
        
                             
 
                                 Immanuel Kant
               Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft
                                     Vorrede
    Wenn das Wort Natur bloss in formaler Bedeutung genommen wird, da es das
erste innere Prinzip alles dessen bedeutet, was zum Dasein eines Dinges gehört,1
so kann es so vielerlei Naturwissenschaften geben, als es spezifisch
verschiedene Dinge gibt, deren jedes sein eigentümliches inneres Prinzip der zu
seinem Dasein gehörigen Bestimmungen entalten muss. Sonst wird aber auch Natur
in materieller Bedeutung genommen, nicht als eine Beschaffenheit, sondern als
der Inbegriff aller Dinge, so fern sie Gegenstände unserer Sinne, mitin auch
der Erfahrung sein können, worunter also das Ganze aller Erscheinungen, d.i. die
Sinnenwelt, mit Ausschliessung aller nicht sinnlichen Objekte, verstanden wird.
Die Natur, in dieser Bedeutung des Worts genommen, hat nun, nach der
Hauptverschiedenheit unserer Sinne, zwei Hauptteile, deren der eine die
Gegenstände äusserer, der andere den Gegenstand des inneren Sinnes entält,
mitin ist von ihr eine zwiefache Naturlehre, die Körperlehre und Seelenlehre
möglich, wovon die erste die ausgedehnte, die zweite die denkende Natur in
Erwägung zieht.
    Eine jede Lehre, wenn sie ein System, d.i. ein nach Prinzipien geordnetes
Ganze der Erkenntnis sein soll, heisst Wissenschaft, und, da jene Prinzipien
entweder Grundsätze der empirischen oder der rationalen Verknüpfung der
Erkenntnisse in einem Ganzen sein können, so würde auch die Naturwissenschaft,
sie mag nun Körperlehre oder Seelenlehre sein, in historische oder rationale
Naturwissenschaft eingeteilt werden müssen, wenn nur nicht das Wort Natur (weil
dieses eine Ableitung des Mannigfaltigen zum Dasein der Dinge Gehörigen aus
ihrem inneren Prinzip bezeichnet) eine Erkenntnis durch Vernunft von ihrem
Zusammenhange notwendig machte, wofern sie den Namen von Naturwissenschaft
verdienen soll. Daher wird die Naturlehre besser in historische Naturlehre,
welche nichts als systematisch geordnete Facta der Naturdinge entält (und
wiederum aus Naturbeschreibung, als einem Klassensystem derselben nach
Ähnlichkeiten, und Naturgeschichte, als einer systematischen Darstellung
derselben in verschiedenen Zeiten und Örtern, bestehen würde), und
Naturwissenschaft eingeteilt werden können. Die Naturwissenschaft würde nun
wiederum entweder eigentlich, oder uneigentlich so genannte Naturwissenschaft
sein, wovon die erstere ihren Gegenstand gänzlich nach Prinzipien a priori, die
zweite nach Erfahrungsgesetzen behandelt.
    Eigentliche Wissenschaft kann nur diejenige genannt werden, deren Gewissheit
apodiktisch ist; Erkenntnis, die bloss empirische Gewissheit entalten kann, ist
ein nur uneigentlich so genanntes Wissen. Dasjenige Ganze der Erkenntnis, was
systematisch ist, kann schon darum Wissenschaft heissen, und, wenn die
Verknüpfung der Erkenntnis in diesem System ein Zusammenhang von Gründen und
Folgen ist, so gar rationale Wissenschaft. Wenn aber diese Gründe oder
Prinzipien in ihr, wie z.B. in der Chemie, doch zuletzt bloss empirisch sind, und
die Gesetze, aus denen die gegebene Facta durch die Vernunft erklärt werden,
bloss Erfahrungsgesetze sind, so führen sie kein Bewusstsein ihrer Notwendigkeit
bei sich (sind nicht apodiktisch-gewiss) und alsdenn verdient das Ganze in
strengem Sinne nicht den Namen einer Wissenschaft, und Chymie sollte daher eher
systematische Kunst, als Wissenschaft heissen.
    Eine rationale Naturlehre verdient also den Namen einer Naturwissenschaft
nur alsdenn, wenn die Naturgesetze, die in ihr zum Grunde liegen, a priori
erkannt werden, und nicht blosse Erfahrungsgesetze sind. Man nennt eine
Naturerkenntnis von der ersteren Art rein; die von der zweiten Art aber wird
angewandte Vernunfterkenntnis genannt. Da das Wort Natur schon den Begriff von
Gesetzen bei sich führt, dieser aber den Begriff der Notwendigkeit aller
Bestimmungen eines Dinges, die zu seinem Dasein gehören, bei sich führt, so
sieht man leicht, warum Naturwissenschaft die Rechtmässigkeit dieser Benennung
nur von einem reinen Teil derselben, der nämlich die Prinzipien a priori aller
übrigen Naturerklärungen entält, ableiten müsse und nur kraft dieses reinen
Teils eigentliche Wissenschaft sei, imgleichen dass, nach Foderungen der
Vernunft, jede Naturlehre zuletzt auf Naturwissenschaft hinausgehen und darin
sich endigen müsse, weil jene Notwendigkeit der Gesetze dem Begriffe der Natur
unzertrennlich anhängt und daher durchaus eingesehen sein will; daher die
vollständigste Erklärung gewisser Erscheinungen aus chymischen Prinzipien noch
immer eine Unzufriedenheit zurücklässt, weil man von diesen, als zufälligen
Gesetzen, die bloss Erfahrung gelehrt hat, keine Gründe a priori anführen kann.
    Alle eigentliche Naturwissenschaft bedarf also einen reinen Teil, auf dem
sich die apodiktische Gewissheit, die die Vernunft in ihr sucht, gründen könne,
und weil dieser, seinen Prinzipien nach, in Vergleichung mit denen, die nur
empirisch sind, ganz ungleichartig ist, so ist es zugleich von der grössten
Zuträglichkeit, ja, der Natur der Sache nach, von unerlässlicher Pflicht in
Ansehung der Metode, jenen Teil abgesondert, und von dem andern ganz unbemengt,
so viel möglich in seiner ganzen Vollständigkeit vorzutragen, damit man genau
bestimmen könne, was die Vernunft für sich zu leisten vermag, und wo ihr
Vermögen anhebt, der Beihülfe der Erfahrungsprinzipien nötig zu haben. Reine
Vernunfterkenntnis aus blossen Begriffen heisst reine Philosophie, oder
Metaphysik; dagegen wird die, welche nur auf der Konstruktion der Begriffe,
vermittelst Darstellung des Gegenstandes in einer Anschauung a priori, ihr
Erkenntnis gründet, Matematik genannt.
    Eigentlich so zu nennende Naturwissenschaft setzt zuerst Metaphysik der
Natur voraus; denn Gesetze, d.i. Prinzipien der Notwendigkeit dessen, was zum
Dasein eines Dinges gehört, beschäftigen sich mit einem Begriffe, der sich nicht
konstruieren lässt, weil das Dasein in keiner Anschauung a priori dargestellt
werden kann. Daher setzt eigentliche Naturwissenschaft Metaphysik der Natur
voraus. Diese muss nun zwar jederzeit lauter Prinzipien, die nicht empirisch
sind, entalten (denn darum führt sie eben den Namen einer Metaphysik), aber sie
kann doch entweder sogar ohne Beziehung auf irgend ein bestimmtes
Erfahrungsobjekt, mitin unbestimmt in Ansehung der Natur dieses oder jenen
Dinges der Sinnenwelt, von den Gesetzen, die den Begriff einer Natur überhaupt
möglich machen, handeln, und alsdenn ist es der transzendentale Teil der
Metaphysik der Natur: oder sie beschäftigt sich mit einer besonderen Natur
dieser oder jener Art Dinge, von denen ein empirischer Begriff gegeben ist, doch
so, dass ausser dem, was in diesem Begriffe liegt, kein anderes empirisches
Prinzip zur Erkenntnis derselben gebraucht wird (z.B. sie legt den empirischen
Begriff einer Materie, oder eines denkenden Wesens, zum Grunde, und sucht den
Umfang der Erkenntnis, deren die Vernunft über diese Gegenstände a priori fähig
ist), und da muss eine solche Wissenschaft noch immer eine Metaphysik der Natur,
nämlich der körperlichen oder denkenden Natur, heissen, aber es ist alsdenn keine
allgemeine, sondern besondere metaphysische Naturwissenschaft (Physik und
Psychologie), in der jene transzendentale Prinzipien auf die zwei Gattungen der
Gegenstände unserer Sinne angewandt werden.
    Ich behaupte aber, dass in jeder besonderen Naturlehre nur so viel
eigentliche Wissenschaft angetroffen werden könne, als darin Matematik
anzutreffen ist. Denn nach dem Vorhergehenden erfodert eigentliche Wissenschaft,
vornehmlich der Natur, einen reinen Teil, der dem empirischen zum Grunde liegt,
und der auf Erkenntnis der Naturdinge a priori beruht. Nun heisst etwas a priori
erkennen es aus seiner blossen Möglichkeit erkennen. Die Möglichkeit bestimmter
Naturdinge kann aber nicht aus ihren blossen Begriffen erkannt werden; denn aus
diesen kann zwar die Möglichkeit des Gedankens (dass er sich selbst nicht
widerspreche), aber nicht des Objekts, als Naturdinges erkannt werden, welches
ausser dem Gedanken (als existierend) gegeben werden kann. Also wird, um die
Möglichkeit bestimmter Naturdinge, mitin um diese a priori zu erkennen, noch
erfodert, dass die dem Begriffe korrespondierende Anschauung a priori gegeben
werde, d.i. dass der Begriff konstruiert werde. Nun ist die Vernunfterkenntnis
durch Konstruktion der Begriffe matematisch. Also mag zwar eine reine
Philosophie der Natur überhaupt, d.i. diejenige, die nur das, was den Begriff
einer Natur im allgemeinen ausmacht, untersucht, auch ohne Matematik möglich
sein, aber eine reine Naturlehre über bestimmte Naturdinge (Körperlehre und
Seelenlehre) ist nur vermittelst der Matematik möglich, und, da in jeder
Naturlehre nur so viel eigentliche Wissenschaft angetroffen wird, als sich darin
Erkenntnis a priori befindet, so wird Naturlehre nur so viel eigentliche
Wissenschaft entalten, als Matematik in ihr angewandt werden kann.
    So lange also noch für die chymischen Wirkungen der Materien auf einander
kein Begriff ausgefunden wird, der sich konstruieren lässt, d.i. kein Gesetz der
Annäherung oder Entfernung der Teile angeben lässt, nach welchem etwa in
Proportion ihrer Dichtigkeiten u.d.g. ihre Bewegungen samt ihren Folgen sich im
Raume a priori anschaulich machen und darstellen lassen (eine Foderung, die
schwerlich jemals erfüllt werden wird), so kann Chymie nichts mehr als
systematische Kunst, oder Experimentallehre, niemals aber eigentliche
Wissenschaft werden, weil die Prinzipien derselben bloss empirisch sind und keine
Darstellung a priori in der Anschauung erlauben, folglich die Grundsätze
chymischer Erscheinungen ihrer Möglichkeit nach nicht im mindesten begreiflich
machen, weil sie der Anwendung der Matematik unfähig sind.
    Noch weiter aber, als selbst Chymie, muss empirische Seelenlehre jederzeit
von dem Range einer eigentlich so zu nennenden Naturwissenschaft entfernt
bleiben, erstlich weil Matematik auf die Phänomene des inneren Sinnes und ihre
Gesetze nicht anwendbar ist, man müsste denn allein das Gesetz der Stetigkeit in
dem Abflusse der inneren Veränderungen desselben in Anschlag bringen wollen,
welches aber eine Erweiterung der Erkenntnis sein würde, die sich zu der, welche
die Matematik der Körperlehre verschafft, ohngefähr so verhalten würde, wie die
Lehre von den Eigenschaften der geraden Linie zur ganzen Geometrie. Denn die
reine innere Anschauung, in welcher die Seelen-Erscheinungen konstruiert werden
sollen, ist die Zeit, die nur eine Dimension hat. Aber auch nicht einmal als
systematische Zergliederungskunst, oder Experimentallehre, kann sie der Chymie
jemals nahe kommen, weil sich in ihr das Mannigfaltige der inneren Beobachtung
nur durch blosse Gedankenteilung von einander absondern, nicht aber abgesondert
aufbehalten und beliebig wiederum verknüpfen, noch weniger aber ein anderes
denkendes Subjekt sich unseren Versuchen der Absicht angemessen von uns
unterwerfen lässt, und selbst die Beobachtung an sich schon den Zustand des
beobachteten Gegenstandes alteriert und verstellt. Sie kann daher niemals etwas
mehr als eine historische, und, als solche, so viel möglich systematische
Naturlehre des inneren Sinnes, d.i. eine Naturbeschreibung der Seele, aber nicht
Seelenwissenschaft, ja nicht einmal psychologische Experimentallehre werden;
welches denn auch die Ursache ist, weswegen wir uns zum Titel dieses Werks,
welches eigentlich die Grundsätze der Körperlehre entält, dem gewöhnlichen
Gebrauche gemäss des allgemeinen Namens der Naturwissenschaft bedient haben, weil
ihr diese Benennung im eigentlichen Sinne allein zukommt und also hiedurch keine
Zweideutigkeit veranlasst wird.
    Damit aber die Anwendung der Matematik auf die Körperlehre, die durch sie
allein Naturwissenschaft werden kann, möglich werde, so müssen Prinzipien der
Konstruktion der Begriffe, welche zur Möglichkeit der Materie überhaupt gehören,
vorangeschickt werden; mitin wird eine vollständige Zergliederung des Begriffs
von einer Materie überhaupt zum Grunde gelegt werden müssen, welches ein
Geschäfte der reinen Philosophie ist, die zu dieser Absicht sich keiner
besonderen Erfahrungen, sondern nur dessen, was sie im abgesonderten (obzwar an
sich empirischen) Begriffe selbst antrifft, in Beziehung auf die reinen
Anschauungen im Raume und der Zeit (nach Gesetzen, welche schon dem Begriffe der
Natur überhaupt wesentlich anhängen) bedient, mitin eine wirkliche Metaphysik
der körperlichen Natur ist.
    Alle Naturphilosophen, welche in ihrem Geschäfte matematisch verfahren
wollten, haben sich daher jederzeit (obschon sich selbst unbewusst)
metaphysischer Prinzipien bedient und bedienen müssen, wenn sie sich gleich
sonst wider allen Anspruch der Metaphysik auf ihre Wissenschaft feierlich
verwahrten. Ohne Zweifel verstanden sie unter der letzteren den Wahn, sich
Möglichkeiten nach Belieben auszudenken und mit Begriffen zu spielen, die sich
in der Anschauung vielleicht gar nicht darstellen lassen, und keine andere
Beglaubigung ihrer objektiven Realität haben, als dass sie bloss mit sich selbst
nicht im Widerspruche stehen. Alle wahre Metaphysik ist aus dem Wesen des
Denkungsvermögens selbst genommen, und keinesweges darum erdichtet, weil sie
nicht von der Erfahrung entlehnt ist, sondern entält die reinen Handlungen des
Denkens, mitin Begriffe und Grundsätze a priori, welche das Mannigfaltige
empirischer Vorstellungen allererst in die gesetzmässige Verbindung bringt,
dadurch es empirisches Erkenntnis , d.i. Erfahrung, werden kann. So konnten also
jene matematische Physiker metaphysischer Prinzipien gar nicht entbehren, und
unter diesen auch nicht solcher, welche den Begriff ihres eigentlichen
Gegenstandes, nämlich der Materie, a priori zur Anwendung auf äussere Erfahrung
tauglich machen, als des Begriffs der Bewegung, der Erfüllung des Raums, der
Trägheit, u.s.w. Darüber aber bloss empirische Grundsätze gelten zu lassen,
hielten sie mit Recht der apodiktischen Gewissheit, die sie ihren Naturgesetzen
geben wollten, gar nicht gemäss, daher sie solche lieber postulierten, ohne nach
ihre Quellen a priori zu forschen.
    Es ist aber von der grössten Wichtigkeit, zum Vorteil der Wissenschaften
ungleichartige Prinzipien von einander zu scheiden, jede in ein besonderes
System zu bringen, damit sie eine Wissenschaft ihrer eigenen Art ausmachen, um
dadurch die Ungewissheit zu verhüten, die aus der Vermengung entspringt, da man
nicht wohl unterscheiden kann, welcher von beiden teils die Schranken, teils
auch die Verirrungen, die sich im Gebrauche derselben zutragen möchten,
beizumessen sein dürften. Um deswillen habe ich für nötig gehalten, von dem
reinen Teile der Naturwissenschaft (physica generalis), wo metaphysische und
matematische Konstruktionen durch einander zu laufen pflegen, die erstere, und
mit ihnen zugleich die Prinzipien der Konstruktion dieser Begriffe, also der
Möglichkeit einer matematischen Naturlehre selbst, in einem System
darzustellen. Diese Absonderung hat, ausser dem schon erwähnten Nutzen, den sie
schafft, noch einen besonderen Reiz, den die Einheit der Erkenntnis bei sich
führt, wenn man verhütet, dass die Grenzen der Wissenschaften nicht in einander
laufen, sondern ihre gehörig abgeteilte Felder einnehmen.
    Es kann noch zu einem zweiten Anpreisungsgrunde dieses Verfahrens dienen:
dass in allem, was Metaphysik heisst, die absolute Vollständigkeit der
Wissenschaften gehofft werden kann, dergleichen man sich in keiner anderen Art
von Erkenntnissen versprechen darf, mitin eben so, wie in der Metaphysik der
Natur überhaupt, also auch hier die Vollständigkeit der Metaphysik der
körperlichen Natur zuversichtlich erwartet werden kann; wovon die Ursache ist,
dass in der Metaphysik der Gegenstand nur, wie er bloss nach den allgemeinen
Gesetzen des Denkens, in andern Wissenschaften aber, wie er nach Datis der
Anschauung (der reinen sowohl, als empirischen) vorgestellt werden muss,
betrachtet wird, da denn jene, weil der Gegenstand in ihr jederzeit mit allen
notwendigen Gesetzen des Denkens verglichen werden muss, eine bestimmte Zahl von
Erkenntnissen geben muss, die sich völlig erschöpfen lässt, diese aber, weil sie
eine unendliche Mannigfaltigkeit von Anschauungen (reinen oder empirischen),
mitin Objekte des Denkens darbieten, niemals zur absoluten Vollständigkeit
gelangen, sondern ins Unendliche erweitert werden können; wie reine Matematik
und empirische Naturlehre. Auch glaube ich diese metaphysische Körperlehre so
weit, als sie sich immer nur erstreckt, vollständig erschöpft, dadurch aber doch
eben kein grosses Werk zu Stande gebracht zu haben.
    Das Schema aber zur Vollständigkeit eines metaphysischen Systems, es sei der
Natur überhaupt, oder der körperlichen Natur insbesondere, ist die Tafel der
Kategorien2. Denn mehr gibt es nicht reine Verstandesbegriffe, die die Natur der
Dinge betreffen können. Unter die vier Klassen derselben, die der Grösse, der
Qualität, der Relation und endlich der Modalität, müssen sich auch alle
Bestimmungen des allgemeinen Begriffs einer Materie überhaupt, mitin auch
alles, was a priori von ihr gedacht, was in der matematischen Konstruktion
dargestellt, oder in der Erfahrung, als bestimmter Gegenstand derselben, gegeben
werden mag, bringen lassen. Mehr ist hier nicht zu tun, zu entdecken oder
hinzuzusetzen, sondern allenfalls, wo in der Deutlichkeit oder Gründlichkeit
gefehlt sein möchte, es besser zu machen.
    Der Begriff der Materie musste daher durch alle vier genannte Funktionen der
Verstandesbegriffe (in vier Hauptstücken) durchgeführt werden, in deren jedem
eine neue Bestimmung desselben hinzu kam. Die Grundbestimmung eines Etwas, das
ein Gegenstand äusserer Sinne sein soll, musste Bewegung sein; denn dadurch allein
können diese Sinne affiziert werden. Auf diese führt auch der Verstand alle
übrige Prädikate der Materie, die zu ihrer Natur gehören, zurück, und so ist die
Naturwissenschaft durchgängig eine entweder reine oder angewandte Bewegungslehre
. Die metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft sind also unter vier
Hauptstücke zu bringen, deren erstes die Bewegung als ein reines Quantum, nach
seiner Zusammensetzung, ohne alle Qualität des Beweglichen, betrachtet, und
Phoronomie genannt werden kann, das zweite sie als zur Qualität der Materie
gehörig, unter dem Namen einer ursprünglich bewegenden Kraft, in Erwägung zieht,
und daher Dynamik heisst, das dritte die Materie mit dieser Qualität durch ihre
eigene Bewegung gegen einander in Relation betrachtet, und daher unter dem Namen
Mechanik vorkommt, das vierte aber ihre Bewegung oder Ruhe bloss in Beziehung auf
die Vorstellungsart, oder Modalität, mitin als Erscheinung äusserer Sinne,
bestimmt, und Phänomenologie genannt wird.
    Aber ausser jener inneren Notwendigkeit, die metaphysischen Anfangsgründe der
Körperlehre nicht allein von der Physik, welche empirische Prinzipien braucht,
sondern selbst von den rationalen Prämissen derselben, die den Gebrauch der
Matematik in ihr betreffen, abzusondern, ist noch ein äusserer, zwar nur
zufälliger, aber gleichwohl wichtiger Grund da, ihre ausführliche Bearbeitung
von dem allgemeinen System der Metaphysik abzutrennen und sie als ein besonderes
Ganze systematisch darzustellen. Denn, wenn es erlaubt ist, die Grenzen einer
Wissenschaft nicht bloss nach der Beschaffenheit des Objekts und der spezifischen
Erkenntnisart desselben, sondern auch nach dem Zwecke, den man mit der
Wissenschaft selbst zum anderweitigen Gebrauche vor Augen hat, zu zeichnen, und
findet, dass Metaphysik so viel Köpfe bisher nicht darum beschäftigt hat und sie
ferner beschäftigen wird, um Naturkenntnisse dadurch zu erweitern (welches viel
leichter und sicherer durch Beobachtung, Experiment und Anwendung der Matematik
auf äussere Erscheinungen geschieht), sondern um zur Erkenntnis dessen, was
gänzlich über alle Grenzen der Erfahrung hinausliegt, von Gott, Freiheit und
Unsterblichkeit zu gelangen: so gewinnt man in Beförderung dieser Absicht, wenn
man sie von einem zwar aus ihrer Wurzel sprossenden, aber doch ihrem
regelmässigen Wüchse nur hinderlichen, Sprösslinge befreit, diesen besonders
pflanzt, ohne dennoch dessen Abstammung aus jener zu verkennen und sein völliges
Gewächs aus dem System der allgemeinen Metaphysik wegzulassen. Dieses tut der
Vollständigkeit der letzteren keinen Abbruch und erleichtert doch den
gleichförmigen Gang dieser Wissenschaft zu ihrem Zwecke, wenn man in allen
Fällen, wo man der allgemeinen Körperlehre bedarf, sich nur auf das abgesonderte
System derselben berufen darf, ohne jenes grössere mit diesem anzuschwellen. Es
ist auch in der Tat sehr merkwürdig (kann aber hier nicht ausführlich vor Augen
gelegt werden), dass die allgemeine Metaphysik in allen Fällen, wo sie Beispiele
(Anschauungen) bedarf, um ihren reinen Verstandesbegriffen Bedeutung zu
verschaffen, diese jederzeit aus der allgemeinen Körperlehre, mitin von der
Form und den Prinzipien der äusseren Anschauung hernehmen müsse, und, wenn diese
nicht vollendet darliegen, unter lauter sinnleeren Begriffen unstet und
schwankend herumtappe. Daher die bekannten Streitigkeiten, wenigstens die
Dunkelheit in den Fragen: über die Möglichkeit eines Widerstreits der
Realitäten, die der intensiven Grösse, u.a.m., bei welchen der Verstand nur durch
Beispiele aus der körperlichen Natur belehrt wird, welches die Bedingungen sind,
unter denen jene Begriffe allein objektive Realität, d.i. Bedeutung und Wahrheit
haben können. Und so tut eine abgesonderte Metaphysik der körperlichen Natur der
allgemeinen vortreffliche und unentbehrliche Dienste, indem sie Beispiele (Fälle
in concreto) herbeischaft, die Begriffe und Lehrsätze der letzteren (eigentlich
der Transzendentalphilosophie) zu realisieren, d.i. einer blossen Gedankenform
Sinn und Bedeutung unterzulegen.
    Ich habe in dieser Abhandlung die matematische Metode, wenn gleich nicht
mit aller Strenge befolgt (wozu mehr Zeit erfoderlich gewesen wäre, als ich
darauf zu verwenden hätte), dennoch nachgeahmt, nicht, um ihr durch ein Gepränge
von Gründlichkeit besseren Eingang zu verschaffen, sondern weil ich glaube, dass
ein solches System deren wohl fähig sei und diese Vollkommenheit auch mit der
Zeit von geschickterer Hand wohl erlangen könne, wenn, durch diesen Entwurf
veranlasst, matematische Naturforscher es nicht unwichtig finden sollten, den
metaphysischen Teil, dessen sie ohnedem nicht entübrigt sein können, in ihrer
allgemeinen Physik als einen besonderen Grundteil zu behandeln und mit der
matematischen Bewegungslehre in Vereinigung zu bringen.
    Newton sagt in der Vorrede zu seinen matem. Grundlehren der Nat. Wiss.
(nachdem er angemerkt hatte, dass die Geometrie von den mechanischen Handgriffen,
die sie postuliert, nur zweier bedürfe, nämlich eine gerade Linie und einen
Zirkel zu beschreiben): Die Geometrie ist stolz darauf, dass sie mit so Wenigem,
was sie anderwärts hernimmt, so viel zu leisten vermag.3 Von der Metaphysik
könnte man dagegen sagen: sie steht bestürzt, dass sie mit so Vielem, als ihr die
reine Matematik darbietet, doch nur so wenig ausrichten kann. Indessen ist doch
dieses Wenige etwas, das selbst die Matematik in ihrer Anwendung auf
Naturwissenschaft unumgänglich braucht, die sich also, da sie hier von der
Metaphysik notwendig borgen muss, auch nicht schämen darf, sich mit ihr in
Gemeinschaft sehen zu lassen.
 
                               Erstes Hauptstück.
                   Metaphysische Anfangsgründe der Phoronomie
                                  Erklärung 1
    Materie ist das Bewegliche im Raume. Der Raum, der selbst beweglich ist,
heisst der materielle, oder auch der relative Raum; der, in welchem alle Bewegung
zuletzt gedacht werden muss (der mitin selbst schlechterdings unbeweglich ist),
heisst der reine, oder auch absolute Raum.
                                  Anmerkung 1
    Da in der Phoronomie von nichts als Bewegung geredet werden soll, so wird
dem Subjekt derselben, nämlich der Materie, hier keine andere Eigenschaft
beigelegt, als die Beweglichkeit. Sie selbst kann also so lange auch für einen
Punkt gelten, und man abstrahiert in der Phoronomie von aller innern
Beschaffenheit, mitin auch der Grösse des Beweglichen, und hat es nur mit der
Bewegung und dem, was in dieser als Grösse betrachtet werden kann
(Geschwindigkeit und Richtung), zu tun. - Wenn gleichwohl der Ausdruck eines
Körpers hier bisweilen gebraucht werden sollte, so geschieht es nur, um die
Anwendung der Prinzipien der Phoronomie auf die noch folgende bestimmtere
Begriffe der Materie gewissermassen zu antizipieren, damit der Vortrag weniger
abstrakt und fasslicher sei.
                                  Anmerkung 2
    Wenn ich den Begriff der Materie nicht durch ein Prädikat, was ihr selbst
als Objekt zukommt, sondern nur durch das Verhältnis zum Erkenntnisvermögen, in
welchem mir die Vorstellung allererst gegeben werden kann, erklären soll, so ist
Materie ein jeder Gegenstand äusserer Sinne, und dieses wäre die bloss
metaphysische Erklärung derselben. Der Raum aber wäre bloss die Form aller
äusseren sinnlichen Anschauung (ob eben dieselbe auch dem äusseren Objekt, das wir
Materie nennen, an sich selbst zukomme, oder nur in der Beschaffenheit unseres
Sinnes bleibe, davon ist hier gar nicht die Frage). Die Materie wäre, im
Gegensatz der Form, das, was in der äusseren Anschauung ein Gegenstand der
Empfindung ist, folglich das Eigentlich-empirische der sinnlichen und äusseren
Anschauung, weil es gar nicht a priori gegeben werden kann. In aller Erfahrung
muss etwas empfunden werden, und das ist das Reale der sinnlichen Anschauung,
folglich muss auch der Raum, in welchem wir über die Bewegungen Erfahrung
anstellen sollen, empfindbar, d.i. durch das, was empfunden werden kann,
bezeichnet sein, und dieser, als der Inbegriff aller Gegenstände der Erfahrung
und selbst ein Objekt derselben, heisst der empirische Raum. Dieser aber, als
materiell, ist selbst beweglich. Ein beweglicher Raum aber, wenn seine Bewegung
soll wahrgenommen werden können, setzt wiederum einen anderen erweitertern
materiellen Raum voraus, in welchem er beweglich ist, dieser eben sowohl einen
andern, und so fortin ins Unendliche.
    Also ist alle Bewegung, die ein Gegenstand der Erfahrung ist, bloss relativ;
der Raum, in dem sie wahrgenommen wird, ist ein relativer Raum, der selbst
wiederum, und vielleicht in entgegengesetzter Richtung, in einem erweiterten
Raume bewegt, mitin auch die in Beziehung auf den erstern bewegte Materie in
Verhältnis auf den zweiten Raum ruhig genannt werden kann, und diese
Abänderungen des Begriffs der Bewegungen gehen mit der Veränderung des relativen
Raums so ins Unendliche fort. Einen absoluten Raum, d.i. einen solchen, der,
weil er nicht materiell ist, auch kein Gegenstand der Erfahrung sein kann, als
für sich gegeben annehmen heisst etwas, das weder an sich, noch in seinen Folgen
(der Bewegung im absoluten Raum) wahrgenommen werden kann, um der Möglichkeit
der Erfahrung willen annehmen, die doch jederzeit ohne ihn angestellt werden
muss. Der absolute Raum ist also an sich nichts und gar kein Objekt, sondern
bedeutet nur einen jeden andern relativen Raum, den ich mir ausser dem gegebenen
jederzeit denken kann, und den ich nur über jeden gegebenen ins Unendliche
hinausrücke, als einen solchen, der diesen einschliesst und in welchem ich den
ersteren als bewegt annehmen kann. Weil ich den erweiterten, obgleich immer noch
materiellen, Raum nur in Gedanken habe und mir von der Materie, die ihn
bezeichnet, nichts bekannt ist, so abstrahiere ich von dieser, und er wird daher
wie ein reiner, nicht empirischer und absoluter Raum vorgestellt, mit dem ich
jeden empirischen vergleichen und diesen in ihm als beweglich vorstellen kann,
der also jederzeit als unbeweglich gilt. Ihn zum wirklichen Dinge zu machen,
heisst die logische Allgemeinheit irgend eines Raums, mit dem ich jeden
empirischen als darin eingeschlossen vergleichen kann, in eine physische
Allgemeinheit des wirklichen Umfanges verwechseln, und die Vernunft in ihrer
Idee missverstehen.
    Schliesslich merke ich noch an: dass, da die Beweglichkeit eines Gegenstandes
im Raum a priori und ohne Belehrung durch Erfahrung nicht erkannt werden kann,
sie von mir eben darum in der Kritik der r. V. auch nicht unter die reine
Verstandesbegriffe gezählt werden konnte, und dass dieser Begriff, als empirisch,
nur in einer Naturwissenschaft, als angewandter Metaphysik, welche sich mit
einem durch Erfahrung gegebenen Begriffe, obwohl nach Prinzipien a priori,
beschäftigt, Platz finden könne.
                                  Erklärung 2
    Bewegung eines Dinges ist die Veränderung der äusseren Verhältnisse desselben
zu einem gegebenen Raum.
                                  Anmerkung 1
    Vorher habe ich dem Begriffe der Materie schon den Begriff der Bewegung zum
Grund gelegt. Denn, da ich denselben selbst unabhängig vom Begriffe der
Ausdehnung bestimmen wollte, und die Materie also auch in einem Punkte
betrachten könnte, so durfte ich einräumen, dass man sich daselbst der gemeinen
Erklärung der Bewegung als Veränderung des Orts bedienete. Jetzt, da der Begriff
einer Materie allgemein, mitin auch auf bewegte Körper passend, erklärt werden
soll, so reicht jene Definition nicht zu. Denn der Ort eines jeden Körpers ist
ein Punkt. Wenn man die Weite des Mondes von der Erde bestimmen will, so will
man die Entfernung ihrer Örter wissen, und zu diesem Ende misst man nicht von
einem beliebigen Punkte der Oberfläche, oder des Inwendigen der Erde, zu jedem
beliebigen Punkte des Mondes, sondern nimmt die kürzeste Linie vom Mittelpunkte
des einen zum Mittelpunkte des andern, mitin ist von jedem dieser Körper nur
ein Punkt, der seinen Ort ausmacht. Nun kann sich ein Körper bewegen, ohne
seinen Ort zu verändern, wie die Erde, indem sie sich um ihre Achse dreht. Aber
ihr Verhältnis zum äusseren Raume verändert sich hiebei doch; denn sie kehrt z.B.
in 24 Stunden dem Monde ihre verschiedene Seiten zu, woraus denn auch allerlei
wandelbare Wirkungen auf der Erde erfolgen. Nur von einem beweglichen, d.i.
physischen Punkte kann man sagen: Bewegung sei jederzeit Veränderung des Orts.
Man könnte wider diese Erklärung erinnern: dass die innere Bewegung, z.B. einer
Gärung nicht in ihr mit eingeschlossen sei: aber das Ding, was man bewegt nennt,
muss so fern als Einheit betrachtet werden. Die Materie, als z.B. ein Fass Bier,
ist bewegt, bedeutet also etwas anderes, als das Bier im Fasse ist in Bewegung.
Die Bewegung eines Dinges ist mit der Bewegung in diesem Dinge nicht einerlei,
von der ersteren aber ist hier nur die Rede. Dieses Begriffs Anwendung aber auf
den zweiten Fall ist nachher leicht.
                                  Anmerkung 2
    Die Bewegungen können drehend (ohne Veränderung des Orts) oder
fortschreitend, diese aber entweder den Raum erweiternd, oder auf einen
gegebenen Raum eingeschränkte Bewegungen sein. Von der ersteren Art sind sie
geradlinichte, oder auch krummlinichte, in sich nicht zurückkehrende Bewegungen.
