1 Die Untersuchung des menschlichen Verstandes ist unterhaltend und
nützlich Indem der Verstand es ist welcher den Menschen über alle andern
lebenden Wesen erhebt und ihm die Vorteile und Herrschaft gewährt die er über
sie besitzt ist der Verstand, schon seines Adels wegen ein Gegenstand welcher
sicherlich der Mühe einer Untersuchung wert ist Während der Verstand, gleich
dem Auge uns alle andern Dinge sehen und erkennen lässt achtet er auf sich
selbst nicht und es erfordert Kunst und Mühe ihn sich gegenüber zu stellen und
ihn zu seinem eigenen Gegenstand zu machen Allein welcher Art auch die auf dem
Wege seiner Untersuchung liegenden Schwierigkeiten sein mögen und was auch das
sein mag was uns so in Dunkelheit über uns selbst erhält so bin ich doch
überzeugt dass all das Licht was wir auf unsern eignen Geist fallen lassen
und alle die Bekanntschaft die wir mit unserm eignen Verstande machen können
nicht allein unterhaltend sondern auch für die Untersuchung andrer Dinge wenn
wir unser Denken darauf richten von großem Nutzen sein wird
2 Meine Absicht Es ist deshalb meine Absicht den Ursprung die
Gewissheit und die Ausdehnung des menschlichen Wissens sowie die Grundlagen und
Abstufungen des Glaubens der Meinung und der Zustimmung zu erforschen Ich
werde dabei nicht auf eine physikalische Betrachtung der Seele eingehen und
nicht untersuchen worin das Wesen derselben bestehe und durch welche Bewegung
unsre Lebensgeister oder durch welche Veränderungen in unserem Körper wir zu
einer Empfindung durch unsre Sinnesorgane und zu Vorstellungen In unserem
Verstande gelangen und ob einige dieser Vorstellungen oder alle bei ihrer
Bildung von dem Stoffe abhängen oder nicht Diese Untersuchungen mögen anziehend
und unterhaltend sein allein ich lasse sie bei Seite da sie bei dem Ziele was
ich jetzt verfolge außerhalb meines Weges liegen Für meinen jetzigen Zweck
genügt die Betrachtung der verschiedenen Vermögen des Menschen in ihrer
Anwendung auf Gegenstände, mit denen er zu tun hat und ich meine dass ich
mein Denken bei diesem Unternehmen nicht schlecht angewendet haben werde wenn
ich auf diesem beobachtenden und einfachem Wege einige Auskunft über die Mittel
gewinnen kann durch welche unser Verstand die Begriffe erlangt die wir von den
Dingen haben und wenn ich einen Maßstab für die Gewissheit unseres Wissens
und die Gründe jener Überzeugungen auffinde welche unter den Menschen in so
mannigfacher verschiedener ja ganz entgegengesetzter Weise bestehen und
dabei doch im Einzelnen mit soviel Zuversicht und Sicherheit festgehalten
werden dass, wenn man die Meinungen der Menschen überschaut ihre Gegensätze
bemerkt und zugleich sieht mit welcher Liebe und Verehrung sie festgehalten
und mit welcher Entschlossenheit und Eifer sie verteidigt werden man wohl mit
Grund zweifeln darf ob es überhaupt so Etwas wie Wahrheit gebe und ob die
Menschheit die genügenden Mittel zur Erlangung einer sicheren Kenntnis
derselben besitze
3 Mein Verfahren Es ist daher wohl der Mühe wert die Grenzen
zwischen Meinung und Erkenntnis zu untersuchen und die Maßregel zu prüfen
durch die wir da wo wir keine sichere Kenntnis besitzen unsere Zustimmung zu
regeln und unsere Überzeugungen zu mäßigen haben Ich werde hierbei in
nachstehender Weise verfahren
Zuerst werde ich den Ursprung der Vorstellungen oder Begriffe oder wie man
es sonst nennen will untersuchen die der Mensch in seiner Seele findet und
deren er sich bewusst ist, sowie der Wege auf denen der Verstand zu ihnen
gelangt
Zweitens werde ich zeigen welches Wissen der Verstand durch diese
Vorstellungen besitzt und worin die Sicherheit Gewissheit und Ausdehnung
dieses Wissens besteht
Drittens werde ich die Natur und die Grundlagen des Glaubens und der Meinung
untersuchen Ich verstehe darunter die Zustimmung, die wir einem Satze als
einem wahren geben obgleich wir von seiner Wahrheit noch keine sichere
Kenntnis haben Dies wird mir die Gelegenheit bieten die Gründe und die Grade
der Zustimmung zu prüfen
4 Die Kenntnis wie weit unser Wissen sich erstreckt ist nützlich
Wenn ich durch diese Untersuchung der Natur des Verstandes seine Kräfte
entdecke und sehe wie weit sie reichen für welche Dinge sie einigermaßen
zureichend sind und wo sie ausgehen so meine ich dass dies den geschäftigen
Geist der Menschen bestimmen wird sich vorzusehen und nicht mit Dingen
einzulassen die seine Fassungskraft übersteigen so wie anzuhalten wenn er an
den äußersten Grenzen seines Vermögens angekommen ist und sich über seine
Unwissenheit von Dingen zu beruhigen wenn sie bei ihrer Prüfung sich als solche
zeigen die außer dem Bereich unserer Vermögen liegen Man wird dann vielleicht
weniger bereit sein ein allumfassendes Wissen in Anspruch zu nehmen und Fragen
zu erheben oder sich und Andere in Streit über Dinge zu verwickeln für welche
unser Verstand nicht passt und von denen man keine klare und deutliche
Vorstellung in seiner Seele bilden kann oder von denen man wie es nur zu oft
vorkommen dürfte überhaupt keinen Begriff hat Wenn man ausfindig machen kann
wie weit der Verstand seinen Blick auszudehnen vermag wie weit er die
Gewissheit zu erreichen im Stande ist und in welchen Fällen er nur meinen und
vermuten kann so wird man lernen mit dem sich zu begnügen was dem Menschen
in seinem jetzigen Zustande erreichbar ist
5 Unsere Vermögen sind unserem Zustande und Bedürfnissen angemessen
Denn wenn auch unser Verstand zum umfassen der weiten Ausdehnung der Dinge viel
zu klein ist so haben wir doch allen Grund den gütigen Urheber unseres Daseins
für das uns verliehene Verhältnis und Maß der Erkenntnis zu preisen da es
so hoch über das aller übrigen Bewohner unseres Aufenthalts steht Die Menschen
können sehr wohl mit dem zufrieden sein was Gott für sie passend erachtet hat
denn er hat ihnen wie der heilige Petrus sagt panta pros zôên kai eusebeian
dh Alles zum Leben und zur Kenntnis der Tugend Nötige gegeben und ihnen
möglich gemacht die Mittel für ein behagliches Leben so wie den zu einem
bessern Leben führenden Weg aufzufinden Ihr Wissen bleibt allerdings weit
hinter einer umfassenden und vollkommenen Erkenntnis der Dinge zurück aber es
sichert sie doch in ihren wichtigsten Angelegenheiten da es hell genug ist um
den Menschen zur Erkenntnis seines Schöpfers und seiner eignen Pflichten zu
führen Die Menschen werden immer genügenden Stoff für die Beschäftigung ihres
Kopfes und für die mannichfache angenehme und befriedigende Benutzung ihrer
Hände finden wenn sie nur nicht frech auf ihre eigene Verfassung schelten und
den Segen der ihre Hände erfüllt nicht deshalb wegwerfen weil sie nicht stark
genug zur Erfassung aller Dinge seien Wir brauchen uns über die Schranken
unseres Geistes nicht zu beklagen wenn wir ihn zu dem für uns Nützlichen
anwenden denn dazu ist er völlig geschickt Es wäre ein unverzeihlicher und
kindischer Eigensinn die Vorzüge unseres Verstandes zu unterschätzen und seine
Verbesserung für die Ziele zu vernachlässigen für welche er uns gegeben ist
weil es Dinge gibt die außer seinem Bereiche liegen Ein fauler und
mürrischer Diener der seine Geschäfte bei Kerzenlicht nicht besorgen mag darf
sich nicht mit dem fehlenden Sonnenlicht entschuldigen die in uns brennende
Kerze leuchtet für all unsere Zwecke hell genug und die damit möglichen
Entdeckungen müssen uns genügen Wir gebrauchen unsere Verstandeskräfte dann
recht wenn wir alle Gegenstände in der Weise und dem Maß nehmen wie es für
unsere Fähigkeiten passend ist und auf Grundlagen die wir verstehen können
und wenn wir nicht durchaus und maßlos auf Beweisen bestehen und Gewissheit
verlangen wo nur Wahrscheinlichkeit zu erlangen ist die aber für die Besorgung
unserer Angelegenheiten zureicht Wenn man jedem Dinge misstraut weil man nicht
Alles sicher erkennt so handelt man beinah so weise wie Der welcher seine
Beine nicht brauchen wollte sondern still saß und umkam weil er keine Flügel
zum Fliegen hätte
6 Die Kenntnis unserer Vermögen schützt vor Zweifelsucht und Trägheit
Wenn man seine eigenen Kräfte kennen gelernt hat so kann man besser wissen was
man mit Aussicht auf Erfolge unternehmen kann und hat man die Kräfte seines
Geistes wohl überschaut und überschlagen was sich von ihnen erwarten lässt so
wird man weder still sitzen und sein Denken gar nicht gebrauchen wollen weil
man an der Erkenntnis von Allem verzweifelt noch umgekehrt Alles in Zweifel
ziehen und alle Erkenntnis leugnen weil Manches nicht erkannt werden kann. Dem
Schiffer ist die Kenntnis von der Länge seines Lothseils sehr nützlich wenn er
auch nicht alle Tiefen des Meeres damit ergründen kann es genügt dass er
weiß es sei lang genug um den Grund da zu erreichen wo es auf die Richtung
seiner Weges und auf Schutz gegen Untiefen ankommt die ihm verderblich werden
könnten Wir haben hier nicht Alles zu erkennen sondern nur das was unsern
Lebenswandel betrifft Kann man die Mittel ausfindig machen durch welche ein
vernünftiges Wesen was in dem Zustande wie der Mensch in die Welt gesetzt
ist sein Fürwahrhalten und sein davon abhängiges Handeln leiten kann so
braucht man sich darüber nicht zu beunruhigen dass einige andere Dinge sich
unserer Erkenntnis entziehen
7 Der Anlass zu diesem Versuche Dies veranlasste mich zunächst zu
diesem Versuche über den Verstand Ich meinte dass der erste Schritt für eine
befriedigende Untersuchung jener Dinge in die der Mensch so leicht sich
vertieft darin bestände dass man die eigenen geistigen Vermögen überschaue
seine Kräfte prüfe und sehe wofür sie geeignet sind Ehe dies nicht geschehen
fängt man fürchte ich bei dem falschen Ende an Man sucht vergeblich nach dem
zufriedenstellenden ruhigen und sichern Besitz der für uns wichtigsten
Wahrheiten wenn man seine Gedanken auf dem weiten Meer der Dinge so schweifen
lässt als wäre dieser grenzenlose Raum das natürliche und unzweifelhafte
Eigentum unseres Verstandes als entziehe sich darin Nichts seiner
Entscheidung und als entschlüpfe Nichts seiner Erkenntnis Wenn die Menschen
in dieser Weise ihre Untersuchungen weit über ihr Vermögen ausdehnen und ihre
Gedanken in Tiefen schweifen lassen wo sie keinen festen Fuß fassen können so
darf man sich nicht wundern wenn sich Fragen erheben und Streitigkeiten häufen
die niemals zu einer klaren Lösung gelangen und deshalb nur dazu dienen die
Zweifel zu erhalten und zu vermehren und den Menschen zuletzt in den
vollständigen Skeptizismus zu stürzen Sind dagegen die Fähigkeiten unseres
Verstandes wohl betrachtet die Grenzen unseres Wissens einmal ermittelt und der
Gesichtskreis gefunden welcher den hellen und dunklen Teil der Dinge, das
Erkennbare und NichtErkennbare scheidet so wird man leichter sich bei der
eingestandenen Unkenntnis des einen Teils beruhigen und seine Gedanken und
Reden mit mehr Nutzen und Genugtuung dem andern zuwenden
8 Was das Wort Vorstellung bedeutet So viel glaubte ich über den
Anlass zu dieser Untersuchung des menschlichen Verstandes sagen zu müssen Ehe
ich jedoch zu meinen Gedanken über diesen Gegenstand übergehe muss ich hier in
dem Beginn den Leser wegen des häufigen Gebrauchs des Wortes: »Vorstellung« in
der folgenden Abhandlung um Entschuldigung bitten Dieses Wort passt nach meiner
Ansicht am besten zur Bezeichnung von Allem was der Mensch denkt mag der
Gegenstand seines Denkens sein welcher er wolle Ich gebrauche es zur
Bezeichnung von dem was man unter Einbildungen Begriffen Arten usw
versteht oder womit irgend die Seele beim Denken sich beschäftigen kann ich
habe die häufige Benutzung dieses Wortes nicht vermeiden können und man wird
mir hoffentlich zugeben dass solche Vorstellungen in der menschlichen Seele
sind Jeder ist sich deren in seinem Innern bewusst und die Reden und
Handlungen Anderer können ihn überzeugen dass sie auch in Andern bestehen
Ich will daher zunächst untersuchen wie sie in die Seele kommen
1 Der Weg wie wir zu unsern Kenntnissen gelangen und dass sie nicht
angeboren sind wird gezeigt Für Manche ist es eine ausgemachte Sache dass in
dem Verstände angeborene Grundsätze bestehen oder gewisse Urbegriffe koinai
ennoiai gleichsam der menschlichen Seele eingeprägte Schriftzeichen welche sie
bei ihrem ersten Entstehen erhält und mit auf die Welt bringt Für unbefangene
Leser würfle es genügen um sie von der Unrichtigkeit dieser Annahme zu
überzeugen wenn ich bloß zeigte wie es hoffentlich in den folgenden
Abschnitten dieser Abhandlung geschehen wird dass die Menschen lediglich durch
den Gebrauch ihrer natürlichen Vermögen ohne Hülfe von angeborenen Eindrücken
all die Kenntnis erlangen die sie besitzen und wie sie ohne solche Urbegriffe
oder Grundsätze zur Gewissheit gelangen Jedermann wird hoffentlich anerkennen
dass es unverschämt wäre wenn man bei einem Geschöpf die Vorstellungen der
Farben für angeboren annehmen wollte welchem der Schöpfer das Gesicht und die
Macht gegeben hat die Farben durch die Augen von äußern Gegenständen
aufzunehmen ebenso unbegründet würde es sein wenn man gewisse Wahrheiten von
natürlichen Eindrücken und angeborenen SchriftZeichen ableiten wollte da
Fähigkeiten in uns angetroffen werden, die ebenso geeignet sind diese
Erkenntnis leicht und sicher zu erwerben als wenn sie dem Menschen angeboren
wäre
Da indes bei der Aufsuchung der Wahrheit Niemand ohne getadelt zu werden
seinen eignen Gedanken folgen kann sobald sie ihn auch nur ein wenig von der
großen Heerstraße abführen so führe ich die Gründe an die mich an der
Wahrheit dieser angeborenen Grundsätze haben zweifeln lassen sie mögen mich
zugleich entschuldigen wenn ich irren sollte Ich überlasse die Prüfung dieser
Gründe Denen welche mit mir die Wahrheit überall wo sie sie finden
aufzunehmen bereit sind
2 Die allgemeine Zustimmung ist der Hauptgrund für die angeborenen
Grundsätze Nichts hält man für unzweifelhafter als dass gewisse Grundsätze
sowohl theoretische wie praktische denn von beiden wird gesprochen von
Jedermann anerkannt werden deshalb schließt man müssen sie bleibende
Eindrücke sein welche die menschliche Seele bei ihrem ersten Entstehen
empfangen und mit sich ebenso notwendig und wirklich auf die Welt gebracht hat
wie die ihr einwohnenden Vermögen
3 Die allgemeine Zustimmung beweist nichts für das Angeborensein
Dieser der allgemeinen Übereinstimmung entnommene Grund hat indes den
Übelstand an sich dass, wenn es tatsächlich richtig wäre dass alle Menschen
in gewissen Wahrheiten übereinstimmten er nicht deren Eingeborensein bewiese
sofern noch ein anderer Weg aufgezeigt werden kann, auf dem die Menschen in den
Diagen wo sie übereinstimmen zu dieser allgemeinen Zustimmung kommen und
dieser Weg dürfte sich zeigen lassen
4 Die Sätze der Dieselbigkeit und des Widerspruchs sind nicht allgemein
anerkannt Aber schlimmer ist es dass dieser von der allgemeinen Zustimmung
entlehnte Grund um die eingeborenen Grundsätze zu beweisen mir eher zu beweisen
scheint dass es deren keine gibt denen alle Menschen zustimmen Ich beginne
mit den theoretischen und nehme als Beispiel jene gerühmten Grundsätze des
Beweisens »Was ist das ist« und »Es ist für ein und dasselbe Ding unmöglich
zu sein und nichtzusein« die glaube ich noch am meisten von allen als
angeborene gelten könnten Ihr Ansehen als allgemein anerkannte Grundsätze
steht so fest dass es sonderbar erscheinen würde wenn Jemand sie bezweifeln
wollte Dennoch sind diese Grundsätze so fern von der allgemeinen Zustimmung
dass ein großer Teil der Menschen sie nicht einmal kennt
5 Auch sind sie nicht von Natur der Seele eingeprägt da Kinder Dumme
und Andere sie nicht kennen Denn erstens ist klar dass Kinder und dumme
Menschen nicht die leiseste Vorstellung oder einen Begriff davon haben dieser
Mangel genügt um jene allgemeine Zustimmung aufzuheben welche notwendig alle
angeborenen Wahrheiten begleiten müsste Es scheint mir ein Widerspruch dass der
Seele Wahrheiten eingedrückt seien die sie nicht bemerkt oder nicht versteht
denn dieses »Eingedrückte« kann wenn es überhaupt Etwas bedeuten soll nur
bewirken dass gewisse Wahrheiten gewusst werden und ich kann nicht Verstehen
wie Etwas der Seele eingeprägt sein könnte ohne dass sie es bemerkte Wenn
daher. Kinder und dumme Menschen eine Seele oder einen Verstand mit solchen
Einprägungen haben so müssen sie sie auffassen sie kennen und diesen
Wahrheiten beistimmen und da sie dies nicht tun kann es solche Eindrücke
nicht geben Denn wenn sie keine von Natur eingeprägten Begriffe sind wie
können sie da angeboren sein und wenn diese Begriffe eingeprägt sind wie
können sie da nicht gewusst werden Sagt man ein Begriff sei der Seele
eingeprägt und zugleich die Seele kenne ihn nicht und habe ihn nie bemerkt so
macht man diese Einprägung zunichte Kein Satz kann in der Seele bestehen den
sie niemals gekannt hat und dessen sie sich niemals bewusst gewesen ist Wäre
dies bei einem möglich so könnte man aus demselben Grunde sagen dass alle
Sätze die wahr sind und denen überhaupt die Seele zustimmen kann in der Seele
bestehen und ihr eingeprägt seien Wenn man von einem sagen kann er sei in der
Seele obgleich sie ihn nie gewusst hat so kann es nur deshalb geschehen weil
die Seele fähig ist ihn kennen zu lernen und dann gilt dies für alle
Wahrheiten die sie je erfassen wird ja es sind dann auch jene Wahrheiten der
Seele eingeprägt welche sie niemals gekannt hat noch kennen wird da ein
Mensch lange leben kann und doch wenn er stirbt viele Wahrheiten nicht kennen
kann zu deren Kenntnis und zwar sicherer Kenntnis seine Seele die Fähigkeit
hatte Soll also diese behauptete natürliche Einprägung nur die Fähigkeit zum
Wissen bezeichnen so werden alle Wahrheiten die Jemand allmählich kennen
lernt zu den angeborenen gehören und diese große Frage sinkt dann zu einer
bloßen unpassenden Redeweise herab die während sie das Gegenteil scheinbar
behauptet doch nur dasselbe sagt wie die welche die angeborenen Grundsätze
bestreiten denn Niemand hat wohl je geleugnet dass die Seele zur Erkenntnis
gewisser Wahrheiten fähig ist Sagt man die Fähigkeit ist angeboren die
Kenntnis erworben wozu dann dieser Kampf für gewisse angeborene Grundsätze
Können Wahrheiten dem Verstand eingeprägt sein ohne dass er sie bemerkt so
finde ich in Bezug auf ihren Ursprung keinen Unterschied gegen Wahrheiten die
die Seele fähig ist zu erkennen entweder müssen alle angeboren oder alle
erworben sein und man sucht dann vergeblich nach einem Unterschied zwischen
denselben Wenn daher Jemand von der Seele angeborenen Begriffen spricht sofern
er dabei eine bestimmte Art von Wahrheiten meint so kann er darunter nicht
solche Wahrheiten verstehen die der Verstand nie aufgefasst hat und die er gar
nicht kennt Denn wenn die Worte »in dem Verstande sein« überhaupt etwas
bedeuten so ist es dass sie vom Verstande erfasst sind Mithin wollen
Ausdrücke wie »In dem Verstand sein aber nicht verstanden sein« »In der
Seele sein und nie bemerkt sein« ebenso so viel sagen als Etwas ist und ist
nicht in der Seele oder in dem Verstande. Wenn daher jene Sätze »Was ist das
ist« und »dasselbe Ding kann sein und nicht sein« von Natur eingeprägt sind
so müssen die Kinder sie kennen Kinder und Jeder der eine Seele hat müssen
sie dann in ihrem Verstande haben ihre Wahrheit kennen und ihr zustimmen
6 Auf den Einwand wird geantwortet dass die Menschen die Grundsätze
kennen wenn sie zum Gebrauch ihrer Vernunft kommen Um dem zu entgehen sagt
man gewöhnlich dass alle Menschen sie kennen und ihnen zustimmen wenn sie zu
dem Gebrauche ihrer Vernunft kommen und dies genüge für den Beweis dass sie
angeboren seien Ich antworte
7 Schwankende Ausdrücke die kaum Etwas bedeuten gelten bei Denen für
klare Gründe die in ihrer Voreingenommenheit sich nicht die Mühe nehmen ihre
eigenen Worte zu prüfen denn soll diese Erwiderung auf unsere Frage irgend
passen so muss sie eins von den beiden sagen entweder dass diese angeblichen
natürlichen Eindrücke sobald die Menschen zum Gebrauch ihrer Vernunft kommen
von ihnen gewusst und bemerkt werden oder: dass der Gebrauch und die Hebung der
Vernunft dem Menschen diese Grundsätze entdecken hilft und ihm die gewisse
Kenntnis derselben gewährt
8 Selbst wenn man sie durch die Vernunft entdeckt so beweist dies nicht
ihr Angeborensein Sollen diese Grundsätze nur durch den Gebrauch der Vernunft
entdeckt werden und dies zum Beweis genügen dass sie angeboren seien so hieße
dies so viel als dass jedwede Wahrheit die die Vernunft sicher entdecken kann
und der sie zustimmt von Natur der Seele eingeprägt sei weil dann die
allgemeine Zustimmung die dass Kennzeichen sein soll nur sagt dass durch den
Gebrauch der Vernunft man fähig wird gewisse Kenntnisse zu gewinnen und ihnen
zuzustimmen Dann ist aber kein Unterschied mehr zwischen den Grundsätzen
Axiomen der Mathematiker und den Lehrsätzen die sie daraus ableiten sie sind
dann alle gleich angeboren weil sie alle durch den Gebrauch des Verstandes
entdeckt werden und Wahrheiten sind die ein vernünftiges Geschöpf erlangen
kann wenn es sein Denken in rechter Weise gebraucht
9 Die Vernunft entdeckt sie nicht Wie können aber Jene annehmen dass
der Gebrauch der Vernunft zur Entdeckung von angeblich angeborenen Grundsätzen
nötig sei wenn die Vernunft sofern man ihnen glaubt nur das Vermögen ist
was unbekannte Wahrheiten aus bereits bekannten Grundsätzen oder Lehrsätzen
ableitet Das was man erst durch die Vernunft entdecken muss kann sicherlich
niemals für angeboren gelten wenn man nicht wie gesagt alle von der Vernunft
uns gelehrte sichere Wahrheiten zu angeborenen machen will Man kann dann auch
ebenso den Gebrauch der Vernunft für notwendig halten damit die Augen die
sichtbaren Dinge wahrnehmen und dass die Vernunft oder ihr Gebrauch nötig ist
damit der Verstand das sehe was ihm ursprünglich eingeprägt ist und was nicht
in dem Verstande sein kann bevor er es wahrgenommen hat Lässt man die Vernunft
diese so eingeprägten Wahrheiten entdecken so heißt das so viel als der
Gebrauch der Vernunft entdeckt was sie schon vorher wusste Haben aber die
Menschen diese angeborenen und eingeprägten Wahrheiten ursprünglich und vor dem
Gebrauch ihrer Vernunft und kennen sie sie doch nicht eher als bis sie zu dem
Gebrauch ihrer Vernunft gelangen so sagt man in Wahrheit damit dass die
Menschen sie kennen und zugleich nicht kennen
10 Man entgegnet hier vielleicht dass mathematischen Beweisen und andern
nicht angeborenen Wahrheiten nicht gleich bei ihrer Aufstellung zugestimmt werde
und dass sie sich darin von den Grundsätzen und angeborenen Wahrheiten
unterscheiden Ich werde später über die bei der ersten Aufstellung eines Satzes
erfolgende Zustimmung ausführlicher sprechen will indes hier gern einräumen
dass diese Grundsätze sich von den mathematischen Beweisen unterscheiden dass
letztere der Gründe und der Beweise bedürfen um sie als ausgemacht anzunehmen
und ihnen zuzustimmen während die ersten sofort wenn sie verstanden sind ohne
alle Begründung angenommen werden und ihnen zugestimmt wird Allein damit wird
gerade die Schwäche dieser Ausflucht dargelegt wonach der Gebrauch der Vernunft
für die Entdeckung dieser allgemeinen Wahrheiten verlangt wird obgleich man
doch einräumen muss dass zu deren Entdeckung von der Vernunft gar kein Gebrauch
gemacht wird und ich denke die welche so antworten werden nicht gern
behaupten dass die Kenntnis des Grundsatzes »Ein Ding kann nicht sein und
nichtsein« aus unserer Vernunft erst abgeleitet sei denn dies würde jene
ihnen so liebe Freigebigkeit der Natur aufheben wenn die Kenntnis dieser
Grundsätze von der Arbeit unseres Denkens abhängig wäre denn alles Begründen
ist ein Suchen und Umherblicken was Mühe und Ausdauer verlangt Wie kann man
ferner verständiger Weise annehmen dass das was die Natur als Grundlage und
Führerin der Vernunft eingeprägt haben soll nur mittelst des Gebrauches der
Vernunft gefunden werden könne
11 Jeder der sich die Mühe nimmt auf die Tätigkeit des Verstandes ein
wenig zu achten wird finden dass, wenn die Seele gewissen Wahrheiten sofort
zustimmt dies weder auf einer natürlichen Einprägung noch auf dem Gebrauch der
Vernunft, sondern auf einem Seelenvermögen beruht was wie wir später sehen
werden von beiden sehr verschieden ist Die Vernunft hat daher bei der
Herbeiführung unserer Zustimmung zu diesen Wahrheiten nichts zu tun Wenn also
mit den Worten dass nachdem man zu dem Gebrauche der Vernunft gelangt sei man
diese Wahrheiten erkenne und ihnen zustimme gemeint ist dass der Gebrauch der
Vernunft uns bei der Erkenntnis dieser Grundsätze beistehe so ist dies
durchaus falsch wäre es aber auch wahr so würde es vielmehr beweisen dass
diese Grundsätze uns nicht angeboren sind
12 Die Zeit wo man zur Vernunft kommt ist nicht die wo man zur
Kenntnis dieser Sätze kommt Wenn aber mit den Worten dass wir diese
Grundsätze erkennen wenn wir zu dem Gebrauch der Vernunft gelangt sind gemeint
ist dass dies die Zeit sei wo die Seele von ihnen Kenntnis nimmt und dass
sobald Kinder zu dem Gebrauch ihrer Vernunft kommen sie auch zur Erkenntnis
und Zustimmung zu diesen Grundsätzen kommen so ist auch dies falsch und eine
leichtfertige Behauptung Erstlich ist es falsch denn diese Grundsätze sind
nicht so zeitig in der Seele wie der Gebrauch der Vernunft, und deshalb wird
die Zeit wo man zu dem Gebrauch der Vernunft kommt fälschlich als die Zeit
ihrer Entdeckung bezeichnet Man kann gar viele Fälle von Vernunftgebrauch bei
den Kindern bemerken lange bevor sie eine Kenntnis von dem Grundsatze haben
dass es für dasselbe Ding unmöglich ist zu sein und nicht zu sein und ein
großer Teil der Ungebildeten und Wilden leben selbst viele Jahre ihres
vernünftigen Alters ohne je an diese oder ähnliche allgemeine Sätze zu denken
Ich gebe zu dass die Menschen nicht eher zur Erkenntnis dieser allgemeinen und
abgetrennten Wahrheiten die man für angeboren hält kommen als bis sie den
Gebrauch ihrer Vernunft erlangt haben aber ich setze hinzu auch dann nicht und
zwar weil wenn die Menschen zu dem Gebrauch ihrer Vernunft gelangt sind diese
allgemeinen höheren Begriffe auf welche diese allgemeinen angeblich angeborenen
Grundsätze sich beziehen in der Seele nicht gebildet sind vielmehr werden
diese Sätze entdeckt und als Wahrheiten der Seele auf demselben Wege zugeführt
und durch dieselben Schritte aufgefunden wie viele andere Sätze von denen es
noch Niemand eingefallen ist sie für angeboren zu erklären Ich hoffe dies in
dem Fortgange dieser Untersuchung darlegen zu können und ich gebe deshalb zu
dass die Menschen notwendig den Gebrauch ihrer Vernunft erlangt haben müssen
ehe sie die Erkenntnis dieser allgemeinen Wahrheiten erlangen aber ich
bestreite dass die Zeit wo man den Gebrauch der Vernunft erlangt die Zeit
ihrer Entdeckung ist
13 Deshalb unterscheiden sie sich dadurch nicht von andern auffindbaren
Wahrheiten Zugleich erhellt, dass, wenn man sagt die Menschen erkennen und
nehmen diese Grundsätze an wenn sie den Gebrauch ihrer Vernunft erlangt haben
man in Wahrheit nur sagt dass diese Grundsätze vor dem Gebrauche der Vernunft
niemals gekannt noch bemerkt werden aber dass man ihnen möglicherweise später
im Leben zustimmt wobei die Zeit wenn dies geschieht ungewiss bleibt Ebenso
verhält es sich aber auch mit allen andern erkennbaren Wahrheiten daher haben
jene keinen Vorzug und keine Auszeichnung vor diesen deshalb weil sie angeblich
erkannt werden, wenn man zu dem Gebrauche des Verstandes kommt Es kann daher
damit auch nicht bewiesen werden, dass sie angeboren sind vielmehr folgt das
Gegenteil daraus
14 Selbst wenn sie zur Zeit wo man zum Gebrauche seiner Vernunft kommt
entdeckt würden bewiese dies nicht dass sie angeboren seien Aber zweitens
würde der Umstand dass diese Sätze erkannt und ihnen zugestimmt wird wenn man
zu dem Gebrauch der Vernunft kommt selbst wenn er wahr wäre nicht beweisen
dass sie angeboren wären Diese Beweisführung ist ebenso leichtfertig wie der
Satz selbst falsch ist Denn welche Logik zeigt dass ein Begriff von Natur der
Seele ursprünglich bei ihrer ersten Bildung eingeprägt worden weil man ihn dann
bemerkt und ihm zustimmt wenn ein Seelenvermögen was einem ganz andern Gebiete
angehört sich zu entwickeln beginnt Wenn die Zeit wo man den Gebrauch der
Sprache erlangt die wäre wo man diesen Grundsätzen zuerst beistimmt was
ebenso wahr sein möchte als die Zeit wo man den Gebrauch der Vernunft
erlangt so bewiese dies ebensogut dass sie angeboren seien als wenn man dies
deshalb behauptet weil man ihnen zustimmt wenn man zu dem Gebrauch der
Vernunft gelangt ist Ich trete deshalb diesen Verteidigern von angeborenen
Grundsätzen darin bei dass die Seele vor der Erlangung des Gebrauchs der
Vernunft keine Kenntnis von diesen allgemeinen und von selbst einleuchtenden
Grundsätzen hat aber ich leugne dass die Zeit wo man zu dem Gebrauch der
Vernunft kommt die ist wo man sie zuerst bemerkt und selbst wenn dies der
Fall wäre so würde dies nicht beweisen dass sie angeboren seien Alles was
mit einiger Wahrheit durch den Satz wonach man ihnen zustimme wenn man zu dem
Gebrauch der Vernunft gelangt ist gemeint sein kann ist dass die Bildung
allgemeiner höherer Begriffe und das Verständnis allgemeiner Worte mit dem
Vermögen der Vernunft verbunden ist mit ihm zunimmt und dass deshalb Kinder
diese Begriffe nur erlangen und die dafür gebrauchten Worte nur verstehen wenn
sie zuvor längere Zeit ihre Vernunft für bekanntere und dem Einzelnen nähere
Begriffe geübt haben und durch ihr Reden und Benehmen mit Andern sich als
solche erwiesen haben welche einer vernünftigen Unterhaltung fähig sind Sollte
der Satz, dass man diesen Wahrheiten zustimmt sobald man zu dem Gebrauch der
Vernunft gelangt ist in einem anderen Sinne gelten so bitte ich mir dies zu
zeigen oder wenigstens wie aus einem solchen oder anderem Sinne desselben
folgt, dass jene Wahrheiten angeboren seien
15 Die Schritte durch welche die Seele die Wahrheiten kennen lernt
Zuerst lassen die Sinne EinzelVorstellungen ein und richten das noch leere
Kabinett ein die Seele wird dann allmählich mit einzelnen derselben vertraut
sie werden in das Gedächtnis aufgenommen und es werden ihnen Namen gegeben
Dann schreitet die Seele weiter vor trennt sie begrifflich und erlernt
allmählich den Gebrauch allgemeiner Worte So wird die Seele mit Vorstellungen
und Worten ausgestattet als dem Stoffe an dem sie ihr begriffliches Vermögen
üben kann Je mehr dieser Stoff für ihre Beschäftigung zunimmt desto sichtbarer
wird der Gebrauch der Vernunft. Wenngleich so der Besitz allgemeiner
Vorstellungen und der Gebrauch allgemeiner Worte und der Vernunft gleichzeitig
zunehmen so sehe ich doch in keiner Weise ab wie dies beweiset dass jene
angeboren seien Allerdings ist die Kenntnis gewisser Wahrheiten sehr
frühzeitig in der Seele aber doch in einer Weise welche zeigt dass sie nicht
angeboren sind Denn bei genauer Beobachtung wird man immer finden dass sie
sich auf erworbene und nicht auf angeborene Vorstellungen beziehen und zwar
zunächst auf die von äußern Gegenständen empfangenen welche die Kinder
zunächst beschäftigen und auf ihre Sinne die häufigsten Eindrücke machen In
diesen so erlangten Vorstellungen entdeckt die Seele dass einzelne
zusammenstimmen andere verschieden sind wahrscheinlich sogleich wenn das
Gedächtnis benutzt wird und sie im Stande ist bestimmte Vorstellungen zu
fassen und festzuhalten Mag es indes zu dieser Zeit geschehen oder nicht so
geschieht dies jedenfalls lange vor dem Gebrauch der Worte oder vor dem
sogenannten Gebrauch der Vernunft. Denn ein Kind kennt schon ehe es sprechen
kann den Unterschied der Wahrnehmungen von süß und bitter dh dass süß
nicht bitter ist so gewiss als es später wenn es sprechen kann weiß dass
Wermut und Zuckererbsen nicht ein und dasselbe Ding sind
16 Ein Kind weiß nicht eher dass 3 und 4 gleich 7 sind als bis es bis
7 zählen kann und den Namen und die Vorstellung der Gleichheit erlangt hat dann
stimmt es bei Erklärung dieser Worte sofort zu oder begreift die Wahrheit dieses
Satzes Indes stimmt es dann nicht zu weil es eine ihm eingeborene Wahrheit
ist und ebenso fehlte seine Zustimmung nicht deshalb so lange weil ihm der
Gebrauch der Vernunft fehlte sondern die Wahrheit erscheint ihm dann wenn es
in seiner Seele die klaren und bestimmten Vorstellungen befestigt hat zu denen
diese Worte gehören Dann erkennt es die Wahrheit dieses Satzes aus demselben
Grunde und auf dieselbe Weise als es vorher wusste dass eine Rute und eine
Kirsche nicht dasselbe Ding sind und aus demselben Grunde aus dem es später zu
dem Wissen gelangt dass es für dasselbe Ding unmöglich ist zu sein und nicht
zu sein wie später noch weiter gezeigt werden soll Je später also Jemand zu
diesen allgemeinen Vorstellungen gelangt aus welchen diese Grundsätze bestehen
oder je später er die Bedeutung der Worte für diese Vorstellungen kennen lernt
oder je später er die Vorstellungen, welche sie bezeichnen in seiner Seele
zusammenbringt desto später wird er auch diesen Sätzen zustimmen deren Worte
mit den dadurch bezeichneten Vorstellungen so wenig ihm angeboren sind wie die
einer Katze oder eines Wiesels vielmehr muss er warten bis die Zeit und
Beobachtung ihn damit bekannt gemacht hat Dann wird er fähig sein die Wahrheit
dieser Sätze zu verstehen sobald ein Umstand ihn bestimmt diese Vorstellungen
zu verbinden und zu beobachten ob sie so wie diese Sätze es aussagen
zusammenstimmen oder nicht Deshalb erkennt ein Erwachsener mit derselben
Selbstgewissheit dass 18 und 19 gleich 37 sind mit der er weiß dass 1 und 2
gleich 3 sind Indes erkennt ein Kind das eine nicht so schnell als das
andere nicht aus Mangel an Vernunftgebrauch sondern weil die Vorstellungen,
welche mit den Worten 18 19 und 37 bezeichnet werden nicht so schnell gewonnen
werden als die welche durch 1 2 und 3 bezeichnet sind
17 Eine Zustimmung die erfolgt sofort wenn der Satz aufgestellt und
verstanden worden beweist noch nicht dass er angeboren ist Wenn sonach diese
Ausflucht mit einer allgemeinen Zustimmung sobald man zu dem Gebrauch seiner
Vernunft gelangt hinfällig ist und den Unterschied zwischen diesen angeblich
angeborenen und den später erworbenen und erlernten Wahrheiten aufhebt so hat
man gesucht die allgemeine Zustimmung zu diesen sogenannten Grundsätzen dadurch
zu sichern dass man sagte man stimme denselben sofort zu wenn sie
ausgesprochen und die Worte verstanden worden Indem man sah dass Jedermann und
selbst Kinder sobald sie diese Wahrheiten hörten und die Worte verstanden
ihnen zustimmten so hielt man dies für genügend um ihr Eingeborensein zu
beweisen Denn da Niemand sobald er die Worte verstanden zögert sie für
unzweifelhafte Wahrheiten anzuerkennen so will man daraus folgern dass diese
Sätze zunächst in den Verstand gelegt worden sind, weil dieser ohne alle
Belehrung bei ihrer ersten Aufstellung ihnen sofort zustimmt und dann niemals
mehr daran zweifelt
18 Wenn solche Zustimmung das Angeborensein bewiese so würde die Menge
der angeborenen Grundsätze zahllos sein In Antwort hierauf frage ich ob die
Zustimmung, welche sofort einem Satze bei dessen erstem Hören und Verstehen
gegeben wird das sichere Zeichen eines angeborenen Grundsatzes ist Wo nicht
so kann diese allgemeine Zustimmung nicht als Beweis geltend gemacht werden
soll sie dagegen ein solches Zeichen sein so müssen dann alle jene Sätze
angeboren sein denen man sofort bei dem Hören zustimmt und Jene befinden sich
dann überaus reichlich mit angeborenen Grundsätzen versorgt Denn aus demselben
Grunde dh aus der Zustimmung bei dem ersten Hören und Verstehen der Worte,
der diese Grundsätze für angeborene erweisen soll muss man auch die vielerlei
Sätze über Zahlen für angeboren anerkennen zB den Satz dass 1 und 2 gleich
3 dass 2 und 2 gleich 4 und viele andere ähnliche Zahlensätze denen Jeder bei
dem ersten Hören und Verstehen der Worte zustimmt Diese alle müssen dann einen
Platz unter den angeborenen Grundsätzen erhalten Auch ist dies kein Vorzug der
Zahlen allein und der davon gebildeten Lehrsätze vielmehr bringen auch die
Naturwissenschaft und andere Wissenschaften Lehrsätze die der sofortigen
Zustimmung bei ihrem Verständnis sicher sind Dass zwei Körper nicht denselben
Ort einnehmen können ist eine Wahrheit bei der man mit der Zustimmung so wenig
zögert als bei dem Satze dass unmöglich dasselbe Ding sein und auch nichtsein
kann oder, dass weiß nicht schwarz ist dass ein Viereck kein Kreis ist dass
das Gelbe nicht das Süße ist Allen diesen und Millionen anderen wenigstens so
vielen als man bestimmte Vorstellungen hat muss ein Mensch von gesundem
Verstande bei dem ersten Hören und Verstehen der Worte notwendig zustimmen
Wollen also Jene ihrer Regel treu bleiben und soll die Zustimmung bei dem
ersten Hören und Verstehen der Worte ein Zeichen des Eingeborenseins sein so
müssen sie so viele angeborene Grundsätze anerkennen als es bestimmte
Vorstellungen gibt ja selbst so viele als Lehrsätze in denen verschiedene
Vorstellungen von einander verneint werden aufgestellt werden können; denn
jeder solcher Satz wird sicherlich bei dem ersten Hören und Verstehen der Worte
ebenso die Zustimmung erhalten als jener Satz dass unmöglich dasselbe Ding sein
und auch nichtsein kann oder dass, was die Grundlage von diesem und der
leichter verständliche Satz ist dass ein Ding nicht von sich selbst verschieden
ist Damit haben sie Legionen angeborener Grundsätze schon von dieser einen Art
ohne der andern zu erwähnen Da nun kein Satz uns angeboren sein kann wenn
nicht auch seine Vorstellungen angeboren sind so muss man alle untere
Vorstellungen von Farben Tönen Geschmäcken Gestalten für angeborene
anerkennen obgleich doch nichts mehr der Vernunft und Erfahrung als eine
solche Folge widersprechen kann Die allgemeine und sofortige Zustimmung bei
dem Hören und Verstehen der Worte ist wie ich einräume ein Zeichen der
Selbstgewissheit allein diese Selbstgewissheit hängt nicht von angeborenen
Eindrücken ab sondern von etwas Anderem wie ich später zeigen werde und sie
kommt vielen Sätzen zu von denen noch Niemand es gewagt hat sie für angeboren
zu erklären
19 Solche Sätze von geringerer Allgemeinheit werden vor denen von
größerer Allgemeinheit gewusst Auch darf man nicht sagen dass diese mehr
besonderen selbstgewissen Sätze denen man bei dem ersten Hören zustimmt wie
dass 1 und 2 gleich sind 3 dass grün nicht rot ist usw als die Folge von
allgemeineren Sätzen angenommen werden die als angeboren gelten denn wenn
Jemand nur auf den Vorgang dabei im Verstande Acht gibt so wird er finden
dass diese und ähnliche weniger allgemeinen Sätze offenbar von Personen
aufgefasst werden und ihnen zugestimmt wird welche die allgemeineren Sätze gar
nicht kennen Wenn daher die besonderen Sätze früher in der Seele sind als die
sogenannten obersten Grundsätze so kann von letztem nicht die Zustimmung
kommen mit der jene bei dem ersten Hören angenommen werden
20 Der Einwand dass diese besondere Sätze ohne Nutzen seien wird
widerlegt Sagt man dass Sätze wie 2 und 2 sind gleich 4 rot ist nicht
blau usw keine allgemeinen Grundsätze und von geringem Nutzen seien so
erwidere ich dass dieser Umstand darauf ohne Einfluss ist dass sie beim Hören
und Verstehen sofort von Jedermann angenommen werden Denn soll es als ein
sicheres Zeichen des Angeborenseins gelten wenn ein Satz sei er welcher er
wolle bei dem ersten Hören und Verstehen sofort angenommen wird so müssen jene
Sätze ebenso für angeboren gelten wie der Satz: es ist unmöglich dass ein Ding
ist und nicht ist da dieser Grund für beide derselbe bleibt Und wenn letzterer
Satz von allgemeinerer Natur ist so kann man ihn um so weniger für angeboren
ansehen weil diese allgemeinen und hohem Begriffe für die erste Auffassung
fremdartiger sind als die Begriffe in den mehr besonderen selbstgewissen Sätzen
deshalb dauert es auch länger ehe der wachsende Verstand sie annimmt und ihnen
zustimmt Was aber den Nutzen dieser hochgerühmten Grundsätze anlangt so durfte
er bei der später folgenden Untersuchung dieser Frage sich nicht so groß
ergeben als man gewöhnlich annimmt
21 Diese Grundsätze werden meist nicht eher gekannt als bis sie
aufgestellt worden und dies beweist dass sie nicht angeboren sind Damit ist
es indes in Bezug auf diese Zustimmung zu Sätzen so wie man sie das erste Mal
hört und versteht noch nicht abgetan es ist zunächst hier zu bemerken dass
diese Zustimmung anstatt ein Zeichen des Eingeborenseins zu sein vielmehr der
Beweis des Gegenteils ist weil dabei vorausgesetzt wird dass die welche
andere Dinge verstehen und kennen diese Grundsätze so lange nicht kennen als
sie ihnen nicht vorgesagt werden und dass man mit diesen Wahrheiten so lange
unbekannt sein kann als man sie nicht von Anderen gehört hat Wären sie
angeboren was bedürfte es da ihrer Aufstellung um die Zustimmung zu erlangen
da sie wenn sie dem Verstande ursprünglich und von Natur eingeprägt wären
vorausgesetzt es gäbe solche Sätze schon vorher bekannt sein mussten Soll
etwa die Aufstellung derselben sie der Seele klarer eindrücken als die Natur es
getan Ist dies der Fall so folgt, dass man sie besser kennt wenn man sie so
gelernt hat als vorher Daraus folgt weiter dass diese Grundsätze
selbstverständlicher für uns sind wenn Andere sie uns lehren als vermittelst
der bloßen Einprägung durch die Natur Dies stimmt aber schlecht mit der Lehre
von angeborenen Grundsätzen und unterstützt sie wenig im Gegenteil werden sie
damit unfähig die Grundlagen unseres ganzen Wissens zu bilden was sie doch
sein sollen Man kann nicht bestreiten dass man mit manchen dieser
selbstverständlichen Grundsätze erst bei deren Aufstellung bekannt wird
offenbar bemerkt also Der dem dies begegnet dass er einen Satz kennen lernt
der ihm vorher unbekannt war und wenn er ihn von da ab nicht mehr bezweifelt
so kommt dies nicht von dessen Angeborensein sondern weil die Rücksicht auf die
Natur des in diesen Worten enthaltenen Inhalts es ihm nicht gestattet ihn
anders aufzufassen wenn bei spätem Gelegenheiten dieser Satz ihm wieder
vorkommt Soll Etwas dem man bei dem ersten Hören und Verstehen zustimmt
allemal für einen angeborenen Grundsatz gelten so ist jede wohl begründete
Betrachtung die aus Einzelnem zu einer allgemeinen Regel sich erhebt
angeboren Dessenungeachtet macht nicht Jedweder sondern nur scharfsinnige
Menschen zuerst diese Betrachtungen nur diese führen sie auf allgemeine Sätze
zurück die also nicht angeboren, sondern aus vorgebenden Erfahrungen und dem
Nachdenken über einzelne Fälle abgenommen sind Wenn Beobachter solche Sätze
gebildet haben so können dann die NichtBeobachter ohne eigenes Nachdenken
bei dem Hören derselben ihnen die Zustimmung nicht versagen
22 Das »unentwickelte Wissen« solcher Sätze sagt entweder nur dass der
Verstand sie begreifen kann oder es hat keinen Sinn Man sagt auch dass der
Verstand vor dem ersten Hören solcher Sätze eine unentwickelte Kenntnis
derselben habe und nur keine entwickelte So muss man sprechen wenn man
behauptet dass diese Sätze vor ihrem Wissen in dem Verstande seien Allein man
kann sich schwer vorstellen was mit einer solchen unentwickelten Einprägung
eines Grundsatzes in den Verstand gemeint ist es wäre denn die Seele sei
fähig solche Sätze zu verstehen und ihnen fest zuzustimmen Dann müssen aber
alle mathematischen Beweise ebenso wie die obersten Grundsätze als natürliche
Einprägungen der Seele gelten obgleich man dies schwerlich zugeben wird da man
einen Satz schwerer beweisen als dem Bewiesenen zustimmen kann Nur wenige
Mathematiker werden glauben wollen dass alle Figuren die sie gezeichnet nur
Abbilder der angeborenen Gestaltungen seien welche die Natur in ihre Seele
eingeprägt habe
23 Der Grund welcher aus der Zustimmung beim ersten Hören entnommen
wird beruht auf der falschen Annahme dass keine Unterweisung dabei
vorhergegangen sei Noch eine andere schwache Seite hat der Grund dass die
Sätze denen man bei dem ersten Hören zustimmt deshalb als angeboren gelten
weil man hierbei Sätzen zustimme die nicht gelehrt seien und die ihre Kraft von
keinem Gründe und Beweise ableiten sondern nur einer einfachen Erklärung und
des Verständnisses der Worte bedürfen Mir scheint hier nämlich die Täuschung
unterzuliegen dass man meint der Mensch könne nichts lernen und über nichts
belehrt werden de novo obgleich in Wahrheit er das was er lernt oder gelehrt
erhält vorher nicht gekannt hat Denn erstens ist klar dass der Mensch die
Worte und ihre Bedeutung gelernt hat was Beides ihm nicht angeboren gewesen
ist; dies sind indes noch nicht all die erlernten Kenntnisse auch die
Vorstellungen selbst welche der Satz befasst sind so wenig wie die Worte
angeboren sondern erst später erworben Daher sind bei allen Sätzen denen man
bei dem ersten Hören zustimmt weder die Worte und ihre Verbindung mit den
Vorstellungen noch diese selbst angeboren Was bleibt nun aber nach Abzug dessen
an den Sätzen noch Angeborenes übrig Ich möchte wohl dass man mir einen Satz
angäbe wo entweder die Worte oder die Vorstellungen angeboren sind Im
Gegenteil erwerben wir die Vorstellungen und Worte allmählich und ebenso ihre
passende Verbindung mit einander; erst dann stimmten wir bei dem ersten Hören
den Sätzen zu die in Worten ausgedrückt sind deren Bedeutung wir gelernt
haben und bei denen wir die Zusammenstimmung oder NichtZusammenstimmung der
verbundenen Worte verstehen während wir gleichzeitig solchen Sätzen nicht
beistimmen können die zwar in sich ebenso gewiss und überzeugend sind aber
Vorstellungen befassen die wir noch nicht so schnell oder so leicht erlangt
haben So stimmt ein Kind leicht dem Satze zu dass ein Apfel kein Feuer ist
wenn es durch genaue Bekanntschaft sich die Vorstellungen dieser zwei
verschiedenen Dinge in seiner Seele eingeprägt hat und es die Worte Apfel und
Feuer als die Bezeichnung dieser Dinge gelernt hat allein wahrscheinlich wird
dasselbe Kind erst mehrere Jahre später dem Satze beistimmen dass dasselbe Ding
unmöglich sein und nichtsein kann Die Worte sind hier vielleicht ebenso leicht
zu lernen aber ihre Bedeutung ist weiter umfassender und abgetrennter als die
Worte welche den sinnlichen Dingen beigelegt werden mit denen das Kind sich
beschäftigt Deshalb lernt es erst nach längerer Zeit den Sinn jener Worte und
es braucht mehr Zeit um in seiner Seele die allgemeinen damit verknüpften
Vorstellungen zu bilden Vorher wird man vergebens die Zustimmung des Kindes zu
solchen allgemein gefassten Sätzen zu erlangen suchen sobald es aber diese
Vorstellungen gewonnen und ihre Worte kennen gelernt hat so stimmt es
ebensowohl dem einen wie dem andern Satze bereitwillig zu und zwar aus ein und
demselben Grunde nämlich weil es findet dass die Vorstellungen in seiner Seele
ebenso mit einander stimmen oder nicht stimmen wie sie in den Sätzen mit
einander verbunden oder von einander verneint sind Sagt man ihm aber Sätze in
Worten die Vorstellungen bezeichnen welche es noch nicht in seiner Seele hat
so stimmt es solchen Sätzen wenn sie auch noch so offenbar wahr oder falsch
sind weder zu noch nicht zu sondern entscheidet sich zu nichts weil Worte
die keine Zeichen unserer Vorstellungen sind nur leere Töne bleiben Deshalb
kann man ihnen nur so weit zustimmen als sie Vorstellungen bezeichnen die man
besitzt Die nähere Darlegung der Mittel und Wege auf welchen die Seele ihr
Wissen erwirbt und die Gründe für die verschiedenen Grade der Zustimmung werden
später zur Untersuchung kommen deshalb sind sie hier nur als einer der Gründe
berührt worden die mich an den angeborenen Grundsätzen zweifeln lassen
24 Sie sind nicht angeboren, denn die Zustimmung zu ihnen ist keine
allgemeine Um mit diesem aus der allgemeinen Zustimmung entnommenen Grunde
abzuschließen gab ich den Verteidigern angeborener Grundsätze zu dass sie
wenn sie angeboren sind allgemeine Zustimmung finden müssen denn ich könnte es
nicht verstehen dass eine Wahrheit zwar angeboren wäre aber doch keine
Zustimmung fände dies wäre ebenso als wenn ein Mensch eine Wahrheit wüsste und
sie doch nicht wüsste Allein nach dem eignen Zugeständnis dieser Verteidiger
können sie nicht angeboren sein weil Diejenigen ihnen nicht zustimmen welche
die Worte nicht verstehen oder welche diese Worte zwar verstehen aber solche
Sätze noch nicht gehört oder bedacht haben und dies wird glaube ich
mindestens die Hälfte aller Menschen sein Aber selbst wenn die Zahl viel
kleiner wäre genügte sie die allgemeine Zustimmung aufzuheben und selbst wenn
nur die Kinder diese Sätze nicht kennten würde dies schon ergeben dass sie
nicht angeboren sind
25 Diese Grundsätze sind nicht das was man zuerst weiß Damit man
mich indes nicht beschuldige dass ich meine Beweise aus dem Denken der Kinder
entnehme was man doch nicht kenne und dass ich Folgerungen aus den Vorgängen
in ihrer Seele ziehe bevor sie davon etwas mittheilen können so erwidere ich
zunächst dass jene beiden allgemeinen Sätze nicht die ersten Wahrheiten sind
welche das Kind besitzt und dass sie nicht jeder erworbenen und von Außen
gekommenen Kenntnis vorhergehen was doch sein müsste wenn sie angeboren
wären Wenn man dies auch nicht sollte feststellen können so gibt es doch
sicherlich einen Zeitpunkt wo die Kinder zu denken beginnen denn ihre Worte
und Handlungen überzeugen uns davon Sind sie also zu dieser Zeit im Stande zu
denken zu erkennen und zuzustimmen so kann man vernünftiger Weise nicht
annehmen dass sie dann die Begriffe noch nicht erkennen sollten welche die
Natur ihnen wenn es der Fall wäre eingeprägt hätte Kann man vernünftiger
Weise glauben dass sie von äußern Dingen die Eindrücke empfangen und
gleichzeitig die SchriftZeichen nicht kennen welche die Natur selbst ihnen
eingeprägt habe Wie könnten sie die von Außen kommenden Begriffe aufnehmen und
ihnen zustimmen und doch die nicht kennen welche in die Grundlage ihres Daseins
selbst eingewoben und da in unvertilgbaren Zeichen eingegraben sein sollen um
die unterläge und den Führer all ihrer erworbenen Kenntnisse und ihres spätem
Denkens abzugeben Dies hieße die Natur sich nutzlos anstrengen oder sie sehr
schlecht schreiben lassen wenn ihre SchriftZeichen selbst von den Augen nicht
gesehen würden die Anderes sehr gut sehen Diese klarsten Stücke der Wahrheit
und diese Grundlagen unseres Wissens wären dann sehr schlecht eingerichtet wenn
sie nicht zuerst erkannt würden und wenn auch ohne sie die sichere Kenntnis
vieler Dinge erlangt werden könnte Das Kind weiß sicherlich dass die Amme
welche es stillt weder die Katze ist mit der es spielt noch der schwarze
Mohr vor dem es sich fürchtet und dass der Wurmsamen oder Senf den es nicht
mag nicht der Apfel oder der Zucker ist nach dem es schreit Dies ist
unzweifelhaft aber kann man deshalb sagen dass es vermittelst des Grundsatzes
geschehe wonach dasselbe Ding unmöglich sein und nichtsein kann wenn es so
fest diesen und andern Vorstellungen seiner Seele zustimmt Oder, dass das Kind
in einem Alter wo es offenbar schon eine Menge anderer Wahrheiten kennt schon
einen Begriff und ein Verständnis von jenem Satze habe Wer da sagt dass
Kinder diese allgemeinen und abgetrennten Grundsätze mit ihrer Saugflasche oder
Klapper bei sich führen wird mit Recht als ein eifriger und hitziger aber nicht
als ein aufrichtiger und wahrheitsliebender Verteidiger seiner Meinung gelten
26 Und deshalb sind sie nicht angeboren.) Es mag daher allgemeine Sätze
geben welche bei erwachsenen Personen die mit den allgemeinen und hohem
Begriffen und deren Worten bekannt sind gleich bei ihrer Aufstellung eine
beständige und wahrhafte Zustimmung finden aber da dies sich nicht auch bei
Personen zartem Alters findet obgleich sie Anderes kennen so können diese
Sätze keine allgemeine Zustimmung bei allen vernünftigen Personen beanspruchen
und deshalb auch nicht als angeboren gelten Denn eine angeborene Wahrheit wenn
es eine solche gibt kann unmöglich ungekannt bleiben wenigstens nicht für
Jemand der schon Anderes kennt Gibt es angeborene Wahrheiten so gibt es auch
angeborene Gedanken da keine Wahrheit in der Seele bestehen kann an die sie
niemals gedacht hat Daraus erhellt, dass wenn es Wahrheiten gibt die der
Seele angeboren sind die Seele auch zuerst an sie denken muss und sie zuerst in
ihr sich zeigen müssen
27 Sie sind nicht angeboren, weil sie am wenigsten sich zeigen während
das Angeborene sich am klarsten zeigen muss Dass diese besprochenen allgemeinen
Grundsätze den Kindern Dummen und vielen Menschen unbekannt sind habe ich
bereits zur Genüge gezeigt und daraus erhellt, dass ihnen keine allgemeine
Zustimmung zukommt und dass sie keine allgemeinen Einprägungen sind Indes
spricht gegen ihr Angeborensein noch der weitere Grund dass, wenn diese Zeichen
ursprüngliche und angeborene Eindrücke wären sie bei denjenigen Personen am
ersten und deutlichsten hervortreten müssten bei denen man doch keine Spur
davon bemerkt Es spricht nach meiner Ansicht stark gegen dieses Angeborensein
dass sie gerade den Personen am wenigsten bekannt sind bei denen sie wenn es
sich so verhielte gerade am stärksten und kräftigsten sich geltend machen
müssten Denn Kinder Dumme Wilde und alle unwissende Leute sind weniger wie
Andere durch Gewohnheit oder angenommene Meinungen verdorben bei ihnen hat
Unterricht und Erziehung die ursprünglichen Gedanken nicht in neue Formen
gepresst und keine fremde und erlernte Lehre kann diese von der Natur
eingeschriebenen deutlichen Zeichen verwischt haben Deshalb kann man mit Recht
erwarten dass in der Seele Dieser jene angeborenen Begriffe offen für Jedermanns
Anblick darliegen werden wie dies bei den Gedanken der Kinder immer der Fall
ist; man sollte mit Recht erwarten dass diese Grundsätze jenen Naturen
vollkommen bekannt sein müssten wenn sie unmittelbar der Seele eingeprägt wären
wie Jene annehmen und deshalb von dem Zustand und den Organen des Körpers
unabhängig wären wodurch sie sich allein von andern Sätzen unterscheiden Nach
den Ansichten Jener sollte man meinen dass alle diese natürlichen Lichtstrahlen
wenn es deren gibt in ihrem vollen Glänze bei Denen leuchten müssten welche
nichts verheimlichen und künstlich verbergen können und dass sie uns über ihr
Dasein so wenig zweifeln lassen könnten als man an ihrer Liebe zum Angenehmen
und an ihrer Sehen vor dem Schmerze zweifelt Aber welche Grundsätze welche
allgemeine Regeln des Wissens findet man denn bei Kindern Dummen Wilden und
Ungebildeten Ihre Begriffe sind beschränkt nur den Gegenständen entnommen mit
denen sie am meisten zu tun haben und welche ihre Sinne am häufigsten und
stärksten erregt haben Ein Kind kennt seine Amme und seine Wiege und allmählich
mit zunehmendem Alter sein Spielzeug ein junger Wilder ist vielleicht von der
Liebe zur Jagd nach der Weise seines Stammes erfüllt wer aber bei einem
unerzogenen Kinde und einem wilden Bewohner der Wälder diese höheren Sätze und
berühmten Grundlagen der Wissenschaften erwartet wird sich fürchte ich sehr
getäuscht finden Solche allgemeine Sätze hört man nicht in den Hütten der
Indianer noch weniger finden sie sich in dem Denken der Kinder und in den
Seelen der Naturmenschen eingeprägt sie sind vielmehr nur die Sprache und die
Beschäftigung in den Schulen und Akademien gebildeter Völker welche an diese
Art von Unterhaltung und Gelehrsamkeit gewöhnt sind und wo häufig Streitfälle
sich erheben Hier sind diese Regeln für die künstlichen Beweise zurecht gemacht
und für die Widerlegung zu gebrauchen aber sie helfen wenig bei der Entdeckung
der Wahrheit und zu dem Fortschritt des Wissens. Über diesen Punkt werde ich
noch bei Kap 7 Buch IV Gelegenheit haben mehr zu sagen
28 Wiederholung Was ich hier ausgeführt habe mag den Meistern in der
Beweiskunst töricht vorkommen und bei dem ersten Hören wird es Niemandem in
den Kopf wollen Ich bitte deshalb um einen kurzen Waffenstillstand mit dem
Vorurteil und um ein Anhalten im Tadel bis man mich in dem Folgenden
vollständig angehört haben wird dann bin ich gern bereit mich dem bessern
Urteile zu unterwerfen Ich suche ernstlich nach der Wahrheit und bin deshalb
nicht in Sorgen dass man mich überführen könnte indem ich von meiner Meinung
zu eingenommen wäre obgleich wie ich gestehe Alle gern dazu neigen wenn
Anstrengungen und Nachdenken den Kopf erhitzt haben Mit einem Worte Ich kann
diese beiden wissenschaftlichen Grundsätze nicht für angeboren halten weil man
nicht allgemein ihnen zustimmt Die Zustimmung, welche ihnen in der Regel zu
Teil wird erhalten auch andere Sätze in gleicher Weise obgleich sie nicht als
angeborene behauptet werden Wenn ihnen zugestimmt wird so geschieht dies
anderer Umstände wegen und nicht weil sie von Natur uns eingeprägt sind wie
ich später auszuführen hoffe Sind also diese obersten Grundsätze der
Erkenntnis und Wissenschaft nicht angeboren, so kann auch kein anderer höherer
Grundsatz nach meiner Meinung ein besseres Recht als jene darauf geltend
machen
1 Kein moralischer Grundsatz ist so klar und allgemein anerkannt als die
vorerwähnten theoretischen Grundsätze Wenn jene theoretischen Sätze von denen
ich in dem vorigen Kapitel gehandelt habe nicht bei allen Menschen
tatsächliche Zustimmung haben wie dort gezeigt worden so erhellt, dass den
praktischen Grundsätzen noch viel mehr zur allgemeinen Annahme fehlt Man wird
schwerlich eine Moralregel anführen können die eine so allgemeine und schnelle
Zustimmung beanspruchen könnte als der Satz: Was ist das ist öder deren
Wahrheit so offenbar ist wie die des Satzes Es ist unmöglich dass dasselbe
Ding ist und nichtist Sie haben deshalb noch weniger Anspruch darauf
angeboren zu sein und der Zweifel ob sie der Seele von Natur eingeprägt seien
ist hier stärker als bei jenen Sätzen Nicht dass ihre Wahrheit damit in Frage
gestellt werden soll sie sind vielmehr ebenso wahr und nur nicht ebenso
einleuchtend Die theoretischen Sätze führen ihre Selbstgewissheit mit sich
aber die moralischen Grundsätze verlangen Nachdenken Begründung und einige
Verstandesübung um die Gewissheit ihrer Wahrheit zu erkennen Sie liegen nicht
wie von Natur eingegebene Schriftzeichen offen in der Seele vor denn sonst
müssten sie durch sich selbst erkennbar und durch ihr eigenes Licht gewiss und
Jedermann bekannt sein Damit soll ihrer Wahrheit und Gewissheit nichts entzogen
sein auch die Wahrheit und Gewissheit dass die drei Winkel eines Dreiecks
zweien rechten gleich sind, leidet ja dadurch nicht dass dieser Satz nicht so
einleuchtend ist als der dass das Ganze grösser ist als ein Teil und dass
man jenem bei dem ersten Hören nicht ebenso gleich beistimmen kann wie diesem
Es genügt dass diese Moralregeln bewiesen werden können; wenn wir also zu
keiner solchen Kenntnis derselben gelangen so ist es nur unsere eigene Schuld
Indes ist die Unwissenheit in der sich Viele in Bezug auf sie befinden und
die Langsamkeit mit der Andere ihnen zustimmen doch ein klarer Beweis dass
sie nicht angeboren sind und dass sie sich dem Blick nicht ohne Suchen
darbieten
2 Treue und Gerechtigkeit werden nicht von Jedermann als Grundsätze
anerkannt Ich berufe mich auf Alle die sich nur etwas mit der Geschichte der
Menschheit bekannt gemacht und über den Rauch ihrer Feueresse hinweggesehen
haben ob es Moralsätze gibt in denen alle Menschen übereinstimmen Wo ist die
praktische Wahrheit die ohne Zweifel und Bedenken allgemein so anerkannt würde
wie es bei einer angeborenen Wahrheit sein muss In der Gerechtigkeit und in der
treuen Erfüllung der Verträge scheinen noch die meisten Menschen
übereinzustimmen dieser Grundsatz erstreckt sich selbst auf die Höhlen der
Diebe und auf die Verbindungen zwischen den verworfensten Menschen selbst die
welche in der Verleugnung aller Menschlichkeit am weitesten gehen halten doch
einander noch Wort und untereinander auf Gerechtigkeit Ich gebe zu dass selbst
Geächtete dies gegen einander beobachten aber nicht weil sie sie als
angeborene Gesetze der Natur anerkennen Sie befolgen sie in ihren
Gemeinschaften als Regeln der Zweckmäßigkeit aber derjenige kann unmöglich die
Gerechtigkeit als einen praktischen Grundsatz erachten der bei seinen
Raubgenossen ehrlich danach handelt aber gleichzeitig den ersten ehrlichen
Mann der ihm begegnet plündert oder tötet Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit
sind das gemeinsame Band der Gesellschaft und es müssen deshalb selbst
Geächtete und Räuber die sonst mit aller Welt gebrochen haben unter sich auf
Treue und Billigkeit halten da sie ohnedem nicht zusammen bestehen können kann
man aber deshalb sagen dass die welche vom Betruge und Raube leben angeborene
Grundsätze der Gerechtigkeit und Wahrheit haben welche sie anerkennen und denen
sie zustimmen
3 Der Einwurf wird beantwortet dass die Menschen zwar in der Ausübung
sie verleugnen aber sie doch innerlich anerkennen Vielleicht entgegnet man
dass ihre stillschweigende Zustimmung das anerkennt dem ihr Handeln
widerspricht Ich antworte zunächst dass ich die Handlungen der Menschen immer
für die besten Ausleger ihrer Gedanken genommen habe Indes ist es sicher dass
viele Menschen durch ihre Handlungen und mancher durch offene Erklärungen diese
Grundsätze entweder bezweifelt oder geleugnet haben Man kann daher keine
allgemeine Zustimmung behaupten selbst wenn man hierbei bloß auf die
Erwachsenen achtet und ohnedem kann man sie auch nicht als angeboren
anerkennen Zweitens wäre es sonderbar und unvernünftig angeborene praktische
Grundsätze anzunehmen die sich bloß darauf beschränken sie denkend zu
betrachten Praktische Grundsätze die von der Natur abgeleitet werden gelten
für das Handeln und sollen die Einstimmigkeit im Handeln und nicht bloß die
theoretische Zustimmung zu ihrer Wahrheit herbeiführen sonst wäre es nutzlos
sie von den theoretischen Sätzen zu sondern Die Natur hat wie ich anerkenne
in den Menschen das Begehren nach Glück und den Abscheu vor Unglück gelegt dies
sind wahrhafte angeborene Grundsätze die wie solche es sollen fortwährend
wirksam sind und alle unsere Handlungen ohne Unterlass bestimmen dies kann man
an allen Personen jedes Alters stetig und allgemein bemerken allein dies sind
Neigungen aus dem Begehren nach dem Guten und keine Einprägungen von Wahrheiten
in den Verstand Ich bestreite nicht dass der menschlichen Seele von Natur
gewisse Bestrebungen eingeprägt sind und dass mit Beginn des Wahrnehmens und
Vorstellens manche Dinge als angenehm und andere als unangenehm gelten dass man
zu manchen neigt und vor anderen flieht aber dies führt nicht zu angeborenen
Schriftzeichen in der Seele welche als Grundsätze der Erkenntnis unser Handeln
regeln sollen Dergleichen bestätigt so wenig natürliche Eindrucke auf den
Verstand dass es vielmehr gegen sie spricht denn gäbe es wirklich dergleichen
Eindrücke ähnlich den Grundsätzen der Erkenntnis, so müsste man ihre stetige
Wirksamkeit auf die Erkenntnis doch in sich bemerken wie dies mit jenen andern
auf den Willen und das Begehren geschieht denn diese sind ohne Unterlass die
Triebfedern und Beweggründe für all unser Handeln und wir fühlen sehr deutlich
wie sie uns fortwährend dazu antreiben
4 Die Moralvorschriften bedürfen eines Beweises deshalb sind sie nicht
angeboren.) Ein anderer Grund weshalb ich an dergleichen angeborenen praktischen
Grundsätze zweifle ist dass schwerlich eine Moralvorschrift aufzustellen ist
für welche man nicht mit Recht einen Grund verlangen kann Dies wäre ganz
verkehrt und lächerlich wenn sie uns angeboren oder selbstverständlich wären
was jeder angeborene Grundsatz sein muss der weder eines Beweises zur Begründung
seiner Wahrheit noch eines Grundes zur Erlangung seiner Billigung bedarf Man
würde Den für ganz unverständig halten der für den Satz dass dasselbe Ding
unmöglich sein und nichtsein kann nach einer oder der anderen Seite hin einen
Grund verlangte Dieser Satz führt sein eigenes Licht und seine Gewissheit mit
sich und braucht keinen andern Beweis wer die Worte versteht stimmt ihm als
solchem bei nichts Anderes könnte ihn dazu bestimmen Wenn man dagegen die
sicherste Moralregel und die Grundlage aller gesellschaftlichen Tugend nämlich
dass man dem Andern das tun solle was man selbst für sich getan verlangt
Jemandem sagt der sie nie gehört hat aber sie zu verstehen fähig ist sollte
der nicht mit vollem Recht nach ihrem Grunde fragen dürfen und ist der welcher
sie aufstellt nicht verpflichtet ihm ihre Wahrheit und Vernünftigkeit
darzulegen Dies zeigt klar dass dieser Satz nicht angeboren ist denn wäre er
es so würde man einen Beweis dafür weder verlangen noch erhalten können
vielmehr müsste der Satz wenigstens bei dem ersten Hören und Verstehen
angenommen und ihm als eine unzweifelhafte Wahrheit zugestimmt werden bei der
Niemand Bedenken haben kann. Deshalb hängt die Wahrheit aller Moralregeln von
andern ihnen vorgehenden ab aus denen sie abgeleitet werden müssen dies könnte
aber nicht sein wenn sie angeboren oder so viel als selbstverständlich wären
5 Der Fall mit dem Halten der Verträge Dass die Menschen ihre Verträge
halten sollen ist sicherlich eine wichtige und unbestreitbare Regel der Moral
Fragt man indes einen Christen mit seiner Aussicht auf Glück oder Elend in
einem andern Leben weshalb ein Mann sein Wort halten müsse so wird er als
Grund angeben weil Gott der die Macht über ewiges Leben und ewigen Tod habe
es so von uns verlange Fragt man aber einen Anhänger von Hobbes so wird er
sagen weil das Publikum es verlangt und Leviathan den strafen würde der dem
entgegenhandelt wäre aber einer der alten Philosophen gefragt worden so hätte
er geantwortet weil es unanständig unter der Würde des Menschen sei und der
Tugend als der höchsten Vollkommenheit der menschlichen Natur widerspreche
wenn man anders handle
6 Die Tugend wird im Allgemeinen nicht weil sie uns angeboren sondern
weil sie uns nützlich ist gebilligt Daher kommt es dass die Ansichten über
die Regeln der Moral bei den Menschen nach den verschiedenen Arten von Glück
das sie erwarten oder erstreben so verschieden sind Dies wäre unmöglich wenn
die Grundsätze des Handelns uns angeboren und durch Gottes Hand unmittelbar
unserer Seele eingeprägt worden wären Allerdings ist das Dasein Gottes in so
vieler Weise offenbar und der ihm schuldige Gehorsam stimmt so mit dem Licht
der Vernunft überein dass viele Menschen dies Gesetz der Natur bezeugen allein
dennoch muss man anerkennen dass sehr viele Moralregeln eine allgemeine
Anerkennung bei Menschen finden die den wahren Grund der Moralität weder kennen
noch zulassen welcher nur in dem Willen und dem Gebote eines Gottes bestehen
kann der den Menschen in der Finsternis sieht in seiner Hand Lohn und Strafe
hält und mächtig genug ist auch den frechsten Übertreter zur Rechenschaft zu
ziehen Denn da Gott Tugend und allgemeines Glück unzertrennlich mit einander
verknüpft hat und daher die Hebung derselben für die Erhaltung der Gesellschaft
unentbehrlich ist und ihre wohltätigen Folgen für Alle mit denen ein
tugendhafter Mann zu tun hat augenfällig sind so kann man sich nicht wundern
wenn Jedermann diese Regeln nicht bloß anerkennt sondern auch empfiehlt und
preist denn er hat von deren Beobachtung einen sichern Nutzen für sich zu
erwarten Er wird sowohl aus Interesse wie aus Überzeugung das für heilig
erklären was wenn einmal niedergetreten und entheiligt ihn selbst seines
Wohls und seiner Sicherheit beraubt Obgleich dies der moralischen und ewigen
Verbindlichkeit die diesen Regeln offenbar einwohnt nichts entzieht so zeigt
es doch dass die äußere Anerkennung welche die Menschen ihnen in ihren Worten
zollen noch kein Beweis ist dass sie angeboren seien ja nicht einmal dass
die Menschen ihnen innerlich als den unverletzlichen Regeln ihres Handelns
zustimmen der eigene Vorteil und die Rücksichten im Leben lassen vielmehr
Viele diese Regeln äußerlich bekennen und billigen obgleich ihre Handlungen
klärlich zeigen dass sie wenig auf den Gesetzgeber achten der diese Gebote
erlassen und auf die Hölle welche er als Strafe den Übertretern angedroht
hat
7 Die Handlungen der Menschen zeigen dass die Regeln der Tugend nicht
Grundsätze in ihrem Innern sind Vertraut man nicht aus Höflichkeit zu sehr den
Versicherungen der meisten Menschen sondern nimmt man ihre Handlungen für die
Dolmetscher ihrer Gedanken so findet man keine solche innere Verehrung für
diese Regeln bei ihnen und keine so volle Überzeugung von ihrer Gewissheit und
Verbindlichkeit Der große Grundsatz der Moral Andern das zu tun was man
sich selbst getan verlangt wird mehr empfohlen als geübt Aber die Verletzung
dieses Grundsatzes gilt nicht für ein so großes Laster wie es für Tollheit
gelten würde wenn man Andern lehren wollte dieser Satz sei keine Moralregel und
habe keine Verbindlichkeit und laufe nicht gegen den eigenen Vorteil dem zu
Liebe man doch diese Regel übertritt Vielleicht entgegnet man dass das
Gewissen uns für solche Übertretungen straft und dass dadurch die innere
Verbindlichkeit und Geltung der Regel bewahrt bleibe
8 Das Gewissen beweist nicht dass irgend eine Moralregel angeboren ist
Hierauf antworte ich dass unzweifelhaft Viele ohne dass es in ihr Herz
geschrieben ist auf demselben Wege auf dem sie zur Kenntnis anderer Dinge
gelangen auch zu der Zustimmung zu manchen Moralregeln gelangen und von deren
Verbindlichkeit überzeugt werden Andere kommen zu derselben Gesinnung durch
ihre Erziehung ihren Umgang und die Sitten ihres Landes Wie auch diese
Überzeugung erlangt sein mag so dient sie doch das Gewissen in Wirksamkeit zu
bringen da dasselbe nur die eigene Meinung oder Ansicht von der moralischen
Rechtlichkeit oder Schlechtigkeit unserer Handlungen ist Wäre das Gewissen ein
Zeichen angeborener Grundsätze so wären die entgegengesetzten Grundsätze
angeboren da der Eine aus demselben Gewissensdrang das erstrebt was der Andere
vermeidet
9 Beispiele von Ungeheuerlichkeiten die ohne Gewissensbisse verübt
worden Wie könnte Jemand diese Moralregeln vertrauensvoll und heiter
übertreten wenn sie angeboren und der Seele eingeprägt wären Allein man sehe
nur ein Heer was eine Stadt plündert und suche nach der Beobachtung jener
MoralGrundsätze nach dem Gefühl für solche oder nach den Gewissensbissen für
alle dabei verübten Gräueltaten Raub Mord Notzucht wird die Lust derer die
vor Strafe und Tadel gesichert sind Hat es nicht ganze Völker selbst in den
gebildetsten Erdteilen gegeben bei denen das Aussetzen der Kinder die man auf
dem Felde dem Hungertode oder wilden Tieren überließ eine Sitte war die so
wenig verdammt oder verdächtigt wurde wie die Erzeugung derselben Wird nicht
in manchen Ländern das neugeborene Kind in dasselbe Grab mit der Mutter gelegt
wenn sie bei der Niederkunft gestorben ist und schafft man es nicht auf die
Seite wenn ein vermeintlicher Sterndeuter erklärt dass die Sterne ihm
ungünstig seien Gibt es nicht Gegenden wo die Eltern wenn sie alt geworden
ohne alle Gewissensbisse ausgesetzt oder getötet werden In einem Theile Asiens
werden die Kranken sobald man an ihrem Aufkommen verzweifelt schon vor ihrem
Tode hinausgetragen und auf die Erde gelegt wo man sie dem Winde und Wetter
Preis gegeben ohne Mitleid oder Hülfe umkommen lässt Unter den Mingreliern
einem das Christentum bekennenden Volke ist es Sitte die Kinder lebendig zu
begraben ohne dass man sich darüber ein Bedenken macht an andern Orten werden
die eigenen Kinder verzehrt Die Karaiben pflegten ihre Kinder zu entmannen um
sie fett zu machen und dann zu verzehren Garzilasso de la Vega erzählt von
einem Volke in Peru was die Kinder zu mästen und zu verzehren pflegte die sie
mit gefangenen Frauen erzeugt hatten welche sie zu dem Ende sich als
Beischläferinnen hielten und wenn diese über die Zeit des Gebärens hinaus
kamen so wurden auch sie getötet und verzehrt Die Tuupinambos glaubten nur
durch die Tugend dass sie sich an ihren Feinden rächten und möglichst viele von
ihnen verzehrten das Paradies gewinnen zu können Sie haben nicht einmal einen
Namen für Gott und weder Religion noch Gottesverehrung Die welche unter den
Türken für heilig erklärt worden sind, haben ein Leben geführt was man ohne
Verletzung des Anstandes nicht schildern kann In Baumgartens Reisen einem
seltenen Buche findet sich hierfür eine Stelle die ich in der Sprache des
Verfassers hier wiedergebe Er sagt »In Belbec in Ägypten sahen wir einen
Sarazenischen Heiligen unter Haufen von Spinnen so nackt sitzen wie er aus dem
Mutterleibe gekommen war Es ist wie wir hörten bei den Mohammedanern Sitte
dass die Blödsinnigen und Wahnsinnigen als Heilige betrachtet und verehrt
werden Auch Die welche lange ein verruchtes Leben geführt haben aber dann
freiwillig die Reue und Armut auf sich nehmen halten sie wegen ihrer
Heiligkeit für verehrungswürdig Solche Heilige genießen einer zügellosen
Freiheit sie können nach Belieben in die Häuser eintreten essen trinken ja
den Beischlaf mit den Frauen vollziehen und entsteht eine Nachkommenschaft
daraus so gilt auch diese für heilig So lange diese Menschen leben wird ihnen
alle Ehre erwiesen und nach ihrem Tode werden ihnen Tempel und kostbare
Denkmäler errichtet und sie halten den Ort für glücklich wo deren Leichnam
hinkommt und beerdigt wird Wir hörten dergleichen durch den Dolmetscher von
unserm Macrelus Übrigens wurde jener Heilige welchen wir dort sahen
vorzugsweise als ein göttlicher und besonders rechtlicher Mann gerühmt weil er
weder mit Frauen noch mit Knaben seiner Sinnlichkeit frönte sondern nur mit
Eselinnen und Mauleselinnen« Man sehe die Reisen von Baumgarten Buch II Kap
1 Seite 73 Mehr dergleichen in Betreff dieser kostbaren Heiligen bei den
Türken findet man bei Pietro della Valle in seinem Briefe vom 26 Januar 1616
Wo bleiben da jene angeborenen Grundsätze der Gerechtigkeit Frömmigkeit
Dankbarkeit Billigkeit und Keuschheit Und wo ist jene allgemeine Zustimmung da
zu finden die uns solcher angeborenen Regeln vergewissern soll Morde beim
Duell werden wo die Mode sie zur Ehrensache gemacht hat ohne Gewissensbisse
vollbracht und an manchen Orten gereicht die Unschuld in solchem Falle zur
größten Schande Überschaut man die Menschen wie sie sind so zeigt sich
dass sie an dem einen Ort Gewissensbisse über Handlungen oder Unterlassungen
haben die an einem andern Orte als verdienstlich gelten
10 Es bestehen praktische Grundsätze die sich widersprechen Wer die
Geschichte der Menschheit sorgfältig liest sich unter den verschiedenen
Volksstämmen umsieht und ihre Handlungen ohne Vorurteil betrachtet kann sich
überzeugen dass man kaum einen moralischen Grundsatz angeben oder eine
Tugendregel auffinden kann die ausgenommen welche die Gesellschaft zu ihrem
Bestehen nicht entbehren kann obgleich selbst diese gewöhnlich zwischen
mehreren Gesellschaften nicht beachtet werden die nicht in einer oder der
andern Weise von der allgemeinen Mode ganzer Gesellschaftsklassen verspottet
oder verurteilt wird deren praktische Ansichten und Lebensregeln ganz denen
Anderer entgegenlaufen
11 Ganze Völker verwerfen manche Moralregeln Man erwidert hier
vielleicht dass es nichts gegen die Kenntnis einer Regel beweise wenn sie
übertreten werde Ich erkenne diesen Einwurf da an wo die Menschen die Gesetze
trotz der Übertretung nicht verleugnen und wo die Furcht vor Schande Tadel
oder Strafe ein Zeichen bleibt dass das Gesetz ihnen noch eine gewisse
Ehrfurcht einflößt Aber unmöglich kann ein ganzes Volk das verwerfen und
verleugnen was jeder Einzelne sicher und untrügerisch als Gesetz anerkennt und
doch müsste es sich so verhalten wenn das Gesetz von Natur dem Gemüt des
Einzelnen eingeprägt wäre Allerdings kann es kommen dass Menschen sich für
Moralregeln aussprechen welche sie innerlich nicht für wahr halten allein sie
wollen dann damit nur ihren guten Ruf und ihre Achtung sich bei denen erhalten
welche an die Verbindlichkeit dieser Regeln glauben Eine ganze Gesellschaft
kann aber unmöglich offen und ausdrücklich eine Regel verleugnen und verwerfen
welche die Einzelnen in ihrem Innern doch als ein unzweifelhaftes Gesetz
anerkennen müssen und von der sie wüssten dass Alle mit denen sie verkehren
ebenso dächten Deshalb müsste Jeder fürchten dass die Andern ihn so verachten
und verabscheuen wie es der verdient welcher sich aller Menschlichkeit bar
erklärt und der welcher die natürlichen und anerkannten Vorschriften über
Recht und unrecht vermengt kann nur als der erklärte Feind ihres Friedens und
Glückes angesehen werden. Ein praktischer Grundsatz der angeboren wäre müsste
von Jedermann für einen gerechten und guten gehalten werden Deshalb ist es
beinah ein Widerspruch zu behaupten dass ganze Völker in ihren Reden und
Handeln einstimmig und allgemein das verleugnen sollten was jeder Einzelne mit
untrüglicher Gewissheit als wahr, recht und gut anerkennte Dies zeigt somit
dass eine praktische Regel die irgendwo allgemein und mit offener Billigung
oder Nachsicht übertreten wird nicht angeboren sein kann Indes habe ich noch
mehr auf diesen Einwurf zu erwidern
12 Man sagt die Übertretung einer Vorschrift ist noch kein Beweis dass
sie unbekannt ist. Dies gebe ich zu wenn aber irgendwo die Übertretung
allgemein zugelassen wird so beweist dies dass sie nicht angeboren ist Wir
wollen beispielsweise eine von den Regeln nehmen die am unmittelbarsten aus der
Vernunft sich ergeben mit den natürlichen Neigungen der meisten Menschen
stimmen und die nur wenige Völker frech verleugnet oder unbedachtsam bezweifelt
haben Ist irgend eine Regel von Natur eingeprägt so hat keine mehr Anspruch
darauf als die dass Eltern ihre Kinder schützen und lieben sollen Was soll es
nun heißen wenn man sagt diese Regel sei angeboren Entweder ist sie dann ein
angeborener Grundsatz der bei jeder Gelegenheit das Handeln Jedermanns bestimmt
und leitet oder sie ist eine Wahrheit die in Jedermanns Seele eingeprägt und
deshalb gekannt und gebilligt wird Aber weder in diesem noch in jenem Sinne ist
sie angeboren Denn erstens bestimmt sie nicht das Handeln aller Menschen wie
ich durch die obigen Beispiele dargelegt habe auch braucht man nicht bis
Mingrelien und Peru zu gehen um solche Vernachlässigung und Misshandlung ja
Vernichtung der Kinder zu finden auch kann dies nicht bloß als die rohe Sitte
einiger wilden und barbarischen Völker angesehen werden; man erinnere sich nur
der Griechen und Römer bei denen es gewöhnlich und straflos war die
unschuldigen Kinder ohne Mitleid und Gewissensbedenken auszusetzen Ebenso ist
es zweitens falsch dass diese Regel eine angeborene Wahrheit sei die alle
Menschen kennen Diese Regel dass Eltern ihre Kinder schützen und ernähren
sollen ist nicht bloß keine angeborene sondern überhaupt keine Wahrheit denn
es ist ein Gebot und kein Lehrsatz und daher kann sie weder wahr noch falsch
sein. Um eine Zustimmung zu ihr als eine Wahrheit zu erlangen müsste sie in
einen Lehrsatz etwa der Art umgewandelt werden »Es ist eine Pflicht der
Eltern ihre Kinder zu erhalten« Allein was eine Pflicht ist kann ohne Gesetz
nicht eingesehen werden und ein Gesetz gibt es nicht ohne Gesetzgeber oder
ohne Lohn und Strafe Daher kann weder dieser noch ein anderer praktischer
Grundsatz angeboren sein dh der Seele als eine Pflicht eingeprägt sein wenn
nicht auch die Begriffe von Gott Gesetz Verbindlichkeit Strafe und einem
jenseitigen Leben ebenfalls angeboren sind Denn die Strafe folgt der
Übertretung dieser Regel nicht in diesem Leben und deshalb ist klar dass sie
in Ländern nicht die Kraft eines Gesetzes haben kann wo die allgemein
zugelassene Sitte dagegen geht Jene Begriffe die sämtlich angeboren sein
müssten wenn es so etwas wie eine Pflicht geben soll sind aber so wenig
angeboren dass sie weder bei allen fleißigen und denkenden Menschen und noch
weniger bei allen lebenden Menschen klar und deutlich bestehen Dies gilt selbst
für den Begriff, der noch am meisten als angeboren angenommen werden könnte
nämlich den Begriff von Gott Dies wird im nächsten Kapitel sich hoffentlich
für jeden denkenden Leser herausstellen
13 Aus dem Bisherigen ergibt sich wohl unbedenklich dass eine Regel
die irgendwo allgemein und ohne Tadel übertreten wird nicht angeboren sein
kann denn es ist unmöglich dass Menschen ohne Scheu und Furcht dreist und
offen eine Regel übertreten sollten von der sie klar wüssten und dies müsste
sein wenn sie angeboren wäre dass Gott sie aufgestellt habe und ihre
Übertretung mit einer Strafe sicher belegen werde welche die Sache für den
Übertreter zu einem schlechten Geschäfte mache Ohne ein solches Wissen kann
Niemand sicher sein dass ihm Etwas als Pflicht obliegt Kennt man ein Gesetz
nicht oder bezweifelt man es oder hofft man der Wissenschaft und Macht des
Gesetzgebers zu entgehen so kann vielleicht eine gegenwärtige Begierde die
Übermacht gewinnen sieht man aber den Fehler und die dabei liegende Peitsche
und ein Feuer als die bereite Strafe der Übertretung oder sieht man einen
lockenden Genuss aber zugleich die Hand des Allmächtigen der sie erhebt und
Rache zu nehmen bereit ist und dies muss der Fall sein wenn eine Pflicht der
Seele eingeprägt ist dann möchte ich wissen ob bei einer solchen Aussicht und
einer solchen sichern Kenntnis Jemand in Übermut und Gewissenlosigkeit das
Gesetz übertreten könnte was er in unvertilgbaren Schriftzügen in sich trüge
und was ihm in das Gesicht starrte während er es verletzte Kann wohl Jemand
wenn er das eingeprägte Gebot eines allmächtigen Gesetzgebers in sich fühlt
ruhig und vergnügt dessen heiligste Gebote übersehen und mit Füssen treten Und
wäre es endlich wohl möglich dass, wenn Jemand so offen dem angeborenen Gesetz
und dem höchsten Gesetzgeber Trotz bietet alle Umstehenden und selbst die
Leiter und Führer des Volkes die in gleichem Sinne das Gesetz und den
Gesetzgeber in sich fühlen dem schweigend nachsehen ihr Missfallen nicht
aussprechen und nicht den leisesten Tadel darüber ausdrücken sollten Allerdings
sind Grundsätze des Handelns in den Trieben des Menschen enthalten aber sie
sind keine angeborenen Moralregeln da wenn man ihnen volle Freiheit gäbe sie
die Menschen zur Vernichtung aller Moralität führen würden Moralische Gesetze
sind eine Kinnkette und ein Zügel gegen jene übermäßigen Begierden aber sie
können es nur durch Strafen und Belohnungen sein welche der zu erwartenden Last
aus der Gesetzesübertretung das Gleichgewicht halten Ist daher irgend Etwas der
menschlichen Seele als Gesetz eingeprägt so müsste es die sichere und
unvermeidliche Kenntnis sein dass eine gewisse und unvermeidliche Strafe der
Übertretung des Gesetzes folgt Kann man aber über angeborene Grundsätze noch
zweifeln so hat die Behauptung und Geltendmachung von solchen keinen Zweck
dann sind Wahrheit und Gewissheit um die es sich handelt nicht voll durch sie
gesichert und der Mensch bleibt in derselben unsicheren schwankenden Lage als
gäbe es deren gar nicht Jedes angeborene Gesetz muss mit dem sichern Wissen
verbunden sein dass seiner Übertretung eine unvermeidliche Strafe folgt die
groß genug ist um von der Übertretung abzuschrecken man müsste dann mit
einem angeborenen Gesetz zugleich ein angeborenes Evangelium annehmen Indes
missverstehe man mich nicht Wenn ich die angeborenen Gesetze leugne so will ich
damit nicht alle andern Gesetze die positiven ausgenommen verleugnen Es ist
ein großer Unterschied zwischen angeborenen und natürlichen Gesetzen zwischen
dem was in Urschrift in unsere Seele eingeprägt sein soll und dem was wir
zwar nicht kennen aber durch Gebrauch und die rechte Anwendung unserer
natürlichen Fähigkeiten lernen können Dagegen scheint mir dass man in beiden
Fällen die Wahrheit einbüßt mag man ein angeborenes Gesetz behaupten oder mag
man leugnen dass ein Gesetz durch das natürliche Licht dh ohne die Hülfe
einer wirklichen Offenbarung erkannt werden könne
14 Die Verteidiger angeborener praktischer Grundsätze geben dieselben
nicht näher an Der Zwiespalt der Menschen über praktische Grundsätze ist so
offenbar dass nach dem Gesagten es unmöglich sein dürfte mittelst des
Kennzeichens der allgemeinen Zustimmung eine angeborene praktische Regel
aufzufinden und es muss schon deshalb die Annahme solcher angeborenen Grundsätze
bedenklich scheinen weil die welche so sicher davon sprechen doch sehr
zurückhaltend werden wenn sie solche angeben sollen Und doch kann man dies mit
Recht von Männern verlangen die auf diese Meinung so großes Gewicht legen Man
möchte entweder ihrem Wissen oder ihrer christlichen Liebe misstrauen wenn sie
behaupten dass Gott die Grundlagen der Erkenntnis und die Regeln des Lebens
der Seele des Menschen eingeprägt habe und sie doch für die Belehrung ihrer
Nachbarn und die Ruhe der Menschen diese Grundsätze nicht aus der Menge solcher
die die Menschen verwirrt herausheben mögen Allerdings würde solche Belehrung
nicht nötig sein wenn es wirklich solche angeborene Grundsätze gäbe denn wenn
der Mensch solche angeborenen Sätze in seiner Seele eingeprägt fände so würde er
sie leicht von andern Wahrheiten unterscheiden können die er später gelernt und
daraus abgeleitet hat und nichts wäre leichter als die Art und Zahl dieser
Sätze zu kennen Man würde über ihre Zahl so wenig wie über die Zahl unserer
Finger zweifeln und jedes System würde sie dann bereitwillig aufzählen Allein
so viel ich weiß hat bis jetzt noch Niemand ein Verzeichnis derselben
gegeben und man kann daher Die nicht tadeln welche dergleichen angeborene
Sätze in Zweifel stellen da selbst Jene welche von uns verlangen dass wir an
solche angeborene Sätze glauben diese selbst nicht angeben Wenn Menschen
verschiedener Sekten es unternehmen ein Verzeichnis dieser angeborenen
Grundsätze aufzustellen so würde Jeder offenbar nur solche aufnehmen die
seinen besonderen Ansichten entsprächen und die Lehren seiner besonderen Schule
oder Kirche unterstützten dies zeigt klar dass es dergleichen angeborene
Grundsätze nicht gibt Ja Viele sind so fern von Annahme solcher Grundsätze
dass sie dem Menschen sogar die Freiheit abstreiten und sie zu bloßen Maschinen
machen obgleich sie damit nicht bloß die angeborenen sondern alle moralischen
Regeln über den Haufen werfen und denen die Möglichkeit des Glaubens daran
nehmen welche nicht begreifen können wie ein Gesetz noch einen Sinn für Wesen
haben könne denen die Freiheit fehlt Aus einem solchen Grunde müssen natürlich
alle Gebote der Tugend von Denen verworfen werden welche Moralität und
Mechanismus nicht vereinigen können und die Versöhnung oder Verträglichkeit
beider dürfte nicht leicht zu bewerkstelligen sein
15 Die angeborenen Grundsätze von Lord Herbert werden geprüft Als ich
dies geschrieben hatte hörte ich dass Lord Herbert in seinem Buche »Über die
Wahrheit« diese angeborenen Grundsätze angenommen habe ich holte mir deshalb bei
ihm Rath und hoffte von einem so geistvollen Manne Etwas zu erfahren was mir
hier genügte und meinen Untersuchungen ein Ende machte In seinem Kapitel über
den natürlichen Instinkt S 72 der Ausgabe von 165 fand ich folgende sechs
Kennzeichen der von ihm angenommenen gemeinsamen Erkenntnisse Ursprünglichkeit
Unabhängigkeit Allgemeinheit Gewissheit Notwendigkeit dh nach seiner
Erklärung dass sie zur Erhaltung des Menschen beitragen und die Weise der
Einstimmung dh eine sofortige Zustimmung In seiner kleinen Abhandlung
»Über die Religion des Laien« sagt er am Ende über diese angeborenen Grundsätze
Folgendes »Diese Wahrheiten, welche überall gelten werden nicht durch das
Geltungsgebiet einzelner Religionen beschränkt denn sie sind in die Seele vom
Himmel aus eingeschrieben und bedürfen weder einer geschriebenen noch
ungeschriebenen Überlieferung« und Seite 3 »Unsere katholischen Wahrheiten
die als die unzweifelhaften Aussprüche Gottes in das Innere eingeschrieben
sind« Nachdem er so die Kennzeichen der angeborenen Grundsätze oder allgemeinen
Begriffe gegeben und behauptet hat dass sie von Gottes Hand in die Seele der
Menschen eingeprägt worden zählt er als solche folgende auf 1 Es gibt ein
höchstes Wesen 2 Dieses Wesen muss verehrt werden 3 Die mit Frömmigkeit
verbundene Tugend ist die beste Art Gott zu verehren 4 Man muss von den
Sünden wieder zu sich kommen 5 Nach diesem Leben gibt es einen Lohn und eine
Strafe Ich gebe zu dass dies klare Wahrheiten sind denen wenn sie richtig
erklärt werden, von jedem vernünftigen Wesen zugestimmt werden muss aber der
Beweis dass sie dem Innern eingeprägte und angeborene Grundsätze seien ist
meines Erachtens nicht geführt
16 Ich erlaube mir zuerst zu bemerken dass man an diesen fünf
Grundsätzen entweder zu wenige oder zu viele hat wenn sie als die allgemeinen
Begriffe gelten sollen die Gottes Finger in unsere Seele geschrieben habe
sofern man dergleichen überhaupt vernünftiger Weise annehmen kann Es gibt noch
mehr Sätze die nach des Verfassers eigenen Regeln denselben Anspruch erheben
und als angeborene Grundsätze zugelassen werden können, wie diese fünf zB
»Handle so wie Du willst dass man gegen Dich handle« und vielleicht finden
sich bei genauer Betrachtung noch hundert andere gleicher Art
17 Zweitens findet sich keines der von ihm aufgestellten Kennzeichen an
diesen fünf Sätzen sein erstes zweites und drittes Kennzeichen stimmt mit
keinem und das erste zweite dritte vierte und sechste passen nur schlecht
auf seinen dritten vierten und fünften Satz Denn die Geschichte lehrt uns
dass nicht bloß Einzelne sondern ganze Völker diese Sätze sämtlich oder zum
Teil bezweifeln oder nicht daran glauben So kann ich nicht einsehen wie der
dritte dass Tugend mit Frömmigkeit die beste Gottesverehrung sei ein
angeborener Satz sein soll denn das Wort oder der Laut Tugend ist seinem Sinne
nach schwer zu verstehen unterliegt vielen Unsicherheiten und der damit
bezeichnete Gegenstand ist bestritten und schwer zu erkennen Deshalb kann
dieser Satz nur eine sehr unsichere Regel für das menschliche Handeln abgeben
für die Führung unseres Lebens nur wenig nützen und ist daher zu einem
angeborenen Grundsatz völlig ungeeignet
18 Erwägt man den Sinn dieses Satzes denn dieser Sinn und nicht der Laut
macht den Grundsatz oder den Gemeinbegriff aus so heißt Tugend ist die beste
Gottesverehrung so viel als sie ist Gott die angenehmste Versteht man nun
unter Tugend wie gewöhnlich das Handeln was nach den verschiedenen Meinungen
der Länder als lobenswert gilt so ist dieser Satz nicht bloß ungewiss sondern
auch unwahr Wird dagegen unter Tugend das Handeln verstanden was Gottes Willen
oder seinen Vorschriften entspricht und dies ist der wahre und alleinige
Maßstab der Tugend wenn man damit das bezeichnet was seiner Natur nach recht
und gut ist so ist der Satz allerdings wahr und gewiss aber für das Leben
wenig nütze weil er dann nur sagt dass Gott sich der von ihm befohlenen
Handlungen erfreut Man kann einen solchen Satz für wahr halten und doch nicht
wissen was Gott befiehlt und man entbehrt mit ihm ebenso wie ohne ihn jeder
Regel und jedes Grundsatzes für das Handeln Schwerlich wird ein Satz der nur
sagt dass Gott sich an den von ihm befohlenen Handlungen erfreut für einen
angeborenen Moralgrundsatz gehalten werden der in jede Seele eingeschrieben sein
soll mag er auch noch so wahr und groß sein da er so wenig besagt Wer dem
beistimmt muss mit gleichem Recht noch hundert andere Grundsätze für angeboren
halten viele haben ebenso viel Recht dazu wie dieser obgleich noch Niemand
sie zu angeborenen Grundsätzen erhoben hat
19 Ebensowenig belehrend ist der vierte Satz dass die Menschen ihre
Sünden bereuen sollen bevor nicht bestimmt ist, welche Handlungen als sündhaft
gelten sollen Das Wort peccata oder Sünden bezeichnet gewöhnlich die bösen
Taten überhaupt welche eine Strafe für den Täter nach sich ziehen wie kann
da der Ausspruch zu sorgen dass wir nicht das tun was uns Unglück bringt
ein großer moralischer Satz sein wenn man dabei die Taten nicht kennt die
diese Folge haben Der Satz ist gewiss wahr und man hat ihn zu merken und sich
einzuprägen wenn man zuvor belehrt worden welche Art Handlungen sündhaft
seien aber weder dieser noch der vorige Satz können als angeborene gelten noch
selbst wenn dies der Fall wäre etwas nützen wenn nicht gleichzeitig die
besonderen Schranken und Grenzen aller Tugenden und Laster in die menschliche
Seele eingeschriebene und angeborene Grundsätze sind und dies möchte sehr zu
bezweifeln sein Gott dürfte daher wohl schwerlich Grundsätze in der Menschen
Seele in Worten eingegraben haben die wie Tugend und Sünde schwankende
Bedeutungen haben und bei verschiedenen Menschen auch Verschiedenes bezeichnen
ja man kann nicht denken dass es überhaupt in Worten geschehen ist da sie in
diesem Grundsatze nur eine sehr allgemeine Bedeutung haben und nur verstanden
werden können, wenn man das Einzelne darunter Befasste kennt In den einzelnen
Fällen muss das Urteil nach der Kenntnis der Handlungen selbst und deren
Regeln sich bestimmen die von Worten entnommen sind welche der Kenntnis der
hohem Begriffe vorausgehen und diese Regeln muss man kennen gleichviel ob man
Englisch oder Japanisch spricht oder gar keine Sprache gelernt hat und der
Worte sich nicht bedienen kann wie bei Taubstummen der Fall ist. Wenn man es
erreichen kann dass Menschen ohne Kenntnis der Worte und der Gesetze und
Sitten ihres Landes wissen es gehöre zur Gottesverehrung Niemand zu töten
nur ein Weib zu erkennen die Leibesfrucht nicht abzutreiben die Kinder nicht
auszusetzen Niemand das Seinige zu nehmen auch wenn man selbst Mangel leidet
vielmehr ihm zu helfen und in seiner Not beizustehen und im Falle dagegen
gehandelt worden es zu bereuen sich darüber zu bekümmern und sich zu
entschließen es nicht wieder zu tun wenn sage ich alle Menschen diese und
tausend ähnliche Regeln wissen und anerkennen die sämtlich unter die oben
gebrauchten allgemeinen Worte von »Tugenden und Sünden« fallen so hätte man
erst dann mehr Grund diese und ähnliche Worte für Gemeinbegriffe und praktische
Grundsätze anzuerkennen Nach Allem also kann die allgemeine Zustimmung wenn es
eine solche bei Moralsätzen gibt zu Wahrheiten deren Kenntnis auf andere
Weise erlangt werden kann, schwerlich beweisen dass sie angeboren sind und
dies allein ist es was ich behaupte
20 Der Einwand dass angeborene Grundsätze verdorben werden können, wird
beantwortet Es ändert hierbei nichts wenn man mit der geläufigen aber nicht
viel bedeutenden Erwiderung kommt dass angeborene MoralGrundsätze durch
Erziehung Beispiel und die allgemeine Meinung der Umgebung verdunkelt und
zuletzt aus der Seele ganz ausgetilgt werden können. Wäre diese Behauptung wahr
so würde sie den aus der allgemeinen Zustimmung entnommenen Grund umstoßen
durch welchen man beweisen will dass diese Grundsätze angeboren seien diese
Personen müssten denn die Überzeugungen ihrer selbst und ihrer Partei für die
allgemeine Zustimmung halten Dies geschieht allerdings nicht selten Menschen
die sich für die alleinigen Meister der wahren Vernunft halten werfen die
Ansichten und Meinungen der übrigen Menschen als der Beachtung unwert bei
Seite dann lautet ihr Beweis »Die von allen Menschen für wahr anerkannten
Grundsätze sind angeboren die von vernünftigen Menschen anerkannten Grundsätze
sind solche von allen Menschen anerkannte wir und unsere Genossen sind
vernünftig deshalb erhellt, dass unsere Grundsätze angeboren sind« was
allerdings eine ganz hübsche Art zu beweisen ist bei welcher der Schritt bis
zur Untrüglichkeit sehr kurz ist zumal es ohnedem schwer ersichtlich wäre wie
es Grundsätze geben kann welche alle Menschen wissen und anerkennen und wo
dennoch jeder dieser Grundsätze durch Gewohnheit und schlechte Erziehung
verdorben und aus der Seele wieder vertilgt werden kann. Dies hieße so viel
als »Alle Menschen erkennen es an aber einige Menschen bestreiten es und sind
anderer Ansicht« In Wahrheit kann die Annahme solcher obersten Grundsätze uns
wenig nützen wir sind mit ihnen und ohne sie in der gleichen Verlegenheit wenn
durch menschliche Macht nämlich durch den Willen der Lehrer und die Meinungen
unserer Umgebung sie verändert oder verloren werden können. Trotz allen Pochens
auf solche oberste Grundsätze und dies angeborene Licht bleibt man ebenso in der
Dunkelheit und Ungewissheit als wenn es dergleichen gar nicht gibt es ist
gleich ob man keine Regel oder nur eine solche hat die sich bei jeder
Gelegenheit verbirgt oder ob man unter verschiedenen und entgegengesetzten
Regeln die rechte nicht kennt In Betreff des Angeborenseins der Grundsätze
bitte ich deren Verteidiger mir zu sagen ob sie durch Erziehung und
Gewohnheit ausgelöscht und vertilgt werden können oder nicht Ist Letzteres der
Fall so müssen sie bei allen Menschen gleich und überall klar sein und wenn
sie von hinzukommenden Begriffen leiden so müssen sie je näher der Quelle um
so klarer und erkennbarer sein dh bei Kindern und Ungebildeten die noch die
wenigsten fremden Eindrücke empfangen haben Welche Wendung die Verteidiger
dieser angeborenen Grundsätze auch nehmen sie werden immer finden dass sie mit
den klaren Tatsachen und den täglichen Wahrnehmungen in Widerspruch geraten
21 Es gibt entgegengesetzte Grundsätze in der Welt Ich gebe gern zu
dass es viele Ansichten gibt welche von Personen verschiedener Länder
Erziehung und Temperament als oberste und unzweifelhafte Grundsätze angenommen
und festgehalten werden obgleich viele davon sowohl wegen ihrer Verkehrtheit
wie wegen ihres gegenseitigen Widerspruchs unmöglich wahr sein können Allein
trotzdem dass alle diese Sätze der Vernunft gerade entgegen sind werden sie
doch hier oder da für heilig gehalten so dass selbst Menschen die sonst
verständig sind lieber ihr Leben und ihre teuersten Güter hingeben als dass
sie sich selbst gestatteten an deren Wahrheit zu zweifeln oder Anderen sie in
Frage zu stellen
22 Wie die Menschen meist zu ihren Grundsätzen kommen Es mag dies
seltsam scheinen aber die tägliche Erfahrung bestätigt es und es erscheint
vielleicht nicht so wunderbar wenn man die Wege und Mittel betrachtet woher es
kommt und wie es möglich ist dass Lehren die aus keiner bessern Quelle als dem
Aberglauben der Ammen und dem Ansehen eines alten Weibes stammen endlich durch
die Länge der Zeit und die Übereinstimmung der Nachbaren zur Würde von
Grundsätzen in der Religion und Moral emporsteigen Denn Personen die wie sie
sagen Kindern gute Grundsätze beibringen wollen und es gibt nur Wenige die
nicht eine Reihe solcher Grundsätze bei der Hand haben an die sie glauben
flössen in den sorglosen und noch uneingenommenen Verstand derselben denn
weißes Papier nimmt alle Schriftzüge an die Lehren ein welche die Kinder
behalten und bekennen sollen Diese Sätze lehrt man ihnen sobald sie nur
überhaupt Etwas fassen können und wenn sie heranwachsen hören sie deren
Bestätigung durch offenes Bekenntnis oder stillschweigende Zustimmung Aller
mit denen sie zusammenkommen oder wenigstens Derer die sie wegen ihrer
Weisheit Kenntnisse und Frömmigkeit hoch schätzen und die von diesen Sätzen
nur als dem Boden und der Grundlage sprechen auf welchen Religion und Sitte
errichtet sind So gelangen diese Sätze zu dem Ansehen unzweifelhafter selbst
gewisser und angeborener Wahrheiten
23 Dem kann man noch zufügen dass, wenn so unterrichtete Menschen
erwachsen sind und auf ihr Inneres blicken sie darin nichts finden können was
älter wäre als diese Ansichten die ihnen gelehrt wurden ehe noch ihr
Gedächtnis ein Verzeichnis ihrer Handlungen führen und die Zeit merken konnte
wo etwas Neues ihnen begegnete Sie schließen deshalb mit Sicherheit dass
diese Sätze von denen sie den Ursprung nicht auffinden können von Gott kommen
und der Natur ihrer Seele eingeprägt worden und dass Niemand anders sie ihnen
gelehrt habe Mit Ehrfurcht halten sie sie fest und unterwerfen sich ihnen wie
Viele es ihren Eltern gegenüber tun nicht weil es natürlich ist da Kinder
denen es nicht gelehrt ist nicht so handeln sondern sie halten es für
natürlich weil sie immer so erzogen worden sind und sich des Anfanges dieser
Ehrfurcht nicht mehr entsinnen können
24 Ein solcher Vorgang erscheint natürlich und beinah unvermeidlich wenn
man die menschliche Natur und die menschlichen Zustände und Verhältnisse
berücksichtigt Die meisten Menschen können sich nur das Leben fristen dadurch
dass sie ihre Zeit zu den Arbeiten ihres Berufs verwenden sie können daher in
ihrem Innern nicht ruhig sein wenn sie nicht eine Grundlage oder einen
Grundsatz haben an dem sie in ihren Gedanken sich halten können Selten ist
Jemand so schwankend und oberflächlich in seinem Denken dass er nicht einige
hochgeehrte Sätze hätte die für ihn die Grundlage abgeben auf welche er seine
Beweise stützt und nach welchen er über Wahrheit und Irrtum Recht und Unrecht
sich entscheidet Entweder fehlt ihm das Geschick und die Müsse oder die
Neigung oder man hat ihm gelehrt dass diese Sätze nicht geprüft werden dürfen
Deshalb nehmen die Meisten aus Unwissenheit Trägheit oder in Folge ihrer
Erziehung oder Voreiligkeit sie für die baare Wahrheit
25 Offenbar findet dies bei allen Kindern und jungen Personen Statt die
Gewohnheit hat eine größere Macht als die Natur selbst und lässt sie das als
göttlich verehren wovor ihr Inneres zu beugen und ihren Verstand zu
unterwerfen man ihnen eingeprägt hat Es ist deshalb kein Wunder wenn
Erwachsene die mit der täglichen Arbeit beladen sind oder die nur nach dem
Vergnügen jagen sich um die ernstliche Prüfung ihrer Grundsätze nicht
bekümmern zumal wenn einer dieser Grundsätze verlangt dass sie überhaupt nicht
geprüft werden dürfen Selbst wenn Jemand Müsse Geschick und guten Willen hat
wird er es nicht wagen die Grundlagen all seines frühem Denkens und Handelns zu
erschüttern und sich die Schmach zuzuziehen dass er lange Zeit in Irrtümern
und Missverständnissen sich befunden habe Wer fühlt sich fest genug zum Kampf
mit dem Tadel der überall für die bereit gehalten wird welche es wagen von
den herrschenden Meinungen ihres Landes oder Standes abzuweichen Welcher Mann
wird sich gelassen darauf vorbereiten dass er den Namen eines Sonderlings
Zweiflers oder Gottesleugners bekomme der ihm sicherlich gegeben wird sobald
er den leisesten Zweifel an dem hegt was die allgemeine Meinung fordert Er
wird um so mehr sich scheuen diese Grundsätze in Frage zu stellen da er sie
wie von den Meisten geschieht für die Schriftzeichen hält die Gott in seinem
Innern aufgerichtet hat damit sie die Regel und den Prüfstein für jede andere
Meinung bilden Was kann ihn hindern sie für heilig zu halten wenn er findet
dass sie zu den frühesten seiner Seele gehören und die sind welche auch die
Andern am meisten verehren
26 Hiernach kann man leicht abnehmen weshalb die Menschen die in ihrer
Seele aufgerichteten Götzenbilder verehren die Begriffe festhalten mit denen
sie seit langer Zeit bekannt gemacht worden sind, und weshalb sie Verkehrtheiten
und Irrtümern den Stempel der Göttlichkeit aufdrücken eifrige Anbeter von
Stieren und Affen werden und für die Verteidigung dieser Meinungen kämpfen
fechten und den Tod erleiden »Denn nur die können nach seiner Meinung Götter
sein die er selbst verehrt« Die geistigen Vermögen der Seele die zwar ohne
Unterlass aber nicht immer sorgsam und weise angewendet werden, können sich in
den meisten Menschen aus Mangel einer Grundlage und eines Bodens nicht
entwickeln Aus Trägheit oder Zerstreuung oder aus Mangel an Zeit an Hülfe
oder aus andern Ursachen können sie zu den letzten Grundlagen der Erkenntnis
nicht vordringen und die Wahrheit nicht bis zu ihrer Quelle und ihrem Ursprung
verfolgen deshalb greifen sie natürlich ja beinah unvermeidlich einzelne
erborgte Grundsätze auf die nun als die sichern Beweise für alles Andere gelten
und deshalb nicht selbst eines Beweises bedürfen Wenn irgend Jemand solche
Grundsätze in sich aufnimmt und mit der Ehrfurcht die man gewöhnlich
Grundsätzen zollt bei sieh hegt dabei sie nicht zu prüfen wagt sondern sich
an den Glauben an sie gewöhnt weil sie geglaubt werden sollen so kann er in
Folge seiner Erziehung und der Landessitte jede beliebige Verkehrtheit für einen
angeborenen Grundsatz halten und das lange Hinstarren auf denselben Gegenstand
kann seinen Blick so verdunkeln dass er die in seinem Gehirn steckenden
Ungeheuer für das Bild der Gottheit und ihr Werk nimmt
27 Die Grundsätze bedürfen der Prüfung Wie Viele auf diese Weise zu
Grundsätzen kommen die sie für angeboren halten ergibt sich leicht aus der
Mannigfaltigkeit der einander widersprechenden Grundsätze welche von allen
Klassen und Ständen der Menschen festgehalten und verteidigt werden Wer nicht
anerkennt dass auf diese Weise die Menschen zu der Überzeugung von der
Wahrheit und Gewissheit ihrer Grundsätze gelangen wird schwer einen andern Weg
für jene sich widerstreitenden Grundsätze angeben können die fest geglaubt
vertrauensvoll behauptet werden und welche Viele jederzeit mit ihrem Blute zu
besiegeln bereit sind Ist es wirklich das Vorrecht angeborener Grundsätze dass
man sie ohne Prüfung auf ihr eigenes Ansehen annimmt so wüsste ich nicht was
nicht Alles geglaubt werden könnte und wie die Grundsätze irgend Jemandes in
Zweifel gezogen werden können. Sollen sie aber geprüft und erprobt werden so
möchte ich zuvor wissen wie man die höchsten und angeborenen Grundsätze prüfen
soll wenigstens darf man sich dann die Kennzeichen und Eigenschaften erbitten
durch die man die ächten von den falschen unterscheiden kann damit man in
Mitten einer solchen Menge von Ansprüchen bei einem so wichtigen Punkte sich
vor Missgriffen schützen könne Ist dies geschehen so werde ich gern solche
willkommene und nützliche Sätze festhalten bis dahin sei es mir aber gestattet
zu zweifeln denn die allgemeine Zustimmung auf die allein man sich beruft
kann schwerlich das sichere Zeichen für die Leitung meiner Wahl sein und mir von
irgend einem angeborenen Grundsatze Gewissheit geben Nach dem bisher Gesagten
ist es wohl unzweifelhaft dass es keine praktischen Grundsätze gibt in denen
alle Menschen übereinstimmen und deshalb auch keine die angeboren sind
1 Grundsätze sind nicht angeboren, wenn ihre Begriffe es nicht auch sind
Wenn Die welche uns der angeborenen Grundsätze überführen wollen sie nicht
in Pausch und Bogen genommen sondern deren Theile einzeln betrachtet hätten so
würden sie vielleicht nicht so schnell sie für angeboren geheilten haben denn
wenn die Begriffe aus denen diese Wahrheiten bestehen nicht angeboren sind so
können auch die daraus gebildeten Sätze es nicht sein und ihre Kenntnis kann
uns nicht angeboren sein Sind diese Begriffe nicht angeboren, so musste es eine
Zeit geben wo die Seele diese Grundsätze noch nicht hatte und sie sind dann
nicht angeboren, sondern aus einer andern Quelle geflossen denn wo die Begriffe
fehlen da kann es keine Kenntnis keine Zustimmung keine Sätze weder in
Gedanken noch in Worten von ihnen geben
2 Die Begriffe insbesondere die zu den Grundsätzen gehörenden sind den
Kindern nicht angeboren.) Betrachtet man neugeborene Kinder aufmerksam so ist
wenig Grund vorhanden dass sie viele Begriffe mit sich auf die Welt brächten
Mit Ausnahme einiger schwachen Vorstellungen von Hunger und Durst Wärme und
etwas Schmerzen die sie im Mutterleibe empfunden haben mögen zeigen sie nicht
die leiseste Spur von bestimmten Vorstellungen insbesondere von Begriffen die
den Ausdrücken entsprechen aus denen die allgemeinen Sätze gebildet sind
welche für angeborene Grundsätze gelten sollen vielmehr kann man bemerken wie
erst später und allmählich Vorstellungen in ihrer Seele entstehen und wie sie
deren nicht mehr gewinnen als die Erfahrung und Beobachtung der Gegenstände,
welche ihnen in den Weg kommen sie damit versehen Schon dies zeigt, dass sie
keine ursprünglich der Seele eingeprägte SchriftZeichen sind
3 Der Satz: Dieselbe Sache kann unmöglich sein und nicht sein ist
sicherlich wenn es deren gibt ein angeborener Grundsatz Kann aber Jemand
behaupten dass die Unmöglichkeit und die Dieselbigkeit zwei angeborene Begriffe
seien Gehören sie zu denen die alle Menschen haben und mit auf die Welt
bringen Und sind sie die ersten bei den Kindern die allen erworbenen Begriffen
vorausgehen Dennoch müsste dies sein wenn sie angeboren wären Hat ein Kind
die Vorstellung der Unmöglichkeit und Dieselbigkeit vor der Vorstellung von
weiß und schwarz süß und bitter Und schließt es vermöge dieses Grundsatzes
dass die Brust wenn sie mit Wermut bestrichen nicht so wie gewöhnlich
schmeckt Ist es die wirkliche Kenntnis von der Unmöglichkeit des Seins und
NichtSeins von Etwas wodurch das Kind seine Mutter von einer Fremden
unterscheidet weshalb es die eine liebt und die andere flieht Und bestimmt die
Seele sich und ihre Zustimmung nach Vorstellungen, die sie noch nicht gehabt
hat Oder zieht der Verstand Folgerungen aus Grundsätzen die er noch niemals
gekannt und verstanden hat Die Worte Unmöglichkeit und Dieselbigkeit
bezeichnen zwei Vorstellungen, die so wenig uns angeboren oder bei der Geburt
eingeflößt sind dass es vielmehr großer Sorgfalt und Aufmerksamkeit bedürfen
möchte um sie überhaupt in unserm Wissen richtig zu bilden Wir haben sie so
wenig mit auf die Welt gebracht sie liegen dem Denken des Kindes und Knaben so
fern, dass sogar mancher Erwachsene wenn er geprüft wird sie nicht kennen
wird
4 Der Begriff der Dieselbigkeit ist nicht angeboren.) Wäre der Begriff
der Dieselbigkeit um bei diesem Beispiel zu bleiben von Natur uns eingeprägt
mithin so klar und fassbar dass man ihn schon in der Wiege kennen müsste so
würde ich ebenso von einem siebenjährigen wie einem siebzigjährigen Menschen die
Antwort erhalten ob ein Mensch der aus Leib und Seele besteht derselbe
bleibt wenn sein Körper wechselt und ob Euphorbus und Pythagoras welche
dieselbe Seele hatten derselbe Mensch waren obgleich sie in verschiedenen
Zeitaltern lebten ja ob selbst der Hahn welcher dieselbe Seele hatte mit
beiden derselbe gewesen sei Vielleicht ergibt sich dann dass die Vorstellung
der Dieselbigkeit nicht so bestimmt und klar ist dass man sie für angeboren
halten könnte Denn wenn diese angeborenen Begriffe nicht klar und bestimmt sind
und allgemein gekannt und angenommen sind so können aus ihnen keine allgemeinen
und unzweifelhaften Wahrheiten abgeleitet werden vielmehr müssen sie dann den
Anlass zu steter Ungewissheit geben Ich nehme nämlich an dass der Begriff der
Dieselbigkeit nicht bei jedem mit dem des Pythagoras und seiner Anhänger
übereinstimmt Welcher ist nun hier der wahre und angeborene Oder sind bei
zwei verschiedenen Begriffen der Dieselbigkeit beide angeboren
5 Man halte auch die hier erhobenen Fragen über die Dieselbigkeit eines
Menschen nicht für leere Spitzfindigkeiten wäre dies der Fall so bewiese dies
schon dass der menschlichen Seele die Vorstellung der Dieselbigkeit nicht
angeboren ist Wer etwas aufmerksam über die Auferstehung nachdenkt und erwägt
dass die göttliche Gerechtigkeit am jüngsten Tage entscheiden wird ob dieselbe
Person in jenem Leben glücklich oder elend werden soll je nachdem sie hier gut
oder böse gehandelt hat der wird nicht leicht mit sich darüber ins Reine
kommen worin die Dieselbigkeit besteht und was macht dass der Mensch derselbe
ist er wird deshalb nicht voreilig glauben dass er und Jedermann selbst
Kinder von Natur einen klaren Begriff davon haben
6 Das Ganze und die Theile sind keine angeborenen Begriffe Wir wollen
den Satz der Mathematiker prüfen dass das Ganze grösser ist wie der Teil Man
wird ihn wohl zu den angeborenen Grundsätzen rechnen und ich meine dass er so
gut ein Recht dazu hat wie irgend einer; dennoch kann dies Niemand annehmen
wenn er bedenkt dass die darin befassten Begriffe von Ganzen und Teilen nur
Beziehungen sind Die bejahenden positiven Begriffe zu denen sie eigentlich
und unmittelbar gehören sind die Ausdehnung und die Zahl von denen das Ganze
und die Theile nur Verhältnisse sind Wenn daher letztere angeboren sind so
müssen es auch die Ausdehnung und die Zahl sein da man sich kein Verhältnis
vorstellen kann ohne die Dinge auf die es sich bezieht und gründet Ob aber
der menschlichen Seele die Vorstellungen von Ausdehnung und Zahl von Natur
eingeprägt sind mögen die Schutzherren der angeborenen Vorstellungen
entscheiden
7 Der Begriff der Gottesverehrung ist nicht angeboren.) Dass Gott
verehrt werden müsse ist unzweifelhaft eine so große Wahrheit als irgend eine
in der Seele sie verdient den ersten Platz unter den praktischen Grundsätzen
Dennoch kann sie nur für angeboren gelten wenn auch die Begriffe von Gott und
von Verehrung angeboren sind Nun wird wohl Jeder leicht einräumen dass die
Vorstellung, die das Wort Verehrung bezeichnet nicht in dein Verstande der
Kinder ist und der Seele nicht bei ihrem Entstehen eingeprägt worden ist, wenn
er bedenkt dass ja selbst unter den Erwachsenen nur Wenige einen klaren und
deutlichen Begriff davon haben Es gäbe wohl nichts Lächerlicheres als zu
sagen dass den Kindern der praktische Grundsatz angeboren sei Gott müsse
verehrt werden und dass sie dabei doch nicht wissen was Verehrung ist die
ihnen zur Pflicht gemacht ist Doch genug davon
8 Die Vorstellung Gottes ist nicht angeboren.) Wenn irgend eine
Vorstellung für angeboren gelten könnte so müsste es aus vielen Gründen die
Vorstellung Gottes sein weil man sieh schwer angeborene moralische Grundsätze
vorstellen könnte ohne eine angeborene Vorstellung Gottes denn ohne den Begriff
eines Gesetzgebers kann man sich kein Gesetz vorstellen und keine
Verbindlichkeit es zu befolgen Nun sind aber außer den Gottesleugnern von
denen die Alten berichten und deren Gedächtnis von der Geschichte gebrandmarkt
ist neuerlich durch Seefahrer ganze Völker in dem Meerbusen von Soldania in
Brasilien in Boronday und auf den Karaibischen Inseln entdeckt worden bei
denen weder von Gott noch von der Religion eine Vorstellung angetroffen worden
ist. Nicolo de Techo sagt in seinen Briefen aus Paraguay über die Bekehrung der
Caaiguaven »Ich fand bei diesem Volke kein Wort für Gott und die menschliche
Seele sie haben weder Heiligtümer noch Götzenbilder« Dies sind Beispiele von
Völkern wo die rohe Natur sich selbst überlassen geblieben ist und der Hülfe
der Schrift und Zucht so wie der aus Kunst und Wissenschaften hervorgehenden
Verbesserungen entbehrt hat Aber andere Völker haben sich dieser Vorteile in
großem Maß erfreut und haben dennoch weil sie ihr Denken nicht in dieser
Richtung anstrengten die Vorstellung und Kenntnis Gottes entbehrt Es wird
Andere ebenso wie mich überraschen zu erfahren dass die Siamiten dazu gehören
Man kann über diesen Punkt den letzten dortigen französischen Gesandten zu Rat
ziehen welcher auch von den Chinesen dasselbe berichtet Und selbst wenn man
dem La Loubere nicht glauben will so stimmen doch die Missionare in China und
selbst die Jesuiten trotzdem dass sie die größten Lobredner Chinas sind alle
ohne Ausnahme unter Beibringung von Beweisen darin überein dass die Klasse der
Gelehrten und Gebildeten welche der alten Religion Chinas zugetan sind so
wie die herrschende Klasse sämtlich an keinen Gott glauben wie man aus »
Navarette Band I seiner gesammelten Reisen« und aus der »Geschichte über den
Siamesischen Gottesdienst« ersehen kann Selbst in zivilisierten Ländern dürften
nur zu Viele keine festen und klaren Einprägungen über Gott in ihrer Seele
haben wenn man sich des Lebens und der Aussprüche eines nicht sehr entfernten
Volkes sorgfältig erinnert die von der Kanzel ertönenden Klagen über den
Atheismus erscheinen dann begründet Allerdings wird dergleichen Gottesleugnung
jetzt nur von völlig gesunkenen Nichtswürdigen offen und ins Gesicht behauptet
allein man würde auch von Andern dergleichen zu hören bekommen wenn nicht die
Furcht vor dem Schwerte der Obrigkeit oder dem Tadel der Nachbaren die Zunge
dieser Leute gebunden hielte Nähme man die Furcht vor Strafe und Schande
hinweg so würden auch Andere ihren Atheismus so offen mit dem Munde bekennen
wie es jetzt durch ihre Taten geschieht
9 Allein selbst wenn die ganze Menschheit überall den Begriff Gottes
besäße obgleich die Geschichte das Gegenteil lehrt so würde dies doch nicht
beweisen dass dieser Begriff angeboren sei Wenn auch kein Volk ohne den Namen
und einige dunkle Begriffe von Gott angetroffen würde so spräche dies nicht
mehr für deren Angeborensein als die Worte Feuer Sonne Hitze Zahl beweisen
dass diese Begriffe ihnen angeboren sind obgleich auch die Worte für diese
Dinge und deren Vorstellungen bei den Menschen allgemein bekannt und im
Gebrauche sind Umgekehrt ist der Mangel eines solchen Wortes und das Fehlen
seines Begriffes in der menschlichen Seele noch kein Beweis gegen das Dasein
Gottes so wenig wie es ein Beweis ist dass es keinen Magneten in der Welt
gibt weil vielen Leuten sowohl der Begriff wie der Name für solche Sache
fehlt Ebenso kann man keinen auch nur scheinbaren Beweis führen dass es keine
verschiedenen Arten von Engeln oder einsichtigen Wesen gibt weil man von
solchen Arten weder die Vorstellungen noch die Worte hat Die Menschen erhalten
ihre Worte durch die allgemeine Sprache ihres Landes und damit auch notwendig
eine Art von Vorstellungen der Dinge, deren Worte sie von ihrer Umgebung oft
hören Verbindet sich damit die Vorstellung von Vorzüglichkeit Größe oder
etwas Außerordentlichem sind sie von Furcht oder Interesse begleitet treibt
die Furcht vor einer unbeschränkten und unwiderstehlichen Macht diese
Vorstellung in die Seele so prägt sie sich um so tiefer ein und breitet sich um
so weiter aus namentlich wenn sie dem natürlichen Verstande genehm ist und
leicht aus jeder unserer Kenntnisse abgeleitet werden kann, wie dies mit der
Vorstellung Gottes der Fall ist. Die Zeichen einer außerordentlichen Weisheit
und Macht finden sich überall so deutlich und klar in allen Werken der
Schöpfung dass ein vernünftiges Wesen bei ernstem Nachdenken die Gottheit
entdecken muss Der Einfluss von der Entdeckung eines solchen Wesens muss auf
die Seele Aller die nur einmal davon gehört haben so groß sein und eine
solche Menge von Gedanken oder einen so häufigen Verkehr mit ihm erwecken dass
ich es sonderbarer finden würde wenn ein ganzes Volk so vernunftlos wäre und
der Begriff Gottes ihm ganz fehlte als wenn es die Begriffe von Zahlen oder von
Feuer nicht besäße
10 Wenn der Name Gottes einmal irgendwo auf der Erde genannt worden um
damit ein höheres mächtiges weises unsichtbares Wesen zu bezeichnen so
entspricht dieser Begriff so sehr den Gesetzen des gesunden Verstandes und das
Interesse diesen Namen oft zu nennen wird so groß dass er sich weit und
breit verbreiten und zu spätem Geschlechtern fortpflanzen muss obgleich diese
allgemeine Annahme des Namens und einiger unvollkommenen und schwankenden
Begriffe welche der gedankenlosen Menge damit zugeführt werden nicht beweist
dass er angeboren ist; sondern nur dass Die welche ihn fanden ihre Vernunft
recht gebraucht reichlich über die Ursachen der Dinge nachgedacht und sie von
ihrem Ursprünge abgeleitet haben Andere weniger nachdenkende Völker haben
diesen Begriff dann von Jenen empfangen und konnten ihn bei seiner Wichtigkeit
nicht wieder verlieren
11 Nur so viel könnte man über dem Gottesbegriff folgern wenn er bei
allen Stämmen der Menschen allgemein angetroffen und von den Erwachsenen in
allen Ländern allgemein anerkannt würde Das Anerkenntnis von Gottes Dasein
geht nun in dieser Allgemeinheit wohl nicht weiter und genügte dies für den
Beweis dass diese Vorstellung angeboren sei so müsste dies auch von der des
Feuers gelten denn sicherlich wird Jedermann der die Vorstellung Gottes hat
auch die des Feuers haben Wenn eine Kolonie kleiner Kinder auf eine Insel
gebracht würde wo kein Feuer wäre so würden sie unzweifelhaft weder die
Vorstellung eines solchen Dinges noch das Wort dafür haben so bekannt und
gebräuchlich auch Beides in der übrigen Welt wäre und möglicherweise könnte
ihrem Vorstellen der Name und Begriff Gottes so lange fern bleiben bis eines
von ihnen sein Nachdenken auf die Beschaffenheit und die Ursachen der Dinge
richtete und es damit zu dem Begriffe Gottes gelangte Wäre dann dieser Begriff
den Andern einmal mitgeteilt so würde die Vernunft und die natürliche Richtung
ihres Denkens ihn dann weiter ausbreiten und unter ihnen erhalten
12 Der Einwurf dass es Gottes Güte entspreche dass alle Menschen eine
Vorstellung von ihm haben und dass sie deshalb von Natur eingeprägt sei Man
hat Gewicht darauf gelegt dass es der Güte Gottes entspreche der menschlichen
Seele Zeichen und Begriffe von ihm einzuprägen und sie in einem so wichtigen
Punkte nicht in Zweifel und Dunkelheit zu belassen auch habe er sich damit der
Ehrfurcht und Anbetung versichert welche so vernünftige Wesen wie die Menschen
ihm schuldeten und deshalb habe Gott es auch so ausgeführt
Sollte dieser Grund gelten so bewiese er viel mehr als Die welche sich
seiner hier bedienen von ihm erwarten Kann man folgern dass Gott für die
Menschen alles getan habe was diese für zuträglich halten weil dies seiner
Güte entspreche so muss Gott nicht bloß einen Begriff von sich selbst den
menschlichen Seelen eingeprägt haben sondern er muss auch in leserlichen Zügen
ihnen Alles das eingeprägt haben was die Menschen von ihm wissen oder glauben
sollen und Alles was sie in Befolgung seines Willens zu tun haben er müsste
ihnen dann auch die dem entsprechenden Neigungen und Entschlüsse zugeteilt
haben Dies wäre sicherlich viel besser für die Menschen als dass sie im
Dunkeln nach der Erkenntnis umhertappen wie nach dem heiligen Paulus
Apostelgeschichte Kap XVII v 27 »alle Völker nach Gott suchen und ihr Wille
mit ihrem Verstände nicht passt und ihre Neigungen ihre Pflichten
durchkreuzen« Auch die Romanisten sagen es ist am besten für die Menschen und
deshalb der Güte Gottes angemessen dass ein untrüglicher Richter über ihre
Streitigkeiten auf Erden bestehe und deshalb ist ein solcher da und ich sage
aus demselben Grunde es ist besser dass Jedermann für sich untrüglich sei
Deshalb mögen Jene bedenken ob dies nicht aus ihrem Grunde folgt Es ist ein
vortrefflicher Beweisgrund zu sagen der unendlich weise Gott habe es so
gemacht und deshalb sei es das Beste allein wir vertrauen wohl etwas zu viel
auf unsere Weisheit wenn wir sagen Wir halten es für das Beste und deshalb
hat Gott es so gemacht Für die gegenwärtige Frage wird man vergeblich durch
dieses logische Hilfsmittel beweisen können Gott habe es so gemacht wenn die
Erfahrung uns sicher das Gegenteil lehrt Trotzdem hat indes die Güte Gottes
den Menschen nicht gemangelt wenn er ihnen auch keine ursprüngliche Kenntnisse
und Begriffe in die Seele geprägt hat denn er hat sie mit den genügenden
Fähigkeiten ausgerüstet um Alles das zu entdecken was der Endzweck solcher
Wesen erfordert Ich glaube sicher zeigen zu können dass der Mensch bei dem
rechten Gebrauch seiner natürlichen Fähigkeiten auch ohne angeborene Grundsätze
Gott und andere ihn betreffende Dinge erkennen kann Nachdem Gott den Menschen
mit dieser Fähigkeit zur Erkenntnis ausgestattet hatte war er durch seine Güte
so wenig verpflichtet noch jene angeborenen Begriffe in seine Seele zu pflanzen
als nachdem er ihnen Vernunft Hände und die nötigen Stoffe gegeben er
verpflichtet war auch die Brücken und Häuser ihnen zu bauen welche manchen
Völkern der Erde trotz guter Anlagen ganz oder in guter Beschaffenheit fehlen
ähnlich wie ändere entweder ganz ohne den Begriff Gottes und die Grundsätze der
Moral leben oder nur schlecht damit versehen sind In beiden Fällen liegt es
nur daran dass die Menschen niemals ihre Anlagen Vermögen und Kräfte
verständig entwickelten vielmehr sich mit den herrschenden Ansichten und
Meinungen und mit den Erzeugnissen ihres Landes so begnügten wie sie sie
vorfanden ohne weiter zu blicken Wäre der Leser oder ich am Meerbusen von
Soldania geboren so möchten leicht unsere Gedanken und Begriffe nicht jene
tierischen Begriffe der dortigen Hottentotten übersteigen und wäre der König
von Virginien Apochancana in England erzogen worden so hätte er vielleicht in
der Theologie und Mathematik ebenso viel gelernt als irgend ein Engländer Der
Unterschied zwischen ihm und dem gebildeten Engländer kommt bloß daher dass
seine Fähigkeiten sich nur in den Wegen Weisen und Begriffen seines eigenen
Landes üben konnten und nie zu andern und weitem Untersuchungen angeleitet
worden sind, und wenn er keinen Begriff von Gott haben sollte so käme es nur
davon dass er die Gedanken nicht aufsuchte die ihn zu Gott geführt haben
würden
13 Die Begriffe von Gott sind bei den Menschen sehr verschieden Gäbe
es irgend eine der menschlichen Seele eingeprägte Vorstellung so würde mit
Recht dies von der Vorstellung ihres Schöpfers gelten müssen indem Gott sie als
ein Zeichen seinem Werke aufgedrückt hätte damit es seiner Abhängigkeit und
Pflicht eingedenk bleibe es würde dann diese Vorstellung als das erste Zeichen
menschlicher Kenntnis hervortreten Allein wie spät erst zeigt sich bei Kindern
diese Vorstellung? Und kommt sie hervor gleicht sie da nicht vielmehr der
Ansicht und den Vorstellungen des Lehrers als der wahren Vorstellung Gottes
Wenn man bei den Kindern die Wege beachtet auf denen sie zu Kenntnissen
gelangen so wird man finden das die Dinge mit denen sie zunächst und am
häufigsten verkehren die ersten Eindrücke auf ihren Verstand machen keine Spur
von etwas Anderm wird sich finden Man kann leicht beobachten wie ihr Wissen
sich nur in dem Maß erweitert als sie mit mehr sinnlichen Gegenständen
bekannt werden deren Vorstellungen sie in ihrem Gedächtnis behalten sie
lernen dann dieselben zu vergleichen auszubreiten und auf verschiedene Weise
zu verbinden Wie sie auf diese Weise dazu kommen die Vorstellung der Gottheit
zu bilden welche die Menschen haben werde ich später darlegen
14 Können wohl die Vorstellungen, welche die Menschen von Gott haben als
sein Zeichen und Bild angesehen werden, die er ihren Seelen mit seiner Hand
eingeprägt habe wenn Menschen desselben Landes mit demselben Worte
verschiedene ja widersprechende und unverträgliche Vorstellungen und Begriffe
von ihm verbinden Die bloße Übereinstimmung in dem Namen oder Laute kann doch
schwerlich als Beweis gelten dass die Vorstellung Gottes angeboren sei
15 Wie konnten Die welche hunderte von Göttern anerkannten und
verehrten eine wahre und erträgliche Vorstellung von ihm haben Jeder über den
Einen hinausgehende Gott zeigte ihre Unkenntnis seiner und dass ihr
GottesBegriff dem die Einzelheit Unendlichkeit und Ewigkeit fehlte kein
wahrer sei Nimmt man die groben Vorstellungen der Körperlichkeit hinzu in
denen ihre Götter dargestellt und gemalt wurden die Liebschaften Heiraten
Verbindungen Gelage Streitigkeiten und anderen niederen Züge ihrer Götter so
kann man doch nicht annehmen dass die heidnische Welt dh der größte Teil
der Menschheit eine Vorstellung von Gott habe und gehabt habe die Gott selbst
um sie vor jedem Fehlgriff zu schützen ihnen eingeprägt Wenn jene so viel
benutzte allgemeine Übereinstimmung irgend das Angeborensein einer Vorstellung
bewiese so wäre es nur die dass Gott den Seelen aller Menschen welche
dieselbe Sprache sprechen den Namen aber nicht die Vorstellung von sich
eingeprägt habe da das Volk zwar in dem Namen übereinstimmt aber die
verschiedensten Vorstellungen damit verknüpft Wenn man sagt dass die vielen
Götter welche die Heiden verehrten nur bildliche Formen seien um die
verschiedenen Eigenschaften oder die verschiedenen Richtungen der Vorsehung
dieses unbegreiflichen Wesens zu bezeichnen so will ich hier nicht untersuchen
was sie ursprünglich gewesen sein mögen aber Niemand kann behaupten dass diese
Götter von der großen Menge in diesem Sinne aufgefasst wurden Wer in der Reise
des Bischofs von Berytus Kap 13 liest ohne anderer Zeugnisse zu gedenken
wird finden dass die Siamesischen Gottesgelehrten ausdrücklich eine Menge von
Göttern anerkennen oder dass, wie Abbé von Choisy in seinem Reisebericht über
Siam S 107177 bemerkt sie eigentlich gar keinen Gott anerkennen Sagt man
dass die Weisen aller Völker zu dem wahren Begriffe von Gottes Einheit und
Unendlichkeit gelangt seien so gebe ich dies zu aber dann bleibt von der
allgemeinen Übereinstimmung in der Sache nur die im Namen übrig da dieser
weisen Männer nur wenige vielleicht nur einer auf Tausend kommen so ist diese
Allgemeinheit sehr klein zweitens beweist dieser Umstand deutlich dass die
wahren und besten Begriffe über Gott den Menschen nicht eingeprägt werden
sondern durch Überlegung und Nachdenken und durch den rechten Gebrauch ihrer
Vermögen sowohl über Gott wie über andere Dinge gewonnen worden sind. Der träge
und unbedachtsame Teil der Menschen welcher die größte Zahl ausmacht nahm
dann diese Begriffe durch Zufall oder durch die allgemeine Überlieferung und
die Meinung der Menge an ohne sich den Kopf darüber zu zerbrechen Wäre es ein
Beweis für das Angeborensein des GottesBegriffs dass alle weisen Menschen ihn
haben so muss auch die Tugend für angeboren gelten da auch diese alle weisen
Männer gehabt haben
16 So verhielt es sich offenbar mit allen heidnischen Völkern aber auch
bei den Juden Christen und Mohammedanern die nur einen Gott anerkennen hat
diese Lehre und die Sorgfalt mit der man bei diesen Völkern den wahren Begriff
Gottes durch Lehre zu verbreiten gesucht hat nicht vermocht dass alle Menschen
dieselben und wahren Begriffe von ihm haben Selbst unter uns werden sich wenn
man sucht Viele finden welche sich Gott in der Gestalt eines im Himmel
sitzenden Mannes vorstellen und manche andere verkehrte und unpassende
Vorstellungen von ihm haben Unter Christen wie unter Türken haben ganze Sekten
gemeint und ernstlich behauptet dass die Gottheit einen Körper von menschlicher
Gestalt habe und wenn auch unter uns Wenige diesen der Menschengestalt
entnommenen Begriffen anhängen obgleich ich Manche der Art getroffen habe so
wird man doch wenn man sich Mühe gibt unter den unwissenden und
ununterrichteten Christen viele finden welche derselben Meinung sind Man
spreche nur mit Landleuten jeden Alters und mit den jungen Leuten aus allen
Ständen sie führen zwar den Namen Gottes viel im Munde aber sie knüpfen an
diesen Namen so sonderbare seltsame und erbärmliche Vorstellungen dass man
kaum glauben kann ein vernünftiger Mann habe sie unterrichtet noch weniger
kann man es für ein Zeichen nehmen was Gottes Finger selbst ihnen
eingeschrieben hat Wenn es der Güte Gottes widerspräche dass er uns eine Seele
gegeben die mit dieser Vorstellung von ihm nicht versehen sei so würde es
seiner Güte auch widersprechen dass er uns nackt in die Welt gesetzt hat und
dass wir keine Kunst und Fertigkeit mit auf die Welt gebracht haben Es genügt
dass wir mit dem Vermögen dazu ausgestattet sind und wenn wir die Vorstellung
von Gott nicht haben so liegt es nicht an Gottes Güte sondern an unserm
fehlenden Fleiße und Nachdenken Es ist so gewiss dass Gott ist als dass die
gegenüberliegenden Winkel zweier sich schneidenden geraden Linien gleich sind.
Kein vernünftiges Wesen was sich die Mühe nimmt die Wahrheit dieser Sätze
aufrichtig zu prüfen kann ihnen seine Beistimmung versagen obgleich
unzweifelhaft Viele beide Sätze oder einen von beiden nicht kennen weil sie
ihre Gedanken nicht in dieser Richtung angestrengt haben Will dies Jemand
allgemeine Übereinstimmung nennen eine dann sehr weit gehende Auslegung so
erkenne ich eine solche gern an aber eine solche beweist dann ebenso wenig das
Angeborensein der Vorstellung Gottes wie das der Vorstellungen der Engel
17 Ist die GottesVorstellung nicht angeboren, so kann es auch keine
andere sein Wenn sonach die Kenntnis Gottes obgleich die menschliche
Vernunft sie noch am natürlichsten gewinnen kann doch nicht angeboren ist wie
aus dem Bisherigen sich klar ergeben haben dürfte so wird kaum irgend eine
andere Vorstellung einen Anspruch darauf machen können Denn hätte Gott irgend
einen Eindruck oder Schriftzug der menschlichen Seele mitgegeben so würde es
sicherlich die klare und einstimmige Vorstellung seiner selbst gewesen sein
soweit nämlich unsere schwachen Vermögen ein so unbegreifliches und unendliches
Wesen erfassen können Wenn aber die Seele dieser für sie wichtigsten
Vorstellung ermangelt so spricht dies stark gegen angeborene Vorstellungen
überhaupt ich wenigstens kann keine andere mehr dazu geeignete finden und würde
mich freuen wenn sie mir gezeigt werden könnte
18 Die Vorstellung der Substanz ist nicht angeboren.) Es gibt noch eine
andere Vorstellung deren Besitz für die Menschen von allgemeinem Nutzen sein
würde da Alle davon reden als besäßen sie dieselbe Es ist die Vorstellung
der Substanz, die man weder durch Sinnes noch innere Wahrnehmung erlangen kann
Wollte die Natur uns mit Vorstellungen versorgen so hätten es wohl vor Allem
solche sein müssen die wir uns durch unsere eigenen Kräfte nicht verschaffen
können allein wir sehen im Gegenteil dass weil wir diese Vorstellung nicht
auf dem Wege gewinnen können auf dem wir unsere Vorstellungen überhaupt
erlangen wir auch keine klare Vorstellung von jener haben Das Wort Substanz
bezeichnet deshalb Nichts sondern ist nur die schwankende Annahme von etwas
Unbekanntem dh ein Etwas das wir uns nicht klar und deutlich vorstellen
können und was wir nur als das Unterliegende oder als den Träger der bekannten
Vorstellungen auffassen
19 Kein Satz kann angeboren sein weil kein Begriff angeboren ist Was
man auch immer über angeborene theoretische und praktische Grundsätze sagen mag
so kann doch Jemand mit demselben Rechte behaupten er habe 100 Pfund Sterling
in seiner Tasche und dabei bestreiten dass er Pfennige Schillinge Kronen
oder andere Geldsorten aus denen jene Summe besteht, darin habe wie Jene
annehmen dass gewisse Sätze angeboren seien während doch die Vorstellungen,
aus denen sie bestehen keineswegs als angeborene gelten können Die allgemeine
Annahme und Zustimmung ist durchaus kein Beweis dass die Vorstellungen solcher
Sätze angeboren sind denn in vielen Fällen wird gleichviel wie die
Vorstellungen dahin gelangt sind die Zustimmung notwendig Worten folgen
welche das Zusammenstimmen solcher Vorstellungen oder das Gegenteil ausdrücken
Jeder der eine wahre Vorstellung von Gott und von Verehrung hat wird dem Satze
zustimmen dass Gott zu verehren sei sobald er in einer ihm verständlichen
Sprache ausgesprochen wird Jeder vernünftige Mann der ihn heute noch nicht
kennt wird morgen ihm bereitwillig zustimmen und doch kann man wohl annehmen
dass Millionen von Menschen die eine oder beide dieser Vorstellungen heute
entbehren Denn wenn ich selbst zugebe dass die Wilden und die meisten
Landleute die Vorstellung von Gott und Verehrung haben obgleich die
Unterhaltung mit ihnen dies eben nicht bestätigen wird so können doch sicher
nur selten Kinder diese Vorstellungen haben sondern sie erst später erwerben
Ist dieses geschehen so werden sie auch jenem Satze sogleich zustimmen und ihn
schwerlich später in Zweifel ziehen Solch eine Zustimmung bei dem ersten Hören
beweist indes das Angeborensein der Vorstellungen so wenig wie bei einem
BlindGeborenen dem morgen der Staar gestochen werden soll das Angeborensein
der Vorstellung der Sonne oder des Lichts oder des Safran und des Gelben
daraus folgt, dass, wenn er das Gesicht erhalten er sicherlich dem Satze
zustimmt die Sonne sei leuchtend und der Safran sei gelb Wenn deshalb eine
solche Zustimmung bei dem Anhören eines Satzes nicht beweist dass die darin
enthaltenen Vorstellungen angeboren sind so kann dies noch weniger von den
Sätzen selbst gelten Hat aber Jemand angeborene Begriffe so wäre es mir lieb
er nennte mir sie und gäbe mir deren Anzahl an
20 Es gibt keine angeborenen Vorstellungen in dem Gedächtnis Ich füge
dem noch hinzu Sollte es angeborene Vorstellungen geben an die die Seele nur
nicht wirklich denke so muss das Gedächtnis sie befassen und von dort müssen
sie bei dem Erinnern sichtbar werden dh man muss wenn man sich ihrer
erinnert erkennen dass sie schon vorher in der Seele gewesen sind wenn man
nicht eine Erinnerung ohne Erinnerung annehmen will Denn Erinnern ist ein
Vorstellen von Etwas mit Gedächtnis oder mit dem Bewusstsein dass man es schon
vorher gekannt oder vorgestellt habe Wo dies nicht Statt hat da ist die in der
Seele auftretende Vorstellung eine neue und keine erinnerte Dieses Wissen dass
die Vorstellung schon früher in der Seele gewesen sei macht den Unterschied des
Erinnerns gegen alle andern Arten des Vorstellens aus Eine Vorstellung, die die
Seele nie erfasst hat ist niemals in ihr gewesen Jede Vorstellung in der Seele
ist entweder in ihr gegenwärtig oder sie war dies früher und ist jetzt so
darin dass das Gedächtnis sie wieder zu einer gegenwärtigen erheben kann Ist
eine gegenwärtige Vorstellung ohne dieses Erinnern so erscheint sie dem
Verstande als eine durchaus neue die er vorher nicht gekannt hat Tritt aus dem
Gedächtnis eine Vorstellung in die Gegenwärtigkeit heraus so geschieht es mit
dem Wissen, dass die Seele sie schon früher gehabt hat und dass sie ihr nicht
ganz fremd ist Ich berufe mich auf eines Jeden Erfahrung ob dies sich nicht so
verhält und deshalb mag man nur eine angeborene Vorstellung anführen die Jemand
ehe er irgend einen Eindruck von ihr auf den später zu nennenden Wegen
empfangen hat als eine schon früher gekannte Vorstellung in sich zurückrufen
kann Ohne dieses Wissen dass man die Vorstellung früher gehabt habe gibt es
keine Erinnerung jede in der Seele ohne dieses Wissen auftretende Vorstellung
ist keine Erinnerung und kommt nicht aus dem Gedächtnis und man kann von ihr
nicht sagen dass sie vor ihrem jetzigen Auftreten in der Seele gewesen sei
denn jede Vorstellung, die nicht gegenwärtig oder in dem Gedächtnis ist, ist
überhaupt nicht in der Seele sondern der Art als wäre sie nie in der Seele
gewesen Man nehme an Jemand habe als Kind das Gesicht gehabt und die Farben
gekannt und unterschieden dann habe ihm der Staar dieses Fenster geschlossen
und er 40 bis 50 Jahre sich in dieser Finsternis befunden und alle Erinnerung
an die frühem Vorstellungen der Farben verloren Dies war wirklich der Fall bei
einem alten Manne mit welchem ich zu sprechen kam er hatte als Kind das
Gesicht durch die Blattern verloren und wusste von den Farben nicht mehr als ein
BlindGeborener Soll nun dieser Mann die Vorstellungen der Färben mehr in seiner
Seele haben wie ein BlindGeborener Ich denke Jedermann wird sagen dass weder
der Eine noch der Andere eine Vorstellung von Farben habe Nun wird ihm der
Staar gestochen und dann empfängt er die Vorstellungen der Farben deren er
sich nicht entsinnt von Neuem sein wiederhergestelltes Gesicht führt sie
seiner Seele zu ohne dass er sich ihres frühem Besitzes bewusst ist; nur diese
neuen Farben kann er sich jetzt wieder vergegenwärtigen und im Dunklen sich
vorstellen Dann sind alle diese Farben Vorstellungen in der Seele die ohne
sie zu sehen mit dem Bewusstsein wieder vergegenwärtigt werden können, dass er
sie schon gehabt hat und sie so in dem Gedächtnis sind Ich folgere hieraus
dass die in der Seele befindlichen aber nicht gegenwärtigen Vorstellungen dies
nur durch das Gedächtnis sind sind sie nicht darin so sind sie auch nicht in
der Seele und sind sie in dein Gedächtnis so kann dies sie nur mit der
Empfindung zu gegenwärtigen machen dass sie aus dem Gedächtnis kommen dh
dass man sie schon vorher gehabt hat und sich ihrer jetzt erinnert Gibt es
also angeborene Vorstellungen so müssen sie in dem Gedächtnis sein und können
nicht sonst wo in der Seele sein sind sie im Gedächtnis so kann man sie ohne
äußere Eindrücke erwecken und wenn sie irgendwann in der Seele auftreten so
sind sie dann erinnerte dh sie führen das Wissen mit sich dass sie nicht
ganz neue sind Wenn dies der feste und scharfe Unterschied zwischen den
Vorstellungen ist die im Gedächtnis sind und denen die nicht darin oder
nicht in der Seele sind so ist Alles was nicht in dem Gedächtnis ist und
auftritt neu und bisher unbekannt gewesen und umgekehrt ist alles in dem
Gedächtnis oder in der Seele Befindliche wenn das Gedächtnis es herbeibringt
nicht neu sondern die Seele findet es in sich selbst und weiß dass es schon
darin gewesen ist Danach kann man prüfen ob es angeborene allen Eindrücken der
Sinne oder der Selbstwahrnehmung vorangehende Vorstellungen in der Seele gibt
Ich möchte wohl den Menschen sehen der wenn er zum Gebrauch seiner Vernunft
gekommen ist oder zu irgend einer Zeit sich einer solchen angeborenen
Vorstellung erinnerte und dem sie nach seiner Geburt nicht als neue
Vorstellungen erschienen Sagt man aber dass es Vorstellungen in der Seele
gibt die nicht in dem Gedächtnis sind so bitte ich um eine nähere Erklärung
was man damit meint damit ich es verstehen könne
21 Grundsätze sind nicht angeboren; denn sie wären von geringem Nutzen
und geringer Gewissheit Außer dem Bisherigen habe ich noch einen andern Grund
dafür dass weder diese noch andere Grundsätze angeboren sind Ich habe die
feste Überzeugung dass der unendliche weise Gott Alles in vollkommener Weisheit
gemacht habe und kann deshalb nicht einsehen weshalb er der Seele gewisse
allgemeine Grundsätze sollte eingeprägt haben da sie soweit sie rein
erkennender Natur sind wenig nützen und soweit sie für das Handeln gelten
sollen nicht selbst gewiss sind und da beide von andern Wahrheiten die
zugestandener Maassen nicht angeboren sind sich nicht unterscheiden lassen Zu
welchem Ende sollte Gottes Finger Schriftzüge in die Seele gezogen haben die
nicht klarer als die später eingeschriebenen sind und von ihnen nicht
unterschieden werden können? Meint Jemand dergleichen angeborene Vorstellungen
und Sätze unterschieden sich durch ihre Klarheit und Nützlichkeit von allen
später in die Seele gelangten so kann es ihm nicht schwer fallen sie
mitzuteilen und dann kann Jeder darüber urteilen ob es sich so verhält oder
nicht denn wenn dergleichen angeborene Vorstellungen und Eindrücke von aller
andern Kenntnis und Wissen ganz verschieden sind so wird Jeder dies an sich
erfahren Nun habe ich aber über die Gewissheit dieser angeblichen angeborenen
Grundsätze schon früher gehandelt und auf ihre Nützlichkeit werde ich später
kommen
22 Ob die Menschen mehr oder weniger entdecken hängt von dem
verschiedenen Gebrauch ihrer Vermögen ab Ich schließe und sage Manche
Vorstellungen bieten sich bereitwillig dem Verstande aller Menschen gewisse
Wahrheiten ergeben sich aus den Vorstellungen, sobald sie zu Sätzen verbunden
werden andere Wahrheiten verlangen eine Reihe geordneter Vorstellungen, die
verglichen werden und aus denen sie sorgfältig abgeleitet werden müssen ehe
sie entdeckt werden und Zustimmung finden Von der ersten Art sind Einzelne
wegen ihrer allgemeinen und leichten Erkenntnis fälschlich für angeboren
gehalten werden allein in Wahrheit werden Vorstellungen und Begriffe so wenig
wie Kräfte und Wissenschaften mit uns geboren wenn auch einzelne sich dem
Verstande leichter als andere darbieten und deshalb allgemeiner aufgefasst
werden Indes hängt auch dies von den körperlichen Organen und Seelenvermögen
je nach deren Gebrauche ab denn Gott hat die Menschen mit Fähigkeiten und
Mitteln versehen um je nach ihrer Anwendung Wahrheiten zu entdecken zu
empfangen und zu behalten Der größte Unterschied in den Begriffen der
einzelnen Menschen kommt von dem Unterschied im Gebrauch ihrer Kräfte Manche
und zwar ist dies der größere Teil nehmen die Dinge auf Treu und Glauben an
missbrauchen ihr Vermögen der Zustimmung indem sie ihren Verstand den Geboten
und der Herrschaft Anderer träge bei den Lehren unterordnen welche sie vielmehr
sorgfältig prüfen und nicht blind und mit rücksichtslosem Vertrauen
hinunterschlucken sollten Andere richten ihr Denken nur auf wenige Gegenstände
mit diesen werden sie genau bekannt und erreichen einen hohen Grad in der
Erkenntnis derselben aber sonst bleiben sie unwissend und lassen ihr Denken
sich nie auf Untersuchung anderer Fragen richten So ist der Satz, dass die drei
Winkel eines Dreiecks zweien rechten gleich seien eine Wahrheit so gewiss wie
irgend eine und gewisser als viele Sätze die für selbstverständlich gelten und
doch wissen Millionen Menschen obgleich sie in Anderem erfahren sind nichts
davon weil sie sich niemals mit Winkeln beschäftigt haben selbst die welche
diese Lehrsätze kennen können sehr wohl andere Wahrheiten selbst in der
Mathematik, nicht wissen die ebenso klar und gewiss sind wie dieser weil sie
in der Aufsuchung der Wahrheiten der Mathematik abgebrochen haben und nicht weit
genug gegangen sind Dasselbe kann bei unseren Vorstellungen über Gottes Dasein
Statt finden keine Wahrheit wird der Mensch gewisser aus sich selbst entnehmen
können als die von Gottes Dasein allein wer sich mit den Dingen, die er in
dieser Welt vorfindet soweit begnügt als sie seinen Vergnügen und
Leidenschaften dienen und nicht weiter ihre Ursachen Zwecke und wunderbare
Einrichtungen untersucht und diese Fragen nicht mit Fleiß und Aufmerksamkeit
verfolgt kann Fange ohne den Begriff eines solchen Wesens zubringen Hat Jemand
ihm diesen Begriff durch Worte beigebracht so glaubt er vielleicht daran
allein ohne eigene Prüfung wird sein Wissen hiervon nicht vollkommener sein als
das wo er den Satz von der Gleichheit der drei Winkel eines Dreiecks mit zwei
rechten auf Glauben und ohne Prüfling des Beweises annimmt er wird dem Satze
seine Zustimmung als einer wahrscheinlichen Annahme geben aber er hat keine
Erkenntnis seiner Wahrheit obgleich seine Vermögen der Art sind dass er bei
deren sorgfältigem Gebrauche sich den Satz klar und gewiss machen könnte Ich
erwähne dies nur nebenbei um zu zeigen wie sehr unser Wissen von dem rechten
Gebrauche unserer natürlichen Kräfte abhängt und wie wenig von angeborenen
Grundsätzen die man vergeblich in Jedermanns Seele behufs deren Leitung
annimmt Alle Menschen müssten sie kennen wenn sie solche hätten sonst wären
sie zwecklos allein kein Mensch kennt sie und keiner kann sie von erworbenen
Wahrheiten unterscheiden deshalb kann man mit Recht folgern dass keine
angeborenen Grundsätze bestehen
23 Der Mensch muss selbst denken und erkennen Diese Zweifel an
angeborenen Grundsätzen werden vielleicht von Männern getadelt werden die damit
alle Grundlagen der Erkenntnis und Gewissheit für aufgehoben halten allein ich
bin überzeugt dass der Weg den ich gehe der Wahrheit nützt und deren
Grundlagen fester legt Ich kann wenigstens versichern dass ich bei meinen
Untersuchungen die Autorität Anderer weder verleugne noch ihr folge vielmehr
ist nur die Wahrheit mein Ziel und wo ein Weg zu ihr sich zeigt bin ich ihm
ohne Voreingenommenheit mit meinem Denken gefolgt und habe mich nicht gekümmert
ob auch Andere diesen Weg gegangen sind oder nicht Ich achte die Meinungen
Anderer aber ich achte die Wahrheit noch höher es wird nicht anmaßend
klingen wenn ich sage dass man in der Entdeckung vernünftiger und
betrachtender Erkenntnisse schnellere Fortschritte machen würde wenn man sie in
der Quelle selbst dh in der Beobachtung der Dinge suchte und das eigene
nicht fremdes Denken zu deren Auffindung benutzte Es ist ebenso verkehrt mit
Anderer Augen sehen wie mittelst Anderer Verstände erkennen zu wollen Kur so
weit man selbst betrachtet und selbst die Wahrheit und Vernunft auffasst
besitzt man eine wahre und wirkliche Erkenntnis Wenn Anderer Meinungen in
unserm Gehirn umherziehen so macht uns dies um kein Jota klüger selbst wenn
sie wahr sind. Was bei Jenen Wissenschaft ist, ist dann bei uns nur ein Meinen
man gibt die Zustimmung dann nur berühmten Namen aber gebraucht nicht wie
Jene seine Vernunft um diese Wahrheiten, welche Jene berühmt gemacht haben zu
verstehen Aristoteles war sicherlich ein kenntnisreicher Mann aber Niemand
hielt ihn dafür weil er etwa die Meinungen Anderer blind angenommen hatte und
vertrauensvoll weiter verkaufte Ist er durch Annahme der Grundsätze Anderer
ohne eigene Prüfung kein Philosoph geworden so wird es auch schwerlich ein
Anderer auf diesem Wege werden In den Wissenschaften besitzt Jeder nur so viel
als er wirklich weiß und versteht was er nur glaubt und in Vertrauen annimmt
sind bloß Schnitzel wenn sie auch einzeln sich noch so gut ausnehmen so
vermehrt doch der der sie sammelt sein Vermögen damit nur wenig Solch
geborgter Reichtum wird gleich der Zaubermünze in der Hand aus der man sie
empfängt für Gold gehalten aber er wird zu Spreu und Dunst wenn man ihn
gebrauchen will
24 Wie ist die Meinung von angeborenen Grundsätzen entstanden Wenn man
allgemeine Sätze auffand die sofort mit ihrem Verständnis auch einleuchteten
so war es leicht und einfach sie für angeboren zu halten Mit dieser Annahme
wurde der Träge aller Mühe des Suchens enthoben und der Zweifler ließ von der
Untersuchung Alles dessen was als angeboren erklärt worden ab Für die welche
sich als Meister und Lehrer aufwarfen war es kein kleiner Vorteil dass sie
zum Grundsatz aller Grundsätze den erhoben dass Grundsätze nicht angezweifelt
werden dürfen Nachdem sie einmal den Satz aufgestellt hatten dass es
angeborene Grundsätze gebe so waren ihre Anhänger genötigt gewisse Lehren als
solche anzunehmen Damit waren diese der Prüfung ihrer eigenen Vernunft und
ihres Urteils enthoben und sie mussten sie auf Treu und Glauben ohne weitere
Untersuchung annehmen In diesem Zustande blinder Gläubigkeit wurden die Schüler
dann leichter geführt und von jener Klasse Menschen ausgenutzt die das Geschick
und den Auftrag hatten sie zu führen und zu belehren Es ist keine kleine Macht
über Andere die man durch das Ansehen eines Diktators von Grundsätzen und eines
Lehrers unangreifbarer Wahrheiten erlangt wo die Schüler das als angeborene
Grundsätze hinunterschlucken was dem Vorteile des Lehrenden dient Hätte man
dagegen die Wege erkannt auf denen der Mensch zu allgemeinen Wahrheiten
gelangt so würde man gefunden haben dass sie in der Seele sich bilden wenn
diese die daseienden Dinge mit Aufmerksamkeit betrachtet und dass jene
Wahrheiten nur durch den Gebrauch jener Vermögen entdeckt worden sind, die von
Natur zu deren Aufnahme und Prüfung geeignet waren sobald man sie in rechter
Weise gebrauchte
25 Schluss Es ist der Zweck der folgenden Abhandlung zu zeigen wie
der Verstand hierbei verfährt Zu dem Ende musste ich vorweg den Weg frei
machen der zu den Grundlagen führt auf denen allein nach meiner Ansicht die
Begriffe über die Natur unseres Wissens gestützt werden können. Deshalb habe ich
die Gründe aufzählen müssen die mich an den angeborenen Grundsätzen zweifeln
lassen Manche meiner Gründe sind den allgemein geltenden Ansichten entnommen
deshalb habe ich manche Sätze für zugestanden ansehen müssen es kann dies nicht
wohl vermieden werden wenn die Falschheit oder die Unwahrscheinlichkeit eines
Satzes dargelegt werden soll Es verhält sich mit solchen Streitfragen wie mit
dem Angriff auf Festungen wenn nur der Grund und Boden auf dem die Batterien
errichtet sind fest ist so fragt man nicht wer ihn geliehen hat oder wem er
angehört sofern er nur einen passenden Angriff für den vorliegenden Zweck
gestattet In dem weitem Verlauf dieser Abhandlung will ich eben ein Gebäude
errichten was einfach mit sich selbst übereinstimmt und ich werde es deshalb
so weit meine Erfahrung und Beobachtung reicht auf einer Grundlage errichten
die keiner solchen Stützen und Pfeiler für sich bedarf welche auf erborgtem
oder bittweisem Grunde ruhen Selbst wenn mein Werk mir ein Luftschloss werden
sollte soll es doch zusammenhängend und aus einem Gusse sein Der Leser möge
aber deshalb keine unbestreitbaren und zwingenden Beweisführungen erwarten man
müsste mir denn das Vorrecht was Andere nicht selten sich anmaßen gestatten
dass ich meine Grundsätze für zugestanden ansehen dürfte denn dann will auch
ich strenge Beweise führen Alles was ich in Bezug auf die Grundsätze von
denen ich ausgehe sagen kann ist dass ich mich lediglich auf eigene
unbefangene Erfahrung und Beobachtung eines Jeden rücksichtlich ihrer Wahrheit
berufe dies genügt für einen Mann der offen und frei nur seine eigenen
Ansichten über einen Gegenstand darlegen will der noch etwas im Dunklen liegt
und dessen Zweck nur auf die unparteiische Erforschung der Wahrheit gerichtet
ist
Zweites Buch
1 Vorstellungen sind der Gegenstand des Denkens.) Jedermann weiß wenn
er auf sein Denken achtet dass das womit seine Seele während des Denkens
befasst ist die darin enthaltenen Vorstellungen sind deshalb haben
unzweifelhaft die Menschen in ihrer Seele mancherlei Vorstellungen wie
dergleichen zB mit den Worten Weiße Härte Süßigkeit Denken Bewegung
Mensch Elephant Armee Trunkenheit und anderen bezeichnet werden Es gehört zu
den wichtigsten Fragen wie die Seele zu ihnen gelangt Es ist wie ich weiß
ein angenommener Satz dass den Menschen Vorstellungen angeboren und
ursprüngliche Zeichen gleich mit dem Beginn ihres Daseins eingeprägt seien Ich
habe diese Meinung in dem vorgehenden Buche bereits untersucht und ich hoffe
dem dort Gesagten wird noch leichter beigestimmt werden wenn ich gezeigt haben
werde woher der Verstand alle seine Vorstellungen entnimmt und auf welchem
Wege und in welchem Maß sie in ihn eintreten Ich rechne dabei auf die
Beobachtungen und Erfahrungen eines Jeden
2 Alle Vorstellungen kommen von der sinnlichen und SelbstWahrnehmung
Wir wollen also annehmen die Seele sei wie man sagt ein weißes
unbeschriebenes Blatt Papier ohne irgend welche Vorstellungen wie wird sie nun
damit versorgt Woher kommt sie zu dem großen Vorrat welche die geschäftige
und ungebundene Phantasie des Menschen darauf in beinah endloser
Mannigfaltigkeit verzeichnet hat Woher hat sie all den Stoff für die Vernunft
und das Wissen Ich antworte darauf mit einem Worte Von der Erfahrung. All
unser Wissen ist auf diese gegründet und von ihr leitet es sich im letzten
Grunde ab Unser Beobachten entweder der äußern wahrnehmbaren Dinge oder der
Inneren Vorgänge in unserer Seele ist es was den Verstand mit dem Stoff zum
Denken versieht Sie sind die beiden Quellen des Wissens, aus der alle
Vorstellungen, die wir haben oder natürlicherweise haben können entspringen
3 Die Gegenstände der Sinne sind die eine Quelle der Vorstellungen.)
Zunächst führen die Sinne in Berührung mit einzelnen sinnlichen Gegenständen
verschiedene Vorstellungen von Dingen der Seele zu je nach dem Wege auf dem
diese Gegenstände die Sinne erregen So gelangen wir zu den Vorstellungen des
Gelben Weißen Heißen Kalten Weichen Harten Bitteren Süßen und allen
sogenannten sinnlichen Eigenschaften Mit diesem »Zuführen« meine ich dass die
Sinne von äußern Gegenständen das der Seele zuführen was die Vorstellung in
ihr hervorbringt Diese große Quelle unserer meisten Vorstellungen, die ganz
von unsern Sinnen abhängen und durch sie in den Verstand übergeführt werden
nenne ich die SinnesWahrnehmung
4 Die Wirksamkeit unserer Seele ist die andere Quelle von Vorstellungen
Zweitens ist die andere Quelle aus der die Erfahrung den Verstand mit
Vorstellungen versieht die Wahrnehmung der Vorgänge in unserer eigenen Seele
wenn sie sich mit den erlangten Vorstellungen beschäftigt Wenn die Seele auf
diese Vorgänge blickt und sie betrachtet so versehen sie den Verstand mit einer
andern Art von Vorstellungen, die von Außendingen nicht erlangt werden können;
dahin gehören das Wahrnehmen das Denken, Zweifeln Glauben Begründen Wissen
Wollen und alle jene verschiedenen Tätigkeiten der eigenen Seele Indem wir uns
deren bewusst sind und sie in uns betrachten so empfängt unser Verstand dadurch
ebenso bestimmte Vorstellungen wie von den unsere Sinne erregenden Körpern
Diese Quelle von Vorstellungen hat Jeder ganz in sich selbst und obgleich hier
von keinem Sinn gesprochen werden kann, da sie mit äußerlichen Gegenständen
nichts zu tun hat so ist sie doch den Sinnen sehr ähnlich und könnte ganz
richtig innerer Sinn genannt werden. Allein da ich jene Quelle schon
Sinneswahrnehmung nenne so nenne ich diese Selbstwahrnehmung da die von ihr
gebotenen Vorstellungen von der Seele nur durch Wahrnehmung ihres eigenen Thuns
in ihr gewonnen werden können, unter Selbstwahrnehmung verstehe ich in dem
Folgenden die Kenntnis welche die Seele von ihrem eigenen Thun und seiner
Weise nimmt wodurch die Vorstellungen von diesen Tätigkeiten in dem Verstand
entstehen Diese beiden Dinge dh die stofflichen als die Gegenstände der
Sinne, und die Vorgänge innerhalb unserer Seele als die Gegenstände der
Selbstwahrnehmung sind für mich der alleinige Ursprung aller unserer
Vorstellungen. Ich brauche hier das Wort Vorgänge in einem weitem Sinne wo es
nicht bloß die Tätigkeit der Seele in Bezug auf ihre Vorstellungen sondern
auch eine Art von Gefühlen umfasst die mitunter aus ihnen entstehen wie zB
die Zufriedenheit oder Unzufriedenheit welche aus einem Gedanken entspringt
5 All unsere Vorstellungen gehören zu einer von diesen beiden Arten.)
Der Verstand scheint mir keine Spur von Vorstellungen zu haben die nicht aus
einer dieser beiden Quellen hervorgehen Die äußern Gegenstände versehen die
Seele mit den Vorstellungen der sinnlichen Eigenschaften wozu alle jene
verschiedenen Wahrnehmungen gehören welche sie in uns hervorbringen und die
eigene Seele versieht den Verstand mit den Vorstellungen ihrer Wirksamkeit Wenn
wir die volle Übersicht derselben und ihrer verschiedenen Arten, Verbindungen
und Beziehungen erlangt haben so wird sich zeigen dass sie den ganzen Vorrat
unseres Vorstellens umfassen und dass nichts in unserer Seele ist was nicht
auf diesen beiden Wegen in sie gelangt Ein Jeder prüfe seine Gedanken und
untersuche seinen Verstand und er mag mir dann sagen ob die ursprünglichen
Vorstellungen darin andere sind als die von den Gegenständen seiner Sinne oder
von der Wirksamkeit seiner Seele als Gegenstande der Selbstwahrnehmung
genommen kommen Wie groß auch die Masse der darin enthaltenen Vorstellungen
sein mag so wird er bei genauer Besichtigung sehen dass er in seiner Seele nur
solche aus einer dieser beiden Quellen geflossenen Vorstellungen hat obgleich
sie vielleicht von dem Verstande in endloser Mannigfaltigkeit verknüpft und
erweitert sein mögen wie wir später sehen werden
6 Dies zeigt sich bei Kindern Betrachtet man aufmerksam den Zustand
eines neugeborenen Kindes so hat man wenig Anlass es mit einer Fülle von
Vorstellungen versehen anzunehmen welche der Stoff seines künftigen Wissens
sind vielmehr gelangt es allmählich zum Besitz derselben Allerdings prägen die
Vorstellungen nahe liegender und häufig vorkommender Eigenschaften sich ein ehe
das Gedächtnis über die Zeit und Ordnung derselben ein Register zu halten
beginnt indes kommen doch manche seltenere Eigenschaften so spät auf diesem
Wege in die Seele dass die meisten Menschen sich wohl entsinnen können wenn
sie mit ihnen bekannt geworden Wäre es der Mühe wert so könnte man leicht ein
Kind so behandeln dass es selbst von den gewöhnlichen Vorstellungen nur wenig
besäße ehe es groß geworden Jetzt sind alle Kinder nach ihrer Geburt von
Gegenständen umgeben die sie ohne Unterlass und verschieden erregen eine
Mannigfaltigkeit von Vorstellungen drücken sich der Seele des Kindes ein mag
man darauf Acht haben oder nicht Licht und Farben sind überall geschäftig bei
der Hand sobald das Kind die Augen öffnet Töne und einzelne fühlbare
Eigenschaften reizen seine Sinne und erzwingen sich einen Eingang in seine
Seele würde aber ein Kind an einem Ort gehalten wo es nur Schwarzes und
Weißes sähe bis es groß geworden so würde es wie wohl Jeder einräumen wird
von Purpur und Grün ebenso wenig eine Vorstellung haben als Jemand von dem
Geschmack einer Auster oder Ananas die er nie gegessen hat
7 Die Menschen sind damit verschieden versehen je nach den verschiedenen
Gegenständen die ihnen vorkommen Die Menschen werden deshalb mit mehr oder
weniger einfachen Vorstellungen von außen versehen je nach der großen oder
geringen Mannigfaltigkeit der Gegenstände, mit denen sie verkehren oder je
nachdem sie mehr oder weniger auf die Vorgänge in ihrer Seele achten Denn wenn
auch Der welcher auf diese Vorgänge achtet einfache und klare Vorstellungen
von ihnen erlangen muss so wird er doch wenn er seine Gedanken nicht darauf
richtet und sie nicht aufmerksam betrachtet von den Vorgängen in seiner Seele
und allem dabei Vorkommenden so wenig klare und deutliche Vorstellungen haben
als Der von den Einzelheiten einer Landschaft oder den Bewegungen einer
Wanduhr welcher seine Augen nicht hinwendet und nicht alle Theile aufmerksam
betrachtet Das Gemälde oder die Uhr können so gestellt sein dass sie alle Tage
ihm aufstoßen aber er wird dennoch nur eine verworrene Vorstellung aller
Theile aus denen sie bestehen haben wenn er sie nicht aufmerksam im Einzelnen
betrachtet
8 Die Vorstellungen der Selbstwahrnehmung kommen später weil sie
Aufmerksamkeit erfordern Hier haben wir den Grand weshalb Kinder ziemlich
spät die Vorstellungen von ihren inneren Vorgängen gewinnen manche haben selbst
ihr ganzes Leben lang von den meisten dieser Vorgänge keine klare und
vollständige Vorstellung denn sie finden zwar fortwährend statt aber sie
machen wie schwankende Erscheinungen keinen so tiefen Eindruck um in der
Seele eine klare deutliche und dauernde Vorstellung zurückzulassen ehe nicht
der Verstand sich nach innen auf sich wendet auf seine eigene Tätigkeit achtet
und sie zu dem Gegenstand seiner Betrachtung macht Neugeborene Kinder sind von
einer Welt neuer Gegenstände umgeben die ihre Sinne ohne Unterlass erregen und
die Seele auf sich ziehen die gern das Neue beachtet und steh an dem
mannichfachen Wechsel der Gegenstände erfreut So werden die ersten Jahre meist
im Herumschauen auf äußere Gegenstände verbracht das Geschäft des Menschen ist
in dieser Zeit sich mit dem was draußen ist bekannt zu machen so wächst er
In einem beständigen Wahrnehmen der Außendinge auf und gibt selten genauer auf
die Vorgänge in seinem Innern Acht bis er zu reifem Jahren kommt ja Manche
selbst dann nicht
9 Die Seele beginnt Vorstellungen zu haben wenn sie wahrzunehmen
beginnt Fragt man wann ein Mensch die ersten Vorstellungen erlange so heißt
dies fragen wann er wahrzunehmen anfange denn Wahrnehmen und Vorstellungen
haben ist dasselbe Ich weiß man ist der Meinung dass die Seele immer denke
und dass sie so lange sie bestehe ohne Unterlass wirklich gegenwärtige
Vorstellungen habe und dass das wirkliche Denken von der Seele so untrennbar
sei wie die Ausdehnung von dem Körper Wäre dies richtig so fiele die Frage
nach dem Anfange des Vorstellens mit der nach dem Anfange der Seele zusammen
denn nach dieser Auffassung müsste die Seele und ihr Vorstellen wie der Körper
und seine Ausdehnung beide zugleich zu bestehen anfangen
10 Die Seele denkt nicht immer dafür fehlt der Beweis Ob die Seele
vorher oder gleichzeitig oder etwas später zu bestehen anfängt als die ersten
Grundlagen des Organismus oder der Anfang des Lebens in dem Körper mögen die
entscheiden die dies besser verstehen Ich für meine Person gestehe dass ich
eine von jenen dummen Seelen habe die sich nicht immer in der Betrachtung von
Vorstellungen bemerkt und die das stete Denken für die Seele ebenso wenig
nötig hält wie die stete Bewegung für einen Körper da das Erfassen von
Vorstellungen nach meinem Verstande für die Seele dasselbe ist, wie die
Bewegung für den Körper nicht ihr Wesen sondern eine ihrer Verrichtungen Mag
daher das Denken noch so sehr als die eigentliche Tätigkeit der Seele angesehen
werden, so braucht die Seele doch nicht als immer denkend und in Tätigkeit
angenommen zu werden Es mag dies das Vorrecht des unendlichen Urhebers und
Erhalters der Dinge sein der niemals schlummert noch schläft aber es passt
nicht zu einem endlichen Wesen wenigstens nicht für die menschliche Seele Wir
wissen durch Erfahrung dass wir manchmal denken und folgern daraus mit Recht
dass in uns Etwas ist was die Kraft zu denken hat allein ob diese Substanz
ununterbrochen denkt oder nicht kann man nur durch Erfahrung erkennen Denn
wenn man sagt dass das wirkliche Denken der Seele wesentlich und untrennbar von
ihr sei so setzt man nur das was eben in Frage steht dies ist kein
vernünftiger Beweis der doch nötig ist wo es sich nicht um
selbstverständliche Grundsätze handelt Ob aber der Satz: Die Seele denkt immer
zu den selbstverständlichen Grundsätzen gehöre denen Jeder bei dem ersten Hören
zustimme darüber berufe ich mich auf alle Menschen Es ist in Frage ob ich
vergangene Nacht gedacht habe oder nicht es handelt sich also um eine
Tatsache, und man nimmt die Sache schon als ausgemacht an wenn man als Beweis
dafür eine Hypothese bringt um deren Beweis es sich eben handelt Ich brauche
dann nur anzunehmen dass alle Uhren so lange der Pendel sich bewegt denken
um zu beweisen und zwar zweifellos dass meine Uhr die ganze letzte Nacht
gedacht habe Wer sich aber nicht täuschen will muss seine Hypothese auf
Tatsachen stützen und durch wirkliche Erfahrungen begründen und in den
Tatsachen nichts als ausgemacht annehmen bloß seiner Hypothese wegen dh
weil er es so voraussetzt Solche Beweise laufen darauf hinaus dass ich die
vorige ganze Nacht gedacht habe weil ein Anderer annimmt dass ich immer denke
obgleich ich dies an mir nicht bemerken kann Indes setzen Menschen die in
ihre Meinung verliebt sind nicht nur das in Frage stehende als ausgemacht
voraus sondern bringen auch entstellte Tatsachen herbei Wie könnte man mir
sonst den Schluss zur Last legen dass ein Ding nicht ist weil man es im
Schlafe nicht bemerkt Ich behaupte ja nicht dass keine Seele in dem Menschen
sei weil er sich derselben im Schlafe nicht bewusst ist; sondern: Man kann
weder im Wachem noch im Schlafe denken ohne es zu bemerken Unser Wahrnehmen
ist nicht für Alles notwendig ausgenommen für unser Denken dazu ist es
notwendig und wird es immer bleiben bis man denken kann ohne es zu wissen
11 Die Seele ist sich ihres Denkens nicht immer bewusst Ich gebe zu
dass bei einem wachenden Menschen die Seele niemals ohne Denken ist weil dies
die Bedingung des Wachseins ist altem ob das Schlafen ohne zu träumen nicht
ein Zustand des ganzen Menschen ist seiner Seele wie seines Körpers mag der
wachende Mensch überlegen da es schwer zu begreifen ist dass ein Wesen denken
sollte ohne es zu wissen Tut die Seele dies bei einem schlafenden Menschen
ohne es zu wissen so frage ich ob sie während eines solchen Denkens Lust oder
Schmerz empfindet und des Glückes oder Unglücks fähig ist Sicherlich ist es ein
solcher Mensch so wenig wie sein Bett oder die Erde auf der er liegt denn
glücklich oder elend zu sein ohne es zu wissen scheint mir unverträglich und
unmöglich Ist es möglich dass die Seele während der Körper schläft denkt
Lust und Kummer Vergnügen und Schmerz für sich hat wovon der Mensch kein
Wissen hat und woran er nicht Teil nimmt so ist auch der Sokrates im Schlafe
nicht dieselbe Person mit dem Sokrates im Wachen seine Seele wenn er schläft
und der Mensch Sokrates der aus Seele und Körper besteht sind dann zwei
verschiedene Personen da der wachende Sokrates nicht weiß und sich nicht
kümmert um dieses Glück oder Elend seiner Seele das sie für sich empfindet
während er schläft und nichts davon bemerkt gleich als handele es sich um das
Glück oder Elend eines Menschen in Indien den er nicht kennt Denn wenn man
alles Bewusstsein um unser Handeln und Empfinden insbesondere um Lust und
Schmerz und die sie begleitende Teilnahme ganz hinwegnimmt so dürfte es
schwer sein anzugeben worin dann die Dieselbigkeit einer Person noch bestehen
soll
12 Wenn Jemand im Schlafe denkt ohne es zu wissen so sind der
schlafende und wachende Mensch zwei verschiedene Personen Man sagt die Seele
denkt während des gesunden Schlafes Wenn sie denkt und vorstellt w kann sie
sich sicherlich auch Lust und Schmerz vorstellen wie Anderes und sie muss
notwendig sich ihrer eigenen Vorstellungen bewusst sein Allein sie hat dies
Alles für sich der schlafende Mensch weiß nichts davon Kastors Seele soll
also danach während seines Schlafes sich aus seinem Körper zurückgezogen haben
dies kann für meinen Gegner keine unmögliche Annahme sein da sie ja allen
Tieren das Leben ohne eine denkende Seele zugestehen Meine Gegner können es
daher nicht für unmöglich oder widersprechend halten dass der Körper ohne die
Seele leben kann und dass die Seele bestehen denken oder vorstellen ja selbst
Glück und Elend ohne den Körper empfinden kann Die Seele Kastors soll deshalb
wie gesagt während er schläft für sich besonders bestehen und für sich denken
Sie mag als Schauplatz ihres Denkens den Körper eines andern Menschen zB des
Pollux wählen der ohne Seele schläft denn wenn Kastors Seele denken kann
während Kastor schläft und er nichts davon weiß so ist es gleichgültig welche
Stelle sie zu ihrem Denken auswählt So haben wir die Körper von zwei Menschen
mit nur einer Seele zwischen ihnen die wechselweise schlafen und wachen mögen
die Seele denkt in dem wachenden Menschen wovon der schlafende nichts weiß und
nicht die leiseste Wahrnehmung hat Nun frage ich ob Kastor und Pollux so mit
einer Seele für Beide die in dem Einen denkt und auffasst was der Andere nie
weiß noch was ihn kümmert nicht ebenso zwei verschiedene Personen sind als
Kastor und Hercules oder Sokrates und Plato gewesen sind Könnte dann nicht der
Eine sehr glücklich der Andere sehr elend sein Gerade so machen Die aus der
Seele und dem Menschen zwei Personen die die Seele denken lassen wovon der
Mensch nichts weiß denn ich nehme an dass Niemand die Dieselbigkeit einer
Person in die Verbindung der Seele mit genau bestimmten einzelnen Stoffteilen
setzt denn dann könnte bei dem fortwährenden Ab und Zutreten der
Stoffteilchen in unserm Körper kein Mensch zwei Tage ja selbst zwei
Augenblicke lang dieselbe Person sein
13 Der Beweis dass Personen denken die ohne zu träumen schlafen ist
unmöglich So erschüttert jedes schläfrige Nicken die Lehre dass die Seele
immer denkt wenigstens kann man Die welche einmal ohne zu träumen schlafen
nie überzeugen dass ihr Denken während vielleicht vier Stunden geschäftig
gewesen ist ohne dass sie es gewusst haben Selbst wenn man sie mitten in
dieser schlafenden Betrachtung aufweckt können sie darüber keine Auskunft
geben
14 Träume derer man sich nicht entsinnt beweisen nichts Man erwidert
vielleicht dass die Seele selbst in dem gesundesten Schlafe denke nur das
Gedächtnis behalte es nicht Indes ist es schwer zu begreifen dass die Seele
eines Schlafenden in diesem Augenblick denkend tätig sein und in dem nächsten
wo er aufwacht nicht das Geringste von dem Gedachten sich soll zurückrufen
können deshalb sind hierfür bessere Beweise nötig als bloße Behauptungen
wenn man es glauben soll Denn wer kann wohl bloß weil es ihm gesagt worden
sich ohne Schwierigkeit vorstellen dass die meisten Menschen täglich an vier
Stunden während ihres Lebens etwas denken dessen sie sich wenn man sie selbst
mitten in diesen Gedanken fragt durchaus nicht entsinnen können Die meisten
Menschen werden glaube ich während eines großen Teils ihres Schlafens nichts
träumen Ich habe einen Mann gekannt der eine gelehrte Erziehung erhalten und
kein schlechtes Gedächtnis hatte dieser sagte mir dass er nicht eher geträumt
habe als bis er das Fieber bekommen von dem er erst neuerlich genesen war
also hat er bis zu dem 25 oder 26sten Jahre seines Lebens nicht geträumt Ich
glaube es gibt mehr solcher Beispiele und Jedermann wird Bekannte haben die
ihm Beispiele dafür beibringen können dass Menschen die Nächte meistenteils
ohne Träume verbringen
15 Nach dieser Annahme müssten die Gedanken eines schlafenden Mannes die
vernünftigsten sein Ein häufiges Denken ohne auch nur einen Augenblick darum
zu wissen ist eine sehr ungewöhnliche Art zu denken in solchem Zustande ist
die Seele wenig oder gar nicht besser als ein Spiegel der fortwährend
mannichfache Bilder oder Vorstellungen empfängt aber nicht behält Sie
verschwinden und verlöschen ohne eine Spur zu hinterlassen der Spiegel ist
nicht besser für solche Bilder wie die Seele für solche Gedanken Man erwidert
vielleicht »dass bei einem wachenden Menschen die Stoffteilchen beim Denken
benutzt und gebraucht werden, und das das Gedächtnis von diesen Gedanken von
den Eindrücken auf das Gehirn und von den Spuren die das Denken dort
zurückgelassen habe komme dagegen denke bei dem nicht bewussten Denken eines
schlafenden Menschen die Seele für sich ohne die Organe des Körpers zu
benutzen und deshalb träten diese Gedanken nicht in das Gedächtnis« Ich
will dagegen nicht die Widersinnigkeit nochmals geltend machen dass mit dieser
Annahme der Mensch in zwei Personen aufgelöst wird allein wenn die Seele ohne
Hülfe ihres Körpers Vorstellungen aufnehmen und betrachten kann so kann man
doch auch annehmen dass sie dieselben ohne Hülfe des Körpern behalten kann
sonst hätte die Seele für sich und die bloßen Geister nur wenig Vorteil von
ihrem Denken Wenn der Seele das Gedächtnis für ihre Gedanken abgeht wenn sie
dieselben nicht für ihren Gebrauch aufbewahren und gelegentlich zurückrufen
kann wenn sie das Vergangene nicht überdenken und ihre früheren Erfahrungen
Überlegungen und Betrachtungen sich nicht zu Nutze machen kann was hilft ihr
da ihr Denken Wenn man die Seele zu einem denkenden Wesen dieser Art macht so
ist sie um nichts besser als wenn man sie nur zu den feinsten Teilen des
Stoffes herabsetzt Zeichen auf Staub geschrieben welche der nächste Windhauch
verlöscht oder Eindrücke auf einen Haufen Atome oder Lebensgeister sind dann
ebenso nützlich und machen ihren Gegenstand ebenso edel als Gedanken die in
der Seele bei dem Denken erlöschen und die einmal das dem Gesicht gekommen
für immer verschwunden sind und kein Gedächtnis von sich zurücklassen Die
Natur schafft keine ausgezeichneten Wesen bloß zu niedrigen oder gar keinem
Gebrauche und man kann schwer begreifen dass der allweise Schöpfer eine so
wunderbare Kraft wie das Denken, die der Vortrefflichkeit seines
unbegreiflichen Wesens am nächsten kommt geschaffen haben sollte um so leer
und nutzlos verwendet zu werden dass sie wenigstens den vierten Teil ihres
irdischen Daseins denken sollte ohne sich desselben zu erinnern und ohne sich
oder Anderen damit zu nützen oder irgend einem Theile der Schöpfung Vorteil zu
bringen Selbst die Bewegung des vernunft und gefühllosen Stoffes in irgend
einem Theile eines Weltalls wird nicht so nutzlos erschaffen und so ganz
weggeworfen sein
16 Nach dieser Hypothese müsste die Seele Vorstellungen haben die weder
von der Sinnesnoch Selbstwahrnehmung kämen allein solche zeigen sich nicht
Wir haben allerdings mitunter Vorstellungen während des Schlafes die im
Gedächtnis bleiben allein wer mit Träumen bekannt ist weiß wie maßlos und
unzusammenhängend sie in der Regel sind und wie sie wenig der Vollkommenheit
und Ordnung eines vernünftigen Wesens entsprechen Ich möchte nun gern wissen
ob wenn die Seele so für sich als wäre sie vom Körper getrennt denkt sie
dabei weniger vernünftig verfährt als in Verbindung mit ihm Sind ihre
getrennten Gedanken weniger vernünftig dann müssen meine Gegner anerkennen
dass die Seele ihr vollkommeneres und vernünftigeres Denken dem Körper verdankt
ist dies aber nicht der Fall so ist es unbegreiflich dass unsere Träume meist
so sinnlich und unvernünftig sind und dass die Seele von ihren vernünftigem
Selbstgesprächen und Überlegungen nichts behalten sollte
17 Wenn ich nicht weiß ob ich denke so kann es auch kein Anderer
wissen Wenn man so zuversichtlich behauptet dass die Seele immer denkt so
sollte man doch sagen welcher Art die Vorstellungen in der Seele eines Kindes
sind ehe sie oder genau wenn sie sich mit dem Körper verbindet und ehe sie
noch eine Wahrnehmung gehabt hat Die Träume des Schlafenden sind meines
Erachtens nur aus Vorstellungen des wachenden Menschen gebildet obgleich
verkehrt genug verbunden Es wäre sonderbar wenn die Seele eigene Vorstellungen
hätte die sie nicht aus der Sinnes oder Selbstwahrnehmung abgeleitet hätte
wie es in solchem Falle sein müsste und wenn sie dennoch von ihrem eigenen
Denken so ihr eigen dass der Mensch selbst nichts davon merkt im Augenblick
des Erwachens nichts zurückbehalten könnte um den Menschen mit neuen
Entdeckungen zu erfreuen Wie erklärte es sich wohl dass die Seele in ihrer
Zurückgezogenheit auf sich selbst während des Schlafes viele Ständen denkt und
doch niemals auf einen jener Gedanken trifft der nicht der Wahrnehmung entlehnt
ist und dass sie nur solche sich bewahrt die von dem Körper veranlasst sind
und deshalb einem Geiste weniger angemessen sein können Es wäre sonderbar dass
die Seele während des ganzen menschlichen Lebens niemals einen solchen rein
angeborenen Gedanken und solche Vorstellungen zurückrufen könnte die sie hatte
ehe sie Etwas von dem Körper borgte und dass sie in das Wissen des wachenden
Menschen nur Vorstellungen bringt welche einen Beigeschmack vom Fasse haben und
der Verbindung mit dem Körper offenbar entsprossen sind Denkt die Seele immer
und hatte sie ebenso Vorstellungen vor ihrer Verbindung mit dem Körper und ehe
sie Vorstellungen vom Körper erhielt so muss man annehmen dass sie während des
Schlafens sich dieser angeborenen Vorstellungen erinnert Während dieser Zeit
wo sie sich aus der Verbindung mit dem Körper zurückgezogen hat und sie bei sich
selbst denkt müssten die Gedanken mit denen sie sich beschäftiget wenigstens
manchmal jene natürlichen und ihr entsprechenderen sein die sie aus sich selbst
nimmt und die nicht vom Körper und dessen Wirksamkeit abgeleitet sind Allein da
der wachende Mensch sich niemals solcher Gedanken erinnert so müsste man danach
auch annehmen dass die Seele sich der Vorstellungen erinnert ohne dass der
Mensch es tut oder dass das Gedächtnis sich nur auf solche Vorstellungen
erstreckt die von dem Körper oder von der Wirksamkeit der Seele auf den Körper
abhängen
18 Woher weiß man dass die Seele immer denkt Wenn es kein
selbstverständlicher Grundsatz ist so bedarf er eines Beweises Ich möchte
auch gern wissen wie man wenn man so zuversichtlich behauptet die Seele oder
was dasselbe ist, der Mensch denke immer zu dieser Kenntnis gelangt ist ja
wie die Verteidiger dieser Ansicht wissen dass sie selbst denken wenn sie
dasselbe nicht bemerken Ich fürchte dafür fehlt der Beweis ein Wissen ohne
dass man es bemerkt scheint mir eine verworrene Vorstellung, die nur einer
Hypothese zur Liebe angenommen ist und die nicht zu den klaren Wahrheiten
gehört welche entweder selbstverständlich sind oder der allgemeinen Erfahrung
wegen nicht abgeleugnet werden können. Das Äußerste was man sagen kann ist
es sei möglich dass die Seele immer denke ohne die Gedanken immer im
Gedächtnis zu behalten ich sage dagegen es ist ebenso möglich dass die Seele
nicht immer denkt und viel wahrscheinlicher dass sie manchmal nicht denkt als
dass sie oft und lange hintereinander denken sollte ohne sich dessen selbst den
Augenblick nachdem sie gedacht bewusst zu sein
19 Es ist sehr unwahrscheinlich dass ein Mensch mit Denken beschäftigt
wäre und doch den nächsten Augenblick es nicht mehr wüsste Lässt man die Seele
denken und den Menschen es nicht wissen so macht man wie gesagt aus einem
Menschen zwei Personen und wenn man die Art wie man sich dabei ausdruckt
genau betrachtet so sollte man meinen es sei wirklich so gemeint Denn Alle
die sagen dass die Seele immer denke sagen soviel ich mich entsinne niemals
dass der Mensch immer denke Kann nun die Seele denken und der Mensch nicht
oder ein Mensch denken und sich dessen nicht bewusst sein Man würde dies bei
Andern für leeres Gerede halten Zu sagen Der Mensch denkt immer aber ist sich
dessen nicht immer bewusst heißt ebenso viel als sein Körper ist ausgedehnt
hat aber keine Theile denn es ist ebenso unverständlich zu sagen ein
ausgedehnter Körper hat keine Theile als ein Wesen denkt ohne es zu wissen
und ohne zu bemerken dass es denkt Man kann dann ebenso gut zur
Aufrechthaltung solcher Hypothesen sagen dass ein Mensch immer hungert aber
dies nicht immer empfindet obgleich der Hunger gerade so in diesem Gefühle
besteht wie das Denken in dem Bewusstsein dass man denkt Sagt man ein Mensch
sei sich seines Denkens immer bewusst so frage ich woher man dies weiß
Bewusstsein ist die Wahrnehmung dessen was in der eignen Seele vorgeht Kann
nun ein Anderer behaupten dass ich von Etwas das Bewusstsein habe wenn ich
selbst es nicht bemerke Niemandes Wissen kann hier über seine Erfahrung
hinausgehen Man wecke einen Menschen aus seinem tiefen Schlafe und frage ihn
was er eben jetzt gedacht habe Sollte dieser selbst von nichts was er gedacht
hatte wissen so muss der Andere in merkwürdiger Weise Gedanken erraten
können wenn er ihm versichern kann dass er dennoch gedacht habe vielleicht
könnte er ihn noch eher versichern dass er nicht geschlafen habe Dergleichen
geht über Philosophie und nur die Offenbarung kann einen Andern die Gedanken in
meiner Seele erkennen lassen wo ich selbst keine bemerke Man muss ein
durchdringendes Gesicht haben wenn man sicher sehen kann dass ich denke
während ich selbst es nicht bemerken kann und erkläre dass ich nicht denke
Dabei kann man auch wieder sehen dass Hunde und Elephanten nicht denken wenn
sie alle möglichen Kennzeichen desselben zeigen und nur nicht sagen können
dass sie denken Dergleichen dürfte selbst die Rosenkreuzer überbieten da man
noch leichter sich selbst für Andere unsichtbar als Anderer Gedanken sich
selbst sichtbar machen kann die ihnen selbst nicht sichtbar sind Indes
braucht man nur die Seele als ein Wesen was immer denkt zu definieren und die
Sache ist abgemacht Soll diese Definition gelten so weiß ich nicht wie
manche Menschen sich vor dem Zweifel schützen wollen dass sie überhaupt keine
Seele haben da sie sehen dass sie einen guten Teil ihres Lebens ohne Denken
verbringen Keine mir bekannte Definition keine Annahme irgend einer Sekte
vermag eine beständige Erfahrung zu widerlegen nur die Sucht mehr zu wissen
als man wahrnimmt veranlasst so viel nutzlosen Streit und so viel Lärm in der
Welt
20 Nur aus der Sinnes und Selbstwahrnehmung kommen alle Vorstellungen
wie sich bei Kindern klar zeigt Ich kann daher nicht annehmen das die Seele
denkt ehe die Sinne sie mit Vorstellungen versehen haben über welche sie
denken kann je mehr diese zunehmen und sich ausdehnen desto mehr gelangt die
Seele durch Übung zur Steigerung ihres Denkvermögens teils in dessen
einzelnen Richtungen teils in Verbindung derselben und im Nachdenken über die
eignen Tätigkeiten Die Seele vermehrt so sowohl ihren Vorrat wie die
Leichtigkeit im Erinnern bildlichem Vorstellen Begründen und andere Arten des
Denkens.
21 Wer sich durch Erfahrung und Beobachtung unterrichten lässt und seine
eignen Hypothesen nicht zu Naturgesetzen erhebt wird bei einem neugeborenen
Kinde wenig finden was auf eine an vieles Denken gewöhnte Seele deutete und
noch weniger was von Nachdenken zeugte Demnach ist es schwer glaublich dass
die vernünftige Seele so viel denken und doch so wenig vernünftig denken sollte
Wenn man sieht wie neugeborene Kinder den größten Teil der Zeit verschlafen
und nur wachen wenn der Hunger nach der Brust verlangt oder ein Schmerz die
lästigste aller Empfindungen oder sonst ein heftiger Eindruck auf den Körper
die Seele zum Wahrnehmen und Aufmerken nötigt so wird man vielleicht die
Annahme begründet finden dass die Frucht im Mutterleibe nicht viel von dem
Zustand einer Pflanze abweicht und dass sie den größten Teil ihrer Zeit ohne
Wahrnehmung und Gedanken verbringt und wenig an einem Orte tut wo sie nicht
nach Nahrung zu suchen braucht und von einer immer gleich zarten und gleich
temperierten Flüssigkeit umgäben ist wo den Augen das Licht fehlt die
verschlossenen Ohren für Töne wenig empfänglich sind und wo wenig oder gar kein
Wechsel in den Gegenständen stattfindet der die Sinne anregen könnte
22 Folgt man einem Kinde von seiner Geburt ab und beobachtet man die
Veränderungen die die Zeit hervorbringt so findet man dass je mehr die Seele
durch die Sinne mit Vorstellungen versorgt wird es mehr und mehr erwacht und
das es mehr denkt je mehr es Stoff dafür hat Nach einiger Zeit lernt es die
Gegenstände kennen die weil es mit ihnen am vertrautesten ist die dauerndsten
Eindrücke auf es gemacht haben So lernt es allmählig die Personen kennen mit
denen es täglich verkehrt und unterscheidet sie von Fremden dies sind die
Beispiele und die Folgen davon dass es die von den Sinnen ihm zugeführten
Vorstellungen festhalten und unterscheiden lernt So kann man beobachten wie
die Seele allmählig darin fortschreitet und geübter wird diese Vorstellungen zu
erwecken zu verbinden zu trennen die Gründe aufzusuchen und über Alles dies
nachzudenken wie ich später weiter ausführen werde
23 Fragt man also wann ein Mensch mit seinem Vorstellen beginne so wird
die richtige Antwort sein dann wenn er die ersten Wahrnehmungen macht Da
keine Vorstellungen sich in der Seele zeigen ehe die Sinne solche eingeführt
haben so verstehe ich wie die Vorstellungen des Verstandes gleichzeitig sind
mit der Sinneswahrnehmung dh mit einem solchen Eindruck oder Bewegung an
einem Theile des Körpers, welche eine Vorstellung in dem Verstande herbeiführt
Mit diesen Eindrücken die unsere Sinne von äußeren Gegenständen erleiden
scheint die Seele sich zu beschäftigen und die Tätigkeiten zu üben die man
Vorstellen Erinnern Betrachten Begründen usw nennt
24 Der Ursprung all unsers Wissens Mit der Zeit beginnt die Seele auf
ihr eignes Thun in Betreff der durch die Sinne gewonnenen Vorstellungen zu
achten dadurch sammelt sie eine neue Art von Vorstellungen, die ich die
Vorstellungen aus der Selbstwahrnehmung nenne Somit sind es die Eindrücke auf
unsere Sinne durch äußere Gegenstände welche der Seele äußerlich sind und
die eignen Tätigkeiten die von Inneren der Seele selbst angehörigen Kräften
ausgehen und die wenn an sich selbst betrachtet ebenfalls zu Gegenständen der
Betrachtung werden die wie gesagt der Ursprung all unsres Wissens sind Das
erste Vermögen des menschlichen Verstandes ist daher die Empfänglichkeit der
Seele für Eindrücke die ihr entweder durch die Sinne von äußern Gegenständen
oder durch ihre eigne Tätigkeit wenn sie darauf sich richtet zugehen Dies
sind für den Menschen die ersten Schritte zur Erkenntnis der Dinge und die
Grundlage für alle Begriffe die wir auf natürlichem Wege in dieser Welt
erlangen können Alle jene erhabenen Gedanken die über die Wolken aufsteigen
und den Himmel selbst erreichen haben hier ihren Ursprung und ihren Boden in
all den weiten Räumen in denen die Seele wandert in den hochstrebenden
Gedankenbauten zu denen sie sich aufschwingt bringt sie nicht das kleinste
Stück über jene Vorstellungen hinzu die ihr die Sinne oder die innere
Wahrnehmung für ihr Denken geboten haben
25 Bei der Aufnahme einfacher Vorstellungen ist die Seele meistens nur
leidend In diesem Theile verhält sich der Verstand rein leidend und es hängt
nicht von seinen Kräften ab ob er diesen Stoff seines Wissens erlangt oder
nicht Die Sinnesgegenstände drängen meist ohne dass die Seele will oder nicht
ihre besonderen Vorstellungen ihr auf und ebenso werden die Tätigkeiten der
Seele uns nicht ganz ohne einige dunkle Vorstellungen von ihnen lassen Niemand
kann sich seiner Tätigkeit wenn er denkt ganz unbewusst bleiben Wenn diese
einfachen Vorstellungen sich der Seele angeboten haben so kann der Verstand sie
nicht mehr von sich ablehnen sie nicht ändern wenn sie sich eingeprägt haben
und sie weder vertilgen noch selbst neue machen so wenig wie ein Spiegel die
Bilder oder Vorstellungen verweigern verändern oder auslöschen kann welche die
vor ihm gesetzten Gegenstände an ihm hervorbringen Je nachdem die uns
umgebenden Gegenstände unsere Organe erregen muss die Seele diese Eindrücke
aufnehmen und kann die Auffassung der damit verknüpften Vorstellungen nicht von
sich abhalten
1 Unverbundene Wahrnehmungen Um die Natur Weise und Ausdehnung
unserer Kenntnisse besser zu verstehen ist ein Umstand bei unseren
Vorstellungen sorgfältig zu beachten nämlich dass manche einfach andere
zusammengesetzt sind Obgleich die unsere Sinne erregenden Eigenschaften so in
den Dingen vereint und gemischt sind dass keine Trennung und kein Abstand
zwischen ihnen besteht so treten doch offenbar die von ihnen in dem Verstand
hervorgebrachten Vorstellungen durch die Sinne einfach und unvermischt ein
Allerdings nimmt das Gesicht und das Gefühl oft von demselben Gegenstände
gleichzeitig verschiedene Vorstellungen auf und ein Mensch sieht zugleich die
Bewegung und die Farbe die Hand fühlt an demselben Stück Wachs die Weichheit
und die Wärme allein die einfachen Vorstellungen, die so in demselben
Gegenstand verbunden sind, sind ebenso vollständig getrennt wie die welche
durch verschiedene Sinne eintreten So sind die Kälte und Härte die man an
einem Eisstück fühlt in der Seele so verschiedene Vorstellungen als der Geruch
und die Weiße einer Lilie oder der Geschmack des Zuckers und der Geruch der
Rose Auch gibt es nichts für den Menschen als die klare und deutliche
Auffassung dieser einfachen Vorstellungen denn jede ist an sich unverbunden und
enthält daher in sich nur eine einfache Bestimmung oder Auffassung der Seele
welche sich nicht in verschiedene Vorstellungen auflösen lässt
2 Die Seele kann sie weder erzeugen noch zerstören Diese einfachen
Vorstellungen, welche den Stoff unseres ganzen Wissens bilden erhält die Seele
nur auf den oben erwähnten zwei Wegen zugeführt dh durch die Sinne und die
Selbstwahrnehmung Wenn der Verstand mit diesen einfachen Vorstellungen
angefüllt ist so kann er sie in beinah endloser Mannigfaltigkeit wiederholen
vergleichen verbinden und so nach Belieben neue zusammengesetzte Vorstellungen
bilden Aber weder der höchste Scharfsinn noch die ausgedehnteste Kenntnis
vermag durch Schnelligkeit oder Mannigfaltigkeit des Denkens eine neue einfache
Vorstellung in der Seele zu erfinden oder zu bilden die nicht auf dem erwähnten
Wege aufgenommen wäre ebensowenig kann selbst der stärkste Verstand die darin
befindlichen vernichten Die Herrschaft des Menschen in dieser kleinen Welt
seines Verstandes ist ohngefähr dieselbe als die in der großen Welt der
sichtbaren Dinge auch hier reicht seine Macht trotz aller Kunst und
Geschicklichkeit nicht weiter als die Stoffe welche er zur Hand hat zu
verbinden oder zu trennen und er kann nicht das kleinste Stück neuen Stoffes
hervorbringen oder ein vorhandenes Atom vernichten Das gleiche Unvermögen
findet man in sich selbst wenn man in seinem Verstande eine neue einfache
Vorstellung bilden will die nicht durch die Sinne von außen oder durch Achtung
auf die Tätigkeiten der eigenen Seele erlangt ist Es soll doch Jemand einen
Geschmack sich ausdenken den sein Gaumen noch nicht gekostet hat er soll einen
Geruch sich bilden den er nie gerochen hat vermag er es so will ich auch
glauben dass der Blinde die Vorstellungen der Farben und der Taube bestimmte
und wahre Begriffe von den Tönen hat
3 Deshalb mag es Gott wohl möglich sein ein Wesen mit andern Organen und
mit mehr Wegen die dem Verstande die körperlichen Bestimmungen zufuhren zu
erschaffen als die fünf welche nach gewöhnlicher Annahme er den Menschen
gegeben hat allein kein Mensch kann andere Eigenschaften an irgend einem
Körper, die man an denselben erkennen könnte sich vorstellen als Töne
Geschmäcke Gerüche sichtbare und fühlbare Eigenschaften Wären dem Menschen
nur vier Sinne gegeben worden so wären die den Gegenstand des fünften Sinnes
bildenden Eigenschaften unserer Kenntnis Einbildung und Auffassung ebenso
entzogen als jetzt die welche zu irgend einem sechsten siebenten und achten
Sinne gehören obgleich man nicht ohne Anmaßung leugnen kann dass andere
Geschöpfe in einem andern Theile des weiten und ungeheuren Weltalls dergleichen
haben können Wer sich nicht stolz auf den Gipfel aller Dinge stellen sondern
die Unermesslichkeit dieses Baues und die große Mannigfaltigkeit
berücksichtigen will die sich schon in dem kleinen und unbeträchtlichen Theile
mit dem er es zu tun hat findet wird einsehen dass in andern Wohnstätten
andere und verschiedene verständige Wesen sich befinden mögen deren Fähigkeiten
er so wenig erfassen und keimen kann wie ein Wurm der in einem Tischkasten
steckt die Sinne und den Verstand eines Menschen denn eine solche
Mannigfaltigkeit und Vortrefflichkeit entspricht der Weisheit und Macht des
Schöpfers
Ich bin hier der gewöhnlichen Annahme gefolgt wonach der Mensch fünf Sinne
hat obgleich man vielleicht deren mehr annehmen kann indes bleibt meine
Ausführung für beide Annahmen gültig
1 Einteilung der einfachen Vorstellungen Um die Vorstellungen besser
zu verstehen die man durch die Sinne erhält ist es zweckmäßig sie mit
Rücksicht auf die verschiedenen Wege zu betrachten wodurch sie sich unsrer
Seele nahem und für uns fassbar werden
Erstlich kommen manche nur durch einen Sinn allein in die Seele
Zweitens gibt es andere die sich durch mehrere Sinne in die Seele
einführen
Drittens gibt es andere die man nur durch Selbstwahrnehmung erlangt
Viertens gibt es welche, die sich selbst den Weg bahnen und der Seele
durch alle Arten der Sinnesund Selbstwahrnehmung zugeführt werden
Wir wollen sie jede besonders nach diesen Gesichtspunkten betrachten
Vorstellungen eines Sinnes wie der Farben durch Sehen und der Töne durch
Hören
Zunächst gibt es also Vorstellungen, die nur durch einen Sinn eintreten
der für ihre Aufnahme besonders eingerichtet ist So treten das Licht und die
Farben wie weiß rot gelb blau mit ihren verschiedenen Abstufungen und
Mischungen wie grün purpur scharlachrot meergrün usw nur durch die Augen
ein alle Arten von Geräusch Lauten und Tönen nur durch die Ohren und die
verschiedenen Geschmäcke und Gerüche durch die Nase und den Gaumen Wenn diese
Organe oder die Nerven welche die Leiter bilden die sie von außen zu ihrem
Empfange im Gehirn dem Audienzzimmer der Seele führen wie ich es nennen
möchte irgend wie gestört sind und ihre Aufgabe nicht verrichten können so
haben sie keine Thür um einzutreten und keinen andern Weg sich bemerkbar zu
machen und von dem Verstande aufgefasst zu werden Die wichtigsten dem Gefühl
angehörenden Eigenschaften sind das Kalte Warme und Feste während die übrigen
bekanntlich beinah nur auf der fühlbaren Gestaltung beruhen wie glatt und rau
oder auf der mehr oder weniger festen Abhängung der Theile wie hart und weich
zähe und zerbrechlich
2 Für wenige einfache Vorstellungen sind Worte vorhanden Ich werde
wohl nicht alle einzelnen einfachen Vorstellungen, die zu jedem Sinn gehören
aufzuzählen brauchen auch würde es nicht möglich sein da für die meisten Sinne
deren mehr als Worte dafür vorhanden sind. Die verschiedenen Gerüche deren es
vielleicht so viel wo nicht mehr gibt als verschiedene Körper in der Welt
bestehen haben meist keinen besonderen Namen Wohlriechend und stinkend genügen
hier meist dem Bedürfnis was ziemlich dasselbe sagt als angenehm und
unangenehm obgleich der Geruch einer Rose und eines Veilchens beide
wohlriechend und doch sehr verschiedene Vorstellungen sind Auch die Geschmäcke
unsers Gaumens sind nicht besser mit Namen versehen Süß bitter sauer herbe
und salzig sind beinah die einzigen Beiworte um die zahllose Menge von
Geschmäcken zu bezeichnen die nicht bloß bei jeder Art von Dingen verschieden
sind sondern selbst in den verschiedenen Teilen derselben Pflanze Frucht oder
desselben Tieres sich unterscheiden Ich begnüge mich deshalb hier nur die
einfachen Vorstellungen aufzuzählen die für meinen Zweck die wichtigeren sind
oder weniger bemerkt werden obgleich sie sehr oft Bestandteile unserer
zusammengesetzten Vorstellungen bilden Ich kann wohl dazu die Dichtheit
rechnen die deshalb der Gegenstand des nächsten Kapitels sein soll
1 Wir erhalten diese Vorstellung durch das Gefühl Man erhält die
Vorstellung der Dichtheit durch das Gefühl sie entsteht durch den Widerstand
den uns ein Körper leistet wenn ein anderer Körper in seine Stelle eintreten
will bevor er sie verlassen hat Keine andere Vorstellung führt das Gefühl uns
so fortwährend zu wie diese Mögen wir gehen oder stehen oder sonst eine
Stellung annehmen so fühlen wir immer etwas unter uns was uns trägt und unser
tieferes Sinken hindert ebenso bemerken wir an den täglich behandelten
Gegenständen dass sie wenn man sie in die Hand nimmt durch eine
unübersteigliche Kraft es verhindern dass die Theile der Hand welche sie
drücken sich näher kommen Dies was so die Annäherung zweier Körper die
gegeneinander bewegt werden hindert nenne ich Dichtheit Ich untersuche nicht
ob diese Bedeutung des Wortes »Dicht« seinem ursprünglichen Sinne näher kommt
als die in welcher die Mathematiker es gebrauchen es genügt mir dass die
allgemeine Meinung über Dichtheit diese meine Auffassung gestattet wo nicht
rechtfertigt will indes Jemand es Undurchdringlichkeit nennen so habe ich
nichts dagegen nur halte ich das Wort Dichtheit besser zur Bezeichnung der
Vorstellung geeignet weil man teils es gewöhnlich so gebraucht und weil es
mehr Bejahendes in sich trägt als Undurchdringlichkeit die verneinend ist und
wohl nur eine Folge der Dichtheit aber nicht diese selbst ist. Diese
Vorstellung scheint am innigsten mit jedem Körper verbunden und ihm wesentlich
zu sein so dass man sie nur bei den Körpern findet und sich vorstellen kann
Allerdings bemerken unsere Sinne sie nur in einer gewissen Menge von Stoff oder
in einer Masse die groß genug ist unsere Sinne zu erregen aber wenn die
Seele diese Vorstellung von solchen groben Körpern empfangen hat so dehnt sie
sie weiter aus legt sie auch den kleinstmöglichen Teilen des Stoffes ebenso
wie die Gestalt bei und findet sie untrennbar von jedem Körper mag er sonst
beschaffen sein wie er wolle
2 Dichtheit füllt den Raum aus Diese Vorstellung gehört zu jedem
Körper und man bemerkt dabei dass sie den Raum ausfüllt In dieser Ausfüllung
des Raumes stellen wir vor dass jeder von einem dichten Körper eingenommene
Raum von diesem so besessen wird dass er alle andern dichten Stoffe davon
ausschließt er hindert zwei andere Körper die in gerader Linie sich gegen ihn
bewegen einander zu berühren wenn jener dazwischen nicht in einer Richtung
ausweicht die mit der Richtung dieser nicht gleichlaufend ist Die Körper, mit
denen wir zu tun haben versehen uns genügend mit dieser Vorstellung
3 Sie ist von dem Raum verschieden Der Widerstand mit dem sie andere
Körper außerhalb des von ihr eingenommenen Raumes hält ist so groß dass
keine noch so große Kraft ihn überwinden kann Wenn alle Körper der Welt einen
Tropfen Wasser von allen Seiten drückten so würden sie nie den Widerstand
überwinden können den dieser Tropfen trotz seiner Weichheit ihrer Berührung
entgegenstellt so lange er nicht aus dem Wege geschafft ist Unsere Vorstellung
von Dichtheit ist deshalb sowohl von dem bloßen Räume der weder widerstehen
noch sich bewegen kann als von der Härte im gewöhnlichen Sinne verschieden
Zwei entfernte Körper können ohne einen andern dichten Körper zu berühren oder
wegzuschieben sich nähern bis ihre Oberflächen sich berühren man hat dabei
die deutliche Vorstellung eines Raumes ohne Dichtheit Denn weshalb soll man
ohne dass man die Vernichtung eines Teils des Stoffes anzunehmen braucht
sich nicht vorstellen können dass ein Körper allein sich bewegt ohne dass ein
anderer gleich keinen Platz einnimmt Offenbar kann man es da die Vorstellung
der Bewegung eines Körpers die Bewegung eines andern so wenig einschließt als
die Vorstellung der viereckigen Gestalt des einen die der viereckigen Gestalt
eines andern einschließt Ich frage nicht ob die Körper wirklich so bestehen
dass keiner sich ohne die wirkliche Bewegung eines andern bewegen kann dies
wäre die Frage für und wider den leeren Raum Meine Frage geht nur dahin ob man
nicht die Vorstellung eines so allein bewegten Körpers haben könne während die
andern ruhen und ich denke dies wird Niemand bestreiten Ist dem so so gibt
der verlassene Platz die Vorstellung des bloßen Raumes ohne Dichtheit in dem
jeder Körper ohne Widerstand oder Fortstoßung eines andern eintreten kann Wenn
der Sänger einer Pumpe aufgezogen wird so ist der Raum den er ausfüllte
derselbe mag ein andrer Körper der Bewegung des Saugers nachfolgen oder nicht
und es enthält keinen Widerspruch wenn ein Körper dem andern den er berührt
bei dessen Bewegung nicht nachfolgt Die Notwendigkeit einer solchen Folge
beruht nur auf der angenommenen Erfüllung der Welt aber nicht auf der
Vorstellung des Raumes und der Dichtheit die ebenso verschieden sind wie
Widerstand und NichtWiderstand wie Fortstoßung und NichtFortstoßung Schon
die Streitigkeiten über den leeren Raum zeigen dass die Menschen eine
Vorstellung von einem Räume ohne Körper haben wie anderwärts dargelegt worden
ist.
