
        
                                
                           Gottfried Wilhelm Leibniz
                Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand
                                (Nouveaux essais
                           sur l'entendement humain)                                  
  Vorrede
    Da die von einem berühmten Engländer veröffentlichte Abhandlung über den
menschlichen Verstand eines der schönsten und geschätztesten Werke unserer Zeit
ist, so habe ich mich entschlossen, Bemerkungen dazu zu machen, weil ich, nach
langem Nachdenken über denselben Gegenstand und den grössten Teil der davon
berührten Materien, dies für eine gute Gelegenheit halte, darüber etwas unter
dem Titel »Neue Abhandlungen über den Verstand« erscheinen zu lassen und meinen
Gedanken eine günstige Aufnahme zu verschaffen, indem ich sie in so gute
Gesellschaft bringe. Auch glaubte ich die Arbeit eines anderen dazu gebrauchen
zu dürfen, um nicht nur die meinige zu verringern (weil es in der Tat weniger
Mühe macht, dem Wege eines guten Schriftstellers zu folgen, als in allen Stücken
auf eigene Kosten zu arbeiten), sondern um auch dem, was er uns gegeben hat,
etwas hinzuzufügen, was immer leichter ist, als von vorn anzufangen. Denn ich
glaube, einige von ihm übrig gelassene Schwierigkeiten gehoben zu haben. So
gereicht mir sein Ruf zum Vorteil, übrigens gern geneigte Gerechtigkeit zu üben
und weit entfernt, die Achtung, welche man für jenes Werk hegt, herabzusetzen,
würde ich sie vielmehr vergrössern, wenn mein Beifall von Gewicht wäre.
    Allerdings bin ich oft ganz anderer Ansicht als er; aber weit entfernt, das
Verdienst jenes berühmten Schriftstellers darum in Abrede zu stellen, lasse ich
ihm vielmehr Gerechtigkeit widerfahren, indem ich angebe, worin und warum ich
mich von seiner Meinung entferne, wann ich es zu verhüten für notwendig halte,
dass sein Ansehen in einigen wesentlichen Punkten der Sache selbst Abbruch tue.
Indem man ausgezeichneten Männern Genugtuung widerfahren lässt, macht man die
Wahrheit nur um so willkommener, denn für sie, wie man anzunehmen hat, haben sie
ja besonders sich bemüht. Obgleich der Verfasser der Abhandlung ausserordentlich
viel Gutes beibringt, dem ich beistimme, so sind doch in der Tat unsere Systeme
bedeutend voneinander verschieden. Das seinige hat mehr Verwandtschaft mit
Aristoteles, und das meinige mit Plato, obwohl wir uns in vielen Stücken alle
beide von der Lehre dieser zwei Alten entfernen. Er ist allgemein
verständlicher, und ich für meinen Teil bin mitunter gezwungen, ein wenig mehr
akroamatisch und abstrakt zu sein, was für mich, zumal ich in einer lebenden
Sprache schreibe, kein Vorteil ist. Indessen glaube ich dadurch, dass ich zwei
Personen redend einführe, wovon die eine die aus der Abhandlung unseres
Verfassers gezogenen Ansichten vorträgt, die andere meine Bemerkungen hinzufügt,
die Parallele dem Leser zugänglicher zu machen, als es ganz trockene Bemerkungen
tun würden, deren Lektüre in jedem Augenblick durch die Notwendigkeit
unterbrochen würde, auf sein Buch zurückzugehen, um das meinige zu verstehen. Es
wird jedoch gut sein, mitunter unsere Schriften noch zu vergleichen und seine
Ansichten nur aus seinem eigenen Werke zu beurteilen, obgleich ich in der Regel
dessen Ausdrücke beibehalten habe. Allerdings hat der durch den fremden Vortrag
auferlegte Zwang, dass man mit seinen Bemerkungen dem Faden jenes folgen muss,
bewirkt, dass ich das Anmutige des dialogischen Vertrags zu treffen nicht
erwarten durfte, aber ich hoffe, dass der Inhalt selbst das Mangelhafte der Form
gut machen wird.
    Die Verschiedenheit unserer Ansichten betrifft gar wichtige Gegenstände. Es
handelt sich darum, zu wissen, ob nach Aristoteles und dem Verfasser der
Abhandlung die Seele an und für sich ganz leer ist, wie eine noch unbeschriebene
Schreibtafel (tabula rasa), und ob alles, was darauf verzeichnet ist, einzig von
den Sinnen und der Erfahrung herrührt, oder ob die Seele ursprünglich die
Prinzipien mehrerer Begriffe und Lehren, welche die äusseren Gegenstände nur
gelegentlich in ihr wieder erwecken, in sich erhält, wie ich es mit Plato und
selbst mit der Schulphilosophie und mit allen denen glaube, welche in dieser
Bedeutung die Stelle des h. Paulus (Br. a. d. Röm. K. 2 V. 15) nehmen, worin er
bemerkt, dass das Gesetz Gottes in die Herzen geschrieben sei. Die Stoiker,
nannten diese Prinzipien Gemeinbegriffe (Notiones communes, prolêpseis) d.h.
Grundannahmen oder das, was man von vornherein als zugestanden setzt. Die
Matematiker nennen sie auch Gemeinbegriffe (notiones communes, koinas ennoias).
Die neueren Philosophen geben ihnen andere schöne Namen, und Julius Scaliger
insbesondere nannte sie semina aeternitates (Samenkörner der Ewigkeit), ebenso
Zopyra, als ob er sagen wollte: lebendiges Feuer, leuchtende, in unserem Innern
verborgene Züge, welche die Begegnung der Sinne mit den äusseren Gegenständen
gleich den aus einem Gewehr durch das Losdrücken springenden Funken hervorbringt
und nicht ohne Grund glaubt man, dass diese Geistesblitze etwas Göttliches und
Ewiges zu bedeuten haben, welches vor allem in den notwendigen Wahrheiten
erscheint. Daraus entsteht eine andere Frage, ob nämlich alle Wahrheiten von der
Erfahrung, d.h. von der Induktion und den Beispielen abhängen, oder ob es deren
gibt, welche noch einen anderen Grund haben. Denn wenn manche Ereignisse ohne
jede damit gemachte Probe vorher gesehen werden können, so ist offenbar, dass wir
etwas von unserer Seite dazu beitragen. Die Sinne mögen zwar für alle unsere
tatsächlichen Erkenntnisse notwendig sein, sind aber doch nicht ausreichend, um
sie uns alle zu gewähren, weil sie, die Sinne, stets nur Beispiele, d.h.
besondere oder individuelle Wahrheiten geben. Nun genügen aber alle Beispiele,
die eine allgemeine Wahrheit bestätigen, mögen sie noch so zahlreich sein,
nicht, um die allgemeine Notwendigkeit eben dieser Wahrheit darzutun, denn es
folgt nicht, dass das, was geschehen ist, immer ebenso geschehen werde. Die
Griechen und Römer und alle übrigen Völker haben z.B. von jeher bemerkt, dass vor
Ablauf von 24 Stunden der Tag sich in Nacht und die Nacht in Tag wandle. Man
würde sich aber sehr geirrt haben, wenn man geglaubt hätte, dass dieselbe Regel
überall zutrifft da beim Besuch von Nova Zembla das Gegenteil bemerkt worden
ist. Und auch derjenige würde sich sehr täuschen, der da glauben wollte, dass
dies wenigstens in unserer Zone eine notwendige und ewige Wahrheit sei, weil man
annehmen muss, dass die Erde und selbst die Sonne nicht notwendig existieren, und
vielleicht einmal eine Zeit kommt, wo dies schöne Gestirn mit seinem ganzen
System, wenigstens in seiner gegenwärtigen Gestalt, nicht mehr sein wird. Daraus
erhellt, dass die notwendigen Wahrheiten, wie man solche in der reinen
Matematik, besonders in der Aritmetik und in der Geometrie findet, auf
Grundsätzen ruhen müssen, deren Beweis nicht von den Beispielen und folglich
auch nicht vom Zeugnis der Sinne abhängt, obgleich man ohne die Sinne niemals
darauf gekommen sein würde, daran zu denken. Dies muss man also sorgfältig
unterscheiden und das hat denn auch Euclid sehr wohl begriffen, indem er das,
was man durch die Erfahrung und die sinnlichen Bilder hinlänglich erkennen kann,
aus der Vernunft beweist. Auch die Logik nebst der Metaphysik und der Moral
wovon die erstere die natürliche Teologie die andere die natürliche
Rechtswissenschaft bildet, sind voll solcher Wahrheiten, und folglich kann deren
Beweis nur aus inneren Grundsätzen, welche man angeboren nennt, stammen.
Allerdings darf man sich nicht einbilden, dass man diese ewigen Vernunftgesetze
in der Seele wie in einem offenen Buche lesen könne so wie das Edikt des Prätors
sich ohne Mühe und Untersuchung aus seinem Album lesen lässt, aber es reicht hin,
dass man sie mittels der Aufmerksamkeit in uns entdecken kann, wozu die Sinne die
Gelegenheiten bieten. Das Resultat der Erfahrungen dient der Vernunft zur
Bestätigung, ungefähr so, wie die Proben in der Aritmetik dazu dienen,
Rechnungsfehler besser zu vermeiden, wenn die Berechnung lang ist.
    Eben hierin unterscheiden sich denn auch die Erkenntnisse der Menschen von
denen der Tiere. Die Tiere sind bloss auf die Erfahrung angewiesen und richten
sich nur nach Beispielen denn soviel sich urteilen lässt, kommen sie niemals
dahin, notwendige Sätze zu bilden, während die Menschen zu demonstrativen
Wissenschaften fähig sind. Das Vermögen der Tiere, Folgerungen zu ziehen, ist
daher etwas der den Menschen innewohnenden Vernunft nicht Ebenbürtiges. Die
Folgerungen, welche die Tiere machen, sind gleichsam nur die einfacher Empiriker
welche behaupten, dass das, was einige Male geschehen ist, noch einmal geschehen
werde, wo das ihnen Auffällige wiederkehrt, ohne dass sie dabei beurteilen
können, ob wieder dieselben Ursachen obwalten. Das ist der Grund, warum es den
Menschen so leicht ist, Tiere zu fangen, und warum es den einfachen Empirikern
so leicht ist, Fehler zu machen. Selbst durch Alter und Erfahrung gewiegte Leute
sind davon nicht frei, wenn sie sich zu sehr auf ihre Erfahrung verlassen, wie
dies manchen in bürgerlichen und kriegerischen Dingen vorgekommen ist. Man zieht
alsdann nicht genug in Erwägung, dass die Welt sich ändert und die Menschen
geschickter werden, indem sie tausend neue Kunstgriffe erfinden, während die
Hirsche und Hasen der Gegenwart nicht schlauer sind, als die der Vergangenheit.
Die Folgerungen der Tiere sind nur ein Schatten von Vernunftschlüssen, nämlich
nur eine Verknüpfung in der Phantasie und der Übergang von einem Bilde zum
anderen, indem sie bei einem neuen Falle, der dem vorhergehenden ähnlich
scheint, wieder das erwarten, was sie früher damit verbunden gefunden haben,
gleich als ob die Dinge in der Wirklichkeit miteinander verbunden wären, weil
ihre Phantasiebilder es im Gedächtnis sind. Allerdings lässt uns die Vernunft
erwarten dass das, was einer langen Erfahrung der Vergangenheit entspricht, in
der Regel zukünftig wieder geschehen aber dies ist darum doch keine notwendige
und untrügliche Wahrheit, und das Resultat kann ausbleiben, wo man es am
wenigsten erwartet, wenn nämlich die Ursachen, welche es hervorgebracht haben,
wechseln. Aus diesem Grunde verlassen sich die klügsten Leute nicht allzusehr
darauf und suchen vielmehr womöglich zur Ursache der Tatsache vorzudringen, um
zu beurteilen, wann man Ausnahmen machen muss. Denn die Vernunft allein ist
imstande, sichere Regeln aufzustellen und, was den als unsicher erfundenen
fehlt, durch Beobachtung der Ausnahmen zu ergänzen, sowie endlich, gewisse
Gedankenverbindungen von der Stärke notwendiger Folgerungen zu finden, wodurch
man häufig das Mittel erhält, ein Ereignis vorherzusehen, ohne über die
sinnlichen Zusammenhänge der Bilder Versuche anstellen zu müssen, worauf die
Tiere angewiesen sind. Dergestalt dient das, was die inneren Grundsätze der
notwendigen Wahrheiten rechtfertigt, auch zur Unterscheidung des Menschen vom
Tiere.
    Vielleicht möchte sich unser gelehrter Verfasser von meines Ansicht nicht
ganz entfernen. Denn nachdem er sein ganzes erstes Buch darauf verwendet hat,
die angeborenen Erkenntnisse, sofern man sie in einem gewissen Sinne nimmt, zu
verwerfen, gesteht er gleichwohl zu Anfang des zweiten und in der Folge, dass
diejenigen Vorstellungen, welche nicht in der sinnlichen Empfindung ihren
Ursprung haben, aus der Reflexion stammen. Nun ist aber die Reflexion nichts
anderes als die Aufmerksamkeit auf das, was in uns ist; die Sinne aber gewähren
uns das nicht, was wir schon bei uns haben. Ist dies so, kann man dann leugnen,
dass es in unserem Geiste viel Angeborenes gebe, da wir sozusagen uns selbst
angeboren sind? Und dass es in uns gibt: Sein, Einheit, Substanz, Dauer,
Veränderung, Tätigkeit, Wahrnehmung, Vergnügen und tausend andere Gegenstände
unserer intellektuellen Vorstellungen? Da eben diese Gegenstände unmittelbare
und unserem Verstande stets gegenwärtige sind (obgleich wir uns wegen unserer
Zerstreuungen und Bedürfnisse ihrer nicht immer bewusst sind), so kann man sich
nicht wundern, wenn wir sagten, dass diese Vorstellungen mit allem, was davon
abhängt, uns angeboren sind. Ich habe mich auch der Vergleichung mit einem
Stücke Marmor, das Adern hat, lieber bedient, als der mit einem ganz einartigen
Marmorstücke oder einer leeren Tafel, nämlich einer solchen, welche bei den
Philosophen tabula rasa heisst; denn wenn die Seele dieser leeren Tafel gliche,
so würden die Wahrheiten in uns entalten sein, wie die Figur des Herkules im
Marmor, wenn der Marmor vollständig gleichgültig dagegen ist, diese oder irgend
eine andere Gestalt zu erhalten. Gäbe es aber in dem Stein Adern, welche die
Gestalt des Herkules eher als andere Gestalten anzeigten, so würde dieser Stein
dazu mehr angelegt sein, und Herkules wäre ihm in gewissem Sinne wie angeboren,
wenn auch Arbeit nötig wäre, um diese Adern zu entdecken und sie durch die
Politur zu säubern, indem man alles entfernt, was sie zu erscheinen hindert. In
dieser Weise sind uns die Vorstellungen und Wahrheiten als Neigungen, Anlagen,
Fertigkeiten oder natürliche Kräfte angeboren, nicht aber als Tätigkeiten,
obgleich diese Kräfte immer von gewissen, oft unmerklichen Tätigkeiten, welche
ihnen entsprechen, begleitet sind. -
    Unser gelehrter Verfasser scheint zu behaupten, dass es in uns nichts
Potentielles gebe und sogar nichts, dessen wir uns nicht immer tatsächlich
bewusst seien. Aber er kann dies nicht ganz streng nehmen, sonst würde seine
Ansicht zu paradox sein, da wir auch die erworbenen Wertigkeiten und
Gedächtnisvorräte, obgleich wir uns ihrer nicht immer bewusst sind, und sie uns
nicht einmal immer nach Bedürfnis zu Hilfe kommen, häufig doch mit leichter Mühe
bei irgend einer kleinen Gelegenheit, die uns dann erinnert, in den Geist
zurückrufen, wie man z.B. nur den Anfang eines Liedes, um sich des übrigen
wieder zu erinnern, nötig hat. Auch schränkt er an anderen Stellen seinen Satz
durch die Bemerkung ein, es gebe in uns nichts, dessen wir uns zum wenigsten
nicht früher bewusst gewesen wären. Ausserdem aber, dass niemand durch die blosse
Vernunft bestimmen kann, bis wie weit unsere ehemaligen Bewusstseinsakte, die wir
möglicherweise vergessen haben, sich erstreckt haben mögen, - zumal wenn man der
Wiedererinnerungsteorie der Platoniker folgt, welche, so fabelhaft sie auch
sein mag, mit der Vernunft, rein für sich genommen, nicht im Widerspruch steht,
- ausserdem, sage ich, warum müssen wir denn alles durch die Auffassung äusserer
Dinge erworben und warum können wir nichts in uns selbst innerlich entdeckt
haben? Ist denn unsere Seele allein so leer, dass sie ohne die von aussen
entlehnten Bilder nichts ist? Das ist doch sicherlich eine Ansicht, welche unser
scharfsinniger Verfasser nicht billigen kann. Und wo kann man eine Tafel finden,
die nicht in sich irgend eine Unebenheit bietet? Kann man jemals eine vollkommen
einartige und gleichmässige Fläche sehen? Warum sollten wir uns also nicht auch
einige Gegenstände des Denkens aus unserem eigenen Grunde verschaffen können,
wenn wir darin nachsuchen wollten. Im Grunde genommen ist also, wie ich zu
glauben geneigt bin, seine Ansicht über diesen Punkt von der meinigen oder
vielmehr von der allgemeinen Ansicht nicht verschieden, sofern er zwei Quellen
unserer Erkenntnisse annimmt, die Sinne und die Reflexion.
    Ich weiss nicht, ob es so leicht sein wird, jenen Autor mit uns und mit den
Kartesianern in Übereinstimmung zu bringen, wenn er annimmt, dass der Geist nicht
immer denke, und besonders, dass er ohne sinnliche Empfindung sei, wenn man ohne
Träume zu haben schläft. Er sagt, da die Körper ohne Bewegung sein können,
könnten die Seelen ebensogut ohne Denken sein. Aber da antworte ich ein wenig
anders, als gewöhnlich geschieht. Ich nehme nämlich an, dass eine Substanz von
Natur nicht ohne Tätigkeit sein kann, und dass es selbst niemals einen Körper
ohne Bewegung gibt. Schon die Erfahrung unterstützt mich, und man braucht nur
das Buch des berühmten Herrn Boyle gegen die absolute Ruhe zu Rate zu ziehen, um
sich davon zu überzeugen. Aber ich glaube auch, dass die Vernunft dafür ist. Und
dies ist einer der Gründe, warum ich die Atome verwerfe. Übrigens gibt es gar
viele Anzeichen, aus denen wir schliessen müssen, dass es in jedem Augenblicke in
unseres Innern eine unendliche Menge von Wahrnehmungen, jedoch ohne Bewusstsein
und Reflexion, d.h. Veränderungen in der Seele selbst gibt, deren wir uns nicht
bewusst werden, weil diese Eindrücke entweder zu schwach und zu zahlreich oder zu
vereint sind, so dass sie nichts besonderes Unterscheidendes an sich haben,
jedoch mit anderen verbunden darum ihre Wirkung dennoch nicht verfehlen und in
ihrer Gesamteit wenigstens auf verworrene Weise empfunden werden. So bewirkt
die Gewohnheit, dass wir auf die Bewegung einer Mühle oder eines Wasserfalles
nicht achtgeben, wenn wir einige Zeit lang ganz nahe dabei gewohnt haben. Dies
geschieht nicht, weil jene Bewegung nicht immer unsere Sinnes Werkzeuge träfe
und sich nicht auch in der Seele etwa zutrüge, das vermöge der Harmonie der
Seele und des Körpers dem entspricht, sondern die auf die Seele und den Körper
geschehenden Eindrücke, wenn sie den Reiz der Neuheit verloren haben, sind nicht
stark genug, um unsere Aufmerksamkeit und unser Gedächtnis die sich nur mit
fesselnderen Gegenständen befassen, auf sich zu ziehen. Jedwede Aufmerksamkeit
verlangt Gedächtnis und wenn wir, sozusagen, nicht darauf hingewiesen werden,
auf einige unserer eigenen Wahrnehmungen als uns gegenwärtig zu achten, so
lassen wir sie ohne Reflexion und selbst ohne sie zu bemerken, vorübergehen;
wenn uns jedoch jemand sofort darauf hinweist und uns z.B. auf irgend einen Lärm
aufmerksam macht, der sich gerade hören liess, so erinnern wir uns daran und
werden uns bewusst, davon soeben eine Empfindung gehabt zu haben. Also waren es
Wahrnehmungen, deren wir uns nur nicht gleich bewusst waren, indem das Bewusstsein
davon nur in diesem Falle des Hingewiesenwerdens, nach einer sei es auch noch so
winzigen Zwischenzeit, uns kommt. Um die geringfügigen Wahrnehmungen, die wir in
der Menge nicht unterscheiden können, noch besser zu fassen, bediene ich mich
gewöhnlich des Beispiels vom Getöse oder Geräusch des leeres, welches man vom
Ufer aus vernimmt. Um dieses Geräusch, wie tatsächlich geschieht, zu hören, muss
man sicherlich die dieses Ganze bildenden Teile, d.h. das Geräusch einer jeden
Welle hören, obgleich jedes dieser geringen Geräusche nur in der verworrenen
Gemeinschaft mit allen übrigen zusammen erkannt werden kann, und man es nicht
bemerken würde, wenn die es verursachende Welle die einzige wäre. Denn man muss
von der Bewegung dieser Welle ein wenig affiziert worden sein und von jedem
dieser Geräusche, mögen sie auch noch so gering sein, einige Wahrnehmung haben,
sonst würde man nicht die von hunderttausend Wellen haben, da hunderttausend
Nichtse auch nichts wirken können. Übrigens schläft man niemals so fest, dass man
nicht irgend eine schwache und verworrene Empfindung hätte, und würde niemals
durch das stärkste Geräusch der Welt erweckt werden, wenn man nicht eine gewisse
Wahrnehmung seines Anfangs hätte, der freilich geringfügig ist; wie man auch
niemals durch die grösstmögliche Anstrengung eine Schnur zerreissen würde, wenn
man sie nicht durch geringere Anstrengungen ein wenig gespannt und verlängert
hätte, mag auch diese kleine ins Werk gesetzte Spannung unmerklich sein.
    Solche geringe Wahrnehmungen sind also von mehr Wirksamkeit, als man denken
mag. Sie sind es, welche dies wunderbare Etwas, diese Geschmacksempfindungen,
diese Bilder der sinnlichen Qualitäten erzeugen, die in ihrem Zusammensein klar,
jedoch ihren einzelnen Teilen nach verworren sind, diese Eindrücke, welche die
uns umgebenden Körper auf uns machen und die Unendliches in sich schliessen,
diese Verknüpfung, welche jedes Wesen mit dem ganzen übrigen Universum hat. Man
kann sogar sagen, dass infolge dieser geringen Wahrnehmungen die Gegenwart der
Zukunft voll und mit der Vergangenheit erfüllt, dass alles miteinander
zusammenstimmend ist (sympnoia panta - wie Hippokrates sagte), und dass so
durchdringende Augen, wie die Gottes, in der geringsten Substanz die ganze
Reihenfolge der Begebenheiten des Universums: was ist, was war, und was die
Zukunft bringt, lesen können. Diese unmerklichen Vorstellungen bezeichnen auch
und bilden das nämliche durch diejenigen Spuren charakterisierte Individuum, die
sie von den vergangenen Zuständen desselben Individuums aufbewahren, indem sie
die Verbindung mit seinem gegenwärtigen Zustand herstellen; sie können auch
durch einen höheren Geist erkannt werden, selbst wenn dies Individuum sie nicht
bemerkte, nämlich wenn die ausdrückliche Erinnerung an sie nicht mehr da wäre.
Sie geben sogar das Mittel ab, durch periodische Entwicklungen, die einmal
eintreten können, im Notfall das Andenken wieder zu finden. Dies ist der Grund,
weshalb der Tod ein blosser Schlaf sein kann und nicht einmal ein solcher bleiben
wird, indem die Wahrnehmungen nur hinlänglich deutlich zu sein aufhören und in
einen Zustand der Verworrenheit bei den Lebewesen geraten, der das Bewusstsein
zwar für eine Weile aufhebt, aber nicht immer dauern kann um hier nicht vom
Menschen zu reden, welcher darin, um seine Persönlichkeit aufrecht zu erhalten,
grossen Vorzug geniesst.
    Durch die unmerklichen Wahrnehmungen erläutere ich auch jene wunderbare
vorherbestimmte Harmonie der Seele und des Körpers und selbst aller Monaden oder
einfachen Substanzen, die an die Stelle des unhaltbaren gegenseitigen Eingusses
tritt, und die nach dem Urteil des Verfassers des trefflichsten Wörterbuches die
Grösse der göttlichen Vollkommenheit weit über das hinaus erhöht, was man je
davon begriffen hat. Ich muss dem noch hinzufügen, dass diese schwachen
Wahrnehmungen es sind, die uns bei vielen Vorfällen, ohne dass man daran denkt,
bestimmen und den grossen Haufen durch den Schein einer Gleichgewichtsindifferenz
täuschen, wie wenn es uns beispielsweise gleichgültig wäre, ob wir uns zur
Rechten oder zur Linken wenden. Es ist nicht nötig, hier noch bemerklich zu
machen, wie in dem Buch selbst geschehen ist, dass sie jene Unruhe verursachen,
die, wie ich zeige, doch in etwas besteht, vom Schmerz sich nur wie das Kleine
vom Grossen unterscheidet und gleichwohl oft unser Verlangen und selbst unser
Vergnügen ausmacht, indem sie ihm gleichsam ein Salz als Reizmittel gibt. Eben
diese unmerklichen Teile unserer sinnlichen Wahrnehmungen sind es, welche die
Vorstellungen der Farben, Wärmegrade und anderer sinnlichen Eigenschaften mit
den entsprechenden Bewegungen in den Körpern in Verbindung setzen, während die
Kartesianer mit unserem Autor, so scharfsinnig er auch ist, die Wahrnehmungen,
welche wir von diesen Eigenschaften haben, als willkürliche betrachten, d.h. als
ob Gott sie deshalb nach seinem Belieben ohne Rücksicht auf irgend eine
wesentliche Beziehung zwischen den Wahrnehmungen und deren Gegenständen der
Seele gegeben hätten eine mich befremdende Ansicht, die mir der Weisheit des
Urhebers der Dinge, welcher nichts ohne Zusammenhang und vernünftige Absicht tut
wenig würdig erscheint.
    Die unmerklichen Wahrnehmungen sind mit einem Worte in der Pneumatik (Lehre
vom Geister) von ebenso grossem Gewicht, wie die kleinsten Körper in der Physik;
und es ist ebenso unvernünftig, die einen wie die anderen unter dem Verwände,
dass sie ausserhalb des Bereiches unserer Sinne fallen, zu verwerfen. Nichts
geschieht auf einen Schlage und es ist einer meiner wichtigen und
entschiedensten Grundsätze, dass die Natur niemals Sprünge macht. Ich habe dies
das Kontinuitätsgesetz genannt, als ich einmal in den neuen Nachrichten aus der
Gelehrtenrepublik davon sprach; und der Nutzen dieses Gesetzes in der Physik ist
sehr bedeutend. Ihm zufolge geht man immer durch einen mittleren Zustand vom
Kleinen zum Grossen und umgekehrt, sowohl den Graden wie den Teilen nach und
entsteht eine Bewegung niemals unmittelbar aus der Ruhe noch geht sie dazu
anders über, als durch eine noch kleinere Bewegung, wie man niemals eine Linie
oder Länge zu Ende läuft, ehe man eine kleinere Linie zurückgelegt hat.
Diejenigen freilich, welche die Gesetze der Bewegung aufgestellt haben, haben
dies Gesetz nicht bemerkt, indem sie glauben, dass ein Körper in einem Augenblick
eine der vorausgegangenen entgegengesetzte Bewegung annehmen kann. Alles dies
berechtigt zu dem Schluss, dass die bemerkbaren Wahrnehmungen stufenweise aus
denjenigen entstehen, welche zu schwach sind, um bemerkt zu werden. Urteilt man
anders, so zeugt dies von geringer Erkenntnis der unendlichen Feinheit der
Dinge, die stets und überall eine wirkliche Unendlichkeit in sich schliesst.
    Ich habe ferner bemerkt, dass infolge der unmerklichen Verschiedenheiten zwei
Individuen nicht vollkommen gleiche sein können und sich durch mehr als die
blosse Zahl unterscheiden müssen. Dieser Satz hebt die leere Tafel der Seele,
eine Seele ohne Gedanken, eine Substanz ohne Tätigkeit, den leeren Raum, die
Atome und selbst die nicht wirklich geschiedenen Teilchen in der Materie, die
völlige Einförmigkeit in einem Zeit-, Orts- oder Stoffteile, die aus
ursprünglichen vollkommenen Würfeln gewordenen, vollkommenen Kugeln des zweiten
Elements und tausend andere Phantasiegebilde der Philosophen auf, die aus ihren
unvollständigen Begriffen stammen. Davon will die Natur der Dinge nichts wissen,
und nur unsere Unwissenheit und unsere geringe Aufmerksamkeit auf das
Unmerkliche lässt dergleichen zu; man kann es nur erträglich machen indem man es
auf blosse Abstraktionen des Geistes beschränkt, der ausdrücklich erklärt, nicht
zu leugnen, was er beiseite legt und in irgend eine augenblickliche Erwägung
eintreten zu lassen nicht für nötig erachtet. Sonst, wenn man es ganz als bare
Münze annähme, dass nämlich alles, dessen man sich nicht bewusst ist, auch nicht
in der Seele oder im Körper sei, würde man in der Philosophie wie in der Politik
einen Fehler begehen, indem man to mikron die unmerklichen Fortschritte,
überginge, während es als blosse Abstraktion kein Irrtum ist, wenn man nur weiss,
dass das doch wirklich da ist, was man verleugnet. Es verhält sich damit so, wie
wenn die Matematiker davon Gebrauch machen, dass sie von den anzunehmenden
vollkommenen Linien, gleichmässigen Bewegungen und anderen regelrechten Wirkungen
reden, obschon die Materie, d.h. die Mischung der Wirkungen des uns umgebenden
Unendlichen, immer eine gewisse Ausnahme macht. Man verfährt aber so, um die
einzelnen Beobachtungen voneinander zu unterscheiden, um so viel als uns möglich
ist, die Wirkungen auf die Ursachen zurückzuführen und um gewisse zukünftige
Folgerungen daraus herzuleiten: denn je sorgfältiger man sich hütet bei den
Beobachtungen, welche metodisch angestellt werden können, nichts zu versäumen,
desto mehr entspricht die Praxis der Teorie. Aber nur der höchsten Vernunft,
welcher nichts entgeht, kommt es zu, die ganze Unendlichkeit, alle Ursachen und
alle Folgen, deutlich zu begreifen. Alles, was wir über das Unendlichviele
vermögen, ist, es verworren zu erkennen und das wenigstens bestimmt zu wissen,
dass es da ist; sonst würden wir über die Schönheit und Grösse des Weltalls sehr
falsch urteilen und auch keine gute Physik, um die Natur der Dinge im
Allgemeinen zu erklären, und noch weniger eine gute Lehre vom Geist besitzen,
welche die Erkenntnis Gottes, der Seelen und der einfachen Substanzen überhaupt
umfassen soll.
    Eine solche Erkenntnis der unmerklichen Wahrnehmungen dient ferner zu
erklären, warum und wie zwei Menschenseelen oder zwei Dinge derselben Gattung
nie vollständig gleich aus den Händen des Schöpfers hervorgehen, und eine jede
stets ihre ursprüngliche Beziehung zu ihrem künftigen Stand im Weltall habe.
Dies folgt aber schon aus dem, was ich von den zwei Individuen bemerkt habe, dass
nämlich ihr Unterschied stets mehr als eins bloss numerischer ist. dabei ist noch
ein anderer Punkt aufzufassen, in dem ich mich nicht allein von den Ansichten
unseres Autors, sondern auch der meisten Neuern zu entfernen gezwungen bin: ich
glaube nämlich mit den meisten Alten, dass alle Geister, alle Seelen, alle
einfachen geschaffenen Substanzen stets mit einem Körper verbunden sind, und dass
es niemals Seelen gibt, die gänzlich davon los sind. Ich habe dafür Gründe a
priori. Aber man wird auch bei dieser Lehre den Vorteil finden, dass sie alle
philosophischen Schwierigkeiten über den Zustand der Seelen, deren immerwährende
Erhaltung, über deren Unsterblichkeit und Wirksamkeit auflöst, indem der
Unterschied von dem einen ihrer Zustände gegen den anderen immer nur der
Unterschied eines mehr oder weniger sinnlichen oder mehr oder weniger
vollkommenen oder umgekehrt ist oder gewesen ist, was ihren vergangenen oder
zukünftigen Zustand ebenso erklärlich als ihren gegenwärtigen macht. Auch bei
einer noch so geringen Überlegung merkt man hinlänglich, dass dies vernunftgemäss
ist, und ein Sprung von dem einen Zustand zu einem anderen unendlich davon
verschiedenen nicht natürlich sein kann. Ich bin erstaunt, dass die
Schulphilosophie ohne Grund die Natur verlassen hat, um sich recht mutwillig in
gewaltige Schwierigkeiten zu stürzen und dem Scheinsiege der starken Geister
vorzuarbeiten, deren sämtliche Gründe durch diese Erklärung der Dinge mit einem
Male zusammenfallen, indem es so nicht mehr Schwierigkeit macht, die Erhaltung
der Seelen (oder vielmehr nach meinem System des lebendigen Wesens) zu
begreifen, als die der Verwandlung der Raupe in den Schmetterling und die
Erhaltung des Denkens im Schlafe, mit dem Jesus Christus den Tod göttlich schön
verglichen hat. Auch habe ich schon gesagt, dass kein Schlaf immerfort dauern
kann, und er wird kürzer oder fast gar nicht für die vernunftbegabten Seelen
dauern, die stets dazu bestimmt sind, ihre Persönlichkeit und ihre Erinnerung,
welche ihnen im Reiche Gottes verliehen ist, zu erhalten, um eben dadurch für
die Belohnungen und Strafen empfänglicher zu sein. Ich füge noch hinzu, dass
überhaupt keine Unordnung in den sichtbaren Organen imstande ist, eine gänzliche
Verwirrung in einem lebenden Wesen hervorzurufen, oder alle Organe zu zerstören
und die Seele ihres ganzen organischen Körpers und der unauslöschbaren Rest
aller früheren Spuren zu berauben. Die Leichtigkeit aber, mit der man die alte
Lehre von den mit den Engeln verbundenen feinen Körpern verlassen hat (welche
man mit der Körperlichkeit der Engel selbst verwechselte), und das Einführen
angeblicher unkörperlicher Geister unter den Kreaturen (wozu diejenigen, welche
die Himmelssphären des Aristoteles sich bewegen lassen, viel beigetragen haben)
und endlich die übel verstandene Meinung, dass man die Seelen der Tiere nicht
erhalten lassen werden dürfe, ohne in die Seelenwanderung zu verfallen, haben
meiner Ansicht nach bewirkt, dass man die naturgemässe Art, die Erhaltung der
Seele zu erklären, vernachlässigt hat. Man ist damit auch der natürlichen
Religion sehr zu nahe getreten und hat mehrere Leute glauben gemacht, dass unsere
Unsterblichkeit, von der auch unser berühmter Autor, wie ich bald erwähnen
werde, mit einigem Zweifel geredet hat, nur eine Gnade göttlichen Wunders sei.
Aber es wäre zu wünschen, dass alle diejenigen, welche dieser Ansicht sind, sich
ebenso vorsichtig und aufrichtig wie er ausgedrückt hätten, denn es ist zu
fürchten, dass mehrere, die von der Unsterblichkeit durch Gnade sprechen, es nur
tun, um den Schein zu retten und sich im Grunde jenen Averroïsten und einigen
schlechtgesinnten Quietisten annähern, die sich eine Auflösung und
Wiedervereinigung der Seele mit dem Ozean der Gotteit einbilden, eine
Vorstellung, deren Unmöglichkeit mein System vielleicht allein klar zeigt.
    Auch in Ansicht der Materie scheinen wir verschiedener Ansicht zu sein,
indem der Verfasser urteilt, dass der leere Raum für die Bewegung nötig ist, weil
er die kleinen Teile der Materie für unnachgiebig hält. Ich gebe zu, dass wenn
die Materie aus solchen Teilen bestände, die Bewegung in vollem Raume unmöglich
sein würde, wie wenn ein Zimmer mit einer Masse kleiner Kieselsteine erfüllt
wäre, ohne dass der geringste leere Platz darin bleibt. Aber man gebe doch nicht
jene Voraussetzung zu, wozu es meiner Meinung nach auch gar keinen Grund gibt.
Freilich versteigt sich unser gelehrter Autor bis zu dem Glauben, dass die
Unnachgiebigkeit oder die Kohäsion der keinen Teile das Wesen des Körpers
ausmacht. Man muss sich den Raum vielmehr als von einer ursprünglich flüssigen,
jeder Teilung fähigen und in Wirklichkeit bis ins Unendliche der Teilungen und
Unterteilungen unterworfenen Materie erfüllt vorstellen, jedoch mit diesem
Unterschiede, dass sie infolge der darin schon vorhandenen mehr oder weniger
harmonischen Bewegungen an verschiedenen Punkten ungleich teilbar und geteilt
ist, was ihr überall einen gewissen Grad sowohl von Unnachgiebigkeit als von
Flüssigkeit gibt und macht, dass kein Körper im höchsten Grade hart oder flüssig
ist, nämlich, dass man kein Atom von unüberwindlicher Härte darin findet, noch
irgend eine gegen die Teilung vollkommen gleichgültige Masse. Auch hebt die
Ordnung der Natur und besonders das Kontinuitätsgesetz in gleicher Weise das
eine wie das andere auf.
    Ich habe ferner gezeigt, dass die Kohäsion, wenn sie nicht selbst die Wirkung
des Anstosses oder der Bewegung wäre, eine Anziehung, dieselbe ganz im
eigentlichen Sinne genommen, verursachen würde. Denn wenn es einen ursprünglich
unnachgiebigen Körper gäbe, z.B. ein Atom des Epikur, der einen hervorstehenden
Teil in Gestalt eines Lakens hätte (da man sich Atome von allen Arten Gestalt
denken kann), so würde dieser Haken, wenn er angestossen würde, den übrigen Teil
des Atoms nach sich ziehen, nämlich den Teil, der nicht angestossen wird und
nicht in die Anstosslinie fällt. Indessen erklärt sich unser gelehrter Autor
selbst gegen diese von der Philosophie angenommenen Anziehungen der Art, wie man
sie sonst der Furcht vor dem leeren Raum zuschrieb, er bringt sie auf Anstösse
zurück, indem er mit den Neueren daran festält, dass ein Teil der Materie auf
den anderen unmittelbar nur dadurch wirkt, dass er ihn von nahe her anstösst. Ich
gebe ihnen darin recht, weil sich sonst bei der Wirkung nichts Verständliches
denken lasst.
    Gleichwohl darf ich nicht verhehlen, dass ich bei unserem trefflichen Autor
eine Art von Widerruf in bezug auf diesen Gegenstand bemerkt habe, und kann mich
nicht entalten, seine bescheidene Offenheit dabei zu preisen, ebenso wie ich
bei anderen Gelegenheiten seinen durchdringenden Geist bewundert habe. In der
Antwort auf den zweiten Brief des verstorbenen Bischofs von Worcester, der im
Juli 1699 gedruckt worden ist, sagt er, um die gegen diesen gelehrten Prälaten
von ihm behauptete Meinung, nämlich dass die Materie denken könne,
aufrechtzuerhalten, unter anderem folgendes: »Ich gebe zu, behauptet zu haben
(Buch II der Abhandlung über den Verstand Kap. 8 § 11), dass der Körper durch
Anstoss und anders nicht wirke. Auch war dies meine Ansicht, als ich schrieb, und
jetzt noch kann ich keine andere Art der Tätigkeit mir vorstellen. Aber ich bin
seitdem durch das unvergleichliche Buch des scharfsinnigen Newton überzeugt
worden, dass es zu viel Anmassung wäre, die Macht Gottes durch unsere beschränkten
Begriffe einengen zu wollen. Die Gravitation der einen Materie gegen die andere
auf mir unbegreifliche Weise ist nicht allein ein Beweis, dass Gott, wenn es ihm
gut scheint, in die Körper Kräfte und Wirkungsarten legen kann, die über das,
was vielleicht aus unserer Vorstellung des Körpers abgeleitet oder durch unsere
Kenntnis der Materie erklärt werden kann, hinausgehen, sondern es gibt auch noch
einen unbestreitbaren Umstand, dass er es wirklich getan hat. Darum werde ich
dafür sorgen dass in der nächsten Ausgabe meines Buches jene Stelle verbessert
werde.« Ich finde denn auch, dass man sie in der französischen Übersetzung dieses
Buches, die zweifelsohne nach der letzten Ausgabe gemacht worden ist, im
erwähnten § 11 folgendermassen geändert hat: »Wenigstens ist, soviel wir es
begreifen können, ersichtlich, dass die Körper durch den Anstoss und nicht auf
andere Weise aufeinander wirken, denn es ist uns unmöglich zu begreifen, dass ein
Körper auf das, was er nicht berührt, wirken könne, was so viel ist, als sich
einbilden, er könne wirken, wo er nicht ist.«
    Ich kann nicht umhin, diese bescheidene Frömmigkeit unseres berühmten
Schriftstellers zu loben, der da anerkennt, dass Gott über das hinaus, was wir
verstehen können, wirken und es also in den Glaubensartikeln unbegreifliche
Geheimnisse geben kann; aber ich möchte nicht, dass man im gewöhnlichen Lauf der
Natur zu Wundern seine Zuflucht zu nehmen und schlechtin unerklärliche Kräfte
und Wirkungsarten zuzulassen gezwungen wäre. Sonst würde man zugunsten dessen,
das Gott tun kann, den schlechten Philosophen zu viel Spielraum geben, und wenn
man diese zentripetalen Kräfte oder diese unmittelbaren Anziehungen aus der
Ferne, ohne sie begreiflich machen zu können, zulassen wollte, so sehe ich nicht
ein, wie man untere Schulphilosophen verhindern will zu behaupten, dass alles
ganz einfach durch die Vermögen geschieht, und ihre »intentionellen Spezies«
aufrechtzuerhalten, die von den Gegenständen her auf uns loskommen und bis in
unsere Seelen einzudringen Mittel finden. Wenn das angeht, so wird geschehen,
was alles mir unmöglich schien. Dergestalt scheint es mir, dass unser Verfasser,
so scharfsinnig er sein mag, hier von einem Extrem ein wenig zu weit ins andere
geht. Bei den Wirkungen der Seele macht er Schwierigkeiten, wo es sich bloss
darum handelt, das, was nicht sinnlich ist, zuzulassen, und hier legt er den
Körpern, was nicht einmal denkbar ist, bei, indem er ihnen Kräfte und
Tätigkeiten einräumt, die meiner Meinung nach über alles was ein erschaffener
Geist tun und verstehen kann, hinausgehen. Denn er räumt ihnen Anziehungskraft
und zwar selbst auf grosse Entfernungen ein, ohne sich auf irgend eine Sphäre der
Tätigkeit zu beschränken, und zwar, um eine um nichts weniger erklärbare Ansicht
aufrechtzuerhalten, nämlich die Möglichkeit, dass die Materie der Naturordnung
gemäss denke. Die Streitfrage, welche er mit dem berühmten Prälaten, der ihn
angegriffen hatte, verhandelt, ist, ob die Materie denken kann und da es ein
auch für das vorliegende Werk wichtiger Punkt ist, kann ich mich nicht
entalten, ein wenig darauf einzugehen und von ihrem Streit Notiz zu nehmen. Ich
werde das Wesentliche über diesen Gegenstand darlegen und was ich davon halte,
mir zu sagen die Freiheit nehmen. In der Befürchtung, dass unseres Autors Lehre
von den Vorstellungen manchem dem christlichen Glauben schädlichen Missbrauche
ausgesetzt sei, - wozu aber meiner Meinung nach kein besonderer Grund vorliegt -
unternahm der verstorbene Bischof von Worcester, einige Stellen desselben in
seiner Rechtfertigung der Dreieinigkeitslehre zu prüfen. Nachdem er diesem
ausgezeichneten Schriftsteller für das Anerkenntnis, dass er das Dasein des
Geistes für ebenso sicher als das des Körpers hält, obgleich die eine dieser
Substanzen ebensowenig erkannt sei wie die andere, hat Gerechtigkeit widerfahren
lassen, fragt er (pag. 241 u. ff.), wie die Region uns vom Dasein des Geistes
überzeugen kann, wenn Gott nach der Ansicht unseres Verfassers (Buch IV, Kap. 8)
der Materie das Vermögen zu denken verleihen kann, weil auf diese Weise der
Gedankengang, welcher zur Erwägung dessen dient, was der Seele und was dem
Körper zukommt, unnütz würde statt dass, wie er im 2. Buch der Abhandlung über
den Verstand Kap. 23, § 15. 27. 28 gesagt hatte, die Verrichtungen der Seele uns
die Vorstellung des Geistes geben, und Verstand nebst Wille uns die Vorstellung
des Geistes ebenso verständlich macht, wie das Wesen des Körpers uns durch
Dichtigkeit und Anstoss verständlich gemacht wird. Darauf antwortet unser
Verfasser in seinem ersten Brief (p. 65 ff.) in dieser Weise: »Ich glaube
bewiesen zu haben, dass wir eine geistige Substanz in uns haben, denn wir
erfahren in uns das Denken; nun kann diese Verrichtung oder dieser Modus nicht
der Gegenstand der Vorstellung eines für sich bestehenden Dinges sein, und
folglich bedarf dieser Modus eines Trägers oder Subjekts der Inhärenz, und die
Vorstellung eines solchen Trägers führt auf das, was wir Substanz nennen. Denn
da die allgemeine Vorstellung der Substanz durchweg dieselbe ist, so folgt, dass,
wenn die Denken oder Denkvermögen genannte Modifikation sich damit verbindet,
dies einen Geist ausmacht, ohne dass man dabei noch irgendwelche andere
Modifikation in Betracht zu ziehen braucht, ob nämlich Dichtigkeit oder nicht
damit verbunden ist, und auf der anderen Seite wird die Substanz, welche die
Dichtigkeit genannte Modifikation hat, Materie sein, mag damit das Denken
verbunden sein oder nicht. Verstehen Sie aber unter einer geistigen Substanz
eine immaterielle Substanz, so gebe ich zu, nicht bewiesen zu haben, dass sich
eine solche in uns findet, und dass man sie nach meinen Grundsätzen nicht auf
bündige Art erweisen kann, obgleich das, was ich über die Systeme der Materie
gesagt habe (Buch IV, Kap. 10, § 16), indem ich die Immaterialität Gottes
dartat, es im höchsten Grade wahrscheinlich macht, dass die in uns denkende
Substanz immateriell ist.... indessen habe ich gezeigt (fügt der Verfasser p. 68
hinzu), dass die grossen Zwecke der Religion und der Moral durch die
Unsterblichkeit der Seele gesichert sind, ohne dass man ihre Immaterialität
vorauszusetzen nötig hat.«
    Um zu zeigen, dass unser Verfasser anders gedacht habe, als er das zweite
Buch seiner Abhandlung schriebe führt der gelehrte Bischof in seiner Antwort auf
diesen Brief pg. 51 folgende daraus entnommene Stelle (aus dem genannten Buch K.
23, § 15) an, wo es heisst, »dass wir durch die einfachen Vorstellungen, welche
wir von den Verrichtungen unseres Geistes abstrahiert haben, die
zusammengesetzte Vorstellung eines Geistes bilden können und durch die
Zusammenstellung der Vorstellungen des Denkens, der Wahrnehmung, der Freiheit
und des Vermögens, unseren Körper zu bewegen, einen ebenso klaren Begriff von
immateriellen wie von materiellen Substanzen haben.« Er führt noch andere
Stellen an, um zu zeigen, dass der Verfasser den Geist dem Körper entgegensetzte,
und sagt (p. 54), dass der Zweck der Religion und der Moral besser gesichert ist,
wenn man beweist, dass die Seele von Natur unsterblich, nämlich immateriell ist.
Auch die Stelle führt er an (p. 70), dass alle Vorstellungen, welche wir von den
einzelnen und bestimmten Arten der Substanzen haben, nichts anderes als
verschiedene Verbindungen einfacher Vorstellungen sind, und dass unser Verfasser
also geglaubt hat, die Vorstellungen des Denkens und Wollens ergäben eine andere
und von der, welche die Vorstellung der Dichtigkeit und des Anstosses gibt,
verschiedene Substanz, sowie dass er (p. 17) bemerkt, diese Vorstellungen
bildeten den Körper im Gegensatz zum Geiste.
    Der Bischof von Worcester hätte noch hinzusetzen können, daraus, dass die
allgemeine Vorstellung der Substanz im Körper und im Geiste liege, folge noch
nicht, dass ihre Verschiedenheiten Modifikationen desselben Dinges seien, wie
unser Autor in der aus dem ersten Briefe von mir angezogenen Stelle eben gesagt
hat. Man muss zwischen Modifikationen und Attributen wohl unterscheiden. Die
Vermögen des Wahrnehmens und Handelns, die Ausdehnung, die Dichtigkeit sind
Attribute oder beständige und wesentliche Prädikate, aber das Denken, die
Heftigkeit, die Gestalten, die Bewegungen sind Modifikationen dieser Attribute.
Man muss ferner zwischen physischer oder vielmehr realer Art und logischer oder
idealer Art unterscheiden. Die Dinge, welche zu derselben physischen Art gehören
oder welche homogen sind, sind sozusagen von derselben Materie und können oft
durch die Veränderung der Modifikation einander verwandelt werden, wie die
Kreise und die Vierecke. Aber zwei heterogene Dinge können doch dieselbe
logische Art miteinander gemein haben, und dann sind ihre Verschiedenheiten
nicht bloss zufällige Modifikationen desselben Subjekts oder desselben
metaphysischen oder physischen Materie. So sind Zeit und Raum sehr heterogene
Dinge, und man würde unrecht haben, sich irgendwelches reale gemeinsame Subjekt
zu denken, das nur die kontinuierliche Grösse überhaupt besässe und aus dessen
Modifikationen Zeit oder Raum hervorgingen. Vielleicht könnte sich jemand über
diese philosophische Unterscheidung von zwei Arten lustig machen, wovon die eine
bloss logisch, die andere auch real ist, und von zwei Materien, der einen
physischen, welche die der Körper ist, und der anderen nur metaphysischen oder
allgemeinen, wie wenn jemand sagte, dass zwei Teile des Raumes von derselben
Materie, oder dass zwei Stunden auch unter sich von derselben Materie sind.
Dennoch sind diese Unterschiede nicht allein Unterschiede von Worten, sondern
der Dinge selbst, und kommen hier augenscheinlich sehr gelegen, wo ihre
Verwirrung eine falsche Konsequenz ergeben würde. Diese beiden Arten haben einen
gemeinsamen Begriff, und zwar ist der der realen Art den beiden Materien
gemeinsam, so dass ihr Stammbaum folgender sein wird:
Art
- nur logische, nach einfachen Unterschieden vermannigfaltigt
- reale, deren Unterschiede Modifikationen sind nämlich Materie
- - bloss metaphysische, wo Homogenität stattfindet
- - physische, wo sich eine solide homogene Masse findet.
Den zweiten Brief des Verfassers an den Bischof habe ich nicht gesehen. Die von
dem Prälaten darauf gegebene Antwort berührt den Punkt nicht, der sich auf das
Denken der Materie bezieht. Aber die Entgegnung unseres Autors auf diese zweite
Antwort kehrt dazu zurück. »Gott (sagt er p. 397 ungefähr in diesen Ausdrücken)
legt dem Wesen der Materie die Eigenschaften und Vollkommenheiten nach seinem
Wohlgefallen nach einigen Teilen die blosse Bewegung, den Pflanzen aber die
Vegetation und den Tieren die Empfindung. Diejenigen, welche soweit damit
übereinstimmen, sträuben sich sofort wenn man noch einen Schritt weitergeht, um
zu sagen, dass Gott der Materie Denken, Vernunft, Willen geben kann, wie wenn
dies das Wesen der Materie zerstörte. Aber um dies zu beweisen, berufen sie sich
darauf, dass das Denken oder die Vernunft nicht im Wesen der Materie liege, was
doch nichts ausmacht, da die Bewegung und das Leben ebensowenig darin liegen.
Sie berufen sich ferner darauf, man könne nicht begreifen, dass die Materie
denke. Aber unser Begreifen ist nicht das dass der Macht Gottes.« Darauf zieht er
(p. 99) das Beispiel der Anziehungskraft der Materie herbei; aber besonders p.
408, wo er von der Gravitation der einen Materie gegen die andere, die Newton
entdeckt haben soll, in den von mir oben schon erwähnten Ausdrucken spricht,
indem er zugibt, dass man davon das Wie niemals begreifen kann. Das heisst doch in
der Tat zu den verborgenen oder, was mehr sagen will, unerklärlichen
Eigenschaften zurückkehren. Er fügt p. 401 hinzu, dass nichts geeigneter ist, die
Denkweise der Skeptiker zu begünstigen, als das, was man nicht versteht, zu
leugnen; und p. 402 dass man sogar nicht begreift, wie die Seele denkt, Pap. 403
behauptet er, dass da die beiden Substanzen, die materielle und die immaterielle,
in ihrem reinen Wesen ohne irgend eine Tätigkeit begriffen werden können, es von
Gott abhänge, der einen und der anderen das Vermögen des Denkens zu geben, und
will sich dabei das Zugeständnis seines Gegners zunutze machen, welcher den
Tieren zwar die sinnliche Empfindung zugestanden hatte, aber keine immaterielle
Substanz zugestehen wollte. Er behauptet, dass die Freiheit, das Bewusstsein (p.
408) und das Vermögen des Abstrahierens (p. 409) der Materie verliehen werden
können, aber nicht als der Materie, sondern sofern sie durch eine himmlische
Macht bereichert sei. Endlich bringt er p. 434 die Bemerkung eines so
ansehnlichen, scharfsinnigen Reisenden, wie Heer de la Loubère, bei, dass die
beiden im Orient die Unsterblichkeit der Seele erkennen, ohne deren
Immaterialität begreifen zu können.
    Über dies alles will ich, ehe ich zur Darlegung meiner Meinung komme,
bemerken, dass die Materie sicherlich ebenso wenig auf mechanischem Wege
Empfindung hervorzubringen fähig ist, als Vernunft, wie unser Autor auch
zugesteht; dass ich der Wahrheit gemäss anerkenne, man dürfe nicht leugnen, was
man nicht versteht, aber hinzufüge, dass man gern wenigstens in der natürlichen
Ordnung das, was schlechtin unverständlich und unerklärlich ist, zu leugnen das
Recht hat. Auch halte ich den Satz aufrecht, dass die Substanzen (materielle wie
immaterielle) in ihrem reinen Wesen ohne Tätigkeit nicht begriffen werden
können, dass die Tätigkeit das Wesen der Substanz überhaupt ist, und dass endlich
die Begriffe der Geschöpfe nicht das Mass für die flacht Gottes sind, sondern dass
ihre Konzeptivität oder Fassungskraft das Mass für die flacht der Natur ist,
indem alles, was der Naturordnung gemäss ist, durch irgend ein Geschöpf begriffen
und verstanden werden kann.
    Wer mein System begreift, wird einsehen, dass ich mich nicht in allen Stücken
dem einen oder dem anderen dieser beiden ausgezeichneten Autoren anschliessen
kann, deren Streit indessen sehr lehrreich ist. Um mich jedoch deutlich zu
erklären, so muss man vor allen Dingen erwägen, dass die Modifikationen, welche
auf natürliche Weise oder ohne Wunder dem nämlichen Subjekt zukommen können, von
den Beschränkungen oder den Abwandlungen einer realen Art oder einer
ursprünglichen stetigen und absoluten Wesenheit herstammen müssen; denn so
unterscheidet man bei den Philosophen die Modi eines absoluten Wesens von diesem
Wesen selbst, wie man weiss, dass die Grösse, die Gestalt und die Bewegung offenbar
die Beschränkungen und Abwandlungen der körperlichen Natur sind. Es ist klar,
wie eine beschränkte Ausdehnung die Gestalten ergibt, und dass die dabei vor sich
gehende Veränderung nichts als die Bewegung ist, und so oft man irgend eine
Beschaffenheit an einem Subjekt fändet, muss man glauben, dass wenn man die Natur
dieses Subjekts und dieser Beschaffenheit kennte, man auch begreifen würde, wie
diese Beschaffenheit sich daraus ergibt. So hängt es in der Ordnung der Natur
(von den Wundern abgesehen) nicht von Gottes Willkür ab, den Substanzen diese
oder jene Beschaffenheiten beliebig zu verleihen, und er wird ihnen niemals
andere verleihen, als die ihnen natürlich sind, d.h. solche, die aus ihrer Natur
als erklärliche Modifikationen hergeleitet werden können. So muss man annehmen,
dass die Materie nicht von Natur die oben erwähnte Anziehung haben und nicht von
selbst in krummer Linie sich bewegen wird, weil es nicht möglich ist zu
begreifen, wie das geschehen sollte, d.h. es auf mechanischem Wege zu erklären,
während das, was natürlich ist, sich deutlich muss begreifen lassen können, wenn
man in die verborgenen Tiefen der Dinge Zugang erhielte. Diese Unterscheidung
zwischen dem, was natürlich und erklärlich, und dem, was unerklärlich und
wunderbar ist, hebt alle Schwierigkeiten. Weist man sie zurück, so würde man
etwas Schlimmeres, als die verborgenen Beschaffenheiten behaupten und insofern
der Philosophie und Vernunft absagen müssen, indem man der Unwissenheit und
Trägheit durch ein dunkles System eine Freistätte eröffnete, welches nicht nur
das Vorhandensein von unverständlichen Beschaffenheiten zulässt, deren es darin
nur zu viele gibt, sondern auch derartige Beschaffenheiten, dass der grösste
Geiste wenn ihm Gott alle mögliche Erleuchtung gäbe, sie nicht begreifen könnte,
d.h. die entweder wunderbar oder ungereimt sein würden. Und selbst das wäre
ungereimt, dass Gott für gewöhnlich Wunder tut. Somit würde diese faule Hypotese
in gleicher Weise unsere Philosophie, welche die Gründe aufsucht, wie die
göttliche Weisheit, welche sie ins Leben ruft, zerstören.
    Was jetzt das Denken anbetrifft, so ist es sicher, und der Verfasser erkennt
es mehr als einmal an, dass es keine begreifliche Modifikation der Materie sein
kann, d.h. dass das empfindende oder denkende Wesen nicht eine Maschine wie eine
Uhr oder eine Mühle ist, so dass man die Grössen, Gestalten und Bewegungen
begreifen könnte, deren mechanische Verknüpfung etwas Denkendes und selbst nur
Empfindendes in einem Stoffe hervorbrächte, in dem sonst nichts der Art wäre,
und was denn auch von selbst durch die Unordnung dieser Maschine aufhören würde.
Es ist also der Materie nicht natürlich zu fühlen und zu denken, und es könnte
dies bei ihr nur auf zwei Arten geschehen, davon die eine ist, dass Gott eine
Substanz damit verbindet, der zu denken natürlich ist, und die andere, dass Gott
das Denken durch ein Wunder hineinlegt. In diesem Punkte bin ich also gänzlich
der Ansicht der Kartesianer, ausgenommen, dass ich es bis auf die Tiere ausdehne
und glaube, auch sie haben Empfindung und immaterielle (um eigentlich zu
sprechen) und ebensowenig vergängliche Seelen, als die Atome bei Demokrit oder
Gassendi vergänglich sind. Die Kartesianer dagegen, ohne Grund über die Seelen
der Tiere in Verlegenheit und ungewiss, was sie bei deren Fortdauer daraus machen
sollen (da sie an die Erhaltung des ins Kleine zurückgebrachten Tieres nicht
denken) sind gezwungen gewesen, den Tieren selbst die Empfindung gegen allen
Anschein und das allgemeine Urteil der Menschen abzusprechen. Wenn aber jemand
entgegnete, dass Gott einer dazu vorbereiteten Maschine das Denkvermögen beilegen
wenigstens könnte, so würde ich antworten, dass wenn dies geschähe und Gott der
Maschine dieses Vermögen beilegte, ohne zugleich eine Substanz ihr einzufügen,
welche Subjekt und Träger eben dieses Vermögens wäre, wie ich es verstehe, d.h.
ohne ihr eine immaterielle Seele beizufügen, die Materie, um eine Kraft, deren
sie von Natur nicht fähig ist, zu empfangen, durch ein Wunder erhöht werden
müsste, einige Scholastiker haben etwas dem sich Annäherndes behauptet, dass
nämlich Gott das Feuer so weit erhöhe, um ihm die Kraft zu geben, unmittelbar
die von den Körpern geschiedenen Geister zu brennen, was doch ein ganz reines
Wunder sein würde. Ebensowenig kann man behaupten, dass die Materie denkt, ohne
eine unvergängliche Seele oder doch ein Wunder hinzuzutun, und somit folgt die
Immaterialität unserer Seelen aus dem, was natürlich ist, weil man deren
Untergang nur durch ein Wunder aufrecht erhalten kann, sei es durch Erhöhung der
Materie, sei es durch Vernichtung der Seele; denn wir wissen wohl, dass die Macht
Gottes unsere Seelen sterblich machen kann, so immateriell (oder durch die Natur
allein unsterblich) sie immer sein mögen, weil er sie vernichten kann.
    Nun ist diese Wahrheit von der Immaterialität der Seele ohne Zweifel von
Wichtigkeit. Denn es ist zumal in der Zeit, wo wir leben, für die Religion und
Moral unendlich viel vorteilhafter zu zeigen, dass die Seelen von Natur
unsterblich sind, und dass es ein Wunder sein würde, wenn sie es nicht wären, als
zu behaupten, dass unsere Seelen von Natur sterben müssen, aber kraft einer
wunderbaren, allein auf die Verheissung Gottes gegründeten Gnade nicht sterben.
Auch weiss man längst, dass diejenigen, welche die natürliche Religion zerstören
und alles auf die geoffenbarte zurückführen wollten, wie wenn die Vernunft uns
darüber nichts lehrte, als verdächtig gegolten haben, und dies nicht immer ohne
Grund. Aber unser Autor gehört nicht zu ihnen. Er hält den beweis für das Dasein
Gottes aufrecht und erkennt der Immaterialität der Seele den höchsten Grad von
Wahrscheinlichkeit zu, der folglich als eine moralische Gewissheit gelten darf
daher ich glaube, dass er bei seiner ebenso grossen Aufrichtigkeit wie
Scharfsinnigkeit sich mit der von mir soeben auseinandergesetzten Lehre wohl
einverstanden erklären könnte, die für die gesamte Vernunftwissenschaft
grundlegend ist. Sonst sehe ich nicht, wie man sich davor schützen wollte,
entweder der Lehre der Schwärmer zu verfallen, wie etwa der mosaischen
Philosophie Fludds, der alle Erscheinungen Gott unmittelbar und als Wunder
zuschreibt, um sie aufrechtzuerhalten, oder der barbarischen Philosophie, wie
die gewisser Philosophen und Ärzte der Vergangenheit war, die noch nach der
Barbarei ihres Jahrhunderts schmeckte, heutzutage aber mit Recht verachtet ist -
die Lehre derer, welche, um die Erscheinungen zu retten, geheime
Beschaffenheiten oder Vermögen besonders ersannen, welche sie sich in der
Phantasie kleinen Dämonen oder Kobolde, die ohne weiteres alles Verlangte zu tun
imstande wären, ähnlich dachten. Letzteres klingt so, wie wenn die Taschenuhren
die Stunde durch ein stundenzeigendes Vermögen angeben, ohne Räder nötig zu
haben, oder wie wenn die kühlen das Korn durch ein »Mahlvermögen« klein machten,
ohne etwas, was einem Mühlstein gleicht, zu brauchen.
    Was die Schwierigkeit mancher Völker im Begreifen einer immateriellen
Substanz anbetrifft, so wird diese, wenigstens zu einem grossen Teil, aufhören,
wenn man nicht Substanzen verlangen wird, die von der Materie getrennt sind wie
ich denn in der Tat glaube, dass es deren von Natur unter den geschaffenen Wesen
niemals gibt.
 
                                  Erstes Buch.
                       Von den angeboreren Vorstellungen
                                   Kapitel I.
           Ob es im menschlichen Geiste angeborene Vorstellungen gibt
    Philaletes. Nach Beendigung meiner Geschäfts in England und Rückkehr von
dort habe ich gleich daran gedacht, Sie, mein Herr, zu besuchen, um unsere alte
Freundschaft fortzusetzen und uns über die Dinge zu unterhalten, welche uns
beiden so sehr am Herzen liegen und über die ich während meines Aufentaltes in
London neue Aufschlüsse erlangt zu haben glaube. Als wir einst zu Amsterdam ganz
nahe beieinander wohnten, machte es uns allen beiden viel Vergnügen,
Untersuchungen über die Grundsätze und Mittel anzustellen, um in das Wesen der
Dinge einzudringen. Waren unsere Ansichten auch oft verschieden, so vermehrte
diese Verschiedenheit eben nur unsere Befriedigung, wenn wir miteinander
verhandelten, ohne dass der Gegensatz, der sich mitunter zeigte, etwas
Unangenehmes einmischte. Sie waren für Descartes und für die Meinungen des
berühmten Verfassers der »Erforschung der Wahrheit«, und ich für meinen Teil
fand die durch Bernier erläuterten Ansichten Gassendis leichter fasslich und
natürlicher. Gegenwärtig fühle ich mich durch das ausgezeichnete Werk ganz
besonders bestärkt, welches ein berühmter Engländer, den ich persönlich zu
kennen die Ehre habe, seitdem veröffentlicht hat, und welches mehrmals in
England unter dem bescheidenen Titel der »Abhandlung über den menschlichen
Verstand« wieder gedruckt worden ist. Man versichert sogar, dass es binnen kurzem
in Latein und Französisch erscheint, worüber ich mich sehr freue, denn es kann
so von ausgebreiteterem Nutzen sein. Ich habe aus der Lektüre dieses Werkes und
selbst aus der Unterhaltung mit dem Verfasser grossen Nutzen gezogene oft bin ich
mit ihm zu London und mitunter zu Oates bei Mylady Masham zusammengetroffen, der
würdigen Tochter des berühmten Cudwort, eines grossen englischen Philosophen und
Teologen und Verfassers des Intellektualsystems dessen spekulativen Geist und
dessen Liebe zu höherer Erkenntnis sie geerbt hat, welche besonders in der mit
dem Verfasser der besagten Abhandlung unterhaltenen Freundschaft erscheint - und
als er von einigen verdienstvollen Gelehrten angegriffen worden ist, habe ich
auch mit Vergnügen die Verteidigungsschrift gelesen, welche eine sehr gescheute
und geistreiche Dame für ihn verfasst hat, ausser denen, welche er selbst verfasst
hat. Im ganzen folgt er dem System Gassendis, welches im Grunde das des Demokrit
ist. Er ist für den leeren Raum und für die Atome; er glaubt, dass die Materie
lenken könne; dass es keine angeborenen Vorstellungen gebe dass unser Geist eine
Tabula rasa sei, und dass er nicht beständig denke; auch bezeigt er sogar Lust,
die Einwürfe, welche Gassendi gegen Descartes erhoben, grösstenteils zu billigen.
Er hat dies System mit zahlreichen vortrefflichen Bemerkungen bereichert und
verstärkt, und ich zweite nicht, dass gegenwärtig unsere Partei über ihre Gegner,
die Peripatetiker und Kartesianer, den entschiedenen Sieg davontrage. Dies ist
der Grund, warum ich Sie, wenn Sie dieses Buch noch nicht gelesen haben, dazu
auffordere, und wenn Sie es gelesen haben, mir Ihre Ansicht darüber zu sagen
inständig bitte.
    Teophilus. Ich freue mich, Sie nach langer Abwesenheit wieder zurückgekehrt
zu sehen, nach glücklichem Ablauf Ihres wichtigen Geschäftes, gesund, in Ihrer
Freundschaft für mich beständig und immer mit gleichem Eifer auf die Erforschung
der wichtigsten Wahrheiten gerichtet. Ich habe mein Nachdenken nicht minder in
demselben Geiste fortgesetzt, und glaube (ohne mir zu schmeicheln), ebensoweit
und vielleicht weiter als Sie gekommen zu sein. Es war auch für mich nötiger als
für Sie, denn Sie waren mir voraus. Sie hatten mehr Umgang mit den spekulativen
Philosophen und ich mehr Neigung zur Moral. Aber ich habe mehr und mehr gelernt,
wieviel Stärke die Moral aus den wohlbefestigten Grundsätzen der wahren
Philosophie empfängt Darum habe ich sie seitdem mit grösserem Eifer studiert und
bin auf ganz neue Gedanken gekommen. Es wird uns also ein gegenseitiges und
langdauerndes Vergnügen machen, wenn wir uns einander die erhaltenen
Aufklärungen mitteilen. Ich muss Ihnen aber als etwas Neues mitteilen, dass ich
nicht mehr Kartesianer bin und gleichwohl mehr als jemals von Ihrem Gassendi
mich entfernt habe, dessen Wissen und Verdienst ich übrigens anerkenne. Ich bin
auf ein neues System gestossen, wovon ich etwas in den gelehrten Zeitschriften
von Paris, Leipzig und Holland und in dem bewundernswürdigen Wörterbuch Bayles
art. Rorarius gelesen habe. Seitdem glaube ich einen neuen Anblick des inneren
Wesens der Dinge gewonnen zu haben. Dies System scheint Plato mit Demokritus,
Aristoteles mit Descartes, die Scholastiker mit den Neueren, die Teologie und
Moral mit der Vernunft zu versöhnen. Von allen Seiten scheint es das Beste zu
nehmen und dann weiterzukommen, als man jemals gekommen ist. Ich habe darin eine
verständliche Erklärung der Einheit von Seele und Leib gefunden, etwas, an dem
ich bisher verzweifelt war. Die wahren Gründe der Dinge finde ich in der von
diesem System eingeführten Einheit der Substanzen und in deren durch die
Ursubstanz vorherbestimmter Harmonie. Ich habe darin eine so erstaunliche
Einfachheit und Übereinstimmung gefunden, dass man sagen kann, es sei alles und
immer nach verschiedenen Graden der Vollkommenheit dasselbe, jetzt begreife ich,
was Plato darunter verstand, wenn er die Materie für ein unvollkommenes und
wandelbares Wesen nahm, was Aristoteles durch seine Entelechie sagen wollte, was
jenes Versprechen eines anderen Lebens sagen will, das nach Plinius selbst
Demokritus machte, wieweit die Skeptiker recht hatten, wenn sie sich gegen die
Sinne aussprachen, wie die Tiere nach Descartes Automaten sind, und wie sie nach
der allgemeinen Meinung der Menschen doch Seelen und Empfindung haben, wie man
diejenigen, welche allen Dingen Leben und Wahrnehmung verliehen haben,
vernunftgemäss erklären kann, wie Cardan, Campanella und besser als sie die
verstorbene Gräfin von Connaway, eine Anhängerin Platos, und unser verstorbener
Freund Franz Mercurius van Helmont, der übrigens freilich durch viele
unverständliche und paradoxe Meinungen dunkel bleibt, mit seinem verstorbenen
Freund Heinrich Morus, wie die Gesetze der Natur, wovon man vor dem Auftreten
dieses Systems einen guten Teil nicht kannte, ihrem Ursprung nach aus
Grundsätzen hergeleitet werden müssen, welche über das Materielle hinausgehen,
wenn sich gleich im Materiellen alles auf mechanische Weise vollzieht. Im
letzteren Punkte haben die spiritualisierenden Schriftsteller, die ich eben
genannt habe, mit ihren »Archeen« und selbst mit den Kartesianern gefehlt, indem
sie glaubten, dass die immateriellen Substanzen, wo nicht die Kraft, so doch
wenigstens die Richtung oder Bestimmung der Bewegung der Körper änderten,
während nach dem neuen System die Seele und der Körper ihre Gesetze, jedes von
beiden die seinigen, vollkommen einhalten und nichtsdestoweniger doch, soviel es
nötig ist, einander folgen. Endlich hat mich das Nachdenken über dies System
aufzufinden veranlasst, wie die Annahme von Seelen und sinnlichen Empfindungen
bei den Tieren gegen die Unsterblichkeit der menschlichen Seele nicht spricht,
oder vielmehr, wie nichts geeigneter ist, unsere natürliche Unsterblichkeit zu
sichern, als die Annahme, dass alle Seelen unvergänglich sind (morte carent
animae), ohne dass wir deshalb doch die Seelenwanderungen zu fürchten hätten, da
nicht allein die Seelen, sondern auch die Tiere lebend, empfindend, handelnd
bleiben und bleiben werden. Es ist überall wie hier, und immer und überall, wie
bei uns, gemäss dem, was ich Ihnen schon gesagt habe nur dass die Zustände der
Tiere mehr oder weniger vollkommen und entwickelt sind ohne dass man je ganz und
gar vom Körper getrennte Seelen anzunehmen braucht, während wir
nichtsdestoweniger immer eine soviel wie möglich reine Geistigkeit haben,
unbeschadet unserer Organe, die durch ihren Einfluss nie die Gesetze unserer
Spontaneität stören können. Ich finde den leeren Raum und die Atome ganz anders,
als durch den Trugschluss der Kartesianer, ausgeschlossen, welcher sich auf die
angebliche Gleichbedeutung der Vorstellung des Körpers und der Ausdehnung
gründet Ich erblicke alles in Ordnung und Harmonie, mehr als man es bis jetzt
jemals begriffen hat überall organische Materie, nichts Leeres, Unfruchtbares
und Vernachlässigtes, nichts zu Einförmiges, alles mannigfaltig, aber in
Ordnung, und, was über die Phantasie hinausgeht, das ganze Weltall im kleinen,
jedoch von einem ganz verschiedenen Anblick in jedem seiner Teile und selbst in
jeder seiner substantiellen Einheiten. Ausser dieser neuen Analyse der Dinge habe
ich die der Begriffe oder Vorstellungen und der Wahrheiten besser begriffen. Ich
verstehe, was eine wahre, klare, bestimmte und, wenn ich dies Wort gebrauchen
darf adäquate Vorstellung ist. Ich verstehe, welches die ursprünglichen
Wahrheiten und die wahren Grundsätze sind, die Unterscheidung der notwendigen
und der tatsächlichen Wahrheiten, des Vernunftgebrauchs der Menschen und der
Folgerungen der Tiere, die nur ein Schatten von jenem sind. Kurz, Sie werden
erstaunt sein, alles zu hören, was ich Ihnen zu sagen habe, und vor allen Dingen
zu erkennen, wie die Erkenntnis der Grösse und der Vollkommenheit Gottes dadurch
erhöht wird. Denn ich kann Ihnen nicht verhehlen, da ich vor Ihnen kein
Geheimnis habe, wie ich gegenwärtig von Bewunderung und (wenn wir uns dieses
Ausdruckes zu bedienen wagen) von Liebe für diese oberste Quelle aller Dinge und
Schönheiten durchdrungen bin, nachdem ich gefunden habe, dass diejenigen
Vollkommenheiten Gottes, welche dieses System entüllt, alles übertreffen, was
man bis jetzt davon begriffen hat. Sie wissen, dass ich ehemals ein wenig zu weit
gegangen bin und mich auf die Seite der Spinozisten zu schlagen anfing die Gott
nur eine unendliche Macht beilegen, ohne Vollkommenheiten und Weisheit bei ihm
anzuerkennen und, indem sie die Erforschung der Zweckursachen vernachlässigen,
alles von einer blinden Notwendigkeit ableiten. Aber diese neue Aufklärung hat
mich davon geheilt, und seitdem nehme ich mitunter den Namen Teophilus an. Ich
habe das Buch jenes berühmten Engländers gelesen, wovon Sie eben gesprochen
haben. Ich schätze es sehr und habe Vortreffliches darin gefunden; man muss aber
weitergehen und sich sogar seiner Ansichten entschlagen, weil er oft solche
angenommen hat, welche uns mehr als nötig beschränken und nicht allein die
Stellung des Menschen, sondern auch die des Weltalls ein wenig zu sehr
herabsetzen.
    Philaletes. Sie setzen mich in der Tat durch alle die Wunder in Erstaunen,
von denen Sie mir Bericht abstatten; er klingt etwas zu günstig, als dass ich so
leicht daran glauben könnte. Indessen will ich hoffen, dass unter so viel Neuem,
von dem Sie mich unterrichten wollen, etwas haltbares sein wird. In diesem Falle
werden Sie mich ganz gelehrig finden. Sie wissen, dass es immer meine Neigung
war, mich an die Vernunft zu halten, und ich mir mitunter den Namen Philaletes
gab. Deswegen wollen wir uns jetzt, wenn es Ihnen recht ist, dieser beiden
Namen, die so viel Beziehung haben, bedienen. Um zum Ziele zu gelangen, schlage
ich Ihnen ein Mittel vor. Da Sie das Buch des berühmten Engländers gelesen
haben, welches mir so viel Befriedigung gewährt, und er darin die Gegenstände,
wovon wir eben gesprochen haben, grossenteils behandelt, und vor allem die
Analyse unserer Vorstellungen und Erkenntnisse, so wird es das kürzeste sein,
dem Faden desselben zu folgen und zuzusehen, was Sie zu bemerken haben.
    Teophilus. Ich billige Ihren Vorschlag. Hier ist das Buch.
    § 1. Philaletes. Ich habe es so oft gelesen, dass ich es bis auf die
Ausdrücke im Gedächtnisse habe, denen ich sorgfältig folgen werde. Ich werde
also nur nötig haben, bei gewissen Streitfragen, wo wir es für notwendig
erachten werden, nachzuschlagen. Zuerst wollen wir von dem Ursprung der
Vorstellungen oder Begriffe reden (erstes Buch); darauf von den verschiedenen
Arten der Vorstellungen (zweites Buch), und der Worte, deren wir uns, um sie
auszudrücken, bedienen (drittes Buch) endlich von den Erkenntnissen und
Wahrheiten, die daraus folgen (viertes Buch) und zwar wird dieses letzte Buch
uns am meisten beschäftigen.
    Was den Ursprung der Vorstellungen betrifft, so glaube ich mit diesem
Schriftsteller und vielen andern Gelehrten, dass es ebensowenig angeborene
Vorstellungen als angeborene Grundsätze gibt. Und um den Irrtum derjenigen,
welche solche annehmen, zu widerlegen, genügt es, wie in der Folge sich zeigen
wird, nachzuweisen, dass man derselben gar nicht bedarf, und dass die Menschen
alle ihre Erkenntnisse ohne die Hilfe irgend eines angeborenen Eindruckes
erlangen können.
    Teophilus. Sie wissen, Philaletes, dass ich seit langer Zeit anderer
Meinung bin, dass ich beständig, wie auch jetzt noch für die angeborene
Vorstellung Gottes bin, wie sie Descartes aufrechterhalten hat, und folglich
auch für andere angeborene Vorstellungen, die von den Sinnen nicht stammen
können. Gegenwärtig gehe ich im Anschluss an das neue System noch viel weiter und
glaube sogar, dass alle Gedanken und Tätigkeiten unserer Seele aus ihrem eigenen
Innern stammen, da sie ihr, wie Sie in der Folge sehen werden, nicht durch die
Sinne gegeben werden können. Gegenwärtig jedoch will ich diese Untersuchung
beiseite setzen und mich den einmal angenommenen Ausdrücken anbequemen, da sie
in der Tat gut und haltbar sind, und man in einem gewissen Sinne sagen kann, dass
die äusseren Sinne zum Teil Ursache unserer Gedanken sind, - um zu prüfen, wie
man meiner Ansicht nach auch bei dem gewöhnlichen System (indem man von der
Tätigkeit der Körper auf die Seele redet, wie die Anhänger des Copernicus mit
den übrigen Menschen von der Bewegung der Sonne, und zwar mit Grund, reden)
sagen muss, dass es Vorstellungen und Grundsätze gibt, die nicht von den Sinnen
stammen und welche wir in uns, ohne sie zu bilden, verenden, wenngleich die
Sinne uns Gelegenheit geben, uns derselben bewusst zu werden. Wie ich mir denke,
hat unser gelehrter Schriftsteller die Bemerkung gemacht, dass man unter dem
Namen angeborener Grundsätze häufig seine Vorurteile festält und sich damit der
Mühe der Untersuchungen überheben will und dieser Missbrauch wird seinen Eifer
gegen jene Voraussetzung entzündet haben. Er wird die Trägheit und
oberflächliche Denkungsart derer haben bekämpfen wollen, die unter dem
gleitenden Vorwand angeborener Vorstellungen und dem Geiste von Natur
eingeprägter Wahrheiten, denen wir ohne Schwierigkeit beistimmen, sich nicht die
Mühe nehmen, die Quellen, Verbindungen und die Gewissheit dieser Kenntnisse zu
erforschen und zu untersuchen. Darin bin ich ganz seiner Ansicht und gehe sogar
noch weiter. Ich wünschte, dass man unsere Analyse gar nicht beschränkte, von
allen Bezeichnungen, die dessen fähig sind, die Begriffsbestimmungen gäbe, und
alle Grundsätze, die nicht fundamental sind, bewiese oder zu beweisen Anstalt
machte, ohne auf die Meinung der Menschen darüber zu sehen und sich darum zu
bekümmern, ob sie damit übereinstimmen oder nicht. Damit würde mehr Nutzen
verbunden sein, als man denkt, Mir scheint aber, dass der Verfasser durch seinen
sonst sehr löblichen Eifer zu weit nach der anderen Seite geführt worden ist. Er
hat meiner Ansicht nach den Ursprung der notwendigen Wahrheiten, deren Quelle im
Verstande ist, nicht genug von den tatsächlichen unterschieden, die man aus den
Erfahrungen der Sinne und selbst aus den in uns vorhandenen verworrenen
Wahrnehmungen gewinnt. Sie sehen also ich gebe nicht zu, was Sie als Tatsache
hinstellen, dass wir alle unsere Erkenntnisse, ohne angeborene Eindrücke nötig zu
haben, erlangen können und die Folge wird zeigen, wer von uns recht hat.
    § 2. Philaletes. Das werden wir in der Tat sehen. Ich gebe Ihnen zu, lieber
Teophil, dass es keine allgemeiner angenommene Meinung gibt als die, wonach
gewisse Grundsätze der Wahrheit vorhanden sind, über welche die Menschen
allgemein übereinkommen; darum werden sie Gemeinbegriffe (koinai ennoiai)
genannte man schliesst daraus, dass diese Grundsätze ebensoviel Eindrücke seien,
welche unsere Seelen mit dem Dasein empfangen.
    § 3. Aber falls die Tatsache sicher wäre, dass es von dem ganzen
Menschengeschlecht angenommene Grundsätze gibt, so würde diese allgemeine
Übereinstimmung doch nicht beweisen, dass sie angeboren sind, wenn man, wie ich
glaube einen anderen Weg zeigen kann, auf dem die Menschen zu dieser
Übereinstimmung in ihrer Ansicht haben gelangen können.
    § 4. Was aber noch viel schlimmer ist, diese allgemeine Übereinstimmung
endet gar nicht statt, selbst nicht in bezug auf jene beiden berühmten
Grundsätze der Spekulation (denn von denen der Praxis werden wir nachher
sprechen), dass alles, was ist, ist, und dass etwas zur selben Zeit unmöglich sein
und nicht sein kann; denn einem grossen Teil des Menschengeschlechts sind diese
beiden Grundsätze, die Ihnen ohne Zweifel als notwendige Wahrheiten und
Grundsätze gelten, nicht einmal bekannt.
    Teophilus. Ich gründe die Gewissheit der angeborenen Grundsätze nicht auf
die allgemeine Übereinstimmung, denn ich habe Ihnen schon gesagt, Philaletes,
dass man meiner Meinung nach darauf hinarbeiten müsse, alle Grundsätze, die nicht
fundamentale sind, beweisen zu können. Auch gebe ich Ihnen zu, dass eine sehr
allgemeine Übereinstimmung, die aber nicht ganz durchgängig ist, aus einer über
das ganze Menschengeschlecht verbreiteten Überlieferung stammen könne, wie die
Sitte des Tabakrauchens von fast allen Völkern in weniger als einem Jahrhundert
angenommen worden ist, obgleich man einige Inselbewohner gefunden hat, die, da
sie nicht einmal das Feuer kannten, auch nicht rauchen konnten. So haben einige
Gelehrte selbst unter den Teologen, jedoch von der Sekte des Arminius,
geglaubt, dass die Gotteserkenntnis aus einer sehr alten und sehr allgemeinen
Überlieferung stammte, und ich bin in der Tat zu glauben geneigt, dass der
Unterricht diese Kenntnis befestigt und berichtigt hat. Gleichwohl scheint es,
dass die Natur auch ohne Lehre dazu anleite; die Wunder des Weltalls sind die
Ursache gewesen, an eine höhere Macht zu denken. Man hat ein taubstumm geborenes
Kind dem Vollmond seine Anbetung bezeugen sehen und Völker gefunden, die nichts
anderes kannten, und wieder andere Völker, welche sich vor unsichtbaren rächten
fürchteten. Ich gebe Ihnen zu, lieber Philaletes, dass dies noch nicht die Idee
Gottes sei, wie wir sie haben und fordern diese Idee ist jedoch
nichtsdestoweniger im Grunde unserer Seele, ohne, wie wir sehen werden,
hineingebracht zu sein. Auch die ewigen Gesetze Gottes sind zum Teil auf eine
noch lesbarere Art und durch eine Art von Instinkt derselben eingeprägt. Aber
dies sind Grundsätze des Handelns, von denen wir noch zu reden Gelegenheit haben
werden. Man muss indessen gestehen, dass unsere Neigung zur Anerkennung der Idee
Gottes in der menschlichen Natur liegt. Und wenn wir den ersten Unterricht darin
auch der Offenbarung zuschreiben wollten, so kommt doch immer die Leichtigkeit,
welche die Menschen in der Annahme dieser Lehre gezeigt haben, aus der
Naturanlage ihrer Seele. Aber wir werden in der Folge zu dem Urteil gelangen,
dass die äussere Lehre dabei das, was in uns ist, hier nur erwecke. Ich schliesse
also, dass eine allgemeine Übereinstimmung unter den Menschen ein Zeichen und
nicht ein Beweis für einen angeborenen Grundsatz ist, der strikte und
entscheidende Beweis dieser Grundsätze aber darin besteht, aufzuzeigen, dass
deren Gewissheit nur von dem uns Innewohnenden stammt. Um noch auf das zu
antworten, was Sie gegen die allgemeine Zustimmung zu den beiden grossen
Grundsätzen der Spekulation geltend machen, die doch aufs beste festgestellt
sind, so kann ich Ihnen sagen, dass sie, seihst wenn sie nicht bekannt wären,
doch angeboren wären, weil man sie anerkennt, sobald man sie vernommen hat. Aber
ich will noch hinzufügen, dass im Grunde genommen jedermann sie kennt, und man
sich z.B. jeden Augenblick des Grundsatzes des Widerspruchs, ohne besonders
darauf acht zu haben, bedient. Kein Mensch ist so roh, dass er nicht in einer
ernsten Sache von dem Betragen eines Lügners, der sich selbst widerspricht,
verletzt werden sollte. So wendet man diese Grundsätze an, ohne sie ausdrücklich
ins Auge zu fassen, und das ist ungefähr, wie wenn man in den Entymemen die
nicht ausgedrückten Vordersätze nur der Möglichkeit nach im Geiste hat, indem
man sie nicht nur im Ausdruck, sondern selbst im Denken beiseite lässt.
    § 5. Philaletes. Was Sie von diesen möglichen Kenntnissen und dem inneren
Unterdrücken derselben sagen, überrascht mich; denn zu behaupten, dass es in die
Seele eingeprägte Wahrheiten gibt, deren sie sich nicht bewusst ist, das scheint
mir wahrlich ein Widerspruch.
    Teophilus. Wenn Sie in diesem Vorurteil befangen sind, so wundere ich mich
nicht, dass Sie die angeborenen Erkenntnisse verwerfen. Aber ich bin erstaunt,
wie es Ihnen noch nicht eingefallen ist, dass wir unendlich viele Erkenntnisse
haben, deren wir uns nicht immer bewusst sind, selbst nicht, wenn wir sie
brauchen; das Gedächtnis muss sie aufbewahren und die Wiedererinnerung sie uns
darbieten, wie nach Bedürfnis oft, aber nicht immer geschieht. Man nennt dies
sehr gut »beikommen«, denn die Wiedererinnerung verlangt Beistand. Und
sicherlich müssen wir bei dieser Menge unserer Erkenntnisse durch etwas bestimmt
werden, eine davon eher als die andere wieder zu erwecken, weil es unmöglich
ist, an alles, was wir wissen, ganz zu derselben Zeit deutlich zu denken.
    Philaletes. Darin, glaube ich, haben Sie recht, und diese zu allgemeine
Vorstellung, dass wir uns immer aller Wahrheiten, die in unserer Seele sind,
bewusst seien, ist mir entgangen, ohne dass ich hinlänglich Aufmerksamkeit darauf
gehabt habe. Aber Sie werden etwas mehr Mühe haben, auf das, was ich Ihnen jetzt
vorlegen will, zu erwidern. Wenn man nämlich von einem einzelnen Satz sagen
kann, dass er angeboren ist, so wird man mit demselben Grunde behaupten können,
dass alle Sätze, welche vernunftgemäss sind und die der Geist jemals als solche
wird betrachten können, der Seele bereits eingeprägt sind.
    Teophilus. Ich gebe Ihnen dies hinsichtlich der reinen Vorstellungen zu,
die ich den phantastischen Erscheinungen der Sinne entgegensetze, sowie in
betreff der notwendigen oder Vernunftwahrheiten, welche ich den tatsächlichen
Wahrheiten entgegensetze. In diesem Sinne muss man sagen, dass die ganze
Aritmetik und die ganze Geometrie angeboren und auf eine potentielle Weise in
uns sind, dergestalt, dass man sie, wenn man aufmerksam das im Geiste schon
Vorhandene betrachtet und ordnet, darin auffinden kann, ohne sich irgend einer
durch die Erfahrung oder Überlieferung von einem anderen lernten Wahrheit zu
bedienen, wie Plato dies in einem Gespräch gezeigt hat, wo er den Sokrates ein
Kind durch blosse Fragen, ohne es etwas zu lehren, zu fernliegenden Wahrheiten
führen lässt. Man kann also diese Wissenschaften in seinem Zimmer und sogar mit
geschlossenen Augen sich bilden, ohne durch das Gesicht oder selbst das Gefühl
die nötigen Wahrheiten zu lernen, obgleich man allerdings die Vorstellungen, um
die es sich handelt, nicht gewahr werden würde, wenn man niemals etwas gesehen
oder berührt hätte. Denn durch eine bewunderungswürdige Einrichtung der Natur
geschieht es, dass wir niemals abstrakte Gedanken haben können, ohne dazu etwas
Sinnliches zu bedürfen, wären es auch nur solche reichen, wie die Gestalten der
Buchstaben oder die Töne sind, wenngleich zwischen solchen willkürlichen Zeichen
und jenen Gedanken keine notwendige Verknüpfung besteht. Und wenn die sinnlichen
Spuren nicht erforderlich wären, so würde die vorherbestimmte Harmonie zwischen
der Seele und dem Körper, womit ich Sie noch ausführlicher zu unterhalten
Gelegenheit haben werde, nicht stattfinden. Dies hindert aber keineswegs, dass
der Geist die notwendigen Wahrheiten aus sich selbst schöpfe. Auch sieht man
mitunter, wie weit er ohne irgend eine Hilfe durch eine rein natürliche Logik
und Aritmetik kommen kann, wie jener schwedische Knabe durch Ausbildung der
seinigen bis zu grossen Rechnungen, die er sofort im Kopfe macht, gekommen ist,
ohne die gewöhnliche Rechenkunst, noch selbst lesen und schreiben gelernt zu
haben, wenn ich mich dessen, was man mir davon erzählt hat, recht erinnere.
Allerdings könnte er nicht mit der Auflösung so schwieriger Probleme fertig
werden, welche das Ausziehen der Wurzeln erfordern. Aber das hindert nicht, dass
er sie nicht durch irgend einen neuen Kunstgriff des Geistes aus sich selbst
hätte lösen können. Also beweist das nur, dass es in der Schwierigkeit, sich
dessen, was in uns ist, bewusst zu werden, verschiedene Grade gibt. Es gibt
angeborene Grundsätze, die allen bekannt und sehr leicht fasslich sind es gibt
Lehrsätze, die man auch gleich entdeckt, und aus denen die natürlichen
Wissenschaften bestehen, welche bei dem einen ausgebreiteter sind als bei dem
anderen. Endlich können in einem noch weiteten Sinne, den anzuwenden gut ist, um
umfassendere und bestimmtere Begriffe zu haben, alle diejenigen Wahrheiten
angeborene genannt werden, die man aus den ursprünglichen angeborenen
Erkenntnissen ziehen kann, weil der Geist sie aus seinem eigenen Innern zu
schöpfen vermag, was freilich oft keine leichte Sache ist. Wenn aber jemand den
Ausdrücken einen anderen Sinn beilegt, so will ich nicht mit ihm über Worte
streiten.
    Philaletes. Ich habe Ihnen zugegeben, dass man in der Seele manches, dessen
man sich nicht bewusst ist, haben kann, denn man erinnert sich nicht immer, wenn
es gerade ein muss, alles dessen, was man weiss. Aber man muss es doch einmal
gelernt und vordem ausdrücklich gekannt haben. Wenn man also sagen kann, dass
etwas in der Seele ist, obgleich diese es noch nicht gekannt hat, so kann dies
nur dadurch sein, dass sie die Fähigkeit oder das Vermögen, es zu erkennen,
besitzt.
    Teophilus. Warum könnte dies nicht noch eine andere Ursache haben, nämlich
die, dass die Seele etwas in sich haben kann, ohne dass man sich desselben bewusst
wäre? Denn da eine erworbene Erkenntnis mittels des Gedächtnisses darin
verborgen sein kann, wie Sie es zugeben, warum sollte nicht auch die Natur eine
ursprüngliche Erkenntnis darin haben verbergen können muss denn alles, was einer
sich erkennenden Substanz natürlich ist, sogleich wirklich von ihr erkannt
werden? Kann und muss nicht eine Substanz, wie unsere Seele, verschiedener
Eigenschaften und Regungen haben, welche alle sofort und alle gleich gewahr zu
werden unmöglich ist? Die Platoniker meinten, dass alle unsere Erkenntnisse aus
der Erinnerung und zwar so herrühren, dass die Wahrheiten, welche die Seele mit
der Geburt des Menschen auf die Welt gebracht hat und die man angeborene nennt,
Reste einer ausdrücklichen vorhergegangenen Erkenntnis sein müssen. Aber diese
Meinung ist ohne Grund, und es ist leicht einzusehen, dass die Seele schon in dem
vorhergegangenen Zustand (wenn die Präexistenz stattfand), so entfernt er auch
sein mochte, ganz wie hier bereits angeborene Erkenntnisse haben musste diese
müssten sich also auch aus einem vorhergegangenen Zustand herschreiben, wo sie am
Ende angeboren oder wenigstens mit anerschaffen sein würden; oder aber man müsste
bis ins Unendliche gehen und die Seele als von Ewigkeit her annehmen, in welchem
Falle diese Kenntnisse in der Tat angeboren sein würden, weil sie dann in der
Seele niemals einen Anfang gehabt haben würden. Wollte jemand noch behaupten,
dass jeder frühere Zustand etwas von einem noch früheren gehabt habe, was er den
folgenden nicht zurückgelassen hat, so würde man ihm antworten, dass offenbar
gewisse evidente Wahrheiten allen diesen Zuständen hätten zukommen müssen, und
dass, wie man die Sache auch nehme, in allen Zuständen der Seele die notwendigen
Wahrheiten ganz gewiss angeboren seien und aus dem Inneren bewiesen werden, da
sie durch Erfahrungen, wie man durch solche die tatsächlichen Wahrheiten
begründet, nicht begründet werden konnten. Warum sollte mau denn auch in der
Seele nichts besitzen können, wovon mau niemals Gebrauch gemacht hat? Ist es
denn einerlei, etwas haben, ohne es zu gebrauchen, und nur das Vermögen, es sich
anzueignen, besitzen? Wäre dies der Fall, so würden wir immer nur das besitzen,
was wir gebrauchen. Statt dessen weiss man, dass ausser dem Vermögen und dem
Gegenstande oft eine gewisse Anlage in der Fähigkeit oder in dem Gegenstande,
oder in allen beiden nötig ist, damit die Fähigkeit sich auf den Gegenstand
anwenden lasse.
    Philaletes. Wenn man es auf diese Art nimmt, wird man behaupten können, es
seien der Seele gewisse Wahrheiten eingeprägt, welche sie gleichwohl niemals
gekannt hat und sogar niemals erkennen würde, was mir befremdlich erscheint.
    Teophilus. Ich sehe darin nichts Widersinniges, obgleich man auch nicht
versichern kann, dass es solche Wahrheiten gibt. Denn es möchten sich dereinst
noch erhabenere Dinge, als wir im gegenwärtigen Lebenslauf erkennen können, in
unseren Seelen entwickeln, wenn sie in eisern anderen Zustande sein werden.
    Philaletes. Gesetzt nun, es gebe Wahrheiten, welche dem Verstande ohne dass
er sich ihrer bewusst ist, eingeprägt sein können, so sehe ich nicht ein, wie sie
hinsichtlich ihrer Entstehung von den Wahrheiten, welche zu erkennen er allein
fähig ist, verschieden sein können.
    Teophilus. Der Geist ist nicht allein fähig, sie zuerkennen, sondern auch,
sie in sich aufzufinden, und hätte nur die blosse Fähigkeit, die Erkenntnisse in
sich aufzunehmen oder die leidende Möglichkeit dazu, die so unbestimmt wäre, als
die des Wachses, formen anzunehmen, und die der leeren Tafel, Buchstaben
aufzunehmen, so würde er nicht die Quelle der notwendigen Wahrheiten sein, wie
er sie doch nach meinem eben gelieferten Beweis ist, denn es ist unbestreitbar,
dass die Sinne nicht ausreichen, um deren Notwendigkeit einzusehen, und dass also
der Geist eine sowohl tätige als leidende Anlage hat, sie aus seinem eigenen
Inneren selbst zu schöpfen, wenn auch die Sinne notwendig sein mögen, um ihm
Gelegenheit dazu und Aufmerksamkeit dafür zu geben und ihn auf die einen eher
als auf die anderen zu lenken. Sie sehen also, dass diejenigen sonst sehr
gescheiten Leute, welche anderer Ansicht sind, nicht genug über die Tragweite
des Unterschiedes nachgedacht zu haben scheinen, der, wie ich schon bemerkt
habe, und wie unser ganzer Streit zeigt, zwischen den notwendigen oder ewigen
Wahrheiten und den Erfahrungs-Wahrheiten obwaltet. Der ursprüngliche Beweis der
notwendigen Wahrheiten kommt allein vom Verstande, und die übrigen Wahrheiten
stammen aus den Erfahrungen oder Beobachtungen der Sinne. Unser Geist ist fähig,
die einen und die anderen zu erkennen, aber er ist die Quelle der ersteren, und
so zahlreiche einzelne Erfahrungen man von einer allgemeinen Wahrheit haben mag,
so kann man sich doch derselben durch Induktion nicht für immer versichern, ohne
ihre Notwendigkeit durch die Vernunft zu erkennen.
    Philaletes. Wenn aber diese Worte im Verstande sein etwas Positives in sich
schliessen, müssen sie dann nicht so viel bedeuten, als dass der Verstand ihrer
sich bewusst ist und sie begreift?
    Teophilus. Sie bedeuten für uns etwas ganz anderes; es genügt, dass das, was
im Verstande ist, auch darin gefunden werden könne, und dass die ursprünglichen
beweise der Wahrheiten, um die es sich handelt, nur im Verstande seien die Sinne
können diese Wahrheiten anregen, rechtfertigen und bestätigen, aber nicht ihre
unfehlbare und immerwährende Gewissheit beweisen.
    Philaletes. Gleichwohl werden alle die, welche sich die Mühe geben, mit
einiger Aufmerksamkeit auf das Verfahren des Verstandes zu achten, finden, dass
diese vom Geiste ohne weiteres gewissen Wahrheiten erteilte Zustimmung von dem
Vermögen des menschlichen Geistes abhängt.
    Teophilus. Ganz rechte aber eben dieses besondere Verhältnis des
menschlichen Geistes zu diesen Wahrheiten macht die Anwendung des Vermögens auf
sie leicht und natürlich, und bewirkt, dass man sie angeborene nennt. Es ist also
kein nacktes Vermögen, welches in der blossen Möglichkeit, sie zu begreifen,
besteht; es ist eine Anlage, eine Fertigkeit, eine Keimbildung, welche unsere
Seele bestimmt und bewirkt, dass sie aus ihr gewonnen werden können. Ganz so, wie
es zwischen den Gestalten, welche man dem Stein oder dem Marmor willkürlich
gibt, und zwischen denen, welche seine Adern schon bezeichnen oder zu bezeichnen
angelegt sind, wenn der Künstler davon Gebrauch machen will, einen Unterschied
gibt.
    Philaletes. Ist es aber nicht wahr, dass die Wahrheiten den Vorstellungen,
aus denen sie hervorgehen, nachfolgen? Es stammen also die Vorstellungen von den
Sinnen ab.
    Teophilus. Die intellektuellen Vorstellungen, welche die Quelle der
notwendigen Wahrheiten sind, stammen nicht von den Sinnen ab, und Sie müssen
anerkennen, dass es Vorstellungen gibt, welche der Reflexion des Geistes verdankt
werden, wenn er über sich selbst nachdenkt. Es ist übrigens wahr, dass die
deutliche Erkenntnis der Wahrheiten der deutlichen Erkenntnis der Vorstellungen
(tempore vel natura, nach Zeit und Wesen) erst folgt, wie das Wesen der
Wahrheiten von dem der Vorstellungen abhängt, ehe man die einen und die anderen
deutlich bildet, und wie die Wahrheiten, zu denen die aus den Sinnen stammenden
Vorstellungen mitwirken, wenigstens zum Teil von den Sinnen abhangen. Es sind
aber die aus den Sinnen stammenden Vorstellungen verworren und die davon
abhängigen Wahrheiten, zum Teil wenigstens, auch, während die intellektuellen
Vorstellungen und die davon abhängigen Wahrheiten deutlich bestimmt sind und
weder die einen, noch die anderen ihren Ursprung aus den Sinnen haben, obgleich
wir allerdings ohne die Sinne niemals an sie denken würden.
    Philaletes. Nach Ihrer Meinung sind jedoch die Zahlen intellektuelle
Vorstellungen und dennoch hängt die dabei vorkommende Schwierigkeit von der
deutlichen Bildung der Vorstellungen ab. Ein Erwachsener z.B. weiss, dass 18 und
19 zusammen gleich 37 sind, mit derselben Evidenz, wie er weiss, dass 1 und 2
zusammen 3 machen; gleichwohl erkennt aber ein Kind den ersteren Satz nicht so
reicht als den zweiten, weil es die Vorstellungen nicht so schnell gebildet hat
als die Worte.
    Teophilus. Ich kann Ihnen zugeben, dass die Schwierigkeit in der deutlichen
Bildung der Wahrheiten oft von der abhängt, welche man bei der deutlichen
Bildung der Vorstellungen hat. Gleichwohl glaube ich, dass es in Ihrem Beispiel
sich darum handelte schon gebildete Vorstellungen anzuwenden, denn die, welche
bis 10 zu zählen und die Art, mittels einer gewissen Verdoppelung der Zehner
weites zu gehen, gelernt haben verstehen ohne Mühe, dass 18 und 19 = 37 nämlich
ist, nämlich ein- zwei- oder dreimal 10 mit 8 oder 9 oder 7 aber um daraus zu
schliessen, dass 18 und 19 37 macht, bedarf es mehr Aufmerksamkeit, als um zu
wissen, dass 1 und 2 = 3 sind, was im Grunde nur die Definition von 3 ist.
    § 18. Philaletes. Es ist kein den von Ihnen intellektuell genannten Zahlen
oder Vorstellungen anhaftendes Vorrecht, Sätze zu liefern, denen man, sobald man
sie hört, unfehlbar beistimmt. Es gibt deren auch in der Physik und in allen
anderen Wissenschaften, und selbst die Sinne liefern uns solche. So z.B. ist der
Satz: Zwei Körper können nicht zugleich an demselben Orte sein, eine Wahrheit,
von der man auf keine andere Weise überzeugt ist, als von folgenden Grundsätzen:
Unmöglich kann etwas zu der nämlichen Zeit sein und nicht sein; Weiss ist nicht
Rot; ein Viereck ist kein Kreise die gelbe Farbe ist nicht die Süssigkeit.
    Teophilus. Diese Sätze entalten doch Unterschiede. Der erste, welcher die
Unmöglichkeit der Durchdringlichkeit der Körper ausspricht, bedarf eines
Beweises. In der Tat verwerfen ihn alle die, welche, wie die Peripatetiker und
der verstorbene Ritter Digby, an wirkliche und im eigentlichen Sinn genommene
Verdichtungen und Verdünnungen glauben, ohne von den Christen zu sprechen,
welche meistens das Gegenteil glauben, dass nämlich die Durchdringung des
Ausgedehnten für Gott möglich, die anderen Sätze aber sind identische oder doch
beinahe, und die identischen oder unmittelbaren bedürfen keines Beweises. Was
diejenigen betrifft, welche von den Sinnen geliefert werden, wie der, welcher
aussagt, dass die gelbe Farbe nicht die Süssigkeit ist, so wenden diese nur den
allgemeinen Identitätssatz auf besondere Fälle an.
    Philaletes. Jeder aus zwei verschiedenen Vorstellungen gebildete Satz,
deren eine die andere aufhebt, wie z.B. dass das Viereck kein Kreis ist, das
Gelbsein nicht Süsssein ist, wird ebenso sicher als unzweifelhaft angenommen
werden, sobald man die Ausdrücke darin versteht, wie jener allgemeine Grundsatz:
»Unmöglich kann etwas zur nämlichen Zeit sein und nicht sein«.
    Teophilus. Dies kommt daher, dass der eine (nämlich der allgemeine
Grundsatz) und der andere (nämlich die Aufhebung einer Vorstellung durch eine
andere entgegengesetzte) davon die Anwendung ist.
    Philaletes. Mir scheint vielmehr, dass der Grundsatz von jener Aufhebung,
welche ihn begründet, abhängig ist, und dass er noch leichter zu verstehen ist
als der Satz: Was dasselbe ist, ist nicht verschieden, oder der Grundsatz des zu
vermeidenden Widerspruches. Auf diese Weise würde man ja eine zahllose Menge von
Sätzen dieser Art, welche eine Vorstellung der anderen absprechen, ohne von den
übrigen Wahrheiten zu reden, als angeborene Wahrheiten annehmen müssen. Dazu
kommt, dass, weil kein Satz angeboren sein kann. wenn nicht die ihn bildenden
Vorstellungen angeboren sind, man voraussetzen müsste, dass alle Vorstellungen,
welche wir von Farben, Tönen, Geschmäcken, Gestalten usw. haben, angeboren sind.
    Teophilus. Ich sehe gar nicht ein, wie der Satz: »Einerlei ist nicht
verschieden« der Ursprung des Grundsatzes des Widerspruches und leichter
begreiflich, als er, sein sollte; denn mir scheint, man nimmt sich mehr
Freiheit, wenn man behauptet, dass A nicht B ist, als wenn man sagt, dass A nicht
A ist. Der Grund, der A, B zu sein, hindert, ist, dass B nicht A in sich entält.
Übrigens ist nach dem Sinne, welchen wir diesem Ausdruck »angeborene Wahrheit«
gegeben haben, der Satz: »Das Süsse ist nicht das Bittere« nicht angeboren. Denn
die Empfindungen des Süssen und des Bitteren stammen von den äusseren Sinnen. Also
ist es ein gemischter Schluss (hybrida conclusio) wo der Grundsatz auf eine
sinnliche Wahrheit angewendet worden ist. Was aber jenen Satz anbetrifft: »Das
Viereck ist kein Kreis«, so kann man sagen, dass er angeboren ist; denn indem man
ihn ins Auge fasst, macht man eine Subsumtion oder Anwendung des Grundsatzes des
Widerspruchs auf das, was der Verstand selbst liefert, sobald man sich bewusst
ist, dass diese angeborenen Vorstellungen Begriffe in sich schliessen, die
miteinander unverträglich sind.
    § 19. Philaletes. Wenn Sie annehmen, dass diese besonderen und durch sich
selbst evidenten Sätze, deren Wahrheit man erkennt, sobald man sie aussprechen
hört, wie z.B. dass das Grüne nicht das Rote ist, als Folgerungen jener anderen
noch allgemeineren Sätze, welche man als ebenso viele angeborene Grundsätze
betrachtet, angenommen werden, so scheinen Sie nicht in Erwägung zu ziehen, dass
diese besonderen Sätze von denen, welche keine Erkenntnis jener allgemeineren
Grundsätze haben, als unzweifelhafte Wahrheiten angenommen werden.
    Teophilus. Darauf habe ich bereits vorhin geantwortet: man beruft sich auf
diese allgemeinen Grundsätze, wie man sich auf die Obersätze beruft, welche man
beim Schliessen durch Entymeme voraussetzte denn obgleich man gar häufig beim
Schliessen nicht deutlich an das, was man tut, denkt, ebensowenig wie an das, was
man beim Gehen und beim Springen tut, so ist doch immer wahr, dass die Kraft des
Schlusses zum Teil in dem besteht, was man unterdrückt, und was nirgends sonst
her gewonnen werden kann, - wie man finden wird, wenn man ihn zu rechtfertigen
sucht.
    § 20. Philaletes. Es scheint aber, dass die allgemeinen und abstrakten
Vorstellungen unserem Geiste fremder sind als die besonderen Begriffe und
Wahrheiten; also müssen diese besonderen Wahrheiten dem Geiste natürlicher sein
als der Grundsatz des Widerspruchs, von dem sie Ihrer Meinung nach nur die
Anwendung sein sollen.
    Teophilus. Allerdings beginnen wir früher der besonderen Wahrheiten uns
bewusst zu sein, sowie wir mit den zusammengesetzteren und gröberen Vorstellungen
beginnen dies hindert aber nicht, dass die Ordnung der Natur mit dem Einfachsten
beginne und die Begründung der besonderen Wahrheiten von den allgemeineren
abhange, wovon sie nur die Beispiele sind. Und wenn man in Betracht ziehen will,
was in uns der Anlage nach und jedwedem Bewusstsein voraus liegt, so hat man
Ursache, mit dem Einfachsten anzufangen. Denn die allgemeinen Grundsätze sind in
unserem Denken entalten und bilden deren Seele und Zusammenhalt. Sie sind so
notwendig, wie die Muskeln und Sehnen zum Gehen sind, wenn man auch nicht daran
denkt. Der Geist stützt sich jeden Augenblick auf diese Grundsätze; aber es
gelingt ihm nicht so leicht, sie sich klar zu machen und sich deutlich und
gesondert vorzustellen, weil dies eine grosse Aufmerksamkeit auf sein Tun
erfordert, welche die meisten Menschen, zum Nachdenken wenig gewöhnt, nicht
besitzen. Haben nicht die Chinesen artikulierte Laute wie wir? Und dennoch sind
sie bei ihrer Gewöhnung an eine andere Schreibweise noch nicht darauf gekommen,
von diesen Lauten ein Alphabet zu machen. So haben wir vieles in unserem Besitz,
ohne es zu wissen.
    §. 21. Philaletes. Wenn der Geist gewissen Wahrheiten so schnell zustimmt,
könnte das nicht eher von der Betrachtung der Natur der Dinge selbst herkommen,
die ihm anders zu urteilen nicht erlaubt, als davon, dass diese Sätze von Natur
unserem Geist eingepflanzt sind?
    Teophilus. Eines und das andere ist richtig. Die Natur der Dinge und die
Natur des Geistes tragen dazu bei. Und wenn Sie die Betrachtung der Sache dem
Bewusstsein des unserem Geist Eingepflanzten entgegensetzen, so zeigt dieser
Einwand selbst, dass die, deren Partei Sie ergreifen, unter den angeborenen
Wahrheiten nur das verstehen, was man von Natur wie durch Instinkt und sogar bei
nur verworrener Erkenntnis guteissen würde. Es gibt Wahrheiten von dieser Art,
und wir werden davon zu sprechen noch Gelegenheit haben; was man jedoch das
natürliche Licht nennt, setzt eine deutliche Erkenntnis voraus, und sehr oft ist
die Betrachtung des Wesens der Dinge nichts anderes, als die Betrachtung des
Wesens unseres Geistes und jener angeborenen Vorstellungen, die man auswärts zu
suchen nicht nötig hat. Also nenne ich diejenigen Wahrheiten angeboren, welche
nur einer solchen Inbetrachtnahme bedürfen, um als wahr anerkannt zu werden. Auf
den § 22 gemachten Einwurf habe ich schon im § 5 geantwortet. Dieser Einwurf
besagt, dass, wenn man behauptet, die angeborenen Begriffe seien implicite im
Geiste, dies nur bedeuten dürfe, er habe sie zu erkennen das Vermögen; ich habe
dagegen die Bemerkung gemacht, dass er ausserdem sie in sich zu finden das
Vermögen; und, wenn er sie gehörig denkt, sie anzuerkennen die Neigung hat.
    § 23. Philaletes. Wie es scheint, nehmen Sie also an, dass diejenigen,
welchen man jene allgemeinen Grundsätze zuerst vorträgt, nichts erfahren, was
ihnen völlig neu ist. Es ist aber klar, dass sie zuerst die Bezeichnung darauf
die Wahrheiten und selbst die Vorstellungen, von denen diese Wahrheiten
abhangen, lernen.
    Teophilus. Es handelt sich hier nicht um die Bezeichnungen, welche
gewissermassen willkürlich sind, während die Vorstellungen und die Wahrheiten
natürlich sind. Was aber diese Vorstellungen und Wahrheiten anbetrifft, so
messen sie uns eine Lehre bei, von der wir weit entfernt sind; denn ich gebe zu,
dass wir die angeborenen Vorstellungen und Wahrheiten, sei es durch Aufmerken auf
ihre Quelle, sei es durch Bestätigung aus der Erfahrung, kennen lernen. Ich
mache also gar nicht die von Ihnen erwähnte Voraussetzung, als ob wir in dem von
Ihnen besprochenen Fall nichts Neues lernten, und würde auch den Satz: »Alles,
was man lernt, ist nicht angeboren« nicht zugeben. Die aritmetischen Wahrheiten
sind in uns, und dennoch lernt man sie, indem man sie entweder aus ihrer Quelle
auf dem Wege demonstrativen Nachweises herleitet (was ihr Angeborensein zeigt)
oder durch Beispiele erhärtet, wie die gewöhnlichen Rechner es tun, die, weil
sie die Gründe nicht wissen, ihre Regeln nur durch Überlieferung lernen und
höchstens, ehe sie sie lehren, durch die Erfahrung rechtfertigen, welche sie so
weit treiben, als sie für angemessen erachten. Und mitunter ist selbst ein sehr
geschickter Matematiker, wenn er die Quelle der Entdeckung eines anderen nicht
kennt, gezwungen, sich zu ihrer Prüfung mit dieser Induktionsmetode zu
begnügen. So verfuhr ein berühmter Schriftsteller zu Paris, als ich dort war der
die Untersuchung meines aritmetischen Tetragonismus durch Vergleichung mit den
Ludolphschen Zahlen in dem Glauben sehr weit trieb, einen Fehler darin zu finden
und er hatte auch Grund zu zweifeln, bis ihm der Beweis davon mitgeteilt wurde,
der uns solcher Untersuchungen, die man immer fortsetzen könnte, ohne jemals
vollkommen sicher zu sein, überhebt. Und selbst das letztere, nämlich die
Unvollkommenheit der Induktionen, kann man noch durch die Beispiele aus der
Erfahrung ausgleichen, denn es gibt Progressionen, in denen man sehr weit
vorwärts gehen kann, ehe man die darin vorkommenden Veränderungen und Gesetze
bemerkt.
    Philaletes. Wäre es aber nicht möglich, dass nicht allein die Ausdrücke oder
Worte, deren man sich bedient, sondern auch die Vorstellungen uns von aussen
kommen.
    Teophilus. Dann müssten wir ja selbst ausser uns sein, da die intellektuellen
oder Reflexions-Vorstellungen aus unserem Geiste hergeleitet werden; und ich
möchte wohl wissen, wie wir die Vorstellung des Seins haben könnten, wenn wir
nicht selbst Seiendes wären und so das Sein in uns fänden.
    Philaletes. Was sagen Sie aber zu dieser Herausforderung eines meiner
Freunde? Wenn jemand, so sagt er, einen Satz finden kann, worin die
Vorstellungen angeborene sind, so nenne er ihn mir, er könnte mir keinen
grösseren Gefallen erweisen.
    Teophilus. Ich würde ihm die Sätze der Aritmetik und Geometrie nennen,
welche alle von dieser Art sind, und auf dem Gebiete der notwendigen Wahrheiten
würde man gar keine anderen finden.
    § 25. Philaletes. Das wird vielen Leuten sonderbar vorkommen. Kann man
sagen, dass die schwierigsten und tiefsten Wissenschaften angeboren sind.
    Teophilus. Ihre wirkliche Erkenntnis ist es nicht, wohl aber das, was man
die mögliche Erkenntnis nennen kann, wie die durch die Adern des Marmors
vorgezeichnete Gestalt im Marmor ist, ehe man sie beim Arbeiten entdeckt.
    Philaletes. Aber ist es möglich, dass die Kinder, wenn sie die ihnen von
aussen kommenden Begriffe empfangen und ihnen zustimmen, keine Erkenntnis von
denjenigen haben, welche man als ihnen angeboren und gleichsam einen Teil ihres
Geistes bildend voraussetzt, wo sie - so sagt man - in unauslöschlichen Zügen,
um als Grundlage zu dienen, eingeprägt sind? Wäre das der Fall, so hätte sich
die Natur unnütze Mühe gegeben oder wenigstens diese Züge schlecht eingeprägt,
da sie von Augen, die anderes doch sehr gut sehen, nicht bemerkt werden können.
    Teophilus. Das Bewusstsein dessen, was in uns liegt, hängt von einer
bestimmten Aufmerksamkeit und Ordnung ab. Nun ist es nicht allein möglich,
sondern selbst angemessen, dass die Kinder den gegriffen der Sinne mehr
Aufmerksamkeit schenken, weil die Aufmerksamkeit durch das Bedürfnis geleitet
wird. Indessen zeigt die Erfahrung in der Folge, dass die Natur sich nicht unnütz
die Mühe gegeben hat, uns angeborene Erkenntnisse einzuprägen, da es ohne diese
kein Mittel geben würde, zur wirklichen Erkenntnis der notwendigen Wahrheiten in
den demonstrativen Wissenschaften und zu den Erkenntnisgründen der Tatsachen zu
gelangen und wir würden nichts vor den Tieren voraushaben.
    § 26. Philaletes. Wenn es angeborene Wahrheiten gibt, muss es dann nicht
auch angeborene Gedanken geben?
    Teophilus. Durchaus nicht, denn die Gedanken sind Handlungen und die
Erkenntnisse oder die Wahrheiten, sofern sie selbst dann in uns sind, wenn man
nicht an sie denkt, sind nur Wertigkeiten oder Anlagen, und gar viele Dinge
wissen wir, an die wir nicht denken.
    Philaletes. Es ist schwer zu begreifen, dass im Geiste eine Wahrheit sei,
wenn er an diese Wahrheit niemals gedacht hat.
    Teophilus. Das ist ebenso, wie wenn jemand sagen wollte, es ist schwer zu
begreifen, dass es im Marmor Adern gibt, bevor man sie entdeckt. Dieser Einwurf
scheint sich auch einem Zirkelschluss allzusehr zu nähern. Alle diejenigen,
welche angeborene Wahrheiten annehmen, ohne sie auf die Platonische
Wiedererinnerung zu begründen, nehmen auch solche an, an die man noch nicht
gedacht hat. Übrigens beweist dieser Schluss zu viel; denn wenn die Wahrheiten
Gedanken sind, so wird man nicht nur der Wahrheiten, an die man niemals gedacht
hat, sondern auch deren beraubt werden, an die man gedacht hat und an die man
gegenwärtig nicht mehr denkt, und wenn die Wahrheiten nicht Gedanken, sondern
natürliche oder erworbene Fertigkeiten oder Geschicklichkeiten sind, so hindert
nichts, dass solche in uns seien, an die man niemals gedacht hat, noch jemals
denken wird.
    § 27 Philaletes. Wenn die allgemeinen Grundsätze angeboren wären, so
müssten sie im Geiste gewisser Menschen mit grösserer Helligkeit erscheinen,
worin wir doch davon keine Spur sehen - ich meine der Kinder, Blödsinnigen und
Wilden - denn von allen Menschen ist bei diesen der Geist am wenigsten durch die
Gewohnheit und den Eindruck fremder Meinungen verfälscht und verderbt.
    Teophilus. Man muss, glaube ich, hier ganz anders urteilen. Die angeborenen
Grundsätze treten nur durch die Aufmerksamkeit, welche man ihnen schenkt, ans
Licht, aber die haben jene Menschenklassen nicht, oder haben sie nur für etwas
ganz anderes. Sie denken fast nur an die körperlichen Bedürfnisse, und es ist
vernunftgemäss, dass die reinen und übersinnlichen Gedanken der Preis edlerer
Bemühungen seien. Allerdings ist in Kindern und Wilden der Geist durch die
Gewohnheiten weniger verderbt, aber dafür auch durch die geistige Bildung,
welche Aufmerksamkeit verleiht, weniger gehoben. Es würde sehr ungerecht sein,
wenn die lebendigsten Erkenntnisse in denjenigen Geistern mehr glänzten, welche
sie weniger verdienen und in dickeren Nebel gehüllt sind. Ich wünschte also
nicht, dass man der Unwissenheit und Roheit so viel Ehre antäte, wenn man so
gescheit ist wie Sie, Philalet, und wie unser trefflicher Autor. Das würde die
Gaben Gottes erniedrigen heissen. Sonst würde man sagen können: je unwissender
einer ist, desto mehr nähert er sich dem Vorzug eines Marmorblockes oder eines
Stückes Holz, die unfehlbar und sündlos sind. Aber unglücklicherweise nähert man
sich auf diese Weise jenen Eigenschaften nicht und sündigt, insofern man der
Erkenntnis fähig ist, dadurch, dass man sie zu erwerben vernachlässigt, und wird,
je weniger man unterrichtet ist, es desto leichter darin fehlen lassen.
 
                                  Kapitel II.
             Dass es keine angeborenen praktischen Grundsätze gibt
    Philaletes. Die Moral ist eine demonstrative Wissenschaft, hat aber dennoch
keine angeborenen Grundsätze. Es würde sogar schwer sein, eine moralische
Vorschrift von der Art aufzustellen, dass sie mit einer so allgemeinen und so
schnellen Zustimmung, wie der Satz: Was da ist, ist, aufgenommen würde.
    Teophilus. Es ist schlechtin unmöglich, dass es so evidente
Vernunftwahrheiten, wie die identischen oder unmittelbaren, gebe. Und obgleich
man in Wahrheit sagen kann, dass die Moral unerweisbare Grundsätze hat, und davon
einer der ersten und der brauchbarsten der ist, dass man die Lust suchen und die
Unlust fliehen solle, so muss man doch hinzufügen, dass dies keine durch die
Vernunft allein erkannte Wahrheit ist, da sie sich auf die innere Erfahrung oder
auf verworrene Erkenntnis gründet, denn was Lust und Unlust ist, lässt sich nicht
empfinden.
    Philaletes. Nur durch Vernunftbetrachtungen, Verhandlungen und eine gewisse
Geistesanstrengung kann man sich der praktischen Wahrheiten versichern.
    Teophilus. Wenn dies der Fall wäre, so würden sie darum nicht weniger
angeboren sein. Indessen scheint die Maxime, welche ich eben angezogen habe, von
einer anderen Art zu sein, man kennt sie nicht durch die Vernunft, sondern,
sozusagen, durch einen Instinkt. Es ist ein angeborener Grundsatz, aber er macht
keinen Teil des natürlichen Lichtes aus, denn man kennt ihn nicht auf eine
lichtvolle Art. Indes, wenn dieser Grundsatz einmal aufgestellt ist, so kann man
wissenschaftliche Folgerungen daraus ziehen, und ich stimme dem, was Sie soeben
von der Moral, als einer demonstrativen Wissenschaft, gesagt haben, durchaus
bei. Wie wir denn auch sehen, lehrt sie so evidente Wahrheiten, dass Räuber,
Piraten und Banditen sie unter sich zu beobachten gezwungen sind.
    § 2. Philaletes. Aber die Banditen beobachten unter sich die Regeln der
Gerechtigkeit, ohne sie als angeborene Grundsätze zu betrachten.
    Teophilus. Was liegt daran? Kümmert sich die Welt etwa um diese
teoretischen Fragen?
    Philaletes. Jene beobachten die Gesetze der Gerechtigkeit nur als
angemessene Regeln, deren Ausübung für die Erhaltung ihrer Gemeinschaft
schlechtin notwendig ist.
    Teophilus. Sehr richtig. Man kann sich hinsichtlich aller Menschen im
allgemeinen gar nicht besser ausdrücken. Also sind diese Gesetze der Seele
eingeprägt, nämlich als Folgerungen aus unserer Selbsterhaltung und unseren
wahren Gütern. Soll man nun die Annahme machen, dass in unserem Verstande die
Wahrheiten wie unabhängig voneinander sich verenden und gleichsam so, wie die
Edikte des Prätors in seinem Anschlag oder Album verzeichnet waren? Ich setze
dabei den sogleich zu besprechenden Instinkt, welcher den einen Menschen treibt,
den anderen zu lieben, beiseite, denn jetzt will ich nur von den Wahrheiten
reden, insofern sie von der Vernunft erkannt werden. Auch erkenne ich an, dass
gewisse Regeln der Gerechtigkeit in ihrer ganzen Ausdehnung und Vollkommenheit
nur unter der Voraussetzung des Daseins Gottes und der Unsterblichkeit der Seele
bewiesen werden können und diejenigen zu denen der Instinkt der Menschlichkeit
uns nicht anhält, sind der Seele nur wie andere abgeleitete Wahrheiten
eingeprägt. Diejenigen indessen, welche die Gerechtigkeit nur auf die
Notwendigkeiten dieses Lebens und das Bedürfnis gründen, statt auf die Lust,
welche sie darin finden sollen, eine Lust, welche, da Gott den Grund davon
bildet, eine der grössten ist - die freilich sind einigermassen mit der
Gesellschaft der Banditen zu vergleichen.
 Sit spes fallendi, miscebunt sacra profanis
 An schlimmsten Übeltaten wird's nicht fehlen,
 Ist Hoffnung nur, der Welt sie zu verhehlen.
    § 3. Philaletes. Ich gebe zu, dass die Natur in alle Menschen den Wunsch,
glücklich zu sein, und eine starke Abneigung gegen das Elend gelegt hat. Das
sind also wahrhaft angeborene praktische Grundsätze, welche nach der Bestimmung
aller praktischen Prinzipien einen beständigen Einfluss auf alle unsere
Handlungen haben. Aber sie sind doch Neigungen der Seele gegen das Gute und
nicht Eindrücke irgend einer unserem Verstand, eingeprägten Wahrheit.
    Teophilus. Ich freue mich ausserordentlich zu sehen, dass Sie in der Tat, wie
ich gleich erläutern werde, angeborene Wahrheiten anerkennen. Dieser Grundsatz
kommt mit dem, dessen ich eben erwähnt habe, wohl überein, demgemäss wir der Lust
nachzugehen und die Unlust zu meiden getrieben werden. Denn das Glück ist nichts
anderes, als eine beständige Lust. Indessen geht unsere Neigung nicht eigentlich
auf das Glück, sondern auf die Lust, d.h. in der Gegenwart, während uns die
Vernunft auf die Zukunft und das Beständige richtet. Nun geht die durch den
Verstand sich ausdrückende Neigung in eine Vorschrift oder in eine praktische
Wahrheit über, und wenn die Neigung angeboren ist, ist es also die Wahrheit
auch, da es in der Seele nichts gibt, was sich nicht im Verstande ausdrückte,
wenn auch nicht immer mittelst einer tatsächlichen, deutlich bestimmten
Betrachtung, wie ich schon genugsam gezeigt habe. Auch sind die Instinkte nicht
immer praktischer Art; einige davon entalten teoretische Wahrheiten, und
dieser Art sind die inneren Grundsätze der Wissenschaften und des
Vernunftgebrauchs, wenn wir sie, ohne den Grund, davon zu erkennen, aus
natürliches Instinkt anwenden. Und in diesem Sinne können Sie sich der
Anerkennung angeborener Grundsätze nicht entschlagen, selbst wenn Sie leugnen
wollten, dass die abgeleiteten Wahrheiten angeboren sind. Aber das würde nach der
von mir gegebenen Erklärung dessen, was ich angeboren nenne, nur ein Streit um
Worte sein. Und will jemand diese Bezeichnung nur denjenigen Wahrheiten geben,
welche man sofort durch Instinkt empfängt, so würde ich ihm nicht widersprechen.
    Philaletes. Ich bin damit zufrieden. Wenn es aber in unserer Seele gewisse
von Natur eingeprägte Züge als ebenso viele Erkenntnisgrundsätze gäbe, so würden
wir uns derselben nur bewusst werden, wenn sie in uns wirken, wie wir den Einfluss
der beiden Grundsätze, welche beständig in uns wirken, nämlich den Wunsch,
glücklich zu sein, und die Furcht, elend zu sein, empfinden.
    Teophilus. Es gibt Erkenntnisgrundsätze, welche ebenso beständig auf
unseren Vernunftgebrauch Einfluss haben, als die praktischen auf unseren Willen:
so wendet z.B. jedermann die Regeln des Schliessens durch eine natürliche Logik
an, ohne sich dessen bewusst zu sein.
    Philaletes. Die Moralgesetze müssen bewiesen werden, also sind sie nicht
angeboren, wie jenes Gesetz, welches die Quelle aller gesellschaftlichen
Tugenden ist: Was du nicht willst, dass dir geschieht, das tue auch dem andern
nicht.
    Teophilus. Sie wiederholen immer den von mir schon widerlegten Einwand. Ich
gebe Ihnen zu, dass es Moralgesetze gibt, welche keine angeborenen Grundsätze
sind, aber das hindert sie nicht, angeborene Wahrheiten zu sein; denn eine
abgeleitete Wahrheit ist angeboren, wenn wir sie aus unserem Geiste schöpfen
können. Es gibt aber angeborene Wahrheiten, welche wir auf zwei Arten in uns
finden, durch das Licht der Vernunft und durch Instinkt. Die, welche ich soeben
bezeichnet haben, werden aus unseren Vorstellungen bewiesen, welches Sache des
natürlichen Lichtes ist. Aber es gibt Folgerungen aus dem natürlichen Lichte,
welche in Beziehung auf den Instinkt Grundsätze sind. So werden wir zu
Handlungen der Menschlichkeit durch den Instinkt getrieben, weil uns dies
angenehm ist, und durch die Vernunft, weil es recht ist. Es gibt in uns also
instinktmässige Wahrheiten, welche angeborene Grundsätze sind, die man, auch ohne
den Beweis dafür zu haben, empfindet und anerkennt, welchen Beweis man
gleichwohl aber erhält, wenn man sich von diesem Instinkt Rechenschaft ablegt.
So bedient man sich der Gesetze des Schliessens infolge einer verworrenen
Erkenntnis und gleichsam aus Instinkt; die Logiker aber zeigen den Grund
derselben auf, wie auch die Matematiker von dem, was man beim Gehen und
Springen, ohne daran zu denken, tut, den Grund angeben. Was jenes Gesetz
anbetrifft, wonach man den anderen nur das antun darf, was man von ihnen getan
haben mag, so bedarf dies nicht allein eines Beweises, sondern auch noch einer
Erklärung. Wenn man Herr wäre, würde man von den anderen zu viel verlangen; sind
wir ihnen dann aber auch zu viel schuldig? Man wird mir einwenden, dass dies
Gesetz nur von einem gerechten Willen zu verstehen ist. Dann wäre aber diese
Regel, weit entfernt zu genügen, als Massstab zu dienen, eines solchen vielmehr
bedürftig. Der wahre Sinn derselben ist, dass, um billig zu urteilen, der Platz
des anderen der wahre Gesichtspunkt ist, auf den man sich stellen muss.
    § 9. Philaletes. Man begeht oft schlechte Handlungen ohne Gewissensbisse,
z.B. wenn man Städte mit Sturm nimmt, begehen die Soldaten, ohne sich zu
bedenken, die schlimmsten Handlungen. Gebildete Völker haben ihre Kinder
ausgesetzt; einige Karaibenstämme kastrieren die ihrigen, um sie zu mästen und
zu verzehren. Garcilasso de la Vega erzählt, dass gewisse Völker in Peru Weiber
gefangen nehmen, um sie zu Konkubinen zu machen, und die Kinder bis zum 13.
Jahre erzögen, worauf sie sie verzehrten und es mit den Müttern ebenso machten,
sobald sie nicht mehr Kinder bekämen. In Baumgartens Reise ist erzählt, dass es
in Ägypten einen Derwisch gegeben habe, der für einen Heiligen galt, weil er
sich niemals zu Weibern oder Knaben, sondern nur zu Eselinnen und Mauleselinnen
gehalten habe.
    Teophilus. Die Moralwissenschaft (die Instinkte ausgenommen, wie den, der
Lust nachzutrachten und die Unlust zu fliehen) ist nicht auf andere Weise als
die Aritmetik angeboren, denn auch sie hängt von Beweisen ab, welche das innere
Licht darbietet. Und da die Beweise nicht sofort ins Auge springen, so ist es
kein grosses Wunder, wenn die Menschen nicht immer und sofort sich alles dessen,
was sie in sich besitzen, bewusst sind, und nicht immer schnell genug die Züge
des natürlichen Gesetzes, welches Gott, nach St. Paulus, in ihr Herz gegraben
hat, lesen. Da indessen die Moral wichtiger als die Aritmetik ist, hat Gott dem
Menschen Instinkte gegeben, die ihn sofort und ohne vernünftige Überlegung auf
das Vernunftgemässe leiten. So gehen wir auch nach den Gesetzen der Mechanik
einher, ohne dieser Gesetze zu gedenken, und essen nicht allein, weil das uns
nötig ist sondern auch und erst recht darum, weil das Essen uns Vergnügen macht.
Aber diese Instinkte treiben uns nicht auf eine unwiderstehliche Weise zum
Handeln; man leistet ihnen durch die Leidenschaften Widerstand, aber man
verdunkelt sie durch die Vorurteile und verderbt sie durch widrige Gewohnheiten.
Indessen erkennt man diese Instinkte des Bewusstseins meistens an und folgt ihnen
sogar, wenn nicht stärkere Eindrücke sie überwinden. Der grösste und sittlich
gesundeste Teil des menschlichen Geschlechts zeugt für sie. Orientalen und
Griechin oder Römer, Bibel und Alkoran stimmen darin überein; die Polizei der
Mohammedaner bestraft gewöhnlich das, was Baumgarten erzählt, und man müsste
ebenso vertiert wie die wilden Amerikaner sein, um ihre Sitten, deren
Grausamkeit selbst die der Tiere übertrifft, gut zu heissen. Gleichwohl fühlen
diese Wilden bei anderen Gelegenheiten recht gut, was Gerechtigkeit ist, und mag
es vielleicht auch keine schlimme Handlungsweise geben, die nicht irgendwo und
bei gewissen Vorfällen Billigung erfährt, so gibt es doch deren wenige, welche
nicht in den meisten Fällen und von dem grössten Teil der Menschheit verurteilt
werden. Das geschieht zwar nicht ohne Vernunft, da es aber nicht durch den
blossen Gebrauch derselben geschieht, muss es zum Teil natürlichen Instinkten
zugeschrieben werden. Die Gewohnheit, die Überlieferung, die Erziehung tragen
dazu bei, aber das Naturell ist die Ursache, dass die Sitte sich in bezug auf
diese Reichten allgemeiner nach dem Rechten wendet. Das Naturell ist auch
Ursache, dass die Überlieferung vom Dasein Gottes entstanden ist. Nun gibt die
Natur dem Menschen und selbst den meisten Tieren Liebe und Sanftmut gegen die,
welche ihres Geschlechts sind. Selbst der Tiger »parcit cognatis maculis«
(schont seinesgleichen). Daher kommt das schöne Wort eines römischen Juristen:
quia inter omnes homines natura cognationem constituit, inde hominem homini
insidiari nefas esse (weil die Natur unter allen Menschen Verwandtschaft
gestiftet hat, ist es Unrecht, dass ein Mensch dem anderen Nachstellungen
bereite). Fast die Spinnen allein machen davon eine Ausnahme und fressen sich
untereinander auf, so zwar, dass das Weibchen das Männchen frisst, nachdem es mit
ihm der Lust gepflogen hat. Nach diesem allgemeinen Sozial-Instinkt, welchen man
beim Menschen Menschenliebe nennen kann, gibt es noch besondere, wie die Liebe
zwischen Mann und Weib, die Liebe der Väter und Mütter gegen ihre Kinder, welche
die Griechen storgên nennen, und andere ähnliche Neigungen, welche jenes
natürliche Recht oder vielmehr jenes Bild des Rechts bilden, das den römischen
Juristen zufolge die Natur die lebendigen Wesen gelehrt hat. Aber besonders im
Menschen findet sich eine gewisse Sorge um Würde und Anstand, welche uns
antreibt, das, was uns erniedrigt, zu verbergen, schamhaft zu sein, gegen
Blutschande Widerwillen zu haben, die Leichname zu begraben, Menschen Überhaupt
nicht und keine lebendigen Tiere zu essen. Man ist auch geneigt, für seinen Ruf
Sorge zu tragen, selbst über Bedürfnis und Leben hinaus, Gewissensbissen
unterworfen zu sein und jene laniatus et ictus jene Martern und Schmerzen, von
denen Tacitus nach Platos Vorgange spricht, zu fühlen - ausserdem noch Furcht vor
der Zukunft und einer höchsten Macht, die gleichfalls ganz natürlich entsteht.
In dem allen ist etwas Wirkliches; aber im Grunde sind diese Eindrücke, so
natürlich sie auch sein können, nur Hilfen für die Vernunft und Zeichen eines
von der Natur erteilten Rates. Die Gewohnheit, die Erziehung, die Überlieferung,
die Vernunft trügen viel dazu bei; aber die menschliche Natur hat nicht weniger
teil daran. Allerdings würden diese Hilfen ohne die Vernunft nicht hinreichen,
um der Moral eine vollständige Gewissheit zu verleihen. Will man endlich leugnen,
dass der Mensch von Natur getrieben werde, z.B. von hässlichen Dingen sich
fernzuhalten - unter dem Vorwande, dass es Leute gibt, die nur gern von
unflätigen Dingen reden, dass es selbst solche gibt, deren Lebensberuf sie
veranlasst, mit Unrat umzugehen, und dass es Völker in Butan gibt, welche die
Exkremente des Königs für wohlriechend halten? Ich denke mir, dass Sie in
Hinsicht dieser natürlichen Instinkte für das sittlich Gute der Ehrbarkeit im
Grunde meiner Ansicht sind, wenn Sie vielleicht auch, wie Sie in Hinsicht auf
den Instinkt des Strebens nach Glück erklärt haben, sagen werden, dass jene
Eindrücke nicht angeborene Wahrheiten sind. Aber ich habe schon darauf
geantwortet, dass jedes Gefühl die Wahrnehmung feiner Wahrheit ist, und dass das
natürliche Gefühl das einer angeborenen, aber sehr oft verworrenen Wahrheit ist,
wie die Erfahrungen der äusseren Sinne auch: man kann also die angeborenen
Wahrheiten von dem natürlichen Licht welches nur deutlich Erkennbares entält so
unterscheiden, wie der Geschlechtsbegriff vom Artbegriff unterschieden werden
muss, da die angeborenen Wahrheiten sowohl die Instinkte als das natürliche Licht
in sich begreifen.
    § 11. Philaletes. Wer die natürlichen Grenzen von Recht und Unrecht kennte
und sich dennoch nicht entielte, sie untereinander zu wirren, der könnte nur
als ein erklärter Feind der Ruhe und des Glücks der Gesellschaft, an welcher er
teilnimmt, betrachtet werden. Da aber die Menschen sie in jedem Augenblick
verwirren, kennen sie sie also nicht.
    Teophilus. Das heisst die Sachen doch ein wenig zu teoretisch nehmen.
Täglich geschieht es, dass die Menschen ihren Erkenntnissen, indem sie dieselben
vor sich selbst verbergen, zuwiderhandeln, wenn sie, um ihren Leidenschaften zu
folgen, ihrem Geist eine andere Richtung geben. Sonst würden wir niemals die
Leute das essen und trinken sehen, was ihnen doch, wie sie wissen, Krankheiten
und selbst den Tod bringen muss; sie würden ihre Geschäfte nicht vernachlässigen,
sie würden nicht handeln, wie in mancher Hinsicht doch ganze Nationen getan
haben. Die Zukunft und die Vernunft haben selten soviel Gewalt über uns, wie die
Gegenwart und die Sinne. Das wusste jener Italiener sehr wohl, welcher, als er
auf die Tortur gebracht werden sollte, sich vornahm, beständig den Galgen vor
Augen zu halten, und den man öfter sagen hörte: Jo ti vedo (ich sehe dich), was
er nachher, als er freigekommen war, erklärte. Ohne den festen Entschluss zu
ergreifen, das wahrhaft Gute und das wahrhaft Schlechte immer ins Auge zu
fassen, um ihnen nachzustreben oder sie zu vermeiden, findet man sich
fortgerissen und erfährt in Hinsicht der wichtigsten Aufgaben dieses Lebens
dasjenige, was in Hinsicht auf Paradies und Hölle denen begegnet, welche am
meisten daran glauben:
Cantantur haec laudantur haec
Dicuntur, audiuntur
Scribuntur haec, leguntur haec
Et lecta - negliguntur.
Man singt es und man lobt es viel,
 Man sagt's und hört's in jedem Stil;
 Man schreibt davon und liesst es
 Man liesst's und doch - vergisst es.
    Philaletes. Jeder Grundsatz, welchen man als angeboren voraussetzt, muss von
einem jeden als recht und vorteilhaft erkannt werden.
    Teophilus. Das heisst ja immer auf die von mir so oft widerlegte
Voraussetzung zurückkommen, dass jede angeborene Wahrheit immer und allgemein
bekannt sein müsse.
    § 12. Philaletes. Aber eine öffentliche Erlaubt, das Gesetz zu verletzen,
beweist, dass dies Gesetz nicht angeboren ist: so ist z.B. das Gesetz, die Kinder
zu lieben und zu erhalten, bei den Alten verletzt worden, als sie die Aussetzung
derselben erlaubten.
    Teophilus. Auch diese Verletzung einmal vorausgesetzt, folgt daraus nur,
dass man jene in unsere Seelen gegrabenen, aber mitunter durch unsere
Übertretungen ganz verhüllten Züge der Natur nicht recht gelesen hat; ausserdem
muss man, um die Notwendigkeit der Pflichten auf unüberwindliche Art
wahrzunehmen, deren Beweis ins Auge fassen, was nicht ganz gewöhnlich ist. Wenn
die Geometrie unseren Leidenschaften und gegenwärtigen Interessen ebenso wie die
Moral zuwider liefe, würden wir sie nicht weniger bestreiten und verletzen,
trotz aller Beweise des Euklides und Archimedes, die man als Träumereien
behandeln und als voll von logischen Fehlern ansehen würde; und Joseph Scaliger,
Hobbes und andere, die gegen Euklides und Archimedes geschrieben haben, würden
nicht so wenige Nachfolger finden, wie es der Fall ist. Nur die Ruhmsucht,
welche diese Schriftsteller in der Quadratur des Kreisen und anderen schwierigen
Aufgaben zu befriedigen glaubten, war es, was Männer von so grossem Verdienst bis
zu solchem Grade verblenden konnte. Und wenn andere dasselbe Interesse hätten,
würden sie es ebenso machen.
    Philaletes. Jede Pflicht führt auf die Vorstellung des Gesetzes, und wie
man annimmt, kann es nicht ein Gesetz ohne einen Gesetzgeber geben, der es
vorgeschrieben hat, ebensowenig, wie ohne Belohnung und Strafe.
    Teophilus. Er kann natürliche Belohnungen und Strafen ohne Gesetzgeber
geben; so wird die Unmässigkeit z.B. durch Krankheiten bestraft. Wie sie indessen
nicht allen sogleich schadet, gebe ich auch zu, dass keine Vorschrift, an die man
unwiderruflich gebunden wäre, bestehen könnte, wenn es nicht einen Gott gäbe,
der kein Verbrechen ungestraft und keine gute Handlung unbelohnt lässt.
    Philaletes. Also müssen die Vorstellungen von Gott und einem zukünftigen
Leben auch angeboren sein.
    Teophilus. In dem von mir schon erklärten Sinne bin ich damit
einverstanden.
    Philaletes. Aber diese Ideen sind so weit entfernt, von Natur in den Geist
aller Menschen eingegraben zu sein, dass sie selbst nicht einmal sehr klar und
deutlich in dem Geiste mancher Gelehrten und solcher Männer erscheinen, die ein
Geschäft daraus machen, die Dinge genau zu untersuchen; so viel fehlt daran, dass
sie jedem menschlichen Wesen bekannt seien.
    Teophilus. Das heisst wieder auf dieselbe Voraussetzung zurückkommen, nach
deren Vorgäben das, was nicht bekannt ist, auch nicht angeboren sein soll, die
ich indessen schon oft widerlegt habe. Das Angeborene ist nicht von vornherein
klar und deutlich als solches bekannt; man hat oft viel Aufmerksamkeit und
Metode nötig, um sich desselben bewusst zu werden. Solche wird aber nicht immer
von den Geloben angewendet und von den anderen Menschen noch weniger.
    § 13. Philaletes. Wenn aber die Menschen das, was angeboren ist, ignorieren
oder bezweifeln können, so redet man vergebens von angeborenen Grundsätzen und
gibt vergebens deren Notwendigkeit zu zeigen vor. Weit entfernt, dass sie dazu
dienen könnten, uns, wie man vorgibt, von der Wahrheit und Gewissheit der Dinge
zu unterrichten, würden wir mit diesen Grundsätzen uns in demselben Zustand von
Ungewissheit befinden, als wenn wir sie gar nicht in uns hätten.
    Teophilus. Man kann gar nicht alle angeborenen Grundsätze in Zweifel
ziehen. Sie haben dies hinsichtlich der identischen oder des Grundsatzes vom
Widerspruch zugegeben, indem Sie gestanden, dass es unbestreitbare Grundsätze
gebe, obgleich Sie dieselben damals nicht als angeboren anerkannten; aber es
folgt daraus nicht, dass alles, was angeboren und mit diesen angeborenen
Grundsätzen notwendig verbunden ist, auch sofort von zweifelloser Evidenz sei.
    Philaletes. Soviel ich weiss, hat bisher noch niemand unternommen, von
diesen Grundsätzen ein genaues Verzeichnis zu entwerfen.
    Teophilus. Hat man uns denn etwa ein vollständiges und genaues Verzeichnis
der Grundsätze der Geometrie entworfene?
    § 15. Philaletes. Lord Herbert hat einige dieser Grundsätze aufzeichnen
wollen, nämlich folgendes 1) es gibt ein höchstes göttliches Wesen; 2) man muss
diesem dienen; 3) die mit der Frömmigkeit verbundene Tugend ist der beste
Gottesdienst; 4) man muss seine Sünden bereuen; 5) es gibt Belohnungen und
Strafen nach diesem Leben. - Ich gebe zu, dies sind Wahrheiten von Evidenz und
von solcher Art, dass, wenn man sie recht erklärt, kein vernünftiges Geschöpf
umhin kann, ihnen zuzustimmen. Aber nach unserer Ansicht fehlt noch viel daran,
dass sie ebensoviel angeborene Eindrücke sind. Und wenn diese fünf Sätze
allgemeine Begriffe sind, welche Gottes Ringer in unsere Merzen prägte, so gibt
es deren noch andere, welchen man gleichen Rang zuerkennen muss.
    Teophilus. Ich gebe dies zu, denn ich halte alle notwendigen Wahrheiten für
angeboren und füge sogar die Instinkte hinzu. Aber ich gestehe, dass jene fünf
Sätze keine angeborenen Grundsätze sind, denn ich halte dafür, dass man sie
beweisen kann und muss.
    § 18. Philaletes. Im dritten Satz, dass die Tugend der Gott angenehmste
Dienst ist, bleibt es dunkel, was man unter Tugend versteht. Versteht man sie in
dem Sinne, welchen man ihr am gewöhnlichsten gibt, ich meine in dem, was nach
den verschiedenen Meinungen, die in verschiedenen Ländern herrschen, für löblich
gilt, so ist dieser Satz so weit entfernt, evident zu sein, dass er nicht einmal
wahr ist. Nennt man Tugend die Handlungen, welche dem Willen Gottes gemäss sind,
so wäre dies fast ein idem per idem (dasselbige für dasselbige), und wir würden
aus dem Satze nicht viel lernen; denn er würde nur besagen, dass Gott das
angenehm ist, was seinem Willen gemäss ist. Es verhält sich dies mit dem Begriff
der Sünde im vierten Satze ebenso.
    Teophilus. Ich erinnere mich nicht, bemerkt zu haben, dass man das Wort
Tugend gemeiniglich für etwas von den Meinungen Abhängiges annimmt; wenigstens
nehmen es die Philosophen nicht so. Allerdings hängt der Name Tugend von der
Meinung derer ab, welche ihn verschiedenen Wertigkeiten oder Handlungsweisen
beilegen, je nachdem sie sie für gut oder schlimm erachten und von ihrer
Vernunft Gebrauch machen; aber alle stimmen über den begriff der Tugend im
allgemeinen genugsam überein, wenn sie auch in dessen Anwendung verschiedener
Meinung sind. Nach Aristoteles und mehren anderen ist die Tugend eine
Wertigkeit, die Leidenschaften durch die Vernunft zu mässigen, und noch
einfacher, eine Wertigkeit, nach der Vernunft zu handeln. Und dies ist ohne
Zweifel demjenigen angenehm, welcher die oberste und letzte Ursache der Dinge
ist, dem nichts gleichgültig ist und die Handlungen aller vernünftigen Geschöpfe
weniger als aller übrigen gleichgültig sind.
    § 20. Philaletes. Man sagt gewöhnlich, dass die Sitten, die Erziehung und
die allgemeinen Meinungen derer, mit denen man verkehrt, diese als angeboren
vorausgesetzten Grundsätze der Moral verdunkeln können. Ist aber dieser Satz
richtig, so vernichtet er den Beweis, den man aus der allgemeinen Zustimmung zu
ziehen vorgibt. Das Beweisverfahren vieler Leute lässt sich auf folgendes
zurückbringen. Die Grundsätze, welche Menschen von gesundem Verstande
anerkennen, sind angeboren; wir und die von unserer Partei sind Leute von
gesundem Verstande, also sind unsere Grundsätze angeboren. Eine lustige Manier,
Schlüsse zu machen, welche auf Unfehlbarkeit gerade losgeht.
    Teophilus. Was mich anbetet, so bediene ich mich der allgemeinen Zustimmung
nicht als eines eigentlichen Beweises, sondern nur als einer Bestätigung denn
die angeborenen Wahrheiten, sofern man sie für das natürliche Licht der Vernunft
nimmt, tragen ihre Charakterzüge, wie die Geometrie, an sich; denn sie sind in
den unmittelbaren Grundsätzen, welche Sie selbst als unbestreitbar betrachten,
gleichsam eingehüllt. Ich gestehe aber, dass es schwerer ist, die Instinkte und
einige andere natürliche Wertigkeiten von den Gewohnheiten zu unterscheiden,
obgleich dies meistenteils möglich zu sein scheint. Mir scheinen übrigens die
Völker, welche ihren Geist ausgebildet haben, Grund zu haben, sich den Gebrauch
des gesunden Menschenverstandes vor den rohen Völkern zuzuschreiben, da sie
durch deren fast ebenso leichte Unterwerfung, wie die der Tiere, ihre
Überlegenheit zeigen. Wenn man mit ihnen nicht immer zum Ziele kommen kann, so
geschieht dies, weil sie sich wie die wilden Tiere in dichte Wälder retten, wo
es schwer ist, sie zu bezwingen, und der Preis nicht der Mühe lohnt. Ohne
Zweifel ist es ein Vorteil, seinen Geist ausgebildet zu haben, und wenn es
erlaubt ist, für die Roheit gegen die Kultur zu sprechen, so wird man auch das
Recht haben, die Vernunft zugunsten der wilden Tiere zu bekämpfen und die
geistreichen Scherze Despréaux' in einer seiner Satiren für bare Münze zu
nehmen, wo er, um dem Menschen seinen Vorzug vor den Tieren streitig zu machen,
fragt:
 Flieht wohl der Bär den Wanderer oder dieser ihn?
 Und würden auf Befehl der Hirten Lybiens
 Die Liebe aus Numidiens Waldgebirgen ziehn?
    Man muss indessen zugeben, dass in wichtigen Stücken die rohen Völker uns
überlegen sind, vor allem in Betracht der körperlichen Stärke, und selbst in
bezug auf die Seele kann man sagen, dass in gewisser Hinsicht ihre praktische
Moral besser ist als die unserige, weil sie weder den Geiz, zusammenzuscharren,
noch die Lust zu herrschen, haben. Man kann sogar noch hinzufügen, dass der
Verkehr mit den Christen sie in vielen Dingen schlimmer gemacht hat. Man hat
sie, indem man ihnen Branntwein zuführte, sich zu betrinken, zu schwören, zu
lästern und andere Laster gelehrt, die ihnen wenig bekannt waren. Bei uns gibt
es mehr Gutes und mehr Schlimmes als bei ihnen; ein schlechter Europäer ist
schlimmer als ein Bilder, da er das Böse durch Verfeinerung verschlimmert.
Indessen hindert nichts die Menschen, die Vorteile, welche die Natur jenen
Völkern gibt, mit denen, welche die Vernunft verleiht, zu verbinden.
    Philaletes. Aber wie wollen Sie folgendem Dilemma eines meiner Freunde
antworten: Ich wünschte, sagt er, dass die Verfechter der angeborenen
Vorstellungen mir sagten, ob diese Grundsätze durch Erziehung und Gewohnheit
vertilgt werden können oder nicht können sie es nicht, so müssen wir sie bei
allen Menschen finden, und sie müssen im Geiste eines jeden einzelnen Menschen
im besonderen klar erscheinen; können sie aber durch fremde Begriffe verderbt
werden, so müssen sie deutlicher und glänzender erscheinen, wenn sie noch ihrer
Quelle näher sind, ich meine bei den Kindern und Unwissenden, auf welche die
fremden Meinungen am wenigsten Eindruck gemacht haben. Welche Partei sie auch
ergreifen wollen, so werden sie schliesslich klar sehen, dass sie durch die immer
gleichen Tatsachen und eine beständige Erfahrung Lügen gestraft wird.
    Teophilus. Ich bin erstaunt, dass Ihr scharfsinniger Freund verdunkeln und
vertilgen miteinander verwechselt hat, wie man auf Ihrer Seite nicht sein und
nicht erscheinen miteinander verwechselt. Die angeborenen Vorstellungen und
Wahrheiten können nicht vertilgt, aber bei allen Menschen, wie sie gegenwärtig
sind, durch ihre Neigung zu körperlichen Bedürfnissen und oft nach mehr durch
die dazukommenden schlimmen Angewohnheiten verdunkelt werden. Diese Züge inneren
Lichtes würden den Verstand immer erleuchten, den Willen immer erwärmen, wenn
die verworrenen Wahrnehmungen der Sinne sich nicht unserer Aufmerksamkeit
bemächtigten. Das ist jener Streit, von dem die heilige Schrift nicht weniger
als die alte und neuere Philosophie redet.
    Philaletes. Wir beenden uns also in ebenso dichter Finsternis und in einer
ebenso grossen Ungewissheit, als wenn es eine solche Erleuchtung gar nicht gäbe.
    Teophilus. Gott bewahret wir würden dann weder Wissenschaften noch Gesetze,
und würden sogar keine Vernunft haben.
    §§ 21. 22. Philaletes. Hoffentlich werden Sie wenigstens die Macht der
Vorurteile zugeben. Diese lassen oft das als natürlich erscheinen, was von
schlechtem Unterricht, dem man die Kinder ausgesetzt hat, oder von schlechten
Gewohnheiten, welche die Erziehung und der Umgang ihnen gegeben haben, herrührt.
    Teophilus. Ich gebe zu, dass der vortreffliche Autor, dem Sie folgen,
darüber viel Schönes und, wenn man es richtig nimmt Wertvolles sagt; aber ich
glaube nicht, dass er der recht verstandenen Lehre vom Naturell oder den
angeborenen Wahrheiten widerspricht. Und sicherlich wird er mit seinen
Bemerkungen nicht zu weit gehen wollen, wie ich denn ebenso überzeugt bin, dass
viele Meinungen als Wahrheiten gelten, die nur die Wirkungen der Gewohnheiten
und der Leichtgläubigkeit sind, als dass es auch deren viele gibt, welche gewisse
Philosophen als Vorurteile gelten lassen wollen, und die gleichwohl in der
gesunden Vernunft und in der Natur begründet sind. Man hat ebensoviel oder mehr
Ursache, sich vor denen zu hüten, welche meist aus Ehrgeiz Neuerungen anstreben,
als gegen alte Eindrücke Misstrauen zu hegen. Und nachdem ich lange genug über
das Alte und das Neue nachgedacht habe, habe ich gefunden, dass die meisten
angenommenen Lehren einen guten Sinn zulassen. Ich wünschte daher, die
geistreichen Leute möchten ihren Ehrgeiz lieber damit zu befriedigen suchen, dass
sie sich mit Bauen und Vorwärtsgehen, als mit Zurückschreiten und Zerstören
beschäftigten. Mich verlangt auch, dass man mehr den Römern, die so schöne
öffentliche Bauwerke errichteten, als jenem Vandalen-Könige gleichen möchte, dem
seine Mutter empfahl, da er nicht auf den Ruhm rechnen könne, diese grossen
Bauwerke zu erreichen, sie lieber zu zerstören zu suchen.
    Philaletes. Der Zweck derjenigen Gelehrten, welche die angeborenen
Wahrheiten bekämpft haben, ist gewesen, zu verhindern, dass man unter diesem
schönen Namen Vorurteile gewähren lasse und die Trägheit damit zu verdecken
trachte.
    Teophilus. Über diesen Punkt sind wir einige denn weit entfernt zu
billigen, dass man sich zweifelhafte Grundsätze bilde, wünsche ich, dass man mit
den Beweisen bis zu Euklides' Axiomen zu gelangen suche, wie einige Alte auch
getan haben. Und wenn man nach dem Mittel fragt, die angeborenen Grundsätze zu
erkennen und zu prüfen, so antworte ich gemäss dem schon vorhin bemerkten, dass
man sie mit Ausnahme der Vernunftinstinkte, deren Grund unbekannt ist, auf erste
Grundsätze, d.h. auf identische oder unmittelbar Axiome mittels der Definitionen
zurückzuführen suchen müsse, welche Definitionen nichts anderes als eine
deutliche Auseinandersetzung der Vorstellungen sind. Ich zweifle selbst nicht,
dass Ihre Freunde, welche bisher den angeborenen Vorstellungen entgegen waren,
diese Metode billigen, die ihrem Hauptzweck zu entsprechen scheint.
 
                                  Kapitel III.
 Fernere Betrachtungen über die angeborenen Grundsätze, sowohl die, welche die
             Teorie betreffen, als die welche der Praxis angehören
    § 3. Philaletes. Sie wollen die Wahrheiten auf die erstes Grundsätze
zurückgeführt haben, und ich gestehe, dass, wenn es einen Grundsatz gibt, es ohne
Widerrede folgender ist: Ein Ding kann zur nämlichen Zeit unmöglich sein und
nicht sein. Indessen scheint es schwierig zu behaupten, dass er angeboren ist, da
man zugleich überzeugt sein muss, dass die Vorstellungen der Unmöglichkeit und der
Identität angeboren seien.
    Teophilus. Freilich müssen diejenigen, welche für die angeborenen
Wahrheiten sind, behaupten und überzeugt sein, dass diese Vorstellungen es auch
sind; und ich gestehe ihrer Ansicht zu sein. Die Vorstellungen des Seins, des
Möglichen, des Selbigen sind so sehr angeboren, dass sie an allen unseren
Gedenken und Schlüssen teilhaben, und ich betrachte sie als unserem Geiste
wesentlich; aber ich habe schon gesagt, dass man ihnen nicht immer eine besondere
Aufmerksamkeit schenkt und sie nur mit der Zeit unterscheiden lernt. Ich habe
schon ausgesprochen, dass wir sozusagen uns selbst angeboren sind, und dass die
Erkenntnis des Seins in derjenigen, welche wir von uns selbst haben,
eingewickelt ist. Etwas Ähnliches findet bei anderen Gemeinbegriffen statt.
    § 4. Philaletes. Wenn die Vorstellung der Identität natürlich und folglich
so evident und dem Geiste so gegenwärtig ist, dass wir sie von der Wiege an
kennen müssten, so möchte ich gern von einem Kinde von 7 Jahren und selbst von
einem Greise von 70 Jahren hören, ob ein Mensch, der ein aus Leib und Seele
zusammengesetztes Geschöpf ist, derselbe bleibt, wenn sein Körper gewechselt
hat, und ob, die Seelenwanderung vorausgesetzt, Euphorbus derselbe ist wie
Pytagoras.
    Teophilus. Ich habe schon hinlänglich erklärt, dass das, was uns natürlich
ist, uns darum nicht von der Wiege an bekannt ist, und eine Vorstellung uns
selbst bekannt sein kann, ohne dass wir sogleich alle Fragen, die man daran
knüpfen kann, zu beantworten imstande wären. Das wäre so, als wenn jemand
behauptete, ein Kind könne nicht wissen, was das Quadrat und seine Diagonale
sei, weil es zu erkennen Mühe haben wird, dass die Diagonale mit der Seite des
Quadrates inkommensurabel ist. Was die Frage an sich selbst betritt, so scheint
sie mir durch die Monadenlehre, die ich an anderer Stelle deutlich gemacht habe,
auf dem Wege des Beweises gelöst zu sein. Von diesem Gegenstande werden wir in
der Folge weitläufiger sprechen.
    Philaletes. Ich sehe wohl, dass ich Ihnen vergebliche den Einwurf machen
würde, der Grundsatz: das Ganze ist grösser als sein Teil, sei nicht angeboren,
weil die Vorstellungen des Ganzen und des Teiles relativ und von denen der Zahl
und der Ausdehnung abhängig sind - da Sie sicherlich behaupten werden, dass es
angeborene Relativvorstellungen gibt, und auch die der Zahlen und der Ausdehnung
angeboren sind.
    Teophilus. Sie haben recht, und ich glaube sogar, dass der Vorstellung der
Ausdehnung die des Ganzen und des Teiles vorausgeht.
    § 8. Philaletes. Was sagen Sie von der Wahrheit, dass Gott verehrt werden
müsse? Ist sie angeborene?
    Teophilus. Meines Erachtens bedeutet die Pflicht der Gottesverehrung, dass
man bei jeder Gelegenheit bemerken muss, wir ehren ihn mehr als jeden anderen
Gegenstand; und dass dies eine notwendige Folge aus seiner Vorstellung und seinem
Dasein ist, was bei mir das Angeborensein dieser Wahrheit bedeutet.
    Philaletes. Die Ateisten scheinen durch ihr Beispiel zu beweisen, dass die
Vorstellung Gottes nicht angeboren ist. Und von denen nicht zu sprechen, deren
die Alten erwähnt haben, hat man nicht ganze Völker entdeckt, die von Gott keine
Vorstellung hatten und auch nicht Worte, Gott oder die Seele zu bezeichnen, wie
im soldanischen Meerbusen, in Brasilien, auf den karaibisschen Inseln, in
Paraguay?
    Teophilus. Der selige Fabricius, ein berühmter Heidelberger Teologe, hat
eine Apologie des Menschengeschlechts geschrieben, um es von dem Vorwurfe des
Ateismus zu reinigen. Es war das ein Schriftsteller von vieler Genauigkeit und
über viele Vorurteile weit erhabene indessen will ich auf diese Untersuchung von
Tatsachen mich nicht einlassen, deinetwegen mögen ganze Völker niemals an das
höchste Wesen, noch an das, was die Seele ist, gedacht haben. Und ich erinnere
mich, dass, als man auf meine von dem berühmten Witsen unterstützte Bitte in
Holland für mich eine Übersetzung des Vaterunsers in der Sprache von Barantola
anfertigen wollte, man bei der Stelle: Dein Name werde geheiligt, stecken blieb,
weil man den Barantolern nicht begreiflich machen konnte, was »heilig« bedeuten
solle. Auch erinnere ich mich, dass in dem für die Hottentotten angefertigten
Glaubensbekenntnis man den heiligen Geist durch die Worte der Landessprache
auszudrücken gezwungen war, welche einen sanften und angenehmen Wind bezeichnen,
was nicht ohne Grund war; denn unsere griechischen und lateinischen Worte pneuma
, anima, Spiritus, bezeichnen ursprünglich nur die Luft oder den Wind, den man
einatmet, als einen der feinsten durch die Sinne uns bekannten Stoffe und durch
die Sinne beginnt man die Menschen nach und nach zu dem, was über die Sinne
hinausgeht, zu führen. Diese ganze Schwierigkeit indessen, zu abstrakten
Erkenntnissen zu gelangen, spricht nicht gegen die angeborenen Erkenntnisse. Es
gibt Völker, welche kein dem Sein entsprechendes Wort haben; zweifelt man nun,
dass sie wissen, was das Sein ist, obgleich sie nicht besonders daran denken?
Übrigens finde ich das, was ich bei unserem vortrefflichen Autor über die Idee
Gottes gelesen habe, so schön und mir zusagend (Abh. über den Verstand B. I, c.
3, § 9), dass ich es anzuführen nicht umhin kann. Es lautet: »Die Menschen können
nicht umhin, eine gewisse Vorstellung von dem zu haben, womit die, mit denen sie
umgehen, sie unter gewissen Namen oft zu unterhalten Gelegenheit haben, und wenn
dies etwas ist, was die Vorstellung der Vortrefflichkeit, Grösse oder irgend
einer anderen ausserordentlichen Eigenschaft mit sich bringt, was irgendwie
interessiert und sich dem Geiste unter der Vorstellung einer absoluten und
unwiderstehlichen Macht einprägt, die man zu fürchten nicht umhin kann (ich füge
hinzu: und unter der Vorstellung einer allergrössten Güte, die man zu lieben
nicht umhin kann), so muss eine solche Vorstellung allem Anschein nach die
stärksten Eindrücke liefern und sich weiter als irgendwelche andere verbreiten,
zumal wenn es eine Vorstellung ist, welche sich mit den einfachsten
Vernunft-Wahrheiten verträgt und aus jedem Teile unserer Erkenntnis auf
natürliche Weise folgt. Nun ist die Vorstellung von Gott eine solche, denn die
in die Augen springenden Wichen einer ausserordentlichen Weisheit und Macht
erscheinen in allen Werken der Schöpfung so sichtlich, dass jedes vernünftige
Geschöpf, welches sein Nachdenken darauf richtet, den Urheber aller dieser
Wunder zu entdecken nicht verfehlen kann, und der Eindruck, welchen die
Entdeckung eines solchen Wesens naturgemäss auf die Seele aller derer machen muss,
die ein einziges Mal davon sprechen gehört haben, ist so gross und bringt
Gedanken von so grossem Gewicht und so allgemeiner Verbreitungsfähigkeit mit
sich, dass es mir ganz sonderbar vorkommt, wenn sich auf der Erde ein ganzes Volk
von so geistesarmen Menschen finden soll, dass sie keine Vorstellungen von Gott
haben. Dies, sage ich, scheint mir ebenso erstaunlich, als sich Menschen zu
denken, die keine Vorstellung von den Zahlen oder dem Feuer haben.«
    Ich wünschte, dass es mir stets vergönnt wäre, Wort für Wort eine Anzahl
anderer vortrefflicher Stellen unseres berühmten Antors abzuschreiben, die wir
zu übergehen gezwungen sind. Ich will hier nur sagen, dass der Verfasser, wenn er
von den einfachsten Vernunftwahrheiten spricht, die mit der Vorstellung von Gott
sich vertragen, und von dem, was naturgemäss daraus folgt, sich von meiner
Ansicht über die angeborenen Wahrheiten nicht zu entfernen scheint, und darüber,
dass es ihm ebenso sonderbar erscheint, dass es Menschen ohne eine Vorstellung von
Gott gibt, als es überraschend sein würde, Menschen zu finden, die keine
Vorstellung von den Zahlen oder dem Feuer haben, will ich bemerken, dass die
Einwohner der marianischen Inseln, denen man den Namen der Königin von Spanien,
welche die Mission dort begünstigte, gegeben hat, keine Kenntnis vom Feuer
hatten, als man sie entdeckte, wie dies aus dem Gericht hervorgeht, den P.
Gobien, ein französischer, mit der Sorge für die entfernten Missionen betrauter
Jesuit veröffentlicht und mir zugesandt hat.
    § 16. Philaletes. Wenn man daraus, dass alle verständigen Leute die
Vorstellung Gottes gehabt haben, zu schliessen das Recht hat, dass diese
Vorstellung angeboren ist, so muss die Tugend auch angeboren sein, weil die
verständigen Leute davon stets eine wahrhaftige Vorstellung gehabt haben.
    Teophilus. Nicht die Tugend, sondern die Vorstellung der Tugend ist
angeboren, und vielleicht wollen Sie nur das sagen.
    Philaletes. Dass es einen Gott gibt, ist ebenso gewiss, als es gewiss ist, dass
die durch das Sichschneiden zweier geraden Linien entstehenden Winkel einander
gleich sind. Auch hat niemals ein vernünftiges Geschöpf gegeben, welches sich
aufrichtig mit der Prüfung der Wahrheit dieser beiden Sätze abgegeben und ihnen
seine Zustimmung zu geben verfehlt hat. Gleichwohl ist es ausser Zweifel, dass es
viele Menschen gibt, welchen, da sie ihre Gedanken nicht dahin gerichtet haben,
diese beiden Wahrheiten in gleicher Weise unbekannt sind.
    Teophilus. Ich gebe es zu doch hindert dies nicht, dass sie angeboren sind,
ohne dass man sie in sich finden kann.
    § 18. Philaletes. Es würde auch erspriesslich sein, eine angeborene
Vorstellung von der Substanz zu haben; aber es zeigt sich, dass wir sie weder als
angeboren, noch als erworben besitzen, da wir sie weder durch die Sinnlichkeit,
noch aus der Reflexion haben.
    Teophilus. Ich bin der Meinung, dass die Region hinreicht, um die
Vorstellung der Substanz in uns selbst zu finden, die wir ja Substanzen sind.
Und zwar ist dieser begriff einer der wichtigsten. Wir werden aber vielleicht in
der Folge unserer Zusammenkunft noch weiter davon sprechen.
    § 20. Philaletes. Gibt es angeborene Vorstellungen, die im Geiste sein
sollen, ohne dass der Geist wirklich daran denkt, so müssen sie wenigstens im
Gedächtnis sein, aus dem sie mit Hilfe der Wiedererinnerung gezogen werden, d.h.
- wenn man sich ihr Andenken zurückruft, - als ebensoviel Wahrnehmungen erkannt
werden müssen, die vordem in der Seele gewesen sind; sonst müsste die
Wiedererinnerung ohne Wiedererinnerung sein können. Denn diese innerlich
vorhandene Überzeugung, dass die und die Vorstellung vordem in unserem Geiste
gewesen ist, unterscheidet recht eigentlich die Wiedererinnerung von jeder
anderen Art des Denkens.
    Teophilus. Es ist gar nicht nötig, dass, damit die Erkenntnisse,
Vorstellungen oder Wahrheiten in unserem Geiste seien, wir jemals wirklich an
sie gedacht haben; es sind nur natürliche Fertigkeiten, d.h. tätige und
leidendliche Anlagen und Zustände, jedoch mehr als eine tabula rasa. Die
Platoniker haben allerdings geglaubt, dass wir schon wirklich einmal das gedacht
hätten, was wir in uns verenden, und um sie zu widerlegen, genügt nicht zu
sagen, dass wir uns nicht daran erinnern, denn es lehren uns sicherlich unendlich
viele Gedanken ins Bewusstsein zurück, die wir gehabt zu haben vergessen haben.
Es ist vorgekommen, dass jemand einen neuen Vers zu machen geglaubt hat, von dem
sich fand, dass er ihn lange vorher Wort für Wort in irgend einem alten Dichter
gelesen hatte. Und oft haben wir eine ungewöhnliche Leichtigkeit, Dinge zu
begreifen, weil wir sie früher, ohne dass wir uns dessen erinnern, begriffen
hätten. So kann ein blindgewordenes Kind das Licht und die Farben jemals gesehen
zu haben vergessen, wie es im Alter von 2 1/2 Jahren durch die blättern dem
berühmten Ulrich Schönberg geschah, der, zu Weide in der Oberpfalz gebürtig, im
Jahre 1649 zu Königsberg in Preussen starb, wo er die Philosophie und die
matematischen Wissenschaften zur Bewunderung aller Welt gelehrt hatte. Einem
solchen können auch die Wirkungen der alten Eindrücke verbleiben, ohne dass er
sich daran erinnert. Ich glaube, dass die Träume auf diese Weise uns oft alte
Gedanken wieder erneuern. Als Julius Scaliger die berühmten Männer Versen in
Versen verherrlicht hatte, erschien ihm ein gewisser Brugnolus mit Namen, der,
von Geburt ein Bayer, später in Verona sich niedergelassen hatte, im Traume und
beklagte sich, vergössen worden zu sein. Julius Scaliger erinnerte sich zwar
nicht, von ihm vorher reden gehört zu haben, unterlass aber nicht, auf diesen
Traum hin zu seiner Ehre elegische Verse zu machen. Endlich erfuhr sein Sohn
Joseph Scaliger auf einer Reise durch Italien das Nähere, dass es ehemals zu
Verona einen berührten Grammatiker oder gelehrten Kritiker dieses Namens gegeben
habe, der zur Wiederherstellung der schönen Wissenschaften in Italien
beigetragen, diese Geschichte findet sich in den Gedichten des Scaliger Vater
mit der Elegie und in den Gedichten des Sohnes. Auch ist sie in den Scaligerana,
welche aus den Unterhaltungen des Joseph Scaliger gesammelt worden sind,
mitgeteilt. Wahrscheinlich hatte Julius Scaliger vom Brugnolus etwas gewusst,
dessen er sich nicht mehr erinnerte, und war der Traum zum Teil nur die
Wiedererinnerung einer alten Vorstellung, obgleich nicht eine eigentlich
sogenannte Wiedererinnerung dabei stattgefunden hatte, welche uns kundgibt, dass
wir schon diese nämliche Idee gehabt haben; wenigstens sehe ich keine
Notwendigkeit, welche uns zu glauben zwingt, dass von einer Vorstellung keine
Spur übrig bleibt, wenn nicht mehr so viel davon da ist, um sich zu erinnern,
dass man sie schon gehabt hat.
    § 24. Philaletes. Ich muss anerkennen, dass Sie den Schwierigkeiten, die wir
gegen die angeborenen Wahrheiten ausgestellt haben, auf recht natürliche Weise
begegnen. Vielleicht bestreiten auch die Schriftsteller unserer Partei dieselben
nicht in dem Sinne, in welchem Sie sie behaupten. Ich komme also nur darauf
zurück, Ihnen zu sagen, dass man zu befürchten Ursache hat, die Meinung von den
angeborenen Wahrheiten werde den Trägen zum Vorwand dienen, sich der Mühe der
Untersuchungen zu entschlagen, und Lehrern und Schulmeistern die Bequemlichkeit
verschaffen, als Grundsatz aller Grundsätze hinzustellen, dass die
Grundwahrheiten nicht in Frage gestellt werden dürfen.
    Teophilus. Ich habe schon bemerkt, dass, wenn es der Vorsatz Ihrer
Gesinnungsgenossen ist zu verlangen, dass man Beweise für diejenigen Wahrheiten
sucht, welche solche zulassen, ohne Unterschied, ob sie angeboren sind oder
nicht, wir miteinander vollkommen einig sind. Die Annahme angeborener Wahrheiten
in der Weise, wie ich sie verstehe, darf niemand davon abwendig machen denn
ausserdem, dass man gut daran tut, die Ursache der Instinkte auszusuchen, ist es
für mich eine massgebende Maxime, dass die Beweise auch der ersten Grundsätze
aufzusuchen wichtig ist; und ich erinnere mich, dass, als man sich zu Paris über
den seligen, damals schon alten Herrn Roberval deswegen lustig machte, weil er
nach dem Beispiele des Apollonius und des Proclus die Grundsätze des Euklides
beweisen wollte, ich den Nutzen dieser Untersuchung zeigte. Was den Grundsatz
derjenigen betrifft, welche sagen, dass man gegen den die Grundsätze Leugnenden
nicht streiten müsse, so gilt er nur hinsichtlich derjenigen Prinzipien, die
weder Zweifel noch beweis zulassen. Allerdings kann man, um Ärgernis und
Unordnungen zu vermeiden, Regeln für öffentliche Disputationen und anderweitige
Konferenzen aufstellen, auf Grund deren es verboten ist, gewisse anerkannte
Wahrheiten zum Gegenstand des Streites zu machen. Aber das gehört mehr in das
Gebiet der Polizei als der Philosophie.
 