Die von der zweiten sind die in sich zurückkehrende. Die letztern sind wiederum
entweder zirkulierende oder oszillierende, d.i. Kreis-, oder schwankende
Bewegungen. Die erstern legen eben denselben Raum immer in derselben Richtung,
die zweiten immer wechselsweise in entgegengesetzter Richtung zurück, wie
schwankende Penduln. Zu beiden gehört noch Bebung (motus tremulus), welche nicht
eine fortschreitende Bewegung eines Körpers, dennoch aber eine reziprozierende
Bewegung einer Materie ist, die dabei ihre Stelle im Ganzen nicht verändert, wie
die Zitterungen einer geschlagenen Glocke, oder die Bebungen einer durch den
Schall in Bewegung gesetzten Luft. Ich tue dieser verschiedenen Arten der
Bewegung bloss darum in einer Phoronomie Erwähnung, weil man bei allen, die nicht
fortschreitend sind, sich des Worts Geschwindigkeit gemeiniglich in anderer
Bedeutung bedient, als bei den fortschreitenden, wie die folgende Anmerkung
zeigt.
                                  Anmerkung 3
    In jeder Bewegung sind Richtung und Geschwindigkeit die beiden Momente der
Erwägung derselben, wenn man von allen anderen Eigenschaften des Beweglichen
abstrahiert. Ich setze hier die gewöhnliche Definition beider voraus; allein die
der Richtung bedarf noch verschiedener Einschränkungen. Ein im Kreise bewegter
Körper verändert seine Richtung kontinuierlich, so, dass er bis zu seiner
Rückkehr zum Punkte, von dem er ausging, alle in einer Fläche nur mögliche
Richtungen eingeschlagen ist, und doch sagt man: er bewege sich immer in
derselben Richtung, z.B. der Planet von Abend gegen Morgen.
    Allein, was ist hier die Seite, nach der die Bewegung gerichtet ist? eine
Frage, die mit der eine Verwandtschaft hat: worauf beruht der innere Unterschied
der Schnecken, die sonst ähnlich und so gar gleich, aber davon eine Spezies
rechts, die andere links gewunden ist; oder des Windens der Schwertbohnen und
des Hopfens, deren die erstere wie ein Pfropfenzieher, oder, wie die Seeleute es
ausdrücken würden, wider die Sonne, der andere mit der Sonne um ihre Stange
laufen? ein Begriff, der sich zwar konstruieren, aber, als Begriff, für sich
durch allgemeine Merkmale und in der diskursiven Erkenntnisart gar nicht
deutlich machen lässt, und der in den Dingen selbst (z.B. an denen seltenen
Menschen, bei denen die Leicheneröffnung aller Teile nach der physiologischen
Regel mit andern Menschen einstimmig, nur alle Eingeweide links oder rechts,
wider die gewöhnliche Ordnung versetzt fand) keinen erdenklichen Unterschied in
den innern Folgen geben kann und demnach ein wahrhafter matematischer und zwar
innerer Unterschied ist, womit der von dem Unterschiede zweier sonst in allen
Stücken gleichen, der Richtung nach aber verschiedenen Kreisbewegungen, obgleich
nicht völlig einerlei, dennoch aber zusammenhängend ist. Ich habe anderwärts
gezeigt, dass, da sich dieser Unterschied zwar in der Anschauung geben, aber gar
nicht auf deutliche Begriffe bringen, mitin nicht verständlich erklären (dari,
non intelligi) lässt, er einen guten bestätigenden Beweisgrund zu dem Satze
abgebe: dass der Raum überhaupt nicht zu den Eigenschaften oder Verhältnissen der
Dinge an sich selbst, die sich notwendig auf objektive Begriffe müssten bringen
lassen, sondern bloss zu der subjektiven Form unserer sinnlichen Anschauung von
Dingen oder Verhältnissen, die uns, nach dem, was sie an sich sein mögen, völlig
unbekannt bleiben, gehöre. Doch dies ist eine Abschweifung von unserem jetzigen
Geschäfte, in welchem wir den Raum ganz notwendig als Eigenschaft der Dinge, die
wir in Betrachtung ziehen, nämlich körperlicher Wesen, behandeln müssen, weil
diese selbst nur Erscheinungen äusserer Sinne sind und nur als solche hier
erklärt zu werden bedürfen. Was den Begriff der Geschwindigkeit betrifft, so
bekommt dieser Ausdruck im Gebrauche auch bisweilen eine abweichende Bedeutung.
Wir sagen: die Erde dreht sich geschwinder um ihre Achse als die Sonne, weil sie
es in kürzerer Zeit tut; obgleich die Bewegung der letzteren viel geschwinder
ist. Der Blutumlauf eines kleinen Vogels ist viel geschwinder, als der eines
Menschen, obgleich seine strömende Bewegung im ersteren ohne Zweifel weniger
Geschwindigkeit hat, und so auch bei den Bebungen elastischer Materien. Die
Kürze der Zeit der Wiederkehr, es sei der zirkulierenden oder oszillierenden
Bewegung, macht den Grund dieses Gebrauchs aus, an welchem, wenn sonst nur die
Missdeutung vermieden wird, man auch nicht unrecht tut. Denn diese blosse
Vergrösserung der Eile in der Wiederkehr, ohne Vergrösserung der räumlichen
Geschwindigkeit, hat ihre eigene und sehr erhebliche Wirkungen in der Natur,
worauf, in dem Zirkellauf der Säfte der Tiere, vielleicht noch nicht gnug
Rücksicht genommen worden. In der Phoronomie brauchen wir das Wort
Geschwindigkeit bloss in räumlicher Bedeutung C = S/T
                                  Erklärung 5
    Ruhe ist die beharrliche Gegenwart (praesentia perdurabilis) an demselben
Orte; beharrlich aber ist das, was eine Zeit hindurch existiert, d.i. dauret.
                                   Anmerkung
    Ein Körper, der in Bewegung ist, ist in jedem Punkte der Linie, die er
durchläuft, einen Augenblick. Es frägt sich nun, ob er darin ruhe, oder sich
bewege. Ohne Zweifel wird man das letztere sagen; denn er ist in diesem Punkte
nur so fern, als er sich bewegt, gegenwärtig. Man nehme aber die Bewegung
desselben so an:
dass der Körper mit gleichförmiger Geschwindigkeit die Linie AB vorwärts und
rückwärts von B nach A zurücklege, so dass, weil der Augenblick, da er in B ist,
beiden Bewegungen gemein ist, die Bewegung von A nach B in 1/2 Sek., die von B
nach A aber auch in 1/2 Sek., beide zusammen aber in einer ganzen Sekunde
zurückgelegt worden, so dass auch nicht der kleinste Teil der Zeit auf die
Gegenwart des Körpers in B aufgewandt worden: so wird, ohne den mindesten
Zuwachs dieser Bewegungen, die letztere, die in der Richtung BA geschahe, in die
nach der Richtung Ba, welches mit AB in einer geraden Linie liegt, verwandelt
werden können, wo denn der Körper, indem er in B ist, darin nicht als ruhig,
sondern als bewegt angesehen werden muss. Er musste daher auch in der ersteren in
sich selbst wiederkehrenden Bewegung in dem Punkte B als bewegt angesehen
werden, welches aber unmöglich ist; weil, nach dem, was angenommen worden, es
nur ein Augenblick ist, der zur Bewegung AB und zugleich zur gleichen Bewegung
BA gehört, die der vorigen entgegengesetzt und mit ihr in einem und demselben
Augenblicke verbunden ist, völligen Mangel der Bewegung, folglich, wenn dieser
den Begriff der Ruhe ausmachte, auch in der gleichförmigen Bewegung Aa Ruhe des
Körpers in jedem Punkte, z.B. in B, beweisen müsste, welches der obigen
Behauptung widerspricht. Man stelle sich dagegen die Linie AB als über den Punkt
A aufgerichtet vor, so, dass ein Körper von A nach B steigend, nachdem er durch
die Schwere im Punkte B seine Bewegung verloren hat, von B nach A eben so
wiederum zurückfalle: so frage ich, ob der Körper in B als bewegt, oder als
ruhig angesehen werden könne. Ohne Zweifel wird man sagen, als ruhig: weil ihm
alle vorherige Bewegung genommen worden, nachdem er diesen Punkt erreicht hat,
und hernach eine gleichmässige Bewegung zurück allererst folgen soll, folglich
noch nicht da ist; der Mangel aber der Bewegung, wird man hinzusetzen, ist Ruhe.
Aber in dem ersteren Falle einer angenommenen gleichförmigen Bewegung konnte die
Bewegung BA auch nicht anders eintreten, als dadurch, dass vorher die Bewegung AB
aufgehört hatte und die von B nach A noch nicht war, folglich, dass in B ein
Mangel aller Bewegung, und, nach der gewöhnlichen Erklärung, Ruhe müsste
angenommen werden, aber man durfte sie doch nicht annehmen, weil, bei einer
gegebenen Geschwindigkeit, kein Körper in einem Punkte seiner gleichförmigen
Bewegung als ruhend gedacht werden muss. Worauf beruht denn im zweiten Falle die
Anmassung des Begriffs der Ruhe, da doch dieses Steigen und Fallen gleichfalls
nur durch einen Augenblick von einander getrennt wird? Der Grund davon liegt
darin, dass die letztere Bewegung nicht als gleichförmig mit gegebener
Geschwindigkeit gedacht wird, sondern zuerst als gleichförmig verzögert und
hernach als gleichförmig beschleunigt, so doch, dass die Geschwindigkeit im
Punkte B nicht gänzlich, sondern nur bis zu einem Grad, der kleiner ist als jede
nur anzugebende Geschwindigkeit, mit welcher, wenn, anstatt zurück zu fallen,
die Linie seines Falles BA in die Richtung Ba gestellet, mitin der Körper immer
noch als steigend betrachtet würde, er, als mit einem blossen Moment der
Geschwindigkeit (der Widerstand der Schwere wird alsdenn bei Seite gesetzt), in
jeder noch so grossen anzugebenden Zeit gleichförmig doch nur einen Raum, der
kleiner ist als jeder anzugebende Raum, zurücklegen, mitin seinen Ort (für
irgend eine mögliche Erfahrung) in alle Ewigkeit gar nicht verändern würde.
Folglich wird er in den Zustand einer dauernden Gegenwart an demselben Orte,
d.i. der Ruhe, versetzt, ob sie gleich wegen der kontinuierlichen Einwirkung der
Schwere, d.i. der Veränderung dieses Zustandes, so fort aufgehoben wird. In
einem beharrlichen Zustande sein und darin beharren (wenn nichts anderes ihn
verrückt) sind zwei verschiedene Begriffe, deren einer dem anderen keinen
Abbruch tut. Also kann die Ruhe nicht durch den Mangel der Bewegung, der sich,
als = 0, gar nicht konstruieren lässt, sondern muss durch die beharrliche
Gegenwart an demselben Orte erklärt werden, da denn dieser Begriff auch durch
die Vorstellung einer Bewegung mit unendlich kleiner Geschwindigkeit, eine
endliche Zeit hindurch konstruiert, mitin zu nachheriger Anwendung der
Matematik auf Naturwissenschaft genutzt werden kann.
                                  Erklärung 4
    Den Begriff einer zusammengesetzten Bewegung konstruieren heisst eine
Bewegung, so fern sie aus zweien oder mehreren gegebenen in einem Beweglichen
vereinigt entspringt, a priori in der Anschauung darstellen.
                                   Anmerkung
    Zur Konstruktion der Begriffe wird erfodert: dass die Bedingung ihrer
Darstellung nicht von der Erfahrung entlehnt sei, also auch nicht gewisse Kräfte
voraussetze, deren Existenz nur von der Erfahrung abgeleitet werden kann, oder
überhaupt, dass die Bedingung der Konstruktion nicht selbst ein Begriff sein
müsse, der gar nicht a priori in der Anschauung gegeben werden kann, wie z.B.
der von Ursache und Wirkung, Handlung und Widerstand etc. Hier ist nun
vorzüglich zu bemerken: dass Phoronomie durchaus zuerst Konstruktion der
Bewegungen überhaupt als Grössen, und, da sie die Materie bloss als etwas
Bewegliches, mitin an welchem gar auf keine Grösse derselben Rücksicht genommen
wird, zum Gegenstande hat, diese Bewegungen allein als Grössen, so wohl ihrer
Geschwindigkeit als Richtung nach, und zwar ihrer Zusammensetzung nach a priori
zu bestimmen habe. Denn so viel muss gänzlich a priori und zwar anschauend zum
Behuf der angewandten Matematik ausgemacht werden. Denn die Regeln der
Verknüpfung der Bewegungen durch physische Ursachen, d.i. Kräfte, lassen sich,
ehe die Grundsätze ihrer Zusammensetzung überhaupt vorher rein matematisch zum
Grunde gelegt worden, niemals gründlich vortragen.
                                  Grundsatz 1
    Eine jede Bewegung, als Gegenstand einer möglichen Erfahrung, kann nach
Belieben, als Bewegung des Körpers in einem ruhigen Raume, oder als Ruhe des
Körpers und dagegen Bewegung des Raumes in entgegengesetzter Richtung mit
gleicher Geschwindigkeit angesehen werden.
                                   Anmerkung
    Von der Bewegung eines Körpers eine Erfahrung zu machen, dazu wird erfodert:
dass nicht allein der Körper, sondern auch der Raum, darin er sich bewegt,
Gegenstände der äussern Erfahrung, mitin materiell sein. Eine absolute Bewegung
also, d.i. in Beziehung auf einen nicht materiellen Raum, ist gar keiner
Erfahrung fähig und für uns also nichts (wenn man gleich einräumen wollte, der
absolute Raum sei an sich etwas). Aber auch in aller relativen Bewegung kann der
Raum selbst, weil er als materiell angenommen wird, wiederum als ruhig oder
bewegt vorgestellt werden. Das erstere geschieht, wenn mir über den Raum, in
Beziehung auf welchen ich einen Körper als bewegt ansehe, kein mehr erweiterter
und ihn einschliessender gegeben ist (wie wenn ich in der Kajüte eines Schiffs
eine Kugel auf dem Tische bewegt sehe); das zweite, wenn mir über diesen Raum
hinaus noch ein anderer Raum, der ihn einschliesst (wie im genannten Falle das
Ufer des Flusses), gegeben ist, da ich denn in Ansehung des letzteren den
nächsten Raum (die Kajüte) als bewegt und den Körper selbst allenfalls als ruhig
ansehen kann. Da es nun schlechterdings unmöglich ist, von einem empirisch
gegebenen Raume, wie erweitert er auch sei, auszumachen, ob er nicht in Ansehung
eines in einem noch grösseren Umfange ihn einschliessenden Raumes selbst wiederum
bewegt sei, oder nicht, so muss es aller Erfahrung und jeder Folge aus der
Erfahrung völlig einerlei sein, ob ich einen Körper als bewegt, oder ihn als
ruhig, den Raum aber in entgegengesetzter Richtung mit gleicher Geschwindigkeit
bewegt ansehen will. Noch mehr; da der absolute Raum für alle mögliche Erfahrung
nichts ist, so sind auch die Begriffe einerlei, ob ich sage: ein Körper bewegt
sich in Ansehung dieses gegebenen Raumes in dieser Richtung mit dieser
Geschwindigkeit, oder ob ich ihn mir als ruhig denken, und dem Raum alles
dieses, aber in entgegengesetzter Richtung, beilegen will. Denn ein jeder
Begriff ist mit demjenigen, von dessen Unterschiede vom ersteren gar kein
Beispiel möglich ist, völlig einerlei und nur in Beziehung auf die Verknüpfung,
die wir ihm im Verstande geben wollen, verschieden.
    Auch sind wir gar nicht im Stande, in irgend einer Erfahrung einen festen
Punkt anzugeben, in Beziehung auf welchen, was Bewegung und Ruhe absolut heissen
sollte, bestimmt würde; denn alles, was uns auf die Art gegeben wird, ist
materiell, also auch beweglich, und (da wir im Raume keine äusserste Grenze
möglicher Erfahrung kennen) vielleicht auch wirklich bewegt, ohne dass wir diese
Bewegung woran wahrnehmen können. - Von dieser Bewegung eines Körpers im
empirischen Raume kann ich nun einen Teil der gegebenen Geschwindigkeit dem
Körper, den andern dem Raume, aber in entgegengesetzter Richtung, geben, und die
ganze mögliche Erfahrung in Ansehung der Folgen dieser zwei verbundenen
Bewegungen ist völlig einerlei mit derjenigen, da ich den Körper mit der ganzen
Geschwindigkeit allein bewegt, oder ihn als ruhig und den Raum mit derselben
Geschwindigkeit in entgegengesetzter Richtung bewegt denke. Ich nehme hier aber
alle Bewegungen als geradlinicht an. Denn, was die krummlinichte betrifft, da es
nicht in allen Stücken einerlei ist, ob ich den Körper (z.B. die Erde in ihrer
täglichen Umdrehung) als bewegt und den umgebenden Raum (den bestirnten Himmel)
als ruhig, oder diesen als bewegt und jenen als ruhig anzusehen befugt bin,
davon wird in der Folge besonders gehandelt werden. In der Phoronomie also, wo
ich die Bewegung eines Körpers nur mit dem Raume (auf dessen Ruhe oder Bewegung
jener gar keinen Einfluss hat) in Verhältnis betrachte, ist es an sich ganz
unbestimmt und beliebig, ob und wie viel ich Geschwindigkeit dem einen oder dem
andern von der gegebenen Bewegung beilegen will; künftig in der Mechanik, da ein
bewegter Körper in wirksamer Beziehung auf andere Körper im Raume seiner
Bewegung betrachtet werden soll, wird dieses nicht mehr so völlig einerlei sein,
wie es an seinem Orte gezeigt werden soll.
                                  Erklärung 5
    Die Zusammensetzung der Bewegung ist die Vorstellung der Bewegung eines
Punkts als einerlei mit zweien oder mehreren Bewegungen desselben zusammen
verbunden.
                                   Anmerkung
    In der Phoronomie, da ich die Materie durch keine andere Eigenschaft als
ihre Beweglichkeit kenne, mitin sie selbst nur als einen Punkt betrachten darf,
kann die Bewegung nur als Beschreibung eines Raumes betrachtet werden, doch so,
dass ich nicht bloss, wie in der Geometrie, auf den Raum, der beschrieben wird,
sondern auch auf die Zeit darin, mitin auf die Geschwindigkeit, womit ein Punkt
den Raum beschreibt, Acht habe. Phoronomie ist also die reine Grössenlehre
(matesis) der Bewegungen. Der bestimmte Begriff von einer Grösse ist der Begriff
der Erzeugung der Vorstellung eines Gegenstandes durch die Zusammensetzung des
Gleichartigen. Da nun der Bewegung nichts gleichartig ist, als wiederum
Bewegung, so ist die Phoronomie eine Lehre der Zusammensetzung der Bewegungen
eben desselben Punkts nach ihrer Richtung und Geschwindigkeit, d.i. die
Vorstellung einer einzigen Bewegung, als einer solchen, die zwei und so mehrere
Bewegungen zugleich in sich entält, oder zweier Bewegungen eben desselben
Punkts zugleich, so ferne sie zusammen eine ausmachen, d.i. mit dieser einerlei
sind, und nicht etwa so fern sie die letztere, als Ursachen ihre Wirkung,
hervorbringen. Um die Bewegung zu finden, die aus der Zusammensetzung von
mehreren, so viel man will, entspringt, darf man nur, wie bei aller
Grössenerzeugung, zuerst diejenige suchen, die unter gegebenen Bedingungen aus
zweien zusammengesetzt ist; darauf diese mit einer dritten verbunden u.s.w.
Folglich lässt die Lehre der Zusammensetzung aller Bewegungen sich auf die von
zweien zurückführen. Zwei Bewegungen aber eines und desselben Punkts, die
zugleich an demselben angetroffen werden, können auf zwiefache Weise
unterschieden sein, und, als solche, auf dreifache Art an ihm verbunden werden.
Erstlich geschehen sie entweder in einer und derselben Linie, oder in
verschiedenen Linien zugleich; die letztere sind Bewegungen, die einen Winkel
einschliessen. Die, so in einer und derselben Linie geschehen, sind nun der
Richtung nach entweder einander entgegengesetzt, oder halten einerlei Richtung.
Da alle diese Bewegungen als zugleich geschehend betrachtet werden, so ergibt
sich aus dem Verhältnis der Linien, d.i. der beschriebenen Räume der Bewegung,
in gleicher Zeit, so fort auch das Verhältnis der Geschwindigkeit. Also sind der
Fälle drei. 1) Da zwei Bewegungen (sie mögen von gleichen oder ungleichen
Geschwindigkeiten sein), in einem Körper in derselben Richtung verbunden, eine
daraus zusammengesetzte Bewegung ausmachen sollen. 2) Da zwei Bewegungen
desselben Punkts (von gleicher oder ungleicher Geschwindigkeit) in
entgegengesetzter Richtung verbunden durch ihre Zusammensetzung eine dritte
Bewegung in derselben Linie ausmachen sollen. 3) Da zwei Bewegungen eines
Punkts, mit gleichen oder ungleichen Geschwindigkeiten, aber in verschiedenen
Linien, die einen Winkel einschliessen, als zusammengesetzt betrachtet werden.
                                   Lehrsatz 1
    Die Zusammensetzung zweier Bewegungen eines und desselben Punkts kann nur
dadurch gedacht werden, dass die eine derselben im absoluten Raume, statt der
anderen aber eine mit der gleichen Geschwindigkeit in entgegengesetzter Richtung
geschehende Bewegung des relativen Raums, als mit derselben einerlei,
vorgestellt wird.
                                     Beweis
    Erster Fall. Da zwei Bewegungen in eben derselben Linie und Richtung einem
und demselben Punkte zugleich zukommen.
    Es sollen in einer Geschwindigkeit der Bewegung zwei Geschwindigkeiten AB
und ab als entalten vorgestellt werden. Man nehme diese Geschwindigkeiten für
diesmal als gleich an, so dass AB = ab ist, so sage ich, sie können in einem und
demselben Raum (dem absoluten oder dem relativen) an demselben Punkte nicht
zugleich vorgestellt werden. Denn, weil die Linien AB und ab, welche die
Geschwindigkeiten bezeichnen, eigentlich die Räume sind, welche sie in gleichen
Zeiten durchlaufen, so würde die Zusammensetzung dieser Räume AB und ab = BC,
mitin die Linie AC, als die Summe der Räume, die Summe beider Geschwindigkeiten
ausdrücken müssen. Aber die Teile AB und BC stellen, jede für sich, nicht die
Geschwindigkeit = ab vor; denn sie werden nicht in gleicher Zeit wie ab
zurückgelegt. Also stellt auch die doppelte Linie AC, die in derselben Zeit
zurückgelegt wird, wie die Linie ab, nicht die zwiefache Geschwindigkeit der
letztern vor, welches doch verlangt wurde. Also lässt sich die Zusammensetzung
zweier Geschwindigkeiten in einer Richtung in demselben Raume nicht anschaulich
darstellen.
    Dagegen, wenn der Körper A mit der Geschwindigkeit AB im absoluten Raume als
bewegt vorgestellt wird, und ich gebe überdem dem relativen Raume eine
Geschwindigkeit ab = AB in entgegengesetzter Richtung ba = CB, so ist dieses
eben dasselbe, als ob ich die letztere Geschwindigkeit dem Körper in der
Richtung AB erteilt hätte (Grundsatz 1). Der Körper bewegt sich aber alsdenn in
derselben Zeit durch die Summe der Linien AB und BC = 2 ab, in welcher er die
Linie ab = AB allein würde zurückgelegt haben, und seine Geschwindigkeit ist
doch als die Summe der zweien gleichen Geschwindigkeiten AB und ab vorgestellt,
welches das ist, was verlangt wurde.
    Zweiter Fall. Da zwei Bewegungen in gerade entgegengesetzten Richtungen an
einem und demselben Punkte sollen verbunden werden.
    
    Es sei AB die eine dieser Bewegungen und AC die andere in entgegengesetzter
Richtung, deren Geschwindigkeit wir hier der ersten gleich annehmen wollen: so
würde der Gedanke selbst, zwei solche Bewegungen in einem und demselben Raume an
eben demselben Punkte als zugleich vorzustellen, mitin der Fall einer solchen
Zusammensetzung der Bewegungen selbst unmöglich sein, welches der Voraussetzung
zuwider ist.
    Dagegen denket euch die Bewegung AB im absoluten Raume, statt der Bewegung
AC aber, in demselben absoluten Raume, die entgegengesetzte CA des relativen
Raumes mit eben derselben Geschwindigkeit, die (nach Grundsatz 1) der Bewegung
AC völlig gleich gilt und also gänzlich an die Stelle derselben gesetzt werden
kann: so lassen sich zwei gerade entgegengesetzte und gleiche Bewegungen
desselben Punkts zu gleicher Zeit gar wohl darstellen. Weil nun der relative
Raum mit derselben Geschwindigkeit CA = AB in derselben Richtung mit dem Punkte
A bewegt ist, so verändert dieser Punkt, oder der in ihm befindliche Körper, in
Ansehung des relativen Raumes seinen Ort nicht, d.i. ein Körper, der nach zwei
einander gerade entgegengesetzten Richtungen mit gleicher Geschwindigkeit bewegt
wird, ruhet, oder, allgemein ausgedrückt: seine Bewegung ist der Differenz der
Geschwindigkeiten in der Richtung der grösseren gleich (welches sich aus dem
Bewiesenen leicht folgern lässt).
    Dritter Fall. Da zwei Bewegungen eben desselben Punkts, nach Richtungen, die
einen Winkel einschliessen, verbunden vorgestellt werden.
    
    Die zwei gegebenen Bewegungen sind AB und AC, deren Geschwindigkeit und
Richtungen durch diese Linien, der Winkel aber, den die letztere einschliessen,
durch BAC ausgedruckt wird (er mag, wie hier, ein rechter, aber auch ein jeder
beliebiger schiefer Winkel sein). Wenn nun diese zwei Bewegungen zugleich in den
Richtungen AB und AC und zwar in einem und demselben Raume geschehen sollen: so
würde sie doch nicht in diesen beiden Linien AB und AC zugleich geschehen
können, sondern nur in Linien, die diesen parallel laufen. Es würde also
angenommen werden müssen: dass eine dieser Bewegungen in der anderen eine
Veränderung (nämlich die Abbringung von der gegebenen Bahn) wirkte, wenn gleich
beiderseits Richtungen dieselbe blieben. Dieses ist aber der Voraussetzung des
Lehrsatzes zuwider, welche unter dem Worte Zusammensetzung andeutet: dass beide
gegebene Bewegungen in einer dritten entalten, mitin mit dieser einerlei sein
, und nicht, dass, indem eine die andere verändert, sie eine dritte
hervorbringen.
    Dagegen nehme man die Bewegung AC als im absoluten Raume vor sich gehend an,
anstatt der Bewegung AB aber die Bewegung des relativen Raumes in
entgegengesetzter Richtung. Die Linie AC sei in drei gleiche Teile AE, EF, FC
geteilt. Während dass nun der Körper A im absoluten Raume die Linie AE
durchläuft, durchläuft der relative Raum, und mit ihm der Punkt E, den Raum Ee =
MA; während dass der Körper die zwei Teile zusammen = AF durchläuft, beschreibt
der relative Raum, und mit ihm der Punkt F, die Linie Ff = NA; während dass der
Körper endlich die ganze Linie AC durchläuft, so beschreibt der Raum, und mit
ihm der Punkt C, die Linie Cc = BA; welches alles eben dasselbe ist, als ob der
Körper A in diesen drei Zeitteilen die Linien Em, Fn, und CD == AM, AN, AB und
in der ganzen Zeit, darin er AC durchläuft, die Linie CD = AB durchlaufen hätte.
Also ist er im letzten Augenblicke im Punkte D und in dieser ganzen Zeit nach
und nach in allen Punkten der Diagonallinie AD, welche also sowohl die Richtung,
als Geschwindigkeit der zusammengesetzten Bewegung ausdrückt. -
                                  Anmerkung 1
    Die geometrische Konstruktion erfodert, dass eine Grösse mit der andern, oder
zwei Grössen in der Zusammensetzung mit einer dritten einerlei sein, nicht dass
sie als Ursachen die dritte hervorbringen, welches die mechanische Konstruktion
sein würde. Die völlige Ähnlichkeit und Gleichheit, so fern sie nur in der
Anschauung erkannt werden kann, ist die Kongruenz. Alle geometrische
Konstruktion der völligen Identität beruht auf Kongruenz. Diese Kongruenz zweier
zusammenverbundenen Bewegungen mit einer dritten (als dem motu composito selbst)
kann nun niemals Statt haben, wenn jene beide in einem und demselben Raume, z.B.
dem relativen vorgestellt werden. Daher sind alle Versuche, obigen Lehrsatz in
seinen drei Fällen zu beweisen, immer nur mechanische Auflösungen gewesen, da
man nämlich bewegende Ursachen durch die eine gegebene Bewegung mit einer andern
verbunden eine dritte hervorbringen liess, nicht aber Beweise, dass jene mit
dieser einerlei sind, und sich, als solche, in der reinen Anschauung a priori
darstellen lassen.
                                  Anmerkung 2
    Wenn z.B. eine Geschwindigkeit AB doppelt genannt wird: so kann darunter
nichts anders verstanden werden, als dass sie aus zwei einfachen und gleichen AB
und BC (siehe Fig. 1) bestehe. Erklärt man aber eine doppelte Geschwindigkeit
dadurch, dass man sagt, sie sei eine Bewegung, dadurch in derselben Zeit ein
doppelt so grosser Raum zurückgelegt wird, so wird hier etwas angenommen, was
sich nicht von selbst versteht, nämlich: dass sich zwei gleiche Geschwindigkeiten
eben so verbinden lassen, als zwei gleiche Räume, und es ist nicht für sich
klar, dass eine gegebene Geschwindigkeit aus kleinem und eine Schnelligkeit aus
Langsamkeiten eben so bestehe, wie ein Raum aus kleineren; denn die Teile der
Geschwindigkeit sind nicht ausserhalb einander, wie die Teile des Raumes, und
wenn jene als Grösse betrachtet werden soll, so muss der Begriff ihrer Grösse, da
sie intensiv ist, auf andere Art konstruiert werden, als der in der extensiven
Grösse des Raumes. Diese Konstruktion ist aber auf keine andere Art möglich, als
durch die mittelbare Zusammensetzung zweier gleichen Bewegungen, deren eine die
des Körpers, die andere des relativen Raumes in entgegengesetzter Richtung, aber
eben darum mit einer ihr gleichen Bewegung des Körpers in der vorigen Richtung
völlig einerlei ist. Denn in derselben Richtung lassen sich zwei gleiche
Geschwindigkeiten in einem Körper gar nicht zusammensetzen, als nur durch äussere
bewegende Ursachen, z.B. ein Schiff, welches den Körper mit einer dieser
Geschwindigkeiten trägt, indessen dass eine andere mit dem Schiffe unbeweglich
verbundene bewegende Kraft dem Körper die zweite, der vorigen gleiche,
Geschwindigkeit eindrückt; wobei doch immer vorausgesetzt werden muss: dass der
Körper sich mit der ersten Geschwindigkeit in freier Bewegung erhalte, indem die
zweite hinzukommt; welches ein Naturgesetz bewegender Kräfte ist, wovon gar
nicht die Rede sein kann, wenn die Frage lediglich ist, wie der Begriff der
Geschwindigkeit als eine Grösse konstruieret werde. So viel von der Hinzutuung
der Geschwindigkeiten zu einander. Wenn aber von der Abziehung einer von der
anderen die Rede ist, so lässt sich zwar diese letztere leicht denken, wenn
einmal die Möglichkeit einer Geschwindigkeit als Grösse durch Hinzutuung
eingeräumt worden, aber jener Begriff lässt sich nicht so leicht konstruieren.
Denn zu dem Ende müssen zwei entgegengesetzte Bewegungen in einem Körper
verbunden werden; aber wie soll dieses geschehen? Unmittelbar, d.i. in Ansehung
eben desselben ruhenden Raumes ist es unmöglich, sich zwei gleiche Bewegungen in
entgegengesetzter Richtung an demselben Körper zu denken; aber die Vorstellung
der Unmöglichkeit dieser beiden Bewegungen in einem Körper ist nicht der Begriff
von der Ruhe desselben, sondernder Unmöglichkeit der Konstruktion dieser
Zusammensetzung entgegengesetzter Bewegungen, die doch im Lehrsatz als möglich
angenommen wird. Diese Konstruktion ist aber nicht anders möglich, als durch die
Verbindung der Bewegung des Körpers mit der Bewegung des Raums, wie gewiesen
worden. Endlich, was die Zusammensetzung zweier Bewegungen, deren Richtung einen
Winkel einschliesst, betrifft, so lässt sie sich an dem Körper in Beziehung auf
einen und denselben Raum gleichfalls nicht denken, wenn man nicht gar eine
derselben durch äussere kontinuierlich einfliessende Kraft (z. E. ein den Körper
forttragendes Fahrzeug) gewirkt, die andern als sich selbst hiebei unverändert
erhaltend, annimmt, oder überhaupt, man muss bewegende Kräfte und Erzeugung einer
dritten Bewegung aus zwei vereinigten Kräften zum Grunde legen, welches zwar die
mechanische Ausführung dessen, was ein Begriff entält, aber nicht die
matematische Konstruktion derselben ist, die nur anschaulich machen soll, was
das Objekt (als Quantum) sei; nicht wie es durch Natur oder Kunst vermittelst
gewisser Werkzeuge und Kräfte hervorgebracht werden könne. - Die Zusammensetzung
der Bewegungen, um ihr Verhältnis zu andern als Grösse zu bestimmen, muss nach den
Regeln der Kongruenz geschehen, welches in allen dreien Fällen nur vermittelst
der Bewegung des Raums, die mit einer der zwei gegebenen Bewegungen kongruiert,
und dadurch beide mit der zusammengesetzten kongruieren, möglich ist.
                                  Anmerkung 3
    Phoronomie, nicht als reine Bewegungslehre, sondern bloss als reine
Grössenlehre der Bewegung, in welcher die Materie nach keiner Eigenschaft mehr
als der blossen Beweglichkeit gedacht wird, entält also nichts mehr als bloss
diesen einzigen, durch die angeführte drei Fälle geführten Lehrsatz von der
Zusammensetzung der Bewegung und zwar von der Möglichkeit der geradlinichten
Bewegung allein, nicht der krummlinichten. Denn, weil in dieser die Bewegung
kontinuierlich (der Richtung nach) verändert wird, so muss eine Ursache dieser
Veränderung, welche nun nicht der blosse Raum sein kann, herbeigezogen werden.
