Ding wie die Lüge eingeschlossen habe Wenn alle Parteien ihre

Glaubenssätze allen Leuten einpfropfen die sie erreichen können und ihnen

deren Prüfung nicht gestatten und wenn man der Wahrheit kein freies Spiel in

der Welt gewährt und die Menschen nicht danach suchen lässt welche Fortschritte

lassen sich da erwarten Wie kann man da eine Besserung in den

MoralWissenschaften hoffen Der unterworfene Teil der Menschheit würde beinahe

überall statt solcher Besserung neben einer ägyptischen Sklaverei auch einer

ägyptischen Finsternis gewärtig sein müssen hätte der Herr nicht in der Seele

des Menschen ein Licht angezündet welches der Atem und die Macht der

Gewalthaber nicht ganz ersticken kann

     21 4 Bezüglich des wirklichen Daseins hat man ein anschauliches Wissen

von dem eigenen Dasein ein beweisbares von Gottes Dasein und ein wahrnehmbares

von einigen anderen Dingen Was die vierte Art unseres Wissens anlangt nämlich

die von dem wirklichen Sein der Dinge, so hat man ein anschauliches Wissen von

seinem eigenen Dasein und ein beweisbares Wissen von dem Dasein Gottes Von dem

Dasein sonstiger Dinge haben wir nur ein wahrnehmendes Wissen welches sich

nicht weiter als die von den Sinnen wahrgenommenen Dinge erstreckt

     22 Unser Nichtwissen ist groß Da unser Wissen so beschränkt ist wie

ich gezeigt habe so wird der jetzige Zustand unserer Seele vielleicht einiges

Licht erhalten wenn ich ein wenig nach der dunklen Seite blicke und unser

Nichtwissen überschaue Es ist unendlich viel ausgedehnter als unser Wissen.

Dies mag die Streitigkeiten stillen helfen und zur Verbesserung des Wissens

beitragen Denn wenn man weiß wie weit sich die klaren und deutlichen

Vorstellungen erstrecken so kann man sein Denken auf die Dinge beschränken die

in dem Bereich unseres Wissens liegen und braucht sich nicht in jenen Abgrund

voll Dunkelheit zu stürzen wo man keine Augen zu sehen und keine Vermögen

Etwas zu begreifen hat bloß weil man sich anmaßt dass Nichts unsere

Fassungskraft übersteige Um die Torheit solcher Meinung darzulegen braucht

man nicht weit zu gehen Wer irgend Etwas weiß weiß damit vor Allem dass er

nicht weit für Beispiele seiner Unwissenheit zu suchen braucht Die gemeinsten

und augenfälligsten Dinge die uns in den Weg kommen haben ihre dunklen Seiten

in welche das schärfste Auge nicht eindringen kann Bei jedem Stoffteilchen

befindet sich der klarste und ausgedehnteste Verstand denkender Männer in

Verlegenheit und man wird sich darüber um so weniger wundern wenn man die

Ursachen unserer Unwissenheit erwägt Es sind deren nach dem Bisherigen drei 1

der Mangel an Vorstellungen 2 der Mangel einer entdeckbaren Verbindung unserer

Vorstellungen; 3 der Mangel in Auffindung und Prüfung unserer Vorstellungen.

     23 1 Die fehlenden Vorstellungen sind entweder solche von denen man

keinen Begriff hat oder solche die man im Einzelnen nicht hat Erstens gibt

es Dinge und zwar sehr viele die man nicht weiß weil die Vorstellungen

mangeln Denn 1 sind alle unsere einfachen Vorstellungen wie ich gezeigt habe

auf die von körperlichen Gegenständen durch die Sinne empfangenen und auf die

von der Tätigkeit der eigenen Seele als den Gegenständen der

Selbstwahrnehmung beschränkt Dass diese wenigen und engen Einlasse nicht dem

ganzen weiten Umfang alles Seienden entsprechen werden Die leicht einsehen

welche nicht gleich Narren ihre Spanne Verstand für das Maß aller Dinge

halten Welche anderen einfachen Vorstellungen möglicherweise die Geschöpfe an

anderen Orten des Weltalls, vermittelst zahlreicherer oder vollkommenerer Sinne

und Vermögen als die unsrigen haben lässt sich nicht bestimmen aber wenn man

sagt oder denkt dass dies nicht der Fall sei weil man sie sich nicht

vorstellen könne so gleicht dieser Grund dem wo ein Blinder behauptet es gäbe

kein Sehen und keine Farben weil er von solchen Dingen durchaus keine

Vorstellung habe und sich keinen Begriff über das Sehen bilden könne Unsere

Unwissenheit und Finsternis hindert oder beschränkt das Wissen Anderer so

wenig wie die Blindheit des Maulwurfs das schärfe Gesicht des Adlers Bedenkt

man die grenzenlose Macht Weisheit und Güte des Schöpfers in allen Dingen so

wird man nicht glauben dass Alles für ein so unbeträchtliches geringes und

ohnmächtiges Wesen wie der Mensch ist offengelegt sein müsse der aller

Wahrscheinlichkeit nach zu den niedrigsten geistigen Wesen gehört Wir wissen

daher nicht, welche Vermögen andere Geschöpfe haben um in die Natur und

innerste Verfassung der Dinge einzudringen und welche von den unsrigen ganz

verschiedene Vorstellungen sie davon empfangen mögen Aber so viel wissen wir

mit Gewissheit dass uns viele Anschauungen neben den unsrigen fehlen um die

Dinge vollkommener zu erfassen auch werden die durch unsere Vermögen gewonnenen

Vorstellungen überdem den Dingen selbst nicht eben genau entsprechen da schon

die einheitliche klare und deutliche Vorstellung der Substanzwelche die

Grundlage aller andern bleibt uns versagt ist Indes kann der Mangel solcher

Vorstellungender ein Teil und eine Ursache unseres Nichtwissens ist nicht

bestritten werden nur so viel lässt sich sagen dass hier die sinnliche und die

geistige Welt einander ganz gleich stehen und dass Das was wir von beiden

wahrnehmen in keinem Verhältnis zu dem Nichtwahrgenommenen steht und dass das

mit unserem Sinnen oder Denken Erfasste nur ein Punkt ist und beinahe Nichts im

Vergleich zu dem Übrigen

     24 Wegen ihrer Entfernung Zweitens liegt eine andere große Ursache

unserer Unwissenheit in dem Mangel solcher Vorstellungen deren wir an sich

fähig sind Der Mangel an Vorstellungen für die wir überhaupt nicht die

Vermögen besitzen schließt uns ganz von der Wahrnehmung der Dinge aus die

vollkommenere Wesen wahrscheinlich kennen und von denen wir Nichts wissen

dagegen hält der Mangel der Vorstellungenvon denen ich jetzt spreche uns in

Unwissenheit über Dinge die wir wissen könnten So haben wir die Vorstellungen

der Größe Gestalt und Bewegung allein trotz dieser Vorstellungen von den

ersten Eigenschaften der Körper im Allgemeinen wissen wir doch die besondere

Größe Gestalt und Bewegung von den meisten einzelnen Körpern des Weltalls

nicht und ebenso wenig die Kräfte Wirksamkeiten und die Wege derselben

wodurch die Wirkungen, die wir täglich sehen hervorgebracht werden. Manches

davon bleibt aus verborgen weil es zu entfernt ist Anderes weil es zu klein

ist Gegenüber den weiten Entfernungen der bekannten und sichtbaren Theile der

Welt und in Erwägung dass das in unseren Gesichtskreis Fallende nur einen

kleinen Teil des Weltalls ausmacht zeigt sich ein ungeheurer Abgrund von

Nichtgewusstem Welche besonderen Einrichtungen in den großen Stoffmaßen für

die staunenswerten Gestaltungen der körperlichen Dinge bestehen wie weit sie

reichen wie ihre Bewegung geht und sich mittheilt und wie sie einander

beeinflussen sind Betrachtungen in die bei deren erstem Auftreten schon unser

Denken sich verliert Beschränkt man den Gesichtskreis und denkt man nur an die

kleine Abtheilung welche unser Sonnensystem ausmacht und die großen

Stoffmaßen die sich hier sichtbar um die Sonne bewegen so zeigt sich wie

mancherlei Arten von Pflanzen Tieren und geistigkörperlichen Wesen weit

verschieden von denen auf unserer Erde auf anderen Planeten bestehen mögen von

denen wir nicht einmal die Gestalt und äußeren Theile wissen können so lange

wir an diese Erde gebannt sind da weder die Sinnes noch Selbstwahrnehmung ein

Mittel bietet Vorstellungen davon unserer Seele zuzuführen Alles das liegt

außer dem Bereich der Kanäle unseres Wissens und wie die Bewohner dieser

Wohnungen beschaffen sein mögen kann man nicht einmal erraten geschweige klar

und deutlich sich vorstellen

     25 Oder wegen ihrer Kleinheit Wenn ein großer und vielleicht der

größte Teil der verschiedenen Klassen von Körpern des Weltalls unserem Wissen

durch deren Entfernung entzogen ist so bleiben uns andere nicht weniger durch

ihre Kleinheit verborgen Jene unsichtbaren Körperchen bilden die tätigen

Theile des Stoffes und das bedeutendste Werkzeug der Natur; von ihnen hängen

nicht allein alle zweiten Eigenschaften ab sondern auch die meisten ihrer

natürlichen Wirksamkeiten allein es fehlen uns die genauen Vorstellungen ihrer

ersten Eigenschaften und so bleiben wir in einer unheilbaren Unwissenheit über

Das was sie betrifft Vermöchte man die Gestalt Größe das Gewebe und die

Bewegung der kleinsten Theile zweier Körper zu entdecken so würde man auch ohne

Versuche manche ihrer Einwirkungen auf einander ebenso kennen wie es jetzt mit

denen eines Vierecks oder Dreiecks der Fall ist. Wenn man die mechanischen

Einwirkungen der Teilchen des Rhabarber des Schierlings des Opiums und des

Menschen kennte so wie der Uhrmacher die Theile in seinen Uhren vermittelst

welcher sie wirken und die einer Feile kennt durch deren Reiben die Gestalt

der Räder geändert wird so würde man vorhersagen können dass Rhabarber

abführt Schierling tötet und Opium einschläfert wie der Uhrmacher vorhersagen

kann dass ein Stückchen Papier was zwischen die Uhrfeder gelegt wird die Uhr

so lange zum Stehen bringen wird bis es weggenommen ist und dasswenn ein

kleines Stück der Uhr abgefeilt wird die Maschine ihre Bewegung verlieren und

die Uhr stillstehen werde Weshalb Silber in Scheidewasser und Gold in

Königswasser sich auflöst aber nicht umgekehrt würde dann vielleicht ebenso

gut angegeben werden können, wie jetzt ein Schmied angeben kann weshalb dieser

Schlüssel das Schloss öffnet und der andere nicht Da oft unsere Sinne nicht

scharf genug sind um die kleinsten Körperteilchen zu erkennen und uns

Vorstellungen von deren mechanischen Einwirkungen zu geben so müssen wir auch

in Unwissenheit über ihre Eigenschaften und Wirksamkeiten bleiben und wir

kommen hier nicht über Das hinaus was einzelne Versuche erreichen lassen ohne

dass man weiß ob sie in einem anderen Falle wieder eintreffen Das hindert das

sichere Wissen der allgemeinen Wahrheiten über die Naturkörper und unsere

Vernunft führt uns nur wenig über einzelne besondere Tatsachen hinaus

     26 Deshalb gibt es keine Wissenschaft von den Körpern.) Ich möchte

deshalb zweifeln ob trotz aller Fortschritte der Menschheit in Erfindungen und

den Erfahrungskenntnissen bezüglich der Natur die wissenschaftliche Erkenntnis

derselben je erreicht werden wird da wir nicht einmal vollständige und

entsprechende Vorstellungen von den Körpern haben die uns am nächsten und

unserem Willen am meisten untertan sind Von allen denen die wir in Klassen

geordnet und benannt haben und mit denen wir uns für am meisten vertraut

halten haben wir nur unvollständige Vorstellungen Allerdings haben wir

bestimmte Vorstellungen der Arten von Körpern welche von den Sinnen geprüft

werden können, aber schwerlich entsprechende Vorstellungen von einem einzigen

Jene Vorstellungen mögen für den täglichen Bedarf und Verkehr genügen allein da

die entsprechenden Vorstellungen uns abgehen so ist eine wissenschaftliche

Erkenntnis und die Entdeckung allgemeiner belehrender und unzweifelhafter

Wahrheiten über dieselben uns unmöglich Wir dürfen hier keine Sicherheit und

keine Beweise verlangen Vermittelstder Farbe Gestalt des Geschmacks und

Geruchs und der übrigen sinnlichen Eigenschaften sind unsere Vorstellungen vom

Salbey und Schierling so klar und deutlich wie vom Dreieck und Kreise allein

wir kennen die besonderen ersten Eigenschaften der kleinsten Theile dieser

Pflanzen und anderer Körper auf die wir jene anwenden möchten nicht und

deshalb können wir auch ihre Wirkungen nicht voraussagen und selbst wenn wir

sie sehen können wir die Art der Hervorbringung nicht wissen ja nicht einmal

erraten Indem uns so die Vorstellungen von den besonderen mechanischen

Einwirkungen der kleinsten Theile von den in unserem Sinnenbereich befindlichen

Körpern abgehen kennen wir weder ihre Verfassung noch ihre Kräfte und

Wirksamkeiten und bezüglich der entfernteren Körper sind wir noch unwissender

da wir kaum ihre äußere Gestalt und die gröberen sinnlichen Theile ihrer

Zusammensetzung kennen

     27 Noch weniger von den Geistern Dies zeigt zunächst wie ungenügend

unser Wissen schon für den ganzen Umfang der stofflichen Gegenstände ist dazu

kommt aber noch dass unzählige Geister bestehen mögen die wir noch weniger

kennen von denen wir keine Einsicht besitzen und nicht einmal die

verschiedenen Ordnungen und Arten derselben uns vorstellen können Deshalb ist

beinahe die ganze geistige Welt für uns in ein undurchdringliches Dunkel

gehüllt obgleich sie sicherlich großer und schöner als die stoffliche ist

Einige wenige und ich möchte sagen oberflächliche Vorstellungen über Geister

ausgenommen welche wir durch die Betrachtung unseres eigenen Geistes erlangen

und die daraus abgeleiteten höchsten Vorstellungen von dem Vater aller Geister

welcher der unabhängige Urheber ihrer unserer und aller Dinge ist haben wir

die Gewissheit von dem Dasein anderer Geister nur durch göttliche Offenbarung

Alle Engel sind natürlich für uns nicht erkennbar und alle jene Geister von

denen es mehr Rangordnungen wie bei den körperlichen Substanzen geben mag sind

Gegenstände von denen unsere natürlichen Kräfte uns gar keine Auskunft geben

Dass eine Seele und ein Denken bei anderen Menschen ebenso wie bei mir selbst

besteht kann ich aus deren Worten und Handlungen abnehmen und die Erkenntnis

der eigenen Seele führt notwendig zur Kenntnis von dem Dasein Gottes aber

kein Suchen und keine Kunst kann das Wissen von den verschiedenen Abstufungen

der Geister geben die zwischen uns und dem großen Gott bestehen und noch

weniger kennen wir ihre verschiedenen Naturen Bedingungen Zustände Kräfte und

Verfassungen durch die sie sich von einander und von uns unterscheiden wir

befinden uns deshalb über ihre Arten und Eigenschaften in vollständiger

Unwissenheit

     28 2 Der Mangel einer erkennbaren Verbindung zwischen unseren

Vorstellungen Zweitens Wir haben gesehen wie der Mangel an Vorstellungen

unser Wissen nur auf einen kleinen Teil der in der Welt vorhandenen Substanzen

beschränkt Daneben liegt eine nicht geringere Ursache unserer Unwissenheit in

dem Mangel der erkennbaren Verbindungen unserer Vorstellungen; denn wo diese

fehlt bleibt ein allgemeineres sicheres Wissen unmöglich Wir bleiben dann bei

den Substanzen nur auf die Beobachtung und die Versache angewiesen und ich

brauche nicht zu sagen wie enge und beschränkt dieses Wissen ist und wie weit

es von der Allgemeinheit entfernt bleibt Ich will hier nur einige Beispiele

anführen Es ist klar dass die Größe Gestalt und Bewegung der Körper rings um

uns die verschiedenen Empfindungen der Farben Töne Geschmäcke Gerüche der

Lust des Schmerzes usw in uns hervorbringen Diese mechanischen Einwirkungen

der Körper haben aber durchaus keine Verwandtschaft mit den Vorstellungendie

sie in uns erregen denn es gibt keine begreifliche Verbindung zwischen dein

Stoß irgend eines Körpers und der Wahrnehmung irgend einer Farbe eines Geruchs

usw in der Seele und kann man deshalb über die Erfahrung hinaus kein

Wissen von diesen Wirksamkeiten haben sondern nur sagen dass diese Wirkungen

in Folge der Anordnung eines allweisen Wesens geschehen und unsere

Begriffsvermögen übersteigen Sowie unsere Vorstellungen der sinnlichen zweiten

Eigenschaften auf keine Weise aus körperlichen Ursachen abgeleitet noch eine

Verbindung oder Ähnlichkeit zwischen amen und den ersten Eigenschaften die

sie wie die Erfahrung zeigt veranlassen aufgefunden werden kann, so ist auch

auf der anderen Seite die Wirksamkeit der Seele auf den Körper nicht minder

unbegreiflich Wie ein Gedanke die Bewegung eines Körpers bewirken könne liegt

unseren Vorstellungen ebenso fern wie dass ein Körper einen Gedanken

hervorbringen kann Lehrte es uns nicht die Erfahrung, so würde die Betrachtung

der Dinge allein es uns nie erkennen lassen Obgleich hier also eine

regelmäßige und feste Verbindung im gewöhnlichen Lauf der Dinge besteht so ist

sie doch in den Vorstellungen selbst nicht zu entdecken vielmehr zeigt sich

jede selbstständig und deshalb kann man ihre Verbindung nur aus dem freien

Beschluss jenes allweisen Wesens ableiten das sie geschaffen und ihr Wirken so

bestimmt hat wie wir mit unserem schwachen Verstande zu begreifen unvermögend

sind

     29 Beispiele Bei manchen Vorstellungen sind gewisse Beziehungen

Richtungen und Verbindungen so sichtbar in ihrer Natur selbst enthalten dass

man sie für ganz untrennbar halten muss Nur hier ist ein sicheres und

allgemeineres Wissen möglich So führt die Vorstellung eines geradlinigen

Dreiecks notwendig zur Gleichheit seiner Winkel mit zwei rechten Dabei kann

man sich nicht vorstellen dass diese Beziehung und Verbindung beider

Vorstellungen je geändert werden oder bloß von einem Belieben abhängen könnte

was es so oder auch anders hätte einrichten können Dagegen können wir in dem

Zusammenhange und der Stetigkeit der Stoffteile in dem Entstehen der

Empfindungen von Farben Tönen usw in uns durch Stoß und Bewegung ja in den

ursprünglichen Gesetzen der Bewegung und ihrer Mittheilung keine Verbindung

unserer Vorstellungen derselben entdecken und müssen sie deshalb nur dem

willkürlichen Beschluss und Gutbefinden des weisen Baumeisters zuschreiben Ich

erwähne hier nicht der Auferstehung von den Toten des künftigen Zustandes

dieser Erde und Anderes welches anerkanntermaßen lediglich von dem Beschlüsse

eines freien Wesens abhängt Wo so weit unsere Erfahrung reicht eine

regelmäßige Wirksamkeit der Dinge besteht da mag man sie von einem bestehen den

Gesetze ableiten aber doch nur von einem Gesetze das wir nicht kennen die

Ursache mag hier gleichmäßig wirken und die Folge regelmäßig daraus

abfließen allein da ihre Verbindung und Abhängigkeit in unseren Vorstellungen

nicht erkennbar ist so ist hier nur ein ErfahrungsWissen möglich Aus alledem

ergibt sich in welche Dunkelheit wir eingehüllt sind und wie wenig wir von

dem Sein und den Dingen zu wissen vermögen Wir tun deshalb unserem Wissen kein

Unrecht wenn wir uns bescheiden dass wir weder die ganze Natur des Weltalls

und aller in ihm enthaltenen Dinge erfassen noch eine wissenschaftliche

Erkenntnis der uns umgebenden und einen Teil von uns ausmachenden Körper

erreichen können und dass selbst von ihren zweiten Eigenschaften Kräften und

Wirksamkeiten ein allgemeines Wissen nicht erlangt werden kann. Vieles fällt

täglich in den Bereich unserer Sinne und so weit hat man davon eine sinnliche

Kenntnis allein die Ursachen, Weisen und die Gewissheit dieser Vorgänge

bleiben uns aus den erwähnten zwei Gründen unerreichbar Hier kann man nicht

weiterkommen als die Erfahrung uns über die Tatsachen belehrt und die Analogie

uns vermuten lässt dass gleiche Körper in gleicher Lage auch gleiche Wirkungen

haben werden Dagegen liegt ein vollkommenes Wissen der Naturkörper selbst

abgesehen von den Geistern unserem Vermögen so fern, dass ich alle Mühe darum

für rein verloren halte

     30 3 Der Mangel an Auffindung unserer Vorstellungen.) Drittens können

wir selbst da wo wir entsprechende Vorstellungen haben und wo eine sichere und

erkennbare Verbindung zwischen ihnen besteht oft unwissend bleiben weil wir

die Vorstellungendie wir haben oder haben könnten nicht auffinden und weil

das auch für die vermittelnden Vorstellungen gilt die uns zeigen welche

Richtung auf Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung unter ihnen besteht So

verstehen Viele Nichts von der Mathematik; nicht aus Unvollkommenheit ihrer

Anlagen oder Ungewissheit des Gegenstandes, sondern weil sie nicht den gehörigen

Fleiß in Erwerb Prüfung und gehöriger Vergleichung dieser Vorstellungen

angewendet haben Der falsche Gebrauch der Worte mag hier am meisten die

Auffindung dieser Vorstellungen gehindert haben Niemand kann wahrhaft versuchen

oder sicher ausfinden ob Vorstellungen mit einander stimmen oder nicht wenn

seine Gedanken unstet umherfliegen oder an zweideutigen und schwankenden Worten

hängen bleiben Dadurch dass die Mathematiker ihre Gedanken von den Worten

abgewendet und sich an die Betrachtung der zu untersuchenden Vorstellungen

selbst gewöhnt haben und nicht an die bloßen Laute haben sie viel von jenen

Schwierigkeiten jenem Mischmasch und Verwirrung vermieden die den Fortschritt

der andern Wissenschaften so gehindert haben Wenn man an unsichere und

zweideutige Worte sich heftet kann man in seinen Ansichten die Wahrheit von dem

Irrtum das Gewisse von dem Wahrscheinlichen das Verträgliche von dem

Unverträglichen nicht unterscheiden Viele gelehrte Männer haben dieses

Schicksal oder Unglück gehabt und deshalb ist der Zuwachs in dem Vorrat wahrer

Kenntnisse nur gering geblieben wenn man damit die Schulen Streitigkeiten und

Bücher vergleicht von denen die Welt angefüllt worden istIndem die Schüler

sich in den dichten Wald von Worten verloren wussten sie nicht mehr wo sie

waren wie weit ihre Kenntnisse reichten und was noch in ihnen und in dem

allgemeinen Vorrat des Wissens fehlte Wenn man bei der Entdeckung der

stofflichen Welt so wie bei der geistigen Welt verfahren wäre wenn man sich in

die Dunkelheit schwankender und zweideutiger Ausdrucksweisen gehüllt wenn man

nur Bücher über Schifffahrt und Seewesen geschrieben hätte und Theorien und

Geschichten über Erdzonen und Ebbe und Flut zu Tage gefördert und sich darüber

gestritten hätte ja wenn mm selbst Schiffe gebaut und Flotten ausgesendet

hätte so wurde das uns doch nie den Weg über den Äquator hinaus gezeigt haben

und die Gegenfüßler würden heute noch so unbekannt sein als zu der Zeit wo es

für Ketzerei galt an solche zu glauben Dies mag genug sein in Bezug auf die

Worte und deren leichtsinnigen Gebrauch

     31 Die Ausdehnung des Wissens in Bezug auf seine Allgemeinheit Bisher

habe ich die Ausdehnung des Wissens in Rücksicht auf die verschiedenen

vorhandenen Dinge untersucht Indes besteht noch eine andere Ausdehnung

desselben in Bezug auf seine Allgemeinheit die ebenfalls der Betrachtung wert

ist Hier folgt das Wissen der Natur unserer Vorstellungen. Wenn die

Vorstellungen allgemein sind um deren Übereinstimmung oder

Nichtübereinstimmung es sich handelt so ist auch das Wissen allgemein denn was

man durch solche allgemeine Vorstellungen weiß gilt von jedem einzelnen Dinge

in dem dieses Wissen dh die allgemeine Vorstellung sich findet und das was

man einmal an einer solchen Vorstellung erkannt hat bleibt wahr für immer

Deshalb muss das allgemeine Wissen lediglich in unserer Seele gesucht und

aufgefunden werden und nur durch Prüfung unserer eigenen Vorstellungen kann

man sich dasselbe verschaffen Die das Wesen der Dinge dh die allgemeinen

Vorstellungen betreffenden Wahrheiten gälten ewig und können nur durch

Betrachtung dieses Wesens aufgefunden werden sowie das Dasein der Dinge sich

bloß durch Erfahrung kennen lernen lässt Da ich hierüber noch mehr in dem

Kapitel über allgemeines und wirkliches Wissen zu sagen habe so mag hier dies

über die Allgemeinheit unseres Wissens Gesagte vorläufig genügen

 
 






     1 Der Einwand dass alles Wissen da es nur Vorstellungen behandelt

bloßer Schein sei Ich fürchte meine Leser mögen schon lange gemeint haben

dass ich nur an einem Luftschlosse baue und dass sie mir sagen »Wozu all dies

Bemühen Das Wissen ist nach Ihnen nur die Auffassung von der Übereinstimmung

oder Nichtübereinstimmung unserer eigenen Vorstellungen allein wer weiß denn

was diese Vorstellungen sind Gibt es etwas Maßloseres als die

Einbildungskraft des Menschen Wo ist der Mann der nicht Chimären in seinem

Kopfe hat Und wenn es einen mäßigen und weisen Mann gibt wie unterscheidet

sich denn nach Ihren Regeln sein Wissen von dem der ausgelassensten Phantasie

Beide haben ihre Vorstellungen und beide erfassen deren Übereinstimmung oder

Nichtübereinstimmung Sind sie verschieden so ist der Vorteil jedenfalls auf

Seiten des heißblütigen Mannes der mehr und lebhaftere Vorstellungen hat und

daher nach Ihren Regeln auch ein größeres Wissen Wenn wirklich alles Wissen

nur in der Erfassung der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung der eigenen

Vorstellungen besteht so sind die Traumbilder eines Phantasten und die

Begründungen eines gesetzten Mannes gleich gewiss Kommt es nicht auf die Dinge

selbst an so genügt es zur Wahrheit und Gewissheit dass man nur die

Übereinstimmung seiner eigenen Phantasiegebilde beleuchte und demgemäß

spreche Dann sind solche Luftschlösser ebenso feste Burgen der Wahrheit wie die

Beweise des Euklid Dass eine Harpye kein Zentaurist bildet hiernach ein

sicheres Wissen und ist so wahr als dass der Kreis kein Viereck ist  Was soll

aber all dieses feine Wissen um die eigenen Einbildungen für die Erfassung der

wirklich bestehenden Dinge nützen Es kommt nicht auf Das an was man sich

einbildet man verlangt nach der Erkenntnis der Dinge; nur diese geben unseren

Beweisen Werth und stellen das Wissen des einen Menschen über das des andern«

     2 Ich antworte dass dies nicht der Fall wenn die Vorstellungen mit den

Dingen übereinstimmen Ich antworte darauf dasswenn unser Wissen mit dem

Wissen der Vorstellungen endet und nicht weiter reicht so kann das ernsteste

Nachdenken darüber hinaus so wenig helfen wie die Träume eines verrückten

Gehirns die darauf gebauten Wahrheiten haben keine höhere Bedeutung als die

Reden eines Menschen welcher in seinen Träumen die Dinge deutlich erkennt und

darüber mit großer Sicherheit spricht Indes hoffe ich noch deutlich zu

zeigen dass dieser Weg zur Gewissheit vermittelst des Wissens der eigenen

Vorstellungen etwas mehr als bloße Einbildung ist und es wird sich finden

dass die Gewissheit aller allgemeinen Wahrheiten nur darauf beruht

     3 Es ist klar dass die Seele die Dinge nicht unmittelbar kennt sondern

nur durch die Vorstellungen von ihnen Unser Wissen ist daher insoweit wirklich

als eine Übereinstimmung zwischen unseren Vorstellungen und der Wirklichkeit

der Dinge besteht Welches Kennzeichen gibt es aber hierfür Wie soll die

Seele wenn sie nur ihre eigenen Vorstellungen erfasst wissen dass sie mit den

Dingen selbst übereinstimmen Obgleich dies seine Schwierigkeit hat so gibt es

doch zwei Arten von Vorstellungenvon deren Übereinstimmung mit den Dingen man

überzeugt sein kann

     4 Dies ist 1 bei allen einfachen Vorstellungen der Fall Die erste

bilden die einfachen Vorstellungen Denn da diese die Seele nicht selbst bilden

kann so müssen sie das Ergebnis der auf die Seele in natürlicher Weise

einwirkenden Dinge sein diese bringen darin die Wahrnehmungen hervor welche

die Weisheit und der Wille unseres Schöpfers bestimmt und eingerichtet hat

Hieraus folgtdass die einfachen Vorstellungen keine Gebilde der Phantasie

sind sondern die regelmäßigen und natürlichen Erzeugnisse der äußeren Dinge

wenn sie auf uns wirken und alle die Übereinstimmung mit sich führen die

beabsichtigt ist oder die unsere Lage verlangt Denn sie stellen die Dinge in

den Erscheinungen uns dar zu deren Erzeugung sie geschickt sind und wir

vermögen dadurch die einzelnen Arten und Substanzen zu unterscheiden ihre

Zustände zu erkennen und sie so für unsere Bedürfnisse und unseren Nützen zu

verwenden So entspricht zB die Vorstellung des Weißen oder Bitteren in der

Seele genau der Kraft im dem Körper wodurch sie hervorgebracht wird und hat

damit wirklich all die Übereinstimmung, die sie mit den äußeren Dingen haben

kann oder soll Diese Übereinstimmung zwischen unseren einfachen Vorstellungen

und den bestehenden Dingen genügt für das wirkliche Wissen

     5 2 Bei allen zusammengesetzten Vorstellungenmit Ausnahme der

Substanzen Zweitens können alle zusammengesetzten Vorstellungendie der

Substanzen ausgenommen nicht der Übereinstimmung ermangeln welche zum

wirklichen Wissen gehört Denn sie sind Urbilder welche die Seele selbst

gebildet hat und sollen keine Dinge darstellen noch auf das Dasein eines

solchen als ihres Urbildes sich beziehen was weiter nichts als sich selbst

darstellen soll kann aber niemals unrichtig darstellen oder von der richtigen

Auffassung eines Gegenstandes ablenken und der Art sind alle zusammengesetzten

Vorstellungenmit Ausnahme derer von den Substanzen Sie sind wie ich früher

gezeigt habe Verbindungen von Vorstellungenwelche die Seele nach freier Wahl

vereint ohne auf deren Verbindungen in der Natur zu achten Deshalb gelten hier

diese Vorstellungen selbst als die Muster und bei den Dingen fragt man nur ob

sie ihnen entsprechen Deshalbist sicherlich alle erlangte Kenntnis von

diesen Vorstellungen eine wirkliche die Sache selbst erfassende und in allem

Denken Begründen und Sprechen hierüber meint man die Dinge nur so weit als sie

diesen Vorstellungen entsprechen Deshalb kann uns hier die sichere und

zweifellose Wirklichkeit nicht fehlen

     6 Hierauf beruht die Wirklichkeit der mathematischen Wissenschaften Es

ist anerkannt dass die Kenntnis der mathematischen Wahrheiten nicht bloß ein

gewisses sondern auch ein wirkliches Wissen ist und nicht das leere Gebilde

nichtssagender Chimären des Gehirns Dennoch zeigt es sich bei näherer

Betrachtung nur als ein Wissen von unseren eigenen VorstellungenDer

Mathematiker betrachtet die Wahrheit und die Eigenschaften des Rechtecks oder

Kreises nur nach der Vorstellungdie davon in seiner Seele ist denn es kann

sein dass er niemals eines von beiden in mathematischer Weise dh genau wahr

in seinem Leben angetroffen hat Dennoch ist sein Wissen von den Wahrheiten und

Eigenschaften des Kreises oder einer anderen mathematischen Gestalt wahr und

gewiss und es gilt selbst von den daseienden Dingen weil diese nicht weiter

aufgefasst und in solchen Sätzen gemeint werden als sie den Mustern in der

Seele entsprechen Ist es von dem vorgestellten Dreieck wahr dass seine drei

Winkel zweien rechten gleich sind, so ist dies auch ebenso wahr für jedes

irgendwo bestehende Dreieck Eine daseiende Gestalt die nicht genau dieser

Vorstellung in der Seele entspricht wird bei diesem Lehrsatze nicht gemeint

und deshalb kann man sicher sein dass alles Wissen um solche Vorstellungen ein

wirkliches ist denn man meint die Dinge nur so weit als sie mit diesen

Vorstellungen stimmen und deshalb muss das was man von diesen weiß auch

gelten wenn sie stofflich bestehen da die Auffassung immer nur diesen

Vorstellungen gilt die dieselben bleiben wo sie auch bestehen mögen

     7 Und auch der Moral Daraus folgt weiter dass auch das Wissen der

Moral der Gewissheit ebenso wie die Mathematik fähig ist Die Gewissheit besteht

nur in dem Erfassen der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung unserer

Vorstellungen; auch für die Beweise gilt dies sie sind nur durch

Zwischenvorstellungen vermittelt Nun sind aber die moralischen Vorstellungen

ebenso wie die mathematischen ihre eigenen Urbilder und daher entsprechende und

vollständige Vorstellungen deshalb ist jede in ihnen angetroffene

Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung ebenso wie bei den mathematischen

Figuren ein wirkliches Wissen

     8 Das Dasein ist nicht nötig damit sie ein wirkliches Wissen seien

Zur Erlangung des Wissens und der Gewissheit gehören bestimmte Vorstellungen,

und soll das Wissen ein wirkliches sein so müssen die Vorstellungen ihren

Urbildern entsprechen Auch darf es nicht auffallen dass ich die Gewissheit

unseres Wissens in die Auffassung unserer Vorstellungen verlege ohne dabei das

wirkliche Daseinder Dinge wie es scheinen könnte zu beachten denn die

meisten jener Ausführungen welche das Denken beschäftigen und zu den

Streitigkeiten zwischen Denen Anlass geben die sich die Erforschung der

Wahrheit und Gewissheit zum Geschäft machen betreffen wie eine nähere

Betrachtung ergibt allgemeine Sätze und Begriffe bei denen das Dasein

überhaupt nicht beteiligt ist Alle mathematischen Ausführungen über die

Umwandlung eines Kreises oder Kegelschnittes in ein Viereck oder über andere

Theile der Mathematik beziehen sich nicht auf das Dasein dieser Gestalten

vielmehr bleiben ihre Beweise die nur von ihren Vorstellungen bedingt sind

ungeändert gültig mag ein Kreis oder Viereck in der Welt bestehen oder nicht

In gleicher Weise sieht die Wahrheit und Gewissheit bei moralischen Ausführungen

von dem wirklichen Leben und dem Dasein jener Tugenden ab worüber sie handeln

Des Cicero Pflichtenlehre bleibt nicht weniger wahr wenn auch Niemand in der

Welt diese Regeln beobachtet und nach dem darin aufgestellten Muster eines

tugendhaften Mannes lebt welches als er starb nur in seinen Gedanken bestand

Wenn es eine spekulative Wahrheit ist dh wenn sie im Vorstellen es ist dass

der Mörder den Tod verdient so bleibt der Satz auch für jede wirklich

bestehende Handlung wahr die dieser Vorstellung des Mordes entspricht andere

Handlungen berühren die Wahrheit dieses Satzes nicht Dies gilt auch von allen

anderen Dingen bei denen ihr Wesen nur in der in der Seele vorhandenen

Vorstellung besteht

     9 Auch bleibt die Moral wahr und gewiss trotzdem dass ihre

Vorstellungen von dem Menschen gebildet und benannt werden Man sagt hier

vielleicht dasswenn das Wissen der Moral nur in der Betrachtung der eigenen

Vorstellungen eines Jeden bestehe und diese wie andere Besonderungen von ihm

selbst gemacht werden dann sonderbare Begriffe von Gerechtigkeit und Massigkeit

sich ergeben wurden dass dann Tugend und Laster vermengt werden würden wenn

Jeder deren Vorstellungen nach Belieben bilden könne Allein eine solche

Verwirrung in den Dingen selbst und in der Untersuchung derselben wird so wenig

eintreten wie in der Mathematik eine Störung der Beweise oder eine Änderung in

den Eigenschaften und Beziehungen der Figuren eintreten würde wenn man auch ein

Dreieck mit vier Winkeln und ein schiefes Viereck mit vier rechten Winkeln

ausstattete Dies wäre einfach ausgedrückt nur ein Wechsel in den Namen der

Figuren und die eine wurde nur mit dem Namen der andern benannt Man kann die

Vorstellung einer Figur mit drei Winkeln von denen einer ein rechter ist ein

gleichseitiges oder ein ungleichseitiges Viereck oder sonst wie nennen so

bleiben doch die Eigenschaften und Beweise bei dieser Vorstellung dieselben als

wenn es ein rechtwinkeliges Dreieck genannt wird Eine solche Änderung des

Namens wird anfänglich für Den der an die alten gewöhnt ist störend sein

allein sobald die Gestalt verzeichnet worden werden die Ableitungen und Beweise

ihm dennoch verständlich und klar sein Ebenso verhält es sich mit der

Wissenschaft der Moral ein Mensch mag die Vorstellung des Wegnehmens fremder

Sachen ohne Bewilligung Derer die sie sich ehrlich erworben haben

Gerechtigkeit nennen Dann wird Der welcher dieses Wort in dem gewöhnlichen

Sinne nimmt irrgeführt werden allein lässt man den Namen bei Seite und nimmt

man die Vorstellung so wie der Sprechende sie hat so stimmen dieselben Dinge

mit ihr ebenso als wenn sie Unrecht genannt wird Allerdings erzeugen falsche

Namen in der Moral mehr Störung weil sie nicht so leicht wie in der

Mathematik, sich berichtigen lassen wo die gezogene und wahrgenommene Gestalt

den falschen Namen unschädlich macht da es da keines Zeichens bedarf wo das

bezeichnete Ding selbst gegenwärtig ist und gesehen wird Bei Worten aus der

Moral ist das nicht so leicht weil viele Auflösungen erst zur Bildung ihrer

Gesamtvorstellungen nötig sind allein die falsche Benennung hindert trotzdem

nicht dass ein sicheres und beweisbares Wissen von deren Übereinstimmung oder

Nichtübereinstimmung möglich ist wenn man nur wie in der Mathematikdie

Vorstellungen genau festhält und sie in ihren verschiedenen Beziehungen

verfolgt ohne sich durch ihren Namen irre führen zu lassen Trennt man die

betreffende Vorstellung von ihren Zeichen so wird die Erkenntnis der

wirklichen Wahrheit und Gewissheit nicht gestört wie auch die Namen lauten

mögen

     10 Die falsche Benennung hebt die Gewissheit dieses Wissens nicht auf

Noch haben wir hier festzuhalten dasswenn Gott oder ein anderer Gesetzgeber

gewisse Worte so definiert hat dass sie das Wesen bestimmter Arten von Dingen,

die so benannt werden bilden sollen es allerdings nicht gut ist diese Namen

anders zu gebrauchen allein sonst ist es nur ein Sprachfehler wenn die Worte

gegen den gewöhnlichen Sinn gebraucht werden; selbst dies stört indes die

Gewissheit dieses Wissens nicht denn durch die gehörige Überlegung und

Vergleichung der Vorstellungen kann trotz deren falscher Benennung sie immer

erlangt werden

     11 Die Vorstellungen von den Substanzen haben ihre Muster außerhalb

ihrer Drittens gibt es Gesamtvorstellungen die auf äußerliche Urbilder

bezogen werden, und eine Abweichung von denselben kann hier unser Wissen

unwirklich machen Das sind die Vorstellungen von den Substanzendie aus einer

Anzahl einfacher Vorstellungen bestehen die vermeintlich den natürlichen

Gegenständen entnommen sind aber doch davon abweichen können weil mehr oder

andere Vorstellungen verbunden sind, als in den Dingen selbst der Fall ist.

Deshalb trifft es sich dass sie oft mit den Dingen nicht genau übereinstimmen

     12 So weit sie mit den Dingen stimmen ist unser Wissen wirklich Um

also Vorstellungen von den Substanzen zu haben welche mit ihnen übereinstimmen

und ein wirkliches Wissen gewähren genügt es nicht wie bei den Zuständen

Vorstellungendie an sich ohne Rücksicht ob Dinge schon so bestanden haben

mit einander sich vertragen zu verbinden denn die Begriffe des Kirchenraubs

und des Meineids waren so wahr und richtig vor wie nach Begehung der ersten

solchen Handlung vielmehr gelten die Vorstellungen von Substanzen als Abbilder

die sich auf äußerliche Muster beziehen und deshalb einem Dinge entlehnt sind

was besteht oder bestanden hat Deshalb können sie nicht beliebig aus

Vorstellungen ohne von einem wirklichen Muster entlehnt zu sein gebildet

werden, wenn auch die verbundenen an sich verträglich sind Wir kennen nämlich

die wirkliche Verfassung der Substanzen nicht von denen unsere einfachen

Vorstellungen abhängen und weshalb sie in einzelnen Substanzen so eng mit

Anschließung anderer verbunden sind; nur von wenigen kann man die

Unverträglichkeit mit einander über die Erfahrung und Beobachtung hinaus sicher

wissen Deshalb liegt die Wirklichkeit unseres Wissens von Substanzen in einer

solchen Beschaffenheit ihrer Gesamtvorstellung dass ihre sie bildenden

einfachen Vorstellungen in der Natur wirklich so zusammenbestehend angetroffen

werden. Wenn unsere Vorstellungen in dieser Weise wahr sind, so bilden sie wenn

auch vielleicht keine ganz genauen Abbilder doch die Unterlage eines wirklichen

Wissens so weit wir ein solches hier haben Allerdings reicht es wie ich

gezeigt habe nicht sehr weit allein so weit dies der Fallist es ein

wirkliches Wissen Jede Übereinstimmung von Vorstellungen überhaupt bildet ein

Wissen sind die Vorstellungen allgemein so ist es ein allgemeines Wissen soll

es aber ein wirkliches Wissen von Substanzen sein so muss es wirklich

bestehenden Dingen entlehnt sein Sind irgend welche einfache Vorstellungen in

Substanzen zusammenbestehend angetroffen worden so kann man sie getrost wieder

verbinden und so allgemeine Vorstellungen von Substanzen bilden denn waren sie

einmal in der Natur verbanden so kann das auch wieder vorkommen

     13 Bei der Erforschung der Substanzen müssen die Vorstellungen

betrachtet und das Denken nicht auf die Namen oder die vermeintlich durch Namen

bestimmten Arten beschränkt werden Wenn man dies recht erwägt und das Denken

und die allgemeinen Vorstellungen nicht auf die Namen beschränkt als ob es

keine anderen Arten von Dingen geben könnte wie die welche durch bestimmte

Namen bereits festgestellt worden sind, so würde man freier und schärfer als

jetzt über die Dinge denken Es klingt vielleicht als eine dreiste

Sonderbarkeit wenn nicht als offenbare Unwahrheit wenn ich sage dass gewisse

missgestaltete Geschöpfe die vierzig Jahre mit einander ohne ein Zeichen von

Vernunft gelebt haben eine Art Geschöpfe zwischen dem Menschen und dem Tiere

seien das Auffallende hierbei kommt auch davon dass man fälschlich meint die

Worte Mensch und Thier bezeichneten bestimmte durch ihre wirkliche Wesenheit

unterschiedene Arten so dass keine Art sich zwischen ihnen befinden könne

Lässt man aber diese Name und die Annahme bei Seite dass die Natur solche

besondere Wesenheiten gebildet habe an welchen alle Dinge dieses Namens genau

in gleicher Weise teilnehmen und bildet man sich nicht ein dass eine

bestimmte Anzahl solcher Wesenheiten bestehen in denen wie in Modellen alle

Dinge geformt werden so würde man finden dass die Vorstellung von der Gestalt

Bewegung und dem Leben eines Menschen der aber keine Vernunft hat ebenso

bestimmt ist und ebenso eine bestimmte Art von Dingen zwischen Mensch und Thier

bezeichnet wie die Vorstellung von der Gestalt eines Esels mit Vernunft sich

von der des Menschen und Tieres unterscheiden und eine Art vom Geschöpfen

zwischen beiden bilden würde

     14 Widerlegung des Einwurfs dass ein Wechselbalg nicht zwischen die

Menschen und Tiere gestellt werden könne Jedermann wird hier fragen Was ist

ein Wechselbalg wenn er zwischen Mensch und Thier seine Stelle haben soll Ich

sage Wechselbalg bezeichnet so gut Etwas was von Mensch und Thier verschieden

ist als die Worte Mensch und Thier von einander verschiedene Dinge bezeichnen

Wird dies richtig erwogen so löst es die Frage und zeigt ohne Umstände was ich

meine Allein ich kenne den Eifer vieler Männer die hier Folgen sich ausspinnen

und Gefahren für die Religion sehen sowie man es wagt von ihrer Art zu

sprechen abzugehen und ich sehe daher voraus mit welchen Namen eine solche

Behauptung belegt werden wird Sicherlich wird man fragen was aus den

Wechselbälgen wenn sie zwischen Mensch und Thier stehen in jener Welt werden

wird Darauf antworte ich 1 Dass ich mich hier auch nicht darum zu kümmern

brauche dies trifft nur ihren Herrn und ihr Zustand wird weder besser noch

schlechter wenn ich Etwas von ihnen behaupte Sie sind in den Händen eines

treuen Schöpfers und gütigen Vaters der über seine Geschöpfe nicht nach unseren

engen Meinungen entscheidet und sie nicht nach den von uns ausgedachten Namen

sondert Wir wissen von unserer eigenen Welt so wenig und wir hüten uns also

denke ich die verschiedenen Zustände zu bestimmen, in welche die Geschöpfe bei

dem Verlassen dieser Bühne eintreten sollen Es muss uns genügen dass Er Allen

die der Belehrung Rede und Vernunft fähig sind kund getan hat dass sie

Rechnung abzulegen haben und empfangen werden nach Dem was sie getan haben

     15 Indes antworte ich auch zweitens dass die Bedeutung dieser Frage

nämlich ob man die Wechselbälge eines jenseitigen Lebens berauben Wolle sich

auf zwei Annahmen stützt die beide falsch sind Die erste ist dass alle Wesen

mit der äußeren Gestalt und dem Ansehen eines Menschen notwendig zu einem

jenseitigen Leben bestimmt seien und zweitens dass jede menschliche Geburt

daran Teil nehme Nimmt man diese Einbildungen weg so ist die Frage grundlos

und lächerlich Ich frage Die welche nur einen zufälligen Unterschied zwischen

sich und den Wechselbälgen annehmen während das Wesen beider gleich sei ob

wohl die Unsterblichkeit von der äußeren Gestalt eines Körpers abhängig sein

könne Die bloße Aufstellung dieser Frage genügt wohl sie zu verneinen

Niemand bis jetzt und wenn er noch so tief in den Stoff versunken war räumte

einer Gestalt von groben sinnlichen und äußerlichen Teilen eine solche

Vortrefflichkeit ein dass ihr das ewige Leben gebühre oder ihr als notwendige

Folge zukomme oder dass irgend ein Stück Stoff nach seiner Auflösung hier

später zu einem ewigen Zustand von Wahrnehmen und Wissen gelangen solle bloß

weil es die oder jene Gestalt gehabt und seine Theile besonders geformt gewesen

sind Wenn man die Unsterblichkeit so mit der oberflächlichen Gestalt verbindet

so setzt man alle Rücksicht auf Seele und Geist bei Seite derentwegen allein

bisher gewisse Körper für unsterblich erachtet worden sind. Man gibt dann auf

das Äußere mehr als auf das Innere der Dinge und verlegt den Vorzug des

Menschen mehr in die äußere Gestalt seines Körpers als in die inneren

Vollkommenheiten seiner Seele dies ist ebenso viel als ob man den

unschätzbaren Vorteil der Unsterblichkeit und des ewigen Lebens den der Mensch

vor anderen Geschöpfen hat von der Größe seines Bartes oder dem Schnitt seines

Rockes abhängig machte da dieses oder ein anderes äußeres Zeichen des Körpers

die Hoffnung auf ein ewiges Leben so wenig mit sich führt als der Schnitt von

eines Menschen Kleid ihn hoffen lassen kann es werde sich nie abtragen oder ihn

selbst unsterblich machen Man entgegnet vielleicht dass nicht die Gestalt das

Ding unsterblich machen solle sondern dass die Gestalt nur das Zeichen einer

vernünftigen Seele im Innern sei die unsterblich ist Indes möchte ich wissen

wer sie zu einem solchen Zeichen gemacht hat denn das bloße Sagen macht sie

noch nicht dazu dazu gehören Gründe keine Gestalt spricht diese Sprache Man

könnte dann mit gleichem Recht folgern dass auch der Leichnam eines Menschen

an dem sich nicht mehr Leben wie an einem Standbild zeigt wegen seiner Gestalt

auch eine lebendige Seele in sich habe wie dass eine vernünftige Seele in einem

Geschöpfe sei weil es äußerlich einem vernünftigen Wesen gleiche obgleich

sein Handeln während seines ganzen Lebens weniger Zeichen von Vernunft verrät

als man bei manchen Tieren antrifft

     16 Ungeheuer Allein es ist doch einmal sagt man der Sprössling

vernünftiger Eltern und es muss deshalb auch eine vernünftige Seele haben Ich

weiß indes nicht nach welcher Logik dies folgt Niemand wird solche Folgerung

anerkennen sonst würde man nicht ohne Weiteres missgestaltete Geburten

vernichten Aber man sagt hier dies sind Ungeheuer Gut aber was ist denn der

närrische unverständige und unhandliche Wechselbalg Macht ein Fehler am Körper

zu einem Ungeheuer und ein Fehler an der Seele als dem edleren anerkannt

wesentlichen Theile nicht Soll der Mangel der Nase oder des Busens aus einem

Geschöpf ein Ungeheuer machen und es aus der Menschengattung stoßen aber der

Mangel der Vernunft und des Verstandes nicht Damit holt man wieder alles Das

hervor waschen erst widerlegt worden ist; damit legt man wieder allen Werth auf

das Äußere und entscheidet über den Menschen nur nach seiner Gestalt Um nach

der gebräuchlichen Beweismethode darzulegen wie man hierbei alles Gewicht auf

die Gestalt legt und das ganze Wesen der Menschengattung wie man sie sich

zurechtlegt in der äußeren Gestalt findet wie verkehrt dies auch sein und so

sehr man dies auch selbst ableugnen mag brauche ich solche Gedanken nur etwas

weiter zu verfolgen dann wird dies klar hervortreten Der wohlgestaltete

Wechselbalg ist ein Mensch hat eine vernünftige Seele wenn sie auch sich nicht

zeigt dies ist unzweifelhaft sagt man Machen wir aber die Ohren ein wenig

länger und spitzer und die Nase etwas flacher als gewöhnlich beginnt man zu

stutzen wird das Gesicht noch schmäler platter und länger so ist man in

Zweifel fügt man nun noch mehr und mehr hinzu was ihn dem Tiere ähnlicher

macht und wird der Kopf genau der eines Tieres dann ist es auf einmal ein

Ungeheuer und es ist erwiesen dass es keine vernünftige Seele hat und zerstört

werden muss Wo ist hier frage ich die Grenze bei der die Gestalt keine

vernünftige Seele mehr hat Es hat Geburten gegeben die halb Thier halb Mensch

gewesen sind andere waren es zu drei Viertel und ein Viertel und so können sie

sich allmählich mehr dem Menschen oder mehr dem Tiere nähern und die

Ähnlichkeit mit beiden kann auf das Mannigfachste gemischt sein Welche Linien

sollen nun in solchem Falle entscheiden ob eine vernünftige Seele damit

verbunden ist oder nicht Welche Art Äußeres ist das sichere Zeichen dass ein

solcher Bewohner sich darin befindet Und doch spricht man ehe dies geschehen

aufs Geratewohl von Menschen und dies wird so lange der Fall sein als man

sich auf gewisse Worte oder Laute verlässt und sich einbildet die Natur habe

feste Arten gebildet ohne dass man weiß in welcher Weise dies geschehen Nach

alledem möchte ich noch bemerken dass in der Antwort eine missgestaltete

Geburt sei ein Ungeheuer derselbe Fehler wiederkehrt gegen den man vorher bei

Annahme einer Gattung zwischen Thier und Menschen selbst gekämpft hat Was ist

dies Ungeheuer hier wenn das Wort Ungeheuer überhaupt Etwas bedeutet als

Etwas was weder Mensch noch Thier ist aber an beiden Teil hat Und genau so

ist auch der vorerwähnte Wechselbalg Hieraus erhellt wie notwendig man die

gewöhnlichen Begriffe von Arten und Wesen zu verlassen hat wenn man wahrhaft

die Natur der Dinge erblicken und sie nach Dem untersuchen will was man in

ihnen so wie sie sind entdecken kann und nicht nach den Einbildungen die

über sie aufgestellt worden sind.