4 Verschieden von Härte Die Dichtheit ist auch von der Härte
unterschieden jene besteht in der Erfüllung und somit in der gänzlichen
Ausschließung andrer Körper von dem eingenommenen Platze Härte besteht dagegen
in den festen Zusammenhang der Stoffteile die wahrnehmbare Massen ausmachen
und wo die einzelne Masse ihre Gestalt nicht leicht ändert Hart und weich sind
Bezeichnungen die wir den. Dingen nur in Beziehung auf unsern eignen Körper
beilegen hart nennt man was uns eher Schmerzen verursacht als dass es seine
Gestalt auf den Druck eines Theiles unsers Körpers ändert und weich was die
Lage seiner Theile auf eine leichte und schmerzlose Berührung ändert Dieser
Unterschied je nachdem die Theile ihre Lage oder die Gestalt des Ganzen sich
leicht oder schwer verändern erteilt indes dem härtesten Körper nicht mehr
Dichtheit als dem weichsten und ein Diamant ist nicht im geringsten dichter als
Wasser Die Flächen von zwei Marmorstücken werden sich allerdings leichter
nähern wenn nur Luft oder Wasser statt eines Diamanten dazwischen ist aber
nicht weil die Theile des Diamanten dichter sind und mehr widerstehen als
Wasser sondern weil die Wasserteilchen sich leichter von einander trennen
deshalb werden sie durch eine seitliche Bewegung leicht entfernt und lassen die
zwei Marmorstücke einander näher rücken werden sie aber an dieser seitlichen
Bewegung gehindert so hindern sie ebenso wie der Diamant in alle Ewigkeit die
Annäherung der Marmorstücke und ihr Widerstand kann so wenig durch irgend eine
Kraft überwunden werden wie der der Theile des Diamanten Der weichste Körper
von der Welt wird wenn er nicht aus dem Weg geräumt wird ebenso
unwiderstehlich der Berührung zweier andrer Körper widerstehen als der härteste
den man finden oder sich erdenken kann Sobald man einen nachgebenden weichen
Körper mit Luft oder Wasser anfüllt bemerkt man den Widerstand und wenn man
meint dass nur harte Körper die Berührung der beiden Hände hindern können so
mache man nur die Probe mit einem Luftballon Der mir mitgeteilte Versuch wurde
in Florenz mit einer goldenen Hohlkugel gemacht die mit Wasser gefüllt und genau
verschlossen worden war er zeigte die Dichtheit eines so weichen Körpers wie
das Wasser ist Nachdem die goldene Kugel unter eine Schraubenpresse gebracht
worden war drang das Wasser durch die Poren dieses dichten Metalls es fand im
Innern keinen Raum für die größere Annäherung seiner Teilchen und drang
deshalb auf die Außenseite wo es wie ein Tau sich zeigte und in Tropfen
herabfiel ehe die Seiten der Kugel dem heftigen Druck der Maschine nachgaben
die sie zusammenpresste
5 Auf der Dichtheit beruht der Stoß der Widerstand und das Fortstoßen
Durch die Dichtheit unterscheidet sich die Ausdehnung eines Körpers von der
Ausdehnung des Raumes; jene ist nur der Zusammenhang oder die Stetigkeit von
dichten trennbaren und beweglichen Teilen dagegen letztere die Stetigkeit
undichter untrennbarer und unbeweglicher Theile Auf der Dichtheit beruht auch
der gegenseitige Stoß Widerstand und Fortstoße der Körper. Viele wozu ich
mich selbst rechne glauben daher von dem Räume und der Dichtheit klare und
deutliche Vorstellungen zu haben sie können sich den Raum vorstellen ohne
etwas darin was Körpern widersteht oder davon fortgestoßen wird Dies ist die
Vorstellung des bloßen Raumes die ihnen ebenso klar wie die der Ausdehnung
eines Körpers ist Die Vorstellung des Abstandes der entgegengesetzten Seiten
einer hohlen Oberfläche bleibt gleich klar mag sie von dichten Stoffteilen
erfüllt gedacht werden oder nicht daneben hat man die Vorstellung von Etwas
was den Raum erfüllt was durch den Stoß anderer Körper fortgestoßen werden
oder deren Bewegung Widerstand leisten kann Können Andere diese beiden
Vorstellungen nicht unterscheiden sondern vermengen sie sie und machen sie nur
eine daraus so weiß ich nicht wie Menschen mit einander verhandeln können
welche dieselbe Vorstellung mit verschiedenen Namen oder verschiedene
Vorstellungen mit demselben Namen bezeichnen sie können es so wenig wie ein
Mensch der weder blind noch taub ist und eine klare Vorstellung von der
ScharlachFarbe und dem TrompetenTone hat mit dem oben erwähnten blinden Mann
über die Scharlachfarbe sprechen kann der sich diese wie einen Trompetenton
vorstellte
6 Was die Dichtheit ist Fragt man mich Was ist die Dichtheit so
verweise ich ihn an seine Sinne er mag einen Feuerstein oder einen Luftball
zwischen seine Hände nehmen und versuchen seine Hände zusammenzubringen dann
wird er es wissen Will er dies nicht für eine genügende Erklärung Mischen so
will ich ihm sagen was Dichtheit ist und worin sie bestehet wenn er mir sagt
was Denken ist und worin es bestehet oder was Ausdehnung oder Bewegung ist,
was vielleicht eher möglich scheint Die einfachen Vorstellungen sind so wie
die Erfahrung sie uns lehrt versuchen wir sie darüber hinaus mit Worten klarer
zu machen so wird uns dies so wenig gelingen als wenn man die Dunkelheit bei
einem blinden Mann durch Reden klarer machen will und die Begriffe von Licht
und Farben mit ihm bespricht Den Grund hiervon werde ich anderwärts darlegen
Die von mehr als einem Sinne erlangten Vorstellungen sind die des Raumes
oder der Ausdehnung, der Gestalt der Ruhe und der Bewegung; sie machen sowohl
auf die Augen wie auf das Gefühl sinnliche Eindrücke und man kann die
Vorstellungen von Ausdehnung Gestalt Bewegung und Ruhe der Körper sowohl durch
Sehen wie durch Fühlen empfangen und zur Seele führen Da ich über diese
später ausführlicher sprechen werde so habe ich sie hier nur aufgezählt
1 Die Tätigkeiten der Seele in Bezug auf ihre sonstigen Vorstellungen
gewähren einfache Vorstellungen Wenn die Seele die in den froheren Kapiteln
erwähnten Vorstellungen von außen aufgenommen hat und sie nun ihren Blick auf
sich selbst wendet und ihr eignes Thun in Bezug auf diese erlangten
Vorstellungen beobachtet so gewinnt sie davon andere Vorstellungen, die ebenso
gut zum Gegenstand der Betrachtung genommen werden können, wie die von äußern
Dingen
2 Die Vorstellung des Vorstellens und die des Wollens erlangt man durch
Selbstwahrnehmung Die zwei großen und hauptsächlichsten Tätigkeiten der
Seele die man am meisten betrachtet und die so häufig sind dass Jeder nach
Belieben sie an sich selbst bemerken kann sind Vorstellen oder Denken und
Verlangen oder Wollen Das Vermögen zu denken heißt der Verstand, und das
Vermögen zu verlangen der Wille Diese beiden Vermögen oder Anlagen der Seele
heißen Fähigkeiten Über einige Arten dieser aus der Selbstwahrnehmung
genommenen einfachen Vorstellungen wie Erinnern Unterscheiden Begründen
Urteilen Wissen Glauben werde ich später zu sprechen Gelegenheit haben
1 Lust und Schmerz Noch andere einfache Vorstellungen gelangen auf
allen Wegen der Sinnesund Selbstwahrnehmung in die Seele zB Vergnügen oder
Last und sein Gegenteil Schmerz oder Unbehaglichkeit Kraft Dasein Einheit
2 Lust oder Schmerz eines von beiden verbindet sich beinah mit allen
unsern Vorstellungen sowohl denen der Sinnes wie der Selbstwahrnehmung es
wird kaum eine Erregung unserer Sinne von außen oder einen Gedanken wo die
Seele sich auf sich selbst zurückgezogen hat geben der nicht Schmerz oder Lust
in uns erregen könnte Ich verstehe hier unter Lust und Schmerz das was uns
vergnügt oder belästigt mag es aus den Gedanken unserer Seele oder einem auf
unsern Körper einwirkenden Dinge kommen Mag man es Genugtuung Genuss
Vergnügen Glück usw auf der einen Seite und Unannehmlichkeit Sorge
Schmerz Qual Angst Elend usw auf der andern Seite nennen so sind dies
doch immer nur verschiedene Grade desselben Dinges und sie gehören zu den
Vorstellungen der Lust und des Schmerzes des Angenehmen und Unangenehmen
welche Worte ich vorzüglich für diese zwei Arten von Vorstellungen gebrauchen
werde
3 Unser allweiser Schöpfer hat uns die Macht über mehrere Theile unseres
Körpers verliehen dass wir sie nach Belieben bewegen oder still halten können
und dass wir durch ihre Bewegung uns selbst und andere benachbarte Körper
bewegen worin alle Tätigkeit unsers Körpers besteht ebenso hat er unserer
Seele für viele Falte die Macht verliehen unter den Vorstellungen, an die sie
denken will zu wählen und die Untersuchung dieses oder jenes Gegenstandes mit
Aufmerksamkeit und Obacht fortzusetzen desgleichen uns zu diesen Tätigkeiten
des Denkens und Bewegens deren wir fähig sind zu bestimmen. Ebenso hat es ihm
gefallen mit manchen Gedanken und Sinnesempfindungen die Empfindung einer Lust
zu verbinden Wären Lust und Schmerz von allen Empfindungen des Äußern und von
allen Gedanken des Innern ganz getrennt so hätten wir keinen Grund einen
Gedanken oder eine Tätigkeit der andern oder die Nachlässigkeit der
Aufmerksamkeit und die Bewegung der Ruhe vorzuziehen Wir würden dann weder
unsern Körper bewegen noch unsere Seele in Tätigkeit setzen sondern würden
unsern Gedanken wie man sagt freien Lauf lassen ohne Richtung und Ziel wir
würden den Vorstellungen unserer Seele gestatten gleich unbeachteten Schatten
aufzutreten wie es sich träfe und nicht auf sie achten In solchem Zustande
würde der Mensch trotz seines Verstandes und seines Willens ein träges
untätiges Wesen bleiben und seine Zeit in einem lässigen tiefen Traume
verbringen Deshalb hat es unserm weisen Schöpfer gefallen an verschiedene
Gegenstände und die von ihnen empfangenen Vorstellungen wie an verschiedene
unserer Gedanken eine sie begleitende Lust zu heften und zwar nach dem
Unterschiede der Gegenstände in verschiedenem Grade damit die uns von ihm
verliehenen Fähigkeiten nicht ganz in Ruhe und unbenutzt blieben
4 Der Schmerz hat auf unsere Tätigkeit dieselbe Wirksamkeit und
denselben Nutzen wie die Lust denn wir benutzen unsere Kraft ebenso um jenen
zu vermeiden als diese zu erlangen Es bleibt nur bemerkenswert dass oft
dieselben Gegenstände und Gedanken die uns Lust gewähren auch Schmerz
verursachen Diese ihre nahe Verbindung die uns oft in den Sinneswahrnehmungen
Schmerzen fühlen lässt wo wir Lust erwarteten lässt uns von Neuem die Güte und
Weisheit unsers Schöpfers bewundern Um unser Dasein zu erhalten verband er mit
der Anwendung mancher Dinge auf unsern Körper Schmerzen sie sollen uns vor dem
Schaden warnen den sie machen und sie zu vermeiden raten Allein er wollte
uns nicht bloß erhalten sondern jeden Teil und jedes Organ auch in
Vollkommenheit erhalten und verband deshalb oft Schmerzen mit denselben
Vorstellungen, die uns erfreuen So erregt die Hitze die bis zu einem gewissen
Grade uns angenehm ist bei einiger Steigerung ungewöhnliche Schmerzen und
selbst das lieblichste aller sinnlichen Gegenstände das Licht verursacht eine
schmerzliche Empfindung wenn es zu stark ist und das richtige Verhältnis zu
unsern Augen übersteigt Es ist dies weislich von der Natur zu unserm Besten so
angeordnet damit wenn ein Gegenstand durch seine zu heftige Wirksamkeit das
fühlende Organ stört dessen Bau sehr fein und zart ist wir durch den Schmerz
gewarnt werden um es wegzuwenden ehe das Organ ganz zerrüttet und für die
Zukunft unbrauchbar gemacht wird Wenn wir die Gegenstände welche so wirken
betrachten so erkennen wir dass dies der Zweck und Nutzen der Schmerzen ist
Denn obgleich der höchste Grad des Lichtes für die Augen unleidlich ist so
schmerzt sie doch der höchste Grad der Finsternis nicht weil diese keine
störende Bewegung in denselben veranlasst und dieses kunstvolle Organ auch ohne
Schatz in seinem natürlichen Zustande lässt Dagegen schmerzt uns sowohl das
Übermaß der Hitze wie der Kälte denn beide sind der Temperatur nachtheilig
die zur Erhaltung des Lebens nötig ist und einen massigen Grad von Wärme
verlangt oder wenn man lieber will eine Bewegung der feinsten Körperteilchen
innerhalb gewisser Grenzen
5 Außerdem lässt sich noch ein anderer Grund finden weshalb Gott die
verschiedenen Grade von Lust und Schmerz in all den Gegenständen ausgestreut
hat die uns umgeben und erregen und weshalb er sie beinah in Allem mit
einander gemischt hat womit unser Denken und Empfinden zu tun hat Wir sollen
in allen den Freuden welche das Erschaffene uns gewähren kann
Unvollkommenheit Enttäuschung und Mangel an vollkommenem Glück empfinden und so
dahin geführt werden das Glück in der Freude an Gott zu suchen bei dem die
Fülle der Lust ist und in dessen rechter Hand Freude für immer ist
6 Lust und Schmerz Das was ich hier gesagt mag die Vorstellungen von
Lust und Schmerz nicht klarer machen als die eigene Erfahrung tut die der
einzige Weg ist durch die wir sie erlangen können indes dient die
Betrachtung weshalb sie an so manche Vorstellungen geknüpft sind dazu uns die
wahre Vorstellung von der Weisheit und Güte des erhabenen Ordners aller Dinge zu
geben und deshalb ist sie nicht ohne Nutzen für den letzten Zweck dieser
Untersuchung denn die Erkenntnis und Verehrung seiner ist der Endzweck all
unseres Denkens und das wahre Geschäft des Verstandes.
7 Dasein und Einheit Dasein und Einheit sind zwei andere
Vorstellungen, welche dem Verstande durch jeden äußern Gegenstand und jede
innere Wahrnehmung zugeführt werden Wenn Vorstellungen in unserer Seele sind
so nehmen wir sie als wirklich darin vorhanden an und ebenso nehmen wir die
Dinge als wirklich außerhalb uns an dh sie bestehen oder sie haben Dasein
Ebenso führt Alles was man als ein Ding betrachten kann sei es ein wirkliches
Ding oder eine Vorstellung, dem Verstande die Vorstellung der Einheit zu
8 Die Kraft Die Kraft ist auch eine von jenen einfachen Vorstellungen,
die wir von der Sinnes oder Selbstwahrnehmung empfangen Denn wenn wir in aus
selbst bemerken dass wir verschiedene ruhende Theile unseres Körpers nach
Gefallen bewegen können und wenn jeden Augenblick die Wirkungen, welche
Naturkörper in anderen hervorzubringen vermögen unsern Sinnen aufstoßen so
erlangen wir auf beiden dieser Wege die Vorstellung der Kraft
9 Die zeitliche Folge Außer diesen gibt es eine Vorstellung, die
zwar uns auch durch die Sinne zugeführt wird aber beständiger durch die
Vorgänge in unserer Seele dies ist die Vorstellung der zeitlichen Folge Denn
schaut man unmittelbar in sich selbst und betrachtet das dort Wahrnehmbare so
findet man dass unsere Gedanken wenn wir wachen oder denken in einem Zuge
sich bewegen wobei ohne Unterbrechung der eine geht und der andere kommt
10 Die einfachen Vorstellungen sind der Stoff all unseres Wissens Dies
werden glaube ich wenn nicht alle doch die meisten einfachen Vorstellungen
sein welche die Seele hat und aus der all unser anderes Wissen gebildet wird
sie bekommt sie alle nur durch die beiden vorerwähnten Wege der Sinnes und
Selbstwahrnehmung Man glaube auch nicht dass dies zu enge Schranken für die
wissensfähige Seele des Menschen seien um darin sich auszubreiten etwa weil
sie ihren Flug über die Sterne hinaus nimmt und sich nicht auf die Grenzen der
Welt beschränken lässt sie vielmehr ihre Gedanken über die äußerste Ausdehnung
des Stoffes hinüber führt und Ausflüge in das unbegreifliche Leere macht Ich
will dies Alles zugeben aber ich möchte irgend eine einfache Vorstellung
genannt haben die nicht aus jenen vorgenannten zwei Einlassen erlangt ist oder
eine zusammengesetzte Vorstellung, die nicht aus diesen einfachen gebildet ist
Es ist auch nicht sonderbar wenn diese wenigen einfachen Vorstellungen genügen
um das schnellste Denken und die weitgehendsten Vermögen zu beschäftigen und den
Stoff zu all den mannichfachen Kenntnissen und zu den noch mannigfaltigern
Phantasien und Meinungen der Menschen zu liefern Man bedenke nur wie viele
Worte aus der verschiedenen Verbindung der 24 Buchstaben gebildet werden können,
und will man einen Schritt weiter gehen so bedenke man nur welche mannichfache
Verbindungen schon mit einer einzigen dieser erwähnten Vorstellungen nämlich
der Zahl gemacht werden können, deren Vorrat wahrhaft unerschöpflich ja
unendlich ist Welches weite und ungeheure Feld bietet nicht ebenso die
Ausdehnung den Mathematikern dar
1 Bejahende Vorstellungen von beraubenden Ursachen In Betreff der
einfachen Vorstellungen aus der Sinneswahrnehmung ist zu erwägen dass Alles in
der Natur, was so beschaffen ist um durch Erregung unserer Sinne eine
Vorstellung in der Seele zu bewirken dabei eine einfache Vorstellung in dem
Verstande hervorbringt welche gleichviel welches ihre äußere Ursache ist
wenn unser Unterscheidungsvermögen sie bemerkt von der Seele als eine
wirkliche bejahende Vorstellung in dem Verstände angesehen und aufgefasst wird
so gut wie irgend eine andere wenn auch ihre Ursache nur eine Beraubung des
Gegenstandes sein sollte
2 So sind die Vorstellungen von Hitze und Kälte von Licht und
Finsternis von Weiß und Schwarz von Bewegung und Ruhe gleich klare und
bejahende Vorstellungen in der Seele obgleich vielleicht die Ursachen einiger
davon nur Beraubungen in dem Gegenstande sind von denen unsere Sinne diese
Vorstellungen ableiten Der Verstand nimmt sie in seiner Auffassung sämtlich
als bestimmte bejahende Vorstellungen ohne Rücksicht auf ihre Ursachen denn es
ist dies eine Untersuchung die nicht zur Vorstellung, die in dem Verstande ist
gehört sondern zur Natur des außerhalb bestehenden Gegenstandes Dies sind
zwei verschiedene Dinge die man sorgfältig unterscheiden muss das Eine ist ein
Vorstellen und Wissen um die Vorstellung von Weiß oder Schwarz und das Andere
ist ein Prüfen welche Art von Stoffteilchen und wie sie auf der Oberfläche
geordnet sein müssen um einen Gegenstand weiß oder schwarz erscheinen zu
lassen
3 Ein Maler oder Färber hat obgleich er die Ursachen der Vorstellungen
von Weiß, Schwarz und den übrigen Farben nie untersucht hat doch in seinem
Verstande ebenso klare deutliche und bestimmte und vielleicht noch bestimmtere
Vorstellungen davon als der Philosoph welcher sich mit deren Natur beschäftigt
hat und zu verstehen glaubt wie weit jede nach ihrer Ursache bejahend oder
verneinend ist Die Vorstellung der schwarzen Farbe ist ebenso bejahend in Jenes
Seele wie die der weißen wenngleich die Ursache jener in dem äußern
Gegenstande nur eine Beraubung sein mag
4 Wäre es bei meiner jetzigen Untersuchung meine Absicht die natürlichen
Ursachen und Weisen des Vorstellens zu ermitteln so wurde ich dies als einen
Grund anführen dass eine nur eine Beraubung enthaltende Ursache wenigstens in
manchen Fällen eine bejahende Vorstellung erzeugen kann dh dass alle unsere
Wahrnehmungen nur durch verschiedene Grade und Weisen der Bewegung unserer
Lebensgeister bewirkt werden insofern diese von den äußern Gegenständen
verschieden bewegt werden das Nachlassen einer Bewegung muss dann notwendig
ebenso eine neue Wahrnehmung veranlassen wie deren Veränderung oder Steigerung
und so eine neue Vorstellung einführen die lediglich von einer verschiedenen
Bewegung der Lebensgeister in diesem Sinnesorgan bedingt ist
5 Ob es sich nun so verhalten mag oder nicht will ich hier nicht
entscheiden aber ich berufe mich auf die eigene Erfahrung eines Jeden ob nicht
der Schatten eines Menschen wenngleich er nur in der Abwesenheit von Licht
besteht und je mehr das Licht darin fehlt desto erkennbarer ist der Schatten
wenn man auf ihn sieht eine ebenso klare bejahende Vorstellung in der Seele
erweckt als ein ganz von der Sonne beschienener Mensch Ebenso ist der gemalte
Schatten ein bejahender Gegenstand Wir haben allerdings verneinende Worte die
nicht geradezu bejahende Vorstellungen bezeichnen sondern nur deren
Abwesenheit zB geschmacklos Stille Nichts usw Diese Worte beziehen sich
auf bejahende Vorstellungen zB auf Geschmack Laut Sein mit der
Bezeichnung dass sie nicht vorhanden sind.
6 Bejahende Vorstellungen von verneinenden Ursachen.) Und so kann man in
Wahrheit sagen dass man die Dunkelheit sieht Denn man nehme eine vollkommen
dunkle Höhle die kein Licht zurückwirft und man wird ihre Gestalt sehen
ebenso wenn sie gemalt ist auch wird die Tinte mit der ich schreibe
schwerlich eine andere Vorstellung als eine solche veranlassen Diese
verneinenden Ursachen von bejahenden Vorstellungen, die ich hier angegeben habe
stimmen mit der gewöhnlichen Ansicht indes ist es schwer zu entscheiden ob
wirklich gewisse Vorstellungen von verneinenden Ursachen bewirkt werden bevor
nicht entschieden ist ob Ruhe mehr eine Verneinung ist als Bewegung
7 Vorstellungen in der Seele Eigenschaften in den Körpern.) Um die
Natur unserer Vorstellungen besser zu erkennen und verständlicher von ihnen zu
sprechen muss man sie so weit sie Vorstellungen oder Wahrnehmungen in unserer
Seele sind von den Veränderungen des Stoffes in den Gegenständen unterscheiden
welche diese Wahrnehmungen in uns verursachen damit man sie nicht wie
gewöhnlich geschehen mag für die genauen Abbilder von Etwas in dem Gegenstande
ansehe da die meisten dieser Wahrnehmungen in der Seele den äußeren
Gegenständen so wenig gleichen wie die Worte den damit bezeichneten
Vorstellungen obgleich bei dem Hören dieser Worte diese Vorstellungen erweckt
werden
8 Alles was die Seele auffasst oder was unmittelbar der Gegenstand der
Auffassung des Denkens oder des Verstandes ist nenne ich Vorstellung dagegen
nenne ich die Kraft eine Vorstellung in unserer Seele hervorzubringen
Eigenschaft des Gegenstandes, indem diese Kraft enthalten ist. So hat ein
Schneeball die Kräfte die Vorstellungen von Weiß, Kalt und Rund in uns
hervorzubringen und ich nenne deshalb diese Kräfte in dem Schneeball seine
Eigenschaften und die Wahrnehmungen oder Auffassungen derselben in unserm
Verstande nenne ich Vorstellungen, und wenn ich von diesen Vorstellungen
mitunter so spreche als wenn sie in den Gegenständen selbst wären so meine ich
damit die Eigenschaften in den Gegenständen, welche jene Vorstellungen in uns
erwecken
9 Erste Eigenschaften Wenn man die Eigenschaften in den Körpern so
betrachtet so ergeben sich zunächst solche welche von dem körperlichen
Gegenstande ganz untrennbar sind gleichviel in welchem zustande er sich
befindet er behält sie trotz aller Veränderungen die er erleidet und aller
gegen ihn gebrauchten Kraft sie werden in jedem Stoffteilchen wahrgenommen
das noch wahrnehmbar ist und die Seele findet dass sie von keinem
Stoffteilchen abgetrennt werden können, selbst wenn diese so klein sind dass
sie von unsern Sinnen nicht mehr wahrgenommen werden können. Man nehme zB ein
Weizenkorn und teile es in zwei Theile jeder Teil hat noch Dichtheit
Ausdehnung Gestalt und Beweglichkeit man setzt nun die Teilung fort bis die
Theile nicht mehr wahrnehmbar sind und die Teilchen müssen dennoch all diese
Eigenschaften behalten Keine Teilung und mehr vermag weder die Mühle noch
ein Stößer noch sonst ein Körper, wenn er einen Gegenstand auf unsichtbare
Teilchen zurückführt kann die Dichtheit Ausdehnung Gestalt und Beweglichkeit
einem Körper entziehen es werden dadurch nur zwei oder mehr Gegenstände aus
einem gemacht diese Theile können als so viele bestimmte Körper angesehen und
nach der Teilung gezählt werden Diese Eigenschaften der Körper nenne ich die
ursprünglichen oder ersten und man bemerkt dass sie einfache Vorstellungen in
uns wie Dichtheit Ausdehnung Gestalt Bewegung oder Ruhe und Zahl
hervorbringen
10 Zweite Eigenschaften Zweitens gibt es Eigenschaften, welche in
Wahrheit in den Gegenständen selbst nichts sind als Kräfte welche verschiedene
Empfindungen in uns durch ihre ursprünglichen Eigenschaften hervorbringen Wenn
sie zB durch die Masse Gestalt das Gewebe und die Bewegung ihrer
unsichtbaren Teilchen Farben Töne Geschmäcke usw hervorbringen so nenne
ich diese zweite Eigenschaften Diesen könnte man noch eine dritte Art von
Eigenschaften beifügen die man für bloße Kräfte nimmt obgleich sie ebenso gut
solche Eigenschaften in dem Gegenstande sind wie die welche ich dem
gewöhnlichen Sprachgebrauch zu Liebe Eigenschaften genannt habe aber der
Unterscheidung wegen zweite Eigenschaften Denn die Kraft des Feuers vermöge
seiner ursprünglichen Eigenschaften im Wachs oder Thon eine neue Farbe oder
Beschaffenheit hervorzubringen ist ebensogut eine Eigenschaft des Feuers als
die Kraft die es hat in mir eine neue Vorstellung oder Wahrnehmung von Wärme
oder Brennen hervorzubringen die ich vorher durch dieselben ursprünglichen
Eigenschaften nicht fühlte dh durch die Größe das Gewebe und die Bewegung
seiner kleinsten Theile
11 Wie die ursprünglichen Eigenschaften ihre Vorstellungen hervorbringen
Die nächste Frage ist nun wie Körper Vorstellungen in uns hervorbringen
offenbar geschieht dies durch Stoß da dies die einzige Art ist wie Körper
nach unserer Auffassung auf einander einwirken können
12 Sind also äußere Gegenstände mit unserer Seele nicht eins wenn sie
Vorstellungen darin hervorbringen und nehmen wir dennoch diese ursprünglichen
Eigenschaften in denen wahr die unsern Sinnen geboten werden so muss offenbar
eine gewisse Bewegung sich von ihnen durch unsere Nerven oder Lebensgeister
durch gewisse Theile unsers Körpers zu dem Gehirn oder dem Sitz der Empfindung
fortsetzen und dort die besonderen Vorstellungen in der Seele hervorbringen
welche wir von ihnen haben Da nun die Ausdehnung, Gestalt Zahl und Bewegung
von Körpern die eine wahrnehmbare Größe haben durch die Augen aus der Ferne
wahrgenommen werden kann, so müssen offenbar einzelne nicht wahrnehmbare
Körperchen von ihnen zu den Augen kommen und damit dem Gehirn eine gewisse
Bewegung zuführen welche die Vorstellungen hervorbringen welche wir von ihnen
haben
13 Wie die zweiten Eigenschaften ihre Vorstellungen hervorbringen In
derselben Weise wie die Vorstellungen dieser ursprünglichen Eigenschaften in
uns hervorgebracht werden, mögen auch die Vorstellungen der mittelbaren
hervorgebracht werden, nämlich durch die Wirksamkeit der kleinsten Teilchen auf
unsere Sinne. Denn es gibt Körper und zwar in großer Menge die so klein
sind dass man ihre Masse Gestalt oder Bewegung mit den. Sinnen nicht
wahrnehmen kann dergleichen bilden offenbar die Teilchen der Luft und des
Wassers auch gibt es noch viel kleinere in Verhältnis zu den Luft oder
Wasserteilchen als diese kleiner sind wie Erbsenoder Hagelkörner Man kann
also annehmen dass die verschiedenen Bewegungen und Gestalten Massen und
Mengen solcher Teilchen durch die Erregung der verschiedenen Sinnesorgane in
uns diese verschiedenen Wahrnehmungen hervorbringen die wir in den Farben und
Gerüchen der Körper haben So bewirkt zB ein Veilchen durch den Stoß solcher
kleinsten Teilchen von besonderer Gestalt und Umfang und durch die
verschiedenen Grade und Maßgaben ihrer Bewegung die Vorstellungen der blauen
Farbe und des angenehmen Geruchs welche diese Blume in unserer Seele
hervorbringt denn man kann ebenso gut begreifen dass Gott solche Vorstellungen
mit solchen Bewegungen verknüpft hat mit denen sie keine Ähnlichkeit haben
als dass er die Vorstellung des Schmerzes mit der Bewegung eines Stuckes Stahl
verknüpft hat welches uns das Fleisch zerschneidet obgleich diese Vorstellung
keine Ähnlichkeit damit hat
14 Was ich hier über Färben und Gerüche gesagt habe kann auch von den
Geschmäcken Tönen und andern solchen Wahrnehmungen gelten Wenn wir auch aus
Missverstand ihnen eine Wirklichkeit beilegen so sind sie doch in Wahrheit in
den Gegenständen nur Kräfte welche verschiedene Wahrnehmungen in uns
hervorbringen und die von jenen ersten Eigenschaften bedingt sind als welche
ich die Masse die Gestalt das Gewebe und die Bewegung der Teilchen genannt
habe
15 Die Vorstellungen der ersten Eigenschaften sind diesen Eigenschaften
ähnlich aber nicht die der zweiten Man kann hieraus leicht abnehmen dass die
Vorstellungen von den ersten Eigenschaften der Körper denselben ähnlich sind
und dass ihre Muster wirklich in den Körpern selbst gestehen dagegen haben die
Vorstellungen, welche von den zweiten Eigenschaften in uns hervorgebracht
werden, keine Ähnlichkeit mit ihnen hier besteht nichts in den Körpern, was
ihnen gliche vielmehr sind sie in den Körpern, die wir so bezeichnen nur
Kräfte welche diese Wahrnehmungen in uns hervorbringen und das was in der
Vorstellung süß blau oder warm ist, ist nur eine gewisse Masse Gestalt oder
Bewegung der kleinsten Theile der Körper, die wir so nennen
16 So heißt die Flamme heiß und hell der Schnee weiß und kalt Manna
weiß und süß nach den Vorstellungen, die sie in uns hervorbringen und man
glaubt gemeiniglich dass diese Eigenschaften dieselben in den Körpern wie in
unsern Vorstellungen seien und eine der andern so gleiche wie bei dem Spiegel
die meisten Menschen würden es nicht begreifen wie man anderer Ansicht sein
könne Dennoch bringt dasselbe Feuer was in einer gewissen Entfernung nur als
warm gefühlt wird bei größerer Annäherung das ganz verschiedene Gefühl des
Schmerzes in uns hervor und man sollte deshalb bedenken weshalb man die von
dem Feuer hervorgebrachte Vorstellung der Wärme dem Feuer beilege dagegen die
Vorstellung des Schmerzes die dasselbe Feuer in uns hervorgebracht hat nicht
Weshalb soll die Weiße und Kälte in dem Schnee sein aber der Schmerz nicht
obgleich er doch beide Vorstellungen in uns hervorbringt und beide nur durch
die Masse Gestalt Zahl und Bewegung seiner festen Theile
17 Die besondere Masse Zahl Gestalt und Bewegung der Teilchen ist
wirklich im Feuer und im Schnee gleichviel ob man sie wahrnimmt oder nicht Man
kann sie deshalb wahre Eigenschaften nennen weil sie wirklich in diesen Körpern
so bestehen aber Licht Weiße Kälte sind so wenig in ihnen wie Krankheit
oder Schmerzen in dem Manna Man nehme die Wahrnehmung derselben hinweg man
lasse die Augen kein Licht und keine Farben sehen die Ohren keine Töne hören
den Gaumen nichts schmecken und die Nase nichts riechen und alle Farben
Geschmäcke Gerüche und Töne so weit sie nur solche Vorstellungen sind
erlöschen und verschwinden und sind auf ihre Ursachen zurückgebracht dh auf
Masse Gestalt und Bewegung der kleinsten Teilchen
18 Ein Stück Manna von wahrnehmbarer Größe kann in uns die Vorstellung
von einer runden oder viereckigen Gestalt und wenn es von einem Ort nach dem
andern bewegt wird die Vorstellung von Bewegung erwecken Diese Vorstellung der
Bewegung gibt es so wieder wie sie wirklich in dem Manna enthalten ist; ein
Kreis und ein Viereck bleiben dieselben in der Vorstellung wie in der
Wirklichkeit in der Seele wie in dem Manna die Bewegung und die Gestalt sind
wirklich in dem Manna mögen wir sie wahrnehmen oder nicht Jedermann erkennt
dies bereitwillig an Daneben kann das Manna durch die Masse das Gewebe und die
Bewegung seiner Teilchen die Empfindungen des Unwohlseins und manchmal die von
heftigen Schmerzen oder Kneipen in uns hervorbringen Jedermann erkennt
ebenfalls bereitwillig an dass diese Vorstellungen von Unwohlsein und Schmerzen
nicht in dem Manna sind sondern nur seine Wirkungen in uns und dass sie
nirgends sind wenn wir sie nicht fahlen Dennoch kann man sich schwer dazu
entschließen das Süße und das Weiße nicht in das Manna selbst zu verlegen
obgleich sie auch nur die Wirkungen der Bewegung, Größe und Gestalt der
Mannateilchen auf das Auge und den Gaumen sind wie die Schmerzen und das
Unwohlsein was das Manna verursacht anerkanntermaßen nur die Wirkungen der
Größe Bewegung und Gestalt seiner kleinsten Teilchen auf den Magen sind da
kein Körper auf einen anderen in anderer Weise wirken kann wie ich dargelegt
habe Weshalb sollte das Mann also nicht auf die Augen und den Gaumen wirken
und dabei besondere bestimmte Vorstellungen in der Seele hervorbringen können
die es nicht in sich selbst hat da es doch geständigermaßen auf den Darm und
Magen wirken und dadurch Vorstellungen hervorbringen kann welche es in sich
selbst nicht hat Da diese Vorstellungen sämtlich die Wirkungen des Manna in
einzelnen Teilen unsers Körpers sind weshalb sollen die durch die Augen und
den Gaumen hervorgebrachten Vorstellungen eher wirklich in dem Manna sein als
die durch den Magen und den Darm hervorgebrachten Weshalb sollen Schmerz und
Unwohlsein Vorstellungen, welche das Manna bewirkt hat nirgends sein wenn man
sie nicht fühlt und weshalb sollen das Süße und das Weiße obgleich Wirkungen
desselben Manna auf andere Theile des Körpers, deren Wirkungsweise ebenso
unbekannt ist in dem Manna wirklich bestehen auch wenn man sie nicht schmeckt
oder sieht Dieser Unterschied würde eine besondere Erklärung verlangen
19 Die Vorstellungen der ersten Eigenschaften sind ähnlich die der
zweiten aber nicht Man betrachte die rote und weiße Farbe im Porphyr nun
soll kein Licht darauf scheinen und seine Farben verschwinden er bringt dann
deren Vorstellungen in uns nicht mehr hervor So wie das Licht zurückkehrt
zeigen sich diese Erscheinungen wieder in uns Kann man aber annehmen dass
durch die Gegenwart oder Abwesenheit von Licht wirkliche Veränderungen in dem
Porphyr herbeigeführt werden und dass diese Vorstellungen von Roth und Weiß
wirklich in dem Porphyr bei Licht sind obgleich er diese Farben in der
Dunkelheit nicht hat Er hat allerdings eine solche Gestaltung seiner Teilchen
sowohl bei Tage wie bei Nacht die durch die Wertung der Lichtstrahlen von
gewissen Teilen dieses harten Steines fähig sind in uns die Vorstellung des
Rothen und bei andern Teilen die des Weißen hervorzubringen Dagegen ist das
Weiße und das Rothe niemals in ihm sondern nur ein Gewebe welches die Macht
hat eine solche Empfindung in uns hervorzubringen
20 Man stoße eine Mandel und die klare weiße Farbe verändert sich in
eine schmutzige und der süße Geschmack in einen öligen welche andere wirkliche
Veränderung kann aber das Stoßen der Keule in einem Körper hervorbringen als
eine Veränderung seines Gewebes
21 Wenn die Vorstellungen so unterschieden und aufgefasst werden so kann
man erklären wie dasselbe Wasser gleichzeitig von der einen Hand kalt und von
der andern heiß gefühlt werden kann, obgleich doch dasselbe Wasser nicht warm
und kalt sein könnte wenn diese Eigenschaften wirkliche wären Ist dagegen die
Wärme an unserer Hand nur eine gewisse Weise und Stärke der Bewegung in den
kleinsten Teilchen unserer Nerven oder Lebensgeister so erklärt sich diese
Erscheinung Dagegen zeigt sich diese nie bei der Gestalt niemals bringt sie
mit der einen Hand gefühlt die Vorstellung eines Viereckes und mit der andern
die Vorstellung eines Kreises hervor Ist dagegen die Hitze und Kälte nur die
Zunahme oder Abnahme in der Bewegung der kleinsten Teilchen unseres Körpers
durch die Teilchen eines andern Körpers verursacht so kann man verstehen dass
diese Bewegung in der einen Hand grösser ist als in der andern Bringt man einen
Körper dessen Bewegung in seinen kleinsten Teilen grösser ist als die Bewegung
der kleinsten Theile in der einen Hand und kleiner ist als die in der andern
Hand so wird er bei Berührung beider Hände die Bewegung in der einen Hand
steigern und in der andern Hand vermindern und so die verschiedenen
Wahrnehmungen von kalt und warm veranlassen die davon bedingt sind
22 Ich bin hier vielleicht etwas weiter in physikalische Untersuchungen
eingegangen als ich wollte allein es war nötig um die Natur der
Sinneswahrnehmungen zu erklären und um den Unterschied zwischen den
Eigenschaften der Körper und den von ihnen in der Seele verursachten
Vorstellungen mehr begreiflich zu machen da man ohnedem sie nicht verständlich
besprechen kann Ich hoffe man wird mir diese kleine Abschweifung in die
Naturwissenschaft vergeben da sie in meiner jetzigen Untersuchung nicht
entbehrt werden konnte um die ersten und wirklichen Eigenschaften der Körper,
welche denselben immer anhaften nämlich Dichtheit Ausdehnung Gestalt Zahl
und Bewegung oder Ruhe und die von uns wahrgenommen werden wenn die Körper, in
denen sie bestehen groß genug sind um einzeln unterschieden werden zu
können von jenen zweiten und fälschlich ihnen zugeschriebenen Eigenschaften zu
unterscheiden die nur die Kräfte der mancherlei Verbindungen dieser
ursprünglichen Eigenschaften sind sobald sie wirken ohne dass man die
einzelnen erkennen kann Dadurch weiß man nun auch welche Vorstellungen den
wirklich bestehenden Eigenschaften in den danach bezeichneten Körpern ähnlich
sind und welche nicht
23 Drei Arten von Eigenschaften der Körper.) Sonach bestehen recht
betrachtet die Eigenschaften der Körper aus drei Arten erstens aus der Masse
Gestalt Zahl Lage und Bewegung oder Ruhe ihrer Theile Diese Eigenschaften
sind m innen gleichviel ob wir sie wahrnehmen oder nicht Haben sie die
genügende Größe um sie zu erkennen so hat man durch sie eine Vorstellung von
dem Gegenstande wie er an sich ist, wie dies bei künstlichen Gegenständen klar
ist Diese nenne ich die ersten Eigenschaften
Zweitens Aus der Macht wodurch jeder Körper vermöge seiner unwahrnehmbaren
ersten Eigenschaften in einer besonderen Weise auf einen unserer Sinne wirken und
damit in uns die verschiedenen Vorstellungen von Farben Tönen Gerüchen
Geschmäcken usw hervorbringen kann Sie heißen gewöhnlich die sinnlichen
Eigenschaften
Drittens Aus der Macht vermöge der jeder Körper durch die besondere
Stellung seiner ersten Eigenschaften eine solche Veränderung in der Masse
Gestalt dem Gewebe und der Bewegung eines andern Körpers so verursachen kann
dass dieser anders als vorher auf unsere Sinne wirkt So hat die Sonne eine
Kraft Wachs weiß und das Feuer eine Macht Blei flüssig zu machen Diese
nennt man gewöhnlich Kräfte
Jene ersten Eigenschaften dürften wie gesagt passend wirkliche
ursprüngliche oder erste Eigenschaften zu nennen sein weit sie in den
Gegenständen bestehen gleichviel ob sie wahrgenommen werden oder nicht von
ihren verschiedenen Veränderungen hängen die zweiten Eigenschaften ab
Die beiden letzten sind nur Kräfte die verschieden auf andere Gegenstände
wirken und diese Kräfte hängen von den verschiedenen Zuständen der ersten
Eigenschaften ab
24 Die ersten sind den Vorstellungen ähnlich von den zweiten glaubt man
es und die dritten sind weder ähnlich noch gelten sie dafür Obgleich die zwei
letzten Arten von Eigenschaften nur Kräfte und nichts weiter sind die sich auf
andere Körper beziehen und aus den verschiedenen Zuständen der ursprünglichen
Eigenschaften hervorgehen so werden sie doch gewöhnlich anders aufgefasst Die
zweite Art dh die Kräfte welche in uns durch die Sinne gewisse Vorstellungen
erwecken gelten als wirkliche Eigenschaften der Dinge, die uns so erregen
dagegen heißen und gelten die der dritten Art als bloße Kräfte so gilt zB
die Vorstellung der Hitze des Lichts welche wir durch unsere Augen oder Gefühl
von der Sonne erhalten gewöhnlich als wirkliche Eigenschaft der Sonne und als
etwas mehr als eine bloße Kraft derselben Betrachtet man indes die Sonne in
Beziehung auf Wachs das sie schmilzt und bleicht so betrachtet man diese
Weiße und Weichheit nicht als Eigenschaften der Sonne sondern als Wirkungen
ihrer Kraft obgleich recht betrachtet diese Eigenschaften des Lichts und der
Wärme welche Vorstellungen in mir sind wenn ich von der Sonne erhellt oder
erwärmt werde nicht anders in der Sonne sind als die Veränderungen des Wachses
bei seinem Schmelzen und Bleichen in der Sonne sind Sie sind sämtlich in
gleicher Weise Kräfte der Sonne die von deren ersten Eigenschaften abhängen
dadurch vermag sie in dem einen Fall die Masse Gestalt das Gewebe und die
Bewegung einiger kleinsten Teilchen meiner Augen oder Hände so zu ändern dass
sie in mir die Vorstellung von Licht und Hitze erwecken und in dem andern Fass
die Masse Gestalt das Gewebe und die Bewegung der kleinsten Teilchen des
Wachses so zu ändern dass sie in mir die bestimmten Vorstellungen von Weiß und
Flüssig hervorrufen
25 Der Grund weshalb jene für wirkliche Eigenschaften diese aber nur
für Kräfte gehalten werden ist wohl dass die Vorstellungen bestimmter Farben
Töne usw in sich nichts von Größe Gestalt oder Bewegung enthalten und wir
deshalb nicht wohl sie für Wirkungen dieser ersten Eigenschaften halten können
da wir deren Wirksamkeit für die Hervorbringung jener nicht wahrnehmen und sie
mit jenen anscheinend keine Übereinstimmung oder fassbare Verbindung haben
Deshalb sind wir so geneigt diese Vorstellungen als die Bilder von etwas in den
Gegenständen wirklich Vorhandenem zu nehmen die Wahrnehmung entdeckt bei ihrer
Hervorbringung nichts von Größe Gestalt und Bewegung der Teilchen und die
Vernunft kann nicht darlegen wie Körper durch ihre Größe Gestalt und Bewegung
die Vorstellungen von blau oder gelb usw in der Seele hervorbringen können
In dem anderen Falle wo Körper die Eigenschaften eines andern verändern sehen
wir deutlich dass die hervorgebrachte Eigenschaft in der Regel keine
Ähnlichkeit mit Etwas in dem wirkenden Gegenstande hat und deshalb sehen wir
es als eine bloße Wirkung einer Kraft an Wenn man die Vorstellung der Hitze
oder des Lichts von der Sonne empfängt so neigt man dazu sie als eine
Auffassung oder ein Bild von einer solchen Eigenschaft in der Sonne selbst zu
nehmen ändert dagegen das Wachs oder ein schönes Gesicht seine Farbe durch die
Sonne so kann man dies nicht als die Aufnahme von einer ähnlichen Bestimmung in
der Sonne nehmen weil man diese verschiedenen Farben nicht selbst in der Sonne
wahrnimmt Unsere Sinne vermögen die Gleichheit oder Ungleichheit zweier
wahrnehmbaren Eigenschaften in zwei verschiedenen äußern Gegenständen
wahrzunehmen und schließen deshalb bereitwillig dass die Hervorbringung einer
wahrnehmbaren Eigenschaft in einem Gegenstande die Wirkung einer bloßen Kraft
sei und nicht die Mittheilung einer wirklich in dem wirkenden Gegenstände
befindlichen Eigenschaft wenn wir nicht eine solche Eigenschaft in dem
wirkenden Gegenstande wahrnehmen Dagegen vermögen wir mit unsern Sinnen die
Ungleichheit zwischen der Vorstellung in uns und der Eigenschaft des
hervorbringenden Gegenstandes nicht zu bemerken deshalb nehmen wir an dass
unsere Vorstellungen einer Bestimmung im Gegenstande ähnlich seien und halten
sie nicht für Wirkungen gewisser Kräfte die den Veränderungen der ersten
Eigenschaften anhaften da diese ersten Eigenschaften mit den in uns
hervorgebrachten Vorstellungen keine Ähnlichkeit haben
26 Die zweiten Eigenschaften sind zwiefach die einen werden geradezu
wahrgenommen die andern nur mittelbar Sonach sind außer den erwähnten ersten
Eigenschaften der Körper, nämlich der Masse Gestalt Ausdehnung Zahl und
Bewegung ihrer dichten Teilchen alles Andere was man an den Körpern wahrnimmt
und wodurch man sie von einander unterscheidet nur die verschiedenen, von ihren
ersten Eigenschaften abhängenden Kräfte sie bewirken dadurch entweder mittelst
unmittelbarer Einwirkung auf unseren Körper verschiedene Vorstellungen in uns
oder sie wirken auf andere Körper und ändern deren erste Eigenschaften so dass
diese in uns Vorstellungen bewirken welche von den frühem verschieden sind
erstere könnten zweite unmittelbar wahrnehmbare Eigenschaften letztere zweite
mittelbar wahrnehmbare Eigenschaften heißen
1 Das Wahrnehmen ist die erste einfache Vorstellung der
Selbstwahrnehmung Das Wahrnehmen ist das erste Vermögen was die Seele in
Bezug auf ihre Vorstellungen in Ausübung bringt es ist deshalb die erste und
einfachste Vorstellung, die man durch die Selbstwahrnehmung erlangt Manche
nennen sie deshalb das Denken überhaupt allein Denken bezeichnet in der
englischen Sprache die Wirksamkeit der Seele in Bezug auf ihre Vorstellungen
wobei sie tätig ist und wo sie mit einem gewissen Grad freiwilliger
Aufmerksamkeit Etwas betrachtet Dagegen ist sie bei dem bloßen Wahrnehmen in
der Regel nur leidend und sie muss das was sie wahrnimmt wahrnehmen
2 Es findet nur Statt wenn die Seele einen Eindruck erhält Was das
Wahrnehmen ist kann Jeder durch Betrachtung dessen was er selbst tut was er
sieht hört fühlt usw oder denkt besser erkennen als durch eine
Auseinandersetzung von mir Wer auf das in seiner Seele Vorgehende achtet muss
bemerken was das Wahrnehmen ist und tut er dies nicht so können alle Worte
der Welt ihm keinen Begriff davon beibringen
3 So viel ist gewiss dass jede Veränderung im Körper die nicht die
Seele erreicht und jeder Eindruck auf dessen äußere Theile der nicht bemerkt
wird kein Wahrnehmen ist Das Feuer kann unsern Körper brennen ohne dass es
mehr ist als wenn ein Stück Papier brennt sofern diese Bewegung nicht zu dem
Gehirn fortgeht und dort in der Seele die Empfindung der Hitze oder die
Vorstellung des Schmerzes hervorbringt nur darin besteht die wirkliche
Wahrnehmung
4 Oft kann man an sich selbst bemerken dass man während die Seele in
die Betrachtung eines Gegenstandes vertieft ist und mit Interesse einzelne dahin
gehörige Vorstellungen überschaut sie die Eindrucke nicht beachtet welche
tönende Körper auf die Ohren und zwar so stark machen dass sie für gewöhnlich
die Vorstellung des Tones hervorbringen Der Anstoß auf das Organ kann
hinreichend sein aber wenn er nicht innerlich Beachtung findet so folgt keine
Wahrnehmung trotz des für die Hervorbringung des Tones genügenden Eindruckes
auf das Gehör wird doch kein Ton gehört Dieser Mangel kommt nicht von einen
Fehler in dem Organe die Ohren sind da nicht weniger erregt als in andern
Fällen wo man hört allein das was die Vorstellung hervorzubringen pflegt
wird trotz der Überleitung durch das regelmäßige Organ in dem Verstande nicht
beachtet es bewirkt keine Vorstellung und es erfolgt deshalb keine
Wahrnehmung Wo daher Empfindung oder Wahrnehmung ist da wird auch eine
Vorstellung wirklich hervorgebracht und ist dem Verstande gegenwärtig
5 Kinder mögen Vorstellungen im Mutterleibe haben aber keine angeborenen
Deshalb werden Kinder durch Hebung ihrer Sinne rücksichtlich gewisser
Gegenstände die sie im Mutterleibe erregen schon vor ihrer Geburt einige
wenige Vorstellungen haben es sind dies die unvermeidlichen Folgen der sie
umgebenden Gegenstände oder der Entbehrungen und Übel die sie erleiden
wahrscheinlich gehören dazu wenn eine Vermutung über Dinge die keiner
Untersuchung fähig sind gestattet ist die Vorstellung von Hunger und Wärme
beide mögen zu den ersten Vorstellungen der Kinder gehören die sie später nie
wieder verlieren
6 Allein trotzdem sind doch diese einfachen Vorstellungen keineswegs
angeborene Grundsätze wie Manche behaupten ich aber oben widerlegt habe Die
hier genannten Vorstellungen sind die Wirkung von Empfindungen welche lediglich
von Erregungen ihres Körpers die sie treffen herrühren sie hängen deshalb von
etwas Äußerem ab und unterscheiden sich in der Art ihrer Entstehung von andern
durch die Sinne empfangenen Vorstellungen nur durch ihre frühere Zeit Dagegen
sollen jene angeborenen Grundsätze von ganz anderer Natur sein und nicht durch
zufällige Veränderungen oder Wirksamkeiten des Körpers in die Seele gelangen
sondern gleichsam ursprüngliche Schriftzeichen sein die ihr mit dem ersten
Augenblick ihres Seins und ihres Bestehens eingeprägt sind
7 So wie wahrscheinlich manche Vorstellungen in die Seele der Kinder
schon im Mutterleibe eingeführt werden die für ihr Leben und Sein dort von
Nutzen sind so werden nach ihrer Geburt diejenigen Vorstellungen am frühsten in
ihnen erweckt welche die ihnen zuerst aufstoßenden wahrnehmbaren Eigenschaften
betreffen und das Licht ist unter diesen eine der wichtigsten und stärksten
Wie begierig die Seele der Kinder nach Vorstellungen verlangt die mit keinen
Schmerzen verbunden sind, kann man an neugeborenen Kindern sehen die ihre Augen
immer nach dem Licht wenden wie man sie auch legen mag Indes sind die
Vorstellungen, mit denen sie am vertrautesten werden von verschiedener Art je
nach den Umständen unter denen die Kinder zunächst auferzogen werden und so
ist auch die Ordnung nach der diese Vorstellungen in der Seele eintreten
verschieden und ungewiss auch kommt auf deren Kenntnis wenig an
8 Die sinnlichen Vorstellungen werden durch das Urteil oft verändert
Ich habe ferner in Bezug auf die Wahrnehmungen zu bemerken dass die durch
Wahrnehmen gewonnenen Vorstellungen bei Erwachsenen sehr häufig durch ihr
Urteil verändert werden ohne dass sie es bemerken Sieht man eine einfarbige
Kugel zB von Gold Alabaster oder Lava so ist offenbar die davon der Seele
beigebrachte Vorstellung nur die eines flachen verschieden schattierten Kreises
von dessen einzelnen Stellen das Licht und die Helligkeit in verschiedenen
Graden in die Augen gelangt Allein aus der Erfahrung weiß man in welcher
Weise erhabene Körper erscheinen und welche Veränderungen das Licht in seiner
Zurückwerfung je nach den verschiedenen Gestalten der Körper erleidet deshalb
verändert das Urteil gewohnheitsmäßig die Erscheinung in ihre wahre Ursache
und macht aus dem was für den Sinn nur ein Wechsel von Schatten in der Farbe
ist ein Zeichen für seine Gestalt indem es sich die Vorstellung einer
erhabenen Gestalt von gleicher Farbe bildet obgleich die davon empfangene
Vorstellung nur eine verschieden gefärbte Ebene ist wie man an den Gemälden
bemerken kann Ich will zu dem Ende hier eine Frage einschalten welche mir Herr
Molineaux der geistreiche und eifrige Beförderer der Erfahrungswissenschaften
vor einigen Monaten brieflich mitgeteilt hat Man stelle sich nämlich einen
blindgeborenen Mann vor der erwachsen ist und durch sein Gefühl einen Würfel und
eine Kugel von demselben Metall und ohngefähr derselben Größe zu unterscheiden
gelernt hat so dass er angeben kann ob er die Kugel oder den Würfel fühle Nun
nehme man an beide würden auf einen Tisch gelegt und der Blinde erhalte sein
Gesicht hier fragt es sich nun ob er ehe er die Kugeln befühlt sagen kann
welches der Würfel und welches die Kugel sei Der scharfsinnige Fragesteller
sagt Nein Der Mann wisse zwar aus Erfahrung wie sich eine Kugel und wie ein
Würfel anfühle allein er wisse noch nicht aus Erfahrung ob das was sein
Gefühl so oder so errege auch sein Gesicht so oder so erregen müsse und dass
eine vorstehende Ecke in dem Würfel die seine Hand ungleich drückte seinem
Auge so erscheinen müsse wie es bei einem Würfel geschehe Ich stimme diesem
scharfsinnigen Herrn den ich stolz bin meinen Freund zu nennen darin bei und
glaube dass der blinde Mann bei dem ersten bloßen Sehen nicht mit Bestimmtheit
wird angeben können welches die Kugel und welches der Würfel ist wenn er auch
nach seinem Gefühl sie sicher bezeichnen und mit Bestimmtheit nach diesem Sinne
ihre Gestalten unterscheiden kann Ich begnüge mich hiermit und überlasse es dem
Leser danach zu überlegen wie viel er der Erfahrung für die Berichtigung
bereits erworbener Begriffe verdankt wo er vielleicht glaubt nicht die
mindeste Hülfe und Dienst von ihr zu empfangen und zwar um so mehr da jener
Herr noch hinzufügt dass er in Anlass meines Buches die Frage manchem sehr
scharfsinnigen Manne vorgelegt habe und kaum einer die richtige Antwort gegeben
habe bis seine Gründe ihn überzeugt hätten dass er sich geirrt habe
9 Indes wird dies nur bei den Gesichtswahrnehmungen vorkommen weil das
Gesicht als der umfassendste Sinn die Vorstellungen von Licht und Farben unserer
Seele zuführt die diesem Sinn eigentümlich sind und neben dieser auch die
ganz verschiedenen Vorstellungen von Raum Gestalt und Bewegung deren
Mannigfaltigkeit die Erscheinung seiner eigentlichen Wahrnehmungen nämlich des
Lichts und der Farben verändert So lernt man durch Hebung von dem Einen auf das
Andere schließen In manchen Fällen wo dieselbe Wahrnehmung sich oft
wiederholt wird dies zur festen Gewohnheit und geschieht so regelmäßig und
schnell dass man dies für eine Sinneswahrnehmung hält was nur eine durch
Urteilen gewonnene Vorstellung ist; wobei die eine nur diente die andere zu
erwecken und an sich von jener kaum Kenntnis genommen wird So achtet ein
Mann der aufmerksam und gespannt liest oder zuhört wenig auf die Zeichen der
Laute sondern nur auf die durch sie erweckten Vorstellungen
10 Man braucht sich auch nicht zu wundern dass dies nicht mehr bemerkt
wird man bedenke nur wie schnell die Tätigkeiten der Seele sich vollziehen
und dass das Denken keines Raumes und keiner Ausdehnung bedarf deshalb scheint
ihre Tätigkeit keiner Zeit zu bedürfen und viele Gedanken scheinen sich in
einem Augenblick zusammenzudrängen Ich sage dies in Vergleich mit den
Tätigkeiten des Körpers, und Jeder kann dies an seinem Denken bemerken wenn er
sich die Mühe gibt darauf zu achten unsere Seele übersieht gleichsam in einem
Augenblick alle Theile eines Beweises der sehr lang genannt werden kann, wenn
man auf die Zeit achtet um ihn in Worte zu fassen und Schritt vor Schritt dem
Andern darzulegen Man darf sich zweitens nicht wundern dass dies so unbemerkt
geschieht wenn man bedenkt wie durch die Gewohnheit eine solche Leichtigkeit
in einzelnen Verrichtungen erlangt wird dass sie oft unbemerkt von uns
geschehen Insbesondere lassen frühzeitig angenommene Gewohnheiten uns zuletzt
Handlungen vollziehen die wir gar nicht bemerken Wie oft bedeckt man nicht in
einem Tage die Augen mit den Augenlidern ohne zu bemerken dass man dann im
Dunkeln ist So hat Mancher sich angewöhnt ein Wort beim Sprechen
einzuschalten er bringt es beinah in jeder Redensart an was Andere zwar
bemerken er selbst aber weder hört noch bemerkt Deshalb ist es nichts
Sonderbares wenn die Seele ihre Sinneswahrnehmung in ein Urteil verändert und
jene nur zur Erweckung dieses benutzt ohne sie sonst zu beachten
11 Durch das Wahrnehmen unterscheiden sich die lebenden Wesen von den
leblosen Dieses Wahrnehmungsvermögen scheint mir den Unterschied zwischen dem
Tierreich und den niederen Naturreichen auszumachen Wenn auch einzelne
Pflanzen eine Art von Bewegung haben und bei Berührung mit andern Körpern sehr
deutlich ihre Gestalt und Bewegung verändern weshalb sie den Namen von
GefühlsPflanzen bekommen haben da diese Bewegung mit der bei den Tieren in
Folge von SinnesWahrnehmungen eintretenden Ähnlichkeit hat so halte ich doch
diese Bewegung nur für rein mechanisch gleich dem Drehen des wilden Hafers
wenn man ihn benetzt und dem Zusammenziehen eines Seiles das mit Wasser
begossen wird Alles das geschieht ohne dass ein Wahrnehmen in dem Gegenstande
Statt hat und ohne dass er eine Vorstellung hat oder empfängt
12 Dagegen glaube ich dass das Wahrnehmen in einem gewissen Grade sich
bei allen Tieren findet obgleich allerdings bei manchen der von der Natur
bereiteten Zugänge für die Aufnahme von Wahrnehmungen so wenige sind und die
Empfindung so dumpf und dunkel bleibt dass sie in dem schnellen und
mannichfachen Wahrnehmen andern Tieren erheblich nachstehen Indes genügt
dieses Wahrnehmen doch für den Zustand und die Verhältnisse dieser so
eingerichteten Tiere und es ist dafür so weislich angepasst dass die Weisheit
und Güte des Schöpfers aus allen Teilen dieses ungeheuren WeltGebäudes und aus
allen Abstufungen und Rangordnungen der darin vorhandenen Wesen hervorleuchtet
13 Aus den Bau einer Auster oder einer MeerSchnecke kann man mit Recht
schließen dass sie nicht so viele und schnelle Sinne wie ein Mensch oder
manches andere Thier haben aber wenn sie sie auch hätten würden sie bei ihrem
Zustande und Unvermögen sich von einer Stelle zur andern zu bewegen dadurch
nicht besser daran sein Was soll das Sehen und Hören einem Geschöpfe nützen
was sich nach Gegenständen weder hin noch von denselben fortbewegen kann die
es in der Ferne als gut oder schlimm wahrnimmt Wäre nicht die Schnelligkeit der
Wahrnehmung für ein Thier unpassend was da liegen bleiben muss wo der Zufall
es hingebracht hat und da den Zufluss von kaltem oder warmem reinem oder
faulem Wasser annehmen muss wie es kommt
14 Dennoch werden sie eine schwache dumpfe Wahrnehmung haben wodurch
sie sich von der vollkommenen Unempfindlichkeit unterscheiden Dafür haben wir
selbst klare Beispiele an dem Menschen Man nehme Jemand bei dem sein hohes
Alter das Gedächtnis an sein früheres Wissen ausgelöscht und die in seiner
Seele früher aufgehäuften Gedanken ausgefegt hat und der durch gänzlichen
Verlust seines Gesichts Gehörs und Geruchs sowie eines großen Teils seines
Geschmacks alle Zugänge für neue Vorstellungen so ziemlich eingebüßt hat oder
bei dem zwar noch einzelne Zugänge halb offen sind aber die Eindrücke kaum
aufgefasst und nicht festgehalten werden und ich gebe zu bedenken ob ein
solcher Mensch trotz allen Rühmens von angeborenen Vorstellungen) in seiner
Kenntnis und seinen geistigen Fähigkeiten über der Auster oder Meerschnecke
stehen wird Sollte ein Mensch in solchem Zustande sechzig Jahre zubringen was
so gut möglich ist wie drei Tage so dürfte kaum in den geistigen Fähigkeiten
zwischen ihm und den niedrigsten Tierarten ein unterschied sein
15 Die Wahrnehmung ist der Einlass für das Wissen Wenn so die
Wahrnehmung der erste Schritt und Stufe zum Wissen und der Einlass allen Stoffes
für dasselbe ist, so folgt, dass, je weniger Sinne ein Mensch oder ein Thier
hat und je geringer und dumpfer die Eindrücke mittelst derselben und je
schwächer die dabei auftretenden Vermögen sind sie um So mehr im Wissen andern
Menschen nachstehen Da hier eine große Abstufung Statt hat wie dies schon bei
den Menschen sich zeigt so kann dies bei den verschiedenen Tiergattungen
nicht sicher ermittelt werden und noch weniger bei einzelnen Individuen Ich
begnüge mich hier mit der Bemerkung dass das Wahrnehmen die erste Äußerung
unserer geistigen Vermögen und der Einlass alles Wissens in unsere Seele ist
und ich möchte ebenso annehmen dass das Wahrnehmen in seinem untersten Grade
die Grenze zwischen den Tieren und den niederen Naturgegenständen bildet Indes
erwähne ich dies hier nur nebenbei als meine Vermutung denn für meine Aufgabe
ist es gleichgültig wie die Entscheidung der Gelehrten hierüber ausfallen wird
1 Betrachtung Das nächste Vermögen wodurch die Seele weiter in der
Kenntnis vorschreitet ist das was ich das Behalten nenne oder das Festhalten
der einfachen Vorstellungen, welche sie durch die Sinnes und Selbstwahrnehmung
empfangen hat Dies Behalten geschieht in zwei Weisen erstens indem die
eingeführte Vorstellung eine Zeit lang wirklich gegenwärtig behalten wird was
Betrachtung heißt
2 Gedächtnis Die zweite Art des Behaltens besteht in der Kraft diese
Vorstellungen in der Seele wieder zu erwecken die nach deren Empfang
verschwunden oder gleichsam bei Seite gelegt worden sind; so wenn wir uns die
Hitze und das Licht die gelbe Farbe und das Süße vorstellen während der
Gegenstand nicht gegenwärtig ist. Dies ist das Gedächtnis gleichsam die
Niederlage unserer Vorstellungen. Die menschliche Seele ist zu eng um viele
Vorstellungen auf einmal gegenwärtig zu haben deshalb war eine Niederlage
nötig für die Vorstellungen, um sie zur gelegenen Zeit wieder hervorzusuchen
Da indes unsere Vorstellungen nur in Auffassungen der Seele bestehen die
Nichts sind wenn sie nicht wirklich erfasst sind so bedeutet dieses
Zurücklegen der Vorstellungen in die GedächtnisNiederlage nur dass die Seele
eine Kraft hat in gewissen Fällen Vorstellungen wieder zu erwecken die sie
früher gehabt hat mit dem zusätzlichen Wissen dass sie dieselben schon gehabt
habe In diesem Sinne ist es gemeint wenn man sagt die Vorstellungen seien im
Gedächtnis da sie doch in Wahrheit nirgends sind und die Seele nur die
Fähigkeit hat sie mach Belieben zu erwecken als wenn sie von Neuem in sie
eingedrückt wären und zwar bald schwerer bald leichter einzelne lebhafter
andere dunkler So beruht es auf diesem Vermögen dass man alle jene Gedanken in
der Seele hat die wenn man sie auch nicht gegenwärtig hat man doch immer in
Sicht bringen und wieder erscheinen lassen und zu Gegenständen des Denkens
machen kann und zwar ohne Hülfe der sinnlichen Eigenschaften, welche diese
Vorstellungen zuerst uns eingeprägt haben
3 Aufmerksamkeit Wiederholung Schmerz und Lust befestigen die
Vorstellungen.) Aufmerksamkeit und Wiederholung dienen sehr zur Befestigung der
Vorstellungen in dem Gedächtnis den tiefsten und dauerndsten Eindruck machen
jedoch von Natur die mit Schmerz oder Lust verbundenen Vorstellungen Da es das
Hauptgeschäft der Sinne ist uns von dem dem Körper Schädlichen oder Nützlichen
Kenntnis zu geben so ist es wie ich gezeigt habe ein weise Anordnung dass
manche Vorstellungen mit Schmerz begleitet sind er ersetzt bei den Kindern die
Betrachtung und das Nachdenken und wirkt bei Erwachsenen schneller als
Betrachtung lässt Jung und Alt schmerzerregende Gegenstände mit der Eile
vermeiden die ihre eigene Erhaltung erfordert und befestigt in dem Gedächtnis
Beider die Vorsicht für die Zukunft
4 Die Vorstellungen erbleichen in dem Gedächtnis In Betreff der
Dauer der dem Gedächtnis eingeprägten Vorstellungen zeigt sich dass manche der
Seele nur durch einen bloß die Sinne erregenden Gegenstand und zwar nur
einmal zugeführt worden sind; andere haben sich den Sinnen öfters dargeboten
aber sind wenig beachtet worden entweder aus Leichtsinn bei den Kindern oder
wegen anderweiter Beschäftigung wie zB bei Menschen die nur auf einen
Gegenstand ihren Sinn gerichtet haben der Eindruck sich nicht tief festsetzt
Auch da wo die Eindrücke sorgfältig aufgenommen und wiederholt worden sind, ist
bei Manchen doch das Gedächtnis entweder in Folge körperlicher Zustande oder
eines Mangels im Gedächtnis selbst schwach In all diesen Fällen erbleichen die
Vorstellungen in der Seele schnell und verschwinden oft ganz aus dem Verstande,
ohne mehr Spuren und Zeichen von sich wie die über Kornfelder hinfliegenden
Wolkenschatten zu hinterlassen die Seele ist dann so leer an ihnen als hätte
sie dieselben nie gehabt
5 So gehen bei Kindern Vorstellungen aus dem Anfange ihres Wahrnehmens
bei Manchen mit Schmerz oder Lust verknüpften vielleicht schon aus der Zeit vor
ihrer Geburt bei andern aus ihrer frühesten Kindheit wenn sie nicht später
wiederholt werden gänzlich verloren und lassen keine Spur von sich zurück Man
kann dies bei Personen beobachten die ihr Gesicht in früher Jugend verloren
haben die Vorstellungen der Farben die sie nur leichthin aufgenommen hatten
und die nicht wiederholt werden konnten sind bei ihnen ganz verschwunden sie
haben nach einigen Jahren gleich den BlindGeborenen keinen Begriff noch
Erinnerung von Farben mehr Bei manchem Menschen ist allerdings das Gedächtnis
wunderbar stark allein dennoch scheint ein allgemeines Nachlassen unserer
Vorstellungen, selbst der am tiefsten eingeprägten und selbst bei Menschen von
gutem Gedächtnis Statt zu finden Wenn daher die Vorstellungen nicht mitunter
dadurch erneuert werden dass die Sinne oder die Selbstwahrnehmung auf die sie
zuerst veranlassenden Gegenstände gerichtet werden so verwischen sich
allmählich die Eindrücke und es bleibt zuletzt nichts übrig So sterben die
Vorstellungen unserer Jugend gleich unseren Kindern oft vor uns und die Seele
gleicht Gräbern wo wenn man ihnen nahe tritt zwar das Erz und der Marmor
geblieben ist aber die Inschrift vor der Zeit verlöscht und die Bildnerei
vermodert ist Die Bilder in unserer Seele sind nur mit schwachen Farben gemalt
wenn sie nicht aufgefrischt werden erbleichen und verlöschen sie Ich will hier
nicht untersuchen wie weit die Verfassung unsers Körpers und der Zustand
unserer Lebensgeister dabei Einfluss haben und ob die Eigenschaften des Gehirns
es bewirken dass manche Menschen die Eindrücke behalten als wären sie in
Marmor Andere als wären sie nur in Thon und wieder Andere als wären sie nur
in Sand eingegraben Der Zustand des Körpers mag allerdings das Gedächtnis
beeinflussen oft beraubt eine Krankheit die Seele ganz ihrer Vorstellungen, und
die Fieberhitze verbrennt in wenig Tagen alle Bilder zu Staub und Dunst die so
dauernd schienen als wären sie in Marmor eingegraben
6 Häufig wiederholte Vorstellungen können kaum verloren gehen In
Betreff der Vorstellungen selbst bemerkt man leicht dass die welche durch eine
häufige Wiederkehr der sie erweckenden Gegenstände oder Handlungen am häufigsten
erneuert werden wozu die der Seele durch mehr als einen Sinn zugeführten
gehören sich am besten in dem Gedächtnis befestigen und am längsten darin
klar bleiben deshalb gehen die ursprünglichen Eigenschaften der Körper, also
Dichtheit Ausdehnung Gestalt Bewegung und Ruhe und die welche beinah
beständig ungern Körper erregen wie Hitze und Kälte und die welche Zustände
sind die allen Wesen gemein sind wie Dasein Zahl Dauer und welche beinah
Jeder sinnliche Gegenstand und jeder Gedanke unsrer Seele mit sich führt
deshalb sage ich gehen diese und ähnliche Vorstellungen selten ganz verloren
so lange die Seele überhaupt noch Vorstellungen festhält
7 Bei dem Erinnern ist die Seele oft tätig In diesem zweiten
Wahrnehmen wie ich es nennen möchte oder in diesem Wiedersehen der in dem
Gedächtnis bewahrten Vorstellungen verhält sich die Seele nicht immer untätig
vielmehr hängt das Erscheinen dieser schlafenden Bilder mitunter von dem Willen
ab Oft unternimmt die Seele selbst die Aufsuchung einer verborgenen Vorstellung
und wendet gleichsam ihre Augen dahin Mitunter springen sie aber auch in unsrer
Seele von selbst hervor und zeigen sich dem Verstande; oft sind es drängende und
heftige Leidenschaften die sie aufwecken und aus ihren dunklen Zellen an das
offene Tageslicht treiben die Gemütsbewegungen bringen Vorstellungen zur
Erinnerung die sonst ruhig und unbeachtet geblieben wären Bei diesen in dem
Gedächtnis enthaltenen und von der Seele gelegentlich erweckten Vorstellungen
muss man indes festhalten dass keine derselben eine neue ist wie das Wort
»erwecken« andeuten könnte vielmehr erfasst die Seele sie als frühere
Eindrücke und erneuert nur ihre Bekanntschaft mit ihnen als schon vorher
gehabten Vorstellungen Früher empfangene Vorstellungen sind deshalb nicht immer
gegenwärtig aber wenn sie wieder hervortreten werden sie von dem Verstande
immer als solche erkannt die früher einmal gegenwärtig gewesen und gewusst
worden sind.
8 Zwei Mängel des Gedächtnisses das Vergessen und die Langsamkeit Das
Gedächtnis ist nach dem Wahrnehmen das Unentbehrlichste für ein geistiges
Wesen Seine Bedeutung ist so groß dass wo es fehlt die übrigen
Seelenvermögen zum großen Theile nutzlos werden und man könnte ohne
Gedächtnis beim Denken Urteilen und Wissen nicht über die den Sinnen
gegenwärtigen Dinge hinausgehen In dem Gedächtnis zeigen sich indes zwei
Mängel erstens dass es eine Vorstellung ganz verliert und soweit vollkommenes
NichtWissen erzeugt man kann nämlich die Dinge nur durch die Vorstellungen
derselben kennen und ist daher diese dahin so ist man vollkommen unwissend
zweitens dass es sich zu langsam bewegt und die Vorstellungen, die es bat und
die in ihm aufgehäuft sind in dem einzelnen Falle der Seele nicht schnell genug
herbeischafft Findet dies in einem hohem Maß statt so ist es Dummheit Wer
wegen dieses Fehlers die in seinem Gedächtnisse aufbewahrten Vorstellungen nicht
schnell bei der Hand hat wenn er deren bei Gelegenheit bedarf ist nicht besser
daran als hätte er sie gar nicht da sie ihm nichts nutzen können Ein dummer
Mensch der über das Suchen nach diesen Vorstellungen, die er braucht die
Gelegenheit versäumt ist in Bezug auf sein Wissen nicht besser daran als ein
ganz Unwissender Das Gedächtnis hat deshalb die Aufgabe der Seele jene
schlafenden Vorstellungen, die sie braucht zuzuführen insofern es dieselben
jederzeit bei der Hand hat besteht darin das was man Erfindung Phantasie und
Geistesgegenwart nennt
9 Diese Mängel kann man schon bemerken wenn man mehrere Personen mit
einander vergleicht dagegen mag wohl in dem menschlichen Gedächtnis wenn es
mit höheren Wesen verglichen wird noch ein allgemeiner Mangel enthalten sein
jene übertreffen vielleicht den Menschen so sehr dass sie die ganze Scene ihres
früheren Handelns vollständig gegenwärtig haben und dass keiner ihrer Gedanken
die sie je gehabt aus diesem gegenwärtigen Wissen verschwindet Die
Allwissenheit Gottes welcher alle Dinge die vergangenen wie die gegenwärtigen
und zukünftigen weiß und vor dem die Herzen der Menschen offen da liegen
zeigt dass dergleichen möglich ist Offenbar kann Gott jenen hohen Geistern
seinen unmittelbaren Dienern von seinen Vollkommenheiten so viel mitteilen als
ihm gefällt und als die Natur endlicher Wesen gestattet Von Herrn Pascal
erzählt man er habe eine solche Natur des Gedächtnisses besessen dass er ehe
nicht seine erschütterte Gesundheit sein Gedächtnis geschwächt hatte er nichts
von Allem vergessen habe was er zu irgend einer Zeit seit seiner Knabenzeit
getan gelesen oder gedacht gehabt Dieser Vorzug ist den meisten Menschen so
unbekannt dass er beinah unglaublich erscheint weil sie Alle nur nach sich
selbst zu urteilen pflegen indes können solche Fälle uns helfen für Wesen
hohem Ranges von deren größeren Vollkommenheiten einen ungefähren Begriff zu
bekommen Bei Herrn Pascal blieb immer die Schranke wonach die menschliche
Seele viele Gedanken nur nach einander aber nicht gleichzeitig haben kann die
Engel in ihren verschiedenen Abstufungen haben aber vielleicht ein weiteres
gegenwärtiges Wissen und manche von ihnen vermögen vielleicht alle ihr früheres
Wissen auf einmal als gegenwärtiges festzuhalten und immer sich vorzustellen
Für einen denkenden Menschen wurde dergleichen kein geringer Vorteil sein und
man kann daraus abnehmen dass dies eine von den Arten sein mag in denen das
Wissen der höheren Geister das unsrige weit übertrifft
10 Auch die Tiere haben Gedächtnis Viele Tiere scheinen so gut wie
der Mensch das Vermögen empfangene Vorstellungen aufzubewahren und
festzuhalten bis zu einem ziemlich hohen Maß zu besitzen Um andere Fälle
nicht zu erwähnen führe ich nur an dass Vögel welche Töne lernen sich
bestreben die rechten Noten zu treffen und dies zeigt unzweifelhaft dass sie
wahrnehmen die Vorstellungen im Gedächtnis behalten und als Muster benutzen
ohnedem wäre es unmöglich dass sie ihre Stimme den Noten anpassen könnten wie
sie doch tun wenn sie keine Vorstellungen davon hätten Ich gebe zwar zu
dass die Töne eine Art mechanischer Bewegung der Lebensgeister in dem Gehirn
dieser Vögel bewirken so lange der Ton angeschlagen wird diese Bewegung mag
sich zu den Muskeln der Flügel fortsetzen und so der Vogel durch manches
Geräusch mechanisch fortgescheucht werden weil dies zu seiner Erhaltung dient
allein dies kann nicht erklären dass während des Tones und noch weniger nach
seinem Aufhören mechanisch eine solche Bewegung in des Vogels Stimmorganen
bewirkt werde die den Tönen einer fremden Stimme entspricht zumal diese
Nachahmung für die Erhaltung des Vogels nichts beiträgt Aber mit noch weniger
Schein kann angenommen und noch weniger bewiesen) werden, dass der Vogel ohne
Wahrnehmung und Gedächtnis seine Töne den Tags zuvor gehörten Tönen allmählich
mehr annähern könne hätten sie keine Vorstellung davon in ihrem Gedächtnisse
so bestände diese Vorstellung nirgends und könnte ihnen nicht zu einem Muster
dienen das sie nachahmen und dem sie durch wiederholte Versuche mehr und mehr
sich annähern könnten Es ist kein Grund vorhanden dass die Töne einer Pfeife
in ihrem Gehirn Spuren zurücklassen sollten welche nicht sogleich sondern nach
späterem Versuchen die gleichen Töne hervorbrächten und es wäre dann
unbegreiflich weshalb die eigenen Töne der Vögel nicht Spuren zurücklassen
sollten denen sie ebenso zu folgen hätten wie den Tönen der Pfeife
1 Es gibt kein Wissen ohne Unterscheidungsvermögen Als ein weiteres
Vermögen der Seele zeigt sich das vermöge dessen sie zwischen ihren
verschiedenen Vorstellungen unterscheidet Die verworrene Vorstellung von Etwas
im Allgemeinen genügt nicht hätte die Seele nicht eine bestimmte Auffassung von
den einzelnen Gegenständen und deren Eigenschaften so wäre sie nur weniger
Kenntnisse fähig wenn auch die uns umgebenden Körper ebenso wie jetzt uns
erregten und die Seele fortwährend mit Denken beschäftigt wäre Auf diesem
Unterscheidungsvermögen beruht die Beweiskraft und Gewissheit mehrerer selbst
sehr allgemeinen Sätze die für angeborene Wahrheiten gegolten haben indem man
die wahre Ursache dieser allgemeinen Zustimmung zu denselben übersah und sie in
natürlichen Eindrücken suchte obgleich doch nur dieses Unterscheidungsvermögen
es der Seele ermöglicht zwei Vorstellungen als dieselben oder verschieden
aufzufassen Doch mehr hiervon später
2 Der Unterschied zwischen Witz und Scharfsinn Ich will hier nicht
untersuchen wie weit der Mangel dieses Unterscheidungsvermögens in der
Stumpfheit oder Fehlerhaftigkeit der Sinnesorgane oder in dem Mangel an
Schärfe Aufmerksamkeit und Hebung des Verstandes oder in dem heftigen und
flatterhaften Naturell einzelner Temperamente liegen mag es genügt dass dieses
Unterscheiden zu den Tätigkeiten gehört welche die Seele in sich wahrnehmen
und beobachten kann Seine Wichtigkeit für alles andere Wissen erhellt daraus
dass soweit Jenes Vermögen bei der Unterscheidung der einzelnen Dinge schwach
oder frisch gebraucht wird auch unsere Begriffe verworren sind und unser
Urteil gestört oder irre geleitet wird Darauf dass man die Vorstellungen des
Gedächtnisses schnell bei der Hand hat beruht die schnelle Bewegung der
Gedanken darauf dass man sie unverworren hat und ein Ding scharf von dem
andern zu unterscheiden vermag wenn der Unterschied auch noch so klein ist
beruht zum großen Theile die Genauigkeit des Urteils und die Klarheit des
Denkens, durch die der Eine sich vor dem Andern auszeichnet Daraus erklärt sich
vielleicht weshalb Menschen mit viel Witz und schnellem Gedächtnis nicht immer
das klarste Urteil und den eingehendsten Scharfsinn besitzen Witz beruht mehr
auf der Zusammenstellung von Vorstellungen und deren schneller und mannigfacher
Verbindung soweit dabei Ähnlichkeit und Übereinstimmung gefunden wird werden
daraus gefällige und angenehme Bilder in der Phantasie geformt Dagegen liegt
das Urteilen auf der entgegengesetzten Seite es trennt sorgfältig die eine
Vorstellung von der anderen, so weit sie sich unterscheiden es lässt sich dabei
durch Ähnlichkeiten und Verwandtschaft nicht irreführen und eine Sache nicht
für die andere nehmen Diese Tätigkeit ist den Anspielungen und bildlichen
Ausdrücken ganz entgegengesetzt auf denen zum größten Teil das Unterhaltende
und Gefällige des Witzes beruht womit er die Einbildungskraft anregt und aller
Welt willkommen ist Seine Schönheit tritt sofort hervor und die Vernunft
braucht dabei nicht mühsam zu untersuchen wie weit er wahr und begründet ist
Die Seele sieht dabei nicht weiter sondern ruht zufrieden aus bei der
Annehmlichkeit des Bildes und der Heiterkeit der Phantasie es wäre verletzend
den Witz nach den verschiedenen Regeln der Wahrheit und Vernunft prüfen zu
wollen und daraus erhellt, dass er aus Etwas besteht was sich damit nicht ganz
verträgt
3 Nur die Klarheit verhindert die Verwirrung Für die gute
Unterscheidung der Vorstellungen hilft vorzüglich deren Klarheit und
Bestimmtheit haben sie diese Eigenschaften so wird es kein Missverständnis
oder Verwirrung geben wenn auch die Sinne wie mitunter geschieht sie von
demselben Gegenstand bei verschiedenen Gelegenheiten verschieden der Seele
zuführen sollten und so zu irren scheinen Wenn auch ein Mensch im Fieber von
dem Zucker einen bitteren Geschmack statt des süßen zu andern Zeiten haben
sollte so wird doch die Vorstellung des Bitteren in seiner Seele ebenso klar und
von der des Süßen verschieden sein als wenn er nur Galle geschmeckt hätte Es
entsteht für die beiden Vorstellungen von Süß und Bitter dadurch dass derselbe
Gegenstand einmal bitter das andere Mal süß schmeckt keine größere
Verwirrung als wenn die zwei Vorstellungen des Weiß und Süß oder des Weiß
und Rund durch dasselbe Stück zu gleicher Zeit hervorgebracht werden. Die
Vorstellungen von Orange und Blau welche derselbe Aufguss von dem Holz gegen
Steinschmerzen hervorbringt sind nicht weniger bestimmt als die derselben
Farben welche andern Gegenständen entnommen sind
4 Vergleichen Die Vergleichung der Vorstellungen in Bezug auf
Ausdehnung Grad Zeit Ort und andere Umstände ist eine andere Tätigkeit der
Seele von ihr hängt der große Stamm von Vorstellungen ab die man unter
Beziehungen befasst deren große Ausdehnung ich später darzulegen Gelegenheit
haben werde
5 Die Tiere vergleichen nur mangelhaft Es ist nicht leicht zu
bestimmen, wie weit die Tiere an diesem Vermögen Teil haben nach meiner
Ansicht besitzen sie es nur in einem schwachen Grade wenn sie auch einzelne
genügend bestimmte Vorstellungen haben so ist es doch wohl ein besonderer
Vorzug des menschlichen Verstandes die verschiedenen Vorstellungen, die er hat
als verschiedene aufzufassen und demzufolge zu übersehen und zu bedenken in
welchen Beziehungen sie mit einander verglichen werden können, während die
Tiere wohl ihre Vorstellungen nicht weiter mit einander vergleichen als die
sinnlichen den Gegenständen anhaftenden Eigenschaften gehen Dagegen haben
jedenfalls die Tiere die weitere dem Menschen einwohnende Kraft nicht welche
sich auf Vergleichung der Begriffe bezieht und zur Begründung allgemeiner Sätze
benutzt wird
6 Das Verbinden Eine weitere Tätigkeit der Seele in Bezug auf ihre
Vorstellungen ist das Verbinden dabei stellt sie die mehreren einfachen durch
Sinnes und Selbstwahrnehmung gewonnenen Vorstellungen zusammen und verbindet
sie zu einer zusammengesetzten Unter dieses Verbinden fällt auch das Ausdehnen
der Vorstellungen; die Verbindung erscheint hier zwar nicht so auffällig als in
den zusammengesetzten Vorstellungen allein trotzdem ist es doch nur ein
Zusammenstellen von mehreren Vorstellungen wenn auch von derselben Art. So
bildet man durch Hinzufügung mehrerer Einheiten zu einander die Vorstellung
eines Dutzend und durch die Aneinanderfügung mehrerer Ruthen die einer Meile
7 Die Tiere verbinden nur wenig Auch hier dürften die Tiere tief
unter den Menschen stehen Sie nehmen allerdings auf und behalten auch manche
Verbindungen einfacher Vorstellungen so bildet vielleicht die Gestalt der
Geruch und die Stimme des Herrn die zusammengesetzte Vorstellung, die sein Hund
von ihm hat oder es sind vielmehr so viel einzelne Merkmale an denen er ihn
erkennt allein von selbst mögen sie wohl nie Vorstellungen zu
zusammengesetzten verbinden Selbst da wo man vielleicht zusammengesetzte
Vorstellungen bei ihnen annimmt ist es doch nur eine einfache die sie bei der
Erkenntnis der Gegenstände leitet da sie dazu wahrscheinlich das Gesicht
weniger benutzen als man glaubt So hat man mir versichert dass eine Hündin
junge Füchse ernährt mit ihnen spielt und sie liebt genau wie ihre eigenen
Jungen sobald man es dahin gebracht hat dass diese Füchse so lange an ihr
gesaugt haben bis sie die Milch verdaut haben Ebenso scheinen die Tiere
welche viel Junge auf einmal werfen deren Zahl nicht zu kennen da sie zwar
sehr besorgt sind wenn eines davon ihnen weggenommen wird so lange sie es
sehen oder hören nimmt man aber eins oder zwei heimlich in Abwesenheit der
Eltern oder unvermerkt hinweg so scheinen sie sie nicht zu vermissen und nicht
zu bemerken dass die Zahl derselben vermindert ist
8 Das Benennen Wenn die Kinder durch wiederholtes Wahrnehmen feste
Vorstellungen gewonnen haben so lernen sie allmählich Zeichen dafür gebrauchen
und wenn sie erst mit ihren Sprachwerkzeugen artikulierte Laute bilden können so
benutzen sie die Worte zur Bezeichnung ihrer Vorstellungen Diese Wortzeichen
entlehnen sie bald von Andern bald machen sie sie selbst wie man an den neuen
und ungewöhnlichen Namen sehen kann welche Kinder im Anfange ihres Sprechens
den Sachen geben
9 Das Abtrennen Wenn so die Worte als äußere Zeichen für die Inneren
Vorstellungen dienen und diese Vorstellungen den einzelnen Dingen entlehnt
werden so würden die Worte zahllos werden wenn jede EinzelVorstellung, die
wir aufnehmen ein besonderes Wort erhalten sollte Um dies zu verhindern macht
die Seele aus diesen besonderen Vorstellungen allgemeine und zwar dadurch dass
sie sie als Erscheinungen in der Seele auffasst getrennt von allen andern
bestehenden Dingen und von den Nebenumständen der wirklichen Dinge wie Zeit
Ort oder andern begleitenden Vorstellungen Man nennt dies das Abtrennen die
der einzelnen Sache entlehnte Vorstellung wird dadurch zur allgemeinen
Vertreterin aller Dinge derselben Art, und ihr Name wird zu einem allgemeinen
Worte das auf alles Bestehende angewendet werden kann, was solcher abgetrennten
Vorstellung entspricht Solche absichtlich entkleidete Erscheinungen in der
Seele wobei man nicht mehr fragt wie wann und mit welchen andern sie in die
Seele gekommen sind häuft der Verstand auf mit Worten die mit ihnen gemeinhin
verknüpft sind als die Zeichen nach denen die wirklichen Dinge in Arten
geordnet und danach benannt werden je nachdem sie mit diesen Mustern stimmen
Wenn die Seele somit heute dieselbe Farbe im Kalk oder Schnee antrifft die sie
gestern von der Milch gehabt hat so fasst sie diese Erscheinung allein auf und
macht sie zu einem Vertreter für alle gleicher Art und wenn sie ihr den Namen
Weiß gegeben hat so bezeichnet dieser Laut dieselbe Eigenschaft wo sie auch
vorgestellt oder angetroffen werden mag Auf diese Weise werden die allgemeinen
Vorstellungen und Worte gebildet
10 Die Tiere haben dies Vermögen nicht Man kann schwanken ob die
Tiere auf diese oder jene Weise ihre Vorstellungen verbinden und erweitern
aber sicher fehlt ihnen das Vermögen des Abtrennens gänzlich Der Besitz
allgemeiner Vorstellungen unterscheidet den Menschen vom Tiere vollständig und
ist ein Vorzug welchen die Tiere nie erreichen Bei ihnen ist offenbar keine
Spur vorhanden dass sie allgemeine Zeichen für allgemeine Vorstellungen
benutzten und daraus kann man abnehmen dass ihnen das Vermögen des Abtrennens
oder der Bildung allgemeiner Vorstellungen abgeht sonst müssten sie sich der
Worte oder anderer allgemeiner Zeichen bedienen
11 Auch liegt der Grund davon nicht etwa darin dass sie nicht die
passenden Organe für artikulierte Töne hätten Manche können ja solche Töne zu
Stande bringen und deutlich genug Worte aussprechen aber sie machen niemals
einen solchen Gebrauch davon Umgekehrt drücken Menschen die wegen eines
Fehlers ihrer Organe nicht sprechen können ihre allgemeinen Vorstellungen durch
reichen statt allgemeiner Worte aus ein Vermögen was den Tieren wie man
sieht abgeht Hierin mag also der Unterschied der Tiere von dem Menschen
enthalten sein durch diesen eigentümlichen Gegensatz sind sie völlig getrennt
er dehnt sich zuletzt zu einer weiten Kluft aus obgleich man wenn die Tiere
Vorstellungen haben und keine bloßen Maschinen sind wie Manche behaupten
denselben eine Art von Verstand nicht ansprechen kann Manche von ihnen denken
nach meiner Meinung in gewissen Fällen so gut wie sie Sinne haben aber Jenes
nur innerhalb der Vorstellungen, die sie von ihren Sinnen empfangen haben
Selbst die höchsten Klassen derselben sind in diese engen Schranken
eingeschlossen und können sie durch ein Vermögen des Abtrennens nicht erweitern
12 Blödsinnige und Wahnsinnige Ob den Blödsinnigen einzelne oder alle
diese Vermögen ganz oder bis zu einem Grade abgehen würde durch genaue
Beobachtung ihrer Schwächen sich feststellen lassen denn wer die in seiner
Seele eintretenden Vorstellungen nur stumpf auffassen oder schlecht behalten
kann wer sie nicht leicht erwecken oder verbinden kann hat wenig Stoff für
sein Denken Wer nicht unterscheiden vergleichen und abtrennen kann wird
schwerlich die Worte verstehen und sich ihrer bedienen lernen oder nur leidlich
urteilen und überlegen nur über gegenwärtige und durch die Sinne ihm gut
bekannte Gegenstände wird er es einigermaßen vermögen Fehlt daher eines jener
Vermögen oder ist es gestört so hat dies für den Verstand und das Wissen die
entsprechenden Folgen
13 Bei Blödsinnigen liegt also der Fehler in der geringen Beweglichkeit
Tätigkeit und Schnelligkeit ihrer geistigen Vermögen deshalb fehlt ihnen der
Verstand; dagegen leiden die Wahnsinnigen an dem entgegengesetzten Übermaß
sie haben nicht die Fähigkeit zu denken eingebüßt aber sie haben einzelne
Vorstellungen falsch verbunden und halten sie für Wahrheiten sie irren wie
Leute die aus falschen Gesetzen richtig folgern Die Übermacht ihrer
Einbildungen lässt sie ihre Inneren Gebilde für Wirklichkeiten nehmen und daraus
richtige Folgerungen ziehen So verlangt ein Wahnsinniger der sich für einen
König hält die dem entsprechende Achtung Aufmerksamkeit und Folgsamkeit und
Andere die glauben sie seien von Glas brauchen die nötige Vorsicht welche
solche zerbrechliche Körper verlangen
Deshalb kann ein mäßiger und sonst verständiger Mann in einem einzelnen
Punkte so verrückt sein wie irgend einer im Irrenhause sobald durch plötzliche
heftige Eindrücke oder lange ausschließliche Beschäftigung mit einem Gedanken
ungehörige Vorstellungen sich so fest bei ihm verbunden haben dass sie sich
nicht mehr trennen lassen In dem Wahnsinn und der Verrücktheit gibt es indes
Grade die Verbindung verkehrter Vorstellungen ist bei dem Einen grösser als
bei dem Andern Der Unterschied zwischen Blödsinnigen und Wahnsinnigen liegt
also darin dass die Wahnsinnigen die Vorstellungen falsch verbinden damit
falsche Sätze bilden aber nach diesen richtig schließen und verfahren während
Blödsinnige keine oder wenig Sätze bilden und wohl gar nicht vernünftig denken
14 Mein Verfahren Dies werden die nächsten Vermögen und Tätigkeiten
sein welche die Seele beim Verstehen gebraucht sie übt sie zwar bei allen
ihren Vorstellungen überhaupt aus indes habe ich bisher sie nur in Beziehung
auf einfache Vorstellungen dargelegt und die Erklärung dieser Vermögen der der
einfachen Vorstellungen nachfolgen lassen ehe ich zu den zusammengesetzten
Vorstellungen übergehe und zwar aus folgenden Gründen Erstens werden manche
dieser Vermögen zunächst und hauptsächlich an einfachen Vorstellungen geübt und
man wird deshalb wenn man so der Natur in ihrem Verfahren folgt sie in ihrem
Entstehen Fortschreiten und allmählichen Vervollkommnen aufspüren und verfolgen
können Zweitens kann man wenn man diese Vermögen in ihrer Wirksamkeit bei
einfachen Vorstellungen beobachtet hat die bei den meisten Menschen klarer und
bestimmter als die zusammengesetzten Vorstellungen zu sein pflegen dann desto
besser prüfen und erkennen wie die Seele bei den zusammengesetzten
Vorstellungen wo viel leichter Missverständnisse möglich sind trennt benennt
vergleicht und ihre übrigen Vermögen ausübt Drittens sind es diese Tätigkeiten
der Seele in Bezug auf Vorstellungen aus der Sinneswahrnehmung welche wenn sie
an sich betrachtet werden, eine andere Art von Vorstellungen ergeben die aus
der anderen Quelle unseres Wissen der Selbstwahrnehmung sich ableiten Auch
deshalb eignen sie sich zur Betrachtung nach den einfachen Sinnesvorstellungen
Das Verbinden Vergleichen Trennen usw habe ich hier nur erwähnt da ich an
einem andern Orte ausführlicher darüber zu handeln Gelegenheit haben werde
15 Dies sind die Anfänge des menschlichen Wissens Somit habe ich eine
kurze und ich meine wahre Darstellung der ersten Anfänge des menschlichen
Wissens gegeben und gezeigt woher die Seele ihre ersten Gegenstände hat und
auf welchen Wegen sie ihre Vorstellungen allmählich sammelt und aufhäuft aus
denen das ganze Wissen sich bildet dessen sie fähig ist Ich berufe mich auf
die Erfahrung und Beobachtung ob ich die Wahrheit getroffen denn der beste Weg
zu ihr ist dass man die Dinge prüft wie sie wirklich sind und nicht folgert
sie seien so wie man sie sich einbildet oder wie Andere es uns gelehrt haben
16 Berufung auf die Erfahrung.) Offen gestanden erscheint mir dies als
der einzige Weg wie die Vorstellungen der Dinge in den Verstand gelangen
sollten Andere angeborene Vorstellungen oder eingeflößte Grundsätze besitzen
so mögen sie sich deren erfreuen und wenn sie dessen gewiss sind so kann ein
Anderer ihnen diesen Vorzug nicht abstreiten den sie vor ihren Mitmenschen
voraus haben Ich kann nur das sagen was ich in mir finde und was den
Begriffen gemäß ist, welche, wenn man den ganzen Lebenslauf der Menschen nach
Verschiedenheit des Alters des Landes und der Erziehung betrachtet auf den
Grundlagen ruhen dürften die ich hier gelegt habe und mit dieser Methode in
allen ihren Teilen und Abstufungen übereinstimmen
17 Ein dunkler Raum Ich will nicht belehren sondern erforschen ich
muss deshalb nochmals bekennen dass die innere und äußere Wahrnehmung die
einzigen Wege sind die ich für das Wissen der Seele auffinden kann Sie sind
die einzigen Fenster durch welche Licht in diesen dunklen Raum dringt denn mir
scheint der Verstand einer gegen das Licht ganz verschlossenen Kammer zu
gleichen nur eine kleine Öffnung ist geblieben um die äußern sichtbaren
Bilder oder Vorstellungen von den Außendingen einzulassen blieben die in einen
solchen Raum eindringenden Bilder darin und zwar in einer Ordnung dass sie
sich leicht finden ließen so würde er in hohem Maß dem Verstande des
Menschen rücksichtlich aller sichtbaren Gegenstände und deren Vorstellungen
gleichen
Dies sind meine Ansichten über die Mittel wie der Verstand die einfachen
Vorstellungen erlangt und fest hält so wie über die Arten derselben und die sie
betreffenden Tätigkeiten Ich werde nun einige dieser einfachen Vorstellungen
mit ihren Besonderungen ein wenig näher betrachten
1 Die Seele bildet sie aus den einfachen Bisher habe ich die
Vorstellungen betrachtet bei deren Aufnahme die Seele sich nur leidend verhält
und welche in den einfachen durch die Sinnes und Selbstwahrnehmung empfangenen
Vorstellungen bestehen die die Seele nicht selbst erzeugen kann und aus denen
jedwede andere Vorstellung besteht Allein so wie die Seele bei Aufnahme aller
einfachen Vorstellungen sich nur leidend verhält so ist sie doch auch
mannichfach tätig und bildet aus diesen einfachen Vorstellungen alle andern
wobei jene ihr als Stoff und Grundlage dienen Die Tätigkeiten in Bezug auf
diese einfachen Vorstellungen sind hauptsächlich dreierlei Art 1 ein Verbinden
mehrerer einfachen zu einer zusammengesetzten Vorstellung; die letztem entstehen
nur auf diese Weise 2 ein Zusammenstellen zweier Vorstellungen gleichviel ob
einfach oder zusammengesetzt und ein Aneinanderbringen derselben in der Art
dass sie beide mit einem Blick übersehen werden ohne jedoch sie zu verbinden
auf diese Weise gewinnt die Seele alle BeziehungsVorstellungen 3 ein
Abtrennen derselben von allen andern in der Wirklichkeit sie begleitenden
Vorstellungen dies ist das Abtrennen wodurch die allgemeinen Vorstellungen
gebildet werden. Hieraus erhellt, dass die Kraft des Menschen und deren
Wirkungsweise in der stofflichen und in der geistigen Welt sich so ziemlich
gleich sind. In beiden hat der Mensch keine Macht den Stoff zu schaffen oder zu
vernichten Alles was er vermag ist diesen Stoff zu verbinden neben einander
zu stellen oder zu trennen Ich werde mit der ersten Kraft in der Betrachtung
der zusammengesetzten Vorstellungen beginnen und die anderen später an ihrem
Orte behandeln Die einfachen Vorstellungen zeigen sich in mannigfacher Weise
verbunden und die Seele hat daher die Kraft mehrere einfache Vorstellungen
durch deren Verbindung als eine aufzufassen und zwar nicht bloß so wie sie in
den äußern Gegenständen verbunden sind, sondern auch wie sie selbst sie
verbunden hat Solche aus mehreren einfachen Vorstellungen gebildete
Vorstellungen nenne ich zusammengesetzte wie zB Schönheit Dankbarkeit ein
Mensch ein Heer die Welt Obgleich sie aus mehreren einfachen Vorstellungen
gebildet sind so kann doch die Seele solche aus mehreren einfachen bestehenden
Vorstellungen jede für sich als ein ganzes Ding auffassen und mit einem Worte
bezeichnen
2 Sie werden freiwillig gebildet Durch dieses Vermögen der Seele ihre
Vorstellungen herbeizuholen und zu verbinden vermag sie die Gegenstände ihres
Denkens weit über das was ihr die Selbst und Sinneswahrnehmung bietet zu
vermehren und zu vermannigfachen sie bleibt aber dabei immer auf diese zwei
Quellen beschränkt welche ihr zuletzt den Stoff für all ihre Gebilde liefern
da die einfachen Vorstellungen allein den Dingen selbst entlehnt sind und die
Seele davon nicht mehr oder andere haben kann als ihr zugeführt worden sind.
Sie kann weder Vorstellungen von sinnlichen Eigenschaften über die hinaus haben
die ihr durch die Sinne von außen zugeführt werden noch andere Arten der
Tätigkeit eines denkenden Wesens vorstellen als die sie in sich selbst findet
Hat sie aber einmal diese Vorstellungen erlangt so bleibt sie nicht auf die
Wahrnehmung und das was ihr von außen sich bietet beschränkt sondern kann
durch ihre eigene Kraft diese Vorstellungen verbinden und dadurch
zusammengesetzte bilden die sie als solche nie empfangen hat
3 Sie sind entweder Zustände oder Substanzen oder Beziehungen Wie
mannichfach auch diese Vorstellungen verbunden und getrennt werden mögen und
wie endlos auch die Zahl und Mannigfaltigkeit sein mag womit sie das Denken
des Menschen erfüllen und ergötzen so lassen sie sich doch sämtlich auf die
drei Arten der 1 Zustände 2 der Substanzen und 3 der Beziehungen
zurückführen
4 Zustände Zustände nenne ich jene zusammengesetzten Vorstellungen,
welche, wie sie auch verbunden sind, nicht als solche genommen werden die für
sich selbst bestehen vielmehr gelten sie als von den Substanzen abhängend oder
als Erregungen derselben dahin gehören zB die durch die Worte Dreieck
Dankbarkeit Mord usw bezeichneten Wenn ich hier das Wort Zustand in einer
etwas ungewöhnlichen Bedeutung nehme so möge man es entschuldigen da bei
Untersuchungen die von den gewöhnlichen Begriffen sich entfernen es
unvermeidlich ist entweder neue Worte zu machen oder alte in etwas verändertem
Sinne zu gebrauchen und Letzteres ist hier vielleicht noch das Erträglichere
5 Einfache und gemischte Zustände Von diesen Zuständen gibt es zwei
Arten, die eine besondere Betrachtung verdienen manche sind nur Abwechslungen
oder Verbindungen ein und derselben einfachen Vorstellung ohne dass eine andere
ihr zugemischt wird zB ein Dutzend oder ein Schock es sind dabei eine
gewisse Menge Einheiten nur zusammengerechnet und ich nenne sie deshalb
einfache Zustände da sie sich innerhalb einer einfachen Vorstellung halten
Andere sind aus einfachen Vorstellungen verschiedener Art gebildet um eine
zusammengesetzte darzustellen zB Schönheit die aus einer Verbindung von
Farbe und Gestalt besteht welche den Beschauer ergötzt Diebstahl als den
heimlichen Wechsel des Besitzes einer Sache ohne Einwilligung des Eigentümers
Sie enthalten wie man sieht eine Verbindung verschiedenartiger Vorstellungen
ich nenne sie gemischte Zustände
6 Einzel und SammelSubstanzen.) Die Vorstellungen von Substanzen sind
solche Verbindungen einfacher Vorstellungen, welche bestimmte einzelne für sich
bestehende Dinge bedeuten Die vermeintliche und verworrene Vorstellung der
Substanz bleibt dabei immer die erste und oberste Verbindet man so mit Substanz
die einfache Vorstellung einer trüben weißlichen Farbe eines gewissen Grades
von Gewicht von Härte Biegsamkeit und Schmelzbarkeit so hat man die
Vorstellung des Bleies und ähnlich bildet die Verbindung einer gewissen Gestalt
und der Kraft zu bewegen zu denken und zu begründen mit der Substanz die
gewöhnliche Vorstellung des Menschen Es gibt zwei Arten Vorstellungen von der
Substanz; die von einzelnen Substanzen wie sie für sich als ein einzelner
Mensch oder als ein Schaf bestehen und die von mehreren solchen zusammen wie
zB ein Heer von Männern und eine Herde Schafe Diese Sammelvorstellungen
mehrerer so zusammengestellter Substanzen sind ebenso eine einzelne Vorstellung
wie die eines Menschen oder einer Einheit
7 Beziehung Drittens sind die letzte Art der zusammengesetzten
Vorstellungen die sogenannten Beziehungen die in der Betrachtung und
Vergleichung einer Vorstellung mit einer andern bestehen Diese verschiedenen
Arten werde ich in dieser Ordnung behandeln
8 Die den beiden Quellen fernsten Vorstellungen Verfolgt man die
Tätigkeit des Verstandes, und betrachtet man aufmerksam wie er seine von der
Sinnes und Selbstwahrnehmung empfangenen einfachen Vorstellungen wiederholt
zusammenstellt oder zu einer verknüpft so führt dies weiter als man anfänglich
erwartet hat Verfolgt man sorgfältig den Ursprung der Begriffe, so wird man
finden dass selbst die schwerfasslichsten Vorstellungen wenn sie auch unsern
Sinnen und Geistestätigkeiten noch so fern zu stehen scheinen doch nur Gebilde
des eigenen Denkens sind wobei sinnliche Vorstellungen oder Vorstellungen von
den inneren Tätigkeiten aufgenommen und verbunden worden sind. Deshalb leiten
sich selbst diese umfassenden und höchsten Vorstellungen von der Sinnes und
Selbstwahrnehmung ab und sind nur das Werk des Verstandes im Gebrauche seiner
eigenen Vermögen und in Anwendung auf Vorstellungen von sinnlichen Gegenständen
oder von ihm selbst wahrgenommenen Tätigkeiten Ich werde versuchen dies an
den Vorstellungen des Raumes, der Zeit der Unendlichkeit und einigen andern
darzulegen welche von diesem Ursprünge am weitesten entfernt zu sein scheinen
1 Einfache Zustände Bisher habe ich oft der einfachen Vorstellungen
erwähnt die den wahrhaften Stoff für all unser Wissen abgeben indes habe ich
sie bis jetzt mehr nach dem Wege wie sie in die Seele kommen behandelt als
nach ihrem Unterschiede von andern mehr zusammengesetzten Vorstellungen deshalb
ist es vielleicht nicht unzweckmäßig einige davon noch einmal unter diesem
letztem Gesichtspunkt zu betrachten und die verschiedenen Besonderungen
derselben Vorstellung zu prüfen welche die Seele entweder in den bestehenden
Dingen antrifft oder ohne die Hülfe äußerer Gegenstände oder fremder
Einflüsterung in sich selbst erzeugen kann
Diese verschiedenen Besonderungen derselben einfachen Vorstellung die ich
wie gesagt einfache Zustände nenne bestehen ebenso als vollkommen verschiedene
und getrennte Vorstellungen in der Seele wie die welche am weitesten von
einander abstehen und die größten Gegensätze und Abstände bilden So ist die
Vorstellung der Eins ebenso unterschieden von der der Zwei wie das Blau von dem
Heißen oder beide von irgend einer Zahl und dennoch sind jene nur aus der
Wiederholung derselben einfachen Vorstellung der Einheit gebildet
Wiederholungen dieser Art bilden im Fortgange die einfachen Zustände des
Dutzend des Schocks der Million
2 Die Vorstellung des Raumes.) Ich beginne mit der einfachen Vorstellung
des Raumes. Ich habe oben in Kap 4 gezeigt dass die Vorstellung des Raumes
sowohl durch das Gesicht wie durch das Gefühl erlangt wird Es ist deshalb
ebenso wenig ein Beweis dafür nötig dass man durch das Gesicht den Abstand
zweier verschieden gefärbter Körper oder zwischen den Teilen eines Körpers
bemerkt wie dass man überhaupt die Farben sieht Ebenso klar ist es dass man
dasselbe in der Dunkelheit durch Fühlen und Berühren erreichen kann
3 Raum und Ausdehnung Wird der Raum zwischen zwei Dingen nur der Länge
nach betrachtet ohne Rücksicht auf das zwischen ihnen Befindliche so nennt man
ihn Abstand wird er aber nach Länge Breite und Tiefe betrachtet so kann man
ihn wohl Fassbarkeit nennen Das Wort Ausdehnung gebraucht man in jeder dieser
Bedeutungen
4 Unermesslichkeit Jeder bestimmte Abstand ist eine bestimmte
Besonderung des Raumes, und jede Vorstellung von einem bestimmten Abstand oder
Räume ist ein einfacher Zustand dieser Vorstellung. In Folge der Gewohnheit zu
messen befestigen sich in der Seele gewisse feste Längen wie die des Zolls
des Fußes der Elle der Rute der Meile des Erddurchmessers usw sie sind
so viele einzelne aus dem Räume gebildete Vorstellungen Sind solche Längen oder
Maß einem Menschen geläufig geworden so kann er sie in Gedanken so oft er
will wiederholen ohne dass er die Vorstellung eines Körpers oder von sonst
Etwas damit verbindet und er kann sich die Vorstellungen von lang viereckig
von dem Würfel vom Fuß von der Elle und Rute sowohl unter den Körpern der
Welt wie noch darüber hinaus bilden und er kann durch deren Aneinanderfügung
seine Vorstellung des Raumes so weit vergrößern als es ihm beliebt Dieses
Vermögen die Vorstellung irgend eines Abstandes zu wiederholen oder zu
verdoppeln und einer frühem so oft man will hinzuzufügen ohne dass man zu
einem Halt oder einer Grenze gelangen kann ist das was uns die Vorstellung der
Unermesslichkeit gibt
5 Gestalt Eine andere Besonderung dieser Vorstellung besteht lediglich
in dem Verhältnis welches die Theile der Enden einer Ausdehnung oder eines
umschriebenen Raumes zu einander haben Bei fühlbaren Körpern lehrt dies das
Gefühl so weit deren Enden in das Auge entnimmt sie sowohl von Körpern wie von
Farben deren Grenzen in sein Gesichtsfeld fallen es kann da erkennen wie der
Umriss entweder in geraden Linien endet die sich in bestimmten Winkeln treffen
oder in krummen Linien wo kein Winkel sich erkennen lässt Indem man diese in
ihrem Verhältnis zu einander in allen Teilen des Umrisses eines Körpers oder
Raumes betrachtet erlangt man die Vorstellung der Gestalt welche der Seele
sich in unendlicher Mannigfaltigkeit bietet Denn neben der großen Zahl
verschiedener Gestalten die in den zusammenhängenden Massen des Stoffes
wirklich bestehen bleibt der Vorrat welchen die Seele durch Veränderung der
Vorstellung des Raumes und durch Bildung neuer Gestalten vermittelst
Wiederholung der eigenen Vorstellungen und der beliebigen Verbindung derselben
besitzt unerschöpflich und sie kann damit die Gestalten in das Endlose
vermehren
6 Gestalt Denn die Seele vermag die Vorstellung einer Länge geradeaus
mit einer andern von derselben Richtung zu verbinden und so jene zu verdoppeln
oder sie kann auch beide in einer beliebigen Neigung verbinden und so irgend
einen Winkel bilden ebenso kann sie eine Linie verkürzen die Hälfte das
Viertel oder welchen andern Teil davon nehmen ohne mit solcher Teilung zu
Ende zu kommen so kann sie Winkel von jeder beliebigen Größe bilden und ebenso
deren Seiten verlängern Verbindet sie nun diese wieder mit andern Linien von
verschiedener Länge und verschiedenen Winkeln bis der Raum ganz eingeschlossen
ist so erhellt, dass sie Gestalten in Form und Inhalt ohne Ende machen kann
was Alles einfache Zustände des Raumes sind Dasselbe kann mit krummen Linien
geschehen oder mit krummen und geraden unter einander und was mit Linien
geschehen kann ist auch mit Flächen ausführbar dies führt zu einer neuen
endlosen Mannigfaltigkeit von Gestalten welche die Seele bilden kann und
wodurch sie die einfachen Zustände des Raumes vermehren kann
7 Ort Eine andere unter dieser Klasse und zu diesem Stamme gehörende
Vorstellung ist die des Ortes So wie man in dem bloßen Raum die Beziehung der
Entfernung zweier Körper oder Punkte betrachtet so betrachtet man bei der
Vorstellung des Ortes die Beziehung der Entfernung eines Dinges von einem oder
mehreren Punkten welche Punkte man als dieselbe Entfernung von einander
einhaltend und somit in Ruhe annimmt Findet man nämlich heute Etwas in gleicher
Entfernung wie gestern von zwei oder mehr Punkten die ihren Abstand von
einander seitdem nicht geändert haben so sagt man dann in Vergleich mit jenen
dass es seinen Ort behalten habe hat es dagegen merkbar seinen Abstand von
einem dieser Punkte geändert so sagt man es habe seinen Ort verändert Im
gewöhnlichen Leben und Auffassen des Orts beachtet man nicht immer genau den
Abstand von solchen bestimmten Punkten sondern man richtet sich nur nach den
großeren Teilen sichtbarer Gegenstände auf diese wird der Gegenstand bezogen
so weit man Anlass hat seinen Abstand davon zu beachten
8 So sagt man von den SchachFiguren wenn sie noch auf denselben
Vierecken des Schachbretts stehen wo man sie verlassen hat dass sie noch alle
auf demselben Platze oder unverändert stehen wenn auch vielleicht inmittelst
das Schachbrett in ein anderes Zimmer getragen worden. Ist, weil man sie bloß
mit dem Schachbrett vergleicht wo sie noch dieselbe Entfernung inne haben
Ebenso sagt man von dem Schachbrett dass es sich noch an demselben Orte
befinde wenn es an derselben Stelle der Kajüte steht obgleich das Schiff
währenddem fortwährend weitergesegelt ist. Ebenso sagt man von einem Schiff es
habe seinen Ort nicht verändert wenn es seinen Abstand zu der benachbarten
Küste beibehalten hat obgleich die Erde sich vielleicht rund umgedreht hat So
haben die Schachfiguren das Brett und das Schiff jedes seinen Ort rücksichtlich
entfernterer Gegenstände die unter einander den gleichen Abstand behalten
haben geändert Allein da der Abstand von den einzelnen Vierecken des
Schachbretts den Ort der Schachfiguren und der Abstand von festen Punkten der
Kajüte die ich als Beispiel benutzte den Ort des Schachbretts bestimmt und da
man nach festen Teilen der Erde den Ort des Schiffes bestimmt so kann man in
dieser Beziehung sagen dass diese Dinge an demselben Orte geblieben sind
obgleich ihr Abstand von andern Gegenständen die aber nicht beachtet werden
sich geändert hat und sie deshalb unzweifelhaft ihren Ort gewechselt haben was
man auch anerkennt wenn man Anlass erhält sie damit zu vergleichen
9 Diese Bestimmung des Abstandes die man Ort nennt wird bloß zu dem
Zweck gemacht um dadurch die besondere Stellung von Dingen angäben zu können
wo es auf eine solche ankommt deshalb beurteilt und bestimmt man diesen Ort
durch Beziehung auf die Gegenstände die hierzu am besten sich eignen ohne
Rücksicht auf andere die für andere Zwecke sich besser dazu eignen würden So
hat die Angabe des Ortes der Schachfiguren nur Bedeutung für das Schachbrett
und deshalb würde dieser Zweck verfehlt werden wenn man den Ort nach andern
Dingen bemessen wollte Steckt man dagegen die Schachfiguren in einen Beutel und
fragt man dann wo der schwarze König sei so würde es unpassend sein den Ort
nach dem Schachbrett statt nach den Teilen des Zimmers zu bestimmen, da die
Bezeichnung des jetzigen Ortes einen andern Zweck hat als wenn der König auf
dem Schachbrett beim Spiele steht deshalb muss er dann durch andere Körper
bestimmt werden. Ebenso würde wenn Jemand fragte wo die Verse stehen welche
die Erzählung von Nisus und Euryalus enthalten es eine sehr verkehrte Antwort
sein wenn man sagte sie wären da oder dort auf der Erde oder in Bodleys
Buchhandlung vielmehr würde die richtige Bezeichnung des Ortes nur durch die
Theile von Virgils Werke geschehen und die passende Antwort wäre dass diese
Verse sich in der Mitte des neunten Buchs der Aeneide befinden und dass sie da
sich immer an demselben Orte befunden haben seitdem Virgil gedruckt worden
Dies bleibt wahr obgleich das Buch tausendfach seinen Ort gewechselt hat da
man hier unter dem Orte nur den Teil des diese Geschichte enthaltenden Buches
meint um zu wissen wo man sie nötigenfalls zu suchen hat und da man den Ort
nur dazu benutzen will
10 Ort Man wird leicht anerkennen dass unsere Vorstellung von dem
Orte nur diese erwähnte bezügliche Stellung eines Dinges ist wenn man bedenkt
dass man sich für das Weltall keinen Ort vorstellen kann obgleich es von jedem
Theile desselben möglich ist Es fehlt bei dem Weltall die Vorstellung irgend
eines festen bestimmten und besonders Dinges auf welches der Abstand desselben
in irgend einer Weise bezogen werden könnte Alles außer ihm ist ein einförmig
ausgedehnter Raum in welchem die Seele keinen Unterschied und kein Merkzeichen
finden kann Wenn man sagt die Welt sei irgendwo so sagt dies nicht mehr als
dass sie besteht diese Redensart die von dem Orte entlehnt wird bezeichnet
nur deren Dasein aber keine Ortsstellung Sollte Jemand klar und deutlich in
seiner Seele den Ort der Welt sich vorstellen können so müsste er auch angeben
können ob sie in diesem gleichförmigen leeren und unendlichen Räume still
steht oder sich bewegt Allerdings hat das Wort Ort mitunter einen verworrenen
Sinn und bezeichnet oft nur den von einer Sache eingenommenen Raum dann ist
allerdings die Welt in einem solchen Orte Die Vorstellung des Ortes wird dann
ebenso wie die des Raumes erlangt indem jene nur eine besonders eingeschränkte
Auffassung von dieser ist dh durch unser Sehen und Fühlen jedes von beiden
gibt der Seele die Vorstellungen von Ausdehnung und Abstand
11 Ausdehnung und Körper sind nicht dasselbe Manche wollen uns
überreden dass Ausdehnung und Körper dasselbe seien Ich kann nämlich nicht
annehmen dass dabei diese Worte in einer andern als der gewöhnlichen Bedeutung
genommen werden da Jene die Philosophie Anderer wegen deren schwankenden Sinn
und der trügerischen Dunkelheit zweifelhafter oder bedeutungsloser Worte
verurteilt haben Meinen sie also mit diesen Worten dasselbe wie andere
Menschen dh unter Körper etwas Dichtes und Ausgedehntes dessen Theile
trennbar und beweglich sind und unter Ausdehnung nur den Raum der sich zwischen
den Grenzen des dichten zusammenhängenden Körpers befindet und von ihm
eingenommen ist so vermischen sie sehr verschiedene Vorstellungen mit einander.
Ich berufe mich auf Jedermanns eigenes Denken ob nicht seine Vorstellung vom
Raum sich so bestimmt von der der Dichtheit wie von der der roten Farbe
unterscheidet Allerdings kann Dichtheit nicht ohne Ausdehnung bestehen so
wenig wie die rote Farbe allein deshalb bleiben sie doch besondere
Vorstellungen Viele Vorstellungen bedürfen anderer zu ihrem Bestande oder ihrer
Auffassung und doch bleiben es verschiedene Vorstellungen So kann die Bewegung
nicht ohne Raum vorgestellt werden, und dennoch ist die Bewegung nicht der Raum
und der Raum nicht die Bewegung; Raum kann ohne sie bestehen und beide sind
bestimmt unterschiedene Vorstellungen Dasselbe wird auch von dem Räume und der
Dichtheit gelten Dichtheit ist von der Vorstellung des Körpers nicht trennbar
auf ihr beruht seine Ausfüllung des Raumes, die Berührung der Stoß und die
Mittheilung der Bewegung desselben an andere Körper Wenn der Unterschied
zwischen Seele und Körper darauf gestützt werden kann, dass das Denken nicht die
Vorstellung der Ausdehnung einschließt so gilt dies auch für den Unterschied
von Raum und Körper da jener nicht die Dichtheit einschließt Raum und
Dichtheit sind deshalb ebenso unterschiedene Vorstellungen wie Denken und
Ausdehnung jede kann von der andern ganz abgetrennt werden Also sind der
Körper und die Ausdehnung zwei verschiedene Vorstellungen denn
12 erstens schließt die Ausdehnung nicht die Dichtheit und den
Widerstand gegen die Bewegung von Körpern ein wie es bei dem Körper der Fall
ist;
13 zweitens können die Theile des bloßen Raumes nicht von einander
getrennt werden und seine Stetigkeit kann weder im Vorstellen noch in der
Wirklichkeit aufgehoben werden Möge doch Jemand wenn auch nur in Gedanken
einen Teil des Raumes von dem andern trennen mit dem er stetig zusammenhängt
Ein wirkliches Trennen und Teilen geschieht meine ich durch Entfernung eines
Theiles von dem andern so dass zwei Oberflächen entstehen wo früher nur
Zusammenhang war ein Trennen in Gedanken geschieht wenn man in der Seele zwei
Oberflächen vorstellt wo vorher stetiger Zusammenhang war und man beide Stücke
als von einander entfernt vorstellt allein dies ist nur möglich bei trennbaren
Dingen welche durch Trennung neue besondere Oberflächen bekommen die sie
vorbei nicht hatten aber deren fähig waren Keine dieser beiden Arten von
Trennung weder die wirkliche, noch die in Gedanken verträgt sich also mit dem
bloßen Raum Allerdings kann man von dem Räume so viel als dem Maß eines
Fasses entspricht vorstellen ohne auf den übrigen Raum zu achten dies ist
zwar eine teilweise Betrachtung aber keine Trennung oder Teilung in Gedanken
da man in Gedanken nur teilen kann wenn man sich die Oberflächen getrennt
vorstellen kann so wie man es nur wirklich kann wenn man die beiden
Oberflächen trennt eine bloß teilweise Betrachtung ist keine Trennung So kann
man das Licht der Sonne ohne ihre Hitze in Betracht nehmen oder die
Beweglichkeit eines Körpers ohne seine Ausdehnung obgleich man dabei nicht an
ihre Trennung denkt das Eine ist nur ein teilweises Betrachten was mit dem
Einen abschließt und das Andere ist ein Betrachten beider als wären sie
gesondert
14 Drittens sind die Raumteile unbeweglich was aus deren Untrennbarkeit
folgt da Bewegung nur die Veränderung des Abstandes zwischen zwei Dingen ist;
dies kann aber bei untrennbaren Teilen nicht statthaben Daher müssen sie in
ewiger Ruhe untereinander bleiben So unterscheidet sich die Vorstellung des
bloßen Raumes klar und hinlänglich von der des Körpers; denn die Theile Jenes
sind untrennbar unbeweglich und leisten der Bewegung der Körper keinen
Widerstand
15 Die Definition der Ausdehnung erklärt sie nicht Fragt man mich was
der Raum von dem ich spreche sei so will ich antworten wenn man mir zuvor
sagt was die Ausdehnung ist von der man spricht Sagt man wie gewöhnlich
geschieht dass Ausdehnung das sei was Theile außerhalb Teilen habe so sagt
man nur Ausdehnung ist Ausdehnung denn was weiß ich mehr von der Natur des
Raumes, wenn man mir sagt die Ausdehnung sei ein Haben von Teilen die
ausgedehnt seien außerhalb von Teilen die ausgedehnt seien dh Ausdehnung
bestehe in ausgedehnten Teilen Es ist gerade so als wenn ich Jemand auf seine
Frage was das Fieber sei sagte es sei ein Ding, was aus mehreren Fiebern
bestehe er würde dann so wenig wie vorher wissen was das Fieber ist oder er
könnte vielleicht mit Recht denken ich wolle ihn nur zum Besten haben und nicht
ernstlich belehren
16 Die Einteilung der Dinge in Körper und Geister beweist nicht dass
Raum und Körper dasselbe sind Die Verteidiger der Dieselbigkeit von Raum und
Körper stellen die Alternative Der Raum ist entweder Etwas oder Nichts ist er
nur das Nichts zwischen zwei Körpern so müssen sie sich berühren ist er Etwas
so fragen sie weiter ob Geist oder Körper Ich antworte hierauf durch eine
andere Frage Wer hat gesagt dass es bloß dichte Dinge die nicht denken
können und bloß denkende Dinge ohne Ausdehnung gebe oder geben könne Denn nur
solche meinen sie mit ihren Worten Körper und Geist
17 Die uns unbekannte Substanz ist kein Beweis gegen den leeren Raum
Wenn man wie häufig geschieht fragt ob der leere Raum Substanz oder Akzidenz
sei so antworte ich sofort dass ich es nicht weiß und dass ich mich dessen
so lange nicht schämen werde als die Fragenden mir nicht eine klare und
deutliche Vorstellung von der Substanz bieten
18 Ich suche nach Möglichkeit mich von den Täuschungen frei zu machen in
die man gerät wenn man Worte für Dinge nimmt Unser Nichtwissen wird dadurch
nicht gehoben dass man tut als wisse man Etwas wenn man ein Geräusch mit
Lauten macht die keine klare und deutliche Bedeutung haben Beliebig gemachte
Worte ändern die Natur der Dinge nicht wir verstehen letztere nur so weit jene
Zeichen deutlicher Vorstellungen sind Ich möchte wohl wissen ob die welche so
viel Gewicht auf die beiden Silben Substanz legen dies bei der Anwendung
derselben auf den unendlichen und unbegreiflichen Gott auf endliche Geister und
auf Körper in demselben Sinne tun und ob man dieselbe Vorstellung meint wenn
man jedes dieser drei so verschiedenen Dinge Substanzen nennt Behauptet man
dies so folgt daraus dass Gott die Geister und Körper in der gemeinsamen
Natur der Substanz übereinstimmen und nur durch eine verschiedene Besonderung
derselben sich unterscheiden so wie ein Baum und ein Kieselstein beide Körper
sind und in der gemeinsamen Natur der Körper übereinstimmen und nur in der
bloßen Besonderung dieses Stoffes sich unterscheiden Allem dies wäre eine
bedenkliche Lehre Sagen sie aber dass sie dies Wort für diese drei Gegenstände
in drei verschiedenen Bedeutungen gebrauchen und dass bei jedem derselben es
etwas Anderes bezeichne so haben sie diese drei unterschiedene Vorstellungen
anzugeben und noch besser ihnen drei verschiedene Namen zu geben um bei einem
so wichtigem Begriffe Verwirrung und Irrtum zu vermeiden die aus dem
verschiedenartigen Gebrauch eines so zweideutigen Wortes entstehen müssen
Indes dürfte dies Wort schwerlich drei bestimmte Bedeutungen haben da es
gewöhnlich nicht einmal eine klare und bestimmte Bedeutung hat und wenn Jene
drei Bedeutungen von Substanz annehmen weshalb sollen Andere deren nicht vier
annehmen
19 Substanzen und Akzidenzen haben in der Philosophie wenig Nutzen Als
man zuerst auf den Begriff der Akzidenzen als einer Art Dinge die des
Anhängens bedürften geriet musste man das Wort Substanz erfinden um sie zu
tragen Hätte der arme indische Philosoph der meinte auch die Erde bedürfe
Etwas was sie trage nur das Wort Substanz gekannt so hätte er sich mit seinem
Elephanten nicht zu bemühen brauchen der sie tragen sollte und nicht mit der
Schildkröte um den Elephanten zu tragen das Wort Substanz hätte dies allein
geleistet Und der indische Philosoph hätte auf die Frage was Substanz sei
ganz gut ohne zu wissen was sie sei antworten können sie sei das was die
Erde trage da man es ja für eine genügende Antwort und gute Lehre halte wenn
ein europäischer Philosoph ohne zu wissen was die Substanz ist sage sie sei
das was die Akzidenzen trage Man hat daher von der Substanz keine Vorstellung
was sie ist, sondern nur eine verworrene und dunkle von dem was sie tut
20 Wie sich auch ein Gelehrter hierbei verhalten mag so würde ein
einsichtiger Amerikaner bei seiner Untersuchung der Dinge sich schwerlich
zufrieden geben wenn er unsre Baukunst lernen wollte und dabei ihm gelehrt
würde dass die Säule ein Ding sei was von der Unterlage getragen werde und
die Unterlage das was eine Säule trage Er würde sich durch solche Antwort für
geäfft statt belehrt halten Wer die Natur der Bücher und ihres Inhaltes nicht
kennt könnte dann für sehr ausreichend belehrt gelten wenn er hörte dass alle
gelehrten Bücher aus Papier und Buchstaben beständen und dass die Buchstaben
Dinge seien die dem Papiere anhafteten und Papier ein Ding, was die Buchstaben
festhalte Dies wäre ein schätzbarer Weg klare Vorstellungen von Buchstaben
und Papier zu erlangen Würden die lateinischen Worte Inhärentia und Substantia
in einfache entsprechende vaterländische Worte übersetzt und Anhängsel und
Unterstützendes genannt so wurde man die angebliche Klarheit dieser Lehre von
Substanzen und Anordnungen besser erkennen und sehen was sie für die
Entscheidung philosophischer Fragen nützen
21 Ein leerer Raum jenseits der äußersten Grenze der Körper.) Um auf
unsere Vorstellung des Raumes zurückzukommen so frage ich wenn man den Stoff
nicht für endlos annehmen will was wohl Niemand tun wird ob wenn Jemand von
Gott an das Ende der körperlichen Dinge gestellt würde er nicht seine Hand über
seinen Körper hinausstrecken könnte Könnte er es so bringt er seinen Arm
dahin wo vorher ein Raum ohne Körper war und wenn er da seine Finger spreizte
so würde wieder ein Raum zwischen denselben ohne Körper sein Könnte er seine
Hand aber nicht ausstrecken so müsste etwas ihn daran hindern da ich annehme
dass er lebt und dieselben Kräfte sich bewegen zu können wie jetzt hat ein
Fall der wenn es Gott so beliebt an sich nicht unmöglich sein würde
wenigstens ist es Gott nicht unmöglich den Menschen so zu bewegen und nun
frage ich Ist das was seine Hand in diesem Fall hindert eine Substanz oder
eine Akzidenz Etwas oder Nichts Wenn man dies gelöst haben wird wird man
vielleicht auch lösen können was das ist was zwischen zwei von einander
abstehenden Körpern ist und dabei kein Körper ist und keine Dichtheit hat Bis
dahin ist wohl auch der Grund dass wo Nichts hindert nämlich jenseits der
Grenze der Körper), ein angestoßener Körper sich bewegen wird ebenso gut wie
der dass wo nichts dazwischen ist zwei Körper sich berühren müssen denn der
leere Raum genügt die Notwendigkeit der Berührung aufzuheben und der bloße
Raum vermag eine Bewegung nicht anzuhalten Die Wahrheit ist dass man entweder
zugestehen muss man nehme den Stoff als unendlich an obgleich man vermeidet
es auszusprechen oder man muss einräumen dass der Raum kein Körper ist denn
ich möchte wohl den verständigen Mann sehen der sich eine Grenze des Raumes
eher vorstellen könnte wie eine Grenze der Zeit oder der im Vorstellen das
Ende bei einem von beiden erreichen zu können hoffte Ist daher seine
Vorstellung der Ewigkeit unendlich so ist es auch seine Vorstellung der
Unermesslichkeit sie sind entweder beide endlich oder beide unendlich
22 Die Kraft zu vernichten beweist den leeren Raum Ferner muss man
wenn man leugnet dass ein Raum ohne Körper bestehen könne den Stoff nicht
allein unendlich setzen sondern auch Gott die Macht einen Teil des Stoffes zu
vernichten absprechen Niemand wird wohl leugnen dass Gott alle Bewegung des
Stoffes aufheben und die Körper im Weltall in vollkommene Ruhe und Stillstand
versetzen kann und dass er dies so lange währen lassen kann als ihm beliebt
Wer dann anerkennt dass Gott während einer solchen allgemeinen Ruhe dies Buch
oder den Körper des Lesers vernichten kann muss auch die Möglichkeit des leeren
Raumes anerkennen da der Raum den ein so vernichteter Körpers einnahm bleiben
und ohne Körper sein wird denn die benachbarten Körper sind in vollkommener
Ruhe und bilden daher einen diamantenen Wall welcher das Eindringen jedes
andern Körpers verhindert Auch ist die Notwendigkeit dass sofort ein
Stoffteil die Stelle eines seinen Platz verlassenden Stoffteiles einnehme nur
die Folge dass man den Raum als erfüllt setzt dies bedarf deshalb eines
besseren Beweises als die bloße Annahme eines Vorganges der nie durch
Versuche dargelegt werden kann; vielmehr überzeugen uns unsere eigenen klaren
und deutlichen Vorstellungen dass zwischen Raum und Dichtheit keine notwendige
Verknüpfung besteht da man eine ohne die andere vorstellen kann Wer daher für
oder gegen den leeren Raum kämpft gesteht damit dass er die bestimmte
Vorstellung eines leeren und eines erfüllten Raumes habe dh dass er die
Vorstellung einer Ausdehnung die an Dichtheit leer ist habe wenn er auch
deren Wirklichkeit leugnet sonst fehlt aller Streitgegenstand Wer aber die
Bedeutung der Worte so weit ändert dass er die Ausdehnung Körper nennt und
daher das Wesen des Körpers in leere Ausdehnung ohne Erfüllung umwandelt
spricht widersinnig wenn er von einem leeren Raum spricht da es für die
Ausdehnung unmöglich ist ohne Ausdehnung zu sein denn der leere Raum mag man
ihn annehmen oder nicht bezeichnet einen Raum ohne Körper dessen Dasein
Niemand als unmöglich bestreiten kann der nicht den Stoff unendlich setzen und
Gott die Kraft einen Teil des Stoffes zu vernichten nehmen will
23 Die Bewegung beweist den leeren Raum Ich brauche indes nicht über
die äußersten Grenzen des Stoffes hinauszugehen oder auf Gottes Allmacht mich
wegen des leeren Raumes zu berufen da die Bewegung der uns umgebenden und
sichtbaren Körper mir ihn klar zu beweisen scheint Denn Niemand wird einen
dichten Körper von irgend einer beliebigen Größe so teilen können dass dessen
dichte Theile sich innerhalb der Grenzen seiner Oberfläche nach oben oder unten
und nach allen Richtungen frei bewegen können wenn nicht ein leerer Raum
gelassen wird der wenigstens so groß ist als der kleinste Teil in den er
den besagten Körper geteilt hat Selbst wenn der kleinste Teil nur so groß
wie ein Senfkorn ist so ist doch ein Raum so groß wie ein Senfkorn nötig am
Raum für die freie Bewegung der Theile des getrennten Körpers innerhalb der
Grenzen seiner Oberfläche zu schaffen und selbst wenn die Stoffteilchen
hundert Millionenmal kleiner als ein Senfkorn wären so muss ein ebenso großer
leerer Raum da sein gilt es hier so gilt es auch dort und so fort ohne Ende
Ist nun dieser leere Raum auch noch so klein so hebt er doch die Annahme der
Raumerfüllung auf da wenn es einen leeren Raum von der Größe des kleinsten
jetzt in der Natur bestehenden Stoffteils geben kann er immer ein leerer Raum
bleibt und der Unterschied zwischen Raum und Körper ist dann ebenso groß als
bestände eine große Kluft soweit als irgend eine in der Natur zwischen beiden
Selbst wenn man den zur Bewegung notwendigen leeren Raum nicht gleich dem
kleinsten Stoffteil sondern nur zu einem Zehntel oder Tausendstel dieser
Größe annimmt bleibt doch die Folge dass es einen leeren Raum gibt
24 Die Vorstellungen von Raum und Körper sind verschieden Da es sich
indes hier nur darum handelt ob die Vorstellung des Raumes oder der Ausdehnung
dieselbe wie die des Körpers ist so braucht nicht einmal das wirkliche Bestehen
des leeren Raumes sondern nur das seiner Vorstellung bewiesen zu werden und
diese Vorstellung besteht offenbar bei denen die streiten ob es einen leeren
Raum gibt oder nicht denn hätten sie diese Vorstellung nicht so könnten sie
über das Dasein des leeren Raumes nicht streiten enthielte ihre Vorstellung von
Körper nicht etwas mehr als die bloße Vorstellung des Raumes, so könnte über
die Erfüllung der Welt bei ihnen kein Zweifel bestehen und die Frage ob ein
Raum ohne Körper sei wäre ebenso widersinnig wie die ob ein Raum ohne Raum
oder ein Körper ohne Körper sei da dann jene Worte nur verschiedene Ausdrücke
für dieselbe Vorstellung wären
25 Die Untrennbarkeit der Ausdehnung von dem Körper zeigt dass beide
nicht dasselbe sind Allerdings verbindet sich die Vorstellung der Ausdehnung
so untrennbar mit allen sichtbaren und den meisten fühlbaren Eigenschaften dass
man keinen äußern Gegenstand sehen und nur wenige fühlen kann ohne den
Eindruck der Ausdehnung mit zu erhalten Indem so die Ausdehnung sich sogleich
und beharrlich mit andern Vorstellungen bemerkbar macht haben deshalb
wahrscheinlich Manche das Wesen des Körpers in seine Ausdehnung verlegt Dies
kann nicht auffallen denn sie hatten durch Sehen und Fühlen die beiden am
meisten beschäftigten Sinne ihre Seele so mit der Vorstellung der Ausdehnung
erfüllt dass sie ganz davon eingenommen war und keines Gegenstandes Dasein
ohne Ausdehnung anerkennen wollte Ich mag mich jetzt mit ihnen nicht in Streit
einlassen da sie das Maß und die Möglichkeit für alles Seiende nur nach ihren
beschränkten und groben Vorstellungen bemessen da ich es indes hier nur mit
denen zu tun habe welche das Wesen des Körpers deshalb in die Ausdehnung
verlegen weil sie angeblich keine sinnliche Eigenschaft ohne Ausdehnung sich
vorstellen können so möchte ich sie doch darauf aufmerksam machen dass sie
ebenso ihre Vorstellungen von Geschmack und Geruch wie die von Gesicht und
Gefühl bemerkt haben müssen und hätten sie ihre Vorstellungen von Hunger und
Durst und anderen Schmerzen geprüft so würden sie gefunden haben dass diese
die Vorstellung der Ausdehnung durchaus nicht einschließen sie ist vielmehr
nur ein Zustand des Körpers wie die übrigen unsere Sinne können sie entdecken
aber sie sind schwerlich scharf genug um in das reine Wesen der Dinge zu
schauen
26 Wenn diese Vorstellungen, welche mit allen andern beständig verbunden
sind, deshalb als das Wesen der Dinge gelten sollen mit denen diese
Vorstellungen stets untrennbar verbunden sind, so müsste unzweifelhaft die
Einheit das Wesen jedes Dinges sein da es keinen Gegenstand der Sinnes oder
Selbstwahrnehmung gibt der nicht die Vorstellung des Einen mit sich führt
Indes habe ich die Schwäche dieses Grundes schon genügend dargelegt
27 Die Vorstellungen von Raum und Dichtheit sind verschieden Was man
schließlich auch von der Wahrheit des leeren Raumes halten mag so ist mir doch
so viel klar dass wir eine von der Dichtheit verschiedene Vorstellung des
Raumes ebenso deutlich haben wie eine von Bewegung verschiedene Vorstellung von
Dichtheit und wie eine von dem Räume verschiedene Vorstellung von Bewegung Wir
haben keine schärfer unterschiedene Vorstellungen als diese und wir können
ebenso den Raum ohne Dichtheit wie den Körper und den Raum ohne Bewegung
vorstellen wenngleich sicherlich kein Körper und keine Bewegung je ohne Raum
bestehen kann Ob man nun den Raum nur als ein aus dem Dasein anderer von
einander entfernter Dinge hervorgehendes Verhältnis nehmen oder ob man die
Worte des weisen Salomo »Der Himmel und der Himmel der Himmel kann dich nicht
fassen« oder die leidenschaftlichen Worte des inspirierten Philosophen St
Paulus »In ihm leben wandeln und sind wir« im wörtlichen Sinne verstehen will
überlasse ich einem Jeden; nur meine ich dass unsere Vorstellung des Raumes
sich so wie erwähnt verhält und von der des Körpers verschieden ist Mag man
an dem Stoff selbst den Abstand seiner zusammenhängenden Theile mit Rücksicht
auf dessen dichte Theile Ausdehnung nennen oder mag man das innerhalb der Enden
eines Körpers nach seinen verschiedenen Richtungen Liegende Länge Breite und
Tiefe nennen oder mag man in Rücksicht auf das zwischen zwei Körpern oder
wirklichen Dingen Liegende gleichviel ob es von Stoff ist oder nicht Abstand
nennen so bleibt es unter alten diesen Namen und Gesichtspunkten immer die
einfache Vorstellung des Raumes, die den Gegenständen, mit denen unsere Sinne
sich beschäftigen entnommen ist Haben sich einmal diese Vorstellungen in der
Seele befestigt so kann man sie erwecken wiederholen und eine zu der andern so
oft fügen als man will und den so vorgestellten Raum entweder mit dichten
Teilen gefüllt vorstellen so dass ein anderer Körper nur nach Fortstoßung des
frühem da eindringen kann oder als leer von Dichtem so dass ein Körper
gleicher Größe diesen leeren und bloßen Raum einnehmen kann ohne irgend ein
darin befindliches Ding zu entfernen oder fortzustoßen Um indes Verwirrung
bei Besprechung dieses Gegenstandes zu vermeiden wäre es vielleicht
zweckmäßig das Wort Ausdehnung nur auf den Stoff anzuwenden oder auf die
Entfernung der Enden der einzelnen Körper und das Wort Ausspannung für den
Raum überhaupt zu gebrauchen gleichviel ob er von Körpern erfüllt ist oder
nicht so dass man sagte der Raum ist ausgespannt und der Körper ist
ausgedehnt Indes ist hierin Jeder frei mein Vorschlag soll nur die Weise
sich auszudrücken klarer und bestimmter machen
28 Die Menschen sind in den klaren einfachen Vorstellungen meist
übereinstimmend Die genaue Kenntnis der Bedeutung unseres Wortes dürfte hier
wie in vielen andern Fällen dem Streite schnell ein Ende machen Denn ich
möchte annehmen dass alle Menschen bei näherer Prüfung in der Regel in den
einfachen Vorstellungen übereinstimmen und nur im Gespräch die verschiedenen
Bezeichnungen derselben sich verwirren Ich meine Menschen welche ihre
Gedanken trennen und die Vorstellungen ihrer Seele sorgfältig prüfen können in
ihrem Denken nicht sehr von einander abweichen wenngleich sie mit einander
durch Worte in Verwickelung geraten können je nach der Sprachweise der
einzelnen Schulen und Sekten in denen sie aufgezogen worden Dagegen muss unter
Menschen die nicht nachdenken und ihre Vorstellung nicht sorgsam und
gewissenhaft prüfen und sie nicht von den Merkzeichen abstreifen die dafür
gebräuchlich sind sondern sie mit den Worten verwechseln das Streiten Zanken
und Schwätzen kein Ende nehmen namentlich wenn sie Büchergelehrte sind die
einer bestimmten Sekte zugetan sind und deren Sprache sich angewöhnt und
Anderen nachzusprechen gelernt haben Solltet aber zwei denkende Menschen
wirklich verschiedene Vorstellungen haben so wüsste ich nicht wie sie mit
einander verhandeln und streiten könnten Man verstehe mich hier flicht falsch
ich verstehe unter den Vorstellungen, von denen ich hier spreche nicht jeden in
einem Gehirn auftauchenden Einfall auch ist es nicht leicht alle verworrenen
Begriffe und Vorurteile abzulegen welche die Seele Gewohnheit Unachtsamkeit
aus der gewöhnlichen Unterhaltung aufgenommen hat die Prüfung dieser
Vorstellungen erfordert Mühe und Ausdauer bis sie in die klaren und deutlichen
aufgelöst sind aus denen sie zusammengesetzt sind und bis man erkennt welche
einzelnen Vorstellungen eine notwendige Verbindung oder Abhängigkeit von
einander haben Ehe man nicht dies mit den ersten und ursprünglichen Begriffen
der Dinge ausgeführt hat baut man auf schwankenden und unsicheren Grundsätzen
und wird oft in Verlegenheit geraten
1 Die Dauer ist eine fließende Ausdehnung Es gibt noch eine andere
Art von Länge oder Abstand deren Vorstellung man nicht durch die bleibenden
Theile des Raumes, sondern durch die fließenden und fortwährend vergehenden
Theile der Folge erlangt Sie heißt Dauer und deren einfache Zustände sind nur
die verschiedenen Längen von denen wir bestimmte Vorstellungen haben wie
Stunden Tage Jahre usw Zeit und Ewigkeit
2 Ihre Vorstellung kommt von der Selbstwahrnehmung des Zuges unsrer
Vorstellungen Ein großer Mann antwortete auf die Frage was die Zeit sei »Si
non rogas intelligo« was wohl sagen will Je mehr ich darüber nachdenke desto
weniger kann ich es einsehen vielleicht hält man deshalb die Zeit die alles
Andere offenbart selbst für unerkennbar und allerdings haben die Dauer die
Zeit und die Ewigkeit etwas schwer Fassbares in ihrer Natur So fern indes
dieselben auch dem Verständnis zu stehen scheinen so wird doch wohl wenn man
auf ihren wahren Ursprung zurückgeht eine der beiden Quellen allen Wissens
nämlich die Sinnes oder SelbstWahrnehmung uns mit dieser Vorstellung ebenso
klar und deutlich versehen wie mit vielen andern die man für weniger dunkel
hält und man wird finden dass selbst die Vorstellung der Ewigkeit aus
demselben Ursprunge herkommt wie unsere übrigen Vorstellungen
3 Um Zeit und Ewigkeit recht zu verstehen muss man die Vorstellung von
der Dauer, und wie man dazu kommt untersuchen Für Jeden der sich beobachtet
zeigt sich in seiner Seele ein Zug von Vorstellungen, die sich ohne Unterlass
einander so lange er wach ist folgen Die Wahrnehmung des Auftretens dieser
Vorstellungen, einer nach der andern ist das was uns die Vorstellung der Folge
gewährt und der Abstand zwischen irgend welchen Teilen in dieser Reihe oder
zwischen der Erscheinung zweier Vorstellungen in der Seele nennen wir Dauer
Weil wir denken und der Reihe nach verschiedene Vorstellungen erhalten wissen
wir dass wir bestehen und deshalb nennen wir unser Dasein oder den Fortgang
unseres Daseins oder eines andern Dinges nach dem Maß der Folge der
Vorstellungen in unserer Seele die Dauer von uns oder von einem andern Dinge
was mit unserem Denken gleichzeitig da ist
4 Dass unser Begriff von Dauer und Folge diesen Ursprung hat dh aus
der Selbstwahrnehmung des Zuges der Gedanken kommt die einer nach dem andern in
der Seele auftreten scheint mir daraus klar dass man die Dauer nur durch
Betrachtung des in unsrer Seele ablaufenden Gedankenzuges wahrnimmt Hört diese
Folge der Vorstellungen auf so nehmen wir auch keine Folge wahr Ein Jeder
erfahrt dies deutlich an sich selbst denn bei einem gesunden Schlafe sei es
während einer Stunde oder eines Tages oder eines Jahres hat er während er
schläft oder nicht denkt von dieser Dauer keine Wahrnehmung sondern ist ganz
in sich verloren so dass der Augenblick wo er mit Denken nachlässt von dem
Augenblick wo er wieder zu denken beginnt keinen Abstand für ihn zu haben
scheint Ebenso würde es einem wachenden Menschen gehen wenn er eine und
dieselbe Vorstellung ohne Wechsel und Folge von andern festhalten könnte Auch
sieht man dass, wenn Jemand sich sehr in eine Sache vertieft und während dieser
Betrachtung keine Acht auf die seine Seele durchziehenden Vorstellungen hat er
einen guten Teil dieser Dauer außer Acht lässt und diese Zeit für kürzer
hält als sie ist Wenn also der Schlaf in der Regel die entfernten Zeitpunkte
vereint so geschieht es nur weil währenddem sich die Vorstellungen in der
Seele nicht folgen Träumt dagegen Jemand während des Schlafes und machen sich
dadurch mancherlei Vorstellungen, der Reihe nach seiner Seele bemerkbar so hat
er während dieses Traumes eine Wahrnehmung von der Dauer und ihrer Länge
Deshalb ist es mir klar dass die Vorstellung der Dauer sich von der Wahrnehmung
der Vorstellungen, die sich einander in der Seele folgen ableitet ohnedem ist
der Begriff der Dauer unmöglich mag in der Welt vorgehen was da will
5 Die Anwendbarkeit der Vorstellung der Dauer auf Dinge während man
schläft Wenn Jemand durch diese Wahrnehmung der Folge und Zahl seiner eigenen
Gedanken den Begriff oder die Vorstellung der Dauer erlangt hat so kann er
diesen Begriff dann auch auf Dinge anwenden die bestehen während er nicht
denkt ebenso wie Der welcher durch Sehen oder Fühlen von Körpern die
Vorstellung der Ausdehnung gewonnen hat sie auch dann auf Entfernungen anwenden
kann wo er keinen Körper sieht oder fühlt Wenn man daher auch von der Länge
der Dauer, während man geschlafen oder nicht gedacht hat keine Vorstellung hat
so kann man doch in Folge der Kenntnis von dem Wechsel des Tages und der Nacht
und deren anscheinender gleichmäßigen Länge und in Voraussetzung dass dies
auch während des Schlafes so geschehen sei wie zu andern Zeiten sich die Länge
seines Schlafes vorstellen und davon abnehmen Hätten aber Adam und Eva als sie
noch allem in der Welt waren statt ihres gewöhnlichen Schlafes in der Nacht
ganze 24 Stunden in einem fort geschlafen so wäre die Dauer dieser 24 Stunden
unwiederbringlich für sie verloren gewesen und sie wäre bei ihrer Zeitrechnung
außer Ansatz geblieben
6 Die Vorstellung der Zeitfolge kommt nicht von der Bewegung.) In dieser
Weise wird die Vorstellung der Zeitfolge durch Wahrnehmen der in dem Verstände
einander folgenden Vorstellungen erlangt wollte dagegen Jemand diese
Vorstellung von der durch die Sinne wahrgenommenen Bewegung ableiten so wird er
vielleicht mir beitreten wenn er bedenkt dass ja auch die Bewegung in seiner
Seele die Vorstellung der Folge nur dadurch hervorbringt dass sie eben einen
fortlaufenden Zog verschiedener Vorstellungen in seiner Seele veranlasst Sieht
man auf einen sich bewegenden Körper so bemerkt man doch nur dann die
Bewegung, wenn dieselbe einen fortgehenden Zug von einander folgenden
Vorstellungen erweckt So kann man bei ruhiger See wenn kein Land sichtbar ist
an einem hellen Tage die Sonne oder die See oder das Schiff stundenlang
betrachten und doch wird man an keinem eine Bewegung bemerken obgleich
offenbar zwei davon und vielleicht alle drei in dieser Zeit einen weiten Weg
zurückgelegt haben Sobald man aber eine Veränderung in dem Abstand eines
derselben von andern Gegenständen bemerkt bewirkt diese Bewegung eine neue
Vorstellung in uns indem man bemerkt dass hier eine Bewegung stattgehabt Wo
man aber auch sein mag selbst wenn Alles ruht und man keine Bewegung bemerkt
so wird man doch wenn man in dieser Zeit gedacht hat bemerken wie die
verschiedenen Vorstellungen der eigenen Gedanken eine nach der andern in der
Seele auftreten und man wird deshalb hier eine zeitliche Folge auch ohne
Bewegung wahrnehmen
7 Deshalb werden glaube ich die sehr langsamen Bewegungen nicht
bemerkt die Veränderungen ihres Abstandes von andern sichtbaren Gegenständen
sind bei dieser Bewegung so langsam dass sie eine neue Vorstellung in uns nur
lange nach einer andern erwecken und daher kein beständiger Zug neuer einander
folgenden Vorstellungen in uns entsteht Deshalb nimmt man die Bewegung nicht
wahr da sie in einer stetigen Folge besteht die man ohne die stetige Folge
neuer dadurch erweckter Vorstellungen nicht bemerken kann
8 Ebenso werden auch sehr schnelle Bewegungen nicht bemerkt da unsere
Sinne nicht mehrere unterscheidbare Abstände bei Bewegung solcher Gegenstände
wahrnehmen können und deshalb auch keinen Zug von Vorstellungen in der Seele
bewirken so bemerkt man nicht dass ein Gegenstand sich in einem Kreise dreht
wenn dies schneller geschieht als unsere Vorstellungen in der Seele sich
einander zu folgen pflegen man sieht dann einen ganzen Kreis des Stoffes oder
der Farbe und nicht dass ein Stück desselben sich im Kreise dreht
9 Der Zug der Vorstellungen hat sein bestimmtes Maß von Schnelligkeit
Hiernach dürften während des Wachens unsere Vorstellungen eine der andern
in gewissen Abständen folgen wie die Bilder in dem Innern einer Laterne welche
durch die Hitze eines Lichtes sich im Kreise bewegen Der Zug der Vorstellungen
mag manchmal schneller manchmal langsamer geschehen indes dürfte bei einem
wachenden Menschen der Unterschied hierin nicht erheblich sein und es scheinen
für die Schnelligkeit und die Langsamkeit der Gedankenfolge feste Grenzen zu
bestehen über die sie nicht schneller noch langsamer werden kann.
10 Diese sonderbare Annahme stütze ich darauf dass man bei den auf einen
Sinn gemachten Eindrücken nur bis zu einem gewissen Grade die Folge bemerken
kann darüber hinaus wird bei großer Schnelligkeit die Folge nicht mehr
bemerkt obgleich die Bewegung unzweifelhaft wirklich statthat Wenn eine
Kanonkugel durch das Zimmer dringt und dabei Jemandem das Bein oder ein anderes
Glied mitnimmt so muss sie offenbar die beiden Seiten des Zimmers nach einander
treffen und ebenso einen Teil des Gliedes eher als den andern und doch wird
wohl Niemand bei einer solchen Verletzung oder bei dem Hören des Schlages gegen
die Wände eine zeitliche Folge in dem Schmerz oder in dem Schlagen eines so
schnellen Knallens bemerken können Ein solcher Zeitteil in dem man keine
Folge bemerkt wird ein Augenblick genannt die Seele nimmt in solchen nur eine
Vorstellung auf und keine weiter deshalb empfindet man keine Zeitfolge
11 Dasselbe erfolgt bei einer zu langsamen Bewegung welche die Sinne
nicht mit einem steten Zuge frischer Vorstellungen so schnell versorgt als die
Seele dessen fähig ist deshalb drängen sich Vorstellungen anderer Gedanken ein
da Raum dazu zwischen denen welcher der bewegte Körper den Sinnen bietet da
ist und die Wahrnehmung der Bewegung geht verloren Obgleich der Gegenstand
sich wirklich bewegt so wechselt doch sein Abstand von anderen Körpern nicht in
bemerkbarer Weise so schnell als der Zug der Vorstellungen in unserer Seele
sich in der Regel bewegt und deshalb scheint der Gegenstand zu ruhen wie man
an den Zeigern der Wanduhren und an den Schatten der Sonnenweiser und andern
stetigen aber langsamen Bewegungen bemerken kann man sieht hier wohl nach
einem gewissen Zeitraum dass der Abstand sich geändert und eine Bewegung
stattgehabt hat aber die Bewegung selbst nimmt man nicht wahr
12 Dieser Zug der Gedanken ist das Maß für andere Folgen Es scheint
mir daher dass die stetige und regelmäßige Folge der Gedanken bei dem
wachenden Menschen dass Maß und der Anhalt für jede andere zeitliche Folge
ist wenn daher eine solche Folge den Schritt unserer Vorstellungen übereilt
wenn zB zwei Töne oder zwei Schmerzen in ihrer Folge nur die Zeitdauer einer
Vorstellung ausfüllen oder wenn irgend eine Bewegung so langsam ist dass sie
mit der Schnelligkeit unserer Vorstellungen keinen Schritt hält wenn also eine
oder mehrere Vorstellungen in dem gewöhnlichen Gedankenzuge in die Seele
zwischen denen eintreten welche dem Gesicht durch die verschiedenen
wahrnehmbaren Abstände eines bewegten Körpers geboten werden oder zwischen
Tönen oder Gerüchen die einander folgen so geht die Wahrnehmung einer stetigen
Folge verloren und man bemerkt sie nur nach gewissen dazwischen liegenden
Pausen
13 Die Seele kann nicht lange bei derselben unveränderten Vorstellung
verharren Wenn dies sich so verhält und die Vorstellungen, so lange wir deren
haben in ununterbrochener Folge wechseln und sich Platz machen so könnte man
meinen ein Mensch könne nicht lange an einen Gegenstand denken Meint man
damit dass man dieselbe einzelne Vorstellung nicht lange Zeit allein in der
Seele ohne Veränderung festhalten könne so glaube ich in der That dass dies
nicht möglich ist und ich kann dafür da ich nicht weiß wie die Vorstellungen
in der Seele gebildet werden, aus welchem Stoff sie gebildet werden, woher sie
ihr Licht bekommen und wie sie zum Vorschein kommen mich nur auf die Erfahrung
stützen Jeder mag versuchen ob er eine einzelne Vorstellung unverändert und
ohne eine andere eine erhebliche Zeit lang festhalten kann
14 Als Probe mag er eine Gestalt ein Licht oder etwas Weißes oder sonst
etwas nehmen er wird dann finden wie schwer es ihm wird alle anderen
Vorstellungen abzuhalten es werden vielmehr Vorstellungen anderer Art oder
mancherlei Beziehungen auf jene von denen jede eine neue Vorstellung ist) sich
stetig in seiner Seele folgen wenn er auch noch so sehr sich dagegen zu
verwahren sucht
15 In solchem Falle ist Alles was man vermag nur die Vorstellungen,
die in der Seele ablaufen zu merken und zu beobachten oder dem Zuge die
Richtung zu geben und die welche man braucht herbeizurufen aber die stetige
Folge neuer Vorstellungen kann man nicht hindern wenn man auch wählen kann ob
man sie aufmerksam beachten und betrachten will
16 Die Vorstellungen schließen wie sie auch beschaffen sind die
Bewegung nicht ein Ich will hier nicht entscheiden ob diese Vorstellungen in
der Seele aus gewissen Bewegungen hervorgehen indes enthalten sie bei ihrem
Auftreten keine Vorstellung von Bewegung hat Jemand diese Vorstellung nicht
schon anderweit erlangt so wird er sie gar nicht besitzen Das genügt mir hier
und zeigt dass die Kenntnis die man von seinen Vorstellungen wenn sie nach
einander auftreten nimmt die ist, welche die Vorstellung der zeitlichen Folge
und Dauer gewährt ohnedem würden uns letztere ganz abgehen Also nicht die
Bewegung, sondern der stete Zug unsrer Gedanken während des Wachens gewährt uns
die Vorstellung der Dauer; die Bewegung gibt diese Vorstellung nur dann wenn
sie eine stetige Folge von Vorstellungen in uns erweckt wie ich oben gezeigt
habe Durch den Zug anderer einander folgenden Vorstellungen ohne die Bewegung,
haben wir die Vorstellung der Folge und Dauer ebenso klar als durch den Zug
solcher Vorstellungen welcher durch die stetige wahrnehmbare Veränderung des
Abstandes zwischen zwei Körpern dh durch die Bewegung veranlasst wird Man
würde daher die Vorstellung der Dauer haben wenn auch die Wahrnehmung der
Bewegung ganz fehlte
17 Die Zeit ist eine Dauer die gemessen ist Wenn so die Vorstellung
der Dauer erlangt worden so sucht die Seele zunächst ein Maß dafür zu
gewinnen wodurch sie über deren verschiedene Länge urteilen und die
verschiedene Ordnung in der die Dinge bestehen erkennen kann Ohnedem würde
ein großer Teil unseres Wissens verworren und ein großer Teil der
Geschichte nutzlos werden Diese Auffassung der Dauer, als abgesteckt nach
gewissen Perioden und durch gewisse Maß oder Haltepunkte bezeichnet ist das
was eigentlich Zeit genannt wird
18 Ein gutes Maß der Zeit muss ihre ganze Dauer in gleiche Abschnitte
einteilen Bei der Messung der Ausdehnung braucht man nur das Maß oder den
Maßstab an die Sache anzulegen deren Ausdehnung man kennen lernen will Allein
bei der Zeitmessung ist dies nicht ausführbar weil man zwei verschiedene
Zeitgrößen behufs der Messung nicht neben einander legen kann da die Dauer nur
durch die Dauer wie die Ausdehnung nur durch die Ausdehnung gemessen werden
kann, so kann mau das unveränderliche Zeitmaß da es in einer fließenden
Folge besteht auch nicht so wie das Längenmaß von Zollen Fußen Ellen
usw was in feste kleinere Abstände eingeteilt ist bei sich führen Es kann
deshalb nur ein solches Maß für die Zeit gebraucht werden, was die ganze Länge
ihrer Dauer durch wiederkehrende feste Perioden in gleiche Theile teilt Wenn
Theile der Dauer nicht so unterschieden oder als durch solche Perioden gemessen
und unterschieden aufgefasst werden so fallen sie eigentlich nicht unter den
Begriff der Zeit wie auch die Ausdrücke vor aller Zeit oder Wenn es keine
Zeit mehr geben wird lehren
19 Die Umdrehungen der Sonne und des Mondes sind die passendsten
Zeitmaße Die tägliche und jährliche Umdrehung der Sonne die von Beginn der
Welt beständig regelmäßig und für Jedermann wahrnehmbar gewesen ist und die
man als gleichmäßig angenommen hat ist mit Recht zum Zeitmaß benutzt worden
Da ebensowohl der Unterschied der Tage wie der Jahre auf der Bewegung der Sonne
beruht so hat man irrigerweise gemeint dass Bewegung und Dauer ihr
gegenseitiges Maß seien Indem man bei der Messung der Zeit sich an die
Vorstellungen der Minuten Stunden Tage Monate und Jahre gewöhnt hatte und
man bei Erwähnung einer Zeit oder Dauer sofort an jene Maß dachte welche
Zeitmaße sämtlich durch die Bewegung der Himmelskörper bestimmt werden, so
war man geneigt Zeit und Bewegung zu verwechseln oder wenigstens eine
notwendige Verbindung zwischen ihnen anzunehmen obgleich ein beständiges
periodisches Auftreten oder ein Wechseln in den Vorstellungen in anscheinend
gleichen Zeitabständen wenn sie beständig und allgemein zu beobachten wären
ebenso gut die Zeitabschnitte erkennbar gemacht haben würden als die jetzt
gebräuchlichen Man nehme zB die Sonne welche von Manchen für ein Feuer
gehalten wird wäre zu demselben Zeitpunkte wo sie jetzt durch denselben
Meridian geht allemal angezündet und dann nach 12 Stunden allemal ausgelöscht
worden und sie hätte im Laufe jeden Jahres merkbar an Helligkeit und Hitze erst
zu und dann wieder abgenommen so würden diese regelmäßigen Erscheinungen
obgleich keine Bewegung dabei stattgehabt ebenso gut für Alle die sie
wahrnehmen konnten zum Maß aer Zeitabschnitte gedient haben Diese
Erscheinungen würden wenn sie beständig allgemein bemerkbar und in gleich weit
abstehenden Perioden einträten den Menschen ganz gut zum Zeitmaße dienen
wenn auch keine Bewegung dabei wäre
20 Aber nicht wegen ihrer Bewegung sondern wegen ihrer periodischen
Erscheinungen Das Gefrieren des Wassers oder das Blühen einer Pflanze würde
wenn es zu gleichen Perioden für die ganze Erde wiederkehrte ebenso gut zur
Jahresrechnung dienen können wie die Bewegung der Sonne und wirklich rechnen
einige Völker in Amerika ihre Jahre nach der Ankunft und dem Fortzug gewisser
Vögel die bei ihnen zu bestimmten Jahreszeiten stattfinden Auch ein
Gichtanfall oder das Gefühl des Hungers oder Durstes oder eines Geschmackes
oder irgend eine Vorstellung, die beständig zu gleichen Zeitabschnitten
wiederkehrte und allgemein bemerkt werden könnte würde zur Messung der
Folgenreihe und zur Unterscheidung der Zeitabstände dienen können So zählen
Blindgeborne die Zeit ganz gut nach Jahren obgleich sie deren Ablauf durch
keine Bewegung die sie gar nicht sehen wahrnehmen können und sollte ein
Blinder welcher seine Jahre entweder nach der Sommerhitze oder nach der
Winterkälte zählt oder nach dem Geruch einer Frühlingsblume oder dem Geschmack
einer Herbstfrucht daran nicht ein besseres Zeitmaß haben als die Römer
bevor Julius Cäsar ihren Kalender verbessert hatte und manches andere Volk
deren Jahre unregelmäßig sind trotz der Sonnenbewegung deren sie sich dabei
angeblich bedienen Es macht die Zeitrechnung besonders schwierig dass die
Länge der Jahre nach denen die verschiedenen Völker gerechnet haben genau zu
erkennen schwer ist da sie von einander und wohl auch von dem genauen Lauf der
Sonne sehr abweichen Sollte die Sonne von der Schöpfung bis zur Sündflut sich
beständig in dem Äquator bewegt und so Licht und Wärme an alle bewohnbare
Gegenden in Tagen von gleicher Länge gleich verteilt haben ohne die jährlichen
Veränderungen nach den Sonnenwenden wie ein geistreicher Schriftsteller
kürzlich angenommen hat1 so könnte man sich nicht leicht denken dass trotz
der Bewegung der Sonne die Menschen in der vorsündflutlichen Welt von Anfang
ab nach Jahren gezählt hätten oder ihre Zeit nach Abschnitten gemessen hätten
die keine leicht erkennbare Merkzeichen hatten
21 Man kann von keinen zwei Teilen der Dauer erkennen dass sie gleich
sind.) Vielleicht erhebt sich aber hier die Frage wie ohne die regelmäßige
Bewegung der Sonne oder eines anderen Gegenstandes die Gleichheit der
Zeitabschnitte erkannt werden könne Ich antworte dass diese Gleichheit ebenso
wie bei den Tagen erkannt oder anfänglich vermutet werden konnte indem man sie
nach dem Zug der Gedanken beurteilte der in einem solchen Abschnitt die Seele
durchlaufen hatte Dadurch bemerkte man eine Ungleichheit in den natürlichen
Tagen aber keine in den künstlichen Tagen deshalb nahm man die Gleichheit der
letzten oder der Tages und Nachtzeit zusammen an und dies genügte sie zu dem
Zeitmaß zu machen obgleich jetzt genauere Untersuchungen Ungleichheiten in
der täglichen Umdrehung der Sonne ergeben haben und man nicht weiß ob dies
mit der jährlichen sich nicht ebenso verhält Indes genügt deren vermutete und
scheinbare Gleichheit ebenso gut zur Zeitrechnung wenn auch nicht zur genauen
Messung der Zeitabschnitte als wenn man ihre genaue Gleichheit beweisen
könnte Man muss deshalb sorgfältig zwischen der Dauer an sich und ihren
Maassen nach denen wir ihre Länge beurteilen unterscheiden Von der Dauer
nimmt man an dass sie gleichmäßig stetig und einförmig ablaufe aber von
keinem Maß was man benutzt kann man dasselbe behaupten dh dass die
einzelnen Theile oder Perioden in der Dauer einander gleich sind; denn man kann
von zwei einander folgenden Zeitlängen wie man sie auch messen mag nie deren
Gleichheit beweisen So hat sich die Bewegung der Sonne welche die Welt so
lange und so sicher als ein genaues Zeitmaß benutzt hat in ihren einzelnen
Teilen als ungleich ergeben und wenn man auch neuerlich von dem Pendel als
einer stetigeren und gleichmäßigeren Bewegung wie die der Sonne oder richtiger
gesprochen der Erde Gebrauch gemacht hat so würde doch der Beweis für die
genaue Gleichheit zweier Pendelschwingungen schwer mit Zuverlässigkeit zu führen
sein da man nicht weiß ob die uns unbekannte Ursache dieser Bewegung immer
gleichmäßig wirkt Auch ist das Medium in dem der Pendel schwingt nicht immer
genau dasselbe jede Veränderung hier wird also die Gleichheit dieser Perioden
andern und damit die Gewissheit und Genauigkeit dieses auf der Bewegung
beruhenden Zeitmaßes ebenso aufheben wie es mit den Perioden anderer
Erscheinungen der Fall ist. So bleibt also der Begriff der Dauer immer klar
aber von keinem ihrer Maß kann dessen Genauigkeit bewiesen werden, und da nie
zwei Zeitfolgen auf einander gelegt werden können, so bleibt es stets unmöglich
ihre Gleichheit sicher festzustellen Alles hierbei Ausführbare ist solche
Maß zu wählen bei denen die fortgehenden Erscheinungen in scheinbar gleichen
Perioden erfolgen und von dieser scheinbaren Gleichheit hat man kein anderes
Maß als was der Zug unserer eigenen Gedanken in das Gedächtnis eingeprägt
hat und mit dem noch andere Gründe sich verbinden die deren Gleichheit
wahrscheinlich machen
22 Die Zeit ist nicht das Maß der Bewegung.) Es ist auffallend dass
während alle Welt die Zeit offenbar nach der Bewegung der größten und
sichtbarsten Weltkörper misst die Zeit dennoch als das Maß der Bewegung
definiert wird Offenbar ist der Raum zum Maß der Bewegung ebenso nötig wie
die Zeit und genauer betrachtet wird auch die Masse des bewegten Körpers mit
in Rechnung gezogen werden müssen wenn man die Bewegung richtig beurteilen
oder messen will Auch hilft die Bewegung nur dadurch zur Messung der Zeit dass
sie regelmäßig die Wiederkehr gewisser sinnlichen Vorstellungen in anscheinend
gleichen Zeitabschnitten veranlasst denn wenn die Bewegung der Sonne so
ungleich wäre wie die eines von unsteten Winden getriebenen Schiffes also
manchmal langsam und dann wieder ohne Regel sehr schnell oder wenn die Bewegung
zwar gleichmäßig schnell aber nicht kreisrund wäre und nicht dieselben
Erscheinungen wiederkehrend hervorbrächte so würde sie so wenig wie die
ungleiche Bewegung eines Kometen für das Maß der Zeit zu brauchen sein
23 Die Minuten Stunden Tage und Jahre sind keine notwendigen Maß
der Zeit Hiernach sind die Minuten Stunden Tage und Jahre zur Messung der
Zeit und der Dauer so wenig nötig wie die irgendwie angemerkten Zolle Fasse
Ellen und Meilen es für die Ausdehnung sind Allerdings sind in diesem Theile
des Weltalls durch den steten Gebrauch derselben als Zeitabschnitte welche
durch die Umdrehung der Sonne bestimmt werden, und als Theile dieser Abschnitte
die Vorstellungen solcher Zeitlängen in der Seele befestigt worden und sie
werden für alle Zeitgrößen deren Länge man in Betracht nimmt benutzt allein
es wird andere Theile des Weltalls geben wo man sie so wenig braucht wie man
in Japan unsere Zolle Fuße und Meilen braucht Indes muss etwas Ähnliches
auch dort bestehen da man ohne solche periodische Wiederkehr weder für sich
noch für Andere die Länge einer Zeit messen könnte wenn auch die Welt dabei so
voll von Bewegung wie jetzt wäre aber kein Teil in regelmäßigen und scheinbar
gleich langen Umdrehungen sich bewegte Die verschiedenen Maß die man zur
Zeitrechnung benutzt ändern jedoch den Begriff der Dauer nicht die gemessen
werden soll ebenso wie die verschiedene Länge eines Fußes oder Würfels für
Die welche sie gebrauchen den Begriff der Ausdehnung nicht ändern
24 Unser Zeitmaß ist selbst für die Dauer vor der Zeit anwendbar Hat
man einmal ein solches Zeitmaß wie die jährliche Umdrehung der Sonne
erlangt so kann es auf eine Dauer angewendet werden in welcher dieses Maß
nicht besteht und mit welchem die Dauer in Wirklichkeit nichts zu tun hat
Wenn man zB sagte Abraham sei in dem 2712ten Jahre der Julianischen
Zeitrechnung geboren so wäre dies ebenso verständlich als rechnete man vom
Beginn der Welt obgleich da noch keine Bewegung der Sonne und überhaupt noch
keine Bewegung war Die Julianische Zeitrechnung beginnt mehrere Hundert Jahre
vor der Zeit wo es wirklich Tage Nächte oder Jahre gab die durch die
Umdrehung der Sonne bezeichnet wurden und dennoch rechnen wir damit ebenso
richtig und messen Zeitlängen ebenso gut als wenn damals die Sonne wirklich
bestanden und ihre regelmäßige Bewegung wie jetzt innegehalten hätte Die
Vorstellung der Dauer einer JahresUmdrehung der Sonne ist in Gedanken ebenso
leicht auf eine Dauer anzuwenden wo es weder Sonne noch Bewegung gibt wie die
von irdischen Gegenständen entlehnten Vorstellungen des Fußes und der Elle in
Gedanken auf Entfernungen angewendet werden können, die sich über die Grenzen
der Welt erstrecken wo es keine Körper mehr gibt
25 Gesetzt es wären 5639 Meilen oder Millionen von Meilen von hier bis
zu dem entferntesten Körper der Welt denn da sie endlich ist so muss er sich
in einer bestimmten Entfernung befinden wie man annimmt es seien 5639 Jahre
bis jetzt von dem ersten Dasein eines Körpers im Anfang der Welt verflossen so
kann man dieses Jahresmaß auf die Dauer vor der Schöpfung oder über die Dauer
von Körpern und Bewegung hinaus ebenso anwenden wie das Meilenmaß auf den
Raum jenseits des äußersten Körpers und durch das eine die Dauer auch ohne
Bewegung wie durch das andere den Raum auch ohne Körper in Gedanken messen
26 Wendet man mir bei dieser Erklärung der Zeit ein dass ich etwas ohne
Recht vorausgesetzt habe nämlich dass die Welt nicht ewig und unendlich sei so
dürfte es hier der Gründe dafür nicht bedürfen da man indes zuletzt sich die
Welt ebenso endlich wie unendlich vorstellen kann so darf ich wohl das Eine so
gut wie ein Anderer das Entgegengesetzte annehmen auch wird wohl Jeder der es
versucht sich leicht den Anfang der Bewegung vorstellen können wenn nicht den
Anfang aller Dauer und so in seiner Betrachtung der Bewegung zu einen Halt
kommen über den er nicht hinaus kann Ebenso kann man einem Körper und der zu
ihm gehörenden Ausdehnung Grenzen setzen aber nicht dem leeren Räume Die
äußersten Grenzen von Raum und Dauer sind dem Denken so unerreichbar wie die
äußerste Grenze der Zahlen das umfassendste Denken überschreitet und zwar
überall aus demselben Grunde wie ich später darlegen werde
27 Ewigkeit Dieselben Mittel und Quellen welche zu der Vorstellung
der Zeit führen gewähren auch die der Ewigkeit hat man nämlich die Vorstellung
der Folge und Dauer durch Wahrnehmung unseres Gedankenlaufs erlangt der
entweder durch die natürlichen Erscheinungen der Vorstellungen stetig während
des Wachens in uns kommt oder sonst durch äußere Gegenstände veranlasst
wird welche die Sinne erregen und hat man durch die Umdrehung der Sonne die
Vorstellung gewisser Zeitlängen erlangt so kann man in Gedanken eine solche
Länge der andern zusetzen so oft man will und sie so vermehrt auf die
vergangene oder kommende Zeit anwenden und man kann dies ohne Ende fortsetzen
und in das Endlose vorschreiten und so diese Länge einer Jahresbewegung der
Sonne auf eine Zeit anwenden wo es noch keine Sonne und Bewegung gab Es ist
dies nicht schwieriger oder verkehrter als wenn man die Bewegung des Schattens
des Sonnenweisers für eine Stunde am Tage auf die Zeitlänge von Etwas in der
vergangenen Nacht zB auf das Brennen einer Kerze anwendet das ohne alle
wirkliche Bewegung ist. Die Zeit wo dieses Licht eine Stunde in letzter Nacht
gebrannt hat kann ebensowenig mit einer Bewegung jetzt oder später zugleich
sein als ein Teil der Zeit vor Beginn der Welt mit der Sonne jetzt zugleich
sein kann aber dennoch hindert dies mich nicht die Zeit welche das Licht in
letzter Nacht gebrannt hat nach der Vorstellung der Zeitlänge zu messen welche
die Bewegung des Schattens des Sonnenweisers zwischen zwei Stundenstrichen
ergibt und ebenso kann ich die Dauer jedes anderen Gegenstandes danach messen
man stellt sich dabei nur vor dass wenn die Sonne in der Nacht auf die Uhr
geschienen hätte und sich so wie Jetzt bewegt hätte der Schatten des Weisers
von einem Stundenstrich zu dem andern fortgerückt sein würde während das Licht
gebrannt hat
28 Der Begriff einer Stunde eines Tages oder Jahres enthält nur die
Vorstellung von der Länge gewisser periodischer und regelmäßiger Bewegungen
sie bestehen auch nicht alle zugleich sondern nur in meinem Gedächtnis in den
Vorstellungen, die der Sinnes und SelbstWahrnehmung entlehnt sind deshalb
kann ich sie gleich leicht und mit gleichem Recht in meinen Gedanken auf die
aller Bewegung vorhergehende Zeit ebenso gut anwenden als auf Etwas was nur um
eine Minute oder einen Tag der Bewegung vorhergegangen ist in welcher sich die
Sonne diesen Augenblick befindet Alle vergangenen Dinge sind gleich vollkommen
in Ruhe und in dieser Hinsicht ist es gleich ob sie sich vor Beginn der Welt
oder gestern ereignet haben denn das Maß der Zeit durch eine Bewegung hängt
nicht davon ab dass diese Bewegung wirklich gleichzeitig geschieht sondern nur
dass man eine klare Vorstellung von der Länge einer bekannten periodischen
Bewegung habe und diese auf die zu messende Dauer eines Gegenstandes anwende
29 Daher stellen sich Manche die Dauer der Welt vom Beginn bis zu dem
gegenwärtigen Jahre 1689 zu 5639 Jahren dh gleich 5639 JahresUmdrehungen der
Sonne vor Andere dagegen viel länger so zählten die alten Ägypter zu
Alexanders Zeit 23000 Jahre seit der Herrschaft der Sonne und die Chinesen
nehmen jetzt das Alter der Welt auf 3269000 Jahre oder noch länger an Wenn
ich auch ihre Rechnung nicht für richtig halte so kann ich die von ihnen
berechnete längere Dauer der Welt ebenso gut wie sie mir vorstellen sie
verstehen und ebenso die eine für länger als die andere nehmen wie ich
verstehe dass Methusalem länger als Enoch gelebt hat Selbst wenn die
gewöhnliche Rechnung von 5639 Jahren wahr sein sollte wie sie es gleich jeder
andern aufgestellten sein kann so kann man es doch sehr wohl verstehen wenn
Andere die Welt um 1000 Jahre älter machen da man sich gleich leicht vorstellen
ich sage nicht glauben kann die Welt sei 50000 Jahre alt wie 5639 und man
die Dauer von 50000 Jahren so gut wie die von 5639 begreifen kann Daraus
erhellt, dass zur Messung irgend einer Dauer durch die Zeit es nicht nötig ist
dass die Sache gleichzeitig mit der Bewegung oder einer andern periodischen
Wiederkehr an der man sie misst bestehe es genügt dass man die Vorstellung
von der Länge einer periodischen regelmäßigen Erscheinung habe die man in
Gedanken an die Dauer anlegen kann obgleich die Bewegung oder Erscheinung nicht
zugleich mit ihr erfolgt
30 So kann man sich in der von Moses überlieferten Schöpfungsgeschichte
vorstellen dass das Licht drei Tage vor der Sonne da war und sich bewegt hat
man braucht nur sich vorzustellen dass die Dauer des Lichts vor Erschaffung der
Sonne so lang war als drei ihrer täglichen Umdrehungen wenn die Sonne sich
damals so bewegt hätte wie jetzt Auf demselben Wege kann man sich das Chaos
oder die Erschaffung von Engeln vorstellen ehe noch das Licht war oder eine
stetige Bewegung für eine Minute oder Stunde oder für einen Tag oder Jahr oder
für tausend Jahre bestanden hatte Denn wenn man nur die Dauer einer Minute vor
dem Dasein eines Körpers oder einer Bewegung sich vorstellen kann so kann man
deren so viel hinzutun bis man zu 60 gelangt und auf diesem Wege durch
Hinzufügung von Minuten Stunden oder Jahren dh solcher SonnenUmläufe oder
solcher Theile von dieser oder einer andern Periode wovon man die Vorstellung
hat zu dem Unendlichen vorschreiten und eine Dauer annehmen die jede auch noch
so große Anzahl solcher Perioden übersteigt Dies ist nach meiner Ansicht die
Vorstellung, die man von der Ewigkeit hat man hat von ihrer Unendlichkeit
keinen andern Begriff als den von der Unendlichkeit der Zahl die man immer
ohne Ende vermehren kann
31 So hat sich ergeben dass die Vorstellungen der Dauer und ihrer Maß
aus jenen beiden Quellen alles Wissens nämlich aus der Sinnes und
Selbstwahrnehmung hervorgehen Durch Beobachtung des Inneren Vorganges wo in dem
steten Zuge der Vorstellungen einzelne erlöschen und andere hervortreten
gelangt man erstens zur Vorstellung der Folge beobachtet man dann zweitens den
Abstand der Theile in dieser Folge so erlangt man die Vorstellung der Dauer,
und drittens gelangt man durch Wahrnehmung gewisser Erscheinungen die zu
gewissen regelmäßigen und anscheinend gleich weiten Zeitabschnitten auftreten
zur Vorstellung gewisser Längen oder Maß der Dauer, wie der Minuten Stunden
Tage Jahre usw Indem man viertens diese Zeitmaße oder diese Vorstellungen
bestimmter Längen der Dauer, so oft man will in Gedanken wiederholen kann kann
man sich eine Dauer vorstellen wo nichts wirklich dauert oder besteht so
stellt man sich den morgenden Tag das nächste Jahr oder sieben Jahre von jetzt
ab vor Fünftens gelangt man durch das Vermögen Vorstellungen von Zeitlängen
wie Minuten Jahre Lebensalter so oft man will in Gedanken zu wiederholen und
an einander zu legen ohne hierbei zu einem Ende zu kommen wie bei den Zahlen
die man auch immer vermehren kann zur Vorstellung der Ewigkeit als der
kommenden ewigen Dauer unserer Seelen und die Ewigkeit jenes unendlichen
Wesens was notwendig immer bestanden haben muss Sechstens gelangt man zur
allgemeinen Vorstellung der Zeit überhaupt wenn man irgend einen Teil aus der
unendlichen Dauer als durch periodische Maß abgesondert betrachtet
1 Beide sind der Vermehrung und Verminderung fähig Obgleich ich in den
vorgehenden beiden Kapiteln ziemlich lange bei der Betrachtung von Raum und
Dauer verweilt habe so wird doch eine Vergleichung beider da sie von großer
Bedeutung sind und in ihrer Natur etwas Dunkles und Besonderes haben vielleicht
zu ihrer Erläuterung dienen und eine gemeinsame Betrachtung beider wird
vielleicht deren Begriff klarer und deutlicher machen Den Abstand oder Raum
nenne ich in seinem einfachen reinen Begriffe um Verwirrung zu vermeiden
Ausspannung um ihn von der Ausdehnung, zu unterscheiden welche mir für die
Bezeichnung dieses Abstandes in den festen Teilen des Stoffes von Manchen
gebraucht wird und so die Vorstellung von Körperlichem einschließt oder
wenigstens andeutet Ich ziehe auch das Wort Ausspannung dem des Raumes vor
weil Raum ebenso oft für den Abstand fließender einander zeitlich folgender
Theile gebraucht wird die nicht zugleich sind wie für den Abstand solcher die
dauernd sind In beiden dh Ausspannung und Dauer hat man die Vorstellung
einer stetigen Länge die vermehrt oder vermindert werden kann; denn man hat
eine ebenso klare Vorstellung von dem Unterschied in der Länge einer Stunde und
eines Tages wie von dem eines Zolles und eines Fußes
2 Die Ausspannung ist durch den Stoff nicht beschränkt Wenn die Seele
die Vorstellung von der Länge einer gewissen Ausspannung erlangt hat mag es
eine Spanne oder einen Schritt oder sonst eine sein so kann sie wie gesagt
diese Vorstellung wiederholen und so durch Vermehrung diese Vorstellung
vergrößern und sie zwei Spannen oder Schritten gleich machen und dies so oft
wiederholen bis die Länge der Länge irgend eines Abstandes auf der Erde gleich
Kommt und so wächst bis sie den Abstand von der Sonne oder von den
entferntesten Sternen erreicht Bei einem solchen Fortgange entweder von dem
eigenen Standorte oder von jedem andern kann man weiter schreiten und über all
diese Längen hinausgehen ohne dass man dabei durch Etwas gehindert wird und
zwar sowohl mit einem Körper wie ohne solchen Man kann zwar leicht in Gedanken
an das Ende der körperlichen Ausdehnung gelangen und es ist nicht schwer an
das Ende und die Grenze alles Körperlichen zu gelangen allein von dort hindert
nichts die Seele in das Endlose weiter zu gehen und sie kann nie das Ende der
Ausspannung finden oder sich vorstellen Man kann auch nicht sagen dass jenseits
der Grenze des Körperlichen Alles aufhört wenn man nicht Gott in die Grenzen
des Körperlichen bannen will Salomon dessen Geist voll Weisheit war scheint
ebenso zu denken wenn er sagt »der Himmel und der Himmel der Himmel kann Dich
nicht fassen« und wer glaubt dass er seine Gedanken über Gottes Dasein hinaus
ausdehnen oder einen Raum vorstellen kann wo er nicht ist überschätzt die
Fähigkeit seines Verstandes
3 Auch die Dauer ist nicht durch die Bewegung beschränkt Ebenso
verhält es sich mit der Dauer. Wenn die Seele die Vorstellung einer bestimmten
Länge der Dauer erlangt hat so kann sie sie verdoppeln vervielfältigen und
vergrößern nicht bloß aber ihre eigene Dauer sondern auch über die aller
körperlichen Dinge und über alle Zeitmaße die den großen Weltkörpern und
ihren Bewegungen entlehnt sind Indes gibt Jeder leicht zu dass wenn man auch
die Dauer endlos macht was sie sicher ist man sie doch nicht über alles
Seiende hinaus ausdehnen kann Gott füllt wie Jeder leicht zugesteht die
Ewigkeit aus und man wird auch nicht daran zweifeln können dass er ebenso die
Unermesslichkeit ausfüllt Sein unendliches Wesen ist unzweifelhaft in der einen
Richtung so grenzenlos als in der andern und man erhebt den Stoff ein wenig zu
hoch wenn man sagt wo kein Körper ist da ist nichts
4 Weshalb man eher eine unendliche Dauer wie eine unendliche Ausdehnung
zulässt Darin liegt der Grund weshalb Jedermann leichthin und ohne Bedenken
die Ewigkeit annimmt davon spricht und nicht zögert sie der Dauer beizulegen
dagegen nur zweifelhafter und vorsichtiger die Unendlichkeit des Raumes zulässt
Es geschieht deshalb weil Dauer und Ausdehnung auch für die Bezeichnung der
Zustände anderer Wesen gebraucht werden und man deshalb leicht in Gott die ewige
Dauer begreift und dazu genötigt ist allein Ausdehnung wird nicht ihm sondern
nur den Körpern beigelegt die endlich sind und deshalb zweifelt man leichter
ob es eine Ausspannung ohne Körper gibt da man sie gewöhnlich nur als eine
Eigenschaft dieser behandelt Deshalb beschränkt man bei Untersuchung des Raumes
denselben leicht auf die Grenzen des Körperlichen als wenn der Raum da zu Ende
wäre und nicht weiter reichte Selbst wenn man in der Auffassung weiter geht so
nennt man doch das über die Grenzen des Weltalls Hinausgehende nur den
eingebildeten Raum als wenn er nichts wäre weil er keinen Körper enthielte
Dagegen nennt man die Dauer welche dem Körperlichen vorgeht und nach dessen
Bewegungen sie bestimmt wird, niemals bloß eine eingebildete weil sie niemals
leer von irgend einem andern Seienden ist Leiten nun die Worte der Dinge
überhaupt das Denken auf den Ursprung unserer Vorstellungen wie ich dies
annehmen möchte so wird man bei dem Worte Dauer duration veranlasst zu
denken dass die Fortsetzung des Seins mit einer Art Widerstand gegen
zerstörende Gewalten und die Fortsetzung von Dichtheit solidity welche leicht
mit Härte verwechselt wird und davon auch wenig verschieden ist wenn man auf
die kleinsten Teilchen des Stoffes zurückgeht eine gewisse Ähnlichkeit haben
und sonach verwandte Worte wie durare und durum esse veranlasst haben Dass
durare auf die Vorstellung von Härte ebenso wie auf die vom Dasein angewendet
wird sieht man aus Horaz Epod XVI »ferro duravit secula« Allein sei dem
wie ihm wolle so viel ist gewiss dass man Jedenfalls manchmal mit seinen
Gedanken jenseits des Körperlichen in die Unendlichkeit des Raumes und der
Ausdehnung eingeht und dass diese Vorstellung bestimmt und gesondert ist von dem
Körperlichen und allem Andern Dies mag wenn es beliebt Stoff zu weiterem
Nachdenken abgeben
5 Die Zeit verhält sich zur Dauer wie der Ort zur Ausspannung Die
Zeit verhält sich im allgemeinen zur Dauer wie der Ort zur Ausspannung Sie
sind von diesem grenzenlosen Ozean der Ewigkeit und Unermesslichkeit wie durch
Grenzzeichen abgetrennt und unterschieden sie dienen damit zur Bezeichnung der
gegenseitigen Stelle der endlichen wirklichen Dinge in diesem gleichförmigen
unendlichen Ozean von Dauer und Raum Genau betrachtet sind es nur
Vorstellungen bestimmter Abstände von bestimmten und bekannten festen Punkten
innerhalb der einzelnen Dinge und man nimmt an dass sie denselben Abstand von
einander bewahren Von solchen festen Punkten ab rechnet man von da aus misst
man Theile von diesen unendlichen Größen und so betrachtet sind sie das was
man Zeit und Ort nennt Dauer und Raum sind an sich grenzenlos und einförmig
und deshalb wurde sich ohne solche bekannte feste Punkte die Ordnung und
Stellung der Dinge darin verlieren und Alles würde in eine unheilbare
Verwirrung geraten
6 Zeit und Ort gelten für so viel von der Dauer und Ausspannung als
deren durch das Dasein und die Bewegung der Körper besonders herausgehoben wird
Wenn die Zeit und der Ort so für die bestimmten erkennbaren Theile dieser
unendlichen Abgründe von Raum und Dauer gelten und als durch Zeichen und
bekannte Grenzen von dem Rest geschieden angenommen werden so hat jedes eine
zwiefache Bedeutung Erstens wird Zeit im Allgemeinen für so viel von der
unendlichen Dauer genommen als durch das Dasein und die Bewegung der großen
Himmelskörper so weit wir sie kennen gemessen wird und mit ihnen zugleich ist
In diesem Sinne beginnt und endet die Zeit mit den Enden dieser sichtbaren Welt
so in den früher erwähnten Ausdrücken »Vor aller Zeit« und »Wenn keine Zeit mehr
sein wird« Ebenso wird der Ort manchmal für den Teil des unendlichen Raumes
genommen welcher von der stofflichen Welt erfüllt und eingenommen ist Dadurch
unterscheidet er sich von der übrigen Ausspannung obgleich er besser Ausdehnung
als Ort genannt werden könnte Die besondere Zeit oder der Raum und die
besondere Ausdehnung oder der Ort von allen körperlichen Dingen ist innerhalb
dieser Beiden befasst und sie werden durch die erkennbaren Theile derselben
gemessen
7 Mitunter gelten sie für so viel davon als man durch Maß
bezeichnet die der Masse oder der Bewegung der Körper entlehnt sind Zweitens
wird das Wort Zeit in einem weitem Sinne genommen und wird nicht auf Theile der
unendlichen Dauer angewendet die durch das wirkliche Sein und die periodischen
Bewegungen der Körper unterschieden und gemessen werden die von Anfang ab als
Zeichen und als Jahreszeiten und als Tage und Jahre bestimmt waren und die
deshalb unsere ZeitMaß wurden sondern auf jene andere Theile der
unendlichen einförmigen Dauer die man gelegentlich für gleich mit gewissen
Längen der gemessenen Zeit annimmt und deshalb als begrenzt und bestimmt
betrachtet Nimmt man zB an dass die Schöpfung oder der Fall der Engel am
Anfange der Julianischen Zeitrechnung Statt gehabt so würde man passend und
verständlich sagen können dass die Zeit der Erschaffung der Engel der der Welt
um 7640 Jahre vorangegangen sei man bezeichnet damit so viel von der
einförmigen Dauer als man den 7640 JahresUmwälzungen der Sonne nach ihrer
jetzigen Bewegung gleich erachtet Ebenso spricht man mitunter von Orten
Entfernungen und Maassen innerhalb der großen Leere jenseits des Weltalls, indem
man so viel von diesem Raum sich vorstellt dass er gleich ist oder vermag
einen Körper von bestimmter Größe zB einen Kubikfuß in sich aufzunehmen
oder wenn man einen Punkt darin in einer bestimmten Entfernung von irgend einem
Theile des Weltalls sich vorstellt
8 Sie kommen Beide allen Dingen zu Die Frage nach dem Wo und Wenn
treffen alle endlichen Dinge sie werden von dem Menschen immer nach irgend
einem bekannten Theile der wahrnehmbaren Welt und von gewissen Zeitabschnitten
ab gerechnet die man durch die in ihr Statt habenden Bewegungen erkennen kann
Ohne solche feste Punkte oder Perioden würde die Ordnung der Dinge für unsern
endlichen Verstand in dem grenzenlosen und einförmigen Ozean der Dauer und
Ausspannung verloren gehen sie umfassen alle endlichen Dinge in sich und
gehören in ihrem vollen Umfange Gott allein an Man darf sich daher nicht
wundern dass man sie nicht versteht und dass unser Denken so oft stockt wenn
man sie entweder für sich oder als dem höchsten unendlichen Wesen in irgend
einer Weise angehörig betrachten will So wie die Vorstellung von der Dauer
eines besonderen Dinges eine Vorstellung von dem Theile der unendlichen Dauer
ist die während seines Bestehens abläuft so ist die Zeit wo ein Ding bestand
die Vorstellung von der Größe der Dauer, die von einem bekannten und festen
Zeitabschnitte der Dauer bis zu dem Dasein dieses Dinges abgelaufen ist Man
bezeichnet den Abstand der Grenzen einer Sache nach ihrer Größe oder ihrem
zeitlichen Bestehen beispielsweise durch einen Quadratfuß oder sagt die Sache
hat zwei Jahre gedauert und andererseits bezeichnet man seine Entfernung nach
Ort und Zeit von andern festen Punkten des Raumes oder der Dauer, wie zB in
der Mitte von Lincolns Feld oder von dem ersten Grade des Stiers oder in
dem Jahre unseres Herrn 1671 oder: das tausendste Jahr der Julianischen Periode
Alle diese Entfernungen misst man durch bereits bekannte Vorstellungen gewisser
Raum und Zeitgrößen wie Zolle Fuße Meilen und Grade oder wie Minuten
Tage Jahre usw bei der Zeit
9 Alle Theile der Ausdehnung sind selbst Ausdehnung, und alle Theile der
Dauer sind selbst Dauer Raum und Zeit haben noch in einem andern Punkte eine
große Übereinstimmung obgleich sie nämlich mit Recht zu den einfachen
Vorstellungen gezählt werden so ist doch keine der von ihnen vorhandenen
bestimmten Vorstellungen ohne irgend eine Art von Zusammensetzung denn ihre
eigentliche Natur ist aus Teilen zu bestehen allein da ihre Theile alle von
gleicher Art und ohne Zumischung anderer Vorstellungen sind so können sie
deshalb doch einen Platz unter den einfachen Vorstellungen einnehmen Wenn man
wie bei der Zahl zu einem so kleinen Teil des Raumes oder der Zeit gelangen
könnte dass er nicht mehr teilbar wäre so würde er gleichsam die unteilbare
Einheit oder Vorstellung sein und durch Wiederholung würden dann die größeren
Vorstellungen von Ausdehnung und Dauer entstehen Allein man kann keine solche
unteilbare Vorstellung gewinnen deshalb benutzt man die gewöhnlichen Maß
die durch häufigen Gebrauch sich in jedem Lande dem Gedächtnis eingeprägt haben
so Zolle und Fuße Kubikfuße und Parasangen für die Zeit Sekunden Minuten
Stunden Tage Jahre man gebraucht sie als einfache Vorstellungen, und die
größeren Theile werden durch wiederholte Zusammensetzungen solcher bekannten
Maß gebildet Andererseits wird das gebräuchliche kleinste Maß von beiden
gewöhnlich als die ZahlEinheit angesehen wenn man jene größeren Maß in
kleinere Theile auflösen will Allerdings wird die Vorstellung des Raumes und
der Zeit wenn sie entweder durch Vermehrung oder durch Teilung zu groß oder
zu klein wird in ihrem bestimmten Umfange etwas dunkel und verworren nur die
Zahl bleibt wie oft sie auch aneinandergelegt oder geteilt wird klar und
deutlich wie man leicht bemerkt wenn man seine Gedanken frei in der weiten
Ausdehnung des Raumes oder der Teilbarkeit des Stoffes sich ergehen lässt
Jeder Teil der Dauer ist wieder Dauer und jeder Teil von Ausdehnung ist
wieder Ausdehnung beide sind der Vermehrung und der Teilung ohne Ende fähig
Indes dürften die kleinsten Theile von beiden die man sich noch klar und
deutlich vorstellen kann am passendsten als die einfachen Vorstellungen dieser
Art anzusehen sein aus denen die zusammengesetzten Besonderungen von Raum
Ausdehnung und Dauer gebildet und in die sie wieder aufgelöst werden können.
Solch ein kleiner Teil der Dauer kann ein Augenblick heißen und ist gleich der
Zeit die eine Vorstellung in dem gewöhnlichen Lauf der Gedanken ausfüllt Bei
der Ausdehnung fehlt dafür ein eigener Name ich darf ihn vielleicht den
wahrnehmbaren Punkt nennen worunter ich den kleinsten noch unterscheidbaren
Teil des Stoffes oder Raumes verstehe er beträgt ohngefähr eine Minute und
selbst für das schärfste Auge selten weniger als 30 Sekunden eines Kreises in
dessen Mittelpunkt das Auge sich befindet
10 Ihre Theile sind untrennbar Die Ausdehnung und Dauer stimmen ferner
darin überein dass zwar in beiden Theile angenommen werden aber diese Theile
von einander nicht getrennt werden können; selbst nicht in Gedanken obgleich
die Körperteile von denen man das Maß für den Raum und die Theile der
Bewegung oder vielmehr der Gedankenfolge in der Seele von denen man das Maß
für die Zeit entnimmt unterbrochen und getrennt werden können; denn die Körper
sind oft in Ruhe und ebenso die Gedanken beim Schlafe was man auch Ruhe nennt
11 Die Dauer gleicht der Linie die Ausspannung dem Dichten Dagegen
unterscheiden sich beide erheblich dadurch dass die Vorstellung der Länge die
man von einer Ausspannung hat sich nach allen Richtungen wendet und so Breite
Tiefe und Gestalten hervorbringt dagegen gleicht die Dauer nur einer geraden
Linie die ohne Ende fortgeht und die keiner Mannigfaltigkeit Vervielfältigung
und Gestalt fähig ist sie ist vielmehr das gemeinsame Maß alles Daseienden
an dem Alles so lange es besteht Teil nimmt So ist der jetzige Augenblick
allen jetzt bestehenden Dingen gemeinsam sie werden alle davon so befasst als
wären sie nur ein einziges Ding und man kann wahrhaft sagen dass sie alle in
demselben Zeitpunkte sind Ob Engel und Geister in Beziehung auf Ausdehnung
etwas dem Ähnliches haben geht über meinen Verstand Wir deren Verstand und
Fassungskraft nur für unsere Erhaltung und den Zwecken unseres Daseins aber
nicht für das Sein und den Umfang anderer Wesen bemessen ist können ebenso
schwer ein Dasein oder ein wirkliches Wesen vorstellen dem alle Ausdehnung
abgeht als ein wirkliches Wesen dem alle Art von Dauer abgeht deshalb wissen
wir nicht wie die Geister sich zu dem Räume verhalten und wie sie in demselben
mit einander verkehren Wir wissen nur dass jeder Körper seinen eigenen Teil
davon nach seiner Größe inne hat und deshalb, so lange er darin bleibt jeden
andern Körper davon ausschließt
12 Bei der Dauer sind nie zwei Theile zugleich aber bei der Ausdehnung
sind alle Theile zugleich Die Dauer und die einen Teil derselben bildende
Zeit ist die Vorstellung von einem untergeben des Abstandes nicht zwei Theile
davon bestehen zugleich sondern sie folgen einer dem andern dagegen ist die
Ausdehnung die Vorstellung von einem dauernden Abstande alle Theile davon sind
zugleich und können einander nicht folgen Man kann deshalb keine Dauer ohne
Folge fassen und es nicht begreifen dass ein Wesen den morgenden Tag jetzt
besteht oder auf einmal mehr als einen Augenblick inne hat indes kann man sich
vorstellen dass das ewige Dasein des Allmächtigen sehr verschieden von dem der
Menschen oder eines andern endlichen Wesens ist Der Mensch befasst mit seiner
Kenntnis oder Kraft nicht alle vergangenen und kommenden Dinge seine Gedanken
sind nur von gestern und er weiß nicht was der kommende Morgen bringen wird
das Vergangene kann er nicht zurückrufen und das Kommende nicht zu Gegenwärtigem
machen Dies gilt von allen endlichen Wesen wenn sie auch den Menschen in
Kenntnis und Macht weit übertreffen in Vergleich mit Gott sind sie nicht mehr
als das niedrigste Geschöpf da das Endliche in keinem Verhältnis zu dem
Unendlichen steht Da Gottes unendliche Dauer mit unendlichem Wissen und Macht
verbunden ist so sieht er das Vergangene wie das Kommende Beides ist nicht
entfernter für seinen Blick und sein Wissen wie das Jetzt sie werden alle mit
einem Blick befasst und er kann beliebig Alles zum Dasein rufen Alles hängt in
seinem Dasein nur von Gottes Willen ab und besteht nur so lange als Gott es
gefällt Sonach befassen und umfassen Ausspannung und Dauer einander
wechselseitig jeder Teil des Raumes ist in jedem Theile der Zeit und jeder
Teil der Zeit ist in jedem Theile des Raumes. Eine solche Verbindung zwei so
verschiedener Vorstellungen dürfte sich in all der Mannigfaltigkeit die man
begreift und begreifen kann kaum wiederfinden und somit Stoff zu weitem
Nachdenken geben
1 Die Zahl ist die einfachste und allgemeinste Vorstellung.) Von allen
Vorstellungen, die man hat wird keine der Seele auf mehr Wegen zugeführt und
ist mehr einfach als die der Einheit oder der Eins Sie hat nicht den Schatten
von Mannigfaltigkeit oder Zusammensetzung an sich jeder Gegenstand, der die
Sinne erregt jede Vorstellung in dem Verstande, jeder Gedanke in der Seele
führt diese Vorstellung mit sich Sie ist deshalb nicht allein die der Seele
bekannteste sondern auch in Bezug auf ihre Zusammenstimmung zu allen andern
Dingen die allgemeinste unserer Vorstellungen. Die Zahl gilt für Menschen
Engel Handlungen Gedanken und jedes Ding das sein oder vorgestellt werden
kann.