Dass man aber gewöhnlich unter der Benennung der zusammengesetzten Bewegung nur
den einzigen Fall, da die Richtungen derselben einen Winkel einschliessen,
verstand, dadurch ward zwar wohl eben nicht der Physik, wohl aber dem Prinzip
der Einteilung einer reinen philosophischen Wissenschaft überhaupt einiger
Abbruch getan. Denn was die erstere betrifft, so lassen sich alle im obigen
Lehrsatze behandelte drei Fälle im dritten allein hinreichend darstellen. Denn,
wenn der Winkel, den die zwei gegebenen Bewegungen einschliessen, als unendlich
klein gedacht wird, so entält er den ersten; wird er aber als von einer
einzigen geraden Linie nur unendlich wenig unterschieden vorgestellt, so entält
er den zweiten Fall; so dass sich freilich in dem bekannten Lehrsatze der
zusammengesetzten Bewegung alle drei von uns genannte Fälle, als in einer
allgemeinen Formel, geben lassen. Man konnte aber auf diese Art nicht wohl die
Grössenlehre der Bewegung nach ihren Teilen a priori eingehen lernen, welches in
mancher Absicht auch seinen Nutzen hat.
    Hat jemand Lust, die gedachten drei Teile des allgemeinen phoronomischen
Lehrsatzes an das Schema der Einteilung aller reinen Verstandesbegriffe,
namentlich hier der des Begriffs der Grösse zu halten, so wird er bemerken: dass,
da der Begriff einer Grösse jederzeit den der Zusammensetzung des Gleichartigen
entält, die Lehre der Zusammensetzung der Bewegungen zugleich die reine
Grössenlehre derselben sei, und zwar nach allen drei Momenten, die der Raum an
die Hand gibt, der Einheit der Linie und Richtung, der Vielheit der Richtungen
in einer und derselben Linie, endlich der Allheit der Richtungen sowohl, als der
Linien, nach denen die Bewegung geschehen mag, welches die Bestimmung aller
möglichen Bewegung als eines Quantum entält, wiewohl die Quantität derselben
(an einem beweglichen Punkte) bloss in der Geschwindigkeit besteht. Diese
Bemerkung hat nur in der Transzendentalphilosophie ihren Nutzen.
 
                              Zweites Hauptstück.
                  Der metaphysischen Anfangsgründe der Dynamik
                                  Erklärung 1
    Materie ist das Bewegliche, so fern es einen Raum erfüllt. Einen Raum
erfüllen heisst allem Beweglichen widerstehen, das durch seine Bewegung in einen
gewissen Raum einzudringen bestrebt ist. Ein Raum, der nicht erfüllt ist, ist
ein leerer Raum.
                                   Anmerkung
    Dieses ist nun die dynamische Erklärung des Begriffs der Materie. Sie setzt
die phoronomische voraus, aber tut eine Eigenschaft hinzu, die sich als Ursache
auf eine Wirkung bezieht, nämlich das Vermögen, einer Bewegung innerhalb eines
gewissen Raumes zu widerstehen, wovon in der vorhergehenden Wissenschaft gar
nicht die Rede sein musste, selbst nicht, wenn man es mit Bewegungen eines und
desselben Punktes in entgegengesetzten Richtungen zu tun hatte. Diese Erfüllung
des Raums hält einen gewissen Raum von dem Eindringen irgend eines anderen
beweglichen frei, wenn seine Bewegung auf irgend einen Ort in diesem Raume
hingerichtet ist. Worauf nun der nach allen Seiten gerichtete Widerstand der
Materie beruhe und was er sei, muss noch untersucht werden. So viel sieht man
aber schon aus der obigen Erklärung: dass die Materie hier nicht so betrachtet
wird, wie sie widersteht, wenn sie aus ihrem Orte getrieben und also selbst
bewegt werden soll (dieser Fall wird künftig, als mechanischer Widerstand, noch
in Erwägung kommen), sondern wenn bloss der Raum ihrer eigenen Ausdehnung
verringert werden soll. Man bedient sich des Worts: einen Raum einnehmen, d.i.
in allen Punkten desselben unmittelbar gegenwärtig sein, um die Ausdehnung eines
Dinges im Raume dadurch zu bezeichnen. Weil aber in diesem Begriffe nicht
bestimmt ist, welche Wirkung oder ob gar überall eine Wirkung aus dieser
Gegenwart entspringe, ob andern zu widerstehen, die hineinzudringen bestrebt
sein, oder ob es bloss einen Raum ohne Materie bedeute, so fern er ein Inbegriff
mehrerer Raume ist, wie man von jeder geometrischen Figur sagen kann, sie nimmt
einen Raum ein (sie ist ausgedehnt), oder ob wohl gar im Raume etwas sei, was
ein anderes Bewegliche nötigt, tiefer in denselben einzudringen (andere
anzieht), weil, sage ich, durch den Begriff des Einnehmens eines Raumes dieses
alles unbestimmt ist, so ist: einen Raum erfüllen eine nähere Bestimmung des
Begriffs: einen Raum einnehmen.
                                   Lehrsatz 1
    Die Materie erfüllt einen Raum, nicht durch ihre blosse Existenz, sondern
durch eine besondere bewegende Kraft.
                                     Beweis
    Das Eindringen in einen Raum (im Anfangsaugenblicke heisst solches die
Bestrebung einzudringen) ist eine Bewegung. Der Widerstand gegen Bewegung ist
die Ursache der Verminderung, oder auch Veränderung derselben in Ruhe. Nun kann
mit keiner Bewegung etwas verbunden werden, was sie vermindert oder aufhebt, als
eine andere Bewegung eben desselben Beweglichen in entgegengesetzter Richtung
(Phoron. Lehrs.). Also ist der Widerstand, den eine Materie in dem Raum, den sie
erfüllt, allem Eindringen anderer leistet, eine Ursache der Bewegung der
letzteren in entgegengesetzter Richtung. Die Ursache einer Bewegung heisst aber
bewegende Kraft. Also erfüllet die Materie ihren Raum durch bewegende Kraft, und
nicht durch ihre blosse Existenz.
                                   Anmerkung
    Lambert und andere nannten die Eigenschaft der Materie, da sie einen Raum
erfüllt, die Solidität (ein ziemlich vieldeutiger Ausdruck), und wollen, man
müsse sie an jedem Dinge, was existiert (Substanz), annehmen, wenigstens in der
äusseren Sinnenwelt. Nach ihren Begriffen müsste die Anwesenheit von etwas Reellem
, im Raume, diesen Widerstand schon durch seinen Begriff, mitin nach dem Satze
des Widerspruchs bei sich führen, und es machen, dass nichts anderes in dem Raume
der Anwesenheit eines solchen Dinges zugleich sein könne. Allein der Satz des
Widerspruchs treibt keine Materie zurück, welche anrückt, um in einen Raum
einzudringen, in welchem eine andere anzutreffen ist. Nur alsdann, wenn ich dem,
was einen Raum einnimmt, eine Kraft beilege, alles äussere Bewegliche, welches
sich annähert, zurück zu treiben, verstehe ich, wie es einen Widerspruch
entalte, dass in den Raum, den ein Ding einnimmt, noch ein anderes von derselben
Art eindringe. Hier hat der Matematiker etwas als ein erstes Datum der
Konstruktion des Begriffs einer Materie, welches sich selbst nicht weiter
konstruieren lasse, angenommen. Nun kann er zwar von jedem beliebigen Dato seine
Konstruktion eines Begriffs anfangen, ohne sich darauf einzulassen, dieses Datum
auch wiederum zu erklären; darum aber ist er doch nicht befugt, jenes für etwas
aller matematischen Konstruktion ganz Unfähiges zu erklären, um dadurch das
Zurückgehen zu den ersten Prinzipien in der Naturwissenschaft zu hemmen.
                                  Erklärung 2
    Anziehungskraft ist diejenige bewegende Kraft, wodurch eine Materie die
Ursache der Annäherung anderer zu ihr sein kann (oder, welches einerlei ist,
dadurch sie der Entfernung anderer von ihr widersteht).
    Zurückstossungskraft ist diejenige, wodurch eine Materie Ursache sein kann,
andere von sich zu entfernen (oder, welches einerlei ist, wodurch sie der
Annäherung anderer zu ihr widersteht). Die letztere werden wir auch zuweilen
treibende, so wie die erstere ziehende Kräfte nennen.
                                     Zusatz
    Es lassen sich nur diese zwei bewegende Kräfte der Materie denken. Denn alle
Bewegung, die eine Materie einer anderen eindrücken kann, da in dieser Rücksicht
jede derselben nur wie ein Punkt betrachtet wird, muss jederzeit als in der
geraden Linie zwischen zweien Punkten erteilt angesehen werden. In dieser
geraden Linie aber sind nur zweierlei Bewegungen möglich: die eine, dadurch sich
jene Punkte von einander entfernen, die zweite, dadurch sie sich einander nähern
. Die Kraft aber, die die Ursache der ersteren Bewegung ist, heisst
Zurückstossungs- und die der zweiten Anziehungskraft. Also können nur diese zwei
Arten von Kräften, als solche, worauf alle Bewegungskräfte in der materiellen
Natur zurückgeführt werden müssen, gedacht werden.
                                   Lehrsatz 2
    Die Materie erfüllet ihre Räume durch repulsive Kräfte aller ihrer Teile,
d.i. durch eine ihr eigene Ausdehnungskraft, die einen bestimmten Grad hat, über
den kleinere oder grössere ins Unendliche können gedacht werden.
                                     Beweis
    Die Materie erfüllet einen Raum nur durch bewegende Kraft (Lehrs. 2) und
zwar eine solche, die dem Eindringen anderer, d.i. der Annäherung widersteht.
Nun ist diese eine zurückstossende Kraft (Erklärung 2). Also erfüllet die Materie
ihren Raum nur durch zurückstossende Kräfte und zwar aller ihrer Teile, weil
sonst ein Teil ihres Raums (wider die Voraussetzung) nicht erfüllet, sondern nur
eingeschlossen sein würde. Die Kraft aber eines Ausgedehnten vermöge der
Zurückstossung aller seiner Teile ist eine Ausdehnungskraft (expansive). Also
erfüllet die Materie ihren Raum nur durch eine ihr eigene Ausdehnungskraft;
welches das erste war. Über jede gegebene Kraft muss eine grössere gedacht werden
können, denn die, über welche keine grössere möglich ist, würde eine solche sein,
wodurch in einer endlichen Zeit ein unendlicher Raum zurückgelegt werden würde
(welches unmöglich ist). Es muss ferner unter jeder gegebenen bewegenden Kraft
eine kleinere gedacht werden können (denn die kleinste würde die sein, durch
deren unendliche Hinzutuung zu sich selbst eine jede gegebene Zeit hindurch
keine endliche Geschwindigkeit erzeugt werden könnte, welches aber den Mangel
aller bewegenden Kraft bedeutet). Also muss unter einem jeden gegebenen Grad
einer bewegenden Kraft immer noch ein kleinerer gegeben werden können, welches
das zweite ist. Mitin hat die Ausdehnungskraft, womit jede Materie ihren Raum
erfüllt, ihren Grad, der niemals der grösste oder kleinste ist, sondern über den
ins Unendliche sowohl grössere als kleinere können gefunden werden.
                                    Zusatz 1
    Die expansive Kraft einer Materie nennt man auch Elastizität. Da nun jene
der Grund ist, worauf die Erfüllung des Raumes, als eine wesentliche Eigenschaft
aller Materie, beruht, so muss diese Elastizität ursprünglich heissen; weil sie
von keiner anderen Eigenschaft der Materie abgeleitet werden kann. Alle Materie
ist demnach ursprünglich elastisch.
                                    Zusatz 2
    Weil über jede ausdehnende Kraft eine grössere bewegende Kraft gefunden
werden kann: diese aber auch jener entgegen würken kann, wodurch sie alsdenn den
Raum der letzteren verengen würde, den diese zu erweitern trachtet, in welchem
Falle die erstere eine zusammendrückende Kraft heissen würde, so muss auch für
jede Materie eine zusammendrückende Kraft gefunden werden können, die sie von
einem jeden Raum, den sie erfüllt, in einen engeren Raum zu treiben vermag.
                                  Erklärung 5
    Eine Materie durchdringt in ihrer Bewegung eine andere, wenn sie durch
Zusammendrückung den Raum ihrer Ausdehnung völlig aufhebt.
                                   Anmerkung
    Wenn in einem mit Luft angefüllten Stiefel einer Luftpumpe der Kolben dem
Boden immer näher getrieben wird, so wird die Luftmaterie zusammengedrückt.
Könnte nun diese Zusammendrückung so weit getrieben werden, dass der Kolben den
Boden völlig berührte (ohne dass das mindeste von Luft entwischt wäre), so würde
die Luftmaterie durchdrungen sein; denn die Materien, zwischen denen sie ist,
lassen keinen Raum für sie übrig, und sie wäre also zwischen dem Kolben und
Boden anzutreffen, ohne doch einen Raum einzunehmen. Diese Durchdringlichkeit
der Materie durch äussere zusammendrückende Kräfte, wenn jemand eine solche
annehmen oder auch nur denken wollte, würde die mechanische heissen können. Ich
habe Ursache, durch eine solche Einschränkung diese Durchdringlichkeit der
Materie von einer andern zu unterscheiden, deren Begriff vielleicht eben so
unmöglich, als der erstere ist, von der ich aber doch künftig etwas anzumerken
Anlass haben möchte.
                                   Lehrsatz 5
    Die Materie kann ins Unendliche zusammengedrückt, aber niemals von einer
Materie, wie gross auch die drückende Kraft derselben sei, durchdrungen werden.
                                     Beweis
    Eine ursprüngliche Kraft, womit eine Materie sich über einen gegebenen Raum,
den sie einnimmt, allerwärts auszudehnen trachtet, muss, in einen kleineren Raum
eingeschlossen, grösser, und, in einen unendlich kleinen Raum zusammengepresst,
unendlich sein. Nun kann für gegebene ausdehnende Kraft der Materie eine grössere
zusammendrückende gefunden werden, die diese in einen engeren Raum zwingt, und
so ins Unendliche; welches das erste war. Zum Durchdringen der Materie aber
würde eine Zusammentreibung derselben in einen unendlich kleinen Raum, mitin
eine unendlich zusammendrückende Kraft erfodert, welche unmöglich ist. Also kann
eine Materie durch Zusammendrückung von keiner anderen durchdrungen werden;
welches das zweite ist.
                                   Anmerkung
    Ich habe in diesem Beweise gleich zu Anfangs angenommen, dass eine
ausdehnende Kraft, je mehr sie in die Enge getrieben worden, desto stärker
entgegenwirken müsse. Dieses würde nun zwar nicht so für jede Art elastischer
Kräfte, die nur abgeleitet sind, gelten; aber bei der Materie, so fern ihr als
Materie überhaupt, die einen Raum erfüllt, wesentliche Elastizität zukommt, lässt
sich dieses postulieren. Denn expansive Kraft, aus allen Punkten nach allen
Seiten hin ausgeübt, macht sogar den Begriff derselben aus. Eben dasselbe
Quantum aber, von ausspannenden Kräften in einen engeren Raum gebracht, muss in
jedem Punkte desselben so viel stärker zurücktreiben, so viel umgekehrt der Raum
kleiner ist, in welchem ein gewisses Quantum von Kraft seine Wirksamkeit
verbreitet.
                                  Erklärung 4
    Die Undurchdringlichkeit der Materie, die auf dem Widerstande beruht, der
mit den Graden der Zusammendrückung proportionierlich wächst, nenne ich die
relative; diejenige aber, welche auf der Voraussetzung beruht, dass die Materie,
als solche, gar keiner Zusammendrückung fähig sei, heisst die absolute
Undurchdringlichkeit. Die Erfüllung des Raumes mit absoluter
Undurchdringlichkeit kann die matematische, die mit bloss relativer die
dynamische Erfüllung des Raums heissen.
                                  Anmerkung 1
    Nach dem bloss matematischen Begriffe der Undurchdringlichkeit (der keine
bewegende Kraft als ursprünglich der Materie eigen voraussetzt) ist keine
Materie einer Zusammendrückung fähig, als so fern sie leere Räume in sich
entält; mitin die Materie als Materie widersteht allem Eindringen
schlechterdings und mit absoluter Notwendigkeit. Nach unserer Erörterung dieser
Eigenschaft aber beruht die Undurchdringlichkeit auf einem physischen Grunde;
denn die ausdehnende Kraft macht sie selbst, als ein Ausgedehntes, das seinen
Raum erfüllt, allererst möglich. Da aber diese Kraft einen Grad hat, welcher
überwältigt, mitin der Raum der Ausdehnung verringert, d.i. in denselben bis
auf ein gewisses Mass von einer gegebenen zusammendrückenden Kraft eingedrungen
werden kann, doch so, dass die gänzliche Durchdringung, weil sie eine unendliche
zusammendrückende Kraft erfodern würde, unmöglich ist: so muss die Erfüllung des
Raums nur als relative Undurchdringlichkeit angesehen werden.
                                  Anmerkung 2
    Die absolute Undurchdringlichkeit ist in der Tat nichts mehr, oder weniger,
als qualitas occulta. Denn man frägt, was die Ursache sei, dass Materien einander
in ihrer Bewegung nicht durchdringen können, und bekommt die Antwort: weil sie
undurchdringlich sind. Die Berufung auf zurücktreibende Kraft ist von diesem
Vorwurfe frei. Denn, ob diese gleich ihrer Möglichkeit nach auch nicht weiter
erklärt werden kann, mitin als Grundkraft gelten muss, so gibt sie doch einen
Begriff von einer wirkenden Ursache und ihren Gesetzen, nach welchen die
Wirkung, nämlich der Widerstand in dem erfülleten Raum, ihren Graden nach
geschätzt werden kann.
                                  Erklärung 5
    Materielle Substanz ist dasjenige im Raume, was für sich, d.i. abgesondert
von allem anderen, was ausser ihm im Raume existiert, beweglich ist. Die Bewegung
eines Teils der Materie, dadurch sie aufhört, ein Teil zu sein, ist die Trennung
. Die Trennung der Teile einer Materie ist die physische Teilung.
                                   Anmerkung
    Der Begriff einer Substanz bedeutet das letzte Subjekt der Existenz, d.i.
dasjenige, was selbst nicht wiederum bloss als Prädikat zur Existenz eines
anderen gehört. Nun ist Materie das Subjekt alles dessen, was im Raume zur
Existenz der Dinge gezählt werden mag; denn ausser ihr würde sonst kein Subjekt
gedacht werden können, als der Raum selbst; welcher aber ein Begriff ist, der
noch gar nichts Existierendes, sondern bloss die notwendigen Bedingungen der
äusseren Relation möglicher Gegenstände äusserer Sinne entält. Also ist Materie,
als das Bewegliche im Raume, die Substanz in demselben. Aber eben so werden auch
alle Teile derselben, so fern man von ihnen nur sagen kann, dass sie selbst
Subjekte und nicht bloss Prädikate von anderen Materien sein, Substanzen, mitin
selbst wiederum Materie heissen müssen. Sie sind aber selbst Subjekte, wenn sie
für sich beweglich und also auch ausser der Verbindung mit anderen Nebenteilen
etwas im Raume Existierendes sind. Also ist die eigene Beweglichkeit der
Materie, oder irgend eines Teils derselben, zugleich ein Beweis dafür, dass
dieses Bewegliche, und ein jeder beweglicher Teil desselben, Substanz sei.
                                   Lehrsatz 4
    Die Materie ist ins Unendliche teilbar, und zwar in Teile, deren jeder
wiederum Materie ist.
                                     Beweis
    Die Materie ist undurchdringlich, und zwar durch ihre ursprüngliche
Ausdehnungskraft (Lehrs. 3), diese aber ist nur die Folge der repulsiven Kräfte
eines jeden Punkts in einem von Materie erfüllten Raum. Nun ist der Raum, den
die Materie erfüllet, ins Unendliche matematisch teilbar, d.i. seine Teile
können ins Unendliche unterschieden, obgleich nicht bewegt, folglich auch nicht
getrennt werden (nach Beweisen der Geometrie). In einem mit Materie erfüllten
Raume aber entält jeder Teil desselben repulsive Kraft, allen übrigen nach
allen Seiten entgegen zu wirken, mitin sie zurück zu treiben und von ihnen eben
so wohl zurückgetrieben, d.i. zur Entfernung von denselben bewegt zu werden.
Mitin ist ein jeder Teil eines durch Materie erfüllten Raums für sich selbst
beweglich, folglich trennbar von den übrigen als materielle Substanz durch
physische Teilung. So weit sich also die matematische Teilbarkeit des Raumes,
den eine Materie erfüllt, erstreckt, so weit erstreckt sich auch die mögliche
physische Teilung der Substanz, die ihn erfüllt. Die matematische Teilbarkeit
aber geht ins Unendliche, folglich auch die physische, d.i. alle Materie ist ins
Unendliche teilbar, und zwar in Teile, deren jeder selbst wiederum materielle
Substanz ist.
                                  Anmerkung 1
    Durch den Beweis der unendlichen Teilbarkeit des Raums ist die der Materie
lange noch nicht bewiesen, wenn nicht vorher dargetan worden: dass in jedem Teile
des Raumes materielle Substanz sei, d.i. für sich bewegliche Teile anzutreffen
sind. Denn, wollte ein Monadist annehmen, die Materie bestände aus physischen
Punkten, deren ein jeder zwar (eben darum) keine bewegliche Teile habe, aber
dennoch durch blosse repulsive Kraft einen Raum erfüllete: so würde er gestehen
können, dass zwar dieser Raum, aber nicht die Substanz, die in ihm wirkt, mitin
zwar die Sphäre der Wirksamkeit der letzteren, aber nicht das wirkende
bewegliche Subjekt selbst durch die Teilung des Raums zugleich geteilt werde.
Also würde er die Materie aus physisch unteilbaren Teilen zusammensetzen, und
sie doch auf dynamische Art einen Raum einnehmen lassen.
    Durch den obigen Beweis aber ist dem Monadisten diese Ausflucht gänzlich
benommen. Denn daraus ist klar: dass in einem erfülleten Raume kein Punkt sein
könne, der nicht selbst nach allen Seiten Zurückstossung ausübete, so wie er
zurückgestossen wird, mitin als ein ausser jedem anderen zurückstossenden Punkte
befindliches gegenwirkendes Subjekt an sich selbst beweglich wäre, und dass die
Hypotese eines Punkts, der durch blosse treibende Kraft, und nicht vermittelst
anderer gleichfalls zurückstossenden Kräfte, einen Raum erfüllete, gänzlich
unmöglich sei. Um dieses und dadurch auch den Beweis des vorhergehenden
Lehrsatzes anschaulich zu machen,
nehme man an, A sei der Ort einer Monas im Raume, ab sei der Durchmesser der
Sphäre ihrer repulsiven Kraft, mitin aA der Halbmesser derselben, so ist
zwischen a, wo dem Eindringen einer äusseren Monade in den Raum, den jene Sphäre
einnimmt, widerstanden wird, und dem Mittelpunkte derselben A, ein Punkt c
anzugeben möglich (laut der unendlichen Teilbarkeit des Raumes). Wenn nun A
demjenigen, was in a einzudringen trachtet, widersteht, so muss auch c den beiden
Punkten A und a widerstehen. Denn wäre dieses nicht, so würden sie sich einander
ungehindert nähern, folglich A und a im Punkte c zusammentreffen, d.i. der Raum
würde durchdrungen werden. Also muss in c etwas sein, was dem Eindringen von A
und a widersteht und also die Monas A zurücktreibt, so wie es auch von ihr
zurückgetrieben wird. Da nun Zurücktreiben ein Bewegen ist, so ist c etwas
Bewegliches im Raum, mitin Materie, und der Raum zwischen A und a konnte nicht
durch die Sphäre der Wirksamkeit einer einzigen Monade angefüllt sein, also auch
nicht der Raum zwischen c und A, und so ins Unendliche.
    Wenn Matematiker die repulsiven Kräfte der Teile elastischer Materien, bei
grösserer oder kleinerer Zusammendrückung derselben, als nach einer gewissen
Proportion ihrer Entfernungen von einander abnehmend oder zunehmend sich
vorstellen, z.B. dass die kleinsten Teile der Luft sich in umgekehrtem Verhältnis
ihrer Entfernungen von einander zurücktreiben, weil die Elastizität derselben in
umgekehrtem Verhältnis der Räume steht, darin sie zusammengedrückt werden: so
verfehlt man gänzlich ihren Sinn und missdeutet ihre Sprache, wenn man das, was
zum Verfahren der Konstruktion eines Begriffs notwendig gehört, dem Begriffe im
Objekt selbst beilegt. Denn nach jenem kann eine jede Berührung als eine
unendlich kleine Entfernung vorgestellt werden; welches in solchen Fällen auch
notwendig geschehen muss, wo ein grosser oder kleiner Raum durch eben dieselbe
Quantität der Materie, d.i. einerlei Quantum repulsiver Kräfte, als ganz erfüllt
vorgestellt werden soll. Bei einem ins Unendliche Teilbaren darf darum dennoch
keine wirkliche Entfernung der Teile, die bei aller Erweiterung des Raums des
Ganzen immer ein Kontinuum ausmachen, angenommen werden, obgleich die
Möglichkeit dieser Erweiterung nur unter der Idee einer unendlich kleinen
Entfernung anschaulich gemacht werden kann.
                                  Anmerkung 2
    Die Matematik kann zwar in ihrem inneren Gebrauche in Ansehung der Schikane
einer verfehlten Metaphysik ganz gleichgültig sein, und im sicheren Besitz ihrer
evidenten Behauptungen von der unendlichen Teilbarkeit des Raumes beharren, was
für Einwürfe auch eine an blossen Begriffen klaubende Vernünftelei dagegen auf
die Bahn bringen mag; allein in der Anwendung ihrer Sätze, die vom Raume gelten,
auf Substanz, die sie erfüllt, muss sie sich doch auf Prüfung nach blossen
Begriffen, mitin auf Metaphysik einlassen. Obiger Lehrsatz ist schon ein Beweis
davon. Denn es folgt nicht notwendig, dass Materie ins Unendliche physisch
teilbar sei, wenn sie es gleich in matematischer Absicht ist, wenn gleich ein
jeder Teil des Raums wiederum ein Raum ist, und also immer Teile ausserhalb
einander in sich fasst, woferne nicht bewiesen werden kann, dass in jedem aller
möglichen Teile dieses erfülleten Raumes auch Substanz sei, die folglich auch,
abgesondert von allen übrigen, als für sich beweglich existiere. Also fehlete
doch bisher dem matematischen Beweise noch etwas, ohne welches er auf die
Naturwissenschaft keine sichere Anwendung haben konnte, und diesem Mangel ist in
obstehendem Lehrsatz abgeholfen worden. Was nun aber die übrigen Angriffe der
Metaphysik auf den nunmehro physischen Lehrsatz der unendlichen Teilbarkeit der
Materie betrifft, so muss sie der Matematiker gänzlich dem Philosophen
überlassen, der ohnedem durch diese Einwürfe sich selbst in ein Labyrint
begibt, woraus es ihm schwer wird, auch in denen ihn unmittelbar angehenden
Fragen herauszufinden, und also mit sich selbst genug zu tun hat, ohne dass der
Matematiker sich in dieses Geschäfte dürfte einflechten lassen. Wenn nämlich
die Materie ins Unendliche teilbar ist, so (schliesst der dogmatische
Metaphysiker) besteht sie aus einer unendlichen Menge von Teilen; denn ein
Ganzes muss doch alle die Teile zum voraus insgesamt schon in sich entalten, in
die es geteilt werden kann. Der letztere Satz ist auch von einem jeden Ganzen,
als Dinge an sich selbst, ungezweifelt gewiss, mitin, da man doch nicht
einräumen kann, die Materie, ja gar selbst nicht einmal der Raum, bestehe aus
unendlich viel Teilen (weil es ein Widerspruch ist, eine unendliche Menge, deren
Begriff es schon mit sich führt, dass sie niemals vollendet vorgestellt werden
könne, sich als ganz vollendet zu denken), so müsse man sich zu einem
entschliessen, entweder dem Geometer zum Trotz zu sagen: der Raum ist nicht ins
Unendliche teilbar, oder dem Metaphysiker zur Ärgernis: der Raum ist keine
Eigenschaft eines Dinges an sich selbst, und also die Materie kein Ding an sich
selbst, sondern blosse Erscheinung unserer äusseren Sinne überhaupt, so wie der
Raum die wesentliche Form derselben.
    Hier gerät nun der Philosoph in ein Gedränge zwischen den Hörnern eines
gefährlichen Dilemms. Den ersteren Satz: dass der Raum ins Unendliche teilbar
sei, abzuleugnen, ist ein leeres Unterfangen, denn Matematik lässt sich nichts
wegvernünfteln; Materie aber als Ding an sich selbst, mitin den Raum als
Eigenschaft der Dinge an sich selbst ansehen, und dennoch jenen Satz ableugnen,
ist einerlei. Er sieht sich also notgedrungen, von der letzteren Behauptung, so
gemein und dem gemeinen Verstande gemäss sie auch sei, abzugehen, aber
natürlicher Weise nur unter dem Beding, dass man ihn auf den Fall, dass er Materie
und Raum nur zur Erscheinung (mitin letzteren nur zur Form unserer äusserer
sinnlichen Anschauung, also beide nicht zu Sachen an sich, sondern nur zu
subjektiven Vorstellungsarten uns an sich unbekannter Gegenstände) machte,
alsdenn auch aus jener Schwierigkeit, wegen unendlicher Teilbarkeit der Materie,
wobei sie doch nicht aus unendlich viel Teilen bestehe, heraushelfe. Dieses
letztere lässt sich nun ganz wohl durch die Vernunft denken, obgleich unmöglich
anschaulich machen und konstruieren. Denn, was nur dadurch wirklich ist, dass es
in der Vorstellung gegeben ist, davon ist auch nicht mehr gegeben, als so viel
in der Vorstellung angetroffen wird, d.i. so weit der Progressus der
Vorstellungen reicht. Also von Erscheinungen, deren Teilung ins Unendliche geht,
kann man nur sagen, dass der Teile der Erscheinung so viel sind, als wir deren
nur geben, d.i. so weit wir nur immer teilen mögen. Denn die Teile, als zur
Existenz einer Erscheinung gehörig, existieren nur in Gedanken, nämlich in der
Teilung selbst. Nun geht zwar die Teilung ins Unendliche, aber sie ist doch
niemals als unendlich gegeben: also folgt daraus nicht, dass das Teilbare eine
unendliche Menge Teile an sich selbst und ausser unserer Vorstellung in sich
entalte, darum weil seine Teilung ins Unendliche geht. Denn es ist nicht das
Ding, sondern nur diese Vorstellung desselben, deren Teilung, ob sie zwar ins
Unendliche fortgesetzt werden kann, und im Objekte (das an sich unbekannt ist)
dazu auch ein Grund ist, dennoch niemals vollendet, folglich ganz gegeben werden
kann, und also auch keine wirkliche unendliche Menge im Objekte (als die ein
ausdrücklicher Widerspruch sein würde) beweiset. Ein grosser Mann, der,
vielleicht mehr als sonst jemand, das Ansehen der Matematik in Deutschland zu
erhalten beiträgt, hat mehrmalen die metaphysischen Anmassungen, Lehrsätze der
Geometrie von der unendlichen Teilbarkeit des Raums umzustossen, durch die
gegründete Erinnerung abgewiesen: dass der Raum nur zu der Erscheinung äusserer
Dinge gehöre; allein er ist nicht verstanden worden. Man nahm diesen Satz so,
als ob er sagen wollte: der Raum erscheine uns selbst, sonst sei er eine Sache
oder Verhältnis der Sachen an sich selbst, der Matematiker betrachtete ihn aber
nur, wie er erscheint; anstatt dass sie darunter hätten verstehen sollen, der
Raum sei gar keine Eigenschaft, die irgend einem Dinge ausser unseren Sinnen an
sich anhängt, sondern nur die subjektive Form unserer Sinnlichkeit, unter
welcher uns Gegenstände äusserer Sinne, die wir, wie sie an sich beschaffen sind,
nicht kennen, erscheinen, welche Erscheinung wir denn Materie nennen. Bei jener
Missdeutung dachte man sich den Raum immer noch als eine den Dingen auch ausser
unserer Vorstellungskraft anhängende Beschaffenheit, die sich aber der
Matematiker nur nach gemeinen Begriffen, d.i. verworren denkt (denn so erklärt
man gemein hin Erscheinung), und schrieb also den matematischen Lehrsatz von
der unendlichen Teilbarkeit der Materie, einen Satz, der die höchste
Deutlichkeit in dem Begriffe des Raums voraussetzt, einer verworrenen
Vorstellung vom Raume, die der Geometer zum Grunde legte, zu, wobei es denn dem
Metaphysiker unbenommen blieb, den Raum aus Punkten und die Materie aus
einfachen Teilen zusammen zu setzen und so (seiner Meinung nach) Deutlichkeit in
diesen Begriff zu bringen. Der Grund dieser Verirrung liegt in einer
übelverstandenen Monadologie, die gar nicht zur Erklärung der Naturerscheinungen
gehört, sondern ein von Leibnizen ausgeführter, an sich richtiger platonischer
Begriff von der Welt ist, so fern sie, gar nicht als Gegenstand der Sinne,
sondern als Ding an sich selbst betrachtet, bloss ein Gegenstand des Verstandes
ist, der aber doch den Erscheinungen der Sinne zum Grunde liegt. Nun muss
freilich das Zusammengesetzte der Dinge an sich selbst aus dem Einfachen
bestehen; denn die Teile müssen hier vor aller Zusammensetzung gegeben sein.
Aber das Zusammengesetzte in der Erscheinung besteht nicht aus dem Einfachen,
weil in der Erscheinung, die niemals anders als zusammengesetzt (ausgedehnt)
gegeben werden kann, die Teile nur durch Teilung und also nicht vor dem
Zusammengesetzten, sondern nur in demselben gegeben werden können. Daher war
Leibnizens Meinung, so viel ich einsehe, nicht, den Raum durch die Ordnung
einfacher Wesen neben einander zu erklären, sondern ihm vielmehr diese als
korrespondierend, aber zu einer bloss intelligibeln (für uns unbekannten) Welt
gehörig zur Seite zu setzen, und nichts anders zu behaupten, als was anderwärts
gezeigt worden, nämlich dass der Raum, samt der Materie, davon er die Form ist,
nicht die Welt von Dingen an sich selbst, sondern nur die Erscheinung derselben
entalte, und selbst nur die Form unserer äussern sinnlichen Anschauung sei.
                                   Lehrsatz 5
    Die Möglichkeit der Materie erfodert eine Anziehungskraft als die zweite
wesentliche Grundkraft derselben.
                                     Beweis
    Die Undurchdringlichkeit, als die Grundeigenschaft der Materie, wodurch sie
sich als etwas Reales im Raume unseren äusseren Sinnen zuerst offenbaret, ist
nichts, als das Ausdehnungsvermögen der Materie (Lehrsatz). Nun kann eine
wesentliche bewegende Kraft, dadurch die Teile der Materie einander fliehen,
erstlich nicht durch sich selbst eingeschränkt werden, weil die Materie dadurch
vielmehr bestrebt ist, den Raum, den sie erfüllt, kontinuierlich zu erweitern,
zweitens auch nicht durch den Raum allein auf eine gewisse Grenze der Ausdehnung
gesetzt werden; denn dieser kann zwar den Grund davon entalten, dass bei
Erweiterung des Volumens einer sich ausdehnenden Materie die ausdehnende Kraft
in umgekehrtem Verhältnisse schwächer werde, aber, weil von einer jeden
bewegenden Kraft ins Unendliche kleinere Grade möglich sind, niemals den Grund
entalten, dass sie irgendwo aufhöre. Also würde die Materie durch ihre repulsive
Kraft (welche den Grund der Undurchdringlichkeit entält) allein, und, wenn ihr
nicht eine andere bewegende Kraft entgegenwirkte, innerhalb keinen Grenzen der
Ausdehnung gehalten sein, d.i. sich ins Unendliche zerstreuen, und in keinem
anzugebenden Raume würde eine anzugebende Quantität Materie anzutreffen sein.