                                 Zweites Buch.
                             Von den Vorstellungen
                                   Kapitel I.
Worin von den Vorstellungen im allgemeinen gehandelt und gelegentlich untersucht
                  wird, ob die Seele des Menschen immer denke
    § 1. Philaletes. Nachdem wir untersucht haben, ob die Vorstellungen
angeboren sind, wollen wir ihr Wesen und ihre Unterschiede betrachten. Nicht
wahr, die Vorstellung ist der Gegenstand des Denkens?
    Teophilus. Ich gebe es zu, wenn Sie hinzufügen, dass es ein unmittelbarer
innerer Gegenstand, und dieser Gegenstand ein Ausdruck des Wesens oder der
Eigenschaften der Dinge ist. Wenn die Vorstellung die Form des Denkens wäre, so
würde sie mit den wirklichen Gedanken, die ihr entsprechen, entstehen und
aufhören; aber indem sie deren Gegenstand ist, wird sie den Gedanken voraussehen
und nachfolgen können. Die äusseren sinnlichen Gegenstände sind nur mittelbare,
weil sie nicht unmittelbar auf die Seele wirken können. Gott allein ist der
unmittelbare äussere Gegenstand. Man könnte sagen, dass die Seele selbst ihr
unmittelbarer innerer Gegenstand ist aber sie ist dies insofern sie die
Vorstellungen oder das, was den Dingen entspricht, entält, denn sie ist eine
kleine Welt, worin die deutlichen Vorstellungen ein Bild Gottes und die
verworrenen ein Bild des Universums sind.
    § 2. Philaletes. Unsere Partei fragt in der Voraussetzung, dass die Seele zu
Anfang eine tabula rasa ist, leer von allen Schriftzügen und ohne irgend eine
Vorstellung, wie sie dazu komme, Vorstellungen zu entalten und durch welches
Mittel sie deren eine so ausserordentliche Menge erwerbe? Darauf antwortet sie
mit einem Wortes durch die Erfahrung.
    Teophilus. Diese tabula rasa von der man so viel spricht, ist nach meiner
Meinung nichts als ein Phantasiegebilde, das in der Natur nicht vorkommt und nur
in den unvollständigen Begriffen der Philosophen begründet ist, ebenso wie der
leere Raum, die Atome, die unbedingte oder die relative Ruhe zweier Teile eines
Ganzen gegeneinander, oder ebenso wie die erste Materie, die man sich ohne
Formen denkt. Das einförmige und keine Mannigfaltigkeit in sich Schliessende ist
immer nur eine Abstraktion, wie die Zeit, der Raum und die übrigen Wesen der
reinen Matematik. Es gibt keinen Körper, dessen Teile in Ruhe sind, und es gibt
keine Substanz, die sich nicht in irgend etwas von jeder anderen unterschiede.
Die menschlichen Seelen sind nicht allein von den Seelen anderer Wesen, sondern
auch untereinander verschieden, obgleich dieser Unterschied nicht von derjenigen
Art ist, welchen man spezifisch nennt. Und nach den Beweisen, welche ich zu
haben glaube, hat jedes substantielle Wesen, es sei Seele oder Körper, zu allem
übrigen ein ihm eigentümliches Verhältnis, und das eine muss sich von dem anderen
immer durch innerliche Bestimmungen unterscheiden. Diejenigen aber, welche von
jener tabula rasa reden, können, nachdem sie ihr die Vorstellungen genommen
haben, nicht sagen, was ihr dann noch bleibt, wie die Schulphilosophen ihrer
ersten Materie auch nichts Übrig lassen. Man wird mir vielleicht entgegnen,
diese tabula rasa der Philosophen wolle sagen, dass die Seele von Natur und
ursprünglich nur nackte Vermögen habe. Aber die Vermögen ohne irgend eine
Handlung, mit einem Worte, die blossen Möglichkeiten der Schule sind auch nur
Nabeln, von welchen die Natur nichts weiss und die man nur durch Abstraktionen
erhält. Denn wo wird man jemals in der Welt ein Vermögen finden, das die blosse
Möglichkeit, ohne irgend eine Handlung auszuüben, in sich entält? Es gibt immer
eine besondere Disposition zur Handlung, und zwar zu einer Handlung mehr als zu
einer anderen. Und ausser der Disposition gibt es noch eine Strebung zum handeln,
deren es sogar stets eine unendliche Menge in jedem Subjekte zugleich gibt; und
diese Strebungen sind niemals gänzlich ohne Wirkung. Ich gebe zu, dass die
Erfahrung notwendig ist, damit die Seele zu diesen oder jenen Gedanken bestimmt
werde und auf die in uns vorhandenen Vorstellungen acht habe; aber wie können
denn Erfahrung und Sinnlichkeit Vorstellungen geben? Hat die Seele Fenster?
gleicht sie einer Tafel? ist sie wie Wachs? Es ist einleuchtend, dass alle die,
welche so von der Seele denken, sie im Grunde für körperlich halten. Man wird
mir den von den Philosophen angenommenen Grundsatz entgegenhalten, dass in der
Seele nichts sei, das nicht von den Sinnen kommt. Aber man muss die Seele und
ihre Zustande selbst davon ausnehmen. Nihil est in intellectu quod non fuerit in
sensu, excipe: nisi ipse intellectus (das Denken selbst ausgenommen). Die Seele
entält also das Sein, die Substanz, das Eine, das Selbige, die Ursache, die
Wahrnehmung, das Denken und eine Menge anderer Vorstellungen, welche die Sinne
nicht verleihen können. Dies stimmt recht gut mit Ihrem Verfasser der
Abhandlung, welche einen guten Teil der Vorstellungen in der Reflexion des
Geistes über sein eigenes Wesen sucht.
    Philaletes. Ich hoffe doch, Sie werden diesem gelehrten Schriftsteller
zugeben, dass alle Vorstellungen aus der Sinnlichkeit oder aus der Reflexion
stammen, d.h. aus den Beobachtungen, die wir entweder über die äusseren und
sinnlichen Gegenstände oder über die inneren Verrichtungen unserer Seele machen.
    Teophilus. Um einen Streit, der uns schon allzulange aufgehalten hat, zu
vermeiden, erkläre ich Ihnen zum voraus, dass, wenn Sie sagen, die Vorstellungen
stammen auf der einen oder anderen dieser Ursachen, ich dies von ihrer
wirklichen Wahrnehmung verstehe, da ich gezeigt zu haben glaube, dass sie in uns
sind, ehe man sich ihrer, sofern sie nur etwas für sich Besonderes haben, bewusst
ist.
    § 9. Philaletes. Hierauf wollen wir zusehen, wann man sagen müsse, dass die
Seele anfange, Wahrnehmung zu haben und wirklich an die Vorstellungen zu denken.
Ich weiss wohl, dass die Behauptung aufgestellt wird, die Seele denke immer, und
dass das wirkliche Denken von der Seele ebenso untrennbar sei, als die wirkliche
Ausdehnung untrennbar vom Körper (§ 10). Aber ich kann nicht begreifen, dass es
für die Seele notwendiger sein soll, immer zu denken, als für die Körper, immer
in Bewegung zu sein, indem nämlich die Wahrnehmung für die Seele das ist, was
die Bewegung für den Körper. Dies scheint mir wenigstens sehr vernünftig, und
ich möchte gern Ihre Ansicht darüber wissen.
    Teophilus. Sie haben sie eben ausgesprochen. Die Tätigkeit ist nicht mehr
mit der Seele als mit dem Körper verknüpft, und ein Zustand ohne Denken in der
Seele und eine unbedingte Ruhe im Körper scheint mir gleich sehr naturwidrig und
beispiellos in der Welt. Eine Substanz, die einmal in Tätigkeit ist, wird es
immer sein, denn alle Eindrücke dauern fort und vermischen sich nur mit anderen
neuen. Wenn man einen Körper anstösst, so erregt man oder bringt man vielmehr zum
Ausdruck eine unendliche Menge von Wirbelbewegungen wie in einer Flüssigkeit;
denn im Grunde hat jeder feste Körper einen Grad von Flüssigkeit und jede
Flüssigkeit einen Grad von Festigkeit, und man kann diese inneren
Wirbelbewegungen niemals ganz aufhören machen. Man kann daher glauben dass, wenn
der Körper niemals in Ruhe ist, die ihm entsprechende Seele auch niemals ohne
Wahrnehmung sein werde.
    Philaletes. Vielleicht ist es aber ein besonderes Vorrecht des Urhebers und
Erhalters aller Dinge, dass er, als in seinen Vollkommenheiten unendlich, niemals
schläft und schlummert. Einem endlichen Wesen, oder wenigstens einem solchen
Wesen, wie der Seele des Menschen, kommt dies aber nicht zu.
    Teophilus. Sicherlich schlafen und schlummern wir und Gott nicht; aber
daraus folgt nicht, dass wir im Schlummer ohne irgend welche Wahrnehmung seien.
Vielmehr findet, wenn man wohl darauf achtet, das Gegenteil statt.
    Philaletes. Es gibt in uns etwas, was das Vermögen zu denken hat, aber
daraus folgt nicht, dass wir stets in wirklicher Denktätigkeit seien.
    Teophilus. Die wahren Vermögen sind niemals blosse Möglichkeiten. Mit ihnen
ist immer Strebung und Tätigkeit verbunden.
    Philaletes. Aber dieser Satz: Die Seele denkt immer, ist nicht durch sich
selbst evident.
    Teophilus. Das sage ich auch nicht. Man hat, ihn zu finden, ein wenig
Aufmerksamkeit und Nachdenken nötig. Der gemeine Mann ist sich desselben
ebensowenig bewusst, als des Druckes der Luft oder der Kugelgestalt der Erde.
    Philaletes. Ich zweifle daran, dass ich in der vergossenen Nacht gedacht
habe: Es handelt sich dabei um eine Untersuchung der Tatsache; man muss darüber
durch sinnliche Erfahrungen entscheiden.
    Teophilus. Man entscheidet darüber, wie man beweist, dass es nicht
wahrnehmbare Körper und unsichtbare Bewegungen gibt, obgleich gewisse Leute dies
als lächerrlich betrachten. Ebenso gibt es unklare Wahrnehmungen, welche sich
nicht so viel voneinander unterscheiden, dass man sich derselben bewusst werden
oder erinnern könnte; aber durch gewisse Resultate werden sie erkannt.
    Philaletes. Ein gewisser Schriftsteller hat uns den Vorwurf gemacht, dass
wir behaupteten, die Seele höre auf zu sein, weil wir ihr Dasein während des
Schlafes nicht fühlen; aber dieser Einwurf kann nur aus einem seltsamen
Vorurteil entspringen; denn wir sagen nicht, dass der Mensch keine Seele in sich
habe, weil wir ihr Dasein während des Schlafes nicht empfinden, sondern
behaupten nur, dass der Mensch nicht denken kann, ohne sich desselben bewusst zu
sein.
    Teophilus. Ich habe das Buch nicht gelesen, welches diesen Einwurf entält,
aber man würde nicht unrecht daran haben, ihn zu machen, weil daraus, dass man
sich des Denkens nicht bewusst ist, nicht folgt, dass es darum aufhöre, denn sonst
könnte man mit demselben Grunde sagen, es gebe keine Seele, solange man sich
derselben nicht bewusst ist. Und um diesen Vorwurf zurückzuweisen, müsste man
besonders vom Denken zeigen, dass es ihm wesentlich ist, ins Bewusstsein zu
fallen.
    § 11. Philaletes. Es ist nicht leicht, sich vorzustellen, dass ein Wesen
denken kann und nicht merkt, dass es denkt.
    Teophilus. Darin steckt ohne Zweifel der Knoten der Frage und die
Schwierigkeit, welche auch gescheite Leute in Verlegenheit gesetzt hat. Aber nun
auch das Mittel, herauszukommen: man muss erwägen, dass wir an eine Menge Dinge
zugleich denken, aber nur auf diejenigen Gedanken, welche am meisten
hervortreten, achtaben; und anders kann es sich nicht verhalten, denn wenn wir
auf alles achtgäben, müssten wir an unendlich vieles zu gleicher Zeit mit
Aufmerksamkeit denken, was wir alles empfinden und was auf unsere Sinne Eindruck
macht. Ich behaupte noch mehr: von allen unseren vergangenen Gedanken bleibt
etwas übrig, und keiner derselben kann jemals vollständig ausgelöscht werden.
Wenn wir also ohne Traum schlafen oder durch einen Schlag, Fall,
Krankheitszustand oder anderen Zufall betäubt sind, so bildet sich in uns eine
unendliche Menge von kleinen verworrenen Empfindungen, und der Tod selbst könnte
auf die Seelen der Tiere keine andere Wirkung hervorbringen, da sie ohne Zweifel
früher oder später, denn in der Natur geht alles ordentlich zu, zu deutlich
bestimmten Wahrnehmungen zurückkehren müssen. Indessen gebe ich zu, dass in jenem
Zustand von Verwirrung die Seele ohne Lust und ohne Schmerz sein wird; denn das
sind merkbare Wahrnehmungen.
    § 12. Philaletes. Nicht wahr, diejenigen, mit welchen wir gegenwärtig zu
tun haben, nämlich die Kartesianer, die da glauben, dass die Seele immer denke,
gestehen allen vom Menschen verschiedenen Tieren das Leben zu, ohne ihnen eine
erkennende und denkende Seele zu geben, und finden ebenso keine Schwierigkeit
darin, zu behaupten, dass die Seele, ohne an einen Körper gebunden zu sein,
denken könne?
    Teophilus. Ich für meinen Teil bin anderer Ansicht; denn obgleich ich darin
der der Kartesianer folge, dass sie behaupten, die Seele denke beständig,
entferne ich mich doch von ihnen in zwei anderen Punkten. Ich glaube, dass die
Tiere unvergängliche Seelen haben, und dass die menschlichen Seelen, wie die
anderen alle, niemals ohne allen Körper sind; ich nehme sogar an, dass Gott
allein, da er reine Tätigkeit ist, davon gänzlich befreit ist.
    Philaletes. Wenn Sie der Ansicht der Kartesianer wären, so hätte ich in
Ihrem Sinne geschlossen, dass die Körper des Kastor und Pollux, da sie bald mit,
bald ohne Seele sein können, obwohl sie immer leben bleiben und ihre Seele bald
in einem Körper und bald ausser demselben sein kann, nur eine einzige Seele
hätten, die abwechselnd den Körper dieser beiden Menschen, da sie umwechselnd
einschlafen und erwachen, regierte, folglich würden sie zwei so verschiedene
Personen, wie Kastor und Herkules sein könnten, ausmachen dürfen.
    Teophilus. Ich will Ihnen meinerseits eine viel natürliche scheinende
Annahme vorschlagen. Nicht wahr, man muss immerhin zugeben, dass man nach irgend
einer Zwischenzeit oder einer grossen Veränderung in ein vollständiges Vergessen
sinken kann? So sagt man, dass Sleidan vor seinem Tode alles, was er wusste,
vergab. Und es gibt noch andere zahlreiche Beispiele dieses traurigen Halles.
Nehmen wir nun an, dass ein solcher Mensch wieder jung würde und alles von neuem
kennen lernte. Wird er dann ein anderer Mensch sein? Das Gedächtnis also ist es
nicht, was gerade denselbigen Menschen ausmacht. Indessen ist die phantastische
Annahme einer Seele, die abwechselnd verschiedene Körper belebt, ohne dass das,
was ihr in dem einen dieser Körper begegnet, den anderen angeht, eine jener
naturwidrigen Erdichtungen, die aus den unvollständigen Begriffen der
Philosophen stammen, wie der Raum ohne Körper und der Körper ohne Bewegung. Sie
verschwinden, wenn man ein wenig tiefer eindringt, denn man muss wissen, dass jede
Seele alle vergangenen Eindrücke bewahrt und sich auf eben berührte Art nicht
zweiteilen kann. In jener Substanz hat die Zukunft eine vollständige Verbindung
mit der Vergangenheit. Darin besteht die Identität des Individuums; indessen ist
sich zu erinnern gar nicht nötig und wegen der Menge der gegenwärtigen und
vergangenen Eindrücke, welche mit unseren gegenwärtigen Gedanken sich verbinden,
selbst nicht immer möglich, denn es gibt meiner Überzeugung nach im Menschen
keine Gedanken, die nicht irgend eine wenigstens verwegene Wirkung haben und
einen den folgenden Gedanken beigemischten Rest bilden. Man kann wohl etwas
vergessen, aber man kann sich auch immer aus noch so werter Ferne wieder daran
erinnern, wenn man in der richtigen Weise darauf zurückgeführt wird.
    § 13. Philaletes. Wer ohne irgendwelchen Traum geschlafen hat, wird sich
niemals überzeugen lassen, dass seine Gedanken in Tätigkeit gewesen seien.
    Teophilus. Man ist niemals ohne irgend eine schwache Empfindung, wenn man
schläft selbst wenn man dabei nicht träumt. Dies zeigt selbst das Erwachen; und
je näher man dem Erwachen ist, desto mehr Empfindung hat man von dem, was sich
ausser uns zuträgt, obgleich diese Empfindung nicht immer stark genug sein mag,
uns zu erwecken.
    § 14. Philaletes. Es erscheint mir sehr schwer begreiflich, dass die Seele
in diesem Augenblick in einem schlafenden und im nächsten Augenblick in einem
wachenden Menschen denke, ohne sich daran zu erinnern.
    Teophilus. Das ist nicht nur sehr leicht zu begreifen, sondern es lässt sich
sogar tagtäglich, wahrend man wacht, etwas Ähnliches beobachten; denn alsdann
wirken fortwährend Gegenstände auf unsere Augen oder Ohren, und folglich ist,
ohne dass wir darauf achtgeben, auch die Seele davon berührt, weil unsere
Aufmerksamkeit von anderen Gegenständen in Anspruch genommen ist, bis der
Gegenstand mächtig genug wird, sie durch Verstärkung seiner Tätigkeit oder durch
irgendeine andere Ursache auf sich zu ziehen, das wäre gleichsam ein teilweiser
Schlaf in bezug auf solchen Gegenstand, und dieser Schlaf wird ein allgemeiner,
wenn unsere Aufmerksamkeit in bezug auf alle Gegenstände zusammen aufhört. Es
ist ja auch ein Mittel, sich einzuschläfern, dass man die Aufmerksamkeit
verteilt, um sie zu schwächen.
    Philaletes. Ich habe von einem Menschen gehört, der sich in seiner Tugend
dem Studium gewidmet und ein sehr glückliches Gedächtnis gehabt hatte - dass
diesem, ehe er das Fieber gehabt hatte, niemals geträumt habe; und davon war er
in der Zeit, als ich mit ihm sprach, im Alter von etwa 25 oder 26 Jahren gerade
geheilt worden.
    Teophilus. Man hat mir auch von einem Gelehrten von noch viel
vorgerückterem Alter erzählt, der niemals einen Traum gehabt hatte. Aber man muss
nicht auf die Träume allein die ununterbrochene Stetigkeit der Wahrnehmung der
Seele gründen, da ich schon gezeigt habe, wie sie selbst im Schlaf eine gewisse
Wahrnehmung dessen, was ausser ihr vorgeht, besitzt.
    § 15. Philaletes. Oft denken und nicht einen einzigen Augenblick das
Andenken dessen, was man denkt, sich erhalten, heisst recht unnütz denken.
    Teophilus. Alle Eindrücke haben ihre Wirkung, aber nicht alle Wirkungen
sind immer bemerkbar wenn ich mich eher nach der einen Seite wende als nach der
anderen, so geschieht dies wohl häufig durch die Verkettung kleiner Eindrücke,
deren ich mir nicht bewusst bin und welche die eine Bewegung ein wenig unbequemer
als die andere machen. Alle von uns ohne Überlegung ausgeführten Handlungen sind
Resultate eines Zusammenwirkens schwacher Wahrnehmungen, und selbst unsere
Gewohnheiten und Leidenschaften, die auf unsere Entschlüsse so viel Einfluss
haben, stammen daher; denn diese Angewöhnungen entstehen nach und nach, und man,
würde folglich ohne die schwachen Wahrnehmungen zu merklichen Neigungen gar
nicht kommen. Ich habe schon einmal bemerkt, dass, wenn man diese Wirkungen in
der Moral leugnen wollte, man den schlecht unterrichteten Leuten gleichen würde,
die in der Physik die unsichtbaren Körperchen leugnen und gleichwohl gibt es
darunter, wie ich bemerke, solche, welche, ohne auf diese unmerklichen
Eindrücke, die doch imstande sind, die Wage nach einer Seite zu neigen,
achtzuhaben, von der Freiheit sprechen, indem sie phantastischerweise eine
vollständige Indifferenz in den moralischen Handlungen annehmen, wie die des
Buridanschen Esels zwischen seinen zwei Wiesen ist. Aber diesen Punkt werden wir
in der Folge noch mehr reden. Ich gebe allerdings zu, dass diese Eindrücke uns
nur nach einer Seite neigen machen ohne Zwang auszuüben.
    Philaletes. Vielleicht wird man sagen, dass in einem wachen Menschen, der
denkt, der Körper etwas dabei leistet, und das Gedächtnis durch die Spuren im
Gehirn sich erhält, dass aber, wenn er schläft, die Seele ihre Gedanken für sich
allein hat.
    Teophilus. Dies zu behaupten, bin ich weit entfernt, da ich vielmehr
glaube, dass stets eine genaue Übereinstimmung zwischen Körper und Seele
stattfindet, und ich nach der Eindrücke des Körpers, deren man weder im Erwachen
noch im Schlaf sich bewusst ist, bediene, um zu beweisen, dass die Seele ähnliche
hat. Ich halte sogar dafür, dass in der Seele etwa der Blutzirkulation und allen
inneren Bewegungen der Eingeweide Entsprechendes geschieht, dessen man sich
freilich gar nicht bewusst ist, ganz so, wie diejenigen, welche neben einer
Wassermühle wohnen, des Lärmes, den sie macht, sich auch gar nicht bewusst sind.
Gäbe es in der Tat Eindrücke im Körper während des Schlafens oder Wachens, wovon
die Seele überhaupt gar nicht berührt oder getrogen würde, so müsste man die
Einheit der Seele und des Körpers einschränken, als ob die körperlichen
Eindrücke eine bestimmte Gestalt und Grösse haben müssten, damit die Seele
dieselben bemerken könnte; dies ist aber, wenn die Seele unkörperlich ist, nicht
aufrechtzuerhalten, denn zwischen einer unkörperlichen Substanz und dieser oder
jener Modifikation der Materie gibt es kein Proportionsverhältnis. Mit einem
Worte, der Glaube, dass es in der Seele keine anderen Wahrnehmungen gibt, als
die, deren sie sich bewusst ist, ist eine grosse Quelle von Irrtümern.
    § 16. Philaletes. Die meisten Träume, deren wir uns erinnern, sind
unordentlich und schlecht verbunden, man müsste also behaupten, dass die Seele das
Vermögen, vernünftig zu denken, dem Körper verdankt oder von ihren vernünftigen
Selbstgesprächen nichts behält.
    Teophilus. Der Körper entspricht allen Gedanken der Seele, mögen sie
vernünftig sein oder nicht. Und die Träume haben ebensogut ihre Spuren im
Gehirn, wie die Gedanken der Wachenden.
    § 17. Philaletes. Da Sie so sicher sind, dass die Seele wirklich immer
denkt, so möchte ich von Ihnen hören, welches denn die Vorstellungen sind, die
in der Seele eines Kindes, ehe sie mit dem Körper verbunden ist, oder gerade in
der Zeit ihrer Verbindung mit ihm, ehe sie irgend eine Vorstellung auf dem Wege
der sinnlichen Empfindung erhalten hat, vorkommen.
    Teophilus. Nach unseren Prinzipien ist es leicht, Ihnen zu genügen. Die
Wahrnehmungen der Seele entsprechen natürlicherweise immer der Verfassung des
Körpers, und wenn es im Gehirn eine Menge verworrener und wenig deutlicher
Bewegungen gibt, wie bei denen der Fall ist, welche wenig Erfahrung haben, so
können die Gedanken der Seele nach der Ordnung der Dinge nicht deutlicher sein.
Die Seele ist indessen der Unterstützung durch die Sinnlichkeit niemals beraubt,
weil sie immer ihren Körper ausdrückt und dieser Körper stets durch andere
Körper, die ihn umgeben, auf unendlich mannigfache Weise, aber oft nur mit der
Wirkung eines verworrenen Eindrucks in Bewegung gesetzt wird.
    Philaletes. Aber da wirft der Verfasser der Abhandlung noch eine andere
Frage auf. Ich möchte gerne, sagt er, von denen, welche mit so viel Zuversicht
behaupten, dass die Seele des Menschen oder, was dasselbe ist, der Mensch immer
denkt, erfahren, woher Sie das wissen.
    Teophilus. Ich weiss nicht, ob man nicht mehr Zuversicht bedarf, um zu
leugnen, dass sich in der Seele etwas zuträgt, dessen wir uns nicht bewusst sind;
denn damit etwas bemerkbar sei, muss es aus Teilen bestehen, die nicht bemerkbar
sind, weil nichts, der Gedanke so wenig wie die Bewegung, auf einmal entstehen
kann. Übrigens klingt dies so, als wenn heutzutage jemand fragte wie wir die
unsichtbaren Körperchen erkennen.
    § 19. Philaletes. Ich erinnere mich nicht, dass diejenigen, welche
behaupten, dass die Seele immer denke, uns jemals sagen, dass der Mensch immer
denke.
    Teophilus. Ich meine, dies geschieht, weil sie es auch von der vom Körper
gesonderten Seele verstehen. Indessen werden sie leicht zugeben, dass während der
Vereinigung beider der Mensch immer denkt. Ich für meinen Teil, der ich daran
festzuhalten Gründe habe, dass die Seele niemals von aller Körperlichkeit
geschieden ist, glaube, man könne schlechtin sagen, dass der Mensch denkt und
immer denken wird.
    Philaletes. Zu sagen, dass der Körper ausgedehnt sei, ohne Teile zu haben,
und dass ein Ding denke, ohne sich seines Denkens bewusst zu sein, sind zwei
Behauptungen, welche mir gleich sehr unverständlich scheinen.
    Teophilus. Verzeihen Sie mir, ich bin gezwungen, Ihnen zu sagen, dass, wenn
Sie behaupten, es gebe in der Seele nichts, dessen sie sich nicht bewusst sei,
dies ein Zirkelschluss ist, der schon während unserer ganzen ersten Zusammenkunft
geherrscht hat, wo er zur Widerlegung der angeborenen Vorstellungen und
Wahrheiten dienen sollte. Geben wir dies Prinzip zu, so würden wir nicht nur
gegen Erfahrung und Vernunft zu verstossen glauben, sondern auch ohne Grund
unserer Ansicht entsagen, die ich doch hinreichend verständlich gemacht zu haben
glaube. Ausserdem aber, dass unsere Gegner trotz aller ihrer Geschicklichkeit
keinen beweis dessen beigebracht haben, was sie in dieser Hinsicht so oft und so
positiv behaupten, ist es auch leicht, ihnen das Gegenteil zu zeigen, d.h. dass
es für uns nicht möglich ist, über alle unsere Gedanken immer ausdrücklich zu
reflektieren: sonst würde der Geist über jede Reflexion eine neue Reflexion bis
ins Unendliche anstellen, ohne jemals zu einem neuen Gedanken übergehen zu
können. Indem ich mir z.B. irgend einer gegenwärtigen Empfindung bewusst wäre,
müsste ich immer denken, dass ich daran denke, und wieder auch denken, dass ich
daran zu denken denke, und so bis ins Unendliche. Aber ich muss wohl über alle
diese Reflexionen zu reflektieren aufhören und endlich einmal einen Gedanken
haben, den man, ohne daran zu denken, vorüberlässt sonst würde man immer bei
derselben Sache bleiben.
    Philaletes. Würde es dann aber nicht ebensowohl begründet sein zu
behaupten, dass der Mensch immer hungert, indem man sagt, es sei möglich zu
hungern, ohne sich dessen bewusst zu sein?
    Teophilus. dabei ist ein grosser Unterschieds der Junger hat besondere
Gründe, die nicht immer obwalten. Gleichwohl ist es doch wahr, dass man auch
Hunger haben kann, ohne jeden Augenblick daran zu denken aber, wenn man daran
denkt, ist man sich dessen bewusst, da er eine sehr bemerkbare Stimmung ist. Es
gibt immerfort Irritationen im Magen aber sie müssen ziemlich stark werden, um
den Junger zu verursachen. Dieselbe Unterscheidung muss man zwischen dem Denken
überhaupt und den merkbaren Gedanken machen. So dient dass, was man vorbringt, um
unsere Ansicht ins Lächerliche zu ziehen, dazu, sie zu bestätigen.
    § 23. Philaletes. Man kann nun fragen, wann der Mensch in seinem Denken
Vorstellungen zu haben anfange? Und mir scheint, man muss antworten, es geschehe,
sowie er Empfindung hat.
    Teophilus. Ich bin derselben Ansicht; aber das ist ein etwas eigentümlicher
Grundsatz: ich glaube nämlich, dass wir niemals ohne Denken und auch niemals ohne
Empfindung sind. Ich unterscheide nur zwischen Empfindungen und Gedanken, denn
wir haben stets alle unsere Gedanken rein oder von den Sinnen unabhängig
bestimmt, aber die Gedanken entsprechen immer irgend einer Empfindung.
    § 25. Philaletes. Leidend aber ist der Geist doch nur in der Wahrnehmung
der einfachen Vorstellungen, welche die Fundamente oder Materialien der
Erkenntnis sind, während er tätig ist, wenn er zusammengesetzte Vorstellungen
bildet.
    Teophilus. Wie kann er denn hinsichtlich der Wahrnehmung aller einfachen
Vorstellungen leidend sein, da es nach Ihrem eigenen Geständnis einfache
Vorstellungen gibt, deren Wahrnehmung aus der Reflexion stammt, und der Geist
sich also wenigstens die Gedanken der Reflexion selbst gibt, denn er ist es ja
doch, welcher reflektiert? Ob er sie sich versagen kann, das ist eine andere
Frage; ohne Zweifel kann er es nicht ohne irgend einen Grund, der ihn auf
gegebene Veranlassung davon entfernt.
    Philaletes. Bis jetzt haben wir, wie es scheint, ex professo verhandelt.
Nunmehr, wo wir zu den Vorstellungen im einzelnen kommen wollen, hoffe ich,
werden wir miteinander einiger sein und nur in gewissen Besonderheiten
voneinander abweichen.
    Teophilus. Mich soll es freuen, gescheite Männer an den Ansichten, welche
ich für wahr halte, teilnehmen zu sehen denn sie sind dazu angetan, jenen
Geltung zu verschaffen und sie in das rechte Licht zu setzen.
 
                                  Kapitel II.
                        Von den einfachen Vorstellungen
    Philaletes. Ich hoffe also, Sie werden mir darin beistimmen dass es einfache
und zusammengesetzte Vorstellungen gibt; so liefern uns Warme und Weichheit im
Wachs und. Kälte im Eise einfache Vorstellungen, denn die Seele hat davon einen
einförmigen Begriff, der nicht verschiedene Vorstellungen zerlegt werden kann.
    Teophilus. Man kann, glaube ich, sagen, dass diese empfindbaren
Vorstellungen dem Anscheins nach einfach sind weil sie dem Geiste nicht das
Mittel bieten, das Verworrene zu unterscheiden, was sie entalten. Das verhält
sich so, wie wenn uns das Entfernte rund erscheint, weil man die Ecken daran
nicht unterscheiden kann, da man einen verworrenen Eindruck davon empfängt. Es
ist z.B. offenbar, dass das Grüne aus der Mischung des Blauen und Gelben
entsteht, so kann man also auch glauben, dass die Vorstellung des Grünen aus
diesen beiden Vorstellungen zusammengesetzt ist. Und doch erscheint uns die
Vorstellung des Grünen ebenso einfach als die des Blauen oder die des Warmen.
Also ist zu glauben, dass diese Vorstellungen des Blauen oder des Warmen auch nur
dem Anscheine nach einfach sind. Gleichwohl will ich gern dem zustimmen, dass man
diese Vorstellungen als einfache behandelt, weil unser Bewusstsein wenigstens sie
nicht teilte man muss aber in dem Masse, als man sie verständlicher machen kann,
aus anderen Erfahrungen und Gründen zu ihrer Analyse schreiten. Und daraus sieht
man auch, dass es Wahrnehmungen gibt, deren man sich nicht bewusst ist. Denn die
Wahrnehmungen der scheinbar einfachen Vorstellungen sind zusammengesetzt aus den
Vorstellungen der Teile, aus denen jene Wahrnehmungen bestehen, ohne dass der
Geist sich dessen bewusst ist, denn jene verworrenen Vorstellungen erscheinen ihm
als einfache.
 
                                  Kapitel III.
      Von den Vorstellungen, welche wir durch einen einzigen Sinn erhalten
    Man kann nun die einfachen Vorstellungen nach den Mitteln ordnen, welche uns
ihre Wahrnehmungen gewähren, denn dies geschieht entweder 1) mittels eines
Sinnes, oder 2) mittels mehr als eines Sinnes, oder 3) durch die Reflexion, oder
4) auf allen Wegen der Sinnlichkeit so gut wie durch die Reflexion. Was die
anbetrifft, welche durch einen einzigen Sinn uns zukommen, der besonders dazu
angelegt ist, sie aufzunehmen, so kommen uns das Licht und die Farben einzig
durch die Augen zu; alle Arten Geräusch, Klänge und Töne durch die Ohren die
verschiedenen Geschmäcke durch den Gaumen und die Gerüche durch die Nase. Die
Organe oder Nerven bringen sie zum Gehirn und wenn das eine oder andere dieser
Organe zerstört worden ist, können diese sinnlichen Empfindungen nur durch eine
Hintertür eingelassen werten. Die wichtigsten Beschaffenheiten für das Gefühl
sind die Kälte, die Wärme und die Dichtigkeit. Die anderen bestehen entweder in
der Anordnung der sinnlich empfindbaren Teile, die das Glatte und das Rauhe,
oder in ihrer Verbindung, die das Feste, Weiche, Harte, Zerbrechliche ausmacht.
    Teophilus. Ich gebe, was Sie sagen, bereitwillig zu, obgleich ich bemerken
könnte, dass es nach dem Experiment des verstorbenen Mariotte über das fehlen des
Sehens an der Stelle des Gesichtsnerven scheint, dass die Membranen mehr als die
Nerven die sinnliche Empfindung erhalten, sowie, dass es für das Hören und für
den Geschmack eine Hintertür gibt, da die Zähne und der Scheitel dazu beitragen,
einen Ton vernehmlich zu machen, und die Geschmäcke sich wegen der inneren
Verbindungen dieser Organe einigermassen durch die Nase erkennen lassen. Aber
dies alles ändert hinsichtlich der Erklärung der Vorstellungen im Grunde nichts.
Und was die fühlbaren Beschaffenheiten angeht, so kann man sagen, dass das Glatte
oder Rauhe, und das Harte oder Weiche nur Modifikationen des Widerstandes oder
der Dichtigkeit sind.
 
                                  Kapitel IV.
                              Von der Dichtigkeit
    Philaletes. Sie werden zweifelsohne auch zugeben, dass die Empfindung der
Dichtigkeit durch den Widerstand verursacht wird, den wir an einem Körper
finden, bis er die von ihm eingenommene Stelle verlassen hat, wenn ein anderer
Körper wirklich dieselbe hinnimmt. Also nenne ich Dichtigkeit das, was das
Nachgeben zweier Körper, wenn sie sich gegeneinander bewegen, verhindert. Findet
jemand es passender, es Undurchdringlichkeit zu nennen, so habe ich auch nichts
dagegen. Aber ich glaube, dass der Ausdruck Dichtigkeit etwas Bestimmteres
bedeutet. Diese Vorstellung scheint die wesentlichste und dem Körper am engsten
verbundene, und man kann sie nur in der Materie finden.
    Teophilus. Allerdings finden wir bei der Berührung Widerstand, wenn es
einem anderen Körper Mühe kostet, dem unserigen Platz zu machen, und es
widerstrebt allerdings auch den Körpern, an einem und demselben Orte zusammen zu
sein. Dennoch zweifeln manche an der Unüberwindlichkeit dieses Widerstandes, und
freilich ist es nicht unwichtig zu bemerken, dass der Widerstand, den die Materie
leistet, von verschiedener Art sein und aus sehr verschiedenen Ursachen
herrühren kann. Ein Körper leistet dem anderen Widerstand, wenn er entweder den
schon eingenommenen Platz räumen muss, oder wenn er einen Platz, in welchen er zu
treten bereit war, deswegen nicht einnehmen kann, weil auch ein anderer in ihn
zu treten sich bestrebte in welchem Falle es sich ereignen kann, dass, wenn der
eine dem anderen nicht weicht, sie beide stille stehen oder sich einander
zurückstossen. Der Widerstand wird in der Veränderung dessen erkannt, dem
Widerstand geleistet wird, sei es, dass er von seiner Kraft verliert, sei es, dass
er seine Richtung ändert, sei es, dass beides zu gleicher Zeit eintritt. Nun kann
man im allgemeinen sagen, dass dieser Widerstand daher kommt, dass zwischen zwei
Körpern ein Widerstreben, an demselben Orte zu sein, stattfindet, welches man
Undurchdringlichkeit nennen könnte. Wenn also der eine in einen Ort zu treten
sich bestrebt, so bestrebt er sich zugleich, den anderen daraus zu verdrängen
oder ihn am Eintritt zu hindern. Aber diese Art von Unverträglichkeit, welche
den einen vor dem anderen oder beide zusammen weichen macht, einmal
vorausgesetzt, gibt es ausser diesem noch mehrere andere Gründe, aus welchen ein
Körper dem, welcher ihn zu verdrängen strebte Widerstand leistet. Sie liegen
entweder in ihm selbst oder in den benachbarten Körpern. Deren, die in ihm
selbst liegen, gibt es zwei: der eine ist passiv und immerwährend, der andere
tätig und wechselnd. Der erste ist das, was ich nach Kepler und Descartes die
Trägheit nenne, welche Ursache ist, dass die Materie der Bewegung widersteht, und
man Kraft verlieren muss, um einen Körper zu bewegen, wenn weder Schwere noch
Anhaften dabei stattfände. So muss ein Körper, welcher einen anderen zu
verdrängen strebt, deswegen einen sollen Widerstand erfahren. Die andere
Ursache, welche tätig und wechselnd ist, besteht in der Impetuosität (dem
Bewegungsdrang) des Körpers selbst, der nicht weicht, ohne einem Augenblick, dass
seine eigene Impetuosität ihn in einen Ort treibt, Widerstand zu leisten.
Dieselben Gründe finden auch für die benachbarten Körper statt, wenn der Körper,
welcher widerstrebt, nicht weichen kann, ohne noch andere weichen zu machen.
Aber dabei kommt dann noch eine andere Beobachtung in Betracht, nämlich die der
Festigkeit oder des Umstandes, dass ein Körper dem anderen anhaftet. Dies
Anhaften ist häufig die Ursache, dass man einen Körper nicht forttreiben kann,
ohne zu gleicher Zeit einen anderen ihm anhaftenden mit zu bewegen, was
hinsichtlich dieses anderen eine Art von Anziehung ergibt. Dies Anhaften macht
auch, dass selbst dann noch, wenn man die bemerkbare Trägheit und Impetuosität
beiseite setzen wollte, Widerstand da sein würde, denn hat man sich den Raum von
einer vollkommen flüssigen Materie voll gedacht und setzt einen einzigen festen
Körper hinein (vorausgesetzt, dass in der Flüssigkeit weder Trägheit noch
Impetuosität stattat), so wird er, ohne irgend einen Widerstand zu finden,
darin bewegt werden; war aber der Raum voll kleiner Würfel so würde der
Widerstand, den der fest, zwischen den Würfeln zu bewegende Körper finden würde,
daher kommen, dass die kleinen harten Würfel, eben ihrer Härte wegen oder wegen
des Anhaftens ihrer Teile aneinander, sich nur mühsam, soviel als nötig ist,
teilen würden, um einen Bewegungskreis zu bilden und den Platz des beweglichen
Körpers, sobald er weiterrückt, auszufüllen. Wenn aber beide Körper zu gleicher
Zeit in eine zu beiden Seiten offene Röhre an den beiden Enden einträten und die
Höhlung gleichmässig erfüllten, so würde die in dieser Röhre handliche
Flüssigkeit, so flüssig sie auch sein möchte, wessen ihrer Undurchdringlichkeit
allein Widerstand leisten. Also muss man in dem Widerstand, um den es sich hier
handelt, die Undurchdringlichkeit der Körper, die Trägheit, die Impetuosität und
das Anhaften in Betracht ziehen. Allerdings kommt dies Anhaften der Körper
meiner Meinung nach aus einer feineren Bewegung des einen Körpers gegen den
anderen her; aber da dies ein bestreitbarer Punkt ist, so muss man ihn nicht von
vornherein voraussetzen. Und aus demselben Grunde darf man ebensowenig von
vornherein voraussetzen, dass es eine ursprüngliche wesentliche Dichtigkeit gibt,
welche dem Körper den (von ihm eingenommenen) Raum immer gleich macht, d.h. dass
die Unverträglichkeit oder, um richtiger zu reden, die Unmöglichkeit der Körper,
an demselben Ort zu sein, eine vollständige Undurchdringlichkeit ist, welche
kein Mehr und kein Weniger zulässt, während mehrere behaupten, dass die sinnlich
empfindbare Dichtigkeit von dem Widerstreben der Körper, sich an demselben Orte
zu beenden, kommen kann, die aber nicht unüberwindlich zu sein braucht. Denn
alle die gewöhnlichen Peripatetiker und manche andere glauben, dass eine und
dieselbe Materie mehr oder weniger Raum einnehmen kann, was sie Verdünnung und
Verdichtung nennen, und zwar nicht bloss eine scheinbare (wie wenn man durch das
Zusammendrücken eines Schwammes das Wasser heraustreibt), sondern eine ganz
eigentliche, wie die Schule sie sich hinsichtlich der Luft denkt. Ich bin zwar
nicht dieser Ansicht, finde aber nicht, dass man von vornherein die
entgegengesetzte Ansicht voraussetzen darf, da die Sinne ohne Vernunftgebrauch
nicht hinreichen, um diese vollständige Undurchdringlichkeit auszumachen, welche
ich wohl für richtig in der Ordnung der Natur halte, die man aber durch die
sinnliche Empfindung allein nicht kennen lernt. Auch könnte jemand behaupten,
dass der Widerstand der Körper beim Zusammendrücken von einer Anstrengung
herkomme, mit welcher die Teile, wenn sie nicht ihre ganze Freiheit haben, sich
auszudehnen streben. Um diese Eigenschaften noch zu beweisen, helfen übrigens
die Augen viel, indem sie dem Gefühl zu Hilfe kommen. Und im Grunde begreift man
die Dichtigkeit, sofern sie einen deutlich bestimmten Begriff gibt, durch die
blosse Vernunft, obgleich die Sinne der Vernunft das Beweismittel liefern, dass
sie in der Natur vorkommt.
    § 4. Philaletes. Wir sind wenigstens darüber einig, dass die Dichtigkeit
eines Körpers bedeutet, er erfülle den von ihm eingenommenen Platz dergestalt,
dass er jeden anderen Körper schlechtin davon ausschliesst (wenn er nicht einen
Platz finden kann, wo er vorher nicht war), während die Härte oder vielmehr die
Konsistenz, welche einige Festigkeit nennen, eine enge Vereinigung gewisser
Teile der Materie ist, die in der Weise Haufen von sinnlich wahrnehmbarem Umfang
bilden, dass die ganze Masse ihre Gestalt nicht leicht verändert.
    Teophilus. Diese Konsistenz, wie ich bereits bemerkt habe, ist eigentlich
das, was einen Teil eines Körpers ohne den anderen zu bewegen erschwert,
dergestalt, dass, wenn man den einen anstösst, es vorkommt, dass der andere, der
nicht angestossen ist und gar nicht in die Richtungslinie fällt,
nichtsdestoweniger auch nach derselben Seite hin durch eine Art von Anziehung
sich zu bewegen veranlasst ist und ferner, wenn dieser letztere Teil einem
Hindernis begegnet, das ihn zurückhält oder zurückstösst, so zieht oder hält er
auch den ersteren zurück und zwar ist dies stets wechselseitig. Dasselbe
begegnet mitunter zweien Körpern, die sich nicht berühren und keinen
zusammenhängenden Körper bilden, wovon sie zusammenhängende Teile wären und
dennoch macht der Anstoss des einen, dass der andere ohne Anstoss sich bewegt,
soweit die Sinne es erkennbar machen. Davon geben der Magnet, die elektrische
und diejenige Anziehung, welche man früher der Furcht vor dem leeren Raum
zuschrieb, Beispiele ab.
    Philaletes. Wie es allgemein scheint, sind das Harte und das Weiche
Bezeichnungen, welche wir den Dingen nur hinsichtlich unserer besonderen
Körperbeschaffenheit beizulegen pflegen.
    Teophilus. Auf diese Art würden aber viele Philosophen ihren Atomen nicht
die Härte zuschreiben. Der Begriff der Härte hängt nicht von den Sinnen ab, und
man kann deren Möglichkeit durch die Vernunft begreifen, obgleich wir auch durch
die Sinne überzeugt werden, dass sie sich tatsächlich in der Natur vorfindet.
Indessen würde ich den Ausdruck Festigkeit (wenn es mir erlaubt wäre, mich
desselben in diesem Sinne zu bedienen) dem der Härte vorziehen, denn es gibt
immer noch einige Festigkeit auch in den weichen Körpern. Ich suche sogar ein
noch bequemeres und allgemeineres Wort, wie Konsistenz oder Kohäsion. Also würde
ich das Harte dem Weichen und das Feste dem Flüssigen gegenüber setzen, denn das
Wachs ist weich; aber ohne durch die Hitze geschmolzen zu werden, ist es nicht
flüssig und bewahrt seine Gestalt; und in den Flüssigkeiten sogar gibt es
gewöhnlich Kohäsion, wie die Wasser- und Quecksilbertropfen zeigen. Ich bin auch
der Meinung, dass alle Körper einen gewissen Grad von Kohäsion haben, ebenso wie
ich glaube, dass es keine Körper gibt, welche nicht eine gewisse Flüssigkeit
entalten und deren Kohäsion unüberwindlich wäre so dass nach meiner Ansicht die
Atome Epikurs, deren Härte als unüberwindlich vorausgesetzt wird, ebensowenig
stattaben können, als die vollständig flüssige, feine Materie der Kartesianer.
Aber es ist hier nicht der Ort, diese Ansicht zu rechtfertigen oder die Ursache
der Kohäsion aufzuklären.
    Philaletes. Die vollkommene Dichtigkeit der Körper scheint sich aus der
Erfahrung rechtfertigen zu lassen. So drang das Wasser, da es nicht ausweichen
konnte, durch die Poren einer hohlen goldenen Kugel, worin man es
eingeschlossen, hindurch, als man diese Kugel, zu Florenz unter die Presse
brachte.
    Teophilus. Aber die Folgerung, welche Sie aus diesem Experiment und dem
ziehen, was dem Wasser geschehen ist, lässt sich noch etwas sagen. Auch die Luft
ist ein Körper so gut wie das Wasser und ist gleichwohl, wenigstens ad sensum
(für den Sinn), zusammendrückbar; und diejenigen, welche eine eigentliche
Verdünnung und Verdichtung aufrechterhalten wollen, werden sagen, dass das Wasser
schon zu sehr zusammengedrückt ist, um unseren Maschinen zu weichen, wie eine
sehr zusammengedrückte Luft auch einer weiteren Pressung Widerstand leisten
würde. Ich gestehe andererseits dennoch zu, dass, wenn man eine kleine
Veränderung des Volumens am Wasser bemerken würde, man sie der darin
eingeschlossenen Luft zuschreiben müsste, ohne auf die Streitfrage, ob das reine
Wasser nicht selbst zusammendrückbar ist, wie man es ausdehnbar findet, wenn es
verdunstet, gegenwärtig einzugehen, bin ich im Grunde doch der Ansicht derer,
welche glauben, dass die Körper vollkommen undurchdringlich sind, und dass alle
Verdichtung und Verdünnung nur scheinbar ist. Aber Experimente dieser Art sind
so wenig imstande, es zu beweisen, wie die Röhre Toricellis oder die Maschine
Guerickes genügen, um einen vollkommen leeren Raum nachzuweisen.
    Philaletes. Wäre der Körper im eigentlichen Sinne verdünnbar und
verdichtbar, so könnte er sein Volumen oder seine Ausdehnung ändern, aber da
dies nicht der Fall ist, so wird er immer in demselben Raume gleich und seine
Ausdehnung dennoch stets von der des Raumes bestimmt unterschieden sein.
    Teophilus. Der Körper könnte eine ihm eigene Ausdehnung haben, aber daraus
folgt nicht, dass sie immer bestimmt oder demselben Raume gleich wäre. Obgleich
man indessen, wenn man den Körper denkt, allerdings etwas mehr als den blossen
Raum denkt, so folgt daraus doch keineswegs, dass es zwei Ausdehnungen gibt, die
des Raumes und die des Körpers, denn das wäre, wie wenn man, indem man mehrere
Dinge zugleich denkt, noch etwas mehr als die Zahl, nämlich die res numeratas
(gezählten Dinge) begriffe, während es doch nicht zwei Mehrheiten gibt, die eine
abstrakte, nämlich die der Zahl, die andere konkrete, nämlich die der gezählten
Dinge. Ebenso kann man sagen, dass man sich nicht zwei Ausdehnungen in der
Einbildung vorstellen darf, die eine abstrakte des Raumes und die andere
konkrete des Körpers indem die konkrete nur durch die abstrakte eine solche ist.
Und wie der Körper von einer Stelle des Raumes zur anderen übergehen, nämlich in
ihrer Ordnung untereinander wechseln, so gehen auch die Dinge von einer Stelle
der Ordnung oder der Zahl zur anderen über, wenn z.B. das erste das zweite wird
und das zweite das dritte usw. In der Tat sind Zeit und Raum nur Weisen der
Ordnung, und in diesen Ordnungen würde der freie Platz (den man in bezug auf den
Raum das Leere nennt) wenn es einen solchen gäbe, nur die Möglichkeit dessen
bezeichnen, was in bezug auf die Wirklichkeit fehlt.
    Philaletes. Ich bin immer sehr erfreut, wenn Sie mit mir im Grunde darin
eins sind, dass die Materie im Volumen sich nicht verändert. Sie scheinen mir
aber zu weit zu gehen, wenn Sie nicht zwei Ausdehnungen anerkennen, und den
Kartesianern sich zu nähern, welche den Raum von der Materie gar nicht
unterscheiden. Wenn sich nun Leute fänden, welche diese deutlichen Vorstellungen
(vom Raume und der ihn füllenden Dichtigkeit) nicht hätten, sondern sie
vermischten und daraus nur eine machten, so sehe ich nicht, wie dieselben sich
mit den anderen verständigen könnten. Sie verhielten sich wie der Blinde in
Hinsicht auf einen anderen Menschen, der ihm von der Scharlachfarbe spricht,
sich verhalten würde, während dieser Blinde glaubte, sie gleiche dem Ton einer
Trompete.
    Teophilus. Ich nehme aber zugleich an, dass die Vorstellungen der Ausdehnung
und der Dichtigkeit nicht, wie die des Scharlachs, in einem undenkbaren Etwas
bestehen. Gegen die Ansicht der Kartesianer unterscheide ich Ausdehnung und
Materie. Indessen glaube ich nicht, dass es zwei Ausdehnungen gibt, und da
diejenigen, welche über die Verschiedenheit der Ausdehnung und der Wichtigkeit
miteinander streiten, über diesen Gegenstand in mehreren Wahrheiten
übereinkommen und bestimmte Begriffe haben, so können sie dadurch das Mittel
finden, ihre Uneinigkeit fahren zu lassen. So sollte die angebliche
Misshelligkeit über die Vorstellungen ihnen nicht zum Vorwande dienen, die
Streitigkeiten zu verewigen, wie ich weiss, dass einige Kartesianer, die doch
sonst recht gescheit sind, sich hinter ihren vermeinten Vorstellungen zu
verschanzen die Gewohnheit haben. Wenn sie sich jedoch des von mir vordem
angegebenen Mittels bedienen wollten, um die Richtigkeit und Unrichtigkeit der
Vorstellungen zu erkennen, wovon wir auch in der Folge reden werden, so würden
sie ihren unhaltbaren Standpunkt verlassen.
 
                                   Kapitel V.
    Von den einfachen Vorstellungen, welche aus verschiedenen Sinnen stammen
    Philaletes. Die Vorstellungen, deren Wahrnehmung aus mehr als einem Sinne
stammt, sind die des Raumes, der Ausdehnung, der Gestalt, der Bewegung und der
Ruhe.
    Teophilus. Diese Vorstellungen, von denen man sagt, dass sie aus mehr als
einem Sinne stammen, wie die des Raumes, der Gestalt, der Bewegung, stammen für
uns vielmehr aus dem Gemeinsinn her, d.h. aus dem Geiste selbst; denn sie sind
Vorstellungen des reinen Verstandes, die sich aber auf das Äussere beziehen und
deren wir durch die Sinne uns bewusst werden, auch sind sie fähig definiert und
nachgewiesen zu werden.
 
                                  Kapitel VI.
       Von den einfachen Vorstellungen, welche aus der Reflexion stammen
    Philaletes. Die einfachen Vorstellungen, welche aus der Reflexion stammen,
sind die Vorstellungen des Verstandes und des Willens, denn wir werden uns ihrer
nur bewusst, indem wir über uns selbst reflektieren.
    Teophilus. Man kann zweifeln, ob alle die Vorstellungen einfach sind, denn
es ist z.B. klar, dass die Vorstellung des Willens die des Verstandes in sich
schliesst, und die Idee der Bewegung die der Gestalt entält.
 
                                  Kapitel VII.
   Von den Vorstellungen, die aus der sinnlichen Empfindung und der Reflexion
                                    stammen
    § 1. Philaletes. Es gibt einfache Vorstellungen, welche im Geiste auf allen
Wegen der sinnlichen Empfindung und auch der Reflexion zum Bewusstsein gelangen,
nämlich der Lust, der Schmerz, die Kraft, das Dasein und die Einheit.
    Teophilus. Die Sinne scheinen uns ohne die Hilfe der Vernunft nicht von dem
Dasein der sinnlichen Dinge überzeugen zu können. Auch möchte ich glauben, dass
die Erwägung des Daseins aus der Reflexion stammt. Die der Kraft und der Einheit
stammen auch aus der nämlichen Quelle, und wie mir Einheit, sind diese
Vorstellungen von einer ganz anderen Art als die Wahrnehmungen der Lust und des
Schmerzes.
 
                                 Kapitel VIII.
             Weitere Betrachtungen über die einfachen Vorstellungen
    § 2. Philaletes. Was werden wir von den Vorstellungen der negativen
Eigenschaften sagen? Mir scheint, dass die Vorstellungen der Ruhe, der Finsternis
und der Kälte ebenso positiv sind, wie die der Bewegung, des Lichtes und der
Wärme. Wenn man indessen diese Negationen als Ursachen der positiven
Vorstellungen hinstellt, bin ich der gewöhnlichen Meinung, aber im Grunde wird
es zu bestimmen schwer sein, ob wirklich eine Vorstellung dabei ist, welche aus
einer negativen Ursache stammt, bis man nämlich bestimmt hat, ob die Ruhe eher
als die Bewegung eine Negation ist.
    Teophilus. Ich hätte nicht geglaubt, dass man an dem negativen Wesen der
Ruhe zu zweifeln Veranlassung haben könnte. Es genügt dazu, dass man die Bewegung
beim Körper aufhebt, aber zur Bewegung genügt nicht, dass man die Ruhe aufhebt,
denn man muss noch etwas anderes hinzufügen, um den Grad der Bewegung zu
bestimmen, weil es zu ihrem Wesen gehört, davon mehr oder weniger zu erhalten,
während alle Arten Ruhe gleich sind. Etwas anderes ist es, von der Ursache der
Ruhe zu reden, welche in der zweiten Materie oder Masse positiv sein muss. Ich
möchte auch glauben, dass selbst die Vorstellung der Ruhe negativ ist, d.h. dass
sie nur in einer Negation besteht. Allerdings ist die Handlung des Verneinens
etwas Positives.
    § 9. Philaletes. Da die Eigenschaften der Dinge die Vermögen sind, in uns
die Wahrnehmung der Vorstellungen hervorzubringen, so ist es zweckmässig, sie
voneinander zu unterscheiden. Es gibt erste und zweite Eigenschaften. Die
Ausdehnung, die Dichtigkeit, die Gestalt, die Zahl, die Beweglichkeit sind
ursprüngliche und vom Körper untrennbare Eigenschaften, welche ich erste nenne.
    § 10. Aber zweite Eigenschaften nenne ich die Vermögen oder Kräfte des
Körpers, gewisse sinnliche Empfindungen in uns oder gewisse Wirkungen in anderen
Körpern hervorzubringen, wie z.B. das Feuer im Wachs hervorbringt, indem es
dasselbe schmelzt.
    Teophilus. Man könnte, glaube ich, sagen, dass, wenn die Kraft wohl zu
verstehen ist und deutlich erklärt werden kann, sie unter die ersten
Eigenschaften gerechnet werden müsse, wenn sie aber nur sinnlich ist und nur
eine verworrene Vorstellung bietet, wird man sie unter die zweiten Eigenschaften
setzen müssen.
    § 11. Philaletes. Diese ersten Eigenschaften zeigen, wie die Körper
aufeinander wirken. Nun wirken die Körper nur durch Anstoss, wenigstens soweit,
als wir es begreifen können; denn unmöglich ist zu begreifen, dass die Körper auf
das, was sie nicht berühren, wirken können, was ebensoviel wäre, als sich
einbilden, der Körper könne wirken, wo er nicht ist.
    Teophilus. Ich bin auch der Ansicht, dass die Körper nur durch Anstoss
wirken. Indessen liegt in dem soeben vernommenen Beweis noch eine Schwierigkeit,
denn die Anziehung findet nicht immer ohne Berührung statt, und man kann
berühren und fortbewegen ohne sichtbaren Anstoss, wie ich oben, als ich von der
Härte sprach, gezeigt habe. Wenn es die Atome des Epikur gäbe, so würde ein
angestossener Teil den anderen mit sich fortbewegen und ihn berühren, indem er
ihn ohne Anstoss in Bewegung setzte; und bei der gegenseitigen Anziehung der
einander naheliegenden Dinge kann man nicht sagen, dass das, was ein anderes mit
sich fortbewegt, da, wo es nicht ist, wirkt. Dieser Grund würde nur gegen die
Anziehung aus der Ferne streiten, wie auch hinsichtlich dessen, was man die
vires centripetas (zentripetalen Kräfte) nennt, die von einigen Gelehrten
vorgebracht worden sind.
    § 13. Philaletes. Gewisse Teile, die auf eine gewisse Art unsere Organe
treffen, verursachen in uns gewisse Empfindungen von Farben oder Geschmäcken
oder anderen sekundären Eigenschaften, welche das Vermögen haben, diese
Empfindungen hervorzubringen. Und es ist nicht schwerer zu begreifen, dass Gott
solche Vorstellungen (wie die der Wärme) mit Bewegungen verknüpfen könne, mit
denen sie keine Ähnlichkeit haben, als zu begreifen schwer ist, dass er die
Vorstellung des Schmerzes mit der Bewegung eines Stückes Eisen verbunden hat,
das unser Fleisch zerteilt, einer Bewegung, welcher der Schmerz in keiner Weise
gleicht.
    Teophilus. Man darf sich nicht einbilden, dass diese Vorstellungen der Farbe
oder des Schmerzes willkürlich und ohne Beziehung oder natürliche Verbindung mit
ihren Ursachen sind; mit so wenig Ordnung und Vernunft zu handeln, ist nicht
Gottes Gewohnheit Ich möchte vielmehr sagen, dass dabei eine Art von Ähnlichkeit
ist, zwar keine gänzliche und sozusagen in terminis, aber doch eine in Ausdruck
zu fassende oder eine Art von Beziehung der Anordnung, wie eine Ellipse und
selbst eine Parabel oder Hyperbel in gewisser Beziehung dem Kreise gleichen,
dessen Projektion auf der Ebene sie sind, da zwischen dem, was projiziert wird,
und der Projektion, die davon gemacht wird, jeder Punkt des einen jedem Punkte
der anderen nach einer gewissen Beziehung entspricht. Dies beachten die
Kartesianer nicht genüge und Sie haben diesmal ihnen mehr als gewöhnlich
nachgegeben und mehr, als Grund dazu war.
    § 15. Philaletes. Ich nehme an, was mir richtig erscheint und der
Augenschein lehrt, dass die Vorstellungen der ersten Eigenschaften der Körper
diesen Eigenschaften gleichen, aber dass die in uns durch die zweiten
Eigenschaften erzeugten Vorstellungen ihnen in keiner Weise gleichen.
    Teophilus. Ich habe eben bemerkt, wie in Hinsicht der zweiten ebensogut als
in Hinsicht der ersten Eigenschaften Ähnlichkeit und genaue Beziehung
stattfindet. Es ist ganz vernünftig, dass die Wirkung ihrer Ursache entspreche,
und wie kann man das Gegenteil versichern, da man weder die sinnliche Empfindung
des Blauen, noch die Bewegungen, welche sie hervorrufen, genau kennt? Allerdings
gleicht der Schmerz nicht den Bewegungen einer Nadel, er kann aber sehr wohl den
Bewegungen, welche diese Nadel in unserem Körper verursacht, gleichen und diese
Bewegungen in der Seele darstellen, wie ich gar nicht zweite, dass es der Fall
ist. Deswegen sagen wir auch, dass der Schmerz in unserem Körper und nicht in der
Nadel ist. Wir sagen aber, das Licht ist im Feuer, weil es im Feuer Bewegungen
gibt, die zwar nicht auf bestimmte Art besonders wahrnehmbar sind, aber deren
Vermischung oder Verbindung wahrnehmbar wird und durch die Vorstellung des
Lichtes sich uns darstellt.
    § 21. Philaletes. Wenn aber die Beziehung zwischen Gegenstand und
sinnlicher Empfindung natürlich wäre, wie könnte es doch geschehen, dass, wie wir
in der Tat wahrnehmen, das nämliche Wasser der einen Hand warm und der andern
kalt erscheinen kann? Was auch zeigt, dass die Wärme nicht mehr im Wasser ist,
als der Schmerz in der Nadel.
    Teophilus. Das Angeführte zeigt höchstens, dass die Wärme keine sinnlich
empfindbare Qualität oder Kraft ist, welche ganz und gar für sich empfunden
werden kann, sondern dass sie sich auf die ihr angemessenen Organe bezieht: denn
eine eigene Bewegung in der Hand kann sich damit verbinden und ihre Erscheinung
ändern. Auch erscheint das Licht Augen von schlechter Beschaffenheit nicht, und
wenn sie selbst schon von starkem Licht erfüllt sind, ist ein schwächeres für
sie nicht mehr empfindbar. Selbst die nach Ihrer Bezeichnung ersten
Eigenschaften, z.B. die Einheit und die Zahl, brauchen nicht immer in gehöriger
Weise zu erscheinen. Denn, wie schon Descartes erwähnt hat, erscheint eine mit
den Fingern auf eine gewisse Art berührte Kugel doppelt, und die fazettiert
geschliffenen Spiegel oder Gläser vervielfältigen den Gegenstand. Es folgt
daraus also nicht, dass das, was immer ebenso erscheint, eine Beschaffenheit des
Gegenstandes sei und dass sein Bild ihm gleiche. Und was die Wärme anbetrifft, so
lässt sich, wenn unsere Hand sehr heiss ist, die mittlere Wärme des Wassers nicht
bemerken und mässigt vielmehr die der Hand, und das Wasser erscheint uns folglich
kalt, wie das Salzwasser des Baltischen leeres, wenn es mit dem Wasser des
Portugiesischen leeres gemischt wird, dessen spezifischen Salzgehalt vermindert,
obgleich das erstere selbst salzhaltig ist. So kann man in einer Hinsicht sagen,
dass die Wärme dem Wasser eines Bades angehört, obgleich es jemand kalt
erscheinen kann, wie der Honig schlechtin süss genannt wird und das Silber weiss,
obgleich manchem Kranken der eine bitter, das andere gelb erscheint, denn die
Bezeichnung geschieht nach dem Gewöhnlichsten. Dennoch bleibt es wahr, dass, wenn
das Organ und das Mittel gehörigermassen beschaffen sind, die inneren Bewegungen
und die der Seele sie darstellenden Vorstellungen den Bewegungen des
Gegenstandes gleichen, welche die Farbe, den Schmerz usw. bewirken, oder, was
hierbei dasselbe ist, ihn durch einen ganz genauen Rapport ausdrücken, obgleich
dieser Rapport uns nicht deutlich erscheint, weil wir jene Menge kleiner
Eindrücke weder in unserer Seele, noch in unserem Körper, noch in dem, was ausser
uns ist, voneinander unterscheiden können.
    § 24. Philaletes. Die Eigenschatten der Sonne, das Wachs zu bleichen und zu
erweichen oder den Kot zu verhärten, betrachten wir nur als einfache Kräfte,
ohne in der Sonne etwas vorzustellen, was dieser Weisse oder dieser Weichheit
oder dieser Härte gleicht: die Wärme aber und das Licht werden gemeiniglich als
wirkliche Eigenschaften der Sonne betrachtet. Erwägt man indessen die Sache
wohl, so sind diese Eigenschaften des Lichts und der Wärme, welche in mir
Wahrnehmungen sind, auf keine andere Art in der Sonne, als die im Wachs
hervorgebrachten Veränderungen, wenn es gebleicht oder geschmolzen wird.
    Teophilus. Diese Lehre haben einige so weit getrieben, dass sie uns haben
überreden wollen, jemand, der die Sonne berühren könne, würde darin gar keine
Wärme finden. Die nachgeahmte Sonne, welche sich im Fokus eines Spiegels oder
eines Brennglases fühlbar macht, kann diesen Irrtum widerlegen. Was aber die
Vergleichung zwischen dem Vermögen des Erwärmens und dem des Schmelzens
anbetrifft, so wage ich zu behaupten, dass, wenn das geschmolzene oder gebleichte
Wachs Empfindung hätte, es auch etwas dem Ähnliches empfinden würde, was wir
empfinden, wenn die Sonne uns wärmt, und, wenn es könnte, würde es sagen, dass
die Sonne heiss sei - nicht, weil seine Weisse der Sonne ähnlich ist, denn wenn
die Gesichter von der Sonne gebrannt werden, würde deren dunkle Farbe ihr auch
gleichen müssen, sondern weil im Wachs Bewegungen geschehen, welche zu den sie
verursachenden der Sonne eine Beziehung haben. Seine Weisse könnte aus einer
anderen Ursache stammen, aber nicht die Bewegungen, welche es gehabt hat, als es
jene von der Sonne empfing.
 
                                  Kapitel IX.
                             Von den Wahrnehmungen
    § 1. Philaletes. Wir wollen jetzt zu den Reflexions-Vorstellungen im
besonderen kommen. Die Wahrnehmung ist das erste Vermögen der mit unseren
Vorstellungen beschäftigten Seele. Sie ist auch die erste und einfachste
Vorstellung, die wir von der Reflexion empfangen. Das Denken bezeichnet oft die
Wirkung des Geistes auf seine eigenen Vorstellungen, wenn er tätig ist und etwas
mit einem gewissen Grad freiwilliger Aufmerksamkeit betrachtet, aber in dem, was
man Wahrnehmung nennt, verhält der Geist sich gewöhnlich rein leidend, da er
sich dessen bewusst zu sein nicht vermeiden kann, wessen er sich augenblicklich
bewusst ist.
    Teophilus. Vielleicht könnte man hinzufügen, dass die Tiere Wahrnehmungen
haben und dass sie nicht notwendigerweise denken, d.h. Reflexion oder das haben,
was deren Gegenstand sein kann. Wir haben auch selber schwache Wahrnehmungen,
deren wir uns in unserem gegenwärtigen Zustand nicht bewusst werden. Allerdings
könnten wir uns sehr wohl derselben bewusst werden und darauf reflektieren, wenn
wir nicht durch deren Menge, die uns zerstreut macht, davon abgelenkt, oder wenn
sie nicht durch stärkere verwischt oder vielmehr verdunkelt würden.
    § 4. Philaletes. Ich gestehe, dass, wenn der Geist stark damit beschäftigt
ist, gewisse Gegenstände zu betrachten, er sich in keiner Weise des Eindruckes
bewusst wird, den gewisse Körper auf das Gehörorgan machen, obgleich dieser
Eindruck ziemlich stark sein mag; er bringt aber keine Wahrnehmung hervor, wenn
die Seele nicht davon Notiz nimmt.
    Teophilus. Ich würde vorziehen, zwischen Wahrnehmung und Bewusstsein zu
unterscheiden. Die Wahrnehmung des Lichts oder der Farbe z.B., deren wir uns
bewusst sind, ist aus einer Menge kleiner Wahrnehmungen zusammengesetzt, deren
wir uns nicht bewusst sind, und ein Geräusch, von dem wir Wahrnehmung haben, aber
auf das wir nicht achtgeben, wird durch eine kleine Zugabe oder Vermehrung
fähig, ins Bewusstsein zu fallen. Denn wenn das, was vorhergeht, nicht auf die
Seele wirkte, so würde diese kleine Zugabe auch nicht darauf wirken, und das
Ganze auch nicht. Ich habe diesen Punkt schon § 11, 12, 15 usw. des zweiten
Kapitels dieses Buches berührt.
    § 8. Philaletes. Es ist hier der Ort zu bemerken, dass die Vorstellungen,
welche aus der Sinnlichkeit stammen, bei Erwachsenen oft durch das Urteil des
Geistes, ohne dass sie sich dessen bewusst sind, verändert werden. Die Vorstellung
einer Kugel von gleichmässiger Farbe stellt einen dachen Kreis von verschiedener
Schattierung und Beleuchtung dar. Aber da wir die Bilder der Körper und die
Veränderungen der Lichtreflexe nach der Gestaltung ihrer Oberfläche zu
unterscheiden gewohnt sind, so setzen wir an Stelle dessen, was uns erscheint,
die Ursache des Bildes selbst und verwechseln so das Urteil mit dem Anblick.
    Teophilus. Dies ist vollkommen wahr, und darin besteht das Mittel der
Malerei, uns durch den Kunstgriff einer richtig verstandenen Perspektive zu
täuschen. Wenn die Ränder des Körpers platt sind, so kann man sie darstellen,
ohne Schatten anzuwenden, indem man sich nur der Konturen bedient und die
Malereien einfach nach der Weise der Chinesen, aber mit besserer Proportion, als
jene, entwirft. Auf eben diese Art pflegt man Medaillen zu zeichnen, damit der
Zeichner sich weniger von den genauen Zügen der Antiken entferne. Aber genau
lässt sich das innere eines Kreises von dem Innern einer von diesem Kreise
begrenzten sphärischen Fläche ohne Hilfe von Schatten nicht unterscheiden, da
das Innere des einen wie der anderen weder hervorstehende Punkte noch
unterscheidende Züge hat, obgleich zwischen ihnen freilich ein sehr grosser,
bemerkenswerter Unterschied besteht. Herr v. Argues hat deswegen über die Stärke
der Farbentöne und Schatten eigene Vorschriften gegeben. Wenn uns also ein
Gemälde täuscht, so irren wir auf zweifache Art in unserem Urteil. Zuerst
nämlich setzen wir die Ursache für die Wirkung und glauben das, was die Ursache
des Bildes ist, unmittelbar zu sehen, worin wir ein wenig jenem Bunde gleichen,
welcher gegen einen Spiegel anbellt. Denn eigentlich sehen wir nichts weiter als
das Bild und werden nur von den Strahlen affiziert. Da nun die Lichtstrahlen
eine, wenn auch nur geringe Zeit bedürfen, so ist es möglich, dass der Gegenstand
in dieser Zwischenzeit zerstört und nicht mehr da ist, wenn der Strahl zum Auge
gelangte was aber nicht mehr ist, kann auch nicht ein dem Gesichte gegenwärtiger
Gegenstand sein. Zweitens täuschen wir uns auch, indem wir die eine Ursache für
die andere setzen und etwa glauben, dass das, was nur von einem dachen Gemälde
kommt, von einem Körper abgeleitet sei, dergestalt, dass in diesem Falle unsere
Urteile zugleich eine Metonymie und eine Metapher begehen, denn auch die
rhetorischen Figuren werden zu Sophismen, wenn sie uns täuschen. Diese
Verwechslung der Wirkung mit der Ursache, sei sie die wahre oder die vorgebliche
kommt auch sonst noch bei unseren Urteilen vor. So glauben wir, wenn wir unseren
Körper oder das, was ihn berührt, fühlen, oder wenn wir durch einen
unmittelbaren physischen Einguss unsere Arme bewegen, dass darin die Verbindung
der Seele mit dem Körper erscheine, während wir in Wahrheit nur das dabei fühlen
und verändern, was in uns selbst entalten ist.
    Philaletes. Bei dieser Gelegenheit will ich Ihnen ein Problem vorlegen,
welches der gelehrter Molineux, der seinen herrlichen Geist so nützlich dem
Fortschritt der Wissenschaften widmet, dem berühmten Locke mitgeteilt hat.
Folgendes sind ungefähr seine eigenen Worte: Denken wir uns einen
Blindgeborenen, der jetzt erwachsen ist. Diesen hat man gelehrt, durch Berührung
einen Würfel von einer Kugel desselben Metalls und fast von gleicher Grösse zu
unterscheiden, so dass er, wenn er den einen oder die andere berührt, sagen kann,
was der Würfel und was die Kugel ist. Man nehme nun an, dass, wenn der Würfel und
die Kugel auf einen Tisch gesetzt sind, dieser Blinde plötzlich das Glicht
erhalte Es fragt sich, ob er sie nun, wo er so sieht, ohne sie zu berühren,
unterscheiden und sagen kann, dies ist der Würfel, dies ist die Kugel. Ich bitte
Sie, mir Ihre Meinung darüber zu sagen.
    Teophilus. Diese Frage zu überlegen, die mir sehr merkwürdig erscheint,
würde ich mir Bedenkzeit ausbitten müssen; da Sie mich aber sofort zu antworten
drängen, will ich Ihnen aufs Geratewohl unter vier Augen als meine Ansicht
bekennen, dass der blinde, wenn er weiss, das die von ihm erblickten zwei Figuren
die des Würfels und der Kugel sind, sie wird unterscheiden und ohne sie zu
berühren sagen können: dies ist die Kugel, dies der Würfel.
    Philaletes. Ich fürchte, man wird Sie unter diejenigen zählen müssen,
welche Herrn Molineux falsch geantwortet haben. Denn in dem diese Frage
entaltenden Schreiben bemerkt er, dass, nachdem er sie bei Gelegenheit der
Lockeschen Schrift über den menschlichen Verstand verschiedenen höchst
scharfsinnigen Männern vorgelegt habe, kaum einer ihm darauf so geantwortet
habe, wie seiner Meinung nach darauf geantwortet werden muss, wenngleich sie
sich, nachdem sie seine Gründe vernommen, von ihrem Irrtum überzeugt hätten. Die
Antwort dieses scharfsinnigen und durchdringenden Schriftstellers ist
verneinend, denn, fügt er hinzu, mag auch jeder Blinde durch Erfahrung gelernt
haben, auf welche Weise die Kugel und der Würfel seinen Tastsinn affizieren, so
weiss er doch noch nicht, dass das, was den Tastsinn auf diese oder jene Weise
affiziert, den Augen so oder so erscheinen müsse, noch, dass die vorspringende
Ecke eines Würfels, welche seine Hand auf ungleiche Weise drückt, seinen Angen
so erscheinen müsse, wie sie am Würfel erscheint. Der Verfasser des Versuchs
erklärt, dass er ganz derselben Ansicht ist.
    Teophilus. Vielleicht sind Molineux und der Verfasser des Versuchs über den
menschlichen Verstand von meiner Meinung nicht so weit entfernt, als es von
vornherein scheint; und die Gründe ihrer Ansicht, in dem Briefe des ersteren
offenbar entalten, der sich derselben mit Erfolg bedient hat, nm die Leute von
ihrem Irrtum zu überzeugen, sind im zweiten eigens unterdrückt worden, nm den
Lesern Übung des Nachdenkens zu verschalen. Wenn Sie meine Antwort erwägen
wollen, so werden Sie finden, dass ich eine Bedingung hinzugefügt habe, welche
man als in der Frage inbegriffen betrachten kann, dass es sich nämlich nur um die
Unterscheidung handle, und dass der Blinde wisse, dass die beiden Körper, die er
unterscheiden soll, vor ihm seien, und dass somit von den beiden Erscheinungen,
welche er sieht, die eine die des Würfels oder die andere die der Kugel sei. In
diesem Falle scheint es mir unzweifelhaft, dass der Blinde, welcher blind zu sein
aufgehört hat, sie durch die Grundsätze der Vernunft unterscheiden kann, wenn er
diese mit dem, was ihm an sinnlicher Erkenntnis der Tastsinn vorher geliefert
hat, verbindet. Denn ich rede nicht von dem, was er in der Tat und auf der
Stelle tun wird, da er vielleicht durch die Neuheit geblendet und verwirrt oder
sonst wenig daran gewöhnt ist, Schlüsse zu ziehen. Der Grund meiner Ansicht ist,
dass bei der Kugel an ihrem Rande keine hervortretenden Punkte vorkommen, da
alles daran einförmig und ohne Ecken ist, während an dem Würfel acht von allen
andern unterschiedene Punkte sind. Gäbe es nicht dies Mittel, die Gestalten zu
unterscheiden, so könnte ein Blinder nicht die Anfangsgründe der Geometrie durch
den Tastsinn lernen. Gleichwohl sehen wir, dass die geborenen Blinden imstande
sind, die Geometrie zu erlernen, und sie besitzen sogar immer gewisse
Anfangsgründe einer natürlichen Geometrie, und dass man meistens die Geometrie
bloss durch den Blick erlernt, ohne sich des Tastsinns zu bedienen, wie ein
Gelähmter oder jemand, dem das Tasten so gut wie versagt ist, es machen könnte
und müsste. Und diese zwei Arten der Geometrie nun, die des Blinden und des
Gelähmten, müssen sich begegnen und zueinander stimmen und sogar auf dieselben
Vorstellungen zurückkommen, obgleich sie keine gemeinsamen Bilder haben. Dies
lässt auch erkennen, wie man die Bilder und die in Definitionen gefassten genau
bestimmten Vorstellungen unterscheiden muss. Es würde in der Tat etwas sehr
Merkwürdiges und Unterrichtendes sein, die Vorstellungen eines blind Geborenen
wohl zu untersuchen und die Beschreibungen, die er von den Gestalten macht, zu
vernehmen. Denn so weit kann er kommen und selbst die Wissenschaft der Optik
verstehen, insofern sie von deutlichen und matematischen Vorstellungen abhängig
ist, obschon er nicht dazu gelangen kann zu begreifen, was gebrochenes Licht
ist, d.h. das Bild des Lichts und der darben. Deshalb antwortete ein gewisser
blind Geborener, nachdem er Unterricht in der Optik gehabt hatte, den er wohl zu
verstehen schien, jemand, der ihn nach seiner Meinung über das Licht fragte, dass
er sich einbilde, es müsse etwas Angenehmes sein, wie der Zucker. Es würde sogar
sehr wichtig sein, die Vorstellungen zu prüfen, welche ein taubstumm Geborener
von den nicht mit Gestalt versehenen Dingen haben kann, von denen wir die
Beschreibung gewöhnlich in Worten haben, und die er auf eine durchaus
verschiedene Art haben muss, obgleich sie mit der unserigen gleiche Geltung haben
mag, wie die Schrift der Chinesen eine unserem Alphabete gleiche Bedeutung hat,
obgleich sie davon unendlich verschieden ist und durch einen Tauben erfunden zu
sein scheinen könnte. Ich erfahre durch die Güte eines grossen Fürsten, dass in
Paris ein geborener Taubstummer, der endlich den Gebrauch der Ohren
wiedererlangt und gegenwärtig das Französische gelernt hat (denn man hat ihn vor
kurzem von seifen des französischen Hofes kommen lassen), sehr merkwürdige Dinge
über die Vorstellungen, die er in seinem früheren Zustand hatte, und über die
Veränderung seiner Vorstellungen, als der Gehörsinn geübt zu werden anfing,
erzählen kann. Diese geborenen Taubstummen können weiter kommen, als man denkt.
Es gab einen solchen zu Oldenburg zur Zeit des letzten Grafen, der ein guter
Maler geworden war und sich auch sonst sehr intelligent zeigte. Ein grosser
Gelehrter, von Geburt ein Bretone, hat mir erzählt, dass es 10 französische
Meilen von Nantes zu Blainville, das dem Herzog von Rohan gehört, ungefähr um
1690 einen Armen gab, der in einer Hütte nahe am Schloss vor der Stadt wohnte
und, ein geborener Taubstummer, Briefe und andere Gegenstände in die Stadt trug.
Er fand die Häuser, indem er gewissen Zeichen folgte, welche ihm die Leute
gaben, die ihn zu benutzen pflegten. Endlich wurde der arme Mensch noch blind,
hörte aber nicht auf, gewisse Dienste zu leisten und die Briefe in die Stadt zu
tragen auf das hin, was man ihm durch den Tastsinn bemerklich machte. Er hatte
in seiner Hütte ein Brett, welches von der Tür bis zu dem Orte lief, wo er die
Füsse hatte und das ihm durch die Bewegung, welche es empfing, erkennen liess, ob
jemand bei ihm eintrat. Es ist eine grosse Nachlässigkeit, sich nicht eine genaue
Kenntnis der Weise, wie solche Menschen denken, zu verschaffen. Wenn er nicht
mehr lebt, so würde allem Anschein nach jemand an Ort und Stelle noch darüber
Nachricht geben und uns wissen lassen können, wie man ihm das, was er ausführen
sollte, bezeichnete. Aber um auf das zurückzukommen, was jener Blindgeborene,
der zu sehen anfängt, von der Kugel und dem Würfel urteilen würde, wenn er sie
sieht, ohne sie zu berühren, so antworte ich, dass er sie, wie ich eben gesagt
habe, unterscheiden werde, wenn ihm jemand angibt, dass die eine oder die andere
Erscheinung oder Wahrnehmung, die er davon hat, der Kugel oder dem Würfel
zukommt, aber ohne diese vorgängige Anweisung wird er, gestehe ich, nicht
sogleich darauf verfallen zu denken, dass diese Arten von Bildern, welche er sich
in der Tiefe seiner Angen davon macht und die von einer dachen Zeichnung auf dem
Tische herrühren können, Körper darstellen, bis der Tastsinn ihn davon
überzeugt, oder er infolge des Nachdenkens über die Strahlen auf Grund der Optik
durch die Lichter und Schatten begreifen wird, dass etwas da sein muss, was diese
Strahlen aufhält und dass dies gerade das sein muss, was ihm beim Betagten bleibt;
- dann wird er endlich dazu gelangen, wenn er diese Kugel und diesen Würfel sich
wird bewegen sehen, und der Bewegung gemäss Schatten und Erscheinungen wechseln,
oder selbst dann, wenn das Licht, das diese Körper erleuchtet, während sie
selbst in Ruhe verharren, seinen Platz wechselt, oder seine Augen in ihrer Lage
sich ändern. Denn das sind ungefähr die Mittel, mit denen wir von fern ein Bild
oder eine Perspektive, die einen Körper darstellt, von dem wirklichen Körper
unterscheiden können.
    § 11. Philaletes. Kommen wir nun zur Wahrnehmung im allgemeinen. Sie
unterscheidet die Tiere von den niedrigen Wesen.
    Teophilus. Ich bin zu glauben geneigt, dass auch die Pflanzen eine gewisse
Wahrnehmung und Begehrung haben, der grossen Analogie wegen, die zwischen den
Pflanzen und Tieren obwaltete gibt es, wie die allgemeine Meinung ist, eine
Pflanzenseele, so muss diese Wahrnehmung haben. Indessen schreibe ich doch alles,
was in dem Körper der Pflanzen und Tiere geschieht, dem Mechanismus zu - ihre
erste Bildung ausgenommen. Ich gebe also zu, dass diejenige Bewegung der Pflanze,
welche man sensitiv nennt, vom Mechanismus stammt, und billige es nicht, wenn
man zur Seele seine Zuflucht nimmt, sobald es sich darum handelt, die
Erscheinungen bei Pflanzen und Tieren im einzelnen zu erklären.
    § 14. Philaletes. Ich kann mich selbst nicht entalten zu glauben, dass
solche Tierarten, wie die Austern und Muscheln sind, nur einige schwache
Wahrnehmung haben, denn lebhafte Empfindungen würden ein Tier nur belästigen,
das gezwungen ist, stets an dem Orte zu bleiben, wohin der Zufall es gesetzt hat
und wo es von kaltem oder warmem Wasser, reinem oder trübem, je nachdem es zu
ihm gelangt, benetzt wird.
    Teophilus. Ganz recht; und ich glaube, dass man fast dasselbe von den
Pflanzen sagen kann; was aber den Menschen anbetrifft, so sind seine
Wahrnehmungen von dem Reflexionsvermögen begleitet, welches, sobald sich dazu
Gelegenheit bietet, in Wirksamkeit tritt. Wenn er aber in einen Zustand
verfällt, wo er wie in einer Letargie und fast ohne Empfindung sich beendet,
hören Reflexion und Bewusstsein auf, und man denkt dann nicht mehr an die
allgemeinen Wahrheiten. Die angebotenen und erworbenen Fähigkeiten und
Dispositionen und selbst die Eindrücke, welche man in diesem Zustand der
Verwirrung empfängt, hören indes darum doch nicht auf und verwischen sich nicht,
obwohl man sie vergisst; sie können selbst an die Reihe kommen, um einmal zu
einer merkbaren Wirkung beizutragen; denn in der Natur ist nichts unnütz, jede
Verwirrung muss sich lösen, die lebendigen Wesen sogar, nachdem sie in einen
Zustand der Stumpfheit gelangt sind, müssen wieder einmal zu höheren
Wahrnehmungen zurückkehren, und da die einfachen Substanzen immer währen, darf
man nicht aus der Erfahrung einiger Jahre über die Ewigkeit urteilen.
 
                                   Kapitel X.
                         Von dem Vermögen des Behaltens
    § 1. 2. Philaletes. Das andere Geistesvermögen, wodurch derselbe in der
Erkenntnis der Dinge mehr vorwärts kommt, als durch die blosse Wahrnehmung, ist
das, was ich das Behalten nenne. Dies bewahrt die durch die Sinne oder die
Reflexion empfangenen Erkenntnisse. Das Behalten geschieht auf zwei Weisen,
indem man die gegenwärtige Vorstellung behält, was ich Betrachtung (
contemplation) nennen; und indem man die Möglichkeit bewahrt, sie, die
Vorstellungen, wieder vor den Geist zurückzuführen, das, was ich das Gedächtnis
nenne.
    Teophilus. Man behält auch und betrachtet (kontempliert) die angeborenen
Erkenntnisse und kann sehr oft das Angeborene vom Erworbenen nicht
unterscheiden. Es gibt auch eine Wahrnehmung der Bilder, sowohl derer, welche
uns schon einige Zeit innewohnen, als derer, die sich neu in uns bilden.
    § 2. Philaletes. Unsere Partei glaubt, dass diese Bilder oder Vorstellungen
etwas zu sein aufhören, wenn sie nicht mehr tatsächlich bemerkt werden; und dass
die Behauptung von im Gedächtnis aufbewahrten Vorstellungen im Grunde nichts
anderes bedeutet, als dass die Seele bei verschiedenen Gelegenheiten die Macht
hat, Wahrnehmungen wieder zu erwecken, welche sie schon mit einer Empfindung
gehabt hat, durch welche sie zugleich überzeugt sein kann, solcherlei
Wahrnehmungen bereits früher gehabt zu haben.
    Teophilus. Wenn die Vorstellungen nur die Normen oder Gestalten der
Gedanken wären, so würden sie mit ihnen aufhören; Sie haben aber selbst
anerkannt, dass sie deren innere Gegenstände sind, und auf diese Art bestehen
bleiben können. Ich wundern mich, wie Sie immer von diesen blossen Vermögen oder
Fähigkeiten reden können, welche Sie bei den Schulphilosophen sicherlich
verwerfen würden. Man müsste ein wenig deutlicher erklären, worin diese Fähigkeit
besteht und wie sie ausgeübt wird; dies würde zeigen, dass es Dispositionen gibt,
welche Reste der früheren Eindrücke sowohl in der Seele als im Körper sind,
deren man sich aber nur dann bewusst ist, wenn das Gedächtnis dazu Anlass findet.
Und wenn nichts von den früheren Gedanken übrig bliebe, sobald man nicht mehr
daran denkt, so würde es nicht möglich sein zu erklären, wie man das Andenken
daran bewahren kann; deswegen heisst, auf jene blosse Fähigkeit zurückgehen, etwas
Unverständliches behaupten.
 
                                  Kapitel XI.
              Von der Fähigkeit, die Vorstellung zu unterscheiden
    § 1. Philaletes. Von der Unterscheidung der Vorstellungen hängt die Evidenz
und Gewissheit mehrerer Sätze ab, die für angeborene Wahrheiten gelten.
    Teophilus. Ich gebe zu, dass man, nm diese angeborenen Vorstellungen zu
denken und klar einzusehen, Unterscheidung nötig hat, darum hören sie aber nicht
auf, angeboren zu sein.
    § 2. Philaletes. Die Lebendigkeit des Geistes nun besteht darin,
Vorstellungen sich schnell zu vergegenwärtigen, aber es gehört Urteil dazu, sie
sich deutlich zu vergegenwärtigen und genau voneinander zu unterscheiden.
    Teophilus. Vielleicht ist das eine oder das andere Lebendigkeit der
Einbildungskraft, und besteht das Urteil in der vernunftgemässen Prüfung der
Sätze.
    Philaletes. Ich stehe dieser Unterscheidung von Geist und Urteil gar nicht
fern. Mitunter besteht das Urteil darin, es nicht zu sehr anzuwenden. Es wäre
z.B. für manche geistreiche Gedanken gewissermassen ein Schaden, wenn man sie
nach den strengen Regeln der Wahrheit und des triftigen Urteils prüfen wollte.
    Teophilus. Das ist eine gute Bemerkung. Geistreiche Gedanken müssen eine
gewisse, wenigstens scheinbare Begründung in der Vernunft haben; aber man muss
sie nicht mit allzugrosser Ängstlichkeit zerlegen, wie man ein Gemälde nicht
allzunahe betrachten darf. In diesem Punkte scheint mir P. Bonhours mehr als
einmal in seinem Buche über die Art und Weise, über Werke des Geistes richtig zu
denken, zu fehlen, wie wenn er das schöne Wortspiel des Lucan verächtlich
behandelt: Victrix causa Diis placuit, sed victa Catoni.
    § 4. Philaletes. Ein anderes Verfahren des Geistes hinsichtlich seiner
Vorstellungen ist die Vergleichung zwischen einer Vorstellung und einer zweiten
in Absicht der Ausdehnung, der Grade, der Zeit, des Ortes oder irgend eines
anderen Umstandes: davon hängt jene grosse Zahl von Vorstellungen ab, die unter
der Benennung der Relation (Beziehung) begriffen werden.
    Teophilus. Meinem Sinne nach ist die Relation (Beziehung) allgemeiner als
die Vergleichung. Denn die Relationen sind entweder Beziehungen der Vergleichung
oder des Zusammenhanges. Die ersten betroffen die Übereinstimmung oder
Nichtübereinstimmung (ich nehme diese Ausdrücke in einem weniger ausgedehnten
Sinne), was die Ähnlichkeit, Gleichheit, Ungleichheit usw. umfasst. Die anderen
beziehen sich auf irgendeine Verknüpfung, wie der Ursache und Wirkung, des
Ganzen und der Teile, der Lage, Ordnung usw.
    § 6. Philaletes. Die Zusammenstellung der einfachen Vorstellungen zu
zusammengesetzten ist auch noch eine Vefahrungsweise unseres Geistes. Man kann
darauf das Vermögen beziehen, die Vorstellungen zu erweitern, indem man
diejenigen verbindet, welche von derselben Art sind, wie wenn man z.B. aus
mehreren Einheiten ein Dutzend bildet.
    Teophilus. Ohne Zweifel ist auch die eine ebensogut zusammengesetzt wie die
andere, aber die Zusammenstellung gleicher Vorstellungen ist einfacher als die
verschiedener.
    § 7. Philaletes. Eine Hündin ernährt wohl junge Füchse, schwatzt mit ihnen
und hat für sie ganz dieselbe Leidenschaft wie für ihre Zungen, wenn man es nur
bewirken kann, dass die Füchslein ganz wie es sein muss, an ihr sangen, damit die
Milch sich durch ihren ganzen Körper verbreitet. Auch scheint es nicht, dass die
Tiere, welche mehrere Zungen zu gleicher Zeit haben, irgend eine Kenntnis von
deren Zahl besitzen.
    Teophilus. Die Liebe der Tiere stammt aus einem Lustgefühl, welches durch
die Gewohnheit erhöht wird. Was jedoch die genaue Zahl betrifft, so können
selbst die ansehen die Zahlen der Dinge nur durch irgend ein künstliches
Hilfsmittel erkennen, wie wenn sie sich der Zahlwörter zum Zählen bedienen,
welche gleich ohne Zählen erkennen lassen, ob etwas fehlt.
    § 10. Philaletes. Ebensowenig bilden die Tiere Abstraktionen.
    Teophilus. Ich bin derselben Meinung. Sie erkennen augenscheinlich die
Weisse und bemerken sie in der Kreide wie im Schnee, aber das ist noch keine
Abstraktion, denn diese fordert eine Auffassung des von dem Besonderen
getrennten Gemeinsamen, und folglich gehört die Erkenntnis der allgemeinen
Wahrheiten dazu, die den Tieren nicht verliehen ist. Auch bemerkt man sehr wohl,
dass die Tiere, welche sprechen, sich der Worte nicht bedienen, nm allgemeine
Vorstellungen auszudrücken, und dass die des Gebrauchs der Sprache und der Worte
beraubten Menschen deswegen doch nicht unterlassen, sich andere allgemeine
Zeichen zu machen. Ich freue mich ausserordentlich, Sie hier, wie auch sonst, die
Vorzüge der menschlichen Natur so richtig bemerken zu sehen.
    § 11. Philaletes. Wenn die Tiere Vorstellungen haben und nicht blosse
Maschinen sind, wie einige es vorgeben, so können wir nicht leugnen, dass sie bis
zu einem gewissen Grade Vernunft haben. Und was mich anbetrifft, so scheint es
mir ebenso klar, dass sie Vernunft gebrauchen, als mir scheint, dass sie Gefühl
haben. Aber ihr Vernunftgebrauch bezieht sich allein auf die besonderen
Vorstellungen, je nachdem ihre Sinne sie ihnen darstellen.
    Teophilus. Die Tiere gehen von einem Phantasiebild zu einem anderen durch
die Verknüpfung über, welche sie früher bemerkt haben; wenn z.B. der Herr einen
Stock nimmt, fürchtet der Hund, geschlagen zu werden. Und in vielen Fällen haben
die Kinder ebenso wie die übrigen Menschen bei ihrem Übergang von einem Gedanken
zum anderen kein anderes Verfahren. Dies könnte man in einem sehr erweiterten
Sinn Folgerung und Vernunftgebrauch nennen. Aber ich ziehe vor, mich dem einmal
angenommenen Gebrauch zu fügen, indem ich diese Worte den Menschen weihe und sie
der Erkenntnis eines Grundes bei der Verknüpfung der Wahrnehmungen vorbehalte,
welche die blossen sinnlichen Empfindungen nicht geben können. Denn deren Wirkung
ist nur, dass man naturgemäss ein anderes Mal dieselbe Verknüpfung, die man vorher
bemerkt hat, erwartet, wenn auch die Gründe vielleicht nicht mehr dieselben
sind: ein Umstand, welcher diejenigen oft täuscht, die sich nur durch die Sinne
leiten lassen.
    § 13. Philaletes. Die Geistesschwachen entbehren der Lebhaftigkeit,
Tätigkeit und Beweglichkeit im Denkvermögen, wodurch sie sich des Gebrauchs der
Vernunft beruht finden. Die Narren scheinen in dem entgegengesetzten Extrem zu
sein, denn mir scheint nicht, dass sie das Vermögen des vernünftigen Denkens
verloren haben, sondern sie nehmen gewisse von ihnen falsch verbundene
Vorstellungen für Wahrheiten und täuschen sich auf dieselbe Art wie diejenigen,
welche auf Grund falscher Prinzipien richtig schliessen. So sehen Sie, dass ein
Narr, welches König zu sein sich einbildet, durch eine richtige Folgerung
verlangt, seiner Würde gemäss Bedienung, Ehre und Gehorsam zu finden.
    Teophilus. Die Geistesschwachen gebrauchen nicht die Vernunft und
unterscheiden sich darin von den Dummen eines gewissen Schlages, welche zwar ein
gutes Urteil haben, aber, da sie nicht schnell fassen, verachtet und unbequem
sind, wie derjenige sein würde, welcher mit angesehenen. Leuten L'hombre spielen
wollte und zu lange und zu oft darüber nachdenken müsste, was er spielen soll.
Ich erinnere mich, dass ein gescheiter Mann, welcher durch den Gebrauch starker
Medikaments sein Gedächtnis verloren hatte, in diesen Zustand vorbei, aber seine
Urteilskraft liess sich immer erkennen. Einem Narren schlechtin fehlt dagegen
fast bei jeder Gelegenheit das Urteil. Es gibt indessen Narren in Einzelheiten,
welche sich eine falsche Voraussetzung über einen bedeutenden Punkt ihres Lebens
bilden und darüber wie Sie sehr gut bemerkt haben, richtig weiter denken. Solch
einer ist ein wohlbekannter Mann an einem gewissen Hofe, welcher sich dazu
bestimmt glaubt, die Angelegenheiten der Protestanten zu ordnen und Frankreich
zur Vernunft zu bringen, und dass Gott zu diesem Zweck die grössten
Persönlichkeiten durch seinen Körper hindurchgehen lässt, nm ihn zu veredeln: er
verlangt alle ihm bekannten heiratsfähigen Prinzessinnen zu heiraten, aber erst
nachdem er sie heilig gemacht hat, damit er eine heilige Nachkommenschaft
erhalte, welche die Erde beherrschen soll. Er schreibt alle Übel des Krieges der
geringen Beachtung seiner Ratschläge zu. Spricht er mit einem Souverän, so
trifft er alle nötigen Massregeln, um seiner Würde nichts zu vergeben. Wenn man
mit ihm in Unterhaltung tritt, verteidigt er sich endlich so gut, dass ich mehr
als einmal ungewiss gewesen bin, ob seine Narrheit nicht Verstellung ist, denn er
macht es gar zu gut. Die ihn indessen besser kennen, versichern mir, dass es
ehrlich gemeint sei.
 
                                  Kapitel XII.
                    Von den zusammengesetzten Vorstellungen
    Philaletes. Der Verstand lässt sich nicht übel mit einem ganz dunklen Zimmer
vergleichen, welches nur einige kleine Öffnungen hat, nm von aussen die äusseren
sichtbaren Bilder einzulassen, dergestalt, dass wenn diese Bilder, welche sich in
dem dunklen Zimmer abbilden, dort bleiben und in Ordnung aufgestellt werden
könnten, so dass man sie gelegentlich finden könnte, zwischen diesem Zimmer und
dem menschlichen Verstande grosse Ähnlichkeit sein würde.
    Teophilus. Um die Ähnlichkeit noch zu vergrössern, müsste man annehmen, dass
in dem dunklen Zimmer eine Leinwand, die Bilder aufzunehmen, ausgespannt wäre,
die aber nicht eine ganz ebene, sondern eine durch Halten, welche die
angeborenen Erkenntnisse darstellen, unterbrochene Fläche bildete, dass weiter
diese ausgespannt Leinwand oder Haut eine Art Elastizität oder Wirkungskraft und
selbst eine sowohl den älteren Falten als den neugekommenen Eindrücken der
Bilder angepasste Tätigkeit oder Reaktionskraft habe. Und zwar müsste diese
Tätigkeit in gewissen Schwingungen oder Oszillationen bestehen, wie man solche
an einer ausgespannten Saite bemerkt, wenn man sie berührt, dergestalt, dass sie
eine Art von musikalischem Ton von sich gäbe. Denn wir empfangen nicht allein
Bilder oder Spuren in unserem Gehirn, sondern formen auch neue, wenn wir
zusammengesetzte Vorstellungen auffassen. So muss also die unser Gehirn
veranschaulichende Leinwand tätig und elastisch sein. Diese Vergleichung würde
das, was im Gehirn vor sich geht, ziemlich gut erklären, was aber die Seele
anbetrifft, welche eine einfache Substanz oder Monade ist, so stellt diese ohne
Ausdehnung dieselben Mannigfaltigkeiten der ausgedehnten Massen vor und hat eine
Wahrnehmung desselben.
    § 3. Philaletes. Die zusammengesetzten Vorstellungen sind nun entweder Modi
oder Substanzen oder Relationen (Beziehungen).
    Teophilus. Diese Unterscheidung der Gegenstände unseres Denkens in
Substanzen, Modi und Relationen (Beziehungen) hat ganz meinen Beifall. Ich
glaube, dass die Eigenschaften nur Modifikationen der Substanzen sind, und diesen
fügt der Verstand die Relationen noch hinzu. Es folgt daraus mehr, als man
denkt.
    Philaletes. Die Modi sind entweder einfache (wie ein Dutzend, ein Schock,
welche aus einfachen Vorstellungen derselben Art, d.h. aus Einheiten gebildet
sind) oder gemischte (wie die Schönheit), zu denen einfache Vorstellungen
verschiedener Arten gehören.
    Teophilus. Vielleicht sind Dutzend und Schock nur Relationen und nur durch
das Verhältnis zum Verstande gebildet. Die Einheiten sind für sich, und der
Verstand fasst sie zusammen, mögen sie auch noch so zerstreut sein. Obgleich
jedoch die Relationen aus dem Verstande stammen, sind sie doch nicht ohne Grund
und Wirklichkeit. Denn der erste Verstand ist der Ursprung der Dinge, und selbst
die Wirklichkeit aller Dinge, die einfachen Substanzen ausgenommen, besteht nur
auf Grund der Wahrnehmungen der Erscheinungen der einfachen Substanzen,
hinsichtlich der gemischten Modi verhält es sich häufig ebenso, d.h. man muss sie
lieber den Relationen zuweisen.
    § 6. Philaletes. Die Vorstellungen der Substanzen sind gewisse
Verknüpfungen einfacher Vorstellungen, durch welche man besondere und bestimmte
Dinge dargestellt werden lässt, die durch sich selbst bestehen - unter wichen
Vorstellungen man immer als den ersten und ursprünglichen den dunklen Begriff
der Substanz betrachtet, die man, was sie auch an und für sich sein mag, ohne
sie zu erkennen, voraussetzt.
    Teophilus. Die Vorstellung der Substanz ist nicht so dunkel, als man denkt.
Man kann von ihr erkennen, was nötig ist und was man an anderen Dingen auch
erkennt; auch ist die Erkenntnis des Konkreten sogar immer früher, als die des
Abstrakten; man erkennt das Warme eher, als die Wärme.
    § 7. Hinsichtlich der Substanzen gibt es noch zwei Arten von Vorstellungen.
Die eine ist die der einzelnen Substanzen, wie die eines Menschen oder eines
Schafes, die andere die von mehreren Substanzen zusammengenommen, wie die eines
Heeres von Menschen oder einer Schafherde; diese Sammelvorstellungen bilden auch
eine einzige Vorstellung.
    Teophilus. Mit dieser Vorstellungseinheit der Aggregate hat es ganz seine
Richtigkeit, aber im Grunde muss man gestehen, dass solche Einheit von
Sammelvorstellungen nur ein Rapport oder eine Relation ist, deren Begründung in
dem liegt, was jede der einzelnen Substanzen für sich hat. So haben also diese
aus Aggregation entstandenen Wesen keine andere völlige Einheit als eine
geistige, und folglich ist auch ihre Wesenheit gewissermassen eine geistige oder
Erscheinungswesenheit, wie die des Regenbogens am Himmel.
 
                                 Kapitel XIII.
            Von den einfachen Modi und zunächst von denen des Raumes
    § 3. Philaletes. Der Raum, wenn er hinsichtlich der Länge, welche zwei
Körper trennt, betrachtet wird, heisst Entfernung; hinsichtlich der Länge, Breite
und Tiefe kann man ihn Raumerfüllung (Kapazität) nennen.
    Teophilus. Um genauer zu sprechen, so ist die Entfernung zweier in
räumlicher Lage befindlichen Dinge (mögen es Punkte oder Flächen sein) die Länge
der möglich kleinsten Linie, welche man von dem einen zum andern ziehen kann.
Diese Entfernung kann man entweder für sich oder in einer gewissen Figur, die
die beiden voneinander entfernten Dinge mit in sich begreift, betrachten. Die
gerade Linie z.B. ist für sich genommen die Entfernung zwischen zwei Punkten.
Aber sind diese beiden Punkte in derselben Kugeloberfläche, so ist die
Entfernung dieser beiden Punkte auf dieser Oberfläche die Länge des kleinsten
Kreisbogens, welchen man von dem einen Punkte zum andern ziehen kann. Auch ist
wichtig zu bemerken, dass die Entfernung nicht bloss zwischen zwei Körpern,
sondern auch zwischen den Flächen, Linien und Punkten stattfindet. Man kann
sagen, dass die Raumerfüllung oder vielmehr der Zwischenraum zwischen zwei
Körpern oder zwei anderen Flächen oder zwischen einer Flache und einem Punkte
der durch alle diejenigen kürzesten Linien hergestellte Raum ist, welche man
zwischen den Punkten des einen oder des anderen Gegenstandes ziehen kann. Dieser
Zwischenraum ist erfüllt, ausgenommen, wenn die beiden in räumlicher Lage
befindlichen Gegenstände in derselben Fläche liegen, und die kürzesten Linien
zwischen den Punkten der in räumlicher Lage befindlichen Gegenstände müssen auch
in diese Fläche fallen, wo sie für sich genommen werden müssen.
    § 4. Philaletes. Ausser dem, was es in der Wirklichkeit gibt, haben die
Menschen in ihrem Geiste die Vorstellungen gewisser bestimmter Längen
festgesetzt, wie die eines Zolles oder Fusses.
    Teophilus. Das können sie nicht. Denn es ist unmöglich, die deutlich
bestimmte Vorstellung einer Länge zu haben. Man kann mittels des Geistes weder
sagen noch begreifen, was ein Zoll oder ein Fuss ist. Und man kann die Bedeutung
dieser Namen auch nur durch die wirklichen Masse berechnen, welche man als
unveränderlich annimmt und durch die man sie immer wieder finden kann. Darum hat
der englische Matematiker Greave sich der ägyptischen Pyramiden, die schon
lange gedauert haben und sicherlich noch eine Zeit dauern werden, zur Erhaltung
unserer Masse bedienen wollen, indem er der Nachwelt die Verhältnisse bemerkte,
welche sie zu gewissen bestimmten, auf einer dieser Pyramiden verzeichneten
Längen haben. Allerdings hat man seit kurzem gefunden, dass die Pendel dazu
dienen, die Masse zu verewigen (mensuris rerum ad posteros transsmittendis), wie
die Herren Huygens, Ponton und Buratini, weiland Münzmeister von Polen, zu
zeigen unternommen haben, indem sie das Verhältnis unserer Längenmasse zur Länge
eines Pendels berechneten, welches genau eine Sekunde lang schwingt, d.h. den
86,400 sten Teil einer Drehung des Fixsternhimmels oder eines astronomischen
Tages, worüber Buratini eine besondere Schrift abgefasst hat, welche ich im
Manuskript gesehen habe. Aber bei diesem Pendelmass findet noch die
Unvollkommenheit statt, dass man sich auf gewisse Länder beschränken muss, denn nm
die gleiche Zeit zu schwingen, bedürfen die Pendel unter dem Äquator eine
kleinste Länge. Auch muss man noch die beständige Gleichheit des wirklichen
Fundamentalmasses voraussetzen, d.h. der Tagesdauer oder der Dauer einer
Achsendrehung der Erde und sogar der Ursache ihrer Schwere, von anderen
Umständen nicht zu reden.
    § 5. Philaletes. Indem wir bemerken, wie die äussersten Grenzen entweder
durch gerade Linien, welche bestimmte Winkel bilden, oder durch krumme Linien,
wobei man keinen (bestimmten) Winkel bemerken kann, endigen, bilden wir die
Vorstellung der Figur.
    Teophilus. Eine Flächenfigur wird durch eine oder mehrere Linien begrenzt,
aber die Figur eines Körpers kann ohne bestimmte Linien begrenzt werden, wie
z.B. die einer Kugel. Eine einzige gerade Linie oder ebene Fläche kann keinen
Raum einschliessen oder eine Figur ausmachen. Aber eine einzige Linie kann eine
Flächenfigur einschliessen, z.B. den Kreis, das Oval, ebenso wie eine einzige
krumme Oberfläche eine körperliche Figur umschliessen kann, wie die Kugel oder
das Sphaeroid. Indessen können nicht allein mehrere gerade Linien oder ebene
Oberflächen sondern auch mehrere krumme Oberflächen zusammentreffen und sogar
miteinander Winkel bilden, wenn die eine nicht die Tangente der anderen ist. Es
ist nicht leicht, von der Figur im allgemeinen nach dem Gebrauch der Geometer
die Definition zu geben. Zu sagen, sie sei ein begrenztes Ausgedehntes, würde zu
allgemein sein, denn eine gerade Linie z.B. wenngleich sie au beiden Enden
begrenzt ist, ist keine Figur, und selbst zwei gerade Linien können nicht eine
solche bilden. Zu sagen, sie sei ein durch ein Ausgedehntes begrenztes
Ausgedehntes, ist nicht allgemein genug, denn die gesamte Kugeloberfläche ist
eine Figur, und dennoch ist sie nicht durch irgend ein Ausgedehntes begrenzt.
Man kann ferner sagen, dass die Figur ein solches begrenztes Ausgedehntes ist, in
welchem es unendlich viel Wege von einem Punkte zum anderen gibt. Dies umfasst
die ohne Begrenzungslinien endigenden Oberflächen, welche die vorhergehende
Definition nicht umfasste und schliesst die blossen Linien aus, weil es von einem
Punkte zum anderen bei einer Linie nur einen Weg oder doch eine bestimmte Anzahl
von Wegen gibt. Aber noch besser wird es sein zu sagen, dass die Figur ein
solches begrenztes Ausgedehntes ist, welches einen ausgedehnten Schnitt zulässt
oder auch, welches Breite hat, ein Ausdruck, von dem man bis jetzt auch noch
keine Definition gegeben hat.
    § 6. Philaletes. Wenigstens sind alle Figuren nichts anderes als einfache
Modi des Raumes.
    Teophilus. Die einfachen Modi wiederholen Ihrer Ansicht nach dieselbe
Vorstellung, aber bei den Figuren kommt nicht immer die Wiederholung desselbigen
vor. Die krummen sind von den geraden Linien und untereinander sehr verschieden.
Somit weiss ich nicht, wie die Definition des einfachen Modus hier passt.
    § 7. Philaletes. Man muss unsere Definitionen nicht allzustreng nehmen.
Gehen wir aber von der Figur auf den Ort über. Wenn wir alle die Schachfiguren
auf denselben Geldern des Schachbrettes wiederfinden, wo wir sie gelassen haben,
so sagen wir, dass sie alle an derselben Stelle sind, obgleich das Schachbrett
selbst versetzt sein mag. Wir sagen auch, dass das Schachbrett an demselben Orte
steht, falls es an derselben Stelle der Kajüte des Schiffes bleibt, wenn auch
das Schiff weitergesegelt ist. Man sagt auch, dass das Schiff an demselben Orte
ist, vorausgesetzt, dass es dieselbe Entfernung hinsichts der benachbarten
Länderteile innehält, wenn die Erde sich auch vielleicht gedreht hat.
    Teophilus. Der Ort ist entweder ein besonderer, wenn man ihn hinsichtlich
bestimmter Körper in Betracht zieht; oder ein allgemeiner, wenn er sich auf das
Ganze bezieht und hinsichtlich dessen alle Veränderungen in bezug auf jeden
beliebigen Körper in Rechnung gezogen werden. Und wenn es auch nichts Festes in
der Welt gäbe, so würde der Ort eines jeden Dinges darum doch durch
Vernunftschluss bestimmt werden können, wenn es möglich wäre, alle Veränderungen
zu verzeichnen, oder wenn das Gedächtnis eines Geschöpfes dazu genügen könnte,
wie man sagt, dass die Araber aus dem Gedächtnis und im Reiten Schach spielen.
Auch was wir nicht begreifen können, kann darum dennoch durch die Wahrheit der
Dinge bestimmt sein.
    § 15. Philaletes. Wenn mich jemand fragt, was der Raum ist, so bin ich ihm
das zu sagen bereit, wenn er mir erst sagt, was die Ausdehnung ist.
    Teophilus. Ich würde ebensogut zu sagen wissen, was das Fieber oder irgend
eine andere Krankheit ist, als ich glaube, dass die Natur des Raumes klar ist.
Ausdehnung ist das Abstraktum von Ausgedehnt. Das Ausgedehnte ist aber ein
Zusammenhangendes, dessen Teile koexistent sind oder zugleich da sind.
    § 17. Philaletes. Wenn man fragt, ob der Raum körperlos ist, ob er Substanz
oder Akzidenz ist, so antworte ich ohne Zögern, dass ich davon nichts weiss.
    Teophilus. Ich habe Ursache zu fürchten, dass ich der Eitelkeit angeklagt
werde, indem ich bestimmen will, was Sie nicht zu wissen gestehen. Aber man kann
mit Grund annehmen, dass Sie davon mehr wissen, als Sie sagen oder glauben.
Einige haben geglaubt, dass Gott der Ort der Dinge ist. Dieser Ansicht waren
Lessius und Guericke, wenn ich nicht irre; aber dann entält der Ort etwas mehr,
als wir dem Raum zuschreiben, dem wir jede Tätigkeit abzusprechen pflegen; und
auf diese Weise ist er nicht mehr eine Substanz, als die Zeit, und wenn er Teile
hat, kann er nicht Gott sein. Er ist eine Beziehung, eine Ordnung, nicht allein
für die wirklichen, sondern auch für die möglichen Dinge, wie wenn sie wären.
Aber seine Wahrheit und Wirklichkeit ist in Gott begründet, wie alle die ewigen
Wahrheiten.
    Philaletes. Ich stehe Ihrer Ansicht nicht fern, und Sie kennen den Spruch
des h. Paulus, dass wir in Gott leben, weben und sind. So kann man den
verschiedenen Betrachtungsweisen gemäss sagen, dass der Raum Gott ist, und ebenso
kann man sagen, dass er nur eine Ordnung oder Relation ist.
    Teophilus. Das Beste wird also sein zu sagen, dass der Raum eine Ordnung,
Gott aber deren Quelle ist.
    § 19. Philaletes. Um jedoch zu wissen, ob der Raum eine Substanz ist, müsste
man wissen, worin die Natur der Substanz im allgemeinen besteht. Aber das hat
seine Schwierigkeit. Wenn Gott, die endlichen Geister und die Körper gemeinsam
an demselben Wesen der Substanz teilnehmen, folgt daraus nicht, dass sie nur
durch die verschiedene Modifikation dieser Substanz sich voneinander
unterscheiden?
    Teophilus. Wenn diese Folgerung gälte, so würde auch daraus folgen, dass
Gott, die endlichen Geister und die Körper, da sie gemeinschaftlich an demselben
Wesen des Seins teilnehmen, nur durch die verschiedene Modifikation dieses Seins
sich voneinander unterscheiden.
    § 19. Philaletes. Diejenigen, welche zuerst darauf gekommen sind, die
Akzidenzien als eine Art realer Wesen zu betrachten, welche eines Dinges
bedürfen, dem sie verknüpft sein müssen, sind gezwungen gewesen, das Wort
Substanz zu ermüden, um den Akzidenzien als Stütze zu dienen.
    Teophilus. Glauben Sie also, dass die Akzidenzien ohne Substanz bestehen
könnend Oder wollen Sie, dass sie keine realen Wesen sein sollen? Es scheint, dass
Sie sich ohne Grund Schwierigkeiten machen; auch habe ich schon darüber bemerkt,
dass die Substanzen oder Concreta eher als die Akzidenzien oder Abstracta
begriffen werden.
    Philaletes. Die Worte Substanz und Akzidenz sind meiner Ansicht nach in der
Philosophie von geringem Nutzen.
    Teophilus. Ich gestehe anderer Meinung zu sein und glaube, dass die
Betrachtung der Substanz einer der bedeutendsten und fruchtbarsten Punkte der
Philosophie ist.
    § 21. Philaletes. Wir haben jetzt von der Substanz nur gelegentlich der
Frage gesprochen, ob der Raum eine Substanz ist. Aber es genügt hier, dass er
kein Körper ist. Auch wird niemand wagen, den Körper unendlich zu machen, wie
den Raum.
    Teophilus. Descartes und seine Anhänger haben gleichwohl erklärt, dass die
Substanz keine Schranken hat, indem sie die Welt unbestimmt - unendlich machten,
dergestalt, dass es uns nicht möglich sei, ihre äussersten Grenzen zu begreifen.
Sie haben auch den Ausdruck unendlich mit einigem Grunde in unbestimmt -
unendlich verändert, denn es gibt niemals ein unendliches Ganze in der Welt,
obgleich es darin immer bis ins Unendliche Ganze gibt, von denen das eine grösser
ist als das andere. Sogar das Universum kann nicht für ein Ganzes gelten, wie
ich anderswo gezeigt habe.
    Philaletes. Diejenigen, welche die Materie und das Ausgedehnte für ein und
dasselbe nehmen, behaupten, dass die inneren Wände eines leeren hohlen Körpers
sich berühren müssten. Der Raum aber zwischen zwei Körpern genügt, um ihre
gegenseitige Berührung zu verhindern.
    Teophilus. Ich bin Ihrer Meinung, denn obwohl ich keinen leeren Raum
zugebe, unterscheide ich doch die Materie von der Ausdehnung und gestehe, dass,
wenn es in einer Kugel einen leeren Raum gäbe, die entgegengesetzten Pole in der
Höhlung sich dann doch nicht berühren würden. Ich glaube aber, dass dies kein
Fall ist, den die göttliche Vollkommenheit zulässt.
    § 23. Philaletes. Dennoch scheint die Bewegung den leeren Raum zu beweisen.
Wenn der geringste Teil des geteilten Körpers so gross ist wie ein Senfkorn, so
muss es einen leeren, der Grösse eines Senfkornes gleichen leeren Raum geben, um
zu bewirken, dass die Teile dieses Körpers zu freier Bewegung Platz haben. Es
würde sich ebenso verhalten, wenn die Teile der Materie hundertmillionenmal
kleiner wären.
    Teophilus. Wenn die Welt voll harter Körperchen wäre, die nicht nachgeben
noch geteilt werden könnten, wie man die Atome beschreibt, so würde es
allerdings unmöglich sein, dass Bewegung stattfände. Aber es gibt in Wahrheit
keine ursprüngliche Härter im Gegenteil ist die Flüssigkeit ursprünglich und
teilen die Körper sich nach Bedürfnis, wenn nichts ist, was sie daran hindert.
Dieser Umstand raubt dem von der Bewegung hergenommenen Argument für den leeren
Raum jede Bedeutung.
 
                                  Kapitel XIV.
                     Von der Dauer und deren einfachen Modi
    § 10. Philaletes. Der Ausdehnung entspricht die Dauer. Und einen Teil der
Dauer, in dem wir keine Abfolge von Vorstellungen bemerken, nennen wir einen
Augenblick.
    Teophilus. Diese Definition des Augenblicks muss, wie ich glaube, von dem
volkstümlichen Begriff verstanden werden, wie die, welche der gemeine Mann vom
Punkt hat. Denn streng genommen sind Punkt und Augenblick keine Teile von Raum
und Zeit und haben ebensowenig Teile. Es sind nur äusserste Grenzen.
    § 16. Philaletes. Nicht die Bewegung, sondern eine beständige Reihenfolge
von Vorstellungen gibt uns die Vorstellung der Dauer.
    Teophilus. Eine Reihenfolge von Wahrnehmungen erweckt in uns die
Vorstellung der Dauer, bringt sie aber nicht hervor. Unsere Wahrnehmungen haben
niemals eine so beständige und regelmässige Folge, um der der Zeit zu
entsprechen, welche ein einförmiges, einfaches Kontinuum ist, wie eine gerade
Linie. Die Veränderung der Vorstellungen gibt uns Gelegenheit, an die Zeit zu
denken, und man misst sie durch gleichmässige Veränderungen: aber wenn es auch
nichts Gleichmässiges in der Natur gäbe, so würde die Zeit dann doch bestimmt
sein, wie der Ort darum nicht weniger bestimmt sein würde, wenn es keinen festen
oder unbeweglichen Körper gäbe. Der Grund ist, dass, wenn man die Gesetze der
ungleichmässigen Bewegungen kennt, man dieselben immer auf denkbare gleichmässige
Bewegungen zurückbringen und mittels dessen voraussehen kann, was durch die
verschiedenen miteinander verbundenen Bewegungen herauskommen wird. In diesem
Sinne ist denn auch die Zeit das Mass der Bewegung, d.h. die gleichmässige
Bewegung ist das Mass der ungleichmässigen.
    § 21. Philaletes. Man kann nicht auf sichere Weise erkennen, dass zwei
Zeitteile an Dauer einander gleich sind; und man muss gestehen, dass die
Beobachtungen nur auf das Ungefähre gehen können. Nach genauer Untersuchung hat
man entdeckt, dass in den täglichen Sonnenumläufen Unregelmässigkeit vorkommt, und
wir gewissen nicht, ob nicht die jährlichen Umläufe auch ungleich sind.
    Teophilus. Der Pendel hat die Ungleichheit der Tage von einem Mittag zum
anderen sinnlich bemerkbar und sichtbar gemacht: solem dicere falsum audet. Man
wusste es allerdings schon und auch, dass diese Ungleichheit ihre Regeln habe. Was
den jährlichen Umlauf anbetrifft, welcher die Ungleichheiten der Sonnentage
ausgleicht, so könnte er in der Folgezeit wechseln. Die Umwälzung der Erde um
ihre Achse, die man gewöhnlich dem Primum mobile zuschreibt, ist bis jetzt unser
bestes Mass, und die Uhren und Zeiger dienen dazu, sie einzuteilen. Indessen kann
selbst auch diese tägliche Umwälzung der Erde in der Folgezeit wechseln, und
wenn irgend eine Pyramide lange genug dauern könnte, oder wenn man deren wieder
neue baute, so könnte man es bemerken, indem man darauf die Länge der Pendel
aufbewahrte, von denen eine bekannte Zahl von Schwingungen jetzt während dieser
Umwälzung stattfindet; man würde auch einigermassen die Veränderung erkennen,
indem man diese Umwälzung mit anderen vergliche, wie mit dem Umlauf der
Jupitertrabanten; denn es scheint unwahrscheinlich, dass, wenn in den einen oder
in den anderen Veränderung vorkommt, diese stets proportional sein werde.
    Philaletes. Unser Zeitmass würde richtiger sein, wenn man einmal einen
vergangenen Tag aufbewahren könnte, um ihn mit den zukünftigen Tagen zu
vergleichen, wie Man die räumlichen Masse aufbewahrt.
    Teophilus. Statt dessen sind wir aber darauf angewiesen, die Körper
aufzubewahren und zu beobachten, die ihre Bewegungen in einer ungefähr gleichen
Zeit vollziehen. Auch werden wir nicht behaupten können, dass ein räumliches Mass,
wie z.B. eine Elle, welche man in Holz oder Metall aufbewahrt, vollkommen
dieselbe bleibe.
    § 22. Philaletes. Da nun alle Menschen die Zeit sichtbarlich durch die
Bewegung der himmlischen Körper wessen, ist es gar seltsam, dass man die Zeit als
Mass der Bewegung zu definieren nicht aufhört.
    Teophilus. Ich sagte eben (§ 16), wie das verstanden werden muss. Allerdings
sagt Aristoteles, dass die Zeit die Zahl und nicht das Mass der Bewegung ist. Und
Man kann in der Tat behaupten, dass die Dauer durch die Zahl der periodischen,
gleichen Bewegungen erkannt wird, von denen eine anfängt, wenn die andere
schliesst, z.B. durch so und so viel Umläufe der Erde oder der Gestirne.
    § 24. Philaletes. Indessen antizipiert man hinsichts dieser Umläufe; und
sagen, dass Abraham im Jahre 2712 der Julianischen Periode geboren wurde, heisst
ebenso unverständlich sprechen, als wenn man vom Beginn der Welt an rechnen
wollte, obschon man voraussetzt, dass die Julianische Periode mehrere hundert
Jahre eher angefangen hat, als es durch irgend einen Sonnenumlauf bezeichnete
Tage, Nächte oder Jahre gab.
    Teophilus. Diese Leere, welche man in der Zeit denken kann, zeigt wie die
des Raumes, dass Zeit und Raum ebensogut auf das Mögliche als auf das Wirkliche
gehen. Übrigens ist von allen chronologischen Metoden die, die Jahre seit dem
Anfang der Welt zu rechnen, die ungeeignetste, wäre es auch nur wegen des
starken Widerspruchs zwischen den Septuaginta und dem hebräischen Texte, anderer
Gründe nicht zu gedenken.
    § 26. Philaletes. Man kann den Anfang der Bewegung denken, obgleich man den
der Dauer, dieselbe in ihrer ganzen Ausdehnung genommen, nicht begreifen kann.
Ebenso kann man dem Körper Grenzen geben, aber nicht ebenso hinsichtlich des
Raumes verfahren.
    Teophilus. Darum, weil, wie ich eben bemerkt habe, die Zeit und der Raum
Möglichkeiten über die Annahme von Wirklichkeiten hinaus zeigen. Die Zeit und
der Raum haben die Natur ewiger Wahrheiten, welche sich ebensowohl auf das
Mögliche wie auf das Wirkliche beziehen.
    § 27. Philaletes. In der Tat stammt die Vorstellung Zeit und die der
Ewigkeit aus derselben Quelle, denn wir können in unserem Geiste bestimmte
Längen der Zeitdauer, soviel es uns gefällt, aneinanderfügen.
    Teophilus. Aber um den Begriff der Ewigkeit daraus zu ziehen, muss man
ferner bedenken, dass derselbe Grund immer bleibt, um weiter zu gehen, Diese
Erwägung der Gründe vollendet den Begriff des Unendlichen oder des
Unbestimmt-Unendlichen in dem mögliche fortschreiten. Die Sinne allein also
können nicht genügen, um die Bildung dieser Begriffe zu bewerkstelligen. Und im
Grunde kann man sagen, dass die Vorstellung des Absoluten in der Natur der Dinge
der der hinzugefügten Schranken vorausgeht. Aber wir bemerken die erstere nur,
indem wir mit dem beginnen, was beschränkt ist und uns in die Sinne fällt.
 
                                  Kapitel XV.
               Von der Dauer und der Ausdehnung zusammengenommen
    § 4. Philaletes. Man lässt leichter eine unendliche Zeitdauer zu, als eine
unendliche Ausdehnung des Raumes, weil wir eine unendliche Dauer in Gott denken,
und Ausdehnung nur der Materie, die endlich ist, zuschreiben, die Räume
ausserhalb des Weltalls aber als bloss eingebildete betrachten. Aber (§ 2) Salomon
scheint andere Gedanken zu haben, indem er von Gott redend sagt: Die Himmel und
die Himmel der Himmel fassen dich nicht; und ich für meinen Teil glaube, dass
sich derjenige eine zu hohe Vorstellung von der Fassungsgabe seines eigenen
Verstandes macht, welcher sich einbildet, mit seinen Gedanken weiter gehen zu
können als an den Ort, wo Gott ist.
    Teophilus. Wenn Gott ausgedehnt wäre, würde er Teile haben. Aber die Dauer
gibt nur seinen Wirkungen Teile. Indessen muss man ihm rücksichtlich des Raumes
die Unmöglichkeit zuschreiben, welche auch den unmittelbaren Wirkungen Gottes
Teile und Ordnungen gibt. Er ist die Quelle der Möglichkeiten wie der
Wirklichkeiten, der einen durch sein Wesen und der anderen durch seinen Willen.
So hat der Raum wie die Zeit ihre Wirklichkeit nur von ihm, und er kann das
Leere nach seinem Belieben ausfüllen. In dieser Hinsicht ist er also überall.
    § 11. Philaletes. Wir wissen nicht, welche Beziehungen die Geister zu dem
Raum haben, noch wie sie daran teilnehmen. Wir wissen aber, dass sie an der Dauer
teilnehmen.
    Teophilus. Alle endlichen Geister sind immer mit irgend einem organischen
Körper verbunden und stellen die übrigen Körper durch Beziehung zu den ihrigen
dar. So ist ihre Beziehung zum Raum ebenso offenbar, als die der Körper.
Übrigens möchte ich, ehe wir diesen Gegenstand verlassen, eine Vergleichung der
Zeit und des Orts zu den von Ihnen gegebenen hinzufügen, dass man nämlich, wenn
es im Raum ein Leeres gäbe (wie z.B. wenn eine Kugel innerlich hohl wäre), man
die Grösse davon bestimmen könnte; aber wenn es in der Zeit eine Leere gäbe, d.h.
eine Dauer ohne Veränderungen, deren Länge zu bestimmen unmöglich sein würde.
Deshalb kann man denjenigen widerlegen, welcher sagen würde, dass zwei Körper,
zwischen denen es eine Leere gibt, sich berühren, denn zwei einander
entgegengesetzte Pole einer leeren Kugel können sich nicht berühren, das
verbietet die Geometrie; man würde aber denjenigen nicht widerlegen können,
welcher sagte, dass zwei Welten, von denen die eine nach der anderen ist, sich
hinsichtlich der Dauer berühren, dergestalt, dass die eine notwendig beginnt,
wann die andere endet, ohne dass es dabei einen Zwischenraum gibt. Man würde ihn
nicht widerlegen können, sage ich, weil dieser Zwischenraum sich nicht bestimmen
lässt. Wenn der Raum nur eine Linie und der Körper unbeweglich wäre, so würde es
ebensowenig möglich sein, die Länge des leeren Raumes zwischen zwei Körpern zu
bestimmen.
 
                                  Kapitel XVI.
                                  Von der Zahl
    § 4. Philaletes. Bei den Zahlen sind die Vorstellungen bestimmter und eher
zur Unterscheidung voneinander geeignet als bei der Ausdehnung, wo man nicht
jede Gleichheit oder Ungleichheit der Grösse so leicht wie bei den Zahlen
beobachten oder messen kann, aus dem Grunde, dass wir im Raum durch das Denken
nicht bis zu einer bestimmten geringen Grösse gelangen können, über welche wir
nicht hinausgehen könnten, wie die Einheit in der Zahl eine solche ist.
    Teophilus. Das muss von den ganzen Zahlen verstanden werden. Denn sonst ist
die Zahl in ihrer ganzen Ausdehnung gefasst, mit Einschluss der irrationalen,
gebrochenen und transzendenten und allem, was sich als zwischen zwei ganzen
Zahlen liegend auffassen lässt, der Linie proportional, und findet dabei
ebensowenig ein Kleinstes statt wie im Kontinuierlichen. Auch gilt jene
Definition, dass die Zahl eine Menge Einheiten ist, nur für die ganzen. Die
genaue Unterscheidung der Vorstellungen in der Ausdehnung besteht nur in der
Grösse; denn um die Grösse bestimmt zu erkennen, muss man auf die ganzen Zahlen
oder zu den anderen zurückgehen, welche man mittels der ganzen erkannt hat, wie
man von der kontinuierlichen Grösse zur diskreten seine Zuflucht nehmen muss, um
eine deutliche Erkenntnis der Grösse zu erlangen. Die Modifikationen der
Ausdehnung können also, wenn man sich nicht der Zahlen bedient, nur durch die
Gestalt unterschieden werden, wenn man dabei dies Wort so allgemein nimmt, dass
es alles das bezeichnet, was bewirkt, dass zwei ausgedehnte Dinge nicht einander
gleich sind.
    § 5. Philaletes. Wenn man die Vorstellung der Einheit wiederholt und zu
einer Einheit eine andere fügt, so machen wir daraus eine Kollektivvorstellung,
welche wir zwei nennen. Und wer dies tun und immer eins weiter bis zur letzten
Kollektivvorstellung gehen kann, welcher er einen besonderen Namen gibt, kann
zählen, solange es eine Folge von Namen gibt, und er Gedächtnis genug hat um
dieselbe zu behalten.
    Teophilus. Auf diese Art allein wird man nicht weit kommen. Denn das
Gedächtnis würde zu sehr beschwert werden, wenn man für jede Zuzählung einer
neuen Einheit einen ganz neuen Namen behalten müsste. Daher ist eine gewisse
Ordnung und eine bestimmte Wiederholung in diesen Namen nötig, indem man einer
bestimmten Progression gemäss wieder von neuem anfängt.
    Philaletes. Die verschiedenen Modi der Zahlen sind keiner anderen
Verschiedenheit fähig als der des Mehr oder Weniger; darum sind es einfache
Modi, wie die der Ausdehnung.
    Teophilus. Das kann man von der Zeit und von der geraden Linie sagen, aber
keineswegs von den Figuren und noch weniger von den Zahlen, die nicht allein an
Grösse verschieden, sondern auch einander unähnlich sind. Eine gerade Zahl kann
in zwei gleiche geteilt werden, aber nicht eine ungerade. Drei und sechs sind
Dreieckszahlen, vier und neun sind Quadratzahlen, acht ist eine Kubikzahl usw.,
und das gilt von den Zahlen noch mehr als bei den Figuren; denn zwei ungleiche
Figuren können einander vollkommen ähnlich sein, niemals aber zwei ungleiche
Zahlen. Aber ich wundere mich nicht, dass man sich so oft darüber tuscht, weil
man gewöhnlich keine deutliche Vorstellung von dem hat, was ähnlich und
unähnlich ist. Sie sehen also, dass Ihre Vorstellung oder Ihre Anwendung der
einfachen und gemischten Modifikationen einer bedeutenden Abänderung bedarf.
    § 6. Philaletes. Sie haben recht, zu bemerken, dass es gut sei, den Zahlen
Eigennamen zu geben, um sie zu behalten. Ich halte es also für passend, dass man
beim Zählen, statt Million mal Million zu sagen, der Abkürzung wegen Billion
sage, und statt Million mal Million mal Million oder Million mal Billion,
Trillion sage, und so fort bis zur Nonillion; denn beim Gebrauch der Zahlen
weiter zu gehen, hat man nicht nötig.
    Teophilus. Diese Bezeichnungen sind ganz gut. Wenn x = 10 ist, so wäre eine
Million = x6 eine Billion = x12, eine Trillion = x18 usw. und eine Nonillion = x
54.
 
                                 Kapitel XVII.
                             Von der Unendlichkeit
    § 1. Philaletes. Einer der wichtigsten Begriffe ist der des Endlichen und
des Unendlichen, welche als Modi der Grösse betrachtet werden.
    Teophilus. Eigentlich zu sprechen, gibt es allerdings eine Unendlichkeit
von Dingen, d.h. stets mehr, als man bezeichnen kann. Aber es gibt keine
unendliche Zahl noch Linie, noch irgend eine andere unendliche Menge, wenn man
sie für wirkliche Ganze nimmt, wie leicht zu zeigen ist. Das haben die Schulen
sagen wollen oder sollen, indem sie ein syncategorematisches Unendliches, wie
sie sich ausdrücken, zuliessen. Das wahre Unendliche ist, strenggenommen, nur im
Absoluten, welches jeder Zusammensetzung vorausgeht und nicht durch
Zusammenfügen von Teilen gebildet ist.
    Philaletes. Wenn wir unsere Vorstellung des Unendlichen auf das erste
Seiende anwenden, so tun wir es gewöhnlich in Hinsicht auf seine Dauer und seine
Allgegenwart, und figürlicher hinsichtlich seiner Macht, Weisheit, Güte und
seiner übrigen Attributs.
    Teophilus. Nicht figürlicher, sondern weniger unmittelbar, weil die anderen
Attribute ihre Grösse durch die Beziehung zu denen erkennbar machen, bei denen
die Inbetrachtnahme der Teile stattfindet.
    § 2. Philaletes. Ich nahm es für ausgemacht, dass der Geist das Endliche und
das Unendliche als Modifikationen der Ausdehnung und der Dauer betrachtet.
    Teophilus. Ich finde nicht, dass dies ausgemacht wäre. Die Inbetrachtnahme
des Endlichen und des Unendlichen findet überall da statt, wo es Grösse und Menge
gibt. Auch ist das wahrhafte Unendliche keine Modifikation; es ist das Absoluter
dagegen, so wie man modifiziert, beschränkt man sich oder bildet ein Endliches.
    § 3. Philaletes. Wir haben geglaubt, dass, da die Macht des Geistes, seine
Vorstellung des Raumes durch neue Zusätze ohne Ende auszudehnen, immer dieselbe
ist, er die Vorstellung des unendlichen Raumes daher entlehnt.
    Teophilus. Man tut wohl, dabei hinzuzufügen, dass dies der Fall ist, weil
man sieht, dass dasselbe Verhältnis immer bleibt. Nehmen wir eine gerade Linie
und verlängern wir sie dergestalt, dass sie das Doppelte von der ersten ist, so
ist klar, dass die zweite, welche der ersten vollkommen gleich ist, ebenso
verdoppelt werden kann, um eine dritte zu haben, welche auch den früheren gleich
ist, und da dasselbe Verhältnis immer statt hat, so wird man unmöglich jemals
aufgehaltene es kann also die Linie bis ins Unendliche dergestalt verlängert
werden, dass die Anschauung des Unendlichen aus der der Ähnlichkeit oder des
nämlichen Verhältnisses entspringt, und ihr Ursprung derselbe ist, wie der der
allgemeinen und notwendigen Wahrheiten. Dies zeigt, dass dasjenige welche dem
Begreifen dieser Vorstellung Vollzug gibt, sich in uns findet und aus
Sinneserfahrungen nicht kommen kann, ganz so, wie die notwendigen Wahrheiten
weder durch Induktion, noch durch Sinnlichkeit bewiesen werden können. Die
Vorstellung des Absoluten ist innerlich in uns, wie die des Seins. Diese
Bestimmungen des Absoluten sind nichts anderes als die Attribute Götter und man
kann sagen, dass sie nicht weniger die Quelle der Vorstellungen sind, als Gott
selbst das Prinzip der Wesen ist. Die Vorstellung des Absoluten hinsichtlich des
Raumes ist nichts anderes als die der Unermesslichkeit Gottes, und so der
anderen. Aber man täuscht sich, wenn man sich einen absoluten Raum in der
Einbildung vorstellen will, der ein aus Teilen zusammengesetztes unendliches
Ganze sein soll. So etwas gibt nicht. Es ist das ein Begriff, der in sich
widersprechend ist, und jene unendlichen Ganzheiten und ihr Gegenteil, die
unendlichen Kleinheiten, haben nur in der matematischen Berechnung Sinn, ganz
wie die eingebildeten Wurzeln der Algebra.
    § 6. Philaletes. Man erkennt auch die Grösse, ohne in derselben Teile ausser
den Teilen anzunehmen. Wenn ich meiner vollkommensten Vorstellung vom
blendendsten Weiss eine andere von gleichem, nicht minder lebhaftem Weiss
hinzufüge (denn ich kann derselben nicht die Vorstellung eines mehr Weissen als
dessen, wovon ich schon die Vorstellung habe, hinzufügen, da ich das schon als
das blendendste voraussetze, was ich wirklich vorzustellen vermag), so vermehrt
oder vergrössert dies meine Vorstellung in keiner Weiser man nennt darum die
verschiedenen Vorstellungen des Weissen Grade.
    Teophilus. Ich verstehe nicht die Beweiskraft dieser Betrachtung, denn es
hindert doch nichts, dass man die Wahrnehmung einer noch blendenderen Weisse
empfangen mag, als die, welche man wirklich hat. Die wahre Ursache, warum man
Grund zu glauben hat, dass die Weisse nicht bis ins Unendliche gesteigert werden
kann, ist, dass es keine ursprüngliche Eigenschaft ist, indem die Sinne nur eine
verwirrte Erkenntnis davon geben und man, wenn man eine deutliche davon haben
würde, sehen würde, dass sie von der Struktur der Körper stammt und sich auf die
des Sehorgans beschränkt. Hinsichtlich der ursprünglichen oder deutlich
erkennbaren Eigenschaften sieht man aber, dass man mitunter bis zum Unendlichen
nicht nur da gehen kann, wo Ausdehnung (Extension) stattfindet oder, wenn Sie
wollen, Ausbreitung (Diffusion) oder das, was die Schule partes extra partes
nennt (Teile ausser den Teilen), wie bei der Zeit und dem Orte, sondern auch da,
wo Intension ist oder Grade sind, wie z.B. hinsichtlich der Schnelligkeit.
    § 8. Philaletes. Wir haben nicht die Vorstellung eines unendlichen Raumes,
und nichts ist klarer, als der Widersinn einer wirklichen Vorstellung einer
unendlichen Zahl.
    Teophilus. Ich bin derselben Ansicht. Aber das ist nicht der Fall, weil man
nicht die Vorstellung des Unendlichen haben kann, sondern weil ein Unendliches
nicht ein wahres Ganze sein kann.
    § 16. Philaletes. Aus dem nämlichen Grunde haben wir also keine positive
Vorstellung einer unendlichen Dauer oder der Ewigkeit, ebensowenig wie der
Unermesslichkeit.
    Teophilus. Ich glaube, dass wir die positive Vorstellung der einen und der
anderen haben, und dass diese Vorstellung wahr ist, falls man sie nicht als ein
unendliches Ganze versteht, sondern als ein absolutes oder schrankenloses
Attribut, welches sich hinsichtlich der Ewigkeit in der Notwendigkeit des
Daseins Gottes findet, ohne dass man darin Teile wahrnimmt oder den Begriff davon
durch eine Zusammenzählung der Zeiten bildet, Man sieht daraus auch, wie ich
schon gesagt habe, dass der Ursprung des Begriffs des Unendlichen aus derselben
Quelle stammt wie der der notwendigen Wahrheiten.
 
                                 Kapitel XVIII.
                       Von einigen anderen einfachen Modi
    Philaletes. Es gibt noch viele einfache Modi, welche aus einfachen
Vorstellungen gebildet werden. Solcher Art sind (§ 2) die Modi der Bewegung,
wie: gleiten, rollen; die der Töne (§ 3), welche durch die Noten und Melodien
modifiziert werden, wie die darben durch die Grade, ohne von den Geschmäcken und
Gerüchen zu sprechen. (§ 6). Es gibt dabei ebensowenig immer bestimmte Masse und
Namen, wie bei den zusammengesetzten Modi (§ 7), weil man sich nach dem
Gebrauche richtet. Wir werden weiter davon sprechen, wenn wir zu den Worten
kommen werden.
    Teophilus. Die meisten Modi sind nicht so einfach und könnten unter die
zusammengesetzten gerechnet werden; z.B. um zu erklären, was gleiten oder rollen
ist, muss man ausser der Bewegung noch den Widerstand der Oberfläche in Betracht
ziehen.
 
                                  Kapitel XIX.
                   Von den Modi, welche das Denken betreffen
    § 1. Philaletes. Von den aus den Sinnen stammenden Modi wollen wir zu denen
übergehen, welche die Region uns gibt. Die Sinnlichkeit ist sozusagen der
wirkliche Eingang der Vorstellung in den Verstand mittels der Sinne. Wenn
dieselbe Vorstellung in den Geist zurückkehrt, ohne dass der äussere Gegenstand,
der sie zuerst entstehen liess, auf unsere Sinne wirkt, so heisst dieser Akt des
Geistes Wiedererinnerung; wenn der Geist sie sich zurückzurufen sucht und
endlich nach einiger Anstrengung sie findet und sich vergegenwärtigt, so ist
das: Sich auf etwas besinnen. Wenn der Geist lange mit Aufmerksamkeit die
Vorstellung verfolgt, so ist das Betrachtung (Kontemplation) wenn die
Vorstellung, welche wir im Geiste haben, daselbst sozusagen schwankt, ohne dass
der Verstand darauf merkt, so kann man das Träumen nennen. Wenn er auf die
Vorstellungen reflektiert, die sich von selbst darbieten, und man sie im
Gedächtnis sozusagen einregistriert, so ist das Aufmerksamkeit, und wenn der
Geist sich auf eine Idee mit viel Nachdenken vertieft, so dass er sie von allen
Seiten betrachtet und sich nicht von ihr wenden will, trotzdem dass andere
Vorstellungen ihm in die Quere kommen, so nennt man das Studium oder Anspannung
des Geistes. Der von keinem Traum begleitete Schlaf ist ein Auf hören von diesem
allem, und träumen heisst, Vorstellungen im Geiste haben, während die äusseren
Sinne verschlossen sind, so dass sie den Eindruck der äusseren Gegenstände nicht
mit derjenigen Lebhaftigkeit empfangen, welche ihnen gewöhnlich ist. Träumen
ist, sage ich, Vorstellungen haben, ohne dass sie durch irgend einen Gegenstand
von aussen oder durch irgend eine bekannte Veranlassung dargeboten und ohne dass
sie vom Verstand gewählt oder in irgend einer Weise bestimmt worden sind. Was
die sogenannte Ekstase anbetrifft, so überlasse ich anderen, darüber zu
urteilen, wenn es nicht etwa ein Träumen mit offenen Augen ist.
    Teophilus. Es ist wichtig, diese Begriffe klar zu machen, und ich will dazu
beizutragen versuchen. Ich sage also: Sinnliche Wahrnehmung ist, wenn man eines
äusseren Gegenstandes sich bewusst wird; die Wiedererinnerung aber ist die
Wiederholung davon, ohne dass der Gegenstand wiederkehrte wenn man aber weiss, dass
man sie gehabt hat, so ist es Angedenken. Man nimmt gewöhnlich das Sichbesinnen
in einem anderen als in dem von Ihnen aufgestellten Sinne, nämlich für einen
Zustand, wo man sich von Handlungen fernhält, nm sich mit Nachdenken zu
beschäftigen. Da es aber, soviel ich weiss, kein Wort gibt, das mit Ihrem
Begriffe übereinstimmt, so könnte man das von Ihnen angewandte dazu gebrauchen.
Wir haben auf diejenigen Gegenstände Aufmerksamkeit, welche wir von den übrigen
unterscheiden und ihnen vorziehen. Wenn die Aufmerksamkeit im Geiste andauert,
mag nun der äussere Gegenstand verharren oder nicht, und gleichviel, ob er selbst
vorhanden sein mag oder nicht, so heisst das Betrachtung, welche, wenn sie zur
blossen Erkenntnis ohne Beziehung zum handeln strebt, Kontemplation heissen mag.
Diejenige Aufmerksamkeit, deren Zweck ist zu lernen (d.h. Erkenntnisse zu
erwerben, um sie zu behalten), heisst Studium. Betrachtung, um irgend einen
Entwurf zu bilden, heisst Nachdenken (Meditieren); aber Träumen scheint nichts
anderes zu sein, als gewissen bedanken des Vergnügens wegen, das man an ihnen
hat, nachgehen, ohne einen anderen Zweck dabei zu haben. Damm kann das Träumen
zur Narrheit führen; man vergisst sich, vergisst das dic cur hic, gelangt an
Traumbilder und Chimären und baut Luftschlösser. Wir können die Träume von den
sinnlichen Empfindungen nur dadurch unterscheiden, dass sie mit ihnen nicht
verbunden sind, sondern eine besondere Welt für sich bilden. Der Schlaf ist ein
Aufhören sinnlicher Empfindungen, und auf diese Weise ist die Ekstase ein sehr
tiefer Schlaf, aus dem man nur mühsam geweckt werden kann, und der aus einer
vorübergehenden inneren Ursache stammt. Dies wird hinzugefügt, nm dadurch jenen
tiefen Schlaf auszuschliessen, der von einem narkotischen Mittel oder irgend
einer dauernden Verletzung der Lebensverrichtungen herkommt, wie es in der
Letargie der Fall ist. Die Ekstasen sind mitunter von Gesichten begleitet, aber
deren gibt es auch ohne Ekstase, und das Gesicht ist, wie es scheint, nichts
anderes als ein Traum, welcher für eine sinnliche Wahrnehmung gilt, als ob er
uns wahrhaftige Gegenstände darstellte. Und wenn diese Gesichte göttliche sind,
so ist in der Tat Wahrheit darin entalten, was erkannt werden kann, wenn sie
z.B. ins einzelne eingehende Weissagungen entalten, welche der Ausgang
bestätigt.
    § 4. Philaletes. Aus den verschiedenen Graden der Anspannung oder
Abspannung des Geistes folgt, dass der Gedanke die Handlung und nicht die
Wesenheit der Seele ist.
    Teophilus. Zweifelsohne ist der Gedanke eine Handlung und kann nicht das
Wesen sein; aber er ist eine wesentliche Handlung, und alle Substanzen haben
dergleichen. Ich habe vorhin gezeigt, dass wir immer eine Unendlichkeit von
schwachen Wahrnehmungen haben, ohne uns derselben bewusst zu sein. Wir sind
niemals ohne Wahrnehmungen, aber wir sind notwendigerweise oft ohne Bewusstsein
derselben, wenn wir nämlich nicht deutlich hervortretende Wahrnehmungen haben.
Aus mangelnder Erwägung dieses wichtigen Punktes hat eine matterzige und ebenso
unedle wie oberflächliche Philosophie bei so vielen wackeren Geistern dazu
geführt, dass wir bisher fast nichts von dem Allerbesten, was es in den Seelen
gibt, gewusst haben. Dies ist auch der Grund, dass man in jenem Irrtum, welcher
die Vergänglichkeit der Seelen lehrt, so viele Wahrscheinlichkeit gefunden hat.
 
                                  Kapitel XX.
                    Von den Modi der Lust und des Schmerzes
    § 1. Philaletes. Ebenso, wie die Empfindungen des Körpers, sind auch die
Gedanken des Geistes entweder dem Gefühle gleichgültig, oder aber von Lust oder
Schmerz begleitet. Die Vorstellungen davon kann man ebensowenig als alle anderen
einfachen Vorstellungen beschreiben, noch eine Definition der Ausdrücke geben,
deren man sich zu ihrer Bezeichnung bedient.
    Teophilus. Ich glaube, es gibt keine Wahrnehmungen, welche uns ganz und gar
gleichgültig sind; aber es ist genug, dass, um sie so nennen zu können, ihre
Wirkung nicht merkbar sei, denn die Lust oder der Schmerz scheint in einer
merkbaren Hilfe oder in einem merkbaren Hindernis zu bestehen. Ich gebe zu, dass
diese Definition keine nominale ist, und man auch keine solche geben kann.
    § 2. Philaletes. Gut ist dasjenige, welches in uns Lust hervorzubringen und
zu vermehren oder Schmerz zu vermindern und abzukürzen dient. Schlimm ist das,
was den Schmerz in uns hervorzurufen oder zu vermehren oder eine Lust zu
vermindern dient.
    Teophilus. Ich bin auch dieser Meinung, Man teilt das Gute in das Ehrbare,
Angenehme und Nützliche ein, aber im Grunde glaube ich, dass es entweder selbst
angenehm sein oder zu etwas anderem dienen müsse, was uns eine angenehme
Empfindung verleihen kann, d.h. das Gute ist das Angenehme oder Nützliche, und
das ehrbare selbst besteht in einer Lust des Geistes.
    §§ 4. 5. Philaletes. Von der Lust und dem Schmerz stammen die
Leidenschaften: Liebe hat man zu dem, was Lust hervorbringen kann, und der
Gedanke der Unlust oder des Schmerzes, welchen eine gegenwärtige oder abwesende
Ursache hervorrufen kann, ist der Hass. Aber derjenige Hass und diejenige Liebe,
die sich auf des Glückes oder des Unglücks fähige Wesen beziehen, sind oft eine
Lust oder eine Befriedigung, die wir in uns selbst als durch die Betrachtung
ihres Daseins oder des Glückes, das sie geniessen, in uns entstanden fühlen.
    Teophilus. Auch ich habe fast dieselbe Definition der Liebe gegeben, als
ich in der Vorrede meines Codex juris gentium diplomaticus die Grundsätze der
Gerechtigkeit erläuterte, nämlich, dass Lieben sei getrieben werden, an der
Vollkommenheit, dem Wohl oder Glück des geliebten Gegenstandes Lust zu haben.
Und deshalb erwägt und verlangt man (in der Liebe) keine andere eigene Lust als
die, welche man in dem Wohlsein oder der Lust dessen, was man liebt, findet,
aber in diesem Sinne lieben wir das, was der Lust oder des Glückes unfähig ist,
eigentlich nicht und geniessen Dinge dieser Art, ohne sie darum zu lieben, es sei
denn durch eine phantastische Personifizierung, und wie wenn wir uns
einbildeten, dass sie selbst ihrer Vollkommenheit geniessen. Es ist also
eigentlich nicht Liebe, wenn man sagt, dass man ein schönes Gemälde um der Lust
willen liebt, welche man beim Empfinden seiner Vollkommenheiten erfährt. Es ist
aber erlaubt, den Sinn der Ausdrücke zu erweitern, und der Gebrauch ist darin
wandelbar. Die Philosophen und selbst die Teologen unterscheiden auch zwei
Gattungen der Liebe, nämlich diejenige Liebe, welche sie die der Begehrlichkeit
nennen, die nichts anderes ist als das Bestreben oder das Gefühl für alles das,
was uns Lust verschafft, ohne dass wir uns darum bekümmern, ob es seihst deren
empfängt; und die Liebe des Wohlwollens, welche das Gefühl für dasjenige ist,
das uns durch seine Lust oder sein Glück Lust und Glück gewährt. Die erstere
lässt uns unsere Lust, die zweite die des anderen im Auge halten, jedoch so, dass
sie die unsrige macht oder vielmehr ausmachte denn wenn sie nicht in irgend
einer Art auf uns zurückginge, würden wir uns nicht dafür interessieren können,
da, sage man, was man wolle, es unmöglich ist, sich von seinem eigenen Wohlsein
loszulösen. Auf diese Weise aber muss man die uneigennützige und nicht nach
Lohnhaschende Liebe verstehen, um ihren Adel wohl zu begreifen und dennoch nicht
auf Chimären zu verfallen.
    § 6. Philaletes. Das Unbehagen (auf Englisch: uneasiness), welches jemand
in sich wegen des Mangels eines Dinges, das ihm Lust erwecken würde, wenn es
gegenwärtig wäre, empfindet, wird das Verlangen genannt. Dieses Unbehagen ist
der erste, nm nicht zu sagen, einzige Antrieb, welcher den Fleiss und die
Tätigkeit der Menschen aufstachelte denn welches Gut man auch immer dem Menschen
vorhalten mag, wenn die Abwesenheit desselben weder von Unlust, noch von Schmerz
begleitet ist, und derjenige, welcher desselben beraubt ist, ohne es zu
besitzen, zufrieden sein und sich wohlbefinden kann, so wird er auch nicht
danach verlangen und noch weniger Anstrengungen machen, nm es zu geniessen. Er
empfindet für diese Art von Gut nur eine blosse Willensneigung, welchen Ausdruck
man angewendet hat, nm den untersten Grad des Verlangens auszudrücken, der sich
demjenigen Zustand am meisten nähert, in welchem sich die Seele hinsichtlich
eines ihr gänzlich gleichgültigen Dinges befindet, wenn die Unlust über die
Abwesenheit eines Dinges so unbedeutend ist, dass sie nur zu schwachen Wünschen
führt, ohne zu veranlassen, sich der Mittel, es zu erhalten, zu bedienen. Das
Verlangen ist noch tot oder aufgehalten durch die noch vorhandene Ansicht, dass
das gewünschte Gut nur in dem Masse, als das Unbehagen der Seele durch diese
Erwägung geheilt oder vermindert wird, erlangt werden kann. Übrigens habe ich,
was ich jetzt von dem Unbehagen rede, in dem berühmten englischen
Schriftsteller, dessen Ansichten ich Ihnen vielfach vortrage, gefunden. Ich habe
in der Bedeutung des englischen Wortes uneasiness ein wenig Schwierigkeit
gefunden. Der französische Übersetzer aber, dessen Geschicklichkeit in der
Erledigung seiner Aufgabe nicht in Zweifel gezogen werden kann, bemerkt am Ende
der Seite (Kap. 20 § 6), dass der Verfasser durch dies englische Wort den Zustand
eines Menschen bezeichne, der sich nicht wohlbefindet, den Mangel an Wohlsein
und Ruhe der in dieser Hinsicht rein leidenden Seele; und dass er dies Wort durch
den Ausdruck Unbehagen (inquiétude) habe wiedergebend müssen, der zwar nicht
dieselbe Vorstellung ausdrückt, sich ihr aber am meisten nähert. Diese
Bemerkung, wie er hinzufügt, ist vor allem nötig in bezug auf das folgende
Kapitel über die Macht, wo der Verfasser über diese Art von Unbehagen viel
spricht; denn wenn man mit diesem Worte die eben bezeichnete Vorstellung nicht
verbindet, so würde es nicht möglich sein, die Gegenstände ordentlich zu fassen,
die in diesem Kapitel abgehandelt werden, und welche die bedeutendsten und die
schwierigsten des ganzen Werkes sind.
    Teophilus. Der Übersetzer hat recht, und die Lektüre seines trefflichen
Antors hat mir gezeigt, dass diese Erwägung des Unbehagens ein Hauptpunkt ist, wo
der Verfasser ganz besonders den Scharfsinn und die Tiefe seines Geistes zeigt.
Aus diesem Grunde habe ich meine Aufmerksamkeit darauf gewendet, und nachdem ich
die Sache wohl erwogen habe, scheint es mir fast, dass das Wort Unbehagen, wenn
es den Sinn des Verfassers nicht hinlänglich ausdrückt, meiner Meinung nach doch
hinlänglich mit der Natur der Sache übereinkommt, und das Wort uneasiness, wenn
es eine Unlust, einen Verdruss eine Unannehmlichkeit, mit einem Wort irgend einen
wirklichen Schmerz bezeichnete, würde damit nicht übereinkommen. Denn ich würde
lieber sagen, dass in dem Verlangen an sich eher eine Disposition und eine
Vorbereitung zum Schmerze als Schmerz selbst liegt. Allerdings unterscheidet
sich diese Empfindung mitunter von der, welche man im Schmerze hat, nur durch
das Weniger gegen das Mehr, aber das Wesen des Schmerzes besteht eben im Grade,
denn er ist eine bemerkbare Empfindung. Man sieht dies auch an dem Unterschiede
zwischen dem Appetit und dem Hunger; denn wenn die Erregung des Magens zu stark
wird, so wird sie störend, so dass man also auch hier unsere Lehre von den für
das Bewusstsein zu geringen Wahrnehmungen anwenden muss, denn wenn das, was in uns
vorgeht, sobald wir Appetit und Verlangen haben, hinlänglich angewachsen ist,
würde es uns Schmerz verursachen. Aus diesem Grunde hat der unendlich weise
Urheber unseres Daseins es zu unseres lösten so eingerichtet, dass wir uns oft in
der Unwissenheit und in verworrenen Vorstellungen beenden, damit wir um so
schneller aus Instinkt handeln und nicht durch die zu deutlichen Empfindungen
einer Menge von Gegenständen belästigt werden, die uns nicht eigentlich angehen,
und deren doch die Natur zur Erreichung ihrer Zwecke nicht hat entbehren können.
Wie viele Insekten verschlucken wir nicht, ohne es gewahr zu werden, wie viele
Personen sehen wir nicht dadurch in Missbehagen versetzt, dass sie einen zu feinen
Geruch haben, und wie viele ekelerregende Gegenstände würden wir sehen, wenn
unser Gesicht durchdringend genug wäre! Aus eben dieser Kunst hat uns die Natur
den Antrieb des Verlangens, wie die Anfänge oder Elemente des Schmerzes oder
sozusagen halbe Schmerzen oder, wenn Sie missbräuchlich reden wollen, um sich
stärker auszudrücken, geringe, unbewusste Schmerzen gegeben, damit wir den
Vorteil des Übels geniessen, ohne dessen Unbequemlichkeit zu erfahren, denn man
würde sonst, wenn diese Wahrnehmung zu deutlich wäre, in Erwartung des Guten
immer elend sein, statt dass dieser beständige Sieg über jene halben Schmerzen,
welche man empfindet, indem man seinem Verlangen folgt und in irgend einer Art
diesem Triebe oder diesem Reize genugtut, uns eine Menge halber Lustempfindungen
gewährt, deren Fortsetzung und Anhäufung (wie bei der Fortsetzung des Anstosses
eines schweren, im Fall begriffenen und dadurch an Geschwindigkeit zunehmenden
Körpers) endlich eine ganze und wahrhafte Lust wird. Und ohne diese halben
Schmerzen würde es im Grunde genommen keine Lust und kein Mittel geben, sich
dessen bewusst zu werden, dass uns etwas unterstützt und Erleichterung verschafft,
wenn Widerstand vorhanden ist, der uns zum Wohlbefinden zu gelangen verhindert.
Auch erkennt man gerade darin die nahe Verwandtschaft von Lust und Schmerz, die
Sokrates in Platos Phaedo bemerkt, als die Füsse ihm versagen. Diese
Inbetrachtnahme der kleinen Hilfen oder kleinen Befreiungen und unmerklichen
Auslösungen des aufgehaltenen Strebens, woraus endlich eine merkbare Lust sich
ergibt, dient auch dazu, eine deutlichere Erkenntnis der verworrenen Vorstellung
zu gewähren, die wir von der Lust und dem Schmerz haben und haben müssen, ganz
wie die Empfindung der Wärme oder des Lichtes aus einer Menge von kleinen
Bewegungen folgt, welche gemäss dem oben von mir Bemerkten (Kap. IX, § 13) die
der Gegenstände ausdrücken und sich davon nur dem Scheine nach und weil wir uns
dieser Analyse nicht bewusst werden, unterscheiden. Freilich glauben heutzutage
mehrere, dass unsere Vorstellungen der sinnlichen Eigenschaften von den
Bewegungen selbst und dem, was in den Gegenständen vorgeht, gänzlich verschieden
und etwas Ursprüngliches und Unerklärliches, ja selbst etwas Willkürliches sind,
als wenn Gott der Seele nach blosser Willkür Empfindungen gäbe und nicht nach
dem, was im Körper vorgeht: eine von der wahren Analyse unserer Vorstellungen
sehr entfernte Ansicht der Sache.
    Um aber zum Unbehagen zurückzukehren, d.h. zu jenen kleinen, unmerklichen
Erregungen, die uns beständig in Atem erhalten, so sind dies verworrene
Bestimmungen, dergestalt, dass wir oft nicht wissen, was uns fehlt, während wir
bei den Neigungen und Leidenschaften wenigstens wissen, was wir wollen, obschon
die verworrenen Wahrnehmungen auch auf die ihnen eigene Art zu handeln
einwirken, und die Leidenschaften selbst auch noch diese Unruhe oder Reizung
verursachen. Diese Antriebe sind gleichsam ebensoviel Federn, die sich
abzuspannen versuchen und unsere Maschine in Gang setzen. Ich habe auch darüber
schon bemerkt, dass wir aus diesem Grunde niemals ganz gleichgültig sind, wenn
wir es am meisten zu sein scheinen, wie wenn wir uns z.B. am Ende einer Allee
auf die rechte statt auf die linke Seite wenden. Denn die von uns ergriffene
Entscheidung kommt von diesen unmerklichen, aus den Wirkungen der Gegenstände
und des Innern unseres Körpers gemischten Entschlüssen her, wonach wir es für
uns leichter finden, uns nach der einen als nach der anderen Seite zu kehren. Im
Deutschen nennt man den Pendel einer Uhr die Unruhe. Man kann sagen, dass es sich
mit unseres Körper ebenso verhält, der sich auch niemals vollkommen im
Wohlbehagen beendet, weil, wenn ein neuer Eindruck von Gegenständen, eine kleine
Veränderung in den Organen, in den Eingeweiden, in den Gefässen vorkäme, dies
sofort das Gleichgewicht verändern und sie zu irgend einer kleinen Anstrengung,
um sich in den möglich besten Zustand zu versetzen, führen würde. Dies bringt
aber einen beständigen Kampf hervor, der, sozusagen, die Unruhe unseres
Uhrwerkes macht, daher ich diese Benennung ganz nach meinem Geschmack finde.
    § 7. Philaletes. Die Freude ist eine Lust, welche die Seele empfindet, wenn
sie den Besitz eines gegenwärtigen oder zukünftigen Gutes als gesichert
betrachtet, und wir sind im Besitz eines Gutes, wenn wir es dergestalt in
unserer Macht haben, dass wir, wenn wir wollen, dasselbe geniessen können.
    Teophilus. In den Sprachen fehlen die Ausdrücke, die geeignet sind,
einander naheliegende Begriffe gehörig zu unterscheiden. Vielleicht nähert sich
dieser Definition der Freude das lateinische Gaudium mehr als Laetitia, die man
auch durch das Wort Freude wiedergibt, aber dann scheint sie mir einen Zustand
zu bezeichnen, wo die Lust in uns vorherrscht, denn während der tiefstes
Traurigkeit und inmitten der quälendsten Ärgernisse kann man sich eine gewisse
Lust verschaffen, wie wenn man trinkt oder Musik hört, während freilich die
Unlust vorherrschte und selbst inmitten der heftigsten Schmerzen kann der Geist
doch freudig sein, wie den Märtyrern geschah.
    § 8. Philaletes. Die Traurigkeit ist eine Unruhe der Seele, wenn sie an ein
verlorenes Gut denkt, dessen sie länger hätte geniessen können, oder wenn sie von
einem wirklich gegenwärtigen Übel gequält wird.
    Teophilus. Nicht allein das gegenwärtige, wirkliche Übel, sondern auch die
Furcht vor einem zukünftigen Übel kann traurig machen, so dass ich glaube, dass
die Definition der Freude und der Traurigkeit, die ich oben gegeben habe, mit
dem Sprachgebrauch mehr zusammenstimmen. Was die Unruhe betrifft, so ist im
Schmerz und folglich in der Traurigkeit etwas mehr: und die Unruhe ist selbst
bei der Freude, denn sie macht den Menschen munter, tätig, voll Hoffnung
weiterzuschreiten. Die Freude hat sich schon fähig erwiesen, durch zu heftige
Aufregung zu töten, und dabei war dann in ihr noch mehr als blosse Unruhe.
    § 9. Philaletes. Die Hoffnung ist die Befriedigung der Seele, wenn sie an
den Genuss denkt, den sie der Wahrscheinlichkeit nach von etwas haben muss, was
ihr Lust zu gewähren geeignet ist; und die Furcht ist eine Unruhe der Seele,
wenn sie an ein zukünftiges Übel denkt, das sich ereignen kann.
    Teophilus. Wenn die Unruhe eine Unlust bezeichnet, so gestehe ich, dass sie
die Furcht immer begleitete nimmt man sie aber für jenen unmerklichen Antrieb,
der uns vorwärts treibt, so kann man sie auch mit der Hoffnung verbünde denken.
Die Stoiker nahmen die Leidenschaften für Meinungen. So war ihnen die Hoffnung
die Meinung von einem zukünftigen Gute und die Furcht die Meinung von einem
zukünftigen Übel. Aber lieber sage ich, dass die Leidenschaften weder
Befriedigungen noch Missbehagen noch Meinungen sind, sondern Strebungen, oder
vielmehr Modifikationen von Strebungen, die aus der Meinung oder dem Gefühl
stammen und von Lust oder Unlust begleitet sind.
    § 11. Philaletes. Die Verzweiflung ist der Gedanke, den man hat, dass ein
Gut nicht zu erlangen ist, was Betrübnis und mitunter Gefühllosigkeit
verursachen kann.
    Teophilus. Nimmt man die Verzweiflung als eine Leidenschaft an, so wird sie
eine Art starker Strebung sein, welche sich auf einmal angehalten endete dies
verursacht einen heftigen Kampf und viel Unlust. Wenn aber die Verzweiflung von
Ruhe und Gefühllosigkeit begleitet wird, wird sie mehr eine Meinung als eine
Leidenschaft sein.
    § 12. Philaletes. Der Zorn ist diejenige Unruhe oder Unordnung, welche wir
empfinden, nachdem wir irgend eine Beleidigung empfangen haben, und die von dem
augenblicklichen Verlangen, uns zu rächen, begleitet wird.
    Teophilus. Der Zorn scheint etwas Einfacheres und Allgemeineres zu sein, da
die Tiere desselben fähig sind, denen man doch keine Beleidigung zufügt. Im
Zorne liegt eine gewaltsame Anstrengung, welche sich des Übels zu entschlagen
strebt. Das Verlangen der Rache kann auch bei kaltem Blute bleiben, und wenn man
viel mehr Hass als Zorn hat.
    § 13. Philaletes. Der Neid ist die Unruhe (die Unlust) der Seele, welche
aus der Betrachtung eines von uns erstrebten, aber von einem anderen besessenen
Gutes kommt, der unserer Ansicht nach es nicht vor uns hätte haben sollen.
    Teophilus. Nach dieser Fassung würde der Neid stets eine löbliche und
wenigstens unserer Meinung nach immer auf der Gerechtigkeit begründete
Leidenschaft sein. Aber ich weiss nicht, ob man nicht mitunter auf ein
anerkanntes Verdienst neidisch ist, das man, wenn man es besässe, zu missachten
sich nicht scheuen würde. Man beneidet andere selbst um ein Gut, das zu haben
man sich gar nicht wünschen würde. Man wäre zufrieden, sie desselben beraubt zu
sehen, ohne daran zu denken, das von ihnen, Verlorene zu gewinnen, und selbst
ohne dies hoffen zu können. Denn manche Güter sind wie Freskogemälde, welche man
wohl zerstören, aber nicht wegnehmen kann.
    § 17. Philaletes. Die meisten Leidenschaften verursachen bei manchen
Personen Eindrücke auf den Körper und bringen in ihm verschiedene Veränderungen
hervor, aber diese Veränderungen sind nicht Turner bemerkbar. So ist z.B. die
Scham nicht immer vom Erröten begleitet, jene Unruhe der Seele, welche man
fühlt, wenn man etwas Unanständiges oder sonst etwas, was uns in der Achtung
anderes heruntersetzt, getan zu haben innewird.
    Teophilus. Wenn die Menschen sich die äusseren Bewegungen mehr zu beobachten
bemühten, welche die Leidenschaften begleiten, so würde es schwer sein, sie zu
verheimlichen. Was die Scham anbetrifft, so ist es der Bemerkung wert, dass
sittsame Menschen mitunter Bewegungen, welche denen der Scham ähnlich sind,
empfinden, wenn sie nur Zeugen einer unanständigen Handlung sind.
 