2 Ihre Besonderung erfolgt durch Vermehrung Wenn man diese Vorstellung
in der Seele wiederholt und diese Mehreren zusammennimmt so gelangt man zu den
zusammengesetzten Besonderungen derselben So gewinnt man durch Zunahme von Eins
zu Eins die zusammengesetzte Vorstellung des Paares durch Zusammenstellung von
12 Einheiten erlangt man die zusammengesetzte Vorstellung eines Dutzend und in
gleicher Weise auch die von einem Schock einer Million und jeder andern Zahl
3 Jede Besonderung ist in sich bestimmt Die einzelnen Besonderungen
der Zahl sind von allen andern die bestimmtesten auch die geringste Veränderung
um eine Einheit macht jede zusammengesetzte Zahl ebenso offenbar verschieden von
ihrer nächsten wie von ihrer entferntesten deshalb ist die 2 so verschieden von
der 1 wie die 100 und die 2 ist so bestimmt von der 3 unterschieden wie die
ganze große Erde von einem Kornwurm Die Besonderungen anderer einfachen
Vorstellungen verhalten sich nicht so man kann die einander nächsten
Vorstellungen trotz ihrer Verschiedenheit nicht so leicht und mitunter gar nicht
unterscheiden so wird man schwerlich den Unterschied zwischen der Weiße dieses
Papieres und dem daran grenzenden nächsten Grad erkennen ebenso wenig kann man
sich den kleinsten Überschuss in der Ausdehnung klar vorstellen
4 Deshalb sind die Beweise durch Zahlen die schärfsten Die Klarheit
und der Unterschied jeder Zahlbesondernng selbst von ihrer nächsten dürfte die
Beweise durch Zahlen wenn auch nicht überzeugender und genauer wie die Beweise
bei Ausdehnungen aber doch allgemeiner anwendbar und bestimmter in ihrem
Gebrauche machen Die Zahlen sind bestimmter und leichter unterscheidbar als die
verschiedenen Ausdehnungen bei denen man die Gleichheit oder den Überschuss
nicht so leicht bemerkt und in ihrer Größe erfasst denn man kann bei dem Räume
durch kein Denken zu einem bestimmten Kleinsten kommen wie die Einheit, über
die man nicht hinaus kann; deshalb sind die Größe und das Verhältnis der
kleinsten Unterschiede beim Räume nicht erkennbar während dies bei den Zahlen
offenbar sich anders verhält da wie gesagt hier die 90 von der 91 ebenso
leicht unterschieden werden kann wie von der 9000 obgleich die 91 ihr am
nächsten steht Bei der Ausdehnung kann dagegen nicht jedes Mehr über einen Fuß
oder einen Zoll von diesen selbst immer unterschieden werden. Von Linien die
gleich lang erscheinen kann doch die eine um einen nicht angebbaren Teil
grösser sein als die andere und man kann den Winkel nicht angeben der der
nächst größere über den rechten ist
5 Die Zahlen bedürfen der Bezeichnung durch Worte Durch Wiederholung
der 1 und Verbindung beider bildet man daraus die SammelVorstellung, die man
mit 2 bezeichnet Wer so verfährt und zu der letzten SammelZahl immer wieder
eine Einheit hinzufügt und ihr einen Namen gibt kann zählen oder hat die
Vorstellung verschiedener Ansammlungen von Einsen die von einander verschieden
sind und zwar so weit als er für jede dieser Zahlen Namen hat und er diese
Reihe von Zahlen mit ihren Namen behalten kann Alles Zählen besteht nur in
Hinzufügung einer Eins mehr und in Belegung der neuen zusammengefassten
Vorstellung mit einem besonderen Namen oder Zeichen um sie unter den vorgehenden
und den nachfolgenden zu erkennen und von jeder größeren oder kleinem Menge von
Einsen zu unterscheiden Wer mithin Eins zu Eins hinzufügen und so zur 2 und
dann weiter in seinem Zählen gehen und für jede so zunehmende Zahl den
bestimmten Namen behalten kann und umgekehrt durch Abziehen der Eins von einer
größeren Zahl diese vermindern kann der ist der Vorstellungen aller Zahlen
innerhalb des Umfanges seiner Sprache oder so weit fähig als er Namen dafür
hat wenn auch vielleicht nicht weiter Denn die verschiedenen Besonderungen der
Zahl bestehen in der Seele nur in so vielen Verbindungen von Einsen die sonst
nichts Mannichfaltiges enthalten und nur durch das Mehr oder Weniger sich
unterscheiden deshalb scheinen bei ihnen mehr wie bei andern Arten von
Vorstellungen Namen oder Zeichen für die einzelnen Verbindungen nötig Ohne
solche Namen oder Zeichen kann man die Zahlen kaum zum Rechnen gebrauchen
namentlich wenn es sich um eine Zahl von sehr vielen Einheiten handelt fehlt
hier der Name oder das Zeichen was diese bestimmte Zahl bezeichnet so kann sie
kaum etwas Anderes als ein verworrener Haufen sein
6 Deshalb können die früher genannten Amerikaner obgleich sie sonst
schnelle und gute Geistesanlagen haben auf keine Weise wie wir bis 1000
zählen sie haben keine bestimmte Vorstellung von dieser Zahl obgleich sie bis
20 sehr gut rechnen können Ihre Sprache ist dürftig und nur den wenigen
Bedürfnissen eines kargen und einfachen Lebens angepasst sie kennen weder
Handel noch Mathematik und haben daher für das Tausend kein Wort Sprach man mit
ihnen von solchen großen Zahlen so zeigten sie auf die Haare ihres Kopfes um
die große Menge zu bezeichnen die sie nicht bestimmter ausdrücken könnten und
dieses Unvermögen wird nur von dem Mangel an Namen dafür hergekommen sein Die
Tuupinambos hatten kein Wort für die Zahlen aber die 5 jede größere Zahl
deuteten sie durch das Aufzeigen ihrer Finger und der Finger anderer Anwesenden
an Wir selbst würden wohl ein gut Stück weiter in Worten zählen als jetzt
gewöhnlich geschieht wenn wir passende Worte zu der Bezeichnung der größeren
Zahlen hätten denn indem wir jetzt diese hohem Zahlen als Millionen von
Millionen der Millionen bezeichnen kann man kaum über 18 oder höchstens 24
Dezimalstellen gehen wenn man nicht Verwirrung veranlassen will Wie sehr
bestimmte Worte das gute Rechnen und den Besitz brauchbarer Vorstellungen von
Zahlen unterstützen erhellt wenn man die hier folgenden Zahlengruppen in eine
Linie bringt als Zeichen einer Zahl zB
Nonillionen
857324
Octillionen
162486
Septillionen
345896
Sextillionen
437918
Quintillionen
423147
Quadrillionen
248106
Trillionen
235421
Billionen
261734
Millionen
368149
Einheiten
623137
Die gewöhnliche Art diese Zahl im Englischen auszusprechen geschieht durch
wiederholtes Aussprechen von Millionen von Millionen von Millionen von Millionen
von Millionen von Millionen womit die Zahl der letzten sechs Zahlgruppen
ausgesprochen sein würde Auf diese Weise kann man offenbar nur sehr schwer
eine bestimmte Vorstellung von dieser Zahl erhalten Wenn aber jede dieser sechs
Zahlenreihen eine gebräuchliche Benennung hätte so würde nach meiner Meinung
diese Zahl und noch größere Zahlen leichter sich unterscheiden lassen und
leichter aufgefasst werden und Anderen deutlicher mitgeteilt werden können. Ich
erwähne dies nur um zu zeigen wie notwendig bei dem Zählen bestimmte Worte
für die Zahlen sind ohne aber deshalb selbst solche Worte einführen zu wollen
7 Weshalb Kinder nicht frühzeitiger zählen Den Kindern fehlen somit
entweder die Worte für die verschiedenen anwachsenden Zahlen oder sie vermögen
noch nicht zerstreute Vorstellungen in eine zu fassen sie zu ordnen und so im
Gedächtnis zu behalten wie es zum Rechnen nötig ist deshalb fangen sie erst
später zu zählen an und Kommen dabei nicht eher mit Sicherheit weiter als bis
sie einen genügenden Vorrat anderer Vorstellungen gesammelt haben So kann man
beobachten wie Kinder oft ganz gut sprechen Gründe aufstellen und klare
Vorstellungen von Vielerlei haben können ohne doch bis zwanzig zählen zu
können Manche können selbst ihr ganzes Leben lang aus Mangel an Gedächtnis
für das Behalten der verschiedenen Zahlverbindungen und deren Namen und für die
Abhängigkeit langer Zahlenreihen und deren Verhältnisse zu einander nicht
rechnen lernen und über eine mäßige Reihe von Zahlen nicht hinauskommen Denn
wer bis 20 zählen und eine Vorstellung von ihr haben will muss wissen dass die
19 vorhergeht und die Namen und Zeichen aller vorhergehenden kennen ist hier
ein Mangel so tritt eine Kluft ein die Kette bricht und das Zählen stockt Zu
dem richtigen Rechnen gehört also 1 dass man zwei Vorstellungen, die nur durch
das Mehr oder Weniger einer Eins unterschieden sind genau auffassen könne 2
dass man die Namen und reichen der verschiedenen Zahlverbindungen von der Eins
bis zu dieser Zahl im Gedächtnis habe und zwar nicht durcheinander sondern
genau in der Ordnung in der die Zahlen sich folgen Fehlt es an einer dieser
beiden Bedingungen so ist das Zählen gestört und es kommt dann nur zu der
verworrenen Vorstellung einer Menge ohne dass die zum genauen Zählen
erforderlichen Vorstellungen erlangt werden
8 Die Zahl misst alles Messbare Die Zahl hat die weitere Eigenschaft
dass man von ihr bei allen messbaren Dingen Gebrauch macht namentlich für Raum
und Zeit Selbst die Unendlichkeit von beiden scheint nur die Unendlichkeit der
Zahl zu sein da die Vorstellungen von Ewigkeit und Unermesslichkeit nur die
wiederholten Hinzuzufügen bestimmter Theile der Dauer oder Ausspannung in
Verbindung mit der Unendlichkeit der Zahl sind wobei man mit diesem Hinzufügen
zu keinem Ende kommen kann Die Zahl ist es wie klar erhellt welche vor allen
andern Vorstellungen uns mit einem so unerschöpflichen Vorrat versieht Mag
Jemand eine noch so große Zahl aufsammeln so vermindert diese Menge wenn sie
auch noch so groß ist nicht im Mindesten die Macht sie zu vermehren und
erschöpft nicht im Mindesten den Vorrat an Zahlen bei dem immer noch so viel
zur Hinzufügung übrig bleibt als wenn gar keine hinweggenommen worden wäre
Diese endlose Vermehrung oder Vermehrbarkeit wenn man letzteres Wort vorzieht
der Zahlen, die so klar hervortritt dürfte die klarste und deutlichste
Vorstellung von der Unendlichkeit geben von welcher das folgende Kapitel
handeln wird
1 Ursprünglich hat man die Unendlichkeit nur dem Raume der Zeit und der
Zahl beilegen wollen Um die mit Unendlichkeit bezeichnete Vorstellung am
besten kennen zu lernen hat man auf die Dinge zu achten denen dieses Wort
beigelegt wird und darauf wie die Seele zur Bildung dieser Vorstellung
veranlasst wird Endlich und unendlich werden von der Seele als Besonderungen
der Größe genommen und zunächst in ihrer ersten Bedeutung nur den Dingen
beigelegt welche aus Teilen bestehen und durch Abnahme oder Hinzufügung
selbst des kleinsten Theiles der Verminderung oder Vergrößerung fähig sind
Dies sind die in den frühem Kapiteln betrachteten Vorstellungen des Raumes, der
Dauer und der Zahl Allerdings ist der große Gott aus dem und von dem alle
Dinge sind unbegreiflichunendlich dessenungeachtet legt man diesem ersten und
höchsten Wesen nach unserm schwachen und beschränkten Denken die Unendlichkeit
zunächst in Bezug auf seine Dauer und Allgegenwart bei mehr figürlich geschieht
es bei seiner Macht Weisheit Güte und seinen übrigen Eigenschaften die
eigentlich unerschöpflich und unerfassbar sind Denn wenn diese unendlich
genannt werden, so hat man nur diejenige Unendlichkeit dabei im Sinne die
nachahmend sich darauf bezieht dass die Zahl und Ausdehnung der Handlungen
oder der Gegenstände von Gottes Macht Weisheit und Güte jede ihr beizulegende
Größe und Menge übersteigt wenn man sie auch in Gedanken so oft vermehrt als
die Unendlichkeit der endlosen Zahl gestattet Ich masse mir nicht an
anzugeben wie diese Eigenschaften in Gott bestehen denn es geht über das
Bereich unserer eingeschränkten Vermögen sie enthalten sicherlich in sich alle
Vollkommenheit allein nur auf diesem Wege kann man sie begreifen und nur so
sind unsere Vorstellungen von ihrer Unendlichkeit
2 Die Vorstellung des Endlichen wird leicht erlangt Wenn demnach das
Endliche und Unendliche von der Seele nur als Besonderungen der Ausspannung und
der Dauer behandelt werden so fragt es sich zunächst wie die Seele zu diesen
Besonderungen kommt Für das Endliche ist dies nicht schwierig Die
augenfälligen Stücke des Raumes, welche die Sinne wahrnehmen bringen die
Vorstellung des Endlichen gleichzeitig in die Seele und die gewöhnlichen
Zeitabschnitte womit gemessen wird wie Stunden Tage und Jahre sind begrenzte
Größen Die Schwierigkeit besteht nur darin wie man zu den grenzenlosen
Vorstellungen der Ewigkeit und Unermesslichkeit kommt da die Gegenstände mit
denen man verkehrt weit hinter einer Annäherung oder einem Verhältnis zu
solcher Größe zurückbleiben
3 Wie man zu der Vorstellung des Unendlichen gelangt Wenn man die
Vorstellung eines Fußes hat so kann man sie verdoppeln und so die eine
Vorstellung von 2 Fuß gewinnen und durch Hinzufügung eines dritten Fußes die
von 3 Fuß usw ohne dass man bei diesem Hinzufügen an ein Ende kommt Dies
gilt ebenso für jede andere Länge wie die Meile den Erddurchmesser den
Durchmesser der Welt wenn ein solcher noch verdoppelt oder sonst in Gedanken
vervielfacht wird so ist doch selbst dann wenn man mit dieser Verdoppelung so
lange als man will fortfährt und die Vorstellung so groß als möglich macht
deshalb kein Grund da damit anzuhalten vielmehr ist man dann dem Ende der
Vermehrung nicht näher als bei dem Beginne Indem so die Kraft den Raum in
Gedanken noch grösser zu machen immer bleibt so bildet sich daraus die
Vorstellung des unendlichen Raumes
4 Unsere Vorstellung des Raumes hat keine Grenzen Auf diese Weise
gelangt man zur Vorstellung des unendlichen Raumes Eine ganz andere Frage ist
es ob die Seele damit die Vorstellung eines wirklich bestehenden unendlichen
Raumes erlangt denn unsere Vorstellungen sind nicht immer ein Beweis dass das
Vorgestellte besteht indes möchte ich bei dieser Gelegenheit doch sagen dass
wir uns vorstellen können dass der Raum selbst unendlich ist die Vorstellung
von Raum oder Ausspannung leitet ganz von selbst dazu hin Mag man sie nur als
Ausdehnung des Stoffes oder als für sich und ohne Erfüllung bestehend ansehen
denn von solchem leeren Räume hat man nicht bloß die Vorstellung, sondern ich
habe auch aus der Bewegung der Körper dessen Wirklichkeit bewiesen so kann man
doch keine Grenze desselben auffinden und in der Vermehrung des Raumes auf kein
Hemmnis stoßen wenn man sie auch noch so weit in Gedanken fortsetzt Keine
körperliche Schranke selbst kein diamantener Wall vermag die Seele in ihrer
fortgehenden Ausdehnung vom Räume aufzuhalten Dergleichen dient eher diese
Ausdehnung zu erleichtern und zu verstärken denn so weit der Stoff reicht so
weit reicht auch die Ausdehnung, und ist man zu dem letzten Ende des Stoffes
gelangt was könnte da einen Halt setzen oder die Seele glauben machen sie sei
am Ende des Raumes, da sie nichts der Art bemerkt ja sie sieht dass selbst der
Stoff sich darin bewegen kann Denn wenn zur Bewegung der Körper ein leerer Raum
zwischen den Körpern gehört sei er auch noch so klein und wenn die Körper sich
nur in oder durch diesen leeren Raum bewegen können ja wenn jeder Stoffteil
sich nur in einem leeren Raum bewegen kann so ist es klar und überzeugend dass
die Möglichkeit der Bewegung der Körper in einem leeren Raum jenseits der
äußersten Grenzen des Stoffes dieselbe bleibt als in dem zwischen den Körpern
befindlichen leeren Räume denn die Vorstellung des leeren und reinen Raumes
bleibt dieselbe innerhalb der Körper wie jenseits allen Stoffes der Unterschied
liegt nicht in der Sache sondern in der Masse nichts kann den Körper an der
Bewegung auch jenseits des äußersten Stoffes hindern Mag man sich also in
Gedanken unter die Körper oder fern von ihnen stellen so findet man doch in
dieser einförmigen Vorstellung des Raumes keine Grenze und kein Ende und so
muss man notwendig schließen dass der Raum vermöge der Natur und Vorstellung
jedes Theiles desselben wirklich unendlich ist
5 Auch die Vorstellung der Dauer hat keine Grenzen So wie man also
durch das Vermögen eine Raumgröße so oft man will zu wiederholen die
Vorstellung der Unermesslichkeit erlangt ebenso kommt man durch die wiederholte
Hinzufügung einer Zeitgröße und der endlosen Vermehrung der Zahl zur
Vorstellung der Ewigkeit Man bemerkt dass man auch bei der Zeit wie bei der
Zahl kein Ende erreichen kann und Jeder kann die Erfahrung davon an sich
selbst machen Aber auch hier tritt die von unserer Vorstellung der Ewigkeit
verschiedene Frage auf ob es ein wirkliches Wesen gibt dessen Dauer ewig
bestanden hat In Bezug hierauf meine ich dass, wenn man jetzt Etwas als
daseiend anerkennt man auch notwendig ein Ewiges anerkennen muss Ich habe
indes hierüber an einem andern Orte mich ausgesprochen und gehe deshalb ohne
Weiteres zu einigen weiteren Betrachtungen der Vorstellung von der Ewigkeit
über
6 Weshalb andere Vorstellungen der Unendlichkeit nicht fähig sind Ist
es richtig dass die Vorstellung der Ewigkeit durch unser Vermögen
Vorstellungen ohne Ende an einander zu fügen erlangt wird so entsteht die
Frage weshalb man nicht auch anderen Vorstellungen neben denen des Raumes Und
der Dauer die Unendlichkeit zuteilt Denn sie können ja ebenso oft wie jene in
Gedanken wiederholt werden und dennoch spricht Niemand von einer unendlichen
Süße von einem unendlichen Weißen obgleich man beide ebenso oft wie die
Vorstellungen einer Elle oder eines Jahres wiederholen kann Ich antworte
darauf dass alle Vorstellungen, die Theile enthalten und der Vermehrung durch
gleiche oder kleinere Theile fähig sind die Vorstellung der Unendlichkeit
herbeiführen indem dieses endlose Vermehren zu einer Ausdehnung führt die kein
Ende haben kann Bei andern Vorstellungen verhält es sich aber nicht so denn
wenn ich zu der möglichstgrößten Vorstellung von Raum oder Zeit die ich jetzt
habe nur das Geringste hinzufüge so wird sie grösser während die
vollkommenste Vorstellung des weißesten Weißen durch die Hinzufügung von etwas
weniger oder von gleichem Weißen denn von einer größeren Weiße als ich sie
habe kann ich nichts hinzufügen nicht grösser oder ausgedehnter wird Deshalb
heißen die verschiedenen Vorstellungen des Weißen usw Grade Denn die aus
Teilen bestehenden Vorstellungen sind allein fähig durch Hinzufügung des
kleinsten Theiles vermehrt zu werden nimmt man aber die Vorstellung von Weiß,
welche zB eine Fläche Schnee gestern gewährte und eine andere solche
Vorstellung von einer andern Fläche Schnee den man heute sieht und fügt man
sie zusammen so werden sie gleichsam Eins und laufen zusammen ohne dass die
Vorstellung des Weißen gewachsen ist fügt man aber ein geringeres Weiß zu
einem stärkeren so wird letzteres nicht grösser sondern nimmt an Weiße ab
Diese nicht aus Teilen bestehenden Vorstellungen können nicht beliebig
verstärkt und über das Wahrgenommene hinaus nicht höher gespannt werden dagegen
lassen der Raum die Dauer und die Zahl weil sie durch Wiederholung sich
vermehren in der Seele die Vorstellung eines endlosen Platzes für Mehr
ebensowenig kann man sich ein Hindernis gegen die weitere Vermehrung und den
Fortschritt vorstellen und deshalb führen diese Vorstellungen allein die Seele
zu dem Gedanken der Unendlichkeit
7 Der Unterschied zwischen der Unendlichkeit des Raumes und dem
unendlichen Raume Wenngleich die Vorstellung der Unendlichkeit aus dem Begriff
der Größe und aus der endlosen Vermehrung entspringt welche die Seele mit der
Größe vornehmen kann indem sie sie so oft wiederholt als es ihr beliebt so
würde es doch in unserem Denken große Verwirrung anrichten wenn man die
Unendlichkeit mit irgend einer von der Seele vorgestellten Größe verbinden
wollte und wenn man über eine unendliche Größe spräche und nachdächte dh
über einen unendlichen Raum oder eine unendliche Dauer Denn unsere Vorstellung
der Unendlichkeit ist eine endlos wachsende Vorstellung wenn man daher zu einer
Größe welche die Seele zu einer Zeit sich bestimmt vorstellt die mag sie so
groß sein als sie will nicht grösser werden kann, als sie ist die
Unendlichkeit hinzufügt so ist dies so als wenn man einer zunehmenden Masse
ein Maß anfügen wollte Es ist deshalb keine nutzlose Spitzfindigkeit wenn
ich verlange dass man genau zwischen der Unendlichkeit des Raumes und einem
unendlichen Räume unterscheide erstere ist nur ein angenommener endloser
Fortgang der Seele über irgend welche wiederholte Vorstellungen von Raum sollte
aber die Seele wirklich die Vorstellung des unendlichen Raumes haben so müsste
sie wirklich schon alle jene wiederholten Vorstellungen des Raumes durchgegangen
sein und übersehen obgleich bei einer endlosen Wiederholung diese ich ihr
niemals bieten kann da es einen klaren Widersprach enthält
8 Man hat keine Vorstellung des unendlichen Raumes Betrachtet man dies
in Zahlen so wird es etwas deutlicher werden Die Unendlichkeit der Zahlen, die
man durch keine Vermehrung erreichen kann ist leicht zu fassen allein so klar
diese Vorstellung auch ist so verkehrt ist doch die Annahme einer wirklichen
Vorstellung der unendlichen Zahl denn jedwede bejahende Vorstellung von Raum
Dauer oder Zahl die man in seiner Seele hat bleibt wenn sie auch noch so
groß ist endlich und wenn man einen unerschöpflichen Rest annimmt von dem
man alle Schranken beseitigt und worin das Denken sich ohne Ende ergehen kann
ohne dass man die Vorstellung je vollenden kann so hat man die menschliche
Vorstellung der Unendlichkeit Sie erscheint zwar ziemlich klar wenn man nur
auf die Verneinung des Endes in ihr sieht allein wollte man die Vorstellung
eines unendlichen Raumes oder einer solchen Dauer sich machen so würde diese
Vorstellung sehr dunkel und verworren bleiben da sie aus zwei sehr
verschiedenen wenn nicht unverträglichen Stücken gebildet wäre Sobald man die
Vorstellung von einer auch noch so großen Ausdehnung oder Dauer bildet so wird
offenbar die Seele damit fertig und kommt zum Abschluss allein dies
widerspricht der Vorstellung des Unendlichen die gerade in einem endlosen
Fortgehen besteht Deshalb entstehen so leicht Verwirrungen wenn man über die
unendliche Ausdehnung und Dauer sich in Streit und Ausführungen einlässt Indem
die Unverträglichkeit der Stücke aus denen diese Vorstellung besteht nicht
eingesehen wird gerät man mit den aus einer Seite derselben gezogenen
Folgerungen in Verwickelung mit den aus der andern ebenso würde die Vorstellung
einer nicht vorwärts kommenden Bewegung Jeden der aus ihr etwas Weiteres
ableiten wollte in Verlegenheit bringen denn sie ist dasselbe wie eine
Bewegung in Ruhe Ganz so verhält es sich mit der Vorstellung eines unendlichen
Raumes oder was dasselbe ist) einer unendlichen Zahl die Seele soll dabei eine
abgeschlossene Vorstellung von Raum und Zahl wirklich haben und zugleich auch
die von einem Raum oder einer Zahl die sich in einer unendlichen Zunahme
befinden welche die Seele nie befassen kann Denn so groß auch die Vorstellung
von einem Räume ist so ist sie doch nicht grösser als wie man sie in diesem
Augenblicke hat obwohl man sie in dem nächsten Augenblick verdoppeln und damit
ohne Ende fortfahren kann Nur das ist unendlich was keine Grenzen hat und nur
die Vorstellung ist die der Unendlichkeit in welcher das Denken kein Ende
finden kann
9 Die Zahl gewährt die klarste Vorstellung der Unendlichkeit Wie
gesagt gewährt die Zahl vor allen andern Vorstellungen die klarste und
bestimmteste Vorstellung der Unendlichkeit deren der Mensch fähig ist Selbst
beim Räume und der Dauer macht man in Verfolgung der Vorstellung der
Unendlichkeit von den Vorstellungen und Wiederholungen der Zahlen Gebrauch zB
von Millionen und Millionen Meilen oder Jahren es sind dies bestimmte
Vorstellungen, die durch die Zahl vor dem Zusammenfließen in einen verworrenen
Haufen worin die Seele sich verliert geschützt werden Hat man so viel
Millionen als man Lust hat von bekannten Raum oder Zeitgrößen an einander
gelegt so ist die klarste Vorstellung, die man von der Unendlichkeit gewinnt
der verworrene und unbegreifliche Überrest endloser noch hinzuzunehmender
Zahlen bei welchem sich kein Halt und keine Grenze zeigt
10 Die Unterschiede in den Vorstellungen der Unendlichkeit der Zahl der
Dauer und der Ausdehnung.) Unsere Vorstellung von der Ewigkeit wird etwas mehr
Licht gewinnen und sich nur als die auf bestimmte Arten von Vorstellungen
angewandte Unendlichkeit der Zahl ergeben wenn man erwägt dass die Zahl nicht
allgemein wie die Dauer und die Ausdehnung, als unendlich vorgestellt wird
Dies kommt daher dass man bei der Zahl auf der einen Seite gleichsam ein Ende
hat denn bei der Zahl gibt es nichts Geringeres als die Eins hier hält man an
und ist zu Ende nur in dem Zusetzen und Vermehren der Zahl kann keine Grenze
gezogen werden Die Zahl gleicht daher einer Linie die bei uns auf einer Seite
endet während sie auf der andern Seite sich ohne alles Ende ausdehnt Bei der
Dauer und dem Räume ist dies aber nicht so da man bei der Dauer diese Linie
nach beiden Seiten als ohne Ende fortlaufend auffasst Jedermann wird dies
bemerken sobald er nur über seine Vorstellung von der Ewigkeit nachdenkt er
wird dann finden dass sie nur die Unendlichkeit der Zahl nach beiden Richtungen
ist a parte ante und a parte post wie man sagt Betrachtet man die Ewigkeit a
parte ante so tut man nichts Anderes, als dass man von der jetzigen Zeit ab
nach rückwärts in Gedanken die Vorstellungen vergangener Jahre oder anderer
erheblicher Zeiträume mit der Absicht wiederholt dabei mit diesem Wiederholen
bis zu der Unendlichkeit der Zahl fortzufahren Und betrachtet man die Ewigkeit
a parte post so beginnt man ebenso von sich selbst und rechnet durch Vermehrung
der Perioden nach der kommenden Zeit zu indem man die Reihe der Zahlen ebenso
wie vorher ohne Ende ausdehnt Setzt man dann diese beiden Dinge zusammen so
hat man die unendliche Dauer welche man Ewigkeit nennt Sowohl rückwärts als
vorwärts erscheint sie als unendlich weil man das unendliche Ende der Zahl
dh das Vermögen ohne Ende zu vermehren dabei nach beiden Richtungen wendet
11 Dasselbe gilt für den Raum man betrachtet sich selbst dabei wie in
dem Mittelpunkte und verfolgt nach allen Richtungen diese endlosen Zahlreihen
man rechnet dabei von sich entweder nach Ellen oder Meilen oder
Erddurchmessern oder Durchmessern unseres Sonnensystems mittelst der
Unendlichkeit der Zahl indem man den einen zu dem andern so oft man will
hinzufügt Dabei hat man ebensowenig einen Anlass dieser Vermehrung der
Raumvorstellung eine Grenze zu setzen wie der Vermehrung der Zahlen, und
dadurch gewinnt man die unbestimmbare Vorstellung der Unermesslichkeit
12 Die Teilbarkeit ohne Ende Auch bei einem Stoffe von irgend einer
Größe kann man im Denken zu keinem Ende seiner Teilbarkeit gelangen hier ist
also bei einem Gegenstande noch eine Unendlichkeit die auch die Unendlichkeit
der Zahl an sich hat nur wurde oben von der Hinzufügung der Zahlen Gebrauch
gemacht während diese Unendlichkeit einer Teilung der Eins in ihre Brüche
gleicht welche die Seele auch ohne Ende fortsetzen kann da diese Teilung in
Wahrheit nur in einer Vermehrung der Zahlen besteht Man kann weder durch
Vermehrung die bejahende Vorstellung eines unendlich großen Raumes erlangen
noch durch Teilung die bejahende Vorstellung eines unendlich kleinen Körpers
gewinnen unsere Vorstellung der Unendlichkeit möchte ich vielmehr eine Art
wachsende und zurückweichende Vorstellung nennen die stets in einem endlosen
Fortgange sich befindet und niemals anhalten kann
13 Es gibt keine bejahende Vorstellung der Unendlichkeit Man wird
nicht leicht Jemand treffen der verkehrter Weise behauptet er habe die
bejahende Vorstellung einer unendlichen Zahl da deren Unendlichkeit nur in dem
Vermögen liegt jeder Zahl neue Einheiten so lange und so viel man will
zuzufügen Dasselbe gilt auch für die Unendlichkeit des Raumes und der Dauer;
auch hier gewährt dieses Vermögen der Seele Raum für eine endlose Vermehrung
trotzdem bilden sich Manche ein eine bejahende Vorstellung von der unendlichen
Dauer und Ausdehnung zu haben Um eine solche Meinung zu widerlegen braucht man
einen Solchen nur zu fragen ob er diese seine Vorstellung vergrößern könne
oder nicht er wird dann leicht das Verkehrte einer solchen bejahenden
Vorstellung bemerken Man kann nur solche bejahende Vorstellungen von Raum und
Zeit haben die aus wiederholten Zahlen von Fußen oder Ellen oder Tagen und
Jahren gebildet und danach bemessen sind von welchen Maassen man die
Vorstellung in der Seele hat und nach denen man diese Art von Größen bemisst
Wenn daher eine unendliche Vorstellung des Raumes und der Zeit aus unendlichen
Teilen gebildet werden muss so kann sie nur die Unendlichkeit der Zahl haben
die immer der Vermehrung fähig bleibt und keine wirkliche bejahende Vorstellung
der unendlichen Zahl ist Es ist Klar dass die Zusammensetzung von endlichen
Dingen was alle Größen sind von denen man eine bejahende Vorstellung hat
niemals anders als wie bei der Zahl die Vorstellung des Unendlichen
hervorbringen kann und bei der Zahl beruht sie auf der Hinzurechnung von
endlichen Einheiten zu andern solchen die Vorstellung des Unendlichen wird hier
nur durch das Vermögen erlangt wodurch man jede Summe noch vermehren und
Gleiches hinzufügen kann ohne dadurch dem Ende eines solchen Verfahrens und
näher zu kommen
14 Der Beweis für die bejahende Natur solcher Vorstellung des Unendlichen
wird auf den blendenden Satz gestützt dass wenn die Verneinung des Endes eine
verneinende Vorstellung sei damit die Verneinung dieser Verneinung bejahend
werde Wer indes bedenkt dass das Ende eines Körpers die Oberfläche oder das
Äußere desselben ist wird nicht so leicht die Vorstellung des Endes als eine
bloß verneinende anerkennen und wer bemerkt dass das Ende seiner Feder schwarz
oder weiß ist wird das Ende für etwas mehr als eine bloße Verneinung halten
Ebenso ist das Ende bei der Dauer nicht die bloße Verneinung des Da ins
sondern eigentlich der letzte Augenblick desselben Selbst wer das Ende nur als
eine bloße Verneinung des Daseins nimmt wird doch den Anfang als den ersten
Augenblick des Daseins anerkennen müssen und wird ihn sich bei keinem
Gegenstande als bloße Verneinung denken können dann ist aber nach dessen
eignem Beweisgrunde die Vorstellung der Ewigkeit a parte ante oder der Dauer
ohne einen Anfang nur eine verneinende Vorstellung
15 Was bejahend und was verneinend in der Vorstellung des Unendlichen
ist Allerdings enthält die Vorstellung des Unendlichen bei allen Dingen
worauf man sie anwendet etwas Bejahendes Will man den unendlichen Raum oder
die unendliche Dauer sich vorstellen so bildet man zunächst eine sehr große
Vorstellung von vielleicht Millionen von Zeitaltern oder Meilen die man
möglicherweise noch ein oder mehrere Male verdoppelt Alles so in Gedanken
Zusammengebrachte ist bejahend und eine Anhäufung von einer großen Zahl
bejahender Raumoder Zeitvorstellungen Allein von dem Darüberhinausgehenden hat
man so wenig einen bestimmten bejahenden Begriff wie der Matrose von der Tiefe
des Meeres wenn er durch Herablassen des Senkbleies den Grand nicht erreichen
kann obgleich er weiß dass diese Tiefe viele Faden und noch mehr beträgt von
diesem Mehr hat er keine bestimmte Vorstellung Wenn er die Leine immer
verlängern und das Gewicht immer tiefer sinken lassen könnte so würde er wenn
dieses Sinken nicht nachließe sich in der Lage Dessen befinden der eine
vollständige und bejahende Vorstellung des Unendlichen zu erreichen sucht Mag
die Leine zehn oder tausend Faden lang sein so zeigt sie in beiden Fällen das
Darüberhinausgehende in gleicher Weise an in beiden Fällen gibt sie nur die
verworrene und bejahende Vorstellung dass diese Länge nicht Alles ist, sondern
man weiter gehen muss Soweit die Seele einen Raum befasst hat sie eine
bejahende Vorstellung versucht sie aber diese Vorstellung unendlich zu machen
so bleibt dieselbe da sie immer erweitert und vermehrt werden muss immer
unvollendet und unvollständig Der Teil des Raumes, den die Seele bei der
Betrachtung seiner Größe bestimmt übersieht ist ein klares Bild von bejahender
Natur im Verstande aber das Unendliche ist immer grösser denn 1 ist die
Vorstellung von so viel Raum bejahend und klar 2 ebenso ist die Vorstellung
des Größeren klar aber sie ist nur eine BeziehungsVorstellung dh die
Vorstellung eines solchen Größeren als man nicht befassen kann also offenbar
eine verneinende und keine blähende Vorstellung Niemand hat die bejahende klare
Vorstellung von der Größe einer Ausdehnung welche man bei der Vorstellung des
Unendlichen erstrebt wenn er nicht die zusammenfassende Vorstellung ihrer
Dimensionen hat und eine solche wird Niemand bei dem Unendlichen zu haben
behaupten Die bejahende Vorstellung einer Größe von der man nicht angeben
kann wie groß sie ist, ist nicht mehr als die bejahende klare Vorstellung von
der Zahl der Sandkörner an der Meeresküste bei der man nicht weiß wie viel es
sind sondern nur dass es mehr als zwanzig sind Man hätte dann auch von dem
unendlichen Raum und der Zeit dieselbe vollständige und bejahende Vorstellung
wenn man sagte sie seien grösser als die Ausdehnung oder Dauer von 10 100
1000 oder irgend einer andern Zahl von Meilen oder Jahren von denen man eine
bejahende Vorstellung besitzt Nur in dieser Weise kann das Unendliche
vorgestellt werden; das über die bejahende Vorstellung hinausliegende Stück der
Unendlichkeit liegt in der Dunkelheit und ist nur eine unbestimmte und
verworrene verneinende Vorstellung, in der ich alles dazu Nötige weder befasse
noch befassen kann da es für ein endliches und beschränktes Vermögen zu groß
ist Es muss daher eine Vorstellung noch weit von einer bejahenden fern sein
wenn der größte Teil dessen was in sie hineingehört unter der unbedeutenden
Andeutung eines immer noch Größeren ausgelassen werden muss Ist man bei der
Messung einer Größe so weit als möglich gegangen und doch noch nicht an das
Ende gelangt so ist dies nur ein Ausdruck dafür dass der Gegenstand noch
grösser ist Die Verneinung des Endes bei irgend einer Größe ist mit andern
Worten der Ausdruck dass sie grösser ist und die gänzliche Verneinung alles
Endes enthält nur dieses Grösser als fortwährend gegenwärtig wenn man auch in
Gedanken die Vermehrung noch so weit fortsetzt und dieses Grösser allen
Vorstellungen, die man von der Größe haben oder bilden kann hinzufügt
Hiernach mag Jeder urteilen ob eine solche Vorstellung als blähend gelten
könne
16 Man hat keine bejahende Vorstellung von einer unendlichen Dauer Ich
frage Den welcher eine bejahende Vorstellung von der Ewigkeit zu haben
behauptet ob seine Vorstellung die zeitliche Folge einschließt oder nicht
Sagt er Nein so muss er den Unterschied seines Begriffes von der Dauer in
Anwendung auf ein ewiges und auf ein endliches Wesen darlegen denn
wahrscheinlich werden hier Viele mit mir eingestehen dass ihr Verstand hierzu
zu schwach ist und dass ihr Begriff der Dauer sie nötigt anzuerkennen wie
Alles was Dauer hat heute von einer langem Zeitfolge ist als es gestern war
Will man um der Zeitfolge bei dem äußerlichen Dasein auszuweichen zu dem
punctum stans der Schulen zurückgehen so wird man die Sache damit wenig bessern
und zu keiner klarem und mehr bejahenden Vorstellung von der unendlichen Dauer
gelangen da dem Menschen nichts unbegreiflicher ist als eine Dauer ohne
zeitliche Folge Überdem ist dieses punctum stans wenn es überhaupt etwas
bedeutet keine Größe und deshalb gehört weder das Endliche noch das
Unendliche ihm an Kann daher unser schwacher Verstand die zeitliche Folge von
keiner Dauer abtrennen so kann unsere Vorstellung der Ewigkeit nur die von
einer unendlichen Folge von Augenblicken der Dauer sein während ein Ding
besteht Ob man aber von einer wirklich unendlichen Zahl eine bejahende
Vorstellung hat oder haben kann mag Derjenige erwägen der seine unendliche
Zahl so weit gebracht hat dass er sie nicht mehr vermehren kann Ich denke so
lange man sie noch vermehren kann wird man selbst diese Vorstellung zu knapp
für eine bejahende Unendlichkeit erachten
17 Wenn irgend ein vernünftiges Wesen sein eigenes oder eines Andern
Dasein prüft so wird es sicherlich den Begriff eines ewigen Wesens erreichen
das keinen Anfang hat ich habe wenigstens die Vorstellung von solch einer
unendlichen Dauer Allein diese Verneinung eines Anfangs ist nur die Verneinung
einer bejahenden Bestimmung und gibt mir kaum die bejahende Vorstellung der
Unendlichkeit vielmehr finde ich mich in Verlegenheit wenn ich versuche
meinen Gedanken so weit auszudehnen ich kann keine klare Vorstellung davon
gewinnen
18 Es gibt keine bejahende Vorstellung von dem unendlichen Raume Wer
die bejahende Vorstellung eines unendlichen Raumes zu haben meint wird bei
deren Betrachtung finden dass seine Vorstellung von dem größten Räume nicht
mehr bejahend ist als die von dem kleinsten Räume Denn wenngleich die letztere
leichter und mehr innerhalb unserer Fassungskraft zu liegen scheint so ist sie
doch immer nur eine BeziehungsVorstellung der Kleinheit die immer kleiner ist
als irgend eine bejahende Vorstellung eines kleinen Raumes denn alle unsere
Vorstellungen von irgend einer Größe mag sie klein oder groß sein haben
immer ihre Grenzen während jene BeziehungsVorstellung welcher man entweder
immer noch etwas zusetzen oder abnehmen kann keine Grenze hat da das noch
übrig bleibende Größe oder Kleine was die bejahende Vorstellung nicht
mitbefasst in der Dunkelheit liegt Die Vorstellung desselben ist nur die dass
man ohne Ende die eine vermehren und die andere vermindern kann Eine Keule und
ein Mörser würden einen Stoffteil ebenso schnell zur Unteilbarkeit bringen
wie der schärfste Gedanke eines Mathematikers und ein Feldmesser würde mit
seiner Kette diesen unendlichen Raum ebenso schnell ausmessen wie der Philosoph
es mit dem schnellsten Flug seiner Gedanken vermag oder durch Denken ihn
befassen kann dies will die bejahende Vorstellung sagen Die Vorstellung eines
Würfels von einem Zoll Länge ist klar und deutlich und man kann davon die
Vorstellung der Hälfte des Viertels des Achtels bilden bis man zu der von
etwas sehr Kleinem gelangt allein damit hat man keineswegs die Vorstellung der
unfassbaren durch Teilung hervorzubringenden unendlichen Kleinheit erreicht
Man ist dann immer noch so weit als wie im Beginn davon entfernt und deshalb
erlangt man niemals die klare bejahende Vorstellung jenes Kiemen welches sich
aus der endlosen Teilbarkeit ergibt
19 Das Bejahende und Verneinende in der Vorstellung des Unendlichen
Wer auf die Unendlichkeit ausgeht macht sich wie gesagt bei dem ersten
Beginnen eine sehr große Vorstellung von Raum oder Zeit worauf er jene dann
anwendet allein er kommt damit dem Besitz einer klaren bejahenden Vorstellung
von dem nicht näher was noch zu der bejahenden Unendlichkeit gehört so wenig
wie der Bauer mit seiner Vorstellung des Wassers was in dem Kanal an dem er
stand immer noch ablaufen und hinzukommen sollte
»Der Bauer will das Verschwinden des Flusses abwarten allein dieser fließt
und wird flüchtig in alle Ewigkeit fließen«
20 Manche meinen eine bejahende Vorstellung von der Ewigkeit aber nicht
von dem unendlichen Raume zu haben Ich habe Personen getroffen welche
zwischen unendlicher Dauer und unendlichem Räume einen Unterschied zogen und
meinten sie hätten eine bejahende Vorstellung von der Ewigkeit aber nicht von
dem unendlichen Räume von dem man keine haben könne Der Grund dieses
Missverständnisses mag darin liegen dass eine richtige Betrachtung der Ursachen
und Wirkungen zur Annahme eines ewigen Wesens führt dessen wirkliches Dasein
daher ihrer Vorstellung von der Ewigkeit entnommen und ihr entsprechend ist
dagegen finden sie auf der andern Seite es nicht notwendig vielmehr offenbar
verkehrt den Stoff für unendlich anzunehmen und sie folgern deshalb dreist
dass sie keine Vorstellung von dem unendlichen Räume haben können weil sie
keine Vorstellung von einem unendlichen Stoff haben können Allein dieser
Schluss ist sehr bedenklich da der Raum von dem Stoffe so wenig wie die Dauer
von der Bewegung oder von der Sonne bedingt ist obgleich sie danach gemessen
wird Man kann deshalb ebenso gut die Vorstellung eines Vierecks von 10000
Meilen haben ohne die eines so großen Körpers wie die: Vorstellung von 10000
Jahren ohne die eines so alten Körpers Die Vorstellung eines von Stoff leeren
Raumes scheint mir so leicht wie die von dem Rauminhalt eines Scheffels ohne
Korn darin und von der Höhlung einer Nussschale ohne Kern Es folgt deshalb das
Dasein: eines unendlich ausgedehnten Körpers aus unsrer Vorstellung eines
unendlichen Raumes so wenig wie die Ewigkeit der Welt aus unsrer Vorstellung
von der unendlichen Dauer Weshalb sollte auch unsere Vorstellung des
unendlichen Raumes das wirkliche Dasein eines sie stützenden Stoffes erfordern
da mau doch die klare Vorstellung der zukünftigen wie der vergangenen
unendlichen Dauer haben kann obgleich Niemand behaupten wird dass in dieser
kommenden Zeit schon ein Ding besteht oder bestanden habe Die Vorstellung der
kommenden Zeit lässt sich mit einem gegenwärtigen oder vergangenen Dasein so
wenig verbinden als sich die Vorstellung von Gestern Heute und Morgen zu ein
und derselben machen lässt oder als aus zukünftigem oder Vergangenem ein
Gegenwärtiges gemacht werden kann. Meint man dass man eine klarere Vorstellung
von der unendlichen Dauer als von dem unendlichen Räume habe weil Gott
unzweifelhaft in dieser Ewigkeit bestanden habe während kein wirklicher
Gegenstand gleichzeitig den unendlichen Raum ausfülle so muss man dann auch
jenen Philosophen welche den unendlichen Raum durch Gottes Allgegenwart ebenso
ausgefüllt annehmen wie die unendliche Zeit durch sein unendliches Dasein
zugestehen dass sie eine ebenso klare Vorstellung von dem unendlichen Räume wie
von der unendlichen Zeit haben obgleich wohl Keiner von Beiden eine bejahende
Vorstellung beider Unendlichkeiten haben wird denn jedwede bejahende
Vorstellung einer Größe kann wiederholt und der frühem so leicht zugesetzt
werden als man die Vorstellungen von zwei Tagen oder zwei Schritten verbindet
welche bejahende Vorstellungen von Glossen sind und dieses Vermehren kann
beliebig fortgesetzt werden hätte also Jemand die bejahende Vorstellung einer
unendlichen Dauer oder Ausdehnung so konnte er zwei solche unendlichen Dinge
zusammenfügen ja das eine Unendliche grösser als das andere machen welche
Widersinnigkeiten keiner Widerlegung bedürfen
21 Die angeblichen bejahenden Vorstellungen der Unendlichkeit sind der
Anlass zu Irrtümern Wenn nach alledem dennoch Menschen dabei beharren dass
sie die klare bejahende und umfassende Vorstellung des Unendlichen besitzen so
mögen sie sich dieses Vorrechtes erfreuen und ich werde mich sehr freuen mit
Anderen, die diese Vorstellung geständlich nicht haben wenn ihre Mittheilungen
mich eines Bessern belehren Bisher habe ich die großen und unlösbaren
Schwierigkeiten die sich bei allen Erörterungen über die Unendlichkeit von
Raum Dauer und Teilbarkeit ergeben als das sichere Zeichen eines Mangels in
unsern Vorstellungen von der Unendlichkeit und des Missverhältnisses gehalten
welches zwischen der Natur dieser Vorstellung und unserm beschränkten
Fassungsvermögen besteht Wenn man über den unendlichen Raum und die Dauer so
spricht und streitet als hätte man von derselben die gleich klare und bejahende
Vorstellung wie von einer Elle einer Stunde oder einer andern bestimmten
Größe so muss natürlich die unfassbare Natur des behandelten Gegenstandes in
Verlegenheiten und Widersprüche verwickeln und der Geist muss durch ein Ding
erdrückt werden das für seinen Überblick und seine Behandlung zu groß und
gewaltig ist
22 Alle diese Vorstellungen kommen aus der Sinnes und Selbstwahrnehmung
Wenn ich etwas länger bei der Betrachtung von Dauer Raum und Zahl und der
daraus hervorgehenden Unendlichkeit verweilt habe so erforderte dies der
Gegenstand; denn es gibt kaum eine andere einfache Vorstellung deren
Besonderungen das Denken so wie diese in Anspruch nehmen Ich will nicht
behaupten dass ich den Gegenstand erschöpft habe es genügt mir wenn ich
gezeigt habe dass die Seele sie so wie sie sind durch die Sinnes und
Selbstwahrnehmung empfangt und dass selbst die Vorstellung der Unendlichkeit
trotz ihres scheinbar weiten Abstandes von jedem sinnlichen Gegenstände und
jeder Tätigkeit der Seele dennoch ebenso wie alle andern Vorstellungen nur
dort ihren Ursprung hat Vielleicht führen Mathematiker deren Forschungen
weiter gegangen sind die Vorstellungen der Unendlichkeit in anderer Weise in
die Seele ein allein trotzdem haben sie ebenso wie Andere ihre ersten
Vorstellungen von Unendlichkeit in der hier beschriebenen Weise durch Sinnes
und Selbstwahrnehmung erlangt
1 Die Besonderungen der Bewegung.) In den frühem Kapiteln habe ich
gezeigt wie die Seele vermittelst der durch Wahrnehmung empfangenen einfachen
Vorstellungen dahin kommt sich bis zur Unendlichkeit auszudehnen Obgleich
diese allen sinnlichen Auffassungen am fernsten zu stehen scheint ist ihr
Inhalt doch nur aus einfachen Vorstellungen gebildet welche die Seele durch die
Sinne empfangen und dann durch ihr Vermögen die eigenen Vorstellungen zu
wiederholen zusammengesetzt hat Diese bisher behandelten Besonderungen
einfacher sinnlicher Vorstellungen dürften vielleicht zur Darlegung wie man zu
ihnen gelangt hinreichen indes will ich in Innehaltung meines Verfahrens noch
einige andere aber nur kurz behandeln und dann zu den zusammengesetztem
Vorstellungen übergehen
2 Das Rutschen Rollen Taumeln Gehen Kriechen Laufen Tanzen
Springen Hupfen und vieles Andere was ich nennen könnte sind Worte bei deren
Hören wenn man die Sprache versteht man sofort in seiner Seele bestimmte
Vorstellungen hat welche sämtlich nur verschiedene Besonderungen der Bewegung
sind Die Besonderungen der Bewegung entsprechen denen der Ausdehnung; Schnell
und Langsam sind zwei verschiedene Vorstellungen der Bewegung, deren Maß aus
der Verbindung der verschiedenen Zeiten und Ausdehnungen entnommen wird es sind
deshalb Vorstellungen, die aus Zeit Raum und Bewegung zusammengesetzt sind
3 Besonderungen des Tones Die gleiche Mannigfaltigkeit zeigt sich bei
den Tönen Jedes artikulierte Wort ist eine Besonderung des Tones vermittelst
des Gehörs wird die Seele durch solche Besonderungen mit einer Mannigfaltigkeit
von Vorstellungen ohne Ende versorgt Auch werden die Töne abgesehen von den
verschiedenen Lauten der Vögel und vierfüßigen Tiere durch die verschiedene
Höhe und Tiefe und deren Verbindung besondert daraus entstehen die
zusammengesetzten Vorstellungen der musikalischen Töne die ein Musiker auch
ohne einen Ton zu hören oder erklingen zu machen in seiner Seele hat und durch
Richtung seiner Aufmerksamkeit auf diese Töne dann in seiner Phantasie im
Stillen verbindet
4 Besonderungen der Farbe Auch die Besonderung der Farben ist äußerst
mannichfach manche gelten als die verschiedenen Grade oder Schattierungen ein
und derselben Farbe Doch stellt man Farben selten allein zu einem Zweck oder
Genuss zusammen sondern man nimmt die Gestalt hinzu wie dies bei dem Malen
Weben Sticken usw der Fall ist. Deshalb gehören die hie vorkommenden
Vorstellungen meist zu den gemischten Besonderungen die aus verschiedenen Arten
sich bilden wie aus Gestalt und Farbe zB die Schönheit der Regenbogen
usw
5 Die Besonderungen des Geschmacks Alle gemischten Geschmäcke und
Gerüche sind Besonderungen der einfachen Vorstellungen dieser Sinne Da indes
für die meisten die besonderen Worte fehlen so werden sie weniger beachtet und
können schriftlich nicht bezeichnet werden ich muss sie deshalb auch ohne
weitere Aufzählung dem Denken und der Erfahrung meiner Leser anheimgeben
6 Manche einfache Besonderungen haben keine Namen Im Allgemeinen haben
die einfachen Besonderungen die als die verschiedenen Grade derselben einfachen
Vorstellung gelten trotzdem dass sie sehr unterschieden von einander sind doch
keine besonderen Namen und man achtet auf sie als besondere Vorstellungen dann
nur wenig wenn der Unterschied derselben gering ist Ich überlasse dem Leser
die Entscheidung ob man diese Besonderungen deshalb vernachlässigt und ohne
Namen gelassen hat weil man kein Maß zu ihrer genauen Unterscheidung hatte
oder weil trotz einer solchen Unterscheidung von ihrer Kenntnis kein
allgemeiner und notwendiger Gebrauch gemacht werden konnte Für meinen Zweck
genügt die Darlegung dass alle unsere einfachen Vorstellungen nur durch
Sinnes und Selbstwahrnehmung in die Seele gelangen und dass wenn die Seele sie
gewonnen hat sie dieselben in mannigfacher Weise wiederholen und verbinden und
so neue zusammengesetzte Vorstellungen bilden kann Wenn indes auch Weiß Roth
oder Süß usw nicht besondert und nicht zu zusammengesetzten Vorstellungen
mannichfach in der Art verbunden worden sind, dass letztere besondere Namen
erhalten hätten und zu besonderen Arten geordnet worden wären so sind doch
andere einfache Vorstellungen wie die oben erwähnten der Einheit, der Dauer,
der Bewegung usw desgleichen die der Kraft und des Denkens, besondert und zu
mannichfachen zusammengesetzten Vorstellungen verbunden worden denen auch
besondere Namen gegeben worden sind.
7 Weshalb manche Besonderung einen Namen erhalten hat und andere nicht
Der Grund davon mag wohl der sein dass bei dem großen Interesse was der
Mensch für seine Nebenmenschen mit denen er lebt bat die Kenntnis des
Menschen und seines Handelns und die gegenseitige Mittheilung davon ihm am
notwendigsten ist Deshalb wurden Worte selbst für die feinem Besonderungen des
Handelns gebildet und man gab diesen zusammengesetzten Vorstellungen Namen um
sich ihrer leichter zu erinnern und um ohne große Umwege und Umschreibungen
über diese täglich vorkommenden Dinge mit einander sprechen und über das
worüber man fortwährend Mittheilung zu machen oder zu empfangen hatte sich
leichter verständigen zu können Dass dem so ist und dass die Menschen bei
Bildung der mancherlei zusammengesetzten Vorstellungen und ihrer Namen durch den
allgemeinen Zweck der Sprache bestimmt worden sind der in einem möglichst
kurzen und schnellen Mittel für die Mittheilung der Gedanken besteht erhellt
klar aus den Namen in den mancherlei Künsten welche Namen für die verschiedenen
zusammengesetzten Vorstellungen der besonderen darin vorkommenden Verrichtungen
zur schnellem Bezeichnung derselben behufs ihrer Leitung und Besprechung
erfunden worden sind; denn von Menschen die sich mit dergleichen nicht
beschäftigen werden auch solche Vorstellungen nicht gebildet und deshalb
werden auch die Worte dafür von den meisten Menschen obgleich sie dieselbe
Sprache sprechen nicht verstanden So sind zB Entkohlen Anschweißen
Filtrieren doppeltes Filtrieren Worte für gewisse zusammengesetzte Vorstellungen,
die nur bei den wenigen Personen vorkommen deren besondere Beschäftigung sie
ihnen immer wieder zuführt und die deshalb nur von den Schmieden und Chemikern
verstanden werden denn nur diese haben die mit diesen Worten bezeichneten
Vorstellungen gebildet und ihnen Namen gegeben oder diesen Namen von Andern
angenommen Deshalb bilden sie beim Hören dieser Namen schnell diese
Vorstellungen in ihrer Seele zB bei der Refiltration alle die einfachen
Vorstellungen von Destillieren von dem Wiederaufgießen der destillierten
Flüssigkeit auf den gebliebenen Rest und von dem nochmaligen Destillieren Man
sieht also dass es für vielerlei einfache Vorstellungen im Schmecken und
Riechen und für deren noch zahlreichere Besonderungen keine Namen gibt Sie
sind entweder nicht allgemein genug bemerkt worden oder ihr Nutzen ist nicht so
erheblich um in den Geschäften und dem Verkehr der Menschen beachtet zu werden
deshalb haben sie keinen Namen erhalten und gelten nicht als besondere Arten Es
wird dies später noch ausführlicher zur Betrachtung kommen wenn ich zur
Untersuchung der Sprache gelangen werde
1 Sinneswahrnehmung Erinnerung Betrachtung usw Wenn die Seele
ihren Blick nach innen kehrt und ihr eigenes Thun betrachtet so ist das Denken
das Erste was sie trifft Sie bemerkt eine mannichfaltige Besonderung desselben
und erhält dadurch unterschiedene Vorstellungen So gewährt die Auffassung
welche tatsächlich jeden Eindruck eines äußern Gegenstandes auf den Körper
begleitet damit verbunden ist und sich von allen andern des Denkens
unterscheidet der Seele die besondere Vorstellung der Sinneswahrnehmung die
gleichsam der tatsächliche Eintritt einer Vorstellung durch die Sinne in den
Verstand ist Wenn dieselbe Vorstellung ohne die Wirksamkeit desselben
Gegenstandes auf die Sinne wiederkehrt so ist dies die Erinnerung wird von der
Seele nach ihr gesucht und sie nur mit Mühe und Anstrengung gefunden und wieder
gegenwärtig gemacht so ist dies das Besinnen wird sie dann lange unter
aufmerksamer Betrachtung festgehalten so ist dies die Überlegung Folgen sich
dagegen die Vorstellungen in der Seele ohne dass der Verstand darauf achtet
oder sie betrachtet so ist es das was die Franzosen rêverie nennen und wofür
im Englischen der rechte Name fehlt Wenn die auftretenden Vorstellungen denn
während des Wachens besteht wie ich anderwärts bemerkt habe ein fortwährender
Zog von einander in der Seele folgenden Vorstellungen beachtet und in das
Gedächtnis gleichsam eingeschrieben werden so ist dies die Aufmerksamkeit und
wenn die Seele mit vollem Ernst und absichtlich ihren Blick auf eine Vorstellung
heftet sie von allen Seiten betrachtet und sich durch das gewöhnliche Andrängen
anderer Vorstellungen nicht irre machen lässt so ist dies das angestrengte
Nachdenken oder Studieren Der Schlaf ohne Träume ist die Ruhe von alledem und
das Träumen ist ein Vorstellen in der Seele während die äußern Sinne
verschlossen sind so dass sie äußere Gegenstände nicht mit der gewöhnlichen
Schnelligkeit aufnehmen was nicht durch äußere Gegenstände oder bekannte
Veranlassungen unterhalten wird und überhaupt nicht unter der Auswahl und
Leitung des Verstandes steht Ob das was man Außersichsein nennt nicht ein
Träumen mit offenen Augen ist überlasse ich der Prüfung
2 Dies sind einige Beispiele von den mancherlei Besonderungen des
Denkens, welche die Seele in sich beobachtet und von denen sie daher ebenso
bestimmte Vorstellungen erlangt wie sie sie von dem Roth oder Weiß von dem
Viereck oder dem Kreise hat Ich habe nicht die Absicht diese Besonderungen
sämtlich aufzuzählen und ausführlich diese Reihe von Vorstellungen zu
behandeln welche durch Selbstwahrnehmung erlangt werden sie allein würden ein
Buch füllen Für meinen Zweck genügt der durch diese Beispiele geführte
Nachweis welcher Art diese Vorstellungen sind und wie die Seele zu ihnen
gelangt zumal ich später Gelegenheit haben werde ausführlicher über das
Beweisen Urteilen Wollen und Wissen zu handeln die zu den wichtigsten
Tätigkeiten der Seele und Besonderungen des Denkens gehören
3 Die verschiedene Aufmerksamkeit der Seele beim Denken Es wird wohl
erlaubt sein wenn ich hier mir eine kleine Abschweifung gestatte die dem
vorliegenden Gegenstand nicht ganz fremd ist wenn ich nämlich die verschiedenen
Seelenzustände während des Denkens betrachte auf die jene vorgenannten Fälle
von Aufmerksamkeit Hinbrüten und Träumen von selbst führen Ein Jeder bemerkt
dass während des Wachens immer irgend welche Vorstellungen in seiner Seele
gegenwärtig sind wenn er auch in verschiedenen Graden von Aufmerksamkeit sich
mit ihnen beschäftigt Manchmal bleibt die Seele mit so viel Ernst bei der
Betrachtung eines Gegenstandes, dass sie dessen Vorstellungen nach allen Seiten
wendet ihre Beziehungen und Nebenumstände bemerkt und jeden Teil so genau und
so tief auffasst dass alle anderen Gedanken ausgeschlossen und die sinnlichen
Eindrücke nicht beachtet werden die zu einer andern Zeit sehr merkbare
Wahrnehmungen veranlassen In andern Fällen wird nur auf den Zug der
Vorstellungen geachtet die sich in dem Denken einander folgen ohne dass eine
einzelne verfolgt und herausgehoben wird und mitunter lässt die Seele die
Gedanken ganz unbeachtet vorüberziehen gleich matten Schatten die keinen
Eindruck machen
4 Deshalb mag das Denken nur die Tätigkeit aber nicht das Wesen der
Seele sein Diesen unterschied von Anspannung und Abspannung der Seele bei dem
Denken wird ein Jeder samt den mannichfachen Abstufungen von ernstem Studium
bis zu einem ziemlichen NichtDenken an sich selbst erfahren haben Geht man
noch ein wenig weiter so findet man die Seele im Schlafe von den Sinnen
gleichsam zurückgezogen und außer dem Bereich jener Bewegungen welche die
Sinnesorgane erleiden und die zu andern Zeiten sehr lebhafte sinnliche
Vorstellungen erwecken Ich brauche mich hierbei nicht auf Die zu beziehen
welche stürmische Nächte ganz durchschlafen den Donner nicht hören die Blitze
nicht sehen und die Erschütterung des Hauses nicht fühlen obgleich alle
Wachenden sie sehr stark gewahr werden Doch behält die Seele bei diesem
Zurücktreten von den Sinnen mitunter eine losere und unzusammenhängende Weise
des Denkens, die man Träumen nennt zuletzt schließt aber der gesunde Schlaf
die Sinne ganz und macht allen Erscheinungen ein Ende Dies wird Jedermann an
sich selbst erfahren haben und so weit führt ihn seine eigene Selbstbeobachtung
ohne Schwierigkeit Wenn indes die Seele zu verschiedenen Zeiten verschiedene
Grade des Denkens annehmen kann und wenn sie selbst im Wachen mitunter in ihren
Gedanken so nachlassen kann dass diese trübe und dunkel bleiben und keiner noch
als ein Denken gelten kann und wenn endlich in den dunklen Zuständen eines
gesunden Schlafes die Seele das Wissen aller ihrer Vorstellungen gänzlich
verliert und dies alles klare Tatsachen sind die Jedermann an sich erfährt
so möchte ich daraus folgern dass das Denken wohl nur die Tätigkeit aber
nicht das Wesen der Seele ausmachen dürfte Denn die Wirksamkeit einzelner
Kräfte gestattet eine Steigerung und ein Nachlassen aber das Wesen der Dinge
ist solcher Veränderungen unfähig Indes will ich dies nur nebenbei bemerkt
haben
1 Lust und Schmerz sind einfache Vorstellungen Unter den durch Sinnes
und Selbstwahrnehmung empfangenen einfachen Vorstellungen gehören die der Lust
und des Schmerzes zu den wichtigeren So wie bei dem Körper die Sinneswahrnehmung
entweder rein für sich oder mit Schmerz oder Lust begleitet ist so ist auch das
Denken und Auffassen der Seele entweder rein oder es ist mit Lust oder Schmerz
Verzagen oder Sorge oder wie man es sonst nennen mag verbunden Diese Zustände
können wie alle einfachen Vorstellungen weder beschrieben noch definiert
werden man kann sie nur wie die Sinneswahrnehmungen durch eigene Erfahrung
kennen lernen Will man sie als die Gegenwart eines Gutes oder Hebels definieren
so kann man sie doch nur kennen lernen wenn man auf die Gefühle in sich selbst
achtet die beiden verschiedenen Wirkungen der Güter und der Übel in der Seele
entstehen je nachdem letztere auf uns eindringen oder von uns betrachtet
werden.
2 Was ist ein Gut und ein Übel Deshalb sind die Dinge nur gut oder
übel durch ihre Beziehung auf Lust und Schmerz Etwas heißt ein Gut was die
Lust in uns zu wecken oder zu steigern oder den Schmerz zu mindern oder uns
sonst den Besitz eines andern Gutes oder die Entfernung eines Übels zu
verschaffen oder zu erhalten vermag Umgekehrt nennt man das ein Übel was den
Schmerz veranlasst oder steigert oder die Lust mindert oder uns ein anderes
Hebel bereitet oder ein Gut entzieht Unter Lust und Schmerz verstehe ich sowohl
die des Körpers wie der Seele man unterscheidet sie gewöhnlich obgleich beide
in Wahrheit nur verschiedene Zustände der Seele sind welche bald durch eine
Störung in dem Körper bald durch die Gedanken der Seele veranlasst werden
3 Unsere Leidenschaften werden durch das Gute und das Übel erweckt
Die Lust und der Schmerz und ihre Ursachen das Gute und das Üble sind die
Angeln um welche sich die Leidenschaften drehen Man gewinnt die Vorstellungen
derselben durch Selbstwahrnehmung und Beobachtung ihrer verschiedenen
Wirksamkeit nach dem Wechsel der Umstände auf die Zustände und Stimmungen der
Seele und die Inneren Empfindungen wie ich sie nennen möchte die sie
veranlassen
4 Liebe Wenn also Jemand auf die Gedanken achtet die er von dem
Vergnügen hat welche ein gegenwärtiges oder abwesendes Ding ihm verursachen
kann so hat er die Vorstellung der Liebe Denn wenn Jemand im Herbst beim Essen
der Trauben oder im Frühjahr wo es keine mehr gibt sagt dass er sie liebe
so heißt dies nur dass der Geschmack der Trauben ihn erfreue Wenn aber eine
Störung seiner Gesundheit oder seines Körperzustandes dies Vergnügen an dem
Geschmack der Trauben vernichtet so kann man nicht mehr sagen dass er die
Trauben liebe
5 Der Hass Umgekehrt ist der Gedanke an den Schmerz den ein
gegenwärtiges oder abwesendes Ding uns verursachen kann das was man Hass
nennt Wollte ich meine Untersuchung über die reinen Vorstellungen der Gefühle
de von den verschiedenen Besonderungen der Lust und des Schmerzes bedingt sind
ausdehnen so müsste ich bemerken dass die Liebe und der Hass in Bezug auf
leblose Dinge sich meist auf die Lust und den Schmerz stützen den ihr Gebrauch
ja selbst ihre Zerstörung den Sinnen gewährt dagegen ist Hass und Liebe zu
Wesen die des Glücks oder Unglücks fähig sind meist der Ärger oder das
Vergnügen was in uns aus der Betrachtung von deren Dasein und Glück entsteht
Wenn so das Dasein und die Wohlfahrt von Kindern und Freunden eine dauernde
Freude gewährt so nennt man dies die Liebe zu ihnen Indes sind unsere
Vorstellungen von Liebe und Hass nur Seelenzustände in Bezug auf Lust und
Schmerz im Allgemeinen ohne Unterschied der Ursachen, aus denen sie in uns
entstehen
6 Das Verlangen Das Unbehagen wenn Etwas nicht da ist dessen Genuss
sich mit der Vorstellung des Vergnügens verbindet ist das Verlangen es steigt
und fällt je nachdem dieses Unbehagen wächst oder abnimmt Ich bemerke hier
nebenbei dass der hauptsächlichste wenn nicht alleinige Antrieb für den Fleiß
und die Tätigkeit der Menschen dies Unbehagen sein dürfte Wenn irgend ein Gut
durch seine Abwesenheit keine Unannehmlichkeit oder Schmerzen veranlagst
vielmehr man auch ohne dasselbe sich behaglich und zufrieden fühlt so entsteht
kein Verlangen und keine Anstrengung danach es besteht dann höchstens ein
Wünschen welches Wort den niedrigsten Grad des Verlangens bezeichnet wo die
Unannehmlichkeit über die Abwesenheit des Gegenstandes so gering ist dass es
nur zu jenen schwachen Wünschen treibt ohne von den Mitteln zu seiner Erlangung
einen wirklichen und kräftigen Gebrauch zu machen Auch wird das Verlangen
gehemmt oder gemindert wenn das Gut für unmöglich oder unerreichbar gehalten
wird so weit nämlich das unangenehme Gefühl durch diese Rücksicht gemindert
oder aufgehoben wird Ich könnte noch weiter gehen wenn hier der Ort dazu wäre
7 Die Freude Die Freude ist ein Vergnügen der Seele in Folge des
Wissens, dass der Besitz eines Gutes erreicht oder dessen baldige Erreichung
sicher ist Dieser Besitz ist dann vorhanden wenn man das Gut so in der Gewalt
hat dass man davon beliebig Gebrauch machen kann So wird der dem Hungertode
nahe Mensch durch die Ankunft von Nahrung erfreut wenn er auch noch nicht die
Lust aus deren Verzehrung genossen hat und ein Vater dem das Wohl seiner
Kinder Vergnügen macht bleibt so lange die Kinder sich in diesem Zustande
befinden in dem Besitz dieses Gutes er braucht nur daran zu denken um dieses
Vergnügen zu empfinden
8 Die Traurigkeit Die Traurigkeit ist ein Unbehagen der Seele wenn
sie an den Verlust eines Gutes denkt das sie noch länger hätte gemessen können
oder wenn sie ein gegenwärtiges Übel empfindet
9 Die Hoffnung Die Hoffnung ist eine Lust der Seele wenn sie an das
kommende Vergnügen mit einem Gegenstande denkt welcher dazu geschickt ist
10 Die Furcht Die Furcht ist ein Unbehagen der Seele wenn sie an den
wahrscheinlichen Eintritt eines kommenden Übels denkt
11 Die Verzweiflung Die Verzweiflung ist der Gedanke der
Unerreichbarkeit eines Gutes welcher verschieden auf die menschliche Seele
wirkt indem er bald Unbehagen und Schmerz bald Ruhe und Gleichgültigkeit
hervorbringt
12 Der Zorn Der Zorn ist das Unbehagen oder Außersichsein der Seele
wenn man einen Schaden erlitten und die Absicht sich zu rächen hat
13 Der Neid Der Neid ist ein Unbehagen der Seele welches durch die
Betrachtung eines begehrten Guts veranlasst wird das ein Anderer erlangt hat
welcher es nicht vor uns hätte erlangen sollen
14 Die allen Menschen gemeinsamen Leidenschaften Diese beiden letzten
Gefühle der Neid und der Zorn die nicht durch Schmerz oder Lust an sich
veranlasst werden sondern in sich die gemischte Betrachtung seiner selbst und
Anderer enthalten finden sich deshalb nicht bei allen Menschen weil die andern
Bedingungen nämlich die Werthschätzung des eigenen Verdienstes und die
beabsichtigte Sache bei ihnen fehlen dagegen enden alle andern Gefühle rein in
Schmerz oder Lust und finden sich deshalb bei allen Menschen Man liebt
verlangt erfreut sich und hofft nur in Bezug auf eine Lust man hasst fürchtet
und sorgt sich schließlich nur eines Schmerzes wegen kurz alle diese
Seelenzustände werden durch Dinge veranlasst die sich entweder als Ursachen der
Lust oder des Schmerzes zeigen oder die in irgend einer Weise Lust oder Schmerz
mit sich führen So dehnt man meist den Hass auf den Gegenstand wenigstens wenn
es ein fühlendes und wollendes Wesen ist) aus der uns den Schmerz verursacht
hat weil die Furcht welche er hinterlässt ein steter Schmerz ist Dagegen
liebt man nicht so dauernd dasjenige was uns Gutes getan hat weil die Lust
nicht so stark wie der Schmerz auf uns einwirkt und weil man nicht so
bereitwillig hofft es werde wieder so wirken Doch bemerke ich dies nur
nebenbei
15 Was Lust und Schmerz ist Unter Lust und Schmerz Vergnügen und
Unbehagen meine ich wie ich schon bemerkt habe nicht bloß den körperlichen
Schmerz und die körperliche Lust sondern jedes angenehme oder unangenehme
Gefühl mag es aus einer willkommenen oder unwillkommenen Sinnes oder
Selbstwahrnehmung entstanden sein
16 Es ist außerdem festzuhalten dass in Beziehung auf diese Gefühle
jede Entfernung oder Minderung eines Schmerzes als eine Lust gilt und wirkt und
ebenso der Verlust oder die Minderung eines Vergnügens wie ein Schmerz
17 Die Scham Die meisten Gefühle wirken außerdem in der Regel
mancherlei Veränderungen in dem Körper da diese aber nicht immer wahrnehmbar
sind so bilden sie keinen wesentlichen Teil der Vorstellung des betreffenden
Gefühls So ist die Scham welche ein Unbehagen der Seele in Folge des Gedankens
ist dass man etwas Unanständiges getan habe oder etwas was die Achtung
Anderer für uns mindern könnte nicht immer mit einem Erröten verbunden
18 Diese Beispiele zeigen dass Vorstellungen von den Gefühlen durch
Sinnes oder Selbstwahrnehmung erlangt werden Ich möchte nicht dass man das
Vorstehende als eine Abhandlung über die Gefühlszustände ansähe da deren mehr
sind als ich hier genannt habe und jede der genannten eine ausführlichere und
genauere Untersuchung verlangen dürfte Ich habe sie hier nur als Beispiele von
den verschiedenen Besonderungen der Lust und des Schmerzes angeführt die aus
der verschiedenen Betrachtung von Gütern und Hebeln hervorgehen Ich hätte
vielleicht einfachere Besonderungen von Lust und Schmerz als die genannten
aufstellen können so den Schmerz des Hungers und Durstes und die Lust des
Essens und Trinkens bei Entfernung jener den Schmerz empfindlicher Augen und
die Lust aus der Musik den Schmerz aus verfänglichem und nutzlosem Gezanke und
die Lust einer vernünftigen Unterhaltung mit einem Freunde oder aus einem gut
geleiteten Studium behufs Aufsuchung und Entdeckung der Wahrheit Indessen sind
jene leidenschaftlichen Zustände von höherem Interesse und ich habe deshalb
meine Beispiele ihnen entnommen und gezeigt wie die Vorstellungen derselben
sich aus der Sinnes und Selbstwahrnehmung ableiten
1 Wie diese Vorstellung erlangt wird Wenn die Seele täglich mittelst
der Sinne erfährt wie die in den äußern Dingen bemerkten einfachen
Vorstellungen sich ändern und wahrnimmt wie die eine endet und zu sein aufhört
und eine andere zu sein beginnt die vorher nicht bestand wenn sie ferner auf
sich selbst achtet und den steten Wechsel der Vorstellungen bemerkt der bald
durch den Eindruck äußerer Dinge auf die Sinne, bald durch ihre eigene Wahl
erfolgt und wenn sie aus diesen bisher regelmäßig beobachteten Veränderungen
folgert dass dieselben Veränderungen in der Zukunft in denselben Dingen auf die
gleiche Weise durch dieselben wirkenden Bestimmungen erfolgen werden und wenn
sie ferner bei dem einen Dinge dessen Möglichkeit beachtet eine Veränderung in
seinen einfachen Vorstellungen zu erleiden und bei dem andern die Möglichkeit
diese Veränderung herbeizuführen so gelangt die Seele dadurch zur Vorstellung
der Kraft So sagt man das Feuer hat die Kraft Gold zu schmelzen dh die
Festigkeit von dessen kleinsten Teilen und damit seine Härte aufzuheben und es
flüssig zu machen ebenso sagt man das Gold hat die Kraft geschmolzen zu
werden die Sonne hat die Kraft Wachs zu bleichen und das Wachs die Kraft
durch die Sonne gebleicht zu werden wobei die gelbe Farbe zerstört wird und die
weiße an deren Stelle tritt In diesen und ähnlichen Fällen betrachtet man die
Kraft in Beziehung auf den Wechsel sinnlicher Vorstellungen denn man kann die
Veränderung und den Einfluss auf ein Ding nur durch den Wechsel seiner
sinnlichen Vorstellungen bemerken und keine Veränderung desselben sich anders
wie als einen Wechsel in einigen seiner Vorstellungen vorstellen
2 Die tätige und die leidende Kraft Diese so aufgefasste Kraft ist
zwiefacher Art sie kann nämlich entweder eine Veränderung bewirken oder
erleiden und man kann jene die tätige und diese die leidende Kraft nennen Ob
der Stoff ganz der tätigen Kraft so entbehrt wie sein Schöpfer Gott über
alle leidende Kraft erhaben ist und ob der zwischen Beiden stehende geschaffene
Geist allein der tätigen und der leidenden Kraft fähig ist wäre wohl der
Untersuchung wert indes kann ich nicht darauf eingehen da ich nicht den
Ursprung der Kraft sondern den unserer Vorstellung von ihr zu erforschen habe
Indes bilden die tätigen Kräfte einen großen Teil unserer zusammengesetzten
Vorstellungen von natürlichen Substanzen wie sich später ergeben wird und ich
nehme sie als solche, indem ich dabei der gewöhnlichen Ansicht folge allem in
Wahrheit sind sie vielleicht nicht solche tätige Kräfte wie man sie in der
Eilfertigkeit des Denkens nimmt und deshalb geschieht es nicht ohne Not wenn
ich durch diese Andeutung den Leser auf die Betrachtung Gottes und der Geister
verweise um die klarste Vorstellung von tätigen Kräften zu erlangen
3 Die Kraft schließt eine Beziehung ein Ich erkenne an dass die
Kraft eine Art von Beziehung einschließt nämlich eine Beziehung, auf
Tätigkeit oder Veränderung indes bei welcher andern Vorstellung zeigt sich
nicht bei genauer Betrachtung dasselbe Enthalten unsere Vorstellungen von
Ausdehnung Dauer und Zahl nicht alle eine geheime Beziehung der Theile Die
Gestalt und die Bewegung haben dieses Beziehende noch viel deutlicher an sich
und was sind die sinnlichen Eigenschaften der Farben Gerüche usw anders als
die Kräfte verschiedener Körper in Beziehung auf unser Wahrnehmen Hängen nicht
selbst die Dinge wenn man sie an sich selbst betrachtet von der Masse
Gestalt dem Gewebe und der Bewegung ihrer Theile ab Dies Alles schließt eine
Art Beziehung ein Deshalb kann unsere Vorstellung von der Kraft mit Recht einen
Platz unter den einfachen Vorstellungen einnehmen und als eine solche gelten
denn sie bildet einen Hauptbestandteil der zusammengesetzten Vorstellungen der
Substanzen wie sich später ergeben wird
4 Die klarste Vorstellung der tätigen Kraft wird von dem Geiste
entlehnt Mit der Vorstellung der leidenden Kraft wird man beinah durch alle
Arten von Dingen genügend versehen Bei den meisten derselben muss man
wahrnehmen dass ihre sinnlichen Eigenschaften ja selbst ihre Substanzen in
einer steten Veränderung sich befinden und deshalb gelten sie mit Recht als in
dieser Weise veränderlich Ebenso zahlreich sind die Fälle einer tätigen Kraft
welches die eigentliche Bedeutung des Wortes Kraft ist denn zu jedweder
Veränderung muss man eine Kraft annehmen die diese Veränderung hervorzubringen
vermag und ebenso eine Möglichkeit in dem Gegenstande sie zu erleiden Indes
gewähren genauer erwogen die Körper durch die Sinne keine so klare und
deutliche Vorstellung der tätigen Kraft wie die Selbstwahrnehmung sie von den
Tätigkeiten unserer Seele gewährt Denn alle Kraft bezieht sich auf eine
Tätigkeit und von dieser kennt man nur zwei Arten, das Denken und die Bewegung
Es fragt sich daher woher man die klarste Vorstellung von der diese
Tätigkeiten bewirkenden Kraft habe 1 Vom Denken gibt uns der Körper keine
Vorstellung nur durch Selbstwahrnehmung erlangt man sie 2 ebensowenig hat man
von dem Körper die Vorstellung einer selbst anfangenden Bewegung Ein ruhender
Körper gibt keine Vorstellung der tätigen bewegenden Kraft und wird er
bewegt so ist diese Bewegung eher ein Leiden als eine Tätigkeit seiner denn
wenn die Billardkugel der Bewegung des stoßenden Stabes gehorcht so ist dies
nicht eine Tätigkeit sondern ein Leiden der Kugel ebenso teilt sie wenn sie
durch Stoß eine andere ihr in dem Wege liegende Kugel in Bewegung setzt die
empfangene Bewegung nur mit und verliert davon so viel als sie mittheilt aber
dies gibt nur eine dunkle Vorstellung der tätigen Kraft die in dem Körper
bewegend wirkt man sieht dabei nur die Übertragung aber nicht die
Hervorbringung der Bewegung; denn es ist nur eine sehr dunkle Vorstellung der
Kraft die nicht die Hervorbringung der Handlung sondern nur die Fortsetzung
des Leidens enthält und so verhält sich die Bewegung bei einem durch einen
andern gestoßenen Körper die Fortsetzung dieser seiner Veränderung aus der
Ruhe in Bewegung ist nur wenig mehr Tätigkeit als die Fortbehaltung der durch
den Stoß bewirkten Veränderung in seiner Gestalt eine Tätigkeit ist Man
erlangt die Vorstellung von einer beginnenden Bewegung lediglich durch die
Wahrnehmung dessen was in uns selbst vorgeht hier sieht man dass man
lediglich durch das Wollen lediglich durch einen Gedanken der Seele seine
Glieder bewegen kann die vorher in Ruhe waren Deshalb erlangt man von der
Wahrnehmung der Wirksamkeiten der Körper nur eine unvollkommene und dunkle
Vorstellung der tätigen Kraft da sie nicht die Vorstellung einer Kraft
gewähren die in ihnen ein Thun oder Bewegen oder Denken anfängt Wenn man
indes von dem Stoß der Körper auf einander ebenfalls eine klare Vorstellung
der Kraft erlangt zu haben meint so passt auch dies zu meiner Absicht da die
Sinneswahrnehmung einer der Wege ist wodurch die Seele zu Vorstellungen
gelangt es scheint mir hier nur zweckmäßig nebenbei zu erwägen ob die Seele
die Vorstellung der tätigen Kraft nicht klarer durch Wahrnehmung ihrer eigenen
Tätigkeit als durch die äußere Sinneswahrnehmung gewinnt
5 Der Wille und der Verstand sind zwei Kräfte So viel dürfte
wenigstens gewiss sein dass man in sich eine Kraft zum Beginnen oder Anhalten
zum Fortfahren oder Beenden jener verschiedenen Tätigkeiten der Seele und
Bewegungen des Körpers bemerkt welche lediglich durch ein Denken oder vorziehen
der Seele gleichsam das Vollziehen oder NichtVollziehen von solch einer
einzelnen Handlung anordnet oder befiehlt Diese Kraft der Seele vermöge deren
sie die Betrachtung einer Vorstellung oder deren NichtBetrachtung anordnet
oder die Bewegung der Ruhe eines Gliedes oder das Umgekehrte in jedem einzelnen
Falle vorzieht ist das was man Wille nennt Die wirkliche Ausübung dieser
Kraft durch Bewirkung oder Unterlassung einer einzelnen Handlung ist das was
man Wollen oder Begehren nennt Die Unterlassung einer solchen Handlung in
Gemäßheit solcher Anordnung oder Befehls der Seele heißt freiwillig Dagegen
heißt jede ohne ein solches Denken der Seele vollzogene Wirksamkeit
unwillkürlich Die Kraft der Auffassung ist das was man Verstand nennt Diese
die Tätigkeit des Verstandes ausmachende Auffassung ist dreifach 1 die
Auffassung der Vorstellungen in der Seele 2 die Auffassung der Bedeutung der
Zeichen 3 die Auffassung der Verbindung oder des Widerspruchs des
Zusammenstimmens oder NichtStimmens zwischen irgend welchen Vorstellungen Dies
Alles wird dem Verstande zugeschrieben als der auffassenden Kraft obgleich nur
die beiden letzten Arten es machen dass man etwas versteht
6 Vermögen Gewöhnlich werden diese Seelenkräfte des Auffassens und
Vorziehens anders benannt man nennt gewöhnlich den Verstand und den Willen
Seelenvermögen welches Wort sich wohl dazu eignet wenn es wie alle Worte es
sollten nicht zur Erregung von Verwirrung in dem Denken benutzt wird und wenn
man nicht deshalb annimmt wie es wohl geschehen sein mag es bezeichne
wirkliche Wesen in der Seele welche diese Tätigkeiten des Verstehens und
Wollens vollziehen Denn wenn man den Willen als das befehlende und obere
Vermögen der Seele bezeichnet wenn man ihn frei oder nicht frei nennt wenn man
sagt er bestimme die niederen Vermögen und dass er selbst den Geboten des
Verstandes folge usw so mögen diese und ähnliche Ausdrücke wohl in einem
klaren und deutlichen Sinne von Denen aufgefasst werden welche auf ihre
Vorstellungen sorgfältig Acht haben und ihr Denken mehr nach der Wirklichkeit
der Dinge, als nach den Lauten der Worte bestimmen allein dennoch wird diese
Ausdrucksweise vielfach zu dem verworrenen Begriff verschiedener wirkender Wesen
in der Seele geführt haben von denen jedes sein besonderes Gebiet und Ansehen
hat und jedes gebietet gehorcht und einzelne Handlungen verrichtet als wäre
es ein besonderes Wesen Dies hat Anlass zu vielem Streit Unklarheit und
Ungewissheit in den hierauf bezüglichen Fragen gegeben
7 Woher die Vorstellung der Freiheit und Notwendigkeit kommt Jeder
findet in sich eine Kraft einzelne Handlungen zu beginnen oder zu unterlassen
fortzusetzen oder zu beenden aus der Betrachtung des Umfanges dieser
Seelenkraft über das Handeln des Menschen die Jeder in sich bemerkt
entspringen die Vorstellungen der Freiheit und Notwendigkeit
8 Was die Freiheit ist Da alle Tätigkeit von der man eine
Vorstellung hat sich wie gesagt auf das Denken und Bewegen beschränkt so ist
ein Mensch insoweit frei als er die Kraft hat je nachdem seine Seele es
vorzieht oder bestimmt zu denken oder nicht zu denken zu bewegen oder nicht zu
bewegen Wo dagegen eine Verrichtung oder Unterlassung nicht so in der Gewalt
des Menschen ist wo das Vollziehen oder NichtVollziehen nicht so dem
Entschlüsse und der Bestimmung seiner Seele folgt da ist er nicht frei wenn
auch die Handlung vielleicht eine freiwillige ist. Daher ist die Vorstellung der
Freiheit die der Kraft eines Wesens eine einzelne Handlung dem Entschlüsse oder
Denken der Seele gemäß zu tun oder zu unterlassen wobei eines von beiden dem
andern vorgezogen wird Wo dagegen Beides nicht durch die Kraft dieses Wirksamen
seinem Wollen gemäß hervorgebracht wird da ist keine Freiheit sondern da
steht dieses Wirksame unter der Notwendigkeit Freiheit kann daher nur da sein
wo Denken Wollen und Wille ist allein alle diese können vorhanden sein und
doch nicht die Freiheit Die Betrachtung einiger hierher gehörender Fälle wird
dies klarer machen
9 Die Freiheit setzt den Verstand und Willen voraus Ein Federball wird
von Niemand für ein freies Wesen gehalten mag er durch den Schlag der Peitsche
bewegt werden oder sich in Ruhe befinden Der Grund liegt bei näherer
Betrachtung darin dass man dem Federball kein Denken und folglich auch kein
Wollen und keine Wahl zwischen Ruhe und Bewegung zuschreibt deshalb hat er
keine Freiheit und gilt nicht als ein freies Wesen seine Ruhe und Bewegung wird
nur als notwendig genommen und auch so benannt Ebenso hat ein Mensch der in
das Wasser fällt indem die Brücke unter ihm bricht hierbei keine Freiheit und
ist kein freies Wesen denn wenn er auch einen Willen hat und das NichtFallen
dem Fallen vorzieht so ist doch die Unterlassung dieser Bewegung nicht in
seiner Macht und das Anhalten oder Aufhören dieser Bewegung erfolgt nicht durch
sein Wollen und deshalb ist er hierbei nicht frei Ebenso hält man einen
Menschen nicht für frei der durch eine krampfhafte Bewegung seines Armes
welche er durch Wollen und die Leitung seiner Seele nicht hemmen noch
unterlassen kann sich oder seinen Freund schlägt vielmehr bedauert man ihn
wegen dieser notwendigen oder erzwungenen That
10 Die Freiheit gehört dem Wollen nicht an Wird dagegen ein Mensch im
Schlafe in ein Zimmer getragen wo sich Jemand befindet den er gern sehen und
sprechen will und wird er dort so eingeschlossen dass er nicht herauskann und
erwacht er und freut er sich einen so erwünschten Gesellschafter zu treffen
bei dem er gern bleibt dh wo er das Bleiben dem Fortgehen vorzieht so frage
ich ob dieses Bleiben nicht freiwillig ist Niemand wird dies bestreiten Und
dennoch kann er da er fest eingeschlossen ist nicht fortgehen und hat nicht
die Freiheit nicht zu bleiben Die Freiheit ist deshalb eine Vorstellung, die
nicht dem Wollen oder Vorziehen angehört sondern dem Menschen der nach seiner
Wahl etwas tun oder nicht tun kann Die Vorstellung der Freiheit reicht so
weit als diese Macht und nicht weiter Wenn irgendwie diese Macht erschüttert
wird oder wenn ein Zwang diese Unentschiedenheit in dem Vermögen zu handeln
oder nicht zu handeln aufhebt so hört die Freiheit und unser Begriff von
derselben sofort auf
11 Der Gegensatz von Freiwillig ist nicht das Notwendige sondern das
Unfreiwillige Davon hat man Beispiele genug an seinem eigenen Körper Das Herz
schlägt und das Blut rollt ohne dass man es durch ein Wollen oder Denken hemmen
kann; deshalb ist man rücksichtlich dieser Bewegungen wo die Ruhe nicht von der
Wahl abhängt und dem Entschlüsse nicht nachfolgt kein freies Wesen Wenn
Krämpfe die Beine zucken machen und man trotz allen Wollens diese Bewegung durch
keine Kraft seiner Seele hemmen kann wie bei der sonderbaren Krankheit des
sogenannten St Veitstanzes sondern immer springen muss so ist man hierbei
nicht frei sondern die Bewegung ist ebenso notwendig wie die des fallenden
Steines oder des von der Pritsche geschlagenen Balls Umgekehrt kann eine
Lähmung oder ein Klotz es hindern dass die Füße der Bestimmung des Willens
gehorchen im Fall man wo anders hingehen wollte In all diesen Fällen fehlt die
Freiheit wenn auch ein Gelähmter das Stillsitzen der Bewegung vorzieht und es
deshalb wahrhaft freiwillig ist Das Freiwillige ist deshalb nicht der Gegensatz
von dem Notwendigen sondern von dem unfreiwilligen ein Mensch kann das was
er vermag dem was er nicht vermag und seinen gegenwärtigen Zustand jeder
Veränderung vorziehen wenn auch die Notwendigkeit diesen Zustand
unveränderlich gemacht hat
12 Was ist die Freiheit So wie mit den Bewegungen des Körpers, verhält
es sich auch mit den Gedanken der Seele so weit man die Macht hat einen
Gedanken nach der Wahl der Seele aufzunehmen oder zu beseitigen ist man frei
Wenn ein wachender Mensch immer gewisse Vorstellungen in seiner Seele haben
muss so hat er die Freiheit zu denken oder nicht Zu denken ebenso wenig wie
die dass sein Körper keinen andern Körper berühren solle oder nicht aber oft
steht es in seiner Wahl ob er von einem Gedanken zu dem andern übergehen will
und dann ist er in Bezug auf sein Denken so frei als er es in Bezug auf Körper
ist auf denen er ruht und wo er beliebig sich von dem einen zu dem andern
bewegen kann Indes gibt es Vorstellungen der Seele wie Bewegungen des
Körpers, die unter gewissen Umständen nicht vermieden werden können und deren
Beseitigung selbst durch die äußerste Anstrengung nicht erreicht werden kann.
Ein Mann auf der Folter ist nicht frei in Beseitigung der Vorstellung des
Schmerzes und in Beschäftigung seiner mit andern Gedanken und manchmal reißt
eine aufbrausende Leidenschaft unsere Gedanken davon wie ein Sturmwind unsern
Körper und es bleibt uns nicht die Freiheit an Anderes zu denken was wir
lieber täten Sobald indes die Seele die Macht wiedererlangt diese Bewegungen
des Körpers äußerlich und die der Gedanken innerlich je nachdem sie es passend
findet zu hemmen oder fortzusetzen zu beginnen oder zu unterlassen so
betrachtet man den Menschen wieder als ein freies Wesen
13 Was ist die Notwendigkeit Wo das Denken oder die Macht nach der
Leitung der Gedanken zu handeln oder nicht zu handeln ganz fehlt da tritt die
Notwendigkeit ein Wenn bei einem des Willens fähigen Wesen der Anfang oder die
Fortsetzung einer Handlung gegen seine Wahl erfolgt so ist dies der Zwang wird
es gegen seinen Willen an einer Handlung oder deren Fortsetzung gehindert so
nennt man es gewaltsame Hemmung Dinge ohne Denken und Wollen sind überall in
der Notwendigkeit befangen
14 Dem Willen kommt keine Freiheit zu Wenn dies so ist und ich
glaube es ist so so hilft es vielleicht zur Beseitigung der lang
verhandelten und ich glaube unverständigen weil unverständlichen Frage ob der
menschliche Wille frei ist oder nicht Denn nach dem Gesagten ist diese Frage an
sich verkehrt und es ist so unverständlich nach der Freiheit des Willens zu
fragen als danach ob der Schlaf schnell oder die Tugend viereckig ist Die
Freiheit ist so wenig auf den Willen anwendbar wie die Bewegung auf den Schlaf
und die viereckige Gestalt auf die Tugend Jedermann lacht über das Verkehrte
dieser letzten Fragen da die Arten der Bewegung offenbar nicht dem Schlafe und
die der Gestalt nicht der Tugend zukommen und wenn man es genau betrachtet so
wird man ebenso finden dass die Freiheit die bloß eine Kraft ist nur einem
Wesen zukommt und nicht eine Eigenschaft oder eine Besonderung des Willens sein
kann da dieser auch nur eine Kraft ist
15 Das Wollen Die Schwierigkeit durch Worte eine Erklärung und einen
klaren Begriff von Inneren Tätigkeiten zu geben ist so groß dass ich meine
Leser erinnern muss wie die von mir gebrauchten Worte von Anordnen Leiten
Wählen Vorziehen usw das Wollen nicht bestimmt genug bezeichnen wenn er
nicht sein eigenes Wollen betrachtet Denn das Vorziehen scheint vielleicht die
Tätigkeit des Wollens noch am besten auszudrücken aber tut es doch nicht
genau denn wenn man auch das Fliegen dem Gehen vorzieht so kann man doch nicht
sagen dass man fliegen will Das Wollen ist offenbar ein Thun der Seele die
wissentlich die Herrschaft ausübt die sie über jeden Teil des Menschen in
Anspruch nimmt indem sie sie durch eine einzelne Handlung ausübt oder davon
abhält Und was ist der Wille Anderes als das Vermögen dies zu tun Und ist
dieses Vermögen in Wahrheit mehr als eine Kraft und zwar die Kraft der Seele
ihr Denken zur Hervorbringung Fortführung oder Hemmung einer Handlung so weit
zu bestimmen, als diese Handlung von ihr abhängt Kann man leugnen dass jedes
Wesen was die Kraft hat an sein eigenes Handeln zu denken und dessen
Ausführung oder Unterlassung vorzuziehen das Vermögen besitzt was man Willen
nennt Der Wille ist deshalb nur eine solche Kraft Freiheit ist dagegen die
Kraft eine einzelne Handlung zu tun oder zu unterlassen je nachdem der Mensch
das Eine oder Andere vorzieht was ebenso viel heißt als je nachdem er es
will
16 Die Kräfte gehören den Wesen an Es ist also klar dass der Wille
nur eine Macht oder ein Vermögen und die Freiheit eine andere Macht oder
Vermögen ist deshalb gleicht die Frage ob der Wille Freiheit hat der ob die
Kraft eine andere Kraft hat und ein Vermögen ein anderes welche Frage zu
offenbar widersinnig ist als dass man sie zu beantworten oder darüber zu
streiten brauchte Wer sieht nicht dass die Kraft nur einem Wesen zukommt und
nur die Eigenschaft von selbstständigen Dingen nicht aber von Kräften ist
Stellt man also die Frage so ob der Wille frei ist so fragt man eigentlich ob
der Wille ein selbstständiges Ding ein Wesen ist, oder man setzt dies
wenigstens voraus da man die Freiheit eigentlich von nichts Anderem aussagen
kann Könnte die Freiheit irgend wie von der Kraft ausgesagt werden oder der
Kraft beigelegt werden vermöge deren der Mensch nach seiner Wahl die Bewegung
seiner Glieder veranlassen oder unterlassen kann was wäre denn das was man an
ihm frei nennt und was ist dann die Freiheit selbst Früge Jemand ob die
Freiheit frei sei so würde man glauben er verstehe nicht was er sage und
verdiene des Midas Ohren welcher wusste dass reich der Ausdruck für den Besitz
von Reichtümern sei und fragte ob der Reichtum selbst reich sei
17 Indes mag das Wort Vermögen womit man die Willen genannte Kraft
bezeichnet hat und in Folge dessen man von dem Handeln des Willens zu sprechen
verleitet wird durch eine Wendung welche den wahren Sinn verdeckt diesen
Widersinn etwas verhüllen Der Wille bezeichnet jedoch in Wahrheit nur eine
Kraft oder ein Vermögen vorzuziehen oder zu wählen und wenn man den Willen
unter dem Kamen eines Vermögens so wie er ist als eine reine Fähigkeit etwas
zu tun auffasst so erkennt man leicht wie verkehrt es ist ihn frei oder
nicht frei zu nennen Denn wäre es zulässig Vermögen anzunehmen und von solchen
zu sprechen die als besondere Wesen handeln können wie dies geschieht wenn
man sagt der Wille bestimmt der Wille ist frei so wäre es auch angemessen
ein Vermögen zum Sprechen zum Gehen zum Tanzen anzunehmen welches diese
Handlungen vollzieht die doch nur verschiedene Arten der Bewegung so sind wie
man den Willen und den Verstand als Vermögen nimmt welche die Handlungen des
Wählens und Verstehens vollführen sollen obgleich sie doch nur verschiedene
Arten des Denkens sind Man kann dann ebenso gut sagen dass das Vermögen zu
singen es ist was singt und dass das Vermögen zu tanzen tanzt wie dass der
Wille wählt und der Verstand versteht oder dass, wie man zu sagen pflegt der
Wille den Verstand leitet oder der Verstand dem Willen gehorcht oder nicht
gehorcht Denn es ist dann ebenso richtig und verständlich zu sagen dass die
Kraft des Sprechens die Kraft des Singens leitet und dass die Kraft des Singens
der Kraft des Sprechens gehorcht oder nicht gehorcht
18 Indes hat diese Weise zu sprechen die Oberhand behalten und wie ich
vermute große Verwirrung angerichtet Denn wenn sie sämtlich verschiedene
Kräfte der Seele oder des Menschen für die verschiedenen Handlungen sind so
gebraucht er sie wie es ihm passt allein die Kraft zu einer Handlung wird
nicht durch die Kraft zu einer andern Handlung angeregt So wirkt die Kraft des
Denkens nicht auch auf die Kraft zu wählen und die Kraft zu wählen nicht auf die
Kraft zu denken es geschieht dies so wenig wie die Kraft zu tanzen auf die
Kraft zu singen oder umgekehrt wirkt Jeder bemerkt dies bei einigem Nachdenken
und doch sagt man dies wenn man spricht dass der Wille auf den Verstand oder
der Verstand auf den Willen wirkt
19 Ich gebe zu dass der Verstand oder das wirkliche Denken das Wollen
oder die Ausübung der Kraft zu wählen veranlassen mag oder dass eine wirkliche
Wahl der Seele die Ursache eines wirklichen Denkens an dies oder jenes Ding ist
so wie das wirkliche Singen dieses Tones die Ursache davon sein mag dass dieser
Tanz getanzt wird und umgekehrt Aber in all diesen Fällen wirkt nicht eine
Kraft auf eine andere vielmehr ist es die Seele welche wirkt und diese Kräfte
entwickelt der Mensch verrichtet diese Handlung das Wirkende hat die Kraft
oder das Vermögen etwas zu tun Denn die Kräfte sind Beziehungen aber keine
Wesen und das was die Kraft oder nicht die Kraft zu wirken hat ist allein
frei oder nicht frei aber nicht die Kräfte selbst denn die Freiheit oder die
NichtFreiheit kann nur dem zukommen was eine Kraft zu handeln hat oder sie
nicht hat
20 Die Freiheit kommt dem Willen nicht zu Dieser Sprachgebrauch ist
daher gekommen dass man den Vermögen Etwas zuteilt was ihnen nicht zukommt
allein damit dass man bei den Verhandlungen über die Seele mit dem Namen von
Vermögen den Begriff ihrer Wirksamkeit einführte hat man die Erkenntnis in
dieses Gebiet unserer selbst so wenig gefördert als der häufige Gebrauch
derselben Erfindung von Vermögen bei der Wirksamkeit der Körper die Kenntnis
der Natur erweitert hat Ich bestreite nicht das Dasein von Vermögen im Körper
und in der Seele beide haben ihre Kräfte zum Wirken sonst könnte weder der
eine noch die andere wirken da nur das wirken kann was dazu vermögend ist und
dazu vermögend ist nur was die Kraft zu wirken hat Auch mögen diese und
ähnliche Worte in dem gewöhnlichen Sprachgebrauch ihre Stelle so behalten wie
sie eingeführt sind es wäre zu gesucht wenn man sie bei Seite legen wollte
Wenn die Philosophie auch nicht in einem festlichen Kleide auftritt so muss sie
doch in ihrem öffentlichen Erscheinen bei ihrer Kleidung auf die Mode und die
gewöhnliche Sprache des Landes so weit Rücksicht nehmen als sich mit der
Wahrheit und Klarheit verträgt Der Fehler liegt nur darin dass man von diesen
Vermögen wie von besonderen Wesen gesprochen und sie so behandelt hat Denn auf
die Frage was die Verdauung der Speisen in dem Magen bewirkt war es eine
schnelle und befriedigende Antwort wenn man als solches das Verdauungsvermögen
nannte und was bewirkte die Ausführung gewisser Dinge aus dem Körper Das
ausführende Vermögen was bewegte Das BewegungsVermögen Und so war es in der
Seele das geistige oder verstehende Vermögen was verstand und das wählende
Vermögen oder der Wille welcher wollte oder befahl Mit einem Worte das
Vermögen zu verdauen verdaute das Vermögen zu bewegen bewegte und das Vermögen
zu verstehen verstand denn Vermögen Fähigkeit Kraft sind nur verschiedene
Namen einer Sache und wenn man diese Redeweise in verständlichere Worte
übersetzt so heißt es so viel als dass die Verdauung durch Etwas erfolgt was
dazu die Fähigkeit hat die Bewegung durch Etwas das zu bewegen fähig ist und
das Verstehen durch Etwas was des Verstehens fähig ist Auch würde es in
Wahrheit sonderbar sein wenn es sich anders verhielte so sonderbar als wenn
ein Mensch frei sein wollte ohne die Fähigkeit frei zu sein
21 Die Freiheit kommt vielmehr dem Wesen oder dem Menschen zu Um nun
auf die Freiheit zurückzukommen so fragt man wohl nicht richtig wenn man
fragt ob der Wille frei ist; sondern die Frage ist ob der Mensch frei ist So
weit nun Jemand vermag durch die Richtung oder Wahl seiner Seele und indem er
das Dasein einer Handlung ihrem Nichtdasein vorzieht oder umgekehrt das Dasein
oder Nichtdasein derselben zu bewirken so weit ist er frei Denn wenn ich durch
einen die Bewegung meines Fingers betreffenden Gedanken den ruhenden Finger
bewegen kann oder umgekehrt so bin ich offenbar hierbei frei und wenn ich
durch einen ähnlichen Gedanken meiner Seele und durch Vorziehen des einen vor
dem andern entweder ein Sprechen oder ein Schweigen bewirken kann so habe ich
die Freiheit zu sprechen oder zu schweigen und man ist so weit frei als diese
Kraft durch die Bestimmung des eigenen Denkens und Vorziehens zum Handeln oder
NichtHandeln genügt Denn wie kann man sich Jemand mehr frei vorstellen als
wenn er die Macht hat zu tun was er will Und so weit Jemand durch Vorziehen
einer Handlung vor ihrem Nichtsein oder der Ruhe vor dem Bewegen diese
Handlung oder Ruhe bewirken kann so weit kann er tun was er will Denn ein
solches Vorziehen einer Handlung vor ihrem NichtGeschehen ist das Wollen
derselben und man kann sich kein Wesen freier vorstellen als wenn es tun
kann was es will Deshalb erscheint ein Mensch in Bezug auf Handlungen
innerhalb des Bereiches einer solchen Kraft so frei als die Freiheit ihn nur
frei machen kann
22 Der Mensch ist in Bezug auf das Wollen nicht frei Allein der
forschende Geist des Menschen ist damit nicht zufrieden weil er den Gedanken
der Schuld so weit als möglich von sich entfernen möchte wäre es auch nur
dadurch dass er sich selbst in einen noch schlechtem Zustand als den einer
fatalistischen Notwendigkeit versetzte Dazu reicht aber die Freiheit innerhalb
der bisherigen Grenzen nicht aus und es gilt für einen guten Grund dass der
Mensch nur erst dann frei ist wenn er ebenso frei wollen kann als er bei
seinem Thun das kann was er will Man hat deshalb in Bezug auf die menschliche
Freiheit die weitere Frage erhoben Ob ein Mensch die Freiheit zu wollen hat
Dies meint man nämlich wenn man über die Freiheit des Willens streitet
23 Hierüber denke ich nun dass da das Wollen und Begehren ein Handeln
ist und die Freiheit in der Kraft zu handeln oder nicht zu handeln besteht ein
Mensch bezüglich des Wollens oder der Handlung des Wollens wenn eine ihm
mögliche Handlung sich seinen Gedanken als eine gleich zu vollziehende
vorstellt nicht frei sein kann Der Grund hierfür ist klar denn es ist
unvermeidlich dass die von seinem Willen abhängende Handlung geschehen oder
nicht geschehen muss und ihr Geschehen oder Nichtgeschehen folgt lediglich dem
Entschluss und der Wahl seines Willens der Mensch muss also das Geschehen oder
Nichtgeschehen dieser Handlung wollen er muss also notwendig das eine oder das
andere wollen dh das eine dem andern vorziehen da eines von beiden
notwendig eintreten muss und dieses Eintreten folgt aus der Wahl und dem
Entschluss seiner Seele dh durch sein Wollen denn wenn er es nicht wollte
würde es nicht geschehen Deshalb ist der Mensch in Bezug auf die That des
Wollens in solchem Falle nicht frei indem die Freiheit in der Macht zu handeln
oder nicht zu handeln besteht die der Mensch in Bezug auf das Wollen bei einem
solchen Falle nicht hat Denn es ist unvermeidlich notwendig die Verrichtung
oder Unterlassung einer in der Gewalt des Menschen liegenden Handlung zu wählen
welche sich so seinen Gedanken vorstellt man muss entweder das eine oder das
andere wollen und je nach dem Vorziehen oder Wollen folgt sicherlich die
Handlung oder ihre Unterlassung also nicht wahrhaft freiwillig Und da man das
Wollen oder Vorziehen des einen oder andern nicht vermeiden kann so steht man
in Bezug auf dieses Wollen unter der Notwendigkeit und kann so nicht frei sein
wenn nicht Notwendigkeit und Freiheit sich vertragen und man zugleich frei und
gebunden sein soll
24 So viel ist also klar dass bei allen Vorsätzen zu einer gegenwärtigen
Handlung der Mensch nicht die Freiheit hat zu wollen oder nicht zu wollen da
er das Wollen nicht unterlassen kann und Freiheit nur in der Macht besteht zu
handeln oder nicht zu handeln Denn ein sitzender Mensch heißt dennoch frei
weil er gehen kann wenn er will hat er aber dazu nicht die Macht so ist er
nicht frei und ebenso ist ein Mensch nicht frei der einen Abgrund hinabfällt
obgleich er sich bewegt weil er diese Bewegung wenn er will nicht anhalten
kann Ist dem so so ist offenbar ein gehender Mensch dem vorgeschlagen wird
das Gehen aufzugeben darin nicht frei ob er sich zum Gehen oder Stillstehen
bestimmen will oder nicht er muss notwendig eines von beiden vorziehen das
Gehen oder Nichtgehen und so verhält es sich mit allen von uns abhängigen so
vorgestellten Handlungen welche die bei weitem größte Zahl bilden Denn
betrachtet man die große Zahl freiwilliger Handlungen die sich in jedem
Augenblick des Wachens während unsers Lebens einander folgen so zeigt sich
dass nur wenige bedacht oder dem Willen vorgestellt werden, ehe sie vollzogen
werden und bei allen diesen hat wie ich gezeigt die Seele in ihrem Wollen
nicht die Macht zu handeln oder nicht zu handeln worin die Freiheit besteht
Die Seele kann in solchen Fällen das Wollen nicht unterlassen sie kann irgend
einen Entschluss darüber nicht umgehen mag die Betrachtung auch noch so kurz
und das Denken noch so schnell geschehen sie lässt den Menschen entweder in
seinem Zustand vor dem Denken oder ändert ihn setzt die Handlung fort oder
macht ihr ein Ende Hierbei bestimmt oder verordnet sie offenbar das eine weil
sie es dem andern vorzieht und so geschieht die Fortdauer oder der Wechsel
unvermeidlich willkürlich
25 Der Wille wird durch Etwas außerhalb seiner bestimmt Da sonach der
Mensch in den meisten Fällen nicht die Freiheit zu wollen oder nicht zu wollen
hat so ist die nächste Frage ob der Mensch die Freiheit hat das zu wollen
was ihm gefällt die Bewegung oder die Ruhe Diese Frage ist in sich selbst so
verkehrt dass daraus sich genügend ergibt wie die Freiheit den Willen nichts
angeht Denn die Frage ob der Mensch die Freiheit hat entweder die Bewegung
oder die Ruhe zu wollen zu sprechen oder zu schweigen wenn es ihm beliebt
heißt fragen Ob der Mensch wollen kann was er will oder belieben was ihm
beliebt worauf man wohl nicht zu antworten braucht Wer so fragen kann muss
einen Willen zur Bestimmung der Handlungen des andern und wieder einen andern
zur Bestimmung jenes annehmen und so fort ohne Ende
26 Um diese und ähnliche Verkehrtheiten zu vermeiden ist es das Beste
bestimmte Vorstellungen über die fraglichen Gegenstände zu gewinnen Wären die
Vorstellungen von Freiheit und Wollen in dem Verstande wohl befestigt und würden
sie so bei allen Fragen festgehalten die sich über dieselben ergeben so würde
ein großer Teil der das Denken verwirrenden und den Verstand einschnürenden
Schwierigkeiten sich viel leichter lösen lassen und man würde erkennen wie
weit die Dunkelheit von der verworrenen Bedeutung der Worte und wie weit von der
Natur der Sache herkommt
27 Die Freiheit Man halte erstlich sorgfältig fest dass die Freiheit
in der Abhängigkeit des Seins oder NichtSeins einer Handlung von ihrem Wollen
besteht und nicht in der Abhängigkeit einer Handlung oder ihres Gegenteils von
unserm Vorziehen Der auf der Klippe stehende Mensch hat die Freiheit vierzig
Fuß tief in das Meer zu springen nicht weil er die Macht hat das
Entgegengesetzte zu tun dh vierzig Fuß in die Höhe zu springen was er
nicht vermag sondern er ist deshalb frei weil er die Macht hat zu springen
oder nicht zu springen Hält aber eine größere Gewalt als die seinige ihn fest
oder stürzt sie ihn hinab so ist er dann hierbei nicht länger frei weil das
Thun oder Unterlassen dieser bestimmten Handlung nicht mehr in seiner Gewalt
ist Wer in einem Zimmer von zwanzig Fuß als Gefangener eingeschlossen ist
hat wenn er auf der Nordseite seines Zimmers steht die Freiheit zwanzig Fuß
weit südwärts zu gehen da er gehen oder es unterlassen kann allein er hat da
nicht auch die Freiheit zu dem Gegenteil nämlich zwanzig Fuß nordwärts zu
gehen Hierin besteht also seine Freiheit nämlich in dem Vermögen zu handeln
oder nicht zu handeln wie man wählt oder will
28 Was ist das Wollen Man muss zweitens festhalten dass das Verlangen
oder Wollen eine That der Seele ist insofern sie ihr Denken auf die
Hervorbringung einer Handlung richtet und dabei ihre Macht zu deren
Hervorbringung ausübt Um die vielen Worte zu vermeiden möchte ich mir
gestatten hier unter dem Wort Handlung auch deren Unterlassung zu befassen Das
Sitzen oder Schweigen verlangen wenn das Gehen oder Sprechen vorgeschlagen
wird obgleich sie reine Unterlassungen sind ebenfalls einen Entschluss des
Willens und sind in ihren Folgen oft ebenso gewichtig wie ihre Gegenteile
deshalb können sie in dieser Beziehung recht wohl als Handlungen gelten Man
möge mich also nicht missverstehen wenn ich der Kürze halber mich so ausdrücke
29 Was den Willen bestimmt Drittens ist der Wille nur eine Kraft der
Seele reiche Kraft die wirkenden Vermögen derselben zur Bewegung oder Ruhe
bestimmt soweit sie von dieser Bestimmung abhängig sind und auf die Frage Was
bestimmt den Willen ist die wahre und passende Antwort Die Seele Denn das
was die zu dieser oder jener besonderen Richtung leitende allgemeine Kraft
bestimmt ist nur das Wirkende selbst was seine Kraft in dieser besonderen
Richtung ausübt Genügt diese Antwort nicht so ist der Sinn dieser Frage was
der Willen bestimme offenbar der Was veranlasst die Seele in jedem einzelnen
Fall ihre allgemeine leitende Kraft zu dieser besonderen Bewegung oder Ruhe zu
bestimmen? und darauf antworte ich Der Beweggrund für das Verharren in
demselben Zustand oder Handeln ist nur die darin liegende Befriedigung der
Beweggrund zur Änderung ist immer irgend ein Unbehagen denn nur ein solches
bestimmt uns zur Veränderung unseres Zustandes oder zu einem neuen Handeln Dies
ist der große Beweggrund welcher die Seele zum Handeln bestimmt welches ich
der Kürze halber die Bestimmung des Willens nennen will Ich werde dies weiter
erklären
30 Das Wollen und das Wünschen dürfen nicht verwechselt werden Hierbei
möchte ich vorausschicken dass ich zwar eben versucht habe die Tätigkeit des
Wollens durch Wählen Vorziehen und ähnliche Worte auszudrücken welche ebenso
das Wünschen wie das Wollen bezeichnen weil andere Worte für diese Tätigkeit
der Seele fehlen deren eigentlicher Name das Wollen oder Begehren ist indes
ist das Wollen eine so einfache Tätigkeit der Seele dass Jeder sie am besten
nicht durch eine Mannigfaltigkeit von Lauten sondern dadurch kennen lernt
dass er sich selbst bei seinem Wollen beobachtet Diese Vorsicht und Sorge gegen
Irreführung durch Worte welche den Unterschied zwischen dem Willen und andern
davon ganz verschiedenen Tätigkeiten der Seele nicht genug hervorheben ist um
so nötiger weil der Wille oft mit andern Zuständen namentlich mit dem
Wünschen vermengt oder verwechselt worden ist, und zwar selbst von Männern bei
denen man wohl bestimmte Begriffe und eine deutliche Schreibart über dieselben
erwarten konnte Dergleichen ist der hauptsächliche Anlass zur Dunkelheit und zu
Missverständnissen bei dieser Frage und deshalb möglichst zu vermeiden Wer auf
sich wenn er will achtet wird sehen dass der Wille oder die Kraft des
Wollens es nur mit der besonderen Bestimmung der Seele zu tun hat bei welcher
die Seele durch bloßes Denken eine Handlung anzufangen fortzusetzen oder damit
aufzuhören unternimmt die überhaupt in ihrer Macht steht Daraus erhellt, dass
der Wille von dem Wünsche ganz verschieden ist letzterer kann bei derselben
Handlung eine ganz andere Richtung als der Wille haben Jemand dem ich es
nicht abschlagen mag kann mich veranlassen einen Andern zu überreden obgleich
ich während ich es tue wünsche es möge mir nicht gelingen Hier sind
offenbar Wille und Wunsch einander entgegengesetzt Ich will die Handlung, die
jenen Zweck verfolgt während mein Wunsch nach der entgegengesetzten Richtung
geht Wenn Jemand durch einen heftigen GichtAnfall in seinen Beinen sich von
einer Schwere im Kopfe oder einer Appetitlosigkeit im Magen befreit fühlt so
wünscht er auch noch von den Schmerzen in Händen oder Füssen befreit zu sein
denn wo Schmerz ist da ist auch der Wunsch davon befreit zu sein allein er
fürchtet dass die Beseitigung dieser Schmerzen die schlechten Säfte zu einer
gefährlichem Stelle führen möchte und deshalb geht sein Wille auf keine
Handlung zur Entfernung dieser Schmerzen Das Wünschen und Wollen sind also zwei
besondere Tätigkeiten der Seele und daher der Wille als die Kraft zu wollen
noch mehr von dem Wunsche verschieden
31 Das Unangenehme bestimmt den Willen Kehre ich nun zu der Frage
zurück Was bestimmt den Willen zu dem einzelnen Handeln so möchte ich bei
näherer Erwägung nicht wie gewöhnlich das größere in Aussicht stehende Gut
dafür angeben sondern das und zwar meist das drückendste Unbehagen in dem
man sich zur Zeit befindet Diese Unbehagen bestimmen der Reihe nach den Willen
und fuhren zu dem Handeln was man vollbringt Man kann dieses Unbehagen ein
Begehren nennen da dieses das aus dem Mangel eines fehlenden Gutes entstehende
Unbehagen ist Alle körperlichen Schmerzen jeder Art und alle Unruhe der Seele
ist ein Unbehagen und damit verbindet sich allemal ein dem Schmerze oder dem
Unbehagen gleiches Begehren von welchem man es kaum unterscheiden kann Denn da
das Begehren nur das Unbehagen über den Mangel eines abwesenden Gutes in
Beziehung auf einen gefühlten Schmerz ist so ist das Behagen jenes abwesende
Gut und so lange dieses Behagen nicht erreicht ist kann man es Begehren
nennen da jeder Schmerz den Wunsch erweckt davon befreit zu sein wobei dieses
Begehren so stark ist als der Schmerz und sich von ihm nicht trennen lässt
Neben diesem Begehren nach der Erleichterung von Schmerz besteht das andere nach
dem abwesenden Gut und auch hierbei sind das Unbehagen und das Begehren sich
gleich So stark man nach dem abwesenden Gut verlangt so stark hat man deshalb
Schmerzen Indes bewirkt das abwesende Gut nicht immer eine seiner Größe oder
vermeintlichen Größe entsprechende Stärke des Schmerzes obgleich doch jeder
Schmerz das Verlangen in gleicher Stärke erweckt weil die Abwesenheit eines
Guts nicht immer ein Schmerz ist wie es der gegenwärtige Schmerz ist Deshalb
kann ein abwesendes Gut auch ohne Begehren betrachtet und überdacht werden
soweit aber dabei ein Begehren besteht soweit ist auch ein Unbehagen vorhanden
32 Das Begehren ist ein Unbehagen Achtet man auf sich selbst so wird
man leicht bemerken dass das Begehren ein Zustand des Unbehagens ist Wer hat
nicht bei seinem Begehren empfunden was der Weise von der Hoffnung sagt die
sich nicht sehr von dem Begehren unterscheidet »sie mache das Herz krank wenn
sie nicht erfüllt werde« und zwar im Verhältnis zur Größe des Begehrens
Deshalb steigert sie das Unbehagen manchmal zu einer Höhe dass der Mensch
schreit Gib mir Kind gib mir was ich verlange oder ich sterbe Selbst das
Leben mit allen seine Freuden wird unter dem dauernden und ungehobenen Druck
eines solchen Unbehagens zu einer unerträglichen Last
33 Das Unbehagliche des Begehrens bestimmt den Willen Das Gute und das
Hebel wirken allerdings sowohl als gegenwärtige wie als abwesende auf die Seele
allein was den Willen von einer Zeit zur andern unmittelbar zu jeder
willkürlichen Handlung bestimmt ist das Unbehagen in dem Begehren nach einem
abwesenden Gute entweder in verneinendem Sinne als Schmerzlosigkeit bei
Jemand der Schmerzen hat oder bejahend als Genuss der Lust Ich werde sowohl
aus der Erfahrung, als aus der Natur der Sache darlegen dass nur dieses
Unbehagen den Willen zu jener Reihe von willkürlichen Handlungen bestimmt
welche den größten Teil des Lebens ausfüllen und durch welche man auf
verschiedenen Wegen zu verschiedenen Zielen gelangt
34 Dies ist die Triebfeder zum Handeln Ist Jemand vollkommen mit
seinem gegenwärtigen Zustand zufrieden dh ist er völlig frei von jedem
Unbehagen welche andere Anstrengung welches andere Handeln und Wollen ist da
bei ihm vorhanden als mir das darin zu verharren davon kann sich Jeder durch
Beobachtung seiner selbst überzeugen Deshalb hat unser allweiser Schöpfer
unserer Beschaffenheit und Einrichtung entsprechend und wohl wissend was den
Willen bestimmt in den Menschen das Unbehagen des Hungers und Durstes und
anderer natürlichen Begierden gelegt die zu ihrer Zeit wiederkehren um den
Willen zu erregen und zu bestimmen, damit der Mensch sich erhalte und seine
Gattung fortpflanze Denn ich möchte glauben dass, wenn die bloße Betrachtung
dieser guten Zwecke zu denen diese mancherlei Unbehaglichkeiten treiben genügt
hätte um den Willen zu bestimmen und uns zu dem Handeln zu veranlassen wir
keine dieser natürlichen Schmerzen und vielleicht in dieser Welt nur wenig oder
gar keine Schmerzen haben würden »Es ist besser zu heiraten als zu brennen«
sagt Paulus woraus erhellt, dass dies vorzüglich zu den Freuden des ehelichen
Lebens treibt Ein wenig Brennen treibt kräftiger als größere Lust in Aussicht
zieht und lockt
35 Selbst das größte bejahende Gut bestimmt den Willen nicht sondern
nur das Unbehagen Alle Welt hält fest an dem Satz dass das Gut und das
größere Gut den Willen bestimme deshalb wundre ich mich nicht wenn auch ich
bei der ersten Bekanntmachung meiner Gedanken über diesen Gegenstand dies für
ausgemacht annahm und ich glaube Viele werden mich eher wegen dieser damaligen
Annahme entschuldigen als jetzt wo ich es wage von einer so allgemein
angenommenen Ansicht abzugehen Allein bei näherer Erwägung muss ich annehmen
dass das Gut und das größere Gut trotz der Kenntnis desselben den Willen so
lange nicht bestimmt als das ihm entsprechende Begehren kein Unbehagen über
dessen Mangel erweckt Man kann Jemand noch so sehr überzeugen dass Reichtum
besser als Armut ist man kann ihm zeigen dass die zierlichen Bequemlichkeiten
des Lebens der schmutzigen Armut vorzuziehen sind und doch wird er sich
deshalb nicht regen wenn er bei seiner Armut zufrieden ist und kein Unbehagen
dabei empfindet sein Wille bestimmt sich dann zu keiner Handlung die ihm
heraushelfen könnte Ein Mensch kann noch so überzeugt sein dass die Tugend
vorteilhaft und Demjenigen als Lebensnahrung nötig sei der Größes in dieser
Welt erreichen oder seine Hoffnungen in jener Welt erfüllt sehen will er wird
doch seinen Willen nicht eher zu einer Handlung in Verfolgung dieses größeren
Gutes bestimmen als bis er nach der Rechtschaffenheit hungert und dürstet und
er ein Unbehagen über deren Mangel fühlt bis dahin wird jedes andere Unbehagen
was er fühlt sich geltend machen und seinen Willen zu andern Handlungen
treiben Wenn umgekehrt ein Trunkenbold sieht dass seine Gesundheit abnimmt und
sein Vermögen schwindet dass Misstrauen und Krankheiten und Mangel an Allem
selbst an seinem beliebten Getränk ihn bei Fortsetzung seiner Lebensweise
erwartet so treibt dennoch das Unbehagen weil die Genossen fehlen und der
gewohnte Durst nach seinem Becher ihn zur bestimmten Stunde in die Schenke
obgleich er den Verlust seiner Gesundheit und seines Vermögens und vielleicht
der Freuden einer andern Welt voraussieht und das kleinste dieser Güter nicht
unbeträchtlich ist, sondern, wie er selbst einsieht viel grösser ist als der
Gaumenkitzel von einem Glase Wein oder das eitle Geschwätz seiner
Trinkgesellschaft Es fehlt ihm nicht die Kenntnis des größeren Gutes denn er
sieht und erkennt es an und in den Zwischenpausen seines Trinkens fasst er wohl
auch den Vorsatz es zu verfolgen wenn aber das Unbehagen aus dem Mangel seines
gewohnten Genusses wiederkommt so verliert das als grösser anerkannte Gut seine
Anziehungskraft und das gegenwärtige Unbehagen bestimmt den Willen zu dem
gewohnten Handeln welches damit festem Fuß gewinnt und bei der nächsten
Gelegenheit überwiegt obgleich er vielleicht heimlich sich verspricht dass er
nicht mehr so fortfahren wolle es solle das letzte Mal sein dass er gegen den
Reiz des größeren Guts handeln werde So ist er von Zeit zu Zeit in dem Zustand
jenes Unglücklichen welcher klagte »Video meliora proboque deteriora sequor«
Ich sehe und billige das Bessere aber ich folge dem Schlechteren welcher als
wahr anerkannte und durch die Erfahrung stets bestätigte Spruch so und
vielleicht in keiner andern Weise verständlich gemocht werden kann.
36 Denn die Beseitigung des Unbehagens ist der erste Schritt zum Glück
Sucht man nach den Gründen dieser klaren Tatsachen und dass nur das Unbehagen
auf den Willen einwirkt und seine Wahl bestimmt so zeigt sich dass man auf
einmal nur zu einer Handlung sich bestimmen kann und dass deshalb das
gegenwärtige Unbehagen natürlich den Willen bestimmt um jenes Glück zu
erlangen was man bei allen seinen Handlungen als Ziel verfolgt denn so lange
man jenes Unbehagen empfindet kann man sich nicht glücklich fühlen und auch
nicht auf dem Wege dahin sich finden Jeder fühlt dass Schmerz und Unbehagen
sich mit Glück nicht vertragen indem sie selbst den Genuas der Güter die man
besitzt zerstören ein kleinerer Schmerz genügt alle Freude daran zu
verderben Und deshalb wird natürlich das was den Entschluss bestimmt immer
die Beseitigung des Schmerzes so lange sein als man noch einen solchen
empfindet da es der erste und notwendigste Schritt zum Glück ist
37 Weshalb allein das Unbehagen gegenwärtig ist Ein anderer Grund
weshalb allein das Unbehagen den Willen bestimmt ist wohl der dass es allein
gegenwärtig ist und natürlich das Abwesende da nicht wirken kann wo es nicht
ist Man sagt dass durch die Betrachtung das entfernte Gut herbeigeführt und
gegenwärtig gemacht werden könne indes mag die Vorstellung desselben wohl in
die Seele treten und da als gegenwärtig gelten aber Nichts kann in der Seele
als ein gegenwärtiges Gut sein was die Beseitigung eines Unbehagens unter dem
man leidet hemmen könnte bevor es nicht das Begehren erweckt hat und hierbei
hat das Unbehagen in Bestimmung des Willens die Oberhand So lange also die
bloße Vorstellung irgend eines Guts in der Seele ist bleibt sie wie andere
nur Gegenstand untätiger Betrachtung aber wirkt nicht auf das Wollen und
treibt nicht zur That wovon ich den Grund nebenbei darlegen werde Wie Viele
werden wohl trotz der lebhaften Vorstellungen von den unaussprechlichen Freuden
des Himmels die sie als möglich und wahrscheinlich anerkennen bereit sein sie
gegen ihre Glückseligkeit hier zu vertauschen Deshalb bestimmt das überwiegende
Unbehagen ihres Begehrens was sich nach den Gütern des irdischen Lebens geltend
macht ihren Entschluss während sie keinen Schritt tun noch im mindesten sich
nach den Gütern eines andern Lebens wenden wenn sie auch als noch so groß
gelten
38 Weshalb man an die Freuden des Himmels glaubt und sie dennoch nicht
verfolgt Wenn der Wille durch die Aussicht auf ein Gut bestimmt würde je
nachdem es der Seele grösser oder kleiner erscheint was der Fall bei jedem
abwesenden Gute ist und wenn es nach der gewöhnlichen Meinung den Willen
erregen und nach sich ziehen soll so begreife ich nicht wie der Wille hier von
den unendlichen und ewigen Freuden des Himmels loskommen könnte nachdem man
einmal davon gehört und sie als erreichbar erkannt hat Denn wenn jedes
abwesende Gut durch seine bloße Vorstellung und Anblick den Willen angeblich
bestimmen und zum Handeln bewegen soll sobald es nur erreichbar wenn auch noch
nicht sicher ist so muss das unendlich größere erreichbare Gut der Regel nach
den Willen ununterbrochen in all seinen weitem Entschlüssen bestimmen und man
müsste dann seinen Weg zum Himmel beharrlich und fest innehalten ohne
stillzustehen oder sein Handeln einem andern Ziele zuzuwenden denn der endlose
Zustand eines künftigen Lebens überwiegt unendlich die Hoffnung auf Reichtümer
Ehren und andere irdische Freuden die man sich vorstellen kann Dies gilt
selbst dann wenn letztere sich als die wahrscheinlichererreichbaren
darstellen denn kein Zukünftiges hat man in Besitz und deshalb kann auch hier
die Hoffnung getäuscht werden Wenn die Vorstellung eines größeren Guts wirklich
den Willen bestimmte so müsste ein einmal vorgestelltes so großes Gut den
Willen erfassen und in der Verfolgung seiner festhalten ohne ihn je wieder
loszulassen denn der Wille hat auch über das Denken Gewalt und lenkt es so gut
wie andere Tätigkeiten und er würde deshalb wenn es sich so verhielte die
Seele in der Betrachtung dieses größten Gutes festhalten
Dagegen bleibt kein erhebliches Unbehagen unbeachtet Dies wäre der
Seelenzustand und die regelmäßige Richtung des Willens bei all seinen
Entschlüssen wenn er durch das bestimmt würde was als das größere Gut
erachtet und wahrgenommen wird allein die Erfahrung lehrt dass dem nicht so
ist Das anerkannt unendlich größte Gut wird oft vernachlässigt um die
verschiedenen Unbehagen aus unserm Verlangen nach Kleinigkeiten zu beseitigen
Das anerkannt größte ja immerwährende und unaussprechbare Gut bewegt wohl
manchmal die Seele aber hält den Willen nicht fest während jedes große und
erhebliche Unbehagen den Willen wenn es ihn einmal erfasst hat nicht loslässt
Daraus kann man abnehmen was den Villen bestimmt So hält ein heftiger
körperlicher Schmerz oder die unbezwingliche Leidenschaft eines verliebten
Mannes oder das ungeduldige Verlangen nach Rache den Willen stetig fest und
dieser lässt wenn er so bestimmt ist den Verstand nicht den Gegenstand bei
Seite legen vielmehr werden alle Gedanken der Seele und alle Kräfte des Körpers
ohne Unterlass in dieser Richtung durch den Entschluss des Willens bewegt
welcher durch jenes peinigende Unbehagen so lange bestimmt wird, als es besteht
Daraus erhellt, dass der Wille oder die Kraft eine Handlung statt der andern
vorzunehmen nur durch das Unbehagen bestimmt wird. Jeder mag sich selbst
beobachten ob es sich nicht so verhält
39 Jedes Unbehagen ist von einem Begehren begleitet Ich habe bis jetzt
das Unbehagen des Begehrens als das betont was den Willen bestimmt denn es ist
das wichtigste und fühlbarste und der Wille wird selten sich zu einer Handlung
entschließen und sie vollziehen wenn nicht ein Begehren danach besteht
Deshalb werden der Wille und das Begehren so oft verwechselt Allein deshalb
darf das Unbehagen was die meisten andern Leidenschaften ausmacht oder
wenigstens begleitet in diesem Falle nicht als ganz ausgeschlossen angesehen
werden; auch der Abscheu die Furcht der Zorn der Neid die Scham usw haben
ihr Unbehagen und beeinflussen deshalb das Wollen Im Leben und Handeln sind
diese Leidenschaften nicht einfach und für sich ohne Mischung mit andern wenn
auch bei der Besprechung und Betrachtung nur die genannt wird welche die
stärkste ist und am meisten bei dem betreffenden Geisteszustand hervortritt ja
man wird wohl kaum eine Leidenschaft finden die nicht mit einem Begehren
verbunden wäre Sicherlich ist da wo ein Unbehagen ist auch ein Begehren denn
man verlangt stets nach dem Glück und so lange man ein Unbehagen fühlt fehlt
selbst nach der eigenen Meinung das Glück wie auch sonst die Lage und der
Zustand beschaffen sein mag Überdem ist der gegenwärtige Augenblick nicht die
Ewigkeit und deshalb sieht man bei jeder Art von Lust über die Gegenwart
hinaus das Begehren verbindet sich mit dieser Voraussicht und nimmt den Willen
mit sich So ist selbst in der Lust das was die Tätigkeit aufrecht hält von
der die Lust bedingt ist das Verlangen sie länger zu behalten lud die Furcht
sie zu verlieren sobald aber ein größeres Unbehagen als dies In der Seele
Sich einstellt wird der Wille durch dies neue zu einem andern Handeln bestimmt
und die vorhandene Lust vernachlässigt
40 Das drückendste Unbehagen bestimmt natürlich den Willen Da wir
indes in dieser Welt mit verschiedenem Unbehagen beladen sind und durch
mancherlei Begehren getrieben werden so fragt es sich zunächst welches bei der
Bestimmung des Willens zur nächsten Handlung das Übergewicht hat Die Antwort
ist In der Regel jenes was unter denen die zu beseitigen sind am meisten
drückt Denn der Wille ist die Macht unsere Vermögen zum Handeln für ein
bestimmtes Ziel zu leiten und er kann sich nicht gegen Etwas wenden was zu
dieser Zeit als unaufhebbar gilt sonst müsste ein verständiges Wesen
absichtlich ein Ziel verfolgen bloß um seine Mühe zu verschwenden wie es bei
einem unerreichbaren Ziele der Fall sein würde Deshalb erregt selbst ein
großes Unbehagen den Willen nicht wenn es für unheilbar gehalten wird und man
fängt alsdann nicht mit Versuchen an Davon abgesehen ist das zu einer Zeit
empfundene erheblichste und dringendste Unbehagen das was in der Regel den
Willen zu der Reihe von Handlungen hintereinander bestimmt die unser Leben
ausmachen Das größte gegenwärtige Unbehagen was sich beharrlich fühlbar
macht ist der Sporn zum Handeln und bestimmt meistens den Willen in der Wahl
seiner nächsten That Denn man muss festhalten dass der eigentliche und einzige
Gegenstand des Willens nichts weiter als ein Handeln unserer ist und da man
durch den Willen nur eine uns mögliche Handlung hervorbringen kann so endet in
diesem Handeln der Wille und reicht nicht weiter
41 Jedermann verlangt nach dem Glück Fragt man weiter was das
Begehren erregt so antworte ich Das Glück und nur dieses Glück und Elend sind
die Worte für zwei Gegensätze deren äußerste Grenzen der Mensch nicht kennt
sie sind »was das Auge nicht gesehen noch das Ohr gehört hat noch in des
Menschen Herz zum Begreifen eingedrungen ist« Aber bis zu einem gewissen Grade
hat man sehr lebhafte Eindrücke von beiden die durch verschiedene Arten von
Lust und Freude auf der einen Seite und von Qual und Kammer auf der andern
Seite bewirkt werden Der Kürze wegen fasse ich sie unter den Worten von Lust
und Schmerz zusammen da es deren sowohl von der Seele wie von dem Körper gibt
»Mit Ihm ist Fülle der Freude und Lust immerdar« Oder in Wahrheit gehören sie
alle der Seele an nur entstehen manche durch Gedanken und andere durch gewisse
Bewegungen in dem Körper
42 Was ist das Glück Glück ist daher das äußerste Maß der Lust
dessen der Mensch fähig ist und Elend der äußerste Schmerz der niedrigste
Grad der noch Glück heißen kann ist so viel Befreiung von Schmerz und so viel
gegenwärtige Lust dass man zufrieden sein kann Da nun Lust und Schmerz durch
die Wirksamkeit gewisser Dinge auf unsere Seele oder unsern Körper und zwar in
verschiedenen Graden hervorgebracht werden, so heißt Alles was uns Lust
gewähren kann ein Gut und Alles was uns Schmerzen macht ein Übel bloß weil
es diese Gefühle in uns hervorzubringen vermag in welchen unser Glück und Elend
besteht Obgleich indes das was einen Grad von Lust erwecken kann an sich ein
Gut ist und das was einen Grad von Schmerz verursachen kann an sich ein Übel
ist so heißen doch beide oft nicht so wenn sie im Kampfe mit einem größeren
der Art geraten denn in solchem Falle werden auch die Grade jedes der beiden
Gefühle erwogen Bei einer richtigen Abschätzung dessen was man Gut und Übel
nennt liegen daher beide mehr in der Vergleichung denn Alles was einen
geringeren Grad von Schmerz oder einen hohem Grad von Lust herbeiführt hat die
Natur eines Gutes und umgekehrt
43 Welche Güter begehrt werden und welche nicht Obgleich dies es ist
was man ein Gut und ein Übel nennt und im Allgemeinen jedes Gut der
eigentliche Gegenstand des Begehrens ist so erregt doch nicht jedes Gut selbst
wenn man es sieht und als solches anerkennt notwendig bei Jedem das Begehren
sondern nur der Teil desselben oder so viel davon als Jemand für ein
notwendiges Stück zu seinem Glücke ansieht und annimmt Für jedes andere Gut
wenn es auch noch so groß wirklich ist oder erscheint besteht bei Dem kein
Verlangen der es nicht als einen Teil des Glücks ansieht was ihn in seinem
gegenwärtigen Zustande erfreuen kann Das Glück in diesem Sinne wird von Jedem
beharrlich erstrebt und jeder Teil desselben begehrt während andere Dinge
obgleich sie als Güter gelten ohne Verlangen gesehen werden und man an ihnen
vorübergehen und zufrieden sein kann Niemand wird leugnen dass das Wissen Lust
gewährt und die sinnlichen Freuden haben so viele Anhänger dass man nicht zu
fragen braucht ob die Menschen davon erfasst werden oder nicht Findet nun der
Eine seinen Genuss in sinnlicher Lust und der Andere in dem Wissen, so wird
trotzdem dass Jeder in dem Ziele des Andern eine gewisse Lust anerkennt doch
Keiner des Andern Vergnügen zu einem Teil seines Glückes rechnen das Begehren
des Einen wird durch das was den Andern erfreut nicht erregt und sein Wille
nicht zu dessen Erlangung bestimmt Sobald indes Hunger und Durst dem
studierenden Mann Unbehagen erwecken wird er obgleich er niemals nach gutem
Essen scharfen Brühen kostbaren Weinen wegen ihres guten Geschmackes verlangt
durch das Unbehagen des Hungers und Durstes sofort bestimmt zu essen und zu
trinken wobei es ihm vielleicht gleich ist, welche gesunde Nahrung er zu sich
nimmt Umgekehrt wird der Epikureer sich mit Studieren abmühen wenn die Scham
oder der Wunsch seiner Geliebten zu gefallen ihn den Mangel an Wissen
unbehaglich empfinden lässt So kann man trotz des ernsten und fortwährenden
Jagens nach dem Glück ein großes und anerkanntes Gut deutlich sehen ohne davon
erregt zu werden sobald man sein Glück auch ohnedem erreichen kann Bei dem
Schmerz ist man dagegen allemal beteiligt und man fühlt kein Unbehagen ohne
davon bestimmt zu werden Indem daher der Mensch in Folge des Mangels von etwas
zu dem Glücke Nötigen ein Unbehagen fühlt so begehrt er jedes Gut wenn es ihm
als ein Teil seines Glückes erscheint
44 Weshalb das größte Gut nicht immer begehrt wird Jeder denke ich
kann an sich und Andern bemerken dass das größere sichtbare Gut das Begehren
nicht immer in Verhältnis zu der Größe erweckt in der es sich zeigt und
anerkannt wird während doch jede kleine Unruhe uns erregt und zur Beseitigung
derselben antreibt Der Grund davon liegt in der Natur des Glückes und Elendes
selbst Jeder gegenwärtige Schmerz bildet einen Teil unseres gegenwärtigen
Elends während nicht jedes fehlende Gut einen notwendigen Teil unseres
gegenwärtigen Glückes bildet und dessen Abwesenheit uns nicht elend macht Wäre
dies der Fall so wären wir fortwährend unendlich elend da eine Menge Grade von
Glück nicht in unserer Macht stehen Deshalb genügt wenn nur alles Unbehagen
beseitigt ist ein mäßiges Gut zur Zufriedenheit ein geringer Grad von Glück
mit einem Wechsel einfacher Freuden kann ein Glück bilden mit dem man zufrieden
ist Wäre dem nicht so so bliebe kein Raum für jene unbedeutenden und offenbar
kleinlichen Handlungen zu denen man sich so oft entschließt und in denen man
so absichtlich einen großen Teil seines Lebens verschwendet denn dergleichen
verträgt sich nicht mit dem steten Entschluss und Verlangen nach dem größten
sich zeigenden Gute Um sich von der Wahrheit dessen zu überzeugen braucht man
nicht weit zu wandern auch reicht in diesem Leben das Glück von vielen Personen
nicht so weit dass es ihnen eine stete Reihe mäßiger einfacher Vergnügen
gewährte dem kein Unbehagen beigemischt wäre und dennoch würden Alle gern für
immer hier bleiben wenn sie auch nicht leugnen können dass jenseits ein ewiger
Zustand dauernder Freude nach diesem Leben bestehen möge der alle irdischen
Güter weit übertrifft Sie müssen sogar einsehen dass jene himmlischen Güter
erreichbarer sind als jene Kleinigkeiten von Ehre und Lust die sie jetzt
aufsuchen und derentwegen sie den jenseitigen Zustand vernachlässigen allein
trotz der vollen Erkenntnis dieses Unterschiedes und trotz der Erreichbarkeit
eines vollkommenen sichern und dauernden Glückes in jener Welt und trotz der
Überzeugung dass dies hier nicht erreicht werden kann, wenn sie ihr Glück an
einen kleinen Genuss oder ein kleines Lebensziel hängen und die Freuden des
Himmels nicht zu einem wesentlichen Teil desselben machen wird doch das
Begehren durch dieses größere sich zeigende Gut nicht erweckt und der Wille zu
keinem Handeln und keinem Versuche es zu gewinnen bestimmt
45 Weil es nicht begehrt wird erregt es den Willen nicht Die
notwendigen Bedürfnisse des Lebens erfüllen in ihrer regelmäßigen Wiederkehr
einen großen Teil desselben mit dem Unbehagen des Hungers und Durstes der
Hitze und Kälte der Erschöpfung durch die Arbeit der Schläfrigkeit Diesen
fügt man neben zufälligem Unglück noch die eingebildeten Schmerzen wie die
Begierde nach Ehre Macht Reichtum usw hinzu welche die durch Mode
Beispiel und Erziehung angenommenen Gewohnheiten uns eingepflanzt haben so wie
tausenderlei andere Wünsche welche die Gewohnheit uns zur andern Natur gemacht
hat und deshalb erhellt, dass nur ein kleiner Teil des Lebens so frei von
Unbehagen ist um sich der Erwerbung entfernter Güter zuwenden zu können Man
fühlt sich selten behaglich und selten genügend frei von natürlichen oder
angewöhnten Wünschen vielmehr beschäftiget eine fortlaufende Reihe von
Unbehaglichkeiten aus jenem Vorrat welchen natürlicher Mangel und Gewohnheiten
aufgehäuft haben den Willen kaum ist das eine abgemacht zu dem man durch eine
solche Willensbestimmung getrieben worden so ist schon ein anderes Unbehagen
da um uns wieder in Tätigkeit zu setzen Denn die Entfernung des gefühlten
Schmerzes der uns gegenwärtig drückt beseitigt ein Stück Elend es ist deshalb
das erste was für das Glück geschehen muss und deshalb wird das entfernte Gut
trotzdem dass man daran denkt es anerkennt und es sich als ein solches zeigt
dennoch weil es keinen Teil unseres Unglücks durch seine Abwesenheit bildet
aus dem Wege gestoßen um für die Beseitigung des gefühlten Unbehagens Platz zu
gewinnen Nur wenn die schuldige wiederholte Betrachtung desselben es der Seele
näher gebracht hat einen Geschmack davon geschaffen und ein Verlangen danach
erweckt hat beginnt es einen Teil unseres gegenwärtigen Unbehagens zu bilden
sich mit dem übrigen behufs der Beseitigung gleich zu stellen und damit je nach
seiner Größe und seinem Drängen an seinem Ort den Willen zu bestimmen.
46 Die gehörige Betrachtung erweckt das Begehren So kann man durch
eine gehörige Betrachtung und Prüfung eines vorgestellten Guts das Verlangen
danach in einem seinem Wert entsprechenden Grade erwecken und dadurch kann
es an seinem Orte und in seinem Reiche auf den Willen wirken und erstrebt
werden Denn jedes noch so große Gut was sich als solches darstellt und gilt
erregt doch den Willen nicht eher als bis es das Verlangen danach in der Seele
erweckt hat und damit seinen Mangel unangenehm empfinden lässt ohnedem befindet
man sich nicht in dem Bereich seiner Wirksamkeit denn der Wille wird bloß durch
das gegenwärtige Unbehagen bestimmt dieses allein wenn man es hat treibt und
ist bei der Hand um den Willen zunächst zu bestimmen. Wenn ein Schwanken in der
Seele stattfindet so bezieht es sich bloß darauf welches Begehren zunächst
befriedigt werden welches Unbehagen zuerst beseitigt werden soll Dabei zeigt
es sich dass so lange noch ein Unbehagen ein Begehren in der Seele ist ein
Gut als solches nicht an den Willen herankommen und ihn bestimmen kann Denn der
erste Schritt um zu dem Glück zu gelangen ist wie gesagt aus dem Bereich des
Elendes herauszukommen und keinen Teil desselben zu empfinden So lange nicht
jedes Unbehagen beseitigt ist hat der Wille keine Müsse für etwas Anderes und
bei der Menge von Mängeln und Begehren die in dem unvollkommenen Zustande hier
den Menschen drängen wird er schwerlich von allem Unbehagen in dieser Welt frei
werden können.
47 Das Vermögen die Ausführung eines Begehrens zu hemmen bahnt den Weg
für die Überlegung Da stets eine große Menge von Unbehagen den Willen reizen
und bestimmen wollen so entscheidet naturgemäß wie gesagt das größte und
drückendste zunächst über das erste Handeln Dies ist die Regel aber nicht ohne
Ausnahme Denn die Erfahrung lehrt dass die Seele in der Regel die Ausführung
und Befriedigung eines Begehrens und damit auch aller eines nach dem andern
hemmen kann Dadurch wird sie frei für die allseitige Betrachtung der
Gegenstände des Begehrens und deren Vergleichung mit einander. Hierin liegt die
Freiheit welche der Mensch besitzt Aus ihrem unrechten Gebrauch kommen alle
jene mannichfachen Missverständnisse Irrtümer und Fehler in die man während
seines Lebens in seinen Bestrebungen nach dem Glücke gerät man überstürzt
seine Entschlüsse und bindet sich ehe man die gehörige Prüfung angestellt hat
Um dies zu hindern hat man die Kraft die Erfüllung jedes Begehrens zu hemmen
wie aus der eigenen Erfahrung leicht zu entnehmen ist. Dies scheint mir die
alleinige Quelle der Freiheit darin besteht das was man ich glaube
unpassender Weise freien Willen nennt Denn während dieser Hemmung des
Begehrens ehe noch ein Entschluss gefasst ist und die Handlung die diesem
Entschlüsse folgt geschehen ist kann man das Gut oder Übel prüfen beschauen
und man kann beurteilen was zu tun ist Hat man nach gehöriger Prüfung
geurteilt so hat man seine Schuldigkeit getan Es ist dies Alles was man in
Verfolgung des Glückes zu tun hat und es ist kein Fehler sondern ein Vorzug
unserer Natur dass man nach dem letzten Ausfall einer ehrlichen Untersuchung
begehrt will und handelt
48 Dass das eigene Urteil uns bestimmt ist keine Beschränkung der
Freiheit Darin liegt so wenig eine Beschränkung oder Verminderung der
Freiheit dass es vielmehr ihre wahre Verbesserung und eine Wohltat für sie
ist es ist keine Verkürzung sondern das Ziel und der Nutzen der Freiheit und
je weiter man von einer solchen Bestimmung des Willens entfernt desto näher
steht man dem Elend und der Knechtschaft Eine völlige Gleichgültigkeit der
Seele die durch das letzte Urteil über das ihre Wahl begleitende Gute oder
Üble nicht beseitigt würde wäre kein Vorzug und keine Auszeichnung eines
verständigen Wesens sondern eine ebenso große Unvollkommenheit als das Fehlen
dieser Unbestimmtheit zu handeln bevor der Wille sich entschieden hat auf der
andern Seite eine Unvollkommenheit sein würde Der Mensch hat die Freiheit
seine Hand zu erheben oder sie in Ruhe zu lassen Beides gilt ihm vollkommen
gleich und es wäre eine Unvollkommenheit wenn ihm diese Kraft fehlte und er
diese Gleichgültigkeit nicht hätte Allein es wäre eine gleiche
Unvollkommenheit wenn er dieselbe Gleichgültigkeit da behielte wo er durch
Aufheben der Hand seinen Kopf oder sein Auge vor einem drohenden Schlage
schützen kann es ist ein Vorzug dass das Begehren oder das Vermögen
vorzuziehen durch ein Gut bestimmt wird, und ebenso ist es ein Vorzug dass das
Vermögen zu handeln von dem Willen bestimmt wird; je sicherer diese Bestimmung
erfolgt desto grösser ist der Vorzug ja wenn etwas Anderes, als das letzte
Ergebnis der Seele bei ihrem Urteil über das Gute oder Schlimme einer Handlung
bestimmend wirkte so wäre man nicht frei da das wahre Ziel der Freiheit darin
liegt dass man das erwählte Gut erlange Deshalb befindet sich der Mensch nach
seiner Natur als verständiges Wesen in der Notwendigkeit dass er bei seinem
Wollen durch sein Denken und sein Urteil über das Beste bestimmt werde sonst
bestimmte ihn ein Anderes, als er selbst was ein Mangel der Freiheit wäre Wenn
man leugnet dass der Mensch bei jedem seiner Entschlüsse seinem eigenen
Urteile folge so hieße dies der Mensch wolle und verfolge ein Ziel was er
während er danach verlangt und dafür tätig ist nicht haben mag Denn wenn er
es in seinen Gedanken jedem anderen vorzieht so hält er es für das bessere und
will es lieber als jedes andere man müsste dann das Ziel zugleich haben und
nicht haben wollen und nicht wollen können was als offenbarer Widerspruch
nicht möglich ist
49 Die freisten Wesen werden in dieser Weise bestimmt Blickt man nach
jenen höheren Wesen über uns welche eine vollkommene Glückseligkeit gemessen
so dürften sie wohl bei ihrem Wählen des Guten noch entschiedener wie wir
bestimmt werden, ohne dass man deshalb sie für weniger glücklich oder frei
halten kann und wenn es so armen endlichen Wesen wie uns anstünde sich über
das auszusprechen was die unendliche Weisheit und Güte tun kann so darf man
wohl sagen dass Gott das was nicht gut ist nicht wählen kann und dass die
Freiheit des Allmächtigen nicht hindert dass er durch das Beste bestimmt werde
50 Das stete Bestimmtwerden dahin dass man das Glück verfolge ist
keine Beschränkung der Freiheit Um diesen Irrtum in Bezug auf die Freiheit
ins rechte Licht zu stellen frage ich Würde man wohl ein Dummkopf sein
wollen weil dieser durch weise Betrachtungen weniger wie der Weise bestimmt
wird? Ist es der Freiheit würdig beliebig den Narren spielen und Schande und
Elend über sich selbst bringen zu können Wenn es Freiheit und wahre Freiheit
ist dass man sich der Leitung der Vernunft entzieht und des Schatzes der
Prüfung und des Urteils entbehrt welches von der Wahl des Schlechten abhält
so sind die Verrückten und Narren allein frei Indes wird wohl nur der welcher
schon toll ist hier die Tollheit um solcher Freiheit willen vorziehen Niemand
hält das stete Verlangen nach dem Glücke und den Zwang den es in Verfolgung
desselben auflegt für eine Verkürzung oder zum mindesten für eine
beklagenswerte Verkürzung der Freiheit Selbst der allmächtige Gott muss
notwendig glücklich sein und je mehr sich ein vernünftiges Wesen dem nähert
desto näher rückt es der Vollkommenheit und der Seligkeit Damit wir
kurzsichtigen Geschöpfe in unserm Zustand der Unwissenheit in dem wahren Glücke
nicht fehl greifen sind wir mit dem Vermögen versehen worden jedes einzelne
Begehren hemmen und von der Bestimmung unseres Willens und von der Verwickelung
unserer in Handlungen fern halten zu können Dies ist ein Stillstehen wo man
des Weges nicht ganz sicher ist die Prüfung ist eine Frage an den Führer Der
Willensentschluss nach dieser Untersuchung folgt der Anweisung dieses Führers
und wer nach solcher Anweisung sein Handeln oder NichtHandeln einzurichten
vermag ist ein freies Wesen solcher Einfluss verkürzt nicht die Macht in der
die Freiheit besteht Wer seine Ketten gebrochen und die Thore seines
Gefängnisses sich geöffnet hat ist vollkommen frei weil er je nachdem es ihm
beliebt gehen oder bleiben kann wenn er sich auch wegen der Dunkelheit der
Nacht oder dem schlechten Wetter oder wegen Mangels eines andern Unterkommens
zum Bleiben entschließt er hört deshalb nicht auf frei zu sein wenn auch das
Verlangen nach einer Bequemlichkeit seinen Entschluss unbedingt bestimmt und ihn
in dem Gefängnis bleiben lässt
51 Die Notwendigkeit das wahre Glück zu suchen ist die Grundlage der
Freiheit Wenn sonach die höchste Vollkommenheit einer geistigen Natur in einer
sorgsamen und steten Aufsuchung des wahren und sichern Glückes besteht so
bildet die Fürsorge dass man nicht ein eingebildetes Glück für ein wirkliches
nehme die wahre Grundlage der Freiheit Je fester die Bande sind die uns an die
unveränderliche Aufsuchung des Glückes überhaupt fesseln welches das größte
Gut ist auf welches als solchem das Begehren immer gerichtet ist desto freier
ist man davon dass der Wille zu einer einzelnen Handlung notwendig bestimmt
werde und dass man einem besonderen Begehren nachzugeben gezwungen ist was auf
ein zu wählendes Gut sich richtet ehe man noch gehörig geprüft hat ob es zum
wahren Glücke hinoder davon abführt Ehe man deshalb dies nicht der Wichtigkeit
des Gegenstandes und der Natur des Falles entsprechend untersucht hat ist man
durch den Zwang das wahre Glück als unser größtes Gut zu erstreben genötigt
die Befriedigung der Begehren in einzelnen Fällen zu hemmen
52 Der Grund dafür Dies ist die Angel um welche die Freiheit
vernünftiger Wesen sich dreht sie besteht darin, dass man in seinem steten
Streben und beharrlichen Aufsuchen des wahren Glückes dieses Streben in
einzelnen Fällen so lange hemmen kann bis man sich vorgesehen und unterrichtet
hat ob das besondere hier aufgefasste und begehrte Ding auf dem Wege zu dem
Hauptziele liege und einen wirklichen Teil des höchsten Gutes bilde denn das
natürliche Streben und Begehren nach Glück gilt als eine Pflicht und als
Beweggrund sich gegen Miss und Fehlgriffe vorzusehen es nötigt zur Vorsicht
Überlegung und Aufmerksamkeit bei Leitung des einzelnen Handelns wodurch jenes
Glück erreicht werden soll Dieselbe Notwendigkeit welche zur Verfolgung der
wahren Seligkeit nötigt führt auch mit derselben Gewalt zur Hemmung
Betrachtung und Untersuchung der einzelnen Begehren damit ihre Befriedigung
nicht der wahren Glückseligkeit entgegentrete und davon ableite Dies dürfte das
größte Vorrecht endlicher vernünftiger Wesen sein Ich bitte streng zu prüfen
ob der volle Eintritt und die Übung aller Freiheit deren der Mensch fähig ist
oder die ihm nützen kann und das wonach sein Handeln sich bestimmt nicht darin
liegt dass er sein Begehren aufhalten und an der Bestimmung seines Willens so
lange hindern kann bis er gehörig und gründlich dessen Gutes und Übles so
weit als es die Wichtigkeit des Falles erfordert geprüft hat Dazu ist der
Mensch fähig und hat er es getan so hat er seine Pflicht erfüllt und Alles
was in seiner Macht steht und in Wahrheit alles Nötige getan Der Wille
erfordert das Wissen zur Leitung seiner bei der Wahl und Alles was der Mensch
tun kann besteht darin, seinen Willen so lange unentschieden zu halten bis er
das Gute und Üble seines Begehrens geprüft hat Die dann daraus hervorgehenden
Folgen sind in einer Reihe aneinander gekettet die zunächst von dem Ausfall
jenes Urteils abhängt und ob dies in einem bloßen hastigen und übereilten
Blick oder in einer gehörigen und reiflichen Prüfling bestehen soll dies steht
in des Menschen Macht da die Erfahrung lehrt dass man in der Regel die
sofortige Erfüllung eines Begehrens verschieben kann
53 Die Herrschaft über die Leidenschaften ist die wahre Verbesserung der
Freiheit Erfasst aber wie dies manchmal geschieht eine außerordentliche
Störung unsere ganze Seele wenn zB die Qual einer Folter oder ein heftiges
Unbehagen aus der Liebe dem Zorne oder einer andern gewaltigen Leidenschaft
die uns hinreißt das freie Denken nicht zulässt und ist man dann nicht genug
Herr seiner selbst, um vollständig zu betrachten und gründlich zu prüfen so
wird Gott der unsere Hinfälligkeit kennt unsere Schwäche bemitleidet der nur
fordert was uns möglich ist und sieht was in unserer Macht steht und was
nicht wie ein liebender und gnädiger Vater über uns richten Allein die wahre
Richtung unseres Benehmens zur vollen Glückseligkeit liegt in dem Unterlassen
einer zur hastigen Erfüllung unserer Begehren in der Mäßigung und Hemmung der
Leidenschaften damit der Verstand frei prüfen und die Vernunft ungebeugt
urteilen kann. Deshalb hat man seine Sorgfalt und sein Streben hauptsächlich
darauf zu richten hier hat man sich zu bemühen dass die Neigungen unserer
Seele sich dem wahren innerlichen Guten der Dinge anpassen und nicht zu
gestatten dass ein anerkanntes und erreichbares großes und wichtiges Gut
unserm Denken entschlüpfe ohne den Sinn dafür und das Verlangen danach so lange
zurückzulassen bis man durch eine gehörige Betrachtung seines wahren Werths ein
demselben entsprechendes Begehren in seiner Seele entwickelt hat und sich bei
dessen Mangel oder bei der Furcht es zu verlieren unbehaglich fühlt Jeder
kann es leicht an sich erproben wie sehr dies in seiner Gewalt steht indem er
solche Entschlüsse fasst die er zu halten vermag Niemand darf sagen dass er
seine Leidenschaften nicht beherrschen und ihren Ausbruch und ihren Einfluss auf
sein Handeln nicht hindern könne denn was er vor einem Fürsten oder großem
Manne vermag das kann er auch für sich allein oder in der Gegenwart Gottes
54 Wie es kommt dass die Menschen verschiedene Richtungen einschlagen
Man kann deshalb die oft aufgeworfene Frage leicht beantworten nämlich wie es
komme dass obgleich Alle nach dem Glück verlangen ihr Wollen sie doch so
entgegengesetzt führt und Manchen in das Übel bringt Ich meine das
Verschiedene und Entgegengesetzte was die Menschen in dieser Welt wählen
beweist nicht dass sie nicht Alle dem Gute nachstreben sondern nur dass
dasselbe Ding nicht für alle Menschen das gleiche Gut ist Die Verschiedenheit
der Bestrebungen zeigt dass nicht Jeder sein Glück in demselben Dinge sucht und
denselben Weg dazu wählt Schlösse das Leben mit diesem irdischen ab so wäre
der Grund weshalb der Eine nach Studium und Erkenntnis, der Andere nach
Fischen und Jagen strebt weshalb der Eine sich den Luxus und die
Liederlichkeit der Andere die Müßigkeit und den Reichtum wählt nicht der
dass nicht Jeder nach seinem eigenen Glücke strebte sondern dass das Glück
derselben in verschiedenen Dingen beruhte Deshalb war es eine treffende Antwort
des Arztes an den Patienten mit kranken Augen »Finden Sie mehr Vergnügen am
Weintrinken als an dem Gebrauch Ihrer Augen so ist der Wein gut für Sie ist
aber das Sehen für Sie eine größere Lust als das Trinken so ist der Wein
schlecht«
55 Der Geschmack der Seele ist so verschieden wie der des Gaumens und
es ist ebenso unmöglich alle Menschen durch Reichtum und Ruhm zu erfreuen
wenn auch Mancher darin seine Glückseligkeit setzt wie eines Jeden Hunger mit
Käse und Austern zu stillen da diese für Manche so angenehmen und köstlichen
Speisen Andern widerwärtig und ekelhaft sind und Viele mit Recht das Kneipen
eines hungrigen Magens diesen Gerichten vorziehen die für Andere ein
Leckerbissen sind Deshalb war es wohl eine vergebliche Untersuchung der alten
Philosophen ob das höchste Gut in Reichtum oder in sinnlichen Genüssen oder
in der Tugend oder in der Erkenntnis bestehe sie hätten ebenso gut darüber
streiten können ob die Äpfel oder die Pflaumen oder die Nüsse am besten
schmeckten und sich danach in Sekten trennen können Denn der Wohlgeschmack
hängt nicht von dem Gegenstande ab sondern davon ob er dem einzelnen Gaumen
entspricht hier besteht aber eine große Verschiedenheit und deshalb liegt das
größte Glück in dem Besitz der Dinge, welche die größte Lust gewähren und in
der Entfernung von Allem was Schmerz und Störung verursacht und dies sind für
die Einzelnen sehr verschiedene Dinge Setzt man daher seine Hoffnung nur auf
dieses Leben kann nur hier das Leben genossen werden so ist es weder sonderbar
noch unvernünftig wenn man das Glück in der Vermeidung von Allem was hier
unangenehm ist und in Verfolgung von Allem was hier ergötzt sucht wobei die
Mannigfaltigkeit und die Gegensätze nicht auffallen dürfen Gibt es keine
Aussicht über das Grab hinaus so ist der Schluss gerechtfertigt »Lasst uns
essen und trinken lasst uns das was ergötzt genießen denn morgen sind wir
tot« Dies lehrt weshalb nicht alle Menschen von demselben Gegenstand erregt
werden obgleich sie Alle nach dem Glücke verlangen sie können Verschiedenes
wählen und Jeder doch recht wenn man sie wie eine Gesellschaft armer Insekten
betrachtet von denen die Bienen sich an Blumen und deren Honig erfreuen und
andere als Käfer sich an anderer Nahrung ergötzen und nachdem dies einen Sommer
geschehen ihr Dasein beschließen und nicht länger bestehen
56 Wie es kommt dass der Mensch schlecht wählt Wenn diese Dinge
gehörig erwogen werden so dürften sie einen klaren Blick in die Natur der
menschlichen Freiheit gewähren Die Freiheit besteht offenbar in der Macht zu
handeln oder nicht zu handeln zu handeln oder das Handeln zu unterlassen wie
man will Dies kann nicht geleugnet werden Allein da dies nur die Handlungen
als Folge des Wollens befasst so hat man weiter gefragt »ob der Mensch die
Freiheit habe zu wollen oder nicht zu wollen« Hierauf hat man geantwortet
dass er in der Regel die Äußerung seines Willens nicht unterlassen könne er
muss sein Wollen äußern und dadurch machen dass die Handlung geschieht oder
nicht geschieht Dennoch gibt es einen Fall wo der Mensch in Bezug auf seinen
Willen frei ist nämlich bei der Wahl eines entfernten Gutes als ein zu
verfolgendes Ziel Hier kann man zweifeln ob die Wahl für oder gegen bestimmt
ist so lange geprüft wird ob sie an sich und in ihren Folgen geeignet ist
glücklich zu machen Denn ist die Wahl getroffen und sie damit zu einem Teil
seines Glückes geworden so weckt sie das Verlangen woraus ein Unbehagen
entsteht welches den Willen bestimmt und ihn zur wirklichen Verfolgung seines
erwählten Zweckes bei jeder geeigneten Gelegenheit führt Damit erklärt sich
nun wie Jemand mit Recht bestraft werden kann, obgleich unzweifelhaft in allem
einzelnen Handeln was er will er nur das will und notwendig will was er da
für gut erachtet Denn wenn auch sein Wollen stets durch sein Urteil über das
Gut bestimmt wird, so entschuldigt ihn dies doch nicht weil er durch eine
übereilte Wahl seiner Seits sich selbst ein schlechtes Maß für das Gute und
das Übel gegeben hat die trotz ihrer Falschheit und Trüglichkeit doch sein
späteres Handeln also bestimmen als wenn sie wahr und richtig wären Er hat
selbst seine Gaumen verdorben und ist sich deshalb selbst für die daraus
folgende Krankheit und den Tod verantwortlich Das ewige Gesetz und die Natur
der Dinge kann sich nicht seiner schlechten Wahl zur Liebe ändern Wenn die
Vernachlässigung oder der Missbrauch seiner Freiheit in Prüfung was wirklich
und wahrhaft sein Glück fordert ihn falsch fuhrt so sind die daraus folgenden
Übelstände die Schuld seiner Wahl Er konnte seinen Entschluss verschieben er
konnte prüfen und für sein Glück sorgen und gehen dass er nicht betrogen würde
in einer Sache ff von so großem und wahrem Interesse für ihn konnte er es nicht
für das Bessere halten getäuscht zu werden Dies Gesagte erklärt auch weshalb
die Menschen in dieser Welt jeder etwas Anderes vorziehen und auf verschiedenen
Wegen ihr Glück versuchen Da indes in Fragen des Glücks und Elendes man stets
sorgfältig und ernst verfährt so bleibt immer die Frage wie es komme dass die
Menschen so oft das Schlechtere dem Bessern vorziehen und das wählen was sie
nach ihrem eigenen Geständnis elend gemacht hat
57 Um die verschiedenen und entgegengesetzten Wege zu erklären welche
die Menschen einschlagen trotzdem dass Alle nach dem Glücke streben muss man
untersuchen woher die verschiedenen Unbehagen entstehen welche den Entschluss
bei den von dem Willen abhangenden Handeln bestimmen
I Von körperlichen Schmerzen Erstens kommen manche von Ursachen, die man
nicht in seiner Gewalt hat wie von körperlichen Schmerzen welche aus Mangel
aus Krankheit oder äußerlichen Beschädigungen wie die Folter usw
entstehen Sind diese Schmerzen gegenwärtig und heftig so bestimmen sie den
Willen mit Macht und entfernen den Lebenslauf von der Tugend Frömmigkeit und
Religion und Allem was vorher als zum Glück führend erachtet worden ist. Denn
Niemand versucht oder vermag es durch die Betrachtung eines entfernten und
zukünftigen Guts in sich ein Begehren zu wecken was stark genug ist um dem
Unbehagen was er bei diesen Körperqualen fühlt das Gleichgewicht zu halten und
seinen Willen in der Wahl dessen was zum Glück führt fest zu erhalten Ein
benachbartes Land hat in dieser Hinsicht ein trauriges Schauspiel geboten was
neue Beläge hierzu liefert wenn es deren bedurfte und nicht jedes Zeitalter
genug Beispiele brächte um den anerkannten Ausspruch zu bestätigen dass die
Notwendigkeit zu dem Schlechten zwingt Wir haben deshalb alle Ursache zu
beten »Führe uns nicht in Versuchung«
II Von schlechten Begehren die von dem falschen Urteil kommen Anderes
Unbehagen kommt von dem Verlangen nach einem fehlenden Gute Dergleichen
Verlangen steht allemal in Verhältnis zu diesem fehlenden Gut und hängt von
dem Urteil ab was man fallt und von der Neigung die man dazu hat in beiden
kann man und zwar durch eigene Schuld fehl greifen
58 Unser Urteil über ein gegenwärtiges Gut oder Übel ist immer richtig
Den ersten Platz nehmen die falschen Urteile ein die man über ein
zukünftiges Gut oder Übel fällt wodurch das Begehren irregeleitet wird denn
das gegenwärtige Glück und Elend für sich und ohne ihre Folgen werden niemals
falsch beurteilt man weiß was am meisten ergötzt und zieht dies wirklich
vor Die Dinge sind während man sie genießt das was sie scheinen das
erscheinende und das wirkliche Gut sind in solchem Falle immer sich gleich denn
der Schmerz und die Lust sind gerade so groß als man sie fühlt und daher das
gegenwärtige Gut oder Übel so groß wie es erscheint Schlösse daher jede
Handlung mit ihr selbst ab ohne Folgen nach sich zu ziehen so würde man
unzweifelhaft in der Wahl des Guten niemals irren und das Beste würde sicherlich
vorgezogen werden Könnte man den Schmerz welcher dem redlichen Fleiße
anhängt und den Schmerz wenn man vor Hunger und Kälte stirbt nebeneinander
vor den Menschen hinstellen so würde er in seiner Wahl nicht zweifeln und
würden der Genuss und Lust und die Freuden des Himmels gleichzeitig ihm als
gegenwärtige angeboten so würde er nicht schwanken und in seiner Wahl nicht
irren
59 Allein da die freiwilligen Handlungen nicht all das aus ihnen folgende
Glück oder Elend schon bei ihrer Vollziehung mit sich führen da sie vielmehr
nur die vorgehenden Ursachen des ihnen nachfolgenden Guten und Übeln sind was
sie über den Menschen bringen wenn die Handlung schon geschehen und vorbei ist
so geht das Begehren über die Lust der Gegenwart hinaus und führt die Seele zu
dem abwesenden Guten je nachdem man es zur Begründung oder Steigerung seines
Glückes für nötig hält Nur die eigene Meinung über eine solche Wirksamkeit
gibt ihm das Anziehende ohnedem wurde man von einem abwesenden Gute nicht
erregt werden Denn bei der knappen Empfänglichkeit für die Gefühle an die man
hier gewöhnt ist und wonach man nur eine Lust auf einmal genießen kann die
wenn alles Unbehagen entfernt ist während ihrer Dauer genügt glücklich zu
machen wird man nicht von jedem entfernten und selbst nicht von jedem sich
zeigenden Gute erregt Da diese Unempfänglichkeit und die gegenwärtige Lust für
das gegenwärtige Glück genügen so will man die Veränderung nicht wagen man
hält sich schon für glücklich ist zufrieden und das ist genug Denn wer
zufrieden ist, ist glücklich sobald aber ein neues Unbehagen herbeikommt wird
dies Glück gestört und man muss von Neuem die Jagd nach dem Glück beginnen
60 Von dem falschen Urteil aber die Dinge die das Glück ausmachen
Indem man also sich schon in dieser Weise für glücklich halten kann so bleibt
das Verlangen nach dem größten aber entfernten Gute oft aus Bei solchem
Zustande reizen die Freuden eines zukünftigen Zustandes den Menschen nicht er
kümmert sich nur wenig darum und fühlt sich nicht unbehaglich der Wille ist
deshalb von dem Drucke solchen Begehrens frei und kann näher liegende Genüsse
verfolgen und das Unbehagen beseitigen was aus dem Mangel und dem Sehnen nach
diesen empfunden wird Indes möge man nur eines Menschen Urteil über diese
Dinge ändern man zeige ihm dass Tugend und Religion zu seinem Glück nötig
seien man lasse ihn den zukünftigen Zustand von Seligkeit und Elend schauen und
wie Gott der gerechte Richter bereit sei »Jedem nach seinen Taten zu geben
denen welche in stetem Guthandeln ihren Rahm gesucht Ehre Unsterblichkeit und
ewiges Leben und jeder Seele die böse gehandelt Scham und Reue Pein und
Angst« Ich sage wer die verschiedenen Zustände des vollkommenen Glückes und
Elendes vor sich sieht welche alle Menschen in jenem Leben nach ihrem Betragen
hier erwarten bei dem werden die Schätzungen des Guten und Hebeln die seine
Wahl bestimmen wesentlich geändert werden Denn nichts in diesem Leben kann mit
dem endlosen Glück oder ausgesuchten Elend der unsterblichen Seele in jener Welt
verglichen werden seine Handlungen werden sich dann nicht nach den
vergänglichen Freuden und Schmelzen die sie hier begleiten bestimmen sondern
nach dem vollkommenen und dauernden Glück zu dessen Gewinnung sie beitragen
61 Eine genauere Prüfung des falschen Urteils Um indes genauere
Rechenschaft über das Elend zu geben was der Mensch obgleich er allen Ernstes
das Glück verfolgt über sich bringt muss man erwägen wie die Dinge unter
trügerischem Schein sich unserm Begehren darstellen Dies geschieht durch ein
falsches Urteilen über sie Um die Ausdehnung dessen zu übersehen und die
Ursachen des falschen Urteilens zu erkennen muss man sich erinnern dass die
Dinge in zwiefachem Sinne für gut und übel gelten
Erstens ist das was eigentlich gut und übel ist rein nur die Lust und der
Schmerz Allein zweitens sind nicht bloß die gegenwärtigen Freuden und
Schmerzen sondern auch die Dinge, welche durch ihre Wirkungen und Folgen
dergleichen später nach sich ziehen ein Gegenstand unseres Begehrens und
geeignet ein mit Voraussicht begabtes Wesen zu bestimmen; deshalb gelten auch
die Dinge, welche Lust oder Schmerz zur Folge haben als gut und übel
62 Das falsche irreführende Urteil was den Willen oft auf die falsche
Seite leitet liegt in der falschen Auffassung der verschiedenen hier
eintretenden Vergleichungen Das falsche Urteil von dem ich hier spreche ist
nicht das was über den Entschluss eines Andern gefällt wird sondern das was
Jeder in Bezug auf sich selbst für falsch anerkennen muss Denn da mir als feste
Grundlage gilt dass jedes verständige Wesen nach seinem wirklichen Glücke
strebt welches in dem Genüsse der Lust ohne erhebliche Beimischung von
Schmerzen besteht so kann unmöglich Jemand seinem eigenen Trunke absichtlich
das Bittere zumischen oder Etwas was von ihm abhängt ihn erfreuen und sein
Glück voll machen würde weglassen wenn er nicht falsch urteilte Ich spreche
hier nicht von den Missgriffen welche die Folgen eines unvermeidlichen Irrtums
sind dies verdient kaum den Namen eines falschen Urteils sondern von dem
falschen Urteil was Jedermann selbst als solches anerkennen muss
63 Bei Vergleichung der Gegenwart mit der Zukunft Wenn die Seele wie
gesagt bei der Lust und den Schmerzen die gegenwärtig sind nicht fehlgreift
und die große Lust und der große Schmerz gerade so wirklich sind wie sie
erscheinen mithin die gegenwärtige Lust und Schmerz ihren Unterschied und ihre
Grade so deutlich zeigen dass für ein Versehen kein Raum bleibt so urteilt
man dagegen bei der Vergleichung gegenwärtiger Lust oder Schmerzes mit
zukünftigen was bei wichtigen Entschlüssen meistenteils der Fall ist) sehr
leicht falsch weil die Entfernungen aus denen man sie bemisst verschieden
sind Nahe Gegenstände scheinen grösser als entferntere von größerem umfange
ebenso ist es mit der Lust und dem Schmerz als gegenwärtige treten sie hervor
und die fernem stehen bei der Vergleichung im Nachtheil Deshalb denken die
Meisten wie verschwenderische Erben dass ein Weniges in der Hand besser sei als
Viel in der Zukunft und man tauscht für den Besitz von Kleinem die Aussicht auf
Großes aus Allein Jeder muss anerkennen dass dies ein schlechtes Urteil ist
mag er seine Lust finden worin er will denn das Zukünftige wird ja sicher zu
einem Gegenwärtigen dann zeigt es sich in seiner vollen Größe und offenbart
den durch Benutzung ungleichen Maßes begangenen Fehler Wäre die Lust des
Trinkens gleich bei dem Ergreifen des Glases mit dem verdorbenen Magen und den
Kopfschmerzen verbunden die meist wenige Stunden danach folgen so würde
schwerlich Jemand trotz aller Freude am Trinken unter diesen Bedingungen den
Wein mit seinen Lippen berühren Dennoch trinkt er ihn täglich und diese
schlechte Wahl kommt nur von einem geringen Unterschied in der Zeit Wirken so
schon wenige Stunden Abstand auf die Verminderung von Lust und Schmerz wie
vielmehr wird dies bei größeren Abständen sich zeigen wenn man durch richtiges
Urteil nicht das vollführt was die Zeit vollführen wird nämlich es sich näher
zu stellen und als ein gegenwärtiges anzusehen wo es dann seine wahre Größe
zeigt Auf diese Weise täuscht man sich gewöhnlich über die Lust und den
Schmerz und über die Grade des Glücks und Elends man verliert für das
Zukünftige das richtige Maß und zieht das Gegenwärtige als das Größere vor
Ich erwähne hier nicht des Fehlers wonach das Entfernte nicht bloß verkleinert
sondern ganz als Nichts behandelt wird wo der Mensch in der Gegenwart nach
Möglichkeit genießt und sich mit dem Glauben täuscht dass kein Übel
nachfolgen werde Dieser Irrtum trifft nicht das Vergleichen der Größe des
zukünftigen Guts und Übels von dem ich hier handle sondern jene andere Art
des falschen Urteils über das Gute und Üble sofern es als die Ursache und
Vermittlung von Lust und Schmerzen die daraus folgen aufgefasst wird
64 Die Ursachen dessen Die Ursache, dass wir bei der Vergleichung der
gegenwärtigen Lust und Schmerzen mit den zukünftigen falsch urteilen scheint
mir in der schwachen und beschränkten Natur der menschlichen Seele zu liegen
Man kann nicht zweierlei Lust gleichzeitig genießen und noch weniger eine Lust
wenn der Schmerz die Seele erfüllt Die gegenwärtige Lust füllt wenn sie nicht
sehr schwach und so gut wie keine ist die enge Seele aus und nimmt sie ganz in
Anspruch so dass sie an abwesende Dinge nicht denken kann Selbst wenn eine
Lust nicht so stark ist dass sie die Gedanken von entfernten Dingen ganz
abzieht wird der Schmerz doch so stark verabscheut dass ein Weniges davon alle
Lust erstickt ein wenig Bitteres was in unsern Trunk gemischt wird nimmt ihm
allen Wohlgeschmack Deshalb will man auf jede Weise das gegenwärtige Übel los
sein dem wie man meint nichts Abwesendes gleich kommt da man sich bei dem
gegenwärtigen Schmerz nicht der geringsten Lust für fähig hält Die täglichen
Klagen der Menschen bezeugen dies laut jeder hält seinen gegenwärtigen Schmerz
für den schlimmsten mit Angst ruft man »Alles Andere lieber als dies Nichts
kann so unerträglich sein als was ich jetzt leide« Deshalb ist das Denken und
Thun vor Allem auf Befreiung von dem gegenwärtigen Hebel als der ersten
Bedingung zum Glück gerichtet mag daraus entstehen was da wolle nichts meint
man in seiner Aufregung kann dem jetzt so schwer drückenden Schmerze
gleichkommen oder übertreffen und da die Enthaltung von einer gegenwärtigen
Lust die sich zeigt ein Schmerz ja oft ein sehr großer Schmerz ist weil das
Begehren durch den wahren und verführerischen Gegenstand entzündet wird so kann
es nicht auffallen wenn es ebenso wie der Schmerz wirkt das Zukünftige
verkleinert und sich jenem Gegenstand blind in die Arme wirft
65 Dazu kommt dass ein abwesendes Gut oder was dasselbe ist, eine
zukünftige Lust namentlich wenn man mit dieser Art noch nicht bekannt ist
selten dem Unbehagen eines gegenwärtigen Schmerzes oder Begehrens das
Gleichgewicht halten kann Denn da die Größe dieser Lust nur nach dem
wirklichen Genuss wenn man ihn hat sich bestimmt so pflegt man sie gern zu
verkleinern um einem gegenwärtigen Begehren Platz zu machen und man meint
dass wenn es auf die Probe ankäme sie möglicherweise den Angaben oder der
allgemeinen Ansicht nicht entsprechen werde da man oft gefunden habe dass das
was Andere gerühmt haben ja was man selbst mit großer Lust zu einer Zeit
genossen habe zu einer andern Zeit sich als gleichgültig ja als widerwärtig
erwiesen habe Deshalb findet man darin keinen Anlass einer gegenwärtigen Lust
vorbeizugehen Allein man muss einräumen dass dieser Grundsatz wenn man ihn
auf das Glück eines jenseitigen Lebens anwendet falsch ist sofern man nicht
sagt »Gott kann Jeden nach seinem Belieben glücklich machen« Denn wenn jenes
Leben ein Zustand des Glückes ist so entspricht es sicherlich eines Jeden
Wunsch und Begehren selbst wenn der Geschmack dort so verschieden wie hier
sein sollte wird doch das Manna des Himmels jedem Gaumen behagen So viel über
das falsche Urteil rücksichtlich der gegenwärtigen und zukünftigen Lust und
Schmerzgefühle wenn sie verglichen und die abwesenden als zukünftige behandeln
werden
66 Bei Betrachtung der Folgen des Handelns Was nun die in ihren Folgen
guten und schlimmen Dinge anlangt die fähig sind uns Gutes und Übles in der
kommenden Zeit zu gewähren so fehlt hierbei das Urteil in mancherlei Weise 1
Wenn man meint dass nicht wirklich so viel Schlimmes aus ihnen folgen werde
als doch in Wahrheit der Fall ist; 2 Wenn man meint dass, wenn auch die Folge
so bedeutend sei sie doch noch nicht sicher sei sondern es auch anders kommen
könne und dass mancherlei Mittel wie Fleiß Geschicklichkeit Veränderung
Reue usw sie beseitigen können Dass dies falsche Urteile sind könnte man
leicht bei Prüfung der einzelnen Fälle zeigen indes will ich nur im
Allgemeinen bemerken dass man sehr falsch und unverständig verfährt wenn man
auf unsichere Vermutungen hin und nach ehe gehörig und der Wichtigkeit des
Falles entsprechend geprüft worden ob man sich nicht irre ein größeres Gut
für ein kleineres wagt Jeder muss dies einräumen namentlich wenn er die
gewöhnlichen Ursachen beachtet die zu falschen Urteilen bestimmen von denen
hier einige angeführt werden sollen
67 Die Ursachen davon Die erste ist Unwissenheit wer ohne sich
vorher genügend erkundigt zu haben urteilt trägt die Schuld wenn er falsch
urteilt 2 Die zweite ist Nachlässigkeit wenn man selbst das übersieht was
man weiß Es ist dies eine für diesen Zeitpunkt vorgespiegelte Unwissenheit
welche das Urteil ebenso irre leitet wie die vorige Ursache Das Urteilen
gleicht dem Abschließen einer Rechnung wo man ermittelt auf welcher Seite der
Überschuss ist Werden beide Seiten hastig aufgerechnet und mancher
einzureihende Posten übersehen und ausgelassen so macht diese Überstürzung das
Urteil ebenso falsch wie die völlige Unwissenheit Meist wird dies durch das
Übergewicht einer gegenwärtigen Lust oder Schmerzes veranlasst die durch
unsere schwache Natur welche vom Gegenwärtigen am meisten erregt wird
gesteigert werden Zur Hemmung dieser Überstürzung ist dem Menschen Verstand
und Vernunft gegeben sofern man sie recht gebraucht erst sieht und forscht und
dann urteilt Ohne die Freiheit hätte der Verstand keinen Nutzen und ohne den
Verstand hätte die Freiheit wenn es möglich wäre keine Bedeutung Wenn der
Mensch sähe was ihm gut und schädlich ist was ihn glücklich oder elend macht
ohne doch einen Schritt deshalb vor oder rückwärts tun zu können so hülfe das
Sehen ihm nichts und wer in völliger Dunkelheit die Freiheit sich zu bewegen
hat wäre mit seiner Freiheit nicht besser daran als eine von dem Winde auf
und niedergetriebene Wasserblase es ist kein Unterschied ob ein blinder
Anstoß von außen oder von innen mich treibt Deshalb ist der erste und größte
Nutzen der Freiheit dass sie das blinde Überstürzen verhindert ihr Gebrauch
besteht wesentlich in einem Stillstehen und Öffnen der Augen in einem
Umsichschauen und Betrachten der Folgen der zu unternehmenden Handlung je nach
der Wichtigkeit des Gegenstandes. Ich brauche nicht näher anzugeben wie viel
hierbei Faulheit und Nachlässigkeit oder die Hitze der Leidenschaft der
Einfluss der Mode und die Gewohnheit zu dem falschen Urteile beitragen Ich
will nur noch eines andern falschen Urteiles gedenken das man obgleich es von
großem Einfluss ist weniger beachtet
68 Das falsche Urteil über das zu unserem Glück Erforderliche
Jedermann verlangt unzweifelhaft nach dem Glück allein ist man frei vom
Schmerz so ist man wie gesagt mit jeder Lust die zur Hand ist oder welche
die Gewohnheit süß gemacht hat zufrieden so ist man glücklich und sieht nicht
weiter bis ein neues Begehren mit seinem Unbehagen dieses Glück stört und
zeigt dass man noch nicht glücklich ist Vorher ist der Wille zu keiner
Handlung bereit um ein anderes bekanntes oder sich zeigendes Gut zu verfolgen
denn da man nicht alle Arten von Gütern gleichzeitig gemessen kann sondern
eines das andere ausschließt so richtet sich das Begehren nicht auf das
größere Gut was sich zeigt so lange es nicht für das Glück notwendig
gehalten wird es erregt uns nicht so lange wir ohne es glücklich zu sein
glauben Dies ist ein anderer Anlass zu falschem Urteilen wenn man nämlich das
nicht für zum Glücke nötig hält was es doch wirklich ist Dieser Fehlgriff
leitet sowohl in der Wahl des erstrebten Guts wie in den Mitteln dazu bei
entfernten Gütern irre Mag man indes dabei dem Gute eine falsche Stelle
anweisen oder die für dasselbe nötigen Mittel versäumen so hat man jedenfalls
falsch geurteilt wenn man sein Endziel das Glück verfehlt Zu diesem
Missgriff trägt hauptsächlich das wirkliche oder vermeintliche Unangenehme der
dazu nötigen Handlungen bei da es verkehrt scheint des Glückes wegen sich
unglücklich zu machen und man deshalb nicht leicht sich zu diesen Handlungen
entschließt
69 Man kann das Angenehme und Unangenehme in den Dingen verändern Die
letzte Frage hier ist also: ob der Mensch vermag das Angenehme oder Unangenehme
zu verändern was irgend eine Handlang begleitet Dies vermag er allerdings in
vielen Fällen Der Mensch kann und soll seinen Geschmack verbessern und das sich
wohlschmeckend machen was es nicht ist oder nicht dafür gehalten wird Der
Geschmack der Seele ist so mannichfach wie der des Körpers und kann ebenso
leicht umgeändert werden es ist ein Irrtum wenn man meint das Unangenehme
oder Gleichgültige mancher Handlung könne nicht in Lust und Freude umgewandelt
werden sofern man nur Alles tut was man vermag Eine gehörige Überlegung
wird dazu schon manchmal hinreichen und Übung Fleiß Gewohnheit
meistenteils Brot oder Tabak können trotzdem dass sie der Gesundheit nützen
aus Gleichgültigkeit oder Widerwillen vernachlässigt werden aber die Vernunft
und Überlegung empfehlen sie und lassen den ersten Versuch machen der Gebrauch
findet oder die Gewohnheit macht sie dann angenehm Dies gilt sicher auch für
die Tugend Eine Handlung ist entweder an sich angenehm oder unangenehm oder
sie ist es als Mittel für ein größeres und ersehnteres Ziel Isst man ein gut
zubereitetes Gericht was dem Gaumen zusagt so empfindet die Seele die Lust
die das Essen an sich und ohne weitere Beziehungen gewährt diese Lust kann
durch die Betrachtung der in der Gesundheit und Kraft enthaltenen Lust wozu das
Gericht hilft einen neuen guten Beigeschmack erhalten und sie kann uns selbst
ein schlecht schmeckendes Getränk verschlucken lassen Hier ist die Handlung zu
einer mehr oder weniger angenehmen lediglich durch die Betrachtung ihrer Wirkung
gemacht worden und durch die Überzeugung dass diese Wirkung notwendig
eintreten werde aber am meisten hilft für die Annehmlichkeit einer Handlung die
Übung und Gewohnheit Die Ausführung versöhnt oft mit dem was aus der Ferne
mit Widerwillen betrachtet wurde und die Wiederholung lässt zuletzt an dem
Gefallen finden was vielleicht bei dem ersten Versuch missfallen hat Die
Gewohnheit hat einen mächtigen Reiz und verbindet Behagen und Lust so fest mit
dem gewohnten Handeln dass man es nicht mehr unterlassen kann man fühlt sich
unbehaglich wenn das fehlt was die tägliche Übung für uns passend und deshalb
empfehlenswert gemacht hat Obgleich dies offenbar ist und Jedermann es aus
eigener Erfahrung weiß so wird doch dieses Mittel in dem Streben nach Glück in
einem Grade vernachlässigt dass es beinah als ein Widersinn klingt wenn man
sagt dass der Mensch Dinge und Handlungen sich mehr oder weniger angenehm
machen und damit dem zuvorkommen kann was in Wahrheit einen großen Teil
unserer Verirrungen veranlasst Die Mode und die allgemeine Ansicht haben
falsche Begriffe und die Erziehung und Lebensweise haben schlechte Gewohnheiten
befestigt die richtige Würdigung der Dinge ist damit verfälscht und der
Geschmack der Menschen verderbt worden Schmerzen sollten als Hilfsmittel
dagegen gelten und entgegengesetzte Gewohnheiten sollten unsere Vergnügen
verändern und das schmackhaft machen was zu dem Glücke notwendig oder nützlich
ist Jeder muss anerkennen dass er dies vermag und hat er sein Glück verloren
und hat das Elend ihn erfasst so muss er einsehen dass er diese
Vernachlässigung verschuldet hat und deshalb Tadel verdient Ich frage Jeden ob
ihm dies nicht manchmal begegnet ist
70 Wenn das Laster der Tugend vorgezogen wird so liegt dies offenbar an
einem falschen Urteile Ich gehe jetzt nicht weiter auf diese falschen
Urteile und Vernachlässigungen des in der Macht der Menschen Stehenden ein
wodurch sie auf Irrwege geraten es würde Bände füllen und ist nicht meine
Aufgabe Allein wenn auch falsche oder sträfliche Vernachlässigung dessen was
in der Menschen Kräfte steht sie von dem Wege zum Glück abbringt und wie man
sieht auf entgegengesetzte Lebenswege führen kann so ist doch sicher dass nur
eine auf ihre wahren Grundlagen erbaute Moral die Wahl bei jedem Verständigen
bestimmen darf Wer als ein vernünftiges Wesen nicht einmal ernstlich über das
unendliche Glück und Elend nachdenken mag muss sich also selbst anklagen dass
er von seinem Verstande nicht den gehörigen Gebrauch gemacht hat Die
Belohnungen und Strafen in jenem Leben welche der Allmächtige zur Verstärkung
seiner Gesetze festgesetzt hat sind gewichtig genug um die Wahl selbst gegen
jede Lust und Schmerz dieses Lebens zu bestimmen; selbst wenn das ewige Leben um
als möglich gedacht wird welche Möglichkeit Niemand bezweifeln kann Wer dies
ausgesuchte und endlose Glück auch nur als die mögliche Folge eines guten
Lebenswandels hier anerkennt und den entgegengesetzten Zustand als den möglichen
Fehler eines schlechten der muss sich selbst für einen schlechten Richter
halten wenn er nicht erkennt dass ein tugendhaftes Leben mit der sichern
Erwartung künftiger ewiger Seligkeit einem lasterhaften Leben mit der Furcht vor
dem schrecklichen Zustand des Elendes welcher den Schuldigen treffen kann oder
im besten Fall der schrecklichen Aussicht möglicher Vernichtung vorzuziehen ist.
Dies gilt selbst wenn das tugendhafte Leben hier nur mit Schmerzen und das
lasterhafte mit steter Lust verbunden wäre obgleich es in der Regel sich anders
verhält und böse Menschen selbst in ihrem Besitz hier sich keiner großen
Gewinnst rühmen können sondern alles recht betrachtet selbst hier sich in
der schlechtesten Lage befinden Ist aber unendliches Glück in die eine
Waagschale gegen unendliches Elend in der andern gelegt und ist das Schlimmste
was den frommen Mann im Falle er irrt treffen kann doch das Beste was der
Schlechte erreichen kann wenn er Recht haben sollte wer kann da ohne
wahnsinnig zu sein das Wagstück unternehmen Welcher Verständige wird sich der
Möglichkeit aussetzen in unendliches Elend zu geraten in so fern auch dann
wenn er ihm entgeht durch dieses Wagstück nichts gewonnen werden kann; während
umgekehrt der redliche Mann nichts wagt gegenüber dem unendlichen Glücke das er
gewinnt wenn seine Erwartung eintrifft Hat der gute Mensch Recht so ist er
ewig glücklich hat er geirrt so ist er nicht elend er fühlt nichts Hat
dagegen der Böse Recht so ist er nicht glücklich und hat er geirrt so ist er
unendlich elend Es muss ein ganz schlechtes Urteilsvermögen sein was hier
nicht sofort sieht welche Seite den Vorzug verdient Ich habe nichts über die
Gewissheit oder Wahrscheinlichkeit des jenseitigen Lebens gesagt da ich hier
nur das falsche Urteil aufdecken wollte das Jeder selbst nach seinen eigenen
Grundsätzen sein sie welche sie wollen fällen muss wenn er nur mit einiger
Überlegung die kurzen Freuden eines lasterhaften Lebens wählt obgleich er
weiß und sicher ist dass ein zukünftiges Leben wenigstens möglich ist
71 Wiederholung Ich schließe hier diese Untersuchung über die
menschliche Freiheit Bei der frühem Darstellung war ich Anfangs selbst deshalb
besorgt und einer meiner scharfsinnigen Freunde vermutete als ich sie
veröffentlichte dass sie einen Fehlgriff enthalte obgleich er mir denselben
nicht näher angeben konnte Ich habe deshalb dieses Kapitel einer genaueren
Durchsicht unterworfen dabei allerdings ein kleines und kaum bemerkbares
Versehen gefunden was ich verbessert und dabei ein anscheinend gleichgültiges
Wort mit einem andern vertauscht habe Diese Entdeckung führte mich zu der
Auffassung welche ich jetzt in dieser zweiten Auflage der gelehrten Welt
vorlege und welche in der Kürze dahin geht »Die Freiheit ist die Macht zu
handeln oder nicht zu handeln wie die Seele es bestimmt« Die Kraft welche die
wirkenden Vermögen in dem einzelnen Falle in Bewegung oder Ruhe versetzt ist
das was man Willen nennt Das was in dem Reiche der freiwilligen Handlungen
den Willen zu einer Änderung seiner Wirksamkeit bestimmt ist ein gegenwärtiges
Unbehagen welches in dem Begehren enthalten oder wenigstens immer damit
verknüpft ist Das Begehren wird immer durch das Übel erweckt und will es
fliehen indem die gänzliche Befreiung von Schmerz einen notwendigen
Bestandteil unsers Glücks bildet Dagegen erweckt kein Gut sogar kein
größeres Gut regelmäßig das Begehren sofern es keinen notwendigen Teil
unsers Glücks ausmacht oder nicht dafür gehalten wird denn Alles was man
begehrt ist nur glücklich zu sein Obgleich indes dieses allgemeine Verlangen
nach Glück fortwährend und unveränderlich wirkt so kann doch die Befriedigung
des einzelnen Begehrens und dessen Einfluss auf den Willen in Bezug auf die
entsprechende Handlung so lange gehemmt werden bis man reiflich erwogen hat ob
das begehrte anscheinende Gut einen wirklichen Teil des Glückes ausmacht und
sich mit demselben verträgt oder nicht Das schließlich Urteil nach solcher
Prüfung bestimmt den Menschen der nicht frei sein könnte wenn sein Wille von
etwas Anderem als seinem eigenen durch sein Urteil geleiteten Begehren
bestimmt würde Ich weiß dass vielfach die Freiheit in die Unentschiedenheit
des Menschen vor dem Entschlusse gesetzt wird indes wünschte ich dass die
welche so viel Gewicht auf diese sogenannte vorgängige Unentschiedenheit legen
deutlicher gesagt hätten ob diese angebliche Unentschiedenheit auch dem Denken
und Urteilen des Verstandes, ebenso wie dem Willensentschluss vorhergehe Denn
es zwischen diese Beiden zu stellen ist schwer dh unmittelbar nach dem
Urteil des Verstandes und vor dem Willensentschluss weil letzterer unmittelbar
auf jenes Urteil folgt Setzt man aber die Freiheit in eine Unentschiedenheit
vor dem Denken und Urteilen des Verstandes, so versetzt man damit die Freiheit
in einen Zustand von Dunkelheit in der man nichts von ihr sehen und sagen kann
wenigstens wird sie dann einem Wesen beigelegt dem die Fähigkeit für sie
abgeht da kein Wesen der Freiheit fähig ist wenn man ihm das Denken und
Urteilen nimmt Ich bin in Worten nicht peinlich und sage deshalb gern mit
denen die es vorziehen dass die Freiheit in der Unentschiedenheit besteht
aber in der welche nach dem Urteile des Verstandes noch bleibt ja selbst nach
dem Willensentschluss und deshalb ist diese keine Unentschiedenheit des
Menschen denn hat er einmal entschieden was das Beste ist dh zu handeln
oder nicht zu handeln so ist er nicht mehr unentschieden sondern eine
Unentschiedenheit der wirkenden Kräfte welche nach wie vor dem
Willensentschluss gleich fähig bleiben zu wirken oder nicht zu wirken und
sonach in einem Zustande sind den man Unentschiedenheit nennen mag So weit
diese Unentschiedenheit reicht ist der Mensch frei aber nicht weiter So habe
ich zB das Vermögen meine Hand zu bewegen oder sie ruhen zu lassen dieser
wirkenden Kraft ist es gleichgültig ob sie meine Hand bewegt oder nicht und
ich bin deshalb in dieser Beziehung vollkommen frei Bestimmt mein Wille diese
Kraft zur Rohe so bleibe ich doch frei weil diese Gleichgültigkeit jener Kraft
für das Handeln oder Nichtzuhandeln immer bleibt die Kraft meine Hand zu
bewegen ist nicht gänzlich durch den Willensentschluss welcher gegenwärtig die
Ruhe anordnet aufgehoben vielmehr ist diese Kraft zu handeln oder nicht zu
handeln genau noch so wie zuvor wie sich leicht ergibt wenn der Wille sie
auf die Probe stellt und das Gegenteil anordnet Wird aber die Hand während der
Ruhe plötzlich gelähmt so ist die Unentschiedenheit dieser Kraft verloren und
damit auch meine Freiheit ich bin nun in dieser Hinsicht nicht mehr frei
sondern gezwungen meine Hand in Ruhe zu lassen Wird umgekehrt meine Hand durch
einen Krampf bewegt so ist auch damit die Unentschiedenheit dieser Kraft
aufgehoben und meine Freiheit verloren denn ich bin gezwungen meine Hand zu
bewegen Ich habe dies beigefügt um zu zeigen in welcher Art von
Unentschiedenheit die Freiheit mir zu bestehen scheint nur diese und keine
andere wirkliche oder eingebildete kann ich anerkennen
72 Wahre Begriffe über die Natur und den Umfang der Freiheit sind so
wichtig dass man mir hoffentlich diese Abschweifung verzeihen wird zu welcher
mein Streben nach Klarheit mich verleitet hat Die Begriffe von Willen Wollen
Freiheit und Notwendigkeit kamen mir von selbst in diesem Kapitel über die
Kraft in den Weg In einer frühem Ausgabe dieser Schrift gab ich darüber eine
Darstellung wie sie meiner damaligen Einsicht entsprach jetzt gestehe ich als
ein Freund der Wahrheit der nicht eigensinnig an seine Lehren hängt gern dass
ich meine Ansicht etwas geändert habe da ich Grund dazu vorfand In der ersten
Darstellung folgte ich der Wahrheit mit unbeugsamem Gleichmut wohin sie auch
mich führen mochte allein ich bin weder so eitel um mir Untrüglichkeit
einzubilden noch so unredlich dass ich meinen Irrtum verhüllen möchte um
meinen Ruf zu schützen Deshalb habe ich in dem gleichen aufrichtigen Streben
nach Wahrheit mich nicht gescheut das zu veröffentlichen wozu eine strengere
Untersuchung mich geführt hat Möglicherweise werden Manche meine frühere
Darstellung und Andere wie ich bereits erfahren habe diese letzte für die
richtige halten und Manche keine von Beiden Über solche Gegensätze der
Ansichten werde ich mich nicht verwundern denn unparteiische und gründliche
Ausführungen sind bei großen Streitfragen selten auch sind genaue
Untersuchungen über dergleichen hohe Begriffe nicht leicht namentlich wenn die
Untersuchung lang wird Ich wäre daher Jedermann dankbar der mit diesen oder
andern Gründen diese Frage der Freiheit zur vollen Lösung brächte und sie von
den jetzt noch vorhandenen Schwierigkeiten befreite
Bevor ich dieses Kapitel schließe ist es vielleicht zweckmäßig und klärt
die Begriffe über Kraft wenn man sich eine etwas genauere Übersicht von dem
Begriffe der Handlung durch Nachdenken verschafft Ich habe bereits gesagt dass
man Vorstellungen nur von zwei Arten des Handelns hat nämlich von der Bewegung
und von dem Denken Obgleich beide Handlungen heißen und dafür gelten so
werden sie bei näherer Betrachtung doch nicht immer als solche angesehen werden
können. Denn irre ich mich nicht so gibt es für beide Arten Fälle die bei
genauerer Betrachtung sich eher als ein Leiden wie Handeln erweisen Sie sind
deshalb eher die Wirkungen der leidenden Kraft in den Personen die jetzt
ihretwegen als handelnde Wesen angesehen werden. In diesen Fällen erhält nämlich
die Substanz, welche sich bewegt oder denkt den Eindruck wodurch sie in diese
Tätigkeit versetzt wird lediglich von Außen und sie handelt daher nur so in
Folge ihres Vermögens einen solchen Eindruck von einem äußerlich Wirksamen zu
empfangen Solche Kraft ist aber keine eigentliche tätige Kraft sondern bloß
eine leidende Fähigkeit in der Person Dagegen setzt sieh manchmal die Substanz
oder das wirkende Wesen durch seine eigene Kraft in Tätigkeit dies ist dann
die eigentliche tätige Kraft Jede Besonderung einer Substanz durch die sie
eine Wirkung hervorbringt heißt Tätigkeit wenn zB eine dichte Substanz
vermittelst der Bewegung die sinnlichen Vorstellungen einer andern Substanz
erregt oder verändert deshalb nennt man diese Besonderung der Bewegung
Tätigkeit allein näher betrachtet ist diese Bewegung des dichten Körpers nur
ein Leiden was er von einem äußern Wirkenden empfangen hat Deshalb besteht
die tätige Kraft der Bewegung nur in jenen Substanzen welche die Bewegung bei
sich selbst oder bei einer andern ruhenden Substanz anfangen können Ebenso
heißt bei dem Denken die Kraft Vorstellungen oder Gedanken von der Wirksamkeit
einer äußerlichen Substanz zu empfangen eine Kraft des Denkens; allein sie ist
nur eine leidende Kraft oder eine Empfänglichkeit Wenn man dagegen nicht
vorhandene Vorstellungen nach Belieben hervorruft und mit andern beliebigen
vergleicht so ist dies eine tätige Kraft Diese Erklärung schützt vielleicht
vor Irrtümern über die Kräfte und Tätigkeiten in welche man durch die
Sprachlehren und die gewöhnlichen Sprachformen geraten kann weil die von den
Sprachlehrern als Aktiven behandelten Zeitworte nicht immer eine Tätigkeit
bezeichnen Sagt man zB Ich sehe den Mond oder einen Stern oder Ich fühle
die Sonnenhitze so wird dies zwar durch das Aktivum des Zeitworts ausgedrückt
aber bezeichnet keine Tätigkeit meiner wodurch ich auf diese Dinge einwirke
sondern nur meine Aufnahme der Vorstellungen von Licht Rundung und Hitze wobei
ich mich nicht tätig sondern nur leidend verhalte und bei der Stellung meiner
Augen oder meines Körpers diese Vorstellung in mich aufnehmen muss Wende ich
aber meine Augen anders wohin oder gehe ich aus den Strahlen der Sonne so bin
Ich wahrhaft tätig weil ich mich nach meiner eigenen Wahl durch meine innere
Kraft in Bewegung setze Solche Bewegung ist die Wirkung einer tätigen Kraft
73 Somit habe ich in kurzer Darstellung eine Übersicht unserer
ursprünglichen Vorstellungen gegeben aus denen alle übrigen sich ableiten und
bilden Wollte ich dies als Philosoph in Betracht nehmen und die bestimmenden
Ursachen so wie das erforschen woraus die übrigen gebildet werden, so würden
sie sich leicht auf nur wenige ursprüngliche zurückführen lassen Diese sind
Ausdehnung Dichtheit und Beweglichkeit oder das Vermögen bewegt zu werden
diese empfängt man durch die Sinne von den Körpern; ferner Auffassung oder die
Kraft aufzufassen und zu denken Bewegung oder die Kraft zu bewegen die man
durch die Selbstwahrnehmung der Seele empfängt Man gestatte mir diese zwei
neuen Worte um jedes Missverständnis in Gebrauch anderer zweideutigen zu
vermeiden Fügt man noch das Dasein, die Dauer und die Zahl hinzu welche beiden
Arten des Wahrnehmens angehören so hat man vielleicht die sämtlichen
Urvorstellungen von welchen die übrigen sich ableiten denn aus denselben
dürfte die Natur der Farben Töne Geschmäcke und Gerüche und aller andern
Vorstellungen erklärt werden können, wenn unsere Vermögen scharf genug wären um
die verschiedenen Ausdehnungen und Bewegungen der kleinsten Körper zu bemerken
welche diese Empfindungen in uns hervorbringen Allein meine Absicht geht nur
auf die Untersuchung des Wissens, was die Seele von den Dingen durch diejenigen
Vorstellungen und Erscheinungen hat wozu Gott sie befähigt hat und auf die
Art wie die Seele zu diesem Wissen gelangt aber nicht auf deren Ursachen und
die Weise ihrer Entstehung Deshalb werde ich nicht gegen diese meine Absicht
mich auf die philosophische Untersuchung der besonderen Verfassung der Körper und
auf die Gestaltung ihrer Theile einlassen durch welche sie die Vorstellungen
ihrer sinnlichen Eigenschaften in uns hervorbringen Ich gehe nicht weiter auf
diese Ermittlung ein vielmehr genügt zu meinem Zweck die Beobachtung dass
Gold und Safran die Kraft haben in uns die Vorstellung des Gelben und Schnee
und Milch die Vorstellung des Weißen hervorzubringen Diese kann man durch das
Gesicht erlangen ohne dass man das Gewebe der betreffenden Körper oder die
besondere Gestalt und Bewegung der Teilchen prüft welche durch ihr
Zurückprallen diese besonderen Empfindungen in uns bewirken obgleich man wenn
man über die bloßen Vorstellungen in der Seele hinaus die Ursachen derselben
aufsucht in den sinnlichen Gegenständen nichts Anderes was diese verschiedenen
Vorstellungen in uns erweckt sich vorstellen kann als die verschiedene Masse
Gestalt Zahl Gewebe und Bewegung ihrer nicht mehr wahrnehmbaren kleinsten
Theile
1 Was gemischte Zustände sind Nachdem ich in den vorgehenden Kapiteln
die einfachen Zustände abgehandelt und die wichtigsten derselben aufgeführt
habe um ihre Natur und die Art wie man zu ihnen kommt darzulegen so haben
wir nun zunächst die sogenannten gemischten Zustände zu betrachten dahin
gehören die mit den Worten Verbindlichkeit Trunkenheit Lüge bezeichneten
zusammengesetzten Vorstellungen, welche aus verschiedenen Verbindungen
mannigfacher einfacher Vorstellungen bestehen Ich nenne sie gemischte
Zustände zum Unterschied von den einfacheren welche nur aus einer einfachen
gleichartigen Vorstellung bestehen Diese gemischten Zustände sind daher solche
Verbindungen einfacher Vorstellungen, die nicht als besondere Bezeichnungen
wirklicher Dinge gelten welche ein dauerndes Dasein haben sondern solcher
zerstreuten und abgetrennten Vorstellungen, welche die Seele verbunden hat
dadurch unterscheiden sie sich von den zusammengesetzten Vorstellungen der
Substanzen
2 Die Seele bildet sie Die Erfahrung lehrt dass die Seele bei den
einfachen Vorstellungen sich nur leidend verhält und sie durch die Sinnes und
Selbstwahrnehmung sämtlich von dem Dasein und der Wirksamkeit der Dinge erhält
ohne eine davon selbst bilden zu können Dagegen zeigt eine genaue Betrachtung
der gemischten Zustände die ich jetzt behandle einen ganz andern Ursprung
denn die Seele übt oft eine tätige Kraft bei Bildung dieser verschiedenen
Verbindungen ist sie einmal mit einfachen Vorstellungen versorgt so kann sie
dieselben in verschiedener Weise verbinden und so mannichfach zusammengesetzte
bilden ohne dabei danach zu fragen ob sie wirklich so in der Natur bestehen
oder nicht Daher mögen diese Vorstellungen Begriffe genannt worden sein indem
sie ihren Ursprung und ihr Bestehen mehr dem menschlichen Denken als den
wirklichen Dingen verdanken und indem zur Bildung derselben genügt dass die
Seele ihre Theile verbindet und dass sie in dem Verstande bestehen ohne
Rücksicht ob sie auch ein wirkliches Dasein haben Indes will ich nicht
bestreiten dass auch manche der Beobachtung entlehnt sind und wirklich so
bestehen wie sie der Verstand verbunden hat Wer zB die Vorstellung der
Heuchelei zuerst bildete kann sie entweder zunächst der Beobachtung eines
Menschen entlehnt haben der gute Eigenschaften sehen ließ ohne sie zu haben
oder er kann sie zuerst in seiner Seele ohne ein solches Muster gebildet haben
denn beim Beginn der Sprachen und der menschlichen Gesellschaft müssen offenbar
manche zusammengesetzte Vorstellungen, die mit den geschehenen Einrichtungen
zusammenhängen erst in der Seele dieser Menschen bestanden haben ehe sie
irgendwo ein Dasein erlangt haben auch manche Worte müssen dafür in Gebrauch
gewesen mithin diese Vorstellung gebildet worden sein ehe noch die ihnen
entsprechenden Zustände bestanden
3 Mitunter werden sie durch die Erklärung ihrer Worte gewonnen Jetzt
wo die Sprachen gebildet sind und ein Überfluss an Worten für solche Zustände
vorhanden ist, werden allerdings diese zusammengesetzten Vorstellungen häufig
durch die Erklärung ihrer Worte gewonnen Indem sie aus einer Verbindung
einfacher Vorstellungen bestehen können sie durch die Worte für diese einfachen
Vorstellungen der Seele dessen der diese Worte versteht zugeführt werden wenn
er auch diese zusammengesetzten Vorstellungen nie von wirklich so bestehenden
Dingen empfangen hat So kann man die Vorstellungen eines Kirchenraubes eines
Mordes erlangen wenn die einfachen Vorstellungen aus denen sie bestehen
aufgezählt werden obwohl man eine solche That nie gesehen hat
4 Der Name verknüpft die Theile der gemischten Zustände zu einer
Vorstellung Wenn jeder gemischte Zustand aus mehreren einfachen besteht so
entsteht die Frage woher diese Einheit kommt und wie eine solche bestimmte
Menge nur eine Vorstellung bilden könne da eine solche Verbindung nicht immer
in der Natur besteht Ich antworte dass diese Einheit von einer Tätigkeit der
Seele kommt welche die einfachen Vorstellungen zusammentut und sie als eine
betrachtet die aus diesen Teilen besteht das Zeichen dieser Vereinung oder
das, was gemeinhin als deren Vollendung gut ist der Name welcher dieser
Verbindung gegeben wird Nach diesen Namen regelt sieh gewöhnlich die Auffassung
der verschiedenen Arten von gemischten Zuständen denn nur selten nimmt oder
betrachtet man mehrere einfache Vorstellungen als eine zusammengesetzte wenn
für ihre Verbindung nicht bereits ein Name besteht So ist die Tötung eines
alten Mannes ebenso gut zu einer zusammengesetzten Vorstellung geeignet als die
Tötung des Vaters eines Menschen allein da nur für die letzte das besondere
Wort Vatermord vorhanden ist, so gilt Jene nicht als eine zusammengesetzte
Vorstellung und nicht als eine besondere Art von Handlung im Unterschied von der
Tötung eines jungen Mannes oder eines andern Menschen
5 Weshalb gemischte Zustände gebildet werden.) Forscht man nach der
Ursache, welche diese Verbindungen einfacher Vorstellungen zu bestimmten und
gleichsam festen Zuständen veranlasst während andere nicht beachtet werden
obgleich sie an sich ebenso gut dazu sich eignen so zeigt sich als solche
Ursache der Zweck der Sprache Man will damit möglichst schnell seine Gedanken
bezeichnen oder Anderen mittheilen deshalb sammelt man die einfachen
Vorstellungen zu zusammengesetzten Zuständen und gibt ihnen einen Namen weil
sie im Leben und Gespräch viel gebraucht werden; dagegen werden andere bei
denen dieser Anlass selten vorkommt gesondert und ohne verknüpfenden Namen
gelassen man zählt dann lieber die einfachen Vorstellungen wenn es
erforderlich ist mit ihren Namen auf als dass man das Gedächtnis mit so
vielen zusammengesetzten Vorstellungen und deren Namen belastet da man selten
einen Anlass sie zu gebrauchen hat
6 Weshalb die Worte einer Sprache nicht mit denen einer andern stimmen
Daraus erhellt weshalb jede Sprache ihre eigentümlichen Worte hat die in
einer andern durch ein einzelnes Wort nicht wiedergegeben werden können. Die
verschiedenen Lebensweisen Gewohnheiten und Sitten eines Volkes führen zu
Verbindungen von Vorstellungen, die bei dem einen gebräuchlich und nötig sind
während ein anderes dazu weder Anlass gehabt noch daran gedacht hat man knüpft
Namen daran um lange Umschreibungen von Dingen der täglichen Unterhaltung zu
vermeiden und damit werden sie zu bestimmten zusammengesetzten Vorstellungen
So waren der ostrakismos bei den Griechen und die proscriptio bei den Römern
Worte, für welche andere Sprachen keine entsprechenden hatten weil sie
zusammengesetzte Vorstellungen bezeichneten die in den Seelen der Menschen
eines andern Volkes nicht bestanden Wo die Sitte fehlte da fehlte auch der
Begriff für eine solche Handlung man brauchte keine solche Verbindungen von
Vorstellungen und keine Worte für ihre Verknüpfung und deshalb fehlten den
andern Sprachen auch die Namen
7 Die Sprachen ändern sich Daraus erhellt weshalb die Sprachen sich
ändern neue Worte aufnehmen und alte beseitigen Der Wechsel der Sitten und
Meinungen führt zu neuen Verbindungen von Vorstellungen, an die man oft denken
und von denen man oft sprechen muss deshalb gibt man ihnen zur Vermeidung
langer Umschreibungen neue Namen und es entstehen neue Gattungen
zusammengesetzter Zustände Welche große Zahl verschiedener Vorstellungen
dadurch in einen kurzen Laut zusammengefasst werden und wie viel Zeit und Atem
damit erspart wird sieht man leicht wenn man sich die Mühe nimmt alle
Vorstellungen aufzuzählen welche mit dem Worte Frist oder Berufung befasst
werden und wenn man statt dieser Worte eine Umschreibung gebraucht um deren
Bedeutung einem Andern verständlich zu machen
8 Wo gemischte Zustände bestehen Obgleich ich später noch näher
hierauf eingehen werde wenn ich zur Untersuchung der Worte und ihres Nutzens
kommen werde so konnte ich doch das Obige über die gemischten Zustände nicht
unerwähnt lassen Es sind fließende und vergängliche Verbindungen einfacher
Vorstellungen, die nur in der Seele des Menschen ein kurzes Dasein haben und
zwar nur so lange als man an sie denkt sie haben deshalb nur in ihren Namen
den Schein eines beharrlichen und dauernden Daseins und deshalb werden bei
dieser Art von Vorstellungen die Worte leicht für die Vorstellungen selbst
genommen Untersucht man zB worin die Vorstellung eines Triumphs oder einer
Vergötterung besteht so erhellt, dass eine jede niemals in den Dingen selbst
zugleich bestehen kann da sie Handlungen sind die Zeit zu ihrer Ausführung
bedürfen und deshalb in ihren Teilen nicht zugleich bestehen können auch in
der Seele der Menschen wo diese Vorstellungen sich befinden sollen haben sie
nur ein unsicheres Dasein und deshalb verknüpft man sie gern mit Namen welche
sie in der Seele erwecken
9 Wie die Vorstellungen gemischter Zustände erlangt werden Es gibt
also drei Wege auf denen man die zusammengesetzten Vorstellungen gemischter
Zustände erlangt 1 durch die Erfahrung und Beobachtung der Dinge selbst. So
gewinnt man wenn man zwei Menschen fechten oder ringen sieht die Vorstellung
des Fechtens und Ringens 2 durch Erfindung oder willkürlicher Verbindung
einfacher Vorstellungen in der Seele so hatte der Erfinder des Bücherdrucks und
Kupferstiches die Vorstellung davon schon in seiner Seele ehe Beides bestand
3 Durch Erklärung der Worte für Tätigkeiten die man noch nicht gesehen hat
oder für Begriffe die man nicht sehen kann Dieser Weg ist der gewöhnlichste
es werden dabei die einzelnen Vorstellungen aus denen sie bestehen aufgezählt
und gleichsam vor das innere Auge gestellt Denn wenn erst die Seele durch die
Sinnes und Selbstwahrnehmung ein Vorrat einfacher Vorstellungen erlangt und an
die sie bezeichnenden Worte sich gewöhnt hat so kann man jede zusammengesetzte
Vorstellung dem Andern mittheilen sofern darin nur solche einfache
Vorstellungen vorkommen die der Andere schon kennt und in gleicher Weise
bezeichnet Denn alle zusammengesetzten Vorstellungen lassen sich schließlich
in die einfachen auflösen aus denen sie gebildet und ursprünglich
zusammengesetzt Bind wenn auch ihre unmittelbaren Bestandteile falls ich mich
so ausdrücken darf ebenfalls zusammengesetzte Vorstellungen sein sollten So
ist der gemischte Zustand welchen das Wort Lügen bezeichnet aus folgenden
einfachen Vorstellungen gebildet 1 artikulierte Laute 2 bestimmte
Vorstellungen in der Seele des Sprechenden 3 bestimmte Worte als Zeichen
dieser Vorstellungen, 4 die Verbindung dieser Zeichen durch Beziehung oder
Verneinung auf eine andere Weise als sie es in der Seele des Sprechenden sind
Ich brauche wohl in der Auflösung dieser zusammengesetzten Vorstellung Lüge
nicht weiter zu gehen das Gesagte genügt um zu zeigen dass sie aus einfachen
Vorstellungen gebildet ist und es würde den Leser ermüden wenn ich ihn mit der
Aufzählung der einzelnen darin enthaltenen belästigen wollte jeder wird dies
nach dem Gesagten selbst tun können Dasselbe kann mit den zusammengesetzten
Vorstellungen aller andern Arten geschehen ihre Verbindung und Trennung mag
sein welche sie wolle so kann sie doch zuletzt in ihre einfachen Vorstellungen
getrennt werden diese sind der Stoff für all unser Wissen und Denken Auch ist
deshalb die Seele nicht auf eine zu knappe Zahl von Vorstellungen beschränkt
wenn man bedenkt welchen unerschöpflichen Vorrat einfacher Vorstellungen nur
die Zahl und die Gestalt darbieten daraus kann man abnehmen dass die
gemischten Zustände in ihren mannichfachen Verbindungen der einfachen
Vorstellungen und deren zahlloser Besonderungen nichts weniger als knapp und an
Zahl gering sind Deshalb sieht man schon hier dass Niemand zu fürchten
braucht es werde ihm an Raum und Platz für seine Gedanken fehlen obgleich sie,
wie ich behaupte auf die einfachen, durch die Sinnes und Selbstwahrnehmung
empfangenen Vorstellungen und deren Verbindung beschränkt bleiben
10 Die Bewegung, das Denken und die Kraft sind am meisten besondert Es
ist interessant zu wissen welche einfachen Vorstellungen am meisten besondert
und zu gemischten mit Namen versehenen Zuständen benutzt worden sind; es sind
die drei Denken Bewegung welche beide alle Tätigkeit in sich fassen und
Kraft aus welcher diese Tätigkeiten abfließen Diese einfachen Vorstellungen
von Denken Bewegung und Kraft sind die welche am meisten besondert und aus
denen die meisten gemischten Zustände mit ihren Namen gebildet worden sind. Denn
Tätigkeit ist das große Geschäft der Menschen und der Gegenstand, mit dem sich
alle Gesetze beschäftigen es kann deshalb nicht auffallen dass die
Besonderungen des Denkens und der Bewegung beachtet deren Vorstellungen
beobachtet in dem Gedächtnis aufbewahrt worden sind und Namen bekommen haben
ohnedem hätte man schwer Gesetze machen und das Laster und die Unordnung hemmen
können Auch die gegenseitige Mittheilung war ohne solche zusammengesetzte
Vorstellungen und ihre Namen nicht ausführbar Deshalb hat man feste Namen und
Vorstellungen von den Besonderungen des Thuns gebildet welche sich nach ihren
Ursachen Mitteln Gegenständen Zielen Werkzeugen so wie nach Zeit Ort und
andern Nebenumständen und den zu diesem Thun nötigen Kräften unterscheiden Die
Dreistigkeit ist zB die Kraft vor Andern ohne Furcht oder Verwirrung nach
seiner Absicht zu sprechen und zu handeln Die Griechen gaben dieser Sicherheit
im Sprechen den besonderen Namen der parrhêsia Wenn die Kraft oder das Vermögen
etwas zu vollführen durch häufige Hebung erlangt worden ist, so nennt man es
Gewohnheit und ist sie bereit bei jeder Gelegenheit in Tätigkeit überzugehen
so nennt man es Neigung So ist der Eigensinn die Neigung zornig zu werden
Prüft man schließlich irgend eine Besonderung des Thuns zB die Überlegung
und die Zustimmung, welche Tätigkeiten der Seele sind oder Laufen und
Sprechen welche körperliche Tätigkeiten sind oder Rache und Mord welche
Tätigkeiten von beiden sind so zeigt sich dass sie sämtlich nur Verbindungen
einfacher Vorstellungen sind welche die mit diesen Worten bezeichneten
zusammengesetzten ausmachen
11 Manche Worte welche ein Handeln zu bedeuten scheinen bezeichnen nur
eine Wirkung Da die Kraft die Quelle ist aus der alles Thun hervorgeht so
heißen die Substanzen, in denen diese Kraft enthalten ist, Ursachen wenn sie
diese Kraft durch die That äußern die dadurch hervorgebrachten Substanzen oder
die dadurch in Jemand eingeführten Vorstellungen heißen Wirkungen Die
Wirksamkeit, wodurch die neue Substanz oder Vorstellung hervorgebracht wird
heißt in dem die Kraft äußernden Dinge Tätigkeit und in dem Wesen in
welchen damit eine einfache Vorstellung hervorgebracht oder geändert wird
Leiden Diese Wirksamkeit dürfte trotz ihrer Mannigfaltigkeit und ihrer beinah
zahllosen Wirkungen in geistigen Wesen doch nur eine Besonderung des Denkens
oder Wollens und in körperlichen Wesen nur eine Besonderung der Bewegung sein
Ich sage man kann sich nur diese zwei vorstellen denn ich gestehe dass ich
von einer andern Art von Tätigkeit die Wirkungen hervorbrächte mir keinen
Begriff und keine Vorstellung machen kann sie steht meinem Denken Auffassen
und Wissen ebenso fern und ist mir ebenso dunkel wie fünf neue Sinne und wie
die Farben dem Blinden Deshalb bezeichnen manche auf Tätigkeit hinweisenden
Ausdrücke gar keine Tätigkeit oder Wirkungsweise sondern bloß die Wirkung mit
einigen Nebenumständen des handelnden Wesens oder der wirkenden Ursache wie
zB Schöpfung oder Vernichtung Beide enthalten keine Vorstellung von der Weise
oder Handlung wie sie hervorgebracht werden, sondern nur die Vorstellung der
Ursache und der geschaffenen Sache Wenn ein Bauer sagt die Kälte mache das
Wasser gefrieren so enthält zwar der Ausdruck scheinbar eine Tätigkeit allein
in Wahrheit bezeichnet er nur die Wirkung, nämlich dass flüssiges Wasser hart
und fest geworden die Handlung, wodurch es geschehen ist darin nicht
ausgedrückt
12 Gemischte Zustände werden auch von andern Vorstellungen gebildet
Ich brauche hier wohl nicht zu sagen dass die Kraft und das Thun zwar die
größte Anzahl gemischter Zustände bilden welche besondere Namen haben und dem
Denken und Sprechen der Menschen geläufig sind aber deshalb sind andere
einfache Vorstellungen und deren Verbindungen nicht ausgeschlossen Noch weniger
brauche ich wohl alle diese gemischten Zustände und ihre Worte aufzuführen ich
müsste sonst ein Wörterbuch für beinah all die Worte anfertigen die in der
Gottesgelehrtheit in der Moral in den Rechts und Staats und andern
Wissenschaften gebraucht werden. Für meinen Zweck hier genügt es dass ich
gezeigt habe welche Art von Vorstellungen die sind welche ich gemischte
Zustände nenne in welcher Weise die Seele sie erlangt und dass sie aus dem
Zusammenstellen der durch Sinnes und Selbstwahrnehmung gewonnenen einfachen
Vorstellungen hervorgehen Dies wird wie ich glaube von mir geschehen sein
1 Wie die Vorstellungen von Substanzen gebildet werden.) Die Seele wird
wie gesagt mit einer großen Zahl einfacher Vorstellungen versorgt die ihr so
wie sie an den äußern Dingen angetroffen werden, durch die Sinne und in Bezug
auf ihre eigenen Tätigkeiten durch die Selbstwahrnehmung zugeführt werden Sie
bemerkt dabei dass eine große Anzahl solcher einfacher Vorstellungen stets mit
einander geht Daraus vermutet sie dass sie einem Dinge zugehören und da die
Worte den gewöhnlichen Auffassungen angepasst und für die schnelle Mittheilung
gebraucht werden, so belegt man solche in einen Gegenstand vereinigte
Vorstellungen mit einem Namen Aus Unachtsamkeit spricht man nachher davon und
behandelt das wie eine Vorstellung, was in Wahrheit eine Verbindung vieler
Vorstellungen ist und weil wie gesagt man sich nicht vorstellen kann wie
diese einfachen Vorstellungen für sich bestehen können so gewöhnt man sich
daran ein Unterliegendes anzunehmen in dem sie bestehen und von dem sie
ausgehen Dieses unterliegende nennt man deshalb die Substanz.