     17 Worte und Arten Ich habe dies erwähnt weil man sich nicht genug

davor hüten kann durch Worte und Arten in deren angewöhntem Sinne das freie

Urteil zu beschränken Darin liegt ein Haupthindernis klarer und deutlicher

Kenntnisse insbesondere in Bezug auf Substanzen und daraus sind für die

Wahrheit und Gewissheit viele Streitigkeiten entstanden Gewöhnt man sich daran

seine Gedanken und Betrachtungen von den Worten unabhängig zu machen so würde

es diesem Übelstande bei unserem Denken zwar erheblich abhelfen aber in dem

Verkehr mit Anderen würde es doch immer stören so lange man die Arten und das

Wesen derselben für mehr als allgemeine Vorstellungen was sie nur sind hält

denen Namen nur gegeben sind um sie damit zu bezeichnen

     18 Schluss Wo man die Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung

irgend welcher von unseren Vorstellungen bemerkt da ist ein sicheres Wissen

und wo man sicher ist dass diese Vorstellungen mit den wirklichen Dingen

übereinstimmen da ist sicheres wirkliches Wissen Indem ich hier die

Kennzeichen von dieser Übereinstimmung der Vorstellungen mit den wirklichen

Dingen dargelegt habe werde ich gezeigt haben worin diese Gewissheit diese

wirkliche Gewissheit besteht Mögen Andere davon halten was sie wollen für

mich gehörte diese Frage zu denen deren Lösung mir bis jetzt gefehlt zu haben

schien

 
 





     1 Was die Wahrheit ist Was ist die Wahrheit Danach hat man viele

Jahrhunderte geforscht alle Welt sucht danach oder tut so und es verdient

deshalb die Frage worin sie besteht die sorgfältigste Untersuchung damit mau

ihre Natur kennen lerne und sehe wie die Seele sie von der Unwahrheit

unterscheidet

     2 Sie besteht in der richtigen Verbindung oder Trennung von Zeichen

dh von Vorstellungen oder Worten Die Wahrheit scheint mir in ihrem

eigentlichen Sinne die Verbindung oder Trennung von Zeichen zu sein je nachdem

die damit bezeichneten Dinge mit einander übereinstimmen oder nicht unter

Verbindung oder Trennung von Zeichen meine ich hier das was mit einem anderen

Namen Satz genannt wird Deshalb gehört die Wahrheit eigentlich nur den Sätzen

an und deren gibt es zwei Arten: nämlich Sätze in Gedanken und in Worten so

wie man sich zweier Arten von Zeichen bedient nämlich der Vorstellungen und der

Worte.

     3 Was beide Arten ausmacht Um einen klaren Begriff von der Wahrheit zu

erlangen muss die Wahrheit der Gedanken von der Wahrheit der Worte getrennt und

jede für sich betrachtet werden, obgleich dies sehr schwer ist weil man auch

bei Behandlung der GedankenSätze sich der Worte bedienen muss wodurch sie

nicht mehr bloße GedankenSätze bleiben sondern WortSätze werden denn

GedankenSätze befassen nur die Vorstellungen, wie sie abgetrennt von Worten

in der Seele bestehen und sie verlieren sofort diese Natur wenn sie in Worte

gefasst werden

     4 GedankenSätze lassen sich schwer behandeln Die getrennte Behandlung

der Gedanken und WortSätze wird dadurch noch erschwert dass die meisten wo

nicht alle Menschen in ihrem Denken und inneren Überlegen für sich Worte statt

der Gedanken benutzen wenigstens wenn es sich um zusammengesetzte Vorstellungen

handelt Dies zeigt, wie unvollkommen und unsicher diese Art Vorstellungen sind

und wie man daraus abnehmen kann von welchen Dingen man deutliche und feste

Vorstellungen hat und von welchen nicht Beobachtet man an sich selbst die Weise

des Denkens und Überlegens so zeigt sich dass bei Sätzen die über Weiß und

Schwarz Süß und Bitter ein Dreieck und einen Kreis gebildet werden, man oft

die Vorstellungen für sich benutzen kann ohne an deren Worte zu denken Will

man dagegen Sätze über verwickeltere Vorstellungen bilden wie über den

Menschen oder über Vitriolöl oder über Tapferkeit oder Ruhm so benutzt man

die Worte statt der Vorstellungen, weil letztere meist unvollständig verworren

und unbestimmt sind und man daher an die Worte sich hält die klarer sicherer

und bestimmter sind und daher beim Denken sich leichter als die bloßen

Vorstellungen einstellen So benutzt man die Worte statt der Vorstellungen

selbst bei dem Nachdenken und der Bildung von Sätzen innerhalb seiner selbst.

Bei den Substanzen ist das wie erwähnt die Folge von der Unvollkommenheit

ihrer Vorstellungen man bezeichnet da mit dem Worte das Wesen, obgleich man

keinen Begriff davon hat Bei den Zuständen ist es die Folge der vielen

einfachen Vorstellungen aus denen sie gebildet werden; denn da sie

zusammengesetzt sind so stellt sich der Name leichter ein als die

Gesamtvorstellung wo Zeit und Aufmerksamkeit nötig ist um sie genau

zurückzurufen und vollständig zu erfassen selbst wenn man es schon früher

getan haben sollte Ganz unmöglich ist dies aber bei Personen die zwar ein

gutes Gedächtnis für die meisten gebräuchlichen Worte ihrer Muttersprache

haben aber in ihrem ganzen Leben sich nicht um die dazu gehörenden bestimmten

Vorstellungen gekümmert haben Einige verworrene und dunkle Begriffe haben hier

ausgeholfen und man spricht zwar viel über Religion und Gewissen über Kirche

und Glauben über Macht und Recht über Verstopfung und schlechte Laune über

Tiefsinn und Zorn allein es würde von den Gedanken und Ausführungen dieser

Leute wenig übrig bleiben wenn sie dabei nur an die betreffenden Gegenstände

selbst denken und die Worte bei Seite legen sollten mit denen sie nicht bloß

Andere sondern auch sich selbst verwirren

     5 Sie bestehen nur in der Verbindung oder Trennung der Vorstellungen

selbst ohne ihre Worte Um indes auf unsern Gegenstand die Wahrheit

zurückzukommen so können also wie gesagt zwei Arten von Sätzen gebildet

werden: 1 in Gedanken wo die Vorstellungen im Denken ohne Gebrauch der Worte

verbunden oder getrennt werden und deren Übereinstimmung oder

Nichtübereinstimmung erfasst wird und 2 in Worten wo Worte als Zeichen von

Vorstellungenin bejahenden und verneinenden Aussprüchen verbunden oder

getrennt werden Hierbei werden gleichsam diese Lautzeichen verbunden oder

getrennt Die Sätze bestehen hier also in der Verbindung und Trennung der

Zeichen und die Wahrheit besteht darin, dass diese Verbindung und Trennung so

geschieht wie die bezeichneten Dinge mit einander stimmen oder nicht stimmen

     6 Wann GedankenSätze eine wirkliche Wahrheit und wann sie nur eine

WortWahrheit enthalten Jeder kann an sich selbst bemerken dass die Seele

wenn sie die Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung von Vorstellungen

bemerkt oder annimmt sie dieselben im Stillen in eine Art bejahender oder

verneinender Sätze zusammenstellt und dies meine ich mit den Ausdrücken

Verbinden und Trennen Diese Tätigkeit der Seele die so häufig bei einem

denkenden und verständigen Manne vorkommt ist indes leichter durch eigene

Beobachtung des inneren Vorganges selbst zu begreifen als durch Worte zu

erklären Wenn man sich zwei Linien vorstellt nämlich die Seite und die

Diagonale eines Quadrates von welchen die Diagonale einen Zoll lang ist so

kann man sich auch diese Linie in eine Anzahl gleicher Theile geteilt

vorstellen zB in 5 10 100 1000 oder sonst viele Theile und man kann sich

diese Linie so gleichgeteilt vorstellen dass eine gewisse Anzahl dieser Theile

der Seite des Quadrats gleich ist Wenn man nun bemerkt oder annimmt dass diese

Art der Teilbarkeit der Diagonale mit ihrer Vorstellung derselben stimmt oder

nicht stimmt so verbindet oder trennt man beide nämlich die Vorstellung der

Diagonale und die Vorstellung dieser Art ihrer Teilbarkeit und bildet so in

Gedanken einen Satz der wahr oder falsch ist je nachdem diese Art von

Teilbarkeit sich mit der Diagonale wirklich verträgt oder nicht Wenn so

Vorstellungen zusammengestellt werden je nachdem sie oder die Gegenstände

übereinstimmen oder nicht so nenne ich dies die GedankenWahrheit Dagegen ist

die WortWahrheit etwas mehr da werden die Worte von einander bejaht oder

verneint je nachdem ihre Vorstellungen stimmen oder nicht Dies kann wieder

zweifach geschehen entweder rein in Worten und nichtssagend wovon ich in

Kapitel 8 handeln werde oder wirklich und belehrend welches der Gegenstand des

wirklichen Wissens ist von dem ich bereits gehandelt habe

     7 Der Einwurf dass die WortWahrheit nur eine Chimäre sei Hier kann

derselbe Zweifel bei der Wahrheit wie früher bei dem Wissen, sich erheben und

man kann sagen dasswenn die Wahrheit nur die Verbindung oder Trennung von

Worten zu Sätzen je nachdem ihre Vorstellungen in der Seele eines Menschen

stimmen oder nicht sei das Wissen der Wahrheit nicht den Werth habe den man

darein setze und die auf sie verwendete Mühe und Zeit sei verloren denn sie

laufe dann nur auf die Übereinstimmung der Worte mit den Ausgeburten des

menschlichen Gehirns hinaus Wer kenne nicht die tollen Vorstellungenwelche

die Köpfe vieler Menschen erfüllt haben und wer wisse zu was das Gehirn eines

Menschen alles fähig sein möge Schließe man also damit ab so kenne man nach

dieser Regel nur die Wahrheit der Worte für die Geschöpfe der Einbildungskraft

und besitze nur diejenige Wahrheit welche für Harpyien und Zentauren ebenso wie

für Menschen und Pferde gelte da jene ebenfalls Vorstellungen in dem Kopfe

seien und mit einander übereinstimmen können oder nicht mithin auch wahre Sätze

über sie gebildet werden können; deshalb sei denn der Satz, dass alle Zentauren

lebende Wesen seien ebenso wahr wie der dass alle Menschen lebende Wesen

seien Die Gewissheit des einen sei so groß als die des andern da in beiden

gewisse Worte nach der Übereinstimmung der Vorstellungen in der Seele

zusammengestellt seien und die Übereinstimmung der Vorstellung eines

lebendigen Wesens mit der eines Zentauren so klar und offenbar sei wie die

Vorstellung eines lebendigen Wesens mit der eines Menschen so dass beide Sätze

mithin gleich wahr und gewiss seien Wozu nütze aber solche Wahrheit

     8 Antwort dass die wirkliche Wahrheit Vorstellungen betrifft die mit

den Dingen übereinstimmen Das in dem vorhergehenden Kapitel über wirkliches

und eingebildetes Wissen Gesagte möchte als Antwort auf diesen Einwurf genügen

um die wirkliche Wahrheit von der chimärischen zu unterscheiden oder wenn man

will von der bloßen WortWahrheit da in beiden Fällen die Grundlage dieselbe

ist indes möchte ich wiederholen dass die Worte zwar nur Vorstellungen

bezeichnen aber vermittelst dieser auch die Dinge bezeichnen sollen deshalb

wird bei deren Verbindung zu Sätzen deren Wahrheit nur WortWahrheit sein wenn

sie Vorstellungen bezeichnen die mit den bestehenden Dingen nicht

übereinstimmen Deshalb kann man bei der Wahrheit wie bei dem Wissendie

wirkliche von der WortWahrheit unterscheiden bei letzterer sind die Worte nur

gemäß den Vorstellungen verbunden ohne Rücksicht ob diese wirkliches Dasein

in der Natur haben oder wenigstens dessen fähig sind Die Wahrheit ist nur dann

eine wirkliche wenn die Zeichen nicht bloß den Vorstellungen entsprechend

verbunden sind, sondern diese auch wirklich in der Natur bestehen können was

man bei Substanzen nur aus der Erfahrung abnehmen kann

     9 Die Unwahrheit besteht in der Verbindung von Worten gegen die

Übereinstimmung ihrer Vorstellungen.) Die Wahrheit ist die wörtliche

Bezeichnung der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung der Vorstellungen in

der Weise wie sie besteht die Unwahrheit ist die Bezeichnung dieser

Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung in einer anderen Weise als sie

besteht So weit als dabei die Vorstellungen mit ihren Urbildern

übereinstimmen ist die Wahrheit eine wirkliche Das Wissen um diese Wahrheit

besteht in dem Wissen der Vorstellungenwelche die Worte bezeichnen und in dem

Erfassen der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung der Vorstellung, wie sie

in den Worten ausgedrückt ist

     10 Allgemeine Sätze sind ausführlicher zu behandeln Da die Worte als

die großen Kanäle für Wahrheit und Wissen gelten und man bei Mittheilung und

Empfang der Wahrheit und in den Verhandlungen darüber die Worte und die Sätze

gebraucht so werde ich ausführlicher untersuchen worin die Gewissheit der

wirklichen Wahrheit die in Sätze gefasst ist besteht und wo sie zu finden

ist auch werde ich zeigen welche Art allgemeiner Sätze die Gewissheit von

ihrer wirklichen Wahrheit oder Unwahrheit gewähren kann Ich beginne mit den

allgemeinen Sätzen die unser Denken am meisten beschäftigen und unsere

Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen Allgemeine Wahrheiten gelten als die welche

unser Wissen am meisten vermehren und durch ihren umfassenden Inhalt vieles

Einzelne auf einmal erkennen lassen unseren Blick erweitern und den Weg zur

Erkenntnis abkürzen

     11 Die moralische und die metaphysische Wahrheit Neben der bisher

behandelten Wahrheit im strengen Sinne gibt es noch zwei andere Arten 1 die

moralische Wahrheit wenn man von den Dingen so spricht wie man überzeugt ist

sollten auch die ausgesprochenen Sätze mit der Wirklichkeit nicht stimmen 2

die metaphysische Wahrheit welche das wirkliche Dasein der Dinge ist

entsprechend den Vorstellungendie mit deren Namen verknüpft sind Obgleich

diese Wahrheit in dem wahren Sein der Dinge zu bestehen scheint so enthält sie

doch näher betrachtet stillschweigend einen Satz wodurch die Seele das

einzelne Ding mit der vorher mit einem Namen verknüpften Vorstellung verbindet

Dies wird für diese beiden Arten der Wahrheit genügen da sie teils früher

schon berücksichtigt worden sind, teils zur Erledigung meiner jetzigen Aufgabe

wenig beitragen

 
 



 

     1 Die Untersuchung der Worte ist für das Wissen unentbehrlich Die

Prüfung und Beurteilung der Vorstellungen selbst mit gänzlicher Weglassung

ihrer Worte würde allerdings der beste und sicherste Weg zum klaren und

deutlichen Wissen sein allein bei der überwiegenden Gewöhnung Laute für die

Vorstellungen zu benutzen wird dies wenig geübt Jedermann kann bemerken wie

allgemein die Worte statt ihrer Vorstellungen benutzt werden und zwar selbst

bei dem inneren Nachdenken und Überlegen sobald namentlich die Vorstellungen

sehr verwickelt und aus vielen einfachen zusammengesetzt sind Deshalb ist die

Betrachtung der Worte und Sätze ein unentbehrlicher Teil der Lehre von der

Wahrheit und deshalb ist es so schwer über diese verständlich zu sprechen

ohne jene zu erläutern

     2 Allgemeine Wahrheiten sind unverständlich wenn sie nicht in

WortSätze gefasst sind All unser Wissen betrifft die Wahrheit des Einzelnen

oder des Allgemeinen; Alles was diese allgemeine Wahrheit betrifft nach der

man mit Recht am meisten verlangt kann aber nicht gut mitgeteilt und noch

seltener verstanden werden wenn es nicht in Worte gefasst und ausgedrückt wird

Deshalb wird zur Untersuchung des Wissens auch die von der Wahrheit und

Gewissheit allgemeiner Sätze gehören

     3 Die Gewissheit ist zweifach die eine betrifft die Wahrheit die

andere das Wissen Um indes hier nicht durch die überall gefährliche

Zweideutigkeit der Worte irre zu gehen bemerke ich dass die Gewissheit

zweifach ist eine Gewissheit der Wahrheit und eine Gewissheit des Wissens. Die

Gewissheit der Wahrheit ist dann vorhanden wenn Worte zu Sätzen verbunden

genau die Übereinstimmung zwischen den von ihnen bezeichneten Vorstellungen so

ausdrücken wie sie wirklich besteht Gewissheit des Wissens ist die Erkenntnis

der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung von Vorstellungendie in irgend

einem Satze ausgedrückt istDies heißt gewöhnlich das Wissen oder die

Gewissheit von der Wahrheit eines Satzes

     4 Die Wahrheit eines Satzes kann nicht gewusst werden wenn das Wesen der

darin genannten Arten nicht gekannt wird Da man indes der Wahrheit eines

allgemeinen Satzes nicht gewiss sein kann wenn man nicht die Grenzen und

Ausdehnung der mit dessen Worten bezeichneten Arten kennt so muss man das Wesen

jeder Art kennen da dieses die Art ausmacht und bestimmt Bei allen einfachen

Vorstellungen und Zuständen ist das nicht schwer hier ist das wirkliche und das

WortWesen dasselbe oder was gleich viel sagt die allgemeine durch den

allgemeinen Ausdruck bezeichnete Vorstellung ist das alleinige Wesen und die

Begrenzung die für diese Art gilt und es kann dann kein Zweifel darüber

bestehen wie weit diese Art reicht und welche Gegenstände jedes Wort befasst

nämlich alle Gegenstände welche mit der bezeichneten Vorstellung genau

übereinstimmen und keinen weiter Aber bei Substanzen wo ein von dem

WortWesen verschiedenes wirkliches Wesen die Art bilden bestimmen und

begrenzen soll ist die Ausdehnung des allgemeinen Wortes schwankend weil man

das wirkliche Wesen nicht kennt und deshalb nicht wissen kann was zu seiner Art

gehört und was nicht und was daher von ihm mit Sicherheit bejaht werden kann.

Spricht man also von dem Menschen oder von Gold oder einer anderen Art

natürlicher Substanzendie auf einem bestimmten wirklichen Wesen beruhen

sollen welches die Natur regelmäßig jedem Einzelnen dieser Art mittheilt und

wodurch es zu dieser Art gehört so kann man von keiner Behauptung oder

Verneinung darüber Gewissheit haben Denn wenn die Worte Mensch oder Gold in

diesem Sinne für die Art genommen werden welche auf ihrem wirklichen Wesen

beruht und von der Gesamtvorstellung des Sprechenden verschieden ist so

bezeichnen sie man weiß nicht was und der Umfang und die Grenzen dieser Arten

sind so unbekannt und unbestimmt dass man mit Sicherheit nicht behaupten kann

dass alle Menschen vernünftig seien und dass alles Gold gelb sei Wo aber das

WortWesen als der Maßstab der Art gilt und der allgemeine Ausdruck nicht

weiter geht als auf die Dingewelche die Gesamtvorstellung des Wortes

enthalten da ist nicht zu fürchten dass man sich über die Grenzen der Art

irre und es kann da nicht zweifelhaft sein ob ein Satz wahr ist oder nicht

Ich habe hier diese Ungewissheit der Sätze auf scholastische Weise erklärt und

die Ausdrücke Wesen und Art absichtlich benutzt um zu zeigen wie verkehrt und

falsch es ist sie für mehr als bloße mit Namen versehene allgemeine

Vorstellungen zu nehmen Glaubt man dass die Arten der Dinge mehr seien als ein

bloßes Einordnen der Dinge nach allgemeinen Namen je nachdem sie den mit

diesen Worten bezeichneten allgemeinen Vorstellungen entsprechen so verwirrt

man die Wahrheit und macht alle allgemeinen Sätze die über sie aufgestellt

werden können, unsicher Der Gegenstand hier hätte daher für Personen ohne

scholastische Gelehrsamkeit besser und klarer behandelt werden können; allein

diese falschen Begriffe von Wesen und Arten haben bei den Meisten Wurzel

gefasst die etwas von der in diesem Theile der Welt geltenden Gelehrsamkeit

abbekommen haben sie müssen deshalb enthüllt und beseitigt werden damit sie

Worten Platz machen welche die Gewissheit mit sich führen

     5 Dies gilt besonders für Substanzen Deshalb können die Namen von

Substanzen wenn sie die Arten bezeichnen sollen die angeblich auf einem

wirklichen Wesen beruhen das man nicht kennt dem Verstande keine Gewissheit

gewähren und man kann der Wahrheit von den aus solchen Worten gebildeten Sätzen

nicht sicher sein Der Grund ist klar denn wie kann man sicher sein dass diese

oder jene Eigenschaft im Golde sei wenn man nicht weiß was Gold ist Bei

dieser Ausdrucksweise ist nur dasjenige Gold was an einem Wesen Teil nimmt

das man nicht kennt und wovon man daher auch nicht wissen kann wo es ist man

kann deshalb von keinem Stück Stoff in der Welt sicher sein ob es Gold in

diesem Sinne ist oder nicht denn man weiß durchaus nicht ob es das hat was

das Gold ausmacht oder was das Wesen des Goldes ist von dem man keine

Vorstellung hat Es ist dies ebenso unmöglich als wenn ein Blinder angeben

sollte in welcher Blume sich die Farbe des Jelängerjelieber findet obgleich er

von dieser Farbe keine Vorstellung hat Selbst wenn man bestimmt wissen könnte

obgleich es unmöglich ist in welchen Stücken das wirkliche Wesen des Goldes

enthalten sei könnte man doch diese oder jene Eigenschaft des Goldes nicht

sicher davon aussagen weil man nicht wissen könnte ob diese Eigenschaft oder

Vorstellung eine notwendige Verbindung mit dem wirklichen Wesen habe von dem

man gar nicht weiß welche Art dieses angeblich wirkliche Wesen möglicher Weise

noch bilden kann

     6 Von einigen allgemeinen Sätzen in Betreff der Substanzen kennt man die

Wahrheit Andererseits können die Substanz-Namen wenn sie wie sie sollten

die Vorstellungen in der Seele bezeichnen trotz ihrer klaren und bestimmten

Bedeutung doch vielfach nicht zur Bildung von allgemeinen Sätzen benutzt werden

von deren Gewissheit man überzeugt sein kann und zwar nicht wegen der

Unsicherheit ihrer Bedeutung sondern weil für die zusammengesetzten

Vorstellungendie sie bezeichnen solche Verbindungen einfacher sind bei denen

ihre Verbindung oder Unverträglichkeit nur in Bezug auf wenige andere

Vorstellungen entdeckt werden kann.

     7 Weil das Zusammenbestehen von Vorstellungen in einigen Fällen erkannt

werden kann.) Die Gesamtvorstellungen welche eigentlich unter dem Namen für

die Arten und Substanzen verstanden werden sind Verbindungen von Eigenschaften,

deren Zusammenbestehen man an einem unbekannten Unterliegenden bemerkt hat das

Substanz heißt dagegen kann man nicht wissen welche weiteren Eigenschaften

mit diesen Verbindungen notwendig zusammenbestehen so lange man nicht ihre

natürliche Abhängigkeit ermittelt hat was bei deren ersten Eigenschaften nur zu

einem kleinen Theile und bei deren zweiten Eigenschaften aus den in Kap 3

erwähnten Gründen gar nicht möglich ist Denn 1 kennt man die wirkliche

Verfassung der Substanzen nicht von denen die zweiten Eigenschaften abhängen

und 2 hülfe selbst wenn man sie kennte das nur für Erfahrungskenntnis nicht

für allgemeine welche über den einzelnen Fall nicht hinausreicht weil der

menschliche Verstand keine fassbare Verbindung zwischen zweiten Eigenschaften

und irgend einer Besonderung der ersten entdecken kannDeshalb gibt es nur

wenig unzweifelhaft gewisse allgemeine Sätze über Substanzen

     8 Ein Beispiel am Golde »Alles Gold ist feuerbeständig« dies ist ein

Satz von dessen Wahrheit man nicht überzeugt sein kann trotzdem dass er

allgemein für wahr gehalten wird Denn wenn nach den nutzlosen Erfindungen der

Schulen das Wort Gold eine von der Natur durch ein besonderes Wesen

ausgeschiedene Art von Dingen bezeichnen soll so kennt man die einzelnen Dinge

nicht die zu dieser Art gehören und kann deshalb nichts allgemein von dem

Golde aussagen Soll aber das Gold eine durch das WortWesen bezeichnete Art

sein wo dies Wort zB die Vorstellung eines Körpers von gelber Farbe ist der

biegsam schmelzbar und besonders schwer ist so kann man in diesem Sinne wohl

erkennen was Gold ist allein andere Eigenschaften können trotzdem von dem

Golde nicht behauptet oder verneint werden wenn sie mit diesem WortWesen keine

ersichtliche Verbindung oder Unverträglichkeit haben So hat zB die

Feuerbeständigkeit keine erkennbare Verbindung mit der Farbe der Schwere oder

einer andern Eigenschaft noch mit deren Vereinigung zu einem Ganzen und so

kann man auch die Wahrheit des Satzes dass alles Gold feuerbeständig sei nicht

sicher wissen

     9 Da wie gesagt diese Verbindung der Feuerbeständigkeit mit den andern

Eigenschaften nicht erkennbar ist so bleibt wenn man die Gesamtvorstellung

des Goldes aus einem gelben schmelzbaren biegsamen schweren und

feuerbeständigen Körper zusammensetzt dieselbe Ungewissheit rücksichtlich

seiner Löslichkeit in Königswasser und zwar aus gleichem Grunde denn man kann

aus der bloßen Betrachtung dieser Vorstellungen nicht sicher entnehmen ob die

Löslichkeit in Königswasser damit verbunden ist Dasselbe gilt für die übrigen

Eigenschaften des Goldes; deshalb möchte ich gerne einen Satz kennen in dem mit

voller Gewissheit eine Eigenschaft als allgemein dem Golde zukommend behauptet

werden kann. Man wird mir entgegnen dass die Biegsamkeit desselben ein solcher

allgemeiner Satz sei allein dies gilt doch nur dann wenn diese Eigenschaft in

die Gesamtvorstellung schon vorher aufgenommen worden istwelche man mit Gold

bezeichnet Dann wird aber nur behauptet dass das Wort Gold eine Vorstellung

bezeichne die die Biegsamkeit mit enthalte aber eine solche Wahrheit hat auch

der Satz, dass der Zentaur vier Füße habe Bildet dagegen die Biegsamkeit

keinen Teil des WortWesens des Goldes, so ist der Satz: Alles Gold ist

biegsam nicht gewiss da diese Biegsamkeit mag dieses Wesen aus sonst welchen

Eigenschaften zusammengesetzt sein doch ersichtlich von diesen einzeln oder

zusammen nicht abhängt diese Verbindung der Biegsamkeit mit den übrigen

Eigenschaften beruht vielmehr auf der Vermittlung der inneren Verfassung der

kleinsten Teilchen und da man diese nicht kennt so kann man auch diese

Verbindung nicht erkennen wenn man nicht das Band entdecken kann das sie

verknüpft

     10 Soweit ein solches Zusammenbestehen erkennbar ist soweit können

allgemeine Sätze gewiss sein allein dies reicht nicht weit weil Je mehr

zusammenbestehende Eigenschaften man zu der Gesamtvorstellung eines Wortes

verbindet desto bestimmter und genauer wird die Bedeutung des Wortes; allein es

können trotzdem andere in dieser Gesamtvorstellung nicht enthaltene

Eigenschaften daraus nicht sicher abgeleitet werden da man ihre Verbindung oder

Abhängigkeit nicht erkennt weil man die wirkliche Verfassung des Goldes nicht

kennt in der sie alle begründet sind und aus der sie hervorgehen Denn der

Hauptteil unsres Wissens von Substanzen ist nicht bloß ein Bezeichnen zweier

getrennt bestehender Vorstellungen sondern betrifft die notwendige Verbindung

und das Zusammenbestehen verschiedener Vorstellungen in demselben Gegenstande

oder ihre Unverträglichkeit dazu Könnte man an dem andern Ende beginnen und das

ermitteln woraus die Farbe besteht oder was einen Körper leichter oder

schwerer macht oder welches Gewebe seiner Theile biegsam schmelzbar und

feuerbeständig macht und ihn in einer Flüssigkeit sich auflösen lässt hätte man

sage ich eine solche Vorstellung von den Körpern, und könnte man wahrnehmen

worin alle sinnlichen Eigenschaften ursprünglich bestehen und wie sie

hervorgebracht werden, so könnte man solche Vorstellungen von ihnen bilden die

zur Bildung allgemeiner Sätze mehr geeignet wären und die zugleich allgemeine

Wahrheit und Gewissheit mit sich führten Allein unsre jetzigen Vorstellungen

von den Arten und Substanzen sind weit von dem wirklichen Wesen entfernt von

dem diese Eigenschaften abhängen sie sind nur eine unvollständige Ansammlung

sinnlichwahrnehmbarer an ihnen bemerkbarer Eigenschaften und deshalb können

über Substanzen nur wenig allgemeine Sätze sicher und wahr gebildet werden; denn

nur bei wenigen einfachen Vorstellungen hat man von ihrer Verbindung und ihrem

notwendigen Zusammenbestehen ein sicheres und zweifelloses Wissen Ich glaube

dass von allen zweiten Eigenschaften der Substanzen und deren darauf bezüglichen

Kräften man nicht zwei nennen kann von denen man gewiss weiß dass sie

notwendig zusammenbestehen oder sich nicht vertragen nur von den

gleichbedeutenden ist dies möglich bei denen allerdings die eine die andere

einschließt wie ich anderwärts gezeigt habe Niemand kann aus der Farbe eines

Körpers sicher abnehmen welchen Geruch Geschmack Ton und welche fühlbare

Eigenschaften er habe und welche Veränderungen er an anderen Körpern bewirken

oder von ihnen erleiden könne Ebenso kann dies nicht aus dem Ton oder Geschmack

desselben abgeleitet werden Da die ArtNamen der Substanzen nur solche

Zusammenfassungen von Vorstellungen bezeichnen so ist es natürlich dass daraus

nur wenig allgemeine Sätze von unzweifelhafter Gewissheit abgeleitet werden

können. Enthalten aber solche Vorstellungen eine einfache deren notwendiges

Zusammenbestehen mit anderen erkennbar ist so können insoweit allgemeine Sätze

hierüber sicher aufgestellt werden Wenn man zB eine notwendige Verbindung

zwischen der Biegsamkeit und der Farbe oder Schwere des Goldes ermitteln könnte

so würde mau darüber auch einen sicheren allgemeinen Satz beim Golde aufstellen

können und die wirkliche Wahrheit des Satzes »Alles Gold ist biegsam« wäre

dann so gewiss wie die von dem Satze dass die drei Winkel des Dreiecks zweien

rechten gleich sind.

     11 Die unsre Vorstellungen von Substanzen ausmachenden Eigenschaften

sind meist von äußeren entfernten und unbemerkten Ursachen abhängig Wären

unsre Vorstellungen von den Substanzen der Art dass wir wüssten welche

wirkliche Verfassung die an ihnen bemerkten Eigenschaften hervorbringt und Wie

sie daraus abfließen so könnten wir durch die Vorstellung ihres wahren Wesens

in unsrer Seele ihre Eigenschaften und was sie Eigentümliches haben oder nicht

haben besser erkennen als jetzt vermittelst der Sinne. Um die Eigenschaften

des Goldes zu kennen wäre dann das Dasein von Gold und die Anstellung von

Versuchen mit demselben so wenig nötig wie das Dasein eines Dreiecks aus

irgend einem Stoffe für die Erkenntnis seiner Eigenschaften notwendig ist die

Vorstellung in der Seele würde in beiden Fällen dazu hinreichen Allein wir sind

von den Geheimnissen der Natur so ausgeschlossen dass wir uns kaum dem Eingange

dazu nähern können Man ist gewohnt von den Substanzen welche man antrifft

jede als ein ganzes Ding für sich zu betrachten das seine Eigenschaften für

sich und unabhängig von anderen Dingen hat Man übersieht meist die Wirksamkeit

jener unsichtbaren Flüssigkeiten die sie umgeben und von deren Bewegungen und

Wirksamkeit meist die an ihnen bemerkten Eigenschaften abhängen welche wir zu

Kennzeichen machen nach denen man sie unterscheidet und benennt Allein ein

Stück Gold für sich und getrennt aus dem Bereiche und Einfluss aller anderen

Körper würde sofort Farbe Schwere und wahrscheinlich auch seine Biegsamkeit

verlieren und völlig zerreiblich werden Ebenso würde das Wasser für sich

allein dessen Flüssigkeit als seine wesentliche Eigenschaft gilt dieselbe

sofort verlieren Wenn also schon bei leblosen Körpern ihr Zustand auf anderen

äußeren Körpern beruht und sie uns nicht mehr für das gelten würden wenn

letztere entfernt wären so gilt dies noch mehr von den Pflanzen welche ernährt

werden wachsen und Blätter Blüten und Samen in stetiger Folge hervorbringen

Und betrachtet man den Zustand der Tiere näher so zeigen sie sich in ihrem

Leben Bewegungen und erheblichsten Eigenschaften so abhängig von äußeren

Ursachen und von den Eigenschaften anderer Körper dass sie ohne diese nicht

einen Augenblick bestehen könnten obgleich diese fremden Körper wenig beachtet

werden und keinen Teil der von diesen Tieren gebildeten Gesamtvorstellung

bilden Man entziehe die Luft nur eine Minute lang einem lebenden Wesen und die

meisten werden sofort die Empfindung das Leben und die Bewegung verlieren Die

Notwendigkeit zu atmen hat dies unsrem Wissen aufgezwungen aber auf wie

vielen anderen vielleicht feineren Körpern mögen nicht die Federn dieser

wunderbaren Maschine ruhen die man nicht bemerkt ja an die man nicht denkt

und wie viele mag es geben die selbst durch die genaueste Untersuchung sich

nicht entdecken lassen werden Obgleich die Bewohner dieses Theiles des Weltalls

viele Millionen Meilen von der Sonne entfernt sind so hängen sie doch so sehr

von der gehörigen und massigen Bewegung der von ihr kommenden Teilchen ab dass

die Erde nur ein wenig aus ihrer jetzigen Stellung zu dieser Wärmequelle

entfernt zu werden brauchte und die lebenden Wesen auf ihr würden sofort zum

größten Theile umkommen Schon ein Übermaß oder Mindermaß von Sonnenwärme

denen sie an einzelnen Orten zufällig ausgesetzt werden genügt sie zu töten

Die an einem Magnet wahrgenommenen Eigenschaften müssen jenseits desselben ihre

Quelle haben und das Untergehen vieler Tierarten ohne sichtbare Ursache der

gewisse Tod mancher wie man berichtet bloß in Folge der Überschreitung des

Äquators oder der Versetzung in benachbarte Länder zeigt klar dass diese

gemeinsame Wirksamkeit von Körpern die man gar nicht vermutet sie erst zu dem

macht wie sie uns erscheinen und ihnen die Eigenschaften gibt an denen wir

sie erkennen Man geht deshalb ganz irre wenn man meint die Dinge enthalten in

sich die Eigenschaften, die sie zeigen und man sucht vergeblich in der

Verfassung einer Fliege oder eines Elephanten die Ursachen, von denen ihre

Eigenschaften und Kräfte abhängen Um sie recht zu kennen müsste man vielleicht

über diese Erde und diesen Dunstkreis und selbst über die Sonne und die

entferntesten noch sichtbaren Sterne hinausblicken denn man kann gar nicht

bestimmen wie viel das Dasein und die Tätigkeit der einzelnen Substanzen auf

dieser Erde von Ursachen abhängt die unserem Gesichtskreis ganz entrückt sind

Man sieht und bemerkt einige der Bewegungen und gröberen Wirkungen der Dinge

ringsum allein woher der Strom kommt welcher all diese wunderbaren Maschinen

trotz ihrer Mannigfaltigkeit in Bewegung und im Stande erhält übersteigt unser

Wissen. Die großen Stricke und Räder so zu sagen dieses staunenswerten Baues

des Weltalls können so viel wir wissen eine solche Verbindung und Abhängigkeit

bei ihren Einwirkungen auf einander haben dass vielleicht die Dinge in unserer

Wohnung eine ganz andere Gestalt annehmen und das zu sein aufhören würden was

sie jetzt sind wenn einer von den Sternen oder großen Körpern in

unermesslicher Ferne aufhörte sich so zu bewegen wie es jetzt geschieht So

viel ist gewiss dass selbst die Dinge die am meisten selbstständig und in sich

abgeschlossen scheinen doch nur von andern Teilen der Natur abhängig und nicht

das sind wofür sie meist gehalten werden Sie verdanken ihre sichtbaren

Eigenschaften Tätigkeiten und Kräfte Dingen außerhalb ihrer und jedes noch

so vollständige Stück in der Natur verdankt sein Dasein und seine Vorzüge seinen

Nachbaren so dass man um seine Eigenschaften völlig zu verstehen das Denken

nicht auf dessen Oberfläche sich beschränken darf sondern einen guten Teil

weiter blicken muss

     12 Man darf sich daher nicht wandern dass unsere Vorstellungen von

Substanzen unvollkommen sind und dass wir das wirkliche Wesen von dem ihre

Eigenschaften abhängen nicht kennen Man kann weder die Größe noch die Gestalt

und das Gewebe ihrer kleinsten tätigen Theile entdecken und noch weniger die

verschiedenen Bewegungen und Stöße die in ihnen und auf sie durch fremde

Körper geschehen obgleich die meisten und erheblichsten Eigenschaften die man

an ihnen bemerkt und aus denen deren Vorstellungen sich bei uns zusammensetzen

davon abhängen Dies allein genügt um unseren Hoffnungen auf Erkenntnis ihres

wahren Wesens ein Ende zu machen wir können an deren Stelle nur deren

WortWesen setzen das uns aber nur spärlich mit einer allgemeinen Kenntnis und

sichern allgemeinen Sätzen versieht

     13 Das Urteilen reicht weiter ist aber kein Wissen Man darf sich

daher nicht wundern dass nur wenige über Substanzen aufgestellte Sätze sicher

sind denn unsere Kenntnis ihrer Eigenschaften geht selten über den Bereich

unserer Sinne hinaus Vielleicht dringen die Forschungen und Beobachtungen

einzelner tüchtiger Männer weiter vor Vielleicht vermögen sie auf Grund

sorgfältiger Beobachtungen und zusammengefasster Andeutungen mitunter das zu

erraten was die Wahrnehmung noch nicht entdeckt hat allein es bleiben dies

bloße Vermutungen man kommt hier nicht über das Meinen hinaus und erlangt

nicht die zum Wissen nötige Gewissheit denn das allgemeine Wissen gehört nur

unserm Denken an und besteht nur in der Betrachtung unsrer eigenen allgemeinen

Vorstellungen Wo man bemerkt dass sie mit einander stimmen oder nicht stimmen

da hat man ein allgemeines Wissen und indem man danach die Worte dieser

Vorstellungen zu Sätzen verbindet kann man allgemeine Wahrheiten mit Sicherheit

aussprechen Allein diese allgemeinen Vorstellungen von Substanzen für welche

besondere Worte vorhanden sind, haben soweit sie eine bestimmte Bedeutung

haben nur mit wenig andern Vorstellungen eine erkennbare Verbindung oder

Unvereinbarkeit und deshalb sind allgemeine Sätze, die als gewiss gelten

können über Substanzen in Bezug auf das was uns am meisten interessiert

spärlich und dürftig und es gibt kaum ein SubstanzWort mag seine Bedeutung

sein welche sie wolle bei dem man gewisse Eigenschaften ihm allgemein und

gewiss zusprechen oder absprechen kann die regelmäßig mit seiner Vorstellung

wo sie auch angetroffen wird, verknüpft oder nicht verknüpft sind

     14 Was zur Kenntnis der Substanzen gehört Ehe man hier nur einige

Kenntnis erlangen kann müsste man zunächst wissen welche Veränderungen die

ersten Eigenschaften des einen Körpers in den ersten eines andern bewirken und

wie dies geschieht Zweitens müsste man wissen welche ersten Eigenschaften

eines Körpers gewisse Empfindungen oder Vorstellungen in uns hervorbringen und

dies verlangt ein Wissen von allen Wirkungen des Stoffes je nach seinen

Besonderungen in Größe Gestalt Zusammenhang Bewegung und Ruhe was Jeder

wohl ohne Offenbarung für unerreichbar halten wird Wäre es aber uns offenbart

welche Art von Gestalt Größe und Bewegung der kleinsten Körperchen in uns die

Empfindung der gelben Farbe bewirkt und welche Gestalt Größe und Gewebe auf

der Oberfläche eines Körpers solchen Körperchen die gehörige Bewegung mittheilt

um diese Farbe hervorzubringen so wurde dies doch zur Bildung sicherer

allgemeiner Sätze aber die einzelnen Arten nicht zureichen wenn unsere Vermögen

nicht so scharf wären dass man auch die Masse Gestalt das Gewebe und die

Bewegung der kleinsten Theile in den einzelnen Körpern wahrnehmen könnte durch

die sie auf unsere Sinne einwirken um danach die allgemeinen Vorstellungen über

sie zu bilden Ich habe hier nur körperliche Substanzen gemeint deren

Wirksamkeit unserm Verstande näher zu liegen scheint denn bei den Wirksamkeiten

der Geister sowohl in deren Denken wie Bewegen der Körper, hört schon bei dem

ersten Blick unser Wissen auf Allein auch bei den Körpern wird man wenn man

näher über sie und ihre Wirksamkeit nachdenkt und erwägt wie wenig unsere

Begriffe selbst bei diesen mit einiger Klarheit über einzelne Tatsachen

hinausreichen gestehen müssen dass selbst hier unsere Entdeckungen wenig über

vollkommene Unwissenheit und Unfähigkeit hinausgehen

     15 Da unsere Vorstellungen von Substanzen deren wirkliches Wesen nicht

enthalten so können wir nur wenig allgemeine Sätze über sie aufstellen So

viel ist klar dass die allgemeinen Vorstellungen der Substanzendie durch

allgemeine Worte bezeichnet werden nur wenig allgemeine Gewissheit gewähren

können weil sie deren wirkliche Verfassung nicht einschließen Unsere

Vorstellungen von ihnen sind nicht aus dem gebildet wovon die an ihnen

wahrgenommenen Eigenschaften abhängen und was uns hierüber belehren könnte

oder mit dem sie in Verbindung stehen Wenn zB die Vorstellungdie man Mensch

nennt meist einen Körper von der entsprechenden Gestalt mit Wahrnehmung

freiwilliger Bewegung und Vernunft bezeichnet so kann man aus dieser

allgemeinen Vorstellungdie sonach das Wesen des Menschen bildet nur wenig

allgemeine Sätze über den Menschen aufstellen denn man kennt nicht die

wirkliche Verfassung von der die Wahrnehmung, die Kraft zu bewegen und zu

denken und diese besondere Gestalt abhängen und worauf ihre Verbindung zu einem

Wesen beruht Deshalb gibt es nur wenig andere Eigenschaften mit denen jene in

einer notwendigen und erkennbaren Verbindung stehen und man kann nicht sicher

behaupten dass zB alle Menschen zu Zeiten schlafen dass kein Mensch sich von

Steinen und Holz ernähren könne dass alle Menschen durch Schierling vergiftet

werden denn all diese Vorstellungen stehen in keiner Verbindung und sind auch

nicht umgekehrt unvereinbar mit dem Wort Wesen des Menschen und mit der

allgemeinen, durch dieses Wort bezeichneten Vorstellung Man muss hier und bei

andern Fragen Versuche an Einzelnen anstellen kommt indes damit nicht weit im

Übrigen muss man sich mit Wahrscheinlichkeiten begnügen allgemeine Gewissheit

ist unmöglich weil unsre Vorstellung vom Menschen das wirkliche Wesen nicht als

die Wurzel einschließt aus der all seine Eigenschaften abfließen und sich

untrennbar in ihr vereinigen unsre Vorstellung vom Menschen ist nur eine

unvollständige Sammlung einiger erkennbarer Eigenschaften und Kräfte desselben

und deshalb fehlt die Verbindung oder der Widerstreit derselben mit der

Wirksamkeit des Schierlings oder der Steine auf dessen Verfassung Es gibt

Tiere die ohne Schaden Schierling verzehren und andere die sich von Holz und

Steinen nähren so lange aber uns die Kenntnis der wirklichen Verfassung der

einzelnen ThierArten fehlt von der diese und andere Eigenschaften und Kräfte

abhängen kann man nicht hoffen eine Gewissheit für allgemeine Sätze über sie

zu erreichen Nur jene wenigen Vorstellungendie eine erkennbare Verbindung mit

dem WortWesen oder einem Theile desselben haben können uns solche Sätze

gewähren deren sind indes so wenige und sie sind von so geringer Bedeutung

dass unser gewisses allgemeines Wissen über Substanzen so gut wie keines ist

     16 Worauf die allgemeine Gewissheit der Sätze beruht Also können

allgemeine Sätze irgend welcher Art nur dann Gewissheit haben wenn die darin

vorkommenden Worte solche Vorstellungen bezeichnen deren Übereinstimmung oder

NichtÜbereinstimmung in der ausgedrückten Art von uns entdeckt werden kann,

und wir sind nur dann ihrer Wahrheit oder Unwahrheit gewiss wenn wir erkennen

dass die bezeichneten Vorstellungen so übereinstimmen oder nicht übereinstimmen

wie sie bejaht oder verneint worden sindDaher besteht die Gewissheit des

Allgemeinen nur in unsern Vorstellungen sucht man sie anderswo in Versuchen

oder Beobachtungen so kommt man nicht über das Wissen von dem Einzelnen hinaus

Nur die Betrachtung unsrer allgemeinen Vorstellungen kann uns allgemeines Wissen

gewähren

 
 



                               



     1 Sie haben ihre Gewissheit in sich selbst Es gibt eine Art Sätze

welche unter dem Namen von Maximen oder Axiomen für Grundsätze der

Wissenschaften gelten Weil sie in sich selbst gewiss sind haben sie für

angeboren gegolten obgleich bisher Niemand so viel ich weiß versucht hat

den Grund oder die Unterlage ihrer Klarheit und zwingenden Gewalt darzulegen

Eine Untersuchung dieses Grundes ihrer Selbstgewissheit dürfte jedoch der Mühe

wert sein um zu sehen ob sie ihnen eigentümlich ist und um ihren Einfluss

und ihre leitende Macht auf unser Wissen zu ermitteln

     2 Worin diese SelbstGewissheit besteht Das Wissen besteht wie

gezeigt in der Erfassung der Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung von

Vorstellungen; wird nun diese Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung

unmittelbar durch sie selbst erkannt ohne dass eine andere Vorstellung dabei

einzutreten hat so ist die Kenntnis eine selbstverständliche Dies erhellt

wenn man die Sätze betrachtet denen man auf den ersten Blick ohne alle

Beweise zustimmt Der Grund dieser Beistimmung kommt überall von der

Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung der Vorstellungen, reiche wie die

Seele bei einer unmittelbaren Vergleichung derselben bemerkt der Bejahung oder

Verneinung des Satzes entsprechen

     3 Diese Selbstgewissheit ist nicht auf die anerkannten Grundsätze

beschränkt Wenn sich dies so verhält so fragt es sich zunächst ob diese

Selbstgewissheit nur den Sätzen eigen ist die unter dem Namen von Axiomen

umlaufen und denen allein die Würde solcher eingeräumt worden ist. Hier

erhelltdass auch andere Wahrheiten die nicht als solche Axiome gelten doch

an dieser Selbstgewissheit gleicherweise Teil nehmen man braucht deshalb nur

die einzelnen früher erwähnten Arten der Übereinstimmung und

NichtÜbereinstimmung durchzugehen zB die Dieselbigkeit die Beziehungen

das Zusammenbestehen und das wirkliche Dasein man sieht dann dass nicht bloß

diese wenigen Satze die als Axiome gelten sondern viele ja unzählige andere

Sätze auch dazu gehören

     4 1 In Bezug auf Dieselbigkeit und Verschiedenheit sind alle Sätze

gleich selbstgewiss Erstens beruht die unmittelbare Erkenntnis der

Übereinstimmung und NichtÜbereinstimmung bezüglich der Dieselbigkeit auf der

Bestimmtheit der Vorstellungen in der menschlichen Seele und daraus gehen

ebenso viele selbstgewisse Sätze hervor als man bestimmte Vorstellungen hat

Alles Wissen überhaupt hat zu seiner Grundlage bestimmte und unterschiedene

Vorstellungenund es ist die erste Tätigkeit der Seele ohne die das Wissen

überhaupt unmöglich ist jede ihrer Vorstellungen durch diese selbst zu kennen

und von andern zu unterscheiden Jeder bemerkt dass er die Vorstellungdie er

hat kennt ebenso dass er weiß wenn eine in seinem Verstande ist und was sie

ist und sind mehrere daselbst so kennt er sie bestimmt und vermengt keine mit

der andern Indem sich dies immer so verhält da es unmöglich ist dass Jemand

das nicht bemerkt was er bemerkt so kann er wenn eine Vorstellung in seiner

Seele ist nicht daran zweifeln dass sie da ist und dass sie die Vorstellung

ist, die sie ist und dasswenn zwei Vorstellungen in seiner Seele sind sie

bestimmt sind und die eine nicht die andere ist Deshalb werden alle solche

Behauptungen und Verneinungen gemacht ohne dass ein Zweifel eine Ungewissheit

oder Zögern dabei möglich istvielmehr wird ihnen sofort sobald sie verstanden

worden zugestimmt dh sobald man in der Seele die bestimmten Vorstellungen

hat welche den Worten in dem Satze entsprechen Deshalb ist die Seele wenn sie

irgend einen Satz aufmerksam betrachtet um die beiden durch seine Worte

bezeichneten bejahten oder verneinten Vorstellungen als dieselben oder als

verschiedene zu erfassen sofort und untrüglich von der Wahrheit solchen Satzes

überzeugt gleichviel ob die Worte mehr oder weniger allgemeine Vorstellungen

bezeichnen zB ob die allgemeine Vorstellung des Seins von sich selbst bejaht

wird wie dies in dem Satze geschieht Was ist das ist oder ob eine mehr

besondere Vorstellung von sich bejaht wird wie Ein Mensch ist ein Mensch

oder Was weiß istist weiß oder ob die allgemeine Vorstellung des Seins von

dem NichtSein verneint wird welche Vorstellung wenn ich es so nennen darf

die einzige von dem Sein verschiedene ist wie dies in dem zweiten Satze

geschieht wonach dasselbe Ding unmöglich sein und nichtsein kann oder wenn

die Vorstellung eines besonderen Seienden von einer andern verneint wird wie

Der Mensch ist nicht ein Pferd rot ist nicht blau Sobald diese Worte

verstanden sind lässt die Verschiedenheit der Vorstellungen die Wahrheit des

Satzes sofort erkennen und zwar ebenso leicht bei allgemeinen wie bei weniger

allgemeinen Sätzen da der Grund überall derselbe ist denn die Seele bemerkt

bei jeder ihrer Vorstellungen dass diese dieselbe mit sich selbst ist, und dass

zwei verschiedene Vorstellungen verschieden und nicht dieselben sind Dies ist

gleich gewiss mögen die Vorstellungen mehr oder weniger allgemein besondert

oder umfassend sein Deshalb sind nicht bloß die zwei Sätze Was ist das ist

und Es ist unmöglich dass dasselbe Ding ist und nicht ist ausschließlich mit

dieser Selbstgewissheit ausgestattet sondern diese Auffassung des Seins oder

NichtSeins findet auch bei jeder andern Vorstellung statt Jene beiden

allgemeinen Sätze sagen nur »dasselbe ist dasselbe« und »dasselbe ist nicht

verschieden« diese Wahrheit erfasst man ebenso bei den einzelnen Fällen wie bei

diesen allgemeinen Sätzen und zwar bei einzelnen Fällen schon ehe man an jene

allgemeinen Satze gedacht hat ihre Kraft beruht auf der Unterscheidung der

einzelnen Vorstellungenwelche in der Seele erfolgt Auch ohne Beweis und Hülfe

eines dieser beiden allgemeinen Sätze erkennt die Seele klar und weiß gewiss

dass die Vorstellung von Weiß die Vorstellung von Weiß ist und nicht die von

Blau und dasswenn diese Vorstellung in der Seele ist sie da ist und nicht

abwesend deshalb kann die Betrachtung dieser beiden Axiome nichts zu der

Gewissheit und Klarheit des Wissens der Seele beitragen Und so verhält es sich

wie Jeder bei sich selbst erfahren kann mit allen andern Vorstellungen in der

Seele man weiß von jeder dass sie dieselbe und keine andere ist und dass sie

in der Seele ist und nicht wo anders wenn sie darin ist diese Gewissheit kann

nicht grösser sein und deshalb kann die Gewissheit bei keinem allgemeinen Satze

grösser sein oder jene vermehren Bei der Dieselbigkeit reicht deshalb das

anschauliche Wissen so weit wie Vorstellungen gehen Man kann so viele

selbstgewisse Sätze bilden als Worte für bestimmte Vorstellungen bestehen Ich

frage ob der Satz: Ein Kreis ist ein Kreis nicht ein ebenso selbstgewisser

Satz ist wie der allgemeinere Was ist das ist und ob umgekehrt der Satz:

blau ist nicht rot ein Satz ist an dem die Seele etwa zweifeln kann wenn sie

die Worte verstanden hat sie kann es so wenig wie an jenem Axiom dass es für

dasselbe Ding unmöglich ist zu sein und nicht zu sein Und dies gilt auch für

alle andern Vorstellungen

     5 2 Für das Zusammenbestehen gibt es nur wenig selbstgewisse Sätze

Was zweitens das Zusammenbestehen betrifft oder eine solche notwendige

Verbindung zweier Vorstellungen dasswenn die eine bei einem Gegenstände

besteht auch die andere dabei sein muss so hat die Seele von dieser

Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung nur in wenig Fällen eine

unmittelbare Erkenntnis Deshalb gibt es hier nur wenig anschauliches Wissen

und es gibt hier auch nur wenige selbstgewisse Sätze aber doch einige so ist

zB die Vorstellung des Körpers mit der Ausfüllung eines Raumes der dem

Inhalte seiner Oberfläche gleich ist verbunden und deshalb der Satz

selbstgewiss dass zwei Körper nicht denselben Raum einnehmen können

     6 3 Bei andern Beziehungen gibt es deren Was drittens die

Beziehungen von Zuständen anlangt so haben die Mathematiker viele Axiome über

die Beziehung der Gleichheit gebildet zB Gleiches von Gleichem genommen

bleibt Gleiches Dieser und andere Sätze dieser Art gelten zwar als Grundsätze

bei den Mathematikern und sind unzweifelhaft wahr indes zeigt sich bei ihrer

Betrachtung dass ihre Selbstgewissheit nicht klarer ist als die des Satzes

Eins und Eins sind Zwei oder dasswenn man von den fünf Fingern bei jeder Hand

zwei Finger wegnimmt die gleiche Zahl bei jeder Hand übrig bleibt Diese und

tausend andere Sätze Können über Zahlen aufgestellt werden denen man so wie

man sie hört beistimmen muss und die dabei klarer sind als jene

mathematischen Axiome

     7 4 Über wirkliches Dasein gibt es keine selbstgewissen Sätze Da

viertens das wirkliche Dasein nur mit der Vorstellung von uns selbst und von

Gott sonst aber mit keiner andern Vorstellung verknüpft ist so hat man

hierüber nicht einmal ein beweisbares geschweige ein anschauliches Wissen

Deshalb gibt es hier keine Grundsätze

     8 Diese Grundsätze haben wenig Einfluss auf unser sonstiges Wissen Es

fragt sich nun welchen Einfluss diese anerkannten Grundsätze auf andere Theile

unsers Wissens haben Jene Regeln der Schulen wonach alles Begründen »ex

präcognitis et präconcessis « geschieht scheinen die Grundlage für alles andere

Wissen auf diese Grundsätze zu stellen und sie als die präcognita anzunehmen Es

ist damit wohl gemeint 1 dass diese Grundsätze die ersten seien welche die

Seele kennen lernt und 2 dass alles andere Wissen davon abhängt

     9 Denn sie sind nicht die zuerst gewussten Wahrheiten Dass sie indes

nicht zu den zuerst der Seele bekannten Wahrheiten gehören lehrt die Erfahrung

und habe ich früher in Buch I Kap 2 dargelegt Wer bemerkt nicht dass ein

Kind gewiss weiß ein Fremder sei nicht seine Mutter und dass sein

Nutschbeutel nicht die Rute ist und zwar lange bevor es weiß dass kein Ding

sein und zugleich nichtsein kann Mit wie vielen Wahrheiten über Zahlen ist

nicht offenbar die Seele schon genau bekannt und deren gewiss bevor sie an jene

Grundsätze denkt auf die sich die Mathematiker bei ihren Beweisen manchmal

beziehen Der Grund dafür ist klar die Seele stimmt solchen Sätzen nur in Folge

ihrer Auffassung der Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung der darin

enthaltenen Vorstellungen zu, je nachdem sie in verständlichen Worten von

einander bejaht oder verneint werden Ferner ist jede Vorstellung das was sie

ist und zwei verschiedene Vorstellungen gelten nicht als dieselben deshalb

müssen solche selbstgewisse Wahrheiten bei denjenigen Vorstellungen zuerst

gewusst werden die zuerst in der Seele sind und dies sind die von den

einzelnen Dingen erst von diesen aus schreitet der Verstand allmählich zu den

allgemeinen fort die von den gewöhnlichen und bekannten Gegenständen der Sinne

entlehnt und in der Seele befestiget und mit Namen versehen worden Diese

Vorstellungen von einzelnen Dingen werden zuerst aufgenommen und unterschieden

und das Wissen derselben zuerst erlangt von diesen schreitet es zu den weniger

allgemeinen und dem Einzelnen näher Stehenden fort denn ganz allgemeine

Vorstellungen sind für das Kind oder die noch ungeübtere Seele nicht so leicht

und augenfällig als die Vorstellung des Einzelnen Wenn bei Erwachsenen dies

anders ist so kommt es nur von dem häufigen und gewohnten Gebrauche allgemeiner

Vorstellungen Denn näher betrachtet zeigen sich diese als Gebilde oder

Erfindungen der Seele die ihre Schwierigkeiten haben und die sich nicht so

leicht darbieten als man meint So braucht es einiger Mühe und

Geschicklichkeit um die allgemeine Vorstellung des Dreiecks obgleich es noch

keine sehr allgemeine umfassende und schwere ist zu bilden es darf weder

schief noch rechtwinklig weder gleichseitig noch gleichschenklig noch

ungleichseitig sein vielmehr dieses alles und auch keines von diesen Es ist

also etwas Unvollständiges was nicht bestehen kann und eine Vorstellungin der

Theile von verschiedenen und unverträglichen Vorstellungen verbunden sind.