Folglich würden, bei bloss repellierenden Kräften der Materie, alle Räume leer,
mitin eigentlich gar keine Materie dasein. Es erfodert also alle Materie zu
ihrer Existenz Kräfte, die der ausdehnenden entgegengesetzt sind, d.i.
zusammendrückende Kräfte. Diese können aber ursprünglich nicht wiederum in der
Entgegenstrebung einer anderen Materie gesucht werden; denn diese bedarf, damit
sie Materie sei, selbst einer zusammendrückenden Kraft. Also muss irgendwo eine
ursprüngliche Kraft der Materie, welche in entgegengesetzter Direktion der
repulsiven, mitin zur Annäherung wirkt, d.i. eine Anziehungskraft angenommen
werden. Da nun diese Anziehungskraft zur Möglichkeit einer Materie, als Materie,
überhaupt gehört, folglich vor allen Unterschieden derselben vorhergeht, so darf
sie nicht bloss einer besonderen Gattung derselben, sondern muss jeder Materie
überhaupt und zwar ursprünglich beigelegt werden. Also kommt aller Materie eine
ursprüngliche Anziehung, als zu ihrem Wesen gehörige Grundkraft, zu.
                                   Anmerkung
    Bei diesem Übergange von einer Eigenschaft der Materie zu einer andern
spezifisch davon unterschiedenen, die zum Begriffe der Materie eben sowohl
gehört, obgleich in demselben nicht entalten ist, muss das Verhalten unseres
Verstandes in nähere Erwägung gezogen werden. Wenn Anziehungskraft selbst zur
Möglichkeit der Materie ursprünglich erfodert wird, warum bedienen wir uns ihrer
nicht eben sowohl, als der Undurchdringlichkeit, zum ersten Kennzeichen einer
Materie? warum wird die letztere unmittelbar mit dem Begriffe einer Materie
gegeben, die erstere aber nicht in dem Begriffe gedacht, sondern nur durch
Schlüsse ihm beigefügt? Dass unsere Sinne uns diese Anziehung nicht so
unmittelbar wahrnehmen lassen, als die Zurückstossung und das Widerstreben der
Undurchdringlichkeit, kann die Schwierigkeit noch nicht hinlänglich beantworten.
Denn, wenn wir auch ein solches Vermögen hätten, so ist doch leicht einzusehen,
dass unser Verstand sich nichts destoweniger die Erfüllung des Raumes wählen
würde, um dadurch die Substanz im Raume, d.i. die Materie zu bezeichnen, wie
denn eben in dieser Erfüllung, oder, wie man sie sonst nennt, der Solidität das
Charakteristische der Materie, als eines vom Raume unterschiedenen Dinges,
gesetzt wird. Anziehung, wenn wir sie auch noch so gut empfänden, würde uns doch
niemals eine Materie von bestimmten Volumen und Gestalt offenbaren, sondern
nichts als die Bestrebung unseres Organs, sich einem Punkte ausser uns (dem
Mittelpunkt des anziehenden Körpers) zu nahem. Denn die Anziehungskraft aller
Teile der Erde kann auf uns nichts mehr, auch nichts anderes wirken, als wenn
sie gänzlich in dem Mittelpunkte derselben vereinigt wäre, und dieser allein auf
unsern Sinn einflösse, eben so die Anziehung eines Berges, oder jeden Steins
etc. Nun bekommen wir dadurch keinen bestimmten Begriff von irgend einem Objekte
im Raume, da weder Gestalt, noch Grösse, ja nicht einmal der Ort, wo er sich
befände, in unsere Sinne fallen kann (die blosse Direktion der Anziehung würde
wahrgenommen werden können, wie bei der Schwere: der anziehende Punkt würde
unbekannt sein, und ich sehe nicht einmal wohl ein, wie er selbst durch
Schlüsse, ohne Wahrnehmung der Materie, so fern sie den Raum erfüllt, sollte
ausgemittelt werden). Also ist klar: dass die erste Anwendung unserer Begriffe
von Grössen auf Materie, durch die es uns zuerst möglich wird, unsere äussere
Wahrnehmungen in dem Erfahrungsbegriffe einer Materie als Gegenstandes überhaupt
zu verwandeln, nur auf ihrer Eigenschaft, dadurch sie einen Raum erfüllt,
gegründet sei, welche, vermittelst des Sinnes des Gefühls, uns die Grösse und
Gestalt eines Ausgedehnten, mitin von einem bestimmten Gegenstande im Raume
einen Begriff verschafft, der allem übrigen, was man von diesem Dinge sagen
kann, zum Grunde gelegt wird. Eben dieses ist ohne Zweifel die Ursache, weswegen
man bei den klarsten anderweitigen Beweisen, dass Anziehung eben sowohl zu den
Grundkräften der Materie gehören müsse, als Zurückstossung, sich gleichwohl gegen
die erstere so sehr sträubt, und gar keine bewegende Kräfte, als nur durch Stoss
und Druck (beides vermittelst der Undurchdringlichkeit) einräumen will. Denn,
wodurch der Raum erfüllet ist, das ist die Substanz, sagt man, und das hat auch
seine gute Richtigkeit. Da aber diese Substanz ihr Dasein uns nicht anders, als
durch den Sinn, wodurch wir ihre Undurchdringlichkeit wahrnehmen, nämlich das
Gefühl, offenbart, mitin nur in Beziehung auf Berührung, deren Anfang (in der
Annäherung einer Materie zur andern) der Stoss, die Fortdauer aber ein Druck
heisst: so scheint es, als ob alle unmittelbare Wirkung einer Materie auf die
andere niemals was anders, als Druck, oder Stoss sein könne, zwei Einflüsse, die
wir allein unmittelbar empfinden können, dagegen Anziehung, die uns an sich
entweder gar keine Empfindung, oder doch keinen bestimmten Gegenstand derselben
geben kann, uns als Grundkraft so schwer in den Kopf will.
                                   Lehrsatz 6
    Durch blosse Anziehungskraft, ohne Zurückstossung, ist keine Materie möglich.
                                     Beweis
    Anziehungskraft ist die bewegende Kraft der Materie, wodurch sie eine andere
treibt, sich ihr zu nähern, folglich, wenn sie zwischen allen Teilen der Materie
angetroffen wird, ist die Materie vermittelst ihrer bestrebt, die Entfernung
ihrer Teile von einander, mitin auch den Raum, den sie zusammen einnehmen, zu
verringern. Nun kann nichts die Wirkung einer bewegenden Kraft hindern, als eine
andere ihr entgegengesetzte bewegende Kraft; diese aber, welche der Attraktion
entgegengesetzt ist, ist die repulsive Kraft. Also würden, ohne repulsive Kräfte
durch blosse Annäherung, alle Teile der Materie sich ohne Hindernis einander
nähern, und den Raum, den diese einnimmt, verringern. Da nun in dem angenommenen
Falle keine Entfernung der Teile ist, in welcher eine grössere Annäherung durch
Anziehung vermittelst einer zurückstossenden Kraft unmöglich gemacht wurde, so
würden sie sich so lange zu einander bewegen, bis gar keine Entfernung zwischen
ihnen angetroffen würde, d.i. sie würden in einen matematischen Punkt
zusammenfliessen, und der Raum würde leer, mitin ohne alle Materie sein. Dennoch
ist Materie durch blosse Anziehungskräfte ohne zurückstossende unmöglich.
                                     Zusatz
    Diejenige Eigenschaft, auf welcher als Bedingung selbst die innere
Möglichkeit eines Dinges beruht, ist ein wesentliches Stück derselben. Also
gehört die Zurückstossungskraft zum Wesen der Materie eben so wohl, wie die
Anziehungskraft, und keine kann von der anderen im Begriff der Materie getrennt
werden.
                                   Anmerkung
    Weil überall nur zwei bewegende Kräfte im Raum gedacht werden können, die
Zurückstossung und Anziehung, so war es, um beider ihre Vereinigung im Begriffe
einer Materie überhaupt a priori zu beweisen, vorher nötig, dass jede für sich
allein erwogen würde, um zu sehen, was sie, allein genommen, zur Darstellung
einer Materie leisten könnte. Es zeigt sich nun, dass, sowohl wenn man keine von
beiden zum Grunde legt, als auch wenn man bloss eine von ihnen annimmt, der Raum
allemal leer bleibe und keine Materie in demselben angetroffen werde.
                                  Erklärung 6
    Berührung im physischen Verstande ist die unmittelbare Wirkung und
Gegenwirkung der Undurchdringlichkeit. Die Wirkung einer Materie auf die andere
ausser der Berührung ist die Wirkung in die Ferne (actio in distans). Diese
Wirkung in die Ferne, die auch ohne Vermittelung zwischen inne liegender Materie
möglich ist, heisst die unmittelbare Wirkung in die Ferne, oder auch die Wirkung
der Materie auf einander durch den leeren Raum.
                                   Anmerkung
    Die Berührung in matematischer Bedeutung ist die gemeinschaftliche Grenze
zweier Räume, die also weder innerhalb dem einen, noch dem anderen Raume ist.
Daher können gerade Linien einander nicht berühren, sondern, wenn sie einen
Punkt gemein haben, so gehört er sowohl innerhalb die eine, als die andere
dieser Linien, wenn sie fortgezogen werden, d.i. sie schneiden sich. Aber Zirkel
und gerade Linie, Zirkel und Zirkel, berühren sich in einem Punkte, Flächen in
einer Linie und Körper in Flächen. Die matematische Berührung wird bei der
physischen zum Grunde gelegt, aber sie macht sie allein noch nicht aus, zu ihr
muss, damit die letztere daraus entspringe, noch ein dynamisches Verhältnis und
zwar nicht der Anziehungskräfte, sondern der zurückstossenden, d.i. der
Undurchdringlichkeit hinzugedacht werden. Physische Berührung ist Wechselwirkung
der repulsiven Kräfte in der gemeinschaftlichen Grenze zweier Materien.
                                   Lehrsatz 7
    Die aller Materie wesentliche Anziehung ist eine unmittelbare Wirkung
derselben auf andere durch den leeren Raum.
                                     Beweis
    Die ursprüngliche Anziehungskraft entält selbst den Grund der Möglichkeit
der Materie, als desjenigen Dinges, was einen Raum in bestimmtem Grade erfüllt,
mitin selbst sogar von der Möglichkeit einer physischen Berührung derselben.
Sie muss also vor dieser vorhergehen, und ihre Wirkung muss folglich von der
Bedingung der Berührung unabhängig sein. Nun ist die Wirkung einer bewegenden
Kraft, die von aller Berührung unabhängig ist, auch von der Erfüllung des Raums
zwischen dem Bewegenden und dem Bewegten unabhängig, d.i. sie muss auch, ohne dass
der Raum zwischen beiden erfüllt ist, Statt finden, mitin als Wirkung durch den
leeren Raum. Also ist die ursprüngliche und aller Materie wesentliche Anziehung
eine unmittelbare Wirkung derselben auf andere durch den leeren Raum.
                                  Anmerkung 1
    Dass man die Möglichkeit der Grundkräfte begreiflich machen sollte, ist eine
ganz unmögliche Foderung; denn sie heissen eben darum Grundkräfte, weil sie von
keiner anderen abgeleitet, d.i. gar nicht begriffen werden können. Es ist aber
die ursprüngliche Anziehungskraft nicht im mindesten unbegreiflicher, als die
ursprüngliche Zurückstossung. Sie bietet sich nur nicht so unmittelbar den Sinnen
dar, als die Undurchdringlichkeit, uns Begriffe von bestimmten Objekten im Raume
zu liefern. Weil sie also nicht gefühlt, sondern nur geschlossen werden will, so
hat sie so fern den Anschein einer abgeleiteten Kraft, gleich als ob sie nur ein
verstecktes Spiel der bewegenden Kräfte durch Zurückstossung wäre. Näher erwogen
sehen wir: dass sie gar nicht weiter irgend wovon abgeleitet werden könne, am
wenigsten von der bewegenden Kraft der Materien durch ihre Undurchdringlichkeit,
da ihre Wirkung gerade das Widerspiel der letzteren ist. Der gemeinste Einwurf
wider die unmittelbare Wirkung in die Ferne ist: dass eine Materie doch nicht da,
wo sie nicht ist, unmittelbar wirken könne. Wenn die Erde den Mond unmittelbar
treibt, sich ihr zu nähern, so wirkt die Erde auf ein Ding, das viele tausend
Meilen von ihr entfernt ist, und dennoch unmittelbar; der Raum zwischen ihr und
dem Monde mag auch als völlig leer angesehen werden. Denn obgleich zwischen
beiden Körpern Materie läge, so tut diese doch nichts zu jener Anziehung. Sie
wirkt also an einem Orte, wo sie nicht ist, unmittelbar: etwas was dem Anscheine
nach widersprechend ist. Allein es ist so wenig widersprechend, dass man vielmehr
sagen kann, ein jedes Ding im Raume wirkt auf ein anderes nur an einem Ort, wo
das Wirkende nicht ist. Denn sollte es an demselben Orte, wo es selbst ist,
wirken, so würde das Ding, worauf es wirkt, gar nicht ausser ihm sein; denn
dieses Ausserhalb bedeutet die Gegenwart in einem Orte, darin das andere nichts
ist. Wenn Erde und Mond einander auch berührten, so wäre doch der Punkt der
Berührung ein Ort, in dem weder die Erde noch der Mond ist; denn beide sind um
die Summe ihrer Halbmesser von einander entfernt. Auch würde im Punkte der
Berührung so gar kein Teil, weder der Erde, noch des Mondes, anzutreffen sein,
denn dieser Punkt liegt in der Grenze beider erfülleten Räume, die keinen Teil
weder von dem einen noch dem anderen ausmacht. Dass also Materien in einander in
der Entfernung nicht unmittelbar wirken können, würde so viel sagen, als: sie
können in einander nicht unmittelbar wirken, ohne Vermittelung der Kräfte der
Undurchdringlichkeit. Nun würde dieses eben so viel sein, als ob ich sagte: die
repulsiven Kräfte sind die einzigen, damit Materien wirksam sein können, oder
sie sind wenigstens die notwendigen Bedingungen, unter denen allein Materien auf
einander wirken können, welches entweder die Anziehungskraft für ganz unmöglich
oder doch immer von der Wirkung der repulsiven Kräfte abhängig erklären würde;
beides sind aber Behauptungen ohne allen Grund. Die Verwechselung der
matematischen Berührung der Räume und der physischen durch zurücktreibende
Kräfte macht hier den Grund des Missverstandes aus. Sich unmittelbar ausser der
Berührung anziehen heisst sich einander nach einem beständigen Gesetze nähern,
ohne dass eine Kraft der Zurückstossung dazu die Bedingung entalte, welches doch
eben so gut sich muss denken lassen, als einander unmittelbar zurückstossen, d.i.
sich einander nach einem beständigen Gesetze fliehen, ohne dass die
Anziehungskraft daran irgend einigen Anteil habe. Denn beide bewegende Kräfte
sind von ganz verschiedener Art, und es ist nicht der mindeste Grund dazu, eine
von der anderen abhängig zu machen, und ihr, ohne Vermittelung der andern, die
Möglichkeit abzustreiten.
                                  Anmerkung 2
    Aus der Anziehung in der Berührung kann ganz keine Bewegung entspringen;
denn die Berührung ist Wechselwirkung der Undurchdringlichkeit, welche also alle
Bewegung abhält. Also muss doch irgend eine unmittelbare Anziehung ausser der
Berührung und mitin in der Entfernung angetroffen werden; denn sonst könnten
selbst die drückenden und stossenden Kräfte, welche die Bestrebung zur Annäherung
hervorbringen sollen, da sie in entgegengesetzter Richtung mit der repulsiven
Kraft der Materie wirken, keine, wenigstens nicht in der Natur der Materie
ursprünglich liegende, Ursache haben. Man kann diejenige Anziehung, die ohne
Vermittelung der repulsiven Kräfte geschieht, die wahre Anziehung, diejenige,
welche bloss auf jene Art vor sich geht, die scheinbare nennen; denn eigentlich
übt der Körper, dem ein anderer sich bloss darum zu nähern bestrebt ist, weil
dieser anderweitig durch Stoss zu ihm getrieben worden, gar keine Anziehungskraft
auf diesen aus. Aber selbst diese scheinbare Anziehungen müssen doch zuletzt
eine wahre zum Grunde haben, weil Materie, deren Druck oder Stoss statt Anziehung
dienen soll, ohne anziehende Kräfte nicht einmal Materie sein würde (Lehrsatz 5)
und folglich die Erklärungsart aller Phänomenen der Annäherung durch bloss
scheinbare Anziehung sich im Zirkel herumdreht. Man hält gemeiniglich dafür,
Newton habe zu seinem System gar nicht nötig gefunden, eine unmittelbare
Attraktion der Materien anzunehmen, sondern, mit der strengsten Entaltsamkeit
der reinen Matematik, hierin den Physikern volle Freiheit gelassen, die
Möglichkeit derselben zu erklären, wie sie es gut finden möchten, ohne seine
Sätze mit ihrem Hypotesenspiel zu bemengen. Allein wie konnte er den Satz
gründen, dass die allgemeine Anziehung der Körper, die sie in gleichen
Entfernungen um sich ausüben, der Quantität ihrer Materie proportioniert sei,
wenn er nicht annahm, dass alle Materie, mitin bloss als Materie und durch ihre
wesentliche Eigenschaft, diese Bewegungskraft ausübe? Denn obgleich freilich
zwischen zweien Körpern, sie mögen der Materie nach gleichartig sein, oder
nicht, wenn der eine den anderen zieht, die wechselseitige Annäherung (nach dem
Gesetze der Gleichheit der Wechselwirkung) immer in umgekehrtem Verhältnis der
Quantität der Materie geschehen muss, so macht dieses Gesetz doch nur ein Prinzip
der Mechanik, aber nicht der Dynamik, d.i. es ist ein Gesetz der Bewegungen, die
aus anziehenden Kräften folgen, nicht der Proportion der Anziehungskräfte
selbst, und gilt von allen bewegenden Kräften überhaupt. Wenn daher ein Magnet
einmal durch einen anderen gleichen Magnet, ein andermal durch eben denselben,
der aber in einer zweimal schwereren hölzernen Büchse eingeschlossen wäre,
gezogen wird, so wird dieser im letzteren Falle dem ersteren mehr relative
Bewegung erteilen, als im ersteren, obgleich das Holz, welches die Quantität der
Materie des letzteren vermehrt, zur Anziehungskraft desselben gar nichts
hinzutut und keine magnetische Anziehung der Büchse beweiset. Newton sagt (Cor.
2. Prop. 6. Lib. III. Princip. Phil. N.): wenn der Äter, oder irgend ein
anderer Körper ohne Schwere wäre, so würde, da jener von jeder anderen Materie
doch in nichts, als der Form, unterschieden ist, er nach und nach durch
allmähliche Veränderung dieser Form in eine Materie von der Art, wie die, so auf
Erden die meiste Schwere haben, verwandelt werden können, und diese letztere
also umgekehrt, durch allmähliche Veränderung ihrer Form, alle ihre Schwere
verlieren können, welches der Erfahrung zuwider ist etc. Er schloss also selbst
nicht den Äter (wieviel weniger andere Materien) vom Gesetze der Anziehung aus.
Was konnte ihm denn nun noch für eine Materie übrigbleiben, um durch deren Stoss
die Annäherung der Körper zu einander als blosse scheinbare Anziehung anzusehen?
Also kann man diesen grossen Stifter der Attraktionsteorie nicht als seinen
Vorgänger anführen, wenn man sich die Freiheit nimmt, der wahren Anziehung, die
dieser behauptete, eine scheinbare zu unterschieben, und die Notwendigkeit des
Antriebs durch den Stoss anzunehmen, um das Phänomen der Annäherung zu erklären.
Er abstrahierte mit Recht von allen Hypotesen, die Frage wegen der Ursache der
allgemeinen Attraktion der Materie zu beantworten; denn diese Frage ist
physisch, oder metaphysisch, nicht aber matematisch, und ob er gleich in der
Vorerinnerung zur zweiten Ausgabe seiner Optik sagt: ne quis gravitatem inter
essentiales corporum proprietates me habere existimet, quaestionem unam de eius
causa investiganda subieci, so merkt man wohl, dass der Anstoss, den seine
Zeitgenossen, und vielleicht er selbst, am Begriffe einer ursprünglichen
Anziehung nahmen, ihn mit sich selbst uneinig machte: denn er konnte
schlechterdings nicht sagen, dass sich die Anziehungskräfte zweier Planeten, z.B.
des Jupiters und Saturns, die sie in gleichen Entfernungen ihrer Trabanten
(deren Masse man nicht kennt) beweisen, wie die Quantität der Materie jener
Weltkörper verhalten, wenn er nicht annahm, dass sie bloss als Materie, mitin
nach einer allgemeinen Eigenschaft derselben, andere Materie anzögen.
                                  Erklärung 7
    Eine bewegende Kraft, dadurch Materien nur in der gemeinschaftlichen Fläche
der Berührung unmittelbar auf einander wirken können, nenne ich eine
Flächenkraft; diejenige aber, wodurch eine Materie auf die Teile der andern auch
über die Fläche der Berührung hinaus unmittelbar wirken kann, eine
durchdringende Kraft.
                                     Zusatz
    Die Zurückstossungskraft, vermittelst deren die Materie einen Raum erfüllt,
ist eine blosse Flächenkraft. Denn die einander berührende Teile begrenzen einer
den Wirkungsraum der anderen, und die repulsive Kraft kann keinen entferntem
Teil bewegen, ohne vermittelst der dazwischen liegenden, und eine quer durch
diese gehende unmittelbare Wirkung einer Materie auf eine andere durch
Ausdehnungskräfte ist unmöglich. Dagegen einer Anziehungskraft, vermittelst
deren eine Materie einen Raum einnimmt, ohne ihn zu erfüllen, dadurch sie also
auf andere entfernte wirkt durch den leeren Raum, deren Wirkung setzt keine
Materie, die dazwischen liegt, Grenzen. So muss nun die ursprüngliche Anziehung,
welche die Materie selbst möglich macht, gedacht werden, und also ist sie eine
durchdringende Kraft, und dadurch allein jederzeit der Quantität der Materie
proportioniert.
                                   Lehrsatz 8
    Die ursprüngliche Anziehungskraft, worauf selbst die Möglichkeit der
Materie, als einer solchen beruht, erstreckt sich im Weltraume von jedem Teile
derselben auf jeden andern unmittelbar ins Unendliche.
                                     Beweis
    Weil die ursprüngliche Anziehungskraft zum Wesen der Materie gehört, so
kommt sie auch jedem Teil derselben zu, nämlich unmittelbar auch in die Ferne zu
wirken. Setzet nun: es sei eine Entfernung, über welche heraus sie sich nicht
erstreckte, so würde diese Begrenzung der Sphäre ihrer Wirksamkeit entweder auf
der innerhalb dieser Sphäre liegenden Materie, oder bloss auf der Grösse des
Raumes, auf welchen sie diesen Einfluss verbreitet, beruhen. Das erstere findet
nicht statt; denn diese Anziehung ist eine durchdringende Kraft, und wirkt
unmittelbar in der Entfernung, unerachtet aller dazwischen liegenden Materien,
durch jeden Raum, als einen leeren Raum. Das zweite findet gleichfalls nicht
statt. Denn, weil eine jede Anziehung eine bewegende Kraft ist, die einen Grad
hat, unter dem ins Unendliche noch immer kleinere gedacht werden können: so
würde in der grösseren Entfernung zwar ein Grund liegen, den Grad der Attraktion,
nach dem Masse der Ausbreitung der Kraft, in umgekehrtem Verhältnisse zu
vermindern, niemals aber, sie völlig aufzuheben. Da nun also nichts ist, was die
Sphäre der Wirksamkeit der ursprünglichen Anziehung jedes Teils der Materie
irgendwo begrenzte, so erstreckt sie sich über alle anzugebende Grenzen auf jede
andere Materie, mitin im Weltraume ins Unendliche.
                                    Zusatz 1
    Aus dieser ursprünglichen Anziehungskraft, als einer durchdringenden, von
aller Materie, mitin in Proportion der Quantität derselben, ausgeübten, und auf
alle Materie, in alle mögliche Weiten, ihre Wirkung erstreckenden Kraft, müsste
nun, in Verbindung mit der ihr entgegenwirkenden, nämlich zurücktreibenden
Kraft, die Einschränkung der letzteren, mitin die Möglichkeit eines in einem
bestimmten Grade erfülleten Raumes, abgeleitet werden können, und so würde der
dynamische Begriff der Materie, als des Beweglichen, das seinen Raum (in
bestimmtem Grade) erfüllt, konstruiert werden. Aber hiezu bedarf man eines
Gesetzes des Verhältnisses, sowohl der ursprünglichen Anziehung, als
Zurückstossung, in verschiedenen Entfernungen der Materie und ihrer Teile von
einander, welches, da es nun lediglich auf dem Unterschiede der Richtung dieser
beiden Kräfte (da ein Punkt getrieben wird, sich entweder andern zu nähern, oder
sich von ihnen zu entfernen) und auf der Grösse des Raumes beruht, in den sich
jede dieser Kräfte in verschiedenen Weiten verbreitet, eine reine matematische
Aufgabe ist, die nicht mehr für die Metaphysik gehört, selbst nicht, was die
Verantwortung betrifft, wenn es etwa nicht gelingen sollte, den Begriff der
Materie auf diese Art zu konstruieren. Denn sie verantwortet bloss die
Richtigkeit der unserer Vernunfterkenntnis vergönneten Elemente der
Konstruktion, die Unzulänglichkeit und die Schranken unserer Vernunft in der
Ausführung verantwortet sie nicht.
                                    Zusatz 2
    Da alle gegebene Materie mit einem bestimmten Grade der repulsiven Kraft
ihren Raum erfüllen muss, um ein bestimmtes materielles Ding auszumachen, so kann
nur eine ursprüngliche Anziehung im Konflikt mit der ursprünglichen
Zurückstossung einen bestimmten Grad der Erfüllung des Raums, mitin Materie
möglich machen; es mag nun sein, dass der erstere von der eigenen Anziehung der
Teile der zusammengedrückten Materie unter einander, oder von der Vereinigung
derselben mit der Anziehung aller Weltmaterie herrühre.
    Die ursprüngliche Anziehung ist der Quantität der Materie proportional und
erstreckt sich ins Unendliche. Also kann die dem Masse nach bestimmte Erfüllung
eines Raumes durch Materie am Ende nur von der ins Unendliche sich erstreckenden
Anziehung derselben bewirkt, und jeder Materie nach dem Masse ihrer
Zurückstossungskraft erteilt werden.
    Die Wirkung von der allgemeinen Anziehung, die alle Materie auf alle und in
allen Entfernungen unmittelbar ausübt, heisst die Gravitation; die Bestrebung, in
der Richtung der grösseren Gravitation sich zu bewegen, ist die Schwere. Die
Wirkung von der durchgängigen repulsiven Kraft der Teile jeder gegebenen Materie
heisst dieser ihre ursprüngliche Elastizität. Diese also und die Schwere machen
die einzigen a priori einzusehenden allgemeinen Charaktere der Materie, jene
innerlich, diese im äusseren Verhältnisse aus; denn auf den Gründen beider beruht
die Möglichkeit der Materie selbst: Zusammenhang, wenn er als die wechselseitige
Anziehung der Materie, die lediglich auf die Bedingung der Berührung
eingeschränkt ist, erklärt wird, gehört nicht zur Möglichkeit der Materie
überhaupt, und kann daher a priori als damit verbunden nicht erkannt werden.
Diese Eigenschaft würde also nicht metaphysisch, sondern physisch sein, und
daher nicht zu unsern gegenwärtigen Betrachtungen gehören.
                                  Anmerkung 1
    Eine kleine Vorerinnerung zum Behufe des Versuchs einer solchen vielleicht
möglichen Konstruktion kann ich doch nicht unterlassen beizufügen.
    1) Von einer jeden Kraft, die in verschiedene Welten unmittelbar wirkt, und,
in Ansehung des Grades, womit sie auf einen jeden in gewisser Weite gegebenen
Punkt bewegende Kraft ausübet, nur durch die Grösse des Raumes, in welchem sie
sich ausbreiten muss, um auf jenen Punkt zu wirken, eingeschränkt wird, kann man
sagen: dass sie in allen Räumen, in die sie sich verbreitet, so klein oder gross
sie auch sein mögen, immer ein gleiches Quantum ausmache, dass aber der Grad
ihrer Wirkung auf jenen Punkt in diesem Raume jederzeit im umgekehrten
Verhältnis des Raumes stehe, in welchen sie sich hat verbreiten müssen, um auf
ihn wirken zu können. So breitet sie z.B. von einem leuchtenden Punkt das Licht
allerwärts in Kugelflächen aus, die mit den Quadraten der Entfernung immer
wachsen, und das Quantum der Erleuchtung ist in allen diesen ins Unendliche
grösseren Kugelflächen im Ganzen immer dasselbe, woraus aber folgt: dass ein in
dieser Kugelfläche angenommener gleicher Teil dem Grade nach desto weniger
erleuchtet sein müsse, als jene Fläche der Verbreitung eben desselben
Lichtquantum grösser ist, und so bei allen anderen Kräften und Gesetzen, nach
welchen sie sich entweder in Flächen, oder auch körperlichen Raum verbreiten
müssen, um ihrer Natur nach auf entfernte Gegenstände zu wirken. Es ist besser,
die Verbreitung einer bewegenden Kraft aus einem Punkt in alle Weiten so
vorzustellen, als auf die gewöhnliche Art, wie es unter andern in der Optik
geschieht, durch von einem Mittelpunkt auseinander laufende Zirkelstrahlen. Denn
da auf solche Art gezogene Linien niemals den Raum, durch den sie gehen, und
also auch nicht die Fläche, auf die sie treffen, füllen können, so viel deren
auch gezogen oder angelegt werden, welches die unvermeidliche Folge ihrer
Divergenz ist, so geben sie nur zu beschwerlichen Folgerungen, diese aber zu
Hypotesen Anlass, die gar wohl vermieden werden könnten, wenn man bloss die Grösse
der ganzen Kugelfläche in Betrachtung zöge, die von derselben Quantität Licht
gleichförmig erleuchtet werden soll, und den Grad der Erleuchtung derselben in
jeder Stelle, wie natürlich, in umgekehrtem Verhältnisse ihrer Grösse zum Ganzen
nimmt, und so bei aller anderer Verbreitung einer Kraft durch Räume von
verschiedener Grösse.
    2) Wenn die Kraft eine unmittelbare Anziehung in der Ferne ist, so muss um
desto mehr die Richtungslinie der Anziehung nicht, als ob sie von dem ziehenden
Punkte wie Strahlen ausliefen, sondern so, wie sie von allen Punkten der
umgebenden Kugelfläche (deren Halbmesser jene gegebene Weite ist) zum ziehenden
Punkt zusammenlaufen, vorgestellt werden. Denn selbst die Richtungslinie der
Bewegung zum Punkte hin, der die Ursache und Ziel derselben ist, gibt schon den
terminus a quo an, von wo die Linien anfangen müssen, nämlich von allen Punkten
der Oberfläche, von dem sie zum ziehenden Mittelpunkte und nicht umgekehrt ihre
Richtung haben: denn jene Grösse der Fläche bestimmt allein die Menge der Linien,
der Mittelpunkt lässt sie unbestimmt.4
    3) Wenn die Kraft eine unmittelbare Zurückstossung ist, dadurch ein Punkt (in
der bloss matematischen Darstellung) einen Raum dynamisch erfüllt, und es ist
die Frage, nach welchem Gesetze der unendlich kleinen Entfernungen (die hier den
Berührungen gleich gelten) eine ursprüngliche repulsive Kraft (deren
Einschränkung folglich lediglich auf dem Raum beruht, in dem sie verbreitet
worden) in verschiedenen Entfernungen wirke: so kann man noch weniger diese
Kraft durch divergierende Zurückstossungsstrahlen aus dem angenommenen
repellierenden Punkte vorstellig machen, obgleich die Richtung der Bewegung ihn
zum terminus a quo hat, weil der Raum, in welchem die Kraft verbreitet werden
muss, um in der Entfernung zu wirken, ein körperlicher Raum ist, der als erfüllt
gedacht werden soll (wovon die Art, wie nämlich ein Punkt durch bewegende Kraft
dieses, d.i. dynamisch, einen Raum körperlich erfüllen könne, freilich keiner
weiteren matematischen Darstellung fähig ist), und divergierende Strahlen aus
einem Punkte die repellierende Kraft eines körperlichen erfülleten Raumes
unmöglich vorstellig machen können: sondern man würde die Zurückstossung, bei
verschiedenen unendlich kleinen Entfernungen dieser einander treibenden Punkte,
schlechterdings bloss in umgekehrtem Verhältnisse der körperlichen Räume, die
jeder dieser Punkte dynamisch erfüllt, mitin des Kubus der Entfernungen
derselben von einander, schätzen, ohne sie konstruieren zu können.
    4) Also würde die ursprüngliche Anziehung der Materie in umgekehrtem
Verhältnis der Quadrate der Entfernung in alle Weiten, die ursprüngliche
Zurückstossung in umgekehrtem Verhältnis der Würfel der unendlich kleinen
Entfernungen wirken, und durch eine solche Wirkung und Gegenwirkung beider
Grundkräfte würde Materie von einem bestimmten Grade der Erfüllung ihres Raumes
möglich sein; weil, da die Zurückstossung bei Annäherung der Teile in grösserem
Masse wächst, als die Anziehung, die Grenze der Annäherung, über die durch
gegebene Anziehung keine grössere möglich ist, mitin auch jener Grad der
Zusammendrückung bestimmt ist, der das Mass der intensiven Erfüllung des Raumes
ausmacht.