                                  Kapitel XXI.
                       Von der Macht und von der Freiheit
    § 1. Philaletes. Indem der Geist beobachtet, wie ein Ding zu sein aufhört,
und wie ein anderes, das vorher nicht war, da zu sein anfängt, und indem er
schliesst, dass es mit gleichen Dingen, die durch gleiche Mittel hervorgebracht
werden, ebenso sein werde, kommt er dabei auf den Gedanken, es sei möglich, dass
in einem Dinge eine seiner einfachen Vorstellungen sich ändere, und wiederum, es
sei möglich, dass ein anderes diese Veränderung hervorbringe; dadurch bildet der
Geist sich die Vorstellung der Macht.
    Teophilus. Wenn die Macht dem lateinischen Potentia entspricht, so ist sie
der Tatsache entgegengesetzt, und der Übergang von der Macht zur Tatsache ist
die Veränderung. Das ist es, was Aristoteles unter dem Ausdruck Bewegung
versteht, wenn er sagt, sie sei die Tatsache oder vielleicht die Betätigung
dessen, was eine Macht hat. Man kann also sagen, dass die Macht im allgemeinen
die Möglichkeit der Veränderung sei. Da nun die Veränderung oder die Betätigung
dieser Möglichkeit in einem Subjekt Handlung und in einem anderen Leiden ist, so
wird es auch zwei Arten von Macht geben, die eine leidend und die andere tätig.
Die tätige wird Vermögen genannt werden können, und die leidende könnte
vielleicht Fähigkeit oder Rezeptivität genannt werden. Allerdings wird die
tätige Macht mitunter in einem noch höheren Sinne genommen, wenn ausser dem
einfachen Vermögen noch eine Strebung dabei ist, und so nehme ich sie in meinen
dynamischen Betrachtungen. Man könnte ihr den Ausdruck Kraft besonders beilegen,
und die Kraft würde entweder Entelechie oder Kraftäusserung (effort) sein, denn
die Entelechie (obgleich Aristoteles sie so allgemein nimmt, dass sie noch die
ganze Tätigkeit und Kraftäusserung umfasst) scheint mir eher den ursprünglichen
wirkenden Kräften zuzukommen und das Wort Kraftäusserung den abgeleiteten. Es
gibt selbst auch noch eine Art leidender Macht, die noch spezieller und von
Realität erfüllter ist; dies ist diejenige, welche in der Materie waltet, worin
nicht allein die Beweglichkeit vorhanden ist, welches die Tätigkeit oder
Rezeptivität der Bewegung ist, sondern auch die Widerstandskraft, welche die
Undurchdringlichkeit und die Trägheit umfasst. Die Entelechien d.h. die
ursprüngliches oder substantiellen Strebungen, sofern sie mit Wahrnehmung
verbunden sind, sind die Seelen.
    § 3. Philaletes. Die Vorstellung der Macht drückt etwas Relatives aus. Aber
haben wir irgend eine Vorstellung, von welcher Art sie auch immer sei, die nicht
etwas Relatives in sich schliesst? Unsere Vorstellungen von Ausdehnung, Dauer,
Zahl - entalten sie nicht alle in sich eine stillschweigende Beziehung auf
Teile? Dasselbe lässt sich auf eine noch sichtbarere Weise bei der Gestalt und
der Bewegung bemerken. Sind die sinnliches Eigenschaften etwas anderes als die
Machtäusserungen verschiedener Körper in bezug auf unsere Wahrnehmung und nicht
an sich selbst von der Grösse, Gestalt, der inneren Bildung und der Bewegung der
Teile abhängig? Dies bewirkt eine Art von Beziehung unter ihnen. So kann denn
meiner Meinung nach die Vorstellung der Macht sehr wohl unter die übrigen
einfachen Vorstellungen gesetzt werden.
    Teophilus. Im Grunde genommen sind die Vorstellungen, welche soeben
aufgezählt wurden, zusammengesetzt. Die der sinnlichen Eigenschaften behaupten
ihren Rang unter den einfachen Vorstellungen nur infolge unserer Unwissenheit,
und die übrigen, welche man deutlich erkennt, behalten ihre Stelle dort nur
durch eine Nachsicht, welche man lieber nicht ausüben sollte. Es verhält sich
damit ungefähr, wie in betreff der gewöhnlichen Grundsätze, welche unter den
Lehrsätzen stehen könnten und bewiesen zu werden verdienten, und welche man
dennoch als Grundsätze gelten lässt, als ob es ursprüngliche Wahrheiten wären.
Diese Nachsicht ist schädlicher, als man denkt, aber man ist allerdings nicht
immer imstande, ihrer zu entbehren.
    § 4. Philaletes. Wenn wir dabei recht achtgeben, so gewähren uns die Körper
mittels der Sinne keine so klare und deutliche Vorstellung von der tätigen
Macht, als wir sie durch die Reflexionen haben, die wir über die Wirkungen
unseres Geistes anstellen. Es gibt meiner Überzeugung nach nur zwei Arten von
Handlungen, wovon wir Vorstellung haben, nämlich Denken und Bewegen. Was das
Denken anbetrifft, so gibt uns der Körper davon keine Vorstellung, und wir haben
sie nur durch Vermittelung der Reflexion. Ebensowenig haben wir durch
Vermittelung des Körpers irgend eine Vorstellung vom Anfang der Bewegung.
    Teophilus. Diese Betrachtungen sind sehr triftig, sind obgleich das Denken
dabei auf so allgemeine Weise genommen wird, dass es jede Wahrnehmung umfasst, so
will ich doch den Gebrauch der Worte nicht anfechten.
    Philaletes. Wenn der Körper selbst in Bewegung ist, so ist diese im Körper
eher eine Tätigkeit als ein Leiden. Aber wenn eine Billardkugel dem Stoss des
Queues nachgibt, so ist dies keine Tätigkeit der Kugel, sondern ein blosses
Leiden.
    Teophilus. Darüber liesse sich etwas sagen; denn die Körper würden durch den
Anstoss keine Bewegung empfangen, gemäss den dabei zu bemerkenden Gesetzen, wenn
sie nicht schon in sich Bewegung hätten. Wir wollen jedoch jetzt diesen Punkt
übergehen.
    Philaletes. Ebenso, wenn ein Ball einen anderen, der sich auf seinem Wege
findet, anstösst und in Bewegung setzt, so teilt er ihm nur die empfangene
Bewegung mit und verliert ganz ebensoviel.
    Teophilus. Ich sehe, dass diese irrige Meinung, welche die Kartesianer
aufgebracht haben, wie wenn die Körper so viel Bewegung verlören, als sie
abgeben, die heutzutage durch die Erfahrungen und die Vernunftgründe zerstört
und selbst von dem berühmten Verfasser der Untersuchung über die Wahrheit
aufgegeben worden ist (der eine kleine Abhandlung ganz besonders zu dem Zweck
hat drucken lassen, sie zurückzunehmen) dennoch nicht unterlässt, vielen
einsichtigen Leuten Gelegenheit zu Missverständnis zu geben, indem sie auf so
gebrechlichem Grunde ihr Lehrgebäude errichten.
    Philaletes. Das Übertragen der Bewegung gibt nur eine ganz dunkle
Vorstellung von einer tätigen Macht der Bewegung im Körper, indem wir nichts
weiter sehen, als dass der Körper die Bewegung, ohne sie irgendwie
hervorzubringen, überträgt.
    Teophilus. Ich weiss nicht, ob hier behauptet wird, Mass die Bewegung von
Körper zu Körper übergeht und dieselbe Bewegung (idem numero) dabei übertragen
wird. Ich weiss, dass einige gegen die Ansicht der ganzen Schule so weit gegangen
sind, unter anderen der Jesuitenpater Casati. Ich zweifle jedoch, dass dies Ihre
Meinung oder die Ihrer gelehrten Freunde ist, die in der Regel von solchen
Einbildungen weit entfernt sind. Wenn indessen dieselbe Bewegung nicht
übertragen wird, so muss man zugeben, dass sich in dem Körper der sie empfängt,
eine neue Bewegung erzeugte also würde der, welcher sie erteilt, wirklich tätig
sein, obwohl er zu gleicher Zeit Kraftverlust erleiden würde. Denn obgleich der
Körper allerdings nicht so viel Bewegung verliert, als er erteilte, so bleibt es
doch immer wahr, dass er deren verliert und zwar so viel Kraft verliert, als er
abgibt, wie ich anderswo erklärt habe, so dass man stets in ihm Kraft oder tätige
Macht zugeben muss. Ich verstehe die Macht in einen höheren Sinne, den ich ein
wenig vorher erläutert habe, wo nämlich die Strebung mit dem Vermögen sich
verbindet. Indessen stimme ich mit Ihnen immer darin überein, dass wir die
klarste Vorstellung der tätigen Macht durch den Geist empfangen. Auch ist sie
nur in desjenigen Wesen, welche mit dem Geiste Analogie haben, nämlich in den
Entelechien, denn der Stoff bezeichnet eigentlich nur die leidende Macht.
    § 5. Philaletes. Wir finden in uns selbst die Macht, gewisse Handlungen
unserer Seele und gewisse Bewegungen unseres Körpers anzufügen oder nicht
anzufangen, fortzusetzen oder abzubrechen, und zwar einfach durch einen Gedanken
oder eine Wahl unseres Geistes, der sozusagen bestimmt und befehlt, dass solch
eine besonders Handlung geschehe oder nicht geschehe. Diese Macht nennen wir den
Willen. Die tatsächliche Ausübung dieser Macht nennt man Wollen; das Abbrechen
oder hervorbringen der einem solchen Befehl der Seele folgenden Handlung nennen
wir das Freiwillige, und jede Handlung, die ohne eine solche Leitung der Seele
geschielt, heisst unfreiwillig.
    Teophilus. Ich finde dies alles sehr gut und richtig. Um es indessen runder
auszudrücken und vielleicht ein wenig weiterzugehen, möchte ich sagen, dass das
Wollen die Anstrengung oder Strebung (conatus) ist, auf das, was man für gut
hält, loszugehen und sich von dem zu entfernen, was man für schlimm hält, so dass
diese Strebung unmittelbar aus dem Bewusstsein, welche man von ihr hat, folgt,
und das Korollarium dieser Definition ist der berühmte Grundsatz, dass aus dem
Wollen und Können zusammengenommen die Handlung folgt, da aus jeder Strebung die
Handlung folgt, wenn sie nicht Hindernis findet. So folgen vermöge der Einheit
von Seele und Leib, wovon ich anderswo die Begründung gegeben habe, nicht allein
die inneren freiwilligen Handlungen unseres Geistes, sondern auch die äusseren
aus diesem Conatus, d.h. die freiwilligen Bewegungen unseres Körpers. Es gibt
auch noch aus unmerklichen Wahrnehmungen entspringende Anstrengungen, deren man
sich nicht bewusst ist; ich möchte diese lieber Begehrungen als Wollen (obgleich
auch dabei bemerkbare Begehrungen vorkommen) nennen, denn freiwillige Handlungen
nennt man nur solche, deren man sich bewusst sein und auf welche unsere Reflexion
bei der Erwägung dessen, was gut und schlimm ist, verfallen kann.
    Philaletes. Die Macht des Bewusstseins nennen wir Verstand: dieser besitzt
die Wahrnehmung der Vorstellungen, die der Bedeutung der Zeichen und endlich die
der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung unter einigen unserer
Vorstellungen.
    Teophilus. Wir sind uns vieler Dinge in uns und ausser uns bewusst, die wir
nicht verstehen, und wir verstehen sie, wenn wir in uns deutliche Vorstellungen
davon haben nebst dem Vermögen, zu reflektieren und die notwendigen Wahrheiten
daraus zu gewinnen. Darum haben die Tiere keinen Verstand, wenigstens in diesem
Sinne, obgleich sie das Vermögen haben, sich der bemerklichsten und
hervortretendsten Eindrücke bewusst zu sein, wie das Wildschwein jemand bemerkt,
der ihm zuruft, und auf ihn losgeht, von dem es schon vorher eine blosse, aber
nur verworrene Wahrnehmung wie von allen den übrigen Gegenständen hatte, die ihm
in die Augen fielen und deren Strahlen seine Kristalllinse trafen. So entspricht
denn nach meiner Erklärung der Verstand dem, was bei den Lateinern intellectus
heisst, und die Ausübung dieses Vermögens heisst das Verstehen, welches eine mit
dem Vermögen der Reflexion verbundene bestimmte Wahrnehmung ist, welche sich bei
den Tieren nicht findet. Jede mit diesem Vermögen verbundene Wahrnehmung ist
Denken, welches ich den Tieren ebensowenig zusprechen kann, als den Verstand, so
dass man sagen darf, das Verstehen finde dann statt, wenn das Denken deutlich
ist. Übrigens verdient die Wahrnehmung der Bedeutung der Zeichen von der
Wahrnehmung der bezeichneten Vorstellungen hier gar nicht unterschieden zu
werden.
    § 6. Philaletes. Gewöhnlich sagt man, dass Verstand und Wille zwei Vermögen
der Seele sind, ein ganz bequemer Ausdruck, wenn man sich desselben bedient, wie
man sich aller Worte bedienen muss, indem man sich davor in acht nimmt, dass sie
im menschlichen Denken Verwirrung anrichten, was, wie ich fürchte, hier beim
Seelenleben geschehen ist. Und wenn man uns sagt, dass der Wille jene höhere
Fähigkeit der Seele sei, welche alles regelt und anordnet, dass er frei sei oder
nicht, dass er die unteren Vermögen bestimme, dass er dem Gebot des Verstandes
folge (obgleich auch diese Ausdrücke in einem klaren und bestimmten Sinn
verstanden werden können), so fürchte ich doch, dass sie bei verschiedenen Leuten
die verworrene Idee von ebensoviel besonderen tätigen Wesen, die in uns jedes
für sich wirken, hervorgerufen haben.
    Teophilus. Das ist eine Streitfrage, welche den Schulen schon lange zu tun
gemacht hat. Nämlich, ob zwischen der Seele und deren Vermögen ein realer
Unterschied obwalte, und ob das eine Vermögen von den anderen real verschieden
sei. Die Realisten haben es bejaht, die Nominalisten verneint. Und dieselbe
Streitfrage ist über das wirkliche dasein von noch mehreren anderen abstrakten
Wesen, die demselben Schicksal anheimfallen müssen, angestellt worden. Ich meine
aber nicht, dass hier diese Frage zu entscheiden und sich in diese dornige
Untersuchung zu vertiefen nötig sei, obgleich, wie ich mich erinnere, Episcopius
sie für so wichtig erachtet hat, dass er glaubte, man könne die Freiheit des
Menschen nicht aufrecht erhalten, wenn die Seelenvermögen wirkliche Wesen seien.
Indessen, wenn sie auch wirkliche und voneinander verschiedene Wesen wären, so
dürften sie doch nicht als reale wirkende Wesen gelten, wenn man sich nicht ganz
missbräuchlich ausdrücken will. Nicht die Vermögen oder Eigenschaften sind es,
welche wirken, sondern die Substanzen mittels der Vermögen.
    § 8. Philaletes. Sofern der Mensch die Macht hat zu denken oder nicht zu
denken, sich entsprechend der vorziehenden Entscheidung oder Wahl seines eigenen
feistes zu bewegen oder nicht zu bewegen, sofern ist er frei.
    Teophilus. Der Ausdruck Freiheit ist sehr zweideutig. Es gibt eine Freiheit
des Rechts und eine tatsächliche. Nach der des Rechts ist ein Sklave nicht frei
und ein Untertan nicht ganz, aber ein Armer ist so frei wie ein Reicher. Die
tatsächliche Freiheit besteht entweder in der Macht zu wollen, wie man soll,
oder in der Macht zu handeln, wie man kann. Das ist die Freiheit des Handelns,
von der Sie sprechen, und diese hat ihre Grade und Verschiedenheiten. Im
Allgemeinen ist derjenige, welcher mehr Mittel hat, freier, das zu tun, was er
will, aber im besonderen versteht man die Freiheit von dem Gebrauch der Dinge
welche man gewöhnlich in seiner Gewalt hat, und vor allem von deren freien
Gebrauch unseres Körpers. So beeinträchtigen der Kerker und die Krankheiten
unsere Freiheit, indem sie uns verhindern, unserem Körper und unseren Gliedern
diejenige Bewegung zu geben, die wir ihnen geben wollen und gewöhnlich geben
können; also ist auf diese Weise ein Gefangener und ein Gelähmter, der keinen
freien Gebrauch seiner Glieder hat, unfrei. Die Freiheit des Wollens wird auch
in zwei verschiedenen Bedeutungen genommen. Die eine findet statt, wenn man sie
der Unvollkommenheit oder demjenigen Gebrauch des Geistes entgegensetzt, der ein
Zwang oder ein Hindernis, aber ein inneres ist, wie dasjenige, welches von den
Leidenschaften stammt. Die andere findet statt, wenn man die Freiheit der
Notwendigkeit entgegensetzt. Im ersten Sinne sagten die Stoiker, dass der Weise
allein frei sei, und man hat in der Tat keinen freien Geist, wenn er von einer
grossen Leidenschaft in Anspruch genommen ist, denn alsdann kann man nicht
wollen, wie man sollte, d.h. mit der nötigen Überlegung. Auf diese Weise ist
Gott allein vollkommen frei, und die erschaffenen Geister sind es nur in dem
Masse, als sie über die Leidenschaften erhaben sind. Und diese Freiheit betrifft
eigentlich unseren Verstand. Diejenige Freiheit des Geistes aber, welche der
Notwendigkeit entgegengesetzt ist, betrifft bloss den Willen und zwar, sofern er
vom Verstande sich unterscheidet. Diese ist, was man die freie Willkür nennt,
womit gemeint sein soll, dass die stärksten Gründe oder Eindrücke, welche der
Verstand dem Willen vorhält, den Willensakt nicht verhindern zufällig zu sein
und ihm nicht eine absolut und sozusagen metaphysische Notwendigkeit verleihen.
Und in diesem Sinne pflege ich zu sagen, dass der Verstand den Willen, gemäss dem
Vorwiegen der Wahrnehmungen und Gründe, bestimmen kann, jedoch auf eine Art, dass
er, wenn auch sicher und untrüglich, doch nur geneigt macht, ohne mit
Notwendigkeit zu wirken.
    § 9. Philaletes. Wie dabei zu bemerken gut ist, hat sich noch niemand
herbeigelassen, eine Kugel, mag sie nun durch den Anstoss einer Rakete in
Bewegung gesetzt oder in Ruhe sein, für ein frei wirkendes Wesen zu nähmen. Dies
kommt daher, dass wir einem Ball weder Denken, noch irgend einen Willensakt,
demgemäss er die Bewegung der Ruhe vorzieht, beimessen.
    Teophilus. Wenn das frei wäre, was ohne Hindernis wirkt, so würde die
Kugel, wenn sie in einem gleichmässigen Horizont einmal in Bewegung wäre, ein
frei wirkendes Wesen sein. Aber Aristoteles hat schon richtig bemerkt, dass, um
die Handlungen frei zu nennen, wir nicht allein verlangen, dass sie spontan,
sondern auch, dass sie überlegt seien.
    Philaletes. Aus diesem Gründe betrachten wir die Bewegung oder die Ruhe der
Kugeln unter der Vorstellung eines Notwendigen.
    Teophilus. Die Bezeichnung notwendig fordert ebensoviel Umsicht, als die
von frei. Jene bedingungsweise geltende Wahrheit, nämlich: Gesetzt, dass die
Kugel in einem gleichmässigen Horizont einmal ohne Hindernis in Bewegung ist, so
wird sie dieselbe Bewegung fortsetzen, kann gewissermassen für notwendig
angesehen werden, obgleich diese Folgerung im Grunde genommen nicht ganz
geometrisch ist, da sie sozusagen nur unter einer Voraussetzung angenommen und
auf die Weisheit Gottes gegründet ist, der ohne vernünftigen Grund seinen
Einfluss nicht ändert, welcher jetzt vermutlich nicht eintreten wird. Aber jener
schlechtin aufgestellte Satz: Die Kugel hier ist gegenwärtig in dieser Ebene in
Bewegung ist nur eine zufällige Wahrheit, und in diesem Sinne ist die Kugel ein
zufälliges, nicht frei wirkendes Wesen.
    § 10. Philaletes. Nehmen wir an, dass man einen Menschen während eines
tiefen Schlafes in ein Zimmer trägt, wo sich jemand beendet, den er sehr zu
sehen und zu sprechen wünscht, und dass man die Tür hinter ihm zuschliesst, so
wird dieser Mensch beim Erwachen froh sein, mit jener Person sich zu treffen,
und also mit Vergnügen im Zimmer bleiben. Ich denke nicht, dass man darüber in
Ungewissheit sein werde, ob er an jenem Orte freiwillig bleibt. Gleichwohl steht
es ihm nicht frei, sich, wenn er will, daraus zu entfernen. Also ist die
Freiheit keine Vorstellung, die dem Willen zukommt.
    Teophilus. Ich finde das Beispiel sehr gut gewählt, um zu zeigen, dass in
einem gewissen Sinne eine Handlung oder ein Zustand freiwillig sein kann, ohne
frei zu sein. Indessen, wenn die Philosophen und Teologen über die freie
Willkür streiten, haben sie einen ganz anderen Sinn im Auge.
    § 11. Philaletes. Die Freiheit fehlt, wenn die Lähmung die Beine
verhindert, der Bestimmung des Geistes zu gehorchen, obgleich es in dem
Gelähmten selbst etwas freiwilliges sein kann, sitzen zu bleiben, solange er das
Sitzen der Ortsverändernng vorzieht. Freiwillig ist also nicht dem Notwendigen,
sondern dem Unfreiwilligen entgegengesetzt.
    Teophilus. Diese Genauigkeit im Ausdruck würde mir schon gefallen, wenn
nicht der Sprachgebrauch sich dass von entfernter diejenigen, welche die Freiheit
der Notwendigkeit entgegensetzen, wollen dies nicht von den äusseren Handlungen,
sondern von dem Willensakte selbst verstanden wissen.
    § 12. Philaletes. Ein wachender Mensch besitzt nicht mehr Freiheit zu
denken oder nicht zu denken, als er frei ist, zu verhindern oder nicht zu
verhindern, dass sein Körper einen anderen Körper berührt. Aber seine Gedanken
von einer Vorstellung zur anderen übertragen - das steht oft zu seiner
Disposition. Und in diesem Fall hat er soviel Freiheit in Hinsicht seiner
Vorstellungen, als in Hinsicht der Körper, auf welche er sich stützt, indem er,
wie es ihm in den Sinn kommt, sich von dem einen zum anderen fortbewegen kann.
Gleichwohl gibt es Vorstellungen, welche wie gewisse Bewegungen dergestalt dem
Geiste eingepflanzt sind, dass man sie in gewissen Umständen, man mag sich
anstrengen, wie man will, nicht entfernen kann. Ein Mensch auf der Folter hat
nicht die Freiheit, der Vorstellung des Schmerzes sich zu entschlagen, und
mitunter wirkt eine heftige Leidenschaft auf unseren Geist, wie der wütendste
Wind auf unseren Körper wirkt.
    Teophilus. In den Vorstellungen findet Ordnung und Zusammenhang statt, wie
in den Bewegungen, denn das eine entspricht dem anderen vollkommen, obgleich die
Bestimmung in den Bewegungen ohne Bewusstsein geschieht, frei aber oder mit Wahl
im denkenden Wesen, welchem die Güter und die Übel nur Neigung verursache, ohne
es zu zwingen. Denn indem die Seele die Körper vorstellt, bewahrt sie ihre
Vollkommenheiten; und obgleich sie - wohlverstanden - in den unfreiwilligen
Handlungen vom Körper abhängig ist, so ist sie doch in den übrigen unabhängig
und macht den Körper von sich abhangen. Aber diese Abhängigkeit ist nur
metaphysisch und besteht in den Rücksichten Gottes auf die eine, intern er den
anderen regelt, oder mehr auf die eine als auf den anderen nach Massgabe der
ursprünglichen Vollkommenheiten eines jeden, während die physische Abhängigkeit
in einem unmittelbaren Einguss bestehen würde, den der eine vor der anderen, von
welcher er abhängt, empfangen müsste. Übrigens kommen uns unfreiwillige Gedanken
teils von aussen durch die Gegenstände, welche unsere Sinne treffen, teils von
innen auf Grund der (oft unmerklichen) Eindrücke, welche von den früheren
Wahrnehmungen zurückgeblieben sind, die ihre Wirksamkeit fortsetzen und sich mit
den neu hinzukommenden vermischen. In dieser Hinsicht verhalten wir uns leidend,
und selbst wenn wir wachen, kommen uns ungerufen Bilder (worunter ich nicht
allein die Darstellungen von Gestalten, sondern auch der Töne und anderer
sinnlicher Eigenschatten begreife) wie in den Träumen. Die deutsche Sprache
nennt sie fliegende Gedanken, die nicht in unserer Macht sind und wobei mitunter
Widersinnigkeiten vorkommen, die wohlgesinnten Leuten Bedenken erregen und den
Kasuisten und Gewissensräten zu schaffen machen. Das ist wie in einer Laterna
magica, welche die Gestalten auf der Mauer erscheinen lässt, je nachdem man
inwendig etwas vorbeischiebt. Aber wenn unser Geist sich eines Bildes bewusst
wird, das ihm kommt, kann er ihm Halt gebieten und es sozusagen festalten.
Ferner kann der Geist, wenn es ihm gut scheint, auf gewisse Gedanken näher
eingehen, die ihn zu anderen führen. Aber dies gilt nur, wenn die inneren oder
äusseren Eindrücke nicht das Übergewicht haben. Allerdings sind die Menschen
darin sehr verschieden, sowohl ihrem Temperamente als der Übung in der
Selbstbeherrschung nach, dergestalt, dass der eine die Eindrücke überwinden kann,
wo der andere sich hingibt.
    § 13. Philaletes. Notwendigkeit hat überall da statt, wo das Denker fehlte
Und wenn diese Notwendigkeit sich in einem des Wollens fähigen wirkenden Wesen
findet, und der Anfang oder die Fortsetzung einer Handlung seiner inneren Wahl
widerspricht, so nenne ich das Zwang, und wenn die Verhinderung oder das
Aufhören einer Handlung dem Wollen dieses wirkenden Wesens zuwiderläuft, so
erlaube man mir, dies Einhalten (Kohibition) zu nennen. Was aber die Wesen
betrifft, welche durchaus kein Denken und kein Wollen haben, so sind diese in
jeder Hinsicht aus Notwendigkeit wirkende Wesen.
    Teophilus. Mögen die Willensakte auch zufällig sein, so scheint doch,
eigentlich zu reden, die Notwendigkeit nicht dem Wollen, sondern dem Zufall
entgegengesetzt werden zu müssen, wie ich schon in § 9 bemerkt habe, und die
Notwendigkeit nicht mit dem Bestimmtsein (Determination) verwechselt werden zu
dürfen, denn beim Denken findet nicht weniger Verknüpfung oder Bestimmtsein
statt, als bei den Bewegungen. (Bestimmt - determiniert - zu werden, ist etwas
ganz anderes, als mit Gewalt gestossen oder durch Zwang vergewaltigt zu werden.)
Und wenn wir nicht immer die Ursache bemerken, welche uns bestimmt oder nm
derentwillen wir uns bestimmen, so ist der Grund davon, dass wir ebensowenig
fähig sind, uns des ganzen Spieles unseres Geistes und unserer meist
unvernehmlichen und verworrenen Gedanken bewusst zu werden, als wir den ganzen
Mechanismus, welchen die Natur in unserem Körper spielen lässt, erkennen können.
Wenn man daher unter der Notwendigkeit das feste Bestimmtwerden des Menschen
verstände, welches durch eine vollkommene Erkenntnis aller Umstände von dem, was
in und ausser dem Menschen vorgeht, einen vollkommenen Geist zur Voraussicht
bringen könnte, so würde jeder freie Akt ein notwendiger sein, da die Gedenken
sicherlich ebensogut, wie die von ihnen dargestellten Bewegungen bestimmt
werden. Aber man muss das Notwendige von dem, wenn auch bestimmten Zufälligen
unterscheiden; und nicht allein die zufälligen Wahrheiten sind nicht notwendig,
sondern auch ihre Verknüpfungen haben nicht immer eine absolute Notwendigkeit;
denn in der Art und. Weise, die Konsequenzen zu bestimmen, die in notwendigen
Verhältnissen stattfinden, und denen, die in zufälligen stattfinden, gibt es
ohne Zweifel, einen Unterschied. Die geometrischen und metaphysischen
Konsequenzen bestimmen mit Notwendigkeit, die physischen und moralischen aber
machen nur geneigt, ohne mit Notwendigkeit zu bestimmen, indem das Physische
selbst etwas Moralisches und Gewolltes ist hinsichtlich Gottes, da die Gesetze
der Bewegung keine andere Notwendigkeit als (die Wahl) des Besten haben. Nun
wählt Gott frei, obgleich er das Beste zu wählen bestimmt wird, und da die
Körper selbst keine Wahl haben (indem Gott für sie gewälzt hat), so hat der
Sprachgebrauch gewollt, dass man sie notwendig Wirkendes nennt. Ich widersetze
mich dem nicht, sofern man nur nicht das Notwendige und das Bestimmte
verwechselt und so weit geht, sich einzubilden, dass die freien Wesen auf
unbestimmte Weise wirken, ein Irrtum, der bei manchem sich geltend gemacht hat
und die wichtigsten Wahrheiten, ja sogar jenen fundamentalen Satz zerstört, dass
nichts ohne Ursache geschieht - ohne welchen weder das Dasein Gottes, noch
andere grosse Wahrheiten recht bewiesen werden können. Was den Zwang anbetrifft,
so ist es gut, zwei Arten desselben zu unterscheiden: den einen physischen, wie
wenn man einen Menschen gegen seinen Willen ins Gefängnis bringt oder in einen
Abgrund wirft, den anderen moralischen, wie z.B. den Zwang mittels (Androhung)
eines grösseren Übels, denn die Handlung, welche dadurch veranlasst wird, hört
nicht auf freiwillig zu sein. Man kann auch durch die Erwägung eines grösseren
Gutes gezwungen werden, wie wenn man einen Menschen durch Versprechen eines
unverhältnismässig grossen Vorteils in Versuchung führt, obgleich man dies
gewöhnlich nicht Zwang zu nennen pflegt.
    § 14. Philaletes. Sehen wir jetzt zu, ob man nicht den seit so lange
geführten, meines Erachtens aber sehr unvernünftigen, weil unverständlichen
Streit endigen kann, ob der Wille des Menschen frei ist oder nicht?
    Teophilus. Man hat alle Ursache, sich über das sonderbare Verfahren der
Menschen zu wundern, die sich durch Aufwerfen schlecht verstandener Streitfragen
quälen. Sie suchen, was sie wissen, und wissen nicht, was sie suchen.
    Philaletes. Die Freiheit, welche bloss eine Macht ist, gehört einzig und
allein wirkenden Wesen an und kann nicht ein Attribut oder eine Modifikation des
Willens sein, der selbst nichts anderes als eine Macht ist.
    Teophilus. Nach der eigentlichen Wortbedeutung haben Sie recht. Indessen
kann man den angenommenen Sprachgebrauch auch einigermassen entschuldigen. In
derselben Weise pflegt man ja auch der Wärme oder anderen Eigenschaften die
Macht zuzuschreiben, nämlich dem Körper, sofern er diese Eigenschaften besitzt,
und ebenso ist hier die Absicht zu fragen, ob der Mensch frei ist, indem er
will.
    § 15. Philaletes. Die Freiheit besteht in der Macht des Menschen, eine
Handlung seinem Willen gemäss zu tun oder zu unterlassen.
    Teophilus. Wenn die Menschen nur das unter Freiheit verständen, wenn sie
fragen, ob der Wille oder die Willkür frei sei, so würde ihre Streitfrage in der
Tat widersinnig sein, aber man wird bald sehen, was sie eigentlich wollen, und
ich habe es sogar schon berührt. Allerdings fordern sie hierbei (aber kraft
eines anderen Grundsatzes) etwas Widersinniges und Unmögliches, indem sie eine
durchaus nur eingebildete und nicht zu verwirklichende Freiheit des
Gleichgewichts verlangen, die ihnen auch nichts nützen würde, wenn es möglich
wäre, dass sie sie hätten, d.h. die Freiheit besitzen könnten, im Gegensatz zu
allen Eindrücken, die aus dem Verstande stammen können, zu wollen. Dies würde
die wahre Freiheit zugleich mit der Vernunft zerstören und uns unter die Tiere
erniedrigen.
    § 17. Philaletes. Wer da sagen wollte, dass die Macht zu sprechen die Macht
zu singen leite, und dass die Macht zu singen der Macht zu reden gehorche, würde
sich ebenso schicklich und ebenso verständlich ausdrücken, als wer sagte, wie
man zu sagen pflegt, dass der Wille den Verstand leitet und der Verstand dem
Willen gehorcht oder nicht gehorcht. - § 18. Indessen hat diese Art zu reden den
Vorzug erhalten und, wenn ich nicht irre, viel Verwirrung verursacht, obgleich
die Macht zu denken ebensowenig auf die Macht zu wählen wirkt, wie die Macht zu
singen auf die Macht zu tanzen. - § 19. Ich gestehe zu, dass dieser oder jener
Gedanke dem Menschen Gelegenheit geben kann, seine Macht des Wählens zu
gebrauchen, und dass die Wahl des Geistes Ursache sein kann, dass er an dies oder
jenes wirklich denkt, ebenso wie das Singen einer gewissen Melodie die wirkliche
Veranlassung sein kann, einen bestimmten Tanz zu tanzen.
    Teophilus. Es kommt hier noch auf etwas mehr an, als auf das Darbieten von
Gelegenheiten, da eine gewisse Abhängigkeit dabei stattfindet; denn man kann nur
das wollen, was man für gut hält, und je nachdem das Verstandesvermögen
fortgeschritten ist, fällt die Wahl des Wissens besser aus, wie auf der anderen
Seite der Mensch, je nachdem er im Wollen kräftig ist, die Gedanken nach seiner
Wahl bestimmt, statt durch unfreiwillige Wahrnehmungen bestimmt und fortgerissen
zu werden.
    Philaletes. Die Macht ist eine Relation und kein wirkendes Wesen.
    Teophilus. Wenn die wesentlichen Vermögen nur Relationen sind und der
Wesenheit nichts mehr hinzufügen, so sind die zufälligen oder der Veränderung
unterworfenen Eigenschaften und Fähigkeiten etwas ganz anderes, Man kann von
diesen letzteren sagen, dass die einen in der Ausübung ihrer Verrichtungen von
den anderen oft abhangen.
    § 21. Philaletes. Meines Erachtens darf nicht gefragt werden, ob der Wille
frei sei, was eine unangemessene Ausdrucksweise ist, sondern ob der Mensch frei
sei. Dies einmal gesetzt, behaupte ich, dass jemand so lange frei ist, als er
durch die Richtung oder die Wahl seines Geistes das Dasein einer Handlung dem
Nichtdasein dieser Handlung vorziehen kann und umgekehrt, d.h. so lange, als er
machen kann, dass sie seinem Willen gemäss sei oder nicht sei. Und wir würden kaum
die Möglichkeit behaupten können, ein noch freieres Wesen zu denken, als ein
solches, das fähig wäre, das zu tun, was es will, so dass der Mensch ebenso frei
zu sein scheint hinsichtlich der Handlungen, welche von diesen in ihm sich
verendenden Vermögen abhangen, als es der Freiheit, wenn ich mich so ausdrücken
darf, ihn frei zu machen möglich ist.
    Teophilus. Wenn man über die Freiheit des Willens oder über die freie
Willkür spricht, so fragt man nicht, ob der Mensch tun kann, was er will,
sondern ob er in seinem Willen selbst Unabhängigkeit hat. Man fragt nicht, ob er
freie Füsse und Hände hat, sondern ob sein Geist frei ist, und worin dies
besteht. In dieser Beziehung wird das eine geistige Wesen freier sein können als
das andere, und der höchste Geist wird in einer vollkommenen Freiheit sich
beenden, deren die Kreaturen nicht fähig sind.
    § 22. Philaletes. Die Menschen, von Natur neugierig und bestrebt, soviel
sie können, aus ihrem Geist den Gedanken zu entfernen, dass sie schuldbefleckt
seien, obgleich sie sich dadurch in einen Zustand schlimmer als den einer
Schicksalsnotwendigkeit versetzen, sind dennoch damit nicht zufrieden. Wenn die
Freiheit sich nicht noch weiter erstreckt, so sind sie nicht damit zufrieden,
und ihrer Ansicht nach ist es eine sehr starke Probe, dass der Mensch überhaupt
nicht frei ist, wenn er nicht ebenso gut die Freiheit hat zu wollen als die, was
er will, zu tun.
    § 23. Darüber glaube ich, dass der Mensch hinsichtlich dieses besonderen
Aktes, eine Handlung zu wollen, die in seiner Macht steht, nicht frei sein kann,
wenn er diese Handlung einmal in seinem Geists sich vorgesetzt hat. Die Ursache
davon ist ganz klar; denn da die Handlung von seinem Willen abhängt, so muss sie
ganz notwendigerweise sein oder nicht sein, und da ihr Sein oder ihr Nichtsein
nicht umhin kann, der Bestimmung und der Wahl seines Willens zu folgen, so kann
er es nicht vermeiden, das Sein oder Nichtsein dieser Handlung zu wollen.
    Teophilus. Ich möchte glauben, dass man seine Wahl suspendieren kann und dass
dies auch recht oft geschieht, besonders wenn anderweitige Gedanken die
Überlegung unterbrechen. Wenn daher auch die Handlung, welche man überlegt, sein
oder nicht sein muss, so folgt daraus nicht, dass man notwendig deren Sein oder
Nichtsein beschliessen müsse, denn das Nichtsein kann auch aus Mangel eines
Beschlusses eintreten. Das wäre so, wie die Areopagiten in der Wirklichkeit
jenen freisprachen, dessen Prozess zu entscheiden sie zu schwierig gefunden
hatten, indem sie ihn auf einen sehr entfernten Zeitpunkt verschoben und sich
hundert Jahre zur Überlegung nahmen.
    Philaletes. Wenn man den Menschen auf diese Art frei macht, ich meine,
indem man die Handlung des Wollens vom Willen abhängig macht, so muss er einen
anderen Willen oder ein anderes Vermögen des Wollens vorher haben, um die Akte
dieses Willens zu beschliessen, und wieder einen anderen, um dieses zu
beschliessen, und so bis ins Unendliche fort; denn wo man auch immer anhält,
können die Handlungen des letzten Willens nicht frei sein.
    Teophilus. Allerdings spricht man ungenau, wenn man sagt, wir wollten, was
wir wollen. Wir können nicht wollen wollen, sondern wir wollen handeln und wenn
wir wollen wollen könnten, so würden wir wollen wollen wollen können, und das
würde bis ins Unendliche fortgehen; indessen dürfen wir uns nicht verhehlen, dass
wir durch freiwillige Handlungen oft indirekt zu anderen freiwilligen Handlungen
beitragen, und obwohl man das, was man will, nicht wollen kann, wie man selbst
nicht über das urteilen kann, was man will, so kann man dennoch dies dergestalt
im voraus tun, dass man nämlich in der Folge das urteile oder wolle, was man in
der Gegenwart wollen oder urteilen zu können wünschen möchte. Man gewöhnt sich
an Menschen, an Lektüre, an Lieblingsbetrachtungen, an einen gewissen
Gesichtspunkt, man beachtet nicht, was vom entgegengesetzten Gesichtspunkt
kommt, und gewinnt durch diese Mittel und tausend andere Umstände, die man
meistens ohne bestimmten Vorsatz und ohne daran zu denken, anwendet, es über
sich, sich zu täuschen oder wenigstens zu ändern und sich nach seinen
Begegnissen zu bessern oder zu verschlimmern.
    § 25. Philaletes. Da es also ausgemacht ist, dass der Mensch nicht die
Freiheit hat zu wollen, dass er will oder nicht will, so ist jetzt zunächst zu
fragen, ob der Mensch die Freiheit hat, dasjenige von zweien Dingen zu wollen,
was ihm gefällt, z.B. die Bewegung oder die Ruhe. Aber diese Frage ist in sich
selbst so offenbar widersinnig, dass sie genügt, jeden, welcher darüber
nachdenkst, zu überzeugen, dass die Freiheit in keinem Falle den Willen angeht.
Denn fragen, ob der keusch die Freiheit habe zu wollen was ihm gefällt, die
Bewegung oder die Ruhe, das Reden oder das Schweigen - das heisst fragen, ob ein
Mensch das wollen kann, was er will, oder ob ihm das gefällt, was ihm gefällt -
eine Frage, die meiner Ansicht nach keiner Beantwortung bedarf.
    Teophilus. Trotz alledem schaden die Menschen allerdings sich hierin eine
Schwierigkeit, welche gelöst zu werden verdient. Sie sagen, dass, nachdem sie
alles erkannt und erwogen haben, es noch in ihrer flacht stehe, nicht nur das zu
wollen, was am meisten zusagt, sondern auch das grade Gegenteil, bloss um ihre
Freiheit zu zeigen. Man muss aber dabei bedenken, dass, wenn diese Laune oder
dieser Eigensinn oder wenigstens dies Motiv, welches sie den übrigen Motiven zu
folgen hindert, in die Wagschale geworfen wird und sie das anzunehmen veranlasst,
was ihnen sonst nicht annehmbar erscheinen würde, ihre Wahl doch noch immer
durch die Wahrnehmung bestimmt ist. Man will also nicht das, was man wollen
möchte, sondern was gefällt; obgleich der Wille indirekt und gleichsam von ferne
dazu beitragen kann, zu machen, dass etwas gefalle oder nicht gefalle, wie ich
schon bemerkt habe. Und da die Menschen diese verschiedenen Erwägungen nicht
gehörig zu sondern wissen, so ist es nicht zu verwundern, dass der Verstand sich
über diesen Gegenstand, der viele verborgene Schwierigkeiten entält, in
Unklarheit verwirrt.
    § 29. Philaletes. Wenn man fragt, was denn den Willen bestimme, so besteht
die wahre Antwort darin, zu sagen, dass der Geist es ist, welcher ihn bestimmt.
Wenn diese Antwort nicht genügt, so ist klar, dass der Sinn dieser Frage sich
darauf zurückführen lässt, was denn den Geist bei jeder besonderen Gelegenheit
antreibt, seine allgemeine Macht, womit er seine Fähigkeiten auf diese Ruhe oder
auf jene Bewegung richtet, zu einer solchen Bewegung oder einer solchen Ruhe zu
bestimmen? Ich antworte darauf, dass das, was uns veranlasst, in demselben Zustand
zu bleiben oder dieselbe Handlung fortzusetzen, allein die gegenwärtige
Befriedigung sei, welche man darin findet. Im Gegenteil ist das Motiv zur
Veränderung immer eine gewisse Unruhe.
    Teophilus. Diese Unruhe, wie ich schon im vorigen Kapitel gezeigt habe, ist
nicht immer ein Missvergnügen, wie die ruhige Stimmung, in der man sich befindet,
nicht immer eine Befriedigung oder ein Vergnügen ist. Oft veranlasst uns eine
unmerkliche Wahrnehmung, die man nicht klar und deutlich unterscheiden kann, uns
eher nach der einen als nach der anderen Seite zu neigen ohne dass man sich
darüber Rechenschaft ablegen kann.
    § 30. Philaletes. Der Wille und das Verlangen dürfen nicht miteinander
verwechselt werden. Jemand hat das Verlangen, von der Gicht befreit zu sein, da
er aber begreift, dass die Entfernung dieses Schmerzes die Übertragung eines
gefährlichen Krankheitsstoffes in einen edleren Teil verursachen kann, so wird
sein Wille sich zu keiner Handlung bestimmen lassen, die diesen Schmerz zu
entfernen dienen kann.
    Teophilus. Dieses Verlangen ist eine Art von Willensneigung im Vergleich
mit dem vollen Wollen; man möchte z.B. wollen, wenn man nicht ein viel grösseres
Übel zu fürchten hätte, im Fall man das, was man will, erlangte, oder man nicht
ein viel grösseres Gut zu hoffen hätte, wenn man sich dessen entschlüge. Man kann
indessen sagen, dass der Mensch mit einem gewissen Grad des Willens von der Gicht
befreit sein will, der aber nicht bis zur entscheidend letzten Anstrengung
reicht. Diese Art Willen nennt man Velleität, insofern er eine gewisse
Unvollkommenheit oder Ohnmacht in sich schliesst.
    § 31. Philaletes. Man muss indessen bemerken, dass dasjenige, was den Willen
zum handeln bestimmt, nicht das grösste Gut ist, wie man gewöhnlich annimmt,
sondern vielmehr eine gewisse, gerade vorhandene Unruhe und für gewöhnlich
diejenige, welche am meisten drängt. Diese kann man Verlangen nennen, welches in
der Tat eine Unruhe des Geistes ist, verursacht durch die Entbehrung eines
abwesenden Gutes, ausser dem Verlangen, vom Schmerze befreit zu werden. Nicht
jedes abwesende Gut erzeugt einen dem Grade der in ihm liegenden oder von uns
bei ihm vorausgesetzten Vortrefflichkeit angemessenen Schmerz, während jeder
Schmerz ein ihm gleiches Verlangen verursachte denn die Abwesenheit eines Gutes
ist nicht immer ein Übel, wie es die Anwesenheit des Schmerzes ist. Dies ist der
Grund, warum man ein abwesendes Gut ohne Schmerz betrachten und ins Auge fassen
kann, aber in dem Masse, als es irgendwo Verlangen gibt, gibt es dabei auch
Unruhe. - - § 32. Wer sollte nicht beim Verlangen das empfunden haben, was der
Weise von der Hoffnung sagt (Sprichw. Salom. XIII, 12): Die Hoffnung, die da
verziehet, ängstigt das Herz? Rahel ruft aus (1. Buch Mos. XXX, 1): Schaffe mir
Kinder, oder ich sterbe! - § 34. Wenn der Mensch in dem Zustande, in welchem er
sich findet, vollständig befriedigt ist, oder wenn er vollkommen von aller
Unruhe frei ist, was kann ihm dann noch für ein Wille bleiben, als der, in
diesem Zustande zu verharren? So hat der weise Urheber unseres Wesens die
Unbequemlichkeit des Hungers und des Durstes und die anderen natürlichen Triebe
in die Menschen gepflanzt, nm ihren Willen zur Selbsterhaltung und Fortpflanzung
ihres Geschlechtes aufzuregen und zu bestimmen. Es ist besser freien, denn
Brunst leiden, sagt St. Paulus (1. Cor. VII, 9). So wahr ist es, dass die
gegenwärtige Empfindung einer kleinen Wunde mehr Gewalt über uns hat, als der
Reiz der grössten Vergnügungen, wenn man dieselben von fern betrachtet.
    § 35. Allerdings ist der Grundsatz, dass das Gute und zwar das grösste Gut den
Willen bestimme, ein so allgemein angenommener, dass ich mich gar nicht darüber
wundere, ihn sonst als unzweifelhaft vorausgesetzt zu haben. Indes bin ich nach
einer gründlichen Untersuchung zu schliessen gezwungen, dass das Gute und zwar das
grösste Gut, wenn es auch als solches beurteilt und anerkannt wird, nicht den
Willen bestimmt, wenn uns nicht, indem wir auf eine seiner Vortrefflichkeit
angemessene Art danach verlangen, dies Verlangen darüber beunruhigt, dass wir
desselben entbehren müssen. Setzen wir den Fall, ein Mensch sei von dem Nutzen
der Tugend so sehr überzeugte dass er sie für jeden, welcher etwas Grosses in
dieser Welt sich vorsetzt oder in der anderes glücklich zu sein hofft, für
notwendig erachtet, so wird sich doch der Wille dieses Menschen, bevor ihn noch
hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, niemals zu irgend einer Handlung
bestimmen, die ihm zur Verfolgung dieses vortrefflichen Gutes dient, und irgend
eine andere Unruhe, die ihm in die Quere kommt, wird seinen Willen zu anderen
Dingen fortreissen. Setzen wir auf der anderen Seite den Fall, jemand, der dem
Trunk ergäben ist, erwäge, dass er durch die Lebensweise, welche er führt, seine
Gesundheit zerstöre und sein Vermögen vergeude, dass er sich vor der Welt
entehre, sich Krankheiten zuziehe und endlich so weit in Mangel fallen werde, um
nicht einmal seiner festgewurzelten Leidenschaft des Trunkes mehr nachhangen zu
können - gleichwohl bringt ihm die Wiederkehr der von ihm darüber gefühlten
Unruhe, dass er von seinen Zechbrüdern entfernt sein soll, ins Wirtshaus zurück
zu den Stunden, an welchen er dortin zu gehen gewohnt ist, obgleich er dann den
Verlust seiner Gesundheit und seines Vermögens und vielleicht sogar den des
Glückes im anderen Leben vor Augen hat - eines Glückes, das er gewiss nicht als
ein an sich unbedeutendes Gut betrachten kann, weil es nach seinem eigenen
Geständnis viel vortrefflicher ist als das Vergnügen zu trinken und das leere
Geschwätz einer Gesellschaft von Trinkern. Nicht also, weil er seine Augen auf
dass höchste Gut zu richten unterlässt, beharrt er in seinem unordentlichen Leben,
denn er versteht die Vortrefflichkeit jenes und erkennt sie an, soweit, dass er
während der Zeit, die zwischen den zum Trinken angewandten Stunden verstreicht,
sich entschliesst, der Verfolgung dieses höchsten Gutes nachzuleben, sondern wenn
das Unbehagen, des gewohnten Vergnügens zu entbehren, ihn zu quälen kommt, so
hat dies Gut, welches er als viel vortrefflicher anerkennt als das des Trinkens,
keine Gewalt mehr über seinen Geist, und diese augenblickliche Unruhe bestimmt
seinen Willen zur gewohnten Handlung. Ja, sie macht eben dadurch noch einen
stärkeren Eindruck und überwiegt bei der ersten Gelegenheit, obgleich er sich
zur selben Zeit sozusagen durch geheime Gelübde selbst angelobt, nicht mehr
dasselbe zu tun, und sich einbildet, dies werde das letzte Mal sein, dass er
gegen sein höchstes Interesse handelt. So findet er sich denn von Zeit zu Zeit
darauf angewiesen zu sagen:
Video meliora proboque
 Deteriora sequor.
(Ich sehe das Bessere und billige es, folge aber dem Schlechteren.) Dieser
Spruch, den man als wahrhaftig kennt und der nur zu sehr durch fortlaufende
Erfahrung bestätigt wird, ist auf diesem Wege leicht zu begreifen, in irgend
einem anderen Sinne aber vielleicht nicht.
    Teophilus. In diesen Betrachtungen liegt etwas Richtiges und
Wohlbegründetes. Ich möchte indessen nicht dadurch zu dem Glauben veranlassen,
dass man jene alten Grundsätze fahren lasse, wonach der Wille dem grössten Gute
folgt oder das grösste Übel vermeidet, das er Empfindet. Der Umstand, dass man den
wahren Gütern wenig zugetan ist, kommt zum guten Teile daher, dass bei den
Gegenständen und den Umständen, wo die Sinne nicht wirken, unsere meisten
Gedanken sozusagen taub sind (auf Latein nenne ich sie cogiatationes caecas -
blinde Gedanken) d.h. leer von Verständnis und Gefühl und in der blossen
Anwendung von reichen bestehend, wie es denjenigen ergeht, die algebraische
Berechnungen machen, ohne daran zu denken, dass die geometrischen Figuren und die
Wörter von Zeit zu Zeit dabei dieselbe Wirkung haben wie die aritmetischen oder
algebraischen Zeichen. Man denkt oft in Worten, fast ohne den Gegenstand nur im
Geiste zu haben. Nun hat diese Art von Erkenntnis nichts Rührende: es ist etwas
Lebendiges nötig, um ergriffen zu werden. Indessen ist dies die Art, wie die
Menschen meistens an Gott, die Tugend, die Glückseligkeit denken; sie reden und
denken ohne bestimmt ausgeprägte Vorstellungen. Dies ist nicht deswegen der
Fall, weil sie keine haben könnten: sie sind ja ihrem Geiste innewohnend, aber
sie geben sich nicht die Mühe, die Analyse weit genug zu treiben. Sie haben
mitunter die Vorstellungen eines abwesenden Gutes oder Übels, aber nur sehr
schwache. Kein Wunder also, dass sie davon nicht berührt werden. Wenn wir also
das Schlechtere vorziehen, so geschieht es, weil wir das darin entaltene Gute
empfinden, ohne das darin entaltene Übel und das ihm entgegengesetzte Gute zu
fühlen. Wir nehmen an und glauben oder vielmehr wir wiederholen nur auf fremden
Glauben oder höchstens auf Glauben an das Andenken unserer früheren Gedanken,
dass das grösste Gut auf der besseren Seite, und das grösste Übel auf der
entgegengesetzten sei. Fassen wir sie aber nicht fest ins Auge, so sind unsere
Gedanken und Räsonnements, entgegengesetzt dem Gefühle, eine Art von
Psittacismus, der im Augenblicke für den Geist nichts ausmacht, und wenn wir
nicht Massregeln zur Abhilfe dagegen ergreifen, so sind sie wie im Winde
verlogen, was ich schon oben bemerkt habe (B. I. Kap. 2 § 11). Die schönsten
Vorschriften der Moral nebst den besten Klugheitsregeln haften nur in einer
Seele, welche dafür empfindet (entweder direkt oder, weil dies nicht immer
geschehen kann, wenigstens indirekt, wie ich bald zeigen werde) und für das
Gegenteil nicht mehr empfindet. Cicero sagt irgendwo sehr gut, dass, wenn unsere
Augen die Schönheit der Tugend sehen könnten, wir sie mit Inbrunst lieben
würden: aber da weder dies noch etwas Dementsprechendes geschieht, so muss man
sich nicht wundern, wenn in dem Kampfe zwischen Fleisch und Geist der Geist so
oft unterliegt, weil er seiner Vorteile nicht lebendig innegeworden ist. Dieser
Kampf ist nichts anderes als der Gegensatz der verschiedenen Strebungen, welche
aus verworrenen und aus deutlichen Gedanken hervorgehen. Die verworrenen
Gedanken lassen sich oft sehr klar empfinden, aber unsere deutlichen Gedanken
sind gewöhnlich nur der Möglichkeit nach klar. Sie könnten es freilich sein,
wenn wir uns die Mühe geben wollten, in den Sinn der Worte oder Zeichen
einzudringen, aber da man es entweder aus Nachlässigkeit oder wegen der Kürze
der Zeit nicht tut, so setzt man blosse Worte oder wenigstens zu schwache Bilder
lebhaften Empfindungen entgegen. Ich habe einen in der Kirche und im Staate
bedeutenden Mann gekannt, den sein schwächlicher Zustand veranlasst hatte, sich
mit blosser Pflanzenkost zu begnügen, aber er gestand, dass er dem Geruch der
Fleischspeisen nicht habe widerstehen können, die man an seinem Zimmer vorbei
den anderen auftrug. Das ist ohne Zweifel eine schmähliche Schwäche, aber so
sind die Menschen nun einmal angetane Wenn indessen der Geist seiner Vorteile
sich recht bedienen wollte, so würde er den entschiedensten Sieg davontragen.
Man müsste mit der Erziehung den Anfang machen, welche in der Art geregelt werden
sollte, dass man die wahren Güter und die wahren Übel, so viel als möglich ist,
zur Empfindung brühte, indem man die über sie gebildeten Begriffe auf die zu
diesem Zweck möglichst passenden Umstände anwendete, und ein schon Erwachsener,
dem eine solche treuliche Erziehung fehlt, muss lieber spät als niemals
erleuchtete und vernünftige Vergnügungen zu suchen beginnen, um sie denen der
Sinne, welche verworren, aber eindringlich sind, entgegenzusetzen. Auch ist in
der Tat die göttliche Gnade selbst eine Lust, welche Erleuchtung verleiht. Wenn
also ein Mensch gute Regungen hat, so muss er sich für die Zukunft Gesetze und
Regeln machen und sie mit Strenge durchführen, sich den Umständen, welche ihn
verderben könnten, entziehen, sei es auf einmal oder allmählich, je nach der
Natur der Sache. Eine ganz besonders zu diesem Zweck unternommene Reise kann
einen Verliebten heilen, ein Rückzug in die Einsamkeit uns vom Umgang befreien,
welcher uns in irgend einer schlechten Neigung festielt. Der Jesuitengeneral
Franz von Borgia, welcher schliesslich kanonisiert worden ist, war gewohnt, stark
zu zechen, als er noch in der grossen Welt lebte; nach und nach aber, als er sich
zurückzuziehen gedachte, gewöhnte er sich an Mässigkeit, indem er täglich einen
Tropfen Wachs in den Pokal tröpfelte, welchen er zu leeren gewohnt war.
Gefährlichen sinnlichen Vergnügungen muss man irgend ein anderes unschuldiges
sinnliches Vergnügen, wie Ackerbau oder Gärtnerei, entgegensetzen, man muss den
Müssiggang fliehen, Merkwürdigkeiten der Natur und der Kunst sammeln, Erfahrungen
und Untersuchungen machen, sich zu einer Beschäftigung, der man sich nicht
entziehen darf, verpachten, wenn man keine hat, oder irgend eine nützliche und
angenehme Unterhaltung oder Lektüre anstellen. Mit einem Worte: man muss die
guten Regungen als Gottes Stimme, die uns ruft, benutzen, um wirksame Beschlüsse
zu fassen. Und da man nicht immer die Begriffe, die wahren Güter und die wahren
Übel bis zur Wahrnehmung der in ihnen entaltenen Lust und des in ihnen
entaltenen Schmerzes, nm davon ergriffen zu werden, analysieren kann, so muss
man es sich ein für allemal zum Gesetz machen, auf die Schlüsse der gesunden
Vernunft zu achten und ihnen zu folgen, nachdem man sie einmal gut begriffen
hat, selbst wenn man sich ihrer in der Folge und gewöhnlich nicht oder nur
mittels tauber und von sinnlichen Reizen entblösster Gedanken bewusst ist. Dadurch
wird man sich endlich ebensosehr in den Besitz der Herrschaft über die
Leidenschaften als über die unmerklichen Neigungen oder Unruhen setzen, indem
man jene Wertigkeit erlangt, der Vernunft gemäss zu handeln, welche die Tugend
angenehm und gleichsam natürlich machte Aber es handelt sich hier nicht darum,
moralische Vorschriften oder geistliche Ratschläge und Aufforderungen zur Übung
wahrer Frömmigkeit zu erteilen, es ist genug, dass bei der Betrachtung der
Vorgänge in unserer Seele die Quelle unserer Schwächen, deren Erkenntnis zu
gleicher Zeit die Heilmittel dagegen gewährt, erblickt werde.
    § 36. Philaletes. Die uns in der Gegenwart bedrängende Ursache wirkt allein
auf den Willen und bestimmt ihn auf natürliche Weise hinsichtlich des Glückes,
nach dem wir alle in allen unseren Handlungen streben, weil jeder den Schmerz
und die uneasiness (d.h. die Unruhe oder vielmehr Unannehmlichkeit, welche uns
nicht zum Gefühl der Behaglichkeit kommen lässt) als mit der Glückseligkeit
unverträgliche Dinge ansieht. Ein geringer Schmerz reicht hin, alles Vergnügen,
dessen wir geniessen, zu verderben, folglich wird, was die Wahl unseres Willens
zur folgenden Handlung unaufhörlich bestimmt, immer die Entfernung des Schmerzes
sein, solange wir noch einen Angriff desselben fühlen; diese Entfernung ist der
erste Schritt zum Glück.
    Teophilus. Wenn Sie Ihre uneasiness oder Unruhe für eine wahre Unlust
nehmen, so gebe ich nicht zu, dass sie die alleinige Triebfeder sei. Dies sind am
häufigsten jene geringen unmerklichen Wahrnehmungen, welche man unbewusste
Schmerzen nennen könnte, wenn der Begriff des Schmerzes nicht das Bewusstsein
einschlösse. Diese kleinen Anregungen bestehen darin, sich fortwährend von
kleinen Hemmungen zu befreien, woran unsere Natur, ohne dass man daran denkt,
immer arbeitet. Darin besteht in Wahrheit jene Unruhe, die man, ohne sie zu
erkennen, empfindet, die uns in den Leidenschaften ebensogut, als wenn wir am
ruhigsten erscheinen, tätig macht, denn wir sind niemals ohne irgendwelche
Handlung und Bewegung, was nur daher kommt, dass die Natur immer darauf
hinarbeitet, sich in einen befriedigenderen Zustand zu versetzen. Und sie
bestimmt uns denn auch vor jeder Beratschlagung in denjenigen Fällen, welche uns
die gleichgültigsten scheinen, weil wir niemals vollkommen im Gleichgewicht sind
und nie zwischen zwei Fällen genau in der Mitte uns beenden können. Wenn uns
diese Elemente des Schmerzes (die in wahren Schmerz oder in wahre Unlust
mitunter ausarten, wenn sie zu sehr anwachsen) wahre Schmerzen wären, so würden
wir stets elend sein, indem wir das Gute, das wir mit Unruhe und Eifer suchen,
verfolgen. Aber es findet ganz das Gegenteil statt, indem, wie ich darüber schon
gesagt habe (§ 6 des vorigen Kapitels), die Anhäufung dieser kleinen beständigen
Erfolge der Natur, die sich immer je mehr und mehr bequem macht, indem sie auf
das Gute hinzielt und dessen Schattenbild geniesst oder das Gefühl des Schmerzes
vermindert, selbst schon eine bedeutende Lust und oft mehr wert ist, als der
Genuss eines Gutes selbst. Weit entfernt also, dass man diese Unruhe als etwas mit
dem Glück Unverträgliches betrachten darf, finde ich sie vielmehr als zum Glück
der erschaffenen Kreaturen wesentlich. Denn diese besteht niemals in einem
vollkommenen Besitze, welcher sie unempfindlich und gleichsam stumpfsinnig
machen würde, sonder in einem beständigen, ununterbrochenen Fortschritt zu
grösseren Gütern, der nicht umhin kann, mit einem immerwährenden Verlangen oder
wenigstens einer unaufhörlichen Unruhe verbunden zu sein, aber einer solchen,
wie ich eben erläutert habe, die nicht so weit geht, beschwerlich zu fallen,
sondern sich auf jene teilweise unbewussten Elemente oder Rudimente des Schmerzes
beschränkt, welche zum Antrieb zu dienen und den Willen zu erregen hinreichen.
Ebenso macht es bei einem gesunden Menschen der Appetit, wenn er nicht bis zu
jener Unbequemlichkeit geht, die uns ungeduldig macht und durch eine zu starke
Eingabe an die Vorstellung dessen plagt, was uns fehlt. Diese schwachen oder
starken Begehrungen nennt man in den Schulen motus primo primi sie sind in
Wahrheit die ersten Schritte, welche uns die Natur nicht sowohl auf das Glück
als die Lust zu tun lässt, da man dabei nur die Gegenwart im Auge hält, aber
Erfahrung und Vernunft lehren diese Begehrungen regeln und mässigen, damit sie
zum Glück führen mögen. Ich habe davon schon etwas gesagt (Bd. I, K. 2, § 3);
diese Begehrungen sind wie das Streben eines Steins, der zwar immer den geraden,
aber nicht immer den besten Weg gegen den Mittelpunkt der Erde zu geht, da er
nicht voraussehen kann, dass er reisen auf seinem Wege treten wird, an denen er
zerschellen muss, während er sich seinem Ziele mehr genähert haben würde, wenn er
den Geist und das Mittel, einen Umweg zu nehmen, gehabt hätte. So fallen wir
mitunter, indem wir auf eine gegenwärtige Lust gerade losgehen, in den Abgrund
des Elends. Deswegen hält uns die Vernunft dabei die Bilder grösserer zukünftiger
Güter oder Übel und einen festen Entschluss, sowie die Gewohnheit entgegen, zu
überlegen, ehe wir handeln, und dann dem zu folgen, was wir als das Beste
erkannt haben werden, selbst dann, wenn die empfindbaren Gründe unserer
Entschlüsse unserem Geiste nicht mehr gegenwärtig sein und fast nur in schwachen
Bildern oder selbst tauben Gedanken bestehen sollten, die uns nur Worte oder
Zeichen ohne tatsächliche Erklärung derselben geben. Demnach besteht alles in
dem: Bedenke es wohl und in dem: Sei eingedenk!, das erste, um sich die Gesetze
zu machen, das zweite, um ihnen selbst dann zu folgen, wenn man nicht mehr an
den Entstehungsgrund derselben denkt. Es ist inzwischen gut, daran so viel als
möglich zu denken, nm die Seele von einer vernunftgemässen Freude und einer
erleuchteten Lust erfüllt zu haben.
    § 37. Philaletes. Diese Vorsichtsmassregeln sind ohne Zweifel um so nötiger,
als die Vorstellung eines abwesenden Gutes die Empfindung von Unruhe und Unlust
wovon wir gerade belästigt werden, nur insofern aufwiegen können, als jenes Gut
in uns Verlangen erweckt. Wieviel Leute gibt es nicht, denen man die
unaussprechlichen Freuden des Paradieses in lebhaften Bildern darstellt, welche
sie für möglich und wahrscheinlich anerkennen - die sich gleichwohl gern mit der
Glückseligkeit, deren sie in dieser Welt geniessen, begnügen würden. Weil nämlich
die Unruhe ihres gegenwärtigen Verlangens die Oberhand behält und sich der Lust
dieses Lebens mit Ungestüm zukehrt, so beschliesst ihr Wille, diese zu verfolgen,
und so sind sie mittlerweile ganz unempfindlich gegen die Güter des anderen
Lebens.
    Teophilus. Zum Teil kommt dies daher, dass die Menschen oft wenig überzeugt
sind, und im Grunde ihrer Seele, was sie auch sagen mögen, eine verborgene
Ungläubigkeit herrscht, denn sie haben nie die guten Gründe begriffen, welche
jene der Gerechtigkeit Gottes, des wahren Grundpfeilers der wahren Religion,
würdige Unsterblichkeit der Seelen, beweisen, oder sie erinnern sich nicht mehr,
sie begriffen zu haben, wovon doch das eine oder andere der Fall sein muss, damit
man überzeugt sei. Wenige fassen selbst, dass ein zukünftiges Leben, wie die
wahre Religion und selbst die wahre Vernunft ein solches lehrt, möglich sei,
weit entfernte die Wahrscheinlichkeit, um nicht zu sagen, die Gewissheit
desselben zufassen. Alles, was sie darüber denken, ist nur Psittazismus, oder es
sind grobsinnliche, eitle Bilder nach mohammedanischer Weise, denen sie selbst
wenig Glauben beimessen, denn sie sind weit entfernt, davon ergriffen zu werden,
wie es nach der Sage die Krieger des Assassinenfürsten waren, des Alten vom
Berge, welche im tiefen Schlafe an einen reizenden Ort gebracht wurden, wo sie
sich im Paradies des Mohammed wähnten und durch zu Engeln oder zu heiligen
Verkleidete solche Lehren empfingen, wie ihr Fürst sie bei ihnen wünschte, und
welche dann wieder eingeschläfert an den Ort zurückgebracht wurden, woher man
sie genommen hatte: dies gab ihnen alsdann die Kühnheit, alles zu unternehmen,
sogar Angriffe auf das Leben der Fürsten, welche ihrem Herrn feind waren. Ich
weiss nicht, ob man diesem Alten vom Berge nicht unrecht getan hat, denn man kann
eben nicht viele bedeutende dürsten nennen, die er hätte töten lassen, man müsste
denn den ihm zugeschriebenen Brief bei den englischen Geschichtschreibern in
Betracht ziehen, durch welchen er König Richard I. von der Ermordung eines
Grafen oder dürsten von Palästina freispricht, den dieser Alte vom Borge
gesteht, töten gelassen zu haben, weil er von ihm beleidigt worden war. Dem sei
nun, wie ihm wolle, es war vielleicht ein grosser Eifer für die Religion der
Grund, dass dieser Fürst der Assassinen seinen Leuten eine vorteilhafte
Vorstellung vom Paradiese geben wollte, welche deren Gedanken stets begleitete
und diese taub zu sein verhinderte, ohne darum zu verlangen, dass sie glauben
müssten, sie seien wirklich im Paradies gewesen. Aber gesetzt, dass er es verlangt
hätte, so dürfte man sich nicht wundern, dass dieser fromme Betrug mehr Wirkung
gehabt habe als die schlecht angebrachte Wahrheit. Gleichwohl würde nichts
stärker sein als die Wahrheit, wenn man sich ihrer Erkenntnis und Geltendmachung
widmete, und es würde ohne Zweifel Mittel geben, ihr die Menschen kräftig
zuzuführen. Wenn ich in Betracht ziehe, was Ehrgeiz oder Habsucht bei allen
denen vermag, die sich einmal auf solche Lebensführung eingelassen haben, welche
doch von sinnlichen und lebendigen Reizen fast ganz bar ist, so verzweifle ich
an nichts mehr und behaupte, dass die Tugend, begleitet wie sie ist von so vielen
echten Gütern, unendlich mehr Wirkung haben würde, wenn irgend eine glückliche
Umwälzung der Menschheit sie einmal empor- und sogar in die Mode bringen würde.
Es ist ganz gewiss, dass man die Tugend daran gewöhnen könnte, in der Ausübung der
Tugend ihre grösste Lust zu suchen. Und selbst die Erwachsenen könnten sich
Gesetze und eine Gewohnheit daraus machen, ihr zu folgen, was sie, wenn sie
davon abgebracht würden, ebenso stark und mit ebensoviel Unruhe, ihr
nachzuleben, veranlassen müsste, als ein Trunkenbold empfindet, wenn er ins
Wirtshaus zu gehen verhindert ist. Diese Betrachtungen über die Möglichkeit und
selbst über die Leichtigkeit der Heilmittel gegen unsere Übel habe ich gern
hinzugefügt, uni nicht dazu beizutragen, die Menschen in der Verfolgung der
wahren Güter durch die blosse Darlegung unserer Schwachheiten mutlos zu machen.
    § 39. Philaletes. Fast alles kommt darauf an, dass man das Verlangen nach
den wahren Gütern erweckt. Und selten geschieht es, dass eine freiwillige
Handlung in uns zustande kommt, ohne von irgend einem Verlangen begleitet zu
sein, darum werden der Wille und das Verlangen so oft miteinander verwechselt.
Indessen darf man die Sache nicht so ansehen, als ob die Unruhe, welche an den
meisten Leidenschaften teilhat oder wenigstens deren Folge ist, wie gänzlich
dabei ausgeschlossen sei; denn Hass, Furcht, Zorn, Neid und Scham haben jedes
seine Unruhe und wirken dadurch auf den Willen. Dass irgend eine dieser
Leidenschaften ganz allein bestehe, bezweifle ich; ich glaube sogar, dass man
Mühe haben würde, eine Leidenschaft zu finden, die nicht vom Verlangen begleitet
wäre. Und da unsere Ewigkeit nicht vom gegenwärtigen Augenblick abhängt, so
werfen wir unseren Blick, welches auch die Lust sein möge, die wir gerade
geniessen, über das Jetzt hinaus, und das Verlangen, das diese die Zukunft im
voraus umfassenden Anschauungen begleitet, zieht den Willen immer nach sich, so
dass selbst inmitten der Freude der Wunsch, die Lust fortzusetzen und die Furcht,
derselben beraubt zu werden, die Handlung unterhält, von der diese gegenwärtige
Lust abhängt, und so oft eine grössere Unruhe als jene sich des Geistes zu
bemächtigen kommt, bestimmt sie sogleich den Geist zu einer neuen Handlung, und
die gegenwärtige Lust wird hintangesetzt.
    Teophilus. Zur Bildung eines vollkommenen Willensaktes gehören mehrere
Wahrnehmungen und Neigungen, aus deren Kampf er als Resultat hervorgeht. Es gibt
darunter solche, die für sich nicht wahrzunehmen sind, deren Zusammenwirken eine
Unruhe erzeugt, die uns, ohne dass man den Grund davon sieht, vorwärts treibt;
mehrere von ihnen zusammengenommen lenken uns auf einen Gegenstand zu oder
entfernen uns von ihm, und das ist dann Verlangen oder Furcht, die auch von
einer Unruhe begleitet sind, aber niemals bis zur Lust geht. Endlich gibt es
Antriebe, die von Lust und Schmerz tatsächlich begleitet sind, und alle diese
Wahrnehmungen sind entweder neue sinnliche Empfindungen oder Phantasiebilder,
welche eine frühere sinnliche Empfindung zurückgelassen hat und die mit
Wiedererinnerung verbunden sind oder nicht. Diese, indem sie die Reize erneuern,
welche eben diese Bilder bei jenen früheren sinnlichen Empfindungen hatten,
erneuern auch nach Massgabe der Lebendigkeit der Einbildungskraft die alten
Eindrücke. Und endlich folgt aus allen diesen Antrieben jene durchschlagende
Kraftanstrengung, welche den vollen Willen ausmacht. Indessen werden die Akte
des Verlangens und die Strebungen, deren man sich bewusst ist, oft auch
Willensakte genannt, wenn auch nicht volle, mögen sie nun das Übergewicht
erhalten und uns zum Handels bringen oder nicht. Daraus lässt sich leicht
schliessen, dass der Willensakt ohne Verlangen und ohne Abkehr nicht bestehen
kann, denn so, glaube ich, kann man das Gegenteil des Verlangens nennen. Die
Unruhe ist nicht allein mit den unbequemen Leidenschaften verbunden, wie dem
Hass, der furcht, dem Zorn, dem Neide, der Scham, sondern auch mit den
entgegengesetzten, wie der Liebe, der Hoffnung, der Gunst und dem Ruhm. Man kann
sagen, dass überall, wo Verlangen ist, auch Unruhe sei, aber das Gegenteil ist
nicht immer wahr, weil man oft Unruhe hat, ohne zu wissen, was man will, und
dann das Verlangen noch nicht fertig ist.
    § 40. Philaletes. Gewöhnlich bestimmt die stärkst Unruhe, von der man sich
dann zu befreien imstande zu sein glaubt, den Willen zur Handlung.
    Teophilus. Da das Resultat des Abwägens die schliessliche Entscheidung
ergibt, so kann es, glaube ich, geschehen, dass die stärkste Unruhe nicht das
Übergewicht erhält, denn wenn sie auch einer jeden der entgegengesetzten
Strebungen, sie einzeln genommen, überlegen wäre, so können doch die übrigen,
miteinander verbunden, sie übersteigen. Der Geist kann sogar des Kunstgriffs der
Dichotomien sich bedienen, um bald die einen, bald die anderen vorherrschend zu
machen, wie man in einer Versammlung irgend eine Partei durch die Mehrheit der
Stimmen vorherrschend machen kann, je nachdem man die Ordnung der Fragen bildet.
Allerdings muss der Geist schon im voraus dafür sorgen, denn im Augenblick des
Kampfes ist es nicht mehr Zeit, diese Kunstgriffe anzuwenden. Alles, was sich
dann im Innern meldet, drückt auf die Wage und trägt dazu bei, eine Richtung zu
bilden, die beinahe wie in der Mechanik eine zusammengesetzte ist und sich ohne
eine schleunige Abwehr nicht aufhalten lässt.
 Fertur equis auriga nec audit currus habenas.
    § 41. Philaletes. Fragt man ausserdem, was denn das Verlangen errege, so
antworten wir: das Glück und weiter nichts. Das Glück und das Unglück sind die
Namen der beiden äussersten Punkte, deren letzte Grenzen uns unbekannt sind. Sie
sind, was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört und das Herz des Menschen niemals
begriffen hat. Aber wir erhalten in unserem Inneren lebhafte Eindrücke von dem
einen und dem anderen durch verschiedene Arten von Befriedigung und Freude, von
Qual und Verdruss, die ich der Kürze wegen unter den Namen der Lust und des
Schmerzes begreife. Diese kommen dem Geiste ebensogut als dem Körper zu oder
gehören genauer zu reden nur dem Geiste an, obgleich sie bald im Geiste bei
Gelegenheit gewisser Gedanken, bald im Körper bei Gelegenheit gewisser
Modifikationen der Bewegung ihren Ursprung haben.
    § 42. So ist das Glück in seinem ganzen Umfang genommen die grösste Lust,
deren wir fähig sind, und das Unglück ebenso genommen der grösste Schmerz, den
wir fühlen können. Und der unterste Grad dessen, was man Glück nennen kann, ist
derjenige Zustand, wo man, von jedem Schmerze frei, ein solches Mass
gegenwärtiger Lust geniesst, dass man mit einem geringeren nicht zufrieden sein
kann. Ein Gut nennen wir das, was in uns Lust hervorzubringen und ein Übel das,
was in uns Schmerz hervorzubringen geeignet ist. Indessen geschieht es häufig,
dass wir es nicht so nennen, wenn das eine oder andere dieser Güter oder Übel
sich mit einem grösseren Gute oder grösseren Übel in Wettstreit beendet.
    Teophilus. Ich weiss nicht, ob eine grösste Lust möglich ist, und möchte
vielmehr glauben, dass sie bis ins Unendliche wachsen kann, denn wir wissen
nicht, bis wohin unsere Erkenntnisse und Organisation in jener ganzen Ewigkeit,
die uns erwartet, gelangen können. Ich möchte also annehmen, dass das Glück eine
dauernde Lust sei, die ohne ein beständiges Fortschreiten zu immer neuer Lust
nicht stattfinden kann. So wird von zweien, von denen der eine unvergleichlich
schneller und durch grössere Lust als der andere fortschreitet, ein jeder in sich
selbst glücklich sein, obgleich ihr Glück sehr ungleich sein mag. Das Glück ist
also, um so zu sagen, ein Weg von Lust zu Lust, und die Lust ist nur ein Schritt
und eine Annäherung zum Glück - der kürzeste, der sich infolge der jedesmaligen
Eindrücke machen lässt, aber nicht immer der beste, wie ich gegen das Ende des §
36 gesagt habe. Man kann den wahren Weg verfehlen, indem man den kürzesten
aufsucht, wie der gradeaus fallende Stein nur zu bald Hindernissen begegnen
kann, die ihn verhindern, sich dem Mittelpunkt der Erde hinlänglich anzunähern.
Dies lässt uns erkennen, worin Vernunft und Wille bestehen, die uns zum Glucke
führen, dass aber das Gefühl und die Begierde uns nur der Lust zuführen. Obgleich
nun die Lust, ebensowenig wie das Licht oder die Farbe, eine Nominaldefinition
zulässt, so lässt sie doch wie sie eine genetische Definition zu; und so glaube
ich, dass die Lust im Grunde genommen ein Gefühl der Vollkommenheit und der
Schmerz ein Gefühl der Unvollkommenheit ist, wenn er nämlich so weit merklich
ist, dass man sich desselben bewusst werden kann. Denn die kleinen unmerklichen
Wahrnehmungen irgend einer Vollkommenheit oder Unvollkommenheit, die gleichsam
die Elemente von Lust und Schmerz sind, und von denen ich schon so oft
gesprochen habe, bilden die Triebe und Neigungen, aber noch nicht die
Leidenschaften selbst. So gibt es unmerkliche und unbewusste Neigungen, so gibt
es merkliche, deren Vorhandensein und Gegenstand man kennt, deren Bildung man
aber nicht merkt, und das sind die verworrenen Neigungen, die wir dem Körper
zuschreiben, obgleich immer etwas dabei ist, was im Geists damit parallel geht,
endlich gibt es deutliche Empfindungen, welche die Vernunft uns verleiht, deren
Stärke und Bildung wir empfinden; und die Freuden dieser Art, welche mit der
Erkenntnis und Erzeugung von Ordnung und Harmonie verbunden sind, sind die
schätzbarsten. Man hat Grund zu erklären, dass im allgemeinen alle diese
Neigungen, Leidenschaften, diese Freuden und Schmerzen nur dem Geiste oder der
Seele angehören; ich möchte sogar hinzufügen, dass ihr Ursprung in der Seele
selbst liegt, wenn man die Dinge in einem gewissen streng metaphysischen Sinne
nimmt, dass man aber nichtsdestoweniger zu sagen recht hat, die verworrenen
Gedanken kämen vom Körper her, weil über sie die Betrachtung des Körpers und
nicht die der Seele etwas Bestimmtes und Erklärliches bietet. Ein Gut ist das,
was zur Lust dient oder beiträgt, wie ein Übel das, was zum Schmerz beiträgt.
Aber im Kampfe mit einem grösseren Gut würde dasjenige Gut, das uns desselben
berauben würde, in Wahrheit ein Übel werden, insofern es zu dem Schmerze
beitragen würde, der daraus hervorgehen müsste.
    § 47. Philaletes. Die Seele hat die Macht, den Vollzug einiger dieser
Begierden aufzuschieben, und besitzt folglich die Freiheit, sie eine nach der
anderen zu betrachten und miteinander zu vergleichen. Darin besteht die Freiheit
des Menschen und was wir (freilich meines Erachtens nach sehr uneigentlich) die
Willkür nennen; und der schlechte Gebrauch, den wir davon machen, ist die
Ursache aller der verschiedenen Verirrungen, Irrtümer und Fehler, in welche wir
fallen, wenn wir unseren Willen zu schnell oder zu langsam entscheiden.
    Teophilus. Die Ausübung unserer Begierde wird aufgeschoben oder
aufgehalten, wenn diese Begierde nicht stark genug ist, uns in Bewegung zu
setzen und die Mühe oder Unbequemlichkeit bei ihrer Befriedigung zu überwinden;
und diese Mühe besteht mitunter nur in einer unmerklichen Trägheit oder
Schlaffheit, welche uns unvermerkt zurückhält und welche grösser ist bei Personen
von weichlicher Erziehung oder phlegmatischem Temperament und bei solchen,
welche durch das Alter oder ihre schlechten Erfolge verkümmert sind. Aber auch
wenn das Verlangen an sich stark genug ist, um in Bewegung zu setzen, wenn ihm
nichts in den Weg tritt, so kann es durch entgegengesetzte Neigungen aufgeholten
werden, mögen sie nun in einem blossen Hange bestehen, der gleichsam der Urstoff
oder der Anfang des Verlangens ist, oder sei es, dass sie bis zum Verlangen
selbst gehen. Da sich indessen diese entgegengesetzten Arten von Neigung, Hang
und Verlangen schon in der Seele vorfinden müssen, so hat sie dieselben nicht in
ihrer Macht und würde folglich nicht auf eine freie und spontane Weise, woran
die Vernunft teilhaben kann, Widerstand leisten können, wenn sie nicht noch ein
anderes Mittel hätte, nämlich den Geist anderswohin abzulenken. Wie soll man es
aber anfangen, im Notfalle dies zu tun? Denn das ist gerade der Punkt, vor
allem, wenn man von einer starken Leidenschaft erfüllt ist. Der Geist muss also
im voraus gerüstet sein und sich schon im Gange beenden, von Gedanken zu
Gedanken fortzuschreiten, um sich nicht mit ausgleitendem und unsicherem Tritt
zu sehr aufzuhalten. Es ist darum gut, sich im allgemeinen anzugewöhnen, an
gewisse Dinge gleichsam nur im Vorübergehen zu decken, um sich die
Geistesfreiheit besser zu erhalten. Das Beste aber ist, an metodisches Vorgehen
sich zu gewöhnen und in einen Gedankengang einzuleben, dessen Verbindung die
Vernunft und nicht der Zufall (d.h. die unmerklichen und zufälligen Eindrücke)
stiften. Und darum ist die Gewohnheit gut, sich von Zeit zu Zeit zu sammeln und
sich über den jedesmaligen Tumult der Eindrücke zu erhebe sich von der Stelle,
wo man sich gerade beendet, sozusagen zu entfernen und sich zu sagen: Die cur
hic? respice finem! wo sind wir denn? Schreiten wir zur Tat? Die Menschen hätten
oft jemand mit einer Art amtlicher Befugnis nötig (wie Philipp, der Vater
Alexanders des Grossen, einen solchen hatte), um sie zu unterbrechen und sie zu
ihrer Reicht zurückzurufen. Aber in Ermangelung eines solchen Beamten ist es
gut, dass wir dazu angetan seien, dies Amt für uns selbst zu übernehmen. Denn
sind wir einmal imstande, die Wirkung unserer Begierden und Leidenschaften
aufzuhalten d.h. die Handlung aufzuschieben, so können wir auch die Mittel
finden, sie zu bekämpfen, sei es durch entgegengesetzte Begierden und Neigungen,
sei es durch Abkehr, d.h. durch Beschäftigungen anderer Art. Durch diese
Verfahrungsweisen und Kunstgriffe werden wir gleichsam Herren unserer selbst und
können uns mit der Zeit dazu bringen, zu denken und zu handeln, wie wir zu
wollen wünschen und die Vernunft uns gebietet. Indessen geschieht es immer durch
bestimmte, gewiesene Wege und niemals ohne Grund oder etwa durch das
phantastische Prinzip einer vollkommenen Indifferenz oder eines Gleichgewichts,
in welches manche das Wesen der Freiheit setzen, als ob man sich ohne Grund und
selbst gegen jeden Grund bestimmen und geradezu gegen alles Übergewicht der
Eindrücke und Neigungen angehen könnte. Ohne Grund, sage ich, d.h. ohne den
Gegensatz anderer Neigungen, oder ohne dass man im voraus im Zuge sei, den Geist
davon abzuwenden und ohne irgend ein anderes ähnliches erklärliches Mittel.
Sonst hiesse das zu einer Chimäre seine Zuflucht nehmen, wie bei den blossen
Vermögen oder verborgenen Eigenschaften der Scholastiker, die keinen Sinn und
Verstand haben, der Fall war.
    § 48. Philaletes. Auch ich bin für diese vernunftgemässe Bestimmung des
Willens durch das, was in der Wahrnehmung und im Verstände ist. Zu wollen und
dem letzten Resultate einer ernstlichen Prüfung gemäss zu handeln, ist eher eine
Vollkommenheit als ein Fehler unserer Natur. Und so viel fehlt daran, dass
dadurch unsere Freiheit erstickt oder verkürzt werde, dass sie vielmehr gerade
dadurch vollkommener und vorteilhafter wird. Auch sind wir, je mehr wir uns von
dieser Weise, uns zu bestimmen, entfernen, desto näher dem Unglück und der
Knechtschaft. Setzt man im Geiste eine vollständige und absolute Indifferenz,
die durch ein letztes Urteil über das, was Gut und Böse sein soll, nicht
bestimmt werden kann, so bringt man ihn in einen sehr unvollkommenen Zustand.
    Teophilus. Alles das ist ganz nach meinem Sinne und zeigt, dass der Geist
nicht eine volle und direkte Macht habe, seine Begierden stets anzuhalten, denn
sonst würde er niemals sich bestimmen, soviel er auch Prüfungen anstellen und so
gute Gründe oder wirksame Gedanken er haben möchte - er würde immer
unentschlossen bleiben und zwischen Furcht und Hoffnung ewig schwanken. Endlich
muss er sich doch entschliessen, und daher kann er sich seinen Begierden nur
indirekt widersetzen, indem er sich im voraus die Waffen bereitet, welche sie,
wie ich eben erklärt habe, nach Bedürfnis bekämpfen.
    Philaletes. Indes besitzt der Mensch die Freiheit, seine Hand auf den Kopf
zu legen oder sie in Ruhe zu lassen. Er ist vollständig gleichgültig in Hinsicht
auf das eine und das andere von beiden, und es würde bei ihm eine
Unvollkommenheit sein, wenn diese Macht ihm fehlte.
    Teophilus. Genau zusprechen, ist man niemals gleichgültig in Hinsicht auf
zwei Dinge, z.B. sich nach rechts oder links zu wenden, denn wir tun das eine
oder andere, ohne daran zu denken, und es ist das ein Zeichen, dass ein
Zusammenwirken innerer Zustände und äusserer Eindrücke (wenngleich unmerklich)
uns zu der Entscheidung, die wir ergreifen, bestimmt, freilich ist das
Übergewicht nur gering, und fast sieht es aus, als ob wir in dieser Hinsicht
gleichgültig wären, da der geringste sinnlich wahrnehmbare Gegenstand, der sich
uns darbietet, imstande ist, uns ohne Schwierigkeit zu dem einen statt zum
anderen zu bestimmen; und mag es auch eine kleine Mühe sein, den Arm zu erheben,
um die Hand auf den Kopf zu legen, so ist sie doch so gering, dass wir sie ohne
Schwierigkeit überwinden; sonst gestehe ich, würde es eine grosse
Unvollkommenheit sein, wenn der Mensch dabei weniger gleichgültig wäre und ihm
die Macht fehlte, sich bis zum Erheben oder Nichterheben des Armes zu bestimmen.
    Philaletes. Nicht weniger aber würde es eine grosse Unvollkommenheit sein,
wenn er dieselbe Gleichgültigkeit in allen Begegnissen hätte, wie z.B. wenn er
Kopf oder Augen vor einem Schlage schützen wollte, von dem er sich bedroht sähe,
d.h. wenn es ihm eben so leicht wäre, diese Bewegung wie die anderen, von denen
wir gesprochen haben, anzuhalten, bei denen es fast gleichgültig ist, denn das
würde bedeuten, dass er nicht kräftig und schnell genug im Notfalle dazu
schreiten würde. Also ist das Bestimmtwerden für uns nützlich und sehr oft sogar
notwendig, und wenn wir bei jeder Art von Begegnungen wenig bestimmt und
gleichsam gegen die Gründe unempfindlich wären, die aus der Wahrnehmung von Gut
und Schlimm stammen, so würden wir ohne wirksame Wahl sein - ebenso wie wir
nicht frei sein würden, wenn wir durch etwas anderes als durch das letzte, in
unserem Geiste gemäss unserem Urteil über das Gute und Böse einer gewissen
Handlung gebildete Resultat bestimmt würden.
    Teophilus. Das ist vollständig wahr, und wer eine andere Freiheit sucht,
weiss nicht, was er will.
    § 49. Philaletes. Die höheren Wesen, welche eine vollkommene Glückseligkeit
geniessen, werden stärker als wir zur Wahl des Guten bestimmt, und wir haben
gleichwohl keinen Grund, uns vorzustellen, dass sie weniger frei seien als wir.
    Teophilus. Deswegen sagen die Teologen, dass diese seligen Wesen im Guten
befestigt und von jeder Gefahr des Falles frei sind.
    Philaletes. Ich glaube sogar, dass, wenn es so armseligen Geschöpfen, wie
wir sind, darüber zu urteilen zukäme, was eine unendliche Weisheit und Güte tun
kann, wir sagen könnten, dass Gott selbst nichts wählen könnte, was nicht gut
ist, und dass die Freiheit dieses allmächtigen Wesens es nicht verhindert, durch
das, was das Beste ist, bestimmt zu werden.
    Teophilus. Ich bin von dieser Wahrheit dergestalt überzeugt, dass ich
glaube, wir können sie dreist als gesichert behaupten, so armselige und
beschränkte Kreaturen wir immer sein mögen, und würden sogar sehr unrecht tun,
daran zu zweifeln, denn wir würden eben dadurch seiner Weisheit, Güte und seinen
übrigen unendlichen Vollkommenheiten Abbruch tun. Indessen darf diese Wahl, so
sehr sie auch durch den Willen bestimmt sein mag, doch nicht im eigentlichen
Sinne absolut notwendig genannt werden, da das Übergewicht der bewussten Güter
den Willen lenkt, ohne ihn mit Notwendigkeit zu zwingen, mag auch, alles in
Betracht gezogen, diese Lenkung bestimmend sein und niemals ihre Wirkung
hervorzubringen verfehlen.
    § 50. Philaletes. Durch die Vernunft zum Besten bestimmt werden, heisst am
freisten sein. Wer würde deswegen geistesschwach sein wollen, weil ein
Geistesschwacher durch weise Überlegungen weniger bestimmt wird als ein Mensch
von gesundem Geister Wenn die Freiheit darin besteht, das Joch der Vernunft
abzuschütteln, so sind die Narren und Unsinnigen allein frei aber ich glaube
nicht, dass aus Liebe zu einer solchen Freiheit jemand ein Narr werden möchte,
den ausgenommen, welcher es schon ist.
    Teophilus. Heutzutage gibt es Leute, welche es für geistreich halten, gegen
die Vernunft zu predigen und sie als eine unbequeme Pedantin zu behandeln. Ich
sehe kleine Broschüren, inhaltlose Gespräche, die sich damit gross tun, und
mitunter sogar Verse, welche zu schön sind, um zu so unrechten Gedanken
gebraucht zu werden. Wenn diejenigen, welche die Vernunft verspotten, im ernste
redeten, so wäre das in der Tat eine neue, den vergangenen Jahrhunderten
unbekannte Verirrung. Gegen die Vernunft sprechen, heisst gegen die Wahrheit
sprechen, denn die Vernunft ist die Verkettung von Wahrheiten. Es heisst gegen
sich selbst sprechen, gegen sein eigenes Wohl, da der Hauptzweck der Vernunft
darin besteht, es zu erkennen und ihm nachzuleben.
    § 51. Philaletes. So wie also die höchste Vollkommenheit eines vernünftigen
Wesens darin besteht, sich sorgfältig und beständig der Verfolgung seines wahren
Glückes zu widmen, so ist die Sorge, welche wir anwenden müssen, nm nicht eine
eingebildete Glückseligkeit für eine wirkliche zu nehmen, der Grund unserer
Freiheit. Je mehr wir zur unablässigen Verfolgung des Glückes im allgemeinen
verbunden sind, das niemals der Gegenstand unseres Verlangens zu sein aufhört,
desto mehr findet sich unser Wille von der Notwendigkeit entbunden, durch das
Verlangen bestimmt zu werden, das uns auf irgend ein besonderes Gut hinrichtet,
bis wir untersucht haben, ob es sich auf unser wahres Glück bezieht oder dagegen
ist.
    Teophilus. Das wahre Glück sollte immer der Gegenstand unseres Verlangens
sein, aber man muss zweifeln, ob es das sei: denn oft denkt man nicht daran, und
ich habe schon mehr als einmal bemerkt, dass der Trieb - es sei denn, dass er
durch die Vernunft gelenkt wird, - auf die gerade gegenwärtige Lust und nicht
auf das Glück d.h. auf die dauernde Lust geht, mag er auch danach streben, sie
dauerhaft zu machen. (Siehe §§ 36 und 41.)
    § 53. Philaletes. Wenn irgend eine ausserordentlich starke Störung sich
unserer Seele ganz bemächtigt, wie z.B. der Schmerz einer grausamen Tortur sein
würde, so sind wir nicht hinlänglich Herren unseres Geistes. Um indessen unsere
Leidenschaften so viel als möglich zu mässigen, müssen wir unseren Geist den
Geschmack an dem wirklichen und wirksamen Guten und Schlimmen annehmen lassen
und nicht zugeben, dass ein vortreffliches und bedeutendes Gut unserem Geiste
entgehe, ohne ihm einigen Geschmack zurückzulassen, bis wir in uns ein seiner
Vortrefflichkeit entsprechendes Verlangen erweckt haben, dergestalt, dass dessen
Abwesenheit uns ebensogut ruhig macht, als die furcht es zu verlieren, wenn wir
es geniessen.
    Teophilus. Dies kommt ganz mit den Bemerkungen überein, welche ich bei den
§§ 31 - 35 gemacht habe, und mit dem, was ich mehr als einmal über die
erleuchteten Lustgefühle gesagt habe, woraus man erkennt, wie sie uns
vervollkommnen, ohne uns in die Gefahr einer grösseren Unvollkommenheit zu
bringen, wie die verworrenen Lustgefühle der Sinne. Vor diesen letzteren muss man
sich hüten, besonders wenn man nicht durch die Erfahrung erkannt hat, dass man
sich derselben auf sichere Weise bedienen kann.
    Philaletes. Niemand sage dabei, dass er seine Leidenschaften nicht
beherrschen, noch verhindern könne, dass sie ausbrechen und ihn zum handeln
zwingen; denn was er in Gegenwart eines Fürsten oder eines angesehenen Cannes
tun kann, das kann er auch, wenn er will, falls er allein oder in Gottes
Gegenwart ist.
    Teophilus. Diese Bemerkung ist sehr gut und verdient, dass man oft darüber
nachdenke.
    § 54. Philaletes. Indessen beweisen die verschiedenen Wahlen, welche die
Menschen in dieser Welt vornehmen, dass nicht dasselbe für jeden von ihnen gleich
gut ist. Und wenn die Interessen der Menschen sich nicht über dies Leben hinaus
erstreckten, so würde die Ursache dieser Verschiedenheit - welche z.B. bewirkt,
dass die einen sich in Luxus und Schwelgerei stürzen und die anderen die
Mässigkeit der Wollust vorziehen - einzig daher kommen, dass sie ihr Glück in
verschiedene Dinge setzen.
    Teophilus. Sie kommt auch jetzt noch daher, obgleich alle diesen
gemeinsamen Vorwurf des zukünftigen Lebens vor den Angen haben oder haben
müssen. Allerdings würde die Betrachtung des wahren Glückes, selbst dieses
Lebens, hinreichen, nm die Tugend den uns von ihr entfernenden Wollüsten
vorzuziehen, obwohl die Verpflichtung weder so stark noch so entscheidend dabei
sein würde. Auch das ist wahr, dass der Geschmack der Menschen verschieden ist,
und man sagt, über den Geschmack dürfe man nicht streiten. Aber da er nur in
verworrenen Wahrnehmungen besteht, so darf man sich ihm nur in bezug auf solche
Dinge hingeben, die man als sittlich gleichgültig und unschädlich erprobt hat;
sonst würde es z.B. lächerrlich sein zu sagen, wenn jemand an Giften Geschmack
fände, die ihn töten oder elend machen würden, dürfe man ihm seinen Geschmack
nicht streitig machen.
    § 55 Philaletes. Wenn es jenseits des Grabes nichts zu hoffen gibt, so ist
ohne Zweifel jener Schluss sehr richtig: Lasset uns essen und trinken, lasst uns
alles geniessen, was uns Freude macht, denn morgen sind wir tot.
    Teophilus. Meiner Meinung nach lässt sich über diesen Schluss noch manches
sagen. Aristoteles und die Stoiker und mehrere andere alte Philosophen waren
anderer Ansicht, und ich glaube in der Tat, dass sie recht hatten. Wenn es auch
nichts jenseits dieses Lebens gäbe, so würde dennoch die Ruhe der Seele und die
Gesundheit des Körpers darum nichtsdestoweniger den ihnen schädlichen
Vergnügungen vorzuziehen sein. Dass ein Gut nicht immer dauern wird, ist kein
Grund, es zu vernachlässigen. Ich gestehe aber, dass es Fälle gibt, wo man
unmöglich beweisen kann, dass das Ehrenvollste zugleich auch das Nützlichste ist.
Also ist es allein die Rücksicht auf Gott und die Unsterblichkeit, welche die
Verpflichtungen zur Tugend und zur Gerechtigkeit absolut unentbehrlich macht.
    § 58. Philaletes. Mir scheint, dass das jedesmalige Urteil über Gut und
Schlimm, das wir fällen, stets das richtige ist. Und was das gegenwärtige Glück
oder gegenwärtige Unglück betrifft, so wählt der Mensch, wenn die Reflexion
nicht weitergeht und alle Folgen gänzlich beiseite gesetzt werden, niemals
falsch.
    Teophilus. Das heisst, wenn alles auf diesen gegenwärtigen Augenblick sich
beschränkte, so würde es keinen Grund geben, die sich darbietende Lust
zurückzuweisen. In der Tat habe ich darüber schon bemerkt, dass jede Lust ein
Gefühl der Vollkommenheit ist. Aber es gibt gewisse Vollkommenheiten, welche
grössere Unvollkommenheiten nach sich ziehen. Wenn sich jemand z.B. sein ganzes
Leben damit beschäftigte, Erbsen gegen Nadeln zu werfen, um zu lernen, ihre Öhre
nicht zu verfehle, nach dem Vorbilde dessen, dem Alexander der Grosse zur
Belohnung einen ganzen Scheffel Erbsen geben liess, so würde dieser Mensch zu
einer gewissen Vollkommenheit gelangen, die aber sehr winzig ist und mit so
vielen anderen sehr nötigen Vollkommenheiten, die er würde versäumt haben, nicht
in Vergleich gestellt werden kann. So muss denn die Vollkommenheit, die sich in
gewissen Lustgefühlen des Augenblicks findet, vor allem der Fürsorge für die
Vollkommenheiten weichen, welche nötig sind, damit man nicht in das Unglück
verfalle d.h. in jenen Zustand, wo man von Unvollkommenheit zu Unvollkommenheit,
von einem Schmerz zum anderen übergeht. Aber wenn es nur die Gegenwart gäbe, so
müsste man sich mit der Unvollkommenheit genügen lassen, die sich in ihr gerade
darbietet, d.h. mit der gegenwärtigen Lust.
    § 62. Philaletes. Niemand würde seinen Zustand freiwillig unselig machen,
wenn er nicht durch falsche Urteile dazu gebracht würde. Ich rede nicht von
denjenigen Täuschungen, welche die Folgen eines unüberwindlichen Irrtums sind
und kaum den Namen falscher Urteile verdienen, sondern von demjenigen falschen
Urteil, welches dem eigenen Bekenntnis nach ein solches ist, das ein jeder
darüber in seinem eigenen Innern fällen muss. - § 63. Zuerst also irrt die Seele,
wenn wir die gegenwärtige Lust oder Unlust mit einer zukünftigen Lust oder
Unlust vergleichen, die wir nach der Verschiedenheit des Abstandes hinsichtlich
unser messen - dem verlorenen Sohn ähnlich, der um des augenblicklichen Besitzes
von wenigem willen einer grossen Erbschaft, die ihm nicht entgehen konnte,
entsagte. Jeder muss dies falsche Urteil anerkennen, denn die Zukunft wird zur
Gegenwart werden und alsdann denselben Vorteil der grössten Nähe haben. Wenn in
dem Augenblick, wo der Mensch das Glas in die Hand nimmt, die Lust des Trinkens
mit dem Kopfschmerz und Magenleiden begleitet wäre, das in wenigen Stunden sich
einstellen wird, so würde er nicht im geringsten vom Wein kosten wollen. Wenn
ein so kleiner Zeitunterschied so viel Täuschung verursachen kann, so wird mit
um so viel mehr Recht eine grössere Entfernung dieselbe Wirkung haben.
    Teophilus. Zwischen der Entfernung des Ortes und der Zeit besteht eine
gewisse Übereinstimmung. Aber es findet auch der Unterschied statt, dass die
sichtbaren Gegenstände ihre Wirkung auf das Gesicht ungefähr nach Verhältnis der
Entfernung äussern, und dass hinsichtlich der zukünftigen Gegenstände, welche auf
die Phantasie und den Geist wirken, dies nicht ebenso der Fall ist. Die
sichtbaren Strahlen sind gerade Linien, die sich nach Verhältnis entfernen, aber
es gibt krumme Linien, die nach einiger Entfernung mit den geraden
zusammenzufallen scheinen und sich nicht mehr sichtbar davon entfernen, wie die
Asymptoten, deren scheinbarer Intervall von der geraden Linie verschwindet,
obgleich sie in Wirklichkeit bis ins Unendliche davon geschieden bleiben. Wir
machen sogar die Erfahrung, dass die erscheinenden Gegenstände sich nicht nach
Verhältnis des Anwachsens der Entfernung verkleinern, denn ihre Erscheinung
verschwindet gänzlich, wenn auch die Entfernung keine unendliche ist. Ebenso
geschieht es, dass eine kleine Zeitentfernung uns die Zukunft ganz entzieht, ganz
wie wenn der Gegenstand verschwunden wäre. Oft bleibt davon im Geiste nur das
Wort und jene von mir bereits besprochene Art von Gedanken übrig, die taub und
zu rühren unfähig sind, wenn man nicht metodisch und gewohnheitsmässig dafür
gesorgt hat.
    Philaletes. Ich spreche hier nicht von jener Art falschen Urteils, durch
welches das Abwesende im menschlichen Geiste nicht nur verringert, sondern
gänzlich vernichtet wird, wenn man alles, was man in der Gegenwart erreichen
kann, geniesst und dabei den Schluss macht, dass kein Übel daraus erfolgen wird.
    Teophilus. Das ist eine andere Art falschen Urteils, wenn die Erwartung des
Guten oder Bösen vernichtet ist, indem man die aus der Gegenwart gezogene Folge
leugnet oder in Zweifel zieht, aber ausserdem ist der Irrtum, welcher die
Empfindung des Zukünftigen vernichtet, dasselbe wie jenes falsche Urteil, von
dem ich bereits gesprochen habe, das nämlich von einer zu schwachen Vorstellung
der Zukunft, die man nur wenig oder gar nicht in Betracht zieht, herstammt, Man
könnte übrigens hier vielleicht zwischen schlechtem Geschmack und falschem
Urteil unterscheiden, denn oft stellt man nicht einmal die Untersuchung darüber
an, ob das zukünftige Gute vorgezogen werden müsse, und handelt nur nach dem
Eindruck, ohne sich auf die Prüfung einzulassen. Denkt man aber daran, so muss
von zwei Dingen eines geschehen, dass man entweder nicht fortfährt, genug daran
zu denken, und darüber hinweggeht, ohne die angefangene Untersuchung
weiterzuführen, oder dass man die Untersuchung verfolgt und daraus einen Schluss
zieht. Und mitunter bleibt in dem einen und anderen Fall eine mehr oder minder
grosse Reue zurück; mitunter findet sich auch ganz und gar keine formido oppositi
(Furcht des Gegenteils) oder Bedenklichkeit, sei es nun, dass der Geist sich ganz
und gar davon abwendet oder durch Vorurteile irregeleitet ist.
    § 64. Philaletes. Die beschrankte Fassungskraft unseres Geistes ist die
Ursache der falschen Urteile, die wir bei der Vergleichung der Güter und der
Übel fällen. Wir können nicht gut zweierlei Lust zugleich geniessen, und noch
weniger können wir zu einer Zeit, wo wir von Schmerz überwältigt sind, irgend
eine Lust geniessen. Ein dem Becher beigemischter bitterer Tropfen hindert uns,
dessen Süssigkeit zu schmecken. Das Übel, das Man gerade fühlt, ist uns immer das
ärgster man ruft: Lieber jeden anderen Schmerz als diesen!
    Teophilus. Bei diesem allen besteht je nach dem Temperament, je nach der
Kraft der Empfindung und den angenommenen Gewohnheiten der Menschen ein grosser
Unterschieds Ein Mensch, der die Gicht hat, kann in Freude geraten, weil ihm ein
grosses Vermögen zufällt, und ein Mensch, der in allen Vergnügungen schwimmt und
behaglich auf seinen Gütern leben könnte, wird wegen einer Ungnade bei Hofe in
Trauer gestürzt Freude und Traurigkeit entstehen aus dem Resultate oder dem
Übergewicht der Lust oder des Schmerzes, wenn eine Mischung stattfindet. Leander
achtete nicht auf die Unannehmlichkeit und die Gefahr einer nächtlichen
Schwimmfahrt durch das Meer, da die Reize der schönen Hero ihn dazu trieben. Es
gibt Leute, die wegen irgend einer Krankheit oder eines Gebrechens nicht essen
oder trinken dürfen und dennoch ihren Appetit über die Grenzen des Notwendigen
und Richtigen hinaus befriedigen. Andere sind so weichlich oder so verzärtelt,
dass sie die Vergnügungen, mit denen irgend ein Schmerz, Ekel oder eine
Unbequemlichkeit verbunden ist, von sich stossen. Es gibt Menschen, welche sich
über die gegenwärtigen mittelmässigen Schmerz-und Lustgefühle ganz hinwegsetzen
und fast nur aus Furcht oder Hoffnung handeln. Andere sind so verweichlicht, dass
sie sich über das kleinste Ungemach beklagen oder fast den hindern gleich der
kleinsten sinnliches Lust der Gegenwart nacheilen. Das sind diejenigen, denn der
Schmerz oder die Lust der Gegenwart immer die grösste scheint; sie sind wie
unbedachtsame Prediger oder Lobredner, bei denen das Sprichwort gilt: Der
Heilige, den sie loben, ist immer der grösste heilige des Paradieses. So gross
indessen die Mannigfaltigkeit unter den Menschen sein mag, so bleibt es immer
wahr, dass sie nur den gegenwärtigen Wahrnehmungen gemäss handeln, und dass, wenn
die Zukunft sie bewegt, dies entweder durch das Bild, das sie von ihr haben,
geschieht, oder durch den gefassten Entschluss und die angenommene Gewohnheit, ihr
bis auf das blosse Wort oder ein anderes willkürliches Zeichen zu folgen, ohne
davon ein Bild oder natürliches Zeichen zu haben, weil dies nicht ohne Unruhe
und mitunter ohne schmerzliche Empfindung abgehen würde, welche sie einem schon
gefassten festen Entschluss und vor allem einer Gewohnheit entgegensetzen müssten.
    § 65. Philaletes. Die Menschen sind sehr geneigt, die zukünftige Lust zu
zerkleinern und bei sich den Schluss zu machen, dass, wenn es auf die Probe
ankommen würde, sie der von ihr erregten Hoffnung oder der im allgemeinen davon
gehegten Meinung vielleicht nicht entsprechen würde. Sie haben nämlich oft aus
ihrer eigenen Erfahrung gefunden, dass nicht allein die Lust, welche andere
gepriesen haben, ihnen sehr geschmacklos erschienen ist, sondern dass auch das,
was ihnen selbst zu einer Zeit viel Lust verursacht hat, zu einer anderen sie
zurückgestossen und ihnen missfallen hat.
    Teophilus. Das sind die Ansichten besonders der Lüstlinge, aber gewöhnlich
findet man, dass die Ehrgeizigen und habsüchtigen von Ehre und Reichtum ganz
anders urteilen, obgleich sie von eben diesen Gütern, wenn sie sie besitzen, nur
einen mässigen und oft sogar sehr geringen Genuss haben, da sie immer weiter zu
eilen beschäftigt sind. Ich finde dies eine schöne Ermüdung der schöpferischen
Natur, den Menschen so viel Empfindung für das, was die Sinne so wenig berührt,
verliehen zu haben, und wenn die Menschen nicht ehrgeizig oder habsüchtig werden
könnten, so würde es im gegenwärtigen Zustand ihrer Natur schwer halten,
hinlänglich tugendhaft und vernünftig werden zu können, um trotz der Lüste des
Augenblicks, welche sie von ihrer Vollkommenheit abwendig machen, daran zu
arbeiten.
    § 66. Philaletes. Was nun diejenigen Dinge anbetrifft, welche in ihren
Folgen gut oder böse und zwar darum sind, weil sie uns Gutes oder Böses zu
verschaffen sich eignen, so urteilen wir darüber auf verschiedene Weise, indem
wir entweder urteilen, dass sie unfähig sind, uns wirklich so viel Übles
zuzufügen; oder dass die Sache, wenn auch ihre Folge von Wichtigkeit ist, nicht
so sicher sei, dass es nicht auch anders kommen oder dass Man sie wenigstens durch
irgendwelche Mittel, wie durch Fleiss, Geschicklichkeit oder Änderung des
Lebenswandels oder Reue vermeiden könnte.
    Teophilus. Wenn man unter der Wichtigkeit der Folge die des Erfolgenden
versteht, d.h. die Grösse des Guten oder des Übels, welches erfolgen kann, so muss
man, wie es mir scheint, in die vorhergehende Art des falschen Urteilens
verfallen, wo das zukünftige Gute oder Böse schlecht vorgestellt wird. So bleibt
denn nur die zweite Art von falschem Urteil übrig, um die es sich hier handelt,
nämlich die, wo die Folge in Zweifel gezogen wird.
    Philaletes. Es würde leicht sein, im einzelnen zu zeigen, dass die eben
berührten Arten des Ausweichens ebensoviel vernunftwidrige Urteile sind, jedoch
begnüge ich mich im allgemeinen zu bemerken, dass es geradezu gegen die Vernunft
handeln heisst, wenn man ein grösseres Gut gegen ein kleineres aufs Spiel setzt
(oder sich dem Unglück aussetzt, um ein kleineres Gut zu erwerben und ein
kleines Übel zu vermeiden), und zwar auf unsichere Vermutungen hin, und ehe man
eine gehörige Untersuchung angestellt hat.
    Teophilus. Da die Erwägung der Grösse der Folge und der Grösse des
Erfolgenden zwei heterogene und nicht miteinander zu vergleichende Dinge sind,
so haben sich die Moralisten bei deren Vergleichung vielfach verwirrt, wie bei
denen zutage tritt, die von der Probabilität gehandelt haben. Die Wahrheit ist,
dass hierbei, wie bei anderen disparaten und heterogenen und sozusagen aus mehr
denn einer Dimension bestehenden Schätzungen die Grösse dessen, worum es sich
handelt, aus der einen und anderen Schätzung zusammengesetzt ist und einem
Rechteck gleicht, wobei zwei Schätzungen, nämlich die der Länge und die der
Breite stattfinden, und was die Grösse der Folge und die Grade der Probabilität
anbetrifft, so fehlt uns noch derjenige Teil der Logik, der ihre Schätzung
lehren soll. So haben denn die meisten Kasuisten, welche über die Probabilität
geschrieben haben, nicht einmal deren Wesen begriffen, indem sie es mit
Aristoteles auf die Autorität gründeten, statt sie, wie sie hätten tun sollen,
auf die Wahrscheinlichkeit zu gründen, da die Autorität nur einen Teil der
Gründe ausmacht, welche die Wahrscheinlichkeit bilden.
    § 67. Philaletes. Hier einige der gewöhnlichen Ursachen dieses falschen
Urteilens. Die erste ist die Unwissenheit, die zweite die Unachtsamkeit, wenn
ein Mensch nicht einmal auf das, wovon er unterrichtet ist, merkt. Das ist eine
angenommene und augenblickliche Unwissenheit, die das Urteil ebensosehr wie den
Willen irreleitet.
    Teophilus. Sie ist stets eine augenblickliche, aber nicht immer eine
angenommene, denn man denkt nicht immer, wenn es sein muss, an das, was man weiss
und dessen Andenken man sich zurückrufen sollte, wenn man davon Herr wäre. Die
angenommene Unwissenheit ist während der Zeit, dass man sie annimmt, immer mit
einer gewissen Achtsamkeit gemischte in der Folge kann allerdings gewöhnlich
dabei Unachtsamkeit eintreten. Die Kunst, sich nach Bedürfnis dessen, was man
weiss zu bedienen, wäre eine der wichtigsten, wenn sie erfunden wäre, aber ich
sehe noch nicht, dass man bis jetzt auch nur daran gedacht habe, deren Anfänge zu
bildet denn die Gedächtniskunst, über welche so viel Autoren geschrieben haben,
ist etwas ganz anderes.
    Philaletes. Wenn man also auf der einen Seite verworren und hastig die
Gründe zusammenhält und sich dabei aus Nachlässigkeit mehrere Summen entgehen
lässt, welche einen Teil der Rechnung bilden müssen, so bringt solch eine
Übereilung nicht weniger falsche Urteile hervor, als wenn es eine vollständige
Unwissenheit gewesen wäre.
    Teophilus. Wenn es sich nm das Abwägen der Gründe handelt, ist in der Tat
vielerlei nötige um gehörig zu verfahren: es ist damit beinahe so wie bei den
Rechnungsbüchern der Kaufleute. Denn da darf man keine Summe auslassen, man muss
jede Summe besonders wohl berechnen, man muss sie wohl ordnen und endlich genau
zusammenziehen. Aber man pflegt dabei mehrere wichtige Punkte zu versäumen: sei
es, dass man überhaupt daran zu denken versäumt, sei es, dass man zu leicht
darüber hinweggeht, oder man gibt nicht jedem seinen wahren Wert, ähnlich jenem
Buchführer, der wohl Sorge trug, die Kolumnen jeder Seite richtig zu rechnen,
aber die einzelnen dummen jeder Linie oder jedes Postens sehr falsch berechnete,
ehe er sie in die Kolumne setzte, um damit die Revisoren zu täuschen, die
besonders auf das, was in den Kolumnen steht, achten. Endlich, wenn man auch
alles gut bemerkt hat, kann man sich auch noch beim Zusammenziehen der Summen
der Kolumnen und selbst in der endlichen Zusammenzählung, wo die Summe aller
Summen erscheint, irren. So müssten wir also noch die Kunst des Sichbesinnens und
die der Abschätzung der Probabilitäten und ferner die Erkenntnis des Wertes der
Güter und der Übel besitzen, um die Kunst der Schlüsse wohl anzuwenden; und nach
dem allem hätten wir auch noch Aufmerksamkeit und Geduld nötig, um bis zum
Abschluss zu gelangen. Endlich bedarf es eines festen und unveränderlichen
Entschlusses, um das, was beschlossen worden ist, auszuführen, und Kunstgriffe,
Metoden, besonderer Gesetze und durchgebildeter Fertigkeiten, um ihn auch in
der Folge aufrechtzuerhalten, wenn die Erwägungen, nm derentwillen er ergriffen
wurde, dem Geiste nicht mehr gegenwärtig sind. Man hat Gott sei Dank in dem, was
das Wichtigste ist und das Oberste betrifft, Glück und Unglück, allerdings nicht
so viel Kenntnisse, Hilfen und Kunstgriffe nötig, wie man wohl haben müsste, um
in einem Staats- oder Kriegsrat, in einem Justizhofe, bei einer ärztlichen
Konsultation, in einer teologischen oder historischen Kontroverse oder bei
einem matematischen und mechanischen Streitpunkte richtig zu urteilen; dafür
braucht man aber in dem, was jenen wichtigen Punkt des Glücks und der Tugend
anbetrifft, mehr Festigkeit und Fertigkeit, um immer gute Entschlüsse zu fassen
und ihnen zu folgen. Mit einem Worte genügt für das wahre Glück weniger
Erkenntnis mit mehr gutem Willen, so dass der grösste Idiot ebenso leicht dazu
gelangen kann als der Gelehrteste und Gescheiteste.
    Philaletes. Man sieht also, dass der Verstand ohne Freiheit von keinem
Nutzen sein und die Freiheit ohne Verstand nichts bedeuten würde. Wenn ein
Mensch das erblicken könnte, was ihm Gutes oder Übles bringen kann, ohne
imstande zu sein, einen Schritt zu machen, um sich dem einen zu nähern oder von
dem anderen sich zu entfernen, würde er dann um der Gabe dieses Blickes willen
besser daran sein? Er würde sogar unglücklicher sein, denn er würde
unnützerweise nach dem Guten schmachten und das Üble fürchten, was er als
unvermeidlich erblicken würde: und derjenige, welcher die Freiheit hat, inmitten
vollständiger Dunkelheit hierhin und dortin zu laufen, worin ist er besser
daran, als wenn er vom Winde hin und her geworfen würde?
    Teophilus. Seinem Gelüste geschähe ein wenig mehr Befriedigung, aber er
würde dennoch nicht besser imstande sein, das Gute zu finden und das Üble zu
vermeiden.
    § 68. Philaletes. Eine andere Quelle des falschen Urteilens! Zufrieden mit
der ersten Lust, die uns entgegenkommt oder welche die Gewohnheit angenehm
gemacht hat, sehen wir nicht weiter um uns. Dies ist also auch noch eine
Veranlassung für die Menschen, schlecht zu urteilen, wenn sie das nicht als zu
ihrem Glücke notwendig betrachten, was in der Tat dazu nötig ist.
    Teophilus. Diese Art falschen Urteils scheint mir unter der vorherigen Art
begriffen zu sein, wenn man sich hinsichtlich der Folgen täuscht.
    § 69. Philaletes. Zu untersuchen ist noch, ob es in der Macht eines
Menschen steht, das Angenehme oder Unangenehme, das irgend eine besondere
Handlung begleitet, zu verändern. Es ist in mehreren Fällen möglich. Die
Menschen können und müssen ihren Gaumen verbessern und ihm Geschmack beibringen.
Man kann auch den Geschmack der Seele verändern. Eine gehörige Untersuchung,
Übung, Fleiss, Gewohnheit haben diese Wirkung. Auf solche Weise gewöhnt man sich
an den Tabak, den Gewohnheit oder Gebrauch endlich angenehm finden lassen.
Ebenso steht es hinsichtlich der Tugend. Die Gewohnheiten haben grossen Reiz, und
man kann sich nicht ohne Unruhe von ihnen trennen. Vielleicht wird man die
Behauptung als widersinnig betrachten, die Menschen könnten es dahin bringen,
dass Dinge oder Handlungen ihnen mehr oder weniger angenehm seien - so sehr
vernachlässigt man diese Pflicht.
    Teophilus. Dasselbe habe ich schon oben bemerkt in § 37 gegen das Ende und
§ 47 auch gegen das Ende. Man kann machen, dass man etwas will, und sich seinen
Geschmack bilden.
    § 70. Philaletes. Die auf ihren wahren Grundlagen aufgeführte Moral kann
nur zur Tugend bestimmen; es genügt, dass ein ewiges Glück und ein ewiges Unglück
nach diesem Leben möglich seien, Man muss zugeben, dass ein mit der Erwartung
einer möglichen ewigen Glückseligkeit verbundenes gutes Leben einem schlimmen
Leben vorzuziehen ist, das von der Furcht vor einem entsetzlichen Unglück oder
wenigstens von der schrecklichen und unsicheren Hoffnung, vernichtet zu werden,
begleitet wird. Alles dies ist von der äussersten Klarheit, selbst wenn die
Rechtschaffenen in dieser Welt nur Übel zu erdulden hätten und die Bösen in ihr
eine ewige Glückseligkeit genossen, während es doch für gewöhnlich sich ganz
anders verhält. Denn wenn man alles wohl erwägt, so haben sie, glaube ich,
selbst in diesem Leben den schlimmsten Teil.
    Teophilus. So würde also, wenn es auch nichts jenseits des Grabes gäbe, das
Leben eines Epikureers nicht das vernunftgemässeste sein. Ich freue mich, dass Sie
auf diese Weise das, was Sie darüber § 55 Gegenteiliges gesagt haben,
berichtigen.
    Philaletes. Wer würde närrisch genug sein, um bei ruhigem Nachdenken sich
dazu zu entschliessen, sich einer möglichen Gefahr auszusetzen, ewig unglücklich
zu werden, so dass er dabei nichts für sich zu gewinnen hat, als dies einfache
Nichts, statt sich in den Zustand des Rechtschaffenen zu versetzen, der auch nur
die Vernichtung zu fürchten und eine ewige Glückseligkeit zu hoffen hat? Ich
habe von der Gewissheit oder Wahrscheinlichkeit des zukünftigen Zustandes zu
reden vermieden, weil ich bei dieser Gelegenheit keine andere Absicht hege, als
das falsche Urteil zu zeigen, dessen sich ein jeder seinen eigenen Grundsätzen
nach schuldig bekennen muss.
    Teophilus. Die Bösen sind sehr geneigt zu glauben, dass ein anderes Leben
unmöglich ist. Aber sie haben dafür keinen anderen Grund, als dass man sich auf
dasjenige beschränken müsse, was man durch die Sinne erfahrt, und dass ihres
Wissens noch niemand aus der anderen Welt zurückgekommen sei. Es gab eine Zeit,
wo man nach demselben Grundsatz die Antipoden verwerfen konnte, als man die
Matematik mit den Volksvorstellungen nicht verbinden wollte, und man konnte es
mit ebensoviel Grund, als man jetzt haben kann, um das andere Leben zu
verwerfen, wo man die wahre Metaphysik mit den Vorstellungen der Phantasie nicht
vereinigen kann. Denn es gibt drei Stufen der Begriffe oder Vorstellungen,
nämlich Volksvorstellungen, matematische und metaphysische. Die erste Klasse
genügte nicht, um den Glauben an die Antipoden hervorzubringen und die erste und
zweite genügt noch nicht, nm den Glauben an die andere Welt hervorzubringen.
Allerdings liefern sie schon günstige Mutmassungen, aber wenn die zweite Klasse
die Antipoden vor der Erfahrung gewiss gemacht hat, die man jetzt darüber hat
(ich rede nicht von den Bewohnern, sondern wenigstens von der Stelle, welche die
Erkenntnis der Kugelform der Erde ihnen bei Geographen und Astronomen anwies),
so gibt die letzte Klasse über ein anderes Leben schon jetzt und ehe noch jemand
dahin gegangen ist, es zu besuchen, nicht weniger Gewissheit.
    § 72. Philaletes. Kommen wir jetzt auf die Macht zurück, welches eigentlich
der allgemeine Gegenstand dieses Kapitels ist, da die Freiheit nur eine Spezies
derselben ausmacht, aber freilich eine der wichtigsten. Um von der Macht
bestimmtere Vorstellungen zu gewinnen, wird es nicht unpassend oder unnütz sein,
eine genauere Kenntnis dessen, was man Tätigkeit nennt, sich zu verschaffen. Ich
habe zu Anfang unserer Unterhaltung über die Macht gesagt, dass es nur zwei Arten
von Tätigkeit gibt, von denen wir eine Vorstellung haben, nämlich Bewegung und
Denken.
    Teophilus. Ich glaube, man könnte einen allgemeineren Ausdruck als den des
Denkens gebrauchen, nämlich den der Wahrnehmung, indem man das Denken nur den
Geistern zuschreibt, während die Wahrnehmung allen Entelechien zukommt. Aber ich
will dennoch niemand die Freiheit streitig machen, den Ausdruck lenken in
derselben Allgemeinheit zu nehmen. Und ich selbst mag es mitunter getan haben,
ohne darauf zu achten.
    Philaletes. Obwohl man nun diesen beiden Dingen den Namen Tätigkeit gibt,
wird man doch finden, dass er auf sie nicht immer vollkommen passt, und dass man in
gewissen Fällen sie vielmehr als Leiden anerkennen muss. Denn in diesen Fällen
empfängt die Substanz, in der sich Bewegung oder Denken findet, lediglich von
aussen den Eindruck, durch welchen ihr die Tätigkeit mitgeteilt wird, und sie ist
allein tätig durch ihre Fähigkeit, diesen Eindruck aufzunehmen, was nur eine
leidende Macht ist. Mitunter setzt sich die Substanz oder das wirkende Wesen
durch seine eigene Macht in Tätigkeit, und dies ist eigentlich eine tätige
Macht.
    Teophilus. Ich habe schon gesagt, dass, wenn man mit metaphysischer Strenge
das Wort Tätigkeit für das annimmt, was der Substanz auf spontane Weise und aus
ihrem eigenen Innern geschieht, alles, was eigentlich eine Substanz ist, nur
tätig ist; denn nächst Gott kommt ihr alles von ihr selbst, indem es unmöglich
ist, dass eine erschaffene Substanz auf die anders Einguss hat. Nehmen wir aber
Tätigkeit als eine Ausübung der Vollkommenheit und Leiden für das Gegenteil, so
gibt es in den wirklichen Substanzen nur dann Tätigkeit, wenn ihre Wahrnehmung
(denn diese lege ich allen bei) sich entwickelt und deutlicher wird, wie es
Leiden nur dann gibt, wenn sie verworrener wird, so dass in den der Lust und des
Schmerzes obigen Substanzen jede Handlung eine Beförderung der Lust und jedes
Leiden eine Beförderung des Schmerzes ist. Was die Bewegung anbetrifft, so ist
sie ihrem Wesen nach eine wirkliche Erscheinung, weil die Materie und Masse, der
die Bewegung zukommt, nicht im eigentlichen Sinn eine Substanz ist. Indessen
bietet die Bewegung das Bild einer Tätigkeit dar, wie die Masse ein Bild der
Substanz, und in dieser Beziehung kann man sagen, dass der Körper tätig ist, wenn
in seiner Veränderung Spontaneität herrscht, und dass er leidend ist, wenn er
durch einen anderen getrieben oder aufgehalten wird, wie man in der wirklichen
Tätigkeit oder Leidenheit einer eigentlichen Substanz die Veränderung, wodurch
sie ihrer Vollkommenheit zustrebt, für ihre Tätigkeit, welche man ihr als
solcher zuschreiben muss, nehmen kann. Und ebenso kann man die Veränderung,
wodurch ihr das Gegenteil widerfährt, für Leiden nehmen und einer fremden
Ursache zuschreiben, obgleich diese keine unmittelbare ist, weil im ersten Falle
die Substanz selbst und im zweiten die fremden Dinge dazu dienen, diese
Veränderung auf verständliche Weise zu erklären. Ich teile den Körpern nur das
Bild der Substanz und Tätigkeit zu, weil genau gesprochen das aus Teilen
Zusammengesetzte ebensowenig für eine Substanz gelten kann, wie eine Herde;
indessen kann Man sagen, dass etwas Substantielles darin ist, dessen Einheit, die
daraus gleichsam ein Wesen macht, aus dem Denken stammt.
    Philaletes. Ich hatte geglaubt, dass die Macht, Vorstellungen oder Gedanken
durch die Wirksamkeit einer fremden Substanz zu erhalten, Macht zu denken
genannt werde, obgleich dies im Grunde nur eine passive Macht oder einfache
Fähigkeit ist, wenn man von den Reflexionen und inneren Veränderungen absieht,
welche das aufgenommene Bild immer begleiten. Denn der in der Seele vorhandene
Ausdruck ist so, wie der eines lebendigen Spiegels sein würde; unser Vermögen
aber, nichts gegenwärtige Vorstellungen nach unserer Wahl zurückzurufen und
diejenigen untereinander zu vergleichen, die wir für geeignet erachten, ist in
Wahrheit ein aktives Vermögen.
    Teophilus. Dies stimmt auch mit den von mir gegebenen Begriffen, denn dabei
findet ein Übergang zu einem vollkommeneren Zustand statt. Indessen möchte ich
glauben, dass auch bei den sinnlichen Empfindungen Tätigkeit sei, insofern sie
uns deutlichere Wahrnehmungen und folglich die Gelegenheit geben, Bemerkungen zu
machen und uns sozusagen zu entwickeln.
    § 73 Philaletes. Man wird jetzt, glaube ich, die ursprünglichen und
originalen Vorstellungen auf folgende kleine Anzahl zurückbringen können: die
Ausdehnung, die Dichteit, die Beweglichkeit (d.h. die leidende Macht oder auch
Fähigkeit, bewegt zu werden), die unser Geist auf dem Wege der Reflexion erhält,
und endlich das Dasein, die Dauer und die Zahl, welche wir auf den beiden Wegen
der sinnlichen Empfindung und der Reflexion erhalten; denn durch diese
Vorstellungen würden wir, wenn ich mich nicht täusche, das Wesen der Farben,
Töne, Geschmäcke, Gerüche und aller unserer anderen Vorstellungen erklären
können, wenn unsere Organe fein genug wären, der verschiedenen Bewegungen der
kleinen Körper, welche diese sinnlichen Empfindungen erzeugen, bewusst zu werden.
    Teophilus. Um die Wahrheit zu sagen, so glaube ich, dass diese
Vorstellungen, welche hier ursprüngliche und originale genannt werden, es zum
grössten Teile nicht ganz sind, da sie meiner Ansicht nach einer weiteren
Auflösung fähig sind; indessen tadle ich Sie nicht, sich auf sie beschränkt und
die Analyse nicht weitergetrieben zu haben. Ist es übrigens wahr, dass deren Zahl
durch dies Mittel verringert werden kann, so glaube ich, dass sie auch durch die
Hinzufügung anderer noch originalerer oder ebenso originaler Vorstellungen
vermehrt werden könnte. Was ihre Anordnung anbetrifft, so möchte ich, der
Ordnung der Analyse zufolge, das Dasein als den übrigen vorausgehend ansehen,
die Zahl der Ausdehnung, die Dauer der Motivität oder Beweglichkeit, obgleich
diese analytische Ordnung gewöhnlich nicht die der äusseren Gelegenheiten ist,
welche uns an sie zu denken veranlassen.
    Die Sinne liefern uns den Stoff zum Nachdenken, und wir würden gar nicht
einmal an das Denken denken, wenn wir nicht an etwas anderes dächten, nämlich an
die Besonderheiten, welche die Sinne liefern. Auch bin ich überzeugt, dass die
Seelen und geschaffenen Geister niemals ohne Organe und niemals ohne sinnliche
Empfindungen sind, wie sie niemals ohne Zeichen denken können. Diejenigen,
welche eine gänzliche Loslösung und solche Denkweisen in der losgetrennten Seele
haben aufrechterhalten wollen, die durch nichts im Umkreise unserer Erkenntnis
erklärbar sind und nicht allein von unserer gegenwärtigen Erfahrung, sondern,
was noch viel schlimmer ist, von der allgemeinen Ordnung der Dinge sich
entfernen, - haben den vermeintlich starken Geistern in die Hände gearbeitet und
vielen die schönsten und grössten Wahrheiten verdächtig gemacht, indem sie sich
dadurch sogar einiger guter Beweismittel, welche diese Ordnung der Dinge uns
liefert, beraubt haben.
 
                                 Kapitel XXII.
                            Von den gemischten Modi
    § 1. Gehen wir zu den gemischten Modi über. Ich unterscheide sie von den
einfacheren Modi, die nur aus einfachen Vorstellungen derselben Gattung
zusammengesetzt sind. Übrigens sind die gemischten Modi gewisse Verbindungen
einfacher Vorstellungen, die man nicht als charakteristische Merkmale irgend
eines wirklichen Wesens, das ein beständiges Dasein hat, sondern als lose und
unabhängige Vorstellungen betrachtet, welche der Geist zusammenfasst; und dadurch
sind sie von den zusammengesetzten Vorstellungen der Substanzen verschieden.
    Teophilus. Um dies richtig zu verstehen, muss man sich die vorher gemachten
Einteilungen zurückrufen. Ihrer Ansicht nach sind die Vorstellungen einfach oder
zusammengesetzt. Die zusammengesetzten sind entweder Substanzen oder Modi oder
Relationen. Die Modi sind entweder einfache (aus einfachen Vorstellungen
derselben Art zusammengesetzte) oder gemischte. Ihrer Ansicht nach gibt es also
einfache Vorstellungen, Vorstellungen von Modi, sowohl der einfachen als der
gemischten, Vorstellungen von Substanzen und Vorstellungen von Relationen.
Vielleicht könnte man die Bezeichnungen oder Objekte der Vorstellungen in
abstrakte und konkrete einteilen: die abstrakten in absolute und in solche,
welche die Relationen ausdrücken, die absoluten in Attribute und Modifikationen;
die einen wie die anderen in einfache und zusammengesetzte; die konkreten in
Substanzen und in substantielle, zusammengesetzte oder aus wirklichen, einfachen
Substanzen gebildete Dinge.
    § 2. Philaletes. Lediglich leidend ist der Geist in betreff seiner
einfachen Vorstellungen, die er empfängt, je nachdem die sinnliche Empfindung
und die Reflexion sie ihm darbieten. Aber oft ist er aus sich selbst in betreff
der gemischten Modi tätig, denn er kann die einfachen Vorstellungen miteinander
verbinden, indem er zusammengesetzte bildet, ohne in Betracht zu ziehen, ob sie
so vereinigt in der Natur vorhanden sind. Aus diesem Grunde gibt man solchen
Arten von Vorstellungen den Namen Begriff.
    Teophilus. Die Reflexion aber, welche uns einfache Vorstellungen denken
macht, ist oft auch freiwillig, und es können ferner die Verbindungen, welche
die Natur nicht gemacht hat, wie von selbst in uns durch das blosse Gedächtnis in
den Träumen und Phantasien gebildet werden, ohne dass der Geist dabei mehr als in
den einfachen Vorstellungen tätig ist. Was aber das Wort Begriff anbetrifft, so
wenden mehrere dasselbe bei allen Arten von Vorstellungen oder Denkbildern an,
sowohl bei den ursprünglichen als den abgeleiteten.
    § 4. Philaletes. Die Bezeichnung mehrerer in eine einzige verknüpfter
Vorstellungen heisst Name.
    Teophilus. Das heisst, wenn sie verbunden werdende können, worin man oft
fehlt.
    Philaletes. Da das Verbrechen, einen Greis zu töten, keinen Namen, wie der
Vatermord, hat, so betrachtet man das erstere nicht als eine zusammengesetzte
Vorstellung.
    Teophilus. Der Grund, warum der Mord eines Greises keinen Namen hat, ist,
dass er, da die Gesetze keine besondere Strafe darauf gesetzt haben, von geringem
Nutzen sein würde. Indessen hangen die Vorstellungen nicht von den Namen ab. Ein
Moralist, der für das Verbrechen einen erfinden und in einem besonderen Kapitel
vom Greisenmord (der Gerontophonie) handeln wollte, indem er zeigte, was man den
Greisen schuldig ist und welch eine barbarische Handlungsweise es ist, sie nicht
zu verschonen, würde uns darum keine neue Vorstellung verschaffen.
    § 6. Philaletes. Der Umstand, dass die Sitten und Gebräuche einer Nation die
ihr gewöhnlichen Verbindungen zuwege bringen, macht allerdings, dass jede Sprache
besondere Ausdrücke hat und man wörtliche Übersetzungen nicht machen kann. So
waren der Ostrazismus bei den Griechen und die Proskription beiden Römern Worte,
welche die anderen Sprachen durch entsprechende Worte nicht ausdrücken können.
Deshalb bringt die Veränderung der Sitten auch neue Wörter hervor.
    Teophilus. Daran hat auch der Zufall seinen Teil, denn wenn z.B. die
Franzosen sich der Pferde so gut wie andere benachbarte Völker bedienen, so sind
sie doch gezwungen, da sie ihr altes Wort, das dem cavalcar der Italiener
entsprach, aufgegeben haben, mit einer Umschreibung zu sagen: aller à cheval.
    § 9. Philaletes. Wir gewinnen die Vorstellungen der gemischten Modi durch
die Beobachtung, wie wenn man zwei Menschen kämpfen sieht; wir gewinnen sie
ferner durch Erfindung (oder freiwillige Zusammensetzung einfacher
Vorstellungen), wie derjenige, welcher die Buchdruckerkunst erfand, die
Vorstellung davon hatte, bevor diese Kunst bestand. Endlich erwerben wir sie
durch die Erklärung der den Handlungen, die man niemals gesehen hat, beigelegten
Ausdrücke.
    Teophilus. Man kann sie auch noch gewinnen durch Träumen und Phantasieren,
ohne dass die Verknüpfung freiwillig ist, z.B. wenn man im Traume goldene Paläste
sieht, ohne vorher daran gedacht zu haben.
    § 10. Philaletes. Die am meisten modifizierten einfachen Vorstellungen sind
die des Denkens, der Bewegung und der Macht, von der man die Tätigkeiten
herkommend vorstellt, denn die grosse Angelegenheit des menschlichen Geschlechts
besteht in der Tätigkeit. Alle Tätigkeiten sind Gedanken oder Bewegungen. Die
Macht oder Fähigkeit, etwas zu tun, welche sich bei einem Menschen findet,
bildet diejenige Vorstellung, welche wir Fertigkeit nennen, wenn man diese Macht
dadurch erlangt hat, dass man oft dasselbe tut; und wenn man sie bei jeder sich
darbietenden Gelegenheit ausüben kann, nennen wir sie Disposition. So ist die
Zärtlichkeit eine Disposition zur Freundschaft oder zur Liebe.
    Teophilus. Unter Zärtlichkeit verstehen Sie hier, glaube ich, das zärtliche
Herz, aber übrigens, scheint mir, betrachtet man die Zärtlichkeit als eine
Eigenschaft, welche man als Liebender besitzt, wodurch der Liebende für die
Güter und Übel des geliebten Gegenstandes sehr empfindlich gestimmt ist; darin,
wie mir scheint, besteht die Rolle des Zärtlichen in dem trefflichen Roman
Clelia. Und da die Liebreichen ihren Nächsten mit einem gewissen Grad von
Zärtlichkeit lieben, so sind sie gegen die Güter und Übel des Nächsten
empfindlich; und überhaupt haben diejenigen, welche ein zärtliches Herz haben,
die Disposition, mit Zärtlichkeit zu lieben.
    Philaletes. Die Kühnheit ist das Vermögen, vor den anderen zu tun oder zu
sagen, was man will, ohne sich einschüchtern zu lassen, welches Selbstvertrauen
in bezug auf diesen letzteren Punkt, welcher das Reden betrifft, bei den
Griechen einen besonderen Namen hatte.
    Teophilus. Man würde gut tun, wenn man demjenigen Begriff, welchem man hier
den Namen der Kühnheit beilegt, den man aber oft ganz anders anwendet wie bei
der Bezeichnung »Karl der Kühner« ein besonderes Wort gäbe. Sich nicht
einschüchtern zu lassen, ist eine Geistesstärke, welche aber die Bösen
missbrauchen, wenn sie bis zur Unverschämteit gehen, wie, sich zu schämen, eine
wenn auch entschuldbare und unter gewissen Umständen selbst löbliche Schwäche
ist. Was die Parrhesie betrifft, welche Sie vielleicht mit dem griechischen
Ausdruck meinen, so schreibt man sie auch den Schriftstellern zu, welche die
Wahrheit ohne Scheu sagen, obgleich sie dann nicht vor den Leuten sprechen und
also keine Veranlassung haben, eingeschüchtert zu sein.
    § 11. Philaletes. Wie die Macht die Quelle ist, aus der alle Tätigkeiten
fliessen, so gibt man den Namen Ursache den Substanzen, welche der Sitz der Macht
und, wenn sie ihre Macht betätigen; und Wirkungen nennt man die auf diese Art
hervorgebrachten Substanzen oder vielmehr die einfachen Vorstellungen (d.h.
Gegenstände einfacher Vorstellungen), welche durch die Ausübung der Macht einem
Subjekt zugeführt worden sind. Die Wirksamkeit, wodurch eine neue Substanz oder
Vorstellung (Eigenschaft) hervorgebracht wird, wird in dem dies Vermögen
ausübenden Subjekt Handlung genannt, und in einem Subjekt, wo eine einfache
Vorstellung (Eigenschaft) verändert oder hervorgebracht wird, nennt man sie
Leiden.
    Teophilus. Wenn die Macht für die Quelle der Handlung genommen wird, so
bedeutet sie etwas mehr als eine Fertigkeit oder Leichtigkeit, durch welche die
Macht im vorigen Kapitel erklärt worden ist, denn sie schliesst auch die Strebung
noch in sich, wie ich schon mehr als einmal bemerkt habe. In diesem Sinne pflege
ich ihr darum den Ausdruck Entelechie beizulegen, welche entweder ursprünglich
ist und der Seele entspricht, wenn man sie für etwas Abstraktes ansieht, oder
abgeleitet, so wie man sie in dem Versuch (Conatus) und der Kraft und
Strebsamkeit betrachtet. Der Ausdruck Ursache wird hier nur von der wirklichen
Ursache (causa efficiens) verstanden, aber man versteht sie auch noch von den
Endursachen oder dem Motiv, um hier nicht von dem Stoffe und der Form zu reden,
die man in den Schulen auch Ursache nennt. Ich weiss nicht, ob man sagen kann,
dass dasselbe Wesen in dem Tätigen Handlung und in dem Leidenden Leiden genannt
werden und sich so in zwei Subjekten zugleich vorfinden kann, wie es bei der
Beziehung der Fall ist, und ob es nicht vorzuziehen ist zu sagen, dass es zwei
Wesen sind, eines in dem Tätigen und das andere in dem Leidenden.
    Philaletes. Verschiedene Worte, welche eine Handlung auszudrücken scheinen,
bedeuten nur die Ursache und die Wirkung, wie die Schöpfung und Vernichtung
keine Vorstellung von der Handlung oder Art und Weise zu handeln, sondern
einfach von der Ursache und dem hervorgebrachten Dinge in sich schliessen.
    Teophilus. Ich gebe zu, dass, wenn man an die Schöpfung denkt, man darunter
nicht eine näherer Auseinandersetzung fähige Art und Weise zu handeln, die dabei
gar nicht stattfinden kann, versteht; sondern weil wir etwas Mehreres als bloss
Gott und die Welt damit ausdrücken - denn man denkt, dass Gott die Ursache und
die Welt die Wirkung ist, oder eigentlich, dass Gott die Welt hervorgebracht hat
- so denkt man offenbar noch an die Handlung.
 
                                 Kapitel XXIII.
             Von den zusammengesetzten Vorstellungen der Substanzen
    § 1. Philaletes. Der Geist bemerkt, dass eine gewisse Anzahl von einfachen
Vorstellungen beständig zusammengeht, welche, da sie als einem einzigen Dinge
angehörig betrachtet werden, wenn sie so in einem Subjekt vereinigt sind, mit
einem einzigen Namen bezeichnet werden... Daher kommt es, dass, wenn dies auch in
Wahrheit eine Zusammenhäufung mehrerer miteinander verbundener Vorstellungen
ist, wir in der Folge aus Unachtsamkeit davon als von einer einfachen
Vorstellung zu reden geneigt sind.
    Teophilus. In den gangbaren Ausdrücken sehe ich nichts, was als
Unachtsamkeit getadelt zu werden verdient, und obschon man nur ein Subjekt und
eine Vorstellung annimmt, so nimmt man doch damit noch nicht eine einfache
Vorstellung an.
    Philaletes. Da wir uns nicht vorstellen können, wie diese einfachen
Vorstellungen durch sich selbst bestehen können, so gewöhnen wir uns daran,
etwas vorauszusetzen, was sie trägt (substratum), auf dem sie ruhen und woher
sie stammen, dem man zu diesem Zweck den Namen Substanz gibt.
    Teophilus. Ich glaube, dass man so zu denken recht hat, und wir uns nur
daran zu gewöhnen oder es so vorauszusetzen haben, da wir von vornherein mehrere
Prädikate desselben Subjektes denken und jene metaphorischen Worte von Träger
oder Substrat nur dies bedeuten. Ich sehe also nicht, warum man hierbei
Schwierigkeit erhebt. Im Gegenteil ist es eher das Konkrete, wie gelehrt, warm,
leuchtend, welches uns in den Sinn kommt, als die Abstraktionen oder
Eigenschaften (denn diese sind es, welche in dem Objekt substantiell sind und
nicht die Vorstellungen), wie Gelehrsamkeit, Wärme, Licht usw., die viel
schwerer zu begreifen sind. Man kann sogar bezweifeln, ob diese Akzidenzien
wirkliche Wesen sind, wie sie in Wirklichkeit sehr oft nur Beziehungen sind.
Auch weiss man, dass gerade diese Abstraktionen am meisten Schwierigkeiten machen,
wenn man sie auflösen will. Das wissen diejenigen, welche mit den
Spitzfindigkeiten der Scholastiker bekannt sind, deren dornigste
Bedenklichkeiten auf einmal wegfallen, wenn man die abstrakten Wesen verbannt
und sich entschliesst, in der Regel nur in Concreto zu reden und in der Darlegung
der Wissenschaften keine anderen Ausdrücke zuzulassen als diejenigen, welche
substantielle Subjekte bezeichnen. So heisst dies dann ein nodum quaerere in
scirpo, wenn ich es zu sagen wage, und die Sache umkehren, wenn man die
Eigenschaften und andere abstrakte Ausdrücke für das Leichteste und die
konkreten Wesen für etwas sehr Schweres nimmt.
    § 2. Philaletes. Es gibt keinen anderen Begriff von der blossen Substanz im
allgemeinen, als von einem gänzlich unbekannten Subjekt, von dem man
voraussetzt, dass es der Träger der Eigenschaften sei. Wir drücken uns dabei wie
Kinder aus, welche man nicht sobald gefragt hat, was eine gewisse, ihnen
unbekannte Sache sei, als sie die ihrer Meinung nach sehr befriedigende Antwort
geben, es sei etwas, was aber in dieser Weise angewendet, besagt, dass sie nicht
wissen, was es sei.
    Teophilus. Wenn man in der Substanz zweierlei unterscheidet, die Attribute
oder Prädikate und das gemeinsame Subjekt dieser Prädikate, so ist kein Wunder,
dass man bei diesem Subjekt sich nichts Besonderes denken kann. Es muss wohl so
sein, weil man ja alle Attribute davon getrennt hat, durch die man etwas
Besonderes dabei denken könnte. In diesem blossen Subjekt überhaupt etwas mehr
verlangen, als nötig ist, um zu denken, dass es dasselbige sei (d.h. welches
vorstellt und will, Phantasie und Denkkraft ausübt) heisst Unmögliches verlangen
und seiner eigenen Voraussetzung widersprechen, der gemäss man abstrahiert und
das Subjekt von seinen eigenen Eigenschaften oder Akzidenzien gesondert
aufgefasst hat. Diese vorgebliche Schwierigkeit könnte man ebenso beim Begriff
des Seins geltend machen und überhaupt bei allen ganz klaren ursprünglichen
Begriffen, denn man könnte die Philosophen fragen, was sie sich denken, indem
sie das blosse Ding überhaupt denken, da man auch davon, nachdem dadurch jede
Besonderheit ausgeschlossen ist, ebensowenig zu sagen wissen wird als auf jene
Frage, was die reine Substanz überhaupt sei. Ich glaube also, dass die
Philosophen nicht verspottet zu werden verdienen, wie hiebei geschieht, indem
man sie mit jenem indischen Weisen vergleicht, welcher auf die Frage, wodurch
die Erde gehalten würde, antwortete, durch einem grossen Elefanten, und dann auf
die Frage, was den Elefanten halte, antwortete, es wäre eine grosse Schildkröte
und endlich, als man ihn zu sagen drängte, worauf die Schildkröte sich stütze,
zu erklären gezwungen war, es sei etwas, was er nicht wisse. Indessen ist diese
Betrachtung von der Substanz, so unwichtig sie auch scheinen mag, nicht so leer
und unfruchtbar, wie man denkt. Es gehen daraus für die Philosophie die
bedeutendsten Folgerungen hervor, die ihr ein neues Aussehen zu geben fähig
sind.
    § 4. Philaletes. Von der Substanz überhaupt haben wir keine klare
Vorstellung, und § 5 vom Geiste haben wir eine ebenso klare Vorstellung wie vom
Körper, denn die Vorstellung einer körperlichen Substanz in der Materie ist
unseren Begriffen ebenso fern wie die einer geistigen Substanz. Es geht uns
damit beinahe so wie jenem jungen Doktor der Rechte, dem der Promovent, als er
ihm bei der Feierlichkeit zurief zu sagen, utriusque (»beider«), antwortete: Sie
haben recht, denn Sie wissen von dem einen ebensoviel wie von dem anderen.
    Teophilus. Was mich angeht, so glaube ich, dass diese Meinung von unserer
Unwissenheit daher kommt, dass man eine Art der Erkenntnis fordert, welche der
Gegenstand nicht zulässt. Das sichere Merkmal eines klaren und deutlichen
Begriffes von einem Dinge ist, dass man daraus durch Beweise a priori viel
Wahrheiten erkennen kann, wie ich in einer Abhandlung über die Wahrheiten und
die Vorstellungen, welche in die Acta Lipsiensia des Jahres 1684 eingerückt ist,
gezeigt habe.
    § 12. Philaletes. Wären unsere Sinne scharf genug, so würden die sinnlichen
Eigenschaften, z.B. die gelbe Farbe des Goldes, verschwinden, und wir statt
deren eine gewisse bewunderungswürdige Fügung der Teile sehen. Das zeigt sich
ganz augenscheinlich durch die Vergrösserungsgläser. Diese unsere gegenwärtige
Erkenntnis entspricht dem Zustande, in welchem wir uns befinden. Eine
vollkommene Erkenntnis dessen, was uns umgibt, übersteigt vielleicht die
Fähigkeit eines jeden endlichen Wesens. Unsere Geistesvermögen genügen, uns den
Schöpfer erkennen zu lassen und uns über unsere Pflichten zu unterrichten. Wenn
unsere Sinne sehr viel lebhafter würden, so würde eine solche Veränderung mit
unserer Natur unverträglich sein.
    Teophilus. Das alles ist wahr, und ich habe darüber schon etwas gesagt.
Indessen hört die gelbe Farbe darum nicht auf, eine Wirklichkeit zu sein, wie
der Regenbogen, und augenscheinlich sind wir zu einem über den jetzigen weit
erhabenen Zustande bestimmt und werden selbst bis ins Unendliche fortschreiten,
denn es gibt in der körperlichen Natur keine eigentlichen Elemente. Gäbe es
Atome, wie der Verfasser an einer anderen Stelle anzunehmen schien, so würde die
vollkommene Erkenntnis der Körper nicht für jedes endliche Wesen zu hoch sein.
Wenn übrigens manche Farben oder Eigenschaften unseren besser bewaffneten oder
schärfer gewordenen Augen verschwinden würden, so würden offenbar andere
entstehen, und ein neues Wachstum unserer Erkenntnisschärfe würde nötig sein,
auch sie verschwinden zu machen, und das würde bis ins Unendliche so fortgehen,
wie die Teilung der Materie tatsächlich so fortgeht.
    § 13. Philaletes. Vielleicht besteht einer der grossen Vorteile gewisser
Geister über uns darin, dass sie sich selbst Sinnesorgane bilden können, welche
ihrem Zwecke in der Gegenwart entsprechen.
    Teophilus. Wir tun es auch, indem wir uns Vergrösserungsgläser machen, aber
andere Geschöpfe werden vielleicht noch weiter gehen können. Wenn wir unsere
Augen selbst verwandeln könnten, wie wir in gewisser Weise tatsächlich tun, je
nachdem wir in der Nähe oder aus der Ferne sehen wollen, so müssten wir, da der
Geist nicht unmittelbar auf die Körper wirken kann, und alles auf mechanische
Art sich zutragen muss, etwas uns noch Eigentümlicheres als sie besitzen, um sie
durch dies Mittel zu bilden. Übrigens bin auch ich der Meinung, dass die Geister
die Dinge auf eine der unserigen einigermassen ähnliche Weise bemerken, selbst
wenn sie den angenehmen Vorteil hätten, den der phantasiereiche Cyrano gewissen
beseelten Naturen in der Sonne zuschreibt, die aus einer unendlichen Menge von
kleinen fliegenden Wesen bestehen und durch deren nach dem Gebote der
herrschenden Seele geschehenden Wechsel alle Arten von Körpern bilden. Es gibt
nichts so Wunderbares, was der Mechanismus der Natur nicht imstande ist
hervorzubringen, und ich glaube, dass die gelehrten Kirchenväter recht gehabt
haben, den Engeln Leiber zuzuschreiben.
    § 15. Philaletes. Die Vorstellungen des Denkens und der Körperbewegung,
welche wir in der des Geistes finden, können ebenso klar und deutlich verstanden
werden wie die der Ausdehnung, der Dichteit und der Beweglichkeit, welche wir
in der Materie vorfinden.
    Teophilus. Was die Vorstellung des Denkens anbetrifft, so stimme ich bei.
Aber ich bin nicht dieser Ansicht hinsichtlich der Vorstellung der
Körperbewegung, denn meinem System der vorherbestimmten Übereinstimmung zufolge
sind die Körper so eingerichtet, dass sie, einmal in Bewegung gesetzt, von selbst
darin verharren, je nachdem die Tätigkeiten des Geistes es fordern. Diese
Hypotese ist verständlich, die andere nicht.
    Philaletes. Jeder Empfindungsakt gibt uns in gleicher Weise Erkenntnis des
Körperlichen und des Geistigen, denn während das Gesicht und das Gehör mich
erkennen lässt, dass es ein körperliches Sein ausser mir gibt, weiss ich auf noch
gewissere Art, dass es in mir ein geistiges Wesen gibt, welches sieht und hört.
    Teophilus. Sehr richtig; es ist ganz wahr, dass das Dasein des Geistes
sicherer ist als das der sinnlichen Gegenstände.
    § 19. Philaletes. Die Geister können wie die Körper nur wirken, wo sie sind
und in verschiedener Zeit und an verschiedenen Orten; daher muss ich auch die
Ortsveränderung allen endlichen Geistern zuschreiben.
    Teophilus. Das geschieht, glaube ich, mit Recht, da der Ort nur die Ordnung
der zusammen existierenden Dinge ist.
    Philaletes. Man braucht nur die Trennung von Seele und Körper im Tode zu
erwägen, um von der Bewegung der Seele überzeugt zu werden.
    Teophilus. Die Seele könnte aufhören in einem sichtbaren Körper zu wirken,
und wenn sie zu denken gänzlich aufhören könnte, wie der Verfasser oben
behauptet hat, so könnte sie sich von einem Körper trennen, ohne mit einem
anderen vereinigt zu werden, so dass ihre Trennung ohne Bewegung sein würde. Was
mich aber anbetrifft, so glaube ich, dass sie immer denkt und empfindet, dass sie
immer mit einem Körper verbunden ist und selbst, dass sie niemals gänzlich und
mit einem Mal den Körper verlässt, mit dem sie verbunden ist.
    § 21. Philaletes. Wenn jemand sagt, dass die Geister nicht in loco, sed in
aliquo ubi (d.h. nicht an einem Orte, sondern in irgend einem Wo) sind, so
glaube ich nicht, dass man heutzutage auf eine solche Redensart viel Gewicht
legen wird. Wenn sich aber jemand einbildet, dass sie einen vernünftigen Sinn
annehmen kann, so bitte ich ihn, in gewöhnlicher, verständlicher Sprache
denselben auszudrücken und dann einen Grund herauszuziehen, welcher dartut, dass
die Geister zur Bewegung nicht fähig sind.
    Teophilus. Die Schulen haben drei Arten von Ubietät (Woheit) oder Arten,
irgendwo zu sein, angenommen. Die erste wird circumscriptive (umschliessend
beschreibende) genannt, welche man denjenigen im Raume befindlichen Körpern
zuschreibt, welche punctatim (Punkt für Punkt) darin sind, dergestalt, dass sie
durch Bezeichnung der Grenzpunkte der im Raum befindlichen Sache, die den
Punkten des Raumes entsprechen, gemessen werden können. Die zweite Art ist die
definitive (bezeichnende), nach der man bezeichnen d.h. bestimmen kann, dass die
örtlich vorhandene Sache sich in einem solchen Raume befindet, ohne die genauen
Punkte oder die Stellen angehen zu können, welche dem daselbst Befindlichen
ausschliesslich eigen sind. Auf diese Weise hat man geurteilt, dass die Seele im
Körper ist, indem man nicht an die Möglichkeit glaubte, einen bestimmten Punkt
anzugeben, wo die Seele oder ein Teil der Seele sei, ohne dass sie auch an irgend
einem anderen Punkte ist. Viele gescheite Leute denken darüber noch so.
Allerdings hat Descartes der Seele engere Schranken geben wollen, indem er ihr
die Zirbeldrüse als eigentlichen Sitz anwies, aber er hat gleichwohl nicht zu
sagen gewagt, dass sie ausschliesslich in einem Punkt dieser Drüse sich befinde;
er hat damit also gar nichts gewonnen, und es ist gerade ebenso, als wenn man
ihr den ganzen Körper zum Kerker oder Aufentaltsorte anwiese. Ich glaube, dass
das, was man von den Seelen sagt, sich ungefähr auch von den Engeln behaupten
lässt, von denen der grosse Lehrer von Aquino annahm, dass sie nur der Wirksamkeit
nach an einem Orte wären, welche Wirksamkeit meiner Ansicht nach keine
unmittelbare ist und sich auf die vorherbestimmte Übereinstimmung zurückführen
lässt. Die dritte Woheit ist die repletive (erfüllende), welche man Gott
zuschreibt, der das ganze Universum in noch eminenterem Sinne erfüllt als die
Geister ihre Körper, denn er wirkt unmittelbar auf alle Geschöpfe, indem er sie
fortwährend hervorbringt, während die endlichen Geister einen unmittelbaren
Einfluss oder eine unmittelbare Wirksamkeit nicht ausüben können. Ob diese Lehre
der Schulen ins Lächerliche gezogen zu werden verdient, wie man sich, so scheint
es, zu tun bestrebt, weiss ich nicht, immer wird man indessen den Seelen eine
gewisse Art von Bewegung, wenigstens in Beziehung auf die mit ihnen verbundenen
Körper oder hinsichtlich ihrer Weise wahrzunehmen, zuschreiben können.
    § 23. Philaletes. Wenn jemand sagte, er wisse nicht, wie er denkt, so würde
ich antworten, dass er auch nicht wisse, wie die festen Körperteile
aneinandergefügt sind, um ein ausgedehntes Ganzes zu bilden.
    Teophilus. Die Erklärung der Kohäsion hat ihre grosse Schwierigkeit, aber
diese Kohäsion der Teile scheint doch nicht nötig zu sein, um ein ausgedehntes
Ganzes zu bilden, da man sagen kann, dass die vollkommen feine und flüssige
Materie sich zu einem Ausgedehnten zusammensetzt, ohne dass die Teile dabei
aneinander haften. Um aber die Wahrheit zu sagen, glaube ich, dass die
vollkommene Flüssigkeit nur der ersten Materie zukommt, d.h. in der Abstraktion
und als eine ursprüngliche Eigenschaft, ebenso wie die Ruhe, nicht aber der
zweiten Materie, so wie sie sich in der Wirklichkeit findet, mit ihren
abgeleiteten Eigenschaften bekleidet. Ich glaube nämlich nicht, dass es eine
Masse von äusserster Feinheit gibt, und dass überall mehr oder weniger
Zusammenhang vorkommt, der aus denjenigen Bewegungen stammt, welche miteinander
übereinstimmen und behufs der Trennung gestört werden müssen, was ohne
Gewaltsamkeit und Widerstand nicht abgehen kann. Übrigens liefert das Wesen der
Wahrnehmung und weiter des Denkens einen der ursprünglichsten Begriffe. Wie ich
glaube, wird indessen die Lehre von den substantiellen Einheiten oder Monaden
ihn bedeutend aufklären.
    Philaletes. Was die Kohäsion betrifft, so erklären manche sie durch die
Oberflächen, an denen zwei Körper, die durch eine Umhüllung, z.B. die Luft,
gegeneinander gepresst werden, sich berühren. Allerdings kann der Druck (§ 24)
einer Umhüllung verhindern, dass man zwei glatte Oberflächen voneinander in
perpendikulärer Richtung entfernt, er kann aber nicht hindern, dass man sie durch
eine diesen Oberflächen parallele Bewegung trennt.
    Gäbe es keine andere Ursache der Kohäsion der Körper, so würde es darum
leicht sein, alle Teile derselben dadurch voneinander zu sondern, dass man sie so
zur Seite gleiten liesse, indem man irgend eine Fläche, welche einen Teil der
Materie schneidet, dazu nimmt.
    Teophilus. Ohne Zweifel ja, wenn alle die flachen, aufeinanderliegenden
Teile sich in derselben Fläche oder in parallelen Flächen befänden; da dies aber
nicht stattfindet und nicht stattfinden kann, so ist offenbar, dass, indem man
versucht, die einen gleiten zu machen, man auf eine unendliche Menge anderer
ganz anders wirkt, deren Fläche mit der ersten einen Winkel bildet; denn man muss
wissen, dass man, um zwei aneinanderpassende Oberflächen zu trennen, Mühe
anwenden muss, nicht allein, wenn die Richtung der Bewegung behufs der Trennung
perpendikulär ist, sondern auch, wenn sie gegen die Oberfläche schräg ist. So
muss man in den vielseitigen Körpern, welche die Natur in den Bergwerken und
sonst bildet, auf blätterartige Schichten schliessen, die in jeder Hinsicht
aneinander haften. Ich gebe indessen zu, dass der Druck der Umhüllung auf die
glatten, aneinanderhaftenden Oberflächen nicht genügt, um den Grund der Kohäsion
überhaupt zu erklären, denn man setzt stillschweigend dabei voraus, dass diese
aneinanderschliessenden Tafeln schon Kohäsion haben.
    § 27. Philaletes. Ich hatte angenommen, dass die Ausdehnung des Körpers
nichts anderes als die Kohäsion der festen Teile ist.
    Teophilus. Dies scheint mir mit Ihren eigenen vorhergegangenen Erklärungen
nicht übereinzukommen. Mir scheint, dass ein Körper, welcher innerliche
Bewegungen hat, oder dessen Teile in der Tätigkeit, sich voneinander zu lösen,
begriffen sind (wie meiner Überzeugung nach dies immer der Fall ist), darum
nicht aufhört, ausgedehnt zu sein. Somit scheint mir der Begriff der Ausdehnung
von dem der Kohäsion gänzlich verschieden.
    § 28. Philaletes. Eine andere Vorstellung, die wir vom Körper haben, ist
das Vermögen, die Bewegung durch Anstoss mitzuteilen, und eine andere, welche wir
von der Seele haben, ist das Vermögen, durch das Denken Bewegung
hervorzubringen. Die Erfahrung liefert uns tagtäglich diese beiden Vorstellungen
auf eine überzeugende Art; wenn wir aber tiefer nachforschen wollen, wie dies
geschieht, so finden wir uns gleichfalls im Dunkeln. Denn in Hinsicht der
Mitteilung der Bewegung, wodurch ein Körper so viel Bewegung verliert, als ein
anderer empfängt, welches der gewöhnlichste Fall ist, verstehen wir darunter
weiter nichts, als eine aus einem Körper in den anderen übergehende Bewegung;
was ich für ebenso dunkel und unbegreiflich halte, als die Art, wie unser Geist
durch das Denken unseren Körper bewegt oder anhält. Noch schwieriger ist es, die
Zunahme der Bewegung mittels des Anstosses zu erklären, wie man sie beobachtet
oder in gewissen Fällen geschehen zu sehen glaubt.
    Teophilus. Ich wundere mich nicht, wenn man da unübersteigliche Hindernisse
findet, wo man etwas so Unbegreifliches vorauszusetzen scheint, wie den Übergang
eines Akzidenz von einem Subjekt ins andere; ich sehe aber keinen Grund, welcher
uns zu einer Voraussetzung nötigt, die nicht weniger befremdend ist, als die der
Scholastiker von Akzidenzien ohne Subjekt, welche sie gleichwohl sich hüten, nur
der wunderbaren Tätigkeit der göttlichen Allmacht zuzuschreiben, während jener
Übergang hier nur ein gewöhnlicher sein würde. Ich habe darüber oben schon etwas
gesagt (Kap. 21, § 4), wo ich auch bemerkt habe, dass der Körper keineswegs
soviel Bewegung verliert, wie er einem anderen gibt, was man anzunehmen scheint,
als ob die Bewegung etwas Substantielles wäre und im Wasser aufgelöstem Salze
gliche, was, wenn ich nicht irre, die Vergleichung ist, deren Rohaut sich
bedient hat. Ich füge hier hinzu, dass dies nicht einmal der gewöhnlichste Fall
ist, denn ich habe anderswo gezeigt, dass dieselbe Quantität der Bewegung sich
nur dann erhält, wenn die beiden aufeinander treffenden Körper vor dem
Zusammenstosse nach derselben Richtung gehen wie nach demselben. Allerdings
werden die wahren Gesetze der Bewegung von etwas Höherem, als die Materie ist,
abgeleitet. Was das Vermögen, durch das Denken Bewegung hervorzubringen,
betrifft so haben wir meiner Überzeugung nach davon so wenig eine Vorstellung,
als wir eine Erfahrung davon haben. Die Kartesianer selbst gestehen zu, dass die
Seelen der Materie keine neue Kraft verleihen können; sie behaupten aber, dass
sie derselben eine neue Bestimmung oder Richtung der von ihr schon besessenen
Kraft geben. Ich für meinen Teil behaupte, dass die Seelen weder in der Kraft,
noch in der Richtung der Körper etwas ändern, dass das eine so unbegreiflich und
widersinnig ist wie das andere, und dass man sich der vorherbestimmten
Übereinstimmung bedienen muss, um die Einheit von Seele und Leib zu erklären.
    Philaletes. Es ist allerdings nichts unserer Untersuchung Unwürdiges,
zuzusehen, ob die tätige Kraft das eigentliche Attribut der Geister und die
leidende Kraft das der Körper ist. Daraus liesse sich die Vermutung gewinnen, dass
die geschaffenen Geister, da sie sowohl tätig als leidend sind, nicht gänzlich
von der nur leidenden Materie getrennt sind, und dass diejenigen anderen Wesen,
welche zugleich tätig und leidend sind, an beiden teilnehmen.
    Teophilus. Diese Gedanken sagen mir ungemein zu und drücken ganz meine
Meinung aus, wenn man nur das Wort Geist so allgemein versteht, dass es alle
Seelen umfasst oder vielmehr (um noch allgemeiner sich auszudrücken) alle
diejenigen substantiellen Entelechien oder Einleiten, welche mit den Geistern
Analogie haben.
    § 31. Philaletes. Ich wünschte wohl, dass man mir in unserem Begriff von
Geist etwas Verworrenes oder dem Widerspruch Näherliegendes zeigte, als was der
Begriff selbst des Körpers, ich meine die Teilbarkeit ins Unendliche, in sich
schliesst.
    Teophilus. Was Sie da sagen, um zu zeigen, dass wir die Natur des Geistes
ebenso oder besser als die des Körpers verstehen, ist sehr wahr, und Fromond,
der eigens ein Buch: De compositione continui (Über die Bildung des
Zusammenhangenden) geschrieben hat, hat dasselbe mit Recht Labyrint betitelt.
Das kommt aber von einer falschen Vorstellung her, welche man, wie vom Raume, so
von der körperlichen Natur hat.
    § 33. Philaletes. Selbst die Vorstellung von Gott entsteht uns ebenso wie
die anderen, indem diese unsere zusammengesetzte Vorstellung von Gott aus den
einfachen Vorstellungen gebildet wird, die wir durch die Region empfangen und
durch unsere Vorstellung von der Unendlichkeit erweitern.
    Teophilus. In Hinsicht dessen beziehe ich mich auf das, was ich schon
mehrmals gesagt habe, um zu zeigen, dass alle diese Vorstellungen und besonders
die von Gott ursprünglich in uns sind, und wir nur auf sie zu achten haben,
sowie vor allem, dass die der Unendlichkeit sich nicht durch eine Erweiterung der
endlichen Vorstellungen bilden lässt.
    § 37. Philaletes. Die meisten einfachen Vorstellungen, welche unsere
zusammengesetzten Vorstellungen von den Substanzen bilden, sind recht betrachtet
nur Kräfte, wenn wir auch noch so geneigt sind, sie für positive Eigenschaften
zu halten.
    Teophilus. Ich denke, dass die Kräfte, welche der Substanz nicht wesentlich
sind und nicht bloss eine Fertigkeit, sondern auch eine gewisse Strebung in sich
schliessen, gerade das sind, was man unter realen Eigenschaften versteht oder
verstehen muss.
 
                                 Kapitel XXIV.
                 Von den Kollektivvorstellungen der Substanzen
    § 1. Philaletes. Nach den einfachen Substanzen wollen wir zu den
zusammengesetzten kommen. Ist die Vorstellung desjenigen Menschenhaufens,
welcher ein Heer bildet, nicht ebensogut eine einzige Vorstellung, wie die eines
Menschen es ist?
    Teophilus. Man hat recht zu sagen, dass dieses Aggregat (ens per
aggregationem, um sich schulgemäss auszudrücken) eine einzige Vorstellung
ausmacht, obgleich, eigentlich zu reden, dieser Haufe Substanzen nicht wirklich
eine Substanz bildet. Es ist das vielmehr ein Resultat, dem die Seele durch ihre
Wahrnehmung und ihr Denken den letzten Vollzug der Einheit verleiht. Man kann
gleichwohl in gewisser Weise sagen, dass es etwas Substantielles sei, insofern es
nämlich Substanzen in sich begreift.
 
                                  Kapitel XXV.
                                Von der Relation
    § 1. Philaletes. Es ist noch übrig, die Vorstellungen der Relationen in
Betracht zu ziehen, welche von Wirklichkeit das Geringste entalten. Wenn der
Geist ein Ding neben einem anderen ins Auge fasst, so ist das eine Relation oder
Beziehung, und die darüber gebildeten Benennungen oder Relationsbezeichnungen
sind wie ebenso viele Zeichen, welche unsere Gedanken über das Subjekt hinaus
auf etwas davon Verschiedenes zu richten dienen; dies beides nennt man Subjekte
der Relation (Relata).
    Teophilus. Die Relationen und die Ordnungen haben etwas vom Gedankenwesen
an sich, obgleich sie in den Dingen selbst ihren Grund haben; denn man kann
sagen, dass ihre Realität, wie die der ewigen Wahrheiten und die der
Möglichkeiten, aus der höchsten Vernunft stammt.
    § 5. Philaletes. Gleichwohl kann dabei eine Veränderung der Relation
vorkommen, ohne dass in dem Subjekt irgend eine Veränderung geschieht. Titius,
den ich heute als Vater betrachte, hört morgen, ohne dass sich in ihm irgend eine
Veränderung zuträgt, allein dadurch auf, es zu sein, dass sein Sohn stirbt.
    Teophilus. Man kann dies ganz mit Recht sagen Hinsicht auf das, dessen man
sich bewusst ist, obgleich metaphysisch streng genommen es allerdings zufolge der
wirklichen Verknüpfung aller Dinge keine gänzlich äusserliche Bezeichnung (
denominatio pure extrinseca) gibt.
    § 6. Philaletes. Ich meine, dass die Relation nur zwischen zwei Dingen
stattfindet.
    Teophilus. Gleichwohl gibt es Beispiele von einer Relation zwischen
mehreren Dingen zugleich, wie die der Ordnung oder die eines Stammbaumes, welche
den Rang und die Verknüpfung aller Teile oder Ahnen ausdrücken, und sogar eine
Figur, wie z.B. die eines Vielecks, schliesst das gegenseitige Verhältnis aller
Seiten in sich.
    § 8. Philaletes. Es ist auch gut, in Betracht zu ziehen, dass die
Vorstellungen der Relationen oft viel klarer sind als die der Dinge, welche die
Subjekte der Relation sind. So ist das Verhältnis des Vaters viel klarer als das
des Menschen.
    Teophilus. Dies ist der Fall, weil diese Relation so allgemein ist, dass sie
auch anderen Substanzen zukommen kann. Wie übrigens ein Subjekt Klarheit und
Dunkelheit haben kann, so wird auch die Relation auf der Klarheit begründet sein
können. Wenn aber das Formelle selbst der Relation die Erkenntnis dessen, was in
dem Subjekt dunkel ist, in sich entielte, so würde sie an dieser Dunkelheit
teilnehmen.
    § 10. Philaletes. Die Ausdrücke, welche den Geist notwendig auf andere
Vorstellungen bringen, als diejenigen sind, welche man in dem Dinge als wirklich
vorhanden voraussetzt, auf das sich der Ausdruck oder das Wort bezieht, sind
relativ, und die anderen sind absolut.
    Teophilus. Sie haben jenes »notwendig« mit Recht hinzugefügt, und man
könnte »ausdrücklich« oder »von vornherein« hinzufügen, denn man kann z.B. an
das Schwarze denken, ohne an dessen Ursache zu denken. Dies kommt daher, dass man
innerhalb der Schranken einer Erkenntnis sich hält, die sich von vornherein
darbietet und verworren oder, wenn auch klar, doch unvollständig ist - das
erstere, wenn die Vorstellung keine Analyse erfahren hat, und das letztere, wenn
man sie einschränkt. Übrigens gibt es keinen so absoluten er so abgegrenzten
Ausdruck, der nicht Relationen in sich schliesst und dessen vollständige Analyse
nicht auf anderes und sogar auf alles andere führt, dergestalt, dass man sagen
kann, die Relationsausdrücke bezeichnen ausdrücklich die Beziehung, welche sie
entalten. Ich setze dabei das Absolute dem Relativen entgegen und zwar in einem
anderen Sinne, als ich es oben dem Beschränkten entgegengesetzt habe.
 
                                 Kapitel XXVI.
           Von der Ursache und Wirkung und einigen anderen Relationen
    §§ 1. 2. Philaletes. Ursache ist dasjenige, was eine einfache oder nicht
zusammengesetzte Vorstellung hervorbringt, und Wirkung ist das, was
hervorgebracht wird.
    Teophilus. Ich sehe, dass Sie unter Vorstellung oft die objektive Realität
der Vorstellung oder die von ihr vorgestellte Eigenschaft verstehen. Sie
definieren nur die wirkende Ursache, wie ich schon oben bemerkt habe. Man muss
zugehen, dass, wenn man sagt: Wirkende Ursache ist das, was hervorbringt, und
Wirkung das, was hervorgebracht wird, - man nur gleichbedeutende begriffe
braucht, freilich habe ich Sie ein wenig deutlicher sagen hören, Ursache sei,
was da macht, dass etwas anderes dazusein anfange, obwohl auch dies Wort »macht«
die hauptsächliche Schwierigkeit noch ganz bestehen lässt. Aber dies wird sich
ein andermal besser erläutern lassen.
    Philaletes. Um noch einige andere Relationen zu berühren, so bemerke ich,
dass es Ausdrücke gibt die man zur Bezeichnung der Zeit anwendet. Man betrachtet
diese gewöhnlich als nur positive Vorstellungen bezeichnend, die indessen doch
relative sind, wie jung, alt usw.; denn sie schliessen eine Beziehung zur
gewöhnlichen Dauer der Substanz, welcher man sie zuschreibt, in sich. So wird
ein Mensch im Alter von 20 Jahren jung genannt, und sehr jung im Alter von 7
Jahren. Alt nennen wir indessen ein Pferd von 20 und einen Hund von 7 Jahren.
Aber wir sagen nicht, die Sonne und die Sterne, ein Rubin oder ein Diamant seien
alt oder jung, weil wir die gewöhnlichen Zeitabschnitte ihrer Dauer nicht
kennen. - § 5. Dasselbe findet hinsichtlich des Ortes und der Ausdehnung statt,
wie wenn man sagt, dass etwas hoch oder niedrig, gross oder klein sei. So
erscheint einem Flamänder ein Pferd sehr klein, welches nach der Vorstellung
eines Wallisers gross wäre; jeder denkt an die Pferde, welche man in seinem
Vaterlande zieht.
    Teophilus. Diese Bemerkungen sind sehr triftig. Allerdings entfernen wir
uns mitunter ein wenig von dieses Sinn, wie wenn wir sagen, dass etwas alt ist,
indem wir es nicht mit Dingen seiner Art, sondern mit anderen Arten vergleichen.
Wir sagen z.B., dass die Welt oder die Sonne sehr alt ist. Jemand fragte Galilei,
ob er glaubte, dass die Sonne ewig sei. Er antworteten: Eterno nò, ma ben antico
(Nicht ewig, aber sehr alt).
 