Allerdings braucht die Seele bei ihrem unvollkommenen Zustande solche

Vorstellungen und sucht sie wegen der Beweglichkeit für den Verkehr und der

Ausdehnung des Wissens, zu denen beiden sie hinneigt so schnell als möglich zu

gewinnen Allein dennoch müssen solche Vorstellungen als Zeichen unserer

Unvollkommenheit gelten wenigstens ergibt sich dass die allgemeinsten

Vorstellungen nicht die sind mit denen die Seele zuerst und am leichtesten

bekannt wird und auf welche das frühste Wissen sich bezieht

     10 Denn das übrige Wissen ist von ihnen nicht abhängig Zweitens folgt

klar aus dem Gesagten dass diese gefeierten Grundsätze nicht die Unterlage

alles andern Wissens sind Denn wenn es noch viele andere Wahrheiten außer

ihnen von gleicher SelbstGewissheitund viele andere die man vor ihnen

kennt gibt so können sie nicht die Grundsätze sein aus denen alles andere

Wissen sich ableitet Ist es denn unmöglich ohne die Hülfe dieser Grundsätze

oder anderer wie dass das Ganze all seinen Teilen gleich sei zu wissen dass

1 und 2 zusammen gleich 3 sind Viele wissen dies letztere ohne von einem

Grundsatze gehört oder daran gedacht zu haben wodurch es bewiesen würde und

sie wissen es so gewiss wie Andere es wissen dass das Ganze seinen Teilen

zusammen gleich ist oder sonst etwas der Art und zwar Alle aus dem einen Grunde

der SelbstGewissheit da die Gleichheit dieser Vorstellungenmit oder ohne

solchen Grundsatz offenbar und gewiss ist und keines Beweises bedarf Selbst

nachdem man erkannt hat dass das Ganze all seinen Teilen gleich ist weiß man

nicht besser oder gewisser wie vorher dass 1 und 2 gleich 3 sind da wenn

etwas bei diesen Vorstellungen sich bedenklich zeigt das Ganze und die Theile

dunkler oder doch weniger bestimmt in der Seele auftreten als die 1 2 und 3

Soll alles Wissen neben diesen allgemeinen Grundsätzen von allgemeinen

angeborenen und selbstgewissen Sätzen abhängen so möchte ich fragen mit

welchen Grundsätzen man beweisen will dass 1 und 1 gleich 2 2 und 2 gleich 4

und dass dreimal 2 gleich 6 sind Da man dies ohne Beweis weiß so erhellt,

dass entweder nicht alles Wissen von bestimmten präcognitis oder Grundsätzen

abhängen kann oder dass jene Sätze auch zu den Grundsätzen gehören wo dann

eine große Menge von Zahlsätzen dazu gehören würde Nimmt man dann noch die

selbstgewissen Sätze hinzu welche über alle bestimmten Vorstellungen

aufgestellt werden können, so sind die Grundsätze zu denen man in den

verschiedenen Jahrhunderten gelangt unendlich oder wenigstens zahllos eine

Menge dieser angeborenen Grundsätze lernt man dann in seinem ganzen Leben nicht

kennen Mögen sie nun früher oder später zum Bewusstsein kommen so bleibt doch

richtig dass sie alle vermöge ihrer natürlichen Klarheit gewusst werden ganz

selbstständig sind und von andern Sätzen weder Licht noch einen starkem Beweis

erhalten am wenigsten erhält es der Einzelsatz von dem allgemeinen und der

einfachere von dem verwickelteren denn das Einzelne und Bestimmtere ist

bekannter und wird leichter und früher aufgefasst Mögen indes die klarsten

Vorstellungen sein welche sie wollen so beruht doch die Gewissheit und

Klarheit aller dieser Sätze darauf dass dieselbe Vorstellung für dieselbe gilt

und dass zwei verschiedene Vorstellungen für verschieden gelten Hat man die

Vorstellung von 1 und 2 von Gelb und Blau so weiß man gewiss dass die

Vorstellung der 1 die von der 1 ist und nicht die von der 2 und dass die von

Gelb die von Gelb ist und nicht die von Blau Bestimmte Vorstellungen können

nicht zusammenfließen das hieße sie gleichzeitig als getrennte und als eine

haben was sich widerspräche und hat man keine bestimmten Vorstellungen so

gebraucht man überhaupt seine Kräfte nicht und hat überhaupt kein Wissen

Sobald also irgend eine Vorstellung von sich selbst bejaht wird und sobald zwei

völlig bestimmte Vorstellungen von einander verneint werden so muss die Seele

dem als untrüglich wahr beistimmen so wie sie die Worte versteht ohne Zögern

und ohne dass sie Beweise braucht oder auf die in allgemeine Ausdrücke gefassten

Grundsätze Acht hat

     11 Wozu diese allgemeinen Grundsätze nützen Soll man nun sagen dass

diese Grundsätze nutzlos seien Keineswegs wenn auch ihr Nutzen vielleicht

nicht der ist den man gewöhnlich annimmt Indes wenn jeder Zweifel an dem was

diesen Grundsätzen zugeschrieben wird leicht als ein Umstürzen der Grundlagen

aller Wissenschaften verschrien wird so verlohnt es sich vielleicht sie in

Rücksicht auf andere Theile des Wissens zu betrachten und ihren Nutzen genauer

zu ermitteln Erstens erhellt aus dem Obigen dass sie für den Beweis oder die

Verstärkung von weniger allgemeinen aber selbstverständlichen Sätzen ohne

Nutzen sind Zweitens ist klar dass sie nicht die Grundlagen sind oder gewesen

sind auf welchen eine Wissenschaft aufgebaut worden ist. Man spricht zwar viel

von Wissenschaften und von Grundsätzen auf denen sie errichtet sind und die

Schulmänner verbreiten solche Ansicht allein mein Unglück ist dass ich niemals

eine solche Wissenschaft angetroffen habe und noch weniger eine die auf den

zwei Grundsätzen errichtet wäre Was ist das ist und Es ist unmöglich dass

dasselbe Ding sein und nicht sein kann Ich würde mich freuen wenn man mir eine

auf diesen oder andern allgemeinen Grundsätzen errichtete Wissenschaft zeigen

könnte und wenn mir die Gestalt und das System einer auf diesen oder gleichen

Grundsätzen erbauten Wissenschaft vorgelegt werden könnte die nicht auch ohne

dieselbe dennoch feststünde Haben diese allgemeinen Grundsätze in der

Gottesgelehrtheit und bei theologischen Fragen nicht dieselbe Gültigkeit wie bei

andern Wissenschaften Hier helfen sie allerdings den Zank zum Schweigen und den

Streit zum Ende zu bringen aber dennoch wird Niemand deshalb sagen dass die

christliche Religion auf diesen Grundsätzen errichtet und unser Wissen von ihr

daraus abgeleitet sei wir haben sie durch göttliche Offenbarung empfangen und

ohne diese würden uns jene Grundsätze schwerlich zu ihr verholfen haben

Entdeckt man eine Vorstellung, durch deren Vermittlung man die Verbindungen

zweier anderer erkennt so ist es eine Offenbarung Gottes durch die Stimme der

Vernunft; man erfasst dann eine Wahrheit die man vorher nicht kannte Teilt

uns Gott eine Wahrheit mit so ist es eine Offenbarung durch die Stimme seines

Geistes und unser Wissen ist dann vermehrt aber in beiden Fällen kommt das

Licht oder Wissen nicht von Grundsätzen In dem ersten Falle gewähren es die

Dinge selbst; man erkennt die Wahrheit durch Auffassung ihrer Übereinstimmung

oder NichtÜbereinstimmung in dem letztem gewährt es Gott uns unmittelbar und

wir sehen die Wahrheit dessen was er uns sagt in seiner nicht irrenden

Wahrhaftigkeit

    Drittens nützen sie nichts zur Vermehrung der Wissenschaften und zur

Entdeckung noch unbekannter Wahrheiten Herr Newton hat in seinem nicht genug zu

bewundernden Buche mehrere Sätze bewiesen die ebenso viele neue bis jetzt

nicht gekannte Wahrheiten enthalten und die einen großen Fortschritt in der

Mathematik bilden allein zu deren Entdeckung haben ihm nicht jene allgemeinen

Grundsätze Was ist das ist oderDas Ganze ist grösser als der Teil oder

ähnliche verholfen diese waren keineswegs der Leitfaden der ihn zur Entdeckung

dieser wahren und gewissen Sätze führte und ebenso wenig haben sie ihm die

Beweise mitgeteilt vielmehr geschah dies durch die Auffindung der

vermittelnden Vorstellungenwelche die Übereinstimmung oder

NichtÜbereinstimmung der in den Sätzen enthaltenen Vorstellungen zeigten

Darin liegen die bedeutendsten Schritte und Hülfen für den menschlichen Verstand

behufs Ausdehnung der Wissenschaften während die Betrachtung dieser und anderer

viel gepriesener Grundsätze nicht das Mindeste dazu beiträgt Wer diese

überlieferte Bewunderung für jene Grundsätze hegt und meint man könne keinen

Schritt in dem Wissen vorwärts tun ohne die Stütze eines Grundsatzes und

keinen Stein in dem Aufbau der Wissenschaften zusetzen ohne ein Axiom der

sollte doch zwischen der Erwerbung und der Mittheilung des Wissens so wie

zwischen dem Verfahren was eine Wissenschaft weiter führt und dem was die

vorhandene nur Andern lehrt unterscheiden er würde dann sehen dass diese

allgemeinen Grundsätze nicht die Grundlagen sind auf denen die ersten Entdecker

ihren wunderbaren Bau errichteten und nicht die Schlüssel welche die

Geheimnisse des Wissens aufschlossen und öffneten Erst später nachdem die

Schulen gegründet waren und die Wissenschaften ihre Bekenner hatten die Andern

das Gefundene lehren sollten machte man von diesen Grundsätzen Gebrauch dh

man legte gewisse Sätze zu Grunde die selbstgewiss waren und für wahr galten

sie befestigten sich in der Seele der Schüler als unzweifelhafte Wahrheiten von

denen man gelegentlich Gebrauch machte um in einzelnen Fällen die Wahrheiten zu

beweisen die ihnen nicht so bekannt waren als jene allgemeinen Grundsätze

welche man ihnen eingeprägt und sorgfältig in ihrer Seele befestigt hatte

obgleich diese besonderen Fälle sich bei deren Betrachtung ebenso selbstgewiss

zeigten wie die allgemeinen Sätze die man zu ihrer Bestätigung herbeiholt Der

erste Entdecker fand diese besonderen Wahrheiten ohne Hülfe jener allgemeinen

Grundsätze und dies kann sich ebenso bei jedem Andern wiederholen der sie mit

Aufmerksamkeit betrachtet

    Der Nutzen dieser Grundsätze besteht also 1 darin dass man sie gebrauchen

kann wenn man Andern die Wissenschaften soweit sie bereits bekannt sind

lehren will dass sie aber zu deren Vermehrung wenig oder nichts helfen 2 Dass

sie bei Streitigkeiten helfen um die hartnäckigen Zänker zum Schweigen zu

bringen und ein Ende herbeizuführen obgleich ihre Notwendigkeit zu dem Behuf

vielleicht in der Weise entstanden sein mag dass die Schulen die Disputationen

zum Prüfstein der Fähigkeiten und zum Kennzeichen des Wissens erhoben hatten

wer dabei das Feld behielt wurde als Sieger anerkannt und wer das letzte Wort

hatte dessen Gründe ja dessen Sache galten als die besten Indes konnte es

zwischen geschickten Kämpfern leicht zu keiner Entscheidung kommen da immer ein

MittelBegriff bei der Hand war um einen Satz zu beweisen und da der Andere

ebenso oft ohne oder mit Unterscheidung den Oberoder Untersatz leugnen konnte

man führte deshalb um dem Fortgange solchen Streits in eine endlose Kette von

Schlüssen zuvorzukommen gewisse allgemeine Sätze in den Schulen ein von denen

allerdings die meisten selbstverständlich waren und da alle Welt sie

anerkannte so galten sie als der allgemeine Maßstab der Wahrheit und als

Grundsätze im Fall die Streitenden keine andern zwischen sich aufgestellt

hatten über die nicht hinausgegangen werden dürfe und die jeder Teil

anerkennen müsse Indem damit diese Regeln zu Grundsätzen erhoben Wurden über

die man bei Streitigkeiten nicht hinausschreiten durfte so nahm man sie

fälschlich für den Ursprung und die Quelle aus denen alles Wissen abflösse und

für die Grundlagen auf welchen die Wissenschaften aufgebaut wären weil man

wenn man beim Streiten auf einen solchen Satz stieß innehielt nicht weiter

ging und damit die Sache entschieden war Ich habe indes bereits gezeigt wie

sehr man hierbei sich im Irrtum befand  Dieses Verfahren der Schulen was als

die Quelle des Wissens galt verbreitete den Gebrauch dieser Grundsätze auch in

die Unterhaltung außerhalb der Schulen um den Spöttern den Mund zu

verschließen da man mit Dem nicht länger zu streiten brauchte der diese

selbstverständlichen und von allen Verständigen anerkannten Grundsätze

ableugnete Ihr Nutzen besteht daher bloß darin dass sie diesem Zanken ein Ende

machen Auch in solchen Fällen lehren sie in Wahrheit nichts was nicht bereits

durch die in dem Streite benützten MittelBegriffe geleistet worden wäre denn

deren Verbindung kann auch ohne die Hülfe dieser Regeln erkannt und damit die

Wahrheit schon erfasst sein ehe diese Regeln vorgebracht und die Begründung auf

einen ersten Grundsatz zurückgeführt worden ist. Schlechte Beweisgründe müssten

schon vorher aufgegeben werden wenn es bei diesem Streiten sich nicht um einen

Kampf bloß des Sieges wegen statt der Auffindung und Gewinnung der Wahrheit

handelte So machen diese Regeln wenigstens der Hartnäckigkeit ein Ende

obgleich der Aufrichtige schon früher nachgegeben haben würde Allein nachdem

dieses Verfahren der Schulen einmal zugelassen worden war und die Leute

ermutigt hatte selbst der Wahrheit so lange zu widerstehen bis sie beschämt

waren dh bis sie sich selbst oder einem anerkannten Grundsatze widersprachen

so schämte man natürlich in der gewöhnlichen Unterhaltung sich dessen nicht was

in den Schulen als tapfer und rühmlich galt und man hielt auch dort die einmal

gewählte Entscheidung einer Frage mochte sie falsch oder wahr sein bis auf das

Äußerste fest selbst nachdem man überführt worden war Allerdings ein

sonderbarer Weg für die Erlangung des Wissens und der Wahrheit von dem die

Vernünftigen und durch die Erziehung nicht Verdorbenen kaum je glauben konnten

dass er von den Verehrern der Wahrheit und den Erforschern der Religion und

Natur zugelassen und seine Einführung in die Pflegeschulen Denen gestattet

werden würde welche die Wahrheiten der Religion und Philosophie unter den

Unwissenden und Unbefangenen verbreiten sollen Ich brauche nicht zu zeigen wie

sehr eine solche Weise des Unterrichts die Gemüter der Tugend dem aufrichtigen

Streben und der Liebe zur Wahrheit abwendig macht und sie zweifeln lässt ob

überhaupt Etwas der Art besteht und es wert sei dass man es glaube Deshalb

sind diese Grundsätze, mit Ausnahme der Orte wo die peripatetische Philosophie

in den Schulen eingeführt worden und Jahrhunderte sich erhalten hat ohne der

Welt mehr als die Kunst des Streitens zu lehren nirgends weder für die

Grundlagen gehalten worden auf denen die Wissenschaften errichtet seien noch

für die größten Hilfsmittel zur Erweiterung derselben

    Sie sind also wie gesagt beim Streiten sehr nützlich um den Zänkern den

Mund zu stopfen aber sie helfen nichts für die Entdeckung neuer Wahrheiten und

für den Erwerb von Kenntnissen Wer hat wohl je sein Wissen mit den Sätzen Was

ist das ist und Es ist unmöglich dass dasselbe Ding ist und nicht ist

begonnen und wer hat von denselben als Grundsätzen der Wissenschaft, ein

System nützlicher Kenntnisse abgeleitet Bei falschen Behauptungen die sich

widersprechen kann ein solcher Grundsatz gleich einem Probierstein zeigen wohin

sie führen deshalb sind sie geeignet auch die Verkehrtheit oder den Irrtum in

einer Begründung oder Meinung darzulegen aber sie nützen wenig zur Aufklärung

des Verstandes, und sie gewähren wenig Hülfe bei dem Erwerb von Kenntnissen

Diese würden nicht geringer noch weniger gewiss sein wenn man auch nie an

diese Grundsätze gedacht hätte Sie helfen allerdings wie gesagt bei

Begründungen den Mund der Schreier stopfen indem sie das Verkehrte ihrer

Aussprüche darlegen und sie beschämen weil sie leugnen was alle Welt weiß

und weil sie von ihnen selbst für wahr anerkannt werden müssen allein Jemand

seinen Irrtum nachweisen und ihm eine Wahrheit mittheilen ist nicht dasselbe

und ich möchte wohl wissen welche Wahrheit durch diese Grundsätze mitgeteilt

würde oder mit ihrer Hülfe erkannt würde die man nicht schon vorher wüsste oder

ohne sie erlernen könnte Man mag mit ihnen begründen so gut man kann sie

bleiben doch nur Aussagen über Dieselbigkeit und ihr Einfluss ist wenn sie

überhaupt einen haben nur hierauf beschränkt Jeder besondere Satz ist nach der

Dieselbigkeit und dem Unterschiede ebenso klar und gewiss wie diese allgemeinen

Sätze diese werden nur mehr eingeprägt und benutzt weil sie in ihrer

Allgemeinheit für viele Fälle passen

    Andere weniger allgemeine Grundsätze sind großenteils nur WortSätze und

lehren nur die Beziehung und Bedeutung der Worte zu einander Man sagt »Das

Ganze ist all seinen Teilen gleich« aber welche wirkliche Wahrheit lehrt wohl

dieser Satz Er enthält nicht mehr als das was das Wort Totum oder das Ganze

schon von selbst sagt Wer weiß dass die Welt aus allen ihren Teilen besteht

weiß ziemlich so viel als »dass das Ganze all seinen Teilen gleich ist« Nach

solchem Grunde müssten auch der Satz, dass der Hügel höher ist als das Thai und

ähnliche für Grundsätze gelten Wenn aber die Lehrer der Mathematik Anderen

diese Wissenschaft beibringen wollen so stellen sie zwar mit Recht diese und

andere Grundsätze an den Eingang ihres Systems ihre Schüler sollen sich dadurch

gleich im Beginn mit diesen allgemeinen Sätzen bekannt machen sich an solches

Denken gewöhnen und dieselben in Form von Regeln und Aussprüchen immer bei den

einzelnen Fällen zur Hand haben allein genau besehen sind sie nicht klarer und

offenbarer als der einzelne Fall den sie bestätigen sollen die Seele ist dann

nur mit ihnen vertrauter und schon ihr Name genügt dann den Verstand zu

befriedigen Dies kommt wie gesagt mehr von ihrem realen Gebrauch und der

Festigkeit die sie in der Seele erlangt haben als von einem Unterschied in der

Gewissheit. Ehe die Gewohnheit eine solche Art zu denken und zu begründen in der

Seele befestigt hatte mag es ganz anders gewesen sein Wenn einem Kinde ein

Stück von seinem Apfel genommen wird so kennt es diesen einzelnen Fall besser

als vermittelst des Gesetzes dass das Ganze all seinen Teilen gleich ist

braucht einer von beiden Sätzen der Bestätigung durch den andern so ist mehr

für den allgemeinen die Bestätigung durch den einzelnen Fall nötig wie

umgekehrt denn das Wissen beginnt mit dem Einzelnen und dehnt sich nur

allmählich zur Allgemeinheit aus Später verfährt man allerdings umgekehrt das

Wissen wird in möglichst allgemeine Sätze gebracht mit denen man sich bekannt

macht und gewöhnt auf diese als den Maßstab der Wahrheit und des Irrtums

zurückzugehen Indem so andere Sätze fortwährend an ihnen geprüft werden

entwickelt sich bald die Meinung dass die besonderen Sätze ihre Wahrheit und

Gewissheit von ihrer Übereinstimmung mit jenen allgemeinen ableiten die man im

Reden und Begründen sehr viel benutzt und stets anerkennt Aus diesem Grunde

mögen von so vielen selbstgewissen Sätzen die allgemeinsten allein den Namen

von Grundsätzen erhalten haben

     12 Die Grundsätze können das Entgegengesetzte beweisen wenn man nicht

Acht hat Diese allgemeinen Grundsätze dienen auch deshalb wenig zur Begründung

und Vermehrung des wahren Wissens weil sie wenn unsere Begriffe falsch oder

lose und schwankend sind und man sich mehr mit den Worten begnügt statt mit

den an sie geknüpften Vorstellungen der Dinge, leicht in Irrtümern und in einem

solchen Gebrauch der Worte bestärken können der zwar sehr gebräulich ist aber

zu Widersprüchen führt Wenn man zB mit Descartes die Vorstellung des Körpers

nur auf die Aasdehnung beschränkt so kann man leicht beweisen dass es keinen

leeren Raum gibt dh keinen Raum der nicht einen Körper enthielte Denn da

das Wort Körper dann nur die Ausdehnung bezeichnet so ist man überzeugt dass

der Raum nicht ohne Körper sein kann Die Vorstellung der Ausdehnung ist klar

und deutlich man weiß dass sie das ist was sie ist gleichviel ob sie

Ausdehnung Körper oder Raum genannt wird Deshalb können allerdings diese drei

Worte da sie nur dieselbe Vorstellung bezeichnen mit der gleichen Gewissheit

von einander, wie jede einzelne von sich selbst ausgesagt werden Bei solcher

Benutzung dieser Worte für dieselbe Vorstellung ist der Satz, dass der Raum der

Körper istebenso wahr und dieselbig in seiner Bedeutung wie der Satz, dass der

Körper der Körper ist welcher Satz in Worten und im Sinne dieselbig ist

     13 Ein Beispiel am leeren Raume Verbände nun ein Dritter mit dem Worte

Körper eine andere Vorstellung als Descartes und soll das in seiner Vorstellung

gedachte Ding sowohl Ausdehnung wie Dichtheit haben so kann man ebenso leicht

beweisen dass es einen leeren Raum ohne Körper gibt wie Descartes das

Gegenteil bewiesen hat Denn Jener gibt dem Worte Raum nur die bloße

Ausdehnungund dem Worte Körper die zusammengesetzte Vorstellung von Ausdehnung

und Widerstand oder Dichtheit in demselben Gegenstände Diese beiden

Vorstellungen sind nicht ein und dieselben sondern so verschieden wie eins

und zwei weiß und schwarz Körper und Mensch Wird also die eine von der

andern ausgesagt so ist dies kein dieselbiger Satz sondern das Gegenteil und

der SatzDie Ausdehnung oder der Raum ist kein Körper ist so wahr und gewiss

wie dies durch den Grundsatz dass nicht dieselbe Sache sein und nicht sein

kann nur bewirkt werden kann.

     14 Sie beweisen das Dasein äußerer Dinge nicht So zeigt sich dass

diese beiden Sätze nämlich die Es gibt ein Leeres und Es kann kein Leeres

geben durch die beiden zuverlässigen Grundsätze Was ist das ist und

Dasselbe Ding kann nicht zugleich sein und nicht sein gleich gut bewiesen

werden können. Allein durch keinen kann bewiesen werden, dass Körper bestehen

und von welcher Art sie bestehen hier sind wir nur auf unsere Sinne angewiesen

mit denen man dies so weit als möglich ermitteln muss Diese allgemeinen

selbstgewissen Grundsätze enthalten nur das feste klare und bestimmte Wissen

von unsern Vorstellungen in einer allgemeinem und umfassendem Form und sie

können deshalb über das außerhalb der Seele Vorgehende keine Auskunft geben

Ihre Gewissheit stützt sich nur auf das Wissen dass jede Vorstellung sie selbst

und von den andern verschieden ist Hierüber ist kein Irrtum möglich so lange

sie in der Seele sind obgleich man sich wohl irrt und irren kann wenn man nur

die Namen ohne die Vorstellungen behält oder sie im Gebrauche verwechselt Da

jene Grundsätze nur bis zu dem Laute aber nicht bis zu dem Sinn der Worte

reichen so führen sie in solchen Fällen nur noch tiefer in Irrtum und

Verwirrung Ich erwähne dies um zu zeigen dass diese Grundsätze, die für die

großen Wächter der Wahrheit ausgeschrien werden nicht vor Irrtum schützen

wenn man die Worte unaufmerksam und schwankend gebraucht

    Was ich über den geringen Werth dieser Grundsätze für die Vermehrung des

Wissens und über ihre Gefahr bei schwankenden Vorstellungen hier gesagt habe

soll nicht zur Beseitigung derselben führen wie man mir vorgeworfen hat Ich

gebe zu dass sie wahr und selbstgewiss sind und deshalb nicht bei Seite gelegt

werden dürfen Wo sie einen Einfluss wirklich haben da wäre es vergeblich ihn

vermindern zu wollen allein man kann dennoch ohne Schaden für Wahrheit und

Wissen annehmen dass ihr Nutzen nicht der Wichtigkeit entspricht mit der sie

behandelt werden und ich warne vor ihrem schlechten Gebrauch durch den man

sich nur tiefer in dem Irrtum verstrickt

     15 Bei zusammengesetzten Vorstellungen ist ihr Gebrauch gefährlich Mag

nun ihr Nutzen für WortSätze so groß sein wie man wolle so gewähren sie doch

nicht die geringste Erkenntnis von der Natur der außer uns bestehenden

Substanzen über die Erfahrung hinaus Die Folgerungen aus diesen zwei

sogenannten Grundsätzen sind allerdings klar und man kann sie ohne Gefahr und

Schaden zum Beweise von Dingen benutzen die überhaupt keines Beweises bedürfen

und an sich selbst klar sind dh wo die Vorstellungen bestimmt und die sie

bezeichnenden Worte bekannt sind Wenn man aber diese beiden Sätze nämlich Was

ist das ist und Es ist unmöglich dass dieselbe Sache sein und nicht sein

kann zum Beweis von Sätzen benutzen will bei denen es sich um zusammengesetzte

Vorstellungen handelt wie Mensch Pferd Gold Tugend so entstehen große

Gefahren und sie lassen meist die Unwahrheit für klare Wahrheit und die

Ungewissheit für erwiesene Gewissheit nehmen Die Folgen sind dann Irrtümer

Hartnäckigkeit und alles Schlechte was aus falschen Gründen hervorgeht nicht

weil diese Grundsätze bei Sätzen mit zusammengesetzten Vorstellungen weniger

wahr und beweisend sind wie bei einfachen Vorstellungen sondern weil man

irrtümlich meint dass wenn man die Worte in den Sätzen beibehält sie auch für

dieselben Dinge gelten obgleich die mit den Worten bezeichneten Vorstellungen

gewechselt sind Deshalb können diese Grundsätze zur Verteidigung von Sätzen

gebraucht werden, die sich in Wort und Sinn widersprechen wie das obige

Beispiel mit dem leeren Räume ergeben hat Deshalb kann man mit diesen

Grundsätzen wenn man wie meist geschieht die Worte für die Dinge nimmt das

Entgegengesetzte beweisen wie ich noch weiter darlegen werde

     16 Ein Beispiel an dem Menschen Will man zB über den Menschen Etwas

mittelst dieser obersten Grundsätze beweisen so zeigt sich dass diese

Grundsätze nicht über WortBeweise hinauskommen und keinen sicheren allgemeinen

und wahren Satz und kein Wissen über einen Gegenstand von uns darbieten Wenn

ein Kind sich die Vorstellung eines Menschen bildet so gleicht sie

wahrscheinlich dem Bilde das der Maler aus der äußern Erscheinung

zusammenstellt eine solche Gesamtvorstellung macht des Kindes Vorstellung vom

Menschen aus und da in England dazu die weiße oder Fleischfarbe gehört so

kann das Kind beweisen dass der Neger kein Mensch ist denn es fehlt ihm die in

seiner Vorstellung enthaltene weiße Farbe deshalb kann das Kind vermittelst

des Grundsatzes dass dasselbe Ding nicht zugleich sein und nicht sein kann

beweisen dass der Neger kein Mensch ist Die Grundlage hierbei ist nicht jener

Grundsatz von dem das Kind vielleicht niemals etwas gehört hat sondern die

klare und bestimmte Auffassung seiner eignen Vorstellungen von Schwarz und

Weiß die es nach seiner Überzeugung nie verwechseln kann wenn es auch jenen

Grundsatz nicht kennt Ebenso kann man diesem Kinde und jedem Andern der die

gleiche Vorstellung von dem Menschen hat nicht beweisen dass der Mensch eine

Seele habe da seine Vorstellung eine solche Bestimmung nicht enthält Deshalb

hilft der Grundsatz Was ist das ist hierbei nichts sondern es hängt von der

Beobachtung und den Verbindungen ab die man zur Bildung seiner mit Mensch

bezeichneten Vorstellung benutzt

     17 Sodann kann ein Anderer der in der Bildung und Verbindung der Mensch

genannten Vorstellung weiter gegangen ist und zu der äußern Gestalt noch das

Lachen und ein vernünftiges Denken hinzugefügt hat beweisen dass Neugeborene

und Wechselbälge keine Menschen sind und zwar vermittelst des Grundsatzes dass

dasselbe Ding nicht zugleich sein und nicht sein kann und ich habe ganz

vernünftige Leute getroffen die wirklich dieser Meinung waren

     18 Drittens bildet vielleicht ein Anderer die Gesamtvorstellung Mensch

genannt nur aus der Vorstellung eines Körpers überhaupt mit dem Vermögen zur

Sprache und zur Vernunft ohne die Gestalt mit aufzunehmen dann kann er

beweisen dass der Mensch keine Hände zu haben braucht und vier Füße haben

kann da diesen Bestimmungen in seiner Vorstellung des Menschen nichts

entgegensteht und nach dieser jeder Körper der sprechen kann und Vernunft hat

ohne Rücksicht auf seine Gestalt ein Mensch ist Dieser Dritte hat ein sicheres

Wissen von solch einer Vorstellung und ist deshalb sicher dass das was ist

auch ist

     19 Bei klaren und deutlichen Vorstellungen haben diese Grundsätze für

die Beweise wenig Nutzen Recht betrachtet erhellt also dass wo die

Vorstellungen bestimmt ihre Namen bekannt sind und ihre Bedeutungen nicht

gewechselt werden man diese Grundsätze wenig oder gar nicht braucht um die

Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung der Vorstellungen zu beweisen Wer

die Wahrheit oder Unwahrheit solcher Sätze nicht auch ohne die Hülfe dieser und

ähnlicher Grundsätze erkennen kann wird bei diesen Grundsätzen wenig Hülfe

finden denn man muss von ihm annehmen dass er auch die Wahrheit dieser

Grundsätze ohne Beweise nicht erkennen kann wenn er die Wahrheit anderer nicht

ohne Beweis fassen kann die ebenso selbstgewiss sind wie jene Aus diesem

Grunde bedarf und gestattet bei dem anschaulichen Wissen ein Teil nicht mehr

Beweis als der andere Wer dies nicht annimmt nimmt die Grundlage alles Wissens

und aller Gewissheit hinweg und wer eines Beweises bedarf um dem Satz

zuzustimmen dass zwei gleich zwei seien braucht auch einen Beweis für den

Satz Was ist das ist Wer einen Beweis dafür braucht dass zwei nicht drei

sind dass weiß nicht schwarz und dass ein Dreieck kein Kreis usw ist und

dass überhaupt zwei verschiedene Vorstellungen nicht ein und dieselbe sind

wird auch einen Beweis dafür verlangen dass es unmöglich sei dass dasselbe

Ding ist und nicht ist

     20 Der Gebrauch derselben ist bei verworrenen Vorstellungen gefährlich

Wenn daher diese Grundsätze da wo man bestimmte Vorstellungen hat wenig

nützen so können sie da leicht schaden wo die Vorstellungen schwankend sind

und wo man Worte gebraucht ohne bestimmte Vorstellungen damit zu verbinden

oder wo die Worte nur eine löse und veränderliche Bedeutung haben und bald

Dieses bald Jenes bedeuten Die daraus hervorgehenden Irrtümer und

Unwahrheiten werden dann durch das Ansehen dieser Grundsätze die dann als

Beweise dienen für Sätze deren Ausdrücke schwankende Vorstellungen bezeichnen

nur bestätigt und befestigt

 
 






     1 Manche Sätze vermehren das Wissen nicht Ob die in dem vorigen

Kapitel behandelten Grundsätze für das wirkliche Wissen so nützlich seien wie

man allgemein annimmt überlasse ich der Erwägung allein so viel möchte ich

fast behaupten dass es allgemeine Sätze gibt die trotz ihrer gewissen

Wahrheit unserm Verstande kein Licht zuführen und unser Wissen nicht vermehren

     2 Identische Sätze Dazu gehören erstens alle rein identischen Sätze

von denen man gleich auf den ersten Blick und augenfällig sieht dass sie keine

Belehrung gewähren Wenn man einen Ausdruck nur von ihm selbst aussagt so zeigt

er mag er bloß dem Worte oder seinem wirklichen Sinne nach genommen werden nur

das was man schon vorher sicher wissen musste ehe man solchen Satz bildete

oder vorgelegt erhielt Allerdings kann der allgemeine Satz Was ist das ist

mitunter eine Widersinnigkeit darlegen deren man sich schuldig macht wenn man

in Folge von Umschreibungen oder zweideutigen Ausdrücken in einem einzelnen

Falle ein Ding von sich selbst verneint denn offen bietet Niemand dem gesunden

Verstande so Trotz dass er in klaren Worten deutlich Widersprechendes

behauptete und geschähe es so musste alles Gespräch mit ihm abgebrochen

weiden Allein dennoch lehrt uns keiner dieser anerkannten Grundsätze oder

ähnlicher identischer Sätze Etwas Allerdings mag bei Sätzen dieser Art jener

große und viel gerühmte Grundsatz welcher als die Grundlage aller Beweise

gepriesen wird zu deren Bestätigung beitragen allein alle damit geführten

Beweise sagen zuletzt nur dass jedes Wort sicher von sich selbst bejaht werden

kann. Solchen Satz bezweifle ich nicht aber er gewährt kein wirkliches Wissen

     3 Denn in dieser Weise kann selbst der Dümmste wenn er nur einen Satz

bilden kann und weiß was er meint wenn er ja oder nein sagt Millionen von

Sätzen bilden von deren Wahrheit er überzeugt ist und doch wird er damit kein

Ding in der Welt kennen lernen zB durch Sätze wie Was eine Seele istist

eine Seele oder eine Seele ist eine Seele ein Geist ist ein Geist ein

Fetisch ist ein Fetisch usw Sie gleichen alle dem Satze Was ist das ist

dh was Dasein hat hat Dasein oder was eine Seele hat hat eine Seele Dies

ist nur ein Spiel mit Worten und gleicht dem Spiel des Affen der seine Auster

aus einer Hand in die andere nimmt und wenn er sprechen könnte sicherlich

sagen würde Die Auster in der rechten Hand ist der Gegenstand, und die in der

linken Hand ist das Beiwort damit hätte er den selbstgewissen Satz über Austern

gebildet dass die Auster eine Auster ist aber er wäre mit alledem kein

Haarbreit klüger oder kenntnisvoller geworden Mit solchem Verfahren könnte man

so wenig den Hunger des Affen wie den Verstand eines Menschen zufrieden stellen

jener würde damit nicht in seinem umfange und dieser nicht in seinem Wissen

zugenommen haben

    Da identische Sätze selbstgewiss sind so nehmen Manche viel Antheil daran

und glauben den Wissenschaften zu nützen wenn sie laut verkünden dass sie

alles Wissen in sich enthalten und der Verstand nur durch sie zur Wahrheit

geleitet werde Ich will auch gern zugeben dass sie sämtlich wahr und

selbstverständlich sind und dass die Grundlage unsers Wissens in dem Vermögen

besteht jede Vorstellung als dieselbe aufzufassen und von den übrigen zu

unterscheiden wie ich in dem vorigen Kapitel dargelegt habe allein ich kann

nicht einsehen weshalb es nicht ein bloßes Spiel sein soll wenn man mit

identischen Sätzen das Wissen vermehren will Man mag noch so oft wiederholen

dass der Wille der Wille ist und man mag das größte Gewicht auf solche Sätze

legen so hilft dieser und unzählige andere gleicher Natur doch nichts zur

Ausdehnung des Wissens. Ein Mensch kann soweit es die Zahl der Worte gestattet

von solchen Sätzen überströmen wie zB das Gesetz ist das Gesetz; die

Verbindlichkeit ist die Verbindlichkeit Recht ist Recht unrecht ist Unrecht

er wird aber mit alledem nichts von der Ethik kennen lernen noch sich selbst

oder Andere in der Moral unterrichten Wer nicht weiß und vielleicht niemals

wissen wird was Recht und Unrecht ist und woran man sie bemisst kann dennoch

solche und ähnliche Sätze als völlig zuverlässig und untrüglich wahr aufstellen

gleich dem besten Kenner der Moral aber welchen Nutzen bringen solche Sätze für

die Kenntnis der zum Leben nötigen und nützlichen Dinge  Man würde es nur

für Spielerei halten wenn Jemand behufs Aufklärung des Verstandes in einem

Gebiete des Wissens sich mit identischen Sätzen abmühte und auf Grundsätze Werth

legte wie die Die Substanz ist die Substanzund der Körper ist der Körper;

das Leere ist das Leere und ein Wirbel ist ein Wirbel ein Zentaur ist ein

Zentaur und eine Chimäre ist eine Chimäre denn diese und ähnliche sind alle

gleich wahr gleich gewiss und gleich selbstverständlich Sie können trotzdem

nur als eine Spielerei gelten wenn man von ihnen als Grundsätzen bei dem

Unterricht Gebrauch macht und sie als eine Hülfe des Wissens behandelt da sie

nichts lehren was nicht Jeder der sprechen kann auch ohnedem weiß nämlich

dass dasselbe Wort dasselbe und dieselbe Vorstellung dieselbe ist Deshalb war

ich und bin noch jetzt der Ansicht dass die Aufstellung und Einprägung solcher

Sätze um dem Verstand neues Licht zuzuführen oder Einlass in die Erkenntnis

der Dinge zu gewähren nur ein Possenspiel ist  Die Belehrung liegt in etwas

ganz Anderem und wer sich oder Andere mit neuen Wahrheiten bereichern will

muss vermittelnde Vorstellungen aufsuchen und sie eine zu der andern so ordnen

dass der Verstand die Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung der

betreffenden Vorstellungen ersehen kann Sätze die dies leisten sind

belehrend aber solche die nur denselben Ausdruck von sich selbst bejahen sind

weit davon entfernt und kein Mittel den Geist in irgend einem Gebiete weiter

zu führen Dies hilft so wenig dazu wie zum LesenLernen die Einprägung von

Sätzen helfen würde wie A ist Aund B ist B man kann solche Sätze so gut wie

der Schulmeister kennen und doch sein Leben lang nicht lesen lernen solche

identische Sätze helfen dazu nicht einen Schritt weiter mag man sie benutzen

wie man will  Wenn man mich tadelt dass ich dies ein Possenspiel nenne so

lese man doch das früher mit klaren Worten Gesagte nach man wird dann sehen

dass ich unter identischen Sätzen nur solche verstehe wo derselbe Ausdruck in

gleicher Bedeutung von sich selbst bejaht wird Dies ist der wahre Begriff

identischer Sätze und von diesen kann ich sicherlich auch fernerhin behaupten

dass es nur Possen sind wenn man sie als belehrend behandelt Niemand mit

Verstand kann sie entbehren wo man auf sie achten muss und Niemand kann sie

bezweifeln wenn er auf sie achtet ob es aber richtiger ist Sätze wo dasselbe

Wort nicht an sich selbst bejaht wird identische zu nennen überlasse ich

Andern zur Entscheidung wenigstens trifft Alles was man von solchen Sätzen

sagt nicht mich und meinen Ausspruch über Sätze wo dasselbe Wort von sich

selbst bejaht wird Ich möchte wohl einen Fall wissen wo der Gebrauch eines

solchen Satzes Jemand in seinem Wissen weiter gebracht hätte Andere Fälle mag

man beliebig benutzen aber da sie nicht identisch sind gehören sie nicht

hierher

     4 2 Wenn ein Teil einer zusammengesetzten Vorstellung von der ganzen

ausgesagt wird Zweitens gehören zu den nutzlosen Sätzen die wo von einer

zusammengesetzten Vorstellung ein Teil ausgesagt wird und die wo ein Teil

der Definition von dem definierten Worte ausgesagt wird Dahin gehören alle

Sätze wo die Gattung von der Art oder ein umfassenderes Wort von einem weniger

umfassenden ausgesagt wird Denn welche Belehrung enthält wohl ein solcher Satz

wie der Das Blei ist ein Metall für Jemand der die mit Blei bezeichnete

Vorstellung kennt Alle einfachen Vorstellungendie in die mit Metall

bezeichnete Gesamtvorstellung eingehen sind schon vorweg in der enthalten

welche mit dem Worte Blei bezeichnet wird Wenn Jemand nur die Bedeutung des

Wortes Metall aber nicht die des Wortes Blei kennt so ist es allerdings das

Kürzeste letzteres damit zu erklären dass man es für ein Metall erklärt was

alle einfachen Vorstellungen in einem Worte befasst statt diese einzeln

aufzuzählen und zu sagen es ist ein sehr schwerer schmelzbarer und biegsamer

Körper

     5 Und wenn ein Stück der Definition von dem definierten Worte ausgesagt

wird Eine gleiche Spielerei ist es ein Stück der Definition von dem

definierten Worte auszusagen oder eine einzelne Vorstellung aus einer

Gesamtvorstellung von dieser auszusagen zB Alles Gold ist schmelzbar denn

die Schmelzbarkeit ist eine von den einfachen Vorstellungenwelche die

Gesamtvorstellung des Goldes bilden und es ist deshalb nur ein Spiel mit

Lauten vom Golde das auszusagen was in seiner bekannten Bedeutung schon

enthalten ist. Es würde sehr lächerlich klingen wenn man ernsthaft es als eine

wichtige Wahrheit behauptete dass das Gold gelb sei und doch ist der Satz,

dass Gold schmelzbar ist nicht um ein Haar bedeutender es müsste denn diese

Eigenschaft aus der Vorstellung des Goldes weggeblieben sein Welche Belehrung

kann es sein für Jemand das schon Gehörte oder schon Gewusste zu wiederholen

denn ich weiß entweder schon die Bedeutung des von einem Andern gebrauchten

Wortes oder er muss sie mir sagen und wenn ich weiß dass Gold die

Vorstellung eines gelben schweren schmelzbaren biegsamen Körpers bezeichnet

so wird es mich nicht belehren wenn hinterher feierlich ein Satz daraus gemacht

und gesagt wird Alles Gold ist schmelzbar Solche Sätze zeigen höchstens die

Unaufrichtigkeit bei Jemand der von den Definitionen seiner Worte abgehen will

indem sie ihm diese in Erinnerung bringen aber sie enthalten kein anderes

Wissen als was die Worte schon allein bedeuten wenn sie auch noch so gewiss

sind

     6 Ein Beispiel an Mensch und Zelter Jeder Mensch ist ein lebendiger

Körper dies ist ein Satz so gewiss als möglich allein er hilft zur

Erkenntnis der Dinge nicht mehr als der Satz: Ein Zelter ist ein

einherschreitendes Thier oder ein wieherndes einherschreitendes Thier beide

Sätze geben nur die Bedeutung des Wortes und lehren nur dies nämlich dass

Körper Empfindung und Bewegung oder das Vermögen zu empfinden und sich zu

bewegen drei Vorstellungen sind die ich immer unter dem Worte Mensch befasse

wo sie sich nicht beisammenfinden kommt der Name Mensch dem Dinge nicht zu und

ebenso sind Körper Empfindung eine Art zu gellen mit einer Art Stimme einige

von den Vorstellungenwelche ich mit dem Worte Zelter verbinde wenn sie in

einem Dinge nicht beisammen angetroffen werdenkann es nicht Zelter genannt

werden. Dasselbe geschieht wenn einzelne Worte für Vorstellungendie zusammen

die Mensch genannte Gesamtvorstellung bilden von dem Worte Mensch ausgesagt

werden Wenn zB ein Römer unter dem Wort Homo die folgenden zu einem

Gegenstande verbundenen Vorstellungen versteht als Körperlichkeit Empfindung

Vermögen sich zu bewegen Vernünftigkeit Fähigkeit zu lachen so kann er

unzweifelhaft all diese Vorstellungen einzeln oder zusammen von dem Wort Homo

aussagen allein er sagt damit nur dass in seinem Lande das Wort Homo in seiner

Bedeutung all diese Vorstellungen enthält Ganz ebenso könnte ein fahrender

Ritter mit dem Wort Zelter die Vorstellungen befassen ein Körper von bestimmter

Gestalt vierbeinig empfindend sich bewegend einherschreitend wiehernd

weiß gewohnt eine Dame zu tragen und er könnte ebenso sicher diese

Vorstellungen von dem Wort Zelter aussagen allein er lehrte damit nur dass das

Wort Zelter in seiner Sprache diese Vorstellungen sämtlich bezeichnet und von

keinem Dinge ausgesagt wird dem eine davon abginge Wer mir dagegen sagt dass

das Ding in dem Empfindung Bewegung Vernunft und Lachen vereint sind einen

Begriff von Gott habe oder durch Opium in Schlaf verfalle bildet einen

belehrenden Satz weil diese letzten beiden Bestimmungen in der Vorstellung,

welche das Wort Mensch bezeichnet nicht enthalten sind und man daher damit

mehr als bloß die Bedeutung des Wortes erfährt deshalb ist das in einem solchen

Satze gebotene Wissen mehr und betrifft nicht bloß Worte

     7 Denn damit wird nur die Bedeutung des Wortes erläutert Wenn Jemand

einen Satz aufstellt so muss er die dabei gebrauchten Worte verstehen sonst

schwatzt er wie ein Papagei ahmt nur die Laute nach und setzt Worte so wie er

es von Andern gelernt hat zusammen aber nicht so wie ein vernünftiges Wesen

das sie für die Vorstellungen in seiner Seele benutzt Auch der Hörer muss die

Worte verstehen sonst spricht man unverständlich und macht bloß ein Getöse

deshalb spielt Der nur mit Worten welcher Sätze bildet die nicht mehr

enthalten als schon eines der darin enthaltenen Worte aussagt und wo dies

schon vorher dem Andern bekannt war dies gilt zB von dem Satze Ein Dreieck

hat drei Seiten oder Safran ist gelb Dies ist nur statthaft bei Erklärung der

Worte für Jemand der sie nicht kennt es wird damit nur die Bedeutung des

Wortes und sein Gebrauch gelehrt

     8 Aber kein wirkliches Wissen geboten Hiernach kann man die Wahrheit

von zwei Arten von Sätzen mit voller Gewissheit kennen einmal von jenen

spielenden Sätzen die zwar eine Gewissheit in sich haben aber nur eine

WortGewissheit und keine belehrende und zweitens von Sätzen die etwas

aussagen was sich als notwendige Folge der gebrauchten Gesamtvorstellung

ergibt aber nicht darin enthalten ist, wie zB dass der Außenwinkel eines

Dreiecks grösser ist als jeder der beiden inneren ihm gegenüberliegenden Diese

Beziehung ist in der Gesamtvorstellung des Wortes Dreieck nicht enthalten und

der Satz ist eine wirkliche Wahrheit und gewährt ein belehrendes wirkliches

Wissen

     9 Allgemeine Sätze über Substanzen sind oft nur spielende Da man über

die Verbindung einfacher Vorstellungen zu Substanzen wenig mehr als was die

Sinne bieten weiß so kann man allgemeine Sätze über sie nur so weit bilden

als ihr WortWesen es darbietet Dies sind aber nur wenig und unbedeutende

Wahrheiten im Vergleich zu denen welche von ihrer wirklichen Verfassung

abhängen und deshalb sind die über Substanzen aufgestellten allgemeinen Sätze

wenn sie gewiss sind meist spielende Sätze sind sie aber belehrend so sind

sie ungewiss und von der Art dass man über ihre wirkliche Wahrheit trotz aller

Hülfe von Beobachtungen und Analogien keine Gewissheit erlangen kann Man trifft

deshalb oft auf klare und zusammenhängende Abhandlungen die doch nichts

bedeuten Die Namen von Substanzen können wie andere Namen wenn man ihnen eine

Bedeutung gibt mit aller Wahrheit zu verneinenden und bejahenden Sätzen

verbunden werden je nachdem ihre Definitionen dies gestatten und mit derselben

Klarheit können Sätze die aus solchen Worten bestehen ebenso von einander

abgeleitet werden wie Sätze die eine wirkliche Wahrheit bieten Dies Alles

kann geschehen ohne dass man die Natur der Dinge kennt und auf diese Weise

kann man Beweise und unzweifelhafte Sätze in Worten aufstellen und trotzdem

nicht einen Schritt in der Erkenntnis der Dinge weiter kommen Hat man zB die

folgenden Worte in ihrer gewöhnlichen Bedeutung erlernt Substanz Mensch

Thier Gestalt Seele Pflanze empfindend und vernünftig so kann man

unzweifelhafte Sätze über die Seele bilden ohne im Mindesten zu wissen was die

Seele ist In dieser Weise kann man zahllose Sätze Ausführungen und Schlüsse in

Büchern über Metaphysik scholastische Theologie und eine Art von

Naturphilosophie finden und nach alledem doch von Gott den Geistern und

Körpern so wenig wie vorher wissen

     10 Und weshalb Wer die Bedeutung der Substanz-Worte nach seinem

Belieben definiert wie Jeder tut der damit seine eignen Vorstellungen

bezeichnet und sie auf das Geratewohl aufstellt indem er dabei nur seine und

Anderer Einfälle beachtet und nicht die Natur der Dinge selbst erforscht der

kann allerdings ohne Schwierigkeit eines aus dem andern beweisen je nach den

Beziehungen und Verhältnissen die er ihnen zu einander gegeben hat allein wie

die Dinge selbst ihrer Natur nach übereinstimmen oder nicht davon weiß er

nichts er kennt nur seine Begriffe und die ihnen beigelegten Namen er vermehrt

also sein Wissen damit so wenig wie Derjenige sein Vermögen welcher aus einem

Beutel von Zahlpfennigen den einen Zahlpfennig einen Thaler den andern einen

Groschen und den dritten einen Pfennig nennt er kann damit richtig rechnen und

je nach Stellung und Bedeutung seiner Zahlpfennige eine große Summe

herausbringen allein er wird damit um keinen Heller reicher und er braucht

nicht einmal dabei zu wissen was Thaler Groschen und Pfennige sind sofern er

nur weiß dass der eine 32 mal und der andere 30 mal in den hohem enthalten

istEbenso kann man mit den Worten verfahren wenn man sie in Verhältnis zu

einander mehr oder weniger umfassend oder gleich annimmt

     11 3 Gebraucht man Worte in verschiedenem Sinne so ist dies nur ein

Spiel mit denselben In Betreff der meisten Worte die bei Begründungen und

Streitigkeiten benutzt werden herrscht noch ein vor Allem beklagenswertes

Spiel was die Sicherheit des Wissens wesentlich vermindert und die Belehrung

über die Natur und die Kenntnis der Dinge sehr erschwert indem die

Schriftsteller die Worte schwankend brauchen anstatt durch die Innehaltung

eines festen und beständigen Sinnes derselben ihre Ausführungen klar und einfach

zu halten selbst wenn sie auch nicht belehrend sind obgleich dies nicht

schwer sein würde wenn es ihnen nicht darauf ankäme ihre Unwissenheit oder

Hartnäckigkeit mit der Dunkelheit und Verworrenheit ihrer Worte zu verdecken

auch mögen mitunter Unaufmerksamkeit und üble Angewöhnungen bei Manchem dazu

beitragen

     12 Die Zeichen von bloßen WortSätzen sind Schließlich können die

bloßen Wortsätze an folgenden Kennzeichen erkannt werden:

    1 Aussagen in Allgemeinheiten Erstens haben alle Sätze wo zwei

allgemeine Worte von einander ausgesagt werden nur die Bedeutung der Wortlaute

Denn jede allgemeine Vorstellung kann nur mit sich selbst identisch sein und

wenn sie daher von einem andern Worte ausgesagt wird so heißt dies nur dass

sie mit diesem Worte bezeichnet werden kannoder dass beide Worte dieselbe

Vorstellung bezeichnen So kann man sagen Sparsamkeit ist Mäßigkeit

Dankbarkeit ist Gerechtigkeit diese oder jene Handlung ist oder ist nicht

gemäßigt Solche Sätze klingen sehr schön allein bei näherer Prüfung ihres

Inhalts geben sie nur die Bedeutung der gebrauchten Worte an

     13 2 Die Aussage eines Teils der Definition von dem definierten Worte

 Zweitens sind alle Sätze in denen ein Stück von der Gesamtvorstellung die

ein Wort bezeichnet von diesem Worte ausgesagt wird nur bloße WortSätze so

zB wenn man sagt Gold ist ein Metall oder Gold ist schwer Deshalb sind

alle Sätze wo umfassendere Worte Gattungen genannt von andern weniger

umfassenden Arten oder Einzelne genannt ausgesagt werden bloße WortSätze 

Prüft man nach diesen beiden Regeln die inund außerhalb der Bücher

aufgestellten Sätze so dürfte sich zeigen dass mehr Sätze als man denkt sich

nur um die Bedeutung der Worte drehen und nur von dem Gebrauche und der

Anwendung dieser Zeichen handeln Wenigstens kann es wohl als untrügliche Regel

gelten dass den Fall ausgenommen wenn die mit dem Worte bezeichnete

Vorstellung unbekannt ist oder etwas in der Vorstellung nicht Enthaltenes bejaht

oder verneint wird überall sonst unser Denken sich nur in Lauten bewegt und

weder die Wahrheit noch die Unwahrheit erreicht Wird dies beachtet so kann es

uns viel vor nutzlosen Ergötzlichkeiten und Streitigkeiten schützen und viele

Mähe und Wege bei Aufsuchung des wahren und wirklichen Wissens ersparen

 
 



                                



     1 Allgemeine und gewisse Sätze betreffen nicht das Dasein.) Bisher haben

wir nur das Wesen der Dinge betrachtet und da dies nur in allgemeinen

Vorstellungen besteht und deshalb innerhalb des Denkens den daseienden einzelnen

Dingen fern bleibt indem bei dem Verallgemeinern die eigentümliche Tätigkeit

der Seele darin besteht eine Vorstellung nicht anders als nur in der Seele

daseiend aufzufassen so gewährt es durchaus kein Wissen von dem wirklichen

Dasein Hieraus kann man beiläufig abnehmen dass alle allgemeinen Sätze die

man als wahr oder unwahr gewiss weiß das Dasein nicht betreffen und ferner

dass alle Sätze über Einzelnes die ihre Gewissheit durch ihre Verallgemeinerung

verlieren würden bloß das Dasein betreffen indem sie nur die zufällige

Verbindung oder Trennung von Vorstellungen in bestehenden Dingen aussagen die

in ihrer allgemeinen Natur keine gekannte notwendige Verbindung oder

Entgegensetzung an sich haben

     2 Das Wissen von dem Dasein ist dreifach Die weitere Betrachtung über

die Natur der Sätze und die verschiedenen Arten der Aussagen gehört jedoch an

einen andern Ort hier handelt es sich nur um unser Wissen von dem Dasein der

Dinge und am die Frage wie man es erlangt Hier sage ich dass wir von unserm

eigenen Dasein ein anschauliches Wissen haben von dem Dasein Gottes ein

beweisbares Wissen und von andern Dingen ein wahrnehmendes Wissen

     3 Unser Wissen von dem eigenen Sein ist anschaulich Unser eigenes

Dasein nehmen wir so klar und sicher wahr dass es keines Beweises dafür bedarf

auch ist es dessen nicht fähig Denn nichts kann offenbarer für uns sein als das

eigene Dasein Ich denke ich überlege ich fühle Lust oder Schmerz kann all

dies offenbarer für mich sein als das eigene Dasein Selbst wenn ich alles

Andere bezweifle so lässt mich dieses Zweifeln mein eigenes Dasein wahrnehmen

und daran nicht zweifeln Denn wenn ich Schmerz empfinde so habe ich offenbar

eine ebenso sichere Wahrnehmung von meinem eigenen Dasein wie von dem gefühlten

Schmerz und wenn ich weiß dass ich zweifle so habe ich eine ebenso sichere

Wahrnehmung von dem zweifelnden Dinge als von dem Gedanken den ich Zweifel

nenne So lehrt uns die Erfahrung, dass wir ein anschauliches Wissen von unserm

eigenen Dasein haben und eine innere untrügliche Wahrnehmung dass wir sind

Bei jedem einzelnen Fühlen Denken oder Überlegen sind wir uns des eigenen

Seins bewusst und hier fehlt uns nichts an der höchsten Gewissheit

 
 



                                



     1 Wenn Gott uns auch keine angeborene Vorstellung seiner gegeben und

keine ursprünglichen SchriftZeichen der Seele eingeprägt hat aus denen man

sein Dasein lesen kann so hat er doch unsere Seele mit Vermögen ausgestattet

die von ihm Zeugnis ablegen denn wir haben Empfindungen Wahrnehmungen und

Vernunft und können deshalb des klaren Beweises seiner nicht ermangeln so

lange wir leben Auch dürften wir uns über Unwissenheit in diesem wichtigen

Punkte nicht beklagen denn er hat uns reichlich mit den Mitteln versehen um

ihn zu finden und so weit zu erkennen als es der Zweck unsers Daseins und das

Interesse an unserm Glück erfordert Es ist dies die augenfälligste Wahrheit

welche die Vernunft entdeckt und ihre Gewissheit gleicht wenn ich nicht irre

der mathematischen allein sie erfordert Nachdenken und Aufmerksamkeit die

Seele muss sie von einem Stück unseres anschaulichen Wissens ableiten sonst

bleibt sie hierüber ebenso unsicher und unwissend wie bei andern Sätzen die an

sich klar bewiesen werden können. Um darzulegen dass wir Gott erkennen dh

von seinem Sein Gewissheit erlangen können braucht man nicht über sich selbst

und die unzweifelhafte Gewissheit seines eigenen Daseins hinaus zu gehen

     2 Der Mensch weiß dass er selbst ist.) Zweifellos hat der Mensch die

klare Vorstellung seines eigenen Daseins er weiß gewiss dass er ist und dass

er Etwas ist Wer zweifeln kann ob er Etwas sei oder nicht zu dem spreche ich

nicht so wenig wie ich mit dem reinen Nichts verhandeln oder das NichtSein

überzeugen kann dass es Etwas sei Will Jemand so skeptisch sein sein eigenes

Dasein zu leugnen denn ein wirklicher Zweifel daran ist offenbar unmöglich so

mag er sein geliebtes Glück Nichts zu sein genießen bis der Hunger oder ein

anderer Schmerz ihn von dem Gegenteil überführt Ich kann es also wohl für eine

Wahrheit ansehen deren Gewissheit Jeder an seinem Bewusstsein hat usw da

nicht gezweifelt werden kann, dass der Mensch Etwas ist was wirklich besteht

     3 Der Mensch weiß auch dass nur ein ewiges Ding ein Seiendes

hervorbringen kann Demnächst weiß der Mensch durch anschauliche Gewissheit

dass das reine Nichts so wenig ein wirkliches Ding hervorbringen kann als dass

es zwei rechten Winkeln gleichen kann Wenn Jemand dies Letztere nicht weiß so

kann er keinen Beweis im Euklid verstehen Weiß man also dass ein wirkliches

Seiende besteht und dass es von dem NichtSein nicht hervorgebracht werden

kannso folgt klar dass von Ewigkeit her Etwas bestanden hat denn ohnedem

hätte es einen Anfang und was einen Anfang hat müsste von etwas Anderem

hervorgebracht worden sein

     4 Dies EwigSeiende muss höchst mächtig sein Ferner erhelltdass, was

sein Sein und seinen Anfang von einem Andern hat Alles was es in sich hat und

ihm zugehört auch von einem Andern haben und alle seine Kraft aus derselben

Quelle haben muss Diese ewige Quelle alles Seienden muss daher auch die Quelle

und der Ursprung aller Macht sein und deshalb muss dieses EwigSeiende höchst

mächtig sein

     5 und höchst wissend Weiter findet der Mensch Wahrnehmung und

Erkenntnis in sich damit haben wir wieder einen Schritt weiter getan und sind

nun überzeugt dass es nicht bloß ein Seiendes gibt sondern auch ein

einsichtiges Seiende Entweder gab es also eine Zeit wo es noch kein wissendes

Wesen gab und wo das Wissen erst zu sein begann oder es hat ein wissendes

Wesen von Ewigkeit her bestanden Sagt man es gab eine Zeit wo noch kein Wesen

Wissen hatte wo das ewige Seiende alles Verstandes entbehrte so antworte ich

dass dann nie ein Wissen hätte entstehen können weil es ebenso unmöglich ist

dass ein Ding, was des Wissens ganz entbehrt und blind wirkt ohne wahrzunehmen

ein wissendes Wesen hervorbringen kann wie dass ein Dreieck seine drei Winkel

grösser als zwei rechte machen kann Es widerspricht der Vorstellung des

fühllosen Stoffes ebenso dass er sich selbst Empfindung Wahrnehmung und Wissen

geben sollte als es der Vorstellung des Dreiecks widerspricht dass es sich

größere Winkel als zwei rechte geben sollte

     6 Deshalb ist Gott So führt unsere Vernunft uns von der Betrachtung

unserer selbst und dem was wir in unserer Natur unfehlbar finden zu der

Erkenntnis der sichern und offenbaren Wahrheit dass es ein ewiges höchst

mächtiges und wissendes Wesen gibt wobei es gleichgültig ist ob man es Gott

nennen will denn die Sache ist klar und aus dieser Vorstellung können bei

gehöriger Betrachtung leicht alle jene übrigen Eigenschaften abgeleitet werden

die man diesem ewigen Wesen zuschreiben muss Ist Jemand indes so sinnlos

unverschämt anzunehmen dass der Mensch als der allein Wissende und Weise

dennoch das Erzeugnis des reinen Zufalls und der Unwissenheit sei und dass in

dem ganzen übrigen Weltall nur der Zufall herrsche so überlasse ich ihm den

sehr verständigen und gefühlvollen Tadel zu erwägen den Cicero in dem II Buche

seiner Gesetze ausspricht indem er sagt »Was kann es Törichteres

Anmaßenderes und Ungehörigeres für einen Menschen geben als wenn er meint er

allein habe eine Seele und Verstand und in der ganzen übrigen Welt sei nichts

der Art anzutreffen Oder dass diese Welt die er kaum mit der äußersten

Anstrengung seines Verstandes begreifen kann ohne allen Verstand bewegt und

geleitet werde«

    Für mich ergibt sich aus dem Gesagten klar dass wir ein sichereres Wissen

von dem Dasein Gottes haben als von irgend Etwas was die Sinne uns nicht

unmittelbar offenbart haben Ja ich möchte annehmen dass wir sicherer wissen

dass es einen Gott gibt als sonst ein Ding außer uns Wenn ich sage »wir

wissen« so meine ich dass ein solches Wissen in unserer Macht steht und man

es nicht verfehlen kann wenn man seinen Verstand so wie bei andern Dingen

gebraucht

     7 Unsere Vorstellung von einem vollkommenen Wesen ist nicht der

alleinige Beweis von Gottes Dasein Ich will hier nicht untersuchen wie weit

die Vorstellung eines höchst vollkommenen Wesens die der Mensch in seiner Seele

bildet das Dasein Gottes beweist oder nicht denn bei dem verschiedenen

Temperament der Menschen wirkt je nach der Richtung ihres Denkens bei dem

einen mehr dieser bei dem andern mehr jener Grund zur Bestätigung einund

derselben Wahrheit Indes dürfte es doch der falsche Weg sein wenn man behufs

Begründung dieser Wahrheit und Widerlegung der Gottesleugner bei einer so

wichtigen Frage alles Gewicht auf diese Grundlage allein und darauf dass

Manche die Vorstellung Gottes haben legt denn offenbar haben Andere sie nicht

und noch Andere nur eine solche die schlechter ist als gar keine und dabei

sind diese Vorstellungen sehr verschieden darauf den alleinigen Beweis der

Gottheit stützt und aus übergroßer Zärtlichkeit für diese LieblingsErfindung

alle andern Gründe beseitigt oder als unerheblich darzulegen sucht und von den

übrigen Beweisen als schwachen und trügerischen nichts hören mag welche das

eigene Dasein und die wahrnehmbaren Theile der Welt so klar und zwingend dem

Verstande darbieten dass ein verständiger Mann ihnen meines Erachtens nicht

widerstehen kann Ich halte es für eine so klare und gewisse Wahrheit wie

irgend eine, dass die unsichtbaren Eigenschaften Gottes aus der Erschaffung der

Welt klar entnommen werden können, und dass selbst seine ewige Macht und

Gottheit aus den erschaffenen Dingen eingesehen werden kann. Unser eignes Dasein

bietet zwar wie ich gezeigt habe einen offenbaren und unzweifelhaften Beweis

für Gottes Dasein und wer ihn so aufmerksam bedenkt wie vieles Andere wird

sich seiner Macht nicht entziehen können allein da es sich um die höchste

Wahrheit handelt die so bedeutend ist dass alle Religion und ächte Moral davon

abhängt so wird der Leser mir verzeihen wenn ich noch auf einige Punkte dieses

Beweises zurückkomme und bei denselben verweile

     8 Etwas besteht von Ewigkeit Keine Wahrheit ist gewisser als dass

Etwas von Ewigkeit bestehen müsse Noch habe ich von Niemand etwas so

Unvernünftiges oder einen so offenbaren Widerspruch gehört als dass es eine

Zeit gegeben habe wo gar nichts gewesen sei denn von allen Verkehrtheiten ist

es die größte zu glauben dass das reine Nichts die vollkommene Verneinung

und Abwesenheit alles Seins je ein wirkliches Dasein hervorbringen könne

Deshalb muss jedes vernünftige Geschöpf anerkennen dass Etwas von Ewigkeit her

bestanden haben muss Wir wollen nun sehen welcher Art dieses Etwas sein muss

     9 Zwei Arten von Dingen; denkende und nicht denkende Der Mensch kann

sich nur zwei Arten von Dingen in der Welt vorstellen 1 solche die rein

stofflich sind und weder Empfindung noch Wahrnehmung und Gedanken haben wie die

Schnitzel unsers Bartes und die unserer Nägel 2 empfindende denkende und

wahrnehmende Wesen wie wir selbst sind Ich werde diese denkende nennen und

jene nichtdenkende welche Ausdrücke für den Zweck hier vielleicht besser sind

als stofflich und nichtstofflich

     10 Nichtdenkende Dinge können keine denkenden hervorbringen Wenn es

daher etwas Ewiges geben muss so fragt es sich von welcher Art Offenbar ist

es ein denkendes Wesen denn man kann sich ebenso wenig vorstellen dass der

nichtdenkende Stoff ein denkendes verständiges Wesen erzeugen könne wie dass

das Nichts aus sich selbst den Stoff erzeugen könne Nimmt man einen Teil des

Stoffes als ewig an so kann er groß oder klein an sich selbst nichts

hervorbringen Es sollen zB der nächste beste Kreisel ewig und seine Theile

fest verbunden und sämtlich in Ruhe sein Wäre nun kein anderes Wesen in der

Welt müsste er da nicht ewig so bleiben nämlich ein toter untätiger

Klumpen Kann man sich vorstellen dass er der bloß Stoff ist sich selbst

bewegen oder etwas Anderes hervorbringen kann Der Stoff kann durch seine eigene

Kraft keine Bewegung hervorbringen also muss auch diese von Ewigkeit sein sie

darf nicht erzeugt und muss durch ein Wesen was mächtiger als der Stoff ist

ihm beigelegt worden sein Aber selbst wenn die Bewegung ewig bestanden hätte

konnte doch der nichtdenkende Stoff und seine Bewegung zwar die Gestalten und

Größen verändern aber niemals das Denken hervorbringen Das Wissen übersteigt

ebenso sehr die hervorbringende Kraft der Bewegung und des Stoffes, wie der

Stoff die Kraft des Nichts oder des NichtSeins übersteigt Ich frage ob man

sich nicht ebenso leicht vorstellen kann dass der Stoff von Nichts

hervorgebracht werde als dass das Denken von dem bloßen Stoff hervorgebracht

werde wenn nicht vorher Etwas wie Denken oder ein denkendes Wesen bestanden

hat Man teile den Stoff in so kleine Theile als man vermag was man als eine

Art Vergeistigung desselben oder als eine Weise ein denkendes Ding aus ihm zu

machen ansehen könnte man verändere seine Gestalt und Bewegung nach Belieben

immer wird daraus ein Kegel ein Würfel eine Kugel ein Prisma ein Zylinder

usw dessen Durchmesser wenn er auch nur den millionsten Teil einer

Haarbreite hat nicht anders auf die Körper von entsprechender Größe wirken

kann wie Körper von der Größe eines Zolles oder Fußes Durchmesser und man

kann mit gleichem Recht erwarten dass Empfindung Wahrnehmung Gedanken und

Wissen entstehen wenn man grobe Stücke Stoffes zu gewissen Gestalten und

Bewegungen vereinigt als wenn man das mit den kleinsten vornimmt die zu finden

sind auch diese schlagen stoßen und widerstehen einander gerade so wie die

großen und dies ist Alles was sie vermögen Nimmt man daher nicht etwas

Erstes und Ewiges an so kann der Stoff nie anfangen zu sein nimmt man nur

bloßen Stoff an ohne ewige Bewegung so kann die Bewegung nie zu sein beginnen

und nimmt man bloß Stoff und Bewegung als das Erste und Ewige an so kann das

Denken zu sein nicht beginnen Denn man kann sich nicht vorstellen dass der

Stoff mit oder ohne Bewegung von sich und aus sich Gefühl Wahrnehmen und Wissen

erreichen könnte Dann müsste Gefühl Wahrnehmen und Wissen eine von Ewigkeit

untrennbare Eigenschaft des Stoffes und jedes Teils desselben sein wobei ich

nicht einmal erwähne dass unser allgemeiner Begriff von Stoff ihn zwar als ein

Ding nehmen lässt aber dass der Stoff in Wahrheit kein einzelnes Ding ist und

dass der Stoff nicht in der Art wie ein stoffliches Wesen oder wie ein

einzelnes Wesen besteht Wäre daher der Stoff das erste denkende Ding so gäbe

es nicht bloß ein denkendes ewiges Wesen sondern eine unendliche Menge von

ewigen endlichen denkenden Wesen die von einander unabhängigvon beschränkter

Kraft und bestimmtem Denken wären und sie könnten deshalb niemals jene

Harmonie Ordnung und Schönheit erzeugen welche die Natur enthält Deshalb muss

das erste ewige Wesen jedenfalls ein denkendes sein und das Erste der Dinge

muss notwendig mindestens all die Vollkommenheiten enthalten und wirklich

besitzen die später bestehen sollen auch kann es niemals einem Andern eine

Vollkommenheit mittheilen die es nicht in gleichem oder in einem höheren Grade

selbst hat Daraus folgtdass das erste ewige Wesen nicht der Stoff sein kann

     11 Deshalb besteht eine ewige Weisheit Ist es also klar dass Etwas

von Ewigkeit her bestanden haben muss so ist auch klar dass dies notwendig

ein denkendes Wesen gewesen sein muss weil es ebenso unmöglich ist dass der

nichtdenkende Stoff ein denkendes Wesen hervorbringe als dass das Nichts oder

die Verneinung des Seins ein seiendes oder stoffliches Ding hervorbrächte

     12 Diese Entdeckung dass notwendig ein ewiger Verstand besteht führt

uns zu einer genügenden Erkenntnis Gottes denn es folgt daraus dass alle

andern wissenden Wesen welche einen Anfang haben von ihm abhängen müssen und

nur diejenigen Wege des Wissens und diejenige Ausdehnung von Macht besitzen die

er ihnen gegeben hat und dasswenn er diese geschaffen hat er auch die

weniger ausgezeichneten Stücke des Weltalls und alle leblosen Dinge geschaffen

hat woraus sich denn Gottes Allwissenheit Macht und Vorsehung ergibt und all

seine andern Eigenschaften notwendig folgen Indes sind zur mehreren

Klarstellung noch die Zweifel zu erwägen die dagegen erhoben werden können.

     13 Ob sie stofflich ist oder nicht Zuerst sagt man vielleicht dass

zwar das Dasein eines ewigen Wesens und zwar eines wissenden klar bewiesen

werden könne allein es folge nicht dass dieses denkende Wesen stofflos sei

Allein selbst wenn man dies zugibt folgt doch immer dass ein Gott ist denn

wenn ein ewiges allumfassendes allmächtiges Wesen besteht so ist gewiss dass

auch ein Gott besteht mag man ihn sich stofflich denken oder nicht Hierin wird

aber die Gefahr und das Täuschende dieser Annahme liegen Wenn der Beweis

anerkannt werden muss dass ein ewiges wissendes Wesen besteht so werden Die

welche dem Stoff ergeben sind leicht zugeben dass dieses Wesen stofflich ist

aber dann lassen sie aus ihren Gedanken oder Reden leicht den Beweis ausfallen

wonach ein ewiges wissendes Wesen notwendig bestehen muss und sie beweisen

dann dass Alles Stoff ist und leugnen dann Gott dh ein ewiges denkendes

Wesen obgleich sie damit ihre eigene Annahme eher widerlegen als begründen

Denn wenn nach ihrer Meinung ein ewiger Stoff ohne ein ewiges denkendes Wesen

bestehen kann so trennen sie Stoff und Denken und nehmen keine notwendige

Verbindung zwischen beiden an Damit begründen sie jedoch die Notwendigkeit

eines ewigen Geistes aber nicht die des Stoffes; weil ich schon dargelegt habe

dass ein ewiges denkendes Wesen unvermeidlich zugegeben werden muss Wenn sonach

Denken und Stoff getrennt bestehen kann so folgt aus dem ewigen Sein eines

denkenden Wesens nicht das ewige Sein des Stoffs und es wird also ohne Zweck

angenommen

     14 Nicht stofflich 1 weil jeder Teil des Stoffes ohne Denken ist

Wenn jene sich indes überreden können dass das ewige und denkende Wesen

stofflich sei so frage ich zuerst Ob nach ihrer Ansicht aller Stoff und jeder

Teil desselben denkt Sie werden dies kaum behaupten denn dann gäbe es so

viele denkende Wesen als Theile des Stoffes, mithin eine unendliche Menge von

Göttern Und doch wird es ihnen wenn sie nicht zugestehen dass der Stoff als

solcher dh jeder Teil desselben sowohl denkend wie ausgedehnt ist dann so

schwer fallen nach ihrer eigenen Ausführung ein denkendes Wesen aus nicht

denkenden Teilen zu bilden wie ein ausgedehntes Wesen aus so zu sagen

nichtausgedehnten Teilen

     15 2 Ein Teil des Stoffes kann nicht allein denkend sein Zweitens

frage ich wenn nicht aller Stoff denkend sein soll Ob bloß ein Atom desselben

denkt Dies wäre ebenso verkehrt wie jenes denn dann muss dieses Atom entweder

allein ewig oder nicht allein ewig sein Ist Ersteres so hat es durch sein

mächtiges Denken und Wollen allein allen übrigen Stoff geschaffen und so hat

man die Erschaffung des Stoffs durch ein mächtiges Denken woran die Anhänger

des Materialismus gerade Anstoß nehmen Denn soll nur ein einziges denkendes

Atom allen andern Stoff hervorgebracht haben so kann das nur seinem Denken

zugeschrieben werden weil dies sein einziger Unterschied ist Aber selbst wenn

es in einer andern unbegreiflichen Weise geschehen ist so hat doch immer ein

Schaffen stattgehabt und diese Männer müssen daher ihren großen Grundsatz

aufgeben »Aus Nichts wird Nichts« Sagen sie dass der übrige Stoff ebenso ewig

sei als jenes denkende Atom so ist dies ein beliebiges Behaupten und dabei

ebenso verkehrt denn die Annahme, dass aller Stoff ewig sei und doch ein Teil

davon in Wissen und Macht unendlich über allen andern erhaben sei heißt eine

Hypothese ohne den mindesten Schein eines Grundes aufstellen Jeder Stoffteil

ist als Stoff derselben Gestalt und Bewegung wie die andern fähig und ich

fordere Jeden heraus ob er vermag in seinen Gedanken dem einen noch Etwas vor

dem andern zu geben

     16 3 Auch ein System von nicht denkendem Stoff kann nicht denkend

werden Wenn sonach weder ein einzelnes Atom dieses ewig denkende Wesen sein

kann und ebensowenig dies der Stoff als solcher sein kann dh jeder Teil

desselben so bliebe nur die Annahme, dass ein gehörig geordnetes System des

Stoffes dieses ewige denkende Wesen sei Zu diesem Begriffe neigen sich nach

meiner Ansicht am meisten Jene welche Gott als ein stoffliches Wesen haben

möchten weil dies sich ihnen am leichtesten in Folge der Vorstellungen bietet

die sie von sich selbst und andern Menschen haben die ihnen als denkende und

stoffliche Wesen gelten Allein diese Annahme ist trotz ihrer Natürlichkeit

ebenso verkehrt wie jene denn wenn das ewige denkende Wesen nur eine Verbindung

von Stoffteilen ist von denen Jeder denkt so wird damit alle Weisheit und

Wissenschaft dieses ewigen Wesens nur der Aneinanderstellung von Teilen

zugeschrieben dies ist aber das Verkehrteste was möglich ist da

nichtdenkende Stoffteile trotz aller ihrer Anordnung damit an sich selbst

nur eine neue Stellung mehr bekommen woraus unmöglich ein Denken und Wissen für

sie hervorgehen kann

     17 Mag das System sich bewegen oder ruhen Weiter ist dieses

körperliche System entweder in allen seinen Teilen in Ruhe oder es besteht

eine gewisse Bewegung seiner Theile was sein Denken ausmacht Ist es völlig in

Ruhe so ist es nur eine Masse und kann deshalb kein Vorrecht über das einzelne

Atom haben Hat es aber eine Bewegung seiner Theile wovon sein Denken abhängt

so muss es notwendig zufällig und beschränkt sein denn jeder Stoffteil der

durch seine Bewegung das Denken bewirkt ist an sich ohne Denken er kann

deshalb seine Bewegung nicht regeln noch weniger durch das Denken des Ganzen

diese Regelung empfangen denn das Denken ist ja nicht die Ursache der Bewegung

denn dann müsste es ihr vorgehen und also ohne sie sein sondern ihre Folge

Damit ist die Freiheit Macht Wahl und alles vernünftige und weise Denken und

Handeln aufgehoben und dieses denkende Wesen nicht besser und weiser als der

reine blinde Stoff Denn wenn man Alles in zufällige ungeleitete Bewegungen des

blinden Stoffes auflöst so ist dies ebenso als wenn man das Denken von

ungeleiteten Bewegungen des blinden Stoffes abhängig macht Dazu kommt noch die

Beschränktheit eines solchen Denkens und Wissens was nur von der Bewegung

solcher Theile abhinge Ich brauche daher wohl keine weitem Verkehrtheiten und

Unmöglichkeiten in dieser Hypothese aufzuzählen obgleich sie voll davon ist

als das bisher Gesagte denn mag dieses denkende System einen Teil oder den

ganzen Stoff der Welt befassen so kann doch der einzelne Stoffteil weder seine

eigene Bewegung noch die der andern kennen und ebenso wenig kann das Ganze die

Bewegung der einzelnen Theile kennen es kann deshalb auch sein eigenes Denken

und Bewegen nicht leiten und überhaupt aus solcher Bewegung kein Denken

erlangen

     18 Der Stoff ist nicht gleichewig wie der ewige Geist Andere wollen

diesen Stoff ewig sein lassen obgleich sie ein ewiges denkendes stoffloses

Wesen annehmen Damit wird zwar das Dasein Gottes nicht aufgehoben aber es wird

doch ein großes Stück aus seiner Schöpfung geleugnet und es bedarf deshalb

diese Ansicht einer nähern Prüfung Ich frage Weshalb soll der Stoff ewig sein

Man sagt Weil man nicht begreifen kann wie er aus Nichts gemacht sein kann

Aber weshalb halten die Gegner sich denn nicht auch selbst für ewig Sie

antworten vielleicht weil sie vor 20 oder 40 Jahren zu sein angefangen haben

allein wenn ich nach dem »Sie« frage was da zu sein begonnen habe so kann man

mir es kaum sagen denn der Stoff aus dem sie da gemacht wurden begann da

nicht zu sein sonst wäre er nicht ewig er wurde nur zu einer solchen Gestalt

wie der menschliche Körper verbunden allein diese Gestalt der Teilchen sind

nicht Sie dieselbe macht nicht ihr denkendes Wesen aus denn ich habe es jetzt

mit einem Gegner zu tun welcher ein ewiges unstoffliches denkendes Wesen

anerkennt aber zugleich die Ewigkeit des Stoffes behauptet Wann fing daher

dieses denkende Wesen zu sein an Hat es niemals zu sein angefangen so sind sie

von Ewigkeit ein denkendes Wesen gewesen welche verkehrte Annahme ich wohl

nicht zu widerlegen brauche Wenn also deshalb von Jenen angenommen werden kann,

dass ein denkendes Wesen aus Nichts entstehen könne wie bei allen Dingen die

nicht ewig sind der Fall sein muss weshalb soll es da für Den unmöglich sein

dass ein stoffliches Ding durch eine gleiche Kraft aus Nichts gemacht worden

Jene haben keinen andern Grund für diesen Unterschied als dass bei dem einen

die Erfahrung vorliegt und bei dem andern nicht allein die Erschaffung eines

Geistes erfordert recht betrachtet ebensoviel Macht als die Erschaffung des

Stoffes. Ja wenn man sich selbst aus den gewöhnlichen Begriffen befreien und

seine Gedanken möglichst weit zu einer tiefem Betrachtung der Dinge führen

wollte dürfte man wohl den Schimmer eines Begriffs erreichen und es verstehen

wie der Stoff zuerst gemacht und durch die Macht des ewigen ersten Wesens zu

sein begonnen hat während es viel unbegreiflicher ist wie die allmächtige

Kraft einem Geiste Anfang und Sein hat gewähren können Indes würde dies zu

weit ab von den Begriffen führen auf denen die Philosophie jetzt in der Welt

aufgebaut ist und deshalb wäre ein solcher Abweg unverzeihlich ja dies gälte

schon von einer grammatikalischen Untersuchung wenn einmal die herrschende

Meinung dagegen ist namentlich bei einem Punkte wo die herrschende Lehre mir

zu Statten kommt und es außer Zweifel stellt dasswenn einmal die Erschaffung

oder das Werden einer Substanz aus Nichts zugelassen wird ebenso auch die

Erschaffung aller andern mit Ausnahme des Schöpfers angenommen werden kann.

     19 Jene wollen indes dies nicht gestatten weil sie sich nicht

vorstellen können wie Etwas aus Nichts werden könne Allein ich bin anderer

Ansicht denn 1 kann man die Macht eines unendlichen Wesens vernünftiger Weise

nicht deshalb bestreiten weil man seine Wirksamkeit nicht begreifen kann Man

leugnet ja andere Wirkungen nicht deshalb weil man die Art ihrer Hervorbringung

nicht begreifen kann So kann man nicht einsehen wie Etwas außer dem Stoß

einen Körper bewegen kann und doch kann man es nicht bestreiten da die stete

Erfahrung an uns selbst bei allen willkürlichen Bewegungen dafür spricht wo

lediglich durch die freie That oder den Gedanken des Geistes in uns die

Bewegungen bewirkt werden und diese nicht die Wirkung eines Stoßes oder einer

Bewegung des blinden Stoffes in oder auf ungern Körper sein können denn sonst

wären sie nicht in unserer Gewalt und man könnte in ihrer Wahl nicht wechseln

So schreibt zB meine rechte Hand während die linke ruht was bewirkt nun in

der einen die Ruhe und in der andern die Bewegung? Nur mein Wille dh ein

Gedanke meiner Seele dieser Gedanke braucht sich nur zu ändern und die rechte

Hand ruht und die linke bewegt sich Dies sind unbestreitbare Tatsachen man

erkläre sie und mache sie verständlich dann wird auch das Verständnis der

Schöpfung nahe liegen Dass die Lebensgeister zu einer neuen Bewegung bestimmt

werden womit Einige die freiwillige Bewegung erklären wollen klärt die Sache

nicht im Mindesten auf die Veränderung in der Bewegung ist da nicht leichter zu

begreifen wie die erste Bewegung selbst denn auch diese neue Bestimmung der

Lebensgeister muss entweder unmittelbar durch Denken erfolgen oder durch einen

Körper der ihnen durch das Denken in den Weg gestellt wird und der somit seine

Bewegung dem Denken verdankt Beides lässt die freiwillige Bewegung so

unbegreiflich wie zuvor Auch überschätzt man sich nebenbei selbst wenn man

Alles auf das enge Maß unserer Vermögen zurückführt und Alles für unmöglich

erklärt dessen Art wie es entsteht uns unbegreiflich ist Damit wird entweder

unser Verstand unendlich oder Gott endlich gemacht wenn das was man zu tun

vermag auf das was man davon begreifen kann eingeschränkt wird Wenn man die

Wirksamkeit seiner eigenen endlichen Seele dh jenes denkenden Wesens in uns

nicht begreift so wundre man sich nicht dass man die Wirksamkeit jenes ewigen

unendlichen Geistes nicht begreift der alle Dinge erschaffen hat und regiert

und den die Himmel nicht befassen können

 
 



 


     1 Es ist nur durch SinnesWahrnehmung zu erlangen Das Wissen von

unserm eignen Dasein hat man durch Anschauung das Dasein Gottes macht uns die

Vernunft klar wie ich gezeigt habe das Wissen von dem Dasein jedes andern

Dinges kann man bloß durch die Sinneswahrnehmung haben da keine notwendige

Verbindung des wirklichen Daseins mit einer in dem Gedächtnis enthaltenen

Vorstellung oder mit dein Dasein des einzelnen Menschen besteht das Dasein

Gottes ausgenommen Deshalb kann das Dasein anderer Dinge nur gewusst werden

wenn sie durch ihr tatsächliches Wirken auf den Menschen von demselben

wahrgenommen werden denn das bloße Dasein der Vorstellung in der Seele beweist

das Dasein der Sache so wenig wie das Bild eines Menschen sein Dasein in der

Welt beweist und wie die Gesichter im Traume daraus eine wahre Geschichte

machen

     2 Ein Beispiel an der Weiße dieses Papiers Dieses tatsächliche

Empfangen der Vorstellungen von außerhalb gibt uns diese Kenntnis von dem

Dasein anderer Dinge und lässt uns bemerken dass dann Etwas außer uns

besteht welches diese Vorstellung bewirkt obgleich man vielleicht nicht weiß

noch bedenkt wie dies geschieht denn die Gewissheit unserer Sinne und der von

ihnen empfangenen Vorstellungen leidet nicht darunter dass man die Art ihrer

Hervorbringung nicht kennt Während ich zB dies schreibe wird durch das meine

Augen erregende Papier in mir die Vorstellung hervorgebracht die ich Weiß

nenne was auch der Gegenstand sein mag der sie verursacht Ich weiß dadurch

dass diese Eigenschaft oder dieses Accidens dessen Auftreten vor meinen Augen

diese Vorstellung allemal bewirkt wirklich besteht und ein Sein außer mir hat

Davon erhalte ich die größte Gewissheit deren ich fähig bin durch das

Zeugnis meiner Augen die allein die rechten Richter hierüber sind und ich

kann mit Recht auf dieses Zeugnis mich so sicher verlassen und brauche während

ich dies schreibe nicht zu zweifeln ob ich etwas Weißes und Schwarzes sehe

und ob wirklich Etwas besteht was diese Empfindung in mir während ich

schreibe oder meine Hand bewege bewirkt Diese Gewissheit ist so groß als

die menschliche Natur in Betreff des Daseins der Dinge, das eigene Selbst und

Gott ausgenommen fähig ist

     3 Wenngleich dieses Wissen nicht so gewiss ist wie das bewiesene so

kann es doch Wissen heißen und beweist das Dasein der Dinge außer uns Die

Kenntnis welche wir durch die Sinne von dem Dasein der äußern Dinge erhalten

ist zwar nicht ganz so gewiss wie das anschauliche Wissen oder die Beweise

welche die Vernunft aus klaren allgemeinen Vorstellungen der Seele ableitet

aber sie bleibt doch eine Gewissheit welche den Namen des Wissens verdient Die

Überzeugung dass unsre Vermögen über das Dasein der sie erregenden äußern

Dinge recht berichten ist wohl begründet denn Niemand wird im Ernst so

zweifelsüchtig sein dass er das Sein der Dinge, die er sieht und fühlt

bezweifelt wenigstens kann ein solcher was er auch bei sich denken mag mit

mir nicht streiten da er nie sicher sein kann ob ich etwas gegen seine Meinung

sage Was mich anlangt so meine ich Gott hat mir genügende Gewissheit von dem

Dasein der Dinge außer mir gegeben da ich ja nach ihrem Gebrauche mir Lust

oder Schmerz bereiten kann ein Punkt der für meinen gegenwärtigen Zustand sehr

erheblich ist Wenigstens ist sicher die Überzeugung dass unsre Vermögen uns

hierin nicht täuschen in Bezug auf körperliche Dinge die höchste Gewissheit

deren wir fähig sind Denn wir können ohne unsre Vermögen nichts tun und sogar

von dem Wissen selbst nur vermittelst dieser Vermögen sprechen die sogar das

was Wissen ist aufzufassen geeignet sind Indes wird diese Überzeugung die

die Sinne selbst dafür gewähren dass sie in ihrer Kunde von äußern Dingen

nicht irren wenn sie von ihnen erregt werden noch weiter durch andere Gründe

bestätigt

     4 1 Denn man kann von ihnen nur durch den Einlass der Sinne wissen

Erstens ist klar dass diese Wahrnehmungen durch äußere unsere Sinne erregende

Ursachen bewirkt werden denn die welchen die Organe dazu abgehen können nie

die dadurch hervorgebrachten Vorstellungen in ihrer Seele haben Dies ist so

klar dass man nicht daran zweifeln kann und man kann deshalb sicher sein dass

diese Vorstellungen nur durch diese Sinnesorgane und auf keinem andern Wege in

die Seele eintreten Nun werden sie selbstverständlich durch die Organe selbst

nicht erzeugt denn sonst könnten die Augen eines Menschen auch im Dunklen

Farben erzeugen und seine Nase könnte die Rosen auch im Winter riechen indes

erlangt Niemand den Geschmack der Ananas wenn er nicht nach Indien geht wo sie

wachsen und er dort sie kostet

     5 2 Sind die Wahrnehmungsvorstellungen und die bloßen Vorstellungen

des Gedächtnisses sehr verschieden Zweitens habe ich öfters bemerkt dass man

diese in der Seele hervorgebrachten Vorstellungen nicht von sich abhalten kann

Denn wenn ich die Augen oder Fenster fest verschließe kann ich mir zwar

beliebig die Vorstellung des Lichts oder der Sonne aus frühem Wahrnehmungen

zurückrufen allein ich kann diese Vorstellungen auch wieder beliebig bei Seite

legen und dafür mir den Geruch einer Rose oder den Geschmack des Zuckers

vorstellen Wenn ich aber jetzt am Mittag meine Augen nach der Sonne wende so

kann ich die Vorstellungendie das Licht und die Sonne in mir erwecken nicht

abweisen Deshalb besteht ein offenbarer Unterschied zwischen den bloßen in

meinem Gedächtnis enthaltenen Vorstellungen über welche wenn es weiter keine

gäbe ich immer die Macht haben würde und welche ich beliebig bei Seite legen

könnte und denen welche sich mir aufzwingen und die ich nicht abhalten kann.

Deshalb muss entschieden eine äußere Ursache und das Wirken eines äußern

Gegenstandes bestehen deren Wirksamkeit ich nicht widerstehen kann und die

diese Vorstellungen in mir ich mag wollen oder nicht hervorrufen Überdem

bemerkt Jedermann den Unterschied zwischen der wirklichen Anschauung der Sonne

und der davon nur in seinem Gedächtnis befindlichen Vorstellung beide sind so

verschieden wie es kaum bei andern Vorstellungen angetroffen wird; deshalb

weiß man gewiss dass nicht beide Erinnerungen oder bloße Tätigkeiten der

Seele und Geschöpfe der Einbildungskraft sind sondern dass das wirkliche Sehen

eine äußere Ursache hat

     6 3 Lust und Schmerz welche die Wahrnehmung begleiten tun dies

nicht wenn diese Vorstellungen ohne die äußern Gegenstände wiederkehren 

Drittens nehme man hinzu dass viele dieser Wahrnehmungsvorstellungen mit

Schmerz in uns auftreten während man sich später derselben ohne Schmerz

erinnert Deshalb macht uns die Hitze und Kälte wenn man sich ihrer erinnert

keinen Schmerz obgleich er damals sehr peinlich war und wenn jene sich

wirklich wiederholen es wieder so wird Dies kommt von der Störung welche der

äußere Gegenstand bei seiner Beziehung auf den Körper veranlasst Ebenso

entsinnt man sich des Schmerzes von Hunger Durst Kopfweh ohne dass man dabei

Schmerzen empfindet gäbe es nun nichts weiter als Vorstellungendie in der

Seele auftauchen und Erscheinungen die die Einbildungskraft unterhalten ohne

dass wirkliche Dinge von außen uns erregten so müssten diese Schmerzen

entweder niemals uns stören oder sie müssten es in allen Fällen tun Dasselbe

gilt für das viele Wahrnehmungen begleitende Vergnügen So sind zwar

mathematische Beweise nicht von den Sinnen abhängig aber ihre Prüfung

vermittelst gezeichneter Figuren verstärkt die Glaubwürdigkeit unsers Sehens und

gibt ihm eine Gewissheit die sich der der Beweise selbst nähert So würde es

sehr sonderbar sein wenn man es zwar als eine unbestreitbare Wahrheit

anerkennen wollte dass von zwei Winkeln einer Figur die man vermittelst

eingezeichneter Linien und Winkel gemessen hat der eine grösser als der andere

sei und doch an dem Dasein dieser Linien und Winkel selbst zweifeln wollte

obgleich man nur durch Hinblick auf sie die Messung hat ausführen können

     7 4 Unsere Sinne unterstützen einander in dem Zeugnis von dem Dasein

äußerer Dinge Viertens bezeugen bei unseren Sinnen in vielen Fällen der eine

die Wahrheit dessen was der andere über das Dasein äußerer Dinge berichtet

Wer ein Feuer sieht kann wenn er zweifelt ob es mehr als ein Bild seiner

Phantasie ist es auch fühlen und sich darüber durch das Hineinstrecken der Hand

überzeugen Sicherlich würde eine bloße Vorstellung oder Phantasie nicht einen

so heftigen Schmerz verursachen es müsste dann auch dieser Schmerz nur

Einbildung sein obgleich er ihn durch Wiedererweckung der Vorstellung nicht

wieder sich auflegen kann wenn die Wunde geheilt ist So sehe ich während ich

dies schreibe dass ich die Farbe des Papiers verändern und durch Zeichnung der

Buchstaben voraussagen kann welche neue Vorstellung es den nächsten Augenblick

zeigen soll und zwar bloß dadurch dass ich meine Feder darüber führe Dies

zeigt sich nicht ich mag mir es einbilden so viel ich will wenn meine Hand

still hält oder wenn ich meine Feder mit geschlossenen Augen bewege ebenso

muss ich wenn diese Schriftzeichen einmal gemacht sind sie so sehen wie sie

sind dh ich muss die Vorstellungen solcher Buchstaben haben wie ich sie

gemacht habe Daraus erhelltdass sie nicht bloß ein Spiel meiner

Einbildungskraft sind denn die nach dem Belieben meiner Gedanken ausgeführten

Schriftzeichen wollen ihnen nicht gehorchen und verschwinden nicht wenn ich es

mir einbilde sondern erregen den Sinn fortwährend und regelmäßig so wie die

Gestalten gemacht worden sind. Dazu kommt dass ihr Anblick einen Andern zum

Aussprechen solcher Laute bestimmt wie ich vorher gewollt habe und so kann man

nicht bezweifeln dass diese Worte die ich geschrieben wirklich außer mir

bestehen da sie eine lange Reihe von Lauten veranlassen die meine Ohren

erregen dies konnte weder von meiner Einbildung kommen noch konnte mein

Gedächtnis sie in dieser Ordnung behalten

     8 Diese Gewissheit ist so groß als unser Zustand verlangt Will

trotzdem Jemand so zweifelsüchtig sein seinen Augen nicht trauen und behaupten

dass Alles was wir während unsers ganzen Lebens sehen und hören fühlen und

schmecken denken und tun nur eine Reihe täuschender Erscheinungen eines

Traumes ohne Wirklichkeit seien und so das Dasein aller Dinge und unser ganzes

Wissen in Zweifel ziehen so möchte ich ihm vorhalten dasswenn Alles ein Traum

ist er dann auch nur träume wenn er diese Zweifel erhebt und dass deshalb ein

wachender Mensch nicht nötig habe ihm darauf zu antworten Indes mag er wenn

es ihm beliebt träumen ich antwortete ihm folgendermaßen Die Gewissheit

dass die Dinge wirklich bestehen wenn das Zeugnis der Sinne dafür spricht ist

nicht allein so groß als unser Zustand erreichen kann sondern auch so groß

als unsere Lage erfordert Denn unsere Vermögen sind nicht für die ganze

Ausdehnung des Seins eingerichtet und auch nicht für ein vollkommenes klares

umfassendes Wissen der Dinge, was allen Zweifels und aller Bedenken ledig ist,

sondern sie dienen der Erhaltung von uns in denen sie sind sie sind den

Bedürfnissen des Lebens angepasst und sie erfüllen diesen Zweck gut genug wenn

sie uns nur von den Dingen sichere Kenntnis geben die uns angemessen oder

unangemessen sind Denn wer eine brennende Kerze sieht und die Kraft der Flamme

als er den Finger hineingehalten erprobt hat wird an dem Dasein von Etwas

außer ihm nicht zweifeln was ihn beschädigt und großen Schmerz verursacht

hat Diese Gewissheit genügt wenn man keine größere Gewissheit für die

Regelung seines Handelns verlangt als die welche so groß ist wie die von dem

eigenen Handeln selbst Und wenn es unserm Träumenden gefällt die Probe zu

machen ob die glühende Hitze eines GlasSchmelzofens nicht die bloße

Einbildung eines schläfrigen Menschen sei so wird er wenn er die Hand

hineinsteckt vielleicht zu einer größeren Gewissheit als er vielleicht

wünschen mag aufgeweckt werden dass es noch etwas über die bloße Einbildung

hinaus gibt Deshalb ist diese Gewissheit so groß als man verlangen kann

denn sie ist so gewiss wie unser Schmerz und unsere Lust dh wie unser Elend

und unser Glück über das hinaus uns weder Sein noch Wissen etwas angeht Diese

Gewissheit von dem Dasein der äußern Dinge genügt für die Erlangung des von

ihnen kommenden Guten und Vermeidung des Übels und dies ist die Hauptsache

weshalb man sich mit ihnen bekannt macht

     9 Sie reicht aber nicht weiter als die wirkliche Wahrnehmung Kurz

wenn die Sinne wirklich dem Verstande eine Vorstellung zuführen so kann man

sicher sein dass dann Etwas wirklich außer uns besteht was die Sinne erregt

was durch sie dem Auffassungsvermögen sich kund gibt und die Vorstellungdie

man hat wirklich hervorbringt Deshalb kann man diesem Zeugnis nicht

misstrauen und darf nicht zweifeln ob eine solche Ansammlung von einfachen

Bestimmungen wie man sie durch die Sinne vereint bemerkt hat wirklich zusammen

besteht Indes erstreckt sich dieses Wissen nicht über das gegenwärtige

Zeugnis der Sinne hinaus so weit sie sich auf die einzelnen Dinge richten

welche die Sinne erregen Wenn ich zB eine solche Sammlung einzelner

Bestimmungen wie man sie »Mensch« zu nennen gewohnt ist vor einer Minute

zusammen bestehend gesehen habe so kann ich nicht sicher sein dass dieser

Mensch auch jetzt noch besteht da zwischen seinem Sein die Minute vorher und

jetzt keine notwendige Verbindung vorhanden ist; auf tausenderlei Weise kann er

aufgehört haben zu sein seit meine Sinne mir sein Dasein bezeugten Und wenn

dies für den gestern gesehenen Menschen heute gilt so gilt es noch mehr für den

vor längerer Zeit gesehenen Menschen den ich vielleicht das letzte Jahr nicht

gesehen habe noch weniger kann ich des Daseins eines Menschen sicher sein den

ich noch niemals gesehen habe Es mag daher sehr wahrscheinlich sein dass

Millionen Menschen jetzt bestehen während ich allein bin und dies schreibe

allein ich habe darüber nicht die Gewissheit die man eigentlich Wissen nennt

obgleich die große Wahrscheinlichkeit mich über allen Zweifel erhebt und ich

vernünftiger Weise vielerlei tun kann im Vertrauen dass es jetzt Menschen und

auch Menschen meiner Bekanntschaft mit denen ich es zu tun habe gibt allein

es ist dennoch nur Wahrscheinlichkeit und keine Gewissheit

     10 Es ist verkehrt für jede Sache einen Beweis zu verlangen Deshalb

ist es sehr närrisch und nutzlos für einen Menschen von beschränktem Wissen der

gelehrt worden ist, über die verschiedene Gewissheit und Wahrscheinlichkeit der

Dinge zu urteilen und danach sich zu bestimmen, wenn er Beweise und Gewissheit

in Dingen verlangt die deren nicht fähig sind und wenn er umgekehrt seine

Zustimmung zu ganz vernünftigen Sätzen verweigert und gegen klare und offenbare

Wahrheiten handelt weil sie nicht so klar erwiesen werden können, um selbst den

leisesten ich will nicht sagen Grund sondern Vorwand für einen Zweifel zu

beseitigen Wer im gewöhnlichen Leben nichts anerkennen will als was voll

bewiesen ist hätte in dieser Welt nur die einzige Gewissheit dass er schnell

umkommen würde Die Heilsamkeit des Essens und Trinkens genügte ihm nicht um es

zu wagen und ich möchte wohl wissen was er tun könnte wenn es nur aus

Gründen geschehen sollte die keinen Zweifel und Einwand gestatteten

     11 Das vergangene Sein kennt man durch das Gedächtnis So wie dann

wenn unsere Sinne wirklich mit einem Gegenstande beschäftigt sind wir wissen

dass er wirklich da ist so sind wir durch unser Gedächtnis sicher dass Dinge

die sicher unsere Sinne erregt haben bestanden haben So hat man das Wissen von

dem gewesenen Sein der Dinge, wovon die Sinne früher Kunde gegeben haben und

wovon das Gedächtnis noch die Vorstellungen bewahrt So lange dies gut

geschieht hat man keinen Zweifel hierüber allein auch dieses Wissen reicht

nicht über die von unsern Sinnen empfangene Kunde hinaus So sehe ich jetzt

Wasser und ich zweifle deshalb nicht dass dieses Wasser ist und dies bleibt

wahr wenn ich mich entsinne dass ich es gestern gesehen und es bleibt ein

unzweifelhafter Satz für mich dass ich es am 10 Juli 1688 gesehen habe so

lange mein Gedächtnis denselben bewahrt und ebenso bleibt wahr dass eine

Anzahl zierlicher Farben damals bestanden hat welche ich zu derselben Zeit an

einer Wasserblase erblickt habe Allein wenn jetzt das Wasser samt der Blase

meinem Gesichtskreise weit entrückt ist so ist es mir so wenig gewiss bekannt

dass das Wasser jetzt besteht wie dass die Blasen mit ihren Farben noch

bestehen denn es ist so wenig notwendig dass das Wasser heute ist weil es

gestern war wie dass die Farben und Wasserblasen heute seien weil sie gestern

waren obgleich allerdings das Erstere viel wahrscheinlicher ist da Wasser in

seiner Dauer als sehr beständig beobachtet worden ist, während die Wasserblasen

mit ihren Farben schnell vergehen

     12 Das Dasein des Geistes ist nicht zu erkennen Ich habe bereits

dargelegt wie unsere Vorstellungen über Geister beschaffen sind und woher sie

kommen Allein trotzdem dass wir diese Vorstellungen in der Seele haben und

wir dies wissen so lässt sich daraus doch nicht erkennen dass solche Wesen

außerhalb uns bestehen und dass es endliche Geister gibt und überhaupt dass

Geister außer Gott bestehen Auf Grund der Offenbarung und anderer Umstände kann

man mit Sicherheit an solche Wesen glauben allein unsere Sinne können sie nicht

wahrnehmen und deshalb fehlen uns die Mittel ihr Dasein im Einzelnen zu

erkennen Denn aus der bloßen Vorstellung von endlichen Geistern kann man nicht

entnehmen dass sie wirklich bestehen so wenig wie Jemand aus seinen

Vorstellungen von Feen und Zentauren entnehmen kann dass dergleichen Wesen

bestehen  Deshalb muss man sich für das Dasein endlicher Geister wie für

manches Andere mit der Gewissheit des Glaubens begnügen sichere allgemeine

Sätze über diese Dinge gehen über den Bereich unsers Wissens Es mag wahr sein

dass alle von Gott erschaffenen Geister noch jetzt bestehen allein man kann dies

nicht sicher wissen man kann solchen Sätzen als höchst wahrscheinlich

zustimmen aber ein Wissen kann man fürchte ich davon nicht gewinnen Man kann

daher Andern keine Beweise dafür geben noch für sich selbst nach allgemeiner

Gewissheit in Dingen suchen wo der Mensch keines andern Wissens fähig ist als

das was die Sinne über Einzelnes bieten

     13 Einzelsätze über das Dasein kann man wissen Hiernach gibt es

zweierlei Sätze 1 Eine Art von Sätzen betrifft einen der Vorstellung

entsprechenden seienden Gegenstand Wenn ich zB die Vorstellung eines

Elephanten oder des Phönix oder der Bewegung oder eines Engels habe so ist die

erste und natürlichste Frage Ob etwas der Art bestehe Dieses Wissen betrifft

nur Einzelnes und von keinem Dinge außer Gott kann das Dasein eher gewusst

werden als die Sinne Kunde geben 2 In der zweiten Art von Sätzen wird die

Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung unserer allgemeinen Vorstellungen

oder deren Abhängigkeit von einander ausgedrückt Solche Sätze können allgemein

oder gewiss sein Wenn ich zB die Vorstellung von Gott und von mir selbst

habe so bin ich gewiss dass ich Gott zu fürchten und ihm zu gehorchen habe

auch ist dieser Satz für alle Menschen gewiss wenn ich aus der Vorstellung von

mir die allgemeine der menschlichen Gattung gemacht habe Allein so gewiss

dieser Satz ist dass die Menschen Gott zu fürchten und ihm zu gehorchen haben

so beweist er doch nicht dass wirklich Menschen in der Welt vorhanden sind,

sondern er ist nur wahr für den Fall dass es Menschen gibt Diese Gewissheit

solcher allgemeinen Sätze ist von der Übereinstimmung oder

NichtÜbereinstimmung abhängig die man an diesen allgemeinen Vorstellungen

entdeckt

     14 Ebenso kann man allgemeine Sätze in Bezug auf allgemeine

Vorstellungen wissen Im ersten Falle ist unser Wissen die Folge dass Dinge

bestehen welche durch die Sinne in der Seele Vorstellungen hervorbringen im

zweiten Falle ist das Wissen die Folge der Vorstellungen gleichviel welche),

die in der Seele diese allgemeinen und gewissen Sätze hervorbringen Viele davon

heißen »ewige Wahrheiten« und diese sind auch wirklich der Art »nicht weil

sie der Seele« aller Menschen eingeschroben sind oder weil sie schon als Sätze

in des Menschen Seele bestehen ehe er noch die allgemeinen Vorstellungen

gewonnen und sie durch Bejahung oder Verneinung verbunden oder getrennt hat

vielmehr muss überall wo Wesen wie die Menschen mit deren Fähigkeiten bestehen

und die deshalb mit Vorstellungen wie wir sie haben versehen sind man

schließen dasswenn sie ihr Denken auf diese Vorstellungen richten sie die

Wahrheit gewisser Sätze erkennen die aus der erkannten Übereinstimmung oder

NichtÜbereinstimmung der eignen Vorstellung hervorgehen Solche Sätze heißen

deshalb ewige Wahrheiten nicht weil sie von Ewigkeit gebildete Sätze sind die

dem Verstande vorausgehen der sie vielmehr erst bildet auch nicht weil sie

der Seele durch ein Muster eingeprägt sind das außerhalb der Seele und vor ihr

bestände sondern weil sie wenn sie einmal aus allgemeinen Vorstellungen

gebildet und wahr sind, immer wahr sein werden wenn sie in vergangenen oder

kommenden Zeiten von einer Seele die diese Vorstellung hat wieder gebildet

werden. Denn da die Worte immer dieselben Vorstellungen bezeichnen und

dieselben Vorstellungen immer dieselben Beziehungen zu einander behalten so

müssen Sätze über allgemeine Vorstellungendie einmal wahr sind, Wahrheiten in

Ewigkeit bleiben

 
 