                                  Anmerkung 2
    Ich sehe wohl die Schwierigkeit dieser Erklärungsart der Möglichkeit einer
Materie überhaupt, die darin besteht, dass, wenn ein Punkt durch repulsive Kraft
unmittelbar keinen anderen treiben kann, ohne zugleich den ganzen körperlichen
Raum bis zu der gegebenen Entfernung durch seine Kraft zu erfüllen, dieser
alsdenn, wie zu folgen scheint, mehrere treibende Punkte entalten müsste,
welches der Voraussetzung widerspricht, und oben (Lehrsatz 4), unter dem Namen
einer Sphäre der Zurückstossung des Einfachen im Raume, widerlegt waren. Es ist
aber ein Unterschied zwischen dem Begriffe eines wirklichen Raumes, der gegeben
werden kann, und der blossen Idee von einem Raume, der lediglich zur Bestimmung
des Verhältnisses gegebener Räume gedacht wird, in der Tat aber kein Raum ist,
zu machen. In dem angeführten Falle einer vermeinten physischen Monadologie
sollten es wirkliche Räume sein, welche von einem Punkte dynamisch, nämlich
durch Zurückstossung, erfüllt wären; denn sie existierten, als Punkte, vor aller
daraus möglichen Erzeugung der Materie, und bestimmten durch die ihnen eigene
Sphäre ihrer Wirksamkeit den Teil des zu erfüllenden Raumes, der ihnen angehören
könnte. Daher kann in gedachter Hypotese die Materie auch nicht als ins
Unendliche teilbar und als quantum continuum angesehen werden; denn die Teile,
die unmittelbar einander zurückstossen, haben doch eine bestimmte Entfernung von
einander (die Summe der Halbmesser der Sphäre ihrer Zurückstossung); dagegen,
wenn wir, wie es wirklich geschieht, die Materie als stetige Grösse denken, ganz
und gar keine Entfernung der einander unmittelbar zurückstossenden Teile
stattfindet, folglich auch keine grösser oder kleiner werdende Sphäre ihrer
unmittelbaren Wirksamkeit. Nun können sich aber Materien ausdehnen, oder
zusammengedrückt werden (wie die Luft), und da stellt man sich eine Entfernung
ihrer nächsten Teile vor, die da wachsen und abnehmen können. Weil aber die
nächsten Teile einer stetigen Materie einander berühren, sie mag nun weiter
ausgedehnt oder zusammengedrückt sein, so denkt man sich jene Entfernungen von
einander als unendlich-klein, und diesen unendlich kleinen Raum als im grösseren
oder kleineren Grade von ihrer Zurückstossungskraft erfüllt vor. Der unendlich
kleine Zwischenraum ist aber von der Berührung gar nicht unterschieden, also nur
die Idee vom Raume, die dazu dient, um die Erweiterung einer Materie, als
stetiger Grösse, anschaulich zu machen, ob sie zwar wirklich, so, gar nicht
begriffen werden kann. Wenn es also heisst: die zurückstossenden Kräfte der
einander unmittelbar treibenden Teile der Materie stehen in umgekehrtem
Verhältnisse der Würfel ihrer Entfernungen, so bedeutet das nur: sie stehen in
umgekehrtem Verhältnisse der körperlichen Räume, die man sich zwischen Teilen
denkt, die einander dennoch unmittelbar berühren, und deren Entfernung eben
darum unendlich klein genannt werden muss, damit sie von aller wirklichen
Entfernung unterschieden werde. Man muss also aus den Schwierigkeiten der
Konstruktion eines Begriffs, oder vielmehr aus der Missdeutung derselben, keinen
Einwurf wider den Begriff selber machen; denn sonst würde er die matematische
Darstellung der Proportion, mit welcher die Anziehung in verschiedenen
Entfernungen geschieht, eben so wohl, als diejenigen, wodurch ein jeder Punkt in
einem sich ausdehnenden oder zusammengedrückten Ganzen von Materie den andern
unmittelbar zurückstösst, treffen. Das allgemeine Gesetz der Dynamik würde in
beiden Fällen dieses sein: die Wirkung der bewegenden Kraft, die von einem
Punkte auf jeden anderen ausser ihm ausgeübt wird, verhält sich umgekehrt wie der
Raum, in welchem dasselbe Quantum der bewegenden Kraft sich hat ausbreiten
müssen, um auf diesen Punkt unmittelbar in der bestimmten Entfernung zu wirken.
    Aus dem Gesetze der ursprünglich einander zurückstossenden Teile der Materie
in umgekehrtem kubisschen Verhältnisse ihrer unendlich kleinen Entfernungen müsste
also notwendig ein ganz anderes Gesetz der Ausdehnung und Zusammendrückung
derselben, als das Mariottische der Luft, folgen; denn dieses beweiset fliehende
Kräfte ihrer nächsten Teile, die in umgekehrtem Verhältnisse ihrer Entfernungen
stehen, wie Newton dartut (Princ. Ph. N. Lib. II. Propos. 23. Schol.). Allein
man kann die Ausspannungskraft der letzteren auch nicht als die Wirkung
ursprünglich zurückstossender Kräfte ansehen, sondern sie beruht auf der Wärme,
die nicht bloss als eine in sie eingedrungene Materie, sondern allem Ansehen nach
durch ihre Erschütterungen die eigentlichen Luftteile (denen man überdem
wirkliche Entfernungen von einander zugestehen kann) nötigt, einander zu
fliehen. Dass aber diese Bebungen der einander nächsten Teile eine Fliehkraft,
die in umgekehrtem Verhältnisse ihrer Entfernungen steht, erteilen müsse, lässt
sich nach den Gesetzen der Mitteilung der Bewegung durch Schwingung elastischer
Materien wohl begreiflich machen.
    Noch erkläre ich, dass ich nicht wolle, dass gegenwärtige Exposition des
Gesetzes einer ursprünglichen Zurückstossung als zur Absicht meiner
metapyhsischen Behandlung der Materie notwendig gehörig angesehen, noch die
letztere (welcher es genug ist, die Erfüllung des Raums als dynamische
Eigenschaft derselben dargestellt zu haben) mit den Streitigkeiten und Zweifeln,
welche die erste treffen könnten, bemengt werde.
                         Allgemeiner Zusatz zur Dynamik
    Wenn wir nach allen Verhandlungen derselben zurücksehen, so werden wir
bemerken: dass darin zuerst das Reelle im Raume (sonst genannt das Solide), in
der Erfüllung desselben durch Zurückstossungskraft, zweitens das, was in Ansehung
des ersteren, als des eigentlichen Objekts unserer äusseren Wahrnehmung, negativ
ist, nämlich die Anziehungskraft, durch welche, so viel an ihr ist, aller Raum
würde durchdrungen, mitin das Solide gänzlich aufgehoben werden, drittens die
Einschränkung der ersteren Kraft durch die zweite und die daher rührende
Bestimmung des Grades einer Erfüllung des Raumes in Betrachtung gezogen, mitin
die Qualität der Materie unter den Titeln der Realität, Negation und Limitation,
so viel es einer metaphysischen Dynamik zukommt, vollständig abgehandelt worden.
                        Allgemeine Anmerkung zur Dynamik
    Das allgemeine Prinzip der Dynamik der materiellen Natur ist: dass alles
Reale der Gegenstände äusserer Sinne, die das, was nicht bloss Bestimmung des
Raums (Ort, Ausdehnung und Figur) ist, als bewegende Kraft angesehen werden
müsse; wodurch also das so genannte Solide oder die absolute
Undurchdringlichkeit, als ein leerer Begriff, aus der Naturwissenschaft
verwiesen und an ihrer Statt zurücktreibende Kraft gesetzt, dagegen aber die
wahre und unmittelbare Anziehung gegen alle Vernünfteleien einer sich selbst
missverstehenden Metaphysik verteidigt, und, als Grundkraft, selbst zur
Möglichkeit des Begriffs von Materie für notwendig erklärt wird. Hieraus
entspringt nun die Folge: dass der Raum, wenn man es nötig finden sollte, auch
ohne leere Zwischenräume innerhalb der Materie auszustreuen, allenfalls
durchgängig und gleichwohl in verschiedenem Grade erfüllt angenommen werden
könne. Denn es kann nach dem ursprünglich verschiedenen Grade der repulsiven
Kräfte, auf denen die erste Eigenschaft der Materie, nämlich die, einen Raum zu
erfüllen, beruht, ihr Verhältnis zur ursprünglichen Anziehung (es sei einer
jeden Materie für sich selbst, oder zur vereinigten Anziehung aller Materie des
Universum) unendlich verschieden gedacht werden; weil die Anziehung auf der
Menge der Materie in einem gegebenen Raume beruht, da hingegen die expansive
Kraft derselben auf dem Grade, ihn zu erfüllen, der spezifisch sehr
unterschieden sein kann (wie etwa dieselbe Quantität Luft in demselben Volumen
nach ihrer grösseren oder minderen Erwägung mehr oder weniger Elastizität
beweiset); wovon der allgemeine Grund dieser ist: dass durch wahre Anziehung alle
Teile der Materie unmittelbar auf alle Teile der andern, durch expansive Kraft
aber nur die in der Berührungsfläche wirken, wobei es einerlei ist, ob hinter
dieser viel oder wenig von dieser Materie angetroffen werde. Hieraus allein
entspringt nun schon ein grosser Vorteil für die Naturwissenschaft, weil ihr
dadurch die Last abgenommen wird, aus dem Vollen und Leeren eine Welt bloss nach
der Phantasie zu zimmern, vielmehr alle Räume voll und doch in verschiednem Masse
erfüllt gedacht werden können, wodurch der leere Raum wenigstens seine
Notwendigkeit verliert und auf den Wert einer Hypotese zurückgesetzt wird, da
er sonst, unter dem Verwande einer zu Erklärung der verschiedentlichen Grade der
Erfüllung des Raums notwendigen Bedingung, sich des Titels eines Grundsatzes
anmassen konnte.
    Bei allem diesem ist der Vorteil einer hier metodisch-gebrauchten
Metaphysik, in Abstellung gleichfalls metaphysischer, aber nicht auf die Probe
der Kritik gebrachter Prinzipien, augenscheinlich nur negativ. Indirekt wird
gleichwohl dadurch dem Naturforscher sein Feld erweitert; weil die Bedingungen,
durch die er es vorher selbst einschränkte, und wodurch alle ursprüngliche
Bewegungskräfte wegphilosophiert wurden, jetzt ihre Gültigkeit verlieren. Man
hüte sich aber, über das, was den allgemeinen Begriff einer Materie überhaupt
möglich macht, hinaus zu gehen, und die besondere oder so gar spezifische
Bestimmung und Verschiedenheit derselben a priori erklären zu wollen. Der
Begriff der Materie wird auf lauter bewegende Kräfte zurückgeführt, welches man
auch nicht anders erwarten konnte, weil im Raume keine Tätigkeit, keine
Veränderung, als bloss Bewegung gedacht werden kann. Allein wer will die
Möglichkeit der Grundkräfte einsehen? sie können nur angenommen werden, wenn sie
zu einem Begriff, von dem es erweislich ist, dass er ein Grundbegriff sei, der
von keinem anderen weiter abgeleitet werden kann (wie der der Erfüllung des
Raums), unvermeidlich gehören, und dieses sind Zurückstossungs- und ihnen
entgegenwirkende Anziehungskräfte überhaupt. Von dieser ihren Verknüpfung und
Folgen können wir allenfalls noch wohl a priori urteilen, welche Verhältnisse
derselben untereinander man sich, ohne sich selbst zu widersprechen, denken
könne, aber sich darum doch nicht anmassen, eine derselben als wirklich
anzunehmen, weil zur Befugnis, eine Hypotese zu errichten, unnachlasslich
gefodert wird: dass die Möglichkeit dessen, was man annimmt, völlig gewiss sei,
bei Grundkräften aber die Möglichkeit derselben niemals eingesehen werden kann.
Und hierin hat die matematisch-mechanische Erklärungsart über die
metaphysisch-dynamische einen Vorteil, der ihr nicht abgewonnen werden kann,
nämlich aus einem durchgehends gleichartigen Stoffe, durch die mannigfaltige
Gestalt der Teile, vermittelst eingestreuter leerer Zwischenräume, eine grosse
spezifische Mannigfaltigkeit der Materien, so wohl ihrer Dichtigkeit, als
Wirkungsart nach, (wenn fremde Kräfte hinzukommen) zu Stande zu bringen. Denn
die Möglichkeit der Gestalten sowohl als der leeren Zwischenräume lässt sich mit
matematischer Evidenz dartun; dagegen, wenn der Stoff selbst in Grundkräfte
verwandelt wird (deren Gesetze a priori zu bestimmen, noch weniger aber eine
Mannigfaltigkeit derselben, welche zu Erklärung der spezifischen Verschiedenheit
der Materie zureichte, zuverlässig anzugeben, wir nicht im Stande sind), uns
alle Mittel abgehen, diesen Begriff der Materie zu konstruieren, und, was wir
allgemein dachten, in der Anschauung als möglich darzustellen. Aber jenen
Vorteil büsset dagegen eine bloss matematische Physik auf der anderen Seite
doppelt ein, indem sie erstlich einen leeren Begriff (der absoluten
Undurchdringlichkeit) zum Grunde legen, zweitens alle der Materie eigene Kräfte
aufgeben muss, und überdem noch mit ihren ursprünglichen Konfigurationen des
Grundstoffs und Einstreuung der leeren Räume, nachdem es das Bedürfnis zu
erklären erfodert, der Einbildungskraft im Felde der Philosophie mehr Freiheit,
ja gar rechtmässigen Anspruch verstatten muss, als sich wohl mit der Behutsamkeit
der letzteren zusammen reimen lässt.
    Statt einer hinreichenden Erklärung der Möglichkeit der Materie und ihrer
spezifischen Verschiedenheit aus jenen Grundkräften, die ich nicht zu leisten
vermag, will ich die Momente, worauf ihre spezifische Verschiedenheit sich
insgesamt a priori bringen (obgleich nicht eben so ihrer Möglichkeit nach
begreifen) lassen muss, wie ich hoffe, vollständig darstellen. Die zwischen die
Definitionen geschobene Anmerkungen werden die Anwendung derselben erläutern.
    1. Ein Körper, in physischer Bedeutung, ist eine Materie zwischen bestimmten
Grenzen (die also eine Figur hat). Der Raum zwischen diesen Grenzen, seiner
Grösse nach betrachtet, ist der Raumesinhalt (volumen). Der Grad der Erfüllung
eines Raumes von bestimmtem Inhalt heisst Dichtigkeit. (Sonst wird der Ausdruck
dicht auch absolut gebraucht, für das, was nicht hohl (blasicht, löchericht)
ist.) In dieser Bedeutung gibt es eine absolute Dichtigkeit in dem System der
absoluten Undurchdringlichkeit, und zwar, wenn eine Materie gar keine leere
Zwischenräume entält. Nach diesem Begriffe von Erfüllung des Raumes stellt man
Vergleichungen an, und nennt eine Materie dichter als die andere, die weniger
Leeres in sich entält, bis endlich die, in der kein Teil des Raumes leer ist,
vollkommen dicht heisst. Des letzteren Ausdrucks kann man sich nur nach dem bloss
matematischen Begriffe der Materie bedienen, allein im dynamischen System einer
bloss relativen Undurchdringlichkeit gibt es kein Maximum oder Minimum der
Dichtigkeit, und gleichwohl kann jede noch so dünne Materie doch völlig dicht
heissen, wenn sie ihren Raum ganz erfüllt, ohne leere Zwischenräume zu entalten,
mitin ein Kontinuum, nicht ein Interruptum ist; allein sie ist doch in
Vergleichung mit einer andern weniger dicht, in dynamischer Bedeutung, wenn sie
ihren Raum zwar ganz, aber nicht in gleichem Grade erfüllt. Allein auch in dem
letzteren System ist es unschicklich, sich ein Verhältnis der Materien ihrer
Dichtigkeit nach zu denken, wenn man sie sich nicht untereinander als spezifisch
gleichartig vorstellt, so dass eine aus der andern durch blosse Zusammendrückung
erzeugt werden kann. Da nun das letztere nicht eben notwendig zur Natur aller
Materie an sich erforderlich zu sein scheint, so kann zwischen ungleichartigen
Materien keine Vergleichung in Ansehung ihrer Dichtigkeit füglich stattfinden,
z.B. zwischen Wasser und Quecksilber, obzwar es im Gebrauche ist.
    2. Anziehung, so fern sie bloss als in der Berührung wirksam gedacht wird,
heisst Zusammenhang. (Zwar tut man durch sehr gute Versuche dar, dass dieselbe
Kraft, die in der Berührung Zusammenhang heisst, auch in sehr kleiner Entfernung
wirksam befunden werde; allein die Anziehung heisst doch nur Zusammenhang, so
fern ich sie bloss in der Berührung denke, der gemeinen Erfahrung gemäss, bei
welcher sie in kleinen Entfernungen kaum wahrgenommen wird. Zusammenhang wird
gemeinhin für eine ganz allgemeine Eigenschaft der Materie angenommen, nicht,
als ob man zu ihr schon durch den Begriff einer Materie geleitet würde, sondern
weil die Erfahrung sie allerwärts dartut. Allein diese Allgemeinheit muss nicht
kollektiv verstanden werden, als ob jede Materie durch diese Art der Anziehung
auf jede andere im Weltraume zugleich wirkte - dergleichen die der Gravitation
ist -, sondern bloss disjunktiv, nämlich auf eine oder die andere, von welcher
Art Materien sie auch sein mag, die mit ihr in Berührung kommt. Um deswillen,
und da diese Anziehung, wie es verschiedene Beweisgründe dartun können, nicht
durchdringend, sondern nur Flächenkraft ist, da sie selbst als solche nicht
einmal allerwärts nach der Dichtigkeit sich richtet, da zur völligen Stärke des
Zusammenhanges ein vorhergehender Zustand der Flüssigkeit der Materien und der
nachmaligen Erstarrung derselben erfoderlich ist und die allergenauste Berührung
gebrochener fester Materien in eben denselben Flächen, mit denen sie vorher so
stark zusammenhingen, z.B. eines Spiegelglases, wo es einen Riss hat, dennoch bei
weitem den Grad der Anziehung nicht mehr verstattet, den es von seiner
Erstarrung nach dem Flusse her hatte, so halte ich diese Attraktion in der
Berührung für keine Grundkraft der Materie, sondern eine nur abgeleitete; wovon
weiter unten ein Mehreres.) Eine Materie, deren Teile, unerachtet ihres noch so
starken Zusammenhanges unter einander, dennoch von jeder noch so kleinen
bewegenden Kraft an einander können verschoben werden, ist flüssig. Teile einer
Materie werden aber an einander verschoben, wenn sie, ohne das Quantum der
Berührung zu vermindern, nur genötigt werden, diese unter einander zu
verwechseln. Teile, mitin auch Materien, werden getrennt, wenn die Berührung
nicht bloss mit andern verwechselt, sondern aufgehoben, oder ihr Quantum
vermindert wird. Ein fester - besser ein starrer - Körper (corpus rigidum) ist
der, dessen Teile nicht durch jede Kraft an einander verschoben werden können -
die folglich mit einem gewissen Grade von Kraft dem Verschieben widerstehen. -
Das Hindernis des Verschiebens der Materien an einander ist die Reibung. Der
Widerstand gegen die Trennung sich berührender Materien ist der Zusammenhang.
Flüssige Materien erleiden also in ihrer Teilung keine Reibung, sondern, wo
diese angetroffen wird, werden die Materien als starr - in grösserem oder
minderem Grade, deren die letzte Klebrigkeit (viscositas) heisst, wenigstens
ihren kleineren Teilen nach, angenommen. Der starre Körper ist spröde, wenn
seine Teile nicht können an einander verschoben werden, ohne zu reissen - mitin
wenn der Zusammenhang derselben nicht kann verändert, ohne zugleich aufgehoben
zu werden. (Man setzt sehr unrichtig den Unterschied der flüssigen und festen
Materien in dem verschiedenen Grade des Zusammenhanges ihrer Teile. Denn, um
eine Materie flüssig zu nennen, kommt es nicht auf den Grad des Widerstandes an,
den sie dem Zerreissen, sondern nur dem Vorschieben ihrer Teile an einander
entgegensetzt. Jener kann so gross sein, als man will, so ist dieser doch
jederzeit in einer flüssigen Materie = 0. Man betrachte einen Tropfen Wasser.
Wenn ein Teilchen innerhalb demselben durch eine noch so grosse Attraktion der
Nebenteile, die es berühren, nach der einen Seite gezogen wird, so wird eben
dasselbe doch auch gerade eben so viel nach der entgegengesetzten gezogen, und,
da die Attraktionen beiderseitig ihre Wirkungen aufheben, ist das Partikelchen
eben so leicht beweglich, als ob es im leeren Raume sich befände, nämlich die
Kraft, die es bewegen soll, hat keinen Zusammenhang zu überwinden, sondern nur
die sogenannte Trägheit, die sie bei aller Materie, wenn sie gleich gar nicht
womit zusammenhinge, überwinden müsste. Daher wird ein kleines mikroskopisches
Tierchen sich so leicht darin bewegen, als ob gar kein Zusammenhang zu trennen
wäre. Denn es hat wirklich keinen Zusammenhang des Wassers aufzuheben und die
Berührung desselben unter sich zu vermindern, sondern nur zu verändern. Denket
euch aber eben dieses Tierchen, als ob es sich durch die äussere Oberfläche des
Tropfens durcharbeiten wollte, so ist erstlich zu merken, dass die wechselseitige
Anziehung der Teile dieses Wasserklümpchens es macht, dass sie sich so lange
bewegen, bis sie in die grösste Berührung untereinander, mitin in die kleinste
Berührung mit dem leeren Raum gekommen sind, d.i. eine Kugelgestalt gebildet
haben. Wenn nun das genannte Insekt sich über die Oberfläche des Tropfens hinaus
zu arbeiten bestrebt ist, so muss es die Kugelgestalt verändern, folglich mehr
Berührung des Wassers mit dem leeren Raum und also auch weniger Berührung der
Teile desselben untereinander bewirken, d.i. ihren Zusammenhang vermindern, und
da widersteht ihm das Wasser allererst durch seinen Zusammenhang, aber nicht
innerhalb dem Tropfen, wo die Berührung der Teile untereinander gar nicht
vermindert, sondern nur in die Berührung mit andern Teilen verändert wird,
mitin diese nicht im mindesten getrennt, sondern nur verschoben worden. Auch
kann man auf das mikroskopische Tierchen und zwar aus ähnlichen Gründen
anwenden, was Newton vom Lichtstrahl sagt, dass er nicht durch die dichte
Materie, sondern nur durch den leeren Raum zurückgeschlagen werde. Es ist also
klar: dass die Vergrösserung des Zusammenhanges der Teile einer Materie ihrer
Flüssigkeit nicht den mindesten Abbruch tue. Wasser hängt in seinen Teilen weit
stärker zusammen, als man gemeiniglich glaubt, wenn man sich auf den Versuch
einer von der Oberfläche des Wassers losgerissenen metallenen Platte verlässt,
welcher nichts entscheidet, weil hier das Wasser nicht in der ganzen Fläche der
ersten Berührung, sondern in einer viel kleineren reisst, zu welcher es nämlich
durch das Verschieben seiner Teile endlich gelangt ist, wie etwa ein Stab von
weichem Wachse sich durch ein angehängt Gewichte erstlich dünner ziehen lässt,
und alsdenn in einer weit kleineren Fläche reissen muss, als man anfänglich
annahm. Was aber in Ansehung unsers Begriffs der Flüssigkeit ganz entscheidend
ist, ist dieses: dass flüssige Materien auch als solche erklärt werden können,
deren jeder Punkt nach allen Direktionen mit eben derselben Kraft sich zu
bewegen trachtet, mit welcher er nach irgend einer gedrückt wird; eine
Eigenschaft, auf der das erste Gesetz der Hydrodynamik beruht, die aber einer
Anhäufung von glatten und dabei festen Körperchen, wie eine ganz leichte
Auflösung ihres Drucks nach Gesetzen der zusammengesetzten Bewegung zeigen kann,
niemals beigelegt werden kann, und dadurch die Originalität der Eigenschaft der
Flüssigkeit beweiset. Würde nun die flüssige Materie das mindeste Hindernis des
Verschiebens, mitin auch nur die kleinste Reibung erleiden, so würde diese mit
der Stärke des Druckes, womit die Teile derselben an einander gepresst werden,
wachsen und endlich ein Druck stattfinden, bei welchem die Teile dieser Materie
sich nicht an einander durch jede kleine Kraft verschieben lassen; z.B. in einer
gebogenen Röhre von zwei Schenkeln, deren der eine so weit sein mag, als man
will, der andere so enge als man will, ausser dass er nur nicht ein Haarröhrchen
ist, - würde, wenn man beide Schenkel einige hundert Fuss hoch denkt, die
flüssige Materie in der engen eben so hoch stehen als in der weiten, nach
Gesetzen der Hydrostatik. Weil aber der Druck auf den Boden der Röhren und also
auch auf den Teil, der beide in Gemeinschaft stehende Röhren verbindet, in
Proportion der Höhen ins Unendliche immer grosser gedacht werden kann, so müsste,
wenn die mindeste Reibung zwischen den Teilen des Flüssigen stattfände, eine
Höhe der Röhren gefunden werden können, bei der eine kleine Quantität Wasser, in
die engere Röhre gegossen, das in der weiteren nicht aus seiner Lage verrücken,
mitin die Wassersäule in dieser höher zu stehen kommen würde, als in jener,
weil sich die unteren Teile, bei so grossem Drucke derselben gegen einander,
nicht mehr durch so kleine bewegende Kraft, als das zugesetzte Gewicht Wasser
ist, verschieben liessen, welches der Erfahrung und selbst dem Begriffe des
Flüssigen zuwider ist. Eben dasselbe gilt, wenn man statt des Drucks durch die
Schwere den Zusammenhang der Teile setzt, er mag so gross sein wie er will. Die
angeführte zweite Definition der Flüssigkeit, worauf das Grundgesetz der
Hydrostatik beruht, nämlich dass sie die Eigenschaft einer Materie sei, da ein
jeder Teil derselben sich nach allen Seiten mit eben derselben Kraft zu bewegen
bestrebt ist, womit er in einer gegebenen Direktion gedrückt wird, folgt aus der
ersten Definition, wenn man damit den Grundsatz der allgemeinen Dynamik
verbindet, dass alle Materie ursprünglich elastisch sei, da denn diese nach jeder
Seite des Raums, darin sie zusammengedrückt ist, mit derselben Kraft sich zu
erweitern, d.i. (wenn die Teile einer Materie sich an einander durch jede Kraft
ohne Hindernis verschieben lassen, wie es bei der flüssigen so wirklich ist)
sich zu bewegen bestrebt sein muss, womit der Druck in einer jeden Richtung,
welche es auch sei, geschiehet. Also sind es eigentlich nur die starren Materien
(deren Möglichkeit noch ausser dem Zusammenhange der Teile eines anderen
Erklärungsgrundes bedarf), denen man Reibung beilegen darf, und die Reibung
setzt schon die Eigenschaft der Rigidität voraus. Warum aber gewisse Materien,
ob sie gleich vielleicht nicht grössere, vielleicht wohl gar kleinere Kraft des
Zusammenhanges haben, als andere flüssige, dennoch dem Verschieben der Teile so
mächtig widerstehen, und daher nicht anders, als durch Aufhebung des
Zusammenhanges aller Teile in einer gegebenen Fläche zugleich, sich trennen
lassen, welches denn den Schein eines vorzüglichen Zusammenhanges gibt, wie also
starre Körper möglich sein, das ist immer noch ein unaufgelösetes Problem, so
leicht als auch die gemeine Naturlehre damit fertig zu werden glaubt.)
    3. Elastizität (Springkraft) ist das Vermögen einer Materie, ihre durch eine
andere bewegende Kraft veränderte Grösse oder Gestalt bei Nachlassung derselben
wiederum anzunehmen. Sie ist entweder expansive, oder attraktive Elastizität;
jene, um nach der Zusammendrückung das vorige grössere, diese, um nach der
Ausdehnung das vorige kleinere Volumen anzunehmen. (Die attraktive Elastizität
ist, wie es schon der Ausdruck zeigt, offenbar abgeleitet. Ein eiserner Draht,
durch angehängte Gewichte gedehnt, springt, wenn man das Band abschneidet, in
sein Volumen zurück. Vermöge derselben Attraktion, die die Ursache seines
Zusammenhanges ist, oder bei flüssigen Materien, wenn die Wärme dem Quecksilber
plötzlich entzogen würde, würde die Materie desselben eilen, um das vorige
kleinere Volumen wieder anzunehmen. Die Elastizität, die bloss in Herstellung der
vorigen Figur besteht, ist jederzeit attraktiv, wie an einer gebogenen
Degenklinge, da die Teile, auf der konvexen Fläche auseinander gezerret, ihre
vorige Naheit anzunehmen trachten, und so kann auch ein kleiner Tropfen
Quecksilber elastisch genannt werden. Aber die expansive Elastizität kann eine
ursprüngliche, sie kann aber auch eine abgeleitete sein. So hat die Luft eine
abgeleitete Elastizität, vermittelst der Materie der Wärme, welche mit ihr
innigst vereinigt ist, und deren Elastizität vielleicht ursprünglich ist.
Dagegen muss der Grundstoff des Flüssigen, welches wir Luft nennen, dennoch als
Materie überhaupt schon an sich Elastizität haben, welche ursprünglich heisst.
Von welcher Art eine wahrgenommene Elastizität sei, ist in vorkommenden Fällen
nicht möglich mit Gewissheit zu entscheiden.)
    4. Die Wirkung bewegter Körper auf einander durch Mitteilung ihrer Bewegung
heisst mechanisch; die der Materien aber, so fern sie auch in Ruhe durch eigene
Kräfte wechselseitig die Verbindung ihrer Teile verändern, heisst chemisch.
Dieser chemische Einfluss heisst Auflösung, so fern er die Trennung der Teile
einer Materie zur Wirkung hat (die mechanische Teilung, z.B. durch einen Keil,
der zwischen die Teile einer Materie getrieben wird, ist also, weil der Keil
nicht durch eigene Kraft wirkt, von einer chemischen gänzlich unterschieden):
derjenige aber, der die Absonderung zweier durch einander aufgelöseten Materien
zur Wirkung hat, ist die Scheidung. Die Auflösung spezifisch verschiedener
Materien durch einander, darin kein Teil der einen angetroffen wird, der nicht
mit einem Teil der andern von ihr spezifisch unterschiedenen in derselben
Proportion, wie die Ganzen, vereinigt wäre, ist die absolute Auflösung, und kann
auch die chemische Durchdringung genannt werden. Ob die auflösenden Kräfte, die
in der Natur wirklich anzutreffen sind, eine vollständige Auflösung zu bewirken
vermögen, mag unausgemacht bleiben. Hier ist nur die Frage davon, ob sich eine
solche nur denken lasse. Nun ist offenbar, dass, so lange die Teile einer
aufgelöseten Materie noch Klümpchen (moleculae) sind, nicht minder eine
Auflösung derselben möglich sei, als die der grösseren, ja dass diese wirklich so
lange fortgehen müsse, wenn die auflösende Kraft bleibt, bis kein Teil mehr da
ist, der nicht aus dem Auflösungsmittel und der aufzulösenden Materie, in der
Proportion, darin beide zu einander im Ganzen stehen, zusammengesetzt wäre. Weil
also in solchem Falle kein Teil von dem Volumen der Auflösung sein kann, der
nicht einen Teil des auflösenden Mittels entielte, so muss dieses, als ein
Kontinuum, das Volumen ganz erfüllen. Eben so, weil kein Teil eben desselben
Volumens der Solution sein kann, der nicht einen proportionierlichen Teil der
aufgelöseten Materie entielte, so muss diese auch als ein Kontinuum den ganzen
Raum, der das Volumen der Mischung ausmacht, erfüllen. Wenn aber zwei Materien,
und zwar jede derselben ganz, einen und denselben Raum erfüllen, so durchdringen
sie einander. Also würde eine vollkommene chemische Auflösung eine Durchdringung
der Materien sein, welche dennoch von der mechanischen gänzlich unterschieden
wäre, indem bei der letzten gedacht wird, dass bei der grossem Annäherung bewegter
Materien die repulsive Kraft der einen die der andern gänzlich überwiegen, und
eine, oder beide ihre Ausdehnung auf nichts bringen können; da hingegen hier die
Ausdehnung bleibt, nur dass die Materien nicht ausser einander, sondern in
einander, d.i. durch Intussuszeption (wie man es zu nennen pflegt), zusammen
einen der Summe ihrer Dichtigkeit gemässen Raum einnehmen. Gegen die Möglichkeit
dieser vollkommenen Auflösung und also der chemischen Durchdringung ist
schwerlich etwas einzuwenden, obgleich sie eine vollendete Teilung ins
Unendliche entält, die in diesem Falle doch keinen Widerspruch in sich fasst,
weil die Auflösung eine Zeit hindurch kontinuierlich, mitin gleichfalls durch
eine unendliche Reihe Augenblicke mit Akzeleration geschieht, überdem durch die
Teilung die Summe der Oberflächen der noch zu teilenden Materien wachsen, und,
da die auflösende Kraft kontinuierlich wirkt, die gänzliche Auflösung in einer
anzugebenden Zeit vollendet werden kann. Die Unbegreiflichkeit einer solchen
chemischen Durchdringung zweier Materien ist auf Rechnung der Unbegreiflichkeit
der Teilbarkeit eines jeden Kontinuum überhaupt ins Unendliche zu schreiben.
Geht man von dieser vollständigen Auflösung ab, so muss man annehmen, sie ginge
nur bis gewissen kleinen Klumpen der aufzulösenden Materie, die in dem
Auflösungsmittel in gesetzten Weiten von einander schwimmen, ohne dass man den
mindesten Grund angeben kann, warum diese Klümpchen, da sie doch immer teilbare
Materien sind, nicht gleichfalls aufgelöset werden, Denn, dass das
Auflösungsmittel nicht weiter wirke, mag immer in der Natur, so weit Erfahrung
reicht, seine gute Richtigkeit haben; es ist hier aber nur die Rede von der
Möglichkeit einer auflösenden Kraft, die auch dieses Klümpchen und so ferner
jedes andere, was noch übrig bleibt, auflöse, bis die Solution vollendet ist.