                                 Kapitel XXVII.
                     Was Identität und Verschiedenheit ist
    § 1. Philaletes. Eine der wichtigsten relativen Vorstellungen ist die der
Identität und der Verschiedenheit. Wir finden niemals und können nicht als
möglich begreifen, dass zwei Dinge derselben Art zu gleicher Zeit an demselben
Orte seien. Wenn wir deshalb fragen, ob etwas dasselbe ist oder nicht, so
bezieht sich dies immer auf etwas, was in einer bestimmten Zeit an einem
bestimmten Orte ist; woraus folgt, dass hinsichtlich der Zeit und des Ortes etwas
nicht zwei Anfänge der Existenz, noch zweierlei einen einzigen Anfang haben
kann.
    Teophilus. Ausser der Verschiedenheit von Zeit und Ort ist immer das
Vorhandensein eines inneren Prinzips der Unterscheidung vonnöten, und obwohl es
mehrere Dinge derselben Art gibt, bleibt es dennoch wahr, dass es niemals zwei
vollkommen gleiche gibt; obgleich also Zeit und Ort (d.h. die Beziehung nach
aussen) uns dazu dienen, die Dinge zu unterscheiden, die wir für sich selbst
nicht gut unterscheiden, so sind die Sachen darum doch an und für sich
unterscheidbar. Das eigentliche Wesen der Identität und der Verschiedenheit
besteht also nicht in der Zeit und dem Orte, obgleich die Verschiedenheit der
Dinge allerdings von der der Zeit oder des Ortes begleitet ist, weil sie
verschiedene Eindrücke über die Sache mit sich bringen, um nicht zu sagen, dass
man vielmehr eine Zeit oder einen Ort von einem anderen durch die Dinge
unterscheiden muss, denn an sich selbst sind sie vollkommen gleich, aber doch
sind sie nicht vollständige Substanzen oder Realitäten. Die Unterscheidungsart,
welche Sie hier als die bei den Dingen derselben Art einzige vorzuschlagen
scheinen, ist auf jene Voraussetzung begründet, dass die Durchdringlichkeit nicht
der Natur entspreche. Diese Voraussetzung ist vernunftgemäss, aber sogar die
Erfahrung zeigt, dass man hier nicht daran gebunden ist, wo es sich um die
Unterscheidung handelt. Wir sehen z.B. zwei Schatten oder zwei Lichtstrahlen,
die einander durchdringen, und könnten uns eine Phantasiewelt, wo die Körper es
ebenso machten, ausdenken. Indessen unterscheiden wir dennoch einen Strahl von
dem anderen, selbst dann, wenn sie sich kreuzen, gerade durch die Verfolgung
ihres Weges.
    § 3. Philaletes. Das, was man in den Schulen Prinzip der Individuation
nennt, wo man sich so viel quält zu erfahren, was es sei, besteht in dem Dasein
selbst, welches jedes Wesen zu einer besonderen Zeit an einen bestimmten Ort
setzt, der zweien Wesen derselben Art nicht gemeinsam sein kann.
    Teophilus. Das Prinzip der Individuation kommt in den Individuen auf das
Prinzip der Unterscheidung zurück, wovon ich eben gesprochen habe. Wenn zwei
Individuen vollkommen ähnlich und gleich und mit einem Worte an sich selbst
ununterscheidbar wären, so würde es kein Prinzip der Individuation geben; und
ich wage selbst zu behaupten, dass es unter dieser Bedingung keine individuelle
Unterscheidung oder verschiedene Individuen geben würde. Darum ist der Begriff
der Atome schimärisch und stammt nur aus den unvollständige Vorstellungen der
Menschen. Denn wenn es Atome d.h. vollkommen harte und vollkommen
unveränderliche oder zu innerem Wechsel unfähige und nur an Grösse und Gestalt
voneinander verschiedene Körper gäbe, so würde es offenbar bei der Möglichkeit,
dass sie von gleicher Gestalt und Grösse sind, dann unter ihnen solche geben,
welche, an sich ununterscheidbar, nur durch äussere Bezeichnungen ohne inneren
Grund voneinander getrennt werden könnten, was den wichtigsten
Vernunftgrundsätzen zuwiderläuft. In Wahrheit ist aber jeder Körper veränderlich
und wird sogar stets wirklich verändert, dergestalt, dass er an sich selbst von
jedem anderen sich unterscheidet. Ich erinnere mich, dass eine geistvolle hohe
Fürstin einmal auf einem Spaziergange in ihrem Garten sagte, sie glaube nicht,
dass es zwei vollkommen gleiche Blätter gäbe. Ein gescheiter Edelmann, welcher
den Spaziergang mitmachte, glaubte, es sei leicht, solche zu finden, aber
obschon er viel danach suchte, musste er sich durch seine eigenen Augen
überzeugen, dass man stets dabei Verschiedenheit bemerken konnte. Man sieht aus
diesen bisher vernachlässigten Betrachtungen, wie sehr man sich in der
Philosophie von den natürlichsten Begriffen entfernt hat und wie sehr man von
den wichtigsten Prinzipien der wahren Metaphysik fern ist.
    § 4. Philaletes. Die Einheit einer und derselben Pflanze besteht darin,
eine solche Organisation von Teilen in einem einzelnen an einem gemeinsamen
Leben teilnehmenden Körper zu haben, dass sie so lange dauert, als die Pflanze,
wenn sie in ihren Teilen sich auch ändert, bestehen bleibt.
    Teophilus. Die Organisation oder Ausgestaltung ohne ein subsistierendes
Lebensprinzip, welches ich Monade nenne, würde nicht genügen, um ein idem numero
(der Zahl nach eins) oder dasselbe Individuum beharren zu machen; denn die
Ausgestaltung kann auf spezifische Art beharren, ohne auf individuelle Art zu
beharren. Wenn sich ein Hufeisen in einem bestimmten Mineralwasser Ungarns in
Kupfer verhandelt, so bleibt dieselbe Gestalt der Art nach, nicht aber bleibt
dasselbe dem Individuum nach, denn das Eisen löst sich auf, und das Kupfer, mit
dem das Wasser geschwängert ist, schlägt sich nieder und tritt unmerklich an
seinen Platz. Nun ist die Gestalt nur ein Akzidenz, welches nicht von einem
Subjekt zum anderen (de subjecto in subjectum) übergeht. Man muss also sagen, dass
die organisierten Körper ebensogut wie die übrigen nur der Erscheinung nach
beharren und nicht, wenn man es mit dem Ausdruck streng nimmt. Es ist das wie
mit einem Fluss, dessen Nasser stets wechselt, oder wie mit dem Fahrzeug des
Wesens, welches die Atener stets erneuerten. Was aber die Substanzen
anbetrifft, die in sich selbst eine wahrhafte und wirkliche substantielle
Einheit besitzen, der die eigentlich sogenannten Lebensverrichtungen zukommen
können, und was die substantiellen Wesen betrifft, quae uno spiritu continentur
(die von einem Geiste zusammengehalten werden), wie sich ein alter Rechtslehrer
ausdrückt, d.h. welche ein gewisser unteilbarer Geist bereit, so hat man das
Recht zu behaupten, dass sie vermittels dieser Seele oder dieses Geistes, welcher
in den Seelen, die denken, das Ich ausmacht, vollständig dasselbe Individuum
bleiben.
    § 5. Philaletes. Bei den Tieren und Pflanzen ist der Fall kein besonders
davon verschiedener.
    Teophilus. Wenn die Pflanzen und die Tiere keine Seele haben, so ist ihre
Identität nur scheinbare sie haben aber eine solcher die individuelle Einheit
findet ganz streng genommen bei ihnen wirklich statt, obgleich ihre organischen
Körper dieselbe nicht behalten.
    § 6. Philaletes. Dies zeigt auch, worin die Identität eines und desselben
Menschen besteht, nämlich allein darin, dass er das nämliche durch die
materiellen Teilchen fortgesetzte Leben geniesst, welche in einem fortwährenden
Flusse begriffen, aber in dieser Aufeinanderfolge denselben organisierten Körper
auf eine zu dessen Leben dienende Art verknüpft sind.
    Teophilus. Das lässt sich auch in meinem Sinne verstehen. In der Tat ist der
organisierte Körper länger als einen Augenblick nicht derselbe; er behält nur
gleiche Geltung. Und wenn man die Seele nicht berücksichtigt, so findet auch
nicht mehr dasselbe Leben und ebensowenig dieselbe Lebenseinheit statt. Diese
Identität würde also nur eine scheinbare sein.
    Philaletes. Wer die Identität des Menschen in etwas anderem sucht, als in
einem zu einem bestimmten Moment wohlorganisierten Körper, welcher fortan in
dieser Lebensorganisation durch eine Aufeinanderfolge verschiedener mit ihm
verbundener Teilchen der Materie fortdauert, wird es schwerlich durchführen
können, dass ein Embryo und ein Erwachsener, ein Wahnsinniger und ein Weiser
derselbe Mensch sind, ohne dass übrigens aus dieser Voraussetzung die Möglichkeit
fliesst, dass Set, Ismael, Sokrates, Pilatus, St. Augustin ein und derselbe
Mensch seien. Dies würde sich noch schlechter mit den Begriffen derjenigen
Philosophen vertragen, welche die Seelenwanderung anerkannten und da glaubten,
dass die Seelen der Menschen zur Strafe ihrer Übertretungen in Tierleiber gebannt
werden können; denn ich glaube nicht, dass jemand, der überzeugt wäre, dass die
Seele Heliogabals in einem Schweine fortlebte, behaupten würde, dass dies Schwein
ein Mensch und derselbe Mensch wie Heliogabal sei.
    Teophilus. Es handelt sich dabei um eine Untersuchung des Wortes und um
eine der Sache. Was die der Sache anbetrifft, so kann die Identität derselben
individuellen Substanz nur durch die Fortdauer derselben Seele aufrechterhalten
werden, denn der Körper ist in einem beständigen Fluss, und die Seele wohnt nicht
in bestimmten ihr zugewiesenen Atomen noch in einem kleinen unverweslichen
Gebein, wie im sogenannten Luz der Rabbiner. Indessen gibt es keine
Seelenwanderung, mittels deren die Seele ihren Körper gänzlich verlässt und in
einen anderen übergeht. Sie behält immer, selbst im Tode, einen organisierten
Leib, einen Teil des früheren, obgleich das, was sie behält, stets unmerklicher
Zerstreuung und Wiederherstellung und selbst grosser zu gewisser Zeit zu
erleidender Veränderung unterworfen ist. So findet also statt einer
Seelenwanderung Wandelung, Einhüllung oder Entwickelung und endlich ein fliessen
des Körpers dieser Seele statt. Der jüngere van Helmont glaubte, dass die Seelen
von Körper zu Körper, aber immer in ihrer Art bleibend, wandern, so dass es immer
dieselbe Zahl von Seelen derselben Art und folglich dieselbe Zahl Menschen und
Wölfe gibt, und dass die Wölfe, wenn sie in England vermindert und vernichtet
werden, sich entsprechend anderswo vermehren müssten. Gewisse in Frankreich
veröffentlichte Betrachtungen scheinen eben dahin zu gehen. Wenn die
Seelenwanderung nicht im strengen Sinne genommen wird, d.h. wenn jemand glaubte,
dass die in demselben feinen Körper bleibenden Seelen nur den gröberen Körper
wechseln, so würde sie möglich sein, sogar bis zum Übergänge derselben Seele in
einen Körper anderer Art, wie die Ansicht der Brahmanen und der Pytagoreer ist.
Aber alles, was möglich ist, ist darum nicht der Ordnung der Dinge entsprechend.
Indessen die Frage, ob im Falle, dass eine solche Seelenwanderung wirklich
stattfände, Kain, Ham und Ismael - vorausgesetzt, dass sie nach der Lehre der
Rabbiner dieselbe Seele hätten - derselbe Mensch genannt zu werden verdienten,
beträfe nur einen Wortstreite und ich habe bemerkt, dass der berühmte
Schriftsteller, dessen Ansichten Sie aufrechterhalten haben, dies anerkennt und
sehr gut erklärt (im letzten Paragraphen dieses Kapitels). Die Identität der
Substanz würde dann stattfinden, aber im Falle, dass kein Zusammenhang der
Erinnerung unter den verschiedenen Persönlichkeiten stattfände, welche von
derselben Seele gebildet würden, würde auch nicht soviel moralische Identität
dabei stattfinden, um zu sagen, es sei dieselbe Person. Und wenn Gott wollte,
dass die menschliche Seele in den Leib eines Schweines führe, des Menschen
vergessend und vernünftige Handlungen nicht ausübend, so würde sie nicht einen
Menschen ausmachen. Wenn sie aber in dem Tierleib die Gedanken eines Menschen
hätte und zwar desjenigen Menschen, den sie vor der Veränderung beseelte, wie
der goldene Esel des Apulejus, so würde man vielleicht keine Schwierigkeit
machen zu sagen, dass derselbe Lucius, der seine Freunde zu besuchen nach
Tessalien gekommen war, unter der Haut des Esels, wohin ihn Photis, ohne es zu
wollen, gebannt hatte, derselbe blieb und von einem Herrn zum andern wanderte,
bis dass die verzehrten Rosen ihm seine natürliche Gestalt wiedergaben.
    § 8. Philaletes. Ich glaube dreist behaupten zu können, dass, wer von uns
ein Geschöpf sähe, wie er selbst gemacht und gestaltet, wenn dies auch niemals
mehr Vernunft zeigte als eine Katze oder ein Papagei, darum nicht unterlassen
würde, es Mensch zu nennen, oder wenn er einen Papageien vernünftig und
philosophisch sprechen hörte, würde er ihn doch nur einen Papageien nennen und
dafür halten; er würde vom ersteren dieser Wesen sagen, es sei ein einfältiger,
stumpfer und von Vernunft verlassener Mensch, und von letzterem, dass es ein
geistvoller und gescheiter Papagei sei.
    Teophilus. Ich würde über den zweiten Punkt eher derselben Meinung sein,
als über den ersten, obgleich sich darüber noch etwas sagen lässt. Wenige
Teologen würden kühn genug sein, ein Wesen von menschlicher Gestalt, aber ohne
bemerkbare Vernunft, sofort und unbedingt zur Taufe zuzulassen, wenn man es im
Walde fände, und ein katolischer Priester würde vielleicht mit Hinzufügung
einer Bedingung sagen: wenn du ein Mensch bist, so taufe ich dich, denn man
würde nicht wissen, ob es von menschlichem Geschlecht wäre und eine vernünftige
Seele in ihm wohnte; es könnte ein Orang-Utang sein, jener dem menschlichen
Äusseren so nahekommende Affe, solch einer, wie derjenige, von dem Tulpius redet,
der ihn gesehen hat, und solch einer, wie derjenige, dessen Anatomie ein
gelehrter Arzt veröffentlicht hat. Ich gebe allerdings zu, dass der Mensch
sicherlich so dumm werden kann wie ein Orang-Utan, aber das Innere der
vernünftigen Seele würde in ihm bleiben trotz der einstweiligen Aufhebung des
Vernunftgebrauches, wie ich das oben erläutert habe: das also ist der Punkt, wo
man nicht nach dem äusseren Scheine urteilen darf. Was den zweiten Fall angeht,
so hindert nichts, dass es vernünftige Tiere einer von der unserigen
verschiedenen Art gebe, wie jene Bewohner des poetischen Vogelreichs in der
Sonne, wo ein aus dieser Welt nach seinem Tode hingekommener Papagei dem
Reisenden das Leben rettete, der ihm hienieden wohlgetan hatte. Wenn es sich
indessen zutrüge, wie im Lande der Feen und meiner Mutter Gans sich zuträgt, dass
ein Papagei eine verwandelte Prinzessin wäre und sich durch die Sprache als
solche zu erkennen gäbe, so würden ohne Zweifel Vater und Mutter ihn als ihre
Tochter liebkosen, indem sie sie zu haben glaubten, wenngleich sie unter dieser
fremdartigen Gestalt versteckt wäre. Gleichwohl würde ich mich demjenigen nicht
widersetzen, welcher sagte, dass in dem goldenen Esel, wie das Selbst oder
Individuum wegen der Einheit immateriellen Geistes, so Lucius oder die Person
wegen des Bewusstseins dieses Ich geblieben, aber dass dies nicht mehr ein Mensch
sei, wie es in der Tat scheint, dass man der Definition des Menschen etwas von
der Gestalt und Körperbildung hinzufügen muss, wenn man sagt, es sei ein
vernünftiges lebendiges Wesen; sonst würden meiner Ansicht nach auch die Geister
Menschen sein.
    § 9. Philaletes. Das Wort Person bedeutet ein denkendes und vernünftiges,
der Vernunft und Religion fähiges Wesen, welches sich selbst als ein Selbiges,
als dasselbe Wesen betrachten kann, das zu verschiedenen Zeiten und an
verschiedenen Grien denkt: dies geschieht einzig und allein durch das Bewusstsein
seiner eigenen Handlungen. Und diese Erkenntnis begleitet immer unsere
sinnlichen Empfindungen und gegenwärtigen Wahrnehmungen, wenn sie deutlich genug
sind, wie ich schon vorhin mehr als einmal bemerkt habe; und aus diesem Grunde
ist jeder für sich selbst das, was er das eigene Ich nennt. Man zieht bei dieser
Gelegenheit nicht in Betracht, ob dasselbe Ich in derselben Substanz oder in
verschiedenen Substanzen sich fortsetzt, denn da das Bewusstsein (consciousness
oder Konsciosität) das Denken immer begleitet, und darin die Ursache liegt, dass
jeder das ist, was er sein eigenes Ich nennt und wodurch er sich von jedem
anderen denkenden Dinge unterscheidet, so besteht darin auch allein die
persönliche Identität oder das, wodurch ein vernünftiges Wesen immer dasselbe
ist, und so weit dies Bewusstsein sich auf die schon vergangenen Handlungen oder
Gedanken erstrecken kann, so weit erstreckt sich die Identität dieser Person,
und das Ich ist jetzt dasselbe, welches es damals war.
    Teophilus. Auch ich bin dieser Meinung, dass die Konsciosität oder das
Selbstbewusstsein eine moralische persönliche Identität beweist. Und hierin
unterscheide ich das Nichtaufhören einer Tierseele von der Unsterblichkeit der
Menschenseele: die eine wie die andere behält die physische und wirkliche
Identität, aber was den Menschen anbetrifft, so bewahrt gemäss den Regeln der
göttlichen Vorsehung dessen Seele gewiss noch die moralische Identität, die uns
selbst als solche erscheint, um dieselbe Persönlichkeit zu bilden, welche
folglich die Strafen und Belohnungen zu empfinden fähig ist. Sie scheinen
anzunehmen, dass diese erscheinende Identität bewahrt bleiben kann, wenn es keine
wirkliche geben sollte. Ich möchte glauben, dass dies vielleicht durch die
Allmacht Gottes geschehen kann, aber nach der Ordnung der Dinge setzt die der
Person, welche sich als dieselbe empfindet selbst erscheinende Identität die
wirkliche Identität bei jedem nächsten Übergang, der von Reflexion und
Selbstgefühl begleitet wird, voraus, da eine so innerliche, unmittelbare
Wahrnehmung von Natur nicht täuschen kann. Könnte der Mensch nur Maschine sein
und dabei Konsciosität haben, so müsste man Ihrer Ansicht sein, aber ich
behaupte, dass dieser Fall wenigstens auf natürliche Weise nicht möglich ist.
Ebensowenig möchte ich auch sagen, dass die persönliche Identität und selbst das
Ich uns nicht bleiben, und dass ich nicht dieses Ich bin, das ich in der Wiege
gewesen bin, unter dem Vorwand, dass ich mich alles dessen, was ich damals getan
habe, nicht mehr erinnere. Um die moralische Identität durch sich selbst zu
finden, genügt es, dass ein mittlerer Zusammenhang des Bewusstseins eines
benachbarten oder selbst eines etwas entfernten Zustandes, wenn ein vergessener
Sprung oder Zwischenraum dabei unterläuft, mit dem anderen stattfindet. Wenn
z.B. eine Krankheit eine Unterbrechung in dem Zusammenhang der Verbindung des
Bewusstseins herbeigeführt hätte, so dass ich nicht wüsste, wie ich in den
gegenwärtigen Zustand gelangt bin, obschon ich mich noch entfernterer Dinge
erinnere, könnte das Zeugnis der anderen die Lücke meiner Wiedererinnerung
ausfüllen. Man könnte auf dieses Zeugnis hin mich selbst strafen, wenn ich in
einer Zwischenzeit etwas absichtlich gedachtes Böses getan, was ich kurz darauf
durch jene Krankheit vergessen hätte. Und wenn ich alles Vergangene vergessen
hätte, so dass ich gezwungen wäre, es mich von neuem lehren zu lassen bis auf
meinen Namen und bis aufs Lesen und Schreiben, so könnte ich immerhin von den
anderen mein vergangenes Leben in meinem früheren Zustand erfahren, wie meine
Rechte mir bewahrt bleiben, ohne dass ich mich in zwei Personen zu teilen und
mich zu meinem eigenen Erben zu machen nötig habe. Alles das genügt, die
moralische Identität aufrecht zu erhalten, welche dieselbe Person ausmacht. Wenn
sich die anderen verschwören wollten mich zu täuschen, wie ich sogar selbst
getäuscht werden kann, durch irgend eine Vision, einen Traum oder eine
Krankheit, wenn ich glaube, dass das, was ich geträumt habe, mir wirklich
widerfahren sei, so würde der Schein allerdings falsch sein; aber es gibt Fälle,
wo man der Wahrheit in Umsicht auf einen anderen moralisch sicher sein kann, und
bei Gott, mit dem verknüpft zu sein den Hauptpunkt der Moralität für uns
ausmacht, kann der Irrtum nicht stattaben. Was das Ich anbetrifft, so wird es
gut sein, zwischen dessen Erscheinung und dem Bewusstseinszustand zu
unterscheiden. Das Ich macht die reale und physische Identität, und die von
Wahrheit begleitete Erscheinung des Ich fügt die persönliche Identität hinzu.
Will ich also nicht sagen, dass die persönliche Identität sich nicht weiter
erstreckt als die Erinnerung, so werde ich noch weniger sagen können, dass das
Ich oder die physische Identität davon abhängig ist. Die reale und persönliche
Identität lässt sich auf die bei tatsächlichen Dingen möglich sicherste Weise
durch die gegenwärtige unmittelbare Reflexion beweisen; sie lässt sich für
gewöhnlich hinlänglich durch unsere Erinnerung an die Zwischenzeit oder durch
das übereinstimmende Zeugnis der anderen beweisen. Wenn aber Gott auf
ausserordentliche Weise die reale Identität veränderte, so würde die persönliche
bleiben, falls der Mensch die Erscheinungen der Identität bewahrte, sowohl die
inneren (d.h. des Bewusstseins) als die äusseren, sowie die, welche in dem den
anderen Erscheinenden bestehen. So ist das Bewusstsein nicht das einzige Mittel,
die persönliche Identität zu bilden, und das Verhältnis zu den anderen oder
selbst andere Zeichen können dafür eintreten. Schwierigkeit entsteht aber, wenn
unter diesen verschiedenen Erscheinungen sich Widerspruch findet. Das Bewusstsein
kann schweigen wie beim Vergessen, wenn es aber ganz deutlich Dinge sagte, die
den übrigen Erscheinungen zuwider wären, so würde man bei der Entscheidung in
Verlegenheit und mitunter zwischen zwei Möglichkeiten gleichsam in der Schwebe
sein, der des Irrens in unserem Gedächtnis und der irgend einer Täuschung in den
äusseren Erscheinungen.
    § 11. Philaletes. Man wird sagen, dass die Gliedmassen des Körpers eines
jeden Menschen ein Teil von ihm sind, und der Mensch also, da der Körper sich in
einem beständigen Fluss beendet, nicht derselbe bleiben kann.
    Teophilus. Ich würde lieber sagen, dass das Ich und das Er ohne Teile sind,
weil man sagt und zwar mit Recht, dass dieselbe Substanz oder dasselbe physische
Ich sich wirklich erhält. Man kann aber nicht sagen, wenn man der genauen
Wahrheit der Dinge gemäss redet, dass dasselbe Ganze sich erhält, wenn ein Teil
zugrunde geht. Was also körperliche Teile hat, kann nicht umhin, in jedem
Augenblick deren zu verlieren.
    § 13. Philaletes. Das Bewusstsein der früheren Handlungen kann nicht von
einer denkenden Substanz auf die andere übertragen werden, und es wäre gewiss,
dass dieselbe Substanz bleibt, da wir uns als dieselben empfinden, wenn dies
Bewusstsein eine einzige und selbige individuelle Handlung wäre, d.h. wenn die
Handlung des Reflektierens dieselbe wäre, wie die Handlung, über welche man,
indem man sich ihrer bewusst wird, reflektiert. Aber da sie nur eine tatsächliche
Darstellung einer früheren Handlung ist, so bleibt noch die Unmöglichkeit zu
beweisen, dass das, was niemals stattgefunden hat, sich dem Geiste so darstellen
könne, als ob es wirklich stattgefunden hätte.
    Teophilus. Eine Erinnerung an einen der Vergangenheit angehörigen
Zwischenfall kann täuschen; man erfährt dies oft und kann sich einen natürlichen
Grund dieses Irrtums denken. Aber die gegenwärtige und unmittelbare Erinnerung
oder die Erinnerung dessen, was sich soeben erst zugetragen hat, d.h. das
Bewusstsein oder die Reflexion, welche die innere Tätigkeit begleitet, kann von
Natur nicht täuschen, sonst würde man selbst nicht sicher sein, dass man dies
oder jenes denkt, denn man sagt sich dies innerlich auch nur von der vergangenen
Handlung und nicht bei der Handlung selbst. Wenn die inneren, unmittelbaren
Erfahrungen nicht gewiss sein sollen, so gibt es gar keine tatsächliche Wahrheit,
deren man versichert sein könnte. Und ich habe schon gesagt dass es von dem
Irrtum, welcher bei den mittelbaren und äusseren Wahrnehmungen begangen wird,
eine verständliche Ursache gibt, dass man aber in den inneren, unmittelbaren
Wahrnehmungen keine solche finden kann, man müsste denn auf die göttliche
Allmacht zurückgehen.
    § 14. Philaletes. Was die Frage betritt, ob es beim Fortbestehen derselben
unkörperlichen Substanz zwei verschiedene Personen in ihr geben könne, so
gründet sie sich auf Folgendes - nämlich, ob dasselbe immaterielle Wesen
jedweder Empfindung seines früheren Daseins beraubt werden und sie gänzlich
einbüssen kann, ohne sie jemals wiedererlangen zu können, dergestalt, dass es beim
Anfing sozusagen einer neuen Rechnung seit einer neuen Lebensperiode ein
Bewusstsein hat, das sich über diesen neuen Zustand nicht hinaus erstrecken hann.
Alle diejenigen, welche an die Präexistenz der Seele glauben, folgen
augenscheinlich diesem Gedanken. Ich habe einen Menschen gesehen, der überzeugt
war, dass seine Seele die des Sokrates gewesen war und ich kann versichern, dass
er in dem Posten, welchen er bekleidete und der von keiner geringen Bedeutung
war, für einen sehr verständigen Mann gegolten hat und durch die von ihm
herausgegebenen Werke zeigte, dass es ihm weder an Geist noch an Wissen fehlte.
Sind also die Seelen hinsichtlich irgend eines Teiles der Materie, soweit wir es
aus ihrem Wesen erkennen können, gleichgültig, so schliesst jene Voraussetzung,
dass eine und dieselbe Seele in verschiedene Leiber eingeht, keinen Widersinn,
wie es scheint, in sich. Derjenige indessen, welcher gegenwärtig keine
Empfindung von irgend etwas, das Nestor oder Sokrates jemals getan oder gedacht
haben, hat, begreift er oder kann er denken, er sei dieselbe Person wie Nestor
oder Sokrates? Kann er an den Handlungen dieser beiden alten Griechen
teilnehmen? Kann er sie sich zuschreiben oder denken, dass sie eher seine eigenen
Handlungen seien, als die irgend eines anderen Menschen, der schon dagewesen
ist? Er ist nicht mehr dieselbe Person, wie einer von ihnen, als wenn die
gegenwärtig in ihm lebende Seele damals geschaffen worden wäre, als sie den
Körper, welchen sie gegenwärtig innehat, zu beleben anfing. Dies würde nicht
mehr dazu beitragen, ihn zu derselben Person, wie Nestor, zu machen, als wenn
einige Teilchen der Materie, die einmal am Nestor teilhatten, gegenwärtig einen
Teil dieses Menschen bildeten. Denn dieselbe körperliche Substanz ohne das
nämliche Bewusstsein macht nicht mehr dieselbe Person aus, um mit diesem oder
jenem Körper vereint zu werden, als dieselben Teilchen der Materie, die zu
irgend einem Körper ohne gemeinsames Bewusstsein verbunden sind, dieselbe Person
ausmachen können.
    Teophilus. Ein körperloses Wesen oder ein Geist kann nicht jeder
Wahrnehmung seines früheren Auslandes beraubt werden. Es bleiben ihm Eindrücke
von allem dem, was ihm einstmals begegnet ist, und er hat sogar Vorempfindungen
von allem dem, was ihm widerfahren wird: aber diese Empfindungen sind sehr
häufig zu gering, um vernehmlich zu sein und um ihrer bewusst werden zu können,
obwohl sie sich vielleicht einmal entwickeln mögen. Diese Fortsetzung und
Verknüpfung von Wahrnehmungen macht dasselbe Individuum in Wirklichkeit aus,
aber die Bewusstseinsakte, d.h. wenn man sich der früheren Empfindungen bewusst
ist, beweisen noch die moralische Identität und lassen die wirkliche erscheinen.
Die Präexistenz der Seelen tritt nicht durch unsere Wahrnehmungen in die
Erscheinung, aber wenn sie in der Wahrheit begründet wäre, so könnte sie
dereinst erkannt werden. Es ist also nicht der Vernunft gemäss, dass die
Wiederherstellung des Gedächtnisses auf immer unmöglich werde, da die
unmerklichen Wahrnehmungen, deren Nutzen ich bei so viel anderen wichtigen
Gelegenheiten schon gezeigt habe, auch hier dazu dienen, die Keime davon zu
bewahren. Der verstorbene Henry Morus, Teolog der englischen Kirche, war von
der Präexistenz überzeugt und hat sie literarisch verteidigt. Der verstorbene
van Helmont Sohn ging noch weiter, wie ich eben gesagt habe, und glaubte an die
Seelenwanderung, aber immer in die Körper derselben Gattung, so dass nach seiner
Meinung die menschliche Seele immer einen Menschen beseelte. Er glaubte mit
einigen Rabbinern an den Übergang der Seele Adams in den Messias als in den
neuen Adam. Und vermutlich glaubte er auch selbst irgend ein Alter gewesen zu
sein, so gescheit er auch sonst war. Wenn also dieser Übergang der Seelen in der
Wahrheit gegründet wäre, wenigstens in der vorher von mir erläuterten möglichen
Weise (die aber nicht wahrscheinlich erscheint), d.h. dass die Seelen, indem sie
feine Körper behalten, plötzlich in andere gröbere Körper übergingen, so wurde
dasselbe Individuum immer im Nestor, im Sokrates und in irgend einem Menschen
der neueren Zeit da sein, und er könnte selbst seine Identität demjenigen
erkennbar machen, der hinlänglich in sein Wesen eindringen würde, auf Grund der
Eindrücke oder Zeichen, die daselbst von allem dem, was Nestor oder Sokrates
getan haben, geblieben sind und welche ein genugsam scharfsinniger Geist auch da
lesen könnte. Wenn der Mensch der neuen Zeit indessen kein inneres oder äusseres
Mittel hätte, um zu erkennen, was er gewesen ist, so würde dies hinsichtlich der
moralischen Welt gerade so sein, wie wenn er es nicht gewesen wäre. Aber es hat
den Anschein, dass im Universum nichts versäumt wird, gerade wegen der
moralischen Welt, weil Gott, dessen Herrschaft eine vollkommene ist, darüber
Monarch ist. Meinen Annahmen nach sind die Seelen nicht gleichgültig
hinsichtlich irgend eines Teiles der Materie, wie es Ihnen zu sein scheint; sie
drücke im Gegenteil ursprünglich diejenigen Teile aus, denen sie der Ordnung
nach verknüpft sind und verknüpft sein müssen. Wenn sie also in einen neuen
groben oder sinnlich wahrnehmbaren Körper übergingen, würden sie immer den
Ausdruck alles dessen, wovon sie in den alten Körpern eine Wahrnehmung gehabt
haben, bewahren, und der neue Körper müsste dies sogar immer empfinden, so dass
die individuelle Fortdauer immer ihre wirklichen Spuren haben wird. Aber welches
auch immer unser vergangener Zustand gewesen sein mag, die von ihm hinterlassene
Wirkung kann uns nicht immer vernehmbar sein. Der geschickte Verfasser der
Abhandlung über den Verstand, dessen Ansichten Sie zu den Ihrigen gemacht haben,
hatte bemerkt (im zweiten Buch, Kapitel von der Identität, § 27), dass ein Teil
seiner als möglich vorgestellten Annahmen oder Fiktionen vom Durchgang der
Seelen sich darauf gründet, dass man den Geist gemeiniglich nicht allein als
unabhängig von der Materie, sondern auch als gleichgültig gegen jegliche Art
derselben betrachtet. Ich hoffe aber, dass dasjenige, was ich Ihnen über diesen
Gegenstand hie und da gesagt habe, diesen Beitel aufzuklären und, was von Natur
möglich ist, besser erkennen zu lassen dienen wird. Man begreift dadurch, wie
die Handlungen eines Alten einem Menschen der Neuzeit angehören würden, der
dieselbe Seele hätte, wenn er sich dessen auch nicht bewusst wäre. Wenn man sie
aber als solche erkannt haben würde, würde überdies noch eine persönliche
Identität daraus folgen. Übrigens macht ein von einem Körper in den anderen
übergehender Teil der Materie nicht dasselbe menschliche Individuum aus, noch
das, was man das Ich nennt, sondern die Seele ist es, die es ausmacht.
    § 16. Philaletes. Dennoch ist es wahr, dass ich für eine Handlung, die mir
in der Gegenwart durch dies Bewusstsein (Konsciosität oder conciousness), das ich
davon habe, als durch mich selbst vollbracht zugesprochen wird, wenn sich auch
vor tausend Jahren begangen worden ist, dasselbe Interesse und dieselbe gerechte
Verantwortung habe, als ich sie für das habe, was ich im eben verflossenen
Augenblick getan habe.
    Teophilus. Diese Meinung, etwas getan zu haben, kann bei entfernten
Handlungen täuschen. Man hat infolge häufiger Wiederholung für wirklich
genommen, was man geträumt oder was man erfunden hatte; diese falsche Meinung
kann in Verlegenheit setzen, aber nicht machen, dass man strafbar wird, wenn
andere nicht damit übereinkommen. Auf der anderen Seite kann man für das, was
man getan hat, verantwortlich sein, wenn man es auch vergessen hätte, falls die
Handlung nur sonst sich beglaubigen lässt.
    § 17. Philaletes. Jedermann erfährt es tagtäglich, dass, klänge sein kleiner
Finger in diesem Bewusstsein inbegriffen ist, er an dem Ich ebensogut teilnimmt,
wie ein beliebiger grösster Teil.
    Teophilus. Ich habe schon bemerkt (§ 11), warum ich nicht behaupten möchte,
dass mein Finger ein Teil seines Ichs ist, aber allerdings gehört er mir zu und
macht einen Teil meines Körpers aus.
    Philaletes. Die, welche anderer Meinung sind, werden sagen, dass, wenn
dieser kleine Finger vom übrigen Körper getrennt wird, falls jenes Bewusstsein
ihn begleitete und den übrigen Körper verliesse, der kleine Finger dann offenbar
die Person, dieselbe Person sein und das Ich alsdann mit dem übrigen Körper
nichts zu schaffen haben würde.
    Teophilus. Die Natur lässt dergleichen erdichtete Fälle nicht zu. Diese
zerfallen in sich durch das System der vorherbestimmten Übereinstimmung oder des
vollkommenen Entsprechens von Seele und Leib.
    § 18. Philaletes. Dennoch scheint es, dass, wenn der Körper zu leben und
sein besonderes Bewusstsein zu haben fortführe, an dem der kleine Finger keinen
Anteil hätte, und dabei die Seele im Finger wäre, dieser Finger keine Handlung
des übrigen Körpers als die seinige in Anspruch nehmen könnte und man ihm
dieselbe auch nicht zurechnen dürfte.
    Teophilus. Die Seele, die im Finger wäre, würde diesem Körper auch nicht
angehören. Ich gebe zu, dass, wenn Gott machte, dass die Bewusstseinszustände auf
andere Seelen übertragen würden, man sie nach den gegriffen der Moral so
behandeln müsste, als ob sie dieselben wären; aber das würde heissen, die Ordnung
der Dinge ohne Ursache verwirren und zwischen dem Bemerkbaren und der durch die
unbemerkbaren Wahrnehmungen sich erhaltenden Wahrheit eine Scheidewand
aufrichten, welche nicht in der Vernunft begründet wäre, weil die für den
Augenblick unbemerkbaren Wahrnehmungen sich einmal entwickeln können; denn es
gibt nichts Unnützes, und die Ewigkeit bietet zu Veränderungen ein grosses Feld.
    § 20. Philaletes. Die menschlichen Gesetze bestrafen nicht einen
Geisteskranken für die Handlungen, welche er als Mensch von gesundem Verstande
begangen hat, noch einen Menschen von gesundem Verstande für das, was er als
Geisteskranker getan hat; dadurch machen wie zwei Personen aus ihm. Es ist das
so, wie man sagt: er ist ausser sich.
    Teophilus. Die Gesetze drohen Strafen und verheissen Belohnungen, um die
schlimmen Handlungen zu verhüten und die guten zu fördern. Nun kann ein
Geisteskranker in dem Masse ein solcher sein, dass Drohungen und Belohnungen nicht
gehörig auf ihn wirken, da die Vernunft nicht mehr die Meisterin ist, also muss
nach dem Mass der Geistesschwäche die Strenge der Strafe nachlassen. Auf der
anderen Seite will man, dass der Verbrecher die Wirkung des von ihm begangenen
Bösen empfinde, damit man von vornherein Verbrechen zu begehen fürchte; da aber
der Geisteskranke nicht hinlänglich Verständnis dafür hat, so wartet man gern
eine gehörige Zwischenzeit zur Ausführung des Urteils ab, das ihn für das bei
gesundem Verstande Begangene bestraft. Demnach kommt, was die Gesetze oder die
Richter bei solchen Gelegenheiten tun, nicht daher, dass man sich zwei Personen
dabei denkt.
    § 22. Philaletes. Man macht sich in der Tat auf seifen derjenigen, deren
Ansichten ich vor Ihnen vertrete, den Einwurf, dass, wenn jemand, der betrunken
ist und es nachher nicht mehr ist, nicht dieselbe Person sein soll, man ihn dann
auch nicht für das bestrafen dürfe, was er in der Trunkenheit getan hat, weil er
davon nichts mehr weiss. Aber die Antwort darauf lautet, dass er doch ganz ebenso
dieselbe Person ist, wie jemand, der während seines Schlummerns umherwandelt und
allerlei anders Handlungen ausübt und für allen den Schaden, welchen er in
diesem Zustande angerichtet hat, verantwortlich ist.
    Teophilus. Zwischen den Handlungen eines Betrunkenen und denen eines
wirklichen und als solchen anerkannten Nachtwandlers waltet ein Unterschied ob.
Man straft die Betrunkenen, weil sie die Trunkenheit meiden und selbst während
ihrer Trunkenheit eine gewisse Erinnerung an die Strafe haben können. Es ist
aber nicht ebenso in der Macht der Nachtwandler, sich ihres nächtlichen Ganges
und dessen, was sie tun, zu entalten. Könnte man aber allerdings dadurch, dass
man ihnen auf der Stelle die Rute gäbe, sie im Bette halten, so würde man dazu
das Recht haben und auch nicht verfehlen, es zu tun, obgleich das mehr ein
Heilmittel, als eine Züchtigung wäre. In der Tat soll dies Mittel geholfen
haben.
    Philaletes. Die menschlichen Gesetze bestrafen den einen wie den andern
gemäss einer der Art entsprechenden Gerechtigkeit, wie die Menschen die Dinge
erkennen, weil sie in dieser Art Fällen zwischen dem, was wirklich ist und dem,
was nur vorgegeben ist, nicht sicher unterscheiden können, also wird das
Nichtwissen nicht als Entschuldigung für das, was man in der Trunkenheit oder im
Schlaf getan hat, angenommen. Die Tatsache ist gegen den, der sie begangen hat,
bewiesen, und man kann nicht zu seinen Gunsten den Mangel an Bewusstsein
beweisen.
    Teophilus. Es handelt sich nicht so sehr darum, als um das, was man tun
muss, wenn es sicher festgestellt ist, dass der Trunkene oder der Nachtwandler
ausser sich gewesen sind, wie dies der Fall sein kann. In diesem Falle kann der
Nachtwandler nur als ein Geisteskranker betrachtet werden, aber da die
Trunkenheit freiwillig ist, die Krankheit jedoch nicht, so bestraft man den
einen und nicht den andern.
    Philaletes. An dem grossen und furchtbaren Tage des Gerichts aber, wo die
Geheimnisse aller Herzen aufgedeckt werden sollen, hat man recht zu glauben, dass
niemand dasjenige zu verantworten haben wird, was ihm gänzlich unbekannt ist,
und dass jeder empfangen wird, was er nach dem Zeugnis seines eigenen Gewissens
verdient.
    Teophilus. Ich halte es nicht für nötig, dass das Gedächtnis des Menschen am
Tage des Gerichts so weit gesteigert werde, dass er sich alles dessen erinnert,
was er vergessen hatte, und glaube, dass die Erkenntnis der anderen und vor allem
des gerechten Richters, der sich nicht täuschen lässt, genügen werde. Man könnte
einen der Wahrheit freilich wenig entsprechenden erdichteten Fall denken, der
sich aber doch vorstellen lässt, nämlich dass ein Mensch am Tage des Gerichts
schlecht gewesen zu sein glaubte, und dass allen übrigen geschaffenen Geistern,
die darüber zu urteilen in der Lage wären, dasselbe als wahr erschiene, ohne dass
es wahr wäre - würde man nun sagen können, dass der höchste gerechte Richter, der
allein das Gegenteil weiss, diesen Menschen verdammen und seinen Taten entgegen
richten könnte? Und doch würde dies aus dem von Ihnen über die moralische
Persönlichkeit aufgestellten Begriff zu folgen scheinen. Man wird vielleicht
sagen, dass, wenn Gott gegen den Schein richtet, er nicht genug Ruhm erhalten und
den übrigen Unmut bereiten wird; aber man kann darauf erwidern, dass er sich
selbst das einzige und höchste Gesetz ist, und in diesem Falle die übrigen
urteilen müssen, dass sie sich getäuscht haben.
    § 23. Philaletes. Könnten wir entweder voraussetzen, dass zwei verschiedene
und miteinander nicht in Verbildung stehende Bewusstseinsvermögen abwechselnd in
demselben Körper tätig sind, das eine beständig ehrend des Tages und das andere
während der Nacht, oder dass dasselbe Bewusstsein in Zwischenräumen in zwei
verschiedenen Körpern tätig wäre, frage ich, oh im ersteren Falle der
Tagesmensch und der Nachtmensch, dass ich mich so auszudrücken wage, nicht zwei
ebenso verschiedene Personen wären, wie Sokrates und Plato, und ob er nicht im
zweiten Fall eine einzige Person in zwei verschiedenen Körpern ist? Es
verschlägt nichts, dass das nämliche Bewusstsein, welches zwei verschiedene Körper
beherrscht und jene beiden Bewusstseinsvermögen die denselben Körper zu
verschiedenen Zeiten beherrsche einer und derselben immateriellen Substanz und
die beiden anderen zwei verschiedenen immateriellen Substanzen angehören, welche
diese verschiedenen Bewusstseinsvermögen in jene Körper einführen, da die
persönliche Identität in gleicher Weise durch das Bewusstsein bestimmt sein
würden es, dass dies Bewusstsein mit irgend einer individuellen unkörperlichen
Substanz verbunden wäre oder nicht. Übrigens muss ein unkörperliches Wesen, das
denkt, mitunter sein vergangenes Bewusstsein aus dem Gesicht verlieren und es
sich aufs neue zurückrufen. Nun nehme man an, dass diese Zwischenzeiten von
Gedächtnis und Vergessen den ganzen Tag und die ganze Nacht wiederkehren, so
wird man zwei Personen mit demselben unkörperlichen Geist haben. Daraus folgt,
dass das Ich nicht durch die Identität oder Verschiedenheit der Substanz bestimmt
wird, deren man nicht sicher sein kann, sondern nur durch die Identität des
Bewusstseins.
    Teophilus. Ich gebe zu, dass, wenn alle Erscheinungen gewechselt und von
einem Geist auf den anderen übertragen würden, oder wenn Gott einen Tausch
zwischen zwei Geistern machte, indem er den sichtbaren Leib und die
Erscheinungen und das Bewusstsein des einen auf den anderen übertrüge, die
persönliche Identität, statt an die der Substanz geknüpft zu sein, den sich
gleichbleibenden Erscheinungen folgen würde, welche die menschliche Moral im
Auge halten muss; aber diese Erscheinungen werden nicht bloss in den
Bewusstseinsakten bestehen, und Gott würde nicht allein die
Bewusstseinserscheinungen oder -vermögen der in Rede stehenden Individuen
miteinander vertauschen müssen, sondern auch diejenigen Erscheinungen, welche
sich anderen in Hinsicht auf diese Personen darbieten, sonst würde zwischen den
Bewusstseinsvermögen der einen und dem Zeugnis der anderen Widerspruch
stattfinden, was die moralische Weltordnung verwirren würde. Man muss mir
indessen zugeben, dass die Scheidung zwischen der unsinnlichen und der sinnlichen
Welt d.h. zwischen den unmerklichen Wahrnehmungen, die in denselben Substanzen
bleiben würden, und den Bewusstseinsakten, die vertauscht werden würden, ein
Wunder sein müsste, wie wenn man voraussetzt, dass Gott einen leeren Raum
hervorbringt; denn ich habe vorher gesagt, warum dies nicht der Naturordnung
gemäss ist. Hier eine annehmbarere Voraussetzung! Möglicherweise findet sich an
einer anderen Stelle des Universums oder zu einer anderen Zeit eine Weltkugel,
die auf bemerkbare Weise nicht von der von uns bewohnten Erdkugel sich
unterscheidet, und wo sich jeder der sie bewohnenden Menschen auf keine
bemerkbare Weise von jedem von uns, der ihm entspricht, unterscheidet. So gibt
es zugleich mehr als hundert Millionen Paare einander gleicher Menschen d.h. von
Menschen derselben äusseren Erscheinung und desselben Bewusstseins, und Gott
könnte die Geister allein oder mit ihrem Körper von einer Kugel auf die andere,
ohne dass sie es gewahr würden, übertragen - aber sei es, dass sie übertragen oder
belassen werden - was wird man von ihrer Person oder ihrem Ich nach der Meinung
Eurer Partei sagen? Sind es zwei Personen oder eine und dieselbe? da das
Bewusstsein und die inneren und äusseren Erscheinungen der Menschen auf diesen
Kugeln keinen Unterschied machen könnend Allerdings würden Gott und diejenigen
Geister, welche die Zwischenräume und äusseren Beziehungen der Zeiten und der
Orte und selbst die inneren, den Menschen der beiden Kugeln unmerklichen
Verhältnisse zu erkennen fähig sind, sie unterscheiden können, aber da nach
Euren Voraussetzungen der Umstand des Bewusstseins allein die Personen
unterscheidet, ohne dass man sich um die wirkliche Identität oder Verschiedenheit
der Substanz oder selbst dessen, was den anderen erscheinen würde, zu bekümmern
braucht, wie kann man umhin zu sagen, dass diejenigen zwei Personen, welche zu
gleicher Zeit auf den beiden einander entsprechenden, aber auf eine nicht
auszudrückende Entfernung auseinandergelegenen Weltkugeln sich beenden, eine und
dieselbe Person seien - was doch ein handgreiflicher Widersinn ist? Spricht man
übrigens von dem, was von Natur möglich ist, so würden die beiden gleichen
Weltkugeln und die beiden gleichen Seelen auf denselben es nur für eine Zeit
bleiben. Denn da eine individuelle Verschiedenheit stattfindet, muss dieser
Unterschied wenigstens in den unmerklichen Verhältnissen, welche sich in der
Folge der Zeiten entwickeln müssen, bestehen.
    § 26. Philaletes. Denken wir einen Menschen, der in der Gegenwart für das,
was er in einem anderen Leben getan hat, und worüber er durchaus nicht zum
Bewusstsein gebracht werden kann, bestraft wird, welchen Unterschied gibt es
zwischen solcher Behandlung und diejenigen, bei welcher man ihn unglücklich
erschaffen hätte?
    Teophilus. Die Platoniker, Origenisten, einige Juden und andere Verteidiger
der Präexistenz der Seelen haben geglaubt, dass die Seelen dieser Welt in
unvollkommen Körper gesetzt wären zur Strafe für die Verbrechen, welche sie in
einer früheren Welt begangen haben. Aber wenn man darüber das Wahre weder weiss
noch jemals erfahren wird, weder durch die Erinnerung des Gedächtnisses noch
durch gewisse Spuren, noch durch das Wissen anderer, so wird man dies allerdings
nicht eine Strafe nach den gewöhnlichen Begriffen nennen können. Wenn man
indessen von der Strafe im allgemeinen spricht, so ist man zu zweifeln befugt,
ob es absolut notwendig ist, dass diejenigen, welche leiden, selbst einmal die
Ursache davon erfahren, und ob es nicht sehr oft genügen würde, dass andere
besser unterrichtete Geister daraus Veranlassung nähmen, die göttliche
Gerechtigkeit zu preisen. Es ist inzwischen wahrscheinlicher, dass die leidenden
wenigstens im allgemeinen das Warum davon erfahren.
    § 29. Philaletes. Sie werden vielleicht beim Rechnungsabschluss mit meinem
Gewährsmann sich einverstanden erklären, der sein Kapitel von der Identität
folgendermassen endet, dass die Frage, ob der Mensch derselbe bleibe, eine
Wortfrage ist, je nachdem man unter Mensch den vernünftigen Geist allein
versteht oder den Körper allein in derjenigen Form, welche Mensch genannt wird,
oder endlich den mit einem solchen Körper verbundenen Geist. Im ersten Falle
wird der abgetrennte Geist (wenigstens der von dem gröberen Körper abgetrennte
Geist) noch der Mensch sein, im zweiten wird ein Organ Utan, der uns mit
Ausnahme der Vernunft vollständig gliche, auch ein Mensch sein, und wenn der
Mensch seiner vernünftigen Seele beraubt würde und eine Tierseele empfinge, so
würde er derselbe Mensch bleiben. Im dritten Falle muss der eine und der andere
in derselben Vereinigung bleiben, derselbe Geist und derselbe Körper zum Teil
oder wenigstens ein entsprechender, was die sinnliche körperliche Form betrifft.
So könnte man als dasselbe Wesen physisch oder moralisch verharren d.h. dieselbe
Person bleiben, ohne Mensch zu bleiben, im Fall, dass man diese Gestalt diesem
letzteren Sinne gemäss als dem Menschen wesentlich betrachtet.
    Teophilus. Ich gestehe, dass es sich dabei um eine Wortfrage handelt, und
dass es im dritten Falle so ist, wie wenn dasselbe Tier bald Raupe oder
Seidenwurm und bald Schmetterling ist, und wie nach der Einbildung gewisser
Leute die Engel dieser Welt Menschen in einer früheren Welt gewesen sind. Aber
wir sind in dieser Zusammenkunft mit wichtigeren Untersuchungen als mit den über
die Wortbedeutungen beschäftigt. Ich habe Ihnen die Quelle der wahren physischen
Identität gezeigt, ich habe dargetan, wie die Moral ebensowenig wie das
Gedächtnis dagegen spricht, dass sie nicht immer die psychische Identität
derselben Person die es sich handelt, auch nicht denen, welche mit ihr in
Verkehr stehen, anzeigen können, dass gleichwohl aber sie der psychischen
Identität niemals widersprechen und sich von ihr niemals trennen; dass es immer
erschaffene Geister gibt, welche erkennen oder doch erkennen können, wie es
damit steht; aber dass man z.B. anzunehmen Grund hat, das, was hinsichtlich der
Personen Gleichgültiges dabei ist, könne nur für eine Zeit gelten.
 
                                Kapitel XXVIII.
        Von einigen anderen Relationen und vor allem von den moralischen
    § 1. Philaletes. Ausser den auf die Zeit, den Ort und die Kausalität
gegründeten Relationen, mit denen wir uns eben beschäftigt haben, gibt es noch
unendlich viele andere, von denen ich einige vorführen will. Jede einfache, der
Teilung und der Steigerungsgrade fähige Vorstellung gibt Gelegenheit, die
Gegenstände, an denen sie sich findet, zu vergleichen, z.B. die Vorstellung des
mehr (oder weniger oder gleich) Weissen. Diese Relation kann proportional genannt
werden.
    Teophilus. Gleichwohl gibt es ein Übermass ohne Proportion, und zwar
hinsichtlich einer Grösse, die ich unvollkommen nenne, wie z.B. wenn man sagt,
dass der Winkel, welchen der Radius mit seinem Kreisbogen macht, kleiner sei als
ein Rechter, denn es ist nicht möglich, dass zwischen diesen beiden Winkeln oder
zwischen dem einen von ihnen und ihrem Unterschiede, welches der Nebenwinkel
ist, eine Proportion stattfinde.
    § 2. Philaletes. Eine andere Gelegenheit zum Vergleich wird durch die
Umstände des Ursprungs gegeben, aus denen die Relationen von Vater und Kind,
Brüdern, Vettern, Landsleuten entspringen. Bei uns denkt man nicht daran zu
sagen: Dieser Stier ist der Grossvater dieses Kalbes, oder: Diese beiden Tauben
sind rechte Geschwisterkinder, denn die Sprachen richten sich nach dem Gebrauch.
Aber es gibt Länder, wo die Menschen, weniger um ihre eigene Genealogie
bekümmert als um die ihrer Pferde, nicht nur Namen für jedes Pferd besonders,
sondern auch für deren verschiedene Verwandtschaftsgrade haben.
    Teophilus. Denen der Verwandtschaft kann man noch die Vorstellung der
Familie und die Familiennamen hinzufügen. Man bemerkt allerdings unter der
Regierung Karls des Grossen und ziemlich lange vorher oder nachher noch nicht,
dass es in Deutschland, Frankreich und der Lombardei Familiennamen gibt. Es ist
noch nicht lange her, dass es selbst adlige Familien im Norden gegeben hat, die
keinen Namen hatten, und wo man jemand an seinem Geburtsorte nur damit
bezeichnete, dass man seinen Namen und den seines Vaters nannte und übrigens,
wenn er sich anderswohin begab, seinem Namen den des Ortes, woher er kam,
hinzufügte. Die Araber und Turkomanen haben, wie ich glaube, noch jetzt
denselben Gebrauch, da sie keine besonderen Familiennamen haben und sich
begnügen, den Vater und den Grossvater usw. jemandes zu nennen, und dieselbe Ehre
erzeigen sie ihren kostbaren Pferden, die sie bei ihrem Namen und dem des Vaters
und selbst noch weiter hinauf benennen. Auf diese Art sprach man von den
Pferden, welche der Grossherr der Türken dem Kaiser nach dem Frieden von
Carlowitz geschickt hatte, und der selige Graf von Oldenburg, der letzte seines
Stammes, dessen Marställe berühmt waren, und der ein hohes Alter erreichte,
hatte Stammbäume von seinen Pferden, so dass sie ihren Adel nachweisen konnten
und sogar die Porträts ihrer Vorfahren (imagines majorum) besassen, ein bei den
Römern so gesuchter Artikel. Aber um auf die Menschen zurückzukommen, so gibt es
bei den Arabern und Tataren Namen von Stämmen, welche wie grosse Familien sind,
die sich im Laufe der Zeiten ausgebreitet haben. Und diese Namen sind entweder
von dem Stammvater, wie aus der Zeit des Moses, oder von dem Wohnort oder irgend
einem anderen Umstand hergenommen. Ein wissbegieriger Reisender Worslei, der sich
von dem gegenwärtigen Zustand des wüsten Arabiens, wo er sich eine Zeitlang
aufgehalten, unterrichtet hat, versichert, dass in dem ganzen Lande zwischen
Ägypten und Palästina und wo Moses durchzog, es heutzutage nur drei Stämme gibt,
die sich zusammen auf 5000 Menschen belaufen können. Der eine dieser Stämme
nennt sich Sali von dem Stammvater her, glaube ich, dessen Nachkommenschaft das
Grab wie das eines Heiligen verehrt, indem es davon Staub nimmt, den die Araber
auf ihren Kopf und den ihrer Kamele streuen. Übrigens findet Blutsverwandtschaft
da statt, wo derselbe Ursprung ist wie zwischen denen, deren Relation wir
betrachten, aber man wird sagen können, dass verwandtschaftlicher Zusammenhang
oder Affinität zwischen zwei Personen stattfindet, wenn sie mit der nämlichen
Person Blutsverwandtschaft haben können, ohne sie deswegen untereinander zu
haben, was sich durch Vermittlung der Heiraten so macht. Wie man jedoch nicht
die Gewohnheit hat zu sagen, dass zwischen Mann und Frau Affinität stattfindet,
obgleich deren Ehe Ursache der Affinität in Hinsicht auf andere Personen sein
mag, so wird es vielleicht besser sein, zu sagen, dass unter denjenigen Affinität
ist, die untereinander blutsverwandt sein würden, wenn Mann und Frau für eine
und dieselbe Person genommen würden.
    § 3. Philaletes. Die Gründung einer Beziehung ist mitunter ein moralisches
Recht, wie die eines Heerführers oder eines Bürgers. Diese Arten von Relationen,
von den Verbindungen abhängig, welche die Menschen unter sich gemacht haben,
sind freiwillige oder eingeführte, die man von den natürlichen unterscheiden
kann. Mitunter haben die beiden gegeneinander in Relation, also in Korrelation
stehenden jeder seinen besonderen Namen, die Patron und Klient, General und
Soldat. Aber dies ist nicht immer so, wie man z.B. keinen Ausdruck für die hat,
welche zu einem Kanzler in Beziehung stehen.
    Teophilus. Es gibt mitunter natürliche Relationen, welche die Menschen mit
moralischen Relationen bekleidet und bezeichnet haben, wie z.B. die Kinder das
Recht haben, den gesetzlichen Teil an der Hinterlassenschaft ihrer Väter oder
Mütter zu beanspruchen; junge Leute haben gewisse Beschränkungen, und alte Leute
gewisse Freiheiten. Indessen geschieht es auch, dass man das für natürliche
Relation nimmt, was es nicht ist, wie wenn die Gesetze sagen, dass derjenige der
Vater ist, welcher mit der Mutter sich innerhalb der Zeit verheiratet hat, dass
das Kind ihm zugeschrieben werden kann, und dieses Setzen dessen, was
eingeführte Sitte ist, an die Stelle des Natürlichen, ist mitunter nur
Voraussetzung (Präsumption), also ein Urteil, wodurch das als wahr angenommen
wird, was es vielleicht nicht ist, so lange man nur nicht das Gegenteil beweisen
kann. Und in diesem Sinne wird der Satz: pater est, quem nuptiae demonstrant
(derjenige ist Vater, den die Eheschliessung als solchen nachweist), im römischen
Recht und bei den meisten Völkern genommen, die ihn angenommen haben. In England
aber, wie man mir mitgeteilt hat, nutzt es nichts, sein Alibi zu beweisen, wenn
man nur in einem der drei Königreiche gewesen ist, so dass die Voraussetzung sich
in diesem Falle in eine Fiktion oder in das verwandelt, was einige Rechtslehrer
praesumtio juris et de jure nennen.
    § 4. Philaletes. Moralische Relation ist die Übereinstimmung oder
Nichtübereinstimmung zwischen den freiwilligen Handlungen der Menschen und einer
Regel, welche das Urteil bestimmt, ob sie moralisch gut oder schlecht sind (§
5), und das moralisch Gute oder moralisch Schlechte ist die Übereinstimmung oder
der Gegensatz zwischen den freiwilligen Handlungen und einem bestimmten Gesetz,
das uns nach Willen und Macht des Gesetzgebers (oder dessen, der das Gesetz
aufrecht erhalten will) physisches Gutes oder Übles zuzieht: und dies ist
dasjenige, was wir Belohnung und Strafe nennen.
    Teophilus. So trefflichen Schriftstellern, wie der, dessen Ansichten Sie
vertreten, ist erlaubt, die Ausdrücke nach Belieben zu wählen. Allein ebenso
wahr ist, dass nach dem aufgestellten Begriff eine und dieselbe Handlung zu
gleicher Zeit bei verschiedenen Gesetzgebern moralisch gut und moralisch schlimm
sein kann, ganz wie unser vortrefflicher Autor vorher die Tugend für das
erklärte, was gelobt wird, und folglich die nämliche Handlung, je nach den
Meinungen der Leute, tugendhaft oder nicht sein mag. Da dies nun der gewöhnliche
Sinn nicht ist, welchen man den moralisch guten und tugendhaften Handlungen
gibt, so würde ich für mich vorziehen, als Massstab des moralischen Guten und der
Tugend die unveränderliche Vernunftregel zu nehmen, welche aufrecht zu erhalten
Gottes Amt ist. Auch kann man versichert sein, dass durch seine Vermittlung jedes
moralische Gut ein physisches wird, oder, wie die Alten sagten, dass jedes
rechtschaffene handeln nützlich sei, statt dass man, um den Begriff des Autors
auszudrücken, sagen müsste, dass das moralische Gute oder Schlimme ein auferlegtes
oder eingeführtes Gut oder Übel sei, welchem derjenige, der die Gewalt in Händen
hat, durch Strafen oder Belohnungen Nachfolge oder Vermeiden zu verschaffen
sucht. Das Gute ist, dass das, was aus Gottes allgemeiner Gesetzgebung stammt,
der Natur oder der Vernunft entspricht.
    § 7. Philaletes. Es gibt drei Arten von Gesetzen: das göttliche Gesetz, das
bürgerliche Gesetz und das Gesetz der Meinung oder des guten Namens. Das erste
ist die Regel der Sünden oder der Pflichten, das zweite der verbrecherischen
oder unschuldigen Handlungen, das dritte der Tugenden oder Laster.
    Teophilus. Dem gewöhnlichen Wortsinne nach unterscheiden sich die Tugenden
oder Laster von den Pflichten und den Sünden nur wie die Gewohnheiten sich von
den Handlungen unterscheiden; man betrachtet die Tugend und das Laster nicht für
etwas von der Meinung Abhängiges. Eine grosse Sünde nennt man ein Verbrechen und
setzt das Unschuldige nicht dem Verbrecherischen, sondern dem Schuldigen
entgegen. Das göttliche Gesetz ist von zweierlei Art, natürliches und positives.
Das bürgerliche Gesetz ist positiv. Das Gesetz des guten Namens verdient den
Namen Gesetz nur uneigentlich oder ist unter dem natürlichen Gesetz befasst, wie
wenn ich sagte: das Gesetz der Gesundheit, das Gesetz der Wirtschaft, wenn die
Handlungen naturgemäss ein Gutes oder Übles nach sich ziehen, wie die Billigung
der anderen, die Gesundheit, den Gewinn.
    § 10. Philaletes. Inder Tat behauptet man in der ganzen Welt, dass die Worte
Tugend und Laster Natur gute und schlimme Handlungen bedeuten, und sofern sie
wirklich in diesem Sinne angewendet werden, kommt die Tugend vollständig mit dem
göttlichen (natürlichen) Gesetz überein. Aber welches auch immer die Ansprüche
der Menschen sein mögen, so ist klar, dass diese Worte, in ihrer besonderen
Anwendung betrachtet, beständig und einzig solchen oder solchen Handlungen
beigelegt werden, die in jedem Lande oder in jeder Gesellschaft als ehrenhaft
oder schändlich betrachtet werden; sonst würden die Menschen sich selbst
verdammen. Also ist der Massstab dessen, was man Tugend oder Laster nennt, jene
Billigung oder jene Verachtung, jenes Lob oder jener Tadel, der sich durch eine
heimliche und stillschweigende Übereinstimmung bildet. Denn wenn auch die in
politischen Gesellschaften vereinigten Menschen den freien Gebrauch aller Kräfte
dergestalt den Händen des öffentlichen Wesens anheimgestellt haben, dass sie
dieselben gegen ihre Mitbürger nicht über das hinaus, was durch das Gesetz
erlaubt ist, anwenden können, so behalten sie doch immerhin die Macht für sich,
gut oder schlimm von jemand zu denken, zu loben oder zu tadeln.
    Teophilus. Wenn der treffliche Schriftsteller, der sich mit Ihnen in dieser
Weise ausdrückt, erklärte, dass es ihm gefallen habe, diese in Rede stehende
willkürliche Nominaldefinition den Worten Tugend und Lasten zu geben, so könnte
man nur sagen, dass es in der Teorie zur Bequemlichkeit ihm erlaubt ist, sich
vielleicht aus Mangel an anderen Ausdrücken so auszudrücken; aber es wird nötig
sein, hinzuzufügen, dass diese Bedeutung dem Gebrauch nicht entspricht, dass sie
selbst nicht zur Erbauung dient und in den Ohren vieler übel klingen würde, wenn
sie jemand in die Praxis des Lebens und den mündlichen Verkehr einführen wollte,
wie jener Schriftsteller es in der Vorrede selbst anzuerkennen scheint. Aber das
würde hier zu weit gegangen sein, und wenn Sie auch zugeben, dass die Menschen
von dem, was nach unveränderlichen Gesetzen von Natur tugendhaft oder lasterhaft
ist, zu reden vorgeben, so behaupten Sie doch, dass sie in der Tat und Wahrheit
nur von dem zu sprechen verstehen, was von der Meinung abhängt. Es scheint mir
aber, dass man mit demselben Grunde auch behaupten könnte, dass die Wahrheit und
die Vernunft und alles, was man sonst noch Wesenhaftes nennen mag, von der
Meinung abhängt, weil die Menschen, indem sie darüber urteilen, der Täuschung
unterworfen sind. Ist es daher nicht in jeder Hinsicht besser zu sagen, dass die
Menschen unter Tugend wie unter Wahrheit das verstehen, was der Natur
entspricht, dass sie sich aber oft in der Anwendung täuschen, wobei sie sich aber
doch weniger täuschen, als man denkt? Denn was sie loben, verdient gewöhnlich in
gewisser Hinsicht gelobt zu werden. Die Tugend zu trinken, d.h. den Wein gut zu
vertragen, ist ein Vorteil, welcher dem Bonosus dazu diente, die Barbaren sich
geneigt zu machen und ihre Geheimnisse aus ihnen herauszubringen. Die
nächtlichen Kräfte des Herkules, worin Bonosus auch ihm zu gleichen behauptete,
waren nicht minder eine Vollkommenheit. Die List der Diebe wurde bei den
Lazedämoniern belobt, und tadelnswert ist dabei nicht die Geschicklichkeit,
sondern der übel angebrachte Gebrauche und diejenigen, welche man in
Friedenszeit rädert, könnten mitunter in Kriegszeiten ausgezeichnete
Parteigänger abgeben. So hängt alles von der Anwendung und von dem guten oder
üblen Gebrauch der Vorteile, die man besitzt, ab. Auch ist es sehr oft wahr und
muss nicht für etwas besonders Befremdendes genommen werden, dass die ansehen sich
selbst verdammen, wie wenn sie das tun, was sie an den anderen tadeln, und oft
kommt ein Widerspruch zwischen den Handlungen und den Worten vor, der dem
Publikum Ärgernis gibt, da das, was ein Beamter oder ein Prediger tut und
verbietet, aller Welt in die Augen springt.
    § 12. Philaletes. Überall gilt gerade dasjenige als Tugend, was man für
lobenswürdig erachtet. Die Tugend und das Lob werden oft mit denselben Worten
bezeichnet. Sunt hic etiam sua praemia laudi, sagt Virgil (lib. I. der Äneis v.
461), und Cicero sagt: Nihil habet natura praestantius, quam honestatem, quam
dignitatem, quam decus (Quaest. Tusc. l. II. c. 20) und er fügt ein wenig darauf
hinzu: Hisce ego pluribus nominibus unam rem declarare volo.
    Teophilus. Allerdings haben die Alten die Tugend durch das Wort der
Ehrenhaftigkeit bezeichnet, wie wenn sie lobten: inococtum generoso pectus
honesto. Und wahr ist auch, dass das Ehrenhafte seinen Namen von der Ehre und vom
Lobe trägt. Aber das will nicht sagen, dass Tugend das ist, was man lobt, sondern
dass sie das ist, was lobenswert ist, und von der Wahrheit, nicht aber von der
Meinung abhängt.
    Philaletes. Manche denken nicht ernstlich an das Gesetz Gottes oder hoffen,
sich mit dem Urheber desselben dereinst noch versöhnen zu können, und
hinsichtlich des Staatsgesetzes schmeicheln sie sich, ungestraft zu bleiben.
Aber man denke nicht, dass derjenige, welcher etwas den Meinungen der Menschen
seiner Umgebung und derer, denen er sich empfehlenswert machen will, entgegen
tut, der Strafe ihres Tadels und ihrer Missbilligung entgehen kann; niemand, dem
noch einige Empfindung seiner eigenen Natur bleiben mag, kann unter beständiger
Verachtung in Gesellschaft leben; dies ist die Stärke des Gesetzes des guten
Namens.
    Teophilus. Ich habe schon bemerkt, dass dies nicht sowohl die Strafe eines
Gesetzes, als eine natürliche Strafe ist, welche die Handlung sich von selbst
zuzieht. Freilich kümmern sich indessen viele nicht darum, weil sie gewöhnlich,
wenn sie von den einen infolge irgend einer getadelten Handlung verachtet
werden, Teilnehmer oder wenigstens Parteigänger finden, welche sie nicht
verachten, wenn sie nur auf irgend einer anderen Seite wenn auch noch so wenig
lobenswert sind. Man drückt selbst über ganz ehrlose Handlungen die Augen zu,
und oft genügt es, frech und schamlos, wie jener Phormio im Terenz zu sein,
damit einem alles hingehe. Wenn die Exkommunikation eine wirkliche beständige
und allgemeine Verachtung hervorbringen könnte, so würde sie die Kraft eines
solchen Gesetzes haben, von dem unser Autor redet, und in der Tat hatte sie bei
den ersten Christen diese Wirkung und ersetzte ihnen die ihnen fehlende
Gerechtigkeitspflege, um die Schuldigen zu bestrafen, ungefähr so, wie die
Handwerker unter sich gewisse Gewohnheiten trotz der Gesetze aufrechterhalten,
bloss durch die Verachtung, welche sie denen, die sie nicht beobachten, bezeigen.
Und dies hat auch die Duelle gegen die Gesetzesbestimmungen aufrechterhalten. Es
wäre zu wünschen, dass das Publikum in seinem Lob und Tadel mehr mit sich selber
und der Vernunft einig wäre, und dass vor allem die Grossen nicht die Schlechten
durch Belachen schlechter Handlungen in Schutz nehmen, wo meistens nicht der,
welcher sie begangen, sondern der, welcher darunter gellten hat, durch
Verachtung gestraft und ins Lächerliche gezogen zu werden scheint. Man wird auch
gemeiniglich sehen, dass die Menschen nicht sowohl das Laster verachten, als die
Schwäche und das Unglück. So hat das Gesetz des guten Namens wohl nötig,
berichtigt und auch besser beobachtet zu werden.
    § 19. Philaletes. Ehe ich die Betrachtung der Relationen verlasse, will ich
bemerken, dass wir gewöhnlich einen ebenso klaren oder noch klareren Begriff von
der Relation haben, als von dem, was deren Grund ist. Wenn ich glaubte, dass
Sempronia den Titus aus einem Busch geholt hat, wie man den kleinen Kindern zu
sagen pflegt, und sie nachher Gajus auf dieselbe Art bekommen hat, so hätte ich
einen ebenso klaren Begriff von dem brüderlichen Verhältnis zwischen Titus und
Gajus, als wenn ich alles Wissen der Hebammen besässe.
    Teophilus. Als man aber einmal einem Kinde sagte, dass sein kleiner, eben
geborener Bruder aus einem Brunnen geholt worden sei (eine Antwort, der man sich
in Deutschland bedient, um die Neugier der Kinder zu befriedigen), so antwortet
das Kind, es wundere sich, dass man ihn nicht wieder in denselben Brunnen würfe,
weil er so schrie und die Mutter belästigte. Jene Erklärung konnte ihm nämlich
keinen Grund zu der Liebe, welche die Mutter für das Kind bezeugte, anzeigen.
Man kann also sagen, dass diejenigen, welche die Gründe der Relation nicht
wissen, darüber nur teilweise taube und unzureichende Gedanken haben, wie ich
sie nenne, welche Gedanken indessen in gewissen Beziehungen und bei gewissen
Gelegenheiten genügen können.
 
                                 Kapitel XXIX.
      Von den klaren und dunklen, deutlichen und verworrenen Vorstellungen
    § 2. Philaletes. Wir wollen jetzt zu einigen Unterschieden der
Vorstellungen kommen. Unsere einfachen Vorstellungen sind klar, wenn sie ebenso
sind, wie die Gegenstände selbst, von denen man sie empfängt, und dieselben mit
allen zu einer wohlgeordneten Empfindung oder Wahrnehmung erforderlichen
Umständen darstellen oder darstellen können. Wenn das Gedächtnis sie auf diese
Art bewahrt, so sind es in diesem Falle klare Vorstellungen, und in dem Masse,
als es ihnen an dieser ursprünglichen Genauigkeit fehlt, oder sie, sozusagen,
von ihrer ersten Frische verloren haben und mit der Zeit getrübt und verwelkt
sind, in dem Masse sind sie dunkel. - Die zusammengesetzten Vorstellungen sind
klar, wenn die sie bildenden einfachen klar sind, und Zahl und Ordnung dieser
einfachen Vorstellungen feststeht.
    Teophilus. Ich habe in einer kleinen in die Leipziger Acta im Jahre 1684
eingerückten Abhandlung über die wahren und falschen, klaren und dunklen,
deutlichen und verworrenen Vorstellungen eine Definition von den klaren
Vorstellungen gegeben, die den einfachen und zusammengesetzten gemeinsam
zukommend über das hier gesagte Rechenschaft gibt. Ich nenne also eine
Vorstellung klar, wenn sie genügt, etwas zu erkennen und zu unterscheiden; wie
ich z.B., wenn ich eine ganz klare Vorstellung von einer Farbe habe, nicht eine
andere für die von mir gemeinte nehmen werde, und wenn ich eine klare
Vorstellung von einer Pflanze habe, sie von andern ähnlichen unterscheiden kann;
sonst ist die Vorstellung dunkel. Ich glaube, dass wir von den sinnlichen Dingen
nicht vollständig klare Vorstellungen haben. Es gibt Farben, die einander so
nahe stehen, dass man sie im Gedächtnis nicht voneinander unterscheiden kann, und
die man gleichwohl mitunter unterscheidet, wenn man die eine neben die andere
hält. Und wenn wir eine Pflanze gut beschrieben zu haben glauben, so wird man
eine solche aus Indien uns bringen können, die alles das haben wird, was wir in
unserer Beschreibung gesagt haben, und die sich dennoch als eine andere Spezies
zeigen mag; somit werden wir niemals vollkommen die untersten Spezies (species
infimas) bestimmen können.
    § 4. Philaletes. So wie eine klare Vorstellung diejenige ist, von welcher
der Geist eine volle und evidente Wahrnehmung der Art hat, wie er sie von einem
äusseren Objekt empfängt, das auf ein richtig gestimmtes Werkzeug gehörig wirkt,
ebenso ist eine deutliche Vorstellung diejenige, wo der Geist einen dieselbe von
jeder anderen Vorstellung unterscheidenden Unterschied bemerkt, und eine
verworrene Vorstellung diejenige, welche man nicht hinlänglich von einer
anderen, von der sie verschieden sein soll, unterscheiden kann.
    Teophilus. Nach dem von Ihnen gegebenen Begriff der deutlichen Vorstellung
sehe ich kein Mittel, sie von der klaren Vorstellung zu unterscheiden. Ich
pflege darum hierbei dem Sprachgebrauch Descartes' zu folgen, bei welchem eine
Vorstellung zugleich klar und verworren sein kann, und solcher Art sind die
Vorstellungen der den Sinnesorganen sich darbietenden sinnlichen Beschaffen
heilen, wie die der Farbe oder der Wärme. Sie sind klar, denn man erkennt sie
wieder und unterscheidet sie leicht voneinander, aber sie sind nicht deutlich,
denn man unterscheidet nicht das, was sie in sich schliessen. Daher kann man von
ihnen keine Definition geben. Man zeigt sie nur durch Beispiele auf und muss
übrigens sagen, dass es ein unbekanntes Etwas ist, bis man ihre innere
Beschaffenheit entziffert. Obgleich also die deutliches Vorstellungen nach
unserer Definition den Gegenstand von einem anderen unterscheiden, so nennen wir
doch, da die klaren, aber in sich verworrenen Vorstellungen es auch tun,
deutlich nicht alle diejenigen, welche wohl unterscheidende sind oder welche die
Gegenstände unterscheiden, sondern diejenigen, welche wohl unterschieden sind,
d.h. welche in sich selbst deutlich sind und in dem Gegenstande die ihn
kenntlich machenden Merkmale unterscheiden, was die Analyse oder Definition
ergibt: sonst nennen wir sie verworren. Und in diesem Sinne kann die in unseren
Vorstellungen herrschende Verwirrung, da sie eine Unvollkommenheit unserer Natur
ist, nicht getadelt werden, denn wir können z.B. die Ursache der Gerüche und
Geschmäcke nicht unterscheiden, noch was diese Beschaffenheiten in sich
schliessen. Tadelnswert kann jedoch diese Verworrenheit sein, wenn es wichtig und
in meiner Gewalt stehend ist, deutliche Vorstellung zu haben, wie wenn ich z.B.
falsches Gold für echtes ansehe, indem ich die notwendigen Versuche zu machen
unterlasse welche die Zeichen des guten Goldes angeben.
    § 5. Philaletes. Man wird aber sagen, dass es nach Ihrem Wortsinn gar keine
verworrene (oder vielmehr dunkle) Vorstellung gibt, denn sie kann immer nur so
sein, wie sie vom Geiste wahrgenommen wird, und dies unterscheidet sie
hinlänglich von allen übrigen. § 6. Und um diese Schwierigkeit zu heben, muss man
wissen, dass die Mangelhaftigkeit in den Vorstellungen aus den Bezeichnungen
stammt, und das, was sie fehlerhaft macht, der Umstand ist, dass sie mitunter
ebensogut durch einen anderen Namen bezeichnet werden können als durch
denjenigen, dessen man sich, um sie auszudrücken, bedient hat.
    Teophilus. Mir scheint, dass man dies nicht von der Bezeichnung abhängig
machen dürfe. Alexander der Grosse hatte (der Sage nach) im Traum eine Pflanze
gesehen, welche den Lysimachus zu heilen imstande sein wollte. Sie wurde nachher
Lysimachea genannt, weil sie diesen Freund des Königs in der Tat heilte. Als nun
Alexander sich einen ganzen Haufen Pflanzen bringen liess, unter denen er
diejenige wiedererkannte, welche er im Traume gesehen hatte, so würde offenbar
wenn er glücklicherweise nicht eine genügende Vorstellung von ihr, um sie
wiederzuerkennen, gehabt und wie Nebukadnezar einen Daniel, um sich seinen Traum
wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, nötig gehabt hätte, die Vorstellung, welche
er davon gehabt hatte, dunkel und unvollkommen gewesen sein - denn so möchte ich
sie lieber nennen, als verworren - nicht etwa, weil er auf irgend eine Benennung
sie richtig zu beziehen versäumt hätte, denn es gab eine solche gar nicht,
sondern aus Mangel an Beziehung auf die Sache d.h. auf die zur Teilung bestimmte
Pflanze. In diesem letzteren Falle würde sich Alexander gewisser Umstände
erinnert haben, aber über andere wäre er im Zweifel gewesen, und da die
Benennung uns dazu dient, etwas zu bezeichnen, so irren wir uns, wenn wir uns in
der Beziehung auf die Benennung irren, gewöhnlich hinsichtlich der Sache, die
man sich unter dieser Benennung vorstellt.
    § 7. Philaletes. Da die zusammengesetzten Vorstellungen diesem Mangel am
meisten unterworfen sind, so mag er daher stimmen, dass eine Vorstellung aus zu
wenig Vorstellungen besteht, wie z.B. die Vorstellung eines Tieres mit
geflecktem Fell zu allgemein ist und nicht genügt, um den Luchs, Leopard oder
Panter zu unterscheiden, welche man doch durch besondere Namen unterscheidet.
    Teophilus. Befänden wir uns auf dem Standpunkte, welchen Adam einnahm,
bevor er den Tieren Namen gegeben hatte, so würde dieser Mangel
nichtsdestoweniger stattfinden. Denn angenommen, man wüsste, dass es unter den
gedeckten Tieren eines von ausserordentlich scharfem Gesicht gäbe, von dem man
aber nicht wüsste, ob es ein Tiger oder ein Luchs oder eine andere Art wäre, so
ist das eine Unvollkommenheit, sie nicht unterscheiden zu können. Es handelt
sich also nicht sowohl um den Namen, als um das, was dessen Gegenstand sein kann
und das Tier einer besonderen Bezeichnung würdig macht. Man ersieht auch daraus,
dass die Vorstellung eines gedeckten Tieres an sich selbst gut und ohne
Verworrenheit und Dunkelheit ist, wenn sie nur zur Bezeichnung der Gattung
dienen soll; aber wenn sie, mit einer anderen Vorstellung, deren man sich nicht
hinreichend erinnert, verbunden, die Art bezeichnen soll, so ist die daraus
zusammengesetzte Vorstellung dunkel und unvollkommen.
    § 8. Philaletes. Es gibt einen entgegengesetzten Mangel, wenn die einfachen
Vorstellungen, welche die zusammengesetzte Vorstellung bilden, zwar in
hinreichender Anzahl, aber zu verwirrt und vermengt miteinander sind, wie es
Gemälde gibt, die auch verworren erscheinen, wie wenn sie nur die Darstellung
des mit Wolken bedeckten Himmels sein sollten, in welchem Falle man auch nicht
sagen würde, dass Verwirrung darin wäre, ebensowenig, als wenn dies ein anderes,
jenes nachzuahmen gemachtes Gemälde wäre; aber wenn man sagt, dass dies Gemälde
ein Porträt zeigen soll, so wird man zu sagen ein Recht haben, es sei verworren,
weil man nicht bestimmen kann, ob es das eines Menschen oder Affen oder Fisches
ist. Indessen kann die Verwirrung möglicherweise verschwinden, wenn man es durch
einen zylindrischen Spiegel betrachtet und erkennt, es sei ein Julius Cäsar. So
kann auch keines der geistigen Bilder, wenn ich mich so auszudrücken wagen darf,
verworren genannt werden, wie auch immer seine Teile miteinander verbunden sein
mögen; denn wie diese Bilder auch immer beschaffen sind, so werden sie offenbar
von jedem anderen unterschieden werden können, bis sie unter einen gewöhnlichen
Ausdruck gebracht sind, von dem man nicht einsehen kann, dass sie ihm mehr als
irgend einem anderen Ausdruck von anderweitiger Bedeutung angehören.
    Teophilus. Jenes Gemälde, dessen Teile man deutlich sieht, ohne aber das
Ganze zu erkennen, wenn man sie nicht auf eine bestimmte Art betrachtet, gleicht
der Vorstellung eines Steinhaufens, welche in der Tat nicht allein in Ihrem,
sondern auch in meinem Sinne verworren ist, bis man Anzahl und andere
Eigentümlichkeiten deutlich aufgefasst hat. Wären z.B. 36 Steine darin, so würde
man, indem man sie aufeinandergehäuft sieht, ohne dass sie geordnet sind, nicht
erkennen können, dass sie ein Dreieck ebensogut als ein Viereck geben können, wie
sie es in der Tat können, weil sechsunddreissig sich durch vier teilen lässt wie
durch drei. So wird man auch, wenn man eine Figur von 1000 Seiten betrachtet,
nur eine verworrene Vorstellung davon haben, bis man die Zahl der Seiten weiss,
welche die Kubikzahl von 10 ist. Also handelt es sich nicht um Worte, sondern um
bestimmte Eigenschaften, die sich in der Vorstellung finden müssen, wenn man
deren Verworrenheit aufgelöst hat. Und mitunter ist es auch schwer, den
Schlüssel davon zu finden oder die Art, von einem bestimmten Standpunkt aus oder
durch die Vermittelung eines gewissen Spiegels oder Glases sie zu betrachten, um
den Zweck dessen, der das Ding gemacht hat, zu erkennen.
    § 9. Philaletes. Man kann gleichwohl nicht leugnen, dass in den
Vorstellungen noch eine dritte Art von Mangel verkommt, welche in Wahrheit von
dem schlechten Gebrauch der Ausdrücke abhängt, wann nämlich unsere Vorstellungen
ungewiss oder unbestimmt sind. So kann man alle Tage Leute sehen, welche, indem
sie ohne Schwierigkeit sich der in ihrer Muttersprache gebräuchlichen Worte
bedienen, ehe sie deren genauen Sinn gelernt haben, die Vorstellung, welche sie
damit verbinden, fast ebensooft wechseln, als sie sie in ihrer Rede anwenden. §
10. So sieht man, wie sehr die Worte zu jener Bezeichnung deutlicher und
verworrener Vorstellungen beitragen, und dass ohne die Inbetrachtnahme bestimmter
Ausdrücke, welche als Zeichen bestimmter Dinge gebraucht werden, es sehr schwer
sein würde, zu sagen, was eine verworrene Vorstellung ist.
    Teophilus. Dennoch habe ich das eben erklärt, ohne die Worte in Betracht zu
ziehen, sei es in dem Falle, dass Verworrenheit mit Ihnen für das genommen wird,
was ich Dunkelheit nenne, sei es in dem, wo sie in meinem Sinne für den Mangel
der Analyse des Begriffs, den man hat, genommen wird. Und ich habe auch gezeigt,
dass jede dunkle Vorstellung in der Tat undeutlich und unsicher ist, wie in jenem
angezogenen Beispiel von dem gedeckten Tiere, wo, wie man weiss, diesem
allgemeinen Begriff noch etwas hinzugefügt werden muss, dessen man sich nicht
klar erinnert, dergestalt, dass der erste und dritte der von Ihnen bezeichneten
Fehler auf dasselbe hinausläuft. Allerdings ist der Missbrauch der Worte noch
eine bedeutende Quelle von Irrtümern, denn es entsteht eine Art Rechnungsfehler
daraus, wie wenn man beim Rechnen einen Zahlpfennig nicht an den rechten Ort
setzte, oder die Zahlzeichen so schlecht hinschriebe, dass man eine 2 nicht von
einer 7 unterscheiden könnte, oder wenn man sie ausliesse oder aus Versehen
verwechselt. Dieser Missbrauch der Worte besteht darin, dass wir entweder gar
keine Vorstellungen oder nur eine unvollkommene, teilweise leere und sozusagen
offen gebliebene damit verbinden; und in diesen beiden Fällen gibt es etwas
Leeres und Taubes im Denken, was nur durch das Wort ausgefüllt wird. Oder
endlich der Fehler ist, mit dem Worte verschiedene Vorstellungen zu verbinden,
sei es, dass man unsicher ist, welche davon gewählt werden muss, was die
Vorstellung ebensogut dunkel macht, als wenn ein Teil davon taub ist, sei es,
dass man sie wechselsweise wählt und sich bald der einen, bald der anderen
Vorstellung für den Sinn desselben Wortes in demselben Gedankenzusammenhang auf
eine Art bedient, welche Irrtum zu verursachen fähig ist, ohne zu bedenken, dass
die Vorstellungen nicht zueinander passen. So ist das unsichere Denken entweder
leer und ohne Vorstellung oder zwischen mehr als einer Vorstellung schwankend.
Dies ist schädlich, sei es, dass man dem Worte einen gewissen Sinn beilegen will,
welcher dem bereits gebrauchten entspricht, oder dem, dessen sich die anderen,
besonders in der gewöhnlichen, allen oder den Leuten vom Fach gemeinsamen
Sprache bedienen. Daraus entstehen denn auch unendlich viele vage und leere
Streitigkeiten in der Unterhaltung, in den Hörsälen und in den Büchern, die man
mitunter durch Distinktionen beschwichtigen will; aber diese dienen meistens nur
dazu, die Sache noch mehr zu verwirren, indem sie an die Stelle eines vagen und
dunklen Ausdrucks andere noch vagere und noch dunklere setzen, wie häufig durch
diejenigen geschieht, welche von den Philosophen in ihren Distinktionen
angewandt werden, ohne dass sie gute Definitionen davon haben.
    § 12. Philaletes. Wenn es noch eine andere Art Verworrenheit in den
Vorstellungen gibt, als die, welche eine geheime Beziehung zu den Bezeichnungen
hat, so bringt diese wenigstens mehr als irgend eine andere in den Gedanken und
Gesprächen der Menschen Unordnung hervor.
    Teophilus. Das gebe ich zu, aber es mischt sich meistens irgend ein Begriff
der Sache und der Absicht, in welcher man sich des Ausdrucks bedient hat, dabei
ein, wie z.B. wenn man von der Kirche spricht, einige eine Regierungsgewalt im
Auge haben, während andere an die Wahrheit der Lehre denken.
    Philaletes. Das Mittel, dieser Verirrung zuvorzukommen, besteht darin,
stets denselben Ausdruck auf einen gewissen Sammelbegriff einfacher, in
bestimmter Zahl und festgesetzter Ordnung vereinigter Vorstellungen anzuwenden.
Aber da dies weder der Trägheit noch der Eitelkeit der Menschen zusagt, es auch
nur zur Entdeckung und Verteidigung der Wahrheit dienen kann, welches nicht
immer das ihnen vorgesteckte Ziel ist, so ist eine solche Genauigkeit eines von
den Dingen, die man mehr wünschen als hoffen muss. Die vage Beziehung der
Ausdrücke auf undeutliche, veränderliche und fast blossen Nichtigkeiten (in den
tauben Gedanken) gleichende Vorstellungen dient auf der einen Seite dazu, unsere
Unwissenheit zu bemänteln und auf der anderen Seite, die übrigen zu verwirren
und in Verlegenheit zu bringen, was dann als wahres Wissen und Zeichen
überlegener Gelehrsamkeit gilt.
    Teophilus. Zu dieser Sprachverwirrung hat auch noch das affektierte Streben
nach Eleganz und gutem Ausdruck viel beigetragen; denn um die Gedanken auf eine
schöne und angenehme Weise auszudrücken, trägt man kein Bedenken, den Worten
durch eine Art von Tropen einen von dem gewöhnlichen ein wenig abweichenden Sinn
zu geben, der bald allgemeiner, bald beschränkter, was man Synekdoche nennt,
bald nach der Beziehung der Dinge, deren Bezeichnung man wechselt, übertragen
ist, was bei der Zusammenstellung Metonymie, bei der Vergleichung Metapher
heisst, nicht zu reden von der Ironie, deren man sich beim Gegensatz des einen
gegen das andere bedient. So nennt man diese Veränderungen, wenn man sie
wirklich entdeckt, aber man entdeckt sie nur selten. Und bei dieser
Unbestimmteit der Sprache, wo man jene Art von Gesetzen vermisst, welche die
Wortbedeutung regeln, wie es etwas derartiges in dem Digestentitel des Römischen
Rechtes: de verborum significationibus (über die Wortbedeutungen) gibt, würden
die urteilsvollsten Leute, wenn sie für gewöhnliche Leser schreiben, sich
dessen, was ihrem Ausdruck Reiz und Kraft verleiht, berauben, sofern sie sich an
feste Bedeutungen der Ausdrucke strenge halten wollten. Sie müssen sich nur in
acht nehmen, dass ihre Abwechslung keinen Irrtum und keine falsche
Gedankenverknüpfung hervorbringe. Hier hat die Unterscheidung der Alten zwischen
der exoterischen d.h. populären Schreibweise und der acroamatischen d.h.
derjenigen statt, welche für die mit der Entdeckung der Wahrheit Beschäftigten
ist. Und wenn jemand in der Metaphysik oder in der Moral als Matematiker
schreiben wollte, so würde ihn nichts hindern, dies mit aller Strenge zu tun.
Manche haben sich dies zur Aufgabe gemacht und uns matematische Beweise
ausserhalb der Matematik vorgelegt, aber es ist nur sehr selten geglückt. Ich
glaube, man ist der Mühe überdrüssig geworden, welche man für einen kleinen
Leserkreis aufwenden musste, wo man wie bei Persius fragen konnte: Qui leget hoec
? und antworten: Vel duo, vel nemo. Gleichwohl glaube ich, dass, wenn man es
gehörig angriffe, man nicht Ursache haben würde, es zu bereuen. Auch ich bin in
Versuchung gewesen, es zu probieren.
    § 13. Philaletes. Sie werden mir indessen beipflichten, dass die
zusammengesetzten Vorstellungen auf der einen Seite sehr klar und sehr bestimmt
und auf der anderen sehr dunkel und verworren sein können.
    Teophilus. Daran ist nicht zu zweifeln. Wir haben z.B. von einem grossen
Teile der festen sichtbaren Teile des menschlichen Körpers sehr deutliche
Vorstellungen, aber von den Flüssigkeiten, welche durch denselben gehen, haben
wir solche nicht.
    Philaletes. Wenn jemand von einer tausendseitigen Figur spricht, kann deren
Vorstellung in seinem Geiste sehr dunkel sein, obschon darin die der Zahl sehr
deutlich sein mag.
    Teophilus. Dies Beispiel passt hier nicht. Ein regelmässiges tausendseitiges
Vieleck kann ebenso deutlich erkannt werden wie die Zahl tausend, weil man darin
alle Arten Wahrheit entdecken und beweisen kann.
    Philaletes. Man hat aber keine genaue Vorstellung von einer tausendseitigen
Figur, so dass man sie von einer anderen unterscheiden könnte, die nur 999 Seiten
hat.
    Teophilus. Dies Beispiel zeigt, dass hier Vorstellung und Bild verwechselt
werden. Zeigt mir jemand ein regeln mässiges Vieleck, so lassen mich Blick und
Einbildungskraft nicht die Tausendzahl, die darin ist, fassen; ich habe nur eine
verworrene Vorstellung, sowohl von der Figur als von ihrer Zahl, bis ich die
letztere durch Zählen unterscheide. Habe ich sie aber gefunden, so kenne ich
sehr gut die Natur und die Eigenschaften des vorliegenden Vielecks, sofern sie
die des Tausendecks sind, und folglich habe ich diese Vorstellung davon; aber
das Bild des Tausendecks kann ich nicht haben, und man müsste feinere und
geübtere Sinne und Einbildungskraft besitzen, um durch sie das Tausendeck von
einem Polygon von weniger Seiten zu unterscheiden. Aber die Kenntnis der Figuren
hängt ebensowenig wie die der Zahlen von der Einbildungskraft ab, obgleich sie
dazu diente und ein Matematiker kann die Natur eines Neunecks und eines
Zehnecks genau erkennen, weil er sie zu konstruieren und zu untersuchen
versteht, wenn er sie auch nicht durch das Gesicht zu unterscheiden imstande
ist. Allerdings wird ein Arbeiter oder ein Ingenieur, der ihre Natur vielleicht
nicht erkennt, über einen grossen Matematiker den Vorteil haben, dass er sie bloss
durch das Gesicht, ohne sie zu messen, unterscheiden kann, wie es Lastträger
gibt, welche das Gewicht dessen, was sie trügen müssen, angeben können, ohne
sich um ein Pfund zu irren, worin sie den geschicktesten Statistiker der Welt
übertreffen werden. Diese durch eine lange Übung erworbene erfahrungsmässige
Erkenntnis kann zum schnellen Handeln grossen Nutzen haben, was ein Ingenieur der
Gefahr wegen, welcher er sich durch Zögern aussetzt, oft nötig hat. Indessen
besteht dies klare Bild oder diese Empfindung, die man von einem regelmässigen
Zahneck oder einem Gewicht von 99 Pfund haben kann, nur in einer verworrenen
Vorstellung, da sie nicht dazu dient, die Natur und die Eigentümlichkeiten jenes
Gewichts oder jenes regelmässigen Zehnecks zu entüllen, wie eine deutliche
Vorstellung dies verlangt. Jenes Beispiel dient auch dazu, den Unterschied der
Vorstellungen oder vielmehr den zwischen Vorstellung und. Bild besser zu
verstehen.
    § 15. Philaletes. Ein anderes Beispiel: Wir sind zu glauben geneigt, dass
wir eine positive und vollständige Vorstellung von der Ewigkeit haben, was
ebensoviel ist, als wenn wir sagten, dass es in dieser Zeitlänge keinen Teil
gibt, der in unserer Vorstellung nicht klar erkannt werde; aber so gross die
vorgestellte Dauer auch sein mag, so ist, da es sich um eine schrankenlose
Ausdehnung handelt, immer ein Teil der Vorstellung über das wirklich
Vorgestellte hinaus übrig, der dunkel und unbestimmt bleibt und daher kommt es,
dass wir in den die Ewigkeit oder anderes Unendliche betreffenden Streitigkeiten
und Vernunftbetrachtungen dem Übel unterworfen sind, uns in offenbare
Widersinnigkeiten zu verstricken.
    Teophilus. Dies Beispiel scheint mir auch nicht besser für Ihren Zweck zu
passen, wohl aber für den meinigen, welcher darin besteht, Ihre Begriffe über
diesen Punkt zu berichtigen. Denn es herrscht darin dieselbe Verwechslung des
Bildes mit der Vorstellung. Wir haben eine vollständige oder richtige
Vorstellung der Ewigkeit, weil wir deren Definition haben, obschon wir davon
kein Bild haben; aber man bildet nicht die Verteilung des Unendlichen durch
Zusammensetzung der Teile, und die bei der denkenden Betrachtung über das
Unendliche begangenen Irrtümer kommen nicht vom Fehlen des Bildes her.
    § 16. Philaletes. Haben wir aber nicht, wenn wir von der Teilbarkeit der
Materie ins Unendliche reden, falls wir auch klare Vorstellungen von der Teilung
haben, doch nur sehr dunkle und sehr verworrene Vorstellungen der Teile selbst?
Denn ich frage, ob jemand, wenn er den kleinsten Staubteil, den er jemals
gesehen hat, nimmt, eine deutliche Vorstellung von dem Unterschiede zwischen dem
zehntausendsten und dem zehnmillionsten Teil dieses Stäubchens hat?
    Teophilus. Das ist wieder dieselbe Vertauschung des Bildes mit der
Vorstellung, welche ich mich wundere so verwechselt zu sehen; es handelt sich
gar nicht darum, ein Bild von so grosser Kleinheit zu haben. Ein solches ist
unserer gegenwärtigen Körperbeschaffenheit zufolge unmöglich, und wenn wir es
haben könnten, so würde es ungefähr so sein, wie dasjenige von den Dingen, die
uns jetzt bewusstbar erscheinen; dafür würde aber das, was gegenwärtig Gegenstand
unserer Einbildung ist, uns entgehen und zu gross werden, um Gegenstand derselben
zu sein. Die Grösse an sich hat keine Bilder; und die Bilder, welche man davon
hat, hangen nur von der Vergleichung zwischen den Organen und anderen
Gegenständen ab; und es ist dabei unnütz, die Einbildungskraft anzuwenden. Aus
allem, was Sie mir hier noch gesagt haben, geht also hervor, dass man sich
Schwierigkeiten ohne Grund zu machen erfinderisch ist, indem man mehr fragt, als
nötig ist.
 
                                  Kapitel XXX.
             Von den wirklichen und den chimärischen Vorstellungen
    § 1. Philaletes. In Hinsicht der Dinge sind die Vorstellungen wirkliche
oder chimärische, vollständige oder unvollständige, wahre oder falsche. Unter
wirklichen Vorstellungen verstehe ich diejenigen, welche in der Natur begründet
sind und einem wirklichen Wesen, dem Dasein der Dinge oder den Urbildern
entsprechen. Sonst sind sie phantastische oder chimärische.
    Teophilus. In dieser Erklärung ist ein wenig Dunkelheit. Die Vorstellung
kann in der Natur einen Grund haben, ohne diesem Gründe zu entsprechen, wie wenn
man behauptet, dass die sinnlichen Empfindungen der Farbe oder der Wärme keinem
Originale oder Urbilde gleichen. Eine Vorstellung kann auch wirklich sein, wenn
sie möglich ist, ohne dass ihr ein vorhandenes Wesen entspricht, sonst würde,
wenn alle Individuen einer Art aussterben, die Vorstellung derselben zu einer
chimärischen werden.
    § 2. Philaletes. Die einfachen Vorstellungen sind alle wirklich, denn
obgleich nach der Ansicht mancher die Weisse und die Kälte ebensowenig im Schnee
sind wie der Schmerz, so sind doch deren Vorstellungen in uns die Wirkungen von
Kräften, welche den äusseren Dingen zukommen, und diese immer gleichen Wirkungen
dienen uns ebenso sehr, die Dinge zu unterscheiden, als wenn sie die genauen
Bilder dessen wären, was in den Dingen selbst vorhanden ist.
    Teophilus. Ich habe diesen Punkt schon oben geprüft, aber es scheint
danach, dass nicht immer eine Übereinstimmung mit einem Urbilde verlangt wird,
und nach der - von mir übrigens nicht gebilligten - Ansicht derer, welche
annehmen, dass uns Gott willkürlicherweise Ideen zugemessen hat, welche die
Eigenschaften der Gegenstände zu bezeichnen bestimmt sind, ohne dass dabei
Ähnlichkeit oder selbst nur natürliche Beziehung stattfindet, würde ebensowenig
dabei Übereinstimmung zwischen unseren Vorstellungen und den Urbildern sein, wie
zwischen den Worten, deren man sich in den Sprachen nach Übereinkunft bedient,
und den Vorstellungen oder den Dingen selbst.
    § 3. Philaletes. Der Geist ist hinsichtlich der einfachen Vorstellungen
leidend, dagegen hat die Verbindung, die er mit ihnen vornimmt, um
zusammengesetzte Vorstellungen zu bilden, wobei mehrere einzelne unter demselben
Namen zusammengefasst werden, etwas Willkürliches, denn der eine nimmt bei der
zusammengesetzten Vorstellung, die er von dem Gold oder von der Gerechtigkeit
hat, einfache Vorstellungen hinzu, die der andere nicht dazu nimmt.
    Teophilus. Der Geist verhält sich auch hinsichtlich der einfachen
Vorstellungen tätig, indem er sie voneinander absondert, um sie getrennt in
Betracht zu ziehen, was ebenso Sache der freien Willkür ist, wie die Verbindung
mehrerer Vorstellungen, mag es nun deshalb geschehen, um auf eine
zusammengesetzte Vorstellung zu achten, welche daraus entspringt, oder mag er
sie unter dem der Verbindung gegebenen Namen zu umfassen beabsichtigen. dabei
kann auch der Geist sich nicht täuschen, wenn er nur keine damit unverträglichen
Vorstellungen dazu tut, und wenn dieser Name nur sozusagen ganz unberührt ist,
d.h. dass man nur nicht schon einen Begriff damit verbunden hat, welcher eine
Vermengung mit demjenigen, welchen man neuerdings damit verbindet, verursachen
kann. Denn daraus würden entweder unmögliche Begriffe hervorgehen, indem man
Dinge verbindet, die nicht zusammengehören, oder überflüssige und irgend eine
Erschleichung entaltende Begriffe, indem man Vorstellungen verbindet, von denen
die eine aus der anderen auf demonstrative Weise abgeleitet werden kann und muss.
    § 4. Philaletes. Da die gemischten Modi und die Relationen keine andere
Wirklichkeit als im Geiste des Menschen besitzen, so ist zur Wirklichkeit dieser
Art von Vorstellungen nur die Möglichkeit erforderlich, zusammen dazusein und
zusammenzustimmen.
    Teophilus. Die Relationen haben eine vom Geiste abhängige Wirklichkeit wie
die Wahrheiten, jedoch nicht vom menschlichen Geiste, da es eine höchste
Vernunft gibt, welche sie alle zu jeder Zeit bestimmt. Die gemischten Modi, die
sich von den Relationen unterscheiden, können wirkliche Akzidenzien sein. Mögen
sie nun aber vom Geiste abhangen oder nicht, so genügt es für die Wirklichkeit
ihrer Vorstellungen, dass diese Modi möglich, oder, was dasselbe bedeutet, dass
sie deutlich zu begreifen seien. Und zu diesem Zweck müssen ihre Bestandteile
zusammen möglich sein, d.h. miteinander bestehen können.
    § 5. Philaletes. Die zusammengesetzten Vorstellungen der Substanzen aber,
da sie allesamt durch den Bezug auf die uns äusserlichen Dinge, und nm die
Substanzen so, wie sie in Wirklichkeit vorhanden sind, darzustellen gebildet
werden, sind nur insofern wirklich, als sie die Verbindungen einfacher
Vorstellungen sind, welche mit den ausser uns zugleich vorhandenen Dingen
verknüpft und zugleich vorhanden sind. Im Gegenteil sind diejenigen chimärische,
welche aus solchen Sammlungen einfaches Vorstellungen zusammengesetzt sind, die
niemals wirklich vereinigt gewesen und niemals in irgend einer Substanz
zusammengefunden waren, wie diejenigen, welche einen Centauren, einen mit
Ausnahme des Gewichtes dem Golde ähnlichen Körper und leichter als Wasser, einen
Körper, welcher für die Sinne aus gleichmässigem Stoff besteht und doch mit
Wahrnehmung und freies Bewegung begabt ist, usw. bilden.
    Teophilus. Wenn ich auf diese Weise den Ausdruck wirklich und chimärisch
anders in Bezug auf die Vorstellungen der Modi nehme, als in Bezug auf
diejenigen, welche ein substantielles Ding bilden, so sehe ich nicht, welcher
von Ihnen den wirklichen oder chimärischen Vorstellungen gegebene Begriff in dem
einen und anderen Falle der gemeinsame sein kann; denn die Modi gelten Ihnen
dann als wirklich, wenn sie möglich sind, und die substantiellen Dinge haben bei
Ihnen wirkliche Vorstellungen nur dann, wenn sie wirklich vorhanden sind. Wenn
sich aber nun an das dasein hält, kann man nicht bestimmen ob eine Vorstellung
chimärisch ist oder nicht, weil das Mögliche, wenn es auch an dem Orte oder zu
der Zeit, wo wir sind, sich nicht verendet, doch vormals dagewesen sein kann
oder vielleicht dereinst da sein wird oder sich sogar schon in der Gegenwart auf
einer anderen Welt oder selbst auf der unsrigen, ohne dass man es weiss, verenden
mag, wie Demokrit schon von der Milchstrasse eine Vorstellung hatte, welche die
Fernröhre später bestätigt haben. Demnach scheint es am besten zu sein, zu
sagen, dass die möglichen Vorstellungen nur dann chimärische werden, wenn man mit
ihnen ohne Grund die Vorstellung tatsächlichen Daseins verbindet, wie diejenigen
es machen, welche den Stein der Philosophen finden zu können meinen, oder wie
diejenigen es gemacht haben, die an eine Nation von Centauren glaubten. Sonst
würde man sich, wenn man sich nur nach dem Dasein richtete, ohne Not von dem
angenommenen Sprachgebrauch entfernen, demzufolge jemanden, welcher im Winter
von Rosen und Nelken spricht, keine Chimäre beigemessen wird, sofern er sich
nicht einbildet, sie in seinem Garten finden zu können, wie man es von Albertus
Magnus oder irgend einem anderen angeblichen Zauberer erzählt.
 
                                 Kapitel XXXI.
              Von vollständigen und unvollständigen Vorstellungen
    § 1. Philaletes. Wirkliche Vorstellungen sind vollständig, wenn sie die
Originale, aus denen der Geist sie entnommen zu haben voraussetzt, und worauf er
sie zurückbezieht, vollkommen darstellen. Die unvollständigen Vorstellungen
stellen nur einen Teil davon dar. Unsere einfachen Vorstellungen sind
vollständige. Die Vorstellung der Weisse oder der Süssigkeit, die man am Zucker
bemerkt, ist vollständig, weil dazu genügt, dass sie den Kräften, die Gott diesem
Körper, um jene Empfindungen hervorzubringen, verliehen hat, gänzlich
entspricht.
    Teophilus. Wie ich sehe, nennen Sie vollständige oder unvollständige
Vorstellungen solche, die Ihr Lieblingsautor adäquate oder nicht adäquate
Vorstellungen nennt; man könnte sie fertige oder unfertige nennen. Früher habe
ich die adäquate Vorstellung (die fertige) als diejenige definiert, welche so
deutlich ist, dass alle ihre Bestandteile deutlich sind. Von dieser Art ist etwa
die der Zahl. Wenn eine Vorstellung aber auch deutlich ist und die Definition
oder die bezüglichen Merkmale des Gegenstandes entält, so kann sie doch
inadäquat oder unfertig sein, wenn nämlich jene Merkmale oder Bestandteile auch
nicht alle deutlich erkannt werden. So ist z.B. das Gold ein Metall, welches der
Kapelle und dem Scheidewasser Widerstand leistete das ist eine deutliche
Vorstellung, denn sie gibt Merkmale oder die Definition des Goldes an, sie ist
aber unfertig, weil die Natur des Prozesses in der Kapelle und der Wirksamkeit
des Scheidewassers uns nicht hinlänglich bekannt sind. Dies ist der Grund,
weshalb derselbe Gegenstand bei einer unfertigen Vorstellung mehrerer
voneinander unabhängiger Definitionen fähig ist, so dass man nicht immer die eine
aus der anderen ableiten noch voraussehen kann, dass sie demselben Subjekt
zugehören müssen; und dann lehrt uns die Erfahrung allein, dass sie ihm alle
zugleich angehören. So kann das Gold auch als der schwerste oder der dehnbarste
der uns bekannten Körper diniert werden, ohne von anderen Definitionen zu reden,
die man sich noch ausdenken könnte. Aber erst wenn die Menschen tiefer in die
Natur der Dinge eingedrungen sein werden, wird man sehen können, warum es dem
schwersten der Metalle zukommt, jenen beiden Proben der Experimentatoren zu
widerstehen, während es sich in der Geometrie, wo wir fertige Vorstellungen
haben, ganz anders verhält, denn da können wir beweisen, dass die durch eine
ebene Fläche gemachten Kegel- und Zylinderschnitte dieselben sind, nämlich
Ellipsen, und dies kann uns, wenn wir darauf acht geben, nicht verborgen sein,
weil unsere Begriffe davon fertige sind. Bei mir ist die Teilung der
Vorstellungen in fertige und unfertige nur eine Unterabteilung der deutlichen
Vorstellungen, und mir scheinen die verworrenen Vorstellungen, wie diejenige,
welche wir von der Süssigkeit haben, diesen Namen nicht zu verdienen, denn obwohl
sie die, die sinnliche Empfindung hervorbringende Kraft ausdrücken, so drücken
sie sie doch nicht ganz aus, oder wir können es wenigstens nicht wissen; denn
wenn wir begriffen, was in dieser unserer Vorstellung der Süssigkeit entalten
ist, so könnten wir beurteilen, ob sie hinreicht, um von dem allen, was die
Erfahrung darin bemerken lässt, Rechenschaft zu geben.
    § 3. Philaletes. Von den einfachen Vorstellungen kommen wir zu den
zusammengesetzten; sie sind entweder Modi oder Substanzen. Die der Modi sind
willkürliche Verbindungen von einfachen Vorstellungen, welche der Geist
zusammenfügt, ohne auf gewisse Urbilder oder wirkliche und tatsächlich
vorhandene Vorbilder zu achten. Sie sind vollständig und können anders nicht
sein, weil ihnen, da sie eben keine Abbilder, sondern Urbilder sind, welche der
Geist, um sich ihrer behufs der Einordnung der Dinge unter gewisse Kategorien zu
bedienen, bildet, nichts fehlen kann, denn eine jede umschliesst eine solche
Ideenverbindung, welche der Geist hat bilden wollen, und hat folglich eine
solche Vollendung, als er ihr zu geben beabsichtigt hat; und unmöglich kann der
Verstand irgend jemandes eine vollständigere oder vollkommenere Vorstellung von
einem Dreieck haben, als die von drei Seiten und drei Winkeln. Derjenige,
welcher die Vorstellungen der Gefahr, der Ausführung, der von der Furcht
verursachten Verwirrung, einer ruhigen Erwägung dessen, was zu tun vernünftig
sein würde, und eines schnellen Entschlusses zur Ausführung, ohne sich von der
Gefahr erschrecken zu lassen, verknüpfte, der bildete die Vorstellung des Mutes
und hatte damit das Gewollte, nämlich eine vollständige, seinem Wunsche
entsprechende Vorstellung. Anders ist es mit den Vorstellungen von den
Substanzen, bei denen wir uns das, was wirklich vorhanden ist, denken.
    Teophilus. Die Vorstellungen des Dreiecks oder des Mutes haben in der
Möglichkeit der Dinge ebensogut ihre Vorbilder, als die Vorstellung des Goldes.
Auch ist es hinsichtlich des Wesens der Vorstellung gleichgültig, ob man sie vor
aller Erfahrung erfunden oder nach der Wahrnehmung einer von der Natur gemachten
Verbindung behalten hat. Auch diejenige Verbindung, aus welcher die Modi
hervorgehen, ist nicht ganz freiwillig oder willkürlich, denn man könnte nach
der Weise derer, welche Maschinen von immerwährender Bewegung ermüden wollen,
dasjenige miteinander verknüpfen, was sich nicht zusammen verträgt, während
wieder andere gute und ausführbare Maschinen erfinden, die unserer Ansicht nach
keine anderen Urbilder als die Vorstellung des Erfinders haben, welche selbst
wieder zum Urbild die allgemeine Möglichkeit oder die göttliche Vorstellung hat.
Diese Maschinen haben also etwas Substantielles. Man kann auch unmögliche Modi
aussinnen, wie wenn man sich den Parallelismus der Parabeln vorstellt, indem man
sich denkt, zwei einander parallele Parabeln finden zu können, wie zwei rechte
Winkel oder zwei Kreise. Eine Vorstellung also kann, mag sie nun die eines Modus
oder eines substantiellen Dinges sein, vollständig oder unvollständig sein, je
nachdem man die Teilvorstellungen, welche die Gesamtvorstellung bilden, richtig
oder falsch versteht; und das Zeichen einer fertigen Vorstellung ist, wenn man
die Möglichkeit ihres Gegenstandes durch sie vollständig erkennt.
 
                                 Kapitel XXXII.
                   Von den wahren und falschen Vorstellungen
    § 1. Philaletes. Da die Wahrheit und die Falschheit sich nur auf die Sätze
beziehen, so folgt daraus, dass, wenn die Vorstellungen wahr oder falsch genannt
werden, stillgestanden ein Satz oder eine Behauptung dabei gemeint ist, - § 3
oder eine stillschweigende Voraussetzung ihrer Übereinstimmung mit etwas; - § 5
besonders mit allem dem, was andere mit diesem Namen bezeichnen (wie wenn sie
von der Gerechtigkeit reden), sowie mit dem, was wirklich vorhanden ist, z.B.:
das ist ein Mensch und nicht ein Centaur, sowie mit der Wesenheit, von der die
Eigenschaften der Sache abhangen; und in diesem Sinne sind unsere gewöhnlichen
Vorstellungen von den Substanzen falsch, wenn wir uns die Phantasiebilder
gewisser substantieller formen machen. Übrigens wäre es besser, wenn die
Vorstellungen richtig oder unrichtig als wahr oder falsch genannt würden.
    Teophilus. Man könnte, glaube ich, darunter auch die wahren oder falschen
Vorstellungen verstehen, aber da diese verschiedenen Bedeutungen miteinander
nicht übereinkommen und nicht bequem unter einen allgemeinen Begriff gebracht
werden können, so ziehe ich es vor, die Vorstellungen wahr oder falsch zu nennen
in Bezug auf eine andere stillschweigende Bejahung, welche sie alle aufhalten,
nämlich die der Möglichkeit. So gefasst, sind die möglichen Vorstellungen wahr
und die unmöglichen falsch.
 
                                Kapitel XXXIII.
                     Von der Assoziation der Vorstellungen
    § 1. Philaletes. Man bemerkt oft im Denkverfahren der Menschen etwas
Sonderbares, und jedermann ist dem unterworfen. Das ist nicht bloss Eigensinn
oder Eigenliebe, denn oft machen die wackersten Leute sich dieses Fehler
schuldig. Selbst das genügt nicht immer, ihn der Erziehung und den Vorurteilen
beizumessen, - § 4 vielmehr ist es eine Art Wahnsinn, und wenn man immer so
handelte, würde man närrisch sein. - § 5. Dieser Fehler nun kommt von einer
unnatürlichen Verbindung der Vorstellungen, die ihren Ursprung im Zufall oder in
der Gewohnheit hat. - § 6. Die Neigungen oder Interessen tragen dazu bei.
Gewisse Spuren des häufigen Laufs der Lebensgeister werden gebahnte Wege, wie
wenn man eine bestimmte Melodie, die man verfolgt, findet, wenn man sie einmal
angefangen hat. - § 7. Daher kommen die Sympatien und Antipatien, die mit uns
nicht geboren werden. Ein Kind hat zu viel Honig gegessen, sich danach übel
befunden und kann nun, nachdem es erwachsen ist, das Wort Honig nicht hören,
ohne Ekel zu bekommen. Die Kinder sind solchen Eindrucken ausserordentlich leicht
zugänglich, worauf zu achten wichtig ist. Diese unregelmässige Assoziation der
Vorstellungen hat auf alle unsere Handlungen und Leidenschaften, natürliche wie
moralische, einen grossen Einfluss. Finsternis erweckt bei Kindern die Vorstellung
von Gespenstern wegen der ihnen von diesen gemachten Erzählungen. Man denkt an
jemand, den man hat, nicht ohne zugleich an das Üble, das er uns zugefügt hat
oder zufügen kann, zu denken. Man meidet das Zimmer, worin man einen Freund
sterben gesehen hat. Eine Mutter, die ein sehr teures Kind verloren hat,
verliert mit ihm zuweilen alle ihre Freudigkeit, bis dass die Zeit den Eindruck
dieser Vorstellung verwischt, was mitunter niemals geschieht. Ein Mensch, der
durch eine äusserst schmerzliche Operation von der Raserei geheilt worden war,
hielt sich sein Lebenlang dem verpflichtet, welcher die Operation vollzogen
hatte; aber dessen Anblick zu ertragen, war ihm unmöglich. Manche hassen die
Bücher ihr ganzes Leben der schlechten Behandlung wegen, welche sie in den
Schulen erfahren haben. Jemand, der über einen anderen bei einer gewissen
Gelegenheit eine Überlegenheit gewonnen hat, behauptet sie wohl für immer. Es
ist vorgekommen, dass jemand ganz gut tanzen gelernt hatte, aber es doch nicht
ausführen konnte, wenn er in dem Zimmer nicht einen Koffer hatte, demjenigen
ähnlich, welcher sich in dem Zimmer, wo er gelernt, befunden hatte. - § 17.
Derselbe nicht natürliche Zusammenhang der Vorstellungen findet sich bei den
intellektuellen Fertigkeiten; man verknüpft z.B. die Materie dergestalt mit dem
Sein, als ob es nichts Immaterielles gäbe. - § 18. Man verknüpft mit seinen
Meinungen den Parteistandpunkt in der Philosophie, Religion und im Staate.
    Teophilus. Diese Bemerkung ist wichtig und ganz nach meinem Geschmack, und
man könnte sie durch unzählige Beispiele erhärten. Descartes hatte in seiner
Jugend eine Neigung für eine schielende Person gehabt und konnte sich sein
ganzes Leben nicht entalten, Personen von gleichem Fehler zugetan zu sein. Ein
anderer grosser Philosoph, Hobbes, konnte, wie man sagt, nicht allein an einem
dunklen Ort bleiben, ohne durch die Bilder von Gespenstern erschreckt zu werden,
obgleich er nicht daran glaubte - da ihm dieser Eindruck von den Erzählungen,
wie man sie den Kindern vormacht, geblieben war. Manche gelehrte und verständige
Leute, die durchaus über dem Aberglauben stehen, würden sich nicht entschliessen,
zu dreizehn bei einem Mahle zu sein, ohne dadurch aufs äusserste beunruhigt zu
werden, da sie im Voraus von der Einbildung, dass einer davon im Laufe des Jahres
sterben müsse, eingenommen sind. Es hat einen Edelmann gegeben, der, weil er
vielleicht in seiner Jugend von einer schlecht gesteckten Nadel verwundet worden
war, nicht mehr eine solche an ähnlicher Stelle sehen konnte, ohne mit Ohnmacht
zu kämpfen. Ein erster Minister, welcher am Hofe seines Herrn den Rang eines
Präsidenten hatte, fand sich durch den Titel des Buches von Ottavio Pisani,
Lycurgus genannt, beleidigt und liess dagegen schreiben, weil der Verfasser,
indem er gegen die von ihm für überflüssig gehaltenen grossen Justizbeamten
redete, auch die Präsidenten genannt hatte obgleich diese Bezeichnung in der
Person jenes Ministers etwas ganz anderes bezeichnete so hatte er dergestalt das
Wort mit seiner Person verknüpft, dass er dadurch beleidigt war. Und dies ist
einer der gewöhnlichsten Fälle von nicht natürlichen, leicht zu Täuschungen
veranlassenden Assoziationen bei diesen Beziehungen der Worte auf die
Gegenstände, sogar dann, wenn eine Zweideutigkeit dabei stattfindet.
    Um die Quelle der nicht-natürlichen Verbindung der Vorstellungen besser zu
verstehen, muss man das von mir schon oben, als ich von dem Denken der Tiere
sprach (Kap. XI, § 11), Bemerkte in Betracht ziehen, dass der Mensch so gut wie
das Tier dem Gesetz unterworfen ist in seinem Gedächtnis und seiner
Einbildungskraft das miteinander zu verbinden, was er in seinen Wahrnehmungen
und seinen Erfahrungen als miteinander verluden bemerkt hat. Darin besteht der
Denkprozess der Tiere, wenn es ihn so zu nennen erlaubt ist, und oft auch der der
Menschen, sofern sie sich an die Erfahrung halten und nur durch Sinnlichkeit und
Beispiele geleitet werden, ohne zu prüfen, ob noch derselbe Grund obwaltet. Und
da uns die Gründe oft unbekannt sind, so müssen wir auf die Beispiele in dem
Masse Bezug nehmen, als sie häufig sind, denn dann ist die Erwartung oder
Wiedererinnerung einer anderen gewöhnlich damit verbundenen Wahrnehmung
vernünftig, vor allem, wenn es sich darum handelt, vorsichtig zu sein. Aber da
die Wucht eines sehr starken Eindruckes oft ebensoviel Wirkung auf einmal hat,
als die Häufigkeit und Wiederholung mehrerer mittelmässiger Eindrücke in längerer
Zeit hätten haben können, so geschieht es, dass diese Wucht in die Phantasie ein
ebenso tiefes und lebhaftes Bild eingräbt, als die lange Erfahrung hätte
verursachen können. Daher kommt es, dass ein zufälliger, aber gewaltsamer
Eindruck in unserer Einbildungskraft und in unserem Gedächtnis zwei
Vorstellungen verbindet, die schon vorher darin verbunden waren, und uns
dieselbe Neigung gibt, sie zu verbinden und das Eintreten der einen nach der
anderen zu erwarten, als wenn eine lange Gewohnheit ihre Verknüpfung bestätigt
hätte. Also zeigt sich dabei dieselbe Wirkung der Assoziation, obgleich nicht
derselbe Grund dabei stattfindet. Autorität und Gewohnheit haben auch dieselbe
Wirkung wie die Erfahrung und die Vernunft; und es ist nicht leicht, sich von
solchen Neigungen loszumachen. Aber es würde nicht sehr schwer zu vermeiden
sein, in seinen Urteilen davon getäuscht zu werden, wenn die Menschen sich mit
rechtem Ernste der Erforschung der Wahrheit befleissigten oder mit Metode
verfahren wollten, wenn sie erkennen, dass diese aufzufinden für sie von
Wichtigkeit ist.
 
                                 Drittes Buch.
                                 Von den Worten
                                   Kapitel I.
                 Von den Worten oder der Sprache im allgemeinen
    § 1. Philaletes. Da Gott den Menschen zu einem geselligen Geschöpf gemacht
hat, hat er ihm nicht nur den Wunsch gegeben und ihn in die Notwendigkeit
versetzt, mit seinesgleichen zu leben, sondern ihm auch das Vermögen der Sprache
verliehen, welche das grosse Hilfsmittel und das gemeinsame Band dieser
Gesellschaft sein sollte. Das ist der Ursprung der Worte, welche dazu dienen,
die Vorstellungen zu vertreten und sogar zu erklären.
    Teophilus. Ich freue mich, Sie von der Ansicht des Hobbes fern zu finden,
der nicht zugeben wollte, dass der Mensch für die Gesellschaft gemacht sei, indem
er sich vorstellte, dass man nur durch die Notwendigkeit und durch die Bosheit
von seinesgleichen dazu gezwungen worden. Er erwog aber nicht, dass die besten,
von jeder Bosheit freien Menschen sich, um ihnen Zweck besser zu erreichen,
vereinigen würden, wie die Vögel, um in Gesellschaft besser zu reisen, sich
zusammenscharen, und wie die Biber sich zu Hunderten vereinigen, um grosse Dämme
zu bauen, was eine kleine Zahl dieser Tiere nicht zustande bringen könnte; und
diese Dämme sind ihnen nötig, um damit Wasserbehälter oder kleine Seen zu
machen, in denen sie ihre Hütten erbauen und Fische fangen, von denen sie sich
nähren. Das ist der Grund der Geselligkeit der Tiere, die dazu gemacht sind, und
keineswegs die Furcht vor ihresgleichen, welche bei den Tieren nicht vorkommt.
    Philaletes. Ganz recht; und um diese Geselligkeit besser zu pflegen, sind
von Natur die Organe des Menschen in der Art geformt, dass sie artikulierte Töne
zu bilden geeignet sind, die wir Worte nennen.
    Teophilus. Was die Organe betrifft, so haben die Affen dem Scheine nach
ebenso geeignete, wie wir, um Worte zu bilden, und doch trifft man bei ihnen
nicht die geringste Annäherung dazu an. Es muss ihnen also dazu etwas, was nicht
in die Sinne fällt, fehlen. Man muss auch in Betracht ziehen, dass man sprechen
d.h. durch die Laute des rundes sich vernehmlich machen könnte, wenn man sich
der Töne der Musik zu diesem Zwecke bediente. Aber um eine Sprache der Töne zu
finden, würde es mehr Kunst bedürfen, während die der Worte nach und nach durch
Menschen, die sich in der natürlichen Einfachheit bewegen, hat gebildet und
vervollkommnet werden können. Indessen gibt es Völker, wie die Chinesen, welche
mittelst der Töne und Akzente ihre Worte vermannigfaltigen, da sie deren nur
eine kleine Zahl haben. Dies war denn auch der Gedanke des Golius, eines
berühmten Matematikers und grossen Sprachkenners, dass die Sprache der Chinesen
künstlich sei, d.h. dass sie auf einmal durch irgend einen klugen Mann erfunden
worden sei, um einen Wortverkehr zwischen einer Menge von verschiedenen Nationen
herzustellen, welche jenes grosse Land, welches wir China nennen, bewohnen, wenn
diese Sprache sich auch jetzt durch den langen Gebrauch verändert haben könnte.
    § 2. Philaletes. Wie der Orang Utan und andere Affen die Organe haben, ohne
Worte zu bilden, so kann man sagen, dass die Papageien und einige andere Vögel
Worte haben, ohne Sprache zu haben, denn man kann diese und einige andere
Vögelgattungen abrichten, ganz deutliche Worte zu bilden; dennoch sind sie
keineswegs der Spräche fähig. Nur der Mensch ist imstande, sich dieser Laute als
Zeichen innerer Vorstellungen zu bedienen, um sie dadurch anderen kund tun zu
können.
    Teophilus. Ich glaube, dass wir ohne den Wunsch, uns verständlich zu machen,
in der Tat niemals die Sprache gebildet haben würden; nachdem sie aber gebildet
worden ist, dient sie den Menschen noch dazu, über sich selbst nachzudenken,
sowohl durch das Mittel, welches ihm die Worte gewähren, sich abstrakter
Gedanken zu erinnern, als durch den Nutzen, welchen man beim Nachdenken im
Gebrauch von Charakteren und tauben Gedanken findet. Denn es würde zu viel Zeit
erfordern, wenn man alles erklären und die Definition immer an die Stelle der
Ausdrücke setzen wollte.
    § 3. Philaletes. Da aber die Vervielfältigung der Worte deren Gebrauch
verwirrt haben würde, wenn man zur Bezeichnung jedes besonderen Dinges ein
bestimmtes Wort nötig gehabt hätte, so ist die Sprache durch den Gebrauch
allgemeiner Ausdrücke, die da die allgemeinen Vorstellungen bezeichnen, noch
vervollkommnet worden.
    Teophilus. Die allgemeinen Ausdrücke dienen nicht allein zur Vollkommenheit
der Sprachen, sondern sind sogar notwendig, um ihr Wesen herzustellen. Denn wenn
man unter den besonderen Dingen die individuellen Dinge versteht, so würde es
unmöglich sein zu sprechen, wenn es nur Eigennamen und keine Appellativa gäbe,
d.h. wenn es nur Worte für das Individuelle gäbe, da in jedem Augenblick Neues
wiederkehrt, wenn es sich um individuelle Zufälligkeiten und besonders um
Handlungen handelt, welche man gerade am meisten bezeichnete wenn man aber unter
den besonderen Dingen die niedrigsten Arten (species infimas) versteht, so ist
es ausser der häufig vorkommenden Schwierigkeit, sie fest zu bestimmen, auch
offenbar, dass sie schon auf die Ähnlichkeit begründete allgemeine Begriffe sind.
Da es sich also nur um die grössere oder geringere Ähnlichkeit handelt, je
nachdem man von Gattungen oder Arten spricht, so ist es natürlich, jede Art von
Ähnlichkeit oder Übereinstimmung zu bezeichnen und folglich allgemeine Worte
jeglichen Grades anzuwenden; und selbst die allgemeinsten, da sie in Hinsicht
der von ihnen umfassten Vorstellungen oder Wesenheiten, mögen sie auch
umfassender sein, weniger in sich entalten, waren sehr oft in Hinsicht auf die
Individuen, denen sie zukommen, leichter zu bilden und sind die nützlichsten. So
sehen Sie auch, dass die Kinder und diejenigen, die von der Sprache, welche sie
sprechen wollen oder von dem Gegenstand, wovon sie sprechen, nur wenig wissen,
allgemeiner Worte sich bedienen, wie Sache, Pflanze, Tier, statt besondere Worte
anzuwenden, die ihnen fehlen. Und es ist sicher, dass alle Eigennamen oder
individuelle Bezeichnungen ursprünglich Appellativa oder allgemeine Worte
gewesen sind.
    § 4. Philaletes. Es gibt sogar Worte, welche die Menschen anwenden, nicht
um eine Vorstellung, sondern um den Mangel oder die Abwesenheit einer gewissen
Vorstellung zu bezeichnen, wie Nichts, Unwissenheit, Unfruchtbarkeit.
    Teophilus. Ich sehe nicht ein, warum man nicht sagen könnte, dass es
negative Vorstellungen gibt, wie es negative Wahrheiten gibt, denn die Handlung
des Verneinens ist positiv. Ich habe dies schon vorher einigermassen berührt.
    § 5. Philaletes. Ohne darüber zu streiten, wird es, um sich dem Ursprunge
aller unserer Begriffe und Erkenntnisse ein wenig mehr zu nähern, zu bemerken
nützlich sein, wie die Worte, welche man zum Ausdruck für den Sinnen ganz
entrückte Handlungen und Begriffe anwendet, ihren Ursprung aus den sinnlichen
Vorstellungen gewinnen, von woher sie zu abstruseren Bezeichnungen übertragen
worden sind.
    Teophilus. Unsere eigenen Bedürfnisse zwingen uns, die natürliche Ordnung
der Vorstellungen zu verlassen, denn wenn wir nicht auf unsere Interessen
Rücksicht nähmen, würde diese Ordnung Engeln und Menschen und allen Geistern im
allgemeinen gemeinsam sein und von uns befolgt werden müssen. Wir haben uns also
dem anpassen müssen, was Gelegenheiten und Zufälle, denen unser Geschlecht
einmal unterworfen ist, uns geliefert haben, und diese Ordnung gibt nicht den
Ursprung der Begriffe, sondern sozusagen die Geschichte unserer Entdeckungen.
    Philaletes. Sehr richtig, und zwar kann uns die Analyse der Worte mittelst
der Namen selbst die Verkettung lehren, welche die Analyse der Begriffe aus dem
von Ihnen schon angeführten Grunde nicht geben kann. So sind folgende Worte:
sich einbilden, begreifen, anhangen, verstehen, eingeben, sich ekeln,
Verwirrung, Ruhe alle von den Wirkungen sinnlicher Dinge entlehnt und gewissen
Denkmodi angepasst. Das Wort Geist ist in seiner ersten Bezeichnung der Wind, und
das Wort Engel bedeutet Bote. Daraus können wir abnehmen, welche Art von
Begriffen diejenigen hatten, welche jene Sprache zuerst redeten, und wie die
Natur den Menschen den Ursprung und Anfang aller ihrer Erkenntnisse durch die
Worte selbst unbewussterweise darbot.
    Teophilus. Ich habe Ihnen schon bemerklich gemacht, dass man in dem
Glaubensbekenntnis der Hottentotten den heiligen Geist durch ein Wort bezeichnet
hat, das bei ihnen einen wohltätigen und sanften Windeshauch bezeichnet. Ebenso
verhält es sich in Bezug auf die meisten anderen Worte, und man erkennt das
sogar nicht immer, weil die wahren Wortableitungen in den meisten Fällen
verloren gegangen sind. Ein gewisser der Religion wenig zugetaner Holländer hat
von dieser Wahrheit (dass nämlich die Ausdrücke der Teologie, Moral und
Metaphysik ursprünglich von gemeinsinnlichen Dingen hergenommen sind) den
schlimmen Gebrauch gemacht, die Teologie und den christlichen Glauben in einem
kleinen flamändischen Wörterbuche lächerrlich zu machen, worin er in boshafter
Wendung den Ausdrücken nicht solche Definitionen und Erklärungen gab, wie der
Sprachgebrauch es verlangt, sondern wie die ursprüngliche Bedeutung der Vierte
zu ergeben schiene und da er auch sonst Zeichen von Gottlosigkeit gegeben hatte,
wurde er, wie man sagt, im Raspelhaus dafür bestraft. Indessen ist es gut, diese
Analogie der sinnlichen und unsinnlichen Dinge in Betracht zu ziehen, welche den
Übertragungen als Grund gedient hat; man wird dies besser verstehen, wenn man
ein solches sich weit erstreckendes Beispiel in Betracht zieht, das uns der
Gebrauch der Präpositionen liefert, wie: zu, mit, von, vor, in, ausser, durch,
für, über, gegen, die alle vom Ort, der Entfernung und der Bewegung hergenommen
und nachher auf alle Arten von Veränderungen, Ordnungen, Folgen,
Verschiedenheiten, Übereinstimmungen übertragen worden sind. Zu bedeutet, sich
einer Sache nähern, wie wenn man sagt: Ich gehe zur Stadt. Wie man aber, wenn
man ein Ding mit einem anderen verbinden will, es demselben da nähert, wo die
Vereinigung geschehen soll, so sagen wir, dass ein Ding zu einem anderen gefügt
werde; und ferner, da sozusagen eine übersinnliche Verknüpfung stattfindet, wenn
etwas von einem anderen nach moralischen Gründen folgt, sagen wir, dass das,
welches den Bewegungen und Willensakten jemandes folgt, dieser Person zugehöre
oder ihr eigen sei, wie wenn man es auf diese Person abgesehen hätte, zu ihr
oder mit ihr zu gehen. Ein Körper ist mit einem anderen, wenn sie sich an
demselben Orte beenden. Aber man sagt auch, ein Ding sei mit einem anderen, das
sich mit ihm zu derselben Zeit in derselben Ordnung oder einem Teil derselben
Ordnung beendet oder mit ihm an derselben Handlung teilnimmt. Wenn man von einem
Orte kommt, so ist dieser Ort der sinnlichen Dinge wegen, welche er uns
dargeboten hat, unser Gegenstand gewesen und ist noch Gegenstand unseres von ihm
ganz erfüllten Gedächtnisses; und daher kommt es, dass der Gegenstand mit dem
Vorworte von bezeichnet wird, wie wenn man sagt, es handelt sich davon; nämlich
wie wenn man davon käme. Und da das, was in einem Orte oder einem Ganzen
eingeschlossen ist, sich darauf stützt und mit ihm aufgehoben wird, so werden
die Akzidenzien ebenso angesehen, als gleichsam in dem Subjekte (sunt in
subjecto), als dem Subjekt inhärierend (inhaerent subjecto). Das Wörtchen über
wird auch von dem Gegenstande gebraucht; man sagt: Man ist über einer Materie,
ungefähr wie ein Arbeiter über dem Holz oder über dem Stein ist, den er
schneidet und formt. Da nun diese Analogien ausserordentlich veränderlich sind
und von deutlichen Begriffen gar nicht abhangen, so sind aus diesem Grunde die
Sprachen sehr verschieden in dem Gebrauch der Partikeln und Fälle, welche die
Vorwörter regieren oder in welchen sie sich als gemeint und eingeschlossen
finden.
 
                                  Kapitel II.
                          Von der Bedeutung der Worte
    § 1. Philaletes. Da die Worte nun von den Menschen angewandt werden, um
ihre Vorstellungen zu bezeichnen, so kann man gleich fragen, wie diese Worte
jene Bestimmung erlangt haben, und man ist darüber einig, dass dies nicht durch
eine natürliche Verknüpfung gesteht, die zwischen bestimmten artikulierten
Lauten und bestimmten Vorstellungen stattfindet (denn in diesem Falle würde es
unter den Menschen nur eine Sprache geben), sondern durch eine willkürliche
Einrichtung, auf Grund deren ein solches Wort zum Zeichen einer solchen
Vorstellung gewählt worden ist.
    Teophilus. Ich weiss, dass man in den Schulen und sonst überhaupt zu sagen
pflegt, die Bedeutung der Worte sei willkürlich (ex instituto) und allerdings
sind sie nicht durch eine natürliche Notwendigkeit bestimmt, aber sie sind es
nichtsdestoweniger bald durch natürliche Gründe, an denen der Zufall mitwirkt,
bald durch moralische Gründe, wobei eine Wahl eintritt. Vielleicht gibt es auch
künstliche Sprachen, die ganz aus der Wahl hervorgehen und vollständig
willkürliche sind, wie man glaubt, dass die chinesische eine solche gewesen ist,
oder wie die des Georgius Dalgarnus und des verstorbenen Bischofs von Chester,
Wilkins, es sind. Aber diejenigen, von welchen man weiss, dass sie aus schon
bekannten Sprachen gemacht worden sind, sind willkürliche mit Beimischung
dessen, was in den dabei zugrunde liegenden Sprachen Natur und Zufall ist. So
verhält es sich mit denen, welche die Diebe gemacht haben, um nur von den
Mitgliedern ihrer Bande verstanden zu werden, was die Deutschen Rotwälsch, die
Italiener Lingua Zerga, die Franzosen das Narquois nennen. Man bildet dieselben
gewöhnlich aus den ihnen bekannten gemein üblichen Sprachen, indem sie entweder
die gebräuchliche Wortbedeutung durch Übertragungen verändern oder neue Wörter
durch eine Zusammensetzung oder Ableitung auf ihre Art bilden. Es bilden sich
auch Sprachen durch den Umgang verschiedener Völker miteinander, sei es, dass man
benachbarte Sprachen ohne Unterschied vermischt, sei es, dass man, wie am
häufigsten geschieht, eine derselben zur Grundlage nimmt, die man durch
Vernachlässigung und Abänderung ihrer Gesetze und selbst durch Hinzufügung neuer
Worte verstümmelt, ändert, mischt und verdirbt. Die Lingua Franca, deren man
sich am mittelländischen Meere im Handel bedient, ist aus dem Italienischen
gemacht, und man hält sich darin nicht an die grammatischen Regeln. Ein
armenischer Dominikaner, den ich in Paris sprach, hatte sich eine Art von Lingua
Franca, die aus dem Latein gemacht war, gebildet oder sie von seinesgleichen
gelernt; ich fand sie ganz verständlich, obgleich es darin weder Fälle noch
Zeiten, noch andere Flexionen gab, und da er derselben gewohnt war, sprach er
sie mit Leichtigkeit. Der sehr gelehrte, durch so viele andere Werke bekannte
französische Jesuit Pater Labbé hat eine Sprache gebildet, deren Grundlage das
Latein ist, die bequem und weniger gezwungen ist als unser Latein, aber
regelmässiger als die Lingua Franca. Er hat ein besonderes Buch darüber
geschrieben. Was diejenigen Sprachen anbetrifft, welche, wie man findet, seit
langer Zeit gebildet sind, so gibt es darunter wenige, die heutzutage nicht
ausserordentlich verändert wären. Dies zeigt sich, wenn man sie mit den alten
Büchern und Denkmälern vergleicht, wie davon übrig sind. Das alte Französische
nähert sich mehr dem Pronvenzalischen und Italienischen, und wie das Deutsche
mit dem Französischen oder vielmehr Romanischen (sonst Lingua Romana Rustica
genannt) im neunten Jahrhundert nach Jesus Christus beschaffen war, sieht man
aus den Eidesformeln der Söhne des Kaisers Ludwig des Frommen, welche uns deren
Anverwandter Nitardt aufbewahrt hat. Man findet sonst nirgends so altes
Französisch, Italienisch oder Spanisch. Für das Teutonische oder das alte
Deutsche gibt es das Evangelium des Otfried, eines Weissenburger Mönches aus
derselben Zeit, welches Flacius veröffentlicht hat und Schiller von neuem
herausgeben wollte. Und noch ältere Bücher haben uns die nach Grossbritannien
gezogenen Sachsen hinterlassen. Es gibt eine durch einen gewissen Caedmon
gemachte Übersetzung oder Paraphrase des Anfangs der Genesis und anderer Teile
der heiligen Geschichte, deren Beda schon erwähnt. Aber das älteste Buch nicht
nur in deutscher Sprache, sondern in allen europäischen Sprachen, die
griechische und lateinische ausgenommen, ist das Evangelienbuch der Goten vom
schwarzen Meere, bekannt unter dem Namen des Codex Argenteus und in ganz
besonderen Schriftzügen abgefasst. Dies fand sich in einem alten
Benediktinerkloster zu Werden in Westphalen und ist nach Schweden gebracht
worden, wo man es begreiflicherweise ebenso sorgfältig aufbewahrt, als die
Urschrift der Pandekten zu Florenz, obgleich diese Übersetzung für die Ostgoten
und in einem von der skandinavischen Germanensprache sehr fernstehenden Dialekt
abgefasst war. Der Grund aber ist, dass man mit einiger Wahrscheinlichkeit glaubt,
die Goten des schwarzen leeres seien ursprünglich aus Skandinavien oder
wenigstens vom baltischen Meere hergekommen, denn die Sprache oder der Dialekt
dieser alten Goten ist vom neuen Deutschen sehr verschieden, obgleich der
Grundzug der Sprache der nämliche ist. Das alte Gallische war davon noch mehr
verschieden, wenn man aus der dem wahren Gallischen ähnlichsten Sprache urteilt,
welche die von Wales, von Cornwallis und das Bas Breton ist. Das Irländische
aber ist davon noch verschiedener und zeigt uns die Spuren einer noch älteren
britischen, gallischen und deutschen Sprache. Indessen alle diese Sprachen
stammen aus einer Quelle und können als Variationen der nämlichen Sprache
angenommen werden, welche man das Keltische nennen könnte. Auch die Alten
nannten sowohl die Germanen als die Gallier Kelten, und wenn man höher
hinaufgeht, um die Anfänge sowohl des keltischen und Lateinischen als des
Griechischen zu umfassen, die mit den germanischen oder keltischen Sprachen
viele Wurzeln gemein haben, so könnte man vermuten, dass dies von dem gemeinsamen
Ursprung aller dieser Völker herkommt, die von den vom schwarzen Meere
hergekommenen Scyten abstammen. Diese Scyten haben die Donau und Weichsel
überschritten, und ein Teil davon mag nach Griechenland gegangen sein, der
andere mag Deutschland und Gallien erfüllt haben: eine Folgerung der
Voraussetzung, dass die Europäer aus Asien eingewandert sind. Das Sarmatische,
vorausgesetzt, dass es slavisch ist, ist zur Hälfte wenigstens entweder deutschen
oder mit dem Deutschen gemeinsamen Ursprungs. Etwas Ähnliches zeigt sich sogar
in der finnischen Sprache, welche die der ältesten Skandinavier ist, bevor die
germanischen Völker, nämlich die Dänen, Schweden und Norweger, dort den besten
und dem Meere zunächst gelegenen Teil des Landes besetzt hatten. Die Sprache der
Finnen oder des Nordosten unseres Weltteiles, welche auch die der Lappen ist,
erstreckt sich vom deutschen oder norwegischen Meere bis gegen das kaspische
Meer, indem sie freilich durch die slavischen Völker unterbrochen wird, die sich
dazwischen geschoben haben. Sie hat auch Beziehung zum Ungarischen, welches aus
Ländern stammt, die gegenwärtig zum Teil unter Russland stehen. Die tatarische
Sprache aber, welche mit allen ihren verschiedenen Verzweigungen das
nordöstliche Asien erfüllt, scheint die der Hunnen und humanen gewesen zu sein,
wie sie die der Usbeken oder Türken, der Kalmücken und der Mugallen ist. Alle
diese scytischen Sprachen nun haben untereinander und mit unseren Sprachen
viele Wurzeln gemein, und selbst im Arabischen (unter das man das Hebräische,
das Altpunische, das Chaldäische, das Syrische und das ätiopische der
Abessinier begreifen muss) finden sich deren so viele und von so offenbarer
Übereinstimmung mit den unserigen, dass man es nicht dem blossen Zufall
zuschreiben kann, noch selbst dem blossen Verkehr, sondern vielmehr den
Völkerwanderungen. Also findet man hierin keinen Grund, welcher der Ansicht von
dem gemeinschaftlichen Ursprunge aller Völker und einer ursprünglichen
Grundsprache widerstritte und sie nicht vielmehr begünstigte. Wenn das
Hebräische oder Arabische sich derselben am meisten nähert, so muss es sich
wenigstens stark verändert haben, und das Deutsche scheint mehr Ursprüngliches
und (um die Sprache des Jacob Böhme zu reden) Adamitisches bewahrt zu haben.
Denn wenn wir die ursprüngliche Sprache in ihrer Reinheit oder so weit erhalten
hätten, um sie noch wieder zuerkennen, so müssten die Gründe der Verbindungen
darin klar erscheinen, mögen diese nun von der Natur oder aus einer
willkürlichen, weisen und des ersten Urhebers würdigen Einrichtung stammen. Aber
gesetzt auch, dass unsere Sprachen abgeleitete sind, so haben sie
nichtsdestoweniger doch im Gründe etwas Ursprüngliches in sich, welches
hinsichtlich der Wurzelworte und der neuen, später bei ihnen durch Zufall, aber
auf natürliche Gründe hin gebildeten Wurzeln bei ihnen entstanden ist.
Diejenigen, welche die Stimme der Tiere bezeichnen oder daher genommen sind,
dienen dafür zum Beispiel. Solches ist z.B. das lateinische Wort coaxare, was
von den Fröschen gesagt wird und mit dem deutschen Quaken in Beziehung steht.
Das Geräusche dieser Tiere scheint überhaupt die ursprüngliche Quelle auch
anderer Worte der deutschen Sprache zu sein. Denn da diese Tiere grossen Lärm
machen, so wendet man es heutzutage für die Reden leerer Schwätzer an, welche
man mit dem Verkleinerungswort Quakeler nennt; aber offenbar wurde diesselbe
Wort quaken sonst im guten Sinne genommen und bezeichnete jede Art von Lauten,
die man mit dem Munde machte, sogar ohne die Sprache dabei auszunehmen. Und da
diese Laute oder Geräusche der Tiere ein Lebenszeichen sind, und man durch sie,
ohne zu sehen, erkennt, dass etwas Lebendiges dahinter ist, so kommt es, dass »
quek« im Altdeutschen Leben oder Lebendiges bezeichnet, wie man es in den
ältesten Büchern bemerken kann, und auch in der neueren Sprache noch gibt es
davon Spuren, denn Quecksilber ist lebendiges Silber, und erquicken bedeutet
stärken, gleichsam wiederbeleben oder sich nach einer Ohnmacht oder schwerer
Arbeit wieder erholen. Man nennt auch im Plattdeutschen ein gewisses Unkraut
Quecken, die sozusagen lebendig sind und fortlaufen, wie man auf Deutsch sagt,
die sich auf den Äckern zum Schaden des Getreides ausdehnen und leicht
fortkommen; und im Englischen bedeutet quickly schnell und mit Lebhaftigkeit.
Man kann also das Urteil fällen, dass die deutsche Sprache hinsichtlich dieser
Worte als ursprünglich gelten kann, da die Alten nicht nötig hatten, anderswoher
einen Laut zu entleihen, um den der Frösche nachzuahmen. Es gibt noch viele
andere, wobei dasselbe stattfindet. Denn die alten Deutschen, Kelten und andere
mit ihnen verwandte Völker scheinen aus einem Naturinstinkt den Buchstaben R
gebraucht zu haben, um eine heftige Bewegung und ein Geräusch, wie das dieses
Buchstabens, zu bezeichnen. Dies sieht man in rheô (fliessen), rinnen, rühren,
rutir, Rhein, Rhone, Roer (Rhenus, Rhodanus, Eridanus, Rura), rauben, rapere,
ravir, Rad (rota), radere, raser, rauschen (ein schwer zu übersetzendes Wort; es
bezeichnet ein Geräusch, wie das der Blätter oder Bäume, welches der Wind oder
ein durchstreifendes Tier darin macht, oder den ein Schleppkleid verursacht),
recken (gewaltsam ausdehnen). Daher kommt es, dass reichen berühren ist, dass der
Rick einen langen Stock oder eine Stange, die zum Aufhängen von etwas dient, in
jener Art von Plattdeutsch oder Niedersächsisch bezeichnet, das bei Braunschweig
gesprochen wird; dass Rige, Reihe, regula, regere sich auf eine Länge oder gerade
Linie bezieht, und dass Reck eine sehr ausgedehnte, lange Sache oder Person
bezeichnet hat, besonders einen Riesen und sodann einen reichen und mächtigen
Mann, wie im »reich« der Deutschen und im riche oder ricco der romanischen
Völker erscheint. Im Spanischen bezeichnet ricos hombres die Adligen oder
Vornehmen, was zugleich verständlich macht, wie die Metapheren, Synekdochen und
Metonymien die Worte von einer Bedeutung in die andere übergehen machen, ohne
dass man immer die Spur davon verfolgen kann. Geräusch und gewaltsame Bewegung
bemerkt man auch in »Riss«, womit das lateinische rumpo, das griechische rhêgnymi
, das französische arracher, das italienische straccio in Verbindung stehen. Wie
nun der Buchstabe R von Natur eine heftige Bewegung bezeichnet, so der Buchstabe
L eine sanftere. So sehen wir, dass die Kinder und diejenigen, denen das R zu
hart und zu schwierig auszusprechen ist, an dessen Stelle den Buchstaben L
setzen, wie wenn man z.B. sagt: Mon levelend pèle. Diese sanfte Bewegung
erscheint in: leben, laben, lind, lenis, lentus, lieben, laufen (d.h. schnell
dahingleiten, wie giessendes Wasser), labi (gleiten - labitur uncta vadis abies),
legen (leicht hinsetzen), woher liegen kommt, lage oder laye (ein Bett, z.B. ein
Steinlager), Laystein (Tonschieferlage), lego, lese (d.h. was da steht, sammle
ich, das Gegenteil von legen), Laub (etwas leicht sich Bewegendes), wohin auch
gehören: lap, liel, lenken, luo, lyô, lien (im Niedersächsischen: sich auflösen,
schmelzen wie Schnee, daher der Name des Flusses Leine im Hannöverschen, der aus
dem Gebirge kommend durch geschmolzenen Schnee stark anschwillt). Wir haben
nicht nötig, noch eine zahllose Menge anderer Bezeichnungen hinzuzufügen, die
beweisen, dass in dem Ursprung der Worte etwas Natürliches waltet, was den
Zusammenhang zwischen den Dingen und den Lauten und Bewegungen der Sprachorgane
zeigt, worin auch der Grund liegt, dass der Buchstabe L., mit anderen Worten
verbunden, bei den Lateinern, den Romanen und den Hochdeutschen die
Verkleinerung bezeichnet. Indessen muss man nicht behaupten, dass jene Beziehung
sich überall bemerken lässt, denn der Löwe, der Luchs, der Wolf, auf französisch
loup, sind nichts weniger als sanft. Aber man kann sich dabei an einen anderen
Umstand gehalten haben, nämlich die Schnelligkeit (den Lauf), die sie furchtbar
macht oder zum Laufen zwingt, wie wenn der, welcher ein solches Tier kommen
sieht, den anderen zuruft: Lauft! (d.h. Flieht!) Überdies sind die meisten Worte
durch verschiedene Zufälle und Veränderungen ausserordentlich modifiziert und von
ihrer ursprünglichen Aussprache und Bedeutung abgewichen.
    Philaletes. Ein ferneres Beispiel würde dies noch besser verständlich
machen.
    Teophilus. Da haben Sie eins, das klar genug ist und zugleich mehrere
andere in sich fasst. Das Wort Auge und seine Verwandtschaft kann dazu dienen,
was zu zeigen ich ein wenig weiter ausholen will. Aus A, dem ersten Buchstaben,
wenn man eine kleine Aspiration folgen lässt, wird Ah, und da dies ein Aushauchen
der Luft ist, das einen anfangs ziemlich hellen und darauf verschwindenden Ton
gibt, so bezeichnet dieser Ton natürlicherweise einen gelinden Hauch (spiritus
lenis), wenn A und H nicht besonders stark sind. Daher haben aô, aer, aura,
haugh, halare, haleine, atmos, Atem, Odem (im Deutschen) ihren Ursprung. Da nun
das Wasser auch eine Flüssigkeit ist und Geräusch macht, so ist es, wie mir
scheint, gekommen, dass Ah, nachdem man es durch Verdoppelung stärker gemacht
hat, also aha oder ahha, für das Wasser genommen wurde. Die Teutonen und übrigen
Kelten haben, um die Bewegung besser zu bezeichnen, dem einen wie dem anderen
ihr W vorgesetzt, darum bezeichnen Wehen, Wind, vent, die Bewegung der Luft, und
waten, vadum, water die Bewegung des Wassers oder im Wasser. Um aber auf Aha
zurückzukommen, so scheint es, wie ich gesagt habe, eine Art Wurzel zu sein,
welche Wasser bezeichnet. Die Isländer, die von dem alten skandinavischen
Teutonismus etwas übrig behalten haben, schwächten die Aspiration und sagten Aa;
andere, welche Aken sprechen (indem sie Aix, Aquas grani verstanden), haben sie
verstärkt, wie auch die Lateiner in ihrem Aqua und die Deutschen an gewissen
Stellen, indem sie Ach in den Zusammensetzungen gebrauchen, um das Wasser zu
bezeichnen, wie wenn Schwarzach schwarzes Wasser, Biberach Biberwasser
bezeichnet. Und statt Wiser oder Weser sagte man in den alten Rechtsurkunden
Wiseraha und Wisurach bei den alten Einwohnern, woraus die Lateiner Visurgis
gemacht haben, wie sie aus Iler, Ilerach Ilargus gemacht haben. Aus Aqua,
Aiugues, Auue haben die Franzosen endlich ihr Eau gemacht, welches sie Oo
aussprechen, wobei dann vom Ursprünglichen nichts mehr bleibt. Auwe, Auge bei
den Deutschen ist heutzutage ein Ort, den das Wasser oft überschwemmt und der
zur Viehweide geeignet ist, locus irriguus, pascuus; in noch engerer Bedeutung
aber bezeichnet es eine Insel, wie im Namen des Klosters Reichenau (Augia dives)
und in vielen anderen. Und dies muss bei vielen teutonischen und keltischen
Völkern stattgefunden haben, denn daher ist es gekommen, dass alles, was in einer
Art Ebene wie abgesondert ist, Auge oder Ouge, oculus genannt worden ist. So
nennt man auch bei den Deutschen die Öltropfen auf dem Wasser, und bei den
Spaniern ist ojo ein Loch. Indessen sind Auge, Ooge, oculus, occhio usw.
vorzugsweise auf das Sehorgan angewandt worden, welches jene hervorstehende
gesonderte Vertiefung im Gesicht ausmacht, und ohne Zweifel kommt das
französische oeil auch daher, aber dessen Ursprung ist ganz und gar nicht
erkennbar, wenn man nicht der soeben gegebenen Verkettung nachgeht, und omma und
ophis der Griechen scheint aus derselben Quelle zu stammen. Oe oder Oeland ist
eine Insel bei den Nordländern, und davon gibt es eine Spur im Hebräischen, wo
[Ai], Ai, eine Insel ist. Bochart nahm an, dass die Phönizier den Namen, welchen
sie seiner Ansicht nach dem von Inseln erfüllten ägeischen Meere gegeben hatten,
daher bezogen hätten. Augere (vermehren), kommt auch von Auue oder Auge, d.h.
von der Wasserausschüttung, wie ooken, auken im Altsächsischen vermehren
bedeutete, und Augustus, wenn man darunter den Kaiserverstand, wurde durch Ooker
übersetzt. Der Fluss bei Braunschweig, welcher aus dem Erzgebirge kommt und
folglich Anschwellungen sehr unterworfen ist, wird Ocker genannt und hiess
ehemals Ouacra. Auch bemerke ich im Vorbeigehen, dass die Flussnamen, weil sie in
der Regel aus dem höchsten bekannten Altertum stammen, am besten auf die alte
Sprache und die alten Bewohner hindeuten, daher sie eine besondere Untersuchung
verdienten. Und da die Sprachen im allgemeinen die ältesten Denkmäler der Völker
noch vor der Schrift und den Künsten sind, so zeigen sie auch am besten den
Ursprung der Verwandtschaften und Wanderungen an. Aus diesem Grunde würden die
Etymologien, richtig verstanden, merkwürdig und bedeutsam sein; man muss nur die
Sprachen mehrerer Völker zusammennehmen und nicht von einer Nation zu einer
anderen sehr entfernten zu viel Sprünge machen, ohne hinlängliche Begründungen
dafür zu haben, wobei es vor allem darauf ankommt, die Völker dazwischen als
Gewährsmänner zu haben. Und im allgemeinen darf man den Etymologien keinen
Glauben schenken, als wenn man eine Menge zusammenstimmender Zeugnisse hat,
sonst goropisiert man.
    Philaletes. Goropisiert man? Was heisst das?
    Teophilus. Man sagt so, weil die seltsamen und oft lächerlichen Etymologien
des Goropius Becanus, eines gelehrten Arztes im sechzehnten Jahrhundert,
sprüchwörtlich geworden sind, obgleich er übrigens nicht so ganz unrecht gehabt
hat, zu behaupten, dass die deutsche Sprache, welche er die cimbrische nennt,
ebensoviel und mehr Zeichen von etwas Ursprünglichem bietet, als seihst das
Hebräische. Ich erinnere mich, dass der verstorbene Clauberg, der ausgezeichnete
Philosoph, eine kleine Abhandlung über den Ursprung der deutschen Sprache
geschrieben hat, welche den Verlust dessen, was er über diesen Gegenstand
versprochen hatte, bedauern lässt. Ich selbst habe einige Gedanken dazugegeben
und ausserdem den verstorbenen Gerard Meyer, einen Bremischen Teologen, darüber
zu arbeiten veranlasst, was er auch getan hat; aber er wurde durch den Tod
unterbrochen. Gleichwohl hoffe ich, dass die Welt noch einmal davon ebensogut
Nutzen haben wird, als von den ähnlichen Arbeiten des berühmten Juristen
Schiller zu Strassburg, der aber nun auch gestorben ist.
    Wenigstens ist sicher, dass die Sprache und Altertümer der Teutonen in den
meisten Untersuchungen über den Ursprung, die Sitten und Altertümer Europas von
Gewicht sind. Und ich möchte wünschen, dass die Gelehrten ebenso in der
walisischen, biscaischen, slavonischen, finnischen, türkischen, persischen,
armenischen, georgischen und anderen Sprachen arbeiteten, um deren
Übereinstimmung zu entdecken, was, wie ich eben gesagt habe, besonders dazu
dienen würde, den Ursprung der Nationen aufzuklären.
    § 2. Philaletes. Dieser Vorschlag ist von Wichtigkeit, aber gegenwärtig ist
es an der Zeit, das Materielle der Worte zu verlassen und auf das Formelle
zurückzukommen, d.h. auf die verschiedenen Sprachen gemeinsame Bedeutung. Da
werden Sie mir nun zuerst zugeben, dass, wenn ein Mensch mit dem anderen spricht,
er von seinen eigenen Vorstellungen Zeichen geben will, da die Worte von ihm
nicht auf das, was er nicht kennt, angewandt werden können. Und sofern jemand
Vorstellungen von eigener Ermüdung hat, kann er nicht annehmen, dass sie mit den
Eigenschaften der Dinge oder den Begriffen anderer Leute übereinstimmen.
    Teophilus. Dennoch ist es wahr, dass man sehr oft vielmehr das bezeichnen
will, was andere denken, als was man auf eigene Hand denkt, wie es nur zu oft
Laien begegnet, deren Glaube blind ist. Ich gebe indessen zu, dass man immer
etwas Allgemeines versteht, mag der Gedanke auch noch so taub und von
Verständnis bar sein, und sich wenigstens bemüht, die Worte nach der Gewohnheit
der anderen zu ordnen, mit dem Glauben zufrieden, im Notfall den Sinn davon
lernen zu können. So ist man mitunter nur der Gedanken-Dolmetscher oder
Wortandlanger eines anderen, ganz wie ein Brief sein würde, und das ist man
sogar öfter, als man denkt.
    § 3. Philaletes. Sie haben recht mit dem Zusatze, dass man immer etwas
Allgemeines versteht, mag man noch so einfältig sein. Wenn ein Kind in dem, was
es Gold nennen hört, nur eine glänzende gelbe Farbe bemerkt hat, so gibt es den
Namen Gold derselben Farbe, welche es im Schweif eines Pfauen sieht, während
andere die bedeutende Schwere, Schmelzbarkeit, Dehnbarkeit hinzudenken werden.
    Teophilus. Das gebe ich zu; indessen ist oft die Vorstellung eines in Rede
stehenden Gegenstandes noch allgemeiner als die jenes Kindes, und ich zweifle
nicht, dass ein Blinder von den Farben angemessen sprechen und eine Lobrede auf
das Licht halten kann, das er nicht kennt, weil er nämlich dessen Wirkungen und
Umstände kennen gelernt hat.
    § 4. Philaletes. Was Sie da bemerken, ist sehr wahr. Es geschieht oft, dass
die Menschen ihre Gedanken mehr auf die Worte als auf die Sachen richten, und da
man die meisten dieser Worte vor der Kenntnis der mit ihnen bezeichneten
Vorstellungen gelernt hat, so gibt es nicht bloss Kinder, sondern auch
Erwachsene, welche oft wie die Papageien sprechen. - § 5. Indessen behaupten die
Menschen gewöhnlich, ihre eigenen Gedanken zu bezeichnen, und messen weiter den
Worten noch eine geheime Beziehung zu den Vorstellungen anderer Leute und zu den
Dingen selbst bei. Denn wenn die Laute von demjenigen, mit welchem wir uns
unterhalten, einer anderen Vorstellung verknüpft würden, so hiesse das zwei
Sprachen reden; allerdings hält man sich nicht allzuviel dabei auf, zu prüfen,
welches die Vorstellungen der anderen sind, und nimmt an, dass unsere Vorstellung
diejenige ist, welche der grosse Haufe und die Gebildeten eines Landes mit
demselben Wort verbinden. - § 6. Dies findet im besonderen hinsichtlich der
einfachen Vorstellungen und der Modi statt; was aber die Substanzen anbetrifft,
so glaubt man dabei noch spezieller, dass die Worte auch die Wirklichkeit der
Dinge bezeichnen.
    Teophilus. Substanzen und Modi werden in gleicher Weise von den
Vorstellungen dargestellt und die Sachen ebensogut wie die Vorstellungen in dem
einen und anderen Falle durch die Worte bezeichnet. Ich sehe also keinen
Unterschied sonst dabei, als dass die Vorstellungen der substantiellen Dinge und
der sinnlichen Eigenschaften mehr feststehen. Es kommt übrigens zuweilen vor,
dass unsere Vorstellungen und Gedanken der Gegenstand unserer Unterredungen sind
und dasjenige, was man bezeichnen will, selbst ausmachen, und dass die
Reflexionsbegriffe mehr, als man denkt, an den Begriffen der Wirklichkeit
teilnehmen. Mitunter spricht man sogar von den horten materiellerweise, ohne in
diesem Falle an Stelle des Wortes die Bedeutung oder die Beziehung zu den
Vorstellungen oder Dingen bestimmt setzen zu können. Dies geschieht nicht
allein, wenn man als Grammatiker, sondern auch, wenn man als Lexikograph
spricht, indem man die Erklärung des Wortes gibt.
 
                                  Kapitel III.
                         Von den allgemeinen Ausdrücken
    § 1. Philaletes. Obgleich es nur besondere Dinge gibt, so besteht der
grösste Teil der Wörter nichtsdestoweniger in allgemeinen Ausdrücken, weil es
unmöglich ist, - § 2 dass jede besondere Sache einen besonderen und bestimmten
Namen für sich hat, und ausserdem dazu ein wunderbares Gedächtnis nötig wäre,
gegen welches dasjenige gewisser Feldherren, die alle ihre Soldaten bei Namen
nennen konnten, nichts sein würde. Die Sache wächst sogar bis ins Unendliche,
wenn jedes Tier, jede glänze und selbst jedes Pflanzenblatt, jedes Korn, endlich
jedes Sandkörnchen, dass man zu nennen nötig hätte, seinen Namen haben müsste. Und
wie soll man die für die Sinnlichkeit gleichartigen Teile der Dinge, wie des
Wassers, des Feuers, benennen? § 3. Zudem wären diese besonderen Namen unnütz,
weil der Hauptzweck der Sprache darin besteht, im Geiste dessen, der mich hört,
eine der meinigen ähnliche Vorstellung zu erwecken. Also genügt die Ähnlichkeit,
welche durch die allgemeinen Ausdrücke bezeichnet wird. § 4. Auch würden die
besonderen Worte allein nicht dazu dienen, unsere Erkenntnisse zu erweitern,
noch uns von der Vergangenheit auf die Zukunft, oder von einem Individuum auf
ein anderes schliessen zu lassen. § 5. Da man indes oft nötig hat, gewisse
Individuen, besonders unserer Art, zu erwähnen, so bedient man sich der
Eigennamen: diese gibt man auch den Ländern, Städten, Bergen und anderen
Ortsunterscheidungen. Geben doch die Rosshändler, so gut wie Alexander seinem
Bucephalus, eigene Namen, um dies oder jenes besondere Pferd, wenn es aus ihren
Augen entfernt ist, unterscheiden zu können.
    Teophilus. Diese Bemerkungen sind gut und darunter solche, welche mit den
eben von mir gemachten zusammenstimmen. Aber ich möchte im Verfolg dessen, was
ich schon bemerkt habe, hinzufügen, dass die Eigennamen gewöhnlich Appellativa
gewesen sind d.h. allgemeine Ausdrücke, wie Brutus, Cäsar, Augustus, Capito,
Lentulus, Piso, Cicero, Elbe, Rhein, Ruhr, Leine, Ocker, Bucephalus, Alpen,
Brenner oder Pyrenäen; denn man weiss, dass der erste Brutus diesen Namen von
seinem anscheinenden Stumpfsinn hatte, dass Caesar den Namen eines Kindes hatte,
welches durch einen Schnitt aus dem Mutterschoss gezogen worden ist, dass Augustus
ein Ehrenname war, dass Capito Dickkopf bedeutet, wie auch Bucephalus, dass
Lentulus, Piso und Cicero ursprünglich denjenigen Personen gegebene Namen
gewesen sind, welche besonders gewisse Gemüsearten bauten. Was die Namen jener
Flüsse, Rhein, Ruhr, Leine, Ocker, bedeuten, habe ich schon gesagt. Man weiss
auch, dass in Skandinavien noch alle Flüsse »Elbe« genannt werden. Endlich sind
Alpen solche Berge, die mit Schnee bedeckt sind, womit album, d.h. weiss, stimmt,
und Brenner oder Pyrenäen bedeutet eine grosse Höhe, denn bren war im Keltischen
hoch oder Haupt (wie Brennus), wie noch bei den Niedersachsen Brinck die Höhe
ist und es zwischen Deutschland und Italien einen Brenner gibt, und wie die
Pyrenäen zwischen Gallien und Spanien gelegen sind. Demnach möchte ich zu
behaupten wagen, dass fast alle Worte ursprünglich Gemeinausdrücke sind, weil es
sehr selten vorkommen wird, dass man einen Namen express ohne Grund erfindet, um
dies oder jenes Individuum zu bezeichnen. Man kann also sagen, dass die Namen der
Individuen Gattungsnamen waren, welche man vorzugsweise oder sonstwie irgend
einem Individuum beilegte, wie den Namen Dickkopf demjenigen in der ganzen
Stadt, welcher den grössten hatte oder von allen dicken Köpfen, die man könnte,
der am meisten beachtete war. So gibt man sogar die Geschlechtsnamen den Arten,
d.h. man begnügt sich mit einem allgemeinen oder unbestimmten Worte, um mehr
besondere Arten zu bezeichnen, wenn man sich um die Unterschiede dabei nicht
kümmert. So begnügt man sich z.B. mit dem allgemeinen Namen Wermut, obgleich es
davon so viel Arten gibt, dass einer der Bauhins darüber ein eigenes Werk
vollgeschrieben hat.
    § 6. Philaletes. Ihre Bemerkungen über den Ursprung der Eigennamen sind
sehr richtige um aber auf die Appellativa oder allgemeinen Ausdrücke zu kommen,
so werden sie ohne Zweifel zugeben, dass die Worte allgemein werden, wenn sie
Zeichen von allgemeinen Vorstellungen sind, und dass die Vorstellungen allgemein
werden, wenn man durch Abstraktion die Zeit, den Ort, oder diejenigen anderen
Umstände davon abtrennt, welche sie zu diesem oder jenem besonderen Dasein
bestimmen können.
    Teophilus. Ich leugne diese Anwendung der Abstraktionen nicht, aber sie
gilt viel mehr beim Aufsteigen von den Arten zu den Gattungen als von den
Individuen zu den Arten. Denn es ist uns unmöglich, so widersinnig dies
erscheinen mag, die Erkenntnis der individuellen Wesen zu haben und das Mittel
zur genauen Bestimmung der Individualität irgend einer Sache zu finden, ohne sie
selbst festzuhalten, denn alle Umstände können wiederkehren; die kleinsten
Unterschiede bleiben für uns unbemerkt; Ort und Zeit, weit entfernt, von sich
aus zu bestimmen, müssen vielmehr selbst durch die Dinge, welche sie entalten,
bestimmt werden. Das Bemerkenswerteste dabei ist, dass die Individualität die
Unendlichkeit in sich schliesst, und dass nur derjenige, welcher dies zu erkennen
imstande ist, die Erkenntnis des Prinzips der Individuation dieser oder jener
Sache haben kann. Dies kommt von dem - richtig zu verstehenden - Einfluss aller
Dinge des Weltalls aufeinander her. Allerdings würde es nicht so sein, wenn es
demokritische Atome gäbe, aber dann würde es auch keinen Unterschied zwischen
zwei verschiedenen Individuen derselben Gestalt und Grösse geben.
    § 7. Philaletes. Dennoch ist ganz klar, dass die Vorstellungen, welche sich
die Kinder von denjenigen Personen bilden, mit denen sie umgehen (um bei diesem
Beispiel zu verweilen), den Personen selbst ähnlich und eben nur besondere sind.
Die Vorstellungen, welche sie von ihrer Amme oder ihrer Mutter haben, sind ihrem
Geiste wohl eingeprägt, und die Namen »Amme« oder »Mama«, deren die Kinder sich
bedienen, beziehen sich nur auf diese Personen. Wenn nachher die Zeit sie hat
bemerken lassen, dass es mehrere andere Wesen gibt, die ihrem Vater oder ihrer
Mutter gleichen, so bilden sie eine Vorstellung, an der, wie sie finden, alle
diese besonderen Wesen gleichzeitig teilhaben, und geben ihr dann, wie andere
auch, den Namen Mensch. § 8. Auf dem nämlichen Wege erwerben sie allgemeinere
Namen und Begriffe; so wird z.B. die neue Vorstellung »lebendes Wesen« nicht
durch Addition gebildet, sondern nur durch Aufhebung der Gestalt oder besonderer
Eigenschaften der Menschen und durch Festaltung des mit Leben, Gefühl und
selbständiger Bewegung versehenen Körpers.
    Teophilus. Sehr gut; aber dies beweist nur das soeben von mir Bemerkte;
denn wie das Kind durch Abstraktion von der Auffassung der Vorstellung des
Menschen zu der der Vorstellung des lebenden Wesens fortgeht, ist es von der
mehr spezifischen Vorstellung, welche es an seiner Mutter oder seinem Vater oder
anderen ansehen auffasste, zu der der menschlichen Natur gekommen. Denn um zu
schliessen, dass es keine genaue Vorstellung des Individuums hatte, braucht man
nur zu erwägen, dass eine mässige Ähnlichkeit es leicht täuschen und veranlassen
würde, eine andere Frau für seine Mutter zu halten, die es nicht wäre. Sie
kennen die Geschichte von dem falschen Martin Guerra, welcher sogar die Frau des
wirklichen und dessen nächste Verwandte durch die mit Gewandteit verbundene
Ähnlichkeit betrog und die Richter lange in Verlegenheit setzte, selbst nachdem
der wahre dazugekommen war.
    § 9. Philaletes. So kommt dies ganze Geheimnis von der Gattung und den
Arten, wovon man in den Schulen so viel Lärm macht, das aber ausserhalb derselben
mit Recht so wenig beachtet wird, dies ganze Geheimnis, sage ich, kommt einzig
auf die Bildung mehr oder minder weiter abstrakter Vorstellungen zurück, denen
man gewisse Namen gibt.
    Teophilus. Die Kunst, die Dinge in Geschlechter und Arten zu ordnen, ist
von nicht geringer Bedeutung und dient sowohl dem Urteil als dem Gedächtnis
erheblich. Sie wissen, von welcher Wichtigkeit dies in der Botanik ist, nicht zu
reden von den Tieren und anderen Substanzen und auch von den moralischen und
rationalen Wesen, wie einige sie nennen. Ein guter Teil der Ordnung hängt davon
ab, und mehrere gute Schriftsteller drücken sich so aus, dass ihr ganzer Vortrag
sich auf Einteilungen oder Untereinteilungen beschränkt gemäss einer Metode,
nach welcher man sich an Geschlechter und Arten hält, und die nicht nur dazu
dient, die Dinge zu behalten, sondern sie sogar zu finden. Auch diejenigen,
welche alle Arten von Begriffen unter gewisse in Unterabteilungen zerfällte
Titel oder Kategorien verteilt haben, haben etwas sehr Nützliches vollbracht.
    § 10. Philaletes. Indem wir die Worte definieren, bedienen wir uns des
nächsten Geschlechtes oder allgemeinen Ausdruckes, und zwar geschieht dies, um
sich die Mühe zu sparen, die verschiedenen einfachen Vorstellungen aufzuzählen,
welche dies Geschlecht bezeichnet, oder vielleicht mitunter auch, um uns die
Schande zu sparen, diese Aufzählung nicht machen zu können. Obgleich aber der
kürzeste Weg zu definieren durch das Mittel des Geschlechts und des
(artbildenden) Unterschiedes, wie die Logiker sprechen, erreicht wird, so kann
man meines Erachtens zweifeln, ob es der beste sei; wenigstens ist er nicht der
einzige. In der Definition, welche besagt, dass der Mensch ein vernünftiges
lebendes Wesen sei (welche vielleicht die genaueste nicht ist, aber dem
vorliegenden Zweck hinlänglich dient), könnte man an die Stelle von »lebendes
Wesen« dessen Definition setzen. Dies zeigt, wie unnötig die Regel ist, dass eine
Definition aus Geschlecht und Artunterschied bestehen müsse, und wie
unvorteilhaft es ist, sie sorgfältig zu beobachten. Ferner sind die Sprachen
nicht immer dergestalt nach den Regeln der Logik gebildet, dass die Bedeutung
eines jeden Ausdruckes durch zwei andere genau und klar ausgedrückt werden kann.
Auch haben die, welche diese Regel gemacht haben, unrecht gehabt, uns so wenig
Definitionen, welche damit übereinstimmen, zu geben.
    Teophilus. Ich bin mit Ihren Bemerkungen einverstanden, gleichwohl würde es
aus vielen Gründen vorteilhaft sein, dass die Definitionen aus zwei Ausdrücken
bestehen könnten. Dies würde ohne Zweifel die Sache sehr abkürzen, und alle
Einteilungen könnten auf Dichotomien zurückgeführt werden, welche die beste Art
der Einteilungen sind und für die Erfindung, das Urteil und das Gedächtnis
vorzugsweise dienen. Indessen glaube ich nicht, dass die Logiker immer das
Geschlecht oder den Artunterschied in einem Worte ausgedrückt verlangen. So kann
z.B. der Ausdruck regelmässiges Polygon für die Gattung des Quadrats gelten; und
in der Figur des Kreises kann die Gattung eine flache krummlinige Figur sein,
und der Artunterschied würde dann darin bestehen, dass alle Punkte der
Umkreislinie gleichmässig von einem bestimmten Punkte als Mittelpunkt entfernt
sind. Übrigens ist noch gut zu bemerken, dass das Geschlecht oft mit dem
Artunterschied und dieser mit dem Geschlecht vertauscht werden kann, z.B. das
Quadrat ist ein regelmässiges Viereck oder eine vierseitige Figur, die regulär
ist, so dass also Geschlecht und Artunterschied nur wie Substantiv und Adjektiv
sich voneinander unterscheiden, wie wenn man, anstatt zu sagen: der Mensch ist
ein vernünftiges Lebewesen, der Sprache zu sagen verstattete, dass der Mensch ein
lebendiges Vernunftwesen ist, d.h. eine vernünftige Substanz, die mit einer
natürlichen Lebenskraft begabt ist, wahrend die Geister vernünftige Substanzen
sind, deren Wesen aber nicht das Leben in dem gewöhnlichen Sinne wie bei den
Tieren ist. Und zwar hängt die Möglichkeit dieses Wechsels von Gattungen und
Artunterschieden von der Veränderung der Ordnung in den Unterabteilungen ab.
    § 11. Philaletes. Aus dem, was ich eben gesagt habe, folgt, dass das, was
man allgemein und universell nennt, nicht zum Dasein der Dinge gehört, sondern
das Werk des Verstandes ist. § 12. Und die Wesenheiten jeder Art sind nur
abstrakte Vorstellungen.
    Teophilus. Ich sehe diese Folgerung nicht ein. Denn die Allgemeinheit
besteht in der Ähnlichkeit der einzelnen Dinge untereinander, und diese
Ähnlichkeit ist eine Realität.
    § 13. Philaletes. Ich wollte Ihnen schon selbst sagen, dass diese Arten auf
der Ähnlichkeit beruhen.
    Teophilus. Warum sollen wir denn also nicht auch das Wesen der Gattungen
und Arten darin suchen?
    14 §. Philaletes. Man wird sich über den von mir ausgesprochenen Satz
weniger wundern, dass die Wesenheiten das Werk des Verstandes sind, wenn man in
Betracht zieht, dass es wenigstens zusammengesetzte Vorstellungen gibt, die im
Geiste verschiedener Personen häufig verschiedene Vereinigungen einfacher
Vorstellungen bilden, und so ist das, was im Geist des einen Menschen Geiz ist,
nicht dasselbe im Geist eines zweiten.
    Teophilus. Ich gestehe Ihnen, dass ich in wenige Punkten die Gültigkeit
Ihrer Folgerungen weniger eingesehen habe als hierbei, und das tut mir leid.
Wenn die Menschen über das Wort nicht einige sind, ändert denn das die Dinge
selbst oder deren Ähnlichkeiten? Wenn der eine das Wort Geiz der einen
Ähnlichkeit, der andere einer anderen leiht, so sind das zwei verschiedene durch
das nämliche Wort bezeichnete Arten.
    Philaletes. Bei derjenigen Art von Substanzen, die uns die vertrauteste
ist, und welche wir auf die genaueste Art kennen, hat man mitunter gezweifelt,
ob die von einer Frau zur Welt gebrachte Frucht ein Mensch sei, so dass man sogar
darüber uneinig wurde, ob man sie erziehen und taufen sollte; dies könnte nicht
der Fall sein, wenn die abstrakte Vorstellung oder das Wesen, dem der Name des
Menschen zukommt, das Werk der Natur wäre, und nicht eine davon verschiedene
unsichere Verknüpfung einfacher Vorstellungen, welche der Verstand
zusammengefügt hat und welcher er einen Namen beilegt, nachdem er sie auf dem
Wege der Abstraktion allgemein gemacht. Dergestalt ist im Grunde genommen eine
jede bestimmte durch Abstraktion entstandene Vorstellung für sich eine bestimmte
Wesenheit.
    Teophilus. Verzeihen Sie mir die Bemerkung, dass Ihre Rede mich in
Verlegenheit setzt, weil ich darin keinen Zusammenhang sehe. Wenn wir nicht
immer von den äusseren Ähnlichkeiten auf die inneren schliessen können, sind diese
denn darum weniger wirklich? Wenn man ungewiss ist, ob eine Missgeburt ein Mensch
ist, so kommt dies daher, dass man an ihrer Vernunft zweifelt. Sobald sich
findet, dass sie eine solche hat, werden die Teologen den Ausspruch tun, dass sie
getauft werde, und die Juristen, dass sie erzogen werde. Freilich kann man über
die, im logischen Sinne genommen, niedrigsten Arten miteinander streiten, die
sich durch Zufälligkeiten innerhalb derselben physischen Art oder in demselben
Zeugungsstamme abändern; man hat aber gar nicht nötig, sie zu bestimmen; man
kann sie sogar bis ins Unendliche abändern, wie man an der grossen
Verschiedenheit der Orangen, Apfelsinen und Zitronen sieht, welche die
Sachkundigen zu benennen und zu unterscheiden wissen. Ebenso sah man es an den
Tulpen und Nelken, als diese Blumen in der Mode waren. Ob übrigens die Menschen
diese oder jene Vorstellungen damit verbinden oder nicht, und selbst ob die
Natur sie wirklich oder nicht damit verbindet, hat auf die Wesenheiten,
Geschlechter oder Arten keinen Einfluss, weil es sich dabei nur um Möglichkeiten
handelt, die von unserem Denken unabhängig sind.
    § 15. Philaletes. Gewöhnlich setzt man voraus, dass die Art eines jeden
Dinges in der Wirklichkeit begründet ist; und dass es etwas geben müsse, von dem
jede Vereinigung einfacher Vorstellungen oder zugleich vorhandener Eigenschaften
in einem bestimmten Dinge abhangen muss, ist ohne Zweifel. Aber da
augenscheinlich die Dinge nur insofern unter bestimmten Namen in Klassen und
Arten geordnet sind, als sie mit gewissen abstrakten Vorstellungen
übereinkommen, denen wir diesen bestimmten Namen beigelegt haben, so ist auch
das Wesen eines jeden Geschlechtes oder jeder Art nichts anderes, als die durch
den allgemeinen oder besonderen Namen bezeichnete abstrakte Vorstellung, und wir
werden finden, dass dies der gewöhnlichste Gebrauch des Wortes Wesenheit ist.
Meiner Meinung nach würde es nicht übel sein, diese zwei Arten von Wesenheiten
mit zwei verschiedenen Namen zu bezeichnen und die erstere reale Wesenheit, die
andere nominale Wesenheit zu nennen.
    Teophilus. Mir scheint, dass unsere Sprache in ihren Ausdrucksweisen
ausserordentlich viel Neuerungen einführt. Man hat bisher wohl von nominalen und
von kausalen oder Real - Definitionen, nicht aber, dass ich es wüsste, von anderen
als realen Wesenheiten gesprochen; wenigstens würde man unter nominalen
Wesenheiten falsche und unmögliche verstanden haben, die Wesenheiten zu sein nur
scheinen, aber es nicht sind, wie z.B. die eines regelmässigen Dekaeders d.h. des
von 10 Flächen umschlossenen regelmässigen Körpers. Die Wesenheit ist im Grunde
nichts anderes als die Möglichkeit dessen, was man denkt. Was man als möglich
voraussetzt, wird durch die Definition ausgedrückt, aber diese Definition ist
nur nominal, wenn sie nicht zugleich die Möglichkeit ausdrückt. Denn dann kann
man zweifeln, ob eine solche Definition etwas Wirkliches d.h. Mögliches
ausdrückt, bis die Erfahrung uns zu Hilfe kommt, um uns diese Wirklichkeit a
posteriori zu zeigen, wenn die Sache sich tatsächlich in der Welt findet, was da
in Ermangelung des Grundes genügt, der die Wirklichkeit a priori zeigen würde,
indem er die mögliche Ursache der Entstehung des definierten Dinges angibt. Es
hängt also nicht von uns ab, die Vorstellungen nach unserem Belieben zu
verknüpfen, wenn diese Verknüpfung nicht entweder durch die Vernunft, welche sie
als möglich zeigt, oder durch die Erfahrung, welche sie als tatsächlich und
folglich auch als möglich zeigt, gerechtfertigt wird. Um Wesenheit und
Definition besser zu unterscheiden, muss man auch erwägen, dass es nur eine
Wesenheit des Dinges, aber mehrere Definitionen davon gibt, welche die nämliche
Wesenheit ausdrücken, wie dasselbe Bauwerk oder dieselbe Stadt von verschiedenen
Seiten, aus denen man sie betrachtet, durch verschiedene Ansichten dargestellt
werden kann.
    § 19. Philaletes. Ohne Zweifel, denke ich, werden Sie mir zugeben, dass das
Reale und das Nominale in den einfachsten Vorstellungen und in den Vorstellungen
der Modi stets dasselbe ist; in den Vorstellungen der Substanzen aber sind sie
immer ganz verschieden. Eine Figur, welche einen Raum mit drei Linien
einschliesst, ist sowohl die reale als die nominale Wesenheit des Dreiecks, denn
sie ist nicht allein die abstrakte Vorstellung, mit der der allgemeine Name
verbunden ist, sondern die Wesenheit oder das eigentümliche Sein der Sache oder
der Grund, aus dem ihre Eigenschaften hervorgehen und mit dem sie alle verknüpft
sind. Ganz anders aber verhält es sich mit dem Golde. Der wirkliche Zusammenhang
seiner Teile, von der die Farbe, die Schwere, die Schmelzbarkeit, die
Feuerfestigkeit abhangen, ist uns unbekannt, und da wir davon keine Vorstellung
haben, haben wir auch kein dieselbe bezeichnendes Wort. Gleichwohl machen es
jene Eigenschaften, dass dieser Stoff Gold genannt wird, und sind seine nominale
Wesenheit d.h. dasjenige, was zum Namen ein Recht gibt.
    Teophilus. Ich würde lieber nach dem eingeführten Sprachgebrauch sagen: die
Wesenheit des Goldes ist das, was dasselbe bildet und ihm jene sinnlichen
Eigenschaften gibt, die es erkennen lassen und seine Nominaldefinition
ausmachen, während wir die Real- und Kausaldefinition dann haben würden, wenn
wir diese innere Bildung oder Verfassung erklären könnten. Indessen wird hierbei
die Nominaldefinition auch als reale gefunden, zwar nicht durch sie selbst (denn
sie lässt die Möglichkeit oder Entstehung der Körper a priori nicht erkennen),
sondern durch die Erfahrung, indem wir erfahren, dass es einen Körper gibt, in
dem jene Eigenschaften sich zusammenfinden. Sonst könnte man doch zweifeln, ob
so viel Schwere und so viel Dehnbarkeit zusammen bestehen könnten, wie man bis
zur Stunde zweifeln kann, ob es Glas gibt, das unerhjetzt sich hämmern lässt.
Übrigens bin ich nicht Ihrer Meinung, dass es hier zwischen den Vorstellungen der
Substanzen und denen der Prädikate einen Unterschied gibt, als wenn die
Definitionen der Prädikate (d.h. der Modi und der Gegenstände der einfachen
Vorstellungen) immer zugleich reale und nominale wären und die der Substanzen
nur nominale. Ich gebe freilich gern zu, dass es schwerer ist, Realdefinitionen
von den Körpern zu haben, welche substantielle Wesen sind, weil ihre innere
Bildung weniger bemerkbar ist. Aber nicht mit allen Substanzen verhält es sich
ebenso, denn wir haben von den wahren Substanzen oder Einheiten, wie von Gott
oder von der Seele eine ebenso genaue Erkenntnis wie von den meisten der Modi.
Übrigens gibt es auch Prädikate, die ebensowenig bekannt sind, wie die innere
Körperbildung es ist, denn das Gelbe oder das Bittere z.B. sind die Gegenstände
einfacher Vorstellungen oder Phantasiebilder, und dennoch hat man davon nur eine
verworrene Erkenntnis. Sogar in der Matematik ist dies der Fall, wo derselbe
Modus ebensogut eine Nominal- als Realdefinition haben kann. Worin der
Unterschied dieser beiden Definitionen besteht, welcher auch den Unterschied der
Wesenheit und der Eigenschaft setzen muss, haben wenige richtig erklärt. Meiner
Meinung nach besteht dieser Unterschied darin, dass die Realdefinition die
Möglichkeit des Definierten zeigt, was die Nominaldefinition nicht tut. Die
Definition von zwei geraden Parallellinien, welche besagt, dass sie in derselben
Fläche sind und sich nicht begegnen, wenn man sie auch bis in das Unendliche
verlängert, ist nur nominal, und man könnte zunächst zweifeln, ob so etwas
möglich ist. Sobald man aber begriffen hat, dass man eine gerade Linie in einer
Fläche mit einer anderen gegebenen geraden Linie parallel ziehen kann, wenn man
nur darauf achtet, dass die Spitze des Stiftes, welcher die Parallele beschreibt,
von den gegebenen Graden stets gleich weit entfernt bleibt, so sieht man
zugleich, dass die Sache möglich ist, und warum die Linien jene Eigenschaft
haben, sich niemals zu begegnen, was zwar ihre Nominaldefinition ausmacht, aber
das Kennzeichen des Parallelismus nur dann ist, wenn die beiden Linien gerade
sind, während wenn nur eine davon krumm wäre, sie ihrer Natur nach sich niemals
zu begegnen brauchten, und dessenungeachtet darum doch nicht miteinander
parallel wären.
    § 19. Philaletes. Wenn die Wesenheit etwas anderes wäre als eine abstrakte
Vorstellung, so würde sie nicht unerschaffbar und unvergänglich sein. Ein
Einhorn, eine Sirene, ein vollkommener Kreis sind vielleicht gar nicht in der
Welt vorhanden.
    Teophilus. Ich habe Ihnen schon gesagt, dass die Wesenheiten ewig sind, weil
dabei bloss von Möglichkeiten die Rede ist.
 