                               



     1 Das Wissen entspringt nicht aus Grundsätzen Unter den Gelehrten hat

man immer angenommen dass die Grundsätze die Unterlage alles Wissens seien und

dass jede Wissenschaft auf gewissen präcognitis errichtet sei womit der

Verstand beginnen und wodurch er sich selbst in seiner Untersuchung

wissenschaftlicher Gegenstände leiten lassen müsse Der breitgetretene Weg der

Schulen hat darin bestanden dass man mit ein oder mehreren allgemeinen Sätzen

begann welche die Unterlagen sein sollten auf denen das von dem Gegenstand

erreichbare Wissen aufgebaut werden müsse Diese als die Grundlagen der

Wissenschaften aufgestellten Lehren hießen die Prinzipien, als der Anfang von

dem man auszugeben habe ohne bei der Untersuchung weiter nach rückwärts zu

schauen wie ich bereits dargelegt habe

     2 Der Anlass zu dieser Ansicht Wahrscheinlich ist diese Art in den

Wissenschaften vorzuschreiten wie ich glaube durch den guten Erfolg

veranlasst worden den sie in der Mathematik erreicht zu haben schien Da in ihr

eine große Gewissheit erreicht worden war so wurde diese Wissenschaft

vorzugsweise Mathêsis oder Mathêmata genannt dh das Lernen oder die erlernten

Dinge oder das durchaus Erlernte da sie vor allen andern die größte

Gewissheit Klarheit und Überzeugung gewährte

     3 Die Wissenschaft geht vielmehr aus der Vergleichung klarer und

deutlicher Vorstellungen hervor Allein näher betrachtet verdankt man nach

meiner Ansicht die großen Fortschritte und die Gewissheit wirklichen Wissens

in dieser Wissenschaft nicht dem Einfluss dieser Grundsätze und nicht der

Ableitung aus zwei oder drei allgemeinen Regeln die im Anfang hingestellt

werden sondern den klaren und deutlichen Vorstellungen des Denkens hierbei und

dass die Beziehung der Gleichheit oder der Ungleichheit so klar zwischen

einzelnen dieser Vorstellungen ist dass man eine anschauliche Vorstellung davon

gewinnen und auf diesem Wege das Gleiche auch bei andern entdecken konnte und

zwar ohne alle Hülfe dieser Grundsätze Denn sollte wohl ein Knabe nur kraft des

Grundsatzes dass das Ganze grösser ist als seine Theile wissen können dass

sein Körper grösser ist als sein kleiner Finger und sollte er dessen erst dann

gewiss sein wenn er diesen Grundsatz kennen gelernt hat Oder sollte ein

Bauermädchen nicht wissen dasswenn sie von dem Einen einen Gulden erhalten

hat der ihr drei schuldet und von dem Andern auch einen Gulden der ihr drei

schuldet die noch übrigen Schulden bei Beiden sich gleich seien Muss sie die

Gewissheit dafür sich erst aus jenem Grundsatze holen dasswenn man Gleiches

von Gleichem nimmt Gleiches bleibt obgleich sie von diesem Satz vielleicht

niemals etwas gehört hat Man erwäge was ich schon früher gesagt ob die

meisten Menschen den einzelnen Fall zuerst und gewiss wissen oder die allgemeine

Regel und welches von beiden dem andern Leben und Dasein gibt Diese

allgemeinen Regeln sind nur ein Vergleichen unserer allgemeinem Vorstellungen,

welche das Werk des Verstandes sind und Namen erhalten um sie leichter bei

Ausführungen handhaben zu können die vielen und mannichfachen einzelnen

Beobachtungen sind in ihnen durch umfassende Ausdrücke und kurze Regeln befasst

Allein das Wissen hat in der Seele mit dem Einzelnen begonnen und ruht auf

diesem wenn man auch später dies nicht mehr bemerkt da die Seele im Eifer

ihr Wissen auszudehnen mit grösser Sorgfalt auf diese allgemeinen Begriffe

hinarbeitet um das Gedächtnis von der drückenden Last des Einzelnen zu

befreien worin ihr eigentümlicher Nützen besteht Denn man erwäge ob ein Kind

oder sonst Jemand gewisser ist dass sein Körper samt dem kleinen Finger und

Allem grösser ist als sein kleiner Finger allein nachdem man seinem Körper den

Namen des Ganzen und seinem kleinen Finger den Namen des Theiles gegeben hat

als schon vorher und welches neue Wissen über seinen Körper diese bezüglichen

Ausdrücke gewähren was es nicht schon vorher hatte Konnte es etwa nicht

wissen dass sein Körper grösser sei als sein kleiner Finger zu der Zeit als

seine Sprache noch so unvollkommen war dass es diese BeziehungsWorte vom

Ganzen und seinen Teilen noch nicht kannte Und ist es nach Erlangung dieser

Worte dessen gewisser dass sein Körper ein Ganzes und sein kleiner Finger ein

Teil ist als es vor Erlernung dieser Worte dessen gewiss war dass sein Körper

grösser sei als sein kleiner Finger Man kann wenigstens ebenso leicht leugnen

dass der Finger ein Teil sei als dass er kleiner sei als der Körper; wer das

Letztere bezweifeln kann kann sicherlich auch das Erstere bezweifeln Deshalb

mag der Grundsatz dass das Ganze grösser sei als seine Theile dann als Beweis

dienen dass der kleine Finger kleiner sei als der Körper, wenn es nicht mehr

nötig ist eine Wahrheit zu beweisen die schon gekannt ist Wer nicht gewiss

weiß dass ein Stück Stoff mit einem andern Stück Stoff verbunden grösser ist

als jedes Stück allein wird es auch mit Hülfe jener zwei BeziehungsWorte

Ganzes und Theile nicht erkennen mag man einen Grundsatz daraus bilden wie man

wolle

     4 Es ist gefährlich auf schwankenden Grundsätzen aufzubauen Mag es

sich nun mit der Mathematik verhalten wie es wolle und mag der Satzdass,

wenn ich einen Zoll von einem zwei Zoll langen schwarzen Bande und einen Zoll

von einem zwei Zoll langen roten Bande abschneide der Überrest beider Bänder

gleich ist ich sage mag dieser Satz nicht so klar sein als der Satz: Gleiches

von Gleichem weggenommen bleibt Gleiches und mag dieser oder jener von diesen

beiden Sätzen zuerst gewusst werden so ist dies Alles für meine gegenwärtige

Frage ohne Einfluss denn hier habe ich nur zu ermitteln ob der leichteste Weg

zum Wissen mit allgemeinen Grundsätzen beginnt auf die man weiter baut und ob

es der richtige Weg ist die in andern Wissenschaften zur Grundlage genommenen

Grundsätze als unzweifelhafte Wahrheiten ohne Prüfung aufzunehmen sie

festzuhalten und keinen Zweifel dagegen zuzulassen bloß weil die Mathematiker

so glücklich oder so geschickt gewesen sind nur selbstverständliche und

unzweifelhafte Grundsätze zu benutzen Will man dies gestatten so weiß ich

nicht was noch als Wahrheit in der Moral gelten kann und was Alles noch in der

Naturwissenschaft aufgestellt und bewiesen werden kann. Lässt man den Grundsatz

einiger Philosophen als gewiss und unzweifelhaft gelten dass Alles nur Stoff

ist und es nichts weiter gibt so zeigen die Schriften Derer welche diesen

Grundsatz in unsern Tagen wieder aufgenommen haben wohin dergleichen führt

Macht man mit Polemo die Welt oder mit den Stoikern den Aether oder die Sonne

oder mit Anaximenes die Luft zum Gotte was hat man dann für eine Gottheit

Religion und Gottesverehrung Nichts ist gefährlicher als so Grundsätze

unbesehen und ungeprüft aufzunehmen namentlich wenn sie die Moral betreffen

das Leben beeinflussen und dem Handeln seine Richtung geben Muss man bei

Aristipp nicht eine andere Lebensweise erwarten der das Glück in die sinnliche

Lust setzte als bei Antisthenes der die Tugend für hinreichend zum Glück

hielt Wer mit Plato seine Seligkeit in die Erkenntnis Gottes setzt wird sich

zu andern Betrachtungen erheben als wer nicht über diesen Fleck Erde und die

vergänglichen Dinge auf ihr hinausblickt Wer mit Archelaus es als einen

Grundsatz aufstellt dass Recht und Unrecht ehrlich und unehrlich nur durch das

Gesetz und nicht von Natur bestimmt seien hat anderes Maß für das moralisch

Gute und Schlechte als die es als ausgemacht ansehen dass uns

Verbindlichkeiten obliegen die allen menschlichen Verordnungen vorhergehen

     5 Dies ist kein sicherer Weg zur Wahrheit Wenn also die als Grundsätze

aufgenommenen Regeln nicht gewiss sind was man doch auf irgend eine Weise

wissen muss um sie von den zweifelhaften unterscheiden zu können sondern nur

durch unsere blinde Zustimmung als solche gelten so ist man allem Irrtum

ausgesetzt und anstatt dass die Grundsätze uns zur Wahrheit führen werden sie

uns nur im Irrtum und in der Unwahrheit bestärken

     6 Sondern nur der wo man klare und vollständige Vorstellungen unter

festen Namen mit andern vergleicht Da indes das Wissen von der Gewissheit der

Grundsätze wie von allen andern Wahrheiten nur von der Erkenntnis abhängt die

man von der Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung der Vorstellungen

besitzt so ist es nicht der Weg zur Vermehrung unsers Wissens wenn man

blindlings und gläubig Grundsätze aufnimmt und hinunterwürgt sondern wenn man

klare deutliche und vollständige Vorstellungen erwirbt und festhält so weit es

möglich ist und wenn man sie mit festen Namen belegt Wenn man so ohne alle

weitere Rücksicht auf jene Grundsätze nur diese Vorstellungen betrachtet und

durch Vergleichung ihre Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung so wie

ihre Beziehungen und Richtungen ausfindig macht so wird man unter Leitung

dieser Regel mehr wahres und klares Wissen gewinnen als wenn man Grundsätze

aufgreift und damit seinen Verstand in die Gewalt Anderer gibt

     7 Das allein richtige Verfahren für Vermehrung des Wissens besteht in

der Betrachtung unserer allgemeinen Vorstellungen Will man deshalb vernünftig

vorschreiten so muss man das untersuchende Verfahren der Natur der zu prüfenden

Vorstellungen und der gesuchten Wahrheit anpassen Allgemeine und zuverlässige

Wahrheiten gründen sich lediglich auf die Richtungen und Beziehungen der

allgemeinen Vorstellungen Eine erfinderische und geregelte Benutzung des

Denkens behufs Auffindung dieser Beziehungen ist der einzige Weg um Alles zu

entdecken was wahrhaft und sicher über sie in allgemeine Sätze gebracht werden

kann. Wie man hier vorzuschreiten habe muss man bei den Mathematikern lernen

die mit dem Einfachsten und Leichtesten beginnen und doch allmählich durch eine

fortgehende Kette von Gründen zur Entdeckung und zum Beweis von Wahrheiten

gelangen welche beim ersten Blick die menschlichen Fähigkeiten zu übersteigen

scheinen Die Kunst der Auffindung der Beweise und das bewunderungswürdige

Verfahren was sie für Ausfindung und Ordnung der vermittelnden Vorstellungen

erfunden haben welche von Größen ohne dass man sie auf einander legen kann

zeigen und beweisen dass sie gleich oder ungleich sind ist das was sie so

weit gebracht und solche wunderbare und ungeahnte Entdeckungen herbeigeführt

hat Ich lasse es dahingestellt ob nicht Etwas dem Ähnliches bei andern

Eigenschaften ebenso wie bei der Größe mit der Zeit entdeckt werden dürfte

Wenigstens würde wenn andere Vorstellungendie das wirkliche oder WortWesen

ihrer Arten bilden in der Weise der Mathematiker untersucht würden dies uns

weiter bringen und zu größerer Gewissheit und Klarheit führen als man glaubt

     8 Auch die Moral kann auf diese Weise klarer gemacht werden Ich möchte

deshalb auf die Ansicht zurückkommen die ich in Kap 3 berührt habe dass

nämlich die Moral ebenso wie die Mathematik der Beweise fähig ist Denn die

Vorstellungenvon denen die Ethik handelt sind sämtlich wirkliche

Wesenheiten die eine erkennbare Verbindung und Übereinstimmung mit einander

haben So weit man also ihre Richtungen und Beziehungen ermittelt so weit kann

man auch gewisse wirkliche und allgemeine Wahrheiten erreichen und bei

Anwendung des richtigen Verfahrens würde sicherlich ein großer Teil so klar

gemacht werden können, dass ein verständiger Mann so wenig wie bei den

erwiesenen Sätzen der Mathematiker einen Anlass zu Zweifeln haben könnte

     9 Aber das Wissen von den Körpern kann nur durch die Erfahrung weiter

geführt werden Bei der Erkenntnis der Substanzen nötigt aus der Mangel an

Vorstellungendie für ein solches Verfahren geeignet wären zu einem ganz

andern Weg Man kommt hier nicht wie in andern Wissenschaften wo die

allgemeinen Vorstellungen sowohl das wirkliche, wie das WortWesen bilden

durch Betrachtung unserer Vorstellungen, ihrer Beziehungen und

Übereinstimmungen weiter dies hilft aus den früher ausführlich dargelegten

Gründen wenig Deshalb bieten die Substanzen nur wenig Stoff zu allgemeinen

Sätzen und die bloße Betrachtung ihrer allgemeinen Vorstellungen führt in der

Erkenntnis der Wahrheit und Gewissheit nur wenig weiter Was bleibt also hier

für die Vermehrung des Wissens zu tun Man muss hier einen andern Weg

einschlagen der Mangel an Vorstellungen ihres wirklichen Wesens weist uns von

den eignen Vorstellungen zu den Dingen selbst, wie sie bestehen Hier muss die

Erfahrung lehren was die Vernunft nicht vermag und nur durch Versuche kann ich

feststellen welche andere Eigenschaften mit meiner Gesamtvorstellung zusammen

bestehen zB ob dieser gelbe schwere schmelzbare Körper den ich Gold nenne

biegsam ist oder nicht Diese Erfahrung gibt in welcher Art auch die

Ermittlung an dem einzelnen Körper erfolgen mag keine Gewissheit dass es bei

allen gelben schweren und schmelzbaren Körpern sich so verhält sondern nur für

die mit denen man den Versuch angestellt hat Es besteht hier keine Ableitung

aus meiner Gesamtvorstellung die Notwendigkeit oder die Unverträglichkeit der

Biegsamkeit hat mit der Gesamtvorstellung eines gelben schweren und

schmelzbaren Körpers keine erkennbare Verbindung Was ich hier über das

WortWesen des Goldes gesagt welches ich als einen Körper von bestimmter Farbe

Gewicht und Schmelzbarkeit angenommen habe bleibt auch wahr wenn man die

Biegsamkeit Feuerbeständigkeit und Auflösbarkeit in Königswasser noch

hinzunimmt Schlüsse die von diesen Vorstellungen ausgehen führen nicht weit

in der sichern Entdeckung anderer Eigenschaften der Stoffe welche sie

enthalten da sie nicht von diesen Eigenschaften sondern von dem wahren Wesen

abhängen was auch letztere bestimmt so kann man die übrigen nicht entdecken

man kommt nicht weiter als die einfachen Vorstellungen des WortWesens führen

und dies ist wenig über sie selbst hinaus Deshalb erlangt man damit nur

spärlich allgemeine sichere und zugleich nützliche Wahrheiten Denn wenn der

Versuch mit einem einzelnen Stück und mit allen andern dieser Farbe dieses

Gewichts und dieser Schmelzbarkeit wo ich es versucht habe seine Biegsamkeit

ergibt so nehme ich diese Eigenschaft möglicherweise in meiner

Gesamtvorstellung und in dem WortWesen des Goldes mit auf Damit besteht meine

Gesamtvorstellung Gold genannt aus mehr einfachen Vorstellungen als zuvor

allein da sie doch nicht das wahre Wesen dieser Art von Körpern enthält so

hilft sie mir nicht zum sichern Wissen ich sage Wissen vielleicht ist es nur

Vermutung der andern Eigenschaften dieses Körpers so weit sie nicht eine

sichtbare Verbindung mit einigen oder allen einfachen Vorstellungen haben die

das WortWesen für mich bilden Ich kann zB bei dieser Gesamtvorstellung

nicht sicher sein ob Gold feuerbeständig ist oder nicht weil nämlich die feste

Verbindung oder die Unverträglichkeit zwischen der obigen Gesamtvorstellung und

der Feuerbeständigkeit fehlt aus der ich dieses Wissen sicher ableiten könnte

Deshalb muss ich zur Ermittlung dessen mich an die Erfahrung halten und nur so

weit diese reicht aber nicht weiter kann ich eine gewisse Kenntnis erlangen

     10 Dies kann uns Nutzen gewähren aber keine Wissenschaft Ein an

überdachte und regelrechte Versuche gewöhnter Mann sucht vielleicht tiefer in

der Natur der Körper und vermutet richtiger ihre noch unbekannten

Eigenschaften als wer darin unerfahren ist allein es bleibt wie gesagt doch

nur ein Annehmen und Meinen ohne Wissen und ohne Gewissheit Da dieser Weg

wonach wir nur durch Erfahrung und Beschreibung das Wissen von den Substanzen

erlangen und vermehren können bei der Schwäche und Mittelmäßigkeit unserer

Vermögen hier in dieser Welt der einzige benutzbare ist so fürchte ich dass

die Erkenntnis der Natur nicht zu einer Wissenschaft wird erhoben werden

können, und wir werden nur wenig allgemeine Kenntnisse über die Arten der Körper

und ihre Eigenschaften erlangen können Versuche und Beobachtungen über

Einzelnes kann man haben daraus kann man für Wohlbefinden und Gesundheit Nutzen

ziehen und damit die Annehmlichkeiten des Lebens erhöhen allein darüber hinaus

reichen schwerlich unsere Anlagen und ich glaube wir können mit unserem

Vermögen hier nicht weiter kommen

     11 Wir können ein Wissen in der Moral und natürliche Verbesserungen

erreichen Da sonach unsere Vermögen nicht zureichen um in den inneren Bau und

das wirkliche Wesen der Körper einzudringen da sie aber uns klar das Dasein

Gottes und das Wissen von uns selbst gewähren so dass wir voll und klar unsere

Pflichten und großen Angelegenheiten erkennen so ziemt es sich für uns als

vernünftige Wesen diese Fähigkeiten zu dem anzuwenden wozu sie am meisten

geeignet sind und den Weg zu gehen den uns hiernach die Natur selbst gewiesen

hat Man kann mit Grund schließen dass unsere Aufgabe in diesen Untersuchungen

und in dieser Art von Kenntnissen enthalten ist, die unsern natürlichen

Fähigkeiten am meisten entsprechen und die unsere größten Angelegenheiten

betreffen dh unsern Zustand in der Ewigkeit Deshalb dürfte die Moral die

wahre Wissenschaft und Aufgabe der Menschheit im Allgemeinen sein die beide auf

die Gewinnung des »höchsten Guts« abzielen während die einzelnen Künste

rücksichtlich der Natur das Loos und die besondere Aufgabe der Einzelnen für den

gemeinsamen Nutzen bilden und ihnen für ihre eigne Erhaltung in dieser Welt

dienen Wie wichtig die Entdeckung eines einzigen Naturkörpers und seiner

Eigenschaften für das menschliche Leben sein kann davon gibt der große

Erdteil von Amerika ein schlagendes Beispiel Dessen Unbekanntschaft mit

nützlichen Künsten und dessen Mangel an allen Bequemlichkeiten des Lebens trotz

eines Landes voll natürlichen Überflusses dürfte nur von der Unbekanntschaft

mit dem Inhalt eines gemeinen und nicht beachteten Steines liegen ich meine in

der Unbekanntschaft mit dem Eisen und wie hoch man auch die Fortschritte in

unserm Erdteile anschlagen mag wo Wissen und Überfluss mit einander zu

wetteifern scheinen so ergibt doch eine sorgsame Betrachtung unzweifelhaft

dass wir mit Verlust des Eisens in wenig Jahrhunderten zur Unwissenheit und

Armut der Wilden von Amerika herabsinken würden deren natürliche Anlagen und

Mittel denen der blühendsten und gebildetsten Nationen nicht nachgestanden

haben Deshalb kann Der welcher zuerst den Nutzen dieses unscheinbaren Metalls

erkannte mit Recht der Vater der Künste und der Schöpfer des Reichtums genannt

werden.

     12 Allein man muss sich vor Hypothesen und falschen Grundsätzen hüten

Man denke aber nicht dass ich das Studium der Natur unterschätze und davon

abraten will Ich erkenne gern an dass die Betrachtung dieser Werke uns

Gelegenheit gibt deren Urheber zu bewundern zu verehren und zu preisen

Richtig geleitet kann sie der Menschheit größere Wohltaten bringen als jene

Bauwerke christlicher Mildtätigkeit die von den Gründern der Hospitäler und

Armenhäuser mit so großen Kosten errichtet worden sind. Wer den Bücherdruck

erfand den Kompass entdeckte oder den Gebrauch und Nutzen der Chinarinde

bekannt machte that mehr für die Verbreitung des Wissens, für die Beschaffung

und Vermehrung der nützlichen Einrichtungen des Lebens und rettete mehr

Menschen vom Tode als Die welche Studienhäuser Arbeitshäuser und Hospitäler

bauten Ich spreche nur gegen die voreilige Erwartung und Meinung da Kenntnisse

zu finden wo es keine gibt oder auf Wegen die nicht dahin führen ich will

dass man zweifelhafte Systeme nicht für vollendete Wissenschaften und

unverständliche Begriffe nicht für wissenschaftliche Beweise nehmen solle Bei

der Kenntnis der Körper muss man mit dem zufrieden sein was man durch einzelne

Erfahrungen erlauschen kann da wegen Unkenntnis ihres wahren Wesens man nicht

auf einmal ganze Bogen voll fassen noch die Natur und Eigenschaften ganzer

Arten in Bündeln davon tragen kann Wo die Untersuchung des Zusammenbestehens

oder der Unverträglichkeit durch die bloße Betrachtung der Vorstellungen nicht

erfolgen kann da kann nur Erfahrung Beobachtung und Beschreibung vermittelst

der Sinne und im Einzelnen einen Einblick in die körperlichen Substanzen

gewähren Die Erkenntnis der Körper muss durch die Sinne gewonnen werden man

muss mittelst ihrer die Eigenschaften und die Wirksamkeit der Körper sorgfältig

beobachten und unser Wissen über selbstständige Geister kann in dieser Welt

wohl nur durch Offenbarung uns zukommen Wenn man weiß wie wenig jene

allgemeinen aber zweifelhaften Grundsätze und jene willkürlichen Hypothesen das

wahre Wissen gefördert und die Untersuchungen zu wirklichen Fortschritten

geführt haben wie wenig Anfänge solcher Art durch Jahrhunderte hindurch etwas

zum Fortschritt der Naturwissenschaften beigetragen haben so wird man Denen

Dank wissen die in der letzten Zeit einen andern Weg eingeschlagen und für uns

gebahnt haben und zwar nicht einen solchen der leicht zu gelehrter

Unwissenheit führt sondern einen der sicher zu nützlichen Kenntnissen leitet

     13 Der wirkliche Nutzen von Hypothesen Deshalb sollen indes

Hypothesen nicht ausgeschlossen werden wenn es auf Erklärung der Natur ankommt

Wenn sie gut gemacht sind unterstützen sie wenigstens das Gedächtnis und

führen oft auch zu neuen Entdeckungen ich will nur dass man sie nicht zu

hastig was leicht geschieht da die Seele immer gleich in die Ursachen der

Dinge eindringen und Grundsätze haben will auf denen sie ruhen kann aufstelle

ehe das Einzelne genau geprüft und mehrfache Versuche da gemacht sind wo die

Hypothese eintreten soll damit man sehe ob sie mit Allem übereinstimmt und ob

ihr Grundsatz sich überall bestätigt und ob er nicht andern Erscheinungen

widerspricht während er die einen erklärt Wenigstens soll man sich von dem

Namen »Prinzip« nicht täuschen und einschüchtern lassen und das nicht für

zweifellose Wahrheit annehmen was im besten Falle nur eine zweifelhafte

Vermutung ist wie dies mit den meisten ich hätte beinah gesagt allen

Hypothesen über die Natur der Fall ist.

     14 Klare und deutliche Vorstellungen mit festen Bezeichnungen und das

Auffinden solcher welche deren Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung

darlegen sind die Mittel zur Erweiterung des Wissens.) Mag nun eine Gewissheit

in der Naturwissenschaft erreichbar sein oder nicht so scheinen mir doch die

folgenden zwei Wege allein geeignet unser Wissen so weit zu vermehren als es

überhaupt möglich ist  Erstens hat man klare und deutliche Vorstellungen der

Dinge sich zu verschaffen für die allgemeine oder besondere Worte vorhanden

sind; wenigstens so weit als man sie in Betracht ziehen und sein Wissen hier

erweitern und darüber nachdenken will Wenn es sich dabei um die besonderen

Vorstellungen von Substanzen handelt so muss man sie so vollständig als möglich

machen und so viele einfache Vorstellungen verbinden als nach den Beobachtungen

regelmäßig zusammenbestehen und auf diese Weise jede Art möglichst

vollständlich bestimmen Auch muss jede dieser einfachen Vorstellungenwelche

Theile der Gesamtvorstellung bilden klar und deutlich sein denn unser Wissen

kann nicht über unsere Vorstellungen hinaus und sind diese unvollständig

verworren oder dunkel so kann das Wissen nicht sicher vollständig und klar

sein Der zweite Weg besteht in der Auffindung jener vermittelnden

Vorstellungenwelche die Übereinstimmung oder den Widerstreit anderer

Vorstellungendie nicht unmittelbar verglichen werden können, darlegen

     15 Die Mathematik ist ein Beispiel hierfür Dass diese beiden Wege und

nicht der Verlass auf Grundsätze und das Ziehen von Folgerungen aus einigen

allgemeinen Sätzen die richtigen Mittel sind um unser Wissen auch in andern

Gebieten als dem der Größe auszubreiten ergibt die Betrachtung des

mathematischen Wissens Hier sieht man zunächst dass wer keine klare und

vollständige Vorstellung von den Winkeln und Gestalten hat über die er etwas

erfahren will zu einer Erkenntnis hierüber ganz unfähig ist Wenn zB Jemand

nicht weiß was ein rechter Winkel ein ungleichseitiges Dreieck ein

schiefwinkliges Viereck ist so wird er vergeblich einen Beweis über sie zu

gewinnen suchen Sodann hat offenbar nicht der Einfluss jener Regeln die für

die obersten Grundsätze in der Mathematik gelten die Meister dieser

Wissenschaft zu den wunderbaren Entdeckungen geführt die sie gemacht haben Man

kann bei guten Anlagen alle in der Mathematik benutzten Grundsätze kennen und

ihren Umfang und ihre Folgen übersehen und wird damit doch nie zur Erkenntnis

gelangen dass das Quadrat der Hypotenuse eines rechtwinkligen Dreiecks gleich

ist den beiden Quadraten aus dessen Seiten Das Wissen dass das Ganze seinen

Teilen zusammen gleich ist und dass Gleiches von Gleichem weggenommen

Gleiches bleibt würde ihm schwerlich zum Beweis jenes Satzes verhelfen und man

kann lange Zeit auf diese Grundsätze hinstarren und doch nicht um ein Haar mehr

von den mathematischen Wahrheiten erblicken Bei deren Entdeckung ist das Denken

anders verfahren die Seele hatte Gegenstände und Richtungen vor sich die mit

diesen Grundsätzen nichts zu schaffen hatten als sie dergleichen Wahrheiten in

der Mathematik zuerst entdeckte welche Männer nicht genug bewundern können

denen diese anerkannten Grundsätze wohl bekannt sind aber welche die Weise der

Auffindung dieser Beweise nicht kennen Wer kann wissen ob nicht zur

Ausbreitung des Wissens auch in andern Gebieten Verfahrungsweisen später

aufgefunden werden mögen die denen der Algebra in der Mathematik entsprechen

wo die Vorstellungen von Größen zur Messung anderer so leicht aufgefunden

werden deren Gleichheit oder Verhältnis ohnedem nur sehr schwer oder gar nicht

hätte erkannt werden können.

 
 



                              



     1 Unser Wissen ist teils notwendig teils freiwillig Unser Wissen

hat wie in andern Dingen so auch darin mit dem Sehen große Ähnlichkeit dass

es weder durchaus notwendig noch durchaus freiwillig ist Wäre unser Wissen

durchaus notwendig so würde nicht allein Jedermann so viel als der Andere

wissen sondern Jeder würde auch Alles wissen was überhaupt wissbar ist wäre

es aber durchaus freiwillig so würde Mancher es so gering schätzen dass er

wenig oder gar nichts wissen würde Menschen mit gesunden Sinnen müssen manche

Vorstellungen durch diese aufnehmen und wenn sie Gedächtnis haben so müssen

sie Manches davon behalten und wenn sie etwas Verstand haben so müssen sie die

Übereinstimmung einzelner Vorstellungen oder deren NichtÜbereinstimmung

bemerken so wie Jemand wenn er seine Augen bei Tage öffnet Manches sehen und

unterscheiden muss Allein wenn ein solcher auch das Sehen nicht ganz abhalten

kann so hat er doch die Wahl wohin er seine Augen richten will es kann ihm

ein Buch mit Bildern und Berichten zur Hand sein was Vergnügen und Belehrung

gewähren kann und dennoch öffnet er es vielleicht nicht und tut keinen Blick

hinein

     2 Die Aufmerksamkeit ist willkürlich aber wir erkennen die Dinge wie

sie sind nicht wie es uns beliebt Auch hängt es von dem Menschen ab ob er

einen Gegenstand nur oberflächlich besehen oder mit Aufmerksamkeit alles an ihm

Sichtbare beobachten will Allein was er sieht muss er so sehen wie er es

sieht Er kann nicht willkürlich das Gelbe schwarz sehen und das Heiße kalt

fühlen Die Erde ist nicht mit Blumen geschmückt und die Felder sind nicht mit

Grün bedeckt bloß weil er dies denkt im kalten Winter muss er Schnee und Reif

sehen wenn er sich umsieht Ebenso ist es mit dem Verstande. Von dem Willen

hängt bei dem Wissen nur die Benutzung oder Fernhaltung unserer Vermögen von

diesem oder jenem Gegenstände ab und die mehr oder weniger sorgfältige

Betrachtung derselben werden aber diese Vermögen in Tätigkeit gesetzt so

hängt die Art des Erkennens nicht mehr von unserm Belieben ab sondern wird

durch die Gegenstände bestimmt so weit sie klar erfasst werden Wenn deshalb

die Sinne sich auf äußere Gegenstände richten so muss die Seele die durch sie

überlieferten Vorstellungen aufnehmen und das Dasein äußerer Dinge wahrnehmen

und wenn das Denken sich auf seine eigenen Vorstellungen richtet so muss es in

gewissem Maße die Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung unter denselben

bemerken welche damit ein Wissen wird und wenn Worte für diese betrachteten

Vorstellungen vorhanden sind, so muss man von der Wahrheit der Sätze überzeugt

sein welche die bemerkte Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung

aussprechen Denn was man sieht muss man sehen und was man bemerkt davon muss

man wissen dass man es bemerkt

     3 Beispiele an den Zahlen Wer zB die Vorstellungen der Zahlen

erlangt und sich die Mühe genommen hat die 1 2 und 3 mit der 6 zu vergleichen

muss wissen dass sie einander gleich sind, und wer die Vorstellung eines

Dreiecks hat und die Weise die Dreiecke zu messen aufgefunden hat ist

überzeugt dass die drei Winkel desselben zweien rechten gleich sind, und kann

daran so wenig wie an dem Satze zweifeln dass unmöglich dasselbe Ding sein und

nicht sein kann

    An der natürlichen Religion Wer ferner die Vorstellung eines

vernünftigen aber gebrechlichen schwachen Wesens hat das von einem andern

ewigen allmächtigen allweisen und guten Wesen geschaffen ist weiß so gewiss

dass der Mensch Gott ehren fürchten und gehorchen muss als dass die Sonne

scheint welche er sieht Denn wenn er die Vorstellungen dieser zweier Wesen hat

und sein Denken darauf richtet so wird er so sicher finden dass das niedere

endliche und abhängige verpflichtet ist dem hohem zu gehorchen als er findet

dass 3 4 und 7 weniger als 15 sind sobald er diese Zahlen vergleicht und er

kann es nicht sicherer wissen dass die Sonne scheint wenn er an einem hellen

Morgen seine Augen öffnet und nach ihr blickt Allein trotz der Gewissheit und

Klarheit dieser Wahrheiten kann Derjenige beide nicht kennen lernen der seine

Fähigkeiten nicht zu deren Erkenntnis gebraucht

 
 





     1 Da unser Wissen nicht ausreicht brauchen wir noch etwas Anderes Da

der Verstand dem Menschen nicht bloß zu wissenschaftlichen Untersuchungen

sondern auch zu seiner Führung im Leben gegeben ist so würde er in großer

Verlegenheit sich befinden wenn nur die Gewissheit wahren Wissens ihn zu leiten

vermöchte Bei dessen Dürftigkeit und Beschränktheit wäre er dann oft in der

Finsternis und bei den meisten Handlungen seines Lebens in Verlegenheit wenn

er nichts hätte was ihn in Mangel klaren und sichern Wissens leiten könnte Wer

nicht essen mag bevor ihm nicht bewiesen worden dass er davon ernährt werde

wer sich nicht bewegen mag ehe er nicht sicher weiß das Geschäft was er

vorhat werde gelingen wird wenig mehr anfangen können als still zu sitzen und

umzukommen

     2 Wozu man diesen Zustand des Zwielichts benutzen kann Gott hat sonach

manche Dinge in das helle Tageslicht für uns gestellt indem er uns einiges

sichere Wissen gegeben hat was freilich nur auf vergleichsweise wenige Dinge

beschränkt ist wahrscheinlich ist es geschehen als Probe dessen was geistige

Wesen vermögen und um damit in uns das Verlangen und Streben nach einem bessern

Zustande zu erwecken Aber in den meisten Dingen die uns angehen hat Gott uns

nur in die Dämmerung so zu sagen der Wahrscheinlichkeit gestellt wie es nach

meinem Vermuten für den Zustand der Mittelmäßigkeit und Prüfung passt in den

wir hier gestellt sind damit unsere zu große Zuversicht erschüttert und wir

durch die tägliche Erfahrung belehrt werden wie kurzsichtig wir sind und wie

ausgesetzt dem Irrtume Indem wir dies erkennen soll es eine stete Ermahnung

für uns sein die Tage dieser Pilgerschaft fleißig und sorgfältig zur

Aufsuchung und Verfolgung des Weges anzuwenden der uns zu größerer

Vollkommenheit führen kann Selbst wenn die Offenbarung hier nicht spräche wäre

die Annahme vernünftig dass nachdem der Mensch die ihm von Gott verliehenen

Gaben hier verwendet er den Lohn am Abend jenes Tages empfangen werde wo die

Sonne sich schließt und die Nacht allem Thun ein Ende macht

     3 Das Meinen ersetzt den Mangel des Wissens.) Das Vermögen was Gott dem

Menschen als Ersatz für den Mangel sichern Wissens wo dieses nicht möglich ist

gegeben hat ist das Meinen Die Seele hält hier die Vorstellungen für

übereinstimmend oder widersprechend oder was dasselbe ist, einen Satz für wahr

oder falsch ohne dass sie in den Gründen einen zwingenden Beweis dafür sieht

Die Seele übt manchmal dieses Meinen nur aus Not wenn klare Beweise und

sicheres Wissen nicht zu haben sind manchmal aber aus Trägheit Ungeschick oder

Eilfertigkeit auch da wo Beweise und sichere Gründe zu haben wären Man prüft

oft nicht mühsam die Übereinstimmung oder den Widerstreit zweier Vorstellungen,

die man erkennen möchte entweder ist man unfähig die lange Reihe von Gründen

aufmerksam zu verfolgen oder es wird aus Ungeduld nur darüber hingeblickt oder

die Gründe werden ganz übersehen Die Untersuchung des Beweises wird dann nicht

vollendet und man entscheidet über die Übereinstimmung oder den Widerstreit

der beiden Vorstellungen gleichsam nur aus der Ferne und nimmt das Eine oder das

Andere an wie es bei einem so flüchtigen Blicke am wahrscheinlichsten

erscheint Dieses Vermögen heißt das Meinen wenn es unmittelbar für Dinge

geübt wird für die durch Worte mitgeteilten Wahrheiten heißt es meist

Zustimmung oder Widerspruch Da die Seele in diesen beiden Arten am meisten

Anlass hat dieses Vermögen zu gebrauchen so will ich die Untersuchung nach

diesen Bezeichnungen die am wenigsten dem Missverständnis unterliegen führen

     4 Das Meinen ist ein Vermuten über Dinge ohne dass man sie wahrnimmt

Somit hat die Seele zwei Vermögen in Bezug auf Wahrheit und Unwahrheit das eine

ist das Wissen wo man sicher auffasst und vollständig von der Übereinstimmung

oder dem Widerspruch zweier Vorstellungen überzeugt ist das andere ist aus

Meinen wo die Seele Vorstellungen verbindet oder trennt obgleich deren

Übereinstimmung oder Gegensatz nicht sicher erkannt istsondern nur angenommen

wird ohne dass eine Gewissheit dafür vorhanden ist. Geschieht diese Verbindung

oder Trennung so wie die Dinge sich wirklich verhalten so ist es ein richtiges

Meinen

 
 



 


     1 Wahrscheinlichkeit ist der Schein der Übereinstimmung aus

trügerischen Gründen Der Beweis ist ein Darlegen der Übereinstimmung oder des

Gegensatzes zweier Vorstellungen vermittelst eines oder mehrerer Gründe die

eine gleichmäßige unveränderliche und sichtbare Verbindung mit einander haben

die Wahrscheinlichkeit ist dagegen bloß der Schein einer solchen

Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung vermittelst Gründe deren

Verbindung nicht fest und unveränderlich ist oder wo dies wenigstens nicht

eingesehen wird sondern nur in den meisten Fällen so zu sein scheint um die

Seele zu bestimmen, dass sie einen Satz eher für wahr als für falsch oder

umgekehrt hält So erkennt man zB bei dem Beweise die feste unveränderliche

Verbindung der Gleichheit zwischen den drei Winkeln eines Dreiecks und jenen

vermittelnden die ihre Gleichheit mit zwei rechten darlegen durch ein solches

anschauliches Wissen der Übereinstimmung oder des Gegensatzes der vermittelnden

Vorstellungen was bei jedem weitem Schritt Statt hat geht die Reibe der Gründe

mit einer Gewissheit fort welche klar die Übereinstimmung oder

NichtÜbereinstimmung dieser drei Winkel der Gleichheit nach mit zwei rechten

darlegt und damit ist die Sicherheit dass es sich so verhält erlangt Ein

Anderer dagegen der sich nie um diesen Beweis gekümmert hat hört von einem

glaubwürdigen Manne der Mathematiker ist dass diese 3 Winkel gleich 2 rechten

seien und stimmt dem bei dh er hält es für wahr Sein Grund ist die

Wahrscheinlichkeit, weil die Umstände so sind dass sie meist die Wahrheit mit

sich führen indem der Mann auf dessen Zeugnis er es glaubt nicht Etwas gegen

oder ohne seine Überzeugung namentlich in diesen Dingen zu behaupten pflegt

Deshalb ist die Ursache seiner Zustimmung zu diesem Satz und für die

Übereinstimmung der betreffenden Vorstellungen nicht die Gewissheit davon

sondern die bekannte Glaubwürdigkeit des Mannes überhaupt oder die Annahme einer

solchen für diesen Fall

     2 Sie ersetzt den Mangel des Wissens.) Unser Wissen ist wie ich

gezeigt beschränkt und nicht von jedem Dinge dem man begegnet kann man die

gewisse Wahrheit gewinnen deshalb kann man von den meisten Sätzen bei dem

Denken Überlegen Sprechen ja selbst bei dem Handeln keine volle Gewissheit

von ihrer Wahrheit haben Indes nähern sich manche Fälle der Gewissheit so

dass man keinen Zweifel an ihnen hegt vielmehr ihnen so sicher zustimmt und so

entschlossen danach handelt als wären sie untrüglich bewiesen und unser Wissen

vollständig und gewiss Allein es gibt hier Abstufungen von dem Punkte der

Gewissheit und des Bewiesenen bis hinab zur Unwahrscheinlichkeit und bis zu der

Grenze der Unmöglichkeit ebenso noch Abstufungen der Zustimmung von der vollen

Überzeugung und dem Vertrauen bis hinab zur Vermutung dem Zweifel und dem

Misstrauen Ich werde daher nunmehr nachdem ich die Grenzen des menschlichen

Wissens und der Gewissheit dargelegt die verschiedenen Grade und Ursachen der

Wahrscheinlichkeit, der Zustimmung und des Glaubens untersuchen

     3 Die Wahrscheinlichkeit lässt uns Dinge für wahr halten ehe wir

wissen dass es sich so verhält Die Wahrscheinlichkeit ist der Schein der

Wahrheit das Wort bezeichnet einen solchen Satz für den Gründe vorliegen um

ihn für wahr zu halten Die Bestimmung, die man diesen Sätzen gibt heißt

Glaube Zustimmung oder Meinung es wird dabei ein Satz für wahr angenommen in

Folge von Gründen die uns veranlassen ihn für wahr zu halten obgleich wir es

nicht gewiss wissen Der Unterschied zwischen Wahrscheinlichkeit und Gewissheit

zwischen Glauben und Wissen liegt also darin dass bei dem Wissen in all seinen

Teilen Anschauung vorhanden ist; jede Vorstellung an sich und jeder Schritt hat

eine sichtbare und gewisse Verbindung aber bei dem Glauben ist dies nicht so

dieser ruht auf etwas der geglaubten Sache Äußerlichem was an beiden Seiten

sich nicht offenbar anschließt und deshalb die Übereinstimmung oder den

Gegensatz der betreffenden Vorstellungen nicht klar darlegt

     4 Die Gründe für das Wahrscheinliche sind zweierlei Art die

Übereinstimmung mit der eignen Erfahrung oder das Zeugnis von Anderer

Erfahrung Bei der Wahrscheinlichkeit, die den Mangel des Wissens ersetzen und

uns leiten soll wo dieses fehlt handelt es sich immer um Sätze für die man

keine Gewissheit hat sondern nur einen Anlass sie für wahr zu halten Dieser

Anlass ist zweierlei Art Erstens die Übereinstimmung mit dem eignen Wissen

Beobachten und Erfahrungen zweitens das Zeugnis Anderer die ihre

Beobachtungen und Erfahrungen beteuern Bei letzteren ist zu beachten 1 die

Zahl 2 die Rechtlichkeit 3 das Geschick der Zeugen 4 die Absicht des

Verfassers wenn das Zeugnis einem Buche entlehnt ist 5 die Übereinstimmung

des Ganzen in seinen Teilen und mit den berichteten Nebenumständen 6

entgegenstehende Zeugnisse

     5 Hier müssen immer die Grunde für und gegen geprüft werden ehe man

sich entscheidet Da der Wahrscheinlichkeit die anschauliche Gewissheit abgeht

welche den Verstand untrüglich bestimmt und das sichere Wissen erzeugt so muss

man wenn man vernünftig verfahren will alle Gründe der Wahrscheinlichkeit

prüfen und sehen ob sie mehr für oder gegen einen Satz sprechen ehe man

zustimmt oder widerspricht und man muss erst nach gehöriger Erwägung aller den

Satz annehmen oder verwerfen und zwar mit dem Grade des Fürwahrhaltens der dem

Übergewicht der Gründe auf der einen oder andern Seite entspricht Zum

Beispiel Sehe ich einen Menschen auf dem Eise gehen so ist dies keine

Wahrscheinlichkeit sondern Gewissheit erzählt mir aber Jemand dass er in

England an einem kalten Wintertage einen Menschen auf dem Eise habe gehen sehen

so stimmt dies so mit dem gewöhnlichen Lauf der Natur, dass ich es für wahr zu

halten geneigt bin wenn nicht ein Verdacht gegen die Erzählung vorhanden ist.