Das Volumen, was die Auflösung einnimmt, kann der Summe der Räume, die die
einander auflösende Materien vor der Mischung einnahmen, gleich, oder kleiner,
oder auch grösser sein, nachdem die anziehenden Kräfte gegen die Zurückstossungen
in Verhältnis stehen. Sie machen in der Auflösung jedes für sich und beide
vereinigt ein elastisches Medium aus. Dieses kann auch allein einen
hinreichenden Grund angeben, warum die aufgelösete Materie sich durch ihre
Schwere nicht wiederum vom auflösenden Mittel scheide. Denn die Anziehung des
letzteren, da sie nach allen Seiten gleich stark geschieht, hebt ihren
Widerstand selbst auf, und eine gewisse Klebrigkeit im Flüssigen anzunehmen,
stimmt auch gar nicht mit der grossen Kraft, die dergleichen aufgelösete
Materien, z.B. die Säuren, mit Wasser verdünnt, auf metallische Körper ausüben,
an die sie sich nicht bloss anlegen, wie es geschehen müsste, wenn sie bloss in
ihrem Medium schwömmen, sondern die sie mit grosser Anziehungskraft von einander
trennen, und im ganzen Raume des Vehikels verbreiten. Gesetzt auch, dass die
Kunst keine chemische Auflösungskräfte dieser Art, die eine vollständige
Auflösung bewirkten, in ihrer Gewalt hätte, so könnte doch vielleicht die Natur
sie in ihren vegetabilischen und animalischen Operationen beweisen, und dadurch
vielleicht Materien erzeugen, die, ob sie zwar gemischt sind, doch keine Kunst
wiederum scheiden kann. Diese chemische Durchdringung könnte auch selbst da
angetroffen werden, wo die eine beider Materien durch die andere eben nicht
zertrennt und im buchstäblichen Sinne aufgelöset wird, so wie etwa der
Wärmestoff die Körper durchdringt, da, wenn er sich nur in leere Zwischenräume
derselben verteilete, die feste Substanz selbst kalt bleiben würde, weil diese
nichts von ihr einnehmen könnte. Imgleichen könnte man sich so gar einen
scheinbarlich freien Durchgang gewisser Materien durch andere auf solche Weise
denken, z.B. der magnetischen Materie, ohne ihr dazu offene Gänge und leere
Zwischenräume in allen selbst den dichtesten Materien vorzubereiten. Doch es ist
hier nicht der Ort, Hypotesen zu besonderen Erscheinungen, sondern nur das
Prinzip, wornach sie alle zu beurteilen sind, ausfindig zu machen. Alles, was
uns der Bedürfnis überhebt, zu leeren Räumen unsere Zuflucht zu nehmen, ist
wirklicher Gewinn für die Naturwissenschaft. Denn diese geben gar zu viel
Freiheit der Einbildungskraft, den Mangel der inneren Naturkenntnis durch
Erdichtung zu ersetzen. Das absolut Leere und das absolut Dichte sind in der
Naturlehre ohngefähr das, was der blinde Zufall und das blinde Schicksal in der
metaphysischen Weltwissenschaft sind, nämlich ein Schlagbaum für die herrschende
Vernunft, damit entweder Erdichtung ihre Stelle einnehme, oder sie auf dem
Polster dunkler Qualitäten zur Ruhe gebracht werde.
    Was nun aber das Verfahren in der Naturwissenschaft in Ansehung der
vornehmsten aller ihrer Aufgaben, nämlich der Erklärung einer ins Unendliche
möglichen spezifischen Verschiedenheit der Materien betrifft, so kann man dabei
nur zwei Wege einschlagen: den mechanischen, durch die Verbindung des
Absolutvollen mit dem Absolutleeren, oder einen ihm entgegengesetzten
dynamischen Weg, durch die blosse Verschiedenheit in der Verbindung der
ursprünglichen Kräfte der Zurückstossung und Anziehung alle Verschiedenheiten der
Materien zu erklären. Der erste hat zu Materialien seiner Ableitung die Atomen
und das Leere. Ein Atom ist ein kleiner Teil der Materie, der physisch unteilbar
ist. Physisch unteilbar ist eine Materie, deren Teile mit einer Kraft
zusammenhängen, die durch keine in der Natur befindliche bewegende Kraft
überwältigt werden kann. Ein Atom, so fern er sich durch seine Figur von andern
spezifisch unterscheidet, heisst ein erstes Körperchen. Ein Körper (oder
Körperchen), dessen bewegende Kraft von seiner Figur abhängt, heisst Maschine.
Die Erklärungsart der spezifischen Verschiedenheit der Materien durch die
Beschaffenheit und Zusammensetzung ihrer kleinsten Teile, als Maschinen, ist die
mechanische Naturphilosophie: diejenige aber, welche aus Materien, nicht als
Maschinen, d.i. blossen Werkzeugen äusserer bewegenden Kräfte, sondern ihnen
ursprünglich eigenen bewegenden Kräften der Anziehung und Zurückstossung die
spezifische Verschiedenheit der Materie ableitet, kann die dynamische
Naturphilosophie genannt werden. (Die mechanische Erklärungsart, da sie der
Matematik am fügsamsten ist, hat unter dem Namen der Atomistik oder
Korpuskularphilosophie mit weniger Abänderung vom alten Demokrit an bis auf
Cartesen und selbst bis zu unseren Zeiten immer ihr Ansehen und Einfluss auf die
Prinzipien der Naturwissenschaft erhalten. Das Wesentliche derselben besteht in
der Voraussetzung der absoluten Undurchdringlichkeit der primitiven Materie, in
der absoluten Gleichartigkeit dieses Stoffs und dem allein übrig gelassenen
Unterschiede in der Gestalt, und in der absoluten Unüberwindlichkeit des
Zusammenhanges der Materie in diesen Grundkörperchen selbst. Dies waren die
Materialien zu Erzeugung der spezifisch verschiedenen Materien, um nicht allein
zu der Unveränderlichkeit der Gattungen und Arten einen unveränderlichen und
gleichwohl verschiedeuntlich gestalteten Grundstoff bei Hand zu haben, sondern
auch aus der Gestalt dieser ersten Teile, als Maschinen (denen nichts weiter,
als eine äusserlich eingedrückte Kraft fehlte), die mancherlei Naturwirkungen
mechanisch zu erklären. Die erste und vornehmste Beglaubigung dieses Systems
aber beruht auf der vorgeblich unvermeidlichen Notwendigkeit, zum spezifischen
Unterschiede der Dichtigkeit der Materien leere Räume zu brauchen, die man
innerhalb der Materien und zwischen jenen Partikeln verteilt, in einer
Proportion, wie man sie nötig fand, zum Behuf einiger Erscheinungen gar so gross,
dass der erfüllete Teil des Volumens, auch der dichtesten Materie, gegen den
leeren beinahe für nichts zu halten ist, annahm. - Um nun eine dynamische
Erklärungsart einzuführen (die der Experimentalphilosophie weit angemessener und
beförderlicher ist, indem sie geradezu darauf leitet, die den Materien eigene
bewegende Kräfte und deren Gesetze auszufinden, die Freiheit dagegen
einschränkt, leere Zwischenräume und Grundkörperchen von bestimmten Gestalten
anzunehmen, die sich beide durch kein Experiment bestimmen und ausfindig machen
lassen), ist es gar nicht nötig, neue Hypotesen zu schmieden, sondern allein
das Postulat der bloss mechanischen Erklärungsart; dass es unmöglich sei, sich
einen spezifischen Unterschied der Dichtigkeit der Materien ohne Beimischung
leerer Räume zu denken, durch die blosse Anführung einer Art, wie er sich ohne
Widerspruch denken lasse, zu widerlegen. Denn wenn das gedachte Postulat, worauf
die bloss mechanische Erklärungsart fusset, nur erst als Grundsatz für ungültig
erkläret worden, so versteht es sich von selbst, dass man es als Hypotese in der
Naturwissenschaft nicht aufnehmen müsse, so lange noch eine Möglichkeit übrig
bleibt, den spezifischen unterschied der Dichtigkeiten sich auch ohne alle leere
Zwischenräume zu denken. Diese Notwendigkeit aber beruht darauf, dass die Materie
nicht (wie bloss mechanische Naturforscher annehmen) durch absolute
Undurchdringlichkeit ihren Raum erfüllt, sondern durch repulsive Kraft, die
ihren Grad hat, der in verschiedenen Materien verschieden sein kann, und, da er
für sich nichts mit der Anziehungskraft, welche der Quantität der Materie gemäss
ist, gemein hat, sie bei einerlei Anziehungskraft in verschiedenen Materien dem
Grade nach als ursprünglich verschieden sein könne, folglich auch der Grad der
Ausdehnung dieser Materien bei derselben Quantität der Materie und umgekehrt die
Quantität der Materie unter demselben Volumen, d.i. die Dichtigkeit derselben
ursprünglich gar grosse spezifische Verschiedenheiten zulasse. Auf diese Art
würde man es nicht unmöglich finden, sich eine Materie zu denken (wie man sich
etwa den Äter vorstellt), die ihren Raum ohne alles Leere ganz erfüllete und
doch mit ohne Vergleichung minderer Quantität der Materie unter gleichem
Volumen, als alle Körper, die wir unseren Versuchen unterwerfen können. Die
repulsive Kraft muss am Äter, in Verhältnis auf die eigene Anziehungskraft
desselben, ohne Vergleichung grösser gedacht werden, als an allen andern uns
bekannten Materien. Und das ist denn auch das einzige, was wir bloss darum
annehmen, weil es sich denken lässt, nur zum Widerspiel einer Hypotese (der
leeren Räume), die sich allein auf das Vorgeben stützt, dass sich dergleichen
ohne leere Räume nicht denken lasse. Denn ausser diesem darf weder irgend ein
Gesetz der anziehenden, noch zurückstossenden Kraft auf Mutmassungen a priori
gewagt, sondern alles, selbst die allgemeine Attraktion, als Ursache der
Schweren, muss samt ihrem Gesetze aus Datis der Erfahrung geschlossen werden.
Noch weniger wird dergleichen bei den chemischen Verwandtschaften anders, als
durch den Weg des Experiments versucht werden dürfen. Denn es ist überhaupt über
den Gesichtskreis unserer Vernunft gelegen, ursprüngliche Kräfte a priori ihrer
Möglichkeit nach einzusehen, vielmehr besteht alle Naturphilosophie in der
Zurückführung gegebener, dem Anscheine nach verschiedener, Kräfte auf eine
geringere Zahl Kräfte und Vermögen, die zu Erklärung der Wirkungen der ersten
zulangen, welche Reduktion aber nur bis zu Grundkräften fortgeht, über die
unsere Vernunft nicht hinaus kann. Und so ist Nachforschung der Metaphysik,
hinter dem, was dem empirischen Begriffe der Materie zum Grunde liegt, nur zu
der Absicht nützlich, die Naturphilosophie, so weit als es immer möglich ist,
auf die Erforschung der dynamischen Erklärungsgründe zu leiten, weil diese
allein bestimmte Gesetze, folglich wahren Vernunftzusammenhang der Erklärungen,
hoffen lassen.
    Dies ist nun alles, was Metaphysik zur Konstruktion des Begriffs der
Materie, mitin zum Behuf der Anwendung der Matematik auf Naturwissenschaft, in
Ansehung der Eigenschaften, wodurch Materie einen Raum in bestimmtem Masse
erfüllet, nur immer leisten kann, nämlich diese Eigenschaften als dynamisch
anzusehen und nicht als unbedingte ursprüngliche Positionen, wie sie etwan eine
bloss matematische Behandlung postulieren würde.
    Den Beschluss kann die bekannte Frage, wegen der Zulässigkeit leerer Räume in
der Welt, machen. Die Möglichkeit derselben lässt sich nicht streiten. Denn zu
allen Kräften der Materie wird Raum erfodert, und, da dieser auch die
Bedingungen der Gesetze der Verbreitung jener entält, notwendig vor aller
Materie vorausgesetzt. So wird der Materie Attraktionskraft beigelegt, so fern
sie einen Raum um sich durch Anziehung einnimmt, ohne ihn gleichwohl zu erfüllen
, der also selbst da, wo Materie wirksam ist, als leer gedacht werden kann, weil
sie da nicht durch Zurückstossungskräfte wirksam ist und ihn also nicht erfüllt.
Allein leere Räume als wirklich anzunehmen, dazu kann uns keine Erfahrung, oder
Schluss aus derselben, oder notwendige Hypotesis, sie zu erklären, berechtigen.
Denn alle Erfahrung gibt uns nur komparativ-leere Räume zu erkennen, welche,
nach allen beliebigen Graden aus der Eigenschaft der Materie, ihren Raum mit
grösserer oder bis ins Unendliche immer kleinerer Ausspannungskraft zu erfüllen,
vollkommen erklärt werden können, ohne leere Räume zu bedürfen.
 
                              Drittes Hauptstück.
                    Metaphysische Anfangsgründe der Mechanik
                                  Erklärung 1
    Materie ist das Bewegliche, so fern es, als ein solches, bewegende Kraft
hat.
                                   Anmerkung
    Dieses ist nun die dritte Definition von einer Materie. Der bloss dynamische
Begriff konnte die Materie auch als in Ruhe betrachten; die bewegende Kraft, die
da in Erwägung gezogen wurde, betraf bloss die Erfüllung eines gewissen Raumes,
ohne dass die Materie, die ihn erfüllete, selbst als bewegt angesehen werden
durfte. Die Zurückstossung war daher eine ursprünglich-bewegende Kraft, um
Bewegung zu erteilen; dagegen wird in der Mechanik die Kraft einer in Bewegung
gesetzten Materie betrachtet, um diese Bewegung einer anderen mitzuteilen. Es
ist aber klar, dass das Bewegliche durch seine Bewegung keine bewegende Kraft
haben würde, wenn es nicht ursprünglich-bewegende Kräfte besässe, dadurch es vor
aller eigener Bewegung in jedem Orte, da es sich befindet, wirksam ist, und dass
keine Materie eine andere, die ihrer Bewegung in der geraden Linie vor ihr im
Wege liegt, gleichmässige Bewegung eindrücken würde, wenn beide nicht
ursprüngliche Gesetze der Zurückstossung besässen, noch dass sie eine andere durch
ihre Bewegung nötigen könne, in der geraden Linie ihr zu folgen (sie
nachschleppen könnte), wenn beide nicht Anziehungskräfte besässen. Also setzen
alle mechanische Gesetze die dynamische voraus, und eine Materie, als bewegt,
kann keine bewegende Kraft haben, als nur vermittelst ihrer Zurückstossung oder
Anziehung, auf welche und mit welchen sie in ihrer Bewegung unmittelbar wirkt
und dadurch ihre eigene Bewegung einer anderen mitteilt. Man wird es mir
nachsehen, dass ich der Mitteilung der Bewegung durch Anziehung (z.B. wenn etwa
ein Komet, von stärkerem Anziehungsvermögen als die Erde, im Vorbeigehen vor
derselben sie nach sich fortschleppte) hier nicht weiter Erwähnung tun werde,
sondern nur der Vermittelung der repulsiven Kräfte, also durch Druck (wie
vermittelst gespannter Federn), oder durch Stoss, da ohnedem die Anwendung der
Gesetze der einen auf die der anderen nur in Ansehung der Richtungslinie
verschieden, übrigens aber in beiden Fällen einerlei ist.
                                  Erklärung 2
    Die Quantität der Materie ist die Menge des Beweglichen in einem bestimmten
Raum. Dieselbe, so fern alle ihre Teile in ihrer Bewegung als zugleich wirkend
(bewegend) betrachtet werden, heisst die Masse, und man sagt, eine Materie wirke
in Masse, wenn alle ihre Teile in einerlei Richtung bewegt ausser sich zugleich
ihre bewegende Kraft ausüben. Eine Masse von bestimmter Gestalt heisst ein Körper
(in mechanischer Bedeutung). Die Grösse der Bewegung (mechanisch geschätzt) ist
diejenige, die durch die Quantität der bewegten Materie und ihre Geschwindigkeit
zugleich geschätzt wird; phoronomisch besteht sie bloss in dem Grade der
Geschwindigkeit.
                                   Lehrsatz 1
    Die Quantität der Materie kann in Vergleichung mit jeder anderen nur durch
die Quantität der Bewegung bei gegebener Geschwindigkeit geschätzt werden.
                                     Beweis
    Die Materie ist ins Unendliche teilbar, folglich kann keiner ihre Quantität
durch eine Menge ihrer Teile unmittelbar bestimmt werden. Denn wenn dieses auch
in der Vergleichung der gegebenen Materie mit einer gleichartigen geschieht, in
welchem Falle die Quantität der Materie der Grösse des Volumens proportional ist,
so ist dieses doch der Foderung des Lehrsatzes, dass sie in Vergleichung mit
jeder anderen (auch spezifisch verschiedenen) geschätzt werden soll, zuwider.
Also kann die Materie, weder unmittelbar, noch mittelbar, in Vergleichung mit
jeder andern gültig geschätzt werden, so lange man von ihrer eigenen Bewegung
abstrahiert. Folglich ist kein anderes allgemein gültiges Mass derselben als die
Quantität ihrer Bewegung übrig. In dieser aber kann der Unterschied der
Bewegung, der auf der verschiedenen Quantität der Materien beruht, nur alsdenn
gegeben werden, wenn die Geschwindigkeit unter den verglichenen Materien als
gleich angenommen wird, folglich u.s.w.
                                     Zusatz
    Die Quantität der Bewegung der Körper ist in zusammengesetztem Verhältnis
aus dem der Quantität ihrer Materie und ihrer Geschwindigkeit, d.i. es ist
einerlei, ob ich die Quantität der Materie eines Körpers doppelt so gross mache,
und die Geschwindigkeit behalte, oder ob ich die Geschwindigkeit verdoppele und
eben diese Masse behalte. Denn der bestimmte Begriff von einer Grösse ist nur
durch die Konstruktion des Quantum möglich. Diese ist aber in Ansehung des
Begriffs der Quantität nichts als die Zusammensetzung des Gleichgeltenden;
folglich ist die Konstruktion der Quantität einer Bewegung die Zusammensetzung
vieler einander gleichgeltender Bewegungen. Nun ist es nach den phoronomischen
Lehrsätzen einerlei, ob ich einem Beweglichen einen gewissen Grad
Geschwindigkeit oder vielen gleich Beweglichen alle kleinere Grade der
Geschwindigkeit erteile, die aus der durch die Menge des Beweglichen dividierten
gegebenen Geschwindigkeit herauskommen. Hieraus entspringt zuerst ein, dem
Anscheine nach, phoronomischer Begriff von der Quantität einer Bewegung, als
zusammengesetzt aus viel Bewegungen ausser einander, aber doch in einem Ganzen
vereinigter, beweglicher Punkte. Werden nun diese Punkte als etwas gedacht, was
durch seine Bewegung bewegende Kraft hat, so entspringt daraus der mechanische
Begriff von der Quantität der Bewegung. In der Phoronomie aber ist es nicht
tunlich, sich eine Bewegung als aus vielen ausserhalb einander befindlichen
zusammengesetzt vorzustellen, weil das Bewegliche, da es daselbst ohne alle
bewegende Kraft vorgestellt wird, in aller Zusammensetzung mit mehreren seiner
Art keinen Unterschied der Grösse der Bewegung gibt, als die mitin bloss in der
Geschwindigkeit besteht. Wie die Quantität der Bewegung eines Körpers zu der
eines anderen, so verhält sich auch die Grösse ihrer Wirkung, aber wohl zu
verstehen, der ganzen Wirkung. Diejenige, welche bloss die Grösse eines mit
Widerstande erfülleten Raums (z.B. die Höhe, zu welcher ein Körper mit einer
gewissen Geschwindigkeit wider die Schwere steigen, oder die Tiefe, zu der
derselbe in weiche Materien dringen kann) zum Masse der ganzen Wirkung annahmen,
brachten ein anderes Gesetz der bewegenden Kräfte bei wirklichen Bewegungen
heraus, nämlich das des zusammengesetzten Verhältnisses aus dem der Quantität
der Materien und der Quadrate ihrer Geschwindigkeiten; allein sie übersahn die
Grösse der Wirkung in der gegebenen Zeit, in welcher der Körper seinen Raum mit
kleinerer Geschwindigkeit zurücklegt, und diese kann doch allein das Mass einer
durch einen gegebenen gleichförmigen Widerstand erschöpften Bewegung sein. Es
kann also auch kein Unterschied zwischen lebendigen und toten Kräften
stattfinden, wenn die bewegende Kräfte mechanisch, d.i. als diejenige, die die
Körper haben, so fern sie selbst bewegt sind, betrachtet werden, es mag nun die
Geschwindigkeit ihrer Bewegung endlich oder unendlich klein sein (blosse
Bestrebung zur Bewegung); vielmehr würde man weit schicklicher diejenigen
Kräfte, womit die Materie, wenn man auch von ihrer eigenen Bewegung, auch so gar
von der Bestrebung, sich zu bewegen, gänzlich abstrahiert, in andere wirkt,
folglich die ursprünglich bewegende Kräfte der Dynamik tote Kräfte, alle
mechanisch, d.i. durch eigene Bewegung bewegende Kräfte dagegen lebendige Kräfte
nennen können, ohne auf den Unterschied der Geschwindigkeit zu sehen, deren Grad
auch unendlich klein sein darf, wenn ja noch diese Benennungen toter und
lebendiger Kräfte beibehalten zu werden verdienten.
                                   Anmerkung
    Wir wollen, um Weitläuftigkeit zu vermeiden, die Erläuterung der
vorstehenden drei Sätze in einer Anmerkung zusammenfassen.
    Dass die Quantität der Materie nur als die Menge des Beweglichen (ausserhalb
einander) könne gedacht werden, wie die Definition es aussagt, ist ein
merkwürdiger und Fundamentalsatz der allgemeinen Mechanik. Denn dadurch wird
angezeigt: dass Materie keine andere Grösse habe, als die, welche in der Menge des
Mannigfaltigen ausserhalb einander besteht, folglich auch keinen Grad der
bewegenden Kraft mit gegebener Geschwindigkeit, der von dieser Menge unabhängig
wäre und bloss als intensive Grösse betrachtet werden könnte, welches allerdings
stattfinden würde, wenn die Materie aus Monaden bestände, deren Realität in
aller Beziehung einen Grad haben muss, welcher grösser oder kleiner sein kann,
ohne von einer Menge der Teile ausser einander abzuhängen. Was den Begriff der
Masse in eben derselben Erklärung betrifft, so kann man ihn nicht, wie
gewöhnlich, mit dem der Quantität für einerlei halten. Flüssige Materien können
durch ihre eigene Bewegung in Masse, sie können aber auch im Flusse wirken. Im
sogenannten Wasserhammer wirkt das anstossende Wasser in Masse, d.i. mit allen
seinen Teilen zugleich; eben das geschieht auch im Wasser, welches, in einem
Gefässe eingeschlossen, durch sein Gewicht auf die Wagschale, darauf es steht,
drückt. Dagegen wirkt das Wasser eines Mühlbachs auf die Schaufel des
unterschlägigen Wasserrades nicht in Masse, d.i. mit allen seinen Teilen, die
gegen diese anlaufen, zugleich, sondern nur nach einander. Wenn also hier die
Quantität der Materie, die, mit einer gewissen Geschwindigkeit bewegt, die
bewegende Kraft hat, bestimmt werden soll, so muss man allererst den Wasserkörper
, d.i. diejenige Quantität der Materie, die, wenn sie in Masse mit einer
gewissen Geschwindigkeit wirkt (mit ihrer Schwere), dieselbe Wirkung
hervorbringen kann, suchen. Daher versteht man auch gewöhnlich unter dem Worte
Masse die Quantität der Materie eines festen Körpers (das Gefäss, darin ein
Flüssiges eingeschlossen ist, vertritt auch die Stelle der Festigkeit
desselben). Was endlich den Lehrsatz mit dem angehängten Zusatz zusammen
betrifft, so liegt darin etwas Befremdliches: dass, nach dem ersteren, die
Quantität der Materie durch die Quantität der Bewegung mit gegebener
Geschwindigkeit, nach dem zweiten aber wiederum die Quantität der Bewegung
(eines Körpers; denn die eines Punkts besteht bloss aus dem Grade der
Geschwindigkeit) bei derselben Geschwindigkeit durch die Quantität der bewegten
Materie geschätzt werden müsse, welches im Zirkel herum zu gehen und weder von
einem noch dem anderen einen bestimmten Begriff zu versprechen scheint. Allein
dieser vermeinte Zirkel würde es würklich sein, wenn er eine wechselseitige
Ableitung zweier identischen Begriffe von einander wäre. Nun aber entält er nur
einerseits die Erklärung eines Begriffs, anderer Seits die der Anwendung
desselben auf Erfahrung. Die Quantität des Beweglichen im Raume ist die
Quantität der Materie; aber diese Quantität der Materie (die Menge des
Beweglichen) beweiset sich in der Erfahrung nur allein durch die Quantität der
Bewegung bei gleicher Geschwindigkeit (z.B. durchs Gleichgewicht).
    Noch ist zu merken, dass die Quantität der Materie die Quantität der Substanz
im Beweglichen sei, folglich nicht die Grösse einer gewissen Qualität derselben
(der Zurückstossung, oder Anziehung, die in der Dynamik angeführt werden), und
dass das Quantum der Substanz hier nichts anderes als die blosse Menge des
Beweglichen bedeute, welches die Materie ausmacht. Denn nur diese Menge des
Bewegten kann bei derselben Geschwindigkeit einen Unterschied in der Quantität
der Bewegung geben. Dass aber die bewegende Kraft, die eine Materie in ihrer
eigenen Bewegung hat, allein die Quantität der Substanz beweise, beruht auf dem
Begriffe der letzteren als dem letzten Subjekt (das weiter kein Prädikat von
einem andern ist) im Raume, welches eben darum keine andere Grösse haben kann,
als die der Menge des Gleichartigen ausserhalb einander. Da nun die eigene
Bewegung der Materie ein Prädikat ist, welches ihr Subjekt (das Bewegliche)
bestimmt, und an einer Materie, als einer Menge des Beweglichen, die Vielheit
der bewegten Subjekte (bei gleicher Geschwindigkeit auf gleiche Art) angibt,
welches bei dynamischen Eigenschaften, deren Grösse auch die Grösse der Wirkung
von einem einzigen Subjekte sein kann (z.B. da ein Luftteilchen mehr oder
weniger Elastizität haben kann), nicht der Fall ist, so erhellet daraus, wie die
Quantität der Substanz an einer Materie nur mechanisch, d.i. durch die Quantität
der eigenen Bewegung derselben, und nicht dynamisch, durch die Grösse der
ursprünglich bewegenden Kräfte, geschätzt werden müsse. Gleichwohl kann die
ursprüngliche Anziehung, als die Ursache der allgemeinen Gravitation, doch ein
Mass der Quantität der Materie und ihrer Substanz abgeben (wie das wirklich in
der Vergleichung der Materien durch Abwiegen geschieht), obgleich hier nicht
eigene Bewegung der anziehenden Materie, sondern ein dynamisch Mass, nämlich
Anziehungskraft, zum Grunde gelegt zu sein scheint. Aber, weil bei dieser Kraft
die Wirkung einer Materie mit allen ihren Teilen unmittelbar, auf alle Teile
einer andern, geschieht, und also (bei gleichen Entfernungen) offenbar der Menge
der Teile proportioniert ist, der ziehende Körper sich dadurch auch selbst eine
Geschwindigkeit der eigenen Bewegung erteilt (durch den Widerstand des
gezogenen), welche, in gleichen äusseren Umständen, gerade der Menge seiner Teile
proportioniert ist, so geschieht die Schätzung hier, obzwar nur indirekt, doch
in der Tat mechanisch.
                                   Lehrsatz 2
    Erstes Gesetz der Mechanik. Bei allen Veränderungen der körperlichen Natur
bleibt die Quantität der Materie im Ganzen dieselbe, unvermehrt und
unvermindert.
                                     Beweis
    (Aus der allgemeinen Metaphysik wird der Satz zum Grunde gelegt, dass bei
allen Veränderungen der Natur keine Substanz weder entstehe noch vergehe, und
hier wird nur dargetan, was in der Materie die Substanz sei.) In jeder Materie
ist das Bewegliche im Raume das letzte Subjekt aller der Materie inhärierenden
Akzidenzen, und die Menge dieses Beweglichen ausserhalb einander die Quantität
der Substanz. Also ist die Grösse der Materie, der Substanz nach, nichts anders,
als die Menge der Substanzen, daraus sie besteht. Es kann also die Quantität der
Materie nicht vermehrt oder vermindert werden, als dadurch, dass neue Substanz
derselben entsteht oder vergeht. Nun entsteht und vergeht bei allem Wechsel der
Materie die Substanz niemals; also wird auch die Quantität der Materie dadurch
weder vermehrt, noch vermindert, sondern bleibt immer dieselbe und zwar im
Ganzen, d.i. so, dass sie irgend in der Welt in derselben Quantität fortdauert,
obgleich diese oder jene Materie durch Hinzukunft oder Absonderung der Teile
vermehrt oder vermindert werden kann.
                                   Anmerkung
    Das Wesentliche, was in diesem Beweise der Substanz, die nur im Raume und
nach Bedingungen desselben, folglich als Gegenstand äusserer Sinne möglich ist,
charakterisieret, ist, dass ihre Grösse nicht vermehrt oder vermindert werden
kann, ohne dass Substanz entstehe, oder vergehe, darum, weil alle Grösse eines
bloss im Raum möglichen Objekts aus Teilen ausserhalb einander bestehen muss, diese
also, wenn sie real (etwas Bewegliches) sind, notwendig Substanzen sein müssen.
Dagegen kann das, was als Gegenstand des inneren Sinnes betrachtet wird, als
Substanz eine Grösse haben, die nicht aus Teilen ausserhalb einander besteht,
deren Teile also auch nicht Substanzen sind, deren Entstehen oder Vergehen
folglich auch nicht ein Entstehen oder Vergehen einer Substanz sein darf, deren
Vermehrung oder Verminderung daher, dem Grundsatze von der Beharrlichkeit der
Substanz unbeschadet, möglich ist. So hat nämlich das Bewusstsein, mitin die
Klarheit der Vorstellungen meiner Seele, und, derselben zu Folge, auch das
Vermögen des Bewusstseins, die Apperzeption, mit diesem aber selbst die Substanz
der Seele einen Grad, der grösser oder kleiner werden kann, ohne dass irgend eine
Substanz zu diesem Behuf entstehen oder vergehen dürfte. Weil aber, bei
allmählicher Verminderung dieses Vermögens der Apperzeption, endlich ein
gänzliches Verschwinden derselben erfolgen müsste, so würde doch selbst die
Substanz der Seele einem allmählichen Vergehen unterworfen sein, ob sie schon
einfacher Natur wäre, weil dieses Verschwinden ihrer Grundkraft nicht durch
Zerteilung (Absonderung der Substanz von einem Zusammengesetzten) sondern
gleichsam durch Erlöschen, und auch dieses nicht in einem Augenblicke, sondern
durch allmähliche Nachlassung des Grades derselben, es sei aus welcher Ursache
es wolle, erfolgen könnte. Das Ich, das allgemeine Korrelat der Apperzeption und
selbst bloss ein Gedanke, bezeichnet, als ein blosses Vorwort, ein Ding von
unbestimmter Bedeutung, nämlich das Subjekt aller Prädikate, ohne irgend eine
Bedingung, die diese Vorstellung des Subjekts von dem eines Etwas überhaupt
unterschiede, also Substanz, von der man, was sie sei, durch diesen Ausdruck
keinen Begriff hat. Dagegen der Begriff einer Materie als Substanz der Begriff
des Beweglichen im Raume ist. Es ist daher kein Wunder, wenn von der letzteren
die Beharrlichkeit der Substanz bewiesen werden kann, von der ersteren aber
nicht, weil bei der Materie schon aus ihrem Begriffe, nämlich dass sie das
Bewegliche sei, das nur im Raume möglich ist, fliesst, dass das, was in ihr Grösse
hat, eine Vielheit des Realen ausser einander, mitin der Substanzen, entalte,
und folglich die Quantität derselben nur durch Zerteilung, welche kein
Verschwinden ist, vermindert werden könne, und das letztere in ihr nach dem
Gesetze der Stetigkeit auch unmöglich sein würde. Der Gedanke Ich ist dagegen
gar kein Begriff, sondern nur innere Wahrnehmung, aus ihm kann also auch gar
nichts (ausser der gänzliche Unterschied eines Gegenstandes des inneren Sinnes
von dem, was bloss als Gegenstand äusserer Sinne gedacht wird), folglich auch
nicht die Beharrlichkeit der Seele, als Substanz, gefolgert werden.
                                   Lehrsatz 3
    Zweites Gesetz der Mechanik. Alle Veränderung der Materie hat eine äussere
Ursache. (Ein jeder Körper beharrt in seinem Zustande der Ruhe oder Bewegung, in
derselben Richtung und mit derselben Geschwindigkeit, wenn er nicht durch eine
äussere Ursache genötigt wird, diesen Zustand zu verlassen.)
                                     Beweis
    (Aus der allgemeinen Metaphysik wird der Satz zum Grunde gelegt, dass alle
Veränderung eine Ursache habe; hier soll von der Materie nur bewiesen werden,
dass ihre Veränderung jederzeit eine äussere Ursache haben müsse.) Die Materie,
als blosser Gegenstand äusserer Sinne, hat keine andere Bestimmungen, als die der
äusseren Verhältnisse im Raume, und erleidet also auch keine Veränderungen, als
durch Bewegung. In Ansehung dieser, als Wechsels einer Bewegung mit einer
andern, oder derselben mit der Ruhe, und umgekehrt, muss eine Ursache derselben
angetroffen werden (nach Prinz, der Metaph.). Diese Ursache aber kann nicht
innerlich sein, denn die Materie hat keine schlechtin innere Bestimmungen und
Bestimmungsgründe. Also ist alle Veränderung einer Materie auf äussere Ursache
gegründet (d.i. ein Körper beharret, u.s.w.).
                                   Anmerkung
    Dieses mechanische Gesetz muss allein das Gesetz der Trägheit (lex inertiae)
genannt werden, das Gesetz der einer jeden Wirkung entgegengesetzten gleichen
Gegenwirkung kann diesen Namen nicht führen. Denn dieses sagt, was die Materie
tut, jenes aber nur, was sie nicht tut, welches dem Ausdrucke der Trägheit
besser angemessen ist. Die Trägheit der Materie ist und bedeutet nichts anders,
als ihre Leblosigkeit, als Materie an sich selbst. Leben heisst das Vermögen
einer Substanz, sich aus einem inneren Prinzip zum Handeln, einer endlichen
Substanz, sich zur Veränderung, und einer materiellen Substanz, sich zur
Bewegung oder Ruhe, als Veränderung ihres Zustandes, zu bestimmen. Nun kennen
wir kein anderes inneres Prinzip einer Substanz, ihren Zustand zu verändern, als
das Begehren, und überhaupt keine andere innere Tätigkeit, als Denken, mit dem,
was davon abhängt, Gefühl der Lust oder Unlust und Begierde oder Willen. Diese
Bestimmungsgründe aber und Handlungen gehören gar nicht zu den Vorstellungen
äusserer Sinne und also auch nicht zu den Bestimmungen der Materie als Materie.
Also ist alle Materie als solche leblos. Das sagt der Satz der Trägheit, und
nichts mehr. Wenn wir die Ursache irgend einer Veränderung der Materie im Leben
suchen, so werden wir es auch so fort in einer anderen, von der Materie
verschiedenen, obzwar mit ihr verbundenen Substanz zu suchen haben. Denn in der
Naturkenntnis ist es nötig, zuvor die Gesetze der Materie als einer solchen zu
kennen und sie von dem Beitritte aller anderen wirkenden Ursachen zu läutern,
ehe man sie damit verknüpft, um wohl zu unterscheiden, was, und wie jede
derselben für sich allein wirke. Auf dem Gesetze der Trägheit (neben dem der
Beharrlichkeit der Substanz) beruht die Möglichkeit einer eigentlichen
Naturwissenschaft ganz und gar. Das Gegenteil des erstern, und daher auch der
Tod aller Naturphilosophie, wäre der Hylozoism. Aus eben demselben Begriffe der
Trägheit, als blosser Leblosigkeit, fliesst von selbst, dass sie nicht ein
positives Bestreben, seinen Zustand zu erhalten, bedeute. Nur lebende Wesen
werden in diesem letzteren Verstande trag genannt, weil sie eine Vorstellung von
einem anderen Zustande haben, den sie verabscheuen, und ihre Kraft dagegen
anstrengen.