                                  Kapitel IV.
                   Von den Namen der einfachen Vorstellungen
    § 2. Philaletes. Ich gestehe, die Bildung von Modi immer für willkürlich
gehalten zu haben, habe mich aber überzeugt, dass, was die einfachen
Vorstellungen und die der Substanzen anbetrifft, diese Vorstellungen ausser der
Möglichkeit auch ein wirkliches Dasein bezeichnen müssten.
    Teophilus. Ich sehe nicht ein, dass dies notwendig ist. Gott hat die
Vorstellungen vor der Schöpfung der Gegenstände derselben, und nichts hindert,
dass er verständigen Kreaturen solche Vorstellungen auch mitteilen könne; es gibt
selbst nicht einmal einen bündigen Beweis, welcher die Gegenstände unserer Sinne
und der einfachen Vorstellungen, welche die Sinne uns vergegenwärtigen, als
ausser uns vorhanden dartut. Dies gilt vor allem hinsichtlich derer, welche mit
den Kartesianern und unserem berühmten Autor glauben, unsere einfachen
Vorstellungen der sinnlichen Eigenschaften hätten keine Ähnlichkeit mit dem
ausser uns in den Gegenständen Vorhandenen; es würde danach keinen zwingenden
Grund geben, dass diese Vorstellungen in irgend einem wirklichen Dasein begründet
wären.
    §§ 4. 5. 6. 7. Philaletes. Wenigstens werden Sie mir diesen zweiten
Unterschied zwischen den einfachen und den zusammengesetzten Vorstellungen
zugeben, dass die Namen der einfachen Vorstellungen nicht definiert werden
können, während die der zusammengesetzten Vorstellungen es wohl werden können;
denn die Definitionen müssen mehr als einen Ausdruck erhalten, wovon ein jeder
eine Vorstellung bezeichnet. So sieht man, was definiert werden kann und was
nicht, und warum die Definitionen nicht in das Unendliche gehen können, was bis
jetzt niemand, dass ich wüsste, bemerkt hat.
    Teophilus. In einer kleinen Abhandlung über die Vorstellungen, die vor
ungefähr zwanzig Jahren in die Acta zu Leipzig eingerückt wurde, habe ich auch
schon bemerkt, dass die einfachen Ausdrücke keine Nominaldefinition haben können,
aber zugleich habe ich auch hinzugefügt, dass, wenn die Ausdrücke nur
hinsichtlich unser einfach sind (indem wir nicht das Mittel haben, sie zu
analysieren, um zu den ursprünglichen, sie bildenden Wahrnehmungen zu gelangen),
wie heiss, kalt, gelb, grün, sie eine Realdefinition erhalten können, welche ihre
Ursache erklären würde. So ist die Realdefinition von Grün, das Zusammengesetzte
aus dem inniggemischten Blauen und Gelben zu sein. Indessen mag dabei das Grüne
einer Nominaldefinition nicht mehr fähig sein, aus der man erkennt, was das
Blaue und Gelbe ist. Dagegen können die an sich einfachen Ausdrucke d.h. solche,
von denen man einen klaren und deutlichen Begriff hat, keine Definition
empfangen, weder eine nominale noch eine reale. Sie werden in jener kleinen, in
die Acta von Leipzig eingerückten Abhandlung die Begründung eines grossen Teils
der den Verstand betretenden Teorie kurz erläutert finden.
    §§ 7. 8. Philaletes. Es wäre gut, diesen Punkt zu erläutern und zu
bemerken, was definiert werden könnte und was nicht. Ich bin zu glauben
versucht, dass sehr oft grosser Streit sich erhebt und viel Unsinn sich in die
Reden der Menschen einschleicht, weil man nicht daran denkt. Jene berühmten
Streitpunkte, von denen man in den Schulen so viel Wesens macht, sind daher
gekommen, dass man auf diesen Unterschied in den Vorstellungen nicht gehörig
geachtet hat. Auch die grössten Meister in der Metode sind genötigt gewesen, den
grössten Teil der einfachen Vorstellungen undefiniert zu lassen, und wenn sie es
zu tun unternommen haben, ist es ihnen nicht geglückt. Hätte z.B. wohl der
menschliche Geist ein künstlicheres Gallimatias erfinden können, als jenes, das
in folgender Definition des Aristoteles entalten ist: die Bewegung ist die
Tätigkeit eines Wesens in der Möglichkeit, sofern es in derselben ist; § 9 und
die Neueren, welche die Bewegung so erklären, dass sie der Übergang aus einem Ort
in den anderen sei, setzen nur ein gleichbedeutendes Wort an die Stelle des
anderen.
    Teophilus. Ich habe schon in einer unserer früheren Unterredungen bemerkt,
dass bei Ihnen häufig Vorstellungen als einfache gelten, die es nicht sind. Zu
dieses gehört die Bewegung, welche ich für definierbar halte, und die
Definition, welche sie als Ortsveränderung erklärt, ist nicht zu verachten. Die
Definition des Aristoteles ist nicht so widersinnig, als man denkt, wenn man
begreift, dass das griechische Wort kinêsis bei ihm nicht das bezeichnete, was
wir Bewegung nennen, sondern was wir durch das Wort Veränderung ausdrücken
würden. Daher kommt es, dass er ihm eine so abstrakte und metaphysische
Definition gibt, während das, was wir Bewegung nennen, bei ihm phora, latio,
genannt wird und unter die Arten der Bewegung (tês kinêseôs) fällt.
    § 10. Philaletes. Sie werden aber die Definition desselben Schriftstellers
vom Licht doch wenigstens nicht entschuldigen, dass sie nämlich der Akt (oder die
Wirklichkeit) des Durchsichtigen ist.
    Teophilus. Ich finde sie mit Ihnen nicht stichhaltig; er bedient sich des
Ausdrucks »Akt« (Wirklichkeit) zu oft, der uns doch nicht viel sagt. Das
Durchsichtige ist bei ihm ein Medium, durch welches man hindurchsehen kann, und
das Licht ihm zufolge dasjenige, was in dem wirklichen Durchgang besteht. Das
versteht sich.
    § 11. Philaletes. Wir sind also darüber einverstanden, dass sich von unseren
einfachen Vorstellungen keine Nominaldefinitionen geben lassen, wie wir den
Geschmack der Ananas aus der Schilderung der Reisenden nicht erkennen könnten,
wir müssten denn die Dinge durch die Ohren schmecken können, wie Sancho Pansa das
Vermögen besass, die Dulcinea durch Hörensagen zu sehen, oder wie jener Blinde,
welcher von dem Glanz des Scharlachs so viel hatte reden hören, glaubte, er
müsse dem Schall der Trompete gleichen.
    Teophilus. Ganz recht. Alle Reisenden der Welt würden durch ihre
Schilderungen nicht das geben können, was wir einem Edelmann dieses Landes
verdanken, welcher drei Meilen von Hannover fast an dem Ufer der Weser Ananas
mit Erfolg zieht und das Mittel gefunden hat, sie dergestalt zu vermehren, dass
wir sie vielleicht einst ebensogut wie die portugiesischen Apfelsinen auf
unserem Grund und Boden haben können, wenn dabei auch der Geschmack sich
einigermassen zu verschlechtern scheint.
    § 12. 13. Philaletes. Ganz anders verhält es sich mit den zuammengesetzen
Vorstellungen. Ein Blinder kann verstehen, was Statue sagen will; und ein
Mensch, der niemals den Regenbogen gesehen hätte, würde begreifen können, was
das ist, wenn er nur die Farben gesehen hätte, aus denen er besteht. § 15.
Während aber die einfachen Vorstellungen nicht definierbar sind, sind sie
deshalb dennoch die am wenigsten zweifelhaften; denn die Erfahrung leistet mehr
als die Definition.
    Teophilus. Gleichwohl findet sich hinsichtlich der Vorstellungen, die nur
rücksichtlich unserer einfach sind, eine gewisse Schwierigkeit. Es würde z.B.
schwierig sein, die Grenzlinien des Blauen und des Grünen genau zu bestimmen und
überhaupt die einander sehr naheliegenden Farben zu unterscheiden, während wir
genaue Begriffe der Ausdrücke, deren man sich in der Aritmetik und Geometrie
bedient, haben können.
    § 16. Philaletes. Auch haben die einfachen Vorstellungen noch die
Eigentümlichkeit, dass sie hinsichtlich der Prädikamentallinie, wie die Logiker
sie nennen, von der untersten Art bis zum höchsten Geschlecht sehr geringe
Unterordnung zeigen. Die Ursache davon ist, dass, da die unterste Art nur eine
einfache Vorstellung ist, man von ihr nichts abtrennen kann; man kann z.B. von
den Vorstellungen des Weissen und des Roten nichts abtrennen, um eine gemeinsame
Erscheinung übrig zu behalten, in der sie übereinstimmen. Darum fasst man sie mit
dem Gelben und anderen unter dem Geschlechtsbegriff oder dem Namen Farbe
zusammen. Will man dann einen noch allgemeineren Ausdruck bilden, der auch die
Töne, die Geschmäcke und die durch Berührung fühlbaren Eigenschaften umfassen
soll, so bedient man sich des allgemeinen Ausdrucks Eigenschaft in dem Sinne,
welchen man ihm gewöhnlich leiht, um diese Eigenschaften von der Ausdehnung, der
Zahl, der Bewegung, der Lust und dem Schmerze zu unterscheiden, die alle auf den
Geist wirken und ihre Vorstellungen durch mehr als einen Sinn ihm zuführen.
    Teophilus. Ich habe über diese Bemerkung noch etwas zu sagen in der
Hoffnung, Sie werden mir hier und anderswo die Gerechtigkeit widerfahren lassen
zu glauben, dass es nicht aus einem Geist des Widerspruchs geschieht, sondern dass
der Gegenstand selbst es zu fordern scheint. Es ist kein Vorteil, dass die
Vorstellungen der sinnlichen Eigenschaften sich so wenig unterordnen lassen und
so wenig der Untereinteilungen fähig sind, denn das kommt nur daher, dass wir sie
so wenig kennen. Indessen gerade das, was alle Farben miteinander gemein haben,
dass sie alle mit den Augen gesehen werden, alle durch die Körper dringen, durch
welche eine und die andere unter ihnen scheint, und dass sie von den glatten
Körperoberflächen, welche sie nicht durchlassen, zurückgeworfen werden, zeigt,
dass man doch etwas von unseren Vorstellungen über sie abtrennen kann. Man kann
sogar die Farben mit vielem Recht in äusserste (von denen die eine, nämlich das
Weisse, die positive und die andere, nämlich das Schwarze, die negative ist) und
in mittlere, welche man noch in einem spezielleren Sinne Farben nennt, teilen.
Diese letzteren entstehen mittelst der Refraktion aus dem Licht, und man kann
sie noch weiter in solche der konvexen und solche der konkaven Seite des
gebrochenen Lichtstrahls einteilen. Diese Einteilungen und Untereinteilungen der
Farben sind von nicht geringer Wichtigkeit.
    Philaletes. Wie kann man aber Gattungen in den einfachen Vorstellungen
finden?
    Teophilus. Da sie nur dem Anscheine nach einfach sind, so werden sie von
Umständen begleitet, welche mit ihnen in Verknüpfung stehen, wenn auch diese
Verknüpfung von uns nicht verstanden werden mag. Diese Umstände nun liefern uns
etwas, was der Erklärung und der Analyse fähig ist, was auch einige Hoffnung
gewährt, dass man einst die Gründe dieser Erscheinungen wird finden können. Daher
kommt es, dass in unseren Wahrnehmungen der sinnlichen Eigenschaften ebensowohl
als der sinnlichen Massen eine Art von Pleonasmus ist, und dieser ist, dass wir
mehr als einen Begriff von dem nämlichen Gegenstande haben. Das Gold kann auf
nominale Weise verschiedenartig definiert werden; man kann sagen: es ist der
schwerste der uns bekannten Körper, es ist der dehnbarste, es ist ein
schmelzbarer Körper, welcher der Kapelle und dem Scheidewasser widersteht usw.
Jedes dieser Merkmale ist gut und genügt zur Erkennung des Goldes, wenigstens
vorläufig und im gegenwärtigen Zustande der uns bekannten Körper, bis sich ein
noch schwererer findet, wie einige Chemiker es von ihrem Stein der Weisen
behaupten, oder bis man jene Luna fixa aufzeigen kann, ein Metall, das die Farbe
des Silbers und fast alle die übrigen Eigenschaften des Goldes haben soll, und
welches der Ritter Boyle, wie er zu sagen scheint, hergestellt hat. Auch könnte
man sagen, dass für alle Gegenstände, welche wir auf dem Wege der Erfahrung
kennen, alle unsere Definitionen nur vorläufig sind, wie ich schon vorher
bemerkt zu haben glaube. Wir wissen also wahrhaftig nicht auf Grund eines
Beweises, ob nicht eine Farbe durch die blosse Reflexion ohne Refraktion
entstehen kann, und ob nicht die Farben, welche wir bisher an der konkaven Seite
des gewöhnlichen Refraktionswinkels bemerkt haben, sich an der konvexen Seite
einer bisher unbekannten Refraktionsweise vorfinden, und umgekehrt. So würde die
einfache Vorstellung des Blauen von dem Gattungsbegriff, welchen wir ihr auf
unsere Erfahrungen hin zugewiesen haben, getrennt werden müssen. Aber gut ist
es, uns an das Blaue, wie wir es haben, und an die es begleitenden Umstände zu
halten. Auch ist es etwas wert, dass sie uns Anhaltspunkte geben, um Gattungen
und Arten zu bilden.
    § 17. Philaletes. Was sagen Sie aber zu der Bemerkung, wonach die einfachen
Vorstellungen, die von dem Dasein der Dinge hergenommen sind, nicht willkürlich
sein sollen, während die der gemischten Modi dies gänzlich und die der
Substanzen es wenigstens in einem gewissen Sinne sind?
    Teophilus. Ich glaube, das Willkürliche ist nur in den Worten und gar nicht
in den Vorstellungen. Denn diese drücken nur Möglichkeiten aus. So würde z.B.,
wenn es auch niemals einen Vatermord gegeben hätte, und alle Gesetzgeber davon
ebensosehr wie Solon davon zu sprechen sich gehütet hätten, der Vatermord
dennoch ein mögliches Verbrechen und die Vorstellung davon eine wirkliche sein.
Denn die Vorstellungen sind in Gott von aller Ewigkeit und sind sogar in uns,
ehe wir tatsächlich daran denken, wie ich in unserer Unterredung gezeigt habe.
Wenn jemand sie für wirkliche Gedanken der Menschen nehmen will, so steht ihm
das frei, aber er würde dann ohne Grund sich dem angenommenen Sprachgebrauch
widersetzen.
 
                                   Kapitel V.
          Von den Namen der gemischten Modi und der Relationsbegriffe
    §§ 2. 3 folg. Philaletes. Allein bildet der Geist nicht die gemischten
Vorstellungen durch Zusammensetzungen der einfachen nach seiner Willkür, ohne
ein wirkliches Muster nötig zu haben, während ihm die einfachen Vorstellungen
der Dinge ohne seine Wahl durch das wirkliche Dasein der Dinge zukommen? Sieht
man nicht oft die gemischte Verteilung, ehe die Sache selbst da ist?
    Teophilus. Wenn sie die Vorstellungen für wirkliche Gedanken nehmen, so
haben Sie recht, aber ich sehe nicht die Notwendigkeit ein, Ihre Unterscheidung
auf das anzuwenden, was die Form selbst oder die Möglichkeit dieser Gedanken
betrifft; und doch ist dies eben das, um was es sich in der idealen Welt
handelt, die man von der wirklichen Welt unterscheidet. Das wirkliche Dasein der
Dinge, die nicht notwendig sind, ist eine Tatsache oder ein historisches Faktum;
aber die Erkenntnis der Möglichkeiten und Notwendigkeiten (denn notwendig ist
das, dessen Gegenteil nicht möglich ist) macht die demonstrativen Wissenschaften
aus.
    Philaletes. Aber findet nicht eine nähere Verbindung zwischen den
Vorstellungen des Tötens und des Menschen statt, als zwischen den Vorstellungen
des Tötens und des Schafes? Ist Vatermord aus enger verbundenen Begriffen
zusammengesetzt, als Kindesmord, und ist es natürlicher, dass das, was die
Engländer Stabbing nennen, d.h. Mord durch einen Stoss oder durch Verwundung mit
der Spitze, was bei ihnen ein schlimmeres Verbrechen ist, als wenn man durch
einen Schlag mit der Degenscheide tötet - einen besonderen Namen und eine
Vorstellung verdient hat, welche man z.B. der Handlung, ein Schaf zu töten, oder
einen Menschen durch einen Schwertstreich zu töten, nicht zugestanden hat?
    Teophilus. Wenn es sich nur um Möglichkeiten handelt, so sind alle diese
Vorstellungen gleich natürlich. Wer Schafe töten gesehen hat, hat eine
Vorstellung dieser Handlung in Gedanken gehabt, obgleich er ihr keinen Namen
gegeben und sie seiner Aufmerksamkeit nicht weiter gewürdigt haben mag. Warum
sollen wir uns denn auf die Namen beschränken, wenn es sich um die Vorstellungen
selbst handelt, und warum uns mit dem Wert der gemischten Modi besonders
beschäftigen, wenn es sich um diese Vorstellungen im allgemeinen handelt?
    § 6. Philaletes. Da die Menschen die verschiedenen Arten gemischter Modi
willkürlich bilden, so findet man infolgedessen in der einen Sprache Worte,
denen es in einer anderen Sprache nichts Entsprechendes gibt. Es gibt keine
Worte in anderen Sprachen, welche dem unter den Römern gebräuchlichen Wort
Versura oder dem Ausdruck Corban entsprechen, dessen sich die Juden bedienten.
Man übersetzt dreist die lateinischen Wörter Hora, Pes und Libra mit Stunde, Fuss
und Pfund, aber die Vorstellungen des Römers waren dabei von den unserigen sehr
verschieden.
    Teophilus. Wie ich sehe, kommt jetzt zu Gunsten der Namen dieser
Vorstellungen viel von dem wieder vor, was wir besprochen haben, als es sich um
die Vorstellungen selbst und deren Arten handelte. Die Bemerkung ist gut, was
die Namen und Gebräuche der Menschen anbetrifft, aber sie ändert nichts in den
Wissenschaften und in der Natur der Dinge; wer eine allgemeine Grammatik
schreiben wollte, würde allerdings gut tun, von dem Wesen der Sprache absehend
ihre wirkliche Beschaffenheit aufzufassen und die Grammatiken mehrerer Sprachen
zu vergleichen, ebenso wie ein Autor, welcher eine allgemeine, aus der Vernunft
geschöpfte Jurisprudenz schreiben wollte, wohl daran tun würde, Parallelen der
Gesetze und Gebräuche der Völker damit zu verbinden, was nicht allein in der
Praxis, sondern auch in der philosophischen Betrachtung von Nutzen sein und dem
Autor sogar Gelegenheit geben würde, verschiedene Erwägungen anzustellen, die
ihm ohne dies entgangen sein würden. Indessen kommt es bei der von ihrer
Geschichte oder ihrem wirklichen Dasein getrennten Wissenschaft nicht darauf an,
ob die Völker sich dem Vernunftgebot gefügt haben oder nicht.
    § 9. Philaletes. Die zweifelhafte Bedeutung des Wortes Art ist schuld, dass
manche daran Anstoss nehmen, wenn sie die Erklärung hören, dass die Arten der
gemischten Modi durch den Verstand gebildet werden. Ich überlasse es indessen
anderen, auszudenken, womit die Grenzen von jeder Sorte oder Art zu bestimmen
sind, denn für mich sind diese Worte vollkommen gleichbedeutend.
    Teophilus. Gewöhnlich bestimmt die Natur der Dinge diese Grenzen der Arten,
z.B. zwischen Mensch und Vieh, zwischen Stossdegen und Haudegen. Indessen gebe
ich zu, dass bei gewissen Begriffen wirklich etwas Willkürliches mitwirkt; z.B.
wenn es sich darum handelt, einen Fuss zu bestimmen, denn da die gerade Linie
einförmig und unbestimmt ist, so gibt die Natur darauf keine Abschnitte an.
Ebenso gibt es auch unbestimmte und unvollkommene Wesenheiten, bei deren
Bestimmung die Meinung mitwirkt, wie wenn man fragt, wie viele Haare man
wenigstens einem Menschen lassen muss, damit er nicht kahl sei, welches ein
Sophisma der Alten war, wenn man den Gegner in die Enge treibt.
    Dum cadat elusus ratione ruentis acervi.
    Die wahre Antwort aber ist, dass die Natur diesen Begriff nicht bestimmt hat
und die Meinung daran ihren Anteil hat, dass es Leute gibt, von denen man
zweifelhaft sein kann, oh sie kahl sind oder nicht, und dass es solche gibt,
welche zweideutig bei den einen als kahl gelten, nicht aber bei den anderen, wie
Sie bemerkt hatten, dass ein Pferd, was man in Holland als klein ansieht, in
Wales für gross gehalten werden wird. Es gibt selbst etwas der Art bei den
einfachen Vorstellungen; ich habe in dieser Hinsicht schon bemerkt, dass die
äussersten Grenzen der Farben ungewiss sind; es gibt auch Wesenheiten, die halb
und halb nominal sind, wo der Name auf die Definition der Sache von Einfluss ist.
So erkennt man z.B. den Grad oder die Würde eines Doktors, Ritters,
Botschafters, Königs, wenn jemand das anerkannte Recht, sich dieses Namens zu
bedienen, erworben hat. Kein fremder Minister, wenn er auch noch so viel Macht
und Gefolge haben mag, wird als Botschafter gelten, wenn ihm nicht sein Kreditiv
diesen Namen verleiht. Aber diese Wesenheiten und Vorstellungen sind unbestimmt,
zweifelhaft, willkürlich, nominal in einem von dem bisher erwähnten etwas
verschiedenen Sinne.
    § 10. Philaletes. Der Name scheint aber oft das Wesen der gemischten Modi,
welche Sie für nicht willkürlich halten, zu entalten; wir würden z.B. ohne den
Namen Triumph kaum die Vorstellung von dem haben, was bei den Römern zu dieser
Gelegenheit geschah.
    Teophilus. Ich gebe zu, dass der Name dazu dient, die Aufmerksamkeit auf die
Dinge zu lenken, um deren Andenken und wirkliche Erkenntnis zu bewahren, aber
dies hat nichts mit dem, worum es sich handelt, zu tun und macht die Wesenheiten
nicht zu Namenwesen. Ich begreife auch nicht, warum die Anhänger Ihrer Meinung
mit aller Gewalt wollen, dass die Wesenheiten selbst von der Wahl und den Namen
abhängen. Es wäre zu wünschen gewesen, dass euer berühmter Autor, statt darauf zu
bestehen, sich lieber mehr auf das Einzelne der Vorstellungen und der Modi
eingelassen und deren Spielarten geordnet und entwickelt hätte. Auf diesem Wege
würde ich ihm mit Vergnügen und Nutzen nachgewandelt sein, denn er würde uns
ohne Zweifel viel Licht verschafft haben § 12. Philaletes. Wenn wir von einem
Pferde oder von Eisen reden, so betrachten wir sie als Sachen, welche uns die
ursprünglichen Muster unserer Vorstellungen bieten, aber wenn wir von den
gemischten Modi oder wenigstens von den bedeutendsten derjenigen Modi reden,
welche die moralischen Wesen sind, z.B. von der Gerechtigkeit, der Dankbarkeit,
so sehen wir deren ursprüngliche Muster als in unserem Geiste befindlich an
Darum sprechen wir von einem Begriff der Gerechtigkeit und der Mässigkeit, nicht
aber redet man von dem Begriff eines Pferdes und eines Steines.
    Teophilus. Die Muster der Vorstellungen sind für die einen ebenso real, wie
die Muster der Vorstellungen für die anderen. Die Eigenschaften des Geistes sind
nicht weniger real, als die des Körpers; freilich sieht man nicht die
Gerechtigkeit wie ein Pferd, aber man versteht sie nicht weniger, oder vielmehr
man versteht sie besser. Sie ist nicht weniger in den Handlungen, als das Gerade
und das Schiefe in den Bewegungen, mag man sie nun beachten oder nicht. Und um
Ihnen zu zeigen, dass die Menschen meiner Meinung sind, und zwar gerade die in
den menschlichen Dingen Fähigsten und Erfahrensten, brauche ich mich nur der
Autorität der römischen Juristen zu bedienen; diese, hierin von allen übrigen
gefolgt, nennen diese gemischten Modi oder moralischen Wesen Sachen und
insbesondere unkörperliche Sachen. So sind die Servituten z.B. wie das des
Durchgangs durch des Nachbars Grundstück bei ihnen Res incorporales
(unkörperliche Sachen), worauf es ein Eigentumsrecht gibt, welches man durch
langen Gebrauch erwerben, das man besitzen und geltend machen kann. Was das Wort
Begriff angeht, so haben sehr gescheite Leute dasselbe für eben so weit genommen
als das Wort Vorstellung. Der lateinische Sprachgebrauch ist dem nicht entgegen
und ebensowenig, so viel ich weiss, der der Engländer und der Franzosen.
    § 16. Philaletes. Es ist noch zu bemerken, dass man eher die Namen als die
Vorstellungen der gemischten Modi lernt, indem der Name erkennen lässt, dass diese
Vorstellung bemerkt zu werden verdient.
    Teophilus. Diese Bemerkung ist gut, obgleich allerdings heutzutage die
Kinder mit Hilfe der Wörterbücher die Worte nicht allein der Modi, sondern auch
der Substanzen vor den Dingen und sogar die Namen der Substanzen eher als der
Modi lernen. Denn man stellt fehlerhafterweise in diesen nämlichen Wörterbüchern
nur die Nennwörter und nicht die Verba auf, ohne zu bedenken, dass die
Zeitwörter, wiewohl sie Modi bezeichnen, in dem sprachlichen Verkehr notwendiger
sind als die meisten Hauptwörter, welche besondere Substanzen bezeichnen.
 
                                  Kapitel VI.
                          Von den Namen der Substanzen
    § 1. Philaletes. Die Gattungen und Spezies der Substanzen, wie der anderen
Wesen, sind nur Arten. Die Sonnen z.B. sind eine Art von Sternen, d.h. es sind
Fixsterne, denn man glaubt nicht ohne Grund, dass jeder Fixstern sich für jemand,
der in richtiger Entfernung sich befindet, als eine Sonne zeigen würde. § 2. Nun
ist das, was jede Art bestimmt, ihre Wesenheit. § 3. Diese wird erkannt entweder
durch das Innere der Bildung oder durch äussere Merkmale, die uns dieselbe
erkennen und mit einem bestimmten Namen benennen lassen. So kann man die Uhr von
Strassburg entweder als der Uhrmacher, welcher sie verfertigt hat, oder als ein
Zuschauer, der ihre Verrichtungen sieht, erkennen.
    Teophilus. Wenn Sie sich so ausdrücken, habe ich nichts dagegen
einzuwenden.
    Philaletes. Ich drücke mich auf eine Weise aus, die geeignet ist, unsere
Streitigkeiten nicht wieder aufleben zu lassen. Ich füge jetzt hinzu, dass sich
die Wesenheit nur auf die Arten bezieht und dass den Individuen nichts wesentlich
ist. Ein Unglücksfall oder eine Krankheit kann meine Hautfarbe oder meine
Gestalt verändern, ein Fieber oder ein Fall kann mir die Vernunft oder das
Gedächtnis rauben. Ein Schlagfluss kann mich dazu bringen, dass ich weder
Empfindung noch Verstand noch leben habe. Fragt man mich, ob es mir wesentlich
ist, Vernunft zu haben, so werde ich mit Nein antworten.
    Teophilus. Ich glaube, dass den Individuen etwas Wesentliches beiwohnt, und
zwar mehr, als man denkt. Es ist den Substanzen wesentlich, tätig zu sein, den
geschaffenen Substanzen, zu leiden, den Geistern, zu denken, den Körpern,
Ausdehnung und Bewegung zu haben, d.h. es gibt Arten oder Spezies, denen ein
Individuum (wenigstens natürlicherweise) nicht aufhören kann zuzugehören, wenn
es einmal dazu gehört hat, welche Umwälzungen auch in der Natur vorfallen mögen.
Es gibt aber auch Arten oder Spezies, welche, ich gestehe es zu, den Individuen
zufällig sind, die ihnen anzugehören aufhören können. So kann man aufhören
gesund, schön, weise und selbst sichtbar und fühlbar zu sein, man hört aber
nicht auf, Leben, Organe und Wahrnehmungen zu haben. Ich habe darüber genug
gesagt, warum es den Menschen so scheint, dass das Leben und das Denken mitunter
aufhören, obgleich sie nicht aufhören zu dauern und Wirkungen zu haben.
    § 8. Philaletes. Zahlreiche Individuen, die unter einen gemeinsamen Namen
gebracht als eine einzige Art betrachtet werden, haben doch sehr verschiedene
Eigenschaften, die von ihren wirklichen (besonderen), inneren Bildungen
abhangen. Dies bemerken ohne Mühe alle diejenigen, welche die natürlichen Körper
prüfen, und Chemiker überzeugen sich oft davon durch trübselige Erfahrungen,
indem sie vergeblich in einem Stück Spiesglanz, Schwefel und Vitriol die
Eigenschaften suchen, die sie in anderen Stücken dieser Mineralien gefunden
haben.
    Teophilus. Das ist vollkommen richtig, und ich könnte selbst Neues
hinzufügen; auch hat man ganze Bücher geschrieben »über den unsicheren Erfolg
chemischer Experimente.« Die Täuschung geschieht aber dadurch, dass man diese
Körper für gleichartig oder einförmig nimmt, während sie mehr, als man denkt,
gemischt sind, denn in den ungleichmässigen Körpern wundert man sich nicht,
Verschiedenheiten zwischen den einzelnen Exemplaren wahrzunehmen, und die Ärzte
wissen nur gar zu wohl, wie verschieden die Temperamente und das Naturell der
menschlichen Körper sind. Man kann mit einem Worte niemals die letzten logischen
Arten finden, wie ich schon früher bemerkt habe; und niemals sind zwei wirkliche
und vollständige Individuen derselben Art einander vollkommen gleich.
    Philaletes. Wir bemerken nicht alle diese Unterschiede, weil wir nicht alle
die kleinen Teile, folglich auch nicht die innere Bildung der Dinge kennen; auch
können wir uns derselben nicht bedienen, um die Arten oder Spezies der Dinge zu
bestimmen, und wenn wir es durch jene Wesenheiten oder, was die Schulen
substantielle Formen nennen, tun wollten, so würden wir wie ein Blinder sein,
welcher die Körper nach den Farben ordnen wollte. § 11. Wir erkennen nicht
einmal die Wesenheiten der Geister, wir können nicht verschiedene spezifische
Vorstellungen von den Engeln uns bilden, obschon wir wohl wissen, dass es
verschiedene Arten von Geistern geben müsse. Auch scheinen wir in unseren
Vorstellungen keinen Unterschied zwischen Gott und den Geistern mittels irgend
einer Anzahl einfacher Vorstellungen zu machen, ausgenommen die, dass wir Gott
die Unendlichkeit beilegen.
    Teophilus. Es gibt in meinem Systeme noch einen anderen Unterschied
zwischen Gott und den geschaffenen Geistern, dass nämlich meiner Ansicht nach
alle geschaffenen Geister Körper haben müssen, ganz wie unsere Seele einen
solchen hat.
    § 12. Philaletes. Wenigstens glaube ich, dass zwischen den Körpern und den
Geistern die Analogie stattfindet, dass, wie es in den Abwandelungen der
körperlichen Welt keine Lücke gibt, es nicht weniger Verschiedenheit unter den
vernünftigen Geschöpfen gibt. Fängt man von uns an und geht bis zu den
niedrigsten Wesen, so ergibt sich eine Stufenleiter von sehr kleinen Abstufungen
und mittels einer ununterbrochenen Reihe von Dingen, die in jeglichem Abstande
sehr wenig voneinander verschieden sind. Es gibt Fische, die Flügel haben und
denen die Luft nicht fremd ist, und es gibt Vögel, die im Wasser wohnen, kaltes
Blut wie die Fische haben und deren Fleisch ihnen im Geschmack so gleicht, dass
man gewissenhaften Leuten erlaubt, während der Fastentage davon zu essen. Es
gibt Tiere, welche sich der Art der Vögel und der der Säugetiere so nähern, dass
sie zwischen ihnen die Mitte halten. Die Amphibien gleichen den Landtieren
ebenso wie den Wassertieren. Die Seekälber leben auf der Erde und im Meer, und
die Meerschweine haben heisses Blut und Eingeweide wie ein Schwein. Um nicht
davon zu sprechen, was man von den Seemenschen erzählt, so gibt es Tiere, welche
ebensoviel Erkenntnis und Vernunft zu haben scheinen, als manche Wesen, die man
Menschen nennt; und zwischen den Tieren und den Pflanzen ist eine so grosse
Verwandtschaft, dass, wenn Sie das Unvollkommenste von den einen und das
Vollkommenste von den anderen nehmen, Sie kaum eine bedeutende Verschiedenheit
zwischen ihnen bemerken werden. Bis wir also zu den niedrigsten und am wenigsten
organisierten Teilen der Materie kommen, werden wir überall die Arten
miteinander verbunden und nur durch fast unmerkliche Abstufungen voneinander
verschieden finden. Und wenn wir die unendliche Weisheit und Macht des Urhebers
aller Dinge erwägen, so haben wir Grund zu denken, es sei etwas der prachtvollen
Harmonie des Weltalls und dem grossen Plane sowohl als der unendlichen Güte
dieses obersten Baumeisters Angemessenes, dass die verschiedenen Arten der
Geschöpfe sich so allmählich von uns bis zu seiner unendlichen Vollkommenheit
erheben. Wir haben also Ursache, überzeugt zu sein, dass es weit mehr Arten von
Geschöpfen über uns gibt, als unter uns, weil wir von Gottes unendlichem Wesen
an Vollkommenheitsgraden viel weiter entfernt sind, als von dem, was sich dem
Nichts am meisten nähert. Indessen haben wir keine klare und deutliche
Vorstellung von allen diesen verschiedenen Arten.
    Teophilus. Ich hatte den Plan, an einer anderen Stelle etwas dem von Ihnen
soeben Auseinandergesetzten Ähnliches zu sagen; ich freue mich aber, dass Sie mir
zuvorgekommen sind, da ich sehe, dass Sie die Dinge besser sagen, als ich es zu
tun hätte hoffen können. Einsichtsvolle Philosophen haben jene Frage behandelt,
utrum detur vacuum formarum, d.h. ob es mögliche Arten gibt, die gleichwohl
nicht wirklich existieren und welche die Natur vergessen zu haben scheinen
könnte. Ich habe Ursachen zu glauben, dass alle logisch möglichen Arten doch
nicht wirklich mögliche (compossibiles) in dem Weltall sind, so gross es auch
ist, und zwar nicht allein hinsichtlich der Dinge, die zur nämlichen Zeit
zusammen da sind, sondern sogar hinsichtlich der ganzen Reihenfolge der Dinge;
d.h. es gibt, glaube ich, notwendig Arten, die niemals gewesen sind und niemals
sein werden, da sie sich mit derjenigen Reihenfolge der Geschöpfe, welche Gott
gewählt hat, nicht vertragen. Ich glaube aber, dass alle Dinge, welche die
vollkommene Harmonie des Weltalls in sich aufnehmen konnte, darin entalten
sind. Dieser nämlichen Harmonie entspricht, dass es Geschöpfe mittlerer Art gibt,
ausser denen, die einander fernstehen, wenn dies auch nicht immer auf demselben
Weltball oder System stattfindet. Auch ist das Mittlere zwischen zwei Arten dies
mitunter nur hinsichtlich gewisser Umstände, nicht aber hinsichtlich anderer.
Die vom Menschen in anderen Dingen so verschiedenen Vögel nähern sich ihm doch
durch die Sprache; aber wenn die Affen wie die Papageien sprechen könnten,
würden sie doch viel weiter gelangen. Das Gesetz der Stetigkeit lässt in der
Natur keine Lücke in der von ihr befolgten Ordnung zu, aber nicht jede Form oder
Art passt für jedwede Ordnung. Was die Geister oder Genien betrifft, so nehme ich
an, dass wie alle geschaffenen Geister organische Körper haben, deren
Vollkommenheit der der Intelligenz oder des in diesem Körper gemäss der vorher
bestimmten Harmonie befindlichen Geistes entspricht, so auch, um etwas von den
Vollkommenheiten der höheren Geister zu begreifen, viel dazu dient, sich auch
Vollkommenheiten in den körperlichen Organen vorzustellen, welche die des
unsrigen übertreffen. An diesem Punkte kann die lebendigste und reichste
Phantasie und um mich eines italienischen Ausdrucks zu bedienen, den ich nicht
gut anders ausdrücken kann, l'invenzione la più vaga, Veranlassung sein, uns
über uns selbst zu erheben. Auch das, was ich gesagt habe, um mein System der
Harmonie zu rechtfertigen, welches die göttlichen Vollkommenheiten über das
hinaus erhebt, worauf das Denken bisher gekommen ist, wird gleichfalls dazu
dienen, dass man auch von den Geschöpfen unvergleichlich viel grossartigere
Vorstellungen als bisher haben wird.
    § 14. Philaletes. Um auf die geringe Wirklichkeit der Arten selbst in den
Substanzen zurückzukommen, frage ich Sie, ob Wasser und Eis von verschiedener
Art ist?
    Teophilus. Und ich frage meinerseits, ob das im Tiegel geschmolzene Gold
und das zu einem Barren wieder erstarrte Gold von derselben Art sind?
    Philaletes. Der antwortet nicht auf die Frage, welcher eine neue aufwirft
und »litem lite resolvit« (den Streit mit dem Streit auflöst). Sie werden
indessen daraus erkennen, dass die Zurückführung der Dinge auf Arten sich einzig
und allein auf unsere Vorstellungen von ihnen bezieht, was genügt, um sie durch
Benennungen zu unterscheiden; wenn wir aber voraussetzen, dass diese
Unterscheidung sich auf ihre wirkliche innere Bildung begründet und die Natur
die vorhandenen Dinge nach ihren wirklichen Wesenheiten in ebensoviel Arten
unterscheidet, so wie wir selbst sie durch diese oder jene Bezeichnungen in
Arten unterscheiden, so würden wir grossen Täuschungen unterworfen sein.
    Teophilus. In dem Ausdruck Art oder Wesen von verschiedener Art liegt eine
gewisse Zweideutigkeit, welche alle diese Schwierigkeiten verursacht; und wenn
wir die gehoben haben, werden wir uns nicht mehr darüber streiten, als
vielleicht über das Wort. Man kann Art im matematischen und physischen Sinne
nehmen. Im streng matematischen Sinne macht der geringste Unterschied, wonach
zwei Dinge nicht in allem einander gleich sind, dass sie der Art nach sich
unterscheiden. So sind in der Geometrie alle Kreise von derselben Art, denn sie
sind alle vollkommen gleich, und aus demselben Grunde sind auch alle Parabeln
von derselben Art, aber es verhält sich nicht ebenso mit den Ellipsen und
Hyperbeln, denn davon gibt es eine unendliche Menge von Klassen oder Arten,
wobei es wieder auch unendlich viel verschiedene in jeder Art gibt. Alle die
unzähligen Ellipsen, in denen die Entfernung der Brennpunkte zur Entfernung der
Scheitel dasselbe Verhältnis hat, sind von derselben Art. Da aber die
Verhältnisse dieser Entfernungen sich nur der Grösse nach ändern, so folgt, dass
alle diese unendlichen Arten von Ellipsen nur eine Gattung ausmachen, und es
darin keine Unterteilungen gibt, während ein Oval mit drei Brennpunkten wieder
sogar eine unendliche Menge solcher Gattungen und eine unendlich unendliche Zahl
von Arten haben würde, indem jede Gattung deren eine einfach - unendliche Zahl
hat. Auf diese Art werden zwei physische Einzelwesen niemals einander vollkommen
gleich sein; ja, was mehr sagen will, dasselbe Einzelwesen wird von einer Art
zur anderen übergehen, denn es ist sich selbst niemals länger als einen
Augenblick in allem gleich. Wenn aber physische Arten aufgestellt werden, so
verbindet man damit nicht diesen strengen Sinn, und es hängt von uns ab, zu
sagen, dass eine Masse, welche wir unter ihre erste Form zurückkehren lassen
können, in dieser Beziehung auch von derselben Art bleibt. So sagen wir, dass das
Wasser, das Gold, das Quecksilber, das gewöhnliche Kochsalz dies bleiben und
unter den gewöhnlichen Veränderungen sich nur verstecken. In den organischen
Körpern aber oder in den Pflanzen und Tierarten definieren wir die Art durch die
Abkunft, so dass jedes Gleiche, welches aus demselben Ursprung oder Samen kommt
oder gekommen sein könnte, von derselben Art wäre. Beim Menschen hält man sich
ausser an die menschliche Abkunft noch an seine Eigenschaft, ein Vernunftwesen zu
sein, und wenn es auch Menschen gibt, die ihr ganzes Leben lang den Tieren
ähnlich bleiben, so setzt man doch voraus, dass dies nicht aus Mangel des
Vermögens oder des Prinzips der Fall ist, sondern aus Hindernissen, welche jenes
Vermögen bannen, aber man hat sich noch nicht hinsichtlich aller der äusseren
Bedingungen entschieden, die man für hinreichend annehmen will, um solche
Voraussetzung zuzugeben. Was indessen die Menschen immer für Regeln hinsichtlich
ihrer Bezeichnungen und der den Namen beigelegten Rechte aufstellen mögen, wenn
nur ihre Einrichtung zusammenhängend oder einheitlich und verständlich ist, so
wird sie in der Wirklichkeit begründet sein, und sie werden sich keine Arten
bilden können, als solche, welche die bis zu den Möglichkeiten alles umfassende
Natur schon vor ihnen gemacht oder unterschieden hat. Was das Innere anbetrifft,
so kann, wenngleich es keine äussere Erscheinung gibt, die nicht in der inneren
Beschaffenheit begründet ist, nichtsdestoweniger doch mitunter dieselbe
Erscheinung aus zwei verschiedenen Beschaffenheiten entspringen. dabei wird
freilich immer etwas Gemeinschaftliches sein, was wir in der Philosophie die
nächste formelle Ursache nennen.
    Aber wenn diese auch nicht da wäre, wie wenn z.B. nach Mariotte das Blau des
Regenbogens einen ganz anderen Ursprung, als das Blau eines Türkises hätte, ohne
dass eine gemeinsame formelle Ursache dabei obwaltete (worin ich nicht seiner
Meinung bin), und man zugäbe, dass gewisse Naturen in ihrer Erscheinung, die uns
zum Benennen veranlassen, miteinander nichts Inneres gemein hätten, so würden
unsere Definitionen dennoch in den wirklichen Arten begründet sein, denn die
Phänomene selbst sind Realitäten. Wir können also sagen, dass alles, was wir mit
Wahrheit unterscheiden oder vergleichen, die Natur auch unterscheidet oder
knüpft, wiewohl sie viele Unterscheidungen oder Vergleichungen haben mag, die
wir nicht kennen und die besser sein können, als die unserigen. Auch wird es
noch vieler Mühe und Erfahrung bedürfen, um die Geschlechter und Arten auf eine
der Natur annähernd gleiche Weise zu bestimmen. Die neueren Botaniker glauben;
dass die von den Formen der Blumen hergenommenen Unterscheidungen der natürlichen
Ordnung am nächsten kommen. Aber sie finden dabei doch noch viel Schwierigkeit,
und es würde passend sein, Vergleichungen und Anordnungen nicht nur nach einem
einzigen Grunde zu machen, wie der eben von mir erwähnte, von den Blumen
hergenommene sein würde, welcher bis jetzt vielleicht der angemessenste für ein
erträgliches und den Lernenden bequemes System ist, sondern auch nach den
anderen Gründen, welche von anderen Teilen und Verhältnissen der Pflanzen
hergenommen sind. Ein jeder Vergleichungsgrund verdient seine besonderen
Tabellen, ohne deren Hilfe man viele untergeordnete Gattungen und viele
Vergleichungspunkte, Unterscheidungen und nützliche Bemerkungen sich entgehen
lassen würde. Aber je mehr man in die Entstehung der Arten eindringen und je
mehr man bei der Einteilung den dazu nötigen Bedingungen folgen wird, desto mehr
wird man ach der natürlichen Ordnung nähern. Wenn daher die Vermutung einiger
einsichtigen Leute sich als wahr herausstellen sollte, dass es in der Pflanze
ausser dem Korn oder dem bekannten, dem Ei des Tieres entsprechenden Samen noch
einen anderen Samen gibt, welcher den Namen des männlichen Samens verdienen
würde, nämlich einen sehr oft sichtbaren, wenngleich mitunter vielleicht, wie
das Samenkorn selbst es bei gewissen Pflanzen ist, unsichtbaren Staub (Pollen),
den der Wind oder andere gewöhnliche Umstände verbreiten, um ihn mit dem
Samenkorn in Verbindung zu bringen, und der mitunter von der nämlichen Pflanze
kommt, mitunter aber auch (wie beim Hanf) aus einer benachbarten Pflanze
derselben Art entsteht, welche folglich mit dem männlichen Anteile in Analogie
stehen würde, wenngleich die weibliche nicht immer ganz dieses männlichen
Pollens entbehrt - - wenn das, sage ich, sich als wahr herausstellen würde, so
zweifle ich nicht, dass die dabei zu bemerkenden Unterschiede einen Grund zu sehr
natürlichen Einteilungen abgeben würden; und wenn wir den durchdringenden
Scharfblick höherer Geister hätten und die Sachen tief genug erkennten, so
würden wir vielleicht feststehende Attribute für jede Spezies finden, die allen
ihren Individuen gemeinsam und immer in demselben lebendigen Organismus als
feststehend vorhanden sind, welche Veränderungen oder Umwandlungen ihm auch
begegnen mögen; wie in der bekanntesten physischen Spezies, der menschlichen
nämlich, die Vernunft ein solches feststehendes Attribut ist, welches jedem
Individuum und immer unverlierbar zukommt, obschon man es nicht immer bemerken
kann. Aber in Ermangelung dieser Erkenntnisse bedienen wir uns derjenigen
Attribute, welche uns die bequemsten scheinen, um die Dinge zu unterscheiden und
zu vergleichen und mit einem Wort ihre Arten und Klassen zu erkennen, und diese
Attribute haben immer ihre reellen Gründe.
    § 14. Philaletes. Um die substantiellen Wesen nach der gewöhnlichen
Voraussetzung zu unterscheiden, wonach es bestimmte Wesenheiten oder eigene
Formen der Dinge gibt, durch welche alle bestehenden Individuen von Natur in
Arten unterschieden werden, müsste man erstlich versichert sein, § 15 dass die
Natur sich bei der Hervorbringung der Dinge immer vorsetzt, sie an bestimmten
und feststehenden Wesenheiten, wie an Musterbildern, teilnehmen zu lassen und
zweitens, § 16 dass die Natur diesen Zweck immer erreicht. Die Missgeburten aber
lassen uns an dem einen und dem anderen zweifeln. § 17. Drittens müsste man
bestimmen, ob diese Missgeburten wirklich eine besondere neue Art bilden, denn
wir finden, dass wenige oder gar keine von ihnen an den Eigenschaften teilhaben,
welche man von der Wesenheit derjenigen Art herleitet, aus der sie ihren
Ursprung haben und der sie kraft ihrer Geburt anzugehören scheinen.
    Teophilus. Wenn es sich darum handelt, zu bestimmen, ob die Missgeburten
eine besondere Art ausmachen, so ist man oft auf Vermutungen angewiesen. Dies
zeigt, dass man sich da nicht auf das Innere beschränkt, weil man vielmehr
erraten will, ob die den Individuen einer bestimmten Art gemeinsame innere Natur
, wie z.B. die Vernunft im Menschen, wie die Abkunft es vermuten lässt, auch
denjenigen Individuen zukommt, denen ein Teil der äusseren Zeichen fehlt, die
sich bei dieser Art gewöhnlich finden. Aber unsere Ungewissheit hat mit der Natur
der Dinge nichts zu schaffen, und wenn es eine solche innere Naturbeschaffenheit
gibt, so wird sie sich bei der Missgeburt finden oder nicht finden, wir mögen es
nun wissen oder nicht. Wenn nun die innere Natur keiner Art sich darin findet,
so wird die Missgeburt eine eigene Art bilden; aber wenn es in den Arten, um die
es sich handelt, keine solche innere Natur gibt, und man ebensowenig bei der
Herkunft stehen bliebe, so würden dann die inneren Merkmale allein die Art
bestimmen und die Missgeburten derjenigen, von welcher sie sich entfernen, nicht
angehören, man müsste sie denn auf eine unbestimmte und einigermassen erweiterte
Weise nehmen, und in diesem Falle auch wäre unsere Mühe, die Art erraten zu
wollen, vergeblich. Das haben Sie vielleicht mit allem dem sagen wollen, was Sie
gegen die von den inneren wirklichen Wesenheiten hergenommenen Arten einwerfen.
Sie müssten also beweisen, dass es dann kein gemeinschaftliches inneres
spezifisches Kennzeichen gibt, wo das äussere gänzlich vermisst wird. Aber das
Gegenteil findet sich bei der menschlichen Spezies, wo mitunter Kinder, die
etwas Missgeborenes haben, bis zu einem Alter gelangen, wo sie Vernunft zeigen.
Warum könnte bei anderen Arten nicht etwas Ähnliches vorkommen? Allerdings
können wir aus Mangel an Kenntnis derselben uns dessen nicht bedienen, um sie zu
definieren, aber das Äussere vertritt die Stelle davon, wenngleich wir anerkennen
müssen, dass es zu einer genauen Definition nicht genügt und selbst die
Nominaldefinitionen in solchen Fällen nur Vermutungen sind und, wie ich schon
vorher gesagt habe, mitunter nur als vorläufige gelten. So könnte man z. B. das
Mittel finden, das Gold dergestalt nachzumachen, dass es allen bis jetzt damit
gemachten Proben genügte. Aber man könnte auch eine neue Art des Probierens
entdecken, welche das Mittel gewährte, das natürliche Gold von diesem künstlich
gemachten Gold zu unterscheiden. Alte Urkunden schreiben dem Kurfürsten August
von Sachsen das eine und das andere zu; aber ich erlaube mir nicht, diese
Tatsache zu verbürgen. Hätte es indessen damit seine Richtigkeit, so könnten wir
vom Golde eine vollkommenere Definition haben, als gegenwärtig, und wenn das
künstliche Gold in Menge und billig gemacht werden könnte, wie die Alchimisten
es behaupten, so würde diese neue Probe von Wichtigkeit sein, denn man würde der
Menschheit dadurch den Vorteil erhalten, welchen das natürliche Gold durch seine
Seltenheit im Handel gibt, indem es uns einen dauerhaften, gleichförmigen,
leicht zu teilenden und wiederzuerkennenden und auch im kleinen Umfange
wertvollen Stoff darbietet. Ich will mich dieser Gelegenheit bedienen, um eine
Schwierigkeit zu heben (man sehe den § 50 des Kapitels über die Namen der
Substanzen bei dem Verfasser der Abhandlung über den Verstand). Der Einwurf ist:
Wenn man sagt: alles Gold ist feuerbeständig, und man unter der Vorstellung des
Goldes eine Masse von gewissen Eigenschaften versteht, worin die
Feuerbeständigkeit mit einbegriffen ist, so bildet man nur einen identischen und
leeren Satz, wie wenn man sagte, das Feuerbeständige ist feuerbeständig;
versteht man aber darunter ein substantielles mit einer gewissen inneren
Wesenheit begabtes Ding, wovon die Feuerbeständigkeit eine Folge ist, so wird
man unverständlich sein, denn diese wirkliche Wesenheit ist gänzlich unbekannt.
Darauf antworte ich, dass der mit dieser inneren Beschaffenheit begabte Körper
durch andere äussere Kennzeichen bestimmt ist, bei denen die Feuerbeständigkeit
nicht mit inbegriffen ist, wie wenn jemand sagte: der schwerste aller Körper ist
auch einer der feuerbeständigsten. Aber alles dies ist nur vorläufig, denn man
könnte einmal einen flüchtigen Körper finden, der wie ein neues Quecksilber
schwerer sein könnte, als das Gold, und auf dem das Gold schwämme, wie das Blei
auf unserem Quecksilber schwimmt.
    § 19. Philaletes. Allerdings können wir auf diese Art niemals die Zahl der
Eigenschaften, welche von der wirklichen Wesenheit des Goldes abhangen, genau
erkennen, es sei denn, dass wir die Wesenheit des Goldes selbst erkennten. § 21.
Wenn wir uns indessen bestimmt auf gewisse Eigenschaften beschränken, so wird
das für uns hinreichen, um genaue Nominaldefinitionen in erhalten, welche uns
für die Gegenwart dienen, wobei es uns frei steht, die Bedeutung der Worte zu
verändern, wenn ein neuer nützlicher Unterscheidungsgrund entdeckt werden
sollte. Aber diese Definition muss wenigstens dem Wortgebrauch entsprechen und an
dessen Stelle gesetzt werden können. Dies dient dazu, diejenigen zu widerlegen,
nach deren Behauptung die Ausdehnung die Wesenheit des Körpers ausmacht, denn
sagt man, dass ein Körper dem anderen einen Anstoss gibt, so würde dies eine
offenbare Ungereimteit sein, wenn man die Ausdehnung dafür setzend sagen würde,
dass eine Ausdehnung eine andere Ausdehnung mittels eines Anstosses in Bewegung
setzt, denn man braucht dazu noch die Dichteit. Ebensowenig kann man sagen, dass
die Vernunft oder das, was den Menschen vernünftig macht, Unterhaltung pflegt,
denn die Vernunft macht ebensowenig das ganze Wesen des Menschen aus; es sind
die vernünftigen lebendigen Wesen, die miteinander der Unterhaltung pflegen.
    Teophilus. Ich glaube, Sie haben recht, denn die Gegenstände der abstrakten
und unvollständigen Vorstellungen genügen nicht, um von allen Handlungen der
Dinge die Gründe anzugeben. Indessen glaube ich, dass allen Geistern, die
einander ihre Gedanken mitteilen können, die Unterhaltung zukommt. Die
Scholastiker sind darüber in grosser Verlegenheit, wie die Engel dies tun können,
aber wenn sie ihnen, wie ich, nach dem Vorgang der Alten feine Körper
zuschrieben, so würde darin keine Schwierigkeit mehr sein.
    § 22. Philaletes. Es gibt Geschöpfe, die eine der unsrigen ähnliche Gestalt
haben, aber mit Haaren bedeckt sind und nicht den Gebrauch der Sprache und der
Vernunft haben. Es gibt unter uns Schwachsinnige, die vollkommen die nämliche
Gestalt wie wir haben, aber denen die Vernunft fehlt und von denen einige nicht
den Gebrauch der Sprache haben. Es gibt, wie man sagt, Geschöpfe, welche mit dem
Gebrauch der Sprache und der Vernunft und einer der unsrigen in jedem anderen
Stück gleichen Gestalt haarige Schweife haben; wenigstens ist es nicht
unmöglich, dass es solche Geschöpfe gebe. Andere gibt es, bei denen die Männchen
keinen Bart haben und wiederum andere, bei denen die Weibchen einen solchen
haben. Fragt man nun, ob alle diese Geschöpfe Menschen sind oder nicht, ob sie
zur menschlichen Spezies gehören, so bezieht sich offenbar die Frage nur auf die
Nominaldefinition oder auf die zusammengesetzte Vorstellung, welche wir uns
bilden, um sie mit diesem Namen zu bezeichnen. Denn die innere Wesenheit ist uns
vollständig unbekannt, obgleich wir Grund haben anzunehmen, dass da, wo die
Fähigkeiten oder auch die äussere Gestalt so unterschieden sind, die innere
Beschaffenheit nicht dieselbe ist.
    Teophilus. Ich glaube, dass wir hinsichtlich des Menschen eine Definition
haben, welche zugleich real und nominal ist, denn nichts kann dem Menschen so
wesentlich sein, als die Vernunft, und sie lässt sich gewöhnlich wohl erkennen.
Darum können neben ihr der Bart und der Schweif nicht in Betracht kommen. Ein
Waldmensch sowohl als ein behaarter Mensch lassen als Menschen sich erkennen,
und Haare wie die des Affen sind kein Grund, jemand von der Menschheit
auszuschliessen. Die Blödsinnigen ermangeln des Gebrauches der Vernunft; da wir
aber aus Erfahrung wissen, dass die Vernunft oft gebunden ist und sich nicht
zeigen kann, und dies Menschen widerfährt, welche sie schon gezeigt haben und
künftig noch zeigen werden, so fällen wir nach der Wahrscheinlichkeit das
nämliche Urteil über diese Blödsinnigen auf Grund anderer Kennzeichen, nämlich
der körperlichen Gestalt. Auf Grund dieser mit der Abkunft verbundenen Zeichen
nimmt man an, dass die Kinder Menschen sind und Vernunft zeigen werden, und man
täuscht sich darin selten. Gäbe es aber vernünftige lebendige Wesen von einer
von der unserigen ein wenig verschiedenen Gestalt, so würden wir in Verlegenheit
sein. Man sieht daraus, dass, wenn unsere Definitionen von der Äusserlichkeit der
Körper abhangen, sie unvollkommene und vorläufige sind. Wenn sich jemand für
einen Engel ausgäbe und Dinge wüsste oder zu verrichten wüsste, die über uns
hinausgehen, so würde er sich Glauben verschaffen können. Wenn ein anderer, wie
Gonzales, mittels einer ausserordentlichen Maschine aus dem Monde käme und uns
glaubhafte Dinge von seinem Geburtslande erzählte, so würde er für einen
Mondbewohner gelten, und doch könnte man ihm, so fremd er auch unserer Weltkugel
wäre, den Indigenat und die Bürgerrechte mit dem Titel eines Menschen
bewilligen; wenn er aber die Taufe verlangte und als Proselyt unseres Glaubens
aufgenommen werden wollte, so glaube ich, dass man unter den Teologen unseres
Glaubens grosse Streitigkeiten sich erheben sehen würde. Und wenn der Verkehr mit
jenen Planetenmenschen, die nach Huygens' Meinung denen unserer Erde ganz
ähnlich sind, offen wäre, so würde die Frage ein allgemeines Konzil verdienen,
um zu entscheiden, ob wir die Ausbreitung des Glaubens über unsere Erdkugel
hinaus weiter zu treiben Sorge tragen müssten. Manche würden ohne Zweifel dabei
behaupten, dass, da die vernünftigen lebendigen Wesen jenes Landes nicht von
Adams Rasse wären, sie auch an der Erlösung durch Jesus Christus keinen Teil
hätten; andere aber würden vielleicht sagen, dass wir weder genug wissen, wo Adam
immer gewesen ist, noch was aus seiner Nachkommenschaft geworden ist, wie es
denn sogar Teologen gegeben hat, die geglaubt haben, dass der Mond der Ort des
Paradieses gewesen sei. Man würde daher vielleicht durch Stimmenmehrheit als das
Sicherste beschliessen, jene zweifelhaften Menschen unter der Bedingung zu
taufen, wenn sie der Taufe fällig sind; ich zweifle aber, dass man in der
römischen Kirche Priester aus ihnen machen würde, weil ihre Weihen immer ungewiss
sein würden und man nach der Voraussetzung dieser Kirche das Volk der Gefahr
eines materiellen Götzendienstes aussetzen würde. Glücklicherweise sichert uns
die Natur vor allen diesen Verlegenheiten; indessen haben solche sonderbare
Erdichtungen in der Spekulation ihren Nutzen, um das Wesen unserer Vorstellungen
recht erkenntlich zu machen.
    § 23. Philaletes. Vielleicht würden sich manche nicht allein in den
teologischen Streitfragen, sondern auch bei anderen Gelegenheiten nach der
Rasse richten und erklären, dass bei den Tieren die Fortpflanzung durch die
Begattung des Männchens und des Weibchens und bei den Pflanzen mittelst des
Samens die vorausgesetzten wirklichen Arten als besondere und in ihrer Ganzheit
erhält; aber dies wurde nur dazu dienen, die Arten der Tiere und der
Vegetabilien festzusetzen. Was soll man mit den übrigen machen? Es reicht auch
nicht einmal hinsichtlich jener aus, denn wenn man der Geschichte glauben darf,
sind Frauen durch Affen geschwängert worden. Da entsteht also eine neue Frage,
zu welcher Art ein solches Erzeugnis gehören soll. Man sieht oft Maulesel und
Jumarts (man vergleiche das etymologische Lexikon von Menage), die ersteren
erzeugt von einem Esel und einer Stute, die letzteren von einem Stier und einer
Stute. Ich habe ein von einer Katze und einer Ratte erzeugtes Tier gesehen,
welches sichtbare Kennzeichen dieser beiden Tiere hatte. Nimmt man dazu noch
missgeborene Erzeugnisse, so wird man finden, dass es gar schwer hält, die Art
durch die Zeugung zu bestimmen, und wenn man sie nur auf diese Weise machen
könnte, müsste man da nicht nach Indien gehen, um Vater und Mutter eines Tigers
und den Samen der Teepflanze zu sehen? Oder lässt es sich nicht auf andere Weise
beurteilen, oh die zu uns kommenden Individuen zu jenen Arten gehören?
    Teophilus. Die Abkunft oder Rasse ergibt wenigstens eine starke Vermutung
d.h. einen vorläufigen Beweis, und ich habe schon gesagt, dass unsere Kennzeichen
gar oft nur mutmassliche sind. Mitunter wird die Rasse durch die Gestalt Lügen
gestraft, wenn das Kind dem Vater und der Mutter unähnlich ist, und die Mischung
in der Gestalt ist nicht immer das Kennzeichen der Mischung der Rassen; denn es
kann geschehen, dass ein Muttertier ein Wesen zur Welt bringt, das einer fremden
Art anzugehören scheint, und dass die blosse Einbildung der Mutter diese
Abweichung verursacht hat. Nicht einmal dessen zu erwähnen, was man Mondkalb
nennt. Aber da man doch vorläufigerweise aus der Rasse die Art beurteilt, so
beurteilt man auch aus der Art die Rasse. Als man einmal dem König Johann
Kasimir von Polen ein unter den Bären gefundenes Kind aus dem Walde brachte,
welches von deren Manieren viel an sich hatte, endlich aber als ein vernünftiges
Wesen erkannt wurde, hat man kein Bedenken getragen, es als der adamitischen
Rasse zugehörig anzuerkennen und auf dem Namen Joseph zu taufen, wiewohl
vielleicht unter der Bedingung: si baptizatus non es (wenn da noch nicht getauft
bist), nach dem Gebrauch der römischen Kirche; weil es ja nach der Taufe durch
einen Bären hätte gerauht sein können. Man kennt noch nicht genug die Wirkungen
der Vermischungen von Tieren und tötet oft die Missgeburten, statt sie
aufzuziehen, da sie doch ohnehin nicht lange zu leben pflegen. Man glaubt, dass
die gemischten Tierarten sich nicht vermehren, indessen schreibt Strabo den
Mauleseln von Kappadozien die Fortpflanzung zu, und aus China schreibt man mir,
dass es in der benachbarten Tatarei eine besondere Rasse von Mauleseln gebe. Auch
sehen wir, dass die gemischten Arten bei den Pflanzen fähig sind, ihre neue Art
zu erhalten. Bei den Tieren weiss man nicht immer recht, ob es das Männchen oder
das Weibchen oder beide oder keins von beiden ist, was am meisten die Art
bestimmt. Die Lehre von dem weiblichen Ei, welche der verstorbene Kerkring so
berühmt gemacht hatte, schien den männlichen Teil bei der Zeugung auf die Rolle
des Staubregens hinsichtlich der Pflanzen zu beschränken, welcher dem Samen das
Mittel gibt, aufzugehen und sich aus der Erde zu erheben nach den Versen des
Virgil, welche die Priscillianer anzuführen pflegten:
 Dum Pater omnipotens fecundis imbribus aeter
 Conjugis in laetae gremium descendit et omnes
 Magnus alit magno commissus corpore foetus.
    Mit einem Worte würde nach dieser Hypotese der Mann nichts mehr als der
Regen sein, aber Leeuwenhoeck hat die Ehre des männlichen Geschlechts
wiederhergestellt und seinerseits das weibliche heruntergesetzt, als ob es nur
die Leistung der Erde hinsichtlich des Samens hätte, indem es ihm den Ort und
die Nahrung gibt; was selbst dann stattfinden könnte, wenn man die Teorie von
den Eiern aufrechterhielte. Dies hindert aber nicht, dass die Einbildungskraft
der Frau auf die Form des Fötus einen grossen Einfluss hat, auch wenn man
voraussetzen wollte, dass das Wesen selbst von dem Mann abstammt, denn er
befindet sich in einem Zustand, welcher schon für gewöhnlich zu grosser
Veränderung bestimmt und darum auch um so mehr für ausserordentliche
Veränderungen empfänglich ist. Man versichert, dass die Einbildungskraft einer
Dame vom Stande, welche durch den Anblick eines Verstümmelten verletzt wurde,
dem der Geburt schon sehr nahen Fötus die Hand abgetrennt habe, welche Hand sich
nachher bei der Nachgeburt gefunden haben soll; doch verdient dies erst
Beglaubigung. Vielleicht könnte jemand mit der Behauptung kommen, dass, wenn auch
die Seele nur von einem Geschlecht herkommen kann, doch das eine wie das andere
Geschlecht etwas Organisches hergäbe, und aus beiden Körpern ebenso einer werde,
wie wir sehen, dass der Seidenwurm gleichsam ein doppeltes Tier ist und unter der
Form der Raupe ein fliegendes Insekt in sich schliesst; so sehr sind wir noch
über einen so wichtigen Gegenstand im dunklen. Vielleicht wird uns einmal die
Analogie der Pflanzen darüber Licht geben, aber gegenwärtig sind wir über die
Erzeugung der Pflanzen selbst noch nicht unterrichtet; die Mutmassung über den
Staub, der sich dabei bemerken lässt, als oh derselbe dem menschlichen Samen
entsprechen könnte, ist noch nicht recht aufgeklärt. Übrigens ist oft genug ein
Pflanzenschössling imstande, eine ganz neue Pflanze zu geben, wofür man noch
keine Analogie bei den Tieren kennt; auch kann man nicht sagen, dass der Fuss des
Tieres ein Tier ist, wie jeder Zweig eines Baumes eine des Fruchtbringens fähige
Pflanze für sich ist. Auch gelingen die Mischungen der Arten und selbst die
Veränderungen innerhalb derselben Art bei den Pflanzen oft mit vielem Erfolge.
Vielleicht sind oder waren die Tierarten zu irgend einer Zeit oder an irgend
einem Ort des Universums der Veränderung mehr unterworfen, als sie es
gegenwärtig unter uns sind oder künftig sein werden. Manche Tiere, die etwas von
der Katze haben, wie der Löwe, der Tiger und der Luchs, könnten von der
nämlichen Rasse gewesen sein und gegenwärtig gleichsam neue Unterabteilungen der
alten Katzenarten bilden. So komme ich immer auf das schon mehr als einmal
Gesagte zurück, dass unsere Bestimmungen der physischen Arten vorläufige und
unseren Kenntnissen entsprechende sind.
    § 24. Philaletes. Wenigstens haben die Leute, als sie ihre Einteilung der
Arten vornahmen, niemals an die substantiellen Formen gedacht, diejenigen
ausgenommen, welche hierzulande, wo wir sind, unsere Schulsprache gelernt haben.
    Teophilus. Seit kurzem scheint der Ausdruck substantielle Formen bei
gewissen Leuten in Verruf gekommen zu sein, und man schämt sich, von ihnen zu
reden. Indessen ist dabei vielleicht immer noch mehr Mode als Vernunft. Die
Scholastiker gebrauchten einen allgemeinen Begriff fälschlich, wenn es sich
darum handelte, besondere Erscheinungen zu erklären, aber dieser Missbrauch hebt
die Sache selbst nicht auf. Die menschliche Seele bringt die Zuversichtlichkeit
einiger unserer neueren Philosophen ein wenig in Verlegenheit. Einige derselben
erklären sie für die Form des Menschen, aber zugleich auch für die einzige
substantielle Form der uns bekannten Natur. Descartes drückt sich ebenso darüber
aus und erteilt dem Regius eine Rüge dafür, dass er der Seele diese
Beschaffenheit einer substantiellen Form bestritt und leugnen wollte, dass der
Mensch ein unum per se, ein mit einer wahrhaften Einheit begabtes Wesen sei.
Manche glauben, jener ausgezeichnete Mann habe aus Politik so gehandelt. Ich
zweifle ein wenig daran, weil ich glaube, dass er darin recht hatte. Aber man
sollte nicht dem Menschen allein dies Vorrecht geben, wie wenn die Natur übers
Knie gebrochen wäre; wir haben Grund zu dem Schluss, dass es eine Unendlichkeit
von Seelen oder, um allgemeiner zu reden, von ursprünglichen Entelechien gibt,
die etwas mit der Wahrnehmung und dem Triebe Analoges besitzen und die alle
substantielle Formen der Körper sind und stets bleiben. Scheinbar gibt es
freilich manche Arten, die nicht eigentlich ein unum per se sind d.h. Körper mit
einer wahrhaften Einheit oder mit einem unteilbaren Wesen begabt, das ihr ganzes
Tätigkeitsprinzip ausmacht, ebensowenig, wie eine Mühle oder eine Uhr dies sein
könnten. Von dieser Art könnten die Salze, die Mineralien und die Metalle sein
d.h. einfache Zusammenhäufungen oder Massen Ton einer gewissen Regelmässigkeit.
Aber die Körper der einen und der anderen. Art d.h. die beseelten Körper sowohl
wie die unbelebten Zusammenhäufungen werden durch ihren inneren Bau spezifiziert
sein, da in denen selbst, welche belebt sind, die Seele und die Maschine jede
für sich zur Bestimmung genügen, denn sie stimmen vollkommen miteinander überein
und drücken sich, obgleich sie keinen unmittelbaren Einfluss aufeinander haben,
wechselweise aus, indem die eine alles das, was die andere in der Vielheit
verteilt hat, in eine vollkommene Einheit zusammengefasst hat. Wenn es sieh also
um die Anordnung der Arten handelt, so ist der Streit um die substantiellen
Formen unnütz, wenn es auch aus anderen Gründen wichtig sein mag, zu erkennen,
ob und wie es deren gibt, denn sonst wurde man in der intellektuellen Welt ein
Fremdling sein. Übrigens haben die Griechen und Araber von diesen Formen
ebensogut wie die Europäer gesprochen, und wenn der gemeine Mann nicht davon
redet, so redet der ebensowenig von der Algebra oder von inkommensurablen
Grössen.
    § 25. Philaletes. Die Sprachen sind vor den Wissenschaften gebildet worden,
und das unwissende, ungelehrte Volk hat die Dinge unter gewisse Arten gebracht.
    Teophilus. Allerdings, aber die Gelehrten berichtigen die volkstümlichen
Begriffe. Die Chemiker haben sichere Mittel gefunden, die Metalle zu
unterscheiden und zu trennen, die Botaniker haben die Wissenschaft von den
Pflanzen wunderbar bereichert, und die über die Insekten erhaltenen Erfahrungen
haben uns in der Kenntnis der Tiere eine neue Bahn eröffnet; indessen sind wir
noch weit von der Hälfte unserer Laufbahn entfernt.
    § 26. Philaletes. Wenn die Arten ein Werk der Natur wären, so könnten sie
von verschiedenen Personen nicht so verschieden aufgefasst werden. Der Mensch
erscheint dem einen als ein zweifüssiges lebendiges Wesen ohne Federn mit grossen
Nägeln, und der andere fügt nach tieferer Untersuchung noch die Vernunft dazu.
Viele Leute bestimmen indessen die Arten der Tiere mehr nach ihrer äusseren
Gestalt als nach ihrer Abkunft, weil man mehr als einmal in Frage gestellt hat,
ob gewisse menschliche Geburten zur Taufe zugelassen werden sollten oder nicht,
bloss aus dem Grunde, dass ihre äussere Bildung von der gewöhnlichen Form der
Kinder abwich, ohne dass man wusste, ob sie nicht ebensogut zur Vernunft fähig
wären, wie Kinder, die in einer anderen Form gegossen sind, unter denen man
manche findet, die, wenn auch von anerkannter Gestalt, ihr ganzes Leben lang
niemals so viel Vernunft zu zeigen imstande sind, als in einem Affen oder
Elefanten vorkommt, und die niemals ein Zeichen geben, dass sie von einer
vernünftigen Seele regiert werden. Hieraus ergibt sich offenbar, dass die äussere
Form, von der man allein hat reden wollen, und nicht die Fähigkeit der Vernunft,
von der niemand wissen kann, ob sie zu ihrer Zeit fehlen durfte, zum
wesentlichen Merkmal gemacht worden ist. In diesen Fällen sind denn auch die
gescheitesten Teologen und Juristen gezwungen, von ihrer hochverehrten
Definition eines vernünftigen lebendigen Wesens abzugehen und an deren Stelle
irgend eine andere Wesensbestimmung der Menschenart zu setzen. Menage (Menagiana
Tom. I, pag. 278 der holländischen Ausgabe von 1649) führt uns das Beispiel
eines gewissen Abbé de St. Martin an, was erzählt zu werden verdient. Als dieser
Abbé de St. Martin zur Welt kam, sagt er, hatte er so wenig eine menschliche
Gestalt, dass er eher einer Missgeburt glich. Man beratschlagte einige Zeit, ob
man ihn taufen sollte. Indessen er wurde getauft, und man erklärte ihn vorläufig
für einen Menschen, d.h. bis die Zeit erkennen lassen würde, was er wäre. Er war
von Natur so missgestaltet, dass man ihn sein ganzes Leben den Abbé Malotru
nannte. Er war von Caen. Da haben wir ein Kind, welches einfach wegen seiner
Gestalt nahe daran war, von der Menschenart ausgeschlossen zu werden; so wie es
war, kam es mit genauer Not davon, und sicherlich würde eine noch etwas
ungestaltetere Form es ins Verderben gestürzt haben, als ein Wesen, welches
nicht für einen Menschen gelten dürfe. Und doch kann man keinen Grund angeben,
warum eine vernünftige Seele nicht in ihm hätte wohnen können, wenn seine
Gesichtszüge ein wenig mehr verzerrt gewesen wären; warum ein etwas längeres
Gesicht oder eine plattere Nase oder ein grösserer Mund nicht ebensogut wie das
ihrige seiner hässlichen Gestalt mit einer Seele und Eigenschäften hätten
zusammenbestehen können, die ihn, so ungestaltet er immer war, fähig machten,
eine kirchliche Würde zu bekleiden.
    Teophilus. Bisher hat man noch kein vernünftiges lebendiges Wesen gefunden,
dessen äussere Gestalt von der unseren sehr verschieden gewesen wäre; darum
wurden, wenn es sich darum handelte, ein Kind zu taufen, Abstammung und Gestalt
immer nur als Kennzeichen angesehen, um zu entscheiden, ob es ein vernünftiges
Wesen sei oder nicht. So haben denn die Teologen und Juristen nicht nötig,
deshalb ihrer hochgehaltenen Definition zu entsagen.
    § 27. Philaletes. Wenn aber jene Missgeburt, von der Licetus im 3. Kap. des
1. Buches redet, die den Kopf eines Menschen und den Leib eines Schweines hatte,
oder andere Missgeburten, welche auf Menschenleibern Hunde- und Pferdeköpfe usw.
hatten, am Leben erhalten worden wären und hätten reden können, so würde die
Schwierigkeit viel grösser gewesen sein.
    Teophilus. Ich gebe das zu, und wenn es vorkäme und jemand so angetan wäre,
wie ein gewisser Schriftsteller, ein Mönch aus alter Zeit, Hans Kalb genannt,
der sich in einem von ihm geschriebenen Buche mit einem Kalbskopf malte, die
Feder in der Hand, was einige lächerrlicherweise glauben machte, dass dieser
Schriftsteller wirklich einen Kalbskopf gehabt hätte, wenn, sage ich, dies
vorkäme, so würde man künftig behutsamer sein, Missgeburten abzutun. Denn die
Vernunft würde allem Anschein nach bei Teologen und Juristen trotz der Gestalt,
und sogar trotz der Schwierigkeiten das Übergewicht behalten, welche die
Anatomie dabei den Ärzten bereiten könnte. Letztere würden ebensowenig der
Menschenwürde schaden, wie jene Umkehrung der Eingeweide bei dem Menschen,
dessen Obduktion zu Paris Bekannte von mir mitgemacht haben, welche Aufsehen
erregt hat, wo die Natur
 Als hatte sie sich dran ergötzt,
 Die Leber hatte links gesetzt
 Und rechte das Herz im Widerspiel -
 Sie trank vielleicht einmal zu viel!
- wenn ich mich recht der Verse erinnere, welche der verstorbene Alliot (ein
wegen seiner geschickten Behandlung des Krebses berühmter Arzt) über dieses
Wunder gemacht hatte und mir zeigte. Es versteht sich, dass die Verschiedenheit
der Bildung bei den vernünftigen Wesen nicht zu weit gehen und man nicht in die
Zeit zurückkommen darf, wo die Tiere sprachen; denn sonst würden wir den uns
besonders eigenen Vorzug der Vernunft verlieren und aufmerksamer auf die
Abstammung und das Äussere sein, um die Abkömmlinge Adams von denen unterscheiden
zu können, welche von einem Könige oder Patriarchen irgend eines afrikanischen
Affenstaates abstammen mögen. Unser gelehrter Autor hat recht mit der Bemerkung
(§ 29), dass, wenn die Eselin des Bileam ihr ganzes Leben lang ebenso vernünftig
geredet hätte, wie das eine Mal mit ihrem Herrn (vorausgesetzt, dass es nicht
eine prophetische Vision gewesen ist), sie doch immer Mühe gehabt haben würde,
Sitz und Stimme unter den Frauen zu erhalten.
    Philaletes. Wie ich sehe, lachen Sie, und vielleicht lachte der Verfasser
auch; aber ernstlich gesprochen, Sie begreifen, dass man nicht immer bestimmte
Grenzen für die Arten festsetzen kann.
    Teophilus. Das habe ich Ihnen schon zugegeben; denn wenn es sich um
Erdichtungen und die blosse Möglichkeit der Dinge handelt, können die Übergänge
von Art zu Art unmerklich sein, und sie unterscheiden wollen, würde mitunter
ungefähr so sein, wie wenn man entscheiden wollte, wieviel Haare man einem
Menschen lassen muss, damit er nicht kahlköpfig sei. Diese Unentschiedenheit
würde selbst dann wahr sein, wenn wir das Innere der Geschöpfe, um die es sich
handelt, vollständig kennten. Aber ich sehe nicht ein, wie sie verhindern soll,
dass die Dinge unabhängig von dem Verstande wirkliche Wesenheiten haben, und wir
diese auch erkennen können. Freilich würden sich die Benennungen und die Grenzen
der Arten mitunter wie die Benennungen der Masse und Gewichte verhalten, wo man,
um feste Grenzen zu erhalten, seine Wahl treffen muss. Für gewöhnlich ist
indessen so etwas nicht zu fürchten, da die einander zu nahe stehenden Arten
sich nicht leicht zusammenfinden.
    § 28. Philaletes. Wie es scheint, stimmen wir hier im Grunde überein,
wiewohl, wir ein wenig in den Bezeichnungen voneinander abweichen. Auch gebe ich
Ihnen zu, dass in der Benennung der Substanzen weniger Willkür herrscht, als in
den Namen der zusammengesetzten Modi. Denn man wird nicht darauf fallen, das
Blöken eines Schafes mit der Gestalt des Pferdes oder die Farbe des Bleies mit
der Schwere und Feuerfestigkeit des Goldes zu verbinden. Lieber kopiert man die
Natur.
    Teophilus. Dies kommt nicht sowohl daher, dass man bei den Substanzen nur
auf das achtet, was wirklich da ist, als dass man in den physischen
Vorstellungen, die man nicht ganz bis auf den Grund versteht, unsicher ist, ob
ihre Verknüpfung möglich und nützlich ist, wenn das wirkliche Dasein uns nicht
dabei Gewähr bietet. Dies findet aber auch noch bei den Modi statt, nicht
allein, wenn deren Dunkelheit uns, wie mitunter in der Physik vorkommt,
undurchdringlich ist, sondern auch, wenn sie zu durchdringen nicht leicht ist,
wovon es in der Geometrie genug Beispiele gibt. Denn in der einen und der
anderen dieser Wissenschaften steht es bei uns, nach Belieben Kombinationen zu
machen, sonst hätte man das Recht, von regelmässigen Dekaëdern zu reden und
könnte in einem Halbkreise einen Mittelpunkt der Grösse aufsuchen, wie es einen
Mittelpunkt der Schwere darin gibt. Denn es ist in der Tat auffallend, dass der
eine dabei vorkommt, und der andere nicht dabei vorkommen sollte. Wie nun bei
den Modi die Kombinationen nicht immer willkürlich sind, so findet sich im
Gegensatz dazu, dass sie dies mitunter bei den Substanzen sind; und oft hängt es
von uns ab, Kombinationen der Eigenschaften zu machen, um noch vor angestelltem
Versuch substantielle Wesen zu definieren, wenn man diese Eigenschaften
hinlänglich kennt, um über die Möglichkeit der Kombination zu urteilen. So
können in der künstlichen Blumenzucht erfahrene Gärtner mit Recht und Erfolg
sich irgend eine neue Art zu erzielen vorsetzen und ihr im voraus einen Namen
geben.
    § 29. Philaletes. Sie werden mir immer zugestehen müssen, dass, wenn es sich
um die Definition der Arten handelt, die Zahl der Vorstellungen, welche man
kombiniert, von dem verschiedenen Fleisse, dem Eifer oder der Phantasie dessen
abhängt, welcher diese Kombination bildet. Wie zur Bestimmung der Pflanzen- und
Tierarten man sich am häufigsten nach der Gestalt richtet, ebenso hält man sich
bei den meisten der nicht durch Samen hervorgebrachten natürlichen Körper am
meisten an die Farbe. § 10. In der Tat gibt das sehr oft nur verworrene, grobe
und ungenaue Begriffe, und es fehlt viel daran, dass man über die bestimmte Zahl
der einfachen Vorstellungen oder der Eigenschaften miteinander übereinstimme,
die einer bestimmten Art oder Benennung angehören sollen, denn zur Auffindung
der einfachen Vorstellungen, die beständig miteinander verbunden sind, hat man
Mühe, Geschick und Zeit nötig. Indessen genügen in der Unterhaltung gewöhnlich
wenige Eigenschaften, welche diese ungenauen Definitionen bilden, aber trotz des
Geschreies über die Gattungen und Arten sind doch die Formen, von denen man in
den Schulen so viel gesprochen hat, nur Chimären, die keineswegs dazu dienen, um
uns in die Erkenntnis spezifischer Wesenheiten einzuführen.
    Teophilus. Wer immer eine mögliche Kombination macht, begeht insofern
keinen Irrtum, auch nicht, wenn er ihr eine Benennung gibt; er irrt aber, wenn
er glaubt, dass dasjenige, was er sich vorstellt, alles das ist, was andere
Erfahrenere unter demselben Namen oder in demselben Körper sich vorstellen. Er
denkt sich vielleicht eine zu allgemeine Gattung statt einer anderen
spezielleren. In diesem allen liegt nichts, was der Schulmeinung widerspricht,
und ich sehe nicht ein, warum Sie jetzt gegen die Gattungen, Arten und Formen
Ihren Angriff wiederholen, da Sie doch selbst Gattungen, Arten und selbst innere
Wesenheiten oder Formen anerkennen müssen, die man übrigens, wenn man sie noch
nicht zu kennen zugestehen muss, zur Erkenntnis des spezifischen Wesens der Sache
gar nicht anzuwenden behauptet.
    § 30. Philaletes. Wenigstens ist klar, dass die von uns den Arten
angewiesenen Grenzen nicht genau denen entsprechen, welche durch die Natur
gesetzt sind. Denn bei unserem Bedürfnis allgemeiner Namen zum augenblicklichen
Gebrauch bemühen wir uns nicht, ihre Eigenschaften zu entdecken, welche uns ihre
wesentlichen unterschiede und Übereinstimmungen besser erkennen lassen würden,
sondern wir selbst teilen sie in Arten auf Grund gewisser, jedermann in die
Angen fallender Erscheinungen ein, um dadurch mit anderen leichter verkehren in
können.
    Teophilus. Wenn wir Vorstellungen, die miteinander verbunden werden können,
verbinden, so sind die von uns den Arten angewiesenen Grenzen immer genau mit
der Natur übereinstimmend, und wenn wir solche Vorstellungen miteinander zu
verbinden uns bemühen, die sich wirklich zusammenfinden, so stimmen unsere
Begriffe auch noch mit der Erfahrung überein. Betrachten wir sie nur als
vorläufig, hinsichtlich der wirklichen Körper, vorbehaltlich gemachter oder zu
machender Erfahrung, um mehr darin zu entdecken, und gehen wir auf Sachkundige
zurück, wenn es sich um etwas Bestimmtes handelt, hinsichtlich dessen, was man
öffentlich unter dem - es bezeichnenden - Worte versteht, so werden wir uns
darin nicht irren. So kann die Natur vollständigere und passendere Vorstellungen
liefern, aber sie wird die unsrigen, die gut und natürlich sind, nicht Lügen
strafen, mögen sie vielleicht auch nicht die besten und die natürlichsten sein.
    § 32. Philaletes. Unsere Gattungsbegriffe von den Substanzen, wie z.B. die
des Metalls, folgen nicht genau den ihnen von der Natur dargebotenen Mustern, da
man keinen Körper finden kann, welcher einfach die Dehnbarkeit und
Schmelzbarkeit ohne andere Eigenschaften besitzt.
    Teophilus. Solche Muster verlangt man auch nicht und würde auch nicht Grund
haben, sie zu verlangen; sie finden sich auch nicht in den deutlichsten
Begriffen. Man findet niemals eine Zahl, an der nichts als die Vielheit
Überhaupt zu bemerken wäre; kein Ausgedehntes, worin nur Dichtigkeit und keine
anderen Eigenschaften vorkommen, und wenn die spezifischen Unterschiede positiv
und einander entgegengesetzt sind, so muss die Gattung unter ihnen Partei
ergreifen.
    Philaletes. Wenn also jemand sich einbildet, dass ein Mensch, ein Pferd,
eine Pflanze etc. sich durch wirkliche von der Natur gebildete Wesenheiten
voneinander unterscheiden, so muss er sich die Natur als sehr freigebig mit
dergleichen wirklichen Wesenheiten vorstellen, wenn sie deren eine für den
Körper, eine andere für das Tier und noch eine andere für das Pferd hervorbringt
und alle diese Wesenheiten freigebig dem Bucephalus mitteilt. Vielmehr sind
Gattungen und Arten nichts weiter, als mehr oder weniger in sich begreifende
Zeichen.
    Teophilus. Wenn Sie die wirklichen Wesenheiten für diejenigen
substantiellen Muster nehmen, welche ein Körper und weiter nichts, ein Tier und
nichts Spezielleres, ein Pferd ohne individuelle Eigenschaften sein würden, so
haben Sie recht, sie als Chimären zu behandeln. Niemand aber, denke ich, selbst
nicht die grössten Realisten der Vergangenheit, hat behauptet, dass es so viel auf
die Gattung sich beschränkende Substanzen gebe, als es Gattungen gibt. Daraus
folgt jedoch nicht, dass, wenn die allgemeinen Wesenheiten dies nicht sind, sie
blosse Zeichen sind; denn ich habe Ihnen schon mehrmals bemerklich gemacht, dass
sie Möglichkeiten in den Ähnlichkeiten der Dinge sind. Dies ist ebenso, wie aus
dem Umstände, dass die Farben nicht immer Substanzen oder extrahierbare Tinkturen
sind, nicht folgt, dass sie bloss in der Einbildungskraft bestehen. Übrigens kann
man sich die Natur nicht zu freigebig denken, sie ist dies über alle unsere
möglichen Erfindungen hinaus, und alle im voraus denkbaren Möglichkeiten finden
sich auf der grossen Bühne ihrer Darstellungen verwirklicht. Früher gab es bei
den Philosophen zwei Haupttesen, die der Realisten wollte die Natur
verschwenderisch machen, die der Nominalisten sie für geizig erklären. Der eine
behauptet, dass die Natur kein Leeres duldet, und der andere, dass sie nichts
umsonst tut. Diese beiden Grundsätze sind gut, wenn man sie recht versteht, denn
die Natur ist wie ein guter Haushalter, der, wo es sein muss, spart, um zu
rechter Zeit und am gehörigen Orte freigebig zu sein. In ihren Wirkungen ist sie
freigebig und in den von ihr angewandten Ursachen sparsam.
    § 34. Philaletes. Ohne uns weiter mit dem Streite über die wirklichen
Wesenheiten aufzuhalten, genügt es, den Zweck der Sprache und den Gebrauch der
Worte festzuhalten, welcher darin besteht, unsere Gedanken abgekürzt
auszudrücken. Wenn ich zu jemand über eine Art Vögel, drei bis vier Fuss hoch,
reden will, deren Haut mit etwas zwischen Federn und Haaren in der Mitte
Stehendem bedeckt ist, von dunkelbrauner Farbe, ohne Flügel, an deren Stelle
aber zwei oder drei dem Pfriemenkraut gleiche Äste sich befinden, die ihnen bis
unten hin hangen, mit grossen und dicken Schenkeln und Füssen von nur drei Klauen
und ohne Schwanz - so bin ich genötigt, diese Beschreibung zu geben, um mich
dadurch anderen verständlich zu machen. Sagt man mir aber, dass der Name dieses
Tieres Kasuar ist, so kann ich mich dann dieses Namens bedienen, um im Gespräch
jene ganze zusammengesetzte Vorstellung zu bezeichnen.
    Teophilus. Vielleicht würde aber eine recht genaue Vorstellung von der
Hautbedeckung oder irgend eines anderen Teiles ganz allein genügen, um dies Tier
von allen anderen Tieren zu unterscheiden, wie man den Herkules an seiner
Fussspur erkannte und den Löwen nach dem lateinischen Sprichwort an seiner Klaue
erkennt. Je mehr man aber Unterscheidungszeichen zusammenhäuft, desto haltbarer
ist die Definition.
    § 35. Philaletes. In diesem Falle können wir ohne Nachteil für die Sache
etwas von der Vorstellung fallen lassen; wenn aber die Natur etwas davon nimmt,
so ist dann die Frage, ob die Art noch bleibt. Wenn es z.B. einen Körper gäbe,
der alle Eigenschaften des Goldes, ausgenommen die Dehnbarkeit, hätte, würde es
Gold sein? Dies zu entscheiden hängt von den Menschen ab. Sie also sind es,
welche die Arten der Dinge bestimmen.
    Teophilus. Keineswegs; sie würden nur den Namen bestimmen. Indessen würde
diese Erfahrung uns lehren, dass die Dehnbarkeit mit allen den übrigen
Eigenschaften des Goldes zusammengenommen nicht in notwendiger Verbindung steht
Sie würde uns also eine neue Möglichkeit und folglich eine neue Art kennen
lehren. Was aber das brüchige und spröde Gold anbetrifft, so kommt dies nur von
den Zusätzen her und hat mit den anderen Proben des Goldes nichts gemein, denn
die Probierkapelle und das Antimon nehmen ihm diese Sprödigkeit.
    § 36. Philaletes. Aus unserer Lehre folgt etwas augenscheinlich sehr
Seltsames, dass nämlich jede abstrakte Vorstellung, die einen bestimmten Namen
hat, eine bestimmte Art bildet. Aber was will man dabei tun, wenn die Natur es
so verlangt? Ich möchte wohl wissen, warum ein Bologneser Hund und ein Windhund
nicht ebenso verschiedene Arten sind, als ein Hühnerhund und ein Elefant.
    Teophilus. Ich habe vorher die verschiedenen Bedeutungen des Wortes Art
festgesetzt. Nimmt man es logisch oder vielmehr matematisch, so kann die
geringste Unähnlichkeit genügen. Jede verschiedene Vorstellung wird also eine
andere Art liefern, und ob sie einen Namen hat oder nicht, ist gleichgültig.
Aber im physischen Sinne hält man sich nicht bei jedweder Abweichung auf und
redet entweder bestimmt, wenn es sich nur um die Erscheinungen handelt, oder
vermutungsweise, wenn es sich um die innere Wahrheit der Dinge handelt, indem
man dabei eine wesentliche und unveränderliche Natur voraussetzt, wie beim
Menschen die Vernunft. Man setzt also voraus, dass dasjenige, was nur durch
zufällige Veränderungen voneinander verschieden ist, wie das Wasser und das Eis,
das Quecksilber in seiner Flüssigkeit und als Sublimat, von derselben Art ist;
und bei den organischen Körpern setzt man gewöhnlich das vorläufige Merkmal
derselben Art in die Abstammung oder Rasse, wie bei den gleichförmigsten Körpern
in die Reproduktion. Allerdings kann man darüber aus Mangel an Erkenntnis des
Inneren der Dinge kein sicheres Urteil fällen. Man urteilt aber, wie ich schon
mehr als einmal gesagt habe, auf vorläufige und oft bloss vermutende Weise. Wenn
man indessen aus Vorsicht, nur Gewisses sagen zu wollen, bloss vom Äusseren reden
will, so ergibt es einen weiteren Sinn, und in diesem Falle darüber zu streiten,
ob ein Unterschied spezifisch ist oder nicht, wäre ein Wortstreit In diesem
Sinne findet unter den Hunden ein so grosser Unterschied statt, dass man sehr wohl
sagen kann, die englischen Doggen und die Bologneser Hündchen seien von
verschiedenen Arten. Demungeachtet könnten sie von der einen und selbigen
entfernten Kasse sein, die man auffinden würde, wenn mau höher aufsteigen
könnte, und ihre Voreltern könnten einander ähnlich oder dieselben gewesen, nach
grossen Veränderungen aber einige aus der Nachkommenschaft grösser, andere kleiner
geworden sein. Man kann sogar auch glauben, ohne der Vernunft zu nahe zu treten,
dass sie eine innere, feststehende, spezifische Wesenheit gemein haben, die nun
nicht mehr in weitere Unterabteilungen zerfällt oder die man nicht bei mehreren
anderen Naturen der Art antrifft und die folglich nur durch Zufälligkeiten
weiter verändert wird, obgleich wir freilich auch keinen Grund zu dem Schlusse
haben, dass dies so bei allem dem, was wir die unterste Art (species infima)
nennen, notwendig stattfinden müsse. Dass aber ein Hühnerhund und ein Elefant zu
derselben Kasse gehören und eine solche gemeinsame spezifische Natur haben, ist
ganz unwahrscheinlich. So kann man bei den verschiedenen Hundesorten, wenn man
von den Erscheinungen spricht, die Arten unterscheiden, und wenn man von der
inneren Wahrheit spricht, unentschieden bleiben; vergleicht man aber den Hund
und den Elefanten, so ist kein Grund, ihnen äusserlich das zuzuschreiben, was sie
als Wesen derselben Rasse erscheinen lassen konnte. Also ist kein Grund
vorhanden, sich gegen die Präsumption unentschieden zu verhalten. Auch beim
Menschen könnte man, wenn man im logischen Sinne redet, die Arten unterscheiden,
und wenn man beim Äusseren stehen bliebe, Verschiedenheiten im physischen Sinne
ausfinden, welche als spezifische gelten konnten. So hat es einen Reisenden
gegeben, welcher annahm, dass die Neger, die Chinesen und endlich die Amerikaner
weder untereinander noch mit den uns gleichenden Völkern von gleicher Rasse
wären. Aber sobald man die innere Wesenheit des Menschen d.h. die Vernunft,
welche bei demselben Menschen verharrt und sich bei allen Menschen findet,
erkennt und sonst nichts festes Innerliches unter uns bemerkt, das eine
Unterabteilung ausmacht, so haben wir keinen Grund zu dem Urteil, dass es unter
den Menschen dem wahren Innern nach einen spezifischen inneren Unterschied gibt,
während sich zwischen Mensch und Tier ein solcher findet - vorausgesetzt, dass
die Tiere dem vorhin von mir Auseinandergesetzten zufolge nur sinnliche
Erkenntnis besitzen, wie in der Tat die Erfahrung uns darüber zu keinem anderen
Urteil Grund gibt.
    § 39. Philaletes. Nehmen wir das Beispiel von einem Werke der Kunst, dessen
innerer Bau uns bekannt ist. Eine Uhr, die nur die Stunden zeigt, und eine Uhr,
welche schlägt, sind hinsichtlich derer, welche sie zu bezeichnen nur einen
Namen haben, von derselben Art, aber hinsichtlich dessen, welcher, um die erste
zu bezeichnen, den Namen Zeiger-, und um die letztere zu bezeichnen, den Namen
Schlaguhr hat, sind sie - für ihn - verschiedene Arten. Also der Name und nicht
die innere Einrichtung ist es, was eine neue Art gibt, sonst würde es zu viele
Arten geben. Es gibt Uhren mit vier Bädern und andere mit fünf; einige haben
Schnüre und Spindeln und andere nicht; in einigen geht die Unruhe frei, in
anderen wird sie durch eine Spiralfeder und in noch anderen durch
Schweineborsten in Bewegung gesetzt. Welcher dieser Umstände genügt nun, um
einen spezifischen Unterschied zu bilden? Ich sage: keiner, solange diese Uhren
im Namen übereinkommen.
    Teophilus. Und ich würde es doch behaupten, denn ohne mich bei den
verschiedenen Namen aufzuhalten, würde ich die Verschiedenheiten des Werkes und
vor allem den Unterschied der Unruhen in Erwägung ziehen. Denn seitdem man eine
Springfeder dabei angewendet hat, welche die Bewegungen der Uhr nach den ihrigen
regelt und sie folglich gleichmässiger macht, haben sich die Taschenuhren ganz
umgewandelt und sind unvergleichlich richtiger geworden. Ich habe früher einmal
sogar auf ein anderes Prinzip der Gleichmässigkeit aufmerksam gemacht, das man
auf die Uhren anwenden konnte.
    Philaletes. Will jemand Einteilungen machen, welche auf die ihm bekannten
Unterschiede in der inneren Gestaltung sich gründen, so kann er es tun; das
würden indessen nicht verschiedene Arten sein für Leute, welche jenen inneren
Bau nicht kennen.
    Teophilus. Ich sehe nicht ein, warum man bei Ihnen die Vermögen, die
Wahrheiten und die Arten von unserer Meinung oder Erkenntnis abhängig machen
will. Sie liegen in der Natur, mögen wir es nun wissen und anerkennen oder
nicht. Wollte man sich anders ausdrücken, so würde man die Namen der Dinge und
den angenommenen Sprachgebrauch ohne Not ändern. Bis jetzt haben die Menschen
immer geglaubt, dass es verschiedene Arten von Uhren gibt, ohne sich darum zu
bekümmern, worin die Verschiedenheit derselben besteht, und wie man sie nennen
könnte.
    Philaletes. Gleichwohl haben Sie kurz vorher anerkannt, dass, wenn man die
physischen Arten nach der äusseren Erscheinung unterscheiden will, man dabei mit
willkürlicher Beschränkung verfährt, so wie man es gerade zweckmässig findet,
d.h. je nachdem man den Unterschied mehr oder weniger bedeutend findet, und nach
dem Gesichtspunkt, welchen man hat. Auch haben Sie sich selbst des Vergleichs
mit Gewichten und Massen bedient, welche man nach dem Belieben der Menschen
regelt und benennt.
    Teophilus. Jawohl, seitdem ich Sie zu verstehen angefangen habe. Zwischen
den spezifischen Unterschieden bloss logischer Art, zu denen die geringste
Änderung einer anwendbaren Definition, so zufällig sie sein mag, genügt, und den
spezifischen Unterschieden, die bloss physisch sind und sich auf das Wesentliche
oder Unveränderliche gründen, kann man ein Mittelding setzen, das sich aber
freilich nicht genau bestimmen lässt; man richtet sich dann nach den wichtigsten
Erscheinungen, die nicht gänzlich unwandelbar sind, sich aber auch nicht leicht
ändern, indem die eine sich dem Wesentlichen mehr als die andere nähert. Da nun
ein Kenner weiter gehen kann, als ein anderer, so scheint die Sache freilich
willkürlich und hinsichtlich der Menschen relativ; auch erscheint es bequem, die
Namen nach diesen hauptsächlichen Verschiedenheiten einzurichten. Man könnte
also auch sagen, dass dies spezifische Unterschiede des bürgerlichen Lebens und
nominelle Arten sind, die man nicht verwechseln muss, was ich vorher
Nominaldefinitionen genannt habe, welche bei den spezifischen Unterschieden
sowohl logischer wie physischer Art vorkommen. Übrigens können ausser dem
gewöhnlichen Sprachgebrauch die Gesetze selbst zu Wortbedeutungen berechtigen,
und dann würden die Arten gesetzliche werden, wie in denjenigen Verträgen,
welche man nominati nennt, d.h. solchen, die auf einen besonderen Namen gehen.
Dies ist so, wie wenn das römische Recht die Mannbarkeit mit zurückgelegtem
vierzehnten Jahr anfangen lässt. Diese ganze Erwägung ist zwar nicht zu
verachten, indessen sehe ich nicht ein, dass sie hier von grossem Nutzen ist, denn
ausserdem, dass Sie dieselbe mitunter da, wo sie gewiss keinen hatte, angewendet zu
haben scheinen, wird man ungefähr die nämliche Wirkung auch erreichen, wenn man
erwägt, dass es von den Menschen abhängt, so weit als sie es angemessen finden,
in den Unterabteilungen weiterzugehen, um von noch weitergehenden Unterschieden
abzusehen, ohne dass man sie zu leugnen nötig hat; und dass es auch von ihnen
abhängt, das Gewisse für das Ungewisse zu wählen, um Begriffe und Masse dadurch,
dass man ihnen Namen gibt, festzusetzen.
    Philaletes. Ich freue mich, dass wir jetzt einander viel näher gekommen
sind, als den Anschein hatte. § 41. Sie werden mir auch, wie ich sehe, gegen die
Ansicht gewisser Philosophen zugegeben, dass die Werke der Kunst, ebensogut wie
die der Natur, Arten bilden, § 42. aber bevor wir die Namen der Substanzen
verlassen, will ich noch hinzusetzen, dass von allen unseren verschiedenen
Vorstellungen die der Substanzen allein eigene oder individuelle Namen haben,
denn es geschieht selten, dass die Menschen nötig hätten, eine individuelle
Eigenschaft oder irgend eine andere individuelle Zufälligkeit häufig zu
erwähnen. Ausserdem vergehen die individuellen Handlungen sogleich, und die dabei
stattfindende Kombination der Umstände dauert nicht, so wie bei den Substanzen
der Fall ist.
    Teophilus. Es gibt indessen Fälle, wo wir uns eines individuellen Akzidens
erinnern müssen, und man ihm eine Bezeichnung gegeben hat; somit ist ihre Regel
im ganzen genommen richtig; aber sie erleidet Ausnahmen, deren uns die Religion
liefert: So feiern wir z.B. jährlich das Andenken an die Geburt Jesu Christi;
die Griechen nannten diese Begebenheit Teogonie und die Anbetung der Weisen
Epiphanie. So nannten die Hebräer Passah das Fest von dem Umgang des Engels,
welcher die Erstgeburt der Ägypter tötete, ohne die der Hebräer anzurühren,
wovon sie das Andenken alle Jahre feiern mussten. Was die Arten der künstlich
erzeugten Dinge betrifft, so haben die scholastischen Philosophen sie unter ihre
Prädikamente aufzunehmen Bedenken getragen. Aber ihre Bedenklichkeit war dabei
kaum nötig, weil jene Tafeln der Prädikamente eben dazu dienen sollten, eine
allgemeine Musterung unserer Vorstellungen in liefern. Es ist indessen nützlich,
den Unterschied zwischen den vollständigen Substanzen und denjenigen
Verbindungen der Substanzen (aggregata) zu erkennen, welche durch die Natur oder
durch die menschliche Kunst zusammengesetzte substantielle Wesen sind. Denn die
Natur liefert auch solche Verbindungen, wie z.B. die Körper, deren Mischung, um
die Sprache unserer Philosophen zu reden, unvollkommen ist (imperfecte mixta),
die kein unum per se bilden und keine vollkommene Einheit in sich darstellen.
Meiner Meinung nach sind freilich die vier von ihnen »Elemente« genannten
Körper, welche sie für einfach hielten, und die Salze, Metalle und andere
Körper, welche sie für vollständig vermischt hielten und denen sie ihre
sogenannten Temperamente beimassen, auch kein unum per se, um so weniger, als man
urteilen muss, dass sie nur dem Scheine nach einförmig und gleichartig sind, und
selbst ein in sich gleichartiger Körper darum doch eine Mischung sein mag. Die
vollkommene Einheit muss mit einem Wort den beseelten oder mit ursprünglichen
Entelechien begabten Körpern allein zugeschrieben werden; denn diese Entelechien
haben mit den Seelen Analogie und sind auch unteilbar und unvergänglich wie sie;
ich habe auch sonst schon das Urteil ausgesprochen, dass ihre organischen Körper
in der Tat Maschinen sind, welche aber die künstlichen von unserer Erfindung so
weit übertreffen, als der Erfinder der natürlichen uns übertrifft. Denn diese
natürlichen Maschinen sind so unvergänglich wie die Seelen selbst, und mit der
Seele besteht auch immer der Organismus; wie, um mich durch ein ganz
lächerliches Gleichnis besser zu erklären, wenn man Harlekin auf dem Teater
entkleiden wollte, aber damit nicht Zustandekommen könnte, weil er ich weiss
nicht wie viel Kleider anhätte. Freilich sind diese ins Unendliche gehenden
Entwicklungen der organischen Körper, die in einem lebendigen Wesen stecken,
nicht so einander gleich und nicht so aufeinander passend, wie Kleidungsstücke,
da die Kunst der Natur von einer ganz anderen Feinheit ist. Aus alledem erkennen
wir, dass die Philosophen durchaus nicht unrecht gehabt haben, zwischen den
Werken der Kunst und den mit einer wahrhaften Einheit begabten natürlichen
Körpern einen so grossen Unterschied zu machen. Aber unserer Zeit erst war es
vorbehalten, dies Geheimnis zu entüllen und dessen Wichtigkeit und Folgen
begreiflich zu machen, um die natürliche Teologie und das, was man die Lehre
vom Geist nennt, in einer Weise zu begründen, die in der Tat natürlich und dem,
was wir erfahrungsmässig feststellen und verstehen können, entsprechend ist,
welche uns ferner von den wichtigen Betrachtungen nichts verloren gehen lässt,
die jene Wissenschaften liefern müssen oder sie vielmehr im Werte erhöht, wie
durch das System der vorherbestimmten Harmonie geschieht. Besser als so, glaube
ich, können wir diese lange Besprechung über die Namen der Substanzen nicht
enden.
 
                                  Kapitel VII.
                            Von den Umstandswörtern
    § 1. Philaletes. Ausser den Worten, welche dazu dienen, die Vorstellungen zu
benennen, hat man solche nötig, welche den Zusammenhang der Vorstellungen oder
der Sätze bezeichnen. Das ist, das ist nicht, sind die allgemeinen Zeichen der
Bejahung oder der Verneinung. Der Geist verbindet aber ausser den Gliedern der
Sätze noch ganze Sentenzen oder Sätze, § 2. indem er sich derjenigen Worte
bedient, welche diesen Zusammenhang der verschiedenen Bejahungen und
Verneinungen ausdrücken und Umstandswörter genannt werden. In deren richtigem
Gebrauch besteht hauptsächlich die Kunst des Wohlredens. Damit also die
Schlussfolgerungen metodische Folgerichtigkeit haben, braucht man Ausdrücke,
welche den Zusammenhang, die Einschränkung, den Unterschied, den Gegensatz, den
Nachdruck usw. zeigen. Und wenn man sich dabei irrt, verwirrt man den
Zuhörenden.
    Teophilus. Ich gestehe, dass die Umstandswörter von grossem Nutzen sind, aber
ob die Kunst des Wohlredens auf ihnen hauptsächlich beruht, weiss ich doch nicht.
Wenn jemand nur Aphorismen gäbe oder abgerissene Tesen, wie auf den
Universitäten oft geschieht, oder bei dem, was bei den Juristen artikuliertes
Libell genannt wird, oder wie in den den Zeugen vorgelegten Artikeln, so wird
man, wenn man nur die Sätze gut ordnet, fast dieselbe Wirkung erzielen, um sich
verständlich zu machen, als wenn man Verbindungen und Umstandswörter beigefügt
hätte; denn der Leser ergänzt sie dabei. Dagegen gestehe ich, dass er verwirrt
werden würde, wenn man die Umstandswörter schlecht anwenden wollte, und zwar
viel mehr, als wenn man sie ausliesse. Auch scheinen mir die Umstandswörter nicht
allein die Teile der aus Sätzen bestehenden Rede und die aus Vorstellungen
bestehenden Teile des Satzes zu verbinden, sondern auch die Teile der auf
verschiedene Arten durch die Kombination anderer Vorstellungen gebildeten
Vorstellung. Und zwar wird diese letztere Verknüpfung durch die Präpositionen
bezeichnet, während die Adverbien auf Bejahung und Verneinung im Zeitwort
Einfluss üben, und die Bindewörter zur Verbindung verschiedener Bejahungen oder
Verneinungen dienen. Aber das alles haben Sie ohne Zweifel schon selbst bemerkt,
wenn auch Ihre Worte anders zu lauten scheinen.
    § 3. Philaletes. Der die Umstandswörter behandelnde Teil der Grammatik ist
weniger bearbeitet, als der, welcher die Fälle, die Geschlechter, die Modi, die
Zeiten, die Gerundien und Supina der Reihe nach darstellt. Allerdings hat man in
einigen Sprachen auch die Umstandswörter mittels bestimmter Untereinteilungen
mit scheinbar grosser Genauigkeit unter Titel gebracht. Aber diese Listen
durchzulaufen, genügt noch nicht; man miss über seine eigenen Gedanken
reflektieren, um die Formen, welche der Geist beim Denken gebraucht, zu
beobachten, denn die Umstandswörter sind ganz ebensogut Merkzeichen der
geistigen Tätigkeit.
    Teophilus. Allerdings ist die Lehre von den Umstandswörtern wichtig, und
ich wünsche, man möchte sie mehr im einzelnen bearbeiten. Denn nichts würde
geeigneter sein, die verschiedenen Formen des Verstandes erkennbar zu machen.
Die Geschlechter bedeuten für die philosophische Grammatik nichts, die Kasus
aber entsprechen den Präpositionen, und oft steckt die Präposition im Worte
selbst und ist davon gleichsam verschlungen, und sind andere Umstandswörter in
den Flexionen der Verba versteckt.
    § 4. Philaletes. Um die Umstandswörter richtig zu erklären, genügt es nicht
(wie man in einem Wörterbuche häufig es macht), sie mit den Worten einer anderen
Sprache, die ihnen am nächsten kommen, zu übersetzen, weil es ebenso schwer ist,
ihren genauen Sinn in der einen Sprache wie in der anderen zu begreifen, und
ausserdem die Bedeutungen der verwandten Wörter beider Sprachen nicht immer genau
dieselben sind und auch in derselben Sprache wechseln. Ich erinnere mich, dass es
in der hebräischen Sprache ein Umstandswort von einem einzigen Buchstaben gibt,
von dem man mehr als fünfzig Bedeutungen aufzählt.
    Teophilus. Es haben sich Gelehrte damit befasst, Abhandlungen über die
Umstandswörter des Lateinischen, Griechischen und des Hebräischen zu machen, und
der berühmte Jurist Strauchius hat ein Buch eigens über den Gebrauch der
Umstandswörter in der Jurisprudenz geschrieben, wo die Bedeutung von nicht
geringem Gewicht ist Indessen findet man, dass man sie gewöhnlich mehr durch
Beispiele und Synonyme zu erklären versucht, als durch deutliche Begriffe. Auch
kann man nicht immer für sie eine allgemeine oder formelle Bedeutung, wie der
verstorbene Bohlius es nannte, die allen Beispielen Genüge leisten könnte,
finden; aber dessenungeachtet könnte man immer alle Gebrauchsarten eines Wortes
auf eine beschränkte Zahl von Bedeutungen zurückführen. Und das eben müsste
geschehen.
    § 5. Philaletes. In der Tat übertrifft die Zahl der Bedeutungen die der
Umstandswörter bedeutend. Im Englischen hat das Wörtchen but sehr verschiedene
Bedeutungen: 1. wenn ich sage: but to say no more, so bedeutet das: aber um
nicht mehr zu sagen, als wenn dieses Umstandswort bezeichnete, dass der Geist in
seinem Fortschritt anhielte, nachdem er seinen Lauf eröffnet hatte. Aber wenn
ich sage: 2. I saw but two planets, d.h. ich sah nur zwei Planeten, so schränkt
der Geist den Sinn dessen, was er sagen will, auf das gerade Ausgedrückte mit
Ausschluss alles übrigen ein. Und wenn ich sage: 3. you pray, but it is not, tat
God would bring you to the true religion, but tat he would confirm you in your
own, d.h. »Ihr bittet Gott, aber nicht, dass er Euch zur Erkenntnis der wahren
Religion bringen wolle, sondern in der eurigen befestige«, so bezeichnet das
eiste dieser but oder aber eine Voraussetzung im Geiste, die anders ist, als sie
sein sollte, und die zweite zeigt, dass der Geist einen direkten Gegensatz
zwischen dem Folgenden und dem Vorausgehenden setzt. 4. All animals have sense,
but a dog is an animal, d.h. alle Tiere haben Empfindung, nun ist der Hund ein
Tier. Da, bezeichnet die Partikel die Verbindung des Untersatzes mit dem
Obersatze.
    Teophilus. Das französische mais kann in allen diesen Fällen, den zweiten
ausgenommen, dafür gesetzt werden; das deutsche »allein« aber, als Partikel
genommen, welches eine Mischung von mais und seulement bedeutet, kann
zweifelsohne an Stelle des but in allen jenen Beispielen, das letzte
ausgenommen, wo man noch ein wenig zweifelhaft sein könnte, gesetzt werden. Auch
wird mais im Deutschen bald durch aber, bald durch sondern wiedergegeben,
welches letztere eine Trennung oder Scheidung bezeichnet und sich dem
Umstandswort allein annähert.
    Um die Umstandswörter richtig zu erklären, genügt es nicht, eine abstrakte
Erklärung davon zu geben, wie wir hier eben getan haben, sondern man muss zu
einer Umschreibung schreiten, welche an ihre Stelle gesetzt werden kann, wie die
Definition an Stelle des Definierten treten kann. Wenn man sich bemühen wollte,
diese stellvertretenden Umschreibungen bei allen Umstandswörtern, so weit sie
dessen fähig sind, zu suchen und festzusetzen, so würde man ihre Bedeutungen
damit bestimmen. Versuchen wir in unseren Tier Beispielen uns dem zu nähern. Im
ersten will man sagen: Bis jetzt soll bloss von dem geredet sein und nicht mehr (
non più); im zweiten: Ich sah nur zwei Planeten und nicht mehr; im dritten: Ihr
bittet Gott nur darum, nämlich, in eurer Religion befestigt zu werden, und nicht
mehr usw.; im vierten, als wenn man sagte: Alle Tiere haben Empfindungen, das
allein hat man in Betracht zu ziehen und braucht nicht mehr. Der Hund ist ein
Tier, also hat er Empfindung. Somit bezeichnen alle diese Beispiele
Beschränkungen und ein Non plus ultra, sei es in den Dingen, sei es in der Rede.
Auch bedeutet but ein Ende, eine Grenze des Laufes, wie wenn man sagte: Halt, da
sind wir, wir sind bei unserem But angelangt. But, Bute ist ein altes deutsches
Wort, welches etwas Festes, einen Standort bedeutet. Beuten (ein veraltetes
Wort, welches sich noch in einigen Kirchengesängen findet) heisst verweilen. Das
mais hat seinen Ursprung von magis, wie wenn jemand sagen wollte: »Was das
weitere angeht, so muss man das lassen«, was so viel ist, als sagen: es braucht
nicht mehr, es ist genug, kommen wir zu etwas anderem, oder das ist etwas
anderes. Da aber der Sprachgebrauch auf wunderliche Art wechselt, so müsste man
mit den Beispielen sehr ins einzelne gehen, um die Bedeutungen der
Umstandswörter ordentlich zu bestimmen Im Französischen vermeidet man das
doppelte mais durch ein cependant und würde sagen: Vous priez, cependant ce
n'est pas pour obtenir la vérité, mais pour être confirmé dans votre opinion.
(Ihr bittet, indessen nicht um die Wahrheit zu erlangen, sondern um in eurer
Meinung befestigt zu werden.) Das sed der Lateiner wurde früher oft durch ains
ausgedrückt, welches das anzi der Italiener ist, und die Franzosen haben bei
ihrer Sprachverbesserung dieselbe um einen vorteilhaften Ausdruck gebracht. Z.B.
Il n'y avait rien de sûr, cependant on était persuadé de ce je vous ai mandé,
parce qu'on aime à croire ce qu'on souhaite, mais il s'est trouvé que ce n'était
pas cela, ains plutôt etc.
    § 6. Philaletes. Meine Absicht war, diesen Gegenstand nur ganz leicht zu
berühren. Ich will noch hinzufügen, dass die Umstandswörter oft entweder
beständig oder in einer gewissen Satzbildung den Sinn eines ganzen Satzes
umfassen.
    Teophilus. Wenn das aber ein vollständiger Sinn ist, so geschieht es,
glaube ich, durch eine Art Ellipse; sonst können meiner Ansicht nach die
Ausrufungswörter allein für sich stehen und in einem Wort alles sagen, wie: Ach,
Wehe. Denn wenn man »aber« sagt, ohne etwas anderes hinzuzufügen, so ist es eine
Ellipse, wie um zu sagen: Aber da können wir noch lange warten und brauchen uns
nicht vergeblich etwas vorzureden. Etwas dem Ähnliches gibt es im nisi der
Lateiner; si nisi non esset, wenn es kein Aber gäbe. Übrigens wäre es mir ganz
recht gewesen, wenn Sie auf die Wendungen des Geistes, welche im Gebrauch der
Umstandswörter wunderbar hervortreten, etwas näher eingegangen wären. Aber da
wir Ursache haben, uns mit dem Abschluss dieser Untersuchung der Worte und der
Rückkehr zu den Dingen zu beeilen, so will ich Sie hier nicht weiter aufhalten,
obwohl ich wirklich glaube, dass die Sprachen der beste Spiegel des menschlichen
Geistes sind und eine genaue Analyse der Wortbedeutungen mehr als jedes andere
die Verrichtungen des Verstandes erkennen lassen würde.
 
                                 Kapitel VIII.
                  Von den abstrakten und konkreten Ausdrücken
    § 1. Philaletes. Noch ist zu bemerken, dass die Ausdrücke entweder abstrakt
oder konkret sind. Jede abstrakte Vorstellung ist deutlich, so dass die eine von
zweien niemals die andere sein kann. Der Geist muss durch seine intuitive
Erkenntnis den unterschied zwischen ihnen bemerken, und folglich können niemals
zwei dieser Vorstellungen die eine von der anderen bejaht werden. Jedermann
sieht sogleich die Falschheit dieser Sätze: die Menschheit ist die organische
Wesenheit oder Vernünftigkeit; dies ist von so grosser Evidenz, wie irgend einer
der am allgemeinsten angenommenen Grundsätze.
    Teophilus. Dennoch lässt sich darüber etwas sagen. Man kommt darin überein,
dass die Gerechtigkeit eine Tugend, eine Fertigkeit (habitus), eine Eigenschaft,
ein Akzidens ist usw. Also können zwei abstrakte Ausdrucke voneinander
prädiziert werden. Ich pflege auch noch zwei Arten von Abstrakta zu
unterscheiden. Es gibt abstrakte logische Ausdrücke und auch abstrakte reale
Ausdrücke. Die realen oder wenigstens als solche gedachten Abstrakta sind
entweder Wesenheiten oder Teile von Wesenheiten oder Akzidenzien d.h. der
Substanz Beigelegtes. Die abstrakten logischen Ausdrücke sind auf einen
sprachlichen Ausdruck zurückgebrachte Bezeichnungen, wie wenn ich z.B. sagte:
Mensch sein, organisches Wesen sein, und in diesem Sinne kann man sie einen vom
andern prädizieren und sagen: Mensch sein ist organisches Wesen sein. Aber bei
den Realitäten findet dies nicht statt. Denn man kann nicht sagen, dass die
Menschheit oder Homoität (wenn man will), welche das ganze Wesen des Menschen
ist, die organische Wesenheit ist, da diese nur einen Teil jenes Wesens bildet;
indessen haben diese abstrakten und unvollständigen Wesen, welche durch
abstrakte reale Ausdrücke bezeichnet werden, auch ihre Geschlechter und Arten,
die nicht minder durch abstrakte reale Ausdrücke ausgedrückt werden; also findet
ein Prädizieren unter ihnen statt, wie ich am Beispiele der Gerechtigkeit, der
Tugend gezeigt habe.
    § 2. Philaletes. Man kann immerhin sagen, dass die Substanzen nur wenig
abstrakte Namen haben; man hat in den Schulen kaum von der organischen
Wesenheit, Körperlichkeit geredet. Aber im grossen Publikum hat sich dies nicht
durchgesetzt.
    Teophilus. Weil man diese Ausdrücke nur sehr wenig nötig hatte, um als
Beispiel zu dienen und den allgemeinen Begriff, den nicht gänzlich zu
vernachlässigen geboten war, zu erklären. Wenn die Alten sich des Wortes »
Menschheit« im Sinne der Schule nicht bedienten, so sagten sie: die menschliche
Natur, was dasselbe ist. Auch sagten sie sicherlich Gotteit oder wenigstens
göttliche Natur, und da die Teologen nötig hatten, von diesen beiden Naturen
und realen Akzidenzien in reden, so hat man sich in den philosophischen und
teologischen Schulen mit diesen abstrakten Wesenheiten und vielleicht mehr als
passend war, vertraut gemacht.
 
                                  Kapitel IX.
                       Von der Unvollkommenheit der Worte
    § 1. Philaletes. Wir haben schon von dem doppelten Gebrauch der Worte
geredet. Der eine besteht darin, zur Unterstützung unseres Gedächtnisses,
welches uns mit uns selbst reden macht, unsere eigenen Gedanken einzuprägen; der
andere, mittels der Worte unsere Gedanken anderen mitzuteilen. Diese beiden
Arten des Gebrauchs lassen uns die Vollkommenheit oder Unvollkommenheit der
Worte erkennen. § 2. Wenn wir nur mit uns sprechen, ist es gleichgültig, welche
Worte man anwendet, wenn man sich nur ihres Sinnes erinnert und ihn nicht ändert
Aber (§ 3) der Mitteilungsgebrauch ist noch von zwei Arten, ein bürgerlicher und
ein philosophischer. Der bürgerliche besteht in der Unterhaltung und im Umgange
des bürgerlichen Lebens; der philosophische Gebrauch ist der, dass man Worte
vorbringen muss, um genaue Begriffe anzugehen und gewisse Wahrheiten in
allgemeinen Sätzen auszudrücken.
    Teophilus. Sehr wahr; die Worte sind nicht weniger Merkzeichen (Notae) für
uns, (wie die Zahlen oder algebraischen Zeichen sein konnten) als Zeichen für
andere; und der Gebrauch der Worte als Zeichen findet sowohl dann statt, wenn es
sich darum handelt, die allgemeinen Vorschriften auf das Leben und die
Individuen anzuwenden, als wenn es sich darum handelt, diese Vorschriften zu
finden oder zu bewahrheiten; der erstere Gebrauch der Zeichen ist der
bürgerliche und der zweite der philosophische.
    § 5. Philaletes. Nun ist es schwer, besonders in folgenden Fällen, die von
jedem Wort bezeichnete Vorstellung zu erkennen und zu behalten: 1. wenn diese
Vorstellungen sehr zusammengesetzt sind; 2. wenn diese Vorstellungen, die eine
neue bilden, keinen natürlichen Zusammenhang unter sich haben, so dass es in der
Natur kein festes Mass oder Muster gibt, sie zu berichtigen oder zu regeln; 3.
wenn das Muster nicht leicht zu erkennen ist; 4. wenn die Bedeutung des Wortes
und das wirkliche Wesen nicht genau dasselbe sind. Die Bezeichnungen der Modi
sind dem Zweifel und der Unvollkommenheit mehr um der ersten beiden Gründe
willen ausgesetzt, und die der Substanzen mehr um der beiden letzten willen. §
6. Wenn die Vorstellung der Modi sehr zusammengesetzt ist, wie die der meisten
Ausdrücke in der Moral, so haben sie selten genau dieselbe Bedeutung, wie die
Geister zweier verschiedener Personen. § 7. Auch macht das Fehlen der Muster
diese Art Worte zweideutig. Der, welcher zuerst das Wort »brusquer« (anfahren)
erfunden hat, hat darunter verstanden, was er für entsprechend ansah, ohne dass
die, welche sich desselben wie er bedienten, von dem, was er eigentlich sagen
wollte, sich unterrichtet hätten, und ohne dass er ihnen irgend ein stehendes
Modell gezeigt hätte. § 8. Der allgemeine Gebrauch regelt hinlänglich den Sinn
der Worte für die gewöhnliche Unterhaltung, aber Genauigkeit ist nicht dabei,
und man streitet täglich über die der Eigentümlichkeit der Sprache angemessenste
Bedeutung. Viele Leute reden von Ruhm, und doch gibt es wenige, die sich darüber
miteinander verstehen. § 9. In vieler Munde sind es nur einfache Laute, oder
bleiben wenigstens die Bedeutungen ganz unbestimmt. Und in einer Rede oder einer
Unterhaltung, wo man von der Ehre, dem Glauben, der Gnade, der Religion, der
Kirche redet und vor allem in einer Kontroverse bemerkt man gleich, dass die
Leute verschiedene Begriffe haben, welche sie mit denselben Ausdrücken
verbinden. Und wenn es schwierig ist, den Sinn der Ausdrücke der Menschen
unserer Zeit zu verstehen, so ist die Schwierigkeit noch viel grösser, die alten
Bücher zu verstehen. Das Gute dabei ist, dass man sich dessen entschlagen kann,
ausgenommen, wenn sie das, was wir zu glauben oder zu tun haben, entalten.
    Teophilus. Diese Bemerkungen sind gut; aber was die alten Bücher
anbetrifft, so müssen wir, da wir die heilige Schrift in allen Stücken zu
verstehen nötig haben, und die römischen Gesetze in einem grossen Teil Europas im
Gebrauch sind, eben deswegen eine Menge anderer alter Bücher zu Bäte ziehen, die
Rabbiner, die Kirchenväter, sogar die Profanhistoriker. Übrigens verdienen auch
die alten Ärzte vernommen zu werden. Die Ausübung der Heilkunst der Griechen ist
von den Arabern bis zu uns gekommen; das Quellwasser ist in den Bächen der
Araber getrübt und in vielen Dingen wieder geklärt worden, nachdem man
angefangen hat, auf die alten Griechen selbst wieder zurückzugehen. Indessen
sind diese Araber darum doch nützlich, und man versichert z.B., dass Ebenbitar,
der in seinen Büchern über die Heilmittel Dioscorides ausgeschrieben hat, oft
ihn zu erklären dient. Auch finde ich, dass nach der Religion und Geschichte
besonders in der Medizin, soweit sie empirisch ist, die schriftlich erhaltene
Überlieferung der Alten und überhaupt die Bemerkungen anderer nützlich sein
können. Darum habe ich immer die noch mit der Kenntnis des Altertums vertrauten
Ärzte sehr verehrt, und hat es mir sehr leid getan, dass der in beiden Fächern
ausgezeichnete Reinesius sich mehr dazu gewendet hat, die Gebräuche und
Geschichten der Alten aufzuhellen, als einen Teil ihrer Naturerkenntnis wieder
herzustellen, was ihm, wie er gezeigt hat, ganz ausnehmend gut gelungen sein
würde. Wenn die Lateiner, Griechen, Hebräer und Araber einmal ausgebeutet sein
werden, werden die mit alten Werken noch versehenen Chinesen an die Reihe kommen
und der Wissbegierde unserer Kritiker Stoff geben. Ohne noch von gewissen alten
Büchern der Perser, der Armenier, der Kopten und Brahmanen zu reden, die man mit
der Zeit aus der Verborgenheit ziehen wird, um keine Aufklärung zu
vernachlässigen, welche das Altertum durch die Überlieferung der Lehrmeinungen
und die Geschichte der Tatsachen liefern kann. Und wenn es kein altes Buch mehr
zu prüfen geben wird, werden die Sprachen die Stelle der Bücher einnehmen, denn
sie sind die ältesten Denkmale des menschlichen Geschlechts. Man wird mit der
Zeit alle Sprachen des Weltalls buchen, sie in Wörterbücher und Grammatiken
bringen und miteinander vergleichen, was von sehr grossem Nutzen, sowohl zur
Erkenntnis der Dinge sein wird, weil die Namen oft deren Eigenschaften
entsprechen, wie man an den Benennungen der Pflanzen bei den verschiedenen
Völkern sieht, als auch zur Erkenntnis unseres Geistes und der wunderbaren
Mannigfaltigkeit seiner Verrichtungen. Nicht zu reden von dem Ursprung der
Völker, den man mittels begründeter Etymologien, welche die Sprachvergleichung
am besten liefern kann, erkennen wird. Aber davon habe ich bereits gesprochen.
    Alles dies lässt ferner den Nutzen und den Wirkungskreis der Kritik erkennen,
die bei manchen sonst gescheiten Philosophen wenig in Ansehen steht. Diese
suchen sich darüber zu erheben, indem sie mit Verachtung von der Rabbinage und
überhaupt der Philologie sprechen. Man sieht auch, dass die Kritiker noch lange
Zeit Stoff finden werden, sich mit Nutzen zu üben, und sie würden gut tun, sich
nicht allzusehr mit Kleinigkeiten die Zeit zu vertreiben, da sie so viel mehr
anmutende Gegenstände zu behandeln haben. Freilich weiss ich wohl, dass auch die
Kleinigkeiten bei den Kritikern sehr oft notwendig sind, um die wichtigsten
Erkenntnisse zu entdecken. Und da die Kritik sich grossenteils auf die Bedeutung
der Worte und die Auslegung der Schriftsteller, vor allem der Alten, bezieht, so
hat diese unsere Besprechung der Worte, verbunden mit der von Ihnen getanen
Erwähnung der Alten, mich diesen wichtigen Punkt zu berühren veranlasst.
    Um aber auf Ihre vier Mängel der Bezeichnung zurückzukommen, so muss ich
Ihnen sagen, dass man sie alle beseitigen kann, vor allem, seitdem die Schrift
erfunden ist, und dass sie nur unserer Nachlässigkeit wegen da sind. Denn es
hängt von uns ab, die Bezeichnungen wenigstens in irgend einer Gelehrtensprache
festzustellen und sich darüber zu verständigen, um vor allen Dingen jenen Turm
von Babel zu zerstören. Aber zwei Fehler gibt es, die zu heilen schwieriger sein
dürfte, wovon der eine in der uns treffenden Unsicherheit besteht, ob
Vorstellungen einstimmig sind, wenn die Erfahrung sie uns nicht alle in dem
nämlichen Gegenstande verbunden liefert, der andere in der Notwendigkeit, von
den sinnlichen Dingen vorläufige Definitionen zu machen, wenn man noch nicht
genug Erfahrungen hat, um vollständigere Definitionen davon zu haben. Ich habe
indessen schon mehr als einmal von dem einen wie von dem anderen dieser Mängel
gesprochen.
    Philaletes. Ich gehe dazu über, Ihnen anzugeben, was noch dazu dienen kann,
die von Ihnen eben bezeichneten Mängel in gewisser Weise aufzuhellen. Der dritte
der von mir bezeichneten Mängel ist, wie mir scheint, die Ursache, dass jene
Definitionen vorläufige sind; wenn wir nämlich unsere sinnlichen Muster nicht
genug erkennen d.h. die substantiellen Wesen körperlicher Natur. Dieser Mangel
macht auch, dass wir nicht wissen, ob es erlaubt ist, die sinnlichen
Eigenschaften, welche die Natur nicht verbunden hat, zu verbinden, weil man sie
nämlich nicht bis auf den Grund versteht. Wenn nun die Bedeutung der Worte,
welche für die zusammengesetzten Modi dienen, aus Mangel an Mustern, welche
dieselbe Zusammensetzung zeigen, zweifelhaft ist, so ist die der Worte für die
substantiellen Wesen aus einem ganz entgegengesetzten Grunde zweifelhaft, weil
sie nämlich das bezeichnen müssen, was als der Realität der Dinge entsprechend
vorausgesetzt wird und sich auf von der Natur gebildete Muster bezieht.
    Teophilus. Ich habe schon mehr als einmal in unseren früheren
Unterhaltungen bemerkt, dass dies für die Vorstellungen der Substanzen nicht
wesentlich ist, gestehe aber, dass die der Natur nachgebildeten Vorstellungen die
zuverlässigsten und nützlichsten sind.
    § 12. Philaletes. Wenn man also den ganz und gar von der Natur gemachten
Mustern folgt, ohne dass die Phantasie etwas anderes nötig hat, als deren
Abbilder zu behalten, so haben die Worte für die substantiellen Wesen, wie ich
schon gezeigt habe, im gewöhnlichen Gebrauch eine doppelte Beziehung. Die erste
ist, dass sie die innere und reale Bildung der Dinge bezeichnen; das Muster davon
kann jedoch nicht erkannt werden und folglich auch nicht dazu dienen, die
Bedeutungen zu regeln.
    Teophilus. Darum handelt es sich hier nicht, weil wir von den Vorstellungen
sprechen, von welchen wir Muster haben; die innere Wesenheit ist in der Sache,
es muss aber zugegeben werden, dass sie nicht als Prägstock dienen könne.
    § 13. Philaletes. Die zweite Beziehung ist also die, welche die Namen der
substantiellen Wesen unmittelbar auf die einfachen Vorstellungen haben, die
zugleich in der Substanz sind. Aber da die Zahl dieser in dem nämlichen Subjekt
vereinigten Vorstellungen gross ist, werden, indem man von demselben Subjekt:
spricht, sehr verschiedene Vorstellungen davon gebildet, sowohl durch die
verschiedene Verknüpfung der gebildeten einfachen Vorstellungen, als weil der
grösste Teil der Eigenschaften der Körper die von diesen besessenen Kräfte sind,
Veränderungen in anderen Körpern hervorzubringen und deren zu empfangen, wie
dies z.B. diejenigen Veränderungen bezeugen, welche eines der niedrigsten
Metalle durch die Wirkungen des Feuers zu erleiden fähig ist, und deren es noch
viel mehr unter den Händen eines Chemikers durch die Anwendung anderer Körper
empfängt. Übrigens begnügt der eine sich mit dem Gewicht und der Farbe bei der
Erkenntnis des Goldes, während der andere noch die Dehnbarkeit und die
Feuerfestigkeit dazu nimmt, der dritte aber noch in Betracht ziehen will, dass
man es in Königswasser auflösen kann.
    § 14. Da die Dinge auch häufig Ähnlichkeit unter sich haben, so ist es
mitunter schwer, die Verschiedenheiten genau zu bezeichnen.
    Teophilus. Da die Körper hauptsächlich dem unterworfen sind, verändert,
versteckt, verfälscht, nachgemacht zu werden, so ist es eine grosse Hauptsache,
sie unterscheiden und wiedererkennen zu können. Das Gold versteckt sich in der
Auflösung, aber man kann es daraus zurückerhalten, sei es durch Präzipitation,
sei es durch Destillation des Wassers; und das nachgemachte oder falsche Gold
wird durch die Kunst der Probierer erkannt oder gereinigt, die, weil sie nicht
der ganzen Welt bekannt ist, uns der Verwunderung darüber entebt, dass die
Menschen nicht alle dieselbe Vorstellung vom Golde haben. Und gewöhnlich sind es
nur die Sachkundigen, welche von den Dingen ganz richtige Vorstellungen haben.
    § 15. Philaletes. Gleichwohl richtet diese Verschiedenheit im bürgerlichen
Verkehr nicht so viel Unordnungen an, als in den wissenschaftlichen
Untersuchungen.
    Teophilus. Sie würde erträglicher sein, wenn sie nicht auf die Praxis
Einfluss hätte, wo es oft wichtig ist, nicht ein Quiproquo zu bekommen und also
die Merkzeichen der Dinge zu kennen oder Leute, welche sie kennen, bei der Hand
zu haben. Und das ist vor allem wichtig hinsichtlich der Drogen und kostbarer,
bei wichtigen Vorfällen nötiger Stoffe. Die wissenschaftliche Unordnung lässt
sich mehr beim Gebrauch der allgemeinen Ausdrücke bemerken.
    § 18. Philaletes. Die Namen der einfachen Vorstellungen sind der
Zweideutigkeit weniger unterworfen, und selten täuscht man sich über die
Ausdrücke für Weiss, Bitter usw.
    Teophilus. Dennoch bleibt es wahr, dass diese Ausdrücke nicht ganz frei von
Unsicherheit sind, und ich habe schon das Beispiel der einander nahestehenden
Farben angemerkt, welche sich auf den Grenzen zwischen zwei Grundfarben befinden
und deren Grundfarbe ungewiss ist.
    § 19. Philaletes. Nächst den Namen der einfachen Vorstellungen sind die der
einfachen Modi am wenigsten ungewiss, wie z.B. die der Figuren und der Zahlen.
Aber (§ 20) die zusammengesetzten Modi und die Substanzen verursachen die ganze
Schwierigkeit. § 21. Man könnte sagen, dass statt den Namen die Schwierigkeiten
zuzuschreiben, man sie vielmehr auf Rechnung unseres Verstandes setzen müsse,
ich antworte aber, dass die Worte sich dergestalt zwischen unseren Geist und die
Wahrheit der Dinge einschieben, dass man die Worte mit dem Mittel vergleichen
kann, durch welches die Strahlen der sichtbaren Gegenstände hindurchgehen, und
das oft vor unseren Augen Nebel verbreitet. Ich bin daher zu glauben geneigt,
dass wenn man die Unvollkommenheiten der Sprache gründlicher prüfen wollte, der
grösste Teil der Streitigkeiten von selbst wegfiele, und der Weg der Erkenntnis
und vielleicht des Friedens den Menschen offener werden wurde.
    Teophilus. Ich glaube, man könnte damit bei Verhandlungen schon jetzt
schriftlich zustande kommen, wenn die Leute über gewisse Regeln miteinander
Übereinkommen und sie sorgfältig ausführen wollten. Aber um mündlich und
schlagfertig in gründlicher Weise vorschreiten zu können, würde es einer
Veränderung in der Sprache bedürfen. Übrigens habe ich mich mit dieser
Untersuchung beschäftigt.
    § 22. Philaletes. Ehe diese Reform, welche nicht so bald eintreten wird,
zustande kommt, sollte diese Unbestimmteit der Worte uns lehren, gemässigt zu
sein, besonders wenn es sich darum handelt, anderen den Sinn, welchen wir den
alten Schriftstellern zuschreiben, anzubefehlen, weil es bei den griechischen
Schriftstellern sich findet, dass beinahe jeder von ihnen eine besondere Sprache
redet.
    Teophilus. Ich bin vielmehr erstaunt gewesen zu sehen, dass griechische
Schriftsteller, hinsichtlich der Zeiten und Orte so weit voneinander entfernt,
wie Homer, Herodot, Strabo, Plutarch, Lucian, Eusebius, Procopius, Photius,
einander so nahe kommen, statt dass die Lateiner so viel geändert haben und noch
mehr die Deutschen, Engländer und Franzosen. Der Grund davon ist, dass die
Griechen seit der Zeit Homers und mehr noch, als die Stadt Aten in einem
blühenden Zustande war, gute Schriftsteller gehabt haben, welche die späteren
wenigstens beim Schriftstellern sich zum Muster genommen haben. Denn ohne
Zweifel musste die Volkssprache der Griechen schon unter der Herrschaft der Römer
sehr verändert sein, und eben dieser Grund macht, dass das Italienische nicht so
sehr wie das Französische sich verändert hat, weil die Italiener, die früher
Schriftsteller von dauerndem Ruhm gehabt, Dante, Petrarca, Boccaccio und andere
Autoren nachgeahmt haben und noch verehren - zu einer Zeit, wo die der Franzosen
sich nicht sehen lassen dürfen.
 
                                   Kapitel X.
                            Vom Missbrauch der Worte
    § 1. Philaletes. Ausser den natürlichen Unvollkommenheiten der Sprache gibt
es deren noch willkürliche, die aus der Nachlässigkeit stammen. Man missbraucht
die Worte, wenn man sie schlecht anwendet. Der erste und sichtbarste Missbrauch
ist, § 2 dass man keine klare Vorstellung damit verbindet. Was diese Art Worte
anbetrifft, so gibt es deren zwei Arten. Die einen haben niemals eine bestimmte
Vorstellung entalten, weder ihrem Ursprunge noch ihrem gewöhnlichen Gebrauch
nach. Die meisten Sekten in der Philosophie und Religion haben dergleichen
eingeführt, um irgend eine seltsame Meinung aufrechtzuerhalten oder irgend einen
schwachen Punkt ihres Systems zu verbergen. Dennoch sind dies die
unterscheidenden Charaktermerkmale im Munde der Parteigänger. § 3. Es gibt
(zweitens) andere Worte, welche in ihrem ersten und gewöhnlichen Gebrauch eine
klare Vorstellung erhalten haben, die man hinterher aber sehr wichtigen
Gegenständen zugeeignet hat, ohne mit ihnen irgend eine bestimmte Vorstellung zu
verbinden. Auf diese Weise sind die Worte Weisheit, Ruhm, Gnade oft im Munde der
Menge.
    Teophilus. Ich glaube, es gibt nicht so viel bedeutungsvolle Worte, wie man
denkt, und man kann mit ein wenig Sorgfalt und gutem Willen entweder die Leere
darin ausfüllen oder die Unbestimmteit festmachen. Die Weisheit scheint nichts
anderes zu sein, als die Wissenschaft des Glückes. Die Gnade ist ein denjenigen
verliehenes Gut, welche es nicht verdient haben, sich aber in einem Zustande
befinden, wo sie desselben bedürfen. Und der Ruhm ist der Ruf der
Vortrefflichkeit eines Menschen.
    § 4. Philaletes. Ich will jetzt nicht untersuchen, ob über diese
Definitionen etwas zu sagen ist, um lieber die Ursachen des Missbrauchs der Worte
anzumerken. Zuerst lernt man die Worte früher kennen, ehe man die zu ihnen
gehörigen Vorstellungen kennen lernt, und die von der Wiege an daran gewöhnten
Kinder bedienen sich ihrer ebenso während ihres ganzen Lebens, um so mehr, als
sie nicht umhin können, sich im Gespräch hören zu lassen, ohne jemals ihre
Vorstellung befestigt zu haben, indem sie sich verschiedener Ausdrücke bedienen,
um den anderen das, was sie sagen wollen, begreiflich zu machen. Dies füllt
insofern oft ihr Gespräch mit einer Menge leeren Schalles, besonders im Fache
der Moral. Die Menschen nehmen die Worte, welche sie im Gebrauche bei ihren
Nächsten vorfinden, um nicht als unwissend hinsichtlich dessen zu erscheinen,
was sie bedeuten, und wenden sie mit Zuversicht an, ohne ihnen einen bestimmten
Sinn beizulegen: und wie in dieser Art der Unterhaltung ihnen selten widerfährt,
dass sie recht haben, so werden sie auch selten überzeugt, dass sie unrecht haben,
und sie aus dem Irrtum reissen, heisst einem Vagabunden Besitztum nehmen wollen.
    Teophilus. In der Tat nimmt man sich so selten die Mühe, welche man sich
doch geben müsste, ein Verständnis der Ausdrücke oder Worte zu erzielen, dass ich
mich mehr als einmal gewundert habe, wie die Kinder so schnell die Sprache
lernen können, und wie die Menschen noch so richtig reden; in Anbetracht, dass
man sich so wenig bemüht, die Kinder in ihrer Muttersprache zu unterrichten, und
auch die übrigen so wenig daran denken, klare Definitionen sich zu verschaffen,
während diejenigen, welche man in den Schulen lernt, gewöhnlich nicht die Worte,
welche im öffentlichen Gebrauch sind, betreffen. Übrigens gestehe ich, dass es
den Menschen häufig widerfährt, selbst dann unrecht zu haben, wann sie ernstlich
streiten und ihrer Überzeugung gemäss reden; indessen habe ich auch oft genug
bemerkt, dass sie in ihren spekulativen Streitigkeiten über Dinge, welche sie zu
beurteilen imstande sind, alle von beiden Seiten recht haben, ausgenommen in den
Gegensätzen, welche sie widereinander geltend machen, wo sie die Ansicht des
Gegners falsch verstehen. Dies kommt vom üblen Gebrauch der Ausdrücke und auch
mitunter von dem Widerspruchsgeist und der Selbstüberhebung her.
    § 5. Philaletes. Zweitens ist der Gebrauch der Worte mitunter unbeständig;
das kommt unter den Gelehrten nur zu oft vor. Indessen ist das eine offenbare
Täuschung, und wenn sie mit Willen geschieht, eine Narrheit oder Bosheit. Wenn
jemand in seinen Rechnungen so verfahren wollte, z.B. ein X für ein V zu nehmen,
wer würde dann noch mit ihm zu tun haben wollen?
    Teophilus. Da dieser Missbrauch nicht allein unter den Gelehrten, sondern
auch in der grossen Welt so allgemein ist, so halte ich es eher für eine
schlechte Gewohnheit und Unachtsamkeit als für Bosheit, was ihn verursacht.
Gewöhnlich haben die verschiedenen Bedeutungen desselben Wortes eine gewisse
Verwandtschaft; dies macht, dass eine für die andere genommen wird, und man sich
nicht die Zeit nimmt, mit aller wünschenswerten Genauigkeit das, was man sagt,
in Betracht zu ziehen. Man ist an Tropen und Redefiguren gewöhnt, und eine
gewisse Eleganz oder etwas Flitterglanz imponiert uns leicht. Denn am häufigsten
sucht man das Vergnügen, die Unterhaltung und den Schein mehr als die Wahrheit,
wozu noch die Einmischung der Eitelkeit kommt.
    § 6. Philaletes. Der dritte Missbrauch ist eine affektierte Dunkelheit,
entweder indem man gewöhnlichen Ausdrücken ungewöhnliche Bedeutungen gibt, oder
indem man neue Ausdrücke einführt, ohne sie zu erklären. Die alten Sophisten,
welche Lucian so vernünftigerweise lächerrlich macht, die über alles zu sprechen
sich anheischig machten, bedeckten ihre Unwissenheit mit dem Schleier der
Dunkelheit der Worte. Unter den Sekten der Philosophen hat sich die
peripatetische durch diesen Fehler berühmt gemacht; aber auch die übrigen
Sekten, selbst unter den neueren, sind nicht ganz und gar davon frei. Es gibt
z.B. Leute, welche den Ausdruck Ausdehnung missbrauchen und ihn mit dem Ausdruck
Körper zu verwechseln für nötig halten.
    § 7. Die vielgeschätzte Logik oder Disputierkunst hat das Dunkel zu
unterhalten gedient. § 8. Diejenigen, welche sich ihr ergeben haben, sind für
das Gemeinwesen unnütz oder vielmehr schädlich gewesen, § 9 während die Männer
der mechanischen Künste, welche von den Gelehrten so verachtet werden, dem
menschlichen Leben genützt haben. Inzwischen sind jene unnützen Doktoren von den
Unwissenden bewundert worden, und man hat sie für unbesiegbar gehalten, weil sie
mit Disteln und Dornen gepanzert waren, mit welchen sich einzulassen kein
Vergnügen war; dabei konnte die Dunkelheit allein der Ungereimteit zur
Verteidigung dienen. § 12. Das Übel ist, dass diese Kunst, die Worte zu
verdunkeln, die beiden grossen Richtmasse der menschlichen Handlungen, die
Religion und das Rechtswesen, verwirrt hat.
    Teophilus. Ihre Klagen sind grossenteils gerecht; indessen gibt es
allerdings, wenn auch selten, verzeihliche und selbst löbliche Dunkelheiten, wie
wenn man ausdrücklich rätselhaft sein will, und das Rätsel in der Ordnung ist.
Pytagoras hat sich auf diese Weise derselben bedient, und es ist viel die Sitte
der Orientalen. Die Alchimisten, welche sich Adepten nennen, erklären, nur von
den Kindern der Kunst verstanden werden zu wollen. Aber es wäre gut, wenn diese
angeblichen Kinder der Kunst den Schlüssel der Geheimschrift hätten. Eine
gewisse Dunkelheit könnte erlaubt sein, indessen muss sie etwas verbergen, was
geahnt zu werden verdient, und das Rätsel muss zu lösen sein. Aber die Religion
und die Justiz verlangen klare Vorstellungen. Der Mangel an Ordnung, welchen man
beim Unterricht derselben angewandt hat, hat deren Lehre verwirrt gemacht, und
die Unbestimmteit der Ausdrücke kann dabei schädlicher sein als die Dunkelheit.
Wenn nun die Logik die Kunst ist, die Ordnung und den Zusammenhang der Gedanken
zu lehren, so sehe ich keinen Grund, sie zu tadeln. Im Gegenteil geschieht es
aus Mangel an Logik, dass die Menschen sich irren.
    § 14. Philaletes. Der vierte Missbrauch ist, wenn man die Worte für Dinge
hält, d.h. wenn man glaubt, dass die Ausdrücke der wirklichen Wesenheit der
Substanzen entsprechen. Wer ist wohl in der peripatetischen Philosophie gross
geworden und bildet sich nicht ein, dass die zehn Worte, welche die Kategorien
bezeichnen, der Natur der Dinge genau entsprechen? Dass die substantiellen Formen
, die Pflanzenseelen, der Horror vacui, die intentionellen Arten, etwas
Wirkliches sind? Die Platoniker haben ihre Weltseele, und die Epikureer die
Neigung ihrer Atome zur Bewegung, während dieselben in Ruhe sind. Wenn die Luft-
oder Äterwagen des Dr. Morus irgendwo in der Welt zur Geltung gekommen wären,
so würde man sie nicht weniger für wirklich angesehen haben.
    Teophilus. Eigentlich ist das nicht die Worte für die Sachen nehmen,
sondern das für wahr halten, was es nicht ist. Ein nur zu gewöhnlicher Irrtum
aller Menschen! der aber nicht allein vom Missbrauch der Worte abhängt, sondern
in etwas ganz anderem besteht. Der Zweck der Kategorien ist sehr nützlich, und
man sollte, statt sie zu verwerfen, lieber daran denken, sie zu verbessern. Die
Substanzen, Quantitäten, Qualitäten, Handlungen oder Leidenheiten und
Relationen, d.h. fünf Allgemeinbegriffe der Dinge, könnten mit denen, welche aus
ihrer Zusammensetzung gebildet werden, genügen; und haben Sie nicht selbst bei
der Anordnung der Vorstellungen sie als Kategorien geben wollen? Über die
substantiellen Formen habe ich schon oben gesprochen. Auch weiss ich nicht, ob
man hinlänglich Grund hat, die Pflanzenseelen zu verwerfen, weil sehr gewiegte
und urteilsvolle Leute zwischen Pflanzen und Tieren eine grosse Analogie
anerkennen, und Sie selber, wie es scheint, die Tierseele zugelassen haben. Der
horror vacui kann einen haltbaren Sinn haben, d.h. vorausgesetzt, dass die Natur
einmal die Arten alle ausgefüllt hat, und die Körper undurchdringlich und nicht
zusammendrückbar sind, so kann sie keine Leere zulassen; und ich halte jene drei
Voraussetzungen für wohlbegründet. Aber die intentionellen Spezies, welche den
Verkehr der Seele und des Leibes bewirken sollen, leisten dies nicht; man kann
vielleicht nur die sinnlichen Spezies entschuldigen, welche vom Objekt zu dem
entfernten Organ übergehen sollen, die Fortpflanzung der Bewegungen dabei
vorausgesetzt. Ich gebe zu, dass es keine platonische Weltseele gibt, denn Gott
ist über der Welt als extramundana oder vielmehr supramundana intelligentia
(ausserweltliche - überweltliche Intelligenz). Ich weiss nicht, ob Sie unter der
Neigung zur Bewegung der Atome der Epikureer nicht die Schwere verstehen, welche
sie ihnen zuschrieben, und die ohne Zweifel unbegründet war, weil sie
behaupteten, dass die Körper alle von selbst nach der einen Seite fallen. Der
verstorbene Henry Morus, Teolog der englischen Kirche, zeigte sich, so gescheit
er sonst war, ein wenig zu geneigt im Schmieden von Hypotesen, die weder
verständlich noch wahrscheinlich waren, wovon sein hylarchisches Prinzip der
Materie als die Ursache der Schwere, der Elastizität und der anderen dabei
vorkommenden Wunder zeugt. Über seine äterischen Fahrzeuge habe ich Ihnen
nichts zu sagen, da ich deren Wesen nicht geprüft habe.
    § 16. Philaletes. Ein Beispiel über das Wort Materie wird Ihnen meinen
Gedanken näher legen. Man nimmt die Materie für ein vom Körper verschiedenes,
wirklich in der Materie vorhandenes Wesen, was in der Tat von äusserster Evidenz
ist; sonst könnten diese beiden Vorstellungen unterscheidungslos die eine an die
Stelle der anderen gesetzt werden. Denn man kann sagen, dass eine und dieselbe
Materie alle Körper bildet, nicht aber, dass ein einziger Körper alle Materien
bildet. Man wird auch nicht, wie ich denke, sagen, dass eine Materie grösser ist
als die andere. Die Materie drückt die Substanz und Solidität des Körpers aus,
also begreifen wir nicht mehr verschiedene Materien als verschiedene
Soliditäten. Seitdem man indes die Materie für den Namen eines unter dieser
Bestimmteit daseienden Dinges genommen hat, hat dieser Gedanke unverständliche
Reden und verworrene Streitigkeiten über die erste Materie hervorgerufen.
    Teophilus. Wie mir scheint, dient dies Beispiel eher dazu, die
peripatetische Philosophie zu entschuldigen als zu tadeln. Wenn alles Silber
gestaltet wäre oder vielmehr, weil alles Silber durch die Natur oder die Kunst
gestaltet ist, wird es darum weniger erlaubt sein zu sagen, dass das Silber ein
in der Natur wirklich vorhandenes Wesen sei, verschieden - wenn man es genau
nimmt - vom Geschirr oder vom Gelde? Man wird darum nicht sagen, dass das Silber
nichts anderes ist als einige Eigenschaften des Geldes. Auch ist es nicht
unnützlich, dass man in der allgemeinen Physik sich über die erste Materie
Verständnis zu schaffen und deren Natur zu bestimmen sucht, um zu wissen, ob sie
immer einförmig ist, ob sie noch eine andere Eigenschaft als die
Undurchdringlichkeit hat (wie ich in der Tat nach Kopier gezeigt habe, dass sie
noch das hat, was man Trägheit nennen kann) usw., obwohl sie sich niemals ganz
nackt findet, wie es uns erlaubt wäre, wissenschaftlich vom reinen Silber zu
reden, auch wenn es auf Erden kein solches gäbe, und wir nicht das Mittel, es
rein darzustellen, hätten. Ich missbillige es also nicht, dass Aristoteles von der
ersten Materie geredet hat, aber man kann sich nicht entalten, diejenigen zu
tadeln, welche sich zu viel dabei aufgehalten und Chimären über schlecht
verstandene Worte dieses Philosophen geschmiedet haben, der auch vielleicht
mitunter zu viel Gelegenheit zu diesem Missverständnis und Gallimatias gegeben
bat. Man soll aber nicht die Fehler dieses berühmten Schriftstellers so sehr
vergrössern, weil man weiss, dass mehrere seiner Werke von ihm selbst nicht
vollendet oder veröffentlicht worden sind.
    § 17. Philaletes. Der fünfte Missbrauch ist, die Worte an die Stelle der
Sachen zu setzen, welche sie in keiner Art bezeichnen oder bezeichnen können.
Dies geschieht, wenn wir durch die Namen der Substanzen etwas mehr als dies
sagen wollen: was ich Gold nenne, ist dehnbar (wiewohl das Gold dann im Grunde
genommen nichts anderes bezeichnet als das, was dehnbar ist), womit ich
verstanden haben will, dass die Dehnbarkeit von der wirklichen Wesenheit des
Goldes abhängt. So sagen wir, es sei richtig, mit Aristoteles den Menschen als
vernünftiges Wegen und unrichtig, ihn mit Plato als ein Wesen mit zwei Füssen
ohne Federn und mit grossen Nägeln zu definieren. § 18. Es findet sich kaum
jemand, der nicht voraussetzt, dass diese Worte etwas Wirkliches und Wesenhaftes
bezeichnen, von dessen Wesen diese Eigenschaften abhangen. Dies ist indessen ein
klarer Missbrauch, da jenes nicht in der zusammengesetzten Vorstellung, welche
durch dieses Wort bezeichnet wird, entalten sein kann.
    Teophilus. Und ich möchte vielmehr glauben, dass es offenbar unrecht ist,
diesen allgemeinen Gebrauch zu tadeln, weil es sehr wahr ist, dass in der
zusammengesetzten Vorstellung des Goldes der Begriff einer Sache entalten ist,
die eine wirkliche Wesenheit hat, deren innere Bildung uns im besonderen nicht
anders bekannt ist, als dass Qualitäten, wie die Dehnbarkeit, davon abhangen.
Aber um die Dehnbarkeit ohne Identität davon auszusagen, und ohne in den Fehler
des Coccysmus oder der Wiederholung zu verfallen (siehe Kap. VIII, § 18) muss man
dies Ding aus anderen Eigenschaften erkennen, wie wenn man sagte, dass ein
gewisser schmelzbarer, gelber und sehr gewichtiger Körper, welchen man Gold
nennt, eine Wesenheit hat, die ihm auch die Eigenschaft gibt, unter dem Hammer
sehr weich zu sein und ausserordentlich dünn geschlagen werden zu können. Was die
dem Plato zugeschriebene Definition des Menschen anbetrifft, welche er nur zur
Übung gefertigt zu haben scheint, und welche Sie selbst, glaube ich, nicht im
Ernst mit der allgemein angenommenen werden vergleichen wollen, so ist sie
offenbar ein wenig zu äusserlich und zu vorläufig, denn wenn jener Kasuar, von
dem Sie kürzlich gesprochen haben, sich zufällig mit langen Nägeln gefunden
hätte, so würde er ein Mensch sein, denn man würde ihm nicht erst die Federn
auszureissen haben, wie jenem Hahn, den Diogenes, nach der Erzählung, zu einem
Menschen des Plato machen wollte.
    § 19. Philaletes. In den zusammengesetzten Modi erkennt man auch sogleich,
so wie eine dazu gehörige Vorstellung wechselt, dass man etwas anderes erhält,
wie augenscheinlich in folgenden Wörtern der Fall ist: murter, welches auf
Englisch wie Mord in Deutschland einen vorbedachten Totschlag bedeutet;
manslaughter, ein in seinem Ursprunge dementsprechendes Wort, welches einen
freiwilligen, aber nicht vorbedachten Totschlag bedeutet; chancemedly, ein
zufällig eingetretenes Handgemenge in der Bedeutung des Wortes Totschlag, aber
eines unbedachten: das, was durch diese Worte ausgedrückt wird und was ich also
als in der Sache liegend annehme, ist dabei dasselbe. (Ich nannte es früher
nominale und reale Wesenheit.) Aber anders ist es mit den Namen der Substanzen,
denn wenn einer in die Vorstellung des Goldes das hineinlegt, was der andere
dabei auslässt, z.B. die Dehnbarkeit und die Löslichkeit in Königswasser, so
glauben die Menschen darum doch nicht, dass man die Spezies gewechselt habe,
sondern nur, dass der eine eine vollkommenere Vorstellung als der andere von dem
hat, was die verborgene wirkliche Wesenheit ausmacht, welcher man den Namen Gold
beilegt, mag diese geheime Beziehung auch ohne Nutzen sein und nur uns zu
verwirren dienen.
    Teophilus. Ich glaube es schon gesagt zu haben, aber will Ihnen jetzt noch
einmal ordentlich zeigen, dass sich das, was Sie eben bemerkt haben, in den Modi
findet wie in den substantiellen Wesen, und dass man keine Ursache hat, diese
Beziehung auf die innere Wesenheit zu tadeln. Hier ein Beispiel davon. Man kann
eine Parabel im Sinne der Geometer als eine Figur definieren, in welcher alle
einer bestimmten geraden Linie parallelen Radien durch die Reflexion in einen
bestimmten Punkt oder Brennpunkt zusammenfallen. Aber durch diese Vorstellung
oder Definition wird eher das Äussere und die Wirkung als die innere Wesenheit
dieser Figur oder das, was sofort ihren Ursprung zeigen könnte, ausgedrückt. Man
kann anfangs sogar zweifeln, ob eine solche verlangte Figur, welche diese
Wirkung haben, etwas Mögliches ist, und daran lässt sich meiner Ansicht nach
erkennen, ob eine Definition nur nominal und von den Eigenschaften hergenommen,
oder ob sie auch real ist Derjenige indessen, welcher die Parabel nennt und sie
nur gemäss der eben genannten Definition kennt, versteht darunter freilich, wenn
er davon spricht, eine Figur, welche eine bestimmte Gestaltung oder
Beschaffenheit hat, von der er nichts weiss, aber die er, um sie konstruieren zu
können, kennen zu lernen wünscht. Ein anderer, der sie gründlicher kennt, wird
irgend eine andere Eigenschaft hinzufügen und an ihr z.B. entdecken, dass in der
verlangten Figur der Teil der Achse, welcher zwischen der Ordinate und der nach
demselben Punkt der krummen Linie gezogenen Perpendikularlinie liegt, stets
konstant und der Entfernung des Scheitels vom Brennpunkte gleich ist. Somit wird
er eine vollkommenere Vorstellung als der erste haben und leichter damit
zustande kommen, die Figur zu ziehen, wenn er es auch noch nicht kann. Und doch
wird man zugeben, dass dies dieselbe Figur ist, deren Wesen aber noch verborgen
ist. Sie sehen also, dass alles, was Sie im Gebrauch der substantielle Dinge
bezeichnenden Worte finden und teilweise tadeln, sich auch im Gebrauch der
zusammengesetzte Modi bedeutenden Worte findet und sich offenbar rechtfertigen
lässt Aber was Sie glauben macht, dass zwischen den Substanzen und den Modi ein
Unterschied stattfindet, ist der Umstand, dass Sie hierbei nicht die
verstandesmässigen Modi von schwieriger Erkennbarkeit in Betracht gezogen haben,
welche man in dem allem den Körpern ähnlich findet, die noch schwerer zu
erkennen sind.
    § 20. Philaletes. So fürchte ich also, dass ich das zurückziehen muss, was
ich Ihnen über die Ursache des von mir für einen Missbrauch Gehaltenen sagen
wollte. Das war der meiner Ansicht nach falsche Glaube, dass die Natur immer
regelrecht handelt und jeder Art ihre Grenzen durch diejenige spezifische
Wesenheit oder innere Bildung setzt, welche wir darin voraussetzen, und welcher
stets derselbe spezifische Name beigelegt wird.
    Teophilus. Sie sehen doch nun wohl am Beispiel der geometrischen Modi, dass
man nicht unrecht hat, sich an die inneren und spezifischen Wesenheiten zu
halten, wenngleich zwischen den sinnlichen Dingen - mögen sie Substanzen oder
Modi sein, von denen wir nur vorläufige Nominaldefinitionen haben und bei denen
wir nicht leicht auf Realdefinitionen hoffen dürfen - und zwischen den
verstandesmässigen Modi von schwierigem Verständnisse ein grosser Unterschied ist,
weil wir schliesslich bis zur inneren Bildung der geometrischen Figuren uns
durcharbeiten können.
    § 21. Philaletes. Ich sehe endlich, dass ich unrecht gehabt habe, diese
Beziehung auf innere Wesenheiten und Bildungen unter dem Vorwande zu tadeln, dass
wir dadurch unsere Worte zu Zeichen eines Nichts oder eines Unbekannten machten.
Denn was in gewisser Beziehung unbekannt ist, kann auf eine andere Art erkannt
werden, und das Innere zeigt sich teilweise durch die daraus entspringenden
Erscheinungen. Und was die Frage anbetrifft, ob ein monströser Fötus ein Mensch
ist oder nicht, so scheint es wohl, dass, wenn man nicht sofort darüber
entscheiden kann, dies nicht hindert, dass die Art in sich selbst fest bestimmt
sei, da unsere Unwissenheit an der Natur der Dinge nichts ändert.
    Teophilus. In der Tat ist es sehr gescheiten Geometern begegnet, dass sie
nicht vollständig gewusst haben, welches die Figuren seien, von denen sie mehrere
Eigenschaften kannten, die ihnen den Gegenstand zu erledigen schienen. Es gab
z.B. Linien, welche man Perlen nannte, von denen man selbst Quadrationen und
Messungen ihrer Oberfläche und der durch ihre Drehung entstandenen Körper
machte, ehe man wusste, dass sie nur eine Zusammensetzung aus gewissen kubisschen
Paraboloïden seien. Indem man also diese Perlen als eine besondere Art bildend
betrachtete, hatte man von ihnen nur eine vorläufige Erkenntnis. Wenn dies in
der Geometrie vorkommen kann, darf man sich da wundern, wenn es schwer ist, die
Arten in der körperlichen Natur zu bestimmen, die unvergleichlich mehr
zusammengesetzt sind?
    § 22. Philaletes. Gehen wir zum sechsten Missbrauch über, um die angefangene
Aufzählung fortzusetzen, obwohl ich schon sehe, dass ich einige davon aufgeben
muss.
    Dieser allgemeine, aber wenig bemerkte Missbrauch besteht darin, dass die
Menschen, nachdem sie gewisse Vorstellungen durch einen langen Gebrauch mit
gewissen Worten verknüpft haben, sich einbilden, dass dieser Zusammenhang evident
sei und jedermann damit übereinstimme. Daher kommt, dass sie es sonderbar finden,
wenn man sie nach der Bedeutung der von ihnen angewandten Worte fragt, selbst
wenn es absolut notwendig ist. Es gibt wenige, welche es nicht als eine
Beleidigung aufnähmen, wenn man sie fragte, was sie darunter verständen, wenn
sie vom Leben reden. Indes genügte die vage Vorstellung, die sie davon haben
mögen, dann nicht, wenn es sich darum zu wissen handelt, ob eine schon im Samen
vorgebildete Pflanze oder ein Huhn, das in einem noch nicht bebrüteten Ei
steckt, oder auch ein Mensch in der Ohnmacht ohne Empfindung und Bewegung -
Leben hat. Und wenngleich die Menschen nicht so kurzsichtig oder nicht so
unbescheiden erscheinen wollen, um einer Nachfrage zur Erklärung der gebrauchten
Ausdrücke zu bedürfen, noch als so unbequeme Kritiker, um andere wegen ihres
Gebrauchs der Worte unaufhörlich zu tadeln, so muss man gleichwohl, wenn es sich
um eine genaue Untersuchung handelt, zur Erklärung schreiten. Oft reden die
Gelehrten der verschiedenen Parteien in ihren gegeneinander ausgesponnenen
Räsonnements durchaus verschiedene Sprachen und denken doch dasselbe, obwohl
ihre Interessen vielleicht verschieden sind.
    Teophilus. Ich glaube mich hinlänglich über den Begriff des Lebens
ausgelassen zuhaben, das immer von Wahrnehmung in der Seele begleitet sein muss;
sonst würde es nur ein Schein davon sein, wie dasjenige Leben, welches die
Wilden Amerikas den Zeigern oder Uhren zuschreiben, oder welches jene
obrigkeitlichen Personen den Marionetten zuschrieben, welche sie als von Dämonen
beseelt annahmen, als sie denjenigen, der dies Schauspiel zierst in ihrer Stadt
aufgeführt hatte, als Zauberer strafen wollten.
    § 23. Philaletes. Um zu schliessen: es dienen die Worte: 1) unsere Gedanken
verständlich zu machen, 2) dies zu erleichtern und 3) in die Erkenntnis der
Dinge einzuführen. Man fehlt im ersten Punkt, wenn man keine bestimmte und
feststehende, keine von anderen angenommene oder verstandene Vorstellung von den
Worten hat. § 23. Man verfehlt, sich leicht verständlich zu machen, wenn man
sehr zusammengesetzte Vorstellungen hat, ohne deutliche Namen dazu zu haben;
dies ist oft der Fehler der Sprachen selbst, wenn ihnen die bezüglichen
Ausdrücke fehlen, oft auch des Menschen, der sie nicht kennt; man hat alsdann
grosse Umschreibungen nötig. § 24. Wenn aber die durch die Worte bezeichneten
Vorstellungen mit der Wirklichkeit nicht zusammenstimmen, so fehlt man im
dritten Punkt § 26. Derjenige, welcher die Ausdrücke ohne Vorstellungen hat, ist
wie einer, der nur ein Verzeichnis von Büchern hätte. § 27. Derjenige, welcher
sehr zusammengesetzte Vorstellungen hat, würde wie ein Mensch sein, welcher eine
Menge von Büchern in einzelnen Blättern ohne Titel hätte und das Buch nicht
anders geben kann, als indem er die Blätter eines nach dem anderen reicht § 28.
Derjenige, welcher im Gebrauch der Zeichen sich nicht gleich bleibt, würde wie
ein Kaufmann sein, der verschiedene Dinge unter demselben Namen verkaufte. § 29.
Der, welcher besondere Vorstellungen von den einmal angenommenen Wortbedeutungen
trennt, würde andere durch die Erkenntnisse, welche er haben mag, nicht
aufklären können. § 30. Derjenige, welcher Vorstellungen von Substanzen, die
niemals gewesen sind, im Kopfe hat, kann in den wirklichen Erkenntnissen keine
Fortschritte machen. § 33. Der erste würde vergeblich von der Tarantel oder der
christlichen Liebe sprechen. Der zweite sieht vielleicht neue Tiere, ohne sie
anderen Menschen auf leichte Art zu erklären. Der dritte wird den Körper bald
für das Solide nehmen und bald für das nur Ausgedehnte; unter der Genügsamkeit
wird er bald die verwandte Tugend, bald das verwandte Laster bezeichnen. Der
vierte wird einem Maulesel den Namen Pferd geben, und der, welchen die ganze
Welt einen Verschwender nennt, wird ihm als freigebig gelten, und der fünfte
wird auf die Autorität des Herodot in der Tatarei eine Nation von Einäugigen
suchen. Ich bemerke, dass die vier ersten Fehler den Namen der Substanzen und
Modi gemeinsam sind, der letzte aber den Substanzen eigen ist.
    Teophilus. Ihre Bemerkungen sind sehr unterrichtend. Ich möchte noch
hinzufügen, dass es, wie mir scheint, auch in unseren Vorstellungen von den
Akzidenzien oder Daseinsformen noch Chimärisches gibt, und dass also der fünfte
Fehler den Substanzen und Akzidenzien noch gemeinsam ist. Der ausschweifende
Schäfer war dies nicht nur, weil er glaubte, es seien hinter den Bäumen Nymphen
versteckt, sondern weil er auch stets auf romantische Abenteuer aus war.
    § 34. Philaletes. Ich hatte zu schliessen vor, aber ich erinnere mich noch
des siebenten und letzten Missbrauchs, welcher der der figürlichen Ausdrücke oder
Anspielungen ist Man wird indes Mühe haben, an diesen Missbrauch zu glauben, weil
das, was man Geist und Phantasie nennt, besser als die trockne Wahrheit
aufgenommen wird. Das gilt wohl bei den Unterhaltungen, wo man nur zu gefallen
sucht; aber im Grunde dienen in der gesamten rhetorischen Kunst alle diese
künstlichen und figürlichen Anwendungen der Worte (die Ordnung und
Beschaffenheit ausgenommen) nur dazu, falsche Vorstellungen beizubringen, die
Leidenschaften zu erregen und das Urteil irrezuführen, so dass es nur blosse
Täuschungen sind. Gleichwohl gibt man dieser trügerischen Kunst den eisten Rang
und die grössten Belohnungen, weil die Menschen sich nicht viel um die Wahrheit
kümmern und es vorziehen, zu täuschen und sich täuschen zu lassen. Dies ist so
wahr, dass ich nicht zweifle, man werde das soeben gegen jene Kunst Gesagte als
die Wirkung einer masslosen Kühnheit betrachten. Denn die Beredsamkeit hat wie
das schöne Geschlecht zu mächtige Beize, als dass ein Widerstand dagegen in der
Ordnung gefunden würde.
    Teophilus. Weit entfernt, Ihren Eifer für die Wahrheit zu tadeln, finde ich
ihn gerecht. Und zu wünschen wäre, dass er Wirkung hätte. Ich verzweifle nicht
gänzlich daran, weil Sie die Beredsamkeit durch ihre eigenen Waffen zu bekämpfen
und selbst eine andere Art derselben zu haben scheinen, jener trügerischen
überlegen, wie es eine Venus Urania, die Mutter der himmlischen Liebe, gab, vor
welcher jene andere Bastardvenus, die Mutter der blinden Liebe, nebst ihrem
Sohne mit verbundenen Augen nicht zu erscheinen wagte. Aber gerade das beweist,
dass Ihre Tese einer gewissen Mässigung bedarf und gewisse Zieraten der
Beredsamkeit jenen ägyptischen Gefässen zu vergleichen sind, deren man sich zum
Dienste des wahren Gottes bedienen konnte. Es ist damit wie mit der Malerei und
der Musik, die man missbraucht, und von denen die eine oft groteske und selbst
schädliche Phantasien darstellt und die andere das Gemüt verweichlicht: alle
beide gewähren ein eitles Vergnügen, aber sie können dennoch nützlich angewendet
werden, die eine, um die Wahrheit klar, die andere, um sie ergreifend zu machen
- welche letztere Wirkung auch die der Poesie sein muss, die zwischen der
Rhetorik und Musik die Mitte hält.
 
                                  Kapitel XI.
Über die gegen die besprochenen Unvollkommenheiten und Missbrauche anzuwendenden
                                     Mittel
    § 1. Philaletes. Es ist hier nicht der Ort, sich in diese Untersuchung über
den Nutzen einer wahrhaften Beredsamkeit zu vertiefen, und noch weniger, auf Ihr
verbindliches Lob zu antworten, weil wir darauf denken müssen, diesen
Gegenstand, die Worte, abzuschliessen, indem wir Mittel gegen die dabei bemerkten
Unvollkommenheiten aufsuchen.
    § 2. Es würde lächerrlich sein, eine Reform der Sprachen zu versuchen und die
Menschen zwingen zu wollen, nur in dem Masse, als sie Erkenntnis haben, zu
sprechen. § 3. Das aber wird kein zu grosses Verlangen sein, dass die Philosophen
sorgfältig sprechen, wenn es sich um eine ernstliche Untersuchung der Wahrheit
handelt; sonst würde alles voll Irrtümer, Einseitigkeiten und leeren Streites
sein. § 8. Das erste Mittel ist, sich keines Wortes zu bedienen, ohne eine
Vorstellung damit zu verbinden, statt dass man oft Worte anwendet wie Instinkt,
Sympatie, Antipatie, ohne irgend einen Sinn damit zu verbinden.
    Teophilus. Die Regel ist gut, aber ob die Beispiele passen, ist mir
zweifelhaft. Unter Instinkt pflegt alle Welt die Neigung eines Tieres zu dem ihm
Zuträglichen zu verstehen, ohne dass es die Ursache davon begreift, und selbst
die Menschen sollten diese Instinkte weniger vernachlässigen, die auch bei ihnen
sich entdecken lassen, obwohl ihre künstliche Lebensweise sie meistens fast
gänzlich verwischt hat. Derjenige, welcher sein eigener Arzt ist, wird dies wohl
bemerkt haben. Die Sympatie und Antipatie bezeichnet das, was in den der
Empfindung entbehrenden Körpern dem bei den Tieren sich findenden Instinkt der
Vereinigung oder Trennung entspricht. Und obwohl man nicht das wünschenswerte
Verständnis der Ursache dieser Neigungen oder Strebungen hat, so hat man doch
einen ausreichenden Begriff davon, um verständlich darüber reden zu können.
    § 9. Philaletes. Das zweite Hilfsmittel ist, die Vorstellungen der Namen
der Modi wenigstens bestimmt und die der Namen der Substanzen der Wirklichkeit
angemessener zu machen. Wenn jemand sagt: die Gerechtigkeit ist ein dem Gesetze
entsprechendes Verhalten hinsichtlich des Wohles eines anderen, so ist diese
Vorstellung nicht genug bestimmt, wenn man keine deutliche Vorstellung dessen
hat, was Gesetz genannt wird.
    Teophilus. Da könnte man sagen, dass das Gesetz eine Vorschrift der Weisheit
oder der Wissenschaft des Glücks ist.
    § 11. Philaletes. Das dritte Hilfsmittel ist, die Ausdrücke so viel als
möglich dem angenommenen Gebrauch gemäss zu gebrauchen.
    § 12. Das vierte ist, zu erklären, in welchem Sinne man die Worte nimmt, sei
es, dass man neue macht, oder dass man die alten in einem neuen Sinne anwendet,
oder sei es, dass man die Bedeutung durch den Gebrauch nicht hinlänglich
festgesetzt findet. § 13. Es gibt dabei aber verschiedene Fälle. § 14. Die Worte
für die einfachen Vorstellungen, welche nicht definiert werden können, werden
durch synonyme Worte, wenn diese bekannter sind, oder durch Hinweis auf die
Sache erklärt. Durch diese Mittel kann man einem Bauer begreiflich machen, was
die »Tote Blatt«-Farbe bedeutet, indem man ihm sagt, dass es die Farbe der im
Herbst herabfallenden trockenen Blätter ist. § 15. Die Namen für die
zusammengesetzten Modi müssen durch die Definition erklärt werden, denn das ist
möglich. § 16. Dadurch ist die Moral des Beweises fähig. Man wird in ihr den
Menschen als körperliches und vernünftiges Wesen, ohne sich um die äusserliche
Figur zu bekümmern, nehmen müssen. § 17. Denn mittels der Definitionen können
die Gegenstände der Moral klar behandelt werden. Man wird besser tun, die
Gerechtigkeit nach der in unserem Geiste vorhandenen Vorstellung zu definieren,
als ein Muster derselben, wie den Aristides, ausser uns zu suchen und sie danach
zu bilden. § 18. Und da die meisten zusammengesetzten Modi nirgends zusammen da
sind, so kann man sie nur durch Definieren festsetzen, durch Aufzählung dessen,
was darin zusammengefasst ist. § 19. Bei den Substanzen gibt es gewöhnlich
leitende oder charakteristische Eigenschaften, welche wir als die
entscheidendste Vorstellung der Art betrachten und mit denen wir die übrigen die
zusammengesetzte Vorstellung der Art bildenden Vorstellungen verbunden denken.
Bei Pflanzen und Tieren ist dies die Gestalt, bei den leblosen Körpern die Farbe
und bei einigen die Farbe und Gestalt zusammen. § 20. Darum ist die von Plato
gegebene Definition des Menschen charakteristischer, als die des Aristoteles;
wenigstens dürfte man sonst nicht die Missgeburten töten. § 21. Oft auch dient
der Blick ebensogut wie irgend eine andere Prüfung: so unterscheiden die mit der
Prüfung des Goldes vertrauten Leute durch den Blick das echte oft vom falschen,
das reine von dem verfälschten.
    Teophilus. Ohne Zweifel kommt alles auf die Definitionen zurück, welche bis
zu den ursprünglichen Vorstellungen gehen können. Dasselbe Subjekt kann mehrere
Definitionen haben; um aber zu wissen, welche einem und demselben Dinge
zukommen, muss man darüber von der Vernunft belehrt werden, indem man eine
Definition durch die andere beweist, oder durch die Erfahrung, indem man
erprobt, welche beständig zusammengehen. Was die Moral anbetrifft, so ist ein
Teil derselben auf der Vernunft begründet, aber es gibt auch einen anderen,
welcher von den Erfahrungen abhängt und sich auf die Temperamente bezieht. Um
die Substanzen zu erkennen, geben uns Gestalt und Farbe, d.h. das Sichtbare, die
ersten Vorstellungen, weil man dadurch die Dinge von weitem erkennt; aber sie
sind gewöhnlich zu oberflächlich; bei den für uns wichtigen Dingen sucht man die
Substanzen näher kennen zu lernen. Ich wundere mich übrigens, dass Sie noch
einmal auf die dem Plato zugeschriebene Definition des Menschen zurückkommen,
nachdem sie selbst soeben gesagt haben, dass man in der Moral den Menschen als
ein körperliches und vernünftiges Wesen, ohne sich um die äusserliche Gestalt zu
bekümmern, nehmen muss. Übrigens tut freilich eine grosse Übung viel dazu, auf
einen Blick Dinge zu entscheiden, welche ein anderer durch schwierige Versuche
kaum zu wissen vermag. Auch erkennen Ärzte von grosser Erfahrung, welche einen
scharfen Blick und ein gutes Gedächtnis haben, oft beim ersten Anblick des
Kranken, was ein anderer ihm durch Fragen und Pulsfühlen mühsam entreissen muss.
Aber es ist gut, alle die Zeichen, welche man haben kann, miteinander zu
verbinden.
    § 22. Philaletes. Ich gebe zu, dass der, welchem ein guter Probierer alle
Eigenschaften des Goldes zeigt, davon eine bessere Erkenntnis erhalten muss, als
der blosse Anblick geben kann. Könnten wir aber die innere Bildung desselben
erkennen, so würde die Bedeutung des Wortes Gold ebenso leicht wie die des
Wortes Dreieck bestimmt werden.
    Teophilus. Sie kann ganz ebenso bestimmt werden; es braucht darin nichts
Vorläufiges zu sein, aber sie wird sich nicht so leicht bestimmen lassen. Denn
es wird meiner Ansicht nach dazu eine etwas weitläufige Festsetzung nötig sein,
um die Bildung des Goldes zu erklären, wie es sogar in der Geometrie Figuren
gibt, deren Definition lang ist.
    § 23. Philaletes. Die von den Körpern getrennten Geister haben ohne Zweifel
vollkommenere Erkenntnisse als wir, obschon wir keinen Begriff von der Art und
Weise haben, wie sie sie erwerben können. Sie könnten indessen von der innersten
Bildung der Körper ebenso klare Vorstellungen haben, als wir von einem Dreieck.
    Teophilus. Ich habe Ihnen schon bemerkt, dass ich Ursachen habe anzunehmen,
es gebe keine geschaffenen Geister, welche gänzlich vom Körper los wären;
indessen gibt es ohne Zweifel solche, deren Organe und Verstand unvergleichlich
vollkommener als die unsrigen sind, und welche uns in jeder Art der
Begriffsbildung soweit überragen und noch mehr als Frenicle oder der von mir
erwähnte schwedische Knabe die gewöhnlichen Menschen im Kopfrechnen übertrifft.
    § 24. Philaletes. Wir haben schon bemerkt, dass die Definitionen der
Substanzen, die dazu dienen können, die Namen zu erklären, in Hinsicht der
Sacherkenntnis unvollkommen sind. Denn gewöhnlich setzen wir den Namen an Stelle
der Sache, deren Namen mehr als die Definitionen besagt; um also die Substanzen
gut zu definieren, muss man die Naturgeschichte studieren.
    Teophilus. Sie sehen also, dass der Name des Goldes z.B. nicht allein das
bezeichnet, was derjenige, welcher ihn ausspricht, vom Golde weiss, z.B. dass es
ein sehr schwerer gelber Körper ist, sondern auch, was nicht er, aber vielleicht
ein anderer weiss, d.h. dass es ein mit einer gewissen inneren Beschaffenheit
versehener Körper ist, aus der die Farbe und Schwere sich ergeben und noch
andere Eigenschaften entspringen, welche, wie er zugibt, den Sachkennern besser
bekannt sind.
    § 25. Philaletes. Es wäre gegenwärtig zu wünschen, dass diejenigen, welche
in naturwissenschaftlichen Untersuchungen geübt sind, die einfachen
Vorstellungen, in welchen ihrer Beobachtung zufolge die Individuen jeder Art
vollständig miteinander übereinkommen, aufstellen wollten. Aber um ein
Wörterbuch dieser Art anzufertigen, welches sozusagen die Naturgeschichte
entält, braucht es zu viel Leute, zu viel Zeit und zu viel Mühe und zu viel
Scharfsinn, als dass man auf ein solches Werk jemals hoffen könnte. Indessen
würde es gut sein, die Worte hinsichtlich der Dinge, welche man durch ihre
äusserliche Figur erkennt, mit kleinen Abbildungen zu begleiten. Ein solches
Wörterbuch würde der Nachkommenschaft von grossem Nutzen sein und den künftigen
Kritikern viel Mühe ersparen. Kleine Bilder, wie von dem Eppich (apium) oder von
einem Steinbock (ibex, eine Art Alpenbock) würden besser sein als lange
Beschreibungen dieser Pflanze oder dieses Tieres. Und um zu erkennen, was die
Lateiner strigiles und sistrum, tunica und pallium nannten, würden Zeichnungen
am Rande unvergleichlich mehr aufklären, als die angeblichen Synonyma Striegel,
Cymbale, Robe, Kleid, Mantel, die sie nicht deutlich machen. Übrigens will ich
mich nicht beim siebenten Hilfsmittel gegen den Missbrauch der Worte aufhalten,
das darin besteht, beständig denselben Ausdruck in demselben Sinne anzuwenden,
oder wenn man ihn wechselt, es anzuzeigen. Denn davon haben wir schon genug
geredet.
    Teophilus. Pater Grimaldi, Präsident der Gesellschaft der Matematiker zu
Peking, hat mir gesagt, dass die Chinesen Wörterbücher haben, welche mit Bildern
versehen sind. Es gibt ein kleines zu Nürnberg gedrucktes Wortverzeichnis, wo
bei jedem Worte solche Bilder stehen, die recht gut sind. Ein solches
illustriertes Universallexikon wäre zu wünschen, und es herzustellen würde nicht
sehr schwierig sein. Was die Beschreibung der Spezies anbelangt, so ist das
eigentlich die Sache der Naturwissenschaft, und nach und nach kommt man an diese
Arbeit. Ohne die Kriege, welche Europa seit den ersten Gründungen der
königlichen Gesellschaften oder Akademien beunruhigt haben, würde man weit
gekommen und schon imstande sein, von unseren Arbeiten Nutzen zu ziehen, aber
die Grossen wissen meistensteils nichts von deren Wichtigkeit, noch welcher Güter
sie sich berauben, indem sie den Fortschritt der gründlichen Kenntnisse
vernachlässigen; ausserdem sind sie gewöhnlich durch die Sorgen für den Krieg zu
sehr in Anspruch genommen, um die Dinge, welche ihnen nicht gleich von
vornherein in die Augen stechen, richtig zu würdigen.
 