Wird dasselbe aber Jemand innerhalb der Wendekreise erzählt der bis dahin vom

Eise nie etwas gehört hat so ruht die Wahrscheinlichkeit nur auf dem Zeugnis

und die Sache findet mehr oder weniger Glauben je nach der Zahl der

Glaubwürdigkeit und Uninteressiertheit der Zeugen obgleich ein Mensch dessen

Erfahrungen ganz dagegen sprechen und der nie von dergleichen gehört hat kaum

dem ehrlichsten Zeugen hier Glauben schenken wird So ging es dem holländischen

Gesandten bei dem König von Siam Er erzählte dem neugierigen König von Holland

und unter Anderm auch dass im Winter das Wasser durch die Kälte mitunter so

hart werde dass Menschen darauf gehen könnten und selbst Elephanten davon

getragen werden würden wenn es deren dort gäbe Der König erwiderte darauf

Bisher habe ich das was Sie mir an Sonderbarkeiten erzählt haben geglaubt da

ich Sie für einen ehrlichen Mann halte aber jetzt sehe ich dass Sie lügen

     6 Die Gründe können sehr mannichfach sein Auf diesen Gründen beruht

die Wahrscheinlichkeit aller Sätze Je nachdem unser Wissen, unsere sichern

Beobachtungen häufigen und gleichmäßigen Erfahrungen und viele und

glaubwürdige Zeugnisse mehr oder weniger damit übereinstimmen ist der Satz mehr

oder weniger wahrscheinlich Es gibt allerdings noch einen andern Grund für die

Wahrscheinlichkeit, der es zwar an sich nicht ist aber doch oft für einen

solchen gilt und benutzt wird und von dem die Meisten sich in ihrem

Fürwahrhalten bestimmen lassen indem sie ihm mehr Glauben als etwas Anderem

schenken nämlich die Meinung Anderer Allein es ist gefährlich sich darauf zu

verlassen und man kann dadurch leicht irregeleitet werden denn es gibt mehr

Falschheit und Irrtum als Wahrheit und Kenntnis unter den Menschen Wären die

Meinungen und Überzeugungen Anderer trotzdem dass man sie kennt und achtet

ein Grund für die Zustimmung, so müsste man in Japan ein Heide in der Türkei

ein Mohammedaner in Spanien ein Katholik in England ein Protestant und in

Schweden ein Lutheraner werden Über diesen falschen Grund der Zustimmung werde

ich noch ausführlicher später zu sprechen haben

 
 






     1 Unsere Zustimmung soll sich nach den Gründen der Wahrscheinlichkeit

richten Die Gründe für die Wahrscheinlichkeit sind in dem vorigen Kapitel

dargelegt worden sie bilden die Grundlage für die Zustimmung und also auch das

Maß nach dem sich die Grade derselben bestimmen oder bestimmen sollten Nur

muss man sich gegenwärtig halten dass alle Gründe für die Wahrscheinlichkeit

nicht weiter wirken wenn man die Wahrheit sucht und ein richtiges Urteil

verlangt als sie hervortreten wenigstens bei den ersten Urteilen und

Versuchen die die Seele unternimmt Allerdings ruhen die Meinungen der

Menschen an denen sie oft fest halten nicht immer auf einem wirklichen

Überblick der Gründe die zuerst den Ausschlag geben denn in vielen Fällen ist

es selbst für ein gutes Gedächtnis schwer wenn nicht unmöglich alle Gründe zu

behalten welche nach gehöriger Erwägung zur Annahme einer Meinung bestimmt

haben Es genügt wenn nur einmal der Gegenstand sorgfältig und redlich erwogen

worden ist, wenn da alle Umstände von Einfluss auf die Frage möglichst ermittelt

worden sind, und nach bestem Vermögen die Rechnung der Gründe aufgemacht worden

ist. Hat man so einmal gefunden auf welcher Seite die Wahrscheinlichkeit ist

so wird dann nur die Entscheidung in dem Gedächtnis bewahrt wie eine entdeckte

Wahrheit und man begnügt sich in der Folge mit diesem Zeugnis des

Gedächtnisses

     2 Diese liegen nicht immer klar vor dann hat man sich mit der

Erinnerung zu begnügen dass früher die Zustimmung als begründet erkannt worden

ist.) Dies ist Alles was die Meisten für die Regelung ihrer Meinungen und

Urteile tun können Ohnedem müsste man alle Gründe der Wahrscheinlichkeit, und

zwar in der richtigen Ordnung und Folge wie sie früher erwogen worden genau im

Gedächtnis behalten die doch schon für eine Frage oft ein Buch füllen würden

oder man müsste tagtäglich jede Ansicht von Neuem prüfen was Beides unmöglich

ist Man muss sich deshalb in dem einzelnen Falle auf das Gedächtnis verlassen

und man muss seine Meinung festhalten wenn man auch der Gründe sich nicht mehr

bewusst ist, ja sie vielleicht vergessen hat Ohnedem müssten die meisten

Menschen entweder vollständige Skeptiker werden oder ihre Meinungen jeden

Augenblick wechseln und immer Dem zustimmen der zuletzt die Frage erwogen hätte

und seine Gründe vorbrächte da man die Antworten nicht gleich bei der Hand

haben kann

     3 Die üblen Folgen wenn bei dem frühem Urteil nicht richtig verfahren

worden Dieses Festhalten an früheren Urteilen und Folgerungen ist oft der

Anlass dass Irrtümer und falsche Ansichten hartnäckig festgehalten werden

wobei indes der Fehler nicht darin liegt dass man sich auf sein Gedächtnis in

Bezug auf frühere Urteile verlässt sondern dass man damals zu voreilig

geurteilt hat Gar Viele wenn nicht die Meisten halten ihre Ansichten in

vielen Dingen für richtig bloß weil sie niemals eine andere Ansicht gehabt

haben und weil sie ihre Ansicht nie untersucht oder in Zweifel gestellt haben

Dies will sagen Sie glauben richtig zu urteilen weil sie niemals geurteilt

haben Dennoch halten gerade Solche ihre Ansicht am hartnäckigsten fest und

Die welche ihre Lehrsätze am wenigsten geprüft haben bilden sich am meisten

darauf ein Bei dein was man einmal weiß kann man sicher sein dass es so

ist und dass es keine unbekannten Gründe gibt die das Wissen über den Haufen

werfen oder zweifelhaft machen können aber in Sachen der Wahrscheinlichkeit ist

man nicht immer sicher dass man alle Einzelheiten die auf die Frage

einfließen vor sich habe und dass ein noch unbeachteter Umstand nicht

dahinter stecke der die Wahrscheinlichkeit auf die andere Seite bringen und das

Übergewicht von der jetzigen Seite dorthin übertragen könnte Wer hat die

Müsse die Geduld und die Mittel alle Gründe in Bezug auf seine Ansichten so

zusammen zu bringen dass er sie klar und voll überschauen könnte und dass

keiner fehlte der weitem Aufschluss geben könnte Dennoch muss ein Entschluss

für oder gegen gefasst werden Das Leben und die Sorge für die richtigen

Angelegenheiten desselben vertragen keinen Aufschub und sie beruhen meist auf

Entscheidungen über Dinge wo ein sicheres und erwiesenes Wissen nicht möglich

ist aber man doch die eine oder andere Richtung wählen muss

     4 Der rechte Gebrauch davon besteht in gegenseitiger Liebe und Nachsicht

 Wenn sonach die meisten wo nicht alle Menschen ihre Ansichten auf keine

sichern und unzweifelhaften Gründe stützen können und es von großer

Unwissenheit Leichtsinn oder Torheit zeugt wenn man sofort seine frühere

Ansicht aufgibt weil ein Gegenstand aufgestellt wird auf den man nicht sofort

antworten und ihn widerlegen kann so geziemt es wohl Jedem bei diesem Gegensatz

der Meinungen Frieden zu halten und die Pflichten der Nachsicht und Freundschaft

zu erfüllen denn man kann nicht erwarten dass Jeder seine Meinung gleich

bereitwillig aufgeben und die andere mit blinder Ergebung an eine Autorität die

der Verstand nicht anerkennen kann annehmen solle Trotz vieler Irrtümer kann

man doch nur den Verstand zum Führer nehmen und man kann nicht dem Willen und

Befehlen Anderer sich blind unterwerfen Wenn der Gegner den man zu seiner

Ansicht bekehren will zu prüfen pflegt ehe er zustimmt so muss man ihm Müsse

zur Durchsicht der Rechnung lassen damit er Vergessenes zurückrufen und das

Einzelne prüfen und sehen könne welche Seite vorzuziehen sei Hält er unsere

Gründe nicht für so gewichtig um diese Mühe sich aufzulegen so tut er nur

was wir selbst schon getan haben und wir würden es übel nehmen wenn Ändere

uns das vorschreiben wollten was wir prüfen sollten Hat aber unser Gegner

seine Meinungen auf Treu und Glauben angenommen wie kann man da erwarten er

werde die Sätze aufgeben welche Zeit und Gewohnheit in ihm so befestigt haben

dass er sie für selbstverständlich und völlig gewiss hält oder die ihm als

Eingebungen gelten welche von Gott oder seinen Gesandten ihm gekommen Wie kann

man erwarten dass solche Überzeugungen durch die Gründe und das Ansehen eines

Fremden oder Gegners erschüttert werden könnten namentlich wenn der Verdacht

eines Interesses oder eine besondere Absicht sich dabei eindrängt was immer

geschieht wenn die Menschen sich übel behandelt glauben Man sollte vielmehr

mit der gemeinsamen Unwissenheit Mitleid haben und nur auf dem Wege eines

sanften und ehrlichen Unterrichts sie zu beseitigen suchen ohne Andere deshalb

für hartnäckig und verkehrt zu halten weil sie ihre Ansichten nicht aufgeben

und unsere nicht annehmen wollen wenigstens die nicht die man ihnen aufzwingen

will obgleich wir wahrscheinlich nicht minder hartnäckig sein würden wenn wir

ihre Ansichten annehmen sollten Denn wo ist der Mann der den unangreifbaren

Beweis der Wahrheit für Alles besitzt was er für wahr hält und den Beweis für

die Unwahrheit von dem was er verdammt Oder der sagen kann dass er seine und

Anderer Meinungen bis auf den Grund geprüft habe In diesem schwankenden

Zustande des Handelns und der Blindheit in dem die Menschen sich befinden wo

man ohne wahres Wissen doch glauben und oft auf sehr leichte Gründe hin glauben

muss sollte man eifriger und sorgfältiger sein um sich selbst zu unterrichten

als Andern Gewalt anzutun Wenigstens ist sicherlich Der welcher seine eigenen

Meinungen nicht bis auf den Grund geprüft hat ungeeignet Andern Vorschriften

zu machen und Andern das als Wahrheit aufzudrängen was er selbst noch nicht

untersucht und wovon er die Gründe der Wahrscheinlichkeit für Annahme oder

Verwerfung noch nicht erwogen hat Wer ehrlich und wahrhaft geprüft und in den

Lehren die er bekennt und befolgt alle Zweifel überwunden hat könnte noch mit

mehr Recht die Nachfolge der Andern verlangen allein solcher sind nur wenige

und sie finden es so wenig gerechtfertigt schulmeisterlich ihre Meinungen

auszubreiten dass man Unverschämtheit oder Herrschsucht bei ihnen nicht zu

fürchten braucht Wären die Menschen überhaupt selbst besser unterrichtet so

würden sie wahrscheinlich Andere weniger belästigen

     5 Die Wahrscheinlichkeit in Bezug auf Tatsachen und in Bezug auf

wissenschaftliche Fragen Wenn ich zu den Gründen und verschiedenen Graden der

Zustimmung zurückkehre so zeigt sich dass die Sätze die man als

wahrscheinlich annimmt von zweierlei Art sind die eine betrifft das Dasein des

Einzelnen oder wie man gewöhnlich sagt Tatsachen die man wahrnehmen kann

und die deshalb bezeugt werden können; die andere betrifft Gegenstände worüber

die Sinne keine Kunde geben und bei denen daher auch ein solches Zeugnis nicht

stattfinden kann

     6 Wenn die Erfahrung aller Andern mit der eignen übereinstimmt so

entsteht eine Zuversicht die dem Wissen nahe kommt Was die Tatsachen

anbetrifft so wird erstens in dem Falle dass eine Tatsache in

Übereinstimmung mit unserer und Anderer gleichmäßigen Beobachtung durch die

übereinstimmenden Aussagen aller Berichterstatter bezeugt wird diese Tatsache

bereitwillig geglaubt und dem sichern Wissen gleichgestellt man urteilt und

handelt dann danach und zweifelt daran so wenig als wäre sie vollständig

bewiesen Wenn zB alle Engländer bei passender Gelegenheit versichern dass es

vergangenen Winter in England gefroren habe oder dass man dort im Sommer

Schwalben gesehen habe so wird man daran so wenig zweifeln als daran dass 7

und 4 gleich 11 sind Hiernach ist der erste und höchste Grad der

Wahrscheinlichkeit da vorhanden wo die allgemeine Übereinstimmung aller

Menschen aller Zeiten so weit man weiß mit der eignen gleichmäßigen und

ausnahmslosen Erfahrung übereinstimmt und diese die Wahrheit einer Tatsache

welche tadellose Zeugen bekunden bestätigt Dahin gehören alle anerkannten

Zustände und Eigenschaften von Körpern und die ursachlichen Vorgänge in dem

gewöhnlichen Laufe der Natur. Man nennt dies den aus der Natur der Sache

hergenommenen Grund denn wo die eigenen und Anderer stete Beobachtungen immer

dieselben Vorgänge bemerkt haben da schließt man mit Recht auf eine Wirkung

fester und regelmäßiger Ursachen wenn sie auch nicht in den Bereich unsers

Wissens fallen Dahin gehört dass das Feuer den Menschen erwärmt das Blei

schmilzt und die Farbe und Festigkeit des Holzes und der Steinkohle ändert

ferner dass Eisen im Wasser untersinkt und im Quecksilber schwimmt Diese und

ähnliche Sätze über einzelne Tatsachen stimmen mit all unsern Erfahrungen in

solchen Fällen und gelten wenn Andere sie erwähnen als Dinge die regelmäßig

so befunden und von Niemand bestritten werden Deshalb gilt eine Erzählung die

etwas der Art berichtet oder ein Ausspruch dass es sich wieder so ereignen

werde für durchaus wahr Diese Wahrscheinlichkeit kommt der Gewissheit so nahe

dass sie gleich vollständigen Beweisen unser Denken bestimmt und unser Handeln

beeinflusst Man macht in seinen Angelegenheiten da keinen Unterschied zwischen

solcher Wahrscheinlichkeit und sicherem Wissen und der hierauf gestützte Glaube

steigt bis zur Gewissheit

     7 Ein zuverlässiges Zeugnis und eigne Erfahrung erwecken meistenteils

den Glauben Der nächste Grad von Wahrscheinlichkeit ist dann vorhanden wenn

die eigene Erfahrung und die Übereinstimmung aller Andern die dessen erwähnen

ergibt dass ein Ding meistenteils so ist und wenn der einzelne Fall von

vielen unverdächtigen Zeugen bekundet wird So berichtet zB die Geschichte

aller Zeiten und meine eigene Erfahrung so weit sie reicht bestätigt es dass

die meisten Menschen ihren besonderen Vorteil dem allgemeinen Nutzen vorziehen

wenn daher alle Geschichtsschreiber über Tiberius sagen dass er so gehandelt

habe so ist dies höchst wahrscheinlich In einem solchen Falle kann die

Zustimmung mit Recht zu einem Grade steigen den man Zuversicht nennen kann

     8 Ehrliches Zeugnis kann wenn die Natur der Sache nicht dagegen ist

ebenfalls zuversichtlichen Glauben erwecken Bei Dingen wo keine Notwendigkeit

besteht zB ob ein Vogel hier oder dorthin fliegt ob es links oder rechts von

Jemand donnert usw wird die Zustimmung zu einer einzelnen Tatsache

ebenfalls durch die übereinstimmende Aussage unverdächtiger Zeugen bestimmt

Dass es zB in Italien eine Stadt gibt die Rom heißt dass vor ungefähr 1700

Jahren dort ein Mann mit Namen Julius Cäsar gelebt hat dass dieser ein Feldherr

gewesen und eine Schlacht gegen einen andern Heerführer Namens Pompejis

gewonnen hat da spricht der Natur der Dinge nach weder Etwas dafür noch

dagegen da es aber von glaubwürdigen Geschichtsschreibern berichtet wird und

Keiner dem widersprochen hat so muss man es glauben und zweifelt so wenig

daran als an dem Dasein und Handeln seiner eigenen Bekannten die man selbst

gesehen hat

     9 Wenn Erfahrungen und Zeugnisse einander widersprechen so entstehen

mannichfache Grade der Wahrscheinlichkeit.) So weit ist die Sache einfach Die

Wahrscheinlichkeit bei solchen Gründen ist so überzeugend dass sie naturgemäß

das Urteil bestimmt und sie lässt dem Glauben so wenig Freiheit einzutreten

oder nicht als ein geführter Beweis das Wissen oder Nichtwissen frei lässt Die

Schwierigkeiten beginnen erst wenn die Zeugnisse der gewöhnlichen Erfahrung

sich widerstreiten und die Berichte der Geschichte und Zeugen sich mit dem

gewöhnlichen Lauf der Natur oder unter einander nicht vertragen Dann gehören

Fleiß Aufmerksamkeit und Genauigkeit dazu um ein richtiges Urteil zu bilden

und die Zustimmung nach dem Verhältnis der Gewissheit und Wahrscheinlichkeit

abzumessen Sie steigt und fällt nach den zwei Unterlagen aller Glaubwürdigkeit

je nachdem nämlich die gewöhnlichen Beobachtungen gleicher Fälle und die

Zeugnisse in dem besonderen Falle die Sache unterstützen oder schwächen Hier

sind die entgegenstehenden Beobachtungen Umstände Berichte so wie die

Unterschiede in der Befähigung dem Temperament den Absichten den Versehen

usw der Berichterstatter so mannichfach dass man die verschiedenen Grade der

Zustimmung hier auf keine festen Regeln bringen kann Man kann nur im

Allgemeinen sagen dass je nachdem die Gründe für und gegen nach gehöriger

Prüfung und nach genauer Abwägung der einzelnen Umstände im Ganzen mehr oder

weniger einer Seite das Übergewicht zu geben scheinen sie geeignet sind in

der Seele die verschiedenen Zustände hervorzurufen die man Glauben Vermuten

Raten Zweifeln Schwanken Misstrauen Unglauben usw nennt

     10 Überlieferte Zeugnisse beweisen um so weniger je weiter sie

zurückgehen So viel über die Zustimmung zu Tatsachen wo Zeugnisse benutzt

werden Hier ist auch noch einer Regel des Englischen Rechts zu erwähnen wonach

die beglaubigte Abschrift einer Urkunde ein gutes Beweismittel ist während die

Abschrift von einer Abschrift wenn sie auch noch so gut beglaubigt und durch

noch so viele glaubwürdige Zeugen bestätigt wird für den Richter nicht als ein

Beweis gilt Diese Regel wird allgemein als vernünftig anerkannt und entspricht

der Weisheit und Vorsicht die man bei Ermittlung von Tatsachen anzuwenden

hat ich habe sie deshalb noch niemals tadeln hören Wenn dieses Verfahren bei

der Entscheidung über Recht und Unrecht zulässig ist so folgt daraus auch dass

jedes Zeugnis um so weniger Beweiskraft hat je weiter es von der

ursprünglichen Wahrheit absteht wobei ich unter dieser Wahrheit das Sein der

Sache selbst verstehe Wenn ein glaubwürdiger Mann versichert sie zu wissen so

ist dies ein guter Anhalt wenn aber ein anderer glaubwürdiger Mann es nur auf

dessen Bericht bezeugt so ist dies Zeugnis schon schwächer und ein Dritter

der das Hörensagen vom Hörensagen versichert ist noch weniger zu beachten

Deshalb schwächt bei überlieferten Wahrheiten jeder größere Abstand die Kraft

der Beweise durch je mehr Hände die Überlieferung gewandert ist desto

schwächer wird ihre Kraft und Gewissheit Ich musste dies erwähnen da Viele die

ganz entgegengesetzte Regel befolgen und die Meinungen durch ihr Alter an Kraft

zunehmen lassen Was vor tausend Jahren den verständigen Zeitgenossen des

Berichterstatters nicht als wahrscheinlich vorgekommen sein würde soll jetzt

über alle Zweifel gewiss und erhaben sein nur weil es seitdem von Einem dem

Andern mitgeteilt worden ist. Hiernach werden Sätze die bei ihrem ersten

Auftreten offenbar falsch oder höchst zweifelhaft waren durch diese umgekehrte

Regel der Wahrscheinlichkeit zu urkundlichen Wahrheiten und was als es aus dem

Munde des ersten Urhebers kam wenig Glauben fand ist durch sein Alter

ehrwürdig geworden und gilt als unbestreitbar

     11 Indes hat die Geschichte großen Nützen Ich will damit die

Glaubwürdigkeit und den Nutzen der Geschichte nicht verkleinern in vielen

Fällen kommt alles Licht nur von ihr und sie gewährt zum großen Teil

nützliche Wahrheitenwelche als völlig gewiss gelten Nichts ist schätzbarer

als die Berichte aus dem Altertume ich wollte wir hätten deren mehr und mehr

unverdorbene Allein gerade diese Wahrheit beweist dass die Wahrscheinlichkeit

nicht höher als sie bei ihrem ersten Ursprung war steigen kann Was nur die

Aussage eines Zeugen für sich hat fällt oder steht mit dessen Zeugnis mag es

gut schlecht oder gleichgültig sein und wenn es auch dann Hunderte Einer dem

Andern nacherzählt und anführt so wird das Zeugnis damit nicht stärker

sondern nur schwächer Die Leidenschaften der Eigennutz die Unaufmerksamkeit

die Missverständnisse und tausend andere sonderbare Umstände oder eigensinnige

Launen welche die Menschen beeinflussen und die man nicht ausfindig machen

kann lassen den Einen die Worte und die Meinung des Andern falsch wiedergeben

Wer nur einigermaßen die Aufgaben der Schriftsteller geprüft hat weiß wie

wenig Verlass darauf ist wenn man die Originale nicht haben kann und wie

deshalb Angaben von Angaben noch weniger zuverlässig sind So viel ist sicher

dass was in einem Zeitalter aus schwachen Gründen behauptet worden durch

öftere Wiederholung für spätere Zeiten nicht zuverlässiger werden kann; sondern

es wird je weiter es von seinem Ursprung sich entfernt um so schwächer es hat

in dem Munde oder in der Feder des spätem Berichterstatters allemal weniger

Kraft als bei Denen von welchen er es erfahren hat

     12 In Dingen wo die Sinne keine Auskunft geben können ist die Analogie

die Hauptregel der Wahrscheinlichkeit.) Die bis jetzt betrachtete

Wahrscheinlichkeit betrifft nur Tatsachen und nur solche Dinge die der

Beobachtung oder dem Zeugnis unterliegen die zweite Art betrifft dagegen die

Meinungen welche die Menschen in verschiedenen Graden der Zustimmung hegen

obgleich hier der Gegenstand nicht in das Bereich der Sinne fällt und deshalb

auch nicht bezeugt werden kann. Dahin gehören 1 das Dasein, die Natur und

Wirksamkeit der endlichen Geister außer uns also der hohem Geister der Engel

Teufel usw ferner das Dasein stofflicher Dinge die entweder wegen ihrer

Kleinheit oder zu großen Entfernung durch die Sinne nicht bemerkt werden zB

die etwanigen Pflanzen Tiere und verständigen Bewohner der Planeten oder

anderer Aufenthaltsorte in dem großen Weltall 2 Die Art der Wirksamkeit der

Natur in den meisten Dingen wo man zwar die sichtbaren Wirkungen bemerkt aber

die Ursachen nicht kennt und die Art und Weise ihrer Wirksamkeit nicht erfasst

So sieht man dass Tiere erzeugt werden sich ernähren und bewegen dass der

Magnet Eisen anzieht und die Theile einer Kerze allmählich schmelzen in Flamme

sich verwandeln und Licht und Hitze um sich verbreiten Diese und ähnliche

Wirkungen sieht man aber die wirkenden Ursachen und die Art wie sie wirken

kann man nur erraten und vermuten Denn diese Dinge liegen außerhalb der

menschlichen Sinne und können durch diese nicht geprüft oder von Jemand bekundet

werden Ihre Wahrscheinlichkeit hängt also lediglich von den uns bekannten

Wahrheiten und von ihrem Verhältnis zu andern Teilen unserer Erkenntnis und

Beobachtungen ab Die Analogie ist hier unser einziges Hilfsmittel und von ihr

werden alle Gründe für die Wahrscheinlichkeit entlehnt So bemerkt man dass das

bloße heftige Reiben zweier Körper an einander Hitze ja selbst Feuer

hervorbringt deshalb kann man wohl vermuten dass das was man Hitze und Feuer

nennt in einer heftigen Bewegung unsichtbarer kleiner Teilchen des brennenden

Stoffes bestehe Ebenso bemerkt man dass die verschiedenen zurückgeworfenen

Strahlen halbdurchsichtiger Körper in den Augen den Schein verschiedener Farben

hervorbringen und dass die verschiedene Stellung und Haltung der Oberflächen

von Körpern wie von Sammet gewässerter Seide usw dasselbe bewirkte und man

hält es deshalb für wahrscheinlich dass die Farben und der Glanz der Körper nur

eine verschiedene Anordnung und Zurückwerfung ihrer kleinsten unsichtbaren

Teilchen ist So findet man ferner dass in allen wahrnehmbaren Teilen der

Schöpfung eine allmähliche Stufenfolge von dem einen zu dem andern besteht ohne

eine große erkennbare Kluft dazwischen all die mannichfachen Dinge sind in der

Welt so eng an einander gekettet dass die Grenzen zwischen den einzelnen Arten

der Geschöpfe nicht leicht zu entdecken sind Man kann deshalb mit Recht

annehmen dass die Dinge auch aufwärts zur Vollkommenheit in allmählichen

Abstufungen sich erheben Es ist schwer zu sagen wo das Empfinden und die

Vernunft beginnen und wo das Unempfindliche und Unvernünftige endet und wer

ist so scharfsinnig um die niedrigste Art lebender Wesen anzugeben und das

Erste der leblosen Dinge So weit man sehen kann fallen und steigen die Dinge

gleich der Größe bei einem Kegel seine Durchmesser sind bei etwas erheblichen

Abständen deutlich verschieden aber an Stellen die sich ganz nahe stehen sind

sie kaum zu unterscheiden So ist auch der Unterschied zwischen gewissen

Menschen und gewissen Tieren sehr groß allein vergleicht man den Verstand und

die Fähigkeiten anderer Menschen und anderer Tiere so ist der Unterschied so

gering dass man kaum den Verstand des Menschen für klarer und weitreichender

halten kann als jener Wenn sonach eine allmähliche und gelinde Abnahme abwärts

von den Menschen in diesem Theile der Schöpfung besteht so macht die Regel der

Analogie es wahrscheinlich dass sie auch für die Dinge über uns und jenseits

unserer Beobachtung besteht und dass es verschiedene Klassen geistiger Wesen

gibt die an Vollkommenheit in verschiedenen Graden uns übertreffen und bis zur

unendlichen Vollkommenheit des Schöpfers in leisen Abstufungen und nahe

liegenden Unterschieden aufwärts steigen Diese Art von Wahrscheinlichkeit

welche die beste Führerin bei den Versuchen der Vernunft und Aufstellung von

Hypothesen ist hat ihren Nutzen und ihre Bedeutung diese Benutzung der

Analogie führt oft zur Entdeckung von Wahrheiten und nützlichen Erfindungen die

ohnedem verborgen geblieben wären

     13 Ein Fall wo entgegengesetzte Erfahrungen das Zeugnis nicht

erschüttern Die allgemeine Erfahrung und der gewohnte Lauf der Dinge hat mit

Recht großen Einfluss ob man einem Satze zustimmen soll oder nicht indes

gibt es einen Fall wo das Ungewöhnliche der Tatsache ein ehrliches Zeugnis

dafür nicht abschwächt Wo nämlich übernatürliche Ereignisse den Zwecken Dessen

entsprechen der die Macht hat den Lauf der Natur zu ändern da können sie

unter Umständen deshalb sogar mehr Glauben finden je mehr sie über oder gegen

die tägliche Erfahrung laufen Dies ist der Fall bei Wundern die wenn sie

gehörig bezeugt sind nicht nur selbst Glauben finden sondern auch andere

Wahrheiten glaubhaft machen die solcher Bestätigung bedürfen

     14 Das bloße Zeugnis der Offenbarung gewährt die höchste Gewissheit

Neben den bisher erwähnten gibt es noch eine Art von Sätzen die den höchsten

Grad der Zustimmung auf bloßes Zeugnis verlangen mag die Sache mit der

gemeinen Erfahrung und dem gewohnten Lauf der Dinge stimmen oder nicht und zwar

weil das Zeugnis von Dem ausgeht der nicht täuschen noch getäuscht werden

kann, nämlich von Gott selbst Ein solches gewährt eine Gewissheit die über

alle Zweifel und einen Beweis der über alle Einwendung erhaben ist Es heißt

mit seinem besonderen Namen die Offenbarung und unsere Zustimmung zu ihr

Glauben Sie bestimmt unser Denken so unbedingt und schließt alles Schwanken so

vollständig aus wie dies bei unserm Wissen geschieht Man kann so wenig an

seinem eignen Dasein zweifeln als an der Wahrheit einer von Gott gekommenen

Offenbarung Deshalb ist der Glaube ein anerkanntes und sicheres Prinzip für

unsere Zustimmung und Gewissheit was keinen Raum zu Zweifeln und Zögern

gestattet Es muss nur sicher sein dass die Offenbarung eine göttliche ist und

dass man sie recht versteht Denn ohnedem verfiele man allen Tollheiten der

Schwärmerei und allen Irrtümern falscher Grundsätze wenn man Glauben und

Vertrauen in das setzte was keine göttliche Offenbarung wäre Deshalb kann in

solchen Fällen unsere Zustimmung vernünftiger Weise nicht weiter gehen als die

Gewissheit dass wirklich eine Offenbarung vorliegt und dass ihre überlieferten

Worte den bestimmten Sinn haben Beruht die Annahme ihrer als Offenbarung oder

ihres Sinnes nur auf wahrscheinlichen Gründen so kann die Zustimmung nicht

stärker sein als die Gewissheit oder die Bedenken welche aus der mehr oder

weniger scheinbaren Wahrscheinlichkeit der Beweise hervorgehen Indes werde ich

über den Glauben und seinen Vorrang vor andern Gründen der Überzeugung später

ausführlicher handeln wenn ich ihn als Gegensatz der Vernunft behandele wie

dies gewöhnlich geschieht obgleich der Glaube in Wahrheit nur eine Zustimmung

ist die sich auf die höchste Vernunft gründet

 
 



                              