2 Unsere Vorstellung der Substanz im Allgemeinen Prüft sich deshalb
Jemand in Bezug auf seinen Begriff von Substanz im Allgemeinen so zeigt sich
dass er dabei nur die Vorstellung von einem nicht näher bekannten Träger solcher
Eigenschaften hat die einfache Vorstellungen in uns erwecken können und diese
Eigenschäften werden gewöhnlich die Akzidenzen genannt Fragt man was das ist
dem die Farben oder die Schwere anhängen so können nur die ausgedehnten dichten
Theile genannt werden, und fragt man wem die Dichtheit und Ausdehnung anhängt
so ist der Antwortende in keiner bessern Lage wie der früher erwähnte Indier
welcher auf seine Angabe dass die Welt von einem großen Elephanten getragen
werde gefragt wurde auf was der Elephant sich stütze er nannte darauf eine
große Schildkröte und auf die fernere Frage was die breitrückige Schildkröte
trage erwiderte er Etwas aber er wisse nicht was So spricht man hier wie in
allen Fällen, wo man Worte ohne klare und deutliche Vorstellungen gebraucht
gleich Kindern die auf die Frage was das ist was sie nicht kennen sofort
antworten Etwas Dies bedeutet bei Kindern wie bei Erwachsenen in solchem
Falle dass sie nicht wissen was und dass sie von dem Dinge das sie kennen
und besprechen wollen überhaupt keine bestimmte Vorstellung haben vielmehr es
gar nicht kennen und im Dunkeln tappen So ist die mit dem allgemeinen Kamen
Substanz bezeichnete Vorstellung nur der angenommene aber unbekannte Träger
jener seienden Eigenschaften die nach unserer Meinung sine re substante nicht
bestehen können dh nicht ohne etwas was sie trägt Diese Träger nennt man
Substantia was nach der wahren Entstehung des Worts in einfachem Deutsch das
darunter Stehende oder das Tragende bedeutet
3 Von den Arten der Substanzen Wenn so die dunkele und bezügliche
Vorstellung der Substanz im Allgemeinen gebildet ist gelangt man zu besonderen
Arten derselben durch die Zusammenfassung solcher einfachen Vorstellungen, die
nach der Erfahrung und Beobachtung der Sinne zusammen bestehen und von denen
deshalb angenommen wird dass sie aus der besonderen Inneren Verfassung oder dem
unbekannten Wesen dieser Substanz abfließen So gelangt man zu der Vorstellung
von Mensch Pferd Gold Wasser usw Ich berufe mich hier auf die eigene
Erfahrung eines Jeden ob er dabei sich etwas Mehreres klar vorstellt als dass
gewisse einfache Vorstellungen zusammen bestehen Die beobachteten Eigenschaften
des Eisens oder eines Diamanten zusammen machen die wahre zusammengesetzte
Vorstellung dieser Substanzen aus die der Schmied oder Juwelier meist besser
als der Philosoph kennt der wenn er von irgend welchen substantiellen Formen
spricht nur die Vorstellung einer Zusammenfassung der in den Substanzen
angetroffenen einfachen Vorstellungen dabei im Sinne hat Indes hat die
zusammengesetzte Vorstellung der Substanz neben diesen sie bildenden einfachen
Vorstellungen noch allemal auch die verworrene Vorstellung von Etwas dem jene
angehören und an dem sie bestehen Deshalb sagt man bei Besprechung irgend einer
Art von Substanz dass es ein Ding mit solchen oder solchen Eigenschaften sei
So ist der Körper ein ausgedehntes gestaltetes und bewegliches Ding der Geist
ein zum Denken befähigtes Ding und so gelten Härte die Erregbarkeit durch
Reiben und die Kraft Eisen anzuziehen als Eigenschaften des Magnetsteins
Diese und andere Ausdrücke zeigen dass man unter Substanz immer neben der
Ausdehnung, Gestalt Dichtheit Bewegung dem Denken und andern wahrnehmbaren
Eigenschaften noch etwas Besonderes vorstellt obgleich man nicht weiß was es
ist
4 Die allgemeine Vorstellung der Substanz ist nicht klar So spricht
und denkt man zwar von einzelnen Arten der körperlichen Substanzen wie von
Pferd Stein usw obgleich die Vorstellung davon nur die Verbindung oder
Zusammenfassung der einfachen sinnlichen Eigenschaften ist die man in dem Pferd
oder Stein genannten Dinge anzutreffen pflegt allein da man nicht begreifen
kann wie sie für sich oder die eine in der andern bestehen kann so nimmt man
an dass sie in einem gemeinsamen Unterliegenden bestehen und davon getragen
werden Diesen Träger nennt man Substanz obgleich man offenbar davon keine
klare und deutliche Vorstellung hat
5 Die Vorstellung der Seele ist so klar wie die des Körpers.) Dasselbe
zeigt sich bei den Tätigkeiten der Seele wie Denken Begründen Fürchten
usw man hält sie nicht für selbstständig und kann auch nicht annehmen dass
sie dem Körper zukommen und von ihm hervorgebracht werden; deshalb bezieht man
sie auf eine andere Substanz die man Geist nennt da man indes von dem Stoffe
nur die Vorstellung eines Etwas hat in welchem die verschiedenen sinnlichen und
wahrnehmbaren Eigenschaften bestehen so hat man in der Annahme einer Substanz
in der das Denken, Wissen Zweifeln eine Kraft zu bewegen usw besteht eine
ebenso klare Vorstellung von der Substanz des Geistes wie von der des Körpers;
die eine gilt ohne dass man weiß was sie ist als die Unterlage der einfachen
von Außen empfangenen Vorstellungen; die andere von der man auch nicht weiß
was sie ist als die Unterlage der in uns selbst wahrgenommenen Tätigkeiten
Die Vorstellung des Stoffes, als körperliche Substanz steht deshalb unsern
Begriffen und Auffassungen ebenso fern als die des Geistes oder der geistigen
Substanz Wenn man somit keinen Begriff von der Substanz des Geistes hat so
kann man doch daraus sein Nichtdasein so wenig folgern als man aus diesem
Grunde das Dasein der Körper leugnen kann man könnte dann mit gleichem Rechte
sagen dass es keinen Körper gebe weil man keine klare und deutliche
Vorstellung vom Stoffe habe wie man sagte es gebe keinen Geist weil man keine
klare und deutliche Vorstellung von ihm habe
6 Von den Arten der Substanzen Was daher auch die geheime und tiefere
Natur der Substanz im Allgemeinen sein mag so sind doch alle unsere
Vorstellungen von den besonderen Arten der Substanzen nur unterschiedene
Verbindungen einfacher Vorstellungen, die in der wenn auch unbekannten Ursache
ihrer Einheit zusammenbestehen welche macht dass das Ganze von selbst besteht
Nur durch solche Verbindungen einfacher Vorstellungen stellt man sich die
besonderen Arten der Substanzen vor von solcher Art sind deren Vorstellungen in
uns und nur solche teilen wir durch ihre Namen Andern mit zB durch Mensch
Pferd Sonne Wasser Eisen Bei dem Hören solcher Worte bildet Der welcher die
Sprache versteht in seiner Seele eine Verbindung der einfachen Vorstellungen,
die er unter diesem Namen zusammen angetroffen hat oder als bestehend sich
vorstellt und lässt sie auf der unbekannten Unterlage ruhen und ihr anhängen
ohne dass sie selbst einem andern Dinge anhängt trotzdem zeigt es sich
gleichzeitig und Jeder findet bei Untersuchung seiner Gedanken dass er von der
Substanz, sei sie Gold oder ein Pferd Eisen ein Mensch Vitriol oder Brot nur
die Vorstellung der sinnlichen Eigenschaften hat die er als einer Unterlage
anhängend annimmt welche diese Eigenschaften oder einfachen Vorstellungen
stützt die er beisammen bestehend angetroffen hat Was ist so die Sonne anders
als die Zusammenfassung der einfachen Vorstellungen von hell heiß rund
regelmäßiger Bewegung in einer bestimmten Entfernung von uns und vielleicht
noch einigen andern Eigenschaften je nachdem Der welcher die Sonne sich
vorstellt oder von ihr spricht mehr oder weniger genau diese sinnlichen
Eigenschaften Vorstellungen oder Eigentümlichkeiten beobachtet hat die sich
in dem »Sonne« genannten Dinge befinden
7 Die Kraft bildet einen erheblichen Teil von der zusammengesetzten
Vorstellung der Substanzen Denn Derjenige hat die vollkommenste Vorstellung
von einer Art der Substanzen der die meisten in ihr bestehenden einfachen
Vorstellungen gesammelt und verbunden hat und dazu gehören auch ihre tätigen
Kräfte und leidenden Empfänglichkeiten Diese sind zwar keine einfachen
Vorstellungen indes können sie hier der Kürze halber als solche gelten So ist
die Kraft Eisen anzuziehen eine Vorstellung, die zu der zusammengesetzten
Vorstellung der Substanz gehört welche man Magnet nennt und das Vermögen so
angezogen zu weiden ist ein Teil der Substanz, welche Eisen heißt beide
Kräfte gelten als ihren Unterlagen anhaftende Eigenschaften Da Jede Substanz
durch die in ihr bemerkten Kräfte ebensowohl sinnliche Eigenschaften in andern
Substanzen verändern wie einfache Vorstellungen in uns erwecken kann die wir
unmittelbar von ihr empfangen so zeigt sie durch diese neuen in andern
Substanzen eingeführten Eigenschaften uns die Kräfte die dadurch mittelbar
unsere Sinne ebenso regelmäßig erregen als ihre sinnlichen Eigenschaften es
unmittelbar tun So nimmt man durch die Sinne unmittelbar die Hitze und die
Farbe des Feuers wahr obgleich sie, genau betrachtet nur Kräfte des Feuers
sind welche diese Vorstellungen in uns erwecken Ebenso nimmt man durch die
Sinne die Farbe und Brüchigkeit der Holzkohle wahr wodurch man eine andere
Kraft des Feuers kennen lernt nämlich die Farbe und Festigkeit des Holzes zu
verändern Bei jenen zeigt uns das Feuer unmittelbar bei diesen mittelbar diese
verschiedenen Eigenschaften die man deshalb dem Feuer zuteilt und damit zu
einem Theile der zusammengesetzten Vorstellung desselben macht Denn alle
Kräfte die man kennt endigen lediglich in der Veränderung einer sinnlichen
Eigenschaft der Dinge, auf welche sie wirken und die damit uns neue
Eigenschaften zeigen deshalb habe ich diese Kräfte zu den einfachen
Vorstellungen gerechnet aus denen die zusammengesetzten der verschiedenen
Substanzen sich bilden obgleich diese Kräfte an sich wahrhaft zusammengesetzte
Vorstellungen sind In diesem weitem Sinne rechne ich einige dieser Kräfte zu
den einfachen Vorstellungen, die in die Seele mit eintreten wenn man an
einzelne Substanzen denkt denn man muss auf die verschiedenen in ihnen
enthaltenen Kräfte zurückgehen wenn man wahre und bestimmte Begriffe von den
verschiedenen Arten der Substanzen erlangen will
8 Und weshalb Auch kann es nicht auffallen dass die Kräfte einen
großen Teil unserer zusammengesetzten Vorstellungen der Substanzen ausmachen
da die zweiten Eigenschaften der Substanzen hauptsächlich zur Unterscheidung
derselben dienen und meist einen erheblichen Teil der zusammengesetzten
Vorstellungen ihrer verschiedenen Arten ausmachen Da uns die Sinne für die
Wahrnehmung der Masse des Gewebes und der Gestalt der kleinsten Körperteilchen
fehlen von denen ihre wahrhaften Zustände und Unterschiede abhängen so benutzt
man diese zweiten Eigenschaften als die eigentümlichen Merkmale und Zeichen zur
Bildung ihrer Vorstellungen und zur Unterscheidung derselben alle diese zweiten
Eigenschaften sind aber nur Kräfte Sowohl die Farbe und der Geschmack des
Opiums wie seine einschläfernde und schmerzstillende Natur sind reine von
seinen ersten Eigenschaften abhängige Kräfte wodurch er verschiedene Wirkungen
in verschiedenen Teilen des Körpers hervorzubringen vermag
9 Drei Arten von Vorstellungen bilden die zusammengesetzten
Vorstellungen der Substanzen.) Die Vorstellungen, welche die zusammengesetzten
der körperlichen Substanzen bilden sind dreierlei Art Erstens die
Vorstellungen der ersten Eigenschaften der Dinge, welche die Sinne wahrnehmen
und die in den Dingen auch dann sind wenn sie nicht wahrgenommen werden dazu
gehören die Masse Gestalt Zahl Lage und Bewegung der Bestandteile der
Körper; sie bestehen wirklich in den Körpern, auch wenn man nicht auf sie
achtet Zweitens die sinnlichen zweiten Eigenschaften die von jenen abhängen
und nur Kräfte sind womit die Substanzen verschiedene Vorstellungen in uns
vermittelst der Sinne hervorbringen diese Vorstellungen sind nur so weit in den
Dingen, als diese Dinge ihre Ursache sind Drittens die Fähigkeit der
Substanzen solche Veränderungen der ersten Eigenschaften zu bewirken oder zu
empfangen dass die so veränderte Substanz nun andere Vorstellungen als zuvor
erweckt Man nennt sie sämtlich tätige und leidende Kräfte und so weit man
Kenntnis oder Begriffe davon hat endigen sie alle in einfachen sinnlichen
Vorstellungen Denn welche Veränderungen ein Magnet auch in den kleinsten
Teilen des Eisens hervorbringen mag so würde man doch von einer solchen Kraft
keine Vorstellung haben wenn nicht wahrnehmbare Bewegungen sie offenbarten und
sicher gibt es tausend Veränderungen welche die Körper, die man täglich in den
Händen hat an einander bewirken können von denen man keine Ahnung hat weil
sie in keinen Wahrnehmbaren Wirkungen sich äußern
10 Die Kräfte bilden einen großen Teil der zusammengesetzten
Vorstellungen von Substanzen.) Die Kräfte bilden deshalb in Wahrheit einen
großen Teil in den zusammengesetzten Vorstellungen der Substanzen Wer zB
die des Goldes untersucht wird finden dass mehrere Vorstellungen desselben
bloß Kräfte sind so die Kraft zu schmelzen ohne im Feuer zu vergehen ferner
sich in Königswasser aufzulösen Diese Vorstellungen gehören ebenso notwendig
zu der zusammengesetzten des Goldes wie seine Farbe und Schwere die recht
betrachtet auch nur Kräfte sind Denn dasselbe ist in Wahrheit nicht wirklich
im Golde sondern nur die Kraft diese Vorstellung vermittelst der Angen bei
gehörigem Lichte in uns zu erregen und die bei der Sonne nicht wegzulassende
Hitze ist so wenig wirklich in der Sonne wie die weiße Farbe welche sie in dem
Wachse hervorbringt Beides sind Kräfte derselben die durch die Bewegung und
Gestalt ihrer kleinsten Theile so auf den Menschen wirken dass er die
Vorstellung der Hitze bekommt und auf Wachs so dass es in dem Menschen die
Vorstellung des Weißen hervorbringt
11 Die zweiten Eigenschaften würden verschwinden wenn man die ersten
Eigenschaften ihrer kleinsten Theile wahrnehmen könnte Wären die Sinne so
scharf dass sie die kleinsten Theile und die wirkliche Verfassung der Körper
erkennen könnten wovon ihre sinnlichen Eigenschaften abhängen so würden sie
ganz andere Vorstellungen in uns erwecken das Gelbe des Goldes würde dann
verschwinden und man wurde statt dessen ein bewunderungswürdiges Gewebe der
Theile in Gestalt und Größe sehen Die Mikroskope zeigen dies deutlich denn
das was dem bloßen Auge als Farbe sich darstellt erscheint bei einer solchen
Steigerung der Schärfe des Sinnes als etwas ganz Anderes und indem so das
Verhältnis der Masse der kleinsten Theile eines farbigen Gegenstandes zu dem
gewöhnlichen Sehen geändert wird entstehen andere Vorstellungen wie vorher So
zeigt sich Sand oder gestoßenes Glas dem bloßen Auge dunkel und weiß in
einem Mikroskop aber durchsichtig das Haar verliert darin seine frühere Farbe
und wird zum großen Teil durchsichtig gemischt mit einzelnen hellen farbigen
Flecken wie sie bei dem Strahlen von Diamanten und andern durchsichtigen
Körpern vorkommen Das Blut ist für das bloße Auge ganz rot bei einem guten
Mikroskop wo seine kleineren Theile hervortreten zeigen sich aber nur einzelne
rote Kügelchen darin die in einer durchsichtigen Flüssigkeit schwimmen und
man kann nicht sagen wie diese Kügelchen erscheinen würden wenn man sie
mittelst der Gläser noch 1000 oder 10000 mal mehr vergrößern könnte
12 Unser Wahrnehmungsvermögen ist unserm Zustande angepasst Der
unendlich weise Schöpfer der Menschen und der sie umgebenden Dinge hat die
Sinne, Vermögen und Organe des Menschen den Bedürfnissen des Lebens und der hier
von ihm zu erfüllenden Aufgabe angepasst Vermittelst der Sinne können wir die
Dinge erkennen unterscheiden und so weit untersuchen als es uns nützlich und
für die Bedürfnisse des Lebens nötig ist Wir haben so viel Einblick in ihre
wunderbare Einrichtungen und Wirkungen als nötig um die Weisheit Macht und
Güte ihres Urhebers zu bewundern und zu preisen Zu einer solchen unseren
gegenwärtigen Zustand angemessenen Erkenntnis fehlen uns nicht die Vermögen
Allein Gott scheint nicht gewollt zu haben dass wir eine vollkommene klare und
entsprechende Erkenntnis der Dinge haben sollen vielleicht übersteigt dies die
Fassungskraft eines endlichen Wesens Wir sind mit Vermögen wenn auch schwach
und stumpf versehen um so viel in den Geschöpfen zu erkennen als nötig um
uns zu dem Schöpfer und der Kenntnis unserer Pflichten zu führen und wir haben
die hinreichenden Fähigkeiten für das was das Leben verlangt dies ist unser
Geschäft in dieser Welt Wären aber unsere Sinne anders schneller und schärfer
so würden die Dinge für uns eine ganz andere Gestalt und Erscheinung haben die
vielleicht mit unserm Dasein oder mindestens Wohlsein in diesem Theile des
Weltalls sich nicht vertragen dürften Wenn man bedenkt wie wenig unser Zustand
eine Erhebung in Regionen der Luft vertragen kann die nur etwas höher sind als
die deren Luft wir gewöhnlich einatmen so wird man zufrieden sein dass diese
zu unserer Wohnung bestimmte Erdkugel von dem allweisen Baumeister für unsere
und die sie erregenden Körper gegenseitig angepasst worden Wäre unser
Gehörsinn nur tausendmal feiner so würde ein fortwährender Lärm uns zerstreuen
man würde dann in dem stillsten Versteck weniger schlafen oder nachdenken
können als jetzt mitten in einer Seeschlacht und wenn der belehrendste der
Sinne, das Gesicht bei einem Menschen 1000 oder 100000 mal schärfer wäre als
bei einem Mikroskope so würden dann dem bloßen Auge Dinge sichtbar werden die
viele Millionenmal kleiner wären als das Kleinste was es jetzt sieht und man
würde so dem Gewebe und der Bewegung der kleinsten Theile der Körper näher
kommen und bei vielen vielleicht ihre inneren zustände erkennen allein ein
solcher Mensch wäre dann in einer ganz andern Welt gegen seine Mitmenschen
Nichts würde ihm so erscheinen wie den Andern seine GesichtsVorstellungen
würden ganz verschieden sein so dass er schwerlich mit den Andern über
sichtbare Gegenstände und Farben sprechen und verkehren könnte Er würde dann
vielleicht den hellen Sonnenschein oder das helle Tageslicht nicht ertragen und
nur sehr wenig auf einmal und nur in kleinen Entfernungen erkennen können
Selbst wenn ein Mensch mit solchen mikroskopischen Augen wenn ich sie so nennen
darf tiefer als Andere in die geheime Zusammensetzung und in das Urgewebe der
Körper eindringen könnte so würde ihm das wenig nützen wenn sein scharfes
Gesicht ihn nicht auch auf den Markt und in die Börse begleiten könnte wenn er
dann den entferntem Dingen nicht ausweichen könnte wo es nötig ist noch die
Dinge so wie Andere unterscheiden könnte Wer so scharfsehend wäre dass er die
Gestaltung der kleinsten Theile einer Uhrfeder sehen und beobachten könnte auf
welchem besonderen Bau und Anstoß ihre elastische Bewegung beruht würde
sicherlich viel Wunderbares entdecken allein wenn solche Augen nicht zugleich
die Zeiger und die Ziffern auf dem Zifferblatt sehen und die Zeit nicht erkennen
könnten so wäre dem Besitzer damit wenig geholfen er würde während er die
geheimsten Einrichtungen der Maschinenteile entdeckte noch den Gebrauch
derselben verlieren
13 Vermutungen über die Geister Ich möchte hier noch eine kühne
Vermutung äußern man hat nämlich Grund wenn man nämlich Berichten vertrauen
darf wofür unsere Philosophie nicht einstehen kann zu glauben dass die
Geister Körper von verschiedener Größe Gestalt und Zusammensetzung annehmen
können allein ihr Vorteil über uns dürfte nicht darin liegen dass sie so sich
Sinnes und WahrnehmungsOrgane verschaffen können sondern dass sie dieselben
ihrer zeitweiligen Absicht und den Umständen unter denen sie den Gegenstand
betrachten wollen anpassen können Denn wie viel grösser würde die Kenntnis
eines Menschen gegen die der andern sein wenn er den Bau seiner Augen also nur
dieses einen Sinnes so ändern könnte dass sie sich immer den verschiedenen
Graden des Sehens anpassten welche man mit Hülfe der Gläser zunächst durch
zufällige Beleuchtung kennen gelernt hat Welche Wunder würde er entdecken
wenn er seine Augen allen Arten von Gegenständen so anpassen könnte dass er die
kleinsten Theile in dem Blute und in andern tierischen Flüssigkeiten nach ihrer
Gestalt und Bewegung so genau erkennen könnte wie ein andermal die Gestalt und
Bewegung der Tiere selbst Dagegen würden uns unveränderliche Organe mit denen
wir die kleinsten Theile der Körper nach Gestalt und Bewegung erkennen könnten
von denen ihre jetzigen sinnlichen Eigenschaften abhängen für unsern jetzigen
Zustand nichts nützen Gott hat sie sicherlich so gemacht wie es für unsern
jetzigen Zustand am besten ist Er hat sie für die Nähe der uns umgebenden
Körper eingerichtet mit denen wir zu tun haben und wenn wir auch durch die
empfangenen Vermögen keine vollkommene Kenntnis der Dinge erlangen können so
genügen sie doch für die oben genannten Zwecke die uns vor Allem angehen Ich
bitte um Entschuldigung dass ich dem Leser eine so weitgehende Vermutung über
die Mittel der Wahrnehmung bei hohem Wesen unterbreitet habe allein trotzdem
wird man doch wohl über das Wissen der Engel keine andere Vorstellung gewinnen
können als nach Verhältnis der Art die wir an uns selbst bemerken Gott kann
allerdings in seiner unendlichen Macht und Weisheit Wesen mit tausend andern
Vermögen und Sinnen erschaffen allein unser Denken kann nicht über unsere
eigenen hinaus und es ist uns unmöglich selbst nur vermutungsweise über das
was die Sinnes und Selbstwahrnehmung uns bietet hinauszugehen Wenigstens darf
die Annahme, dass die Engel mitunter sich Körper zulegen uns nicht erschrecken
da schon mehrere der ältesten und gelehrtesten Kirchenväter ihnen Körper
zugeteilt haben So viel ist sicher dass ihr Zustand und die Art ihres Seins
uns unbekannt ist
14 Die zusammengesetzten Vorstellungen von Substanzen Um indes auf
die Frage über die Vorstellungen von Substanzen zurückzukommen so wiederhole
ich dass das Eigentümliche von deren Vorstellungen nur in der Zusammenfassung
einer Anzahl von einfachen Vorstellungen besteht die als zu einem Dinge geeint
genommen werden Wenn sie auch gemeiniglich einfache Wahrnehmungen und ihre
Namen einfache Worte sind so sind sie doch in Wahrheit zusammengesetzt und
verbunden So ist die mit dem Worte Schwan Bezeichnete Vorstellung die weiße
Farbe der lange Hals der rote Schnabel die schwarzen Beine und verbundenen
Zehen und zwar Alles dies von einer gewissen Größe mit dem Vermögen im
Wasser zu schwimmen und eine Art Geräusch zu machen und vielleicht noch einigen
andern Eigenschaften wenn man diese Art Vögel lange beobachtet hat aber alle
laufen auf einfache sinnliche Vorstellungen hinaus welche in einem
Unterliegenden geeint sind
15 Die Vorstellung geistiger Substanzen ist so klar wie die von
körperlichen Neben den eben besprochenen zusammengesetzten Vorstellungen von
stofflichen wahrnehmbaren Substanzen kann man auch aus den einfachen
Vorstellungen, die den Tätigkeiten der Seele entlehnt sind und die man täglich
in sich übt wie Denken Verstehen Wollen Wissen Bewegen usw welche in
einer Substanz beisammen sind die zusammengesetzte Vorstellung einer geistigen
Substanz bilden Durch Zusammensetzung der Vorstellungen des Denkens, der
Wahrnehmung, der Freiheit der Selbstbewegung und anderer erlangt man eine
ebenso klare Vorstellung und Begriff von geistigen Substanzen wie von
körperlichen Denn verbindet man die Vorstellungen von Denken und Wollen oder
die Kraft eine körperliche Bewegung zu veranlassen oder aufzuhalten mit der
unbestimmten Vorstellung der Substanz, so hat man die Vorstellung eines
körperlosen Geistes und ebenso erlangt man durch Verbindungen Vorstellungen
von zusammenhängenden dichten Teilen und der Kraft bewegt zu werden mit der
Vorstellung der Substanz überhaupt die Vorstellung des Stoffes. Die eine ist so
klar als die andere denn die Vorstellungen des Denkens und des Bewegens sind so
klar und bestimmt wie die der Ausdehnung, Dichtheit und des Bewegtwerdens Die
Vorstellung der Substanz bleibt in beiden gleich dunkel oder ist gar keine sie
ist bloß Etwas ich weiß nicht was das nur angenommen wird um die
Vorstellungen, die man Akzidenzen nennt zu tragen Nur aus Mangel sich selbst
zu beobachten meint man dass die Sinne uns nur stoffliche Dinge zeigen
vielmehr gewährt jedes Wahrnehmen bei gehöriger Betrachtung den Anblick beider
Seiten der Natur, der körperlichen wie der geistigen Während ich durch Sehen
oder Hören weiß dass ein körperliches Ding außerhalb meiner der Gegenstand
meiner Wahrnehmung ist so erkenne ich noch sicherer dass ein geistiges Wesen
in mir ist was siebt und hört Dies kann offenbar nicht die Tätigkeit von
einem Stoffe sein der bloß nicht wahrgenommen wird vielmehr ist sie ohne ein
stoffloses denkendes Wesen unmöglich
16 Es gibt keine Vorstellung von der Substanz an sich Trotz der
zusammengesetzten Vorstellung von einem Ausgedehnten Gestalteten und mit andern
sinnlichen Eigenschaften Versehenen was Alles ist was man von ihr weiß
bleibt doch die Vorstellung der Substanz des Körpers uns so fremd als wenn wir
sie gar nicht kennten und trotz aller vermeintlichen Bekanntschaft und
Vertrautheit mit dem Stoffe und den vielen Eigenschaften, welche man an den
Körpern wahrzunehmen und zu kennen überzeugt ist wird sich doch wohl bei der
Prüfung ergeben dass man von den den Körpern zukommenden ersten Eigenschaften
keine mehreren und klareren Vorstellungen hat als von denen des stofflosen
Geistes
17 Der Zusammenhang der dichten Theile und der Stoß sind die ersten
Vorstellungen vom Körper Die ersten Vorstellungen, die man vom Körper im
Gegensatz zum Geiste hat sind der Zusammenhang dichter und somit trennbarer
Theile und ein Vermögen die Bewegung durch den Stoß mitzuteilen Dies dürften
die ursprünglichen besonderen und eigentümlichen Vorstellungen von den Körpern
sein denn die Gestalt ist nur die Folge einer bestimmten Ausdehnung
18 Denken und das Vermögen zu bewegen sind die ersten Vorstellungen
vom Geist Unsere Vorstellungen vom Geiste die ihm eigentümlich angehören
sind Denken und Wollen oder das Vermögen die Körper durch Denken zu bewegen
und die daraus folgende Freiheit Der Körper kann nur durch Stoß seine Bewegung
einem andern ruhenden mittheilen aber die Seele kann nach Belieben Körper
bewegen oder anhalten Die Vorstellungen des Seins, der Dauer und Beweglichkeit
sind beiden gemeinsam
19 Die Geister sind der Bewegung fähig Es kann nicht auffallen dass
ich den Geistern Beweglichkeit zuschreibe denn ich habe keine andere
Vorstellung von Bewegung als den Wechsel des Orts in Bezug auf andere Dinge
die als ruhend gelten Da nun die Geister ebenso wie die Körper nur da wo sie
sind wirken können und da die Geister zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen
Orten wirken so muss ich allen endlichen Geistern einen Wechsel des Ortes
beilegen Denn von dem unendlichen Geiste spreche ich hier nicht Die Seele
ist wie der Körper ein wirkliches Wesen sie kann also sicherlich wie die Körper
ihren Abstand von einem andern Körper oder Wesen andern also sich bewegen und
wenn die Mathematiker zwischen zwei Punkten einen Abstand und eine Veränderung
dieses Abstandes in Betracht ziehen können so kann man dies sicherlich auch für
den Abstand zweier Geister und damit sich ihre Bewegung Annäherung oder
Entfernung von einander vorstellen
20 Jeder findet an sich selbst dass seine Seele denken wollen und auf
seinen Körper an dem Orte wo er ist wirken kann aber dass sie es nicht auf
einen andern Körper oder an einem hundert Meilen entfernten Orte vermag Niemand
kann meinen dass seine Seele in Oxford denken oder einen Körper bewegen kann
während er in London ist Jeder weiß dass seine Seele die mit seinem Körper
verbunden ist während seiner Reise von Oxford nach London stetig ihren Ort
wechselt ebenso wie die Kutsche und die Pferde die ihn fahren die Seele kann
währenddem wahrhaft bewegt genannt werden, und sollte dies noch nicht als eine
genügend klare Vorstellung ihrer Bewegung gelten so wird die Trennung ihrer im
Tode von dem Körper es tun denn man kann unmöglich sich vorstellen dass sie
ohne Bewegung den Körper verlässt oder heraustritt
21 Wenn man sagt die Seele kann den Ort nicht wechseln weil sie keinen
habe da die Geister nicht in loco sondern ubi seien so wird wohl diese
Redeweise in einem Zeitalter nicht mehr viel bedeuten welches nicht Lust hat
solche unverständliche Ausdrücke zu bewundern oder sich dadurch täuschen zu
lassen Soll diese Unterscheidung einen Sinn haben und auf die gegenwärtige
Frage anwendbar sein so möge man sie in gutem Englisch aussprechen und damit
zeigen dass stofflose Geister der Bewegung unfähig seien Allerdings kann man
Gott keine Bewegung zuteilen aber nicht weil er ein stoffloser sondern weil
er ein unendlicher Geist ist
22 Vergleichung der Vorstellungen von Seele und Körper Man vergleiche
die zusammengesetzten Vorstellungen der stofflosen Geister und des Körpers und
sehe ob eine und welche dunkler als die andere ist Die Vorstellung des Körpers
ist meine ich die einer ausgedehnten dichten Substanz die durch Stoß
Bewegung mittheilen kann und von der Seele als eines stofflosen Geistes die
einer Substanz welche denkt und durch Wollen und Denken Körper in Bewegung
setzen kann Dies sind die Vorstellungen von Körper und Seele als Gegensätzen
und nun prüfe man welche die dunkelste und am schwersten fassbare ist
Menschen deren Denken nur auf körperliche Dinge gerichtet ist und deren Seele
sich ganz ihren Sinnen untergeordnet hat und selten an Etwas darüber hinaus
denkt sagen vielleicht dass sie ein denkendes Ding nicht begreifen können und
dies mag wahr sein allein sie werden im richtigen Sinne auch kein
ausgedehntes Ding begreifen
23 Der Zusammenhang dichter Theile im Körper ist so schwer begreiflich
wie das Denken in der Seele Wenn Jemand sagt er wisse nicht was das Denkende
in ihm sei so meint er dass er nicht wisse was die Substanz dieses denkenden
Dinges sei allein ich sage dass er auch nicht weiß was die Substanz des
dichten körperlichen Dinges ist Wenn er ferner sagt er wisse nicht wie er
denke so sage ich dass er auch nicht weiß wie er ausgedehnt ist und wie die
dichten Theile der Körper vereint sind oder zusammenhängen am die Ausdehnung zu
bilden Denn wenn auch der Druck der Luft den Zusammenhang mancher Stoffteile
erklärt die grösser als die Luftteile sind so kann doch die Schwere oder der
Druck der Luft den Zusammenhang der Luftteile selbst nicht erklären oder
bewirken und soll der Druck des Äthers oder eines feineren Stoffes als die
Luft die Theile eines Luftraumes wie anderer Körper einen und zusammenhalten so
kann dieser Aether doch kein Band für sich selbst sein und die Theile
zusammenhalten welche die kleinsten Stücke dieser materia subtilis bilden
Deshalb genügt diese geistreiche Hypothese von dem Zusammenhalt der
wahrnehmbaren Körper durch den Druck unwahrnehmbarer Körper für die Theile des
Äthers nicht Wenn auch der Zusammenhalt anderer Körper dadurch erklärt wird
so bleibt doch der Zusammenhalt der Ätherteilchen selbst im Dunkeln denn man
kann sich den Aether nicht ohne Theile vorstellen die körperlich und teilbar
sind und für diese Theile fehlt dann die Ursache ihres Zusammenhalts die für
die Theile anderer Körper damit gegeben wird
24 Allein wenn man auch den Druck einer umgebenden Flüssigkeit noch so
groß annimmt so kann doch damit die Ursache des Zusammenhalts der dichten
Stoffteile nicht erklärt werden. Allerdings kann solcher Druck die Abtrennung
zweier glatten Ebenen von einander in senkrechter Richtung hindern wie bei dem
Versuche mit zwei geglätteten Marmorplatten sich zeigt allein die Trennung in
einer den Ebenen parallelen Richtung kann dadurch nie gehindert werden Da die
umgebende Flüssigkeit in jeden durch diese seitliche Bewegung frei gewordenen
Raum nachfolgen kann so hemmt sie eine solche Bewegung verbundener Körper so
Wenig wie die Bewegung eines Körpers, der von allen Seiten von dieser
Flüssigkeit umgehen ist und keinen andern Körper berührt Gäbe es daher nicht
noch eine andere Ursache des Zusammenhaltes so müssten alle Körper durch solche
seitliche gleitende Bewegung sich leicht in Theile trennen lassen Ist der Druck
des Äthers die entsprechende Ursache des Zusammenhalts so kann dieser da nicht
sein wo diese Ursache nicht wirkt und da sie wie gezeigt gegen eine solche
seitliche Bewegung nicht wirken kann so könnte für jede mögliche schneidende
Ebene eines Körpers so wenig Zusammenhalt wie für die beiden polierten
Marmorstücke bestehen die trotz allen Drucks der Flüssigkeit doch seitlich
leicht von einander gleiten So vermeintlich klar daher auch die Vorstellung der
Ausdehnung eines Körpers ist so erhellt doch da sie nur der Zusammenhalt der
dichten Theile ist bei näherer Betrachtung dass die klare Vorstellung einer
denkenden Seele ebenso leicht ist wie die eines ausgedehnten Körpers Denn der
Körper ist nicht weiter ausgedehnt als die Verbindung und der Zusammenhalt
seiner dichten Theile geht und deshalb begreift man die Ausdehnung der Körper
nicht wenn man nicht weiß worin die Verbindung und der Zusammenhalt ihrer
Theile besteht Mir scheint diese ebenso unbegreiflich wie die Art des Denkens,
und wie es geschieht
25 Die meisten Menschen pflegen sich allerdings zu wundern wie Jemand
eine Schwierigkeit in dem findet was sie täglich wahrzunehmen glauben Sieht
man nicht sagen sie die Körperteile fest aneinander haften Gibt es etwas
Gewöhnlicheres und wie will man dies in Zweifel ziehen Ebenso fragen sie bei
dem Denken und der freiwilligen Bewegung Erfährt man sie nicht jeden Augenblick
an sich selbst und kann man daher daran zweifeln Allerdings sind die
Tatsachen, wie ich anerkenne klar allein betrachtet man sie näher und fragt
man wie sie erfolgen so gerät man in beiden Fällen in Verlegenheit und kann
weder einsehen wie die Körperteile zusammenhängen noch wie man sich selbst
wahrnimmt oder bewegt erkläre man mir wie die Gold oder Messingteilchen die
jetzt flüssig und so lose sind wie die des Wassers oder des Sandes in der
Sanduhr in wenig Augenblicken sich so verbinden und so fest aneinanderhaften
dass der stärkste Mann sie nicht trennen kann jeder Verständige wird hier sich
in Verlegenheit befinden wenn er seinen oder Anderer Verstand zufriedenstellen
soll
26 Die kleinen Körperchen welche das flüssige Wasser bilden sind so
außerordentlich klein dass Niemand selbst durch ein Mikroskop und doch sollen
manche 10000 mal ja 100000 mal vergrößern ihre Größe Gestalt und Bewegung
bestimmt gesehen zu haben behaupten wird und ebenso sind sie so lose dass die
geringste Kraft sie trennt ja ihrer fortwährenden Bewegung nach kann man ihnen
gar keinen Zusammenhang beilegen und doch vereinen sich diese feinen Atome
verdichten sich und werden wenn eine strenge Kälte eintritt so
zusammenhängend dass nur große Gewalt sie trennen kann Wer die Bande welche
diese Haufen kleiner Körper so fest zusammenbinden wer den Kitt der sie so
zähe aneinanderklebt fände hätte ein großes noch unbekanntes Geheimnis
entdeckt und doch würde er auch dann die Ausdehnung der Körper welche der
Zusammenhang seiner dichten Theile ist nicht erklären können wenn er nicht
zeigen könnte worin die Vereinung oder Befestigung der Bestandteile dieser
Bande dieses Kittes oder der Kleinsten Stoffteile besteht Es scheint
hiernach dass diese erste angeblich augenscheinliche Eigenschaft der Körper
bei ihrer Prüfung uns so unbegreiflich wie irgend Etwas wird und dass eine
dichte ausgedehnte Substanz ebenso schwer zu fassen ist als eine denkende und
stofflose wenn man sich dem auch noch so sehr entgegenstellt
27 Denn geht man weiter so wird der Druck welcher den Zusammenhang der
Körper erklären soll ebenso unbegreiflich wie dieser Zusammenhang selbst Denn
der Stoff gilt als endlich deshalb gehe man an die Grenzen des Weltalls, um zu
sehen welche Reifen welche Bande sich denken lassen die diese Masse von Stoff
so dicht zusammenpressen und woher der Stahl seine Festigkeit und die Theile
des Diamanten ihre Härte und Unauflöslichkeit haben Ist der Stoff endlich so
muss er eine Grenze haben und es muss da Etwas sein Auseinanderstäuben hindern
Will man diesem damit entgehen dass man sich in den angenommenen Abgrund eines
unendlichen Stoffes stürzt so wird damit nicht mehr Licht für den Zusammenhang
der Körper gewonnen und dessen Verständnis dadurch nicht näher gebracht dass
man ihn in eine der verkehrtesten und unverständlichsten Annahmen auflöst Die
Ausdehnung des Stoffes welche nur der Zusammenhang der letzten Theile ist wird
also so wenig wie die Vorstellung des Denkens klarer und bestimmter wenn man
ihre Natur Ursache und Weise näher untersucht
28 Die Mittheilung der Bewegung durch Stoß oder durch Denken ist also
unbegreiflich Eine andere unserer Vorstellungen betrifft die Kraft der Körper,
durch Stoß die Bewegung mitzuteilen und die der Seele die Bewegung durch das
Denken zu erwecken Die tägliche Erfahrung bietet uns diese beiden
Vorstellungen fragt man aber wie es geschieht so befindet man sich wieder im
Dunkeln Denn für die Mittheilung der Bewegung durch Stoß wo der eine Körper
so viel davon verliert als der andere erhält welches der gewöhnlichste Fall
ist, hat man nur die Vorstellung, dass die Bewegung aus dem einen in den andern
übergeht allein dies ist ebenso dunkel und unbegreiflich wie die Art auf
welche die Seele ihren Körper durch Denken bewegt oder zur Ruhe bestimmt
obgleich es jeden Augenblick geschieht Noch schwerer ist die Zunahme der
Bewegung durch den Stoß zu verstehen die mitunter stattfinden soll Man
erfährt täglich dass Bewegungen offenbar durch Stoß und Denken veranlagst
werden allein die Art des Vorganges ist schwer begreiflich man ist für beide
gleich ratlos Mag man daher die von dem Körper oder die von der Seele kommende
Bewegung nehmen so ist die letztere ebenso klar wie die erstere und wenn man
die tätige Kraft zu bewegen betrachtet so ist sie bei der Seele klarer wie
bei dem Körper denn zwei ruhende an einander liegende Körper geben nie die
Vorstellung einer Kraft in dem einen die den andern bewegt sie bleibt immer
eine erborgte die Seele gewährt dagegen täglich die Vorstellung einer tätigen
Kraft Körper zu bewegen und deshalb fragt es sich wohl ob die tätige Kraft
nicht die Eigenschaft der Geister und die leidende die der Körper ist Dann
wären die erschaffenen Geister nicht ganz stofffrei weil sie sowohl leidend wie
tätig sind Der reine Geist dh Gott ist nur tätig der reine Stoff ist nur
leidend und Wesen die tätig und leidend sind dürften an beiden Teil haben
Sei dem aber wie man wolle so hat man doch über den Geist ebenso viele und
klare Vorstellungen als über die Körper; die Substanz ist bei beiden unbekannt
aber die Vorstellung vom Denken der Seele ist so klar wie die von der
Ausdehnung der Körper, und die der Seele beigelegte Mittheilung der Bewegung
durch Denken ist ebenso offenbar als die dem Körper beigelegte durch Stoß Die
fortwährende Erfahrung lässt uns beide bemerken obgleich unser beschränkter
Verstand keine von beiden begreifen kann denn wenn die Seele über diese
ursprünglichen durch Sinnes und Selbstwahrnehmung gewonnenen Vorstellungen
hinaus blicken und in ihre Ursachen und Entstehungsweise eindringen will so
zeigt sich dass sie nur ihre eigene Kurzsichtigkeit entdeckt
29 Kurz die Sinneswahrnehmung überzeugt uns dass es dichte ausgedehnte
Substanzen gibt und die Selbstwahrnehmung dass es denkende Substanzen gibt
die Erfahrung versichert uns von dem Dasein solcher Wesen und dass das eine die
Kraft hat Körper durch Stoß zu bewegen und das andere durch Denken daran
kann man nicht zweifeln und die Erfahrung versieht uns jeden Augenblick mit den
klaren Vorstellungen von beiden allein über diese aus ihren Quellen
empfangenen Vorstellungen reichen unsere Vermögen nicht hinaus Jede
Untersuchung ihrer Natur Ursachen und Wirkungsarten lässt das Wesen der
Ausdehnung nicht klarer als das des Denkens erkennen jede weitere Erklärung ist
bei dem einen so schwer wie bei dem andern und man kann ebenso schwer
begreifen wie eine Substanz die man nicht kennt durch Denken den Körper
bewegt als wie eine Substanz die man nicht kennt durch Stoß denselben
bewegt Deshalb kann man von dem Körper so wenig wie von der Seele einsehen
worin die ihnen zugehörenden Vorstellungen bestehen Deshalb dürften die von der
Sinnes und Selbstwahrnehmung empfangenen einfachen Vorstellungen die Grenzen
unseres Denkens bilden darüber hinaus kann die Seele trotz aller Anstrengung
nicht einen Schritt weiter kommen und nichts entdecken wenn sie über die Natur
und die verborgenen Ursachen dieser Vorstellungen grübelt
30 Die Vorstellung des Körpers und des Geistes, mit einander verglichen
Somit steht es wenn man die Vorstellungen von Körper und von Geist mit
einander vergleicht so dass die Substanz des Geistes so unbekannt ist wie die
des Körpers. Von zwei ursprünglichen Eigenschaften des Körpers, nämlich von den
dichten und zusammenhängenden Teilen und vom Stoß hat man klare Vorstellungen
und ebenso von den zwei ursprünglichen Eigenschaften der Seele vom Denken und
der Kraft zu handeln oder einzelne Gedanken oder Bewegungen zu erwecken und zu
hemmen Ebenso hat man klare Vorstellungen von andern den Körpern zugehörenden
Eigenschaften, welche aber nur mannichfache Besonderungen jener beiden
ursprünglichen Eigenschaften sind Ebenso hat man Vorstellungen von den
Besonderungen des Denkens, wie das Glauben das Zweifeln das Beabsichtigen das
Fürchten das Hoffen die sämtlich nur Besonderungen des Denkens sind Auch hat
man die Vorstellung vom Wollen und von einem dem gemäßen Bewegen des Körpers
und damit auch der Seele da wie gezeigt die Geister der Bewegung fähig sind
31 Der Begriff des Geistes ist nicht schwerer als der des Körpers.) Wenn
endlich der Begriff des stofflosen Geistes auch manche nicht leicht zu
beseitigende Schwierigkeit bietet so kann man deshalb doch das Dasein solcher
Geister so wenig leugnen oder bezweifeln als das Dasein der Körper; denn der
Begriff des Körpers ist auch mit großen Schwierigkeiten belastet die kaum
erklärt und gelöst werden dürften Man zeige mir dass der Begriff des Geistes
mehr Verwickelungen oder Widersprüche enthalte als der Begriff des Körpers! Die
endlose Teilbarkeit einer endlichen Ausdehnung verwickelt mag man sie zugeben
oder leugnen in folgen die man nicht erklären oder von Widersprüchen nicht
befreien kann in Folgen die schwieriger und anscheinend verkehrter sind als
Alles was aus dem Begriffe einer stofflosen wissenden Substanz folgt
32 Wir kennen nur die einfachen Vorstellungen Man darf sich darüber
nicht wundern da man nur einige oberflächliche Vorstellungen von den Dingen
hat weil sie nur durch die Sinne von Außen oder durch die Beobachtung der
Inneren Vorgänge bekannt werden ohne dass man etwas Weiteres davon weiß und
uns die Vermögen fehlen um die Inneren Zustände und die wahre Natur der Dinge zu
erkennen Indem man daher in sich das Wissen und die Macht willkürlich zu
bewegen so sicher wahrnimmt wie in den äußern Dingen den Zusammenhang und die
Trennung der dichten Bestandteile dh die Ausdehnung und Bewegung der Körper,
so kann man mit dem Begriffe des stofflosen Geistes und seines Daseins ebenso
sich begnügen wie mit dem Begriffe und Dasein des Körpers. Es ist nicht
widersprechender dass ein Denken getrennt und unabhängig von Dichtheit besteht
als dass die Dichtheit besonders und unabhängig vom Denken besteht da sie beide
nur einfache von einander unabhängige Vorstellungen sind und man von beiden
klare Vorstellungen hat Ich wüsste deshalb nicht warum man das Dasein eines
denkenden Dinges ohne Dichtheit dh ohne Stoff nicht ebenso zulassen wollte
als ein dichtes Ding ohne Denken oder den Stoff Eines ist so schwer und so
leicht zu fassen als das Andere da wenn man über diese einfachen
Vorstellungen der Sinnes und Selbstwahrnehmung hinausgehen und in die Natur der
Dinge tiefer eindringen will man sofort in Dunkelheit Verwickelungen und
Schwierigkeiten gerät und dann nur die eigene Blindheit und Unwissenheit
wahrnimmt Sollte aber auch eine dieser beiden zusammengesetzten Vorstellungen
klarer als die andere sein so ist doch so viel offenbar dass die einfachen
Vorstellungen aus denen sie bestehen nur aus der Sinnes und Selbstwahrnehmung
stammen dies gilt von den Vorstellungen aller Substanzen ja von der Gottes
selbst
33 Die GottesVorstellung Prüft man die Vorstellung, welche man von
dem unbegreiflichen höchsten Wesen hat so zeigt sich dass man auf demselben
Wege zu ihr kommt und dass sowohl die zusammengesetzte Vorstellung von Gott wie
von andern Geistern aus den einfachen durch Selbstwahrnehmung gewonnenen
Vorstellungen gebildet wird dh aus dem was man in sich selbst bemerkt also
von den Vorstellungen des Daseins und der Dauer, des Wissens und der Macht der
Lust und des Glückes und andern Eigenschaften und Kräften deren Besitz
wertvoll ist Wenn daraus die angemessenste Vorstellung des höchsten Wesens
gebildet werden soll so wird Jede dieser Eigenschaften durch unsere Vorstellung
der Unendlichkeit vergrößert und durch deren Verbindung die Vorstellung Gottes
erlangt denn ich habe bereits gezeigt dass die Seele ihre durch Sinnesund
Selbstwahrnehmung gewonnenen Vorstellungen so erweitern kann
34 Wenn ich finde dass ich nur wenige Dinge und zum Teil oder
vielleicht alle nur unvollkommen kenne so kann ich doch die Vorstellung von
zweimal so viel Wissen bilden und ich kann sie so oft wie die Zahl verdoppeln
und damit auf alle seienden und möglichen Dinge ausdehnen Dasselbe kann ich mit
dem vollkommeneren Wissen tun dh mit dem Wissen von allen ihren
Eigenschaften Kräften Ursachen Wirkungen Beziehungen usw bis Alles in
den Dingen, und alle Beziehungen zu denselben gekannt sind und ich kann so die
Vorstellung eines unendlichen und grenzenlosen Wissens bilden Ebenso kann man
die Kraft bis zur unendlichen vergrößern und auch die Dauer so zu einer nach
Anfang und Ende unendlichen machen und damit die Vorstellung eines ewigen Wesens
bilden indem die Grade oder die Ausdehnung des Daseins der Macht der Weisheit
und aller andern Vollkommenheiten die man vorstellen kann welche dem
höchsten Gott genannten Wesen beigelegt werden sämtlich grenzenlos und
unendlich sind so entsteht daraus die bestmöglichste Vorstellung von ihm aber
all dies geschieht nur durch Steigerung jener einfachen Vorstellungen, die man
durch Selbstwahrnehmung von den Tätigkeiten der Seele und durch die Sinne von
den äußern Dingen entlehnt hat zu jener Unermesslichkeit zu welcher die
Unendlichkeit sie ausdehnen kann
35 Die GottesVorstellung Denn die Unendlichkeit ist es die mit den
Vorstellungen des Daseins der Macht des Wissens usw verbunden jene
zusammengesetzte Vorstellung bildet durch die man sich am besten das höchste
Wesen vorstellt Denn wenn auch Gott in seiner Wesenheit die wir sicherlich
nicht kennen da wir nicht einmal die wirkliche Wesenheit eines Steines oder
einer Fliege oder von uns selbst kennen einfach und nicht zusammengesetzt ist
so haben wir doch keine andere Vorstellung von ihm als die aus einem ewigen und
unendlichen Dasein Wissen Macht Glück zusammengesetzte Dies sind Alles
besondere Vorstellungen ja einige sind Beziehungen und daher selbst aus andern
zusammengesetzt aber alle sind wie gezeigt ursprünglich durch Sinnes und
Selbstwahrnehmung erlangt und bilden als solche die Vorstellung oder den
Begriff, den wir von Gott haben
36 Jede einzelne Vorstellung in der zusammengesetzten von Geistern ist
aus der Sinnes und Selbstwahrnehmung entlehnt Auch teilt man Gott keine
Vorstellung mit Ausnahme der Unendlichkeit zu die nicht auch einen Teil der
Vorstellung von andern Geistern bildet Denn man kann keine andern einfachen
Vorstellungen, welche Dingen mit Ausnahme der Körper zugehören haben als die
welche die Selbstwahrnehmung von den Tätigkeiten der eigenen Seele bietet und
man kann daher auch nur solche den Geistern beilegen Aller Unterschied den man
zwischen den Geistern sich vorstellen kann betrifft nur die verschiedene
Ausdehnung der Grade ihres Wissens ihrer Macht Dauer Seligkeit usw Denn
dass man bei den Vorstellungen von Geistern wie bei denen von andern Dingen
auf die durch die Sinnesund Selbstwahrnehmung empfangenen beschränkt ist
erhellt daraus dass wenn man auch die Vorstellungen der Geister noch so sehr in
ihrer Vollkommenheit über die der Körper und selbst bis zur Unendlichkeit
erhöht man doch sich über die Art wie sie ihre Gedanken sich mittheilen keine
Vorstellung machen kann obgleich man anerkennen muss dass die Geister als
Wesen von vollkommenerem Wissen und größerem Glück auch eine vollkommenere Art
für die Mittheilung ihrer Gedanken haben müssen als wir die dafür auf
körperliche Zeichen und besondere Laute beschränkt sind deren allgemeiner
Gebrauch nur daher kommt dass diese Zeichen die besten und schnellsten sind
deren wir fähig sind Von einer unmittelbaren Mittheilung der Gedanken haben wir
dagegen keine eigene Erfahrung und deshalb auch überhaupt keinen Begriff davon
wie Geister ohne Worte ihre Gedanken mit Schnelligkeit mittheilen und noch
weniger wie Geister ohne Körper Meister ihrer Gedanken sein und dieselben nach
Belieben mittheilen oder verbergen können obgleich man doch ein solches
Vermögen notwendig bei ihnen voraussetzen muss
37 Wiederholung So hat sich gezeigt welche Art von Vorstellungen man
von den mancherlei Substanzen hat woraus sie bestehen und wie man zu ihnen
gelangt Danach dürfte ziemlich klar sein
1 dass all unsere Vorstellungen der mancherlei Substanzen nur
Zusammenfassungen einfacher Vorstellungen sind mit der Annahme von Etwas dem
sie zugehören und in dem sie bestehen obgleich man von diesem angenommenen
Etwas durchaus keine klare Vorstellung hat
2 dass all diese einfachen Vorstellungen, die so auf einer gemeinsamen
Unterlage vereint die zusammengesetzten Vorstellungen der verschiedenen
Substanzen bilden nur durch Sinnes und Selbstwahrnehmung erlangt werden
Deshalb kann man selbst bei den Vorstellungen, mit denen man am vertrautesten zu
sein meint und die dem Verständnis unserer weitesten Fassungskraft am nächsten
kommen nicht über diese einfachen Vorstellungen hinauskommen und umgekehrt
kann man selbst bei den Vorstellungen, welche allen bekannten am fernsten
stehen und die Alles das unendlich übertreffen was man in sich durch
Selbstwahrnehmung und in andern Dingen durch Sinneswahrnehmung erkennt auch
über diese einfachen aus der Sinnes und Selbstwahrnehmung stammenden
Vorstellungen nichts weiter erreichen wie die zusammengesetzten Vorstellungen
der Engel und insbesondere Gottes selbst ergeben
3 dass die meisten der einfachen Vorstellungen aus denen die
zusammengesetzten von den Substanzen bestehen in Wahrheit nur Kräfte sind
wenngleich man sie als bejahende Eigenschaften auffassen kann So sind zB die
meisten der die Vorstellung des Goldes ausmachenden Vorstellungen wie gelbe
Farbe schweres Gewicht Dehnbarkeit Schmelzbarkeit Auflösbarkeit in
Königswasser usw alle in einem unbekannten Unterliegenden vereint gedacht
nur so viele Beziehungen zu andern Substanzen ohne in dem Golde an sich
wirklich enthalten zu sein obgleich sie von jenen wirklichen und ersten
Eigenschaften seiner Inneren Verfassung abhängen welche das Gold zu
verschiedener Tätigkeit und zum Erleiden der Einwirkungen von andern Substanzen
befähigen
1 EINE Vorstellung.) Außer diesen zusammengesetzten Vorstellungen
einzelner Substanzen wie Mensch Pferd Gold Veilchen Apfel usw hat die
Seele auch zusammengesetzte SammelVorstellungen von Substanzen, die ich so
nenne weil sie aus vielen einzelnen zusammengefassten Substanzen bestehen die
in eine verbunden und so nur als eine gelten zB die Vorstellung von einer
solchen Sammlung von Menschen als ein Heer ausmachen obgleich dies aus sehr
vielen Substanzen besteht ist es doch nur eine Vorstellung, wie die eines
Menschen und die große SammelVorstellung aller Körper überhaupt welche man
die Welt nennt ist ebenso gut eine Vorstellung, wie die von den kleinsten
Teilchen in ihr da es zur Einheit einer Vorstellung genügt dass sie als eine
Darstellung oder ein Bild aufgefasst werde wenn sie auch aus noch so vielen
Teilen besteht
2 Gebildet durch die verbindende Kraft der Seele Diese
Sammelvorstellungen von Substanzen bildet die Seele durch ihre verbindende
Kraft mittelst welcher sie mehrere einfache oder zusammengesetzte Vorstellungen
zu einer ebenso verbindet wie es bei den zusammengesetzten Vorstellungen
einzelner Substanzen geschieht die aus einer Ansammlung von einfachen zu einer
Substanz verbundenen Vorstellungen bestehen und wie es durch wiederholtes
Zusetzen der Vorstellung der Einheit bei der SammelBesonderung oder
zusammengesetzten Vorstellung einer Zahl geschieht zB eines Schockes eines
Mandels Die Seele stellt auch mehrere besondere Substanzen ebenso zusammen und
macht daraus Sammelvorstellungen wie die einer Truppe einer Armee eines
Schwarmes einer Stadt einer Flotte in jeder stellt man sich eine Vorstellung
mit einem Blick vor und betrachtet unter diesem Begriff die mehreren Dinge
völlig als eines gleich einem Schiff oder einem Atom Es ist auch nicht schwer
begreiflicher wie ein Heer von 10000 Mann eine Vorstellung ausmachen könne
als wie bei dem Menschen dies geschehen kann da die Seele ebenso leicht eine
große Zahl Menschen verbinden und als eine Vorstellung fassen kann wie die
verschiedenen Vorstellungen, welche das Verbinden zu einem Menschen ausmacht
3 Alle künstlichen Sachen sind SammelVorstellungen Dazu gehören die
meisten künstlichen Gegenstände wenigstens die aus mehreren besonderen
Substanzen gefertigten und wenn man alle die SammelVorstellungen wie Heer
Sternbild Weltall in ihrer Einheit recht betrachtet so erscheinen sie nur als
die künstlichen Werke der Seele welche sehr entfernte und unabhängige Dinge
unter einen Gesichtspunkt befasst weil sie besser betrachtet und von ihnen
leichter gesprochen werden kann, wenn sie zu einem Begriffe verbunden und mit
einem Worte bezeichnet sind Selbst die entferntesten und entgegengesetztesten
Dinge kann die Seele auf diese Weise zu einer Vorstellung machen wie die mit
Welt bezeichnete ergibt
1 Was Beziehung ist Außer den einfachen und zusammengesetzten
Vorstellungen, welche die Seele von den Dingen an sich selbst hat gibt es
andere welche sie aus deren Vergleichung mit einander erlangt Der Verstand ist
bei Betrachtung eines Dinges nicht auf dasselbe streng beschränkt er kann jede
Vorstellung gleichsam über sie hinaus führen oder er kann wenigstens über sie
hinaus blicken um zu sehen wie sie mit andern übereinkommt Wenn die Seele in
dieser Weise ein Ding betrachtet und dasselbe gleichsam zu einem andern trägt
und daneben stellt und ihren Blick von dem einen zu dem andern wendet so ist
dies, wie das Wort andeutet das Beziehen oder Berücksichtigen und die Worte
die man den seienden Dingen gibt um diese Rücksicht anzuzeigen und als Mittel
zu dienen was die Gedanken über das eine hinaus zu einem andern leitet heißen
Beziehungen und die so behandelten Dinge bezogene Wenn die Seele zB den Cajus
als ein solches seiendes Ding nimmt so nimmt sie nichts in ihrer Vorstellung
was nicht in Cajus wirklich besteht wenn ich ihn zB als einen Menschen
betrachte so habe ich nur die zusammengesetzte Vorstellung von der Gattung
Mensch und wenn ich den Cajus einen weißen Menschen nenne so denke ich nur an
einen Menschen mit solcher weißen Farbe Gebe ich aber dem Cajus den Namen
Gatte so deute ich auf eine andere Person und nenne ich ihn weißer so deute
ich auf ein anderes Ding in beiden Fällen geht das Denken zu Etwas über Cajus
hinaus und es werden zwei Dinge dabei in Betracht gezogen Jede Vorstellung, die
einfachen wie die zusammengesetzten kann die Seele veranlassen so zwei Dinge
zusammenzubringen und sie gleichsam in Einem zu überblicken obgleich sie als
verschieden gelten deshalb kann jede Vorstellung die Grundlage zu einer
Beziehung abgeben So ist in dem obigen Beispiel der Heiratsvertrag und die
Trauung mit der Sempronia der Anlass den Cajus Gatte zu nennen und so zu
beziehen und die weiße Farbe der Anlass dass er weißer als Sandstein genannt
wird
2 Beziehungen werden ohne bezügliche Worte nicht leicht bemerkt Wenn
diese und andere Beziehungen durch bezügliche Worte ausgedrückt werden, denen
andere Worte entsprechen und die so gegenseitig auf einander deuten wie zB
Vater und Sohn dicker und dünner Ursache und Wirkung, so sind sie Jedermann
verständlich und man bemerkt sogleich die Beziehung. Vater und Sohn Mann und
Frau und andere dergleichen Beziehungen gehören so eng zu einander harmonieren
und entsprechen durch Gewohnheit so leicht einander im Gedächtnis dass bei dem
einen Wort das Denken sofort über das bezeichnete Ding hinausgeht und dass
Niemand die Beziehung übersieht oder bezweifelt wenn sie so deutlich angedeutet
wird Wo aber die Sprache keine solche bezügliche tarnen gebildet hat wird die
Beziehung nicht immer so leicht bemerkt Die Beischläferin ist ebenso wie die
Gattin ein bezügliches Wort allein wo in der Sprache das entsprechende andere
fehlt wird es nicht leicht so aufgefasst weil ihm das klare Zeichen der
zwischen den bezüglichen Dingen bestehenden Beziehung fehlt wo eins das andere
erklärt und beide nur gemeinsam bestehen zu können scheinen Deshalb sind manche
Worte die näher betrachtet offenbar Beziehungen enthalten als äußerliche
Bezeichnungen genommen worden Allein jedes Wort das mehr als ein leerer Schall
ist muss eine Vorstellung bezeichnen die entweder in dem betreffenden Dinge
ist wo sie dann als bejahend und als verbunden und in dem Dinge enthalten gut
oder das Wort entspringt aus einer Beziehung welche die Seele zwischen diesem
und einem andern Dinge bemerkt und dann schließt es eine Beziehung ein
3 Manche anscheinend selbstständige Worte enthalten Beziehungen Andere
bezügliche Worte nimmt man weder als Beziehungen noch als äußerliche
Benennungen allein unter dem Schein als bezeichneten sie etwas Selbstständiges
in dem Gegenstand verhüllen sie doch stillschweigend eine wenn auch weniger
bemerkbare Beziehung. Der Art sind die anscheinend bejahenden Worte alt groß
unvollkommen usw von denen ich in dem folgenden Kapitel mehr sagen werde
4 Die Beziehungen sind von den bezogenen Dingen verschieden Man
beachte weiter dass zwei Menschen dieselbe BeziehungsVorstellung und doch sehr
verschiedene Vorstellungen von den so bezogenen oder verglichenen Dingen haben
können so können sie trotz verschiedener Vorstellungen über den Menschen doch
in dem Begriff des Vaters übereinstimmen da dieser Begriff der Substanz oder
dem Menschen nur übergezogen wird und sich nur auf eine Handlung des »Mensch«
genannten Dinges bezieht wodurch er ein Wesen seines Gleichen hervorbringen
hilft mag der Mensch an sich sein was er will
5 Man kann die Beziehungen wechseln ohne die bezogenen Dinge zu
wechseln Das Wesen der Beziehung liegt also in dem Berücksichtigen und
Vergleichen zweier Dinge wobei das eine oder beide nach dieser Vergleichung
benannt werden Hört eines dieser beiden auf oder wird es entfernt so hört die
Beziehung auf und ebenso auch die entsprechende Benennung wenn auch das andere
Ding an sich keine Veränderung erleidet So hört der heute als Vater geltende
Cajus morgen als Vater auf wenn sein Sohn stirbt obgleich er selbst keine
Veränderung erlitten hat Deshalb kann durch die bloße Veränderung des
Gegenstandes, mit dem im Denken die Vergleichung geschieht dasselbe Ding
entgegengesetzte Bezeichnungen gleichzeitig erhalten wird zB Cajus mit
mehreren Personen verglichen so kann er in Wahrheit jünger und älter stärker
und auch schwächer usw genannt werden.
6 Die Beziehung besteht nur zwischen zwei Dingen Alles was als ein
Ding bestehen oder aufgefasst werden kann, ist bejahend deshalb sind nicht bloß
einfache Vorstellungen und Substanzen sondern auch Eigenschaften bejahende
Dinge wenn auch ihre Theile sich oft auf einander beziehen allein das Ganze
als ein Ding aufgefasst erweckt in uns die zusammengesetzte Vorstellung eines
Dinges, welche Vorstellung gleich einem Gemälde in der Seele besteht und trotz
seiner Ansammlung vieler Theile doch ein mit einem Namen bezeichnetes bejahtes
und selbstständiges Ding oder solche Vorstellung ist. So ist das Dreieck als
Ganzes eine bejahte und beziehungslose Vorstellung wenn auch seine Theile durch
die Vergleichung unter einander bezüglich werden Dasselbe gilt von der
»Familie« dem »Ton« usw denn nur wo zwei Dinge als zwei betrachtet werden,
ist eine Beziehung möglich Es müssen immer zwei Vorstellungen oder Dinge zur
Beziehung gehören die entweder wirklich besondere sind oder als solche
vorgestellt werden, und daneben ein Grund oder ein Anlass zu ihrer Vergleichung
7 Alles kann bezogen werden.) Rücksichtlich der Beziehung überhaupt ist
Folgendes zu bemerken
Erstens gibt es kein Ding sei es einfache Vorstellung Substanz
Eigenschaft oder Beziehung oder ein Wort davon was nicht unzähliger
Auffassungen in Beziehung zu andern Dingen fähig wäre deshalb bilden die
Beziehungen einen großen Teil der Gedanken und Reden der Menschen So kann ein
einzelner Mensch bei allen folgenden Beziehungen und noch mehreren beteiligt
sein wie Vater Bruder Sohn Großvater Enkel Schwiegervater
Schwiegersohn Gatte Freund Feind Subjekt General Richter Beschützer
Beschützter Professor Europäer Engländer Insulaner Diener Herr Besitzer
Kapitän Vorgesetzter Unterbeamter stärker schwächer älter jünger
Zeitgenosse gleich ungleich usw beinah ohne Ende da er so vieler
Beziehungen fähig ist als Anlass zur Vergleichung seiner mit andern Dingen nach
Übereinstimmung oder Unterschied oder sonst einer Rücksicht vorhanden ist. Denn
das Beziehen ist wie gesagt nur eine Art Vergleichen und Betrachten von zwei
Dingen zusammen wo beide oder eines danach benannt werden und auch die
Beziehung selbst oft einen Namen erhält
8 Die BeziehungsVorstellung ist oft klarer als die der Dinge selbst.)
Zweitens sind zwar die Beziehungen nicht in dem wirklichen Sein der Dinge
enthalten sondern etwas von außen Kommendes und darüber Gezogenes aber
dennoch sind die Beziehungsvorstellungen oft klarer und bestimmter als die
damit bezogenen Substanzen So ist der Begriff des Vaters oder des Bruders viel
klarer und bestimmter als der des Menschen und von der Vaterschaft kann man
leichter eine klare Vorstellung erlangen als von der Menschennatur und ich
begreife viel eher was ein Freund als was Gott ist denn oft genügt die
Kenntnis einer Tätigkeit oder einer einfachen Vorstellung um die
Beziehungsvorstellung zu gewähren während zur Kenntnis einer Substanz eine
sorgfältige Sammlung verschiedener Vorstellungen nötig ist Vergleicht man zwei
Dinge so muss man das worin man sie vergleicht kennen und deshalb muss man
bei solcher Vergleichung eine klare Vorstellung dieser Beziehung haben Deshalb
können wenigstens die Beziehungsvorstellungen vollkommener und klarer als die
der Substanzen sein Es ist meist schwer alle in einer Substanz wirklich
enthaltenen einzelnen Vorstellungen zu kennen aber wohl kann man in der Regel
die einfache Vorstellung kennen welche zu einer Beziehung gehört oder danach
genannt ist Wenn ich so zwei Menschen auf ihren gemeinsamen Vater beziehe so
kann ich leicht die Vorstellung der Brüder bilden ohne dass ich noch die volle
Vorstellung des Menschen habe Denn die bezüglichen Worte drücken ebenso wie
alle andern nur Vorstellungen aus und da diese entweder einfach oder aus
einfachen gebildet sind so genügt zur genauen Kenntnis der Vorstellung, welche
das beziehende Wort bezeichnet die klare Vorstellung von der Grundlage der
Beziehung. Dies kann Statt haben ohne dass man eine klare und vollkommene
Vorstellung von dem Dinge selbst hat dem sie beigelegt wird Wenn ich so den
Begriff habe dass das eine Ding das Ei gelegt hat woraus das andere Ding
ausgekrochen ist so habe ich eine klare Vorstellung von der Beziehung zwischen
der Henne und ihren Hühnchen in Bezug auf die beiden Kakadus in St James Park
obgleich ich von diesen Vögeln selbst nur eine dunkele und unvollständige
Vorstellung habe
9 Alle Beziehungen laufen auf einfache Vorstellungen hinaus Drittens
ist zwar die Zahl der Auffassungen wonach Dinge mit einander verglichen werden
können, groß und gibt es deshalb eine Menge von Beziehungen allein sie enden
oder betreffen sämtlich die einfachen Vorstellungen aus der Sinnes und
Selbstwahrnehmung welche den ganzen Stoff unsers Wissens bilden Um dies
deutlicher zu machen werde ich es an den wichtigsten Beziehungen von denen wir
einen Begriff haben und ebenso an einigen die von der Sinnes und
Selbstwahrnehmung scheinbar am meisten entfernt sind darlegen Dabei wird sich
zeigen dass auch diese Vorstellungen daher entspringen und dass deren Begriffe
nur gewisse einfache Vorstellungen und daher aus der Sinnes und
Selbstwahrnehmung abgeleitet sind
10 Worte welche die Seele über den bezeichneten Gegenstand
hinausführen sind bezügliche Viertens erhellt, dass, da das Beziehen nur das
Betrachten eines Dinges mit einem andern ist das außerhalb seiner ist alle
Worte welche die Seele zu andern als den in dem bezeichneten Dinge wirklich
enthaltenen Vorstellungen führen bezügliche Worte sind So sind zB die Worte
ein lustiger strenger gedankenvoller durstiger zorniger großer Mensch
sämtlich beziehungslos denn sie bezeichnen und deuten nur das an was wirklich
in dem so bezeichneten Menschen besteht dagegen befassen die Worte Vater
Bruder König Gatte schwärzer lustiger usw neben dem bezeichneten Dinge
noch ein anderes Besondere was neben jenem besteht
11 Schluss Nachdem ich so diese Grundsätze in Betreff der Beziehungen
im Allgemeinen festgestellt habe werde ich an einigen Beispielen zeigen wie
alle Vorstellungen von Beziehungen ebenso wie andere Vorstellungen aus einfachen
Vorstellungen gebildet werden, und dass sie alle darauf hinauslaufen wenn sie
auch noch so fein und den Sinnen fern zu stehen scheinen Ich beginne mit der
umfassendsten Beziehung unter welche alle vorhandenen und möglichen Dinge
befasst werden können, nämlich mit der Beziehung von Ursache und Wirkung. Ich
werde im nächsten Kapitel darlegen wie deren Vorstellung sich aus den beiden
Quellen all unseres Wissens aus der Sinnes und Selbstwahrnehmung ableitet
1 Woher deren Vorstellungen erlangt werden Bei den sinnlichen
Wahrnehmungen des steten Wechsels der Dinge bemerkt man dass Eigenschaften und
Substanzen zu bestehen anfangen und zwar durch die gehörige Anwendung und
Wirksamkeit anderer Dinge Davon rührt die Vorstellung der Ursache und Wirkung.
Das was eine einfache oder zusammengesetzte Vorstellung hervorbringt heißt
Ursache, und das hervorgebrachte Wirkung So ist die Flüssigkeit des Wachses
eine einfache Vorstellung, die vorher nicht da war aber durch die Anwendung
eines bestimmten Hitzegrades regelmäßig hervorgebracht wird Die Flüssigkeit
des Wachses ist also die Wirkung, und die Hitze ist die Ursache. So wird die
Substanz Holz womit eine Anzahl einfacher Vorstellungen bezeichnet wird durch
Anwendung von Feuer in eine andere Substanz verwandelt welche Asche heißt
dh in eine andere zusammengesetzte Vorstellung, die von der Holz genannten
Vorstellung ganz verschieden ist deshalb gilt Feuer mit Bezug auf die Asche als
die Ursache und letztere als die Wirkung. Überhaupt gilt Alles was für uns
eine einfache Vorstellung herbeiführt oder hervorbringt sei es Substanz oder
Eigenschaft die vorher nicht bestand in der Seele als eine Beziehung und
Ursache, und wird so genannt
2 Schöpfung Erzeugung Veränderung Wenn man so durch die
sinnlichwahrgenommenen Wirksamkeiten der Körper auf einander den Begriff von
Ursache und Wirkung erlangt hat nämlich dass Ursache das ist was macht dass
etwas Anderes sei es einfache Vorstellung Substanz oder Eigenschaft zu sein
beginnt und Wirkung, was seinen Anfang von etwas Anderem hat so findet die
Seele es nicht schwer den Ursprung der Dinge auf zwei Arten zurückzuführen 1
die wo das Ding ganz neu entsteht ohne dass ein Teil desselben schon vorher
bestanden hat wenn zB ein neuer Stoffteil in rerum natura zu sein beginnt
der vorher kein Dasein hatte Dies nennt man Schöpfung 2 die wo ein Ding aus
Stücken gemacht wird die schon vorher bestanden haben wo aber dieses Ding was
so aus frühem Stücken besteht als solche Sammlung einfacher Vorstellungen
aufgefasst vorher nicht bestanden hat wie dieser Mensch dieses Ei diese Rose
oder Kirsche usw Diese letztere Art heißt in Bezug auf eine Substanz die
im gewöhnlichen Lauf der Natur durch innere Kräfte hervorgebracht wird und nur
den Anstoß von einem äußerlich Wirkenden oder einer Ursache empfängt und die
auf unsichtbaren Wegen wirkt die man nicht erfasst Erzeugung Ist dagegen die
Ursache äußerlich und die Wirkung durch eine sichtbare Trennung Anfügung
erkennbarer Stücke erfolgt so nennt man es Machen solcher Art sind alle
Kunsterzeugnisse Wird eine einfache Vorstellung hervorgebracht die vorher in
dem Unterliegenden nicht bestand so nennt man es Veränderung Hiernach wird ein
Mensch erzeugt ein Gemälde gemacht und eines von beiden geändert wenn eine
neue sinnliche Eigenschaft oder einfache Vorstellung daran hervorgebracht wird
die vorher nicht da war Dinge die so zum Dasein gelangen und vorher nicht
waren heißen Wirkungen und die Welche dieses Dasein bewirken Ursachen Hier
wie bei allen andern Ursachen entspringt der Begriff der Ursache und Wirkung von
Vorstellungen der Sinnes oder Selbstwahrnehmung und deshalb schließt diese
Beziehung wie man sie auch auffasst zuletzt in solchen ab denn für die
Vorstellung der Ursache und Wirkung genügt die Auffassung einer einfachen
Vorstellung oder Substanz welche durch die Wirksamkeit einer andern zu sein
beginnt ohne dass man die Art dieser Wirksamkeit kennt
3 Die Beziehungen der Zeit Zeit und Raum sind ebenfalls Grundlagen
sehr weiter Beziehungen bei denen alle endlichen Wesen beteiligt sind An
einem andern Ort ist schon gezeigt worden wie man diese Vorstellungen erlangt
so genügt hier die Andeutung dass die meisten von einer Zeit entlehnten
Benennungen der Dinge nur Beziehungen sind Sagt zB Jemand dass die Königin
Elisabeth 69 Jahr gelebt und 45 Jahre regiert habe so enthalten diese Worte nur
die Beziehung dieser Dauer zu einer andern und sagen nur dass die Dauer ihres
Lebens 69 Umläufen der Sonne und die Dauer ihrer Regierung 45 solchen gleich
gewesen Dies gilt für alle eine Zeitlänge bezeichnenden Worte Sagt man
Wilhelm der Eroberer fiel in England um das Jahr 1066 ein so wird damit wenn
man die Zeit von Geburt unsers Erlösers bis jetzt als eine auffasst nur gesagt
wie weit dieser Einfall von beiden Enden absteht Dies gilt für alle Worte die
auf die Frage Wann Auskunft geben sie zeigen nur den Abstand eines
Zeitpunktes aus einer langem Zeitperiode von dem aus man zählt und auf die man
ihn bezieht
4 Indes gibt es andere auf die Zeit bezügliche Worte die nach
gewöhnlicher Ansicht bejahende Vorstellung bezeichnen aber näher betrachtet
doch nur als Beziehungen sich ergeben solche sind zB jung alt usw sie
bezeichnen die Beziehung eines Dinges zu einer gewissen Zeitlänge deren
Vorstellung man kennt So hat man die gewöhnliche Lebensdauer des Menschen auf
70 Jahre angenommen und wenn man Jemand jung nennt so meint man dass sein
Alter nur erst ein kleiner Teil davon sei und wird er alt genannt so meint
man dass seine Lebenszeit jener bereits ziemlich nahe komme So enthalten also
diese Worte nur eine Vergleichung des besonderen Alters oder der Lebenszeit
dieses oder jenes Menschen mit der Lebensdauer die man bei dieser Art von
Geschöpfen als Regel annimmt deshalb heißt ein Mensch von 20 Jahren jung und
von 7 Jahren sehr jung während ein Pferd mit 20 Jahren und ein Hund mit 7
Jahren alt heißen überall wird die Vergleichung mit der als regelmäßig
angenommenen Lebensdauer dieser Tiere vorgenommen Dagegen nennt man die Sonne
und die Sterne nicht alt obgleich sie schon viele Geschlechter der Menschen
überdauert haben weil man die Daseinslänge dieser Art von Dingen, die Gott
ihnen gesetzt hat nicht kennt Dieser Ausdruck passt daher nur auf solche
Dinge die nach unsern Beobachtungen im gewöhnlichen Lauf der Natur durch
natürliche Abnahme in einer gewissen Zeit ein Ende nehmen deshalb ist hier ein
Maßstab vorhanden mit dem man die verschiedenen Theile ihrer Dauer
vergleichen und sie danach jung oder alt nennen kann Bei einem Diamant oder
Rubin kann man das nicht da man deren regelmäßige Zeitdauer nicht kennt
5 Beziehungen des Orts und der Ausdehnung.) Auch die Beziehungen der
Dinge auf einander nach Ort und Abstand sind sehr augenfällig wie zB bei dem
Ausdruck über eine Meile oder unter einer Meile von CharingCross oder In
England in London Wie bei der Zeit so ist auch bei der Ausdehnung und der
Masse manche Vorstellung bezüglich obgleich sie anscheinend bejahend benannt
wird so sind Groß und Klein wahre Beziehungen Denn auch hier sind nach den
Beobachtungen bestimmte Größen für die verschiedenen Gattungen der Dinge, an
die man am meisten gewöhnt ist angenommen welche als Maßstäbe gelten nach
denen man die Größe anderer bezeichnet So heißt der Apfel groß der die
gewöhnliche Größe dieser Sorte übersteigt und ein Pferd klein wenn es nicht
die gebräuchliche Größe der Pferde erreicht so kann dasselbe Pferd für einen
Welschen groß gelten das bei einem Flamländer nur klein ist da beide von der
in ihren Ländern bestehenden PferdeRace verschiedene Maßstäbe entnommen
haben nach denen sie das Große und Kleine bemessen
6 Unbezügliche Ausdrücke werden oft für Beziehungen gebraucht Ebenso
sind Schwach und Stark nur bezügliche Benennungen der Kraft in Vergleichung zu
gewissen Vorstellungen, die man zu dieser Zeit von großer und kleiner Kraft
hat Nennt man zB einen Menschen schwach so heißt das dass er nicht so viel
Kraft oder Gewalt zum Bewegen habe wie die Menschen überhaupt oder die von
seiner Größe meist haben es wird also seine Stärke mit dieser verglichen
Ebenso gilt wenn man sagt »Alle Geschöpfe sind schwache Wesen« das »Schwach«
nur als ein bezügliches Wort was das Missverhältnis der Macht der Geschöpfe
zur Gottes Macht bezeichnet So bezeichnen eine große Menge vielleicht die
meisten Worte nur Beziehungen während sie auf den ersten Blick keine solche
Bedeutung zu haben scheinen Sagt man zB das Schiff braucht MundVorräte so
sind braucht und MundVorräte beides bezügliche Worte eines bezieht sich auf
die Vollendung der beabsichtigten Fahrt und das andere auf den zukünftigen
Nutzen Dass alle diese Beziehungen auf Vorstellungen, die sich aus der Sinnes
oder Selbstwahrnehmung ableiten gehen und darin endigen ist so offenbar dass
es keiner Erläuterung bedarf
1 Worin die Dieselbigkeit besteht Einen andern Anlass zum Vergleichen
entnimmt die Seele von dem Sein der Dinge. Wird ein Ding als daseiend zu einer
bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort aufgefasst so vergleicht man es mit
sich selbst zu einer andern Zeit und an einem andern Ort und bildet danach die
Vorstellungen der Dieselbigkeit und Verschiedenheit Sieht man ein Ding zu einer
bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort so ist man sicher sei es was man
will dass es dasselbe Ding ist und kein anderes was zu diesem Zeitpunkt an
einem andern Orte besteht so sehr sich auch beide gleichen und in jeder andern
Rücksicht nicht zu unterscheiden sind Es besteht also die Dieselbigkeit dann
wenn die als dieselben erklärten Vorstellungen sich durchaus nicht von dem
unterscheiden was sie in dem Augenblick waren wo man ihr früheres Sein
betrachtet und womit man ihr gegenwärtiges vergleicht Denn man bemerkt niemals
und kann es sich nicht als möglich vorstellen dass zwei Dinge derselben Art an
demselben Orte zu derselben Zeit bestehen sollten und deshalb schließt man mit
Recht dass das zu irgend einer Zeit an einem Orte bestehende Ding jedes andere
der Art daselbst ausschließe und daher nur allein es Selbst ist. Fragt man
daher ob ein Ding dasselbe sei oder nicht so bezieht sich dies immer auf
Etwas das zu dieser Zeit an diesem Orte bestand welches in diesem Zeitpunkte
sicherlich mit sich selbst dasselbe war und kein anderes Daraus folgt, dass ein
Ding nicht zwei Anfänge des Daseins noch zwei Dinge denselben Anfang haben
können da es für zwei Dinge derselben Art unmöglich ist in demselben Zeitpunkt
an demselben Orte zu sein oder für ein und dasselbe Ding in verschiedenen Orten
Was daher denselben Anfang gehabt hat ist dasselbe Ding, und was einen nach
Zeit und Ort davon verschiedenen Anfang gehabt hat ist nicht dasselbe sondern
verschieden Die Schwierigkeiten bei dieser Beziehung sind von der geringen
Sorgfalt und Aufmerksamkeit für genaue Begriffe der Dinge entstanden auf die
man diese Beziehung angewendet hat
2 Die Dieselbigkeit der Substanzen Man hat nur von drei Arten von
Substanzen eine Vorstellung, 1 von Gott 2 von endlichen Geistern und 3 von
Körpern Gott ist ohne Anfang ewig unveränderlich überall über seine
Dieselbigkeit kann daher kein Zweifel entstehen Endliche Geister haben Jeder
seine bestimmte Zeit und Stelle des Anfanges im Dasein gehabt die Beziehung auf
diese Zeit und Stelle wird immer für jeden seine Dieselbigkeit bestimmen so
lange er besteht Dasselbe gilt für jeden Teil des Stoffs welcher wenn kein
Zusatz oder Abzug von Stoff gemacht worden derselbe ist Denn wenn auch diese
drei Arten vom Substanzen einander in derselben Stelle nicht ausschließen so
muss doch eine jede dies für die andern ihrer Art tun sonst wären die Begriffe
und Worte der Dieselbigkeit und Verschiedenheit leer und dergleichen Substanzen
oder sonst Etwas könnten nicht von einander unterschieden werden.
Könnten zB zwei Körper gleichzeitig an demselben Orte sein so müssten
diese zwei Stücke des Stoffs ein und dasselbe sein mögen sie groß oder klein
sein ja alle Körper müssten dann dieselben sein Denn wenn zwei Körper an
derselben Stelle gleichzeitig sein könnten so könnten es auch alle Körper und
nimmt man das für möglich an so verschwindet aller Unterschied von
Dieselbigkeit und Verschiedenheit von Einem und Mehreren und sie werden
lächerlich Allein es ist ein Widerspruch dass Zweie Eins seien deshalb
bleiben die Dieselbigkeit und Verschiedenheit Beziehungen und Vergleichungen
die begründet und für das Denken nützlich sind
Die Dieselbigkeit von Eigenschaften.) Da alle andern Dinge nur
Eigenschaften oder Beziehungen sind die in Substanzen enden so wird die
Dieselbigkeit und Verschiedenheit auch von jeder einzelnen auf dieselbe Weise
bestimmt Nur bei Dingen die in zeitlicher Folge bestehen wie die Handlungen
endlicher Wesen zB die Bewegung und das Denken, die beide in einem stetigen
Zuge zeitlichen Fortganges sich befinden kann über deren Verschiedenheit keine
Frage entstehen denn da jedes denselben Augenblick wo es beginnt auch
erlöscht so kann es nicht zu verschiedenen Zeiten oder Orten bestehen wie
beharrliche Dinge und deshalb ist jede Bewegung oder jedes Denken zu
verschiedenen Zeiten auch verschieden und jeder Teil desselben hat einen
verschiedenen Anfang
3 Der Grund der Einzelheit Principium individuationis Aus dem
Gesagten ergibt sich leicht das so viel gesuchte principium individuationis es
ist offenbar das Dasein selbst welches einem Dinge für eine besondere Zeit und
Ort bestimmt wird; indem diese zwei Dingen derselben Art nicht zugeteilt werden
können. Wenn dies auch bei einfachen Substanzen und Eigenschaften sich leichter
begreift so ist es doch wenn man darauf achtet auch bei zusammengesetzten
nicht schwieriger zu fassen wenn man auf das achtet worauf es angewendet wird
Man nehme zB ein Atom dh einen stetig unter einer Oberfläche
fortbestehenden Körper der in einer besonderen Stelle des Raumes und der Zeit da
ist offenbar ist er in jedem Zeitpunkt seines Daseins derselbe mit sich selbst
Denn indem er zu diesem Zeitpunkt das ist was er ist und nichts Anderes so ist
er derselbe und muss dies bleiben so lange sein Dasein währt denn so lange
wird er derselbe und kein anderer sein Ebenso werden wenn zwei oder mehr Atome
zu derselben Masse verbunden werden jedes nach der vorgehenden Regel dasselbe
bleiben und so lange sie verbunden fortbestehen muss die aus denselben Atomen
bestehende Masse dieselbe Masse oder derselbe Körper bleiben wenn auch die
Theile noch so verschieden gemischt werden Wird dagegen ein Atom weggenommen
oder ein neues zugefügt so ist es nicht länger dieselbe Masse oder derselbe
Körper Der Zustand lebender Wesen hängt in seiner Dieselbigkeit nicht von der
Masse derselben Teilchen ab sondern von etwas Anderem denn hier hebt der
Wechsel in großen Stücken des Stoffes die Dieselbigkeit nicht auf So bleibt
eine Eiche dieselbe wenn sie aus einem Pflänzchen zu einem großen Baume
geworden und dann wieder beschnitten wird ein Füllen was zu einem Pferde
herangewachsen und bald dick bald mager ist bleibt immer dasselbe Pferd
obgleich ein offenbarer Wechsel der Theile stattgehabt hat Hier ist allerdings
die Masse nicht mehr dieselbe und doch ist die Eiche und das Pferd dasselbe
geblieben Der Grund ist weil die Dieselbigkeit in den beiden Fällen nämlich
bei einer bloßen Masse von Stoff und bei einem lebendigen Körper nicht auf
dasselbe Ding angewendet wird
4 Die Dieselbigkeit der Pflanzen Man hat deshalb zu sehen worin eine
Eiche sich von einer Masse Stoff unterscheidet und dies scheint mir darin zu
liegen dass letzterer nur ein Zusammenhang von irgend wie verbundenen
Stoffteilen ist aber erstere eine solche Anordnung derselben wie sie die
Theile einer Eiche ausmacht und eine solche Organisation dieser Theile dass
sie Nahrung empfangen und verteilen und damit das Holz die Rinde die Blätter
usw von einer Eiche bilden und erhalten können worin das Pflanzenleben
besteht Mithin ist das eine Pflanze was eine solche Organisation der Theile in
einem zusammenhängenden Körper hat welcher an dem gemeinsamen Leben Teil
nimmt und sie bleibt eine so lange sie an demselben Leben Teil nimmt wenn
auch dieses Leben sich auf neue Stoffteile erstreckt die mit der lebenden
Pflanze lebendig zu einer gleichen stetig dauernden Organisation entsprechend
dieser Art von Pflanzen vereint werden Diese Organisation besteht zu jedwedem
Zeitpunkt in irgend einer Ansammlung von Stoff und ist damit in dieser
Bestimmtheit von allen andern verschieden es ist das EinzelLeben welches vor
und rückwärts von diesem Zeitpunkt ab stetig besteht und in derselben
Stetigkeit von unmerklich sich folgenden Teilen die mit dem lebendigen Körper
einer Pflanze verbunden werden jene Dieselbigkeit hat welche die Pflanze zu
derselben und alle ihre Theile zu Teilen dieser Pflanze macht so lange sie in
dieser stetigen Organisation vereint fortbestehen die allen so geeinten Teilen
das gemeinsame Leben zu gewahren geeignet ist
5 Die Dieselbigkeit der Tiere Der Fall ist bei den Tieren nicht so
verschieden dass man nicht daraus leicht entnehmen könnte was die
Dieselbigkeit eines Tieres ausmacht und erhält Etwas Ähnliches hat man bei
Maschinen was zur Erläuterung dienen kann Was ist zB eine Taschenuhr
Offenbar nur eine passende Organisation oder Einrichtung von Teilen zu einem
bestimmten Zweck welchen sie wenn eine genügende Kraft hinzukommt erfüllen
kann Nimmt man diese Maschine als einen stetig dauernden Körper dessen Theile
in ihrer Einrichtung sämtlich in Stand gehalten und durch einen steten Zugang
und Abgang unmerklicher Teilchen vergrößert oder verkleinert worden und der
ein gemeinsames Leben hat so müsste man daran etwas dem Körper der Tiere sehr
Ähnliches haben nur mit dem Unterschied dass bei den Tieren die richtige
Organisation und Bewegung worin das Leben besteht zugleich beginnt da die
Bewegung von innen kommt während bei den Maschinen diese Kraft von außen kommt
und oft fehlt obgleich die Maschine in Ordnung und zur Aufnahme der Kraft
geeignet ist
6 Die Dieselbigkeit des Menschen Dies zeigt, worin die Dieselbigkeit
des Menschen besteht nämlich in der bloßen Teilnahme an demselben
fortgesetzten Leben wobei die Stoffteilchen immer fließend und mit demselben
organisierten Körper lebendig verbunden sind. Wer die Dieselbigkeit des Menschen
in etwas Anderem als bei den Tieren sucht also nicht in einem zweckmäßig
organisierten Körper der von einem bestimmten Zeitpunkt aus in einer
Organisation zum Leben in stetig fließenden und mit ihm vereinten
Stoffteilchen fortbesteht wird schwer eine Leibesfrucht einen in Jahren
Vorgerückten einen Verrückten und einen Mäßigen als denselben Menschen
darlegen können wenn er nicht etwas aufstellt was auch Seth Ismael Sokrates
Pilatus St Augustin und Cäsar Borgia zu ein und demselben Menschen macht Denn
wenn nur die Dieselbigkeit der Seele die Dieselbigkeit des Menschen bedingt und
die Natur des Stoffes kein Hindernis bietet dass dieselbe Seele sich mit
verschiedenen Körpern verbinden kann so ist es möglich dass diese Personen
die zu verschiedenen Zeiten gelebt haben und verschiedenen Charakters gewesen
sind doch ein und derselbe Mensch gewesen sind man müsste dabei durch einen
ungewöhnlichen Gebrauch des Wortes Mensch diese Ausdrücke auf eine Vorstellung
anwenden von welcher die Gestalt und der Körper ausgeschlossen blieben Auch
würde diese Ausdrucksweise noch schlechter zu den Begriffen der Philosophen
passen welche eine Seelenwanderung zulassen und glauben dass die Seelen der
Menschen wegen ihres schlechten Lebenswandels in die Leiber von wilden Tieren
mit Organen die zu ihren unvernünftigen Neigungen passen als Wohnstellen
verstoßen werden Indes wird trotzdem wohl Niemand auch wenn er sicher wäre
dass des Heliogabal Seele in einem seiner Schweine stäke sagen dieses Schwein
sei ein Mensch oder Heliogabal
7 Die Dieselbigkeit passt sich der Vorstellung an Deshalb umfasst die
Einheit der Substanz nicht alle Arten der Dieselbigkeit und entscheidet nicht in
Jedem Falle vielmehr muss man um hierüber richtig zu urteilen beachten
welche Vorstellung das gebrauchte Wort bezeichnet denn die Ausdrücke dass
Etwas dieselbe Substanz derselbe Mensch und dieselbe Person sei bezeichnen
nicht ein und dasselbe wenn Substanz Mensch und Person drei verschiedene
Vorstellungen bezeichnen denn die Dieselbigkeit muss so sein wie die zu dem
Worte gehörende Vorstellung Hätte man dies etwas sorgfältiger beachtet so
würden viel Verwirrung hierüber und manche scheinbar großen Schwierigkeiten
vermieden worden sein namentlich in Bezug auf die Dieselbigkeit von Personen
welche hier zunächst in Betracht kommen soll
8 Derselbe Mensch Das Thier ist ein lebendiger und organisierter
Körper und deshalb bleibt ein Thier dasselbe wenn dasselbe fortgesetzte Leben
sich verschiedenen Stoffteilen mittheilt je nachdem sie sich im Laufe der Zeit
mit diesem lebendigen und organisierten Körper verbinden Was man auch sonst für
Definitionen aufstellt so setzt es eine unbefangene Beobachtung doch außer
Zweifel dass die Vorstellung, welche das Wort Mensch bezeichnet nur das
Zeichen für ein lebendes Wesen von solcher bestimmten Form ist Denn ich bin
überzeugt dass Jeder der ein Geschöpf von seiner Gestalt und Einrichtung
sieht es einen Menschen nennen wird wenn es auch in seinem ganzen Leben nicht
mehr Verstand als eine Katze oder ein Papagei gehabt hat und dass, wenn er eine
Katze oder einen Papagei reden beweisen und philosophieren hörte er sie doch
nur für eine Katze oder einen Papagei halten und so nennen und nur sagen würde
der eine sei ein dummer unvernünftiger Mensch und der andere ein sehr kluger
vernünftiger Papagei Der nachfolgende Bericht eines bedeutenden Schriftstellers
wird diese Annahme eines vernünftigen Papageien unterstützen Seine Worte sind
»Ich glaube aus des Prinzen Moritz eignem Munde eine verbreitete und viel
geglaubte Geschichte von einem Papagei gehört zu haben den er während seiner
Regierang in Brasilien gehabt doch habe ich auch anderwärts davon gehört Der
Papagei sprach fragte und antwortete auf gewöhnliche Fragen wie ein
vernünftiges Wesen so dass die Umgebung des Prinzen es für Zauberei hielt oder
meinte er sei von dem Teufel besessen Einer von des Prinzen Kaplanen der
später lange in Holland lebte konnte seitdem keinen Papagei mehr leiden und
meinte alle hätten den Teufel im Leibe Ich hatte vielerlei Sonderbares über
dieses Thier gehört was selbst von glaubwürdigen Männern bestätigt wurde und
dies gab mir Anlass den Prinzen Moritz darüber zu befragen Er sagte mit seiner
gewöhnlichen Einfachheit und Trockenheit im Gespräch dass Manches von der
Geschichte wahr sei ein großer Teil sei aber falsch Ich bat ihn das Erstere
mir mitzuteilen worauf er kurz und kalt sagte dass er von einem solchen alten
Papagei während er in Brasilien gewesen gehört hätte obgleich er nichts davon
geglaubt und es weit dahin gewesen wäre so hätte er doch aus Neugierde das
Thier holen lassen Es wäre ein sehr großer und alter Vogel gewesen der als
er zuerst in das Zimmer gebracht worden wo der Prinz mit vielen Holländern sich
befunden sogleich gesagt habe Was ist das hier für eine Gesellschaft weißer
Leute Sie hätten ihn dann indem sie auf den Fürst gewiesen gefragt für wen
er diesen Mann halte und er habe geantwortet Für irgend einen General Als er
dem Fürsten näher gebracht worden hätte der Vogel gefragt Doù venezvous
Ich sagte Von Marinnan mais qui êtes vous Der Papagei Ein Portugiese
Der Fürst Was machst Du da Der Papagei Je garde les poules Der Prinz
hätte gelacht und gesagt Vous gardez les poules und der Papagei habe
geantwortet Oui moi et je sais bien faire und dabei habe er vier oder
fünfmal so gekluckst wie eine alte Henne wenn sie ihre Küchlein rufe Ich
schrieb die Worte dieses Gespräches gleich französisch nieder nachdem der Prinz
Moritz mir es erzählt hatte Ich frag ihn in welcher Sprache der Papagei
gesprochen habe und er sagte Brasilianisch Auf meine Frage ob der Prinz
Brasilianisch verstehe sagte er Nein aber er hätte zwei Dolmetscher bei sich
gehabt einen Holländer der Brasilianisch und einen Brasilianer der Holländisch
gesprochen Jeden hätte er allein hierüber befragt und beide hätten ihm genau
dieselben Worte des Papageien berichtet Ich musste diese sonderbare
Geschichte erzählen da sie so ungewöhnlich ist und ich sie aus einer
zuverlässigen Quelle habe denn der Prinz glaubte an Alles was er hierüber
erzählte und er hatte immer für einen rechtschaffenen und frommen Mann
gegolten Ich überlasse es den Naturforschern über diesen Fall zu grübeln und
den Andern ob sie es glauben wollen indes ist es mitunter gut eine
anstrengende Arbeit durch solche Abschweifung zu stützen und zu beleben wenn
sie auch nicht zur Sache gehört«
Derselbe Mensch Ich habe hier die Geschichte ausführlich mit den eignen
Worten des Berichterstatters wiedergegeben weil er sie anscheinend für
glaubwürdig gehalten hat denn man kann nicht annehmen dass ein so rechtlicher
Mann dessen Zeugnis allein schon genügen könnte so mühsam an einem Ort wo er
nichts zu tun hatte von einem Manne den er seinen Freund nennt und von einem
Prinzen dessen Rechtlichkeit und Frömmigkeit er lobt eine Geschichte erdichten
sollte die er wenn er sie selbst nicht geglaubt nur für lächerlich hätte
halten müssen So viel ist klar der Prinz der für diese Geschichte einsteht
und unser Verfasser der sie erzählt nennen dieses sprechende Wesen einen
Papagei und ich frage Jeden der diese Geschichte der Beachtung wert hält ob
wenn dieser Papagei und alle seiner Gattung immer so gesprochen hätten wie es
nach des Prinzen Worten jener eine getan er sie nicht für eine Art
vernünftiger Tiere gehalten haben würde aber ob er trotzdem sie wohl für
Menschen und für keine Papageien gehalten hätte Ich meine nicht die
Vorstellung eines denkenden und vernünftigen Wesens allein macht bei dem Meisten
die Vorstellung des Menschen aus sondern es gehört dazu auch ein Körper von
einer bestimmten Gestalt Ist dies richtig so gehört die Dieselbigkeit eines
fortbestehenden Körpers der nicht auf einmal sich verändert ebenso wie die
Dieselbigkeit einer stofflosen Seele zur Dieselbigkeit des Menschen
9 Die Dieselbigkeit der Person Nach Feststellung dessen fragt es sich
worin die Dieselbigkeit der Person besteht Ich verstehe darunter ein denkendes
vernünftiges Wesen mit Verstand und Überlegung was sich als sich selbst und
als dasselbe denkende Wesen zu verschiedenen Zeiten und Orten auffassen kann
indem dies nur durch das Selbstbewusstsein geschieht was vom Denken nicht zu
trennen ist und wie mir scheint ihm wesentlich ist da unmöglich Jemand
auffassen kann ohne zu bemerken dass er auffasst und da man beim Sehen
Hören Riechen Schmecken Fühlen Nachdenken oder Wollen weiß dass man es
tut So verhält es sich immer mit den gegenwärtigen Wahrnehmungen und
Auffassungen und dadurch ist ein Jeder sich das was er nennt »Er selbst« ohne
dass dabei darauf geachtet wird ob dieses selbe Selbst sich in denselben oder
andern Substanzen fortsetzt Da das Selbstbewusstsein das Denken immer begleitet
und macht dass Jeder das ist was man »Sein Selbst« nennt und wodurch man sich
von andern denkenden Dingen unterscheidet so besteht die Dieselbigkeit der
Person oder die Dieselbigkeit eines vernünftigen Wesens nur hierin und soweit
dieses Selbstbewusstsein sich rückwärts auf vergangene Handlungen oder Gedanken
ausdehnen kann so weit reicht die Dieselbigkeit der Person sie ist dieselbe
jetzt wie damals dasselbe Selbst welches jetzt sich dessen bewusst ist, hat
die Handlung verrichtet
10 Das Selbstbewusstsein macht die Dieselbigkeit der Person aus Allein
man kann fragen ob es auch dieselbe identische Substanz sei Man würde wohl
nicht daran zweifeln wenn diese Wahrnehmungen mit ihrer Selbstbewusstheit in
der Seele immer gegenwärtig blieben dann wäre dasselbe denkende Wesen immer
selbst bewusst gegenwärtig und müsste deshalb offenbar als ein und dasselbe
gelten Allein die Sache wird schwieriger weil dieses Selbstbewusstsein immer
durch Vergesslichkeit unterbrochen wird und man deshalb in keinem Zeitpunkt
seines Lebens die ganze Reihe aller eignen frühem Handlungen mit einem Blick vor
Augen hat selbst das beste Gedächtnis verliert den Anblick eines Teils davon
während es die andern beschaut und weil man öfters und zwar den größten Teil
des Lebens nicht an das Vergangene denkt sondern mit seinen jetzigen Gedanken
beschäftiget ist oder in gesundem Schlafe überhaupt keine Gedanken hat
wenigstens nicht mit jenem Selbstbewusstsein was die Gedanken während des
Wachens auszeichnet Da in all diesen Fällen das Selbstbewusstsein unterbrochen
ist und man den Anblick der eignen Vergangenheit verliert so entsteht der
Zweifel ob man noch dasselbe denkende Ding sei dh dieselbe Substanz Mag
sich dies indes rechtfertigen lassen oder nicht so trifft es doch nicht die
Dieseselbigkeit der Person es handelt aber sich nur um diese und nicht um die
Dieselbigkeit der Substanz, die in derselben Person denkt Auf diese kommt es
hier gar nicht an weil verschiedene Substanzen durch ein und dasselbe
Selbstbewusstsein wenn sie daran Teil nehmen ebenso zu einer Person geeint
worden wie verschiedene Körper durch dasselbe Leben zu einem Tiere dessen
Dieselbigkeit trotz des Wechsels dieser Substanzen vermittelst der Einheit des
fortgesetzten Lebens sich erhält Denn wenn die Dieselbigkeit des Bewusstseins
es macht dass ein Mensch derselbe bleibt so kommt es bei der Dieselbigkeit der
Person nicht darauf an ob sie bloß an eine einzelne Substanz gebunden ist oder
ob sie sich durch eine Folge verschiedener Substanzen fortsetzen kann Denn so
weit ein vernünftiges Wesen die Vorstellung einer früheren Handlung mit
demselben Bewusstsein welches es zuerst bei ihr hatte und welches es bei einer
jetzigen Handlung hat sich wiederholen kann so weit ist es auch dieselbe
Person Denn wenn nur das Bewusstsein von seinen gegenwärtigen Gedanken und
Handlungen macht dass es mit sich selbst dasselbige ist so bleibt es auch
dasselbe Selbst so weit dasselbe Bewusstsein sich über vergangene und
zukünftige Handlungen erstrecken kann der Abstand der Zeit oder der Wechsel der
Substanz macht es nicht zu zwei Personen so wenig wie ein Mensch zu zweien
wird wenn er heute eine andere Kleidung als gestern trägt und ein längerer
oder kürzerer Schlaf dazwischen liegt sofern nur dasselbe Bewusstsein diese
getrennten Handlungen in eine Person einigt ohne Rücksicht auf die
verschiedenen Substanzen, die dazu mitgewirkt haben
11 Die Dieselbigkeit der Person bei dem Wechsel der Substanzen Für die
Wahrheit dessen hat man eine Bestätigung an seinem eigenen Körper dessen
sämtliche Theile so lange sie lebendig mit dem denkenden Selbstbewusstsein so
verbunden sind, dass man es fühlt wenn sie berührt oder erregt werden und dass
man des sie treffenden Guten und Schädlichen sich bewusst ist, ein Teil seiner
selbst sind dh ein Teil von seinem denkenden Selbstbewusstsein In dieser
Weise sind eines Menschen Beine ein Teil von ihm selbst er fühlt mit ihnen und
ist dabei beteiligt Haut man eine Hand ab und trennt man damit deren Wärme
Kälte und andere Zustände von dem Selbstbewusstsein, so ist sie nicht mehr ein
Teil jenes Selbst und gehört so wenig wie der entfernteste Stoffteil dazu
Deshalb kann die Substanz, an welcher das persönliche Selbst zu einer Zeit
haftete zu einer andern Zeit sich ändern ohne dass die Dieselbigkeit der
Person davon berührt wird da die Person offenbar dieselbe bleibt wenn sie auch
ihre Beine verliert
12 Ob auch bei dem Wechsel der denkenden Substanz Indes fragt es
sich 1 ob die Person dieselbe bleibt wenn die Substanz, welche denkt
wechselt und 2 ob wenn letztere dieselbe bleibt zwei verschiedene Personen
daraus werden können? Ich antworte dass dies für alle die nicht zweifelhaft
sein kann welche das Denken für eine bloße stoffliche tierische Einrichtung
halten ohne alle stofflose Substanz Denn mag diese Ihre Annahme wahr sein oder
nicht so legen sie doch offenbar die Erhaltung der persönlichen Dieselbigkeit
in etwas Anderes als in die Dieselbigkeit der Substanz, da die tierische
Dieselbigkeit auf der Dieselbigkeit des Lebens und nicht auf der der Substanz
beruht Wer aber das Denken nur in eine stofflose Substanz verlegt muss ehe er
hierüber mit Jenen streiten kann zeigen weshalb die Dieselbigkeit der Person
sich bei dem Wechsel der stofflosen Substanz oder bei einer Mannigfaltigkeit
besonderer stoffloser Substanzen nicht ebenso erhalten kann als die tierische
Dieselbigkeit sich bei dem Wechsel der stofflichen Substanzen oder der
Mannigfaltigkeit besonderer Körper erhält er müsste denn sagen dass nur ein
stoffloser Geist die Dieselbigkeit des Lebens der Tiere so ausmache wie ein
stoffloser Geist die Dieselbigkeit der Person bei dem Menschen Indes werden
wenigstens die Cartesianer dies nicht einräumen da sie sonst die Tiere auch zu
denkenden Geschöpfen machen würden
13 Sodann antworte ich auf den ersten Teil dieser Frage ob bei dem
Wechsel der denkenden Substanz wenn man nur stofflose Substanzen als denkend
annimmt die Dieselbigkeit der Person sich erhalten kann dass nur Die sie
beantworten können welche die Natur der denkenden Substanz kennen und wissen
ob das Bewusstsein vergangener Handlungen von einer denkenden Substanz auf die
andere übertragen werden kann. Ich gebe zu dass dies nicht möglich ist wenn
dasselbe Selbstbewusstsein ein und dieselbe einzelne Handlung ist allem da es
die jetzige Vorstellung einer frühem Handlung ist so müsste noch dargelegt
werden dass es unmöglich sei dass von der Seele dasjenige als vergangen
vorgestellt werden könne was in Wirklichkeit niemals gewesen ist Wie weit
daher das Bewusstsein vergangener Handlungen an ein einzelnes Wesen so geknüpft
ist dass ein anderes es nicht haben kann dies wird so lange schwer zu
bestimmen sein als man nicht weiß welche Art von Handlung nicht ohne ein sie
begleitendes Selbstbewusstsein geschehen könne und wie denkende Substanzen sie
vollziehen können deren Denken nicht ohne Selbstbewusstsein geschehen kann
Allein da das was man das selbige Bewusstsein nennt nicht dieselbe einzelne
Handlung ist weshalb sollte da nicht eine geistige Substanz die Vorstellung
davon haben als hätte sie selbst sie getan obgleich es nie geschehen und sie
vielleicht von einem andern Wesen getan worden ist. Weshalb sage ich sollte
eine solche Vorstellung auch ohne Wirklichkeit der Tatsachen nicht ebenso gut
möglich sein wie die verschiedenen Vorstellungen im Traume welche man während
des Träumens für wahr hält Die entgegengesetzte Behauptung dürfte schwer aus
der Natur der Dinge abzuleiten sein und könnte so lange man die Natur der
denkenden Substanzen nicht deutlicher kennt noch am besten aus der Güte Gottes
bewiesen werden, der so weit es sich um das Glück und Elend seiner fühlenden
Geschöpfe handelt nicht gestatten wird dass durch einen verhängnisvollen
Irrtum jenes Bewusstsein von Einem auf den Andern übergehen könne was Lohn und
Strafe mit sich führt Wie weit dies als ein Grund gegen Die benutzt werden
kann, welche das Denken in ein System fließender Lebensgeister verlegen
überlasse ich der Erwägung Indes muss in Bezug auf die vorliegende Frage
zugegeben werden dass, wenn dasselbe Bewusstsein was wie ich gezeigt etwas
ganz Anderes ist als dieselbe numerische Gestalt oder Bewegung in dem Körper
von einer denkenden Substanz auf eine andere übertragen werden kann, allerdings
zwei denkende Substanzen dann möglicherweise nur eine Person ausmachen denn wo
dasselbe Bewusstsein sich erhält sei es in einer oder mehreren Substanzen da
erhält sich auch die Dieselbigkeit der Person
14 Der zweite Teil der Frage ob wenn die stofflose Substanz dieselbe
bleibt doch zwei Personen sein können scheint mir von der Frage abzuhängen ob
ein und dasselbe stofflose Wesen was sich seiner vergangenen Handlungen bewusst
ist, dieses Bewusstseins seines frühem Daseins ganz beraubt werden und es
unwiederbringlich verlieren könne und ob es dann als finge es eine neue
Rechnung von einem neuen Zeitpunkt an mit seinem Bewusstsein nicht darüber
hinausgehen könne Alle Die welche an ein früheres Dasein glauben sind
offenbar dieser Ansicht da sie zugeben dass die Seele von ihrem vorirdischen
Dasein kein Bewusstsein behalten hat mag sie einen Körper gehabt haben oder
nicht denn wollten sie dies leugnen so spräche die Erfahrung gegen sie Wenn
daher die Dieselbigkeit der Person nicht weiter reicht wie das Bewusstsein, dann
muss ein Geist der früher bestanden und nicht viele Zeitalter in Schweigen
verharrt hat notwendig zu verschiedenen Personen werden Man nehme dass ein
Christ Platoniker oder Pythagoreer nachdem Gott am siebenten Tage sein
Schöpfungswerk vollendet hatte annähme seine Seele hätte seitdem immer
bestanden und hätte verschiedene menschliche Körper durchwandert wie ich denn
Jemand gekannt welcher überzeugt war seine Seele sei die des Sokrates gewesen
aus welchen Gründen will ich hier nicht untersuchen allein seinen Posten
füllte der Mann nicht schlecht aus er galt für einen sehr verständigen Mann
und die Presse hat gezeigt dass es ihm weder an Talenten noch Kenntnissen
fehlte würde man da sagen können dass er dieselbe Person mit Sokrates
ausmache obgleich er sich keiner von dessen Handlungen und Gedanken bewusst
war Wenn Jemand sich betrachtet und erkennt dass er einen stofflosen Geist in
sich hat von dem sein Denken ausgeht und welcher bei dem steten Wechsel in
seinem Körper ihn als denselben erhält und das ist was er sein Selbst nennt
und wenn er weiter seine Seele für dieselbe halten sollte die bei der
Belagerung von Troja in Nestor oder Thersites sich befunden denn da die Seele
so weit wir deren Natur kennen gegen jeden Stoff sich gleichgültig verhält so
ist diese Annahme nicht widersinnig was so gut möglich ist als sie jetzt die
Seele in einem andern Menschen ist aber ohne dass er etwas von den Handlungen
des Nestor oder Thersites weiß kann dieser wohl sich für eine Person mit Jenen
halten kann ihn eine Handlung Jener interessieren kann er sie sich selbst
zurechnen und mehr wie die jedes andern Menschen der einmal gelebt hat sie als
seine eigenen ansehen Wenn daher dieses Bewusstsein zu den Handlungen beider
Personen nicht hinreicht so ist er so wenig dieselbe Person mit Jenen als wenn
die Seele oder der stofflose Geist der jetzt in ihm wohnt geschaffen worden
war und zu sein begonnen hatte als er in seinen Körper eintrat sollte es auch
noch so wahr sein dass derselbe Geist welcher des Nestor oder Thersites Körper
erfüllte numerisch derselbe mit dem gewesen der ihn jetzt erfüllt Dies würde
ihn so wenig zu einer Person mit Nestor machen als wenn einige von den
Stoffteilen die sonst zu Nestor gehörten jetzt einen Teil von ihm
ausmachten da die Dieselbigkeit der stofflosen Substanz ohne die Dieselbigkeit
des Bewusstseins so wenig die Dieselbigkeit einer mit einem Körper verbundenen
Person ausmacht als dies der Fall ist, wenn derselbe Stoffteil ohne
Bewusstsein mit irgend einem Körper verbunden wird Sollte er aber einmal einer
der Handlungen des Nestor sich bewusst werden so wird er sich dann für dieselbe
Person mit Nestor halten
15 Deshalb hat die Dieselbigkeit der Personen bei der Auferstehung keine
Schwierigkeit wenn sie auch mit einem Körper erfolgt welcher in Gestalt und in
seinen Teilen nicht genau der ist den man hier hatte sofern nur dasselbe
Bewusstsein in der den Körper bewohnenden Seele verharrt Dennoch wird die Seele
allein bei dem Wechsel ihrer Körper nur demjenigen der sie hat für die
Dieselbigkeit des Menschen genügen Denn wenn die Seele eines Fürsten mit dem
Bewusstsein des fürstlichen Lebens in den Leib eines Schuhflickers einträte
sobald dessen Seele ihn verlassen hätte so würde doch Jeder ihn für dieselbe
Person mit dem Fürsten halten der für dessen Taten einzustehen hätte allein
würde man ihn deshalb für denselben Menschen nehmen Auch der Körper macht den
Menschen und würde hier wahrscheinlich für Jedermann den Menschen bestimmen
während die Seele trotz all ihrer fürstlichen Gedanken keinen andern Menschen
aus ihm machen würde vielmehr würde er für Jeden sich selbst ausgenommen
derselbe Schuhflicker bleiben
Ich weiß dass im gewöhnlichen Sprechen dieselbe Person und derselbe Mensch
als ein und dasselbe gelten und es kann allerdings Jeder sprechen wie ihm
beliebt und mit einer beliebigen Vorstellung einen beliebigen artikulierten Laut
verbinden und damit beliebig wechseln allein wenn er bestimmen will was die
Dieselbigkeit des Geistes, des Menschen und der Person ausmacht so muss er erst
feste Vorstellungen davon bieten und ist der Sinn dieser Worte festgestellt so
wird es nicht schwer sein bei ihnen und ähnlichen zu bestimmen, wann sie
dieselben sind und wann nicht
16 Das Bewusstsein macht die Dieselbigkeit der Person aus Wenn auch
dieselbe stofflose Substanz oder Seele nicht allein für alle Orte und Zustände
die Dieselbigkeit des Menschen ausmacht so verbindet doch offenbar das
Bewusstsein, so weit es reicht und sollte es bis zu vergangenen Zeitaltern sich
erstrecken die Existenzen und Handlungen seien sie der Zeit nach auch noch so
entfernt zu einer Person und zwar ebenso wie es dies für die Existenzen und
Handlungen des unmittelbar verflossenen Augenblicks tut Deshalb ist das Wesen,
welches das Bewusstsein von gegenwärtigen und vergangenen Handlungen hat
dieselbe Person der beide Handlungen angehören Hätte ich das Bewusstsein, dass
ich den Regenbogen bei der Flut Noahs so gesehen wie dass ich letzten Winter
die Überschwemmung der Themse gesehen oder wie dass ich jetzt dies schreibe
so könnte ich nicht zweifeln dass ich der ich jetzt schreibe und der im
vergangenen Winter die Überschwemmung der Themse und der die große Sündflut
sah genau dieselbe Person sind gleichviel in welcher Substanz sie sich
befinde der Fall wäre dann dem gleich wo ich der ich jetzt schreibe derselbe
während meines Schreibens bin mag ich aus denselben stofflichen oder
unstofflichen Substanzen bestehen oder nicht der ich gestern war Denn für
dieses Ichselbstsein ist es gleichgültig ob es aus denselben oder
verschiedenen Substanzen gemacht ist und ich bin ebenso beteiligt und
verantwortlich für eine That vor tausend Jahren wenn sie durch das Bewusstsein
die meine wird wie für die welche ich in dem eben verflossenen Augenblick
verübt habe
17 Das Ichselbst ist von dem Bewusstsein abhängig Das Ichselbst ist
jenes bewusste denkende Ding was ohne Rücksicht auf die Substanz, aus der es
gebildet ist sei sie stofflich oder geistig einfach oder zusammengesetzt
fühlt oder bewusst ist der Lust und des Schmerzes welches fähig ist des
Glückes und Elendes und so weit für sich selbst interessiert ist als dieses
Bewusstsein reicht So findet Jeder dass der kleine Finger unter dieses
Bewusstsein befasst ebenso sehr ein Teil seiner selbst ist, als das was es am
meisten ist Sollte bei der Trennung dieses kleinen Fingers dieses Bewusstsein
mit ihm gehen und den obigen Körper verlassen so würde offenbar der kleine
Finger die Person und dieselbe Person sein und das Ichselbst hätte dann mit
dem übrigen Körper nichts mehr zu tun Wie in diesem Falle das Bewusstsein es
ist was wenn es mit der Substanz bei Trennung eines Teils von dem andern
geht dieselbe Person ausmacht und dieses untrennbare Selbst bildet so
geschieht es auch in Beziehung auf Substanzen, die zeitlich getrennt sind Das
womit das Bewusstsein dieses gegenwärtigen denkenden Dinges sich verbinden kann
ergibt die Dieselbigkeit der Person und das Ichselbst geht damit und mit
nichts Anderem Deshalb schreibt es sich alle Handlungen dieses Dinges zu und
erkennt sie als seine eigenen so weit an als dieses Bewusstsein reicht aber
auch nicht weiter wie Jeder bei einigem Nachdenken bemerken wird
18 Gegenstände des Lohns und der Strafe Auf dieser persönlichen
Dieselbigkeit ruht alles Recht und alle Gerechtigkeit im Lohnen und Strafen
Glück und Elend ist das wobei Jeder für sich selbst interessiert ist und wobei
es gleichgültig ist was mit irgend einer Substanz wird die mit diesem
Bewusstsein nicht verbunden oder behaftet ist Denn das eben gegebene Beispiel
ergibt klär dass, wenn das Bewusstsein mit dem Kleinen Finger bei dessen
Abschneidung davon ginge er dasselbe Ichselbst sein würde welches gestern
noch bei dem ganzen Körper beteiligt war der gestern an dem Ichselbst Teil
nahm und dessen Handlungen er deshalb auch als seine eigenen jetzt anerkennen
müsste Wenn so der übrige Körper fortleben und sofort nach Abtrennung des
kleinen Finger sein eigenes Bewusstsein haben sollte wovon aber der kleine
Finger nichts wüsste so würde er nicht im Mindesten dabei als ein Teil seiner
beteiligt sein er könnte keine von dessen Handlungen als die seine anerkennen
und es könnte keine ihm zugerechnet werden
19 Dies ergibt worin die Dieselbigkeit der Person besteht nicht in der
Dieselbigkeit der Substanz, sondern wie gesagt in der des Bewusstseins; sind
Sokrates und der jetzige Bürgermeister von Königsburg hierin eins dann sind sie
dieselbe Person und wenn derselbe Sokrates im Wachen und Schlafen nicht
dasselbe Bewusstsein hat so ist er in beiden Zuständen nicht dieselbe Person
und es wäre ebenso unrecht den wachenden Sokrates für das was der schlafende
Sokrates gedacht und der wachende nicht gewusst hat zu strafen als den einen
Zwilling wegen der Taten des andern von denen er nichts gewusst bloß weil ihr
Äußeres so gleich ist dass man sie nicht unterscheiden kann wie es deren
wirklich gegeben hat
20 Indes kann man möglicherweise entgegnen dass Jemand das Gedächtnis
für gewisse Theile seines Lebens so ganz verlieren könne dass er es nie wieder
erlangen könne und kein Bewusstsein davon mehr habe aber dennoch sei er
dieselbe Person welche diese Handlungen verübt und diese Gedanken gehabt deren
er früher bewusst gewesen wenn er sie auch jetzt vergessen habe Ich antworte
darauf dass man Acht haben muss worauf das Er hier angewendet wird in diesem
Fall ist es nur der Mensch und da derselbe Mensch auch leicht für dieselbe
Person gilt so wird das Er leicht von derselben Person verstanden Ist es
indes für denselben Menschen möglich zu verschiedenen Zeiten zwei verschiedene
einander unzugängliche Bewusstsein zu haben so stellt derselbe Mensch
unzweifelhaft zu verschiedenen Zeiten verschiedene Personen vor Man sieht dies
im Sinne der Menschen in den feierlichsten Aussprüchen ihrer Meinungen denn das
menschliche Gesetz straft den wahnsinnigen Menschen nicht wegen der Taten des
vernünftigen noch den letztem für das was der erste getan indem es sie zu
zwei Personen macht Auch die Sprache zeigt dies wenn man sagt Jemand ist
nicht er selbst oder; Er ist außer sich Man deutet damit an dass das Selbst
geändert sei und dieselbe Person nicht mehr in diesem Menschen sich befinde
21 Der Unterschied zwischen der Dieselbigkeit des Menschen und der
Person Dennoch kann man es sich kaum vorstellen dass derselbe einzelne Mensch
Sokrates zwei Personen sein sollte um hier zu helfen erwäge man was mit
Sokrates oder demselben einzelnen Menschen gemeint wird Es muss entweder
dieselbe einzelne stofflose denkende Substanz sein dh numerisch dieselbe
Seele und nichts weiter oder dasselbe organische Wesen ohne Rücksicht auf die
stofflose Seele oder endlich derselbe stofflose Geist in Verbindung mit
demselben organischen Wesen Welche von diesen drei Annahmen man nun auch wähle
so bleibt es unmöglich die Dieselbigkeit der Person in etwas Anderem zu suchen
als in dem Bewusstsein und es ist unmöglich jene weiter als dieses geht
auszudehnen Denn bei der ersten Annahme muss man es als möglich anerkennen
dass zwei von verschiedenen Frauen zu verschiedenen Zeiten geborene Menschen
derselbe Mensch seien Eine anerkannte Ausdrucksweise muss es als möglich
zulassen dass derselbe Mensch zwei so verschiedene Personen ist als irgend zu
verschiedenen Zeiten gelebt und ihre Gedanken nicht gekannt haben Bei der
zweiten und dritten Annahme kann Sokrates in diesem und jenem Leben nur vermöge
desselbigen Bewusstseins derselbe Mensch sein damit lässt man die Dieselbigkeit
des Menschen in derselben Bestimmung wie die Dieselbigkeit der Person bestehen
und es ist dann leicht anzuerkennen dass derselbe Mensch dieselbe Person ist
Wer aber so die Dieselbigkeit des Menschen nur in das Bewusstsein verlegt und in
nichts weiter mag erwägen wie er das Kind Sokrates mit dem auferstandenen
Sokrates zu ein und demselben Menschen machen will Was indes für Manche auch
den Menschen und also auch denselben einzelnen Menschen ausmachen mag ein
Punkt worin vielleicht Wenige mit einander übereinstimmen so kann doch die
Dieselbigkeit der Person nur in das Bewusstsein gesetzt werden welches allein
bewirkt dass man derselbe heißt wenn man nicht in Widersinnigkeiten geraten
will
22 Allein ist nicht der Betrunkene derselbe Mensch mit dem Nüchternen
Wie könnte er sonst für die That in seiner Trunkenheit bestraft werden obgleich
er sich deren später nie bewusst ist? Allein er ist dennoch dieselbe Person
ebenso wie Der welcher im Schlafe geht und Verschiedenes verrichtet dieselbe
Person bleibt und für jedes dadurch angerichtete Unheil verantwortlich ist Die
menschlichen Gesetze strafen Beide nach einer Gerechtigkeit die der
menschlichen Art zu wissen entspricht in diesen Fällen können sie nämlich nicht
sicher unterscheiden was wirklich und was Vorstellung ist; deshalb gilt die
Unwissenheit im trunkenen Zustande oder im Schlafe nicht als eine
Entschuldigung Obgleich die Persönlichkeit mit dem Bewusstsein und dieses mit
jener verknüpft ist und der Trunkenbold vielleicht nicht gewusst hat was er
getan so straft ihn doch der menschliche Richter mit Recht weil die That
gegen ihn erwiesen ist und der Mangel des Bewusstseins für ihn nicht erwiesen
werden kann. Dagegen mag an jenem großen Tage wo die Geheimnisse aller Herzen
offenbar werden mit Recht erwartet werden dass Jeder nur für seine bewussten
Taten verantwortlich sein und sein Urteil empfangen wird je nachdem ihn sein
Gewissen anklagt oder entschuldigt
23 Nur das Bewusstsein bedingt das Selbst.) Nur das Bewusstsein kann die
von einander entfernter Dasein zu einer Person verbinden die Dieselbigkeit der
Substanz vermag dies nicht Denn welcher Alt und Gestalt auch die Substanz sein
mag so ist sie doch ohne Bewusstsein keine Person ein Leichnam könnte dann
ebenso gut eine Person sein wie jede andere Substanz ohne Bewusstsein Wenn man
sich zwei verschiedene sich nicht mittheilende Bewusstsein vorstellen könnte
die auf denselben Körper wirken und zwar das eine bei Tage das andere bei
Nacht und umgekehrt ein Bewusstsein was hintereinander auf zwei verschiedene
Körper wirkte so frage ich ob denn im ersten Falle der Tages und der
NachtMann nicht ebenso zwei verschiedene Personen darstellen würde wie
Sokrates und Plato Und ob im andern Falle nicht eine Person in zwei Körpern
ebenso bestände wie ein Mensch derselbe in zwei verschiedenen Anzügen bleibt
Auch ist es unerheblich wenn man sagt dass in diesen Fällen die Dieselbigkeit
und der Unterschied des Bewusstseins auf der Dieselbigkeit und dem Unterschied
der stofflosen Substanzen beruhe die sie mit sich diesen Körpern zuführen denn
mag dies wahr sein oder nicht so ändert es nichts an der Sache da die
persönliche Dieselbigkeit offenbar ebenso durch das Bewusstsein bestimmt werden
würde möchte es mit derselben stofflosen Substanz verbunden sein oder nicht
Denn wenn ich auch zugebe dass die denkende Substanz bei dem Menschen als
stofflos angenommen werden muss so kann doch diese stofflose denkende Substanz
sich manchmal von dem Bewusstsein des Vergangenen trennen und wieder damit
verbinden wie daraus erhellt, dass man oft seine vergangenen Handlungen
vergisst und die Seele oft das Gedächtnis eines frühem Bewusstseins wieder
erlangt das es seit 20 Jahren verloren hatte Wenn dieser Zeitraum des Wissens
und Vergessens regelmäßig Tag und Nacht wechselte so hätte man zwei Personen
bei derselben stofflosen Substanz wie vorhin zwei Personen mit einem Körper.
Das Selbst ist daher nicht durch die Dieselbigkeit oder den Unterschied der
Substanz bedingt deren es nicht sicher sein kann sondern nur durch die
Dieselbigkeit des Bewusstseins.
24 Man kann sich allerdings vorstellen dass die Substanz, aus der man
jetzt besteht schon früher bestanden habe und mit demselben bewussten Wesen
verknüpft gewesen sei allein nimmt man das Bewusstsein hinweg so ist die
Substanz nicht mehr das Selbst und bildet so wenig als irgend eine andere einen
Teil davon wie das obige Beispiel mit dem abgelösten Beine ergibt von dessen
Wärme Kälte und andern Zuständen man kein Wissen mehr hat und was deshalb so
wenig wie irgend ein Stoff in der Welt noch zu des Menschen Selbst gehört
Dasselbe gilt auch für eine stofflose Substanz die des Bewusstseins entbehrt
durch welches ich selbst bei mir selbst bin kann ich irgend einen Teil ihres
Daseins nicht durch Wiedererinnerung mit meinem gegenwärtigen Bewusstsein
verbinden wodurch ich jetzt Ichselbst bin so ist in diesem Teil ihres
Daseins so wenig wie in irgend einem andern stofflosen Wesen mein Selbst
enthalten Denn was ich von dem Denken einer Substanz nicht zurückrufen und
durch mein Bewusstsein zu meinem Gedanken und Handeln machen kann das gehört
nicht zu mir wenn auch ein Teil von mir es gedacht oder getan hat Es ist
ebenso, als hätte es irgend ein anderes stoffloses Wesen irgendwo gedacht oder
getan
25 Ich gebe es als wahrscheinlich zu dass dieses Bewusstsein mit einer
einzelnen stofflosen Substanz verknüpft und eine Erregung derselben ist allein
mag man dies durch irgend eine beliebige Annahme erklären so muss doch das
einsichtige Wesen was Glück und Elend empfindet zugeben dass ein Etwas
besteht was es selbst ist, für das es sich interessiert und was es glücklich
haben will und dass dieses Selbst in einer stetigen Dauer länger als einen
Augenblick gelebt hat und dass es daher möglicherweise so noch Monate und Jahre
fortbestehen kann ohne dass eine Grenze seiner Dauer gesetzt Ist und dass es
dasselbe Selbst durch das in der kommenden Zeit fortgehende selbige Bewusstsein
sein werde So erkennt man sich durch dieses Bewusstsein als dasselbe Selbst
welches vor einigen Jahren die und die Handlung begangen hat wodurch man jetzt
glücklich oder unglücklich ist In all diesen Beziehungen des Selbst gilt nicht
dieselbe numerische Substanz sondern dasselbe fortgesetzte Bewusstsein als das
was dieses Selbst ausmacht Es können dabei verschiedene Substanzen mit
demselben verbunden oder davon getrennt worden sein allein nur die lebendige
Vereinung dieser Substanzen mit dem Bewusstsein hat sie zu einem Theile
desselben Selbst gemacht Deshalb macht jeder Teil unsers Körpers der lebendig
mit diesem Bewusstsein vereint ist einen Teil von uns aus allein mit der
Trennung aus dieser Vereinung worauf dieses Bewusstsein beruht bleibt solcher
Teil so wenig wie der Teil eines andern Menschen ein Teil von mir und es ist
möglich dass er in kurzer Zeit ein wirklicher Teil einer andern Person wird
So zeigt sich dass dieselbe numerisch eine Substanz ein Teil von zwei
Personen werden kann, und dass dieselbe Person sich trotz mannigfacher Wechsel
der Substanzen erhalten kann Könnte man einen Geist annehmen der alles
Gedächtnisses oder Bewusstseins seiner vergangenen Handlungen beraubt wäre wie
dies bei der Seele des Menschen für einen großen Teil der seinigen ja
manchmal für alle der Fall ist, so würde die Vereinigung oder Trennung einer
solchen geistigen Substanz die persönliche Dieselbigkeit so wenig stören wie
irgend ein Stoffteil es tut Jede mit dem letzt denkenden Wesen lebendig
geeinte Substanz ist ein Teil seines jetzigen Selbst und Alles was durch das
Bewusstsein früherer Handlungen damit vereint ist bildet auch einen Teil
desselben Selbst welches sowohl früher als jetzt dasselbe ist.
26 Person ist ein gerichtlicher Ausdruck Person ist wie ich es nehme
das Wort für dieses Selbst Das was ein Mensch mit Sich und Selbst bezeichnet
wird ein Anderer »dieselbe Person« nennen Es ist dies ein bei den Gerichten
übliches Wort was sich auf die Handlungen und deren Zurechnung bezieht deshalb
kommt es nur vernünftigen Wesen zu welche für Gesetze und für Glück und Elend
empfänglich sind Diese Persönlichkeit erstreckt sich von der Gegenwart zurück
in die Vergangenheit lediglich durch das Bewusstsein, wodurch es allein für
vergangene Handlungen zurechnungsfähig wird und sie als seine eigenen aus
demselben Grunde anerkennt wie es dies für die gegenwärtigen tut Dieses Alles
gründet sich auf das Interesse an dem Glück was das Bewusstsein untrennbar
begleitet dieses ist sich der Lust und des Schmerzes bewusst und verlangt dass
das bewusste Selbst glücklich sei Alle vergangenen Handlungen die es diesem
gegenwärtigen Selbst durch Bewusstsein nicht aneignen kann haben für es so
wenig Bedeutung als wenn sie gar nicht geschehen wären und wenn es Lust oder
Schmerz dh Lohn oder Strafe wegen einer solchen Handlung empfängt so ist
dies ebenso als wenn es ohne alles eigene Verdienst oder Schuld gleich bei dem
Beginne seines Daseins glücklich oder unglücklich gemacht worden wäre Sollte
ein Mensch für das bestraft werden was er in einem früheren Leben getan hat
dessen er aber überhaupt sich nicht bewusst werden kann, so wäre zwischen einer
solchen Strafe und einem gleich so geschaffenen elenden Dasein kein Unterschied
Deshalb sagt der Apostel »dass an jenem großen Tage wo Jeder nach seinen
Taten empfangen werde die Geheimnisse der Herzen offenbar werden sollen«
Dieser Ausspruch wird durch das Bewusstsein Aller gerechtfertigt wonach sie
in welchen Körpern sie auch erscheinen oder welchen Substanzen dieses
Bewusstsein auch anhangen mag dieselben sind welche diese Handlungen verübt
und die Strafe dafür verdient haben
27 Vielleicht wird manche Annahme in dieser Untersuchung dem Leser
sonderbar erscheinen und vielleicht sind sie es auch an sich allein dann
werden sie doch bei der Unwissenheit verzeihlich sein in der wir uns über das
denkende Wesen in uns befinden das wir als unser Selbst ansehen Wüssten wir
was es ist oder wie es mit einem System fließender Lebensgeister verknüpft ist
und ob es sein Denken und Erinnern ohne einen organisierten Körper wie den
unsrigen vollziehen könne und ob Gott beschlossen habe dass jeder solcher
Geist für immer mit solch einem Körper verbunden sein solle von dessen Organen
sein Gedächtnis abhängt so würde vielleicht die Verkehrtheit mancher meiner
Annahmen hervortreten Allein wenn man wie jetzt in der Dunkelheit über diesen
Gegenstand die menschliche Seele für eine stofflose von dem Stoff unabhängige
und dafür gleichgültige Substanz annimmt so widerspricht es nicht der Natur der
Dinge, wenn ich annehme dass dieselbe Seele zu verschiedenen Zeiten mit
verschiedenen Körpern vereint sein und damit für diese Zeit einen Menschen
ausmachen könne wie man ja auch von einem Stück was gestern zu dem Körper
eines Schafes gehörte annehmen kann dass es morgen einen Teil eines
Menschenkörpers bilden werde und dass es in solcher Verbindung ebenso ein Stück
von Melibäos wie ein Stück von einem seiner Böcke werden könne
28 Die aus dem unrichtigen Gebrauch der Worte entspringenden
Schwierigkeiten Ich wiederhole Jede Substanz die dazusein beginnt muss
während ihres Daseins notwendig dieselbe sein mögen Substanzen aller Art
entstehen so muss während der Verbindung derselben diese einzelne dieselbe
bleiben mögen während ihres Daseins Eigenschaften aller Art entstehen so
bleibt sie doch dieselbe und diese Regel gilt sowohl von der Verbindung der
Substanzen wie der Eigenschaften. Hieraus erhellt, dass die Schwierigkeiten und
die Dunkelheit bei diesem Gegenstande mehr von dem falschen Gebrauch der Worte,
als von der Dunkelheit in der Sache selbst kommen Welcher Art auch die mit
einem Worte bezeichnete Vorstellung ist, so kann doch wenn diese Vorstellung
fest damit verbunden gehalten wird die Unterscheidung eines Dinges in dasselbe
und Verschiedenes leicht gefasst werden und kein Zweifel dabei entstehen
29 Das fortgehende Dasein macht die Dieselbigkeit Nimmt man zB an
dass die vernünftige Seele den Begriff des Menschen ausmacht so kann man leicht
wissen ob Jemand derselbe Mensch ist es wird nämlich dieselbe Seele dann
denselben Menschen ausmachen gleichviel ob sie in einem Körper ist oder nicht
Nimmt man aber an dass eine vernünftige Seele in lebendiger Verbindung mit
einem bestimmt gestalteten Körper den Menschen ausmache so ist Jemand derselbe
Mensch so lange seine vernünftige Seele mit einer lebendigen Gestaltung von
Teilen verbunden bleibt wenn auch der Körper sich in einem stetigen Fluss
befindet Gilt aber für Jemand nur die lebendige Vereinigung der Stoffteile zu
einer gewissen Gestalt als der Begriff des Menschen so wird ein Mensch derselbe
so lange sein als diese lebendige Vereinigung und Gestalt bleibt die bei dem
einzelnen nur durch eine stetige Folge fließender Teilchen sich vollziehen
kann Sei die Verbindung einer zusammengesetzten Vorstellung, welche sie wolle
so erhält wenn das Dasein sie unter irgend einem Namen zu einem besonderen Dinge
macht dasselbe Dasein in seinem Fortgange dieses selbige Einzelne unter
derselben Benennung
1 Das Verhältnismäßige Außer den bisher erwähnten zeitlichen
örtlichen und ursachlichen Anlässen zur Vergleichung und Beziehung der Dinge auf
einander gibt es wie gesagt noch unzählige andere von denen ich einige
erwähnen will Die erste betrifft die einfachen Vorstellungen, welche der Theile
oder der Grade fähig sind sie geben den Anlass die Dinge in denen sie sind
in Bezug auf die in ihnen enthaltenen einfachen Vorstellungen zu vergleichen
zB wenn man sagt weißer süßer gleich mehr Diese Beziehungen welche von
der Gleichheit oder dem Überschuss einer einfachen Vorstellung in verschiedenen
Dingen abhängen kann man allenfalls Verhältnisse nennen Sie betreffen
lediglich die von der Sinnes und Selbstwahrnehmung empfangenen einfachen
Vorstellungen dies ist so klar dass es keines Beweises bedarf
2 Natürliche Einen andern Anlass zur Vergleichung der Dinge, mit
einander und zur Auffassung eines in der Weise dass dabei ein anderes
eingeschlossen wird sind die Umstände ihres Ursprungs oder Anfangs wenn diese
sich später nicht verändern so werden diese Beziehungen so dauernd wie die
Gegenstände auf die sie gehen zB Vater und Sohn Bruder Vettern usw
welche ihre Beziehung aus einer Gemeinsamkeit des Blutes entnehmen an der sie
in verschiedenem Maß Teil nehmen Ferner Landsleute dh Personen die in
demselben Lande oder Landstrich geboren sind Ich nenne sie natürliche
Beziehungen bei welchen der Mensch seine Begriffe und Worte dem täglichen Leben
und nicht der Wahrheit und dem Umfange der Dinge angepasst hat Denn sicherlich
ist die Beziehung zwischen Erzeuger und Erzeugtem in Wahrheit bei den Tieren
dieselbe wie bei den Menschen und doch wird selten dieser Stier der Großvater
dieses Kalbes oder werden zwei Tauben Vettern genannt werden. Es ist nämlich
zweckmäßig diese Beziehungen durch bestimmte Worte bei den Menschen kenntlich
zu machen da man in den Gesetzen und in dem Verkehr die Menschen unter diesen
Beziehungen erwähnen und beachten muss und die Verbindlichkeiten der Menschen
sich danach verschieden gestalten aber bei den Tieren hat der Mensch wenig
oder keinen Grund diesen Unterschied in diesen Beziehungen zu beachten und
deshalb hat er ihnen keine besonderen Namen gegeben Dies gibt nebenbei einigen
Aufschluss über den Zustand und das Wachstum der Sprachen die nur für die
Mittheilung berechnet den Begriffen und dem Vermehr entsprechen welche dem
Menschen geläufig sind aber nicht der Wirklichkeit und dem Umfang der Dinge,
noch den mancherlei Beziehungen denen sie unterliegen noch den verschiedenen
Begriffen die von ihnen gebildet werden. Gäbe es keine philosophischen
Begriffe so gäbe es auch keine Worte dafür und man hat natürlich keine Worte
für Dinge gebildet über die zu sprechen kein Anlass war Deshalb kann es leicht
kommen dass in einem Lande das Wort für das Pferd fehlt während in andern wo
man mehr um die Stammbäume der Pferde als um seine eigenen besorgt ist nicht
bloß Namen für einzelne Pferde sondern auch für deren verschiedene
Verwandtschaftsgrade bestehen
3 Eingerichtete Manchmal wird die Beziehung der Dinge auf einander
durch das Recht oder die moralische Macht oder Verbindlichkeit zu einer Handlung
veranlasst So ist der General ein Mensch der ein Heer befehligt und das Heer
unter einem General ist eine Anzahl bewaffneter Leute welche einem Menschen
gehorchen müssen so ist Bürger wer zu gewissen Vorzügen in einem Orte
berechtiget ist All diese Arten hängen von dem Wollen und dem Übereinkommen
der in Gemeinschaft lebenden Menschen ab ich nenne sie deshalb eingerichtete
oder willkürliche Beziehungen Sie unterscheiden sich von den natürlichen
dadurch dass sie meist in irgend einer Weise veränderlich sind und von der
Person der sie angehören getrennt werden können, ohne dass die so bezogenen
Substanzen deshalb zerstört werden Sie sind zwar alle gegenseitig wie die
übrigen und enthalten die Beziehung zweier Dinge zu einander aber da eines
davon oft keinen Namen hat so wird dies meist nicht beachtet und die Beziehung
wird übersehen So erkennt man wohl an dass der Patron und der Klient
Beziehungen sind aber ein Polizeidiener oder ein Diktator werden nicht sofort
als solche erkannt da hier für die Untergebenen der besondere Name fehlt der
diese Beziehung ausdrückte obgleich sicherlich Beide eine gewisse Gewalt über
Andere haben und deshalb Beide zu denselben ebenso in Beziehung stehen wie der
Patron zu seinen Klienten und der General zu seinem Heere
4 Moralische Eine vierte Art von Beziehungen bildet die
Übereinstimmung oder der Gegensatz in dem menschliche Handlungen zu einer
Regel stehen auf welche sie bezogen und nach welcher sie beurteilt werden Man
kann diese Beziehungen wohl moralische nennen indem danach unser sittliches
Handeln benannt wird was eine sorgfältige Prüfung verdient da in keinem Zweige
des Wissens man mehr für Erlangung bestimmter Vorstellungen sorgen und jede
Dunkelheit und Verwirrung möglichst vermeiden sollte Wenn das menschliche
Handeln mit so mancherlei Zielen Gegenständen Verfahrungsweisen und Umständen
in bestimmte zusammengesetzte Vorstellungen verbunden wird so entstehen wie
ich gezeigt gemischte Zustände von denen viele ihre eigenen Namen haben Wenn
zB die Dankbarkeit eine Bereitwilligkeit ist empfangene Gefälligkeiten
anzuerkennen und zu erwidern und wenn die Vielweiberei ein Haben von mehreren
Frauen auf einmal ist so erlangt man durch Bildung dieser Begriffe ebenso viele
Vorstellungen von gemischten Zuständen Indes genügt dies nicht für unser
Handeln es reicht nicht aus dass man bestimmte Vorstellungen davon habe und
die Namen solcher zusammengesetzten Vorstellungen kenne wichtiger ist ob
solches Handeln moralisch gut oder schlecht ist
5 Das moralisch Gute und Schlechte Das Gut und das Übel sind wie in
Buch II Kap 20 2 und Kap 21 42 gezeigt worden nur die Lust und der
Schmerz oder das, was diese gewährt und verschafft Das moralisch Gute und
Schlechte ist die Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung unserer freien
Handlungen mit dem Gesetz wobei das Gut und das Übel von dem Gesetzgeber über
uns gebracht wird Diese Gute und Übel diese Lust und dieser Schmerz welche
der Befolgung oder Verletzung des Gesetzes nach dem Beschluss des Gesetzgebers
folgen ist das was man Lohn und Strafe nennt
6 MoralRegeln Von diesen MoralRegeln oder Gesetzen auf welche die
Menschen Bezug nehmen und wonach sie das Rechte oder Unrechte ihres Handelns
beurteilen scheinen mir drei Arten mit ihren besonderen sie verstärkenden
Löhnen und Strafen zu bestehen Denn es würde ganz vergeblich sein den freien
Handlungen der Menschen eine Regel vorzuschreiben wenn nicht zur Bestimmung
ihres Willens ein Lohn oder eine Strafe damit als Verstärkung verbunden wird
deshalb muss man wo man ein Gesetz annimmt auch ein Gut oder Übel als damit
verbunden annehmen Es wäre nutzlos dass ein vernünftiges Wesen Andern für ihre
Handlungen eine Regel gäbe wenn es nicht deren Befolgung durch ein Gut belohnen
und deren Übertretung durch ein Übel bestrafen könnte was nicht schon von
selbst der Handlung nachfolgt denn letzteres würde auch ohne eine Vorschrift
wirken Dies dürfte die wahre Natur aller eigentlichen Gesetze sein
7 Gesetze Die Gesetze nun nach denen die Menschen das Recht oder
Unrecht ihres Handelns beurteilen scheinen mir folgende drei zu sein 1 das
göttliche Gesetz 2 das bürgerliche Gesetz und 3 das Gesetz der Meinung oder
Achtung wenn ich es so nennen darf Nach dem ersten beurteilt man ob die
Handlung eine Sünde oder eine Pflicht ist nach dem zweiten ob sie strafbar
oder straffrei ist und nach dem dritten ob sie zur Tugend oder zu einem Laster
gehört
8 Das göttliche Gesetz ist der Maßstab für die Sünde und die Pflicht
unter dem göttlichen Gesetz verstehe ich das was Gott für das Handeln der
Menschen gegeben hat mag er es ihnen durch das Licht der Natur oder durch die
Stimme der Offenbarung mitgeteilt haben Niemand ist so unvernünftig zu
leugnen dass Gott eine Regel gesetzt hat nach der die Menschen sich benehmen
sollen Gott hat das Recht dazu wir sind seine Geschöpfe er besitzt Güte und
Weisheit um unsere Handlungen zum Besten zu leiten und er hat die Macht seine
Vorschriften durch Belohnungen und Strafen von unendlicher Schwere und Dauer in
jenem Leben zu verstärken denn Niemand kann uns seinen Händen entziehen Dies
ist der alleinige Prüfstein des moralischen Verhaltens durch Vergleichung mit
diesem Gesetz urteilen die Menschen über das wichtige moralisch Gute und
Schlechte ihrer Handlungen dh ob sie als Pflichterfüllung oder Sünde ihnen
Glück oder Elend aus den Händen des Allmächtigen gewähren können
9 Das bürgerliche Gesetz ist der Maßstab für Verbrechen und die
Unschuld Das bürgerliche Gesetz was der Staat als Regel für seine Bürger
gegeben hat ist eine andere Regel auf welche die Menschen ihre Handlungen
beziehen um zu urteilen ob sie strafbar seien oder nicht Dies Gesetz
übersieht Niemand da sein Lohn und seine Strafe schnell bei der Hand ist und
der Macht des Gesetzgebers entspricht nämlich der Kraft des Gemeinwesens
welches das Leben die Freiheiten und das Eigentum Derer die nach seinen
Gesetzen leben zu schützen hat und welches Macht hat das Leben die Freiheit
und die Güter dem zu nehmen der nicht gehorcht worin die Strafen solcher
Gesetzesverletzungen bestehen
10 Das philosophische Gesetz ist der Maßstab der Tugend und des
Lasters Das dritte Gesetz ist das der Meinung und des Rufes Tugend und Laster
sind Worte welche überall Handlungen bezeichnen die durch ihre eigene Natur
recht oder unrecht sind Was man hier auch für eine Ansicht haben mag so ist
doch so viel klar dass diese Worte Tugend und Laster bei ihrer Anwendung auf
einzelne Fälle in den verschiedenen Völkern und Gemeinschaften der Menschen auf
dieser Erde immer nur von solchen Handlungen ausgesagt werden welche in jedem
Lande in Achtung oder Missachtung stehen Es kann auch nicht auffallen dass man
überall solche Handlungen tugendhaft nennt welche in dem Lande als preiswürdige
gelten und lasterhaft solche welche tadelnswert sind denn andernfalls würde
man sich selbst verurteilen wenn man etwas für recht erklärte das man nicht
empfehlen wollte und etwas für unrecht ohne es zu tadeln So ist die Billigung
oder Missbilligung das Lob und der Tadel welche durch ein geheimes und
stillschweigendes Einverständnis sich in den verschiedenen Gesellschaften
Stämmen und Verbindungen der Menschen auf dieser Erde feststellen der Maßstab
dessen was überall als Tugend oder Laster gilt die einzelnen Handlungen werden
gebilligt oder gemissbilligt nach den Grundsätzen Ansichten und der Mode des
betreffenden Ortes Denn wenn auch die Menschen bei ihren politischen
Verbindungen dem öffentlichen Wesen es überlassen haben über der Bürger Macht
zu verfügen und der Einzelne ebenso diese Macht gegen seine Mitbürger nicht
weiter anwenden kann als das Gesetz gestattet so hat er doch die Macht gut
oder übel von den Handlungen Derer mit denen er lebt und mit denen er verkehrt
zu denken und sie zu billigen oder zu missbilligen Durch solche Billigung oder
Missbilligung wird das begründet was man Tugend und Laster nennt
11 Dass dies der allgemeine Maßstab der Tugend und des Lasters ist
erhellt daraus dass obgleich in dem einen Lande das als Laster gilt was man
in dem andern als Tugend oder wenigstens nicht als Laster ansieht doch überall
Tugend mit Lob Laster mit Tadel zusammengehen Tugend ist überall das was als
preiswürdig gilt und nur was die öffentliche Achtung für sich hat wird Tugend
genannt Tugend und Lob sind so eng verbunden dass sie oft denselben Namen
haben Sunt sua pramia laudi das Lob hat seinen eigenen Lohn sagt Virgil und
Cicero sagt »Nihil habet natura prästantius quam honestatem quam laudem quam
dignitatem quam decus« Es gibt in der Natur nichts Besseres als die
Rechtlichkeit das Lob die Achtung und die Ehre welche Worte wie er sagt
sämtlich nur dieselbe Sache bezeichnen Tusculanische Untersuchungen Buch
II So sprechen nie heidnischen Philosophen welche die Bedeutung ihrer
Begriffe von Tugend und Laster wohl kannten Allerdings möchte es nach dem
Unterschied des Temperamentes der Erziehung der Sitten Grundsätze und
Interessen der verschiedenen Menschenklassen vorkommen dass das an einem Orte
Gelobte an einem andern dem Tadel nicht entginge und so die Tugend und die
Laster nach der Gesellschaft wechselten allein in der Hauptsache waren sie in
der Regel überall dieselben da nichts natürlicher ist als das durch Achtung
und Ansehen zu stützen was Jeder überall als für sich nützlich erachtet und
das Gegenteil zu tadeln und ihm entgegenzutreten und mithin Achtung und
Verachtung Tugend und Laster überall im Großen und Ganzen mit der
unveränderlichen Regel des Rechten und Unrechten die Gottes Gesetz gegeben
übereinstimmen denn nichts in der Welt sichert und befördert so geradezu und
sichtlich das allgemeine Wohl der Menschen als der Gehorsam gegen das von Gott
gegebene Gesetz wie umgekehrt nichts solches Elend und Unglück bereitet als
dessen Vernachlässigung und deshalb konnten die Menschen wenn sie nicht auf
alle Vernunft und ihren eigenen Vorteil den sie so beharrlich verfolgen
verzichten wollten ihr Lob und ihren Tadel nicht einer Richtung zuwenden die
ihn nicht wahrhaft verdiente Selbst Die welche nicht danach handelten gaben
doch dem Rechten ihre Billigung denn nur Wenige sind so verdorben dass sie
nicht wenigstens bei Andere die Fehler verdammen die sie selbst begehen selbst
bei einer vorhandenen Sittenverderbnis werden die wahren Grenzen des
Naturgesetzes welches die Regel für die Tugend und das Laster abgeben sollte
für die bessern erklärt Selbst begeisterte Lehrer haben in ihren Ermahnungen
auf die öffentliche Meinung sich gestützt und es heißt in dem Briefe an die
Philipper Kap 4 Vers 8 »Was lieblich ist was wohl lautet ist etwa eine
Tugend ist etwa ein Lob dem denket nach«
12 Achtung und Missachtung sind die Einschärfungsmittel Wenn ich das
Gesetz, nach dem die Menschen über Tugend und Laster entscheiden nur für die
Übereinstimmung der Privatpersonen erkläre denen das genügende Ansehen des
Gesetzgebers und insbesondere die dem Gesetz so unentbehrliche und wesentliche
Kraft es zu verstärken abgeht so könnte man glauben ich hätte meine eigenen
Begriffe vom Gesetz vergessen allein wer Lob und Tadel nicht für so starke
Beweggründe hält dass man sich der Meinung und den Regeln seiner Mitmenschen
fügt dürfte wenig mit der menschlichen Natur und Geschichte bekannt sein Die
meisten Menschen lassen sich hauptsächlich wo nicht ausschließlich durch das
Gesetz der Mode bestimmen und man tut das was die Achtung der Gesellschaft
erwirbt ohne die Gesetze Gottes und der Obrigkeit viel zu beachten Die
Strafen welche der Übertretung des göttlichen Gesetzes nachfolgen werden von
Vielen ja von den Meisten nur selten ernstlich bedacht und selbst von den
Übrigen hoffen Viele während sie das Gesetz übertreten auf die kommende
Versöhnung und machen ihren Frieden für solchen Bruch Ebenso hofft man den von
den Staatsgesetzen angedrohten Strafen zu entgehen Dagegen entgeht Niemand dem
Übel des Tadels und der Missbilligung wenn er die Sitten und die Ansichten der
Gemeinschaft verletzt in welcher er lebt und der er sich empfehlen will unter
Zehntausend ist kaum Einer stark und unempfindlich genug um die stete
Missbilligung und Verurteilung seiner eigenen Genossenschaft zu ertragen denn
es gehört ein seltener und ungewöhnlicher Charakter dazu um in steter
Missbilligung und in Unfrieden mit seinen Genossen zu leben Die Einsamkeit hat
Mancher aufgesucht und sich damit ausgesöhnt aber Niemand der für seine
Umgebung Sinn und einiges Gefühl hat kann mit derselben leben wenn seine
Angehörigen und Bekannten stets ihr Missfallen und ihren Tadel gegen ihn
aussprechen Diese Last ist zu schwer für menschliche Schultern und Derjenige
befindet sich in unversöhnlichen Widersprüchen welcher Vergnügen in der
Gesellschaft finden und doch für die Verachtung und Ungunst seiner Genossen
unempfindlich bleiben kann
13 Diese drei Gesetze sind die Regeln für das moralische Gute und Böse
Hiernach sind es diese drei Gesetze das Gesetz Gottes das der politischen
Verbindungen und das der Mode und der PrivatUrteile wonach die Menschen ihr
Handeln beurteilen von der Übereinstimmung mit diesen Gesetzen nehmen sie den
Maßstab für das MoralischRechte und nennen danach ihr Handeln gut und
schlecht
14 Moralität ist die Beziehung des Handelns auf diese Regeln Mag die
Regel an welche man wie an einen Probierstein die Handlungen hält um sie zu
prüfen und ihre Güte zu erforschen sie danach zu benennen und ihnen gleichsam
das Zeichen ihres Wertes aufzudrücken mag wie gesagt diese Regel der Sitte
des Landes oder dem Willen eines Gesetzgebers entnommen sein so kann man doch
leicht diese Beziehung der Handlung auf sie erkennen und sehen ob sie mit der
Regel stimmt oder nicht Damit hat man den Begriff des moralisch Guten und
Schlechten was in der Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung der Handlung
mit der Regel besteht und deshalb oft das moralische Rechte heißt Diese Regel
ist nur eine Verbindung mehrerer einfachen Vorstellungen für welche die
Übereinstimmung der Handlung so verlangt wird dass die einfachen Vorstellungen
in der Handlung dem von dem Gesetze Verlangten entsprechen So sieht man wie
moralische Dinge und Begriffe auf jene einfachen Vorstellungen begründet sind
und darin enden welche man von der Sinnesund Selbstwahrnehmung empfangen hat
Wenn man zB die zusammengesetzte Vorstellung eines Mordes betrachtet sie
auseinander genommen und im Einzelnen geprüft hat so zeigt sie sich aus einer
Anzahl einfacher aus der Sinnes und Selbstwahrnehmung kommender Vorstellungen
gebildet denn erstens hat man durch die Selbstwahrnehmung der eigenen
Seelentätigkeiten die Vorstellungen des vorausgehenden Wollens Überlegens
Beschließens so wie der Bosheit und des Begehrens eines den Andern treffenden
Hebels ebendaher kommen die Vorstellungen von Leben Wahrnehmen und eigener
Bewegung Zweitens hat man von der SinnesWahrnehmung jene sinnlichen
Vorstellungen, die in dem Menschen bestehen und von einem Handeln womit man
dem Wahrnehmen und der Bewegung eines Menschen ein Ende setzt All diese
einfachen Vorstellungen sind in dem Worte Mord verbunden Wenn eine solche
Verbindung einfacher Vorstellungen zu den Achtungsbegriffen meines Vaterlandes
stimmt oder ihnen widerspricht und von den Meisten für lobens oder tadelnswert
gehalten wird so nenne ich die Handlung eine tugendhafte oder lasterhafte
Nehme ich aber den Willen eines höchsten unsichtbaren Gesetzgebers zu meiner
Regel so nenne ich sie je nachdem Gott sie befohlen oder verboten hat gut
oder schlecht Pflichterfüllung oder Sünde und vergleiche ich sie mit dem
bürgerlichen Gesetz und der von der Staatsgewalt gesetzten Regel so nenne ich
sie gesetzmäßig oder ungesetzlich ein Vergeben oder kein Vergehen Woher man
mithin auch die Regel für das moralische Handeln nehmen mag und nach welchem
Maßstabe man die Begriffe von Tugend und Laster bilden mag so sind sie doch
immer nur aus einer Anzahl einfacher Vorstellungen gebildet die man
ursprünglich von der Sinnes und Selbstwahrnehmung empfangen hat und bei denen
das Rechte oder Unrechte in der Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung mit
dem von einem Gesetz vorgeschriebenen Muster besteht
15 Um über moralische Handlungen richtig zu urteilen muss man sie von
zwei Gesichtspunkten aus betrachten erstens so wie sie an sich aus einer
Zusammenfassung mehrerer einfachen Vorstellungen bestehen So bezeichnet die
Trunkenheit oder die Lüge eine solche Zusammenfassung einfacher Vorstellungen,
die ich gemischte Zustände nenne und in diesem Sinne sind sie ebenso viele
bejahende Vorstellungen wie das Trinken eines Pferdes oder das Sprechen eines
Papagei Zweitens werden unsere Handlungen als gut schlecht oder gleichgültig
aufgefasst dann sind sie bezüglicher Natur da dies ihre Übereinstimmung oder
Abweichung von einer Regel bezeichnet wodurch sie recht oder unrecht gut oder
schlecht werden So weit sie daher mit einer Regel verglichen und danach benannt
werden gehören sie zu den Beziehungen So wird die Herausforderung und das
Fechten mit einem Manne als eine bestimmte bejahende Besonderung oder Art des
Handelns die sich durch ihre eigenen Vorstellungen von andern unterscheidet
ein Duell genannt allein in Beziehung auf das göttliche Gebot betrachtet
verdient es den Namen einer Sünde in Beziehung auf das Gesetz der Sitte in
mehreren Ländern heißt es Tapferkeit und Mannhaftigkeit und in Beziehung auf
die Gesetze einzelner Staaten ein todeswürdiges Verbrechen Wenn die bejahenden
Bestimmungen ihren besonderen Namen haben und die Beziehung auf das Gesetz einen
andern so ist der Unterschied ebenso leicht erkennbar wie bei Substanzen wo
der eine Name zB Mensch die Sache selbst und ein anderer wie Vater die
Beziehung bezeichnet
16 Die Namen der Handlungen leiten oft irre Oft werden indes die
bejahende Vorstellung der Handlung und ihre moralische Beziehung mit einem Worte
bezeichnet und dasselbe Wort für die besondere Handlung und auch für ihre
moralische Güte oder Schiechtheit gebraucht dann wird die Beziehung weniger
beachtet und beide Bedeutungen oft nicht unterschieden Durch solche Vermengung
beider Begriffe werden Die welche leicht dem Klang der Worte nachgeben und die
Worte leicht für die Dinge nehmen zu falschen Urteilen verleitet So heißt es
Stehlen wenn man einem Andern das Seinige ohne sein Wissen und Willen nimmt
allein da das Wort allgemein auch die moralische Schlechtigkeit der Handlung und
die darin liegende Gesetzesverletzung bezeichnet so neigt man dazu jede
Stehlen genannte That als eine schlechte zu verdammen die das Recht verletzt
Allein wenn der Einzelne dem Wahnsinnigen sein Schwert nimmt damit er kein
Unglück anrichte so kann dies wohl als ein gemischter Zustand Stehlen genannt
werden, aber in Vergleich mit dem Gesetz Gottes und in Beziehung auf diese
höchste Regel ist es keine Sünde und Übertretung obgleich das Wort Stehlen
gewöhnlich diese Bedeutung mit sich führt
17 Die Beziehungen sind unzählig So viel über die Beziehungen der
menschlichen Handlungen auf das Gesetz, die ich deshalb moralische Beziehungen
nenne Es würde nun Bände füllen wenn ich hier alle Arten der Beziehungen
durchgehen wollte ich kann sie deshalb nicht alle hier aufzählen Es genügt
mir durch die obigen gezeigt zu haben welche Vorstellungen man durch diese
zusammenfassenden Betrachtungen erlangt die Beziehungen heißen Sie sind so
mannichfach und der Anlass dazu so häufig nämlich so viel als man
Vergleichungen zwischen den Dingen anstellen kann dass ihre Zurückführung auf
Regeln und richtige Arten nicht leicht ist Die oben erwähnten dürften zu den
erheblichsten gehören und so beschaffen sein dass man daraus erkennt woher man
die VorstellungsBeziehungen erlangt und worauf sie beruhen Ehe ich indes
diesen Gegenstand verlasse gestatte man mir noch folgende Bemerkungen
18 Alle Beziehungen enden in einfache Vorstellungen Erstens ist klar
dass alle Beziehungen in den einfachen aus der Sinnes und Selbstwahrnehmung
stammenden Vorstellungen enden und zuletzt darauf gestützt sind Deshalb ist
Alles was man in seinem Denken hat wenn man an ein Ding denkt oder eine
Meinung hat oder Andern mittheilen will auch bei dem Gebrauch von Worten
welche Beziehungen bezeichnen nur eine einfache Vorstellung oder eine
Zusammenfassung solcher die mit andern verglichen werden Bei derjenigen Art
welche man Verhältnisse nennt ist dies Klar denn wenn man den Honig süßer als
das Wachs nennt so endet offenbar das Denken bei dieser Beziehung in der
einfachen Vorstellung des Süßen und dies gilt ebenso für alle andern obgleich
bei ihren Verbindungen und Trennungen die sie bildenden einfachen Vorstellungen
selten beachtet werden Wenn zB das Wort Vater genannt wird so wird damit
erstens die besondere Gattung oder zusammengesetzte Vorstellung gemeint welche
das Wort Mensch bezeichnet zweitens die sinnlichen einfachen Vorstellungen,
welche das Wort Erzeugung bezeichnet und drittens ihre Wirkung und all die
einfachen durch das Wort Kind bezeichneten Vorstellungen So bedeutet das Wort
Freund einen Menschen der einen Andern liebt und ihm Gutes zu erweisen bereit
ist es besteht aus folgenden Vorstellungen 1 aus allen jenen einfachen die
das Wort Mensch oder vernünftiges Wesen befasst 2 aus der Vorstellung der
Liebe 3 aus der der Bereitwilligkeit oder Neigung 4 aus einer Handlung die
eine Art des Denkens oder Bewegens ist 5 aus der Vorstellung des Guts was
Alles bezeichnet was zu seinem Glücke beiträgt und was wie gezeigt worden
zuletzt in einfachen Vorstellungen endet von denen das Wort Gut überhaupt eine
bezeichnet so dass, wenn alle einfachen Vorstellungen davon entfernt werden es
gar nichts bedeutet Ebenso enden auch alle moralischen Worte zuletzt wenn auch
entfernter in eine Zusammenfassung einfacher Vorstellungen denn die
unmittelbare Bedeutung mancher bezüglichen Worte geht oft auf andere bekannte
Beziehungen allein gebt man dabei von einer zur andern so endigen sie zuletzt
alle in einfachen Vorstellungen
19 Man hat gewöhnlich einen ebenso klaren oder klareren Begriff von der
Beziehung, wie von ihrer Grundlage Zweitens bemerke ich dass man bei dem
Beziehen meistenteils wo nicht immer von der Beziehung eine ebenso klare
Vorstellung hat wie von den einfachen Vorstellungen auf die sie gegründet
wird denn von der Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung von welcher die
Beziehungen abhängen hat man allgemein ebenso klare Vorstellungen wie von jedem
andern Dinge da es nur das Unterscheiden einfacher Vorstellungen oder ihrer
Grade von einander ist ohne die jedes bestimmte Wissen unmöglich ist Denn wenn
man eine klare Vorstellung von Süßigkeit Licht oder Ausdehnung hat so hat man
sie auch von der Gleichheit und dem Mehr oder Weniger jener Wenn ich weiß was
das Geborensein eines Menschen von der Sempronia ist so weiß ich auch was das
Geborensein von der Sempronia für einen andern Menschen ist und deshalb ist
meine Vorstellung von Brüdern so klar wie die von Vögeln und vielleicht noch
klarer Denn wenn ich glaube dass Sempronia den Titus von dem Petersilienbeet
geholt hat wie man den Kindern zu sagen pflegt und dadurch seine Mutter
geworden und dass sie später den Cajus ebenso von dem Petersilienbeet geholt
hat so wäre meine Vorstellung von dem Verhältnis von Brüdern ebenso klar als
wenn ich die ganze Geschicklichkeit einer Hebamme besäße denn der Begriff,
dass dasselbe Weib als Mutter zu ihrer Geburt beigetragen habe wenn ich auch in
der Art hierbei irre gehe oder sie nicht kenne ist das worauf ich die
Beziehung stütze und dass beide in diesem Vorgänge der Gebart übereinstimmen
mag dieser Vorgang sonst enthalten was er will Die Vergleichung beider
Personen nach ihrer Abkunft von derselben Person genügt wenn man auch die
nähern Umstände davon nicht kennt um darauf den Begriff von ihrer Beziehung als
Brüder zu gründen Obgleich sonach die Vorstellungen der einzelnen Beziehungen
bei gehöriger Betrachtung so klar und bestimmt in der Seele sein können als die
von gemischten Zuständen und sogar bestimmter als die von Substanzen so haben
doch die zu diesen Beziehungen gehörenden Worte oft eine ebenso zweifelhafte und
Ungewisse Bedeutung wie die von gemischten Zuständen oder Substanzen und noch
mehr wie die von einfachen Vorstellungen weil die bezüglichen Worte nur diese
Vergleichung bezeichnen welche bloß im Denken geschieht und nur eine Bestimmung
in der Seele ist und sie daher oft zu verschiedenen Vergleichungen der Dinge
nach der eigenen Einbildung benutzt werden die nicht immer mit denen der Andern
bei Gebrauch dieser Worte übereinkommen
20 Der Begriff der Beziehung bleibt derselbe mag die Regel mit der
eine Handlung verglichen wird wahr oder falsch sein.) Drittens kann man bei den
moralischen Beziehungen einen wahren Begriff von der Beziehung durch
Vergleichung der Handlung mit der Regel haben wenn auch die Regel selbst falsch
ist Denn wenn ich eine Sache nach meiner Elle messe so weiß ich ob sie
länger oder kürzer als diese Elle ist wenn diese auch nicht genau eine richtige
Elle ist denn dies ist eine andere Frage wo selbst wenn die Regel falsch ist
und ich hierbei irre doch die zu erkennende Übereinstimmung oder
NichtÜbereinstimmung mit dem Andern die Beziehung bemerken lässt Deshalb kann
man bei Anwendung einer falschen Regel wohl zu einem falschen Urteil über die
moralische Eigenschaft einer Handlung verleitet werden allein deshalb irrt man
nicht in der Frage ob die mit der Regel verglichene Handlung mit ihr stimme
oder nicht
1 Manche Vorstellungen sind klar und deutlich andere dunkel und
verworren Ich habe bisher den Ursprung unserer Vorstellung dargelegt und ihre
verschiedenen Arten behandelt auch den Unterschied der einfachen und
zusammengesetzten Vorstellungen und ihre Einteilung in Eigenschaften
Substanzen und Beziehungen betrachtet Es war dies notwendig wenn man sich
gründlich über das Verfahren der Seele bei der Wahrnehmung und Erkenntnis der
Dinge unterrichten will Vielleicht habe ich lange genug bei dieser Prüfung der
Vorstellungen verweilt allein ich muss doch bitten mir noch einige Bemerkungen
darüber zu gestatten Das Nächste ist dass von den Vorstellungen manche klar
und andere dunkel manche deutlich und andere verworren sind
2 Die klaren und dunklen werden durch das Sehen erklärt Die
Wahrnehmungen der Seele lassen sich am besten durch die auf das Sehen
bezüglichen Worte erläutern und deshalb wird man verstehen was unter klaren
und dunklen Vorstellungen gemeint ist wenn man das erwägt was bei dem Sehen
klar und dunkel heißt Da das Licht uns die sichtbaren Gegenstände offenbart
so nennt man dunkel was nicht so stark beleuchtet ist dass man seine Gestalt
und Farben erkennen kann obgleich dies bei mehr Licht geschehen könnte Ebenso
sind unsere einfachen Vorstellungen klar wenn sie so beschaffen sind wie ihre
Gegenstände von denen sie entnommen sind sie in einer gut geordneten
Wahrnehmung darstellen würden Behält das Gedächtnis sie so und kann es
dieselben wenn man sie braucht wieder vorführen so sind sie klar so weit
ihnen aber etwas von ihrer frühem Genauigkeit abgeht oder sie ihre frühere
Frische verloren haben und mit der Zeit blass und bleich geworden sind so weit
sind sie dunkel Zusammengesetzte Vorstellungen, die aus einfachen gebildet
worden, sind so weit klar als diese ihre einfachen Vorstellungen klar sind und
als die Menge und die Ordnung dieser welche den Inhalt der zusammengesetzten
bilden bestimmt und gewiss ist
3 Die Ursachen der Dunkelheit Die Ursachen der Dunkelheit scheinen
bei den einfachen Vorstellungen in der mangelhaften Empfindlichkeit der Organe
oder in den leichten und vorbeigehenden Eindrücken der Gegenstände oder in einer
Schwäche des Gedächtnisses zu liegen welches die Vorstellungen nicht so
behalten kann wie es dieselben empfangen hat Denn wenn um wieder die
sichtbaren Dinge zum Verständnis zu benutzen die Sinneswerkzeuge gleich dem
durch die Kälte hart gewordenen Wachs von dem Siegel beim gewöhnlichen Druck
nicht erregt werden oder wenn zu weiches Wachs den guten Eindruck nicht
festhalten kann oder wenn das Wachs zwar gut aber die genügende Kraft zu einem
deutlichen Abdruck des Siegels fehlt so wird der Abdruck in all diesen Fällen
unklar sein und die Anwendung hiervon ist wohl selbstverständlich
4 Was deutliche und verworrene Vorstellungen sind Da die klare
Vorstellung die ist von welcher die Seele eine volle und sichere Auffassung
hat wie sie dieselben von einem äußern Gegenstande der richtig auf ein gut
beschaffenes Organ wirkt empfingt so ist die deutliche Vorstellung die, welche
die Seele von allen andern unterscheiden kann und die verworrene die die von
andern nicht genügend unterschieden werden kann.
5 Ein Einwurf Wenn dies der Fall ist, so könnte man vielleicht
einwenden dass eine verworrene Vorstellung sich werde schwer finden lassen
denn möge die Vorstellung sein welche sie wolle so könne sie doch nur die
sein welche die Seele so aufgefasst habe und diese Auffassung unterscheide sie
hinreichend von allen andern die nur andere dh verschieden sein können wenn
sie so aufgefasst werden deshalb könne es keine Vorstellung geben die nicht
von andern unterscheidbar wäre von denen sie an sich verschieden ist wenn man
sie nicht auch zu einer von sich selbst verschiedenen mache denn von jeder
andern sei sie offenbar verschieden
6 Die Verworrenheit der Vorstellungen bezieht sich auf deren Namen Um
diese Schwierigkeit zu beseitigen und zu erkennen was die Verworrenheit mit
der manche Vorstellungen belastet sind veranlasst bedenke man dass die unter
verschiedenen Namen geordneten Dinge für genügend verschieden gelten um auch
unterschieden werden zu können deshalb wird jede Art mit ihren besonderen Namen
bezeichnet und gelegentlich als eine besondere behandelt und nichts scheint
zuverlässiger als dass die verschiedenen Namen in der Regel auch verschiedene
Dinge bezeichnen Da nun jede Vorstellung, die man hat sich als das zeigt was
sie ist und sich von allen andern unterscheidet so macht sie nur der Umstand
verworren dass sie auch noch mit einem andern Worte als den gebrauchten benannt
werden kann. Der Unterschied, welcher die Dinge sondert am so unter
verschiedenen Worten gestellt zu werden und macht dass diese zu diesen Namen
und jene zu jenen Namen gehören wird dann übersehen und so der Unterschied
verloren der durch diesen Namen aufrecht erhalten werden sollte
7 Die Fehler welche diese Verwirrung veranlassen Die Fehler welche
diese Verwirrung zu veranlassen pflegen dürften hauptsächlich folgende sein
Erstens wenn zusammengesetzte Vorstellungen aus zu wenig einfachen
gebildet werden.) Erstens wenn zusammengesetzte Vorstellungen denn diese sind
am meisten der Verworrenheit ausgesetzt aus einer zu geringen Zahl einfacher
Vorstellungen und aus solchen gebildet werden, die auch andern Dingen gemein
sind und wenn dabei die Unterschiede, die ihre verschiedene Benennung
veranlasst haben übersehen werden Wer zB eine Vorstellung hat die bloß aus
den einfachen Vorstellungen eines gefleckten Tieres gebildet ist dessen
Vorstellung vom Leoparden ist verworren da sie sich nicht genügend von der des
Luchses und mehrerer andern gefleckten Tiere unterscheidet Wenngleich also
solche Vorstellung mit dem besonderen Namen Leopard benannt wird so kann sie
doch von denen mit Luchs und Panther bezeichneten nicht unterschieden werden,
und sie kann selbst mit Luchs oder Panther bezeichnet werden Wie sehr die
Gewohnheit Worte durch allgemeine Ausdrücke zu definieren die damit
bezeichneten Vorstellungen verworren und unbestimmt macht überlasse ich Andern
zur Erwägung So viel ist klar dass verworrene Vorstellungen den Gebrauch der
Worte unsicher machen und den Sätzen bestimmter Bezeichnungen aufheben Wenn die
Vorstellungen mit verschiedenen Namen sich nicht diesen verschiedenen Namen
entsprechend unterscheiden und daher von einander nicht unterschieden werden
können, so kommt es davon dass sie in Wahrheit verworren sind
8 Zweitens sind die einfachen unordentlich zusammengeworfen Ein
zweiter Fehler der die Vorstellungen verwirrt ist der dass zwar die Zahl der
EinzelVorstellungen genügend ist aber sie so durcheinander gemengt sind dass
man nicht leicht unterscheiden kann ob die Vorstellung zu diesem oder jenem
Worte gehört Nichts macht diese Verwirrung begreiflicher als jene Art Gemälde
die meist als wunderbare Werke der Kunst gezeigt werden die Farben bilden
darin so wie sie durch den Pinsel auf die Tafel gebracht worden sonderbare und
ungewohnte Gestalten und in ihrer Lage zeigt sich keine erkennbare Ordnung
Solch Bild mit seinen verschiedenen Teilen ohne Symmetrie und Ordnung ist an
sich nicht verworrener als das Gemälde eines wolkigen Himmels welches Niemand
für ein verworrenes Gemälde hält wenn man auch in seinen Gestalten und Farben
wenig Ordnung bemerkt Was macht nun Jenes Bild verworren wenn es der Mangel an
Symmetrie nicht tut Denn dass dieser es nicht tut erhellt daraus dass ein
anderes Bild was jenes nur kopierte nicht verworren genannt werden könnte Also
liegt die Ursache der Verwirrung In der Verknüpfung mit einem Namen dem es
nicht mehr angehört wie einem andern Sagte man also zB es sei das Bild eines
Menschen oder Cäsars dann wird es Jeder für verworren halten weil es in seinem
Zustande ebenso gut den Namen Pavian oder Pompejis führen kann wie den eines
Menschen oder von Cäsar obgleich die Vorstellungen jener sich doch von denen
des Menschen und Cäsars unterscheiden Hat aber ein hohlgeschliffener Spiegel
bei richtiger Stellung diese unregelmäßigen Linien auf der Leinwand in die
gehörigen Ordnungen und Verhältnisse gebracht so hört die Verworrenheit auf
und man sieht sofort dass es ein Mensch oder Cäsar ist dh dass es unter
diesen Namen gehört und dass es sich genügend von einem Pavian oder Pompejis
unterscheidet dh von den durch diese Worte bezeichneten Vorstellungen Gerade
so verhält es sich mit unsern Vorstellungen, die gleichsam Bilder der Dinge
sind Keines dieser geistigen Bilder kann wie auch die Theile zusammengestellt
sein mögen verworren genannt werden denn sie sind als solche völlig
unterscheidbar erst wenn es unter einen Kamen gebracht wird und man nicht
erkennen kann ob es diesem mehr als einem andern von anderer Bedeutung
zugehöre wird es verworren
9 Drittens wenn die Vorstellungen veränderlich und unbestimmt sind
Ein dritter die Verwirrung veranlassender Fehler ist es wenn der Name unsicher
und unbestimmt ist Es gibt Menschen welche nicht warten bis sie die
Bedeutung der gewöhnlichen Worte ihrer Sprache gelernt haben und die
Vorstellung, die sie mit einem Worte verbinden beinah so oft wechseln als sie
sich des Wortes bedienen Wer dies tut weil er nicht sicher ist was er zB
bei seiner Vorstellung von Kirche und Götzendienst weglassen oder zusetzen soll
wenn er an eines von beiden denkt und wer nicht an eine bestimmte Verbindung
einfacher Vorstellungen dabei festhält hat eine verworrene Vorstellung von
Kirche und Götzendienst und zwar aus demselben Grunde wie oben nämlich weil
eine veränderliche Vorstellung wenn dies von einer Vorstellung angenommen
werden darf so gut mit dem einen Namen wie mit dem andern belegt werden kann;
damit verliert sie den Unterschied, der durch die einzelnen Worte ausgedrückt
werden soll
10 Eine verworrene Vorstellung ohne Rücksicht auf ihre Namen ist schwer
aufzufinden Hieraus kann man abnehmen wie die Worte als angenommene feste
Zeichen der Dinge, und wie deren Unterschiede um die Unterschiede der Dinge
auszudrücken der Anlass werden Vorstellungen deutlich oder verworren zu
nennen indem die Seele im Stillen und Unbemerkt ihre Vorstellungen auf solche
Worte bezieht Man wird dies noch mehr verstehen wenn man das gelesen und
erwogen haben wird was ich in dem dritten Bache aber die Worte sage Ohne
Beachtung dieser Beziehung der Vorstellungen auf bestimmte Worte als den
Zeichen bestimmter Dinge dürfte es schwer sein zu sagen was eine verworrene
Vorstellung ist. Wird deshalb durch ein Wort eine Art von Dingen oder ein
einzelnes Ding zum Unterschied von andern bezeichnet so ist die
zusammengesetzte Vorstellung, die man an dieses Wort knüpft um so bestimmter
je mehr besondert die Vorstellungen sind und je großer und bestimmter die Zahl
und Ordnung derselben ist aus denen jene gebildet worden ist Je mehr die
zusammengesetzte Vorstellung aus solchen gebildet ist desto mehr hat sie
erkennbare Unterschiede durch die sie von allen zu andern Worten gehörenden
Vorstellungen getrennt gehalten werden kann, und selbst von denen welchen sie
am nächsten steht Dadurch ist jede Verwirrung mit denselben vermieden
11 Die Verworrenheit betrifft immer zwei Vorstellungen.) Die
Verworrenheit welche die Unterscheidung zweier Dinge erschwert betrifft immer
zwei Vorstellungen, und am meisten die welche einander am nächsten stehen Hat
man daher Verdacht dass eine Vorstellung verworren sei so muss man
untersuchen welche andere mit ihr verwechselt werden kann, oder von welcher sie
nicht leicht zu unterscheiden ist und man wird dann immer finden dass letztere
einem andern Worte zugehört und deshalb ein besonderes Ding betrifft von dem
sie noch nicht gehörig gesondert ist, indem sie entweder mit jener ein und
dasselbe ist oder einen Teil jener ausmacht oder wenigstens ebenso gut mit dem
Worte benannt werden kann, unter das jene gestellt ist und deshalb nicht den
Unterschied von der andern Vorstellung innehält welchen die verschiedenen Worte
anzeigen
12 Die Ursachen der Verworrenheit Dies ist die den Vorstellungen
eigene Verworrenheit welche immer eine geheime Beziehung auf Worte mit sich
führt Wenigstens bringt diese Verworrenheit die Gedanken und Reden der Menschen
am meisten in Unordnung weil die mit Worten bezeichneten Vorstellungen
diejenigen sind womit man am meisten im Denken sich beschäftigt und immer die
mittelst welcher man Andern sich mittheilt Sobald daher zwei als verschieden
angenommene Vorstellungen mit zwei verschiedenen Worten bezeichnet werden diese
Vorstellungen aber nicht so leicht wie die Laute unterscheidbar sind so ist
immer eine Verworrenheit vorhanden wo aber die Vorstellungen, die durch diese
zwei verschiedenen Laute bezeichnet werden wirklich verschieden sind da kann
zwischen ihnen keine Verwirrung entstehen Das Mittel diese zu verhindern ist
so bestimmt als möglich in eine zusammengesetzte Vorstellung alle ihre
Bestandteile zu sammeln und zu verbinden wodurch sie ihren unterschied von
andern erhält und diesen so in bestimmter Zahl und Ordnung verbundenen
Vorstellungen immer denselben Namen zu geben Da dies indes weder der
Bequemlichkeit noch der Eitelkeit der Menschen sondern nur der nackten Wahrheit
dient die man nicht immer erstrebt so bleibt solche Sorgfalt mehr zu wünschen
als zu hoffen Die lockere Verbindung der Worte mit unbestimmten veränderlichen
oder beinah gar keinen Vorstellungen hilft sowohl der eigenen Unwissenheit als
sie Andere verlegen und verwirrt macht Da dies für Gelehrsamkeit und
Überlegenheit im Wissen gilt so ist es kein Wunder dass alle Welt diese
Mittel für sich selbst benutzt und es bei Andern beklagt Obgleich durch
Sorgfalt und Unbefangenheit ein großer Teil der verworrenen Begriffe vermieden
werden kann, so dürfte doch schwerlich immer der Wille dazu vorhanden sein
Manche Vorstellungen sind so zusammengesetzt und bestehen aus so vielen Teilen
dass dieselbe genaue Verbindung ihrer einfachen Vorstellungen unter einem Namen
nicht immer im Gedächtnis festgehalten wird und noch weniger kann man
erraten für welche bestimmte zusammengesetzte Vorstellung dies Wort von einem
Andern gebraucht zu werden pflegt Der erste Grund führt zur Verwirrung in dem
eigenen Denken und Meinen der andere zu häufigen Verwirrungen im Sprechen und
Streiten mit Andern Da ich über die Worte ihre Mängel und ihren Missbrauch in
dem folgenden Buche ausführlicher handle so breche ich hier ab
13 Zusammengesetzte Vorstellungen können zum Teil klar zum Teil
verworren sein Da die zusammengesetzten Vorstellungen aus einer Anzahl
verschiedener einfacher bestehen so können sie zum Teil sehr klar und deutlich
und zum Teil verworren und dunkel sein Wenn Jemand von einem Chiliedron oder
Tausendeck spricht so kann seine Vorstellung von dessen Figur sehr verworren
sein obgleich die der Zahl sehr klar ist und weil er über diesen Teil seiner
zusammengesetzten Vorstellung welcher von der Zahl 1000 abhängt sprechen und
streiten kann meint er vielleicht eine klare Vorstellung von dem Tausendeck zu
besitzen obgleich er keine bestimmte Vorstellung von dessen Gestalt hat und es
deshalb nicht von einer Figur unterscheiden kann die nur 999 Ecken hat die
Nichtbeachtung dessen veranlasst viele Irrtümer im Denken und viel Verwirrung
im Gespräch
14 Wird dies nicht beachtet so entsteht Verwirrung in den Beweisen
Wer meint er habe eine deutliche Vorstellung von der Gestalt eines Tausendecks
mag zur Probe ein anderes Stück desselben Stoffes und gleicher Größe zB von
Wachs oder Gold nehmen und daraus eine Gestalt von 999 Ecken machen er wird
unzweifelhaft diese beiden Vorstellungen von einander durch die Zahl der Ecken
unterscheiden können und hierüber deutlich sprechen und Sätze aufstellen können
wenn er sich dabei bloß auf den Teil dieser Vorstellungen beschränkt der sich
auf die Zahl bezieht er wird zB darlegen können dass die Ecken der einen
Gestalt in zwei gleiche Hälften geteilt werden können, die der andern aber
nicht will er sie aber nach ihrer Gestalt unterscheiden so wird er sofort
stecken bleiben und in seiner Seele schwerlich zwei so bestimmt unterschiedene
Gestalten bilden können wie wenn das eine Goldstück zu einem Würfel und das
andere zu einem Fünfeck geformt worden wäre Mit solchen mangelhaften
Vorstellungen kann man leicht sich selbst täuschen oder mit Andern darüber in
Streit geraten namentlich wenn sie besondere und bekannte Namen haben Denn
man begnügt sich dabei mit dem klaren Theile während der bekannte Name auf die
ganze Vorstellung angewendet wird die auch den unvollständigen und dunkeln
Teil befasst und neigt so dazu den Namen auch für diesen verworrenen Teil zu
gebrauchen und Ausführungen darauf eben so sicher zu stutzen wie es für den
deutlichen Teil geschieht
15 Ein Beispiel von der Ewigkeit So gebraucht man oft das Wort
Ewigkeit und meint eine bejahende umfassende Vorstellung davon zu haben dh
dass jeder Teil einer solchen Dauer klar in dieser Vorstellung enthalten sei
Vielleicht hat man nun dabei wohl die klare Vorstellung der Dauer, und
vielleicht auch die von einer großen Länge der Dauer und von der Vergleichung
dieser mit einer noch größeren allein man vermag nicht in seiner Vorstellung
der Dauer, sei sie auch noch so groß die ganze Ausdehnung einer endlosen Dauer
einzuschließen und deshalb ist dieser Teil seiner Vorstellung welcher über
die Grenzen der langen Dauer noch hinaus geht dunkel und unbestimmt Daher
gerät man bei Streitigkeiten oder Ausführungen über die Ewigkeit oder ein
anderes Unendliche leicht in Irrtümer und offenbaren Widersinn
16 Die Teilbarkeit des Stoffes.) Bei dem Stoff hat man keine klare
Vorstellung von der Kleinheit der Theile die noch viel kleiner als die
kleinsten erkennbaren sind deshalb kann man bei dem Reden über die unendliche
Teilbarkeit des Stoffes klare Vorstellungen von Teilung und Teilbarkeit und
auch von den aus dem Ganzen erlangten Teilen haben allein man hat nur eine
dunkele und verworrene Vorstellung von den Körperchen dieser Teilung wenn sie
dadurch so klein werden dass sie nicht mehr wahrnehmbar sind So ist nur die
Teilung überhaupt oder in ihrer Trennung und die Beziehung zwischen Ganzem und
Teil klar und deutlich aber von der Masse eines aus solcher ins Unendliche
fortgesetzten Teilung gewonnenen Körperchens dürfte man keine klare und
deutliche Vorstellung haben Denn man nehme das kleinste Staubteilchen was man
je gesehen hat und frage sich ob man eine deutliche Vorstellung von dem
100000sten und den 1000000sten Theile eines solchen habe abgesehen von der
Zahl an sich die mit der Ausdehnung nichts zu tun hat und wenn man meint
dass man die Vorstellung in dieser Weise verfeinern könne ohne sie aus dem
Gesicht zu verlieren so möge man noch zehn Ziffern zu jeder dieser Zahlen
hinzusetzen Eine solche Kleinheit anzunehmen ist nicht unvernünftig denn auch
diese Teilung bringt sie dem Ende der unendlichen Teilung nicht näher als die
erste in zwei Hälften ich gestehe dass ich von der verschiedenen Größe oder
Ausdehnung solcher kleinen Körperchen keine klare Vorstellung, habe vielmehr
ist sie von beiden Körperchen nur dunkel Wenn man daher von der endlosen
Teilung der Körper spricht so gerät die Vorstellung der Größe der
Körperteilchen welche die Unterlage der Teilung bildet bei fortgehender
Teilung bald in Verwirrung und verliert sich beinah in der Dunkelheit da die
Vorstellung, welche nur den Umfang bieten darf sehr verworren und dunkel sein
muss wenn man sie von der zehnmal größeren nur durch die Zahl unterscheiden
kann man hat deshalb wohl klare Vorstellungen von der 10 und der 1 aber nicht
von zwei solchen Ausdehnungen Deshalb gelten bei dem Gespräch über die
unendliche Teilbarkeit der Körper oder der Ausdehnung die klaren und deutlichen
Vorstellungen nur den Zahlen aber die klaren und deutlichen Vorstellungen der
Ausdehnung gehen mit Fortgang der Teilung bald ganz verloren und man hat von
solchen kleinen Teilchen überhaupt keine bestimmte Vorstellung mehr sie
beschränkt sich wie alle unsere Vorstellungen des Unendlichen zuletzt nur auf
das stete Zusetzen von Zahlen ohne die bestimmte Vorstellung wirklich er
unendlicher Teilchen zu erreichen Man hat zwar eine klare Vorstellung von der
Teilung aber damit hat man so wenig eine klare Vorstellung von dem
unendlichkleinen Theile als von der unendlichen Zahl obgleich man jede
bestimmte Zahl vergrößern kann; deshalb enthält die endlose Teilbarkeit so
wenig eine bestimmte Vorstellung von wirklich unendlichkleinen Teilen wie die
endlose Vermehrbarkeit wenn ich mich so ausdrücken darf eine klare und
deutliche Vorstellung von einer wirklichen unendlichgroßen Zahl gibt bei
beiden denkt man nur an die Macht die Zahl sei sie auch noch so groß immer
noch vermehren zu können Deshalb hat man von dem noch Übrigen was hinzugehört
und worin die Unendlichkeit besteht nur eine verworrene und dunkle
Vorstellung und deshalb kann man nicht bestimmt und klar darüber sprechen und
Ausführungen machen wie man dies auch in der Arithmetik nicht für Zahlen kann
deren Vorstellungen nicht so klar und deutlich sind wie die von 4 oder 100
sondern von denen man sich nur dunkel vorstellt dass sie grösser sind als jede
mit der man sie vergleicht Man hat ebensowenig eine klare Vorstellung von
ihnen wenn man sie grösser oder als mehr wie 400000000 vorstellt als wenn
man sagt sie ist grösser als 40 oder 4 denn 400000000 stehen
verhältnismäßig dem Ende des Vermehrens oder Zusetzens nicht näher als 4 da
Der welcher nur 4 zu 4 setzt und so fortfährt ebenso so schnell zu dem Ende
des Vermehrens gelangt wie Der welcher 400 Millionen zu 400 Millionen zusetzt
Dasselbe gilt für die Ewigkeit wer die Vorstellung von 4 Jahren hat dessen
Vorstellung von der Ewigkeit ist ebenso viel beziehend als Der welcher die
Vorstellung von 400 Millionen Jahren hat denn das bei ihnen an der Ewigkeit
noch Fehlende ist bei dem Einen so klar wie bei dem Andern dh Keiner von
Beiden hat überhaupt eine bejahende Vorstellung von der Unendlichkeit Der
welcher immer fort 4 Jahr zu 4 Jahren setzt wird die Ewigkeit so schnell
erreichen wie Der welcher 400 Millionen Jahre an einander setzt denn wenn auch
der Zuwachs noch so groß vorgestellt wird so bleibt doch der Rest immer noch
so weit diesseits des Endes solcher Vermehrung wie er es bei der Länge eines
Tages oder einer Stunde ist Kein Endliches hat ein Verhältnis zu dem
unendlichen und deshalb haben es auch unsere Vorstellungen nicht, die sämtlich
endlich sind So verhält es sich also mit der Vorstellung der Ausdehnung sowohl
bei ihrer Vermehrung durch Hinzusetzen wie bei ihrer Verminderung durch Teilen
wenn man damit die Unendlichkeit erreichen will Nach wenigen Verdoppelungen
solcher Ausdehnung welche die größte uns bekannte ergibt verlieren wir die
klare Vorstellung ihrer Größe sie wird verworrengroß mit dem Zusatz von immer
Mehr Will man nun darüber streiten und Beweise führen so gerät man allemal in
Verlegenheit da Ableitungen und Beweise von verworrenen Stücken unserer
Vorstellungen immer wieder zur Verwirrung führen müssen
1 Wirkliche Vorstellungen entsprechen ihren Mustern Neben dem bisher
Erwähnten kann man die Vorstellungen auch in Beziehung auf die Dinge betrachten
von denen sie entnommen sind oder die sie wie man annimmt darstellen Man kann
sie dann in dreifacher Weise enteilen sie sind dann 1 entweder wirkliche oder
eingebildete 2 entsprechende oder nicht entsprechende und 3 wahre oder
falsche Vorstellungen Unter wirklichen Vorstellungen verstehe ich die welche
in der Natur eine Grundlage haben und mit dem wirklichen Sein und Bestehen der
Dinge oder mit ihren Vorbildern übereinstimmen Eingebildet oder chimärisch
nenne ich die welche in der Natur keine Grundlage haben und mit der
Wirklichkeit der Dinge nicht übereinstimmen auf welche sie im Stillen als ihre
Muster bezogen werden. Untersucht man die früher erwähnten verschiedenen Arten
der Vorstellungen, so findet man
2 Die einfachen Vorstellungen sind alle wirklich Erstens dass die
einfachen Vorstellungen sämtlich wirklich sind und der Wirklichkeit der Dinge
entsprechen wenn sie auch nicht alle die Bilder oder Darstellung des Daseienden
sind indem ich schon das Gegenteil davon bei allen Eigenschaften der Körper
mit Ausnahme der ersten Eigenschaften dargelegt habe Wenn aber auch das Weiße
und Kalte so wenig wie der Schmerz im Schnee enthalten ist, so sind diese
Vorstellungen von Weiß, Kalt Schmerz die Wirkungen von Kräften der Dinge
außerhalb unserer die nach der Bestimmung des Schöpfers solche Empfindungen in
uns hervorbringen sollen und sie sind deshalb wirkliche Vorstellungen durch
die man die wirklich in den Dingen enthaltenen Eigenschaften erkennt Denn diese
verschiedenen Empfindungen sollen das Mittel sein wodurch man die Dinge mit
denen man verkehrt erkennt und unterscheidet und deshalb erfüllen diese
Vorstellungen diese Zwecke ebenso gut und sind wirklich unterscheidende Zeichen
mögen sie nur regelmäßige Wirkungen oder genaue Bilder des in den Dingen
enthaltenen Inhaltes sein da die Wirklichkeit in dem beständigen Zusammenhange
liegt in dem die Vorstellungen mit bestimmten Zuständen der Dinge stehen Es
ist dabei gleichgültig ob diese Zustände als Ursachen oder als Muster
auftreten es genügt dass die Vorstellungen regelmäßig von ihnen
hervorgebracht werden. Deshalb sind alle einfachen Vorstellungen wirklich und
wahr denn sie entsprechen und stimmen zu den Kräften der Dinge, von denen sie
in der Seele hervorgebracht werden; dies genügt um sie zu wirklichen und nicht
zu beliebig erfundenen zu machen da bei den einfachen Vorstellungen wie ich
gezeigt habe die Seele ganz auf die Wirksamkeit der Dinge auf sich angewiesen
ist und über die empfangenen hinaus keine neuen sich machen kann
3 Die zusammengesetzten Vorstellungen sind willkürliche Verbindungen
Wenn auch die Seele bei den einfachen Vorstellungen sich ganz leidend verhält
so dürfte dies doch nicht für die zusammengesetzten Vorstellungen gelten denn
da sie Verbindungen von einfachen unter einem Namen befassten Vorstellungen
sind so hat die Seele offenbar eine gewisse Freiheit bei deren Bildung denn
sonst könnte die Vorstellung des Goldes oder der Gerechtigkeit bei dem einen
Menschen nicht von der bei dem andern verschieden sein Dies ist nur dadurch
möglich dass der Eine gewisse einfache Vorstellungen dabei zugesetzt oder
weggelassen hat während der Andere dies nicht getan hat Es fragt sich daher
welche zusammengesetzte Vorstellungen wirklich und welche nur eingebildet sind
Welche Sammelvorstellung mit der Wirklichkeit der Dinge stimmt und welche nicht
Hierauf antworte ich
4 Gemischte Zustände die aus Vorstellungen gebildet sind welche sich
mit einander vertragen sind wirklich Gemischte Zustände und Beziehungen haben
keine andere Wirklichkeit als die welche sie in der menschlichen Seele
besitzen und deshalb ist, um sie zu wirklichen zu machen nur nötig sie so zu
bilden dass ein Ding, möglicherweise ihnen entsprechend bestehen kann Da
diese Vorstellungen ihre eigenen Muster sind so können sie von ihrem Muster
nicht abweichen und deshalb können sie nicht chimärisch sein ausgenommen wenn
man mit einander unverträgliche Vorstellungen verbindet Allerdings haben manche
dieser Vorstellungen in den bekannten Sprachen ihre Namen durch die Der
welcher diese Vorstellungen hat sie einem Andern mittheilen kann und deshalb
genügt die bloße Möglichkeit des Bestehens des Gegenstandes nicht sondern sie
müssen der gewöhnlichen Bedeutung des ihnen gegebenen Namens entsprechen wenn
sie nicht als eingebildet gelten sollen Dies wäre zB der Fall wenn man die
Vorstellung, welche man gewöhnlich Freigebigkeit nennt Gerechtigkeit nennen
wollte Indes bezieht sich dies willkürliche Bilden mehr auf die
Eigentümlichkeit der Redeweise als auf die Wirklichkeit der Dinge. So ist der
Zustand eines Menschen der in der Gefahr ruhig bleibt und besonnen überlegt
was am besten zu tun sei und der dies standhaft ausführt ein gemischter
Zustand oder die zusammengesetzte Vorstellung eines Zustandes der wirklich sein
kann allein eine Ruhe in der Gefahr ohne dass man Vernunft und Anstrengung
dabei gebraucht ist auch möglich und deshalb ist diese Vorstellung so wirklich
wie jene allein jene hat den Namen Muth erhalten und kann mit Rücksicht auf
diesen Namen eine falsche oder richtige Vorstellung sein während die andere
welche keinen gebräuchlichen Namen aus einer bekannten Sprache erhalten hat
nicht entstellt werden kann, weil sie nicht in Bezug auf einen bestimmten
vorhandenen Zustand gebildet worden ist.
5 Die Vorstellungen von Substanzen sind wirklich wenn sie mit dem
Dasein von Dingen übereinstimmen Die zusammengesetzten Vorstellungen von
Substanzen sind sämtlich in Bezug auf äußere bestehende Dinge gebildet worden
und sollen Darstellungen derselben so sein wie sie wirklich sind sie sind
deshalb nur so weit wirklich als sie solche Verbindungen einfacher
Vorstellungen sind die als wirklich so verbundene und zusammenbestehende Dinge
äußerlich bestehen Dagegen sind diejenigen eingebildete welche aus solchen
Zusammenfassungen einfacher Vorstellungen gebildet sind die in dieser
Verbindung niemals bestanden haben und in keiner Substanz so angetroffen werden.
Dahin gehören zB die Vorstellungen, eines vernünftigen Geschöpfes mit einem
Pferdekopf und einem Menschenleib wie die Zentauren beschrieben werden oder
von einem gelben biegsamen schmelzbaren und dichten Körper der aber leichter
als Wasser ist oder von einem einförmigen unorganisierten Körper der dem
Ansehen nach aus lauter gleichen Teilen besteht und mit dem die Wahrnehmung
und das freiwillige Bewegen verbunden ist Ob dergleichen Substanzen
möglicherweise bestehen können oder nicht weiß man nicht allein sei dem wie
man wolle so sind doch diese Vorstellungen von Substanzen nach keinem
bestehenden Muster so viel man weiß gebildet und sie befassen Vorstellungen,
die man in keiner Substanz noch beisammen gefunden hat deshalb können sie nur
als reine Erdichtungen gelten Noch mehr gilt dies von solchen zusammengesetzten
Vorstellungen bei denen ihre Theile mit einander unverträglich sind oder
einander widersprechen
1 Entsprechende Vorstellungen sind die welche ihre Muster vollkommen
darstellen Von den wirklichen Vorstellungen sind manche entsprechend und
andere nicht Entsprechend nenne ich die welche vollkommen die Muster
darstellen von denen man sie abgenommen hält als deren Bezeichnungen man sie
nimmt und auf die man sie bezieht Nicht entsprechend sind die Vorstellungen,
welche nur teilweise oder unvollständig die Muster darstellen auf die sie
bezogen werden. Hierbei ist klar
2 Die einfachen Vorstellungen sind sämtlich entsprechend Erstens
dass alle einfachen Vorstellungen entsprechend sind denn sie sind nur die
Wirkungen gewisser Kräfte in den Dingen, die Gott so eingerichtet und geordnet
hat dass sie solche Vorstellungen in dem Menschen erwecken Deshalb müssen sie
mit diesen Kräften übereinstimmen und ihnen entsprechen und man ist sicher
dass sie der Wirklichkeit der Dinge angemessen sind Denn wenn der Zucker die
Vorstellung von Weiß und Süß erregt so ist man sicher dass der Zucker die
Kraft diese Vorstellung hervorzubringen besitzt da sie ohnedem vom Zucker
nicht hätten hervorgebracht werden können. So entspricht also jede Wahrnehmung
einer auf einen unserer Sinne einwirkenden Kraft und deshalb ist die
hervorgebrachte Vorstellung eine wirkliche und keine Einbildung der Seele
welche keine einfachen Vorstellungen hervorbringen kann die entsprechend sein
muss weil sie lediglich dieser Kraft entsprechen muss Deshalb sind alle
einfachen Vorstellungen entsprechende Allerdings werden die Dinge, welche diese
einfachen Vorstellungen erregen nur in den wenigsten Fällen so benannt als
wären sie nur die Ursachen dieser Vorstellungen, sondern als wären sie wirklich
in den Dingen enthalten So wird das Feuer zwar schmerzlich für das Gefühl
genannt was nur die Kraft diesen Schmerz in uns zu erwecken bezeichnet aber
es heißt auch leuchtend und heiß als wenn Beides in dem Feuer etwas
Wirkliches und mehr als eine bloße diese Vorstellungen in uns hervorbringende
Kraft wäre und sie heißen deshalb Eigenschaften des Feuers oder in dem Feuer
Allein da sie in Wahrheit nur Kräfte sind durch welche diese Vorstellungen
erweckt werden so möchte ich auch in diesem Sinne verstanden werden wenn ich
von zweiten Eigenschaften als in den Dingen enthalten spreche oder von ihren
Vorstellungen als wenn die Gegenstände sie erweckten Diese Ausdrucksweise ist
des Verständnisses wegen dem gewöhnlichen Vorstellen angepasst worden aber in
Wahrheit sollen damit nur die Kräfte in den Dingen bezeichnet werden welche
diese Wahrnehmungen oder Vorstellungen erwecken denn gäbe es keine geeigneten
Organe für die Eindrücke welche das Feuer auf das Auge und Gefühl macht und
wäre die Seele nicht mit diesen Organen verbunden um so die Vorstellungen von
Licht und Hitze von denselben vermittelst der Eindrücke des Feuers oder der
Sonne zu empfangen so würde es ebensowenig Hitze und Licht in der Welt geben
wie Schmerzen wenn das Geschöpf fehlte was sie fühlen könnte obgleich die
Sonne genau so wie jetzt bestehen und der Ätna seine Flammen höher wie jetzt
schleudern könnte Die Dichtheit und Ausdehnung und deren Begrenzung die
Gestalt mit Bewegung und Ruhe von denen man die Vorstellungen hat würden
dagegen ebenso wie jetzt wirklich in der Welt bestehen möchte ein Wesen da
sein was sie wahrnähme oder nicht deshalb ist man berechtiget sie als
wirkliche Besonderungen des Stoffes anzusehen welche für alle andern
Wahrnehmungen bei den Körpern die erregenden Ursachen sind Indes gehört diese
Untersuchung nicht hierher ich gehe daher nicht weiter darauf ein sondern will
weiter zeigen welche zusammengesetzte Vorstellungen als entsprechende gelten
können und welche nicht
3 Die ZustandsVorstellungen sind sämtlich entsprechend Zweitens
müssen die zusammengesetzten Vorstellungen von Zuständen da sie willkürliche
Zusammenfassungen einfacher Vorstellungen sind welche die Seele ohne Rücksicht
auf wirkliche oder feste Muster zusammenstellt immer entsprechende
Vorstellungen sein weil sie keine Abbilder wirklich bestehender Dinge sein
sollen sondern nur Muster welche die Seele gebildet hat um die Dinge danach
zu ordnen und zu benennen mithin ihnen nichts fehlen kann Sie haben vielmehr
diejenige Verbindung einfacher Vorstellungen, und damit die Vollkommenheit
welche die Seele ihnen geben wollte und bei der die Seele sich beruhigt und
nichts vermisst Wenn ich zB die Vorstellung einer Figur mit drei an drei
Winkeln sich treffenden Seiten habe so habe ich eine vollständige Vorstellung
an der mir zu ihrer Vollkommenheit nichts fehlt Dass die Seele mit dieser
Vollkommenheit ihrer Vorstellung zufrieden ist erhellt daraus dass sie nicht
fassen kann wie Jemand eine vollständigere oder vollkommenere Vorstellung von
dem mit dem Wort Dreieck bezeichneten Dinge dann haben kann wenn es besteht
als sie selbst in der zusammengesetzten Vorstellung von drei Seiten und drei
Winkeln bereits besitzt in der Alles enthalten ist, was wesentlich ist oder
sein könnte oder notwendig um sie zu vervollständigen wo und wie das Ding
selbst auch bestehen mag Dagegen verhält es sich mit den Vorstellungen von
Substanzen anders Hier verlangt man ein Abbild wirklich bestehender Dinge,
welche deren Verfassung darstellen sollen von welcher deren Eigenschaften
abhängen und da man bemerkt dass die Vorstellungen diese Vollkommenheit
niemals erreichen und dass ihnen allen etwas fehlt was man noch gern darin
hätte so sind sie alle nichtentsprechend Aber gemachte Zustandsvorstellungen
und Beziehungen sind Bilder ohne Vorbilder sollen nur sich selbst darstellen
und müssen deshalb entsprechend sein da jedes Ding sich zu sich selbst
entsprechend verhält Wer zuerst die Vorstellung einer erkannten Gefahr der
Abwesenheit aller Störung durch Furcht und der ruhigen Überlegung was zu tun
sei und dessen feste Ausführung ohne von der Gefahr sich abschrecken zu
lassen zusammenfasste hatte unzweifelhaft in seiner Seele die aus dieser
Verbindung zusammengesetzten Vorstellungen, und indem er nichts weiter als diese
selbst wollte und keine andern einfachen Vorstellungen in ihr suchte als die
welche sie hatte so konnte sie auch nur eine entsprechende Vorstellung sein
und indem er sie mit dem daran geknüpften Namen »Muth« in sein Gedächtnis
aufnahm um sie Andern zu bezeichnen und die damit übereinstimmenden Handlungen
danach zu benennen hatte er damit einen Maßstab um daran die
übereinstimmenden Handlungen zu messen und danach zu benennen Die so gebildete
und als Muster aufbewahrte Vorstellung musste notwendig entsprechend sein da
sie nur sich auf sich bezog und keinen andern Ursprung hatte als das Belieben
und den Willen Dessen der zuerst diese Verbindung gebildet hatte
4 Dagegen können ZustandsVorstellungen in Bezug auf feste Namen
nichtentsprechend sein Kommt ein Anderer nach ihm und hört er von ihm in der
Unterhaltung das Wort Muth so kann Dieser leicht eine Vorstellung bilden und
Muth nennen welche von der des ersten Urhebers die dieser bei Gebrauch des
Wortes im Sinne hat abweicht und wenn in diesem Falle der Andere will dass
diese Vorstellung der des Ersten so entspreche wie der Name derselben im Klange
dem Namen des Ersten entspricht von dem er ihn gelernt hat so kann seine
Vorstellung schlecht und nichtentsprechend sein weil er in diesem Falle die
Vorstellung des Ersten zu seinem Muster nimmt und deshalb seine Vorstellung
insofern mangelhaft und nicht entsprechend ist als sie von dem Muster auf das
sie sich bezieht abweicht und er doch sie mit demselben Wort bezeichnen will
denn er möchte dass dieser Name das Zeichen für die Vorstellung Jenes welcher
es vor seinem eigentlichen Gebrauche zunächst angeheftet war und für seine
eigne wäre als stimmten beide überein und deshalb ist seine Vorstellung
fehlerhaft und nichtentsprechend sofern sie diese Forderung nicht genau
erfüllt
5 Deshalb können diese zusammengesetzten Vorstellungen von Zuständen
durch ihre Beziehung und beabsichtigte Übereinstimmung mit Vorstellungen eines
andern vernünftigen Wesens und durch ihre Bezeichnung mit den gebräuchlichen
Worten sehr mangelhaft schlecht und nichtentsprechend werden indem sie dem
nicht entsprechen was als ihr Original und Urbild genommen ist in dieser
Hinsicht allein können auch die Vorstellungen von gemischten Zuständen schlecht
unvollkommen und nicht entsprechend werden und nach dieser Rücksicht sind diese
Vorstellungen am meisten der Fehlerhaftigkeit unterworfen obwohl dies mehr auf
die Ausdrucksweise als auf das richtige Wissen sich bezieht
6 Die Vorstellungen von Substanzen sind in Beziehung auf wirkliche
Wesenheiten nicht entsprechend Drittens habe ich oben gezeigt welche
Vorstellungen von Substanzen man hat Diese haben nun in der Seele eine
zwiefache Beziehung 1 manchmal werden sie auf das wirkliche Wesen bezogen was
man in jeder Art von Dingen voraussetzt und 2 sollen sie manchmal mir Bilder
oder Darstellungen von Dingen in der Seele bezeichnen welche durch
Vorstellungen solcher Eigenschaften bestehen die in ihnen erkennbar sind In
beiden Fällen sind die Abbilder dieser Originale und Muster unvollkommen und
nicht entsprechend
Erstens ist es gebräuchlich Namen für Dinge aufzustellen die angeblich
gewisse Wesenheiten haben vermöge deren sie zu dieser oder jener Art gehören
und wenn Namen nur Vorstellungen in der Seele bezeichnen so müssen diese auf
solche wirkliche Wesenheiten als ihre Muster bezogen werden. Dass man
namentlich wenn man die Wissenschaften so wie in diesem Theile der Welt
gelehrt bekommen hat gewisse eigentümliche Wesenheiten der Substanzen annimmt
denen jedes Exemplar der betreffenden Art entsprechend gebildet ist und an
denen es Teil hat bedarf keines Beweises ja man würde jede andere Ansicht
für seltsam halten Deshalb gibt man gewöhnlich die eigentümlichen Namen
unter die man die besonderen Substanzen ordnet den Dingen, als wenn sie durch
solche besondere wirkliche Wesenheiten sich unterschieden Wer würde es nicht
übelnehmen wenn man zweifelte dass er sich nur deshalb einen Menschen nenne
weil er die wirkliche Wesenheit eines solchen habe Und doch weiß man auf die
Frage was diese Wesenheiten sind nichts zu antworten und kennt sie nicht
Deshalb müssen die Vorstellungen, die sich auf solche wirkliche Wesenheiten als
auf ihre unbekannten Muster beziehen nichtentsprechend sein ja sie können
überhaupt nicht als Darstellungen jener Wesenheiten gelten unsere
zusammengesetzten Vorstellungen von Substanzen sind wie ich gezeigt habe
Zusammenfassungen einfacher Vorstellungen, von denen man bemerkt hat oder
annimmt dass sie immer beisammen bestehen Eine solche zusammengesetzte
Vorstellung kann aber nicht das wirkliche Wesen einer Substanz sein sonst
müssten die Eigenschaften eines solchen Körpers von dieser zusammengesetzten
Vorstellung abhängen daraus ableitbar sein und ihre notwendige Verknüpfung
müsste bekannt sein wie zB alle Eigenschaften eines Dreiecks soweit sie
entdeckbar sind von der zusammengesetzten Vorstellung dreier Linien die einen
Raum einschließen abhängen und daraus abgeleitet werden können. Allein
offenbar enthalten unsere zusammengesetzten Vorstellungen der Substanzen nicht
solche Vorstellungen, von denen alle andern an ihnen bemerkten Eigenschaften
abhängen Die gewöhnliche Vorstellung von Eisen ist die eines Körpers von
bestimmter Farbe Gewicht und Härte eine weitere Eigentümlichkeit die ihm
zugehört ist die Hämmerbarkeit aber sie hat keine notwendige Verknüpfung mit
dieser so zusammengesetzten Vorstellung oder einem ihrer Theile und man kann
ebenso gut annehmen dass die Farbe das Gewicht von dieser Hämmerbarkeit
abhänge wie umgekehrt diese von jenen Obgleich man also nichts von diesen
wirklichen Wesenheiten kennt so ist doch nichts gewöhnlicher als dass die
Arten der Dinge auf solche Wesenheiten zurückgeführt werden Das Stückchen
Stoff was den Ring an meinem Finger bildet hat nach Annahme der meisten
Menschen eine wirkliche Wesenheit wodurch es Gold ist und wovon alle
Eigenschaften herkommen die man darin bemerkt wie die eigentümliche Farbe
das Gewicht die Härte die Schmelzbarkeit die Feuerbeständigkeit und der
Wechsel der Farbe bei Berührung mit Quecksilber usw Forsche ich aber nach der
Wesenheit aus der all diese Eigenschaften abfließen so zeigt sich klar dass
ich sie nicht finden kann das Weiteste ist die Annahme, dass da es sich nur um
einen Körper handelt sein wirkliches Wesen oder seine innere Verfassung von
der diese Eigenschaften abhängen nur aus der Gestalt Größe und der Verbindung
seiner dichten Theile bestehe und da ich von diesen keine bestimmte Wahrnehmung
habe so kann ich auch keine Vorstellung von seinem Wesen haben welches seine
besondere glänzende gelbe Farbe sein schwerstes Eigengewicht von allen Dingen
und seine Fähigkeit die Farbe bei Berührung mit Quecksilber zu verändern
verursache Will Jemand behaupten dass das wirkliche Wesen und die innere
Verfassung von denen diese Eigenschaften abhängen nicht die Gestalt Größe
und die Ordnung oder Verbindung seiner dichten Theile sondern etwas Anderes
sei und dies seine eigentliche Form nennen so weiß ich dann von seinem
wirklichen Wesen noch weniger wie vorher denn ich habe wenigstens im
Allgemeinen eine Vorstellung von Gestalt Größe und Lage dichter Theile wenn
ich auch die besondere Gestalt Größe und Zusammensetzung der Theile nicht
kenne woraus die erwähnten Eigenschaften hervorgehen die ich an dem besonderen
Stück Stoff an meinem Finger bemerke und nicht an jenem andern Stück Stoff mit
dem ich meine Schreibfeder geschnitten habe Sagt man mir aber dass Etwas neben
der Gestalt Größe und Stellung der dichten Theile dieses Körpers sein Wesen
sei was die substantielle Form heiße so gestehe ich dass ich davon gar keine
Vorstellung habe sondern nur von dem Worte Form die aber weit abliegt von der
Vorstellung seines wirklichen Wesens oder seiner Verfassung Ebenso unwissend
wie hier bin ich auch über das wirkliche Wesen aller andern natürlichen
Substanzen ich habe von ihnen allen keine bestimmte Vorstellung und ich möchte
glauben dass es Andern wenn sie ihr Wissen näher prüfen nicht besser geht
7 Wird nun diesem besonderen Stück Stoff an meinem Finger ein allgemeiner
bereits gebräuchlicher Name gegeben und es Gold genannt so geschieht es oder
man nimmt an dass es deshalb geschehe weil dieser Name zu einer besonderen Art
von Körpern gehört die ein inneres Wesen haben wodurch diese besondere
Substanz zu dieser Art gehört und so genannt wird Ist dem so was offenbar der
Fall ist, so muss der Name welcher die Dinge mit diesem angeblichen Wesen
bezeichnet zunächst auf diese Wesen sich beziehen und folglich muss auch die
mit diesem Namen bezeichnete Vorstellung auf dieses Wesen sich beziehen und
dasselbe darstellen Da nun aber Die welche diese Worte gebrauchen dieses
Wesen nicht kennen so müssen in dieser Beziehung all ihre Vorstellungen von
Substanzen nichtentsprechend sein weil sie das wirkliche Wesen nicht enthalten
was sie doch sollen
8 Die Vorstellungen der Substanzen als Zusammenfassungen ihrer
Eigenschaften sind sämtlich nichtentsprechend Zweitens lassen Andere diese
nutzlose Annahme unbekannter wirklicher Wesenheiten welche den Unterschied der
Substanzen bestimmen sollen bei Seite und suchen die in der Welt bestehenden
Substanzen dadurch abzubilden dass sie die Vorstellungen der in ihnen
angetroffenen Eigenschaften zusammenstellen Sie kommen allerdings dadurch der
Ähnlichkeit mit ihnen näher als Die welche sich wirkliche Wesenheiten
ausdenken die sie selbst nicht kennen indes gelangen auch sie dann nicht zu
vollkommen entsprechenden Abbildern dieser Substanzen und diese Abbilder
enthalten auch nicht genau und vollständig Alles was in ihren Originalen
angetroffen wird, weil diese Eigenschaften und Kräfte der Substanzen aus denen
ihre zusammengesetzten Vorstellungen gebildet werden, so zahlreich und
mannichfach sind dass keines Menschen zusammengesetzte Vorstellung sie
sämtlich befassen kann Es ist klar dass unsere abgezogenen Begriffe von
Substanzen nicht all die einfachen Vorstellungen enthalten die in denselben
vereint sind da man nicht einmal alle an der Substanz bekannten Eigenschaften
hinein verlegt weil man die Bedeutung ihrer Namen möglichst klar und leicht zu
machen sucht und deshalb die besonderen Vorstellungen der Arten der Substanzen
meist nur aus wenigen in ihnen gefundenen Bestimmungen bildet Da aber diese
ursprünglich keinen Vorrang und kein Recht dazu haben und sie das
Eigentümliche der Substanz nicht mehr als andere die ausgelassen werden
ausmachen so ist klar dass auf beiden Wegen diese Vorstellungen von Substanzen
mangelhaft und nichtentsprechend werden müssen Die einfachen Vorstellungen aus
denen die zusammengesetzten von Substanzen gebildet werden, sind sämtlich
Kräfte nur die Gestalt und die Masse einiger ausgenommen welche in
Beziehungen zu andern Substanzen bestehen und man kann deshalb niemals sicher
sein dass man alle in einem Körper enthaltenen Kräfte kenne ehe man nicht
erprobt hat welche Veränderungen der Körper in andern Substanzen bewirken oder
von ihnen je nach der verschiedenen Anwendung empfangen kann Diese Probe ist
indes schon bei einem Körper unmöglich geschweige bei allen und man kann
deshalb keine entsprechenden Vorstellungen von irgend einer Substanz haben die
all ihre Eigenschaften befasste
9 Wer zuerst ein Stück von der Substanz antraf die man Gold benennt
konnte allerdings vernünftiger Weise annehmen dass die an einem Klumpen
bemerkte Größe und Gestalt nicht von seinem wirklichen Wesen abhänge deshalb
gingen zwar beide in seiner Vorstellung von dieser Art Körper nicht mit ein
sondern nur die eigentümliche Farbe und vielleicht das Gewicht waren die ersten
Trennstücke aus denen er die Vorstellung dieser Art von Körpern zusammensetzte
Allein beide sind nur Kräfte von denen die eine unsere Augen so erregt dass
die Vorstellung des Gelben entsteht und die andere hebt einen Körper von
gleicher Größe aufwärts wenn man beide in die Schalen einer Wage legt Ein
Anderer fügte diesen vielleicht noch die Vorstellungen der Schmelzbarkeit und
Festigkeit hinzu was zwei andere leidende Kräfte sind die sich auf das gegen
Gold wirkende Feuer beziehen ein Anderer setzte weiter die Biegsamkeit und
Auflöslichkeit des Goldes in Königswasser hinzu zwei andere Kräfte die sich
auf die Wirksamkeit anderer Körper rücksichtlich der Veränderung der äußern
Gestalt oder die Trennung in nicht mehr wahrnehmbare Theile beziehen Diese
Eigenschaften oder ein Teil davon verbunden machen gewöhnlich die
zusammengesetzte Vorstellung von der Art der Substanzen aus die Gold heißt
10 Wer indes die Eigenschaften der Körper allgemein oder die von dieser
Art insbesondere untersucht hat ist nicht zweifelhaft dass das Gold noch viele
andere Eigenschaften hat die in dieser zusammengesetzten Vorstellung nickt
enthalten sind Wer das Gold näher untersucht wird wahrscheinlich noch zehnmal
mehr Eigenschaften vom Golde aufzählen können die von seiner Inneren Verfassung
ebenso untrennbar sind wie seine Farbe und sein Gewicht und wenn Jemand alle
Eigenschaften kennte welche den verschiedenen Personen von diesem Metalle
bekannt sind so würden hundertmal so viel Eigenschaften in die zusammengesetzte
Vorstellung des Goldes eintreten wie der Einzelne davon hat und doch wäre es
vielleicht noch nicht der tausendste Teil von denen die noch darin entdeckt
werden könnten da die Veränderungen welche diese Körper von andern erleiden
oder die er an diesen bewirken kann bei gehöriger Zusammenstellung derselben
nicht bloß das was man davon weiß sondern auch das was man davon sich
vorstellen kann weit übersteigen Dies wird Niemand sonderbar finden wenn er
bedenkt wie weit man noch von der Kenntnis aller Eigenschaften jener einen
nicht sehr zusammengesetzten Gestalt des Dreiecks entfernt ist wenn auch die
Anzahl seiner durch die Mathematiker entdeckten Eigenschaften schon sehr
erheblich ist
11 Die Vorstellungen von Substanzen als Zusammenfassungen ihrer
Eigenschaften sind sämtlich nichtentsprechend Demnach sind alle unsere
zusammengesetzten Vorstellungen von Substanzen unvollständig und
nichtentsprechend Dies würde auch für die mathematischen Gestalten gelten wenn
man deren zusammengesetzte Vorstellungen nur durch Sammeln ihrer
Eigentümlichkeiten rücksichtlich anderer Figuren erlangen könnte Wie unsicher
und unvollkommen würde die Vorstellung einer Ellipse sein wenn sie nur aus
einigen ihrer Eigenschaften gebildet wäre während wir jetzt in ihrer einfachen
Vorstellung das ganze Wesen dieser Figur haben von wo aus wir ihre
Eigenschaften entdecken und mittelst der Beweise sehen wie sie daraus
abfließen und davon untrennbar sind
12 Die einfachen Vorstellungen sind ektypa und entsprechend So hat die
Seele drei Arten von TrennVorstellungen oder WortWesen 1 einfache
Vorstellungen, welche ektypa oder Abbilder aber sicherlich entsprechende sind
denn sie sollen nur die Kraft in den Dingen bezeichnen welche in der Seele
bestimmte Wahrnehmungen hervorbringen deshalb können diese Wahrnehmungen wenn
sie hervorgebracht werden, nur die Wirkung solcher Kräfte sein So hat das
Papier worauf ich schreibe die Kraft im Hellen nach der gewöhnlichen Meinung
ausgedrückt die Weiß genannte Wahrnehmungsvorstellung hervorzubringen und sie
kann deshalb nur die Wirkung von einer solchen Kraft außerhalb der Seele sein
da die Seele nicht die Kraft hat solche Vorstellungen für sich hervorzubringen
Indem somit die einfache Vorstellung nur als die Wirkung einer solchen Kraft
gilt so ist sie wirklich und entsprechend und die Empfindung des Weiß in
meiner Seele ist weil sie nur die Wirkung dieser in dem Papier enthaltenen
Kraft ist dieser Kraft völlig entsprechend da sonst diese Kraft eine andere
Vorstellung hervorbringen würde
13 Die Vorstellungen von Substanzen sind ektypa aber nichtentsprechend
Zweitens sind auch die zusammengesetzten Vorstellungen der Substanzen Abbilder
aber keine vollständigen und entsprechenden was leicht begreiflich ist weil
man bei keiner Zusammenfassung der einfachen Vorstellungen einer bestehenden
Substanz sicher sein kann dass sie allen in der Substanz enthaltenen
entspricht denn man hat nicht alle Wirkungen anderer Substanzen auf sie
erprobt und nicht alle Veränderungen die sie von solchen erhält oder in ihnen
bewirkt erkannt und kann deshalb auch keine genau entsprechende
Zusammenfassung all ihrer tätigen und leidenden Vermögen haben Deshalb ist die
entsprechende zusammengesetzte Vorstellung der Kräfte irgend einer bestehenden
Substanz und ihrer Beziehungen welches diese Art der Vorstellungen von
Substanzen ist unmöglich Aber selbst wenn dies möglich wäre und man eine
solche Vorstellung aller zweiten Eigenschaften oder Kräfte einer Substanz haben
könnte so würde man damit doch noch keine Vorstellung von ihrem Wesen haben
denn die Kräfte oder wahrnehmbaren Eigenschaften sind nicht das wirkliche Wesen
der Substanz, sondern nur davon abhängig und daraus abfließend daher kann
keine Verbindung dieser Eigenschaften das wirkliche Wesen des Dinges sein
Hieraus erhellt, dass die Vorstellungen von den Substanzen nichtentsprechend und
nicht das sind was man verlangt Überdem fehlt dem Menschen die Vorstellung
der Substanz überhaupt und er weiß nicht was sie an sich ist.