                                   Lehrsatz 4
    Drittes mechanisches Gesetz. In aller Mitteilung der Bewegung sind Wirkung
und Gegenwirkung einander jederzeit gleich.
                                     Beweis
    (Aus der allgemeinen Metaphysik muss der Satz entlehnt werden, dass alle
äussere Wirkung in der Welt Wechselwirkung sei. Hier soll, um in den Schranken
der Mechanik zu bleiben, nur gezeigt werden, dass diese Wechselwirkung (actio
mutua) zugleich Gegenwirkung (reactio) sei; allein ich kann, ohne der
Vollständigkeit der Einsicht Abbruch zu tun, jenes metaphysische Gesetz der
Gemeinschaft hier doch nicht ganz weglassen.) Alle tätige Verhältnisse der
Materien im Raume und alle Veränderungen dieser Verhältnisse, so fern sie
Ursachen von gewissen Wirkungen sein können, müssen jederzeit als wechselseitig
vorgestellt werden, d.i. weil alle Veränderung derselben Bewegung ist, so kann
keine Bewegung eines Körpers in Beziehung auf einen absolut-ruhigen, der dadurch
auch in Bewegung gesetzt werden soll, gedacht werden, vielmehr muss dieser nur
als relativ-ruhig in Ansehung des Raums, auf den man ihn bezieht, zusamt diesem
Raume aber in entgegengesetzter Richtung als mit eben derselben Quantität der
Bewegung im absoluten Raume bewegt vorgestellt werden, als der bewegte in eben
demselben gegen ihn hat. Denn die Veränderung des Verhältnisses (mitin die
Bewegung) ist zwischen beiden durchaus wechselseitig; so viel der eine Körper
jedem Teile des anderen näher kommt, so viel nähert sich der andere jedem Teil
des ersteren, und, weil es hier nicht auf den empirischen Raum, der beide Körper
umgibt, sondern nur auf die Linie, die zwischen ihnen liegt, ankommt (indem
diese Körper lediglich in Relation auf einander, nach dem Einflusse, den die
Bewegung des einen auf die Veränderung des Zustandes des anderen, mit
Abstraktion von aller Relation zum empirischen Raume, haben kann, betrachtet
werden), so wird ihre Bewegung als bloss im absoluten Raume bestimmbar
betrachtet, in welchem jeder der beiden Körper an der Bewegung, die dem einen im
relativen Raume beigelegt wird, gleichen Anteil haben muss, indem kein Grund da
ist, einem von beiden mehr davon, als dem anderen, beizulegen. Auf diesem Fuss
wird die Bewegung eines Körpers A gegen einen anderen ruhigen B, in Ansehung
dessen er dadurch bewegend sein kann, auf den absoluten Raum reduziert, d.i. als
Verhältnis wirkender Ursachen bloss auf einander bezogen, so betrachtet, wie
beide an der Bewegung, welche in der Erscheinung dem Körper A allein beigelegt
wird, gleichen Anteil haben, welches nicht anders geschehen kann, als so, dass
die Geschwindigkeit, die im relativen Raume bloss dem Körper A beigelegt wird,
unter A und B in umgekehrtem Verhältnis der Massen, dem A allein die seinige im
absoluten Raume, dem B dagegen zusamt dem relativen Raume, worin er ruht, in
entgegengesetzter Richtung ausgeteilt werde, wodurch dieselbe Erscheinung der
Bewegung vollkommen beibehalten, die Wirkung aber in der Gemeinschaft beider
Körper auf folgende Art konstruiert wird.
    
    Es sei ein Körper A mit einer Geschwindigkeit = AB in Ansehung des relativen
Raumes gegen den Körper B, der in Ansehung eben desselben Raums ruhig ist, im
Anlaufe. Man teile die Geschwindigkeit AB in zwei Teile, Ac und Bc, die sich
umgekehrt wie die Massen B und A gegen einander verhalten, und stelle sich A mit
der Geschwindigkeit Ac im absoluten Raume, B aber mit der Geschwindigkeit Bc in
entgegengesetzter Richtung zusamt dem relativen Raume bewegt vor: so sind beide
Bewegungen einander entgegengesetzt und gleich, und, da sie einander
wechselseitig aufheben, so versetzen sich beide Körper beziehungsweise auf
einander, d.i. im absoluten Raume, in Ruhe. Nun war aber B mit der
Geschwindigkeit Bc in der Richtung BA, die der des Körpers A, nämlich AB, gerade
entgegengesetzt ist, zusamt dem relativen Raume in Bewegung. Wenn also die
Bewegung des Körpers B durch den Stoss aufgehoben wird, so wird darum doch die
Bewegung des relativen Raums nicht aufgehoben. Also bewegt sich nach dem Stosse
der relative Raum in Ansehung beider Körper A und B (die nunmehr im absoluten
Raume ruhen) in der Richtung BA mit der Geschwindigkeit Bc, oder, welches
einerlei ist, beide Körper bewegen sich nach dem Stosse mit gleicher
Geschwindigkeit Bd = Bc in der Richtung des Stossenden AB. Nun ist aber, nach dem
Vorigen, die Quantität der Bewegung des Körpers B in der Richtung und mit der
Geschwindigkeit Bc, mitin auch die in der Richtung Bd mit derselben
Geschwindigkeit, der Quantität der Bewegung des Körpers A mit der
Geschwindigkeit und in der Richtung Ac gleich: folglich ist die Wirkung, d.i.
die Bewegung Bd, die der Körper B durch den Stoss im relativen Raume erhält, und
also auch die Handlung des Körpers A mit der Geschwindigkeit Ac der Gegenwirkung
Bc jederzeit gleich. Da eben dasselbe Gesetz (wie die matematische Mechanik
lehrt) keine Abänderung erleidet, wenn, anstatt des Stosses auf einen ruhigen,
ein Stoss desselben Körpers auf einen gleichfalls bewegten Körper angenommen
wird, imgleichen die Mitteilung der Bewegung durch den Stoss von der durch den
Zug nur in der Richtung, nach welcher die Materien einander in ihren Bewegungen
widerstehen, unterschieden ist: so folgt, dass in aller Mitteilung der Bewegung
Wirkung und Gegenwirkung einander jederzeit gleich sein (dass jeder Stoss nur
vermittelst eines gleichen Gegenstosses, jeder Druck vermittelst eines gleichen
Gegendrucks, imgleichen jeder Zug nur durch einen gleichen Gegenzug die Bewegung
eines Körpers dem andern mitteilen könne).5
                                    Zusatz 1
    Hieraus folgt das, für die allgemeine Mechanik nicht unwichtige,
Naturgesetz: dass ein jeder Körper, wie gross auch seine Masse sei, durch den Stoss
eines jeden anderen, wie klein auch seine Masse oder Geschwindigkeit sein mag,
beweglich sein müsse. Denn der Bewegung von A in der Richtung AB korrespondiert
notwendiger Weise eine entgegengesetzte gleiche Bewegung von B in der Richtung
BA. Beide Bewegungen heben durch den Stoss einander im absoluten Raume auf.
Dadurch aber erhalten beide Körper eine Geschwindigkeit Bd = Bc in der Richtung
des Stossenden, folglich ist der Körper B für jede noch so kleine Kraft des
Anstosses beweglich.
                                    Zusatz 2
    Dies ist also das mechanische Gesetz der Gleichheit der Wirkung und
Gegenwirkung, welches darauf beruht: dass keine Mitteilung der Bewegung
stattfinde, ausser sofern eine Gemeinschaft dieser Bewegungen vorausgesetzt wird,
dass also kein Körper einen anderen stosse, der in Ansehung seiner ruhig ist,
sondern, ist dieser es in Ansehung des Raums, nur so fern er zusamt diesem Raume
in gleichem Masse, aber in entgegengesetzter Richtung bewegt, mit der Bewegung,
die alsdenn dem ersteren zu seinem relativen Anteil fällt, zusammen, allererst
die Quantität der Bewegung gebe, die wir dem ersten im absoluten Raume beilegen
würden. Denn keine Bewegung, die in Ansehung eines anderen Körpers bewegend sein
soll, kann absolut sein: ist sie aber relativ in Ansehung des letzteren, so
gibt's keine Relation im Raume, die nicht wechselseitig und gleich sei. - Es
gibt aber noch ein anderes, nämlich ein dynamisches Gesetz der Gleichheit der
Wirkung und Gegenwirkung der Materien, nicht so fern eine der anderen ihre
Bewegung mitteilt, sondern dieser ursprünglich erteilt und durch deren
Widerstreben zugleich in sich hervorbringt. Diese lässt sich auf ähnliche Art
leicht dartun. Denn, wenn die Materie A die Materie B zieht, so nötigt sie
diese, sich ihr zu nähern, oder, welches einerlei ist, jene widersteht der
Kraft, womit diese sich zu entfernen trachten möchte. Weil es aber einerlei ist,
ob B sich von A, oder A von B entferne: so ist dieser Widerstand zugleich ein
Widerstand, den der Körper B gegen A ausübt, so fern er sich von ihm zu
entfernen trachten möchte, mitin sind Zug und Gegenzug einander gleich. Eben
so, wenn A die Materie B zurückstösst, so widersteht A der Annäherung von B. Da
es aber einerlei ist, ob sich B dem A oder A dem B nähere, so widersteht B auch
eben so viel der Annäherung von A; Druck und Gegendruck sind also auch jederzeit
einander gleich.
                                  Anmerkung 1
    Dies ist also die Konstruktion der Mitteilung der Bewegung, welche zugleich
das Gesetz der Gleichheit der Wirkung und Gegenwirkung, als notwendige Bedingung
derselben, bei sich führet, welches Newton sich gar nicht getrauete a priori zu
beweisen, sondern sich deshalb auf Erfahrung berief, welchem zu Gefallen andere
eine besondere Kraft der Materie, unter dem von Keplern zuerst angeführten Namen
der Trägheitskraft (vis inertiae), in der Naturwissenschaft einführeten, und
also im Grunde es auch von Erfahrung ableiteten, endlich noch andere in dem
Begriffe einer blossen Mitteilung der Bewegung setzten, welche sie wie einen
allmählichen Übergang der Bewegung des einen Körpers in den andern ansahen,
wobei der bewegende gerade so viel einbüssen müsse, als er dem bewegten erteilt,
bis er dem letzteren keine weiter eindrückt(wenn er nämlich mit diesem schon bis
zur Gleichheit der Geschwindigkeit in derselben Richtung gekommen ist),6 wodurch
sie im Grunde alle Gegenwirkung aufhoben, d.i. alle wirklich entgegenwirkende
Kraft des gestossenen gegen den stossenden (der etwa vermögend wäre, eine
Springfeder zu spannen), und ausserdem, dass sie das nicht beweisen, was in dem
genannten Gesetze eigentlich gemeint ist, die Mitteilung der Bewegung selbst,
ihrer Möglichkeit nach, gar nicht erklärten. Denn der Name vom Übergang der
Bewegung von einem Körper auf den andern erklärt nichts, und, wenn man ihn nicht
etwa (dem Grundsatze accidentia non migrant e substantiis in substantias
zuwider) buchstäblich nehmen will, als wenn Bewegung von einem Körper in einen
anderen, wie Wasser aus einem Glase in das andere, gegossen würde, so ist es
hier eben die Aufgabe, wie diese Möglichkeit begreiflich zu machen sei, deren
Erklärung nun gerade auf demselben Grunde beruht, woraus das Gesetz der
Gleichheit der Wirkung und Gegenwirkung abgeleitet wird. Man kann sich j gar
nicht denken, wie die Bewegung eines Körpers A mit der Bewegung eines anderen B
notwendig verbunden sein müsse, als so, dass man sich Kräfte an beiden denkt, die
ihnen (dynamisch) vor aller Bewegung zukommen, z.B. Zurückstossung, und nun
beweisen kann, dass die Bewegung des Körpers A durch Annäherung gegen B, mit der
Annäherung von B gegen A, und, wenn B als ruhig angesehen wird, mit der Bewegung
desselben, zusamt seinem Raume gegen A notwendig verbunden sei, so fern ein
Körper mit ihren (ursprünglich) bewegenden Kräften bloss relativ auf einander in
Bewegung betrachtet werden. Dieses letztere kann völlig a priori dadurch
eingesehen werden, dass, es mag nun der Körper B in Ansehung des empirisch
kennbaren Raumes ruhig, oder bewegt sein, er doch in Ansehung des Körpers A
notwendig als bewegt, und zwar in entgegengesetzter Richtung als bewegt,
angesehen werden müsse; weil sonst kein Einfluss desselben auf die repulsive
Kraft beider stattfinden würde, ohne welchen ganz und gar keine mechanische
Wirkung der Materien auf einander, d.i. keine Mitteilung der Bewegung durch den
Stoss, möglich ist.
                                  Anmerkung 2
    Die Benennung der Trägheitskraft (vis inertiae) muss also, unerachtet des
berühmten Namens ihres Urhebers, aus der Naturwissenschaft gänzlich weggeschafft
werden, nicht allein weil sie einen Widerspruch im Ausdrucke selbst bei sich
führt, oder auch deswegen, weil das Gesetz der Trägheit (Leblosigkeit) dadurch
leicht mit dem Gesetze der Gegenwirkung in jeder mitgeteilten Bewegung
verwechselt werden könnte, sondern vornehmlich, weil dadurch die irrige
Vorstellung derer, die der mechanischen Gesetze nicht recht kundig sind,
erhalten und bestärkt wird, nach welcher die Gegenwirkung der Körper, von der
unter dem Namen der Trägheitskraft die Rede ist, darin bestehe, dass die Bewegung
dadurch in der Welt aufgezehrt, vermindert oder vertilgt, nicht aber die blosse
Mitteilung derselben dadurch bewirkt werde, indem nämlich der bewegende Körper
einen Teil seiner Bewegung bloss dazu aufwenden müsste, um die Trägheit des
ruhenden zu überwinden (welches denn reiner Verlust wäre), mit dem übrigen Teile
allein könne er den letzteren in Bewegung setzen; bliebe ihm aber nichts übrig,
so würde er durch seinen Stoss den letzteren, seiner grossen Masse wegen, gar
nicht in Bewegung bringen. Einer Bewegung kann nichts widerstehen, als
entgegengesetzte Bewegung eines anderen, keinesweges aber dessen Ruhe. Hier ist
also nicht Trägheit der Materie, d.i. blosses Unvermögen, sich von selbst zu
bewegen, die Ursache eines Widerstandes. Eine besondere ganz eigentümliche
Kraft, bloss um zu widerstehen, ohne einen Körper bewegen zu können, wäre unter
dem Namen einer Trägheitskraft ein Wort ohne alle Bedeutung. Man könnte also die
drei Gesetze der allgemeinen Mechanik schicklicher so benennen: das Gesetz der
Selbständigkeit, der Trägheit und der Gegenwirkung der Materien (lex
subsistentiae, inertiae, et antagonismi) bei allen ihren Veränderungen derselben
. Dass diese, mitin die gesamten Lehrsätze gegenwärtiger Wissenschaft, den
Kategorien der Substanz, der Kausalität und der Gemeinschaft, so fern diese
Begriffe auf Materie angewandt werden, genau antworten, bedarf keiner weiteren
Erörterung.
                       Allgemeine Anmerkung zur Mechanik
    Die Mitteilung der Bewegung geschieht nur vermittelst solcher bewegenden
Kräfte, die einer Materie auch in Ruhe beiwohnen (Undurchdringlichkeit und
Anziehung). Die Wirkung einer bewegenden Kraft auf einen Körper in einem
Augenblicke ist die Sollizitation desselben, die gewirkte Geschwindigkeit des
letzteren durch die Sollizitation, so fern sie in gleichem Verhältnis mit der
Zeit wachsen kann, ist das Moment der Akzeleration. (Das Moment der Akzeleration
muss also nur eine unendlich kleine Geschwindigkeit entalten, weil sonst der
Körper durch dasselbe in einer gegebenen Zeit eine unendliche Geschwindigkeit
erlangen würde, welche unmöglich ist. Übrigens beruht die Möglichkeit der
Beschleunigung überhaupt, durch ein fortwährendes Moment derselben, auf dem
Gesetze der Trägheit.) Die Sollizitation der Materie durch expansive Kraft (z.B.
einer zusammengedrückten Luft, die ein Gewichte trägt) geschieht jederzeit mit
einer endlichen Geschwindigkeit, die Geschwindigkeit aber, die dadurch einem
anderen Körper eingedrückt (oder entzogen) wird, kann nur unendlich klein sein;
denn jene ist nur eine Flächenkraft, oder, welches einerlei ist, die Bewegung
eines unendlich kleinen Quantum von Materie, die folglich mit endlicher
Geschwindigkeit geschehen muss, um der Bewegung eines Körpers von endlicher Masse
mit unendlich kleiner Geschwindigkeit (einem Gewichte) gleich zu sein. Dagegen
ist die Anziehung eine durchdringende Kraft und als mit einer solchen übt ein
endliches Quantum der Materie auf ein gleichfalls endliches Quantum einer andern
bewegende Kraft aus. Die Sollizitation der Anziehung muss also unendlich klein
sein, weil sie dem Moment der Akzeleration (welches jederzeit unendlich klein
sein muss) gleich ist, welches bei der Zurückstossung, da ein unendlich kleiner
Teil der Materie einem endlichen ein Moment eindrücken soll, der Fall nicht ist.
Es lässt sich keine Anziehung mit einer endlichen Geschwindigkeit denken, ohne
dass die Materie durch ihre eigene Anziehungskraft sich selbst durchdringen
müsste. Denn die Anziehung, welche eine endliche Quantität Materie auf eine
endliche mit einer endlichen Geschwindigkeit ausübt, muss eine jede endliche
Geschwindigkeit, womit die Materie durch ihre Undurchdringlichkeit, aber nur mit
einem unendlich kleinen Teil der Quantität ihrer Materie entgegenwirkt, in allen
Punkten der Zusammendrückung überlegen sein. Wenn die Anziehung nur eine
Flächenkraft ist, wie man sich den Zusammenhang denkt, so würde das Gegenteil
von diesem erfolgen. Allein es ist unmöglich, ihn so zu denken, wenn er wahre
Anziehung (und nicht bloss äussere Zusammendrückung) sein soll.
    Ein absolut-harter Körper würde derjenige sein, dessen Teile einander so
stark zögen, dass sie durch kein Gewicht getrennt, noch in ihrer Lage gegen
einander verändert werden könnten. Weil nun die Teile der Materie eines solchen
Körpers sich mit einem Moment der Akzeleration ziehen müssten, welches gegen das
der Schwere unendlich, der Masse aber, welche dadurch getrieben wird, endlich
sein würde, so müsste der Widerstand durch Undurchdringlichkeit, als expansive
Kraft, da er jederzeit mit einer unendlichkleinen Quantität der Materie
geschieht, mit mehr als endlicher Geschwindigkeit der Sollizitation geschehen,
d.i. die Materie würde sich mit unendlicher Geschwindigkeit auszudehnen
trachten, welches unmöglich ist. Also ist ein absolutarter Körper, d.i. ein
solcher, der einem mit endlicher Geschwindigkeit bewegten Körper im Stosse einen
Widerstand, der der ganzen Kraft desselben gleich wäre, in einem Augenblick
entgegensetzte, unmöglich. Folglich leistet eine Materie durch ihre
Undurchdringlichkeit oder Zusammenhang, gegen die Kraft eines Körpers in
endlicher Bewegung, in einem Augenblicke nur unendlich kleinen Widerstand.
Hieraus folgt nun das mechanische Gesetz der Stetigkeit (lex continui
mechanica), nämlich: an keinem Körper wird der Zustand der Ruhe, oder der
Bewegung, und an dieser, der Geschwindigkeit oder der Richtung, durch den Stoss
in einem Augenblicke verändert, sondern nur in einer gewissen Zeit, durch eine
unendliche Reihe von Zwischenzuständen, deren Unterschied von einander kleiner
ist, als der des ersten und letzten. Ein bewegter Körper, der auf eine Materie
stösst, wird also durch deren Widerstand nicht auf einmal, sondern nur durch
kontinuierliche Retardation zur Ruhe, oder der, so in Ruhe war, nur durch
kontinuierliche Akzeleration in Bewegung, oder aus einem Grade Geschwindigkeit
in einen andern nur nach derselben Regel versetzt; imgleichen wird die Richtung
seiner Bewegung in eine solche, die mit jener einen Winkel macht, nicht anders
als vermittelst aller möglichen dazwischen liegenden Richtungen, d.i.
vermittelst der Bewegung in einer krummen Linie, verändert (welches Gesetz aus
einem ähnlichen Grunde auch auf die Veränderung des Zustandes eines Körpers
durch Anziehung erweitert werden kann). Diese lex continui gründet sich auf dem
Gesetze der Trägheit der Materie, da hingegen das metaphysische Gesetz der
Stetigkeit auf alle Veränderung (innere so wohl als äussere) überhaupt ausgedehnt
sein müsste, und also auf dem blossen Begriffe einer Veränderung überhaupt, als
Grösse, und der Erzeugung derselben (die notwendig in einer gewissen Zeit
kontinuierlich, so wie die Zeit selbst, vorginge), gegründet sein würde, hier
also keinen Platz findet.
 
                              Viertes Hauptstück.
                 Metaphysische Anfangsgründe der Phänomenologie
                                   Erklärung
    Materie ist das Bewegliche, so fern es, als ein solches, ein Gegenstand der
Erfahrung sein kann.
                                   Anmerkung
    Bewegung ist, so wie alles, was durch Sinne vorgestellt wird, nur als
Erscheinung gegeben. Damit ihre Vorstellung Erfahrung werde, dazu wird noch
erfodert, dass etwas durch den Verstand gedacht werde, nämlich zu der Art, wie
die Vorstellung dem Subjekte inhäriert, noch die Bestimmung eines Objekts durch
dieselbe. Also wird das Bewegliche, als ein solches, ein Gegenstand der
Erfahrung, wenn ein gewisses Objekt (hier also ein materielles Ding) in Ansehung
des Prädikats der Bewegung als bestimmt gedacht wird. Nun ist aber Bewegung
Veränderung der Relation im Raume. Es sind also hier immer zwei Correlata, deren
einem in der Erscheinung erstlich eben so gut wie dem anderen die Veränderung
beigelegt, und dasselbe entweder, oder das andere bewegt genannt werden kann,
weil beides gleichgültig ist, oder zweitens, deren eines in der Erfahrung mit
Ausschliessung des anderen als bewegt gedacht werden muss, oder drittens, deren
beide notwendig durch Vernunft als zugleich bewegt vorgestellt werden müssen. In
der Erscheinung, die nichts als die Relation in der Bewegung (ihrer Veränderung
nach) entält, ist nichts von diesen Bestimmungen entalten; wenn aber das
Bewegliche als ein solches, nämlich seiner Bewegung nach, bestimmt gedacht
werden soll, d.i. zum Behuf einer möglichen Erfahrung, ist es nötig, die
Bedingungen anzuzeigen, unter welchen der Gegenstand (die Materie) auf eine oder
andere Art durch das Prädikat der Bewegung bestimmt werden müsse. Hier ist nicht
die Rede von Verwandlung des Scheins in Wahrheit, sondern der Erscheinung in
Erfahrung; denn beim Scheine ist der Verstand mit seinen einen Gegenstand
bestimmenden Urteilen jederzeit im Spiele, obzwar er in Gefahr ist, das
Subjektive für objektiv zu nehmen; in der Erscheinung aber ist gar kein Urteil
des Verstandes anzutreffen; welches nicht bloss hier, sondern in der ganzen
Philosophie anzumerken nötig ist, weil man sonst, wenn von Erscheinungen die
Rede ist, und man nimmt diesen Ausdruck für einerlei der Bedeutung nach mit dem
des Scheins, jederzeit übel verstanden wird.
                                   Lehrsatz 1
    Die geradlinichte Bewegung einer Materie in Ansehung eines empirischen
Raumes ist, zum Unterschiede von der entgegengesetzten Bewegung des Raums, ein
bloss mögliches Prädikat. Eben dasselbe in gar keiner Relation auf eine Materie
ausser ihr, d.i. als absolute Bewegung gedacht, ist unmöglich.
                                     Beweis
    Ob ein Körper im relativen Raume bewegt, dieser aber ruhig genannt werde,
oder, umgekehrt, dieser in entgegengesetzter Richtung gleich geschwinde bewegt,
dagegen jener ruhig genannt werden solle, ist kein Streit über das, was dem
Gegenstande, sondern nur seinem Verhältnisse zum Subjekt, mitin der Erscheinung
und nicht der Erfahrung, zukommt. Denn, stellt sich der Zuschauer in demselben
Raume als ruhig, so heisst ihm der Körper bewegt; stellt er sich (wenigstens in
Gedanken) in einem andern und jenen umfassenden Raum, in Ansehung dessen der
Körper gleichfalls ruhig ist, so heisst jener relative Raum bewegt. Also ist in
der Erfahrung (einer Erkenntnis, die das Objekt für alle Erscheinungen gültig
bestimmt) gar kein Unterschied zwischen der Bewegung des Körpers im relativen
Raume, oder der Ruhe des Körpers im absoluten und der entgegengesetzten gleichen
Bewegung des relativen Raums. Nun ist die Vorstellung eines Gegenstandes durch
eines von zweien Prädikaten, die in Ansehung des Objekts gleichgeltend sind und
sich nur in Ansehung des Subjekts und seiner Vorstellungsart von einander
unterscheiden, nicht die Bestimmung nach einem disjunktiven, sondern bloss die
Wahl nach einem alternativen Urteile (deren das erstere von zweien objektiv
entgegengesetzten Prädikaten eines mit Ausschliessung des Gegenteils, das andere
aber von objektiv zwar gleichgeltenden, subjektiv aber einander
entgegengesetzten Urteilen, ohne Ausschliessung des Gegenteils vom Objekt - also
durch blosse Wahl - eines zur Bestimmung desselben annimmt);7 das heisst: durch
den Begriff der Bewegung, als Gegenstandes der Erfahrung, ist es an sich
unbestimmt, mitin gleichgeltend, ob ein Körper im relativen Raume, oder dieser
in Ansehung jenes als bewegt vorgestellt werde. Nun ist dasjenige, was in
Ansehung zweier einander entgegengesetzter Prädikate an sich unbestimmt ist, so
fern bloss möglich. Also ist die geradlinichte Bewegung einer Materie im
empirischen Raume, zum Unterschiede von der entgegengesetzten gleichen Bewegung
des Raumes, in der Erfahrung ein bloss mögliches Prädikat; welches das erste war.
    Da ferner eine Relation, mitin auch eine Veränderung derselben, d.i.
Bewegung, nur so fern ein Gegenstand der Erfahrung sein kann, als beide
Korrelate Gegenstände der Erfahrung sind; der reine Raum aber, den man auch, im
Gegensatze gegen den relativen (empirischen), den absoluten Raum nennt, kein
Gegenstand der Erfahrung und überall nichts ist: so ist die geradlinichte
Bewegung ohne Beziehung auf irgend etwas Empirisches, d.i. die absolute
Bewegung, schlechterdings unmöglich, welches das zweite war.
                                   Anmerkung
    Dieser Lehrsatz bestimmt die Modalität der Bewegung in Ansehung der
Phoronomie.
                                   Lehrsatz 2
    Die Kreisbewegung einer Materie ist, zum Unterschiede von der
entgegengesetzten Bewegung des Raums, ein wirkliches Prädikat derselben; dagegen
ist die entgegengesetzte Bewegung eines relativen Raums, statt der Bewegung des
Körpers genommen, keine wirkliche Bewegung des letzteren, sondern, wenn sie
dafür gehalten wird, ein blosser Schein.
                                     Beweis
    Die Kreisbewegung ist (so wie jede krummlinichte) eine kontinuierliche
Veränderung der geradlinichten, und, da diese selbst eine kontinuierliche
Veränderung der Relation in Ansehung des äusseren Raumes ist, so ist die
Kreisbewegung eine Veränderung der Veränderung dieser äusseren Verhältnisse im
Raume, folglich ein kontinuierliches Entstehen neuer Bewegungen. Weil nun nach
dem Gesetze der Trägheit eine Bewegung, so fern sie entsteht, eine äussere
Ursache haben muss, gleichwohl aber der Körper in jedem Punkte dieses Kreises
(nach eben demselben Gesetze) für sich in der den Kreis berührenden geraden
Linie fortzugehen bestrebt ist, welche Bewegung jener äusseren Ursache
entgegenwirkt, so beweiset jeder Körper in der Kreisbewegung durch seine
Bewegung eine bewegende Kraft. Nun ist die Bewegung des Raumes, zum Unterschiede
der Bewegung des Körpers bloss phoronomisch, und hat keine bewegende Kraft.
Folglich ist das Urteil, dass hier entweder der Körper, oder der Raum, in
entgegengesetzter Richtung bewegt sei, ein disjunktives Urteil, durch welches,
wenn das eine Glied, nämlich die Bewegung des Körpers, gesetzt ist, das andere,
nämlich die des Raumes, ausgeschlossen wird; also ist die Kreisbewegung eines
Körpers, zum Unterschiede von der Bewegung des Raums, wirkliche Bewegung,
folglich die letztere, wenn sie gleich der Erscheinung nach mit der ersteren
übereinkommt, dennoch im Zusammenhange aller Erscheinungen, d.i. der möglichen
Erfahrung, dieser widerstreitend, also nichts als blosser Schein.
                                   Anmerkung
    Dieser Lehrsatz bestimmt die Modalität der Bewegung in Ansehung der Dynamik;
denn eine Bewegung, die nicht ohne den Einfluss einer kontinuierlich wirkenden
äussern bewegenden Kraft stattfinden kann, beweiset, mittelbar oder unmittelbar,
ursprüngliche Bewegkräfte der Materie, es sei der Anziehung oder Zurückstossung.
- Übrigens kann Newtons Scholium zu den Definitionen, die er seinen Princ. Phil.
Nat. Mat. vorangesetzt hat, gegen das Ende, hierüber nachgesehen werden, aus
welchem erhellet, dass die Kreisbewegung zweier Körper um einen
gemeinschaftlichen Mittelpunkt (mitin auch die Achsendrehung der Erde), selbst
im leeren Raume, also ohne alle durch Erfahrung mögliche Vergleichung mit dem
äusseren Raume, dennoch vermittelst der Erfahrung könne erkannt werden, dass also
eine Bewegung, die eine Veränderung der äusseren Verhältnisse im Raume ist,
empirisch gegeben werden könne, obgleich dieser Raum selbst nicht empirisch
gegeben und kein Gegenstand der Erfahrung ist, welches Paradoxon aufgelöset zu
werden verdient.
                                   Lehrsatz 3
    In jeder Bewegung eines Körpers, wodurch er in Ansehung eines anderen
bewegend ist, ist eine entgegengesetzte gleiche Bewegung des letzteren notwendig
.
                                     Beweis
    Nach dem dritten Gesetze der Mechanik (Lehrs. 4) ist die Mitteilung der
Bewegung der Körper nur durch die Gemeinschaft ihrer ursprünglich bewegenden
Kräfte und diese nur durch beiderseitige entgegengesetzte und gleiche Bewegung
möglich. Die Bewegung beider ist also wirklich. Da aber die Wirklichkeit dieser
Bewegung nicht (wie im zweiten Lehrsatze) auf dem Einflusse äusserer Kräfte
beruht, sondern aus dem Begriffe der Relation des Bewegten im Raume zu jedem
anderen dadurch Beweglichen unmittelbar und unvermeidlich folgt, so ist die
Bewegung des letzteren notwendig.
                                   Anmerkung
    Dieser Lehrsatz bestimmt die Modalität der Bewegung in Ansehung der
Mechanik. - Dass übrigens diese drei Lehrsätze die Bewegung der Materie in
Ansehung ihrer Möglichkeit, Wirklichkeit und Notwendigkeit, mitin in Ansehung
aller dreien Kategorien der Modalität bestimmen, fällt von selbst in die Augen.
                    Allgemeine Anmerkung zur Phänomenologie
    Es zeigen sich also hier drei Begriffe, deren Gebrauch in der allgemeinen
Naturwissenschaft unvermeidlich, deren genaue Bestimmung um deswillen notwendig,
obgleich eben nicht so leicht und fasslich ist, nämlich der Begriff der Bewegung
im relativen (beweglichen) Raume, zweitens der Begriff der Bewegung im absoluten
(unbeweglichen) Raume, drittens der Begriff der relativen Bewegung überhaupt,
zum Unterschiede von der absoluten. Allen wird der Begriff des absoluten Raumes
zum Grunde gelegt. Wie kommen wir aber zu diesem sonderbaren Begriffe, und
worauf beruht die Notwendigkeit seines Gebrauchs?
    Er kann kein Gegenstand der Erfahrung sein; denn der Raum ohne Materie ist
kein Objekt der Wahrnehmung, und dennoch ist er ein notwendiger Vernunftbegriff,
mitin nichts weiter, als eine blosse Idee. Denn, damit Bewegung auch nur als
Erscheinung gegeben werden könne, dazu wird eine empirische Vorstellung des
Raums, in Ansehung dessen das Bewegliche sein Verhältnis verändern soll,
erfodert, der Raum aber, der wahrgenommen werden soll, muss material, mitin, dem
Begriffe einer Materie überhaupt zu Folge, selbst beweglich sein. Um ihn nun
bewegt zu denken, darf man ihn nur als in einem Raume von grösserem Umfange
entalten denken und diesen als ruhig annehmen. Mit diesem aber lässt sie eben
dasselbe in Ansehung eines noch mehr erweiterten Raumes veranstalten und so ins
Unendliche, ohne jemals zu einem unbeweglichen (unmateriellen) Raume durch
Erfahrung zu gelangen, in Ansehung dessen irgend einer Materie schlechtin
Bewegung oder Ruhe beigelegt werden könne, sondern der Begriff dieser
Verhältnisbestimmungen wird beständig abgeändert werden müssen, nachdem man das
Bewegliche mit einem oder dem anderen dieser Räume in Verhältnis betrachten
wird. Da nun die Bedingung, etwas als ruhig oder bewegt anzusehen, im relativen
Raume ins Unendliche immer wiederum bedingt ist, so erhellet daraus erstlich:
dass alle Bewegung oder Ruhe bloss relativ und keine absolut sein könne, d.i. dass
Materie bloss in Verhältnis auf Materie, niemals aber in Ansehung des blossen
Raumes, ohne Materie, als bewegt oder ruhig gedacht werden könne, mitin
absolute Bewegung, d.i. eine solche, die ohne alle Beziehung einer Materie auf
eine andere gedacht wird, schlechtin unmöglich sei; zweitens, dass auch eben
darum kein für alle Erscheinung gültiger Begriff von Bewegung oder Ruhe im
relativen Raume möglich sei, sondern man sich einen Raum, in welchem dieser
selbst als bewegt gedacht werden könne, der aber seiner Bestimmung nach weiter
von keinem anderen empirischen Raume abhängt und daher nicht wiederum bedingt
ist, d.i. einen absoluten Raum, auf den alle relative Bewegungen bezogen werden
können, denken müsse, in welchem alles Empirische beweglich ist, eben darum,
damit in demselben alle Bewegung des Materiellen, als bloss relativ gegen
einander, als alternativ-wechselseitig8, keine aber als absolute Bewegung oder
Ruhe (da, indem das eine bewegt heisst, das andere, worauf in Beziehung jenes
bewegt ist, gleichwohl als schlechtin ruhig vorgestellt wird) gelten möge. Der
absolute Raum ist also nicht, als ein Begriff von einem wirklichen Objekt,
sondern als eine Idee, welche zur Regel dienen soll, alle Bewegung in ihm bloss
als relativ zu betrachten, notwendig, und alle Bewegung und Ruhe muss auf den
absoluten Raum reduziert werden, wenn die Erscheinung derselben in einen
bestimmten Erfahrungsbegriff (der alle Erscheinungen vereinigt) verwandelt
werden soll.