                                 Viertes Buch.
                               Von der Erkenntnis
                                   Kapitel I.
                       Von der Erkenntnis im allgemeinen
    § 1. Philaletes. Bis hierher haben wir von den Vorstellungen und den sie
vertretenden Worten gesprochen; jetzt wollen wir auf die Erkenntnisse kommen,
welche die Vorstellungen liefern, denn auf diesen beruhen jene. § 2. Die
Erkenntnis nun ist nichts anderes als die Wahrnehmung der Verbindung und
Übereinstimmung oder des Gegensatzes und der Nichtübereinstimmung zwischen
zweien unserer Vorstellungen. Mag man auch phantasieren, vermuten oder glauben,
es ist doch immer so. Wir werden dadurch z.B. inne, dass das Weisse nicht das
Schwarze ist und dass die Winkel eines Dreiecks und der Umstand, dass sie zweien
Rechten gleich sind, eine notwendige Verbindung miteinander haben.
    Teophilus. Erkenntnis hat noch eine all gemeinere Bedeutung. Es gibt eine
solche auch in den Vorstellungen oder Ausdrücken, ehe man noch in den Sätzen
oder Wahrheiten kommt, und man kann sagen, dass derjenige, welcher mit
Aufmerksamkeit mehr Abbildungen von Pflanzen und Tieren, mehr Figuren von
Maschinen, mehr Beschreibungen oder Darstellungen von Häusern oder Festungen
gesehen, wer mehr geistreiche Romane, nämlich mehr interessante Erzählungen
gelesen hat - dieser, sage ich, wird auch mehr Erkenntnis als ein anderer haben,
wenn auch kein Wort eigentlicher Wahrheit in dem allem, was man ihm vorgemalt
oder erzählt hat, entalten war, denn seine Übung, sich im Geiste viele Begriffe
oder ausdrückliche und willkürliche Vorstellungen zu vergegenwärtigen, macht ihn
geeigneter, das, was man ihm vorlegt, zu begreifen; und er wird sicherlich
unterrichteter und fähiger sein als ein anderer, der nichts gesehen, gelesen
oder gehört hat, - wenn er nur in jenen Geschichten und Darstellungen nicht das
für wahr annimmt, was nicht wahr ist, und jene Eindrücke ihn nicht auch sonst
verhindern, das Wahre von dem Eingebildeten oder das Wirkliche vom Möglichen zu
unterscheiden. Aus diesem Grunde haben gewisse Logiker des
Reformationszeitalters, die sich einigermassen der Partei der Ramisten
anschlossen, nicht unrecht zu sagen, dass die Topen oder loca inventionis (die
Argumenta, wie sie sie nannten) sowohl zur Erklärung oder weitläufigen
Beschreibung eines zusammengesetzten Gedankens d.h. eines Dinges oder einer
Vorstellung, als zum Beweis eines zusammengesetzten Gedankens dienen d.h. einer
Behauptung, eines Urteils oder einer Wahrheit. Und eine Behauptung kann sogar,
um ihrem Sinn und ihrer Geltung nach verstanden zu werden, erklärt werden, ohne
dass es sich dabei um die Wahrheit und den Beweis handelt, wie man an den
Predigten oder Homilien sieht, welche gewisse Stellen der Heil. Schrift
erklären, oder an dem Wiederholen oder den Vorlesungen über gewisse Sätze des
bürgerlichen oder kanonischen Rechts, deren Wahrheit dabei vorausgesetzt wird.
Man kann sogar sagen, dass es Gedankenvorwürfe gibt, welche zwischen einer
Vorstellung und einem Satz die Mitte halten. Dies sind diejenigen Fragesätze,
welche nur ja und nein als Antwort fordern, und diese stehen den Urteilen am
nächsten. Allein es gibt auch solche, in welchen es auf das Wie und die Umstände
ankommt, um davon Urteile zu bilden. Man kann allerdings sagen, dass bei den
Beschreibungen (selbst der rein idealen Dinge) eine stillschweigende Annahme der
Möglichkeit stattfindet; aber ebenso wahr ist es auch, dass man die Erklärung und
den Beweis einer Unwahrheit unternehmen kann, was mitunter am besten dazu dient,
dieselben zu widerlegen. Ferner lassen sich noch von dem Unmöglichen
Beschreibungen geben. Damit ist es so, wie mit den Erdichtungen des Grafen
Scandiano, dem Ariosto gefolgt ist, auch dem Amadis von Gallien und anderen
alten Romanen, auch den Feenmärchen, die vor kurzem wieder in die Mode gekommen
sind, mit der wahrhaften Geschichte des Lucian und den Reisen Cyranos von
Bergerac, um von dem Grotesken in der Malerei nicht zu reden. Ebenso weiss man,
dass bei den Rhetorikern die Fabeln unter die Progymnasmata oder Vorübungen
gezählt werden.
    Nimmt man aber die Erkenntnis in einem engeren Sinne d.h. als
Wahrheitserkenntnis, wie Sie es hier tun, so sage ich, dass allerdings die
Wahrheit immer auf Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung sich gründet, aber
das ist nicht allgemein wahr, dass unsere Erkenntnis der Wahrheit eine
Wahrnehmung der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung ist. Denn wenn wir die
Wahrheit nur empirisch wissen, weil wir sie erfahren haben, ohne die Verknüpfung
und den Grund der Sachen zu kennen, welcher das von uns Erfahrene beherrscht,
haben wir von dieser Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung keine
Wahrnehmung, wenn man nicht das darunter versteht, dass wir sie verworren
empfinden, ohne uns derselben deutlich bewusst zu sein. Ihre Beispiele aber
deuten, wie mir scheint, darauf hin, dass Sie immer da eine Erkenntnis fordern,
wo mau sich der Verbindung oder des Gegensatzes bewusst ist, und das kann ich
Ihnen nicht zugeben. Ferner kann man einen zusammengesetzten Gedanken nicht
allein so abhandeln, dass man die Beweise für seine Wahrheit sucht, sondern auch,
indem man ihn auf andere Weise, wie ich es schon bemerkt habe, der Topik gemäss
erläutert und erklärt. Endlich habe ich über Ihre Definition noch eine Bemerkung
zu machen, dass sie nämlich nur auf kategorische Wahrheiten zu passen scheint,
wobei zwei Vorstellungen, das Subjekt und das Prädikat, vorkommen; es gibt aber
noch eine Erkenntnis der hypotetischen Wahrheiten oder derjenigen, die sich wie
die disjunktiven und andere darauf zurückfahren lassen. Bei diesen findet
zwischen einem zweiten als Antecedens und einem zweiten als Konsequens eine
Verknüpfung statt; es können also mehr als zwei Vorstellungen dabei vorkommen.
    § 3. Philaletes. Wir wollen uns jetzt auf die Erkenntnis der Wahrheit
beschränken, und um die kategorischen und die hypotetischen Urteile
zusammenzufassen, das, was von der Verbindung der Vorstellungen zu sagen sein
wird, auch auf die der Urteile anwenden. Ich glaube nun, dass man diese
Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung auf vier Arten zurückführen kann,
nämlich: 1) Einerleiheit oder Verschiedenheit; 2) Relation; 3) Zugleichsein oder
notwendige Verknüpfung; 4) wirkliches Dasein. (§ 4.) Denn dass die eine
Vorstellung nicht die andere ist, z.B. dass das Weisse nicht das Schwarze ist,
bemerkt der Geist unmittelbar, (§ 5) weil er ihre Beziehung bemerkt, indem er
sie miteinander vergleicht, z.B. dass zwei Dreiecke, deren Grundlinie gleich ist,
und die zwischen zwei Parallellinien liegen, einander gleich sind. (§ 6.) Dann
kommt das Zugleichsein in Betracht (oder vielmehr der Zusammenhang), wie z.B.
die Feuerbeständigkeit alle die anderen Vorstellungen vom Golde begleitet. (§
7.) Endlich gibt es noch ein wirkliches Dasein ausser dem Geiste, wie wenn man
sagt: Gott ist.
    Teophilus. Man kann, wie ich glaube, sagen, dass die Verbindung nichts
anderes ist als die Beziehung oder Relation, dieselbe allgemein genommen. Auch
habe ich vorhin bemerklich gemacht, dass jede Beziehung entweder eine Beziehung
des Vergleiches oder des Zusammenhanges ist. Die des Vergleichs ergibt die
Verschiedenheit und die Einerleiheit, sei es die durchgängige oder teilweise,
wodurch sich die Begriffe des Nämlichen und Verschiedenen, des Ähnlichen oder
Unähnlichen bilden. Der Zusammenhang begreift dasjenige in sich, was Sie das
Zugleichsein nennen, nämlich die Daseins-Verknüpfung. Wenn man aber sagt, dass
ein Ding da ist, oder dass es wirkliches Dasein hat, so ist dies Dasein selbst
das Prädikat, d.h. es hat einen mit der Vorstellung, um welche es sich handelt,
verbundenen Begriff, und zwischen diesen beiden Begriffen findet Zusammenhang
statt. Auch kann man das Dasein des Gegenstandes einer Vorstellung als den
Zusammenhang dieses Gegenstandes mit dem Ich sich denken. Ich glaube also, man
kann sagen, dass es nur Vergleichung oder Zusammenhang gibt, aber dass die
Vergleichung, welche Einerleiheit oder Verschiedenheit bezeichnet, und der
Zusammenhang des Dinges mit dem Ich Beziehungen sind, welche unter den übrigen
hervorgehoben zu werden verdienen. Vielleicht könnte man noch genauere und
tiefere Untersuchungen darüber anstellen, doch begnüge ich mich hier, bloss
Bemerkungen zu machen.
    § 8. Philaletes. Es gibt eine Erkenntnis in der Gegenwart, welche die
jedesmalige Wahrnehmung der Beziehung der Vorstellungen ist, und eine auf
Gewohnheit beruhende, wann der Geist sich der Übereinstimmung oder
Nichtübereinstimmung der Vorstellungen so klar bewusst geworden ist und sie
dergestalt in sein Gedächtnis eingeordnet hat, dass er jedesmal, wenn er über den
Satz nachdenkt, sofort der darin entaltenen Wahrheit, ohne im geringsten daran
zu zweifeln, sicher ist. Denn da man immer nur eine einzige Sache zu gleicher
Zeit klar und deutlich zu denken imstande ist, so würden die Menschen, wenn sie
nur den jedesmaligen Gegenstand ihrer Gedanken erkennten, alle sehr unwissend
sein, und der, welcher das meiste erkennte, würde nur eine einzige Wahrheit
erkennen.
    Teophilus. Allerdings muss unsere Wissenschaft, selbst die am meisten auf
Beweisen beruhende, da man sie sehr häufig durch eine lange Kette von Schlüssen
erwerben muss, das Andenken an eine frühere Beweisführung, welche man nach
gemachtem Schluss nicht mehr deutlich übersieht, in sich entalten; sonst würde
man dieselbe Beweisführung immer wiederholen müssen. Und selbst wahrend ihrer
Bauer würde man sie nicht ganz auf einmal umfassen können, denn nicht alle ihre
Teile können zu gleicher Zeit dem Geiste gegenwärtig sein. Indem man also immer
den vorhergehenden Teil sich vor Augen hält, würde man niemals bis zum letzten,
der den Schluss vollendet, fortschreiten können. Aus diesem Grunde würde es auch
schwer sein, ohne Schrift die Wissenschaften herzustellen, da das Gedächtnis
nicht sicher genug ist. Hat man aber eine lange Beweisführung schriftlich
aufgesetzt, wie z.B. die des Apollonius sind, und sie allen ihren Teilen nach
durchlaufen, wie wenn man eine Kette Ring für Ring untersuchte, so kann man
seinem Vernunftgebrauch vertrauen, wozu auch die Proben dienen; und endlich
rechtfertigt der Erfolg das Ganze. dabei erkennt man denn auch, dass, da der
Glaube stets in der Erinnerung an den getanen Überblick der Beweise oder Gründe
besteht, es nicht in unserer Macht oder in unserem freien Willen gelegen ist, zu
glauben oder nicht zu glauben, weil das Gedächtnis nicht von unserem Willen
abhängig ist.
    § 9. Philaletes. Allerdings entält unsere auf Gewohnheit beruhende
Erkenntnis zwei Arten oder Stufen. Mitunter erkennt unser Geist, wenn die
gleichsam im Gedächtnis aufbewahrten Wahrheiten sich ihm darstellen, sofort die
Beziehung, welche zwischen den dazu gehörigen Vorstellungen stattfindet; aber
mitunter begnügt sich der Geist, der Überzeugung sich zu erinnern, ohne die
Beweise davon zu behalten und oft sogar ohne sie, wenn er wollte, sich wieder
zurückrufen zu können. Man könnte dabei auf den Gedanken geraten, dies wäre mehr
ein Glaube an das Gedächtnis als ein wirkliches Erkennen der in Frage stehenden
Wahrheit; und vordem ist mir dies als ein Mittleres zwischen der Meinung und der
Erkenntnis erschienen und als eine Gewissheit, welche den einfachen, auf das
Zeugnis eines anderen gegründeten Glauben übertrifft. Nachdem ich indes reiflich
die Sache überdacht, finde ich, dass diese Erkenntnis eine vollständige Gewissheit
in sich schliesst. Ich erinnere mich d.h. ich erkenne, (da die Erinnerung ja nur
die Wiederauffrischung eines früheren Dinges ist), dass ich einmal der Wahrheit
dieses Satzes, dass die drei Winkel eines Dreiecks zweien Rechten gleich sind,
sicher gewesen bin. Nun bildet die Unveränderlichkeit derselben Beziehungen
zwischen denselben unveränderlichen Dingen augenblicklich die vermittelnde
Vorstellung, welche mir zeigt, dass wenn sie einmal gleich gewesen sind, sie es
noch immer sein werden. Auf dieser Grundlage liefern in der matematischen
Wissenschaft die besonderen Beweisführungen allgemeine Erkenntnisse; sonst würde
die Erkenntnis eines Geometers sich nicht über diejenige besondere Figur
hinauserstrecken, welche er sich beim Beweisen vorgezeichnet hat.
    Teophilus. Die vermittelnde Vorstellung, von welcher Sie reden, setzt die
Treue unseres Gedächtnisses voraus, aber mitunter geschieht es, dass unsere
Erinnerung uns täuscht, und wir nicht alle nötige Sorgfalt angewendet haben,
obgleich wir es gerade jetzt glaubten. Dies zeigt sich klar bei der Revision der
Rechnungen. Es gibt mitunter amtlich bestellte Revisoren, wie bei unseren
Bergwerken im Harz, und man hat, um die Einnehmer der einzelnen Bergwerke
aufmerksamer zu machen, auf jeden Rechnungsfehler eine bestimmte Geldstrafe
gesetzt, und trotzdem kommen dergleichen vor. Je sorgfältiger man indessen dabei
verfährt, desto mehr kann man den früheren Berechnungen trauen. Ich habe eine
Art, die Rechnungen, zu schreiben, entworfen, wonach der, welcher die Summen der
Kolonnen zusammenzieht, auf dem Papier die Spuren der Fortschritte seiner
Berechnungen auf eine solche Art zurücklässt, dass kein Schritt unnütz gemacht
wird. Er kann stets revidieren und die letzten Fehler verbessern, ohne dass sie
auf die ersten zurückwirken; auch die Revision, welche ein anderer darüber
vornehmen kann, kostet auf diese Art fast keine Mühe, weil er dieselben Spuren
mit einem Überblick prüfen kann. Ausserdem gibt es noch Mittel, auch die
Rechnungen jedes einzelnen Artikels durch eine sehr bequeme Probe zu
verifizieren, ohne dass diese Bemerkungen die Arbeit des Rechnens sonderlich
vermehren. Dies alles macht wohl begreiflich, dass man auf dem Papier strikte
Beweisführungen haben kann und deren zweifelsohne in unendlicher Zahl hat. Aber
ohne sich zu erinnern, dabei eine vollkommene Strenge gebraucht zu haben, kann
man in seinem Innern diese Gewissheit nicht haben. Und diese Strenge besteht in
einem ordnungsmässigen Verfahren, dessen Beobachtung jedem Teil eine Sicherheit
für das Ganze ist, wie in der Ring für Ring geschehenden Prüfung der Kette, wo
man durch Untersuchung eines jeden, um zu sehen, ob er fest ist, und durch
Messen mit der Hand, um keinen zu überspringen, sich von der Güte der Kette
überzeugt. Durch dies Mittel erhält man alle diejenige Gewissheit, deren die
menschlichen Dinge überhaupt fähig sind.
    Aber ich gebe nicht zu, dass in der Matematik die besonderen Beweisführungen
für die Figur, welche man zeichnet, jene allgemeine Gewissheit gewähren, wie Sie
es zu fassen schienen. Denn man muss wissen, dass nicht die Figuren es sind,
welche bei den Geometern die Beweise liefern, obgleich der Stil des Vertrags
dies glauben machen kann. Die Kraft der Beweisführung ist von der gezeichneten
Figur ganz unabhängig, welche nur dazu dient, das Verständnis dessen zu
erleichtern, was man sagen will, und die Aufmerksamkeit zu fesseln; die
allgemeinen Sätze d.h. die Definitionen, Grundsätze und die schon bewiesenen
Lehrsätze sind es, welche den Beweis bilden und ihn auch, wenn keine Figur dabei
wäre, aufrecht erhalten würden. Aus diesem Grunde hat ein gelehrter Geometer,
Scheubelius, die Figuren des Euklid ohne ihre Buchstaben gegeben, weil man sich
dieselben mit der von ihm beigefügten Beweisführung verknüpft denken könnte, und
ein anderer, Herlinus, hat eben diese Beweise in Syllogismen und Prosyllogismen
aufgelöst.
 
                                  Kapitel II.
                       Von den Graden unserer Erkenntnis
    § 1. Philaletes. Die Erkenntnis ist also intuitiv, wenn der Geist sich der
Übereinstimmung zweier Vorstellungen unmittelbar durch sie selbst, ohne
Dazwischenkunft irgend einer anderen, bewusst ist. In diesem Falle hat der Geist
keine Mühe nötig, um die Wahrheit zu beweisen oder zu prüfen. Es ist so, wie das
Auge das Licht sieht, wie der Geist sieht, dass das Weisse nicht das Schwarze, ein
Kreis nicht ein Dreieck ist, zwei und und eins drei sind. Diese Erkenntnis ist
die klarste und gewisseste, deren die menschliche Schwäche fähig ist; sie wirkt
auf eine unwiderstehliche Art, ohne dem Geiste Zögerung zu verstatten. Man
erkennt intuitiv, wenn die Vorstellung so im Geiste ist, wie man sich ihrer
bewusst ist. Wer eine grössere Gewissheit verlangt, weiss nicht, was er verlangt.
    Teophilus. Die Grundwahrheiten, welche man durch Intuition weiss, sind wie
die abgeleiteten von zwei Klassen. Sie sind entweder Vernunftwahrheiten oder
tatsächliche Wahrheiten. Die Vernunftwahrheiten sind notwendige und die
tatsächlichen sind zufällige. Die Grundwahrheiten unter den Vernunftwahrheiten
sind solche, welche ich mit einem Gesamtnamen identische nenne, weil sie nur
dasselbe zu wiederholen scheinen, ohne uns etwas zu lehren. Sie sind bejahend
oder verneinend; die bejahenden sind wie die folgenden: Jedes Ding ist, was es
ist. Und in sovielen Beispielen als man will, ist A = A, B = B. Ich werde sein,
was ich sein werde. Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben. Und. Nichts
in Versen wie in Prosa ist nichts oder sehr wenig. Ein gleichseitiges Rechteck
ist ein Rechteck. Die Kopulativ-, Disjunktiv- und andere Sätze sind gleichfalls
dieser Identitätsform fähig, und ich rechne unter die bejahenden sogar folgenden
Satz: Nicht A ist Nicht - A. Und folgenden hypotetischen: Wenn A Nicht - B ist,
so folgt, dass A nicht B ist. Ebenso: Wenn Nicht - A BC ist, so folgt, dass Nicht
- A, BC ist. Wenn eine Figur, die keinen stumpfen Winkel hat, ein regelmässiges
Dreieck sein kann, so kann eine Figur, die keinen stumpfen Winkel hat,
regelmässig sein.
    Ich komme jetzt zu den identischen Verneinungssätzen, die entweder unter das
Prinzip des Widerspruches fallen oder disparate sind. Das Prinzip des
Widerspruchs ist im allgemeinen: Ein Satz ist entweder wahr oder falsch; dies
schliesst zwei andere Urteile ein: zuerst, dass das Wahre und das Falsche in
demselben Satze nicht zusammen bestehen können, oder dass ein Satz nicht zugleich
wahr und falsch sein kann; zweitens, dass das Entgegengesetzte oder die
Verneinung des Wahren und Falschen nicht zugleich stattfindet, oder dass es
zwischen Wahrem und Falschem kein Mittleres gibt, oder auch, dass ein Satz
unmöglich zugleich weder wahr noch falsch sein kann. Dies alles nun ist ebenso
im besonderen wahr in allen nur denkbaren Sätzen, z.B.: Was A ist, kann nicht
Nicht - A sein. Ebenso: es ist wahr, dass wenn sich ein Mensch findet, er kein
Tier ist. Man kann diese Urteile auf viele Arten abändern und sie mit
Kopulativ-, Disjunktiv- und anderen Sätzen verbinden.
    Was die disparaten Sätze betrifft, so sind dies solche, welche besagen, dass
der Gegenstand einer Vorstellung nicht Gegenstand eines anderen sei, z.B. dass
die Wärme nicht dasselbe ist wie die Farbe; ebenso, dass der Mensch und das
lebende Wesen nicht dasselbe sind, obgleich der Mensch ein lebendes Wesen ist.
Alles dies lässt sich bejahen, unabhängig von jeder Probe oder jeder
Zurückführung auf das Entgegengesetzte oder auf das Prinzip des Widerspruchs -
wenn die Vorstellungen hinlänglich verstanden werden, um nicht eine Analyse
dabei nötig zu machen, sonst ist man Irrtümern unterworfen; denn wenn man sagt:
ein Dreieck und eine dreiseitige Figur ist nicht dasselbe, so würde man sich
irren, weil man bei richtiger Betrachtung findet, dass die drei Seiten und die
drei Winkel immer beisammen sind. Wenn man sagt: ein vierseitiges Rechteck und
ein Rechteck ist nicht dasselbe, würde man sich auch irren, denn man findet, dass
bloss die Figur mit vier Seiten alle ihre Winkel als rechte haben kann. Indessen
kann man immer in abstracto sagen, dass ein Dreieck keine dreiseitige Figur ist,
oder dass die formellen Gründe für das Dreieck und die dreiseitige Figur, wie die
Philosophen sagen, nicht dieselben sind. Es sind verschiedene Beziehungen
derselben Sache.
    Wenn nun jemand das, was wir bisher gesagt haben, mit Geduld angehört hat,
wird er sie am Ende verlieren und sagen, dass wir uns mit leeren Sätzen die Zeit
vertreiben, und alle identischen Wahrheiten zu nichts dienen. Aber man würde so
nur urteilen, wenn man über diese Gegenstände nicht gehörig nachgedacht hat. Die
logischen Folgerungen werden z.B. durch die identischen Grundsätze bewiesen, und
die Geometer haben das Princip des Widerspruchs in ihren Beweisführungen nötig,
welche aufs Unmögliche zurückführen.
    Begnügen wir uns hier, die Anwendung der identischen Sätze in den Beweisen
aus den logischen Folgerungen zu zeigen. Ich sage also, dass das blosse Prinzip
des Widerspruchs genügt, um die zweite und die dritte syllogistische Figur durch
die erste nachzuweisen. Man kann z.B. in der ersten Figur nach Modus Barbara
schliessen:
Alles B ist C,
Alles A ist B,
also Alles A ist C.
    Setzen wir, dass der Schluss falsch sei (oder es sei wahr, dass einiges A nicht
C ist), so muss auch einer der beiden Vordersätze falsch sein. Setzen wir, dass
der Untersatz wahr ist, so muss der Obersatz falsch sein, welcher behauptet, dass
alles B C ist. Es muss also das Gegenteil wahr sein: Einiges B ist nicht C. Und
dies ist der Schlusssatz eines neuen Syllogismus, der aus der Falschheit des
Schlusssatzes und der Wahrheit des einen. Vordersatzes des vorhergehenden gezogen
wird. Folgendes ist der neue Syllogismus :
                             Einiges A ist nicht C.
    Dies ist das Gegenteil des als falsch angenommenen vorherigen Schlusssatzes.
                                 Alles A ist B.
    Dies ist der vorher als wahr angenommene Untersatz.
                          Also ist Einiges B nicht C.
    Dies ist der nunmehrige wahre Schlusssatz, welcher dem früheren falschen
Vordersatz entgegengesetzt ist. Dieser Syllogismus ist aus dem Modus Disamis der
dritten Figur, welcher also offenbar und auf den ersten Blick aus dem Modus
Barbara der ersten Figur sich ableiten lässt, ohne etwas anderes als das Prinzip
des Widerspruchs anzuwenden. Schon in meiner Jugend, als ich diese Dinge genauer
untersuchte, machte ich die Bemerkung, dass alle Modi der zweiten und dritten
Figur durch diese Metode allein aus der ersten hergeleitet werden können, indem
man voraussetzt, dass der Modus der ersten richtig ist und folglich, wenn der
Schlusssatz falsch oder sein kontradiktorisches Gegenteil als wahr angenommen und
auch einer der Vordersätze als wahr angenommen wird, das kontradiktorische
Gegenteil des anderen Vordersatzes wahr sein muss. Allerdings bedient man sich in
den logischen Schulen lieber der Umkehrungen, um die weniger ursprünglichen
Figuren aus der ersten, welche die ursprüngliche ist, abzuleiten, weil dies für
die Schüler bequemer scheint. Für diejenigen aber, welche die Beweisgründe
suchen, wo man so wenig als möglich Voraussetzungen anwenden muss, wird man nicht
durch die Voraussetzung der Umkehrung dasjenige beweisen, was man durch das
Grundprinzip allein beweisen kann; und dies ist das des Widerspruchs, welches
weiter nichts voraussetzt. Ich habe sogar folgende bemerkenswerte Beobachtung
gemacht, dass nämlich allein diejenigen weniger ursprünglichen Figuren, welche
man direkte nennt, nämlich die zweite oder dritte, ganz allein durch das Prinzip
des Widerspruchs bewiesen werden können; die weniger ursprüngliche indirekte
Figur aber, welches die vierte ist, und deren Erfindung die Araber dem Galen
zuschreiben, obwohl wir in dessen uns noch übrigen Schriften nichts davon finden
und auch nicht in den übrigen griechischen Autoren, diese vierte sage ich, hat
den Nachteil, dass sie aus der ersten oder ursprünglichen nicht durch diese
Metode allein gezogen werden kann, sondern dass man noch eine andere
Voraussetzung, nämlich die Umkehrungen, anwenden muss, so dass sie um einen Grad
ferner steht, als die zweite und dritte, welche sich gleich verhalten und von
der ersten gleichmässig entfernt sind, während die vierte noch die zweite und
dritte nötig hat, um bewiesen zu werden. Denn es trifft sich gerade, dass die
Umkehrungen, deren sie nötig hat, aus der zweiten und dritten Figur bewiesen
werden, welche ihrerseits von Umkehrungen unabhängig sind, wie ich soeben
gezeigt habe. Schon Petrus Ramus hatte diese Bemerkung über die Beweisbarkeit
der Umkehrung durch diese Figuren gemacht und warf, wenn ich mich nicht irre,
den Logikern, welche sich der Umkehrung bedienen, um diese Figuren zu beweisen,
einen Zirkelschluss vor, obgleich es nicht sowohl ein Zirkelschluss war, den er
ihnen hätte vorwerfen sollen (denn sie bedienten sich ihrerseits gar nicht
dieser Figuren, um die Umkehrungen zu rechtfertigen), als ein Hysteron Proteron
oder das Spätere früher, weil die Umkehrungen eher durch diese Figuren, als
diese Figuren durch die Umkehrungen nachgewiesen zu werden nötig hätten. Da aber
dieser Nachweis der Umkehrungen noch die Anwendung der bejahenden
Identitätssätze, welche einige für ganz nichtig ansehen, zeigt, so wird es um so
passender sein, sie hierher zu setzen. Ich will nur von den Umkehrungen ohne
Kontraposition sprechen, die mir hier genügen, und welche entweder einfache
oder, wie man sie nennt, per accidens sind.
    Die einfachen Umkehrungen sind von zwei Arten, die der allgemeinen Negation,
z.B. kein Quadrat hat einen stumpfen Winkel, also ist keine Figur mit stumpfem
Winkel ein Quadrat; und die der besonderen Bejahung, z.B. einige Dreiecke haben
einen stumpfen Winkel, also sind einige Figuren mit stumpfem Winkel dreieckig.
Die Umkehrung per accidens aber, wie man sie nennt, betrifft die allgemeine
Bejahung, z.B. jedes Quadrat ist ein Rechteck, also sind einige Rechtecke
Quadrate. Hier versteht man unter einem Rechteck immer eine Figur, deren Winkel
sämtlich rechte sind und unter einem Quadrat ein regelmässiges Viereck.
    Jetzt handelt es sich darum, diese drei Arten von Umkehrungen zu zeigen, wie
folgt:
    1. Kein A ist B; also kein B ist A.
    2. Einiges A ist B; also einiges B ist A.
    3. Alles A ist B; also einiges B ist A.
Nachweis der ersten Umkehrung im Modus Cesare, welcher der zweiten Figur
angehört:
Kein A ist B,
Alles A ist B,
also Kein B ist A.
    Nachweis der zweiten Umkehrung im Modus Datisi, welcher der dritten Figur
angehört:
Alles A ist A,
Einiges A ist B,
also Einiges B ist A.
    Nachweis der dritten Umkehrung, im Modus Darapti, welcher der dritten Figur
angehört:
Alles A ist A,
Alles A ist B,
also Einiges B ist A.
    Dies zeigt, dass die reinsten und scheinbar unnützesten identischen Sätze
einen grossen Nutzen im abstrakten und allgemeinen haben, und dies lehrt uns, dass
man keine Wahrheit verachten darf. Was jenen von Ihnen noch als ein Beispiel
intuitiver Erkenntnisse angeführten Satz anbetrifft, dass drei so viel ist, als
zwei und eins, so will ich bemerken, dass dies nur die Definition des Ausdrucks
drei ist, denn die einfachsten Definitionen der Zahlen werden so gebildet: zwei
ist eins und eins; drei ist zwei und eins; vier ist drei und eins usw. fort.
Allerdings steckt darin ein verhülltes Urteil, wie ich schon bemerkt habe,
nämlich dass diese Vorstellungen möglich sind; und dies wird hier intuitiv
erkannt. Man kann daher sagen, dass eine intuitive Erkenntnis in den Definitionen
entalten ist, wenn ihre Möglichkeit sofort einleuchtet. Und auf diese Art
entalten alle adäquaten Definitionen ursprüngliche Vernunftwahrheiten und
folglich intuitive Erkenntnisse. Endlich kann man im allgemeinen sagen, dass alle
ursprünglichen Vernunftwahrheiten als unmittelbare aus einer Unmittelbarkeit von
Vorstellungen stammen.
    Was die ursprünglichen, tatsächlichen Wahrheiten anbetrifft, so sind dies
die unmittelbaren inneren Erfahrungen aus einer Gefühlsunmittelbarkeit. Hierher
gehört die erste Wahrheit der Kartesianer oder des heiligen Augustin: Ich denke,
also bin ich, d.h. ich hin ein Wesen, das denkt. Man muss aber wissen, dass ebenso
wie die identischen Sätze allgemeine oder besondere, und wie die einen ebenso
klar als die anderen sind - weil es ebensoviel ist, zu sagen, dass A A ist, als
zu sagen, dass ein Ding das ist, was es ist, - dies mit den ersten tatsächlichen
Wahrheiten sich ebenso verhält. Denn mir ist nicht allein unmittelbar klar, dass
ich denke, sondern es ist mir ganz ebenso klar, dass ich verschiedene Gedanken
habe, dass ich bald A und bald B denke usw. Also ist das Kartesianische Prinzip
gültig, aber es ist nicht das einzige seiner Art. Man sieht daraus, dass alle
ursprünglichen Vernunft oder auch tatsächlichen Wahrheiten dies miteinander
gemein haben, dass man sie nicht durch etwas Gewisseres beweisen kann.
    § 2. Philaletes. Ich bin ganz damit einverstanden, dass Sie das, was ich
hinsichtlich der intuitiven Erkenntnisse nur angedeutet habe, weiter ausführen.
Die demonstrative Erkenntnis ist also nur eine Verkettung der intuitiven
Erkenntnisse in allen Verknüpfungen der mittelbaren Vorstellungen. Denn oft kann
der Geist die Vorstellungen nicht miteinander verbinden, vergleichen oder in
unmittelbare Beziehung setzen, was ihn nötigt, sich anderer vermittelnder
Vorstellungen (einer oder mehrerer) zu bedienen, um die Übereinstimmung oder
Nichtübereinstimmung, welche gesucht wird, zu entdecken, und dies nennt man eben
schliessen, um z.B. zu beweisen, dass die drei Winkel eines Dreiecks zweien
rechten gleich sind, sucht man einige andere Winkel, welche man als entweder den
drei Winkeln des Dreiecks oder den beiden rechten gleich erkennt. § 3. Diese
Vorstellungen, welche man dazwischen treten lässt, heissen Beweise, und die Anlage
des Geistes, sie zu finden, Scharfsinn. § 4. Und selbst wenn sie gefunden sind,
erwirbt mäh solche Erkenntnis nicht ohne Mühe und Aufmerksamkeit, auch nicht
durch einen blossen flüchtigen Blick, denn man mass sich auf eine fortschreitende
Reihe von Vorstellungen einlassen, die nur allmählich und schrittweise entsteht.
§ 5. Auch geht dem Beweisverfahren der Zweifel voraus. § 6. Diese demonstrative
Erkenntnis ist weniger klar als die intuitive. Wie das durch mehrere Spiegel von
dem einen zum andern geworfene Bild bei jeder Zurückwerfung schwächer wird und
nicht mehr gleich so erkennbar ist, besonders für schwache Augen - ebenso
verhält es sich mit einer durch eine lange Folge von Beweisen hervorgebrachten
Erkenntnis. § 7. Und obwohl jeder Schritt, den die Vernunft beim Beweisen tut,
eine intuitive oder einfach anschauende Erkenntnis ist, so nehmen
nichtsdestoweniger die Menschen in dieser langen Folge von Beweisen, da das
Gedächtnis diese Verbindung von Vorstellungen nicht so genau behalt, häufig
Falschheiten für Beweise.
    Teophilus. Ausser dem natürlichen oder durch Übung erlangten Scharfsinn gibt
es eine Kunst, die mittleren Vorstellungen (den Medius) zu finden, und diese
Kunst ist die Analyse. Nun ist zu bemerken, dass es sich hierbei bald darum
handelt, die Wahrheit oder Falschheit eines gegebenen Satzes zu finden, was
nichts anderes ist, als die Beantwortung der Frage: An? d.h. ist es so oder
nicht? Bald handelt es sich, auf die - unter übrigens gleichen Umständen -
schwerere Frage zu antworten, wo man z.B. fragt: wodurch und wie? und wo man
noch mehr zu ergänzen hat. Dies sind eigentlich die von Matematikern »Probleme«
genannten Fragen, welche einen Teil des Satzes unentschieden lassen, wie, wenn
man einen Spiegel zu finden verlangt, der alle Sonnenstrahlen auf einen Punkt
vereinigt, d.h. man fragt nach seiner Gestalt oder wie er sein muss. Was die
erste Art von Fragen anbetrifft, wo es sich bloss um das Wahre und Falsche
handelt und im Subjekt oder Prädikat nichts weiter zu ergänzen ist, findet
weniger Erfindung statt, indessen doch einige, und das blosse Urteil genügt dazu
nicht. Allerdings kann jemand, der Urteil hat d.h. welcher der Aufmerksamkeit
und Überlegung fähig ist und die nötige Musse, Geduld und Freiheit des Geistes
hat, den schwersten Beweis verstehen, wenn er ihm gehörig vorgelegt wird. Aber
der scharfsinnigste Mensch auf Erden wird ohne andere Hilfe niemals diesen
Beweis zu finden imstande sein. Also ist auch noch Erfindung dabei, und ihrer
gab es bei den Geometern sonst mehr als jetzt. Denn als die Analyse noch weniger
geübt wurde, brauchte man mehr Scharfsinn, um zum Ziel zu gelangen, und deshalb
haben noch einige Geometer vom alten Schlage oder andere, welche in den neuen
Metoden noch nicht genug geübt sind, Wunder was zu tun geglaubt, wenn sie den
Beweis irgend eines Lehrsatzes fanden, den andere vor ihnen erfunden hatten.
Aber die in der Kunst des Erfindens Geübten wissen, wann dies schätzbar ist oder
nicht. Wenn z.B. jemand die Quadratur eines von einer krummen und einer geraden
Linie eingeschlossenen Baumes veröffentlicht, welche in allen ihren Segmenten
gelingt, und die ich eine allgemeine nenne, so ist es nach unseren Metoden
immer in unserer Macht, den Beweis davon zu finden, wenn man sich nur die Mühe
dazu nehmen will. Es gibt aber besondere Quadraturen gewisser Abschnitte, wo die
Sache so verwickelt sein kann, dass man es nicht immer in seiner Gewalt hat, sie
zu entwirren. Auch geschieht es, dass die Induktion uns in den Zahlen und Figuren
auf Wahrheiten bringt, deren allgemeinen Grund man noch nicht entdeckt hat. Denn
es fehlt viel daran, dass man zur Vollendung der Analyse in der Geometrie und
Zahlenteorie gelangt sei, wie mehrere auf die Prahlereien einiger sonst
ausgezeichneter, aber ein wenig vorschneller oder zu ehrgeiziger Männer hin sich
eingebildet haben.
    Viel schwerer aber ist es, bedeutende Wahrheiten zu finden, und noch mehr,
die Mittel zu finden, das, was man sucht, gerade dann, wann man es sucht, zu
vollbringen, als den Beweis der von einem anderen entdeckten Wahrheiten. Man
gelangt oft zu schönen Wahrheiten durch die Syntese, indem man vom Einfachen
zum Zusammengesetzten fortschreitet; aber wenn es sich darum handelt, gerade das
Mittel zu finden, um das, was man sich vorsetzt, zu vollbringen, so genügt
gewöhnlich die Syntese nicht, und oft würde dies heissen, ein Meer austrinken,
wenn man alle die erforderlichen Kombinationen machen wollte. Freilich könnte
man sich dabei häufig durch die Metode der Ausschliessungen helfen, welche einen
guten Teil der unnützen Kombinationen fortschaft, und oft lässt die Natur der
Sache keine andere Metode zu. Aber man hat nicht immer die Mittel, sie
fördersam anzuwenden. Die Analyse also hat uns in diesem Labyrint den Faden zu
geben, wenn dies möglich ist, denn es gibt Fälle, wo die Natur der Frage selbst
fordert, dass man überall herumtasten geht, indem die Abkürzungen nicht immer
möglich sind.
    § 8. Philaletes. Da man nun beim Beweisen immer die intuitiven Erkenntnisse
voraussetzt, so hat dies, denke ich, zu dem Grundsatze Veranlassung gegeben: dass
jeder Schluss aus schon Bekanntem und Zugestandenem hervorgeht (ex praecognitis
et praeconcessis). Wir werden aber Gelegenheit haben, die in diesem Grundsätze
entaltene Unrichtigkeit zu besprechen, wenn wir von den Maximen handeln werden,
welche man fälschlich für die Grundlage unserer Beweise nimmt.
    Teophilus. Ich bin neugierig in vernehmen, welche Unrichtigkeit Sie in
einem Grundsatze finden können, der so vernünftig scheint. Musste man immer alles
auf intuitive Erkenntnisse zurückfahren, so würden die Beweise oft von
unerträglicher Weitschweifigkeit sein. Aus diesem Grunde haben die Matematiker
die Geschicklichkeit gehabt, die Schwierigkeiten zu teilen und die
dazwischenfallenden Sätze besonders zu beweisen. Und auch dabei gibt es noch
Kunstgriffe, denn da die vermittelnden Wahrheiten (welche man die Lemmata -
hinzugenommene Lehrsätze - nennt, da sie nebenher zu gehen scheinen) auf
mancherlei Weise ausgefunden werden können, so ist es zur Unterstützung der
Fassungskraft und des Gedächtnisses gut, diejenigen davon auszuwählen, welche
zur Abkürzung dienen und für sich allein behaltenswert und des Beweises würdig
erscheinen. Aber es gibt noch ein anderes Hindernis, dass es nämlich nicht leicht
ist, alle Grundsätze zu beweisen und die Schlüsse gänzlich auf intuitive
Erkenntnisse zurückzuführen. Hätte man auch darauf warten wollen, so würden wir
vielleicht die Wissenschaft der Geometrie noch nicht besitzen. Aber wir haben
darüber schon in unseren ersten Unterredungen gesprochen und werden Gelegenheit
haben, noch mehr davon zu reden.
    § 9. Philaletes. Wir werden bald dazu kommen; jetzt werde ich nur noch
bemerken, was ich schon mehr als einmal berührt habe, dass der allgemeinen
Meinung nach nur die matematischen Wissenschaften einer auf Beweis beruhenden
Gewissheit fähig seien; aber da die Übereinstimmung und Nichtübereinstimmung,
welche intuitiv erkannt werden kann, nicht ein den Vorstellungen der Zahlen und
Figuren allein anhaftendes Privilegium ist, so mag es vielleicht aus einem
Mangel an Fleiss von unserer Seite geschehen sein, dass die Matematik allein auf
Schlüsse gebracht ist. § 10. Verschiedene Gründe haben dazu beigetragen. Die
matematischen Wissenschaften sind von sehr allgemeinem Nutzen, und der
geringste Unterschied der Grösse ist sehr leicht zu erkennen. § 11. Diejenigen
übrigen einfachen Vorstellungen, welche in uns hervorgerufene Erscheinungen oder
Zustände sind, haben zwar kein genaues Mass hinsichtlich ihrer verschiedenen
Grade, (§ 12) aber wenn die Verschiedenheit solcher z.B. sinnlichen Qualitäten
gross genug ist, um im Geiste klar unterschiedene Vorstellungen zu erwecken, wie
etwa die des Blauen und Boten, so sind auch diese des Beweises ebenso fähig, als
die der Zahl und der Ausdehnung.
    Teophilus. Es gibt recht ansehnliche Beispiele von Schlussverfahren ausser
der Matematik, und man kann sagen, dass Aristoteles deren schon in seiner ersten
Analytik gegeben hat. In der Tat ist die Logik ebenso beweisfähig als die
Geometrie, und man kann sagen, dass die Logik der Geometer oder die
Schlussmetoden, welche Euklides bei seiner Lehre von den Sätzen erläutert und
aufgestellt hat, eine besondere Erweiterung oder Entwickelung der allgemeinen
Logik bilden. Archimedes ist der erste, der in seinen uns erhaltenen Schriften
die Kunst des Beweisens bei einer Gelegenheit ausgeübt hat, wo er Physik
behandelt, wie er in seinem Buch vom Gleichgewicht getan hat. Ferner kann man
sagen, dass die Rechtsgelehrten mehrere gute Beweisführungen entalten, vor allem
die alten römischen Juristen, deren Bruchstücke uns in den Pandekten aufbewahrt
worden sind. Ich bin durchaus der Ansicht des Laurentius Valla, der diese
Schriftsteller nicht genug bewundern kann unter anderem, weil sie alle sich so
richtig und präzis ausdrücken und in der Tat auf eine Weise argumentieren, die
sich der beweisenden gar sehr nähert und oft gänzlich die beweisende ist. Auch
weiss ich keine Wissenschaft ausser der des Rechte und, des Krieges, in welcher
die Römer etwas Bedeutendes dem von den Griechen Empfangenen hinzugefügt hätten.
 Tu regere imperio populos, Romane, memento;
 Hae tibi erunt artes pacisque imponere morem,
 Parcere subjectis et debellare superbos.
Diese Präzision des Ausdrucks ist der Grund, dass alle diese Juristen der
Pandekten, obgleich sie der Zeit nach mitunter einander ganz fern stehen, doch
ein einziger Autor in sein scheinen, und man viel Mähe haben würde, sie zu
unterscheiden, wenn die Schriftstellernamen nicht an der Spitze der Auszüge
ständen, wie man Euklides, Archimedes und Apollonius auch mit Mühe unterscheiden
würde, wenn man ihre Beweise über Gegenstände liest, welche der eine ebensogut
wie der andere berührt hat. Man muss gestehen, dass die Griechen in der Matematik
mit aller nur möglichen Schärfe argumentiert und dem Menschengeschlecht die
Vorbilder der Kunst zu beweisen hinterlassen haben, denn wenn die Babylonier und
Ägypter eine ein wenig mehr als erfahrungsmässige Geometrie gehabt haben, so ist
davon wenigstens nichts mehr übrig; aber zum Erstaunen ist es, dass eben diese
Griechen, sobald sie sich nur ein wenig von den Zahlen und Figuren entfernten,
gleich so weit davon abgekommen sind, indem sie zur Philosophie übergingen. Denn
auffallenderweise sieht man im Plato und im Aristoteles (die erste Analytik
ausgenommen) nicht einen Schatten vom Beweise und ebensowenig bei allen übrigen
alten Philosophen. Proklus war ein guter Geometer, aber wenn er von Philosophie
spricht, scheint er ein anderer Mensch zu sein. Aus diesem Grunde ist es denn
auch viel leichter gewesen, in der Matematik mit Beweisverfahren zu
argumentieren, und zwar hauptsächlich darum, weil dabei die Erfahrung in jedem
Augenblick für die Argumentation Gewähr leistet, wie es auch bei den
Schlussfiguren der Fall ist Aber in der Metaphysik und Moral findet dieser
Parallelismus von Gründen und Erfahrungen nicht statt, und in der Physik
erfordern die Erfahrungen Mühe und Ausgaben. So haben denn die Menschen gleich
von vornherein in ihrer Aufmerksamkeit nachgelassen und sind folglich in die
Irre geraten, nachdem sie sich von diesem treuen Führer, der Erfahrung, entfernt
hatten, welcher sie auf ihrem Wege unterstützte und aufrechtielt, wie jene
kleine rollende Maschine, welche die Kinder verhindert, beim Gehen zu fallen.
dabei fand eine gewisse Stellvertretung statt, was man aber nicht genug bemerkt
hat und noch jetzt nicht genug bemerkt. Ich werde seiner Zeit davon reden.
Übrigens sind Blau und Rot nicht imstande, Gelegenheit zu Beweisen mittels der
Vorstellungen, die wir von ihnen haben, zu liefern, weil diese Vorstellungen
eben verworrene sind. Diese Farben liefern zu Schlüssen nur insofern
Veranlassung, als man sie erfahrungsmässig von gewissen deutlichen Vorstellungen
begleitet findet, deren Zusammenhang aber mit den sie betreffenden Vorstellungen
nicht klar ist.
    § 14. Philaletes. Ausser der Intuition und Demonstration (Beweisführung),
welches die zwei Stufen unserer Erkenntnis sind, ist alles übrige Glaube oder
Meinung und nicht Erkenntnis, wenigstens hinsichtlich aller allgemeinen
Wahrheiten. Aber der Geist hat noch eine andere Art der Wahrnehmung, welche das
besondere Dasein der endlichen Wesen ausser uns betrifft, und das ist die
sinnliche Erkenntnis.
    Teophilus. Diejenige Meinung, welche in der Wahrscheinlichkeit begründet
ist, verdient vielleicht auch den Namen der Erkenntnis, sonst würden fast die
gesamte historische Erkenntnis und viele andere wegfallen. Aber ohne über Worte
zu streiten, nehme ich an, dass die Untersuchung der Wahrscheinlichkeitsgrade
sehr wichtig sein würde und uns noch fehlt, was ein grosser Mangel in unseren
Logiken ist. Denn wenn man nicht schlechtin eine Frage entscheiden kann, so
könnte man immerhin den Grad der Wahrscheinlichkeit aus den vorliegenden
Umständen (ex datis) bestimmen und folglich vernunftgemäss entscheiden, welche
Wahl zu empfehlen ist. Wenn die jetzigen Moralisten (ich verstehe darunter die
weisesten, solche wie den neuen Jesuitengeneral) das Gewisseste mit dem
Wahrscheinlichsten verbinden und das Gewisse sogar dem Wahrscheinlichen
vorziehen, so entfernen sie sich in der Tat nicht von dem Wahrscheinlichsten,
denn die Frage der Gewissheit dabei ist eben die nach der geringen
Wahrscheinlichkeit des zu befürchtenden Übels. Der Fehler der in diesem Artikel
fahrlässigen Moralisten hat zum grossen Teile darin bestanden, dass sie einen zu
beschränkten und zu unzureichenden Begriff des Wahrscheinlichen gehabt haben,
welches sie mit dem Endoxon oder dem Angenommenen des Aristoteles verwechselt
haben, denn Aristoteles hat in seiner Topik sich nur den Meinungen anderer, wie
Redner und Sophisten, anbequemen wollen. »Endoxon« ist ihm das, was von der
grössten Zahl oder von den besten Autoritäten angenommen ist: er hat Unrecht,
seine Topik darauf beschränkt zu haben, und dieser Gesichtspunkt ist der Grund,
dass er sich nur an angenommene, grösstenteils unsichere Grundsätze gehalten hat,
als ob man nur mittels eines Quodlibets oder Sprichwörter Schlüsse ziehen
wollte. Das Wahrscheinliche aber hat einen grösseren Umfang; man muss es aus der
Natur der Dinge gewinnen, und die Meinung derer, deren Autorität von Gewicht
ist, ist nur einer der Umstände, welche dazu beitragen können, eine Meinung
wahrscheinlich zu machen, aber nicht von der Art, die Wahrscheinlichkeit in
ihrer Ganzheit voll zu machen. Während Kopernikus fast allein seiner Meinung
war, war sie immerhin unvergleichlich wahrscheinlicher, als die der übrigen
Menschheit. Ich weiss also nicht, ob die Aufrichtung der Kunst, die
Wahrscheinlichkeiten abzuschätzen, nicht nützlicher sein möchte, als ein guter
Teil unserer demonstrativen Wissenschaften; und ich habe mehr als einmal an sie
gedacht.
    Philaletes. Die sinnliche Erkenntnis, oder diejenige, welche das Dasein der
besonderen Wesen ausser uns dartut, geht über die blosse Wahrscheinlichkeit
hinaus, aber sie hat nicht die ganze Gewissheit der beiden eben besprochenen
Erkenntnisgrade. Dass die von uns empfangene Vorstellung eines äusseren
Gegenstandes in unserem Geiste sei - nichts ist sicherer als das, und dies ist
eine intuitive Erkenntnis; aber zu wissen, ob wir von da aus sicher schliessen
dürfen auf ein dieser Vorstellung entsprechendes Dasein eines Dinges ausser uns,
das kann nach der Meinung gewisser Leute in Zweifel gezogen werden, weil die
Menschen dergleichen Vorstellungen ihres Geistes haben können, wenn nichts davon
in der Wirklichkeit da ist. Was mich anbetrifft, so glaube ich dennoch, dass
damit ein Grad von Evidenz verbunden ist, welcher uns über den Zweifel erhebt.
Man ist unwiderstehlich davon überzeugt, dass zwischen den Vorstellungen, welche
man hat, wenn man am Tage die Sonne betrachtet und wenn man nachts an dies
Gestirn denkt, ein grosser Unterschied obwaltet; und die mit Hilfe des
Gedächtnisses wiedererneuerte Vorstellung ist sehr verschieden von derjenigen,
welche uns durch die Vermittlung der Sinne tatsächlich entsteht. Will jemand
sagen, dass ein Traum die nämliche Wirkung haben kann, so antworte ich zuerst,
dass nicht viel daran gelegen ist, diesen Zweifel zu heben, weil
Vernunftschlüsse, wenn alles ein Traum ist, ohne Nutzen sind, da Wahrheit und
Erkenntnis dann gar nicht mehr stattfinden. An zweiter Stelle wird er meiner
Ansicht nach den Unterschied zwischen Träumen, in einem Feuer zu sein, und dem
wirklich im Feuer-Sein, anerkennen. Und wenn er dabei bleibt, als Skeptiker sich
zu zeigen, so werde ich ihm sagen, es genüge die sichere Beobachtung, dass Lust
und Schmerz die Folge der Einwirkung gewisser Gegenstände, wahrer oder
erträumter, auf uns sind, und dass diese Gewissheit ebenso gross wie unser Glück
und unser Unglück ist: zwei Dinge, über welche unser Interesse nicht hinausgeht.
So glaube ich denn, dass wir drei Arten von Erkenntnissen rechnen dürfen: die
intuitive, die demonstrative und die sinnliche.
    Teophilus. Ich glaube, Sie haben recht, und denke sogar, dass sie diesen
Arten der Gewissheit oder der gewissen Erkenntnis die des Wahrscheinlichen
hinzufügen können; so wird es zwei Arten von Erkenntnissen geben, wie es zwei
Arten von Beweisen gibt, davon die einen die Gewissheit hervorrufen und die
anderen nur bis zur Wahrscheinlichkeit reichen. Aber lassen Sie uns zu dem
Streite kommen, welchen die Skeptiker mit den Dogmatikern über das Dasein der
Dinge ausser uns haben. Wir haben denselben schon berührt, müssen aber jetzt
darauf zurückkommen. Ich habe ehemals mündlich und schriftlich darüber sehr viel
mit dem seligen Abbé Foucher, Kanonikus von Dijon, gestritten, einem gelehrten
und scharfsinnigen, aber ein wenig zu sehr für seine Akademiker eingenommenen
Manne, deren Schule er gern wiederbelebt hätte, wie Gassendi die der Epikureer
wieder auf die Bühne gebracht hatte. Seine Kritik der »Untersuchung der
Wahrheit« und die übrigen kleinen nachher von ihm veröffentlichten Abhandlungen
haben ihren Verfasser von einer sehr vorteilhaften Seite bekannt gemacht. Er hat
auch in das Journal des Savans Einwürfe gegen mein System der vorherbestimmten
Harmonie einrücken lassen, als ich dasselbe nach mehrjähriger Überlegung in die
Öffentlichkeit brachte; aber der Tod hat ihn verhindert, auf meine Antwort zu
erwidern. Er predigte immer, dass man sich vor Vorurteilen hüten und grosse
Genauigkeit anwenden müsse; aber ausserdem, dass er selbst es sich nicht zur
Pflicht machte, das, was er anderen riet, auszuführen, worin er wohl zu
entschuldigen war, schien er mir auch nicht darauf acht zu haben, ob ein anderer
es tat, ohne Zweifel voraussetzend, dass niemand es je tun würde. Ihm nun machte
ich bemerklich, dass die Wahrheit der sinnlichen Dinge nur in der Verknüpfung der
Erscheinungen, die ihren Grund haben müsste, bestände, und dass dieser Umstand sie
von den Träumen unterschiede, aber dass die Wahrheit unseres Daseins und der
Ursache der Erscheinungen von einer anderen Beschaffenheit sei, weil sie auf die
Annahme von Substanzen führe; und dass die Skeptiker das, was sie Gutes
behaupteten, dadurch wieder verdürben, dass sie es zu weit trieben und ihre
Zweifel selbst auf die unmittelbaren Erfahrungen und bis auf die geometrischen
Wahrheiten (was Foucher übrigens nicht tat) und auf die übrigen
Vernunftwahrheiten ausdehnen wollten, was etwas zu weit gegangen ist.
    Um aber zu Ihnen zurückzukehren, so haben Sie recht zu sagen, dass für
gewöhnlich zwischen sinnlichen Empfindungen und Phantasiebildern ein Unterschied
sei, aber die Skeptiker werden sagen, dass das Mehr oder Weniger dabei im
Wesentlichen nichts ändert. Obgleich übrigens die sinnlichen Empfindungen
lebhafter als die Phantasiebilder zu sein pflegen, so weiss man doch, dass es
Fälle gibt, wo Personen von starker Einbildungskraft durch ihre Phantasiebilder
ebenso oder vielleicht mehr als ein anderer durch die Wirklichkeit gefesselt
werden. Ich halte daher für das wahre Kriterion hinsichtlich der
Sinnengegenstände den Zusammenhang der Erscheinungen, d.h. die Verknüpfung
dessen, was an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten und in der
Erfahrung der verschiedenen Menschen vor sich geht, welche in dieser Hinsicht
einander selbst sehr wichtige Erscheinungen sind. Die Verbindung der
Erscheinungen aber, welche die tatsächlichen Wahrheiten in Hinsicht der
sinnlichen Dinge ausser uns verbürgt, wird mittels der Vernunftwahrheiten
bewährt, wie die Erscheinungen der Optik durch die Geometrie ihre Aufklärung
erhalten. Allerdings muss man zugeben, dass diese ganze Gewissheit nicht eine des
höchsten Grades ist, wie Sie ganz richtig anerkannt haben. Denn es ist,
metaphysisch gesprochen, nicht unmöglich, dass es einen so konsequenten und
langandauernden Traum geben kann, wie das Leben eines Menschen; aber das ist
etwas so Vernunftwidriges, als wenn man sich ein Buch denken wollte, das durch
Zufall gebildet würde, indem man die Drucklettern bunt durcheinander wirft.
Übrigens ist, wenn die Erscheinungen nur verbunden sind, wirklich auch nichts
daran gelegen, ob man sie Träume nennt oder nicht, weil die Erfahrung zeigt, dass
man sich in den um der Erscheinungen willen genommenen Massregeln nicht täuscht,
wenn sie nach Massgabe der Vernunftwahrheiten genommen werden.
    § 15. Philaletes. Übrigens ist die Erkenntnis nicht immer klar, wenngleich
die Vorstellungen es sein mögen. Jemand, welcher von den Winkeln eines Dreiecks
und dem Gleichsein derselben mit zwei rechten so klare Vorstellungen hat, wie
irgend ein Matematiker in der Welt, kann gleichwohl eine sehr dunkle Erkenntnis
ihrer Übereinstimmung miteinander haben.
    Teophilus. Wenn die Vorstellungen gründlich verstanden werden, leuchten
gewöhnlich auch ihre Übereinstimmungen und Nichtübereinstimmungen ein. Indessen
gibt es, wie ich zugestehe, dabei mitunter so zusammengesetzte, dass es viel Mühe
macht, das darin Verborgene zu entwickeln; und insofern können gewisse
Übereinstimmungen oder Nichtübereinstimmungen noch dunkel bleiben. Was Ihr
Beispiel betrifft, so bemerke ich, dass wenn man die Winkel des Dreiecks in der
Phantasie hat, man darum noch nicht eine klare Vorstellung davon zu haben
braucht. Die Einbildungskraft kann uns kein gemeinsames Bild von spitz- und
stumpfwinkligen Dreiecken liefern, und doch ist beiden die Vorstellung des
Dreiecks gemeinschaftlich: also besteht diese Vorstellung nicht in den
Phantasiebildern, und es ist auch nicht so leicht, wie man denken könnte, die
Winkel eines Dreiecks gründlich zu verstehen.
 
                                  Kapitel III.
                 Von der Ausdehnung der menschlichen Erkenntnis
    § 1. Philaletes. Unsere Erkenntnis geht nicht weiter als unsere
Vorstellungen; § 2 auch nicht weiter als die Wahrnehmung ihrer Übereinstimmung
oder Nichtübereinstimmung. § 3. Sie kann nicht immer intuitiv sein, weil man die
Dinge nicht immer unmittelbar vergleichen kann, z.B. die Grössen zweier Dreiecke,
welche von gleicher Basis aber sonst ganz verschieden sind. § 4. Unsere
Erkenntnis kann auch nicht immer demonstrativ sein, denn man kann nicht immer
die vermittelnden Vorstellungen finden. § 5. Endlich betrifft unsere sinnliche
Erkenntnis nur das Dasein derjenigen Dinge, welche tatsächlich unsere Sinne
treffen. § 6. So sind nicht allein unsere Vorstellungen sehr beschränkt, sondern
ist auch unsere Erkenntnis noch beschränkter als unsere Vorstellungen.
Gleichwohl zweifle ich nicht, dass die menschliche Erkenntnis viel weiter
gebracht werden kann, wenn die Menschen sich aufrichtig der Auffindung der
Mittel zur Vervollkommnung der Wahrheit mit völliger Geistesfreiheit und mit
allem dem Fleiss und aller der Emsigkeit widmen wollten, welche sie zur
Beschönigung oder Aufrechterhaltung des Falschen und der Verteidigung eines
Systems anwenden, für welches sie sich erklärt haben, oder auch einer bestimmten
Partei und gewisser Interessen, an denen sie beteiligt sind. Aber trotzdem kann
unsere Erkenntnis niemals alles dasjenige umfassen, was wir in Betreff unserer
Vorstellungen zu erkennen wünschen können. Wir werden zum Beispiel vielleicht
niemals fähig sein, ein einem Kreise gleiches Quadrat zu finden und sicher zu
wissen, ob es ein solches gibt.
    Teophilus. Es gibt verworrene Vorstellungen, bei denen wir uns keine
völlige Erkenntnis versprechen können, welcher Art die mancher sinnlicher
Eigenschaften sind. Aber wenn die Vorstellungen deutlich sind, so darf man alles
davon hoffen. Was das dem Kreise gleiche Quadrat anbetrifft, so hat schon
Archimedes gezeigt, dass es ein solches gibt. Es ist nämlich dasjenige, dessen
Seite die mittlere Proportionale zwischen dem Halbmesser und dem Halbkreis ist.
Er hat sogar auch vermittelst einer geraden Tangente der Spirallinie (wie andere
durch die Tangente der Quadratlinie) eine dem Kreisumfange gleiche gerade Linie
bestimmt; mit welcher Art von Quadratur Clavius ganz zufrieden war, ohne eines
an den Umkreis befestigten und darauf ausgestreckten Fadens oder des Umkreises,
welcher eine Cycloïde zu beschreiben sich entrollt und in eine gerade Linie sich
verwandelt, zu gedenken. Einige verlangen, dass die Konstruktion nur mittels
Lineals und Zirkels gemacht werde; aber die meisten Probleme der Geometrie
können durch dies Mittel nicht konstruiert werden. Es handelt sich also viel
mehr darum, das Verhältnis zwischen Quadrat und Kreis zu finden. Da nun aber
dies Verhältnis sich durch keine endlichen Rationalzahlen ausdrücken lässt, so
hat man, um nur Rationalzahlen anzuwenden, dieses selbige Verhältnis durch eine
unendliche Reihe solcher Zahlen ausdrücken müssen, wie ich dies auf eine sehr
einfache Weise zu tun vorgeschlagen habe. Nun handelt es sich darum, zu wissen,
ob es nicht irgend eine endliche Grösse gibt, welche diese unendliche Reihe
ausdrücken kann, möge sie auch irrational oder mehr als das sein, d.h. wenn man
gerade eine Abkürzung dafür finden kann. Aber die endlichen, besonders die
irrationalen Ausdrücke können, wenn man zu den allerirrationalsten geht, auf zu
viel Arten abgeändert werden, als dass man davon eine Herzählung vornehmen und
alle Möglichkeiten dabei leicht bestimmen könnte. Es gäbe vielleicht noch ein
Mittel, es zu vollbringen, wenn diese Irrationalität durch eine gewöhnliche oder
selbst auch ungewöhnliche Gleichung auszudrücken ist, die das Irrationale oder
selbst das Unbekannte in den Exponenten einführte, wozu freilich auch eine
weitläufige Berechnung erforderlich wäre, zu welcher man sich nicht so leicht
entschliessen wird, wenn man nicht einst noch zur Überwindung dieser
Schwierigkeit eine Abkürzung findet. Aber alle endlichen Ausdrücke
auszuschliessen, ist unmöglich; das habe ich erfahren, und gerade den letzten
Ausdruck zu bestimmen, ist eine schwierige Sache. - Alles dies zeigt, dass der
menschliche Geist sich so sonderbare Probleme setzt, besonders wenn das
Unendliche dabei im Spiel ist, dass man sich nicht wandern darf, wenn man damit
zustande zu kommen Mühe hat, zumal da oft alles in diesen geometrischen Dingen
Ton einer Abkürzung abhängt, auf die man sich nicht immer Rechnung machen kann,
gerade wie man nicht immer die Brüche auf kleinste Ausdrücke zurückfahren oder
die Divisoren einer Zahl finden kann. Man kann freilich diese Divisoren an sich
betrachtet immer haben, weil ihre Zahl endlich ist, aber wenn der Gegenstand der
Untersuchung bis ins Unendliche veränderlich ist und von Stufe zu Stufe zeigt,
so ist man nicht immer Herr darüber, wenn man es will, und zu mühsam ist es,
alle nötigen Versuche zu machen, um auf metodische Weise zu derjenigen
Abkürzung oder Progressionsregel zu gelangen, welche der Notwendigkeit, noch
weiter zu gehen, überhebt. Und da der Nutzen nicht der Mühewaltung entspricht,
so überlässt man die Auflösung davon lieber der Nachwelt, die davon Gebrauch
machen wird, wenn diese Mühe oder Weitläufigkeit durch neue Vorbereitungen und
Entdeckungen, welche die Zeit liefern kann, verringert sein wird. Damit soll
nicht gesagt sein, dass wenn diejenigen, welche sich von Zeit zu Zeit diesen
Studien widmen, gerade das Nötige, um weiter zu kommen, tun wollten, man mit der
Zeit nicht bedeutend fortzuschreiten hoffen könnte. Man darf sich auch nicht
einbilden, dass alles schon getan sei, da man ja selbst in der niederen Geometrie
noch keine Metode hat, die besten Konstruktionen zu bestimmen, wenn die
Probleme ein wenig zusammengesetzt sind. Ein gewisser Fortschritt der Syntese
müsste mit unserer Analyse verbunden werden, um einen besseren Erfolg zu
erzielen. Wie ich mich erinnere, erfahren zu haben, hatte der Ratspensionär de
Wit mit diesem Gegenstand sich beschäftigt.
    Philaletes. Eine ganz andere Schwierigkeit ist es, herauszubringen, ob ein
bloss materielles Wesen denken kann oder nicht. Wir werden das vielleicht niemals
auszumachen imstande sein, obgleich wir die Vorstellungen der Materie und des
Denkens haben - aus dem Grunde, weil es uns unmöglich ist, durch die Betrachtung
unserer eigenen Vorstellungen ohne die Offenbarung zu entdecken, ob nicht Gott
irgend welchen nach seinem Willen geordneten materiellen Massen das Vermögen des
Bewusstseins und Denkens verliehen, oder ob er nicht einer so geordneten Materie
eine immaterielle denkende Substanz verknüpft und verbunden hat? Denn was unsere
Begriffe angeht, so ist es für uns nicht schwerer, zu begreifen, dass Gott nach
seinem Wohlgefallen unserer Vorstellung von der Materie das Denkvermögen
hinzufügen kann, als zu fassen, dass er eine andere mit dem Denkvermögen begabte
Substanz damit verknüpft hat, weil wir nicht wissen, worin das Denken besteht,
und welcher Art von Substanz dies allmächtige Wesen solch ein Vermögen zu
verleihen beliebt hat, das sich in einem geschaffenen Wesen nur auf Grund des
freien Willens und der Güte des Schöpfers finden kann.
    Teophilus. Diese Frage ist zweifelsohne unvergleichlich wichtiger als die
vorhergehende, aber ich wage Ihnen zu erklären, dass ich wünschen möchte, es wäre
ebenso leicht, die Seelen zum Rechttun zu bewegen und die Leiber von ihren
Krankheiten zu heilen, als es meiner Ansicht nach in unserer Macht steht, sie zu
entscheiden. Hoffentlich werden Sie mir zugeben, dass ich dies wenigstens
behaupten kann, ohne die Bescheidenheit zu verletzen und aus Mangel guter Gründe
absprechend zu sein, denn nicht allein, dass ich nur der angenommenen und
allgemeinen Ansicht nachspreche, habe ich der Sache auch eine ungewöhnliche
Aufmerksamkeit geschenkt. Zuerst gebe ich Ihnen zu, dass wenn man, wie dies
gewöhnlich der Fall ist, nur verworrene Vorstellungen vom Denken und von der
Materie hat, man sich nicht wundern darf, wenn man solche Fragen zu entscheiden
ausserstande ist. Ebensowenig wird jemand, wie ich schon kurz vorher bemerkt
habe, der nur solche Vorstellungen von den Winkeln eines Dreiecks hat, wie man
sie gewöhnlich zu haben pflegt, jemals zu der Entdeckung gelangen, dass sie stets
zwei rechten Winkeln gleich sind. Man muss in Betracht ziehen, dass die Materie,
wenn man sie für ein vollständiges Wesen nimmt (d.h. die der ersten Materie
entgegengesetzte zweite Materie, welche etwas rein Leidendes und folglich
unvollständiges ist), nur eine Zusammenhäufung oder deren Resultat ist, und dass
jedes wirkliche Zusammengesetzte einfache Substanzen oder reale Einheiten
voraussetzt. Erwägt man ferner, was das Wesen dieser realen Einheiten ist,
nämlich die Wahrnehmung und deren Folgen, so wird man sozusagen in eine andere
Welt versetzt, nämlich in die intelligible Welt der Substanzen, während man
vorher nur unter den sinnlichen Erscheinungen gewesen war. Und diese Erkenntnis
des Inneren der Materie zeigt hinlänglich, wessen sie von Natur fähig ist, und
dass, so oft Gott ihr angemessene Organe, die Vernunfttätigkeit auszudrücken,
verleiht, die immaterielle Substanz, welche denkt, ihr auch nicht fehlen,
sondern gegeben sein wird kraft jener Harmonie, die auch eine natürliche Folge
der Substanzen ist. Die Materie kann ohne immaterielle Substanzen d.h. ohne die
Einheiten nicht bestehen, daher man nicht mehr fragen darf, ob es Gott frei
steht, ihr jenes Vermögen zu geben oder nicht. Und wenn jene Substanzen nicht in
sich die Korrespondenz oder Harmonie, von der ich eben gesprochen habe, hätten,
so würde Gott nicht nach der Ordnung der Natur handeln. Wenn man ganz einfach
vom Geben oder Verleihen der Vermögen spricht, so kehrt man damit zu den »
nackten Vermögen« der Scholastiker zurück und bildet sich kleine für sich
bestehende Wesen, die wie die Tauben zum Schlag kommen und wieder daraus gehen
können. Das heisst, Substanzen machen, ohne dass man darüber denkt. Die
ursprünglichen Kräfte machen die Substanzen selbst aus, und die abgeleiteten
Kräfte oder, wenn Sie wollen. Vermögen sind nur Arten des Seins, welche man von
den Substanzen ableiten muss; aus der Materie jedoch lassen sie sich nicht
ableiten, sofern sie nur etwas Mechanisches ist, d.h. sofern man sie mittels
Abstraktion nur als das unvollständige Sein der ersten Materie oder das ganz und
rein Leidende betrachtet. Das aber, denke ich, werden Sie mir zugeben, dass es
nicht in der Macht einer blossen Maschine steht, die Wahrnehmung, Empfindung,
Vernunft entstehen zu lassen. Sie müssen also aus irgend einem anderen
substantiellen Dinge hervorgehen. Wollen, dass Gott anders handeln und den Dingen
Akzidenzien geben solle, die nicht Arten des Seins oder aus den Substanzen
abgeleitete Modifikationen sind, heisst zu Wundern und zu dem seine Zuflucht
nehmen, was die Scholastik potentia obedientalis nannte, durch eine Art
übernatürlicher Versteigung, wie wenn gewisse Teologen behaupten, dass das Feuer
der Hölle die vom Körper getrennten Seelen brenne, in welchem Falle man sogar
bezweifeln kann, ob das Feuer das dabei Tätige ist, und nicht Gott selbst, indem
er an Stelle des Feuers tätig ist, diese Wirkung hervorbringt.
    Philaletes. Sie überraschen mich ein wenig durch Ihre Aufklärungen und
kommen mir in gar manchem zuvor, was ich Ihnen über die Schranken unserer
Erkenntnisse sagen wollte. Ich würde Ihnen gesagt haben, dass wir nicht im
Zustande des Schauens sind, wie die Teologen sich ausdrücken, dass der Glaube
und die Wahrscheinlichkeit uns für viele Dinge genügen müssen und besonders
hinsichtlich der Immaterialität der Seele; dass alle die grossen Endzwecke der
Moral und Religion auf hinlänglich festem Grunde ohne Hilfe der aus der
Philosophie gezogenen Gründe für diese Immaterialität ruhen, und dass offenbar
derjenige, welcher uns den Anfang unseres Daseins hienieden als
sinnlich-vernünftiger Wesen gegeben und uns eine Reihe von Jahren in diesem
Zustande erhalten hat, die Macht und den Willen besitzt, uns im anderen Leben
den Genuss eines ähnlichen Zustandes von Empfindung zu verleihen und uns in
demselben des Empfanges der Vergeltung fähig zu machen, die er den Menschen
gemäss dem, wie sie in diesem Leben sich aufgeführt haben, bestimmt hat; dass man
endlich ebendadurch schliessen kann, die Entscheidung für und gegen die
Immaterialität der Seele sei nicht von entschiedener Notwendigkeit, wie einige
für ihre eigenen Meinungen zu leidenschaftlich eingenommenen Leute es haben
glauben machen wollen. Alles das wollte ich Ihnen sagen und in diesem Sinne noch
mehr, aber jetzt sehe ich, welch ein Unterschied es ist, zu behaupten, dass wir
sinnlich empfindend, denkend und unsterblich von Natur, und dass wir es nur durch
ein Wunder sind. Allerdings erkenne ich an, dass man ein Wunder annehmen muss,
wenn die Seele nicht immateriell ist, aber diese Meinung von einem Wunder ist
nicht nur unbegründet, sondern macht auch auf viele Leute keinen besonders guten
Eindruck. Auch sehe ich wohl, dass man auf die Art, wie Sie die Sache nehmen,
über die vorliegende Frage sich vernünftigerweise entscheiden kann, ohne nötig
zu haben, den Zustand des Schauens zu Hilfe zu nehmen und sich in die
Gesellschaft jener höheren Genien zu begeben, welche in das innere Wesen der
Dinge tief eindringen und deren lebhafter und durchdringender Blick und
ausgedehntes Erkenntnisgebiet uns vermutungsweise ein Bild des Glückes, dessen
sie geniessen müssen, verstatten kann. Ich hatte geglaubt, dass es gänzlich über
unsere Erkenntnis hinausgehe, die sinnliche Empfindung mit einer ausgedehnten
Materie und das Dasein mit einem Dinge, das durchaus keine Ausdehnung hat, zu
verbinden. Ich war aus dem Grunde überzeugt, dass diejenigen, welche dafür Partei
nehmen, die unvernünftige Metode gewisser Leute befolgen, welche sich, nachdem
sie erkannt haben, dass die Dinge, von einer gewissen Seite angesehen,
unbegreiflich sind, sieh mit geschlossenen Augen zur entgegengesetzten Partei
schlagen, obwohl dies nicht weniger unbegreiflich ist. Dies kam meines Erachtens
daher, dass die einen, die ihren Geist zu tief in die Materie versenkt haben,
dem, was nicht materiell ist, kein Dasein zuerteilen mögen, und die anderen,
welche nicht annehmen, dass das Denken in dem natürlichen Vermögen der Materie
beschlossen ist, daraus schlossen, dass selbst Gott einer körperlichen Substanz
das Leben und die Wahrnehmung nicht geben könne, ohne eine immaterielle Substanz
hineinzulegen, während ich jetzt sehe, dass, wenn er es täte, dies durch ein
Wunder geschehen müsste, und dass diese Unbegreiflichkeit der Einheit von Seele
und Körper oder der Verknüpfung sinnlicher Empfindung mit Materie durch Ihre
Hypotese von der zwischen den verschiedenen Substanzen vorherbestimmten
Harmonie zu verschwinden scheint.
    Teophilus. In der Tat gibt es in dieser neuen Hypotese nichts
Unbegreifliches, weil sie der Seele und dem Körper nur solche Modifikationen
zuschreibt, welche wir in uns und in ihnen erfahren, und weil sie dieselben nur
in besserer Ordnung und Verbindung, als man es bisher geglaubt hat, aufstellt.
Die noch übrig bleibende Schwierigkeit findet nur rücksichtlich derer statt,
welche das, was nur durch den Verstand erkennbar ist, mit der Einbildungskraft
auffassen wollen, wie wenn sie die Töne sehen oder die Farben hören wollten; und
zwar sind dies diejenigen, welche allem nicht Ausgedehnten das Dasein absprechen
, was sie eigentlich nötigt, es Gott selbst abzusprechen d.h. den Ursachen und
Gründen der Veränderungen und zwar solcher Veränderungen zu entsagen, da diese
Gründe nicht von der Ausdehnung und von bloss leidenden Wesen, ja nicht einmal
gänzlich von den besonderen und niederen tätigen Wesen ohne den reinen und
allgemeinen Akt der obersten Substanz herstammen können.
    Philaletes. Hinsichtlich der Dinge, deren Materie dem Gefühlsreize
zugänglich ist, bleibt mir noch ein Einwurf übrig. Der Körper, soweit wir ihn
uns vorstellen können, ist nur fähig, einen Körper zu treffen und zu affizieren,
und die Bewegung kann nichts anderes als Bewegung erzeugen, so dass, wenn wir
darin übereinkommen, dass der Körper die Lust oder den Schmerz oder wenigstens
die Vorstellung einer Farbe oder eines Tones erzeugt, wir gezwungen zu sein
scheinen, unsere Vernunft aufzugeben und, über unsere eigenen Vorstellungen
hinausgehend, diese Hervorbringung der blossen Willkür unseres Schöpfers
zuzuschreiben. Welchen Grund werden wir also zu dem Schlusse haben, dass es mit
der Wahrnehmung in der Materie sich ebenso verhält? Ich sehe ungefähr, was man
darauf erwidern kann, und obwohl Sie darüber schon mehr als einmal etwas gesagt
haben, so verstehe ich Sie erst jetzt besser als früher. Ich werde mich indessen
freuen zu hören, was Sie mir bei dieser wichtigen Gelegenheit darauf zu
antworten haben.
    Teophilus. Ich werde, wie Sie richtig urteilen, erklären, dass die Materie
nicht Lust, Schmerz oder Empfindung in uns erzeugen kann. Die Seele ist es,
welche diese selbst für sich erzeugt, entsprechend dem, was in der Materie
vorgeht. Und einige tüchtige Männer unter den Neueren fangen an, sich dahin zu
erklären, dass sie die Gelegenheitsursachen nur so wie ich verstehen. Dies nun
vorausgesetzt, ist nichts Unbegreifliches mehr dabei, ausser dass wir nicht allen
Inhalt unserer verworrenen Wahrnehmungen, welche selbst vom Unendlichen etwas an
sich haben und der Ausdruck, der in den Körpern vor sich gehenden einzelnen
Vorgänge sind, uns klar machen können. Was ferner die freie Willkür des
Schöpfers betrifft, so ist sie, wie man sagen muss, dergestalt den Wesenheiten
der Dinge gemäss geordnet, dass sie darin nichts hervorbringt und erhält, als was
ihnen zukommt und sich durch ihre Wesenheiten wenigstens im allgemeinen erklären
lässt, - denn das Einzelne geht oft über unsere Kräfte, so wie etwa die Arbeit
und das Vermögen, die Sandkörner eines Berges nach der Ordnung der Figuren zu
legen, obwohl es dabei nichts Schwieriges zu verstehen gibt als die Masse.
    Wenn diese Erkenntnis, an sich selbst genommen, uns entginge und wir nicht
einmal den Grund der Beziehungen der Seele und des Körpers im allgemeinen
begreifen könnten, wenn endlich Gott den Dingen zufällige, von ihren Wesenheiten
abgesonderte und mitin der Vernunft im allgemeinen fremde Kräfte gäbe, würde
dies sonst nur eine Hintertür sein, jene zu verborgenen Beschaffenheiten, welche
kein Geist verstehen kann, zurückzubringen und jene kleinen, grundlosen Geister
von Vermögen
 Et quidquid schola finxit otiosa
 (Und was sonst der müssige Schulwitz erdachte):
die dienstbaren Geisterlein, welche wie die Götter auf dem Teater oder die Feen
im Amadis erscheinen und, wenn es nötig ist, alles, was ein Philosoph verlangen
kann, ohne Umstände und Werkzeuge verrichten. Aber den Ursprung davon dem freien
Belieben Gottes zuzuschreiben, das scheint demjenigen, der die oberste Vernunft
ist, bei welchem alles geregelt, alles in Harmonie ist, nicht besonders zu
geziemen. Solches freie Belieben würde sogar weder etwas Gutes noch etwas
Liebliches sein, während doch zwischen der Macht und der Weisheit Gottes ein
beständiger Parallelismus stattfinden muss.
    § 8. Philaletes. Unsere Erkenntnis der Einerleiheit und Verschiedenheit
geht ebensoweit als unsere Vorstellungen, aber die der Verknüpfung unserer
Vorstellungen (§ 9 und 10) hinsichtlich des gleichzeitigen Vorhandenseins
derselben in demselben Subjekt ist sehr unvollständig und fast keine, (§ 11) vor
allem hinsichtlich der Eigenschaften zweiten Ranges, wie der Farben, Töne,
Geschmäcke, (§ 12) weil wir ihre Verknüpfung mit den ersten Eigenschaften nicht
kennen, d.h. wie sie von der Grösse der Figur oder der Bewegung abhangen. Ein
wenig mehr wissen wir von der Unverträglichkeit dieser Eigenschaften zweiter
Klasse miteinander, denn ein Gegenstand kann z.B. nicht zwei Farben zu gleicher
Zeit haben, und wenn es scheint, dass man solche in einem Opal oder einem Aufguss
von Lignum nephriticum sieht, so gilt dies doch nur von den verschiedenen Teilen
des Gegenstandes (§ 16). Ebenso verhält es sich mit den tätigen und leidenden
Kräften der Körper. In diesem Falle müssen unsere Untersuchungen von der
Erfahrung abhangen.
    Teophilus. Die Vorstellungen der sinnlichen Eigenschaften sind verworren,
und die Kräfte, welche sie hervorbringen sollen, gewähren folglich auch nur
Vorstellungen, in denen Verworrenes vorkommt: so kann man denn die Verbindungen
dieser Vorstellungen nicht anders als durch Erfahrung erkennen, insofern man sie
auf bestimmte, sie begleitende Vorstellungen zurückführt, wie man z.B.
hinsichtlich der Farben des Regenbogens und der Prismen getan hat. Und diese
Metode führt gewissermassen in die Analyse ein, welche in der Physik von grossem
Nutzen ist; durch deren Verfolg, wie ich nicht zweifle, die Medizin mit der Zeit
sich bedeutend vorgeschritten finden wird, besonders wenn das Publikum sich ein
wenig mehr als bisher dafür interessiert.
    § 18. Philaletes. Was die Erkenntnis der Beziehungen betrifft, so ist dies
das weiteste Feld unserer Erkenntnisse, und es ist schwer zu bestimmen, wie weit
es sich ausdehnen kann. Die Fortschritte hangen von dem Scharfsinn ab, die
vermittelnden Vorstellungen zu finden. Diejenigen, welche die Algebra nicht
kennen, können sich die erstaunlichen Dinge nicht vorstellen, welche man in
diesem Felde vermittelst dieser Wissenschaft verrichten kann. Und ich sehe nicht
ein, dass sich leicht bestimmen liesse, welche neuen Mittel zur Vervollkommnung
der anderen Teile unserer Erkenntnisse durch einen durchdringenden Geist noch
erfunden werden können. Wenigstens sind die die Grösse betreffenden Vorstellungen
nicht die einzigen des Beweises fähigen; es gibt andere, welche vielleicht den
wichtigsten Teil unserer Betrachtungen bilden, von denen man sichere
Erkenntnisse ableiten könnte, wenn die Laster, Leidenschaften und herrschenden
Interessen sich der Ausführung einer solchen Unternehmung nicht geradezu
widersetzten.
    Teophilus. Was Sie da sagen, ist unbedingt wahr. Was gibt es Wichtigeres, -
vorausgesetzt, dass es wahr ist, - als das, was wir, so nehme ich an, über das
Wesen der Substanzen, über die Einheiten und Vielheiten, über die Einerleiheit
und Verschiedenheit, über die innere Bildung der Individuen, über die
Unmöglichkeit des leeren Raumes und der Atome, über den Ursprung der Kohäsion,
über das Kontinuitätsgesetz und über die übrigen Naturgesetze, vorzüglich aber
über die Harmonie der Dinge, die Immaterialität der Seelen, die Einheit der
Seele und des Körpers, die Erhaltung der Seelen und selbst des Tieres bis über
den Tod hinaus - festgestellt haben. Und in dem allem ist nichts, was ich nicht
für bewiesen oder beweisbar halte.
    Philaletes. Allerdings scheint Ihre Hypotese ausserordentlich konsequent
und von grosser Einfachheit: ein Gelehrter, welcher sie in Frankreich hat
widerlegen wollen, gesteht öffentlich, davon überrascht worden zu sein. Und zwar
ist die Einfachheit, soviel ich sehen kann, eine äusserst fruchtbare. Es wird
sich empfehlen, diese Lehre mehr und mehr ins rechte Licht zu stellen. Aber wenn
wir von Dingen reden, die uns am wichtigsten sind, so habe ich an die Moral
gedacht, für welche Ihre Metaphysik, wie ich zugebe, die vortrefflichsten
Stützen gibt: aber ohne soweit vorzugehen, hat die Moral doch hinlänglich
sichere Stützen, obschon sie sich vielleicht nicht soweit erstrecken (wie Sie,
soviel ich mich erinnere, bemerkt haben), - wenn eine natürliche Teologie, wie
die Ihrige, nicht die Grundlage davon bildet. Es dient ja schon die blosse
Inbetrachtnahme der Güter dieses Lebens dazu, wichtige Folgerungen für die
Anordnung der menschlichen Gesellschaften festzusetzen. Man kann über das Rechte
und Unrechte ebenso unbestreitbare Urteile fällen, als in der Matematik; der
Satz z.B.: Es kann da keine Ungerechtigkeit geben, wo es kein Eigentum gibt, ist
ebenso gewiss wie irgend ein Beweis aus dem Euklid, da das Eigentum das Recht auf
eine gewisse Sache ist und die Ungerechtigkeit die Verletzung eines Rechts.
Ebenso verhält es sich mit dem Satze: Keine Regierung bewilligt eine unbedingte
Freiheit. Denn die Regierung ist die Festsetzung gewisser Rechte, deren
Ausführung sie fordert. Und die unbedingte Freiheit ist die Macht, welche jeder
hat, zu tun, was ihm beliebt.
    Teophilus. Für gewöhnlich bedient man sich des Wortes Eigentum in etwas
anderem Sinne, denn man versteht darunter ein Recht des einen auf etwas mit
Ausschluss des Rechtes eines anderen. Wenn es also auch kein Eigentum gäbe, wie
wenn alles gemeinschaftlich wäre, so könnte es dabei doch Ungerechtigkeit geben.
Ferner muss in der Definition von Eigentum unter »Sache« auch Handlung verstanden
werden, denn wenn man auf die Sachen kein Recht hätte, so würde es doch immer
eine Ungerechtigkeit sein, die Menschen zu verhindern, dass sie handeln, wo sie
es nötig haben. Allein nach dieser Erklärung ist es unmöglich, dass es kein
Eigentum gibt. Was aber den Satz von der Unvereinbarkeit einer Regierung mit der
absoluten Freiheit betrifft, so gehört er zu den Folgesätzen d.h. den Sätzen,
welche nur anzumerken nötig ist. In der Rechtsgelehrsamkeit gibt es noch
zusammengesetzte Wahrheiten, wie z.B. hinsichtlich dessen, was man das jus
accrescendi nennt, hinsichtlich der Bedingungen und verschiedener anderer
Gegenstände. Ich habe dies bei Veröffentlichung der Tesen über die Bedingungen
in meiner Jugend gezeigt, wo ich einige derselben bewiesen habe. Und wenn ich
Zeit hätte, würde ich sie noch einmal überarbeiten.
    Philaletes. Dies würde den Wissbegierigen Vergnügen machen und dazu dienen,
jemand zu verhindern, sie etwa wieder auflegen zu lassen, ohne dass sie neu
bearbeitet wären.
    Teophilus. Wie dies meiner Ars combinatoria widerfahren ist, worüber ich
mich schon beklagt habe. Es war die Frucht meiner frühesten Jünglingszeit, und
dennoch druckte man sie lange nachher wieder ab, ohne mich um Rat zu fragen und
selbst ohne zu bemerken, dass es eine zweite Auflage sei, was einige Leute zu
meinem Schaden glauben machte, dass ich fähig wäre, eine solche Arbeit im
vorgerückten Alter zu veröffentlichen; denn obwohl darin Gedanken von einiger
Wichtigkeit sind, die ich noch billige, so gab es darin gleichwohl auch solche,
die nur einem jungen Anfänger zustehen konnten.
    § 19. Philaletes. Ich finde, dass die Figuren ein grosses Hilfsmittel gegen
die Ungewissheit der Worte sind, was bei den sittlichen Begriffen nicht
stattfinden kann. Überdies sind die sittlichen Begriffe zusammengesetzter als
die Figuren, welche man gewöhnlich in der Matematik seinen Betrachtungen
zugrunde legt. Daher hat der Geist Mühe, die scharfen Kombinationen dessen, was
zu den sittlichen Vorstellungen gehört, auf eine so vollkommene Art zu behalten,
als es nötig sein würde, wo lange Deduktionen eintreten müssen. Und wenn man in
der Aritmetik die verschiedenen Posten nicht durch Ziffern bezeichnete, deren
Bedeutung genau bekannt ist, und die da vor den Augen stehen bleiben, so würde
es fast unmöglich sein, grosse Rechnungen zu machen. (§ 20) Die Definitionen
helfen etwas, wenn man sie in der Moral beständig anwendet. Übrigens ist es
nicht leicht, vorauszusehen, welche Metoden durch die Algebra oder irgend ein
anderes Mittel dieser Art dargeboten werden können, um die übrigen
Schwierigkeiten zu verbannen.
    Teophilus. Der selige Erhard Weigel, ein Matematiker von Jena in
Türingen, erfand mit vielem Geiste Figuren zur Darstellung moralischer
Gegenstände. Und als der selige Samuel von Puffendorf, welcher sein Schüler war,
seine mit den Gedanken Weigels viel übereinstimmenden »Grundzüge der allgemeinen
Jurisprudenz« veröffentlichte, fügte man denselben in der Jenaischen Ausgabe die
»moralische Sphäre« dieses Matematikers hinzu. Aber diese Figuren sind eine Art
von Allegorie, etwa wie die der Tafel des Cebes, wenngleich weniger populär, und
dienen mehr dem Gedächtnis, um die Vorstellungen zu behalten und zu ordnen, als
dem Urteile, um demonstrative Erkenntnisse zu erwerben. Übrigens haben sie darum
doch ihren Nutzen, den Geist zu wecken. Die geometrischen Figuren erscheinen
einfacher als die moralischen Gegenstände, aber sie sind es nicht, weil das
Kontinuierliche die Unendlichkeit in sich schliesst, aus dem dabei eine Wahl
getroffen werden muss. Ein Dreieck z.B. in vier gleiche Teile durch zwei gerade
miteinander perpendikulare Linien zu teilen, ist ein Problem, dessen Lösung
einfach scheint und doch recht schwer ist. Mit den moralischen Problemen verhält
es sich nicht ebenso, weil sie ganz allein durch die Vernunft bestimmbar sind.
Übrigens ist hier nicht der Ort, von der »Grenzerweiterung der Wissenschaft des
Beweisverfahrens« zu reden und die wahren Mittel anzugeben, die Kunst des
Beweisens über ihre alten Schranken auszudehnen, welche bisher fast dieselben
geblieben sind, wie die des matematischen Gebietes. Ich hoffe, wenn Gott mir
die dazu nötige Zeit schenkt, einmal darüber eine Anweisung erscheinen zu
lassen, indem ich die Mittel dazu in wirkliche Ausübung bringe, ohne mich auf
die blossen Vorschriften zu beschränken.
    Philaletes. Wenn Sie diesen Plan, und zwar gehörigermassen ausführen, so
werden Sie alle Philaleten wie mich unendlich verbinden, d.h. diejenigen,
welche die Wahrheit zu erkennen aufrichtig begehren. Auch ist sie von Natur für
die Geister anmutend; und es gibt nichts so Abstossendes und so mit dem Verstande
Unverträgliches, als die Lüge. Man darf indessen nicht hoffen, dass man sich auf
diese Entdeckungen viel legen werde, so lange die Sacht und die Wertschätzung
der Reichtümer oder der Macht die Menschen antreiben wird, die von der Mode
angenommenen Meinungen zu den ihrigen zu machen und hinterher noch Gründe
aufzusuchen, um sie als richtig darzustellen oder sie zu beschönigen und ihre
Hässlichkeit zu verdecken. Und so lange die verschiedenen Parteien ihre Meinungen
von allen denjenigen angenommen haben wollen, welche sie in ihrer Macht haben
können, ohne zu prüfen, ob sie falsch oder richtig sind, was für ein neues Licht
kann man in den der Moral zugehörigen Wissenschaften da noch erhoffen? Statt
dessen müsste derjenige Teil des menschlichen Geschlechts, welcher unter dem Joch
ist, in den meisten Gegenden der Welt ebenso dicke Finsternis, wie die
ägyptische war, gewärtigen, wenn das Licht des Herrn nicht selber dem Geiste des
Menschen gegenwärtig wäre, jenes heilige Licht, welches alle menschliche Macht
nicht gänzlich auslöschen kann.
    Teophilus. Ich verzweifle nicht daran, dass zu einer ruhigeren Zeit oder an
einem ruhigeren Orte die Menschen sich mehr, als bisher geschehen ist, nach der
Vernunft richten werden. Denn man darf in der Tat an nichts verzweifeln, und ich
glaube, dass dem Menschengeschlecht grosse Veränderungen in Gutem und Schlimmem
aufbehalten sind, aber schliesslich mehr im Guten als im Schlimmen. Gesetzt, dass
einmal ein grosser Fürst, der wie die alten Könige von Assyrien oder von Ägypten
oder wie ein anderer Salomo lange in tiefem Frieden regiert, erscheint, und dass
dieser Fürst aus Liebe zur Tugend und Wahrheit und mit grossem und tüchtigem
Geiste begabt, sich vornimmt, die Menschen glücklicher und unter sich
friedfertiger und mächtiger über die Natur zu machen - welche Wunder würde er
nicht in wenig Jahren vollbringen? Denn sicherlich würde man in diesem Falle in
zehn Jahren mehr ausrichten, als sonst in hundert oder vielleicht in tausend,
wenn man die Dinge ihren gewöhnlichen Weg gehen lässt. Ohnehin aber würden, wenn
einmal die Bahn ordentlich gebrochen wäre, viele sie beschreiten, wie in der
Matematik, wäre es auch nur zu ihrem Vergnügen oder um Ruhm zu erwerben. Das
besser aufgeklärte Publikum wird sich einstens mehr der Förderung der Medizin
als bisher zuwenden; man wird in allen Ländern Naturgeschichten wie
Musenalmanache oder galante Merkure herausgeben; man wird keine gute Beobachtung
vorübergehen lassen, ohne sie zu registrieren; man wird diejenigen unterstützen,
welche sich darauf legen werden; man wird die Kunst, solche Beobachtungen zu
machen, verbessern und auch die, sie anzuwenden, um Aphorismen zu verfassen. Es
wird eine Zeit geben, wo die Zahl der guten Ärzte grösser und die Zahl von Leuten
eines gewissen Schlages, deren man dann weniger bedarf, im Verhältnis kleiner
geworden sein wird, so dass das Publikum imstande ist, der Naturforschung mehr
Aufmunterung zu schaffen und vor allem dem Fortschritte der Medizin; und dann
wird diese wichtige Wissenschaft sehr bald über ihren jetzigen Standpunkt sich
erheben und zusehends wachsen. Ich glaube in der Tat, dass dieser Teil der
Staatsverwaltung der Gegenstand grösserer Sorge für die, welche regieren, sein
sollte, nächst der für die Tugend, und dass einer der grössten Erfolge der wahren
Sittlichkeit oder Politik die Herstellung einer besseren Medizin sein wird, wenn
die Menschen weiser als jetzt zu sein angefangen und die Grossen ihre Reichtümer
und ihre Macht für ihr eigenes Glück besser anzuwenden gelernt haben werden.
    § 21. Philaletes. Was die Erkenntnis des wirklichen Daseins - der vierten
Art der Erkenntnisse - angeht, so muss man sagen, dass wir von unserem Dasein eine
intuitive, von dem Gottes eine demonstrative und von den übrigen Dingen eine
sinnliche Erkenntnis haben. Davon werden wir in der Folge weitläufig reden.
    Teophilus. Nichts kann treffender gesagt sein.
    § 22. Philaletes. Nachdem wir jetzt von der Erkenntnis gesprochen haben,
scheint es passend, dass wir, um den gegenwärtigen Zustand unseres Geistes besser
zu entdecken, auch ein wenig seine dunkle Seite in Betracht ziehen und von
unserer Unwissenheit Einsicht nehmen, welche die Erkenntnis unendlich
übersteigt. Folgende sind die Ursachen dieser Unwissenheit: 1) dass uns
Vorstellungen fehlen, 2) dass wir die Verknüpfung zwischen unseren Vorstellungen
nicht zu entdecken wissen, und 3) dass wir ihnen zu folgen und sie genau zu
prüfen vernachlässigen. § 23. Was den Mangel an Vorstellungen betrifft, so haben
wir von einfachen Vorstellungen nur diejenigen, welche uns durch unsere inneren
oder äusseren Sinne zukommen. Daher sind wir hinsichtlich einer unendlichen Zahl
von Geschöpfen des Weltalls und ihrer Eigenschaften, wie die Blinden
hinsichtlich der Farben, nicht einmal im Besitze der zu ihrer Erkenntnis nötigen
Geistesvermögen; und allem Anscheine nach nimmt der Mensch unter allen
vernünftigen Wesen den untersten Rang ein.
    Teophilus. Ich weiss nicht, ob es nicht noch dergleichen gibt, die unter uns
stehen. Warum wollten wir uns ohne Not erniedrigen? Vielleicht nehmen mir unter
den vernünftigen Wesen einen recht ehrenvollen Rang ein; denn höhere Geister
könnten Körper von anderer Beschaffenheit haben, so dass der Name »lebende« Wesen
für sie nicht passen würde. Man kann nicht sagen, ob unsere Sonne unter der
grossen Zahl anderer mehr über als unter sich hat, und wir sind in ihrem System
wohl gestellt: denn die Erde nimmt die Mitte unter den Planeten ein und ihre
Entfernung scheint für ein denkendes Wesen, das sie bewohnen sollte, wohl
gewählt Übrigens haben wir unendlich mehr Grund, uns über unser Los zu freuen,
als zu klagen, da die meisten unserer Übel unserer eigenen Schuld zugerechnet
werden müssen. Und vor allem würden wir sehr Unrecht haben, uns über die Fehler
unserer Erkenntnis zu beklagen, da wir uns ja derjenigen Kenntnisse, welche die
liebreiche Natur uns schenkt, so wenig bedienen!
    § 24. Philaletes. Indessen entzieht allerdings die ausserordentliche
Entfernung fast aller uns sichtbaren Teile der Welt sie unserer Erkenntnis, und
offenbar ist diese sichtbare Welt nur ein kleiner Teil des unendlichen Weltalls.
Wir sind in einem kleinen Winkel des Raumes eingeschlossen d.h. in dem System
unserer Sonne, und dennoch wissen wir selbst das nicht, was auf den anderen
Planeten sich zuträgt, die ebenso gut, wie unsere Erdkugel, sich um sie drehen.
    § 25. Diese Kenntnisse entgehen uns wegen der Grösse und Entfernung, aber
andere Körper sind uns ihrer Kleinheit wegen verborgen, und das sind diejenigen,
welche zu erkennen uns am wichtigsten wäre, denn aus deren innerer Bildung
würden wir den Nutzen und die Wirkungsart derer, welche uns sichtbar sind,
erschliessen und wissen können, warum der Rhabarber abführt, der Schirling tötet
und das Opium einschläfert. So weit also auch immer der menschliche
Forschungsgeist die Experimentalwissenschaft über die natürlichen Dinge bringen
kann, so bin ich doch zu glauben versucht, dass wir niemals zu einer
wissenschaftlichen Erkenntnis über diese Stoffe werden kommen können.
    Teophilus. Ich glaube gern, dass wir niemals so weit gelangen können, als es
zu wünschen wäre; mir scheint es indessen, dass man mit der Zeit einige
bedeutende Fortschritte in der Erklärung mancher Erscheinungen machen werde,
weil die grösste Zahl der Erfahrungen, welche wir zu machen imstande sind, uns
mehr als hinlängliche Data liefern kann, so dass nur die Kunst sie anzuwenden
fehlt. Dass man aber deren kleine Anfänge weiter bringen wird, daran verzweifle
ich nicht, seitdem wir in der Infinitesimalrechnung das Mittel besitzen, die
Geometrie mit der Physik zu vermählen, und die Dynamik uns die allgemeinen
Naturgesetze geliefert hat.
    § 27. Philaletes. Die Geister stehen unserer Erkenntnis noch ferner; wir
können uns keine Vorstellungen ihrer verschiedenen Klassen bilden, und dennoch
ist sicherlich die geistige Welt grösser und schöner als die materielle.
    Teophilus. Diese beiden Welten sind einander immer parallel, was die
bewirkenden Ursachen anbetrifft, aber nicht, was die Endursachen angeht. Denn in
dem Masse, als die Geister über die Materie herrschen, bringen sie darin
wunderbare Ordnungen hervor.
    Dies ist klar aus den Veränderungen, welche die Menschen zur Verschönerung
der Erdoberfläche gemacht haben, wie kleine Götter, welche dem grossen Baumeister
des Weltalls nachahmen, obgleich dies nur durch die Anwendung der Körper und
deren Gesetze geschieht. Was kann man nicht über diese unendliche Menge von
Geistern, die über uns erhaben sind, vermuten? Und da die Geister alle zusammen
eine Art von Staat unter Gott bilden, dessen Regierung vollkommen ist, so sind
wir weit entfernt, das System dieser geistigen Welt zu begreifen und die Strafen
und Belohnungen zu fassen, welche denen, die sie nach genauester Erwägung
verdienen, bereitet sind, sowie uns vorzustellen, was kein Auge gesehen und kein
Ohr gehört hat und niemals in des Menschen Herz gekommen ist. Alles dies zeigt
indessen, dass wir alle uns nötigen deutlichen Vorstellungen, um die Körper und
die Geister zu erkennen, jedoch nicht das hinlängliche Detail der Tatsachen noch
so durchdringende Sinne besitzen, um die verworrenen Vorstellungen zu
entwickeln, noch soviel Ausdehnung der Erkenntnis, sich ihrer aller bewusst zu
werden.
    § 28. Philaletes. Was die Verknüpfung anbetrifft, deren Erkenntnis uns bei
unseren Vorstellungen fehlt, so wollte ich sagen, dass die mechanischen
Körperreize keinerlei Verbindung mit den Vorstellungen der Farben, der Töne, der
Gerüche und Geschmäcke, der Lust und des Schmerzes haben, und dass deren
Verknüpfung nur vom Belieben und der Willkür Gottes abhängt. Wie ich mich aber
erinnere, urteilen Sie, dass dabei eine vollständige Korrespondenz stattfindet,
obgleich das nicht immer eine vollständige Ähnlichkeit ist. Indessen erkennen
Sie selbst an, dass das übergrosse Detail der dabei vorkommenden Kleinigkeiten uns
das darin Verborgene zu entdecken verhindert, wenngleich Sie noch die Hoffnung
hegen, dass wir der Sache uns bedeutend nähern werden. Sie werden also nicht, wie
mein berühmter Autor, die Behauptung zulassen, dass es (§ 29) verlorene Mühe sei,
sich auf eine solche Untersuchung einzulassen, aus Furcht, dass dieser Glaube dem
Wachstum der Wissenschaft Abbruch tue. Ich würde auch von der Schwierigkeit
gesprochen haben, welche man bisher gehabt hat, die Verbindung von Seele und
Leib zu erklären, da man nicht begreifen konnte, dass ein Gedanke eine Bewegung
im Körper erzeugt oder eine Bewegung einen Gedanken im Geiste; aber seit ich
Ihre Hypotese von der vorherbestimmten Harmonie kenne, scheint mir diese
Schwierigkeit, an deren Lösung man verzweifelte, mit einem Schlag und wie durch
einen Zauber gehoben.
    § 30. Also bleibt noch die dritte Ursache unserer Unwissenheit übrig, dass
wir nämlich die Vorstellungen, welche wir haben oder doch haben können, nicht
gehörig verfolgen und uns der Auffindung der Mittelbegriffe nicht befleissigen;
auf diese Weise entgehen uns z.B. die matematischen Wahrheiten, obgleich dabei
weder Unvollkommenheit in unseren Geisteskräften noch irgend eine Unsicherheit
in den Dingen selbst stattfindet. Der üble Gebrauch der Worte hat am meisten
dazu beigetragen, uns an der Auffindung der Übereinstimmung und
Nichtübereinstimmung der Vorstellungen zu verhindern; und die Matematiker,
welche ihre Gedanken unabhängig von den Worten bilden und gewohnt sind, ihrem
Geiste die Vorstellungen selbst anstatt der Laute vorzustellen, haben dadurch
einen grossen Teil der Schwierigkeit vermieden. Wenn die Menschen bei ihren
Entdeckungen in der materiellen Welt ebenso gehandelt hätten, wie sie es
hinsichtlich der die geistige Welt betreffenden gewohnt gewesen sind, und alles
in ein Chaos von Ausdrücken unbestimmter Bedeutung eingehüllt hätten, so würden
sie ohne Ende über die Zonen, Ebbe und Fiat, den Bau der Schiffe und die Seewege
gestritten haben; man würde niemals über die Linie hinausgegangen sein, und die
Antipoden wären noch jetzt so unbekannt als damals, wo man erklärt hatte, dass
daran zu glauben eine Ketzerei sei.
    Teophilus. Diese dritte Ursache unserer Unwissenheit ist die allein
tadelnswerte. Und Sie sehen, dass die Verzweiflung, weiter zu kommen, darin
einbegriffen ist. Diese Mutlosigkeit schadet viel, und gescheite und bedeutende
Menschen haben die Fortschritte der Medizin durch die falsche Überzeugung
aufgehalten, dass daran zu arbeiten verlorene Mühe wäre. Wenn Sie die
aristotelischen Philosophen der vergangenen Zeit von den Meteoren wie z.B. vom
Regenbogen reden hören, so werden Sie finden, dass sie glaubten, man dürfe nicht
einmal daran denken, diese Erscheinung genau zu erklären, und die Unternehmungen
eines Maurolycus und darauf des Marcus Antonius de Dominis erschienen ihnen als
ein Ikarusflug. Die Folgezeit hat indessen die Welt darüber aufgeklärt.
Allerdings hat der üble Gebrauch der Ausdrücke einen grossen Teil der Unordnung
verursacht, der sich in unseren Erkenntnissen vorfindet, nicht allein in der
Moral und Metaphysik oder in dem, was Sie die geistige Welt nennen, sondern auch
in der Medizin, wo dieser Missbrauch der Ausdrücke mehr und mehr zunimmt. Wir
können uns nicht immer durch Figuren wie in der Geometrie helfen, aber die
Algebra zeigt, dass man grosse Entdeckungen machen kann, ohne immer auf die
Vorstellungen der Dinge selbst zurückzugehen.
    Hinsichtlich der angeblichen Ketzerei der Antipoden wollte ich noch im
Vorübergehen bemerken, dass Bonifacius, Erzbischof von Mainz, den Vigilius von
Salzburg allerdings in einem über diesen Gegenstand gegen ihn dem Papste
geschriebenen Briefe angeklagt hat, und dass der Papst in einer Weise darauf
antwortet, die zeigt, dass er nach dem Sinne des Bonifacius dachte; man findet
aber nicht, dass diese Beschuldigung Folgen gehabt habe. Vigilius hat sich immer
behauptet. Die beiden Gegner galten für Heilige, und die Gelehrten von Bayern,
welche Vigilius als einen Apostel Kärntens und der benachbarten Länder
betrachten, haben sein Andenken in Ehren gehalten.
 
                                  Kapitel IV.
                      Über die Realität unserer Erkenntnis
    § 1. Philaletes. Wenn jemand die Wichtigkeit des Besitzes richtiger
Vorstellungen und des Verständnisses ihrer Übereinstimmung und
Nichtübereinstimmung nicht begriffen hat, so wird er glauben, dass wir, wenn wir
darüber mit soviel Sorgfalt handeln, Luftschlösser bauen und dass in unserem
ganzen System nur Transzendentes und Eingebildetes vorkomme. Ein Phantast von
erhitzter Einbildungskraft kann den Vorteil voraushaben, lebhaftere und
zahlreichere Vorstellungen zu besitzen, also würde er auch mehr Erkenntnisse
haben. In den Visionen eines Entusiasten würde also ferner auch ebensoviel
Gewissheit sein, als in den vernünftigen Erwägungen eines Menschen von gesunden
Sinnen, wenn der Entusiast nur zusammenhängend spricht; und es würde ebenso
wahr sein zu sagen, dass eine Harpye nicht ein Zentaur ist, als zu sagen, dass ein
Quadrat nicht ein Kreis ist. § 2. Ich antworte darauf, dass unsere Vorstellungen
mit den Dingen übereinstimmen. § 3. Aber man wird ein Kriterium dafür fordern. §
4. Ich antworte noch einmal, dass 1) diese Übereinstimmung hinsichtlich der
einfachen Vorstellungen unseres Geistes offenbar ist, denn da er sie nicht
selbst bilden kann, müssen sie durch die Dinge hervorgebracht sein, welche auf
unseren Geist wirken; und 2) dass (§ 5) alle unsere zusammengesetzten
Vorstellungen, ausgenommen die der Substanzen, da sie Musterbilder sind, welche
der Geist selbst gebildet und weder Kopien von irgend etwas zu sein bestimmt
noch auf das Dasein irgend eines Dinges, als auf ihre Originale, bezogen hat,
sie nicht umhin können, alle diejenige Übereinstimmung mit den Dingen zu haben,
die zu einer realen Erkenntnis gehört.
    Teophilus. Unsere Gewissheit würde gering oder vielmehr nichtig sein, wenn
sie für die einfachen Vorstellungen keine andere Begründung als die von den
Sinnen stammende darböte. Sie haben meinen Nachweis vergessen, dass die
Vorstellungen ursprünglich unserem Geiste innewohnen und dass selbst unsere
Gedanken aus unserem eigenen Innern kommen, ohne dass die übrigen Geschöpfe einen
unmittelbaren Einfluss auf die Seele haben können. Übrigens liegt der Grund
unserer Gewissheit hinsichts der allgemeinen und ewigen Wahrheiten in den
Vorstellungen selbst, unabhängig von den Sinnen, wie auch die reinen
Vernunftvorstellungen nicht von den Sinnen abhangen, wie z.B. die des Seins, des
Einen, des Selbigen usw. Aber die Vorstellungen der sinnlichen Eigenschaften,
wie der Farbe, des Geschmacks usw. (welche in der Tat nur
Phantasie-Erscheinungen sind), kommen uns aus der Sinnlichkeit, d.h. von unseren
verworrenen Wahrnehmungen. Und der Grund der Wahrheit der zufälligen und
einzelnen Dinge liegt in der Aufeinanderfolge, wonach die Erscheinungen der
Sinne geradeso verbunden sind, wie die Vernunftwahrheiten es fordern. Das ist
der Unterschied, den man dabei machen muss, während der von Ihnen hier zwischen
den einfachen und zusammengesetzten, den Substanzen und den Akzidenzien
zugehörigen Vorstellungen gemachte mir nicht begründet scheint, weil alle
Vernunftvorstellungen ihre Urbilder in der ewigen Möglichkeit der Dinge haben.
    § 5. Philaletes. Allerdings brauchen unsere zusammengesetzten Vorstellungen
nur dann Urbilder ausser dem Geiste, wenn es sich um eine wirklich daseiende
Substanz handelt, welche ausser uns die einfachen Vorstellungen, aus denen jene
zusammengesetzten bestehen, tatsächlich vereinigen muss. Die Erkenntnis der
matematischen Wahrheiten ist eine reale, obgleich sie sich nur an unsere
Vorstellungen hält, und man z.B. nirgends vollkommene Kreise findet Man ist
indessen überzeugt, dass die daseienden Dinge mit unseren Vorbildern
übereinstimmen, in dem Masse, als das, was man dabei voraussetzt, sich als
wirklich ausweist. § 7. Dies dient auch noch dazu, die Realität der moralischen
Verhältnisse zu rechtfertigen. § 8. Die Offizien Ciceros sind darum nicht
weniger mit der Wahrheit übereinstimmend, weil es niemand in der Welt gibt, der
sein Leben genau nach dem Muster eines solchen Rechtschaffenen einrichtet, wie
ihn Cicero uns beschreibt. § 9. Aber, wird man sagen, wenn die moralischen
Vorstellungen von unserer Erfindung sind, welchen sonderbaren Begriff werden wir
von der Gerechtigkeit und Mässigkeit haben? § 10. Ich antworte, dass die
Ungewissheit nur in der Sprache ist, weil man nicht immer versteht, was man sagt,
oder nicht immer dasselbe darunter versteht.
    Teophilus. Sie könnten auch und meiner Ansicht nach viel besser antworten,
dass die Vorstellungen der Gerechtigkeit und Mässigkeit nicht von unserer
Erfindung sind, ebensowenig wie die des Kreises oder Vierecks. Ich glaube das
hinlänglich gezeigt zu haben.
    § 11. Philaletes. Was die Vorstellungen der Substanzen, die ausser uns
vorhanden sind, anbetrifft, so ist unsere Erkenntnis soweit real, als sie jenen
Urbildern entspricht, und in dieser Hinsicht darf der Geist die Vorstellungen
nicht willkürlich verbinden, um so weniger, als er nur sehr wenige einfache
Vorstellungen hat, von denen wir sicher behaupten könnten, dass sie über das
hinaus, was durch sinnliche Beobachtungen klar ist, in der Natur zusammen sein
oder nicht zusammen sein können.
    Teophilus. Weil, wie ich schon mehr als einmal erklärt habe, diese
Vorstellungen, wenn die Vernunft ihre Zusammenstimmung oder Verknüpfung nicht
beurteilen kann, verworren sind, ebenso wie die der besonderen Eigenschaften der
Sinne.
    § 13. Philaletes. Es ist auch empfehlenswert, sich hinsichtlich der
daseienden Substanzen nicht auf Namen oder auf Arten, welche man durch die Namen
oder bestimmt hält, zu beschränken. Dies lässt mich wieder auf das zurückkommen,
was wir schon ziemlich oft hinsichtlich der Definition des Menschen besprochen
haben. Denn wenn man von einem Blödsinnigen spricht, der vierzig Jahre gelebt
hat, ohne das geringste Zeichen von Vernunft zu geben, könnte man nicht sagen,
dass er die Mitte zwischen Menschen und Tier einnimmt? Dies würde vielleicht für
ein sehr kühnes Paradoxon oder selbst für einen Irrtum von sehr gefährlichen
Folgen gelten. Indessen kam es mir sonst vor und kommt es noch einigen meiner
Freunde vor, die ich noch nicht eines Besseren belehren kann, dass dies nur
infolge eines auf jene falsche Voraussetzung gegründeten Vorurteils geschieht,
wonach diese beiden Worte Mensch und Tier verschiedene, durch wirkliche
Wesenheiten in der Natur so wohlbezeichnete Arten ausdrücken, dass keine andere
Art zwischen sie fallen kann, wie wenn alle Dinge genau nach der Zahl jener
Wesenheiten gleichsam in Formen gegossen wären. § 14. Wenn man diese Freunde
fragt, welche Art von lebenden Wesen jene Blödsinnigen sind, wenn sie weder
Menschen noch Tiere sein sollen, so antworten sie, dass es Blödsinnige sind und
damit gut. Fragt man noch, was aus ihnen in der anderen Welt werden solle, so
antworten unsere Freunde, dass es ihnen nicht darauf ankommt, es zu wissen oder
zu erforschen. Dass »sie stehen und fallen ihrem Herrn« (Römerbrief Kap. 10, V.
4), der gut und treu ist und über seine Kreaturen nicht nach den engen Schranken
unseres Denkens oder unserer besonderen Meinungen bestimmt und sie nicht
entsprechend den Namen und Arten, welche uns auszusinnen gefällt, unterscheidet;
dass es uns genügt, wenn die der Unterweisung Fähigen Rechenschaft von ihrem
Wandel abzulegen aufgerufen und ihren Lohn empfangen werden nach dem, was sie
bei Leibesleben getan haben (2. Corint. Kap. 5, V. 10). § 15. Ich will Ihnen
den Schluss Ihrer Argumentation darlegen. Die Frage, so sagen Sie, ob man den
Blödsinnigen dies zukünftige Leben absprechen solle, beruht auf zwei in gleicher
Weise falschen Voraussetzungen; die erste davon ist, dass jedes Wesen, das die
Form und äussere Erscheinung des Menschen hat, für einen Zustand der
Unsterblichkeit nach diesem Leben bestimmt ist, und die zweite, dass alles, was
von menschlicher Abkunft ist, dies Vorrecht geniessen muss. Nehmt diese
Einbildungen weg und ihr werdet sehen, dass diese Art Probleme lächerrlich und
unbegründet ist. Und ich glaube in der Tat, dass man die erste Voraussetzung
aufgeben muss und den Geist nicht so in Materie versenkt haben wird, um zu
glauben, das ewige Leben komme irgend einer Gestalt von materiellem Stoffe
dergestalt zu, dass der Stoff in Ewigkeit Bewusstsein haben müsse, weil er in eine
solche Gestalt geformt worden ist. § 16. Aber die zweite Voraussetzung hilft
vielleicht. Man wird sagen, jener Blödsinnige komme von vernunftbegabten Eltern
und müsse deswegen eine vernunftbegabte Seele haben. Ich weiss nicht, auf welche
Regel der Logik man eine solche Folgerung gründen kann, und wie man nachher
schlecht geformte und monströse Geburten zu zerstören wagen darf. O, das sind
Monstra, wird man sagen. Gut, es sei. Aber wird der Blödsinnige für immer
unheilbar sein? Soll denn ein leiblicher Fehler ein Monstrum ausmachen und nicht
ein geistiger? Das heisst zu der schon widerlegten ersten Voraussetzung
zurückkehren, dass das Äussere genügt. Ein wohlgeformter Blödsinniger ist ein
Mensch, sofern man glaubt, dass er eine vernünftige Seele hat, mag sie sich auch
nicht zeigen. Aber macht die Ohren ein wenig länger und spitzer und die Nase ein
wenig platter als gewöhnlich, so fangt ihr schon ungewiss zu werden an. Macht das
Gesicht enger, platter und länger - dann seid ihr völlig entschieden. Und wenn
der Kopf vollkommen der irgend eines Tieres ist, so ist's ohne Zweifel ein
Monstrum, und das ist euch ein Beweis, dass er keine vernünftige Seele hat und
aus der Welt geschafft werden muss. Ich frage euch, wo das rechte Mass und die
letzten Grenzen finden, welche eine vernünftige Seele noch zulassen? Es gibt
menschliche Fötus, die halb Tier, halb Mensch sind; es haben andere drei Viertel
vom Tier, ein Viertel vom Menschen. Wie soll man nun auf gerechte Weise die
Charakterzüge bestimmen, welche die Vernunft bezeichnen? Wird ferner ein solches
Monstrum nicht eine Mittelart zwischen Mensch und Tier sein? Und gerade ein
solches ist der Blödsinnige, um den es sich handelt.
    Teophilus. Ich wundere mich, dass Sie zu dieser Streitfrage zurückkehren,
welche wir doch hinlänglich und zwar mehr als einmal untersuchten, und dass Sie
Ihre Freunde nicht besser unterrichtet haben. Wenn wir den Menschen vom Tier
durch das Vermögen des vernünftigen Denkens unterscheiden, so gibt es kein
Mittleres; das lebende Wesen, um das es sich handelt, muss jenes Vermögen haben
oder nicht, aber da es sich mitunter nicht zeigt, so urteilt man aus Anzeichen
darüber, welche freilich nicht einen strikten Beweis liefern, bis die Vernunft
sich zeigt; denn man weiss aus Erfahrung von denen, die sie verloren oder die
endlich den Gebrauch derselben erlangt haben, dass ihre Ausübung zeitweise
aufgehoben werden kann. Die Abkunft und die Leibesgestalt geben von dem noch
Verborgenen ein vorläufiges Urteil. Aber dies von der Abkunft hergenommene
Vorurteil wird durch eine von der menschlichen sehr verschiedene Gestalt
entkräftet, wie eine solche z.B. dasjenige Wesen hatte, welches von einer Frau
in Zeeland (bei Levinus Lemnius I. l, Kap. 8) geboren war und das einen krummen
Schnabel, einen langen runden Hals, funkelnde Augen, einen spitzen Schwanz und
sogleich eine grosse Fertigkeit besass, durch das Zimmer zu laufen. Man könnte
aber sagen, dass es Monstra oder sogenannte lombardische Brüder gäbe (wie die
Ärzte sie sonst nannten, auf Grund der Sage, dass die Frauen in der Lombardei
solchen Arten von Geburten unterworfen waren), die sich der menschlichen Figur
mehr annähern. Gut, es sei. Wie also, werdet Ihr sagen, kann man die Grenzen der
Gestalt, welche für eine menschliche gelten muss, gerade so richtig bestimmen?
Ich antworte, dass bei einem Gegenstande, der nur Vermutungen zulässt, man keine
genauen Grenzen hat. Und damit ist die Sache zu Ende. Man wirft ein, der
Blödsinnige zeige keine Vernunft und gelte dennoch für einen Menschen, aber wenn
er eine monströse Gestalt hat, würde er es nicht sein, und nehme man also mehr
Rücksicht auf die Gestalt als auf die Vernunft? Aber zeigt denn jenes Monstrum
Vernunft? Freilich nicht. Ihr seht also, dass ihm mehr fehlt, als dem
Blödsinnigen. Der Mangel in der Anwendung der Vernunft dauert oft eine Zeitlang,
hört aber nicht bei denen auf, wo er von einem Hundekopf begleitet ist. Wenn
übrigens dies Wesen von menschlicher Gestalt kein Mensch ist, so ist's nicht
schlimm, es während der Unsicherheit über sein Schicksal zu erhalten. Und mag es
eine vernünftige Seele haben oder eine solche, die das nicht ist, so wird es
Gott doch nicht umsonst gemacht haben, und man wird von solchen Menschen, die in
einem dem ersten Kindesalter ähnlichen Zustande verharren, sagen, dass ihr
Schicksal dasselbe sein möge, als das der Seelen derjenigen Kinder, welche in
der Wiege sterben.
 
                                   Kapitel V.
                        Von der Wahrheit im allgemeinen
    § 1. Philaletes. Viele Jahrhunderte hat man schon gefragt, was die Wahrheit
ist. Die Unsrigen glauben, dass es die Verbindung oder Trennung der Zeichen gemäss
der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung der Dinge unter sich ist. Unter
der Verbindung oder Trennung der Zeichen muss verstanden werden, was man sonst
einen Satz (Urteil) nennt.
    Teophilus. Aber ein Beiwort macht noch keinen Satz, z.B. der weise Mensch,
obgleich dabei eine Verbindung zweier Ausdrücke stattfindet. Auch ist Negation
etwas ganz anderes als Trennung, denn wenn ich sage; Mensch und nach einem
kleinen Zwischenraume ausspreche: weise, so negiere ich nicht. Die
Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung ist auch nicht eigentlich das, was man
durch den Satz ausdrückt. Zwei Eier stehen in Übereinstimmung, zwei Feinde in
Nichtübereinstimmung. Es handelt sich hier um eine ganz besondere Art des
Übereinkommens oder Nichtübereinkommens. Ich glaube also, dass jene Definition
den Punkt, um welchen es sich handelt, nicht erklärt. Aber was mir an Ihrer
Definition der Wahrheit am wenigsten gefällt, ist, dass man dabei die Wahrheit in
den Worten sucht. Also würde derselbe Sinn, in Latein, Deutsch, Englisch,
Französisch ausgedrückt, nicht dieselbe Wahrheit sein, und man würde mit Hobbes
sagen müssen, dass die Wahrheit vom menschlichen Belieben abhängt, was doch auf
eine sehr sonderbare Art sprechen wäre. Man schreibt die Wahrheit sogar Gott zu,
welcher, wie Sie mir, glaube ich, zugeben werden, keine Zeichen nötig hat.
Endlich habe ich mich schon mehr als einmal über die Grille Ihrer Freunde
gewundert, dass sie sich darin gefallen, die Wesenheiten, Arten und Wahrheiten zu
etwas Nominellem zu machen.
    Philaletes. Übereilen Sie sich nicht! Unter den Zeichen verstehen sie die
Vorstellungen. Also werden die Wahrheiten entweder Gedanken- oder nominelle
Wahrheiten sein, je nach den Arten der Zeichen.
    Teophilus. Wir werden also auch noch Buchstabenwahrheiten bekommen, die man
wieder in Papier-oder Pergamentwahrheiten, in Wahrheiten gewöhnlicher
Schreibtinte oder Druckerschwärze unterscheiden könnte, wenn man die Wahrheiten
nach den Zeichen unterscheiden muss. Es ist also vorzuziehen, die Wahrheiten in
die Beziehung, welche unter den Gegenständen der Vorstellungen stattfindet, zu
setzen, wonach die eine in der anderen entalten oder nicht entalten ist. Dies
hängt von den Sprachen nicht ab und ist uns mit Gott und den Engeln gemein; und
wenn Gott uns eine Wahrheit offenbart, so erlangen wir diejenige, welche seinem
Verstande innewohnt, denn obgleich zwischen seinen und unseren Vorstellungen ein
unendlicher Unterschied stattfindet, sowohl was Vollendung als was Umfang
anbetrifft, so bleibt doch immer wahr, dass wir in derselben Beziehung mit ihm
übereinstimmen. Also muss man die Wahrheit in diese Beziehung setzen, und wir
können zwischen den von unserem Belieben unabhängigen Wahrheiten und zwischen
den Ausdrücken unterscheiden, welche wir, wie es uns gut scheint, erfinden.
    § 3. Philaletes. Es ist nur zu wahr, dass die Menschen selbst in ihrem
Innern die Worte an die Stelle der Dinge setzen, besonders wenn die
Vorstellungen zusammengesetzt und unbestimmt sind. Aber wie Sie bemerkt haben,
ist es auch ebenso wahr, dass der Geist sich alsdann begnügt, nur die Wahrheit zu
bezeichnen, ohne sie für den Augenblick zu verstehen, weil er überzeugt ist, dass
es, sie zu verstehen, von ihm abhängt, wenn er will. Übrigens ist die Handlung,
welche man beim Bejahen oder Verneinen ausübt, leichter zu begreifen, indem man
das, was in uns vorgeht, überdenkt, als es leicht ist, es in Worten klar zu
machen. Wollen Sie es darum nicht übel finden, wenn man in Ermangelung eines
Besseren von Zusammenfügen oder Trennen gesprochen hat. § 8. Auch werden Sie
zugeben, dass die Sätze wenigstens als Wortsätze bezeichnet werden können, und
dass, wenn sie wahr sind, sie zugleich Wortsätze und Realsätze sind, denn (§ 9)
die Falschheit besteht darin, die Worte anders zu verbinden, als die Begriffe
davon miteinander übereinkommen oder nicht übereinkommen. Wenigstens (§ 10) sind
die Worte wichtige Förderungsmittel der Wahrheit. § 11. Auch gibt es eine
moralische Wahrheit, die darin besteht, von den Dingen unserer Überzeugung gemäss
zureden; endlich eine metaphysische Wahrheit, welche das reale Dasein der Dinge
ist, wie es unseren Vorstellungen davon entspricht.
    Teophilus. Die moralische Wahrheit wird von einigen Wahrhaftigkeit genannt;
und die metaphysische Wahrheit pflegen die Metaphysiker gewöhnlich als ein
Attribut des Seins zu betrachten, aber es ist ein sehr unnützes und fast
sinnloses Attribut. Begnügen wir uns, die Wahrheit in der Übereinstimmung der in
unserem Geiste vorhandenen Vorstellungen mit den Dingen, um die es sich handelt,
zu suchen. Allerdings habe ich auch die Wahrheit den Vorstellungen beigelegt,
indem ich sagte, dass die Vorstellungen wahr oder falsch sind; aber dann verstehe
ich das in der Tat von der Wahrheit der Sätze, welche die Möglichkeit des
Gegenstandes der Vorstellung bejahen. Und in diesem selbigen Sinne kann man auch
sagen, dass ein Wesen wahr ist d.h. der Satz, der sein wirkliches oder wenigstens
mögliches Dasein bejaht.
 
                                  Kapitel VI.
         Von den allgemeinen Sätzen, ihrer Wahrheit und ihrer Gewissheit
    § 2. Philaletes. Alle unsere Erkenntnis betrifft allgemeine oder besondere
Wahrheiten. Die ersteren, welche die wichtigsten sind, würden wir niemals zum
rechten Verständnis bringen noch selbst (als in den seltensten Fällen) begreifen
können, wenn sie nicht in Worte gefasst und ausgedruckt wären.
    Teophilus. Ich glaube, dass auch andere Zeichen noch diese Wirkung haben
könnten: dies zeigen die Charaktere der Chinesen. So könnte man eine sehr leicht
verständliche und noch bessere Universalcharakteristik als die ihrige einführen,
wenn man anstatt der Worte kleine Figuren anwendete, welche die sichtbaren Dinge
durch ihre Züge und die unsichtbaren durch die sie begleitenden sichtbaren
darstellten, wozu man noch gewisse zusätzliche, die Flexionen und Partikeln
anzudeuten geeignete Zeichen fügen müsste. Dies würde sofort dazu dienen, mit
entfernten Nationen bequem zu verkehren; aber auch wenn man es unter uns
einführte, ohne deshalb der gewöhnlichen Schrift zu entsagen, so würde der
Gebrauch dieser Schreibweise von grossem Nutzen sein, um die Phantasie zu
bereichern und weniger taube und weniger leere Gedanken, als man jetzt hat, zu
bringen. Da die Zeichenkunst nicht von allen verstanden wird, so folgt daraus
allerdings, dass, die auf diese Art gedruckten Bücher ausgenommen, welche
jedermann bald lesen lernen würde, man sich derselben nicht anders bedienen
könnte, als durch eine Art von Druckverfahren, d.h. indem man alle Figuren
geschnitten und vorrätig hätte, um sie auf Papier zu drucken, und nachher mit
der Feder die Zeichen der Flexionen oder Partikeln hinzufügte. Aber mit der Zeit
würde jedermann das Zeichnen von Jugend auf lernen, um nicht der Bequemlichkeit
dieses Figurencharakterikums beraubt zu sein, welches in Wahrheit zu den Augen
sprechen und dem gemeinen Manne sehr angenehm sein würde, wie in der Tat das
Landvolk schon gewisse Kalender hat, die ihm ohne Worte einen grossen Teil
dessen, wonach es fragt, sagen. Auch erinnere ich mich in Stichen gedruckte
Satiren, die einigermassen an Rätsel erinnerten, gesehen zu haben, worin mit
Worten untermischte, an sich selbst bedeutsame Figuren vorkamen, statt dass
unsere Buchstaben und die chinesischen Charaktere ihre Bedeutung nur durch den
Willen der Menschen (ex instituto) empfangen.
    § 3. Philaletes. Ich glaube, dass Ihr Gedanke einmal zur Ausführung kommen
wird, so anmutend und natürlich scheint mir diese Schrift; und sie scheint mir
von nicht geringer Wichtigkeit zu sein, um die Vollkommenheit unseres Geistes zu
vermehren und unsere Begriffe solider zu machen. Aber um auf die allgemeinen
Erkenntnisse und ihre Gewissheit zurückzukommen, so ist hier zu bemerken, dass es
eine Gewissheit der Wahrheit nach und auch eine Gewissheit der Erkenntnis nach
gibt. Wenn die Worte in den Sätzen dergestalt miteinander verbunden sind, dass
sie die Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung, wie sie in Wirklichkeit
stattfindet, genau ausdrücken, so ist das eine Gewissheit der Wahrheit nach; und
die Gewissheit der Erkenntnis nach besteht darin, sich der Übereinstimmung oder
Nichtübereinstimmung der Vorstellungen bewusst zu sein, sofern sie in den Sätzen
ausgedrückt ist. Das ist es, was wir gewöhnlich eines Satzes gewiss sein nennen.
    Teophilus. In der Tat wird diese letztere Art von Gewissheit auch ohne den
Gebrauch der Worte genügen, und sie ist nichts anderes als eine vollständige
Erkenntnis der Wahrheit, während die letztere Art von Gewissheit nichts anderes
als die Wahrheit selbst zu sein scheint.
    § 4. Philaletes. Da wir nun von der Wahrheit irgend eines allgemeinen
Satzes nicht anders versichert sein können, als indem wir die genauen Grenzen
der Bedeutung der Ausdrücke, aus denen er besteht, erkennen, so müssten wir
notwendigerweise die Wesenheit jeder Art kennen, was hinsichtlich der einfachen
Vorstellungen und der Modi keine Schwierigkeit hat. Aber bei den Substanzen, wo
vorausgesetzt wird, dass eine wirkliche, von der nominellen verschiedene
Wesenheit die Arten bestimme, ist der Umfang des Ausdrucks »Allgemein« sehr
unbestimmt, weil wir jene wirkliche Wesenheit nicht kennen; und folglich können
wir in diesem Sinne keines allgemeinen Satzes sicher sein, welcher in Hinsicht
solcher Substanzen gebildet wird. Aber wenn man voraussetzt, dass die Arten der
Substanzen nichts anderes sind, als die Zurückführung der substantiellen
Individuen auf gewisse, unter verschiedenen allgemeinen Namen geordnete Klassen,
je nachdem sie mit den verschiedenen abstrakten Vorstellungen, welche wir durch
diese Namen bezeichnen, übereinkommen, so kann man nicht zweifelhaft sein, ob
ein genugsam wohlbekannter Satz wahr ist oder nicht.
    Teophilus. Ich weiss nicht, warum Sie noch einmal auf einen zwischen uns
hinlänglich durchgesprochenen Gegenstand, den ich erledigt glaubte,
zurückkommen. Schliesslich aber freue ich mich darüber, weil Sie mir eine wie mir
scheint sehr angemessene Gelegenheit geben, Sie von neuem Ihres Irrtums zu
überführen. Ich erkläre Ihnen also, dass wir z.B. von tausend Wahrheiten
überzeugt sein können, welche das Gold oder denjenigen Körper betreffen, deren
Wesen durch die grösste hienieden bekannte Schwere oder durch die grösste
Dehnbarkeit oder durch andere Zeichen erkannt wird. Denn wir können sagen, dass
der Körper von der grössten bekannten Dehnbarkeit auch der schwerste aller
bekannten Körper ist. Es würde allerdings nicht unmöglich sein, dass alles, was
man bis jetzt am Golde bemerkt hat, sich einmal in zwei, durch andere neue
Eigenschaften unterscheidbaren Körpern vorfindet, und dies also nicht mehr die
unterste Art wäre, wie man es bis jetzt vorläufig so annimmt. Auch könnte man,
wenn die eine Art selten bliebe und die andere sehr alltäglich wäre, es für
passend erachten, den Namen des wahren Goldes nun für die seltene Art allein zu
sparen, um es mittels neuer ihm angemessener Versuche zum Münzgebrauch zu
behalten. Man wird alsdann auch nicht mehr zweifeln, dass das innere Wesen dieser
beiden Arten verschieden ist, und selbst wenn die Definition einer wirklich
vorhandenem Substanz nicht in jeder Hinsicht wohl bestimmt ist, wie in der Tat
die des Menschen es hinsichtlich der äusseren Figur nicht ist, so würde man darum
doch eine Unzahl allgemeiner Sätze in Hinsicht auf ihn haben, die aus der
Vernunft und den anderen bei ihm erkennbaren Eigenschaften folgen würden. Alles,
was man über diese allgemeinen Sätze sagen kann, ist, dass man, falls man den
Menschen für die unterste Art nimmt und ihn auf die Nachkommenschaft Adams
beschränkt, von den Eigenschaften des Menschen alsdann diejenigen nicht haben
wird, welche man in quarto modo nennt, oder welche man von ihm durch einen
Reziprok- oder einfach umkehrbaren Satz aussagen könnte, wenn es nicht bloss
vorläufig ist, wie wenn man sagt: der Mensch ist das einzige vernünftige
Naturwesen. Und indem man als Menschen die Wesen unserer Abstammung nimmt,
besteht das Vorläufige darin, darunter zu verstehen, dass er von allen uns
bekannten das einzige vernünftige Wesen ist, denn es könnten sich einmal andere
lebende Wesen finden, denen mit der Nachkommenschaft der Menschen von heute
alles das gemeinsam wäre, was wir bis jetzt an ihnen bemerken, aber die von
anderer Herkunft wären. Das wäre so, wie wenn die - phantastischerweise
angenommenen - Australier unsere Gegenden überschwemmen würden, wo man alsdann,
allem Anscheine nach, irgend ein Mittel, sie von uns zu unterscheiden, finden
müsste. Aber im Falle dies nicht geschähe, und vorausgesetzt, dass Gott die
Vermischung dieser Rassen verboten und Jesus Christus nur die unsrige erlöst
hätte, so müsste man den Versuch machen, künstliche Merkmale zu ihrer
Unterscheidung voneinander zu finden. Ohne Zweifel würde es einen innerlichen
Unterschied geben, aber da dieser unerkennbar sein würde, so wäre man auf das
blosse äussere Kennzeichen der Abkunft angewiesen, welches man mit einem
bleibenden künstlichen Merkzeichen zu begleiten versuchen müsste, das ein inneres
Kennzeichen und ein stehenden Mittel, unsere Rasse von den übrigen in
unterscheiden, abgeben würde. Das sind alles erdichtete Fälle, denn wir brauchen
nicht auf solche Unterscheidungen zurückzugehen, da wir die einzigen
vernünftigen Wesen auf dieser Weltkugel sind. Indessen dienen solche künstlichen
Fälle dazu, das Wesen der Vorstellungen von den Substanzen und allgemeinen
Wahrheiten hinsichtlich ihrer zu erkennen. Wenn aber der Mensch nicht für die
unterste Art noch für die der vernünftigen Wesen von adamitischer Abstammung
genommen würde und statt dessen ein mehreren Arten gemeinsames Geschlecht
bezeichnete, das gegenwärtig einer einzigen bekannten Rasse zukommt, aber auch
anderen voneinander entweder durch die Abkunft oder selbst durch andere
natürliche Merkzeichen unterscheidbaren zukommen könnte, wie z.B. den
vorausgesetzten Australiern - dann, sage ich, würde dieser Geschlechtsbegriff
umkehrbare Sätze zulassen, und die gegenwärtige Definition des Menschen würde
nicht eine vorläufige sein. Ebenso verhält es sich mit dem Golde; denn gesetzt,
dass man davon einmal zwei unterscheidbare Sorten hätte, die eine seltene und
bisher bekannte, und die andere gewöhnliche und vielleicht künstliche, in der
Folgezeit etwa gefundene, alsdann gesetzt, dass der Name des Goldes der
gegenwärtigen Spezies verbleiben müsste, d.h. dem natürlichen und seltenen Golde,
um dadurch die Bequemlichkeit der auf die Seltenheit dieses Stoffes sich
gründenden Goldmünze zu erhalten, so würde dessen bis jetzt durch innerliche
Kennzeichen bekannte Definition nur eine vorläufige gewesen sein und nunmehr
durch neue Merkmale vermehrt werden müssen, die man entdecken würde, um das
seltene Gold oder das Gold alter Art von dem neuen künstlichen Golde zu
unterscheiden. Wenn aber der Name des Goldes alsdann beiden Arten
gemeinschaftlich bleiben sollte, d.h. wenn man unter Gold einen
Geschlechtsbegriff verstehen würde, von dem wir bis jetzt keine Unterabteilung
kennen und daher gegenwärtig als die unterste Art betrachten (aber bloss
vorläufig, bis dass die Unterabteilung bekannt ist), und wenn man davon einmal
eine neue Art fände, d.h. ein künstliches leicht zu machendes und leicht
allgemein zu verbreitendes Gold - so sage ich, dass in diesem Sinne die
Definition dieses Geschlechtes nicht als eine vorläufige, sondern als eine
bleibende erachtet werden mass. Und selbst ohne sich um die Namen des Menschen
und des Goldes zu kümmern, welchen Namen man auch immer dem Geschlechte oder der
untersten bekannten Art gibt, und selbst wenn man ihnen keinen gäbe, so würde
doch das eben Bemerkte immer wahr sein von den Vorstellungen, den Geschlechtern
oder den Arten, und die Arten würden mitunter durch die Definition der
Geschlechter nur vorläufig definiert werden. Indessen wird es immer erlaubt und
vernünftig sein, anzunehmen, dass es eine innere wirkliche, mittels eines
umkehrbaren Satzes, sei es dem Geschlecht, sei es den Arten angehörige Wesenheit
gebe, welche sich gewöhnlich durch äussere Merkmale erkennen lässt. Ich habe dabei
bisher immer vorausgesetzt, dass die Rasse nicht ausartet oder sich nicht ändert;
wenn aber dieselbe Rasse in eine andere Art überginge, so würde man um so mehr
genötigt sein, auf andere Merkmale und innere oder äussere Klassifikationen
zurückzugehen, ohne sich an die Rasse zu halten.
    § 7. Philaletes. Die zusammengesetzten Vorstellungen, welche durch die von
uns den Arten der Substanzen gegebenen Namen sich rechtfertigen lassen, sind
Zusammenstellungen von Vorstellungen gewisser Eigenschaften, welche wir als in
einem unbekannten Träger zusammenbestehend wahrgenommen haben, den wir Substanz
nennen. Aber welche andere Eigenschaften mit solchen Kombinationen notwendig
zusammenbestehen, vermögen wir nicht sicher zu erkennen, wir müssten denn ihre
Abhängigkeit hinsichtlich ihrer ersten Eigenschaften entdecken können.
    Teophilus. Schon früher habe ich bemerkt, dass sich dasselbe bei den
Vorstellungen der Akzidenzien findet, deren Wesen ein wenig versteckt ist, wie
z.B. die Figuren der Geometrie sind; denn wenn es sich z.B. um die Gestalt eines
Spiegels handelt, der alle parallelen Strahlen in einen Punkt als Fokus sammelt,
so kann man mehrere Eigenschaften dieses Spiegels finden, ehe man die
Konstruktion desselben erkennt, aber man wird über viele andere Beziehungen, die
er haben kann, in Ungewissheit sein, bis man das in ihm findet, was der inneren
Beschaffenheit der Substanzen entspricht, d.h. die Konstruktion jener Gestalt
des Spiegels, welche gleichsam den Schlüssel der weiteren Erkenntnis ausmacht.
    Philaletes. Wenn wir aber die innere Beschaffenheit dieses Körpers erkannt
hätten, würden wir darin doch nur finden, wie die ersten oder die von Ihnen als
bekannt bezeichneten Eigenschaften davon abhangen können, d.h. man würde
erkennen, welche Grössen, Gestalten und bewegenden Kräfte davon abhangen; aber
niemals würde man die Verbindung erkennen, welche sie mit den Eigenschaften
zweiter Klasse oder den verworrenen Eigenschaften d.h. mit den sinnlichen
Qualitäten, wie Farben, Geschmäcken usw., haben können.
    Teophilus. Sie nehmen also noch immer an, dass diese sinnlichen Qualitäten
oder vielmehr die Vorstellungen, die wir davon haben, nicht naturgemäss von den
Gestalten und Bewegungen, sondern bloss von dem Belieben Gottes, der uns diese
Vorstellungen gibt, abhangen. Sie scheinen also vergessen zu haben, was ich
schon mehr als einmal gegen diese Meinung dargetan habe, um Sie vielmehr zu
überzeugen, dass diese sinnlichen Vorstellungen von dem Detail der Gestalten und
Bewegungen abhangen und sie genau ausdrücken, obgleich wir dabei dies Detail in
der Verworrenheit einer zu bedeutenden Menge und Kleinheit der mechanischen
Wirkungen, welche unsere Sinne treffen, nicht entwirren können. Wenn wir
indessen zu der inneren Beschaffenheit einiger Körper vorgedrungen wären, würden
wir auch sehen, wann sie diese Eigenschaften haben müssten, die ihrerseits selbst
auf ihre vernünftigen Gründe zurückgeführt werden würden - selbst wenn es
niemals in unserer Macht stehen würde, sie in diesen sinnlichen Vorstellungen,
welche ein verworrenes Resultat der Wirkungen der Körper auf uns sind, sinnlich
zu erkennen, wie wir z.B. jetzt, wo wir die vollkommene Analyse des Grünen in
Blau und Gelb besitzen und in bezug darauf fast nichts mehr zu fragen haben, als
hinsichtlich dieser Ingredienzien, doch nicht imstande sind, die Vorstellungen
des Blauen und des Gelben in unserer sinnlichen Vorstellung des Grünen zu
scheiden, eben deswegen, weil es eine verworrene Vorstellung ist. Das ist
ungefähr ebenso, als wie man die Vorstellung der Zähne eines Rades d.h. der
Ursache in der Wahrnehmung eines künstlichen Transparentes, welches ich bei den
Uhrmachern bemerkt habe, nicht auflösen kann, das durch die rasche Drehung eines
gezahnten Bades entsteht, welche die Zähne desselben verschwinden und an deren
Stelle ein kontinuierliches von der Phantasie gebildetes Transparent erscheinen
lässt, zusammengesetzt aus den hintereinander folgenden Erscheinungen der Zähne
und ihrer Zwischenräume, wobei aber die Aufeinanderfolge so schnell ist, dass
unsere Phantasie sie nicht mehr unterscheiden kann. Man findet also wohl diese
Zähne in dem deutlichen Begriff dieses Transparents, nicht aber in der
verworrenen sinnlichen Wahrnehmung, deren Natur es ist, verworren zu sein und zu
bleiben, sonst würde, wenn die Verworrenheit aufhörte (wie wenn die Bewegung so
langsam wäre, dass man die einzelnen Teile und deren Aufeinanderfolge
unterscheiden könnte), es nicht mehr dasselbe sein, d.h. nicht mehr diese
Phantasie-Erscheinung eines Transparentes. Und da man nicht nötig hat, sich
vorzustellen, dass Gott durch sein Belieben uns diese Phantasievorstellung gibt,
und sie von der Bewegung der Zähne des Bades und ihrer Zwischenräume unabhängig
ist, und man im Gegenteil begreift, dass es nur ein verworrener Ausdruck dessen
ist, was in dieser Bewegung geschieht, ein Ausdruck, sage ich, der darin
besteht, dass die aufeinanderfolgenden Dinge in ein scheinbares Zugleichsein
verschmolzen sind, so ist leicht einzusehen, dass es sich hinsichtlich der
übrigen sinnlichen Erscheinungen, von denen wir noch keine so vollkommene
Analyse haben, wie die Farben, Geschmäcke usw. sind, ebenso verhalten werde,
denn, um die Wahrheit zu sagen, verdienen sie viel mehr diesen Namen der
Erscheinungen als den der Eigenschaften oder gar der Vorstellungen. Und in jeder
Hinsicht muss es uns genügen, sie ebensogut wie jenes künstliche Transparent zu
verstehen, ohne dass es vernünftig oder möglich ist, davon mehr wissen zu wollen;
denn zu verlangen, dass jene Erscheinungen verworren bleiben und man doch die sie
bildenden Teile durch die Phantasie selbst analysiere, ist ein Widerspruch, ist,
das Vergnügen haben wollen, durch eine angenehme Perspektive getäuscht zu werden
und zugleich wollen, dass das Auge den Betrug sehe, was denselben verderben
wurde. Kurz, das ist ein Fall, wo
    
    
                            Du nichts anderes tust,
                   Als mit Vernunft um Unvernunft dich mühn.
Aber es geschieht oft in der Welt, dass man sich Schwierigkeiten schafft, wo
keine sind, indem man Unmögliches verlangt und sich nachher über seine Ohnmacht
und die Beschränkteit seines Wissens beklagt.
§ 8. Philaletes. Alles Gold ist feuerbeständig: das ist ein Satz, dessen
Wahrheit wir auf sichere Art nicht erkennen können. Denn wenn das Gold eine Art
von Dingen bezeichnet, die durch eine von Natur ihnen verliehene reale Wesenheit
sich von anderen unterscheidet, so weiss man doch noch nicht, welche besondere
Substanzen zu dieser Art gehören; man kann es also nicht mit Sicherheit bejahen,
obgleich es Gold sein mag. Und wenn man unter Gold einen Körper versteht, der
mit einer gewissen gelben Farbe begabt, der hämmerbar, schmelzbar und schwerer
als irgend ein bekannter Körper ist, so lässt sich unschwer erkennen, was Gold
ist und was nicht; aber bei alledem kann keine andere Eigenschaft mit Gewissheit
vom Golde bejaht oder verneint werden, als das, was mit dieser Vorstellung
dergestalt verbunden ist, dass man die Verbindung oder die Unverträglichkeit
beider entdecken kann. Da nun die Feuerfestigkeit keine bekannte Verbindung mit
der Farbe, der Schwere und den anderen einfachen Vorstellungen hat, welche
meiner Voraussetzung nach die zusammengesetzte Vorstellung, die wir vom Golde
haben, ausmachen, so können wir unmöglich die Wahrheit dieses Satzes, dass alles
Gold feuerfest ist, auf sichere Weise erkennen.
Teophilus. Dass der schwerste unter allen uns hienieden bekannten Körpern
feuerfest ist, wissen wir fast ebenso gewiss, als dass es morgen Tag werden wird.
Denn weil man es hunderttausendmal erfahren hat, ist es eine erfahrungsmässige
oder faktische Wahrheit, obgleich wir die Verbindung der Feuerfestigkeit mit den
übrigen Eigenschaften dieses Körpers nicht kennen. Übrigens muss man zwei Dinge,
die zusammenstimmen und auf dasselbe hinauskommen, nicht einander
entgegensetzen. Denke ich an einen Körper, welcher zu gleicher Zeit gelb,
schmelzbar und der Kapelle widerstehend ist, so denke ich an einen solchen,
dessen spezifische Wesenheit, wenn sie auch in ihrem Innern unbekannt ist, jene
Eigenschaften aus ihrem Schoss hervorgehen und sich wenigstens verworren durch
sie erkennen lässt. Ich sehe nichts Unrechtes darin noch was verdiente, dass man
so oft darauf zurückkommt, um es anzugreifen.
§ 10. Philaletes. Ich begnüge mich jetzt damit, dass diese Erkenntnis der
Feuerfestigkeit des schwersten der Körper uns nicht durch die Übereinstimmung
oder Nichtübereinstimmung der Vorstellungen bekannt ist. Auch glaube ich für
meinen Teil, dass man unter den zweiten Eigenschaften und den sich darauf
beziehenden Kräften der Körper nicht zwei nennen kann, deren notwendiges
Zugleichsein oder Unverträglichsein sicher erkannt werden könnte, diejenigen
Eigenschaften ausgenommen, welche demselben Sinne zugehören und sich einander
notwendig ausschliessen, wie wenn man sagt, was weiss ist, ist nicht schwarz.
Teophilus. Dennoch glaube ich, dass man dergleichen vielleicht finden könnte;
z.B.: jeder fühlbare oder durch den Tastsinn wahrnehmbare Körper ist sichtbar.
Jeder harte Körper macht Geräusch, wenn man in der Luft auf ihn schlägt. Die
Töne der Saiten oder Fäden stehen in verdoppeltem Verhältnis der Gewichte,
welche ihre Spannung verusachen. Allerdings gelingt, was Sie verlangen, nur
insofern, als man es von deutlichen Vorstellungen versteht, die mit den
verworrenen sinnlichen Vorstellungen sich verbinden.
§ 11. Philaletes. Immerhin muss man sich nicht einbilden, dass die Körper ihre
Eigenschaften durch sich selbst, unabhängig von anderen Dingen, haben. Ein dem
Druck und Einfluss aller anderen Körper entzogenes Stück Gold würde sofort seine
gelbe Farbe und seine Schwere verlieren; vielleicht würde es auch oxydierbar
werden und seine Dehnbarkeit einbüssen. Man weiss, wie die Pflanzen und Tiere von
der Erde, Luft, Sonne abhängig sind; wer weiss, ob die soweit entfernten
Fixsterne nicht auf uns noch Einfluss haben.
Teophilus. Eine sehr triftige Bemerkung! Wenn der innere Bau gewisser Körper
uns auch bekannt wäre, so würden wir ihre Wirkungen doch nicht hinlänglich
beurteilen können, ohne das Innere derer, welche sie berühren und durchdringen,
zu kennen.
§ 13. Philaletes. Indessen kann unser Urteil weiter reichen, als unsere
Erkenntnis. Denn Leute, die Beobachtungen zu machen emsig sind, können weiter
dringen und häufig vermittelst irgendwelcher Wahrscheinlichkeiten, einer genauen
Beobachtung und gewisser glücklich zusammengestellter Erscheinungen richtige
Vermutungen über das anstellen, was ihnen die Erfahrung noch nicht entdeckt hat;
aber das heisst doch immer nur vermuten.
Teophilus. Wenn aber die Erfahrung diese Schlüsse auf konstante Weise
rechtfertigt, finden Sie dann nicht, dass man durch dies Mittel sichere Sätze
erlangen kann? Wenigstens soweit sicher, meine ich, als die, welche z.B. uns
darüber vergewissern, dass der schwerste der uns bekannten Körper feuerfest ist
und der nach ihm schwerste flüchtig. Es scheint nämlich, dass die Gewissheit
(versteht sich die moralische oder physische), nicht aber die Notwendigkeit
(oder metaphysische Gewissheit) derjenigen Sätze, welche man durch die Erfahrung
allein und nicht durch die Analyse und die Verknüpfung der Vorstellungen gelernt
hat, für uns und zwar mit Recht feststeht.
                                  Kapitel VII.
              Von den Sätzen, welche man Maximen oder Axiome nennt
    § 1. Philaletes. Es gibt eine Art von Sätzen, welche unter dem Namen von
Maximen oder Axiomen als Grundsätze der Wissenschaften gelten, und man hat sich,
weil sie durch sich selbst evident sind, begnügt, sie angeborene zu nennen, ohne
dass jemand jemals, dass ich wüsste, versucht hätte, die Ursache und den Grund
ihrer ausserordentlichen Klarheit, die uns sozusagen zwingt, ihnen unseren
Beifall zu schenken, anzugeben. Gleichwohl ist's nicht unnütz, auf diese
Untersuchung einzugehen und zuzusehen, ob diese grosse Evidenz jenen Sätzen
allein eigen ist, wie auch zu prüfen, inwieweit sie zu unseren übrigen
Erkenntnissen beitragen.
    Teophilus. Diese Untersuchung ist sehr nützlich und sogar wichtig. Aber man
muss sich nicht einbilden, dass sie gänzlich vernachlässigt worden ist. Sie werden
an hundert Stellen finden, dass die Schulphilosophen von jenen Sätzen behaupten,
sie seien ex terminis evident, sobald man die Termini d.h. die Ausdrücke
versteht, dass sie also sicher waren, die Kraft der Überzeugung sei auf dem
Verständnis der Ausdrücke begründet, d.h. bestehe im Zusammenhang ihrer
Vorstellungen. Aber die Geometer haben viel mehr geleistet, sie haben sehr
häufig unternommen, die Axiome zu beweisen. Proklus schreibt schon dem Tales
von Milet, einem der ältesten aller bekannten Matematiker, die Absicht zu, die
Sätze, welche Euklides nachher als evident vorausgesetzt hat, zu beweisen. Man
berichtet, dass Apollonius andere Axiome bewiesen hat, und Proklus tut es auch.
Roberval wollte noch, achtzig Jahre oder ungefähr so alt, neue Grundsätze der
Geometrie veröffentlichen, wovon ich Ihnen schon einmal geredet zu haben glaube.
Vielleicht hatten die »neuen Elemente« Arnaulds, welche damals Aufsehen
erregten, dazu beigetragen. Er zeigte etwas davon in der Kgl. Akademie der
Wissenschaften vor, und einige machten dagegen Einwendungen, dass er mit
Voraussetzung des Axioms: »Gleiches zu Gleichem hinzugefügt, gibt Gleiches«,
jenes andere Axiom, welches als von gleicher Evidenz angenommen wird, beweisen
wollte, dass, wenn man Gleiches von Gleichem abzieht, Gleiches bleibt. Man
bemerkte, dass man alle beide Sätze voraussetzen oder beide beweisen müsste. Ich
aber war nicht dieser Meinung und glaubte, es sei schon immer etwas gewonnen,
wenn man die Zahl der Axiome vermindert hätte. Und zweifelsohne geht die
Addition der Subtraktion voraus und ist einfacher, weil die beiden Ausdrücke in
der Addition, einer wie der andere, gebraucht werden, was bei der Subtraktion
nicht der Fall ist. Arnauld tat das Gegenteil von dem, was Roberval tat: er
machte noch mehr Voraussetzungen als Euklides. Was nun die Maximen anbetrifft,
so nimmt man sie mitunter für festgestellte Sätze, mögen sie nun evident sein
oder nicht. Für Anfänger mag das gut sein, welche die Bedenklichkeit aufhält,
aber wenn es sich um die Begründung der Wissenschaft handelt, ist es etwas
anderes. So fasst man sie auch oft in der Moral und selbst in den Topiken der
Logiker, wo man einen guten Vorrat derselben findet, wovon aber ein Teil recht
unbestimmt und dunkel ist. Übrigens habe ich schon längst öffentlich und
privatim gesagt, dass es wichtig sei, alle unsere sekundären Axiome zu beweisen,
deren man sich gewöhnlich bedient, indem man sie auf die ursprünglichen, die
unmittelbaren und unbeweislichen Axiome zurückführt, welche ich neulich und
sonst die identischen nannte.
    § 2. Philaletes. Die Erkenntnis ist durch sich selbst evident, wenn man der
Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung der Vorstellungen sich unmittelbar
bewusst ist. § 3. Aber es gibt Wahrheiten, die man nicht als Axiome anerkennt,
und welche doch nichtsdestoweniger durch sich selbst evident sind. Wir wollen
nun einmal zusehen, ob die vier Arten der Übereinstimmung, von denen wir
unlängst gesprochen haben (Kap. l, § 3 und Kap. 3, § 7), nämlich die
Einerleiheit, die Verknüpfung, die Relation und das wirkliche Dasein, uns solche
liefern. § 4. Was die Einerleiheit und die Verschiedenheit betrifft, so haben
wir soviel evidente Sätze, als wir deutliche Vorstellungen haben, denn wir
können die eine von der anderen verneinen, wie z.B. wenn wir sagen: der Mensch
ist kein Pferd, das Rote ist nicht blau usw. Übrigens ist es ebenso evident, zu
sagen, was ist, ist; als zu sagen, ein Mensch ist ein Mensch.
    Teophilus. Allerdings, und ich habe schon bemerkt, es sei ebenso evident,
auf ektetische Weise im besonderen zu sagen: A ist A, als im allgemeinen zu
sagen: Man ist das, was man ist. Aber man ist nicht immer sicher, wie ich auch
schon bemerkt habe, die Subjekte der verschiedenen Vorstellungen eines vom
anderen zu verneinen, wie wenn man sagen wollte: Das Dreiseitige (oder das, was
drei Seiten hat) ist nicht dreiwinklig; weil in der Tat die Dreiseitigkeit nicht
die Dreieckigkeit ist; ebenso, wenn jemand gesagt hätte: »Die Perlen des Slusius
(von denen ich vorlängst gesprochen habe) sind nicht Linien der kubisschen
Parabel«, so würde er sich geirrt haben, und dies doch gar vielen evident
erschienen sein. Der selige Hardy, Rat am Pariser Châtelet, ein ausgezeichneter
Matematiker und Orientalist und wohl bewandert in den alten Matematikern,
welcher den Kommentar des Marinos zu den Data des Euklides veröffentlicht hat,
war von der falschen Ansicht, dass der schiefe Kegelschnitt, welchen man Ellipse
nennt, von dem schiefen Zylinderschnitt verschieden sei, dergestalt eingenommen,
dass der Beweis des Serenus ihm unlogisch schien, und ich ihm durch meine
Gegenvorstellungen in dieser Hinsicht nichts abgewinnen konnte. Auch war er
damals, als ich ihn besuchte, fast im Lebensalter Robervals, und ich ein noch
sehr junger Mann: ein Unterschied, der mir ihm gegenüber keine grosse
Überredungskraft geben konnte, obwohl ich sonst mich sehr gut mit ihm stand.
Beiläufig zeigt dies Beispiel, was ein Vorurteil auch bei gescheiten Leuten
vermag, denn das war er wirklich; wie denn von ihm in Descartes' Briefen mit
Achtung gesprochen wird. Ich habe es aber nur angeführt, um zu zeigen, wie man
sich täuschen kann, indem man eine Vorstellung von der anderen verneint, wenn
man sie nicht hinlänglich, da wo es nötig war, ergründet hat.
    § 5. Philaletes. Hinsichtlich der Verknüpfung oder Koëxistenz haben wir
sehr wenig an sich selbst evidente Sätze; gleichwohl gibt es dergleichen, und
solch ein durch sich evidenter Satz scheint der zu sein, dass zwei Körper nicht
zugleich an demselben Orte sein können.
    Teophilus. Das machen Ihnen, wie ich schon bemerkt habe, viele Gelehrte der
christlichen Zeit streitig, und sogar Aristoteles und diejenigen, welche mit ihm
wirkliche Verdichtungen im eigentlichen Sinne annehmen, wodurch der nämliche
Körper in seiner Ganzheit auf einen kleineren Raum, als den, welchen er vorher
erfüllt hatte, zurückgebracht werden soll; und diejenigen, welche, wie der
verstorbene Comenius in einem kleinen, eigens dazu geschriebenen Buche getan
hat, behaupten, die neuere Naturlehre werde durch die mit der Windbüchse
gemachte Erfahrung umgestossen, können auch nicht darin einstimmen. Wenn Sie den
Körper für eine undurchdringliche Masse nehmen, so ist Ihr Satz wahr, weil er
dann ganz oder fast ganz identisch sein wird, aber man kann es leugnen, dass der
wirkliche Körper von solcher Art sei. Wenigstens kann man sagen, dass Gott ihn
anders machen könnte, so dass man nur diese Undurchdringlichkeit, als der
natürlichen Ordnung der Dinge entsprechend, zugesteht, welche Gott eingerichtet,
und von der die Erfahrung uns überzeugt hat, obgleich man übrigens zugeben mass,
dass sie auch der Vernunft ganz entspricht.
    § 6. Philaletes. Was die Relationen der Modi anbetrifft, so haben die
Matematiker mehrere Axiome bloss über die Relation der Gleichheit gebildet, wie
das vorher erwähnte, dass, wenn man Gleiches von Gleichem abzieht, der Rest
gleich bleibt. Es ist aber, denke ich, nicht weniger evident, dass eins und eins
gleich zwei sind; und wenn man von den fünf Fingern einer Hand zwei fortnimmt
und auch zwei von den fünf Fingern der anderen Hand, wird die Zahl der Finger
die gleiche bleiben.
    Teophilus. Dass eins und eins zwei macht, ist eigentlich gesprochen nicht
eine Wahrheit, sondern die Definition von Zwei. Freilich ist darin das wahr und
evident, dass es die Definition eines Möglichen ist. Hinsichtlich des auf die
Finger angewendeten Axioms des Euklides will ich zugeben, dass das, was Sie von
den Fingern sagen, ebenso leicht zu begreifen, als es von A und B einzusehen
ist; aber um nicht dasselbe oft zu wiederholen, bezeichnet man es allgemein und
begnügt sich dann, darunter zu subsummieren. Sonst würde es so sein, als wenn
man die Rechnung in besonderen Zahlen den allgemeinen Regeln vorzöge, wodurch
man weniger erlangen würde, als möglich ist. Denn es ist vorzuziehen, diese
allgemeine Aufgabe zu lösen: Zwei Zahlen zu finden, deren Summe eine gegebene
Zahl gibt, und deren Unterschied auch eine gegebene Zahl gibt, als nur zwei
Zahlen zu suchen, deren Summe zehn und deren Unterschied sechs ausmacht. Denn
wenn ich bei der zweiten Aufgabe nach der Rechnungsart der niederen Aritmetik
zusammen mit der Algebra verfahre, so wird die Berechnung so sein: Es sei a + b
= 10; a - b = 6. Addiert man nun die rechte Seite mit der rechten und die linke
mit der linken, so ergibt sich a + b + a - h = 10 + 6, d.h. (da + b und - b
einander aufheben) 2a = 16 oder a = 8. Und zieht man die eine rechte Seite von
der anderen rechten ab, die eine linke von der anderen linken (da a - b abziehen
dasselbe ist, als - a + b dazu zu addieren), so kommt heraus a + b - a + b = 10
- 6, d.h. 2b = 4, oder b = 2. So würde ich in Wahrheit die verlangten a und b
haben, welche gleich 8 und 2 sind. Diese lösen die Aufgabe, d.h. deren Summe
macht 10 und deren Unterschied 6. Aber ich habe dadurch nicht die allgemeine
Metode für irgendwelche andere Zahlen, die man an Stelle von 10 oder 6 setzen
könnte und wollte, welche Metode ich gleichwohl mit derselben Leichtigkeit, wie
die zwei Zahlen 8 und 2, finden könnte, wenn ich x und v an Stelle der Zahlen 10
und 6 setzte. Denn verfährt man ebenso wie vorher, so wird man erhalten 10 a + b
- a - b = x + v, d.h. 2a = x + v oder a = 1/2 (x + v); und ferner a + b - a + b
= x - v, d.h. 2b = x - v, oder b = 1/2 (x - v). Und diese letztere Rechnung gibt
den allgemeinen Lehrsatz oder Kanon, dass wenn man zwei Zahlen sucht, deren Summe
und Differenz gegeben ist, man für die grössere der verlangten Zahlen nur die
Hälfte der aus der gegebenen Summe und Differenz gewonnenen Summe, für die
kleinere die Hälfte der Differenz zwischen gegebener Summe und Differenz nehmen
muss. Man sieht auch, dass ich mich der Buchstaben hätte entschlagen können, wenn
ich die Zahlen wie Buchstaben behandelt hätte, d.h. wenn ich, statt 2a = 16 und
2b = 4 zu setzen, geschrieben hätte: 2a = 10 + 6, und 2b = 10 - 6, was gegeben
haben würde a = 1/2 (10 + 6) und b = 1/2 (10 - 6). So würde ich in der
besonderen Berechnung die allgemeine gehabt haben, indem ich die Zeichen 10 und
6 als allgemeine Zahlen genommen hätte, wie wenn es die Buchstaben a und v
gewesen wären - um eine allgemeinere Wahrheit oder Metode zu erhalten; und
nehme ich dann wieder dieselben Zeichen 10 und 6 für die Zahlen, welche sie in
der Regel bezeichnen, habe ich ein ähnliches Beispiel, das selbst zur Probe
dienen kann. Wie nun Vieta die Buchstaben an Stelle der Zahlen gesetzt hat, um
mehr Allgemeinheit zu haben, so habe ich die Zahlencharaktere wieder einführen
wollen, weil sie sogar in der Algebra brauchbarer sind als die Buchstaben. Ich
habe dies bei grossen Rechnungen von bedeutendem Nutzen gefunden, um Irrtümer in
verhüten und selbst um Proben anzustellen, wie z.B. die Auslassung der Nenn
inmitten der Rechnung, ohne dabei das Resultat abzuwarten, wenn nur Zahlen statt
Buchstaben vorkommen, was sich oft anwenden lässt, wenn man bei den Aufstellungen
mit Geschick verfährt, so dass die Voraussetzungen sich im besonderen als wahr
ausweisen; des Nutzens gar nicht zu gedenken, der darin liegt, dass man dabei
Zusammenhänge und Gesetze bemerkt, welche die Buchstaben allein niemals so
leicht dem Geiste entüllen können. Dies habe ich schon anderswo gezeigt,
nachdem ich gefunden, dass eine gute Charakteristik eines der grössten Hilfsmittel
des menschlichen Geistes ist.
    § 7. Philaletes. Was das wirkliche Dasein betrifft, das ich als die vierte
Art des bei den Vorstellungen zu bemerkenden Übereinkommens gerechnet hatte, so
kann uns dasselbe kein Axiom liefern, denn wir haben nicht einmal eine
demonstrative Erkenntnis der Wesen ausser uns, Gott allein ausgenommen.
    Teophilus. Man kann immerhin sagen, dass der Satz: ich bin, da er ein
solcher ist, der durch keinen anderen bewiesen werden kann, von äusserster
Evidenz oder auch eine unmittelbare Wahrheit ist. Und sagen: ich denke, also bin
ich, heisst nicht, das Dasein durch das Denken beweisen, weil denken und denkend
sein dasselbe ist, und sagen: ich bin denkend, schon sagen ist: ich bin.
Indessen können Sie diesen Satz aus der Zahl der Axiome mit einigem Grunde
auslassen, denn es ist ein faktischer, auf eine unmittelbare Erfahrung
begründeter Satz, nicht aber ein notwendiger, dessen Notwendigkeit in der
unmittelbaren Übereinstimmung der Vorstellungen erkannt wird. Im Gegenteil sieht
nur Gott allein, wie die beiden Ausdrucke: Ich und das Dasein, verbunden sind,
d.h. warum ich da bin. Aber wenn man Axiome allgemeiner für unmittelbare oder
unbeweisbare Wahrheiten nimmt, so kann man sagen, dass der Satz: ich bin ein
Axiom ist, und auf jeden Fall sicher sein, dass er eine primitive Wahrheit ist,
oder auch unum ex primis cognitis inter terminos complexos, d.h. einer der
ersten bekannten Sätze, welcher in der natürlichen Ordnung unserer Erkenntnis
sich findet; denn möglicherweise mag jemand niemals daran gedacht haben, diesen
Satz ausdrücklich zu bilden, der ihm gleichwohl angeboren ist.
    § 8. Philaletes. Ich hatte immer geglaubt, dass die Axiome wenig Einfluss auf
die übrigen Teile unserer Erkenntnisse ausüben. Aber Sie haben mich davon
zurückgebracht, da Sie mir sogar einen wichtigen Nutzen selbst der identischen
Sätze gezeigt haben. Erlauben Sie mir aber doch, Ihnen vorzutragen, was mir über
diesen Punkt vorschwebte, denn Ihre Erläuterungen können noch dazu dienen,
andere von ihrem Irrtum zurückzubringen. § 8. Es ist eine berühmte Schulregel,
dass alle Beweisführung aus schon Bekanntem und Zugegebenem herkommt (ex
praecognitis et praeconcessis). Dieser Regel nach scheint man jene Maximen als
Wahrheiten nehmen zu sollen, welche dem Geiste vor den übrigen bewusst sind, und
die übrigen Teile unserer Erkenntnis als von den Axiomen abhängige Wahrheiten.
Ich glaubte gezeigt zu haben (Liv. 1, cap. 1), dass jene Axiome nicht das zuerst
Erkannte sind, indem ein Kind viel eher erkennt, dass die ihm gezeigte Rute nicht
der Zucker ist, den es gekostet hat, als irgend ein beliebiges Axiom. Doch Sie
haben zwischen den besonderen Erkenntnissen oder faktischen Erfahrungen und
zwischen den Prinzipien einer allgemeinen und notwendigen Erkenntnis (wobei man,
wie ich anerkenne, auf die Axiome zurückgehen muss), wie auch zwischen zufälliger
und natürlicher Ordnung unterschieden.
    Teophilus. Ich hatte auch hinzugefügt, dass in der natürlichen Ordnung eher
gesagt werden muss: ein Ding ist, was es ist, als: es ist kein anderes, denn es
handelt sich hier nicht um die Geschichte unserer Entdeckungen, die bei
verschiedenen Menschen verschieden ist, sondern um die Verknüpfung und
natürliche Ordnung der Wahrheiten, welche immer dieselbe ist. Ihre Bemerkung
aber, dass nämlich, was das Kind sieht, nur eine Tatsache ist, verdient noch
weitere Überlegung, denn die Erfahrungen der Sinne geben nach Ihrer eigenen
unlängst gemachten Bemerkung keine absolut gewissen Wahrheiten, noch solche, bei
denen jede Gefahr einer Täuschung ausgeschlossen ist. Denn wenn es erlaubt ist,
metaphysisch mögliche Erdichtuungen zu machen, so könnte sich der Zucker auf
unmerkliche Weise, um das Kind, wenn es unartig gewesen, zu strafen, in eine
Rute verwandeln, wie sich das Wasser bei uns am Weihnachtsabend in Wein
verwandelt, wenn es artig gewesen ist. Aber der Schmerz, werden Sie einwerfen,
den die Rute verursacht, wird niemals das Vergnügen sein, welches der Zucker
gibt. Ich antworte: das Kind wird ebenso spät darauf kommen, einen
ausdrücklichen Satz daraus zu machen, als das Axiom zu bemerken, dass man in
Wahrheit nicht behaupten könne, das, was ist, sei zu gleicher Zeit nicht, obwohl
es des Unterschiedes von Lust und Schmerz sich sehr wohl bewusst sein kann,
ebensowohl als des Unterschiedes von Bewusstsein und Nichtbewusstsein.
    § 10. Philaletes. Indessen gibt es eine Menge anderer Wahrheiten, welche
ebenso wie jene Maximen durch sich selbst evident sind. Z.B. ist der Satz: Eins
und zwei sind so viel als drei, ebenso evident als das Axiom, das besagt, dass
das Ganze allen seinen Teilen zusammengenommen gleich ist.
    Teophilus. Sie scheinen vergessen zu haben, wie ich Ihnen mehr als einmal
gezeigt habe, dass der Satz: Eins und zwei sind drei, nur die Definition des
Ausdrucks drei ist; so dass zu sagen: eins und zwei ist gleich drei, ebensoviel
ist, als sagen, dass etwas sich selbst gleich ist. Was jenes Axiom betrifft, dass
das Ganze allen seinen Teilen zusammengenommen gleich ist, so hat Euklides sich
desselben nicht ausdrücklich bedient. Auch bedarf dieses Axiom der
Einschränkung, denn man muss hinzufügen, dass diese Teile selbst keinen
gemeinsamen Teil haben dürfen, denn 7 und 8 sind Teile von 12, aber geben
zusammen mehr als 12. Büste und Rumpf zusammengenommen sind mehr als ein Mensch,
insofern die Brust allen beiden gemeinsam ist. Euklides aber sagt: das Ganze ist
grösser als sein Teil, wobei keine weitere Vorsicht nötig ist. Und zu sagen, dass
der Körper grösser ist als der Rumpf, macht nur insofern einen Unterschied gegen
das Axiom des Euklides, als dieses Axiom sich auf das Notwendige beschränkt;
aber indem man exemplifiziert und ihm gleichsam einen Körper gibt, erreicht man,
dass das Verstandesmässige auch sinnlich wird, denn zu sagen, dass dies bestimmte
Ganze grösser ist als dieser sein bestimmter Teil, ist in der Tat ein Satz, dass
ein Ganzes grösser ist als sein Teil, dessen Züge aber durch einige Beleuchtung
oder Zugabe verstärkt sind, gerade so wie der, welcher A B sagt, auch A sagt.
Man muss also hier nicht Axiom und Beispiel als in dieser Hinsicht verschiedene
Wahrheiten zueinander in Gegensatz stellen, sondern das Axiom als in dem
Beispiel verkörpert und das Beispiel bewahrheitend ansehen. Etwas anderes ist
es, wenn die Evidenz im Beispiele selbst nicht bemerkt wird, und die Bejahung
des Beispiels eine Folge und nicht bloss eine Subsumption des allgemeinen Satzes
ist, wie dies auch in Hinsicht der Axiome vorkommen kann.
    Philaletes. Unser gelehrter Verfasser sagt hier: Ich möchte diejenigen,
welche jede andere Erkenntnis, als die der Tatsachen, von allgemeinen
angeborenen und aus sich evidenten Prinzipien abhängig sein lassen, fragen, aus
welchem Prinzip sie zu beweisen nötig haben, dass zwei und zwei vier ist? Denn
seiner Ansicht nach erkennt man die Wahrheit derartiger Sätze ohne die Hilfe
irgend welcher Probe. Was sagen Sie dazu?
    Teophilus. Ich sage, dass ich wohl vorbereitet diese Frage erwartet habe. Es
ist nicht eine ganz unmittelbare Wahrheit, dass zwei und zwei vier sind,
vorausgesetzt, dass vier soviel bedeutet, als drei und eins. Man kann den Satz
also beweisen und zwar folgendermassen:
                                 Definitionen.
                                        
                           1) Zwei ist eins und eins,
                           2) Drei ist zwei und eins,
                           3) Vier ist drei und eins.
                                        
                                     Axiom.
                                        
                Wenn man Gleiches substituiert, bleibt gleiches.
                                        