14 Die Vorstellungen der Zustände und Beziehungen sind Urbilder und
müssen entsprechend sein Drittens sind die zusammengesetzten Vorstellungen der
Zustände und Beziehungen Urbilder Originale und keine Abbilder die nach dem
Muster eines Daseienden so gemacht sind dass sie ihnen genau entsprechen
sollen Es sind Verbindungen von einfachen Vorstellungen, welche die Seele
selbst macht und da solche Verbindungen genau so viel enthalten als sie nach
ihrer Absicht sollen so sind sie Urbilder und Wesenheiten von Zuständen die
möglicher Weise so bestehen können Sie sind also nur für solche Zustände
bestimmt und gehören nur zu solchen die wenn sie bestehen dann auch genau
damit übereinstimmen Deshalb müssen die Vorstellungen von Zuständen und
Beziehungen notwendig entsprechend sein
1 Die Wahrheit und der Irrtum gehören eigentlich nur Sätzen an
Obgleich die Wahrheit und der Irrtum eigentlich nur den Sätzen zukommen so
werden doch oft auch Vorstellungen wahr oder falsch genannt denn welche Worte
würden nicht in einem weitern Sinne und in einiger Abweichung von ihrer strengen
und eigentlichen Bedeutung gebraucht obgleich in solchem Falle immer ein
geheimer oder verschwiegener Satz den Grund zu solcher Benennung abgeben dürfte
wie die besonderen Fälle wo dies vorkommt ergeben werden weil alle
Vorstellungen eine gewisse Bejahung oder Verneinung enthalten welche diese
Bezeichnung veranlasst Denn die Vorstellungen sind nur Erscheinungen oder
Auffassungen in der Seele und können deshalb eigentlich und an sich nicht wahr
oder falsch genannt werden, so wenig wie dies von dem Namen für ein Ding gesagt
werden kann.
2 Die metaphysische Wahrheit enthält einen geheimen Satz In einem
metaphysischen Sinne können allerdings Vorstellungen und Worte wahr genannt
werden, wie man dies von allen vorhandenen Dingen sagen kann dh dass sie
wirklich so sind wie sie sind Indes ist selbst bei solchen Aassprüchen eine
geheime Beziehung auf unsere Vorstellungen enthalten die dann als der Maßstab
dieser Wahrheit gelten und so steckt in solchen Gedanken ein Satz der
allerdings in der Regel nicht beachtet wird
3 Keine Vorstellung als bloße Erscheinung in der Seele ist wahr oder
falsch Allein ich frage hier nicht in diesem metaphysischen Sinne nach der
Wahrheit oder dem Irrtum der Vorstellungen, sondern in dem gewöhnlichen Sinne
dieser Worte und deshalb können die Vorstellungen als bloße Auffassungen oder
Erscheinungen in der Seele nicht falsch sein. Die in der Seele auftretende
Vorstellung von Zentauren ist so wenig falsch wie das Wort Zentaur falsch ist
wenn es ausgesprochen oder auf Papier geschrieben wird Die Wahrheit und der
Irrtum liegen immer in einer Bejahung oder Verneinung sei es in Gedanken oder
Worten und deshalb sind die Vorstellungen nicht eher falsch als bis die Seele
sie zu einem Urteil benutzt dh bis sie etwas damit verneint oder bejaht
4 Die Vorstellungen werden wahr oder falsch wenn sie auf einen
Gegenstand bezogen werden.) Wird eine Vorstellung aber auf einen ihr
äußerlichen Gegenstand bezogen so kann sie dann wahr oder falsch genannt
werden, da man dann bei solcher Beziehung stillschweigend ihre Übereinstimmung
mit der Sache voraussetzt und je nachdem diese Voraussetzung wahr oder falsch
ist werden auch die Vorstellungen so benannt Die häufigsten Fälle dieser Art
sind die folgenden
5 Gewöhnlich werden die Vorstellungen auf die Vorstellungen Anderer
oder auf das wirkliche Sein oder auf das angenommene wirkliche Wesen bezogen
Erstens Wenn man annimmt dass die eigene Vorstellung der in anderer Personen
Seele bestehenden und ebenso genannten entspricht wenn man zB will oder
meint dass die eigenen Vorstellungen von Gerechtigkeit Mäßigkeit Religion
dieselben seien wie die welche Andere mit diesen Worten bezeichnen Zweitens
Wenn man meint dass eine Vorstellung, die man hat einem daseienden Dinge
entspreche Nimmt man zB an dass die Vorstellung von Mensch und von Zentaur
wirkliche Substanzen bezeichnen so ist die eine wahr und die andere falsch da
die eine dem vorhandenen Gegenstande entspricht und die andere nicht Drittens
Wenn man eine seiner Vorstellungen auf die wirkliche Verfassung und Wesenheit
eines Dinges bezieht von der all seine Eigenschaften abhängen Auf diese Weise
sind der größte Teil wo nicht alle unsere Vorstellungen von Substanzen
falsch
6 Der Grund für solche Beziehungen Man neigt sehr zur
stillschweigenden Annahme solcher Beziehungen der eigenen Vorstellungen; die
nähere Prüfung ergibt indes dass dies hauptsächlich wenn nicht
ausschließlich mit den zusammengesetzten begrifflichen Vorstellungen geschieht
Die Seele strebt von Natur nach Kenntnissen da sie nun bemerkt dass sie darin
nur langsam vorwärts kommen und ihre Arbeit kein Ende nehmen würde wenn sie
nur mit den einzelnen Dingen beginnen und dabei stehen bleiben wollte so ist
um diesen Weg zum Erkennen abzukürzen und jede Auffassung umfassender zu machen
das Nächste was sie tut um ihre Kenntnisse leichter auszubreiten sei es
durch die Betrachtung der zu erkennenden Dinge selbst oder durch Vergleichung
mit andern dass sie dieselben in Bündel bindet und in Arten ordnet damit das
was man von einigen weiß mit Sicherheit auf alle dieser Art ausgedehnt werden
kann, und die Seele so in ihrem Geschäft der Erwerbung von Kenntnissen in
großen Schritten vorschreite Deshalb sammelt man wie ich anderwärts gezeigt
habe die Dinge unter zusammenfassende Vorstellungen, und gibt ihnen Kamen und
sondert sie in genera und species dh in Gattungen und Arten
7 Gibt man also aufmerksam auf die Bewegungen der Seele Acht und
beobachtet man den gewöhnlich eingeschlagenen Weg zur Erlangung von Kenntnissen
so wird man finden dass, wenn die Seele eine Vorstellung gewonnen hat die sie
beim Nachdenken oder im Gespräch brauchen kann das Erste was sie tut ist
sie zu verallgemeinern und ihr einen Namen zu geben dann wird sie in das
Vorratshaus des Gedächtnisses gelegt als enthielte sie das Wesen dieser Art
von Dingen, was durch den Namen bezeichnet werde Daher kommt es dass, wenn
Jemand etwas Neues sieht was er nicht kennt er gleich fragt was es ist womit
er nur den Namen meint als wenn dieser Name die Kenntnis der Art oder ihres
Wesens mit sich führte obgleich man allerdings ihn als das Zeichen davon und
allgemein als damit verbunden anzusehen pflegt
8 Der Grund zu solchen Beziehungen Da indes die allgemeine
Vorstellung in der Seele Etwas zwischen dem bestehenden Dinge und dem ihm
gegebenen Namen ist so beruht auf diesen Vorstellungen sowohl die Richtigkeit
unserer Kenntnisse wie die Angemessenheit und Verständlichkeit der Sprache
Deshalb sind die Menschen so zu der Annahme geneigt dass die allgemeinen
Vorstellungen in ihrer Seele den Dingen außerhalb auf die sie bezogen werden,
entsprechen und dass diese Vorstellungen dieselben sind welche nach dem
Gebrauch und der Eigentümlichkeit der Sprache mit den Worten bezeichnet sind
die sie ihren Vorstellungen geben Ohne diese zwiefache Übereinstimmung ihrer
Vorstellungen würden sie dieselben sowohl für inhaltslos wie im Gespräch mit
Andern für unverständlich halten
9 Einfache Vorstellungen können in Bezug auf andere desselben Namens
falsch sein, allein sie sind dem am wenigsten ausgesetzt Ich sage also
zunächst dass, wenn die Wahrheit einer Vorstellung nach ihrer Übereinstimmung
mit den Vorstellungen Anderer die sie mit demselben Namen bezeichnen
beurteilt wird einzelne wohl falsch sein können Indes sind die einfachen
Vorstellungen diesem Irrtum am wenigsten ausgesetzt da man sich durch die
Sinne und die tägliche Beobachtung leicht über die einfachen Vorstellungen, die
durch gebräuchliche Worte bezeichnet werden vergewissern kann denn ihre Zahl
ist nicht groß und Zweifel und Irrtümer können hier leicht durch die
Gegenstände an denen sie sich zeigen beseitigt werden Deshalb irrt man sich
selten in den Namen der einfachen Vorstellungen, und nennt das Grüne nicht rot
und das Bittere nicht süß Noch weniger werden Worte für Vorstellungen
verschiedener Sinne verwechselt und keine Farbe durch einen Geschmack
bezeichnet usw Hieraus erhellt, dass die mit einem Namen bezeichnete einfache
Vorstellung in der Regel dieselbe ist die auch Andere haben und beim Gebrauch
dieses Namens meinen
10 Die Vorstellungen von gemischten Zuständen sind noch am meisten in
diesem Sinne falsch Zusammengesetzte Vorstellungen sind eher in diesem Sinne
falsch und die von gemischten Zuständen mehr als die von Substanzen weil bei
letztem namentlich bei solchen die mit bekannten nicht geborgten Kamen
bezeichnet werden einzelne hervortretende sinnliche Eigenschaften wodurch die
eine Art sich von der andern unterscheidet bei sorgfältigem Gebrauch der Worte
vor Anwendung derselben auf Arten der Substanzen schützen zu denen sie nicht
gehören Dagegen ist man bei den gemischten Zuständen viel unsicherer weil bei
Handlungen sich nicht so leicht bestimmen lässt ob sie gerecht oder grausam
freigebig oder verschwenderisch zu nennen sind Deshalb können diese
Vorstellungen, wenn sie auf die welche Andere unter demselben Namen haben
bezogen werden, falsch sein, und die Vorstellung, die Jemand mit Gerechtigkeit
benennt müsste vielleicht einen andern Namen erhalten
11 Oder sie können wenigstens für falsch gehalten werden Mögen indes
die Vorstellungen von gemischten Zuständen leichter wie andere von denen Anderer
unter gleichen Samen abweichen oder nicht so wird wenigstens diese Art der
Unrichtigkeit gemeinhin diesen Vorstellungen von gemischten Zuständen mehr
zugeschrieben denn wenn man die Vorstellungen, die Jemand von der
Gerechtigkeit oder Dankbarkeit oder von dem Ruhme hat für falsch hält so
geschieht es nur weil mit diesen Worten ein Anderer eine andere Vorstellung
verbindet und jene damit nicht übereinstimmt
12 Und weshalb Es wird dies daher kommen dass die Begriffe gemischter
Zustände von den Menschen aus einer Anzahl einfacher Vorstellungen beliebig
gebildet werden; das Wesen jeder Art ist deshalb das Werk des Menschen und der
sinnliche Maßstab dafür ist nur der Name oder die Definition dieses Namens so
kann man die Vorstellungen gemischter Zustände an keinen andern Maßstab halten
als an die Vorstellungen Derer die deren Namen in ihrem richtigsten Sinne
gebrauchen je nachdem sie mit diesen stimmen oder nicht gelten sie für wahr
oder falsch So viel über die Wahrheit und Unwahrheit der Vorstellungen in Bezug
auf ihre Namen
13 In Bezug auf wirklich vorhandene Dinge können nur die Vorstellungen
von Substanzen falsch sein.) Wenn zweitens die Wahrheit oder Unwahrheit der
Vorstellungen auf wirklich bestehende Dinge bezogen wird und diese als
Maßstab der Wahrheit dabei gelten so können nur die Vorstellungen von
Substanzen falsch genannt werden.
14 Erstens sind die einfachen Vorstellungen in diesem Sinne nicht
falsch und weshalb nicht Erstens sind die einfachen Vorstellungen nur solche
Auffassungen als wir nach der Art wie Gott uns geschaffen hat empfangen und
wie die den äußern Gegenständen verliehenen Kräfte sie in uns auf den Wegen und
nach den Gesetzen hervorbringen können die der Weisheit und Güte Gottes
entsprechen wenn wir sie auch nicht fassen können Deshalb besteht ihre
Wahrheit nur in solchen in uns hervorgebrachten Erscheinungen welche diesen
Kräften entsprechen müssen welche in die äußern Gegenstände gelegt sind da
sie sonst in uns nicht hervorgebracht werden könnten indem sie also diesen
Kräften entsprechen sind sie was sie sein sollen dh wahre Vorstellungen
Auch unterliegen sie nicht dem Vorwurfe der Falschheit wenn man wie es
meistenteils geschieht diese Vorstellungen als in den Dingen selbst enthalten
annimmt Denn Gott hat sie in seiner Weisheit als Zeichen des Unterschiedes in
die Dinge gelegt damit man sie von einander unterscheiden Könne und so
eintretenden Falls unter denselben für seine Zwecke wählen könne deshalb ändert
es nicht die Natur einer einfachen Vorstellung ob man meint die Vorstellung
von Blau sei in dem Veilchen selbst oder bloß in der Seele und in dem Veilchen
selbst sei nur die Kraft dieselbe durch sein Gewebe welches die Lichtteilchen
in einer bestimmten Weise zurückwirft hervorzubringen Denn wenn das Gewebe
eines Gegenstandes regelmäßig und beständig dieselbe Vorstellung von Blau in
der Seele hervorbringt so kann man dadurch den Gegenstand mittelst der Augen
von andern Dingen unterscheiden mag das entscheidende Zeichen das wirklich in
dem Veilchen besteht nur ein besonderes Gewebe seiner Theile oder eine Farbe
selbst sein welcher die in der Seele befindliche Vorstellung genau gleicht und
wenn sie wegen dieser Erscheinung Blau genannt wird so ist es gleichviel ob
diese wirkliche Farbe oder nur ein besonderes Gewebe in dein Gegenstande diese
Vorstellung erweckt da das Wort Blau eigentlich nur das Erkennungszeichen
bedeutet was bei dem Veilchen nur durch die Augen wahrnehmbar ist Denn was
dabei eigentlich im Gegenstande enthalten ist, dies genau zu wissen geht über
unsere Kräfte und würde uns vielleicht auch weniger nützen selbst wenn man die
Kräfte dazu hätte
15 Wenn auch die Vorstellung von Blau bei dem einen Menschen von der bei
dem andern verschieden sein sollte Auch würde man die einfachen Vorstellungen
nicht deshalb für falsch halten können wenn durch einen verschiedenen Bau der
Organe derselbe Gegenstand in den Seelen verschiedener Menschen gleichzeitig
verschiedene Vorstellungen hervorbrächte wenn zB die bei dem Einen durch ein
Veilchen hervorgebrachte Vorstellung der bei einem Andern durch eine gelbe
Ringelblume hervorgebrachten gleich wäre und umgekehrt Denn dies kann niemals
festgestellt werden da die Seele des Einen nicht in den Leib des Andern
eintreten kann um zusehen welche Vorstellungen durch dessen Organe
hervorgebracht werden, und deshalb würden selbst in solchem Falle weder die
Vorstellungen noch die Namen verwechselt werden oder Eines von Beiden falsch
werden Denn alle Gegenstände mit dem Gewebe eines Veilchens brächten dann die
Vorstellung hervor die er Blau nennte und alle mit dem Gewebe einer
Ringelblume die welche er regelmäßig Gelb nennte welcher Art nun auch diese
Vorstellungen in seiner Seele wären so wäre er doch im Stande dadurch die
Dinge für seine Zwecke ebenso regelmäßig zu unterscheiden und diese
Unterschiede zu erkennen und durch die Zeichen kennbar zu machen welche die
Worte Blau und Gelb gewähren als wenn seine von diesen beiden Blumen
empfangenen Vorstellungen genau dieselben mit denen des Andern wären Indes
möchte ich doch annehmen dass die bei mehreren Menschen durch denselben
Gegenstand hervorgebrachten Sinneswahrnehmungen wohl immer beinah gleich und
nicht zu unterscheiden seien dafür ließen sich viele Gründe anführen indes
gehört dies nicht zu meiner jetzigen Aufgabe und ich will daher den Leser nicht
damit belästigen sondern ihn nur erinnern dass die entgegengesetzte Annahme
selbst wenn man sie beweisen könnte für die Vermehrung der Kenntnisse oder die
Bequemlichkeiten des Lebens ohne Nutzen sein würde deshalb braucht man sich
damit nicht zu bemühen
16 Erstens sind einfache Vorstellungen in diesem Sinne nicht falsch und
weshalb Aus dem über die einfachen Vorstellungen Gesagten ergibt sich dass
von den einfachen Vorstellungen keine in Bezug auf die äußerlich vorhandenen
Dinge falsch sein kann Denn die Wahrheit dieser Vorstellungen besteht wie
gesagt nur darin dass sie den Kräften in den äußerlichen Gegenständen
entsprechen die solche Vorstellungen in uns hervorbringen können und da jede
so wie sie in der Seele ist der Kraft die sie hervorgebracht hat angemessen
ist und nur diese darstellt so kann sie in dieser Hinsicht oder auf solches
Muster bezogen nicht falsch sein. Blau und Gelb Bitter und Süß können niemals
falsche Vorstellungen sein diese Auffassungen der Seele sind gerade so wie sie
es sind und entsprechen den Kräften die Gott zu deren Hervorbringung bestimmt
hat deshalb sind sie in Wahrheit das was sie sind und sein sollen Die Worte
derselben können allerdings falsch gebraucht werden, allein dies macht die
Vorstellungen nicht falsch zB wenn Jemand der die Sprache nicht versteht
das Scharlach Purpurroth nennen sollte
17 Zweitens sind die Zustände nicht falsch Zweitens können auch die
zusammengesetzten Vorstellungen von Zuständen in Beziehung auf das Wesen der
Dinge nicht falsch sein, weil solche Vorstellungen sich auf kein bestehendes und
von der Natur gebildetes Muster beziehen denn sie sollen keine Vorstellung
weiter enthalten als sie haben Habe ich zB die Vorstellung von dem Benehmen
eines Menschen dass er sich solche Speisen Getränke und Kleider versagt die
seine Vermögensverhältnisse gestatten und seine Stellung verlangt so habe ich
keine falsche Vorstellung sondern sie stellt nur ein Handeln vor wie ich es
wahrnehme oder mir einbilde deshalb ist sie weder falsch noch wahr Wenn ich
aber dieses Benehmen Mäßigkeit oder Tugend nenne so kann die Vorstellung
falsch genannt werden, weil dann angenommen wird dass sie mit der nach dem
Sprachgebrauch mit diesen Worten bezeichneten Vorstellung stimme und dass sie
dem Gesetze entspreche was den Maßstab für Tugend und Laster abgibt
18 Drittens wenn die Vorstellungen von Substanzen falsch sind Drittens
können die zusammengesetzten Vorstellungen von Substanzen weil sie sich alle
auf vorhandene Dinge als Muster beziehen falsch sein. Dass sie sämtlich falsch
seien wenn man sie als die Darstellungen des unbekannten Wesens der Dinge
nimmt ist so offenbar dass ich darüber nichts zu sagen brauche Ich übergehe
daher diese chimärische Meinung und betrachte sie als Zusammenfassungen
einfacher Vorstellungen, die von Verbindungen solcher Bestimmungen wie sie
dauernd in den Dingen bestehen entlehnt sind Von diesen Mustern gelten sie als
Abbilder und in dieser ihrer Beziehung auf vorhandene Dinge sind sie falsch
und zwar 1 wenn sie einfache Vorstellungen verbinden die in den vorhandenen
Dingen sich so nicht vereint vorfinden wenn zB mit der Gestalt und Größe
eines Pferdes das Bellen eines Hundes verbunden wird solche Verbindung dieser
drei Vorstellungen besteht nirgends in der Natur, und man kann sie daher eine
falsche Vorstellung von einem Pferde nennen 2 sind SubstanzVorstellungen in
dieser Beziehung falsch wenn von der Verbindung einfacher Vorstellungen, die
wirklich besteht eine einzelne durch Verneinung abgetrennt wird die
regelmäßig damit verbunden ist wenn zB mit der Ausdehnung, Dichtheit
Schmelzbarkeit dem Eigengewicht und der gelben Farbe des Goldes die Verneinung
einer größeren Festigkeit als bei Blei und Kupfer in Gedanken verbunden wird so
kann diese Vorstellung ebenso falsch genannt werden, als wenn damit die
Vorstellung einer völligen unbeschränkten Festigkeit verbunden wird in beiden
Fällen wird die Vorstellung des Goldes aus solchen zusammengesetzt die in der
Natur nicht vereint sind und deshalb ist sie falsch Lässt man dagegen die
Vorstellung der Festigkeit bei dieser zusammengesetzten Vorstellung nur weg
verbindet sie also nicht und trennt sie nicht so kann das Übrige eher für eine
unvollständige und nichtentsprechende Vorstellung als für eine falsche gelten
denn sie enthält zwar nicht alle in der Natur verbundenen Vorstellungen aber
doch auch keine die nicht wirklich zusammen beständen
19 Die Wahrheit und der Irrtum setzen immer eine Bejahung oder
Verneinung voraus Ich habe dem Sprachgebrauch nachgegeben und gezeigt in
welchem Sinne und aus welchem Grunde die Vorstellungen mitunter wahr und falsch
genannt werden; sieht man sich jedoch diese Fälle genauer an so kommen sie von
einem Urteile was man macht oder vermeintlich macht und was wahr oder falsch
ist da die Wahrheit und der Irrtum immer eine ausdrückliche oder
stillschweigende Bejahung oder Verneinung befassen und mithin nur da
anzutreffen sind wo Zeichen so verbunden werden wie es den damit bezeichneten
Dingen entspricht oder widerstreitet Die hauptsächlich angewendeten Zeichen
sind entweder Vorstellungen oder Worte mittelst deren man in Gedanken oder im
Sprechen Sätze bildet Die Wahrheit ist da vorhanden wo diese Zeichen so
verbunden oder getrennt werden wie die Dinge die sie bezeichnen es selbst
sind der Irrtum liegt in dem Gegenteile wie später ausführlich gezeigt
werden soll
20 Die Vorstellungen an sich sind weder wahr noch falsch Eine
Vorstellung, die mit einem vorhandenen Dinge oder mit der Vorstellung eines
Andern stimmt oder nicht stimmt kann daher deshalb allein nicht eigentlich
falsch genannt werden; denn wenn diese Vorstellungen nur das in den äußern
Dingen Bestehende enthalten so können nie nicht für falsch gelten da sie doch
Etwas genau wiedergeben und selbst wenn sie in ihrem Inhalte etwas von den
bestehenden Dingen abweichen kann man sie keine falschen Darstellungen nennen
oder als Vorstellungen von Dingen nehmen die sie nicht darstellten Vielmehr
liegt der Irrtum und die Unrichtigkeit darin
21 Aber sie gelten als falsch 1 wenn sie der Vorstellung eines Andern
entsprechend genommen werden und es nicht sind Erstens dass die Seele welche
eine solche Vorstellung hat sie für dieselbe erachtet und nimmt die ein
Anderer mit demselben Worte verbindet oder dass sie dieselbe für
übereinstimmend mit der gewöhnlichen Bedeutung oder Definition dieses Wortes
hält obgleich es nicht der Fall ist. Dieser Irrtum kommt bei den gemischten
Zuständen am meisten vor obgleich auch andere Vorstellungen ihm unterworfen
sind
22 2 wenn sie den bestehenden Dingen für entsprechend gehalten werden
und es nicht sind Zweitens dass die Seele eine zusammengesetzte Vorstellung
aus einer solchen Zahl von einfachen Vorstellungen gebildet hat wie sie die
Natur nicht verbunden hat und sie dennoch für übereinstimmend mit einer Art von
wirklich bestehenden Dingen hält zB wenn sie das Gewicht des Zinnes mit der
Farbe Schmelzbarkeit und Festigkeit des Goldes verbindet
23 3 wenn sie für entsprechend gehalten wird und es nicht ist
Drittens wenn die Seele in ihrer zusammengesetzten Vorstellung eine Anzahl
einfacher Vorstellungen verbunden hat die wirklich so verbanden in der Natur
bestehen aber andere die auch untrennbar davon sind weggelassen hat und sie
nun diese Vorstellung als die vollständige für eine Artwirklich bestehender
Dinge nimmt obgleich sie es nicht ist zB wenn sie die Vorstellungen von
Substanz von hell hämmerbar sehr schwer und schmelzbar verbindet und diese
Verbindung für die vollständige Vorstellung des Goldes hält obgleich seine
besondere Festigkeit und seine Auflösbarkeit in Königswasser von jenen
Eigenschaften ebenso untrennbar sind wie jene von einander.
24 4 wenn sie für die Vorstellung des wirklichen Wesens gehalten wird
Viertens ist der Irrtum noch grösser wenn man meint die zusammengesetzte
Vorstellung enthalte das wirkliche Wesen eines bestehenden Dinges obgleich sie
nur einige seiner Eigenschaften enthält die aus dessen wirklichem Wesen und
seiner Beschaffenheit abfließen Ich sage nur einige seiner Eigenschaften da
diese meist in tätigen und leidenden Vermögen in Bezug auf andere Dinge
bestehen und da die von dem betreffenden Körper bekannten Vermögen nur ein
Teil von denen sind die ein Mensch der den Körper vielfach geprüft und
untersucht hat kennt und da selbst alle Vermögen die der erfahrenste Mensch
davon kennt doch nur eine kleine Zahl von denen wirklich in dem Körper
bestehenden und aus seiner Inneren und wesentlichen Verfassung abfließenden
Kräften sind Das Wesen eines Dreiecks liegt in einem beschränkten Gebiete und
besteht aus wenig Vorstellungen drei einen Raum einschließende gerade Linien
machen sein Wesen aus und doch sind der daraus abfließenden Eigenschaften so
viele dass sie nicht sämtlich erkannt und hergezählt werden können. So mag
auch bei Substanzen ihr wirkliches Wesen nur ein beschränktes Gebiet befassen
obgleich die daraus hervorgehenden Eigenschaften zahllos sind
25 Wenn die Vorstellungen falsch sind Fasse ich also Alles zusammen
so hat der Mensch von den äußern Dingen nur Begriffe durch die Vorstellungen in
seiner Seele die er beliebig nennen kann und er kann allerdings Vorstellungen
bilden die weder mit dem Wesen der Dinge noch mit den mit dem Worte verbundenen
gebräuchlichen Vorstellungen übereinstimmen aber er kann Keine falsche
Vorstellung eines Dinges bilden das ihm nur durch seine Vorstellung bekannt
ist Wenn ich zB eine Vorstellung von den Beinen Armen und dem Körper eines
Menschen bilde und damit einen Pferdekopf und Hals verbinde so mache ich keine
falsche Vorstellung von Etwas weil sie überhaupt Nichts außerhalb meiner Seele
vorstellt nenne ich sie aber einen Menschen oder einen Tartaren und meine ich
dass ich damit ein außer mir bestehendes Ding vorstelle oder dass diese
Vorstellung mit der von Andern mit diesem Wort verbundenen übereinstimme so
irre ich in beiden Fällen Aus diesem Grunde wird die Vorstellung falsch
genannt obgleich in Wahrheit das Falsche nicht in ihr liegt sondern in dem
innerlichen Satze welcher ihr eine Übereinstimmung oder Ähnlichkeit zuteilt
die sie nicht hat Wenn ich aber von einer solchen Vorstellung weder annehme
dass ihr ein Daseiendes entspreche noch dass ihr der Name Mensch oder Tartar
zukomme und ich sie nur so nenne so kann meine Benennung phantastisch genannt
werden, aber mein Urteil ist nicht irrig und die Vorstellung ist nicht falsch
26 Vorstellungen werden besser richtig oder unrichtig genannt
Überhaupt glaube ich dass Vorstellungen in Beziehung entweder auf die
eigentliche Bedeutung ihres Namens oder auf die Wirklichkeit der Dinge am
passendsten richtige oder unrichtige Vorstellungen zu nennen sind je nachdem
sie mit ihren Mustern auf die sie bezogen werden, übereinstimmen oder nicht
Will Jemand sie aber wahr oder falsch nennen so mag er es tun da Jedem
freisteht die Dinge mit den Worten zu benennen die er für die besten hält
allein der Natur der Sprache nach werden diese Ausdrücke kaum passend sein da
sie in dieser oder jener Weise einen Inneren Satz enthalten Die Vorstellungen in
der Seele können an sich nicht falsch sein; die zusammengesetzten ausgenommen
welche unverträgliche Eigenschaften vereinen Alle andern Vorstellungen sind an
sich richtig und das Wissen von ihnen ist ein richtiges und wahres Wissen nur
wenn man sie auf Etwas als ihr Muster und Vorbild bezieht können sie unrichtig
werden soweit sie mit diesem Vorbilde nicht übereinstimmen
1 In den meisten Menschen steckt etwas Unverständiges In den
Meinungen Begründungen und Handlungen anderer Menschen bemerkt wohl Jeder
Etwas was ihm seltsam scheint und an sich das richtige Maß überschreitet
Jedermann ist so scharfsichtig dass er bei den Andern den geringsten Fehler
dieser Art sobald er von seinen eigenen verschieden ist erspäht und durch das
Ansehen der Vernunft schnell verurteilt obgleich er vielleicht in seinen
Aussprüchen und Lebenswandel viel größerer Fehler schuldig ist nur dass er sie
nie bemerkt und sich dabei schwer oder gar nicht überzeugen lässt
2 Es geschieht dies nicht bloß aus Selbstliebe Dies kommt nicht immer
von der Selbstliebe obgleich sie ihre Hand dabei oft mit im Spiele hat Oft
haben Menschen von hellem Geist die sich selbst oft zu schmeicheln pflegen
diesen Fehler und man hört mit Erstaunen die Begründungen eines würdigen
Mannes und wundert sich über die Hartnäckigkeit mit der er sich der Kraft der
Vernunftgründe entgegenstellt wenn sie ihm auch so klar wie das Tageslicht
dargelegt werden
3 Auch nicht von der Erziehung Man schiebt diese Art von Unverstand
meist auf die Erziehung und die Vorurteile dies trifft auch in den meisten
Fällen zu aber es geht nicht auf den Grand der Krankheit ein und zeigt nicht
bestimmt genug woher sie kommt und worin sie besteht Die Erziehung mag
allerdings die Ursache sein und mit Vorurteil bezeichnet man die Sache im
Allgemeinen ganz gut indes muss man doch ein wenig weiter blicken wenn man
die Wurzel dieser Torheit finden und sie so darlegen will dass man sieht
woraus dieser Fehler selbst bei vernünftigen und massigen Menschen entsteht und
worin er liegt
4 Eine Art von Verrücktheit Man wird mir verzeihen dass ich es mit
dem harten Namen Verrücktheit bezeichne wenn man bedenkt dass der Widerstand
gegen die Vernunft diesen Namen verdient und dass er wirklich verrückt ist Es
wird schwerlich ein Mensch ganz frei davon sein und wenn er immer und bei allen
Gelegenheiten so spräche und handelte als er in gewissen Fällen es tut so
würde man glauben er passe eher ins Irrenhaus als in die Gesellschaft Ich
meine nicht die Fälle, wo man sich in einer maßlosen Leidenschaft befindet
sondern den stetigen und ruhigen Lauf des Lebens Dieser harte Name und
verletzende Tadel des größten Teils der Menschheit wird sich mehr
rechtfertigen wenn ich nebenbei die Natur der Verrücktheit ein wenig näher
betrachte In Buch II Kap 11 13 habe ich gezeigt dass sie aus derselben
Wurzel entspringt und von derselben Ursache abhängt die ich hier behandle
Diese Betrachtung der Sache zu einer Zeit wo ich nicht im mindesten an die
jetzige Frage dachte brachte mich darauf Ist es eine Schwäche der alle
Menschen ausgesetzt sind und ist es ein Fleck der allgemein den Menschen
anklebt so sollte man sich höchlich bemühen ihn bei seinem wahren Namen zu
nennen und so die Sorgfalt zu steigern die seine Abhaltung oder Heilung
erfordert
5 Von einer falschen Verbindung der Vorstellungen.) Manche Vorstellungen
haben eine natürliche Beziehung und Verbindung mit einander; es ist das Geschäft
und der Vorzug der Vernunft, diese aufzusuchen und diese Vorstellungen in der
Verbindung und Beziehung zu erhalten welche in deren besonderem Wesen begründet
ist Außer dieser besteht aber noch eine andere Verbindung der Vorstellungen,
die nur auf Zufall oder Gewohnheit beruht es werden dadurch Vorstellungen ohne
an sich verwandt zu sein so verbunden dass sie in der Seele schwer wieder zu
trennen sind sie bleiben immer beisammen und sobald die eine in der Seele
auftritt findet sich auch deren Genösse ein sind es mehr als zwei die so
verbunden sind, so zeigt sich die ganze Sippschaft
6 Wie diese Verbindung entsteht Diese enge Verbindung von
Vorstellungen, welche die Natur nicht verknüpft hat entsteht in der Seele
entweder absichtlich oder zufällig deshalb ist sie bei den Einzelnen je nach
dem Unterschied ihrer Erziehung Neigungen und Interessen sehr verschieden Die
Gewohnheit hat ihren Einfluss sowohl auf die Wege des Denkens wie des Wollens
und der körperlichen Bewegungen Sie scheinen sämtlich nur Bewegungsreihen der
Lebensgeister zu sein die wenn sie einmal einen Weg genommen diesen
fortbehalten durch das oft Betreten wird er zu einem glatten Pfade und die
Bewegung vollzieht sich so leicht als wenn sie eine natürliche wäre So weit
man das Denken begreift entstehen Vorstellungen auf diesem Wege oder es erklärt
sich daraus wenigstens ihre Folge in der gewohnten Reihe wenn sie einmal in Zug
gekommen sind wie ja auch die körperlichen Bewegungen sich so erklären Ein mit
einer Melodie bekannter Musiker bemerkt dass mit dem Eintritt des ersten Tones
in seinem Vorstellen die spätem sich in seinem Kopfe ordnungsmäßig folgen ohne
dass er sich darum zu bemühen oder Acht zu haben braucht es geschieht so
regelmäßig als seine Finger sich über die Orgeltasten bewegen um die
begonnene Melodie fortzusetzen obgleich er mit seinen Gedanken ganz wo anders
ist Ob die natürliche Ursache dieser Folge der Vorstellungen und dieser
regelmäßigen Bewegung der Finger von der Bewegung der Lebensgeister kommt will
ich nicht entscheiden wenn es auch durch dieses Beispiel sehr wahrscheinlich
wird jedenfalls hilft es die geistigen Gewohnheiten und das Verknüpfen der
Vorstellungen verstehen
7 Manches Widerstreben kommt davon Dass solche Verbindungen von
Vorstellungen durch die Gewohnheit beiden meisten Menschen sich bilden wird
wohl Niemand bezweifeln der sich oder Andere beobachtet hat und diesem
Umstande dürften wohl mit Recht die meisten der bei den Menschen sich zeigenden
unbewussten Zuneigungen und Abneigungen zuzuschreiben sein die ebenso so stark
und regelmäßig wirken als wären sie natürliche Sie heißen so weil sie zwar
zunächst nur mit dem zufälligen Zusammentreffen zweier Vorstellungen beginnen
aber durch die Stärke des ersten Eindrucks oder durch späteres Nachgeben sich so
eng verbinden dass sie in der Seele dann fest zusammenhalten gleich als wären
sie nur eine Vorstellung. Ich sage die meisten der Abneigungen nicht alle
denn manche sind wirklich natürliche hängen von der ursprünglichen Verfassung
des Menschen ab und werden mit ihm geboren allein bei vielen die auch als
natürliche gelten würde eine sorgfältige Beobachtung zeigen dass sie aus
unbeachteten wenn auch frühzeitigen Eindrücken oder eitlen Einbildungen
herrühren Wenn ein Erwachsener sich einmal in Honig überessen hat so braucht
er nur dies Wort zu hören und seine Phantasie macht gleich seinen Magen krank
und aufgebläht er kann nicht einmal die Vorstellung von Honig vertragen ohne
dass sofort die Zeichen von Widerwillen Unwohlsein und Erbrechen sich
einstellen und er darunter leidet indes weiß er woher dies kommt und kann
angeben wie diese Schwäche entstanden ist Hätte dieses Honigessen im
Übermaß sich bei ihm ereignet als er noch ein Kind war so wären die Folgen
dieselben gewesen aber er hätte sich in der Ursache geirrt und diesen
Widerwillen für einen natürlichen gehalten
8 Ich erwähne dies hier nicht weil es für die vorliegende Frage nötig
wäre genau zwischen dem natürlichen und angenommenen Widerwillen zu
unterscheiden sondern nur zu dem Zweck dass die welche Kinder haben oder sie
erziehen sollen sich die Mühe nehmen auf dergleichen ungehörige Verknüpfungen
der Vorstellungen in der Seele der Kinder zu achten und sie zu verhindern Die
Eindrücke dieser Zeit sind die bleibendsten die welche sich auf die
körperliche Gesundheit beziehen werden zwar von aufmerksamen Erziehern beachtet
und abgehalten aber die welche sich vorzugsweise auf die Seele beziehen und in
dem Verstande oder in Leidenschaften endigen scheinen mir weniger beachtet zu
werden als sie es verdienen ja die nur den Verstand betreffenden scheinen mir
meist übersehen zu werden
9 Eine erhebliche Ursache der Irrtümer Diese falschen Verbindungen
von Vorstellungen, die an sich nicht zu einander gehören und einander nicht
bedingen sind so einflussreich und können sowohl das moralische wie natürliche
Handeln die Leidenschaften das Denken und selbst die Begriffe so verkehren
dass nicht leicht etwas Anderes größere Aufmerksamkeit verdienen dürfte
10 Beispiele Die Vorstellungen von Kobolden und Geistern haben an sich
so wenig mit der Dunkelheit wie mit dem Lichte zu tun wenn aber eine törichte
Magd sie der Seele des Kindes oft einprägt und zusammen erweckt so kann es
vielleicht sein ganzes Leben lang sie nicht mehr trennen und in der Dunkelheit
werden immer jene schreckhaften Vorstellungen sich einfinden die so verbunden
sind, dass es weder die einen nach die andern ertragen kann
11 Jemand wird von einem Andern empfindlich beleidigt und denkt wieder
und wieder an den Mann und die Handlung. Durch dieses Brüten über dieselben
verbindet er beide Vorstellungen so dass sie beinah zu einer werden und wenn
er an den Mann denkt so tritt auch der erlittene Schmerz wieder vor seine
Seele er unterscheidet sie kaum und verabscheut den einen wie den andern So
entsteht der Hass oft aus leichten und unschuldigen Anlässen ebenso werden
Streitigkeiten so fortgeführt und erweitert
12 Jemand hat an einem Orte an Schmerzen oder einer Krankheit gelitten
er sah seinen Freund in einem solchen Zimmer sterben Obgleich diese Dinge in
der Natur nichts mit einander zu tun haben so erweckt die Vorstellung des
Ortes wenn der Eindruck einmal erfolgt ist die des Schmerzes und
Missvergnügens er vermengt sie in seiner Seele und kann das eine so wenig wie
das andere ertragen
13 Weshalb die Zeit manche Störung in der Seele heilt wo die Vernunft
es nicht vermag Hat sich eine solche Verbindung befestigt so kann die
Vernunft, so lange jene währt nicht helfen und sich von deren Einwirkung
befreien die Vorstellungen der Seele wecken einander wenn sie entstehen ihrer
Natur und den Umständen gemäß Hier zeigt sich der Grund weshalb die Zeit
manche Gemütsbewegungen beseitigt worüber die Vernunft trotz ihres anerkannten
Rechtes dazu keine Macht hat und sie selbst bei Denen nicht überwinden kann
die in andern Fällen auf sie zu hören geneigt sind Der Tod eines Kindes an
welches der Mutter Augen sich täglich erfreuten und was die Lust ihrer Seele
war entzieht ihr allen Genuss des Lebens und stürzt sie in alle erdenkbaren
Qualen Man versucht es in solchem Falle mit den Tröstungen der Vernunft; aber
man könnte ebenso gut Jemandem auf der Folter predigen und glauben mit Gründen
der Vernunft seine Schmerzen lindern zu können wenn ihm die Beine auseinander
gerissen werden So lange nicht die Zeit das Gefühl dieser Lust und ihres
Verlustes von der in das Gedächtnis zurückkehrenden Vorstellung des Kindes
dadurch dass diese Verbindungen überhaupt in der Seele nicht mehr auftreten
getrennt hat sind alle Vorhaltungen selbst die vernünftigsten vergebens
Deshalb verbringen Die bei denen dieses Band zwischen beiden Vorstellungen sich
niemals löst ihr Leben in Trauer und tragen ihren unheilbaren Kummer bis ins
Grab
14 Fernere Beispiele von den Wirkungen der Verbindung von Vorstellungen
Einer meiner Freunde kennt Jemand der durch eine sehr harte und schmerzhafte
Operation von seinem Irrsinn geheilt worden war Der so hergestellte Mann
erkannte während seines ganzen Lebens mit dankbarem und anerkennendem Gefühl
diese Kur als die größte Wohltat die ihm erzeigt worden allein trotz aller
Antriebe der Dankbarkeit und Vernunft konnte er niemals den Anblick des
Wundarztes ertragen sein Bild weckte in ihm die Erinnerung an die Qualen die
er unter seinen Händen erlitten hatte und die so groß waren dass er die
Erinnerung daran nicht ertragen konnte
15 Viele Kinder schieben die in der Schule erlittenen Strafen auf die
Bücher wegen deren sie die Strafen bekommen hatten es verbinden sich beide
Vorstellungen so mit einander, dass jedes Buch sie anekelt und sie sich ihr
ganzes Lebenlang nicht zum Studium und Gebrauch der Bücher entschließen können
So wird das Lesen ihnen zur Qual während es andernfalls ihnen das größte
Vergnügen gewährt haben würde Manche Zimmer sind ganz bequem und doch können
manche Menschen darin nicht studieren aus manchen Gläsern kann man nicht
trinken obgleich sie rein und gut zu gebrauchen sind lediglich weil sich
zufällig eine Vorstellung damit verknüpft hat und sie dadurch unangenehm
geworden sind Wer hat nicht schon bemerkt wie Manche bei dem Erscheinen einer
gewissen Person oder in der Gesellschaft derselben sich verbeugen obgleich sie
nicht ihr Vorgesetzter ist; sondern weil sie nur einmal bei einer Gelegenheit
ihre Überlegenheit erfahren haben Deshalb begleitet die Vorstellung der
Autorität und Überlegenheit die Vorstellung der Person und der einmal so
Gedemütigte kann sie nicht mehr trennen
16 Die Beispiele hierzu sind überall in solchem Maß zu finden dass,
wenn ich hier noch Eines anführe es nur seiner komischen Seltsamkeit halber
geschieht Es betrifft einen jungen Mann der das Tanzen und zwar sehr gut in
einem Zimmer gelernt hatte worin ein alter Schrank sich befand deshalb hatte
sich die Vorstellung von diesem alten Möbel so mit den Wendungen und Bewegungen
seines Tanzens verknüpft dass er zwar in diesem Zimmer vortrefflich tanzen
konnte aber nur so lange der Schrank darin stand ebensowenig vermochte er es
in einem andern Zimmer ehe nicht ein ähnlicher Schrank hineingestellt worden
war Diese Geschichte hält man vielleicht für eine durch komische Umstände
ausgeschmückte allein ich versichere dass ich sie vor einigen Jahren von einem
rechtlichen und glaubhaften Manne mitgeteilt erhalten habe der sie selbst so
angesehen hatte wie ich sie hier erzählt habe Wahrscheinlich werden meine
aufmerksamem Leser selbst Erzählungen gehört und Fälle erlebt haben die dem
obigen gleich Kommen und ihn bestätigen
17 Ihr Einfluss auf geistige Angewöhnungen Gewisse Angewöhnungen und
Fehler die auf diesem Wege entstehen sind nicht weniger häufig und mächtig
wenn gleich weniger bemerkt Wenn die Vorstellungen von Dasein und Stoff durch
Erziehung oder vieles Nachdenken eng verbunden werden was wird man da wenn
solche Verbindung noch besteht über bloße Geister denken Wenn die Gewohnheit
seit der Kinderzeit eine Gestalt und Form mit der Vorstellung Gottes verbunden
hat welchen Verkehrtheiten ist da nicht die Seele in Bezug auf die Gottheit
ausgesetzt Wenn die Vorstellung der Untrüglichkeit mit einer Person untrennbar
verbunden ist und beide vereint die Seele eingenommen haben so muss dann der
gleichzeitig an verschiedenen Orten befindliche Körper von einem unbedingt
Gläubigen ungeprüft als eine unzweifelhafte Wahrheit verschluckt werden im Fall
die für untrüglich gehaltene Person es gebietet und die Beistimmung des Andern
ohne Untersuchung verlangt
18 Man kann dies an mehreren Religionssekten bemerken Solche falsche
und unnatürliche Verbindungen von Vorstellungen bilden den unversöhnlichen
Gegensatz verschiedener philosophischer und religiöser Sekten denn es lässt
sich nicht denken dass Jeder ihrer Anhänger sich freiwillig betrügen lassen und
absichtlich die von der klaren Vernunft gebotene Wahrheit von sich stoßen
sollte Der Eigennutz vermag zwar viel aber er kann nicht ganze Gesellschaften
zu einer so allgemeinen Verkehrheit bringen dass sie Alle wie ein Mann den
Irrtum wissentlich verteidigen sollten wenigstens einige müssten das wirklich
tun was Alle vorgeben dh der Wahrheit aufrichtig nachgehen deshalb muss
etwas Anderes ihren Verstand blenden und den Irrtum dessen was sie als reine
Wahrheit festhalten nicht sehen lassen Das was ihre Vernunft so gefangen hält
und unbefangene Menschen von dem gesunden Verstände geradezu ableitet zeigt
sich bei Prüfung als das wovon hier gesprochen worden ist; zwei selbstständige
in keiner Verbindung stehende Vorstellungen sind durch Erziehung Gewohnheit und
das stete Geklingel ihrer Partei in ihren Seelen so verknüpft worden dass sie
immer zusammen auftreten für eine Vorstellung gelten und nicht getrennt werden
können. Dies lässt sie Verstand in leerem Gerede Beweise in Verkehrtheiten und
Übereinstimmung im Unsinn finden und wird zur Grundlage der größten ich
hätte beinah gesagt aller Irrtümer in der Welt Selbst wenn sie nicht so weit
reicht ist sie mindestens eine der gefährlichsten weil sie so weit sie wirkt
das Sehen und Prüfen verhindert Wenn zwei an sich besondere Dinge dem Auge
immer als verbunden erscheinen und sie sich fest vernietet zeigen obgleich sie
getrennt sind wie soll man da die Irrtümer berichtigen die aus der so
gewohnten Verbindung zweier Vorstellungen folgen wo eine die andere vertritt
ohne dass die Personen selbst wie ich glauben möchte es bemerken Unter dieser
Täuschung werden sie der Überführung unfähig und sie rühmen sich selbst
eifrige Kämpfer für Wahrheit zu sein während sie in Wahrheit für den Irrtum
fechten Die Verschmelzung zweier Vorstellungen, welche durch die gewohnte
Verbindung derselben in ihrer Seele zu einer einzigen geworden füllt ihre Köpfe
mit falschen Auffassungen und ihr Denken mit falschen Folgerungen
19 Schluss Hiermit habe ich eine Darstellung von dem Ursprung den
Arten und dem Umfang der menschlichen Vorstellungen gegeben und mancherlei
Betrachtungen über diese ich weiß nicht ob ich sagen darf Instrumente oder
Stoffe unseres Wissens beigefügt Das Verfahren das ich mir vorgesetzt
verlangt nun dass ich sofort zur Darlegung des Gebrauchs überginge den der
Verstand von den Vorstellungen macht und welche Erkenntnis dadurch erlangt
wird Dies war auch anfänglich bei der Aufstellung des allgemeinen Plans mein
Wille und ich meinte danach verfahren zu müssen allein nachdem ich der Sache
näher getreten bin finde ich eine so enge Verknüpfung zwischen den
Vorstellungen und Worten und die Begriffe und allgemeinen Ausdrücke haben eine
so stete Beziehung auf einander dass man von der Erkenntnis, die lediglich im
Sätzen besteht nicht klar und deutlich handeln kann wenn nicht zuvor die
Natur, der Gebrauch und die Bedeutung der Sprache in Betracht genommen worden
ist; dies soll daher die Aufgabe des nächsten Buches sein
Schluss des ersten Bandes
1 Der Mensch kann artikulierte Laute bilden Da Gott den Menschen zu
einem geselligen Wesen bestimmt hatte so gab er ihm nicht bloß eine Neigung ja
Notwendigkeit mit seines Gleichen zu verkehren sondern versah ihn auch mit
einer Sprache welche das große Werkzeug und gemeinsame Band der Gesellschaft
werden sollte Der Mensch hat deshalb von Natur so eingerichtete Organe dass er
artikulierte Laute bilden kann die Worte heißen Doch reicht dies zur Sprache
nicht hin denn auch Papageien und anderen Vögeln kann das Bilden von
artikulierten Lauten angelernt werden obgleich sie auf keine Weise der Sprache
fähig sind
2 Um sie zum Zeichen der Vorstellungen zu machen Es war also außerdem
noch die Fähigkeit erforderlich die Laute als Zeichen innerer Auffassungen zu
gebrauchen und sie zu Zeichen von Vorstellungen zu machen die Anderen dadurch
erkennbar würden damit die Menschen ihre Gedanken einander mittheilen konnten
3 Und um sie zu allgemeinen Zeichen zu machen Aber auch dies reichte
nicht hin um die Worte so nützlich als möglich zu machen Es genügt für die
Vollkommenheit einer Sprache nicht dass Laute zu Zeichen von Vorstellungen
erhoben werden wenn mit diesen Zeichen nicht mehrere einzelne Dinge befasst
werden können. Denn wenn jedes Ding seinen besonderen Namen erhalten müsste so
würde die Menge der Worte ihren Gebrauch erschwert haben Zur Abstellung dieser
Schwierigkeit erhielt die Sprache eine weitere Verbesserung in dem Gebrauch
allgemeiner Ausdrücke durch welche mit einem Wort eine Menge einzelner Dinge
bezeichnet wurden Dieser Vorteil wird nur durch den Unterschied der damit
bezeichneten Vorstellungen erreicht es wurden nämlich diejenigen Worte zu
allgemeineren welche allgemeinen Vorstellungen gegeben wurden und diejenigen
blieben einzelne die für Vorstellungen eines Einzelnen gebraucht wurden
4 Neben diesen Worten als Zeichen der Vorstellungen, gebraucht man noch
andere die keine Vorstellung bezeichnen sondern den Mangel oder die
Abwesenheit einer solchen sei sie einfach oder zusammengesetzt oder überhaupt
den Mangel aller Vorstellung andeuten Der Art ist nihil im Lateinischen und
Unwissenheit und Unfruchtbarkeit im Deutschen Von allen verneinenden und
beraubenden Worten kann man eigentlich nicht sagen dass sie keiner Vorstellung
angehören und keine bezeichnen da sie dann bedeutungslose Laute wären vielmehr
beziehen sie sich auf bejahende Vorstellungen und bezeichnen deren Abwesenheit
5 Die Worte sind ursprünglich von solchen abgeleitet die sinnliche
Vorstellungen bezeichnen Es führt ein wenig weiter zu dem Ursprung all unserer
Begriffe und Kenntnisse wenn man bemerkt wie sehr die Worte von bekannten
sinnlichen Vorstellungen abhängig sind und wie selbst die womit man
Tätigkeiten und Begriffe die von den Sinnen weit abstehen bezeichnet dort
ihren Ursprung haben und von bekannten sinnlichen Vorstellungen zu entferntem
Bedeutungen übertragen worden sind und nun Vorstellungen bezeichnen die nicht
zu den Sinneswahrnehmungen gehören zB einbilden verstehen erfassen
beitreten begreifen beibringen missfallen Unruhe Ruhe usw Alle diese
Worte sind von sinnlichen Tätigkeiten entlehnt und demnächst gewissen
Besonderungen des Denkens beigelegt Das Wort spirit Geist bezeichnet
ursprünglich den Atem angel Engel einen Boten und wenn man alle Worte für
unsinnliche Dinge bis zu ihrem Ursprung verfolgen könnte so würde man
sicherlich finden dass sie in allen Sprachen von sinnlichen Vorstellungen
herkommen Hieraus kann man einigermaßen die Art der Begriffe erraten welche
die ersten Erfinder der Sprache im Kopfe hatten woher sie sie ableiteten und
wie die Natur selbst bei Benennung der Dinge unbemerkt den Menschen die
Ursprünge und Anfänge all ihres Wissens zuführte Denn wenn die Worte Anderen
eine innere Tätigkeit oder eine andere unsinnliche Vorstellung erkennbar machen
sollten so mussten sie von bekannten sinnlichen Vorstellungen entlehnt werden
um damit dem Anderen die eigenen innerlichempfundenen Tätigkeiten die
äußerlich nicht erkennbar waren leichter begreiflich zu machen Waren so erst
Worte für diese innerlichen Vorgänge gebildet so hatte man genügende Mittel
auch alle anderen Vorstellungen zu benennen weil sie nur sinnliche
Wahrnehmungen oder innere geistige Tätigkeiten befassen konnten da man wie
ich gezeigt habe überhaupt nur Vorstellungen hat die ursprünglich entweder von
äußeren sinnlichen Gegenständen oder von inneren Vorgängen deren man sich
bewusst ist, kommen
6 Die Einteilung Um indes den Nutzen und die Bedeutung der Sprache
für Belehrung und Erkenntnis besser einzusehen ist zu erwägen 1 welchen
Dingen in den Sprachen Worte gegeben werden; 2 da alle Worte mit Ausnahme der
Eigennamen nicht einzelne Dinge sondern Arten und Gattungen derselben
bezeichnen so ist dann zu erwägen was die Gattungen und Arten oder lateinisch
ausgedrückt die genera und species der Dinge sind worin sie bestehen und wie
sie gebildet werden. Ist dies wie sich gehört genau untersucht so wird der
rechte Gebrauch der Worte, sowie die natürlichen Vorzüge und Mängel der Sprache
und die Hilfsmittel gegen die Übelstände welche aus der Dunkelheit und
Ungewissheit der Bedeutung der Worte hervorgehen leichter erkannt werden.
Ohnedem kann über wissenschaftliche Dinge nicht klar und ordnungsmäßig
verhandelt werden da es bei diesen sich um Sätze handelt und zwar meist um
allgemeine die mit den Worten enger verknüpft sind als man vielleicht glaubt
Dies wird der Gegenstand der nächsten Kapitel sein
1 Die Worte sind sinnliche Zeichen für die Mitteilung Wenn auch Jemand
viele und solche Gedanken hat die Anderen ebenso viel Nutzen und Vergnügen wie
ihm selbst gewähren könnten so sind sie doch alle in seiner Brust unsichtbar
den Anderen verborgen und können sich äußerlich nicht zeigen Da aber die
Bequemlichkeiten und der Nutzen der Gemeinschaft ohne Mittheilung der Gedanken
unmöglich waren so mussten die Menschen gewisse äußerliche Zeichen ausfindig
machen wodurch sie die unsichtbaren Vorstellungen aus denen ihre Gedanken
bestehen Anderen erkennbar machen konnten Dazu war nichts in Rücksicht auf
Vollständigkeit und Schnelligkeit so geeignet als die artikulierten Laute die
der Mensch so leicht und mannichfach hervorbringen kann Hieraus begreift es
sich wie die von Natur so gut dazu geeigneten Worte von den Menschen zur
Bezeichnung ihrer Vorstellungen benutzt worden sind. Es geschah nicht wegen
einer natürlichen Verbindung zwischen bestimmten artikulierten Lauten und
einzelnen Vorstellungen denn dann würde es nur eine Sprache für alle Menschen
geben sondern willkürlich ein beliebiges Wort wurde zum Zeichen einer
Vorstellung erhoben Der Nutzen der Worte liegt also in ihrer sinnlichen
Bezeichnung der Vorstellungen, und diese Vorstellungen machen deren unmittelbare
und eigentliche Bedeutung aus
2 Die Worte sind die sinnlichen Zeichen der Vorstellungen Dessen der
sie gebraucht Die Worte werden entweder gebraucht um in Unterstützung des
Gedächtnisses sich seiner eigenen Gedanken zu erinnern oder um die
Vorstellungen gleichsam zu äußern und den Anderen vor Augen zu legen Deshalb
bezeichnen sie ursprünglich und unmittelbar und die Vorstellungen Dessen der
sie gebraucht wenn auch diese Vorstellungen noch so unvollständig und
nachlässig den Dingen, die sie vorstellen sollen entlehnt sind Wenn Menschen
mit einander sprechen so wollen sie verstanden sein und der Zweck des
Sprechens ist durch Laute als Zeichen seine Vorstellungen dem Hörer bekannt
zu machen Also bezeichnen die Worte die Vorstellungen des Sprechenden und
Niemand kann sie unmittelbar für etwas Anderes als für seine eigenen
Vorstellungen benutzen denn sonst würden sie als Zeichen der eigenen
Vorstellungen für andere Vorstellungen benutzt dh sie wären gleichzeitig
Zeichen und auch nicht reichen der eigenen Vorstellungen dh sie hätten gar
keine Bedeutung Worte sind willkürliche Zeichen und können als solche von
Niemand unbekannten Dingen beigelegt werden damit würden sie Zeichen von Nichts
und Laute ohne Bedeutung Niemand kann sein Wort zu Zeichen von Eigenschaften
der Dinge oder Vorstellungen in eines Anderen Seele machen wovon er keine
eigene Vorstellung hat Ehe er nicht eine solche hat kann er nicht annehmen
dass sie mit denen Anderer stimme und kann kein Zeichen dafür gebrauchen denn
sie wären dann Zeichen für etwas ihm Unbekanntes dh in Wahrheit Zeichen für
Nichts Wenn er sich aber die Vorstellungen Anderer durch seine eigenen
vorstellt und ihnen denselben Namen wie Andere gibt so geschieht es doch nur
für seine eigenen Vorstellungen also für die Vorstellungen, die er hat und
nicht für solche die er nicht hat
3 Dies ist für den Gebrauch der Sprache so notwendig dass in dieser
Hinsicht der Kluge und der Dumme der Gelehrte und der Ungelehrte die Worte
wenn sie sprechen und dies Sprechen irgend Etwas bedeuten soll alle in
gleicher Art gebrauchen In Jedes Munde bezeichnen sie seine Vorstellungen, die
er damit ausdrücken will Wenn ein Kind nichts außer der glänzenden gelben
Farbe an dem Metall beachtet hat das es Gold nennen hört so benutzt es das
Wort Gold doch nur für seine eigene Vorstellung von dieser Farbe und für nichts
weiter und nennt deshalb diese Farbe auch an dem Schweife eines Pferdes Gold
Ein anderes hat besser beobachtet und fügt dieser Farbe das schwere Gewicht
hinzu dann bedeutet der Laut Gold wenn es ihn gebraucht die zusammengesetzte
Vorstellung einer glänzendgelben und sehr schweren Substanz Ein Anderer fügt
dann die Schmelzbarkeit hinzu und dann bedeutet ihm Gold einen glänzenden
gelben schmelzbaren und sehr schweren Körper Ein Anderer setzt die
Hämmerbarkeit hinzu Jeder von ihnen gebraucht das Wort wenn der Anlass kommt
gleichmäßig zum Ausdruck der von ihm damit verknüpften Vorstellungen, und Jeder
kann ihm offenbar nur seine eigenen Vorstellungen beilegen und es nicht als
Zeichen einer Vorstellung, die er nicht hat nehmen
4 Die Worte werden oft im Stillen bezogen zunächst auf die
Vorstellungen in der Seele Anderer Wenn hiernach die Worte eigentlich und
unmittelbar nur die Vorstellungen des Sprechenden bezeichnen können so wird
ihnen doch in Gedanken eine Beziehung auf zweierlei Anderes gegeben Erstens
nimmt man die Worte auch als Zeichen der Vorstellungen Anderer mit denen man
verkehrt denn das Sprechen wäre vergeblich und unverständlich wenn der Hörer
den Laut mit einer anderen Vorstellung als der Sprechende verbände das hieße
zwei Sprachen reden Indes sind die Menschen auf diesen Punkt meist nicht
aufmerksam genug halten es für genügend wenn sie das Wort in dem nach ihrer
Meinung allgemein geltenden Sinne gebrauchen sie nehmen dabei an dass die
Vorstellung, dessen Zeichen das Wort nach ihnen sein soll genau die ist, welche
die verständigen Leute des Landes mit diesem Worte verbinden
5 Sodann auf die Wirklichkeit der Dinge.) Zweitens will man dass die
Menschen nicht denken man spreche nur von seinen eigenen Einbildungen sondern
von wirklichen Dingen Indes gilt dies mehr von Substanzen und deren Namen
während der erste Fall mehr von einfachen Vorstellungen und Zuständen gilt ich
werde daher von diesem verschiedenen Gebrauche der Worte mehr und ausführlicher
bei Gelegenheit der Worte für die gemischten Zustände und für die Substanzen
sprechen nur das möchte ich hier bemerken dass es ein verkehrter Gebrauch der
Worte ist welcher unvermeidlich Dunkelheit und Verwirrung in ihre Bedeutung
bringt wenn man sie zu Zeichen der Dinge selbst und nicht der Vorstellungen der
Dinge macht
6 Die Worte erwecken in Folge von Übung leicht die Vorstellungen.) In
Betreff der Worte ist ferner zu erwähnen Erstens dass indem sie die
unmittelbaren Zeichen der Vorstellungen sind und damit die Werkzeuge wodurch
man sich seine Gedanken mittheilt und die in der engeren Brust enthaltenen
Gedanken und Phantasiebilder für Andere ausspricht durch den fortwährenden
Gebrauch die Verbindung zwischen Laut und der zugehörigen Vorstellung so fest
wird dass bei dem Hören des Wortes sofort dessen Vorstellung sich ebenso
einfindet als wenn der Gegenstand selbst den Sinn erregte Dies ist offenbar
bei allen bekannten sinnlichen Eigenschaften und ebenso bei allen häufig
vorkommenden und bekannten Substanzen der Fall
7 Die Worte werden nicht ohne Bedeutung gebraucht Zweitens bezeichnen
zwar die Worte in ihrer eigentlichen und unmittelbaren Bedeutung Vorstellungen
des Sprechenden allein sie werden von der Wiege ab so viel gebraucht dass man
viele artikulierte Laute vollkommen inne hat schnell auf der Zunge und im
Gedächtnis immer bei der Hand hat ohne doch deren Bedeutung sorgfältig zu
prüfen und festzustellen Daher kommt es dass man selbst bei aufmerksam
geführten Untersuchungen seine Gedanken mehr an Worte wie an die Dinge hängt
Ja viele Worte hat man eher gelernt ehe man ihre Vorstellungen kannte deshalb
sprechen Manche und nicht bloß die Kinder die Worte nach Art der Papageien
bloß weil sie den Laut gelernt und sich daran gewöhnt haben Allein so weit die
Worte von Nutzen und Bedeutung sind so weit haben sie auch eine feste
Verbindung mit Vorstellungen und bezeichnen diese ohnedem würden sie nur
bedeutungslose Töne bleiben
8 Ihre Bedeutung ist ganz willkürlich Durch den langen und häufigen
Gebrauch erwecken wie gesagt die Worte so regelmäßig und so schnell gewisse
Vorstellungen dass man geneigt ist eine natürliche Verbindung zwischen beiden
anzunehmen Allein sie bezeichnen die Vorstellungen des Menschen nur durch eine
rein willkürliche Verknüpfung wie daraus erhellt, dass sie bei Anderen
obgleich sie dieselbe Sprache sprechen nicht immer dieselbe Vorstellung
erwecken für deren reichen sie gelten und es kann Niemand die Freiheit
genommen werden Worte mit beliebigen Vorstellungen zu verbinden deshalb vermag
Niemand zu bewirken dass Andere bei dem Gebrauch derselben Worte auch dieselben
Vorstellungen haben die er selbst hat Selbst der große Augustus der in dem
Besitz der Herrschaft über die ganze Welt war erkennt es an dass er kein neues
lateinisches Wort zu machen vermöge dh dass er nicht beliebig bestimmen
könne welche Vorstellung ein Laut in dem Munde und in der Sprache seiner
Untertanen bezeichnen solle Allerdings verknüpft der gemeinsame Gebrauch in
allen Sprachen stillschweigend gewisse Laute mit gewissen Vorstellungen, und die
Bedeutung dieser Laute ist dadurch insoweit beschränkt dass der Mensch nicht
richtig spricht wenn er nicht diese Vorstellung damit verknüpft und ich sage
weiter dass ein Mensch nicht verständlich spricht wenn seine Worte in dem
Hörer nicht dieselbe Vorstellung erwecken für die er sie bei seiner Rede
gebraucht Mögen indes die Folgen eines von der allgemeinen Bedeutung oder dem
besonderen durch den Hörenden den Worten beigelegten Sinne abweichenden
Gebrauchs derselben sein welche sie wollen so ist doch so viel sicher dass
ihre Bedeutung bei ihrem Gebrauche auf die engeren Vorstellungen des Sprechenden
beschränkt ist und dass sie nicht Zeichen von etwas Anderem sein können
1 Die meisten Worte sind allgemeine Da alle bestehenden Dinge einzelne
sind so wäre es völlig vernünftig wenn die Worte die den Dingen entsprechen
sollen es ebenfalls wären ich meine in ihrer Bedeutung allein es findet
gerade das Gegenteil statt Bei Weitem die meisten Worte in den Sprachen sind
allgemeine Ausdrücke und es ist dies nicht die Folge von Nachlässigkeit und
Zufall sondern von Verstand und Notwendigkeit
2 Denn es ist unmöglich dass jedes einzelne Ding einen Namen haben
könne Erstens ist es unmöglich dass jedes einzelne Ding einen besonderen
Namen habe Die Bedeutung und der Gebrauch der Worte hängt von der Verbindung
ab welche die Seele zwischen ihren Vorstellungen und den Worten als deren
Zeichen macht Deshalb muss die Seele bei Anwendung der Namen auf die Dinge
bestimmte Vorstellungen von letzteren haben und auch den jedem einzelnen Dinge
zugehörigen Namen und dessen Gebrauch für dasselbe sich einprägen nun
übersteigt es aber die Kräfte des Menschen von allen einzelnen Dingen die er
antrifft besondere Vorstellungen zu bilden und zu behalten selbst in dem
größten Verstande könnte nicht jeder Vogel und jedes andere Thier das man
gesehen nicht jeder Baum und jede Pflanze welche die Sinne erregten einen
Platz finden Wenn es schon als ein staunenswertes Gedächtnis gilt dass
manche Generale jeden Soldaten ihres Heeres bei Namen gekannt haben so erklärt
dies genügend weshalb man nicht jedem Schafe in der Herde und nicht jeder
Krähe die über den Köpfen wegfliegt einen Namen gegeben hat und weshalb dies
noch weniger mit jedem Blatt eines Baumes und jedem Sandkorn auf dem Wege
geschehen ist
3 Es wäre auch nutzlos Wäre es aber zweitens auch möglich so würde es
doch nutzlos sein weil es zu dem Hauptzweck der Sprache nichts beitrüge Man
würde vergeblich Namen der einzelnen Dinge anhäufen denn sie wären zur
Mittheilung der Gedanken nicht zu gebrauchen Man lernt die Worte und gebraucht
sie in dem Gespräch mit Anderen nur des Verständnisses halber und das geschieht
nur wenn durch Gebrauch oder Übereinstimmung mein Laut in dem Hörer dieselbe
Vorstellung erweckt von der ich spreche Dies ist aber bei Namen für die
einzelnen Dinge nicht möglich denn der Andere kann nicht mit all den einzelnen
Dingen die ich wahrgenommen bekannt sein und deshalb können meine Worte für
den Anderen nicht bezeichnend oder verständlich sein
4 Drittens würden selbst wenn dies möglich wäre was es wohl nicht sein
dürfte bestimmte Worte für die einzelnen Dinge zur Vermehrung des Wissens
wenig helfen da es zwar auf dies Einzelne sich gründet aber nur durch
allgemeine Auffassungen sich erweitert wozu die unter allgemeinen Namen
gebrachten Arten der Dinge vorzüglich dienen Diese Arten mit ihren Namen halten
sich in einer gewissen Grenze und vermehren sich nicht jeden Augenblick über das
Maß hinaus was der Mensch fassen kann oder was die Sache erfordert Deshalb
hat man sich meist hierauf beschränkt ohne indes deshalb die Unterscheidung
des Einzelnen durch Eigennamen da zu hindern wo das Bedürfnis es erforderte
Deshalb macht der Mensch von den Eigennamen insbesondere bei seiner eigenen
Gattung Gebrauch mit der er am meisten zu tun hat und wo er oft Anlass hat
den Einzelnen hervorzuheben da hat daher der Einzelne auch seinen besonderen
Namen
5 Welche Dinge eigene Namen haben Aus demselben Grunde haben außer
den Personen auch die Länder die Städte die Flüsse die Gebirge und ähnliche
bestimmte Örtlichkeiten ihren Namen erhalten da man oft Anlass hat
dergleichen im Einzelnen so zu bezeichnen als wären sie Dem mit welchem man
spricht vor Augen gestellt und wo man Grund hafte der einzelnen Pferde so oft
wie der einzelnen Menschen zu erwähnen da werden sicherlich die Eigennamen bei
ihnen so gebräuchlich wie bei den Menschen sein Bucephalos wäre dann ein
ebenso gebräuchliches Wort wie Alexander Deshalb haben auch bei Bereitern die
Pferde ebenso wie die Bedienten ihre Eigennamen nach denen sie gekannt und
genannt werden, da dort oft Anlass ist des einzelnen Pferdes zu erwähnen ohne
es vor Augen zu haben
6 Wie die allgemeinen Worte gebildet worden sind.) Zunächst ist zu
untersuchen wie die Worte gebildet werden. Da alle Dinge nur einzelne sind so
fragt sich wie man zu allgemeinen Worten kommt und wo man die allgemeinen
Naturen findet die sie bezeichnen Die Worte werden allgemein wenn sie zu
Zeichen allgemeiner Vorstellungen gemacht werden die Vorstellungen werden
allgemein wenn man die Nebenumstände der Zeit und des Ortes und Anderes
abtrennt was sie zu dem einzelnen bestimmten Dinge macht Auf diesem Wege des
Abtrennens können sie mehrere einzelne Dinge darstellen denn jedes einzelne
Ding hat in sich das was mit dieser Trennvorstellung übereinstimmt oder wie
man sich ausdrückt von dieser Art ist
7 Um indes dem etwas näher zu treten will ich den Begriffen und Namen
bis zu ihrem Ursprung folgen und untersuchen wie allmählich und in welchen
Schritten die Vorstellungen sich von der Kindheit ab erweitern Unzweifelhaft
sind die Vorstellungen von den Personen mit denen Kinder verkehren um bei
diesem Fall stehen zu bleiben so einzelne wie diese Personen selbst Die
Vorstellung der Amme und der Mutter sind in ihrer Seele gut ausgebildet sie
stellen wie Gemälde nur diese Einzelnen vor und die ihnen gegebenen Namen
beziehen sich nur auf diese einzelnen Personen die Namen der Amme und der Mama
beschränken sich nur auf diese Später wenn Zeit und weitere Bekanntschaft die
Kinder bemerken lassen dass es auch viele andere Wesen in der Welt gibt die
in manchen Stücken wie in der Gestalt und anderen Eigenschaften ihrem Vater
oder ihrer Mutter und ihren Bekannten gleichen bilden sie eine Vorstellung von
dem an welchem wie sie bemerken all diese Einzelnen teilnehmen und dieser
geben sie dann zB den Namen Mensch So gelangen sie zu allgemeinen Worten und
Vorstellungen sie machen dabei nichts Neues sondern lassen nur von der
zusammengesetzten Vorstellung, die sie von Peter und Jakob von Maria und
Johanna haben das Eigentümliche weg und behalten bloß das Allen Gemeinsame
8 So wie sie auf diese Weise zu dem allgemeinen Namen und der Vorstellung
des Menschen kommen gelangen sie auch zu noch allgemeineren Namen und
Vorstellungen Sie bemerken dass manche Dinge sich von ihrer Vorstellung des
Menschen unterscheiden und daher nicht unter diesen Namen befasst werden können,
dass sie aber doch gewisse Eigenschaften mit dem Menschen gemein haben indem
sie nun letztere allein festhalten und zu einer Vorstellung verbinden gewinnen
sie eine andere noch allgemeinere Vorstellung und wenn sie ihr einen Namen
gegeben haben sie einen Ausdruck von größerem Umfange Diese neue Vorstellung
ist nicht durch einen Zusatz erlangt sondern wie vorher durch Weglassung der
Gestalt und einzelner anderer mit dem Worte Mensch befasster Eigenschaften und
Zurückbehaltung des Körpers mit Leben Sinnen und freiwilliger Bewegung allein
die unter dem Namen lebendiges Geschöpf befasst werden
9 Allgemeine Naturen sind nur begriffliche Vorstellungen Dass dies der
Weg ist auf dem der Mensch zuerst allgemeine Vorstellungen und Namen gebildet
hat ist so klar dass man statt Beweises nur sich selbst und Andere und das
Vorschreiten in Kenntnissen zu beobachten braucht Wer da meint dass allgemeine
Naturen oder Begriffe etwas Anderes als solche abgetrennte und teilweise
Vorstellungen von mehr zusammengesetzten seien wird in Verlegenheit sein wo er
sie hernehmen soll Man überlege und sage mir wodurch die Vorstellung des
Menschen von der des Peter und Paul und die Vorstellung des Pferdes von der des
Bucephalos sich anders unterscheidet als dass das jedem Einzelnen Besondere
weggelassen und das ihnen Allen Gemeinsame zurückbehalten worden ist? Lässt man
von den zusammengesetzten Vorstellungen, die unter den Worten Mensch und Pferd
verstanden werden das Besondere worin sie unterschieden sind weg und behält
man nur das worin sie übereinstimmen und macht man davon eine neue
zusammengesetzte Vorstellung mit dem Namen lebendiges Geschöpf so hat man
einen allgemeineren Ausdruck der neben dem Menschen auch noch andere Geschöpfe
befasst Lässt man davon die Vorstellung des Wahrnehmens oder der freiwilligen
Bewegung weg und macht man aus den übrigen einfachen des Körpers, des Lebens
und der Ernährung eine neue zusammengesetzte Vorstellung so hat man eine neue
noch allgemeinere unter den Namen der Organismen Kurz auf diesem selbigen Wege
gelangt die Seele zu den Vorstellungen von Körper Substanz, und zuletzt von
Sein Ding und solchen allgemeinen Ausdrücken die für alle unsere Vorstellungen
überhaupt gelten Das ganze Geheimnis der genera und species von dem man
solchen Lärm in den Schulen macht und das man mit Recht außerhalb derselben
sowenig beachtet ist nichts weiter als solche Trennvorstellungen die mehr oder
weniger umfassend und mit einem Namen verbunden worden sind. Überall gilt hier
ohne Ausnahme dass der allgemeinere Name eine solche Vorstellung bezeichnet
die nur ein Teil von jeder unter ihr befassten ist
10 Weshalb man meist von dem genus bei den Definitionen Gebrauch macht
Dies erklärt weshalb man bei der Definition der Worte, welche nur eine
Erklärung ihrer Bedeutung ist von dem genus Gebrauch macht dh von dem
nächsten sie befassenden allgemeinen Worte Es geschieht nicht aus
Notwendigkeit sondern nur um sich die Aufzählung der einzelnen einfachen
Vorstellungen zu ersparen welche das nächste allgemeine Wort befasst und
manchmal wohl auch aus Scham dass man es nicht vermag Obgleich das Definieren
durch genus und differentia man entschuldige diese lateinischen Kunstausdrücke
sie bezeichnen am besten die ihnen zugehörigen Begriffe ich sage obgleich das
Definieren durch genus der kürzeste Weg sein mag so fragt es sich doch ob es
auch der beste ist es ist wenigstens sicherlich nicht der einzige und der
unbedingt notwendige Denn da das Definieren durch Worte dem Andern nur
verständlich macht welche Vorstellung der definierte Ausdruck enthält so
geschieht es am besten wenn man die einfachen darin verbundenen Vorstellungen
aufzählt Wenn man statt dessen sich an den nächsten allgemeinen Ausdruck
gewöhnt hat so ist es nicht aus Notwendigkeit oder der Klarheit wegen
sondern der Schnelligkeit und Bequemlichkeit wegen geschehen denn ich glaube
dass, wenn man sagt Der Mensch ist eine ausgedehnte Substanz welche Leben
Sinne freie Bewegung und Vernunft hat der Sinn des Ausdrucks »Mensch« dadurch
ebensogut verstanden werden wird als wenn er durch »vernünftiges Thier«
definiert würde da diese Definition durch die Definitionen des Tieres des
Körpers und des Lebendigen sich ebenfalls in die aufgezählten Bestimmungen
auflöst Ich bin hier bei der Erklärung des Ausdrucks Mensch der gewöhnlichen
Definition der Schulen gefolgt sie ist vielleicht nicht ganz genau allein sie
passt hier für meinen Zweck Sie zeigt auch was die Regel veranlasst hat dass
eine Definition aus dem genus und der differentia bestehen müsse und wie wenig
man derselben bedarf und wie gering der Nutzen ihrer genauen Befolgung ist
Denn wenn das definieren wie gesagt nur ein Wort durch andere erklärt damit
seine Vorstellung sicher erfasst werde so sind doch die Sprachen nicht immer
nach den Regeln der Logik so gebildet dass die Bedeutung jedes Wortes genau und
klar durch zwei andere ausgedrückt werden könnte die Erfahrung zeigt vielmehr
das Gegenteil oder es haben Die welche diese Regel aufgestellt nicht Recht
getan dass sie uns so wenig ihr entsprechende Vorstellungen gegeben haben Im
nächsten Kapitel werde ich mehr darüber sagen
11 Allgemeine Worte sind Geschöpfe des Verstandes Aus dem Gesagten
erhellt, dass allgemeine Worte nicht zum wirklichen Dasein eines Dinges gehören
sie sind vielmehr Erzeugnisse und Erfindungen des Verstandes, die er für seine
Zwecke gebildet hat und nur Zeichen entweder von Worten oder Vorstellungen. Die
Worte sind wie gesagt allgemeine wenn sie allgemeine Vorstellungen bezeichnen
und deshalb auf viele einzelne Dinge angewendet werden, können, und die
Vorstellungen sind allgemeine wenn sie als die Darstellungen vieler einzelnen
Dinge aufgestellt sind Aber Allgemeinheit gehört nicht den Dingen selbst an
vielmehr sind diese als daseiende sämtlich einzelne und dies gilt selbst bei
den Worten und Vorstellungen deren Bedeutung eine allgemeine ist Verlässt man
daher das Einzelne so ist das Allgemeine, was übrig bleibt nur ein von uns
selbst gemachtes Geschöpf seine allgemeine Natur ist nur die von dem Verstande
ihm beigelegte Fähigkeit vieles Einzelne zu bezeichnen und darzustellen seine
Bedeutung ist nur eine Beziehung die ihm von der Seele zugegeben ist
12 Die begrifflichen Vorstellungen sind das Wesen der genera und species
Es ist also zunächst zu untersuchen welche Art von Bedeutung die allgemeinen
Worte haben denn da sie offenbar nicht bloß ein einzelnes Ding bezeichnen weil
sie sonst keine allgemeinen Worte sondern Eigennamen sein würden so ist doch
klar dass sie auch keine Mehrheit bezeichnen denn sonst würden Mensch und
Menschen dasselbe bedeuten und die Unterscheidung der Zahl wie die
Sprachlehrer sagen wäre überflüssig und nutzlos Das was die allgemeinen Worte
bezeichnen ist deshalb eine Art von Dingen, und jedes tut dies indem es das
Zeichen einer begrifflichen Vorstellung in der Seele ist wenn mit dieser die
daseienden Dinge übereinstimmen so werden sie unter diesem Samen gebracht
oder was dasselbe ist, sie sind von dieser Art Daraus erhellt, dass das Wesen
der Arten oder wenn die lateinischen Ausdrücke vorgezogen werden der species
der Dinge nur diese begrifflichen Vorstellungen sind Denn wenn ein Ding
dadurch dass es das Wesen einer Art enthält zu dieser Art gehört und wenn die
Übereinstimmung des Namens mit der damit verknüpften Vorstellung diesen Namen
rechtfertigt so muss es dasselbe sein dieses Wesen oder diese Übereinstimmung
mit der Vorstellung zu haben denn es ist dasselbe ob etwas von derselben
Artist oder ob es ein Recht auf den Namen dieser Art hat So ist es zB
dasselbe ein Mensch oder von dieser Art zu sein und ein Recht auf den Namen
Mensch zu haben ebenso ist es dasselbe ein Mensch oder von der Art des
Menschen zu sein und das Wesen des Menschen zu haben Wenn also nur das Ding ein
Mensch ist oder das Recht zu diesem Namen hat welches mit der begrifflichen
Vorstellung, welche das Wort Mensch bezeichnet übereinstimmt und wenn nur das
Ding ein Mensch ist und ein Recht auf die Art Mensch hat was das Wesen dieser
Art hat so folgt, dass die begriffliche Vorstellung, die das Wort bezeichnet
und das Wesen der Art ein und dasselbe ist. Daraus erhellt, dass das Wesen, der
Arten der Dinge, und also auch ihre Teilung in Arten das Werk des Verstandes
ist welcher abtrennt und diese allgemeinen Vorstellungen bildet
13 Sie sind das Werk des Verstandes, aber haben ihre Grundlage in der
Ähnlichkeit der Dinge.) Man glaube nicht ich hätte hier übersehen und
bestritten dass die Natur bei der Hervorbringung der Dinge manche einander
ähnlich macht es ist dies allbekannt namentlich bei den Arten der Tiere und
aller durch Samen fortgepflanzten Dinge Allein dennoch dürfte ihre Ordnung nach
Arten und ihre Benennung danach das Werk des Verstandes sein indem er von ihrer
Ähnlichkeit den Anlass zur Bildung begrifflicher allgemeiner Vorstellungen
nimmt und diese mit daran gehefteten Namen als Muster oder Formen denn in
diesem Sinne hat das Wort eine besondere Bedeutung in der Seele aufstellt Je
nachdem die einzelnen Dinge damit übereinstimmen sind sie von dieser Art und
erhalten deren Bezeichnung oder werden in diese Klasse gestellt Wenn man zB
sagt Dieser ist ein Mensch dies ist ein Pferd dies ist Gerechtigkeit jenes
Grausamkeit dies ist eine Uhr jenes ein Hanswurst so ist dies nur ein
Einreihen dieser Dinge unter verschiedene Namen weil sie den begrifflichen
Vorstellungen entsprechen zu deren Zeichen jene Worte gemacht worden sind; und
die Wesenheiten dieser herausgehobenen und mit Namen belegten Arten sind nur
jene begrifflichen Vorstellungen in der Seele die gleichsam die einzelnen
bestehenden Dinge zusammenbinden und Namen erhalten unter die sie geordnet
werden Wenn allgemeine Worte mit den einzelnen Dingen eine Verbindung haben so
geschieht es vermittelst der sie vereinenden begrifflichen Vorstellung deshalb
kann das Wesen der Art was der Mensch unterscheidet und benennt nur die in
seiner Seele bestehende begriffliche Vorstellung sein Deshalb können die
angeblichen wirklichen Wesenheiten der Substanzen wenn sie von den
begrifflichen Vorstellungen verschieden sein sollen nicht das Wesen der Arten
sein unter die man sie ordnet Zwei Arten können ebenso gut eine Art sein wie
zwei verschiedene Wesenheiten die Wesenheit einer Art und ich frage worin
bestehen die Veränderungen in einem Pferde oder in dem Blei wenn sie nicht
dadurch zu einer andern Art werden Erklärt man die Arten der Dinge durch die
begrifflichen Vorstellungen so ist dies leicht zu lösen will man sich aber
hier mit angeblichen wirklichen Wesenheiten helfen so dürfte man in
Verlegenheit kommen und man wird nie wissen können wenn ein Ding genau aufhört
zur Art des Pferdes oder Bleis zu gehören
14 Jede bestimmte begriffliche Vorstellung ist eine bestimmte Wesenheit
Wenn ich diese Wesenheiten oder begrifflichen Vorstellungen welche die
Maße der Worte und die Grenzen der Arten sind das Werk des Verstandes nenne
so kann dies Niemand wundern welcher bedenkt dass wenigstens die amen oft bei
verschiedenen Personen auch verschiedene Verbindungen einfacher Vorstellungen
sind und dass deshalb dem Einen etwas als Habgierde gilt und den Andern nicht
Selbst bei den Substanzen wo die begrifflichen Vorstellungen den Dingen selbst
entlehnt zu sein scheinen sind sie doch nicht immer sich gleich selbst nicht
bei den uns am meisten bekannten Arten mit denen man am vertrautesten ist da
man mehrmals bezweifelt hat ob die von einem Weibe geborene Frucht ein Mensch
sei und deshalb sogar überlegt hat ob sie ernährt und getauft werden solle
Dies wäre unmöglich gewesen wenn die begriffliche Vorstellung oder das Wesen,
dem der Name zukommt von der Natur gebildet wäre und nicht in der unsicheren
und veränderlichen Verbindung einfacher Vorstellungen bestünde die der Verstand
zusammenbringt und ihnen in ihrer Abtrennung dann einen besonderen Namen gibt
Deshalb ist in Wahrheit jede begriffliche Vorstellung eine bestimmte Wesenheit
und die Worte für solche begriffliche Vorstellungen bezeichnen wesentlich
verschiedene Dinge So ist ein Kreis so wesentlich von einem Oval verschieden
wie das Schaf von der Ziege und Regen ist so wesentlich vom Schnee verschieden
wie Wasser von Erde Die begriffliche Vorstellung, welche das Wesen von einem
Dinge ist kann einem andern nicht mitgeteilt werden deshalb bilden zwei
begriffliche Vorstellungen, die in einem Punkte von einander abweichen mit
ihren Namen zwei verschiedene Arten oder species und sind ebenso wesentlich
verschieden als die zwei entferntesten und entgegengesetztesten in der Welt
15 Die wirklichen und die WortWesen Da das Wesen der Dinge vielfach
als unbekannt angesehen wird und nicht ohne Grund so ist eine Untersuchung
der verschiedenen Bedeutungen dieses Wortes nötig Erstens kann Wesen für das
gelten wodurch ein Ding das ist was es ist und deshalb kann man die wirkliche
innere aber bei Substanzen meist unbekannte Verfassung der Dinge, von welcher
ihre erkennbaren Eigenschaften abhängen ihr Wesen nennen Dies ist die
eigentliche und ursprüngliche Bedeutung dieses Wortes wie aus seiner Bildung
hervorgeht da essentia in seinem ursprünglichen Sinne das Sein bedeutet In
diesem Sinne gebraucht man das Wort wenn man von dem Wesen einzelner Dinge
spricht ohne ihnen einen Namen zu geben Zweitens hat man in den Büchern und
Streitigkeiten der Schulen sich viel mit genus und species gemüht und dadurch
hat das Wort Wesen seine ursprüngliche Bedeutung beinahe verloren anstatt die
wirkliche Verfassung von Dingen bezeichnet man damit die künstliche Verfassung
der genera und species Man nimmt allerdings gewöhnlich an dass diese eine
wirkliche Verfassung haben und unzweifelhaft muss es wirkliche Verfassungen
geben von denen jede Verbindung zusammen bestehender einfacher Vorstellungen
abhängt Allein da die Dinge offenbar nur soweit in Gattungen und Arten geordnet
werden als sie den begrifflichen Vorstellungen entsprechen die mit diesem
Namen bezeichnet sind so ist das Wesen jedes genus oder jeder Gattung nur die
begriffliche Vorstellung, welche der Gattungs oder ArtName bezeichnet Dies
ist der Sinn des Wortes Wesen in dem es am meisten gebraucht wird Man kann
diese bisherigen zwei Arten des Wesens vielleicht am besten die eine mit
wirklichen die andere mit WortWesen bezeichnen
16 Die stete Verbindung zwischen dem Namen und WortWesen Zwischen dem
Namen und dem WortWesen besteht eine so enge Verbindung dass der Name einer
Art von Dingen dem einzelnen Dinge nur beigelegt werden kann, wenn es die
Wesenheit hat die der begrifflichen Vorstellung entspricht welche der Name
bezeichnet
17 Die Annahme, dass die Arten durch ihr wirkliches Wesen von einander
unterschieden seien hat keinen Nutzen Über das wirkliche Wesen körperlicher
Substanzen wenn ich mich auf diese beschränke gibt es wenn ich nicht irre
zwei Ansichten Die eine herrscht bei Denen welche das Wort Wesen ich weiß
nicht für was gebrauchen und eine Anzahl solcher Wesen annehmen denen
entsprechend alle Dinge gemacht sind und an denen jedes Einzelne genau Teil
nimmt und dadurch von dieser oder jener Art ist Die andere und verständigere
Ansicht herrscht bei Denen welche in allen natürlichen Dingen eine wirkliche
aber unbekannte Verfassung ihrer nicht wahrnehmbaren Theile annehmen aus der
die sinnlichen Eigenschaften sich ableiten wodurch sie von einander
unterschieden werden, je nachdem man Anlass hat sie in Arten mit besonderen
Namen zu ordnen Die erste dieser Ansichten welche diese Wesenheiten als eine
Anzahl von Formen oder Modelle ansieht in die alle bestehenden natürlichen
Dinge gepresst worden sind, und an denen sie gleichen Antheil haben hat die
Erkenntnis der natürlichen Dinge nach meiner Ansicht sehr erschwert Das
häufige Vorkommen von widernatürlichen Formen bei allen Arten der Geschöpfe von
Missgeburten und anderen seltsamen Gestalten bei menschlichen Geburten führen
hier zu Schwierigkeiten die sich mit dieser Annahme nicht vereinigen lassen
denn es ist ebenso unmöglich dass zwei Dinge die an demselben wirklichen Wesen
Teil haben verschiedene Eigentümlichkeiten haben als dass zwei Figuren die
an demselben wirklichen Wesen des Kreises Teil haben verschiedene
Eigentümlichkeiten haben könnten Stände dieser Ansicht auch sonst kein Grund
entgegen so ist doch die Annahme von Wesenheiten die man nicht erkennen kann
obgleich sie das sein sollen was die Arten der Dinge trennt so nutzlos und
hilft unserem Wissen so wenig dass man sie schon deshalb bei Seite lassen kann
und sich mit solchen Wesenheiten der Arten oder Gattungen der Dinge begnügen
sollte die in den Bereich der Erkenntnis fallen und als solche werden sich
bei genauerer Prüfung wie gesagt nur jene begrifflichen zusammengesetzten
Vorstellungen ergeben denen besondere Namen gegeben worden sind.
18 Das wirkliche und das WortWesen sind bei einfachen Vorstellungen und
bei eigenschaftlichen Besonderungen ein und dasselbe aber bei den Substanzen
verschieden Wenn man so das Wesen in das wirkliche und in das WortWesen
einteilt so zeigt sich dass bei den einfachen Vorstellungen und bei den
Eigenschaften beide immer dasselbe sind aber bei den Substanzen immer
verschieden so ist die einen Raum innerhalb dreier Linien einschließende Figur
sowohl das wirkliche, wie das WortWesen des Dreiecks da sie nicht bloß die
begriffliche Vorstellung ist, mit welcher dieser Name verbunden wird sondern
auch das wahre Wesen oder Sein des Dinges selbst und die Grundlage von der all
seine Eigenschaften herkommen und an welche sie sämtlich untrennbar geheftet
sind Ganz anders ist es aber mit dem Stücke Stoff welches den Ring meines
Fingers ausmacht hier sind diese beiden Wesen offenbar verschieden Denn es ist
die wirkliche Verfassung seiner kleinsten Theile von der seine Eigenschaften in
Bezug auf Farbe Gewicht Schmelzbarkeit Festigkeit usw abhängen diese
Verfassung ist unbekannt und da die Vorstellung dafür fehlt ist auch kein
besonderer Name dafür vorhanden Dennoch sind es die Farbe das Gewicht die
Schmelzbarkeit die Festigkeit usw welche machen dass Etwas Gold ist und so
genannt wird deshalb sind sie sein WortWesen nichts kann Gold genannt werden,
was nicht in seinen Eigenschaften mit der begrifflichen Vorstellung
übereinstimmt zu der dieser Name gehört Da indes dieser Unterschied des
Wesens mehr zu den Substanzen gehört so wird er da wo über deren Namen
gehandelt werden wird vollständiger zu erörtern sein
19 Die Wesen sind unerzeugbar und unverderblich Dass diese
begrifflichen Vorstellungen mit ihren Namen das Wesen sind erhellt weiter aus
dem was man von dem Wesen sagt nämlich dass es nicht erzeugt werden und nicht
vergehen kann Von der wirklichen Verfassung der Dinge kann dies nicht gelten
da diese mit ihnen entsteht und untergeht Alle bestehenden Dinge mit Ausnahme
ihres Schöpfers sind dem Wechsel unterworfen namentlich die Dinge die wir
kennen und in Klassen mit bestimmten Namen oder Zeichen geordnet haben So ist
das was heute Gras ist morgen das Fleisch eines Schafes und einige Tage später
das Fleisch eines Menschen bei allen diesen und ähnlichen Veränderungen wird
offenbar sein wirkliches Wesen dh die Verfassung wovon die Eigenschaften der
Dinge abhängen zerstört und geht mit ihnen unter Nimmt man aber die Wesen als
Vorstellungen in der Seele die bestimmte Namen haben so gelten sie als
unveränderlich trotz der Veränderungen welche die einzelnen Substanzen
erleiden denn was zB auch aus Alexander und Bucephalus werden mag so bleiben
doch die Vorstellungen, an welche der Mensch und das Pferd geknüpft waren
dieselben und so bleiben die Wesen dieser Arten ganz und unzerstört wenn auch
die einzelnen Individuen dieser Arten noch so viel sich verändern Auf diese
Weise bleibt das Wesen einer Art ganz unverletzt und von dem Dasein eines oder
vieler Individuen dieser Art unabhängig Wenn es jetzt auch gar keinen Kreis in
der Welt gäbe da vielleicht eine genaue Kreisgestalt in der Welt gar nicht
besteht so bliebe doch die Vorstellung dieses Namens das was sie ist und
hörte nicht auf das Muster zu sein wonach sich bestimmt welche einzelne sich
findenden Figuren ein Recht auf den Namen Kreis haben und welches zeigt welche
Figuren vermöge dieser Wesenheit zu dieser Art gehören Und wenn es so niemals
in Natur ein Thier wie das Einhorn oder einen Fisch wie die Seejungfer gegeben
hätte so würde doch wenn diese Namen zusammengesetzte begriffliche
Vorstellungen bezeichnen die keinen Widerspruch in sich enthalten das Wesen
der Seejungfer ebenso verständlich sein wie das des Menschen und das Wesen des
Einhorns würde so gewiss beständig und fest sein wie das des Pferdes Aus dem
Gesagten erhellt wie diese Lehre von der Unveränderlichkeit der Wesenheiten sie
nur als begriffliche Vorstellungen darlegt die sich auf die Beziehung ihrer zu
gewissen Lauten als ihren Zeichen stützen sie werden so lange wahr sein als
der Name dieselbe Bedeutung behält
20 Wiederholung Ich fasse also das Bisherige zusammen und sage dass
diese ganze große Frage der genera und species und ihrer Wesen nur bedeutet
dass man durch Bildung begrifflicher Vorstellungen, welche mit bestimmten ihnen
gegebenen Namen festgehalten werden im Stande ist Dinge zu betrachten und von
ihnen wie in Bündeln zu sprechen und damit die Vermehrung und Mittheilung des
Wissens leichter und bequemer zu machen während dies nur langsam geschehen
würde wenn die Worte und Gedanken nur am einzelne Dinge beschränkt worden
wären
1 Die Worte für einfache Vorstellungen für die Zustände und für die
Substanzen haben für jede Art etwas Besonderes Obgleich alle Worte wie ich
gezeigt habe unmittelbar nur die Vorstellung des Sprechenden bezeichnen so
ergibt doch die nähere Betrachtung dass die Worte für einfache Vorstellungen
für gemischte Zustände unter denen ich auch die Beziehungen begreife und für
die natürlichen Substanzen in jeder Art etwas Eigentümliches und von einander
Verschiedenes haben Zum Beispiel
2 Die Worte für einfache Vorstellungen und für Substanzen bedeuten das
wirkliche Dasein Erstens die Worte für einfache Vorstellungen und für
Substanzen mit den sie unmittelbar bezeichnenden Vorstellungen in der Seele
bedeuten auch ein wirkliches Sein von dem ihr ursprüngliches Muster abgeleitet
worden ist; aber die Worte für gemischte Zustände schließen mit der Vorstellung
in der Seele ab und führen das Denken nicht darüber hinaus wie das nächste
Kapitel deutlicher ergeben wird
3 Die Worte für einfache Vorstellungen und Zustände bedeuten immer
sowohl das wirkliche, wie das WortWesen Zweitens Die Worte für einfache
Vorstellungen und für Zustände bezeichnen sowohl das wirkliche, wie das
WortWesen ihrer Art während die Worte für natürliche Substanzen nur selten
oder wohl niemals mehr als das WortWesen ihrer Art bedeuten wie das über die
Namen der Substanzen handelnde Kapitel näher ergeben wird
4 Die Worte für einfache Vorstellungen sind undefinierbar Drittens Die
Worte für einfache Vorstellungen können nicht definiert werden aber wohl die
Worte für zusammengesetzte Vorstellungen Ich wüsste nicht dass man schon
bemerkt hätte welche Worte definierbar sind und welche nicht dies veranlasst
wie ich glauben möchte oft großes Schwanken und Dunkelheit in dem Reden
indem der Eine Definitionen von Ausdrücken verlangt die nicht definiert werden
können, und der Andere sich nicht bei einer Erklärung beruhigen zu dürfen meint
die durch ein allgemeines Wort und seine Beschränkung gegeben wird oder nach
den Kunstausdrücken durch das genug und den ArtUnterschied wenn Der welcher
eine solche nach der Regel gemachte Definition hört keine klarere Vorstellung
von dem Sinn des Wortes dadurch erlangt als er schon vorher hatte Es liegt
wohl nicht ganz außerhalb meiner Aufgabe wenn ich zeige welche Worte nicht
definiert werden können und worin eine gute Definition besteht die Natur dieser
Zeichen und unserer Vorstellungen dürfte dadurch so viel Licht erlangen dass
die Sache wohl einer näheren Betrachtung wert sein dürfte
5 Wenn Alles definierbar wäre so nähme die Definition kein Ende Ich
mühe mich nicht damit ab dass ich aus dem Fortgange ohne Ende beweise dass
nicht alle Worte definierbar seien offenbar geriete man in dieses Endlose wenn
alle Worte definierbar wären Wären die Ausdrücke einer Definition durch andere
wieder definierbar wo sollte man da zuletzt einhalten Ich will vielmehr aus der
Natur unserer Vorstellungen und aus der Bedeutung unserer Worte zeigen weshalb
manche Worte definiert werden können und andere nicht und welche es sind
6 Was eine Definition ist Ich denke es ist anerkannt dass eine
Definition den Sinn eines Wortes durch mehrere andere nicht gleichlautende
Ausdrücke darlegt Der Sinn der Worte sind nur die Vorstellungen, welche die
Worte bei Dem der sie gebraucht bezeichnen und deshalb ist deren Sinn dann
dargelegt oder das Wort definiert wenn die dazu in der Seele des Sprechenden
gehörende Vorstellung durch andere Worte dem Andern gleichsam dargelegt oder vor
Augen gestellt und so seine Bedeutung vergewissert worden ist. Dies allein ist
der Zweck und der Nutzen der Definitionen und deshalb auch der alleinige
Maßstab für ihre Güte
7 Weshalb einfache Vorstellungen nicht definierbar sind Dies
vorausgeschickt sage ich dass die Worte für einfache Vorstellungen, und zwar
nur diese undefinierbar sind weil die mehreren Ausdrücke einer Definition
mehrere Vorstellungen bezeichnen und daher niemals zusammen eine Vorstellung
darlegen können die überhaupt nicht zusammengesetzt ist Deshalb kann die
Definition, die in Wahrheit nur den Sinn eines Wortes durch mehrere andere
aufzeigt die nicht alle dasselbe bedeuten bei Worten für einfache
Vorstellungen nicht Platz greifen
8 Beispiele hierzu Die Bewegung.) Indem man diesen Unterschied bei den
Vorstellungen und ihren Worten nicht bemerkte geriet man in jene
Jämmerlichkeiten die man leicht an den Definitionen der Schulen bei einzelnen
dieser einfachen Vorstellungen erkennt Die meisten derselben haben sie
allerdings weislich unberührt gelassen weil sie es geradezu unmöglich fanden
sie zu definieren Welches leerere Geschwätz konnte der Menschenwitz wohl
erfinden als die Definition: »Die Tätigkeit eines in Kraft seienden Dinges
insofern es in Kraft ist« Jedermann würde dadurch in Verlegenheit geraten der
sie nicht schon durch ihre berüchtigte Widersinnigkeit kennt wenn er das Wort
raten sollte was dadurch erklärt werden soll Wenn Tullius einen Holländer
gefragt hätte was »Beweeginge« sei und ihm nun als Erläuterung in seiner
Sprache gesagt worden wäre es sei ein »Actus entis in potentia quatenus in
poteitia« so frage ich ob Jemand wohl glauben kann Tullius habe nun
verstanden was »Beweeginge« bedeute oder habe erraten was der Holländer bei
diesem Laut in der Regel denkt und dem Andern dadurch mittheilen will
9 Auch den neueren Philosophen ist es trotz ihres Versuchs dieses Gerede
und unverständliche Geschwätz der Schulen bei Seite zu werfen nicht besser
gelungen die einfachen Vorstellungen zu definieren weder die Erklärung ihrer
Ursachen noch Anderes wollte dazu helfen Wenn die Atomiker die Bewegung als
den Übergang aus einem Orte in einen andern definieren so setzen sie nur ein
anderes Wort desselben Sinnes für das zu definierende denn Übergang ist eben
Bewegung und fragte man sie was Übergang sei so könnten sie es nicht besser
als durch Bewegung definieren es ist wenigstens ebenso passend und deutlich zu
sagen Übergang ist die Bewegung aus einem Ort in den andern wie Bewegung ist
der Übergang aus usw Dies nennt man übersetzen aber nicht definieren wenn
man nur zwei Worte gleichen Sinnes wechselt Ist das eine verständlicher als das
andere so kann es allerdings die Vorstellung, welche das unverstandene Wort
bezeichnet entdecken helfen allein dies ist lange noch keine Definition denn
sonst müsste jedes deutsche Wort in dem Wörterbuche die Definition des
lateinischen sein soweit es ihm entspricht und Bewegung wäre dann die
Definition von motus Auch die Cartesianische Definition nämlich die
fortgehende Berührung der Theile der Oberfläche eines Körpers mit denen eines
andern ist bei näherer Prüfung keine bessere Definition der Bewegung.
10 Licht »Die Tätigkeit des Durchsichtigen als Durchsichtiges« ist
eine andere Definition einer einfachen Vorstellung, welche die Aristotelischen
Schulen bieten Sie ist nicht verkehrter als die vorige aber sie verrät ihre
Nutzlosigkeit und Bedeutungslosigkeit deutlicher weil die Erfahrung leicht
Jedermann belehrt dass sie den Sinn des Wortes Licht was sie definieren will
einem Blinden nicht begreiflich machen kann während jene Definition der
Bewegung auf den ersten Blick nur deshalb nicht so wertlos erscheint weil bei
ihr diese Art von Probe nicht gemacht werden kann. Für diese einfache
Vorstellung, die man durch das Gefühl und das Gesicht erlangt kann man keine
solche Probe an Jemand machen der die Vorstellung der Bewegung nur allein durch
deren Definition erlangen könnte Die welche sagen dass das Licht aus einer
großen Zahl feiner Kügelchen bestehe welche scharf auf den Grund des Auges
stoßen sprechen zwar verständlicher als die Schulen aber auch diese Worte
selbst wenn man sie noch so gut versteht würden die mit dem Wort Licht
bezeichnete Vorstellung Jemandem der das Licht nicht schon kennt so wenig
verständlich machen als wenn man ihm sagte dass das Licht ein Spiel sei wo
Feen den ganzen Tag Federbälle mit ihren Pritschen gegen den Vorderkopf der
Menschen schlagen während sie bei andern vorübergehen Gesetzt auch diese
Erklärung sei die wahre so gibt doch die noch so genaue Vorstellung von der
Ursache des Lichts nicht die Vorstellung von dem Lichte selbst als einer
besonderen Empfindung in uns ebenso wie die Vorstellung von der Gestalt und
Bewegung eines scharfen Stückes Stahl nicht die Vorstellung vom dem Schmerz
gibt den es verursachen kann Die Vorstellung von der Ursache einer Empfindung
und die Empfindung selbst sind bei allen einfachen sinnlichen Vorstellungen zwei
verschiedene Vorstellungen, und zwar zwei so verschiedene und von einander
getrennte als es nur möglich ist Wenn daher auch die Kügelchen des Descartes
noch so lange auf die Netzhaut eines Blinden treffen so erlangt er damit doch
keine Vorstellung vom Licht oder etwas dem Ähnlichen obgleich er recht gut
versteht was kleine Kügelchen sind und was das Stoßen an einen Körper
bedeutet Deshalb unterscheiden die Cartesianer auch sehr wohl zwischen dem
Licht was die Empfindung in dem Menschen verursacht und zwischen der
Vorstellung, die dadurch verursacht wird und eigentlich das ist was man Licht
nennt
11 Es wird weiter erklärt weshalb einfache Vorstellungen nicht definiert
werden können.) Einfache Vorstellungen kann man wie ich früher gezeigt habe
nur erlangen durch die Eindrücke welche die Gegenstände durch die für jede Art
derselben bestimmten Eingänge auf die Seele machen Sind sie nicht auf diesem
Wege erlangt worden so können alle Worte der Welt womit man die entsprechenden
Worte erläutern oder definieren will die betreffende Vorstellung in der Seele
nicht hervorbringen Denn Worte sind Laute und können als solche nur
Vorstellungen von diesen Lauten erwecken nur wenn die willkürliche Verbindung
derselben mit jenen einfachen Vorstellungen für welche sie dem Gebrauche nach
als Zeichen gelten gekannt ist können sie diese andern Vorstellungen erwecken
Wer dies nicht glaubt mag versuchen ob er durch Worte den Geschmack einer
Ananas erlangen und die wahre Vorstellung von dem Geschmacke dieser berühmten
köstlichen Frucht erreichen kann Soweit man ihm sagt dass sie dem Geschmacke
von andern Dingen ähnelt deren Geschmack ihm schon bekannt und durch die seinem
Gaumen bekannten sinnlichen Gegenstände eingedrückt worden ist, soweit kann er
sich jener Vorstellung zwar nähern allein dann wird ihm diese Vorstellung nicht
durch die Definition beigebracht sondern es werden nur andere einfache
Vorstellungen durch deren bekannte Namen wachgerufen die immer noch sehr von
dem wahren Geschmack dieser Frucht verschieden sein können Mit dem Licht den
Farben und allen andern einfachen Vorstellungen verhält es sich ebenso denn die
Bedeutung der Laute ist keine natürliche sondern sie ist nur willkürlich damit
verknüpft und jede Definition des Lichts oder des Rothen ist zur Hervorbringung
dieser Vorstellung so wenig geeignet wie der Laut Licht oder Roth selbst Die
Hoffnung dass die Vorstellung von Licht oder einer Farbe durch irgend welchen
artikulierten Laut hervorgebracht werde gleicht der Erwartung dass die Laute
sichtbar oder die Farben hörbar werden und dass die Ohren das Geschäft aller
übrigen Sinne übernehmen Es ist gerade so als wenn man sagte dass man
mittelst der Ohren schmecke rieche und sehe Dies wäre eine Art Philosophie
würdig des Sancho Pansa der seine Dulcinea durch Hörensagen sehen konnte Wer
daher nicht zuvor in seiner Seele durch den entsprechenden Einlass die
Vorstellung, welche das Wort bezeichnet empfangen hat kann die Bedeutung
desselben niemals durch irgend welche andern Worte oder Laute erlangen wenn sie
auch nach den Regeln der Definition mit einander verbunden sind. Der einzige Weg
dazu ist seinen Sinnen den betreffenden Gegenstand vorzustellen und so die
Vorstellung in ihm zu erwecken deren Wort er schon kennen gelernt hat Ein
eifriger blinder Mann der seinen Kopf sehr mit sichtbaren Gegenständen
angestrengt und die Erklärungen der Bücher und seiner Freunde benutzt hatte um
die Worte Licht und Farben verstehen zu lernen die ihm so oft begegneten
rühmte sich eines Tages dass er nun wüsste was Purpur bedeute als ihn seine
Freunde danach fragten sagte der blinde Mann Es gleicht dem Ton der Trompete
In derselben Weise wird Jeder den Sinn anderer einfacher Vorstellungen
auffassen wenn er ihn allein durch eine Definition oder eine Erklärung
vermittelst anderer Worte zu erlangen versucht
12 Das Gegenteil bei zusammengesetzten Vorstellungen wird in den
Beispielen einer Statue und eines Regenbogens dargelegt Ganz anders verhält es
sich mit zusammengesetzten Vorstellungen diese bestehen aus einfachen und
deshalb kann durch die Worte für diese auch bei Demjenigen die zusammengesetzte
Vorstellung erweckt werden der sie noch nicht gehabt hat und ihm damit deren
Name verständlich gemacht werden Bei solchen Verbindungen von Vorstellungen,
die mit einem Namen bezeichnet sind hat die Definition, wo durch andere Worte
die Bedeutung des einen erläutert wird ihre Stelle und kann selbst Worte von
Dingen, verständlich machen die vorher den Sinnen nicht vorgekommen sind Es
können dadurch die entsprechenden Vorstellungen zu diesen Namen in der Seele
Anderer gebildet werden, sobald jedes Wort in der Definition was eine einfache
Vorstellung bezeichnet Dem welchem die Definition gegeben wird schon bekannt
ist So kann das Wort Statue selbst einem Blinden durch andere Worte erklärt
werden, obgleich bei einem Gemälde dies nicht möglich ist da er durch seine
Sinne wohl die Vorstellungen von Gestalten aber nicht von Farben erlangt hat
deren Worte mithin ihm die Vorstellungen von Farben nicht erwecken können
Dadurch gewann der Maler den Preis gegen den Bildhauer jeder rühmte seine
Kunst und der Bildhauer stellte seine voran weil sie weiter reiche und selbst
Blinde ihre Vortrefflichkeit erkennen könnten Der Maler war bereit sich dem
Urteil des Blinden zu unterwerfen und dieser wurde dahin gebracht wo eine von
dem Andern gefertigte Statue und ein Gemälde des Malers sich befanden Man
führte ihn zuerst zur Statue an der er mittelst seiner Hand alle Linien des
Gesichts und des Körpers befühlte und voll Bewunderung die Geschicklichkeit des
Künstlers rühmte Als er dann zu dem Gemälde geführt wurde und er seine Hände
darauf gelegt hatte sagte man ihm dass er jetzt den Kopf nun die Stirn die
Augen die Nase berühre je nachdem seine Hände über diesen Teil des Gemäldes
auf der Leinwand sich bewegten ohne dass er sie unterscheiden konnte O rief
er da aus dies ist offenbar ein wunderbares und göttliches Meisterstück da es
Ihnen alle die Theile darstellt von denen ich weder etwas fühlen noch sonst
wahrnehmen kann
13 Wenn man das Wort Regenbogen Jemand nennt der dessen Farben alle
kennt aber niemals einen gesehen hat so kann ihm durch Angabe der Gestalt
Breite Stellung und Ordnung der Farnen das Wort so definiert werden dass er es
vollständig versteht Trotz der Vollkommenheit dieser Definition wird sie aber
für einen Blinden unverständlich bleiben weil dieser die meisten der einfachen
Vorstellungen darin nie durch Erfahrung und Wahrnehmung kennen gelernt hat und
deshalb bloße Worte sie in ihm nicht hervorbringen können
14 Dasselbe gilt für zusammengesetzte Vorstellungen wenn sie durch
Worte verständlich gemacht werden können.) Die einfachen Vorstellungen können
wie ich gezeigt habe nur durch Erfahrung von den Gegenständen gewonnen werden
die zur Hervorbringung dieser Vorstellung geeignet sind Hat man so die Seele
mit einem Vorrat davon versehen und kennt man ihre Namen so vermag man zu
definieren und durch Definitionen die Worte für zusammengesetzte Vorstellungen zu
verstehen Bezeichnet aber ein Wort eine einfache Vorstellung, die der Hörer
noch nicht in seiner Seele gehabt hat so kann ihm deren Sinn durch kein Wort
verständlich gemacht werden Kennt der Hörer die Vorstellung, und nur das dafür
gebrauchte Wort nicht so kann ein anderes Wort dafür was ihm bekannt ist ihm
den Sinn verständlich machen aber niemals kann das Wort von einer einfachen
Vorstellung definiert werden
15 Die Worte für einfache Vorstellungen sind am wenigsten zweifelhaft
Viertens Wenn auch den Worten für einfache Vorstellungen die Hülfe der
Definitionen zur Feststellung ihres Sinnes abgeht so hindert dies doch nicht
dass sie in der Regel nicht so zweifelhaft und unsicher sind als die Worte für
gemischte Zustände und für Substanzen denn jene bezeichnen nur eine einfache
Vorstellung und die Menschen stimmen deshalb leicht und vollkommen in deren
Bedeutung überein für Irrtum und Schwanken im Sinne des Wortes ist hier kein
Platz Wer einmal weiß dass Weiß das Wort für die Farbe ist die er am Schnee
und an der Milch wahrgenommen hat der wird dies Wort so lange nicht falsch
gebrauchen als er die Vorstellung behält und selbst wenn er sie verloren hat
wird er den Sinn des Wortes nicht falsch auffassen sondern nur bemerken dass
er es nicht versteht Bei den einfachen Vorstellungen ist keine Menge von zu
verbindenden einfachen Vorstellungen vorhanden welche die Worte für gemischte
Zustände zweifelhaft macht auch nicht ein angebliches wenn auch unbekanntes
wirkliches Wesen von dem die Eigenschaften abhängen deren Zahl ebenfalls
unbekannt ist Umstände die bei den Worten für Substanzen die Schwierigkeiten
herbeiführen vielmehr ist bei den einfachen Vorstellungen die ganze Bedeutung
des Wortes auf einmal erfasst sie besteht nicht aus Teilen wo die Vorstellung
wechselt je nachdem mehr oder weniger zusammengefasst werden und damit das Wort
dunkel und unsicher wird
16 Einfache Vorstellungen haben nur wenige Stufen auf der Bezeichnungs
Leiter Fünftens haben einfache Vorstellungen und ihre Worte nur wenige Stufen
in der linea prädicamentali wie man sich ausdrückt von der niedrigsten Art bis
zu der höchsten Gattung denn die niedrigste Art ist eine einfache Vorstellung
bei der Nichts ausgelassen werden kann. Man kann deshalb hier keinen
ArtUnterschied wegnehmen damit sie dann mit einem andern Dinge in etwas was
beiden gemeinsam ist übereinstimme und damit die Gattung von beiden sei So
kann zB aus der Vorstellung von Weiß und Roth nichts weggelassen werden
damit sie in einer gemeinsamen sinnlichen Bestimmung übereinstimmen und einen
Namen haben während man bei der zusammengesetzten Vorstellung von Mensch das
Vernünftige weglassen und so sie in der Vorstellung und in dem Worte Thier mit
unvernünftigen Geschöpfen übereinstimmend machen kann Als man deshalb um
lästige Aufzählungen zu vermeiden das Weiß und Roth und andere solche einfache
Vorstellungen unter einem gemeinsamen Namen befassen wollte konnte man es nur
mittelst eines Wortes was den Weg bezeichnete wie man zu demselben gelangt
Wenn zB Weiß Roth und Gelb unter der gemeinsamen Gattung der Farbe befasst
werden so bedeutet dies nur dass diese Vorstellungen bloß durch das Gesicht
hervorgebracht werden und nur durch die Augen in die Seele gelangen Und wenn
man ein allgemeines Wort für Farben und Töne und ähnliche einfache Vorstellungen
bilden will so geschieht es nur durch ein Wort was alle bloß durch einen Sinn
in die Seele eintretenden Vorstellungen befasst So befasst der allgemeine
Ausdruck Eigenschaft in seinem gewöhnlichen Sinne die Farben die Töne die
Geschmäcke die Gerüche und das Fühlbare im Unterschied von der Ausdehnung,
Zahl Bewegung Lust und des Schmerzes welche durch mehr als einen Sinn die
Seele erregen und ihre Vorstellungen einführen
17 Die Worte für einfache Vorstellungen sind nicht ganz willkürlich
Sechstens unterscheiden sich die Worte für einfache Vorstellungen für gemischte
Zustände und für Substanzen auch darin dass die Worte für die Zustände ganz
willkürliche Vorstellungen bezeichnen die Worte für die Substanzen sind nicht
ganz der Art sondern beziehen sich auf ein Muster was jedoch eine gewisse
Breite hat dagegen sind die Worte für einfache Vorstellungen vollständig den
bestehenden Dingen entlehnt und durchaus nicht willkürlich Das nächste Kapitel
wird zeigen welche Unterschiede dies in deren Namen herbeiführt Die Worte für
einfache Zustände sind von denen für einfache Vorstellungen wenig verschieden
1 Sie bezeichnen begriffliche Vorstellungen gleich andern allgemeinen
Worten Da die Worte für die gemischten Zustände allgemeine sind so bezeichnen
sie wie ich gezeigt habe Arten von Dingen, die ihre eigene Wesenheit haben
Diese Wesenheiten sind wie ich ebenfalls gezeigt habe nur begriffliche
Vorstellungen der Seele denen ein Name gegeben worden ist. Insoweit haben die
Worte und Wesenheiten der gemischten Zustände nichts von anderen Vorstellungen
Abweichendes indessen findet sich bei näherer Prüfung doch etwas
Eigentümliches an ihnen was Beachtung verdient
2 Die Vorstellungen, welche sie bezeichnen sind von dem Verstande
gebildet Die erste Eigentümlichkeit ist dass die begrifflichen
Vorstellungen oder wenn man lieber will die Wesenheiten der verschiedenen
gemischten Zustände von dem Verstande gebildet sind dadurch unterscheiden sie
sich von den einfachen Vorstellungen, die der Verstand nicht aus sich bilden
kann sondern von den wirklichen Dingen die auf ihn wirken nur so erhält wie
sie ihm dargeboten werden
3 Sie sind willkürlich und nach keinem Vorbilde gemacht Diese
Wesenheiten von den Arten der gemischten Zustände sind aber nicht bloß
willkürlich gemacht sondern auch ohne ein Vorbild oder Berücksichtigung eines
bestehenden Dinges Sie unterscheiden sich darin von den Vorstellungen der
Substanzen bei denen man annimmt dass sie von einem wirklichen Dinge
abgenommen sind mit dem sie übereinstimmen Dagegen nimmt sich die Seele bei
ihren gemischten Zuständen die Freiheit den bestehenden Dingen nicht genau zu
folgen Sie verbindet und hält Verbindungen als ebenso viele Vorstellungen fest
während sie andere die in der Natur oft vorkommen und durch die äußeren Dinge
klar geboten sind vernachlässigt und ohne besondere Benennung oder Hervorhebung
lässt Auch werden sie nicht wie die zusammengesetzten Vorstellungen der
Substanzen nach wirklich bestehenden Dingen geprüft und nicht nach Mustern
untersucht welche solche Verbindungen in der Natur enthalten Niemand wird um
zu wissen ob seine Vorstellung des Ehebruchs oder der Blutschande richtig ist
sie unter den bestehenden Dingen aufsuchen ihre Wahrheit beruht nicht darauf
dass Jemand Zeuge einer solchen Handlung gewesen ist es genügt vielmehr dass
man eine solche Sammlung in eine Vorstellung vereinigt hat welche die
eigentliche MusterVorstellung bildet ohne Rücksicht ob eine solche Handlung
in rerum natura begangen worden ist oder nicht
4 Wie dies geschieht Um dies recht zu verstehen muss man untersuchen
worin die Bildung dieser zusammengesetzten Vorstellungen besteht und bemerken
dass diese nicht in der Herstellung einer neuen Vorstellung besteht sondern in
der Verbindung solcher die man schon vorher hatte Die Seele tut hierbei
dreierlei 1 wählt sie eine bestimmte Anzahl aus 2 verbindet sie diese und
macht sie zu einer Vorstellung 3 bindet sie dieselben durch einen Namen
zusammen Beachtet man wie die Seele hier vorgeht und welche Freiheiten sie
sich gestattet so bemerkt man leicht dass das Wesen der verschiedenen
gemischten Zustände nur das Werk der Seele ist und mithin die Arten von den
Menschen selbst gemacht werden
5 Ihre Willkürlichkeit erhellt daraus dass die Vorstellung oft vor dem
Gegenstande da ist Man wird nicht bestreiten dass diese Vorstellungen von
gemischten Zuständen aus einer willkürlichen Verbindung von Vorstellungen durch
die Seele hervorgehen und unabhängig von einem ursprünglichen Muster in der
Natur, wenn man erwägt dass diese Art zusammengesetzter Vorstellungen gebildet
selbstständig gemacht benannt und so zu einer Art erhoben wird ehe noch ein
Exemplar dieser Art bestanden hat Niemand kann bezweifeln dass die
Vorstellungen des Kirchenraubs oder des Ehebruchs in der Seele des Menschen
gebildet und mit Namen belegt worden sind, dass also diese Arten von gemischten
Zuständen fertig gewesen sind ehe noch eine Handlung der Art begangen worden
war Man hat sie schon besprochen erörtert und als entdeckte Wahrheiten
behandelt als sie vielleicht nur erst in der Seele bestanden und zwar ebenso
gut als jetzt wo sie ein Vielleicht zu häufiges Dasein gewonnen haben Hieraus
erhellt, dass die Arten der gemischten Zustände nur die Geschöpfe des Verstandes
sind in ihm haben sie ihr Bestehen was den Zwecken der Wahrheit und
Erkenntnis ebenso dient als wenn sie im Dasein beständen Unzweifelhaft haben
Gesetzgeber oft Gesetze für gewisse Handlungen gemacht die nur erst die
Geschöpfe ihres Verstandes waren und nur darin ihr Dasein hätten auch wird wohl
Niemand leugnen dass die Auferstehung eine Art gemischten Zustandes in der
Seele gewesen ist ehe sie noch wirkliches Dasein erlangt hatte
6 Beispiele Mord Blutschande Meuchelmord Um die Willkürlichkeit in
Bildung dieser gemischten Zustände durch die Seele einzusehen braucht man nur
einzelne sich anzusehen Man erkennt dann dass die Seele es ist, welche mehrere
zerstreute Vorstellungen in eine verbindet und durch die Benennung mit einem
Worte zur Wesenheit einer bestimmten Art erhebt ohne sich durch die in der
Natur bestehenden Verbindungen dabei leiten zu lassen Ist etwa die Vorstellung
des Menschen in der Natur enger wie die des Schafes mit dem Töten verbunden
so dass man deshalb eine besondere Art von Handlungen daraus gemacht hat die
man mit Mord bezeichnet während bei dem Schafe dies nicht geschieht Und welche
Verbindungen hat in der Natur die Beziehung eines Vaters mehr wie die des Sohnes
oder Nachbars mit dem Töten so dass jene mit letzterer zu einer Vorstellung
verbunden und damit zu dem Wesen der bestimmten Art Vatermord gemacht worden
während bei den beiden andern nichts der Art geschehen ist So hat man zwar die
Tötung des Vaters oder der Mutter zu einer bestimmten Art gemacht die sich von
dem Töten des Sohnes oder der Tochter unterscheidet aber in andern Fällen sind
Sohn und Tochter so gut wie Vater und Mutter zusammengefasst und in derselben
Art zusammengefasst worden nämlich bei der Blutschande So verbindet die Seele
bei den gemischten Zuständen nach Belieben und wie es ihr passt Einzelnes zu
einer zusammengesetzten Vorstellung während sie Anderes das in der Natur
ebenso viel Verbindung hat frei gelassen und zu keiner Vorstellung verknüpft
hat weil sie keines Namens da bedarf Es ist also klar dass die Seele in
freier Wahl eine Anzahl Vorstellungen verbindet die in dem Sein nicht mehr
Verbindung mit einander haben als andere welche die Seele nicht beachtet Wie
könnte sonst das Stück einer Waffe mit der man eine Wunde zu machen beginnt
aufgefasst und zu einer bestimmten Art des Meuchelmordes benutzt werden während
der Stoff und die Gestalt der Waffe dabei unbeachtet bleibt Ich sage nicht
dass dies ohne Grund geschehen ist wie sich auch nebenbei ergeben wird aber es
ist doch aus freier Wahl der Seele geschehen die ihre eigenen Zwecke im Auge
hat Deshalb sind diese Arten der gemischten Zustände das Werk des Verstandes,
und es ist klar dass die Seele in der Regel bei Bildung dieser Vorstellungen
das Vorbild nicht in der Natur sucht und die zu bildende Vorstellung nicht auf
bestehende Dinge bezieht sondern dass sie sie nur so verbindet wie es ihren
Absichten dient ohne sich an die genaue Nachahmung eines bestehenden Dinges zu
binden
7 Aber immer in Verfolgung des Zwecks der Sprache Obgleich die
zusammengesetzten Vorstellungen oder Wesenheiten der gemischten Zustände von der
Seele abhängen und mit großer Freiheit von ihr gebildet werden, so geschieht
dies doch nicht ganz aufs Geratewohl noch geschieht die Verbindung ohne allen
Grund Wenn auch diese zusammengesetzten Vorstellungen nicht immer der Natur
nachgebildet sind so werden sie doch immer den Zwecken angepasst für welche
begriffliche Vorstellungen gebildet werden, und obgleich die Verbindungen
Vorstellungen betreffen die wenig Zusammenhang und nicht mehr Einheit an sich
haben wie viele andere die die Seele nie zu einer Vorstellung verbindet so
dienen sie doch nur der bequemen Mittheilung also dem Hauptzwecke aller
Sprache Der Nutzen der Sprache liegt in der leichten und schnellen Bezeichnung
allgemeiner Vorstellungen durch kurze Laute wobei nicht bloß eine reiche Menge
von Besonderheiten befasst wird sondern auch eine große Mannigfaltigkeit
selbstständiger Vorstellungen durch eine zusammengefasste erreicht wird Bei der
Bildung der Worte für gemischte Zustände leitet deshalb bloß die Rücksicht auf
solche Verbindungen die man einander mitzuteilen Anlass hat Deshalb hat man
einzelne zu einer bestimmten zusammengesetzten Vorstellung verbunden und ihnen
einen Namen gegeben während andere die in der Wirklichkeit einander ebenso
nahe stehen lose und unbeachtet geblieben sind Wenn man auch nicht über
menschliches Handeln hinausgehen wollte so würde doch wenn von jedem hier
vorkommenden Unterschiede besondere begriffliche Vorstellungen gebildet werden
sollten die Zahl derselben endlos werden und das Gedächtnis mit deren Fülle
überladen und ohne Nutzen verwirrt werden Es genügt deshalb die Benennung und
Bildung so vieler zusammengesetzten Vorstellungen von gemischten Zuständen als
der gewöhnliche Verkehr dazu Anlass gibt Wenn mit der Vorstellung des Tötens
die des Vaters oder der Mutter verbunden wird und so als besondere Art von der
Tötung eines Kindes oder Nachbars unterschieden wird so geschieht es wegen der
besonderen Scheußlichkeit des Verbrechens und der besonderen Strafe welche die
Tötung des Vaters oder der Mutter verdient im Vergleich zur Tötung eines
Kindes oder Nachbars Deshalb wird jenes durch einen besonderen Namen
ausgezeichnet was der Zweck dieser besonderen Verbindung ist Wenn somit auch
die Vorstellungen der Mutter und Tochter in Bezug auf Töten verschieden
behandelt werden und nur die eine damit verbunden und zu einer begrifflichen
Vorstellung mit einem besonderen Namen und damit zu einer besonderen Art gemacht
worden ist, so werden doch Beide in fleischlicher Beziehung bei der Unzucht
wieder zusammen befasst und zwar auch hier behufs derselben Bequemlichkeit des
Ausdrucks durch ein Wort und der Behandlung in einer Art für solche hässlichen
fleischlichen Vermischungen die an Unsittlichkeit die andern überbieten es
geschieht nur um ermüdende Umschreibungen und Beschreibungen zu vermeiden
8 Die unübersetzbaren Worte verschiedener Sprachen sind ein Beweis dafür
Eine mäßig Kenntnis verschiedener Sprachen überzeugt leicht von der
Wahrheit des Obigen da eine Menge Worte in der einen Sprache kein ihnen
entsprechendes in der andern haben Dies zeigt, dass die Einwohner des einen
Landes nach ihrer Sitte und Lebensweise zur Bildung und Benennung von
zusammengesetzten Vorstellungen veranlasst worden während in einem andern Lande
dies nicht geschah Dies konnte nicht geschehen wenn diese Arten das feste Werk
der Natur wären und keine durch die Seele gemachten und abgetrennten
Zusammenfassungen denen man der Leichtigkeit der Mittheilung wegen besondere
Namen gegeben hat Die Ausdrücke der englischen Gesetze die doch keine leeren
Laute sind werden kaum entsprechend im Spanischen oder Italienischen
ausgedrückt werden können, obgleich beide reiche Sprachen sind noch weniger
werden sie sich in das Karaibische oder in die WestSprachen übersetzen lassen
das Wort Versura der Römer und Corban der Juden haben in andern Sprachen keine
ihnen entsprechenden Worte wovon die Ursache nach dem Gesagten klar ist Ja
wenn man etwas näher tritt und verschiedene Sprachen vergleicht so zeigt sich
dass zwar in den Wörterbüchern und Übersetzungen ein Wort als das entsprechende
für ein anderes steht aber doch bei den Worten für zusammengesetzte
Vorstellungen namentlich für gemischte Zustände kaum eins von zehn genau
dieselbe Vorstellung bezeichnet wie das Wort was in den Wörterbüchern als
gleichbedeutend aufgeführt ist Es gibt keine gebräuchlicheren und weniger
zusammengesetzten Vorstellungen als die Maße für Zeit Raum und Gewicht und
die lateinischen Namen Hora pes libra lassen sich leicht durch die deutschen
Stunde Fuß und Pfund wiedergeben und dennoch waren die Vorstellungen, welche
die Römer mit diesen Namen verbanden sehr von denen verschieden die der
Deutsche mit den seinigen verbindet Sollte der Römer mit diesen deutschen
Maassen oder umgekehrt der Deutsche mit jenen rechnen so würden sie ganz in
Verwirrung geraten Diese Beispiele sind so klar dass sie keinen Zweifel übrig
lassen und noch mehr gilt dies für die Worte von höheren und zusammengesetzten
Begriffen die den größten Teil der Reden über sittliche Dinge ausmachen
Vergleicht man diese Worte mit denen einer andern Sprache in die sie übersetzt
worden so zeigt sich dass nur wenig in dem ganzen Umfange ihrer Bedeutung
einander entsprechen
9 Dies zeigt, dass die Arten der Mittheilung halber gebildet worden sind
Wenn ich so ausführlich diese Frage behandle so geschieht es um den
Irrtümern in Bezug auf genera und species und deren Wesenheiten
entgegenzutreten als wären es regelmäßige und feste natürliche Dinge von
wirklichem Dasein da sie doch bei genauerer Betrachtung nur ein Kunstgriff des
Verstandes sind um solche Zusammenfassungen von Vorstellungen, über die man oft
zu sprechen hat leichter mit einem allgemeinen Ausdruck zu bezeichnen und viele
einzelne Dinge soweit sie mit der begrifflichen Vorstellung übereinkommen mit
einem Worte zu befassen Wenn dabei das zweideutige Wort Art es Manchem
sonderbar erscheinen lässt dass wie ich behaupte die Arten der gemischten
Zustände von dem Verstande gebildet werden, so wird doch Niemand bestreiten
können dass diese begrifflichen zusammengesetzten Vorstellungen, die besondere
Namen bekommen haben von der Seele gebildet werden, und wenn es wahr ist wie
es der Fall ist, dass die Seele die Muster zur Ordnung und Benennung der Dinge
macht so erwäge man wer wohl die Grenzen zwischen diesen Arten feststellt da
nach meiner Meinung species und Art nur den einzigen Unterschied haben dass
jenes ein lateinisches und dieses ein deutsches Wort ist
10 Bei gemischten Zuständen hält der Name die Verbindung zusammen und
macht sie zu einer Art Die nahe Verwandtschaft zwischen Arten Wesenheiten und
deren allgemeinen Namen wenigstens bei gemischten Zuständen zeigt sich auch
darin dass der Name es ist der diese Wesenheiten erhält und Omen eine lange
Dauer gibt Denn da die Seele die Verbindung zwischen den losen Teilen dieser
Vorstellungen gemacht hat so würde diese Verbindung die keine Unterlage in der
Natur hat sofort wieder sich lösen wenn nicht Etwas sie so gleichsam
zusammenhielte und die Theile an der Zersplitterung hinderte Wenn daher auch
die Zusammenfassung von der Seele ausgeht so ist der Name doch gleichsam der
Knoten der sie fest zusammenhält Welche Menge von Vorstellungen hält zB
nicht das Wort Triumph zusammen und überliefert sie uns als eine Art Wäre
dieses Wort nie gebildet worden oder wieder ganz verloren gegangen so würden
wir wohl Beschreibungen des bei dieser Feierlichkeit Vorgegangenen besitzen
allein das was diese verschiedenen Stücke in die Einheit einer Vorstellung
zusammenfasst und erhält ist dies daran geknüpfte Wort ohne dieses Wort würden
die verschiedenen Stücke nicht als Theile eines Vorgangs gelten so wenig wie
eine andere Schaustellung die nur einmal geschehen und nie durch ein Wort zu
einer zusammengesetzten Vorstellung verbunden worden ist. Mögen deshalb Die
welche die Wesenheiten und Arten als wirklich in der Natur bestehende Dinge
ansehen erwägen wie sehr bei gemischten Zuständen die der Wesenheit nötige
Einheit von der Seele abhängt und wie sehr die Erhaltung und Befestigung dieser
Einheit von dem Namen abhängt den man ihr im gemeinen Gebrauche gegeben hat
11 Dem entsprechend hat man wenn man von gemischten Zuständen spricht
nur die im Sinne und lässt nur solche als Arten gelten die durch einen Namen
ausgezeichnet sind Da diese Namen nur das Werk des Menschen sind um damit zu
bezeichnen so beachtet man keine Art und lässt keine als solche gelten wenn
sie keinen Namen hat der als Zeichen gilt dass der Mensch verschiedene lose
Vorstellungen zu einer verbunden hat Durch den Namen sind die Theile dauernd
vereint ohne den würden sie sich schnell wieder trennen wenn die Seele diese
begriffliche Vorstellung bei Seite legte und nicht mehr wirklich an sie dächte
Ist aber ein Name daran geknüpft an dem die Theile der Vorstellung einen festen
und dauernden Halt haben dann gilt das Wesen für hergerichtet und die Art als
vollständig Wozu sollte man sein Gedächtnis mit solchen Verbindungen beladen
wenn man nicht durch die Abtrennung sie allgemein machen wollte Und wozu würde
man sie allgemein machen wenn man ihnen nicht allgemeine Namen geben wollte um
das Gespräch und die Mittheilung zu erleichtern Deshalb gilt die Tötung eines
Menschen mit einem Schwert oder einer Hacke nicht als eine besondere Art des
Handelns dringt aber die Spitze des Schwertes zuerst in den Körper so gilt es
für eine besondere Art die ihren besonderen Namen hat und mit Erstechen
bezeichnet wird während in Ländern wo dieser Name fehlt es nicht für eine
besondere Art gilt Wenn dagegen bei körperlichen Substanzen die Seele das
WortWesen bildet so gelten doch die hier verbundenen Vorstellungen als in der
Natur vereinigt gleichviel ob die Seele sie verbindet oder nicht Deshalb
betrachtet man sie als besondere Namen ohne dass die Seele dabei durch
Abtrennung oder Benennung der zusammengesetzten Vorstellung mitgewirkt habe
12 Die Originale der gemischten Zustände sucht man nur in der Seele
auch dies zeigt, dass sie das Werk des Verstandes sind Es entspricht dem
Gesagten wonach die Wesenheiten der Arten von gemischten Zuständen nur die
Geschöpfe des Verstandes und nicht das Werk der Natur sind dass ihre Namen die
Gedanken nur auf die Seele lenken und nicht weiter Wenn man von Gerechtigkeit
von Dankbarkeit spricht so bildet man sich nicht ein das ein Ding der Art
bestehe vielmehr endet das Denken in den begrifflichen Vorstellungen dieser
Tugenden ohne weiter zu blicken während dies geschieht wenn man von einem
Pferde oder von Eisen spricht deren Vorstellungen man nicht bloß aus der Seele
sondern von bestehenden Dingen entnimmt welche die ursprünglichen Muster dafür
darbieten Dagegen verlegt man bei gemischten Zuständen welche das sittliche
Gebiet betreffen in der Regel die Muster nur in die Seele und man bezieht sich
darauf bei Unterscheidung der einzelnen mit Namen bezeichneten Deshalb heißen
auch die Wesenheiten dieser Arten von gemischten Zuständen vorzugsweise
Begriffe da sie dem Verstande aus einem besonderen Rechte zugehören
13 Da der Verstand sie ohne Muster bildet so erklärt sich daraus ihre
große Zusammensetzung Deshalb sind auch die Vorstellungen gemischter Zustände
in der Regel mehr zusammengesetzt oder auseinander gelegt wie die Vorstellungen
natürlicher Substanzen Sie sind das Werk des Verstandes, der dabei sein eigenes
Ziel verfolgt er will damit die Vorstellungen kurz ausdrücken die er Andern
mittheilen will und deshalb verbindet er oft sehr willkürlich Dinge in einem
Begriff die in der Natur keinen Zusammenhang haben Mit einem Worte bindet er
eine große Menge zusammengesetzter und einfacher Vorstellungen zusammen man
nehme zB das Wort Procession welche große Mischung enthält es nicht es
vereint die selbstständigen Vorstellungen von Personen Trachten Kerzen
Befehlen Bewegungen Tönen welche die Seele beliebig verbunden hat um sie mit
einem Worte auszudrücken Dagegen sind die Vorstellungen von den Arten der
Substanzen meist nur aus wenigen einfachen gebildet und bei den ThierArten
besteht das ganze WortWesen derselben meist nur aus zweien nämlich der Gestalt
und der Stimme
14 Die Namen gemischter Zustände bezeichnen immer deren wirkliche
Wesenheiten Man bemerkt auch dass die Namen für gemischte Zustände wenn sie
eine bestimmte Bedeutung haben immer das wirkliche Wesen dieser Arten
bezeichnen Da diese begrifflichen Vorstellungen das Werk der Seele sind und
sich nicht auf ein wirklich bestehendes Ding beziehen so wird mit dem Namen
auch kein solches sondern nur die von der Seele gebildete Vorstellung gemeint
von ihr hängen alle weiteren Eigenschaften der Gattung ab und leiten sich daraus
her deshalb ist das wirkliche und das WortWesen hier dasselbe und es wird
sich später herausstellen wie wichtig dies für die Kenntnis allgemeiner
Wahrheiten ist
15 Weshalb in der Regel hier die Namen den Vorstellungen vorausgehen
Daraus erklärt sich weshalb in der Regel die Kamen der gemischten Zustände
schon da sind ehe man noch die Vorstellungen, die sie bezeichnen vollständig
kennt Da sie Nichts darstellen was auch ohne Namen schon bemerkt wird sondern
ihre Arten oder vielmehr ihre Wesenheiten nur begriffliche von der Seele
willkürlich gebildete Vorstellungen sind so ist es natürlich ja notwendig
dass man diese Namen kenne ehe man ihre zusammengesetzten Vorstellungen zu
gewinnen sucht Wollte Jemand seinen Kopf mit einer Anzahl begrifflicher
Vorstellungen füllen für die Andere keine Namen hätten so könnte er mit ihnen
nichts anfangen als sie bei Seite legen und wieder vergessen Allerdings musste
im Anfang der Sprache die Vorstellung da sein ehe man ihr einen Namen geben
konnte und so wird auch jetzt noch wenn Jemand eine neue Vorstellung bildet
und ihr einen neuen Namen gibt ein neues Wort gemacht Allein dies gilt nicht
für fertige Sprachen die in der Regel mit solchen Vorstellungen genügend
versorgt sind die viel vorkommen und mitzuteilen sind hier lernen offenbar
die Kinder die Namen für die gemischten Zustände eher als deren Vorstellungen
Würde wohl von Tausenden auch nur Einer die Begriffe von Rahm und Ehrgeiz
bilden ehe er die Worte dafür gehört hätte Bei einfachen Vorstellungen und
Substanzen verhält es sich allerdings anders weil ihren Vorstellungen ein
wirkliches Ding und eine Verbindung in der Natur entspricht hier werden bald
die Vorstellungen vor den Namen bald diese vor jenen erlangt je nachdem es
sich trifft
16 Weshalb ich bei diesem Gegenstand so ausführlich gewesen bin Das
hier über gemischte Zustände Gesagte gilt auch mit wenig Unterschied für
Beziehungen und da hier Jeder sich selbst weiter helfen kann so spare ich mir
die Mühe weiterer Ausführung zumal Manchen die Erörterungen dieses dritten
Buches leicht zu umständlich für einen so geringfügigen Gegenstand wie Worte
gelten könnten Ich hätte allerdings gedrängter schreiben können allein mir lag
daran den Leser bei einem Punkt festzuhalten der mir neu und ungewohnt
erschien Wenigstens habe ich nicht eher an ihn gedacht als bis ich zu
schreiben begann Indem ich bis auf den Grund ging und ihn nach allen Seiten
wendete hoffte ich den Gedanken Anderer zu begegnen und den Leser trotz allen
Widerstrebens oder Leichtsinns auf einen allgemeinen Übelstand aufmerksam zu
machen der trotz seiner Wichtigkeit nur wenig beachtet wird Bedenkt man
welcher Lärm über die Wesenheiten gemacht worden ist, und wie alle
Wissenschaften alle Reden und Gespräche durch einen sorglosen und verworrenen
Gebrauch der Worte verdorben und gestört werden so wird eine gründliche
Offenlegung dieser Schäden wohl der Mühe wert erachtet werden Man wird mir
deshalb verzeihen dass ich bei einem Gegenstand so lange verweilt bin der so
sehr der Einschärfung bedarf Die Fehler welche hier so häufig begangen werden
sind die größten Hindernisse wahrer Erkenntnis und gelten dabei selbst für
Kenntnisse Man würde leicht bemerken welch kleines Stückchen Vernunft und
Wahrheit in diesen hoffärtigen Meinungen steckt wenn überhaupt welche darin
ist mit denen so Viele sich aufblasen wenn man nur über die Modeworte
hinausblickte und sich fragte welche Vorstellungen hinter diesen Worten stecken
oder auch nicht stecken mit denen man überall sich bewaffnet und um sich wirft
Vielleicht habe ich der Wahrheit dem Frieden und der Wissenschaft einen Dienst
geleistet wenn durch diese eingehenden Erörterungen die Aufmerksamkeit auf die
eigene Sprache gelenkt werden sollte und man sich fragte ob das was man bei
Andern so häufig bemerkt nicht auch auf die eigene Person passe nämlich dass
man zwar oft schöne und belobte Worte im Munde und in der Feder führt aber doch
nur solche die eine unsichere geringe oder gar keine Bedeutung haben Es ist
deshalb ratsam auf sich selbst hierbei Acht zu haben und über die Prüfung
durch Andere nicht unwillig zu werden In dieser Absieht fahre ich mit dem fort
was ich über diese Gegenstände noch zu sagen habe
1 Die gewöhnlichen Namen von Substanzen bezeichnen Arten Die
gewöhnlichen Namen von Substanzen bezeichnen wie die andern allgemeinen Worte
die Arten, was so viel heißt als dass sie zu den Zeichen solcher
zusammengesetzten Vorstellungen gemacht sind in denen mehrere einzelne
Substanzen übereinstimmen oder übereinstimmen könnten und wodurch sie in einen
gemeinsamen Begriff befasst und mit einem Worte bezeichnet werden können. Ich
sage »in denen sie übereinstimmen oder übereinstimmen könnten« denn wenn auch
nur eine Sonne besteht so kann doch ihre Vorstellung so begrifflich gefasst
werden dass mehrere Substanzen wenn es deren gäbe darin übereinstimmten sie
ist deshalb ebenso gut eine Art als wenn es so viel Sonnen wie Sterne gäbe Man
nimmt nicht ohne Grund an dass es deren gebe und dass jeder Fixstern der
Vorstellung einer Sonne entsprechen würde wenn er die entsprechende Entfernung
hätte Dies zeigt nebenbei wie sehr die Arten oder die genera und species der
Dinge welche lateinischen Worte für mich nicht mehr wie die Art bedeuten von
den durch die Menschen gebadeten Sammelvorstellungen und nicht von wirklichen
natürlichen Dingen abhängen denn es ist im richtigen Sinne sehr wohl möglich
dass dem Einen das eine Sonne ist was für den Andern nur ein Stern ist
2 Das Wesen jeder Art ist die begriffliche Vorstellung Das Maß und
die Grenze jeder Art oder jeder species wodurch sie diese besondere Art ist und
von andern sich unterscheidet ist das was man ihr Wesen nennt und dies ist
nur die begriffliche Vorstellung mit der ihr Name verknüpft ist Deshalb ist
alles in dieser Vorstellung Befasste dieser Art wesentlich Wenn auch dies das
Wesen bei allen natürlichen Substanzen, die man kennt ist und durch die man
sie in Arten sondert so nenne ich es doch mit einem besonderen Namen das Wort
Wesen um es von der wirklichen Verfassung der Substanzen zu unterscheiden von
der dieses WortWesen und alle Eigenschaften dieser Art abhängen und die
deshalb wie gesagt das wirkliche Wesen heißen kann So ist zB das
WortWesen des Goldes die zusammengesetzte Vorstellung, welche dieses Wort
bezeichnet und es könnte zB ein gelber Körper von einer bestimmten Schwere
sein der hämmerbar schmelzbar und fest wäre Dagegen ist das wirkliche Wesen
des Goldes die Verfassung seiner nicht mehr wahrnehmbaren Theile von denen
diese und alle andern Eigenschaften des Goldes abhängen Wenn auch beide das
Wesen genannt werden, so liegt doch ihr Unterschied auf den ersten Blick zu
Tage
3 Das wirkliche und das WortWesen sind verschieden Denn wenn die
freiwillige Bewegung Wahrnehmung und der Verstand in Verbindung mit einem
Körper von bestimmter Gestalt die zusammengesetzte Vorstellung ist, mit der der
Name Mensch verbunden wird und welche das WortWesen dieser Art ausmacht so
wird doch Niemand behaupten dass diese Vorstellung das wahre Wesen und die
Quelle all der Tätigkeiten und Vorgänge sei die sich in einem Einzelnen dieser
Art finden Die Grundlage aller jener die zusammengesetzte Vorstellung bildenden
Eigenschaften ist etwas ganz Anderes und hätte man die Kenntnis von der
Verfassung des Menschen aus der sein Vermögen zur Bewegung Wahrnehmung zum
Denken usw abfließen und von denen seine Gestalt abhängt welche Kenntnis
vielleicht die Engel jedenfalls aber sein Schöpfer besitzen so würde man eine
ganz andere Vorstellung von seinem Wesen haben als es die jetzige Definition
seiner Art bietet und unsere Vorstellung von einem einzelnen Menschen würde
ebenso verschieden von der jetzigen sein als die Vorstellung Dessen der alle
Federn Räder und andern Einrichtungen der berühmten Straßburger Turmuhr
kennt von der Vorstellung des Bauers ist der diese Uhr angafft nur die
Bewegung der Zeiger sieht die Glocke schlagen hört und einige Äußerlichkeiten
an ihr bemerkt
4 Dem Einzelnen ist nichts wesentlich Dieses Wesen bezieht sich nach
dem gewöhnlichen Sinne des Wortes auf die Arten; bei den einzelnen Dingen kommt
es nur in Betracht sofern sie unter eine Art gebracht werden wie daraus
erhellt, dass, wenn man die begrifflichen Vorstellungen bei Seite lässt durch
welche man die Einzelnen in Arten ordnet und unter gemeinsame Namen bringt der
Gedanke von etwas dem einzelnen Dinge Wesentlichen sofort verschwindet man kann
das Eine nicht ohne das Andere fassen und dies zeigt deutlich ihre Beziehung
Ich muss so sein wie ich bin Gott und die Natur haben mich so gemacht aber
ich habe nichts an mir was wesentlich wäre Ein Unfall eine Krankheit kann
meine Farbe oder Gestalt ganz verändern ein Sturz oder ein Fieber kann mir die
Vernunft oder das Gedächtnis oder Beides nehmen und ein Schlaganfall kann mir
weder die Sinne, noch den Verstand noch selbst das Leben lassen Andere
Geschöpfe meiner Gestalt können mehr und bessere oder weniger und schlechtere
Vermögen als ich haben und Andere haben vielleicht Vernunft und Sinne in einem
von dem meinigen an Gestalt ganz verschiedenen Körper Keines von alledem ist
dem Einen oder dem Andern oder überhaupt irgend Einem wesentlich so lange die
Seele sie nicht auf eine Art oder species der Dinge bezieht Bei der Prüfung der
eigenen Gedanken zeigt sich dass mit einem Wesentlichen woran man denkt oder
wovon man spricht sofort die Beziehung auf eine Art oder die zusammengesetzte
Vorstellung, die durch deren Namen bezeichnet wird in die Seele tritt nur in
Beziehung auf diese heißt eine Eigenschaft wesentlich Fragt man zB ob mir
oder einem andern körperlichen Dinge der Besitz der Vernunft wesentlich sei so
sage ich Nein so wenig wie es dem weißen Dinge auf das ich schreibe
wesentlich ist Worte an sich zu haben Wird aber dieses einzelne Ding zu den
Menschen gerechnet und so genannt dann wird die Vernunft ihm wesentlich da die
Vernunft als ein Teil der Vorstellung gilt welche Mensch heißt und es wird
ebenso dem Dinge auf dem ich schreibe wesentlich Worte zu enthalten wenn ich
ihm den Namen Abhandlung gebe und es unter diese Art stelle Deshalb beziehen
sich das Wesentliche und Unwesentliche nur auf die begrifflichen Vorstellungen
und deren Namen und es wird damit nur gesagt dass jedes einzelne Ding was
nicht die in dem Begriff enthaltenen Eigenschaften besitzt nicht zu dieser Art
gerechnet und nicht mit ihrem Namen bezeichnet werden kann, weil diese
begriffliche Vorstellung das wahre Wesen dieser Art ausmacht
5 Wenn zB die Vorstellung des Körpers nach Einigen nur die Ausdehnung
oder der Raum ist dann ist die Dichtheit dem Körper nicht wesentlich wenn
dagegen Andere die Vorstellung, welche sie Körper nennen aus der Dichtheit und
Ausdehnung bilden so ist die Dichtheit ihm wesentlich Also gilt nur allein das
als wesentlich was einen Teil der Vorstellung, die mit diesem Namen bezeichnet
wird ausmacht kein einzelnes Ding kann ohne dem zu dieser Art gerechnet und
danach benannt werden Fände man ein Stück das alle sonstigen Eigenschaften des
Eisens hätte aber von dem Magnet nicht angezogen würde und keine Richtung von
ihm erhielte würde man da wohl fragen ob einem wirklich vorhandenen Dinge
etwas Wesentliches fehle Oder könnte man fragen ob dieser Umstand einen
wesentlichen oder eigentümlichen Unterschied ausmache da man doch keinen
andern Maßstab als die begriffliche Vorstellung für das Wesentliche oder
Eigentümliche hat Wenn man daher von eigentümlichen Unterschieden in der
Natur ohne Beziehung auf allgemeine Vorstellungen oder Namen spricht so spricht
man unverständlich Denn ich möchte wohl Jemand fragen was genüge um einen
wesentlichen Unterschied zwischen zwei Dingen in der Natur zu bilden wenn man
nicht eine begriffliche Vorstellung dabei berücksichtigt welche als das Wesen
und der Maßstab dieser Art gilt Legt man alle diese Muster und Maßstäbe bei
Seite so werden die einzelnen Dinge an sich alle ihre Eigenschaften gleich
wesentlich besitzen und jede Bestimmung in einer einzelnen Sache wird ihr
wesentlich sein oder was mehr ist nichts überhaupt wird ihr wesentlich sein
Denn wenn man auch richtig fragen kann ob die Anziehung durch den Magnet dem
Eisen wesentlich sei so ist doch die Frage unpassend und sinnlos ob sie dem
besonderen Stück Stoff mit dem ich meine Feder schneide wesentlich sei ohne
dass ich es als Eisen oder als ein Ding von einer besonderen Art nehme Wenn
also wie gesagt unsere begrifflichen Vorstellungen mit ihren Namen die Grenzen
der Arten bilden so ist nur das in diesen Vorstellungen Enthaltene wesentlich
6 Ich habe allerdings oft von dem wirklichen Wesen so gesprochen dass es
bei den Substanzen von den begrifflichen Vorstellungen, die ich das WortWesen
nenne verschieden sei Unter jenem meine ich die wirkliche Verfassung eines
Dinges, welche die Grundlage der in ihm enthaltenen Eigenschaften ist die mit
dem WortWesen immer zugleich bestehen nicht jenes wirkliche Wesen das jedes
Ding in sich hat ohne Beziehung auf ein anderes Aber selbst in diesem Sinne
bezieht sich das Wesen auf eine Art und setzt eine species voraus denn wenn es
die wirkliche Verfassung ist von der seine Eigentümlichkeiten abhängen so
wird dabei notwendig eine Art von Dingen vorausgesetzt da Eigentümlichkeiten
nur der Art zukommen und nicht einzelnen Dingen Wenn zB das WortWesen des
Goldes in einem Körper von einer bestimmten Farbe und Gewicht besteht der
hämmerbar und schmelzbar ist so ist das wirkliche Wesen des Goldes die ganze
Verfassung seiner stofflichen Theile von der diese Eigenschaften und ihre
Verbindung abhängen es ist deshalb auch die Grundlage für seine Auflösbarkeit
in KönigsWasser und andere diese zusammengesetzte Vorstellung begleitenden
Eigentümlichkeiten Hierbei beruhen alle Wesenheiten und Eigentümlichkeiten
auf der Annahme einer Art oder einer allgemeinen begrifflichen Vorstellung, die
als unveränderlich betrachtet wird allein es gibt keinen einzelnen Stoffteil
mit dem eine dieser Eigenschaften so verknüpft ist dass sie ihm wesentlich und
untrennbar von ihm wäre Das Wesentliche an ihm ruht auf der Bedingung dass er
zu dieser oder jener Art gehöre lässt man aber diese Unterordnung unter einen
bestimmten Begriff bei Seite so ist ihm nichts Wesentlich nichts untrennbar
Also wird in Wahrheit auch bei dem wirklichen Wesen der Substanzen dessen Dasein
nur vorausgesetzt ohne dass man weiß was es ist und das was dasselbe mit
einer Art verbindet ist das WortWesen jenes ist nur die angenommene Grundlage
und Ursache von diesem
7 Das WortWesen bestimmt die Art Es fragt sich also zunächst welches
von diesen Wesen die Art für die Substanzen bestimmt hier ist klar dass dies
durch das WortWesen geschieht Denn der Name das Zeichen der Art bezeichnet
nur das WortWesen Deshalb kann keine sachliche Bestimmung über die Art der
Dinge entscheiden die nach allgemeinen Namen geordnet werden sondern nur die
begriffliche Vorstellung für welche der Name das Zeichen ist und diese ist
das was man das WortWesen nennt Weshalb nennt min dies Ding ein Pferd jenes
einen Maulesel Dieses ein Thier jenes eine Pflanze Kommt wohl ein einzelnes
Ding unter diese oder jene Art durch etwas Anderes, als durch sein WortWesen,
oder, was dasselbe ist, durch seine Übereinstimmung mit der begrifflichen
Vorstellung dieses Namens Jeder möge nur seine Gedanken prüfen wenn er von
diesen oder jenen Namen der Substanzen sprechen hört oder spricht um zu wissen
welche Art von Wesen sie bezeichnen
8 Dass die Arten der Dinge für uns nur ihre Einordnung unter bestimmte
Namen je nach den zusammengesetzten Vorstellungen, und nicht nach ihrem
bestimmten wirklichen Wesen bedeuten erhellt daraus dass viele Einzelne die
zu einer Art von besonderem Namen gerechnet werden und deshalb als von derselben
Art gelten doch Eigenschaften die von ihrer wirklichen Verfassung abhängen
haben durch welche sie sich ebenso stark von einander wie von andern Dingen
unterscheiden von denen sie der Art nach unterschieden gelten Jeder der mit
natürlichen Körpern zu tun hat kann dies leicht bemerken namentlich sind
Chemiker durch eine dunkle Erfahrung davon überzeugt wenn sie mitunter
vergeblich bei einem Stück Schwefel Antimon oder Vitriol nach denselben
Eigenschaften suchen die sie bei andern Stücken bemerkt haben denn trotzdem
das sie Körper einer Art sind und dasselbe WortWesen mit demselben Namen haben
so zeigen sie doch bei genauer Untersuchung oft so verschiedene Eigenschaften
dass sie die Erwartung und Arbeit der sorgfältigsten Chemiker zunichte machen
Wären die Dinge nach ihrem wirklichen Wesen in Arten unterschieden so wäre es
unmöglich in zwei Stücken derselben Art verschiedene Eigentümlichkeiten zu
finden ebenso wie es unmöglich ist in zwei Kreisen oder gleichseitigen
Dreiecken verschiedene Eigentümlichkeiten anzutreffen Uns gilt das als das
Wesen, was die Einzelnen einer bestimmten Art oder was dasselbe ist, einem
allgemeinen Namen zuweist und was könnte dies Anderes sein als jene
begriffliche mit diesem Namen bezeichnete Vorstellung Deshalb bezieht sich in
Wahrheit das Wesen nicht sowohl auf das Sein einzelner Dinge als auf ihre
allgemeinen Benennungen
9 Nicht das wirkliche Wesen was man nicht kennt Auch kann man in
Wahrheit die Dinge nicht nach ihrem wirklichen Wesen ordnen und also was der
Zweck des Ordnens ist auch nicht danach benennen denn man kennt es nicht
Unsere Vermögen bringen uns in der Kenntnis und Unterscheidung der Substanzen
nur bis zur Zusammenfassung der an ihnen wahrgenommenen sinnlichen
Eigenschaften und wenn hierbei auch die größte Sorgfalt und Genauigkeit
angewandt wird so bleibt diese doch von der wahren inneren Verfassung aus der
diese Eigenschaften abfließen entfernter als die besagte Vorstellung jenes
Bauers von der Straßburger Turmuhr von der er nur die äußere Gestalt und
Bewegung gesehen hatte Selbst die verächtlichste Pflanze oder ein solches Thier
bringt den größten Verstand in Verwirrung Der tägliche Verkehr mit ihnen hebt
zwar unsere Verwunderung auf aber heilt nicht unsere Unwissenheit Sobald man
den Stein auf den man tritt oder das Eisen das man täglich in Händen hat
prüft sieht man sofort dass man ihre Verfassung nicht kennt und die an ihnen
bemerkten Eigenschaften nicht erklären kann Es erhellt, dass die innere
Verfassung von der diese Eigentümlichkeiten abhängen uns unbekannt ist um
nicht über die gröbsten und augenfälligsten Beispiele hinauszugehen frage ich
was ist das Gewebe das wirkliche Wesen welches Blei und Antimon schmelzbar und
Holz und Stein nicht schmelzbar macht Was macht Blei und Eisen hämmerbar
Antimon und Steine nicht Und doch sind diese Unterschiede unendlich gröber als
jene feinen Einrichtungen und das unbegreifliche wirkliche Wesen von Pflanzen
und Tieren Die Wirksamkeit des allweisen und allmächtigen Gottes in dem
großen Bau des Weltalls und aller seiner Theile übersteigt das Vermögen und
Begreifen des scharfsinnigsten und geistvollsten Mannes mehr als die beste
Einrichtung des geistvollsten Mannes die Begriffe der unwissendsten Wesen
übertrifft Es ist deshalb vergeblich die Dinge nach deren wirklichem Wesen in
Arten ordnen und in gewisse Klassen mit Namen verteilen zu wollen jenes Wesen
können wir nicht entdecken noch erfassen Ebenso gut kann ein Blinder die Dinge
nach den Farben ordnen und der welcher den Geruch eingebüßt hat die Lilien
von der Rose durch den Geruch wie nach den unbekannten inneren Verfassungen
derselben unterscheiden Wer da meint die Schafe und Ziegen nach deren
wirklichem Wesen was er nicht kennt unterscheiden zu können mag seine
Geschicklichkeit an den Arten versuchen die man Cassiowary und Querechinchio
nennt und durch ihr inneres wirkliches Wesen die Grenzen beider Arten
bestimmen obgleich ihm die zusammengesetzte Vorstellung der sinnlichen
Eigenschaften fehlt welche diese Worte in den Ländern bezeichnen wo diese
Tiere angetroffen werden.
10 Ebensowenig die substantiellen Formen die man noch weniger kennt
Diejenigen denen man gelehrt hatte dass die verschiedenen Arten der Substanzen
ihre bestimmten innerlichen substantiellen Formen hätten und dass in diesen
Formen die Unterscheidung in ihre wahren Arten und Gattungen enthalten sei
wurden noch mehr irre geführt denn sie suchten nun vergeblich nach diesen ganz
unfassbaren substantiellen Formen von denen man nur eine ganz dunkle und
verworrene allgemeine Vorstellung hat
11 Dass die Arten nach ihrem WortWesen unterschieden werden, ergibt
sich weiter aus den Geistern Dass die Unterscheidung und Ordnung der
natürlichen Substanzen in Arten auf ihrem von der Seele gebildeten WortWesen
und nicht auf dem in ihnen enthaltenen wirklichen Wesen beruht ergibt sich
auch noch aus unsern Vorstellungen über Geister Denn die Seele gewinnt nur
durch Selbstwahrnehmung ihrer eigenen Tätigkeiten jene einfachen Vorstellungen,
welche sie den Geistern zuteilt sie hat keinen andern Begriff von Geistern und
kann keinen andern haben als dass sie alle diese Tätigkeiten die sie in sich
selbst bemerkt einer Art Wesen zuteilt ohne dabei auf den Stoff Rücksicht zu
nehmen Selbst die höchste Vorstellung von Gott enthält nur jene einfachen
durch Selbstwahrnehmung in aus selbst gefundenen Bestimmungen die man Gott
zuteilt weil sie in sich mehr Vollkommenheit enthalten als ohne sie vorhanden
sein würde indem man nämlich diese einfachen Bestimmungen ihm in grenzenlosem
Maße zuteilt So findet man durch Selbstbeobachtung in sich die Vorstellung
des Daseins des Wissens, der Macht der Lust und dass es besser ist eine jede
derselben zu haben als zu entbehren Indem man alle verbindet und jeder die
Unendlichkeit zuteilt wird damit die zusammengesetzte Vorstellung eines
ewigen allwissenden allmächtigsten allweisen und seligsten Wesens gewonnen
Es wird uns zwar gelehrt dass es verschiedene Arten von Engeln gibt allein
wir wissen nicht wie wir die bestimmten Vorstellungen dieser Arten bilden
sollen nicht weil das Dasein dieser verschiedenen Arten unmöglich ist, sondern
weil wir keine weiteren einfachen Vorstellungen haben und solche auch nicht
machen können die auf solche Wesen anwendbar sind als die wenigen die wir
von uns selbst und unsern geistigen Tätigkeiten entlehnt haben und die sich
auf die Lust und die Bewegung der Glieder beziehen Deshalb kann man nur
mittelst Beilegung dieser unserer Tätigkeiten und Vermögen in höherem und
niederem Grade an dieselben die Begriffe verschiedener Geister bilden und
deshalb haben wir keine bestimmten unterschiedenen Vorstellungen von Geistern
Gott ausgenommen dem man sowohl die Dauer wie all jene andern Bestimmungen in
unendlichem Maße zuteilt während sie den Geistern nur beschränkt gegeben
werden. Deshalb unterscheidet man wie ich bescheidentlich annehme sie von Gott
nicht durch die Zahl der beiden beigelegten einfachen Eigenschaften sondern nur
durch deren unendliches Maß Alle jene besonderen Vorstellungen von Dasein
Wissen Wollen Macht Bewegung usw sind den Tätigkeiten der Seele entlehnt
man teilt sie allen Arten der Geister aber in unterschiedenem Grade mit und
zwar in dem äußersten fassbaren ja unendlichen Grade wenn man die Vorstellung
des ersten Wesens so gut als möglich bilden will Allein trotzdem steht dieses
Wesen in der wirklichen Vollkommenheit seiner Natur selbst von den höchsten und
vollkommensten aller geschaffenen Wesen noch weiter ab als der größte Mann ja
als der reinste Seraph von dem verächtlichsten Stück nes Stoffes absteht
deshalb muss er auch in unendlicher Weise unsern beschränkten Verstandesbegriff
von ihm übertreffen
12 Wahrscheinlich gibt es zahllose Arten von Geistern Es ist nicht
unmöglich noch unvernünftig dass es viele Arten von Geistern gibt die sich
durch bestimmte Eigentümlichkeiten von denen man keine Vorstellung hat ebenso
unterscheiden wie die Arten der sinnlichen Dinge durch die uns bekannten und an
ihnen bemerkten Eigenschaften sich unterscheiden Ich halte es für
wahrscheinlich dass es mehr Arten verständiger Wesen über uns als sinnlicher
und körperlicher Dinge unter uns gibt weil man in der sichtbaren körperlichen
Welt keinen Sprung und keine Kluft antrifft Das Absteigen nach unten vom
Menschen ab geschieht nur in kleinen Stufen und in einer fortlaufenden Reihe der
Dinge, von denen die nächsten sich wenig unterscheiden Es gibt Fische mit
Flügeln die keine Fremdlinge in der Luft sind und es gibt Vögel die das
Wasser bewohnen und deren Blut so kalt und deren Fleisch so dem der Fische
gleich ist dass selbst die gewissenhaftesten Christen sie an Fasttagen essen
Sie sind den Vögeln und Fischen so nahe dass sie zwischen beiden stehen ebenso
verketten die Amphibien die Land und Wassertiere Seehunde leben auf dem Lande
und im Meere und Schildkröten haben das warme Blut und die Eingeweide vom
Schwein ohne der Seejungfern und Meermännchen zu gedenken von denen man sich
im Vertrauen erzählt Manche Tiere scheinen so viel Wissen und Verstand zu
haben wie manche die Menschen heißen und das Pflanzen und Tierreich sind
so eng verknüpft dass zwischen dem höchsten aus jenem und dem niedersten das
diesem kaum ein Unterschied bestehen wird Dies gilt bis zu den untersten
unorganischen Stoffen überall sind die verschiedenen Arten verkettet und nur in
geringem Grade verschieden Berücksichtigt man daher die Allmacht und Weisheit
des Schöpfers so kann man wohl mit Recht annehmen dass es der großen Harmonie
des Weltalls, den hohen Absichten und der unendlichen Güte des Baumeisters
entspricht wenn die Arten der Geschöpfe auch nach aufwärts von uns allmählich
zur unendlichen Vollkommenheit so aufsteigen wie dies bereits der Fall ist.
Deshalb ist es wahrscheinlich dass es viel mehr Arten von Wesen über wie unter
uns gibt da wir selbst von dem unendlichen Wesen Gottes weiter abstehen als
von der niedrigsten Art der Dinge, welche Nichts am nächsten kommt Trotzdem
haben wir von all diesen höheren Arten wie gesagt keine klare und deutliche
Vorstellung
13 Das WortWesen der Art wird am Wasser und Eise dargelegt Ich kehre
indes zu den körperlichen Substanzen zurück Auf die Frage ob Eis und Wasser
zwei verschiedene Arten der Dinge seien wird man sicherlich mit Ja antworten
und man kann nicht bestreiten dass der Antwortende Recht hat Wenn Aber ein in
Jamaika erzogener Engländer der Eis vielleicht nie gesehen noch davon gehört
hat im Winter nach England käme und er das Wasser in seinem Waschbecken des
Morgens zum großen Teil gefroren fände und dessen besonderen Namen nicht
kennte und es hartes Wasser nennte so frage ich ob er es wohl für eine
besondere vom Wasser verschiedene Art halten würde Hier wird man sicher Nein
antworten es gut ihm so Wenig für eine neue Art wie die durch die Kälte
geronnene Brühe im Gegensatz zu der warmen und flüssigen Brühe und wie das
flüssige Gold im Ofen für eine neue Art gegen das harte Gold in den Händen des
Arbeiters Ist dies richtig so sind unsere verschiedenen Arten nur verschieden
zusammengesetzte Vorstellungen mit besonderen Namen Allerdings hat jedes
bestehende Ding seine besondere Verfassung von der seine sinnlichen
Eigenschaften und Kräfte abhängen allein wenn man die Dinge in Arten ordnet
dh sie unter besondere Titel bringt so geschieht es nur nach den
Vorstellungen, die man von ihnen hat Es genügt dies um sie nach Namen zu
unterscheiden damit man über sie sprechen kann auch wenn sie nicht zur Hand
sind allein wenn man meint es beruhe dies auf ihrer wahren inneren Verfassung
und dass die bestehenden Dinge von Natur in Arten durch ihr wirkliches Wesen so
gesondert seien wie man sie nach Arten und Namen sondert so gibt dies zu
großen Irrtümern Anlass
14 Die Bedenken gegen eine bestimmte Anzahl von wirklichen Wesenheiten
Sollen Substanzen wie man gewöhnlich meint sich in Arten sondern weil
bestimmte Wesenheiten oder Formen derselben bestehen durch welche alle Dinge
von Natur in Arten gesondert sind so ist Folgendes nötig
15 Erstens muss man sicher sein dass die Natur bei Hervorbringung der
Dinge immer will dass sie an bestimmten festgestellten Wesenheiten teilnehmen
welche für alle einzelnen die Muster abgeben In diesem groben Sinne wie man
diesen Satz gewöhnlich aufstellt bedarf er jedoch der Erläuterung ehe man ihm
zustimmen kann
16 Zweitens müsste man wissen ob die Natur immer die Wesenheit erreicht
die sie bei der Hervorbringung der Dinge im Sinne hat Die an regelmäßigen und
ungeheuerlichen Geburten welche bei verschiedenen Tierarten vorgekommen sind
lassen eins oder beides bezweifeln
17 Drittens muss entschieden werden ob die sogenannten Ungeheuer eine
wirkliche besondere Art nach dem scholastischen Begriff des Wortes species
bilden denn unzweifelhaft hat jedes vorhandene einzelne Ding seine besondere
Verfassung und dennoch haben manche dieser Missgeburten wenige oder gar keine
von den Eigenschaften, welche aus dem Wesen dieser Art hervorgehen sollen aus
dem die Urbilder abgeleitet werden und zu welchem sie nach ihrer Abstammung zu
gehören scheinen
18 Das WortWesen der Substanzen ist keine vollständige Zusammenfassung
der Eigentümlichkeiten Viertens müsste das wirkliche Wesen der Dinge, die man
nach Arten sondert und so verschieden benennt bekannt sein dh man müsste
eine Vorstellung von demselben haben Allein da man diese vier Punkte nicht
kennt so hält das angebliche wirkliche Wesen der Dinge für die Sonderung der
Substanzen in Arten nicht Stand
19 Fünftens wäre die einzige Hülfe hiergegen dass man vollständige
zusammengesetzte Vorstellungen von den Eigenschaften der Dinge hätte die man
dann zur Sonderung derselben nach Arten benutzen könnte Aber keines von Beiden
ist ausführbar denn da man das wirkliche Wesen nicht kennt so kann man auch
nicht sämtliche daraus abfließenden Eigenschaften kennen die mit demselben so
verknüpft sind dass, wenn eine fehlt man sicher annehmen kann das Wesen sei
hier nicht vorhanden und das Ding gehöre daher nicht in dieser Art Man kann
niemals die bestimmte Zahl der von dem wirklichen Wesen des Goldes abhängenden
Eigenschaften so genau kennen dass, wenn eine davon fehlt das wirkliche Wesen
des Goldes, und also auch das Gold selbst dann nicht da wäre nur wenn man das
wirkliche Wesen des Goldes kennte und danach die Art bestimmte würde dies
möglich sein Unter Gold verstehe ich ein Stück davon zB die letzte gemünzte
Goldmünze Denn sollte darunter nur wie gewöhnlich die Vorstellung verstanden
werden die man Gold nennt also das WortWesen desselben so wäre dies ein
verworrenes Gerede So schwer fällt es den verschiedenen Sinn und die
Unvollkommenheiten der Worte darzulegen wenn es nur mit Worten geschehen kann
20 Aus alledem erhellt, dass die Unterscheidung der Substanzen nach Arten
sich nicht auf ihr wirkliches Wesen gründet und dass man nicht vermag sie in
solche Arten zu ordnen welche ihren inneren wesentlichen Unterschieden genau
entsprechen
21 Sondern nur eine solche Zusammenfassung wie sie der Name bezeichnet
Da man indes allgemeiner Worte bedarf obgleich man das wirkliche Wesen der
Dinge nicht kennt so bleibt nur übrig eine solche Anzahl einfacher
Vorstellungen zu verbinden wie sie in bestehenden Dingen sich vereinigt finden
und daraus eine zusammengesetzte Vorstellung zu bilden Wenn sie auch nicht das
wirkliche Wesen einer bestehenden Substanz ist so bildet sie doch das besondere
Wesen zu welchem der Name gehört und das sie vertreten kann Dadurch kann man
wenigstens die Wahrheit dieser WortWesenheiten prüfen So setzen zB Manche
das Wesen des Körpers in die Ausdehnung; ist dies der Fall so kann man niemals
irrtümlich das Wesen eines Dinges für dieses selbst nehmen Gebraucht man daher
beim Sprechen die Ausdehnung für den Körper und sagt man statt der Körper
bewegt sich die Ausdehnung bewegt sich so würde sich dies schlecht ausnehmen
Wer da sagte dass eine Ausdehnung durch Stoß eine andere Ausdehnung bewege
würde durch seine bloßen Worte genügend zeigen wie verkehrt ein solcher
Begriff ist Das Wesen eines Dinges bezüglich unserer ist die ganze
zusammengefasste Vorstellung, die unter ihrem Namen befasst und bezeichnet wird
bei Substanzen bildet neben den einzelnen zu ihr gebärenden einfachen
Vorstellungen auch die verworrene Vorstellung der Substanz selbst jenes
unbekannten Trägers und jener Ursache der Verbindung immer einen Teil Deshalb
ist das Wesen des Körpers nicht die bloße Ausdehnung sondern ein ausgedehntes
dichtes Ding und deshalb ist es ebenso verständlich zu sagen Ein ausgedehntes
dichtes Ding bewegt sich oder stößt ein anderes, als zu sagen ein Körper
bewegt sich oder stößt Ebenso ist es dasselbe ob man sagt ein vernünftiges
Geschöpf ist der Unterscheidung fähig oder ein Mensch ist es Niemand dagegen
wild sagen dass die Vernünftigkeit der Unterhaltung fähig sei da sie nicht das
ganze Wesen dessen ausmacht was man Mensch nennt
22 Die begrifflichen Vorstellungen sind für uns der Maßstab der Arten,
ein Beispiel ist der Mensch Es gibt Geschöpfe auf der Erde deren Gestalt der
unsrigen ähnelt die aber behaart sind und der Sprache und Vernunft ermangeln
Es gibt auch Geschöpfe unter den Menschen die genau unsere Gestalt haben aber
der Vernunft, und Einzelne die auch der Sprache ermangeln Es soll auch
Geschöpfe geben »der Erzähler mag es vertreten« obgleich kein Widerspruch dann
liegt die mit Sprache und Verstand und einer uns gleichenden Gestalt begabt
sind aber behaarte Schwänze haben und wieder Andere wo nicht die Männer
sondern die Frauen Bärte haben Fragt man nun ob alle diese Menschen seien und
alle zur Menschengattung gehören so bezieht sich diese Frage offenbar nur auf
das WortWesen denn von jenen Geschöpfen sind nur diejenigen Menschen die mit
der Definition des Wortes Mensch oder mit der zusammengesetzten Vorstellung
dieses Namens übereinstimmen die andern sind es nicht Geht aber die Frage auf
das angebliche wirkliche Wesen und ob die innere Verfassung und Gestalt dieser
verschiedenen Geschöpfe wesentlich verschieden seien so kann darauf keine
Antwort erteilt werden da Nichts davon in unserer ArtVorstellung enthalten
ist; man kann höchstens annehmen dass wo die Vermögen und die äußere Gestalt
so verschieden sind auch die innere Verfassung nicht genau dieselbe sein könne
Welcher Unterschied in der inneren wirklichen Verfassung aber einen
ArtUnterschied herbeiführt kann man nicht ermitteln da für uns der Maßstab
für die Arten, wie sie sind mir die begrifflichen Vorstellungen sind die man
kennt und nicht die innere Verfassung die keinen Teil dieser Vorstellung
ausmacht Soll zB der bloße Unterschied dass die Haut behaart ist das
Zeichen einer verschiedenen inneren Verfassung zwischen einem Wechselbalg und
einem Pavian sein wenn sie sonst in Gestalt übereinkommen und Beiden die
Sprache und die Vernunft fehlt Und soll der Mangel der Vernunft und Sprache
nicht als ein Zeichen gelten dass ein Wechselbalg und ein verständiger Mensch
von verschiedener innerer Verfassung und Art sind Dasselbe gilt für alles
Andere wenn man meint dass der Unterschied der Arten aus der wirklichen Form
und der geheimen Verfassung der Dinge bestimmt werde und hervorgehe
23 Die Art kann nicht durch die Fortpflanzung definiert werden Auch
kann man nicht behaupten dass die Fähigkeit der Fortpflanzung bei den Tieren
durch Begattung des Männchens und Weibchens und bei Pflanzen durch den Samen
die angebliche wirkliche Art bestimme und vollständig enthalte Selbst wenn es
wahr wäre so kommt man damit für die Untersuchung der Arten der Dinge nicht
weiter als bis zu dem Gegensatz von Tieren und Pflanzen Was soll aber bei
diesen geschehen Aber der Satz ist nicht einmal für jene hinreichend denn
wenn die Geschichte nicht logt so sind Weiber von Pavianen geschwängert worden
und es tritt dann die neue Frage auf zu welcher Art ein solches Geschöpf
gehöre Dass dergleichen nicht unmöglich ist beweisen die vielen Maultiere und
Jumarts von denen jene die Frucht eines Esels und einer Stute und diese die
Frucht eines Stiers und einer Stute sind Ich selbst habe ein Geschöpf gesehen
das von einer Katze und Ratte erzeugt war und die deutlichen Zeichen von Beiden
an sich trug so dass die Natur dem Muster keines allein gefolgt sondern beide
vermengt hatte Nimmt man noch die häufigen Missgeburten hinzu so dürfte es
selbst bei den Tieren schwer fallen durch die Abstammung die Art derselben
bestimmen zu wollen und das wirkliche Wesen anzugeben was durch die
Fortpflanzung hier übergeführt sei und allein zu dem Namen berechtigt sein soll
Könnte übrigens der Unterschied der Tiere und Pflanzen nur hiernach erkannt
werden, so müsste man nach Indien reisen um zu wissen ob dies ein Tiger und
dies Thee sei und dort den Vater und die Mutter von jenem und die Pflanze von
welcher der Samen zu diesem gesammelt war aufsuchen
24 Auch nicht durch substantielle Formen Also erhellt, dass nur die
sinnlichen Eigenschaften, welche der Mensch verbindet das Wesen der Arten der
Substanzen bilden und dass ihr wahrer innerer Bau bei ihrer Einteilung in der
Regel nicht beachtet wird Noch weniger denkt man dabei an substantielle Formen
nur die welche auf diesem Weltteil die Sprache der Schulen gelernt haben
machen eine Ausnahme allein trotzdem können die Unstudierten die sich keines
Einblicks in das wahre Wesen rühmen und sich mit substantiellen Formen nicht
plagen sondern sich begnügen die Dinge nach ihren sinnlichen Eigenschaften zu
kennen die Dinge besser unterscheiden und besser wissen was man von jedem zu
erwarten hat als jene gelehrten kurzsichtigen Männer die so tief in die Dinge
schauen und so zuverlässig von ihrem verborgenen Wesen schwätzen
25 Die ArtUnterschiede sind Bildungen der Seele Selbst wenn das
wirkliche Wesen bei genauerer Erforschung zu entdecken wäre so würde doch die
Einteilung der Dinge in Arten nicht danach sondern nur nach ihrer äußeren
Erscheinung bestimmt werden, weil die Sprachen längst fertig waren als die
Wissenschaften entstanden Deshalb sind die allgemeinen Namen die bei den
Völkern gebräuchlich sind nicht von den Philosophen oder Logikern oder von
Solchen gemacht worden die sich mit Formen und Wesen geplagt haben vielmehr
haben diese mehr oder weniger umfassenden Ausdrücke in allen Sprachen ihre
Bildung und ihre Bedeutung von unwissenden und ungelehrten Leuten empfangen die
die Dinge nach den an ihnen bemerkten sinnlichen Eigenschaften unterschieden und
benannten um dadurch dieselben auch wenn sie nicht da waren Andern bezeichnen
zu können
26 Deshalb sind sie sehr veränderlich und unsicher Wenn also die Dinge
nicht nach ihrem währen sondern nur nach ihrem WortWesen geordnet und benannt
werden so fragt es sich zunächst wie und von wem dieses Wesen gemacht wird
Das WortWesen offenbar von der Seele und nicht von der Natur, denn sonst könnte
es nicht so verschieden und wechselnd sein als mehrere Personen es auffassen
Nicht von einer einzigen Art wird sich bei mehreren Menschen das WortWesen als
gleich ergeben wenn man der Sache näher tritt selbst nicht bei der Art mit
der man am genauesten bekannt ist Die begriffliche Vorstellung, der man einen
Namen gab könnte bei mehreren Menschen nicht verschieden sein wenn die Natur
sie bestimmte dann hätte der Eine sie nicht als »ein vernünftiges Thier« und
der Andere als »ein federloses zweifüßiges Thier mit breiten Nägeln«
bezeichnen können Wenn der Eine den Namen Mensch mit einer Vorstellung
verbindet die aus der Wahrnehmung und körperlichen Bewegung verbunden mit
einem so gestalteten Körper gebildet ist so hat er damit eine Wesenheit der
Art Mensch und wenn ein Anderer in Folge weiterer Prüfung die Vernünftigkeit
hinzufügt so hat er eine andere Wesenheit der Art die er Mensch nennt und so
kann dieselbe Person für jenen ein wahrer Mensch sein und für diesen nicht
Schwerlich wird man die so gut gekannte aufrechte Gestalt als den wesentlichen
Unterschied der Gattung Mensch anerkennen und doch entscheidet man
augenscheinlich über die Tiergattungen mehr nach der Gestalt als nach der
Abstammung der Einzelnen und man hat mehr als einmal darüber gestritten ob man
eine Leibesfrucht erhalten und zur Taufe zulassen solle bloß weil sie in ihrer
äußern Gestalt von der gewöhnlichen Gestalt der Kinder abwich und man nicht
wusste ob sie nicht ebenso der Vernunft fähig sei wie anders geformte Kinder
von denen manche trotz ihrer guten Gestalt doch eines Zeichens von Vernunft ihr
ganzes Leben lang nicht fähiger waren wie ein Affe oder Elephant und welche
nie bemerken ließen dass sie durch eine vernünftige Seele geleitet wurden Man
hat also offenbar die äußere Gestalt die allein mangelhaft war und nicht die
Vernünftigkeit deren Mangel zu dieser Zeit Niemand wissen konnte zum Wesen der
menschlichen Gattung erhoben Der gelehrte Theologe und Jurist müssen bei
solchen Gelegenheiten ihre geheiligte Definition des »vernünftigen Tieres«
aufgeben und etwas Anderes als das Wesen der menschlichen Gattung unterschieben
Herr Menage gedenkt in seinem Werke Menagiana Seite 278 und 430 eines
erwähnenswerten Falles er sagt »Der Abt von St Martin hatte bei seiner
Geburt so wenig Menschenähnliches in seiner Gestalt dass er danach eher für
eine Missgeburt gelten musste Man war eine Zeit lang unschlüssig ob man ihn
taufen sollte Indes geschah es und er wurde vorläufig bis die Zeit es
bestätigen werde für einen Menschen erklärt Die Natur hatte ihn so unförmlich
gestaltet dass er sein Lebelang der Abt Malotrn dh der Missgestaltete
genannt wurde er war aus Caen« Man sieht also wie hier ein Kind nur seiner
Gestalt wegen beinahe von der menschlichen Gattung ausgeschlossen worden wäre
Er entging dem mit Mühe und wäre seine Gestalt noch ein wenig verkehrter
gewesen so hätte man ihn für kein menschliches Wesen gehalten sondern bei
Seite geschafft Dennoch hatte man keinen Grund weshalb trotz den etwas
veränderten Gesichtszügen nicht eine vernünftige Seele in ihm hätte wohnen
können und weshalb ein etwas längeres Gesicht oder eine plattere Nase oder ein
größerer Mund nicht ebenso wie seine übrige Gestalt mit solch einer Seele und
solchen Talenten verträglich wären die ihn trotz seiner Missgestalt zu einem
Würdenträger der Kirche befähigten
27 Worin bestehen also dies möchte ich gern wissen die festen und
unveränderlichen Grenzen dieser Gattung Offenbar hat die Natur nichts der Art
gemacht und für die Menschen aufgestellt Das wirkliche Wesen dieser oder jeder
andern Gattung von Substanzen ist uns unbekannt und es ist von dem WortWesen
welches der Mensch sich gebildet hat so unterschieden dass, wenn man Mehrere
über missgestaltete Neugeburten fragte ob sie Menschen seien oder nicht man
sehr verschiedene Antworten erhalten würde Dies wäre unmöglich wenn das
WortWesen nach dem wir die Arten der Substanzen bestimmen und unterscheiden
nicht von dem Menschen selbst mit einer gewissen Freiheit gemacht sondern genau
nach natürlichen Grenzen festgesetzt wäre durch welche die Natur selbst die
Substanzen in verschiedene Arten getrennt hätte Wer möchte die Art bestimmen
zu der das bei Licetus Buch I Kap 3 erwähnte Ungeheuer mit einem
Menschenkopf und einem Schweinsleib gehörte oder jene mit dem Leib eines
Menschen und dem Kopf eines Hundes oder Pferdes oder eines andern Tieres
Hätte ein solches Geschöpf noch überdem leben und sprechen können so wäre diese
Frage noch weit schwieriger geworden Wäre das Oberteil bis zur Mitte von
menschlicher Gestalt und das Untere wie bei einem Schwein gewesen würde da
dessen Tötung ein Mord gewesen sein Und hätte man da den Bischof fragen
müssen ob es zur Taufe zu verstatten sei Etwas Ähnliches ereignete sich wie
man mir erzählt hat vor einigen Jahren in Frankreich So unsicher sind für uns
die Grenzen der Arten der Geschöpfe sie können nur nach den von uns verbundenen
Vorstellungen bemessen werden und man ist weit von der sichern Kenntnis was
der Mensch ist entfernt obgleich es für große Unwissenheit gelten würde wenn
man hierüber zweifelhaft wäre Die festen Grenzen dieser Gattung dürften indes
so wenig bestimmt und die genaue Zahl der einzelnen einfachen Vorstellungen
ihres WortWesens so wenig sicher und vollständig gekannt sein dass noch sehr
erhebliche Zweifel darüber erhoben werden können. Alle vorhandenen Definitionen
vom Menschen und alle Beschreibungen seiner Gattung können nach Genauigkeit und
Vollständigkeit keinen denkenden und forschenden Mann befriedigen noch weniger
können sie auf allgemeine Zustimmung rechnen oder erwarten dass alle Welt
danach entscheiden werde ob eine etwaige Missgeburt als Mensch gelten am Leben
erhalten und getauft werden solle
28 Indes sind sie doch nicht so willkürlich wie die der gemischten
Besonderungen Obgleich diese WortWesen bei den Substanzen ein Werk der Seele
sind so sind sie doch nicht so willkürlich wie die der gemischten Zustände
gebildet Um das WortWesen einer Gattung zu bilden gehört 1 dass die
Vorstellungen, aus denen es besteht so verbunden sind, dass sie nur eine
Vorstellung ausmachen gleichviel welcher Art die Verbindung ist 2 muss die
besondere so verbundene Vorstellung genau dieselbe bleiben und nicht bald
Locke mehr bald weniger enthalten Denn wenn zwei begriffliche
zusammengesetzte Vorstellungen entweder in der Zahl oder in der Art ihrer Theile
verschieden sind so machen sie nicht ein sondern zwei Wesen aus Rücksichtlich
des ersten Erfordernisses folgt die Seele bei Bildung ihrer Vorstellungen von
Substanzen nur der Natur, und verbindet nichts was nicht als in der Natur
verbunden gilt Niemand verbindet die Stimme des Schafes mit der Gestalt des
Pferdes und die Farbe des Bleis mit der Schwere und Festigkeit des Goldes, um
damit eine besondere Art von Substanzen darzustellen er müsste denn seinen Kopf
mit Chimären und seine Rede mit unverständlichen Worten anfüllen wollen Die
Menschen bemerkten dass gewisse Eigenschaften immer miteinander verbunden
waren sie ahmten darin die Natur nach und aus den so verbundenen Vorstellungen
bildeten sie ihre Vorstellungen von den Substanzen Allerdings kann man bei
deren Bildung und Benennung willkürlich verfahren allein wenn man beim Sprechen
über bestehende Dinge verstanden sein will so muss man seine Vorstellungen
einigermaßen diesen Dingen anpassen sonst gliche das Sprechen dem von Babel
und eines Jeden Worte wären nur ihm selbst verständlich die Unterhaltung und
die täglichen Geschäfte wären unmöglich wenn die Vorstellungen der Substanzen
nicht der gemeinsamen Erscheinung und Übereinstimmung derselben wie sie
wirklich bestehen entsprächen
29 Indes ist dies nur sehr unvollkommen der Fall Obgleich der Mensch
bei Bildung seiner zusammengesetzten Vorstellungen von Substanzen nur
Vorstellungen verbindet die zusammen bestehen oder als so bestehend
vorausgesetzt werden und er mithin die Verbindung wahrhaft der Natur entlehnt
so ist doch die Zahl der Vorstellungen, die er verbindet von seiner wechselnden
Sorgfalt Tätigkeit und Einbildungskraft abhängig In der Regel begnügt man
sich mit wenigen augenfälligen Eigenschaften und lässt oft wenn nicht immer
andere ebenso wichtige und ebenso eng verbundene aus Es gibt von den
sinnlichen Substanzen zwei Arten; die eine hat einen organisierten Körper und
wird durch Samen fortgepflanzt hier bildet die Gestalt die charakteristische
Eigenschaft und das entscheidende Zeichen für die Art und deshalb genügt bei
Pflanzen und Tieren die Vorstellung einer ausgedehnten dichten Substanz von
einer bestimmten Gestalt Denn wenn auch die Definition von dem »vernünftigen
Tiere« noch so hoch gestellt wird so würde doch schwerlich ein Geschöpf für
einen Menschen gelten was zwar Vernunft und Sprache aber nicht die gewöhnliche
menschliche Gestalt besäße wenn es auch sonst noch so sehr ein »vernünftiges
Thier« wäre und hätte Bileams Esel immer so vernünftig wie das eine Mal mit
seinem Herrn gesprochen so würde dieser ihn doch schwerlich des Namens Mensch
für würdig erachtet und ihn von gleicher Art mit sich angesehen haben So wie
bei Pflanzen und Tieren die Gestalt so ist bei den meisten nicht durch Samen
fortgepflanzten Körpern die Farbe das was man am meisten beachtet und von der
man am meisten sich leiten lässt Wo man daher die Farbe des Goldes antrifft da
erwartet man auch die übrigen in unserer Vorstellung desselben befassten
Eigenschaften und gewöhnlich begründen die auffälligen Eigenschaften der
Gestalt und der Farbe so stark die Vermutung für eine bestimmte Art dass man
bei einem guten Gemälde danach gleich sagt dies ist ein Löwe und dies eine
Rose dies ist ein silberner und dies ein goldener Becher Alles nur auf Grund
der verschiedenen Gestalten und Farben die das Gemälde dem Auge bietet
30 Indes genügt es für den menschlichen Verkehr Allerdings genügt
dies für grobe und verworrene Auffassungen und ein ungenaues Sprechen und
Denken aber trotzdem hat man sich über die bestimmte Zahl einfacher
Vorstellungen oder Eigenschaften die einer bestimmten mit Namen bezeichneten
Art von Dingen Zukommen nicht geeinigt Es ist dies freilich nicht zu
verwundern da viele Zeit Mühe und Geschicklichkeit sowie eine genaue
Untersuchung und eine lange Prüfung dazu gehören wenn man ermitteln will
welche und wie viele einfache Vorstellungen beständig und untrennbar in der
Natur verbunden sind und in den Gegenständen einer Art immer beisammen
angetroffen werden. Die meisten Menschen haben dazu entweder keine Zeit oder
keine Lust oder nicht Geschicklichkeit genug sie begnügen sich deshalb mit
wenigen augenfälligen äußerlichen Erscheinungen an den Dingen und ordnen sie
sofort danach in Arten für den täglichen Verkehr Man gibt ohne weitere Prüfung
ihnen deren Namen oder benutzt die bereits gebräuchlichen Namen dazu Im
gewöhnlichen Verkehr gelten sie leicht als die Zeichen einiger augenfälligen
zusammen bestehenden Eigenschaften allein sie umfassen keineswegs in fester
Bedeutung eine bestimmte Zahl einfacher Vorstellungen, und noch weniger alle
die welche in der Natur verbunden sind. Wer nach so vielem Lärm über genus und
species und so vielem Geschwätz über spezifische unterschiede sieht wie wenige
Worte bis jetzt eine feste Definition haben kann mit Recht diese Formen von
denen man so viel Aufhebens gemacht hat für bloße Chimären halten die über
die eigentliche Natur der Dinge keinen Aufschluss gewähren und wer bedenkt wie
wenig die Namen der Substanzen bestimmte Bedeutungen haben kann mit Recht
annehmen dass alle WortWesen obgleich sie als der Natur entlehnt gelten nur
sehr unvollkommen sind Denn ihre Zusammensetzung erfolgt bei verschiedenen
Personen verschieden und ihre Grenzen der Arten sind deshalb nicht von der
Natur, sondern von den Menschen bestimmt wenn überhaupt die Natur solche
Grenzen gezogen hat Allerdings sind viele Substanzen von der Natur so gemacht
dass sie einander ähnlich sind und daher eine Grundlage für ihre Einordnung in
eine Art abgeben allein wenn die Menschen die Dinge in Arten ordnen so
geschieht es um sie unter einen allgemeinen Ausdruck zu befassen und danach zu
nennen und deshalb sehe ich nicht ab wie man sagen kann dass die Natur die
Grenzen der Arten bestimmt habe Selbst wenn dies der Fall wäre so würden doch
unsere Grenzen nicht genau mit denen der Natur stimmen denn der Mensch bedarf
der allgemeinen Worte für seine gegenwärtigen Zwecke und er wartet deshalb
nicht bis alle jene Eigenschaften vollständig entdeckt sind die am besten die
wesentlichen Unterschiede und Gleichheiten darlegen vielmehr teilt er die
Dinge nach einzelnen augenfälligen Erscheinungen in Arten um durch allgemeine
Worte leichter mit Andern verkehren zu können Er kennt von den Substanzen nur
die einfachen Vorstellungen, die in ihnen vereint sind er bemerkt dass
einzelne Substanzen in einigen dieser einfachen Vorstellungen übereinstimmen
und aus dieser Verbindung bildet er die Vorstellung der Art und gibt ihr einen
Namen damit beim Wiedererinnern und im Gespräch er mit einem kurzen Wort alle
die einzelnen Dinge bezeichnen kann die in jener zusammengesetzten Vorstellung
zusammenstimmen ohne ihre einfachen Vorstellungen einzeln aufzählen zu müssen
es soll damit die Verschwendung an Zeit und Atem in langweiligen Beschreibungen
erspart werden wozu Die genötigt sind die von einer neuen Art Dingen
sprechen wollen welche noch keinen Namen haben
31 Das Wesen der mit demselben Namen belegten Arten ist sehr
verschieden Wenn man auch mit diesen Arten der Substanzen in der gewöhnlichen
Unterhaltung gut fortkommt so wird doch diese zusammengesetzte Vorstellung, in
welcher mehrere Personen übereinstimmen von den Einzelnen sehr verschieden
gebildet bald mehr bald weniger genau bald erhält sie eine größere bald
eine geringere Zahl von Eigenschaften; sie ist immer so wie gerade die Seele
sie gebildet hat Die gelbe glänzende Farbe macht das Gold bei Kindern aus
Andere setzen das Gewicht die Hämmerbarkeit und Schmelzbarkeit hinzu noch
Andere weitere Eigenschaften die mit der gelben Farbe ebenso beständig wie die
Schwere und die Schmelzbarkeit verbunden sind; denn jede dieser Eigenschaften
hat so gut wie die andern ein Recht in die Vorstellung der Substanz aufgenommen
zu werden die sie zusammen verbindet Deshalb haben die Menschen welche
einfache Vorstellungen auslassen oder zusetzen je nach ihrer Untersuchung
Geschicklichkeit oder Beobachtung des Gegenstandes, verschiedene Vorstellungen
vom Gold und deshalb können sie nur von ihnen selbst und nicht von der Natur
gemacht sein
32 Je allgemeiner die Vorstellungen sind desto unvollständiger sind sie
und desto mehr befassen sie nur einzelne Theile Wenn die Zahl der einfachen
Vorstellungen, welche das WortWesen der untersten Arten welche zunächst die
einzelnen Dinge ordnen von der Seele abhängt die sie verschieden
zusammenfasst so ist dies offenbar bei jenen umfassenderen Klassen noch mehr
der Fall welche die Meister der Logik die Gattungen nennen Diese Vorstellungen
sind absichtlich unvollständig und man sieht auf den ersten Blick dass
Eigenschaften die in den Dingen bemerkt worden absichtlich bei denselben
ausgelassen worden sind. So wie die Seele schon bei Bildung allgemeiner
Vorstellungen für mehrere einzelne Dinge die Vorstellungen der Zeit des Ortes
und andere weglässt welche deren Geltung für mehrere einzelne Dinge hindern
würden so lässt sie auch um diese Vorstellungen noch allgemeiner zu machen
damit sie verschiedene Arten umfassen jene Vorstellungen weg welche die Arten
unterscheiden und nimmt in die neue Vorstellung nur das allen Arten Gemeinsame
auf Dieselbe Bequemlichkeit welche die verschiedenen aus Guinea und Peru
kommenden Stücke von gelber Farbe unter einen Namen zusammenfassen ließ
veranlasst auch die Bildung eines Namens für Gold und Silber und einige andere
Körper Dies geschieht durch Weglassung der eigentümlichen Eigenschaften jeder
Art und Bildung einer Vorstellung aus dem allen Arten Gemeinsamen Wird es dann
»Metall« benannt so ist die Gattung fertig Das Wesen dieser Gattung ist die
begriffliche Vorstellung, die nur die Hämmerbarkeit und Schmelzbarkeit mit
verschiedenen Graden von Schwere und Festigkeit befasst in denen die Körper
verschiedener Arten übereinstimmen dabei sind die Farben und andere dem Gold
Silber und den übrigen unter Metall befassten Stoffen eigentümlichen
Eigenschaften weggelassen Offenbar folgt man hierbei nicht genau den von der
Natur gebotenen Mustern denn es gibt keinen Körper der bloß hämmerbar und
schmelzbar wäre und keine weiteren Eigenschaften hätte Allein man sieht bei
Bildung der allgemeinen Vorstellungen mehr auf die Bequemlichkeit und
Schnelligkeit im Sprechen man benutzt dazu kurze und umfassende Zeichen und
achtet nicht auf die wahre und bestimmte Natur der Dinge, wie sie besteht
deshalb ist man bei Bildung der allgemeinen Vorstellungen nur auf einen Vorrat
von allgemeinen Namen verschiedentlichen Umfanges bedacht gewesen Deshalb ist
bei diesem ganzen Geschäft der Gattungen und Arten die Gattung oder die mehr
umfassende Vorstellung nur ein Teil des in der Art Enthaltenen und die Art nur
eine TeilVorstellung des in dem einzelnen Dinge Enthaltenen Meinte man also
dass der Mensch das Pferd das Thier und die Pflanze usw durch ihr
wirkliches natürliches Wesen unterschieden seien so müsste die Natur sehr
freigebig mit diesem natürlichen Wesen umgehen und eines für den Körper ein
anderes für das Thier und wieder ein anderes für das Pferd machen und alle
diese Wesen freigebig dem Bucephalus zuteilen Sieht man aber recht zu so
ergibt sich dass bei all diesen Gattungen und Arten kein neues Ding zu Stande
kommt sondern nur mehr oder weniger umfassende Zeichen durch die man mit wenig
Silben eine große Menge einzelner Dinge bezeichnen kann welche den mehr oder
weniger allgemeinen Vorstellungen entsprechen die zu diesem Ende gebildet
worden sind. Dabei ist allemal der allgemeinere Ausdruck der Name für die
weniger zusammengesetzte Vorstellung jede Gattung ist bloß eine
TeilVorstellung der unter ihr befassten Arten Die vermeintliche
Vollständigkeit dieser begrifflichen Vorstellungen bezieht sich also nur auf
eine feste Beziehung ihrer zu gewissen Namen die sie bezeichnen und nicht zu
bestellenden natürlichen Dingen
33 Sie sind sämtlich den Zwecken der Sprache angepasst Sie sind also
für den Zweck der Sprache eingerichtet dh für die leichteste und kürzeste
Weise der Gedanken und Mittheilung So braucht Der welcher von Dingen sprechen
will die nur der zusammengesetzten Vorstellung von Ausdehnung und Dichtigkeit
entsprechen bloß das Wort Körper dafür zu benutzen Will ein Anderer die durch
die Worte Leben Sinne freiwillige Bewegung bezeichneten Vorstellungen damit
verbinden so braucht er nur das Wort Thier dafür zu benutzen und Der welcher
eine Vorstellung aus Leben Sinne Bewegung mit der Vernunftfähigkeit und einer
gewissen Gestalt verbunden hat braucht nur das einsilbige Wort Mensch zu
benutzen um alle Einzelnen die dieser Vorstellung entsprechen zu bezeichnen
Dies ist das eigentümliche Geschäft der Gattungen und Arten und dies geschieht
ohne Rücksicht auf die wirklichen Wesen oder substantiellen Formen die nicht in
den Bereich unseres Wissens fallen wenn wir an diese Dinge denken und nicht in
die Bedeutung der Worte, wenn man mit Andern spricht
34 Ein Beispiel am Kasuar Wollte ich Jemand von den Vögeln erzählen
die ich neulich in St James Park gesehen die 34 Fuß hoch waren bedeckt mit
Etwas zwischen Haar und Federn die eine braune Farbe hatten und statt der
Flügel zwei oder drei kleine Zweige die wie Sprossen von Spanischem Flieder
herabhängen mit Füssen von nur drei Klauen und ohne Schwanz so müsste ich eine
lange Beschreibung machen damit der Andere mich verstehe nennt man sie aber
mit ihrem richtigen Namen Kasuar so kann ich dann dies Wort für alle in dieser
Beschreibung aufgeführten Eigenschaften benutzen wenn ich auch mit diesem Wort
was nun der Name einer Art geworden ist von dem wirklichen Wesen oder der
Verfassung dieser Art Tiere so wenig wie vorher weiß und auch von der Natur
dieser Vögel wahrscheinlich schon ehe ich ihren Namen erfuhr ebensoviel
wusste als manche meiner Landsleute von den Schwanen und Reihern welches
bekannte ArtNamen von Vögeln sind die in England häufig vorkommen
35 Die Menschen bestimmen die Arten.) Aus dem Gesagten erhellt, dass die
Menschen die Arten machen Denn nur das verschiedene WortWesen begründet die
verschiedenen Arten, und deshalb machen die welche diese begrifflichen
Vorstellungen bilden die das WortWesen ausmachen damit auch die Art oder
species Fände man einen Körper der alle Eigenschaften des Goldes mit Ausnahme
der Hämmerbarkeit hätte so entstände die die Frage ob er Gold sei dh ob er
zu dieser Art gehöre Dies ließe sich nur durch die begriffliche Vorstellung
entscheiden die Jedermann mit dem Golde verbindet Deshalb würde es Der für
wahres Gold halten bei dem in seinem WortWesen die Hämmerbarkeit nicht mit
enthalten wäre und ein Anderer würde es nicht für wahres Gold halten im Fall
er auch die Hämmerbarkeit zu dem Wesen dieser Art rechnete Wer macht aber die
verschiedenen Arten sogar für ein und denselben Namen Nur der Mensch der zwei
verschiedene begriffliche Vorstellungen bildet die nicht genau dieselben
Eigenschaften befassen Überdem ist es kein bloßer Einfall dass ein Körper
bestehe der alle Eigenschaften des Goldes mit Ausnahme der Hämmerbarkeit
enthalte da Gold manchmal so spröde wie die Gewerbsleute sagen ist dass es
den Hammer so wenig wie Glas vertragen kann Was ich hier in Betreff des
Zusetzens oder Auslassens der Hämmerbarkeit bei der Vorstellung des Goldes
gesamt gilt ebenso für seine besondere Schwere Festigkeit und die übrigen
Eigenschaften mag irgend eine ausgelassen sein so bestimmt immer die mit Gold
bezeichnete Vorstellung seine Art und wenn ein Stück Stoff dieser entspricht
so kommt ihm der Name der Art wahrhaft zu und es gehört zu derselben So
bestimmt sich ob Etwas wahres Gold oder ächtes Metall ist all diese
Bezeichnungen der Art sind offenbar von dem Menschen abhängig je nachdem er die
Vorstellung davon so oder anders bildet
36 Die Natur macht die Ähnlichkeit Also verhält es sich kurz so dass
die Natur viele einzelne Dinge macht die in manchen sinnlichen Eigenschaften
und vielleicht auch in ihrer inneren Form und Verfassung übereinkommen aber
nicht dieses wahre Wesen sondert sie in Arten sondern der Mensch welcher sie
nach den in ihnen vereinigt vorgefundenen Eigenschaften worin sie
übereinstimmen in Arten sondert und ihnen wegen der Bequemlichkeit umfassender
Zeichen Namen gibt Je nachdem einzelne Dinge mit dieser begrifflichen
Vorstellung übereinstimmen werden sie darunter wie unter Fahnen gestellt
dies gehört so zu dem roten und jenes zu dem blauen Regiment dies ist ein
Mensch und jenes ein Pavian und darin besteht die ganze Aufgabe der Gattungen
und Arten
37 Ich behaupte nicht dass die Natur bei der Hervorbringung der
einzelnen Dinge immer neue und verschiedene Dinge mache viele sind einander
ähnlich und verwandt allein dennoch dürfte es richtig sein dass die Grenzen
der Arten, wonach die Menschen sie sondern von diesen gezogen werden weil die
Wesen der mit verschiedenen Namen bezeichneten Arten wie gezeigt worden das
Werk des Menschen sind und selten der inneren Natur der Dinge, von denen sie
entlehnt sind entsprechen Man kann deshalb in Wahrheit sagen dass diese
Weise die Dinge in Arten zu ordnen das Werk des Menschen ist
38 Jede begriffliche Vorstellung ist eine Wesenheit Ein Punkt wird in
dieser Darstellung wahrscheinlich sonderbar erscheinen nämlich die daraus sich
ergebende Folge dass jede begriffliche Vorstellung mit einem Namen eine
bestimmte Art bildet Allein wer kann für die Wahrheit Denn dies muss so lange
gelten als nicht Jemand kommt und zeigt dass die Arten der Dinge durch etwas
Anderes begrenzt und unterschieden werden, und dass die allgemeinen Ausdrücke
nicht unsere begrifflichen Vorstellungen sondern etwas Anderes bezeichnen Ich
möchte wohl wissen weshalb ein Pudel und ein Jagdhund nicht ebenso zu
besonderen Arten gehören wie ein Wachtelhund und ein Elephant Der Unterschied
in dem Wesen des Elephanten gegen das des Wachtelhundes ist derselbe wie der
zwischen Pudel und Jagdhund denn der ganze wesentliche Unterschied wodurch man
den Einen von dem Andern sondert liegt nur in der Verschiedenheit der einfachen
Vorstellungen, die zusammengefasst und mit einem Namen bezeichnet worden sind.