     1 Die verschiedenen Bedeutungen des Wortes Vernunft Das Wort Reason

Vernunft hat im Englischen verschiedene Bedeutungen manchmal bezeichnet es

die wahren und klaren Grundsätze manchmal die klaren und treffenden Folgerungen

aus diesen Grundsätzen manchmal bedeutet es den Grund und insbesondere den

Endgrund oder Zweck Bei den Betrachtungen hier nehme ich aber das Wort in einem

von diesen allen verschiedenen Sinne und verstehe darunter das Vermögen

wodurch sich der Mensch angenommener Maassen vom Tiere unterscheidet und es

offenbar erheblich übertrifft

     2 Worin die Vernunfttätigkeit besteht Wenn das allgemeine Wissen wie

gezeigt in der Auffassung der Übereinstimmung oder des Widerstreits der eignen

Vorstellungen besteht und die Kenntnis der äußern Dinge Gott ausgenommen

dessen Dasein ein Jeder bestimmt wissen und aus seinem eignen Dasein ableiten

kann durch die Sinne erlangt wird welcher Raum bleibt da noch für ein anderes

Vermögen neben der äußern und inneren Wahrnehmung Wozu ist dann noch Vernunft

nötig Sie ist es gar sehr sowohl für die Ausdehnung unsers Wissens wie für

die Regelung unserer Zustimmung denn die Vernunft hat es mit dem Wissen und dem

Meinen zu tun sie ist notwendig unterstützt alle andern geistigen Vermögen

und enthält selbst zwei davon nämlich den Scharfsinn und das Schließen Durch

jenen macht sie ausfindig durch dieses ordnet sie die vermittelnden

Vorstellungen um die Verbindung in den einzelnen Gliedern der Kette zu

entdecken welche die beiden Enden eines Satzes zusammenhält dadurch macht sie

gleichsam die Wahrheit welche man sucht ersichtlich und dies nennt man

Folgern oder Schließen Es besteht nur in der Auffassung der Verbindung die

zwischen jeder Stufe der Schlussfolgerung besteht dadurch vermag die Seele die

Übereinstimmung oder den Gegensatz der zwei in dem Beweis befangenen

Vorstellungen sicher zu ersehen und sie gelangt dadurch zu dem Wissen. Ist die

Verbindung der man zustimmt oder sich entgegenstellt nur wahrscheinlich so

ist dies das Meinen Die Sinneswahrnehmung und die Anschauung reichen nicht

weit Der größte Teil unsers Wissens beruht auf Ableitungen und vermittelnden

Vorstellungenin solchen Fällen muss man schon das Fürwahrhalten statt des

Wissens wählen und Sätze annehmen ohne ihrer Wahrheit sicher zu sein deshalb

müssen dann die Gründe für die Wahrscheinlichkeit aufgesucht geprüft oder

verglichen werden Das Vermögen was in diesen Fällen die Mittel auffindet und

das was sie richtig benutzt um die Gewissheit in dein einen und die

Wahrscheinlichkeit in dem andern Falle zu ermitteln ist das was ich Vernunft

nenne Denn die Vernunft erkennt die notwendige und unzweifelhafte Verbindung

aller Vorstellungen und Gründe untereinander bei jedem Schritt eines Beweises

der ein Wissen hervorbringt und ebenso erkennt sie die wahrscheinliche

Verbindung aller Vorstellungen und Gründe unter einander bei jedem Schritt einer

Ausführung der man beizustimmen hat Dies ist der niedrigste Grad dessen was

man noch Vernunft nennen kann denn wo die Seele diese wahrscheinliche

Verbindung nicht erkennt oder wo sie gar nicht bemerkt ob eine solche besteht

oder nicht da ist das Meinen nicht ein Ergebnis des Urteils oder der

Vernunft, sondern die Wirkung des Zufalls bei dem die Seele allen Möglichkeiten

ohne Wahl und ohne Leitung preisgegeben ist

     3 Ihre vier Tätigkeiten Hiernach zeigen sich vier Abstufungen bei der

Vernunft; die erste und höchste entdeckt und findet die Wahrheit die zweite

stellt sie regelrecht und ordnungsmäßig zusammen um durch diese klare und

passende Anordnung deren Verbindung und Kraft leichter und vollständiger

erkennbar zu machen die dritte erfasst diese Verbindungen und die vierte zieht

den richtigen Schluss Diese vier Tätigkeiten treten an jedem mathematischen

Beweis hervor einmal wird von jedem seiner Theile erkannt wie der Beweis durch

denselben geschieht dann erkennt man die Abhängigkeit des Schlusses von allen

Teilen drittens macht sich die Beweisführung dem Schließenden selbst klar und

scharf und etwas verschieden von dem allen ist viertens das Auffinden der

vermittelnden Vorstellungen der Gründe durch welche der Beweis erfolgt

     4 Der Syllogismus ist nicht das große Werkzeug der Vernunft.) Noch ist

bei der Vernunft zu erwägen ob der Syllogismus in seinem gewöhnlichen Sinne das

eigentümliche Werkzeug derselben und die nützlichste Art ihrer Tätigkeit ist

Meine Zweifel hiergegen sind 1 dass der Syllogismus bloß bei einer der

vorgenannten Tätigkeiten der Vernunft dient nämlich er zeigt die Verbindung

der Gründe in jedem einzelnen Falle aber nichts mehr dies will indes nicht

viel sagen weil die Seele diese Verbindung da wo sie wirklich besteht auch

ohnedem leicht erfassen kann Beobachtet man die Tätigkeit seiner Seele so

zeigt sich dass man dann am besten und klarsten denkt wenn man nur die

Verbindung der Gründe beachtet ohne sonst die Gedanken einer syllogistischen

Regel zu unterwerfen Deshalb schließen viele Menschen außerordentlich klar

und richtig und können doch keinen Syllogismus machen Wer sich in manchen

Gegenden Asiens und Amerikas umsieht wird dort Leute finden die so scharf

wie er selbst ihre Sätze begründen aber nie von einem Syllogismus gehört

haben noch ihre Beweise in diese Form bringen können ja man wird bei seinem

Denken innerlich schwerlich Syllogismen anwenden Man braucht sie um einen

Betrug in einer rednerischen Wendung zu entdecken der pfiffig in glatte Worte

gehüllt ist man streift damit den Deckel des Witzes und der freien Rede von

einem Widerspruch ab und legt ihn in seiner Verkehrtheit bloß Allein auch da

wird die Schwäche und Täuschung bei einer solchen lockern Rede durch die

künstliche Form in die sie durch den Syllogismus gebracht wird nur von Denen

erkannt welche die Formen und Figuren der Logik gründlich studiert und die

verschiedenen Arten, wie die drei Sätze zusammengestellt werden können, geprüft

haben und damit wissen welche Form richtig schließt und welche nicht und

weshalb Alle die den Syllogismus so gründlich untersucht haben dass sie

einsehen weshalb die drei Sätze bei der einen Form einen richtigen Schluss

darstellen und bei der andern nicht werden allerdings durch den Schluss

überzeugt den sie aus den Vordersätzen bei den erwähnten Figuren ziehen allein

wer sich nicht so mit diesen Formen bekannt gemacht hat weiß nicht vermöge des

Syllogismus dass der Schluss aus den Vordersätzen folgt sondern er glaubt es

nur seinen Lehrern und diesen Formen dies ist aber immer nur ein Glauben und

kein sicheres Wissen Nun sind Derer die einen Syllogismus machen können im

Vergleich zu Denen die es nicht können sehr wenig und von diesen Wenigen die

Logik gelernt haben ist nur eine kleine Zahl die mehr als bloß glaubt dass

der Syllogismus in seinen Formen und Figuren richtig schließe und die wirklich

weiß dass es sich so verhält Wäre daher der Syllogismus das einzige

brauchbare Werkzeug der Vernunft und des Erkennens so hätte es vor Aristoteles

Niemand gegeben der Etwas mittelst der Vernunft erkannt gehabt und selbst nach

Erfindung des Syllogismus würde nicht einer von zehn Tausenden vernünftig

verfahren

    Allein Gott ist nicht so sparsam gegen den Menschen verfahren dass er ihm

nur zwei Beine gegeben und es dem Aristoteles überlassen hätte ihn vernünftig

zu machen dh jene Wenigen die er dahin brachte dass sie die Natur des

Syllogismus untersuchten und sahen dass unter den mehr als sechzig Arten nach

denen die drei Sätze verbunden werden können, nur ungefähr vierzehn sind wo man

der Richtigkeit des Schlusses sicher sein kann und weiß weshalb dies nur hier

aber nicht in den übrigen Fällen Statt findet Gott ist gütiger als nur so gegen

die Menschen gewesen Er hat ihnen eine Seele gegeben die vernünftig folgern

kann ohne dass sie in dem Syllogismus unterrichtet ist Der Verstand schließt

nicht nach diesen Regeln er hat ein natürliches Vermögen wodurch er den

Zusammenhang oder Widerstreit seiner Vorstellungen erkennt und er kann sie

richtig ordnen ohne solche verwickelte eingelernte Formen Ich will damit den

Aristoteles nicht verkleinern den ich als einen der größten Männer des

Altertums anerkenne und dem es Wenige in der Weite der Gesichtspunkte in

Scharfsinn in eindringendem Geiste und strengem Urteile gleich getan haben

und der selbst durch die Erfindung dieser BeweisFormen woran die Richtigkeit

des Schlusssatzes erkannt werden kann, uns einen großen Dienst gegen Die

geleistet hat die frech Alles bestreiten Auch erkenne ich dass alles richtige

Begründen auf die Formen des Syllogismus zurückgeführt werden kann; allein es

verkleinert den Aristoteles nicht wenn ich sage dass diese Formen weder der

einzige noch der beste Weg der Begründung sind um Diejenigen zur Wahrheit zu

leiten die sie finden wollen und die ihre Vernunft so gut als möglich zur

Erlangung der Erkenntnis benutzen wollen Aristoteles selbst hat offenbar die

richtigen und die falschen Schlussformen nicht durch diese Formen entdeckt

sondern durch den ursprünglichen Weg zur Erkenntnis dh durch die erkannte

Übereinstimmung der Vorstellungen. Man sagt einem Fräulein vom Lande dass der

Wind aus SüdWesten kommt und dass das Wetter nebelig ist und Regen droht und

sie wird gleich einsehen dass sie an einem solchen Tage nachdem sie eben das

Fieber gehabt in dünner Kleidung nicht ausgehen darf sie sieht deutlich die

wahrscheinliche Verbindung von dem Südwestwind den Wolken dem Regen dem

Nasswerden dem Erkälten dem Rückfall und der Todesgefahr ohne diese

Vorstellungen in jene künstlichen und lästigen Fesseln verschiedener Syllogismen

zu zwängen die den Geist nur hindern und hemmen da er ohne sie viel schneller

und klarer von dem einen zu dem andern fortschreitet Die Wahrscheinlichkeit,

welche das Fräulein an diesen Dingen in deren natürlichem Zustande leicht

erkennt Würde für sie verloren gehen wenn die Gründe in eine gelehrte Ordnung

gebracht und in Formen und Figuren dargeboten würden Die Verbindung wird

dadurch oft verwirrt und an den mathematischen Beweisen kann Jeder bemerken

dass die dadurch erlangte Erkenntnis schneller und deutlicher ohne Syllogismen

gewonnen wird

    Das Schließen gilt als die große Tätigkeit der Vernunft, und es ist dies

der Fall wenn es richtig erfolgt allein die Seele verlangt oft begierig nach

Ausdehnung des Wissens, oder sie begünstigt gern Ansichten die sie eingesogen

hat deshalb neigt sie zu Schlüssen und übereilt sich damit ehe sie die

Verbindung der Vorstellungen erkannt hat welche die Enden zusammenhält

    Das Schließen besteht nur in der Einführung eines Satzes als wahren

vermöge eines zuvor als wahr angenommenen Satzes dh in der Erkenntnis einer

solchen Verbindung zwischen den zwei Vorstellungen des Schlusses Wenn zB der

Obersatz lautet »Die Menschen werden in jener Welt gestraft« und man daraus

den andern folgert »also kann der Mensch sich selbst bestimmen« so fragt sich

ob dieser Schluss recht gezogen worden oder nicht Ist es durch Auffindung der

vermittelnden Vorstellungen und durch Erkenntnis ihrer gehörig geordneten

Verbindung geschehen so ist vernünftig verfahren und der Schluss ist richtig

gezogen Ist es ohnedem geschehen so ist nicht sowohl ein haltbarer Schluss

oder eine Folgerung in vernünftiger Weise gezogen worden sondern nur der gute

Wille gezeigt worden dass es so sein sollte oder so angenommen werden sollte

In beiden Fällen hat indes der Syllogismus dazu nichts beigetragen oder die

Verbindung der Vorstellungen dargelegt denn erst mussten diese aufgesucht und

die Verbindung erkannt sein ehe daraus ein regelrechter Syllogismus gemacht

werden konnte man müsste denn behaupten wollen dass jede Vorstellung ohne

Rücksicht auf ihre Verbindung mit denen deren Übereinstimmung durch sie

dargelegt werden soll für den Syllogismus genüge und aufs Geratewohl für den

Mittelbegriff zu einer Schlussfolgerung benutzt werden könne Allein Niemand

wird dies behaupten denn nur die erkannte Übereinstimmung der vermittelnden

Vorstellungen hilft zu dem Schlüsse dass die beiden Enden übereinstimmen

Deshalb muss jede vermittelnde Vorstellung in der Schlusskette eine erkennbare

Verbindung mit denen haben zwischen denen sie steht ohnedem kann der Schluss

durch sie nicht gezogen werden Denn wenn irgendwo ein Glied in der Kette lose

oder ohne Verbindung ist so ist ihre ganze Kraft verloren und nichts kann

damit erschlossen werden In dem obigen Beispiele liegt die Kraft des Schlusses

und folglich seine Vernünftigkeit nur in der Erkenntnis der Verbindung aller

MittelVorstellungenwelche die Schlussfolgerung herbeiführen Solche sind

hier die Menschen werden bestraft werden  Gott straft  eine gerechte Strafe

 der Bestrafte ist schuldig  er hätte anders handeln können  Freiheit 

Selbstbestimmung Durch die Kette dieser so der Reihe nach verbundenen

Vorstellungen dh dadurch dass jede Mittelvorstellung mit denen zwischen

denen sie sich befindet übereinstimmt erscheinen die Vorstellungen des

Menschen und der Selbstbestimmung verbunden dh der Satz, dass die Menschen

sich selbst bestimmen ist aus dem gefolgert dass sie in jener Welt gestraft

werden Die Seele sieht hier die Verbindung zwischen der Bestrafung des Menschen

in jener Welt mit der des strafenden Gottes ebenso die zwischen dem strafenden

Gotte und der Gerechtigkeit der Strafe zwischen dieser und der Schuld zwischen

der Schuld und dem Vermögen anders zu handeln zwischen diesem und der

Freiheit und zwischen der Freiheit und der Selbstbestimmung und damit sieht

die Seele auch die Verbindung zwischen dem Menschen und der Selbstbestimmung

    Ist nun die Verbindung der Endglieder in dieser einfachen und natürlichen

Ordnung nicht deutlicher zu ersehen als in den verwickelten Wiederholungen und

Wirrwarr von fünf oder sechs Syllogismen Man verzeihe mir das Wort Wirrwarr so

lange bis sich ergibt dasswenn diese Vorstellungen in so viele Syllogismen

gebracht worden sie weniger verworren und ihre Verbindung leichter anschaulich

ist trotzdem dass sie umstellt wiederholt und zu langen künstlichen Formen

ausgezogen worden als hier in der kurzen und einfachen Ordnung wo Jeder diese

Verbindung sieht und sehen muss ehe er sie in eine solche Reihe von Syllogismen

zusammenstellen kann Denn die natürliche Ordnung in der Verbindung der

Vorstellungen bestimmt erst die Ordnung in dem Syllogismus und die Verbindung

jeder vermittelnden Vorstellung mit denen zwischen denen sie steht muss zuvor

erkannt sein ehe man sie zu einem Syllogismus ordnen kann sind aber endlich

alle diese Syllogismen fertig so erkennen weder die Logiker noch Andere die

Kraft des Beweises oder die Verbindung der Endglieder um ein Haar besser als

vorher Denn wer nicht vom Fache ist oder wer die rechten Formen und die

Gründe der Syllogismen nicht kennt weiß nicht ob sie in richtigen und

schlussfähigen Formen und Figuren aufgestellt sind und deshalb helfen ihm diese

Formen überhaupt nichts dagegen wird dadurch die natürliche Ordnung durch

welche die Seele die Verbindung leicht erfassen würde gestört und daher die

Folgerung weit unsicherer als ohnedem Ja die Logiker selbst sehen die

Verbindung jedes Mittelbegriffs mit seinem benachbarten wovon die Kraft des

Schlusses abhängt so gut vor der Aufstellung des Syllogismus wie nachher Ist

dieses nicht der Fall so sehen sie ihn überhaupt nicht denn der Syllogismus

zeigt und verstärkt nicht die Verbindung der einander am nächsten stehenden

Vorstellungen sondern er zeigt nur durch die zwischen diesen bestehende

Verbindung auch die Verbindung welche zwischen den Endgliedern besteht Dagegen

zeigt kein Syllogismus die Verbindung der Mittelglieder mit den Endgliedern und

vermag dies auch nicht dies vermag nur die Seele durch ihr eigenes Schauen

wenn sie nebeneinander bestehen die syllogistische Form in der sie gerade

geordnet sind hilft dazu nichts diese zeigt nur dasswenn die

Mittelvorstellungen mit ihren unmittelbar angrenzenden übereinstimmen auch die

zwei von einander fernsten oder die sogenannten Endglieder mit einander

übereinstimmen Deshalb wird die unmittelbare Verbindung jeder Vorstellung mit

den ihr am nächsten stehenden worauf die Kraft des Beweises beruht schon

ebenso vor wie nach Aufstellung des Syllogismus erkannt sonst erkennt Der

welcher den Syllogismus aufstellt sie niemals Diese wird wie gesagt gesehen

oder durch das erfassende Vermögen der Seele erkannt wenn sie sie in ihrer

Nebeneinanderstellung überblickt und dieser Blick ist ihr sobald sie überhaupt

zu einem Satz verbunden sind, gleich gut möglich mag dieser Satz als Ober oder

Untersatz in einen Syllogismus gestellt sein oder nicht

    Wozu nützt daher der Syllogismus Ich meine sein Hauptnutzen gilt den

Schulen wo es gestattet ist die Übereinstimmung von Vorstellungen, trotzdem

dass sie da ist dreist zu leugnen außerhalb der Schulen dienen sie nur gegen

Die welche dort gelernt haben die Verbindung von Vorstellungenobgleich sie

selbst sie sehen frech zu leugnen Dagegen bedarf der erfinderische Forscher

der Wahrheit insoweit er nur nach dieser sucht einer solchen Form zur

Erzwingung des Anerkenntnisses seines Schlusses nicht Die Wahrheit und

Vernünftigkeit wird besser erkannt wenn die Vorstellungen einfach hinter

einander geordnet werden und daher bedarf man auch bei seinen eignen

Untersuchungen des Syllogismus zur eignen Überzeugung nicht und auch nicht bei

der Belehrung williger Schüler denn ehe man den Syllogismus ordnen kann muss

man schon die Verbindung zwischen der Mittelvorstellung und den beiden andern

Vorstellungen zwischen die sie zu stehen kommt erkannt haben und wenn dies

der Fall ist, so sieht man auch schon ob die Folgerung richtig oder falsch ist

deshalb kommt der Syllogismus zur Feststellung dessen zu spät Ich benutze hier

noch einmal das frühere Beispiel ich frage ob die Seele wenn sie die

Vorstellung der Gerechtigkeit gestellt zwischen der Bestrafung des Menschen und

der zu bestrafenden Schuld betrachtet und ehe die Seele diese Vorstellung

nicht so betrachtet kann sie nicht als eine Mittelvorstellung benutzt werden

ob sie da nicht klar die Kraft und Stärke der Folgerung ebenso erkennt als wenn

sie in der Form eines Syllogismus gebracht sind Um dies an einem einfachen

Beispiel zu zeigen soll das Geschöpf die Mittelvorstellung medius terminus

sein die benutzt wird um die Verbindung von Mensch und lebendig darzulegen

Ich frage ob die Seele nicht schneller und leichter diese Verbindung einsieht

wenn die verbindende Vorstellung in die Mitte kommt so

                         Mensch  Geschöpf  lebendig

als wenn sie so stehen

                    Geschöpf  lebendig  Mensch  Geschöpf

in welcher letzten Ordnung diese Vorstellungen bei dein Syllogismus stehen wenn

die Verbindung zwischen Mensch und lebendig durch Vermittlung von Geschöpf

gezeigt werden soll

    Man hält zwar den Syllogismus selbst für die Freunde der Wahrheit

notwendig wenn es sich um Aufdeckung der Täuschungen handelt die sich hinter

Blumenketten oder witzigen und verwickelten Ausführungen verbergen allein dies

ist ein Irrtum wenn Männer welche aufrichtig die Wahrheit suchen durch

solche lose sogenannte rednerische Darstellungen irregeführt werden so kommt

es davon dass ihre Einbildungskraft von den rednerischen und bilderreichen

Wendungen gefangen genommen wird deshalb übersehen sie oder bemerken nicht

gleich von welchen wahren Begriffen der Schluss abhängt Um die Schwäche

solcher Ausführungen darzulegen braucht man nur die überflüssigen Zutaten zu

beseitigen die mit denen von welchen der Schluss abhängt vermischt und

vermengt werden und dadurch den Schein einer Verbindung hervorbringen wo keine

besteht oder mindestens die Entdeckung dieses Mangels verhindern Stellt man

dann die dieses Schmuckes entkleideten Vorstellungen auf denen der Schluss

ruht in die gehörige Ordnung wo man ihre Verbindung übersehen kann so ist die

Richtigkeit des Schlusses leicht zu prüfen ohne dass man des Syllogismus

bedarf

    Man benutzt allerdings in solchen Fällen die Formen und Figuren desselben

als wenn die Unrichtigkeit solcher losen Ausführungen nur dadurch entdeckt

werden könnte ich selbst war früher dieser Ansicht allein eine genauere

Prüfung hat mir gezeigt dasswenn man die vermittelnden Vorstellungen einfach

in der gehörigen Ordnung neben einander stellt die Irrigkeit der Ausführung

offenbarer als durch den Syllogismus dargelegt wird denn jedes Glied dieser

Kette kann dann an seiner Stelle überblickt und damit seine Verbindung am

leichtesten erfasst werden Der Syllogismus zeigt dagegen die Irrigkeit nur

Denen also nicht Einem unter Zehntausenden welche seine Formen und Figuren

mit den Gründen worauf sie beruhen genau kennen Werden dagegen die

Vorstellungenwelche bei der Ausführung benutzt worden sind, nur einfach

richtig neben einander gestellt so sieht ein Jeder sei er Logiker oder nicht

wenn er nur die Worte versteht und überhaupt die Übereinstimmung oder den

Gegensatz an diesen Vorstellungen erfassen kann ohnedem er weder mit noch ohne

Syllogismus über die Stärke oder Schwäche und über den Zusammenhang oder die

Sprünge der Ausführung urteilen kann den Mangel der Verbindung in der

Ausführung und die Verkehrtheit des Schlusses

    Deshalb konnte einer meiner Bekannten der von Syllogismen nichts verstand

beim ersten Anhören die Schwäche und das Unschlüssige einer langen künstlichen

und scheinbaren Ausführung bemerken während Andere die mit den Syllogismen

mehr vertraut waren irregeführt wurden Wahrscheinlich werden auch meine Leser

solche Personen kennen Wäre dem nicht so so liefen die Beratungen in den

Kabinetten und die Geschäfte in den Versammlungen Gefahr schlecht geleitet zu

werden denn die damit betrauten und erfahrenen Männer sind eben nicht immer in

den Formen des Syllogismus bewandert und mit dessen Figuren vertraut Wäre der

Syllogismus das einzige oder das zuverlässigste Mittel um die Blendwerke

künstlicher Reden zu entdecken so wäre die Menschheit und selbst die Fürsten

bei Gegenständen die ihre Krone und Ehre angehen sicherlich nicht so für den

Irrtum und die Unwahrheit eingenommen dass sie den Syllogismus aus den

Verhandlungen ganz fern gehalten und es für lächerlich gehalten hätten damit in

wichtigen Geschäften vorzutreten vielmehr beweist dies dass Männer von Talent

und Scharfsinn denen es nicht bloß auf das Streiten ankommt sondern die nach

dem Ergebnis der Verhandlungen sich zu benehmen haben und für Missgriffe mit

ihrem Vermögen und Köpfen haften müssen von diesen scholastischen Formen für

die Auffindung der Wahrheit oder Unwahrheit nichts halten beide können

dargelegt und ohne sie allen Denen besser dargelegt werden die wirklich sehen

wollen was ihnen vor die Augen gelegt wird

    Ein zweiter Grund der mich zweifeln macht ob der Syllogismus das einzige

richtige Mittel für die Vernunft zur Entdeckung der Wahrheit ist liegt darin

dass diese scholastischen Formen und Figuren wenn sie auch zur Offenlegung von

Täuschungen gebraucht werden können wie ich oben gezeigt habe doch selbst den

Täuschungen ebenso ausgesetzt sind wie die einfachem Arten der Begründung Ich

berufe mich hier auf die Meinung Aller es hat sich gezeigt dass diese

künstlichen Beweisverfahren mehr zur Einzwängung und Verwirrung des Verstandes

als zu seiner Belehrung geeignet sind Deshalb wird wohl Mancher durch dieses

scholastische Verfahren betäubt und zum Schweigen gebracht aber selten

überzeugt und gewonnen er erklärt seine Gegner dann zwar für geschickter im

Streiten allein er bleibt trotzdem bei seiner Meinung und geht erbittert mit

derselben wieder fort was nicht möglich wäre wenn diese Art zu beweisen klar

und überzeugend wäre und zeigte wo die Wahrheit liegt Deshalb gilt der

Syllogismus als ein gutes Mittel im Streit den Sieg zu gewinnen aber nicht in

ehrlichen Verhandlungen die Wahrheit zu finden und zu bekräftigen Wenn der

Betrug sich hinter Syllogismen verstecken kann so muss etwas Anderes als der

Syllogismus zu dessen Entdeckung nötig sein

    Ich weiß dasswenn man den Nutzen eines Gegenstandes nicht vollständig

anerkennt an den Viele sich gewöhnt haben man beschuldigt wird dass man ihn

ganz ableugne Um solchen grundlosen Vorwürfen entgegenzutreten bemerke ich

dass ich dem Verstande keine einzige Hülfe in Erlangung der Wahrheit entziehen

will Ist Jemand im Syllogismus geübt und daran gewöhnt und findet er dass er

damit die Wahrheit leichter erreicht so mag er denselben immerhin benutzen ich

will nur dass man ihm nicht mehr zuschreibe als ihm gebührt und dass man

nicht glaube ohne Syllogismen das Vermögen der Vernunft nicht voll gebrauchen

zu können Manches Auge braucht eine Brille um klar und deutlich zu sehen

allein deshalb darf man nicht sagen dass Niemand ohne Brille gut sehen könne

wer so spricht begünstigt die Kunst der er vielleicht zugetan ist zu stark

auf Kosten der Natur. Ein kräftiger und geübter Verstand sieht vermöge seiner

eignen Kraft gewöhnlich schneller und klarer ohne Syllogismus Wenn der Gebrauch

dieser Brille seinen Blick so getrübt hat dass er die richtigen oder falschen

Folgen in einer Ausführung ohnedem nicht sehen kann so bin ich nicht so

eigensinnig sie ihm zu verbieten Jeder weiß am Besten was für seine Augen

passt allein er darf deshalb nicht alle Andern in das Dunkle einsperren weil

sie nicht dieselben Hilfsmittel deren er bedarf gebrauchen

     5 Der Syllogismus hilft etwas bei den Beweisen weniger bei der

Wahrscheinlichkeit.) Wie es sich nun auch bei dem Wissen verhalten mag so ist

doch wohl sicher dass der Syllogismus bei der Wahrscheinlichkeit von geringerem

oder gar keinem Nutzen ist Da hier die Zustimmung durch das Übergewicht

bestimmt wird, welches nach gehöriger Erwägung aller Gründe und Umstände auf

beiden Seiten sich herausstellt so kann hierbei der Syllogismus nicht das

Mindeste helfen er liefe nur mit einer angenommenen Wahrscheinlichkeit oder

einem der Topik entnommenen Grunde davon und verfolgte sie bis die Seele den

eigentlichen Gegenstand aus dem Gesichte verloren hätte dann hielte er sie dort

bei einer nicht hergehörenden Schwierigkeit fest verwickelte und fesselte sie

in eine Kette von Syllogismen ohne ihr die Freiheit zu lassen oder die Hülfe zu

gewähren um zu sehen auf welcher Seite nach Erwägung von Allem die größere

Wahrscheinlichkeit liegt

     6 Er dient nicht zur Vermehrung des Wissens, sondern beschützt es nur

Selbst wenn der Syllogismus wie man vielleicht behauptet zur Darlegung des

Irrtums und der Missgriffe Hülfe leistete obgleich ich den Menschen wohl sehen

möchte der durch die Schläge des Syllogismus seine Meinung aufgegeben hätte

so verlässt er doch die Vernunft gerade bei ihrer höchsten Tätigkeit oder

mindestens bei ihrer schwersten Aufgabe wo sie der Hülfe am meisten bedarf

nämlich bei der Auffindung der Gründe und Gewinnung neuer Entdeckungen Die

Regeln des Syllogismus versehen die Seele nicht mit den vermittelnden

Vorstellungenwelche die Verbindung entfernter darlegen seine Art zu beweisen

ermittelt keine neuen Gründe sondern ordnet und befestigt nur die alten die

man schon hat Der 47ste Lehrsatz im ersten Buch des Euklid ist durchaus wahr

allein seine Entdeckung ist nicht vermittelst einer Regel der gewöhnlichen Logik

erfolgt erst muss man etwas wissen und dann kann man es syllogistisch

bemessen der Syllogismus folgt also dem Wissen nach und deshalb braucht man

ihn nicht Gerade durch die Auffindung der Vorstellungenwelche die Verbindung

entfernterer darlegen wird der Vorrat des Wissens vermehrt und der

Fortschritt der Wissenschaften und Künste herbeigeführt Der Syllogismus schützt

im besten Falle nur das wenige Wissen was man schon hat aber vermehrt es

nicht Wenn Jemand seine Vernunft nur in dieser Weise gebrauchte so gliche er

Dem der ein Eisenstück aus den Eingeweiden der Erde gewonnen hat und lauter

Schwerter daraus machen lässt die er seinen Leuten in die Hand gibt um sich

zu schützen und einander bange zu machen Wenn die Könige von Spanien die Hände

ihres Volkes und ihr Eisen so verwendet hätten so würden sie nur Weniges von

dem Schatze zu Tage gefördert haben der so lange in den Eingeweiden von Amerika

verborgen gelegen hatte Ebenso wird Der welcher die Kräfte seiner Vernunft nur

zum Schwingen von Syllogismen gebraucht wenig von der Masse Kenntnisse

entdecken die noch in den Schlupfwinkeln der Natur verborgen liegen Hier

dürfte der angeborene ungeschulte Verstand wie er früher es getan

wahrscheinlich eher den Weg bahnen und zur Vermehrung des Wissensvorrats mehr

beitragen als alle scholastischen Schritte nach der strengen Regel der

SchlussFormen und SchlussFiguren

     7 Man sollte sich nach andern Hilfsmitteln umsehen Sicherlich lassen

sich hier noch Mittel zur Unterstützung der Vernunft in dieser höchst nützlichen

Aufgabe auffinden der scharfsinnige Hooker lässt mich dies glauben welcher in

seinem Buche Ecclesiastica Politica I  6 sagt »Wenn in wahrer Kunst und

Wissenschaft die richtigen Mittel angewendet würden die meines Erachtens unser

Zeitalter trotzdem dass es das gelehrte heißt weder viel kennt noch viel

beachtet so würde sich ein so großer Unterschied in der Reife des Urteils

zwischen den so ausgerüsteten Menschen und den gegenwärtigen zeigen wie er

zwischen den gegenwärtigen Menschen und den Geistesschwachen jetzt besteht« Ich

behaupte nicht dass ich hier eines von den großen Hilfsmitteln die dieser

bedeutende Denker im Sinne hat angegeben habe allein jedenfalls kann der

Syllogismus und die gegenwärtige Logik nicht dazu gehören da sie schon zu

seiner Zeit bekannt waren Ich bin zufrieden wenn ich durch diese vielleicht

nicht ganz hierher gehörende Ausführung die aber für mich jedenfalls neu und

von Niemand entlehnt ist Andere veranlasse sich nach neuen Entdeckungen

umzuschauen und über die richtigen Hilfsmittel nachzudenken da sie schwerlich

von Denen gefunden werden dürften die sich auf die Regeln und Anweisungen

Anderer beschränken denn diese ausgetretenen Wege führen diese Art von

Geschöpfen wie ein kluger Römer sich ausdrückt deren Denken nur bis zum

Nachmachen reicht »nicht wohin zu gehen istsondern wo man bereits geht«

Indes wird unser Zeitalter durch Männer von starkem und umfassendem Geist

geziert die wenn sie ihr Denken hierauf richten möchten sicherlich neue und

noch nicht entdeckte Wege für den Fortschritt des Wissens öffnen werden

     8 Man begründet nur den einzelnen Fall Bei Besprechung des Syllogismus

und seines Nutzens für die Begründung und Vermehrung des Wissens erwähne ich

ehe ich diesen Gegenstand verlasse noch eines offenbaren Irrtums über die

Regeln des Syllogismus wonach keine syllogistische Begründung richtig und

beweisend sein könne wenn sie nicht wenigstens einen allgemeinen Satz enthalte

Allein sollte man nicht auch über Einzelnes Gründe aufstellen und eine Kenntnis

haben können Vielmehr ist wenn man die Sache recht betrachtet der

unmittelbare Gegenstand aller Begründung und allen Wissens nur das Einzelne Das

Begründen und Wissen geschieht nur mit den Vorstellungendie in der Seele

bestehen und diese sind doch in Wahrheit nur einzelne das Wissen und Begründen

trifft andere Dinge nur so weit als sie mit diesen einzelnen Vorstellungen

übereinstimmen Deshalb besteht das ganze Wissen in der Erkenntnis der

Übereinstimmung oder des Gegensatzes der einzelnen VorstellungenDie

Allgemeinheit ist hier nur etwas ihnen Zufälliges und besteht nur darin dass

die besonderen Vorstellungen um die es sich handelt von der Art sind dass mehr

als ein einzelnes Ding mit ihnen übereinstimmt und durch sie vorgestellt werden

kann. Dagegen ist die Erkenntnis der Übereinstimmung oder des Gegensatzes von

irgend zwei Vorstellungenund mithin auch das Wissen ebenso klar und gewiss

mögen beide oder eine oder keine dieser Vorstellungen mehr als ein wirkliches

Ding darstellen oder nicht Ich erlaube mir ehe ich den Syllogismus verlasse

noch die Frage ob die Form, welche der Syllogismus jetzt hat die ist die er

eigentlich vernünftigerweise haben sollte Da der Mittelbegriff die Endglieder

verbinden soll dh da er durch seine Dazwischenkunft die Übereinstimmung oder

den Gegensatz der beiden andern darlegen soll so durfte die Stellung des

Mittelbegriffs zwischen den beiden Endgliedern die natürlichere sein und die

Übereinstimmung oder den Gegensatz der andern besser darlegen Dies ließe sich

leicht machen wenn man die Sätze umstellte also den Mittelbegriff zum Prädikat

des Obersatzes und zu dem Subjekt des Untersatzes machte ZB

    Jeder Mensch ist ein Geschöpf

    Jedes Geschöpf ist lebendig

    Also ist jeder Mensch lebendig

Ferner

Jeder Körper ist ausgedehnt und dicht

Kein Ausgedehntes und Dichtes ist bloße Ausdehnung

Deshalb ist der Körper nicht bloße Ausdehnung

Ich belästige den Leser nicht mit Syllogismen deren Schluss nur Einzelnes

betrifft derselbe Grund der für jene Form gilt gilt auch bei ihnen

 9 Die Vernunft lässt uns im Stich 1 weil die Vorstellungen mangeln Die

Vernunft dringt zwar in die Tiefen der Erde und Meere hebt unser Denken hoch zu

den Sternen und führt uns durch die weiten Räume des Weltalls; allein sie reicht

nicht aus selbst innerhalb des Umfanges der bloß körperlichen Dinge und es

gibt viele Fälle wo sie uns im Stich lässt Erstens geschieht dies

vollständig wo die Vorstellungen fehlen da sie sich über diese hinaus nicht

ausbreiten kann Wo also die Vorstellungen aufhören da steht auch die Vernunft

still und unsre Rechnung hat ein Ende setzt man dann das Begründen mit Worten

fort die keine Vorstellungen bezeichnen so spielt man nur mit Lauten

 10 2 weil die Vorstellungen dunkel und unvollständig sind Unsre Vernunft

ist zweitens oft in Verlegenheit weil die Vorstellungenmit denen sie sich

beschäftigt dunkel verworren oder unvollständig sind sie gerät dann in

Schwierigkeiten und Widersprüche So ist man aus Mangel einer genauem

Vorstellung von der kleinsten Ausdehnung des Stoffes und von der Unendlichkeit

in Zweifel über die Teilbarkeit des Stoffes; dagegen sind die Vorstellungen der

Zahlen vollständig klar und bestimmt und die Vernunft trifft deshalb hier nicht

jene unlösbaren Schwierigkeiten und gerät in keine Widersprüche So hat man nur

unvollkommene Vorstellungen von den Tätigkeiten der Seele und wie die Seele

den Anfang der Bewegung oder des Denkens in uns hervorbringt noch weniger kennt

man die Wirksamkeit Gottes deshalb gerät man rücksichtlich der frei

erschaffenen Wesen in große Schwierigkeiten aus denen sich die Vernunft nicht

wohl zu befreien vermag

 11 3 weil die vermittelnden Vorstellungen fehlen Drittens steht die

Vernunft oft still weil sie die Vorstellungen nicht erfasst welche die

Übereinstimmung oder den Gegensatz zweier anderer Vorstellungen mit Gewissheit

oder Wahrscheinlichkeit darlegen könnten hier übertrifft der Eine oft weit den

Andern Ehe das große Instrument die Algebra ein Beispiel von menschlicher

Erfindungskraft entdeckt war schaute man mit Erstaunen auf manche Beweise der

alten Mathematiker und die Auffindung dieser Beweise schien die menschlichen

Kräfte zu übersteigen

 12 4 weil falsche Grundsätze benutzt werden Viertens gerät die Seele

wenn sie auf falschen Grundlagen vorgabt oft in Widersprüche Schwierigkeiten

und Einklemmungen aus denen sie nicht herauszukommen weiß hier ruft man die

Vernunft vergeblich zu Hülfe ausgenommen damit sie die Unwahrheit aufdecke und

diese falschen Grundsätze beseitige An sich ist die Vernunft so wenig zur

Beseitigung der Schwierigkeiten geeignet in die man durch die Benutzung

falscher Unterlagen gerät dass sie vielmehr bei dem Fortgange sich immer

tiefer hinein verwickelt und sich größere Verlegenheiten bereitet

 13 5 weil die Worte zweideutig sind So wie dunkle und mangelhafte

Vorstellungen die Vernunft oft verwirren so geschieht dies aus demselben Grunde

auch durch zweideutige Worte und unsichere Zeichen bei Reden und Streitigkeiten

Wenn man nicht Acht hat verwirren sie die Vernunft und bringen sie ins Stocken

Diese beiden Fehler sind aber unsere und nicht Fehler der Vernunft an sich

Indes liegen die Folgen davon zu Tage und die Irrtümer und Verwirrung zu

denen sie die Menschen verleiten sind überall zu sehen

 14 Der höchste Grad des Wissens ist die Anschauung und nicht die Begründung

 Manche Vorstellungen sind so in der Seele dass sie unmittelbar mit einander

verglichen werden können; hier weiß man ihre Übereinstimmung oder ihren

Gegensatz so sicher wie dass man sie überhaupt hat So erkennt man dass ein

Ausschnitt des Kreises kleiner als der ganze Kreis ist und zwar so gewiss wie

die Vorstellung des Kreises selbst Dies nenne ich wie gesagt die anschauliche

Erkenntnis Sie ist über allen Zweifel erhaben und bedarf keines Beweises noch

ist ein solcher möglich sie ist die höchstmögliche menschliche Gewissheit

Hierin besteht die Selbstgewissheit aller Grundsätze die Niemand bezweifelt

und man stimmt ihnen nicht bloß zu sondern weiß dass sie wahr sind, sobald

sie vorgelegt werden Zur Auffindung und Annahme dieser Wahrheiten bedarf es

keiner vergleichenden Tätigkeit und keines Begründens man weiß sie vermöge

einer hohem Gewissheit Eine solche mögen jetzt wohl die Engel haben und die

vervollkommneten Geister gerechter Menschen werden sie in dem zukünftigen Leben

von tausenden von Dingen haben die man jetzt gar nicht bemerkt oder von denen

unsere kurzsichtige Vernunft nur einen schwachen Schein erhascht nach dem sie

in der Dunkelheit herumtappt

 15 Zunächst diesem steht das auf Beweise gegründete Wissen Wenn man auch

hier und da ein wenig von diesem hellen Lichte und einzelne Funken dieses klaren

Wissens hat so kann man doch bei den meisten unserer Vorstellungen ihre

Übereinstimmung oder ihren Gegensatz nur durch unmittelbares Vergleichen

erkennen hier bedarf man überall des Begründens und der Fortschritt muss durch

Nachdenken und Schlüsse geschehen Von diesen Vorstellungen gibt es zwei Arten,

die ich hier nochmals erwähne 1 Bei manchen kann zwar die Übereinstimmung

oder der Gegensatz nicht durch unmittelbare Zusammenstellung eingesehen werden

allein es kann durch Vermittlung anderer Vorstellungenmit denen sie

verglichen werden können, geschehen Wird in solchem Falle auf diese Weise die

Übereinstimmung oder der Gegensatz eingesehen so ist ein Beweis gewonnen der

das Wissen hervorbringt Dasselbe ist zwar gewiss aber doch nicht so klar wie

das anschauliche Wissen denn bei diesem ist bloß eine einfache Anschauung bei

welcher kein Irrtum oder Zweifel vorkommen kann seine Wahrheit wird mit einem

Male voll erkannt Bei den Beweisen ist zwar auch eine Anschaulichkeit aber

nicht zusammen auf einmal man muss sich der angeschauten Übereinstimmung des

Mittelbegriffs mit der vorher verglichenen Vorstellung entsinnen wenn man ihn

mit der folgenden vergleicht und je mehr solche Mittelbegriffe eintreten desto

leichter kann ein Versehen vorkommen Die Übereinstimmung oder

NichtÜbereinstimmung der Vorstellungen muss bei jedem Schritte in der Reihe

erfasst und im Gedächtnis so behalten werden wie sie statthat man muss sicher

sein dass kein notwendiges Stück des Beweises vergessen oder übersehen worden

istDies macht die Beweise lang und verwickelt und für Die zu schwierig

welche nicht so gute Anlagen haben dass sie so viele Einzelheiten scharf

auffassen und ordentlich im Kopfe behalten können Selbst Die welche in diesen

schwierigen Forschungen Meister sind kommen doch gern noch einmal auf dieselben

zurück und man muss sie mehr als einmal durchsehen um die volle Gewissheit zu

erlangen Wenn indes die Seele die Anschauung von der Übereinstimmung der

einen Vorstellung mit der andern klar behält und so weiter die von dieser mit

einer dritten und dieser mit einer vierten dann ist die Übereinstimmung der

ersten Vorstellung mit der vierten bewiesen und es entsteht hier ein sicheres

Wissen was man das vernünftige Wissen nennen kann wie jenes frühere Wissen ein

anschauliches

 16 Zur Ergänzung dieses beschränkten Wissens hat man nur das Meinen nach

wahrscheinlichen Gründen Zweitens gibt es Vorstellungen deren

Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung man nur vermittelst solcher

beurteilen kann deren Übereinstimmung mit den Endgliedern nicht gewiss

sondern nur häufig und wahrscheinlich ist auf solche erstreckt sich

hauptsächlich das Meinen wobei man sich für die Übereinstimmung zweier

Vorstellungen damit begnügt dass man sie mit einer solchen wahrscheinlichen

Mittelvorstellung vergleicht Obgleich damit kein Wissen selbst nicht der

niedrigste Grad desselben erlangt wird so verknüpft doch die Mittelvorstellung

mitunter die Endvorstellungen so fest und die Wahrscheinlichkeit wird so klar

und stark dass die Zustimmung ebenso notwendig erfolgt wie bei dem Wissen auf

Grund von Beweisen Das richtige Meinen beruht hierbei darauf dass man richtig

beobachtet und jede einzelne Wahrscheinlichkeit nach ihrer Kraft und ihrem

Gewichte richtig schätzt und dann wenn man sie alle zusammengestellt hat die

Seite wählt wo das Übergewicht ist

 17 Anschauung Beweis Meinung Das anschauliche Wissen ist die Erfassung

der sichern Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung zweier unmittelbar mit

einander verglichenen Vorstellungen Das vernünftige Wissen ist die Erfassung

der sichern Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung zweier Vorstellungen

durch die Vermittlung einer dritten oder mehrerer Das Meinen ist die Annahme,

dass zwei Vorstellungen übereinstimmen vermittelst ein oder mehrerer

Vorstellungen deren sichere Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung mit

jener man nicht erfasst hat aber bei welchen man doch bemerkt hat dass sie oft

und gewöhnlich vorhanden ist.

 18 Die Folgen der Worte und die Folgen der Vorstellungen.) Obgleich die

Ableitung eines Satzes von einem andern oder das Schließen in Worten einen

großen Teil des Begründens ausmacht und hauptsächlich benutzt wird so besteht

doch die oberste Tätigkeit der Vernunft in der Auffindung der Übereinstimmung

oder NichtÜberstimmung zweier Vorstellungen vermittelst einer dritten So

erkennt man die Gleichheit zweier Häuser die behufs der Messung nicht

nebeneinander gestellt werden könnenvermittelst der Elle Die Worte haben ihre

Folgen als Zeichen der Vorstellungenund die Dinge stimmen oder stimmen nicht

je nach ihrer wirklichen Beschaffenheit allein man erkennt dies nur durch die

Vorstellungen.

 19 Vier Arten von Gründen Ehe ich diesen Gegenstand verlasse möchte ich

noch erwähnen dass die Menschen bei ihren Besprechungen meist vier Arten von

Gründen benutzen um die Zustimmung des Andern zu erlangen oder ihn wenigstens

zum Schweigen zu bringen

1 Der Grund aus der Beschämung Zunächst pflegt man die Aussprüche von

Männern zu benutzen deren Fähigkeiten Gelehrsamkeit Genie Kraft usw ihnen

einen Namen gemacht und ihnen in der allgemeinen Meinung ein Ansehen gegeben hat

Bei Männern von anerkannter Bedeutung hält man es für unbescheiden zu mäkeln

und ihr Ansehen in Zweifel zu ziehen man kann deshalb leicht getadelt werden

weil es als Stolz ausgelegt wird wenn man nicht gleich den Entscheidungen

anerkannter Autoritäten sich fügt welche von den Andern mit Achtung und

Unterwürfigkeit angenommen werden Es gilt als unverschämt seine eigene Meinung

gegen den starken Strom des Altertums zu haben und festzuhalten oder sie in

die Waagschale gegen einen gelehrten Doktor oder sonst anerkannten Schriftsteller

zu legen Wer seine Meinung mit diesen Autoritäten stützen kann glaubt damit

seine Sache gewonnen zu haben und Jeder gilt für unverschämt der sich ihm

entgenstellen will Dies kann daher der Grund aus der Beschämung ad verecundiam

 genannt werden.

 20 2 Der Grund aus der Unwissenheit Ein anderes viel gebrauchtes Mittel

treibt und nötigt den Andern dadurch nachzugeben und in dem streitigen Punkte

dem Gegner dadurch beizutreten dass der Andere aufgefordert wird entweder den

aufgestellten Grund anzuerkennen oder einen bessern dagegen vorzubringen Ich

nenne dies den Grund aus der Unwissenheit ad ignorantiam

 21 3 Der Grund aus des Gegners Meinung Ein drittes Mittel bedrängt den

Gegner mit den Folgerungen die aus seinen eigenen Grundsätzen und

Zugeständnissen gezogen werden Dieser Grund ist bekannt unter dem Namen des

Grundes aus des Gegners Meinung ad hominem

 22 4 Der Grund aus dem Urteilen Das vierte Mittel benutzt Gründe die

aus den Grundlagen des Wissens oder der Wahrscheinlichkeit entlehnt sind Ich

nenne es den Grund aus dem Urteilen ad judicium Dieses letzte Mittel gewährt

allein von den vieren Belehrung und führt auf den Weg zum Wissen Denn 1

beweist es nichts für die Richtigkeit eines Andern Meinung wenn ich nur aus

Hochachtung oder einer andern Rücksicht aber nicht aus Überzeugung schweige

und nicht widerspreche 2 Beweist es nicht dass der Andere auf dem rechten

Wege ist und dass ich denselben Weg einschlagen müsse weil ich selbst keinen

bessern kenne 3 Ebensowenig folgtdass Jemand im Rechte ist weil er gezeigt

hat dass der Andere im Unrechte ist Ich kann aus Bescheidenheit die Aussprüche

eines Andern nicht bekämpfen ich bin vielleicht zu unwissend um einen bessern

Grund aufzustellen ich kann mich im Irrtume befinden und der Andere kann mir

dies nachweisen dies Alles kann mich bestimmen die Wahrheit anzunehmen aber

es führt mich nicht zu ihr sie muss vielmehr durch Gründe und Beweise dargelegt

werden Das Licht muss aus der Natur der Dinge selbst hervorleuchten und nicht

aus meinem verschämten Gesicht oder aus meiner Unwissenheit oder meinem

Irrtume

 23 Über der Vernunft; gegen die Vernunft; gemäß der Vernunft.) Aus dem

Obigen kann man auch den Unterschied zwischen dem entnehmen was über der

Vernunft ist oder gegen sie ist oder ihr gemäß ist 1 Der Vernunft gemäß

sind die Sätze deren Wahrheit durch Prüfung und Verfolgung der aus der Sinnes

oder SelbstWahrnehmung erlangten Vorstellungen ermittelt werden kann, und deren

Wahrheit oder Wahrscheinlichkeit durch natürliche Ableitung dargelegt werden

kann. 2 Über der Vernunft sind solche Sätze deren Wahrheit oder

Wahrscheinlichkeit von diesen Grundsätzen vermittelst der Vernunft nicht

abgeleitet werden kann. 3 Gegen die Vernunft sind solche Sätze die sich mit

unsern klaren und deutlichen Vorstellungen nicht vertragen oder ihnen

widersprechen So ist das Dasein Gottes der Vernunft gemäß das Dasein von mehr

als einem Gotte ist gegen die Vernunft; die Auferstehung von den Toten ist über

der Vernunft. Das »Über der Vernunft« kann in zwiefachem Sinne verstanden

werden entweder so wie über der Wahrscheinlichkeit oder wie über der

Vernunft, und in jenem weitem Sinne wird der Ausdruck mitunter gebraucht

 24 Vernunft und Glaube sind keine Gegensätze In einem andern Sinne

bezeichnet die Vernunft den Gegensatz vom Glauben Obgleich dies eine unpassende

Weise sich auszudrücken ist so hat doch der Sprachgebrauch es eingeführt und

es wäre daher töricht dem sich entgegenzustellen oder es beseitigen zu wollen

Man halte nur fest dass trotz dieser Entgegenstellung des Glaubens gegen die

Vernunft, der Glaube doch eine feste Zustimmung der Seele ist und wenn diese

Zustimmung wie es unsre Pflicht ist nach den Regeln erfolgt so kann sie der

Vernunft nicht entgegen sein Wer aber glaubt ohne einen Grund für Seinen

Glauben zu haben kann ein Spiel mit seiner Einbildungskraft treiben allein er

sucht nicht die Wahrheit wie es sich gehört noch beweist er seinem Schöpfer

den schuldigen Gehorsam denn dieser hat ihm seine Fähigkeiten verliehen damit

er sie gebrauche und sich vor Irrtum schütze Wer nicht so viel er vermag

danach handelt ist wenn er auch manchmal das Wahre trifft doch nur aus Zufall

im Rechten und der glückliche Zufall kann die Regelwidrigkeit seines Verfahrens

nicht entschuldigen Wenigstens trägt er dann die Schuld für all seine

Irrtümer während Der welcher die von Gott ihm verliehenen Fähigkeiten

gebraucht und die Wahrheit mit diesen Mitteln und Kräften zu finden sich bemüht

die Genugtuung hat dass er wie ein vernünftiges Wesen seine Pflicht erfüllt

und dass er wenn er auch die Wahrheit verfehlen sollte doch seinen Lohn nicht

verfehlen werde Denn nur Der gibt seine Zustimmung in der rechten Weise und

wie er es soll welcher bei allen Dingen glaubt oder nicht glaubt wie die

Vernunft ihn bestimmt Wer anders handelt überschreitet dieses eigene Licht und

missbraucht die Fähigkeiten welche ihm nur gegeben sind damit er die höhere

Gewissheit und die größere Wahrscheinlichkeit damit aufsuche Indes gelten die

Vernunft und der Glaube bei Vielen als Gegensätze weshalb ich sie in dem

folgenden Kapitel untersuchen will

 



 


     1 Man muss ihre Grenzen kennen Ich habe früher dargelegt 1 dass wir

überall da wo uns die Vorstellungen fehlen auch notwendig unwissend sind und

des Wissens aller Art ermangeln 2 Dass wir unwissend sind und des vernünftigen

Wissens ermangeln wo uns die Gründe fehlen 3 Dass uns sicheres Wissen und

Gewissheit abgeht so weit uns klare und deutliche Vorstellungen in einem Gebiet

abgehen 4 Dass wir mit Wahrscheinlichkeit unsre Zustimmung nicht da erteilen

können wo sowohl das eigene Wissen wie das Zeugnis Anderer fehlt auf das sich

unsre Vernunft gründen könnte Nach Vorausschickung dessen wird sich das Maß

und die Grenze zwischen Glauben und Vernunft feststellen lassen die Unkenntnis

derselben dürfte der Grund sein weshalb große Unordnungen und mindestens

große Streitigkeiten und vielleicht auch Irrtümer hierüber entstanden sind

denn so lange nicht feststeht wie weit man durch die Vernunft und wie weit man

durch den Glauben sich leiten zu lassen habe wird man in Religionsfragen

vergeblich streiten und einander zu überführen suchen

     2 Was der Glaube und die Vernunft als Gegensätze sind Ich finde dass

jede Sekte von der Vernunft eifrig Gebrauch macht so weit sie ihr dienen kann

wo das nicht mehr gehen will da erheben sie den Ruf Hier liegt eine Frage des

Glaubens vor die über die Vernunft geht Indes sehe ich nicht ein wie sie mit

einem Andern sich streiten oder einen Gegner überführen wollen der dieselbe

Wendung gebraucht so lange die Grenzen zwischen Glauben und Vernunft nicht

genau festgestellt sind dies muss also die erste Aufgabe bei allen Fragen sein

wo der Glaube beteiligt ist In diesem Gegensatz zu dem Glauben fasse ich daher

die Vernunft nur als das Mittel auf um die Gewissheit oder Wahrscheinlichkeit

solcher Sätze oder Wahrheiten darzulegen zu denen man durch Ableitungen aus

solchen Vorstellungen gelangt welche durch den Gebrauch der natürlichen

Fähigkeiten erlangt werden dh durch Sinnes und Selbstwahrnehmung Der Glaube

ist dagegen die Zustimmung zu Sätzen welche nicht auf diese Weise aus der

Vernunft abgeleitet sind sondern wo man sich auf die Glaubwürdigkeit des

Sprechenden verlässt der sie von Gott auf eine außerordentliche Art

mitgeteilt erhalten hat Diese Art den Menschen Wahrheiten mitzuteilen

heißt Offenbarung

     3 Neue einfache Vorstellungen können durch überlieferte Offenbarung

nicht mitgeteilt werden Ich sage nun hier erstens dass kein von Gott

Belehrter durch irgend eine Offenbarung Andern neue einfache Vorstellungen

mittheilen kann die sie nicht bereits aus der Sinnes oder Selbstwahrnehmung

erlangt haben Denn trotz aller Eindrücke die Jemand durch die unmittelbare

Hand Gottes empfangen haben mag kann er doch diese Offenbarung so wie sie neue

einfache Vorstellungen enthält Andern weder durch Worte noch durch Zeichen

mittheilen Denn Worte bewirken als natürliche Laute zunächst nur die

Vorstellungen von solchen bloß durch die Gewohnheit sie als Zeichen zu

benutzen erwecken sie die in der Seele verborgenen Vorstellungen aber doch nur

solche die dort schon vorhanden sind. Denn die gesehenen oder gehörten Worte

rufen nur die Vorstellungen zurück als deren Zeichen sie gelten aber sie

können keine ganz neue bisher nicht gekannte einfache Vorstellung uns zuführen

Dasselbe gilt für alle andern Zeichen sie können uns keine Dinge bezeichnen

von denen wir bisher noch gar keine Vorstellung gehabt haben Was daher auch dem

heiligen Paulus offenbart worden sein mag als er in den dritten Himmel erhoben

wurde und welche neue Vorstellungen er auch da bekommen haben mag so konnte er

doch über diesen Ort Andern nur sagen es seien dort solche Dinge »als noch kein

Auge gesehen und kein Ohr gehört noch in des Menschen Herz zum Begreifen

eingegangen« Selbst wenn Gott auf übernatürliche Weise Jemand die zB auf dem

Jupiter oder Saturn vorhandenen Geschöpfe denn dass es deren dort geben könne

wird Niemand leugnen können mit sechs Sinnen zeigen sollte und ihm die durch

diesen sechsten Sinn erfolgenden Vorstellungen einprägen sollte so würde er

doch durch Worte sie Andern so wenig mittheilen können als man die Vorstellung

einer Farbe durch Worte einem Menschen mittheilen kann der zwar vier Sinne ganz

vollkommen besitzt aber dem das Sehen abgeht Deshalb sind wir in Bezug auf die

einfachen Vorstellungenwelche die Grundlage und den Stoff all unsers Wissens

und unsrer Begriffe abgeben gänzlich von der Vernunft oder unserm natürlichen

Vermögen abhängig und die überlieferte Offenbarung kann sie uns nicht

mittheilen ich sage die überlieferte Offenbarung zum Unterschied von der

ursprünglichen Offenbarung Unter letzterer verstehe ich den ersten Eindruck auf

eines Menschen Seele welcher unmittelbar von Gott ausgegangen ist und welchem

Eindruck man keine Schranken setzen kann unter ersterer verstehe ich aber jene

Eindrücke welche Andern durch Worte und die gewöhnlichen Wege der Mittheilung

überliefert worden sind.

     4 Die überlieferte Offenbarung kann dem Wissen Sätze zuführen die auch

durch die Vernunft erkannt werden können; allein nicht mit der Gewissheit, wie

es durch die Vernunft geschieht Zweitens sage ich dass die Offenbarung uns

dieselben Wahrheiten enthüllen und zuführen kann die man auch durch die

Vernunft und die auf natürlichem Wege erlangten Vorstellungen gewinnen kann So

hätte Gott ebenso gut irgend einen Lehrsatz des Euklid durch Offenbarung den

Menschen mittheilen können wie sie durch den Gebrauch ihrer natürlichen

Fähigkeiten diese Entdeckung selbst gemacht haben In allen Fällen dieser Art

bedarf es der Offenbarung nicht da Gott uns mit den Mitteln ausgerüstet hat

durch die wir zu deren sicheren Kenntnis gelangen können Jede Wahrheit zu

deren klaren Besitz man durch das Wissen und Betrachten der eigenen

Vorstellungen gelangt werden immer gewisser sein als die durch die überlieferte

Offenbarung uns zugeführten da das Wissen dass diese Offenbarung zuerst von

Gott komme niemals so gewiss sein kann als das klare Wissen von der

Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung außer Vorstellungen Wäre zB vor

Zeiten offenbart worden dass die drei Winkel des Dreiecks zweien rechten gleich

seien so würde man im Vertrauen auf die Überlieferungen dass dies offenbart

worden dieser Wahrheit zustimmen allein dies würde niemals den hohen Grad von

Gewissheit erreichen wie sie durch die Vergleichung und Messung der eignen

Vorstellungen von zwei rechten Winkeln und von den drei Winkeln eines Dreiecks

gewonnen werden kann. Dasselbe gilt für Tatsachen die man durch die Sinne

wahrnehmen kann so ist die Geschichte von der Sündflut uns durch Schriften

überliefert die von der Offenbarung herrühren und dennoch wird Niemand sagen

dass er ein so sicheres und klares Wissen davon habe wie Noah selbst es hatte

der sie gesehen hat und wie wir selbst gehabt haben würden wenn wir damals

gelebt und sie gesehen hätten Denn dass dergleichen in dem Buche steht was

Moses in Folge einer Offenbarung geschrieben haben soll weiß man auch nur auf

Grund der Sinne; allein die Gewissheit dass Moses dies Buch geschrieben habe

ist nicht so groß als wenn man selbst es gesehen hätte und somit ist die

Gewissheit dass es eine Offenbarung sei immer geringer als die Gewissheit die

aus den Sinnen kommt

     5 Die Offenbarung kann nicht gegen das klare Zeugnis der Vernunft

zugelassen werden Bei Sätzen deren Gewissheit auf der klaren Erkenntnis der

Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung unserer Vorstellungen beruht die

entweder durch unmittelbare Anschauung wie bei selbstverständlichen Sätzen oder

durch offenbare vernünftige Ableitung aus Beweisen erlangt worden bedarf man

deshalb nicht der Hülfe der Offenbarung um ihnen zuzustimmen oder sie in das

Wissen aufzunehmen Denn die natürlichen Wege der Erkenntnis haben sie gewährt

oder können es und damit erreicht man die höchste Gewissheit die von einer

Sache möglich ist ausgenommen wenn Gott uns unmittelbar etwas offenbart und

selbst da kann unsre Gewissheit nicht grösser sein als die dass es eine

Offenbarung von Gott sei Allein unter diesem Namen darf nichts das klare Wissen

erschüttern oder beseitigen und nichts vernünftiger Weise uns bestimmen es

trotz seines Widerspruchs mit der klaren Erkenntnis des eignen Verstandes für

wahr zu halten Denn keine Kunde welche wir durch unsre Vermögen empfangen und

durch welche wir solche Offenbarungen erhalten kann der Gewissheit unsers

anschaulichen Wissens gleich kommen oder gar sie übertreffen und deshalb kann

man Nichts für wahr halten was unserm klaren und deutlichen Wissen geradezu

widerspricht So stimmen zB die Vorstellungen des Körpers und des Orts so klar

überein und es wird dies so klar erkannt dass man niemals dem Satze zustimmen

kann welcher aussagt dass ein Körper sich zugleich an zwei verschiedenen Orten

befinde selbst wenn er sich als ein göttlich offenbarter ankündigte denn die

Gewissheit dass man sich nicht selbst täuscht wenn man dies Gott zuschreibt

und dass man es recht verstanden habe kann nie so groß sein als die Gewissheit

unsers anschaulichen Wissens vermöge dessen wir es als unmöglich erkennen dass

derselbe Körper zugleich an zwei Orten sein könne Deshalb kann kein Satz für

eine göttliche Offenbarung gelten und die einer solchen gebührende Zustimmung

erhalten wenn er der klaren anschaulichen Erkenntnis widerspricht Denn damit

würden die Grundsätze und Grundlagen alles Wissens aller Gewissheit und

Zustimmung umgestürzt es gäbe keinen Unterschied mehr zwischen Wahrheit und

Trug und kein Maß für Wahrscheinlichkeit und Unwahrscheinlichkeit wenn

zweifelhafte Sätze den Vorrang vor selbstgewissen erhalten sollten und wenn man

das gewiss Erkannte aufgäbe für Sätze bei denen man sich geirrt haben könnte

Widersprechen mithin Sätze der klaren Erkenntnis von der Übereinstimmung oder

NichtÜbereinstimmung unserer Vorstellungen, so hilft es nichts sie als

Glaubenssätze geltend zu machen sie können unter diesem oder einem andern

Vorgeben die Zustimmung nicht erlangen denn ein Glaube kann nie die

Überzeugung von Etwas gewähren was unserm Wissen widerspricht Der Glaube

stützt sich zwar auf das Zeugnis Gottes der nicht lügen kann der uns es

offenbart habe allein unsere Gewissheit dass es eine solche Offenbarung sei

kann nicht grösser als unser Wissen sein da die ganze Stärke der Gewissheit

darauf beruht dass wir wissen es sei eine Offenbarung Gottes und da in

solchen Fällen wo die angebliche Offenbarung dem Wissen oder der Vernunft

widerspricht ihr immer der Einwand entgegensteht dass man nicht begreifen

könne wie es von Gott dem gütigen Schöpfer unsers Daseins kommen könne der

wenn es für wahr angenommen werden sollte alle Grundsätze und Unterlagen des

Wissens, die er uns gegeben umstürzen all unsre Vermögen nutzlos machen und

unsern Verstand das schönste Stück seiner Schöpfung ganz zerstören und den

Menschen in eine Lage bringen müsste wo er weniger Licht und weniger Leitung

hätte als das Vieh welches umkommt Denn die Seele kann nie Etwas mit mehr

Gewissheit und wohl nicht einmal mit gleicher für eine göttliche Offenbarung

halten als die Grundsätze ihrer eignen Vernunft und deshalb hat sie niemals

einen Grand die klare Auskunft ihrer Vernunft zu verlassen und einen Satz

anzunehmen dessen Offenbarung nicht gewisser ist als diese Grundsätze sind

     6 Noch weniger die überlieferte Offenbarung So weit hat der Mensch

selbst bei einer unmittelbaren und ursprünglichen Offenbarung die an ihn selbst

ergeht seine Vernunft zu gebrauchen und auf sie zu hören wenn es sich aber

nicht um einen solchen Fall handelt sondern Gehorsam und Glauben für Wahrheiten

verlangt wird die Andern geoffenbart worden und vermittelst der Überlieferung

von Schriften oder Reden jetzt empfangen werden so hat die Vernunft hier noch

mehr zu tun und nur sie kann uns bestimmen diese Offenbarungen anzunehmen

Denn da der Gegenstand des Glaubens nur allein die göttliche Offenbarung ist so

hat der Glaube in seiner gewöhnlichen Bedeutung wo er meist göttlicher Glaube

heißt nur mit Sätzen zu tun welche als von Gott offenbart angenommen sind

Ich weiß deshalb nicht wie Die welche die Offenbarung zu dem alleinigen

Gegenstand des Glaubens machen sagen können dass es Sache des Glaubens und

nicht der Vernunft sei zu glauben dass ein solcher Satz in einem solchen Buche

eine göttliche Offenbarung sei wenn nicht offenbart ist dass dieser Satz oder

der ganze Inhalt des Buches auf göttlicher Eingebung beruhe Ohne eine solche

Offenbarung kann das Fürwahrhalten dass dieser Satz oder dieses Buch von Gott

komme kein Gegenstand des Glaubens sondern nur der Vernunft sein Wenn ich

also nur durch den Gebrauch meiner Vernunft dem beistimmen kann so kann diese

mich nie berechtigen das zu glauben was ihr selbst widerspricht denn die

Vernunft kann nicht die Zustimmung zu Etwas vermitteln was an sich unvernünftig

erscheint Deshalb bleibt in allen Dingen wo man volle Gewissheit vermittelst

unsrer Vorstellungen und der obengenannten Grundsätze des Wissens hat die

Vernunft der wahre Richter und die Offenbarung kann die Gebote jener wohl

bestätigen aber in solchen Fällen deren Gebote nicht entkräften noch ist man

da wo man den klaren und offenbaren Ausspruch der Vernunft hat verpflichtet

ihn um der gegenteiligen Ansicht willen aufzugeben weil es sich angeblich um

eine Sache des Glaubens handle denn dieser kann gegen die klaren und einfachen

Gebote der Vernunft sich nicht geltend machen

     7 Dinge aber der Vernunft.) Drittens gibt es jedoch Dinge von denen

man gar keine oder nur unvollkommene Begriffe hat und andere von deren

vergangenem gegenwärtigen oder zukünftigen Dasein man vermittelst seiner

natürlichen Fähigkeiten überhaupt nichts wissen kann weil sie dieselben

übersteigen und über die Vernunft gehen deshalb sind sie wenn sie offenbart

worden der eigentliche Gegenstand des Glaubens so übersteigen zB Sätze dass

ein Teil der Engel einstmals gegen Gott sich empört und damit ihren

ursprünglichen Zustand der Seligkeit verloren haben und dass die Toten zu

neuem Leben auferstehen werden die Vernunft, und sind reine Glaubenssachen mit

denen die Vernunft durchaus nichts zu tun hat

     8 Oder nicht gegen die Vernunft, sind wenn sie offenbart worden

Glaubenssachen Allein indem Gott uns das Licht der Vernunft gegeben hat hat

er sich damit nicht selbst die Hände gebunden er kann uns wenn er es für

zweckmäßig findet das Licht der Offenbarung überall da zukommen lassen wo die

natürlichen Fähigkeiten wohl etwas als wahrscheinlich bieten können aber die

Offenbarung so weites Gott sie zu erteilen gefallen hat die Geltung über

diese Vermutungen haben muss Hier wo man die Wahrheit nicht sicher wissen

sondern nur der anscheinenden Wahrscheinlichkeit nachgeben kann hat man einem

solchen Zeugnis beizustimmen welches nach der eignen Überzeugung von Dem

kommt der nicht irren kann und nicht betrügen will Allein auch hier hat die

Vernunft zu entscheiden ob es eine Offenbarung ist und was die Worte in denen

sie überliefert ist bedeuten Sollte also eine angebliche Offenbarung den

einfachen Grundsätzen der Vernunft und dem offenbaren Wissen der eignen klaren

und deutlichen Vorstellungen widersprechen so müsste auch hier die Vernunft

gehört werden und der Fall gehört in ihr Gebiet da ein Wissen dass etwas

offenbart sei was den klaren Grundsätzen und dem Zeugnis der eignen Vernunft

widerspricht oder ein Wissen dass die geoffenbarten Worte richtig verstanden

seien nie so gewiss sein kann als das Wissen von der Wahrheit des Gegenteils

deshalb ist diese Frage als ein Gegenstand der Vernunft zu behandeln und zu

entscheiden und man braucht sie nicht ohne Prüfung als eine Sache des

Glaubens hinunterzuschlucken

     9 Die Offenbarung in Sachen wo die Vernunft nicht urteilen oder nur

Wahrscheinlichkeiten bieten kann Erstens sind alle Sätze die offenbart sind

und über deren Wahrheit die Seele mit ihrem natürlichen Vermögen und Begriffen

nicht urteilen kann reine Sache des Glaubens und über der Vernunft. Zweitens

sind alle Sätze über welche die Seele vermöge ihrer natürlichen Vermögen

entscheiden und nach ihren auf natürlichem Wege erlangten Vorstellungen

urteilen kann Sache der Vernunft; indes mit der Maßgabe dass in allen

Dingen von schwankender Gewissheit wo nur Wahrscheinlichkeitsgründe vorhanden

sind, die Sätze nur auf solche hin angenommen werden und das Gegenteil also

möglich bleibt ohne dass man dem eignen klaren Wissen Gewalt antut und die

Grundsätze seiner Vernunft umstößt der sicheren Offenbarung selbst gegen die

Wahrscheinlichkeit zugestimmt werden muss Denn wo die Grundsätze der Vernunft

einen Satz nicht als offenbar wahr oder falsch ergeben da kann die klare

Offenbarung oder eine andere Regel der Wahrheit den Grund für die Zustimmung

abgeben und deshalb kann solcher Fall eine Sache des Glaubens sein und über die

Vernunft gehen Denn wo die Vernunft nur bis zur Wahrscheinlichkeit reicht da

entscheidet der Glaube und die Vernunft muss nachstehen und die Offenbarung

zeigt auf welcher Seite die Wahrheit ist

     10 Wo die Vernunft Gewissheit bieten kann muss sie ebenfalls gehört

werden So weit reicht das Gebiet des Glaubens und zwar ohne der Vernunft

Gewalt anzutun oder sie zu hindern vielmehr wird diese nicht gehindert noch

verletzt sondern unterstützt und gestärkt wenn neue Wahrheiten ihr aus der

ewigen Quelle alles Wissens zugeführt werden Alles was Gott offenbart hat ist

sicherlich wahr und kein Zweifel kann sich dagegen erheben Dies ist der

eigentliche Gegenstand des Glaubens aber ob Etwas göttlich offenbart sei das

hat die Vernunft zu entscheiden und diese gestattet niemals eine höhere

Gewissheit um einer geringerem willen zu verwerfen oder die Wahrscheinlichkeit

über die Gewissheit und Erkenntnis zu stellen Kein Zeugnis für den göttlichen

Ursprung einer überlieferten Offenbarung nach ihren Worten und nach dem Sinne

in dem sie aufgefasst wird kann so klar und sicher sein als das Zeugnis der

Vernunft und ihrer Grundsätze und deshalb kann nichts was sich mit den klaren

und selbstverständlichen Geboten der Vernunft nicht verträgt oder ihnen

widerspricht als Glaubenssätze geltend gemacht werden bei welchen die Vernunft

nichts zu sagen habe und denen man zustimmen müsse Alle göttliche Offenbarung

muss über unseren Meinungen Vorurteilen und Wünschen stehen und hat ein

Recht mit voller Zustimmung angenommen zu werden Eine solche Unterwerfung der

Vernunft unter den Glauben zerstört nicht die Grenzpfähle des Wissens,

erschüttert nicht die Grundlagen der Vernunft, sondern lässt unseren Vermögen

den Gebrauch wofür sie uns gegeben worden sind.

     11 So lange die Grenzen zwischen Vernunft und Glauben nicht feststehen

kann keiner Schwärmerei und Ausgelassenheit in Religionssachen entgegengetreten

werden Wenn die Gebiete des Glaubens und der Vernunft nicht durch solche

Grenzen geschieden gehalten werden so bleibt in Sachen der Religion überhaupt

kein Platz für die Vernunft, und all jene tollen Meinungen und Gebräuche die

sich in den Religionen auf dieser Erde finden können dann nicht getadelt

werden Denn den Aufschrei des Glaubens gegen die Vernunft kann man zum großen

Theile dem Widersinn zuschreiben der beinah alle Religionen erfüllt welche die

Menschheit beherrschen und trennen Denn ist es zum Grundsatz geworden dass in

Sachen der Religion die Vernunft nicht befragt werden dürfe wenn jene auch noch

so offenbar dem gesunden Verstande und den Grundsätzen alles Wissens

widersprechen so ist der Einbildungskraft und dem natürlichen Aberglauben

freier Lauf gelassen und die Religion gerät auf solche sonderbare Meinungen

und ausgelassene Gebräuche dass jeder besonnene Mann über diese Tollheiten

erstaunen muss Sie können ihm nicht für Etwas was dem großen und weisen Gotte

genehm ist gelten sondern für Etwas was lächerlich ist und den einfachen

ehrlichen Mann nur verletzen kann Obgleich die Menschen gerade durch die

Religion sich von den Tieren unterscheiden und als vernünftige Wesen sich über

diese rohen Wesen erheben sollten so zeigen sie sich doch gerade in der

Religion am unvernünftigsten und selbst unverständiger als die Tiere »Credo

quia impogsibile est« dh »ich glaube es weil es unmöglich ist« mag bei

einem guten Menschen als ein Anfall von Religionseifer hingehen allein es wäre

eine schlimme Regel wenn man danach seine Meinungen und seine Religion

bestimmen wollte

 
 