                                    Beweis.
2 und 2 ist 2 und 1 und 1 (nach Def. 1),
2 und 1 und 1 ist 3 und 1 (nach Def. 2),
3 und 1 ist 4 (nach Def. 3).
    Also (nach dem Axiom) ist 2 und 2 = 4. Was zu beweisen war. Ich konnte,
statt zu sagen, dass 2 und 2 2 und 1 und 1 ist, setzen, dass 2 und 2 gleich ist 2
und 1 und 1, und so das übrige. Aber man kann es durchweg, um leichter
davonzukommen, zugleich mitverstehen, und zwar auf Grund eines anderen Axioms,
wonach jedes Ding sich selbst gleich oder das, was dasselbe ist, auch gleich
ist.
    Philaletes. So wenig nötig dieser Beweis auch im Hinblick auf seinen
allbekannten Schlusssatz sein mag, so dient er doch zu zeigen, wie die Wahrheiten
von den Definitionen und Axiomen abhangen. Ich sehe mitin schon voraus, was Sie
auf noch mehrere Einwürfe gegen die Anwendung der Axiome erwidern werden. Man
macht den Einwurf, dass es eine zahllose Menge von Prinzipien geben müsste, aber
das ist nur der Fall, wenn man die Folgesätze, welche sich mit Hilfe irgend
eines Axioms aus den Definitionen ergeben, unter die Grundsätze rechnet und da
der Definitionen oder Vorstellungen unzählige sind, so müssen es die Axiome, in
diesem Sinne genommen, auch sein, sogar bei der von Ihnen geteilten
Voraussetzung, dass die unbeweislichen Grundsätze identische Axiome sind. Sie
werden auch durch die Exemplifikation unzählig, aber im Grunde genommen kann man
die Sätze: A ist A, B ist B als ein und dasselbe verschieden ausgedrücktes Axiom
rechnen.
    Teophilus. Zudem verhindert mich diese Verschiedenheit der Grade der
Evidenz Ihrem berühmten Autor zuzugeben, dass alle jene Wahrheiten, welche man
Prinzipien nennt, und welche als von selbst evident gelten, weil sie den ersten,
unbeweisbaren Axiomen so nahe stehen, voneinander ganz unabhängig und unfähig
sind, voneinander irgend Licht oder Beweis zu empfangen. Denn man kann sie immer
entweder auf die Axiome selbst oder auf andere den Axiomen näher liegende
Wahrheiten zurückführen, wie jener Satz, dass zwei und zwei vier sind, Ihnen
gezeigt hat. Auch habe ich Ihnen eben schon erzählt, wie Roberval die Zahl der
euklideischen Axiome verringerte, indem er mitunter das eine auf das andere
zurückbrachte.
    § 11. Philaletes. Der scharfsinnige Schriftsteller, welcher zu unseren
Unterredungen die Veranlassung gegeben hat, gesteht den Nutzen der Maximen zu,
aber glaubt, dass er vielmehr darin besteht, den Widerspenstigen den Mund zu
stopfen, als die Wissenschaften aufzurichten. Ich würde mich sehr freuen, sagt
er, dass man mir eine jener auf die allgemeinen Axiome gegründeten Wissenschaften
zeigte, von der man nicht zeigen konnte, dass sie sich ebensogut auch ohne Axiome
aufrechterhalten lässt.
    Teophilus. Die Geometrie ist ohne Zweifel eine von diesen Wissenschaften.
Euklides wendet die Axiome ausdrücklich in den Beweisen an, und jenes Axiom: dass
zwei homogene Grössen einander gleich sind, wenn die eine weder grösser noch
kleiner als die andere ist, ist die Grundlage der Beweise des Euklides und des
Archimedes hinsichts der Grösse krummliniger Figuren. Archimedes hat Axiome
angewendet, deren Euklides nicht bedurfte, z.B. dass von zwei Linien, von denen
jede ihre Krümmung stets an derselben Seite hat, diejenige die grössere ist,
welche die andere umschliesst. Auch kann man in der Geometrie die identischen
Axiome nicht entbehren, wie z.B. das Prinzip des Widerspruchs oder die
indirekten Beweise. Und was die anderen Axiome betrifft, welche sich daraus
beweisen lassen, könnte man sich, ganz eigentlich gesprochen, derselben
entschlagen und die Folgerungen unmittelbar aus den identischen Sätzen und
Definitionen ziehen, aber die Länge der Beweise und die endlosen Wiederholungen,
in welche man dann verfiele, würden eine furchtbare Verwirrung verursachen, wenn
man immer wieder von vorn anfangen müsste, statt dass man bei Voraussetzung der
schon bewiesenen mittleren Lehrsätze leicht weiter kommt. Und zwar ist diese
Voraussetzung schon bekannter Wahrheiten besonders hinsichtlich der Axiome
nützlich, denn sie kehren so oft wieder, dass die Geometer in jedem Augenblick
sich derselben zu bedienen genötigt sind, ohne sie zu zitieren, so dass man sich,
wenn man glaubte, dass sie nicht mitwirken, weil man sie vielleicht nicht immer
am Bande angeführt sieht, täuschen würde.
    Philaletes. Aber er braucht das Beispiel der Teologie zum Einwurf. Aus der
Offenbarung, sagt unser Autor, stammt uns die Kenntnis dieser heiligen Religion,
und ohne deren Hilfe würden die Maximen niemals fähig gewesen sein, uns mit ihr
bekannt zu machen. Die Erleuchtung kommt uns also unmittelbar aus den Sachen
selbst oder unmittelbar aus der unfehlbaren Wahrhaftigkeit Gottes.
    Teophilus. Der Fall ist so, als ob ich sagte, die Medizin gründet sich auf
die Erfahrung, also dient die Vernunft dabei zu nichts. Die christliche
Teologie, welche die wahre Medizin für die Seelen ist, gründet sich auf die
Offenbarung, welche der Erfahrung entspricht; aber um daraus ein vollständiges
Ganze zu machen, mass man die natürliche Teologie damit verbinden, welche aus
den Axiomen der ewigen Vernunft gewonnen wird. Ist nicht selbst jener Grundsatz,
dass die Wahrhaftigkeit ein Attribut Gottes ist, auf welchem, wie Sie anerkennen,
die Gewissheit der Offenbarung beruht, eine aus der natürlichen Teologie
hergenommene Maxime ?
    Philaletes. Unser Verfasser verlangt, dass man zwischen dem Mittel, die
Erkenntnis zu erlangen, und dem, sie zu lehren, oder auch zwischen lehren und
mitteilen unterscheide. Nachdem man die Schulen errichtet und Professoren, um
die Wissenschaften, welche andere erfunden hatten, zu lehren, angestellt hat,
haben diese Professoren sich jener Maximen, um die Wissenschaften dem Geiste
ihrer Schüler einzuprägen und sie mittels der Axiome von gewissen besonderen
Wahrheiten zu überzeugen, bedient, statt dass die besonderen Wahrheiten den
ersten Erfindern dazu gedient haben, die Wahrheiten ohne die allgemeinen Maximen
zu finden.
    Teophilus. Ich wollte, dass man uns dieses vorgebliche Verfahren durch
Beispiele einiger besonderer Wahrheiten gerechtfertigt hätte. Aber wenn man die
Sachen recht erwägt, wird man es bei der Gründung der Wissenschaften gar nicht
angewendet finden. Und wenn der Erfinder nur eine besondere Wahrheit findet, ist
er nur halb und halb ein Erfinder. Wenn Pytagoras nur die Beobachtung gemacht
hätte, dass das Dreieck, dessen Seiten 3, 4, 5 sind, die Eigenschaft habe, dass
das Quadrat seiner Hypotenuse denen seiner beiden Kateten gleich sei (d.h. dass
9 + 16 25 mache), würde er deswegen der Entdecker jener grossen Wahrheit gewesen
sein, welche alle rechtwinklige Dreiecke umfasst und bei den Geometern zu einer
Maxime geworden ist? Allerdings kann häufig ein durch Zufall ins Auge gefasstes
Beispiel einem geistreichen Manne zur Veranlassung dienen, sich des Aufsuchens
der allgemeinen Wahrheit zu befleissigen, aber es macht noch oft genug
Schwierigkeit, sie zu finden. Ausserdem ist dieser Weg des Entdeckens nicht der
beste, noch der von denen am meisten angewandte, welche ordentlich und
metodisch verfahren, und diese bedienen sich desselben nur bei solchen
Gelegenheiten, wo bessere Metoden mangeln.
    Das wäre so, wie Archimedes nach dem Glauben einiger die Quadratur der
Parabel dadurch gefunden haben soll, dass er ein parabolisch geschnittenes Stück
Holz wog und diese besondere Erfahrung ihn die allgemeine Wahrheit finden liess.
Wer aber den Scharfsinn dieses grossen Mannes kennt, sieht wohl ein, dass er
solche Hilfe nicht nötig hatte. Wäre indessen dieser empirische Weg der
besonderen Wahrheiten die Veranlassung gewesen, die Entdeckungen zu machen, so
wäre er doch nicht genügend gewesen, sie zu geben; und die Entdecker selbst sind
lebhaft befriedigt, die Maximen und allgemeinen Wahrheiten zu bemerken, wenn sie
zu denselben haben gelangen können - sonst wären ihre Entdeckungen sehr
unvollkommen gewesen. Alles, was man also den Schulen und den Professoren als
Verdienst anrechnen kann, ist, die Maximen und die anderen allgemeinen
Wahrheiten gesammelt und geordnet zu haben: und wollte Gott, dass man es noch
mehr und mit mehr Sorgfalt und Auswahl gemacht hätte, dann würden die
Wissenschaften sich nicht in so schlechtem Zusammenhange und so grosser
Verwirrung befinden. Übrigens gebe ich zu, dass zwischen der Metode, deren man
sich zur Unterweisung in den Wissenschaften bedient, und der, durch welche man
sie findet, oft ein Unterschied stattfindet; das ist aber nicht der Punkt, um
welchen es sich handelt. Wie ich schon bemerkt habe, hat der Zufall mitunter
Gelegenheit in Entdeckungen gegeben. Wenn man diese Veranlassungen bemerkt und
das Andenken daran der Nachwelt aufbewahrt hätte, was sehr nützlich gewesen
wäre, so würden diese Einzelheiten ein sehr wichtiger Teil der Geschichte der
Künste gewesen sein, jedoch nicht geeignet, um darauf Systeme zu gründen.
Mitunter sind auch die Entdecker zwar vernunftgemäss zur Wahrheit vorgeschritten,
aber auf grossen Umwegen. Ich finde, dass bei wichtigen Fällen die Schriftsteller
dem Publikum einen Dienst geleistet haben würden, wenn sie in ihren Schriften
die Spuren ihrer Versuche aufrichtig angemerkt hätten, aber wenn das System der
Wissenschaft nach diesem Masse hätte gearbeitet werden sollen, so würde dies so
sein, als ob man in einem fertigen Hause das ganze Baugerüst, das der Baumeister
zur Aufrichtung desselben nötig gehabt hat, aufbewahren wollte. Die guten
Unterrichtsmetoden sind immer diejenigen, welche die Wissenschaft auf ihrem
Wege sicherlich hätte finden können; und wenn sie alsdann nicht empirisch sind,
d.h. wenn die Wahrheiten durch Gründe oder durch aus den Vorstellungen gewonnene
Beweise gelehrt werden, so wird dies immer durch Axiome, Teoreme, Richtsätze
(Canones) und andere solche allgemeine Sätze geschehen. Etwas anderes ist es,
wenn die Wahrheiten Aphorismen sind, wie die des Hippokrates, d.h. faktische
Wahrheiten, welche entweder ganz allgemein oder mindestens in den meisten Fällen
richtig sind, die durch Beobachtung gewonnen werden oder auf Erfahrung sich
gründen, und für die man nicht durchweg überführende Gründe hat. Aber darum
handelt es sich hier nicht, denn diese Wahrheiten werden nicht durch die
Ideenverknüpfung erkannt.
    Philaletes. Die Art, in welcher nach der Ansicht unseres geistreichen
Autors das Bedürfnis nach Maximen sich geltend gemacht hat, ist diese. Da die
Schulen als Probierstein der Geschicklichkeit der Gelehrten die Disputierkunst
aufgestellt hatten, so schrieben sie demjenigen den Sieg zu, der den Kampfplatz
behauptete und dem das letzte Wort blieb. Um aber die Widerspenstigen zu
überzeugen, musste man als Mittel dazu die Maximen aufstellen.
    Teophilus. Die Schulen der Philosophie hätten ohne Zweifel besser daran
getan, die Praxis mit der Teorie zu verbinden, wie es die Schulen der Medizin,
der Chemie und der Matematik machen, und lieber demjenigen den Preis zu
erteilen, der es am besten gemacht hätte, besonders in der Moral, als dem,
welcher am besten gesprochen hätte. Da es indessen Gegenstände gibt, wo die
Disputation selbst schon ein Erfolg ist, und mitunter der einzige Erfolg und das
Meisterstück, aus dem sich die Geschicklichkeit jemandes erkennen lässt, wie in
den metaphysischen Gegenständen, so hat man in einigen Fällen recht gehabt, die
Geschicklichkeit der Gelehrten nach dem Erfolg zu beurteilen, welchen sie in
Besprechungen gehabt haben. Bekanntlich haben sogar zu Anfang der Reformation
die Protestanten ihre Gegner herausgefordert, zu Unterredungen und Disputationen
zu kommen, und aus dem Erfolg dieser Dispute hat die öffentliche Meinung
mitunter einen Schluss auf die Reform gemacht. Man weiss auch, was die Kunst zu
reden und den Gründen Licht und Kraft zu verleihen, und wenn man sie so nennen
kann, die Disputierkunst in einem Staats- oder Kriegsrate, an einem
Gerichtshofe, bei einer ärztlichen Konsultation und selbst in einer Unterhaltung
vermag. Man ist auch genötigt, zu diesem Mittel seine Zuflucht zu nehmen und bei
dergleichen Vorfällen sich mit Worten statt der Taten eben deswegen zu begnügen,
weil es sich dann um eine Begebenheit oder eine Tatsache handelt, wobei die
Wahrheit durch den Erfolg zu erfahren zu spät sein würde. Daher ist die Kunst
des Disputierens oder des durch Gründe Bekämpfens, unter welche ich hier das
Anführen von Autoritäten und Beispielen befasse, von sehr grosser Wichtigkeit,
aber unglücklicherweise ist sie sehr schlecht auf Regeln gebracht, und darum
macht man auch entweder gar keine oder falsche Schlüsse. Aus diesem Grunde habe
ich mehr als einmal den Plan gefasst, Anmerkungen zu den Kolloquien der Teologen
zu machen, über welche wir Berichte haben, um die Fehler, welche man darin
bemerken kann, und die dagegen anwendbaren Mittel zu zeigen. Wenn bei
geschäftlichen Beratschlagungen diejenigen, welche die meiste Macht haben, nicht
einen sehr zuverlässigen Verstand haben, so haben gewöhnlich Autorität oder
Beredsamkeit die Oberhand, wenn sie gegen die Wahrheit gerichtet sind. Mit einem
Worte: die Kunst, zu beraten und zu disputieren, müsste völlig umgearbeitet
werden. Was den Vorteil desjenigen anbetrifft, welcher zuletzt spricht, so
findet er fast nur in freien Umgangsgesprächen statt, denn bei Beratschlagungen
gehen die Stimmen der Ordnung nach, mag man nun mit dem im Range Letzten
anfangen oder endigen. Freilich ist es gewöhnlich Sache des Präsidenten,
anzufangen und zu endigen d.h. den Vorschlag und den Ausschlag zu geben, aber
den letzteren gibt er nach der Mehrheit der Stimmen. In den akademischen
Disputationen aber ist der Respondent oder Verteidiger derjenige, welcher
zuletzt spricht, und er behauptet den Kampfplatz nach stehender Sitte fast
immer. Es handelt sich darum, ihn auf die Probe zu stellen, und nicht, ihn zu
widerlegen, sonst würde man als Feind auftreten. Und die Wahrheit zu sagen, so
handelt es sich bei diesen Gelegenheiten fast gar nicht um die Wahrheit, daher
man zu verschiedenen Zeiten entgegengesetzte Tesen auf dem nämlichen Kateder
verteidigt. Man zeigte dem Casaubonus einmal den Saal der Sorbonne und sagte
ihm: Das ist der Ort, wo man so viele Jahrhunderte lang disputiert hat. Er
antwortete: Was hat man nun da herausgebracht?
    Philaletes. Gleichwohl hat man verhindern wollen, dass die Disputation bis
ins Unendliche gehe, und ein Mittel schaffen, um zwischen zwei gleich erfahrenen
Gegnern zu entscheiden, damit der Streit sich nicht in eine endlose Reihe von
Schlüssen verliere. Dies Mittel nun ist gewesen, gewisse allgemeine, meist durch
sich selbst evidente Sätze einzuführen, die von Natur dazu angetan, von allen
Menschen mit gänzlicher Übereinstimmung angenommen zu werden, als allgemeine
Massstäbe der Wahrheit betrachtet werden und die Stelle von Prinzipien (wenn die
Disputierenden keine anderen aufgestellt hatten) einnehmen mussten, über die man
nicht hinausgehen durfte und an die man sich beiderseits zu halten verpflichtet
war. Nachdem diese Maximen so den Namen von Prinzipien empfangen hatten, die man
bei der Disputation nicht, verleugnen durfte, und welche den Streit endeten, so
nahm man sie irrtümlicherweise - meinem Gewährsmanne nach - für die Quelle der
Erkenntnisse und für die Grundlagen der Wissenschaften.
    Teophilus. Wollte Gott, dass man sie in Streitigkeiten so gebrauchte;
dagegen wäre nichts zu bemerken, denn man würde doch etwas entscheiden. Und was
könnte man Besseres tun, als den Streit d.h. die bestrittenen Wahrheiten, auf
evidente und unbestreitbare Wahrheiten zurückbringen? Würde man sie dadurch
nicht auf demonstrative Weise begründen? Und wer kann zweifeln, dass diese
Grundsätze, welche die Streitigkeiten mit Begründung der Wahrheit endigen
würden, zugleich die Quellen der Erkenntnisse wären? Denn wenn das logische
Verfahren gut ist, bleibt es sich gleich, ob man sie stillschweigend in seinem
Studierzimmer zustande bringt oder Öffentlich auf dem Kateder begründet. Und
selbst wenn diese Prinzipien mehr Heischesätze als Axiome wären, - erstere nicht
im Sinne des Euklides, sondern des Aristoteles genommen, d.h. als für so lange
zugegebene Voraussetzungen, bis sie zu beweisen Gelegenheit ist, - so würden
diese Prinzipien immer den Nutzen haben, dass alle die übrigen Streitfragen
dadurch auf eine kleine Anzahl von Voraussetzungen zurückgebracht werden würden.
Ich bin also ganz ausserordentlich erstaunt aus ich weiss nicht welch einem
Vorurteil etwas Löbliches getadelt zu sehen, und dessen machen sich, wie man an
dem Beispiel Ihres Autors sieht, die gescheitesten Leute aus Unachtsamkeit
schuldig. Unglücklicherweise aber geht es bei den akademischen Disputationen
ganz anders zu. Statt allgemeine Axiome aufzustellen, tut man alles Mögliche, um
sie durch nichtige und schlecht verstandene Distinktionen zu schwächen und
gefällt sich darin, gewisse philosophische Regeln anzuwenden, von denen zwar
dicke Bücher gefüllt, die aber recht unsicher und unbestimmt sind, und welchen
man durch Distinktionen beliebig ausweicht. Das ist nicht das Mittel, die
Streitigkeiten zu schlichten, sondern sie endlos zu machen und den Gegner
schliesslich zu ermüden. Es ist das so, als wenn man ihn an einen dunklen Ort
führte, wo man blindlings darauf losschlägt, und niemand über die Streiche
urteilen kann. Das ist eine wundervolle Erfindung für die Respondenten, welche
sich verbindlich gemacht haben, gewisse Tesen zu verteidigen. Es ist ein Schild
des Vulkan, der sie unverwundbar macht, es ist ein Helm des Orkus oder Pluto,
der sie unsichtbar macht. Sie müssen sehr ungeschickt oder sehr unglücklich
sein, wenn man sie trotzdem beim Irrtum ertappen kann. Allerdings gibt es Regeln
mit Ausnahmen, besonders bei Streitigkeiten, wo viele Umstände mit in Betracht
kommen, wie in der Jurisprudenz. Um aber deren Gebrauch sicher zu machen, müssen
diese Ausnahmen ihrer Zahl und ihrem Sinne nach soviel als möglich bestimmt
sein; und dann kann es kommen, dass die Ausnahme wieder selbst ihre
Unterausnahmen d.h. ihre Repliken hat, und die Replik Dupliken usw.; aber beim
Rechnungsschlusse müssen alle diese Ausnahmen und Unterausnahmen wohl bestimmt
und, mit der Regel verbunden, das Ganze herstellen. Davon liefert die
Jurisprudenz sehr bemerkenswerte Beispiele. Allein wenn diese mit Ausnahmen und
Unterausnahmen beladenen Arten von Regeln bei den akademischen Disputationen in
Anwendung gebracht werden sollten, so müsste man immer die Feder in der Hand
disputieren, indem man gleichsam ein Protokoll darüber hielte, was von der einen
und der anderen Seite gesagt wird. Und dies wurde auch sonst nötig sein, wenn
man immer durch mehrere von Zeit zu Zeit mit Distinktionen vermischte
Syllogismen hindurch förmlich disputieren wollte, wobei das beste Gedächtnis von
der Welt in Verwirrung geraten müsste. Aber man hütet sich, diese Mühe sich zu
geben, in Syllogismen formell vorwärts angehen und sie zu registrieren, um die
Wahrheit zu entdecken, wenn sie ohne Belohnung ist, und man sogar, selbst wenn
man wollte, nicht zum Zweck gelangen würde, es sei denn, dass die Distinktionen
ausgeschlossen oder besser geregelt wären.
    Philaletes. Dennoch ist es wahr, wie unser Verfasser bemerkt, dass die
Schulmetode auch in die Unterredungen ausserhalb der Schulen eingeführt worden
ist, um auch den Nörglern den Mund zu stopfen, und da eine schlimme Wirkung
gehabt hat. Denn sobald man die vermittelnden Vorstellungen hat, kann man deren
Verknüpfung ohne Hilfe der Maximen, und ehe sie vorgebracht worden sind,
erkennen, was für aufrichtige und verträgliche Leute genügen würde. Aber da die
Metode der Schulen die Leute berechtigt und ermuntert hat, sich evidenten
Wahrheiten zu widersetzen und zu widerstehen, darf man sich nicht wundern, dass
sie in der gewöhnlichen Unterhaltung sich nicht schämen zu tun, was ein
Gegenstand des Ruhmes ist und in den Schulen als Vorzug gilt. Der Verfasser fügt
hinzu, dass vernünftige Leute, welche sonst in der Welt bekannt und durch die
Erziehung nicht verdorben worden sind, grosse Mühe haben werden zu glauben, dass
eine solche Metode jemals von Personen befolgt worden sei, die die Wahrheit zu
lieben behaupten und ihr Leben im Studium der Religion oder der Natur
hinbringen. Ich will hier nicht untersuchen, sagt er, wie diese Unterrichtsweise
geeignet ist, den Geist der Jugend von der Liebe und aufrichtigen Verfolgung der
Wahrheit abzuwenden, oder sie vielmehr zweifelhaft zu machen, ob es wirklich
Wahrheit in der Welt gibt oder wenigstens eine solche, die umfasst in werden
verdient Aber was ich stark glaube, fügt er hinzu, ist, dass, die Orte
ausgenommen, welche die peripatetische Philosophie in ihren Schulen zugelassen
haben, wo sie viele Jahrhunderte lang geherrscht hat, ohne die Welt etwas
anderes als die Disputierkunst zu lehren, man diese Maximen nirgends als die
Grundpfeiler der Wissenschaften und als bedeutende Hilfen zur Förderung in der
Erkenntnis der Dinge betrachtet hat.
    Teophilus. Euer gelehrter Autor behauptet, dass die Schulen allein geneigt
sind, Maximen zu bilden und doch ist das der allgemeine und sehr vernünftige
Instinkt des menschlichen Geschlechts. Das können Sie aus den Sprichwörtern
schliessen, welche bei allen Nationen in Gebrauch sind, und die in der Regel nur
die Maximen sind, über welche die öffentliche Meinung übereingekommen ist. Wenn
indessen urteilsfähige Leute etwas aussprechen, was uns wahrheitswidrig
erscheint, so muss man ihnen die Gerechtigkeit widerfahren lassen zu vermuten,
dass mehr in ihren Ausdrücken als in ihren Ansichten Irrtum steckt, was sich bei
unserem Autor hier bestätigt, dessen ihn gegen die Maximen stimmendes Motiv ich
zu verstehen beginne. Dies ist, dass es in den gewöhnlichen Unterredungen, wo es
sich nicht bloss, wie in den Schulen, darum handelt, sich zu üben, als eine
Schikane erscheint, überzeugt sein zu wollen, um sich zu ergeben. Sonst aber ist
es bei weitem gefälliger, die sich von selbst verstehenden Obersätze zu
unterdrücken und sich mit Entymenen zu begnügen; und selbst ohne Prämissen zu
bilden, genügt es oft, den einfachen Medius terminus oder die Mittelvorstellung
vorzubringen, wobei dann der Geist den Zusammenhang auch ohne dass man ihn
ausdrückt, hinlänglich fasst. Das geht gut, wenn dieser Zusammenhang
unbestreitbar ist; aber Sie werden mir auch zugeben, dass man häufig zu schnell
dazu fortgeht, ihn vorauszusetzen, und daraus Paralogismen entstehen,
dergestalt, dass man beim Ausdruck besser tut, sich der Sicherheit zu
befleissigen, als ihr die Kürze und Eleganz vorzuziehen. Indessen hat die
Voreingenommenheit unseres Verfassers gegen die Maximen ihn vermocht, deren
Nutzen für die Begründung der Wahrheit gänzlich zu verwerfen; er geht so weit,
sie zu Mitschuldigen der Unordnungen in der Unterredung zu machen. Allerdings
haben die jungen Leute, welche sich an die akademischen Übungen gewöhnt haben,
wo man sich ein wenig zu viel mit der blossen Übung beschäftigt und nicht genug
damit, aus der Übung die grösstmögliche Frucht zu gewinnen, - Mühe, sich im
praktischen Leben dessen zu entschlagen. Und eine ihrer Schikanen besteht darin,
sich der Wahrheit nicht eher ergeben zu wollen, als bis man sie ihnen ganz und
gar greifbar gemacht hat, obwohl die Aufrichtigkeit und selbst der Anstand sie
verpflichten sollte, nicht auf dies äusserste zu warten, was sie unbequem
erscheinen lässt und eine Üble Meinung von ihnen gibt. Man muss freilich
zugestehen, dass dies ein Fehler ist, mit dem die Gelehrten sich häufig behaftet
finden. Indessen besteht der Fehler nicht darin, dass man die Wahrheiten auf
Maximen zurückfahren, sondern dass man dies zu unrechter Zeit und ohne Not tun
will. Denn der menschliche Geist übersieht viel auf einmal, und man hemmt ihn,
wenn man ihn zwingen will, bei jedem Schritt, den er tut, anzuhalten und alles,
was er denkt, auszudrücken. Das ist gerade so, als wenn man bei seiner
Berechnung mit einem Kaufmann oder mit einem Wirte ihn nötigen wollte, um
sicherer zu gehen, alles an den Fingern herzuzählen. Das zu fordern, müsste man
entweder dumm oder eigensinnig sein. In der Tat findet man mitunter, dass Petron
recht gehabt hat zu sagen, »dass die Jünglinge in den Schulen ganz dumm würden«
und bisweilen an den Orten den Verstand einbüssten, welche die Schulen der
Weisheit sein sollten. Corruptio optimi pessima. (Je besser etwas ist, desto
schlimmer sein Verderbnis.) Aber noch öfter werden sie eitel, händelsüchtig und
unverschämt, störrig, unbequem; und das hängt oft von der Laune ihrer Lehrer ab.
Übrigens finde ich, dass es bei der Unterredung viel grössere Fehler gibt, als
den, zu viel Klarheit zu verlangen. Denn gewöhnlich fällt man in den
entgegengesetzten Fehler und gibt oder fordert nicht Klarheit genug. Ist das
eine unbequem, so ist das andere schädlich und gefährlich.
    § 12. Philaletes. Das ist mitunter auch die Anwendung der Maximen, wenn man
sie mit falschen, schwankenden und unsicheren Begriffen verbindet, denn dann
dienen die Maximen dazu, uns in unseren Irrtümern zu stärken und sogar
Widersprechendes zu beweisen. Wer z.B. mit Descartes sich eine Vorstellung von
dem, was man Körper nennt, als einem nur ausgedehnten Dinge bildet, kann mittels
der Maxime: was ist, ist, leicht zeigen, dass es keinen leeren Raum d.h. Raum
ohne Körper, gibt. Denn er erkennt seine eigene Vorstellung, er erkennt, dass sie
das ist, was sie ist, und keine andere Vorstellung; da nun Ausdehnung, Körper
und Raum bei ihm drei Worte sind, welche dasselbe bedeuten, so ist es für ihn
ebenso wahr, zu sagen, dass der Raum Körper ist, als zu sagen, dass der Körper
Körper ist. § 13. Ein anderer aber, dem Körper ein ausgedehntes solides Ding
bedeutet, wird ebenso schliessen, dass der Satz: der Raum ist nicht Körper, gerade
so sicher ist, wie irgend ein anderer Satz, den man durch die Maxime: Unmöglich
kann etwas zugleich sein und nicht sein, beweisen kann.
    Teophilus. Der schlechte Gebrauch der Maximen darf nicht ihren Gebrauch
überhaupt tadelnswert machen: diesem Übelstande sind alle Wahrheiten
unterworfen, dass man durch Verbindung derselben mit Falschem Falsches und selbst
Widersprüche daraus schliessen kann. In unserem Beispiele hat man auch nicht jene
identischen Axiome nötig, denen man den Grund des Irrtums und des Widerspruchs
zuschreibt. Das würde sich zeigen, wenn das Argument derer, welche aus ihren
Definitionen schliessen, dass der Raum Körper ist, oder dass der Raum nicht Körper
ist, förmlich aufgestellt würde. Es liegt sogar etwas zu viel in diesem Schluss:
der Körper ist ausgedehnt und solide, folglich ist die Ausdehnung, d.h. das
Ausgedehnte, kein Körper und ist die Ausdehnung kein körperliches Ding, denn ich
habe schon bemerkt, dass es überflüssige Ausdrücke der Vorstellungen gibt oder
solche, die die Sachen selbst nicht vermehren, wie wenn z.B. jemand sagte, unter
einem Triquatrum verstehe ich ein dreiseitiges Dreieck, und daraus schlösse, dass
nicht jede dreiseitige Figur ein Dreieck sei. So könnte auch ein Kartesianer
sagen, dass die Vorstellung des soliden Ausgedehnten von derselben Art ist; sie
entalte nämlich etwas Überflüssiges, wie in der Tat, wenn man die Ausdehnung
für etwas Substantielles nimmt, jedwede Ausdehnung solide sein oder auch jede
Ausdehnung körperlich sein muss. Was den leeren Raum betrifft, so wird ein
Kartesianer freilich das Recht haben, aus seiner Vorstellung oder
Vorstellungsweise zu schliessen, dass es keinen solchen gebe, vorausgesetzt, dass
seine Idee richtig ist, aller ein anderer wird nicht gleich recht haben, aus der
seinigen zu schliessen, dass es einen solchen gibt, wie ich in der Tat, obschon
ich nicht für die kartesische Ansicht bin, doch glaube, dass es keinen leeren
Raum gibt, und finde, man mache in diesem Beispiel einen schlimmeren Gebrauch
von den Vorstellungen als von den Maximen.
    § 15. Philaletes. Wenigstens scheint es, dass, wie man auch bei den in
Worten gefassten Urteilen die Maximen gebrauchen mag, sie uns doch von den ausser
uns befindlichen Substanzen nicht die geringste Erkenntnis geben können.
    Teophilus. Ich bin ganz anderer Meinung. Jene Maxime z.B., dass die Natur
immer die kürzesten oder wenigstens die bestimmtesten Wege einschlage, genügt
allein, um von fast der ganzen Optik, Katoptrik und Dioptrik d.h. von dem, was
sich ausser uns bei den Lichtwirkungen zuträgt, Rechenschaft zu geben. Ich habe
dies früher einmal gezeigt, und Molineux hat es in seiner Dioptrik, welche ein
sehr gutes Buch ist, durchaus gebilligt.
    Philaletes. Gleichwohl wird behauptet, dass, wenn man sich der identischen
Prinzipien bedient, um Sätze zu beweisen, welche Worte von der Bedeutung
zusammengesetzter Vorstellungen wie Mensch oder Tugend entalten, deren Gebrauch
äusserst gefährlich ist und die Menschen veranlasst, das Falsche wie eine
offenbare Wahrheit zu betrachten und anzunehmen. Und zwar, weil die Menschen
glauben, dass, wenn man dieselben Ausdrücke beibehält, die Sätze sich auf die
nämlichen Dinge beziehen, wenn auch die von diesen Ausdrücken bezeichneten
Vorstellungen verschieden sein mögen, so dass dann den Menschen, welche, wie
gewöhnlich geschieht, die Worte für die Dinge nehmen, die Maximen in der Regel
dazu dienen, widersprechende Sätze zu beweisen.
    Teophilus. Welche Ungerechtigkeit, die armen Maximen dafür in tadeln, was
dem schlechten Gebrauch der Ausdrücke und deren Doppelsinnigkeiten zugeschrieben
werden muss! Man kann die Syllogismen aus demselben Grunde tadeln, weil man bei
doppelsinnigen Ausdrücken falsch schliesst. Aber der Syllogismus ist daran
unschuldig, weil man alsdann in der Tat vier Termini, gegen die Gesetze der
Syllogismen, vor sich hat. Aus demselben Grunde könnte man auch die Rechnung der
Aritmetiker oder der Algebristen tadeln, weil man, wenn man aus Versehen X für
V setzt oder a für b nimmt, falsche und widersprechende Schlussfolgerungen daraus
zieht.
    § 19. Philaletes. Wenigstens möchte ich die Maximen dann für wenig nützlich
halten, wenn man klare und deutliche Vorstellungen hat; und andere wollen sogar,
dass sie dann von durchaus keinem Nutzen sind; sie behaupten, dass wer in diesen
Fällen das Wahre und Falsche ohne diese Art von Maximen nicht unterscheiden
kann, es auch durch ihre Vermittlung nicht werde tun können; und unser Verfasser
(§§ 16 und 17) zeigt sogar, dass sie nicht zu entscheiden dienen, ob dieses oder
jenes Wesen Mensch ist oder nicht.
    Teophilus. Wenn die Wahrheiten sehr einfach und evident und den identischen
Sätzen und Definitionen ganz nahe verwandt sind, so hat man nicht nötig,
ausdrücklich Maximen anzuwenden, um diese Wahrheiten herauszuziehen, denn der
Geist wendet sie unbewusst an und zieht ohne Zwischengedanken sofort seine
Schlussfolgerung. Aber ohne die schon erkannten Grund- und Lehrsätze würden die
Matematiker grosse Mühe haben vorwärts in kommen, denn bei den langen
Schlussketten ist es gut, von Zeit zu Zeit anzuhalten und sich gleichsam
Meilensteine mitten am Wege zu machen, die auch anderen dazu dienen sollen, ihn
zu bezeichnen. Sonst würden diese langen Wege zu unbequem werden und selbst
verwirrt und dunkel erscheinen, ohne dass man etwas darin unterscheiden und die
Stelle, wo man ist, hervorheben kann. Es würde dann sein, wie wenn man in einer
dunkeln Nacht ohne Kompass aufs Meer ginge, ohne Grund, Ufer oder Sterne zu
sehen; wie wenn man auf weiter Steppe wanderte, wo es nicht Bäume, nicht Hügel,
nicht Bäche gibt; es wäre auch wie eine zum Längemass bestimmte Kette mit Ringen,
die aus einigen hundert unter sich ganz gleichen Ringen besteht, ohne irgend
eine Unterbrechung, wie bei einem Rosenkränze oder durch grössere Körner oder
grössere Ringe oder andere Abteilungen, welche die Füsse, die Ruten usw.
bezeichnen könnten. Der Geist, welcher die Einheit in der Vielheit liebt, fügt
also einige der Folgerungen zusammen, um daraus vermittelnde Schlüsse zu bilden:
dies ist der Nützen der Maximen und Lehrsätze. Mittels dessen gibt es dabei mehr
Lust, mehr Licht, mehr Erinnerung, mehr Aufmerksamkeit und weniger Wiederholung.
Wenn irgend ein Analytiker bei der Rechnung die beiden geometrischen Maximen,
dass das Quadrat der Hypotenuse dem der beiden Kateten gleich, und dass die
gleichnamigen Seiten ähnlicher Dreiecke proportional sind, nicht voraussetzen
wollte; im Glauben, dass, weil man den Beweis dieser beiden Lehrsätze durch die
Verknüpfung der in ihnen entaltenen Vorstellungen gewinnt, er sich derselben
leicht entschlagen könnte, indem er an ihre Stelle die Vorstellungen selbst
setzte, so würde er schwerlich zu einem Abschluss gelangen. Damit Sie aber nicht
denken, dass der nützliche Gebrauch dieser Maximen sich auf die Grenzen der
blossen matematischen Wissenschaften beschränkt, so können Sie finden, dass er in
der Rechtswissenschaft kein geringeres und eins der vorzüglichsten Mittel ist,
dieselbe leichter zu machen und deren weiten Ozean wie auf einer geographischen
Karte zu überschauen, d.h. eine Menge besonderer Entscheidungen auf allgemeinere
Prinzipien zurückzubringen. Man wird z.B. finden, dass eine Menge Gesetze der
Digesten, Klagen oder Exzeptionen - von denen, welche man in factum nennt - von
der Maxime abhangen: ne quis alterius damno fiat locupletior, d.h. niemand darf
von dem Schaden, der einem anderen daraus entstehen kann, Vorteil ziehen, was
man freilich ein wenig genauer ausdrücken müsste. Allerdings muss man unter den
Rechtsregeln einen grossen Unterschied machen. Ich spreche von denen, die gut
sind, und nicht von gewissen durch die Rechtslehrer eingeführten
unverständlichen (brocardica), die unbestimmt und dunkel sind, obschon auch
diese Regeln oft gut und nützlich werden könnten, wenn man sie verbesserte,
statt dass sie mit ihren endlosen Distinktionen (cum suis fallaciis) nur dazu
dienen, zu verwirren. Die brauchbaren Kegeln sind also entweder Aphorismen oder
Maximen, und unter Maximen begreife ich sowohl Grund- als Lehrsätze. Sind es
Aphorismen, welche durch Induktion und Beobachtung, nicht aber durch Räsonnement
a priori entstehen, und welche tüchtige Gelehrte nach einer Übersicht des
bestehenden Rechtes geschaffen haben, so hat der Satz des Rechtsgelehrten Paulus
in dem Titel der Digesten, welcher von den Rechtsregeln handelt, statt: non ex
regula jus sumi, sed ex jure quod est regulam fieri, d.h. man ziehe die Regeln
aus einem schon gekannten Rechte, um sich dessen besser zu erinnern, aber man
gründe nicht das Recht auf diese Regeln. Es gibt aber Fundamentalmaximen, die
das Recht selbst bilden und die Klagen, Exzeptionen und Repliken und so weiter
ausmachen, welche, wenn sie durch die reine Vernunft gelehrt werden und nicht
von der Willkürmacht des Staats stammen, das Naturrecht bilden; und eine solche
ist die eben erwähnte Regel, welche den Vorteil auf anderer Leute Kosten
verbietet. Auch gibt es Regeln, wobei Ausnahmen selten sind, und die folglich
für allgemeingültig gehalten werden. Solche ist die Regel der Institutionen des
Kaisers Justinian im § 2 des Titels von den Klagen, wonach, wenn es sich um
körperliche Dinge handelt, der Kläger nicht im Besitze ist, einen einzigen Fall
ausgenommen, von dem der Kaiser sagt, dass er in den Digesten angemerkt sei. Aber
man ist noch dahinter, diesen zu suchen. Allerdings wollen einige statt sane uno
casu lesen sane non uno, und aus einem Fall kann man zuweilen deren mehrere
machen.
    Bei den Medizinern behauptet der verstorbene Barner, welcher uns durch
Herausgabe seines Prodromus Hoffnung auf einen neuen Sennert oder ein den neuen
Entdeckungen oder Meinungen angepasstes System der Medizin gemacht hatte, dass die
von den Ärzten in ihren Systemen der Praxis gewöhnlich beobachtete Metode darin
bestehe, die Heilkunst auseinanderzusetzen, indem man von einer Krankheit nach
der anderen handelt, gemäss der Ordnung der Teile des menschlichen Körpers oder
sonst wie, ohne allgemeine Vorschriften der Praxis gegeben zu haben, die
mehreren Krankheiten und Symptomen gemeinsam sind, und dass sie dies zu unendlich
vielen Wiederholungen nötige, dergestalt, dass ihm zufolge man drei Viertel des
Sennert aufgeben und die Wissenschaft durch allgemeine Sätze und vor allen
Dingen durch solche unendlich abkürzen könne, denen das katolou prôton des
Aristoteles (das Allgemeine im ersten, eigentlichen Sinne des Wortes) zukomme,
d.h. die reziprok sind oder sich dem annähern. Ich glaube, er hat recht, zu
dieser Metode zu raten, vor allem hinsichtlich der Vorschriften, wo die Medizin
sich auf Vernunftschlüsse stützt. Aber in dem Masse, als sie empirisch ist, ist
es weder leicht noch sicher, allgemeine Sätze zu bilden. Auch kommen ferner in
den besonderen Krankheiten gewöhnlich Komplikationen vor, die gleichsam eine
Nachahmung der Substanzen ausmachen, dergestalt, dass eine Krankheit wie eine
Pflanze oder ein Tier erscheint, welches eine besondere Geschichte für sich
verlangt, d.h. es sind Modi oder Arten des Seins, denen das zukommt, was wir von
den Körpern oder Substanzen gesagt haben. So ist ein viertägiges Fieber zu
ergründen ebenso schwer, wie das Gold oder Quecksilber. Daher ist es unbeschadet
der allgemeinen Vorschriften nützlich, für die verschiedenen Arten der
Krankheiten Kurmetoden und Heilmittel, die mehreren Symptomen sind
Komplikationen von Ursachen genügen, aufzusuchen, und vor allem die zu sammeln,
welche die Erfahrung bewährt hat. Dies hat Sennert gar nicht recht getan, denn
tüchtige Sachkenner haben die Bemerkung gemacht, dass die Zusammensetzungen der
von ihm vorgeschlagenen Rezepte oft mehr aus dem Kopfe nach Abschätzung gebildet
als durch die Erfahrung bewährt sind, wie es sein müsste, wenn man seiner Sache
sicherer sein wollte. Ich glaube also, dass das Beste sein wird, beide Wege zu
verbinden, und sich in einem so schwierigen und wichtigen Gegenstande, wie die
Medizin ist, nicht über Wiederholungen zu beklagen, wo, wie ich finde, uns
gerade das fehlt, was wir meiner Meinung nach in der Jurisprudenz zu viel haben,
nämlich Bücher mit besonderen Fällen und Repertorien dessen, was schon
beobachtet worden ist. Denn ich glaube, dass der tausendste Teil der Bücher der
Rechtsgelehrten uns genügen könnte; dass wir aber in Sachen der Medizin nichts zu
viel hätten, wenn wir tausendmal mehr ausführlich dargestellte Beobachtungen
hätten, weil sich die Rechtsgelehrsamkeit ganz und gar auf Vernunftgründe
hinsichtlich dessen stützt, was nicht ausdrücklich durch die Gesetze oder das
Gewohnheitsrecht bestimmt worden ist. Denn man kann es immer entweder aus dem
Gesetz oder, wenn dies versagt, aus dem Naturrecht mittels der Vernunft
gewinnen. Auch sind die Gesetze jedes Landes fest und bestimmt oder können es
werden, während in der Medizin die Erfahrungsprinzipien d.h. die Beobachtungen
nicht zu sehr vervielfältigt werden können, um der Vernunft mehr Veranlassung zu
bieten, das, was die Natur uns nur halb zu erkennen gibt, zu entziffern.
    Übrigens wüsste ich niemand, der die Grundsätze in der Art anwendet, wie der
gelehrte Autor, von dem Sie reden, es geschehen lässt (§ 16, 17), wie z.B. als ob
jemand, um einem Kinde zu zeigen, dass ein Neger ein Mensch ist, sich des
Grundsatzes: Was ist, ist, bedienen würde, indem er sagte: Ein Neger hat eine
vernünftige Seele, nun ist die vernünftige Seele und der Mensch ein und
dasselbe, und wenn folglich er, der eine vernünftige Seele hat, nicht ein Mensch
wäre, so würde es falsch sein, dass das, was ist, ist, oder es würde dann auch
das Nämliche zu gleicher Zeit sein und nicht sein. Denn ohne diese Maximen zu
brauchen, die hier nicht herpassen und nicht direkt zum Schlussverfahren gehören,
wie sie denn auch dabei nichts fördern, wird sich jedermann so zu schliessen
begnügen: Ein Neger hat eine vernünftige Seele; jeder, der eine vernünftige
Seele hat, ist ein Mensch, folglich ist der Neger ein Mensch. Und wenn jemand in
der vorgefassten Meinung, dass es keine vernünftige Seele gibt, wenn sie uns nicht
erscheint, schliessen wollte, dass die eben erst geborenen Kinder und die
Blödsinnigen nicht zum Menschengeschlecht gehören - wie in der Tat der Verfasser
berichtet, mit ganz verständigen Personen, die es leugneten, darüber verhandelt
zu haben, - so glaube ich nicht, dass der schlechte Gebrauch der Maxime:
Unmöglich kann etwas zu derselben Zeit sein und nicht sein, sie zu dieser
Annahme verleiten würde, oder dass sie auch nur bei diesem Schlusse daran
dächten. Die Quelle ihres Irrtums würde eine Ausdehnung des Prinzips unseres
Autors sein, welcher leugnet, dass es in der Seele etwas gibt, dessen sie sich
nicht bewusst ist, während jene so weit gehen würden, die Seele selbst
abzuleugnen, weil andere dieselbe nicht wahrnehmen.
 
                                 Kapitel VIII.
                          Von den inhaltsleeren Sätzen
    Philaletes. Ich will gern glauben, dass vernünftige Leute sich hüten werden,
die identischen Grundsätze in der eben besprochenen Art und Weise anzuwenden. §
2. Es scheint auch, dass jene rein identischen Maximen nur inhaltsleere oder
nugatorische (alberne) Sätze sind, wie sogar die Schulen sie nennen. Und ich
würde mich nicht mit der Erklärung begnügen, dass dies ein blosser Schein ist,
wenn Ihr überraschendes Beispiel von dem durch Vermittlung der identischen Sätze
vollzogenen Beweise der Urteilsumkehrung mich nicht seitdem zur Behutsamkeit
anhielte, sobald es sich darum handelt, etwas gering zu schätzen. Indessen will
ich Ihnen vortragen, was man geltend macht, um sie für gänzlich inhaltsleer zu
erklären. Dies (§ 3) geschieht, weil man auf den ersten Blick erkennt, dass sie
keine Belehrung entalten, es sei denn, um mitunter jemand die Ungereimteit, in
welche er sich verwickelt hat, klar zu machen.
    Teophilus. Rechnen Sie das für nichts, und erkennen Sie nicht an, dass einen
Satz ins Ungereimte (ad absurdum) zu führen, soviel ist, als sein
kontradiktorisches Gegenteil beweisen? Freilich glaube ich, dass man jemand
dadurch nicht unterrichtet, dass man ihm sagt, er dürfe nicht das nämliche zu
gleicher Zeit leugnen und bejahen, aber man unterrichtet ihn, wenn man ihm durch
die Folgerungen nachweist, dass er, ohne daran zu denken, so verfährt. Es ist
meines Erachtens schwierig, sich dieser apagogischen Beweise d.h. derer, welche
aufs Ungereimte (ad absurdum) führen, in jedem Falle zu entschlagen, wie alles
durch ostensive (oder direkte) Beweise, wie man sie nennt, darzutun; und die
Matematiker, welche daran viel Interesse haben, erfahren es hinlänglich.
Proklus bemerkt es von Zeit zu Zeit, wenn er sieht, dass gewisse alte Geometer,
die nach Euklid gekommen sind, einen vermeintlich direkteren Beweis, als den
seinigen, gefunden haben. Das Stillschweigen dieses alten Kommentators zeigt
jedoch hinlänglich, dass man es nicht immer gekonnt hat.
    § 3. Philaletes. Wenigstens werden Sie mir zugeben, dass man eine Million
Sätze mit wenig Mühe, aber auch sehr wenig Nutzen bilden kann, denn ist es nicht
z.B. leere Mühe, zu bemerken, dass die Auster Auster ist, und dass dies zu leugnen
falsch ist, oder zu sagen, dass die Auster keine Auster ist? Witzig sagt unser
Verfasser darüber, dass jemand, der aus dieser Auster bald das Subjekt, bald das
Prädikat machen wollte, gerade wie ein Affe sein würde, der sich damit
unterhielte, eine Auster aus einer Hand in die andere zu werfen, was seinen
Hunger gerade so stillen könnte, als diese Sätze dem Verstande des Menschen
genug zu tun imstande sind.
    § 3. Teophilus. Ich halte dafür, dass unser ebenso geist- als urteilsvoller
Verfasser alle möglichen Ursachen hat, gegen diejenigen sich auszusprechen,
welche einen solchen Gebrauch davon machen würden. Aber Sie erkennen wohl, wie
man die identischen Sätze anwenden muss, um sie nützlich zu machen, indem man
nämlich auf Grund von Folgerungen und Definitionen zeigt, dass andere Wahrheiten,
welche man aufstellen will, sich darauf zurückführen lassen.
    § 4. Philaletes. Ich erkenne das an und sehe wohl, dass man es mit noch mehr
Grund auf diejenigen Sätze anwenden kann, die inhaltsleer zu sein scheinen und
es in vielen Fällen auch sind, wo nämlich ein Teil der zusammengesetzten
Vorstellung von dem Gegenstand dieser Vorstellung bejaht wird, wie wenn man
sagt: das Blei ist ein Metall, und dies zu einem Menschen sagt, der die
Bedeutung dieser Ausdrücke kennt und weiss, dass das Blei einen sehr schweren,
schmelzbaren und dehnbaren Körper bezeichnet, wobei der Nutzen eben nur darin
besteht, dass man ihm, indem man Metall sagt, auf einmal mehrere einfache
Vorstellungen bezeichnet, statt sie ihm eine nach der anderen aufzuzählen. § 6.
Dasselbe findet statt, wenn ein Teil der Definition von dem definierten Ausdruck
bejaht wird, wie wenn man sagt: Alles Gold ist schmelzbar, vorausgesetzt, dass
man das Gold definiert hat, dass es nämlich ein gelber, schmelz- und dehnbarer
Körper ist. Ebenso dient die Erklärung, dass das Dreieck drei Seiten hat, dass der
Mensch ein lebendes Wesen ist, dass ein Zelter (ein altes Wort) ein Tier ist, das
wiehert, dazu, die Worte zu definieren, nicht aber ausser der Definition etwas zu
lehren. Aber wir lernen etwas, wenn man uns sagt, dass der Mensch einen Begriff
von Gott hat, und dass das Opium ihn in Schlaf versetzt.
    Teophilus. Ausser dem, was ich von denjenigen identischen Sätzen gesagt
habe, die dies ganz und gar sind, wird man finden, dass die halb identischen noch
einen besonderen Nutzen haben. Zum Beispiel: Ein weiser Mensch ist immer ein
Mensch, gibt zu erkennen, dass er nicht unfehlbar, dass er sterblich ist usw.
Jemand hat in einer Gefahr eine Pistolenkugel nötig, ihm fehlt Blei, um solche
in die Form, die er hat, zu giessen; da sagt ihm ein Freund: Erinnere dich, dass
das Silber, das du in deiner Börse hast, schmelzbar ist. Dieser Freund lehrt ihn
nicht eine Eigenschaft des Silbers kennen, aber veranlasst ihn, an einen Gebrauch
zu denken, den er davon machen kann, um bei diesem dringenden Bedürfnis
Pistolenkugeln zu haben. Ein grosser Teil der moralischen Wahrheiten und der
schönsten Sentenzen der Schriftsteller ist von dieser Art. Sie lehren uns sehr
oft nichts Neues, aber veranlassen uns, an das, was wir wissen, zur rechten Zeit
zu denken. Jener sechsfüssige Jambus der römischen Tragödie:
Cuivis potest accidere, quod cuiquam potest,
Geschehn kann jedem, was dem einen kann geschehn,
(den man, wenngleich weniger hübsch, so ausdrücken könnte:
 Was einem mal geschehen kann,
 Das kann geschehen jedermann)
bewirkt nur, uns an die menschliche Lage überhaupt zu erinnern:
Quod nihil humani a nobis alienum putare debemus.
(Dass wir nichts Menschliches von uns fern annehmen dürfen.)
Jene Regel der Rechtslehrer: qui jure suo utitur, nemini facit injuriam (der,
welcher sein Recht gebraucht, tut dadurch niemand unrecht), scheint inhaltsleer;
sie hat indessen bei gewissen Gelegenheiten einen sehr wichtigen Nutzen und lässt
uns gerade an das denken, woran wir denken sollen. Wenn z.B. jemand sein Haus
soweit erhöhte, als es durch statutarisches und Gewohnheitsrecht erlaubt ist,
und seinem Nachbar auf diese Weise eine Aussicht nähme, so würde man diesen
Nachbar gleich mit eben dieser Rechtsregel abweisen, wenn er sich zu beklagen
Lust hätte. Übrigens bringen uns die faktischen Sätze oder Erfahrungen, wie der,
dass das Opium schlaferregend ist, weiter, als die reinen Vernunftwahrheiten, die
uns niemals einen Schritt über das Gebiet unserer deutlichen Vorstellungen
hinaus machen lassen. Was jenen Satz anbetrifft, dass jeder Mensch einen Begriff
von Gott hat, so ist das ein Vernunftsatz, wenn unter Begriff Vorstellung zu
verstehen ist. Denn nach meiner Ansicht ist die Vorstellung von Gott allen
Menschen angeboren, aber wenn dieser Begriff eine Vorstellung, an die man
tatsächlich denkt, bedeutet, so ist es ein faktischer Satz, welcher von der
Geschichte des Menschengeschlechts abhängt. § 7. Wenn man endlich sagt, dass ein
Dreieck drei Seiten hat, so ist das nicht so identisch, als es scheint, denn man
hat ein wenig Überlegung dazu nötig, einzusehen, dass eine mehrseitige Figur
ebensoviel Winkel als Seiten hat. Es würde also eine Seite mehr darin vorkommen,
wenn die mehrseitige Figur nicht als geschlossen vorausgesetzt würde.
    § 9. Philaletes. Die allgemeinen, über die Substanzen gebildeten Sätze
scheinen grösstenteils nichtig zu sein, wenn sie sicher sind. Wer die Bedeutungen
der Worte: Substanz, Mensch, Tier, Form, vegetative, empfindende,
vernunftbegabte Seele kennt, wird daraus mehrfache zweifellose aber unnütze
Sätze, besonders über die Seele, bilden, von der man oft spricht, ohne zu
wissen, was sie eigentlich ist. Jeder kann eine zahllose Menge von Sätzen,
Vernunftbetrachtungen und Schlüssen dieser Art in den Büchern über Metaphysik,
scholastische Teologie und eine gewisse Art Physik ersehen, deren Lektüre ihn
über Gott, Geister und Körper nichts mehr lehren wird, als das, was er schon
wusste, ehe er jene Bücher durchlaufen hatte.
    Teophilus. Allerdings lehren die Kompendien über Metaphysik und andere
solche Bücher dieser Art, wie man sie gewöhnlich sieht, nur Worte. Z.B. zu
sagen, dass die Metaphysik die Wissenschaft des Seins im allgemeinen ist, welche
die Prinzipien dieses Seins und die daraus fliessenden Affektionen erklärt; dass
die Prinzipien des Seins das Wesen und Dasein sind, und dass die Affektionen
entweder ursprüngliche sind, nämlich das Eine, Wahre und Gute, oder abgeleitete,
nämlich das Selbige und Verschiedene, das Einfache und Zusammengesetzte usw.,
und bei der Anführung jedes dieser Ausdrücke nur unbestimmte Begriffe und
Wortunterscheidungen geben - das heisst mit dem Namen der Wissenschaft nur
Missbrauch treiben. Indessen muss man den tieferen Scholastikern, wie Suarez (von
dem Grotius so viel hielt), die Gerechtigkeit widerfahren lassen, anzuerkennen,
dass bei ihnen mitunter bedeutende Untersuchungen vorkommen z.B. über das
Kontinuum, das Unendliche, die Zufälligkeit, die Realität der Abstrakta, über
das Prinzip der Individuation, über den Ursprung und das Leere der Formen, über
die Seele und deren Vermögen, über die Einwirkung Gottes auf die Kreaturen usw.
und selbst in der Moral über die Natur des Willens und die Prinzipien der
Gerechtigkeit - mit einem Worte, man muss gestehen, dass es doch noch Gold in
diesen Schlacken gibt, aber nur Leute von Einsicht können Nutzen daraus ziehen,
und die Jugend mit einem Haufen unnützer Dinge zu belasten, weil hie und da
etwas Gutes darin steckt, hiesse das kostbarste aller Dinge, die Zeit, schlecht
zu Rate halten.
    Übrigens gebricht es uns nicht ganz und gar an allgemeinen Sätzen über die
Substanzen, welche gewiss sind und gewusst zu werden verdienen. Es gibt grosse,
vortreffliche Wahrheiten über Gott und die Seele, welche unser gelehrter
Verfasser entweder auf eigene Hand oder zum Teil nach anderen gelehrt hat. Wir
haben dem vielleicht auch etwas hinzugefügt. Und was die allgemeinen
Erkenntnisse hinsichtlich der Körper anbetrifft, so hat man recht bedeutende
denjenigen hinzugefügt, die Aristoteles hinterlassen hatte, so dass man sagen
kann, die Physik, selbst die allgemeine, sei zu grösserer Vollendung gekommen,
als sie ehemals war. Und was die echte Metaphysik betrifft, so fangen wir eben
an, sie herzustellen und finden bedeutende, in der Vernunft gegründete und durch
die Erfahrung bestätigte Wahrheiten, welche sich auf die Substanzen im
allgemeinen beziehen. Ich hoffe auch, die allgemeine Erkenntnis der Seele und
der Geister ein wenig vorwärts gebracht zu haben. Eine solche Metaphysik ist
das, was Aristoteles forderte - die Wissenschaft, welche bei ihm Zêtoumenê die
ersehnte oder welche er suchte, heisst, welche hinsichts der anderen
teoretischen Wissenschaften das sein muss, was die Wissenschaft der
Glückseligkeit für die zu ihrer Herstellung erforderlichen praktischen
Disziplinen, und was der Baumeister für die Arbeiter ist. Darum sagte
Aristoteles, dass die übrigen Wissenschaften von der Metaphysik, als der
allgemeinsten, abhangen und von ihr ihre durch sie bewiesenen Prinzipien
entlehnen müssten. Auch muss man wissen, dass die wahre Moral sich zur Metaphysik
verhält wie die Praxis zur Teorie, weil von der Lehre der Substanzen die
Erkenntnis der Geister und besonders Gottes und der Seele gemeinsam abhängt,
welche Erkenntnis der Gerechtigkeit und Tugend den ihnen zukommenden Umfang
gibt. Denn wie ich anderswo bemerkt habe, würde der Weise, wenn es weder
Vorsehung noch zukünftiges Leben gäbe, in der Ausübung der Tugend beschränkter
sein, denn er würde alles nur auf seine gegenwärtige Zufriedenheit beziehen; und
selbst diese Zufriedenheit, die schon bei Sokrates, beim Kaiser Mark Antonin,
bei Epiktet und anderen Alten vorkommt, würde ohne jene schönen und grossen
Aussichten, welche die Ordnung und Harmonie des Weltalls uns bis zu einer
unbegrenzten Zukunft eröffnen, nicht immer so wohl begründet sein. Sonst wird
die Seelenruhe nur das sein, was man erzwungene Geduld nennt, so dass man sagen
kann, die natürliche Teologie mit ihren zwei Teilen, dem teoretischen und dem
praktischen, entalte zugleich die echte Metaphysik und die vollkommenste
Sittenlehre.
    § 12. Philaletes. Das sind ohne Zweifel Erkenntnisse, die weit davon
entfernt sind, nichtssagend oder bloss aus Worten bestehend zu sein. Es scheint
aber, dass diese letzteren diejenigen sind, wo zwei Abstrakta, das eine vom
anderen, bejaht werden, z.B. dass das Sparen Mässigkeit, dass die Dankbarkeit
Gerechtigkeit ist; und blendend solche und andere dergleichen Sätze mitunter auf
den ersten Blick erscheinen, so finden wir doch, wenn wir ihren Sinn genau
erwägen, dass dies alles weiter nichts besagt, als die Bedeutung der Ausdrücke.
    Teophilus. Indessen drücken die Bedeutungen der Ausdrücke d.h. die
Definitionen, mit den identischen Axiomen verbunden, die Prinzipien aller
Beweise aus, und da diese Definitionen zugleich die Vorstellungen und deren
Möglichkeit erkennen lassen, so ist klar, dass das davon Abhängige nicht immer
bloss in Worten besteht. Was das angeführte Beispiel betrifft, dass die
Dankbarkeit Gerechtigkeit oder vielmehr ein Teil der Gerechtigkeit ist, so ist
es nicht zu verachten, denn es lässt erkennen, dass das, was man actio ingrati
oder die Klage nennt, welche man gegen Undankbare anstellen kann, in den
Gerichtshöfen weniger vernachlässigt werden sollte. Die Körner liessen diese
Klage gegen die Liberti oder Freigelassenen zu, und auch heutzutage sollte sie
hinsichtlich des Widerrufs von Schenkungen gelten. Übrigens habe ich schon an
einer anderen Stelle gesagt, dass von den abstrakten Vorstellungen die eine von
der anderen, der Geschlechtsbegriff vom Artbegriff noch ausgesagt werden kann,
z.B. wenn man sagt: die Dauer ist ein Kontinuum, die Tugend ist eine Fertigkeit,
die allgemeine Gerechtigkeit aber ist nicht allein eine Tugend, sondern ist
sogar die ganze sittliche Tugend.
 
                                  Kapitel IX.
                   Von der Erkenntnis unseres eigenen Daseins
    § 1. Philaletes. Bisher haben wir nur die Wesenheiten der Dinge betrachtet,
und da unser Geist sie nur durch Abstraktion erkennt, indem er sie von jedem
besonderen Dasein ablöst, welches ein anderes ist als das in unserem Verstande
vorkommende, so geben sie uns durchaus keine Erkenntnis irgend eines wirklichen
Daseins. Die allgemeinen Sätze, von denen wir eine gewisse Erkenntnis haben
können, beziehen sich auch nicht auf das Dasein. So oft man übrigens einem
Individuum eines Geschlechts oder einer Art etwas durch einen Satz, der nicht
gewiss ist, beilegt, selbst wenn dasselbe dem Geschlecht oder der Art im
allgemeinen zukommt, so bezieht sich der Satz nur auf das Dasein und zeigt nur
eine zufällige Verbindung in diesen besonders daseienden Dingen an, wie wenn man
z.B. sagt: dieser oder jener ist gelehrt.
    Teophilus. Sehr richtig; in diesem Sinne beziehen die Philosophen, indem
sie so oft zwischen dem unterscheiden, was zur Wesenheit und was zum Dasein
gehört, auf das letztere alles, was akzidentell oder zufällig ist. Sehr oft weiss
man nicht einmal, ob diejenigen allgemeinen Sätze, welche wir nur aus Erfahrung
wissen, vielleicht nicht auch akzidentell sind, weil eben unsere Erfahrung
beschränkt ist; wie in den Ländern, wo das Wasser nicht friert, jener dort etwa
gebildete Satz: »Das Wasser ist immer in flüssigem Zustande«, nicht das Wesen
ausdrückt, wie man erkennt, wenn man in kältere Länder kommt. Man kann indessen
das Akzidentelle meinem beschränkteren Sinne nehmen, so dass es ein Mittleres
zwischen ihm und dem Wesentlichen gibt; und zwar ist dieses Mittlere das
Natürliche d.h. dasjenige, was dem Dinge nicht mit Notwendigkeit angehört, ihm
indessen aber an sich zukommt, wenn kein Hindernis eintritt. So könnte jemand
behaupten, dass das Flüssigsein in Wahrheit dem Wasser nicht wesentlich sei, dass
es ihm aber wenigstens natürlich ist. Man könnte es, sage ich, behaupten, aber
es ist gleichwohl nichts Bewiesenes, und vielleicht hätten die Einwohner des
Mondes, wenn es deren gäbe, Grund, sich nicht minder berechtigt zu der Erklärung
zu halten, dass es dem Wasser natürlich ist, gefroren zu sein. Indessen gibt es
andere Fälle, wo das Natürliche weniger zweifelhaft ist. So geht z.B. ein
Sonnenstrahl immer gerade durch dasselbe Medium, wenn er nicht zufällig irgend
einer Oberfläche begegnet, die ihn zurückwirft. Übrigens pflegt Aristoteles die
Quelle der zufälligen Dinge in die Materie zu verlegen; alsdann muss man aber
darunter die zweite Materie verstehen, d.h. den Haufen oder die Masse der
Körper.
    § 2. Philaletes. Ich habe schon, entsprechend dem vortrefflichen englischen
Schriftsteller, der die Abhandlung über den Verstand geschrieben hat, bemerkt,
dass wir unser Dasein durch Intuition, das Gottes durch Beweis und das der
übrigen Dinge durch sinnliche Wahrnehmung erkennen. § 3. Jene Intuition nun,
welche uns unser eigenes Dasein erkennen lässt, macht auch, dass wir es mit
vollständiger Evidenz erkennen, welche nicht fähig ist und nicht nötig hat,
bewiesen zu werden, dergestalt, dass, selbst wenn ich an allem zu zweifeln mich
unterfange, selbst dieser Zweifel mir nicht verstattet, an meinem Dasein zu
zweifeln. Kurz, hierüber haben wir den überhaupt grösstmöglichen Grad der
Gewissheit.
    Teophilus. Mit allem dem bin ich vollkommen einverstanden und füge noch
hinzu, dass das unmittelbare Bewusstsein unseres Daseins und unseres Denkens uns
die ersten aposteriorischen oder faktischen Wahrheiten d.h. die ersten
Erfahrungen liefert; wie die identischen Sätze die ersten apriorischen oder
Vernunftwahrheiten d.h. die ersten Erleuchtungen aus dem Innern entalten. Die
einen wie die anderen sind keines Beweises fähig und können unmittelbare genannt
werden, jene, weil zwischen dem Verstande und seinem Gegenstande, diese, weil
zwischen dem Subjekt und dem Prädikat Unmittelbarkeit stattfindet.
 
                                   Kapitel X.
                   Von unserer Erkenntnis des Daseins Gottes
    § 1. Philaletes. Gott, welcher unserer Seele die Vermögen gegeben hat, mit
denen sie ausgerüstet ist, hat sich nicht unbezeugt gelassen, denn die Sinne,
der Verstand und die Vernunft liefern uns offenbare Proben seines Daseins.
    Teophilus. Gott hat nicht allein der Seele, ihn zu erkennen, geeignete
Vermögen gegeben, sondern ihr auch Charakterzüge eingeprägt, welche auf ihn
hinweisen, obgleich sie dieser Züge sich bewusst zu werden, Vermögen nötig hat.
Ich will aber nicht wiederholen, was unter uns über die angeborenen
Vorstellungen und Wahrheiten, unter die ich die Vorstellung von Gott und die
Wahrheit seines Daseins zähle, verhandelt worden ist; kommen wir lieber zur
Sache.
    Philaletes. Mag nun auch das Dasein Gottes die durch die Vernunft am
leichtesten zu erweisende Wahrheit sein, und deren Evidenz, wenn ich mich nicht
täusche, der der matematischen Beweise gleichkommen, so fordert sie doch
Aufmerksamkeit. Es ist zunächst nötig, auf uns selbst und auf unser eigenes
unzweifelhaftes Dasein zu reflektieren. § 2. Somit setze ich voraus, dass jeder
erkennt, es gebe etwas wirklich Daseiendes und also ein wirkliches Wesen. Wenn
es jemand gibt, der an seinem eigenen Dasein zweifeln kann, so erkläre ich, mit
ihm nicht zu verhandeln. § 3. Wir wissen ferner durch eine Erkenntnis einfacher
Art, dass das blosse Nichts kein wirkliches Wesen hervorbringen kann. Daraus folgt
mit matematischer Evidenz, dass von aller Ewigkeit her etwas dagewesen ist, weil
alles, was einen Anfang hat, durch irgend etwas anderes erzeugt worden sein muss.
§ 4. Nun empfängt jedes Wesen, das sein Dasein von einem anderen erhält, von
diesem auch alles das, was es hat, und alle seine Vermögen. Darum ist die ewige
Quelle aller Wesen auch das Prinzip aller ihrer Kräfte, dergestalt, dass dies
ewige Wesen auch allmächtig sein muss. § 5. Weiter findet der Mensch in sich
Erkenntnis. Also gibt es ein mit Verstand begabtes Wesen. Nun ist unmöglich, dass
ein der Erkenntnis und Wahrnehmung gänzlich entbehrendes Ding ein mit Verstand
begabtes Wesen hervorbringe, und der Vorstellung des der Empfindung baren
Stoffes ist es zuwider, in sich selbst Empfindung hervorzubringen. Darum ist die
Quelle der Dinge mit Verstand begabt, und es hat ein mit Verstand begabtes Wesen
von aller Ewigkeit her gegeben. § 6. Ein ewiges, höchst mächtiges und
verständiges Wesen ist das, was man Gott nennt. Sollte sich jemand finden, der
unvernünftig genug wäre, vorauszusetzen, dass der Mensch das einzige Wesen ist,
das Erkenntnis und Weisheit besitzt, trotzdem aber durch den blossen Zufall
gebildet worden sei, und dass dies nämliche blinde und erkenntnislose Prinzip es
sei, welches das ganze übrige Weltall leite, so fordere ich ihn auf, den
durchaus begründeten und nachdrücklichen Tadel Ciceros (über die Gesetze, Buch
II) mit Musse zu prüfen. Sicherlich, so sagt dieser, darf niemand von so
törichtem Stolze sein, sich einzubilden, dass es in ihm einen Verstand und eine
Vernunft gibt, und es doch keinen Verstand gebe, der dies ganze weite Weltall
regiere. Aus dem eben Bemerkten folgt klar, dass wir von Gott eine sicherere
Erkenntnis als von irgend einem anderen Dinge ausser uns haben.
    Teophilus. Wie ich mit vollkommener Aufrichtigkeit versichere, tut es mir
ausserordentlich leid, etwas gegen diese Beweisführung sagen zu müssen, ich tue
es aber nur, um Ihnen Gelegenheit zu geben, eine Lücke darin auszufüllen. Und
zwar besonders an der Stelle, wo Sie schliessen, dass etwas von aller Ewigkeit her
dagewesen ist. Ich finde darin etwas Zweideutiges, wenn es sagen will, dass es
niemals eine Zeit gegeben hat, wo nichts da war. Das gestehe ich zu, und es
folgt in Wahrheit aus den vorausgehenden Sätzen mittels einer ganz
matematischen Konsequenz. Denn wenn es jemals nichts gegeben hätte, so würde es
immer nichts gegeben haben, da das Nichts kein Seiendes hervorbringen kann; wir
würden also nicht sein, was gegen die erste Erfahrungswahrheit streitet. Aber
die Folge zeigt sofort, dass wenn Sie sagen, es sei etwas von aller Ewigkeit her
dagewesen, Sie darunter ein ewiges Etwas verstehen. Das folgt indessen nicht auf
Grund dessen, was Sie bis dahin vorgebracht haben, dass, wenn es immer etwas
gegeben hat, dies ein gewisses Etwas d.h. ein ewiges Wesen gewesen ist. Denn
gewisse Gegner werden sagen, dass das Ich durch andere Dinge hervorgebracht
worden sei, und diese Dinge wieder durch andere. Wenn ferner einige die Annahme
ewiger Wesen machen, (wie die Epikureer die ihrer Atome), so werden sie sich
deswegen noch nicht für verbunden halten, ein ewiges Wesen zuzugestehen, welches
allein die Quelle aller übrigen ist. Denn wenn sie auch anerkennen würden, dass
das, was das Dasein verleiht, auch die anderen Eigenschaften und Kräfte der
Sache verleiht, so können sie doch leugnen, dass ein einziges Ding den übrigen
das Dasein gibt, und sogar behaupten, dass zu jedem Dinge mehrere andere
beitragen müssen. So werden wir dadurch allein niemals zu einer Quelle aller
Kräfte gelangen. Gleichwohl ist es sehr vernünftig, anzunehmen, dass es nur eine
und dieselbe gibt und das Weltall mit Weisheit regiert wird. Wenn man aber den
Stoff für der Empfindung fähig hält, so wird man auch geneigt sein, es nicht für
unmöglich zu halten, dass er dieselbe hervorbringen könne. Wenigstens wird es
schwer sein, einen Beweis beizubringen, welcher zugleich zeigt, dass sie dazu
gänzlich unfähig ist; und gesetzt, dass unser Denken von einem denkenden Wesen
ausgebt, kann man, ohne Nachteil des Beweises, als zugestanden annehmen, dass
dies Gott sein muss?
    § 7. Philaletes. Ich zweifle nicht, dass der ausgezeichnete Mann, von dem
ich diesen Beweis entlehnt habe, imstande ist, ihn zu vervollkommnen, und ich
will versuchen, ihn dazu zu veranlassen, weil er der Welt keinen grösseren Dienst
leisten könnte. Sie selbst wünschen es. Dies macht mich glauben, dass Sie nicht
annehmen, man müsse, um den Ateisten den Mund zu schliessen, alles auf das
Dasein der Vorstellung Gottes in uns begründen, wie einige tun, die sich an
diese ihre Lieblingsentdeckung allzu stark halten und soweit gehen, alle die
übrigen Beweise des Daseins Gottes zu verwerfen oder wenigstens sie
abzuschwächen zu versuchen und deren Anwendung zu verbieten, als wenn sie
schwach oder falsch wären. Und doch sind im Grunde genommen dies die Beweise,
welche uns so klar und auf eine so überzeugende Weise das Dasein dieses höchsten
Wesens durch die Erwägung unseres eigenen Daseins und der sinnlich wahrnehmbaren
Teile des Universums zeigen, dass meiner Meinung nach kein weiser Mann ihnen
widerstehen kann.
    Teophilus. Obschon ich für die angeborenen Vorstellungen und besonders die
Gottes, eingenommen bin, so glaube ich doch nicht, dass die aus der Vorstellung
von Gott hergenommenen Beweise der Kartesianer vollkommen sind. Ich habe
hinlänglich anderswo gezeigt (in den Acta Lipsiensia und in den Memoiren von
Trevoux), dass derjenige, welchen Descartes dem Anselm, Erzbischof von
Canterbury, entlehnt hat, in Wahrheit sehr schön und geistreich ist, dass es
darin aber noch eine Lücke auszufüllen gibt. Jener berühmte Erzbischof, der ohne
Zweifel einer der fähigsten Männer seiner Zeit gewesen ist, wünscht sich nicht
ohne Grund Glück, ein Mittel gefunden zu haben, das Dasein Gottes a priori,
durch seinen eigenen Begriff, gefunden zu haben, ohne auf die Wirkungen
zurückzugehen. Folgendes etwa ist der Gang seines Beweises: Gott ist das grösste
oder, wie Descartes es ausdrückt: das vollkommenste der Wesen oder auch ein
Wesen von äusserster Grösse und Vollkommenheit, das alle Grade derselben in sich
schliesst. Dies also ist der Begriff Gottes. Sehen wir nun, wie aus diesem
Begriffe das Dasein folgt. Es ist etwas mehr, da zu sein, als nicht da zu sein,
oder auch das Dasein fügt der Grösse oder der Vollkommenheit einen Grad hinzu,
und wie Descartes es ausspricht, das Dasein ist selbst eine Vollkommenheit.
Darum ist dieser Grad von Grösse und Vollkommenheit oder auch diese
Vollkommenheit, welche im Dasein besteht, in diesem höchsten, durchaus grossen,
ganz vollkommenen Wesen, denn sonst würde ihm ein Grad fehlen, was gegen seine
Definition wäre. Und folglich ist dies höchste Wesen da. Die Scholastiker, ohne
selbst ihren doctor angelicus auszunehmen, haben diesen. Beweis verachtet und
ihn als einen Paralogismus betrachtet, worin sie sehr unrecht gehabt haben; und
Descartes, welcher die scholastische Philosophie im Kolleg der Jesuiten zu La
Flèche lange genug studiert hatte, hat sehr recht gehabt, ihn wieder zu Ehren zu
bringen. Es ist nicht ein Paralogismus, sondern ein unvollständiger Beweis, der
etwas voraussetzt, was man noch hätte beweisen sollen, um ihm matematische
Evidenz zu verleihen - nämlich, dass man dabei stillschweigend voraussetzt, diese
Vorstellung des durchaus grossen oder durchaus vollkommenen Wesens sei möglich
und entalte keinen Widerspruch. Und es ist schon etwas, dass man durch, diese
Bemerkung beweist: gesetzt, dass Gott möglich ist, so ist er, was das Privilegium
der Gotteit allein ist. Man hat recht, die Möglichkeit eines jeden Wesens
anzunehmen und vor allem die Gottes, bis ein anderer das Gegenteil beweist.
Somit gibt dieser metaphysische Beweis schon einen moralischen zwingenden Schluss
ab, wonach wir dem gegenwärtigen Stande unserer Erkenntnisse zufolge urteilen
müssen, dass Gott da sei, und demgemäss handeln. Es wäre aber doch zu wünschen,
dass gescheite Männer den Beweis mit der Strenge einer matematischen Evidenz
vollendeten; ich glaube anderswo etwas ausgesprochen zu haben, was dazu dienen
könnte. Der andere Beweis Descartes', welcher das Dasein Gottes darzutun
unternimmt, weil dessen Vorstellung in unserer Seele ist, und sie von ihrem
Urbild herstammen muss, ist noch weniger bündig. Denn erstlich hat dieser Beweis
den mit dem vorhergehenden gemeinsamen Fehler, vorauszusetzen, dass sich eine
solche Vorstellung in uns findet, d.h. dass Gott möglich ist. Denn was Descartes
dafür anführt, dass wir, wenn wir von Gott sprechen, wissen, was wir sagen, und
folglich die Vorstellung davon in uns haben, ist ein trügerisches Kennzeichen,
weil wir, wenn wir z.B. von der immerwährenden mechanischen Bewegung sprechen,
auch wissen, was wir sagen, und diese immerwährende Bewegung doch etwas
Unmögliches ist, wovon man folglich nur scheinbar eine Vorstellung haben kann.
Und zweitens zeigt dieser nämliche Beweis gar nicht, dass die Vorstellung von
Gott, wenn wir sie haben, von ihrem Urbilde herkommt. Ich will mich jedoch jetzt
nicht damit aufhalten. Sie werden mir sagen, dass wenn wir in uns die angeborene
Vorstellung Gottes anerkennen, ich nicht sagen dürfe, es könne zweifelhaft sein,
ob es eine solche gibt. Ich lasse aber diesen Zweifel nur zu hinsichtlich einer
strikten Beweisführung, die ganz allein auf die Vorstellung begründet ist. Denn
man ist auch sonst der Vorstellung und des Daseins Gottes hinlänglich
versichert. Auch werden Sie sich erinnern, dass ich gezeigt habe, wie die
Vorstellungen in uns sind - nicht immer auf die Art, dass man derselben sich
bewusst ist, aber immer so, dass man sie aus seinem eigenen Innern hervorziehen
und ins Bewusstsein erheben kann. Und dies glaube ich auch von der Vorstellung
Gottes, dessen Möglichkeit und Dasein ich auf mehr als eine Art für bewiesen
halte. Und die vorherbestimmte Harmonie liefert dazu ein neues unbestreitbares
Mittel. Übrigens glaube ich, dass fast alle zum Beweise des Daseins Gottes
angewandten Mittel gut sind und dienen mögen, wenn man sie vervollkommnete, und
bin keineswegs der Meinung, dass man den aus der Ordnung der Dinge zu gewinnenden
Beweis vernachlässigen dürfe.
    § 9. Philaletes. Es wird vielleicht angemessen sein, ein wenig bei der
Frage stehen zu bleiben, ob ein denkendes Wesen von einem nicht denkenden und
aller Empfindung und Erkenntnis baren Wesen, einem solchen, wie die Materie sein
könnte, herstammen kann. § 10. Nun ist selbst das klar, dass ein Teil der Materie
unfähig ist, aus sich etwas hervorzubringen und sich Bewegung zu verleihen. Also
muss seine Bewegung entweder ewig oder ihm durch ein mächtigeres Wesen eingeprägt
sein. Wenn nun diese Bewegung ewig wäre, so würde sie doch immer unfähig sein,
Erkenntnis hervorzubringen. Man teile sie in so viel kleine Teile, als man will,
gleichsam um sie zu spiritualisieren, man gebe ihr alle Gestalten und alle
Bewegungen, die man ihr geben kann, man mache daraus eine Kugel, einen Würfel,
ein Prisma, einen Zylinder usw., deren Durchmesser nur den millionsten Teil
eines Gry beträgt, welches der zehnte Teil einer Linie, des zehnten Teiles eines
Zolls, des Zehntels eines Fusses ist, der das Drittel eines Pendels ausmacht, von
dem jede Schwingung unter dem 45. Breitengrade eine Sekunde dauert. Mag dieses
Stoffteilchen noch so klein sein, so wird es auf Körper von einer ihm
proportionalen Grösse nicht anders wirken, als die Körper von einem Zoll oder Fuss
Durchmesser aufeinander wirken. Und man darf mit ebensoviel Grund hoffen,
Empfindung, Gedanken und Erkenntnis dadurch hervorzubringen, dass man die groben
Stoffteile von gewisser Gestalt und Bewegung zusammenfügt, als mittels der
kleinsten Stoffteilchen, die es auf der Welt gibt. Diese letzteren hemmen,
stossen und widerstehen einander gerade wie die groben, und das ist alles, was
sie vermögen. Wenn aber die Materie aus ihrem Innern die Empfindung, die
Wahrnehmung und die Erkenntnis unmittelbar und ohne Hilfsmittel oder ohne Hilfe
der Gestalten und der Bewegungen hervorrufen könnte, so müsste in diesem Falle,
sie zu besitzen, eine von der Materie und allen ihren Teilen untrennbare
Eigenschaft sein. Dem könnte man hinzufügen, dass auch die allgemeine und
besondere Vorstellung, welche wir von der Materie haben, uns von ihr zu reden
veranlasst, als wenn sie ein der Zahl nach Einziges wäre, während die gesamte
Materie eigentlich kein individuelles Ding ist, das wie ein materielles Wesen da
ist, oder als ein besonderer Körper, den wir kennen oder uns denken können. Ware
daher die Materie das erste, ewige denkende Wesen, so würde es nicht ein
einziges ewiges, unendliches und denkendes Wesen geben, sondern eine unendliche
Zahl ewiger, unendlicher denkender Wesen, die voneinander unabhängig wären,
deren Kräfte beschränkt und deren Gedanken voneinander verschieden sein würden,
und die folglich niemals diejenige Ordnung, Harmonie und Schönheit hervorrufen
könnten, welche man in der Natur bemerkt. Daraus folgt notwendig, dass das erste
ewige Wesen nicht die Materie sein kann. Hoffentlich werden Sie von dieser, dem
berühmten Urheber der vorhergehenden Beweisführung entnommenen Darstellung mehr
befriedigt sein, als Sie von seiner Beweisführung gewesen zu sein schienen.
    Teophilus. Ich finde die jetzige Darstellung durchaus triftig und nicht
allein scharf, sondern auch tief und ihres Verfassers würdig. Ich bin durchaus
seiner Meinung, dass es keine Kombination und Modifikation der Teile der Materie
gibt, mögen sie noch so klein sein, die Wahrnehmung hervorbringen könnte,
während die grossen Teile, wie man offenbar erkennt, sie nicht verleihen können,
und dass alles in den kleinen Teilen dem, was in den grossen vorgehen kann,
proportional ist. Auch ist die vom Verfasser hierbei gemachte Bemerkung über die
Materie wichtig, dass man sie nicht für ein der Zahl nach einziges Ding nehmen
darf oder wie ich zu sagen pflege, für eine wahre und vollkommene Monade oder
Einheit, weil sie nur eine Anhäufung einer unendlichen Zahl von Wesen ist. Hier
hätte es für diesen vortrefflichen Schriftsteller nur noch eines Schrittes
bedurft, um bei meinem System anzulangen. Denn ich messe in der Tat allen diesen
unendlichen Wesen Wahrnehmung bei, von denen ein jedes gleichsam ein Organismus
ist, begabt mit einer Seele (oder einem analogen Tätigkeitsprinzip, welches
seine wahre Einheit ausmacht) nebst dem, was solch ein Wesen bedarf, um
leidentlich und mit einem organischen Körper begabt zu sein. Nun haben diese
Wesen ihre teils tätige, teils leidende Natur (d.h. das, was sie Immaterielles
und Materielles haben) von einer allgemeinen und obersten Ursache empfangen,
weil sie sonst, wie der Verfasser sehr richtig bemerkt, da sie voneinander
unabhängig sind, niemals diejenige Ordnung, diejenige Harmonie, diejenige
Schönheit hätten hervorbringen können, welche man in der Natur bemerkt. Dieser
Beweis aber, welcher uns von moralischer Gewissheit zu sein scheint, wird durch
die von mir eingeführte neue Art von Harmonie, welche die vorherbestimmte
Übereinstimmung ist, zu einer durchaus metaphysischen Notwendigkeit gesteigert.
Denn da jede dieser Seelen das, was ausser ihr vorgeht, auf ihre Art ausdrückt,
und diese nicht durch irgend welchen Einfluss der anderen besonderen Wesen
erhalten haben kann, vielmehr diesen Ausdruck aus dem eigenen Innern ihrer Natur
hervorbringen muss, so mass eine jegliche notwendig diese Natur (oder diesen
inneren Grund, das für sie Äussere auszudrücken) von einer allgemeinen Ursache
empfangen haben, von der diese Wesen alle abhangen und welche das eine mit dem
anderen vollkommen in Übereinstimmung und Korrespondenz setzt. Dies kann nicht
ohne unendliche Erkenntnis und Macht und nur durch eine so grosse Kunst - vor
allem hinsichtlich der spontanen Mitwirkung des mechanischen Teils mit den
Handlungen der vernünftigen Seele - geschehen, dass ein berühmter Schriftsteller,
welcher in seinem bewundernswürdigen Wörterbuch dagegen Einwendungen machte,
fast zweifelte, ob es nicht über alle mögliche Weisheit hinausginge, indem er
sagte, dass die Weisheit Gottes ihm für eine solche Veranstaltung nicht zu gross
erschiene, und so wenigstens anerkannte, dass man von den schwachen Begriffen,
die wir von der göttlichen Vollkommenheit haben können, noch niemals einen so
erhabenen Ausdruck gegeben habe.
    § 12. Philaletes. Wie erfreuen Sie mich durch ihre Übereinstimmung Ihrer
Gedanken mit denen meines Autors! Hoffentlich werden Sie mir nicht übel nehmen,
dass ich Ihnen noch seine fernere Betrachtung über diesen Gegenstand mitteile.
Zuerst prüft er, ob das denkende Wesen, von dem alle übrigen verstandesbegabten
Wesen abhangen (und also um so mehr noch alle die übrigen Wesen), materiell ist
oder nicht? § 13. Er macht sich den Einwurf, dass ein denkendes Wesen materiell
sein könne. Aber er antwortet auch, dass wenn dies auch der Fall wäre, es genug
sei, dass dies ein ewiges Wesen ist, welches eine unendliche Wissenschaft und
Macht hat. Wein ferner das Denken und die Materie getrennt werden können, so
würde das ewige Dasein der Materie nicht die Folge des ewigen Daseins eines
denkenden Wesens sein. § 14. Man kann noch diejenigen, welche Gott in einem
materiellen Wesen machen, fragen, ob sie glauben, dass jeder Teil der Materie
denkt. In diesem Fall würde daraus folgen, dass es so viel Götter gäbe, als Teile
der Materie. Wenn aber nicht jeder Teil der Materie denkt, so bekommen wir
wieder ein denkendes aus nicht denkenden Teilen zusammengesetztes Wesen, das
schon widerlegt worden ist. Sagen, dass nur irgend ein Atom der Materie denkt und
die anderen obwohl in gleicher Weise ewigen Teile derselben nicht denken, heisst
ohne Grund behaupten, dass ein Teil der Materie unendlich über den anderen
erhaben ist und denkende, nicht ewige Wesen hervorbringt. § 16. Will man, dass
das denkende, ewige und materielle Wesen eine bestimmte, besondere
Zusammenhäufung von Materie ist, deren Teile nicht denkende sind, so fällt man
in das schon widerlegte zurück: denn die Teile der Materie mögen immerhin
verbunden sein, sie können dadurch doch nur eine neue örtliche Beziehung
gewinnen, die ihnen die Erkenntnis nicht mitteilen kann. § 17. Es ist dabei
gleichgültig, ob diese Anhäufung in Buhe oder in Bewegung ist. Wenn sie in Buhe
ist, so ist sie nur ein untätiger Haufen, welcher kein Vorrecht vor einem
einzelnen Atom hat; wenn sie in Bewegung ist, so müssen, da diese vor anderen
Teilen sich auszeichnende Bewegung das Denken hervorbringen soll, alle diese
Gedanken zufällig und beschränkt sein, denn jeder Teil für sich ist ohne
Gedanken und besitzt nichts, was seine Bewegungen regelt. So würde es also dabei
weder Freiheit noch Wahl noch Weisheit geben, ebensowenig als in der einfachen
vernunftlosen Materie.
    § 18. Andere mögen glauben, dass die Materie mit Gott wenigstens gleich ewig
sei. Aber sie sagen nicht warum; auch ist die Erzeugung eines denkenden Wesens,
die sie zugeben, noch weit schwieriger als die der weniger vollkommenen Materie.
Und wenn wir uns, sagt der Verfasser, vielleicht ein wenig von den gewöhnlichen
Vorstellungen entfernen, unserem Geiste Schwung geben und uns auf eine tiefere
Untersuchung, die wir über die Natur der Dinge anstellen könnten, einlassen
wollten, so würden wir so weit kommen, auf eine wenn auch unvollkommene Art zu
begreifen, wie die Materie anfänglich geschaffen worden sei, und wie sie durch
die Macht dieses ersten ewigen Wesens dazusein angefangen hat. Aber zugleich
würde man sehen, dass, einem Geiste das Sein zu verleihen, eine viel schwerer zu
begreifende Wirkung dieser ewigen und unendlichen Macht ist. Aber weil mich
dies, (fügt er hinzu), vielleicht zu weit von den Begriffen entfernen würde, auf
welche die Philosophie gegenwärtig in der Welt gegründet ist, so würde es
unverzeihlich sein, mich so viel davon zu entfernen und zu untersuchen, so viel
als die Grammatik es verstatten mag, ob im Grunde die gewöhnlich angenommene
Meinung jener besonderen Ansicht zuwiderläuft; ich würde unrecht haben, sage
ich, mich auf diese Untersuchung einzulassen, besonders auf diesem Fleck der
Erde, wo die angenommene Lehre für meinen Zweck gut genug ist, weil sie als
etwas Unzweifelhaftes hinstellt, dass, wenn man einmal die Schöpfung oder das
Anfangen irgend einer aus dem Nichts hervorgetretenen Substanz setzt, man mit
derselben Leichtigkeit die Schöpfung jeder anderen Substanz, den Schöpfer selbst
ausgenommen, annehmen kann.
    Teophilus. Sie haben mir ein wahres Vergnügen damit bereitet, mir von einem
tiefen Gedanken Ihres gelehrten Autors etwas berichtet zu haben, den ganz und
gar vorzubringen seine nur zu peinliche Vorsicht ihn verhindert hat. Es wäre
sehr schade, wenn er ihn unterdrückte und uns da stehen liesse, nachdem er uns
das Verlangen danach so heftig erregt. Ich versichere Sie meiner Überzeugung,
dass unter dieser Art von Rätsel etwas Schönes und Bedeutendes verborgen ist. Das
gross gedruckte »Substanz« lässt mich argwöhnen, dass er die Hervorbringung der
Materie sich so wie die der Akzidenzien denkt, welche aus dem Nichts zu ziehen
keine Schwierigkeit hat; und wenn er sein besonderes Denken von der gegenwärtig
in der Welt oder auf diesem Fleck der Erde begründeten Philosophie
unterscheidet, so hat er vielleicht die Platoniker im Auge, welche die Materie
für etwas nach der Art der Akzidenzien Flüchtiges und Vorübergehendes nahmen und
von den Geistern und Seelen eine ganz andere Vorstellung hatten.
    § 19. Philaletes. Wenn endlich einige die Schöpfung, durch welche die Dinge
aus nichts gemacht sind, weil sie sie nicht begreifen können, leugnen, so hält
unser Autor, der eher geschrieben hat, als er von Ihrer Entdeckung hinsichts der
Ursache der Einheit von Seele und Leib wusste, ihnen entgegen, dass sie auch nicht
begreifen, wie die willkürlichen Bewegungen in den Körpern durch den Willen der
Seele hervorgebracht werden, an welche sie, durch die Erfahrung überzeugt, zu
glauben nicht umhin können; und mit Recht erwidert er denen, welche antworten,
dass die Seele, da sie keine neue Bewegung hervorbringen kann, nur eine neue
Bestimmung der Lebensgeister hervorbringt, er erwidert ihnen, sage ich, dass das
eine so unbegreiflich ist, als das andere. Und nichts kann besser gesagt sein,
als was er bei dieser Gelegenheit hinzufügt, dass Gott in dem, was er tun kann,
auf das für uns Begreifliche beschränken wollen, unserer Fassungskraft eine
unendliche Ausdehnung geben oder Gott selbst endlich machen heisst.
    Teophilus. Wiewohl gegenwärtig die Schwierigkeit hinsichts der Einheit von
Leib und Seele meiner Ansicht nach gehoben ist, so bleiben doch noch andere
übrig. Ich habe a posteriori durch die vorherbestimmte Harmonie gezeigt, dass
alle Monaden ihren Ursprung aus Gott gewonnen haben und von ihm abhangen.
Indessen kann man das Wie im einzelnen nicht begreifen, und ihre Erhaltung ist
im Grunde nichts anderes als eine fortwährende Schöpfung, wie die Scholastiker
ganz richtig anerkannt haben.
 
                                  Kapitel XI.
                    Von unserer Erkenntnis der übrigen Dinge
    § 1. Philaletes. Da also das Dasein Gottes allein in einem notwendigen
Zusammenhange mit dem unsrigen steht, so beweisen unsere Vorstellungen, die wir
von etwas haben können, nicht mehr das Dasein dieses Dinges, als das Bild eines
Menschen sein wirkliches Dasein beweist. § 2. Die Gewissheit indessen, welche ich
mittels der sinnlichen Wahrnehmung von dem Weissen und Schwarzen auf diesem
Papier habe, ist ebenso gross als die meiner Handbewegung, welche aus der
Erkenntnis unseres Daseins und der Gottes entsteht. § 3. Diese Gewissheit
verdient den Namen der Erkenntnis. Denn ich glaube nicht, dass jemand im Ernst so
skeptisch sein könnte, um über das Dasein der Dinge, welche er sieht und
empfindet, ungewiss zu sein. Wenigstens wird derjenige, welcher seine Zweifel so
weit treiben kann, niemals mit mir in Streit geraten, weil er niemals wird
sicher sein können, dass ich irgend, etwas gegen seine Ansicht äussere.
    Die Wahrnehmungen der sinnlichen Dinge sind (§ 4) durch äussere Ursachen
hervorgebracht, welche unsere Sinne affizieren, denn wir erhalten diese
Wahrnehmungen nicht ohne die Organe, und wenn die Organe ausreichten, würden sie
dieselben immer hervorbringen. § 5. Ferner mache ich mitunter die Erfahrung, dass
ich ihre Hervorbringung in meinem Geiste nicht verhindern kann, wie z.B. das
Licht, wenn ich die Augen an einem Orte, wo der Tag hineinscheinen kann, offen
halte, während ich die in meinem Gedächtnis vorhandenen Vorstellungen verlassen
kann. Also muss es irgend eine äussere Ursache dieses lebhaften Eindrucks geben,
deren Wirksamkeit ich nicht überwinden kann.
    § 6. Einige dieser Wahrnehmungen werden von uns mit Schmerz hervorgebracht,
obgleich wir uns hinterher ihrer erinnern, ohne die geringste Unbequemlichkeit
zu verspüren. Wenn nun auch die matematischen Beweise nicht von den Sinnen
abhangen, so trägt doch die mittels der Figuren auf sie gerichtete Untersuchung
viel dazu bei, die Evidenz unseres Blickes darzutun, und sie scheint ihm eine
Sicherheit zu verleihen, welche der der Beweisführung selbst nahe kommt.
    § 7. In manchen Fällen legen auch unsere Sinne voneinander Zeugnis ab. Der,
welcher das Feuer sieht, kann auch, wenn er daran zweifelt, es fühlen. Und
während ich dies schreibe, sehe ich, dass ich die Erscheinung des Papiers ändern
und zum voraus sagen kann, welche neue Erscheinung es dem Geiste darbieten wird;
wenn aber diese Zeichen niedergeschrieben sind, kann ich nichtmehr vermeiden,
sie zu sehen, wie sie da sind. Überdies würde der Anblick dieser Charaktere
einen anderen dieselben laute hervorbringen lassen.
    § 8. Wenn jemand glaubt, dass dies alles nur ein langer Traum ist, so mag er
auch träumen, wenn es ihm beliebt, dass ich ihm darauf erwidere, unsere auf das
Zeugnis der Sinne begründete Gewissheit sei so vollkommen, als unsere Natur es
zulässt und unsere Lebenslage es fordert. Wer eine Kerze brennen sieht und die
Hitze der Flamme erfährt, die ihm Schmerz verursacht, wenn er den Finger nicht
zurückzieht, wird keine grössere Gewissheit fordern, um seine Handlungsweise
danach einzurichten, und wenn dieser Träumer es nicht so machte, würde er sich
bald erweckt finden. Also genügt uns eine solche Sicherheit, die ebenso gewiss
ist, wie die Lust oder der Schmerz: zwei Dinge, über welche hinaus wir kein
Interesse an der Erkenntnis oder dem Dasein der Dinge haben. § 9. Aber über
unsere augenblickliche Sinneswahrnehmung hinaus gibt es keine Erkenntnis,
sondern nur Wahrscheinlichkeit, wie z.B. wenn ich glaube, dass es in der Welt
Menschen gibt: dafür ist die äusserste Wahrscheinlichkeit, obgleich ich jetzt, da
ich in meinem Zimmer allein bin, keinen sehe. § 10. Auch würde es eine Torheit
sein, für alles einen Beweis zu erwarten und nicht den klaren und evidenten
Wahrheiten gemäss zu handeln, wenn sie nicht gerade beweisbar sind. Ein Mensch,
welcher so verfahren wollte, könnte über nichts anderes sicher sein, als in sehr
kurzer Zeit zugrunde zu gehen.
    Teophilus. Ich habe schon in unseren früheren Besprechungen bemerkt, dass
die Wahrheit der sinnlichen Dinge durch ihren Zusammenhang gerechtfertigt wird,
welcher von in der Vernunft begründeten Verstandeswahrheiten und sich
gleichbleibenden Beobachtungen an den sinnlichen Dingen selbst, sogar wenn die
Gründe nicht einleuchtend sind, abhängt. Und da diese Gründe und Beobachtungen
uns das Mittel geben, in bezug auf unser Interesse über die Zukunft zu urteilen,
und der Erfolg unserem vernünftigen Urteil entspricht, so kann man eine grössere
Gewissheit über diese Gegenstände nicht verlangen und selbst nicht einmal
erhalten. Man kann sogar auch von den Träumen und ihrem geringen Zusammenhange
mit anderen Erscheinungen Rechenschaft geben. Indessen glaube ich, dass man die
Bezeichnung der Erkenntnis und Gewissheit über die jedesmaligen sinnlichen
Wahrnehmungen hinaus ausdehnen könnte, da die Klarheit und Evidenz darüber
hinausgehen, die ich als eine Art der Gewissheit betrachte; und es würde ohne
Zweifel eine Narrheit sein, im Ernst daran zu zweifeln, oh es Menschen auf der
Welt gebe, weil wir gerade keine sehen. Im Ernst zweifeln ist hinsichtlich der
Praxis zweifeln, und man könnte die Gewissheit für eine Erkenntnis der Wahrheit
nehmen, an der man hinsichtlich der Praxis nicht zweifeln kann, ohne närrisch zu
sein; und mitunter nimmt man sie noch allgemeiner und wendet sie auf diejenigen
Fälle an, wo man, ohne starken Tadel zu verdienen nicht zweifeln darf. Die
Evidenz aber würde eine lichtvolle Gewissheit sein, d.h. wo man wegen des
Zusammenhanges, welchen man unter den Vorstellungen sieht, nicht zweifelt.
Dieser Definition der Gewissheit gemäss sind wir sicher, dass Konstantinopel in der
Welt ist, dass Konstantin, Alexander der Grosse und Krösus gelebt haben.
Allerdings könnte ein Bauer aus den Ardennen mit Recht daran zweifeln, weil ihm
der Unterricht fehlt, aber ein gelehrter und gebildeter Mann könnte es ohne eine
grosse Geistesverwirrung nicht.
    § 11. Philaletes. Wir sind in Wahrheit durch unser Gedächtnis von vielem
Vergangenen versichert; aber ob es noch vorhanden ist, können wir nicht wohl
beurteilen. Ich sah gestern Wasser und eine gewisse Zahl schöner Farben auf den
Blasen, welche sich darüber bildeten. Ich bin gegenwärtig gewiss, dass diese
Blasen ebensogut als das Wasser dagewesen sind, aber ich erkenne das
gegenwärtige Dasein des Wassers auf nicht gewissere Art als das der Blasen,
obgleich das erstere unendlich mehr wahrscheinlich ist, und man beobachtet hat,
dass das Wasser dauernd ist, die Blasen aber verschwinden. § 12. Ausser uns und
Gott endlich erkennen wir andere Geister nur durch die Offenbarung und haben
darüber nur die Gewissheit des Glaubens.
    Teophilus. Ich habe schon bemerkt, dass unser Gedächtnis uns mitunter
täuscht. Und zwar messen wir ihm Glauben bei oder nicht, je nachdem es mehr oder
weniger lebhaft und mit den Dingen, von denen wir wissen, mehr oder weniger
verknüpft ist. Und oft können wir an den Nebenumständen zweifeln, wenn wir der
Hauptsache sicher sind. Ich erinnere mich, einen Menschen gekannt zu haben, denn
ich empfinde, dass sein Bild mir ebensowenig neu ist, als seine Stimme, und dies
doppelte Zeichen ist mir eine bessere Garantie als eines von beiden; aber wo ich
ihn gesehen habe, kann ich mich nicht erinnern. Indessen kommt es, wiewohl
selten, vor, dass man jemand im Traume sieht, ehe man ihn leibhaftig gesehen hat.
Man hat mich versichert, dass eine wohlbekannte Hofdame den, welchen sie nachher
heiratete, im Traume sah und ihren Freundinnen beschrieb, und auch den Saal, wo
die Hochzeit gefeiert wurde, und zwar eher, als sie den Mann und den Ort gesehen
und gekannt hatte. Man schrieb dies ich weiss nicht welchem geheimen Vorgefühl
zu, aber der Zufall kann diese Wirkung hervorbringen, weil es gar selten ist,
dass so etwas vorkommt. Ausserdem hat man, weil die Traumbilder ein wenig dunkel
sind, hinterher mehr Freiheit, sie auf andere Erscheinungen zu übertragen.
    § 13. Philaletes. Wir können also damit schliessen, dass es zwei Arten von
Sätzen gibt, die einen besondere und auf das Dasein bezügliche, wie z.B. dass es
einen Elefanten gibt, die anderen allgemeine über die Abhängigkeit der
Vorstellungen, wie z.B. dass die Menschen Gott gehorchen müssen. § 14. Die
meisten dieser allgemeinen und gewissen Sätze führen den Namen ewiger Wahrheiten
und sind es in der Tat alle. Nicht, weil es Sätze sind, die von aller Ewigkeit
her irgendwo wirklich gebildet oder nach irgend einem Muster, das immer da war,
dem Geiste eingeprägt worden wären, sondern weil wir überzeugt sind, dass wenn
ein zu diesem Zweck mit Vermögen und Mitteln begabtes Geschöpf sein Denken der
Erwägung seiner Vorstellungen zuwendet, es die Wahrheit dieser Sätze findet.
    Teophilus. Ihre Einteilung scheint auf die meinige von tatsächlichen und
Vernunftsätzen hinauszukommen. Auch die tatsächlichen Sätze können irgendwie
allgemein werden, aber dies geschieht durch Induktion oder Beobachtung, und zwar
in der Art, dass dabei nur eine Vielheit gleicher Fälle gegeben ist, wie wenn man
beobachtet, dass alles Quecksilber durch die Kraft des Feuers verdunstet, was
keine vollkommene Allgemeinheit gibt, weil man die Notwendigkeit davon nicht
einsieht. Die allgemeinen Vernunftwahrheiten sind notwendig, obgleich die
Vernunft auch solche liefert, die nicht schlechtin allgemein und nur
wahrscheinlich sind, wie z.B. wenn wir annehmen, dass eine Vorstellung möglich
ist, bis dass das Gegenteil durch eine genauere Untersuchung entdeckt wird.
Endlich gibt es gemischte Sätze, welche aus Vordersätzen gezogen sind, von denen
einige aus Tatsachen und Beobachtungen stammen, andere notwendige Sätze sind:
von solcher Art sind viele geographische und astronomische Schlüsse über die
Erdkugel und den Sternenlauf, die durch die Kombination der Beobachtungen von
Reisenden und Astronomen mit den Lehrsätzen der Geometrie und Aritmetik
entstehen. Da aber nach der Regel der Logiker die Schlussfolgerung dem
schwächsten der Vordersätze folgt und nicht mehr Gewissheit als sie haben kann,
so haben diese gemischten Sätze nur die Gewissheit und Allgemeinheit, welche den
Beobachtungen zukommt. Was die ewigen Wahrheiten anbetrifft, so muss man
bemerken, dass sie im Grunde alle bedingt sind und in der Tat besagen: Wenn
solches gesetzt ist, findet solches andere statt. Wenn ich z.B. sage: Jede
Figur, die drei Seiten hat, hat auch drei Winkel, so sage ich nichts anderes
als: Gesetzt, dass es eine Figur mit drei Seiten gibt, hat diese nämliche Figur
auch drei Winkel. Ich sage: diese nämliche, und darin unterscheiden sich eben
die kategorischen Sätze, welche bedingungslos ausgedrückt werden können, obwohl
sie im Grunde auch bedingt sind, von denen, welche man hypotetische nennt, wie
folgender Satz sein würde: Wenn eine Figur drei Seiten hat, so sind ihre Winkel
zweien Rechten gleich, wo man sieht, dass der bedingende Satz (nämlich, die Figur
mit drei Seiten) und der bedingte (nämlich, die Winkel der dreiseitigen Figur
sind zweien Rechten gleich) nicht dasselbe Subjekt haben, wie sie es in dem
vorigen Falle hatten, wo der bedingende Satz war: diese Figur hat drei Seiten,
und der bedingte: die genannte Figur hat drei Winkel. Freilich kann der
hypotetische Satz oft in einen kategorischen verwandelt werden, aber indem man
die Termini ein wenig verändert, wie wenn ich statt des hypotetischen
Vordersatzes sagte: die Winkel jeder dreiseitigen Figur sind zweien Rechten
gleich. Die Scholastiker haben de constantia subjecti (über das Mitbestehen des
Subjekts) wie sie es nannten, viel gestritten, d.h. wie ein über ein Subjekt
gebildeter Satz wirklich wahr sein kann, wenn dies Subjekt gar nicht existiert.
Die Wahrheit ist aber nur eine bedingte und besagt, dass wenn das Subjekt jemals
da ist, man es immer so finden wird. Man könnte jedoch noch fragen, worauf diese
Verbindung begründet ist, weil darin doch eine Realität steckt, die nicht
täuscht. Die Antwort wird sein: sie gründet sich auf den Zusammenhang der
Vorstellungen. Aber man wird demgegenüber vielleicht fragen, wo diese
Vorstellungen sein würden, wenn es keinen Geist gäbe, und was dann aus der
realen Grundlage dieser Gewissheit der ewigen Wahrheiten werden würde? Das führt
uns endlich zur letzten Grundlage der Wahrheiten, nämlich auf jenen obersten und
allgemeinen Geist, dessen Dasein notwendig und dessen Verstand in Wirklichkeit,
wie St. Augustin es anerkannt und auf eine sehr lebhafte Weise ausdrückt, der
Ort der ewigen Wahrheiten ist. Und damit man nicht denke, dass darauf
zurückzugehen nicht notwendig sei, muss man erwägen, dass diese notwendigen
Wahrheiten den Bestimmungsgrund und das Regulativprinzip alles Daseienden selbst
und mit einem Worte die Gesetze des Weltalls entalten. Gehen also diese
notwendigen Wahrheiten dem Dasein der zufälligen Wesen voraus, so müssen sie in
dem Dasein einer notwendigen Substanz begründet sein. Dort finde ich das Urbild
der Vorstellungen und Wahrheiten, welche unserer Seele eingeprägt sind, nicht in
Form von Sätzen, sondern wie Quellen, aus deren Anwendung und Gelegenheiten
wirkliche Urteile hervorgehen.
 
                                  Kapitel XII.
               Von den Mitteln, unsere Erkenntnisse zu vermehren
    § 1. Philaletes. Wir haben von den Arten unserer Erkenntnis gesprochen.
Jetzt wollen wir zu den Mitteln übergehen, die Erkenntnis zu vermehren oder die
Wahrheit zu finden. - Es ist eine unter den Gelehrten angenommene Meinung, dass
die Maximen die Grundlagen aller Erkenntnis sind und jede Wissenschaft im
besonderen auf gewisse schon vorher bekannte Dinge (Praecognita) sich gründet §
2. Ich gestehe zu, dass die Matematik diese Metode durch ihren guten Erfolg zu
begünstigen scheint, und Sie haben sich auch vielfach darauf gestützt. Aber es
ist noch ungewiss, ob es nicht vielmehr die Vorstellungen sind, die durch ihren
Zusammenhang dazu gedient haben, viel mehr als zwei oder drei allgemeine
Maximen, welche man zu Beginn aufgestellt hat. Ein junger Knabe erkennt, dass
sein Körper grösser ist als sein kleiner Finger, aber nicht auf Grund jenes
Axioms, dass das Ganze grösser ist als sein Teil. Die Erkenntnis hat mit
besonderen Sätzen angefangen, aber hinterher hat man das Gedächtnis mittels der
allgemeinen Begriffe von einem verwirrenden Haufen besonderer Vorstellungen
entlasten wollen. Wenn die Sprache so unvollkommen wäre, dass sie die
Relativausdrücke: Ganzes und Teil nicht besässe, könnte man dann etwa nicht
erkennen, dass der Körper grösser als der Finger ist? Ich lege Ihnen wenigstens
die Gründe meines Autors vor, obgleich ich vorauszusehen glaube, was Sie in
Übereinstimmung mit dem schon von Ihnen Bemerkten darüber sagen könnten.
    Teophilus. Ich weiss nicht, warum Sie den Maximen, um sie von neuem wieder
anzugreifen, so übel begegnen; wenn sie doch dazu dienen, das Gedächtnis von
einer Menge besonderer Vorstellungen zu entlasten, wie Sie es anerkennen, so
müssen sie sehr nützlich sein, wenn sie auch sonst keinen anderen Nutzen hätten.
Aber ich füge hinzu, dass sie auf die angegebene Weise nicht entstehen, denn man
findet sie nicht durch Induktion aus Beispielen. Derjenige, welcher erkennt, dass
zehn mehr ist als nenn, dass der Körper grösser ist als der Finger, und das Haus
zu gross, um durch die Tür davonlaufen zu können, erkennt jeden dieser besonderen
Sätze durch denselben allgemeinen Grund, der darin gleichsam verkörpert und
klargemacht wird, ganz wie man mit Farben aufgemalte Züge sieht, wo die
Proportion und Gestaltung eigentlich in den Zügen besteht, mag die Farbe sein,
welche sie wolle. Nun, dieser gemeinsame Grund ist eben der Grundsatz, der
sozusagen auf verhüllte Weise (implicite) erkannt wird, obwohl das nicht sofort
auf abstrakte und versinnlichte Weise geschieht Die Beispiele ziehen ihre
Wahrheit aus dem verkörperten Grundsatz, aber der Grundsatz hat nicht seine
Begründung durch die Beispiele. Und da dieser gemeinsame Grand jener besonderen
Wahrheiten im Geiste aller Menschen ist, so sehen Sie wohl, dass es für ihn nicht
nötig ist, dass sich die Worte Ganzes und Teil in der Sprache dessen finden,
welcher von ihm durchdrungen ist.
    § 4. Philaletes. Ist's aber nicht gefährlich, unter dem Verwande von
Grundsätzen, Vollmacht zu Hypotesen zu geben? Der eine wird mit einigen Alten
die Hypotese machen, dass alles materiell sei, der andere mit Polemo, dass die
Welt Gott sei, ein dritter wird als Tatsache aufstellen, dass die Sonne die
oberste Gotteit sei. Urteilen Sie, welche Religion wir haben würden, wenn das
erlaubt wäre. So wahr ist es, dass es Gefahr bringt, Grundsätze, ohne sie der
Prüfung zu unterwerfen, anzunehmen, besonders wenn sie die Moral angehen. Denn
mancher würde ein zukünftiges Leben erwarten, mehr dem des Aristipp ähnlich,
welcher die Glückseligkeit in die körperlichen Lüste setzte, als dem des
Antistenes, welcher behauptete, dass die Tugend hinreiche, um glücklich zu
machen. Und Archelaus, der als Prinzip aufstellt, dass Recht und Unrecht, Ehrbar
und Schändlich allein durch die Gesetze und nicht von der Natur bestimmt werden,
würde ohne Zweifel andere Masse des moralisch Guten und Bösen haben, als
diejenigen, welche den menschlichen Festsetzungen vorausliegende Verpflichtungen
anerkennen. § 5. Die Prinzipien müssen also gewiss sein. § 6. Aber diese
Gewissheit kommt nur aus dem Vergleiche der Vorstellungen; wir haben also keine
anderen Prinzipien nötig und werden, wenn wir dieser Regel allein folgen, weiter
kommen, als wenn wir unseren Geist der Willkür eines anderen unterwerfen.
    Teophilus. Ich bin erstaunt, dass Sie gegen die Maximen d.h. gegen die
evidenten Grundsätze dasjenige geltend machen, was man gegen die ohne Grund als
Grundsätze betrachteten Sätze sagen kann und mass. Wenn man Vorhererkanntes in
den Wissenschaften verlangt oder vorausgehende Erkenntnisse, welche dazu dienen,
die Wissenschaft zu gründen, so fordert man bekannte Grundsätze und nicht
willkürliche Aufstellungen, deren Wahrheit nicht bekannt ist; Aristoteles selbst
versteht es auch so, dass die niedrigeren und untergeordneten Wissenschaften ihre
Prinzipien von anderen, höheren Wissenschaften, in denen sie bewiesen worden
sind, entlehnen, ausgenommen die erste der Wissenschaften, welche wir die
Metaphysik nennen. Diese verlangt ihm zufolge von den anderen nichts und liefert
ihnen die Prinzipien, deren sie bedürfen, und wenn er sagt: dei pisteuein ton
mantanonta, der Lernende muss dem Lehrer glauben, so ist seine Ansicht dabei
die, dass er es nur einstweilen tun solle, weil er in den höheren Wissenschaften
noch nicht unterrichtet ist, so dass jenes nur vorläufig geschieht. So bin ich
also gar weit davon entfernt, willkürliche Prinzipien zuzulassen. Ich muss dem
hinzufügen, dass selbst Grundsätze, deren Gewissheit nicht vollständig ist, ihren
Nutzen haben können, wenn man nur durch Beweisführung darauf weiter baut. Denn
obwohl in diesem Falle alle Schlussfolgerungen nur bedingte sind und allein unter
der Voraussetzung gelten, dass jenes Prinzip wahr ist, so würden
nichtsdestoweniger dieser Zusammenhang selbst und diese bedingten Urteile
wenigstens logisch gültige sein - so dass sehr zu wünschen wäre, wir hätten viele
auf diese Art geschriebene Bücher, wobei keine Gefahr zu irren wäre, wenn der
Leser oder Lernende von der Bedingung unterrichtet ist. Und die Praxis würde man
nach diesen Schlussfolgerungen nur in dem Masse einrichten, als die Voraussetzung
sich anderweitig gerechtfertigt findet. Diese Metode dient ferner selbst sehr
oft dazu, die Voraussetzungen oder Hypotesen zu rechtfertigen, wenn viele
Schlussfolgerungen daraus hervorgehen, deren Wahrheit anderweitig erkannt worden
ist, und das gibt mitunter eine vollständige Umkehrung, welche die Wahrheit der
Hypotese zu beweisen genügt. Conring, von Beruf ein Arzt, aber in jeder Art der
Gelehrsamkeit tüchtig, vielleicht die Matematik allein ausgenommen, hatte einem
Freund einen Brief geschrieben, der damit beschäftigt war, zu Helmstädt das Buch
des Viottus, eines geschätzten peripatetischen Philosophen, welcher das
Beweisverfahren und die beiden letzten Bücher der Analytik des Aristoteles zu
erklären sucht, wieder aufdrucken zu lassen. Dieser Brief wurde dem Bach
hinzugefügt; Conring tadelte darin den Pappus, dass er sagt: Die Analyse
beabsichtigt, das Unbekannte zu finden, indem sie es voraussetzt, und von da
durch Folgerung zu bekannten Wahrheiten fortschreitet; dies ist gegen die Logik
- sagte er - welche lehrt, dass man aus Falschem Wahres schliessen kann. Ich
zeigte ihm aber später, dass die Analyse sich der Definitionen und anderer
reziproker Sätze bedient, welche das Mittel an die Hand geben, die Umkehrung zu
machen und syntetische Beweise zu finden. Und selbst wenn diese Umkehrung nicht
beweisend ist, wie in der Physik, so ist sie nichtsdestoweniger von grosser
Wahrscheinlichkeit, wenn die Hypotese viele Erscheinungen leicht erklärt, die
sonst schwierig und voneinander unabhängig sind. Ich halte in Wahrheit dafür,
dass gewissermassen der Grundsatz aller Grundsätze der richtige Gebrauch der
Vorstellungen und Erfahrungen ist, aber wenn man sich darein vertieft, so wird
man finden, dass hinsichtlich der Vorstellungen er nichts anderes ist, als die
Verknüpfung der Definitionen mittels identischer Axiome. Es ist indessen nicht
immer ein leichtes, zu dieser letzteren Analyse zu gelangen, und so viel Lust
auch die Matematiker, wenigstens die alten, bezeigt haben, im damit zustande zu
kommen, so haben sie es doch noch nicht vollbringen können. Der berühmte
Verfasser der Abhandlung über den menschlichen Verstand würde ihnen viel
Vergnügen bereiten, wenn er diese Untersuchung, die bedeutend schwerer ist, als
man vielleicht denkt, abschliessen wollte. Euklid hat z.B. unter die Axiome eines
gesetzt, welches darauf hinausläuft, dass zwei gerade Linien sich nur einmal
treffen können. Das von der sinnlichen Erfahrung hergenommene Phantasiebild
erlaubt uns nicht, uns mehr als eine Begegnung zweier Graden vorzustellen, aber
darauf darf die Wissenschaft nicht begründet werden. Und wenn jemand glaubt, dass
dies Phantasiebild den Zusammenhang der bestimmten Vorstellungen gewährt, so ist
er über die Quelle der Wahrheiten nicht wohl unterrichtet, und sehr viele Sätze,
die nur durch andere Vordersätze beweisbar sind, wurden ihm für unmittelbare
gelten. Das haben viele, welche Euklid getadelt haben, nicht gehörig erwogen.
Jene Arten von Phantasiebildern sind nur verworrene Vorstellungen, und wer die
gerade Linie nur auf diese Weise erkennt, wird nicht imstande sein, etwas von
ihr zu beweisen. Aas Mangel einer deutlich ausgedrückten Vorstellung, d.h. einer
Definition der Geraden (denn die von ihm vorläufig gegebene ist dunkel und hilft
ihm bei seinen Beweisen nicht), ist darum Euklid gezwungen, auf zwei Axiome
zurückzukommen, welche ihm statt Definitionen gedient haben, und die er in
seinen Beweisen anwendet, das eine, dass zwei Grade nichts miteinander gemein
haben, und das zweite, dass sie keinen Raum einnehmen. Archimedes hat eine Art
Definition der geraden Linie gegeben, indem er sagt, dass sie der kürzeste Weg
zwischen zwei Paukten ist. Aber er setzt dabei stillschweigend voraus (indem er
in den Beweisen solche Elemente anwendet, wie die des Euklid, welche auf die
beiden von mir erwähnten Axiome gegründet sind), dass die Affektionen, von denen
diese Axiome reden, der von ihm definierten Linie zukommen. Wenn Sie also mit
Ihren Gesinnungsgenossen glauben, dass man unter dem Vorwande der Übereinstimmung
und Sichtübereinstimmung der Vorstellungen in der Geometrie das annehmen durfte
und noch darf, was die Bilder uns angeben, ohne jene Strenge der Beweise durch
die Definitionen und Axiome anzustreben, welche die Alten in dieser Wissenschaft
gefordert haben, wie, glaube ich, viele, ohne untersucht zu haben, urteilen
durften, so gestehe ich Ihnen, dass man sich damit hinsichtlich derer
zufriedenstellen kann, welche sich nur um die gewöhnliche praktische Geometrie
bemühen, nicht aber hinsichtlich derer, welche die Wissenschaft, mit der man die
Praxis selbst zu vervollkommnen hat, haben wollen. Und wenn die Alten dieser
Meinung gewesen und in diesem Punkte lässig gewesen wären, so glaube ich, wären
sie nicht vorwärts gekommen und hätten uns nur eine solche praktische Geometrie
hinterlassen, wie die der Ägypter augenscheinlich war und die der Chinesen noch
zu sein scheint. Dies hätte sie der schönsten physischen und mechanischen
Erkenntnisse beraubt, welche die Geometrie sie auffinden liess und die überall da
unbekannt sind, wo es unsere Geometrie ist. Es hat auch den Anschein, dass man,
wenn man den Sinnen und deren Bildern gefolgt wäre, in Irrtümer verfallen sein
würde, ungefähr so, wie man sieht, dass alle diejenigen, welche nicht in der
wissenschaftlichen Geometrie unterrichtet sind, auf das Zeugnis ihrer
Einbildungskraft bin als eine unzweifelhafte Wahrheit annehmen, dass zwei sich
beständig einander nähernde Linien zuletzt zusammenkommen müssen, während die
Matematiker mit gewissen Linien, welche sie Asymptoten nennen, Beispiele vom
Gegenteil geben. Aber wir würden ausserdem dessen beraubt sein, was ich in der
Geometrie in Absicht der Spekulation am meisten schätze, dass sie nämlich die
wahre Quelle der ewigen Wahrheiten und des Mittels, uns deren Notwendigkeit
begreiflich zu machen, erblicken lässt, welche die verworrenen Bilder der Sinne
nicht deutlich zu zeigen vermögen. Sie werden mir sagen, dass Euklid gleichwohl
gezwungen gewesen ist, sich auf gewisse Axiome zu beschränken, deren Evidenz man
nur verworren mittels der Bilder erkennt. Ich gebe Ihnen zu, dass er sich auf
diese Axiome beschränkt hat, aber es war besser, sich auf eine kleine Anzahl von
Wahrheiten dieser Art zu beschränken, die ihm als die einfachsten erschienen,
und daraus die übrigen abzuleiten, welche ein anderer von geringerer
wissenschaftlicher Schärfe gleichfalls ohne Beweis für sicher angenommen hätte,
als viele unbewiesen zu lassen und, was noch schlimmer ist, den Leuten die
Freiheit zu lassen, nach eigener Laune ihre Nachlässigkeit weiter zu treiben.
    Sie sehen also, dass das, was Sie mit Ihren Freunden über den Zusammenhang
der Vorstellungen als wahre Quelle der Wahrheiten bemerkt haben, der Aufklärung
bedarf. Wenn Sie sich begnügen wollen, diesen Zusammenhang verworren zu
erkennen, so schwächen Sie die Strenge der Beweise, und Euklid hat
unvergleichlich besser getan, alles auf Definitionen und eine kleine Zahl von
Axiomen zurückzubringen. Wollen Sie aber, dass dieser Zusammenhang der
Vorstellungen deutlich gesehen und ausgedrückt werde, so werden Sie genötigt
sein, auf die Definitionen und identischen Grundsätze, wie ich es verlange,
zurückzugehen, und mitunter werden Sie genötigt sein, sich wie Euklides und
Archimedes mit einigen weniger ursprünglichen Grundsätzen zufrieden zu geben,
wenn Sie Mühe haben werden, zu einer vollständigen Analyse zu gelangen, - und
daran werden Sie besser tun, als schöne Entdeckungen, welche Sie durch deren
Vermittlung bereits finden können, zu vernachlässigen oder aufzuschieben. Sonst
würden wir in der Tat, wie ich Ihnen schon ein anderes Mal gesagt habe, keine
Geometrie (ich verstehe darunter keine demonstrative Wissenschaft) haben, wenn
die Alten - bevor sie die Grundsätze, zu deren Anwendung sie genötigt waren,
bewiesen hatten, - nicht hätten dazu fortschreiten wollen.
    § 7. Philaletes. Ich fange zu verstehen an, was ein bestimmt erkannter
Zusammenhang von Vorstellungen ist, und sehe wohl, dass auf diese Art die
Grundsätze notwendig sind. Auch sehe ich wohl, wie die Metode, welche wir bei
unseren Untersuchungen befolgen, wenn es sich um die Prüfung der Vorstellungen
handelt, nach dem Beispiele der Matematiker geregelt werden muss, die von
gewissen sehr klaren und leichten Ausgangspunkten aus, (die nichts anderes als
die Grundsätze und Definitionen sind) in kleinen Schritten und mittels einer
ununterbrochenen Verkettung von Beweisen zur Entdeckung und zum Beweise der
Wahrheiten, die anfangs über die menschliche Fassungskraft hinauszugehen
scheinen, emporsteigen. Die Kunst, Beweise und jene bewundernswürdigen Metoden
aufzufinden, welche sie zur Auseinandersetzung und Anordnung der Mittelbegriffe
erfunden haben, hat so erstaunliche und unverhoffte Entdeckungen hervorgebracht.
Ob man aber mit der Zeit nicht irgend eine ähnliche Metode wird erfinden
können, welche für die übrigen Vorstellungen so gut als für die zur Grösse
gehörigen dient, darüber will ich nicht entscheiden. Wenigstens werden wir, wenn
andere Vorstellungen nach der den Matematikern gewöhnlichen Metode geprüft
werden, in unserem Denken dadurch weiter kommen, als wir uns vorzustellen
vielleicht geneigt sind. § 8. Und dies könnte besonders in der Moral geschehen,
wie ich schon mehr als einmal gesagt habe.
    Teophilus. Ich glaube, dass Sie recht haben, und bin seit lange geneigt,
alles zu tun, um ihre Voraussetzungen zu erfüllen.
    § 9. Philaletes. Hinsichtlich der Erkenntnis der Körper muss man einen
gerade entgegengesetzten Weg einschlagen, denn da wir keine Vorstellungen von
deren wirklichen Wesenheiten haben, sind wir genötigt, auf die Erfahrung
zurückzugehen. § 10. Ich leugne indessen nicht, dass wer vernünftige und
regelmässige Erfahrungen zu machen gewohnt ist, fähig ist, richtigere Vermutungen
als ein anderer über deren noch unbekannte Eigenschaften aufzustellen. Aber das
ist urteilen und meinen, nicht aber erkennen und sicher wissen. Dies veranlasst
mich zu glauben, dass die Physik nicht fähig ist, unter unseren Händen
Wissenschaft zu werden. Indessen können die historischen Erfahrungen und
Beobachtungen uns hinsichtlich der körperlichen Gesundheit und der
Bequemlichkeiten des Lebens Dienste leisten.
    Teophilus. Ich stimme dem bei, dass die ganze Physik niemals eine
vollkommene Wissenschaft bei uns sein wird, aber wir können nichtsdestoweniger
eine physische Wissenschaft besitzen und besitzen davon sogar schon jetzt
Proben. Die Magnetologie kann z.B. für eine solche Wissenschaft gelten, denn
indem wir wenige in der Erfahrung gegründete Voraussetzungen machen, können wir
daraus mit sicherer Folgerung eine Menge Erscheinungen nachweisen, die
tatsächlich so vorkommen, wie wir sie durch die Vernunft angegeben sehen. Wir
dürfen nicht hoffen, von allen Erfahrungen Rechenschaft abzulegen, wie selbst
die Geometer noch nicht alle ihre Grundsätze bewiesen haben, aber wie sie
zufrieden sind, eine grosse Zahl von Lehrsätzen aus einer kleinen Anzahl von
Vernunftprinzipien abzuleiten, ist es auch genug, dass die Physiker mittelst
einiger Erfahrungsgrundsätze von einer grossen Menge von Erscheinungen
Rechenschaft ablegen und sie in der Praxis sogar vorhersehen können.
    § 11. Philaletes. Weil aber unsere Geisteskräfte nicht dazu angetan sind,
uns die innere Bildung der Körper deutlich zu machen, müssen wir es als
hinlänglich erachten, dass sie uns das Dasein Gottes und eine genügende
Selbsterkenntnis erschliessen, um uns über unsere Pflichten und über unsere
wichtigsten Interessen hinsichtlich der ganzen Ewigkeit zu unterrichten. Und so
glaube ich im Recht zu sein, daraus zu folgern, dass die Moral die eigentliche
Wissenschaft und die grosse Angelegenheit der Menschen im allgemeinen ist, wie
andrerseits die verschiedenen Künste, welche verschiedene Teile der Natur
betreffen, einzelnen zukommen. Man kann z.B. sagen, dass die Unwissenheit im
Gebrauch des Eisens Ursache ist, dass in den Ländern von Amerika, wo die Natur
alle Arten von Gütern ausgebreitet hat, die meisten Bequemlichkeiten des Lebens
fehlen. Weit entfernt also, die Wissenschaft der Natur zu verachten (§ 12),
halte ich dafür, dass dies Studium, wenn es gehörig geleitet wird, von grösserem
Nutzen für das Menschengeschlecht sein kann, als alles, was man bisher gemacht
hat; und derjenige, welcher die Buchdruckerei erfand, den Gebrauch des Kompasses
entdeckte und die Heilkraft der Quinquinarinde zeigte, mehr zur Verbreitung des
Wissens und zur Förderung der dem Leben nützlichen Bequemlichkeiten beigetragen
und mehr Menschen vom Tode gerettet hat, als die Gründer von Schulen und
Hospitälern und anderen mit grossen Kosten errichteten Denkmalen rühmlichster
Menschenliebe.
    Teophilus. Sie können nichts sagen, was mir mehr zusagte. Die wahre Moral
oder Frömmigkeit, weit entfernt, die Trägheit gewisser fauler Quietisten zu
begünstigen, muss uns dazu treiben, die Künste zu pflegen. Und wie ich vorlängst
gesagt habe, würde eine bessere Staatskunst imstande sein, uns dereinst eine
viel bessere Medizin, als wie wir jetzt haben, zu verschaffen. Nächst der Sorge
für die Sittlichkeit kann man dies nicht genug predigen.
    § 13. Philaletes. Obwohl ich die Erfahrung empfehle, verachte ich doch die
wahrscheinlichen Hypotesen keineswegs. Sie können zu neuen Entdeckungen führen
und sind wenigstens dem Gedächtnis eine grosse Hilfe. Aber unser Geist ist sehr
geneigt, zu schnell fortzueilen und sich mit einigen leichten
Wahrscheinlichkeiten zufrieden zu geben, ohne sich die nötige Mühe und Zeit zu
nehmen, sie auf viele Erscheinungen anzuwenden.
    Teophilus. Die Kunst, die Ursachen der Erscheinungen oder die wirklichen
Hypotesen zu entdecken, ist wie die Dechiffrierkunst, wo eine sinnreiche
Vermutung ein grosses Stück Weges abkürzt. Lord Bacon hat den Anfang gemacht, die
Kunst zu experimentieren auf Vorschriften zu bringen, und der Ritter Boyle hat
ein grosses Talent sie auszuüben gehabt. Aber verbindet man nicht damit die
Kunst, die Erfahrungen anzuwenden und Folgerungen daraus zu ziehen, so wird man
mit königlichem Kostenaufwande nicht dahin kommen, was ein Mann von grossem
Scharfsinn sogleich entdecken konnte. Descartes, der dies sicherlich war, hat in
einem seiner Briefe bei Gelegenheit der Metode des Kanzlers von England eine
ähnliche Bemerkung gemacht, und Spinoza, den zu zitieren ich mich nicht scheue,
wenn er etwas Gutes sagt, macht in einem seiner Briefe an den verstorbenen
Oldenburg, Sekretär der Royal Society von England, welche unter den
nachgelassenen Werken dieses scharfsinnigen Juden gedruckt sind, eine verwandte
Reflexion über ein Werk Boyles, der, die Wahrheit zu sagen, sich ein wenig zu
lange damit aufhält, aus einer unendlichen Zahl schöner Erfahrungen keinen
anderen Schluss zu ziehen, als den, welchen er als Grundsatz hätte annehmen
können, dass nämlich in der Natur alles auf mechanische Art geschieht, ein
Grundsatz, dessen man sich durch die blosse Vernunft und niemals durch die
Erfahrungen, so viel man auch deren mache, versichern kann.
    § 14. Philaletes. Nachdem man klare und deutliche Vorstellungen mit
bestimmten Namen aufgestellt hat, besteht das grosse Mittel zur Ausbreitung
unserer Erkenntnisse in der Kunst, die Mittelbegriffe zu finden, welche uns die
Verknüpfung oder die Unverträglichkeit der einander fernstehenden Begriffe
zeigen können. Die Maximen wenigstens dienen nicht dazu, sie uns zu verschaffen.
Gesetzt, dass jemand keine genaue Vorstellung von einem rechten Winkel hat, so
wird er sich vergeblich quälen, etwas über das rechtwinklige Dreieck zu
beweisen, und welche Maximen man auch anwende, man wird Mühe haben, mit ihrer
Hilfe dahin zu gelangen, zu beweisen, dass die Quadrate der den rechten Winkel
einschliessenden Seiten dem Quadrat der Hypotese gleich sind. Es könnte jemand
lange über die Grundsätze nachdenken, ohne jemals in der Matematik klarer zu
sehen.
    Teophilus. Über die Grundsätze nachzudenken hilft nichts, wenn man nicht
sie anzuwenden Gelegenheit hat. Die Grundsätze dienen oft dazu, die
Vorstellungen zu verknüpfen, wie z.B. jene Maxime, dass die ähnlichen Strecken
zweiter und dritter Dimension sich wie die Quadrate und Kuben der entsprechenden
Stücke erster Dimension verhalten, von grösstem Nutzen ist. Daraus entsteht z.B.
die Quadratur des Möndchens des Hippokrates, wenn man eine Anwendung auf Kreise
macht und eine zweckmässige Anordnung der Figuren damit verbindet.
 
                                 Kapitel XIII.
                  Weitere Betrachtungen über unsere Erkenntnis
    § 1. Philaletes. Vielleicht wird es noch hinzuzufügen passend sein, dass
unsere Erkenntnis, wie noch in anderen Dingen mehr, so auch darin mit dem
Gesichte sich analog verhält, dass sie weder ganz notwendig noch ganz freiwillig
ist. Man kann nicht umhin zu sehen, wenn man die Augen dem Lichte geöffnet hat,
aber man kann sie gewissen Gegenständen zuwenden (§ 2) und sie mit mehr oder
weniger Aufmerksamkeit betrachten. Ist das Vermögen also einmal in Anwendung
gebracht, so hängt es nicht mehr vom Willen ab, die Erkenntnis zu bestimmen,
ebensowenig, wie jemand das, was er sieht, zu sehen sich entalten kann. Man
soll aber seine Vermögen gehörig anwenden, um sich zu unterrichten.
    Teophilus. Wir haben über diesen Punkt bereits früher gesprochen und
festgestellt, dass es vom Menschen nicht abhängt, diese oder jene sinnliche
Empfindung in der Gegenwart in haben, aber es hängt von ihm ab, sich darauf
vorzubereiten, um sie in der Folge zu haben und nicht zu haben; und somit sind
die Meinungen nur auf indirekte Art freiwillig.
 
                                  Kapitel XIV.
                               Über das Urteilen
    § 1. Philaletes. Der Mensch würde sich in den meisten Handlungen seines
Lebens unentschieden befinden, wenn er in dem Falle, wo eine sichere Erkenntnis
ihm mangelt, zu seiner Leitung weiter nichts hätte. § 2. Er muss sich oft mit
einer einfachen Wahrscheinlichkeitsdämmerung begnügen. § 3. Das Vermögen, sich
ihrer zu bedienen, ist das Urteil. Man begnügt sich oft damit aus Notwendigkeit,
aber oft auch aus Mangel an Fleiss, Geduld und Geschicklichkeit. Man nennt es
Zustimmung oder Verwerfung, und es findet statt, wenn man etwas vermutet, d.h.
wenn man etwas vor dem Beweise als wahr annimmt. Geschieht dies der Wirklichkeit
entsprechend, so ist es ein richtiges Urteil.
    Teophilus. Andere nennen Urteilen diejenige Handlung, welche man allemal
vollzieht, wenn man gemäss einer Erkenntnis der Ursache sich entscheidet, und
noch andere mag es geben, welche das Urteil von der Meinung unterscheiden, da es
nicht so unbestimmt sein dürfe. Ich will aber mit niemand über den Gebrauch der
Worte streiten, und es steht Ihnen frei, das Urteil für eine wahrscheinliche
Ansicht zu nehmen. Was die Vermutung (Präsumption) anbetrifft, so ist das ein
Ausdruck der Juristen, bei denen die richtige Anwendung sie von der Konjektur
unterscheidet. Dann ist sie etwas mehr und soll vorläufig für die Wahrheit
gellen, bis das Gegenteil bewiesen ist, statt dass ein Anzeichen und eine
Konjektur oft gegen eine andere Konjektur abgewogen werden muss. So wird von
demjenigen, welcher von einem anderen Geld geliehen zu haben gesteht, vermutet
(präsumiert), dass er es bezahlen müsse, wenn er nicht nachweist, dass er es schon
getan habe, oder dass die Schuld aus irgend einem anderen Rechtsgrunde aufhöre.
Vermuten ist also in diesem Sinne nicht etwas annehmen, ehe es bewiesen ist -
was nicht erlaubt ist - , sondern es im voraus annehmen, aber mit Grund, indem
man unterdes einen Beweis des Gegenteils abwartet.
 
                                  Kapitel XV.
                           Von der Wahrscheinlichkeit
    § 1. Philaletes. Wenn das Beweisverfahren den Zusammenhang der
Vorstellungen aufzeigt, so ist die Wahrscheinlichkeit nichts anderes, als der
auf Beweise gegründete Anschein dieses Zusammenhanges von Vorstellungen, bei
denen man keine unveränderliche Verknüpfung gewahr wird. Es gibt verschiedene
Grade der Zustimmung von der Sicherheit bis zur Konjektur, zum Zweifel, zum
Misstrauen. § 3. Wenn man Gewissheit hat, so ist in allen Teilen des
Schlussverfahrens, welche dessen Zusammenhang bezeichnen, klare Erkenntnis
vorhanden; was mich aber glauben macht, ist etwas Fremdes. § 4. Die
Wahrscheinlichkeit nun gründet sich auf die Gleichförmigkeit mit dem, was wir
wissen, oder auf das Zeugnis derer, welche es wissen.
    Teophilus. Eher würde ich behaupten, dass sie immer in der Ähnlichkeit oder
in der Übereinstimmung mit der Wahrheit begründet ist; und das Zeugnis von
anderen ist auch etwas, was die Wahrheit hinsichtlich naheliegender Tatsachen
für sich zu haben pflegt. Man kann also sagen, dass die Ähnlichkeit des
Wahrscheinlichen mit dem Wahren entweder von der Sache selbst hergenommen wird
oder von etwas Fremdem. Die Rhetoriker nehmen zwei Arten von Beweismitteln
(Argumenten) an: die künstlichen, welche durch das Beweisverfahren von den
Sachen selbst hergenommen sind, und die nicht künstlichen, welche sich nur auf
das ausdrückliche Zeugnis entweder eines Menschen oder vielleicht auch der Sache
selbst stützen. Aber es gibt auch noch gemischte, denn das Zeugnis kann selbst
eine Tatsache liefern, welche zur Bildung eines künstlichen Beweises dient.
    § 5. Philaletes. Es geschieht aus Mangel an Ähnlichkeit mit dem Wahren, dass
wir nicht leicht dasjenige glauben, was sich dem von uns Gesagten nicht anpassen
lässt. So antwortete der König von Siam einem Gesandten, als dieser ihm sagte,
dass das Wasser sich bei uns im Winter so verhärte, dass ein Elefant darauf
hinschreiten könnte, ohne einzubrechen: Bisher habe ich Euch für einen ehrlichen
Mann gehalten, aber jetzt sehe ich, dass Ihr lügt. § 6. Wenn aber das Zeugnis der
anderen eine Tatsache wahrscheinlich machen kann, so darf die Meinung der
anderen nicht an ihr selbst für eine richtige Begründung der Wahrscheinlichkeit
gelten. Denn unter den Menschen gibt es mehr Irrtum als Erkenntnis, und wenn der
Glaube derer, die wir kennen und achten, ein rechtmässiger Grund für die
Zustimmung wäre, so hatten die Menschen recht, in Japan Heiden, in der Türkei
Mohammedaner, Papisten in Spanien, Calvinisten in Holland und Luteraner in
Schweden zu sein.
    Teophilus. Das Zeugnis der Menschen ist ohne Zweifel von grösserem Gewicht
als ihre Meinung, und man widmet demselben mit Recht auch grössere Beachtung.
Indessen weiss man, dass der Richter mitunter einen Eid de credulitate, wie man es
nennt, ablegen lässt, und in den Verhören fragt man die Zeugen oft nicht aus nach
dem, was sie gesehen haben, sondern nur nach ihrem Urteil, indem man sie
zugleich nach den Ursachen ihres Urteils fragt, und stellt dann die gebührende
Erwägung desselben an. Auch richten sich die Richter sehr nach den Ansichten und
Meinungen der Sachverständigen in jedem Fach; und dasselbe sind die Privatleute
nicht minder zu tun verpflichtet, in dem Masse, als es ihnen nicht zu eigener
Prüfung zu schreiten passt. So ist ein Kind und auch sonst jemand, dessen Stand
in dieser Hinsicht nicht mehr gilt, selbst wenn er sich in einer gewissen
Stellung befindet, genötigt, der Landesreligion so lange zu folgen, als er darin
kein Übles sieht, und er nicht imstande ist zu untersuchen, ob es keine bessere
gibt Und mag ein Pagenmeister einer Religionspartei angehören, welcher er wolle,
so wird er jeden von ihnen in diejenige Kirche zu gehen veranlassen, welche die
Angehörigen des von dem jungen Menschen bekannten Glaubens besuchen. Man kann
die Streitigkeiten zwischen Nicole und anderen über den Beweisgrund aus der
Mehrzahl in Glaubenssachen zu Rate ziehen, wobei mitunter der eine ihm zu viel
einräumt, und der andere ihm nicht genug Beachtung schenkt. Es gibt andere
Vorurteile, durch welche die Menschen sich der Untersuchung gern entziehen
möchten. Dies nennt Tertullian in einem eigens dazu geschriebenen Traktat
Praescriptiones, indem er sich eines Ausdrucks bedient, den die alten Juristen,
deren Sprache ihm nicht unbekannt war, von verschiedenen Arten fremder und
auffallender Exzeptionen und Allegationen gebrauchten, den man aber heutzutage
nur von der zeitlichen Präskription (Verjährung) versteht, die man geltend
macht, um eines anderen Forderung zurückzuweisen, weil sie nicht innerhalb der
gesetzlich festgestellten Zeit gemacht worden ist. Deswegen hat man auch sowohl
von Seiten der römischen Kirche als der Protestanten gesetzliche Vorurteile
bekannt machen können. Man hat darin das Mittel gefunden, sowohl den einen als
den anderen in gewisser Hinsicht Neuerungen vorzuwerfen, wie z.B. als die
Protestanten grösstenteils die Form der alten Weihungen der Geistlichen
verliessen, oder als die Römischen den alten Kanon der Bücher der Heiligen
Schrift Alten Testamentes veränderten. Dies habe ich ganz klar in einem Streit
bewiesen, welchen ich schriftlich und in Zwischenräumen mit dem Bischof von
Meaux, welchen man nach den vor einigen Tagen angelangten Nachrichten soeben
verloren hat, geführt habe. Da diese Vorwürfe also gegenseitig waren, so ist die
Neuerung, wenn sie gleich einigen Verdacht des Irrens in diesen Gegenständen
zulässt, doch nicht ein sicherer Beweis davon.
 
                                  Kapitel XVI.
                         Von den Graden der Zustimmung
    § 1. Philaletes. Was die Grade der Zustimmung anbetrifft, so muss man sich
hüten, die Wahrscheinlichkeitsgründe, welche man hat, darin nicht über diejenige
Stufe des Anscheins hinaus wirken zu lassen, welche man darin findet oder bei
vorgängiger Prüfung darin gefunden hat. Denn man muss zugeben, dass die Zustimmung
nicht immer auf einer wirklichen Einsicht in die den Geist bestimmenden Gründe
ruht, und selbst denen, welche ein bewundernswürdiges Gedächtnis haben, würde es
sehr schwer sein, immer alle die Beweise zu behalten, welche sie zu einer
gewissen Ansicht bestimmt haben, und die mitunter einen Band über eine einzige
Frage füllen konnten. Es genügt, dass sie die Sache einmal aufrichtig und
sorgfältig durchdacht und sozusagen die Rechnung gezogen haben. § 2. Sonst
müssten die Menschen sehr skeptisch sein oder in jedem Augenblick ihre Ansicht
ändern, um sich einem jeden hinzugeben, der die Frage vor kurzem geprüft hat und
ihnen neue Gründe vorlegt, auf die sie aus Mangel an Gedächtnis oder Musse zu
fleissiger Erwägung nicht gleich vollständig antworten können. § 3. Man muss
zugeben, dass dies die Menschen oft hartnäckig im Irren macht; der Fehler ist
aber, nicht dass sie sich auf ihr Gedächtnis verlassen, sondern dass sie früher
falsch geurteilt haben. Denn oft tritt bei den Menschen an die Stelle der
Prüfung und der Vernunft die Bemerkung, dass sie niemals anders gedacht haben.
Gewöhnlich aber sind diejenigen, welche ihre Meinungen am wenigsten geprüft
haben, denselben am meisten zugetan. Während nun löblich ist, dem, was man
gesehen hat, zugetan zu sein, ist es nicht immer so mit dem, was man geglaubt
hat, weil man irgend eine Erwägung ausgelassen haben kann, die alles umzustossen
imstande ist Und es gibt vielleicht niemand in der Welt, welcher die Musse, die
Geduld und die Mittel hätte, alle die Beweise der einen wie der anderen Seite
über die Streitfragen, welche seine Meinungen angehen, zu sammeln, um sie zu
vergleichen und so sicher zu schliessen, dass ihm für eine weitere Kenntnisnahme
nichts mehr zu wissen bleibt Die Sorge für unseren Lebensunterhalt und unsere
wichtigsten Interessen leidet indessen keinen Aufschub, und es ist durchaus
notwendig, dass unser Urteil über diejenigen Punkte, in denen wir zu einer
sicheren Erkenntnis zu gelangen unfähig sind, eine Entscheidung treffe.
    Teophilus. Alles, was Sie eben sagten, ist durchaus richtig und
stichhaltig. Indessen wäre es zu wünschen, dass die Menschen in manchen Fällen
schriftliche Entwürfe (in Form von Gedächtnisbüchern) der Gründe besässen, welche
sie zu irgend einer bedeutsamen Ansicht veranlasst haben, und welche sie in der
Folge noch oft vor sich oder anderen zu rechtfertigen genötigt sind. Obgleich es
übrigens in Rechtsangelegenheiten gewöhnlich nicht erlaubt ist, die ergangenen
Urteile umzustossen und die Rechnungen zu revidieren (sonst müsste man immerfort
in Unruhe sein, was um so unerträglicher sein würde, als man die Notizen aus der
Vergangenheit nicht immer bewahren kann), so wird mitunter auf Grund neuer
Entdeckungen zugelassen, dass man sich Gerechtigkeit verschaffe und sogar das
erlange, was man restitutio in integrum (Wiedereinsetzung in den dem Prozess
vorausgehenden Stand) gegenüber dem nennt, was angeordnet worden ist; ebenso
dürfen in unseren eigenen Angelegenheiten besonders bei sehr wichtigen
Gegenständen, wo es noch frei ist, sich zu binden oder zurückzuziehen, und es
unschädlich ist, die Ausführung aufzuschieben oder wenig zu fördern, die auf
Wahrscheinlichkeiten gegründeten Urteilssprüche unseres Innern niemals so in rem
judicatam übergehen, wie die Juristen sagen, d.h. als ein für allemal
feststehend gelten, so dass man nicht zur Revision des Gedankenzusammenhanges
geneigt wäre, wenn neue gewichtige Gründe sich dagegen darbieten. Ist es aber
keine Zeit mehr, zu überlegen, so muss man dem einmal gefällten Urteil mit so
viel Festigkeit folgen, als wenn es unfehlbar wäre, wenn auch nicht immer mit
gleicher Strenge.
    § 4. Philaletes. Da die Menschen also nicht vermeiden können, sich beim
urteilen dem Irrtum auszusetzen und verschiedene Ansichten zu hegen, wenn sie
die Sachen nicht von der gleichen Seite betrachten können, so müssen sie in
dieser Meinungsverschiedenheit untereinander den Frieden und die
Humanitätspflichten bewahren, ohne zu verlangen, dass ein anderer auf unsere
Einwendungen hin eine festgewurzelte Meinung sogleich umtauschen solle,
besonders wenn er sich vorzustellen Ursache hat, dass sein Gegner aus Interesse
oder Ehrgeiz oder aus irgend einem anderen besonderen Motiv handelt. Auch haben
sich häufig diejenigen, welche den anderen die Notwendigkeit auferlegen wollen,
sich ihren Ansichten zu fügen, die Dinge nicht wohl geprüft. Denn die, welche in
die Untersuchung so tief eingedrungen sind, um über den Zweifel hinauszukommen,
sind in so geringer Zahl und finden so wenig Veranlassung, andere zu verdammen,
dass man sich von ihrer Seite eines gewaltsamen Auftretens nicht zu versehen
braucht.
    Teophilus. Was man an den Menschen wirklich am meisten zu tadeln das Recht
hat, ist nicht ihre Meinung, sondern ihr verwegenes Urteil, die der anderen zu
tadeln, als ob man einfältig oder schlecht sein müsste, um andere wie sie zu
urteilen; es ist dies bei den Urhebern jener von ihnen im Publikum verbreiteten
Leidenschaften und Feindseligkeiten die Wirkung eines hochfahrenden und
unbilligen Gemütes, das zu herrschen wünscht und keinen Widerspruch dulden kann.
Damit ist nicht geleugnet, dass es nicht in Wahrheit gar oft Gelegenheit gibt,
die Meinungen anderer zu kritisieren, aber dies muss man im Geiste der Billigkeit
und des Mitleids für die menschliche Schwäche tun. Man hat allerdings recht,
gegen die schlimmen Lehren, welche auf die Sitten und die Ausübung der
Frömmigkeit Einfluss haben, Vorkehrungen zu treffen, aber ohne weitere Beweise
davon zu haben, soll man sie den Leuten nicht zum Verbrechen anrechnen. Wenn die
Billigkeit verlangt, die Person zu schonen, so macht es die Frömmigkeit zur
Pflicht darzutun, inwiefern ihre Dogmen eine schlimme Wirkung haben, wenn sie
schädlich sind, wie z.B. diejenigen, welche gegen die Vorsehung eines vollkommen
weisen, guten und gerechten Gottes und gegen die Unsterblichkeit der Seele sind,
welche sie für die Wirkungen seiner Gerechtigkeit empfänglich macht, um nicht
von anderen hinsichtlich der Moral und Politik gefährlichen Meinungen zu reden.
Ich weiss, dass vortreffliche und wohlgesinnte Männer behaupten, diese
teoretischen Meinungen hätten in der Praxis weniger Einfluss, als man denkt, und
weiss auch, dass es Leute von trefflichem Naturell gibt, die durch ihre Meinungen
niemals dahin kommen werden, etwas ihrer Unwürdiges zu tun, wie übrigens
diejenigen, welche durch die Spekulation zu dergleichen Irrtümern gekommen sind,
von Natur aus den Lasten ferner zu sein pflegen, für welche die grosse Masse der
Menschen empfänglich ist, während sie ausserdem noch für die Würde der Sekte, der
sie gleichsam als Häupter vorstehen, Sorge tragen müssen; und man kann sagen,
dass Epikur und Spinoza z.B. ein ganz exemplarisches Leben geführt haben. Aber
diese Gründe hören bei ihren Schülern oder Nachahmern meistens auf, welche, sich
von der unbequemen Furcht vor einer wachsamen Vorsehung und einer drohenden
Zukunft befreit glaubend, ihren tierischen Leidenschaften den Zügel schiessen
lassen und ihren Geist darauf richten, andere zu verführen und zu verderben; und
wenn sie ehrgeizig und von etwas hartem Naturell sind, so sind sie imstande, für
ihr Vergnügen oder ihren Vorteil die Welt an allen vier Ecken anzuzünden, wie
ich Leute dieses Schlages gekannt habe, welche der Tod entfernt hat. Ich finde
sogar, dass ähnliche Meinungen, wie sie sich nach und nach in das Gemüt der
Männer der vornehmen Welt, welche die anderen regieren und von denen die
Geschäfte abhangen, und in die gangbaren Schriften einschleichen, alle Dinge zu
der allgemeinen Revolution, mit der Europa bedroht ist, vorbereiten und damit
endigen, das zu zerstören, was noch in der Welt von den edlen Gesinnungen der
alten Griechen und Römer übrig ist, welche die Liebe zum Vaterland und zur
öffentlichen Wohlfahrt und die Sorge für die Zukunft dem Glück und seihst dem
Leben vorzogen. Jene public spirits, wie die Engländer sie nennen, nehmen
ausserordentlich ab und sind nicht mehr in der Mode; und sie werden noch mehr
aufhören, wenn sie nicht mehr durch die richtige Sittenlehre und die wahre
Religion, welche die natürliche Vernunft selbst uns lehrt, unterstützt sein
werden. Die Besten von entgegengesetztem Charakter, welcher zu herrschen
beginnt, haben kein anderes Prinzip mehr als das, was sie das der Ehre nennen.
Aber das Zeichen des ehrenhaften Mannes und des Mannes von Ehre bei ihnen ist
allein, keine Niederträchtigkeit, wie sie dieselbe verstehen, zu begehen. Und
wenn jemand für die Grösse oder aus Eigensinn Ströme Blutes vergösse, wenn er
alles kopfüber stürzte, so würde man das für nichts rechnen, und ein antiker
Herostrat oder ein Don Juan der Oper würde als Held gelten. Man spottet ganz
laut über die Liebe zum Vaterlande, man verlacht diejenigen, welche für das
öffentliche Wohl sorgen, und wenn irgend ein Wohlgesinnter von dem spricht, was
aus der Nachkommenschaft werden sollte, so antwortet man: kommt Zeit, kommt Rat.
Aber solchen Leuten könnte widerfahren, dass sie selbst die Übel erproben, welche
sie anderen aufbehalten wähnen. Wenn man jetzt noch von dieser epidemischen
Geisteskrankheit, deren schlimme Wirkungen sichtbar zu werden beginnen, sich
heilte, so könnte jenen Übeln vielleicht noch vorgebeugt werden, aber wenn sie
immer mehr wächst, so wird die Vorsehung die Menschen durch die Revolution
selbst, die daraus entstehen muss, strafend bessern, denn was auch geschehen
möge, so wird stets alles am Ende der Rechnung sich zum besten wenden, wenn
schon dies nicht ohne Züchtigung derer, welche durch ihre schlimmen Handlungen
selbst zum Guten beigetragen haben, geschehen darf und kann. Ich komme jedoch
von einer Abschweifung zurück, zu der mich die Betrachtung der schädlichen
Meinungen und des Rechtes, sie zu tadeln, geleitet hat. Da nun in der Teologie
die Zensuren noch viel weiter gehen als anderswo, und die, welche ihre
Rechtsgläubigkeit geltend machen, oft die Gegner verdammen, wogegen sich in
ihrer Partei selbst diejenigen setzen, welche von ihren Gegnern Synkretisten
genannt werden, so hat diese Meinung Bürgerkriege zwischen den Strenggläubigen
und den Nachgiebigen in einer und derselben Partei erregt. Da indessen denen,
welche anderer Meinung sind, die ewige Seligkeit abzusprechen ein Eingriff in
die Rechte Gottes ist, so verstehen dies die Weisesten unter den Verdammern nur
von der Gefahr, in welcher sie die irrenden Seelen zu sehen glauben, und
überlassen der besonderen Gnade Gottes diejenigen, deren Bosheit sie nicht
unfähig macht, jene Gnade zu empfangen, und glauben sich ihrerseits
verpflichtet, alle erdenkbaren Anstrengungen zu machen, um sie einem so
gefährlichen Zustand zu entreissen. Wenn diese Leute, welche so über die Gefahr
anderer urteilen, zu jener Ansicht nach einer angemessenen Prüfung gekommen
sind, und es kein Mittel gibt, sie ihres Irrtums zu überführen, so kann man ihr
Verfahren nicht tadeln, solange sie nur die Woge der Sanftmut wandeln. Aber
sobald sie weiter gehen, so heisst das die Gesetze der Billigkeit verletzen. Denn
sie müssen bedenken, dass andere, ebenso überzeugt wie sie, gerade soviel Recht
haben, ihre Ansichten aufrechtzuerhalten und selbst zu verbreiten, wenn sie
dieselben für wichtig halten. Man muss die Meinungen ausnehmen, welche Verbrechen
lehren: diese darf man nicht dulden, und man hat das Recht, sie auf dem Wege der
Strenge zu ersticken, selbst wenn derjenige, welcher sie vertritt, sich in
Wahrheit derselben nicht entschlagen kann, wie man das Recht hat, ein giftiges
Tier zu vertilgen, mag es auch ganz unschuldig sein. Ich spreche aber vom
Vertilgen der Sekte und nicht der Menschen, weil man sie verhindern kann, zu
schaden und Lehrsätze zu verbreiten.
    § 5. Philaletes. Um auf den Grund und die Grade der Zustimmung
zurückzukommen, so ist es am Platze, zu bemerken, dass es Sätze von zwei Arten
gibt: die einen betreffen Tatsachen, die, da sie von der Beobachtung abhangen,
auf ein menschliches Zeugnis gegründet werden können, die anderen sind
spekulativ und sind, da sie Dinge angehen, welche unsere Sinne nicht entdecken
können, eines ähnlichen Zeugnisses nicht fähig. § 6. Wenn eine einzelne Tatsache
unseren stets gleichbleibenden Beobachtungen und den einstimmigen Berichten
anderer entspricht, verlassen wir uns so fest darauf, als ob es eine sichere
Erkenntnis wäre, und wenn es dem Zeugnis aller Menschen in allen Jahrhunderten,
soweit es gekannt werden kann, entspricht, so ist dies der erste und höchste
Grad der Wahrscheinlichkeit, z.B. dass das Feuer erwärmt, dass das Eisen im Wasser
untersinkt. Unser auf solchen Gründen ruhender Glaube erhebt sich bis zur
Gewissheit. § 7. Zweitens, wenn alle Historiker erzählen, dass dieser oder jener
seinen eigenen Vorteil dem öffentlichen vorgezogen hat, so ist, da man
beobachtet hat, dass dies die Gewohnheit der meisten Menschen ist, eine solchen
Erzählungen gegebene Zustimmung ein Vertrauensakt. § 8. Drittens, wenn die Natur
der Dinge nichts entält, was dafür oder dagegen ist, so wird eine durch das
Zeugnis Unverdächtiger bezeugte Tatsache, z.B. dass ein Julius Caesar gelebt hat,
mit einem festen Glauben daran aufgenommen. Aber wenn die Zeugnisse dem
gewöhnlichen Naturlauf oder untereinander widersprechend sind, so können die
Wahrscheinlichkeitsgrade sich bis ins Unendliche vervielfältigen. Daher stammen
jene Grade, welche wir Glauben, Vermutung, Zweifel, Ungewissheit, Misstrauen
nennen, und da ist denn strenge Prüfung nötig, um ein richtiges Urteil zu bilden
und unsere Zustimmung den Graden der Wahrscheinlichkeit anzupassen.
    Teophilus. Die Juristen haben bei ihrer Behandlung der Beweise,
Präsumptionen, Konjekturen und Merkmale viel Richtiges über diesen Gegenstand
gesagt und sind viel auf das einzelne eingegangen. Sie beginnen mit dem
Ortskundigen (Notorischen), wobei man keinen Beweis nötig hat. Darauf kommen sie
zu den vollständigen Beweisen oder solchen, die dafür gelten, auf Grund deren
man, wenigstens in Zivilsachen, Entscheidungen ergehen lässt, aber bei anderen
Fällen in Kriminalsachen zurückhaltender ist. Man hat auch nicht unrecht, dafür
mehr als volle Beweise und namentlich je nach der Natur der Tatsache das zu
verlangen, was man corpus delicti nennt. Es gibt also mehr als volle Beweise und
auch gewöhnlich volle Beweise. Ferner gibt es Präsumptionen (Annahmen), welche
als vorläufig vollständige Beweise gelten d.h. so lange, als das Gegenteil nicht
nachgewiesen ist. Ferner gibt es mehr als halb volle Beweise (eigentlich zu
reden), wo man dem, der sich darauf stützt, zu schwören erlaubt, um sie zu
vervollständigen; dies ist das juramentum suppletorium. Es gibt dann wieder
andere weniger als halb volle Beweise, wo man ganz im Gegenteil denjenigen zum
Reinigungseid lässt, welcher die Tatsache leugnet; dies ist das juramentum
purgationis. Ausserdem gibt es noch viele Grade von Konjekturen und Merkmalen.
Und besonders gibt es in Kriminalsachen Merkmale (ad torturam), um zur
peinlichen Frage zu schreiten (welche selbst wieder ihre durch die
Verhaftungsformeln bezeichneten Grade hat); es gibt Merkmale (ad terrendum), bei
welchen es hinreicht, die Marterinstrumente sehen zu lassen und die Tortur
vorzubereiten, als ob man dazu schreiten wollte. Es gibt deren (ad capturam), um
sich eines Verdächtigen zu versichern, und (ad inquirendum) um sich unter der
Hand und ohne Aufheben zu unterrichten. Diese Unterschiede können auch bei
anderen entsprechenden Gelegenheiten brauchbar sein, und das ganze
Gerichtsverfahren in der Justiz ist in der Tat nichts anderes als eine auf die
Rechtsfragen angewendete Art Logik. Auch die Ärzte haben eine Menge Grade und
Unterschiede ihrer Symptome und Indikationen, welche man in ihren Büchern
nachsehen kann. Die Matematiker unserer Zeit haben bei Gelegenheit der Spiele
angefangen, die Glückschancen abzuschätzen. Der Ritter de Meré, dessen »
Belustigungen« und andere Werke gedruckt sind, ein Mann von durchdringendem
Geist, der ein Spieler und Philosoph war, gab dazu Veranlassung, indem er Fragen
aber die Partien aufstellte, um zu erfahren, was das Spiel, wenn es in diesem
oder jenem Punkte unterbrochen würde, wert sei. Er veranlasste dadurch seinen
Freund Pascal, diese Dinge ein wenig zu untersuchen. Die Frage machte Lärm und
gab Huygens Gelegenheit, seinen Traktat de Alea (über das Würfelspiel)
abzufassen. Andere Gelehrte nahmen gleichfalls teil. Man setzte einige
Grundregeln fest, die auch der Ratspensionär de Wit in einer Meinen, auf
Holländisch geschriebenen Abhandlung über die lebenslänglichen Renten benutzte.
    Der Grund, auf welchem man gebaut hat, kommt auf die Prostaphaeresis d.h.
darauf zurück, dass man zwischen mehreren gleich annehmbaren Voraussetzungen ein
aritmetisches Mittel nimmt, dessen sich unsere Bauern schon lange mit ihrer
natürlichen Matematik bedient haben. Wenn z.B. eine Erbschaft oder ein Landgut
verkauft werden soll, bilden sie drei Gruppen von Abschätzern; diese Gruppen
werden im Niedersächsischen Schurzen genannt, und jede davon macht eine
Abschätzung des fraglichen Gutes. Setzen wir, dass die eine es zu dem Werte von
1000 Tlr., die andere zu 1400 Tlr., die dritte zu 1500 Tlr. schätzt, so nimmt
man die Summe dieser drei Abschätzungen mit 3900 und davon, weil drei Gruppen
gewesen sind, den dritten Teil, der für den verlangten Mittelwert 1300 ist,
oder, was dasselbe ist, man nimmt die Summe des dritten Teils jeder Schätzung.
Das ist der Grundsatz aequalibus aequalia (Gleiches für Gleiches) - bei gleichen
Voraussetzungen muss man gleiche Folgerungen machen. Wenn aber die
Voraussetzungen ungleich sind, vergleicht man sie miteinander. Vorausgesetzt
z.B., dass mit zwei Würfeln der eine Spieler gewinnen soll, wenn er 7 Punkte hat,
der andere, wenn er 9 hat, so fragt sich: welches Verhältnis findet zwischen
ihren Wahrscheinlichkeiten zu gewinnen statt? Ich antworte, dass die
Wahrscheinlichkeit für den letzteren nur zwei Drittel der Wahrscheinlichkeit für
den ersteren wert ist, denn mit zwei Würfeln kann der erstere 7 auf drei Arten
machen, nämlich mit 1 und 6 oder 2 und 5 oder 3 und 4; und der andere kann 9 nur
auf zwei Arten machen, indem er entweder 3 und 6 oder 4 und 5 wirft. Und alle
diese Würfe sind gleich möglich. Also werden die Wahrscheinlichkeiten, welche
wie die Zahlen der gleichen Möglichkeiten sind, sich wie 3 zu 2, oder wie 1 zu
2/3 verhalten. Ich habe mehr als einmal gesagt, dass eine neue Art Logik nötig
sein würde, welche die Wahrscheinlichkeitsgrade behandeln müsste, da Aristoteles
in seiner Topik nichts weniger als das gemacht, sich vielmehr begnügt hat,
gewisse leichtfassliche, nach den Gemeinplätzen eingeteilte Regeln in eine
gewisse Ordnung zu bringen, die in den Fällen dienen können, wo es sich darum
handelt, den Vortrag zu erweitern und ihm einige Wahrscheinlichkeit zu geben,
ohne sich zu bemühen, den notwendigen Massstab zur Abwägung der
Wahrscheinlichkeiten und zur Bildung eines gründlichen Urteils darüber
hinzuzufügen. Gut wäre es, wenn derjenige, welcher diesen Gegenstand behandeln
wollte, die Prüfung der Hazardspiele fortsetzte, und überhaupt möchte ich
wünschen, dass ein geschickter Matematiker ein grosses, weitläufiges und recht
gründliches Werk über alle Arten von Spielen machen wollte. Dies würde von
grossem Nutzen sein, um die Erfindungskunst zu vervollkommnen, da der menschliche
Geist sich mehr in den Spielen als in den ernsteren Gegenständen zeigt.
    § 10. Philaletes. Das Gesetz Englands beobachtet die Regel, dass die
Abschrift eines Gesetzesaktes, welche durch Zeugen als autentisch anerkannt
worden ist, ein guter Beweis ist, dass aber die Abschrift einer Abschrift, möge
sie auch noch so beglaubigt sein und zwar durch die glaubwürdigsten Zeugen, vor
Gericht niemals als Zeugnis zugelassen wird. Ich habe noch niemand diese weise
Vorsicht tadeln hören. Wenigstens kann man die Bemerkung daraus ziehen, dass ein
Zeugnis in dem Masse weniger Kraft hat, als es von der ursprünglichen Wahrheit
sich entfernt, die in der Sache selbst besteht, während freilich bei manchen
Leuten man ein schnurstracks entgegengesetztes Verfahren angewendet findet. Die
Meinungen erhalten durch das Altwerden Kraft, und was vor tausend Jahren einem
vernünftigen Zeitgenossen dessen, welcher es zuerst bezeugt hat, nicht
wahrscheinlich vorgekommen sein würde, gilt gegenwärtig für gewiss, weil es
mehrere auf jenes Zeugnis hin nacherzählt haben.
    Teophilus. Die Kritiker im historischen Fach legen grosses Gewicht auf die
zeitgenössischen Zeugen der Begebenheiten, indessen verdient selbst ein
Zeitgenosse besonders nur hinsichtlich der öffentlichen Angelegenheiten Glauben;
spricht er aber von Motiven, Geheimnissen, verborgenen Triebfedern und
streitigen Dingen, wie z.B. von Vergiftungen, Mordtaten, so erfährt man
wenigstens, was mehrere geglaubt haben. Procopius ist sehr glaubwürdig, wenn er
vom Krieg des Belisar gegen die Vandalen und Goten spricht; wenn er aber in
seinen Anecdota schlimme Lästerreden gegen die Kaiserin Teodora auftischt, so
mag sie glauben, wer will. Man muss im allgemeinen sehr zurückhaltend sein, den
Satiren zu glauben; wir kennen deren, welche man zu unserer Zeit veröffentlicht
hat, und die, wenngleich aller Wahrscheinlichkeit entgegen, dennoch von den
Unwissenden gierig verschlungen worden sind. Und vielleicht wird man noch einmal
sagen: Ist's möglich, dass man solche Dinge zu jener Zeit zu veröffentlichen
gewagt haben würde, wenn nicht irgend ein Wahrscheinlichkeitsgrund dafür war?
Aber wenn man dies einmal sagt, wird man sehr falsch urteilen. Indessen ist die
Welt geneigt, sich der Satire hinzugeben, und um nur ein Beispiel davon
anzuführen, so haben, nachdem der verstorbene Mr. du Maurier Sohn in seinen vor
einigen Jahren gedruckten Memoiren der Wahrheit zuwider in den Tag hinein
gewisse schlecht begründete Dinge gegen den unvergleichlichen Hugo Grotius,
schwedischen Gesandten in Frankreich, veröffentlicht hat - gegen das Andenken
dieses berühmten Freundes seines Vaters durch irgend einen Umstand
augenscheinlich aufgebracht - so haben, sage ich, viele Schriftsteller, wie ich
bemerkt habe, dies wiederholt, obwohl die Staatshandlungen und Briefe des grossen
Mannes hinlänglich das Gegenteil zeigen. Man geht sogar so weit, in der
Geschichte Romane zu schreiben, und der, welcher zuletzt ein Leben von Cromwell
angefertigt hat, hielt es für erlaubt, um den Gegenstand auszuschmücken, indem
er von dem damals noch privaten Leben des gescheiten Usurpators sprach, ihn nach
Frankreich reisen zu lassen, wohin er ihm in die Wirtshäuser von Paris folgt,
als ob er sein Reisemarschall gewesen wäre. Es geht jedoch auch aus der von
Carrington geschriebenen Geschichte Cromwells hervor, dass dieser niemals die
britischen Inseln verlassen hat; Carrington war aber wohl unterrichtet und mit
Cromwells Sohn Richard, als er noch den Protektor machte, vertraut. Vor allem
sind Einzelheiten wenig sicher. Man hat fast gar keine guten Beschreibungen von
Schlachten; die meisten derselben im Titus Livius scheinen aus der Phantasie
geschöpft zu sein, ebenso wie die des Quintus Curtius. Man müsste von beiden
Parteien die Berichte genauer und fähiger Männer haben, die sogar Pläne
entwerfen müssten, wie diejenigen, welche der Graf Dahlberg, welcher schon mit
Auszeichnung unter König Karl Gustav von Schweden gedient hatte und als
Generalgouverneur von Livland Riga vor kurzem verteidigt hat, über die
Kriegstaten und Schlachten dieser Fürsten stechen liess.
    Man muss indessen nicht gleich einen guten Geschichtschreiber um eines Wortes
irgend eines Fürsten oder Ministers willen, der bei irgend einer Gelegenheit
gegen ihn auftritt, oder wegen irgend eines Punktes verschreien, der nicht
gefällt und allerdings vielleicht irgend einen Fehler entält. Man erzählt, dass
Karl der Fünfte, wenn er sich etwas aus Sleidan vorlesen lassen wollte, sagte:
Bringt mir meinen Lügner, und dass Carlowiz, ein in jener Zeit wohl bewanderter
sächsischer Edelmann, erklärte, die Geschichte Sleidans zerstöre bei ihm alle
die gute Meinung, welche er von den alten Geschichten gehabt habe. Dies, sage
ich, darf bei wohlunterrichteten Personen von keinem Gewicht sein, um das
Ansehen der Sleidanschen Geschichte umzustürzen, deren bester Teil aus den
Staatsakten der Reichstage und Versammlungen und aus durch die Fürsten
beglaubigten Staatsschriften zusammengesetzt ist. und wenn noch der geringste
Zweifel darüber bleiben sollte, so wird er gerade jetzt durch die ausgezeichnete
Geschichte meines berühmten Freundes, des verstorbenen Herrn von Seckendorf,
gehoben, bei dem ich indessen mich nicht entalten kann, den Ausdruck
»Lutertum« auf dem Titel zu missbilligen, den eine schlechte Gewohnheit in
Sachsen zu Ansehen gebracht hat. Dort wird das meiste durch zahllose, aus den
sächsischen Archiven gewonnene Beweisstücke, welche er zur Verfügung hatte,
gerechtfertigt, mag auch der Bischof von Meaux, der dabei angegriffen wird, und
dem ich das Bach schickte, mir antworten, es sei von einer fürchterlichen
Weitschweifigkeit. Ich wünschte nur, dass es in demselben Verhältnis zweimal
grösser wäre. Je weitläufiger es ist, desto mehr müsste es Gelegenheit geben, sich
mit ihm zu beschäftigen, da man nur zu wählen brauchte, wo man anfinge; auch
gibt es sonst sehr geschätzte historische Werke, welche noch viel grösser sind.
    Übrigens verachte man nicht immer die Schriftsteller, welche nach der Zeit,
von der sie sprechen, gelebt haben, wenn nur, was sie erzählen, auch sonst
bestätigt wird. Mitunter kommt es auch vor, dass sie die ältesten Stücke
aufbewahren. Man war z.B. in Ungewissheit, aus welcher Familie Suibert, Bischof
von Bamberg, nachher Papst unter dem Namen Clemens II., stammte. Ein anonymer
braunschweigischer Geschichtschreiber, der im 14. Jahrhundert gelebt hat, hatte
seine Familie genannt, aber die in unserer Geschichte bewanderten Gelehrten
hatten darauf keine Rücksicht genommen. Ich habe aber eine viel ältere noch
ungedruckte Chronik gehabt, wo dasselbe mit mehr Einzelheiten gesagt ist, woraus
hervorgeht, dass er von der Familie der alten Feudalherren von Homburg (in der
Nähe von Wolfenbüttel) stammte, deren Land durch den letzten Besitzer dem
Halberstädter Dom geschenkt wurde.
    § 11. Philaletes. Man soll auch nicht von mir glauben, dass ich das Ansehen
und den Nutzen der Geschichte durch meine Bemerkung habe herabsetzen wollen. Aus
dieser Quelle erhalten wir mit überzeugender Klarheit einen grossen Teil der uns
nützlichen Wahrheiten. Ich kenne nichts Schätzenswerteres, als die aus dem
Altertum uns übrig gebliebenen Memoiren, und wollte gern, dass wir deren noch
eine grössere Zahl und weniger verfälschte hätten. Aber es bleibt immer wahr, dass
keine Abschrift sich über die Gewissheit der ersten Urschrift erhebt.
    Teophilus. Wenn man nur einen alten Schriftsteller als Gewährsmann einer
Tatsache hat, so fügen sicherlich alle diejenigen, welche ihn ausgeschrieben
haben, demselben kein Gewicht hinzu oder müssen vielmehr für nichts gerechnet
worden. Dies muss sich dann ganz ebenso verhalten, als ob das von ihnen Bemerkte
zur Zahl der hapax legomena gehörte, dessen, was nur einmal gesagt worden ist,
worüber Menagius ein Buch verfassen wollte. Wenn hunderttausend kleine
Schriftsteller die Schmähreden Bolsecs z.B. wiederholen wollten, würde auch
heute noch ein vernünftiger Mensch sich ebensowenig daran kehren als an das
Geschrei der Sperlinge. Juristen haben de fide historica (über die historische
Glaubwürdigkeit) geschrieben, aber dieser Gegenstand verdiente eine tiefer
eingehende Untersuchung, und einige von jenen Schriftstellern sind zu
nachsichtig gewesen. Was das hohe Altertum betrifft, so sind einige der
hervorstechendsten Tatsachen zweifelhaft. Gescheite Leute haben mit Grund
gezweifelt, ob Romulus der erste Gründer der Stadt Rom gewesen ist. Man streitet
über den Tod des Cyrus, und ausserdem hat der Widerspruch zwischen Herodot und
Ktesias über die Geschichte der Assyrier, Babylonier und Perser Ungewissheit
verbreitet. Die von Nebukadnezar, von Judit und selbst diejenige des Ahasveros
aus dem Buch Ester leidet an grossen Schwierigkeiten. Die Römer widersprechen
mit ihrer Geschichte vom Gold von Toulouse dem, was sie über die Niederlage der
Gallier durch Camillus erzählen. Vor allem verdient die eigene und private
Geschichte der Völker keinen Glauben, wenn sie nicht sehr alten Quellenschriften
entnommen ist und mit der allgemeinen Geschichte übereinstimmt. Darum gilt
alles, was man uns von den alten deutschen, gallischen, britischen,
schottischen, polnischen und anderen Königen erzählt, mit Recht für fabelhaft.
Jener Trebeta, Ninus' Sohn, Gründer von Trier, jener Brutus, der Stammvater der
Britonen oder Briten, sind gerade so viel wert als die Amadis. Die aus
Romanschreibern hergeholten Erzählungen, welche Tritemius, Aretin und selbst
Albin und Sifrid Petri über die alten Fürsten der Franken, Bojer, Sachsen,
Friesen aufzutischen sich die Freiheit genommen haben, und das, was Saxo
Grammaticus und die Edda uns von den fernsten nordischen Altertümern erzählen,
kann nicht mehr Gewicht haben, als was Kadlubko, der erste polnische
Geschichtschreiber, von einem ihrer Könige erzählt, welcher Eidam des Julius
Cäsar gewesen sein soll.
    Wenn aber die Erzählungen verschiedener Völker sich in den Fällen begegnen,
wo es keinen Anschein hat, dass der eine den anderen abgeschrieben habe, so ist
das ein bedeutendes Zeichen für die Wahrheit Solcher Art ist die Übereinstimmung
des Herodotus mit der Geschichte im Alten Testament in vielen Fällen, wenn er
z.B. von der Schlacht von Megiddo zwischen dem Könige von Ägypten und den
Syriern Palästinas spricht d.h. den Juden, wo nach dem Bericht der Heiligen
Schrift, welche wir von den Hebräern haben, der König Josias tödlich verwundet
wurde. Auch die Übereinstimmung der arabischen, persischen, türkischen mit den
griechischen, römischen und anderen abendländischen Schriftstellern ist denen,
welche den Tatsachen nachforschen, sehr willkommen, wie denn auch die Zeugnisse,
welche die aus dem Altertum übrigen Münzen und Inschriften den auf uns
gekommenen antiken Schriftstellern geben, und die im Grunde Abschriften von
Abschriften sind. Was die Geschichte von China uns noch lehren wird, bleibt
abzuwarten, bis wir besser imstande sein werden, darüber zu urteilen, und sie
sich Glauben verschafft haben wird.
    Der Nutzen der Geschichte besteht hauptsächlich in dem Genuss, den Ursprung
der Völker zu erkennen; dass man ferner denen, welche sich um die übrige
Menschheit wohl verdient gemacht haben, Gerechtigkeit widerfahren lässt; in der
Gründung einer historischen Kritik und vor allem der heiligen Geschichte, welche
das Fundament der Offenbarung bildet, und endlich (wenn wir die Genealogien und
Fürsten, wie Potentatenrechte beiseite setzen) in den nützlichen Unterweisungen,
welche die Beispiele uns liefern. Ich halte es nicht für überflüssig, die
Altertümer bis auf die kleinsten Kleinigkeiten genau zu untersuchen, denn
mitunter kann die von den Kritikern daraus gezogene Kenntnis zu den wichtigsten
Dingen nützen. Ich stimme z.B. ganz damit überein, dass man sogar die gesamte
Geschichte der Kleidungen und der Schneiderkunst von den Anzügen der hebräischen
Hohenpriester oder, wenn man will, von den Pelzröcken aus, die Gott den ersten
Ehegatten bei ihrem Abschiede aus dem Paradiese gab, bis zu den Fontangen und
Falbalas unserer Zeit schreibe, und dass man dem alles hinzufüge, was man aus den
alten Skulpturen und den seit einigen Jahrhunderten gemachten Gemälden gewinnen
kann. Auf Verlangen würde ich sogar die Memoiren eines Augsburgers aus dem
verflossenen Jahrhundert liefern, der sich mit allen den Kleidern, welche er
seit seiner Kindheit bis zum dreiundsechzigsten Jahre trug, gemalt hat. Auch hat
mir jemand erzählt, dass der verstorbene Herzog von Aumont, ein grosser Kenner der
schönen Altertümer, eine ähnliche Merkwürdigkeit gehabt hat. Dies würde
vielleicht dazu dienen, die wirklichen Altertümer von denen, die es nicht sind,
zu unterscheiden, von manchem anderen Nutzen nicht zu reden. Und weil es den
Menschen zu spielen erlaubt ist, so würde es ihnen auch erlaubt sein, sich mit
dieser Art von Arbeiten, wenn die wesentlichen Pflichten nicht darunter leiden,
zu unterhalten. Aber ich wünschte auch, dass es Leute gäbe, die sich besonders
darauf legten, das Nützlichste aus der Geschichte zu ziehen, wie z.B.
ausserordentliche Beispiele von Tugend, Bemerkungen über die Bequemlichkeiten des
Lebens, politische und Kriegslisten. Auch möchte ich, dass man eigens eine Art
von Universalgeschichte gründete, die nur solche Sachen anmerkte und einige
andere von der höchsten Wichtigkeit; denn mitunter kann man ein grosses
Geschichtsbuch lesen, gelehrt, gut geschrieben, dem Zwecke des Verfassers selbst
entsprechend und ausgezeichnet in seiner Art, aber das keine nützlichen
Unterweisungen entält, unter denen ich hier aber nicht blosse Tugendlehren
verstehe, von denen das Teatrum vitae humanae und andere solche Blumenlesen
angefüllt sind, sondern Geschicklichkeiten und Kenntnisse, an welche im Notfall
niemand gleich denken würde. Auch wünschte ich, dass man aus den Büchern der
Reisenden möglichst viele Dinge dieser Art zöge, aus denen man Nutzen gewinnen
könnte, und dass man sie nach der Ordnung der Gegenstände mitteilte. Aber
erstaunlicherweise vergnügen sich die Menschen, während so viel Nützliches zu
tun bleibt, fast immer nur mit dem, was schon getan ist, oder mit blossem
Unnützlichem oder wenigstens mit dem, was am unbedeutendsten ist; und dagegen
sehe ich kein Mittel, bis die öffentliche Meinung sich bei ruhigeren Zeiten mehr
darein mischen wird.
    § 12. Philaletes. Ihre Abschweifungen gewähren so viel Vergnügen wie
Vorteil. Von den Wahrscheinlichkeiten der Tatsachen wollen wir aber zu denen der
Meinungen über die nicht sinnenfälligen Dinge übergehen. Diese sind keines
Zeugnisses fähig; z.B. über das Dasein und Wesen der Geister, Engel, Dämonen
usw., über die körperlichen Stoffe, welche auf den Planeten und anderen
Wohnplätzen des grossen Weltgebäudes vorkommen, endlich über die Wirkungsart der
meisten Werke der Natur, und alles dessen, was wir nur mit Vermutungen erfassen
können, wobei die Analogie die grosse Wahrscheinlichkeitsregel ist. Denn da sie
nicht bezeugt werden können, so können sie nur insofern wahrscheinlich sein, als
sie mit den feststehenden Wahrheiten mehr oder weniger übereinkommen. Wenn die
starke Reibung zweier Körper Wärme und selbst Feuer hervorbringt, wenn die
Refraktionen durchscheinender Körper Farben erscheinen lassen, so schliessen wir,
dass das Feuer in einer heftigen Bewegung unsichtbarer Stoffteilchen bestehe, und
dass die Farben, deren Ursprung wir nicht bemerken, aus einer ähnlichen
Refraktion stammen; und wenn wir finden, dass in allen Teilen der Schöpfung eine
stufenweise Verknüpfung herrscht, welche ohne irgend eine beträchtliche Lücke
unter sich der menschlichen Beobachtung unterworfen sind, so haben wir alle
Ursache zu denken, dass die Dinge sich auch nach und nach und in unmerklichem
Grade zur Vollkommenheit erheben. Es ist schwer zu sagen, wo das Empfindende und
Vernünftige beginnt, und welches die tiefste Stufe der lebenden Wesen ist,
gerade wie in einem regelmässigen Regel die Grösse zu oder abnimmt. Zwischen
manchen Menschen und manchen Tieren gibt es einen ausserordentlichen Unterschied,
aber wenn wir den Verstand und die Fähigkeit mancher anderen Menschen und
mancher Tiere vergleichen wollten, würden wir darin so wenig unterschied finden,
dass es sehr schwer wäre, sich zu vergewissern, ob der Verstand dieser Menschen
stärker oder umfassender sei als solcher Tiere. Wenn wir also eine solche
unmerkliche Steigerung zwischen den Teilen der Schöpfung vom Menschen bis zu den
niedrigsten Teilen, die unter ihm sind, bemerken, so lässt uns die Regel der
Analogie als wahrscheinlich betrachten, dass es eine ähnliche Steigerung in den
Dingen gibt, die über uns und ausserhalb des Gesichtskreises unserer
Beobachtungen sind; und diese Art von Wahrscheinlichkeit ist die grosse Grundlage
vernunftgemässer Hypotesen.
    Teophilus. Auf Grund dieser Analogie urteilt Huygens in seinem
Cosmoteoros, dass der Zustand der anderen Hauptplaneten dem des unsrigen ganz
ähnlich sei, ausgenommen, dass der verschiedene Abstand der Sonne Verschiedenheit
verursachen muss, und darüber hat Herr von Fontenelle, welcher schon früher seine
geistvollen und gelehrten Unterhaltungen über die Mehrheit der Welten
herausgegeben hatte, hübsche Dinge gesagt und die Kunst erfanden, einen
schwierigen Gegenstand angenehm zu machen. Man möchte beinahe sagen, dass es in
Harlekins Mondreiche ganz wie hier zugeht. Allerdings urteilt man von den
Monden, welche bloss Trabanten sind, ganz anders als von den Hauptplaneten.
Kopier hat ein kleines Buch hinterlassen, das über den Zustand des Mondes eine
sinnreiche Erdichtung entält, und ein Engländer von Geist hat die spasshafte
Beschreibung von einem Spanier (seiner Erfindung) gegeben, den die Zugvögel nach
dem Monde entführten, Cyranos nicht zu erwähnen, der diesen Spanier nachher
holen ging. Einige geistreiche Leute, die vom anderen Leben ein schönes Bild
geben wollten, lassen die seligen Geister von Welt zu Welt herumspazieren, und
unsere Einbildungskraft findet darin einen Teil der schönen Beschäftigungen,
welche man den Geistern zuschreiben kann. Aber welche Mühe sie sich auch geben
mag, so zweifle ich doch, dass sie ihren Zweck erreichen kann, wegen des grossen
Abstandes zwischen uns und jenen Geistern und deren grosser Mannigfaltigkeit. Und
bis wir Brillen erfinden, welche Descartes uns in Aussicht stellte, um Teile der
Mondscheibe nicht grösser als unsere Häuser zu unterscheiden, können wir nicht
bestimmen, was auf einer von der unsrigen verschiedenen Weltkugel vor sich geht.
Nützlicher und wahrheitsgemässer würden unsere Vermutungen über die inneren Teile
irdischer Körper sein.
    Ich hoffe, man wird in vielen Fällen über die blosse Vermutung hinauskommen,
und glaube schon jetzt, dass wenigstens die heftige Bewegung der Teile des
Feuers, welche wir soeben besprochen haben, nicht unter diejenigen Dinge
gerechnet werden darf, die nur wahrscheinlich sind. Schade, dass die Hypotese
Descartes' über die innere Bildung des sichtbaren Metalls sich durch die seitdem
gemachten Untersuchungen und Entdeckungen so wenig bestätigt hat, oder dass
Descartes nicht 50 Jahre später gelebt hat, um uns eine ebenso geistvolle
Hypotese auf Grund der jetzigen Kenntnisse zu geben, wie die, welche er auf
Grund der Kenntnisse seiner Zeit gab.
    Was die gradweise Verknüpfung der Arten anbetrifft, so haben wir darüber in
einer früheren Unterredung schon etwas gesagt, wo ich bemerkte, dass schon
Philosophen über Lücken in den Formen oder Arten Betrachtungen angestellt haben.
Alles geht in der Natur stufenweise und nichts sprungweise vor sich, eine Regel
hinsichtlich der Veränderungen, die einen Teil meines Gesetzes der Kontinuität
ausmacht. Die Schönheit der Natur aber, welche deutliche Wahrnehmungen will,
fordert scheinbare Sprünge und sozusagen musikalische Intervalle in den
Erscheinungen, und findet ihre Lust daran, die Arten zu vermischen. So hat die
Natur, wenngleich es in irgend einer anderen Welt mittlere Arten zwischen Mensch
und Tier (je nachdem man den Sinn dieser Worte nimmt) geben mag, und es
wahrscheinlich irgendwo vernunftbegabte Wesen, die über uns stehen, gibt, es für
gut befunden, sie von uns fernzuhalten, um uns die unstreitige Überlegenheit zu
geben, welche wir auf unserem Erdball haben. Ich rede von den Mittelarten und
will mich hier nicht auf die menschlichen Individuen, welche sich den Tieren
nähern, einlassen, weil dabei offenbar nicht ein Mangel an Vermögen, sondern ein
Hindernis der Ausübung ist, dergestalt, dass ich glaube, der einfältigste Mensch
(der nicht durch Krankheit oder durch einen anderen, der Krankheit gleichen,
dauernden Fehler in einem naturwidrigen Zustande sich befindet) sei
unvergleichlich viel vernünftiger und gelehriger als das klügste aller Tiere,
obwohl man mitunter aus Scherz das Gegenteil behauptet. Übrigens billige ich
sehr die Erforschung der Analogien: die Pflanzen, Insekten und die vergleichende
Anatomie der Tiere werden uns deren mehr und mehr liefern, besonders wenn man
fortfahren wird, sich des Mikroskops noch mehr als bisher zu bedienen. Und in
noch allgemeinerem Sinne wird man finden, dass meine Ansichten über die überall
verbreiteten Monaden, über ihre endlose Dauer, über die Erhaltung des lebendigen
Wesens mit der Seele, über die in einem gewissen Zustand kaum noch
hervortretenden Wahrnehmungen, wie der Tod der einfachen Tiere ein solcher ist,
über die der Vernunft gemäss den Geistern zuzuschreibenden Körper, über die
Übereinstimmung der Seelen und der Körper, der zufolge ein jeder seinen eigenen
Gesetzen vollkommen folgt, ohne durch den anderen gestört zu werden, und ohne
dass Freiheit und Unfreiheit dabei unterschieden zu werden brauchen, man wird,
sage ich, finden, dass alle diese Ansichten ganz und gar der Analogie der von uns
bemerkten Dinge entsprechen, und ich sie nur über unsere Beobachtungen hinaus
ausdehne, ohne sie auf bestimmte Teile des Stoffes oder auf bestimmte Arten der
Tätigkeit zu beschränken, und dass dabei kein anderer Unterschied obwaltet, als
der des Grösseren und Kleineren, des Wahrnehmbaren und nicht Wahrnehmbaren.
    § 13. Philaletes. Nichtsdestoweniger gibt es einen Fall, wo wir der durch
die Erfahrung erkannten Analogie der natürlichen Dinge weniger Glauben schenken,
als dem entgegengesetzten Zeugnisse einer auffallenden, sich davon entfernenden
Tatsache. Denn wenn übernatürliche Begebenheiten den Zwecken desjenigen, welcher
den Lauf der Natur zu verändern die Macht hat, entsprechen, so haben wir keinen
Grund, den Glauben daran zu verweigern, wenn sie wohl bezeugt sind, und das ist
der Fall bei den Wundern, welche nicht allein durch sich selbst Glauben finden,
sondern ihn auch anderen Wahrheiten mitteilen, die einer solchen Bestätigung
bedürfen. § 14. Endlich gibt es ein Zeugnis, welches über jede andere Zustimmung
hinausgeht, das ist die Offenbarung also die Bezeugung Gottes, der weder
täuschen noch getäuscht werden kann, und die ihr erteilte Beistimmung nennen wir
Glauben, welcher allen Zweifel ebenso vollständig ausschliesst wie die gewisseste
Erkenntnis. Aber der Punkt ist, überzeugt zu sein, dass die Offenbarung göttlich
ist, und zu wissen, dass wir deren wahren Sinn begreifen, sonst setzt man sich
dem Fanatismus und den Irrtümem einer falschen Auslegung aus, und wenn das
Vorhandensein und der Sinn der Offenbarung nur wahrscheinlich ist, so kann die
Beistimmung keine grössere Wahrscheinlichkeit haben, als die, welche sich in den
Beweisen vorfindet. Aber davon wollen wir noch weiter sprechen.
    Teophilus. Die Teologen unterscheiden zwischen den Motiven der
Glaubhaftigkeit, wie sie sie nennen, nebst der natürlichen Zustimmung, die
daraus hervorgehen muss und nicht mehr Wahrscheinlichkeit haben kann, als diese
Motive, und zwischen der übernatürlichen Zustimmung, welche eine Wirkung der
göttlichen Gnade ist. Man hat eigene Bücher über die Analyse des Glaubens
verfasst, die nicht ganz miteinander übereinstimmen; aber da wir in der Folge
davon reden werden, so will ich jetzt nicht vorwegnehmen, was wir an seinem Orte
darüber zu sagen haben werden.
 