39 Die Gattungen und Arten dienen nur der Benennung Wie sehr die
Bildung der Gattungen und Arten nur der allgemeinen Namen wegen geschieht und
wie sehr diese wo nicht dem Bestande doch der Vollständigkeit einer Art nötig
sind und sie als solche gelten lassen zeigt sich neben dem früher dargelegten
Beispiel von Eis und Wasser noch an einem andern sehr bekannten Eine schlagende
Uhr und eine die nicht schlägt gelten für Den der nur einen Namen für beide
hat nur als eine Art allein wer für die eine den Namen Turmuhr und für die
andere den Namen Taschenuhr und bestimmte zu diesen Namen gehörende
Vorstellungen hat für den sind es zwei verschiedene Arten Man entgegnet
vielleicht dass die innere Einrichtung und Verfassung bei ihnen verschieden
sei wie der Uhrmacher klar wisse Allein dennoch sind sie auch für diesen nur
eine Art wenn er nur einen Namen für Beide hat Denn wie müsste die innere
Einrichtung anders sein wenn sie eine neue Art bilden sollte Manche Uhren
haben vier andere fünf Räder werden sie deshalb für den Uhrmacher zu
verschiedenen Arten? Manche haben Ketten und Gewichte andere nicht manche
haben den Pendel lose bei andern wird er durch eine Spiralfeder und bei andern
durch Schweinsborsten geregelt genügt einer von diesen Unterschieden für den
Uhrmacher um sie zu einer neuen Art zu machen obgleich er diese und andere
innere Einrichtungen in der Verfassung der Uhren wohl kennt Offenbar ist jede
wirklich von der andern unterschieden allein ob dies einen wesentlichen und
ArtUnterschied ausmacht hängt bloß von der mit dem Namen verbundenen
Vorstellung ab so lange sie hierin übereinstimmen und der Name nicht bloß die
höhere Gattung bezeichnet sind sie weder wesentlich noch der Art nach
verschieden Teilt man aber die Uhren nach feineren Unterschieden ihrer inneren
Einrichtung ab und gibt man ihnen verschiedene Namen die sich einbürgern so
entstehen für Die welche diese Vorstellungen und Namen kennen neue Arten und
dir Name Uhr bezeichnet dann die Gattung Dennoch werden sie für Denjenigen
nicht als besondere Arten gelten welcher das Uhrmachergewerbe und die innere
Einrichtung der Uhren nicht kennt da seine Vorstellung nur die äußere Gestalt
und Größe nebst dem Zifferblatt enthält für ihn wären alle diese verschiedenen
Namen gleichbedeutend und bezeichneten nicht mehr oder weniger als überhaupt
eine Uhr Genau so ist es auch bei natürlichen Dingen Offenbar werden die Räder
und Federn wenn ich mich so ausdrücken darf in einem vernünftigen Menschen und
in einem Wechselbalg ebenso verschieden sein wie die Gestalt des Pavians von
der des Wechselbalgs Allein ob diese Unterschiede beide oder einzeln
wesentliche seien ergibt sich für uns nur daraus ob sie mit dem Begriff des
Menschen stimmen oder nicht dadurch allein kann entschieden werden ob sie alle
beide oder einer oder keiner zu den Menschen gehören
40 Die Arten sind bei künstlichen Gegenständen weniger schwankend wie
bei natürlichen Aus dem Obigen ergibt sich weshalb über die Alten der
künstlichen Gegenstände weniger Unsicherheit und Zweifel bestehen als bei den
natürlichen Dingen Der künstliche Gegenstand ist von dem Menschen gemacht er
hat ihn sich ausgedacht und er kennt deshalb seine Vorstellung; der Name gilt
für nichts Anderes und enthält nichts wesentlich was nicht bekannt wäre und
leicht gefasst werden könnte Denn für die Meisten bildet sich die Vorstellung
oder das Wesen der verschiedenen Arten künstlicher Dinge nur aus der Gestalt der
sichtbaren Theile und aus der mitunter davon abhängigen Bewegung welche der
Verfertiger in seiner Weise dem Stoffe gegeben hat deshalb kann man eine
bestimmte Vorstellung davon haben und eine deutliche Vorstellung mit deren Namen
verbinden die weniger Zweifeln Dunkelheiten und Zweideutigkeiten als bei
natürlichen Dingen unterliegt deren Unterschiede und Tätigkeiten von
Einrichtungen abhängen die außerhalb unseres Bereichs liegen
42 Nur Substanzen haben Eigennamen Substanzen sind es auch allein
unter allen Arten von Vorstellungen, die Eigennamen haben mit welchen die
Einzelnen bezeichnet werden Denn bei einfachen Vorstellungen Zuständen und
Beziehungen zeigt sich selten der Anlass die einzelnen wenn sie nicht
vorliegen zu erwähnen Überdem sind die meisten gemischten Zustände
Handlungen welche mit ihrer Geburt auch untergehen und einer längeren Dauer
nicht fähig sind wie dies bei den Substanzen der Fall ist, welche handeln und
an denen die einfachen Vorstellungen, welche die durch den Namen bezeichnete
zusammengesetzte Vorstellung ausmachen eine dauernde Verbindung haben
43 Die Schwierigkeit über Worte zu sprechen Der Leser möge mich
entschuldigen dass ich so lange bei diesem Gegenstand verweilt und vielleicht
nicht immer klar gewesen bin Allein es ist schwer Jemand durch Worte auf
Vorstellungen von Dingen zu bringen denen die ArtUnterschiede abgenommen sind
nenne ich sie nicht so sage ich nichts und nenne ich sie so bringe ich sie
unter irgend eine Art führe dem Hörer die gebräuchliche begriffliche
Vorstellung dieser Art zu und durchkreuze meine eigene Absicht Denn wenn ich
von dem Menschen spreche und doch die gewöhnliche Bedeutung dieses Wortes dh
die gewöhnlich damit verbundene zusammengesetzte Vorstellung bei Seite lasse und
den Leser bitte den Menschen an sich zu betrachten wie er in seiner inneren
Verfassung oder in seinem wirklichen Wesen wahrhaft von Andern unterschieden
ist, also ihn als Etwas zu betrachten was er nicht kennt so scheint dies eine
Spielerei und doch ist es nötig wenn man von den angeblichen wirklichen
Wesenheiten und Arten der Dinge sprechen will als wären sie von der Natur
gemacht nur um zu zeigen dass es kein solches Ding gibt wie die allgemeinen,
den Substanzen gegebenen Namen besagen Da dies indes mit bekannten Worten
schwer ausführbar ist so gestatte man mir durch ein Beispiel die verschiedenen
Auffassungen der Seele in Bezug auf Namen und Vorstellungen der Arten etwas
deutlicher zu machen und zu zeigen wie die zusammengesetzten Vorstellungen von
Zuständen mitunter auf Urbilder in der Seele anderer vernünftiger Wesen bezogen
werden, oder was dasselbe ist, auf die Bedeutung, die Andere mit diesen Namen
verbinden und manchmal auch auf gar kein Urbild Auch möchte ich zeigen wie
die Seele ihre Vorstellungen von Substanzen immer entweder auf Substanzen
selbst, oder auf die Bedeutung ihrer Namen als Urbilder bezieht und endlich
unsere Auffassung und unsern Gebrauch der Arten und der Ordnung der Dinge, sowie
der Wesenheiten die zu diesen Arten gehören deutlich machen Es ist dies
vielleicht erheblicher um die Aasdehnung und Gewissheit unserer Kenntnis zu
begreifen als man anfangs glaubt
44 Beispiele von gemischten Zuständen an den Worten Kineah und Niuph
Man nehme an dass Adam als erwachsener Mann mit gutem Verstande sich in einem
ihm fremden Lande befinde wo Alles um ihn herum ihm neu und unbekannt ist und
wo er nur die jetzt üblichen Mittel eines Mannes seines Alters hat um sich
Kenntnisse zu erwerben Er sieht dass Lamech tiefsinniger als gewöhnlich ist
und vermutet dass er sein Weib Adah die Lamech leidenschaftlich liebt im
Verdacht habe gegen einen andern Mann zu freundlich zu sein Adam teilt diese
Gedanken der Eva mit und bittet sie auf Adah zu achten dass sie nichts
Verkehrtes beginne In dieser Unterhaltung bedient sich Adam der zwei neuen
Worte Kineah und Niuph Mittlerweile ergibt sich dass Adam sich geirrt da
Lamechs Unruhe davon kommt dass er einen Menschen getötet hat Allein
trotzdem verlieren die Worte Kineah und Niuph von denen das eine den Argwohn
bedeutet den ein Ehemann über das Benehmen seiner Frau hegt und das andere die
wirkliche Begehung des Unrechts durch sie bedeutet ihre bestimmten Bedeutungen
nicht Hier haben wir also zwei bestimmte Vorstellungen gemischter Zustände mit
ihren Namen für zwei Arten wesentlich verschiedener Tätigkeiten und ich frage
Worin bestand das Wesen dieser beiden Tätigkeiten Offenbar in einer Verbindung
einfacher von einander verschiedener Vorstellungen War nun diese Vorstellung
in Adams Seele die er Kineah nannte entsprechend Offenbar ja denn sie war
eine Verbindung einfacher Vorstellungen wobei weder auf ein Urbild noch auf
ein Ding als Muster geachtet war sondern sie war willkürlich zusammengesetzt
abgetrennt und mit dem Namen Kineah belegt worden um durch diesen Laut Andern
in Kürze all die einfachen darin vereinten Vorstellungen zu bezeichnen und
deshalb musste sie offenbar entsprechend sein Adam hatte nach eigener Wahl die
Verbindung gemacht er hatte darin Alles was er wollte und deshalb musste sie
vollständig und entsprechend sein da sie sich auf kein Urbild bezog was sie
darstellen sollte
45 Allmählich kamen diese Worte Kineah und Niuph in allgemeinen
Gebrauch womit die Sache sich etwas änderte Adams Kinder konnten also wie
Adam beliebig sich Vorstellungen von gemischten Zuständen bilden sie abtrennen
und mit beliebigen Lauten bezeichnen Allein da die Worte unsere Vorstellungen
Andern mittheilen sollen so ist dies nur möglich wenn dasselbe Zeichen bei
beiden Personen die sich mit einander besprechen wollen dieselbe Vorstellung
bedeutet Diejenigen Kinder Adams die diese zwei Worte im Gebrauche vorfanden
konnten sie nicht für bedeutungslos sondern für Zeichen gewisser begrifflicher
Vorstellungen halten da sie allgemeine Namen waren wo die begrifflichen
Vorstellungen das Wesen der damit bezeichneten Arten bilden Wollten daher jene
Kinder Adams diese Worte als Namen von bereits bestehenden und anerkannten
Arten benutzen so mussten sie ihre diesen Namen beigelegten Vorstellungen mit
denen der Andern bei diesen Namen in Übereinstimmung bringen indem letztere
dabei als Muster und Vorbilder galten und dann konnten allerdings die
Vorstellungen jener Kinder von diesen gemischten Zuständen nicht entsprechend
werden da sie leicht mit den Vorstellungen Anderer nicht übereinstimmen konnten
namentlich da sie aus vielen einfachen Vorstellungen bestanden Indes ist
dafür in der Regel ein Mittel zur Hand indem man Den der das Wort gebraucht
nach seiner Bedeutung fragt denn ohne solche Erklärung ist es unmöglich
bestimmt zu wissen was die Worte Eifersucht und Ehebruch in eines Andern Seele
bedeuten Ebenso war es bei dem Beginn der Sprache unmöglich zu wissen was die
hebräischen Worte Kineah und Niuph in eines Andern Seele bedeuten da sie bei
Jedem nur willkürliche Zeichen sind
46 Ein Beispiel in Betreff der Substanzen an Zahab Ich will nun in
derselben Weise auch die Namen der Substanzen in ihrer ersten Anwendung
betrachten Eines von Adams Kindern wandert in den Gebirgen umher und trifft
auf eine glänzende Substanz welche seinen Augen gefällt Er bringt sie nach
Hause zu Adam der sie betrachtet und bemerkt dass sie hart glänzend gelb und
auffallend schwer ist. Dies sind vielleicht die Eigenschaften, die er zuerst
bemerkt und indem er danach die begriffliche Vorstellung einer Substanz von
glänzender gelber Farbe und verhältnismäßig großer Schwere bildet gibt er
ihr den Namen Zahab um damit alle Substanzen von gleichen Eigenschaften zu
bezeichnen Offenbar handelt hier Adam ganz anders als in dem Fall bei den
gemischten Zuständen die er Kineah und Niuph nannte bei welchen er einzelne
Vorstellungen nur nach seinen Gedanken und nicht nach einem bestehenden Dinge
verband und ihnen Namen gab um damit Alles zu bezeichnen was mit diesen
begrifflichen Vorstellungen stimmen würde ohne zu fragen ob ein solches Ding
bestehe oder nicht wo also der Maßstab von ihm selbst aufgestellt wurde Aber
hier bei der Bildung der Vorstellung von dieser neuen Substanz verfährt er
umgekehrt hier hat er einen von der Natur gemachten Maßstab und seine
Vorstellung soll ihm nur diesen bieten auch wenn das Ding selbst nicht da ist
deshalb fügt er seiner Vorstellung nur solche einfache hinzu die er in dem
Dinge selbst wahrgenommen hat Er sagt dass seine Vorstellung hier ihrem Urbild
gleiche und der Name soll nur für eine solche passende Vorstellung gelten
47 Dieses so von Adam Zahab benannte Stück Stoff was von jedem andern
bis dahin gesehenen sich unterschied wird Jedermann als eine bestimmte Art mit
einem besonderen Wesen anerkennen das Wort Zahab ist das Zeichen für diese Art
und gilt für alle an diesem Wesen Teil habenden Dinge Hier ist es indes klar
dass das Wesen, dem Adam den Namen Zahab gab nur ein harter glänzender und
sehr schwerer Körper war Indes lässt der forschende menschliche Geist Adam mit
der Kenntnis dieser oberflächlichen Eigenschaften sich nicht begnügen sondern
treibt ihn zu weiterer Untersuchung Er pocht und schlägt es deshalb mit
Steinen um das Innere zu entdecken er sieht dass es den Schlägen nachgibt
aber nicht leicht zerbricht er sieht dass es sich ohne zu brechen biegt
Deshalb wird nun die Biegsamkeit der alten Vorstellung zugesetzt und zu einem
Bestandteil des mit Zahab benannten Wesens gemacht Weitere Versuche lassen die
Schmelzbarkeit und Festigkeit des Stückes erkennen und sie werden daher aus
denselben Gründen mit in die zusammengesetzte Vorstellung Zahab genannt
aufgenommen denn eines ist dazu ebenso wie das andere berechtigt und deshalb
müssen auch alle weiter entdeckten Eigenschaften in die Vorstellung des Zahab
aufgenommen werden und zu dem Wesen der so benannten Art gehören Da aber diese
Eigenschaften unerschöpflich sind so erhellt, dass die hiernach gebildete
Vorstellung ihrem Urbilde nicht voll entsprechen kann
48 Die Vorstellungen der Substanzen sind unvollständig und deshalb
wechselnd Allein es ergibt sich weiter dass die Namen der Substanzen nicht
bloß verschiedene Bedeutungen haben wie dies wirklich der Fall ist), sondern
auch als von verschiedener Bedeutung angesehen werden würden wenn verschiedene
Personen sie gebrauchten was den Gebrauch der Sprache sehr erschweren würde
Denn sollte jede neu entdeckte Eigenschaft einen notwendigen Teil der so
benannten Vorstellung bilden so müsste man annehmen dass dasselbe Wort bei
verschiedenen Personen auch verschiedene Dinge bezeichnete da offenbar von
mehreren Personen der Eine in den gleichbenannten Substanzen andere
Eigenschaften wie der Andere entdecken wird
49 Um deshalb die Arten zu befestigen wird ein wirkliches Wesen
angenommen Um dem zu entgehen hat man ein dieser Art zugehöriges wirkliches
Wesen angenommen von dem die Eigenschaften abfließen und die Art ihren Namen
hat Allein da man keine Vorstellung von diesem wirklichen Wesen hat und die
Worte nur wirklich vorhandene Vorstellungen bezeichnen können so ist damit nur
erreicht dass ein Name oder Laut an die Stelle des dieses wirkliche Wesen
habenden Dinges getreten ist ohne dass man weiß was dieses wirkliche Wesen
ist. Dies ist es was geschieht wenn die Menschen von den Arten der Dinge
sprechen als hätte die Natur sie gemacht und durch wirkliche Wesenheiten
unterschieden
50 Diese Annahme nützt aber nichts Denn wenn man sagt dass alles Gold
fest sei so heißt dies entweder dass die Festigkeit einen Teil der
Definition und einen Teil des Gold benannten WortWesens bilde so dass diese
Behauptung dass alles Gold fest sei nur die Bedeutung des Wortes Gold
betrifft oder es heißt dass die Festigkeit kein Teil der Definition von Gold
sei sondern eine Eigenschaft des Goldes seihst Hier vertritt das Wort Gold
offenbar eine Substanz die das wirkliche Wesen von einer Art natürlicher Dinge
ausmacht In dieser Vertretung hat es aber eine so verworrene und unsichere
Bedeutung dass obgleich dieser Satz Gold ist fest in diesem Sinne von etwas
Wirklichem ausgesagt wird er doch in seiner einzelnen Anwendung uns im Stich
lassen und deshalb ohne Nutzen und Gewissheit sein wird Denn wenn es auch noch
so wahr ist dass alles Gold dh Alles was das wahre Wesen vom Gold enthält
fest ist so hilft dies uns nichts weil man nicht weiß was in diesem Sinne
Gold ist oder nicht Denn wenn man das wirkliche Wesen des Goldes nicht kennt
so kann man auch nicht wissen welche Stücke den Stoff dieses Wesens enthalten
also wirklich Gold sind oder nicht
51 Schluss Die Freiheit welche Adam in der ersten Bildung der
Vorstellungen von gemischten Zuständen hatte wo nur seine Gedanken ihm als
Muster dienten diese selbe Freiheit haben auch alle Menschen seitdem behalten
und dieselbe Notwendigkeit vermöge deren Adam seine Vorstellungen von
Substanzen den äußeren Dingen als natürlichen Urbildern anpassen musste wenn
er sich nicht absichtlich täuschen wollte dieser selben Notwendigkeit sind
noch jetzt alle Menschen unterworfen Wo also Adam beliebig eine Vorstellung mit
einem Namen bezeichnen konnte da kann es noch jetzt geschehen insbesondere
wenn neue Sprachen gebildet werden und man dies annehmen kann nur mit dem
Unterschiede dass da wo bereits feste Sprachen bestehen die Bedeutungen der
Worte sehr vorsichtig und sparsam geändert werden denn hier ist man schon mit
tarnen für die Vorstellungen versehen und der gemeinsame Gebrauch hat bereits
bekannte Namen an bestimmte Vorstellungen geknüpft so dass eine absichtliche
schiefe Anwendung derselben nur lächerlich wäre Wenn Jemand neue Begriffe hat
so wagt er wohl mitunter die Bildung neuer Worte dafür aber es gilt für dreist
und es bleibt ungewiss ob der Sprachgebrauch sie in sich aufnehmen wird Bei
dem Vermehr mit Andern müssen aber die von uns gemachten und mit den
gebräuchlichen Worten der Sprache bezeichneten Vorstellungen der gewöhnlichen
Bedeutung ihrer Worte entsprechen wie ich bereits ausführlich dargelegt habe
oder die neue den Worten gegebene Bedeutung muss vorher bekannt gemacht werden
1 Die Nebenworte verbinden Theile oder ganze Gedanken miteinander
Außer den Worten welche Vorstellungen der Seele bezeichnen gibt es viele
andere die man zur Bezeichnung der Verbindung benutzt welche die Seele
Vorstellungen oder Sätzen gibt Denn bei der Mittheilung ihrer Gedanken an
Andere braucht die Seele nicht bloß Zeichen für ihre Vorstellungen sondern auch
für die Anzeige oder Andeutung gewisser eigener Tätigkeiten welche sich zu
dieser Zeit auf diese Vorstellungen beziehen Es geschieht dies auf verschiedene
Weise so ist das »Ist« oder »Ist nicht« das allgemeine Zeichen der Bejahung
oder Verneinung Allein neben diesen durch welche allein die Wahrheit oder
Unwahrheit in Worten ausgedrückt werden kann, verbindet man bei Mittheilung
seiner Gedanken an Andere nicht bloß die Satzteile sondern auch ganze Gedanken
mit ihren Beziehungen und abhängigen Sätzen mit einander, um eine
zusammenhängende Rede zu bilden
2 Hierin besteht die Kunst gut zu sprechen Die Worte welche die
verschiedenen Verbindungen durch Bejahen und Verneinen ausdrücken womit eine
fortgehende Erzählung oder Begründung gebildet wird heißen die Nebenworte und
auf ihrem richtigen Gebrauche beruht hauptsächlich die Klarheit und Schönheit
eines guten Stils Um gut zu denken genügt es nicht klare und deutliche
Vorstellungen zu haben und ihre Übereinstimmung oder ihren Gegensatz zu
bemerken sondern es gehört dazu ein fortlaufendes Denken und man muss die
gegenseitige Abhängigkeit der Gedanken und Gründe kennen Um diese regelrechten
und vernünftigen Gedanken gut auszudrücken bedarf es der Worte, welche die
Verbindung Beschränkung Unterscheidung den Gegensatz die Steigerung usw
anzeigen die den verschiedenen Teilen der Rede zu geben sind Greift man hier
falsch so verwirrt man den Hörer anstatt ihn zu unterrichten deshalb sind
diese Worte obgleich sie nicht eigentlich Vorstellungen bezeichnen so
notwendig und unentbehrlich in der Sprache und deshalb unterstützen sie so
sehr die gute Ausdrucksweise
3 Sie zeigen welche Beziehungen die Seele ihren eigenen Gedanken gibt
Dieser Teil der Sprachlehre ist vielleicht ebenso vernachlässigt worden wie
umgekehrt andere Theile mit einem Übermaß von Fleiß gepflegt worden sind. Es
ist allerdings leicht wenn Einer nach dem Andern über die Casus und Genera
über die Modi und Zeiten über Gerundium und Supinum schreibt hierauf hat man
viel Fleiß verwendet und selbst die NebenSprachteile sind in mehreren
Sprachen mit dem Schein großer Genauigkeit in Arten und Klassen geordnet
worden Indes sind die Vorworte und die Verbindungsworte zwar wohlbekannte
Namen in den Sprachlehren und die NebenSprachteile sind sorgfältig danach
geordnet und in Unterabtheilungen gebracht worden allein um den rechten
Gebrauch dieser Nebenteile und ihre Bedeutung und Kraft darzulegen ist etwas
mehr Mühe nötig man muss dazu in seine eigenen Gedanken eindringen und
sorgfältig die verschiedenen Stellungen der Seele in ihren Reden beobachten
4 Es genügt auch für das Verständnis dieser Worte nicht sie wie es in
den Wörterbüchern geschieht durch Worte aus einer andern Sprache wiederzugeben
die ihrem Sinne möglichst nahe kommen denn ihre Bedeutung ist meist in der
einen Sprache so schwer fassbar als in der andern Sie sind sämtlich Zeichen
einer gewissen Tätigkeit oder Andeutung der Seele will man sie daher recht
verstehen so müssen die verschiedenen Standpunkte Stellungen Auffassungen
Wendungen Beschränkungen Ausnahmen und andere Gedanken der Seele wofür keine
oder nur mangelhafte Namen vorhanden sind, sorgfältig untersucht werden Hier
besteht eine große Mannigfaltigkeit welche die Zahl dieser NebenSprachteile
in den meisten Sprachen weit übersteigt und daher erklärt es sich dass die
meisten dieser Sprachteile verschiedene und selbst entgegengesetzte Bedeutungen
haben In der Hebräischen Sprache gibt es ein solches Wort was nur aus einem
Buchstaben besteht und von dem soviel ich mich entsinne 70 oder wenigstens 50
Bedeutungen gezählt werden
5 Ein Beispiel am Aber Das »Aber« ist eines der gebräuchlichsten
Nebenworte in der Sprache und man glaubt es genügend erklärt zu haben wenn man
sagt es entspreche dem sed im Lateinischen und dem mais im Französischen
allein es dient auch zur Andeutung verschiedener Beziehungen die den Sätzen
oder Satzteilen gegeben werden und welche in diesem kurzen Worte enthalten
sind
ZB 1 »Um aber nicht mehr zu sagen« hier zeigt es ein Anhalten des
Geistes in seinem Gange an ehe er noch zu Ende gekommen ist
2 »Ich sehe aber nur zwei Pflanzen« hier beschränkt es den Sinn auf das
Ausgesprochene und verneint alles Übrige
3 »Du betest aber es geschieht nicht damit Gott Dich zur wahren Religion
führe«
4 » aber wohl dass er Dich in Deiner eigenen befestige« Das erste dieser
»Aber« bezeichnet eine Annahme von etwas Anderem als da sein sollte das letzte
zeigt dass die Seele einen geraden Gegensatz zwischen diesem und dem
Vorgehenden aufstellt
5 »Alle Tiere haben Sinne aber der Hund ist ein Thier« Hier bedeutet es
nur dass der zweite Satz mit dem ersten so verbunden ist wie die zweite
Prämisse bei dem Schluss
6 Dieser Gegenstand wird hier nur kurz berichtet Außer diesen könnte
man noch viele andere Bedeutungen dieses Nebenwortes anführen wenn es auf
seinen vollen Umfang und alle Orte wo es Platz greift ankäme geschähe es so
würde sich ergeben dass dieses Wort nicht überall die Bezeichnung eines
trennenden verdient welche die Sprachlehrer ihm geben Indes geht meine
Untersuchung nicht so weit die hier an dem einen gegebenen Beispiele mögen zur
Untersuchung des Gebrauchs und der Wirkung dieser Redeteile anregen man wird
dann auf manche Tätigkeit der Seele bei dem Sprechen stoßen die durch diese
Nebenworte Andern mitgeteilt werden soll Manche dieser Worte haben beständig
andere in gewissen Verbindungen die Bedeutung eines ganzen in ihnen enthaltenen
Gedankens
1 Bei den abstrakten Ausdrücken kann der eine nicht als Beiwort eines
andern gebraucht werden.) Die gewöhnlichen Worte der Sprache und ihr
gewöhnlicher Gebrauch würden die Natur unserer Vorstellungen aufgehellt haben
wenn man jene mit Aufmerksamkeit betrachtet hätte Wie gezeigt hat die Seele
das Vermögen abstrakte Vorstellungen zu bilden dadurch werden diese zu
Wesenheiten und allgemeinen Wesenheiten durch welche die Arten der Dinge
unterschieden werden. Nur ist jede abstrakte Vorstellung eine bestimmte so dass
die eine nicht auch die andere sein kann und die Seele vermag ihren Unterschied
durch ihr anschauliches Wissen zu erfassen und deshalb können zwei vollständige
Vorstellungen in einem Satze nicht von einander ausgesagt werden Dies zeigt der
Sprachgebrauch welcher nicht gestattet dass man von zwei abstrakten Worten
oder von zwei Namen den einen von dem andern bejaht Denn wenn sie einander auch
noch so verwandt sind und wenn es auch noch so gewiss ist dass der Mensch ein
lebendes Geschöpf ist oder vernünftig oder weiß so bemerkt doch Jeder beim
ersten Hören die Unrichtigkeit solcher Sätze wie die Menschlichkeit ist
Lebendigkeit oder sie ist Vernünftigkeit oder sie ist die Weiße Dies ist so
klar wie nur irgend ein Satz Deshalb sind alle unsere Bejahungen inkonkret
dh es wird dabei nicht behauptet dass die abstrakte Vorstellung die andere
sei sondern dass sie nur mit einander verbunden seien Bei Substanzen können
diese abstrakten Vorstellungen von jeder Art sein bei den übrigen sind es meist
nur Beziehungen bei den Substanzen sind die meisten Vermögen zB »Ein Mensch
ist weiß« bedeutet dass das Ding was das Wesen des Menschen hat in sich auch
das Wesen des Weißen habe dieses ist aber nur die Kraft diese Vorstellung von
Weiß in Jemand zu erzeugen der sehen kann Oder »Ein Mensch ist vernünftig«
dies bedeutet dass dasselbe Ding, was das Wesen des Menschen hat auch das
Wesen der Vernünftigkeit in sich habe dh das Vermögen der Vernunft.
2 Sie zeigen den unterschied unserer Vorstellungen.) Dieser Unterschied
der Worte zeigt uns auch den Unterschied unserer Vorstellungen; denn bei näherer
Betrachtung erhellt, dass unsere einfachen Vorstellungen sowohl abstrakte wie
konkrete Namen haben der eine ist in der Sprache der Grammatiker ein
Substantiv der andere ein Adjektiv wie zB die Weiße und weiß die
Süßigkeit und süß Dasselbe gilt für die Vorstellungen von Besonderungen und
Beziehungen so Gerechtigkeit und gerecht Gleichheit und gleich nur mit dem
Unterschied dass einige konkrete Namen von Beziehungen hauptsächlich bei
Menschen Substantive sind zB Vaterschaft Vater wovon der Grund leicht
angegeben werden könnte Dagegen hat man für die Vorstellungen der Substanzen
nur wenig oder keine abstrakten Namen Die Schulen haben zwar Worte eingeführt
wie Tierheit Menschheit Körperlichkeit und andere allein sie verschwinden
gegen die zahllosen Namen von Substanzen wo man es nie gewagt hat sich durch
Ausmünzung von abstrakten Namen lächerlich zu machen die von den Schulen
geschmiedeten und in den Mund der Schüler gelegten sind niemals in den
allgemeinen Sprachgebrauch aufgenommen worden und haben Keine öffentliche
Billigung gefunden Dies dürfte als ein allgemeines Geständnis gelten dass man
überhaupt das wirkliche Wesen der Substanzen nicht kennt da die Namen dafür
fehlen denn diese wären sicher vorhanden wenn nicht das Bewusstsein der
eigenen Unwissenheit von einem so vergeblichen Versuche abgehalten hätte So
hatte man zwar Vorstellungen genug um Gold von den Steinen und Metall von Holz
zu unterscheiden aber man wagte sich nur scheu an solche Ausdrücke wie
»Goldheit« »Steinheit« »Metallheit« »Holzheit« und ähnliche Namen die sich
anmaßen das wahre Wesen der Substanzen zu bezeichnen von denen man doch
geständig keine Vorstellung hat Auch war es in Wahrheit nur die Lehre von den
substantiellen Formen und der vermeintliche Besitz von Kenntnissen die man
nicht hatte welche zuerst die Bildung und dann die Einführung solcher Worte
wie Tierheit Menschheit und ähnlicher veranlasste dennoch kamen diese
Ausdrücke nicht über die Schulen hinaus und gelangten nie zu einer geläufigen
Anwendung bei verständigen Leuten Allerdings war das Wort humanitas bei den
Römern ein gebräuchliches Wort allein in einem ganz anderen Sinne und es
sollte nicht das abstrakte Wesen einer Substanz damit bezeichnet werden es war
vielmehr der abstrakte Name für eine Besonderung sein konkretes Wort war
humanus nicht homo
1 Die Worte dienen zur Mittheilung und Wiedererinnerung der Gedanken
Aus dem in den vorgehenden Kapiteln Gesagten erhellt die Unvollkommenheit der
Sprachen und wie die eigene Natur der Worte unvermeidlich zur Ungewissheit
ihrer Bedeutung führt Um die Vollkommenheit und Unvollkommenheit der Worte zu
untersuchen ist zunächst ihr Zweck und Nutzen zu betrachten je mehr sie
geeignet sind diesen Zweck zu erfüllen desto vollkommener sind sie Ich habe
in dem Bisherigen öfter eines doppelten Zweckes der Worte erwähnt 1 sollen sie
an die eigenen Gedanken erinnern und 2 sollen sie unsere Gedanken Andern
mittheilen
2 Jedwedes Wort dient zum Erinnern Was den ersten Zweck anlangt die
Wiedererinnerung an unsere Gedanken als Unterstützung des Gedächtnisses wo man
gleichsam nur mit sich selbst spricht so ist hier jedwedes Wort dazu geeignet
Denn die Worte sind willkürliche und gleichgültige Zeichen der Vorstellungen,
und wir können deshalb nach eigenem Gefallen die wählen welche unsere
Vorstellungen bezeichnen sollen Hier genügt dass man dasselbe Zeichen immer
für dieselbe Vorstellung benutzt dann muss sein Sinn verstanden werden und
darin besteht der richtige Gebrauch und die Vollkommenheit der Sprache
3 Die gesellige und die philosophische Mittheilung durch Worte Auch
die Mittheilung durch Worte geschieht in zweifacher Weise 1 als gesellige
oder 2 als philosophische Mittheilung Unter ersterer verstehe ich eine solche
Mittheilung der Gedanken und Vorstellungen durch Worte wie sie zur Führung der
gewöhnlichen Unterhaltung und des Verkehrs bei den täglichen Geschäften und
Vergnügungen unter den Menschen vorkommt Unter dem philosophischen Gebrauch der
Worte verstehe ich dagegen einen solchen der die scharfe Mittheilung der
Begriffe bezweckt damit sollen allgemeine Sätze und die festen und sicheren
Wahrheiten ausgedrückt werden, auf die der Mensch sich verlassen und mit denen
er in seinem Streben nach näherer Erkenntnis sich begnügen kann Diese beiden
Arten die Sprache zu benutzen sind sehr verschieden eine bedeutend geringere
Genauigkeit ist wohl in der einen aber nicht in der andern angebracht wie das
Folgende ergeben wird
4 Die Unvollkommenheit der Worte liegt in der Zweifelhaftigkeit ihrer
Bedeutung Da der Hauptzweck aller Sprachen bei der Mittheilung ist dass man
verstanden werde so entsprechen Worte die in dem Hörer nicht dieselbe
Vorstellung wie sie der Sprechende hat erwecken diesem Zwecke weder in dem
geselligen noch in dem philosophischen Verkehr Nun besteht zwischen den Lauten
und Vorstellungen keine natürliche Verknüpfung die Bedeutung beruht auf der
willkürlichen Bestimmung der Menschen deshalb kommt das Schwankende und
Zweifelhafte ihrer Bedeutung worin die hier behandelte Unvollkommenheit
besteht mehr von den Vorstellungen, die sie bezeichnen sollen als von dem
Unterschied in der Fähigkeit der Laute Vorstellungen zu bezeichnen vielmehr
sind in dieser Hinsicht alle Laute gleich vollkommen Das also was manche Worte
zweifelhafter und unsicherer als andere macht liegt in den verschiedenen
Vorstellungen, die sie bezeichnen
5 Die Ursachen dieser Unvollkommenheit Da die Worte an sich keine
Bedeutung haben so muss die von ihnen bezeichnete Vorstellung von denen erlernt
und behalten werden welche in irgend einer Sprache Gedanken austauschen oder
verständlich mit Andern sprechen wollen Dies ist aber da am schwersten wo 1
die bezeichneten Vorstellungen sehr zusammengesetzt und aus einer großen Zahl
von Vorstellungen gebildet worden sind; 2 wo die bezeichneten Vorstellungen
keine feste Verbindung mit der Natur haben und daher ein wirklicher Maßstab
für ihre Berichtigung und Verbesserung fehlt 3 wenn die Bedeutung des Wortes
auf einen nicht leicht erkennbaren Maßstab sich bezieht 4 wenn die Bedeutung
des Wortes und die wirkliche Kenntnis des Gegenstandes nicht genau
übereinstimmen Diese Schwierigkeiten bestehen bei vielen an sich verständlichen
Worten die überhaupt unverständlichen wie zB die Worte für einfache
Vorstellungen wozu dem Andern der Sinn sie wahrzunehmen fehlt wie die Farben
für den Blinden oder die Töne für den Tauben brauche ich hier nicht zu
berühren In all jenen Fällen zeigt sich eine von mir näher zu untersuchende
Unvollkommenheit der Worte je nach ihrer Anwendung auf verschiedene Arten von
Vorstellungen; die Namen für gemischte Zustände unterliegen dem Zweifel und der
Unvollkommenheit hauptsächlich aus den beiden ersten Ursachen, und die Namen der
Substanzen hauptsächlich aus den beiden letzten
6 Die Worte für gemischte Zustände sind zweifelhaft 1 wegen der
großen Zusammengesetztheit ihrer Vorstellungen Zunächst sind es die Namen der
gemischten Zustände wo viele in ihrer Bedeutung unsicher und dunkel sind und
zwar erstens wegen der vielen einfachen Vorstellungen aus denen ihre
Vorstellungen gebildet sind Sollen die Worte die Mittheilung befördern so
müssen sie wie gesagt in dem Hörer genau die Vorstellung erwecken welche der
Sprechende damit verbindet Ohnedem füllt man wohl die Ohren des Andern mit
Geräusch und Tönen aber man teilt die Gedanken nicht mit und legt die
Vorstellungen nicht dar was doch der Zweck aller Sprache und Unterredung ist
Bezeichnet nun das Wort eine sehr zusammengesetzte Vorstellung, die verbunden
und getrennt wird so ist das genaue Festhalten derselben nicht leicht und die
Vorstellung wird nicht immer genau dieselbe bleiben Deshalb haben die Worte für
sehr zusammengesetzte Vorstellungen, und namentlich Worte aus der Moral schon
bei zwei Menschen selten dieselbe Bedeutung denn deren Vorstellungen stimmen
selten überein ja die eigene gestrige ist oft eine andere als die heutige
oder morgende
7 Zweitens weil sie keinen Maßstab haben Zweitens fehlt den Namen
der gemischten Zustände meistenteils der natürliche Maßstab nach dem die
Bedeutung berichtigt und geregelt werden kann, deshalb werden sie verschieden
und zweifelhaft Es sind beliebige Verbindungen von Vorstellungen, wobei der
Sprechende nur seine eigenen Zwecke und seine eigenen Begriffe beachtet er will
nicht ein wirklich bestehendes Ding damit bezeichnen sondern die Dinge nur
benennen und ordnen um zu sehen ob sie zu den Urbildern und Formen passen die
er selbst gemacht hat Wer zuerst das Wort Täuschung oder Schmeichelei oder
Spott in Gebrauch brachte setzte die Vorstellungen, die sie bezeichnen sollten
nach eigenem Ermessen zusammen und so wie es sich mit allen neuen Worten die
in einer Sprache jetzt aufgestellt werden verhält so verhielt es sich mit den
alten Worten als sie zuerst aufgebracht wurden Deshalb müssen Worte für
Vorstellungen, die der Mensch nach Belieben zusammensetzt notwendig eine
schwankende Bedeutung haben denn sie werden in der Natur in solcher Verbindung
nicht angetroffen und es fehlen die Muster nach denen man sie berichtigen
kann Was das Wort Mord oder Kirchenraub bedeutet kann nie aus den Dingen
selbst entnommen werden viele Theile dieser Handlung sind nicht einmal
sichtbar die innere Absicht und die Beziehung auf heilige Sachen welche einen
Bestandteil dieser Worte bilden haben mit der äußerlichen Handlung die
begangen wird keine notwendige Verbindung und das Abdrücken der Flinte
wodurch der Mord vielleicht begangen wird und was vielleicht das ganze von der
Handlung Sichtbare ausmacht hat keine natürliche Verbindung mit den andern
Bestimmungen die der Mord enthält diese Verbindung kommt nur von dem
Verstande, der sie unter einem Worte vereint dabei aber keine Regel und kein
Muster beachtet Deshalb muss der Sinn dieses Wortes das eine so willkürliche
Verbindung bezeichnet bei den einzelnen Menschen verschieden sein da ihnen
eine feste Regel zur Berichtigung ihrer Begriffe bei solchen willkürlichen
Vorstellungen fehlt
8 Der Sprachgebrauch hilft hier nicht hinlänglich Allerdings pflegt
der gewöhnliche Sprachgebrauch hier als ein Hilfsmittel für die Befestigung der
Bedeutung der Worte angesehen zu werden und er ist es auch in gewissem Maße
Er regelt für den gewöhnlichen Verkehr den Sinn der Worte ganz gut allein da
Niemand das Recht hat die genaue Bedeutung der Worte festzustellen und zu
bestimmen, mit welchen Vorstellungen sie verknüpft werden sollen so genügt dies
für philosophische Untersuchungen nicht denn beinahe alle Worte für sehr
zusammengesetzte Vorstellungen ich sage von andern nichts haben im
gewöhnlichen Verkehr eine große Unbestimmtheit und können selbst nach dem
Sprachgebrauch sehr verschiedene Vorstellungen bezeichnen Überdies ist auch
die Regel und das Maß des Sprachgebrauchs nirgends festzustellen und oft wird
gestritten ob dieser oder jener Gebrauch eines Wortes der Sprache angemessen
sei Aus alledem erhellt, dass die Worte für diese zusammengesetzten
Vorstellungen von Natur der Unvollkommenheit unterliegen und von zweifelhafter
Bedeutung sind selbst unter Personen die sich verständigen wollen bezeichnen
sie nicht immer dieselbe Vorstellung bei dem Hörenden wie bei dem Sprechenden
Wenn auch die Worte Ruhm und Dankbarkeit in dem Munde eines Jeden desselben
Landes gleich klingen so ist doch die Vorstellung, an die die Einzelnen dabei
denken offenbar bei Jedem verschieden
9 Die Art wie diese Worte gelernt werden steigert ebenfalls ihre
Unsicherheit Auch die Art wie die Worte für gemischte Zustände meist gelernt
werden trägt viel zu dem Schwanken ihres Sinnes bei Denn betrachtet man die
Art wie Kinder die Worte lernen so sieht man dass um ihnen die Worte für
einfache Vorstellungen und Substanzen verständlich zu machen meist die Sache
gezeigt und dabei das Wort wiederholt vorgesagt wird zB bei weiß süß
Milch Zucker Katze Hund Dagegen lernen sie bei den gemischten Zuständen und
namentlich bei den das Sittliche betreffenden Worten den Laut zuerst und wenn
sie dann deren Sinn wissen wollen werden sie entweder an Andere zur Erklärung
verwiesen was die Regel ist oder ihrer eigenen Beobachtung und Mühe
überlassen Da sie sich nun wenig um die wahre und genaue Bedeutung bemühen so
bleiben diese auf die Moral bezüglichen Worte bei den Meisten ein leerer Schall
und wo ein Sinn damit verbunden wird ist er lose und unbestimmt und daher
verworren und dunkel Selbst Die welche ihre Begriffe aufmerksamer geregelt
haben entgehen doch selten der Unannehmlichkeit dass sie diese Worte für
andere Vorstellungen benutzen als andere fleißige und umsichtige Personen Wo
gäbe es einen wissenschaftlichen Streit oder ein vertrauliches Gespräch über
Ehre Glauben Gnade Religion Kirche usw in dem die abweichenden Begriffe
der einzelnen Personen nicht leicht bemerkbar wären was so viel heißt dass
sie in der Bedeutung dieser Worte nicht übereinstimmen und damit nicht dieselben
zusammengesetzten Vorstellungen verbinden Aller Streit der dann folgt trifft
nur den Sinn der Worte. Deshalb nimmt die Auslegung der menschlichen wie
göttlichen Gesetze kein Ende Kommentare erzeugen wieder Kommentare und
Erläuterungen geben Stoff zu neuen Erläuterungen es ist kein Aufhören in
Beschränkung Unterscheidung und Veränderung der Bedeutung bei den das Recht und
die Moral betreffenden Worten Diese selbst geschaffenen Vorstellungen werden
von den Menschen weil sie immer die Macht dazu behalten ohne Ende vermehrt
Mancher ist mit dem Sinne einer Bibelstelle oder einem GesetzesArtikel bei dem
ersten Lesen im Reinen aber über das Studieren der Kommentatoren ist ihm dieser
Sinn ganz verloren gegangen die Erläuterungen haben ihn nur in Zweifel gestürzt
und Dunkelheit über die Stelle verbreitet Ich will deshalb die Kommentare nicht
für unnötig erklären ich will nur zeigen wie unsicher von Natur die Worte für
gemischte Zustände sind selbst unter Personen die den Willen und die Fähigkeit
haben so klar zu sprechen wie die Natur der Sprache es gestattet
10 Daher kommt die unvermeidliche Dunkelheit bei den alten
Schriftstellern Ich brauche kaum zu erwähnen welche Dunkelheit dies
unvermeidlich über die Schriften von Männern verbreitet hat die in entfernten
Zeiten und Ländern gelebt haben Die zahlreichen Bücher gelehrter Männer die
ihr Nachdenken hierauf verwendet haben beweisen zur Genüge welche
Aufmerksamkeit welcher Verstand Fleiß und Scharfsinn zur Auffindung der
wahren Meinung jener Schriftsteller erforderlich ist Da man indes nur bei
solchen Büchern den Sinn ängstlich erforscht welche Wahrheiten enthalten die
man glauben soll oder Gesetze denen man gehorchen soll und deren
Nichtbeachtung in Unannehmlichkeiten verwickelt so ist man über den Sinn der
Bücher anderer Schriftsteller weniger besorgt welche nur ihre eigenen Ansichten
aussprechen diesen liegt ebenso daran verstanden zu werden wie dem Leser sie
zu verstehen und da Glück oder Unglück nicht von ihren Aussprüchen abhängt so
kann man ohne Gefahr sie unbeachtet lassen wenn sie sich nicht gehörig deutlich
und klar aussprechen legt man deren Buch bei Seite und denkt ohne sie
beleidigen zu wollen
Si non vis intelligi debes negligi
Willst du nicht verständlich sein so magst du unbeachtet bleiben
11 SubstanzNamen von zweifelhafter Bedeutung Wenn der Sinn der Worte
für gemischte Zustände unsicher ist weil der äußerliche Maßstab fehlt an
dem er gemessen und berichtigt werden kann, so hat das Unsichere in der
Bedeutung der Worte für Substanzen einen entgegengesetzten Grund nämlich dass
man meint die Vorstellung, die sie bezeichnen entspreche den Dingen, und dass
man sie auf natürliche Maßstäbe bezieht Bei den Worten für Substanzen hat man
nicht die gleiche Freiheit wie bei den gemischten Zuständen und kann die
Verbindung nicht beliebig so gestalten dass sie selbst als das eigentümliche
Kennzeichen gilt nach dem man die Dinge ordnet und benennt Hier muss man der
Natur folgen die Vorstellung dem Bestehenden anpassen und die Bedeutung der
Zeichen nach den Dingen selbst regeln wenn die Worte sie bezeichnen sollen
Hier sind Muster vorhanden aber Muster die die Bedeutung ihrer Worte sehr
unsicher machen Denn es muss diese Bedeutung schwanken wenn ihre Vorstellungen
auf äußerliche Maßstäbe bezogen werden, die man entweder gar nicht oder nur
unvollständig und unsicher erkennen kann
12 Die Substanz Namen in Beziehung 1 auf das wirkliche Wesen was
unerkennbar ist Die Worte für Substanzen haben im gewöhnlichen Leben wie ich
bereits gezeigt eine zweifache Beziehung Erstens sollen sie mitunter die
wirkliche Verfassung der Dinge, aus der alle Eigenschaften abfließen und in der
sie ihren Mittelpunkt haben bezeichnen und ihr Sinn soll damit übereinstimmen
Aber diese wirkliche Verfassung oder wie sie eigentlich genannt werden sollte
dieses Wesen ist gänzlich unbekannt und ein Laut der es bezeichnen soll kann
deshalb nur unsicher bleiben und man könnte nicht wissen was ein Pferd was
Anatomie ist und was so genannt werden soll wenn diese Worte das wirkliche
Wesen bezeichnen was man nicht im Mindesten kennt Indem bei dieser Annahme die
Substanz Namen auf einen Maßstab bezogen werden, der unerkennbar ist kann
ihre Bedeutung aus demselben nie entnommen noch danach bemessen werden
13 2 auf zusammen bestehende Eigenschaften die nur unvollkommen
gekannt sind Zweitens sind es die einfachen, an Substanzen zusammen
angetroffenen Vorstellungen, welche durch deren Namen bezeichnet werden sollen
hier sind diese verbundenen Eigenschaften der Maßstab auf den sie bezogen und
an denen ihre Bedeutung berichtigt werden kann. Aber diese Urbilder erfüllen
diesen Zweck nicht und lassen den Sinn der Worte schwankend und unsicher weil
diese gleichzeitig bestehenden einfachen Vorstellungen sehr zahlreich sind und
eine jede das Recht hat in die besondere Gesamtvorstellung welcher der Name
gilt mit einzutreten und weil die Menschen selbst bei Betrachtung desselben
Gegenstandes sehr verschiedene Vorstellungen davon bilden deshalb hat dasselbe
Wort bei verschiedenen Personen unvermeidlich verschiedene Bedeutungen Überdem
sind die einfachen Vorstellungen dieser Gesamtvorstellungen meist Kräfte
welche in Bezug auf Veränderungen die sie in andern Dingen bewirken oder von
ihnen erleiden zahllos sind Betrachtet man nur die vielen Veränderungen
welche ein gewöhnliches Metall durch Feuer erleiden kann und die noch
zahlreicheren die dasselbe unter den Händen des Chemikers erfährt so wird man
mir beistimmen dass die Eigenschaften keines Körpers leicht zusammenzufassen
und auf den uns zugänglichen Wegen zu erreichen sind Wenn sie daher so
zahlreich sind dass Niemand ihre bestimmte Anzahl kennen kann so werden sie
auch je nach dem Geschick der Aufmerksamkeit und Behandlungsweise der Einzelnen
verschiedentlich ermittelt Ein Jeder muss deshalb eine andere Vorstellung von
derselben Substanz gewinnen und es muss deshalb die Bedeutung ihres
gebräuchlichen Namens veränderlich und unsicher werden denn Jeder hat bei
solcher GesamtVorstellung das Recht die Eigenschaften hineinzulegen die er
in der Substanz angetroffen hat der Eine begnügt sich bei dem Golde mit der
Farbe und dem Gewicht allein ein Anderer hält dessen Auflösbarkeit in
Königswasser für ebenso wesentlich und ein Dritter dessen Schmelzbarkeit da
diese Eigenschaften gleich beständig verbunden sind; wieder Andere fügen die
Biegsamkeit oder die Festigkeit hinzu je nachdem sie es beobachtet oder gehört
haben Wer von diesen Personen hat nun die richtige Bedeutung des Wortes Gold
und wer soll hierüber entscheiden Jeder hat einen natürlichen Maßstab für
sich und hält sich berechtigt in die GesamtVorstellung des Wortes Gold die
Eigenschaften zu legen die er darin gefunden hat ein Anderer hält sich ebenso
berechtigt sie wegzulassen weil er sie nicht daran bemerkt hat und ein
Dritter der andere Eigenschaften gefunden hat legt wieder diese hinein Indem
die in der Natur bestehende Verbindung dieser Eigenschaften der wahre Grund zu
ihrer Verbindung in eine GesamtVorstellung ist, wie kann man da sagen dass
der Eine mehr als der Andere Grund gehabt die seinigen einzufügen und die
andern auszulassen Hieraus erhellt, dass die GesamtVorstellungen der
Substanzen bei mehreren Personen trotzdem dass sie dasselbe Wort gebrauchen
verschieden sind und daher auch die Bedeutung dieser Worte unsicher ist
14 3 auf zugleich bestehende Eigenschaften die nur unvollständig
bekannt sind Überdies wird wohl jedes einzelne bestehende Ding in seinen
einzelnen einfachen Bestimmungen mit mehr oder weniger anderen Dingen in
Verbindung stehen und wer will in diesem Falle angeben welche genaue Anzahl
derselben die Vorstellung ausmachen die dieses bestimmte Wort bezeichnet und
wer will mit einer Art von Recht vorschreiben dass augenfällige und bekannte
Eigenschaften ausgeschlossen und geheimere oder eigentümlichere in die
Bedeutung des Namens einer Substanz eingefügt werden sollen Und doch kommen
daher die verschiedenen und zweifelhaften Bedeutungen der Worte für Substanzen
was bei deren Gebrauche in den Wissenschaften so viel Unsicherheit Streit und
Missverständnisse veranlasst
15 So unvollkommen genügen sie wohl für den gewöhnlichen aber nicht für
den wissenschaftlichen Gebrauch Allerdings genügen für den gewöhnlichen
Verkehr die allgemeinen Substanz Namen die sich in ihrer gewöhnlichen
Bedeutung nach einigen augenfälligen Eigenschaften wie die Gestalt und Form in
Dingen die sich durch Samen fortpflanzen und die Farbe mit einigen andern
sinnlichen Eigenschaften bei den meisten übrigen Körpern bestimmen um die
Dinge zu bezeichnen von denen man sprechen will deshalb werden die Gold und
Apfel benannten Substanzen so weit genügend verstanden um sie von einander
unterscheiden zu können Dagegen wird in wissenschaftlichen Untersuchungen und
Verhandlungen wo es auf Feststellung allgemeiner Wahrheiten ankommt und
Folgerungen aus aufgestellten Sätzen gezogen werden sollen die genaue Bedeutung
der Substanz Namen sich als schwankend ergeben und eine Feststellung
derselben wird sich sehr schwer erweisen Wer zB die Biegsamkeit oder eine
gewisse Festigkeit zu einem Theile seiner Vorstellung des Goldes gemacht hat
wird demgemäß Sätze aufstellen und Folgerungen ziehen wie sie aus einer
solchen Bedeutung des Wortes Gold wahrhaft und klar sich ergeben und doch kann
ein Anderer zu deren Anerkennung nicht genötigt und von ihrer Wahrheit nicht
überführt werden wenn er nicht ebenso die Biegsamkeit oder eine gewisse
Festigkeit in seine Vorstellung vom Gold aufgenommen hat
16 Ein Beispiel an Liquor Dies ist ein natürlicher und beinahe
unvermeidlicher Mangel in beinahe allen SubstanzNamen den man leicht in jeder
Sprache bemerken wird wenn man von verworrenen und schwankenden Begriffen zu
genaueren und schärferen Untersuchungen übergeht Dann zeigt sich wie
zweifelhaft und dunkel die Worte in ihrer Bedeutung sind die bei dem
gewöhnlichen Verkehr so klar und bestimmt erscheinen Ich wohnte einst einer
Versammlung gelehrter und geistreicher Ärzte bei wo zufällig die Frage
entstand ob ein gewisser Liquor die Nerven durchdringe Der Streit hatte eine
Weile gedauert und von beiden Seiten hatte man Gründe vorgebracht die
vermuten Messen dass der Streit zum größten Theile sich nur um den Sinn der
Worte, und nicht um den wahren Begriff der Dinge drehte als ich bat man möge
ehe man weiter streite prüfen und feststellen was man unter Liquor verstehe
Man war anfangs überrascht und Leute von weniger Geist würden meine Bitte für
Scherz oder Unverschämtheit gehalten haben da Jeder sicher geglaubt den Sinn
des Wortes Liquor vollkommen zu verstehen der allerdings nicht zu den
schwierigsten tarnen von Substanzen gehört Indes ging man auf meinen Vorschlag
ein und es ergab sich nun dass der Sinn des Wortes Liquor nicht so fest und
sicher war als Alle gedacht hatten und das Jeder eine andere Vorstellung davon
hatte Man erkannte nun dass man sich großenteils um den Sinn des Worts
gestritten hatte und dass ihre Ansichten über die flüssige und feine Masse
selbst die durch die Nerven fließe wenig von einander abwichen nur darüber
ob sie Liquor zu nennen sei konnte man sich nicht vereinigen erkannte aber
dass dieser Punkt des Streitens nicht wert sei
17 Ein Beispiel am Golde Wie dies beinahe von den meisten so heiß
geführten Streitigkeiten gilt werde ich noch anderwärts zu bemerken Gelegenheit
nahen Ich möchte hier nur das obige Beispiel mit dem Golde noch einmal
benutzen um zu zeigen wie schwer dessen Bedeutung zu bestimmen ist Alle geben
zu dass es einen gelben Körper bezeichnet und da dies die Vorstellung ist, die
Kinder damit verbinden so gilt diesen auch das glänzende gelbe Stück in dem
Pfauenschwanze für Gold Andere fanden auch die Schmelzbarkeit mit dieser gelben
Farbe in einzelnen Stücken verbunden sie machten daraus eine
GesamtVorstellung, der sie den Namen Gold zur Bezeichnung dieser Substanzen
gaben damit wurden alle jene goldgelben Körper ausgeschlossen welche im Feuer
zu Asche verbrennen nur solche Körper galten nun als Gold welche bei ihrer
glänzenden gelben Farbe im Feuer schmolzen aber nicht zu Asche verbrannten Ein
Anderer fügte das Gewicht hinzu es ist ebenso, wie die Schmelzbarkeit eng mit
der gelben Farbe verbunden und man ist deshalb ebenso berechtigt es in die
Vorstellung des Goldes mit aufzunehmen und durch das Wort mit zu bezeichnen
Damit wurden die von den Früheren gemachten Vorstellungen unvollständig So geht
es weiter mit den übrigen Eigenschaften es gibt keinen Grund weshalb irgend
eine der Eigenschaften, die in der Natur immer sich vereint zeigen in das
WortWesen aufgenommen oder ausgelassen werden soll und weshalb das Wort Gold
was den Stoff aus dem der Ring am Finger gemacht ist bezeichnet diese Art
eher nach der Farbe und Schwere als nach der Farbe Schwere und Schmelzbarkeit
bestimmen soll da auch diese Lösbarkeit durch Königswasser von dem Gold ebenso
untrennbar ist wie seine Schmelzbarkeit durch Feuer beide sind nur Beziehungen
dieser Substanz zu zwei anderen Körpern die auf das Gold eigentümlich zu
wirken vermögen Weshalb sollte nun die Schmelzbarkeit zu dem Wesen und die
Lösbarkeit nur zu den Eigenschaften der mit Gold bezeichneten Substanz gehören
Ich meine nämlich dass sie alle nur Eigenschaften sind die von dessen
wirklicher Verfassung abhängen also tätige oder leidende Kräfte in Bezug auf
andere Körper Deshalb ist man nicht berechtigt das Wort Gold insofern es auf
einen solchen in der Natur bestehenden Körper bezogen wird mehr auf diese oder
jene SammelVorstellung der in ihm gefundenen Eigenschaften zu beziehen Damit
muss aber unvermeidlich seine Bedeutung schwankend werden denn wie gesagt
verschiedene Personen bemerken verschiedene Eigenschaften in dieser Substanz,
und ich denke dies gilt von allen Körpern Deshalb sind die Beschreibungen der
Dinge unvollständig und deren Worte von schwankender Bedeutung
18 Die Worte für einfache Vorstellungen sind am wenigsten schwankend
Hieraus erhellt, dass, wie ich früher bemerkte die Worte für einfache
Vorstellungen weniger wie andere dem Irrtum ausgesetzt sind und zwar aus
folgenden Gründen 1 weil die Vorstellungen, die damit bezeichnet werden als
einzelne Wahrnehmungen leichter gewonnen und deutlicher behalten werden als die
zusammengesetzten Vorstellungen Sie sind daher nicht der Unsicherheit
ausgesetzt welche den GesamtVorstellungen von Substanzen und gemischten
Zuständen anhängt wo die bestimmte Zahl einfacher Vorstellungen, die sie
ausmachen nicht leicht feststeht und behalten wird 2 weil sie immer nur auf
die Vorstellungen, die sie unmittelbar bezeichnen als ihr Wesen bezogen werden,
während diese Beziehung es ist, welche die Substanz-Namen so schwierig macht und
zu vielem Streit Anlass gibt Menschen die nicht absichtlich die Worte
verkehrt gebrauchen oder absichtlich Scherz damit treiben irren sich in den
Sprachen die sie kennen selten im Gebrauch und Sinne der Worte für einfache
Vorstellungen weiß und süß gelb und bitter haben einen augenfälligen Sinn
den Jeder genau erfasst oder leicht begreift wenn er danach fragt Aber nicht
so bekannt sind die Verbindungen einfacher Vorstellungen in dem Worte
Bescheidenheit oder Massigkeit wie sie bei dem Einen oder Andern bestehen Wenn
man auch genau zu wissen meint was unter Gold oder Eisen verstanden wird so
ist doch die GesamtVorstellung, die Andere davon haben nicht so gewiss
Selten wird diese bei dem Sprechenden und Hörenden dieselbe sein und daraus
müssen Missverständnisse und Streitigkeiten entstehen sobald man diese Worte in
Verhandlungen benutzt wo es sich um allgemeine Regeln handelt oder allgemeine
Wahrheiten festgestellt und Folgerungen daraus gezogen werden sollen
19 Am nächsten stehen ihnen die einfachen Zustände Aus demselben
Grunde sind die Worte für einfache Zustände nach denen für einfache
Vorstellungen am wenigsten dem Zweifel und Schwanken ausgesetzt namentlich die
für die Gestalt und Zahl deren Vorstellungen so klar und deutlich sind Wer hat
je den Sinn von Sieben oder von dem Worte Dreieck missverstanden Im Allgemeinen
sind die Worte für die am wenigsten zusammengesetzten Vorstellungen jeder Art
auch am wenigsten zweideutig
20 Am zweideutigsten sind die Worte für gemischte Zustände und
Substanzen Gemischte Zustände die aus wenigen und augenfälligen einfachen
Vorstellungen bestehen haben daher meist Namen deren Bedeutung nicht sehr
schwankt aber die welche eine große Zahl einfacher Vorstellungen befassen
haben wie ich gezeigt habe Worte von zweifelhaftem und schwankendem Sinne
Noch größerer Unvollständigkeit und Unsicherheit unterliegen die Worte für die
Substanzen, da sie Vorstellungen bezeichnen die weder das wahre Wesen noch die
genaue Darstellung des Musters auf das sie bezogen werden, sind namentlich
wenn es sich um einen wissenschaftlichen Gebrauch dieser Worte handelt
21 Weshalb ich diese Unvollkommenheit den Worten zur Last lege Da
diese große Verwirrung in den SubstanzNamen meistenteils aus der mangelhaften
Kenntnis ihrer wahren Verfassung und dem Unvermögen darein einzudringen
hervorgeht so wird es auffallen wenn ich sie mehr den Worten als dem Verstande
zur Last lege es scheint dies so wenig begründet dass ich mich zur näheren
Rechtfertigung meines Verfahrens verpflichtet halte Ich gestehe dass bei dem
Beginn dieses Werkes über den Verstand und selbst noch ein gut Teil länger
ich nicht daran dachte dass auch eine Untersuchung der Worte dazu gehöre
Allein nachdem ich den Ursprung und die Bildung unserer Vorstellungen
durchgegangen war und die Ausdehnung und Gewissheit unseres Wissens zu prüfen
begann fand ich eine so enge Verbindung desselben mit den Worten dass zuvor
ihr Einfluss und die Weise ihrer Bezeichnung untersucht werden musste ehe ich
mich klar und angemessen über das Wissen auslassen konnte das immer mit Sätzen
es zu tun hat wenn es die Wahrheit bieten will Wenn diese auch bei den Dingen
selbst abschließen so liegt es doch großenteils in der Vermittlung durch
Worte dass die Sätze kaum von dem allgemeinen Wissen trennbar sind Wenigstens
stellen sie sich so sehr zwischen den Verstand und die Wahrheit die er
betrachten und erfassen möchte dass gleich dem Medium durch welches man
Gegenstände sieht ihre Dunkelheit oder Unordnung unsere Augen umnebelt und
unsern Verstand täuscht Bedenkt man dass die Täuschungen in die man sich
selbst und Andere verwickelt und die Missgriffe in den Streitigkeiten und
Begriffen großenteils aus der unsicheren oder falsch aufgefassten Bedeutung
der Worte entstehen so erscheinen sie offenbar als ein großes Hindernis auf
dem Wege der Erkenntnis, und diese warnende Bemerkung wird hier um so mehr an
ihrer Stelle sein als man diesen Punkt bisher so wenig für einen Mangel
gehalten hat dass viele Menschen sich vielmehr mit der Kunst der
SprachVerbesserung beschäftigt und dadurch das Ansehen gelehrter und
scharfsinniger Männer gewonnen haben wie das nächste Kapitel ergeben wird
Hätte man indes die Unvollkommenheiten der Sprache die das Instrument zur
Erkenntnis ist gründlich erwogen so würden von selbst eine Menge Streitfragen
verschwunden sein die jetzt so viel Lärm in der Welt verursachen und der Weg
zur Wahrheit und vielleicht auch zum Frieden würde freier sein als es jetzt
der Fall ist.
22 Dies sollte vorsichtig machen damit man alten Schriftstellern nicht
seinen Sinn unterschiebt Da die Bedeutung der Worte in allen Sprachen viel von
den Gedanken Begriffen und Vorstellungen Dessen der dieser Sprache sich
bedient abhängt so muss sie schon bei Personen die dieselbe Sprache sprechen
und demselben Lande angehören große Unsicherheit haben Dies zeigen die
griechischen Schriftsteller wer ihre Schriften liest bemerkt dass jeder
derselben seine eigene Sprache hat wenn sie auch alle dieselben Worte
gebrauchen Kommt aber zu dieser natürlichen Schwierigkeit noch der Unterschied
der Länder und Zeitalter hinzu in denen die Sprechenden und Schreibenden sehr
abweichende Begriffe Gesinnungen Gewohnheiten Sprachverzierungen und Formen
usw hatten welche die Bedeutung der Worte wesentlich beeinflussten während
für uns dies Alles verloren und unbekannt ist so geziemt es uns bei der
Auslegung und dem etwanigen Missverständnis alter Schriftsteller nachsichtig
gegen einander zu sein Wenn ihr Verständnis uns auch von Wichtigkeit ist so
unterliegt es doch den unvermeidlichen Schwierigkeiten der Sprache welche mit
Ausnahme der Worte für einfache Vorstellungen und einige sehr augenfällige
Dinge ohne stete Definition ihrer Ausdrücke den Sinn und die Meinung des
Sprechenden dem Hörenden nicht sicher und unzweifelhaft mittheilen kann Diese
Schwierigkeiten sind gerade in Fragen der Religion des Rechts und der Moral
welche die wichtigsten sind auch die größten
23 Die bändereichen Erklärungen und Kommentare zu dem alten und neuen
Testament sind offenbare Beweise hierfür Wenn auch alles im Text Gesagte
untrüglich wahr ist so ist doch der Leser in der Auffassung des Sinnes großen
Irrtümern ausgesetzt Auch kann es nicht auffallen wenn der in Worte
gekleidete Wille Gottes den Zweifeln und der Ungewissheit unterliegt welche bei
dieser Art der Mittheilung unvermeidlich sind selbst sein Sohn war als er im
Fleische erschien allen Schwächen und Mängeln der menschlichen Natur mit
Ausnahme der Sünde unterworfen Wir haben seine Güte zu preisen dass er vor
aller Welt solche leserliche Zeichen seiner Werke und Vorsehung ausgestreut und
allen Menschen so viel Verstandeslicht gegeben hat dass selbst Die zu denen
das geschriebene Wort nicht gelangte dennoch wenn sie zu suchen begannen an
dem Dasein Gottes und an dem ihm schuldigen Gehorsam nicht zweifeln konnten
Wenn daher die Lehren der natürlichen Religion einfach und für alle Menschen
verständlich sind wenn selten Streit darüber entsteht während die
geoffenbarten Wahrheiten die wir durch Bücher und in Worten überkommen haben
den allgemeinen und natürlichen Schwierigkeiten und der Dunkelheit der Worte
unterliegen so dürfte es sich ziemen sorgfältiger und eifriger in Befolgung
jener zu sein und weniger schulmeisterlich sicher und befehlshaberisch in
Erklärung und in Unterschiebung der eigenen Meinung bei letzterer
1 Der Missbrauch der Worte.) Neben der natürlichen Unvollkommenheit der
Sprache und der so schwer vermeidlichen Dunkelheit und Verwirrung beim Gebrauch
der Worte gibt es auch freiwillige Fehler und Versäumnisse deren man sich bei
dieser Art der Mittheilung schuldig macht dadurch werden diese Zeichen noch
unklarer und unsicherer als sie es schon von Natur sind
2 Erstens Worte ohne allen oder ohne klaren Sinn Der erste und
gröbste dieser Missbräuche ist dass man Worte gebraucht ohne klare und
bestimmte Vorstellungen oder was noch schlimmer ist dass man sich dieser
Zeichen bedient ohne damit überhaupt etwas zu bezeichnen Von diesem
Missbrauche gibt es zwei Arten; erstens finden sich in allen Sprachen Worte
die bei näherer Prüfung in ihrem ursprünglichen und eigentlichen Gebrauche keine
klare und deutliche Vorstellung bezeichnen und größtenteils durch die
verschiedenen philosophischen und religiösen Sekten eingeführt worden sind. Die
Begründer und Begünstiger dieser Sekten suchten nach etwas ganz Besonderem
außerhalb des gewöhnlichen Wissens um damit entweder seltsame Ansichten zu
stützen oder die Schwächen ihrer Behauptungen zu verdecken deshalb prägten sie
neue Worte die bei ihrer Prüfung sich meist als bedeutungslose Ausdrücke
ergeben Entweder hatten die Erfinder keine bestimmte GesamtVorstellung damit
verbunden oder nur eine solche deren Bestandteile sich nicht vertrugen
deshalb wurden diese Worte wenn sie bei ihrer Sekte in Gebrauch kamen zu
leeren Lauten die gar keine oder eine nur geringe Bedeutung hatten die
Anhänger begnügten sich sie als die Kennzeichen ihrer Kirche oder Schule viel
im Munde zu führen ohne sich den Kopf über ihren genauen Sinn zu zerbrechen
Ich brauche hier nicht die Beispiele zu häufen Jedermann kennt sie aus Büchern
und der Unterhaltung und sollte er noch mehr davon wünschen so können die
großen Münzmeister dieser Kunstausdrücke dh die Schulmeister und
Metaphysiker zu denen die streitenden Natur und MoralPhilosophen der letzten
Jahrhunderte wohl auch gehören dürften ihn im Überfluss damit versorgen
3 Zweitens dehnen Andere diesen Missbrauch noch weiter aus sie sind so
wenig sorgfältig bei Worten die schon in ihrer ursprünglichen Bedeutung keine
klare und deutliche Vorstellung bezeichneten dass sie mit unverzeihlicher
Nachlässigkeit Worte die die Eigentümlichkeit der Sprache an sehr wichtige
Vorstellungen geknüpft hat gebrauchen ohne sich überhaupt etwas Bestimmtes
dabei zu denken Weisheit Gnade Ruhm usw sind Worte die man täglich in der
Leute Mund hört fragt man aber was sie damit meinen so werden die Meisten
stocken und nicht antworten können Dies zeigt klar dass sie diese Laute zwar
gelernt und schnell auf der Zunge haben aber keine bestimmten Vorstellungen
damit vorbinden die sie Andern dadurch ausdrücken wollen
4 Dies kommt davon dass die Worte gelernt werden ehe noch die
entsprechenden Vorstellungen gekannt sind Da die Menschen von der Wiege ab
gewöhnt werden Worte zu lernen die leicht aufzufassen und zu behalten sind
ehe sie die GesamtVorstellungen kannten oder gebildet hatten die dazu
gehörten oder ehe sie sie in den Dingen, welche sie bezeichnen gefunden
hatten so setzen sie dies ihr ganzes Leben durch fort und nehmen sich nicht die
Mühe bestimmte Vorstellungen festzuhalten Sie benutzen die Worte für ihre
schwankenden und verworrenen Vorstellungen und begnügen sich die von Andern
gebrauchten Worte zu benutzen als wenn schon der bloße Laut auch immer
denselben Sinn mit sich führte So behilft man sich zwar im täglichen Leben
wenn man sich verständlich machen will und macht so lange Zeichen bis man dies
erreicht hat allein wenn man über Glaubenssätze oder eigene Angelegenheiten
sprechen will erfüllt diese Bedeutungslosigkeit der Worte das Reden mit einer
Masse von leerem und unverständlichem Geräusch und Geplapper Namentlich gilt
die für Gegenstände der Moral wo die Worte meist mit willkürlichen und
verschieden zusammengesetzten Verstellungen verknüpft worden sind, die in
Wirklichkeit nicht regelmäßig und dauernd mit einander verbunden sind; deshalb
wird dabei nur an den leeren Ton gedacht oder es werden nur dunkle und
schwankende Begriffe damit verbunden Die Menschen nehmen die Worte nicht wie
sie in ihrer Umgebung gebraucht werden, und damit es nicht scheine als kennten
sie deren Bedeutung nicht so gebrauchen sie sie dreist ohne sich um deren
rechten Sinn viel den Kopf zu zerbrechen Neben der Bequemlichkeit haben sie
dabei den Vorteil dass sie bei den Besprechungen auch wenn sie nicht im
Rechte sind doch selten des Unrechts überführt werden können; denn es ist
ebenso schwer solche Leute ohne feste Begriffe von ihrem Irrtume zu befreien
als einen Vagabunden aus seiner Wohnung zu weisen der keinen festen Aufenthalt
hat Jeder Leser möge an sich selbst und Andern beobachten ob es sich nicht so
verhält wie ich hier angenommen habe
5 Die schwankende Anwendung der Worte.) Zweitens besteht ein großer
Missbrauch der Worte in der unregelmäßigen Benutzung derselben Man wird kaum
eine Abhandlung finden namentlich über Streitfragen wo nicht dieselben Worte
und zwar meist die wichtigsten Worte um welche diese Sache sich dreht bald
für diese bald für jene Gesamtvorstellung benutzt werden Dies ist ein grober
Missbrauch der Sprache da bei ihr die Worte als Zeichen der Vorstellungen zu
deren Mittheilungen an Andere dienen sollen Die Bedeutung ist keine natürliche
sondern ist willkürlich angenommen es ist also ein offenbarer Betrug und
Missbrauch wenn dasselbe Wort einmal für diese Sache ein andermal für jene
benutzt wird geschieht dies absichtlich so kann es nur eine große Narrheit
oder eine große Unehrlichkeit sein Ebenso gut könnte Jemand auf seine
Rechnungen mit Andern die Ziffern manchmal für diese und manchmal für jene Zahl
gebrauchen zB die 3 einmal für 3 ein andermal für 4 oder 8 als er in
seinen Reden oder Ausführungen die Worte bald für diese oder jene
Gesamtvorstellung benutzt Geschieht dies bei Rechnungen so würde schwerlich
Jemand sich mit ihm einlassen und wer in weltlichen Angelegenheiten und
Geschäften so sprechen und die 8 manchmal sieben manchmal neun nennte je
nachdem es ihm passt würde bald einen jener beiden Namen bekommen welche den
Leuten nicht gefallen Dennoch gilt in gelehrten Streitigkeiten und Beweisen
dieses Verfahren für Scharfsinn und Gelehrsamkeit ich muss es aber für
unehrlicher erklären als das Verstellen der Zahlen bei Berechnung einer Schuld
Der Betrug ist grösser weil die Wahrheit von größerer Bedeutung und höherem
Werth ist als das Geld
6 3 sucht man durch falschen Gebrauch der Worte sich den Schein der
Tiefsinnigkeit zu geben Ein dritter Missbrauch der Worte liegt in dem Haschen
nach Dunkelheit indem man entweder veralteten Worten einen neuen und
ungebräuchlichen Sinn unterlegt oder neue und zweideutige Ausdrücke einführt
ohne sie vorher zu definieren oder indem man die Worte so verbindet dass ihr
gewöhnlicher Sinn verkehrt wird Die Aristotelische Philosophie hat hierin zwar
am meisten geleistet indes haben auch andere Sekten sich davon nicht frei
gehalten Beinahe alle sind mit Schwierigkeiten belastet so unvollkommen ist
die menschliche Wissenschaft die sie schönstens durch dunkle Worte verdeckt
haben deren Bedeutung sie verwirren damit sie wie der Nebel vor der Menschen
Augen deren schwache Seite verhüllen sollten So haben die Worte Körper und
Ausdehnung im gewöhnlichen Sinne eine verschiedene Bedeutung wie Jeder bei
einiger Aufmerksamkeit bemerkt denn wäre ihre Bedeutung genau dieselbe so
könnte man ebenso verständlich sagen der Körper der Ausdehnung, wie die
Ausdehnung des Körpers; dennoch gibt es Leute die es für nötig halten deren
Bedeutung zu vermengen Dieser Missbrauch und diese fehlerhafte Vermengung des
Sinnes der Worte ist durch die Behandlung welche die Logik und die
Wissenschaften in den Schulen erfahren haben zu Ehren gekommen und die
bewanderte Kunst des Disputierens hat die erklärliche Unvollkommenheit der
Sprachen sehr gesteigert man hat sie mehr benutzt und hergerichtet um die
Bedeutung der Worte zu verwirren als um die Erkenntnis und Wahrheit der Dinge
zu erlangen Wenn man die gelehrten Bücher von dieser Gattung studiert wird man
finden dass die Worte darin viel dunkler unsicherer und nach ihrer Bedeutung
unbestimmter sind als in dem täglichen Verkehr
7 Die Logik und das Streiten haben viel dazu beigetragen Dies ist
unvermeidlich wenn das Talent und die Gelehrsamkeit nach dem Geschick im
Streiten bemessen werden Wenn Ruhm und Lohn diesen Siegen folgen die meist von
der Spitzfindigkeit und Feinheit der Worte abhängen so kann man sich nicht
wundern wenn bei solcher Richtung der Witz des Menschen die Bedeutung der Worte
so vereitelt erschwert und verfeinert dass es ihm dann bei Verteidigung oder
Bekämpfung eines Satzes nie an Worten dazu fehlt und der Sieg nicht Dem der die
Wahrheit auf seiner Seite hat sondern Dem zufällt der das letzte Wort behält
8 Dies wird Scharfsinn genannt Obgleich diese Kunst nutzlos und der
gerade Gegensatz zum Weg nach der Erkenntnis ist so hat sie doch bisher den
löblichen und geachteten Namen des Scharfsinnes und der Feinheit geführt und
sowohl den Beifall der Schulen wie die Unterstützung eines Teils der Gelehrten
erhalten Es ist dies kein Wunder da die alten Philosophen ich meine jene
streitsüchtigen und zanksüchtigen Philosophen die Lucian so witzig und treffend
schildert und die heutigen Führer der Schulen in ihrer Ruhm und Ehrsucht nach
ausgebreiteten und großen Kenntnissen die leichter begehrt als zu erwerben
sind darin ein gutes Mittel fanden um mittelst eines unlösbaren Gewebes von
Worten ihre Unwissenheit zu verdecken und sich die Bewunderung Anderer durch so
unverständliche Andeutungen zu verschaffen die um so mehr Wunder wirkten je
weniger sie begriffen werden konnten Allein die Geschichte lehrt dass diese
gelehrten Doktoren nicht weiser und nicht nützlicher wie ihre Nachbaren waren
und dass sie dem menschlichen Leben oder den Gemeinschaften in denen sie leben
keinen Vorteil brachten man müsste es denn als einen solchen und als lobens
und lohnenswert ansehen wenn neue Worte geprägt werden ohne neue Dinge dafür
zu schaffen oder wenn die Bedeutung der alten verwirret und verdunkelt und
damit Alles in Frage gestellt und dem Streite unterworfen wird
9 Solche Gelehrsamkeit nützt der menschlichen Gesellschaft wenig Denn
trotz dieser gelehrten Streiter und dieser allwissenden Doktoren waren es doch
nur angelehrte Staatsmänner welchen die Staaten dieser Welt den Frieden Schutz
und die Freiheit verdanken denn es war nur das einfache und verachtete Handwerk
ein unbeliebtes Wort von dem die Staaten die Fortschritte in nützlichen
Künsten empfingen Trotzdem hat ihre kunstvolle Unwissenheit und dieses gelehrte
Gewäsch in dem letzten Zeitalter sehr vorgeherrscht da Die welche auf diesem
leichten Weg zur Höhe ihres Ansehens und ihrer Herrschaft gelangt waren es in
ihrem Interesse fanden die praktischen Leute und die Unwissenden mit
schwerverständlichen Worten zu unterhalten Kluge und geschäftsfreie Personen
wurden in Streit über unverständliche Ausdrücke verwickelt und in diesem
endlosen Labyrinth stets eingeschlossen gehalten Überdem erlangt man am
leichtesten Ansehen und kann sonderbare und widersinnige Lehren am leichtesten
verteidigen wenn man sie mit einer Legion von dunklen zweifelhaften und
unbestimmten Worten umgibt ihre Verstecke gleichen dann mehr den Höhlen der
Räuber oder dem Bau der Füchse als den Festungen ehrlicher Krieger Wenn man
sie schwer daraus vertreiben kann so kommt es nicht von ihrer Stärke sondern
von den Dornen und Disteln und der Dunkelheit des Dickichts was sie umgibt Da
die Unwahrheit der menschlichen Seele zuwider ist so gibt es für den Unsinn
keinen anderen Schutz als die Dunkelheit
10 Aber sie zerstört die Mittel zur Erkenntnis und Mittheilung Diese
gelehrte Unwissenheit und diese Kunst selbst eifrige Personen von wahren
Kenntnissen fern zu halten ist in der Welt ausgebreitet worden und hat viel
verwirrt während sie versicherte den Verstand zu belehren denn es zeigte
sich dass wohlmeinende und weise Männer deren Erziehung und Bildung nicht bis
zu dieser Spitze getrieben war sich verständlich unter einander ausdrücken und
den einfachen Gebrauch der Sprache zur Wohltat machen konnten Allein obwohl
nie Ungelehrten die Worte weiß und schwarz usw gut verstanden und feste
Begriffe mit diesen Worten verbanden so fanden sich doch Philosophen von so
großer Gelehrsamkeit und Spitzfindigkeit dass sie bewiesen der Schnee sei
schwarz dh weiß sei schwarz Ihr Ergebnis war dabei nur dass sie die
Mittel und Werkzeuge der Rede der Unterhaltung Belehrung und des Verkehrs
zerstörten indem sie mit großer Kraft und Spitzfindigkeit nur die Bedeutung
der Worte vermengten Sie machten die Sprache damit noch mangelhafter als sie
es schon durch ihre natürlichen Mängel ist ein Erfolg den die Ungelehrten
nicht hätten erreichen können
11 Und vermengt die Laute der Buchstaben Diese gelehrten Leute taten
für die Belehrung des Verstandes und Verbesserung des Lebens gerade so viel als
die welche die Bedeutung bekannter Schriftzeichen verändern und durch einen
feinen gelehrten Kunstgriff der den Verstand der ungelehrten schwachen und
gemeinen Leute überstieg zur großen Verwunderung und Nutzen ihrer Leser
zeigten dass sie in ihren Schriften A für B und D für E setzen können Es ist
ebenso unsinnig das Wort schwarz was eine bestimmte sinnliche Eigenschaft
anerkanntermaßen bezeichnet für ein anderes zu setzen was das
Entgegengesetzte bezeichnet dh den Schnee schwarz zu nennen als den
Buchstaben A welcher für das Zeichen eines besonderen Lautes wie ihn bestimmte
Bewegungen der Sprachorgane erzeugen gilt statt B zu setzen welches
anerkanntermaßen einen anderen Laut bezeichnet
12 Diese Kunst hat die Religion und die Gerechtigkeit verwirrt Dieser
Unfug hat sich auch nicht auf logische Spielereien und unterhaltende leere
Tiefsinnigkeiten beschränkt sondern ist in die großen Angelegenheiten des
Lebens und der menschlichen Gesellschaft eingedrungen und hat da die richtigen
Wahrheiten im Recht und in der Religion verdunkelt und verwirrt er hat
Unordnung Verwirrung und Unsicherheit in Angelegenheiten der Menschen gebracht
und jene beiden großen Richtmaße die Religion und die Gerechtigkeit wenn
nicht zerstört doch zum großen Theile nutzlos gemacht Wozu anders haben die
meisten Kommentare und Disputationen über die göttlichen und menschlichen
Gesetze geführt als deren Absicht zweifelhafter und deren Sinn dunkler zu
machen Was haben diese vielfältigen spitzfindigen Unterhaltungen und
kleinlichen Feinheiten anders erreicht als eine Dunkelheit und Ungewissheit
die die Worte nur dunkler macht und den Leser in Verlegenheit bringt Woher
anders sollte es kommen dass die Fürsten wenn sie zu ihren Dienern reden in
ihren gewöhnlichen Befehlen leicht verstanden werden aber nicht wenn sie in
ihren Gesetzen zu dem Volke reden Kommt es wie gesagt nicht oft vor dass ein
Mensch mit natürlichem Verstande eine Bibelstelle oder ein Gesetz ganz wohl
versteht so lange er keinen Erklärer befragt und zu keinem Advokaten geht erst
wenn diese sich an die Erklärung machen bedeuten die Worte entweder gar nichts
oder nur das was diesen Herren beliebt
13 Sie darf nicht für eine Wissenschaft gelten Ob das Interesse dieser
Leute dabei im Spiele gewesen ist will ich hier nicht untersuchen allein ich
überlasse es der Erwägung ob es für die Menschheit der es daran liegt die
Dinge zu kennen wie sie sind und zu tun was sie soll und nicht das Leben im
Geschwätz darüber und im Schleudern der Worte gegeneinander zu verbringen nicht
besser wäre wenn der Gebrauch der Worte einfach und geradezu eingerichtet
würde und wenn die Sprache die nur für die Vermehrung des Wissens und für die
Verbindung zu Gemeinschaften gegeben worden nicht auf die Verdunkelung der
Wahrheit gerichtet und Moral und Religion damit unverständlich gemacht würde
Wenigstens sollte da wo dies vorkommt die Erkenntnis und die Wissenschaft
nicht dafür verantwortlich gemacht werden
14 4 indem die Worte für die Dinge selbst genommen werden Viertens
besteht ein anderer großer Missbrauch der Worte darin dass sie für die Dinge
selbst genommen werden Es gilt dies zwar im Allgemeinen für alle Worte
hauptsächlich aber für die Substanz-Worte In diesen Missbrauch geraten Die am
meisten welche ihre Gedanken auf ein System beschränken und sich ganz dem
festen Glauben an die Vollkommenheit einer angenommenen Hypothese hingeben sie
halten die Ausdrücke ihrer Sekten für so der Natur der Dinge entsprechend dass
sie nach ihrer Überzeugung genau mit der vorhandenen Wirklichkeit
übereinstimmen Wer von den in der Peripatetischen Philosophie Auferzogenen hält
nicht die zehn Worte mit denen die zehn Kategorien bezeichnet werden genau der
Natur der Dinge entsprechend Wer aus dieser Schule ist nicht überzeugt dass
die substantiellen Formen die PflanzenSeelen die Scheu vor dem Leeren die
beabsichtigten Arten usw etwas Wirkliches sind Sie haben diese Worte bei
ihrem Eintritt in die Wissenschaft gelernt und gesehen wie ihre Meister und
Systeme großen Werth darauf legen deshalb glauben sie fest dass sie der Natur
entsprechen und etwas wirklich Bestehendes darstellen Ebenso haben die
Platoniker ihre Weltseele und die Epikureer das Streben ihrer Atome nach
Bewegung jedes philosophische System hat seine bestimmte Reihe von Ausdrücken
die für Andere unverständlich sind Trotzdem erscheint dieses Geschwätz welches
bei der Schwäche des menschlichen Verstandes so gut die Unwissenheit zu schützen
und den Irrtum zu verdecken vermag durch den steten Gebrauch innerhalb der
Sekte zuletzt als ein wichtiger Teil der Sprache und als die bezeichnendste
Ausdrucksweise Sollten die luftigen und die ätherischen Wagen einst durch das
Übergewicht dieser Lehre irgendwo allgemeine Anerkennung finden so würden
diese Ausdrücke unzweifelhaft sich in den Seelen einprägen und die Überzeugung
dass dergleichen wirklich bestehen herbeiführen wie dies bei den
Peripatetikern mit ihren Formen und bezweckenden Arten geschehen ist
15 Ein Beispiel am Stoff Ein aufmerksamer Leser philosophischer
Schriften wird oft genug bemerken wie Worte die für die Dinge genommen werden
den Verstand irre geleitet haben und zwar selbst Worte bei denen man es am
wenigsten erwartet hätte Ich will nur ein sehr gebräuchliches anführen den
Stoff wie viele verwickelte Streitigkeiten hat es nicht darüber gegeben als
wenn wirklich so etwas in der Natur und getrennt von deren Körper vorhanden
wäre weil doch offenbar das Wort »Stoff« eine von der Vorstellung des Körpers
verschiedene Vorstellung bezeichnet Allerdings müssten sie wenn leere Worte
dieselbe Vorstellung bezeichneten in allen Fällen einander vertreten können
nun sagt man wohl Alle Körper bestehen aus einem Stoff aber nicht Aller Stoff
besteht aus einem Körper. Man sagt wohl dass ein Körper grösser als der andere
ist aber es klingt hart und ist wohl niemals geschehen dass man gesagt Ein
Stoff ist grösser als der andere Woher kommt das Davon dass zwar Stoff und
Körper nicht in Wirklichkeit getrennt bestehen vielmehr ist da wo der eine
ist auch der andere aber dass beide Worte doch verschiedene Begriffe
bezeichnen von denen der eine nur einen Teil des andern ausmacht Denn Körper
bezeichnet eine dichte ausgedehnte und gestaltete Substanz woran der Stoff nur
eine unklare Teilvorstellung ist die zwar die Substanz und Dichtheit des
Körpers, aber ohne Ausdehnung und Gestalt bezeichnen soll Deshalb spricht man
beim Stoff immer nur von einem weil er in Wahrheit nur die Vorstellung einer
dichten Substanz enthält die überall gleich und einförmig ist Deshalb spricht
man ebenso wenig von verschieden Stoffen einer Welt als von verschiedenen
Dichtigkeiten obgleich man beide auf verschiedene Körper bezieht weil
Ausdehnung und Gestalt von mannichfaltiger Art sein kann Da indes die
Dichtheit nicht ohne Ausdehnung und Gestalt bestehen kann so hat der Umstand
dass man den Stoff für den Namen von Etwas getrennt Bestehendem nahm offenbar
diese dunklen und unverständlichen Streitigkeiten und Ausführungen veranlasst
die über die prima materia die Köpfe und Bücher der Philosophen angefüllt haben
Wie weit dasselbe für Ausdrücke gelte möge der Leser selbst erwägen Sicher
wäre weniger Streit in der Welt wenn man die Worte nur für das nähme was sie
sind dh für Zeichen unserer Vorstellungen und nicht für die Dinge selbst.
Denn wenn man über Stoff oder einen ähnlichen Ausdruck verhandelt so verhandelt
man sicherlich nur über die damit bezeichneten Vorstellungen mögen diese
Vorstellungen mit gewissen in der Natur bestehenden Dingen übereinstimmen oder
nicht Und wenn man immer angäbe welche Vorstellungen die Worte bezeichnen
sollen so könnte nicht halb so viel Dunkelheit und Schwanken die Aufsuchung und
Verteidigung der Wahrheit wie jetzt erschweren
16 Dies macht den Irrtum dauernd So schädlich also dieser Missbrauch
der Worte ist so verlocken diese Worte doch in Folge ihres stetigen und
häufigen Wiederholens zu Begriffen die weit ab von der Wahrheit liegen Man
würde nur schwer Jemand überzeugen können dass die Worte welche sein Vater
oder Schulmeister oder der Pfarrer des Ortes oder sonst ein ehrwürdiger Herr
gebraucht haben nichts in der Natur wirklich Bestehendes bezeichnen deshalb
lassen die Menschen so schwer von ihren Irrtümern selbst bei philosophischen
Fragen wo es sich nur um die Wahrheit handelt Sie haben die Worte zu lange
gebraucht sie haften fest in ihrer Seele und deshalb kann es nicht auffallen
wenn die damit verbundenen falschen Begriffe so schwer zu beseitigen sind
17 Indem sie für Etwas benutzt werden wozu sie nicht geeignet sind
Fünftens besteht ein anderer Missbrauch der Worte darin dass sie an die Stelle
von Dingen gesetzt werden die sie keineswegs bezeichnen und nicht bezeichnen
können Wenn die Namen von Substanzen von denen man nur das WortWesen kennt
zu Sätzen verbunden werden und Etwas von ihnen bejaht oder verneint wird so
nimmt man meist stillschweigend an und meint dass damit das wirkliche Wesen von
Substanzen bezeichnet werde Denn wenn Jemand sagt das Gold ist biegsam so
meint und will er damit mehr sagen als was ich bei diesen Worten meine
obgleich auch seine Meinung in Wahrheit nicht mehr sagt er will nämlich
sagen dass das Gold dh das wahre Wesen des Goldes, biegsam sei so dass also
die Biegsamkeit des Goldes von dessen wahrem Wesen bedingt und davon untrennbar
sei Indes da Jemand der dieses wahre Wesen nicht kennt diese Biegsamkeit in
seiner Seele nicht mit einem ihm unbekannten Wesen verbinden kann so geschieht
es nur mit dem Laute der es bezeichnet Ebenso ist es klar dass, wenn die
Definition des Menschen Ein »vernünftiges Thier« gut ist und die Ein Thier
ohne Federn mit zwei Füssen und breiten Nägeln schlecht ist dass das Wort
Mensch hierbei für die Bezeichnung seines wirklichen Wesens gilt und dass man
sagen will die erste Definition drückte das wirkliche Wesen des Menschen besser
als die zweite aus Denn weshalb hätte ohnedem Plato nicht das Wort anthrôpos
oder Mensch zur Bezeichnung der Vorstellung nehmen sollen die er aus der
Vorstellung eines Körpers, der von andern sich durch eine gewisse Gestalt und
andere äußerliche Bestimmungen unterscheidet gebildet hatte so gut wie
Aristoteles die Gesamtvorstellung die er anthrôpos oder Mensch nannte aus
einem mit Vernunft begabten Körper bildete Es geschah nur weil Beiden das Wort
anthrôpos oder Mensch zur Bezeichnung von etwas Anderem galt als es
bezeichnete und weil sie es an die Stelle von etwas Anderem als die
Vorstellung, die man gewöhnlich damit ausdrücken will gesetzt hatten
18 Indem sie zB für das wirkliche Wesen der Substanzen gelten
Sicherlich würden die Substanz-Worte nützlicher und die daraus gebildeten
Urteile sicherer sein wenn die Vorstellungen, welche diese Worte bezeichnen
das wirkliche Wesen der Substanzen wären Nur weil dieses nicht gekannt ist
gewähren die Worte so wenig Erkenntnis oder Gewissheit bei dem Reden darüber
Um diese Unvollkommenheit möglichst zu beseitigen lässt man sie durch eine
stillschweigende Annahme Etwas was dieses wirkliche Wesen hat bezeichnen als
ob man damit diesem näher käme Denn wenn auch das Wort Mensch oder Gold in
Wahrheit nur eine Gesamtvorstellung von Eigenschaften bezeichnet die zu einer
Art von Substanz verbunden sind, so setzt doch beinah Jeder im Gebrauche dieser
Worte voraus dass diese Worte Dinge bezeichnen die das wahre Wesen besitzen
von denen diese Eigenschaften abhängen Die Unvollkommenheit der Worte wird
damit so wenig beseitigt dass dieselbe durch diesen Missbrauch nur gesteigert
wird indem man das Wort zum Zeichen von Etwas macht was gar nicht in der
Vorstellung enthalten ist, also auch nicht von dem Worte bezeichnet werden kann.
19 Deshalb wird die Veränderung in der Vorstellung von Substanzen nicht
für eine Veränderung ihrer Art gehalten Deshalb gut bei gemischten Zuständen
jede Auslassung oder Veränderung einer Vorstellung, welche die
Gesamtvorstellung mitbildet für ein anderes Ding dh von einer andern Art
wie dies zB bei dem fahrlässigen Todschlag dem absichtlichen Todschlag dem
Mord dem Vatermord usw sich ergibt und zwar weil die mit diesem Worte
bezeichnete Gesamtvorstellung sowohl das Wort wie das wirkliche Wesen ist, und
das Wort nicht insgeheim auf ein anderes Wesen bezogen wird Bei Substanzen
verhält es sich aber nicht so denn wenn auch bei dem was Gold heißt der Eine
in seiner Gesamtvorstellung das aufnimmt was der Andere auslässt und
umgekehrt so hält man dies doch für keine Veränderung der Art weil das Wort
insgeheim auf das wirkliche Wesen dieses Dinges bezogen wird und als damit
verbunden gilt und diese Eigenschaften davon abhängen sollen Wenn man in
seiner Vorstellung des Goldes die Festigkeit und Löslichkeit in Königswasser
die sie früher nicht enthielt einfügt so gilt doch die Art nicht als
verändert sondern nur als vollständiger aufgefasst durch Hinzufügung einer
einfachen Vorstellung, die immer mit denen verbunden ist, welche dessen
Gesamtvorstellung vorher befasste Allein diese Beziehung des Wortes auf ein
Ding, was man nicht kennt hilft nichts sondern verwickelt nur mehr in
Schwierigkeiten Denn durch diese stille Beziehung auf das wirkliche Wesen
dieser Körper verliert das Wort Gold welches als Bezeichnung einer mehr oder
minder vollständigen Gesamtvorstellung diese Art Körper für den gewöhnlichen
Verkehr genügend bezeichnet jede Bedeutung überhaupt da es für Etwas gesetzt
wird was man nicht kennt und da dies Wort dann nichts bedeutet wenn der
Körper selbst fort ist Denn wenn man es auch für ein und dasselbe hält so ist
es doch bei genauerer Betrachtung ein ganz verschiedenes Ding ob man über Gold
dem Worte nach oder ob man über dasselbe als ein Stück von diesem Körper zB
über ein Stück BlattGold vor den Angen verhandelt wenn man auch im riechen
das Wort für die Sache nimmt
20 Dieser Missbrauch kommt davon dass man meint die Natur wirke immer
regelmäßig Den Anlass dazu dass man die Namen für das wirkliche Wesen der
Dinge nimmt gibt die vorerwähnte Meinung dass die Natur bei der
Hervorbringung der Dinge regelmäßig wirke und bei jeder Art eine Grenze setze
indem sie jedem Exemplar dieses Namens die gleiche innere wirkliche Verfassung
gebe obgleich die Betrachtung ihrer verschiedenen Eigenschaften vermuten
lässt dass viele Dinge gleichen Namens in ihrer inneren Verfassung ebenso
verschieden sind wie die mit einem andern ArtNamen verbunden sei lässt diese
Namen für die Vertreter dieser wirklichen Wesenheiten nehmen obgleich diese
Namen in Wahrheit nur die Gesamtvorstellung in der Seele Derer die sie
gebrauchen bezeichnen So bezeichnen diese Worte dies Ding und werden doch
jenem Dinge untergeschoben ein Verfahren was notwendig das Sprechen unsicher
machen muss namentlich bei Denen die sich in die Lehre von den substantiellen
Formen vertieft haben die nach ihrer Überzeugung die Arten der Dinge fest
bestimmen und unterscheiden
21 Dieser Missbrauch enthält zwei falsche Voraussetzungen Ist es nun
auch verkehrt die Worte zu den Zeichen für Vorstellungen zu machen die man
nicht hat oder was dasselbe ist) für unbekannte Wesenheiten indem die Worte
damit zu Zeichen von gar Nichts werden so geschieht es doch sehr häufig wie
sich an dem Gebrauche der von den Worten gemacht wird leicht erkennen lässt
Wenn Jemand fragt ob das Ding was er sieht sei es ein Pavian oder eine
Missgeburt ein Mensch sei so fragt er offenbar nicht danach ob dieses Ding
mit seiner Gesamtvorstellung des Menschen stimme sondern ob es das wirkliche
Wesen von der Art Dinge enthalte die nach seiner Annahme das Wort Mensch
bezeichnet Solcher Gebrauch der Substanz-Worte enthält aber folgende falsche
Annahmen Erstens dass es gewisse bestimmte Wesenheiten gebe nach denen die
Natur alle einzelnen Dinge machte durch welche sie sich in Arten sondern Jedes
Ding soll eine wirkliche Verfassung haben durch die es das ist was es ist und
von dem seine sinnlichen Eigenschaften abhängen dies gilt als zweifellos
allein ich habe dächte ich bewiesen dass dies nicht den Unterschied der
einzelnen Arten ausmacht und auch nicht die Grenzen für deren Namen Zweitens
deutet dies stillschweigend an dass man auch die Vorstellung dieser wirklichen
Wesenheiten habe Denn wozu fragt man sonst ob ein Ding das wirkliche Wesen des
Menschen habe wenn man diese Wesen nicht als bekannt annähme Und doch ist dies
durchaus falsch und eine solche Benutzung der Worte für Vorstellungen, die man
nicht hat muss notwendig das Reden und die Beweise darüber verwirren und die
Mittheilung durch Worte stören
22 Die Annahme, dass die Worte eine feste und offenbare Bedeutung haben
Sechstens ist noch ein allgemeinerer wenn auch weniger bemerkter Missbrauch
der Worte übrig welcher darin besteht dass man durch die lange Gewohnheit
gewisse Vorstellungen mit den Worten zu verknüpfen diese Verknüpfung für so eng
und notwendig hält dass der Sinn der Worte zuletzt für selbstverständlich
gilt Deshalb soll der Andere sich mit den empfangenen Worten begnügen indem es
für zweifellos gilt dass der Hörer mit den bekannten Lauten dieselben
Vorstellungen wie der Sprechende verknüpfe Man vermeint deshalb durch den
Gebrauch eines Ausdruckes in der Rede auch die Sache selbst dem Andern dargelegt
zu haben und man fasst ebenso die Worte Anderer nur in dem Sinne auf den man
selbst mit ihnen zu verbinden gewohnt ist In Folge dessen bemüht man sich
niemals die eignen Worte zu erklären und den Sinn der Worte Anderer klar zu
fassen woraus nur Lärm und Streit ohne Belehrung und Fortschritt hervorgeht
Man hält die Worte für die festen und regelmäßigen Zeichen anerkannter
Vorstellungen während sie in Wahrheit nur die willkürlichen und schwankenden
Zeichen der eignen Vorstellungen sind Dennoch wundert man sich wenn im
Gespräch oder im Streit wo es oft unvermeidlich ist der Andere nach dem Sinn
eines Ausdrucks fragt obgleich die in die Unterhaltung eingeflochtenen
Ausführungen deutlich zeigen dass zwei Menschen selten ihre Worte für
Gesamtvorstellungen in gleichem Sinne gebrauchen Beispiele dazu sind leicht zu
finden welches Wort ist bekannter als Leben es würde für eine Beleidigung
gelten wenn man nach seiner Bedeutung fragte und doch entsteht mitunter die
Frage ob die in dem Samen fertig gebildet enthaltene Pflanze Leben habe ob der
Keim in dem Ei vor dem Brüten oder ob ein sinnlos und bewegungslos in Ohnmacht
daliegender Mensch Leben habe Man eicht hieraus dass mit diesem so bekannten
Worte keine ganz klare Vorstellung verbunden wird Allerdings hat man eine Reihe
grober und verworrener Vorstellungen, mit denen die gebräuchlichen Worte der
Sprache verbunden werden und die für den unbestimmten Gebrauch im täglichen
Verkehr genügen allein für wissenschaftliche Untersuchungen reicht dies nicht
zu da die Wissenschaft und die Beweise genaue und bestimmte Vorstellungen
verlangen Wenn auch die Menschen hinreichend klug sind um auch ohne Frage und
Erklärung der Worte die Rede eines Andern zu verstehen und nicht so peinlich
dass sie Andere in dem Gebrauch der gehörten Worte verbesserten so wüsste ich
doch nicht weshalb da wo es sich um Wahrheit und Wissenschaft handelt es ein
Fehler sein sollte wenn man nach dem Sinn zweideutiger Worte fragt und weshalb
man sich schämen sollte dass man den Sinn der Worte eines Andern nicht kennt
da man ihn doch nur durch Belehrung sicher erfahren kann Dieser Missbrauch die
Worte in gutem Glauben aufzunehmen herrscht am meisten und am schlimmsten unter
den Gelehrten die Menge und die Hartnäckigkeit der Streitfälle welche die
geistige Welt so verwüsten kommt davon her Man weiß dass eine große
Verschiedenheit der Meinungen in den Büchern und in der Menge von Streitfällen
besteht welche die Welt spalten und dennoch ist Alles was die Gelehrten auf
beiden Seiten in ihren gegenseitigen Ausführungen tun nur dass sie
verschiedene Sprachen sprechen Ließen sie ihre Kunstworte bei Seite und
dächten sie an die Dinge und wüssten sie was sie dächten so würde sich
zeigen dass sie Alle dasselbe denken wenn sie auch Verschiedenes wollen
23 Die Zwecke der Sprache sind 1 Mittheilung der Vorstellungen.) Indem
ich diese Untersuchung über den Missbrauch der Sprache schließe erhellt also
dass der Zweck aller Sprache in dem Verkehr mit Andern hauptsächlich ein
dreifacher ist 1 will man seine Gedanken dadurch Andern mittheilen 2 soll
dies möglichst schnell und leicht geschehen und 3 will man die Kenntnis der
Dinge ausbreiten Die Sprache ist missbraucht oder mangelhaft wenn sie einen
dieser Zwecke nicht erfüllt
Die Worte verfehlen den ersten Zweck und eröffnen dem Andern nicht die
eignen Vorstellungen 1 wenn sie ohne bestimmte Vorstellungen gebraucht würden
obgleich sie Zeichen von solchen sein sollen oder 2 wenn die Worte gegen den
Sprachgebrauch mit ungehörigen Vorstellungen verbunden werden oder 3 wenn sie
schwankend gebraucht werden und bald diese bald jene Vorstellung bezeichnen
24 2 Dies schnell und leicht zu tun Man verstößt zweitens gegen die
Schnelligkeit und Leichtigkeit der Mittheilung bei Gesamtvorstellungen ohne
Namen dafür Mitunter trifft dieser Fehler die Sprache selbst die kein
passendes Wort dafür enthält oft ist es aber der Fehler des Sprechenden der
das Wort nicht kennt was diese Vorstellung dem Andern zuführen würde
25 Und 3 die Verbreitung der Kenntnis der Dinge.) Drittens enthalten
die Worte keine Mittheilung der Kenntnis der Dinge, wenn ihre Vorstellungen
nicht mit diesen übereinstimmen Allerdings entspringt dieser Fehler daraus
dass unsere Vorstellungen den Dingen nicht so entsprechen als es durch
Aufmerksamkeit Studium und Fleiß möglich wäre allein der Fehler dehnt sich
auch auf die Worte selbst aus wenn sie als Zeichen für wirkliche Dinge
gebraucht werden, die niemals bestanden und niemals wirklich gewesen sind
26 Wie die Worte der Menschen gegen all diese Punkte verstoßen
Erstens macht Der welcher nur Worte ohne bestimmte Vorstellung dazu in seiner
Seele besitzt bei deren Gebrauch im Gespräch nur ein Geräusch ohne Sinn und
Bedeutung So gelehrt es auch klingt wenn er dunkle Worte und gelehrte
Ausdrücke gebraucht so ist er deshalb doch nicht kenntnisreicher wie Jener
nicht gelehrter war der bei seinem Studium sich nur die Titel der Bücher aber
nicht ihren Inhalt merkte Wenn auch diese Worte in einer Rede noch so
grammatikalisch richtig gestellt und in wohltönende und glatte Perioden
verbunden werden so bleiben sie doch nur leere Töne und nichts weiter
27 Zweitens gleicht Der welcher Gesamtvorstellungen ohne besondere
Namen dafür hat einem Buchhändler in dessen Laden die Druckbogen ungebunden
und ohne Titel herumliegen so dass er sie Andern nur durch Aufzeigung der losen
Bogen und durch lange Erzählung mittheilen kann Jener ist in seinen Reden
gehindert weil ihm die Worte zur Mittheilung seiner Gesamtvorstellungen
fehlen er muss deshalb die einzelnen einfachen Vorstellungen aus denen sie
bestehen aufzählen und so oft zwanzig Worte machen wo ein Anderer mit einem
auskommt
28 Drittens sollte Der welcher nicht immer dasselbe Zeichen für dieselbe
Vorstellung gebraucht sondern die Bedeutung seiner Worte wechselt in den
Schulen und bei der Unterhaltung Denen gleich gestellt werden die auf dem
Markte oder auf der Börse verschiedene Dinge unter denselben Namen verkaufen
29 Viertens wird Der welcher Worte irgend einer Sprache gegen den
gewöhnlichen Gebrauch für andere Vorstellungen benutzt trotz allen Lichtes und
aller Wahrheit mit der sein Geist erfüllt ist doch nicht viel davon auf Andere
verbreiten wenn er seine Ausdrücke nicht erklärt Die Laute sind dann wohl
bekannt und dringen leicht in die an sie gewöhnten Ohren aber da sie für andere
Vorstellungen dienen als an die Jene gewöhnt sind so können die Gedanken des
Sprechenden ihnen dadurch nicht mitgeteilt werden
30 Wer fünftens sich Substanzen in Gedanken macht die nicht bestanden
haben und seinen Kopf mit Vorstellungen füllt die mit der wirklichen Natur der
Dinge nicht übereinstimmen und ihnen doch bestimmte Namen gibt wird
allerdings seine Rede und vielleicht der Andern Köpfe mit den wilden
Erzeugnissen seines Gehirns füllen aber in der wirklichen Erkenntnis sie
keinen Schritt weiter bringen
31 Wer Worte ohne Vorstellungen hat dem fehlt der Sinn seiner Worte er
spricht nur leere Laute wer Gesamtvorstellungen ohne Worte dafür hat dem
fehlt die Macht sie mit Leichtigkeit auszudrücken er muss Umschreibungen
machen Wer seine Worte schwankend und veränderlich gebraucht wird entweder
nicht beachtet oder nicht verstanden Wer sich der Worte gegen den
Sprachgebrauch bedient spricht unpassend und Kauderwelsch und wessen
Vorstellungen nicht mit den wirklichen Dingen stimmen dem fehlt der Stoff zum
wahren Wissen er hat statt dessen nur Chimären
32 Wie bei den Substanzen Bei den SubstanzBegriffen ist man all
diesen Fehlern ausgesetzt Wer zB das Wort Tarantula benutzt ohne eine
Vorstellung, die es bezeichnet spricht zwar ein gutes Wort aus aber meint
nichts dabei 2 Wer in einem neu entdeckten Lande viele ihm unbekannte Tiere
und Pflanzen sieht hat von ihnen eine ebenso wahre Vorstellung wie von dem
Pferde oder Hirsch aber er kann nur durch lange Beschreibungen von denselben
sprechen so lange er ihnen keinen Samen gibt oder nicht die in jenem Lande
gebräuchlichen Namen dafür benutzt 3 Wer das Wort Körper bald für die bloße
Ausdehnung bald für die Ausdehnung und Dichtheit gebraucht spricht sehr
trügerisch 4 Wer der Vorstellung, die man insgemein mit Maulesel benennt den
Namen Pferd gibt spricht verkehrt und wird nicht verstanden 5 Wer glaubt
das Wort Zentaur bezeichne ein wirkliches Ding täuscht sich und nimmt ein Wort
für eine Sache
33 Wie bei Zuständen und Beziehungen Bei den Zuständen und Beziehungen
ist man nur den vier zuerst genannten Mängeln ausgesetzt ich kann nämlich 1
die Worte für Zustände zB für Dankbarkeit und Nächstenliebe in meinem
Gedächtnis haben ohne eine bestimmte mit ihnen zu verbindende Vorstellung zu
haben 2 kann ich Vorstellungen haben und ihre Namen nicht kennen so kann ich
die Vorstellung eines Menschen haben der so lange trinkt bis seine Farbe und
Stimmung sich verändert bis seine Zunge stammelt seine Augen sich röten und
seine Füße den Dienst versagen ohne dass ich weiß dieser Zustand heiße
Betrunkenheit 3 kann ich die Vorstellungen und die Namen von Tugenden und
Lastern haben aber sie falsch gebrauchen zB wenn ich Den mäßig nenne
welchen Andere begehrlich nennen 4 kann ich die Worte schwankend gebrauchen
Dagegen können 5 bei den Zuständen und Beziehungen meine Vorstellungen den
Dingen nicht widersprechend sein denn die Zustände sind beliebig gebildete
Gesamtvorstellungen und Beziehungen sind Betrachtungen oder Vergleichungen
zweier Dinge mit einander und sind deshalb ebenfalls von dem Menschen gebildet
Sie können den bestellenden Dingen nicht zuwiderlaufen weil sie nicht als
Abbilder der natürlichen Dinge oder Eigenschaften gelten die aus der inneren
Verfassung und dem Wesen einer Substanz notwendig abfließen sondern als
Muster die mit Namen in das Gedächtnis eingestellt sind um Handlungen und
Beziehungen eintretenden Falles danach zu benennen Der Fehler liegt indes
meist in der falschen Bezeichnung der Vorstellungen; die Worte werden in einem
von dem allgemeinen abweichenden Sinne gebraucht und man wird deshalb nicht
verstanden oder es werden dem Sprechenden falsche Vorstellungen statt falscher
Namen zur Last gelegt Nur wenn die Bestandteile der Vorstellungen von
gemischten Zuständen und Beziehungen sich widersprechen füllt man seinen Kopf
mit Chimären denn bei Prüfung solcher Vorstellungen können sie nicht einmal in
der Seele bestehen geschweige ein wirkliches Ding bezeichnen
34 Auch die bildliche Rede ist ein Missbrauch der Sprache Da Witz und
Phantasie leichter als trockene Wahrheit und richtige Kenntnisse in der Welt
Aufnahme finden so wird man die bildliche Rede und die Anspielungen schwerlich
als eine Unvollkommenheit oder als einen Missbrauch der Sprache gelten lassen
In Reden von denen man nur Vergnügen und Genuss aber keine Belehrung und
Bereicherung des Wissens verlangt mögen auch die von daher entlehnten
Verzierungen nicht als Fehler gelten will man aber von den Dingen, wie sie
wirklich sind sprechen so muss man gestehen dass alle rhetorischen Künste
die über die Ordnung und Klarheit hinausgehen sowie jeder künstliche und
bildliche Gebrauch der Worte, welche die Bedeutsamkeit erfunden hat nur dazu
dienen unrichtige Vorstellungen unterzuschieben die Leidenschaften zu wecken
dadurch das Urteil irrezuführen und also reinen Betrag zu verüben So löblich
und zulässig dergleichen Beredsamkeit in leidenschaftlichen Ergüssen und in
Volks sein mag so ist sie doch in allen Reden die belehren und berichtigen
wollen zu vermeiden wo es sich am Wahrheit und Wissenschaft handelt sind sie
nur ein großer Fehler der die Sprache oder die Person trifft die davon
Gebrauch macht Ich brauche hier ihr Wesen und ihre Mannigfaltigkeit nicht
darzulegen aus den unzähligen Büchern über Beredsamkeit kann Jeder der Lust
hat die nötige Belehrung schöpfen doch möchte ich erwähnen dass für die
Bewachung und Vermehrung der Wahrheit und Wissenschaft wenig gesorgt wird
seitdem die Künste der Täuschung gepflegt und geehrt werden Die Neigung zu
täuschen und getäuscht zu werden ist sehr gewachsen seitdem die Beredsamkeit
dieses mächtige Werkzeug des Irrtums und Betrugs seine festen Professoren
erhalten hat öffentlich gelehrt wird und überall in großem Ansehen steht Man
wird mich sicherlich für dreist wo nicht unvernünftig halten dass ich mich so
dagegen geäußert habe denn die Beredsamkeit hat gleich dem schönen
Geschlecht eine so verführerische Schönheit an sich dass sie keinen
Widerspruch verträgt und es ist vergeblich dass man in diesen Künsten die
Täuschung die Fehler aufdeckt da Jedermann gern sich selber täuschen lässt
1 Sie sind des Aufsuchens wert Die natürlichen und die erkünstelten
Unvollkommenheiten der Sprachen sind im Obigen ausführlich dargelegt worden und
da die Sprache das große Band ist was die menschliche Gesellschaft
zusammenhält und der gemeinschaftliche Kanal mittelst dessen die Fortschritte
in den Wissenschaften von einem Menschen und von einem Geschlecht auf das andere
übergeführt werden so verdient die Aufsuchung der Mittel gegen diese Mängel das
ernsteste Nachdenken
2 Sie sind nicht leicht Ich bin nicht so eitel dass ich glaubte ein
Einzelner könne unternehmen eine vollständige Reform in den Sprachen ja nur in
seiner Muttersprache zu Stande zu bringen ohne sich lächerlich zu machen Wer
verlangt dass alle Welt die Worte immer in demselben Sinn und nur für bestimmte
und gleichförmige Vorstellungen brauchen solle muss glauben dass alle Menschen
dieselben Begriffe haben und nur über das sprechen wovon sie klare und
deutliche Vorstellungen haben Dies kann aber Niemand erwarten er musste denn
so eitel sein dass er meinte die Menschen auch ganz gelehrt oder ganz
schweigsam machen zu können Man muss wenig von der Welt wissen wenn man meint
eine gewandte Zunge sei nur mit einem guten Verstande verbunden und das Maß
im Sprechen müsse mit dem Maße des Wissens bei dem Menschen Schritt halten
3 Dennoch erfordert es die Wissenschaft.) Wenn indes auch dem Markte
und den Geschäften ihre Art zu sprechen belassen werden muss und den Schwätzern
ihr altes Vorrecht nicht genommen werden kann, zumal die Schulen und
streithaften Männer ein Anerbieten übel nehmen würden was die Länge ihrer
Disputationen kürzen und deren Zahl vermindern könnte so sollten doch Die
denen es mit dem Aufsuchen und Verteidigen der Wahrheit Ernst ist beharrlich
erwägen wie sie sich aus der Dunkelheit der Ungewissheit und Zweideutigkeit
befreien können welchem die Worte bei mangelnder Sorgfalt von Natur ausgesetzt
sind
4 Der Missbrauch der Worte ist die Hauptursache des Irrtums Denn wenn
man die Irrtümer und Dunkelheiten die Missverständnisse und Verwirrungen
erwägt die durch Missbrauch der Worte in der Welt ausgestreut werden so kann
man billig zweifeln ob nicht die Sprache nach ihrer bisherigen Benutzung mehr
zur Hemmung als zur Steigerung der Wissenschaften beigetragen habe Wie Viele
die auf die Dinge selbst ihr Denken richten wollen bleiben an den Worten
hängen namentlich wenn sie auf Fragen der Moral kommen Wie kann man sich da
wundern wenn solche Betrachtungen und Ausführungen die kaum über die Laute
hinausgehen und bei denen die erforderlichen Vorstellungen nur verworren und
schwankend oder gar nicht vorhanden sind, in Dunkelheiten und Missverständnissen
enden ohne das Urteil und die Erkenntnis zu klären
5 Eigensinn Man leidet unter dem falschen Gebrauch der Worte schon
beim eignen Nachdenken aber viel offenbarer ist die daraus hervorgehende
Unordnung in der Unterhaltung in dem Verhandeln und Streiten mit Andern Die
Sprache ist der große Kanal durch den die Menschen sich ihre Entdeckungen
Erwägungen und Kenntnisse mittheilen ein schlechter Gebrauch derselben zerstört
daher zwar nicht die Quellen derselben die in den Dingen selbst liegen aber er
zerbricht und verstopft nach Möglichkeit die Kanäle in denen sie zum
allgemeinen Gebrauch und Nutzen der Menschheit mitgeteilt werden Wer Worte
ohne klare und feste Bedeutung benutzt verleitet nur sich und Andere zum
Irrtum und wer dies absichtlich tut muss als ein Feind der Wahrheit und
Wissenschaft angesehen werden. Allein man darf sich nicht wundern dass alle
Wissenschaften und Gebiete des Wissens mit dunkeln und zweideutigen Ausdrücken
die selbst den Aufmerksamsten und Schnellfassenden keineswegs zu dem
Gescheutesten oder Rechtgläubigsten machen überladen worden sind, wenn bei
Denen welche die Verteidigung und die Lehre der Wahrheit zu ihrem Geschäft
machen die Spitzfindigkeit für ein Vorzug gegolten hat obgleich sie in der
Regel nur in einem täuschenden und trügerischen Gebrauch zweifelhafter und
trügerischer Worte besteht und die Menschen in ihren Irrtümern noch fester und
in ihrer Unwissenheit noch hartnäckiger macht
6 und Zank Man schaue in die Bücher aber alle Arten von Streitfragen
und man wird finden dass die dunklen schwankenden und zweideutigen Ausdrücke
nur ein Lärm und Zank über Laute ist welcher den Verstand nicht überzeugt oder
bessert Wenn Sprecher und Hörer nicht über die Vorstellung einig sind die das
Wort bezeichnet dann dreht sich der Streit nicht um Dinge sondern um Worte So
oft ein solches zweifelhaftes Wort ertönt können Beide nur in dem Laute
übereinstimmen während die Sache an die Jeder bei dem Worte denkt sehr
verschieden ist
7 Ein Beispiel an der Fledermaus und dem Vogel Bei der Frage ob die
Fledermaus ein Vogel ist handelt es sich nicht darum ob die Fledermaus etwas
anderes sei als sie ist oder ob sie andere Eigenschaften habe als sie hat
denn dies wäre sehr widersinnig sondern die Frage erhebt sich 1 zwischen
Personen welche geständlich nur unvollständige Vorstellungen von einem oder
beiden dieser so benannten Tiere haben In diesem Falle handelt es sich um eine
wirkliche Untersuchung in Betreff der Namen von Fledermaus und Vogel ihre
Vorstellungen sollen dadurch vervollständigt werden dass man prüft ob alle
einfachen Vorstellungen denen als Gesamtvorstellung beide Theile den Namen
Vogel geben in der Fledermaus angetroffen werden; in diesem Falle betrifft die
Frage bloß die Untersuchung nicht den Streit man behauptet oder verneint
nicht sondern man prüft nur oder es erhebt sich 2 diese Frage zwischen
Streitenden von denen Einer behauptet und der Andere leugnet dass die
Fledermaus ein Vogel sei Dann handelt es sich bloß um die Bedeutung von einem
oder von beiden Worten indem beide Theile nicht dieselbe Gesamtvorstellung
damit verbinden und der Eine behauptet der Andere aber leugnet dass beide
Worte von einander ausgesagt werden können. Wären sie über die Bedeutung beider
Worte einig so könnten sie nicht darüber streiten sie würden sofort klar
erkennen nachdem die Frage so zurecht gelegt worden ob alle einfachen
Vorstellungen des allgemeinen Wortes Vogel sich in der Gesamtvorstellung der
Fledermaus vorfinden und sie könnten daher nicht zweifeln ob eine Fledermaus
ein Vogel sei oder nicht Man erwäge und prüfe deshalb sorgfältig ob nicht die
meisten Streitfälle in der Welt bloß die Worte und ihre Bedeutung betreffen und
ob nicht wenn die gebrauchten Worte definiert und ihre Bedeutung was möglich
ist wenn sie überhaupt etwas bedeuten auf die Verbindung der einfachen
Vorstellungen zurückgeführt würde die sie bezeichnen oder bezeichnen sollen
solcher Streit von selbst aufhören und sofort erlöschen würde Hiernach erwäge
man was aus solchem Streit wohl sich lernen lasse und wie viel er den
Streitenden und Andern nützt und ob es sich nicht bloß um ein Prahlen mit
Lauten handelt nämlich bei Denen die ihr Leben in solchem Streit und
Disputieren hinbringen Wenn ich sehen werde dass diese Kämpfer all ihre
zweideutigen und dunklen Ausdrücke von sich werfen was Jeder mit den von ihm
gebrauchten Worten tun kann so will ich sie als Kämpfer für Wissenschaft
Wahrheit und Frieden und nicht für Sklaven eitlen Ruhmes Ehrgeizes oder der
Parteisucht gelten lassen
8 Um diesen Mängeln der Rede einigermaßen abzuheben und den
Übelständen die daraus folgen zuvorzukommen dürften die nachfolgenden Regeln
sich so lange empfehlen bis ein Geschickterer darüber nachgedacht und die Welt
mit seinen Gedanken beglückt haben wird
1stes Mittel die Worte nicht ohne Vorstellung zu gebrauchen Erstens hüte
man sich und gebrauche kein Wort ohne eine Bedeutung und keine Namen ohne eine
damit verknüpfte Vorstellung Diese Regel wird nicht überflüssig scheinen wenn
man sich erinnert wie oft Worte zB Instinkt Sympathie Antipathie usw
von Leuten gebraucht werden, die höchst wahrscheinlich keine Vorstellung dazu in
ihrer Seele haben sondern diese Worte nur als Laute aussprechen welche in
solchen Fällen für Gründe zu gelten pflegen Diese Worte haben allerdings ihre
eigene Bedeutung allein da zwischen Worten und ihrer Vorstellung keine
natürliche Verbindung besteht so werden solche Worte nur auswendig gelernt und
auch von Leuten ausgesprochen und geschrieben die keine Vorstellungen haben
womit sie sie als deren Zeichen verbinden könnten obgleich dies selbst dann
nötig ist wenn man nur mit sich selbst sprechen will
9 2tens muss man bei den Zuständen bestimmte Vorstellungen mit den
Worten verbinden Zweitens genügt es nicht dass man die Worte als Zeichen
irgend einer Vorstellung gebraucht sondern diese Vorstellung muss wenn sie
eine einfache ist auch klar und deutlich sein und ist sie zusammengesetzt so
muss sie bestimmt sein dh eine bestimmte Verbindung einfacher und fester
Vorstellungen sein so dass das verbundene Wort als das Zeichen dieser genau
bestimmten Gesamtvorstellung und keiner andern gilt Dies ist buchst nötig bei
den Worten für Zustände namentlich in der Moral da bei ihnen der bestimmte
natürliche Gegenstand fehlt von dem die Vorstellung wie von dem Urbild
abgenommen werden könnte und deshalb leicht Verwirrung eintreten kann So ist
»Gerechtigkeit« ein Wort in Jedermanns Munde aber meist mit einer unbestimmten
losen Bedeutung Dies wird immer der Fall sein so lange man nicht die Theile
aus denen diese Gesamtvorstellung besteht einzeln und bestimmt sich klar
macht und man dies Wort nicht so weit aufzulösen vermag bis man zuletzt zu den
einfachen Vorstellungen aus denen es besteht gelangt So lange dies nicht
geschieht gebraucht man das Wort falsch sei es Gerechtigkeit oder ein anderes
Allerdings ist diese Überlegung und dieses ausführliche Auflösen des Wortes
Gerechtigkeit nicht jedesmal nötig wo es in den Weg kommt aber es muss diese
Prüfung wenigstens einmal geschehen und alle diese Einzelvorstellungen müssen
dann in ihrer Verbindung so der Seele eingeprägt werden dass diese Auflösung
jederzeit beliebig wieder vorgenommen werden kann. Wird die Gesamtvorstellung
der Gerechtigkeit zB als eine solche Behandlung eines Gegenstandes oder
fremden Gutes aufgefasst die dem Gesetz entspricht und fehlt die klare und
deutliche Vorstellung was Gesetz ist so ist die Vorstellung von Gerechtigkeit
noch verworren und unvollkommen Diese Genauigkeit mag lästig sein und deshalb
hält man es nicht immer für einen Verstoß wenn die Gesamtvorstellungen von
gemischten Zuständen nicht so genau innerlich festgestellt werden allein so
lange dies nicht geschieht darf man sich nicht wundern dass Dunkelheit und
Verwirrung in der Seele und viel Zank im Gespräch mit Andern herrscht
10 Und bei den Substanzen solche die bestimmt und entsprechend sind
Bei den Substanzen ist zum richtigen Gebrauch ihrer Worte etwas mehr als nur
bestimmte Vorstellungen nötig hier müssen letztere auch den bestehenden
Gegenständen entsprechen doch wird sich die Gelegenheit zur ausführlichen
Besprechung dessen nebenbei finden Diese Genauigkeit ist unentbehrlich für die
Gewinnung wissenschaftlicher Erkenntnis und bei Streitigkeiten über die
Wahrheit es wäre zwar gut wenn sie sich auch auf die Unterhaltung und den
täglichen Verkehr in Geschäften ausdehnte doch kann man dies kaum erwarten
Gewöhnliche Begriffe passen zur gewöhnlichen Unterhaltung beide sind verworren
aber reichen doch für den Markt und für die Kirmesfeste aus Kaufleute
Liebhaber Köche und Schneider haben ihre Ausdrücke für schnelle Erledigung
ihrer gewöhnlichen Angelegenheiten dies sollten also auch die Philosophen und
Kämpfer bei den Disputationen können wenn es ihnen daran läge verstanden und
zwar deutlich verstanden zu werden
11 3 die Richtigkeit Drittens genügt es nicht dass man bestimmte
Vorstellungen mit den Worten verbindet sondern es müssen gerade diejenigen
Vorstellungen damit verbunden werden die nach dem Sprachgebrauch dazu gehören
Denn die Worte sind namentlich bei einer schon ausgebildeten Sprache nicht der
Besitz eines Einzelnen sondern das gemeinsame Mittel für den Verkehr und die
Mittheilung deshalb darf der Einzelne nicht willkürlich den Stempel unter dem
sie umlaufen verändern noch die daran geknüpften Vorstellungen wechseln und
sollte es einmal unumgänglich sein so muss er es anzeigen Man will oder sollte
wenigstens wollen dass man beim Reden verstanden werde verlässt man aber dabei
den gewöhnlichen Gebrauch so sind häufige Erklärungen Fragen und andere
lästige Unterbrechungen unvermeidlich Die Richtigkeit im Sprechen führt die
Gedanken am leichtesten und besten in die Seele des Andern ein sie verdient
deshalb Sorgfalt und Aufmerksamkeit namentlich bei Worten für moralische
Begriffe Den richtigen Gebrauch der Sprache kann man am besten von Denen
lernen deren Begriffe nach ihren Schriften und Reden die klarsten sind und die
in der Wahl der passenden Worte am sorgfältigsten verfahren Spricht man wie
der Sprachgebrauch verlangt so ist man deshalb allerdings noch nicht immer so
glücklich verstanden zu werden indes trifft dann der Tadel nur Den der seine
Sprache so wenig kennt dass er sie bei richtigem Gebrauche nicht versteht
12 4 um seine eigene Meinung auszudrücken Der Sprachgebrauch hat
indes den Worten ihre Bedeutung nicht so sichtbar angeheftet dass man diese
Andern sicher mittheilen könnte und der Fortschritt der Wissenschaften führt zu
Vorstellungen, die von den gemeinen und gebräuchlichen abweichen und für welche
neue Worte gebildet was man gern vermeidet weil es leicht als Eitelkeit oder
Neuerungssucht aufgefasst wird oder alte in einem neuem Sinne gebraucht werden
müssen und deshalb ist es nach den obigen Regeln mitunter notwendig den Sinn
der Worte zur Sicherung ihrer Bedeutung zu erklären wo der Sprachgebrauch
diese Bedeutung ungewiss gelassen hat wie bei den meisten Worten für
Gesamtvorstellungen oder wo das Wort was für die Darstellung wichtig ist und
den Hauptpunkt bildet Zweifeln oder Missverständnissen ausgesetzt ist
13 und zwar auf drei Arten Da die Vorstellungen verschiedene sind so
ist auch die Art wie die mit einem Wort verbundene Vorstellung mitzuteilen ist
verschieden Das Definieren könnte vielleicht hier für das beste Mittel gelten
allein manche Worte gestatten keine Definition andere können dagegen in ihrem
genauen Sinne nur durch Definition erläutert werden und eine dritte Art hat
etwas von beiden wie sich bei den Worten für einfache Vorstellungen für
Zustände und für Substanzen ergeben wird
14 Bei einfachen Vorstellungen nur durch gleichbedeutende Worte oder
durch Aufzeigen Erstlich im Fall das Wort für eine einfache Vorstellung nicht
verstanden wird oder missverstanden werden könnte verlangt es die Höflichkeit
und der Zweck der Sprache den Sinn des Wortes zu erklären und dessen
Vorstellung darzulegen Dies ist hier wie ich gezeigt habe durch Definition
nicht möglich kann es also durch kein gleichbedeutendes Wort geschehen so
bleibt nur übrig entweder 1 einen Gegenstand zu nennen der diese einfache
Bestimmung an sich hat dies hilft bisweilen bei Denen zum Verständnis welche
diesen Gegenstand und sein Wort kennen Will man zB einem Bauer erklären
welche Farbe Feuillemorte bedeutet so kann man es durch Hinweisung auf die
Farbe der im Herbst abfallenden Blätter tun 2 Aber am sichersten ist es wenn
man den Gegenstand herbeiholt und wahrnehmen lässt damit so die Vorstellung in
der Seele des Andern hervorgebracht werde die das Wort bezeichnet
15 2 bei gemischten Zuständen durch Definition Zweitens da gemischte
Zustände namentlich im Gebiete der Moral meist Verbindungen von Vorstellungen
sind welche die Seele beliebig bildet und von denen es nicht immer wirkliche
bestehende Muster gibt so kann ihre Bedeutung nicht wie bei den einfachen
Vorstellungen durch Aufzeigung dargelegt werden aber dafür können sie
vollständig und genau definiert werden Denn da diese Zustände willkürliche
Verbindungen mehrerer Vorstellungen sind wobei die Seele auf kein Urbild
geachtet hat so kann man diese in die Verbindung aufgenommenen Vorstellungen
genau kennen und daher sowohl das Wort in einem festen Sinne gebrauchen wie es
vollständig erklären wo es nötig ist Deshalb trifft Jene eine große Schuld
die sich über die Moral nicht klar und deutlich in ihren Reden ausdrücken denn
hier ist die Bedeutung der Worte für die gemischten Zustände oder was dasselbe
ist, für das wirkliche Wesen jeder Art genau bekannt da nicht die Natur
sondern der Mensch sie gemacht hat Es zeigt deshalb eine große Nachlässigkeit
und Verkehrtheit wenn man in Fragen der Moral sich unsicher und dunkel
ausdrückt während bei Behandlung natürlicher Dinge dies verzeihlicher ist wo
aus dem umgekehrten Grunde schwankende Ausdrücke kaum zu vermeiden sind wie
sich bald ergeben wird
16 In der Moral sind Beweise möglich Aus diesem Grunde halte ich die
Sätze der Moral für so beweisbar wie die der Mathematik; denn das wirkliche
Wesen der Dinge kann bei Worten der Moral vollkommen erkannt und es kann deshalb
genau ermittelt werden ob die Dinge selbst mit den Begriffen übereinstimmen
oder nicht worin die vollkommene Erkenntnis besteht Man wende nicht ein dass
bei der Moral auch viele Warte von Substanzen wie von gemischten Zuständen
gebraucht werden, und jene daher die Dunkelheit veranlassen werden Wenn in
Verhandlungen über Moral Substanzen erwähnt werden so kommt es auf deren Natur
nicht so viel an wie man meint sagt man zB der Mensch ist dem Gesetz
untertan so wird unter Mensch nur ein körperliches und vernünftiges Geschöpf
verstanden ohne das wirkliche Wesen oder die übrigen Eigenschaften eines
solchen Geschöpfes zu beachten Deshalb mag unter den Naturforschern die Frage
ob ein Rind oder Wechselbalg ein Mensch im physikalischen Sinne sei sehr
zweifelhaft sein aber dies trifft nicht den Menschen in der Moral wo damit nur
die Vorstellung eines körperlich vernünftigen Wesens gleichmäßig verknüpft
wird Fände sich ein Affe oder sonst ein Geschöpf was allgemeine Zeichen
verstehen oder aus allgemeinen Vorstellungen Folgerungen ziehen könnte so wurde
es sicher dem Gesetz unterliegen und in diesem Sinne ein Mensch sein wenn es
auch in Gestalt von Andern noch so verschieden wäre Die Substanzworte können
bei richtigem Gebrauche die Darstellung der Moral so wenig wie die der
Mathematik stören Auch der Mathematiker spricht von einem Würfel oder einer
Kugel von Gold oder einem andern Stoffe allein er hat eine klare und feste
Vorstellung dabei die sich nicht verändert obgleich sie aus Missverstand auf
einzelne Körper falsch angewendet werden kann.
17 Definitionen können moralische Verhandlungen klar machen Ich habe
damit beiläufig zeigen wollen wie wichtig es ist wenn die Worte für gemischte
Zustände überhaupt und insbesondere bei Verhandlungen über die Moral wo es
nötig erscheint definiert werden dadurch kann die Kenntnis der Moral zu
großer Klarheit und Gewissheit gebracht werden Es zeigt wenig Offenherzigkeit
um mich nicht schlimmer auszudrücken wenn man dies verweigert denn die
Definition allein kann den bestimmten Sinn moralischer Worte darlegen und zwar
mit Sicherheit ohne dass noch Raum für Streit übrig bliebe Es ist deshalb eine
unentschuldbare Nachlässigkeit und Verkehrtheit wenn die Verhandlungen über
Moral nicht so klar sind als die über NaturWissenschaften sie behandeln
Vorstellungen, die nicht falsch oder unangemessen sein können da kein äußeres
Urbild besteht auf das sie bezogen werden könnten und dem sie entsprechen
müssten Man kann viel leichter eine Vorstellung bilden und als Maßstab
aufstellen der man den Namen Gerechtigkeit gibt damit alle damit stimmenden
Handlungen unter diese Bezeichnung fallen als nachdem man den Aristides
gesehen hat eine Vorstellung bilden die ihm in allen Stücken gleichkommt
Aristides bleibt was er ist gleichviel welche Vorstellung die Menschen von ihm
bilden dort dagegen braucht man nur die Verbindung der Vorstellungen zu kennen
die man selbst gebildet hat während bei den körperlichen Dingen die Natur
vollständig mit ihrer schwer fassbaren geheimen Verfassung und mancherlei
Eigenschaften erforscht werden muss die außerhalb der Seele bestehen
18 Es ist auch der einzige Weg Die Definition der gemischten Zustände
und insbesondere der moralischen Begriffe ist auch wie ich früher gesagt
deshalb nötig weil sie der einzige Weg ist auf dem man sicher die Bedeutung
der meisten ihrer Worte kennen lernen kann Denn die damit bezeichneten
Vorstellungen bestehen in der Regel nirgends in allen Teilen beisammen sondern
nur zerstreut in Verbindung mit andern die Seele allein sammelt sie und vereint
sie zu einer Vorstellung deshalb kann nur durch wörtliche Aufzählung der
verschiedenen einfachen so vereinten Vorstellungen Andern die Bedeutung dieser
Worte klar gemacht werden die Sinne können hier nicht zur Hülfe benutzt werden
um durch Aufstellung des sinnlichen Gegenstandes die Bedeutung sinnlich
darzulegen wie es bei den Worten für einfache Vorstellungen und in gewissem
Maße auch bei den Worten für Substanzen möglich ist
19 3 Bei Substanzen durch Aufzeigung und durch Definition Drittens
was die Erklärung der Bedeutung von SubstanzNamen anlangt welche die
Vorstellungen ihrer verschiedenen Arten bezeichnen so müssen hier oft beide
obigen Mittel nämlich die Aufzeigung und die Definition benutzt werden In der
Regel enthält jede Art der Substanzen gewisse hervortretende Eigenschaften mit
denen die übrigen Theile der Gesamtvorstellung als verbunden gelten deshalb
gibt man bereitwillig dem Dinge den Namen der Art wenn die hervorstechenden
Eigenschaften dieser Art bei ihm angetroffen werden. Diese leitenden oder
kennzeichnenden Eigenschaften sind bei den Tieren und Pflanzen nach Kap 6
29 und Kap 9 15 in der Regel die Gestalt und bei den leblosen Körpern die
Farbe und bei manchen beide Eigenschaften zusammen
20 Die Vorstellung der leitenden Eigenschaften von Substanzen wird am
besten durch Wahrnehmen gewonnen Diese leitenden Eigenschaften bilden nur die
Hauptbestandteile der Artbegriffe und daher auch den erkennbarsten und
unveränderlichsten Teil in den Definitionen derselben Allerdings kann ein
gesunder Mensch an sich die aus der Lebendigkeit und Vernünftigkeit einer Person
gebildete Vorstellung ebenso gut wie eine andere Verbindung anstellen allein da
sie als das Zeichen für die menschlichen Geschöpfe gelten soll so dürfte die
äußere Gestalt ebenso notwendig in die Gesamtvorstellung des Menschen
gehören wie jede andere darin bemerkte Deshalb ist nicht ersichtlich weshalb
Platons Definition des Menschen als eines ungefiederten zweifüßigen
Geschöpfes mit breiten Nägeln nicht auch gut sein sollte denn die Gestalt als
die leitende Eigenschaft scheint die MenschenArt mehr zu bestimmen als die
Vernünftigkeit die erst später und bei Manchen gar nicht hervortritt Sollte
dies nicht zulässig sein so wären die des Mordes schuldig welche Missgeburten
töten weil sie keine menschliche Gestalt haben denn man kann nicht wissen ob
sie nicht eine vernünftige Seele besitzen da ja auch bei einem neugeborenen
gut geformten Kinde dies sich nicht entscheiden lässt Wer hat uns gelehrt dass
eine vernünftige Seele nur in einem Gehäuse wohnen könne was ein menschliches
Angesicht hat und dass sie sich nur mit einem Körper von der äußerlichen
Gestalt des Menschen verbinden und darin bestehen könne
21 Diese leitenden Eigenschaften kann man aber durch Aufzeigung am besten
kenntlich machen und es gibt kaum einen andern Weg dafür Denn die Gestalt
eines Pferdes oder Kasuars kann durch Worte der Seele nur unvollkommen zugeführt
werden der Anblick derselben tut dies tausendmal besser ebenso kann die
eigentümliche Farbe des Goldes durch keine Beschreibung sondern nur durch
fleißiges Besehen erlangt werden wie man an Denen bemerkt welche mit Gold
viel zu tun haben und mit Leichtigkeit das ächte von dem falschen und das reine
von dem gemischten bloß mit den Augen unterscheiden während Andere die ebenso
gute Augen aber nicht durch Übung die genaue Kenntnis dieses besonderen Gelb
erlangt haben keinen unterschied bemerken Dasselbe gilt für alle einfachen
Vorstellungen so weit sie gewissen Substanzen eigentümlich sind so lange
keine besonderen Worte dafür vorhanden sind. So gibt es so wenig für den
eigentümlich klingenden Ton des Goldes ein besonderes Wort wie für seine
besondere gelbe Farbe
22 Die Vorstellungen von den Kräften der Substanzen werden am besten
durch Definition mitgeteilt Indes sind viele einfache Vorstellungen, welche
die besonderen Vorstellungen von Substanzen bilden Kräfte die bei den Dingen in
ihrem gewöhnlichen Zustande nicht sofort in die Sinne fallen deshalb wird ein
Teil der Bedeutung der Substanznamen besser durch Angabe dieser einfachen
Vorstellungen als durch Aufzeigung der Substanzen selbst kennbar gemacht Wer
durch Sehen die glänzende gelbe Farbe kennen gelernt hat kann durch Aufzählung
der Worte: Große Biegsamkeit Schmelzbarkeit Festigkeit und Löslichkeit in
Königswasser eine vollständigere Vorstellung des Goldes erlangen als wenn er
ein Goldstück nur sieht und damit nur dessen augenfällige Eigenschaften sich
einprägt Könnte aber die wirkliche Verfassung dieses glänzenden schweren und
biegsamen Dinges aus welcher diese Eigenschaften herkommen den Sinnen offen
dargelegt werden wie es mit der wirklichen Verfassung oder Wesenheit eines
Dreiecks möglich ist so könnte die Bedeutung des Wortes Gold ebenso leicht wie
die des Dreiecks festgestellt werden
23 Eine Betrachtung über das Wissen der Geister Man kann hieraus
abnehmen wie viel die Kenntnis der körperlichen Dinge von den Sinnen abhängt
Wie Geister ohne Körper deren Wissen und deren Vorstellungen von den Körpern
sicherlich vollkommener als die unsrigen sind die körperlichen Dinge erkennen
davon haben wir keinen Begriff All unser Wissen und Einbilden reicht nicht über
die auf dem Wege der Wahrnehmung gewonnenen Vorstellungen hinaus Sicherlich
haben die Geister welche über den Geistern im Fleische stehen eine ebenso
klare Vorstellung von der letzten Verfassung der Substanzen wie wir von dem
Dreieck und sie erkennen damit wie all deren Eigenschaften und Wirksamkeiten
daraus abfließen aber die Art wie sie zu diesem Wissen gelangen
überschreitet unsere Fassungskraft
24 4 Auch müssen die Vorstellungen von Substanzen den Dingen
entsprechen Wenn auch Definitionen zur Erklärung der Substanzworte soweit sie
deren Vorstellungen bezeichnen dienen so erklären sie doch diese Worte nur
sehr unvollkommen soweit sie die Dinge selbst bezeichnen Denn die
Substanzworte sollen nicht bloß die Vorstellungen bezeichnen sondern zuletzt
die Dinge selbst darstellen und deren Stelle vertreten deshalb muss ihre
Bedeutung sowohl mit den Vorstellungen wie mit den Dingen selbst wahrhaft
übereinstimmen Deshalb kann man sich hier nicht immer mit der gewöhnlichen
Gesamtvorstellung begnügen welche die Bedeutung des Wortes ausmacht sondern
muss weiter gehen und die Natur und Eigenschaften der Sache selbst erforschen
und dadurch nach Möglichkeit die Vorstellung der betreffenden Art
vervollständigen oder man muss sie von Personen sich lehren lassen die damit
verkehren und darin erfahren sind Die Worte sollen nämlich hier eine solche
Verbindung einfacher Vorstellungen bezeichnen wie sie sowohl in den Dingen
selbst wirklich besteht als wie sie als Gesamtvorstellung bei Andern nach dem
gewöhnlichen Sinne des Wortes besteht um daher diese Worte richtig zu
definieren bedarf es der Naturkenntnis man muss die Eigenschaften sorgfältig
erforschen und prüfen Wenn die Übelstände im Gespräch und Streit über
natürliche Körper und substantielle Dinge vermieden werden sollen so genügt
nicht die aus dem Sprachgebrauch entnommene gemeine aber verworrene oder
unvollständige Vorstellung, welche zu einem Worte gehört und es genügt nicht
dieses Wort nur für diese Vorstellung zu benutzen sondern man muss sich auch
aus der Naturgeschichte mit diesem Dinge bekannt machen und danach die dem Worte
zugehörige Vorstellung berichtigen und sich einprägen und in dem Gespräch mit
Andern muss wenn sie es missverstehen sollten gesagt werden aus was die
Gesamtvorstellung besteht die das Wort bezeichnet Noch mehr gilt dies bei
wissenschaftlichen und philosophischen Untersuchungen denn die Kinder haben
hier die Worte gelernt ehe sie vollständige Begriffe von den Dingen hatten sie
gebrauchen deshalb die Worte nach Zufall ohne viel zu denken und ohne bestimmte
Vorstellungen dafür diese Gewohnheit die bequem ist und für die gewöhnlichen
Verhältnisse des Lebens und der Unterhaltung genügt behalten sie dann auch in
reifem Jahren bei und sie haben so bei dem falschen Ende angefangen indem sie
erst die Worte vollständig gelernt und dann die zugehörigen Begriffe später nur
oberflächlich gebildet haben So kommt es dass Menschen ihre Muttersprache
richtig nach grammatikalischen Regeln sprechen aber doch sehr unrichtig von den
Dingen selbst reden Deshalb kommen sie durch gegenseitige Erörterungen in der
Entdeckung nützlicher Wahrheiten und in der Erkenntnis der Dinge, wie sie an
sich und nicht wie sie in der Einbildung bestehen wenig weiter denn für die
Kenntnis der Dinge macht es wenig aus wie sie genannt werden.
25 Dies ist nicht leicht durchzuführen Es wäre deshalb zu wünschen
dass Männer die in physikalischen Untersuchungen bewandert und mit den
verschiedenen Arten der Naturkörper bekannt sind die einfachen Vorstellungen
angäben worin die Exemplare der einzelnen Arten immer übereinstimmen Dies wäre
ein gutes Mittel gegen die Verwirrung wenn dasselbe Wort von verschiedenen
Personen mit einer großen oder geringem Anzahl sinnlicher Eigenschaften
verbunden wird je nachdem sie mehr oder weniger mit dem betreffenden
Gegenstande bekannt sind Ein solches Wörterbuch was eine Naturgeschichte
enthielte verlangt indes zu viele Hände und zu viel Zeit Kosten Mühe und
Scharfsinn als dass man sich darauf Hoffnung machen dürfte und so lange man
dies nicht hat muss man sich mit den Definitionen der Substanzworte begnügen
die den gebräuchlichen Sinn derselben erläutern Da wäre es schon gut wenn sie
erforderlichen Falles nur so viel leisteten allein auch dies geschieht meist
nicht sondern man spricht und streitet mit einander in Ausdrücken in deren
Sinn man nicht übereinstimmt bloß weil man irriger Weise glaubt dass die
Bedeutung der Worte fest bestimmt und die Vorstellung, die sie bezeichnen genau
bekannt seien und weil man sich schämt diese Bedeutung nicht zu kennen Allein
beide Voraussetzungen sind falsch kein Wort einer Gesamtvorstellung hat eine
so feste Bedeutung dass es stets für genau dieselbe Vorstellung gebraucht wird
und ebensowenig braucht man sich zu schämen wenn man die Dinge nur so weit
kennt als auf dem gewöhnlichen Wege erreichbar ist Deshalb ist es nicht
beschämend wenn man die Vorstellung, die ein Anderer mit dem Worte verbindet
nicht genau kennt so lange er sie mir nicht auf andere Weise als durch den
bloßen Laut erkennbar macht denn nur durch eine solche andere Weise kann man
sie sicher kennen lernen Allerdings fuhrt die Notwendigkeit der Mittheilung
durch die Sprache zu einer leidlich genauen Übereinkunft über den Sinn der
gebräulichen Worte die für die tägliche Unterhaltung genügen mag und deshalb,
kann man nicht sagen dass Jemand der seine Sprache kennt mit den an deren
Worten geknüpften Vorstellungen ganz unbekannt sei Allein der Sprachgebrauch
ist schwankend und hängt zuletzt von den Vorstellungen der Einzelnen ab er ist
deshalb kein zuverlässiger Maßstab Wenn auch ein Wörterbuch wie ich es oben
erwähnt zu viel Zeit Geld und Mühe kostet um darauf rechnen zu können so
wäre es doch gut wenn die Worte welche Dinge bezeichnen die nach ihrer
äußern Gestalt erkannt und unterschieden werden, durch kleine Zeichnungen und
Holzschnitte erläutert würden Ein solches Wörterbuch würde vielleicht schneller
und leichter die wahre Bedeutung vieler Ausdrücke darlegen namentlich würde
dies bei Sprachen ferner Länder oder Zeiten und für die richtige Auffassung
vieler Gegenstände von denen man in den alten Schriftstellern nur die Worte
findet mehr beitragen als die breiten und mühsamen Kommentare gelehrter
Kritiker Naturforscher die von Pflanzen und Tieren handeln kennen die
Vorteile dieses Verfahrens und wer mit ihnen verkehrt wird einräumen dass
ein kleiner Holzstich eine klarere Vorstellung von apium Eppich und ibex
Steinbock verschafft als lange Definitionen von deren Namen Ebenso würde man
von strigil und sisttrum eine deutlichere Vorstellung haben als ihm die
Wörterbücher mit deren Übersetzung durch Striegel und Becken bieten wenn man
am Rande die kleinen Bilder dieser Instrumente so wie sie bei den Alten in
Gebrauch waren sehen könnte Toga Tunica Pallium sind leicht durch Rock
Unterkleid und Mantel übersetzt allein man kennt deshalb so wenig die Gestalt
dieser Kleider bei den Römern wie die Gesichter der Schneider die sie machten
Dinge die sich nach ihrer sichtbaren Gestalt unterscheiden werden am besten
der Seele durch Zeichnungen kenntlich gemacht welche deren Bedeutung deutlicher
machen als andere Worte mit denen man sie bezeichnet oder definiert Indes sei
dies nur nebenbei erwähnt
26 5 Durch Gleichmäßigkeit der Bedeutung.) Fünftens ist wenn man das
Lästige des steten Erklärens vermeiden will und Definitionen der Worte nicht zu
haben sind doch wenigstens zu verlangen dass bei allen Reden womit man Andere
belehren oder überführen will jedes Wort immer in demselben Sinne gebraucht
werde Hätte man dies getan und der Ehrliche kann es nicht verweigern so
hätte man viele Bücher ersparen können viele Streitfragen würden verschwinden
dicke Bände voll zweideutiger Worte die bald in diesem bald in jenem Sinne
gebraucht werden, würden zu kleinen Büchern zusammenschrumpfen und die Werke
vieler Philosophen um Andere nicht zu erwähnen und Dichter würde man in eine
Nussschale stecken können
27 Wann die Abweichung erklärt werden muss Indes ist der Vorrat der
Worte im Verhältnis zu den unzähligen und mannichfachen Gedanken so knapp dass
man da wo passende Ausdrücke fehlen trotz aller Vorsicht doch dasselbe Wort
mitunter in verschiedenem Sinne gebrauchen muss auch ist im Laufe einer Rede
oder in dem Fortgange eines Beweises kein Platz zur jedesmaligen Einschiebung
einer Definition wenn das Wort in etwas anderem Sinne gebraucht wird
Allerdings kann schon der Fortgang der Rede in der Regel und wo nicht
absichtlich getäuscht werden soll einen verständigen und wohlmeinenden Leser zu
dem wahren Sinne dieser Worte führen wo dies aber nicht zureicht da hat der
Schriftsteller den Ausdruck zu erläutern und zu sagen in welchem Sinne er ihn
gebraucht
1 Unser Wissen betrifft unsere Vorstellungen Da die Seele bei all
ihrem Denken und Überlegen nur ihre eignen Vorstellungen zum unmittelbaren
Gegenstande hat und sie nur diese betrachten kann so ist klar dass unser
Wissen es nur mit diesen Vorstellungen zu tun hat
2 Das Wissen ist die Auffassung der Übereinstimmung oder Nicht
Übereinstimmung zweier Vorstellungen Das Wissen scheint mir daher nur die
Auffassung der Verbindung und Übereinstimmung oder der Nichtübereinstimmung und
des Widerstreits unserer einzelnen Vorstellungen zu sein Darin allein besteht
es Wo diese Auffassung ist da ist auch ein Wissen und wo sie fehlt da mag
ein Einbilden Vermuten Glauben statt haben aber kein Wissen Denn wenn man
weiß dass schwarz nicht weiß ist so erfasst man nur die Nichtübereinstimmung
dieser zwei Vorstellungen Wenn man durch den Beweis die höchste Gewissheit
erlangt dass die drei Winkel eines Dreiecks zweien rechten gleich seien so
erfasst man nur die Übereinstimmung und Untrennbarkeit der Gleichheit zweier
rechten Winkel mit den drei Winkeln des Dreiecks
3 Diese Übereinstimmung ist vierfach Um genauer einzusehen worin
diese Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung besteht will ich sie auf
folgende vier Arten zurückführen
1 Dieselbigkeit oder Verschiedenheit
2 Beziehung
3 Zusammenbestehen oder notwendige Verbindung
4 Wirkliches Sein
4 Von der Dieselbigkeit und der Verschiedenheit Was die erste Art anlangt
so ist das nächste was die Seele bei ihrem Wahrnehmen oder Vorstellen überhaupt
tut dieser Vorstellungen sich bewusst zu werden und so weit dies geschieht
von jeder zu wissen was sie ist und damit auch ihren Unterschied und dass die
eine nicht die andere ist zu erfassen Dies ist so unbedingt notwendig dass
ohnedem kein Wissen kein Begründen kein Einbilden und überhaupt kein
bestimmtes Denken möglich ist Dadurch bemerkt die Seele klar und untrüglich
dass jede Vorstellung mit sich selbst übereinstimmt und dass sie ist was sie
ist und dass alle bestimmten Vorstellungen von einander verschieden sind dh
dass die eine nicht die andere ist. Dies geschieht ohne Mühe Anstrengung oder
Beweisführung sondern auf den ersten Blick vermöge des natürlichen Auffassungs
und UnterscheidungsVermögens Die Gelehrten haben dies zwar in die allgemeinen
Regeln gefasst »Was ist das ist« und »dasselbe Ding kann nicht sein und nicht
sein« damit man von diesen Sätzen gleich bei jeder Gelegenheit Gebrauch machen
könne allein die erste Ausübung dieses Vermögens geschieht immer an dem
einzelnen Falle Jedermann weiß untrüglich sobald die Vorstellungen von Weiß
und Rund in ihm auftreten dass sie gerade diese Vorstellungen sind und nicht
jene die er rot und viereckig nennt Kein Grundsatz und keine Regel in der
Welt kann ihn davon klarer und deutlicher überzeugen als er es schon vorher
ist. Dies ist sonach die erste Art der Übereinstimmung und
Nichtübereinstimmung welche die Seele an ihren Vorstellungen bemerkt Sie
sieht dies immer auf den ersten Blick jeder etwanige Zweifel hierbei trifft
höchstens die Worte aber nie die Vorstellungen, deren Dieselbigkeit oder
unterschied immer sofort und klar mit deren Auftreten erkannt wird wie es auch
nicht anders sein kann
5 Die Beziehung.) Die zweite Art von Übereinstimmung oder
Nichtübereinstimmung welche die Seele an ihren Vorstellungen bemerkt kann die
beziehende genannt werden und ist nur die Auffassung der Beziehung zweier
Vorstellungen zu einander seien sie Vorstellungen von Substanzen oder
Eigenschaften oder sonst etwas Denn da alle bestimmten Vorstellungen nicht
dieselben sein können und deshalb die eine durchgängig und stets von der andern
verneint werden muss so wäre kein Raum für irgend ein inhaltliches Wissen wenn
man nicht eine Beziehung zwischen den Vorstellungen auffassen und ihre
Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung bei den verschiedenen Arten, sie in
der Seele zu vergleichen bemerken könnte
6 Das Zusammen Bestehen Die dritte Art der Übereinstimmung und
Nichtübereinstimmung zwischen unsern Vorstellungen, welche die Seele erfasst
ist das Zusammenbestehen oder Nichtzusammenbestehen in demselben Gegenstande
sie betrifft vorzugsweise die Substanzen. Sagt man zB vom Gold dass es
feuerbeständig sei so will das Wissen um diese Wahrheit nur sagen dass diese
Beständigkeit oder die Kraft vom Feuer nicht verzehrt zu werden eine
Vorstellung ist, die immer mit der besonderen Gelbheit Schwere Schmelzbarkeit
Biegsamkeit und Löslichkeit in Königswasser verbunden ist, welche unsere
Gesamtvorstellung die Gold genannt wird ausmacht
7 Das wirkliche Dasein Die vierte und letzte Art ist die des wirklichen
Daseins und Bestehens entsprechend der Vorstellung. In diesen vier Arten von
Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung ist meines Erachtens all unser
Wissen, soweit wir dessen fähig sind befasst Denn alle Untersuchungen über
unsere Vorstellungen Alles was wir über sie wissen oder behaupten können ist
dass sie dieselben mit andern sind oder nicht sind dass sie mit andern
Vorstellungen in demselben Gegenstand entweder zusammenbestehen oder nicht dass
sie diese oder jene Beziehung mit andern haben und dass sie ein wirkliches
Bestehen außerhalb der Seele haben So ist blau nicht gelb dies betrifft die
Dieselbigkeit so sind zwei Dreiecke auf gleichen Grundlinien zwischen zwei
Parallellinien einander gleich dies ist eine Beziehung so ist Eisen
magnetischer Einwirkungen fähig dies betrifft das Zusammenbestehen und so
betrifft der Satz: Gott besteht das wirkliche Dasein Allerdings sind die
Dieselbigkeit und das Zusammenbestehen nur Beziehungen indes ist diese
Übereinstimmung und Nichtübereinstimmung der Vorstellungen so eigentümlicher
Natur dass sie als besondere Arten zu behandeln und nicht unter die Beziehungen
im Allgemeinen zu stellen sind Sie enthalten ganz verschiedene Gründe für die
Bejahung und Verneinung wie man leicht nach dem bisher Gesagten bemerken wird
Ehe ich nun zu den verschiedenen Graden des Wissens übergehe werden zuerst die
verschiedenen Bedeutungen des Wortes Wissen zu betrachten sein
8 Das gegenwärtige und das bekannte Wissen Die Seele kann die Wahrheit in
verschiedener Weise besitzen und eine jede heißt Wissen 1 gibt es ein
gegenwärtiges Wissen was dann vorhanden ist, wenn die Seele die
Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung gewisser Vorstellungen oder deren
Beziehungen zu einander in der Gegenwart erfasst 2 sagt man dass Jemand einen
Satz wisse wenn er einmal ihm vorgelegen hat er die Übereinstimmung oder
Nichtübereinstimmung seiner Vorstellungen klar erfasst hat und ihn so in sein
Gedächtnis eingestellt hat dass sobald dieser Satz einmal wieder vorkommt er
ohne Zögern und Zweifeln sofort die richtige Seite erfasst ihr beistimmt und
von ihrer Wahrheit überzeugt ist Man kann dies das bekannte Wissen nennen und
in diesem Sinne weiß man alle Wahrheiten, welche das Gedächtnis in Folge einer
vorgegangenen klaren und vollen Auffassung bewahrt und über welche die Seele
keine Zweifel hegt sobald sie gelegentlich wieder daran denkt Denn unser
endlicher Verstand vermag hier nur eine Sache auf einmal klar und deutlich zu
denken und wenn das Wissen der Menschen nicht über sein gegenwärtiges
hinausginge so wären die Menschen sämtlich sehr unwissend und selbst die
welche am meisten wüssten wüssten nur eine Wahrheit da sie mehr auf einmal zu
denken nicht im Stande sind
9 Das bekannte Wissen ist zweifach Von dem bekannten Wissen gibt es im
gewöhnlichen Sinne zwei Grade der erste befasst die in dem Gedächtnis
aufbewahrten Wahrheiten von denen so wie sie in der Seele vorkommen sie die
zwischen ihnen bestehende Beziehung gegenwärtig erfasst Dies gilt von allen
Wahrheiten die man anschaulich weiß und wo die Vorstellungen unmittelbar als
übereinstimmend oder nicht übereinstimmend erkannt werden. Der zweite Grad
befasst solche Wahrheiten, welche die Seele nachdem sie sich von denselben
überzeugt hat zwar im Gedächtnis behält aber ohne ihre Beweise So ist
Jemand der sich bestimmt entsinnt einmal den Beweis eingesehen zu haben dass
die drei Winkel des Dreiecks zweien rechten gleich seien sicher dass er diesen
Satz weiß weil er seine Wahrheit nicht bezweifeln kann Bei einer solchen
Zustimmung zu einer Wahrheit wo der Beweis auf dem sie beruht vergessen ist
scheint man mehr seinem Gedächtnis zu vertrauen als wirklich zu wissen deshalb
hielt ich früher diese Art von Überzeugung als ein Mittelding zwischen Wissen
und Meinung und als eine Art Gewissheit die mehr als bloßes Glauben ist was
sich nur auf das Zeugnis Anderer stützt indes habe ich bei näherer Prüfung
gefunden dass es der vollkommenen Gewissheit gleich steht und wirklich wahres
Wissen ist Was hier leicht zu einer falschen Auffassung verleitet ist dass
die Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung der Vorstellungen nicht so
eingesehen wird wie das erste Mal nämlich durch das wirkliche Überschauen
aller Zwischenvorstellungen sondern dass dies jetzt auf andern
Zwischenvorstellungen beruht welche die Übereinstimmung oder
Nichtübereinstimmung der Vorstellungen des Lehrsatzes darlegen dessen
Gewissheit man sich erinnert Wenn zB Jemand von dem Satz dass die drei
Winkel des Dreiecks zwei rechten gleich seien den Beweis einmal klar erkannt
hat so weiß er auch wenn ihm der Beweis später entfallen ist doch noch dass
er wahr ist Der Beweis ist zwar jetzt nicht mehr gegenwärtig und er kann sich
auch nicht darauf besinnen allein er weiß die Wahrheit jetzt in einer andern
Weise als vorher Er erfasst auch jetzt die Übereinstimmung der zwei in diesem
Satze verbundenen Vorstellungen aber durch Vermittlung anderer Vorstellungen
als derer die dieses Wissen das erste Mal vermittelten Er entsinnt sich dh
er weiß denn das Entsinnen ist nur das Wiederaufleben eines früheren Wissens
dass er einst von der Wahrheit dieses Satzes überzeugt gewesen und so ist jetzt
die Unveränderlichkeit der Beziehungen zwischen denselben unveränderlichen
Dingen diejenige Vorstellung, die ihm zeigt dass, wenn die drei Winkel des
Dreiecks einmal zweien rechten gleich waren sie dies immer sein werden Deshalb
ist er gewiss dass das was einmal wahr war immer wahr sein wird und dass
Vorstellungen, die einmal übereinstimmten immer übereinstimmen und dass also
das was er einmal als wahr gewusst er immer als wahr wissen werde so lange er
sich entsinnen kann dass er es einmal gewusst habe Aus diesem Grunde gewähren
die Beweise für den einzelnen Fall in der Mathematik ein allgemeines Wissen
Wenn die Erkenntnis dass dieselben Vorstellungen ewig dieselben Eigenheiten
und Beziehungen behalten das Wissen nicht genügend begründeten so könnte in
der Mathematik kein Wissen allgemeiner Sätze Statt haben denn jeder
mathematische Beweis wird nur an einem einzelnen Falle geführt und wenn dieser
Beweis auch an dem einen Dreieck oder Kreise geführt ist so ginge er doch nicht
über diese Figur hinaus Sollte er eine weitere Geltung haben so müsste in dem
neuen Falle der Beweis erneuert werden ehe man wissen könnte ob der Satz auch
für dieses Dreieck gälte und so fort womit das Wissen des Satzes in seiner
Allgemeinheit nie erreicht werden würde Niemand wird bestreiten dass Herr
Newton weiß dass jeder Satz wahr ist den er jetzt in seinem Werke liest wenn
er auch die wunderbare Kette von Zwischenvorstellungen nicht gegenwärtig hat
durch welche er zuerst dessen Wahrheit entdeckt hat Ein Gedächtnis was die
Reihe solcher Besonderungen behielte übersteigt das menschliche Vermögen da
schon die bloße Entdeckung Auffassung und Darlegung dieser wunderbaren
Verbindung von Vorstellungen die Fassungskraft der meisten Leser übersteigt
Dennoch weiß offenbar der Verfasser die Wahrheit seines Satzes denn er
entsinnt sich dass er die Verbindung dieser Vorstellungen so sicher erfasst
gehabt als er weiß dass dieser Mann jenen verwundet hat weil er sich
entsinnt dass er gesehen wie er ihn durchstochen hat Indes ist die
Erinnerung nicht immer so klar wie das wirkliche Erfassen und sie nimmt mit
der Zeit allmählich ab deshalb und aus andern Umständen ist das auf Beweisen
ruhende Wissen unvollkommener als das anschauliche wie das folgende Kapitel
ergeben wird
1 Das anschauliche Wissen All unser Wissen besteht wie ich gesagt
darin dass die Seele ihre eignen Vorstellungen erfasst es ist das das höchste
Licht und die größte Gewissheit deren wir mit unseren Vermögen und unserer Art
zu wissen fähig sind deshalb habe ich die Grade dieser Gewissheit näher zu
betrachten Die unterschiedene Klarheit des Wissens scheint mir in der
unterschiedenen Art der Auffassung zu liegen die die Seele von der
Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung ihrer Vorstellungen hat Denn
beobachtet man sein eigenes Denken so bemerkt man dass die Seele diese
Übereinstimmung zweier Vorstellungen manchmal unmittelbar durch diese selbst
erfasst ohne dass eine dritte dabei vermittelt dies kann man das anschauliche
Wissen nennen Hier braucht sich die Seele nicht mit Beweisen und Prüfen zu
bemühen sondern sie erkennt die Wahrheit wie das Auge das Licht bloß dadurch
dass sie darauf sich richtet In dieser Weise weiß die Seele dass schwarz
nicht weiß ist dass ein Kreis kein Dreieck ist dass drei mehr als zwei sind
und dass drei gleich ist zweien und eins Solche Wahrheiten erfasst die Seele
bei dem ersten Überblick der Vorstellungen, durch reines Anschauen ohne
Zwischenkunft einer andern Vorstellung es ist das klarste und sicherste Wissen
dessen wir schwache Menschen fähig sind Diese Art des Wissens ist
unwiderstehlich gleich dem hellen Sonnenlicht zwingt es zu seiner Erkenntnis
so wie die Seele sich darauf wendet es lässt keinen Raum für Zaudern Zweifeln
und Untersuchen die Seele ist sofort von dessen klarem Licht erfüllt Auf
dieser Anschaulichkeit beruht alle Gewissheit und Sicherheit unsers Wissens sie
ist so groß dass man sich eine größere nicht vorstellen und deshalb sie auch
nicht verlangen kann denn Niemand kann sich eine größere Gewissheit
vorstellen als die dass eine Vorstellung in seiner Seele so ist wie er sie
vorstellt und dass zwei Vorstellungen, die er als verschieden erkennt
verschieden und nicht dieselben sind Wer noch eine höhere Gewissheit verlangt
weiß nicht was er will er möchte wohl ein Skeptiker sein aber er ist keiner
Die Gewissheit beruht so ganz auf dieser Anschauung dass sie bei dem nächsten
Grade der Gewissheit, den ich den beweisbaren nenne für alle Verbindungen der
Zwischenvorstellungen nötig ist ohne die das Wissen und die Gewissheit nicht
erreicht werden kann.
2 Das beweisbare Wissen Der nächste Grad des Wissens ist der wo die
Seele nur mittelbar die Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung der
Vorstellungen bemerkt Wo die Seele diese Übereinstimmung überhaupt bemerkt
ist immer ein sicheres Wissen allein die Seele bemerkt sie nicht überall wo es
geschehen könnte In solchem Falle bleibt die Seele im Nichtwissen oder kommt
wenigstens nicht über Vermutungen und Wahrscheinlichkeiten hinaus Die Seele
bemerkt diese Übereinstimmung nicht immer weil sie die Vorstellungen, um die
es sich handelt nicht so nahe zusammenstellen kann um dies zu erkennen In
solchem Falle wo die Seele dies nicht kann um durch unmittelbare Vergleichung
oder gleichsam durch Aneinanderlegung dieser Vorstellungen ihre Übereinstimmung
zu erkennen ist es zweckmäßig durch die Vermittlung anderer Vorstellungen
einer oder mehrerer wie es passt diese gesuchte Übereinstimmung zu
entdecken Dies nenne ich überlegen So kann die Seele wenn sie die
Übereinstimmung der drei Winkel eines Dreiecks mit zwei rechten in der Größe
erkennen will dies nicht durch eine unmittelbare Anschauung und Vergleichung
derselben tun denn die drei Winkel des Dreiecks können nicht zusammengebracht
und mit ein oder zwei Winkeln verglichen werden deshalb hat die Seele hier kein
unmittelbares oder anschauliches Wissen In solchem Falle sucht die Seele gern
nach andern Winkeln denen die drei Winkel des Dreiecks gleich sind, und indem
sie findet das jene gleich zweien rechten seien weiß sie nunmehr auch dass
die drei Winkel des Dreiecks gleich zweien rechten sind
3 Dies Wissen hängt von Beweisen ab Diese vermittelnden Vorstellungen,
welche dazu dienen diese Übereinstimmung zweier andern darzulegen heißen
Beweismittel und wenn damit die Übereinstimmung klar und deutlich dargetan
worden heißt es ein Beweis Die Übereinstimmung wird damit dem Verstande
dargelegt und bewirkt dass die Seele sieht dass es sich so verhält Die
Schnelligkeit womit die Seele diese vermittelnden Vorstellungen ausfindig macht
und sie richtig verwendet wird Scharfsinn genannt
4 Dies ist aber nicht leicht Obgleich dieses durch Beweise vermittelte
Wissen ein gewisses ist so ist doch seine Gewissheit nicht so klar und hell
und die Zustimmung erfolgt nicht so schnell wie bei dem anschaulichen Wissen
Die Seele bemerkt wohl bei dem Beweise zuletzt die Übereinstimmung der
betreffenden Vorstellungen allein nicht ohne Mühe und Aufmerksamkeit mit einem
bloßen Blick im Vorübergehen ist es nicht abgemacht vielmehr gehört stetiger
Fleiß und Nachdenken zu dieser Erkenntnis und man muss Schritt vor Schritt
weiter gehen bevor man auf diesem Wege zur Gewissheit gelangt und die
Übereinstimmung oder den Widerstreit zwischen zwei Vorstellungen bemerkt es
bedarf hier der Beweise und der Vernunft, um sie aufzuzeigen
5 Nicht ohne vorgängige Zweifel Das anschauliche Wissen unterscheidet
sich auch darin von dem beweisbaren dass zwar bei letzterem durch die
Vermittlung der ZwischenVorstellungen aller Zweifel über die Übereinstimmung
beseitigt wird aber doch vor dem Beweise Zweifel bestehen während bei dem
anschaulichen Wissen dergleichen so wenig vorkommen können wenn man überhaupt
bestimmte Vorstellungen fassen kann wie bei dem Auge was klar das Schwarz und
Weiß sehen kann man nicht zweifeln kann ob diese Tinte und dieses Papier von
gleicher Farbe seien Wenn das Auge überhaupt sehen kann so wird es auf den
ersten Blick ohne Zögern bemerken dass die auf diesem Papier gedruckten Worte
von der Farbe des Papiers verschieden sind und ebenso wird die Seele wenn sie
überhaupt bestimmter Auffassungen fähig ist die Übereinstimmung oder
Nichtübereinstimmung derjenigen Vorstellungen da bemerken wo ein anschauliches
Wissen Statt hat Hat das Auge seine Sehkraft oder die Seele ihre Fassungskraft
verloren so müht man sich vergeblich um die Schnelligkeit des Sehens dort und
um die Klarheit der Auffassung hier
6 Dieses Wissen ist nicht so klar Die durch Beweise vermittelte
Auffassung ist zwar auch sehr klar allein doch ohne jenes helle Leuchten und
jene volle Gewissheit welche das anschauliche Wissen immer hat Jenes gleicht
einem Gesicht was durch mehrere Spiegel von dem einen Spiegel auf den andern
zurückgeworfen wird so lange dabei die Ähnlichkeit und Übereinstimmung mit
dem Gegenstande bleibt gewähren sie ein Wissen allein mit jeder
Weiterstrahlung mehr nimmt die Klarheit und Bestimmtheit ab bis der Gegenstand
nach vielen Überstrahlungen trübe wird und namentlich für schwache Augen nicht
mehr auf den ersten Blick erkannt werden kann. Ebenso verhält es sich mit dem
auf einem langen Beweise beruhenden Wissen
7 Jeder Schritt muss dabei von anschaulicher Gewissheit sein Bei jedem
Schritte in dem bewiesenen Wissen ist ein anschauliches Wissen der
Übereinstimmung mit der nächsten als Beweismittel dienenden
Zwischenvorstellung vorbanden denn ohnedem wäre hier wieder erst ein Beweis
nötig da ohne die Auffassung dieser Übereinstimmung kein Wissen entstehen
kann Wird sie durch sich selbst erfasst so ist das Wissen anschaulich ist
dies nicht der Fall so bedarf es einer vermittelnden Vorstellung als eines
Maßes an dem die Übereinstimmung erkannt werden kann. Dies zeigt, dass jeder
Schritt bei Beweisen wenn sie Wissen erzeugen sollen anschauliche Gewissheit
haben muss bei der die Seele nur daran zu denken braucht um die
Übereinstimmung der betreffenden Vorstellung sichtbar oder gewiss zu machen Zu
einem Beweise gehört deshalb dass die Übereinstimmung jener vermittelnden
Vorstellungen unmittelbar erfasst werde durch welche die Übereinstimmung der
zwei Vorstellungen um die es sich handelt von denen die eine immer die erste
und die andere die letzte in der Rechnung ist gefunden werden soll Diese
anschauliche Auffassung der Übereinstimmung der ZwischenVorstellungen muss bei
jedem Schritt des Beweises sorgfältig der Seele zugeführt werden und man muss
sicher sein dass nichts ausgelassen ist weil bei langen Ausführungen und
vielen Beweismitteln das Gedächtnis dieselben nicht immer gleich genau behält
Daher kommt es dass dieses Wissen unvollkommener als das anschauliche ist und
dass man oft falsche Begründungen für Beweise hält
8 Daher der Irrtum »ex präcognitis et präconcessis« Diese
Notwendigkeit eines anschaulichen Wissens für jeden Schritt in
wissenschaftlichen Beweisen und Begründungen hat wahrscheinlich den irrigen
Grundsatz veranlasst »ex präcognitis et präconcessis« aus dem bereits
Erkanntem und dem bereits Zugestandenen Ich werde diesen Irrtum bei
Behandlung der Sätze insbesondere dem sogenannten Grundsätze näher darlegen
und zeigen dass sie nur durch ein Missverständnis für die Grundlage all unsers
Wissens und unserer Begründungen gehalten werden
9 Die Beweise sind nicht auf Großen beschränkt Es gilt allgemein für
ausgemacht dass nur die Mathematik der beweisbaren Gewissheit fähig sei Allein
die anschauliche Erfassung der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung ist
nicht auf ein Vorrecht der Zahlen, der Ausdehnung und der Gestalt beschränkt
vielmehr hat nur der Mangel gehöriger Methoden und Fleißes aber nicht der
genügenden Anschaulichkeit die Meinung veranlasst dass in andern Zweigen des
Wissens für dies Beweisen wenig Raum und nicht so viel sei als die Mathematiker
verlangen Denn überall wo man die Übereinstimmung gewisser Vorstellungen
unmittelbar erkennen kann ist auch anschauliches Wissen möglich und wo diese
Übereinstimmung durch anschauliche Auffassung von deren Übereinstimmung mit
Zwischenvorstellungen geschehen kann da sind Beweise möglich und dies ist
nicht bloß bei den Vorstellungen der Zahlen, der Ausdehnung und der Gestalt mit
ihren Besonderungen möglich
10 Weshalb man dies geglaubt hat Man hat diesen Satz nicht bloß
deshalb angenommen weil diese Wissenschaften von allgemeinem Nutzen sind
sondern weil bei Bemessung der Gleichheit oder Ungleichheit der einzelnen Zahlen
diese selbst den kleinsten Unterschied klar und erkennbar machen Bei der
Ausdehnung ist dies zwar in diesem Maße nicht der Fall allein man hat Mittel
aufgefunden auch hier die genaue Gleichheit zweier Winkel oder Größen oder
Gestalten zu prüfen und durch Beweise darzulegen die Zahlen können wie die
Gestalten beide auf sichtbare und dauernde Zeichen gebracht werden durch
welche die betreffenden Vorstellungen scharf bestimmt werden, während dies da
wo es nur durch Worte und Namen geschieht meist nicht der Fall ist.
11 Bei andern einfachen Vorstellungen deren Besonderungen und
Unterschiede sich allmählich vollziehen und nach Graden berechnet werden und
nicht nach der räumlichen Größe fehlt diese genaue Bestimmung ihrer
Unterschiede und man kann deshalb hier die volle Gleichheit und die kleinsten
Unterschiede nicht in solcher Weise messen Es handelt sich hier um sinnliche
Empfindungen die durch die Größe Gestalt Zahl und Bewegung der kleinen
nicht mehr wahrnehmbaren Körperchen hervorgebracht werden; ihre Unterschiede
sind also von dem Wechsel einiger oder aller dieser Ursachen abhängig und da
dies nicht bei diesen kleinsten unsichtbaren Stoffheilchen wahrgenommen werden
kann, so fehlt hier das Maß für die verschiedenen Grade dieser einfachen
Bestimmungen Nimmt man zB an dass die Empfindung des Weißen in uns durch
eine bestimmte Zahl Kügelchen bewirkt werde die sich um ihren Mittelpunkt
drehen und gleichzeitig mit einer gewissen Schnelligkeit auf die Netzhaut des
Auges treffen so folgt, dass, je mehr die Theile eines Körpers an seiner
Oberfläche so geordnet sind dass sie mehr solche Lichtkugelchen aussenden und
ihnen ihre Drehung geben er um so weißer erscheinen muss Ich behaupte nicht
dass das Licht in solchen kleinen runden Kügelchen bestehe oder die Weiße in
einem solchen Gewebe der Theile dass diese Kügelchen die bestimmte Drehung
erhalten wenn der Körper sie abstößt da ich hier das Licht und die Farben
nicht nach ihrer Natur zu untersuchen habe allein ich kann nicht begreifen und
ich möchte wohl dass Jemand mir es verständlich machte wie äußere Körper
unsere Sinne anders erregen können als durch unmittelbare Berührung der zu
fühlenden Körper selbst wie dies bei dem Tasten und Fühlen geschieht oder
durch den Stoß unsichtbarer von denselben ausgehender Teilchen wie es beim
Sehen Hören und Riechen geschieht Die Mannigfaltigkeit dieser Wahrnehmungen
beruht dabei auf dem Unterschied der Stöße dieser Teilchen in Folge ihrer
verschiedenen Größe Gestalt und Bewegung
12 Mögen es nun Kügelchen sein oder nicht und mögen sie sich um ihren
Mittelpunkt drehen oder nicht so muss doch ein Körper, je mehr Lichtteilchen
von ihm mit einer solchen Bewegung abgestoßen werden welche die Empfindung des
Weiß in uns erregen können und je schneller diese Bewegung geschieht um so
weißer erscheinen wenn diese größere Zahl Teilchen von ihm ausgeht wie ein
Blatt Papier zeigt je nachdem es in die Sonne in den Schatten oder in eine
dunkle Höhle gelegt wird an jedem dieser Orte wird es einen andern Grad von
Weiß in uns erregen
13 Da man aber weder die Zahl dieser Teilchen noch ihre das Weiß
hervorbringende Bewegung kennt so kann man die Gleichheit zweier Grade von
Weiß nicht bestimmt beweisen es fehlt der Maßstab um sie zu messen und das
Mittel um die kleinsten Unterschiede zu erkennen da die Hülfe der Sinne hier
ausgeht Ist aber der Unterschied so groß dass die Seele ihn bestimmt erkennen
und behalten kann so sind diese Eigenschaften oder Farben wie ihre
verschiedenen Arten, zB blau und rot ergeben ebenso des Beweises fähig wie
die Bestimmungen der Zahl und der Ausdehnung, und was ich hier über Weiß und
die Farben gesagt habe gilt für alle zweiten Eigenschaften und deren
Besonderungen
14 Das wahrnehmende Wissen von den einzelnen daseienden Dingen Das
anschauliche und das beweisbare Wissen bilden die zwei Grade des Wissens; was
dieses nicht erreicht ist trotz aller Sicherheit mit der es festgehalten
wird nur Glauben oder Meinung aber kein Wissen wenigstens für die allgemeinen
Wahrheiten Allerdings gilt auch noch ein anderes Auffassen der Seele als
Wissen was die einzelnen außer uns vorhandenen endlichen Dinge betrifft
welches mehr als bloße Wahrscheinlichkeit enthält aber doch die vorerwähnten
beiden Grade der Gewissheit nicht vollkommen erreicht Hier ist es allerdings
völlig gewiss dass die von dem äußern Gegenstande empfangene Vorstellung in
der Seele ist; dies weiß man anschaulich allein ob hier noch etwas Anderes
neben dieser Vorstellung besteht und ob man von dieser sicher auf das Dasein
eines dieser Vorstellung entsprechenden Dinges außer uns schließen kann dies
wird von Manchem in Frage gestellt da der Mensch solche Vorstellungen in seiner
Seele haben könne ohne dass ein solches Ding bestehe und ohne dass ein
Gegenstand seine Sinne errege Indes ist uns hier ein überzeugendes Mittel
gewährt was jeden Zweifel ausschließt denn die Auffassung ist eine ganz
andere wenn man bei Tage in die Sonne sieht oder nur des Nachts an sie denkt
und wenn man wirklich Wermut schmeckt und eine Rose riecht oder bloß an diesen
Geschmack und Geruch denkt Der Unterschied zwischen einer nur durch das
Gedächtnis in der Seele wieder erweckten Vorstellung und der durch die Sinne
wirklich in die Seele eingetretenen ist so groß als er nur irgend zwischen
zwei Vorstellungen sein kann Sagt man dass der Traum dasselbe leiste und dass
alle diese Vorstellungen auch ohne äußere Gegenstände in uns erweckt werden
können, so träume man gefälligst dass ich folgendermaßen antworte
Erstens will es nicht viel sagen ob ich diese Zweifel beseitige oder nicht
Denn wenn Alles nur ein Traum ist so bedarf es keiner Gründe und Beweise
Wahrheit und Wissen hören dann auf
Zweitens wird sicherlich ein offenbarer Unterschied zwischen dem Traume
dass man im Feuer ist und zwischen dem wirklichen Darinsein anerkannt werden
Will man aber auch da den Skeptiker fortspielen und das was ich
WirklichindemFeuersein nenne bloß für einen Traum erklären und leugnen
dass man des Feuers außer uns gewiss sein könne so folgt doch sicher Lust oder
Schmerz auf die Berührung gewisser Gegenstände deren Dasein man durch die Sinne
wahrnimmt oder träumt Diese Gewissheit ist so groß wie unser Glück und Elend
über das hinaus das Wissen und Dasein uns gleichgültig ist Man kann deshalb den
beiden früheren Arten des Wissens noch das Wissen von dem Dasein einzelner
äußerer Gegenstände hinzufügen und zwar in Folge der Wahrnehmung oder des
Bewusstseins von dem wirklichen Eintritt ihrer Vorstellungen Es bestehen also
drei Grade des Wissens; das beschauliche das beweisbare und das sinnliche
jedes hat seinen besonderen Grad und Grund der Überzeugung und Gewissheit
15 Das Wissen ist nicht immer klar selbst wenn die Vorstellungen es
sind Da unser Wissen sich nur auf unsere Vorstellungen gründet und nur sie
betrifft so scheint daraus zu folgen dass es auch diesen Vorstellungen
entsprechen muss wo also die Vorstellungen klar und deutlich oder dunkel und
verworren sind da müsste auch das Wissen so beschaffen sein Allein dies ist
nicht der Fall denn das Wissen besteht nur in der Erfassung der
Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung zweier Vorstellungen, und deshalb
besteht seine Klarheit oder Dunkelheit in der Klarheit oder Dunkelheit dieser
Auffassung und nicht in der Klarheit oder Dunkelheit der Vorstellungen selbst
So kann zB Jemand eine ebenso klare Vorstellung von den Winkeln eines Dreiecks
und von der Gleichheit derselben mit zwei rechten haben wie irgend ein
Mathematiker der Welt und doch nur eine dunkle Auffassung von deren
Übereinstimmung und deshalb auch nur ein dunkles Wissen des Satzes haben
Dagegen können Vorstellungen, die wegen ihrer Dunkelheit oder sonst verworren
sind kein klares und deutliches Wissen bilden denn wenn die Vorstellungen
selbst verworren sind so kann man auch nicht klar erkennen ob sie
übereinstimmen oder nicht oder um deutlicher zu sprechen Wer mit den
gebrauchten Worten keine bestimmten Vorstellungen verbindet kann daraus keine
Sätze bilden deren Wahrheit er gewiss wäre
1 Wenn das Wissen wie gesagt in der Auffassung der Übereinstimmung
oder Nichtübereinstimmung bestimmter Vorstellungen besteht so folgt daraus
dass 1 Unser Wissen nicht weiter gehen kann als unsere Vorstellungen
2 Nicht weiter als man die Übereinstimmung erfassen kann 2 Dass das
Wissen nicht weiter geht als man die Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung
desselben erfassen kann diese Erfassung geschieht 1 entweder durch Anschauung
oder unmittelbares Vergleichen zweier Vorstellungen oder 2 durch Gründe indem
die Übereinstimmung zweier Vorstellungen durch Vermittlung anderer festgestellt
wird oder 3 durch Wahrnehmung indem man sinnliche Dinge erfasst Hieraus
ergibt sich noch
3 Das anschauliche Wissen erstreckt sich nicht auf alle Beziehungen
aller Vorstellungen 3 Dass das anschauliche Wissen sich nicht auf alle
Vorstellungen und Alles was man von ihnen wissen möchte erstrecken kann denn
es lassen sieh nicht alle Beziehungen derselben zu einander durch
Aneinanderlegung oder unmittelbare Vergleichung der einen mit der andern
erfassen So kann man wenn man sich ein stumpfwinkliges und ein spitzwinkliges
Dreieck auf gleicher Grundlinie zwischen Parallellinien vorstellt durch
anschauliches Wissen erfassen dass das eine nicht das andere ist aber nicht
ob sie einander gleich sind, da dies durch eine unmittelbare Vergleichung nicht
erfasst werden kann, weil der Unterschied in der Gestalt die unmittelbare
Aneinanderlegung ihrer Theile verhindert deshalb bedarf es zu ihrer Messung
einiger vermittelnder Eigenschaften und dies ist der Beweis oder das begründete
Wissen
4 Auch das beweisbare Wissen nicht 4 Ergibt sich aus dem Obigen
dass auch das beweisbare Wissen sich nicht über alle unsere Vorstellungen
erstrecken kann da sich für zwei zu vergleichende Vorstellungen nicht immer
solche vermittelnde finden lassen die in allen Teilen der Beweisführung durch
anschauliches Wissen mit einander verknüpft werden können. Wo dies aber nicht
angeht da gibt es kein beweisbares Wissen
5 Das sinnliche Wissen ist beschränkter als die beiden andern Arten 5
Reicht dies sinnliche Wissen nicht weiter als wirkliche Gegenstände für die
Sinne gegenwärtig sind es ist also noch beschränkter als die beiden vorigen
Arten
6 Unser Wissen ist daher beschränkter als unsere Vorstellungen Aus
alledem erhellt, dass der Umfang unseres Wissens beschränkter ist als die
bestehenden und selbst als der Umfang unserer Vorstellungen. Obgleich unser
Wissen auf unsere Vorstellungen beschränkt ist und es dieselben an Umfang und
Vollkommenheit nicht übertreffen kann und obgleich diese Vorstellungen in enge
Grenzen gestellt sind gegenüber dem Umfang alles Seienden und dem was der
Verstand anderer erschaffenen Wesen erfassen kann der nicht an die dumpfe und
beschränkte Belehrung einiger nicht einmal genauen Erkenntnismittel wie unsere
Sinne, gefesselt ist so würde es doch schon besser mit unserem Wissen stehen
wenn es nur so weit wie unsere Vorstellungen sich erstreckte und wenn nicht
viele Zweifel beständen und Ermittlungen in Betreff unserer Vorstellungen
unvermeidlich wären von denen wir in dieser Welt wahrscheinlich nie erlöst
werden dürften Trotzdem könnte das menschliche Wissen unter den gegenwärtigen
Verhältnissen unseres Daseins und unserer Verfassung viel weiter als bisher
ausgedehnt werden wenn nur die Menschen aufrichtig und freien Geistes all den
Fleiß und die Arbeit ihres Denkens auf die Verbesserung der Erkenntnismittel
verwenden wollten die sie auf die Ausübung und Unterstützung der Unwahrheit
verwenden um das System die Interessen oder die Partei aufrecht zu erhalten
bei denen sie beteiligt sind Indes wird ohne der menschlichen Vollkommenheit
zu nahe zu treten unser Wissen niemals Alles das erreichen was wir in Bezug
auf die vorhandenen Vorstellungen gern wissen möchten und es wird nie die
Schwierigkeiten überwinden noch all die Fragen lösen können die sich in
Betreff derselben erheben So haben wir die Vorstellungen des Vierecks des
Kreises und der Gleichheit und werden doch vielleicht nie einen Kreis auffinden
der einem Viereck gleich ist und nie diese Gleichheit gewiss erkennen So haben
wir die Vorstellung des Stoffes und des Denkens; aber wir werden wohl nie wissen
können ob jedes stoffliches Ding denkt oder nicht da durch die Betrachtung
unserer eigenen Vorstellungen ohne Offenbarung nicht ermittelt werden kann, ob
die Allmacht einem passend eingerichteten bloßen Stoffe nicht das Vermögen
aufzufassen und zu denken verliehen habe oder sonst mit dem so eingerichteten
Stoffe eine denkende stofflose Substanz verbunden habe denn nach unsern
Begriffen kann man sich ebenso gut vorstellen dass Gott den Stoff selbst mit
einem Denkvermögen ausgestattet wie dass er ihn mit einer Substanz welche
denken kann verbunden habe denn wir wissen nicht worin das Denken besteht
und welchen Arten von Substanzen dieses Vermögen zu verleihen dem allmächtigen
Gott gefallen hat da in einem erschaffenen Wesen dieses Vermögen nur durch den
Beschluss und die Güte des Schöpfers bestehen kann Ich sehe wenigstens darin
keinen Widerspruch weshalb nicht das höchste und ewige denkende Wesen gewissen
Systemen des erschaffenen geistlosen Stoffes in einer ihm passend scheinenden
Zusammensetzung einen Grad von Wahrnehmen Auffassen und Denken verleihen
könnte wenn es auch wie ich in Buch 4 Kap 10 und 14 u ff gezeigt ein
Widersprach sein würde dass der Stoff selbst dies ewige zuerstdenkende Wesen
sei Da dieser seiner Natur nach ohne Sinne und Denken ist Weshalb sollten
gewisse Auffassungen wie zB Lust oder Schmerz nicht in manchen Körpern von
bestimmter Einrichtung und Bewegung so gut bestehen wie sie in einer stofflosen
Substanz in Folge der Bewegungen körperlicher Theile eintreten
Ein Körper vermag nach unsern Begriffen nur einen andern Körper zu stoßen
oder zu erregen und die Bewegung kann so weit wir mit unseren Vorstellungen
reichen nur wieder Bewegung hervorbringen räumt man daher ein dass sie auch
Lust und Schmerz oder die Vorstellung einer Farbe oder eines Tones hervorbringen
kann so gehen wir über unsere Einsicht und unser Vorstellen hinaus und leiten
dies bloß von dem Belieben unseres Schöpfers ab Denn wenn wir anerkennen
müssen dass er mit der Bewegung Wirkungen verbunden hat welche nach unseren
Begriffen die Bewegung nicht hervorbringen kann weshalb sollte er da sie nicht
auch in einem Wesen haben entstehen lassen können das nach unseren Begriffen
derselben unfähig ist da wir ja ebenso wenig begreifen können wie die Bewegung
auf ein Wesen wirken kann Ich will damit den Glauben an die Stofflosigkeit der
Seele keineswegs erschüttern denn ich handle hier nicht von der
Wahrscheinlichkeit, sondern von dem Wissen, und es ziemt der Bescheidenheit des
Philosophen sich da aller schulmeisterlichen Behauptungen zu enthalten wo die
Gewissheit fehlt die ein Wissen herbeiführen kann Man kann dadurch auch
erkennen wie weit unser Wissen reicht denn da unser jetziger Zustand nicht ein
visionärer ist so müssen wir in vielen Fällen uns mit Glauben und
Wahrscheinlichkeiten begnügen und wenn wir deshalb in der Frage von der
Stofflosigkeit der Seele keine beweisbare Gewissheit erreichen können so darf
dies uns nicht auffallen Alle die großen Ziele der Moral und Religion bleiben
unerschüttert wenn auch die Stofflosigkeit der Seele wissenschaftlich nicht
erwiesen werden kann; weil es offenbar ist dass Der welcher uns zunächst hier
das Dasein als wahrnehmende und einsehende Wesen gab und für eine Reihe von
Jahren uns in diesem Zustand erhält uns in einen gleichen Zustand von
Bewusstheit in eine andere Welt zurückversetzen kann und wird damit wir die
Vergeltung zu empfangen fähig bleiben die er dem Menschen nach seinen Taten
hier verheißen hat Deshalb ist es nicht von so zwingender Notwendigkeit jene
Frage nach der einen oder andern Seite zu entscheiden wie die übermäßigen
Eiferer für oder gegen die Unsterblichkeit der Seele die Welt haben glauben
machen wollen Entweder gab man dabei auf der einen Seite seinen ganz in den
Stoff vertieften Gedanken allzusehr nach und wollte nur ein Dasein des Stoffes
anerkennen oder man fand auf der andern Seite innerhalb der natürlichen Kräfte
des Stoffes kein Denken wenn man ihn auch noch so sehr mit aller Anstrengung
untersuchte und schloss deshalb dreist dass selbst der Allmächtige kein Wissen
und Denken einer Substanz verleihen könne welche in irgend einer Weise die
Dichtheit enthalte Wer bemerkt wie schwer das Wissen mit dem ausgedehnten
Stoff oder das Dasein mit Etwas das gar nicht besteht sich vereinigen lässt
wird einsehen wie wenig sicher er weiß was seine Seele ist Diese Frage
sollte außerhalb des Bereichs des menschlichen Wissens gestellt werden und wer
unbefangen die dunkeln und verwickelten Punkte aller hier aufgestellten
Hypothesen erwägt wird sich kaum mit Grund für oder gegen die Stofflichkeit der
Seele entscheiden können Auf welcher Seite er auch bleibt sei es bei einer
unausgedehnten Substanz oder einem ausgedehnten denkenden Stoffe so wird die
Schwierigkeit die eine Seite zu fassen wenn er sie für sich nimmt ihn immer
auf die andere Seite treten lassen Es ist nicht zu loben wenn man auf der
einen Seite die Unbegreiflichkeit von Etwas findet sich nun gewaltsam in die
entgegengesetzte Annahme zu stürzen obgleich sie für den unparteiischen
Verstand ebenso unbegreiflich ist Man zeigt damit nicht allein die Schwäche und
Dürftigkeit seines Wissens sondern auch wie nichtssagend der Triumph solcher
Gründe ist die von dem eigenen Standpunkt abgenommen nur genügen weil man
auf der einen Seite der Frage keine Gewissheit finden kann die aber deshalb
noch nicht zur Wahrheit führen weil die entgegengesetzte Meinung bei ihrer
Prüfung sich mit gleichen Schwierigkeiten belastet zeigt Was hilft es und nützt
es dass man um dem anscheinenden Widersinn und den unübersteiglichen
Schwierigkeiten der einen Ansicht zu entgehen sich in die entgegengesetzte
flüchtet die ebenso unbegreiflich ist und auf etwas ebenso Unerklärlichem
aufgerichtet ist Unzweifelhaft haben wir in uns Etwas was denkt selbst die
Zweifel was es sei bestätigen das Dasein desselben wenn man auch sich darin
finden muss dass man die Art seines Seins nicht weiß auch nützt ein
skeptisches Verhalten hier nichts da es auch in andern Fällen verkehrt ist das
Dasein eines Dinges abzuleugnen bloß weil man dessen Natur nicht begreifen
kann Ich möchte wohl die Substanz kennen die nicht Etwas in sich trägt bei
dem der Verstand still stehen muss Wie sehr müssen oft andere Geister welche
die Natur und innere Verfassung der Dinge sehen und kennen uns im Wissen
übertreffen Fügt man dem noch ein umfassenderes Begreifen hinzu so dass sie
mit einem Blick die Verbindung und Übereinstimmung vieler Vorstellungen
übersehen und sie schnell mit den unmittelbaren Beweisen unterstützen können
die wir nur langsam Schritt für Schritt nach langem Tappen in der Finsternis
zuletzt auffinden und von denen wir gar leicht den einen wieder vergessen ehe
wir den andern erhascht haben so können wir einigermaßen die Seligkeit der
höheren Geister begreifen die sowohl schneller und eindringender auffassen als
auch ihr Wissen weiter ausdehnen
Um indes auf unseren Gegenstand zurückzukommen so ist unser Wissen nicht
bloß auf die geringe Zahl und Unvollkommenheit unserer Vorstellungen beschränkt
die dazu verwendet werden sondern es reicht auch für diese Verwendung nicht
einmal aus Indes wollen wir sehen wie weit es reicht
7 Wie weit unser Wissen reicht Das Bejahen und Verneinen in Bezug auf
unsere Vorstellungen lässt sich wie ich oben im Allgemeinen bemerkt auf vier
Arten zurückführen nämlich auf Dieselbigkeit Zusammenbestehen Beziehung und
wirkliches Dasein Ich werde untersuchen wie weit unser Wissen bei jeder dieser
Arten reicht
8 Unser Wissen der Dieselbigkeit und des Unterschieds reicht so weit als
unsere Vorstellungen Was zuerst die Dieselbigkeit und die Verschiedenheit
anlangt so reicht bei dieser Art von Übereinstimmung und Nichtübereinstimmung
unserer Vorstellungen unser anschauliches Wissen so weit als unsere
Vorstellungen selbst und es kann keine Vorstellung in der Seele auftreten die
sie nicht sofort durch ein anschauliches Wissen als die erfasst die sie ist
und die sie als verschieden von andern auffasst
9 Unser Wissen von dem Zusammenbestehen reicht nicht weit Was zweitens
die andere Art anlangt die Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung unserer
Vorstellungen bezüglich des Zusammenbestehens so reicht hier unser Wissen nicht
weit obgleich der größte und erheblichste Teil unserer Kenntnis der
Substanzen darin besteht Denn unsere Vorstellungen von den Arten der Substanzen
sind wie ich gezeigt habe nur Zusammenfassungen mehrerer einfacher
Vorstellungen, die zu einem Dinge vereint werden und so zusammen bestehen So
ist zB unsere Vorstellung von der Flamme die eines heißen leuchtenden nach
oben sich bewegenden Körpers von Gold die eines besonders schweren gelben
biegsamen und schmelzbaren Körpers Diese oder ähnliche Gesamtvorstellungen der
Seele werden durch diese Worte für die beiden Substanzen Flamme und Gold
bezeichnet Verlangt man nun mehr von ihnen zu wissen so sucht man nur nach
weiteren Eigenschaften und Kräften die diese Substanzen haben oder nicht haben
dh man will wissen welche anderen einfachen Vorstellungen mit diesen
Gesamtvorstellungen zusammenbestehen oder nicht
10 Weil die Verbindung zwischen den einfachsten Vorstellungen unbekannt
ist So wichtig und erheblich dieser Teil des menschlichen Wissens ist so ist
er doch sehr dürftig und beschränkt denn die einfachen Vorstellungen aus denen
unsere Gesamtvorstellungen gebildet sind führen meistenteils in ihrer Natur
keine wahrnehmbare Verbindung mit andern einfachen Vorstellungen oder eine
Trennung von solchen mit sich über deren Zusammenbestehen man Auskunft haben
möchte
11 Dies gilt namentlich von den zweiten Eigenschaften Die
Vorstellungen, aus denen unsere Gesamtvorstellungen von Substanzen bestehen
und um die es sich bei der Kenntnis der Substanzen handelt sind hauptsächlich
zweite Eigenschaften, welche sämtlich wie gezeigt von den ersten
Eigenschaften ihrer kleinsten nicht wahrnehmbaren Teilchen abhängen oder
vielleicht von Etwas was unserer Auffassung noch ferner steht Man ist deshalb
nicht im Stande zu erkennen welche von ihnen in einer notwendigen Verbindung
oder Trennung zu einander stehen da man weder die Wurzel kennt aus der sie
hervorkommen noch die Größe Gestalt und das Gewebe ihrer Theile von denen
die Eigenschaften abhängen und woraus sie hervorgehen die unsere
Gesamtvorstellung zB vom Golde bilden Deshalb kann man die anderen aus der
Verfassung der unsichtbaren Teilchen des Goldes hervorgehenden Eigenschaften so
wenig wie die damit unverträglichen kennen die immer mit der
Gesamtvorstellung die man hat zugleich bestehen müssen oder damit
unverträglich sind
12 Weil jede Verbindung zwischen den ersten und zweiten Eigenschaften
unerkennbar ist Neben dieser Unkenntnis der ersten Eigenschaften und der
unsichtbaren Körperteilchen von welchen die zweiten Eigenschaften abhängen
besteht noch ein anderes weniger heilbares NichtWissen was die Kenntnis des
Zusammenbestehens oder NichtZusammenbestehens der wahren Vorstellungen
desselben Gegenstandes noch weiter uns entrückt wenn ich mich so ausdrücken
darf Es besteht darin, dass wir die Verbindung der zweiten Eigenschaften mit
den ersten von denen sie abhängen nicht erkennen können
13 Dass die Größe Gestalt und Bewegung eines Körpers die Ursache der
Veränderung in der Größe Gestalt und Bewegung eines andern ist übersteigt
unsere Begriffe nicht die Trennung der einzelnen Theile eines Körpers in Folge
des Eindringens eines anderen und der Übergang aus der Ruhe zur Bewegung dies
und Ähnliches scheint mit einander in Verbindung zu stehen Wenn man die ersten
Eigenschaften der Körper kennte so würde man wohl viel mehr von ihren
gegenseitigen Einwirkungen auf einander wissen allein da man keine Verbindung
zwischen diesen ersten Eigenschaften und den davon in uns bewirkten Empfindungen
entdecken kann so kann man niemals feste und sichere Regeln über die Folgen des
Zusammenbestehens von zweiten Eigenschaften aufstellen selbst wenn man die
Größe Gestalt und Bewegung dieser unsichtbaren Teilchen aus denen sie
unmittelbar hervorgehen kennte Wir wissen so wenig welche Gestalt Größe und
Bewegung dieser Theile die gelbe Farbe einen süßen Geschmack oder einen lauten
Ton veranlassen dass man nicht einmal sich vorstellen kann wie diese Gestalt
Größe und Bewegung der Theile überhaupt solche Vorstellungen erwecken könne es
fehlt uns alle fassbare Verbindung zwischen denselben
14 Es ist deshalb ein vergeblicher Versuch wenn man durch sein
Vorstellen den alleinigen wahren Weg zur sicheren und allgemeinen Kenntnis
entdecken will welche andere Vorstellung mit denen der Gesamtvorstellung und
Substanz beständig verbunden sind; denn man kennt weder die wirkliche Verfassung
der kleinsten Teilchen von denen diese Eigenschaften abhängen noch würde man
selbst wenn dies der Fall wäre die notwendige Verbindung zwischen ihnen und
den zweiten Eigenschaften erkennen und doch müsste dies vorausgehen wenn deren
entsprechendes Zusammenbestehen erkannt werden sollte Mag deshalb unsere
Gesamtvorstellung einer Substanz sein welche sie wolle so kann man doch
schwer aus den in ihr enthaltenen einfachen Vorstellungen mit Gewissheit das
notwendige Zusammenbestehen anderer Eigenschaften sicher entnehmen unser
Wissen reicht bei diesen Ermittlungen wenig über die Erfahrung hinaus Einige
erste Eigenschaften haben allerdings eine notwendige Abhängigkeit und sichtbare
Verbindung mit einander; so kann die Gestalt nicht ohne Ausdehnung sein und das
Empfangen und Mittheilen der Bewegung durch Stoß setzt die Dichtheit voraus
allein trotz solcher Verbindung einzelner befasst unser Wissen doch nur so
wenige dass durch Anschauung oder Beweis das Zusammenbestehen von nur sehr
wenigen in einer Substanz vereinten Eigenschaften aufgefunden werden kann. Wir
bleiben nur auf den Beistand der Sinne angewiesen um zu erfahren welche
Eigenschaften die Substanzen besitzen Von allen in einem Gegenstand
zusammenbestehenden Eigenschaften kann man ohne Kenntnis dieser Abhängigkeit
und sichern Verbindung der zugehörigen Vorstellungen mit einander nicht wissen
ob ihr Zusammenbestehen weiter reicht als die Erfahrung durch die Sinne uns
belehrt So findet man zwar durch Proben dass mit der gelben Farbe in einem
Stück Gold die Schwere Biegsamkeit Schmelzbarkeit und Feuerbeständigkeit
verbunden sind; allein da keine dieser Vorstellungen mit der andern in einer
offenbaren Abhängigkeit oder notwendigen Verbindung steht so kann man nicht
gewiss wissen dass wo vier davon da sind auch die fünfte da sein werde so
wahrscheinlich das auch sein mag denn die höchste Wahrscheinlichkeit ist noch
keine Gewissheit, und ohne diese gibt es kein wahres Wissen Dieses
Zusammenbestehen kann nur soweit gewusst werden als es wahrgenommen wird und
das ist nur an den einzelnen Gegenständen entweder vermittelst der Sinne oder
allgemein durch die notwendige Verbindung der Vorstellungen selbst möglich
15 Weiter geht das Wissen von der Unvereinbarkeit des Zusammenbestehens
In Bezug auf Unvereinbarkeit und Widerspruch gegen das Zusammenbestehen kann
man einsehen dass jedes Ding einer jeden Art der ersten Eigenschaften nur eine
bestimmte solche Eigenschaft auf einmal haben kann So schließt zB jede
bestimmte einzelne Größe Gestalt Zahl der Theile oder Bewegung alle anderen
dieser Art aus Das Gleiche gilt unzweifelhaft von Jeder besonderen sinnlichen
Vorstellung der Sinne; die in einem Gegenstande vorhandene bestimmte Eigenschaft
schließt alle anderen derselben Art aus so kann zB kein Ding zwei Gerüche
oder zwei Farben gleichzeitig haben Man wendet vielleicht ein dass ein Opal
und der Aufguss von Gichtholz gleichzeitig zwei Farben habe allein solche
Körper mögen wohl für Augen die an verschiedenen Orten sich befinden
gleichzeitig verschiedene Farben zeigen und in diesem Fall sind es auch
verschiedene Theile des Gegenstandes, die sich in den verschieden gestellten
Augen wiederspiegeln und deshalb ist es nicht ein und derselbe Teil des
Körpers, also nicht derselbe Gegenstand, der zugleich gelb und blau aussieht
denn es ist so unmöglich dass dasselbe Teilchen des Körpers gleichzeitig die
Lichtstrahlen in verschiedener Weise zurückwerfen sollte wie dass es
gleichzeitig zwei verschiedene Gestalten und Gewebe haben sollte
16 Das Wissen von dem Zusammenbestehen der Kräfte ist nur gering Aber
in Bezug auf die Kräfte wodurch Substanzen die sinnlichen Eigenschaften anderer
Körper verändern die viel untersucht werden und einen beträchtlichen Zweig des
Wissens bilden dürfte unser Wissen wenig weiter als unsere Erfahrung reichen
Man wird hier schwerlich viel davon entdecken noch erkennen dass diese Kräfte
in einem Gegenstande durch die Verbindung mit einer Vorstellung bestehen die
für uns dessen Wesen ausmacht Denn die tätigen und leidenden Kräfte der Körper
und die Art ihrer Wirksamkeit beruhen auf einem Gewebe und einer Bewegung der
Teilchen die unerreichbar für uns sind deshalb kann man nur selten ihre
Abhängigkeit oder ihren Gegensatz in Bezug auf die Vorstellungen entdecken
welche unsere Gesamtvorstellung dieser Art von Dingen bilden Ich bin hier auf
die KorpuskularHypothese eingegangen da diese am besten die Eigenschaften der
Körper zu erklären vermag und bei der Schwäche des menschlichen Verstandes wird
man kaum eine andere an deren Stelle setzen können welche die notwendige
Verbindung und das Zusammenbestehen der Kräfte die in einzelnen Arten vereint
angetroffen werden, vollständiger und klarer darlegen könnte In jedem Falle
wird auch durch die klarste und richtigste Hypothese worüber ich hier nicht zu
entscheiden habe unser Wissen von körperlichen Substanzen wenig weiter gebracht
werden so lange man nicht sieht welche Eigenschaften und Kräfte der Körper mit
einander in einer entsprechenden Verbindung oder in einem Gegensatze stehen Das
ist bei dem jetzigen Stand der Wissenschaft noch wenig der Fall und mit den
Vermögen die wir haben werden wir schwerlich unser allgemeines Wissen also
nicht die Erfahrung) in diesem Zweige viel weiter bringen Hier müssen wir uns
hauptsächlich auf die Erfahrung verlassen und in dieser hätte mehr geschehen
sollen Durch die edlen Anstrengungen weiser Männer ist auf diesem Wege der
vorhandene Vorrat der Naturerkenntnis erworben worden und wenn Andere
namentlich die Chemiker so sorgsam in ihren Beobachtungen und wahr in ihren
Berichten wären als es sich für Männer der Wissenschaft ziemt so wurde unsere
Bekanntschaft mit den uns hier umgebenden Körpern und unser Einblick in ihre
Kräfte und Wirksamkeit viel grösser sein
17 Unser Wissen von den Geistern ist noch geringer Wenn wir schon über
die Kräfte und Wirksamkeit der Körper nur wenig wissen so lässt sich erwarten
dass wir in Bezug auf die Geister noch mehr im Dunkeln tappen werden Wir haben
von ihnen keine anderen Vorstellungen als die welche wir von unserer eigenen
Seele durch Beobachtungen soweit abnehmen als es möglich ist Allein ich habe
schon anderwärts angedeutet dass die unsere Körper bewohnenden Geister nur eine
unbedeutende Stelle unter den mannichfachen und wahrscheinlich unzähligen Arten
edlerer Wesen einnehmen und dass sie gegen die Cherubim und Seraphim und die
zahllosen Geister über uns nach ihren Anlagen und Vollkommenheiten sehr
zurückstehen
18 Wie weit unser Wissen nach anderen Beziehungen geht ist nicht leicht
anzugeben In der dritten Art unseres Wissens nämlich von der Übereinstimmung
oder Nichtübereinstimmung unserer Vorstellungen nach irgend anderen Beziehungen
ist das Feld des Wissens am ausgedehntesten und deshalb schwer zu bestimmen,
wie weit es geht Die Fortschritte hier hängen von unserem Scharfsinn in
Ausfindung der Zwischenvorstellungen ab welche die Beziehungen und Richtungen
der Vorstellungen, abgesehen von ihrem wirklichen Zusammenbestehen darlegen
deshalb ist hier schwer zu sagen wann wir an der Grenze der Entdeckungen
anlangen werden und wann die Vernunft alle die Hilfsmittel so weit sie vermag
gewonnen haben wird deren sie zur Auffindung der Beweise und Grundsätze der
Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung bedarf Wer die Algebra nicht kennt
kann die Wunder die hier geschaffen worden sind, sich nicht vorstellen und so
Kann man schwer bestimmen welche weiteren Verbesserungen und Hilfsmittel der
menschliche Scharfsinn auch in anderen Gebieten des Wissens noch entdecken wird
Wenigstens sind die Vorstellungen der Größe nicht allein des Beweises und
Wissens fähig auch in anderen nützlichen Gebieten könnte die Gewissheit
erreicht werden wenn nicht die Leidenschaften Laster und vorherrschenden
Interessen solche Vorsicht hemmten und bedrohten
In der Moral sind Beweise möglich Die Vorstellung eines höchsten Wesens
von unendlicher Macht Güte und Weisheit dessen Werk wir sind und von dem wir
abhängen und die Vorstellung unserer selbst als vernünftiger Wesen welche
Vorstellungen so klar sind bieten bei gehöriger Betrachtung und Untersuchung
solche Grundlagen für unsere Pflichten und für die Regeln des Handelns dass die
Moral dadurch zu den Wissenschaften die des Beweises fähig sind erhoben werden
kann. Gewiss wurden auch hier von selbstverständlichen Sätzen aus vermittelst
der Folgerungen so sicher wie in der Mathematik die Grenzen von Recht und
Unrecht von Denen dargelegt werden können, die ihnen dieselbe Unbefangenheit und
Aufmerksamkeit wie anderen Wissenschaften zuwenden Die Beziehungen zwischen den
Besonderungen dürften hier ebenso sicher wie bei den Zahlen und der Ausdehnung
erfasst werden können, und ich sehe nicht ein weshalb hier nicht ebenso gut ein
Beweis anwendbar sein soll wenn man nur in gehöriger Weise an die Prüfung und
Beobachtung der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung der Vorstellungen
ginge Wo es kein Eigentum gibt da gibt es auch kein Unrecht dies ist ein
Satz so sicher wie irgend ein Lehrsatz im Euklid denn die Vorstellung des
Eigentums ist das Recht auf eine Sache und die Vorstellung, die Unrecht
genannt wird ist der Einbruch in dieses Recht oder seine Verletzung Bei
solcher Feststellung der Vorstellungen und der ihnen gegebenen Namen kann die
Wahrheit dieses Satzes ebenso sicher erkannt werden, als dass die drei Winkel
des Dreiecks zweien rechten gleich sind. Ebenso bezeichnet in dem Satze »Kein
Staat genießt unbedingte Freiheit« das Wort Staat die Einrichtung einer
Gesellschaft nach gewissen Regeln und Gesetzen denen man sich fügen muss und
die Vorstellung einer unbedingten Freiheit bedeutet dass man tun kann was
beliebt Hiernach kann die Wahrheit dieses Satzes ebenso sicher eingesehen
werden wie die irgend eines Satzes in der Mathematik.
19 Zweierlei hat die entgegengesetzte Meinung veranlasst die große
Zusammensetzung der moralischen Begriffe und der Mangel an sinnlichen
Gegenständen dafür Wenn die Vorstellungen der Größen hier in Vorteil
gekommen und allein des Beweises und der Gewissheit für fähig erachtet worden
sind, so kommt dies erstens davon dass sie durch sichtbare Zeichen dargestellt
und befestigt werden können, die ihnen näher stehen als die bloßen Worte und
Laute Die auf dem Papier verzeichneten Figuren sind Abbilder der Vorstellungen
und sind der Unsicherheit die der Bedeutung der Worte anhaftet nicht
unterworfen Ein hingezeichneter Winkel Kreis oder ein Viereck liegt dem Blick
offen vor und kann nicht missverstanden werden sie bleiben unverändert und
können mit Müsse betrachtet und geprüft werden der Beweis kann durchgegangen
und alle seine Theile können wiederholt untersucht werden ohne dass man zu
fürchten braucht dass die Vorstellungen sich verändern Dies ist bei
moralischen Begriffen unmöglich es fehlen hier solche sinnliche Zeichen für
ihre Festhaltung es sind nur Worte für ihre Bezeichnung vorhanden die zwar in
der Schrift sich nicht verändern aber doch die Veränderung der Vorstellungen in
demselben Menschen nicht hindern und meist sind sie bei verschiedenen Personen
auch selbst verschieden
Zweitens kommt die größere Schwierigkeit bei sinnlichen Fragen von der
größeren Zusammensetzung der meisten sinnlichen Begriffe im Vergleich zu den in
der Mathematik gewöhnlich behandelten Figuren Daraus ergeben sich die
Übelstände 1 dass die Worte für jene eine schwankendere Bedeutung haben
indem man sich über die bestimmte Zahl der einfachen Vorstellungen, die sie
bezeichnen nicht so leicht vereinigt und daher das im Gespräch immer und im
Denken oft gebrauchte Zeichen nicht immer dieselbe Vorstellung bedeutet Hieraus
entspringt dieselbe Unordnung Verwirrung und Unwahrheit als wenn man bei dem
Beweise für ein Siebeneck in der betreffenden Figur eine Ecke weglässt oder aus
Unachtsamkeit eine mehr hinzeichnet als man bei der ersten Überdenkung des
Beweises im Sinne hatte Bei verwickelten moralischen Begriffen kommt das oft
vor es ist da kaum zu vermeiden wo zu demselben Worte das eine Mal ein Winkel
dh eine einfache Vorstellung ausgelassen und das andere Mal zu viel zugesetzt
wird 2 Aus dieser Verwickelung der moralischen Begriffe folgt weiter dass
diese Begriffe sich nicht leicht so genau behalten lassen als die vollständige
Prüfung ihrer Richtungen auf einander und ihrer Verbindungen Übereinstimmungen
oder Nichtübereinstimmungen zu einander erfordert namentlich wenn dies durch
lange Ausführungen und die Vermittlung anderer verwickelter Begriffe geschehen
muss Hier zeigt sich die große Hülfe welche die Mathematiker in ihren Zeichen
und Figuren haben denn ohnedem würde das Gedächtnis sie schwerlich so genau
behalten wenn die Theile Schritt vor Schritt durchgegangen werden müssten um
ihre Übereinstimmung zu prüfen Bei dem ausrechnen großer Zahlen durch
Addition Multiplikation oder Division ist jeder Teil allerdings nur ein
Schritt der Seele die ihre eigenen Vorstellungen dabei beschaut und ihre
Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung erfasst die Lösung der Aufgabe ist
nur das Ergebnis der aus solchen Teilen die die Seele klar erfasst
bestehenden ganzen Arbeit Allein wenn die einzelnen Theile nicht ihre
sinnlichen Zeichen erhielten deren Bedeutung bekannt ist und wenn diese
Zeichen nicht sichtbar blieben trotzdem dass das Gedächtnis sie hat
entschlüpfen lassen so würde das Festhalten so vieler Vorstellungen der Seele
nicht möglich sein es würden einzelne Theile der Rechnung verwechselt oder
ausgelassen und damit die ganze Arbeit vergeblich werden Die Ziffern und
Zeichen dienen zwar keineswegs zur Erkenntnis der Übereinstimmung zweier oder
mehrerer Zahlen ihrer Gleichheit und ihres Verhältnisses diese gewinnt die
Seele nur durch die Anschauung ihrer Zahlenvorstellungen selbst allein diese
Zahlzeichen unterstützen das Gedächtnis in Festhaltung oder Zurückweisung der
Vorstellungen, in denen der Beweis geführt wird und man ersieht daraus wohin
die äußerliche Erkenntnis der einzelnen Stücke im Fortgange führt Man kann
deshalb ohne Verwirrung zu dem noch Unbekannten vorschreiten und zuletzt mit
einem Blick das Ergebnis all dieser Auffassungen und Gründe überschauen
20 Hilfsmittel gegen diese Schwierigkeiten Ein Teil dieser
Übelstände bei den moralischen Begriffen weshalb man sie nicht für beweisbar
hält kann durch Definitionen welche die Verbindung der einfachen Vorstellungen
darlegen die die einzelnen Ausdrücke bezeichnen und durch einen stetigen
dieser Aufzählung genau entsprechenden Gebrauch derselben nicht beseitigt
werden Auch kann man nicht vorhersagen welche Verfahrungsweisen die Algebra
oder andere ähnliche Wissenschaften später für die Beseitigung dieser
Schwierigkeiten darbieten werden Sicherlich würde wenn man in der gleichen
Weise und mit derselben Unbefangenheit die moralischen Fragen behandeln wollte
wie es mit den mathematischen geschieht sich zeigen dass sie in engerer
Verbindung mit einander stehen sich aus unseren klaren und deutlichen Begriffen
bestimmter ableiten lassen und den bewiesenen Wahrheiten näher kommen würden
als man gewöhnlich annimmt Indes wird sich schwerlich viel davon
verwirklichen denn die Begierde nach Ehre Reichtum und Macht verleitet die
Menschen sich mit den gutausgestatteten Ansichten wie sie gerade Mode sind zu
vermählen und nach Gründen zu suchen die ihre Schönheit auch tugendhaft machen
oder ihre Hässlichkeit durch Schminke ganz verhüllen sollen denn Nichts ist für
das Auge so schön wie die Wahrheit für die Seele und Nichts ist so hässlich und
abstoßend für den Verstand als die Lüge Mancher gesteht sich im Stillen mit
Befriedigung dass seine Frau nicht schön ist aber Niemand ist so dreist offen
einzuräumen dass er mit der Unwahrheit sich vermählt und in sein Herz ein so
hässliches Ding wie die Lüge eingeschlossen habe Wenn alle Parteien ihre
Glaubenssätze allen Leuten einpfropfen die sie erreichen können und ihnen
deren Prüfung nicht gestatten und wenn man der Wahrheit kein freies Spiel in
der Welt gewährt und die Menschen nicht danach suchen lässt welche Fortschritte
lassen sich da erwarten Wie kann man da eine Besserung in den
MoralWissenschaften hoffen Der unterworfene Teil der Menschheit würde beinahe
überall statt solcher Besserung neben einer ägyptischen Sklaverei auch einer
ägyptischen Finsternis gewärtig sein müssen hätte der Herr nicht in der Seele
des Menschen ein Licht angezündet welches der Atem und die Macht der
Gewalthaber nicht ganz ersticken kann
21 4 Bezüglich des wirklichen Daseins hat man ein anschauliches Wissen
von dem eigenen Dasein ein beweisbares von Gottes Dasein und ein wahrnehmbares
von einigen anderen Dingen Was die vierte Art unseres Wissens anlangt nämlich
die von dem wirklichen Sein der Dinge, so hat man ein anschauliches Wissen von
seinem eigenen Dasein und ein beweisbares Wissen von dem Dasein Gottes Von dem
Dasein sonstiger Dinge haben wir nur ein wahrnehmendes Wissen welches sich
nicht weiter als die von den Sinnen wahrgenommenen Dinge erstreckt
22 Unser Nichtwissen ist groß Da unser Wissen so beschränkt ist wie
ich gezeigt habe so wird der jetzige Zustand unserer Seele vielleicht einiges
Licht erhalten wenn ich ein wenig nach der dunklen Seite blicke und unser
Nichtwissen überschaue Es ist unendlich viel ausgedehnter als unser Wissen.