     1 Die Liebe zur Wahrheit ist notwendig Wer die Aufsuchung der

Wahrheit sich ernstlich vorsetzt muss vor Allem seine Seele mit der Liebe zu

ihr erfüllen denn wer sie nicht liebt wird sich nicht viel um sie bemühen und

ihren Mangel wenig empfinden Jedermann in dem GelehrtenStaat bekennt sich als

ein Liebhaber der Wahrheit und jedes vernünftige Wesen würde sich verletzt

fühlen wenn man anders von ihm dächte Dennoch dürfte es wenig Liebhaber der

Wahrheit um ihrer selbst willen gehen selbst unter Denen die sich selbst dafür

halten Ob Jemand es im Ernste sei ist schon der Untersuchung wert und es

dürfte ein unfehlbares Zeichen dafür geben nämlich das dass man keinen Satz

mit größerer Zuversicht festhält als die Gründe auf die er sich stützt

rechtfertigen Wer darüber hinausgeht sucht die Wahrheit offenbar nicht aus

Liebe zu ihr und liebt sie nicht um ihretwillen sondern eines andern Zweckes

wegen Da die Gewissheit eines Satzes mit Ausnahme der selbstgewissen nur auf

seinen Gründen beruht so ist jeder Überschuss an Zustimmung über diesen Grad

der Gewissheit hinaus aus einer andern Neigung entsprungen und nicht aus der

Liebe zur Wahrheit denn diese kann die Zustimmung nicht über die Gewissheit

ihrer Wahrheit hinaus führen und auch nicht einem Satze aus einer Gewissheit

beitreten lassen die ihm abgeht Darin besteht gerade die Liebe zur Wahrheit

denn es bleibt immer möglich oder wahrscheinlich dass der Satz nicht wahr ist

Wenn eine Wahrheit den Geist nicht durch das unwiderstehliche Licht der

Selbstgewissheit oder durch die Kraft ihres Beweises erfasst so sind die Gründe

für die Zustimmung zu ihr nur die Zeugen und das Unterpfand ihrer

Wahrscheinlichkeit und man darf sie nur in dem Maße aufnehmen als diese sie

dem Verstände zuführen Jedes Vertrauen und jedes Fürwahrhalten das man einem

solchen Satze mehr zuwendet als die Grundsätze und Gründe für ihn

rechtfertigen kommen aus besonderen Neigungen und sind insoweit eine Minderung

der Liebe zur Wahrheit So wenig sie auf die Leidenschaften und Interessen sich

stützen darf so wenig sollte sie auch nur eine Färbung von denselben bekommen

     2 Woher die Neigung zu Befehlen kommt Mit dieser Neigung und mit

diesem Verderb des Urteilens verbindet sich stets die Neigung gegen Andere

sich ein Ansehen zu geben ihnen zu gebieten und vorzuschreiben was sie vor wahr

halten sollen Wie sollte auch Jemand nicht Andern in ihren Meinungen Gewalt

antun der sie sich selbst schon angetan hat Wie kann man Gründe und

Überführung von Jemand in seinem Verkehr mit Andern erwarten der seinen

Verstand nicht einmal in dem Verkehr mit sich selbst daran gewöhnt hat und

seinen Fähigkeiten Gewalt antut seinen Geist tyrannisiert und das Vorrecht

beansprucht was nur der Wahrheit gebührt nämlich die Zustimmung bloß auf ihr

alleiniges Ansehen hin zu verlangen dh durch die Gewissheit welche sie mit

sich führt

     3 Die Kraft der Schwärmerei Ich betrachte hier noch eine dritte

Ursache der Zustimmung welche für Manche das gleiche Ansehen und dieselbe

Zuverlässigkeit hat wie der Glaube und die Vernunft; ich meine die Schwärmerei

Sie möchte die Vernunft bei Seite schieben und die Offenbarung ohne sie gelten

lassen allein in Wirklichkeit hebt sie beide auf und stellt an deren Stelle die

grundlosen Einfälle des eignen Gehirns die dann als Grundlage der Wahrheit und

des Lebenswandels gelten

     4 Vernunft und Offenbarung Die Vernunft ist die natürliche

Offenbarung durch welche der ewige Vater des Lichts und die Quelle alles

Wissens der Menschheit den Antheil an der Wahrheit gewährt welchen er in den

Bereich ihrer natürlichen Vermögen gelegt hat die Offenbarung ist die

natürliche Vernunft erweitert durch eine Zugabe neuer Wahrheiten die Gott

unmittelbar gewährt und deren Wahrheit die Vernunft bestätigt durch das Zeugnis

und die Gründe die sie dafür beibringt dass sie von Gott kommen Wer deshalb

die Vernunft beseitigt um der Offenbarung den Weg zu bahnen der löscht das

Licht von beiden aus und verlangt gleichsam man solle seine Augen zumachen um

durch das Fernrohr das entfernte Licht eines unsichtbaren Sternes desto besser

empfangen zu können

     5 Die Entstehung der Schwärmerei Da die unmittelbare Offenbarung ein

viel leichterer Weg ist um seine Meinung zu begründen und sein Verhalten zu

rechtfertigen als die ermüdende und nicht immer glückliche Arbeit einer

strengen Begründung so kann es nicht auffallen dass Manche gern eine

Offenbarung behaupten und meinen sie ständen in ihrem Handeln und Glauben

unter einer besonderen Führung des Himmels namentlich wenn sie mit den

gewöhnlichen Regeln des Wissens und der Vernunft dabei nicht auskommen können

Deshalb finden sich in jedem Zeitalter Menschen in denen Schwermut mit Andacht

gemischt ist oder die in Selbsttäuschung meinen Gott näher als Andere zu

stehen der ihnen gewogener sei und mit dem sie in unmittelbarem Verkehr zu

stehen sich schmeicheln weshalb der heilige Geist ihnen Mittheilungen mache

Gott kann gewiss den Verstand durch einen Strahl erleuchten der aus der Quelle

des Lichts unmittelbar in die Seele dringt und so meinen Jene dass Gott ihnen

dies zugesagt habe Wer sollte auch mehr zu dieser Erwartung berechtigt sein

als Die welche sein besonderes Volk bilden das er auserwählt hat und das von

ihm abhängt

     6 Schwärmerei Wenn die Seele so vorbereitet ist so gilt jede

grundlose Meinung die sich in der Phantasie festsetzt als eine Erleuchtung

durch den Geist Gottes und von göttlicher Autorität Wenn eine Handlung auch

noch so verkehrt ist so gilt doch die in ihnen vorhandene Neigung dazu für ein

Gebot oder eine Leitung des Himmels der zu gehorchen ist es ist ein Auftrag

von Oben und sie können in dieser Ausführung nicht irren

     7 Dies ist die Schwärmerei Sie stützt sich weder auf die Vernunft noch

auf die Offenbarung sondern entspringt aus den Täuschungen eines erhitzten und

übermütigen Gehirns und wirkt wenn sie erst Fuß gefasst hat mächtiger auf

die Überzeugungen und Handlungen der Menschen als jene beiden einzeln oder

vereint denn der Mensch gehorcht gern seinen eigenen Antrieben und der ganze

Mensch vermag sicher kräftiger zu handeln wo der ganze Mensch durch eine

natürliche Erregung erfasst ist Eine starke Einbildung reißt gleich einem

neuen Grundsatz leicht alles Andere mit sich fort wenn sie einmal den gesunden

Sinn überwunden und sich aus den Schranken der Vernunft und den Hemmnissen der

Überlegung befreit hat dann erhebt sie im Verein mit Temperament und Neigung

sich zu göttlicher Autorität

     8 Die Schwärmerei gilt fälschlich für ein Sehen und Fühlen Obgleich

die sonderbaren Meinungen und die verkehrten Handlungen zu denen die

Schwärmerei geführt hat gegen diese falsche Macht hätten warnen sollen die so

leicht die Meinung und das Handeln irre leitet so schmeichelt doch die Liebe zu

etwas Außerordentlichem die Bequemlichkeit und der Ruhm göttlicher Eingebungen

und einer Erhabenheit über die natürlichen Wege der Erkenntnis die Trägheit

Unwissenheit und Eitelkeit der Menschen so dasswenn sie einmal auf diese Wege

der unmittelbaren Offenbarung der Erleuchtung ohne eignes Thun der Gewissheit

ohne Gründe und ohne Prüfung gekommen sind sie schwer wieder davon abzubringen

sind Die Vernunft ist bei ihnen verloren sie stehen über ihr sie sehen das in

ihren Verstand gegossene Licht und können nicht irren es ist dort so klar und

sichtbar wie das Licht der Sonne es zeigt sich selbst und bedarf für seine

Gewissheit keines andern Grundes sie fühlen wie die Hand Gottes sie innerlich

führt sie empfinden die Antriebe des heiligen Geistes und können sich in dem

was sie fühlen nicht irren So rechtfertigen sie sich und sind überzeugt dass

die Vernunft mit dem nichts zu tun habe was sie in sich sehen und fühlen

dessen sichtbare Wahrnehmung gestattet keinen Zweifel und braucht keinen Beweis

Wäre es nicht lächerlich wenn Jemand den Beweis verlangte dass die Sonne

scheine und dass er sie sehe Sie ist ihr eigner Beweis und sie kann keinen

andern haben Wenn der heilige Geist Licht in unser Seele bringt so verjagt er

die Finsternis Sie sehen es wie die Sonne am Mittag und brauchen nicht des

Zwielichts der Vernunft, um es zu sehen Dieses Himmelslicht ist stark klar und

rein hat seinen Beweis an sich selbst und man kann ebenso gut ein

Johanniswürmchen nehmen damit es uns helfe die Sonne zu sehen wie dass man

den himmlischen Strahl mit der trüben Kerze der Vernunft untersuchen will

     9 Wie man die Schwärmerei erkennt So sprechen diese Leute sie sind

ihrer Meinung gewiss weil sie es sind und ihre Überzeugungen sind wahr weil

sie stark in ihnen sind Nimmt man von ihren Reden die bildlichen Ausdrücke vom

Sehen und Fühlen hinweg so bleibt nur dieser Rest allein diese Gleichnisse

machen auf sie einen solchen Eindruck dass sie als Gewissheit bei ihnen selbst

und als Beweise für Andere gelten

     10 Prüft man mit Besonnenheit dieses innere Licht und dieses Gefühl auf

das jene Personen so Vieles stützen so kann man ihnen wenn sie sagen dass sie

klares Licht haben und sehen und dass sie wachen Sinnes seien und fühlen dies

nicht bestreiten Denn wenn Jemand behauptet er sehe oder fühle so kann man

nicht leugnen dass es der Fall sei Allein ich frage Ist das Sehen die

Erfassung der Wahrheit des Satzes selbst oder nur dessen dass er eine

Offenbarung Gottes sei Ist dies Gefühl nur die Wahrnehmung der eignen Neigung

oder Einbildung Etwas zu tun oder die Wahrnehmung des Geistes Gottes der

diese Neigung bestimmt Dies sind zwei sehr verschiedene Wahrnehmungen die man

nicht vermengen darf wenn man sich nicht selbst täuschen will Ich kann die

Wahrheit eines Satzes erfassen ohne wahrzunehmen dass es eine unmittelbare

von Gott kommende Offenbarung ist Ich kann die Wahrheit eines Lehrsatzes im

Euklid erkennen ohne ihn als eine Offenbarung aufzufassen ja ich kann

bemerken dass ich nicht auf natürlichem Wege zu diesem Wissen gekommen bin und

es deshalb für geoffenbart erachten ohne doch wahrzunehmen dass es eine von

Gott kommende Offenbarung ist denn es können ja Geister ohne göttlichen Auftrag

diese Gedanken in mir erwecken und sie so ordnen dass ich ihren Zusammenhang

einsehe Deshalb genügt der Umstand dass ich nicht weiß wie ein Satz in mein

Wissen gekommen ist nicht um ihn als von Gott offenbart zu nehmen Noch

weniger ist die feste Überzeugung von seiner Wahrheit ein Beweis dass er von

Gott komme Mag er immerhin Licht und Sehen genannt werden, so bleibt es doch

nur Glaube und Zuversicht und der für eine Offenbarung genommene Satz wird

nicht als wahr gewusst sondern nur für wahr gehalten Denn wo ein Wissen ist

da ist die Offenbarung überflüssig und es ist schwer eine Offenbarung dessen

zu begreifen was man schon weiß Sind Jene daher von einem Satze nur

überzeugt dass er wahr sei aber wissen sie dies nicht so ist dies, was sie

auch sagen mögen kein Sehen sondern ein Glauben da diese beiden Wege zum

Wissen ganz verschieden sind und einer nicht der andere sein kann Was ich sehe

weiß ich vermittelst des Zeugnisses des Gegenstandes selbst was ich glaube

nehme ich auf das Zeugnis eines Andern an allein ich muss wissen dass dieses

Zeugnis abgelegt ist sonst fehlt der Grund für den Glauben Ich muss sehen

dass Gott es ist der mir es offenbart oder ich sehe überhaupt Nichts Es fragt

sich deshalb hier Wie kann ich wissen dass Gott es ist der mir es offenbart

dass dieser Eindruck auf meine Seele durch seinen heiligen Geist geschehen ist

und das ich deshalb ihm zu gehorchen habe Wenn ich dies nicht weiß so bleibt

selbst die größte Zuversicht in mir ohne Grund und das Licht was ich

behaupte ist nur Schwärmerei Denn mag der angeblich offenbarte Satz

selbstverständlich wahr sein oder nur augenscheinlich wahrscheinlich oder auf

den natürlichen Wegen des Wissens ungewiss so muss doch immer der Satz wohl

begründet und offenbar wahr sein dass Gott ihn offenbart habe und dass das

was ich für eine Offenbarung nehme auch wirklich von ihm mir eingegeben und

keine Einbildung ist die mir ein anderer Geist oder meine Phantasie eingeflößt

hat Denn offenbar halten diese Leute ihre Sätze nur deshalb für wahr weil Gott

sie offenbart habe Müssen sie daher nicht prüfen weshalb sie dies annehmen

Ohnedem wäre ja all ihre Zuversicht nur eine Vermutung und das Licht was sie

so blendet wäre nur ein Irrlicht was sie im Kreise herumführte Der Satz ist

dann eine Offenbarung weil sie ihn fest glauben und sie glauben ihn fest weil

er eine Offenbarung ist

     11 Die Schwärmerei entbehrt der Gewissheit, dass der Satz von Gott komme

 Bei aller göttlichen Offenbarung bedarf es nur der Gewissheit, dass sie von

Gott komme denn Gott kann weder betrügen noch betrogen werden Wie will man

aber wissen dass ein in der Seele enthaltener Satz eine von Gott ihr

eingeflößte Wahrheit sei eine Wahrheit die Gott ihr offenbart habe die Gott

ausgesprochen und die deshalb geglaubt werden müsse Hier fehlt der Schwärmerei

die Gewissheit die sie in Anspruch nimmt Die ihr ergebenen Personen rühmen

sich eines Lichtes was sie erleuchtet habe und was ihnen die Erkenntnis

dieser oder jener Wahrheit gewährt habe allein wenn sie wissen dass es die

Wahrheit ist so müssen sie das entweder vermöge deren vernünftiger

Selbstgewissheit wissen oder durch vernünftige Gründe die sie zur Wahrheit

erheben Sehen und erkennen Jene diese Wahrheit auf einem dieser beiden Wege so

nehmen sie ohne Not an dass sie offenbart sei Denn sie wissen dies dann in

derselben Weise wie auch Andere auf natürlichem Wege ohne Hülfe der

Offenbarung es wissen können Alle Wahrheiten der nicht inspirierten Menschen

kommen so in deren Seele und befestigen sich auf diese Weise Stützen sie

dagegen die Wahrheit darauf dass Gott den Satz offenbart habe so ist dieser

Grund an sich gut allein dann entsteht die Frage woher sie wissen dass es

eine Offenbarung Gottes sei Sagen sie vermöge des Lichts was der Satz mit

sich führt das in ihre Seele scheint und dem sie nicht widerstehen können so

dürfte dies nur das sein was wir schon betrachtet haben nämlich dass der Satz

eine Offenbarung sei weil sie fest an seine Wahrheit glauben Denn alles Licht

von dem sie sprechen ist nur eine starke aber unbegründete Überzeugung dass

es eine Wahrheit sei da sie anerkennen müssen dass sie vernünftige Gründe für

dessen Wahrheit nicht haben Dann ist also der Satz nicht als Offenbarung

angenommen sondern aus den für jede Wahrheit geltenden Gründen und wenn sie

glauben er sei wahr weil er offenbart sei sie aber für diesen Umstand nichts

anführen können als ihre persönliche Überzeugung so glauben sie nur er sei

offenbart bloß weil sie fest glauben dass er offenbart sei ein Grund der

sowohl für Lehrsätze wie für Handlungen sehr gefährlich ist Wie kann man wohl

leichter sich selbst zu den verkehrtesten Irrtümern und Handlungen verirren

als wenn man in dieser Weise die Einbildung zu dem höchsten und alleinigen

Führer nimmt und man jeden Satz für wahr jede Handlung für recht hält bloß

weil man es glaubt Die Stärke der Überzeugung ist durchaus kein Beweis für die

Wahrheit des Inhalts krumme Dinge können so steif und unbiegsam sein wie

gerade und der Mensch kann in seinem Irrtume ebenso bestimmt und zweifellos

auftreten wie bei der Wahrheit Wo sollten sonst die unverbesserlichen Eiferer

in den verschiedenen und entgegengesetzten Parteien herkommen Wenn das Licht

was Jeder in seiner Seele zu haben meint und was nur in der Stärke seiner

Überzeugung besteht ein Zeugnis sein soll dass der Satz von Gott komme so

haben die entgegengesetzten Meinungen gleichen Anspruch darauf und Gott ist

dann nicht bloß der Vater des Lichts sondern auch eines gegensätzlichen und

widersprechenden Lichts was die Menschen auf entgegengesetzte Wege führt und

Sätze die sich widersprechen sind dann göttliche Wahrheiten wenn eine

unbegründete Überzeugung genügt irgend einen Satz zu einer göttlichen

Offenbarung zu machen

     12 Die Festigkeit der Überzeugung ist kein Beweis dass ein Satz von

Gott komme Dies kann nicht anders sein wenn die Festigkeit der Überzeugung

zu einem Grand für den Glauben erhoben und die Zuversicht im Rechten zu sein

als ein Beweis der Wahrheit gilt Der heilige Paulus selbst glaubte recht zu

handeln und dass er dazu berufen sei als er die Christen verfolgte weil er

von deren Irrtümern überzeugt war dennoch war er es und nicht sie die im

Irrtum waren Auch die guten Menschen bleiben Menschen und dem Irrtume

unterworfen oft sind sie warm für einen Irrtum eingenommen den sie für

göttliche Wahrheit halten weil er mit dem klarsten Licht in ihre Seele scheint

     13 Was das Licht in der Seele ist Das Licht oder das wahre Licht in

der Seele ist und kann nur die Gewissheit von der Wahrheit eines Satzes sein

ist es kein Selbstgewisser Satz so kommt alles Licht was er hat oder haben

kann von der Klarheit und Beweiskraft der Gründe aus denen er angenommen wird

Spricht man von einem andern Licht in der Seele so bringt man sich selbst nur

in die Finsternis oder in die Gewalt des Fürsten der Finsternis und man

gibt sich freiwillig der Täuschung hin und glaubt die Lüge Denn soll die

Stärke der Überzeugung uns fuhren wie kann man da die Täuschungen des Satan

von den Eingebungen des heiligen Geistes unterscheiden Jener kann sich in einen

Engel des Lichts verwandeln und wer von einem solchen Engel geleitet wird ist

seiner Erleuchtung ebenso sicher dh er ist ebenso überzeugt dass der Geist

Gottes ihn erleuchte als wenn es ein wirklicher Engel wäre Er beruhigt sich

dabei und erfreut sich daran und wird dadurch in seinem Handeln bestimmt

Niemand kann mehr als er in dem Rechte sein wenn der eigne feste Glaube allein

entscheiden kann

     14 Die Offenbarung muss mit der Vernunft geprüft werden Wer sich daher

nicht ganz den Aasgeburten der Täuschung und des Irrtums überliefern will muss

dieses Licht was ihn führt auf die Probe stellen Wenn Gott einen Propheten

schafft so zerstört er nicht den Menschen er lässt vielmehr all seine

natürlichen Fähigkeiten in dem natürlichen Stande damit er über die empfangenen

Eingebungen urteile ob sie göttlichen Ursprunges seien oder nicht Wenn Gott

die Seele mit einem übernatürlichen Licht erleuchtet so löscht er deshalb nicht

sein natürliches Licht aus Wenn wir nach ihm der Wahrheit eines Satzes

zustimmen sollen so begründet er entweder diese Wahrheit durch das gewöhnliche

Verfahren der natürlichen Vernunft oder er gibt es sonst zu erkennen dass es

eine Wahrheit sei der wir auf Grund seines Ansehens beizustimmen haben und

zeigt dies uns durch gewisse Zeichen welche die Vernunft nicht missverstehen

kann Die Vernunft muss zuletzt in allen Dingen unser Richter und Führer sein

Wir brauchen unsre Vernunft nicht zu Rate zu ziehen und nicht zu ermitteln ob

ein von Gott offenbarter Satz durch die natürlichen Mittel aufgefunden werden

kann, und ich will nicht dasswenn dies nicht möglich er dann verworfen

werden solle allein man muss die Vernunft zu Rate ziehen und die Frage ob es

eine Offenbarung Gottes ist oder nicht prüfen Findet dies die Vernunft, so

erklärt sich dann dieselbe für den Satz wie für jede andere Wahrheit und macht

ihn zu einem ihrer Gebote Jede Täuschung die unsre Einbildungskraft erhitzt

müsste für eine göttliche Eingebung gelten wenn die Stärke der Überzeugung

genügte und wenn die Vernunft ihre Wahrheit nicht nach Etwas dieser

Überzeugung Äußerlichem zu prüfen hätte göttliche Eingebungen und bloßer

Wahn die Wahrheit und die Unwahrheit hätten dann dasselbe Maß und könnten

nicht unterschieden werden.

     15 Der Glaube ist kein Beweis für die Offenbarung Wenn dies innere

Licht oder ein Satz den man danach für göttlich eingegeben ansieht sich mit

den Grundsätzen der Vernunft oder mit dem Worte Gottes verträgt was wirklich

offenbart ist so verbürgt ihn die Vernunft; man kann ihn dann getrost für wahr

halten und das eigne Benehmen und Handeln danach einrichten Wenn aber keine

dieser Regeln ein Zeugnis dafür abgibt so kann man ihn nicht für eine

Offenbarung halten und auf diese Gründe seine Wahrheit nicht stützen so lange

man nicht ein anderes Zeichen neben dem eigenen Glauben für seine Offenbarung

hat So hatten die heiligen Männer der alten Zeit die von Gott Offenbarungen

empfingen noch Etwas neben diesem inneren Licht der Überzeugung was ihnen

bezeugte dass die Offenbarung von Gott komme Sie stützten sich hierbei nicht

bloß auf ihre Überzeugung dass diese Überzeugung von Gott komme sondern sie

hatten äußere Zeichen die ihnen über den Urheber dieser Offenbarungen

Gewissheit gaben Und wenn sie Andere davon überführen sollten war ihnen eine

Macht zur Rechtfertigung ihres vom Himmel erhaltenen Auftrags gegeben und sie

konnten durch sichtbare Zeichen das göttliche Ansehen der Botschaft bekräftigen

mit der sie beauftragt waren Moses sah den brennenden Busch der sich nicht

verzehrte und hörte eine Stimme aus demselben dies war etwas Besonderes neben

dem in seiner Seele befindlichen Trieb zu Pharao zu gehen um seine Brüder aus

Ägypten zu führen und doch genügte ihm dies noch nicht um mit dieser Botschaft

vor Pharao zu treten bis Gott durch ein zweites Wunder welches seinen Stab in

eine Schlange verwandelte ihn der Macht versichert hatte die seine Sendung

bezeugen sollte indem er dasselbe Wunder nochmals vor Denen verrichtete zu

Denen er gesandt war Gideon ward durch einen Engel abgesandt um Israel von den

Midianitem zu befreien und dennoch verlangte er ein Zeichen das ihn

vergewissere dass der Auftrag von Gott komme Diese und andere Beispiele bei

den alten Propheten zeigen dass ihnen das innere Schauen oder die Überzeugung

in ihrer Seele ohne andere Beweise nicht als das genügende Zeugnis dafür

galten dass Etwas von Gott komme wenn auch die heilige Schrift nicht immer

erwähnt dass sie solche Beweise gefordert oder empfangen haben

     16 Mit dem hier Gesagten will ich durchaus nicht bestreiten dass Gott

mitunter durch seinen unmittelbaren Einfluss die Seele eines Menschen zur

Annahme einer Wahrheit erleuchte oder ihn zu guten Handlungen antreibe der

heilige Geist unterstützt ihn ohne dass dabei außerordentliche Zeichen

hinzukommen Aber auch in solchen Fällen hat man die Bibel und die Vernunft als

untrügliche Regeln um zu erkennen ob es von Gott komme oder nicht Ist die

aufgenommene Wahrheit mit den Offenbarungen in Gottes geschriebenem Wort

übereinstimmend oder entspricht die Handlung dem Gebote der rechten Vernunft

und der heiligen Schrift so kann man ohne Gefahr sie als eine Offenbarung

nehmen denn wenn es auch keine solche unmittelbare in außerordentlicher Weise

auf die Seele wirkende sein sollte so kann man doch sicher sein dass sie durch

die Offenbarung verbürgt istwelche uns Gott als die Wahrheit gegeben hat

Allein man darf sich hierbei nicht auf die Stärke der persönlichen Überzeugung

verlassen und darauf fassend es als ein Licht oder eine Erregung nehmen die vom

Himmel gekommen sei Dies vermag nur das geschriebene Wort Gottes außer uns und

das allen Menschen gemeinsame Maß der Vernunft. Wo die Vernunft und die

Schrift für eine Meinung oder Handlung sind da kann man sie als von Gott

kommend annehmen dagegen kann die Stärke der eignen Überzeugung allein sie

nicht dazu stempeln Die Neigungen unsers Gemüts können sie begünstigen dies

zeigt, dass sie uns lieb ist aber dies beweist in keinem Falle dass sie dem

Himmel entsprungen und göttlichen Ursprunges ist

 
 



 


     1 Die Ursachen des Irrtums Da das Wissen nur bei der sichtbaren und

gewissen Wahrheit statthat so ist der Irrtum kein Fehler unsers Wissens

sondern ein Versehen unsers Urteils insofern es dem zustimmt was nicht wahr

ist Wenn sich indes die Zustimmung auf die Wahrscheinlichkeit stützt und wenn

der eigentliche Gegenstand und der Beweggrand der Zustimmung die

Wahrscheinlichkeit ist und diese in dem früher Dargelegten besteht so kann man

fragen wie es komme dass der Mensch seine Zustimmung gegen die

Wahrscheinlichkeit gebe Denn nichts ist häufiger als der Gegensatz der

Meinungen nichts augenfälliger als dass der Eine das gar nicht glaubt was der

Andere nur bezweifelt und ein Dritter fest glaubt und für die Wahrheit hält

Die Gründe davon sind sehr mannichfach sie werden sich indes auf folgende vier

Arten zurückführen lassen

    1 Mangel an Beweisen

    2 Mangel an dem Geschick diese zu benutzen

    3 Mangel an dem Willen sie zu benutzen

    4 Ein falsches Abmessen der Wahrscheinlichkeit.

 2 Der Mangel an Beweisen Unter Mangel an Beweisen verstehe ich nicht bloß

den Mangel solcher Beweise die es überhaupt nicht gibt und die man daher nicht

haben kann sondern auch den Mangel an Beweisen die an sich vorhanden sind und

erlangt werden können. So fehlen Dem die Beweise der nicht die Gelegenheit zu

Beobachtungen und Versuchen hat welche als Beweise eines Satzes benutzt werden

können, oder der nicht die Zeugnisse Anderer sammeln und untersuchen kann In

dieser Lage befindet sich der größte Teil der Menschen die auf die Arbeit

angewiesen sind und durch die Not ihrer dürftigen Lage gezwungen ihr Leben

nur in der Beschaffung der dringendsten Bedürfnisse verbringen Für diese

Menschen ist die Gelegenheit zu Untersuchungen und zur Sammlung von Wissen

gewöhnlich so beschränkt wie ihre Mittel ihr Verstand ist nur wenig

unterrichtet da sie alle ihre Zeit und Muße verwenden müssen um den Hunger

ihres Leibes und das Geschrei ihrer Kinder zu stillen Ein Mensch welcher sein

ganzes Leben in einem Laden hin und herläuft kann kaum von den Dingen, die in

der Welt geschehen mehr wissen als ein Packpferd was in einer engen Gasse und

auf einer schmutzigen Straße zu Markte hin und hergeht von der Geographie des

Landes weiß Wem die Müsse die Bücher die Sprachkenntnisse und der Verkehr

mit mancherlei Menschen abgeht kann nicht wohl jene Zeugnisse und Beobachtungen

sammeln die vorhanden sind und die zur Begründung der meisten Sätze nötig

sind welche für die menschliche Gesellschaft als die wichtigsten gelten ebenso

wenig kann er genügende Gründe zu einem so starken Glauben auffinden um darauf

weiter zu bauen Deshalb ist der größte Teil der Menschen nach der

unabänderlichen und natürlichen Lage der Dinge in dieser Welt und nach der

Verfassung des menschlichen Verkehrs der Unwissenheit rücksichtlich der Beweise

überliefert worauf Andere ihre Ansicht gründen und die dazu erforderlich sind

Dieser große Teil der Menschheit hat so viel mit Gewinnung seines

Lebensunterhalts zu tun dass er nicht nach gelehrten und mühsamen

Untersuchungen sich umschauen kann

 3 Antwort auf die Frage was aus Denen werden soll Denen dies abgeht Was

soll man hierzu sagen Ist der größte Teil der Menschen durch den Zwang ihrer

Lage zur Unwissenheit über die wichtigsten Dinge denn um diese handelt es sich

vor Allem verurteilt Bleibt der großen Masse der Menschheit nur der Zufall

und das blinde Glück als ihr Führer zum Wohle und zum Elend Sind die

herrschenden Meinungen und die zugelassenen Führer in jedem Lande so sicher und

zuverlässig dass Jedermann danach in seinen wichtigsten Angelegenheiten ja in

Bezug auf seine ewige Seligkeit oder Verdammnis sich danach richten kann Und

können Die als sichere und untrügliche Orakel und Maße der Wahrheit gelten

welche in der Christenheit Dies und in der Türkei Jenes lehren Oder soll ein

armer Bauer in Ewigkeit glücklich werden bloß weil er zufällig in Italien

geboren ist und der Tagelöhner unwiederbringlich verloren sein der

unglücklicher Weise in England geboren ist Man pflegt zwar mit solchen

Aussprüchen leicht bei der Hand zu sein allein sicher muss Eines oder das

Andere davon wahr sein wähle man welches man wolle oder man muss zugestehen

dass Gott die Menschen mit Vermögen ausgestattet hat die für ihre Leitung auf

richtigem Wege genügen sofern sie nur ernsten Gebrauch davon machen so weit

ihre gewöhnlichen Geschäfte ihnen die Müsse dazu lassen Niemand ist mit der

Beschaffung seines Lebensunterhalts so in Anspruch genommen dass er nicht auch

Zeit hätte an seine Seele zu denken und sich in der Religion zu unterrichten

Wäre man hier so eifrig wie in geringfügigem Dingen so würde auch der

bedrängteste Mensch Zeit finden die er zur Vermehrung seines Wissens benutzen

könnte

 4 Das Volk ist an der Untersuchung gehindert Neben Denen welche durch

ihre geringen Mittel an der Ausbildung ihres Wissens gehindert sind gibt es

Andere deren Vermögen ihnen die Benutzung der Bücher und andere Erfordernisse

für Aufklärung der Zweifel und Gewinnung der Wahrheit reichlich gestattet die

aber in Behausungen durch die Landesgesetze eingeschlossen sind und von Denen

bewacht werden welchen daran liegt sie in Unwissenheit zu erhalten damit

nicht die Zunahme des Wissens die Abnahme des Glaubens zur Folge habe Diese

entbehren ebenso ja noch mehr die Freiheit und Gelegenheit zu guten

Untersuchungen als jene vorher erwähnten armen Tagelöhner Sie scheinen oft

groß und erhaben allein trotzdem ist ihr Denken beschränkt und sie sind

Sklaven da wo der Mensch am freiesten sein sollte nämlich in ihrem Verstande

Dies gilt meist für Die welche an Orten leben wo man sagt dass die Wahrheit

ohne die Wissenschaft verbreitet werde wo man zur Religion des Landes gezwungen

wird und Meinungen hinunterschlucken muss wie der Kranke die Pillen ohne zu

wissen woraus sie bestehen was sie bewirken nur in dem Glauben dass sie

helfen werden Allein jene sind noch elender weil sie das Einnehmen nicht

verweigern und den Arzt nicht wählen dürfen dem sie sich anvertrauen wollen

 5 2 Mangel an Geschick die Beweise zu benutzen Zweitens trifft die

Unwissenheit Die welche die Zeugnisse für gewisse Wahrscheinlichkeiten nicht zu

benutzen verstehen Sie vermögen nicht einer Reihe von Folgen in Gedanken

nachzugehen und das Übergewicht entgegenstehender Gründe und Zeugnisse zu

erwägen und jenen Umständen die gehörige Berücksichtigung angedeihen zu lassen

so dass sie unwahrscheinlichen Sätzen zustimmen Es sind Leute die nur ein oder

zwei Syllogismen fassen können und die nur einen Schritt auf einmal tun können

Sie erkennen nicht wo die stärksten Beweise liegen und vermögen selbst die

wahrscheinlichste Ansicht nicht zu verfolgen Niemand der mit seinen

Nebenmenschen etwas verkehrt hat wird bestreiten dass die Menschen nach ihren

Verstandeskräften sehr verschieden sind sollte er auch niemals im Parlament und

auf der Börse oder in einem Armenhause oder in einem Irrenhause gewesen sein

Ich habe hier nicht zu prüfen ob diese großen geistigen unterschiede bei den

Menschen von einem Mangel in den körperlichen Organen herkommen welche für das

Denken eingerichtet sind oder von einem Mangel an Übung dieser Vermögen so

dass sie unbeholfen und schwerfällig bleiben oder von einem natürlichen

Unterschied der Seelen selbstoder von mehreren oder allen diesen Umständen

zusammen allein so viel ist sicher dass in dem Verstande, in der Auffassung

und dem Vernunftgebrauche bei den Menschen Verschiedenheiten bis zu einem Grade

bestehen dass man ohne dem Menschen Unrecht zu tun sagen kann der

Unterschied zwischen einzelnen Menschen sei hierin grösser wie der zwischen

Mensch und Thier überhaupt Wie dies komme ist zwar eine Frage von Wichtigkeit

aber sie gehört nicht hierher

 6 3 Mangel an Wollen sie zu benutzen Drittens gibt es eine Klasse

Leute denen die Beweise mangeln nicht weil sie außer ihrem Bereiche liegen

sondern weil sie sie nicht benutzen mögen Sie haben die Mittel und die

hinreichende Müsse es fehlt ihnen weder an Talent noch Hülfe allein trotzdem

sind sie um nichts gebessert Die hitzige Jagd nach Vergnügen oder ein stetes

Versunkensein in ihre Geschäfte fesselt ihre Gedanken Andere werden überhaupt

durch Trägheit und Nachlässigkeit oder durch eine besondere Scheu vor Büchern

Studieren und Nachdenken von jedem ernsten Überlegen abgehalten Manche scheuen

wieder eine unparteiische Untersuchung weil sie den Ansichten schaden könnte

die ihren Vorurteilen Absichten und ihrer Lebensweise entsprechen sie

begnügen sich deshalb ungeprüft das im Vertrauen anzunehmen was ihnen passt

oder Mode ist So verbringen Viele wenn sie auch anders könnten ihr Leben

ohne das Wahrscheinliche kennen zu lernen geschweige ihm aus Vernunftgründen

zuzustimmen obgleich es sie nahe angeht und ihnen auch so nahe liegt dass sie

zu dessen Erkenntnis nur die Augen darauf zu richten brauchen Ich kenne

Personen die keinen Brief lesen von dem sie üble Nachrichten befürchten und

Manche unterlassen die Aufmachung ihrer Rechnungen und die Übersicht ihres

Vermögens weil sie fürchten dass ihre Geschäfte sich in schlechtem Stande

befinden Ich weiß nicht wie Menschen deren Mittel ihnen gestatten ihre

Müsse zur Bereicherung ihres Verstandes zu verwenden sich mit einer trägen

Unwissenheit genügen lassen können jedenfalls denken sie sehr niedrig von ihrer

Seele wenn sie ihr Einkommen ganz auf den Unterhalt des Leibes verwenden und

nichts für die Mittel des Wissens verausgaben Sie halten streng darauf immer

äußerlich fein und glänzend zu erscheinen und würden über ein grobes Kleid oder

einen geflickten Rock höchst unglücklich sein allein es macht ihnen keine

Sorge wenn ihre Seele sich Andern in einer scheckigen Livrée von groben Flicken

und geborgten Fetzen zeigt wie das gute Glück oder ihr Dorfschneider ich meine

die Ansichten Derer mit Denen sie umgegangen sind sie aufgeputzt hat Ich

erwähne nicht wie verkehrt dies für Menschen ist die an ein künftiges Leben

und ihren Teil daran glauben was doch kein vernünftiger Mann vermeiden kann

ich erinnere auch nicht an die Beschämung und Verwirrung wenn diese Verächter

der Wissenschaft in Dingen dieser Art sich unwissend zeigen allein so viel

sollte doch wenigstens jeder Gebildete bedenken dasswenn auch ihre Geburt und

ihr Vermögen ihnen Zutrauen Ansehen Macht und Würde verleihen dies doch alles

Männern niederen Herkommens gegenüber verschwindet wenn sie von denselben in

Kenntnissen übertroffen werden Wer blind ist wird sich immer durch Sehende

führen lassen müssen wenn er nicht in den Graben fallen will und der ist am

meisten untertänig und ein Sklave bei dem dies für seinen Verstand gilt 

Bisher habe ich die Gründe dargelegt welche die Zustimmung falsch bestimmen

und bewirken dass wahrscheinliche Lehren nicht immer mit einer ihrer

Wahrscheinlichkeit entsprechenden Zustimmung angenommen werden indes sind

bisher nur solche Wahrscheinlichkeiten in Betracht gezogen worden für welche

Gründe vorhanden sind, die sich nur Dem der irrt nicht zeigen

 7 4 Die falsche Bemessung der Wahrscheinlichkeit; weshalb Indes sind

noch viertens die Fälle übrig wo die wirkliche Wahrscheinlichkeit wohl sich

zeigt und klar vorliegt aber doch die Überzeugung zurückgehalten und den

offenbaren Gründen nicht nachgegeben wird Dahin gehört es wenn man epechei

dh seine Zustimmung anhält oder sie der unwahrscheinlichsten Ansicht gewährt

Dieser Gefahr ist man ausgesetzt wenn man ein falsches Maß für die

Wahrscheinlichkeit anwendet Dies liegt

1 in Sätzen die in sich selbst nicht gewiss und offenbar sondern zweifelhaft

oder falsch sind aber dennoch als Grundsätze festgehalten werden

2 In angenommenen Hypothesen

3 In vorherrschenden Leidenschaften und Neigungen

4 In den Autoritäten

 8 Zweifelhafte Sätze die für Grundsätze gelten Erstens Die nächste und

festeste Grundlage der Wahrscheinlichkeit ist die Übereinstimmung eines Dinges

mit unseren eignen Kenntnissen insbesondere mit denen die man als Grundsätze

sich angeeignet hat und festhält Diese haben so großen Einfluss auf unser

Meinen dass wir meist danach über die Wahrheit entscheiden und danach abmessen

ob die Wahrscheinlichkeit sich mit diesen Grundsätzen verträgt Wo dies nicht

der Fall ist, da gilt Etwas für unmöglich Das Ansehen dieser Grundsätze ist so

groß und übersteigt so sehr jedes andere Wissen dass nicht bloß das Zeugnis

Anderer sondern selbst das der eignen Sinne verworfen wird wenn sie etwas

gegen diese angenommenen Regeln geltend machen wollen Ich will hier nicht

untersuchen wie viel die Lehre von angeborenen Grundsätzen die deshalb nicht

bewiesen und bezweifelt werden dürfen hierzu beigetragen haben mag Ich gebe

hier zu dass eine Wahrheit der andern nicht widersprechen kann allein daneben

muss auch Jeder in Annahme von Grundsätzen vorsichtig sein er muss sie streng

prüfen und sehen ob er sie vermöge ihrer eignen Gewissheit für wahr hält oder

ob es nur im Vertrauen auf das Ansehen Anderer geschieht Denn der Verstand ist

sehr verschroben und die Zustimmung wird irregeleitet wenn falsche Grundsätze

aufgenommen werden und man sich blind dem Ansehen einer Meinung unterworfen hat

die an sich selbst nicht offenbar wahr ist

 9 Es ist sehr gewöhnlich dass Kinder von ihren Eltern Ammen und ihrer

Umgebung Sätze namentlich über Religion in ihre Seele aufnehmen die ihrem

unbesorgten und noch unbefangenen Verstande eingeflößt werden und sich

allmählich so festsetzen gleichviel ob sie wahr oder falsch sind dass sie

durch Erziehung und lange Gewohnheit zuletzt wie eingenietet sind und nicht mehr

beseitigt werden können. Denn wenn der Erwachsene seine Meinungen erwägt und

hier solche findet die so alt sind als er denken kann ohne zu wissen dass

sie ihm eingeflößt und durch Mittel zugeführt worden die als heilige Dinge ihn

mit Ehrfurcht erfüllten und keine Entheiligung Untersuchung oder Bezweiflung

gestatteten so blickt er auf sie als das Urim und Thummim das von Gott selbst

in den Seelen gerichtet ist um über Wahrheit und Irrtum zu entscheiden und

über alle Streitigkeiten in letzter Instanz zu richten

 10 Wenn solche Grundsätze mögen sie sein welche sie wollen sich einmal in

der Seele befestigt haben so kann man sich leicht vorstellen welche Aufnahme

ein Satz auch wenn er noch so klar bewiesen ist finden wird welcher das

Ansehen jener schwächen oder dieses innere Orakel durchkreuzen könnte während

der gröbste Unsinn und die größten Unwahrscheinlichkeiten wenn sie nur diesen

Grundsätzen entsprechen glatt hinuntergehen und leicht verdaut werden Die

große Hartnäckigkeit mit der Menschen das Entgegengesetzte in den Religionen

fest glauben obgleich Beides oft gleich widersinnig istist die Folge wenn

man von solchen überliefertem Grundsätzen in seinem Denken ausgeht und sein

Urteil darauf stützt Solche Menschen trauen lieber ihren Angen nicht

verzichten auf das Zeugnis ihrer Sinne und halten ihre eigne Erfahrung für

Lüge als dass sie Etwas zuließen was diesen heiligen Sätzen widerspräche Man

nehme einen einsichtigen Katholiken der von dem ersten Beginn seines Denkens

und seiner Begriffe stets den Grundsatz eingeprägt bekommen hat dass er glauben

müsse was die Kirche glaubt nämlich die Kirche seiner Konfession oder dass

der Papst untrüglich sei und der niemals bis zu seinem 40 oder 50sten Jahr

einen Zweifel dagegen vernommen hat so ist dieser gewiss ganz geeignet die

Lehre von der Verwandlung bei dem Abendmahl leicht in sich aufzunehmen trotz

aller Unwahrscheinlichkeit und trotz des klarsten Zeugnisses seiner Sinne

Dieser Grundsatz hat solche Gewalt über seine Seele dass er das für Fleisch

hält was seine Augen als Brot sehen Und wie soll man einen Mann von einer

unwahrscheinlichen Ansicht heilen der mit einigen Philosophen es zu einem

Grundsatz der Vernunft erhoben hat dass er seiner Vernunft wie Manche

fälschlich ihre von ihren Grundsätzen abgeleiteten Gründe nennen selbst gegen

seine Sinne glauben müsse Ist ein Schwärmer von dem Grundsatz erfüllt dass er

oder seine Lehrer göttliche Eingebungen empfangen und durch einen unmittelbaren

Verkehr mit dem heiligen Geist geleitet werden so wird man gegen solche Lehre

vergeblich mit Gründen der klaren Vernunft ankämpfen Wer daher falsche

Grundsätze eingesogen hat kann in Dingen die damit sich nicht vertragen

selbst durch die scheinbarsten Wahrscheinlichkeiten nicht widerlegt werden ehe

er nicht so unbefangen und aufrichtig wird dass er selbst an die Prüfung dieser

Grundsätze geht was indes Viele sich niemals erlauben

 11 2 Angenommene Hypothesen Zweitens stehen diesen am nächsten Jene

deren Verstand in eine feste Form gezwängt und gerade nach der Größe einer

angenommenen Hypothese geregelt worden ist. Sie unterscheiden sich von den

Vorigen darin dass sie Tatsachen zulassen und darin mit ihren Gegnern

übereinstimmen aber sie unterscheiden sich in Angabe der Gründe und in der

Erklärung der Wirkungsweise Sie misstrauen ihren Sinnen nicht so offenbar wie

die Frühem sie können behufs Belehrung etwas geduldiger zuhören aber in der

Erklärung der Dinge lassen sie durchaus nicht von ihrer Ansicht und keine

Wahrscheinlichkeit kann sie überführen dass es in diesen Dingen nicht ganz so

hergehe als sie bei sich selbst festgesetzt haben Es wäre ja unerträglich für

einen gelehrten Professor und sein roter Mantel würde erröten wenn sein

vierzigjähriges Ansehen das auf harten griechischen und lateinischen Felsen mit

Verwendung vieler Zeit und Kosten gegründet worden ist und durch allgemeine

Überlieferung und seinen ehrwürdigen Bart bestätigt wird durch einen sich

erhebenden Neuerer in einem Augenblick umgestürzt werden könnte Wie kann man

erwarten ein solcher Mann werde einräumen dass Alles was er seinen Schülern

seit 30 Jahren gelehrt habe nur Irrtum und Unwahrheit gewesen sei und dass er

ihnen schwere Worte und Unwissenheit für schweres Geld verkauft habe Welche

Wahrscheinlichkeit wäre wohl groß genug die ihn hierzu bewegen könnte Wen

würden selbst die überzeugendsten Gründe bestimmen auf einmal all seine alten

Meinungen abzulegen all seine Ansprüche auf Wissen und Gelehrsamkeit für die

er in schwerem Studium die ganze Zeit sich geplagt hat abzutun und sich mit

seiner Blöße in die frische Luft neuer Meinungen hinzustellen Hier vermögen

Gründe so wenig etwas als der Wind wenn der Reisende seinen Mantel ablegen

soll er hält ihn vielmehr nur fester Zu dieser Art Irrtümer gehören auch die

welche zwar auf einer wahren Hypothese oder auf richtigen Grundsätzen fußen

aber sie nicht richtig aufgefasst haben ein Fall der sehr häufig ist wie die

Männer klar zeigen welche für die entgegengesetzten Ansichten kämpfen und diese

dabei alle aus der untrüglichen Wahrheit der Bibel ableiten Alle die sich

Christen nennen gestehen dass der Text mit dem Worte metanoeite zu einer

gewichtigen Pflicht verbindet Allein wie irrtümlich werden Die verfahren die

nur französisch verstehen und diese Regel einmal übersetzen repentez vous dh

bereut es das andere Mal faites pénitance dh tut Busse

 12 3 Vorherrschende Leidenschaften Drittens erleiden

Wahrscheinlichkeiten welche von den Begierden und vorherrschenden

Leidenschaften der Menschen durchkreuzt werden dasselbe Schicksal Wenn die

Wahrscheinlichkeit auf der einen Seite bei dem Überlegen eines geizigen

Menschen auch noch so groß ist so ist doch wenn das Geld auf der andern Seite

liegt leicht vorauszusehen welche Seite überwiegen wird Der irdische Sinn

widersteht gleich einer Erdwand den stärksten Batterien und wenn auch

mitunter die Kraft eines klaren Beweisgrundes einen Eindruck hervorbringt so

hält sie dennoch Stand und wehrt den Feind dh die Wahrheit ab der sie

gefangen nehmen oder verjagen will Man sage einem leidenschaftlich Verliebten

dass er gefoppt werde man bringe zwanzig Zeugen welche die Falschheit seiner

Geliebten bekunden und man kann doch zehn gegen eins wetten dass drei

freundliche Worte von ihr all diese Zeugnisse niederschlagen werden Was man

wünscht das glaubt man gern dies wird Jeder mehr als einmal erfahren haben

und wenn die Leute auch nicht offen widersprechen oder der Macht offenbarer

Wahrscheinlichkeiten keinen offenen Widerstand leisten so geben sie doch den

Gründen nicht nach Nicht etwa deshalb weil der Verstand seiner Natur nach sich

nicht stets der wahrscheinlichem Seite zuwendete sondern weil der Mensch die

Kraft hat seine Untersuchung abzubrechen und zu hemmen und die Prüfung wenn es

auch der Gegenstand verträgt nicht vorzunehmen So lang dies ausführbar ist

bleiben immer zwei Wege offen um auch den offenbarsten Wahrscheinlichkeiten

auszuweichen

 13 Die Mittel den Wahrscheinlichkeiten auszuweichen 1 Die Annahme der

Trüglichkeit Zuerst sagt man dass da die Gründe in Worten aufgestellt seien

was in der Regel der Fall ist), eine Täuschung dahinter stecken könne und dass

von den vielleicht weitgehenden Folgerungen manche unzusammenhängend sein

könnten Wenige Ausführungen sind so klar kurz und zusammenhängend dass nicht

Viele zu ihrer Genugtuung solche Zweifel erheben könnten so dass sie von deren

Beweiskraft ohne sich dem Vorwurf der Unaufrichtigkeit und Unvernünftigkeit

auszusetzen sich mit dem bekannten Einwände befreien könnten non persuadebis

etiamsi persuaseris dh wenn ich auch nicht antworten kann so will ich es

doch nicht zugestehen

 14 2 Vorausgesetzte Gründe für das Gegenteil Zweitens kann man

offenbaren Wahrscheinlichkeiten ausweichen und die Zustimmung verweigern wenn

man vorgibt dass man noch nicht Alles was sich dagegen sagen lasse wisse

Wenn man deshalb auch geschlagen sei so brauche man doch nicht nachzugeben da

man die noch in Rückhalt befindlichen Kräfte nicht kenne Diese Ausflucht gegen

jede Überführung ist so offen und so überall anwendbar dass schwer zu

bestimmen ist wo man sich derselben nicht bedienen könnte

 15 Welche Wahrscheinlichkeiten die Zustimmung bestimmen Indes gibt es

doch Ausnahmefälle und wenn man sorgfältig alle Gründe für die

Wahrscheinlichkeit und das Gegenteil untersucht hat das Äußerste in

Ermittlung aller Einzelheiten getan und die Summe auf beiden Seiten gezogen

hat so muss man zuletzt Alles zusammengenommen erkennen wo die

Wahrscheinlichkeit liegt da manche Gründe bei den Beweisen sich auf die

allgemeine Erfahrung stützen und so zwingend und klar und manche Zeugnisse für

die Tatsachen so allgemein sind dass man seine Zustimmung nicht versagen kann

Man kann daher wohl annehmen dass bei Sätzen wo trotz der vorliegenden sehr

erheblichen Beweise doch Grund genug vorhanden ist, entweder eine Täuschung in

den Worten zu befürchten oder wo ebenso gewichtige Gründe für das Gegenteil

sich geltend machen lassen ich sage dass in solchen Fällen die Zustimmung oder

das Anhalten des Urteils oder die gegenteilige Meinung oft willkürliche

Handlungen sind wo aber die Beweise es höchst wahrscheinlich machen und weder

für die Annahme einer Täuschung in den Worten die ja durch ruhige und ernste

Betrachtung entdeckt werden kann) noch dafür ein Grund vorliegt dass gleich

starke aber noch unbekannte Beweise für die andere Meinung sprechen könnten

was ein aufmerksamer Beobachter in manchen Dingen der Natur der Sache nach

ebenfalls ermitteln kann da kann ein Mann der dies erwogen hat seine

Zustimmung kaum für die Seite verweigern wo die Wahrscheinlichkeit sich als die

größte darstellt Ob es zB wahrscheinlich ist dass das Durcheinanderwerfen

der Lettern einer Druckerei eine solche Stellung und Folge ergeben werde dass

ihr Abdruck auf dem Papier einen zusammenhängenden Gedanken bietet oder dass

das blinde zufällige Zusammentreffen der Atome ohne Leitung eines verständigen

Wesens wiederholt die Körper von Tierarten zu Stande bringen werde darüber

wird wohl Niemand einen Augenblick zweifeln und schwanken welcher Seite er sich

zuwenden oder ob er seine Zustimmung überhaupt zurückhalten solle Wenn man

endlich nicht annehmen kann dass ein glaubwürdiges Zeugnis gegen eine bereits

bezeugte Tatsache vorhanden sein könne da wo der Gegenstand seiner Natur nach

unbestimmt ist und gänzlich von der Aussage der Zeugen abhängt noch dass durch

weiteres Forschen ein solches Gegenzeugnis ermittelt werden könnte zB ob vor

1700 Jahren ein Mann wie Julius Cäsar in Rom gelebt habe so kann in all

solchen Fällen ein vernünftiger Mann nicht wohl seine Zustimmung versagen

vielmehr ist sie bei solcher Wahrscheinlichkeit notwendig gegeben und damit

verbunden Ist der Fall weniger klar so kann der Mensch seine Zustimmung

zurückhalten oder sich vielleicht mit den vorliegenden Beweisen zufrieden geben

wenn sie der Meinung günstig sind die seinen Neigungen und seinem Vorteil

entspricht und deshalb mit weiterem Untersuchen aufhören aber dass Jemand seine

Zustimmung der Seite geben sollte welche ihm am wenigsten wahrscheinlich

erscheint dürfte nicht ausführbar ja so unmöglich sein als die Meinung dass

Etwas zugleich wahrscheinlich und unwahrscheinlich sei

 16 Wo man seine Zustimmung zurückhalten kann Da das Wissen so wenig wie

das Wahrnehmen von dem Belieben abhängt so hat man auch die Zustimmung so wenig

wie das Wissen in seiner Gewalt Wenn die Seele die Übereinstimmung zweier

Vorstellungen bemerkt sei es unmittelbar oder durch Hülfe der Vernunft, so kann

sie diese Auffassung und dieses Wissen so wenig vermeiden als das Sehen dieser

Gegenstände auf die man am Tage die Angen richtet Was nach vollständiger

Prüfung als das Wahrscheinlichste erscheint dem muss man zustimmen Wenn man

indes das Wissen auch nicht verhindern kann wo die Übereinstimmung einmal

erkannt ist noch die Zustimmung versagen wo nach gehöriger Betrachtung aller

Umstände die Wahrscheinlichkeit sich klar offenbart so kann man doch sowohl das

Wissen wie die Zustimmung anhalten wenn man mit der Untersuchung anhält und

seine Kräfte zur Aufsuchung der Wahrheit gar nicht anwendet Dadurch kann man in

manchen Fällen der Zustimmung zuvorkommen oder sie zurückhalten allein kann

wohl ein Mann der in der alten und neuen Geschichte bewandert ist zweifeln ob

es eine Stadt wie Rom gibt oder ob es einen Mann wie Julius Cäsar gegeben

habe Allerdings gibt es Millionen Wahrheiten die zu wissen Niemand

interessieren mag zB ob unser König Richard III lahm gewesen ob Roger Bacon

ein Mathematiker oder Magier gewesen In solchen Fällen wo die Zustimmung zu

einer bestimmten Meinung dem Einzelnen gleichgültig ist und keine Unternehmung

oder Nutzen davon bedingt ist erklärt es sich dass man der gewöhnlichen

Ansicht zustimmt oder dem Ersten der da kommt beitritt Solche Meinungen sind

von so geringem Gewicht dass man um sie sich so wenig wie um die Stäubchen im

Sonnenschein bekümmert man nimmt sie wie der Zufall sie gibt und lässt die

Seele sich frei bestimmen Allein wo man bei einem Satze beteiligt ist wo sich

an die Zustimmung oder Ablehnung erhebliche Folgen knüpfen und Glück oder Elend

von der Wahl abhängt wo deshalb die Wahrscheinlichkeit auf beiden Seiten

ernstlich untersucht und geprüft wird da steht es nicht in unsrer Macht

beliebig eine Seite zu wählen sobald eine offenbare Ungleichheit für die zwei

Seiten vorliegt Dann bestimmt vielmehr die größere Wahrscheinlichkeit die

Zustimmung, und der Mensch muss zustimmen und für wahr halten ebenso wie er die

Wahrheit wissen muss wenn er die Übereinstimmung oder den Gegensatz zwischen

zwei Vorstellungen bemerkt hat  Wenn dem so ist so liegt der Grund des

Irrtums also in einer falschen Abmessung der Wahrscheinlichkeit, wie der Grund

des Lasters in einer falschen Abmessung des Guten liegt

 17 4 Die Autorität Die vierte und letzte falsche Abmessung der

Wahrscheinlichkeit, welche mehr Menschen in Unwissenheit und Irrtum erhält als

alle andern zusammen ist in dem vorgehenden Kapitel behandelt ich meine den

Fall wo man seine Zustimmung den angenommenen und herrschenden Meinungen seiner

Freunde seiner Partei seiner Nachbarschaft oder seines Landes gibt Wie Viele

haben für ihre Meinungen keinen Grund weiter als den dass ehrliche oder

gelehrte oder zahlreiche Personen die gleiche Meinung haben Als wenn ehrliche

oder studierte Leute sich nicht irren könnten oder als wenn die Wahrheit von der

Mehrheit der Stimmen abhinge Dennoch genügt dies den meisten Menschen Ein Satz

hat das Zeugnis ehrwürdigen Altertums für sich er kommt mit einem Pass

früherer Zeitalter und deshalb nimmt man ihn ohne Bedenken auf Andere haben

die gleiche Meinung gehabt oder haben sie noch das ist Alles was man sagen

kann und deshalb ist es vernünftig dass man ihr ebenfalls beitrete Allein

man könnte noch mit mehr Recht seine Meinung mit Feuer und Schwert verteidigen

als sie nach solchen Gründen bestimmen Jeder kann sich irren und die Meisten

unterliegen hier wenn Leidenschaft oder Eigennutz sie in Versuchung führen

Könnte man die geheimen Beweggründe nur sehen welche berühmte und gelehrte

Männer und die Führer der Parteien bestimmen so würde man finden dass es nicht

immer die Wahrheit als solche war die sie die Lehren annehmen ließ welche sie

bekennen und aufrecht halten So viel ist wenigstens gewiss dass es keine noch

so unsinnige Meinung gibt die man aus diesem Grunde nicht annehmen könnte Es

gibt keinen Irrtum der nicht seine Bekenner hat und selbst die krummsten

Wege werden gewählt wenn man um auf dem rechten Wege zu sein nur den

Fußtapfen Anderer zu folgen braucht

 18 Die Menschen stecken nicht so im Irrtum wie man meint Trotz des

großen Lärms den man in der Welt über Irrtümer und Meinungen macht muss man

doch zu Ehren der Menschheit anerkennen dass die Zahl Derer welche im Irrtum

und falschen Ansichten befangen sind nicht so groß ist als man gewöhnlich

glaubt Nicht weil ich dächte sie besäßen die Wahrheit sondern weil sie über

Lehren von denen viel Aufhebens gemacht wird überhaupt keine Gedanken und

Meinung haben Wollte man die Anhänger der verschiedenen Religionssekten in der

Welt ausfragen so würde sich finden dass die Meisten nicht so eifrig sind und

keine eigne Ansichten haben noch weniger haben Die welche diese Ansichten

festhalten sie in Folge einer Prüfung der Gründe und der Wahrscheinlichkeit

angenommen Sie halten sich zu der Partei zu der ihre Erziehung oder ihr

Vorteil sie geführt hat hier zeigen sie wie die gemeinen Soldaten eines

Heeres ihren Muth und Eifer so wie die Führer es haben wollen ohne die Sache

für die sie streiten zu kennen oder geprüft zu haben Wenn das Leben eines

Menschen zeigt dass er sich aus der Religion nicht viel macht weshalb sollte

er da sich den Kopf zerbrechen für die Lehren seiner Kirche und sich mit Prüfung

der Gründe für diese oder jene Meinung belästigen Es genügt ihm dem Feldherrn

zu gehorchen seine Hand und seine Zunge zur Unterstützung der gemeinsamen Sache

bereit zu halten und nebenbei sich dem zuzuwenden was ihm Ansehen Ehre und

Schutz in seiner Gesellschaft verschaffen kann So werden die Menschen Bekenner

und Verteidiger von Meinungen ohne davon überzeugt zu sein ja sie sind ihnen

nicht einmal durch den Kopf gegangen Deshalb kann man allerdings die Zahl der

unwahrscheinlichen oder irrigen Meinungen in der Welt nicht kleiner machen als

sie ist allein sicherlich stimmen ihnen nicht so Viele bei und halten nicht so

Viele sie für wahr als man glaubt

 



 


     1 Drei Klassen Alles was in den Bereich des menschlichen Verstandes

fallen kann betrifft entweder 1 die Natur der Dinge an sich ihre Beziehungen

und Wirksamkeit oder 2 das was der Mensch als ein vernünftiges und freies

Wesen für seine Zwecke insbesondere für sein Glück zu tun hat oder 3 die

Mittel und Wege wodurch die Erkenntnis eines von beiden erlangt und

mitgeteilt wird deshalb werden die Wissenschaften hiernach in drei Klassen

zerfallen

     2 Die Physik Die erste umfasst also das Wissen der Dinge, wie sie in

ihrer eignen Natur sind ihre Verfassung Eigenschaften und Wirkungen worunter

ich nicht bloß die Körper, sondern auch die Geister verstehe die ebenso wie

die Körper, ihre eignen Naturen Verfassungen und Wirksamkeiten haben Dies

nenne ich in einem etwas weitem Sinne des Wortes die Physik oder die

Naturwissenschaft Ihr Zweck ist nur die Erkenntnis der Wahrheit und Alles

was dazu beiträgt fällt darunter also auch Gott die Engel die Geister wie

die Körper und deren Eigenschaften als die Zahl Gestalt usw

     3 Die praktische Wissenschaft Die zweite ist die praktische oder die

Kunst die eignen Kräfte und das Handeln so auszuüben dass man das Gute und

Nützliche erreicht Die wichtigste unter diesen Wissenschaften ist die Ethik

welche die Regeln und den Anhalt für die menschlichen Handlungen die zu der

Glückseligkeit führen und die Mittel sie zu erlangen aufsucht Das Ziel ist

hier nicht ein bloßes Wissen und die bloße Erkenntnis der Wahrheit sondern

das Recht und ein dem entsprechendes Verhalten

     4 Die bezeichnende Wissenschaft Die dritte Klasse kann sêmeiotikê oder

die Lehre von den Zeichen genannt werden. Da die Worte die gebräuchlichsten

Zeichen sind so heißt sie auch passend logikê oder die Logik. Sie beschäftigt

sich mit Betrachtung der Zeichen für das Verständnis der Dinge oder für die

Mittheilung des Wissens an Andere Denn die Dinge sind dem Verstande, mit

Ausnahme seiner selbst, nicht gegenwärtig deshalb bedarf es eines Andern was

das Zeichen oder die Darstellung des betrachteten Dinges ist und ihm gegenwärtig

istdies sind die Vorstellungen. Allein die Scene dieser Vorstellungenwelche

das Denken ausmachen kann dem unmittelbaren Blick Anderer nicht offengelegt

werden sie kann auch nur als solche in dem Gedächtnis aufbewahrt werden was

kein sehr sicheres Behältnis ist deshalb bedarf es der Zeichen für die

Vorstellungen, teils um die Gedanken einander mitzuteilen teils um sich

ihrer zu seinen eignen Zwecken erinnern zu können Die artikulierten Laute haben

sich dazu am zweckmäßigsten erwiesen und sind deshalb im allgemeinen Gebrauche

Deshalb bildet die Betrachtung der Vorstellungen und Worte welche die großen

Werkzeuge des Wissens sind keinen geringen Teil des menschlichen Wissens wenn

man dasselbe in seiner ganzen Ausdehnung betrachtet Würden diese Werkzeuge

genau erwogen und gehörig untersucht so gäbe dies vielleicht eine andere Art

von Logik und Kritik als die bis jetzt bekannte

     5 Dies ist die oberste Einteilung der Gegenstände des Wissens.) Dies

scheint mir die oberste und allgemeinste und zugleich natürlichste Einteilung

der Gegenstände des Wissens zu sein denn man kann seine Gedanken nur richten

entweder auf die Betrachtung der Dinge selbst, zur Entdeckung der Wahrheit oder

auf die Dinge innerhalb seiner Macht dh auf sein Handeln zur Erreichung

seiner Absichten oder auf die Zeichen deren man sich für jene beiden bedient

und auf deren richtige Ordnung zur bessern Belehrung Diese drei nämlich die

Dinge so weit sie in sich selbst Gegenstände des Wissens sind die Handlungen

so weit sie von uns abhängen und auf das Glück abzielen und der richtige

Gebrauch der Zeichen für das Wissen sind durchaus verschieden und stellen sich

deshalb als die drei großen Gebiete der geistigen Welt dar von denen jedes für

sich besteht und von dem andern ganz getrennt ist

 

                                     Ende