                                 Kapitel XVII.
                                Von der Vernunft
    § 1. Philaletes. Ehe wir vom Glauben besonders reden, wollen wir von der
Vernunft handeln. Sie bezeichnet mitunter klare und wahrhafte Grundsätze,
mitunter aus diesen Grundsätzen gezogene Schlüsse und mitunter die Ursache und
insbesondere die Zweckursache. Hier wollen wir sie als ein Vermögen betrachten,
durch das, wie vorausgesetzt wird, der Mensch sich von den Tieren unterscheidet
und worin er sie offenbar bedeutend übertrifft. Wir haben ihrer nötig, sowohl um
unsere Erkenntnis zu erweitern, als um unsere Meinung zu regeln, und sie bildet
wohlverstanden zwei Vermögen, welche da sind der Scharfsinn, um die
Mittelvorstellungen zu finden, und das Vermögen, Schlüsse zu ziehen oder zu
schliessen. Ferner können wir bei der Vernunft folgende vier Stufen in Betracht
ziehen: 1) die Entdeckung der Beweise, 2) die Anordnung derselben, welche deren
Verbindung zeigt, 3) das Innewerden der Verbindung in jedem Teile der
Beweisführung, 4) das Ziehen des Schlusses daraus. Diese Stufen kann man bei den
matematischen Beweisen beobachten.
    Teophilus. Vernunft ist die erkannte Wahrheit, deren Zusammenhang mit einer
anderen weniger bekannten bewirkt, dass wir der letzteren beistimmen. Aber
besonders und vorzugsweise nennt man das Vernunftgrund, was nicht nur die
Ursache unseres Urteils, sondern auch der Wahrheit selbst ist, was man auch
Grund a priori nennt; und die Ursache in den Dingen entspricht dem (Vernunft-)
Grunde in den Wahrheiten. Darum wird die Ursache oft seihst (Vernunft-) Grund
genannt, und in diesem Sinne gebrauchen Sie den Ausdruck hier. Dies Vermögen
(der Vernunft) nun ist hienieden dem Menschen allein verliehen und kommt bei
anderen irdischen Wesen nicht vor, denn ich habe schon früher gezeigt, dass der
Schatten der Vernunft, welcher in den Tieren erscheint, nur die Erwartung eines
ähnlichen Vorkommens in einem Falle ist, der einem erlebten gleich scheint, ohne
dass erkannt wird, ob derselbe Grund stattfindet. Selbst die Menschen handeln in
den Fällen, wo sie bloss Empiriker sind, nicht anders. Aber insofern erheben sie
sich über die Tiere, als sie die Zusammenhänge der Wahrheiten sehen, die
Zusammenhänge, sage ich, die selbst noch notwendige und allgemeine Wahrheiten
bilden. Diese Zusammenhänge sind sogar notwendig, wenn sie auch nur eine Meinung
erzeugen, da wo nach einer genauen Untersuchung das Vorwiegen einer
Wahrscheinlichkeit, soweit man urteilen kann, nachgewiesen werden kann; so dass
alsdann Beweisführung stattfindet, wenn auch nicht hinsichtlich des eigentlichen
Sachverhaltes, so doch der Seite, welche die Klugheit zu ergreifen fordert.
    Wenn wir dies Vernunftvermögen einteilen, so glaube ich, dass man einer
ziemlich allgemein angenommenen Ansicht zufolge nicht übel zwei Teile derselben
anerkennt, wonach die Erfindung und das Urteil unterschieden werden. Was die
vier in den Beweisführungen der Matematiker von Ihnen bemerkten Grade betrifft,
so finde ich, dass der erste davon, welcher darin besteht, die Beweise zu
entdecken, dabei nicht vorkommt, wie doch zu wünschen wäre. Es sind das
Syntesen, welche mitunter ohne Analyse gefunden worden sind, und mitunter ist
die Analyse unterdrückt worden. Die Geometer setzen in ihren Beweisen zuerst den
zu beweisenden Satz, und um zum Beweise zu gelangen, setzen sie das Gegebene
durch eine Figur auseinander. Diese nennt man Ektesis. Danach kommen sie zur
Vorbereitung und ziehen neue Linien, deren sie für die Beweisführung bedürfen;
und oft besteht die grösste Kunst darin, diese Vorbereitung zu finden. Ist dies
geschehen, so geben sie die Beweisführung selbst, indem sie aus dem in der
Ektesis Gegebenen und durch die Vorbereitung noch Hinzugefügten die Folgerungen
ziehen, und kommen dadurch, dass sie zu diesem Zweck die schon bekannten oder
bewiesenen Wahrheiten anwenden, zum Schlusssatz. Es gibt aber Fälle, wo man sich
die Ektesis und die Vorbereitung spart.
    § 4. Philaletes. Man glaubt allgemein, dass der Syllogismus das grosse
Werkzeug der Vernunft und das beste Mittel ist, dies Vermögen auszuüben. Was
mich anbetrifft, so zweifle ich daran, denn er dient nur dazu, die Verknüpfung
der Beweise in einem einzigen Beispiele und nicht darüber hinaus sehen zu
lassen; aber dies sieht der Geist leicht auch ohnedies und vielleicht besser.
Auch setzen diejenigen, welche sich der Schlussfiguren und Modi zu bedienen
wissen, sehr oft den Nutzen derselben aus einem ungeprüften Glauben an ihre
Lehrer voraus, ohne den Grund davon einzusehen. Wenn der Syllogismus notwendig
ist, so erkannte vor dessen Erfindung niemand das Geringste aus Vernunft; und
man müsste sagen, dass Gott, nachdem er eine zweibeinige Kreatur zum Menschen
gemacht, dem Aristoteles die Sorge überlassen hätte, ein vernünftiges Wesen
daraus zu machen, ich meine aus derjenigen kleinen Anzahl, die er dazu vermögen
konnte, die Begründungen der Syllogismen zu prüfen, wobei von mehr als sechzig
Arten, die drei Figuren zu bilden, es nur ungefähr vierzehn sichere gibt. Gott
hat jedoch für die Menschen viel mehr Güte gehabt; er hat ihnen einen des
Vernunftgebrauches fähigen Geist gegeben. Ich sage dies nicht, um Aristoteles
herabzusetzen, den ich als einen der grössten Männer des Altertums betrachte, dem
wenige an Umfang, Feinheit, Scharfsinn des Geistes und Stärke der Urteilskraft
gleichkommen, und der gerade dadurch, dass er jenes kleine System der
syllogistischen Formen erfunden hat, den Gelehrten einen grossen Dienst gegen
diejenigen, welche sich nicht schämen alles zu leugnen, geleistet hat. Jene
Formen sind indessen doch weder das einzige noch das beste Mittel zu schliessen,
und Aristoteles selbst fand sie nicht mittels der Formen selbst, sondern auf dem
ursprünglichen Wege der offenbaren Zusammengehörigkeit der Vorstellungen; und
die Erkenntnis, welche man dabei durch die natürliche Ordnung in den
matematischen Beweisen erhält, kommt ohne die Hilfe irgend eines Syllogismus
besser zum Vorschein.
    Schliessen heisst: einen Satz aus einem anderen als wahr bereits hingestellten
Satz als wahrem ziehen, indem man eine gewisse Verknüpfung von Mittelbegriffen
voraussetzt. Dass z.B. die Menschen in der anderen Welt werden gestraft werden,
wird man daraus schliessen, dass sie sich hienieden selbst bestimmen können.
Folgendes ist dabei die Urteilsverknüpfung: Die Menschen werden gestraft werden,
und Gott ist derjenige, welcher sie bestraft, also ist die Strafe gerecht, also
ist der Gestrafte schuldig, also hätte er anders handeln können, also besitzt er
Freiheit, also endlich hat er das Vermögen, sich zu bestimmen. Man sieht hier
den Zusammenhang besser, als wenn man daraus fünf oder sechs ineinander
verschlungene Schlüsse machte, wo die Vorstellungen transponiert, wiederholt und
in künstliche Formen eingepfercht werden. Es handelt sich darum, zu wissen,
welche Verknüpfung eine Mittelvorstellung im Schluss mit den beiden äusseren habe,
aber das ist der Punkt, den kein Schluss zeigen kann. Der Geist ist es, welcher
diese Vorstellungen durch eine Art von Nebeneinanderstellung als sich also
verhaltende bemerken kann und zwar durch seinen eigenen Blick, Wozu dient also
der Schluss? Er ist in den Schulen von Nutzen, wo man sich nicht scheut, die
Übereinstimmung solcher Vorstellungen, die augenscheinlich miteinander
übereinkommen, zu leugnen. Woher kommt es, dass die Menschen niemals bei sich
selbst Syllogismen machen, wenn sie die Wahrheit suchen oder denen, welche sie
aufrichtig zu erkennen wünschen, vortragen? Es ist auch deutlich genug, dass
folgende Ordnung natürlicher ist:
                     Mensch - organisches Wesen - lebendig,
d.h. der Mensch ist ein organisches Wesen und ein organisches Wesen ist
lebendig, also ist der Mensch lebendig, als die des Schlusses:
  Organisches Wesen = lebendig. Mensch = organisches Wesen. Mensch = lebendig.
d.h. das organische Wesen ist lebendig, der Mensch ist ein organisches Wesen,
also ist der Mensch lebendig. Allerdings können die Schlüsse dazu dienen, eine
Falschheit zu entdecken, welche sich unter dem blendenden Glanz eines der
Rhetorik entlehnten Flitterstaates verbirgt, und ich habe ehemals geglaubt, dass
der Schluss notwendig wäre, um sich wenigstens vor den unter blumigem Vortrage
verhüllten Sophismen zu hüten, aber nach einer schärferen Prüfung habe ich
gefunden, dass man nur die Vorstellungen, von denen der Schlusssatz abhängt, von
den übrigen zu trennen und sie in einer natürlichen Ordnung aufzureihen hat, um
deren Nichtzusammenhang zu zeigen. Ich habe jemand gekannt, dem die Regeln des
Schlusses vollständig unbekannt waren, der aber sofort die Schwäche und die
falschen Folgerungen eines langen, künstlichen und annehmbar klingenden
Vortrages bemerkte, von welchem andere, in allen Feinheiten der Logik geübte
Leute sich hintergehen liessen, und ich glaube, dass es unter meinen Lesern wenige
gibt, die solche Personen nicht kennen. Und wenn dies nicht so wäre, so würden
die Fürsten bei den Gegenständen, welche ihre Krone und Würde angehen, nicht
verfehlen, in den wichtigsten Verhandlungen Schlüsse zur Anwendung zu bringen,
wo es doch nach aller Welt Ansicht sich deren zu bedienen etwas Lächerliches
wäre. In Asien, Afrika und Amerika hat unter den von den Europäern unabhängigen
Völkern fast niemand jemals davon reden hören. Endlich findet sich, um
abzuschliessen, dass diese scholastischen Formen nicht weniger dem Irrtum
unterworfen sind; und selten werden die Leute durch diese scholastische Metode
zum Schweigen gebracht und noch seltener überzeugt und gewonnen. Sie würden
höchstens anerkennen, dass ihr Gegner geschickter ist, aber darum bleiben sie
nichtsdestoweniger von der Gerechtigkeit ihrer Sache überzeugt. Und wenn man in
der Schlussform trügerische Folgen verhüllen kann, so muss der Trug durch irgend
ein anderes Mittel als das der Schlussform entdeckt werden können. Indessen bin
ich doch nicht der Meinung, dass man die Schlussformen verwerfen noch sich irgend
eines Mittels berauben solle, das den Verstand zu unterstützen fähig ist. Es
gibt Augen, die Brillen nötig haben; aber wer sich derselben bedient, soll nicht
sagen, dass ohne Brille niemand gut sehen kann. Das hiesse die Natur zugunsten
eines Kunststücks, dem man vielleicht Dank schuldet, zu sehr herabsetzen. Wenn
ihnen nicht gerade im Gegenteil begegnet ist, was viele Leute erfahren haben,
die sich der Brille zu viel oder zu früh bedienten, so dass sie sich dadurch ihre
Augen so verdorben haben, dass sie ohne deren Hilfe nicht mehr sehen konnten.
    Teophilus. Ihre Ausführung über den geringen Nutzen des Schlussverfahrens
entält eine Fülle richtiger und schöner Bemerkungen. Man muss es auch zugeben,
dass die scholastische Form der Vernunftschlüsse wenig in der Welt angewendet
wird, und dass sie zu lang sein und Verwirrung stiften würde, wenn man sie
ernstlich anwenden wollte. Und wollen Sie dennoch glauben, dass ich die Erfindung
der Schlussform für eine der schönsten und selbst eine der wichtigsten
Erfindungen des menschlichen Geistes halte? Sie ist eine Art allgemeiner
Matematik, deren Bedeutsamkeit noch nicht hinlänglich erkannt ist, und man kann
sagen, dass sie eine Unfehlbarkeitskunst entält, wenn man nur, was nicht immer
angeht, sich derselben wohl zu bedienen weiss und versteht. Nun muss man wissen,
dass ich unter den förmlichen Schlüssen (Argumenten in forma) nicht allein jene
scholastische Art des Vernunftverfahrens, deren man sich in den Schulen bedient,
verstehe, sondern jedes Räsonnement, das kraft der Form erschliesst und wobei man
kein Glied zu ergänzen nötig hat, dergestalt, dass ein sogenannter Sorites
(Haufenschluss) eine andere syllogistische Reihe, welche die Wiederholung
vermeidet, sogar eine wohl aufgestellte Rechnung, eine algebraische Berechnung,
eine Infinitesimalanalyse mir allenfalls auch als »Argumente in Form« gelten,
weil die Verfahrungsweise dabei in der Art vorher aufgezeigt worden ist, dass man
sicher ist, sich darin nicht zu täuschen. Und fast sind auch die Beweise des
Euklides meistens förmliche Argumente, denn wenn er scheinbare Entymeme macht,
so wird das unterdrückte Urteil, das zu fehlen scheint, durch Bandverweisung
hinzugefügt, wodurch das Mittel geboten wird, jenes Urteil als schon bewiesen zu
finden. Dadurch wird eine grosse Kürze erreicht, ohne dass der Beweiskraft Abbruch
geschieht.
    Diese Umkehrungen, Zusammensetzungen und Teilungen der Gründe, deren er sich
bedient, sind nur Arten von Beweisformen, wie sie den Matematikern und ihrer
Behandlungsweise besonders eigen sind, und sie beweisen diese Formen mit Hilfe
der allgemeinen Formen der Logik. Ferner muss man wissen, dass es richtige
nicht-syllo-gistische Folgerungen gibt, die man durch keinen Syllogismus streng
beweisen kann, ohne die Termini ein wenig zu verändern, und selbst diese
Veränderung der Termini ist die nicht-syllogistische Folgerung. Es gibt deren
mehrere, wie unter anderen a recto ad obliquum, z.B.: Jesus Christus ist Gott,
also ist die Mutter Jesu Christi die Mutter Gottes. Ebenso diejenige, welche
gescheite Logiker Umkehrung der Beziehung genannt haben, wie z.B. die Folgerung:
Wenn David der Vater Salomons ist, so ist Salomon ohne Zweifel Davids Sohn. Und
diese Folgerungen sind ebensogut beweisbar durch die Wahrheiten, von denen die
gewöhnlichen Schlüsse abhängen. Diese Schlüsse sind ferner nicht nur
kategorisch, sondern auch hypotetisch, wobei die disjunktiven mitinbegriffen
sind. Und von den kategorischen kann man sagen, dass sie einfach oder
zusammengesetzt sind. Die einfachen kategorischen Schlüsse sind solche, welche
man für gewöhnlich aufzählt d.h. nach den Modi der Figuren, und ich habe
gefunden, dass die vier Figuren jede sechs Modi haben, so dass es im ganzen 24
Modi gibt. Die vier gewöhnlichen der ersten Figur sind nur das Resultat der
Zeichen: Alle, keiner, irgend einer, und die, um nichts auszulassen,
hinzugefügten beiden sind nur die Sabalternationen der allgemeinen Sätze. Denn
aus den beiden gewöhnlichen Modi: Jedes B ist C, und jedes A ist B, also ist
jedes A, C; ebenso kein B ist C, jedes A ist B, also ist kein A, C, kann man
folgende zwei zusätzliche Modi machen: Jedes B ist C, jedes A ist B, also ist
einiges A, C; ebenso: Kein B ist C, jedes A ist B, also ist einiges A nicht C.
Denn es ist nicht nötig, die Subalternation zu beweisen und die Folgerungen
daraus darzutun: Jedes A ist C, also ist einiges A, C; ebenso kein A ist C, also
ist einiges A nicht C, obschon man sie durch die mit den schon angenommenen Modi
der ersten Figur verbundenen identischen Sätzen folgendermassen dartun kann:
Jedes A ist C, einiges A ist A, also ist einiges A, C. Ebenso: kein A ist C,
einiges A ist A, also ist einiges A nicht C. Dergestalt werden die zwei
zusätzlichen Modi der ersten Figur durch die beiden ersten gewöhnlichen Modi der
ersten Figur mit Hilfe der Subalternation bewiesen, welche selbst durch die
beiden anderen Modi derselben Figur bewiesen werden. Und auf dieselbe Weise
empfängt auch die zweite Figur zwei neue Modi. Die erste und zweite Figur haben
deren also sechs; die dritte hat deren sechs von jeher gehabt; bei der vierten
gab man deren fünf, aber es findet sich, dass auch sie nach demselben Prinzip der
Addition deren sechs hat.
    Man muss aber wissen, dass die logische Form uns keineswegs zu jener Ordnung
der Sätze zwingt, deren man sich gewöhnlich bedient, und ich bin ganz Ihrer
Meinung, dass folgende anderweitige Anordnung besser ist: Jedes A ist B, jedes B
ist C, also ist jedes A, C, was besonders durch die Soriten, die eine Kette
solcher Schlüsse sind, geschehen würde. Denn es kam noch einer vor: Jedes A ist
C, jedes C ist D, also ist jedes A, D. Man kann aus diesen beiden Schlüssen eine
Kette machen, welche die Wiederholung durch folgende Fassung vermeidet: Jedes A
ist B, jedes B ist C, jedes C ist D, also ist jedes A, D, wo man sieht, dass der
unnütze Satz: jedes A ist C, ausgelassen, und die unnütze Wiederholung dieses
nämlichen Satzes, den die beiden Schlüsse forderten, vermieden worden ist, denn
dieser Satz ist nunmehr unnütz, und die Kette bildet ein vollständiges und
formell richtiges Argument ohne diesen selbigen Satz, wenn die Beweiskraft der
Schlusskette ein für allemal mittels dieser beiden Syllogismen bewiesen worden
ist. Es gibt noch eine unendliche Menge anderer mehr zusammengesetzter
Schlussketten, nicht allein, weil eine grössere Zahl einfacher Schlüsse dazu
gehört, sondern auch, weil die sie bildenden Schlüsse unter sich verschiedener
sind, denn man kann nicht allein kategorische Schlüsse hineinziehen, sondern
auch kopulative, und nicht bloss kategorische, sondern auch hypotetische, und
nicht bloss förmliche Schlüsse, sondern auch Entymeme, wobei die für evident
gehaltenen Sätze unterdrückt sind. Alles dies nun, zusammengenommen mit
nicht-syllogistischen Folgerungen und mit zahlreichen Wendungen und Gedanken,
welche durch die natürliche Neigung des Geistes zur Abkürzung und durch die
teilweise im Gebrauch der Partikeln erscheinenden Spracheigentümlichkeiten diese
Sätze verhüllen, ergibt eine Kette des Vertrages, welche selbst die ganze
Argumentation eines Redners darstellen würde; aber ihrer Zieraten entkleidet und
beraubt und auf die logische Form zurückgeführt, nicht auf scholastische Weise,
jedoch immer genügend, um die Beweiskraft nach den Gesetzen der Logik zu
erkennen. Diese sind keine anderen als die des gesunden Menschenverstandes , die
man in Ordnung gebracht und aufgeschrieben hat; sie unterscheiden sich davon
nicht mehr, als das Gewohnheitsrecht einer Provinz sich von dem früheren
unterscheidet, als es aus nicht Geschriebenem ein Geschriebenes wurde, was
geschah, damit es sich auf einmal besser übersehen lasse und dadurch mehr Licht
gebe, wenn es vorgebracht und angewendet wird. Denn der natürliche gesunde
Menschenverstand wird, mit der Analyse eines Räsonnements beschäftigt, ohne
Hilfe der Kunst mitunter ein wenig wegen der Geltung der Folgerungen in
Verlegenheit sein, wenn er z.B. solche findet, die einen zwar gültigen, aber
gewöhnlich minder gebrauchten Modus entalten. Wenn aber ein Logiker verlangte,
man solle sich einer solchen Reihe nicht bedienen, oder sich derselben selbst
nicht bedienen wollte unter dem Vorwande, dass man alle zusammengesetzten Beweise
stets auf einfache Schlüsse, von denen jene in der Tat abhangen, zurückführen
müsse, so würde er nach dem von mir schon Bemerkten wie jemand sein, welcher die
Handelsleute zwingen wollte, von denen er etwas kauft, ihm die Zahlen eine nach
der anderen vorzuzählen, wie man an den Fingern abzählt oder die Stunden nach
der Stadtuhr zählt. Es würde das seine Beschränkteit anzeigen, wenn er nicht
anders rechnen und nur an den Fingern finden könnte, dass 5 und 3 8 ausmachen,
oder es würde gar seinen Eigensinn zeigen, wenn er diese Abkürzungen kennte und
sich derselben nicht bedienen oder nicht erlauben wollte, sie anzuwenden. Er
würde auch wie jemand sein, der nicht zulassen wollte, dass man die Grundsätze
und schon bewiesenen Lehrsätze anwendete unter dem Vorgeben, man müsse jedes
Räsonnement stets auf die ersten Prinzipien zurückführen, wo der unmittelbare
Zusammenhang der Vorstellungen, von der in der Tat die Mittelsätze abhängen,
erscheint.
    Nachdem ich den Nutzen der logischen Formen auf die Art, wie er meiner
Ansicht nach gefasst werden muss, erklärt habe, komme ich zu Ihren Betrachtungen.
Da sehe ich nun nicht ein, dass der Schluss, wie Sie wollen, nur dazu diene, die
Verknüpfung der Beweise in einem einzigen Beispiel zu zeigen. Dass der Geist die
Folgerungen stets leicht übersieht, wird man nicht nachweisen können, denn es
kommen deren mitunter vor - wenigstens in den Beweisführungen anderer - wo man
anfangs zu zweifeln veranlasst ist, so lange man den eigentlichen Beweis noch
nicht durchschaut. In der Regel bedient man sich der Beispiele, um die
Folgerungen zu rechtfertigen, das ist aber nicht immer hinlänglich sicher,
obwohl es eine Kunst gibt, Beispiele zu wählen, die sich, wenn die Folgerung
nicht richtig wäre, als unrichtig ausweisen würden, ich glaube, dass in gut
geleiteten Schulen es nicht erlaubt sein wird, schamloserweise offenbare
Folgerungen aus den Vorstellungen abzuleugnen, und man wendet meiner Ansicht
nach nicht das Schlussverfahren an, um sie darzutun. Wenigstens ist das nicht
sein einziger und hauptsächlicher Gebrauch. Man wird öfter, als man denkt,
finden, wenn man die Fehlschlüsse der Schriftsteller prüft, dass sie gegen die
Regeln der Logik gefehlt haben, und ich habe es selbst mitunter erfahren, sogar
wenn ich schriftlich mit redlichen Männern stritt, dass man sich erst zu
verständigen anfing, wenn man in förmlichen Schlüssen argumentierte, um ein
Chaos von Räsonnements zu entwirren. Es wäre ohne Zweifel lächerrlich, in
wichtigen Verhandlungen auf scholastische Art mit Schlüssen zu verfahren, denn
die Weitschweifigkeiten dieser Art des Räsonnements sind widerwärtig und
verwirrend, und es wäre das, wie an den Fingern zu zählen. Indessen ist es aber
nur zu wahr, dass die Menschen in den wichtigsten Verhandlungen, die das Leben,
den Staat und die Seligkeit betreffen, sich oft durch das Gewicht der Autorität,
durch den Glanz der Beredsamkeit, durch schlecht angebrachte Beispiele, durch
Entymeme, welche fälschlich die Evidenz des von ihnen Nichtausgedrückten
voraussetzen, und selbst durch unrichtige Folgerungen verblenden lassen, so dass
eine strenge Logik, aber von einem anderen Gepräge als die schulmässige, ihnen
nur zu notwendig wäre - unter anderem, um zu entscheiden, auf welcher Seite die
grösste Wahrscheinlichkeit ist. Dass übrigens der gemeine Mann die künstliche
Logik nicht kennt und trotzdem richtig und mitunter besser, als die in der Logik
Geübten zu schliessen weiss, beweist deren Überflüssigkeit ebensowenig, als man
die der künstlichen Aritmetik damit beweisen kann, dass man manche Leute bei
gewöhnlichen Vorfällen gut rechnen sieht, ohne dass sie lesen oder schreiben
gelernt haben, und die, ohne die Feder oder Zahlpfennige führen zu können, sogar
die Fehler eines anderen, der zu rechnen gelernt hat, sich aber in den
Zahlzeichen oder Merkzeichen versehen oder verwirren mag, verbessern können.
    Allerdings können die Schlüsse auch sophistisch werden, aber dies zu
entdecken dienen dann ihre eigenen Gesetze; auch bekehren und überzeugen die
Schlüsse selbst nicht immer, aber es kommt dies daher, dass der Missbrauch der
falsch verstandenen Unterscheidungen und Ausdrücke den Gebrauch derselben so
weitläufig macht, dass es unerträglich wird, wenn man es bis zum Ende durchführen
sollte.
    Mir bleibt jetzt nur übrig, Ihr Argument in Betracht zu ziehen und zu
ergänzen, welches Sie angeführt haben, um als Beispiel eines klaren
Schlussverfahrens ohne logische Form in dienen. Gott straft den Menschen (dies
ist eine angenommene Tatsache), Gott straft den, welchen er straft, gerecht
(dies ist eine Vernunftwahrheit, welche man als bewiesen annehmen kann), also
straft Gott den Menschen gerecht (das ist eine schlussgemässe Folgerung, welche
aber anschlussmässig a recto ad obliquum ausgedehnt wird), also wird der Mensch
gerecht bestraft (dies ist eine Umkehrung der Relation, welche man aber ihrer
Evidenz wegen auslässt), also ist der Mensch schuldig (dies ist ein Entymem,
wobei man folgenden Satz, der in der Tat nur eine Definition ist, auslässt: der,
welchen man gerecht straft, ist schuldig), also hätte der Mensch anders handeln
können (man lässt den Satz aus: der, welcher schuldig ist, hätte anders handeln
können), also ist der Mensch frei gewesen (man lässt ferner aus: wer anders hätte
handeln können, ist frei gewesen), also (nach der Definition des Freien) hat er
die Macht gehabt, sich selbst zu bestimmen. Dies war zu beweisen. Ich bemerke
noch, dass jenes »Also« selbst in der Tat sowohl den mit darunter verstandenen
Satz (dass der, welcher frei ist, die Macht der Selbstbestimmung hat)
einschliesst, und die Wiederholung der Begriffe zu vermeiden dient. Und in diesem
Sinne ist darin nichts ausgelassen, und könnte das Argument insofern als
vollständig gelten. Man sieht, dasselbe ist eine Schlussreihe, welche der Logik
gänzlich entspricht; denn ich will jetzt nicht den Inhalt dieses Räsonnements in
Betracht ziehen, wo es vielleicht Bemerkungen zu machen oder Aufklärungen zu
verlangen gibt. Wenn z.B. ein Mensch nicht anders handeln kann, gibt es Fälle,
wo er doch vor Gott schuldig sein kann, wie wenn es ihm lieb wäre, seinem
Nächsten nicht helfen zu können, um eine Entschuldigung zu haben. Ich gestehe
schliesslich, dass die scholastische Form des Schlussverfahrens gewöhnlich
unbequem, ungenügend, schlecht zu handhaben ist, aber ich behaupte zugleich, dass
es nichts Wichtigeres gibt, als die Kunst, der wahren Logik gemäss förmlich zu
argumentieren d.h. vollständig dem Inhalt nach und klar der Ordnung und
Gültigkeit der Folgerungen nach, mögen sie an sich evident oder vorher bewiesen
sein.
    § 5. Philaletes. Ich glaubte, dass der Schluss noch weniger nützlich oder
vielmehr ohne allen Nutzen bei dem Wahrscheinlichen sei, weil er nur ein
einziges topisches Argument zutage fördert. Aber jetzt sehe ich ein, dass man
das, was im topischen Argument selbst Sicheres ist, d.h. die darin liegende
Wahrscheinlichkeit, immer gründlich beweisen muss, und dass die Kraft der
Folgerung auf der Form beruht. § 6. Wenn indessen die Schlüsse dem Urteile
dienen, so zweifle ich doch, dass sie zur Erfindung dienen können d.h. dazu,
Beweise zu finden und neue Entdeckungen zu machen. Ich glaube z.B. nicht, dass
die Entdeckung des 47. Lehrsatzes des ersten Buches von Euklid den Regeln der
gewöhnlichen Logik verdankt wird, denn zuerst erkennt man, und dann ist man
imstande, in syllogistischer Form zu beweisen.
    Teophilus. Begreift man unter den Schlüssen auch die Schlussreihen und
alles, was ich förmliche Argumentation genannt habe, so kann man sagen, dass die
Erkenntnis, welche nicht an sich evident ist, durch die Folgerungen erlangt
wird, welche nur richtig sind, wenn sie ihre gebührende Form haben. Beim Beweis
des genannten Satzes, welcher das Quadrat der Hypotenuse den beiden Quadraten
der Seiten gleich erklärt, teilt man das grosse Quadrat in Stücke und auch die
beiden kleineren, und es findet sich dann, dass die Stücke der beiden kleinen
Quadrate gerade ganz auf das grosse gehen, nicht mehr oder weniger. Das heisst die
Gleichheit förmlich beweisen; und die Gleichheiten der Stücke werden auch durch
Gründe in gültiger Form bewiesen. Nach Pappus bestand die Analyse der Alten
darin, das anzunehmen, was man verlangt, und so lange Folgerungen daraus zu
ziehen, bis man zu etwas Gegebenem oder Erkanntem kommt. Ich habe bemerkt, dass
zu diesem Zweck die Sätze reziprok sein müssen, damit der syntetische Beweis
auf den Spuren der Analyse wieder rückwärts geführt werden könne, aber es ist
das immer ein Ziehen von Folgerungen. Indessen wird hier zu bemerken gut sein,
dass bei den astronomischen oder physischen Hypotesen die Umkehrung nicht
stattat, aber da beweist der Erfolg auch nicht die Wahrheit der Hypotese. Er
macht sie allerdings wahrscheinlich, aber weil diese Wahrscheinlichkeit gegen
die Regel der Logik zu verstossen scheint, wonach Wahres aus Falschem erschlossen
werden kann, so wird man sagen, dass die logischen Regeln bei den
Wahrscheinlichkeitsfragen nicht durchweg Geltung haben. Ich antworte, es sei
zwar möglich, dass Wahres aus Falschem geschlossen werde, aber nicht immer
wahrscheinlich, besonders wenn eine einfache Voraussetzung den Grund von vielen
Wahrheiten angibt; ein freilich seltener und schwer zu findender Fall. Man
könnte mit Cardanus sagen, dass die Logik des Wahrscheinlichen andere Folgerungen
zieht, als die Logik der notwendigen Wahrheiten. Es muss aber die
Wahrscheinlichkeit selbst dieser Folgerungen aus den Folgerungen der Logik des
Notwendigen bewiesen werden.
    § 3. Philaletes. Sie scheinen die Verteidigung der gemeinen Logik zu
führen, aber ich sehe wohl, dass, was Sie vorbringen, einer höheren Logik
angehört, zu der sich die gemeine verhält, wie das ABC zur Wissenschaft. Mich
erinnert das an eine Stelle des scharfsinnigen Hooker, welcher in seinem Buche,
die Kirchenpolitik betitelt, Buch I, § 6, die Überzeugung ausspricht, dass, wenn
man die rechten Hilfsmittel des Wissens und der Kunst des Räsonnements liefern
könnte, welche man im gegenwärtigen für aufgeklärt geltenden Zeitalter nicht
besonders kennt und sich auch nicht sehr zu erreichen bestrebt, hinsichts der
Gründlichkeit des Urteils zwischen denen, welche sich derselben bedienen würden,
und dem, was die Menschen jetzt sind, ein ebenso grosser Unterschied sein würde,
wie zwischen den jetzigen Menschen und den Schwachsinnigen. Ich wünsche, dass
unsere Unterhaltung jemand Gelegenheit gäbe, diese wahren Hilfsmittel derjenigen
Kunst zu finden, von welcher jener grosse Mann redet, welcher einen so
durchdringenden Geist hatte. Das werden nicht die Nachahmer sein, welche wie das
Vieh dem betretenen Wege (imiatores servum pecus) folgen. Dennoch wage ich zu
behaupten, dass es in diesem Jahrhundert Männer von so starkem Urteile und so
grossem Umfange des Geistes gibt, dass sie behufs des Fortschritts der Erkenntnis
neue Wege eröffnen könnten, wenn sie sich die Mühe nehmen wollten, ihre Gedanken
diesem Gegenstande zuzuwenden.
    Teophilus. Sie haben mit dem verstorbenen Hooker richtig bemerkt, dass die
Welt sich gar wenig darum kümmert; übrigens glaube ich, dass es Leute gegeben hat
und noch gibt, welche darin etwas zu leisten imstande sind. Man muss indessen
gestehen, dass wir gegenwärtig bedeutende Hilfe sowohl seitens der Matematik als
der Philosophie erhalten, wobei der »Versuch über den menschlichen Verstand« von
Ihrem ausgezeichneten Freunde nicht die kleinste ist. Wir wollen sehen, ob wir
nicht daraus Nutzen ziehen können.
    § 8. Philaletes. Ich muss Ihnen noch einmal sagen, dass ich geglaubt habe, es
sei darin eine sichtliche Missachtung der syllogistischen Regeln bemerkbar, aber
seit unserem Gespräche haben Sie mich wankend gemacht. Gleichwohl will ich Ihnen
mein Bedenken dartun. Man sagt, kein syllogistisches Verfahren könne die Kraft
des Schlusses haben, wenn es nicht wenigstens einen allgemeinen Satz entält.
Nun gibt es aber offenbar nur besondere Dinge, welche der unmittelbare
Gegenstand unserer Räsonnements und Erkenntnisse sind; diese beschäftigen sich
nur mit der Übereinstimmung und Nichtübereinstimmung der Vorstellungen, von
denen jede nur ein besonderes Dasein hat und nur ein einzelnes Ding darstellt.
    Teophilus. Indem Sie sich die Ähnlichkeit der Dinge vorstellen, denken Sie
sich noch etwas mehr dabei, und nur darin besteht eben die Allgemeinheit Sie
werden nimmermehr eines unserer Argumente vorbringen können, ohne dabei
allgemeine Wahrheiten anzuwenden. Gleichwohl ist wichtig zu bemerken, dass man
hinsichtlich der Form die besonderen Sätze unter die allgemeinen begreift. Denn
obwohl in Wahrheit es nur einen Apostel Petrus gegeben hat, so kann man doch
sagen, dass wer auch immer der Apostel Petrus gewesen ist, dieser seinen Herrn
und Meister verleugnet hat. Man fällt daher das Urteil, dass der Schluss: »Petrus
hat seinen Herrn und Meister verleugnet; Petrus ist Jünger gewesen, also hat ein
Jünger seinen Herrn und Meister verleugnet«, obgleich er nur besondere Sätze
entält, sie als allgemein bejahende entält, und unter den Modus Darapti der
dritten Figur fällt.
    Philaletes. Ich wollte Ihnen noch sagen, dass es mir besser schiene, die
Prämissen der Syllogismen zu versetzen und zu sagen: Jedes A ist B, jedes B ist
C, also ist jedes A, C; als zu sagen: jedes B ist C, jedes A ist B, also ist
jedes A, C. Nach dem, was Sie gesagt haben, scheint es aber, dass man sich nicht
davon entfernt und das eine wie das andere zu demselben Modus zählt. Allerdings
ist, wie Sie bemerkt haben, die davon abweichende Einteilung der gewöhnlichen
Logik mehr dazu geeignet, eine Kette von mehreren Syllogismen zu bilden.
    Teophilus. Ich bin durchaus Ihrer Ansicht. Man scheint indessen geglaubt zu
haben, dass es für den Lehrzweck besser sei, mit allgemeinen Sätzen anzufangen,
wie die Obersätze in der ersten und zweiten Figur sind, und es gibt auch Redner,
die diese Gewohnheit haben. Aber der Zusammenhang erscheint doch besser so, wie
Sie es uns darstellen. Ich habe früher schon bemerkt, dass Aristoteles einen
besonderen Grund für die gewöhnliche Einteilung gehabt haben kann. Denn statt zu
sagen: A ist B, sagt er gewöhnlich: B ist in A. Und von dieser Art des Urteils
ans könnte die von Ihnen verlangte Begriffsverbindung in die gebräuchliche
Stellung von ihm eingeführt werden. Denn statt z.B. zu sagen: B ist C, A ist B,
also ist A, C, würde er sagen: C ist in B, B ist in A, also ist C in A. Z.B.
statt zu sagen: Das Rechteck ist isogon (oder hat gleiche Winkel), das Quadrat
ist ein Rechteck, folglich ist das Quadrat isogon, wird Aristoteles, ohne die
Sätze umzustellen, dem Medius terminus durch folgende Art die Sätze
auszusprechen, welche die Termini umstellt, die Mittelstelle erhalten und sagen:
Das Isogon ist ein Rechteck, das Rechteck ist ein Quadrat, also ist das Isogon
ein Quadrat. Auch ist diese Art der Urteilsbildung nicht zu verachten, denn in
der Tat ist das Prädikat im Subjekt oder auch die Vorstellung des Prädikats in
der des Subjekts inbegriffen. Z.B. das Isogon ist ein Rechteck, denn das
Rechteck ist diejenige Figur, deren sämtliche Winkel rechte sind; nun sind alle
rechten Winkel einander gleich, also ist in der Vorstellung des Rechtecks die
einer Figur inbegriffen, von der alle Winkel gleich sind, was eben die
Vorstellung des Isogonen ist. Die gewöhnliche Art der Urteilsstellung nimmt mehr
auf die Individuen Rücksicht, die des Aristoteles dagegen berücksichtigt mehr
die Vorstellungen oder Allgemeinheiten. Denn, sage ich: Jeder Mensch ist ein
lebendes Wesen, so will ich sagen, dass alle Menschen unter die lebenden Wesen
fallen, aber ich verstehe zugleich darunter, dass die Vorstellung des lebenden
Wesens in der des Menschen inbegriffen ist. Lebendes Wesen umfasst mehr
Individuen als Mensch, aber Mensch umfasst mehr Vorstellungen oder mehr
Formelles; das eine hat mehr Exemplare, der andere mehr Realitätsstufen; das
eine hat mehr Umfang, das andere mehr Inhalt. Man kann auch der Wahrheit gemäss
sagen, dass die ganze Lehre vom Schluss durch die Lehre de continente et contento
d.h. von dem Entaltenden und dem Entaltenen, bewiesen werden könnte, welche
von der Lehre vom Ganzen und Teil verschieden ist, denn das Ganze ist immer
grösser als der Teil, aber das Entaltende und das Entaltene sind sich mitunter
gleich, wie in den reziproken Sätzen der Fall ist.
    § 9. Philaletes. Ich fange an, mir eine ganz andere Vorstellung von der
Logik zu bilden, als ich früher hatte. Ich nahm sie für ein Schülerspiel, aber
sehe jetzt, dass auf die Art, wie Sie sie verstehen, eine allgemeine Matematik
darin entalten ist. Gebe Gott, dass man sie noch zu etwas mehr mache, als sie
jetzt ist, damit wir darin jene wahren Hilfsmittel der Vernunft finden können,
von denen Hooker sprach, welche die Menschen über ihren gegenwärtigen Zustand
hinausheben würden. Und die Vernunft ist ein Vermögen, welches deren um so mehr
bedarf, als ihr Umfang recht beschränkt ist, und sie uns bei vielen
Gelegenheiten im Stich lässt. Dies ist der Fall: 1) weil uns oft schon die
Vorstellungen fehlen, (§ 10) und dann 2) sind diese oft dunkel und unvollkommen,
während wir da, wo sie klar und bestimmt sind, wie bei den Zahlen, keine
unübersteiglichen Schwierigkeiten finden und in keinen Widerspruch geraten. §
11. Ferner kommt 3) die Schwierigkeit oft davon, dass uns die Mittelbegriffe
fehlen. Man weiss, wie vor der Entdeckung der Algebra, dieses grossen Werkzeuges
und dieser ausgezeichneten Probe des menschlichen Scharfsinns, die Menschen
manche Beweise der alten Matematiker mit Staunen betrachteten. § 12. Auch das
kommt vor, dass man auf falschen Grundsätzen fusst, was in Schwierigkeiten bringen
kann, wo die Vernunft mehr verwirrt als aufklärt. § 13. Endlich setzen auch die
Ausdrücke von unbestimmter Bedeutung die Vernunft in Verlegenheit.
    Teophilus. Ich weiss nicht, ob wir so wenig Vorstellungen haben, als man
glaubt, d.h. deutliche Vorstellungen. Was die verworrenen Vorstellungen oder
vielmehr Bilder oder, wenn Sie wollen, Eindrücke betrifft, wie Farben,
Geschmäcke usw., die ein Resultat mehrerer unbedeutender an sich deutlicher
Vorstellungen sind, die man aber nicht deutlich wahrnimmt, so haben wir deren
unzählige nicht, die vielmehr anderen Geschöpfen mehr als uns zukommen. Aber
diese Eindrücke dienen auch mehr dazu, uns Triebe zu erwecken und
Erfahrungsbeobachtungen zu begründen, als der Vernunft Stoff zu liefern, es sei
denn, dass sie von deutlichen Wahrnehmungen begleitet sind. Also hält uns
hauptsächlich die mangelhafte Erkenntnis dieser zwar deutlichen, aber mit den
verworrenen vermischten Vorstellungen auf, und selbst wenn unseren Sinnen oder
unserem Geiste alles bestimmt dargelegt worden ist, verwirrt uns mitunter die
Masse der in Betracht zu ziehenden Dinge. Wenn man z.B. einen Haufen von 1000
Kugeln vor Augen hat, so dient offenbar, um die Zahl und die Eigenschaften
dieser Masse zu übersehen, viel dazu, sie in Figuren zu ordnen, wie man in den
Magazinen tut, um deutliche Vorstellungen davon zu haben, und sie sogar
dergestalt festzustellen, dass man sich die Mühe ersparen kann, sie mehr als
einmal zu zählen. Die Menge der Erwägungen gerade macht auch, dass sogar in der
Wissenschaft der Zahlen sehr grosse Schwierigkeiten vorkommen, denn man sucht
darin nach Abkürzungen und weiss mitunter nicht, ob die Natur in ihren geheimen
Tiefen deren für den Fall hat, um den es sich handelt. Gibt es z.B. dem Anschein
nach etwas Einfacheres als den Begriff der Primzahl? d.h. der ganzen, durch
keine andere, ausgenommen durch die Einheit und sie selbst, teilbaren Zahl.
Dennoch sucht man noch immer nach einem positiven und leichten Merkmal, um sie
sicher zu erkennen, ohne die Grunddivisoren anzuwenden, welche kleiner sind, als
die Quadratwurzel der gegebenen Primzahl. Es gibt eine Menge Merkmale, welche
ohne viel Rechnen zeigen, dass irgend eine Zahl keine Primzahl ist, aber man
verlangt eines, das leicht und sicher anzeigt, dass eine Zahl eine Primzahl ist,
wenn sie eine ist. Aus diesem Grunde ist die Algebra noch so unvollkommen,
obgleich es nichts besser Bekanntes gibt, als die von ihr gebrauchten
Vorstellungen, weil sie nur die Zahlen im allgemeinen bezeichnen; denn bis jetzt
ist noch keine Metode bekannt, die irrationalen Wurzeln irgend einer Gleichung
über den 4. Grad hinaus (einen sehr beschränkten Fall ausgenommen) auszuziehen.
Auch sind die Metoden, deren sich Diophantes, Scipio, Du Fer und Louis von
Ferrara hinsichtlich des zweiten, dritten und vierten Grades bedient haben, um
sie auf den ersten zurückzubringen, oder um eine unreine Gleichung in eine reine
zu verwandeln, alle untereinander verschieden, d.h. diejenige, welche für einen
Grad gilt, ist um einen Grad von der, welche für einen anderen gilt,
verschieden. Denn der zweite Grad oder der der quadratischen Gleichung wird
dadurch auf den ersten zurückgeführt, dass man nur das zweite Glied aufhebt. Der
dritte Grad oder der der kubisschen Gleichung wird dadurch gelöst, dass durch die
Zerlegung des Unbekannten in Teile glücklicherweise eine Gleichung des zweiten
Grades sich herausbringen lässt. Und im vierten Grad oder bei den biquadratischen
Gleichungen fügt man beiden Seiten der Gleichung etwas hinzu, um sie hier und
dort ausziehbar zu machen, und glücklicherweise findet sich, dass man, um zu
diesem Zweck zu gelangen, nur eine kubische Gleichung nötig hat. Aber dies alles
ist nur eine Mischung von Glück und Zufall mit der Kunst oder Metode; und wenn
man bei den beiden letzteren Graden einen Versuch anstellt, bleibt es ungewiss,
ob er gelingt. Auch ist noch ein anderer Kunstgriff nötig, um im fünften oder
sechsten Grade zum Ziel zu kommen, der sich auf die des vierten und die
bikubisschen Gleichungen bezieht; und obwohl Descartes geglaubt hat, die Metode,
deren er sich beim vierten Grade bediente, indem er nämlich die Gleichung als
aus zwei anderen quadratischen Gleichungen entstanden betrachtet, (die aber im
Grunde nicht mehr leisten kann, als die des Louis von Ferrara), würde auch beim
sechsten gelingen, so ist dies doch ein Fehlgriff gewesen. Diese Schwierigkeit
zeigt, dass auch die klarsten und bestimmtesten Vorstellungen uns nicht immer
alles geben, was man verlangt und daraus gewinnen kann. Und dies begründet auch
das Urteil, dass die Algebra weit entfernt ist, die Erfindungskunst zu sein, weil
sie selbst einer noch allgemeineren Kunst bedarf; und man kann sogar sagen, dass
die Kunst der Zeichen im allgemeinen, d.h. die Kunst der Charaktere, ein ganz
ausserordentliches Hilfsmittel ist, weil sie die Phantasie unterstützt.
    Man kann nicht zweifeln, dass die Alten etwas dieser Art gehabt haben, wenn
man die Aritmetik des Diophantes und die geometrischen Bücher des Apollonius
und Pappus sieht. Vieta hat ihr eine grössere Ausdehnung gegeben, indem er nicht
nur das Gesuchte, sondern auch die gegebenen Zahlen durch allgemeine Charaktere
ausdrückte und so beim Rechnen es ebenso machte, wie schon Euklid beim Beweisen;
und Descartes hat die Anwendung dieser Rechnung auf die Geometrie ausgedehnt,
indem er die Linien durch die Gleichungen bezeichnete. Jedoch noch nach der
Entdeckung unserer modernen Algebra betrachtete Bouillaud (Ismael Bullialdus),
ein ohne Zweifel ausgezeichneter Matematiker, welchen ich noch zu Paris gekannt
habe, nur mit Bewunderung des Archimedes Beweisführungen über die Spirale und
konnte nicht begreifen, wie dieser grosse Mann darauf gekommen war, die Tangente
dieser Linie zur Dimension des Kreises zu gebrauchen. Der Pater Gregor von St.
Vincent scheint es durch richtige Vermutung gefunden zu haben, indem er annahm,
dass er durch den Parallelismus der Spirale mit der Parabel darauf gekommen sei.
Aber diese Metode ist nur eine spezielle, während die neue
Infinitesimalrechnung, welche mittels der Differenzen fortschreitet, auf welche
ich gekommen bin und welche ich mit Erfolg veröffentlicht habe, einen
allgemeinen Weg angibt, dem gegenüber jene Entdeckung durch die Spirale nur ein
Spiel und ein ganz leichter Versuch ist, wie fast alles, was man bisher über die
Dimensionen der krummen Linien gefunden hatte. Der Vorteil dieser neuen
Rechnungsart besteht noch darin, dass sie die Phantasie bei den Problemen aus dem
Spiel bringt, welche Descartes unter dem Vorwande aus seiner Geometrie
ausgeschlossen hatte, dass sie grösstenteils zur Mechanik führten, im Grunde aber,
weil sie auf seine Rechnung nicht passten. Was die Irrtümer anbetrifft, welche
aus zweideutigen Ausdrücken entstehen, so hängt es von uns ab, sie zu vermeiden.
    Philaletes. Es gibt noch einen Fall, wo die Vernunft nicht angewandt werden
kann, aber wo man sie auch nicht nötig hat, und wo der Blick mehr gilt, als die
Vernunft. Dies ist bei der intuitiven Erkenntnis der Fall, wo der Zusammenhang
der Vorstellungen und Wahrheiten unmittelbar angeschaut wird. Eine solche ist
die Erkenntnis der unzweifelhaften Grundsätze, und ich bin zu glauben versucht,
dass dies derjenige Grad der Evidenz ist, welchen die Engel schon jetzt haben,
und den die Geister der zur Vollendung gelangten Gerechten in einem zukünftigen
Stande über Unzähliges, was gegenwärtig unserem Verstande entgeht, haben werden.
§ 15. Aber das Beweisverfahren, welches sich auf Mittelbegriffe gründet, gibt
eine Vernunfterkenntnis. Diese vollzieht sich nämlich durch den notwendigen
Zusammenhang eines Mittelbegriffs mit den äusseren und wird durch den Zusatz (
Juxtaposition) einer Evidenz erreicht, ähnlich wie der einer Elle ist, welche
man bald an dies Stück Tuch, bald an jenes anlegt, um deren Gleichheit zu
zeigen. § 16. Wenn aber der Zusammenhang nur wahrscheinlich ist, so ergibt das
Urteil nur eine Meinung.
    Teophilus. Gott allein hat den Vorzug, nur intuitive Erkenntnisse zu haben.
Die seligen Geister aber, wenn sie auch von unseren groben Körpern losgelöst
sind, und selbst die Genien, mögen sie noch so erhaben sein, müssen, trotzdem
sie eine unvergleichlich intuitivere Erkenntnis als wir haben und oft mit einem
Blicke durchschauen, was wir nur auf Grund von Folgerungen mit der Zeit und mit
Mühe finden, doch auch auf ihrem Erkenntniswege Schwierigkeiten finden, ohne
welche sie nicht die Lust haben würden, Entdeckungen zu machen, welche zu den
grössten gehört. Und immer muss man anerkennen, dass es eine unzählige Menge
Wahrheiten gibt, die ihnen entweder gänzlich oder zeitweise verborgen sind, zu
denen sie mittelst Folgerungen und durch die Beweisführung oder oft selbst durch
Vermutung gelangen.
    Philaletes. Also sind diese Genien nur Wesen wie wir, bloss vollkommener; es
ist, als ob Sie mit dem Kaiser im Monde sagen wollten: Alles ist so wie hier.
    Teophilus. Das will ich auch sagen, zwar nicht ganz und gar so, aber was
den Grund der Dinge anbetrifft, denn die Arten und Stufen der Vollkommenheit
sind bis ins Unendliche verschieden. Der Grund ist indessen überall derselbe,
was in meinem System der Hauptgrundsatz ist und meine ganze Philosophie
beherrscht. Auch begreife ich die unbekannten oder nur verworren bekannten Dinge
nur nach Massgabe derer, welche deutlich bekannt sind, was die Philosophie leicht
macht und meiner Überzeugung nach so gebraucht werden muss; wenn aber diese
Philosophie in der Grundlage die einfachste ist, so ist sie auch in den
Einzelheiten die reichste, weil die Natur diese ins Unendliche abändern kann,
wie sie auch wirklich mit so viel Fülle, Ordnung und Zieraten tut, als man sich
nur vorstellen kann. Aus diesem Grunde glaube ich, dass es keinen auch noch so
erhabenen Geist gibt, welcher nicht unendlich viel andere über sich hat. Obschon
wir nun aber so vielen vernünftigen Wesen nachstehen, so haben wir doch den
Vorteil, auf diesem unserem Erdballe, wo wir ohne Widerrede den ersten Rang
einnehmen, nicht auf sichtbare Weise überwacht zu werden; wir haben bei aller
Unwissenheit, in der wir stecken, immerhin das Vergnügen, nichts zu erblicken,
was uns übertrifft. Und wenn wir eitel wären, könnten wir wie Cäsar denken,
welcher lieber der Erste in einem Flecken als in Rom der Zweite sein wollte.
Übrigens rede ich hier nur von den natürlichen Erkenntnissen dieser Geister, und
nicht von dem beseligenden Gesicht oder von den übernatürlichen Erleuchtungen,
welche ihnen Gott gewähren kann.
    § 10. Philaletes. Da ein jeder seine Vernunft entweder für sich allein oder
einem anderen gegenüber gebraucht, so wird es nicht überflüssig sein, einige
Betrachtungen über vier Arten von Argumenten anzustellen, deren sich die
Menschen zu bedienen pflegen, um die anderen für ihre Ansicht zu gewinnen oder
sie wenigstens in einer Art von Respekt, welcher sie am Widerspruch verhindert,
inerhalten. Das erste Argument kann das des Respekts, Argumentum ad verecundiam,
genannt werden, wenn man die Meinung derer anführt, welche durch ihr Wissen,
ihren Rang, ihre Macht oder sonstwie Ansehen gewonnen haben; denn wenn ein
anderer sich daraufhin nicht gleich ergibt, so ist man geneigt, ihn als von
Eitelkeit erfüllt zu tadeln oder ihn selbst der Unverschämteit zu zeihen. § 20.
Es gibt zweitens ein argumentum ad ignorantiam (des Nichtbesserwissens), d.h.
die Forderung, dass der Gegner den Beweis annehme oder einen besseren vorbringe.
§ 21. Es gibt 3) ein argumentum ad hominem (des Beimwortnehmens), wenn man
jemand durch das, was er selbst gesagt hat, in die Enge treibt. § 22. Endlich
gibt es 4) ein argumentum ad judicium (durch Urteile), welches darin besteht,
Beweismittel anzuwenden, die aus irgend einer Quelle der Erkenntnis oder
Wahrscheinlichkeit stammen; und dieses ist das einzige von allen, was uns
vorwärts bringt und belehrt, denn wenn ich vor Respekt nicht zu widersprechen
wage oder nur nichts Besseres zu sagen weiss oder mir selbst widerspreche, so
folgt daraus gar nicht, dass der andere recht hat. Ich kann bescheiden,
unwissend, im Irrtum sein, und der andere kann sich dabei doch auch noch
täuschen.
    Teophilus. Man muss ohne Zweifel zwischen dem, was zu sagen gut ist, und
dem, was man als wahr zu glauben hat, unterscheiden. Da indessen die meisten
Wahrheiten dreist behauptet werden können, so besteht gegen eine Meinung, die
man verhehlen muss, ein gewisses Vorurteil. Das Argument ad ignorantiam ist gut
in den Fällen, in denen man mutmasst; wobei es vernünftig ist, sich so lange an
eine Meinung zu halten, bis das Gegenteil bewiesen wird. Das Argument ad hominem
hat die Wirkung zu zeigen, dass die eine oder andere Behauptung falsch ist, und
der Gegner, wie man es auch nehme, sich geirrt hat. Man könnte noch andere
Argumente anführen, deren man sich bedient, zum Beispiel das, welches man ad
vertiginem (das vom Schwindel) nennen könnte, wobei man so schliesst: Wenn dieser
Beweis nicht angenommen wird, haben wir gar kein Mittel, über den Punkt, um den
es sich handelt, zur Gewissheit zu kommen; was man als eine Ungereimteit
betrachtet. Dieses Argument ist in gewissen Fällen brauchbar, wie wenn jemand
die ursprünglichen und unmittelbaren Wahrheiten ableugnen wollte, z.B. dass
nichts zu derselben Zeit sein und nichtsein kann; denn wenn er recht hätte,
würde es kein Mittel geben, irgend etwas zu erkennen. Aber wenn man sich gewisse
Prinzipien gemacht hat und sie aufrechterhalten will, weil sonst das ganze
System der einmal angenommenen Lehre zusammenfallen würde, so ist das Argument
nicht entscheidend, denn man muss zwischen dem unterscheiden, was zur
Aufrechterhaltung unserer Erkenntnisse notwendig ist, und dem, was unseren
angenommenen Meinungen oder praktischen Grundsätzen als Stütze dient. Man hat
sich bei den Juristen mitunter eines ähnlichen Verfahrens bedient, um die
Verurteilung oder Tortur angeblicher Zauberer auf die Aussagen anderer desselben
Verbrechens Angeklagter hin zu rechtfertigen, denn man sagte, wenn dies Argument
fällt, wie wollen wir sie überführen? Und manche Schriftsteller in
Kriminalsachen behaupten, dass bei den Tatsachen, wo die Überführung noch
schwerer ist, leichtere Beweise als genügend gelten können. Aber das ist noch
kein vernünftiger Grund. Es beweist nur, dass man mehr Sorgfalt anwenden muss,
nicht aber, dass man leichter glauben dürfe, ausgenommen in Fällen äusserst
gefährlicher Verbrechen, wie in Sachen des Hochverrats, wo diese Erwägung von
Gewicht ist, nicht um jemand zu verdammen, sondern um ihn zu verhindern, Schaden
anzurichten. dabei kann es also ein Mittelding, nicht zwischen Schuldig und
Unschuldig, sondern zwischen Verurteilung und Landesverweisung in solchen
Untersuchungen geben, wo das Gesetz und die Gewohnheit es gestatten.
    Eines ähnlichen Argumentes hat man sich seit einiger Zeit in Deutschland
bedient, um das Schlagen schlechter Münze zu beschönigen; denn, (sagte man),
wenn man sich an die vorgeschriebenen Regeln halten müsste, würde man nicht ohne
Verlust Münzen schlagen können. Es muss also erlaubt sein, den Metallgehalt zu
verschlechtern. Ausserdem aber, dass man nur das Gewicht und nicht den
Metallgehalt oder den Münzwert verringern dürfte, um Betrügereien besser zu
verhüten, setzt man die Notwendigkeit eines Verfahrens voraus, die gar nicht
stattfindet, denn es gibt weder ein göttliches Gebot noch ein menschliches
Gesetz, welches diejenigen Geld zu schlagen nötigt, welche weder Bergwerke noch
Gelegenheit haben, Silber in Barren zu besitzen, und Geld aus Geld zu schlagen
ist ein schlechter Gebrauch, der natürlicherweise die Verschlechterung nach sich
zieht. Aber wie wollen wir, (sagen sie), unser Münzregal ausüben? Die Antwort
ist leicht. Begnügt euch damit, etwas Weniges in gutem Silber auszumünzen,
selbst mit einem kleinen Verlust, wenn ihr glaubt, es sei euch so wichtig, unter
den Prägstock gebracht zu werden, ohne das Bedürfnis oder das Recht zu haben,
die Welt mit dem schlechten Gelde zu überschwemmen.
    § 23. Philaletes. Nachdem wir ein Wort über die Beziehung unserer Vernunft
zu anderen Menschen gesagt haben, wollen wir etwas über ihre Beziehung zu Gott
hinzufügen, bei der wir zwischen dem, was gegen die Vernunft, und dem, was über
der Vernunft ist, unterscheiden. Von der ersteren Art ist alles, was mit unseren
klaren und bestimmten Vorstellungen sich nicht verträgt; von der zweiten Art
jede Ansicht, von der wir nicht einsehen, dass ihre Wahrheit oder
Wahrscheinlichkeit aus der Sinnlichkeit oder der Reflexion mit Hilfe der
Vernunft abgeleitet werden kann. So ist das Dasein von mehr als einem Gott gegen
die Vernunft, und die Auferstehung der Toten über der Vernunft.
    Teophilus. Über ihre Definition dessen, was über der Vernunft ist,
wenigstens wenn Sie sie in dem allgemein angenommenen Sinn dieser Phrase
wiedergeben, finde ich noch etwas zu bemerken, denn mir scheint, dass auf die
Art, wie diese Definition gefasst ist, sie einerseits zu weit und andrerseits
nicht weit genug geht. Wenn wir ihr folgen, würde alles, was wir nicht wissen
und in unserem gegenwärtigen Zustand zu erkennen nicht imstande sind, über der
Vernunft sein, z.B. dass irgend ein Fixstern grösser oder kleiner ist als die
Sonne, oder dass der Vesuv in diesem oder jenem Jahre Feuer speien wird; das sind
Tatsachen, deren Erkenntnis uns zu hoch ist, aber nicht, weil sie über die Sinne
gehen, denn wir könnten sehr wohl darüber urteilen, wenn wir vollkommenere
Organe und mehr Kenntnis der Umstände hätten. Es gibt noch Schwierigkeiten,
welche über unser gegenwärtiges Vermögen hinausgehen, aber nicht über die
Vernunft überhaupt; es gibt z.B. hier auf Erden keinen Astronomen, der eine
Sonnenfinsternis im Zeiträume eines Paternosters und ohne die Feder zur Hand zu
nehmen, genau berechnen könnte, während es doch Genien geben könnte, denen das
nur ein Spielwerk sein würde. So könnten alle diese Dinge durch die Hilfe der
Vernunft bekannt oder ausführbar gemacht werden, wenn man mehr Bekanntschaft mit
den Tatsachen, vollkommenere Organe und einen erhabeneren Geist voraussetzt.
    Philaletes. Dieser Einwurf fällt weg, wenn ich meine Definition nicht
allein von unserer Sinnlichkeit oder Reflexion, sondern auch von der eines jeden
anderen möglichen geschaffenen Geistes verstehe.
    Teophilus. Wenn Sie es so nehmen, haben Sie recht. Aber es wird dann noch
eine andere Schwierigkeit übrig bleiben, dass nämlich dann Ihrer Definition
zufolge nichts mehr über die Vernunft geht, weil Gott immer Mittel gewähren
könnte, durch die Sinnlichkeit und Reflexion irgend eine Wahrheit zu erwerben,
wie in der Tat die grössten Mysterien uns durch das Zeugnis Gottes bekannt
werden, was man durch die Beweggründe der Glaubwürdigkeit, auf denen unsere
Religion ruht, anerkennt. Und diese Beweggründe hangen ohne Zweifel von der
Sinnlichkeit und der Reflexion ab. Die Frage scheint also zu sein, nicht ob das
Vorhandensein einer Tatsache oder die Wahrheit eines Satzes aus Grundsätzen
abgeleitet werden kann, deren sich die Vernunft bedient, d.h. aus der
Sinnlichkeit und der Reflexion oder aus dem äusseren und inneren Sinne, sondern
ob ein erschaffener Geist das Wie dieser Tatsache oder den apriorischen Grund
dieser Wahrheit zu erkennen fähig ist; so dass man sagen kann, das, was über der
Vernunft ist, könne wohl auf Wegen und durch Künste der geschaffenen Vernunft
ergriffen, aber nicht begriffen werden, mag sie auch noch so gross und erhaben
sein. Gott allein ist es vorbehalten, es zu verstehen, wie es ihm allein
zukommt, es auszuüben.
    Philaletes. Diese Betrachtung scheint mir triftig, und auf diese Weise will
ich meine Definition genommen wissen. Und zwar bestärkt mich diese Betrachtung
selbst auch in meiner Meinung, dass die Ausdrucksweise, wonach die Vernunft dem
Glauben entgegengesetzt wird, obgleich sie sich auf grosse Autorität stützt,
ungehörig ist, denn durch die Vernunft eben verifizieren wir das, was wir
glauben müssen. Der Glaube ist eine feste Zustimmung, und eine wohlbegründete
Zustimmung kann nur auf gute Gründe hin gegeben werden. So kann derjenige,
welcher, ohne irgend eine Ursache zum Glauben zu haben, glaubt, in seine
Einbildungen verliebt sein, aber die Wahrheit sucht er darum doch sicherlich
nicht, noch leistet er seinem göttlichen Meister den angemessenen Gehorsam, nach
dessen Willen er die ihm zum Schutz gegen den Irrtum verliehenen Vermögen
gebrauchen muss. Sonst ist es aus Zufall, wenn er auf dem rechten Wege ist, und
ist er auf dem falschen, so ist er Gott dafür verantwortlich.
    Teophilus. Ich stimme Ihnen durchaus bei, wenn Sie verlangen, dass der
Glaube auf der Vernunft begründet sei: warum sollten wir sonst die Bibel dem
Koran oder den alten Büchern der Brahmanen vorziehen? Dies haben unsere
Teologen und andere Gelehrte auch richtig erkannt, und dieser Umstand hat uns
auch so schöne Werke über die Wahrheit der christlichen Religion und so viel
schöne Beweise zuwege gebracht, welche man den Heiden und anderen alten und
neuen Ungläubigen gegenüber geltend gemacht hat. Auch haben die verständigen
Leute stets diejenigen für verdächtig gehalten, welche vorgegeben haben, dass, wo
es sich um den Glauben handele, man sich um Gründe und Beweise nicht zu bemühen
brauche; etwas in der Tat Unmögliches, wenn Glaube nicht Nachsprechen oder
Wiederholen und Hingehenlassen, ohne sich zu bemühen, bedeutet, wie bei vielen
Leuten der Fall und selbst der Charakter einiger Nationen mehr als anderer ist.
Als einige aristotelische Philosophen des 15. und 16. Jahrhunderts, deren Spuren
noch lange nachher vorhanden gewesen sind, (wie man aus den Briefen des
verstorbenen Naudé und den Naudeana urteilen kann), zwei einander
entgegengesetzte Wahrheiten, eine philosophische und eine teologische behaupten
wollten, hat das letzte lateranische Konzil unter Leo X. sich dem mit Recht
widersetzt, wie ich schon bemerkt zu haben glaube. Auch erhob sich früher ein
ganz ähnlicher Streit zu Helmstädt zwischen dem Teologen Daniel Hoffmann und
dem Philosophen Cornelius Martin, jedoch mit dem Unterschiede, dass der Philosoph
die Philosophie mit der Offenbarung vereinigte, und der Teolog den Nutzen davon
ableugnen wollte. Der Herzog Julias aber, der Gründer der Universität, erklärte
sich für den Philosophen. Allerdings hat zu unserer Zeit ein Mann von sehr hoher
Stellung erklärt, dass man in Glaubenssachen sich die Augen ausreissen müsse, um
klar zu sehen, und Tertuilian sagt irgendwo: es ist wahr, denn es ist unmöglich;
man muss es glauben, denn es ist eine Ungereimteit. Aber wenn die Absicht derer,
welche sich auf diese Weise aussprechen, gut ist, so sind doch immerhin ihre
Ausdrücke übertrieben und können Unheil stiften. St. Paul redet viel richtiger,
wenn er sagt, dass die Weisheit Gottes vor den Menschen Torheit ist, weil nämlich
die Menschen die Sachen nur nach ihrer Erfahrung, die äusserst beschränkt ist,
beurteilen, und alles damit nicht Übereinstimmende ihnen als eine Ungereimteit
erscheint. Aber dies Urteil ist sehr verwegen, denn es gibt sogar in der Natur
unendlich vieles, was für ungereimt gelten würde, wenn man es uns erzählte, wie
das Eis dem König von Siam erschien, von welchem man ihm sagte, dass es unsere
Flüsse bedecke. Aber die Ordnung der Natur selbst, da sie nicht von
metaphysischer Notwendigkeit ist, ist nur auf der Willkür Gottes begründet, so
dass er aus höheren Ursachen der Gnade sich davon entfernen kann, obgleich man
dies nur auf gültige Beweise hin annehmen darf, die nur von Gottes Zeugnis
selbst herrühren dürfen. Ist dies gehörig bewährt, so muss man sich ihm völlig
unterwerfen.
 
                                 Kapitel XVIII.
           Vom Glauben, von der Vernunft und deren bestimmten Grenzen
    § 1. Philaletes. Wir wollen uns indessen der angenommenen Sprechweise fügen
und in einem gewissen Sinne leiden, dass man den Glauben von der Vernunft
unterscheidet. Dann ist es aber billig, dass man diesen Sinn ganz genau erklärt
und die Grenzen zwischen beiden festsetzt, denn die Ungewissheit über diese
Grenzen hat sicherlich in der Welt grosse Streitigkeiten hervorgerufen und
vielleicht sogar grosse Unordnungen verursacht. Es ist wenigstens offenbar, dass,
bis man sie bestimmt hat, alles Streiten vergeblich ist, weil man, wenn man über
den Glauben streitet, die Vernunft anwenden muss. § 2. Ich finde, dass sich jede
Sekte mit Vergnügen der Vernunft bedient, so lange sie daraus einigen Nutzen
ziehen zu können glaubt; sobald indessen die Vernunft zu versagen angefangen
hat, ruft man: das ist ein Glaubensartikel, welcher über der Vernunft steht.
Aber der Gegner könnte sich derselben Entschuldigung bedienen, wenn man gegen
ihn mit Vernunftgründen zu streiten versuchen wollte, falls man ihm nicht
wenigstens bemerkt, warum ihm das in einem gleichscheinenden Falle nicht erlaubt
wäre. Ich setze dabei voraus, dass die Vernunft hier die Entdeckung der Gewissheit
oder Wahrscheinlichkeit der Sätze ist, welche wir aus den von uns durch den
Gebrauch unserer natürlichen Fähigkeiten d.h. durch Sinnlichkeit und durch
Reflexion erworbenen Erkenntnissen gewonnen haben, und dass der Glaube die
Zustimmung ist, welche man einem auf die Offenbarung d.h. auf eine
ausserordentliche Mitteilung Gottes, welche er die Menschen zu wissen getan hat,
gegründeten Satze gibt. § 3. Aber ein von Gott inspirierter Mensch kann den
übrigen keine neue einfache Vorstellung mitteilen, weil er sich nur der Worte
oder anderer Zeichen, welche in uns einfache, durch die Gewohnheit damit
verbundene Vorstellungen erwecken, oder deren Verbindung bedient. Mochte auch
St. Paul noch so viel neue Vorstellungen empfangen haben, als er in den dritten
Himmel entrückt wurde, so ist doch alles, was er davon sagen konnte, nur: es
sind Dinge, die kein Auge gesehen, kein Ohr gehört und die nie in eines Menschen
Herz gekommen sind. Gesetzt, es seien auf dem Jupitersballe mit sechs Sinnen
versehene Geschöpfe, und Gott gebe einem Menschen unter uns die Vorstellungen
dieses sechsten Sinnes auf übernatürliche Weise, so würde er sie doch nicht
durch Worte im Geiste der übrigen Menschen entstehen lassen können. Man muss also
zwischen ursprünglicher und überlieferter Offenbarung unterscheiden. Die erstere
ist ein Eindruck, welchen Gott unmittelbar auf den Geist macht, und diesem
können wir keine Schranken setzen; die andere kommt uns nur auf den gewöhnlichen
Wegen der Mitteilung zu und kann keine neuen einfachen Vorstellungen geben. § 4.
Allerdings können noch die Wahrheiten, welche man durch die Vernunft entdecken
kann, uns durch eine überlieferte Offenbarung mitgeteilt werden, wie wenn Gott
den Menschen geometrische Lehrsätze hätte mitteilen wollen, aber dies würde
nicht mit ebensoviel Sicherheit geschehen, als wenn wir den aus dem Zusammenhang
der Vorstellungen gewonnenen Beweis davon hätten. So hatte auch Noah eine
sicherere Erkenntnis der Sündflut, als die wir durch das Buch Mosis erhalten,
und so war die Gewissheit dessen, welcher sah, dass Moses wirklich schrieb und die
Wunder tat, welche seine göttliche Eingebung rechtfertigen, grösser als die
unsrige. § 5. Daher kann die Offenbarung nicht gegen die klare Evidenz der
Vernunft gehen, weil man selbst dann, wenn die Offenbarung unmittelbar und
ursprünglich ist, mit Evidenz wissen muss, dass wir uns nicht irren, indem wir sie
Gott zuschreiben und den Sinn davon fassen; und diese Evidenz kann niemals
grösser sein, als die unserer intuitiven Erkenntnis, und folglich kann kein Satz
als göttliche Offenbarung angenommen werden, wenn er dieser unmittelbaren
Erkenntnis kontradiktorisch entgegengesetzt ist. Sonst würde in der Welt kein
Unterschied zwischen der Wahrheit und Falschheit, kein Massstab des Glaubhaften
und des Unglaubhaften übrig bleiben. Auch ist nicht zu begreifen, dass von Gott,
diesem wohltätigen Urheber unseres Daseins, etwas komme, was, wenn es als
wahrhaft angenommen ist, die Grundlagen unserer Erkenntnisse umstürzen und alle
unsere Geistesvermögen unnütz machen muss. § 6. Auch haben diejenigen, welche die
Offenbarung nur mittelbar oder durch Überlieferung von Mund zu Mund oder auf
schriftlichem Wege haben, die Vernunft noch nötiger, um sich dessen zu
versichern. § 7. Indessen ist es immer wahr, dass diejenigen Dinge, welche über
das von unseren natürlichen Fähigkeiten möglicherweise zu Entdeckende
hinausgehen, die eigentlichen Gegenstände des Glaubens sind, wie der Fall der
aufrührerischen Engel, die Auferstehung der Toten. § 9. Darin muss man allein die
Offenbarung hören, und selbst hinsichtlich der wahrscheinlichen Sätze wird eine
evidente Offenbarung uns gegen die Wahrscheinlichkeit entscheiden.
    Teophilus. Wenn Sie den Glauben nur für das nehmen, was auf den Motiven der
Glaubwürdigkeit (wie man sie nennt) beruht, und Sie ihn von der inneren Gnade,
welche den Geist unmittelbar dazu bestimmt, trennen, so ist alles von Ihnen
Gesagte unbestreitbar. Man muss zugestehen, dass es viel evidentere Urteile als
die von diesen Motiven abhängigen gibt. Die einen gehen dabei weiter als die
anderen, und es gibt sogar eine Menge von Leuten, welche niemals erkannt und
noch weniger erwogen haben, was für ein Motiv der Glaubwürdigkeit gelten könnte.
Aber die innere Gnade des H. Geistes tritt dabei als unmittelbare Ergänzung auf
übernatürliche Weise ein, und dies ist es, was die Teologen eigentlich einen
göttlichen Glauben nennen. Allerdings gibt ihn Gott stets nur, wenn das, was er
glauben macht, auf der Vernunft begründet ist, sonst würde er die Mittel zur
Erkenntnis der Wahrheit zerstören und dem Entusiasmus die Tür öffnen, aber es
ist nicht nötig, dass alle diejenigen, welche diesen göttlichen Glauben haben,
diese Gründe erkennen, und noch weniger, dass sie sie immer vor Augen haben.
Sonst würden die Einfältigen und die schwachen Köpfe, wenigstens heutzutage,
niemals den wahren Glauben haben, und die Aufgeklärtesten würden ihn auch nicht
haben, wenn sie dessen am meisten bedürfen könnten, denn sie können sich nicht
immer der Gründe des Glaubens erinnern. Die Frage vom Gebrauch der Vernunft in
der Teologie ist eine der am meisten verhandelten gewesen, sowohl zwischen den
Sozinianern und denen, welche man in einem allgemeinen Sinne Katoliken nennen
kann, als zwischen den Reformierten und Evangelischen, wie man in Deutschland
vorzugsweise diejenigen nennt, welche manche sehr unpassend als Luteraner
bezeichnen. Ich erinnere mich einmal eine Metaphysik eines Sozinianers Stegmanus
gelesen zu haben (eines von Josua Stegmann, der sogar gegen die Sozinianer
geschrieben hat, wohl zu unterscheidenden Schriftstellers), welche noch nicht,
dass ich wusste, gedruckt worden ist; auf der anderen Seite hat ein sächsischer
Teolog, Kessler, eine Logik und einige andere philosophischen Disziplinen
ausdrücklich gegen die Sozinianer abgefasst. Man kann im allgemeinen sagen, dass
die Sozinianer zu hastig in der Verwerfung alles dessen sind, was der Ordnung
der Natur nicht entspricht, selbst wenn sie die Unmöglichkeit davon nicht
beweisen können. Aber auch ihre Gegner gehen mitunter zu weit und treiben das
Geheimnisvolle bis zu den Grenzen des Widerspruchs, worin sie der Wahrheit,
welche sie zu verteidigen trachten, Abbruch tun. Ich war einmal überrascht, in
der Summa teologiae des Pater Honoré Fabry, der sonst einer der gescheitesten
seines Ordens gewesen ist, zu sehen, dass er in göttlichen Dingen - wie noch
einige andere Teologen gleichfalls - jenes Prinzip leugnete, wonach die Dinge,
welche mit einem dritten identisch sind, unter sich selbst identisch sind. Das
heisst den Gegnern gewonnenes Spiel geben, ohne es zu denken, und jeder
vernünftigen Überlegung alle Sicherheit nehmen. Man müsste lieber sagen, dass
dieses Prinzip schlecht dabei angewendet worden ist. Derselbe Schriftsteller
verwirft in der Philosophie die virtuellen Unterschiede, welche die Scotisten in
den erschaffenen Dingen annehmen, weil sie, sagt er, das Prinzip des
Widerspruchs umstossen würden; und wenn man ihm einwirft, dass man diese
Unterscheidungen in Gott annehmen muss, so antwortet er, dass der Glaube es
befiehlt. Wie kann aber der Glaube irgend etwas befehlen, was ein Prinzip
umwirft, ohne das jeder Glaube, jede Bejahung oder Verneinung eitel wäre?
Unmöglich können also zwei wahre Sätze zu gleicher Zeit ganz einander
widersprechen, und wenn A und C nicht dasselbe sind, so muss wohl B, welches mit
A identisch ist, als etwas anderes genommen werden als das B, welches mit C
identisch ist.
    Nicolaus Vedelius, Professor in Genf und später in Deventer, hat ehedem ein
Buch geschrieben unter dem Titel rationale teologicum (Über den Gebrauch der
Vernunft in der Teologie), dem Johann Musaeus von Jena, (welches eine
evangelische Universität in Türingen ist), ein anderes Buch über denselben
Gegenstand d.h. über den Gebrauch der Vernunft in der Teologie entgegensetzte.
Ich erinnere mich, sie ehedem in Betracht gezogen und bemerkt zu haben, dass die
Hauptstreitfrage durch die einschlägigen Nebenfragen verwickelt gemacht worden
war, wie z.B. wenn man fragt, was ein teologischer Schluss ist, und ob man
darüber aus den Begriffen, welche ihn bilden, oder aus dem Beweismittel urteilen
solle, und folglich, ob Occam recht gehabt habe oder nicht, zu sagen, dass das
Wissen einer und derselben Folgerung dasselbe ist, als das dazu angewendete
Beweismittel. Sie halten sich auch bei noch viel anderen noch unbedeutenderen
Nebensachen auf, die nur die Ausdrücke betreffen. Indessen gab Musaeus selbst
zu, dass die zu einer logischen Notwendigkeit nötigen Vernunftprinzipien d.h.
die, deren Gegenteil auf Widerspruch führt, in der Teologie mit Sicherheit
angewendet werden müssen und können, aber er hatte Grund zu leugnen, dass das,
was bloss mit physischer Notwendigkeit notwendig d.h. begründet ist auf einem
Schluss aus dem, was in der Natur geschieht, oder auf den Naturgesetzen, die
sozusagen von göttlicher Einsetzung sind, den Glauben an ein Mysterium oder an
ein Wunder zu widerlegen hinreicht, weil es von Gott abhängt, den gewöhnlichen
Lauf der Dinge zu verändern. So kann man der Naturordnung gemäss versichern, dass
nicht dieselbe Person zu gleicher Zeit Mutter und Jungfrau sein, oder dass ein
menschlicher Körper nicht umhin kann, sinnenfällig zu sein, obgleich das
Gegenteil des einen oder anderen Gott möglich ist. Auch Vedelius scheint mit
dieser Unterscheidung einverstanden zu sein. Man streitet aber mitunter über
gewisse Prinzipien, ob sie logisch oder nur physisch notwendig sind. Solches ist
der Streit mit den Sozinianern, ob die Substanz vervielfältigt werden kann, wenn
die einzelne Wesenheit nicht vervielfältigt wird, und der Streit mit den
Zwinglianern, ob ein Körper nur an einer Stelle sein kann. Nun muss man zugeben,
dass allemal, wenn die logische Notwendigkeit nicht bewiesen ist, man in einem
Satz nur eine physische Notwendigkeit annehmen kann. Aber es bleibt meiner
Meinung nach noch eine Streitfrage übrig, welche die von mir eben erwähnten
Schriftsteller nicht genug geprüft haben. Es ist folgende: Gesetzt, es findet
sich auf der einen Seite der wörtliche Sinn eines Teiles der Heiligen Schrift
und auf der anderen eine starke Wahrscheinlichkeit einer logischen Unmöglichkeit
oder wenigstens einer anerkannten physischen Unmöglichkeit, ist es dann
vernünftiger, dem wörtlichen Sinn zu entsagen oder dem philosophischen Prinzip?
Sicherlich gibt es Stellen, wo man ohne Schwierigkeit den Wortsinn verlässt, wie
z.B. wo die Schrift Gott Hände gibt und ihm Zorn, Reue und andere menschliche
Affekte zuschreibt; sonst müsste man sich zu den Antropomorphisten schlagen oder
zu gewissen englischen Fanatikern, die da glaubten, dass Herodes tatsächlich in
einen Fuchs verwandelt worden war, als Jesus Christus ihn mit diesem Namen
nannte. Hier müssen die Auslegungsregeln eintreten; und wenn sie nichts bieten,
was den buchstäblichen Sinn bestreitet, um den philosophischen Grundsatz zu
begünstigen, und wenn der wörtliche Sinn übrigens nichts entält, was Gott eine
Unvollkommenheit beimisst oder in der Ausübung der Frömmigkeit Gefahr bringt, so
ist es sicherer und sogar vernünftiger, ihm zu folgen.
    Diese beiden eben genannten Schriftsteller streiten noch über das
Unternehmen Kekermanns, welcher die Trinität durch die Vernunft nachweisen
wollte, wie Raimundus Lullus dies zu tun auch früher versucht hatte. Aber
Musaeus erkannte mit grosser Billigkeit an, dass wenn der Nachweis des
reformierten Schriftstellers gut und richtig gewesen wäre, nichts darüber zu
sagen gewesen wäre, und er recht gehabt hätte, hinsichtlich dieses Punktes zu
behaupten, das Licht des heiligen Geistes könne durch die Philosophie entzündet
werden.
    Sie haben auch die berühmte Frage verhandelt, ob diejenigen, welche ohne
Erkenntnis von der Offenbarung des Alten oder Neuen Testaments zu haben, in den
Gesinnungen einer natürlichen Frömmigkeit gestorben sind, dadurch gerettet
werden und Vergebung ihrer Sünden erlangen könnten? Man weiss, dass Clemens von
Alexandria, Justinus Martyr und der h. Chrysostomus sich einigermassen dazu
hingeneigt haben; und ich selbst habe einst Pelisson gezeigt, dass viele
ausgezeichnete Lehrer der römischen Kirche, weit entfernt, die nicht
hartnäckigen Protestanten zu verdammen, sogar die Heiden von der Seligkeit nicht
haben ausschliessen und behaupten wollen, dass die eben erwähnten durch einen Akt
der Zerknirschung, d.h. der auf die Liebe zum Guten gegründeten Reue, hätten
gerettet werden können, der gemäss man Gott über alle Dinge liebt, weil diese
Vollkommenheiten ihn höchst liebenswert machen. Man wird dadurch von ganzem
Herzen getrieben, sich nach seinem Willen zu richten und seine Vollkommenheiten
nachzuahmen, um sich mit ihm besser zu vereinigen, weil es gerecht erscheint,
dass Gott seine Gnade denen nicht versage, die solche Gesinnungen hegen. Und ohne
von Erasmus und Ludovico Vives zu sprechen, führte ich die Ansicht des Jakob
Payva Andradius, eines sehr berühmten portugiesischen Lehrers seiner Zeit an,
welcher einer der Teologen des Tridentiner Konzils gewesen war und sogar gesagt
hatte, dass diejenigen, welche nicht damit übereinstimmten, Gott im höchsten
Grade grausam sein liessen (neque enim, inquit, immanitas deterior ulla esse
potest). Pelisson hatte Mühe, dies Buch in Paris zu finden, zum Zeichen, dass die
zu ihrer Zeit geehrten Schriftsteller später oft vernachlässigt werden. Dies
veranlasste Bayle zu dem Urteil, dass viele den Andradius nur auf Treu und Glauben
seines Gegners Chemnitius anführen. Dies mag wohl so sein; was aber mich
betrifft, so hatte ich ihn gelesen, ehe ich ihn anführte. Sein Streit mit
Chemnitius hat ihn auch in Deutschland berühmt gemacht, denn er hatte für die
Jesuiten gegen diesen Autor geschrieben, und man findet in seinem Buche einige
Spezialitäten über den Ursprung dieses berühmten Ordens. Ich habe bemerkt, dass
einige Protestanten diejenigen Andradier nannten, welche über den erwähnten
Gegenstand seiner Meinung waren. Es hat Autoren gegeben, welche eigens über die
Seligkeit des Aristoteles auf Grund dieser nämlichen Prinzipien unter Billigung
der Zensoren geschrieben haben. Auch sind die Bücher des Collins in Latein und
La Mote le Vayers im Französischen über die Seligkeit der Heiden sehr bekannt.
Ein gewisser Fr. Puccius aber ging zu weit. Der h. Augustin, so gescheit und
scharfsinnig er gewesen ist, hat sich auf ein anderes Extrem geworfen und sogar
die ohne Taufe gestorbenen Kinder verdammt, und die Scholastiker scheinen recht
gehabt zu haben, ihn zu verlassen. Freilich haben einige sonst gescheite Männer
und darunter solche von grossem Verdienst, aber in dieser Hinsicht ein wenig
menschenfeindlich gestimmt, diese Lehre jenes Kirchenvaters wieder aufbringen
wollen und haben sie vielleicht noch übertrieben.
    Auch kann dieser Geist einigen Einfluss in der Streitigkeit zwischen mehreren
allzuheftigen Lehrern gehabt haben; und als die Jesuiten als Missionare Chinas
berichtet hatten, dass die alten Chinesen die wahre Religion ihrer Zeit und der
wahren Heiligen gehabt hätten, und dass die Lehre des Konfuzius nichts
Abgöttisches oder Ateistisches entielte, scheint man in Rom richtiger
gehandelt zu haben, dass man eine der grössten Nationen nicht verdammen wollte,
ohne sie gehört zu haben. Wohl uns, dass Gott mehr Menschenliebe besitzt als die
Menschen. Ich kenne Leute, welche im Glauben, ihren Eifer durch Härte der
Ansichten zu beweisen, sich einbilden, man könne die Erbsünde nicht glauben ohne
ihrer Meinung zu sein; aber darin irren sie sich. Auch folgt nicht, dass
diejenigen, welche die Heiden oder andere der gewöhnlichen Heilsmittel
Entbehrenden retten, es den blossen Naturkräften zuschreiben müssen, (obwohl
vielleicht einige Kirchenväter dieser Ansicht gewesen sind), weil man behaupten
kann, dass wenn Gott ihnen die Gnade schenkt, einen Akt der Zerknirschung zu
erwecken, er ihnen auch stets, sei es tatsächlich, sei es der Anlage nach, aber
immer übernatürlich vor dem Tode, wenn es auch nur in den letzten Augenblicken
wäre, das ganze Licht des Glaubens und die ganze Glut der Liebe, welche ihnen
zur Seligkeit nötig ist, gibt. So erklären auch die Reformierten bei Vedelius
die Ansicht Zwinglis, welcher sich über diesen Punkt der Seligkeit tugendhafter
Heiden ebenso deutlich ausgedrückt hatte, als die Lehrer der römischen Kirche es
nur immer tun konnten. Auch hat diese Lehre darin nichts mit der besonderen
Lehre der Pelagianer oder Semipelagianer gemein, von der, wie man weiss, Zwingli
weit entfernt war. Und da man im Gegensatz zu den Pelagianern bei allen denen,
welche den Glauben haben, eine übernatürliche Gnade lehrt (worin die drei
anerkannten Religionen übereinstimmen, ausgenommen vielleicht die Schüler
Pajons) und sogar entweder den Glauben oder wenigstens ähnliche Bewegungen den
die Taufe empfangenden Kindern zugibt, so ist es nicht sehr ausserordentlich,
dasselbe - wenigstens in der Todesstunde - Leuten von gutem Willen zuzugestehen,
die nicht das Glück gehabt haben, auf die gewöhnliche Weise im Christentum
unterrichtet zu sein. Aber das Weiseste ist, über so wenig bekannte Punkte
nichts zu bestimmen und sich im allgemeinen mit dem Urteil zu begnügen, dass Gott
nichts tun könne, was nicht voller Güte und Gerechtigkeit ist: melius est
dubitare de occultis, quam litigare de incertis. Besser über das Verborgene
ungewiss sein, als über das Ungewisse hadern. (Augustin L. 8. Gen. ad litt. c.
5.)
 
                                  Kapitel XIX.
                                Vom Entusiasmus
    § 1. Philaletes. Wollte Gott, dass alle Teologen und der heil. Augustin
selbst immer den in diesem Satze ausgedrückten Grundsatz ausgeübt hätten. Die
Menschen glauben aber, dass der Geist des Dogmatismus ein Zeichen ihres Eifers
für die Wahrheit sei, und doch findet ganz das Gegenteil statt. Man liebt sie
wahrhaft nur im Verhältnis, wie man die Beweise zu prüfen liebt, welche sie als
das zeigen, was sie ist. Und wenn man sein Urteil überstürzt, so wird man immer
durch weniger reine Beweggründe getrieben. § 2. Die Herrschsucht ist einer der
gewöhnlichsten, und ein zweiter ist eine gewisse Vorliebe für eigene
Träumereien. Daraus geht der Entusiasmus hervor. § 3. Mit diesem Namen
bezeichnet man den Fehler derjenigen, welche sich einbilden, sie hätten eine
unmittelbare Offenbarung, wenn diese nicht auf der Vernunft begründet ist. § 4.
Und da man sagen kann, dass die Vernunft eine natürliche Offenbarung ist, deren
Urheber Gott ist, sowie er der der Natur ist, so kann man auch sagen, dass die
Offenbarung eine übernatürliche Vernunft ist d.h. eine durch eine neue Summe von
unmittelbar von Gott ausgegangenen Entdeckungen erweiterte Vernunft. Aber diese
Entdeckungen setzen voraus, dass wir das Mittel, sie als solche zu erkennen,
haben, und dies ist die Vernunft selbst: sie verbannen wollen, um der
Offenbarung Platz zu machen, hiesse sich die Augen ausreissen, um die Trabanten
des Jupiter besser durch ein Teleskop zu sehen. § 5. Die Quelle des Entusiasmus
ist der Umstand, dass eine unmittelbare Offenbarung bequemer und kürzer ist, als
ein langes und mühsames Vernunftverfahren, welches auch nicht immer von
glücklichem Erfolge begleitet ist. Man hat zu allen Zeiten Menschen gesehen,
deren mit Frömmigkeit gemischte und mit Selbstgefälligkeit verbundene Schwermut
sie hat glauben machen, dass sie eine ganz andere Vertrauteit mit Gott hätten,
als die anderen Menschen. Sie setzen voraus, dass er sie den Seinigen verheissen
hat, und glauben vorzugsweise vor den übrigen sein Volk zu sein. § 6. Ihre
Phantasie wird eine Erleuchtung und göttliche Autorität, und ihre Pläne sind
eine unfehlbare Lenkung des Himmels, welcher sie zu folgen verpflichtet sind. §
7. Diese Meinung hat grosse Wirkungen hervorgebracht und grosse Übel verursacht,
denn ein Mensch handelt kräftiger, wenn er seinen eigenen Antrieben folgt, und
die Annahme einer göttlichen Autorität durch unsere Neigung aufrechterhalten
wird. § 8. Es ist schwer, ihn davon loszumachen, weil diese angebliche Gewissheit
ohne Beweis der Eitelkeit und Lust am Ungewöhnlichen schmeichelt. Die Fanatiker
vergleichen ihre Meinung mit dem Blick und der Empfindung. Sie sehen das
göttliche Licht, wie wir das der Sonne am hellen Mittag sehen, ohne nötig zu
haben, dass die Dämmerung der Vernunft es ihnen zeigt. § 9. Sie sind überzeugt,
weil sie überzeugt sind, und ihre Überzeugung ist recht, weil sie stark ist,
denn darauf lässt sich ihre bilderreiche Sprache zurückfuhren. § 10. Wenn es nun
aber zwei Arten des Erkennens gibt, die des logischen Urteilens und die der
Offenbarung, so kann man sie fragen, wo die Klarheit ist. Ist diese ein
Auffassen des logischen Urteils, wozu dient dann die Offenbarung? Sie muss also
in dem Empfinden der Offenbarung sein. Wie können sie aber bemerken, dass es Gott
ist, welcher offenbart, und nicht ein Irrlicht, das sie in jenem Zirkel
herumführt: Das ist eine Offenbarung, weil ich sie fest glaube, und ich glaube
daran, weil es eine Offenbarung ist? § 11. Gibt es etwas, was mehr dazu gemacht
ist, sich in Irrtum zu stürzen, als wenn man die Einbildung zum Führer nimmt? §
12. St. Paul hatte einen grossen Eifer, als er die Christen verfolgte, und
täuschte sich darum doch. Man weiss, dass der Teufel seine Martyrer gehabt hat,
und wenn es hinreicht, fest überzeugt zu sein, so kann man die Täuschungen
Satans nicht mehr von den Eingebungen des heiligen Geistes unterscheiden. § 14.
Also ist es die Vernunft, was uns die Wahrheit der Offenbarung erkennen macht. §
15. Wenn aber unser Glaube sie bezeugen sollte, so würde der eben ererwähnte
Zirkel eintreten. Die Heiligen, welche von Gott Offenbarungen empfingen, hatten
äussere Zeichen, welche sie von der Wahrheit des inneren Lichtes überzeugten.
Moses sah einen brennenden Busch, der sich nicht verzehrte, und hörte eine
Stimme aus der Mitte des Busches, und Gott gebrauchte, um ihn im voraus seiner
Sendung zu vergewissern, als er ihn zur Befreiung seiner Brüder nach Ägypten
schickte, dabei das Wunder des in eine Schlange verwandelten Stabes. Gideon ward
durch einen Engel gesendet, das Volk Israel vom Joch der Midianiter zu befreien.
Gleichwohl forderte er ein Zeichen, um überzeugt zu sein, dass ihm dieser Auftrag
von seiten Gottes gegeben wäre. § 16. Ich leugne indessen nicht, dass nicht
mitunter Gott den Geist der Menschen erleuchte, um ihnen gewisse wichtige
Wahrheiten begreiflich zu machen oder um sie durch unmittelbaren Einfluss und
Beistand des h. Geistes ohne irgend welche ausserordentliche, diesen Einfluss
begleitende Zeichen zu guten Handlungen zu bewegen. Aber auch in diesen Fällen
haben wir die Vernunft und die Schrift, zwei untrügliche Regeln, als
Richterinnen dieser Erleuchtungen, denn wenn sie mit diesen Regeln stimmen,
laufen wir wenigstens keine Gefahr, wenn wir sie als von Gott eingegeben
ansehen, auch wenn dies vielleicht keine unmittelbare Offenbarung ist.
    Teophilus. Entusiasmus war anfangs ein Name von guter Bedeutung. Und wie
Sophisma eigentlich eine Weisheitsübung bedeutet, so bezeichnet Entusiasmus,
dass eine Gotteit in uns walte. Est Deus in nobis (In uns waltet ein Gott).
Sokrates behauptete auch, dass ihm ein Gott oder Dämon innere Kundgebungen mache,
so dass Entusiasmus ein göttlicher Instinkt wäre. Nachdem aber die Menschen ihre
Leidenschaften, Phantasien und Träume, ja sogar ihren Wahnsinn als etwas
Göttliches heilig gesprochen hatten, begann Entusiasmus eine Geistesstörung zu
bezeichnen, welche man der Wirksamkeit einer in den davon Befallenen
angenommenen Gotteit zuschrieb, denn die Wahrsager und Wahrsagerinnen zeigten
eine Geistesstörung, wenn ihr Gott sich ihrer bemächtigte, wie die Sibylle von
Cumae bei Vergil. Seitdem schreibt man sie denen zu, welche ohne Grund glauben,
dass ihre Bewegungen von Gott kommen. Nisus bei demselben Dichter, da er sich
durch einen fremdartigen Antrieb zu einer gefährlichen Unternehmung fortgerissen
fühlt, in der er mit seinem Freunde umkommt, schlägt ihm diese in folgenden, von
vernünftigem Zweifel erfüllten Worten vor:
 Dine hunc ardorem mentibus addunt,
 Euryale, an sua cuisque Deus fit dira cupido?
Pflanzten die Götter, o Freund, mir die treibende Glut in die Seele,
Oder wird jedem zum Gott nur die eigene wilde Begierde?
    Er folgte dennoch seinem Trieb, von dem er nicht wusste, ob er von Gott oder
einer unglücklichen Lust, sich auszuzeichnen, herrührte. Aber wenn es ihm
geglückt wäre, würde er nicht ermangelt haben, sich in einem anderen Falle für
auserwählt und durch irgend eine göttliche Macht getrieben zu glauben. Die
Entusiasten heutzutage glauben auch von Gott Lehrsätze zu ihrer Erleuchtung zu
empfangen. Die Quäker sind dieser Überzeugung, und Barclay, ihr erster
metodischer Gründer, behauptet, dass sie in sich ein gewisses Licht fänden, das
sich durch sich selbst zu erkennen gäbe. Aber warum das Licht nennen, was nichts
sehen macht? Ich weiss wohl, dass es Leute von solcher Geistesbeschaffenheit gibt,
welche Funken und selbst noch Leuchtenderes sehen, aber dies Bild des
körperlichen Lichts, das sich bei der Erhitzung ihrer Lebensgeister zeigt, gibt
dem Geiste kein Licht. Manche einfältige Personen von aufgeregter Phantasie
bilden sich Vorstellungen, die sie vorher nicht hatten: sie sind imstande, sich
in ihrem Sinne schon oder wenigstens sehr lebhaft auszudrücken; sie bewundern
sich selbst und lassen von anderen diese Fruchtbarkeit bewundern, welche als
Eingebung gilt. Dieser Vorteil kommt für sie zum guten Teile von einer starken,
durch die Leidenschaft belebten Phantasie her und von einem glücklichen
Gedächtnis, welches die Redeweise der prophetischen, durch Lesen oder Vortrag
anderer ihnen vertraut gewordener Bücher gut behalten hat.
    Antoinette de Bourignon bediente sich ihrer Rede-und Schreibfertigkeit als
eines Beweises ihrer göttlichen Sendung. Auch kenne ich einen Schwärmer, welcher
den seinigen auf sein Talent gründet, ganz laut fast einen ganzen Tag, ohne zu
ermüden oder heiser zu werden, zu reden und zu beten. Es gibt Menschen, welche
nach durchgemachter harter Lebensweise oder nach einem Zustand des Trübsinns in
ihrer Seele einen entzückenden Frieden und Trost schmecken, und darin finden sie
so viel Süssigkeit, dass sie es für eine Wirkung des h. Geistes halten. Allerdings
ist die Befriedigung, welche man in der Betrachtung der Grösse und Güte Gottes,
in dem Vollbringen seines Willens, in der Ausübung der Tugenden findet, eine
Gnade Gottes und zwar eine der grössten, aber es ist nicht immer eine Gnade,
welche einer neuen übernatürlichen Hilfe bedarf, wie viele dieser guten Leute es
behaupten. Es hat vor noch nicht langer Zeit ein sonst ganz kluges Mädchen
gegeben, welches von seiner Jugend an mit Jesus Christus zu reden und auf eine
ganz besondere Weise seine Gattin zu sein glaubte. Die Mutter desselben war, wie
man erzählte, ein wenig zum Entusiasmus geneigt gewesen, aber die Tochter,
welche früh angefangen hatte, noch viel weiter gegangen. Ihre Befriedigung und
Freudigkeit war unaussprechlich, ihre Tugendhaftigkeit zeigte sich in ihrem
Wandel und ihr Geist in ihren Gesprächen. Indessen ging das Ding doch so weit,
dass sie Briefe entgegennahm, welche man an unseren Herrn adressierte, und welche
sie versiegelt, wie sie sie empfangen hatte, mit der Antwort zurückschickte, die
mitunter ganz angemessen und immer vernünftig abgefasst war. Aber endlich hörte
sie auf, deren anzunehmen, aus Furcht, zu viel Aufsehen zu erregen. In Spanien
würde sie eine zweite heilige Teresa gewesen sein. Aber nicht alle Personen,
welche ähnliche Gefühle haben, haben einen gleichen Wandel. Es gibt deren,
welche Sekten zu stiften und selbst Unruhen zu erregen suchen, und davon hat
England schlimme Beweise gehabt. Wenn diese Leute in gutem Glauben handeln, ist
es schwer, sie zur Vernunft zu bringen; mitunter führt der Umsturz aller ihrer
Pläne sie zur Besserung, aber häufig ist es dann zu spät. Es gab einen vor
kurzem gestorbenen Schwärmer, welcher sich für unsterblich hielt, weil er sehr
alt war und sich wohl befand, und ohne das vor kurzem veröffentlichte Buch eines
Engländers gelesen zu haben, (welches glauben machen wollte, dass Jesus Christus
auch deswegen in die Welt gekommen wäre, um die wahren Gläubigen vom
körperlichen Tode zu befreien), war er seit langen Jahren ungefähr derselben
Ansicht; als er aber den Tod fühlte, ging er so weit, nun die ganze Religion
anzuzweifeln, weil sie seiner Chimäre nicht entsprach. Der Schlesier Quirinus
Kulman, ein unterrichteter Mann von Geist, der aber nachher in zweierlei gleich
gefährliche Schwärmereien geraten war, in die der Entusiasten und die der
Alchimisten, und welcher in England, Holland und bis nach Konstantinopel
Aufsehen gemacht hatte, endlich aber auf den Gedanken gekommen war, nach Russland
zu gehen und sich in gewisse Intriguen gegen das Ministerium zu mischen zu der
Zeit, als die Prinzessin Sophie dort regierte, wurde zum Feuer verdammt und
starb nicht wie ein von dem, was er gepredigt hatte, Überzeugter.
    Die Meinungsverschiedenheiten dieser Leute untereinander müssten sie auch
überführen, dass ihr vorgebliches inneres Zeugnis nicht göttlich sei, und dass
andere Zeichen dazu gehören, es zu rechtfertigen. Die Labbadisten z.B. verstehen
sich nicht mit Antoinette Bourignon, und obwohl William Penn bei seiner Reise
nach Deutschland, von der man einen Bericht veröffentlicht hat, den Plan gehabt
zu haben scheint, eine Art von Einverständnis zwischen denen herbeizuführen,
welche auf diesem Zeugnis fussen, so scheint es ihm doch nicht geglückt zu sein.
Es wäre in Wahrheit zu wünschen, dass die redlichen Menschen sich miteinander
verständen und einträchtig handelten; nichts wäre mehr imstande, das menschliche
Geschlecht besser und glücklicher zu machen, aber sie müssten dann selbst in
Wahrheit redliche Menschen sein d.h. rechtschaffen und ausserdem gelehrig und
vernünftig, statt dass man die, welche man heutzutage Fromme nennt, der Härte,
Herrschsucht und des Eigensinns anklagt. Ihre Misshelligkeiten zeigen wenigstens,
dass ihr inneres Zeugnis einer äusseren Beglaubigung bedarf, um geglaubt zu
werden, und sie hätten Wunder nötig, um mit Recht für Propheten und Inspirierte
zu gelten.
    Gleichwohl gibt es einen Fall, wo diese Inspirationen ihren Beweis mit sich
bringen würden. Das wäre, wenn sie in der Tat den Geist durch die bedeutsame
Entdeckung irgend einer ausserordentlichen Erkenntnis aufklärten, welche über die
Kräfte desjenigen hinausginge, der sie ohne äussere Hilfe erworben hätte. Wenn
der berühmte Lausitzer Schuster Jakob Böhme, dessen Schriften unter dem Namen
des Philosophus teutonicus in andere Sprachen übersetzt sind, die in der Tat
etwas Grossartiges und Schönes für einen Mann dieser Lebensstellung haben, hätte
Gold machen können, wie einige es sich einreden, oder wie der Evangelist
Johannes es konnte, wenn wir das glauben, was ein zu seiner Ehre gemachter
Hymnus sagt:
 Inexhaustum fert tesaurum,
 Qui di virgis fecit aurum,
 Gemmas de lapidibus.
 Unermessnen Schatz besitzt,
 Der aus Ruten Gold gemacht
 Und aus Kieseln Edelstein.
so würde man Anlass haben, diesem ausserordentlichen Schuster mehr Glauben zu
schenken. Und wenn Antoinette Bourignon dem französischen Ingenieur Bertrand La
Coste in Hamburg das Licht in den Wissenschaften, welches er von ihr empfangen
zu haben glaubte, geliefert hätte, wie er es in seiner Dedikation des Werkes
über die Quadratur des Zirkels bemerkt (wo er auf Antoinette und Bertrand
anspielend, sie das A in der Teologie nannte, wie er sich selbst als das B in
der Matematik bezeichnet), so würde man nicht wissen, was man dazu sagen
sollte. Aber man sieht keine Beispiele eines bedeutenden Erfolges dieser Art
noch auch wohl detaillierte Voraussagungen, die solchen Leuten geglückt wären.
Die Prophezeiungen der Poniatovia, des Drabitius und anderer, welche der gute
Comenius in seiner Lux in Tenebris (Licht in der Finsternis) veröffentlichte und
welche zu Unruhen in den kaiserlichen Erblanden beitrugen, erwiesen sich als
falsch, und diejenigen, welche ihnen Glauben schenkten, machten sich
unglücklich. Der Fürst von Siebenbürgen Ragozky wurde von Drabitius zur
Unternehmung gegen Polen angetrieben, in welcher er sein Heer und infolgedessen
seine Staaten mit dem Leben verlor, und dem armen Drabitius wurde lange nachher
im Alter von 80 Jahren endlich auf Befehl des Kaisers der Kopf abgeschlagen.
Indessen zweifle ich nicht, dass es jetzt Leute gibt, welche diese Voraussagungen
zu übler Stunde in der gegenwärtigen Konjunktur der Unruhen in Ungarn wieder
beleben wollen, indem sie nicht in Betracht ziehen, dass diese angeblichen
Propheten von Ereignissen ihrer Zeit sprachen, worin sie es ungefähr machten wie
der, welcher nach der Beschiessung von Brüssel ein fliegendes Blatt
veröffentlichte, worin eine aus einem Buche der Antoinette Bourignon genommene
Stelle vorkam, die nicht in diese Stadt kommen wollte, weil - wenn ich mich
recht erinnere - sie geträumt hatte, dieselbe in Feuer gesehen zu haben; aber
jene Beschiessung erfolgte lange Zeit nach ihrem Tode. Ich habe einen Menschen
gekannt, welcher während des durch den Frieden von Nymwegen geendeten Krieges
nach Frankreich ging, um die Herren von Montausier und von Pomponne wegen der
angeblichen Wahrheit der von Comenius veröffentlichten Prophezeiungen zu
belästigen, und ich glaube, er wäre sich selbst als inspiriert vorgekommen, wenn
er seine Gedanken in einer Zeit wie die unsrige hätte vorbringen können. Hieraus
lässt sich nicht nur die Unbegründeteit, sondern auch das Gefährliche solcher
Einbildungen erkennen. Die Geschichte ist voll von der üblen Wirkung falscher
oder unrichtig verstandener Prophezeiungen, wie man in einer gelehrten und
scharfsinnigen Abhandlung de officio viri boni circa futura contingentia (über
die Pflicht des Rechtschaffenen hinsichtlich zukünftiger Ereignisse) ersehen
kann, welche der verstorbene Jakob Tomasius, ein berühmter Leipziger Professor,
vormals veröffentlicht hat. Mitunter haben diese Glaubensartikel eine gute
Wirkung und dienen zu grossen Dingen, denn Gott kann sich des Irrtums bedienen,
um die Wahrheit aufzurichten oder aufrechtzuerhalten. Aber ich glaube nicht, dass
es uns so leicht verstattet ist, frommen Betrug zu einem guten Zweck anzuwenden.
Und was die Lehrsätze der Religion anbetrifft, so haben wir keine neuen
Offenbarungen nötig; es reicht hin, dass man uns die Heilsgesetze vorlegt, damit
wir verpflichtet seien, ihnen zu folgen, mag auch der, welcher sie vorlegt, kein
Wunder tun; und obgleich Jesus Christus damit ausgerüstet war, verweigerte er
mitunter doch, solche zu verrichten, um einem verkehrten Geschlecht, das Zeichen
verlangte, zu willfahren, während er nur die Tugend und das, was schon durch die
natürliche Vernunft und die Propheten gelehrt worden war, predigte.
 
                                  Kapitel XX.
                                   Vom Irrtum
    § 1. Philaletes. Nachdem wir genugsam von allen den Mitteln, welche uns die
Wahrheit erkennen oder ahnen lassen, gesprochen haben, wollen wir noch etwas von
unseren Irrtümern und unrichtigen Urteilen sagen. Die Menschen müssen sich wohl
oft irren, weil es so viele Misshelligkeiten unter ihnen gibt.
    Die Ursachen davon können auf folgende vier zurückgeführt werden: 1) den
Mangel an Beweisen, 2) die geringe Geschicklichkeit, sich derselben zu bedienen,
3) den Mangel an gutem Willen, davon Gebrauch zu machen, 4) die falschen
Wahrscheinlichkeitsregeln.
    § 2. Wenn ich von dem Mangel an Beweisen spreche, so begreife ich auch noch
diejenigen darunter, welche man finden könnte, wenn man dazu die Mittel und die
bequeme Gelegenheit hätte; aber deren gerade entbehrt man am häufigsten. Der
Zustand der Menschen ist so, dass ihr Leben im Aufsuchen dessen, wovon sie leben
müssen, hingeht; sie sind von dem, was in der Welt vorgeht, so wenig
unterrichtet, wie ein Lasttier, welches immer denselben Weg geht, auf der
Landkarte bewandert werden kann. Sie müssten Sprachen, Lektüre, Unterhaltung,
Naturbeobachtungen und technische Erfahrungen haben. § 3. Da nun aber dies alles
ihre Lebensverhältnisse nicht angeht, können wir da leugnen, dass der grosse Haufe
der Menschen zum Glück und zum Unglück nur durch einen blinden Zufall geführt
wird? Müssen sie sich den herrschenden Meinungen und den in ihrem Vaterlande
autorisierten Führern überlassen selbst hinsichtlich ihres ewigen Glücks oder
Unglücks? Oder soll man ewig unglücklich sein, weil man, statt in diesem, in
einem anderen Lande geboren ist? Gleichwohl muss man zugeben, dass niemand von der
Sorge für seinen Unterhalt so sehr in Anspruch genommen ist, dass er nicht eine
gewisse Ruhezeit hätte, um an seine Seele zu denken und sich in dem, was die
Religion betrifft, zu unterrichten, mag er auch noch so sehr mit unwichtigeren
Sachen beschäftigt sein.
    Teophilus. Angenommen, dass die Menschen nicht immer imstande sind, sich
selbst zu unterrichten, und dass sie, da sie die Sorge für den Unterhalt ihrer
Familie aus Fürsorge nicht aufgeben können, um schwierige Wahrheiten
aufzusuchen, genötigt sind, den in ihrer Heimat autorisierten Meinungen zu
folgen, so müsste man doch immer urteilen, dass bei denen, welche die wahre
Religion, auch ohne sie erwiesen zu haben, besitzen, die innere Gnade den Mangel
der Motive zur Gläubigkeit ersetzt; und die Liebe heisst uns ferner urteilen, wie
ich Ihnen schon bemerkt habe, dass Gott für die Menschen von gutem Willen, wenn
sie auch in der dichten Finsternis der gefährlichsten Irrtümer gross geworden
sind, alles tut, was seine Güte und Gerechtigkeit erheischen - obwohl vielleicht
auf eine uns unbekannte Weise. Es gibt in der römischen Kirche mit Beifall
aufgenommene Geschichten von Leuten, die besonders auferweckt worden sind, um
heilbringender Hilfe nicht zu entbehren. Aber Gott kann den Seelen durch die
innere Wirksamkeit des heiligen Geistes zu Hilfe kommen, ohne ein so grosses
Wunder nötig zu haben, und das Beste und Tröstlichste für das Menschengeschlecht
besteht darin, dass um sich in den Stand der Gnade Gottes zu setzen, man nur
guten Willen nötig hat, aber aufrichtigen und ernsten. Ich erkenne an, dass man
selbst auch diesen guten Willen nicht ohne Gottes Gnade hat, sofern alles
natürliche oder übernatürliche Gute von ihm kommt: aber es ist immer genug, dass
man nur den Willen zu haben braucht, und Gott unmöglich eine leichtere und
vernünftigere Bedingung verlangen könnte.
    § 4. Philaletes. Es gibt Menschen, welche gut genug gestellt sind, um alle
geeigneten Bequemlichkeiten zur Aufklärung ihrer Zweifel zu haben, aber sie
werden davon durch allerlei künstliche Hindernisse abwendig gemacht, die zu
bemerken leicht genug ist, ohne dass es notwendig wäre, sich an dieser Stelle
über sie zu verbreiten. Ich will lieber von denen reden, welchen es an
Geschicklichkeit fehlt, um die Beweise, welche sie sozusagen an der Hand haben,
geltend zu machen, und welche weder eine lange Reihe von Folgerungen behalten
noch alle Umstände abwägen können. Es gibt Leute, die nur einen Schluss, und es
gibt deren, die nur zwei machen können. Es ist hier nicht der Ort festzustellen,
ob diese Unvollkommenheit von einer natürlichen Verschiedenheit der Seelen
selbst oder der Organe herrührt, oder ob sie vom Mangel an Übung, welche die
natürlichen Fähigkeiten schärft, abhängt. Es genügt uns hier, dass sie
ersichtlich ist, und man nur vom Palast oder von der Börse in die Hospitäler
oder Irrenhäuser zu gehen braucht, um sie wahrzunehmen.
    Teophilus. Es sind die Armen nicht allein in der Not; manchen Reichen
mangelt mehr als ihnen, weil solche Reiche zuviel verlangen und sich freiwillig
in eine Art von Dürftigkeit versetzen, welche sie wichtigen Erwägungen
obzuliegen verhindert. Das Beispiel tut dabei viel. Man bemüht sich, dem von
seinesgleichen zu folgen, das man auszuüben verpflichtet ist, wenn man sich
nicht als Querkopf zeigen will; und dies bewirkt leicht, dass man ihnen ähnlich
wird. Es ist gar schwer, zugleich der Vernunft und der Sitte zu genügen. Was
diejenigen anbetrifft, denen Fähigkeit fehlt, so gibt es deren vielleicht
weniger, als man denkt; ich glaube, dass der gesunde Menschenverstand mit Fleiss
verbunden für alles ausreichen kann, was nicht gerade Schlagfertigkeit
erfordert. Ich stelle den gesunden Menschenverstand voran, weil ich nicht
glaube, dass Sie die Untersuchung der Wahrheit von den Bewohnern der Irrenhäuser
verlangen wollen. Allerdings gibt es deren nicht viele, welche nicht wieder zu
sich kommen könnten, wenn wir die Mittel dazu kennten; und welcher ursprüngliche
Unterschied zwischen unseren Seelen auch stattfinden mag, (wie ich in der Tat an
einen solchen glaube), so könnte sicherlich immerhin die eine so weit kommen,
wie die andere (aber vielleicht nur nicht so schnell), wenn sie nur richtig
geleitet würde.
    § 6. Philaletes. Es gibt eine andere Art von Menschen, denen es nur am
guten Willen fehlt. Eine heftige Sucht zum Vergnügen, eine beständige
Beschäftigung mit dem, was ihr Vermögen betrifft, eine allgemeine Trägheit oder
Nachlässigkeit, eine besondere Abneigung gegen das Stadium und Nachdenken
verhindern sie, ernstlich an die Wahrheit zu denken. Es gibt sogar solche,
welche fürchten, dass eine von jeder Parteilichkeit freie Untersuchung den
Meinungen, welche sich am besten mit ihren Vorurteilen und ihren Plänen
vertragen, nicht günstig sei. Man kennt Personen, welche einen Brief nicht lesen
wollen, von dem sie vermuten, dass er schlechte Neuigkeiten bringe, und viele
Leute vermeiden, ihre Rechnungsbilanz aufzustellen oder sich von dem Zustande
ihres Vermögens zu unterrichten, aus Furcht zu erfahren, was sie lieber für
immer nicht wissen möchten. Es gibt Leute, welche grosse Einkünfte haben und sie
alle auf Genussmittel für den Leib wenden, ohne an die Mittel zu denken, den
Verstand zu vervollkommnen. Sie geben sich grosse Mühe, immer in einer schönen
und glänzenden Equipage zu erscheinen und dulden es unbekümmert, dass ihre Seele
mit schlechten Lumpen des Vorurteils und des Irrtums bedeckt sei und die Blösse
d.h. die Unwissenheit durchscheine. Ohne von dem Interesse zu sprechen, welches
sie am zukünftigen Leben nehmen sollten, vernachlässigen sie nicht weniger das,
was in dem auf dieser Welt zu führenden Leben zu erkennen ihr Interesse ist.
Auch ist es etwas Seltsames, dass sehr oft diejenigen, welche die Macht und das
Ansehen als eine ihrer Geburt oder ihrem Vermögen zukommende Berechtigung
betrachten, sie nachlässigerweise Leuten von niedrigerer Stellung, als die
ihrige ist, welche sie aber an Wissen überragen, preisgeben; denn die Blinden
müssen freilich durch die Sehenden geführt werden, sonst fallen sie in den
Graben, und eine schlimmere Knechtschaft gibt es nicht, als die des Verstandes.
    Teophilus. Es gibt keinen deutlicheren Beweis von der Nachlässigkeit der
Menschen hinsichtlich ihrer wahren Interessen, als ihre geringe Sorge für die
Erkenntnis und Ausübung dessen, was der Gesundheit, einem unserer grössten Güter,
zuträglich ist, und obwohl die Grossen ebenso und noch mehr als die übrigen die
schlimmen Wirkungen dieser Versäumnis empfinden, kommen sie doch nicht davon
zurück. Was den Glauben anbetrifft, so betrachten manche das Denken, was sie zur
Untersuchung bringen könnte, als eine Versuchung des Teufels, welche sie nicht
besser überwinden zu können glauben, als indem sie den Geist auf jedwedes andere
richten. Die Menschen, welche nur die Vergnügungen lieben oder sich irgend einer
Beschäftigung widmen, pflegen die übrigen Dinge zu vernachlässigen. Ein Spieler,
ein Jäger, ein Trinker, ein Lüstling und selbst ein Liebhaber von Kleinigkeiten
wird eher sein Vermögen und sein Gut einbüssen, als dass er sich die Mühe gibt,
einen Prozess anzustrengen oder mit sachverständigen Leuten Rücksprache zu
nehmen. Es gibt Leute, wie der Kaiser Honorius war, der, als man ihm die
Nachricht brachte, dass Rom verloren sei, glaubte, es wäre sein Huhn, das diesen
Namen trug, was ihn mehr schmerzte, als die Wahrheit. Es wäre zu wünschen, dass
diejenigen, welche Macht haben, in gleichem Verhältnisse auch Erkenntnis hätten,
aber wenn sie auch das einzelne in den Wissenschaften, den Künsten, der
Geschichte und den Sprachen nicht besässen, so würde doch ein solides und geübtes
Urteil und eine Kenntnis des zugleich Grossen und Allgemeinen, mit einem Wort
eine summa rerum (Summe des Wissenswertesten) genügen können. Und wie der Kaiser
Augustus einen kurzen Abriss der Kräfte und Bedürfnisse des Staates hatte,
welchen er breviarium imperii (Reichsbrevier) nannte, so könnte man einen Abriss
der Interessen des Menschen haben, welcher enchiridion sapientine (Handbuch der
Weisheit) genannt zu werden verdiente, wenn die Menschen für das, was ihnen am
wichtigsten ist, Sorge tragen wollten.
    § 7. Philaletes. Endlich kommen unsere meisten Irrtümer von dem falschen
Wahrscheinlichkeitsmasse her, welches man dadurch erhält, dass man entweder sein
Urteil trotz offenbarer Bestimmungsgründe zurückhält oder es trotz
entgegengesetzter Wahrscheinlichkeiten fällt. Dieses falsche Mass besteht 1) in
zweifelhaften, als Prinzipien angenommenen Sätzen, 2) in angenommenen Hypotesen
und 3) in der Autorität. § 8. Wir urteilen gewöhnlich über die Wahrheit aus der
Übereinstimmung mit dem, was wir als unzweifelhafte Grundsätze betrachten, und
dies lässt uns das Zeugnis anderer und selbst unserer Sinne verachten, wenn sie
dem entgegengesetzt sind oder scheinen; aber ehe man sich mit so viel Sicherheit
darauf verlässt, sollte man sie mit der äussersten Strenge prüfen. § 9. Die Kinder
nehmen Sätze in sich auf, welche ihnen von Vater und Mutter, Wärterinnen,
Lehrern und anderen Personen ihrer Umgebung eingeflösst werden, und wenn diese
Sätze einmal Wurzel gefasst haben, so gelten sie für heilig wie ein Urim und
Tummim, das Gott selbst ihnen in die Seele gelegt hätte. § 10. Man kann das,
was gegen diese inneren Orakelsprüche verstösst, kaum ertragen, während man die
grössten Abgeschmackteiten, wenn sie sich damit vertragen, verdaut. Man ersieht
dies aus der unendlichen Hartnäckigkeit, die man bei verschiedenen Personen
hinsichtlich des festen Glaubens an schnurstracks entgegengesetzte Meinungen als
Glaubensartikel wahrnimmt, obwohl sie sehr oft gleich sehr abgeschmackt sind.
Nehmen Sie einen Menschen von gesundem Verstande, aber von demselben Grundsatz
durchdrungen, dass man glauben muss, was in der Kirchengemeinschaft geglaubt wird,
sowie man in Wittenberg oder in Schweden lehrt - welche Neigung hat derselbe
nicht, ohne Mühe die Lehre von der Konsubstantialität anzunehmen und zu glauben,
dass ein und dasselbe Ding zugleich Fleisch und Brot ist?
    Teophilus. Sie scheinen von den Lehrsätzen der Evangelischen nicht gehörig
unterrichtet zu sein, welche die reale Gegenwart des Leibes unseres Herrn im
Abendmahl annehmen. Tausendmal haben sie sich darüber erklärt, dass sie keine
Konsubstantialität des Brotes und des Weines mit dem Fleisch und Blut Jesu
Christi geglaubt haben wollen und noch weniger, dass eine und dieselbe Sache
zusammen Fleisch und Brot ist. Sie lehren nur, dass man durch den Empfang des
sinnlichen Symbols auf eine unsichtbare und übernatürliche Weise den Leib des
Heilands empfängt, ohne dass er in dem Brote eingeschlossen ist. Und die von
ihnen gemeinte Gegenwart ist nicht eine lokale oder sozusagen räumliche d.h.
eine durch die Ausdehnung des gegenwärtigen Körpers bestimmte, so dass, was die
Sinne dagegen haben können, sie nichts angeht. Und um zu zeigen, dass die aus der
Vernunft möglicherweise gezogenen Schwierigkeiten sie nicht berühren, erklären
sie, dass das, was sie unter der Substanz des Körpers verstehen, nicht in der
Ausdehnung oder Dimension besteht, und es macht ihnen keine Schwierigkeit
zuzugestehen, dass der verklärte Leib Jesu Christi eine gewisse regelmässige und
örtliche, aber seinem Zustand in dem erhabenen, von ihm eingenommenen Platze
angemessene Gegenwart behauptet, die von derjenigen sakramentalen Gegenwart, um
welche es sich hier handelt, oder von seiner wunderbaren Gegenwart, mit welcher
er die Kirche regiert, verschieden ist, durch welche er zwar nicht wie Gott
überall ist, aber da, wo er sein will. Dies ist die Ansicht der Gemässigsten, so
dass, um den Widersinn ihrer Lehre zu zeigen, man erst zeigen müsste, dass jede
Wesenheit des Körpers nur in der Ausdehnung und dem, was einzig und allein durch
sie gemessen wird, besteht, was meines Wissens noch niemand getan hat. Auch
trifft diese ganze Schwierigkeit nicht weniger die Reformierten, welche der
gallikanischen und niederländischen Konfession, ferner der, der sächsischen
Konfession entsprechenden, für das Konzil von Trient bestimmten, von Männern
beider Konfessionen, der Augustanischen und Helvetischen abgefassten Erklärung
der Versammlung von Sendomir, dem Glaubensbekenntnis der unter der Autorität des
Königs Wladislas von Polen zum Kolloquium nach Torn gerufenen Reformierten und
der stehenden Lehre des Calvin und Beda folgen, welche auf das Bestimmteste und
Stärkste erklärt haben, dass die Symbole tatsächlich das, was sie darstellen,
gewähren, und dass wir der eigenen Substanz des Leibes und Blutes Jesu Christi
teilhaftig werden. Calvin, nachdem er diejenigen widerlegt hat, welche sich mit
einer metaphorischen Teilnahme des Gedankens oder der Besiegelung und einer
Glaubenseinheit begnügen, fügt noch hinzu, es gäbe keinen noch so starken
Ausdruck, um die Realität festzustellen, den er nicht zu unterzeichnen bereit
sei, wenn man nur alles vermeide, was die Umschreibung der Orte oder die
Verbreitung der Ausdehnung betreffe: es scheint im Grunde also seine Lehre die
Melanchtons und sogar Luters gewesen zu sein (wie Calvin es selbst in einem
seiner Briefe voraussetzt) ausgenommen, dass er ausser der Bedingung der
Wahrnehmung des Symbols, mit welcher Luter sich begnügt, noch die Bedingung des
Glaubens fordert, um die Teilnahme der Unwürdigen auszuschliessen. Ich habe
Calvin an hundert Stellen seiner Werke und selbst in seinen Briefen, wo er es
nicht nötig hatte, über diese reale Gemeinschaft so bestimmt gefunden, dass ich
keine Veranlassung sehe, ihn hier eines blossen Kunstgriffs zu verdächtigen.
    § 11. Philaletes. Ich bitte um Verzeihung, wenn ich von diesen Herren der
gewöhnlichen Ansicht gemäss geredet habe. Auch erinnere ich mich jetzt bemerkt zu
haben, dass hervorragende Teologen der anglikanischen Kirche für diese reale
Teilnahme gewesen sind.
    Gehen wir nun aber von den festgestellten Prinzipien zu den angenommenen
Hypotesen über. Diejenigen, welche anerkennen, dass es nur Hypotesen sind,
halten sie dennoch oft hitzig aufrecht, fast als ob es gesicherte Grundsätze
wären, und übersehen die entgegengesetzten Wahrscheinlichkeiten. Es würde für
einen gelehrten Professor unerträglich sein, seine Autorität in einem Augenblick
durch den ersten besten, der seine Hypotesen verwirft, umgestürzt zu sehen,
seine Autorität, sage ich, die seit 30 bis 40 Jahren in der Mode ist, durch so
viele Nachtwachen erworben, mit so viel Griechisch und Latein aufrechterhalten
worden ist, welche die allgemeine Tradition und ein ehrwürdiger Bart bekräftigt.
Alle Gründe, welche man anwenden könnte, um ihn von der Falschheit seiner
Hypotese zu überzeugen, sind ebensowenig fähig, auf seinen Geist zu wirken, als
die Anstrengungen des Boreas den Reisenden zwingen konnten, seinen Mantel fahren
zu lassen, den er nur um so fester hielt, mit je mehr Heftigkeit der Wind blies.
    Teophilus. In der Tat haben die Kopernikaner an ihren Gegnern erfahren, dass
auch Hypotesen, die als solche anerkannt werden, doch um nichtsdestoweniger mit
brennendem Eifer aufrechterhalten werden. Und die Kartesianer sind nicht weniger
ihrer kanelierten Stoffteilchen und kleinen Kugeln des zweiten Elementes sicher,
als wenn es Lehrsätze des Euklid wären. Es scheint, dass der Eifer für unsere
Hypotesen nur eine Wirkung unserer Leidenschaft ist, Achtung für uns einflössen
zu wollen. Allerdings haben diejenigen, welche Galilei verurteilten, den
Stillstand der Erde für mehr als eine Hypotese gehalten, denn sie hielten ihn
für schrift- und vernunftgemäss. Aber hinterher hat man bemerkt, dass die Vernunft
wenigstens diese Lehre nicht stützte, und was die h. Schrift anbetrifft, so hat
der P. Fabry, Pönitentiarius von St. Peter, ein ausgezeichneter Teolog und
Philosoph, in einer zu Rom selbst veröffentlichten Apologie der Beobachtungen
des berühmten Optikers Eustachio Divini sich nicht gescheut zu erklären, dass die
wirkliche Bewegung der Sonne in dem heiligen Texte nur vorläufig zu verstehen
sei, und dass, wenn die Ansicht des Kopernikus sich bewahrheiten sollte, man es
ohne Schwierigkeit so erklären dürfte, wie jene Stelle des Vergil:
                          terraeque urbesque recedunt,
                      es entweichen die Länder und Städte.
Indessen fährt man in Italien und Spanien und selbst in den Erbstaaten des
Kaisers unaufhörlich fort, die Lehre des Kopernikus zum grossen Schaden jener
Völker zu unterdrücken, deren Geist sich zu den schönsten Entdeckungen erheben
könnte, wenn sie eine vernünftige und philosophische Freiheit genössen.
    § 12. Philaletes. Die herrschenden Leidenschaften scheinen, wie sie sagen,
in der Tat die Quelle unserer Liebe für die Hypotesen zu sein, aber sie
erstrecken sich noch viel weiter. Die grösstmögliche Wahrscheinlichkeit wird
nicht dazu dienen, einem Geizigen oder Ehrsüchtigen sein Unrecht begreiflich zu
machen, und ein Liebender wird sich mit der grössten Leichtigkeit von der Welt
von seiner Geliebten anführen lassen, so wahr ist der Satz, dass wir leicht
glauben, was wir wünschen, und nach der Bemerkung des Vergil:
                        qui amant, sibi somnia fingunt,
                      erschaffen sich Träume, die lieben.
Man bedient sich aus diesem Grunde zweier Mittel, um den augenscheinlichsten
Wahrscheinlichkeiten, wenn sie unsere Leidenschaften und Vorurteile bekämpfen,
auszuweichen. § 13. Das erste ist der Gedanke, dass in dem uns entgegengehaltenen
Beweisgründe irgend ein Trugschluss verborgen sei. § 14. Und das zweite ist die
Voraussetzung, dass wir ebenso gute und selbst bessere Gründe, um den Gegner zu
schlagen, auf die Bahn bringen könnten, wenn wir die bequeme Gelegenheit,
Geschicklichkeit oder Hilfe hätten, die sie aufzufinden nötig ist. § 15. Diese
Mittel, sich gegen das Überzeugtwerden zu wehren, sind mitunter gut, aber
mitunter auch Sophismen, wenn der Gegenstand hinlänglich klargemacht worden ist,
und man alles in Rechnung gezogen hat; denn nachdem dies geschehen ist, kann man
im ganzen erkennen, auf welcher Seite die Wahrscheinlichkeit sich findet. Auf
diese Art ist z.B. keine Veranlassung zu zweifeln, dass die organischen Wesen
viel mehr durch die von einem vernünftigen Agens geleiteten Bewegungen als durch
das zufällige Zusammentreffen der Atome gebildet worden sind, so wie es niemand
gibt, welcher im allergeringsten darüber ungewiss ist, ob die vom Druck
herrührenden Buchstaben, welche eine verständige Rede bilden, durch einen
aufmerksamen Menschen oder durch eine verworrene Mischung so zusammengebracht
worden sind. Ich möchte also annehmen, dass es nicht von uns abhängt, bei solchen
Gelegenheiten unsere Zustimmung aufzuschieben, aber wir können das, wenn die
Wahrscheinlichkeit weniger ersichtlich ist, und mögen uns dann selbst mit den
schwächsten Beweisen begnügen, die mit unserer Neigung sich am besten vertragen.
§ 16. Es scheint mir sogar wirklich nicht ausführbar, dass ein Mensch sich auf
die Seite neigt, wo ihm die geringste Wahrscheinlichkeit erscheint; die
Wahrnehmung, die Erkenntnis und Zustimmung sind nicht willkürlich, wie es nicht
von mir abhängt, die Übereinstimmung zweier Vorstellungen zu sehen oder nicht zu
sehen, wenn mein Geist darauf gerichtet ist. Gleichwohl können wir den
Fortschritt unserer Untersuchungen freiwillig aufhalten, sonst könnten
Unwissenheit und Irrtum in keinem Fall eine Sünde sein. In dieser Hinsicht üben
wir also unsere Freiheit aus. Allerdings nimmt man in den Fällen, wobei kein
Interesse obwaltet, die allgemeine Meinung oder die Ansicht des ersten besten
an, aber in den Punkten, wo unser Glück oder Unglück im Spiel ist, lässt sich
unser Geist ernstlicher darauf ein, die Wahrscheinlichkeiten zu wägen, und ich
meine, dass in diesem Falle, d.h. wenn wir Aufmerksamkeit haben, wir nicht die
Wahl haben, uns für diejenige Seite zu entscheiden, welche wir wollen, wenn
zwischen den beiden Parteien ganz und gar sichtbare Unterschiede vorhanden sind,
und dann wird vielmehr die grösste Wahrscheinlichkeit unsere Zustimmung bestimmen
müssen.
    Teophilus. Ich bin im Grunde ihrer Ansicht; auch haben wir uns in unseren
früheren Gesprächen, als wir von der Freiheit redeten, hinlänglich darüber
erklärt. Damals habe ich gezeigt, dass wir niemals das glauben, was wir wollen,
sondern vielmehr das, was wir als das Wahrscheinlichste erblicken, und dass wir
nichtsdestoweniger uns indirekt dasjenige können glauben machen, was wir wollen,
indem wir nämlich die Aufmerksamkeit von einem missliebigen Gegenstande abwenden,
um sie auf einen anderen zu richten, der uns gefällt, wodurch es geschieht, dass
wir durch fortgesetztes Erfassen der Gründe für einen Lieblingssatz endlich an
ihn als den wahrscheinlichsten glauben. Was die Meinungen anbetrifft, welche uns
nicht interessieren, und die wir auf oberflächliche Gründe hin annehmen, so
geschieht dies, wenn man beinahe nichts bemerkt, was dem widerspricht, und wir
finden, dass die uns im günstigen Lichte dargestellte Meinung die
entgegengesetzte Ansicht, welche in unserer Auffassung nichts für sich hat,
ebensoviel und mehr übertrifft, als wenn für die eine und andere Seite viele
Gründe vorhanden gewesen wären. Denn der Unterschied zwischen 0 und 1 oder
zwischen 2 und 3 ist ebenso gross, wie der zwischen 9 und 10, und wir bemerken
dieses Übergewicht, ohne an die Prüfung zu denken, welche zum Urteilen noch
nötig sein würde, aber wozu uns nichts einladet.
    § 17. Philaletes. Das letzte falsche Wahrscheinlichkeitsmass, an das ich zu
erinnern die Absicht habe, ist die falsch verstandene Autorität, welche mehr
Menschen in der Unwissenheit und im Irrtum hält, als alle die übrigen zusammen.
Wieviel Leute sieht man, die für ihre Ansicht keinen anderen Grund haben, als
die unter ihren Freunden und unter ihren Standes-oder Partei- oder
Landesgenossen angenommenen Meinungen? Irgend eine Meinung ist von dem
ehrwürdigen Altertum gebilligt gewesen, sie kommt mir unter dem Freibrief der
früheren Jahrhunderte zu; andere gehen sich ihr hin, darum bin ich vor dem
Irrtum geschützt, wenn ich sie annehme. Es wäre ebenso begründet, das Los zu
werfen, um seine Meinungen zu fassen, als auf solche Regeln hin sie zu wählen.
Ausser dem, dass alle Menschen dem Irrtum unterworfen sind, würden wir, glaube
ich, wenn wir die geheimen Triebfedern sehen könnten, welche die gelehrten und
Parteihäupter in Bewegung setzen, oft etwas ganz anderes finden als die reine
Liebe zur Wahrheit. Es gibt wenigstens sicherlich keine so abgeschmackte
Meinung, welche nicht auf diesen Grund hin angenommen werden könnte, da es
keinen Irrtum gibt, der nicht seine Parteigänger hat.
    Teophilus. Man muss indessen zugeben, dass man in vielen Fällen nicht umhin
kann, sich der Autorität hinzugeben. St. Augustinus hat ein recht hübsches Buch
de utilitate credendi (über den Nutzen des Glaubens) geschrieben, welches über
diesen Gegenstand gelesen zu werden verdient: und was die angenommenen Meinungen
angeht, so haben sie etwas Ähnliches für sich, als das, was die Juristen
Präsumption (günstiges Vorurteil) nennen. Obgleich man nicht genötigt sein mag,
ihnen immer ohne Beweis zu folgen, so ist man doch ebensowenig berechtigt, sie
im Geiste eines anderen zu zerstören, ohne gegenteilige Beweise zu haben. Es ist
nämlich nicht erlaubt, ohne Grund etwas zu verändern. Man hat viel über den
Beweis gestritten, welcher von der grossen Zahl der Bekenner einer Ansicht
hergenommen wird, seitdem der verstorbene Nicole sein Buch über die Kirche
veröffentlicht hat, aber alles, was man aus diesem Beweis ziehen kann, wenn es
sich darum handelt, einen Grund anzuerkennen, nicht aber eine Tatsache zu
beglaubigen, kommt nur auf das, was ich eben bemerkt habe, zurück. Und wie
hundert Pferde nicht schneller laufen als ein Pferd, obwohl sie mehr ziehen
können, so ist es ebenso mit hundert Menschen, verglichen mit einem; sie können
nicht schneller gehen, aber erfolgreicher arbeiten, sie können nicht besser
urteilen, aber sie werden imstande sein, mehr Stoff zu liefern, an dem das
Urteil geübt werden kann. Das ist der Sinn des Sprüchworts: plus vident oculi
quam oculus (vier Augen sehen mehr als zwei). Man bemerkt das in den
Versammlungen, wo in Wahrheit viele Betrachtungen auf die Bahn gebracht werden,
die vielleicht einem oder zweien entgehen; man läuft aber die Gefahr, indem man
über alle diese Zweifel beschliesst, nicht das beste Teil zu ergreifen, wenn
nicht gescheite Leute dabei sind, welche mit dem Durcharbeiten und Erwägen
derselben betraut werden. Darum haben verschiedene urteilsvolle Teologen der
römischen Glaubenspartei in der Einsicht, dass die Autorität der Kirche d.h. die
der an Würde höchsten und von der grossen Masse am meisten gestützten, in Sachen
der Vernunft auch unsicher sein könne, dieselbe auf die blosse Bezeugung von
Tatsachen unter dem Namen der Tradition zurückgeführt. Dies war die Meinung
Heinrich Holdens, eines Engländers und Lehrers an der Sorbonne, Verfassers eines
»Analyse des Glaubens« betitelten Werkes, worin er gemäss den Prinzipien des
Kommonitoriums Vincents von Lerina den Satz aufstellt, dass man in der Kirche
keine neuen Entscheidungen geben dürfe, und dass alles, was die im Konzil
versammelten Bischöfe tun können, darin besteht, die Tatsache der in ihren
Diözesen allgemein angenommenen Lehre zu bezeugen. Das Prinzip ist ansprechend,
solange man bei den Allgemeinheiten bleibt, aber wenn man zur Sache kommt, so
findet sich, dass verschiedene Länder verschiedene Meinungen seit langer Zeit
angenommen haben, und dass man noch dazu in den nämlichen Ländern von dem einen
zum entgegengesetzten anderen - trotz der Arnauldschen Argumente gegen die
unmerklichen Veränderungen - übergegangen ist; dass man sich überdies oft, ohne
sich auf die blosse Beglaubigung zu beschränken, in das Urteilen selbst
eingemischt hat. Im Grunde ist's auch die Meinung des gelehrten bayerischen
Jesuiten Gretser, Verfassers einer von den Teologen seines Ordens anerkannten
Glaubensanalyse, dass die Kirche über die Streitpunkte richten kann, indem sie
neue Glaubenssätze gründet, da ihr der Beistand des heiligen Geistes verheissen
ist, obwohl man diese Ansicht meistens zu verhüllen trachtet, besonders in
Frankreich, wie wenn die Kirche nur die schon aufgestellten Lehren zu erläutern
hättet. Aber die Erläuterung ist ein schon angenommener Satz oder ein neuer, den
man aus der angenommenen Lehre zu gewinnen glaubt. Die Praxis widersetzt sich
meistens dem ersteren Sinn, und was kann im zweiten Sinne der aufgestellte neue
Satz anderes als ein neuer Glaubenssatz sein?
    Ich bin indessen nicht der Ansicht, dass man das Altertum in Religionssachen
verachten dürfe, und glaube sogar, man dürfe sagen, dass Gott die wirklich
ökumenischen Konzilien bisher vor jedem Irrtum, welcher der Heilslehre zuwider
läuft, bewahrt hat. Übrigens ist Parteivorurteil ein wunderliches Ding. Ich habe
Leute mit Eifer eine Meinung umfassen sehen, allein aus dem Grunde, dass sie in
ihrem Stande angenommen war oder selbst allein deshalb, weil sie der eines
Mitgliedes einer Religionsgemeinschaft oder eines Volkes, die sie nicht liebten,
zuwider war, wenn auch die betreffende Frage mit der Religion und dem
Volksinteresse fast nichts gemein hatte. Sie kannten vielleicht nicht einmal die
wahre Quelle ihres Eifers, aber ich merkte, dass sie auf die erste Nachricht, dass
der oder jener dies oder jenes geschrieben habe, in den Biblioteken
herumwühlten und sich aufstachelten, um etwas zur Widerlegung zu finden. Dies
geschieht auch oft von denen, welche auf den Universitäten Tesen verteidigen
und sich gegen ihre Gegner auszuzeichnen suchen. Was sollen wir aber von den in
den symbolischen Büchern selbst unter den Protestanten vorgeschriebenen Lehren
sagen, welche man oft zu beschwören genötigt ist? Und von denen einige glauben,
sie bedeuteten bei uns nur die Verpflichtung zu dem Bekenntnis dessen, was diese
Bücher oder Formulare von der heiligen Schrift entalten, worin wieder andere
ihnen widersprechen. Und in den religiösen Orden der römischen Kirche schreibt
man, indem man mit den in der Kirche geltenden Lehren sich nicht begnügt, den
Lehrern noch engere Schranken vor, wie die von dem General der Jesuiten Claudius
Aquaviva, wenn ich mich nicht irre, in deren Schulen verbotenen Lehrsätze es
bezeugen. Gut wäre es - (um dies im Vorübergehen zu bemerken) - wenn man eine
systematische Sammlung der durch Konzilien, Päpste, Bischöfe, Oberen, Fakultäten
entschiedenen und verworfenen Sätze machte, welche der Kirchengeschichte zum
Nutzen sein würde. Man kann zwischen Lehren und Annehmen einer Ansicht
unterscheiden. Es gibt auf der ganzen Welt keinen Eid und kein Verbot, welches
jemand bei derselben Ansicht zu verbleiben zwingen könnte, denn die
Überzeugungen sind an sich unwillkürlich; aber eine Lehre zu lehren, welche für
gefährlich gilt, kann und muss man sich entalten, wenn es nicht gegen die
Gewissenspflicht läuft; und im letzteren Falle muss man sich aufrichtig erklären
und, falls man zu lehren berufen ist, seine Stelle niederlegen, immer
vorausgesetzt, dass man es tun könne, ohne sich einer äussersten Gefahr
auszusetzen, die einen zwingen könnte, sich ohne Aufsehen zu entfernen. Ein
anderes Mittel aber, die Rechte des Publikums und des einzelnen zu vereinigen,
gibt es nicht, da das eine verhindern muss, was es für schlimm erachtet, und der
andere der von seinem Gewissen geforderten Pflichten sich nicht entschlagen
kann.
    § 18. Philaletes. Dieser Gegensatz zwischen dem Publikum und dem einzelnen
und selbst zwischen den öffentlichen Meinungen der verschiedenen Parteien ist
ein unvermeidliches Übel. Aber oft sind eben diese Gegensätze nur scheinbar und
bestehen nur in den Formeln. Ich bin auch zu erklären verpflichtet, um dem
menschlichen Geschlechte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, dass es nicht so
viel im Irrtum verstrickte Leute gibt, als man gewöhnlich voraussetzt, nicht dass
ich glaube, sie besitzen die Wahrheit, sondern weil sie in der Tat über die
Lehren, von denen man soviel Aufhebens macht, absolut keine feste Meinung haben
und, ohne etwas zu prüfen und nur mit den oberflächlichsten Vorstellungen über
die betreffende Angelegenheit im Kopfe, entschlossen sind, sich fest zu ihrer
Partei zu halten, wie Soldaten, welche die von ihnen verteidigte Sache nicht
prüfen; und wenn das Leben eines Menschen zeigt, dass er keine aufrichtige
Rücksicht auf die Religion nimmt, so genügt es ihm, Hand und Zunge zur
Behauptung der gemeinsamen Meinung bereit zu halten, um sich denen, welche ihm
Unterstützung gewähren können, zu empfehlen.
    Teophilus. Diese von Ihnen dem menschlichen Geschlechte zugestandene
Gerechtigkeit gereicht ihm nicht zum Lobe, und die Menschen wären eher zu
entschuldigen, wenn sie aufrichtig ihren Meinungen folgten, als wenn sie sie aus
Interesse erheucheln. Indessen ist in ihrem Ton vielleicht doch noch mehr
Aufrichtigkeit, als Sie zu verstehen zu geben scheinen. Denn sie können ohne
irgend welche Erkenntnis des Grundes zu einem blinden Glauben gekommen sein,
indem sie sich allgemein und bisweilen blindlings aber häufig ohne Arg dem
Urteile anderer unterwerfen, deren Autorität sie einmal anerkannt haben.
Allerdings trägt das Interesse, das sie darin finden, zu dieser Unterwerfung
bei, aber das hindert nicht, dass sich endlich die Meinung bildet. In der
römischen Kirche begnügt man sich fast mit diesem dunklen Glauben, da es in ihr
keinen aus der Offenbarung herstammenden Lehrsatz gibt, der in ihr für absolut
grundlegend erachtet wird und für notwendig gilt »necessitate medii«, d.h. an
den zu glauben eine zur Seligkeit notwendige Bedingung ist. Sie sind es aber
alle »necessitate praecepti«, durch die Notwendigkeit, dass darin gelehrt wird,
der Kirche zu gehorchen, wie man es nennt, und der darin aufgestellten Lehre
alle gebührende Aufmerksamkeit zu widmen, alles unter der Strafe der Todsünde.
Aber diese Notwendigkeit erheischt nur eine vernünftige Neigung sich belehren zu
lassen und verpflichtet nach den gelehrtesten Kirchenlehrern nicht unbedingt zur
Zustimmung. Indessen glaubte selbst der Kardinal Bellarmin, dass nichts besser
wäre als dieser Kinderglaube, der sich einer geltenden Autorität unterwirft; und
mit Genugtuung erzählt er die Anrede eines Sterbenden an den Teufel, welchen er
durch diesen, von ihm oft wiederholt gehörten Zirkelspruch verscheuchte:
                       Ich glaube, was die Kirche glaubt;
                       Die Kirche glaubt, was ich glaube.
 
                                  Kapitel XXI.
                     Von der Einteilung der Wissenschaften
    §. 1. Philaletes. Da sind wir nun am Ende unseres Weges: alle die
Verrichtungen des Verstandes sind erläutert. Unsere Absicht ist nicht, auf das
einzelne unserer Erkenntnisse selbst einzugehen. Indessen wird es hier
vielleicht vor dem Schluss eine allgemeine Übersicht von ihnen zu geben passend
sein, indem wir die Einteilung der Wissenschaften in Betracht ziehen.
    Alles, was in den Umkreis des menschlichen Verstandes eintreten kann, ist
entweder das Wesen der Sachen an sich, oder an zweiter Stelle der Mensch in
seiner Eigenschaft als handelndes Wesen, der auf sein Ziel und besonders auf
sein Glück ausgeht, oder es sind drittens die Mittel, Erkenntnis zu erlangen und
mitzuteilen. So wird also die Wissenschaft in drei Fächer geteilt §. 2. Das
erste ist die Physik oder die Naturphilosophie, welche nicht allein die Körper
und deren Affektionen umfasst wie Zahl, Gestalt, sondern auch die Geister, selbst
Gott und die Engel. § 4. Das zweite ist die praktische Philosophie oder die
Moral, welche die Mittel lehrt, das Gute und Nützliche zu erlangen, und nicht
allein die Erkenntnis der Wahrheit, sondern auch die Ausübung der Gerechtigkeit
zum Vorwurf hat. § 4. Das dritte endlich ist die Logik oder die Zeichenkunde,
denn Logos bedeutet Wort. Wir haben nämlich Zeichen unserer Vorstellungen nötig,
um uns einander unsere Gedanken mitzuteilen, ebensogut, wie um sie zu unserem
eigenen Gebrauch zu verzeichnen. Und wenn man deutlich und mit aller möglichen
Sorgfalt in Betracht zöge, dass dieses letztere Fach der Wissenschaft sich auf
die Vorstellungen und Worte bezieht, so würden wir vielleicht eine von der
bisher bekannten verschiedene Logik und Kritik erhalten. Diese drei Fächer nun,
Physik, Moral und Logik, sind wie drei grosse Gebiete in der intellektuellen
Welt, gänzlich voneinander geschieden und getrennt.
    Teophilus. Diese Einteilung ist schon bei den Alten berühmt gewesen, denn
unter der Logik umfassten sie noch alles wie Sie, was sich auf die Worte und die
Auslegung unserer Gedanken bezieht, die »artes dicendi« (d.h. Künste der Rede).
Indessen liegen darin noch Schwierigkeiten, denn die Wissenschaft, das
Schlussverfahren anzuwenden, zu urteilen und zu erfinden, scheint sehr
verschieden von der Erkenntnis der Etymologien, der Worte und des
Sprachgebrauches, der etwas Unbestimmbares und Willkürliches ist. Man ist ferner
bei der Auslegung der Worte genötigt, in den Wissenschaften selbst sich
umzusehen, wie aus den Wörterbüchern erhellt, und kann auf der anderen Seite die
Wissenschaft nicht treiben, ohne zugleich die Definition der Ausdrücke zu geben.
Die hauptsächlichste Schwierigkeit aber, welche sich bei dieser Einteilung der
Wissenschaften findet, ist, dass jeder Teil das Ganze zu verschlingen droht:
zunächst werden Moral und Logik mit der Physik zusammenfallen, wenn man sie so
allgemein nimmt, wie eben geschehen ist; denn indem man von den Geistern
spricht, d.h. von den mit Verstand und Willen begabten Substanzen, und diesen
Verstand gründlich erörtert, muss man die ganze Logik mit hineinziehen, und wenn
man in der Lehre vom Geiste das, was den Willen betrifft, auseinandersetzt,
müsste man von dem Guten und Schlimmen, von dem Glück und dem Unglück reden, und
es hängt nur von der Darstellung ab, diese Lehre so weit auszudehnen, um die
ganze praktische Philosophie dabei unterzubringen. Wiederum könnte alles in die
praktische Philosophie hineingezogen werden, als zu unserem Glück dienend. Sie
wissen, dass man die Teologie mit Recht als eine praktische Wissenschaft
betrachten kann, und die Jurisprudenz sowohl wie die Medizin sind es nicht
weniger, so dass die Lehre vom menschlichen Glück oder dem für uns Guten und
Schlimmen alle diese Kenntnisse in sich aufnehmen muss, wenn man alle die Mittel,
welche zu dem von der Vernunft vorgesetzten Zwecke dienen, genügend erklären
wollte. Auf diese Art hat Zwinger in seiner metodischen Schaubühne des
menschlichen Lebens, die Beierling durch Einführung alphabetischer Anordnung
verunstaltet hat, alles umfasst. Und behandelt man wieder alle Gegenstände in
Wörterbüchern nach alphabetischer Ordnung, so wird die Sprachwissenschaft,
(welche Sie mit den Alten in die Logik stellen), d.h. bei diskursiver
Darstellung, sich ihrerseits des Gebietes der beiden anderen bemächtigen. So
sind denn also Ihre drei grossen Gebiete der Enzyklopädie in beständigem Kriege,
weil das eine immer Anspruch auf die Rechte der anderen erhebt. Die Nominalisten
haben geglaubt, dass es so viel besondere Wissenschaften als Wahrheiten gebe,
welche sie nach Gruppen, je nachdem man sie anordnete, zusammensetzten, und
andere vergleichen wieder das ganze Korpus unserer Erkenntnisse einem Ozean,
welcher ganz aus einem Stücke ist, und der in ein Kaledonisches, Atlantisches,
Ätiopisches, Indisches Meer nur durch willkürliche Linien eingeteilt wird. Es
kommt gewöhnlich vor, dass die nämliche Wahrheit an verschiedene Stellen gebracht
werden kann, je nach den Ausdrücken, welche sie entält, und selbst nach den
Mittelbegriffen oder Ursachen, von denen sie abhängt, und nach den Folgen und
Wirkungen, welche sie haben kann. Ein einfaches kategorisches Urteil hat nur
zwei Begriffe, aber ein hypotetisches Urteil kann deren vier haben, ohne von
den zusammengesetzten Urteilen zu sprechen. Eine merkwürdige Begebenheit kann in
die Annalen der allgemeinen Geschichte und in die besondere Geschichte des
Landes, wo sie geschehen, und endlich in die Lebensgeschichte dessen, welcher
daran beteiligt ist, gesetzt werden. Und gesetzt, es handle sich dabei um irgend
eine schöne Sittenvorschrift, um irgend eine Kriegslist, um irgend eine
Erfindung in den Künsten, welche der Bequemlichkeit des menschlichen Lebens oder
der Gesundheit dienen, so kann diese nämliche Geschichte passend bei der
Wissenschaft oder der Kunst, welche sie betrifft, angeführt werden, und man kann
selbst an zwei Stellen dieser Wissenschaft ihrer erwähnen, nämlich in der
Geschichte der Wissenschaft, um ihr wirkliches Wachstum zu erzählen, und auch
bei den Vorschriften, um sie durch die Beispiele zu bestätigen oder zu
erläutern. Was man z.B. ganz passend im Leben des Kardinals Ximenes erzählt, dass
ihn ein maurisches Weib bloss durch Einreibungen von einer fast hoffnungslosen
Brustkrankheit heilte, verdient noch eine Stelle in einem System der Medizin
sowohl beim Kapitel vom hektischen Fieber, als wo es sieh um die medizinische;
Diät mit Einschluss der körperlichen Übungen handelt, und diese Bemerkung wird
dann dazu dienen, die Ursachen dieser Krankheit besser zu entdecken. Man könnte
aber noch in der medizinischen Logik davon reden, wo es sich um die Kunst
handelt, die Heilmittel zu finden; und in der Geschichte der Medizin, um zu
zeigen, wie die Heilmittel zur Kenntnis der Menschen gelangt sind, was sehr
häufig mit Hilfe einfacher Empiriker und selbst von Scharlatans der Fall war.
Beverovicius würde mit seinem hübschen Buche über die antike Medizin, welches
fast ganz aus nicht medizinischen Schriftstellern gezogen ist, noch etwas viel
Besseres geleistet haben, wenn er bis auf die neueren fortgegangen wäre. Man
sieht daraus, dass eine und dieselbe Wahrheit nach ihren verschiedenen
Beziehungen viele Stellen einnehmen kann. Auch wissen diejenigen, welche eine
Bibliotek ordnen, sehr häufig nicht, wo sie dies und jenes Buch hinstellen
sollen, indem sie zwischen zwei oder drei gleich passenden Stellen hin und her
schwanken. Sprechen wir aber jetzt nur von den allgemeinen Wissenschaften mit
Beiseitesetzung der besonderen Tatsachen, der Geschichte und Sprachen.
    Ich nehme zwei Hauptanordnungen aller Lehrwahrheiten an, von denen eine jede
ihren Vorzug hat und welche miteinander zu verbinden gut sein würde. Die eine
würde syntetisch und teoretisch sein, indem sie, wie die Matematiker, die
Wahrheiten nach der Ordnung der Beweise aneinanderreiht, so dass jeder Satz
hinter die zu stehen kommt, von denen er abhängt. Die andere Anordnung wurde
analytisch und praktisch sein, indem sie mit dem menschlichen Zweck anfängt d.h.
mit den Gütern, deren oberstes die Glückseligkeit ist, und der Reihe nach die
Mittel aufsucht, welche diese Güter zu erlangen oder die entgegengesetzten Übel
zu vermeiden dienen. Und zwar gehören diese beiden Metoden in die Enzyklopädie
im allgemeinen, wie auch einige sie in den besonderen Wissenschaften angewendet
haben, denn selbst die von Euklid als eine Wissenschaft syntetisch behandelte
Geometrie ist von einigen anderen als eine Kunst behandelt worden und könnte
nichtsdestoweniger unter dieser Form demonstrativ behandelt werden, die sogar
ihre Entstehung zeigen würde, wie wenn jemand alle Arten ebener Figuren zu
messen sich vornähme und mit den geradlinigen beginnend davon ausginge, dass man
sie in Dreiecke teilen kann, dass jedes Dreieck die Hälfte eines Parallelogramms
ist, und die Parallelogramme auf Rechtecke zurückgeführt werden können, deren
Messung leicht ist. Schreibt man aber die Enzyklopädie nach beiden Anordnungen
nieder, so könnte man, um die Wiederholungen zu vermeiden, sich der Verweisungen
bedienen.
    Mit diesen beiden Anordnungen müsste man noch die dritte den Ausdrücken gemäss
verbinden, die in der Tat nur eine Art von Repertorium sein würde, sei es ein
systematisches, wenn man die Ausdrücke nach gewissen Kategorien, die allen
Nationen gemeinsam sind, anordnet, sei es alphabetisch nach der unter den
Gelehrten allgemein angenommenen Sprache. Dies Repertorium nun würde nötig sein,
um alle die Sätze zusammenzufinden, worin der Ausdruck sich als solcher
besonders bemerkbar macht, denn nach den beiden vorherbesprochenen Weisen, wobei
die Wahrheiten nach ihrem Ursprung oder Gebrauch geordnet sind, können
diejenigen Wahrheiten, welche denselben Ausdruck betreffen, sich nicht
zusammenfinden. Beispielsweise ist dem Euklid nicht erlaubt, wo er die Hälfte
eines Winkels zu finden lehrt, das Mittel hinzufügen, den dritten Teil desselben
zu finden, weil er dann von den Kegelschnitten hätte sprechen müssen, deren
Kenntnis man an jener Stelle noch nicht empfangen haben konnte. Das Repertorium
aber kann und muss die Stellen anzeigen, wo sich die wichtigen Sätze, die ein und
denselben Gegenstand betreffen, finden. Es fehlt uns noch ein solches
Repertorium für die Geometrie, welches ein grosses Hilfsmittel wäre, um selbst
die Erfindung zu erleichtern und die Wissenschaft vorwärts zu bringen, denn es
würde das Gedächtnis unterstützen und uns oft die Mühe sparen, das schon einmal
Gefundene von neuem zu suchen. Und diese Repertorien würden mit noch mehr Grund
in den anderen Wissenschaften von Nutzen sein, wo die Kunst des Schliessens
weniger Macht hat, und wäre besonders in der Medizin von äusserster Wichtigkeit.
Aber die Kunst, solche Repertorien anzufertigen, würde keine geringe sein.
    Betrachte ich nun diese drei Anordnungen, so finde ich dabei das merkwürdig,
dass sie der alten Einteilung entsprechen, welche Sie erneuert haben; die nämlich
die Wissenschaft oder Philosophie in teoretische, praktische und diskursive
scheidet oder auch in physische, moralische und logische. Denn die syntetische
Anordnung entspricht der teoretischen, die analytische der praktischen und die
des Repertoriums den Ausdrücken gemäss der logischen, so dass diese alte
Einteilung sehr wohl passt, wenn man sie nur so versteht, wie ich jene
Anordnungen eben erklärt habe, d.h. nicht als verschiedene bestimmte
Wissenschaften, sondern als verschiedene Weisen der Anordnung derselben
Wahrheiten, sofern man sie zu wiederholen für angemessen erachtet.
    Es gibt auch noch eine bürgerliche Einteilung der Wissenschaften nach den
Fakultäten und dem Lebensberufe. Deren bedient man sich auf den Universitäten
und beim Anordnen von Biblioteken; und Draudius mit seinem Fortsetzer Lipenius,
die uns den weitschichtigsten, wenn auch nicht besten Bücherkatalog hinterlassen
haben, haben, statt der ganz systematischen Metode der Gesnerschen Pandekten zu
folgen, sich damit begnügt, ähnlich wie die Bibliotekare, sich der grossen
Einteilung der Gegenstände nach den sogenannten vier Fakultäten, der Teologie,
der Jurisprudenz, der Medizin und der Philosophie zu bedienen. Sie tun dies nach
der alphabetischen Ordnung der hauptssächlichsten Ausdrücke, welche in den
Aufschriften der Bücher vorkommen, was für jene Schriftsteller eine
Erleichterung war, weil sie nicht nötig hatten, das Buch zu sehen oder den
Inhalt zu verstehen, von welchem es handelt; aber anderen Leuten hilft das
nicht, wenn man nicht wenigstens Rückweisungen der Titel auf andere von
ähnlicher Bedeutung gibt; denn um von vielen durch sie begangenen Fehlern nicht
in reden, sieht man, dass oft dasselbe unter verschiedenen Namen vorkommt, wie
z.B. observationes juris, miscellanea, conjectanea, electa, semestria,
probabilia, benedicta und eine Menge ähnlicher Aufschriften; solche juristischen
Bücher bedeuten nur vermischte Gegenstände aus dem römischen Recht. Darum ist
die systematische Anordnung der Gegenstände ohne Zweifel die beste, und man kann
damit hinlänglich umfassende alphabetische Anzeiger nach den Ausdrücken und den
Autoren verbinden. Die allgemein angenommene bürgerliche Einteilung nach den
vier Fakultäten ist also nicht zu verachten. Die Teologie handelt von der
ewigen Glückseligkeit und allem, was sich darauf bezieht, soweit es von der
Seele und dem Gewissen abhängt. Sie ist gleichsam eine Jurisprudenz, die das
betrifft, was man dem Forum internum (dem des Gewissens) zuschreibt, und was
sich auf die unsichtbaren Substanzen und Geister bezieht. Die Jurisprudenz hat
die Regierung und die Gesetze zum Gegenstand, deren Zweck das Glück der Menschen
insofern ist, als man durch das Äussere und Sinnliche dazu beitragen kann, aber
sie betrifft nicht vorherrschend das, was von der Natur des Geistes abhängt, und
lässt sich auch bei den körperlichen Dingen nicht besonders auf das einzelne ein,
dessen Natur sie voraussetzt, um es als Mittel anzuwenden. Sie entledigt sich
also gleich von vornherein eines wichtigen Punktes, welcher die Gesundheit,
Kraft und Vollkommenheit des menschlichen Körpers betrifft, wofür zu sorgen der
Fakultät der Medizin zugewiesen ist. Einige haben mit einem gewissen Grunde
geglaubt, dass man eine ökonomische Fakultät den übrigen hinzufügen könnte,
welche die matematischen und mechanischen Künste und alles, was den Unterhalt
der Menschen und die Lebensbequemlichkeiten im einzelnen angeht, worin der
Ackerbau und die Baukunst mit inbegriffen sein würden, entielte. Aber man
überlässt der philosophischen Fakultät alles, was nicht in den drei Fakultäten,
die man die höheren nennt, entalten ist. Dies hat man schlecht genug gemacht,
da man den Mitgliedern dieser vierten Fakultät nicht die Mittel gegeben hat,
sich durch die Praxis zu vervollkommnen, wie die Lehrer der übrigen Fakultäten
es können. Man betrachtet also mit vielleicht alleiniger Ausnahme der Matematik
die philosophische Fakultät nur als eine Einführung zu den übrigen. Darum will
man, dass die Jugend die Geschichte, die sprachlichen Künste und einige
Anfangsgründe der natürlichen Teologie und Jurisprudenz, welche, von göttlichen
und menschlichen Gesetzen unabhängig, unter dem Titel der Metaphysik oder
Pneumatik, der Moral und Politik begriffen werden, mit noch etwas Physik lerne,
was für die jungen Mediziner dienen soll.
    Das wäre aber die bürgerliche Einteilung der Wissenschaften nach den
Korporationen und Berufsständen der sie lehrenden Gelehrten, ohne von den
Professionen derer zu reden, welche für das Publikum anders arbeiten als durch
ihre Rede und welche, wenn die Massregeln des Wissens richtig getroffen würden,
durch die wahren Gelehrten geleitet werden müssten. Und selbst bei den edleren
Handwerken ist das Wissen sehr gut mit der Ausübung verbunden worden und könnte
es noch mehr werden. Wie man in der Tat bei der Medizin beides vereinigt, nicht
allein ehemals bei den Alten (wo die Ärzte noch Chirurgen und Apoteker waren),
sondern auch heutzutage noch bei den Chemikern. Diesen Bund der Praxis und der
Teorie sieht man auch im Kriege und bei den Lehrern dessen, was man die Übungen
nennt, wie auch bei den Malern oder Bildhauern und Musikern und bei einigen
anderen Klassen ausübender Künstler (Virtuosi). Und wenn die Grundsätze aller
dieser Berufsarten und Künste und selbst der Handwerke praktisch in der
philosophischen oder in irgend einer beliebigen anderen Fakultät von Gelehrten
gelehrt würden, so würden diese in Wahrheit die Lehrer des menschlichen
Geschlechts sein. Aber man müsste in vielen Dingen den gegenwärtigen Zustand der
Literatur und Jugenderziehung und folglich der Staatsverwaltung verändern. Und
wenn ich erwäge, wie seit einem oder zwei Jahrhunderten die Menschen in der
Erkenntnis vorgeschritten sind, und wie leicht es ihnen wäre, unvergleichlich
weiter zu kommen, um sich glücklicher zu machen, so verzweifle ich nicht daran,
dass man in einer ruhigeren Zeit unter irgend einem grossen Fürsten, welchen Gott
zum Besten des menschlichen Geschlechtes erwecken kann, zu einer bedeutenden
Verbesserung gelange.
 
    