Dies mag die Streitigkeiten stillen helfen und zur Verbesserung des Wissens
beitragen Denn wenn man weiß wie weit sich die klaren und deutlichen
Vorstellungen erstrecken so kann man sein Denken auf die Dinge beschränken die
in dem Bereich unseres Wissens liegen und braucht sich nicht in jenen Abgrund
voll Dunkelheit zu stürzen wo man keine Augen zu sehen und keine Vermögen
Etwas zu begreifen hat bloß weil man sich anmaßt dass Nichts unsere
Fassungskraft übersteige Um die Torheit solcher Meinung darzulegen braucht
man nicht weit zu gehen Wer irgend Etwas weiß weiß damit vor Allem dass er
nicht weit für Beispiele seiner Unwissenheit zu suchen braucht Die gemeinsten
und augenfälligsten Dinge die uns in den Weg kommen haben ihre dunklen Seiten
in welche das schärfste Auge nicht eindringen kann Bei jedem Stoffteilchen
befindet sich der klarste und ausgedehnteste Verstand denkender Männer in
Verlegenheit und man wird sich darüber um so weniger wundern wenn man die
Ursachen unserer Unwissenheit erwägt Es sind deren nach dem Bisherigen drei 1
der Mangel an Vorstellungen 2 der Mangel einer entdeckbaren Verbindung unserer
Vorstellungen; 3 der Mangel in Auffindung und Prüfung unserer Vorstellungen.
23 1 Die fehlenden Vorstellungen sind entweder solche von denen man
keinen Begriff hat oder solche die man im Einzelnen nicht hat Erstens gibt
es Dinge und zwar sehr viele die man nicht weiß weil die Vorstellungen
mangeln Denn 1 sind alle unsere einfachen Vorstellungen wie ich gezeigt habe
auf die von körperlichen Gegenständen durch die Sinne empfangenen und auf die
von der Tätigkeit der eigenen Seele als den Gegenständen der
Selbstwahrnehmung beschränkt Dass diese wenigen und engen Einlasse nicht dem
ganzen weiten Umfang alles Seienden entsprechen werden Die leicht einsehen
welche nicht gleich Narren ihre Spanne Verstand für das Maß aller Dinge
halten Welche anderen einfachen Vorstellungen möglicherweise die Geschöpfe an
anderen Orten des Weltalls, vermittelst zahlreicherer oder vollkommenerer Sinne
und Vermögen als die unsrigen haben lässt sich nicht bestimmen aber wenn man
sagt oder denkt dass dies nicht der Fall sei weil man sie sich nicht
vorstellen könne so gleicht dieser Grund dem wo ein Blinder behauptet es gäbe
kein Sehen und keine Farben weil er von solchen Dingen durchaus keine
Vorstellung habe und sich keinen Begriff über das Sehen bilden könne Unsere
Unwissenheit und Finsternis hindert oder beschränkt das Wissen Anderer so
wenig wie die Blindheit des Maulwurfs das schärfe Gesicht des Adlers Bedenkt
man die grenzenlose Macht Weisheit und Güte des Schöpfers in allen Dingen so
wird man nicht glauben dass Alles für ein so unbeträchtliches geringes und
ohnmächtiges Wesen wie der Mensch ist offengelegt sein müsse der aller
Wahrscheinlichkeit nach zu den niedrigsten geistigen Wesen gehört Wir wissen
daher nicht, welche Vermögen andere Geschöpfe haben um in die Natur und
innerste Verfassung der Dinge einzudringen und welche von den unsrigen ganz
verschiedene Vorstellungen sie davon empfangen mögen Aber so viel wissen wir
mit Gewissheit dass uns viele Anschauungen neben den unsrigen fehlen um die
Dinge vollkommener zu erfassen auch werden die durch unsere Vermögen gewonnenen
Vorstellungen überdem den Dingen selbst nicht eben genau entsprechen da schon
die einheitliche klare und deutliche Vorstellung der Substanz, welche die
Grundlage aller andern bleibt uns versagt ist Indes kann der Mangel solcher
Vorstellungen, der ein Teil und eine Ursache unseres Nichtwissens ist nicht
bestritten werden nur so viel lässt sich sagen dass hier die sinnliche und die
geistige Welt einander ganz gleich stehen und dass Das was wir von beiden
wahrnehmen in keinem Verhältnis zu dem Nichtwahrgenommenen steht und dass das
mit unserem Sinnen oder Denken Erfasste nur ein Punkt ist und beinahe Nichts im
Vergleich zu dem Übrigen
24 Wegen ihrer Entfernung Zweitens liegt eine andere große Ursache
unserer Unwissenheit in dem Mangel solcher Vorstellungen deren wir an sich
fähig sind Der Mangel an Vorstellungen für die wir überhaupt nicht die
Vermögen besitzen schließt uns ganz von der Wahrnehmung der Dinge aus die
vollkommenere Wesen wahrscheinlich kennen und von denen wir Nichts wissen
dagegen hält der Mangel der Vorstellungen, von denen ich jetzt spreche uns in
Unwissenheit über Dinge die wir wissen könnten So haben wir die Vorstellungen
der Größe Gestalt und Bewegung allein trotz dieser Vorstellungen von den
ersten Eigenschaften der Körper im Allgemeinen wissen wir doch die besondere
Größe Gestalt und Bewegung von den meisten einzelnen Körpern des Weltalls
nicht und ebenso wenig die Kräfte Wirksamkeiten und die Wege derselben
wodurch die Wirkungen, die wir täglich sehen hervorgebracht werden. Manches
davon bleibt aus verborgen weil es zu entfernt ist Anderes weil es zu klein
ist Gegenüber den weiten Entfernungen der bekannten und sichtbaren Theile der
Welt und in Erwägung dass das in unseren Gesichtskreis Fallende nur einen
kleinen Teil des Weltalls ausmacht zeigt sich ein ungeheurer Abgrund von
Nichtgewusstem Welche besonderen Einrichtungen in den großen Stoffmaßen für
die staunenswerten Gestaltungen der körperlichen Dinge bestehen wie weit sie
reichen wie ihre Bewegung geht und sich mittheilt und wie sie einander
beeinflussen sind Betrachtungen in die bei deren erstem Auftreten schon unser
Denken sich verliert Beschränkt man den Gesichtskreis und denkt man nur an die
kleine Abtheilung welche unser Sonnensystem ausmacht und die großen
Stoffmaßen die sich hier sichtbar um die Sonne bewegen so zeigt sich wie
mancherlei Arten von Pflanzen Tieren und geistigkörperlichen Wesen weit
verschieden von denen auf unserer Erde auf anderen Planeten bestehen mögen von
denen wir nicht einmal die Gestalt und äußeren Theile wissen können so lange
wir an diese Erde gebannt sind da weder die Sinnes noch Selbstwahrnehmung ein
Mittel bietet Vorstellungen davon unserer Seele zuzuführen Alles das liegt
außer dem Bereich der Kanäle unseres Wissens und wie die Bewohner dieser
Wohnungen beschaffen sein mögen kann man nicht einmal erraten geschweige klar
und deutlich sich vorstellen
25 Oder wegen ihrer Kleinheit Wenn ein großer und vielleicht der
größte Teil der verschiedenen Klassen von Körpern des Weltalls unserem Wissen
durch deren Entfernung entzogen ist so bleiben uns andere nicht weniger durch
ihre Kleinheit verborgen Jene unsichtbaren Körperchen bilden die tätigen
Theile des Stoffes und das bedeutendste Werkzeug der Natur; von ihnen hängen
nicht allein alle zweiten Eigenschaften ab sondern auch die meisten ihrer
natürlichen Wirksamkeiten allein es fehlen uns die genauen Vorstellungen ihrer
ersten Eigenschaften und so bleiben wir in einer unheilbaren Unwissenheit über
Das was sie betrifft Vermöchte man die Gestalt Größe das Gewebe und die
Bewegung der kleinsten Theile zweier Körper zu entdecken so würde man auch ohne
Versuche manche ihrer Einwirkungen auf einander ebenso kennen wie es jetzt mit
denen eines Vierecks oder Dreiecks der Fall ist. Wenn man die mechanischen
Einwirkungen der Teilchen des Rhabarber des Schierlings des Opiums und des
Menschen kennte so wie der Uhrmacher die Theile in seinen Uhren vermittelst
welcher sie wirken und die einer Feile kennt durch deren Reiben die Gestalt
der Räder geändert wird so würde man vorhersagen können dass Rhabarber
abführt Schierling tötet und Opium einschläfert wie der Uhrmacher vorhersagen
kann dass ein Stückchen Papier was zwischen die Uhrfeder gelegt wird die Uhr
so lange zum Stehen bringen wird bis es weggenommen ist und dass, wenn ein
kleines Stück der Uhr abgefeilt wird die Maschine ihre Bewegung verlieren und
die Uhr stillstehen werde Weshalb Silber in Scheidewasser und Gold in
Königswasser sich auflöst aber nicht umgekehrt würde dann vielleicht ebenso
gut angegeben werden können, wie jetzt ein Schmied angeben kann weshalb dieser
Schlüssel das Schloss öffnet und der andere nicht Da oft unsere Sinne nicht
scharf genug sind um die kleinsten Körperteilchen zu erkennen und uns
Vorstellungen von deren mechanischen Einwirkungen zu geben so müssen wir auch
in Unwissenheit über ihre Eigenschaften und Wirksamkeiten bleiben und wir
kommen hier nicht über Das hinaus was einzelne Versuche erreichen lassen ohne
dass man weiß ob sie in einem anderen Falle wieder eintreffen Das hindert das
sichere Wissen der allgemeinen Wahrheiten über die Naturkörper und unsere
Vernunft führt uns nur wenig über einzelne besondere Tatsachen hinaus
26 Deshalb gibt es keine Wissenschaft von den Körpern.) Ich möchte
deshalb zweifeln ob trotz aller Fortschritte der Menschheit in Erfindungen und
den Erfahrungskenntnissen bezüglich der Natur die wissenschaftliche Erkenntnis
derselben je erreicht werden wird da wir nicht einmal vollständige und
entsprechende Vorstellungen von den Körpern haben die uns am nächsten und
unserem Willen am meisten untertan sind Von allen denen die wir in Klassen
geordnet und benannt haben und mit denen wir uns für am meisten vertraut
halten haben wir nur unvollständige Vorstellungen Allerdings haben wir
bestimmte Vorstellungen der Arten von Körpern welche von den Sinnen geprüft
werden können, aber schwerlich entsprechende Vorstellungen von einem einzigen
Jene Vorstellungen mögen für den täglichen Bedarf und Verkehr genügen allein da
die entsprechenden Vorstellungen uns abgehen so ist eine wissenschaftliche
Erkenntnis und die Entdeckung allgemeiner belehrender und unzweifelhafter
Wahrheiten über dieselben uns unmöglich Wir dürfen hier keine Sicherheit und
keine Beweise verlangen Vermittelst, der Farbe Gestalt des Geschmacks und
Geruchs und der übrigen sinnlichen Eigenschaften sind unsere Vorstellungen vom
Salbey und Schierling so klar und deutlich wie vom Dreieck und Kreise allein
wir kennen die besonderen ersten Eigenschaften der kleinsten Theile dieser
Pflanzen und anderer Körper auf die wir jene anwenden möchten nicht und
deshalb können wir auch ihre Wirkungen nicht voraussagen und selbst wenn wir
sie sehen können wir die Art der Hervorbringung nicht wissen ja nicht einmal
erraten Indem uns so die Vorstellungen von den besonderen mechanischen
Einwirkungen der kleinsten Theile von den in unserem Sinnenbereich befindlichen
Körpern abgehen kennen wir weder ihre Verfassung noch ihre Kräfte und
Wirksamkeiten und bezüglich der entfernteren Körper sind wir noch unwissender
da wir kaum ihre äußere Gestalt und die gröberen sinnlichen Theile ihrer
Zusammensetzung kennen
27 Noch weniger von den Geistern Dies zeigt zunächst wie ungenügend
unser Wissen schon für den ganzen Umfang der stofflichen Gegenstände ist dazu
kommt aber noch dass unzählige Geister bestehen mögen die wir noch weniger
kennen von denen wir keine Einsicht besitzen und nicht einmal die
verschiedenen Ordnungen und Arten derselben uns vorstellen können Deshalb ist
beinahe die ganze geistige Welt für uns in ein undurchdringliches Dunkel
gehüllt obgleich sie sicherlich großer und schöner als die stoffliche ist
Einige wenige und ich möchte sagen oberflächliche Vorstellungen über Geister
ausgenommen welche wir durch die Betrachtung unseres eigenen Geistes erlangen
und die daraus abgeleiteten höchsten Vorstellungen von dem Vater aller Geister
welcher der unabhängige Urheber ihrer unserer und aller Dinge ist haben wir
die Gewissheit von dem Dasein anderer Geister nur durch göttliche Offenbarung
Alle Engel sind natürlich für uns nicht erkennbar und alle jene Geister von
denen es mehr Rangordnungen wie bei den körperlichen Substanzen geben mag sind
Gegenstände von denen unsere natürlichen Kräfte uns gar keine Auskunft geben
Dass eine Seele und ein Denken bei anderen Menschen ebenso wie bei mir selbst
besteht kann ich aus deren Worten und Handlungen abnehmen und die Erkenntnis
der eigenen Seele führt notwendig zur Kenntnis von dem Dasein Gottes aber
kein Suchen und keine Kunst kann das Wissen von den verschiedenen Abstufungen
der Geister geben die zwischen uns und dem großen Gott bestehen und noch
weniger kennen wir ihre verschiedenen Naturen Bedingungen Zustände Kräfte und
Verfassungen durch die sie sich von einander und von uns unterscheiden wir
befinden uns deshalb über ihre Arten und Eigenschaften in vollständiger
Unwissenheit
28 2 Der Mangel einer erkennbaren Verbindung zwischen unseren
Vorstellungen Zweitens Wir haben gesehen wie der Mangel an Vorstellungen
unser Wissen nur auf einen kleinen Teil der in der Welt vorhandenen Substanzen
beschränkt Daneben liegt eine nicht geringere Ursache unserer Unwissenheit in
dem Mangel der erkennbaren Verbindungen unserer Vorstellungen; denn wo diese
fehlt bleibt ein allgemeineres sicheres Wissen unmöglich Wir bleiben dann bei
den Substanzen nur auf die Beobachtung und die Versache angewiesen und ich
brauche nicht zu sagen wie enge und beschränkt dieses Wissen ist und wie weit
es von der Allgemeinheit entfernt bleibt Ich will hier nur einige Beispiele
anführen Es ist klar dass die Größe Gestalt und Bewegung der Körper rings um
uns die verschiedenen Empfindungen der Farben Töne Geschmäcke Gerüche der
Lust des Schmerzes usw in uns hervorbringen Diese mechanischen Einwirkungen
der Körper haben aber durchaus keine Verwandtschaft mit den Vorstellungen, die
sie in uns erregen denn es gibt keine begreifliche Verbindung zwischen dein
Stoß irgend eines Körpers und der Wahrnehmung irgend einer Farbe eines Geruchs
usw in der Seele und kann man deshalb über die Erfahrung hinaus kein
Wissen von diesen Wirksamkeiten haben sondern nur sagen dass diese Wirkungen
in Folge der Anordnung eines allweisen Wesens geschehen und unsere
Begriffsvermögen übersteigen Sowie unsere Vorstellungen der sinnlichen zweiten
Eigenschaften auf keine Weise aus körperlichen Ursachen abgeleitet noch eine
Verbindung oder Ähnlichkeit zwischen amen und den ersten Eigenschaften die
sie wie die Erfahrung zeigt veranlassen aufgefunden werden kann, so ist auch
auf der anderen Seite die Wirksamkeit der Seele auf den Körper nicht minder
unbegreiflich Wie ein Gedanke die Bewegung eines Körpers bewirken könne liegt
unseren Vorstellungen ebenso fern wie dass ein Körper einen Gedanken
hervorbringen kann Lehrte es uns nicht die Erfahrung, so würde die Betrachtung
der Dinge allein es uns nie erkennen lassen Obgleich hier also eine
regelmäßige und feste Verbindung im gewöhnlichen Lauf der Dinge besteht so ist
sie doch in den Vorstellungen selbst nicht zu entdecken vielmehr zeigt sich
jede selbstständig und deshalb kann man ihre Verbindung nur aus dem freien
Beschluss jenes allweisen Wesens ableiten das sie geschaffen und ihr Wirken so
bestimmt hat wie wir mit unserem schwachen Verstande zu begreifen unvermögend
sind
29 Beispiele Bei manchen Vorstellungen sind gewisse Beziehungen
Richtungen und Verbindungen so sichtbar in ihrer Natur selbst enthalten dass
man sie für ganz untrennbar halten muss Nur hier ist ein sicheres und
allgemeineres Wissen möglich So führt die Vorstellung eines geradlinigen
Dreiecks notwendig zur Gleichheit seiner Winkel mit zwei rechten Dabei kann
man sich nicht vorstellen dass diese Beziehung und Verbindung beider
Vorstellungen je geändert werden oder bloß von einem Belieben abhängen könnte
was es so oder auch anders hätte einrichten können Dagegen können wir in dem
Zusammenhange und der Stetigkeit der Stoffteile in dem Entstehen der
Empfindungen von Farben Tönen usw in uns durch Stoß und Bewegung ja in den
ursprünglichen Gesetzen der Bewegung und ihrer Mittheilung keine Verbindung
unserer Vorstellungen derselben entdecken und müssen sie deshalb nur dem
willkürlichen Beschluss und Gutbefinden des weisen Baumeisters zuschreiben Ich
erwähne hier nicht der Auferstehung von den Toten des künftigen Zustandes
dieser Erde und Anderes welches anerkanntermaßen lediglich von dem Beschlüsse
eines freien Wesens abhängt Wo so weit unsere Erfahrung reicht eine
regelmäßige Wirksamkeit der Dinge besteht da mag man sie von einem bestehen den
Gesetze ableiten aber doch nur von einem Gesetze das wir nicht kennen die
Ursache mag hier gleichmäßig wirken und die Folge regelmäßig daraus
abfließen allein da ihre Verbindung und Abhängigkeit in unseren Vorstellungen
nicht erkennbar ist so ist hier nur ein ErfahrungsWissen möglich Aus alledem
ergibt sich in welche Dunkelheit wir eingehüllt sind und wie wenig wir von
dem Sein und den Dingen zu wissen vermögen Wir tun deshalb unserem Wissen kein
Unrecht wenn wir uns bescheiden dass wir weder die ganze Natur des Weltalls
und aller in ihm enthaltenen Dinge erfassen noch eine wissenschaftliche
Erkenntnis der uns umgebenden und einen Teil von uns ausmachenden Körper
erreichen können und dass selbst von ihren zweiten Eigenschaften Kräften und
Wirksamkeiten ein allgemeines Wissen nicht erlangt werden kann. Vieles fällt
täglich in den Bereich unserer Sinne und so weit hat man davon eine sinnliche
Kenntnis allein die Ursachen, Weisen und die Gewissheit dieser Vorgänge
bleiben uns aus den erwähnten zwei Gründen unerreichbar Hier kann man nicht
weiterkommen als die Erfahrung uns über die Tatsachen belehrt und die Analogie
uns vermuten lässt dass gleiche Körper in gleicher Lage auch gleiche Wirkungen
haben werden Dagegen liegt ein vollkommenes Wissen der Naturkörper selbst
abgesehen von den Geistern unserem Vermögen so fern, dass ich alle Mühe darum
für rein verloren halte
30 3 Der Mangel an Auffindung unserer Vorstellungen.) Drittens können
wir selbst da wo wir entsprechende Vorstellungen haben und wo eine sichere und
erkennbare Verbindung zwischen ihnen besteht oft unwissend bleiben weil wir
die Vorstellungen, die wir haben oder haben könnten nicht auffinden und weil
das auch für die vermittelnden Vorstellungen gilt die uns zeigen welche
Richtung auf Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung unter ihnen besteht So
verstehen Viele Nichts von der Mathematik; nicht aus Unvollkommenheit ihrer
Anlagen oder Ungewissheit des Gegenstandes, sondern weil sie nicht den gehörigen
Fleiß in Erwerb Prüfung und gehöriger Vergleichung dieser Vorstellungen
angewendet haben Der falsche Gebrauch der Worte mag hier am meisten die
Auffindung dieser Vorstellungen gehindert haben Niemand kann wahrhaft versuchen
oder sicher ausfinden ob Vorstellungen mit einander stimmen oder nicht wenn
seine Gedanken unstet umherfliegen oder an zweideutigen und schwankenden Worten
hängen bleiben Dadurch dass die Mathematiker ihre Gedanken von den Worten
abgewendet und sich an die Betrachtung der zu untersuchenden Vorstellungen
selbst gewöhnt haben und nicht an die bloßen Laute haben sie viel von jenen
Schwierigkeiten jenem Mischmasch und Verwirrung vermieden die den Fortschritt
der andern Wissenschaften so gehindert haben Wenn man an unsichere und
zweideutige Worte sich heftet kann man in seinen Ansichten die Wahrheit von dem
Irrtum das Gewisse von dem Wahrscheinlichen das Verträgliche von dem
Unverträglichen nicht unterscheiden Viele gelehrte Männer haben dieses
Schicksal oder Unglück gehabt und deshalb ist der Zuwachs in dem Vorrat wahrer
Kenntnisse nur gering geblieben wenn man damit die Schulen Streitigkeiten und
Bücher vergleicht von denen die Welt angefüllt worden ist. Indem die Schüler
sich in den dichten Wald von Worten verloren wussten sie nicht mehr wo sie
waren wie weit ihre Kenntnisse reichten und was noch in ihnen und in dem
allgemeinen Vorrat des Wissens fehlte Wenn man bei der Entdeckung der
stofflichen Welt so wie bei der geistigen Welt verfahren wäre wenn man sich in
die Dunkelheit schwankender und zweideutiger Ausdrucksweisen gehüllt wenn man
nur Bücher über Schifffahrt und Seewesen geschrieben hätte und Theorien und
Geschichten über Erdzonen und Ebbe und Flut zu Tage gefördert und sich darüber
gestritten hätte ja wenn mm selbst Schiffe gebaut und Flotten ausgesendet
hätte so wurde das uns doch nie den Weg über den Äquator hinaus gezeigt haben
und die Gegenfüßler würden heute noch so unbekannt sein als zu der Zeit wo es
für Ketzerei galt an solche zu glauben Dies mag genug sein in Bezug auf die
Worte und deren leichtsinnigen Gebrauch
31 Die Ausdehnung des Wissens in Bezug auf seine Allgemeinheit Bisher
habe ich die Ausdehnung des Wissens in Rücksicht auf die verschiedenen
vorhandenen Dinge untersucht Indes besteht noch eine andere Ausdehnung
desselben in Bezug auf seine Allgemeinheit die ebenfalls der Betrachtung wert
ist Hier folgt das Wissen der Natur unserer Vorstellungen. Wenn die
Vorstellungen allgemein sind um deren Übereinstimmung oder
Nichtübereinstimmung es sich handelt so ist auch das Wissen allgemein denn was
man durch solche allgemeine Vorstellungen weiß gilt von jedem einzelnen Dinge
in dem dieses Wissen dh die allgemeine Vorstellung sich findet und das was
man einmal an einer solchen Vorstellung erkannt hat bleibt wahr für immer
Deshalb muss das allgemeine Wissen lediglich in unserer Seele gesucht und
aufgefunden werden und nur durch Prüfung unserer eigenen Vorstellungen kann
man sich dasselbe verschaffen Die das Wesen der Dinge dh die allgemeinen
Vorstellungen betreffenden Wahrheiten gälten ewig und können nur durch
Betrachtung dieses Wesens aufgefunden werden sowie das Dasein der Dinge sich
bloß durch Erfahrung kennen lernen lässt Da ich hierüber noch mehr in dem
Kapitel über allgemeines und wirkliches Wissen zu sagen habe so mag hier dies
über die Allgemeinheit unseres Wissens Gesagte vorläufig genügen
1 Der Einwand dass alles Wissen da es nur Vorstellungen behandelt
bloßer Schein sei Ich fürchte meine Leser mögen schon lange gemeint haben
dass ich nur an einem Luftschlosse baue und dass sie mir sagen »Wozu all dies
Bemühen Das Wissen ist nach Ihnen nur die Auffassung von der Übereinstimmung
oder Nichtübereinstimmung unserer eigenen Vorstellungen allein wer weiß denn
was diese Vorstellungen sind Gibt es etwas Maßloseres als die
Einbildungskraft des Menschen Wo ist der Mann der nicht Chimären in seinem
Kopfe hat Und wenn es einen mäßigen und weisen Mann gibt wie unterscheidet
sich denn nach Ihren Regeln sein Wissen von dem der ausgelassensten Phantasie
Beide haben ihre Vorstellungen und beide erfassen deren Übereinstimmung oder
Nichtübereinstimmung Sind sie verschieden so ist der Vorteil jedenfalls auf
Seiten des heißblütigen Mannes der mehr und lebhaftere Vorstellungen hat und
daher nach Ihren Regeln auch ein größeres Wissen Wenn wirklich alles Wissen
nur in der Erfassung der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung der eigenen
Vorstellungen besteht so sind die Traumbilder eines Phantasten und die
Begründungen eines gesetzten Mannes gleich gewiss Kommt es nicht auf die Dinge
selbst an so genügt es zur Wahrheit und Gewissheit dass man nur die
Übereinstimmung seiner eigenen Phantasiegebilde beleuchte und demgemäß
spreche Dann sind solche Luftschlösser ebenso feste Burgen der Wahrheit wie die
Beweise des Euklid Dass eine Harpye kein Zentaurist bildet hiernach ein
sicheres Wissen und ist so wahr als dass der Kreis kein Viereck ist Was soll
aber all dieses feine Wissen um die eigenen Einbildungen für die Erfassung der
wirklich bestehenden Dinge nützen Es kommt nicht auf Das an was man sich
einbildet man verlangt nach der Erkenntnis der Dinge; nur diese geben unseren
Beweisen Werth und stellen das Wissen des einen Menschen über das des andern«
2 Ich antworte dass dies nicht der Fall wenn die Vorstellungen mit den
Dingen übereinstimmen Ich antworte darauf dass, wenn unser Wissen mit dem
Wissen der Vorstellungen endet und nicht weiter reicht so kann das ernsteste
Nachdenken darüber hinaus so wenig helfen wie die Träume eines verrückten
Gehirns die darauf gebauten Wahrheiten haben keine höhere Bedeutung als die
Reden eines Menschen welcher in seinen Träumen die Dinge deutlich erkennt und
darüber mit großer Sicherheit spricht Indes hoffe ich noch deutlich zu
zeigen dass dieser Weg zur Gewissheit vermittelst des Wissens der eigenen
Vorstellungen etwas mehr als bloße Einbildung ist und es wird sich finden
dass die Gewissheit aller allgemeinen Wahrheiten nur darauf beruht
3 Es ist klar dass die Seele die Dinge nicht unmittelbar kennt sondern
nur durch die Vorstellungen von ihnen Unser Wissen ist daher insoweit wirklich
als eine Übereinstimmung zwischen unseren Vorstellungen und der Wirklichkeit
der Dinge besteht Welches Kennzeichen gibt es aber hierfür Wie soll die
Seele wenn sie nur ihre eigenen Vorstellungen erfasst wissen dass sie mit den
Dingen selbst übereinstimmen Obgleich dies seine Schwierigkeit hat so gibt es
doch zwei Arten von Vorstellungen, von deren Übereinstimmung mit den Dingen man
überzeugt sein kann
4 Dies ist 1 bei allen einfachen Vorstellungen der Fall Die erste
bilden die einfachen Vorstellungen Denn da diese die Seele nicht selbst bilden
kann so müssen sie das Ergebnis der auf die Seele in natürlicher Weise
einwirkenden Dinge sein diese bringen darin die Wahrnehmungen hervor welche
die Weisheit und der Wille unseres Schöpfers bestimmt und eingerichtet hat
Hieraus folgt, dass die einfachen Vorstellungen keine Gebilde der Phantasie
sind sondern die regelmäßigen und natürlichen Erzeugnisse der äußeren Dinge
wenn sie auf uns wirken und alle die Übereinstimmung mit sich führen die
beabsichtigt ist oder die unsere Lage verlangt Denn sie stellen die Dinge in
den Erscheinungen uns dar zu deren Erzeugung sie geschickt sind und wir
vermögen dadurch die einzelnen Arten und Substanzen zu unterscheiden ihre
Zustände zu erkennen und sie so für unsere Bedürfnisse und unseren Nützen zu
verwenden So entspricht zB die Vorstellung des Weißen oder Bitteren in der
Seele genau der Kraft im dem Körper wodurch sie hervorgebracht wird und hat
damit wirklich all die Übereinstimmung, die sie mit den äußeren Dingen haben
kann oder soll Diese Übereinstimmung zwischen unseren einfachen Vorstellungen
und den bestehenden Dingen genügt für das wirkliche Wissen
5 2 Bei allen zusammengesetzten Vorstellungen, mit Ausnahme der
Substanzen Zweitens können alle zusammengesetzten Vorstellungen, die der
Substanzen ausgenommen nicht der Übereinstimmung ermangeln welche zum
wirklichen Wissen gehört Denn sie sind Urbilder welche die Seele selbst
gebildet hat und sollen keine Dinge darstellen noch auf das Dasein eines
solchen als ihres Urbildes sich beziehen was weiter nichts als sich selbst
darstellen soll kann aber niemals unrichtig darstellen oder von der richtigen
Auffassung eines Gegenstandes ablenken und der Art sind alle zusammengesetzten
Vorstellungen, mit Ausnahme derer von den Substanzen Sie sind wie ich früher
gezeigt habe Verbindungen von Vorstellungen, welche die Seele nach freier Wahl
vereint ohne auf deren Verbindungen in der Natur zu achten Deshalb gelten hier
diese Vorstellungen selbst als die Muster und bei den Dingen fragt man nur ob
sie ihnen entsprechen Deshalb, ist sicherlich alle erlangte Kenntnis von
diesen Vorstellungen eine wirkliche die Sache selbst erfassende und in allem
Denken Begründen und Sprechen hierüber meint man die Dinge nur so weit als sie
diesen Vorstellungen entsprechen Deshalb kann uns hier die sichere und
zweifellose Wirklichkeit nicht fehlen
6 Hierauf beruht die Wirklichkeit der mathematischen Wissenschaften Es
ist anerkannt dass die Kenntnis der mathematischen Wahrheiten nicht bloß ein
gewisses sondern auch ein wirkliches Wissen ist und nicht das leere Gebilde
nichtssagender Chimären des Gehirns Dennoch zeigt es sich bei näherer
Betrachtung nur als ein Wissen von unseren eigenen Vorstellungen. Der
Mathematiker betrachtet die Wahrheit und die Eigenschaften des Rechtecks oder
Kreises nur nach der Vorstellung, die davon in seiner Seele ist denn es kann
sein dass er niemals eines von beiden in mathematischer Weise dh genau wahr
in seinem Leben angetroffen hat Dennoch ist sein Wissen von den Wahrheiten und
Eigenschaften des Kreises oder einer anderen mathematischen Gestalt wahr und
gewiss und es gilt selbst von den daseienden Dingen weil diese nicht weiter
aufgefasst und in solchen Sätzen gemeint werden als sie den Mustern in der
Seele entsprechen Ist es von dem vorgestellten Dreieck wahr dass seine drei
Winkel zweien rechten gleich sind, so ist dies auch ebenso wahr für jedes
irgendwo bestehende Dreieck Eine daseiende Gestalt die nicht genau dieser
Vorstellung in der Seele entspricht wird bei diesem Lehrsatze nicht gemeint
und deshalb kann man sicher sein dass alles Wissen um solche Vorstellungen ein
wirkliches ist denn man meint die Dinge nur so weit als sie mit diesen
Vorstellungen stimmen und deshalb muss das was man von diesen weiß auch
gelten wenn sie stofflich bestehen da die Auffassung immer nur diesen
Vorstellungen gilt die dieselben bleiben wo sie auch bestehen mögen
7 Und auch der Moral Daraus folgt weiter dass auch das Wissen der
Moral der Gewissheit ebenso wie die Mathematik fähig ist Die Gewissheit besteht
nur in dem Erfassen der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung unserer
Vorstellungen; auch für die Beweise gilt dies sie sind nur durch
Zwischenvorstellungen vermittelt Nun sind aber die moralischen Vorstellungen
ebenso wie die mathematischen ihre eigenen Urbilder und daher entsprechende und
vollständige Vorstellungen deshalb ist jede in ihnen angetroffene
Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung ebenso wie bei den mathematischen
Figuren ein wirkliches Wissen
8 Das Dasein ist nicht nötig damit sie ein wirkliches Wissen seien
Zur Erlangung des Wissens und der Gewissheit gehören bestimmte Vorstellungen,
und soll das Wissen ein wirkliches sein so müssen die Vorstellungen ihren
Urbildern entsprechen Auch darf es nicht auffallen dass ich die Gewissheit
unseres Wissens in die Auffassung unserer Vorstellungen verlege ohne dabei das
wirkliche Dasein, der Dinge wie es scheinen könnte zu beachten denn die
meisten jener Ausführungen welche das Denken beschäftigen und zu den
Streitigkeiten zwischen Denen Anlass geben die sich die Erforschung der
Wahrheit und Gewissheit zum Geschäft machen betreffen wie eine nähere
Betrachtung ergibt allgemeine Sätze und Begriffe bei denen das Dasein
überhaupt nicht beteiligt ist Alle mathematischen Ausführungen über die
Umwandlung eines Kreises oder Kegelschnittes in ein Viereck oder über andere
Theile der Mathematik beziehen sich nicht auf das Dasein dieser Gestalten
vielmehr bleiben ihre Beweise die nur von ihren Vorstellungen bedingt sind
ungeändert gültig mag ein Kreis oder Viereck in der Welt bestehen oder nicht
In gleicher Weise sieht die Wahrheit und Gewissheit bei moralischen Ausführungen
von dem wirklichen Leben und dem Dasein jener Tugenden ab worüber sie handeln
Des Cicero Pflichtenlehre bleibt nicht weniger wahr wenn auch Niemand in der
Welt diese Regeln beobachtet und nach dem darin aufgestellten Muster eines
tugendhaften Mannes lebt welches als er starb nur in seinen Gedanken bestand
Wenn es eine spekulative Wahrheit ist dh wenn sie im Vorstellen es ist dass
der Mörder den Tod verdient so bleibt der Satz auch für jede wirklich
bestehende Handlung wahr die dieser Vorstellung des Mordes entspricht andere
Handlungen berühren die Wahrheit dieses Satzes nicht Dies gilt auch von allen
anderen Dingen bei denen ihr Wesen nur in der in der Seele vorhandenen
Vorstellung besteht
9 Auch bleibt die Moral wahr und gewiss trotzdem dass ihre
Vorstellungen von dem Menschen gebildet und benannt werden Man sagt hier
vielleicht dass, wenn das Wissen der Moral nur in der Betrachtung der eigenen
Vorstellungen eines Jeden bestehe und diese wie andere Besonderungen von ihm
selbst gemacht werden dann sonderbare Begriffe von Gerechtigkeit und Massigkeit
sich ergeben wurden dass dann Tugend und Laster vermengt werden würden wenn
Jeder deren Vorstellungen nach Belieben bilden könne Allein eine solche
Verwirrung in den Dingen selbst und in der Untersuchung derselben wird so wenig
eintreten wie in der Mathematik eine Störung der Beweise oder eine Änderung in
den Eigenschaften und Beziehungen der Figuren eintreten würde wenn man auch ein
Dreieck mit vier Winkeln und ein schiefes Viereck mit vier rechten Winkeln
ausstattete Dies wäre einfach ausgedrückt nur ein Wechsel in den Namen der
Figuren und die eine wurde nur mit dem Namen der andern benannt Man kann die
Vorstellung einer Figur mit drei Winkeln von denen einer ein rechter ist ein
gleichseitiges oder ein ungleichseitiges Viereck oder sonst wie nennen so
bleiben doch die Eigenschaften und Beweise bei dieser Vorstellung dieselben als
wenn es ein rechtwinkeliges Dreieck genannt wird Eine solche Änderung des
Namens wird anfänglich für Den der an die alten gewöhnt ist störend sein
allein sobald die Gestalt verzeichnet worden werden die Ableitungen und Beweise
ihm dennoch verständlich und klar sein Ebenso verhält es sich mit der
Wissenschaft der Moral ein Mensch mag die Vorstellung des Wegnehmens fremder
Sachen ohne Bewilligung Derer die sie sich ehrlich erworben haben
Gerechtigkeit nennen Dann wird Der welcher dieses Wort in dem gewöhnlichen
Sinne nimmt irrgeführt werden allein lässt man den Namen bei Seite und nimmt
man die Vorstellung so wie der Sprechende sie hat so stimmen dieselben Dinge
mit ihr ebenso als wenn sie Unrecht genannt wird Allerdings erzeugen falsche
Namen in der Moral mehr Störung weil sie nicht so leicht wie in der
Mathematik, sich berichtigen lassen wo die gezogene und wahrgenommene Gestalt
den falschen Namen unschädlich macht da es da keines Zeichens bedarf wo das
bezeichnete Ding selbst gegenwärtig ist und gesehen wird Bei Worten aus der
Moral ist das nicht so leicht weil viele Auflösungen erst zur Bildung ihrer
Gesamtvorstellungen nötig sind allein die falsche Benennung hindert trotzdem
nicht dass ein sicheres und beweisbares Wissen von deren Übereinstimmung oder
Nichtübereinstimmung möglich ist wenn man nur wie in der Mathematik, die
Vorstellungen genau festhält und sie in ihren verschiedenen Beziehungen
verfolgt ohne sich durch ihren Namen irre führen zu lassen Trennt man die
betreffende Vorstellung von ihren Zeichen so wird die Erkenntnis der
wirklichen Wahrheit und Gewissheit nicht gestört wie auch die Namen lauten
mögen
10 Die falsche Benennung hebt die Gewissheit dieses Wissens nicht auf
Noch haben wir hier festzuhalten dass, wenn Gott oder ein anderer Gesetzgeber
gewisse Worte so definiert hat dass sie das Wesen bestimmter Arten von Dingen,
die so benannt werden bilden sollen es allerdings nicht gut ist diese Namen
anders zu gebrauchen allein sonst ist es nur ein Sprachfehler wenn die Worte
gegen den gewöhnlichen Sinn gebraucht werden; selbst dies stört indes die
Gewissheit dieses Wissens nicht denn durch die gehörige Überlegung und
Vergleichung der Vorstellungen kann trotz deren falscher Benennung sie immer
erlangt werden
11 Die Vorstellungen von den Substanzen haben ihre Muster außerhalb
ihrer Drittens gibt es Gesamtvorstellungen die auf äußerliche Urbilder
bezogen werden, und eine Abweichung von denselben kann hier unser Wissen
unwirklich machen Das sind die Vorstellungen von den Substanzen, die aus einer
Anzahl einfacher Vorstellungen bestehen die vermeintlich den natürlichen
Gegenständen entnommen sind aber doch davon abweichen können weil mehr oder
andere Vorstellungen verbunden sind, als in den Dingen selbst der Fall ist.
Deshalb trifft es sich dass sie oft mit den Dingen nicht genau übereinstimmen
12 So weit sie mit den Dingen stimmen ist unser Wissen wirklich Um
also Vorstellungen von den Substanzen zu haben welche mit ihnen übereinstimmen
und ein wirkliches Wissen gewähren genügt es nicht wie bei den Zuständen
Vorstellungen, die an sich ohne Rücksicht ob Dinge schon so bestanden haben
mit einander sich vertragen zu verbinden denn die Begriffe des Kirchenraubs
und des Meineids waren so wahr und richtig vor wie nach Begehung der ersten
solchen Handlung vielmehr gelten die Vorstellungen von Substanzen als Abbilder
die sich auf äußerliche Muster beziehen und deshalb einem Dinge entlehnt sind
was besteht oder bestanden hat Deshalb können sie nicht beliebig aus
Vorstellungen ohne von einem wirklichen Muster entlehnt zu sein gebildet
werden, wenn auch die verbundenen an sich verträglich sind Wir kennen nämlich
die wirkliche Verfassung der Substanzen nicht von denen unsere einfachen
Vorstellungen abhängen und weshalb sie in einzelnen Substanzen so eng mit
Anschließung anderer verbunden sind; nur von wenigen kann man die
Unverträglichkeit mit einander über die Erfahrung und Beobachtung hinaus sicher
wissen Deshalb liegt die Wirklichkeit unseres Wissens von Substanzen in einer
solchen Beschaffenheit ihrer Gesamtvorstellung dass ihre sie bildenden
einfachen Vorstellungen in der Natur wirklich so zusammenbestehend angetroffen
werden. Wenn unsere Vorstellungen in dieser Weise wahr sind, so bilden sie wenn
auch vielleicht keine ganz genauen Abbilder doch die Unterlage eines wirklichen
Wissens so weit wir ein solches hier haben Allerdings reicht es wie ich
gezeigt habe nicht sehr weit allein so weit dies der Fall, ist es ein
wirkliches Wissen Jede Übereinstimmung von Vorstellungen überhaupt bildet ein
Wissen sind die Vorstellungen allgemein so ist es ein allgemeines Wissen soll
es aber ein wirkliches Wissen von Substanzen sein so muss es wirklich
bestehenden Dingen entlehnt sein Sind irgend welche einfache Vorstellungen in
Substanzen zusammenbestehend angetroffen worden so kann man sie getrost wieder
verbinden und so allgemeine Vorstellungen von Substanzen bilden denn waren sie
einmal in der Natur verbanden so kann das auch wieder vorkommen
13 Bei der Erforschung der Substanzen müssen die Vorstellungen
betrachtet und das Denken nicht auf die Namen oder die vermeintlich durch Namen
bestimmten Arten beschränkt werden Wenn man dies recht erwägt und das Denken
und die allgemeinen Vorstellungen nicht auf die Namen beschränkt als ob es
keine anderen Arten von Dingen geben könnte wie die welche durch bestimmte
Namen bereits festgestellt worden sind, so würde man freier und schärfer als
jetzt über die Dinge denken Es klingt vielleicht als eine dreiste
Sonderbarkeit wenn nicht als offenbare Unwahrheit wenn ich sage dass gewisse
missgestaltete Geschöpfe die vierzig Jahre mit einander ohne ein Zeichen von
Vernunft gelebt haben eine Art Geschöpfe zwischen dem Menschen und dem Tiere
seien das Auffallende hierbei kommt auch davon dass man fälschlich meint die
Worte Mensch und Thier bezeichneten bestimmte durch ihre wirkliche Wesenheit
unterschiedene Arten so dass keine Art sich zwischen ihnen befinden könne
Lässt man aber diese Name und die Annahme bei Seite dass die Natur solche
besondere Wesenheiten gebildet habe an welchen alle Dinge dieses Namens genau
in gleicher Weise teilnehmen und bildet man sich nicht ein dass eine
bestimmte Anzahl solcher Wesenheiten bestehen in denen wie in Modellen alle
Dinge geformt werden so würde man finden dass die Vorstellung von der Gestalt
Bewegung und dem Leben eines Menschen der aber keine Vernunft hat ebenso
bestimmt ist und ebenso eine bestimmte Art von Dingen zwischen Mensch und Thier
bezeichnet wie die Vorstellung von der Gestalt eines Esels mit Vernunft sich
von der des Menschen und Tieres unterscheiden und eine Art vom Geschöpfen
zwischen beiden bilden würde
14 Widerlegung des Einwurfs dass ein Wechselbalg nicht zwischen die
Menschen und Tiere gestellt werden könne Jedermann wird hier fragen Was ist
ein Wechselbalg wenn er zwischen Mensch und Thier seine Stelle haben soll Ich
sage Wechselbalg bezeichnet so gut Etwas was von Mensch und Thier verschieden
ist als die Worte Mensch und Thier von einander verschiedene Dinge bezeichnen
Wird dies richtig erwogen so löst es die Frage und zeigt ohne Umstände was ich
meine Allein ich kenne den Eifer vieler Männer die hier Folgen sich ausspinnen
und Gefahren für die Religion sehen sowie man es wagt von ihrer Art zu
sprechen abzugehen und ich sehe daher voraus mit welchen Namen eine solche
Behauptung belegt werden wird Sicherlich wird man fragen was aus den
Wechselbälgen wenn sie zwischen Mensch und Thier stehen in jener Welt werden
wird Darauf antworte ich 1 Dass ich mich hier auch nicht darum zu kümmern
brauche dies trifft nur ihren Herrn und ihr Zustand wird weder besser noch
schlechter wenn ich Etwas von ihnen behaupte Sie sind in den Händen eines
treuen Schöpfers und gütigen Vaters der über seine Geschöpfe nicht nach unseren
engen Meinungen entscheidet und sie nicht nach den von uns ausgedachten Namen
sondert Wir wissen von unserer eigenen Welt so wenig und wir hüten uns also
denke ich die verschiedenen Zustände zu bestimmen, in welche die Geschöpfe bei
dem Verlassen dieser Bühne eintreten sollen Es muss uns genügen dass Er Allen
die der Belehrung Rede und Vernunft fähig sind kund getan hat dass sie
Rechnung abzulegen haben und empfangen werden nach Dem was sie getan haben
15 Indes antworte ich auch zweitens dass die Bedeutung dieser Frage
nämlich ob man die Wechselbälge eines jenseitigen Lebens berauben Wolle sich
auf zwei Annahmen stützt die beide falsch sind Die erste ist dass alle Wesen
mit der äußeren Gestalt und dem Ansehen eines Menschen notwendig zu einem
jenseitigen Leben bestimmt seien und zweitens dass jede menschliche Geburt
daran Teil nehme Nimmt man diese Einbildungen weg so ist die Frage grundlos
und lächerlich Ich frage Die welche nur einen zufälligen Unterschied zwischen
sich und den Wechselbälgen annehmen während das Wesen beider gleich sei ob
wohl die Unsterblichkeit von der äußeren Gestalt eines Körpers abhängig sein
könne Die bloße Aufstellung dieser Frage genügt wohl sie zu verneinen
Niemand bis jetzt und wenn er noch so tief in den Stoff versunken war räumte
einer Gestalt von groben sinnlichen und äußerlichen Teilen eine solche
Vortrefflichkeit ein dass ihr das ewige Leben gebühre oder ihr als notwendige
Folge zukomme oder dass irgend ein Stück Stoff nach seiner Auflösung hier
später zu einem ewigen Zustand von Wahrnehmen und Wissen gelangen solle bloß
weil es die oder jene Gestalt gehabt und seine Theile besonders geformt gewesen
sind Wenn man die Unsterblichkeit so mit der oberflächlichen Gestalt verbindet
so setzt man alle Rücksicht auf Seele und Geist bei Seite derentwegen allein
bisher gewisse Körper für unsterblich erachtet worden sind. Man gibt dann auf
das Äußere mehr als auf das Innere der Dinge und verlegt den Vorzug des
Menschen mehr in die äußere Gestalt seines Körpers als in die inneren
Vollkommenheiten seiner Seele dies ist ebenso viel als ob man den
unschätzbaren Vorteil der Unsterblichkeit und des ewigen Lebens den der Mensch
vor anderen Geschöpfen hat von der Größe seines Bartes oder dem Schnitt seines
Rockes abhängig machte da dieses oder ein anderes äußeres Zeichen des Körpers
die Hoffnung auf ein ewiges Leben so wenig mit sich führt als der Schnitt von
eines Menschen Kleid ihn hoffen lassen kann es werde sich nie abtragen oder ihn
selbst unsterblich machen Man entgegnet vielleicht dass nicht die Gestalt das
Ding unsterblich machen solle sondern dass die Gestalt nur das Zeichen einer
vernünftigen Seele im Innern sei die unsterblich ist Indes möchte ich wissen
wer sie zu einem solchen Zeichen gemacht hat denn das bloße Sagen macht sie
noch nicht dazu dazu gehören Gründe keine Gestalt spricht diese Sprache Man
könnte dann mit gleichem Recht folgern dass auch der Leichnam eines Menschen
an dem sich nicht mehr Leben wie an einem Standbild zeigt wegen seiner Gestalt
auch eine lebendige Seele in sich habe wie dass eine vernünftige Seele in einem
Geschöpfe sei weil es äußerlich einem vernünftigen Wesen gleiche obgleich
sein Handeln während seines ganzen Lebens weniger Zeichen von Vernunft verrät
als man bei manchen Tieren antrifft
16 Ungeheuer Allein es ist doch einmal sagt man der Sprössling
vernünftiger Eltern und es muss deshalb auch eine vernünftige Seele haben Ich
weiß indes nicht nach welcher Logik dies folgt Niemand wird solche Folgerung
anerkennen sonst würde man nicht ohne Weiteres missgestaltete Geburten
vernichten Aber man sagt hier dies sind Ungeheuer Gut aber was ist denn der
närrische unverständige und unhandliche Wechselbalg Macht ein Fehler am Körper
zu einem Ungeheuer und ein Fehler an der Seele als dem edleren anerkannt
wesentlichen Theile nicht Soll der Mangel der Nase oder des Busens aus einem
Geschöpf ein Ungeheuer machen und es aus der Menschengattung stoßen aber der
Mangel der Vernunft und des Verstandes nicht Damit holt man wieder alles Das
hervor waschen erst widerlegt worden ist; damit legt man wieder allen Werth auf
das Äußere und entscheidet über den Menschen nur nach seiner Gestalt Um nach
der gebräuchlichen Beweismethode darzulegen wie man hierbei alles Gewicht auf
die Gestalt legt und das ganze Wesen der Menschengattung wie man sie sich
zurechtlegt in der äußeren Gestalt findet wie verkehrt dies auch sein und so
sehr man dies auch selbst ableugnen mag brauche ich solche Gedanken nur etwas
weiter zu verfolgen dann wird dies klar hervortreten Der wohlgestaltete
Wechselbalg ist ein Mensch hat eine vernünftige Seele wenn sie auch sich nicht
zeigt dies ist unzweifelhaft sagt man Machen wir aber die Ohren ein wenig
länger und spitzer und die Nase etwas flacher als gewöhnlich beginnt man zu
stutzen wird das Gesicht noch schmäler platter und länger so ist man in
Zweifel fügt man nun noch mehr und mehr hinzu was ihn dem Tiere ähnlicher
macht und wird der Kopf genau der eines Tieres dann ist es auf einmal ein
Ungeheuer und es ist erwiesen dass es keine vernünftige Seele hat und zerstört
werden muss Wo ist hier frage ich die Grenze bei der die Gestalt keine
vernünftige Seele mehr hat Es hat Geburten gegeben die halb Thier halb Mensch
gewesen sind andere waren es zu drei Viertel und ein Viertel und so können sie
sich allmählich mehr dem Menschen oder mehr dem Tiere nähern und die
Ähnlichkeit mit beiden kann auf das Mannigfachste gemischt sein Welche Linien
sollen nun in solchem Falle entscheiden ob eine vernünftige Seele damit
verbunden ist oder nicht Welche Art Äußeres ist das sichere Zeichen dass ein
solcher Bewohner sich darin befindet Und doch spricht man ehe dies geschehen
aufs Geratewohl von Menschen und dies wird so lange der Fall sein als man
sich auf gewisse Worte oder Laute verlässt und sich einbildet die Natur habe
feste Arten gebildet ohne dass man weiß in welcher Weise dies geschehen Nach
alledem möchte ich noch bemerken dass in der Antwort eine missgestaltete
Geburt sei ein Ungeheuer derselbe Fehler wiederkehrt gegen den man vorher bei
Annahme einer Gattung zwischen Thier und Menschen selbst gekämpft hat Was ist
dies Ungeheuer hier wenn das Wort Ungeheuer überhaupt Etwas bedeutet als
Etwas was weder Mensch noch Thier ist aber an beiden Teil hat Und genau so
ist auch der vorerwähnte Wechselbalg Hieraus erhellt wie notwendig man die
gewöhnlichen Begriffe von Arten und Wesen zu verlassen hat wenn man wahrhaft
die Natur der Dinge erblicken und sie nach Dem untersuchen will was man in
ihnen so wie sie sind entdecken kann und nicht nach den Einbildungen die
über sie aufgestellt worden sind.
17 Worte und Arten Ich habe dies erwähnt weil man sich nicht genug
davor hüten kann durch Worte und Arten in deren angewöhntem Sinne das freie
Urteil zu beschränken Darin liegt ein Haupthindernis klarer und deutlicher
Kenntnisse insbesondere in Bezug auf Substanzen und daraus sind für die
Wahrheit und Gewissheit viele Streitigkeiten entstanden Gewöhnt man sich daran
seine Gedanken und Betrachtungen von den Worten unabhängig zu machen so würde
es diesem Übelstande bei unserem Denken zwar erheblich abhelfen aber in dem
Verkehr mit Anderen würde es doch immer stören so lange man die Arten und das
Wesen derselben für mehr als allgemeine Vorstellungen was sie nur sind hält
denen Namen nur gegeben sind um sie damit zu bezeichnen
18 Schluss Wo man die Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung
irgend welcher von unseren Vorstellungen bemerkt da ist ein sicheres Wissen
und wo man sicher ist dass diese Vorstellungen mit den wirklichen Dingen
übereinstimmen da ist sicheres wirkliches Wissen Indem ich hier die
Kennzeichen von dieser Übereinstimmung der Vorstellungen mit den wirklichen
Dingen dargelegt habe werde ich gezeigt haben worin diese Gewissheit diese
wirkliche Gewissheit besteht Mögen Andere davon halten was sie wollen für
mich gehörte diese Frage zu denen deren Lösung mir bis jetzt gefehlt zu haben
schien
1 Was die Wahrheit ist Was ist die Wahrheit Danach hat man viele
Jahrhunderte geforscht alle Welt sucht danach oder tut so und es verdient
deshalb die Frage worin sie besteht die sorgfältigste Untersuchung damit mau
ihre Natur kennen lerne und sehe wie die Seele sie von der Unwahrheit
unterscheidet
2 Sie besteht in der richtigen Verbindung oder Trennung von Zeichen
dh von Vorstellungen oder Worten Die Wahrheit scheint mir in ihrem
eigentlichen Sinne die Verbindung oder Trennung von Zeichen zu sein je nachdem
die damit bezeichneten Dinge mit einander übereinstimmen oder nicht unter
Verbindung oder Trennung von Zeichen meine ich hier das was mit einem anderen
Namen Satz genannt wird Deshalb gehört die Wahrheit eigentlich nur den Sätzen
an und deren gibt es zwei Arten: nämlich Sätze in Gedanken und in Worten so
wie man sich zweier Arten von Zeichen bedient nämlich der Vorstellungen und der
Worte.
3 Was beide Arten ausmacht Um einen klaren Begriff von der Wahrheit zu
erlangen muss die Wahrheit der Gedanken von der Wahrheit der Worte getrennt und
jede für sich betrachtet werden, obgleich dies sehr schwer ist weil man auch
bei Behandlung der GedankenSätze sich der Worte bedienen muss wodurch sie
nicht mehr bloße GedankenSätze bleiben sondern WortSätze werden denn
GedankenSätze befassen nur die Vorstellungen, wie sie abgetrennt von Worten
in der Seele bestehen und sie verlieren sofort diese Natur wenn sie in Worte
gefasst werden
4 GedankenSätze lassen sich schwer behandeln Die getrennte Behandlung
der Gedanken und WortSätze wird dadurch noch erschwert dass die meisten wo
nicht alle Menschen in ihrem Denken und inneren Überlegen für sich Worte statt
der Gedanken benutzen wenigstens wenn es sich um zusammengesetzte Vorstellungen
handelt Dies zeigt, wie unvollkommen und unsicher diese Art Vorstellungen sind
und wie man daraus abnehmen kann von welchen Dingen man deutliche und feste
Vorstellungen hat und von welchen nicht Beobachtet man an sich selbst die Weise
des Denkens und Überlegens so zeigt sich dass bei Sätzen die über Weiß und
Schwarz Süß und Bitter ein Dreieck und einen Kreis gebildet werden, man oft
die Vorstellungen für sich benutzen kann ohne an deren Worte zu denken Will
man dagegen Sätze über verwickeltere Vorstellungen bilden wie über den
Menschen oder über Vitriolöl oder über Tapferkeit oder Ruhm so benutzt man
die Worte statt der Vorstellungen, weil letztere meist unvollständig verworren
und unbestimmt sind und man daher an die Worte sich hält die klarer sicherer
und bestimmter sind und daher beim Denken sich leichter als die bloßen
Vorstellungen einstellen So benutzt man die Worte statt der Vorstellungen
selbst bei dem Nachdenken und der Bildung von Sätzen innerhalb seiner selbst.
Bei den Substanzen ist das wie erwähnt die Folge von der Unvollkommenheit
ihrer Vorstellungen man bezeichnet da mit dem Worte das Wesen, obgleich man
keinen Begriff davon hat Bei den Zuständen ist es die Folge der vielen
einfachen Vorstellungen aus denen sie gebildet werden; denn da sie
zusammengesetzt sind so stellt sich der Name leichter ein als die
Gesamtvorstellung wo Zeit und Aufmerksamkeit nötig ist um sie genau
zurückzurufen und vollständig zu erfassen selbst wenn man es schon früher
getan haben sollte Ganz unmöglich ist dies aber bei Personen die zwar ein
gutes Gedächtnis für die meisten gebräuchlichen Worte ihrer Muttersprache
haben aber in ihrem ganzen Leben sich nicht um die dazu gehörenden bestimmten
Vorstellungen gekümmert haben Einige verworrene und dunkle Begriffe haben hier
ausgeholfen und man spricht zwar viel über Religion und Gewissen über Kirche
und Glauben über Macht und Recht über Verstopfung und schlechte Laune über
Tiefsinn und Zorn allein es würde von den Gedanken und Ausführungen dieser
Leute wenig übrig bleiben wenn sie dabei nur an die betreffenden Gegenstände
selbst denken und die Worte bei Seite legen sollten mit denen sie nicht bloß
Andere sondern auch sich selbst verwirren
5 Sie bestehen nur in der Verbindung oder Trennung der Vorstellungen
selbst ohne ihre Worte Um indes auf unsern Gegenstand die Wahrheit
zurückzukommen so können also wie gesagt zwei Arten von Sätzen gebildet
werden: 1 in Gedanken wo die Vorstellungen im Denken ohne Gebrauch der Worte
verbunden oder getrennt werden und deren Übereinstimmung oder
Nichtübereinstimmung erfasst wird und 2 in Worten wo Worte als Zeichen von
Vorstellungen, in bejahenden und verneinenden Aussprüchen verbunden oder
getrennt werden Hierbei werden gleichsam diese Lautzeichen verbunden oder
getrennt Die Sätze bestehen hier also in der Verbindung und Trennung der
Zeichen und die Wahrheit besteht darin, dass diese Verbindung und Trennung so
geschieht wie die bezeichneten Dinge mit einander stimmen oder nicht stimmen
6 Wann GedankenSätze eine wirkliche Wahrheit und wann sie nur eine
WortWahrheit enthalten Jeder kann an sich selbst bemerken dass die Seele
wenn sie die Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung von Vorstellungen
bemerkt oder annimmt sie dieselben im Stillen in eine Art bejahender oder
verneinender Sätze zusammenstellt und dies meine ich mit den Ausdrücken
Verbinden und Trennen Diese Tätigkeit der Seele die so häufig bei einem
denkenden und verständigen Manne vorkommt ist indes leichter durch eigene
Beobachtung des inneren Vorganges selbst zu begreifen als durch Worte zu
erklären Wenn man sich zwei Linien vorstellt nämlich die Seite und die
Diagonale eines Quadrates von welchen die Diagonale einen Zoll lang ist so
kann man sich auch diese Linie in eine Anzahl gleicher Theile geteilt
vorstellen zB in 5 10 100 1000 oder sonst viele Theile und man kann sich
diese Linie so gleichgeteilt vorstellen dass eine gewisse Anzahl dieser Theile
der Seite des Quadrats gleich ist Wenn man nun bemerkt oder annimmt dass diese
Art der Teilbarkeit der Diagonale mit ihrer Vorstellung derselben stimmt oder
nicht stimmt so verbindet oder trennt man beide nämlich die Vorstellung der
Diagonale und die Vorstellung dieser Art ihrer Teilbarkeit und bildet so in
Gedanken einen Satz der wahr oder falsch ist je nachdem diese Art von
Teilbarkeit sich mit der Diagonale wirklich verträgt oder nicht Wenn so
Vorstellungen zusammengestellt werden je nachdem sie oder die Gegenstände
übereinstimmen oder nicht so nenne ich dies die GedankenWahrheit Dagegen ist
die WortWahrheit etwas mehr da werden die Worte von einander bejaht oder
verneint je nachdem ihre Vorstellungen stimmen oder nicht Dies kann wieder
zweifach geschehen entweder rein in Worten und nichtssagend wovon ich in
Kapitel 8 handeln werde oder wirklich und belehrend welches der Gegenstand des
wirklichen Wissens ist von dem ich bereits gehandelt habe
7 Der Einwurf dass die WortWahrheit nur eine Chimäre sei Hier kann
derselbe Zweifel bei der Wahrheit wie früher bei dem Wissen, sich erheben und
man kann sagen dass, wenn die Wahrheit nur die Verbindung oder Trennung von
Worten zu Sätzen je nachdem ihre Vorstellungen in der Seele eines Menschen
stimmen oder nicht sei das Wissen der Wahrheit nicht den Werth habe den man
darein setze und die auf sie verwendete Mühe und Zeit sei verloren denn sie
laufe dann nur auf die Übereinstimmung der Worte mit den Ausgeburten des
menschlichen Gehirns hinaus Wer kenne nicht die tollen Vorstellungen, welche
die Köpfe vieler Menschen erfüllt haben und wer wisse zu was das Gehirn eines
Menschen alles fähig sein möge Schließe man also damit ab so kenne man nach
dieser Regel nur die Wahrheit der Worte für die Geschöpfe der Einbildungskraft
und besitze nur diejenige Wahrheit welche für Harpyien und Zentauren ebenso wie
für Menschen und Pferde gelte da jene ebenfalls Vorstellungen in dem Kopfe
seien und mit einander übereinstimmen können oder nicht mithin auch wahre Sätze
über sie gebildet werden können; deshalb sei denn der Satz, dass alle Zentauren
lebende Wesen seien ebenso wahr wie der dass alle Menschen lebende Wesen
seien Die Gewissheit des einen sei so groß als die des andern da in beiden
gewisse Worte nach der Übereinstimmung der Vorstellungen in der Seele
zusammengestellt seien und die Übereinstimmung der Vorstellung eines
lebendigen Wesens mit der eines Zentauren so klar und offenbar sei wie die
Vorstellung eines lebendigen Wesens mit der eines Menschen so dass beide Sätze
mithin gleich wahr und gewiss seien Wozu nütze aber solche Wahrheit
8 Antwort dass die wirkliche Wahrheit Vorstellungen betrifft die mit
den Dingen übereinstimmen Das in dem vorhergehenden Kapitel über wirkliches
und eingebildetes Wissen Gesagte möchte als Antwort auf diesen Einwurf genügen
um die wirkliche Wahrheit von der chimärischen zu unterscheiden oder wenn man
will von der bloßen WortWahrheit da in beiden Fällen die Grundlage dieselbe
ist indes möchte ich wiederholen dass die Worte zwar nur Vorstellungen
bezeichnen aber vermittelst dieser auch die Dinge bezeichnen sollen deshalb
wird bei deren Verbindung zu Sätzen deren Wahrheit nur WortWahrheit sein wenn
sie Vorstellungen bezeichnen die mit den bestehenden Dingen nicht
übereinstimmen Deshalb kann man bei der Wahrheit wie bei dem Wissen, die
wirkliche von der WortWahrheit unterscheiden bei letzterer sind die Worte nur
gemäß den Vorstellungen verbunden ohne Rücksicht ob diese wirkliches Dasein
in der Natur haben oder wenigstens dessen fähig sind Die Wahrheit ist nur dann
eine wirkliche wenn die Zeichen nicht bloß den Vorstellungen entsprechend
verbunden sind, sondern diese auch wirklich in der Natur bestehen können was
man bei Substanzen nur aus der Erfahrung abnehmen kann
9 Die Unwahrheit besteht in der Verbindung von Worten gegen die
Übereinstimmung ihrer Vorstellungen.) Die Wahrheit ist die wörtliche
Bezeichnung der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung der Vorstellungen in
der Weise wie sie besteht die Unwahrheit ist die Bezeichnung dieser
Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung in einer anderen Weise als sie
besteht So weit als dabei die Vorstellungen mit ihren Urbildern
übereinstimmen ist die Wahrheit eine wirkliche Das Wissen um diese Wahrheit
besteht in dem Wissen der Vorstellungen, welche die Worte bezeichnen und in dem
Erfassen der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung der Vorstellung, wie sie
in den Worten ausgedrückt ist
10 Allgemeine Sätze sind ausführlicher zu behandeln Da die Worte als
die großen Kanäle für Wahrheit und Wissen gelten und man bei Mittheilung und
Empfang der Wahrheit und in den Verhandlungen darüber die Worte und die Sätze
gebraucht so werde ich ausführlicher untersuchen worin die Gewissheit der
wirklichen Wahrheit die in Sätze gefasst ist besteht und wo sie zu finden
ist auch werde ich zeigen welche Art allgemeiner Sätze die Gewissheit von
ihrer wirklichen Wahrheit oder Unwahrheit gewähren kann Ich beginne mit den
allgemeinen Sätzen die unser Denken am meisten beschäftigen und unsere
Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen Allgemeine Wahrheiten gelten als die welche
unser Wissen am meisten vermehren und durch ihren umfassenden Inhalt vieles
Einzelne auf einmal erkennen lassen unseren Blick erweitern und den Weg zur
Erkenntnis abkürzen
11 Die moralische und die metaphysische Wahrheit Neben der bisher
behandelten Wahrheit im strengen Sinne gibt es noch zwei andere Arten 1 die
moralische Wahrheit wenn man von den Dingen so spricht wie man überzeugt ist
sollten auch die ausgesprochenen Sätze mit der Wirklichkeit nicht stimmen 2
die metaphysische Wahrheit welche das wirkliche Dasein der Dinge ist
entsprechend den Vorstellungen, die mit deren Namen verknüpft sind Obgleich
diese Wahrheit in dem wahren Sein der Dinge zu bestehen scheint so enthält sie
doch näher betrachtet stillschweigend einen Satz wodurch die Seele das
einzelne Ding mit der vorher mit einem Namen verknüpften Vorstellung verbindet
Dies wird für diese beiden Arten der Wahrheit genügen da sie teils früher
schon berücksichtigt worden sind, teils zur Erledigung meiner jetzigen Aufgabe
wenig beitragen
1 Die Untersuchung der Worte ist für das Wissen unentbehrlich Die
Prüfung und Beurteilung der Vorstellungen selbst mit gänzlicher Weglassung
ihrer Worte würde allerdings der beste und sicherste Weg zum klaren und
deutlichen Wissen sein allein bei der überwiegenden Gewöhnung Laute für die
Vorstellungen zu benutzen wird dies wenig geübt Jedermann kann bemerken wie
allgemein die Worte statt ihrer Vorstellungen benutzt werden und zwar selbst
bei dem inneren Nachdenken und Überlegen sobald namentlich die Vorstellungen
sehr verwickelt und aus vielen einfachen zusammengesetzt sind Deshalb ist die
Betrachtung der Worte und Sätze ein unentbehrlicher Teil der Lehre von der
Wahrheit und deshalb ist es so schwer über diese verständlich zu sprechen
ohne jene zu erläutern
2 Allgemeine Wahrheiten sind unverständlich wenn sie nicht in
WortSätze gefasst sind All unser Wissen betrifft die Wahrheit des Einzelnen
oder des Allgemeinen; Alles was diese allgemeine Wahrheit betrifft nach der
man mit Recht am meisten verlangt kann aber nicht gut mitgeteilt und noch
seltener verstanden werden wenn es nicht in Worte gefasst und ausgedrückt wird
Deshalb wird zur Untersuchung des Wissens auch die von der Wahrheit und
Gewissheit allgemeiner Sätze gehören
3 Die Gewissheit ist zweifach die eine betrifft die Wahrheit die
andere das Wissen Um indes hier nicht durch die überall gefährliche
Zweideutigkeit der Worte irre zu gehen bemerke ich dass die Gewissheit
zweifach ist eine Gewissheit der Wahrheit und eine Gewissheit des Wissens. Die
Gewissheit der Wahrheit ist dann vorhanden wenn Worte zu Sätzen verbunden
genau die Übereinstimmung zwischen den von ihnen bezeichneten Vorstellungen so
ausdrücken wie sie wirklich besteht Gewissheit des Wissens ist die Erkenntnis
der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung von Vorstellungen, die in irgend
einem Satze ausgedrückt ist. Dies heißt gewöhnlich das Wissen oder die
Gewissheit von der Wahrheit eines Satzes
4 Die Wahrheit eines Satzes kann nicht gewusst werden wenn das Wesen der
darin genannten Arten nicht gekannt wird Da man indes der Wahrheit eines
allgemeinen Satzes nicht gewiss sein kann wenn man nicht die Grenzen und
Ausdehnung der mit dessen Worten bezeichneten Arten kennt so muss man das Wesen
jeder Art kennen da dieses die Art ausmacht und bestimmt Bei allen einfachen
Vorstellungen und Zuständen ist das nicht schwer hier ist das wirkliche und das
WortWesen dasselbe oder was gleich viel sagt die allgemeine durch den
allgemeinen Ausdruck bezeichnete Vorstellung ist das alleinige Wesen und die
Begrenzung die für diese Art gilt und es kann dann kein Zweifel darüber
bestehen wie weit diese Art reicht und welche Gegenstände jedes Wort befasst
nämlich alle Gegenstände welche mit der bezeichneten Vorstellung genau
übereinstimmen und keinen weiter Aber bei Substanzen wo ein von dem
WortWesen verschiedenes wirkliches Wesen die Art bilden bestimmen und
begrenzen soll ist die Ausdehnung des allgemeinen Wortes schwankend weil man
das wirkliche Wesen nicht kennt und deshalb nicht wissen kann was zu seiner Art
gehört und was nicht und was daher von ihm mit Sicherheit bejaht werden kann.
Spricht man also von dem Menschen oder von Gold oder einer anderen Art
natürlicher Substanzen, die auf einem bestimmten wirklichen Wesen beruhen
sollen welches die Natur regelmäßig jedem Einzelnen dieser Art mittheilt und
wodurch es zu dieser Art gehört so kann man von keiner Behauptung oder
Verneinung darüber Gewissheit haben Denn wenn die Worte Mensch oder Gold in
diesem Sinne für die Art genommen werden welche auf ihrem wirklichen Wesen
beruht und von der Gesamtvorstellung des Sprechenden verschieden ist so
bezeichnen sie man weiß nicht was und der Umfang und die Grenzen dieser Arten
sind so unbekannt und unbestimmt dass man mit Sicherheit nicht behaupten kann
dass alle Menschen vernünftig seien und dass alles Gold gelb sei Wo aber das
WortWesen als der Maßstab der Art gilt und der allgemeine Ausdruck nicht
weiter geht als auf die Dinge, welche die Gesamtvorstellung des Wortes
enthalten da ist nicht zu fürchten dass man sich über die Grenzen der Art
irre und es kann da nicht zweifelhaft sein ob ein Satz wahr ist oder nicht
Ich habe hier diese Ungewissheit der Sätze auf scholastische Weise erklärt und
die Ausdrücke Wesen und Art absichtlich benutzt um zu zeigen wie verkehrt und
falsch es ist sie für mehr als bloße mit Namen versehene allgemeine
Vorstellungen zu nehmen Glaubt man dass die Arten der Dinge mehr seien als ein
bloßes Einordnen der Dinge nach allgemeinen Namen je nachdem sie den mit
diesen Worten bezeichneten allgemeinen Vorstellungen entsprechen so verwirrt
man die Wahrheit und macht alle allgemeinen Sätze die über sie aufgestellt
werden können, unsicher Der Gegenstand hier hätte daher für Personen ohne
scholastische Gelehrsamkeit besser und klarer behandelt werden können; allein
diese falschen Begriffe von Wesen und Arten haben bei den Meisten Wurzel
gefasst die etwas von der in diesem Theile der Welt geltenden Gelehrsamkeit
abbekommen haben sie müssen deshalb enthüllt und beseitigt werden damit sie
Worten Platz machen welche die Gewissheit mit sich führen
5 Dies gilt besonders für Substanzen Deshalb können die Namen von
Substanzen wenn sie die Arten bezeichnen sollen die angeblich auf einem
wirklichen Wesen beruhen das man nicht kennt dem Verstande keine Gewissheit
gewähren und man kann der Wahrheit von den aus solchen Worten gebildeten Sätzen
nicht sicher sein Der Grund ist klar denn wie kann man sicher sein dass diese
oder jene Eigenschaft im Golde sei wenn man nicht weiß was Gold ist Bei
dieser Ausdrucksweise ist nur dasjenige Gold was an einem Wesen Teil nimmt
das man nicht kennt und wovon man daher auch nicht wissen kann wo es ist man
kann deshalb von keinem Stück Stoff in der Welt sicher sein ob es Gold in
diesem Sinne ist oder nicht denn man weiß durchaus nicht ob es das hat was
das Gold ausmacht oder was das Wesen des Goldes ist von dem man keine
Vorstellung hat Es ist dies ebenso unmöglich als wenn ein Blinder angeben
sollte in welcher Blume sich die Farbe des Jelängerjelieber findet obgleich er
von dieser Farbe keine Vorstellung hat Selbst wenn man bestimmt wissen könnte
obgleich es unmöglich ist in welchen Stücken das wirkliche Wesen des Goldes
enthalten sei könnte man doch diese oder jene Eigenschaft des Goldes nicht
sicher davon aussagen weil man nicht wissen könnte ob diese Eigenschaft oder
Vorstellung eine notwendige Verbindung mit dem wirklichen Wesen habe von dem
man gar nicht weiß welche Art dieses angeblich wirkliche Wesen möglicher Weise
noch bilden kann
6 Von einigen allgemeinen Sätzen in Betreff der Substanzen kennt man die
Wahrheit Andererseits können die Substanz-Namen wenn sie wie sie sollten
die Vorstellungen in der Seele bezeichnen trotz ihrer klaren und bestimmten
Bedeutung doch vielfach nicht zur Bildung von allgemeinen Sätzen benutzt werden
von deren Gewissheit man überzeugt sein kann und zwar nicht wegen der
Unsicherheit ihrer Bedeutung sondern weil für die zusammengesetzten
Vorstellungen, die sie bezeichnen solche Verbindungen einfacher sind bei denen
ihre Verbindung oder Unverträglichkeit nur in Bezug auf wenige andere
Vorstellungen entdeckt werden kann.
7 Weil das Zusammenbestehen von Vorstellungen in einigen Fällen erkannt
werden kann.) Die Gesamtvorstellungen welche eigentlich unter dem Namen für
die Arten und Substanzen verstanden werden sind Verbindungen von Eigenschaften,
deren Zusammenbestehen man an einem unbekannten Unterliegenden bemerkt hat das
Substanz heißt dagegen kann man nicht wissen welche weiteren Eigenschaften
mit diesen Verbindungen notwendig zusammenbestehen so lange man nicht ihre
natürliche Abhängigkeit ermittelt hat was bei deren ersten Eigenschaften nur zu
einem kleinen Theile und bei deren zweiten Eigenschaften aus den in Kap 3
erwähnten Gründen gar nicht möglich ist Denn 1 kennt man die wirkliche
Verfassung der Substanzen nicht von denen die zweiten Eigenschaften abhängen
und 2 hülfe selbst wenn man sie kennte das nur für Erfahrungskenntnis nicht
für allgemeine welche über den einzelnen Fall nicht hinausreicht weil der
menschliche Verstand keine fassbare Verbindung zwischen zweiten Eigenschaften
und irgend einer Besonderung der ersten entdecken kann. Deshalb gibt es nur
wenig unzweifelhaft gewisse allgemeine Sätze über Substanzen
8 Ein Beispiel am Golde »Alles Gold ist feuerbeständig« dies ist ein
Satz von dessen Wahrheit man nicht überzeugt sein kann trotzdem dass er
allgemein für wahr gehalten wird Denn wenn nach den nutzlosen Erfindungen der
Schulen das Wort Gold eine von der Natur durch ein besonderes Wesen
ausgeschiedene Art von Dingen bezeichnen soll so kennt man die einzelnen Dinge
nicht die zu dieser Art gehören und kann deshalb nichts allgemein von dem
Golde aussagen Soll aber das Gold eine durch das WortWesen bezeichnete Art
sein wo dies Wort zB die Vorstellung eines Körpers von gelber Farbe ist der
biegsam schmelzbar und besonders schwer ist so kann man in diesem Sinne wohl
erkennen was Gold ist allein andere Eigenschaften können trotzdem von dem
Golde nicht behauptet oder verneint werden wenn sie mit diesem WortWesen keine
ersichtliche Verbindung oder Unverträglichkeit haben So hat zB die
Feuerbeständigkeit keine erkennbare Verbindung mit der Farbe der Schwere oder
einer andern Eigenschaft noch mit deren Vereinigung zu einem Ganzen und so
kann man auch die Wahrheit des Satzes dass alles Gold feuerbeständig sei nicht
sicher wissen
9 Da wie gesagt diese Verbindung der Feuerbeständigkeit mit den andern
Eigenschaften nicht erkennbar ist so bleibt wenn man die Gesamtvorstellung
des Goldes aus einem gelben schmelzbaren biegsamen schweren und
feuerbeständigen Körper zusammensetzt dieselbe Ungewissheit rücksichtlich
seiner Löslichkeit in Königswasser und zwar aus gleichem Grunde denn man kann
aus der bloßen Betrachtung dieser Vorstellungen nicht sicher entnehmen ob die
Löslichkeit in Königswasser damit verbunden ist Dasselbe gilt für die übrigen
Eigenschaften des Goldes; deshalb möchte ich gerne einen Satz kennen in dem mit
voller Gewissheit eine Eigenschaft als allgemein dem Golde zukommend behauptet
werden kann. Man wird mir entgegnen dass die Biegsamkeit desselben ein solcher
allgemeiner Satz sei allein dies gilt doch nur dann wenn diese Eigenschaft in
die Gesamtvorstellung schon vorher aufgenommen worden ist, welche man mit Gold
bezeichnet Dann wird aber nur behauptet dass das Wort Gold eine Vorstellung
bezeichne die die Biegsamkeit mit enthalte aber eine solche Wahrheit hat auch
der Satz, dass der Zentaur vier Füße habe Bildet dagegen die Biegsamkeit
keinen Teil des WortWesens des Goldes, so ist der Satz: Alles Gold ist
biegsam nicht gewiss da diese Biegsamkeit mag dieses Wesen aus sonst welchen
Eigenschaften zusammengesetzt sein doch ersichtlich von diesen einzeln oder
zusammen nicht abhängt diese Verbindung der Biegsamkeit mit den übrigen
Eigenschaften beruht vielmehr auf der Vermittlung der inneren Verfassung der
kleinsten Teilchen und da man diese nicht kennt so kann man auch diese
Verbindung nicht erkennen wenn man nicht das Band entdecken kann das sie
verknüpft
10 Soweit ein solches Zusammenbestehen erkennbar ist soweit können
allgemeine Sätze gewiss sein allein dies reicht nicht weit weil Je mehr
zusammenbestehende Eigenschaften man zu der Gesamtvorstellung eines Wortes
verbindet desto bestimmter und genauer wird die Bedeutung des Wortes; allein es
können trotzdem andere in dieser Gesamtvorstellung nicht enthaltene
Eigenschaften daraus nicht sicher abgeleitet werden da man ihre Verbindung oder
Abhängigkeit nicht erkennt weil man die wirkliche Verfassung des Goldes nicht
kennt in der sie alle begründet sind und aus der sie hervorgehen Denn der
Hauptteil unsres Wissens von Substanzen ist nicht bloß ein Bezeichnen zweier
getrennt bestehender Vorstellungen sondern betrifft die notwendige Verbindung
und das Zusammenbestehen verschiedener Vorstellungen in demselben Gegenstande
oder ihre Unverträglichkeit dazu Könnte man an dem andern Ende beginnen und das
ermitteln woraus die Farbe besteht oder was einen Körper leichter oder
schwerer macht oder welches Gewebe seiner Theile biegsam schmelzbar und
feuerbeständig macht und ihn in einer Flüssigkeit sich auflösen lässt hätte man
sage ich eine solche Vorstellung von den Körpern, und könnte man wahrnehmen
worin alle sinnlichen Eigenschaften ursprünglich bestehen und wie sie
hervorgebracht werden, so könnte man solche Vorstellungen von ihnen bilden die
zur Bildung allgemeiner Sätze mehr geeignet wären und die zugleich allgemeine
Wahrheit und Gewissheit mit sich führten Allein unsre jetzigen Vorstellungen
von den Arten und Substanzen sind weit von dem wirklichen Wesen entfernt von
dem diese Eigenschaften abhängen sie sind nur eine unvollständige Ansammlung
sinnlichwahrnehmbarer an ihnen bemerkbarer Eigenschaften und deshalb können
über Substanzen nur wenig allgemeine Sätze sicher und wahr gebildet werden; denn
nur bei wenigen einfachen Vorstellungen hat man von ihrer Verbindung und ihrem
notwendigen Zusammenbestehen ein sicheres und zweifelloses Wissen Ich glaube
dass von allen zweiten Eigenschaften der Substanzen und deren darauf bezüglichen
Kräften man nicht zwei nennen kann von denen man gewiss weiß dass sie
notwendig zusammenbestehen oder sich nicht vertragen nur von den
gleichbedeutenden ist dies möglich bei denen allerdings die eine die andere
einschließt wie ich anderwärts gezeigt habe Niemand kann aus der Farbe eines
Körpers sicher abnehmen welchen Geruch Geschmack Ton und welche fühlbare
Eigenschaften er habe und welche Veränderungen er an anderen Körpern bewirken
oder von ihnen erleiden könne Ebenso kann dies nicht aus dem Ton oder Geschmack
desselben abgeleitet werden Da die ArtNamen der Substanzen nur solche
Zusammenfassungen von Vorstellungen bezeichnen so ist es natürlich dass daraus
nur wenig allgemeine Sätze von unzweifelhafter Gewissheit abgeleitet werden
können. Enthalten aber solche Vorstellungen eine einfache deren notwendiges
Zusammenbestehen mit anderen erkennbar ist so können insoweit allgemeine Sätze
hierüber sicher aufgestellt werden Wenn man zB eine notwendige Verbindung
zwischen der Biegsamkeit und der Farbe oder Schwere des Goldes ermitteln könnte
so würde mau darüber auch einen sicheren allgemeinen Satz beim Golde aufstellen
können und die wirkliche Wahrheit des Satzes »Alles Gold ist biegsam« wäre
dann so gewiss wie die von dem Satze dass die drei Winkel des Dreiecks zweien
rechten gleich sind.
11 Die unsre Vorstellungen von Substanzen ausmachenden Eigenschaften
sind meist von äußeren entfernten und unbemerkten Ursachen abhängig Wären
unsre Vorstellungen von den Substanzen der Art dass wir wüssten welche
wirkliche Verfassung die an ihnen bemerkten Eigenschaften hervorbringt und Wie
sie daraus abfließen so könnten wir durch die Vorstellung ihres wahren Wesens
in unsrer Seele ihre Eigenschaften und was sie Eigentümliches haben oder nicht
haben besser erkennen als jetzt vermittelst der Sinne. Um die Eigenschaften
des Goldes zu kennen wäre dann das Dasein von Gold und die Anstellung von
Versuchen mit demselben so wenig nötig wie das Dasein eines Dreiecks aus
irgend einem Stoffe für die Erkenntnis seiner Eigenschaften notwendig ist die
Vorstellung in der Seele würde in beiden Fällen dazu hinreichen Allein wir sind
von den Geheimnissen der Natur so ausgeschlossen dass wir uns kaum dem Eingange
dazu nähern können Man ist gewohnt von den Substanzen welche man antrifft
jede als ein ganzes Ding für sich zu betrachten das seine Eigenschaften für
sich und unabhängig von anderen Dingen hat Man übersieht meist die Wirksamkeit
jener unsichtbaren Flüssigkeiten die sie umgeben und von deren Bewegungen und
Wirksamkeit meist die an ihnen bemerkten Eigenschaften abhängen welche wir zu
Kennzeichen machen nach denen man sie unterscheidet und benennt Allein ein
Stück Gold für sich und getrennt aus dem Bereiche und Einfluss aller anderen
Körper würde sofort Farbe Schwere und wahrscheinlich auch seine Biegsamkeit
verlieren und völlig zerreiblich werden Ebenso würde das Wasser für sich
allein dessen Flüssigkeit als seine wesentliche Eigenschaft gilt dieselbe
sofort verlieren Wenn also schon bei leblosen Körpern ihr Zustand auf anderen
äußeren Körpern beruht und sie uns nicht mehr für das gelten würden wenn
letztere entfernt wären so gilt dies noch mehr von den Pflanzen welche ernährt
werden wachsen und Blätter Blüten und Samen in stetiger Folge hervorbringen
Und betrachtet man den Zustand der Tiere näher so zeigen sie sich in ihrem
Leben Bewegungen und erheblichsten Eigenschaften so abhängig von äußeren
Ursachen und von den Eigenschaften anderer Körper dass sie ohne diese nicht
einen Augenblick bestehen könnten obgleich diese fremden Körper wenig beachtet
werden und keinen Teil der von diesen Tieren gebildeten Gesamtvorstellung
bilden Man entziehe die Luft nur eine Minute lang einem lebenden Wesen und die
meisten werden sofort die Empfindung das Leben und die Bewegung verlieren Die
Notwendigkeit zu atmen hat dies unsrem Wissen aufgezwungen aber auf wie
vielen anderen vielleicht feineren Körpern mögen nicht die Federn dieser
wunderbaren Maschine ruhen die man nicht bemerkt ja an die man nicht denkt
und wie viele mag es geben die selbst durch die genaueste Untersuchung sich
nicht entdecken lassen werden Obgleich die Bewohner dieses Theiles des Weltalls
viele Millionen Meilen von der Sonne entfernt sind so hängen sie doch so sehr
von der gehörigen und massigen Bewegung der von ihr kommenden Teilchen ab dass
die Erde nur ein wenig aus ihrer jetzigen Stellung zu dieser Wärmequelle
entfernt zu werden brauchte und die lebenden Wesen auf ihr würden sofort zum
größten Theile umkommen Schon ein Übermaß oder Mindermaß von Sonnenwärme
denen sie an einzelnen Orten zufällig ausgesetzt werden genügt sie zu töten
Die an einem Magnet wahrgenommenen Eigenschaften müssen jenseits desselben ihre
Quelle haben und das Untergehen vieler Tierarten ohne sichtbare Ursache der
gewisse Tod mancher wie man berichtet bloß in Folge der Überschreitung des
Äquators oder der Versetzung in benachbarte Länder zeigt klar dass diese
gemeinsame Wirksamkeit von Körpern die man gar nicht vermutet sie erst zu dem
macht wie sie uns erscheinen und ihnen die Eigenschaften gibt an denen wir
sie erkennen Man geht deshalb ganz irre wenn man meint die Dinge enthalten in
sich die Eigenschaften, die sie zeigen und man sucht vergeblich in der
Verfassung einer Fliege oder eines Elephanten die Ursachen, von denen ihre
Eigenschaften und Kräfte abhängen Um sie recht zu kennen müsste man vielleicht
über diese Erde und diesen Dunstkreis und selbst über die Sonne und die
entferntesten noch sichtbaren Sterne hinausblicken denn man kann gar nicht
bestimmen wie viel das Dasein und die Tätigkeit der einzelnen Substanzen auf
dieser Erde von Ursachen abhängt die unserem Gesichtskreis ganz entrückt sind
Man sieht und bemerkt einige der Bewegungen und gröberen Wirkungen der Dinge
ringsum allein woher der Strom kommt welcher all diese wunderbaren Maschinen
trotz ihrer Mannigfaltigkeit in Bewegung und im Stande erhält übersteigt unser
Wissen. Die großen Stricke und Räder so zu sagen dieses staunenswerten Baues
des Weltalls können so viel wir wissen eine solche Verbindung und Abhängigkeit
bei ihren Einwirkungen auf einander haben dass vielleicht die Dinge in unserer
Wohnung eine ganz andere Gestalt annehmen und das zu sein aufhören würden was
sie jetzt sind wenn einer von den Sternen oder großen Körpern in
unermesslicher Ferne aufhörte sich so zu bewegen wie es jetzt geschieht So
viel ist gewiss dass selbst die Dinge die am meisten selbstständig und in sich
abgeschlossen scheinen doch nur von andern Teilen der Natur abhängig und nicht
das sind wofür sie meist gehalten werden Sie verdanken ihre sichtbaren
Eigenschaften Tätigkeiten und Kräfte Dingen außerhalb ihrer und jedes noch
so vollständige Stück in der Natur verdankt sein Dasein und seine Vorzüge seinen
Nachbaren so dass man um seine Eigenschaften völlig zu verstehen das Denken
nicht auf dessen Oberfläche sich beschränken darf sondern einen guten Teil
weiter blicken muss
12 Man darf sich daher nicht wandern dass unsere Vorstellungen von
Substanzen unvollkommen sind und dass wir das wirkliche Wesen von dem ihre
Eigenschaften abhängen nicht kennen Man kann weder die Größe noch die Gestalt
und das Gewebe ihrer kleinsten tätigen Theile entdecken und noch weniger die
verschiedenen Bewegungen und Stöße die in ihnen und auf sie durch fremde
Körper geschehen obgleich die meisten und erheblichsten Eigenschaften die man
an ihnen bemerkt und aus denen deren Vorstellungen sich bei uns zusammensetzen
davon abhängen Dies allein genügt um unseren Hoffnungen auf Erkenntnis ihres
wahren Wesens ein Ende zu machen wir können an deren Stelle nur deren
WortWesen setzen das uns aber nur spärlich mit einer allgemeinen Kenntnis und
sichern allgemeinen Sätzen versieht
13 Das Urteilen reicht weiter ist aber kein Wissen Man darf sich
daher nicht wundern dass nur wenige über Substanzen aufgestellte Sätze sicher
sind denn unsere Kenntnis ihrer Eigenschaften geht selten über den Bereich
unserer Sinne hinaus Vielleicht dringen die Forschungen und Beobachtungen
einzelner tüchtiger Männer weiter vor Vielleicht vermögen sie auf Grund
sorgfältiger Beobachtungen und zusammengefasster Andeutungen mitunter das zu
erraten was die Wahrnehmung noch nicht entdeckt hat allein es bleiben dies
bloße Vermutungen man kommt hier nicht über das Meinen hinaus und erlangt
nicht die zum Wissen nötige Gewissheit denn das allgemeine Wissen gehört nur
unserm Denken an und besteht nur in der Betrachtung unsrer eigenen allgemeinen
Vorstellungen Wo man bemerkt dass sie mit einander stimmen oder nicht stimmen
da hat man ein allgemeines Wissen und indem man danach die Worte dieser
Vorstellungen zu Sätzen verbindet kann man allgemeine Wahrheiten mit Sicherheit
aussprechen Allein diese allgemeinen Vorstellungen von Substanzen für welche
besondere Worte vorhanden sind, haben soweit sie eine bestimmte Bedeutung
haben nur mit wenig andern Vorstellungen eine erkennbare Verbindung oder
Unvereinbarkeit und deshalb sind allgemeine Sätze, die als gewiss gelten
können über Substanzen in Bezug auf das was uns am meisten interessiert
spärlich und dürftig und es gibt kaum ein SubstanzWort mag seine Bedeutung
sein welche sie wolle bei dem man gewisse Eigenschaften ihm allgemein und
gewiss zusprechen oder absprechen kann die regelmäßig mit seiner Vorstellung
wo sie auch angetroffen wird, verknüpft oder nicht verknüpft sind
14 Was zur Kenntnis der Substanzen gehört Ehe man hier nur einige
Kenntnis erlangen kann müsste man zunächst wissen welche Veränderungen die
ersten Eigenschaften des einen Körpers in den ersten eines andern bewirken und
wie dies geschieht Zweitens müsste man wissen welche ersten Eigenschaften
eines Körpers gewisse Empfindungen oder Vorstellungen in uns hervorbringen und
dies verlangt ein Wissen von allen Wirkungen des Stoffes je nach seinen
Besonderungen in Größe Gestalt Zusammenhang Bewegung und Ruhe was Jeder
wohl ohne Offenbarung für unerreichbar halten wird Wäre es aber uns offenbart
welche Art von Gestalt Größe und Bewegung der kleinsten Körperchen in uns die
Empfindung der gelben Farbe bewirkt und welche Gestalt Größe und Gewebe auf
der Oberfläche eines Körpers solchen Körperchen die gehörige Bewegung mittheilt
um diese Farbe hervorzubringen so wurde dies doch zur Bildung sicherer
allgemeiner Sätze aber die einzelnen Arten nicht zureichen wenn unsere Vermögen
nicht so scharf wären dass man auch die Masse Gestalt das Gewebe und die
Bewegung der kleinsten Theile in den einzelnen Körpern wahrnehmen könnte durch
die sie auf unsere Sinne einwirken um danach die allgemeinen Vorstellungen über
sie zu bilden Ich habe hier nur körperliche Substanzen gemeint deren
Wirksamkeit unserm Verstande näher zu liegen scheint denn bei den Wirksamkeiten
der Geister sowohl in deren Denken wie Bewegen der Körper, hört schon bei dem
ersten Blick unser Wissen auf Allein auch bei den Körpern wird man wenn man
näher über sie und ihre Wirksamkeit nachdenkt und erwägt wie wenig unsere
Begriffe selbst bei diesen mit einiger Klarheit über einzelne Tatsachen
hinausreichen gestehen müssen dass selbst hier unsere Entdeckungen wenig über
vollkommene Unwissenheit und Unfähigkeit hinausgehen
15 Da unsere Vorstellungen von Substanzen deren wirkliches Wesen nicht
enthalten so können wir nur wenig allgemeine Sätze über sie aufstellen So
viel ist klar dass die allgemeinen Vorstellungen der Substanzen, die durch
allgemeine Worte bezeichnet werden nur wenig allgemeine Gewissheit gewähren
können weil sie deren wirkliche Verfassung nicht einschließen Unsere
Vorstellungen von ihnen sind nicht aus dem gebildet wovon die an ihnen
wahrgenommenen Eigenschaften abhängen und was uns hierüber belehren könnte
oder mit dem sie in Verbindung stehen Wenn zB die Vorstellung, die man Mensch
nennt meist einen Körper von der entsprechenden Gestalt mit Wahrnehmung
freiwilliger Bewegung und Vernunft bezeichnet so kann man aus dieser
allgemeinen Vorstellung, die sonach das Wesen des Menschen bildet nur wenig
allgemeine Sätze über den Menschen aufstellen denn man kennt nicht die
wirkliche Verfassung von der die Wahrnehmung, die Kraft zu bewegen und zu
denken und diese besondere Gestalt abhängen und worauf ihre Verbindung zu einem
Wesen beruht Deshalb gibt es nur wenig andere Eigenschaften mit denen jene in
einer notwendigen und erkennbaren Verbindung stehen und man kann nicht sicher
behaupten dass zB alle Menschen zu Zeiten schlafen dass kein Mensch sich von
Steinen und Holz ernähren könne dass alle Menschen durch Schierling vergiftet
werden denn all diese Vorstellungen stehen in keiner Verbindung und sind auch
nicht umgekehrt unvereinbar mit dem Wort Wesen des Menschen und mit der
allgemeinen, durch dieses Wort bezeichneten Vorstellung Man muss hier und bei
andern Fragen Versuche an Einzelnen anstellen kommt indes damit nicht weit im
Übrigen muss man sich mit Wahrscheinlichkeiten begnügen allgemeine Gewissheit
ist unmöglich weil unsre Vorstellung vom Menschen das wirkliche Wesen nicht als
die Wurzel einschließt aus der all seine Eigenschaften abfließen und sich
untrennbar in ihr vereinigen unsre Vorstellung vom Menschen ist nur eine
unvollständige Sammlung einiger erkennbarer Eigenschaften und Kräfte desselben
und deshalb fehlt die Verbindung oder der Widerstreit derselben mit der
Wirksamkeit des Schierlings oder der Steine auf dessen Verfassung Es gibt
Tiere die ohne Schaden Schierling verzehren und andere die sich von Holz und
Steinen nähren so lange aber uns die Kenntnis der wirklichen Verfassung der
einzelnen ThierArten fehlt von der diese und andere Eigenschaften und Kräfte
abhängen kann man nicht hoffen eine Gewissheit für allgemeine Sätze über sie
zu erreichen Nur jene wenigen Vorstellungen, die eine erkennbare Verbindung mit
dem WortWesen oder einem Theile desselben haben können uns solche Sätze
gewähren deren sind indes so wenige und sie sind von so geringer Bedeutung
dass unser gewisses allgemeines Wissen über Substanzen so gut wie keines ist
16 Worauf die allgemeine Gewissheit der Sätze beruht Also können
allgemeine Sätze irgend welcher Art nur dann Gewissheit haben wenn die darin
vorkommenden Worte solche Vorstellungen bezeichnen deren Übereinstimmung oder
NichtÜbereinstimmung in der ausgedrückten Art von uns entdeckt werden kann,
und wir sind nur dann ihrer Wahrheit oder Unwahrheit gewiss wenn wir erkennen
dass die bezeichneten Vorstellungen so übereinstimmen oder nicht übereinstimmen
wie sie bejaht oder verneint worden sind. Daher besteht die Gewissheit des
Allgemeinen nur in unsern Vorstellungen sucht man sie anderswo in Versuchen
oder Beobachtungen so kommt man nicht über das Wissen von dem Einzelnen hinaus
Nur die Betrachtung unsrer allgemeinen Vorstellungen kann uns allgemeines Wissen
gewähren
1 Sie haben ihre Gewissheit in sich selbst Es gibt eine Art Sätze
welche unter dem Namen von Maximen oder Axiomen für Grundsätze der
Wissenschaften gelten Weil sie in sich selbst gewiss sind haben sie für
angeboren gegolten obgleich bisher Niemand so viel ich weiß versucht hat
den Grund oder die Unterlage ihrer Klarheit und zwingenden Gewalt darzulegen
Eine Untersuchung dieses Grundes ihrer Selbstgewissheit dürfte jedoch der Mühe
wert sein um zu sehen ob sie ihnen eigentümlich ist und um ihren Einfluss
und ihre leitende Macht auf unser Wissen zu ermitteln
2 Worin diese SelbstGewissheit besteht Das Wissen besteht wie
gezeigt in der Erfassung der Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung von
Vorstellungen; wird nun diese Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung
unmittelbar durch sie selbst erkannt ohne dass eine andere Vorstellung dabei
einzutreten hat so ist die Kenntnis eine selbstverständliche Dies erhellt
wenn man die Sätze betrachtet denen man auf den ersten Blick ohne alle
Beweise zustimmt Der Grund dieser Beistimmung kommt überall von der
Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung der Vorstellungen, reiche wie die
Seele bei einer unmittelbaren Vergleichung derselben bemerkt der Bejahung oder
Verneinung des Satzes entsprechen
3 Diese Selbstgewissheit ist nicht auf die anerkannten Grundsätze
beschränkt Wenn sich dies so verhält so fragt es sich zunächst ob diese
Selbstgewissheit nur den Sätzen eigen ist die unter dem Namen von Axiomen
umlaufen und denen allein die Würde solcher eingeräumt worden ist. Hier
erhellt, dass auch andere Wahrheiten die nicht als solche Axiome gelten doch
an dieser Selbstgewissheit gleicherweise Teil nehmen man braucht deshalb nur
die einzelnen früher erwähnten Arten der Übereinstimmung und
NichtÜbereinstimmung durchzugehen zB die Dieselbigkeit die Beziehungen
das Zusammenbestehen und das wirkliche Dasein man sieht dann dass nicht bloß
diese wenigen Satze die als Axiome gelten sondern viele ja unzählige andere
Sätze auch dazu gehören
4 1 In Bezug auf Dieselbigkeit und Verschiedenheit sind alle Sätze
gleich selbstgewiss Erstens beruht die unmittelbare Erkenntnis der
Übereinstimmung und NichtÜbereinstimmung bezüglich der Dieselbigkeit auf der
Bestimmtheit der Vorstellungen in der menschlichen Seele und daraus gehen
ebenso viele selbstgewisse Sätze hervor als man bestimmte Vorstellungen hat
Alles Wissen überhaupt hat zu seiner Grundlage bestimmte und unterschiedene
Vorstellungen, und es ist die erste Tätigkeit der Seele ohne die das Wissen
überhaupt unmöglich ist jede ihrer Vorstellungen durch diese selbst zu kennen
und von andern zu unterscheiden Jeder bemerkt dass er die Vorstellung, die er
hat kennt ebenso dass er weiß wenn eine in seinem Verstande ist und was sie
ist und sind mehrere daselbst so kennt er sie bestimmt und vermengt keine mit
der andern Indem sich dies immer so verhält da es unmöglich ist dass Jemand
das nicht bemerkt was er bemerkt so kann er wenn eine Vorstellung in seiner
Seele ist nicht daran zweifeln dass sie da ist und dass sie die Vorstellung
ist, die sie ist und dass, wenn zwei Vorstellungen in seiner Seele sind sie
bestimmt sind und die eine nicht die andere ist Deshalb werden alle solche
Behauptungen und Verneinungen gemacht ohne dass ein Zweifel eine Ungewissheit
oder Zögern dabei möglich ist; vielmehr wird ihnen sofort sobald sie verstanden
worden zugestimmt dh sobald man in der Seele die bestimmten Vorstellungen
hat welche den Worten in dem Satze entsprechen Deshalb ist die Seele wenn sie
irgend einen Satz aufmerksam betrachtet um die beiden durch seine Worte
bezeichneten bejahten oder verneinten Vorstellungen als dieselben oder als
verschiedene zu erfassen sofort und untrüglich von der Wahrheit solchen Satzes
überzeugt gleichviel ob die Worte mehr oder weniger allgemeine Vorstellungen
bezeichnen zB ob die allgemeine Vorstellung des Seins von sich selbst bejaht
wird wie dies in dem Satze geschieht Was ist das ist oder ob eine mehr
besondere Vorstellung von sich bejaht wird wie Ein Mensch ist ein Mensch
oder Was weiß ist, ist weiß oder ob die allgemeine Vorstellung des Seins von
dem NichtSein verneint wird welche Vorstellung wenn ich es so nennen darf
die einzige von dem Sein verschiedene ist wie dies in dem zweiten Satze
geschieht wonach dasselbe Ding unmöglich sein und nichtsein kann oder wenn
die Vorstellung eines besonderen Seienden von einer andern verneint wird wie
Der Mensch ist nicht ein Pferd rot ist nicht blau Sobald diese Worte
verstanden sind lässt die Verschiedenheit der Vorstellungen die Wahrheit des
Satzes sofort erkennen und zwar ebenso leicht bei allgemeinen wie bei weniger
allgemeinen Sätzen da der Grund überall derselbe ist denn die Seele bemerkt
bei jeder ihrer Vorstellungen dass diese dieselbe mit sich selbst ist, und dass
zwei verschiedene Vorstellungen verschieden und nicht dieselben sind Dies ist
gleich gewiss mögen die Vorstellungen mehr oder weniger allgemein besondert
oder umfassend sein Deshalb sind nicht bloß die zwei Sätze Was ist das ist
und Es ist unmöglich dass dasselbe Ding ist und nicht ist ausschließlich mit
dieser Selbstgewissheit ausgestattet sondern diese Auffassung des Seins oder
NichtSeins findet auch bei jeder andern Vorstellung statt Jene beiden
allgemeinen Sätze sagen nur »dasselbe ist dasselbe« und »dasselbe ist nicht
verschieden« diese Wahrheit erfasst man ebenso bei den einzelnen Fällen wie bei
diesen allgemeinen Sätzen und zwar bei einzelnen Fällen schon ehe man an jene
allgemeinen Satze gedacht hat ihre Kraft beruht auf der Unterscheidung der
einzelnen Vorstellungen, welche in der Seele erfolgt Auch ohne Beweis und Hülfe
eines dieser beiden allgemeinen Sätze erkennt die Seele klar und weiß gewiss
dass die Vorstellung von Weiß die Vorstellung von Weiß ist und nicht die von
Blau und dass, wenn diese Vorstellung in der Seele ist sie da ist und nicht
abwesend deshalb kann die Betrachtung dieser beiden Axiome nichts zu der
Gewissheit und Klarheit des Wissens der Seele beitragen Und so verhält es sich
wie Jeder bei sich selbst erfahren kann mit allen andern Vorstellungen in der
Seele man weiß von jeder dass sie dieselbe und keine andere ist und dass sie
in der Seele ist und nicht wo anders wenn sie darin ist diese Gewissheit kann
nicht grösser sein und deshalb kann die Gewissheit bei keinem allgemeinen Satze
grösser sein oder jene vermehren Bei der Dieselbigkeit reicht deshalb das
anschauliche Wissen so weit wie Vorstellungen gehen Man kann so viele
selbstgewisse Sätze bilden als Worte für bestimmte Vorstellungen bestehen Ich
frage ob der Satz: Ein Kreis ist ein Kreis nicht ein ebenso selbstgewisser
Satz ist wie der allgemeinere Was ist das ist und ob umgekehrt der Satz:
blau ist nicht rot ein Satz ist an dem die Seele etwa zweifeln kann wenn sie
die Worte verstanden hat sie kann es so wenig wie an jenem Axiom dass es für
dasselbe Ding unmöglich ist zu sein und nicht zu sein Und dies gilt auch für
alle andern Vorstellungen
5 2 Für das Zusammenbestehen gibt es nur wenig selbstgewisse Sätze
Was zweitens das Zusammenbestehen betrifft oder eine solche notwendige
Verbindung zweier Vorstellungen dass, wenn die eine bei einem Gegenstände
besteht auch die andere dabei sein muss so hat die Seele von dieser
Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung nur in wenig Fällen eine
unmittelbare Erkenntnis Deshalb gibt es hier nur wenig anschauliches Wissen
und es gibt hier auch nur wenige selbstgewisse Sätze aber doch einige so ist
zB die Vorstellung des Körpers mit der Ausfüllung eines Raumes der dem
Inhalte seiner Oberfläche gleich ist verbunden und deshalb der Satz
selbstgewiss dass zwei Körper nicht denselben Raum einnehmen können
6 3 Bei andern Beziehungen gibt es deren Was drittens die
Beziehungen von Zuständen anlangt so haben die Mathematiker viele Axiome über
die Beziehung der Gleichheit gebildet zB Gleiches von Gleichem genommen
bleibt Gleiches Dieser und andere Sätze dieser Art gelten zwar als Grundsätze
bei den Mathematikern und sind unzweifelhaft wahr indes zeigt sich bei ihrer
Betrachtung dass ihre Selbstgewissheit nicht klarer ist als die des Satzes
Eins und Eins sind Zwei oder dass, wenn man von den fünf Fingern bei jeder Hand
zwei Finger wegnimmt die gleiche Zahl bei jeder Hand übrig bleibt Diese und
tausend andere Sätze Können über Zahlen aufgestellt werden denen man so wie
man sie hört beistimmen muss und die dabei klarer sind als jene
mathematischen Axiome
7 4 Über wirkliches Dasein gibt es keine selbstgewissen Sätze Da
viertens das wirkliche Dasein nur mit der Vorstellung von uns selbst und von
Gott sonst aber mit keiner andern Vorstellung verknüpft ist so hat man
hierüber nicht einmal ein beweisbares geschweige ein anschauliches Wissen
Deshalb gibt es hier keine Grundsätze
8 Diese Grundsätze haben wenig Einfluss auf unser sonstiges Wissen Es
fragt sich nun welchen Einfluss diese anerkannten Grundsätze auf andere Theile
unsers Wissens haben Jene Regeln der Schulen wonach alles Begründen »ex
präcognitis et präconcessis « geschieht scheinen die Grundlage für alles andere
Wissen auf diese Grundsätze zu stellen und sie als die präcognita anzunehmen Es
ist damit wohl gemeint 1 dass diese Grundsätze die ersten seien welche die
Seele kennen lernt und 2 dass alles andere Wissen davon abhängt
9 Denn sie sind nicht die zuerst gewussten Wahrheiten Dass sie indes
nicht zu den zuerst der Seele bekannten Wahrheiten gehören lehrt die Erfahrung
und habe ich früher in Buch I Kap 2 dargelegt Wer bemerkt nicht dass ein
Kind gewiss weiß ein Fremder sei nicht seine Mutter und dass sein
Nutschbeutel nicht die Rute ist und zwar lange bevor es weiß dass kein Ding
sein und zugleich nichtsein kann Mit wie vielen Wahrheiten über Zahlen ist
nicht offenbar die Seele schon genau bekannt und deren gewiss bevor sie an jene
Grundsätze denkt auf die sich die Mathematiker bei ihren Beweisen manchmal
beziehen Der Grund dafür ist klar die Seele stimmt solchen Sätzen nur in Folge
ihrer Auffassung der Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung der darin
enthaltenen Vorstellungen zu, je nachdem sie in verständlichen Worten von
einander bejaht oder verneint werden Ferner ist jede Vorstellung das was sie
ist und zwei verschiedene Vorstellungen gelten nicht als dieselben deshalb
müssen solche selbstgewisse Wahrheiten bei denjenigen Vorstellungen zuerst
gewusst werden die zuerst in der Seele sind und dies sind die von den
einzelnen Dingen erst von diesen aus schreitet der Verstand allmählich zu den
allgemeinen fort die von den gewöhnlichen und bekannten Gegenständen der Sinne
entlehnt und in der Seele befestiget und mit Namen versehen worden Diese
Vorstellungen von einzelnen Dingen werden zuerst aufgenommen und unterschieden
und das Wissen derselben zuerst erlangt von diesen schreitet es zu den weniger
allgemeinen und dem Einzelnen näher Stehenden fort denn ganz allgemeine
Vorstellungen sind für das Kind oder die noch ungeübtere Seele nicht so leicht
und augenfällig als die Vorstellung des Einzelnen Wenn bei Erwachsenen dies
anders ist so kommt es nur von dem häufigen und gewohnten Gebrauche allgemeiner
Vorstellungen Denn näher betrachtet zeigen sich diese als Gebilde oder
Erfindungen der Seele die ihre Schwierigkeiten haben und die sich nicht so
leicht darbieten als man meint So braucht es einiger Mühe und
Geschicklichkeit um die allgemeine Vorstellung des Dreiecks obgleich es noch
keine sehr allgemeine umfassende und schwere ist zu bilden es darf weder
schief noch rechtwinklig weder gleichseitig noch gleichschenklig noch
ungleichseitig sein vielmehr dieses alles und auch keines von diesen Es ist
also etwas Unvollständiges was nicht bestehen kann und eine Vorstellung, in der
Theile von verschiedenen und unverträglichen Vorstellungen verbunden sind.
Allerdings braucht die Seele bei ihrem unvollkommenen Zustande solche
Vorstellungen und sucht sie wegen der Beweglichkeit für den Verkehr und der
Ausdehnung des Wissens, zu denen beiden sie hinneigt so schnell als möglich zu
gewinnen Allein dennoch müssen solche Vorstellungen als Zeichen unserer
Unvollkommenheit gelten wenigstens ergibt sich dass die allgemeinsten
Vorstellungen nicht die sind mit denen die Seele zuerst und am leichtesten
bekannt wird und auf welche das frühste Wissen sich bezieht
10 Denn das übrige Wissen ist von ihnen nicht abhängig Zweitens folgt
klar aus dem Gesagten dass diese gefeierten Grundsätze nicht die Unterlage
alles andern Wissens sind Denn wenn es noch viele andere Wahrheiten außer
ihnen von gleicher SelbstGewissheit, und viele andere die man vor ihnen
kennt gibt so können sie nicht die Grundsätze sein aus denen alles andere
Wissen sich ableitet Ist es denn unmöglich ohne die Hülfe dieser Grundsätze
oder anderer wie dass das Ganze all seinen Teilen gleich sei zu wissen dass
1 und 2 zusammen gleich 3 sind Viele wissen dies letztere ohne von einem
Grundsatze gehört oder daran gedacht zu haben wodurch es bewiesen würde und
sie wissen es so gewiss wie Andere es wissen dass das Ganze seinen Teilen
zusammen gleich ist oder sonst etwas der Art und zwar Alle aus dem einen Grunde
der SelbstGewissheit da die Gleichheit dieser Vorstellungen, mit oder ohne
solchen Grundsatz offenbar und gewiss ist und keines Beweises bedarf Selbst
nachdem man erkannt hat dass das Ganze all seinen Teilen gleich ist weiß man
nicht besser oder gewisser wie vorher dass 1 und 2 gleich 3 sind da wenn
etwas bei diesen Vorstellungen sich bedenklich zeigt das Ganze und die Theile
dunkler oder doch weniger bestimmt in der Seele auftreten als die 1 2 und 3
Soll alles Wissen neben diesen allgemeinen Grundsätzen von allgemeinen
angeborenen und selbstgewissen Sätzen abhängen so möchte ich fragen mit
welchen Grundsätzen man beweisen will dass 1 und 1 gleich 2 2 und 2 gleich 4
und dass dreimal 2 gleich 6 sind Da man dies ohne Beweis weiß so erhellt,
dass entweder nicht alles Wissen von bestimmten präcognitis oder Grundsätzen
abhängen kann oder dass jene Sätze auch zu den Grundsätzen gehören wo dann
eine große Menge von Zahlsätzen dazu gehören würde Nimmt man dann noch die
selbstgewissen Sätze hinzu welche über alle bestimmten Vorstellungen
aufgestellt werden können, so sind die Grundsätze zu denen man in den
verschiedenen Jahrhunderten gelangt unendlich oder wenigstens zahllos eine
Menge dieser angeborenen Grundsätze lernt man dann in seinem ganzen Leben nicht
kennen Mögen sie nun früher oder später zum Bewusstsein kommen so bleibt doch
richtig dass sie alle vermöge ihrer natürlichen Klarheit gewusst werden ganz
selbstständig sind und von andern Sätzen weder Licht noch einen starkem Beweis
erhalten am wenigsten erhält es der Einzelsatz von dem allgemeinen und der
einfachere von dem verwickelteren denn das Einzelne und Bestimmtere ist
bekannter und wird leichter und früher aufgefasst Mögen indes die klarsten
Vorstellungen sein welche sie wollen so beruht doch die Gewissheit und
Klarheit aller dieser Sätze darauf dass dieselbe Vorstellung für dieselbe gilt
und dass zwei verschiedene Vorstellungen für verschieden gelten Hat man die
Vorstellung von 1 und 2 von Gelb und Blau so weiß man gewiss dass die
Vorstellung der 1 die von der 1 ist und nicht die von der 2 und dass die von
Gelb die von Gelb ist und nicht die von Blau Bestimmte Vorstellungen können
nicht zusammenfließen das hieße sie gleichzeitig als getrennte und als eine
haben was sich widerspräche und hat man keine bestimmten Vorstellungen so
gebraucht man überhaupt seine Kräfte nicht und hat überhaupt kein Wissen
Sobald also irgend eine Vorstellung von sich selbst bejaht wird und sobald zwei
völlig bestimmte Vorstellungen von einander verneint werden so muss die Seele
dem als untrüglich wahr beistimmen so wie sie die Worte versteht ohne Zögern
und ohne dass sie Beweise braucht oder auf die in allgemeine Ausdrücke gefassten
Grundsätze Acht hat
11 Wozu diese allgemeinen Grundsätze nützen Soll man nun sagen dass
diese Grundsätze nutzlos seien Keineswegs wenn auch ihr Nutzen vielleicht
nicht der ist den man gewöhnlich annimmt Indes wenn jeder Zweifel an dem was
diesen Grundsätzen zugeschrieben wird leicht als ein Umstürzen der Grundlagen
aller Wissenschaften verschrien wird so verlohnt es sich vielleicht sie in
Rücksicht auf andere Theile des Wissens zu betrachten und ihren Nutzen genauer
zu ermitteln Erstens erhellt aus dem Obigen dass sie für den Beweis oder die
Verstärkung von weniger allgemeinen aber selbstverständlichen Sätzen ohne
Nutzen sind Zweitens ist klar dass sie nicht die Grundlagen sind oder gewesen
sind auf welchen eine Wissenschaft aufgebaut worden ist. Man spricht zwar viel
von Wissenschaften und von Grundsätzen auf denen sie errichtet sind und die
Schulmänner verbreiten solche Ansicht allein mein Unglück ist dass ich niemals
eine solche Wissenschaft angetroffen habe und noch weniger eine die auf den
zwei Grundsätzen errichtet wäre Was ist das ist und Es ist unmöglich dass
dasselbe Ding sein und nicht sein kann Ich würde mich freuen wenn man mir eine
auf diesen oder andern allgemeinen Grundsätzen errichtete Wissenschaft zeigen
könnte und wenn mir die Gestalt und das System einer auf diesen oder gleichen
Grundsätzen erbauten Wissenschaft vorgelegt werden könnte die nicht auch ohne
dieselbe dennoch feststünde Haben diese allgemeinen Grundsätze in der
Gottesgelehrtheit und bei theologischen Fragen nicht dieselbe Gültigkeit wie bei
andern Wissenschaften Hier helfen sie allerdings den Zank zum Schweigen und den
Streit zum Ende zu bringen aber dennoch wird Niemand deshalb sagen dass die
christliche Religion auf diesen Grundsätzen errichtet und unser Wissen von ihr
daraus abgeleitet sei wir haben sie durch göttliche Offenbarung empfangen und
ohne diese würden uns jene Grundsätze schwerlich zu ihr verholfen haben
Entdeckt man eine Vorstellung, durch deren Vermittlung man die Verbindungen
zweier anderer erkennt so ist es eine Offenbarung Gottes durch die Stimme der
Vernunft; man erfasst dann eine Wahrheit die man vorher nicht kannte Teilt
uns Gott eine Wahrheit mit so ist es eine Offenbarung durch die Stimme seines
Geistes und unser Wissen ist dann vermehrt aber in beiden Fällen kommt das
Licht oder Wissen nicht von Grundsätzen In dem ersten Falle gewähren es die
Dinge selbst; man erkennt die Wahrheit durch Auffassung ihrer Übereinstimmung
oder NichtÜbereinstimmung in dem letztem gewährt es Gott uns unmittelbar und
wir sehen die Wahrheit dessen was er uns sagt in seiner nicht irrenden
Wahrhaftigkeit
Drittens nützen sie nichts zur Vermehrung der Wissenschaften und zur
Entdeckung noch unbekannter Wahrheiten Herr Newton hat in seinem nicht genug zu
bewundernden Buche mehrere Sätze bewiesen die ebenso viele neue bis jetzt
nicht gekannte Wahrheiten enthalten und die einen großen Fortschritt in der
Mathematik bilden allein zu deren Entdeckung haben ihm nicht jene allgemeinen
Grundsätze Was ist das ist oder: Das Ganze ist grösser als der Teil oder
ähnliche verholfen diese waren keineswegs der Leitfaden der ihn zur Entdeckung
dieser wahren und gewissen Sätze führte und ebenso wenig haben sie ihm die
Beweise mitgeteilt vielmehr geschah dies durch die Auffindung der
vermittelnden Vorstellungen, welche die Übereinstimmung oder
NichtÜbereinstimmung der in den Sätzen enthaltenen Vorstellungen zeigten
Darin liegen die bedeutendsten Schritte und Hülfen für den menschlichen Verstand
behufs Ausdehnung der Wissenschaften während die Betrachtung dieser und anderer
viel gepriesener Grundsätze nicht das Mindeste dazu beiträgt Wer diese
überlieferte Bewunderung für jene Grundsätze hegt und meint man könne keinen
Schritt in dem Wissen vorwärts tun ohne die Stütze eines Grundsatzes und
keinen Stein in dem Aufbau der Wissenschaften zusetzen ohne ein Axiom der
sollte doch zwischen der Erwerbung und der Mittheilung des Wissens so wie
zwischen dem Verfahren was eine Wissenschaft weiter führt und dem was die
vorhandene nur Andern lehrt unterscheiden er würde dann sehen dass diese
allgemeinen Grundsätze nicht die Grundlagen sind auf denen die ersten Entdecker
ihren wunderbaren Bau errichteten und nicht die Schlüssel welche die
Geheimnisse des Wissens aufschlossen und öffneten Erst später nachdem die
Schulen gegründet waren und die Wissenschaften ihre Bekenner hatten die Andern
das Gefundene lehren sollten machte man von diesen Grundsätzen Gebrauch dh
man legte gewisse Sätze zu Grunde die selbstgewiss waren und für wahr galten
sie befestigten sich in der Seele der Schüler als unzweifelhafte Wahrheiten von
denen man gelegentlich Gebrauch machte um in einzelnen Fällen die Wahrheiten zu
beweisen die ihnen nicht so bekannt waren als jene allgemeinen Grundsätze
welche man ihnen eingeprägt und sorgfältig in ihrer Seele befestigt hatte
obgleich diese besonderen Fälle sich bei deren Betrachtung ebenso selbstgewiss
zeigten wie die allgemeinen Sätze die man zu ihrer Bestätigung herbeiholt Der
erste Entdecker fand diese besonderen Wahrheiten ohne Hülfe jener allgemeinen
Grundsätze und dies kann sich ebenso bei jedem Andern wiederholen der sie mit
Aufmerksamkeit betrachtet
Der Nutzen dieser Grundsätze besteht also 1 darin dass man sie gebrauchen
kann wenn man Andern die Wissenschaften soweit sie bereits bekannt sind
lehren will dass sie aber zu deren Vermehrung wenig oder nichts helfen 2 Dass
sie bei Streitigkeiten helfen um die hartnäckigen Zänker zum Schweigen zu
bringen und ein Ende herbeizuführen obgleich ihre Notwendigkeit zu dem Behuf
vielleicht in der Weise entstanden sein mag dass die Schulen die Disputationen
zum Prüfstein der Fähigkeiten und zum Kennzeichen des Wissens erhoben hatten
wer dabei das Feld behielt wurde als Sieger anerkannt und wer das letzte Wort
hatte dessen Gründe ja dessen Sache galten als die besten Indes konnte es
zwischen geschickten Kämpfern leicht zu keiner Entscheidung kommen da immer ein
MittelBegriff bei der Hand war um einen Satz zu beweisen und da der Andere
ebenso oft ohne oder mit Unterscheidung den Oberoder Untersatz leugnen konnte
man führte deshalb um dem Fortgange solchen Streits in eine endlose Kette von
Schlüssen zuvorzukommen gewisse allgemeine Sätze in den Schulen ein von denen
allerdings die meisten selbstverständlich waren und da alle Welt sie
anerkannte so galten sie als der allgemeine Maßstab der Wahrheit und als
Grundsätze im Fall die Streitenden keine andern zwischen sich aufgestellt
hatten über die nicht hinausgegangen werden dürfe und die jeder Teil
anerkennen müsse Indem damit diese Regeln zu Grundsätzen erhoben Wurden über
die man bei Streitigkeiten nicht hinausschreiten durfte so nahm man sie
fälschlich für den Ursprung und die Quelle aus denen alles Wissen abflösse und
für die Grundlagen auf welchen die Wissenschaften aufgebaut wären weil man
wenn man beim Streiten auf einen solchen Satz stieß innehielt nicht weiter
ging und damit die Sache entschieden war Ich habe indes bereits gezeigt wie
sehr man hierbei sich im Irrtum befand Dieses Verfahren der Schulen was als
die Quelle des Wissens galt verbreitete den Gebrauch dieser Grundsätze auch in
die Unterhaltung außerhalb der Schulen um den Spöttern den Mund zu
verschließen da man mit Dem nicht länger zu streiten brauchte der diese
selbstverständlichen und von allen Verständigen anerkannten Grundsätze
ableugnete Ihr Nutzen besteht daher bloß darin dass sie diesem Zanken ein Ende
machen Auch in solchen Fällen lehren sie in Wahrheit nichts was nicht bereits
durch die in dem Streite benützten MittelBegriffe geleistet worden wäre denn
deren Verbindung kann auch ohne die Hülfe dieser Regeln erkannt und damit die
Wahrheit schon erfasst sein ehe diese Regeln vorgebracht und die Begründung auf
einen ersten Grundsatz zurückgeführt worden ist. Schlechte Beweisgründe müssten
schon vorher aufgegeben werden wenn es bei diesem Streiten sich nicht um einen
Kampf bloß des Sieges wegen statt der Auffindung und Gewinnung der Wahrheit
handelte So machen diese Regeln wenigstens der Hartnäckigkeit ein Ende
obgleich der Aufrichtige schon früher nachgegeben haben würde Allein nachdem
dieses Verfahren der Schulen einmal zugelassen worden war und die Leute
ermutigt hatte selbst der Wahrheit so lange zu widerstehen bis sie beschämt
waren dh bis sie sich selbst oder einem anerkannten Grundsatze widersprachen
so schämte man natürlich in der gewöhnlichen Unterhaltung sich dessen nicht was
in den Schulen als tapfer und rühmlich galt und man hielt auch dort die einmal
gewählte Entscheidung einer Frage mochte sie falsch oder wahr sein bis auf das
Äußerste fest selbst nachdem man überführt worden war Allerdings ein
sonderbarer Weg für die Erlangung des Wissens und der Wahrheit von dem die
Vernünftigen und durch die Erziehung nicht Verdorbenen kaum je glauben konnten
dass er von den Verehrern der Wahrheit und den Erforschern der Religion und
Natur zugelassen und seine Einführung in die Pflegeschulen Denen gestattet
werden würde welche die Wahrheiten der Religion und Philosophie unter den
Unwissenden und Unbefangenen verbreiten sollen Ich brauche nicht zu zeigen wie
sehr eine solche Weise des Unterrichts die Gemüter der Tugend dem aufrichtigen
Streben und der Liebe zur Wahrheit abwendig macht und sie zweifeln lässt ob
überhaupt Etwas der Art besteht und es wert sei dass man es glaube Deshalb
sind diese Grundsätze, mit Ausnahme der Orte wo die peripatetische Philosophie
in den Schulen eingeführt worden und Jahrhunderte sich erhalten hat ohne der
Welt mehr als die Kunst des Streitens zu lehren nirgends weder für die
Grundlagen gehalten worden auf denen die Wissenschaften errichtet seien noch
für die größten Hilfsmittel zur Erweiterung derselben
Sie sind also wie gesagt beim Streiten sehr nützlich um den Zänkern den
Mund zu stopfen aber sie helfen nichts für die Entdeckung neuer Wahrheiten und
für den Erwerb von Kenntnissen Wer hat wohl je sein Wissen mit den Sätzen Was
ist das ist und Es ist unmöglich dass dasselbe Ding ist und nicht ist
begonnen und wer hat von denselben als Grundsätzen der Wissenschaft, ein
System nützlicher Kenntnisse abgeleitet Bei falschen Behauptungen die sich
widersprechen kann ein solcher Grundsatz gleich einem Probierstein zeigen wohin
sie führen deshalb sind sie geeignet auch die Verkehrtheit oder den Irrtum in
einer Begründung oder Meinung darzulegen aber sie nützen wenig zur Aufklärung
des Verstandes, und sie gewähren wenig Hülfe bei dem Erwerb von Kenntnissen
Diese würden nicht geringer noch weniger gewiss sein wenn man auch nie an
diese Grundsätze gedacht hätte Sie helfen allerdings wie gesagt bei
Begründungen den Mund der Schreier stopfen indem sie das Verkehrte ihrer
Aussprüche darlegen und sie beschämen weil sie leugnen was alle Welt weiß
und weil sie von ihnen selbst für wahr anerkannt werden müssen allein Jemand
seinen Irrtum nachweisen und ihm eine Wahrheit mittheilen ist nicht dasselbe
und ich möchte wohl wissen welche Wahrheit durch diese Grundsätze mitgeteilt
würde oder mit ihrer Hülfe erkannt würde die man nicht schon vorher wüsste oder
ohne sie erlernen könnte Man mag mit ihnen begründen so gut man kann sie
bleiben doch nur Aussagen über Dieselbigkeit und ihr Einfluss ist wenn sie
überhaupt einen haben nur hierauf beschränkt Jeder besondere Satz ist nach der
Dieselbigkeit und dem Unterschiede ebenso klar und gewiss wie diese allgemeinen
Sätze diese werden nur mehr eingeprägt und benutzt weil sie in ihrer
Allgemeinheit für viele Fälle passen
Andere weniger allgemeine Grundsätze sind großenteils nur WortSätze und
lehren nur die Beziehung und Bedeutung der Worte zu einander Man sagt »Das
Ganze ist all seinen Teilen gleich« aber welche wirkliche Wahrheit lehrt wohl
dieser Satz Er enthält nicht mehr als das was das Wort Totum oder das Ganze
schon von selbst sagt Wer weiß dass die Welt aus allen ihren Teilen besteht
weiß ziemlich so viel als »dass das Ganze all seinen Teilen gleich ist« Nach
solchem Grunde müssten auch der Satz, dass der Hügel höher ist als das Thai und
ähnliche für Grundsätze gelten Wenn aber die Lehrer der Mathematik Anderen
diese Wissenschaft beibringen wollen so stellen sie zwar mit Recht diese und
andere Grundsätze an den Eingang ihres Systems ihre Schüler sollen sich dadurch
gleich im Beginn mit diesen allgemeinen Sätzen bekannt machen sich an solches
Denken gewöhnen und dieselben in Form von Regeln und Aussprüchen immer bei den
einzelnen Fällen zur Hand haben allein genau besehen sind sie nicht klarer und
offenbarer als der einzelne Fall den sie bestätigen sollen die Seele ist dann
nur mit ihnen vertrauter und schon ihr Name genügt dann den Verstand zu
befriedigen Dies kommt wie gesagt mehr von ihrem realen Gebrauch und der
Festigkeit die sie in der Seele erlangt haben als von einem Unterschied in der
Gewissheit. Ehe die Gewohnheit eine solche Art zu denken und zu begründen in der
Seele befestigt hatte mag es ganz anders gewesen sein Wenn einem Kinde ein
Stück von seinem Apfel genommen wird so kennt es diesen einzelnen Fall besser
als vermittelst des Gesetzes dass das Ganze all seinen Teilen gleich ist
braucht einer von beiden Sätzen der Bestätigung durch den andern so ist mehr
für den allgemeinen die Bestätigung durch den einzelnen Fall nötig wie
umgekehrt denn das Wissen beginnt mit dem Einzelnen und dehnt sich nur
allmählich zur Allgemeinheit aus Später verfährt man allerdings umgekehrt das
Wissen wird in möglichst allgemeine Sätze gebracht mit denen man sich bekannt
macht und gewöhnt auf diese als den Maßstab der Wahrheit und des Irrtums
zurückzugehen Indem so andere Sätze fortwährend an ihnen geprüft werden
entwickelt sich bald die Meinung dass die besonderen Sätze ihre Wahrheit und
Gewissheit von ihrer Übereinstimmung mit jenen allgemeinen ableiten die man im
Reden und Begründen sehr viel benutzt und stets anerkennt Aus diesem Grunde
mögen von so vielen selbstgewissen Sätzen die allgemeinsten allein den Namen
von Grundsätzen erhalten haben
12 Die Grundsätze können das Entgegengesetzte beweisen wenn man nicht
Acht hat Diese allgemeinen Grundsätze dienen auch deshalb wenig zur Begründung
und Vermehrung des wahren Wissens weil sie wenn unsere Begriffe falsch oder
lose und schwankend sind und man sich mehr mit den Worten begnügt statt mit
den an sie geknüpften Vorstellungen der Dinge, leicht in Irrtümern und in einem
solchen Gebrauch der Worte bestärken können der zwar sehr gebräulich ist aber
zu Widersprüchen führt Wenn man zB mit Descartes die Vorstellung des Körpers
nur auf die Aasdehnung beschränkt so kann man leicht beweisen dass es keinen
leeren Raum gibt dh keinen Raum der nicht einen Körper enthielte Denn da
das Wort Körper dann nur die Ausdehnung bezeichnet so ist man überzeugt dass
der Raum nicht ohne Körper sein kann Die Vorstellung der Ausdehnung ist klar
und deutlich man weiß dass sie das ist was sie ist gleichviel ob sie
Ausdehnung Körper oder Raum genannt wird Deshalb können allerdings diese drei
Worte da sie nur dieselbe Vorstellung bezeichnen mit der gleichen Gewissheit
von einander, wie jede einzelne von sich selbst ausgesagt werden Bei solcher
Benutzung dieser Worte für dieselbe Vorstellung ist der Satz, dass der Raum der
Körper ist, ebenso wahr und dieselbig in seiner Bedeutung wie der Satz, dass der
Körper der Körper ist welcher Satz in Worten und im Sinne dieselbig ist
13 Ein Beispiel am leeren Raume Verbände nun ein Dritter mit dem Worte
Körper eine andere Vorstellung als Descartes und soll das in seiner Vorstellung
gedachte Ding sowohl Ausdehnung wie Dichtheit haben so kann man ebenso leicht
beweisen dass es einen leeren Raum ohne Körper gibt wie Descartes das
Gegenteil bewiesen hat Denn Jener gibt dem Worte Raum nur die bloße
Ausdehnung, und dem Worte Körper die zusammengesetzte Vorstellung von Ausdehnung
und Widerstand oder Dichtheit in demselben Gegenstände Diese beiden
Vorstellungen sind nicht ein und dieselben sondern so verschieden wie eins
und zwei weiß und schwarz Körper und Mensch Wird also die eine von der
andern ausgesagt so ist dies kein dieselbiger Satz sondern das Gegenteil und
der Satz: Die Ausdehnung oder der Raum ist kein Körper ist so wahr und gewiss
wie dies durch den Grundsatz dass nicht dieselbe Sache sein und nicht sein
kann nur bewirkt werden kann.
14 Sie beweisen das Dasein äußerer Dinge nicht So zeigt sich dass
diese beiden Sätze nämlich die Es gibt ein Leeres und Es kann kein Leeres
geben durch die beiden zuverlässigen Grundsätze Was ist das ist und
Dasselbe Ding kann nicht zugleich sein und nicht sein gleich gut bewiesen
werden können. Allein durch keinen kann bewiesen werden, dass Körper bestehen
und von welcher Art sie bestehen hier sind wir nur auf unsere Sinne angewiesen
mit denen man dies so weit als möglich ermitteln muss Diese allgemeinen
selbstgewissen Grundsätze enthalten nur das feste klare und bestimmte Wissen
von unsern Vorstellungen in einer allgemeinem und umfassendem Form und sie
können deshalb über das außerhalb der Seele Vorgehende keine Auskunft geben
Ihre Gewissheit stützt sich nur auf das Wissen dass jede Vorstellung sie selbst
und von den andern verschieden ist Hierüber ist kein Irrtum möglich so lange
sie in der Seele sind obgleich man sich wohl irrt und irren kann wenn man nur
die Namen ohne die Vorstellungen behält oder sie im Gebrauche verwechselt Da
jene Grundsätze nur bis zu dem Laute aber nicht bis zu dem Sinn der Worte
reichen so führen sie in solchen Fällen nur noch tiefer in Irrtum und
Verwirrung Ich erwähne dies um zu zeigen dass diese Grundsätze, die für die
großen Wächter der Wahrheit ausgeschrien werden nicht vor Irrtum schützen
wenn man die Worte unaufmerksam und schwankend gebraucht
Was ich über den geringen Werth dieser Grundsätze für die Vermehrung des
Wissens und über ihre Gefahr bei schwankenden Vorstellungen hier gesagt habe
soll nicht zur Beseitigung derselben führen wie man mir vorgeworfen hat Ich
gebe zu dass sie wahr und selbstgewiss sind und deshalb nicht bei Seite gelegt
werden dürfen Wo sie einen Einfluss wirklich haben da wäre es vergeblich ihn
vermindern zu wollen allein man kann dennoch ohne Schaden für Wahrheit und
Wissen annehmen dass ihr Nutzen nicht der Wichtigkeit entspricht mit der sie
behandelt werden und ich warne vor ihrem schlechten Gebrauch durch den man
sich nur tiefer in dem Irrtum verstrickt
15 Bei zusammengesetzten Vorstellungen ist ihr Gebrauch gefährlich Mag
nun ihr Nutzen für WortSätze so groß sein wie man wolle so gewähren sie doch
nicht die geringste Erkenntnis von der Natur der außer uns bestehenden
Substanzen über die Erfahrung hinaus Die Folgerungen aus diesen zwei
sogenannten Grundsätzen sind allerdings klar und man kann sie ohne Gefahr und
Schaden zum Beweise von Dingen benutzen die überhaupt keines Beweises bedürfen
und an sich selbst klar sind dh wo die Vorstellungen bestimmt und die sie
bezeichnenden Worte bekannt sind Wenn man aber diese beiden Sätze nämlich Was
ist das ist und Es ist unmöglich dass dieselbe Sache sein und nicht sein
kann zum Beweis von Sätzen benutzen will bei denen es sich um zusammengesetzte
Vorstellungen handelt wie Mensch Pferd Gold Tugend so entstehen große
Gefahren und sie lassen meist die Unwahrheit für klare Wahrheit und die
Ungewissheit für erwiesene Gewissheit nehmen Die Folgen sind dann Irrtümer
Hartnäckigkeit und alles Schlechte was aus falschen Gründen hervorgeht nicht
weil diese Grundsätze bei Sätzen mit zusammengesetzten Vorstellungen weniger
wahr und beweisend sind wie bei einfachen Vorstellungen sondern weil man
irrtümlich meint dass wenn man die Worte in den Sätzen beibehält sie auch für
dieselben Dinge gelten obgleich die mit den Worten bezeichneten Vorstellungen
gewechselt sind Deshalb können diese Grundsätze zur Verteidigung von Sätzen
gebraucht werden, die sich in Wort und Sinn widersprechen wie das obige
Beispiel mit dem leeren Räume ergeben hat Deshalb kann man mit diesen
Grundsätzen wenn man wie meist geschieht die Worte für die Dinge nimmt das
Entgegengesetzte beweisen wie ich noch weiter darlegen werde
16 Ein Beispiel an dem Menschen Will man zB über den Menschen Etwas
mittelst dieser obersten Grundsätze beweisen so zeigt sich dass diese
Grundsätze nicht über WortBeweise hinauskommen und keinen sicheren allgemeinen
und wahren Satz und kein Wissen über einen Gegenstand von uns darbieten Wenn
ein Kind sich die Vorstellung eines Menschen bildet so gleicht sie
wahrscheinlich dem Bilde das der Maler aus der äußern Erscheinung
zusammenstellt eine solche Gesamtvorstellung macht des Kindes Vorstellung vom
Menschen aus und da in England dazu die weiße oder Fleischfarbe gehört so
kann das Kind beweisen dass der Neger kein Mensch ist denn es fehlt ihm die in
seiner Vorstellung enthaltene weiße Farbe deshalb kann das Kind vermittelst
des Grundsatzes dass dasselbe Ding nicht zugleich sein und nicht sein kann
beweisen dass der Neger kein Mensch ist Die Grundlage hierbei ist nicht jener
Grundsatz von dem das Kind vielleicht niemals etwas gehört hat sondern die
klare und bestimmte Auffassung seiner eignen Vorstellungen von Schwarz und
Weiß die es nach seiner Überzeugung nie verwechseln kann wenn es auch jenen
Grundsatz nicht kennt Ebenso kann man diesem Kinde und jedem Andern der die
gleiche Vorstellung von dem Menschen hat nicht beweisen dass der Mensch eine
Seele habe da seine Vorstellung eine solche Bestimmung nicht enthält Deshalb
hilft der Grundsatz Was ist das ist hierbei nichts sondern es hängt von der
Beobachtung und den Verbindungen ab die man zur Bildung seiner mit Mensch
bezeichneten Vorstellung benutzt
17 Sodann kann ein Anderer der in der Bildung und Verbindung der Mensch
genannten Vorstellung weiter gegangen ist und zu der äußern Gestalt noch das
Lachen und ein vernünftiges Denken hinzugefügt hat beweisen dass Neugeborene
und Wechselbälge keine Menschen sind und zwar vermittelst des Grundsatzes dass
dasselbe Ding nicht zugleich sein und nicht sein kann und ich habe ganz
vernünftige Leute getroffen die wirklich dieser Meinung waren
18 Drittens bildet vielleicht ein Anderer die Gesamtvorstellung Mensch
genannt nur aus der Vorstellung eines Körpers überhaupt mit dem Vermögen zur
Sprache und zur Vernunft ohne die Gestalt mit aufzunehmen dann kann er
beweisen dass der Mensch keine Hände zu haben braucht und vier Füße haben
kann da diesen Bestimmungen in seiner Vorstellung des Menschen nichts
entgegensteht und nach dieser jeder Körper der sprechen kann und Vernunft hat
ohne Rücksicht auf seine Gestalt ein Mensch ist Dieser Dritte hat ein sicheres
Wissen von solch einer Vorstellung und ist deshalb sicher dass das was ist
auch ist
19 Bei klaren und deutlichen Vorstellungen haben diese Grundsätze für
die Beweise wenig Nutzen Recht betrachtet erhellt also dass wo die
Vorstellungen bestimmt ihre Namen bekannt sind und ihre Bedeutungen nicht
gewechselt werden man diese Grundsätze wenig oder gar nicht braucht um die
Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung der Vorstellungen zu beweisen Wer
die Wahrheit oder Unwahrheit solcher Sätze nicht auch ohne die Hülfe dieser und
ähnlicher Grundsätze erkennen kann wird bei diesen Grundsätzen wenig Hülfe
finden denn man muss von ihm annehmen dass er auch die Wahrheit dieser
Grundsätze ohne Beweise nicht erkennen kann wenn er die Wahrheit anderer nicht
ohne Beweis fassen kann die ebenso selbstgewiss sind wie jene Aus diesem
Grunde bedarf und gestattet bei dem anschaulichen Wissen ein Teil nicht mehr
Beweis als der andere Wer dies nicht annimmt nimmt die Grundlage alles Wissens
und aller Gewissheit hinweg und wer eines Beweises bedarf um dem Satz
zuzustimmen dass zwei gleich zwei seien braucht auch einen Beweis für den
Satz Was ist das ist Wer einen Beweis dafür braucht dass zwei nicht drei
sind dass weiß nicht schwarz und dass ein Dreieck kein Kreis usw ist und
dass überhaupt zwei verschiedene Vorstellungen nicht ein und dieselbe sind
wird auch einen Beweis dafür verlangen dass es unmöglich sei dass dasselbe
Ding ist und nicht ist
20 Der Gebrauch derselben ist bei verworrenen Vorstellungen gefährlich
Wenn daher diese Grundsätze da wo man bestimmte Vorstellungen hat wenig
nützen so können sie da leicht schaden wo die Vorstellungen schwankend sind
und wo man Worte gebraucht ohne bestimmte Vorstellungen damit zu verbinden
oder wo die Worte nur eine löse und veränderliche Bedeutung haben und bald
Dieses bald Jenes bedeuten Die daraus hervorgehenden Irrtümer und
Unwahrheiten werden dann durch das Ansehen dieser Grundsätze die dann als
Beweise dienen für Sätze deren Ausdrücke schwankende Vorstellungen bezeichnen
nur bestätigt und befestigt
1 Manche Sätze vermehren das Wissen nicht Ob die in dem vorigen
Kapitel behandelten Grundsätze für das wirkliche Wissen so nützlich seien wie
man allgemein annimmt überlasse ich der Erwägung allein so viel möchte ich
fast behaupten dass es allgemeine Sätze gibt die trotz ihrer gewissen
Wahrheit unserm Verstande kein Licht zuführen und unser Wissen nicht vermehren
2 Identische Sätze Dazu gehören erstens alle rein identischen Sätze
von denen man gleich auf den ersten Blick und augenfällig sieht dass sie keine
Belehrung gewähren Wenn man einen Ausdruck nur von ihm selbst aussagt so zeigt
er mag er bloß dem Worte oder seinem wirklichen Sinne nach genommen werden nur
das was man schon vorher sicher wissen musste ehe man solchen Satz bildete
oder vorgelegt erhielt Allerdings kann der allgemeine Satz Was ist das ist
mitunter eine Widersinnigkeit darlegen deren man sich schuldig macht wenn man
in Folge von Umschreibungen oder zweideutigen Ausdrücken in einem einzelnen
Falle ein Ding von sich selbst verneint denn offen bietet Niemand dem gesunden
Verstande so Trotz dass er in klaren Worten deutlich Widersprechendes
behauptete und geschähe es so musste alles Gespräch mit ihm abgebrochen
weiden Allein dennoch lehrt uns keiner dieser anerkannten Grundsätze oder
ähnlicher identischer Sätze Etwas Allerdings mag bei Sätzen dieser Art jener
große und viel gerühmte Grundsatz welcher als die Grundlage aller Beweise
gepriesen wird zu deren Bestätigung beitragen allein alle damit geführten
Beweise sagen zuletzt nur dass jedes Wort sicher von sich selbst bejaht werden
kann. Solchen Satz bezweifle ich nicht aber er gewährt kein wirkliches Wissen
3 Denn in dieser Weise kann selbst der Dümmste wenn er nur einen Satz
bilden kann und weiß was er meint wenn er ja oder nein sagt Millionen von
Sätzen bilden von deren Wahrheit er überzeugt ist und doch wird er damit kein
Ding in der Welt kennen lernen zB durch Sätze wie Was eine Seele ist, ist
eine Seele oder eine Seele ist eine Seele ein Geist ist ein Geist ein
Fetisch ist ein Fetisch usw Sie gleichen alle dem Satze Was ist das ist
dh was Dasein hat hat Dasein oder was eine Seele hat hat eine Seele Dies
ist nur ein Spiel mit Worten und gleicht dem Spiel des Affen der seine Auster
aus einer Hand in die andere nimmt und wenn er sprechen könnte sicherlich
sagen würde Die Auster in der rechten Hand ist der Gegenstand, und die in der
linken Hand ist das Beiwort damit hätte er den selbstgewissen Satz über Austern
gebildet dass die Auster eine Auster ist aber er wäre mit alledem kein
Haarbreit klüger oder kenntnisvoller geworden Mit solchem Verfahren könnte man
so wenig den Hunger des Affen wie den Verstand eines Menschen zufrieden stellen
jener würde damit nicht in seinem umfange und dieser nicht in seinem Wissen
zugenommen haben
Da identische Sätze selbstgewiss sind so nehmen Manche viel Antheil daran
und glauben den Wissenschaften zu nützen wenn sie laut verkünden dass sie
alles Wissen in sich enthalten und der Verstand nur durch sie zur Wahrheit
geleitet werde Ich will auch gern zugeben dass sie sämtlich wahr und
selbstverständlich sind und dass die Grundlage unsers Wissens in dem Vermögen
besteht jede Vorstellung als dieselbe aufzufassen und von den übrigen zu
unterscheiden wie ich in dem vorigen Kapitel dargelegt habe allein ich kann
nicht einsehen weshalb es nicht ein bloßes Spiel sein soll wenn man mit
identischen Sätzen das Wissen vermehren will Man mag noch so oft wiederholen
dass der Wille der Wille ist und man mag das größte Gewicht auf solche Sätze
legen so hilft dieser und unzählige andere gleicher Natur doch nichts zur
Ausdehnung des Wissens. Ein Mensch kann soweit es die Zahl der Worte gestattet
von solchen Sätzen überströmen wie zB das Gesetz ist das Gesetz; die
Verbindlichkeit ist die Verbindlichkeit Recht ist Recht unrecht ist Unrecht
er wird aber mit alledem nichts von der Ethik kennen lernen noch sich selbst
oder Andere in der Moral unterrichten Wer nicht weiß und vielleicht niemals
wissen wird was Recht und Unrecht ist und woran man sie bemisst kann dennoch
solche und ähnliche Sätze als völlig zuverlässig und untrüglich wahr aufstellen
gleich dem besten Kenner der Moral aber welchen Nutzen bringen solche Sätze für
die Kenntnis der zum Leben nötigen und nützlichen Dinge Man würde es nur
für Spielerei halten wenn Jemand behufs Aufklärung des Verstandes in einem
Gebiete des Wissens sich mit identischen Sätzen abmühte und auf Grundsätze Werth
legte wie die Die Substanz ist die Substanz, und der Körper ist der Körper;
das Leere ist das Leere und ein Wirbel ist ein Wirbel ein Zentaur ist ein
Zentaur und eine Chimäre ist eine Chimäre denn diese und ähnliche sind alle
gleich wahr gleich gewiss und gleich selbstverständlich Sie können trotzdem
nur als eine Spielerei gelten wenn man von ihnen als Grundsätzen bei dem
Unterricht Gebrauch macht und sie als eine Hülfe des Wissens behandelt da sie
nichts lehren was nicht Jeder der sprechen kann auch ohnedem weiß nämlich
dass dasselbe Wort dasselbe und dieselbe Vorstellung dieselbe ist Deshalb war
ich und bin noch jetzt der Ansicht dass die Aufstellung und Einprägung solcher
Sätze um dem Verstand neues Licht zuzuführen oder Einlass in die Erkenntnis
der Dinge zu gewähren nur ein Possenspiel ist Die Belehrung liegt in etwas
ganz Anderem und wer sich oder Andere mit neuen Wahrheiten bereichern will
muss vermittelnde Vorstellungen aufsuchen und sie eine zu der andern so ordnen
dass der Verstand die Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung der
betreffenden Vorstellungen ersehen kann Sätze die dies leisten sind
belehrend aber solche die nur denselben Ausdruck von sich selbst bejahen sind
weit davon entfernt und kein Mittel den Geist in irgend einem Gebiete weiter
zu führen Dies hilft so wenig dazu wie zum LesenLernen die Einprägung von
Sätzen helfen würde wie A ist A, und B ist B man kann solche Sätze so gut wie
der Schulmeister kennen und doch sein Leben lang nicht lesen lernen solche
identische Sätze helfen dazu nicht einen Schritt weiter mag man sie benutzen
wie man will Wenn man mich tadelt dass ich dies ein Possenspiel nenne so
lese man doch das früher mit klaren Worten Gesagte nach man wird dann sehen
dass ich unter identischen Sätzen nur solche verstehe wo derselbe Ausdruck in
gleicher Bedeutung von sich selbst bejaht wird Dies ist der wahre Begriff
identischer Sätze und von diesen kann ich sicherlich auch fernerhin behaupten
dass es nur Possen sind wenn man sie als belehrend behandelt Niemand mit
Verstand kann sie entbehren wo man auf sie achten muss und Niemand kann sie
bezweifeln wenn er auf sie achtet ob es aber richtiger ist Sätze wo dasselbe
Wort nicht an sich selbst bejaht wird identische zu nennen überlasse ich
Andern zur Entscheidung wenigstens trifft Alles was man von solchen Sätzen
sagt nicht mich und meinen Ausspruch über Sätze wo dasselbe Wort von sich
selbst bejaht wird Ich möchte wohl einen Fall wissen wo der Gebrauch eines
solchen Satzes Jemand in seinem Wissen weiter gebracht hätte Andere Fälle mag
man beliebig benutzen aber da sie nicht identisch sind gehören sie nicht
hierher
4 2 Wenn ein Teil einer zusammengesetzten Vorstellung von der ganzen
ausgesagt wird Zweitens gehören zu den nutzlosen Sätzen die wo von einer
zusammengesetzten Vorstellung ein Teil ausgesagt wird und die wo ein Teil
der Definition von dem definierten Worte ausgesagt wird Dahin gehören alle
Sätze wo die Gattung von der Art oder ein umfassenderes Wort von einem weniger
umfassenden ausgesagt wird Denn welche Belehrung enthält wohl ein solcher Satz
wie der Das Blei ist ein Metall für Jemand der die mit Blei bezeichnete
Vorstellung kennt Alle einfachen Vorstellungen, die in die mit Metall
bezeichnete Gesamtvorstellung eingehen sind schon vorweg in der enthalten
welche mit dem Worte Blei bezeichnet wird Wenn Jemand nur die Bedeutung des
Wortes Metall aber nicht die des Wortes Blei kennt so ist es allerdings das
Kürzeste letzteres damit zu erklären dass man es für ein Metall erklärt was
alle einfachen Vorstellungen in einem Worte befasst statt diese einzeln
aufzuzählen und zu sagen es ist ein sehr schwerer schmelzbarer und biegsamer
Körper
5 Und wenn ein Stück der Definition von dem definierten Worte ausgesagt
wird Eine gleiche Spielerei ist es ein Stück der Definition von dem
definierten Worte auszusagen oder eine einzelne Vorstellung aus einer
Gesamtvorstellung von dieser auszusagen zB Alles Gold ist schmelzbar denn
die Schmelzbarkeit ist eine von den einfachen Vorstellungen, welche die
Gesamtvorstellung des Goldes bilden und es ist deshalb nur ein Spiel mit
Lauten vom Golde das auszusagen was in seiner bekannten Bedeutung schon
enthalten ist. Es würde sehr lächerlich klingen wenn man ernsthaft es als eine
wichtige Wahrheit behauptete dass das Gold gelb sei und doch ist der Satz,
dass Gold schmelzbar ist nicht um ein Haar bedeutender es müsste denn diese
Eigenschaft aus der Vorstellung des Goldes weggeblieben sein Welche Belehrung
kann es sein für Jemand das schon Gehörte oder schon Gewusste zu wiederholen
denn ich weiß entweder schon die Bedeutung des von einem Andern gebrauchten
Wortes oder er muss sie mir sagen und wenn ich weiß dass Gold die
Vorstellung eines gelben schweren schmelzbaren biegsamen Körpers bezeichnet
so wird es mich nicht belehren wenn hinterher feierlich ein Satz daraus gemacht
und gesagt wird Alles Gold ist schmelzbar Solche Sätze zeigen höchstens die
Unaufrichtigkeit bei Jemand der von den Definitionen seiner Worte abgehen will
indem sie ihm diese in Erinnerung bringen aber sie enthalten kein anderes
Wissen als was die Worte schon allein bedeuten wenn sie auch noch so gewiss
sind
6 Ein Beispiel an Mensch und Zelter Jeder Mensch ist ein lebendiger
Körper dies ist ein Satz so gewiss als möglich allein er hilft zur
Erkenntnis der Dinge nicht mehr als der Satz: Ein Zelter ist ein
einherschreitendes Thier oder ein wieherndes einherschreitendes Thier beide
Sätze geben nur die Bedeutung des Wortes und lehren nur dies nämlich dass
Körper Empfindung und Bewegung oder das Vermögen zu empfinden und sich zu
bewegen drei Vorstellungen sind die ich immer unter dem Worte Mensch befasse
wo sie sich nicht beisammenfinden kommt der Name Mensch dem Dinge nicht zu und
ebenso sind Körper Empfindung eine Art zu gellen mit einer Art Stimme einige
von den Vorstellungen, welche ich mit dem Worte Zelter verbinde wenn sie in
einem Dinge nicht beisammen angetroffen werden, kann es nicht Zelter genannt
werden. Dasselbe geschieht wenn einzelne Worte für Vorstellungen, die zusammen
die Mensch genannte Gesamtvorstellung bilden von dem Worte Mensch ausgesagt
werden Wenn zB ein Römer unter dem Wort Homo die folgenden zu einem
Gegenstande verbundenen Vorstellungen versteht als Körperlichkeit Empfindung
Vermögen sich zu bewegen Vernünftigkeit Fähigkeit zu lachen so kann er
unzweifelhaft all diese Vorstellungen einzeln oder zusammen von dem Wort Homo
aussagen allein er sagt damit nur dass in seinem Lande das Wort Homo in seiner
Bedeutung all diese Vorstellungen enthält Ganz ebenso könnte ein fahrender
Ritter mit dem Wort Zelter die Vorstellungen befassen ein Körper von bestimmter
Gestalt vierbeinig empfindend sich bewegend einherschreitend wiehernd
weiß gewohnt eine Dame zu tragen und er könnte ebenso sicher diese
Vorstellungen von dem Wort Zelter aussagen allein er lehrte damit nur dass das
Wort Zelter in seiner Sprache diese Vorstellungen sämtlich bezeichnet und von
keinem Dinge ausgesagt wird dem eine davon abginge Wer mir dagegen sagt dass
das Ding in dem Empfindung Bewegung Vernunft und Lachen vereint sind einen
Begriff von Gott habe oder durch Opium in Schlaf verfalle bildet einen
belehrenden Satz weil diese letzten beiden Bestimmungen in der Vorstellung,
welche das Wort Mensch bezeichnet nicht enthalten sind und man daher damit
mehr als bloß die Bedeutung des Wortes erfährt deshalb ist das in einem solchen
Satze gebotene Wissen mehr und betrifft nicht bloß Worte
7 Denn damit wird nur die Bedeutung des Wortes erläutert Wenn Jemand
einen Satz aufstellt so muss er die dabei gebrauchten Worte verstehen sonst
schwatzt er wie ein Papagei ahmt nur die Laute nach und setzt Worte so wie er
es von Andern gelernt hat zusammen aber nicht so wie ein vernünftiges Wesen
das sie für die Vorstellungen in seiner Seele benutzt Auch der Hörer muss die
Worte verstehen sonst spricht man unverständlich und macht bloß ein Getöse
deshalb spielt Der nur mit Worten welcher Sätze bildet die nicht mehr
enthalten als schon eines der darin enthaltenen Worte aussagt und wo dies
schon vorher dem Andern bekannt war dies gilt zB von dem Satze Ein Dreieck
hat drei Seiten oder Safran ist gelb Dies ist nur statthaft bei Erklärung der
Worte für Jemand der sie nicht kennt es wird damit nur die Bedeutung des
Wortes und sein Gebrauch gelehrt
8 Aber kein wirkliches Wissen geboten Hiernach kann man die Wahrheit
von zwei Arten von Sätzen mit voller Gewissheit kennen einmal von jenen
spielenden Sätzen die zwar eine Gewissheit in sich haben aber nur eine
WortGewissheit und keine belehrende und zweitens von Sätzen die etwas
aussagen was sich als notwendige Folge der gebrauchten Gesamtvorstellung
ergibt aber nicht darin enthalten ist, wie zB dass der Außenwinkel eines
Dreiecks grösser ist als jeder der beiden inneren ihm gegenüberliegenden Diese
Beziehung ist in der Gesamtvorstellung des Wortes Dreieck nicht enthalten und
der Satz ist eine wirkliche Wahrheit und gewährt ein belehrendes wirkliches
Wissen
9 Allgemeine Sätze über Substanzen sind oft nur spielende Da man über
die Verbindung einfacher Vorstellungen zu Substanzen wenig mehr als was die
Sinne bieten weiß so kann man allgemeine Sätze über sie nur so weit bilden
als ihr WortWesen es darbietet Dies sind aber nur wenig und unbedeutende
Wahrheiten im Vergleich zu denen welche von ihrer wirklichen Verfassung
abhängen und deshalb sind die über Substanzen aufgestellten allgemeinen Sätze
wenn sie gewiss sind meist spielende Sätze sind sie aber belehrend so sind
sie ungewiss und von der Art dass man über ihre wirkliche Wahrheit trotz aller
Hülfe von Beobachtungen und Analogien keine Gewissheit erlangen kann Man trifft
deshalb oft auf klare und zusammenhängende Abhandlungen die doch nichts
bedeuten Die Namen von Substanzen können wie andere Namen wenn man ihnen eine
Bedeutung gibt mit aller Wahrheit zu verneinenden und bejahenden Sätzen
verbunden werden je nachdem ihre Definitionen dies gestatten und mit derselben
Klarheit können Sätze die aus solchen Worten bestehen ebenso von einander
abgeleitet werden wie Sätze die eine wirkliche Wahrheit bieten Dies Alles
kann geschehen ohne dass man die Natur der Dinge kennt und auf diese Weise
kann man Beweise und unzweifelhafte Sätze in Worten aufstellen und trotzdem
nicht einen Schritt in der Erkenntnis der Dinge weiter kommen Hat man zB die
folgenden Worte in ihrer gewöhnlichen Bedeutung erlernt Substanz Mensch
Thier Gestalt Seele Pflanze empfindend und vernünftig so kann man
unzweifelhafte Sätze über die Seele bilden ohne im Mindesten zu wissen was die
Seele ist In dieser Weise kann man zahllose Sätze Ausführungen und Schlüsse in
Büchern über Metaphysik scholastische Theologie und eine Art von
Naturphilosophie finden und nach alledem doch von Gott den Geistern und
Körpern so wenig wie vorher wissen
10 Und weshalb Wer die Bedeutung der Substanz-Worte nach seinem
Belieben definiert wie Jeder tut der damit seine eignen Vorstellungen
bezeichnet und sie auf das Geratewohl aufstellt indem er dabei nur seine und
Anderer Einfälle beachtet und nicht die Natur der Dinge selbst erforscht der
kann allerdings ohne Schwierigkeit eines aus dem andern beweisen je nach den
Beziehungen und Verhältnissen die er ihnen zu einander gegeben hat allein wie
die Dinge selbst ihrer Natur nach übereinstimmen oder nicht davon weiß er
nichts er kennt nur seine Begriffe und die ihnen beigelegten Namen er vermehrt
also sein Wissen damit so wenig wie Derjenige sein Vermögen welcher aus einem
Beutel von Zahlpfennigen den einen Zahlpfennig einen Thaler den andern einen
Groschen und den dritten einen Pfennig nennt er kann damit richtig rechnen und
je nach Stellung und Bedeutung seiner Zahlpfennige eine große Summe
herausbringen allein er wird damit um keinen Heller reicher und er braucht
nicht einmal dabei zu wissen was Thaler Groschen und Pfennige sind sofern er
nur weiß dass der eine 32 mal und der andere 30 mal in den hohem enthalten
ist. Ebenso kann man mit den Worten verfahren wenn man sie in Verhältnis zu
einander mehr oder weniger umfassend oder gleich annimmt
11 3 Gebraucht man Worte in verschiedenem Sinne so ist dies nur ein
Spiel mit denselben In Betreff der meisten Worte die bei Begründungen und
Streitigkeiten benutzt werden herrscht noch ein vor Allem beklagenswertes
Spiel was die Sicherheit des Wissens wesentlich vermindert und die Belehrung
über die Natur und die Kenntnis der Dinge sehr erschwert indem die
Schriftsteller die Worte schwankend brauchen anstatt durch die Innehaltung
eines festen und beständigen Sinnes derselben ihre Ausführungen klar und einfach
zu halten selbst wenn sie auch nicht belehrend sind obgleich dies nicht
schwer sein würde wenn es ihnen nicht darauf ankäme ihre Unwissenheit oder
Hartnäckigkeit mit der Dunkelheit und Verworrenheit ihrer Worte zu verdecken
auch mögen mitunter Unaufmerksamkeit und üble Angewöhnungen bei Manchem dazu
beitragen
12 Die Zeichen von bloßen WortSätzen sind Schließlich können die
bloßen Wortsätze an folgenden Kennzeichen erkannt werden:
1 Aussagen in Allgemeinheiten Erstens haben alle Sätze wo zwei
allgemeine Worte von einander ausgesagt werden nur die Bedeutung der Wortlaute
Denn jede allgemeine Vorstellung kann nur mit sich selbst identisch sein und
wenn sie daher von einem andern Worte ausgesagt wird so heißt dies nur dass
sie mit diesem Worte bezeichnet werden kann, oder dass beide Worte dieselbe
Vorstellung bezeichnen So kann man sagen Sparsamkeit ist Mäßigkeit
Dankbarkeit ist Gerechtigkeit diese oder jene Handlung ist oder ist nicht
gemäßigt Solche Sätze klingen sehr schön allein bei näherer Prüfung ihres
Inhalts geben sie nur die Bedeutung der gebrauchten Worte an
13 2 Die Aussage eines Teils der Definition von dem definierten Worte
Zweitens sind alle Sätze in denen ein Stück von der Gesamtvorstellung die
ein Wort bezeichnet von diesem Worte ausgesagt wird nur bloße WortSätze so
zB wenn man sagt Gold ist ein Metall oder Gold ist schwer Deshalb sind
alle Sätze wo umfassendere Worte Gattungen genannt von andern weniger
umfassenden Arten oder Einzelne genannt ausgesagt werden bloße WortSätze
Prüft man nach diesen beiden Regeln die inund außerhalb der Bücher
aufgestellten Sätze so dürfte sich zeigen dass mehr Sätze als man denkt sich
nur um die Bedeutung der Worte drehen und nur von dem Gebrauche und der
Anwendung dieser Zeichen handeln Wenigstens kann es wohl als untrügliche Regel
gelten dass den Fall ausgenommen wenn die mit dem Worte bezeichnete
Vorstellung unbekannt ist oder etwas in der Vorstellung nicht Enthaltenes bejaht
oder verneint wird überall sonst unser Denken sich nur in Lauten bewegt und
weder die Wahrheit noch die Unwahrheit erreicht Wird dies beachtet so kann es
uns viel vor nutzlosen Ergötzlichkeiten und Streitigkeiten schützen und viele
Mähe und Wege bei Aufsuchung des wahren und wirklichen Wissens ersparen
1 Allgemeine und gewisse Sätze betreffen nicht das Dasein.) Bisher haben
wir nur das Wesen der Dinge betrachtet und da dies nur in allgemeinen
Vorstellungen besteht und deshalb innerhalb des Denkens den daseienden einzelnen
Dingen fern bleibt indem bei dem Verallgemeinern die eigentümliche Tätigkeit
der Seele darin besteht eine Vorstellung nicht anders als nur in der Seele
daseiend aufzufassen so gewährt es durchaus kein Wissen von dem wirklichen
Dasein Hieraus kann man beiläufig abnehmen dass alle allgemeinen Sätze die
man als wahr oder unwahr gewiss weiß das Dasein nicht betreffen und ferner
dass alle Sätze über Einzelnes die ihre Gewissheit durch ihre Verallgemeinerung
verlieren würden bloß das Dasein betreffen indem sie nur die zufällige
Verbindung oder Trennung von Vorstellungen in bestehenden Dingen aussagen die
in ihrer allgemeinen Natur keine gekannte notwendige Verbindung oder
Entgegensetzung an sich haben
2 Das Wissen von dem Dasein ist dreifach Die weitere Betrachtung über
die Natur der Sätze und die verschiedenen Arten der Aussagen gehört jedoch an
einen andern Ort hier handelt es sich nur um unser Wissen von dem Dasein der
Dinge und am die Frage wie man es erlangt Hier sage ich dass wir von unserm
eigenen Dasein ein anschauliches Wissen haben von dem Dasein Gottes ein
beweisbares Wissen und von andern Dingen ein wahrnehmendes Wissen
3 Unser Wissen von dem eigenen Sein ist anschaulich Unser eigenes
Dasein nehmen wir so klar und sicher wahr dass es keines Beweises dafür bedarf
auch ist es dessen nicht fähig Denn nichts kann offenbarer für uns sein als das
eigene Dasein Ich denke ich überlege ich fühle Lust oder Schmerz kann all
dies offenbarer für mich sein als das eigene Dasein Selbst wenn ich alles
Andere bezweifle so lässt mich dieses Zweifeln mein eigenes Dasein wahrnehmen
und daran nicht zweifeln Denn wenn ich Schmerz empfinde so habe ich offenbar
eine ebenso sichere Wahrnehmung von meinem eigenen Dasein wie von dem gefühlten
Schmerz und wenn ich weiß dass ich zweifle so habe ich eine ebenso sichere
Wahrnehmung von dem zweifelnden Dinge als von dem Gedanken den ich Zweifel
nenne So lehrt uns die Erfahrung, dass wir ein anschauliches Wissen von unserm
eigenen Dasein haben und eine innere untrügliche Wahrnehmung dass wir sind
Bei jedem einzelnen Fühlen Denken oder Überlegen sind wir uns des eigenen
Seins bewusst und hier fehlt uns nichts an der höchsten Gewissheit
1 Wenn Gott uns auch keine angeborene Vorstellung seiner gegeben und
keine ursprünglichen SchriftZeichen der Seele eingeprägt hat aus denen man
sein Dasein lesen kann so hat er doch unsere Seele mit Vermögen ausgestattet
die von ihm Zeugnis ablegen denn wir haben Empfindungen Wahrnehmungen und
Vernunft und können deshalb des klaren Beweises seiner nicht ermangeln so
lange wir leben Auch dürften wir uns über Unwissenheit in diesem wichtigen
Punkte nicht beklagen denn er hat uns reichlich mit den Mitteln versehen um
ihn zu finden und so weit zu erkennen als es der Zweck unsers Daseins und das
Interesse an unserm Glück erfordert Es ist dies die augenfälligste Wahrheit
welche die Vernunft entdeckt und ihre Gewissheit gleicht wenn ich nicht irre
der mathematischen allein sie erfordert Nachdenken und Aufmerksamkeit die
Seele muss sie von einem Stück unseres anschaulichen Wissens ableiten sonst
bleibt sie hierüber ebenso unsicher und unwissend wie bei andern Sätzen die an
sich klar bewiesen werden können. Um darzulegen dass wir Gott erkennen dh
von seinem Sein Gewissheit erlangen können braucht man nicht über sich selbst
und die unzweifelhafte Gewissheit seines eigenen Daseins hinaus zu gehen
2 Der Mensch weiß dass er selbst ist.) Zweifellos hat der Mensch die
klare Vorstellung seines eigenen Daseins er weiß gewiss dass er ist und dass
er Etwas ist Wer zweifeln kann ob er Etwas sei oder nicht zu dem spreche ich
nicht so wenig wie ich mit dem reinen Nichts verhandeln oder das NichtSein
überzeugen kann dass es Etwas sei Will Jemand so skeptisch sein sein eigenes
Dasein zu leugnen denn ein wirklicher Zweifel daran ist offenbar unmöglich so
mag er sein geliebtes Glück Nichts zu sein genießen bis der Hunger oder ein
anderer Schmerz ihn von dem Gegenteil überführt Ich kann es also wohl für eine
Wahrheit ansehen deren Gewissheit Jeder an seinem Bewusstsein hat usw da
nicht gezweifelt werden kann, dass der Mensch Etwas ist was wirklich besteht
3 Der Mensch weiß auch dass nur ein ewiges Ding ein Seiendes
hervorbringen kann Demnächst weiß der Mensch durch anschauliche Gewissheit
dass das reine Nichts so wenig ein wirkliches Ding hervorbringen kann als dass
es zwei rechten Winkeln gleichen kann Wenn Jemand dies Letztere nicht weiß so
kann er keinen Beweis im Euklid verstehen Weiß man also dass ein wirkliches
Seiende besteht und dass es von dem NichtSein nicht hervorgebracht werden
kann, so folgt klar dass von Ewigkeit her Etwas bestanden hat denn ohnedem
hätte es einen Anfang und was einen Anfang hat müsste von etwas Anderem
hervorgebracht worden sein
4 Dies EwigSeiende muss höchst mächtig sein Ferner erhellt, dass, was
sein Sein und seinen Anfang von einem Andern hat Alles was es in sich hat und
ihm zugehört auch von einem Andern haben und alle seine Kraft aus derselben
Quelle haben muss Diese ewige Quelle alles Seienden muss daher auch die Quelle
und der Ursprung aller Macht sein und deshalb muss dieses EwigSeiende höchst
mächtig sein
5 und höchst wissend Weiter findet der Mensch Wahrnehmung und
Erkenntnis in sich damit haben wir wieder einen Schritt weiter getan und sind
nun überzeugt dass es nicht bloß ein Seiendes gibt sondern auch ein
einsichtiges Seiende Entweder gab es also eine Zeit wo es noch kein wissendes
Wesen gab und wo das Wissen erst zu sein begann oder es hat ein wissendes
Wesen von Ewigkeit her bestanden Sagt man es gab eine Zeit wo noch kein Wesen
Wissen hatte wo das ewige Seiende alles Verstandes entbehrte so antworte ich
dass dann nie ein Wissen hätte entstehen können weil es ebenso unmöglich ist
dass ein Ding, was des Wissens ganz entbehrt und blind wirkt ohne wahrzunehmen
ein wissendes Wesen hervorbringen kann wie dass ein Dreieck seine drei Winkel
grösser als zwei rechte machen kann Es widerspricht der Vorstellung des
fühllosen Stoffes ebenso dass er sich selbst Empfindung Wahrnehmung und Wissen
geben sollte als es der Vorstellung des Dreiecks widerspricht dass es sich
größere Winkel als zwei rechte geben sollte
6 Deshalb ist Gott So führt unsere Vernunft uns von der Betrachtung
unserer selbst und dem was wir in unserer Natur unfehlbar finden zu der
Erkenntnis der sichern und offenbaren Wahrheit dass es ein ewiges höchst
mächtiges und wissendes Wesen gibt wobei es gleichgültig ist ob man es Gott
nennen will denn die Sache ist klar und aus dieser Vorstellung können bei
gehöriger Betrachtung leicht alle jene übrigen Eigenschaften abgeleitet werden
die man diesem ewigen Wesen zuschreiben muss Ist Jemand indes so sinnlos
unverschämt anzunehmen dass der Mensch als der allein Wissende und Weise
dennoch das Erzeugnis des reinen Zufalls und der Unwissenheit sei und dass in
dem ganzen übrigen Weltall nur der Zufall herrsche so überlasse ich ihm den
sehr verständigen und gefühlvollen Tadel zu erwägen den Cicero in dem II Buche
seiner Gesetze ausspricht indem er sagt »Was kann es Törichteres
Anmaßenderes und Ungehörigeres für einen Menschen geben als wenn er meint er
allein habe eine Seele und Verstand und in der ganzen übrigen Welt sei nichts
der Art anzutreffen Oder dass diese Welt die er kaum mit der äußersten
Anstrengung seines Verstandes begreifen kann ohne allen Verstand bewegt und
geleitet werde«
Für mich ergibt sich aus dem Gesagten klar dass wir ein sichereres Wissen
von dem Dasein Gottes haben als von irgend Etwas was die Sinne uns nicht
unmittelbar offenbart haben Ja ich möchte annehmen dass wir sicherer wissen
dass es einen Gott gibt als sonst ein Ding außer uns Wenn ich sage »wir
wissen« so meine ich dass ein solches Wissen in unserer Macht steht und man
es nicht verfehlen kann wenn man seinen Verstand so wie bei andern Dingen
gebraucht
7 Unsere Vorstellung von einem vollkommenen Wesen ist nicht der
alleinige Beweis von Gottes Dasein Ich will hier nicht untersuchen wie weit
die Vorstellung eines höchst vollkommenen Wesens die der Mensch in seiner Seele
bildet das Dasein Gottes beweist oder nicht denn bei dem verschiedenen
Temperament der Menschen wirkt je nach der Richtung ihres Denkens bei dem
einen mehr dieser bei dem andern mehr jener Grund zur Bestätigung einund
derselben Wahrheit Indes dürfte es doch der falsche Weg sein wenn man behufs
Begründung dieser Wahrheit und Widerlegung der Gottesleugner bei einer so
wichtigen Frage alles Gewicht auf diese Grundlage allein und darauf dass
Manche die Vorstellung Gottes haben legt denn offenbar haben Andere sie nicht
und noch Andere nur eine solche die schlechter ist als gar keine und dabei
sind diese Vorstellungen sehr verschieden darauf den alleinigen Beweis der
Gottheit stützt und aus übergroßer Zärtlichkeit für diese LieblingsErfindung
alle andern Gründe beseitigt oder als unerheblich darzulegen sucht und von den
übrigen Beweisen als schwachen und trügerischen nichts hören mag welche das
eigene Dasein und die wahrnehmbaren Theile der Welt so klar und zwingend dem
Verstande darbieten dass ein verständiger Mann ihnen meines Erachtens nicht
widerstehen kann Ich halte es für eine so klare und gewisse Wahrheit wie
irgend eine, dass die unsichtbaren Eigenschaften Gottes aus der Erschaffung der
Welt klar entnommen werden können, und dass selbst seine ewige Macht und
Gottheit aus den erschaffenen Dingen eingesehen werden kann. Unser eignes Dasein
bietet zwar wie ich gezeigt habe einen offenbaren und unzweifelhaften Beweis
für Gottes Dasein und wer ihn so aufmerksam bedenkt wie vieles Andere wird
sich seiner Macht nicht entziehen können allein da es sich um die höchste
Wahrheit handelt die so bedeutend ist dass alle Religion und ächte Moral davon
abhängt so wird der Leser mir verzeihen wenn ich noch auf einige Punkte dieses
Beweises zurückkomme und bei denselben verweile
8 Etwas besteht von Ewigkeit Keine Wahrheit ist gewisser als dass
Etwas von Ewigkeit bestehen müsse Noch habe ich von Niemand etwas so
Unvernünftiges oder einen so offenbaren Widerspruch gehört als dass es eine
Zeit gegeben habe wo gar nichts gewesen sei denn von allen Verkehrtheiten ist
es die größte zu glauben dass das reine Nichts die vollkommene Verneinung
und Abwesenheit alles Seins je ein wirkliches Dasein hervorbringen könne
Deshalb muss jedes vernünftige Geschöpf anerkennen dass Etwas von Ewigkeit her
bestanden haben muss Wir wollen nun sehen welcher Art dieses Etwas sein muss
9 Zwei Arten von Dingen; denkende und nicht denkende Der Mensch kann
sich nur zwei Arten von Dingen in der Welt vorstellen 1 solche die rein
stofflich sind und weder Empfindung noch Wahrnehmung und Gedanken haben wie die
Schnitzel unsers Bartes und die unserer Nägel 2 empfindende denkende und
wahrnehmende Wesen wie wir selbst sind Ich werde diese denkende nennen und
jene nichtdenkende welche Ausdrücke für den Zweck hier vielleicht besser sind
als stofflich und nichtstofflich
10 Nichtdenkende Dinge können keine denkenden hervorbringen Wenn es
daher etwas Ewiges geben muss so fragt es sich von welcher Art Offenbar ist
es ein denkendes Wesen denn man kann sich ebenso wenig vorstellen dass der
nichtdenkende Stoff ein denkendes verständiges Wesen erzeugen könne wie dass
das Nichts aus sich selbst den Stoff erzeugen könne Nimmt man einen Teil des
Stoffes als ewig an so kann er groß oder klein an sich selbst nichts
hervorbringen Es sollen zB der nächste beste Kreisel ewig und seine Theile
fest verbunden und sämtlich in Ruhe sein Wäre nun kein anderes Wesen in der
Welt müsste er da nicht ewig so bleiben nämlich ein toter untätiger
Klumpen Kann man sich vorstellen dass er der bloß Stoff ist sich selbst
bewegen oder etwas Anderes hervorbringen kann Der Stoff kann durch seine eigene
Kraft keine Bewegung hervorbringen also muss auch diese von Ewigkeit sein sie
darf nicht erzeugt und muss durch ein Wesen was mächtiger als der Stoff ist
ihm beigelegt worden sein Aber selbst wenn die Bewegung ewig bestanden hätte
konnte doch der nichtdenkende Stoff und seine Bewegung zwar die Gestalten und
Größen verändern aber niemals das Denken hervorbringen Das Wissen übersteigt
ebenso sehr die hervorbringende Kraft der Bewegung und des Stoffes, wie der
Stoff die Kraft des Nichts oder des NichtSeins übersteigt Ich frage ob man
sich nicht ebenso leicht vorstellen kann dass der Stoff von Nichts
hervorgebracht werde als dass das Denken von dem bloßen Stoff hervorgebracht
werde wenn nicht vorher Etwas wie Denken oder ein denkendes Wesen bestanden
hat Man teile den Stoff in so kleine Theile als man vermag was man als eine
Art Vergeistigung desselben oder als eine Weise ein denkendes Ding aus ihm zu
machen ansehen könnte man verändere seine Gestalt und Bewegung nach Belieben
immer wird daraus ein Kegel ein Würfel eine Kugel ein Prisma ein Zylinder
usw dessen Durchmesser wenn er auch nur den millionsten Teil einer
Haarbreite hat nicht anders auf die Körper von entsprechender Größe wirken
kann wie Körper von der Größe eines Zolles oder Fußes Durchmesser und man
kann mit gleichem Recht erwarten dass Empfindung Wahrnehmung Gedanken und
Wissen entstehen wenn man grobe Stücke Stoffes zu gewissen Gestalten und
Bewegungen vereinigt als wenn man das mit den kleinsten vornimmt die zu finden
sind auch diese schlagen stoßen und widerstehen einander gerade so wie die
großen und dies ist Alles was sie vermögen Nimmt man daher nicht etwas
Erstes und Ewiges an so kann der Stoff nie anfangen zu sein nimmt man nur
bloßen Stoff an ohne ewige Bewegung so kann die Bewegung nie zu sein beginnen
und nimmt man bloß Stoff und Bewegung als das Erste und Ewige an so kann das
Denken zu sein nicht beginnen Denn man kann sich nicht vorstellen dass der
Stoff mit oder ohne Bewegung von sich und aus sich Gefühl Wahrnehmen und Wissen
erreichen könnte Dann müsste Gefühl Wahrnehmen und Wissen eine von Ewigkeit
untrennbare Eigenschaft des Stoffes und jedes Teils desselben sein wobei ich
nicht einmal erwähne dass unser allgemeiner Begriff von Stoff ihn zwar als ein
Ding nehmen lässt aber dass der Stoff in Wahrheit kein einzelnes Ding ist und
dass der Stoff nicht in der Art wie ein stoffliches Wesen oder wie ein
einzelnes Wesen besteht Wäre daher der Stoff das erste denkende Ding so gäbe
es nicht bloß ein denkendes ewiges Wesen sondern eine unendliche Menge von
ewigen endlichen denkenden Wesen die von einander unabhängig, von beschränkter
Kraft und bestimmtem Denken wären und sie könnten deshalb niemals jene
Harmonie Ordnung und Schönheit erzeugen welche die Natur enthält Deshalb muss
das erste ewige Wesen jedenfalls ein denkendes sein und das Erste der Dinge
muss notwendig mindestens all die Vollkommenheiten enthalten und wirklich
besitzen die später bestehen sollen auch kann es niemals einem Andern eine
Vollkommenheit mittheilen die es nicht in gleichem oder in einem höheren Grade
selbst hat Daraus folgt, dass das erste ewige Wesen nicht der Stoff sein kann
11 Deshalb besteht eine ewige Weisheit Ist es also klar dass Etwas
von Ewigkeit her bestanden haben muss so ist auch klar dass dies notwendig
ein denkendes Wesen gewesen sein muss weil es ebenso unmöglich ist dass der
nichtdenkende Stoff ein denkendes Wesen hervorbringe als dass das Nichts oder
die Verneinung des Seins ein seiendes oder stoffliches Ding hervorbrächte
12 Diese Entdeckung dass notwendig ein ewiger Verstand besteht führt
uns zu einer genügenden Erkenntnis Gottes denn es folgt daraus dass alle
andern wissenden Wesen welche einen Anfang haben von ihm abhängen müssen und
nur diejenigen Wege des Wissens und diejenige Ausdehnung von Macht besitzen die
er ihnen gegeben hat und dass, wenn er diese geschaffen hat er auch die
weniger ausgezeichneten Stücke des Weltalls und alle leblosen Dinge geschaffen
hat woraus sich denn Gottes Allwissenheit Macht und Vorsehung ergibt und all
seine andern Eigenschaften notwendig folgen Indes sind zur mehreren
Klarstellung noch die Zweifel zu erwägen die dagegen erhoben werden können.
13 Ob sie stofflich ist oder nicht Zuerst sagt man vielleicht dass
zwar das Dasein eines ewigen Wesens und zwar eines wissenden klar bewiesen
werden könne allein es folge nicht dass dieses denkende Wesen stofflos sei
Allein selbst wenn man dies zugibt folgt doch immer dass ein Gott ist denn
wenn ein ewiges allumfassendes allmächtiges Wesen besteht so ist gewiss dass
auch ein Gott besteht mag man ihn sich stofflich denken oder nicht Hierin wird
aber die Gefahr und das Täuschende dieser Annahme liegen Wenn der Beweis
anerkannt werden muss dass ein ewiges wissendes Wesen besteht so werden Die
welche dem Stoff ergeben sind leicht zugeben dass dieses Wesen stofflich ist
aber dann lassen sie aus ihren Gedanken oder Reden leicht den Beweis ausfallen
wonach ein ewiges wissendes Wesen notwendig bestehen muss und sie beweisen
dann dass Alles Stoff ist und leugnen dann Gott dh ein ewiges denkendes
Wesen obgleich sie damit ihre eigene Annahme eher widerlegen als begründen
Denn wenn nach ihrer Meinung ein ewiger Stoff ohne ein ewiges denkendes Wesen
bestehen kann so trennen sie Stoff und Denken und nehmen keine notwendige
Verbindung zwischen beiden an Damit begründen sie jedoch die Notwendigkeit
eines ewigen Geistes aber nicht die des Stoffes; weil ich schon dargelegt habe
dass ein ewiges denkendes Wesen unvermeidlich zugegeben werden muss Wenn sonach
Denken und Stoff getrennt bestehen kann so folgt aus dem ewigen Sein eines
denkenden Wesens nicht das ewige Sein des Stoffs und es wird also ohne Zweck
angenommen
14 Nicht stofflich 1 weil jeder Teil des Stoffes ohne Denken ist
Wenn jene sich indes überreden können dass das ewige und denkende Wesen
stofflich sei so frage ich zuerst Ob nach ihrer Ansicht aller Stoff und jeder
Teil desselben denkt Sie werden dies kaum behaupten denn dann gäbe es so
viele denkende Wesen als Theile des Stoffes, mithin eine unendliche Menge von
Göttern Und doch wird es ihnen wenn sie nicht zugestehen dass der Stoff als
solcher dh jeder Teil desselben sowohl denkend wie ausgedehnt ist dann so
schwer fallen nach ihrer eigenen Ausführung ein denkendes Wesen aus nicht
denkenden Teilen zu bilden wie ein ausgedehntes Wesen aus so zu sagen
nichtausgedehnten Teilen
15 2 Ein Teil des Stoffes kann nicht allein denkend sein Zweitens
frage ich wenn nicht aller Stoff denkend sein soll Ob bloß ein Atom desselben
denkt Dies wäre ebenso verkehrt wie jenes denn dann muss dieses Atom entweder
allein ewig oder nicht allein ewig sein Ist Ersteres so hat es durch sein
mächtiges Denken und Wollen allein allen übrigen Stoff geschaffen und so hat
man die Erschaffung des Stoffs durch ein mächtiges Denken woran die Anhänger
des Materialismus gerade Anstoß nehmen Denn soll nur ein einziges denkendes
Atom allen andern Stoff hervorgebracht haben so kann das nur seinem Denken
zugeschrieben werden weil dies sein einziger Unterschied ist Aber selbst wenn
es in einer andern unbegreiflichen Weise geschehen ist so hat doch immer ein
Schaffen stattgehabt und diese Männer müssen daher ihren großen Grundsatz
aufgeben »Aus Nichts wird Nichts« Sagen sie dass der übrige Stoff ebenso ewig
sei als jenes denkende Atom so ist dies ein beliebiges Behaupten und dabei
ebenso verkehrt denn die Annahme, dass aller Stoff ewig sei und doch ein Teil
davon in Wissen und Macht unendlich über allen andern erhaben sei heißt eine
Hypothese ohne den mindesten Schein eines Grundes aufstellen Jeder Stoffteil
ist als Stoff derselben Gestalt und Bewegung wie die andern fähig und ich
fordere Jeden heraus ob er vermag in seinen Gedanken dem einen noch Etwas vor
dem andern zu geben
16 3 Auch ein System von nicht denkendem Stoff kann nicht denkend
werden Wenn sonach weder ein einzelnes Atom dieses ewig denkende Wesen sein
kann und ebensowenig dies der Stoff als solcher sein kann dh jeder Teil
desselben so bliebe nur die Annahme, dass ein gehörig geordnetes System des
Stoffes dieses ewige denkende Wesen sei Zu diesem Begriffe neigen sich nach
meiner Ansicht am meisten Jene welche Gott als ein stoffliches Wesen haben
möchten weil dies sich ihnen am leichtesten in Folge der Vorstellungen bietet
die sie von sich selbst und andern Menschen haben die ihnen als denkende und
stoffliche Wesen gelten Allein diese Annahme ist trotz ihrer Natürlichkeit
ebenso verkehrt wie jene denn wenn das ewige denkende Wesen nur eine Verbindung
von Stoffteilen ist von denen Jeder denkt so wird damit alle Weisheit und
Wissenschaft dieses ewigen Wesens nur der Aneinanderstellung von Teilen
zugeschrieben dies ist aber das Verkehrteste was möglich ist da
nichtdenkende Stoffteile trotz aller ihrer Anordnung damit an sich selbst
nur eine neue Stellung mehr bekommen woraus unmöglich ein Denken und Wissen für
sie hervorgehen kann
17 Mag das System sich bewegen oder ruhen Weiter ist dieses
körperliche System entweder in allen seinen Teilen in Ruhe oder es besteht
eine gewisse Bewegung seiner Theile was sein Denken ausmacht Ist es völlig in
Ruhe so ist es nur eine Masse und kann deshalb kein Vorrecht über das einzelne
Atom haben Hat es aber eine Bewegung seiner Theile wovon sein Denken abhängt
so muss es notwendig zufällig und beschränkt sein denn jeder Stoffteil der
durch seine Bewegung das Denken bewirkt ist an sich ohne Denken er kann
deshalb seine Bewegung nicht regeln noch weniger durch das Denken des Ganzen
diese Regelung empfangen denn das Denken ist ja nicht die Ursache der Bewegung
denn dann müsste es ihr vorgehen und also ohne sie sein sondern ihre Folge
Damit ist die Freiheit Macht Wahl und alles vernünftige und weise Denken und
Handeln aufgehoben und dieses denkende Wesen nicht besser und weiser als der
reine blinde Stoff Denn wenn man Alles in zufällige ungeleitete Bewegungen des
blinden Stoffes auflöst so ist dies ebenso als wenn man das Denken von
ungeleiteten Bewegungen des blinden Stoffes abhängig macht Dazu kommt noch die
Beschränktheit eines solchen Denkens und Wissens was nur von der Bewegung
solcher Theile abhinge Ich brauche daher wohl keine weitem Verkehrtheiten und
Unmöglichkeiten in dieser Hypothese aufzuzählen obgleich sie voll davon ist
als das bisher Gesagte denn mag dieses denkende System einen Teil oder den
ganzen Stoff der Welt befassen so kann doch der einzelne Stoffteil weder seine
eigene Bewegung noch die der andern kennen und ebenso wenig kann das Ganze die
Bewegung der einzelnen Theile kennen es kann deshalb auch sein eigenes Denken
und Bewegen nicht leiten und überhaupt aus solcher Bewegung kein Denken
erlangen
18 Der Stoff ist nicht gleichewig wie der ewige Geist Andere wollen
diesen Stoff ewig sein lassen obgleich sie ein ewiges denkendes stoffloses
Wesen annehmen Damit wird zwar das Dasein Gottes nicht aufgehoben aber es wird
doch ein großes Stück aus seiner Schöpfung geleugnet und es bedarf deshalb
diese Ansicht einer nähern Prüfung Ich frage Weshalb soll der Stoff ewig sein
Man sagt Weil man nicht begreifen kann wie er aus Nichts gemacht sein kann
Aber weshalb halten die Gegner sich denn nicht auch selbst für ewig Sie
antworten vielleicht weil sie vor 20 oder 40 Jahren zu sein angefangen haben
allein wenn ich nach dem »Sie« frage was da zu sein begonnen habe so kann man
mir es kaum sagen denn der Stoff aus dem sie da gemacht wurden begann da
nicht zu sein sonst wäre er nicht ewig er wurde nur zu einer solchen Gestalt
wie der menschliche Körper verbunden allein diese Gestalt der Teilchen sind
nicht Sie dieselbe macht nicht ihr denkendes Wesen aus denn ich habe es jetzt
mit einem Gegner zu tun welcher ein ewiges unstoffliches denkendes Wesen
anerkennt aber zugleich die Ewigkeit des Stoffes behauptet Wann fing daher
dieses denkende Wesen zu sein an Hat es niemals zu sein angefangen so sind sie
von Ewigkeit ein denkendes Wesen gewesen welche verkehrte Annahme ich wohl
nicht zu widerlegen brauche Wenn also deshalb von Jenen angenommen werden kann,
dass ein denkendes Wesen aus Nichts entstehen könne wie bei allen Dingen die
nicht ewig sind der Fall sein muss weshalb soll es da für Den unmöglich sein
dass ein stoffliches Ding durch eine gleiche Kraft aus Nichts gemacht worden
Jene haben keinen andern Grund für diesen Unterschied als dass bei dem einen
die Erfahrung vorliegt und bei dem andern nicht allein die Erschaffung eines
Geistes erfordert recht betrachtet ebensoviel Macht als die Erschaffung des
Stoffes. Ja wenn man sich selbst aus den gewöhnlichen Begriffen befreien und
seine Gedanken möglichst weit zu einer tiefem Betrachtung der Dinge führen
wollte dürfte man wohl den Schimmer eines Begriffs erreichen und es verstehen
wie der Stoff zuerst gemacht und durch die Macht des ewigen ersten Wesens zu
sein begonnen hat während es viel unbegreiflicher ist wie die allmächtige
Kraft einem Geiste Anfang und Sein hat gewähren können Indes würde dies zu
weit ab von den Begriffen führen auf denen die Philosophie jetzt in der Welt
aufgebaut ist und deshalb wäre ein solcher Abweg unverzeihlich ja dies gälte
schon von einer grammatikalischen Untersuchung wenn einmal die herrschende
Meinung dagegen ist namentlich bei einem Punkte wo die herrschende Lehre mir
zu Statten kommt und es außer Zweifel stellt dass, wenn einmal die Erschaffung
oder das Werden einer Substanz aus Nichts zugelassen wird ebenso auch die
Erschaffung aller andern mit Ausnahme des Schöpfers angenommen werden kann.
19 Jene wollen indes dies nicht gestatten weil sie sich nicht
vorstellen können wie Etwas aus Nichts werden könne Allein ich bin anderer
Ansicht denn 1 kann man die Macht eines unendlichen Wesens vernünftiger Weise
nicht deshalb bestreiten weil man seine Wirksamkeit nicht begreifen kann Man
leugnet ja andere Wirkungen nicht deshalb weil man die Art ihrer Hervorbringung
nicht begreifen kann So kann man nicht einsehen wie Etwas außer dem Stoß
einen Körper bewegen kann und doch kann man es nicht bestreiten da die stete
Erfahrung an uns selbst bei allen willkürlichen Bewegungen dafür spricht wo
lediglich durch die freie That oder den Gedanken des Geistes in uns die
Bewegungen bewirkt werden und diese nicht die Wirkung eines Stoßes oder einer
Bewegung des blinden Stoffes in oder auf ungern Körper sein können denn sonst
wären sie nicht in unserer Gewalt und man könnte in ihrer Wahl nicht wechseln
So schreibt zB meine rechte Hand während die linke ruht was bewirkt nun in
der einen die Ruhe und in der andern die Bewegung? Nur mein Wille dh ein
Gedanke meiner Seele dieser Gedanke braucht sich nur zu ändern und die rechte
Hand ruht und die linke bewegt sich Dies sind unbestreitbare Tatsachen man
erkläre sie und mache sie verständlich dann wird auch das Verständnis der
Schöpfung nahe liegen Dass die Lebensgeister zu einer neuen Bewegung bestimmt
werden womit Einige die freiwillige Bewegung erklären wollen klärt die Sache
nicht im Mindesten auf die Veränderung in der Bewegung ist da nicht leichter zu
begreifen wie die erste Bewegung selbst denn auch diese neue Bestimmung der
Lebensgeister muss entweder unmittelbar durch Denken erfolgen oder durch einen
Körper der ihnen durch das Denken in den Weg gestellt wird und der somit seine
Bewegung dem Denken verdankt Beides lässt die freiwillige Bewegung so
unbegreiflich wie zuvor Auch überschätzt man sich nebenbei selbst wenn man
Alles auf das enge Maß unserer Vermögen zurückführt und Alles für unmöglich
erklärt dessen Art wie es entsteht uns unbegreiflich ist Damit wird entweder
unser Verstand unendlich oder Gott endlich gemacht wenn das was man zu tun
vermag auf das was man davon begreifen kann eingeschränkt wird Wenn man die
Wirksamkeit seiner eigenen endlichen Seele dh jenes denkenden Wesens in uns
nicht begreift so wundre man sich nicht dass man die Wirksamkeit jenes ewigen
unendlichen Geistes nicht begreift der alle Dinge erschaffen hat und regiert
und den die Himmel nicht befassen können
1 Es ist nur durch SinnesWahrnehmung zu erlangen Das Wissen von
unserm eignen Dasein hat man durch Anschauung das Dasein Gottes macht uns die
Vernunft klar wie ich gezeigt habe das Wissen von dem Dasein jedes andern
Dinges kann man bloß durch die Sinneswahrnehmung haben da keine notwendige
Verbindung des wirklichen Daseins mit einer in dem Gedächtnis enthaltenen
Vorstellung oder mit dein Dasein des einzelnen Menschen besteht das Dasein
Gottes ausgenommen Deshalb kann das Dasein anderer Dinge nur gewusst werden
wenn sie durch ihr tatsächliches Wirken auf den Menschen von demselben
wahrgenommen werden denn das bloße Dasein der Vorstellung in der Seele beweist
das Dasein der Sache so wenig wie das Bild eines Menschen sein Dasein in der
Welt beweist und wie die Gesichter im Traume daraus eine wahre Geschichte
machen
2 Ein Beispiel an der Weiße dieses Papiers Dieses tatsächliche
Empfangen der Vorstellungen von außerhalb gibt uns diese Kenntnis von dem
Dasein anderer Dinge und lässt uns bemerken dass dann Etwas außer uns
besteht welches diese Vorstellung bewirkt obgleich man vielleicht nicht weiß
noch bedenkt wie dies geschieht denn die Gewissheit unserer Sinne und der von
ihnen empfangenen Vorstellungen leidet nicht darunter dass man die Art ihrer
Hervorbringung nicht kennt Während ich zB dies schreibe wird durch das meine
Augen erregende Papier in mir die Vorstellung hervorgebracht die ich Weiß
nenne was auch der Gegenstand sein mag der sie verursacht Ich weiß dadurch
dass diese Eigenschaft oder dieses Accidens dessen Auftreten vor meinen Augen
diese Vorstellung allemal bewirkt wirklich besteht und ein Sein außer mir hat
Davon erhalte ich die größte Gewissheit deren ich fähig bin durch das
Zeugnis meiner Augen die allein die rechten Richter hierüber sind und ich
kann mit Recht auf dieses Zeugnis mich so sicher verlassen und brauche während
ich dies schreibe nicht zu zweifeln ob ich etwas Weißes und Schwarzes sehe
und ob wirklich Etwas besteht was diese Empfindung in mir während ich
schreibe oder meine Hand bewege bewirkt Diese Gewissheit ist so groß als
die menschliche Natur in Betreff des Daseins der Dinge, das eigene Selbst und
Gott ausgenommen fähig ist
3 Wenngleich dieses Wissen nicht so gewiss ist wie das bewiesene so
kann es doch Wissen heißen und beweist das Dasein der Dinge außer uns Die
Kenntnis welche wir durch die Sinne von dem Dasein der äußern Dinge erhalten
ist zwar nicht ganz so gewiss wie das anschauliche Wissen oder die Beweise
welche die Vernunft aus klaren allgemeinen Vorstellungen der Seele ableitet
aber sie bleibt doch eine Gewissheit welche den Namen des Wissens verdient Die
Überzeugung dass unsre Vermögen über das Dasein der sie erregenden äußern
Dinge recht berichten ist wohl begründet denn Niemand wird im Ernst so
zweifelsüchtig sein dass er das Sein der Dinge, die er sieht und fühlt
bezweifelt wenigstens kann ein solcher was er auch bei sich denken mag mit
mir nicht streiten da er nie sicher sein kann ob ich etwas gegen seine Meinung
sage Was mich anlangt so meine ich Gott hat mir genügende Gewissheit von dem
Dasein der Dinge außer mir gegeben da ich ja nach ihrem Gebrauche mir Lust
oder Schmerz bereiten kann ein Punkt der für meinen gegenwärtigen Zustand sehr
erheblich ist Wenigstens ist sicher die Überzeugung dass unsre Vermögen uns
hierin nicht täuschen in Bezug auf körperliche Dinge die höchste Gewissheit
deren wir fähig sind Denn wir können ohne unsre Vermögen nichts tun und sogar
von dem Wissen selbst nur vermittelst dieser Vermögen sprechen die sogar das
was Wissen ist aufzufassen geeignet sind Indes wird diese Überzeugung die
die Sinne selbst dafür gewähren dass sie in ihrer Kunde von äußern Dingen
nicht irren wenn sie von ihnen erregt werden noch weiter durch andere Gründe
bestätigt
4 1 Denn man kann von ihnen nur durch den Einlass der Sinne wissen
Erstens ist klar dass diese Wahrnehmungen durch äußere unsere Sinne erregende
Ursachen bewirkt werden denn die welchen die Organe dazu abgehen können nie
die dadurch hervorgebrachten Vorstellungen in ihrer Seele haben Dies ist so
klar dass man nicht daran zweifeln kann und man kann deshalb sicher sein dass
diese Vorstellungen nur durch diese Sinnesorgane und auf keinem andern Wege in
die Seele eintreten Nun werden sie selbstverständlich durch die Organe selbst
nicht erzeugt denn sonst könnten die Augen eines Menschen auch im Dunklen
Farben erzeugen und seine Nase könnte die Rosen auch im Winter riechen indes
erlangt Niemand den Geschmack der Ananas wenn er nicht nach Indien geht wo sie
wachsen und er dort sie kostet
5 2 Sind die Wahrnehmungsvorstellungen und die bloßen Vorstellungen
des Gedächtnisses sehr verschieden Zweitens habe ich öfters bemerkt dass man
diese in der Seele hervorgebrachten Vorstellungen nicht von sich abhalten kann
Denn wenn ich die Augen oder Fenster fest verschließe kann ich mir zwar
beliebig die Vorstellung des Lichts oder der Sonne aus frühem Wahrnehmungen
zurückrufen allein ich kann diese Vorstellungen auch wieder beliebig bei Seite
legen und dafür mir den Geruch einer Rose oder den Geschmack des Zuckers
vorstellen Wenn ich aber jetzt am Mittag meine Augen nach der Sonne wende so
kann ich die Vorstellungen, die das Licht und die Sonne in mir erwecken nicht
abweisen Deshalb besteht ein offenbarer Unterschied zwischen den bloßen in
meinem Gedächtnis enthaltenen Vorstellungen über welche wenn es weiter keine
gäbe ich immer die Macht haben würde und welche ich beliebig bei Seite legen
könnte und denen welche sich mir aufzwingen und die ich nicht abhalten kann.
Deshalb muss entschieden eine äußere Ursache und das Wirken eines äußern
Gegenstandes bestehen deren Wirksamkeit ich nicht widerstehen kann und die
diese Vorstellungen in mir ich mag wollen oder nicht hervorrufen Überdem
bemerkt Jedermann den Unterschied zwischen der wirklichen Anschauung der Sonne
und der davon nur in seinem Gedächtnis befindlichen Vorstellung beide sind so
verschieden wie es kaum bei andern Vorstellungen angetroffen wird; deshalb
weiß man gewiss dass nicht beide Erinnerungen oder bloße Tätigkeiten der
Seele und Geschöpfe der Einbildungskraft sind sondern dass das wirkliche Sehen
eine äußere Ursache hat
6 3 Lust und Schmerz welche die Wahrnehmung begleiten tun dies
nicht wenn diese Vorstellungen ohne die äußern Gegenstände wiederkehren
Drittens nehme man hinzu dass viele dieser Wahrnehmungsvorstellungen mit
Schmerz in uns auftreten während man sich später derselben ohne Schmerz
erinnert Deshalb macht uns die Hitze und Kälte wenn man sich ihrer erinnert
keinen Schmerz obgleich er damals sehr peinlich war und wenn jene sich
wirklich wiederholen es wieder so wird Dies kommt von der Störung welche der
äußere Gegenstand bei seiner Beziehung auf den Körper veranlasst Ebenso
entsinnt man sich des Schmerzes von Hunger Durst Kopfweh ohne dass man dabei
Schmerzen empfindet gäbe es nun nichts weiter als Vorstellungen, die in der
Seele auftauchen und Erscheinungen die die Einbildungskraft unterhalten ohne
dass wirkliche Dinge von außen uns erregten so müssten diese Schmerzen
entweder niemals uns stören oder sie müssten es in allen Fällen tun Dasselbe
gilt für das viele Wahrnehmungen begleitende Vergnügen So sind zwar
mathematische Beweise nicht von den Sinnen abhängig aber ihre Prüfung
vermittelst gezeichneter Figuren verstärkt die Glaubwürdigkeit unsers Sehens und
gibt ihm eine Gewissheit die sich der der Beweise selbst nähert So würde es
sehr sonderbar sein wenn man es zwar als eine unbestreitbare Wahrheit
anerkennen wollte dass von zwei Winkeln einer Figur die man vermittelst
eingezeichneter Linien und Winkel gemessen hat der eine grösser als der andere
sei und doch an dem Dasein dieser Linien und Winkel selbst zweifeln wollte
obgleich man nur durch Hinblick auf sie die Messung hat ausführen können
7 4 Unsere Sinne unterstützen einander in dem Zeugnis von dem Dasein
äußerer Dinge Viertens bezeugen bei unseren Sinnen in vielen Fällen der eine
die Wahrheit dessen was der andere über das Dasein äußerer Dinge berichtet
Wer ein Feuer sieht kann wenn er zweifelt ob es mehr als ein Bild seiner
Phantasie ist es auch fühlen und sich darüber durch das Hineinstrecken der Hand
überzeugen Sicherlich würde eine bloße Vorstellung oder Phantasie nicht einen
so heftigen Schmerz verursachen es müsste dann auch dieser Schmerz nur
Einbildung sein obgleich er ihn durch Wiedererweckung der Vorstellung nicht
wieder sich auflegen kann wenn die Wunde geheilt ist So sehe ich während ich
dies schreibe dass ich die Farbe des Papiers verändern und durch Zeichnung der
Buchstaben voraussagen kann welche neue Vorstellung es den nächsten Augenblick
zeigen soll und zwar bloß dadurch dass ich meine Feder darüber führe Dies
zeigt sich nicht ich mag mir es einbilden so viel ich will wenn meine Hand
still hält oder wenn ich meine Feder mit geschlossenen Augen bewege ebenso
muss ich wenn diese Schriftzeichen einmal gemacht sind sie so sehen wie sie
sind dh ich muss die Vorstellungen solcher Buchstaben haben wie ich sie
gemacht habe Daraus erhellt, dass sie nicht bloß ein Spiel meiner
Einbildungskraft sind denn die nach dem Belieben meiner Gedanken ausgeführten
Schriftzeichen wollen ihnen nicht gehorchen und verschwinden nicht wenn ich es
mir einbilde sondern erregen den Sinn fortwährend und regelmäßig so wie die
Gestalten gemacht worden sind. Dazu kommt dass ihr Anblick einen Andern zum
Aussprechen solcher Laute bestimmt wie ich vorher gewollt habe und so kann man
nicht bezweifeln dass diese Worte die ich geschrieben wirklich außer mir
bestehen da sie eine lange Reihe von Lauten veranlassen die meine Ohren
erregen dies konnte weder von meiner Einbildung kommen noch konnte mein
Gedächtnis sie in dieser Ordnung behalten
8 Diese Gewissheit ist so groß als unser Zustand verlangt Will
trotzdem Jemand so zweifelsüchtig sein seinen Augen nicht trauen und behaupten
dass Alles was wir während unsers ganzen Lebens sehen und hören fühlen und
schmecken denken und tun nur eine Reihe täuschender Erscheinungen eines
Traumes ohne Wirklichkeit seien und so das Dasein aller Dinge und unser ganzes
Wissen in Zweifel ziehen so möchte ich ihm vorhalten dass, wenn Alles ein Traum
ist er dann auch nur träume wenn er diese Zweifel erhebt und dass deshalb ein
wachender Mensch nicht nötig habe ihm darauf zu antworten Indes mag er wenn
es ihm beliebt träumen ich antwortete ihm folgendermaßen Die Gewissheit
dass die Dinge wirklich bestehen wenn das Zeugnis der Sinne dafür spricht ist
nicht allein so groß als unser Zustand erreichen kann sondern auch so groß
als unsere Lage erfordert Denn unsere Vermögen sind nicht für die ganze
Ausdehnung des Seins eingerichtet und auch nicht für ein vollkommenes klares
umfassendes Wissen der Dinge, was allen Zweifels und aller Bedenken ledig ist,
sondern sie dienen der Erhaltung von uns in denen sie sind sie sind den
Bedürfnissen des Lebens angepasst und sie erfüllen diesen Zweck gut genug wenn
sie uns nur von den Dingen sichere Kenntnis geben die uns angemessen oder
unangemessen sind Denn wer eine brennende Kerze sieht und die Kraft der Flamme
als er den Finger hineingehalten erprobt hat wird an dem Dasein von Etwas
außer ihm nicht zweifeln was ihn beschädigt und großen Schmerz verursacht
hat Diese Gewissheit genügt wenn man keine größere Gewissheit für die
Regelung seines Handelns verlangt als die welche so groß ist wie die von dem
eigenen Handeln selbst Und wenn es unserm Träumenden gefällt die Probe zu
machen ob die glühende Hitze eines GlasSchmelzofens nicht die bloße
Einbildung eines schläfrigen Menschen sei so wird er wenn er die Hand
hineinsteckt vielleicht zu einer größeren Gewissheit als er vielleicht
wünschen mag aufgeweckt werden dass es noch etwas über die bloße Einbildung
hinaus gibt Deshalb ist diese Gewissheit so groß als man verlangen kann
denn sie ist so gewiss wie unser Schmerz und unsere Lust dh wie unser Elend
und unser Glück über das hinaus uns weder Sein noch Wissen etwas angeht Diese
Gewissheit von dem Dasein der äußern Dinge genügt für die Erlangung des von
ihnen kommenden Guten und Vermeidung des Übels und dies ist die Hauptsache
weshalb man sich mit ihnen bekannt macht
9 Sie reicht aber nicht weiter als die wirkliche Wahrnehmung Kurz
wenn die Sinne wirklich dem Verstande eine Vorstellung zuführen so kann man
sicher sein dass dann Etwas wirklich außer uns besteht was die Sinne erregt
was durch sie dem Auffassungsvermögen sich kund gibt und die Vorstellung, die
man hat wirklich hervorbringt Deshalb kann man diesem Zeugnis nicht
misstrauen und darf nicht zweifeln ob eine solche Ansammlung von einfachen
Bestimmungen wie man sie durch die Sinne vereint bemerkt hat wirklich zusammen
besteht Indes erstreckt sich dieses Wissen nicht über das gegenwärtige
Zeugnis der Sinne hinaus so weit sie sich auf die einzelnen Dinge richten
welche die Sinne erregen Wenn ich zB eine solche Sammlung einzelner
Bestimmungen wie man sie »Mensch« zu nennen gewohnt ist vor einer Minute
zusammen bestehend gesehen habe so kann ich nicht sicher sein dass dieser
Mensch auch jetzt noch besteht da zwischen seinem Sein die Minute vorher und
jetzt keine notwendige Verbindung vorhanden ist; auf tausenderlei Weise kann er
aufgehört haben zu sein seit meine Sinne mir sein Dasein bezeugten Und wenn
dies für den gestern gesehenen Menschen heute gilt so gilt es noch mehr für den
vor längerer Zeit gesehenen Menschen den ich vielleicht das letzte Jahr nicht
gesehen habe noch weniger kann ich des Daseins eines Menschen sicher sein den
ich noch niemals gesehen habe Es mag daher sehr wahrscheinlich sein dass
Millionen Menschen jetzt bestehen während ich allein bin und dies schreibe
allein ich habe darüber nicht die Gewissheit die man eigentlich Wissen nennt
obgleich die große Wahrscheinlichkeit mich über allen Zweifel erhebt und ich
vernünftiger Weise vielerlei tun kann im Vertrauen dass es jetzt Menschen und
auch Menschen meiner Bekanntschaft mit denen ich es zu tun habe gibt allein
es ist dennoch nur Wahrscheinlichkeit und keine Gewissheit
10 Es ist verkehrt für jede Sache einen Beweis zu verlangen Deshalb
ist es sehr närrisch und nutzlos für einen Menschen von beschränktem Wissen der
gelehrt worden ist, über die verschiedene Gewissheit und Wahrscheinlichkeit der
Dinge zu urteilen und danach sich zu bestimmen, wenn er Beweise und Gewissheit
in Dingen verlangt die deren nicht fähig sind und wenn er umgekehrt seine
Zustimmung zu ganz vernünftigen Sätzen verweigert und gegen klare und offenbare
Wahrheiten handelt weil sie nicht so klar erwiesen werden können, um selbst den
leisesten ich will nicht sagen Grund sondern Vorwand für einen Zweifel zu
beseitigen Wer im gewöhnlichen Leben nichts anerkennen will als was voll
bewiesen ist hätte in dieser Welt nur die einzige Gewissheit dass er schnell
umkommen würde Die Heilsamkeit des Essens und Trinkens genügte ihm nicht um es
zu wagen und ich möchte wohl wissen was er tun könnte wenn es nur aus
Gründen geschehen sollte die keinen Zweifel und Einwand gestatteten
11 Das vergangene Sein kennt man durch das Gedächtnis So wie dann
wenn unsere Sinne wirklich mit einem Gegenstande beschäftigt sind wir wissen
dass er wirklich da ist so sind wir durch unser Gedächtnis sicher dass Dinge
die sicher unsere Sinne erregt haben bestanden haben So hat man das Wissen von
dem gewesenen Sein der Dinge, wovon die Sinne früher Kunde gegeben haben und
wovon das Gedächtnis noch die Vorstellungen bewahrt So lange dies gut
geschieht hat man keinen Zweifel hierüber allein auch dieses Wissen reicht
nicht über die von unsern Sinnen empfangene Kunde hinaus So sehe ich jetzt
Wasser und ich zweifle deshalb nicht dass dieses Wasser ist und dies bleibt
wahr wenn ich mich entsinne dass ich es gestern gesehen und es bleibt ein
unzweifelhafter Satz für mich dass ich es am 10 Juli 1688 gesehen habe so
lange mein Gedächtnis denselben bewahrt und ebenso bleibt wahr dass eine
Anzahl zierlicher Farben damals bestanden hat welche ich zu derselben Zeit an
einer Wasserblase erblickt habe Allein wenn jetzt das Wasser samt der Blase
meinem Gesichtskreise weit entrückt ist so ist es mir so wenig gewiss bekannt
dass das Wasser jetzt besteht wie dass die Blasen mit ihren Farben noch
bestehen denn es ist so wenig notwendig dass das Wasser heute ist weil es
gestern war wie dass die Farben und Wasserblasen heute seien weil sie gestern
waren obgleich allerdings das Erstere viel wahrscheinlicher ist da Wasser in
seiner Dauer als sehr beständig beobachtet worden ist, während die Wasserblasen
mit ihren Farben schnell vergehen
12 Das Dasein des Geistes ist nicht zu erkennen Ich habe bereits
dargelegt wie unsere Vorstellungen über Geister beschaffen sind und woher sie
kommen Allein trotzdem dass wir diese Vorstellungen in der Seele haben und
wir dies wissen so lässt sich daraus doch nicht erkennen dass solche Wesen
außerhalb uns bestehen und dass es endliche Geister gibt und überhaupt dass
Geister außer Gott bestehen Auf Grund der Offenbarung und anderer Umstände kann
man mit Sicherheit an solche Wesen glauben allein unsere Sinne können sie nicht
wahrnehmen und deshalb fehlen uns die Mittel ihr Dasein im Einzelnen zu
erkennen Denn aus der bloßen Vorstellung von endlichen Geistern kann man nicht
entnehmen dass sie wirklich bestehen so wenig wie Jemand aus seinen
Vorstellungen von Feen und Zentauren entnehmen kann dass dergleichen Wesen
bestehen Deshalb muss man sich für das Dasein endlicher Geister wie für
manches Andere mit der Gewissheit des Glaubens begnügen sichere allgemeine
Sätze über diese Dinge gehen über den Bereich unsers Wissens Es mag wahr sein
dass alle von Gott erschaffenen Geister noch jetzt bestehen allein man kann dies
nicht sicher wissen man kann solchen Sätzen als höchst wahrscheinlich
zustimmen aber ein Wissen kann man fürchte ich davon nicht gewinnen Man kann
daher Andern keine Beweise dafür geben noch für sich selbst nach allgemeiner
Gewissheit in Dingen suchen wo der Mensch keines andern Wissens fähig ist als
das was die Sinne über Einzelnes bieten
13 Einzelsätze über das Dasein kann man wissen Hiernach gibt es
zweierlei Sätze 1 Eine Art von Sätzen betrifft einen der Vorstellung
entsprechenden seienden Gegenstand Wenn ich zB die Vorstellung eines
Elephanten oder des Phönix oder der Bewegung oder eines Engels habe so ist die
erste und natürlichste Frage Ob etwas der Art bestehe Dieses Wissen betrifft
nur Einzelnes und von keinem Dinge außer Gott kann das Dasein eher gewusst
werden als die Sinne Kunde geben 2 In der zweiten Art von Sätzen wird die
Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung unserer allgemeinen Vorstellungen
oder deren Abhängigkeit von einander ausgedrückt Solche Sätze können allgemein
oder gewiss sein Wenn ich zB die Vorstellung von Gott und von mir selbst
habe so bin ich gewiss dass ich Gott zu fürchten und ihm zu gehorchen habe
auch ist dieser Satz für alle Menschen gewiss wenn ich aus der Vorstellung von
mir die allgemeine der menschlichen Gattung gemacht habe Allein so gewiss
dieser Satz ist dass die Menschen Gott zu fürchten und ihm zu gehorchen haben
so beweist er doch nicht dass wirklich Menschen in der Welt vorhanden sind,
sondern er ist nur wahr für den Fall dass es Menschen gibt Diese Gewissheit
solcher allgemeinen Sätze ist von der Übereinstimmung oder
NichtÜbereinstimmung abhängig die man an diesen allgemeinen Vorstellungen
entdeckt
14 Ebenso kann man allgemeine Sätze in Bezug auf allgemeine
Vorstellungen wissen Im ersten Falle ist unser Wissen die Folge dass Dinge
bestehen welche durch die Sinne in der Seele Vorstellungen hervorbringen im
zweiten Falle ist das Wissen die Folge der Vorstellungen gleichviel welche),
die in der Seele diese allgemeinen und gewissen Sätze hervorbringen Viele davon
heißen »ewige Wahrheiten« und diese sind auch wirklich der Art »nicht weil
sie der Seele« aller Menschen eingeschroben sind oder weil sie schon als Sätze
in des Menschen Seele bestehen ehe er noch die allgemeinen Vorstellungen
gewonnen und sie durch Bejahung oder Verneinung verbunden oder getrennt hat
vielmehr muss überall wo Wesen wie die Menschen mit deren Fähigkeiten bestehen
und die deshalb mit Vorstellungen wie wir sie haben versehen sind man
schließen dass, wenn sie ihr Denken auf diese Vorstellungen richten sie die
Wahrheit gewisser Sätze erkennen die aus der erkannten Übereinstimmung oder
NichtÜbereinstimmung der eignen Vorstellung hervorgehen Solche Sätze heißen
deshalb ewige Wahrheiten nicht weil sie von Ewigkeit gebildete Sätze sind die
dem Verstande vorausgehen der sie vielmehr erst bildet auch nicht weil sie
der Seele durch ein Muster eingeprägt sind das außerhalb der Seele und vor ihr
bestände sondern weil sie wenn sie einmal aus allgemeinen Vorstellungen
gebildet und wahr sind, immer wahr sein werden wenn sie in vergangenen oder
kommenden Zeiten von einer Seele die diese Vorstellung hat wieder gebildet
werden. Denn da die Worte immer dieselben Vorstellungen bezeichnen und
dieselben Vorstellungen immer dieselben Beziehungen zu einander behalten so
müssen Sätze über allgemeine Vorstellungen, die einmal wahr sind, Wahrheiten in
Ewigkeit bleiben
1 Das Wissen entspringt nicht aus Grundsätzen Unter den Gelehrten hat
man immer angenommen dass die Grundsätze die Unterlage alles Wissens seien und
dass jede Wissenschaft auf gewissen präcognitis errichtet sei womit der
Verstand beginnen und wodurch er sich selbst in seiner Untersuchung
wissenschaftlicher Gegenstände leiten lassen müsse Der breitgetretene Weg der
Schulen hat darin bestanden dass man mit ein oder mehreren allgemeinen Sätzen
begann welche die Unterlagen sein sollten auf denen das von dem Gegenstand
erreichbare Wissen aufgebaut werden müsse Diese als die Grundlagen der
Wissenschaften aufgestellten Lehren hießen die Prinzipien, als der Anfang von
dem man auszugeben habe ohne bei der Untersuchung weiter nach rückwärts zu
schauen wie ich bereits dargelegt habe
2 Der Anlass zu dieser Ansicht Wahrscheinlich ist diese Art in den
Wissenschaften vorzuschreiten wie ich glaube durch den guten Erfolg
veranlasst worden den sie in der Mathematik erreicht zu haben schien Da in ihr
eine große Gewissheit erreicht worden war so wurde diese Wissenschaft
vorzugsweise Mathêsis oder Mathêmata genannt dh das Lernen oder die erlernten
Dinge oder das durchaus Erlernte da sie vor allen andern die größte
Gewissheit Klarheit und Überzeugung gewährte
3 Die Wissenschaft geht vielmehr aus der Vergleichung klarer und
deutlicher Vorstellungen hervor Allein näher betrachtet verdankt man nach
meiner Ansicht die großen Fortschritte und die Gewissheit wirklichen Wissens
in dieser Wissenschaft nicht dem Einfluss dieser Grundsätze und nicht der
Ableitung aus zwei oder drei allgemeinen Regeln die im Anfang hingestellt
werden sondern den klaren und deutlichen Vorstellungen des Denkens hierbei und
dass die Beziehung der Gleichheit oder der Ungleichheit so klar zwischen
einzelnen dieser Vorstellungen ist dass man eine anschauliche Vorstellung davon
gewinnen und auf diesem Wege das Gleiche auch bei andern entdecken konnte und
zwar ohne alle Hülfe dieser Grundsätze Denn sollte wohl ein Knabe nur kraft des
Grundsatzes dass das Ganze grösser ist als seine Theile wissen können dass
sein Körper grösser ist als sein kleiner Finger und sollte er dessen erst dann
gewiss sein wenn er diesen Grundsatz kennen gelernt hat Oder sollte ein
Bauermädchen nicht wissen dass, wenn sie von dem Einen einen Gulden erhalten
hat der ihr drei schuldet und von dem Andern auch einen Gulden der ihr drei
schuldet die noch übrigen Schulden bei Beiden sich gleich seien Muss sie die
Gewissheit dafür sich erst aus jenem Grundsatze holen dass, wenn man Gleiches
von Gleichem nimmt Gleiches bleibt obgleich sie von diesem Satz vielleicht
niemals etwas gehört hat Man erwäge was ich schon früher gesagt ob die
meisten Menschen den einzelnen Fall zuerst und gewiss wissen oder die allgemeine
Regel und welches von beiden dem andern Leben und Dasein gibt Diese
allgemeinen Regeln sind nur ein Vergleichen unserer allgemeinem Vorstellungen,
welche das Werk des Verstandes sind und Namen erhalten um sie leichter bei
Ausführungen handhaben zu können die vielen und mannichfachen einzelnen
Beobachtungen sind in ihnen durch umfassende Ausdrücke und kurze Regeln befasst
Allein das Wissen hat in der Seele mit dem Einzelnen begonnen und ruht auf
diesem wenn man auch später dies nicht mehr bemerkt da die Seele im Eifer
ihr Wissen auszudehnen mit grösser Sorgfalt auf diese allgemeinen Begriffe
hinarbeitet um das Gedächtnis von der drückenden Last des Einzelnen zu
befreien worin ihr eigentümlicher Nützen besteht Denn man erwäge ob ein Kind
oder sonst Jemand gewisser ist dass sein Körper samt dem kleinen Finger und
Allem grösser ist als sein kleiner Finger allein nachdem man seinem Körper den
Namen des Ganzen und seinem kleinen Finger den Namen des Theiles gegeben hat
als schon vorher und welches neue Wissen über seinen Körper diese bezüglichen
Ausdrücke gewähren was es nicht schon vorher hatte Konnte es etwa nicht
wissen dass sein Körper grösser sei als sein kleiner Finger zu der Zeit als
seine Sprache noch so unvollkommen war dass es diese BeziehungsWorte vom
Ganzen und seinen Teilen noch nicht kannte Und ist es nach Erlangung dieser
Worte dessen gewisser dass sein Körper ein Ganzes und sein kleiner Finger ein
Teil ist als es vor Erlernung dieser Worte dessen gewiss war dass sein Körper
grösser sei als sein kleiner Finger Man kann wenigstens ebenso leicht leugnen
dass der Finger ein Teil sei als dass er kleiner sei als der Körper; wer das
Letztere bezweifeln kann kann sicherlich auch das Erstere bezweifeln Deshalb
mag der Grundsatz dass das Ganze grösser sei als seine Theile dann als Beweis
dienen dass der kleine Finger kleiner sei als der Körper, wenn es nicht mehr
nötig ist eine Wahrheit zu beweisen die schon gekannt ist Wer nicht gewiss
weiß dass ein Stück Stoff mit einem andern Stück Stoff verbunden grösser ist
als jedes Stück allein wird es auch mit Hülfe jener zwei BeziehungsWorte
Ganzes und Theile nicht erkennen mag man einen Grundsatz daraus bilden wie man
wolle
4 Es ist gefährlich auf schwankenden Grundsätzen aufzubauen Mag es
sich nun mit der Mathematik verhalten wie es wolle und mag der Satz, dass,
wenn ich einen Zoll von einem zwei Zoll langen schwarzen Bande und einen Zoll
von einem zwei Zoll langen roten Bande abschneide der Überrest beider Bänder
gleich ist ich sage mag dieser Satz nicht so klar sein als der Satz: Gleiches
von Gleichem weggenommen bleibt Gleiches und mag dieser oder jener von diesen
beiden Sätzen zuerst gewusst werden so ist dies Alles für meine gegenwärtige
Frage ohne Einfluss denn hier habe ich nur zu ermitteln ob der leichteste Weg
zum Wissen mit allgemeinen Grundsätzen beginnt auf die man weiter baut und ob
es der richtige Weg ist die in andern Wissenschaften zur Grundlage genommenen
Grundsätze als unzweifelhafte Wahrheiten ohne Prüfung aufzunehmen sie
festzuhalten und keinen Zweifel dagegen zuzulassen bloß weil die Mathematiker
so glücklich oder so geschickt gewesen sind nur selbstverständliche und
unzweifelhafte Grundsätze zu benutzen Will man dies gestatten so weiß ich
nicht was noch als Wahrheit in der Moral gelten kann und was Alles noch in der
Naturwissenschaft aufgestellt und bewiesen werden kann. Lässt man den Grundsatz
einiger Philosophen als gewiss und unzweifelhaft gelten dass Alles nur Stoff
ist und es nichts weiter gibt so zeigen die Schriften Derer welche diesen
Grundsatz in unsern Tagen wieder aufgenommen haben wohin dergleichen führt
Macht man mit Polemo die Welt oder mit den Stoikern den Aether oder die Sonne
oder mit Anaximenes die Luft zum Gotte was hat man dann für eine Gottheit
Religion und Gottesverehrung Nichts ist gefährlicher als so Grundsätze
unbesehen und ungeprüft aufzunehmen namentlich wenn sie die Moral betreffen
das Leben beeinflussen und dem Handeln seine Richtung geben Muss man bei
Aristipp nicht eine andere Lebensweise erwarten der das Glück in die sinnliche
Lust setzte als bei Antisthenes der die Tugend für hinreichend zum Glück
hielt Wer mit Plato seine Seligkeit in die Erkenntnis Gottes setzt wird sich
zu andern Betrachtungen erheben als wer nicht über diesen Fleck Erde und die
vergänglichen Dinge auf ihr hinausblickt Wer mit Archelaus es als einen
Grundsatz aufstellt dass Recht und Unrecht ehrlich und unehrlich nur durch das
Gesetz und nicht von Natur bestimmt seien hat anderes Maß für das moralisch
Gute und Schlechte als die es als ausgemacht ansehen dass uns
Verbindlichkeiten obliegen die allen menschlichen Verordnungen vorhergehen
5 Dies ist kein sicherer Weg zur Wahrheit Wenn also die als Grundsätze
aufgenommenen Regeln nicht gewiss sind was man doch auf irgend eine Weise
wissen muss um sie von den zweifelhaften unterscheiden zu können sondern nur
durch unsere blinde Zustimmung als solche gelten so ist man allem Irrtum
ausgesetzt und anstatt dass die Grundsätze uns zur Wahrheit führen werden sie
uns nur im Irrtum und in der Unwahrheit bestärken
6 Sondern nur der wo man klare und vollständige Vorstellungen unter
festen Namen mit andern vergleicht Da indes das Wissen von der Gewissheit der
Grundsätze wie von allen andern Wahrheiten nur von der Erkenntnis abhängt die
man von der Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung der Vorstellungen
besitzt so ist es nicht der Weg zur Vermehrung unsers Wissens wenn man
blindlings und gläubig Grundsätze aufnimmt und hinunterwürgt sondern wenn man
klare deutliche und vollständige Vorstellungen erwirbt und festhält so weit es
möglich ist und wenn man sie mit festen Namen belegt Wenn man so ohne alle
weitere Rücksicht auf jene Grundsätze nur diese Vorstellungen betrachtet und
durch Vergleichung ihre Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung so wie
ihre Beziehungen und Richtungen ausfindig macht so wird man unter Leitung
dieser Regel mehr wahres und klares Wissen gewinnen als wenn man Grundsätze
aufgreift und damit seinen Verstand in die Gewalt Anderer gibt
7 Das allein richtige Verfahren für Vermehrung des Wissens besteht in
der Betrachtung unserer allgemeinen Vorstellungen Will man deshalb vernünftig
vorschreiten so muss man das untersuchende Verfahren der Natur der zu prüfenden
Vorstellungen und der gesuchten Wahrheit anpassen Allgemeine und zuverlässige
Wahrheiten gründen sich lediglich auf die Richtungen und Beziehungen der
allgemeinen Vorstellungen Eine erfinderische und geregelte Benutzung des
Denkens behufs Auffindung dieser Beziehungen ist der einzige Weg um Alles zu
entdecken was wahrhaft und sicher über sie in allgemeine Sätze gebracht werden
kann. Wie man hier vorzuschreiten habe muss man bei den Mathematikern lernen
die mit dem Einfachsten und Leichtesten beginnen und doch allmählich durch eine
fortgehende Kette von Gründen zur Entdeckung und zum Beweis von Wahrheiten
gelangen welche beim ersten Blick die menschlichen Fähigkeiten zu übersteigen
scheinen Die Kunst der Auffindung der Beweise und das bewunderungswürdige
Verfahren was sie für Ausfindung und Ordnung der vermittelnden Vorstellungen
erfunden haben welche von Größen ohne dass man sie auf einander legen kann
zeigen und beweisen dass sie gleich oder ungleich sind ist das was sie so
weit gebracht und solche wunderbare und ungeahnte Entdeckungen herbeigeführt
hat Ich lasse es dahingestellt ob nicht Etwas dem Ähnliches bei andern
Eigenschaften ebenso wie bei der Größe mit der Zeit entdeckt werden dürfte
Wenigstens würde wenn andere Vorstellungen, die das wirkliche oder WortWesen
ihrer Arten bilden in der Weise der Mathematiker untersucht würden dies uns
weiter bringen und zu größerer Gewissheit und Klarheit führen als man glaubt
8 Auch die Moral kann auf diese Weise klarer gemacht werden Ich möchte
deshalb auf die Ansicht zurückkommen die ich in Kap 3 berührt habe dass
nämlich die Moral ebenso wie die Mathematik der Beweise fähig ist Denn die
Vorstellungen, von denen die Ethik handelt sind sämtlich wirkliche
Wesenheiten die eine erkennbare Verbindung und Übereinstimmung mit einander
haben So weit man also ihre Richtungen und Beziehungen ermittelt so weit kann
man auch gewisse wirkliche und allgemeine Wahrheiten erreichen und bei
Anwendung des richtigen Verfahrens würde sicherlich ein großer Teil so klar
gemacht werden können, dass ein verständiger Mann so wenig wie bei den
erwiesenen Sätzen der Mathematiker einen Anlass zu Zweifeln haben könnte
9 Aber das Wissen von den Körpern kann nur durch die Erfahrung weiter
geführt werden Bei der Erkenntnis der Substanzen nötigt aus der Mangel an
Vorstellungen, die für ein solches Verfahren geeignet wären zu einem ganz
andern Weg Man kommt hier nicht wie in andern Wissenschaften wo die
allgemeinen Vorstellungen sowohl das wirkliche, wie das WortWesen bilden
durch Betrachtung unserer Vorstellungen, ihrer Beziehungen und
Übereinstimmungen weiter dies hilft aus den früher ausführlich dargelegten
Gründen wenig Deshalb bieten die Substanzen nur wenig Stoff zu allgemeinen
Sätzen und die bloße Betrachtung ihrer allgemeinen Vorstellungen führt in der
Erkenntnis der Wahrheit und Gewissheit nur wenig weiter Was bleibt also hier
für die Vermehrung des Wissens zu tun Man muss hier einen andern Weg
einschlagen der Mangel an Vorstellungen ihres wirklichen Wesens weist uns von
den eignen Vorstellungen zu den Dingen selbst, wie sie bestehen Hier muss die
Erfahrung lehren was die Vernunft nicht vermag und nur durch Versuche kann ich
feststellen welche andere Eigenschaften mit meiner Gesamtvorstellung zusammen
bestehen zB ob dieser gelbe schwere schmelzbare Körper den ich Gold nenne
biegsam ist oder nicht Diese Erfahrung gibt in welcher Art auch die
Ermittlung an dem einzelnen Körper erfolgen mag keine Gewissheit dass es bei
allen gelben schweren und schmelzbaren Körpern sich so verhält sondern nur für
die mit denen man den Versuch angestellt hat Es besteht hier keine Ableitung
aus meiner Gesamtvorstellung die Notwendigkeit oder die Unverträglichkeit der
Biegsamkeit hat mit der Gesamtvorstellung eines gelben schweren und
schmelzbaren Körpers keine erkennbare Verbindung Was ich hier über das
WortWesen des Goldes gesagt welches ich als einen Körper von bestimmter Farbe
Gewicht und Schmelzbarkeit angenommen habe bleibt auch wahr wenn man die
Biegsamkeit Feuerbeständigkeit und Auflösbarkeit in Königswasser noch
hinzunimmt Schlüsse die von diesen Vorstellungen ausgehen führen nicht weit
in der sichern Entdeckung anderer Eigenschaften der Stoffe welche sie
enthalten da sie nicht von diesen Eigenschaften sondern von dem wahren Wesen
abhängen was auch letztere bestimmt so kann man die übrigen nicht entdecken
man kommt nicht weiter als die einfachen Vorstellungen des WortWesens führen
und dies ist wenig über sie selbst hinaus Deshalb erlangt man damit nur
spärlich allgemeine sichere und zugleich nützliche Wahrheiten Denn wenn der
Versuch mit einem einzelnen Stück und mit allen andern dieser Farbe dieses
Gewichts und dieser Schmelzbarkeit wo ich es versucht habe seine Biegsamkeit
ergibt so nehme ich diese Eigenschaft möglicherweise in meiner
Gesamtvorstellung und in dem WortWesen des Goldes mit auf Damit besteht meine
Gesamtvorstellung Gold genannt aus mehr einfachen Vorstellungen als zuvor
allein da sie doch nicht das wahre Wesen dieser Art von Körpern enthält so
hilft sie mir nicht zum sichern Wissen ich sage Wissen vielleicht ist es nur
Vermutung der andern Eigenschaften dieses Körpers so weit sie nicht eine
sichtbare Verbindung mit einigen oder allen einfachen Vorstellungen haben die
das WortWesen für mich bilden Ich kann zB bei dieser Gesamtvorstellung
nicht sicher sein ob Gold feuerbeständig ist oder nicht weil nämlich die feste
Verbindung oder die Unverträglichkeit zwischen der obigen Gesamtvorstellung und
der Feuerbeständigkeit fehlt aus der ich dieses Wissen sicher ableiten könnte
Deshalb muss ich zur Ermittlung dessen mich an die Erfahrung halten und nur so
weit diese reicht aber nicht weiter kann ich eine gewisse Kenntnis erlangen
10 Dies kann uns Nutzen gewähren aber keine Wissenschaft Ein an
überdachte und regelrechte Versuche gewöhnter Mann sucht vielleicht tiefer in
der Natur der Körper und vermutet richtiger ihre noch unbekannten
Eigenschaften als wer darin unerfahren ist allein es bleibt wie gesagt doch
nur ein Annehmen und Meinen ohne Wissen und ohne Gewissheit Da dieser Weg
wonach wir nur durch Erfahrung und Beschreibung das Wissen von den Substanzen
erlangen und vermehren können bei der Schwäche und Mittelmäßigkeit unserer
Vermögen hier in dieser Welt der einzige benutzbare ist so fürchte ich dass
die Erkenntnis der Natur nicht zu einer Wissenschaft wird erhoben werden
können, und wir werden nur wenig allgemeine Kenntnisse über die Arten der Körper
und ihre Eigenschaften erlangen können Versuche und Beobachtungen über
Einzelnes kann man haben daraus kann man für Wohlbefinden und Gesundheit Nutzen
ziehen und damit die Annehmlichkeiten des Lebens erhöhen allein darüber hinaus
reichen schwerlich unsere Anlagen und ich glaube wir können mit unserem
Vermögen hier nicht weiter kommen
11 Wir können ein Wissen in der Moral und natürliche Verbesserungen
erreichen Da sonach unsere Vermögen nicht zureichen um in den inneren Bau und
das wirkliche Wesen der Körper einzudringen da sie aber uns klar das Dasein
Gottes und das Wissen von uns selbst gewähren so dass wir voll und klar unsere
Pflichten und großen Angelegenheiten erkennen so ziemt es sich für uns als
vernünftige Wesen diese Fähigkeiten zu dem anzuwenden wozu sie am meisten
geeignet sind und den Weg zu gehen den uns hiernach die Natur selbst gewiesen
hat Man kann mit Grund schließen dass unsere Aufgabe in diesen Untersuchungen
und in dieser Art von Kenntnissen enthalten ist, die unsern natürlichen
Fähigkeiten am meisten entsprechen und die unsere größten Angelegenheiten
betreffen dh unsern Zustand in der Ewigkeit Deshalb dürfte die Moral die
wahre Wissenschaft und Aufgabe der Menschheit im Allgemeinen sein die beide auf
die Gewinnung des »höchsten Guts« abzielen während die einzelnen Künste
rücksichtlich der Natur das Loos und die besondere Aufgabe der Einzelnen für den
gemeinsamen Nutzen bilden und ihnen für ihre eigne Erhaltung in dieser Welt
dienen Wie wichtig die Entdeckung eines einzigen Naturkörpers und seiner
Eigenschaften für das menschliche Leben sein kann davon gibt der große
Erdteil von Amerika ein schlagendes Beispiel Dessen Unbekanntschaft mit
nützlichen Künsten und dessen Mangel an allen Bequemlichkeiten des Lebens trotz
eines Landes voll natürlichen Überflusses dürfte nur von der Unbekanntschaft
mit dem Inhalt eines gemeinen und nicht beachteten Steines liegen ich meine in
der Unbekanntschaft mit dem Eisen und wie hoch man auch die Fortschritte in
unserm Erdteile anschlagen mag wo Wissen und Überfluss mit einander zu
wetteifern scheinen so ergibt doch eine sorgsame Betrachtung unzweifelhaft
dass wir mit Verlust des Eisens in wenig Jahrhunderten zur Unwissenheit und
Armut der Wilden von Amerika herabsinken würden deren natürliche Anlagen und
Mittel denen der blühendsten und gebildetsten Nationen nicht nachgestanden
haben Deshalb kann Der welcher zuerst den Nutzen dieses unscheinbaren Metalls
erkannte mit Recht der Vater der Künste und der Schöpfer des Reichtums genannt
werden.
12 Allein man muss sich vor Hypothesen und falschen Grundsätzen hüten
Man denke aber nicht dass ich das Studium der Natur unterschätze und davon
abraten will Ich erkenne gern an dass die Betrachtung dieser Werke uns
Gelegenheit gibt deren Urheber zu bewundern zu verehren und zu preisen
Richtig geleitet kann sie der Menschheit größere Wohltaten bringen als jene
Bauwerke christlicher Mildtätigkeit die von den Gründern der Hospitäler und
Armenhäuser mit so großen Kosten errichtet worden sind. Wer den Bücherdruck
erfand den Kompass entdeckte oder den Gebrauch und Nutzen der Chinarinde
bekannt machte that mehr für die Verbreitung des Wissens, für die Beschaffung
und Vermehrung der nützlichen Einrichtungen des Lebens und rettete mehr
Menschen vom Tode als Die welche Studienhäuser Arbeitshäuser und Hospitäler
bauten Ich spreche nur gegen die voreilige Erwartung und Meinung da Kenntnisse
zu finden wo es keine gibt oder auf Wegen die nicht dahin führen ich will
dass man zweifelhafte Systeme nicht für vollendete Wissenschaften und
unverständliche Begriffe nicht für wissenschaftliche Beweise nehmen solle Bei
der Kenntnis der Körper muss man mit dem zufrieden sein was man durch einzelne
Erfahrungen erlauschen kann da wegen Unkenntnis ihres wahren Wesens man nicht
auf einmal ganze Bogen voll fassen noch die Natur und Eigenschaften ganzer
Arten in Bündeln davon tragen kann Wo die Untersuchung des Zusammenbestehens
oder der Unverträglichkeit durch die bloße Betrachtung der Vorstellungen nicht
erfolgen kann da kann nur Erfahrung Beobachtung und Beschreibung vermittelst
der Sinne und im Einzelnen einen Einblick in die körperlichen Substanzen
gewähren Die Erkenntnis der Körper muss durch die Sinne gewonnen werden man
muss mittelst ihrer die Eigenschaften und die Wirksamkeit der Körper sorgfältig
beobachten und unser Wissen über selbstständige Geister kann in dieser Welt
wohl nur durch Offenbarung uns zukommen Wenn man weiß wie wenig jene
allgemeinen aber zweifelhaften Grundsätze und jene willkürlichen Hypothesen das
wahre Wissen gefördert und die Untersuchungen zu wirklichen Fortschritten
geführt haben wie wenig Anfänge solcher Art durch Jahrhunderte hindurch etwas
zum Fortschritt der Naturwissenschaften beigetragen haben so wird man Denen
Dank wissen die in der letzten Zeit einen andern Weg eingeschlagen und für uns
gebahnt haben und zwar nicht einen solchen der leicht zu gelehrter
Unwissenheit führt sondern einen der sicher zu nützlichen Kenntnissen leitet
13 Der wirkliche Nutzen von Hypothesen Deshalb sollen indes
Hypothesen nicht ausgeschlossen werden wenn es auf Erklärung der Natur ankommt
Wenn sie gut gemacht sind unterstützen sie wenigstens das Gedächtnis und
führen oft auch zu neuen Entdeckungen ich will nur dass man sie nicht zu
hastig was leicht geschieht da die Seele immer gleich in die Ursachen der
Dinge eindringen und Grundsätze haben will auf denen sie ruhen kann aufstelle
ehe das Einzelne genau geprüft und mehrfache Versuche da gemacht sind wo die
Hypothese eintreten soll damit man sehe ob sie mit Allem übereinstimmt und ob
ihr Grundsatz sich überall bestätigt und ob er nicht andern Erscheinungen
widerspricht während er die einen erklärt Wenigstens soll man sich von dem
Namen »Prinzip« nicht täuschen und einschüchtern lassen und das nicht für
zweifellose Wahrheit annehmen was im besten Falle nur eine zweifelhafte
Vermutung ist wie dies mit den meisten ich hätte beinah gesagt allen
Hypothesen über die Natur der Fall ist.
14 Klare und deutliche Vorstellungen mit festen Bezeichnungen und das
Auffinden solcher welche deren Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung
darlegen sind die Mittel zur Erweiterung des Wissens.) Mag nun eine Gewissheit
in der Naturwissenschaft erreichbar sein oder nicht so scheinen mir doch die
folgenden zwei Wege allein geeignet unser Wissen so weit zu vermehren als es
überhaupt möglich ist Erstens hat man klare und deutliche Vorstellungen der
Dinge sich zu verschaffen für die allgemeine oder besondere Worte vorhanden
sind; wenigstens so weit als man sie in Betracht ziehen und sein Wissen hier
erweitern und darüber nachdenken will Wenn es sich dabei um die besonderen
Vorstellungen von Substanzen handelt so muss man sie so vollständig als möglich
machen und so viele einfache Vorstellungen verbinden als nach den Beobachtungen
regelmäßig zusammenbestehen und auf diese Weise jede Art möglichst
vollständlich bestimmen Auch muss jede dieser einfachen Vorstellungen, welche
Theile der Gesamtvorstellung bilden klar und deutlich sein denn unser Wissen
kann nicht über unsere Vorstellungen hinaus und sind diese unvollständig
verworren oder dunkel so kann das Wissen nicht sicher vollständig und klar
sein Der zweite Weg besteht in der Auffindung jener vermittelnden
Vorstellungen, welche die Übereinstimmung oder den Widerstreit anderer
Vorstellungen, die nicht unmittelbar verglichen werden können, darlegen
15 Die Mathematik ist ein Beispiel hierfür Dass diese beiden Wege und
nicht der Verlass auf Grundsätze und das Ziehen von Folgerungen aus einigen
allgemeinen Sätzen die richtigen Mittel sind um unser Wissen auch in andern
Gebieten als dem der Größe auszubreiten ergibt die Betrachtung des
mathematischen Wissens Hier sieht man zunächst dass wer keine klare und
vollständige Vorstellung von den Winkeln und Gestalten hat über die er etwas
erfahren will zu einer Erkenntnis hierüber ganz unfähig ist Wenn zB Jemand
nicht weiß was ein rechter Winkel ein ungleichseitiges Dreieck ein
schiefwinkliges Viereck ist so wird er vergeblich einen Beweis über sie zu
gewinnen suchen Sodann hat offenbar nicht der Einfluss jener Regeln die für
die obersten Grundsätze in der Mathematik gelten die Meister dieser
Wissenschaft zu den wunderbaren Entdeckungen geführt die sie gemacht haben Man
kann bei guten Anlagen alle in der Mathematik benutzten Grundsätze kennen und
ihren Umfang und ihre Folgen übersehen und wird damit doch nie zur Erkenntnis
gelangen dass das Quadrat der Hypotenuse eines rechtwinkligen Dreiecks gleich
ist den beiden Quadraten aus dessen Seiten Das Wissen dass das Ganze seinen
Teilen zusammen gleich ist und dass Gleiches von Gleichem weggenommen
Gleiches bleibt würde ihm schwerlich zum Beweis jenes Satzes verhelfen und man
kann lange Zeit auf diese Grundsätze hinstarren und doch nicht um ein Haar mehr
von den mathematischen Wahrheiten erblicken Bei deren Entdeckung ist das Denken
anders verfahren die Seele hatte Gegenstände und Richtungen vor sich die mit
diesen Grundsätzen nichts zu schaffen hatten als sie dergleichen Wahrheiten in
der Mathematik zuerst entdeckte welche Männer nicht genug bewundern können
denen diese anerkannten Grundsätze wohl bekannt sind aber welche die Weise der
Auffindung dieser Beweise nicht kennen Wer kann wissen ob nicht zur
Ausbreitung des Wissens auch in andern Gebieten Verfahrungsweisen später
aufgefunden werden mögen die denen der Algebra in der Mathematik entsprechen
wo die Vorstellungen von Größen zur Messung anderer so leicht aufgefunden
werden deren Gleichheit oder Verhältnis ohnedem nur sehr schwer oder gar nicht
hätte erkannt werden können.
1 Unser Wissen ist teils notwendig teils freiwillig Unser Wissen
hat wie in andern Dingen so auch darin mit dem Sehen große Ähnlichkeit dass
es weder durchaus notwendig noch durchaus freiwillig ist Wäre unser Wissen
durchaus notwendig so würde nicht allein Jedermann so viel als der Andere
wissen sondern Jeder würde auch Alles wissen was überhaupt wissbar ist wäre
es aber durchaus freiwillig so würde Mancher es so gering schätzen dass er
wenig oder gar nichts wissen würde Menschen mit gesunden Sinnen müssen manche
Vorstellungen durch diese aufnehmen und wenn sie Gedächtnis haben so müssen
sie Manches davon behalten und wenn sie etwas Verstand haben so müssen sie die
Übereinstimmung einzelner Vorstellungen oder deren NichtÜbereinstimmung
bemerken so wie Jemand wenn er seine Augen bei Tage öffnet Manches sehen und
unterscheiden muss Allein wenn ein solcher auch das Sehen nicht ganz abhalten
kann so hat er doch die Wahl wohin er seine Augen richten will es kann ihm
ein Buch mit Bildern und Berichten zur Hand sein was Vergnügen und Belehrung
gewähren kann und dennoch öffnet er es vielleicht nicht und tut keinen Blick
hinein
2 Die Aufmerksamkeit ist willkürlich aber wir erkennen die Dinge wie
sie sind nicht wie es uns beliebt Auch hängt es von dem Menschen ab ob er
einen Gegenstand nur oberflächlich besehen oder mit Aufmerksamkeit alles an ihm
Sichtbare beobachten will Allein was er sieht muss er so sehen wie er es
sieht Er kann nicht willkürlich das Gelbe schwarz sehen und das Heiße kalt
fühlen Die Erde ist nicht mit Blumen geschmückt und die Felder sind nicht mit
Grün bedeckt bloß weil er dies denkt im kalten Winter muss er Schnee und Reif
sehen wenn er sich umsieht Ebenso ist es mit dem Verstande. Von dem Willen
hängt bei dem Wissen nur die Benutzung oder Fernhaltung unserer Vermögen von
diesem oder jenem Gegenstände ab und die mehr oder weniger sorgfältige
Betrachtung derselben werden aber diese Vermögen in Tätigkeit gesetzt so
hängt die Art des Erkennens nicht mehr von unserm Belieben ab sondern wird
durch die Gegenstände bestimmt so weit sie klar erfasst werden Wenn deshalb
die Sinne sich auf äußere Gegenstände richten so muss die Seele die durch sie
überlieferten Vorstellungen aufnehmen und das Dasein äußerer Dinge wahrnehmen
und wenn das Denken sich auf seine eigenen Vorstellungen richtet so muss es in
gewissem Maße die Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung unter denselben
bemerken welche damit ein Wissen wird und wenn Worte für diese betrachteten
Vorstellungen vorhanden sind, so muss man von der Wahrheit der Sätze überzeugt
sein welche die bemerkte Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung
aussprechen Denn was man sieht muss man sehen und was man bemerkt davon muss
man wissen dass man es bemerkt
3 Beispiele an den Zahlen Wer zB die Vorstellungen der Zahlen
erlangt und sich die Mühe genommen hat die 1 2 und 3 mit der 6 zu vergleichen
muss wissen dass sie einander gleich sind, und wer die Vorstellung eines
Dreiecks hat und die Weise die Dreiecke zu messen aufgefunden hat ist
überzeugt dass die drei Winkel desselben zweien rechten gleich sind, und kann
daran so wenig wie an dem Satze zweifeln dass unmöglich dasselbe Ding sein und
nicht sein kann
An der natürlichen Religion Wer ferner die Vorstellung eines
vernünftigen aber gebrechlichen schwachen Wesens hat das von einem andern
ewigen allmächtigen allweisen und guten Wesen geschaffen ist weiß so gewiss
dass der Mensch Gott ehren fürchten und gehorchen muss als dass die Sonne
scheint welche er sieht Denn wenn er die Vorstellungen dieser zweier Wesen hat
und sein Denken darauf richtet so wird er so sicher finden dass das niedere
endliche und abhängige verpflichtet ist dem hohem zu gehorchen als er findet
dass 3 4 und 7 weniger als 15 sind sobald er diese Zahlen vergleicht und er
kann es nicht sicherer wissen dass die Sonne scheint wenn er an einem hellen
Morgen seine Augen öffnet und nach ihr blickt Allein trotz der Gewissheit und
Klarheit dieser Wahrheiten kann Derjenige beide nicht kennen lernen der seine
Fähigkeiten nicht zu deren Erkenntnis gebraucht
1 Da unser Wissen nicht ausreicht brauchen wir noch etwas Anderes Da
der Verstand dem Menschen nicht bloß zu wissenschaftlichen Untersuchungen
sondern auch zu seiner Führung im Leben gegeben ist so würde er in großer
Verlegenheit sich befinden wenn nur die Gewissheit wahren Wissens ihn zu leiten
vermöchte Bei dessen Dürftigkeit und Beschränktheit wäre er dann oft in der
Finsternis und bei den meisten Handlungen seines Lebens in Verlegenheit wenn
er nichts hätte was ihn in Mangel klaren und sichern Wissens leiten könnte Wer
nicht essen mag bevor ihm nicht bewiesen worden dass er davon ernährt werde
wer sich nicht bewegen mag ehe er nicht sicher weiß das Geschäft was er
vorhat werde gelingen wird wenig mehr anfangen können als still zu sitzen und
umzukommen
2 Wozu man diesen Zustand des Zwielichts benutzen kann Gott hat sonach
manche Dinge in das helle Tageslicht für uns gestellt indem er uns einiges
sichere Wissen gegeben hat was freilich nur auf vergleichsweise wenige Dinge
beschränkt ist wahrscheinlich ist es geschehen als Probe dessen was geistige
Wesen vermögen und um damit in uns das Verlangen und Streben nach einem bessern
Zustande zu erwecken Aber in den meisten Dingen die uns angehen hat Gott uns
nur in die Dämmerung so zu sagen der Wahrscheinlichkeit gestellt wie es nach
meinem Vermuten für den Zustand der Mittelmäßigkeit und Prüfung passt in den
wir hier gestellt sind damit unsere zu große Zuversicht erschüttert und wir
durch die tägliche Erfahrung belehrt werden wie kurzsichtig wir sind und wie
ausgesetzt dem Irrtume Indem wir dies erkennen soll es eine stete Ermahnung
für uns sein die Tage dieser Pilgerschaft fleißig und sorgfältig zur
Aufsuchung und Verfolgung des Weges anzuwenden der uns zu größerer
Vollkommenheit führen kann Selbst wenn die Offenbarung hier nicht spräche wäre
die Annahme vernünftig dass nachdem der Mensch die ihm von Gott verliehenen
Gaben hier verwendet er den Lohn am Abend jenes Tages empfangen werde wo die
Sonne sich schließt und die Nacht allem Thun ein Ende macht
3 Das Meinen ersetzt den Mangel des Wissens.) Das Vermögen was Gott dem
Menschen als Ersatz für den Mangel sichern Wissens wo dieses nicht möglich ist
gegeben hat ist das Meinen Die Seele hält hier die Vorstellungen für
übereinstimmend oder widersprechend oder was dasselbe ist, einen Satz für wahr
oder falsch ohne dass sie in den Gründen einen zwingenden Beweis dafür sieht
Die Seele übt manchmal dieses Meinen nur aus Not wenn klare Beweise und
sicheres Wissen nicht zu haben sind manchmal aber aus Trägheit Ungeschick oder
Eilfertigkeit auch da wo Beweise und sichere Gründe zu haben wären Man prüft
oft nicht mühsam die Übereinstimmung oder den Widerstreit zweier Vorstellungen,
die man erkennen möchte entweder ist man unfähig die lange Reihe von Gründen
aufmerksam zu verfolgen oder es wird aus Ungeduld nur darüber hingeblickt oder
die Gründe werden ganz übersehen Die Untersuchung des Beweises wird dann nicht
vollendet und man entscheidet über die Übereinstimmung oder den Widerstreit
der beiden Vorstellungen gleichsam nur aus der Ferne und nimmt das Eine oder das
Andere an wie es bei einem so flüchtigen Blicke am wahrscheinlichsten
erscheint Dieses Vermögen heißt das Meinen wenn es unmittelbar für Dinge
geübt wird für die durch Worte mitgeteilten Wahrheiten heißt es meist
Zustimmung oder Widerspruch Da die Seele in diesen beiden Arten am meisten
Anlass hat dieses Vermögen zu gebrauchen so will ich die Untersuchung nach
diesen Bezeichnungen die am wenigsten dem Missverständnis unterliegen führen
4 Das Meinen ist ein Vermuten über Dinge ohne dass man sie wahrnimmt
Somit hat die Seele zwei Vermögen in Bezug auf Wahrheit und Unwahrheit das eine
ist das Wissen wo man sicher auffasst und vollständig von der Übereinstimmung
oder dem Widerspruch zweier Vorstellungen überzeugt ist das andere ist aus
Meinen wo die Seele Vorstellungen verbindet oder trennt obgleich deren
Übereinstimmung oder Gegensatz nicht sicher erkannt ist, sondern nur angenommen
wird ohne dass eine Gewissheit dafür vorhanden ist. Geschieht diese Verbindung
oder Trennung so wie die Dinge sich wirklich verhalten so ist es ein richtiges
Meinen
1 Wahrscheinlichkeit ist der Schein der Übereinstimmung aus
trügerischen Gründen Der Beweis ist ein Darlegen der Übereinstimmung oder des
Gegensatzes zweier Vorstellungen vermittelst eines oder mehrerer Gründe die
eine gleichmäßige unveränderliche und sichtbare Verbindung mit einander haben
die Wahrscheinlichkeit ist dagegen bloß der Schein einer solchen
Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung vermittelst Gründe deren
Verbindung nicht fest und unveränderlich ist oder wo dies wenigstens nicht
eingesehen wird sondern nur in den meisten Fällen so zu sein scheint um die
Seele zu bestimmen, dass sie einen Satz eher für wahr als für falsch oder
umgekehrt hält So erkennt man zB bei dem Beweise die feste unveränderliche
Verbindung der Gleichheit zwischen den drei Winkeln eines Dreiecks und jenen
vermittelnden die ihre Gleichheit mit zwei rechten darlegen durch ein solches
anschauliches Wissen der Übereinstimmung oder des Gegensatzes der vermittelnden
Vorstellungen was bei jedem weitem Schritt Statt hat geht die Reibe der Gründe
mit einer Gewissheit fort welche klar die Übereinstimmung oder
NichtÜbereinstimmung dieser drei Winkel der Gleichheit nach mit zwei rechten
darlegt und damit ist die Sicherheit dass es sich so verhält erlangt Ein
Anderer dagegen der sich nie um diesen Beweis gekümmert hat hört von einem
glaubwürdigen Manne der Mathematiker ist dass diese 3 Winkel gleich 2 rechten
seien und stimmt dem bei dh er hält es für wahr Sein Grund ist die
Wahrscheinlichkeit, weil die Umstände so sind dass sie meist die Wahrheit mit
sich führen indem der Mann auf dessen Zeugnis er es glaubt nicht Etwas gegen
oder ohne seine Überzeugung namentlich in diesen Dingen zu behaupten pflegt
Deshalb ist die Ursache seiner Zustimmung zu diesem Satz und für die
Übereinstimmung der betreffenden Vorstellungen nicht die Gewissheit davon
sondern die bekannte Glaubwürdigkeit des Mannes überhaupt oder die Annahme einer
solchen für diesen Fall
2 Sie ersetzt den Mangel des Wissens.) Unser Wissen ist wie ich
gezeigt beschränkt und nicht von jedem Dinge dem man begegnet kann man die
gewisse Wahrheit gewinnen deshalb kann man von den meisten Sätzen bei dem
Denken Überlegen Sprechen ja selbst bei dem Handeln keine volle Gewissheit
von ihrer Wahrheit haben Indes nähern sich manche Fälle der Gewissheit so
dass man keinen Zweifel an ihnen hegt vielmehr ihnen so sicher zustimmt und so
entschlossen danach handelt als wären sie untrüglich bewiesen und unser Wissen
vollständig und gewiss Allein es gibt hier Abstufungen von dem Punkte der
Gewissheit und des Bewiesenen bis hinab zur Unwahrscheinlichkeit und bis zu der
Grenze der Unmöglichkeit ebenso noch Abstufungen der Zustimmung von der vollen
Überzeugung und dem Vertrauen bis hinab zur Vermutung dem Zweifel und dem
Misstrauen Ich werde daher nunmehr nachdem ich die Grenzen des menschlichen
Wissens und der Gewissheit dargelegt die verschiedenen Grade und Ursachen der
Wahrscheinlichkeit, der Zustimmung und des Glaubens untersuchen
3 Die Wahrscheinlichkeit lässt uns Dinge für wahr halten ehe wir
wissen dass es sich so verhält Die Wahrscheinlichkeit ist der Schein der
Wahrheit das Wort bezeichnet einen solchen Satz für den Gründe vorliegen um
ihn für wahr zu halten Die Bestimmung, die man diesen Sätzen gibt heißt
Glaube Zustimmung oder Meinung es wird dabei ein Satz für wahr angenommen in
Folge von Gründen die uns veranlassen ihn für wahr zu halten obgleich wir es
nicht gewiss wissen Der Unterschied zwischen Wahrscheinlichkeit und Gewissheit
zwischen Glauben und Wissen liegt also darin dass bei dem Wissen in all seinen
Teilen Anschauung vorhanden ist; jede Vorstellung an sich und jeder Schritt hat
eine sichtbare und gewisse Verbindung aber bei dem Glauben ist dies nicht so
dieser ruht auf etwas der geglaubten Sache Äußerlichem was an beiden Seiten
sich nicht offenbar anschließt und deshalb die Übereinstimmung oder den
Gegensatz der betreffenden Vorstellungen nicht klar darlegt
4 Die Gründe für das Wahrscheinliche sind zweierlei Art die
Übereinstimmung mit der eignen Erfahrung oder das Zeugnis von Anderer
Erfahrung Bei der Wahrscheinlichkeit, die den Mangel des Wissens ersetzen und
uns leiten soll wo dieses fehlt handelt es sich immer um Sätze für die man
keine Gewissheit hat sondern nur einen Anlass sie für wahr zu halten Dieser
Anlass ist zweierlei Art Erstens die Übereinstimmung mit dem eignen Wissen
Beobachten und Erfahrungen zweitens das Zeugnis Anderer die ihre
Beobachtungen und Erfahrungen beteuern Bei letzteren ist zu beachten 1 die
Zahl 2 die Rechtlichkeit 3 das Geschick der Zeugen 4 die Absicht des
Verfassers wenn das Zeugnis einem Buche entlehnt ist 5 die Übereinstimmung
des Ganzen in seinen Teilen und mit den berichteten Nebenumständen 6
entgegenstehende Zeugnisse
5 Hier müssen immer die Grunde für und gegen geprüft werden ehe man
sich entscheidet Da der Wahrscheinlichkeit die anschauliche Gewissheit abgeht
welche den Verstand untrüglich bestimmt und das sichere Wissen erzeugt so muss
man wenn man vernünftig verfahren will alle Gründe der Wahrscheinlichkeit
prüfen und sehen ob sie mehr für oder gegen einen Satz sprechen ehe man
zustimmt oder widerspricht und man muss erst nach gehöriger Erwägung aller den
Satz annehmen oder verwerfen und zwar mit dem Grade des Fürwahrhaltens der dem
Übergewicht der Gründe auf der einen oder andern Seite entspricht Zum
Beispiel Sehe ich einen Menschen auf dem Eise gehen so ist dies keine
Wahrscheinlichkeit sondern Gewissheit erzählt mir aber Jemand dass er in
England an einem kalten Wintertage einen Menschen auf dem Eise habe gehen sehen
so stimmt dies so mit dem gewöhnlichen Lauf der Natur, dass ich es für wahr zu
halten geneigt bin wenn nicht ein Verdacht gegen die Erzählung vorhanden ist.
Wird dasselbe aber Jemand innerhalb der Wendekreise erzählt der bis dahin vom
Eise nie etwas gehört hat so ruht die Wahrscheinlichkeit nur auf dem Zeugnis
und die Sache findet mehr oder weniger Glauben je nach der Zahl der
Glaubwürdigkeit und Uninteressiertheit der Zeugen obgleich ein Mensch dessen
Erfahrungen ganz dagegen sprechen und der nie von dergleichen gehört hat kaum
dem ehrlichsten Zeugen hier Glauben schenken wird So ging es dem holländischen
Gesandten bei dem König von Siam Er erzählte dem neugierigen König von Holland
und unter Anderm auch dass im Winter das Wasser durch die Kälte mitunter so
hart werde dass Menschen darauf gehen könnten und selbst Elephanten davon
getragen werden würden wenn es deren dort gäbe Der König erwiderte darauf
Bisher habe ich das was Sie mir an Sonderbarkeiten erzählt haben geglaubt da
ich Sie für einen ehrlichen Mann halte aber jetzt sehe ich dass Sie lügen
6 Die Gründe können sehr mannichfach sein Auf diesen Gründen beruht
die Wahrscheinlichkeit aller Sätze Je nachdem unser Wissen, unsere sichern
Beobachtungen häufigen und gleichmäßigen Erfahrungen und viele und
glaubwürdige Zeugnisse mehr oder weniger damit übereinstimmen ist der Satz mehr
oder weniger wahrscheinlich Es gibt allerdings noch einen andern Grund für die
Wahrscheinlichkeit, der es zwar an sich nicht ist aber doch oft für einen
solchen gilt und benutzt wird und von dem die Meisten sich in ihrem
Fürwahrhalten bestimmen lassen indem sie ihm mehr Glauben als etwas Anderem
schenken nämlich die Meinung Anderer Allein es ist gefährlich sich darauf zu
verlassen und man kann dadurch leicht irregeleitet werden denn es gibt mehr
Falschheit und Irrtum als Wahrheit und Kenntnis unter den Menschen Wären die
Meinungen und Überzeugungen Anderer trotzdem dass man sie kennt und achtet
ein Grund für die Zustimmung, so müsste man in Japan ein Heide in der Türkei
ein Mohammedaner in Spanien ein Katholik in England ein Protestant und in
Schweden ein Lutheraner werden Über diesen falschen Grund der Zustimmung werde
ich noch ausführlicher später zu sprechen haben
1 Unsere Zustimmung soll sich nach den Gründen der Wahrscheinlichkeit
richten Die Gründe für die Wahrscheinlichkeit sind in dem vorigen Kapitel
dargelegt worden sie bilden die Grundlage für die Zustimmung und also auch das
Maß nach dem sich die Grade derselben bestimmen oder bestimmen sollten Nur
muss man sich gegenwärtig halten dass alle Gründe für die Wahrscheinlichkeit
nicht weiter wirken wenn man die Wahrheit sucht und ein richtiges Urteil
verlangt als sie hervortreten wenigstens bei den ersten Urteilen und
Versuchen die die Seele unternimmt Allerdings ruhen die Meinungen der
Menschen an denen sie oft fest halten nicht immer auf einem wirklichen
Überblick der Gründe die zuerst den Ausschlag geben denn in vielen Fällen ist
es selbst für ein gutes Gedächtnis schwer wenn nicht unmöglich alle Gründe zu
behalten welche nach gehöriger Erwägung zur Annahme einer Meinung bestimmt
haben Es genügt wenn nur einmal der Gegenstand sorgfältig und redlich erwogen
worden ist, wenn da alle Umstände von Einfluss auf die Frage möglichst ermittelt
worden sind, und nach bestem Vermögen die Rechnung der Gründe aufgemacht worden
ist. Hat man so einmal gefunden auf welcher Seite die Wahrscheinlichkeit ist
so wird dann nur die Entscheidung in dem Gedächtnis bewahrt wie eine entdeckte
Wahrheit und man begnügt sich in der Folge mit diesem Zeugnis des
Gedächtnisses
2 Diese liegen nicht immer klar vor dann hat man sich mit der
Erinnerung zu begnügen dass früher die Zustimmung als begründet erkannt worden
ist.) Dies ist Alles was die Meisten für die Regelung ihrer Meinungen und
Urteile tun können Ohnedem müsste man alle Gründe der Wahrscheinlichkeit, und
zwar in der richtigen Ordnung und Folge wie sie früher erwogen worden genau im
Gedächtnis behalten die doch schon für eine Frage oft ein Buch füllen würden
oder man müsste tagtäglich jede Ansicht von Neuem prüfen was Beides unmöglich
ist Man muss sich deshalb in dem einzelnen Falle auf das Gedächtnis verlassen
und man muss seine Meinung festhalten wenn man auch der Gründe sich nicht mehr
bewusst ist, ja sie vielleicht vergessen hat Ohnedem müssten die meisten
Menschen entweder vollständige Skeptiker werden oder ihre Meinungen jeden
Augenblick wechseln und immer Dem zustimmen der zuletzt die Frage erwogen hätte
und seine Gründe vorbrächte da man die Antworten nicht gleich bei der Hand
haben kann
3 Die üblen Folgen wenn bei dem frühem Urteil nicht richtig verfahren
worden Dieses Festhalten an früheren Urteilen und Folgerungen ist oft der
Anlass dass Irrtümer und falsche Ansichten hartnäckig festgehalten werden
wobei indes der Fehler nicht darin liegt dass man sich auf sein Gedächtnis in
Bezug auf frühere Urteile verlässt sondern dass man damals zu voreilig
geurteilt hat Gar Viele wenn nicht die Meisten halten ihre Ansichten in
vielen Dingen für richtig bloß weil sie niemals eine andere Ansicht gehabt
haben und weil sie ihre Ansicht nie untersucht oder in Zweifel gestellt haben
Dies will sagen Sie glauben richtig zu urteilen weil sie niemals geurteilt
haben Dennoch halten gerade Solche ihre Ansicht am hartnäckigsten fest und
Die welche ihre Lehrsätze am wenigsten geprüft haben bilden sich am meisten
darauf ein Bei dein was man einmal weiß kann man sicher sein dass es so
ist und dass es keine unbekannten Gründe gibt die das Wissen über den Haufen
werfen oder zweifelhaft machen können aber in Sachen der Wahrscheinlichkeit ist
man nicht immer sicher dass man alle Einzelheiten die auf die Frage
einfließen vor sich habe und dass ein noch unbeachteter Umstand nicht
dahinter stecke der die Wahrscheinlichkeit auf die andere Seite bringen und das
Übergewicht von der jetzigen Seite dorthin übertragen könnte Wer hat die
Müsse die Geduld und die Mittel alle Gründe in Bezug auf seine Ansichten so
zusammen zu bringen dass er sie klar und voll überschauen könnte und dass
keiner fehlte der weitem Aufschluss geben könnte Dennoch muss ein Entschluss
für oder gegen gefasst werden Das Leben und die Sorge für die richtigen
Angelegenheiten desselben vertragen keinen Aufschub und sie beruhen meist auf
Entscheidungen über Dinge wo ein sicheres und erwiesenes Wissen nicht möglich
ist aber man doch die eine oder andere Richtung wählen muss
4 Der rechte Gebrauch davon besteht in gegenseitiger Liebe und Nachsicht
Wenn sonach die meisten wo nicht alle Menschen ihre Ansichten auf keine
sichern und unzweifelhaften Gründe stützen können und es von großer
Unwissenheit Leichtsinn oder Torheit zeugt wenn man sofort seine frühere
Ansicht aufgibt weil ein Gegenstand aufgestellt wird auf den man nicht sofort
antworten und ihn widerlegen kann so geziemt es wohl Jedem bei diesem Gegensatz
der Meinungen Frieden zu halten und die Pflichten der Nachsicht und Freundschaft
zu erfüllen denn man kann nicht erwarten dass Jeder seine Meinung gleich
bereitwillig aufgeben und die andere mit blinder Ergebung an eine Autorität die
der Verstand nicht anerkennen kann annehmen solle Trotz vieler Irrtümer kann
man doch nur den Verstand zum Führer nehmen und man kann nicht dem Willen und
Befehlen Anderer sich blind unterwerfen Wenn der Gegner den man zu seiner
Ansicht bekehren will zu prüfen pflegt ehe er zustimmt so muss man ihm Müsse
zur Durchsicht der Rechnung lassen damit er Vergessenes zurückrufen und das
Einzelne prüfen und sehen könne welche Seite vorzuziehen sei Hält er unsere
Gründe nicht für so gewichtig um diese Mühe sich aufzulegen so tut er nur
was wir selbst schon getan haben und wir würden es übel nehmen wenn Ändere
uns das vorschreiben wollten was wir prüfen sollten Hat aber unser Gegner
seine Meinungen auf Treu und Glauben angenommen wie kann man da erwarten er
werde die Sätze aufgeben welche Zeit und Gewohnheit in ihm so befestigt haben
dass er sie für selbstverständlich und völlig gewiss hält oder die ihm als
Eingebungen gelten welche von Gott oder seinen Gesandten ihm gekommen Wie kann
man erwarten dass solche Überzeugungen durch die Gründe und das Ansehen eines
Fremden oder Gegners erschüttert werden könnten namentlich wenn der Verdacht
eines Interesses oder eine besondere Absicht sich dabei eindrängt was immer
geschieht wenn die Menschen sich übel behandelt glauben Man sollte vielmehr
mit der gemeinsamen Unwissenheit Mitleid haben und nur auf dem Wege eines
sanften und ehrlichen Unterrichts sie zu beseitigen suchen ohne Andere deshalb
für hartnäckig und verkehrt zu halten weil sie ihre Ansichten nicht aufgeben
und unsere nicht annehmen wollen wenigstens die nicht die man ihnen aufzwingen
will obgleich wir wahrscheinlich nicht minder hartnäckig sein würden wenn wir
ihre Ansichten annehmen sollten Denn wo ist der Mann der den unangreifbaren
Beweis der Wahrheit für Alles besitzt was er für wahr hält und den Beweis für
die Unwahrheit von dem was er verdammt Oder der sagen kann dass er seine und
Anderer Meinungen bis auf den Grund geprüft habe In diesem schwankenden
Zustande des Handelns und der Blindheit in dem die Menschen sich befinden wo
man ohne wahres Wissen doch glauben und oft auf sehr leichte Gründe hin glauben
muss sollte man eifriger und sorgfältiger sein um sich selbst zu unterrichten
als Andern Gewalt anzutun Wenigstens ist sicherlich Der welcher seine eigenen
Meinungen nicht bis auf den Grund geprüft hat ungeeignet Andern Vorschriften
zu machen und Andern das als Wahrheit aufzudrängen was er selbst noch nicht
untersucht und wovon er die Gründe der Wahrscheinlichkeit für Annahme oder
Verwerfung noch nicht erwogen hat Wer ehrlich und wahrhaft geprüft und in den
Lehren die er bekennt und befolgt alle Zweifel überwunden hat könnte noch mit
mehr Recht die Nachfolge der Andern verlangen allein solcher sind nur wenige
und sie finden es so wenig gerechtfertigt schulmeisterlich ihre Meinungen
auszubreiten dass man Unverschämtheit oder Herrschsucht bei ihnen nicht zu
fürchten braucht Wären die Menschen überhaupt selbst besser unterrichtet so
würden sie wahrscheinlich Andere weniger belästigen
5 Die Wahrscheinlichkeit in Bezug auf Tatsachen und in Bezug auf
wissenschaftliche Fragen Wenn ich zu den Gründen und verschiedenen Graden der
Zustimmung zurückkehre so zeigt sich dass die Sätze die man als
wahrscheinlich annimmt von zweierlei Art sind die eine betrifft das Dasein des
Einzelnen oder wie man gewöhnlich sagt Tatsachen die man wahrnehmen kann
und die deshalb bezeugt werden können; die andere betrifft Gegenstände worüber
die Sinne keine Kunde geben und bei denen daher auch ein solches Zeugnis nicht
stattfinden kann
6 Wenn die Erfahrung aller Andern mit der eignen übereinstimmt so
entsteht eine Zuversicht die dem Wissen nahe kommt Was die Tatsachen
anbetrifft so wird erstens in dem Falle dass eine Tatsache in
Übereinstimmung mit unserer und Anderer gleichmäßigen Beobachtung durch die
übereinstimmenden Aussagen aller Berichterstatter bezeugt wird diese Tatsache
bereitwillig geglaubt und dem sichern Wissen gleichgestellt man urteilt und
handelt dann danach und zweifelt daran so wenig als wäre sie vollständig
bewiesen Wenn zB alle Engländer bei passender Gelegenheit versichern dass es
vergangenen Winter in England gefroren habe oder dass man dort im Sommer
Schwalben gesehen habe so wird man daran so wenig zweifeln als daran dass 7
und 4 gleich 11 sind Hiernach ist der erste und höchste Grad der
Wahrscheinlichkeit da vorhanden wo die allgemeine Übereinstimmung aller
Menschen aller Zeiten so weit man weiß mit der eignen gleichmäßigen und
ausnahmslosen Erfahrung übereinstimmt und diese die Wahrheit einer Tatsache
welche tadellose Zeugen bekunden bestätigt Dahin gehören alle anerkannten
Zustände und Eigenschaften von Körpern und die ursachlichen Vorgänge in dem
gewöhnlichen Laufe der Natur. Man nennt dies den aus der Natur der Sache
hergenommenen Grund denn wo die eigenen und Anderer stete Beobachtungen immer
dieselben Vorgänge bemerkt haben da schließt man mit Recht auf eine Wirkung
fester und regelmäßiger Ursachen wenn sie auch nicht in den Bereich unsers
Wissens fallen Dahin gehört dass das Feuer den Menschen erwärmt das Blei
schmilzt und die Farbe und Festigkeit des Holzes und der Steinkohle ändert
ferner dass Eisen im Wasser untersinkt und im Quecksilber schwimmt Diese und
ähnliche Sätze über einzelne Tatsachen stimmen mit all unsern Erfahrungen in
solchen Fällen und gelten wenn Andere sie erwähnen als Dinge die regelmäßig
so befunden und von Niemand bestritten werden Deshalb gilt eine Erzählung die
etwas der Art berichtet oder ein Ausspruch dass es sich wieder so ereignen
werde für durchaus wahr Diese Wahrscheinlichkeit kommt der Gewissheit so nahe
dass sie gleich vollständigen Beweisen unser Denken bestimmt und unser Handeln
beeinflusst Man macht in seinen Angelegenheiten da keinen Unterschied zwischen
solcher Wahrscheinlichkeit und sicherem Wissen und der hierauf gestützte Glaube
steigt bis zur Gewissheit
7 Ein zuverlässiges Zeugnis und eigne Erfahrung erwecken meistenteils
den Glauben Der nächste Grad von Wahrscheinlichkeit ist dann vorhanden wenn
die eigene Erfahrung und die Übereinstimmung aller Andern die dessen erwähnen
ergibt dass ein Ding meistenteils so ist und wenn der einzelne Fall von
vielen unverdächtigen Zeugen bekundet wird So berichtet zB die Geschichte
aller Zeiten und meine eigene Erfahrung so weit sie reicht bestätigt es dass
die meisten Menschen ihren besonderen Vorteil dem allgemeinen Nutzen vorziehen
wenn daher alle Geschichtsschreiber über Tiberius sagen dass er so gehandelt
habe so ist dies höchst wahrscheinlich In einem solchen Falle kann die
Zustimmung mit Recht zu einem Grade steigen den man Zuversicht nennen kann
8 Ehrliches Zeugnis kann wenn die Natur der Sache nicht dagegen ist
ebenfalls zuversichtlichen Glauben erwecken Bei Dingen wo keine Notwendigkeit
besteht zB ob ein Vogel hier oder dorthin fliegt ob es links oder rechts von
Jemand donnert usw wird die Zustimmung zu einer einzelnen Tatsache
ebenfalls durch die übereinstimmende Aussage unverdächtiger Zeugen bestimmt
Dass es zB in Italien eine Stadt gibt die Rom heißt dass vor ungefähr 1700
Jahren dort ein Mann mit Namen Julius Cäsar gelebt hat dass dieser ein Feldherr
gewesen und eine Schlacht gegen einen andern Heerführer Namens Pompejis
gewonnen hat da spricht der Natur der Dinge nach weder Etwas dafür noch
dagegen da es aber von glaubwürdigen Geschichtsschreibern berichtet wird und
Keiner dem widersprochen hat so muss man es glauben und zweifelt so wenig
daran als an dem Dasein und Handeln seiner eigenen Bekannten die man selbst
gesehen hat
9 Wenn Erfahrungen und Zeugnisse einander widersprechen so entstehen
mannichfache Grade der Wahrscheinlichkeit.) So weit ist die Sache einfach Die
Wahrscheinlichkeit bei solchen Gründen ist so überzeugend dass sie naturgemäß
das Urteil bestimmt und sie lässt dem Glauben so wenig Freiheit einzutreten
oder nicht als ein geführter Beweis das Wissen oder Nichtwissen frei lässt Die
Schwierigkeiten beginnen erst wenn die Zeugnisse der gewöhnlichen Erfahrung
sich widerstreiten und die Berichte der Geschichte und Zeugen sich mit dem
gewöhnlichen Lauf der Natur oder unter einander nicht vertragen Dann gehören
Fleiß Aufmerksamkeit und Genauigkeit dazu um ein richtiges Urteil zu bilden
und die Zustimmung nach dem Verhältnis der Gewissheit und Wahrscheinlichkeit
abzumessen Sie steigt und fällt nach den zwei Unterlagen aller Glaubwürdigkeit
je nachdem nämlich die gewöhnlichen Beobachtungen gleicher Fälle und die
Zeugnisse in dem besonderen Falle die Sache unterstützen oder schwächen Hier
sind die entgegenstehenden Beobachtungen Umstände Berichte so wie die
Unterschiede in der Befähigung dem Temperament den Absichten den Versehen
usw der Berichterstatter so mannichfach dass man die verschiedenen Grade der
Zustimmung hier auf keine festen Regeln bringen kann Man kann nur im
Allgemeinen sagen dass je nachdem die Gründe für und gegen nach gehöriger
Prüfung und nach genauer Abwägung der einzelnen Umstände im Ganzen mehr oder
weniger einer Seite das Übergewicht zu geben scheinen sie geeignet sind in
der Seele die verschiedenen Zustände hervorzurufen die man Glauben Vermuten
Raten Zweifeln Schwanken Misstrauen Unglauben usw nennt
10 Überlieferte Zeugnisse beweisen um so weniger je weiter sie
zurückgehen So viel über die Zustimmung zu Tatsachen wo Zeugnisse benutzt
werden Hier ist auch noch einer Regel des Englischen Rechts zu erwähnen wonach
die beglaubigte Abschrift einer Urkunde ein gutes Beweismittel ist während die
Abschrift von einer Abschrift wenn sie auch noch so gut beglaubigt und durch
noch so viele glaubwürdige Zeugen bestätigt wird für den Richter nicht als ein
Beweis gilt Diese Regel wird allgemein als vernünftig anerkannt und entspricht
der Weisheit und Vorsicht die man bei Ermittlung von Tatsachen anzuwenden
hat ich habe sie deshalb noch niemals tadeln hören Wenn dieses Verfahren bei
der Entscheidung über Recht und Unrecht zulässig ist so folgt daraus auch dass
jedes Zeugnis um so weniger Beweiskraft hat je weiter es von der
ursprünglichen Wahrheit absteht wobei ich unter dieser Wahrheit das Sein der
Sache selbst verstehe Wenn ein glaubwürdiger Mann versichert sie zu wissen so
ist dies ein guter Anhalt wenn aber ein anderer glaubwürdiger Mann es nur auf
dessen Bericht bezeugt so ist dies Zeugnis schon schwächer und ein Dritter
der das Hörensagen vom Hörensagen versichert ist noch weniger zu beachten
Deshalb schwächt bei überlieferten Wahrheiten jeder größere Abstand die Kraft
der Beweise durch je mehr Hände die Überlieferung gewandert ist desto
schwächer wird ihre Kraft und Gewissheit Ich musste dies erwähnen da Viele die
ganz entgegengesetzte Regel befolgen und die Meinungen durch ihr Alter an Kraft
zunehmen lassen Was vor tausend Jahren den verständigen Zeitgenossen des
Berichterstatters nicht als wahrscheinlich vorgekommen sein würde soll jetzt
über alle Zweifel gewiss und erhaben sein nur weil es seitdem von Einem dem
Andern mitgeteilt worden ist. Hiernach werden Sätze die bei ihrem ersten
Auftreten offenbar falsch oder höchst zweifelhaft waren durch diese umgekehrte
Regel der Wahrscheinlichkeit zu urkundlichen Wahrheiten und was als es aus dem
Munde des ersten Urhebers kam wenig Glauben fand ist durch sein Alter
ehrwürdig geworden und gilt als unbestreitbar
11 Indes hat die Geschichte großen Nützen Ich will damit die
Glaubwürdigkeit und den Nutzen der Geschichte nicht verkleinern in vielen
Fällen kommt alles Licht nur von ihr und sie gewährt zum großen Teil
nützliche Wahrheiten, welche als völlig gewiss gelten Nichts ist schätzbarer
als die Berichte aus dem Altertume ich wollte wir hätten deren mehr und mehr
unverdorbene Allein gerade diese Wahrheit beweist dass die Wahrscheinlichkeit
nicht höher als sie bei ihrem ersten Ursprung war steigen kann Was nur die
Aussage eines Zeugen für sich hat fällt oder steht mit dessen Zeugnis mag es
gut schlecht oder gleichgültig sein und wenn es auch dann Hunderte Einer dem
Andern nacherzählt und anführt so wird das Zeugnis damit nicht stärker
sondern nur schwächer Die Leidenschaften der Eigennutz die Unaufmerksamkeit
die Missverständnisse und tausend andere sonderbare Umstände oder eigensinnige
Launen welche die Menschen beeinflussen und die man nicht ausfindig machen
kann lassen den Einen die Worte und die Meinung des Andern falsch wiedergeben
Wer nur einigermaßen die Aufgaben der Schriftsteller geprüft hat weiß wie
wenig Verlass darauf ist wenn man die Originale nicht haben kann und wie
deshalb Angaben von Angaben noch weniger zuverlässig sind So viel ist sicher
dass was in einem Zeitalter aus schwachen Gründen behauptet worden durch
öftere Wiederholung für spätere Zeiten nicht zuverlässiger werden kann; sondern
es wird je weiter es von seinem Ursprung sich entfernt um so schwächer es hat
in dem Munde oder in der Feder des spätem Berichterstatters allemal weniger
Kraft als bei Denen von welchen er es erfahren hat
12 In Dingen wo die Sinne keine Auskunft geben können ist die Analogie
die Hauptregel der Wahrscheinlichkeit.) Die bis jetzt betrachtete
Wahrscheinlichkeit betrifft nur Tatsachen und nur solche Dinge die der
Beobachtung oder dem Zeugnis unterliegen die zweite Art betrifft dagegen die
Meinungen welche die Menschen in verschiedenen Graden der Zustimmung hegen
obgleich hier der Gegenstand nicht in das Bereich der Sinne fällt und deshalb
auch nicht bezeugt werden kann. Dahin gehören 1 das Dasein, die Natur und
Wirksamkeit der endlichen Geister außer uns also der hohem Geister der Engel
Teufel usw ferner das Dasein stofflicher Dinge die entweder wegen ihrer
Kleinheit oder zu großen Entfernung durch die Sinne nicht bemerkt werden zB
die etwanigen Pflanzen Tiere und verständigen Bewohner der Planeten oder
anderer Aufenthaltsorte in dem großen Weltall 2 Die Art der Wirksamkeit der
Natur in den meisten Dingen wo man zwar die sichtbaren Wirkungen bemerkt aber
die Ursachen nicht kennt und die Art und Weise ihrer Wirksamkeit nicht erfasst
So sieht man dass Tiere erzeugt werden sich ernähren und bewegen dass der
Magnet Eisen anzieht und die Theile einer Kerze allmählich schmelzen in Flamme
sich verwandeln und Licht und Hitze um sich verbreiten Diese und ähnliche
Wirkungen sieht man aber die wirkenden Ursachen und die Art wie sie wirken
kann man nur erraten und vermuten Denn diese Dinge liegen außerhalb der
menschlichen Sinne und können durch diese nicht geprüft oder von Jemand bekundet
werden Ihre Wahrscheinlichkeit hängt also lediglich von den uns bekannten
Wahrheiten und von ihrem Verhältnis zu andern Teilen unserer Erkenntnis und
Beobachtungen ab Die Analogie ist hier unser einziges Hilfsmittel und von ihr
werden alle Gründe für die Wahrscheinlichkeit entlehnt So bemerkt man dass das
bloße heftige Reiben zweier Körper an einander Hitze ja selbst Feuer
hervorbringt deshalb kann man wohl vermuten dass das was man Hitze und Feuer
nennt in einer heftigen Bewegung unsichtbarer kleiner Teilchen des brennenden
Stoffes bestehe Ebenso bemerkt man dass die verschiedenen zurückgeworfenen
Strahlen halbdurchsichtiger Körper in den Augen den Schein verschiedener Farben
hervorbringen und dass die verschiedene Stellung und Haltung der Oberflächen
von Körpern wie von Sammet gewässerter Seide usw dasselbe bewirkte und man
hält es deshalb für wahrscheinlich dass die Farben und der Glanz der Körper nur
eine verschiedene Anordnung und Zurückwerfung ihrer kleinsten unsichtbaren
Teilchen ist So findet man ferner dass in allen wahrnehmbaren Teilen der
Schöpfung eine allmähliche Stufenfolge von dem einen zu dem andern besteht ohne
eine große erkennbare Kluft dazwischen all die mannichfachen Dinge sind in der
Welt so eng an einander gekettet dass die Grenzen zwischen den einzelnen Arten
der Geschöpfe nicht leicht zu entdecken sind Man kann deshalb mit Recht
annehmen dass die Dinge auch aufwärts zur Vollkommenheit in allmählichen
Abstufungen sich erheben Es ist schwer zu sagen wo das Empfinden und die
Vernunft beginnen und wo das Unempfindliche und Unvernünftige endet und wer
ist so scharfsinnig um die niedrigste Art lebender Wesen anzugeben und das
Erste der leblosen Dinge So weit man sehen kann fallen und steigen die Dinge
gleich der Größe bei einem Kegel seine Durchmesser sind bei etwas erheblichen
Abständen deutlich verschieden aber an Stellen die sich ganz nahe stehen sind
sie kaum zu unterscheiden So ist auch der Unterschied zwischen gewissen
Menschen und gewissen Tieren sehr groß allein vergleicht man den Verstand und
die Fähigkeiten anderer Menschen und anderer Tiere so ist der Unterschied so
gering dass man kaum den Verstand des Menschen für klarer und weitreichender
halten kann als jener Wenn sonach eine allmähliche und gelinde Abnahme abwärts
von den Menschen in diesem Theile der Schöpfung besteht so macht die Regel der
Analogie es wahrscheinlich dass sie auch für die Dinge über uns und jenseits
unserer Beobachtung besteht und dass es verschiedene Klassen geistiger Wesen
gibt die an Vollkommenheit in verschiedenen Graden uns übertreffen und bis zur
unendlichen Vollkommenheit des Schöpfers in leisen Abstufungen und nahe
liegenden Unterschieden aufwärts steigen Diese Art von Wahrscheinlichkeit
welche die beste Führerin bei den Versuchen der Vernunft und Aufstellung von
Hypothesen ist hat ihren Nutzen und ihre Bedeutung diese Benutzung der
Analogie führt oft zur Entdeckung von Wahrheiten und nützlichen Erfindungen die
ohnedem verborgen geblieben wären
13 Ein Fall wo entgegengesetzte Erfahrungen das Zeugnis nicht
erschüttern Die allgemeine Erfahrung und der gewohnte Lauf der Dinge hat mit
Recht großen Einfluss ob man einem Satze zustimmen soll oder nicht indes
gibt es einen Fall wo das Ungewöhnliche der Tatsache ein ehrliches Zeugnis
dafür nicht abschwächt Wo nämlich übernatürliche Ereignisse den Zwecken Dessen
entsprechen der die Macht hat den Lauf der Natur zu ändern da können sie
unter Umständen deshalb sogar mehr Glauben finden je mehr sie über oder gegen
die tägliche Erfahrung laufen Dies ist der Fall bei Wundern die wenn sie
gehörig bezeugt sind nicht nur selbst Glauben finden sondern auch andere
Wahrheiten glaubhaft machen die solcher Bestätigung bedürfen
14 Das bloße Zeugnis der Offenbarung gewährt die höchste Gewissheit
Neben den bisher erwähnten gibt es noch eine Art von Sätzen die den höchsten
Grad der Zustimmung auf bloßes Zeugnis verlangen mag die Sache mit der
gemeinen Erfahrung und dem gewohnten Lauf der Dinge stimmen oder nicht und zwar
weil das Zeugnis von Dem ausgeht der nicht täuschen noch getäuscht werden
kann, nämlich von Gott selbst Ein solches gewährt eine Gewissheit die über
alle Zweifel und einen Beweis der über alle Einwendung erhaben ist Es heißt
mit seinem besonderen Namen die Offenbarung und unsere Zustimmung zu ihr
Glauben Sie bestimmt unser Denken so unbedingt und schließt alles Schwanken so
vollständig aus wie dies bei unserm Wissen geschieht Man kann so wenig an
seinem eignen Dasein zweifeln als an der Wahrheit einer von Gott gekommenen
Offenbarung Deshalb ist der Glaube ein anerkanntes und sicheres Prinzip für
unsere Zustimmung und Gewissheit was keinen Raum zu Zweifeln und Zögern
gestattet Es muss nur sicher sein dass die Offenbarung eine göttliche ist und
dass man sie recht versteht Denn ohnedem verfiele man allen Tollheiten der
Schwärmerei und allen Irrtümern falscher Grundsätze wenn man Glauben und
Vertrauen in das setzte was keine göttliche Offenbarung wäre Deshalb kann in
solchen Fällen unsere Zustimmung vernünftiger Weise nicht weiter gehen als die
Gewissheit dass wirklich eine Offenbarung vorliegt und dass ihre überlieferten
Worte den bestimmten Sinn haben Beruht die Annahme ihrer als Offenbarung oder
ihres Sinnes nur auf wahrscheinlichen Gründen so kann die Zustimmung nicht
stärker sein als die Gewissheit oder die Bedenken welche aus der mehr oder
weniger scheinbaren Wahrscheinlichkeit der Beweise hervorgehen Indes werde ich
über den Glauben und seinen Vorrang vor andern Gründen der Überzeugung später
ausführlicher handeln wenn ich ihn als Gegensatz der Vernunft behandele wie
dies gewöhnlich geschieht obgleich der Glaube in Wahrheit nur eine Zustimmung
ist die sich auf die höchste Vernunft gründet
1 Die verschiedenen Bedeutungen des Wortes Vernunft Das Wort Reason
Vernunft hat im Englischen verschiedene Bedeutungen manchmal bezeichnet es
die wahren und klaren Grundsätze manchmal die klaren und treffenden Folgerungen
aus diesen Grundsätzen manchmal bedeutet es den Grund und insbesondere den
Endgrund oder Zweck Bei den Betrachtungen hier nehme ich aber das Wort in einem
von diesen allen verschiedenen Sinne und verstehe darunter das Vermögen
wodurch sich der Mensch angenommener Maassen vom Tiere unterscheidet und es
offenbar erheblich übertrifft
2 Worin die Vernunfttätigkeit besteht Wenn das allgemeine Wissen wie
gezeigt in der Auffassung der Übereinstimmung oder des Widerstreits der eignen
Vorstellungen besteht und die Kenntnis der äußern Dinge Gott ausgenommen
dessen Dasein ein Jeder bestimmt wissen und aus seinem eignen Dasein ableiten
kann durch die Sinne erlangt wird welcher Raum bleibt da noch für ein anderes
Vermögen neben der äußern und inneren Wahrnehmung Wozu ist dann noch Vernunft
nötig Sie ist es gar sehr sowohl für die Ausdehnung unsers Wissens wie für
die Regelung unserer Zustimmung denn die Vernunft hat es mit dem Wissen und dem
Meinen zu tun sie ist notwendig unterstützt alle andern geistigen Vermögen
und enthält selbst zwei davon nämlich den Scharfsinn und das Schließen Durch
jenen macht sie ausfindig durch dieses ordnet sie die vermittelnden
Vorstellungen um die Verbindung in den einzelnen Gliedern der Kette zu
entdecken welche die beiden Enden eines Satzes zusammenhält dadurch macht sie
gleichsam die Wahrheit welche man sucht ersichtlich und dies nennt man
Folgern oder Schließen Es besteht nur in der Auffassung der Verbindung die
zwischen jeder Stufe der Schlussfolgerung besteht dadurch vermag die Seele die
Übereinstimmung oder den Gegensatz der zwei in dem Beweis befangenen
Vorstellungen sicher zu ersehen und sie gelangt dadurch zu dem Wissen. Ist die
Verbindung der man zustimmt oder sich entgegenstellt nur wahrscheinlich so
ist dies das Meinen Die Sinneswahrnehmung und die Anschauung reichen nicht
weit Der größte Teil unsers Wissens beruht auf Ableitungen und vermittelnden
Vorstellungen; in solchen Fällen muss man schon das Fürwahrhalten statt des
Wissens wählen und Sätze annehmen ohne ihrer Wahrheit sicher zu sein deshalb
müssen dann die Gründe für die Wahrscheinlichkeit aufgesucht geprüft oder
verglichen werden Das Vermögen was in diesen Fällen die Mittel auffindet und
das was sie richtig benutzt um die Gewissheit in dein einen und die
Wahrscheinlichkeit in dem andern Falle zu ermitteln ist das was ich Vernunft
nenne Denn die Vernunft erkennt die notwendige und unzweifelhafte Verbindung
aller Vorstellungen und Gründe untereinander bei jedem Schritt eines Beweises
der ein Wissen hervorbringt und ebenso erkennt sie die wahrscheinliche
Verbindung aller Vorstellungen und Gründe unter einander bei jedem Schritt einer
Ausführung der man beizustimmen hat Dies ist der niedrigste Grad dessen was
man noch Vernunft nennen kann denn wo die Seele diese wahrscheinliche
Verbindung nicht erkennt oder wo sie gar nicht bemerkt ob eine solche besteht
oder nicht da ist das Meinen nicht ein Ergebnis des Urteils oder der
Vernunft, sondern die Wirkung des Zufalls bei dem die Seele allen Möglichkeiten
ohne Wahl und ohne Leitung preisgegeben ist
3 Ihre vier Tätigkeiten Hiernach zeigen sich vier Abstufungen bei der
Vernunft; die erste und höchste entdeckt und findet die Wahrheit die zweite
stellt sie regelrecht und ordnungsmäßig zusammen um durch diese klare und
passende Anordnung deren Verbindung und Kraft leichter und vollständiger
erkennbar zu machen die dritte erfasst diese Verbindungen und die vierte zieht
den richtigen Schluss Diese vier Tätigkeiten treten an jedem mathematischen
Beweis hervor einmal wird von jedem seiner Theile erkannt wie der Beweis durch
denselben geschieht dann erkennt man die Abhängigkeit des Schlusses von allen
Teilen drittens macht sich die Beweisführung dem Schließenden selbst klar und
scharf und etwas verschieden von dem allen ist viertens das Auffinden der
vermittelnden Vorstellungen der Gründe durch welche der Beweis erfolgt
4 Der Syllogismus ist nicht das große Werkzeug der Vernunft.) Noch ist
bei der Vernunft zu erwägen ob der Syllogismus in seinem gewöhnlichen Sinne das
eigentümliche Werkzeug derselben und die nützlichste Art ihrer Tätigkeit ist
Meine Zweifel hiergegen sind 1 dass der Syllogismus bloß bei einer der
vorgenannten Tätigkeiten der Vernunft dient nämlich er zeigt die Verbindung
der Gründe in jedem einzelnen Falle aber nichts mehr dies will indes nicht
viel sagen weil die Seele diese Verbindung da wo sie wirklich besteht auch
ohnedem leicht erfassen kann Beobachtet man die Tätigkeit seiner Seele so
zeigt sich dass man dann am besten und klarsten denkt wenn man nur die
Verbindung der Gründe beachtet ohne sonst die Gedanken einer syllogistischen
Regel zu unterwerfen Deshalb schließen viele Menschen außerordentlich klar
und richtig und können doch keinen Syllogismus machen Wer sich in manchen
Gegenden Asiens und Amerikas umsieht wird dort Leute finden die so scharf
wie er selbst ihre Sätze begründen aber nie von einem Syllogismus gehört
haben noch ihre Beweise in diese Form bringen können ja man wird bei seinem
Denken innerlich schwerlich Syllogismen anwenden Man braucht sie um einen
Betrug in einer rednerischen Wendung zu entdecken der pfiffig in glatte Worte
gehüllt ist man streift damit den Deckel des Witzes und der freien Rede von
einem Widerspruch ab und legt ihn in seiner Verkehrtheit bloß Allein auch da
wird die Schwäche und Täuschung bei einer solchen lockern Rede durch die
künstliche Form in die sie durch den Syllogismus gebracht wird nur von Denen
erkannt welche die Formen und Figuren der Logik gründlich studiert und die
verschiedenen Arten, wie die drei Sätze zusammengestellt werden können, geprüft
haben und damit wissen welche Form richtig schließt und welche nicht und
weshalb Alle die den Syllogismus so gründlich untersucht haben dass sie
einsehen weshalb die drei Sätze bei der einen Form einen richtigen Schluss
darstellen und bei der andern nicht werden allerdings durch den Schluss
überzeugt den sie aus den Vordersätzen bei den erwähnten Figuren ziehen allein
wer sich nicht so mit diesen Formen bekannt gemacht hat weiß nicht vermöge des
Syllogismus dass der Schluss aus den Vordersätzen folgt sondern er glaubt es
nur seinen Lehrern und diesen Formen dies ist aber immer nur ein Glauben und
kein sicheres Wissen Nun sind Derer die einen Syllogismus machen können im
Vergleich zu Denen die es nicht können sehr wenig und von diesen Wenigen die
Logik gelernt haben ist nur eine kleine Zahl die mehr als bloß glaubt dass
der Syllogismus in seinen Formen und Figuren richtig schließe und die wirklich
weiß dass es sich so verhält Wäre daher der Syllogismus das einzige
brauchbare Werkzeug der Vernunft und des Erkennens so hätte es vor Aristoteles
Niemand gegeben der Etwas mittelst der Vernunft erkannt gehabt und selbst nach
Erfindung des Syllogismus würde nicht einer von zehn Tausenden vernünftig
verfahren
Allein Gott ist nicht so sparsam gegen den Menschen verfahren dass er ihm
nur zwei Beine gegeben und es dem Aristoteles überlassen hätte ihn vernünftig
zu machen dh jene Wenigen die er dahin brachte dass sie die Natur des
Syllogismus untersuchten und sahen dass unter den mehr als sechzig Arten nach
denen die drei Sätze verbunden werden können, nur ungefähr vierzehn sind wo man
der Richtigkeit des Schlusses sicher sein kann und weiß weshalb dies nur hier
aber nicht in den übrigen Fällen Statt findet Gott ist gütiger als nur so gegen
die Menschen gewesen Er hat ihnen eine Seele gegeben die vernünftig folgern
kann ohne dass sie in dem Syllogismus unterrichtet ist Der Verstand schließt
nicht nach diesen Regeln er hat ein natürliches Vermögen wodurch er den
Zusammenhang oder Widerstreit seiner Vorstellungen erkennt und er kann sie
richtig ordnen ohne solche verwickelte eingelernte Formen Ich will damit den
Aristoteles nicht verkleinern den ich als einen der größten Männer des
Altertums anerkenne und dem es Wenige in der Weite der Gesichtspunkte in
Scharfsinn in eindringendem Geiste und strengem Urteile gleich getan haben
und der selbst durch die Erfindung dieser BeweisFormen woran die Richtigkeit
des Schlusssatzes erkannt werden kann, uns einen großen Dienst gegen Die
geleistet hat die frech Alles bestreiten Auch erkenne ich dass alles richtige
Begründen auf die Formen des Syllogismus zurückgeführt werden kann; allein es
verkleinert den Aristoteles nicht wenn ich sage dass diese Formen weder der
einzige noch der beste Weg der Begründung sind um Diejenigen zur Wahrheit zu
leiten die sie finden wollen und die ihre Vernunft so gut als möglich zur
Erlangung der Erkenntnis benutzen wollen Aristoteles selbst hat offenbar die
richtigen und die falschen Schlussformen nicht durch diese Formen entdeckt
sondern durch den ursprünglichen Weg zur Erkenntnis dh durch die erkannte
Übereinstimmung der Vorstellungen. Man sagt einem Fräulein vom Lande dass der
Wind aus SüdWesten kommt und dass das Wetter nebelig ist und Regen droht und
sie wird gleich einsehen dass sie an einem solchen Tage nachdem sie eben das
Fieber gehabt in dünner Kleidung nicht ausgehen darf sie sieht deutlich die
wahrscheinliche Verbindung von dem Südwestwind den Wolken dem Regen dem
Nasswerden dem Erkälten dem Rückfall und der Todesgefahr ohne diese
Vorstellungen in jene künstlichen und lästigen Fesseln verschiedener Syllogismen
zu zwängen die den Geist nur hindern und hemmen da er ohne sie viel schneller
und klarer von dem einen zu dem andern fortschreitet Die Wahrscheinlichkeit,
welche das Fräulein an diesen Dingen in deren natürlichem Zustande leicht
erkennt Würde für sie verloren gehen wenn die Gründe in eine gelehrte Ordnung
gebracht und in Formen und Figuren dargeboten würden Die Verbindung wird
dadurch oft verwirrt und an den mathematischen Beweisen kann Jeder bemerken
dass die dadurch erlangte Erkenntnis schneller und deutlicher ohne Syllogismen
gewonnen wird
Das Schließen gilt als die große Tätigkeit der Vernunft, und es ist dies
der Fall wenn es richtig erfolgt allein die Seele verlangt oft begierig nach
Ausdehnung des Wissens, oder sie begünstigt gern Ansichten die sie eingesogen
hat deshalb neigt sie zu Schlüssen und übereilt sich damit ehe sie die
Verbindung der Vorstellungen erkannt hat welche die Enden zusammenhält
Das Schließen besteht nur in der Einführung eines Satzes als wahren
vermöge eines zuvor als wahr angenommenen Satzes dh in der Erkenntnis einer
solchen Verbindung zwischen den zwei Vorstellungen des Schlusses Wenn zB der
Obersatz lautet »Die Menschen werden in jener Welt gestraft« und man daraus
den andern folgert »also kann der Mensch sich selbst bestimmen« so fragt sich
ob dieser Schluss recht gezogen worden oder nicht Ist es durch Auffindung der
vermittelnden Vorstellungen und durch Erkenntnis ihrer gehörig geordneten
Verbindung geschehen so ist vernünftig verfahren und der Schluss ist richtig
gezogen Ist es ohnedem geschehen so ist nicht sowohl ein haltbarer Schluss
oder eine Folgerung in vernünftiger Weise gezogen worden sondern nur der gute
Wille gezeigt worden dass es so sein sollte oder so angenommen werden sollte
In beiden Fällen hat indes der Syllogismus dazu nichts beigetragen oder die
Verbindung der Vorstellungen dargelegt denn erst mussten diese aufgesucht und
die Verbindung erkannt sein ehe daraus ein regelrechter Syllogismus gemacht
werden konnte man müsste denn behaupten wollen dass jede Vorstellung ohne
Rücksicht auf ihre Verbindung mit denen deren Übereinstimmung durch sie
dargelegt werden soll für den Syllogismus genüge und aufs Geratewohl für den
Mittelbegriff zu einer Schlussfolgerung benutzt werden könne Allein Niemand
wird dies behaupten denn nur die erkannte Übereinstimmung der vermittelnden
Vorstellungen hilft zu dem Schlüsse dass die beiden Enden übereinstimmen
Deshalb muss jede vermittelnde Vorstellung in der Schlusskette eine erkennbare
Verbindung mit denen haben zwischen denen sie steht ohnedem kann der Schluss
durch sie nicht gezogen werden Denn wenn irgendwo ein Glied in der Kette lose
oder ohne Verbindung ist so ist ihre ganze Kraft verloren und nichts kann
damit erschlossen werden In dem obigen Beispiele liegt die Kraft des Schlusses
und folglich seine Vernünftigkeit nur in der Erkenntnis der Verbindung aller
MittelVorstellungen, welche die Schlussfolgerung herbeiführen Solche sind
hier die Menschen werden bestraft werden Gott straft eine gerechte Strafe
der Bestrafte ist schuldig er hätte anders handeln können Freiheit
Selbstbestimmung Durch die Kette dieser so der Reihe nach verbundenen
Vorstellungen dh dadurch dass jede Mittelvorstellung mit denen zwischen
denen sie sich befindet übereinstimmt erscheinen die Vorstellungen des
Menschen und der Selbstbestimmung verbunden dh der Satz, dass die Menschen
sich selbst bestimmen ist aus dem gefolgert dass sie in jener Welt gestraft
werden Die Seele sieht hier die Verbindung zwischen der Bestrafung des Menschen
in jener Welt mit der des strafenden Gottes ebenso die zwischen dem strafenden
Gotte und der Gerechtigkeit der Strafe zwischen dieser und der Schuld zwischen
der Schuld und dem Vermögen anders zu handeln zwischen diesem und der
Freiheit und zwischen der Freiheit und der Selbstbestimmung und damit sieht
die Seele auch die Verbindung zwischen dem Menschen und der Selbstbestimmung
Ist nun die Verbindung der Endglieder in dieser einfachen und natürlichen
Ordnung nicht deutlicher zu ersehen als in den verwickelten Wiederholungen und
Wirrwarr von fünf oder sechs Syllogismen Man verzeihe mir das Wort Wirrwarr so
lange bis sich ergibt dass, wenn diese Vorstellungen in so viele Syllogismen
gebracht worden sie weniger verworren und ihre Verbindung leichter anschaulich
ist trotzdem dass sie umstellt wiederholt und zu langen künstlichen Formen
ausgezogen worden als hier in der kurzen und einfachen Ordnung wo Jeder diese
Verbindung sieht und sehen muss ehe er sie in eine solche Reihe von Syllogismen
zusammenstellen kann Denn die natürliche Ordnung in der Verbindung der
Vorstellungen bestimmt erst die Ordnung in dem Syllogismus und die Verbindung
jeder vermittelnden Vorstellung mit denen zwischen denen sie steht muss zuvor
erkannt sein ehe man sie zu einem Syllogismus ordnen kann sind aber endlich
alle diese Syllogismen fertig so erkennen weder die Logiker noch Andere die
Kraft des Beweises oder die Verbindung der Endglieder um ein Haar besser als
vorher Denn wer nicht vom Fache ist oder wer die rechten Formen und die
Gründe der Syllogismen nicht kennt weiß nicht ob sie in richtigen und
schlussfähigen Formen und Figuren aufgestellt sind und deshalb helfen ihm diese
Formen überhaupt nichts dagegen wird dadurch die natürliche Ordnung durch
welche die Seele die Verbindung leicht erfassen würde gestört und daher die
Folgerung weit unsicherer als ohnedem Ja die Logiker selbst sehen die
Verbindung jedes Mittelbegriffs mit seinem benachbarten wovon die Kraft des
Schlusses abhängt so gut vor der Aufstellung des Syllogismus wie nachher Ist
dieses nicht der Fall so sehen sie ihn überhaupt nicht denn der Syllogismus
zeigt und verstärkt nicht die Verbindung der einander am nächsten stehenden
Vorstellungen sondern er zeigt nur durch die zwischen diesen bestehende
Verbindung auch die Verbindung welche zwischen den Endgliedern besteht Dagegen
zeigt kein Syllogismus die Verbindung der Mittelglieder mit den Endgliedern und
vermag dies auch nicht dies vermag nur die Seele durch ihr eigenes Schauen
wenn sie nebeneinander bestehen die syllogistische Form in der sie gerade
geordnet sind hilft dazu nichts diese zeigt nur dass, wenn die
Mittelvorstellungen mit ihren unmittelbar angrenzenden übereinstimmen auch die
zwei von einander fernsten oder die sogenannten Endglieder mit einander
übereinstimmen Deshalb wird die unmittelbare Verbindung jeder Vorstellung mit
den ihr am nächsten stehenden worauf die Kraft des Beweises beruht schon
ebenso vor wie nach Aufstellung des Syllogismus erkannt sonst erkennt Der
welcher den Syllogismus aufstellt sie niemals Diese wird wie gesagt gesehen
oder durch das erfassende Vermögen der Seele erkannt wenn sie sie in ihrer
Nebeneinanderstellung überblickt und dieser Blick ist ihr sobald sie überhaupt
zu einem Satz verbunden sind, gleich gut möglich mag dieser Satz als Ober oder
Untersatz in einen Syllogismus gestellt sein oder nicht
Wozu nützt daher der Syllogismus Ich meine sein Hauptnutzen gilt den
Schulen wo es gestattet ist die Übereinstimmung von Vorstellungen, trotzdem
dass sie da ist dreist zu leugnen außerhalb der Schulen dienen sie nur gegen
Die welche dort gelernt haben die Verbindung von Vorstellungen, obgleich sie
selbst sie sehen frech zu leugnen Dagegen bedarf der erfinderische Forscher
der Wahrheit insoweit er nur nach dieser sucht einer solchen Form zur
Erzwingung des Anerkenntnisses seines Schlusses nicht Die Wahrheit und
Vernünftigkeit wird besser erkannt wenn die Vorstellungen einfach hinter
einander geordnet werden und daher bedarf man auch bei seinen eignen
Untersuchungen des Syllogismus zur eignen Überzeugung nicht und auch nicht bei
der Belehrung williger Schüler denn ehe man den Syllogismus ordnen kann muss
man schon die Verbindung zwischen der Mittelvorstellung und den beiden andern
Vorstellungen zwischen die sie zu stehen kommt erkannt haben und wenn dies
der Fall ist, so sieht man auch schon ob die Folgerung richtig oder falsch ist
deshalb kommt der Syllogismus zur Feststellung dessen zu spät Ich benutze hier
noch einmal das frühere Beispiel ich frage ob die Seele wenn sie die
Vorstellung der Gerechtigkeit gestellt zwischen der Bestrafung des Menschen und
der zu bestrafenden Schuld betrachtet und ehe die Seele diese Vorstellung
nicht so betrachtet kann sie nicht als eine Mittelvorstellung benutzt werden
ob sie da nicht klar die Kraft und Stärke der Folgerung ebenso erkennt als wenn
sie in der Form eines Syllogismus gebracht sind Um dies an einem einfachen
Beispiel zu zeigen soll das Geschöpf die Mittelvorstellung medius terminus
sein die benutzt wird um die Verbindung von Mensch und lebendig darzulegen
Ich frage ob die Seele nicht schneller und leichter diese Verbindung einsieht
wenn die verbindende Vorstellung in die Mitte kommt so
Mensch Geschöpf lebendig
als wenn sie so stehen
Geschöpf lebendig Mensch Geschöpf
in welcher letzten Ordnung diese Vorstellungen bei dein Syllogismus stehen wenn
die Verbindung zwischen Mensch und lebendig durch Vermittlung von Geschöpf
gezeigt werden soll
Man hält zwar den Syllogismus selbst für die Freunde der Wahrheit
notwendig wenn es sich um Aufdeckung der Täuschungen handelt die sich hinter
Blumenketten oder witzigen und verwickelten Ausführungen verbergen allein dies
ist ein Irrtum wenn Männer welche aufrichtig die Wahrheit suchen durch
solche lose sogenannte rednerische Darstellungen irregeführt werden so kommt
es davon dass ihre Einbildungskraft von den rednerischen und bilderreichen
Wendungen gefangen genommen wird deshalb übersehen sie oder bemerken nicht
gleich von welchen wahren Begriffen der Schluss abhängt Um die Schwäche
solcher Ausführungen darzulegen braucht man nur die überflüssigen Zutaten zu
beseitigen die mit denen von welchen der Schluss abhängt vermischt und
vermengt werden und dadurch den Schein einer Verbindung hervorbringen wo keine
besteht oder mindestens die Entdeckung dieses Mangels verhindern Stellt man
dann die dieses Schmuckes entkleideten Vorstellungen auf denen der Schluss
ruht in die gehörige Ordnung wo man ihre Verbindung übersehen kann so ist die
Richtigkeit des Schlusses leicht zu prüfen ohne dass man des Syllogismus
bedarf
Man benutzt allerdings in solchen Fällen die Formen und Figuren desselben
als wenn die Unrichtigkeit solcher losen Ausführungen nur dadurch entdeckt
werden könnte ich selbst war früher dieser Ansicht allein eine genauere
Prüfung hat mir gezeigt dass, wenn man die vermittelnden Vorstellungen einfach
in der gehörigen Ordnung neben einander stellt die Irrigkeit der Ausführung
offenbarer als durch den Syllogismus dargelegt wird denn jedes Glied dieser
Kette kann dann an seiner Stelle überblickt und damit seine Verbindung am
leichtesten erfasst werden Der Syllogismus zeigt dagegen die Irrigkeit nur
Denen also nicht Einem unter Zehntausenden welche seine Formen und Figuren
mit den Gründen worauf sie beruhen genau kennen Werden dagegen die
Vorstellungen, welche bei der Ausführung benutzt worden sind, nur einfach
richtig neben einander gestellt so sieht ein Jeder sei er Logiker oder nicht
wenn er nur die Worte versteht und überhaupt die Übereinstimmung oder den
Gegensatz an diesen Vorstellungen erfassen kann ohnedem er weder mit noch ohne
Syllogismus über die Stärke oder Schwäche und über den Zusammenhang oder die
Sprünge der Ausführung urteilen kann den Mangel der Verbindung in der
Ausführung und die Verkehrtheit des Schlusses
Deshalb konnte einer meiner Bekannten der von Syllogismen nichts verstand
beim ersten Anhören die Schwäche und das Unschlüssige einer langen künstlichen
und scheinbaren Ausführung bemerken während Andere die mit den Syllogismen
mehr vertraut waren irregeführt wurden Wahrscheinlich werden auch meine Leser
solche Personen kennen Wäre dem nicht so so liefen die Beratungen in den
Kabinetten und die Geschäfte in den Versammlungen Gefahr schlecht geleitet zu
werden denn die damit betrauten und erfahrenen Männer sind eben nicht immer in
den Formen des Syllogismus bewandert und mit dessen Figuren vertraut Wäre der
Syllogismus das einzige oder das zuverlässigste Mittel um die Blendwerke
künstlicher Reden zu entdecken so wäre die Menschheit und selbst die Fürsten
bei Gegenständen die ihre Krone und Ehre angehen sicherlich nicht so für den
Irrtum und die Unwahrheit eingenommen dass sie den Syllogismus aus den
Verhandlungen ganz fern gehalten und es für lächerlich gehalten hätten damit in
wichtigen Geschäften vorzutreten vielmehr beweist dies dass Männer von Talent
und Scharfsinn denen es nicht bloß auf das Streiten ankommt sondern die nach
dem Ergebnis der Verhandlungen sich zu benehmen haben und für Missgriffe mit
ihrem Vermögen und Köpfen haften müssen von diesen scholastischen Formen für
die Auffindung der Wahrheit oder Unwahrheit nichts halten beide können
dargelegt und ohne sie allen Denen besser dargelegt werden die wirklich sehen
wollen was ihnen vor die Augen gelegt wird
Ein zweiter Grund der mich zweifeln macht ob der Syllogismus das einzige
richtige Mittel für die Vernunft zur Entdeckung der Wahrheit ist liegt darin
dass diese scholastischen Formen und Figuren wenn sie auch zur Offenlegung von
Täuschungen gebraucht werden können wie ich oben gezeigt habe doch selbst den
Täuschungen ebenso ausgesetzt sind wie die einfachem Arten der Begründung Ich
berufe mich hier auf die Meinung Aller es hat sich gezeigt dass diese
künstlichen Beweisverfahren mehr zur Einzwängung und Verwirrung des Verstandes
als zu seiner Belehrung geeignet sind Deshalb wird wohl Mancher durch dieses
scholastische Verfahren betäubt und zum Schweigen gebracht aber selten
überzeugt und gewonnen er erklärt seine Gegner dann zwar für geschickter im
Streiten allein er bleibt trotzdem bei seiner Meinung und geht erbittert mit
derselben wieder fort was nicht möglich wäre wenn diese Art zu beweisen klar
und überzeugend wäre und zeigte wo die Wahrheit liegt Deshalb gilt der
Syllogismus als ein gutes Mittel im Streit den Sieg zu gewinnen aber nicht in
ehrlichen Verhandlungen die Wahrheit zu finden und zu bekräftigen Wenn der
Betrug sich hinter Syllogismen verstecken kann so muss etwas Anderes als der
Syllogismus zu dessen Entdeckung nötig sein
Ich weiß dass, wenn man den Nutzen eines Gegenstandes nicht vollständig
anerkennt an den Viele sich gewöhnt haben man beschuldigt wird dass man ihn
ganz ableugne Um solchen grundlosen Vorwürfen entgegenzutreten bemerke ich
dass ich dem Verstande keine einzige Hülfe in Erlangung der Wahrheit entziehen
will Ist Jemand im Syllogismus geübt und daran gewöhnt und findet er dass er
damit die Wahrheit leichter erreicht so mag er denselben immerhin benutzen ich
will nur dass man ihm nicht mehr zuschreibe als ihm gebührt und dass man
nicht glaube ohne Syllogismen das Vermögen der Vernunft nicht voll gebrauchen
zu können Manches Auge braucht eine Brille um klar und deutlich zu sehen
allein deshalb darf man nicht sagen dass Niemand ohne Brille gut sehen könne
wer so spricht begünstigt die Kunst der er vielleicht zugetan ist zu stark
auf Kosten der Natur. Ein kräftiger und geübter Verstand sieht vermöge seiner
eignen Kraft gewöhnlich schneller und klarer ohne Syllogismus Wenn der Gebrauch
dieser Brille seinen Blick so getrübt hat dass er die richtigen oder falschen
Folgen in einer Ausführung ohnedem nicht sehen kann so bin ich nicht so
eigensinnig sie ihm zu verbieten Jeder weiß am Besten was für seine Augen
passt allein er darf deshalb nicht alle Andern in das Dunkle einsperren weil
sie nicht dieselben Hilfsmittel deren er bedarf gebrauchen
5 Der Syllogismus hilft etwas bei den Beweisen weniger bei der
Wahrscheinlichkeit.) Wie es sich nun auch bei dem Wissen verhalten mag so ist
doch wohl sicher dass der Syllogismus bei der Wahrscheinlichkeit von geringerem
oder gar keinem Nutzen ist Da hier die Zustimmung durch das Übergewicht
bestimmt wird, welches nach gehöriger Erwägung aller Gründe und Umstände auf
beiden Seiten sich herausstellt so kann hierbei der Syllogismus nicht das
Mindeste helfen er liefe nur mit einer angenommenen Wahrscheinlichkeit oder
einem der Topik entnommenen Grunde davon und verfolgte sie bis die Seele den
eigentlichen Gegenstand aus dem Gesichte verloren hätte dann hielte er sie dort
bei einer nicht hergehörenden Schwierigkeit fest verwickelte und fesselte sie
in eine Kette von Syllogismen ohne ihr die Freiheit zu lassen oder die Hülfe zu
gewähren um zu sehen auf welcher Seite nach Erwägung von Allem die größere
Wahrscheinlichkeit liegt
6 Er dient nicht zur Vermehrung des Wissens, sondern beschützt es nur
Selbst wenn der Syllogismus wie man vielleicht behauptet zur Darlegung des
Irrtums und der Missgriffe Hülfe leistete obgleich ich den Menschen wohl sehen
möchte der durch die Schläge des Syllogismus seine Meinung aufgegeben hätte
so verlässt er doch die Vernunft gerade bei ihrer höchsten Tätigkeit oder
mindestens bei ihrer schwersten Aufgabe wo sie der Hülfe am meisten bedarf
nämlich bei der Auffindung der Gründe und Gewinnung neuer Entdeckungen Die
Regeln des Syllogismus versehen die Seele nicht mit den vermittelnden
Vorstellungen, welche die Verbindung entfernter darlegen seine Art zu beweisen
ermittelt keine neuen Gründe sondern ordnet und befestigt nur die alten die
man schon hat Der 47ste Lehrsatz im ersten Buch des Euklid ist durchaus wahr
allein seine Entdeckung ist nicht vermittelst einer Regel der gewöhnlichen Logik
erfolgt erst muss man etwas wissen und dann kann man es syllogistisch
bemessen der Syllogismus folgt also dem Wissen nach und deshalb braucht man
ihn nicht Gerade durch die Auffindung der Vorstellungen, welche die Verbindung
entfernterer darlegen wird der Vorrat des Wissens vermehrt und der
Fortschritt der Wissenschaften und Künste herbeigeführt Der Syllogismus schützt
im besten Falle nur das wenige Wissen was man schon hat aber vermehrt es
nicht Wenn Jemand seine Vernunft nur in dieser Weise gebrauchte so gliche er
Dem der ein Eisenstück aus den Eingeweiden der Erde gewonnen hat und lauter
Schwerter daraus machen lässt die er seinen Leuten in die Hand gibt um sich
zu schützen und einander bange zu machen Wenn die Könige von Spanien die Hände
ihres Volkes und ihr Eisen so verwendet hätten so würden sie nur Weniges von
dem Schatze zu Tage gefördert haben der so lange in den Eingeweiden von Amerika
verborgen gelegen hatte Ebenso wird Der welcher die Kräfte seiner Vernunft nur
zum Schwingen von Syllogismen gebraucht wenig von der Masse Kenntnisse
entdecken die noch in den Schlupfwinkeln der Natur verborgen liegen Hier
dürfte der angeborene ungeschulte Verstand wie er früher es getan
wahrscheinlich eher den Weg bahnen und zur Vermehrung des Wissensvorrats mehr
beitragen als alle scholastischen Schritte nach der strengen Regel der
SchlussFormen und SchlussFiguren
7 Man sollte sich nach andern Hilfsmitteln umsehen Sicherlich lassen
sich hier noch Mittel zur Unterstützung der Vernunft in dieser höchst nützlichen
Aufgabe auffinden der scharfsinnige Hooker lässt mich dies glauben welcher in
seinem Buche Ecclesiastica Politica I 6 sagt »Wenn in wahrer Kunst und
Wissenschaft die richtigen Mittel angewendet würden die meines Erachtens unser
Zeitalter trotzdem dass es das gelehrte heißt weder viel kennt noch viel
beachtet so würde sich ein so großer Unterschied in der Reife des Urteils
zwischen den so ausgerüsteten Menschen und den gegenwärtigen zeigen wie er
zwischen den gegenwärtigen Menschen und den Geistesschwachen jetzt besteht« Ich
behaupte nicht dass ich hier eines von den großen Hilfsmitteln die dieser
bedeutende Denker im Sinne hat angegeben habe allein jedenfalls kann der
Syllogismus und die gegenwärtige Logik nicht dazu gehören da sie schon zu
seiner Zeit bekannt waren Ich bin zufrieden wenn ich durch diese vielleicht
nicht ganz hierher gehörende Ausführung die aber für mich jedenfalls neu und
von Niemand entlehnt ist Andere veranlasse sich nach neuen Entdeckungen
umzuschauen und über die richtigen Hilfsmittel nachzudenken da sie schwerlich
von Denen gefunden werden dürften die sich auf die Regeln und Anweisungen
Anderer beschränken denn diese ausgetretenen Wege führen diese Art von
Geschöpfen wie ein kluger Römer sich ausdrückt deren Denken nur bis zum
Nachmachen reicht »nicht wohin zu gehen ist, sondern wo man bereits geht«
Indes wird unser Zeitalter durch Männer von starkem und umfassendem Geist
geziert die wenn sie ihr Denken hierauf richten möchten sicherlich neue und
noch nicht entdeckte Wege für den Fortschritt des Wissens öffnen werden
8 Man begründet nur den einzelnen Fall Bei Besprechung des Syllogismus
und seines Nutzens für die Begründung und Vermehrung des Wissens erwähne ich
ehe ich diesen Gegenstand verlasse noch eines offenbaren Irrtums über die
Regeln des Syllogismus wonach keine syllogistische Begründung richtig und
beweisend sein könne wenn sie nicht wenigstens einen allgemeinen Satz enthalte
Allein sollte man nicht auch über Einzelnes Gründe aufstellen und eine Kenntnis
haben können Vielmehr ist wenn man die Sache recht betrachtet der
unmittelbare Gegenstand aller Begründung und allen Wissens nur das Einzelne Das
Begründen und Wissen geschieht nur mit den Vorstellungen, die in der Seele
bestehen und diese sind doch in Wahrheit nur einzelne das Wissen und Begründen
trifft andere Dinge nur so weit als sie mit diesen einzelnen Vorstellungen
übereinstimmen Deshalb besteht das ganze Wissen in der Erkenntnis der
Übereinstimmung oder des Gegensatzes der einzelnen Vorstellungen. Die
Allgemeinheit ist hier nur etwas ihnen Zufälliges und besteht nur darin dass
die besonderen Vorstellungen um die es sich handelt von der Art sind dass mehr
als ein einzelnes Ding mit ihnen übereinstimmt und durch sie vorgestellt werden
kann. Dagegen ist die Erkenntnis der Übereinstimmung oder des Gegensatzes von
irgend zwei Vorstellungen, und mithin auch das Wissen ebenso klar und gewiss
mögen beide oder eine oder keine dieser Vorstellungen mehr als ein wirkliches
Ding darstellen oder nicht Ich erlaube mir ehe ich den Syllogismus verlasse
noch die Frage ob die Form, welche der Syllogismus jetzt hat die ist die er
eigentlich vernünftigerweise haben sollte Da der Mittelbegriff die Endglieder
verbinden soll dh da er durch seine Dazwischenkunft die Übereinstimmung oder
den Gegensatz der beiden andern darlegen soll so durfte die Stellung des
Mittelbegriffs zwischen den beiden Endgliedern die natürlichere sein und die
Übereinstimmung oder den Gegensatz der andern besser darlegen Dies ließe sich
leicht machen wenn man die Sätze umstellte also den Mittelbegriff zum Prädikat
des Obersatzes und zu dem Subjekt des Untersatzes machte ZB
Jeder Mensch ist ein Geschöpf
Jedes Geschöpf ist lebendig
Also ist jeder Mensch lebendig
Ferner
Jeder Körper ist ausgedehnt und dicht
Kein Ausgedehntes und Dichtes ist bloße Ausdehnung
Deshalb ist der Körper nicht bloße Ausdehnung
Ich belästige den Leser nicht mit Syllogismen deren Schluss nur Einzelnes
betrifft derselbe Grund der für jene Form gilt gilt auch bei ihnen
9 Die Vernunft lässt uns im Stich 1 weil die Vorstellungen mangeln Die
Vernunft dringt zwar in die Tiefen der Erde und Meere hebt unser Denken hoch zu
den Sternen und führt uns durch die weiten Räume des Weltalls; allein sie reicht
nicht aus selbst innerhalb des Umfanges der bloß körperlichen Dinge und es
gibt viele Fälle wo sie uns im Stich lässt Erstens geschieht dies
vollständig wo die Vorstellungen fehlen da sie sich über diese hinaus nicht
ausbreiten kann Wo also die Vorstellungen aufhören da steht auch die Vernunft
still und unsre Rechnung hat ein Ende setzt man dann das Begründen mit Worten
fort die keine Vorstellungen bezeichnen so spielt man nur mit Lauten
10 2 weil die Vorstellungen dunkel und unvollständig sind Unsre Vernunft
ist zweitens oft in Verlegenheit weil die Vorstellungen, mit denen sie sich
beschäftigt dunkel verworren oder unvollständig sind sie gerät dann in
Schwierigkeiten und Widersprüche So ist man aus Mangel einer genauem
Vorstellung von der kleinsten Ausdehnung des Stoffes und von der Unendlichkeit
in Zweifel über die Teilbarkeit des Stoffes; dagegen sind die Vorstellungen der
Zahlen vollständig klar und bestimmt und die Vernunft trifft deshalb hier nicht
jene unlösbaren Schwierigkeiten und gerät in keine Widersprüche So hat man nur
unvollkommene Vorstellungen von den Tätigkeiten der Seele und wie die Seele
den Anfang der Bewegung oder des Denkens in uns hervorbringt noch weniger kennt
man die Wirksamkeit Gottes deshalb gerät man rücksichtlich der frei
erschaffenen Wesen in große Schwierigkeiten aus denen sich die Vernunft nicht
wohl zu befreien vermag
11 3 weil die vermittelnden Vorstellungen fehlen Drittens steht die
Vernunft oft still weil sie die Vorstellungen nicht erfasst welche die
Übereinstimmung oder den Gegensatz zweier anderer Vorstellungen mit Gewissheit
oder Wahrscheinlichkeit darlegen könnten hier übertrifft der Eine oft weit den
Andern Ehe das große Instrument die Algebra ein Beispiel von menschlicher
Erfindungskraft entdeckt war schaute man mit Erstaunen auf manche Beweise der
alten Mathematiker und die Auffindung dieser Beweise schien die menschlichen
Kräfte zu übersteigen
12 4 weil falsche Grundsätze benutzt werden Viertens gerät die Seele
wenn sie auf falschen Grundlagen vorgabt oft in Widersprüche Schwierigkeiten
und Einklemmungen aus denen sie nicht herauszukommen weiß hier ruft man die
Vernunft vergeblich zu Hülfe ausgenommen damit sie die Unwahrheit aufdecke und
diese falschen Grundsätze beseitige An sich ist die Vernunft so wenig zur
Beseitigung der Schwierigkeiten geeignet in die man durch die Benutzung
falscher Unterlagen gerät dass sie vielmehr bei dem Fortgange sich immer
tiefer hinein verwickelt und sich größere Verlegenheiten bereitet
13 5 weil die Worte zweideutig sind So wie dunkle und mangelhafte
Vorstellungen die Vernunft oft verwirren so geschieht dies aus demselben Grunde
auch durch zweideutige Worte und unsichere Zeichen bei Reden und Streitigkeiten
Wenn man nicht Acht hat verwirren sie die Vernunft und bringen sie ins Stocken
Diese beiden Fehler sind aber unsere und nicht Fehler der Vernunft an sich
Indes liegen die Folgen davon zu Tage und die Irrtümer und Verwirrung zu
denen sie die Menschen verleiten sind überall zu sehen
14 Der höchste Grad des Wissens ist die Anschauung und nicht die Begründung
Manche Vorstellungen sind so in der Seele dass sie unmittelbar mit einander
verglichen werden können; hier weiß man ihre Übereinstimmung oder ihren
Gegensatz so sicher wie dass man sie überhaupt hat So erkennt man dass ein
Ausschnitt des Kreises kleiner als der ganze Kreis ist und zwar so gewiss wie
die Vorstellung des Kreises selbst Dies nenne ich wie gesagt die anschauliche
Erkenntnis Sie ist über allen Zweifel erhaben und bedarf keines Beweises noch
ist ein solcher möglich sie ist die höchstmögliche menschliche Gewissheit
Hierin besteht die Selbstgewissheit aller Grundsätze die Niemand bezweifelt
und man stimmt ihnen nicht bloß zu sondern weiß dass sie wahr sind, sobald
sie vorgelegt werden Zur Auffindung und Annahme dieser Wahrheiten bedarf es
keiner vergleichenden Tätigkeit und keines Begründens man weiß sie vermöge
einer hohem Gewissheit Eine solche mögen jetzt wohl die Engel haben und die
vervollkommneten Geister gerechter Menschen werden sie in dem zukünftigen Leben
von tausenden von Dingen haben die man jetzt gar nicht bemerkt oder von denen
unsere kurzsichtige Vernunft nur einen schwachen Schein erhascht nach dem sie
in der Dunkelheit herumtappt
15 Zunächst diesem steht das auf Beweise gegründete Wissen Wenn man auch
hier und da ein wenig von diesem hellen Lichte und einzelne Funken dieses klaren
Wissens hat so kann man doch bei den meisten unserer Vorstellungen ihre
Übereinstimmung oder ihren Gegensatz nur durch unmittelbares Vergleichen
erkennen hier bedarf man überall des Begründens und der Fortschritt muss durch
Nachdenken und Schlüsse geschehen Von diesen Vorstellungen gibt es zwei Arten,
die ich hier nochmals erwähne 1 Bei manchen kann zwar die Übereinstimmung
oder der Gegensatz nicht durch unmittelbare Zusammenstellung eingesehen werden
allein es kann durch Vermittlung anderer Vorstellungen, mit denen sie
verglichen werden können, geschehen Wird in solchem Falle auf diese Weise die
Übereinstimmung oder der Gegensatz eingesehen so ist ein Beweis gewonnen der
das Wissen hervorbringt Dasselbe ist zwar gewiss aber doch nicht so klar wie
das anschauliche Wissen denn bei diesem ist bloß eine einfache Anschauung bei
welcher kein Irrtum oder Zweifel vorkommen kann seine Wahrheit wird mit einem
Male voll erkannt Bei den Beweisen ist zwar auch eine Anschaulichkeit aber
nicht zusammen auf einmal man muss sich der angeschauten Übereinstimmung des
Mittelbegriffs mit der vorher verglichenen Vorstellung entsinnen wenn man ihn
mit der folgenden vergleicht und je mehr solche Mittelbegriffe eintreten desto
leichter kann ein Versehen vorkommen Die Übereinstimmung oder
NichtÜbereinstimmung der Vorstellungen muss bei jedem Schritte in der Reihe
erfasst und im Gedächtnis so behalten werden wie sie statthat man muss sicher
sein dass kein notwendiges Stück des Beweises vergessen oder übersehen worden
ist. Dies macht die Beweise lang und verwickelt und für Die zu schwierig
welche nicht so gute Anlagen haben dass sie so viele Einzelheiten scharf
auffassen und ordentlich im Kopfe behalten können Selbst Die welche in diesen
schwierigen Forschungen Meister sind kommen doch gern noch einmal auf dieselben
zurück und man muss sie mehr als einmal durchsehen um die volle Gewissheit zu
erlangen Wenn indes die Seele die Anschauung von der Übereinstimmung der
einen Vorstellung mit der andern klar behält und so weiter die von dieser mit
einer dritten und dieser mit einer vierten dann ist die Übereinstimmung der
ersten Vorstellung mit der vierten bewiesen und es entsteht hier ein sicheres
Wissen was man das vernünftige Wissen nennen kann wie jenes frühere Wissen ein
anschauliches
16 Zur Ergänzung dieses beschränkten Wissens hat man nur das Meinen nach
wahrscheinlichen Gründen Zweitens gibt es Vorstellungen deren
Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung man nur vermittelst solcher
beurteilen kann deren Übereinstimmung mit den Endgliedern nicht gewiss
sondern nur häufig und wahrscheinlich ist auf solche erstreckt sich
hauptsächlich das Meinen wobei man sich für die Übereinstimmung zweier
Vorstellungen damit begnügt dass man sie mit einer solchen wahrscheinlichen
Mittelvorstellung vergleicht Obgleich damit kein Wissen selbst nicht der
niedrigste Grad desselben erlangt wird so verknüpft doch die Mittelvorstellung
mitunter die Endvorstellungen so fest und die Wahrscheinlichkeit wird so klar
und stark dass die Zustimmung ebenso notwendig erfolgt wie bei dem Wissen auf
Grund von Beweisen Das richtige Meinen beruht hierbei darauf dass man richtig
beobachtet und jede einzelne Wahrscheinlichkeit nach ihrer Kraft und ihrem
Gewichte richtig schätzt und dann wenn man sie alle zusammengestellt hat die
Seite wählt wo das Übergewicht ist
17 Anschauung Beweis Meinung Das anschauliche Wissen ist die Erfassung
der sichern Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung zweier unmittelbar mit
einander verglichenen Vorstellungen Das vernünftige Wissen ist die Erfassung
der sichern Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung zweier Vorstellungen
durch die Vermittlung einer dritten oder mehrerer Das Meinen ist die Annahme,
dass zwei Vorstellungen übereinstimmen vermittelst ein oder mehrerer
Vorstellungen deren sichere Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung mit
jener man nicht erfasst hat aber bei welchen man doch bemerkt hat dass sie oft
und gewöhnlich vorhanden ist.
18 Die Folgen der Worte und die Folgen der Vorstellungen.) Obgleich die
Ableitung eines Satzes von einem andern oder das Schließen in Worten einen
großen Teil des Begründens ausmacht und hauptsächlich benutzt wird so besteht
doch die oberste Tätigkeit der Vernunft in der Auffindung der Übereinstimmung
oder NichtÜberstimmung zweier Vorstellungen vermittelst einer dritten So
erkennt man die Gleichheit zweier Häuser die behufs der Messung nicht
nebeneinander gestellt werden können, vermittelst der Elle Die Worte haben ihre
Folgen als Zeichen der Vorstellungen, und die Dinge stimmen oder stimmen nicht
je nach ihrer wirklichen Beschaffenheit allein man erkennt dies nur durch die
Vorstellungen.
19 Vier Arten von Gründen Ehe ich diesen Gegenstand verlasse möchte ich
noch erwähnen dass die Menschen bei ihren Besprechungen meist vier Arten von
Gründen benutzen um die Zustimmung des Andern zu erlangen oder ihn wenigstens
zum Schweigen zu bringen
1 Der Grund aus der Beschämung Zunächst pflegt man die Aussprüche von
Männern zu benutzen deren Fähigkeiten Gelehrsamkeit Genie Kraft usw ihnen
einen Namen gemacht und ihnen in der allgemeinen Meinung ein Ansehen gegeben hat
Bei Männern von anerkannter Bedeutung hält man es für unbescheiden zu mäkeln
und ihr Ansehen in Zweifel zu ziehen man kann deshalb leicht getadelt werden
weil es als Stolz ausgelegt wird wenn man nicht gleich den Entscheidungen
anerkannter Autoritäten sich fügt welche von den Andern mit Achtung und
Unterwürfigkeit angenommen werden Es gilt als unverschämt seine eigene Meinung
gegen den starken Strom des Altertums zu haben und festzuhalten oder sie in
die Waagschale gegen einen gelehrten Doktor oder sonst anerkannten Schriftsteller
zu legen Wer seine Meinung mit diesen Autoritäten stützen kann glaubt damit
seine Sache gewonnen zu haben und Jeder gilt für unverschämt der sich ihm
entgenstellen will Dies kann daher der Grund aus der Beschämung ad verecundiam
genannt werden.
20 2 Der Grund aus der Unwissenheit Ein anderes viel gebrauchtes Mittel
treibt und nötigt den Andern dadurch nachzugeben und in dem streitigen Punkte
dem Gegner dadurch beizutreten dass der Andere aufgefordert wird entweder den
aufgestellten Grund anzuerkennen oder einen bessern dagegen vorzubringen Ich
nenne dies den Grund aus der Unwissenheit ad ignorantiam
21 3 Der Grund aus des Gegners Meinung Ein drittes Mittel bedrängt den
Gegner mit den Folgerungen die aus seinen eigenen Grundsätzen und
Zugeständnissen gezogen werden Dieser Grund ist bekannt unter dem Namen des
Grundes aus des Gegners Meinung ad hominem
22 4 Der Grund aus dem Urteilen Das vierte Mittel benutzt Gründe die
aus den Grundlagen des Wissens oder der Wahrscheinlichkeit entlehnt sind Ich
nenne es den Grund aus dem Urteilen ad judicium Dieses letzte Mittel gewährt
allein von den vieren Belehrung und führt auf den Weg zum Wissen Denn 1
beweist es nichts für die Richtigkeit eines Andern Meinung wenn ich nur aus
Hochachtung oder einer andern Rücksicht aber nicht aus Überzeugung schweige
und nicht widerspreche 2 Beweist es nicht dass der Andere auf dem rechten
Wege ist und dass ich denselben Weg einschlagen müsse weil ich selbst keinen
bessern kenne 3 Ebensowenig folgt, dass Jemand im Rechte ist weil er gezeigt
hat dass der Andere im Unrechte ist Ich kann aus Bescheidenheit die Aussprüche
eines Andern nicht bekämpfen ich bin vielleicht zu unwissend um einen bessern
Grund aufzustellen ich kann mich im Irrtume befinden und der Andere kann mir
dies nachweisen dies Alles kann mich bestimmen die Wahrheit anzunehmen aber
es führt mich nicht zu ihr sie muss vielmehr durch Gründe und Beweise dargelegt
werden Das Licht muss aus der Natur der Dinge selbst hervorleuchten und nicht
aus meinem verschämten Gesicht oder aus meiner Unwissenheit oder meinem
Irrtume
23 Über der Vernunft; gegen die Vernunft; gemäß der Vernunft.) Aus dem
Obigen kann man auch den Unterschied zwischen dem entnehmen was über der
Vernunft ist oder gegen sie ist oder ihr gemäß ist 1 Der Vernunft gemäß
sind die Sätze deren Wahrheit durch Prüfung und Verfolgung der aus der Sinnes
oder SelbstWahrnehmung erlangten Vorstellungen ermittelt werden kann, und deren
Wahrheit oder Wahrscheinlichkeit durch natürliche Ableitung dargelegt werden
kann. 2 Über der Vernunft sind solche Sätze deren Wahrheit oder
Wahrscheinlichkeit von diesen Grundsätzen vermittelst der Vernunft nicht
abgeleitet werden kann. 3 Gegen die Vernunft sind solche Sätze die sich mit
unsern klaren und deutlichen Vorstellungen nicht vertragen oder ihnen
widersprechen So ist das Dasein Gottes der Vernunft gemäß das Dasein von mehr
als einem Gotte ist gegen die Vernunft; die Auferstehung von den Toten ist über
der Vernunft. Das »Über der Vernunft« kann in zwiefachem Sinne verstanden
werden entweder so wie über der Wahrscheinlichkeit oder wie über der
Vernunft, und in jenem weitem Sinne wird der Ausdruck mitunter gebraucht
24 Vernunft und Glaube sind keine Gegensätze In einem andern Sinne
bezeichnet die Vernunft den Gegensatz vom Glauben Obgleich dies eine unpassende
Weise sich auszudrücken ist so hat doch der Sprachgebrauch es eingeführt und
es wäre daher töricht dem sich entgegenzustellen oder es beseitigen zu wollen
Man halte nur fest dass trotz dieser Entgegenstellung des Glaubens gegen die
Vernunft, der Glaube doch eine feste Zustimmung der Seele ist und wenn diese
Zustimmung wie es unsre Pflicht ist nach den Regeln erfolgt so kann sie der
Vernunft nicht entgegen sein Wer aber glaubt ohne einen Grund für Seinen
Glauben zu haben kann ein Spiel mit seiner Einbildungskraft treiben allein er
sucht nicht die Wahrheit wie es sich gehört noch beweist er seinem Schöpfer
den schuldigen Gehorsam denn dieser hat ihm seine Fähigkeiten verliehen damit
er sie gebrauche und sich vor Irrtum schütze Wer nicht so viel er vermag
danach handelt ist wenn er auch manchmal das Wahre trifft doch nur aus Zufall
im Rechten und der glückliche Zufall kann die Regelwidrigkeit seines Verfahrens
nicht entschuldigen Wenigstens trägt er dann die Schuld für all seine
Irrtümer während Der welcher die von Gott ihm verliehenen Fähigkeiten
gebraucht und die Wahrheit mit diesen Mitteln und Kräften zu finden sich bemüht
die Genugtuung hat dass er wie ein vernünftiges Wesen seine Pflicht erfüllt
und dass er wenn er auch die Wahrheit verfehlen sollte doch seinen Lohn nicht
verfehlen werde Denn nur Der gibt seine Zustimmung in der rechten Weise und
wie er es soll welcher bei allen Dingen glaubt oder nicht glaubt wie die
Vernunft ihn bestimmt Wer anders handelt überschreitet dieses eigene Licht und
missbraucht die Fähigkeiten welche ihm nur gegeben sind damit er die höhere
Gewissheit und die größere Wahrscheinlichkeit damit aufsuche Indes gelten die
Vernunft und der Glaube bei Vielen als Gegensätze weshalb ich sie in dem
folgenden Kapitel untersuchen will
1 Man muss ihre Grenzen kennen Ich habe früher dargelegt 1 dass wir
überall da wo uns die Vorstellungen fehlen auch notwendig unwissend sind und
des Wissens aller Art ermangeln 2 Dass wir unwissend sind und des vernünftigen
Wissens ermangeln wo uns die Gründe fehlen 3 Dass uns sicheres Wissen und
Gewissheit abgeht so weit uns klare und deutliche Vorstellungen in einem Gebiet
abgehen 4 Dass wir mit Wahrscheinlichkeit unsre Zustimmung nicht da erteilen
können wo sowohl das eigene Wissen wie das Zeugnis Anderer fehlt auf das sich
unsre Vernunft gründen könnte Nach Vorausschickung dessen wird sich das Maß
und die Grenze zwischen Glauben und Vernunft feststellen lassen die Unkenntnis
derselben dürfte der Grund sein weshalb große Unordnungen und mindestens
große Streitigkeiten und vielleicht auch Irrtümer hierüber entstanden sind
denn so lange nicht feststeht wie weit man durch die Vernunft und wie weit man
durch den Glauben sich leiten zu lassen habe wird man in Religionsfragen
vergeblich streiten und einander zu überführen suchen
2 Was der Glaube und die Vernunft als Gegensätze sind Ich finde dass
jede Sekte von der Vernunft eifrig Gebrauch macht so weit sie ihr dienen kann
wo das nicht mehr gehen will da erheben sie den Ruf Hier liegt eine Frage des
Glaubens vor die über die Vernunft geht Indes sehe ich nicht ein wie sie mit
einem Andern sich streiten oder einen Gegner überführen wollen der dieselbe
Wendung gebraucht so lange die Grenzen zwischen Glauben und Vernunft nicht
genau festgestellt sind dies muss also die erste Aufgabe bei allen Fragen sein
wo der Glaube beteiligt ist In diesem Gegensatz zu dem Glauben fasse ich daher
die Vernunft nur als das Mittel auf um die Gewissheit oder Wahrscheinlichkeit
solcher Sätze oder Wahrheiten darzulegen zu denen man durch Ableitungen aus
solchen Vorstellungen gelangt welche durch den Gebrauch der natürlichen
Fähigkeiten erlangt werden dh durch Sinnes und Selbstwahrnehmung Der Glaube
ist dagegen die Zustimmung zu Sätzen welche nicht auf diese Weise aus der
Vernunft abgeleitet sind sondern wo man sich auf die Glaubwürdigkeit des
Sprechenden verlässt der sie von Gott auf eine außerordentliche Art
mitgeteilt erhalten hat Diese Art den Menschen Wahrheiten mitzuteilen
heißt Offenbarung
3 Neue einfache Vorstellungen können durch überlieferte Offenbarung
nicht mitgeteilt werden Ich sage nun hier erstens dass kein von Gott
Belehrter durch irgend eine Offenbarung Andern neue einfache Vorstellungen
mittheilen kann die sie nicht bereits aus der Sinnes oder Selbstwahrnehmung
erlangt haben Denn trotz aller Eindrücke die Jemand durch die unmittelbare
Hand Gottes empfangen haben mag kann er doch diese Offenbarung so wie sie neue
einfache Vorstellungen enthält Andern weder durch Worte noch durch Zeichen
mittheilen Denn Worte bewirken als natürliche Laute zunächst nur die
Vorstellungen von solchen bloß durch die Gewohnheit sie als Zeichen zu
benutzen erwecken sie die in der Seele verborgenen Vorstellungen aber doch nur
solche die dort schon vorhanden sind. Denn die gesehenen oder gehörten Worte
rufen nur die Vorstellungen zurück als deren Zeichen sie gelten aber sie
können keine ganz neue bisher nicht gekannte einfache Vorstellung uns zuführen
Dasselbe gilt für alle andern Zeichen sie können uns keine Dinge bezeichnen
von denen wir bisher noch gar keine Vorstellung gehabt haben Was daher auch dem
heiligen Paulus offenbart worden sein mag als er in den dritten Himmel erhoben
wurde und welche neue Vorstellungen er auch da bekommen haben mag so konnte er
doch über diesen Ort Andern nur sagen es seien dort solche Dinge »als noch kein
Auge gesehen und kein Ohr gehört noch in des Menschen Herz zum Begreifen
eingegangen« Selbst wenn Gott auf übernatürliche Weise Jemand die zB auf dem
Jupiter oder Saturn vorhandenen Geschöpfe denn dass es deren dort geben könne
wird Niemand leugnen können mit sechs Sinnen zeigen sollte und ihm die durch
diesen sechsten Sinn erfolgenden Vorstellungen einprägen sollte so würde er
doch durch Worte sie Andern so wenig mittheilen können als man die Vorstellung
einer Farbe durch Worte einem Menschen mittheilen kann der zwar vier Sinne ganz
vollkommen besitzt aber dem das Sehen abgeht Deshalb sind wir in Bezug auf die
einfachen Vorstellungen, welche die Grundlage und den Stoff all unsers Wissens
und unsrer Begriffe abgeben gänzlich von der Vernunft oder unserm natürlichen
Vermögen abhängig und die überlieferte Offenbarung kann sie uns nicht
mittheilen ich sage die überlieferte Offenbarung zum Unterschied von der
ursprünglichen Offenbarung Unter letzterer verstehe ich den ersten Eindruck auf
eines Menschen Seele welcher unmittelbar von Gott ausgegangen ist und welchem
Eindruck man keine Schranken setzen kann unter ersterer verstehe ich aber jene
Eindrücke welche Andern durch Worte und die gewöhnlichen Wege der Mittheilung
überliefert worden sind.
4 Die überlieferte Offenbarung kann dem Wissen Sätze zuführen die auch
durch die Vernunft erkannt werden können; allein nicht mit der Gewissheit, wie
es durch die Vernunft geschieht Zweitens sage ich dass die Offenbarung uns
dieselben Wahrheiten enthüllen und zuführen kann die man auch durch die
Vernunft und die auf natürlichem Wege erlangten Vorstellungen gewinnen kann So
hätte Gott ebenso gut irgend einen Lehrsatz des Euklid durch Offenbarung den
Menschen mittheilen können wie sie durch den Gebrauch ihrer natürlichen
Fähigkeiten diese Entdeckung selbst gemacht haben In allen Fällen dieser Art
bedarf es der Offenbarung nicht da Gott uns mit den Mitteln ausgerüstet hat
durch die wir zu deren sicheren Kenntnis gelangen können Jede Wahrheit zu
deren klaren Besitz man durch das Wissen und Betrachten der eigenen
Vorstellungen gelangt werden immer gewisser sein als die durch die überlieferte
Offenbarung uns zugeführten da das Wissen dass diese Offenbarung zuerst von
Gott komme niemals so gewiss sein kann als das klare Wissen von der
Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung außer Vorstellungen Wäre zB vor
Zeiten offenbart worden dass die drei Winkel des Dreiecks zweien rechten gleich
seien so würde man im Vertrauen auf die Überlieferungen dass dies offenbart
worden dieser Wahrheit zustimmen allein dies würde niemals den hohen Grad von
Gewissheit erreichen wie sie durch die Vergleichung und Messung der eignen
Vorstellungen von zwei rechten Winkeln und von den drei Winkeln eines Dreiecks
gewonnen werden kann. Dasselbe gilt für Tatsachen die man durch die Sinne
wahrnehmen kann so ist die Geschichte von der Sündflut uns durch Schriften
überliefert die von der Offenbarung herrühren und dennoch wird Niemand sagen
dass er ein so sicheres und klares Wissen davon habe wie Noah selbst es hatte
der sie gesehen hat und wie wir selbst gehabt haben würden wenn wir damals
gelebt und sie gesehen hätten Denn dass dergleichen in dem Buche steht was
Moses in Folge einer Offenbarung geschrieben haben soll weiß man auch nur auf
Grund der Sinne; allein die Gewissheit dass Moses dies Buch geschrieben habe
ist nicht so groß als wenn man selbst es gesehen hätte und somit ist die
Gewissheit dass es eine Offenbarung sei immer geringer als die Gewissheit die
aus den Sinnen kommt
5 Die Offenbarung kann nicht gegen das klare Zeugnis der Vernunft
zugelassen werden Bei Sätzen deren Gewissheit auf der klaren Erkenntnis der
Übereinstimmung oder NichtÜbereinstimmung unserer Vorstellungen beruht die
entweder durch unmittelbare Anschauung wie bei selbstverständlichen Sätzen oder
durch offenbare vernünftige Ableitung aus Beweisen erlangt worden bedarf man
deshalb nicht der Hülfe der Offenbarung um ihnen zuzustimmen oder sie in das
Wissen aufzunehmen Denn die natürlichen Wege der Erkenntnis haben sie gewährt
oder können es und damit erreicht man die höchste Gewissheit die von einer
Sache möglich ist ausgenommen wenn Gott uns unmittelbar etwas offenbart und
selbst da kann unsre Gewissheit nicht grösser sein als die dass es eine
Offenbarung von Gott sei Allein unter diesem Namen darf nichts das klare Wissen
erschüttern oder beseitigen und nichts vernünftiger Weise uns bestimmen es
trotz seines Widerspruchs mit der klaren Erkenntnis des eignen Verstandes für
wahr zu halten Denn keine Kunde welche wir durch unsre Vermögen empfangen und
durch welche wir solche Offenbarungen erhalten kann der Gewissheit unsers
anschaulichen Wissens gleich kommen oder gar sie übertreffen und deshalb kann
man Nichts für wahr halten was unserm klaren und deutlichen Wissen geradezu
widerspricht So stimmen zB die Vorstellungen des Körpers und des Orts so klar
überein und es wird dies so klar erkannt dass man niemals dem Satze zustimmen
kann welcher aussagt dass ein Körper sich zugleich an zwei verschiedenen Orten
befinde selbst wenn er sich als ein göttlich offenbarter ankündigte denn die
Gewissheit dass man sich nicht selbst täuscht wenn man dies Gott zuschreibt
und dass man es recht verstanden habe kann nie so groß sein als die Gewissheit
unsers anschaulichen Wissens vermöge dessen wir es als unmöglich erkennen dass
derselbe Körper zugleich an zwei Orten sein könne Deshalb kann kein Satz für
eine göttliche Offenbarung gelten und die einer solchen gebührende Zustimmung
erhalten wenn er der klaren anschaulichen Erkenntnis widerspricht Denn damit
würden die Grundsätze und Grundlagen alles Wissens aller Gewissheit und
Zustimmung umgestürzt es gäbe keinen Unterschied mehr zwischen Wahrheit und
Trug und kein Maß für Wahrscheinlichkeit und Unwahrscheinlichkeit wenn
zweifelhafte Sätze den Vorrang vor selbstgewissen erhalten sollten und wenn man
das gewiss Erkannte aufgäbe für Sätze bei denen man sich geirrt haben könnte
Widersprechen mithin Sätze der klaren Erkenntnis von der Übereinstimmung oder
NichtÜbereinstimmung unserer Vorstellungen, so hilft es nichts sie als
Glaubenssätze geltend zu machen sie können unter diesem oder einem andern
Vorgeben die Zustimmung nicht erlangen denn ein Glaube kann nie die
Überzeugung von Etwas gewähren was unserm Wissen widerspricht Der Glaube
stützt sich zwar auf das Zeugnis Gottes der nicht lügen kann der uns es
offenbart habe allein unsere Gewissheit dass es eine solche Offenbarung sei
kann nicht grösser als unser Wissen sein da die ganze Stärke der Gewissheit
darauf beruht dass wir wissen es sei eine Offenbarung Gottes und da in
solchen Fällen wo die angebliche Offenbarung dem Wissen oder der Vernunft
widerspricht ihr immer der Einwand entgegensteht dass man nicht begreifen
könne wie es von Gott dem gütigen Schöpfer unsers Daseins kommen könne der
wenn es für wahr angenommen werden sollte alle Grundsätze und Unterlagen des
Wissens, die er uns gegeben umstürzen all unsre Vermögen nutzlos machen und
unsern Verstand das schönste Stück seiner Schöpfung ganz zerstören und den
Menschen in eine Lage bringen müsste wo er weniger Licht und weniger Leitung
hätte als das Vieh welches umkommt Denn die Seele kann nie Etwas mit mehr
Gewissheit und wohl nicht einmal mit gleicher für eine göttliche Offenbarung
halten als die Grundsätze ihrer eignen Vernunft und deshalb hat sie niemals
einen Grand die klare Auskunft ihrer Vernunft zu verlassen und einen Satz
anzunehmen dessen Offenbarung nicht gewisser ist als diese Grundsätze sind
6 Noch weniger die überlieferte Offenbarung So weit hat der Mensch
selbst bei einer unmittelbaren und ursprünglichen Offenbarung die an ihn selbst
ergeht seine Vernunft zu gebrauchen und auf sie zu hören wenn es sich aber
nicht um einen solchen Fall handelt sondern Gehorsam und Glauben für Wahrheiten
verlangt wird die Andern geoffenbart worden und vermittelst der Überlieferung
von Schriften oder Reden jetzt empfangen werden so hat die Vernunft hier noch
mehr zu tun und nur sie kann uns bestimmen diese Offenbarungen anzunehmen
Denn da der Gegenstand des Glaubens nur allein die göttliche Offenbarung ist so
hat der Glaube in seiner gewöhnlichen Bedeutung wo er meist göttlicher Glaube
heißt nur mit Sätzen zu tun welche als von Gott offenbart angenommen sind
Ich weiß deshalb nicht wie Die welche die Offenbarung zu dem alleinigen
Gegenstand des Glaubens machen sagen können dass es Sache des Glaubens und
nicht der Vernunft sei zu glauben dass ein solcher Satz in einem solchen Buche
eine göttliche Offenbarung sei wenn nicht offenbart ist dass dieser Satz oder
der ganze Inhalt des Buches auf göttlicher Eingebung beruhe Ohne eine solche
Offenbarung kann das Fürwahrhalten dass dieser Satz oder dieses Buch von Gott
komme kein Gegenstand des Glaubens sondern nur der Vernunft sein Wenn ich
also nur durch den Gebrauch meiner Vernunft dem beistimmen kann so kann diese
mich nie berechtigen das zu glauben was ihr selbst widerspricht denn die
Vernunft kann nicht die Zustimmung zu Etwas vermitteln was an sich unvernünftig
erscheint Deshalb bleibt in allen Dingen wo man volle Gewissheit vermittelst
unsrer Vorstellungen und der obengenannten Grundsätze des Wissens hat die
Vernunft der wahre Richter und die Offenbarung kann die Gebote jener wohl
bestätigen aber in solchen Fällen deren Gebote nicht entkräften noch ist man
da wo man den klaren und offenbaren Ausspruch der Vernunft hat verpflichtet
ihn um der gegenteiligen Ansicht willen aufzugeben weil es sich angeblich um
eine Sache des Glaubens handle denn dieser kann gegen die klaren und einfachen
Gebote der Vernunft sich nicht geltend machen
7 Dinge aber der Vernunft.) Drittens gibt es jedoch Dinge von denen
man gar keine oder nur unvollkommene Begriffe hat und andere von deren
vergangenem gegenwärtigen oder zukünftigen Dasein man vermittelst seiner
natürlichen Fähigkeiten überhaupt nichts wissen kann weil sie dieselben
übersteigen und über die Vernunft gehen deshalb sind sie wenn sie offenbart
worden der eigentliche Gegenstand des Glaubens so übersteigen zB Sätze dass
ein Teil der Engel einstmals gegen Gott sich empört und damit ihren
ursprünglichen Zustand der Seligkeit verloren haben und dass die Toten zu
neuem Leben auferstehen werden die Vernunft, und sind reine Glaubenssachen mit
denen die Vernunft durchaus nichts zu tun hat
8 Oder nicht gegen die Vernunft, sind wenn sie offenbart worden
Glaubenssachen Allein indem Gott uns das Licht der Vernunft gegeben hat hat
er sich damit nicht selbst die Hände gebunden er kann uns wenn er es für
zweckmäßig findet das Licht der Offenbarung überall da zukommen lassen wo die
natürlichen Fähigkeiten wohl etwas als wahrscheinlich bieten können aber die
Offenbarung so weites Gott sie zu erteilen gefallen hat die Geltung über
diese Vermutungen haben muss Hier wo man die Wahrheit nicht sicher wissen
sondern nur der anscheinenden Wahrscheinlichkeit nachgeben kann hat man einem
solchen Zeugnis beizustimmen welches nach der eignen Überzeugung von Dem
kommt der nicht irren kann und nicht betrügen will Allein auch hier hat die
Vernunft zu entscheiden ob es eine Offenbarung ist und was die Worte in denen
sie überliefert ist bedeuten Sollte also eine angebliche Offenbarung den
einfachen Grundsätzen der Vernunft und dem offenbaren Wissen der eignen klaren
und deutlichen Vorstellungen widersprechen so müsste auch hier die Vernunft
gehört werden und der Fall gehört in ihr Gebiet da ein Wissen dass etwas
offenbart sei was den klaren Grundsätzen und dem Zeugnis der eignen Vernunft
widerspricht oder ein Wissen dass die geoffenbarten Worte richtig verstanden
seien nie so gewiss sein kann als das Wissen von der Wahrheit des Gegenteils
deshalb ist diese Frage als ein Gegenstand der Vernunft zu behandeln und zu
entscheiden und man braucht sie nicht ohne Prüfung als eine Sache des
Glaubens hinunterzuschlucken
9 Die Offenbarung in Sachen wo die Vernunft nicht urteilen oder nur
Wahrscheinlichkeiten bieten kann Erstens sind alle Sätze die offenbart sind
und über deren Wahrheit die Seele mit ihrem natürlichen Vermögen und Begriffen
nicht urteilen kann reine Sache des Glaubens und über der Vernunft. Zweitens
sind alle Sätze über welche die Seele vermöge ihrer natürlichen Vermögen
entscheiden und nach ihren auf natürlichem Wege erlangten Vorstellungen
urteilen kann Sache der Vernunft; indes mit der Maßgabe dass in allen
Dingen von schwankender Gewissheit wo nur Wahrscheinlichkeitsgründe vorhanden
sind, die Sätze nur auf solche hin angenommen werden und das Gegenteil also
möglich bleibt ohne dass man dem eignen klaren Wissen Gewalt antut und die
Grundsätze seiner Vernunft umstößt der sicheren Offenbarung selbst gegen die
Wahrscheinlichkeit zugestimmt werden muss Denn wo die Grundsätze der Vernunft
einen Satz nicht als offenbar wahr oder falsch ergeben da kann die klare
Offenbarung oder eine andere Regel der Wahrheit den Grund für die Zustimmung
abgeben und deshalb kann solcher Fall eine Sache des Glaubens sein und über die
Vernunft gehen Denn wo die Vernunft nur bis zur Wahrscheinlichkeit reicht da
entscheidet der Glaube und die Vernunft muss nachstehen und die Offenbarung
zeigt auf welcher Seite die Wahrheit ist
10 Wo die Vernunft Gewissheit bieten kann muss sie ebenfalls gehört
werden So weit reicht das Gebiet des Glaubens und zwar ohne der Vernunft
Gewalt anzutun oder sie zu hindern vielmehr wird diese nicht gehindert noch
verletzt sondern unterstützt und gestärkt wenn neue Wahrheiten ihr aus der
ewigen Quelle alles Wissens zugeführt werden Alles was Gott offenbart hat ist
sicherlich wahr und kein Zweifel kann sich dagegen erheben Dies ist der
eigentliche Gegenstand des Glaubens aber ob Etwas göttlich offenbart sei das
hat die Vernunft zu entscheiden und diese gestattet niemals eine höhere
Gewissheit um einer geringerem willen zu verwerfen oder die Wahrscheinlichkeit
über die Gewissheit und Erkenntnis zu stellen Kein Zeugnis für den göttlichen
Ursprung einer überlieferten Offenbarung nach ihren Worten und nach dem Sinne
in dem sie aufgefasst wird kann so klar und sicher sein als das Zeugnis der
Vernunft und ihrer Grundsätze und deshalb kann nichts was sich mit den klaren
und selbstverständlichen Geboten der Vernunft nicht verträgt oder ihnen
widerspricht als Glaubenssätze geltend gemacht werden bei welchen die Vernunft
nichts zu sagen habe und denen man zustimmen müsse Alle göttliche Offenbarung
muss über unseren Meinungen Vorurteilen und Wünschen stehen und hat ein
Recht mit voller Zustimmung angenommen zu werden Eine solche Unterwerfung der
Vernunft unter den Glauben zerstört nicht die Grenzpfähle des Wissens,
erschüttert nicht die Grundlagen der Vernunft, sondern lässt unseren Vermögen
den Gebrauch wofür sie uns gegeben worden sind.
11 So lange die Grenzen zwischen Vernunft und Glauben nicht feststehen
kann keiner Schwärmerei und Ausgelassenheit in Religionssachen entgegengetreten
werden Wenn die Gebiete des Glaubens und der Vernunft nicht durch solche
Grenzen geschieden gehalten werden so bleibt in Sachen der Religion überhaupt
kein Platz für die Vernunft, und all jene tollen Meinungen und Gebräuche die
sich in den Religionen auf dieser Erde finden können dann nicht getadelt
werden Denn den Aufschrei des Glaubens gegen die Vernunft kann man zum großen
Theile dem Widersinn zuschreiben der beinah alle Religionen erfüllt welche die
Menschheit beherrschen und trennen Denn ist es zum Grundsatz geworden dass in
Sachen der Religion die Vernunft nicht befragt werden dürfe wenn jene auch noch
so offenbar dem gesunden Verstande und den Grundsätzen alles Wissens
widersprechen so ist der Einbildungskraft und dem natürlichen Aberglauben
freier Lauf gelassen und die Religion gerät auf solche sonderbare Meinungen
und ausgelassene Gebräuche dass jeder besonnene Mann über diese Tollheiten
erstaunen muss Sie können ihm nicht für Etwas was dem großen und weisen Gotte
genehm ist gelten sondern für Etwas was lächerlich ist und den einfachen
ehrlichen Mann nur verletzen kann Obgleich die Menschen gerade durch die
Religion sich von den Tieren unterscheiden und als vernünftige Wesen sich über
diese rohen Wesen erheben sollten so zeigen sie sich doch gerade in der
Religion am unvernünftigsten und selbst unverständiger als die Tiere »Credo
quia impogsibile est« dh »ich glaube es weil es unmöglich ist« mag bei
einem guten Menschen als ein Anfall von Religionseifer hingehen allein es wäre
eine schlimme Regel wenn man danach seine Meinungen und seine Religion
bestimmen wollte
1 Die Liebe zur Wahrheit ist notwendig Wer die Aufsuchung der
Wahrheit sich ernstlich vorsetzt muss vor Allem seine Seele mit der Liebe zu
ihr erfüllen denn wer sie nicht liebt wird sich nicht viel um sie bemühen und
ihren Mangel wenig empfinden Jedermann in dem GelehrtenStaat bekennt sich als
ein Liebhaber der Wahrheit und jedes vernünftige Wesen würde sich verletzt
fühlen wenn man anders von ihm dächte Dennoch dürfte es wenig Liebhaber der
Wahrheit um ihrer selbst willen gehen selbst unter Denen die sich selbst dafür
halten Ob Jemand es im Ernste sei ist schon der Untersuchung wert und es
dürfte ein unfehlbares Zeichen dafür geben nämlich das dass man keinen Satz
mit größerer Zuversicht festhält als die Gründe auf die er sich stützt
rechtfertigen Wer darüber hinausgeht sucht die Wahrheit offenbar nicht aus
Liebe zu ihr und liebt sie nicht um ihretwillen sondern eines andern Zweckes
wegen Da die Gewissheit eines Satzes mit Ausnahme der selbstgewissen nur auf
seinen Gründen beruht so ist jeder Überschuss an Zustimmung über diesen Grad
der Gewissheit hinaus aus einer andern Neigung entsprungen und nicht aus der
Liebe zur Wahrheit denn diese kann die Zustimmung nicht über die Gewissheit
ihrer Wahrheit hinaus führen und auch nicht einem Satze aus einer Gewissheit
beitreten lassen die ihm abgeht Darin besteht gerade die Liebe zur Wahrheit
denn es bleibt immer möglich oder wahrscheinlich dass der Satz nicht wahr ist
Wenn eine Wahrheit den Geist nicht durch das unwiderstehliche Licht der
Selbstgewissheit oder durch die Kraft ihres Beweises erfasst so sind die Gründe
für die Zustimmung zu ihr nur die Zeugen und das Unterpfand ihrer
Wahrscheinlichkeit und man darf sie nur in dem Maße aufnehmen als diese sie
dem Verstände zuführen Jedes Vertrauen und jedes Fürwahrhalten das man einem
solchen Satze mehr zuwendet als die Grundsätze und Gründe für ihn
rechtfertigen kommen aus besonderen Neigungen und sind insoweit eine Minderung
der Liebe zur Wahrheit So wenig sie auf die Leidenschaften und Interessen sich
stützen darf so wenig sollte sie auch nur eine Färbung von denselben bekommen
2 Woher die Neigung zu Befehlen kommt Mit dieser Neigung und mit
diesem Verderb des Urteilens verbindet sich stets die Neigung gegen Andere
sich ein Ansehen zu geben ihnen zu gebieten und vorzuschreiben was sie vor wahr
halten sollen Wie sollte auch Jemand nicht Andern in ihren Meinungen Gewalt
antun der sie sich selbst schon angetan hat Wie kann man Gründe und
Überführung von Jemand in seinem Verkehr mit Andern erwarten der seinen
Verstand nicht einmal in dem Verkehr mit sich selbst daran gewöhnt hat und
seinen Fähigkeiten Gewalt antut seinen Geist tyrannisiert und das Vorrecht
beansprucht was nur der Wahrheit gebührt nämlich die Zustimmung bloß auf ihr
alleiniges Ansehen hin zu verlangen dh durch die Gewissheit welche sie mit
sich führt
3 Die Kraft der Schwärmerei Ich betrachte hier noch eine dritte
Ursache der Zustimmung welche für Manche das gleiche Ansehen und dieselbe
Zuverlässigkeit hat wie der Glaube und die Vernunft; ich meine die Schwärmerei
Sie möchte die Vernunft bei Seite schieben und die Offenbarung ohne sie gelten
lassen allein in Wirklichkeit hebt sie beide auf und stellt an deren Stelle die
grundlosen Einfälle des eignen Gehirns die dann als Grundlage der Wahrheit und
des Lebenswandels gelten
4 Vernunft und Offenbarung Die Vernunft ist die natürliche
Offenbarung durch welche der ewige Vater des Lichts und die Quelle alles
Wissens der Menschheit den Antheil an der Wahrheit gewährt welchen er in den
Bereich ihrer natürlichen Vermögen gelegt hat die Offenbarung ist die
natürliche Vernunft erweitert durch eine Zugabe neuer Wahrheiten die Gott
unmittelbar gewährt und deren Wahrheit die Vernunft bestätigt durch das Zeugnis
und die Gründe die sie dafür beibringt dass sie von Gott kommen Wer deshalb
die Vernunft beseitigt um der Offenbarung den Weg zu bahnen der löscht das
Licht von beiden aus und verlangt gleichsam man solle seine Augen zumachen um
durch das Fernrohr das entfernte Licht eines unsichtbaren Sternes desto besser
empfangen zu können
5 Die Entstehung der Schwärmerei Da die unmittelbare Offenbarung ein
viel leichterer Weg ist um seine Meinung zu begründen und sein Verhalten zu
rechtfertigen als die ermüdende und nicht immer glückliche Arbeit einer
strengen Begründung so kann es nicht auffallen dass Manche gern eine
Offenbarung behaupten und meinen sie ständen in ihrem Handeln und Glauben
unter einer besonderen Führung des Himmels namentlich wenn sie mit den
gewöhnlichen Regeln des Wissens und der Vernunft dabei nicht auskommen können
Deshalb finden sich in jedem Zeitalter Menschen in denen Schwermut mit Andacht
gemischt ist oder die in Selbsttäuschung meinen Gott näher als Andere zu
stehen der ihnen gewogener sei und mit dem sie in unmittelbarem Verkehr zu
stehen sich schmeicheln weshalb der heilige Geist ihnen Mittheilungen mache
Gott kann gewiss den Verstand durch einen Strahl erleuchten der aus der Quelle
des Lichts unmittelbar in die Seele dringt und so meinen Jene dass Gott ihnen
dies zugesagt habe Wer sollte auch mehr zu dieser Erwartung berechtigt sein
als Die welche sein besonderes Volk bilden das er auserwählt hat und das von
ihm abhängt
6 Schwärmerei Wenn die Seele so vorbereitet ist so gilt jede
grundlose Meinung die sich in der Phantasie festsetzt als eine Erleuchtung
durch den Geist Gottes und von göttlicher Autorität Wenn eine Handlung auch
noch so verkehrt ist so gilt doch die in ihnen vorhandene Neigung dazu für ein
Gebot oder eine Leitung des Himmels der zu gehorchen ist es ist ein Auftrag
von Oben und sie können in dieser Ausführung nicht irren
7 Dies ist die Schwärmerei Sie stützt sich weder auf die Vernunft noch
auf die Offenbarung sondern entspringt aus den Täuschungen eines erhitzten und
übermütigen Gehirns und wirkt wenn sie erst Fuß gefasst hat mächtiger auf
die Überzeugungen und Handlungen der Menschen als jene beiden einzeln oder
vereint denn der Mensch gehorcht gern seinen eigenen Antrieben und der ganze
Mensch vermag sicher kräftiger zu handeln wo der ganze Mensch durch eine
natürliche Erregung erfasst ist Eine starke Einbildung reißt gleich einem
neuen Grundsatz leicht alles Andere mit sich fort wenn sie einmal den gesunden
Sinn überwunden und sich aus den Schranken der Vernunft und den Hemmnissen der
Überlegung befreit hat dann erhebt sie im Verein mit Temperament und Neigung
sich zu göttlicher Autorität
8 Die Schwärmerei gilt fälschlich für ein Sehen und Fühlen Obgleich
die sonderbaren Meinungen und die verkehrten Handlungen zu denen die
Schwärmerei geführt hat gegen diese falsche Macht hätten warnen sollen die so
leicht die Meinung und das Handeln irre leitet so schmeichelt doch die Liebe zu
etwas Außerordentlichem die Bequemlichkeit und der Ruhm göttlicher Eingebungen
und einer Erhabenheit über die natürlichen Wege der Erkenntnis die Trägheit
Unwissenheit und Eitelkeit der Menschen so dass, wenn sie einmal auf diese Wege
der unmittelbaren Offenbarung der Erleuchtung ohne eignes Thun der Gewissheit
ohne Gründe und ohne Prüfung gekommen sind sie schwer wieder davon abzubringen
sind Die Vernunft ist bei ihnen verloren sie stehen über ihr sie sehen das in
ihren Verstand gegossene Licht und können nicht irren es ist dort so klar und
sichtbar wie das Licht der Sonne es zeigt sich selbst und bedarf für seine
Gewissheit keines andern Grundes sie fühlen wie die Hand Gottes sie innerlich
führt sie empfinden die Antriebe des heiligen Geistes und können sich in dem
was sie fühlen nicht irren So rechtfertigen sie sich und sind überzeugt dass
die Vernunft mit dem nichts zu tun habe was sie in sich sehen und fühlen
dessen sichtbare Wahrnehmung gestattet keinen Zweifel und braucht keinen Beweis
Wäre es nicht lächerlich wenn Jemand den Beweis verlangte dass die Sonne
scheine und dass er sie sehe Sie ist ihr eigner Beweis und sie kann keinen
andern haben Wenn der heilige Geist Licht in unser Seele bringt so verjagt er
die Finsternis Sie sehen es wie die Sonne am Mittag und brauchen nicht des
Zwielichts der Vernunft, um es zu sehen Dieses Himmelslicht ist stark klar und
rein hat seinen Beweis an sich selbst und man kann ebenso gut ein
Johanniswürmchen nehmen damit es uns helfe die Sonne zu sehen wie dass man
den himmlischen Strahl mit der trüben Kerze der Vernunft untersuchen will
9 Wie man die Schwärmerei erkennt So sprechen diese Leute sie sind
ihrer Meinung gewiss weil sie es sind und ihre Überzeugungen sind wahr weil
sie stark in ihnen sind Nimmt man von ihren Reden die bildlichen Ausdrücke vom
Sehen und Fühlen hinweg so bleibt nur dieser Rest allein diese Gleichnisse
machen auf sie einen solchen Eindruck dass sie als Gewissheit bei ihnen selbst
und als Beweise für Andere gelten
10 Prüft man mit Besonnenheit dieses innere Licht und dieses Gefühl auf
das jene Personen so Vieles stützen so kann man ihnen wenn sie sagen dass sie
klares Licht haben und sehen und dass sie wachen Sinnes seien und fühlen dies
nicht bestreiten Denn wenn Jemand behauptet er sehe oder fühle so kann man
nicht leugnen dass es der Fall sei Allein ich frage Ist das Sehen die
Erfassung der Wahrheit des Satzes selbst oder nur dessen dass er eine
Offenbarung Gottes sei Ist dies Gefühl nur die Wahrnehmung der eignen Neigung
oder Einbildung Etwas zu tun oder die Wahrnehmung des Geistes Gottes der
diese Neigung bestimmt Dies sind zwei sehr verschiedene Wahrnehmungen die man
nicht vermengen darf wenn man sich nicht selbst täuschen will Ich kann die
Wahrheit eines Satzes erfassen ohne wahrzunehmen dass es eine unmittelbare
von Gott kommende Offenbarung ist Ich kann die Wahrheit eines Lehrsatzes im
Euklid erkennen ohne ihn als eine Offenbarung aufzufassen ja ich kann
bemerken dass ich nicht auf natürlichem Wege zu diesem Wissen gekommen bin und
es deshalb für geoffenbart erachten ohne doch wahrzunehmen dass es eine von
Gott kommende Offenbarung ist denn es können ja Geister ohne göttlichen Auftrag
diese Gedanken in mir erwecken und sie so ordnen dass ich ihren Zusammenhang
einsehe Deshalb genügt der Umstand dass ich nicht weiß wie ein Satz in mein
Wissen gekommen ist nicht um ihn als von Gott offenbart zu nehmen Noch
weniger ist die feste Überzeugung von seiner Wahrheit ein Beweis dass er von
Gott komme Mag er immerhin Licht und Sehen genannt werden, so bleibt es doch
nur Glaube und Zuversicht und der für eine Offenbarung genommene Satz wird
nicht als wahr gewusst sondern nur für wahr gehalten Denn wo ein Wissen ist
da ist die Offenbarung überflüssig und es ist schwer eine Offenbarung dessen
zu begreifen was man schon weiß Sind Jene daher von einem Satze nur
überzeugt dass er wahr sei aber wissen sie dies nicht so ist dies, was sie
auch sagen mögen kein Sehen sondern ein Glauben da diese beiden Wege zum
Wissen ganz verschieden sind und einer nicht der andere sein kann Was ich sehe
weiß ich vermittelst des Zeugnisses des Gegenstandes selbst was ich glaube
nehme ich auf das Zeugnis eines Andern an allein ich muss wissen dass dieses
Zeugnis abgelegt ist sonst fehlt der Grund für den Glauben Ich muss sehen
dass Gott es ist der mir es offenbart oder ich sehe überhaupt Nichts Es fragt
sich deshalb hier Wie kann ich wissen dass Gott es ist der mir es offenbart
dass dieser Eindruck auf meine Seele durch seinen heiligen Geist geschehen ist
und das ich deshalb ihm zu gehorchen habe Wenn ich dies nicht weiß so bleibt
selbst die größte Zuversicht in mir ohne Grund und das Licht was ich
behaupte ist nur Schwärmerei Denn mag der angeblich offenbarte Satz
selbstverständlich wahr sein oder nur augenscheinlich wahrscheinlich oder auf
den natürlichen Wegen des Wissens ungewiss so muss doch immer der Satz wohl
begründet und offenbar wahr sein dass Gott ihn offenbart habe und dass das
was ich für eine Offenbarung nehme auch wirklich von ihm mir eingegeben und
keine Einbildung ist die mir ein anderer Geist oder meine Phantasie eingeflößt
hat Denn offenbar halten diese Leute ihre Sätze nur deshalb für wahr weil Gott
sie offenbart habe Müssen sie daher nicht prüfen weshalb sie dies annehmen
Ohnedem wäre ja all ihre Zuversicht nur eine Vermutung und das Licht was sie
so blendet wäre nur ein Irrlicht was sie im Kreise herumführte Der Satz ist
dann eine Offenbarung weil sie ihn fest glauben und sie glauben ihn fest weil
er eine Offenbarung ist
11 Die Schwärmerei entbehrt der Gewissheit, dass der Satz von Gott komme
Bei aller göttlichen Offenbarung bedarf es nur der Gewissheit, dass sie von
Gott komme denn Gott kann weder betrügen noch betrogen werden Wie will man
aber wissen dass ein in der Seele enthaltener Satz eine von Gott ihr
eingeflößte Wahrheit sei eine Wahrheit die Gott ihr offenbart habe die Gott
ausgesprochen und die deshalb geglaubt werden müsse Hier fehlt der Schwärmerei
die Gewissheit die sie in Anspruch nimmt Die ihr ergebenen Personen rühmen
sich eines Lichtes was sie erleuchtet habe und was ihnen die Erkenntnis
dieser oder jener Wahrheit gewährt habe allein wenn sie wissen dass es die
Wahrheit ist so müssen sie das entweder vermöge deren vernünftiger
Selbstgewissheit wissen oder durch vernünftige Gründe die sie zur Wahrheit
erheben Sehen und erkennen Jene diese Wahrheit auf einem dieser beiden Wege so
nehmen sie ohne Not an dass sie offenbart sei Denn sie wissen dies dann in
derselben Weise wie auch Andere auf natürlichem Wege ohne Hülfe der
Offenbarung es wissen können Alle Wahrheiten der nicht inspirierten Menschen
kommen so in deren Seele und befestigen sich auf diese Weise Stützen sie
dagegen die Wahrheit darauf dass Gott den Satz offenbart habe so ist dieser
Grund an sich gut allein dann entsteht die Frage woher sie wissen dass es
eine Offenbarung Gottes sei Sagen sie vermöge des Lichts was der Satz mit
sich führt das in ihre Seele scheint und dem sie nicht widerstehen können so
dürfte dies nur das sein was wir schon betrachtet haben nämlich dass der Satz
eine Offenbarung sei weil sie fest an seine Wahrheit glauben Denn alles Licht
von dem sie sprechen ist nur eine starke aber unbegründete Überzeugung dass
es eine Wahrheit sei da sie anerkennen müssen dass sie vernünftige Gründe für
dessen Wahrheit nicht haben Dann ist also der Satz nicht als Offenbarung
angenommen sondern aus den für jede Wahrheit geltenden Gründen und wenn sie
glauben er sei wahr weil er offenbart sei sie aber für diesen Umstand nichts
anführen können als ihre persönliche Überzeugung so glauben sie nur er sei
offenbart bloß weil sie fest glauben dass er offenbart sei ein Grund der
sowohl für Lehrsätze wie für Handlungen sehr gefährlich ist Wie kann man wohl
leichter sich selbst zu den verkehrtesten Irrtümern und Handlungen verirren
als wenn man in dieser Weise die Einbildung zu dem höchsten und alleinigen
Führer nimmt und man jeden Satz für wahr jede Handlung für recht hält bloß
weil man es glaubt Die Stärke der Überzeugung ist durchaus kein Beweis für die
Wahrheit des Inhalts krumme Dinge können so steif und unbiegsam sein wie
gerade und der Mensch kann in seinem Irrtume ebenso bestimmt und zweifellos
auftreten wie bei der Wahrheit Wo sollten sonst die unverbesserlichen Eiferer
in den verschiedenen und entgegengesetzten Parteien herkommen Wenn das Licht
was Jeder in seiner Seele zu haben meint und was nur in der Stärke seiner
Überzeugung besteht ein Zeugnis sein soll dass der Satz von Gott komme so
haben die entgegengesetzten Meinungen gleichen Anspruch darauf und Gott ist
dann nicht bloß der Vater des Lichts sondern auch eines gegensätzlichen und
widersprechenden Lichts was die Menschen auf entgegengesetzte Wege führt und
Sätze die sich widersprechen sind dann göttliche Wahrheiten wenn eine
unbegründete Überzeugung genügt irgend einen Satz zu einer göttlichen
Offenbarung zu machen
12 Die Festigkeit der Überzeugung ist kein Beweis dass ein Satz von
Gott komme Dies kann nicht anders sein wenn die Festigkeit der Überzeugung
zu einem Grand für den Glauben erhoben und die Zuversicht im Rechten zu sein
als ein Beweis der Wahrheit gilt Der heilige Paulus selbst glaubte recht zu
handeln und dass er dazu berufen sei als er die Christen verfolgte weil er
von deren Irrtümern überzeugt war dennoch war er es und nicht sie die im
Irrtum waren Auch die guten Menschen bleiben Menschen und dem Irrtume
unterworfen oft sind sie warm für einen Irrtum eingenommen den sie für
göttliche Wahrheit halten weil er mit dem klarsten Licht in ihre Seele scheint
13 Was das Licht in der Seele ist Das Licht oder das wahre Licht in
der Seele ist und kann nur die Gewissheit von der Wahrheit eines Satzes sein
ist es kein Selbstgewisser Satz so kommt alles Licht was er hat oder haben
kann von der Klarheit und Beweiskraft der Gründe aus denen er angenommen wird
Spricht man von einem andern Licht in der Seele so bringt man sich selbst nur
in die Finsternis oder in die Gewalt des Fürsten der Finsternis und man
gibt sich freiwillig der Täuschung hin und glaubt die Lüge Denn soll die
Stärke der Überzeugung uns fuhren wie kann man da die Täuschungen des Satan
von den Eingebungen des heiligen Geistes unterscheiden Jener kann sich in einen
Engel des Lichts verwandeln und wer von einem solchen Engel geleitet wird ist
seiner Erleuchtung ebenso sicher dh er ist ebenso überzeugt dass der Geist
Gottes ihn erleuchte als wenn es ein wirklicher Engel wäre Er beruhigt sich
dabei und erfreut sich daran und wird dadurch in seinem Handeln bestimmt
Niemand kann mehr als er in dem Rechte sein wenn der eigne feste Glaube allein
entscheiden kann
14 Die Offenbarung muss mit der Vernunft geprüft werden Wer sich daher
nicht ganz den Aasgeburten der Täuschung und des Irrtums überliefern will muss
dieses Licht was ihn führt auf die Probe stellen Wenn Gott einen Propheten
schafft so zerstört er nicht den Menschen er lässt vielmehr all seine
natürlichen Fähigkeiten in dem natürlichen Stande damit er über die empfangenen
Eingebungen urteile ob sie göttlichen Ursprunges seien oder nicht Wenn Gott
die Seele mit einem übernatürlichen Licht erleuchtet so löscht er deshalb nicht
sein natürliches Licht aus Wenn wir nach ihm der Wahrheit eines Satzes
zustimmen sollen so begründet er entweder diese Wahrheit durch das gewöhnliche
Verfahren der natürlichen Vernunft oder er gibt es sonst zu erkennen dass es
eine Wahrheit sei der wir auf Grund seines Ansehens beizustimmen haben und
zeigt dies uns durch gewisse Zeichen welche die Vernunft nicht missverstehen
kann Die Vernunft muss zuletzt in allen Dingen unser Richter und Führer sein
Wir brauchen unsre Vernunft nicht zu Rate zu ziehen und nicht zu ermitteln ob
ein von Gott offenbarter Satz durch die natürlichen Mittel aufgefunden werden
kann, und ich will nicht dass, wenn dies nicht möglich er dann verworfen
werden solle allein man muss die Vernunft zu Rate ziehen und die Frage ob es
eine Offenbarung Gottes ist oder nicht prüfen Findet dies die Vernunft, so
erklärt sich dann dieselbe für den Satz wie für jede andere Wahrheit und macht
ihn zu einem ihrer Gebote Jede Täuschung die unsre Einbildungskraft erhitzt
müsste für eine göttliche Eingebung gelten wenn die Stärke der Überzeugung
genügte und wenn die Vernunft ihre Wahrheit nicht nach Etwas dieser
Überzeugung Äußerlichem zu prüfen hätte göttliche Eingebungen und bloßer
Wahn die Wahrheit und die Unwahrheit hätten dann dasselbe Maß und könnten
nicht unterschieden werden.
15 Der Glaube ist kein Beweis für die Offenbarung Wenn dies innere
Licht oder ein Satz den man danach für göttlich eingegeben ansieht sich mit
den Grundsätzen der Vernunft oder mit dem Worte Gottes verträgt was wirklich
offenbart ist so verbürgt ihn die Vernunft; man kann ihn dann getrost für wahr
halten und das eigne Benehmen und Handeln danach einrichten Wenn aber keine
dieser Regeln ein Zeugnis dafür abgibt so kann man ihn nicht für eine
Offenbarung halten und auf diese Gründe seine Wahrheit nicht stützen so lange
man nicht ein anderes Zeichen neben dem eigenen Glauben für seine Offenbarung
hat So hatten die heiligen Männer der alten Zeit die von Gott Offenbarungen
empfingen noch Etwas neben diesem inneren Licht der Überzeugung was ihnen
bezeugte dass die Offenbarung von Gott komme Sie stützten sich hierbei nicht
bloß auf ihre Überzeugung dass diese Überzeugung von Gott komme sondern sie
hatten äußere Zeichen die ihnen über den Urheber dieser Offenbarungen
Gewissheit gaben Und wenn sie Andere davon überführen sollten war ihnen eine
Macht zur Rechtfertigung ihres vom Himmel erhaltenen Auftrags gegeben und sie
konnten durch sichtbare Zeichen das göttliche Ansehen der Botschaft bekräftigen
mit der sie beauftragt waren Moses sah den brennenden Busch der sich nicht
verzehrte und hörte eine Stimme aus demselben dies war etwas Besonderes neben
dem in seiner Seele befindlichen Trieb zu Pharao zu gehen um seine Brüder aus
Ägypten zu führen und doch genügte ihm dies noch nicht um mit dieser Botschaft
vor Pharao zu treten bis Gott durch ein zweites Wunder welches seinen Stab in
eine Schlange verwandelte ihn der Macht versichert hatte die seine Sendung
bezeugen sollte indem er dasselbe Wunder nochmals vor Denen verrichtete zu
Denen er gesandt war Gideon ward durch einen Engel abgesandt um Israel von den
Midianitem zu befreien und dennoch verlangte er ein Zeichen das ihn
vergewissere dass der Auftrag von Gott komme Diese und andere Beispiele bei
den alten Propheten zeigen dass ihnen das innere Schauen oder die Überzeugung
in ihrer Seele ohne andere Beweise nicht als das genügende Zeugnis dafür
galten dass Etwas von Gott komme wenn auch die heilige Schrift nicht immer
erwähnt dass sie solche Beweise gefordert oder empfangen haben
16 Mit dem hier Gesagten will ich durchaus nicht bestreiten dass Gott
mitunter durch seinen unmittelbaren Einfluss die Seele eines Menschen zur
Annahme einer Wahrheit erleuchte oder ihn zu guten Handlungen antreibe der
heilige Geist unterstützt ihn ohne dass dabei außerordentliche Zeichen
hinzukommen Aber auch in solchen Fällen hat man die Bibel und die Vernunft als
untrügliche Regeln um zu erkennen ob es von Gott komme oder nicht Ist die
aufgenommene Wahrheit mit den Offenbarungen in Gottes geschriebenem Wort
übereinstimmend oder entspricht die Handlung dem Gebote der rechten Vernunft
und der heiligen Schrift so kann man ohne Gefahr sie als eine Offenbarung
nehmen denn wenn es auch keine solche unmittelbare in außerordentlicher Weise
auf die Seele wirkende sein sollte so kann man doch sicher sein dass sie durch
die Offenbarung verbürgt ist, welche uns Gott als die Wahrheit gegeben hat
Allein man darf sich hierbei nicht auf die Stärke der persönlichen Überzeugung
verlassen und darauf fassend es als ein Licht oder eine Erregung nehmen die vom
Himmel gekommen sei Dies vermag nur das geschriebene Wort Gottes außer uns und
das allen Menschen gemeinsame Maß der Vernunft. Wo die Vernunft und die
Schrift für eine Meinung oder Handlung sind da kann man sie als von Gott
kommend annehmen dagegen kann die Stärke der eignen Überzeugung allein sie
nicht dazu stempeln Die Neigungen unsers Gemüts können sie begünstigen dies
zeigt, dass sie uns lieb ist aber dies beweist in keinem Falle dass sie dem
Himmel entsprungen und göttlichen Ursprunges ist
1 Die Ursachen des Irrtums Da das Wissen nur bei der sichtbaren und
gewissen Wahrheit statthat so ist der Irrtum kein Fehler unsers Wissens
sondern ein Versehen unsers Urteils insofern es dem zustimmt was nicht wahr
ist Wenn sich indes die Zustimmung auf die Wahrscheinlichkeit stützt und wenn
der eigentliche Gegenstand und der Beweggrand der Zustimmung die
Wahrscheinlichkeit ist und diese in dem früher Dargelegten besteht so kann man
fragen wie es komme dass der Mensch seine Zustimmung gegen die
Wahrscheinlichkeit gebe Denn nichts ist häufiger als der Gegensatz der
Meinungen nichts augenfälliger als dass der Eine das gar nicht glaubt was der
Andere nur bezweifelt und ein Dritter fest glaubt und für die Wahrheit hält
Die Gründe davon sind sehr mannichfach sie werden sich indes auf folgende vier
Arten zurückführen lassen
1 Mangel an Beweisen
2 Mangel an dem Geschick diese zu benutzen
3 Mangel an dem Willen sie zu benutzen
4 Ein falsches Abmessen der Wahrscheinlichkeit.
2 Der Mangel an Beweisen Unter Mangel an Beweisen verstehe ich nicht bloß
den Mangel solcher Beweise die es überhaupt nicht gibt und die man daher nicht
haben kann sondern auch den Mangel an Beweisen die an sich vorhanden sind und
erlangt werden können. So fehlen Dem die Beweise der nicht die Gelegenheit zu
Beobachtungen und Versuchen hat welche als Beweise eines Satzes benutzt werden
können, oder der nicht die Zeugnisse Anderer sammeln und untersuchen kann In
dieser Lage befindet sich der größte Teil der Menschen die auf die Arbeit
angewiesen sind und durch die Not ihrer dürftigen Lage gezwungen ihr Leben
nur in der Beschaffung der dringendsten Bedürfnisse verbringen Für diese
Menschen ist die Gelegenheit zu Untersuchungen und zur Sammlung von Wissen
gewöhnlich so beschränkt wie ihre Mittel ihr Verstand ist nur wenig
unterrichtet da sie alle ihre Zeit und Muße verwenden müssen um den Hunger
ihres Leibes und das Geschrei ihrer Kinder zu stillen Ein Mensch welcher sein
ganzes Leben in einem Laden hin und herläuft kann kaum von den Dingen, die in
der Welt geschehen mehr wissen als ein Packpferd was in einer engen Gasse und
auf einer schmutzigen Straße zu Markte hin und hergeht von der Geographie des
Landes weiß Wem die Müsse die Bücher die Sprachkenntnisse und der Verkehr
mit mancherlei Menschen abgeht kann nicht wohl jene Zeugnisse und Beobachtungen
sammeln die vorhanden sind und die zur Begründung der meisten Sätze nötig
sind welche für die menschliche Gesellschaft als die wichtigsten gelten ebenso
wenig kann er genügende Gründe zu einem so starken Glauben auffinden um darauf
weiter zu bauen Deshalb ist der größte Teil der Menschen nach der
unabänderlichen und natürlichen Lage der Dinge in dieser Welt und nach der
Verfassung des menschlichen Verkehrs der Unwissenheit rücksichtlich der Beweise
überliefert worauf Andere ihre Ansicht gründen und die dazu erforderlich sind
Dieser große Teil der Menschheit hat so viel mit Gewinnung seines
Lebensunterhalts zu tun dass er nicht nach gelehrten und mühsamen
Untersuchungen sich umschauen kann
3 Antwort auf die Frage was aus Denen werden soll Denen dies abgeht Was
soll man hierzu sagen Ist der größte Teil der Menschen durch den Zwang ihrer
Lage zur Unwissenheit über die wichtigsten Dinge denn um diese handelt es sich
vor Allem verurteilt Bleibt der großen Masse der Menschheit nur der Zufall
und das blinde Glück als ihr Führer zum Wohle und zum Elend Sind die
herrschenden Meinungen und die zugelassenen Führer in jedem Lande so sicher und
zuverlässig dass Jedermann danach in seinen wichtigsten Angelegenheiten ja in
Bezug auf seine ewige Seligkeit oder Verdammnis sich danach richten kann Und
können Die als sichere und untrügliche Orakel und Maße der Wahrheit gelten
welche in der Christenheit Dies und in der Türkei Jenes lehren Oder soll ein
armer Bauer in Ewigkeit glücklich werden bloß weil er zufällig in Italien
geboren ist und der Tagelöhner unwiederbringlich verloren sein der
unglücklicher Weise in England geboren ist Man pflegt zwar mit solchen
Aussprüchen leicht bei der Hand zu sein allein sicher muss Eines oder das
Andere davon wahr sein wähle man welches man wolle oder man muss zugestehen
dass Gott die Menschen mit Vermögen ausgestattet hat die für ihre Leitung auf
richtigem Wege genügen sofern sie nur ernsten Gebrauch davon machen so weit
ihre gewöhnlichen Geschäfte ihnen die Müsse dazu lassen Niemand ist mit der
Beschaffung seines Lebensunterhalts so in Anspruch genommen dass er nicht auch
Zeit hätte an seine Seele zu denken und sich in der Religion zu unterrichten
Wäre man hier so eifrig wie in geringfügigem Dingen so würde auch der
bedrängteste Mensch Zeit finden die er zur Vermehrung seines Wissens benutzen
könnte
4 Das Volk ist an der Untersuchung gehindert Neben Denen welche durch
ihre geringen Mittel an der Ausbildung ihres Wissens gehindert sind gibt es
Andere deren Vermögen ihnen die Benutzung der Bücher und andere Erfordernisse
für Aufklärung der Zweifel und Gewinnung der Wahrheit reichlich gestattet die
aber in Behausungen durch die Landesgesetze eingeschlossen sind und von Denen
bewacht werden welchen daran liegt sie in Unwissenheit zu erhalten damit
nicht die Zunahme des Wissens die Abnahme des Glaubens zur Folge habe Diese
entbehren ebenso ja noch mehr die Freiheit und Gelegenheit zu guten
Untersuchungen als jene vorher erwähnten armen Tagelöhner Sie scheinen oft
groß und erhaben allein trotzdem ist ihr Denken beschränkt und sie sind
Sklaven da wo der Mensch am freiesten sein sollte nämlich in ihrem Verstande
Dies gilt meist für Die welche an Orten leben wo man sagt dass die Wahrheit
ohne die Wissenschaft verbreitet werde wo man zur Religion des Landes gezwungen
wird und Meinungen hinunterschlucken muss wie der Kranke die Pillen ohne zu
wissen woraus sie bestehen was sie bewirken nur in dem Glauben dass sie
helfen werden Allein jene sind noch elender weil sie das Einnehmen nicht
verweigern und den Arzt nicht wählen dürfen dem sie sich anvertrauen wollen
5 2 Mangel an Geschick die Beweise zu benutzen Zweitens trifft die
Unwissenheit Die welche die Zeugnisse für gewisse Wahrscheinlichkeiten nicht zu
benutzen verstehen Sie vermögen nicht einer Reihe von Folgen in Gedanken
nachzugehen und das Übergewicht entgegenstehender Gründe und Zeugnisse zu
erwägen und jenen Umständen die gehörige Berücksichtigung angedeihen zu lassen
so dass sie unwahrscheinlichen Sätzen zustimmen Es sind Leute die nur ein oder
zwei Syllogismen fassen können und die nur einen Schritt auf einmal tun können
Sie erkennen nicht wo die stärksten Beweise liegen und vermögen selbst die
wahrscheinlichste Ansicht nicht zu verfolgen Niemand der mit seinen
Nebenmenschen etwas verkehrt hat wird bestreiten dass die Menschen nach ihren
Verstandeskräften sehr verschieden sind sollte er auch niemals im Parlament und
auf der Börse oder in einem Armenhause oder in einem Irrenhause gewesen sein
Ich habe hier nicht zu prüfen ob diese großen geistigen unterschiede bei den
Menschen von einem Mangel in den körperlichen Organen herkommen welche für das
Denken eingerichtet sind oder von einem Mangel an Übung dieser Vermögen so
dass sie unbeholfen und schwerfällig bleiben oder von einem natürlichen
Unterschied der Seelen selbst, oder von mehreren oder allen diesen Umständen
zusammen allein so viel ist sicher dass in dem Verstande, in der Auffassung
und dem Vernunftgebrauche bei den Menschen Verschiedenheiten bis zu einem Grade
bestehen dass man ohne dem Menschen Unrecht zu tun sagen kann der
Unterschied zwischen einzelnen Menschen sei hierin grösser wie der zwischen
Mensch und Thier überhaupt Wie dies komme ist zwar eine Frage von Wichtigkeit
aber sie gehört nicht hierher
6 3 Mangel an Wollen sie zu benutzen Drittens gibt es eine Klasse
Leute denen die Beweise mangeln nicht weil sie außer ihrem Bereiche liegen
sondern weil sie sie nicht benutzen mögen Sie haben die Mittel und die
hinreichende Müsse es fehlt ihnen weder an Talent noch Hülfe allein trotzdem
sind sie um nichts gebessert Die hitzige Jagd nach Vergnügen oder ein stetes
Versunkensein in ihre Geschäfte fesselt ihre Gedanken Andere werden überhaupt
durch Trägheit und Nachlässigkeit oder durch eine besondere Scheu vor Büchern
Studieren und Nachdenken von jedem ernsten Überlegen abgehalten Manche scheuen
wieder eine unparteiische Untersuchung weil sie den Ansichten schaden könnte
die ihren Vorurteilen Absichten und ihrer Lebensweise entsprechen sie
begnügen sich deshalb ungeprüft das im Vertrauen anzunehmen was ihnen passt
oder Mode ist So verbringen Viele wenn sie auch anders könnten ihr Leben
ohne das Wahrscheinliche kennen zu lernen geschweige ihm aus Vernunftgründen
zuzustimmen obgleich es sie nahe angeht und ihnen auch so nahe liegt dass sie
zu dessen Erkenntnis nur die Augen darauf zu richten brauchen Ich kenne
Personen die keinen Brief lesen von dem sie üble Nachrichten befürchten und
Manche unterlassen die Aufmachung ihrer Rechnungen und die Übersicht ihres
Vermögens weil sie fürchten dass ihre Geschäfte sich in schlechtem Stande
befinden Ich weiß nicht wie Menschen deren Mittel ihnen gestatten ihre
Müsse zur Bereicherung ihres Verstandes zu verwenden sich mit einer trägen
Unwissenheit genügen lassen können jedenfalls denken sie sehr niedrig von ihrer
Seele wenn sie ihr Einkommen ganz auf den Unterhalt des Leibes verwenden und
nichts für die Mittel des Wissens verausgaben Sie halten streng darauf immer
äußerlich fein und glänzend zu erscheinen und würden über ein grobes Kleid oder
einen geflickten Rock höchst unglücklich sein allein es macht ihnen keine
Sorge wenn ihre Seele sich Andern in einer scheckigen Livrée von groben Flicken
und geborgten Fetzen zeigt wie das gute Glück oder ihr Dorfschneider ich meine
die Ansichten Derer mit Denen sie umgegangen sind sie aufgeputzt hat Ich
erwähne nicht wie verkehrt dies für Menschen ist die an ein künftiges Leben
und ihren Teil daran glauben was doch kein vernünftiger Mann vermeiden kann
ich erinnere auch nicht an die Beschämung und Verwirrung wenn diese Verächter
der Wissenschaft in Dingen dieser Art sich unwissend zeigen allein so viel
sollte doch wenigstens jeder Gebildete bedenken dass, wenn auch ihre Geburt und
ihr Vermögen ihnen Zutrauen Ansehen Macht und Würde verleihen dies doch alles
Männern niederen Herkommens gegenüber verschwindet wenn sie von denselben in
Kenntnissen übertroffen werden Wer blind ist wird sich immer durch Sehende
führen lassen müssen wenn er nicht in den Graben fallen will und der ist am
meisten untertänig und ein Sklave bei dem dies für seinen Verstand gilt
Bisher habe ich die Gründe dargelegt welche die Zustimmung falsch bestimmen
und bewirken dass wahrscheinliche Lehren nicht immer mit einer ihrer
Wahrscheinlichkeit entsprechenden Zustimmung angenommen werden indes sind
bisher nur solche Wahrscheinlichkeiten in Betracht gezogen worden für welche
Gründe vorhanden sind, die sich nur Dem der irrt nicht zeigen
7 4 Die falsche Bemessung der Wahrscheinlichkeit; weshalb Indes sind
noch viertens die Fälle übrig wo die wirkliche Wahrscheinlichkeit wohl sich
zeigt und klar vorliegt aber doch die Überzeugung zurückgehalten und den
offenbaren Gründen nicht nachgegeben wird Dahin gehört es wenn man epechei
dh seine Zustimmung anhält oder sie der unwahrscheinlichsten Ansicht gewährt
Dieser Gefahr ist man ausgesetzt wenn man ein falsches Maß für die
Wahrscheinlichkeit anwendet Dies liegt
1 in Sätzen die in sich selbst nicht gewiss und offenbar sondern zweifelhaft
oder falsch sind aber dennoch als Grundsätze festgehalten werden
2 In angenommenen Hypothesen
3 In vorherrschenden Leidenschaften und Neigungen
4 In den Autoritäten
8 Zweifelhafte Sätze die für Grundsätze gelten Erstens Die nächste und
festeste Grundlage der Wahrscheinlichkeit ist die Übereinstimmung eines Dinges
mit unseren eignen Kenntnissen insbesondere mit denen die man als Grundsätze
sich angeeignet hat und festhält Diese haben so großen Einfluss auf unser
Meinen dass wir meist danach über die Wahrheit entscheiden und danach abmessen
ob die Wahrscheinlichkeit sich mit diesen Grundsätzen verträgt Wo dies nicht
der Fall ist, da gilt Etwas für unmöglich Das Ansehen dieser Grundsätze ist so
groß und übersteigt so sehr jedes andere Wissen dass nicht bloß das Zeugnis
Anderer sondern selbst das der eignen Sinne verworfen wird wenn sie etwas
gegen diese angenommenen Regeln geltend machen wollen Ich will hier nicht
untersuchen wie viel die Lehre von angeborenen Grundsätzen die deshalb nicht
bewiesen und bezweifelt werden dürfen hierzu beigetragen haben mag Ich gebe
hier zu dass eine Wahrheit der andern nicht widersprechen kann allein daneben
muss auch Jeder in Annahme von Grundsätzen vorsichtig sein er muss sie streng
prüfen und sehen ob er sie vermöge ihrer eignen Gewissheit für wahr hält oder
ob es nur im Vertrauen auf das Ansehen Anderer geschieht Denn der Verstand ist
sehr verschroben und die Zustimmung wird irregeleitet wenn falsche Grundsätze
aufgenommen werden und man sich blind dem Ansehen einer Meinung unterworfen hat
die an sich selbst nicht offenbar wahr ist
9 Es ist sehr gewöhnlich dass Kinder von ihren Eltern Ammen und ihrer
Umgebung Sätze namentlich über Religion in ihre Seele aufnehmen die ihrem
unbesorgten und noch unbefangenen Verstande eingeflößt werden und sich
allmählich so festsetzen gleichviel ob sie wahr oder falsch sind dass sie
durch Erziehung und lange Gewohnheit zuletzt wie eingenietet sind und nicht mehr
beseitigt werden können. Denn wenn der Erwachsene seine Meinungen erwägt und
hier solche findet die so alt sind als er denken kann ohne zu wissen dass
sie ihm eingeflößt und durch Mittel zugeführt worden die als heilige Dinge ihn
mit Ehrfurcht erfüllten und keine Entheiligung Untersuchung oder Bezweiflung
gestatteten so blickt er auf sie als das Urim und Thummim das von Gott selbst
in den Seelen gerichtet ist um über Wahrheit und Irrtum zu entscheiden und
über alle Streitigkeiten in letzter Instanz zu richten
10 Wenn solche Grundsätze mögen sie sein welche sie wollen sich einmal in
der Seele befestigt haben so kann man sich leicht vorstellen welche Aufnahme
ein Satz auch wenn er noch so klar bewiesen ist finden wird welcher das
Ansehen jener schwächen oder dieses innere Orakel durchkreuzen könnte während
der gröbste Unsinn und die größten Unwahrscheinlichkeiten wenn sie nur diesen
Grundsätzen entsprechen glatt hinuntergehen und leicht verdaut werden Die
große Hartnäckigkeit mit der Menschen das Entgegengesetzte in den Religionen
fest glauben obgleich Beides oft gleich widersinnig ist, ist die Folge wenn
man von solchen überliefertem Grundsätzen in seinem Denken ausgeht und sein
Urteil darauf stützt Solche Menschen trauen lieber ihren Angen nicht
verzichten auf das Zeugnis ihrer Sinne und halten ihre eigne Erfahrung für
Lüge als dass sie Etwas zuließen was diesen heiligen Sätzen widerspräche Man
nehme einen einsichtigen Katholiken der von dem ersten Beginn seines Denkens
und seiner Begriffe stets den Grundsatz eingeprägt bekommen hat dass er glauben
müsse was die Kirche glaubt nämlich die Kirche seiner Konfession oder dass
der Papst untrüglich sei und der niemals bis zu seinem 40 oder 50sten Jahr
einen Zweifel dagegen vernommen hat so ist dieser gewiss ganz geeignet die
Lehre von der Verwandlung bei dem Abendmahl leicht in sich aufzunehmen trotz
aller Unwahrscheinlichkeit und trotz des klarsten Zeugnisses seiner Sinne
Dieser Grundsatz hat solche Gewalt über seine Seele dass er das für Fleisch
hält was seine Augen als Brot sehen Und wie soll man einen Mann von einer
unwahrscheinlichen Ansicht heilen der mit einigen Philosophen es zu einem
Grundsatz der Vernunft erhoben hat dass er seiner Vernunft wie Manche
fälschlich ihre von ihren Grundsätzen abgeleiteten Gründe nennen selbst gegen
seine Sinne glauben müsse Ist ein Schwärmer von dem Grundsatz erfüllt dass er
oder seine Lehrer göttliche Eingebungen empfangen und durch einen unmittelbaren
Verkehr mit dem heiligen Geist geleitet werden so wird man gegen solche Lehre
vergeblich mit Gründen der klaren Vernunft ankämpfen Wer daher falsche
Grundsätze eingesogen hat kann in Dingen die damit sich nicht vertragen
selbst durch die scheinbarsten Wahrscheinlichkeiten nicht widerlegt werden ehe
er nicht so unbefangen und aufrichtig wird dass er selbst an die Prüfung dieser
Grundsätze geht was indes Viele sich niemals erlauben
11 2 Angenommene Hypothesen Zweitens stehen diesen am nächsten Jene
deren Verstand in eine feste Form gezwängt und gerade nach der Größe einer
angenommenen Hypothese geregelt worden ist. Sie unterscheiden sich von den
Vorigen darin dass sie Tatsachen zulassen und darin mit ihren Gegnern
übereinstimmen aber sie unterscheiden sich in Angabe der Gründe und in der
Erklärung der Wirkungsweise Sie misstrauen ihren Sinnen nicht so offenbar wie
die Frühem sie können behufs Belehrung etwas geduldiger zuhören aber in der
Erklärung der Dinge lassen sie durchaus nicht von ihrer Ansicht und keine
Wahrscheinlichkeit kann sie überführen dass es in diesen Dingen nicht ganz so
hergehe als sie bei sich selbst festgesetzt haben Es wäre ja unerträglich für
einen gelehrten Professor und sein roter Mantel würde erröten wenn sein
vierzigjähriges Ansehen das auf harten griechischen und lateinischen Felsen mit
Verwendung vieler Zeit und Kosten gegründet worden ist und durch allgemeine
Überlieferung und seinen ehrwürdigen Bart bestätigt wird durch einen sich
erhebenden Neuerer in einem Augenblick umgestürzt werden könnte Wie kann man
erwarten ein solcher Mann werde einräumen dass Alles was er seinen Schülern
seit 30 Jahren gelehrt habe nur Irrtum und Unwahrheit gewesen sei und dass er
ihnen schwere Worte und Unwissenheit für schweres Geld verkauft habe Welche
Wahrscheinlichkeit wäre wohl groß genug die ihn hierzu bewegen könnte Wen
würden selbst die überzeugendsten Gründe bestimmen auf einmal all seine alten
Meinungen abzulegen all seine Ansprüche auf Wissen und Gelehrsamkeit für die
er in schwerem Studium die ganze Zeit sich geplagt hat abzutun und sich mit
seiner Blöße in die frische Luft neuer Meinungen hinzustellen Hier vermögen
Gründe so wenig etwas als der Wind wenn der Reisende seinen Mantel ablegen
soll er hält ihn vielmehr nur fester Zu dieser Art Irrtümer gehören auch die
welche zwar auf einer wahren Hypothese oder auf richtigen Grundsätzen fußen
aber sie nicht richtig aufgefasst haben ein Fall der sehr häufig ist wie die
Männer klar zeigen welche für die entgegengesetzten Ansichten kämpfen und diese
dabei alle aus der untrüglichen Wahrheit der Bibel ableiten Alle die sich
Christen nennen gestehen dass der Text mit dem Worte metanoeite zu einer
gewichtigen Pflicht verbindet Allein wie irrtümlich werden Die verfahren die
nur französisch verstehen und diese Regel einmal übersetzen repentez vous dh
bereut es das andere Mal faites pénitance dh tut Busse
12 3 Vorherrschende Leidenschaften Drittens erleiden
Wahrscheinlichkeiten welche von den Begierden und vorherrschenden
Leidenschaften der Menschen durchkreuzt werden dasselbe Schicksal Wenn die
Wahrscheinlichkeit auf der einen Seite bei dem Überlegen eines geizigen
Menschen auch noch so groß ist so ist doch wenn das Geld auf der andern Seite
liegt leicht vorauszusehen welche Seite überwiegen wird Der irdische Sinn
widersteht gleich einer Erdwand den stärksten Batterien und wenn auch
mitunter die Kraft eines klaren Beweisgrundes einen Eindruck hervorbringt so
hält sie dennoch Stand und wehrt den Feind dh die Wahrheit ab der sie
gefangen nehmen oder verjagen will Man sage einem leidenschaftlich Verliebten
dass er gefoppt werde man bringe zwanzig Zeugen welche die Falschheit seiner
Geliebten bekunden und man kann doch zehn gegen eins wetten dass drei
freundliche Worte von ihr all diese Zeugnisse niederschlagen werden Was man
wünscht das glaubt man gern dies wird Jeder mehr als einmal erfahren haben
und wenn die Leute auch nicht offen widersprechen oder der Macht offenbarer
Wahrscheinlichkeiten keinen offenen Widerstand leisten so geben sie doch den
Gründen nicht nach Nicht etwa deshalb weil der Verstand seiner Natur nach sich
nicht stets der wahrscheinlichem Seite zuwendete sondern weil der Mensch die
Kraft hat seine Untersuchung abzubrechen und zu hemmen und die Prüfung wenn es
auch der Gegenstand verträgt nicht vorzunehmen So lang dies ausführbar ist
bleiben immer zwei Wege offen um auch den offenbarsten Wahrscheinlichkeiten
auszuweichen
13 Die Mittel den Wahrscheinlichkeiten auszuweichen 1 Die Annahme der
Trüglichkeit Zuerst sagt man dass da die Gründe in Worten aufgestellt seien
was in der Regel der Fall ist), eine Täuschung dahinter stecken könne und dass
von den vielleicht weitgehenden Folgerungen manche unzusammenhängend sein
könnten Wenige Ausführungen sind so klar kurz und zusammenhängend dass nicht
Viele zu ihrer Genugtuung solche Zweifel erheben könnten so dass sie von deren
Beweiskraft ohne sich dem Vorwurf der Unaufrichtigkeit und Unvernünftigkeit
auszusetzen sich mit dem bekannten Einwände befreien könnten non persuadebis
etiamsi persuaseris dh wenn ich auch nicht antworten kann so will ich es
doch nicht zugestehen
14 2 Vorausgesetzte Gründe für das Gegenteil Zweitens kann man
offenbaren Wahrscheinlichkeiten ausweichen und die Zustimmung verweigern wenn
man vorgibt dass man noch nicht Alles was sich dagegen sagen lasse wisse
Wenn man deshalb auch geschlagen sei so brauche man doch nicht nachzugeben da
man die noch in Rückhalt befindlichen Kräfte nicht kenne Diese Ausflucht gegen
jede Überführung ist so offen und so überall anwendbar dass schwer zu
bestimmen ist wo man sich derselben nicht bedienen könnte
15 Welche Wahrscheinlichkeiten die Zustimmung bestimmen Indes gibt es
doch Ausnahmefälle und wenn man sorgfältig alle Gründe für die
Wahrscheinlichkeit und das Gegenteil untersucht hat das Äußerste in
Ermittlung aller Einzelheiten getan und die Summe auf beiden Seiten gezogen
hat so muss man zuletzt Alles zusammengenommen erkennen wo die
Wahrscheinlichkeit liegt da manche Gründe bei den Beweisen sich auf die
allgemeine Erfahrung stützen und so zwingend und klar und manche Zeugnisse für
die Tatsachen so allgemein sind dass man seine Zustimmung nicht versagen kann
Man kann daher wohl annehmen dass bei Sätzen wo trotz der vorliegenden sehr
erheblichen Beweise doch Grund genug vorhanden ist, entweder eine Täuschung in
den Worten zu befürchten oder wo ebenso gewichtige Gründe für das Gegenteil
sich geltend machen lassen ich sage dass in solchen Fällen die Zustimmung oder
das Anhalten des Urteils oder die gegenteilige Meinung oft willkürliche
Handlungen sind wo aber die Beweise es höchst wahrscheinlich machen und weder
für die Annahme einer Täuschung in den Worten die ja durch ruhige und ernste
Betrachtung entdeckt werden kann) noch dafür ein Grund vorliegt dass gleich
starke aber noch unbekannte Beweise für die andere Meinung sprechen könnten
was ein aufmerksamer Beobachter in manchen Dingen der Natur der Sache nach
ebenfalls ermitteln kann da kann ein Mann der dies erwogen hat seine
Zustimmung kaum für die Seite verweigern wo die Wahrscheinlichkeit sich als die
größte darstellt Ob es zB wahrscheinlich ist dass das Durcheinanderwerfen
der Lettern einer Druckerei eine solche Stellung und Folge ergeben werde dass
ihr Abdruck auf dem Papier einen zusammenhängenden Gedanken bietet oder dass
das blinde zufällige Zusammentreffen der Atome ohne Leitung eines verständigen
Wesens wiederholt die Körper von Tierarten zu Stande bringen werde darüber
wird wohl Niemand einen Augenblick zweifeln und schwanken welcher Seite er sich
zuwenden oder ob er seine Zustimmung überhaupt zurückhalten solle Wenn man
endlich nicht annehmen kann dass ein glaubwürdiges Zeugnis gegen eine bereits
bezeugte Tatsache vorhanden sein könne da wo der Gegenstand seiner Natur nach
unbestimmt ist und gänzlich von der Aussage der Zeugen abhängt noch dass durch
weiteres Forschen ein solches Gegenzeugnis ermittelt werden könnte zB ob vor
1700 Jahren ein Mann wie Julius Cäsar in Rom gelebt habe so kann in all
solchen Fällen ein vernünftiger Mann nicht wohl seine Zustimmung versagen
vielmehr ist sie bei solcher Wahrscheinlichkeit notwendig gegeben und damit
verbunden Ist der Fall weniger klar so kann der Mensch seine Zustimmung
zurückhalten oder sich vielleicht mit den vorliegenden Beweisen zufrieden geben
wenn sie der Meinung günstig sind die seinen Neigungen und seinem Vorteil
entspricht und deshalb mit weiterem Untersuchen aufhören aber dass Jemand seine
Zustimmung der Seite geben sollte welche ihm am wenigsten wahrscheinlich
erscheint dürfte nicht ausführbar ja so unmöglich sein als die Meinung dass
Etwas zugleich wahrscheinlich und unwahrscheinlich sei
16 Wo man seine Zustimmung zurückhalten kann Da das Wissen so wenig wie
das Wahrnehmen von dem Belieben abhängt so hat man auch die Zustimmung so wenig
wie das Wissen in seiner Gewalt Wenn die Seele die Übereinstimmung zweier
Vorstellungen bemerkt sei es unmittelbar oder durch Hülfe der Vernunft, so kann
sie diese Auffassung und dieses Wissen so wenig vermeiden als das Sehen dieser
Gegenstände auf die man am Tage die Angen richtet Was nach vollständiger
Prüfung als das Wahrscheinlichste erscheint dem muss man zustimmen Wenn man
indes das Wissen auch nicht verhindern kann wo die Übereinstimmung einmal
erkannt ist noch die Zustimmung versagen wo nach gehöriger Betrachtung aller
Umstände die Wahrscheinlichkeit sich klar offenbart so kann man doch sowohl das
Wissen wie die Zustimmung anhalten wenn man mit der Untersuchung anhält und
seine Kräfte zur Aufsuchung der Wahrheit gar nicht anwendet Dadurch kann man in
manchen Fällen der Zustimmung zuvorkommen oder sie zurückhalten allein kann
wohl ein Mann der in der alten und neuen Geschichte bewandert ist zweifeln ob
es eine Stadt wie Rom gibt oder ob es einen Mann wie Julius Cäsar gegeben
habe Allerdings gibt es Millionen Wahrheiten die zu wissen Niemand
interessieren mag zB ob unser König Richard III lahm gewesen ob Roger Bacon
ein Mathematiker oder Magier gewesen In solchen Fällen wo die Zustimmung zu
einer bestimmten Meinung dem Einzelnen gleichgültig ist und keine Unternehmung
oder Nutzen davon bedingt ist erklärt es sich dass man der gewöhnlichen
Ansicht zustimmt oder dem Ersten der da kommt beitritt Solche Meinungen sind
von so geringem Gewicht dass man um sie sich so wenig wie um die Stäubchen im
Sonnenschein bekümmert man nimmt sie wie der Zufall sie gibt und lässt die
Seele sich frei bestimmen Allein wo man bei einem Satze beteiligt ist wo sich
an die Zustimmung oder Ablehnung erhebliche Folgen knüpfen und Glück oder Elend
von der Wahl abhängt wo deshalb die Wahrscheinlichkeit auf beiden Seiten
ernstlich untersucht und geprüft wird da steht es nicht in unsrer Macht
beliebig eine Seite zu wählen sobald eine offenbare Ungleichheit für die zwei
Seiten vorliegt Dann bestimmt vielmehr die größere Wahrscheinlichkeit die
Zustimmung, und der Mensch muss zustimmen und für wahr halten ebenso wie er die
Wahrheit wissen muss wenn er die Übereinstimmung oder den Gegensatz zwischen
zwei Vorstellungen bemerkt hat Wenn dem so ist so liegt der Grund des
Irrtums also in einer falschen Abmessung der Wahrscheinlichkeit, wie der Grund
des Lasters in einer falschen Abmessung des Guten liegt
17 4 Die Autorität Die vierte und letzte falsche Abmessung der
Wahrscheinlichkeit, welche mehr Menschen in Unwissenheit und Irrtum erhält als
alle andern zusammen ist in dem vorgehenden Kapitel behandelt ich meine den
Fall wo man seine Zustimmung den angenommenen und herrschenden Meinungen seiner
Freunde seiner Partei seiner Nachbarschaft oder seines Landes gibt Wie Viele
haben für ihre Meinungen keinen Grund weiter als den dass ehrliche oder
gelehrte oder zahlreiche Personen die gleiche Meinung haben Als wenn ehrliche
oder studierte Leute sich nicht irren könnten oder als wenn die Wahrheit von der
Mehrheit der Stimmen abhinge Dennoch genügt dies den meisten Menschen Ein Satz
hat das Zeugnis ehrwürdigen Altertums für sich er kommt mit einem Pass
früherer Zeitalter und deshalb nimmt man ihn ohne Bedenken auf Andere haben
die gleiche Meinung gehabt oder haben sie noch das ist Alles was man sagen
kann und deshalb ist es vernünftig dass man ihr ebenfalls beitrete Allein
man könnte noch mit mehr Recht seine Meinung mit Feuer und Schwert verteidigen
als sie nach solchen Gründen bestimmen Jeder kann sich irren und die Meisten
unterliegen hier wenn Leidenschaft oder Eigennutz sie in Versuchung führen
Könnte man die geheimen Beweggründe nur sehen welche berühmte und gelehrte
Männer und die Führer der Parteien bestimmen so würde man finden dass es nicht
immer die Wahrheit als solche war die sie die Lehren annehmen ließ welche sie
bekennen und aufrecht halten So viel ist wenigstens gewiss dass es keine noch
so unsinnige Meinung gibt die man aus diesem Grunde nicht annehmen könnte Es
gibt keinen Irrtum der nicht seine Bekenner hat und selbst die krummsten
Wege werden gewählt wenn man um auf dem rechten Wege zu sein nur den
Fußtapfen Anderer zu folgen braucht
18 Die Menschen stecken nicht so im Irrtum wie man meint Trotz des
großen Lärms den man in der Welt über Irrtümer und Meinungen macht muss man
doch zu Ehren der Menschheit anerkennen dass die Zahl Derer welche im Irrtum
und falschen Ansichten befangen sind nicht so groß ist als man gewöhnlich
glaubt Nicht weil ich dächte sie besäßen die Wahrheit sondern weil sie über
Lehren von denen viel Aufhebens gemacht wird überhaupt keine Gedanken und
Meinung haben Wollte man die Anhänger der verschiedenen Religionssekten in der
Welt ausfragen so würde sich finden dass die Meisten nicht so eifrig sind und
keine eigne Ansichten haben noch weniger haben Die welche diese Ansichten
festhalten sie in Folge einer Prüfung der Gründe und der Wahrscheinlichkeit
angenommen Sie halten sich zu der Partei zu der ihre Erziehung oder ihr
Vorteil sie geführt hat hier zeigen sie wie die gemeinen Soldaten eines
Heeres ihren Muth und Eifer so wie die Führer es haben wollen ohne die Sache
für die sie streiten zu kennen oder geprüft zu haben Wenn das Leben eines
Menschen zeigt dass er sich aus der Religion nicht viel macht weshalb sollte
er da sich den Kopf zerbrechen für die Lehren seiner Kirche und sich mit Prüfung
der Gründe für diese oder jene Meinung belästigen Es genügt ihm dem Feldherrn
zu gehorchen seine Hand und seine Zunge zur Unterstützung der gemeinsamen Sache
bereit zu halten und nebenbei sich dem zuzuwenden was ihm Ansehen Ehre und
Schutz in seiner Gesellschaft verschaffen kann So werden die Menschen Bekenner
und Verteidiger von Meinungen ohne davon überzeugt zu sein ja sie sind ihnen
nicht einmal durch den Kopf gegangen Deshalb kann man allerdings die Zahl der
unwahrscheinlichen oder irrigen Meinungen in der Welt nicht kleiner machen als
sie ist allein sicherlich stimmen ihnen nicht so Viele bei und halten nicht so
Viele sie für wahr als man glaubt
1 Drei Klassen Alles was in den Bereich des menschlichen Verstandes
fallen kann betrifft entweder 1 die Natur der Dinge an sich ihre Beziehungen
und Wirksamkeit oder 2 das was der Mensch als ein vernünftiges und freies
Wesen für seine Zwecke insbesondere für sein Glück zu tun hat oder 3 die
Mittel und Wege wodurch die Erkenntnis eines von beiden erlangt und
mitgeteilt wird deshalb werden die Wissenschaften hiernach in drei Klassen
zerfallen
2 Die Physik Die erste umfasst also das Wissen der Dinge, wie sie in
ihrer eignen Natur sind ihre Verfassung Eigenschaften und Wirkungen worunter
ich nicht bloß die Körper, sondern auch die Geister verstehe die ebenso wie
die Körper, ihre eignen Naturen Verfassungen und Wirksamkeiten haben Dies
nenne ich in einem etwas weitem Sinne des Wortes die Physik oder die
Naturwissenschaft Ihr Zweck ist nur die Erkenntnis der Wahrheit und Alles
was dazu beiträgt fällt darunter also auch Gott die Engel die Geister wie
die Körper und deren Eigenschaften als die Zahl Gestalt usw
3 Die praktische Wissenschaft Die zweite ist die praktische oder die
Kunst die eignen Kräfte und das Handeln so auszuüben dass man das Gute und
Nützliche erreicht Die wichtigste unter diesen Wissenschaften ist die Ethik
welche die Regeln und den Anhalt für die menschlichen Handlungen die zu der
Glückseligkeit führen und die Mittel sie zu erlangen aufsucht Das Ziel ist
hier nicht ein bloßes Wissen und die bloße Erkenntnis der Wahrheit sondern
das Recht und ein dem entsprechendes Verhalten
4 Die bezeichnende Wissenschaft Die dritte Klasse kann sêmeiotikê oder
die Lehre von den Zeichen genannt werden. Da die Worte die gebräuchlichsten
Zeichen sind so heißt sie auch passend logikê oder die Logik. Sie beschäftigt
sich mit Betrachtung der Zeichen für das Verständnis der Dinge oder für die
Mittheilung des Wissens an Andere Denn die Dinge sind dem Verstande, mit
Ausnahme seiner selbst, nicht gegenwärtig deshalb bedarf es eines Andern was
das Zeichen oder die Darstellung des betrachteten Dinges ist und ihm gegenwärtig
ist; dies sind die Vorstellungen. Allein die Scene dieser Vorstellungen, welche
das Denken ausmachen kann dem unmittelbaren Blick Anderer nicht offengelegt
werden sie kann auch nur als solche in dem Gedächtnis aufbewahrt werden was
kein sehr sicheres Behältnis ist deshalb bedarf es der Zeichen für die
Vorstellungen, teils um die Gedanken einander mitzuteilen teils um sich
ihrer zu seinen eignen Zwecken erinnern zu können Die artikulierten Laute haben
sich dazu am zweckmäßigsten erwiesen und sind deshalb im allgemeinen Gebrauche
Deshalb bildet die Betrachtung der Vorstellungen und Worte welche die großen
Werkzeuge des Wissens sind keinen geringen Teil des menschlichen Wissens wenn
man dasselbe in seiner ganzen Ausdehnung betrachtet Würden diese Werkzeuge
genau erwogen und gehörig untersucht so gäbe dies vielleicht eine andere Art
von Logik und Kritik als die bis jetzt bekannte
5 Dies ist die oberste Einteilung der Gegenstände des Wissens.) Dies
scheint mir die oberste und allgemeinste und zugleich natürlichste Einteilung
der Gegenstände des Wissens zu sein denn man kann seine Gedanken nur richten
entweder auf die Betrachtung der Dinge selbst, zur Entdeckung der Wahrheit oder
auf die Dinge innerhalb seiner Macht dh auf sein Handeln zur Erreichung
seiner Absichten oder auf die Zeichen deren man sich für jene beiden bedient
und auf deren richtige Ordnung zur bessern Belehrung Diese drei nämlich die
Dinge so weit sie in sich selbst Gegenstände des Wissens sind die Handlungen
so weit sie von uns abhängen und auf das Glück abzielen und der richtige
Gebrauch der Zeichen für das Wissen sind durchaus verschieden und stellen sich
deshalb als die drei großen Gebiete der geistigen Welt dar von denen jedes für
sich besteht und von dem andern ganz getrennt ist
Ende