    So wird die geradlinichte Bewegung eines Körpers im relativen Raume auf den
absoluten Raum reduziert, wenn ich den Körper als an sich ruhig, jenen Raum aber
im absoluten (der nicht in die Sinne fällt) in entgegengesetzter Richtung
bewegt, und diese Vorstellung als diejenige denke, welche gerade dieselbe
Erscheinung gibt, wodurch denn alle mögliche Erscheinungen geradlinichter
Bewegungen, die ein Körper allenfalls zugleich haben mag, auf den
Erfahrungsbegriff, der sie insgesamt vereinigt, nämlich den der bloss relativen
Bewegung und Ruhe, zurückgeführt werden.
    Die Kreisbewegung, weil sie, nach dem zweiten Lehrsatze, auch ohne Beziehung
auf den äusseren empirisch-gegebenen Raum als wirkliche Bewegung in der Erfahrung
gegeben werden kann, scheint doch in der Tat absolute Bewegung zu sein. Denn die
relative, in Ansehung des äusseren Raums (z.B. die Achsendrehung der Erde relativ
auf die Sterne des Himmels), ist eine Erscheinung, an deren Stelle die
entgegengesetzte Bewegung dieses Raums (des Himmels) in derselben Zeit, als
jener völlig gleichgeltend, gesetzt werden kann, die aber nach diesem Lehrsatze
in der Erfahrung durchaus nicht an deren Stelle gesetzt werden darf, mitin auch
jene Kreisdrehung nicht als äusserlich relativ vorgestellt werden soll, welches
so lautet, als ob diese Art der Bewegung für absolut anzunehmen sei.
    Allein es ist wohl zu merken: dass hier von der wahren (wirklichen) Bewegung,
die doch nicht als solche erscheint, die also, wenn man sie bloss nach
empirischen Verhältnissen zum Raume beurteilen wollte, für Ruhe könnte gehalten
werden, d.i. von der wahren Bewegung, zum Unterschiede vom Schein, nicht aber
von ihr als absoluten Bewegung im Gegensatze der relativen die Rede sei, mitin
die Kreisbewegung, ob sie zwar in der Erscheinung keine Stellen-Veränderung,
d.i. keine phoronomische, des Verhältnisses des bewegten zum (empirischen) Raume
, zeigt, dennoch eine durch Erfahrung erweisliche kontinuierliche dynamische
Veränderung des Verhältnisses der Materie in ihrem Raume, z.B. eine beständige
Verminderung der Anziehung durch eine Bestrebung zu entfliehen, als Wirkung der
Kreisbewegung, zeige und dadurch den Unterschied derselben vom Schein sicher
bezeichne. Man kann sich z.B. die Erde im unendlichen leeren Raum als um die
Achse gedreht vorstellen, und diese Bewegung auch durch Erfahrung dartun,
obgleich weder das Verhältnis der Teile der Erde untereinander, noch zum Raume
ausser ihr, phoronomisch, d.i. in der Erscheinung verändert wird. Denn in
Ansehung des ersteren als empirischen Raumes verändert nichts auf und in der
Erde seine Stelle, und in Beziehung des zweiten, der ganz leer ist, kann überall
kein äusseres verändertes Verhältnis, mitin auch keine Erscheinung einer
Bewegung stattfinden. Allein, wenn ich mir eine zum Mittelpunkt der Erde
hingehende tiefe Höhle vorstelle, und lasse einen Stein darin fallen, finde
aber, dass, obzwar in jeder Weite vom Mittelpunkte die Schwere immer nach diesem
hingerichtet ist, der fallende Stein dennoch von seiner senkrechten Richtung im
Fallen kontinuierlich und zwar von West nach Ost abweiche, so schliesse ich, die
Erde sei von Abend gegen Morgen um die Achse gedreht. Oder wenn ich auch
ausserhalb den Stein von der Oberfläche der Erde weiter entferne, und er bleibt
nicht über demselben Punkte der Oberfläche, sondern entfernt sich von demselben
von Osten nach Westen, so werde ich auf eben dieselbe vorhergenannte
Achsendrehung der Erde schliessen und beiderlei Wahrnehmungen werden zum Beweise
der Wirklichkeit dieser Bewegung hinreichend sein, wozu die Veränderung des
Verhältnisses zum äusseren Raume (dem bestirnten Himmel) nicht hinreicht, weil
sie blosse Erscheinung ist, die von zwei in der Tat entgegengesetzten Gründen
herrühren kann und nicht ein aus dem Erklärungsgrunde aller Erscheinungen dieser
Veränderung abgeleitetes Erkenntnis, d.i. Erfahrung, ist. Dass aber diese
Bewegung, ob sie gleich keine Veränderung des Verhältnisses zum empirischen
Raume ist, dennoch keine absolute Bewegung, sondern kontinuierliche Veränderung
der Relationen der Materien zu einander, obzwar im absoluten Raume vorgestellt,
mitin wirklich nur relative und sogar darum allein wahre Bewegung sei, das
beruht auf der Vorstellung der wechselseitigen kontinuierlichen Entfernung eines
jeden Teils der Erde (ausserhalb der Achse) von jedem andern ihm in gleicher
Entfernung vom Mittelpunkte im Diameter gegenüber liegenden. Denn diese Bewegung
ist im absoluten Raume wirklich, indem dadurch der Abgang der gedachten
Entfernung, den die Schwere für sich allein dem Körper zuziehen würde, und zwar
ohne alle dynamische zurücktreibende Ursache (wie man aus dem von Newton Princ.
Ph. N. pag. 10. Edit. 17149 gewählten Beispiele ersehen kann), mitin durch
wirkliche, aber auf den innerhalb der bewegten Materie (nämlich des Zentrum
derselben) beschlossenen, nicht aber auf den äusseren Raum bezogene Bewegung,
kontinuierlich ersetzt wird.
    Was den Fall des dritten Lehrsatzes anlangt, so bedarf es, um die Wahrheit
der wechselseitig-entgegengesetzten und gleichen Bewegung beider Körper auch
ohne Rücksicht auf den empirischen Raum zu zeigen, nicht einmal des im zweiten
Fall nötigen durch Erfahrung gegebenen tätigen dynamischen Einflusses (der
Schwere, oder eines gespannten Fadens), sondern die blosse dynamische Möglichkeit
eines solchen Einflusses, als Eigenschaft der Materie (die Zurückstossung oder
Anziehung), führt, bei der Bewegung der einen, die gleiche und entgegengesetzte
Bewegung der andern zugleich mit sich, und zwar aus blossen Begriffen einer
relativen Bewegung, wenn sie im absoluten Raume, d.i. nach der Wahrheit
betrachtet wird, und ist daher, wie alles, was aus blossen Begriffen hinreichend
erweislich ist, ein Gesetz einer schlechterdings notwendigen Gegenbewegung.
    Es ist also auch keine absolute Bewegung, wenn gleich ein Körper im leeren
Raume in Ansehung eines anderen als bewegt gedacht wird; die Bewegung beider
wird hier nicht relativ auf den sie umgebenden Raum, sondern nur auf den
zwischen ihnen, welcher ihr äusseres Verhältnis unter einander allein bestimmt,
als den absoluten Raum betrachtet, und ist also wiederum nur relativ. Absolute
Bewegung würde also nur diejenige sein, die einem Körper ohne ein Verhältnis auf
irgend eine andere Materie zukäme. Eine solche wäre allein die geradlinichte
Bewegung des Weltganzen, d.i. des Systems aller Materie. Denn, wenn ausser einer
Materie noch irgend eine andere, selbst durch den leeren Raum getrennte Materie
wäre, so würde die Bewegung schon relativ sein. Um deswillen ist ein jeder
Beweis eines Bewegungsgesetzes, der darauf hinausläuft, dass das Gegenteil
desselben eine geradlinichte Bewegung des ganzen Weltgebäudes zur Folge haben
müsste, ein apodiktischer Beweis der Wahrheit desselben; bloss weil daraus
absolute Bewegung folgen würde, die schlechterdings unmöglich ist. Von der Art
ist das Gesetz des Antagonisms in aller Gemeinschaft der Materie durch Bewegung.
Denn eine jede Abweichung von demselben würde den gemeinschaftlichen Mittelpunkt
der Schwere aller Materie, mitin das ganze Weltgebäude aus der Stelle rücken,
welches dagegen, wenn man dieses sich als um seine Achse gedreht vorstellen
wollte, nicht geschehen würde, welche Bewegung also immer noch zu denken
möglich, obzwar anzunehmen, so viel man absehen kann, ganz ohne begreiflichen
Nutzen sein würde.
    Auf die verschiedenen Begriffe der Bewegung und bewegenden Kräfte haben auch
die verschiedenen Begriffe vom leeren Raume ihre Beziehung. Der leere Raum in
phoronomischer Rücksicht, der auch der absolute Raum heisst, sollte billig nicht
ein leerer Raum genannt werden; denn er ist nur die Idee von einem Raume, in
welchem ich von aller besonderen Materie, die ihn zum Gegenstande der Erfahrung
macht, abstrahiere, um in ihm den materiellen, oder jeden empirischen Raum noch
als beweglich und dadurch die Bewegung nicht bloss einseitig, als absolutes,
sondern jederzeit wechselseitig, als bloss relatives Prädikat zu denken, Er ist
also gar nichts, was zur Existenz der Dinge, sondern bloss zur Bestimmung der
Begriffe gehört und so fern existiert kein leerer Raum. Der leere Raum in
dynamischer Rücksicht ist der, der nicht erfüllet ist, d.i. worin dem Eindringen
des Beweglichen nichts anderes Bewegliches widersteht, folglich keine repulsive
Kraft wirkt, und er kann entweder der leere Raum in der Welt (vacuum mundanum),
oder, wenn diese als begrenzt vorgestellt wird, der leere Raum ausser der Welt
(vacuum extramundanum) sein; der erstere auch entweder als zerstreuter (vacuum
disseminatum, der nur einen Teil des Volumens der Materie ausmacht), oder als
gehäufter leerer Raum (vacuum coacervatum, der die Körper, z.B. Weltkörper, von
einander absondert) vorgestellt werden, welche Unterscheidung, da sie nur auf
den Unterschied der Plätze, die man dem leeren Raum in der Welt anweiset,
beruht, eben nicht wesentlich ist, aber doch in verschiedener Absicht gebraucht
wird, der erste, um den spezifischen Unterschied der Dichtigkeit, der zweite, um
die Möglichkeit einer von allem äusseren Widerstande freien Bewegung im Weltraume
davon abzuleiten. Dass den leeren Raum in der ersteren Absicht anzunehmen nicht
nötig sei, ist schon in der allgemeinen Anmerkung zur Dynamik gezeigt worden;
dass er aber unmöglich sei, kann aus seinem Begriffe allein, nach dem Satze des
Widerspruchs, keinesweges bewiesen werden. Gleichwohl, wenn hier auch kein bloss
logischer Grund der Verwerfung desselben anzutreffen wäre, könnte doch ein
allgemeiner physischer Grund, ihn aus der Naturlehre zu verweisen, nämlich der
von der Möglichkeit der Zusammensetzung einer Materie überhaupt, dasein, wenn
man die letztere nur besser einsähe. Denn, wenn die Anziehung, die man zur
Erklärung des Zusammenhanges der Materie annimmt, nur scheinbare, nicht wahre
Anziehung, vielmehr etwa bloss die Wirkung einer Zusammendrückung durch äussere im
Weltraume allentalben verbreitete Materie (den Äter), welche selbst nur durch
eine allgemeine und ursprüngliche Anziehung, nämlich die Gravitation, zu diesem
Drucke gebracht wird, sein sollte, welche Meinung manche Gründe für sich hat, so
würde der leere Raum innerhalb den Materien, wenn gleich nicht logisch, doch
dynamisch und also physisch unmöglich sein, weil jede Materie sich in die leeren
Raume, die man innerhalb derselben annähme (da ihrer expansiven Kraft hier
nichts widersteht), von selbst ausbreiten und sie jederzeit erfüllet erhalten
würde. Ein leerer Raum ausser der Welt würde, wenn man unter dieser den Inbegriff
aller vorzüglich attraktiven Materien (der grossen Weltkörper) versteht, aus eben
denselben Gründen unmöglich sein, weil nach dem Masse, als die Entfernung von
diesen zunimmt, auch die Anziehungskraft auf den Äter (der jene Körper alle
einschliesst und, von jener getrieben, sie in ihrer Dichtigkeit durch
Zusammendrückung erhält) in umgekehrtem Verhältnisse abnimmt, dieser also selbst
nur ins Unendliche an Dichtigkeit abnehmen, nirgend aber den Raum ganz leer
lassen würde. Dass es indessen mit dieser Wegschaffung des leeres Raums ganz
hypotetisch zugeht, darf niemand befremden; geht es doch mit der Behauptung
desselben nicht besser zu. Diejenige, welche diese Streitfrage dogmatisch zu
entscheiden wagen, sie mögen es bejahend oder verneinend tun, stützen sich
zuletzt auf lauter metaphysische Voraussetzungen, wie aus der Dynamik zu ersehen
ist, und es war wenigstens nötig, hier zu zeigen, dass diese über gedachte
Aufgabe gar nicht entscheiden können. Was drittens den leeren Raum in
mechanischer Absicht betrifft, so ist dieser das gehäufte Leere innerhalb dem
Weltganzen, um den Weltkörpern freie Bewegung zu verschaffen. Man sieht leicht,
dass die Möglichkeit oder Unmöglichkeit desselben nicht auf metaphysischen
Gründen, sondern dem schwer aufzuschliessenden Naturgeheimnisse, auf welche Art
die Materie ihrer eigenen ausdehnenden Kraft Schranken setze, beruhe.
Gleichwohl, wenn das, was in der Allgem. Anmerk. zur Dynamik von der ins
Unendliche möglichen grösseren Ausdehnung spezifisch verschiedener Stoffe, bei
derselben Quantität der Materie (ihrem Gewichte nach) gesagt worden, eingeräumt
wird, so möchte wohl, um der freien und dauernden Bewegung der Weltkörper
willen, einen leeren Raum anzunehmen unnötig sein, weil der Widerstand, selbst
bei gänzlich erfülleten Räumen, alsdenn doch so klein, als man will, gedacht
werden kann.
    
    Und so endigt sich die metaphysische Körperlehre mit dem Leeren und eben
darum Unbegreiflichen, worin sie einerlei Schicksal mit allen übrigen Versuchen
der Vernunft hat, wenn sie im Zurückgehen zu Prinzipien den ersten Gründen der
Dinge nachstrebt, da, weil es ihre Natur so mit sich bringt, niemals etwas
anders, als so fern es unter gegebenen Bedingungen bestimmt ist, zu begreifen,
folglich sie weder beim Bedingten stehen bleiben, noch sich das Unbedingte
fasslich machen kann, ihr, wenn Wissbegierde sie auffodert, das absolute Ganze
aller Bedingungen zu fassen, nichts übrig bleibt, als von den Gegenständen auf
sich selbst zurückzukehren, um, anstatt der letzten Grenze der Dinge, die letzte
Grenze ihres eigenen sich selbst überlassenen Vermögens zu erforschen und zu
bestimmen.
 
                                    Fussnoten
1 Wesen ist das erste innere Prinzip alles dessen, was zur Möglichkeit eines
Dinges gehört. Daher kann man den geometrischen Figuren (da in ihrem Begriffe
nichts, was ein Dasein ausdrückte, gedacht wird) nur ein Wesen, nicht aber eine
Natur beizulegen.
2 Nicht wider diese Tafel der reinen Verstandesbegriffe, sondern die daraus
gezogenen Schlüsse auf die Grenzbestimmung des ganzen reinen Vernunftvermögens,
mitin auch aller Metaphysik, finde ich in der Allgem. Litt. Zeit. Nr. 295, in
der Rezension der Institutiones Logicae et Metaph. des Herrn Prof. Ulrich
Zweifel, in welchen der tiefforschende Rezensent mit seinem nicht minder
prüfenden Verfasser übereinzukommen sich erklärt, und zwar Zweifel, die, weil
sie gerade das Hauptfundament meines in der Kritik aufgestellten Systems treffen
sollen, Ursache wären, dass dieses in Ansehung seines Hauptzieles noch lange
nicht diejenige apodiktische Überzeugung bei sich führe, welche zur Abnötigung
einer uneingeschränkten Annahme erfoderlich ist; dieses Hauptfundament sei
meine, teils dort, teils in den Prolegomenen, vorgetragene Deduktion der reinen
Verstandesbegriffe, die aber in dem Teile der Kritik, welcher gerade der
helleste sein müsste, am meisten dunkel wäre, oder wohl gar sich im Zirkel
herumdrehete etc. Ich richte meine Beantwortung dieser Einwürfe nur auf den
Hauptpunkt derselben, dass nämlich, ohne eine ganz klare und genugtuende
Deduktion der Kategorien, das System der Kritik der reinen Vernunft in seinem
Fundamente wanke. Dagegen behaupte ich, dass für denjenigen, der meine Sätze von
der Sinnlichkeit aller unserer Anschauung und der Zulänglichkeit der Tafel der
Kategorien, als von den logischen Funktionen in Urteilen überhaupt entlehnter
Bestimmungen unseres Bewusstseins, unterschreibt (wie dieses denn der Rezensent
tut), das System der Kritik apodiktische Gewissheit bei sich führen müsse, weil
dieses auf dem Satze erbauet ist: dass der ganze spekulative Gebrauch unserer
Vernunft niemals weiter als auf Gegenstände möglicher Erfahrung reiche. Denn,
wenn bewiesen werden kann: dass die Kategorien, deren sich die Vernunft in allem
ihrem Erkenntnis bedienen muss, gar keinen anderen Gebrauch, als bloss in
Beziehung auf Gegenstände der Erfahrung haben können (dadurch dass sie in dieser
bloss die Form des Denkens möglich machen), so ist die Beantwortung der Frage,
wie sie solche möglich machen, zwar wichtig genug, um diese Deduktion, wo
möglich, zu vollenden, aber in Beziehung auf den Hauptzweck des Systems, nämlich
die Grenzbestimmung der reinen Vernunft, keinesweges notwendig, sondern bloss
verdienstlich. Denn in dieser Absicht ist die Deduktion schon alsdenn weit genug
geführt, wenn sie zeigt, dass gedachte Kategorien nichts anders als blosse Formen
der Urteile sind, so fern sie auf Anschauungen (die bei uns immer nur sinnlich
sind) angewandt werden, dadurch aber allererst Objekte bekommen und Erkenntnisse
werden; weil dieses schon hinreicht, das ganze System der eigentlichen Kritik
darauf mit völliger Sicherheit zu gründen. So steht Newtons System der
allgemeinen Gravitäten fest, ob es gleich die Schwierigkeit bei sich führt, dass
man nicht erklären kann, wie Anziehung in die Ferne möglich sei; aber
Schwierigkeiten sind nicht Zweifel. Dass nun jenes Hauptfundament auch ohne
vollständige Deduktion der Kategorien fest stehe, beweise ich aus dem
Zugestandenen also:
1. Zugestanden: dass die Tafel der Kategorien alle reine Verstandesbegriffe
vollständig entalte und eben so alle formale Verstandeshandlungen in Urteilen,
von welchen sie abgeleitet und auch in nichts unterschieden sind, als dass durch
den Verstandesbegriff ein Objekt in Ansehung einer oder der andern Funktion der
Urteile als bestimmt gedacht wird (z.B. so wird in dem kategorischen Urteile:
der Stein ist hart, der Stein für Subjekt und hart als Prädikat gebraucht, so
doch, dass es dem Verstande unbenommen bleibt, die logische Funktion dieser
Begriffe umzutauschen und zu sagen: einiges Harte ist ein Stein; dagegen wenn
ich es mir im Objekte als bestimmt vorstelle, dass der Stein in jeder möglichen
Bestimmung eines Gegenstandes, nicht des blossen Begriffs, nur als Subjekt, die
Härte aber nur als Prädikat gedacht werden müsse, dieselbe logische Funktionen
nun reine Verstandesbegriffe von Objekten, nämlich als Substanz und Akzidens,
werden);
2. zugestanden: dass der Verstand durch seine Natur syntetische Grundsätze a
priori bei sich führe, durch die er alle Gegenstände, die ihm gegeben werden
mögen, jenen Kategorien unterwirft, mitin es auch Anschauungen a priori geben
müsse, welche die zur Anwendung jener reinen Verstandesbegriffe erfoderliche
Bedingungen entalten, weil ohne Anschauung kein Objekt, in Ansehung dessen die
logische Funktion als Kategorie bestimmt werden könnte, mitin auch keine
Erkenntnis irgend eines Gegenstandes und also auch ohne reine Anschauung kein
Grundsatz, der sie a priori in dieser Absicht bestimmte, stattfindet;
3. zugestanden: dass diese reine Anschauungen niemals etwas anders, als blosse
Formen der Erscheinungen äusserer oder des innern Sinnes (Raum und Zeit),
folglich nur allein der Gegenstände möglicher Erfahrungen sein können;
so folgt: dass aller Gebrauch der reinen Vernunft niemals worauf anders, als auf
Gegenstände der Erfahrung gehen könne, und, weil in Grundsätzen a priori nichts
Empirisches die Bedingung sein kann, sie nichts weiter als Prinzipien der
Möglichkeit der Erfahrung überhaupt sein können. Dieses allein ist das wahre und
hinlängliche Fundament der Grenzbestimmung der reinen Vernunft, aber nicht die
Auflösung der Aufgabe: wie nun Erfahrung vermittelst jener Kategorien und nur
allein durch dieselbe möglich sei. Die letztere Aufgabe, obgleich auch ohne sie
das Gebäude fest steht, hat indessen grosse Wichtigkeit, und, wie ich es jetzt
einsehe, eben so grosse Leichtigkeit, da sie beinahe durch einen einzigen Schluss
aus der genau beistimmten Definition eines Urteils überhaupt (einer Handlung,
durch die gegebene Vorstellungen zuerst Erkenntnisse eines Objekts werden)
verrichtet werden kann. Die Dunkelheit, die in diesem Teile der Deduktion meinen
vorigen Verhandlungen anhängt, und die ich nicht in Abrede ziehe, ist dem
gewöhnlichen Schicksale des Verstandes im Nachforschen beizumessen, dem der
kürzeste Weg gemeiniglich nicht der erste ist, den er gewahr wird. Daher ich die
nächste Gelegenheit ergreifen werde, diesen Mangel (welcher auch nur die Art der
Darstellung, nicht den dort schon richtig angegebenen Erklärungsgrund, betrifft)
zu ergänzen, ohne dass der scharfsinnige Rezensent in die ihm gewiss selbst
unangenehm fallende Notwendigkeit versetzt werden darf, wegen der befremdlichen
Einstimmung der Erscheinungen zu den Verstandesgesetzen, ob diese gleich von
jenen ganz verschiedene Quellen haben, zu einer prästabilierten Harmonie seine
Zuflucht zu nehmen; einem Rettungsmittel, welches weit schlimmer wäre, als das
Übel, dawider es helfen soll, und das dagegen doch wirklich nichts helfen kann.
Denn auf diese kommt doch jene objektive Notwendigkeit nicht heraus, welche die
reinen Verstandesbegriffe (und die Grundsätze ihrer Anwendung auf Erscheinungen)
charakterisiert, z.B. in dem Begriffe der Ursache in Verknüpfung mit der
Wirkung, sondern alles bleibt bloss subjektiv-notwendige, objektiv aber bloss
zufällige Zusammenstellung, gerade wie es Hume will, wenn er sie blosse Täuschung
aus Gewohnheit nennt. Auch kann kein System in der Welt diese Notwendigkeit wo
anders herleiten, als aus den a priori zum Grunde liegenden Prinzipien der
Möglichkeit des Denkens selbst, wodurch allein die Erkenntnis der Objekte, deren
Erscheinung uns gegeben ist, d.i. Erfahrung, möglich wird, und gesetzt, die Art,
wie Erfahrung dadurch allererst möglich werde, könnte niemals hinreichend
erklärt werden, so bleibt es doch unwidersprechlich gewiss, dass sie bloss durch
jene Begriffe möglich, und jene Begriffe umgekehrt auch in keiner anderen
Beziehung, als auf Gegenstände der Erfahrung, einer Bedeutung und irgend eines
Gebrauchs fähig sind.
3 Gloriatur geometria, quod tam paucis principiis aliunde petitis tam multa
praestet. Newton, Princ. Phil. Nat. Mat. Praefat.
4 Es ist unmöglich, nach Linien, die sich strahlenweise aus einem Punkte
ausbreiten, Flächen in gegebenen Entfernungen als mit der Wirkung derselben, sie
sei Erleuchtung oder Anziehung, ganz erfüllt vorzustellen. So würde bei solchen
auslaufenden Lichtstrahlen die geringere Erleuchtung einer entferneten Fläche
bloss darauf beruhen, dass zwischen den erleuchteten Stellen unerleuchtete, und
diese desto grösser, je weiter die Fläche entfernt, übrig bleiben. Eulers
Hypotese vermeidet diese Unschicklichkeit, hat aber freilich desto mehr
Schwierigkeit, die geradlinichte Bewegung des Lichts begreiflich zu machen.
Diese Schwierigkeit aber rührt von einer gar wohl vermeidlichen matematischen
Vorstellung der Lichtmaterie, als einer Anhäufung von Kügelchen her, die
freilich, nach ihrer verschiedentlich schiefen Lage gegen die Richtung des
Stosses, Seitenbewegung des Lichts geben würde, da an dessen Statt nichts
hindert, diese Materie als ein ursprünglich Flüssiges und zwar durch und durch,
ohne in feste Körperchen zerteilt zu sein, zu denken. Will der Matematiker die
Abnahme des Lichts bei zunehmender Entfernung anschaulich machen, so bedient er
sich auslaufender Zirkelstrahlen, um auf der Kugelfläche ihrer Verbreitung die
Grösse des Raumes, darin dieselbe Quantität des Lichts zwischen diesen
Zirkelstrahlen gleichförmig verbreitet werden soll, mitin die Verringerung des
Grades der Erleuchtung darzustellen; er will aber nicht, dass man diese Strahlen
als die einzig erleuchtenden ansehen solle, gleich als ob immer lichtleere
Plätze, die bei grösserer Weite grösser würden, zwischen ihnen anzutreffen wären.
Will man jede solcher Flächen als durchaus erleuchtet sich vorstellen, so muss
dieselbe Quantität der Erleuchtung, die die kleinere bedeckt, auf der grösseren
als gleichförmig gedacht werden, und müssen also, um die geradlinichte Richtung
anzuzeigen, von der Fläche und allen ihren Punkten zu dem leuchtenden gerade
Linien gezogen werden. Die Wirkung und ihre Grösse muss vorher gedacht sein und
darauf die Ursache verzeichnet werden. Eben dieses gilt von den
Anziehungsstrahlen, wenn man sie so nennen will, ja von allen Richtungen der
Kräfte, die, von einem Punkte aus, einen Raum, und wäre er auch ein
körperlicher, erfüllen sollen.
5 In der Phoronomie, da die Bewegung eines Körpers bloss in Ansehung des Raums,
als Veränderung der Relation in demselben, betrachtet wurde, war es ganz
gleichgültig, ob ich den Körper im Raume, oder, an statt dessen, dem relativen
Raume eine gleiche aber entgegengesetzte Bewegung zugestehen wollte; beides gab
völlig einerlei Erscheinung. Die Quantität der Bewegung des Raums war bloss die
Geschwindigkeit, und daher die des Körpers gleichfalls nichts als seine
Geschwindigkeit (weswegen er als ein blosser beweglicher Punkt betrachtet werden
konnte). In der Mechanik aber, da ein Körper in Bewegung gegen einen anderen
betrachtet wird, gegen den er durch seine Bewegung ein Kausalverhältnis hat,
nämlich das, ihn selbst zu bewegen, indem es entweder bei seiner Annäherung
durch die Kraft der Undurchdringlichkeit, oder seiner Entfernung durch die Kraft
der Anziehung, mit ihm in Gemeinschaft kommt, da ist es nicht mehr gleichgültig,
ob ich einem dieser Körper, oder dem Raume eine entgegengesetzte Bewegung
zueignen will. Denn nunmehro kommt ein anderer Begriff der Quantität der
Bewegung ins Spiel, nämlich nicht derjenigen, die bloss in Ansehung des Raumes
gedacht wird und allein in der Geschwindigkeit besteht, sondern derjenigen,
wobei zugleich die Quantität der Substanz (als bewegende Ursache) in Anschlag
gebracht werden muss, und es ist hier nicht mehr beliebig, sondern notwendig,
jeden der beiden Körper als bewegt anzunehmen, und zwar mit gleicher Quantität
der Bewegung in entgegengesetzter Richtung; wenn aber der eine relative in
Ansehung des Raumes in Ruhe ist, ihm die erfoderliche Bewegung zusamt dem Raume
beizulegen. Denn einer kann auf den anderen durch seine eigene Bewegung nicht
wirken, als entweder bei der Annäherung vermittelst der Zurückstossungskraft,
oder bei der Entfernung vermittelst der Anziehung. Da beide Kräfte nun jederzeit
beiderseitig in entgegengesetzten Richtungen und gleich wirken, so kann kein
Körper vermittelst ihrer durch seine Bewegung auf einen anderen wirken, ohne
gerade so viel, als der andere mit gleicher Quantität der Bewegung
entgegenwirkt. Also kann kein Körper einem schlechtinruhigen durch seine
Bewegung Bewegung erteilen, sondern dieser muss gerade mit derselben Quantität
der Bewegung (zusamt dem Raume) in entgegengesetzter Richtung bewegt sein, als
diejenige ist, die er durch die Bewegung des ersteren und in der Richtung
desselben erhalten soll. - Der Leser wird leicht inne werden, dass, unerachtet
des etwas Ungewöhnlichen, welches diese Vorstellungsart der Mitteilung der
Bewegung an sich hat, sie sich dennoch in das helleste Licht stellen lasse, wenn
man die Weitläuftigkeit der Erläuterung nicht scheuet.
6 Die Gleichheit der Wirkung mit der in diesem Falle fälschlich sogenannten
Gegenwirkung kommt eben so wohl heraus, wenn man, bei der Hypotese der
Transfusion der Bewegungen aus einem Körper in den anderen, den bewegten Körper
A dem ruhigen in einem Augenblicke seine ganze Bewegung überliefern lässt, so,
dass er nach dem Stosse selber ruhe, welcher Fall unausbleiblich war, so bald man
beide Körper als absolut-hart (welche Eigenschaft von der Elastizität
unterschieden werden muss) dachte. Da dieses Bewegungsgesetz aber weder mit der
Erfahrung, noch mit sich selbst in der Anwendung zusammenstimmen wollte, so
wusste man sich nicht anders zu helfen, als dadurch, dass man die Existenz
absolut-harter Körper leugnete, welches so viel hiess, als die Zufälligkeit
dieses Gesetzes zugestehen, indem es auf der besonderen Qualität der Materie
beruhen sollte, die einander bewegen. In unserer Darstellung dieses Gesetzes ist
es dagegen ganz einerlei, ob man die Körper, die einander stossen, absolut-hart
oder nicht denken will. Wie aber die Transfusionisten der Bewegung die Bewegung
elastischer Körper durch den Stoss nach ihrer Art erklären wollen, ist mir ganz
unbegreiflich. Denn da ist klar, dass der ruhende Körper nicht als bloss ruhend
Bewegung bekomme, die der stossende einbüsst, sondern, dass er im Stosse wirkliche
Kraft in entgegengesetzter Richtung gegen den stossenden ausübe, um gleichsam die
Feder zwischen beiden zusammen zu drücken, welches von seiner Seite eben so wohl
wirkliche Bewegung (aber in entgegengesetzter Richtung) erfodert, als der
bewegende Körper seiner Seits dazu nötig hat.
7 Von diesem Unterschiede der disjunktiven und alternativen Entgegensetzung ein
Mehreres in der allgemeinen Anmerkung zu diesem Hauptstücke.
8 In der Logik bezeichnet das Entweder-Oder jederzeit ein disjunktives Urteil;
da denn, wenn das eine wahr ist, das andere falsch sein muss. Z.B. ein Körper ist
entweder bewegt, oder nicht bewegt, d.i. in Ruhe. Denn man redet da lediglich
von dem Verhältnis des Erkenntnisses zum Objekte. In der Erscheinungslehre, wo
es auf das Verhältnis zum Subjekt ankommt, um darnach das Verhältnis der Objekte
zu bestimmen, ist es anders. Denn da ist der Satz: der Körper ist entweder
bewegt und der Raum ruhig, oder umgekehrt, nicht ein disjunktiver Satz in
objektiver, sondern nur in subjektiver Beziehung, und beide darin entaltene
Urteile gelten alternativ. In eben derselben Phänomenologie, wo die Bewegung
nicht bloss phoronomisch, sondern vielmehr dynamisch betrachtet wird, ist dagegen
der disjunktive Satz in objektiver Bedeutung zu nehmen; d.i. an die Stelle der
Umdrehung eines Körpers kann ich nicht die Ruhe desselben und dagegen die
entgegengesetzte Bewegung des Raums annehmen. Wo aber die Bewegung sogar
mechanisch betrachtet wird (wie wenn ein Körper gegen einen dem Scheine nach
ruhigen anläuft), ist sogar das der Form nach disjunktive Urteil in Ansehung des
Objekts distributiv zu gebrauchen, so dass die Bewegung nicht entweder dem einen
oder dem andern, sondern einem jeden ein gleicher Anteil daran beigelegt werden
muss. Diese Unterscheidung der alternativen, disjunktiven und distributiven
Bestimmung eines Begriffs, in Ansehung entgegengesetzter Prädikate, hat ihre
Wichtigkeit, kann aber hier nicht weiter erörtert werden.
9 Er sagt daselbst: Motus quidem veros corporum singulorum cognoscere et ab
apparentibus actu discriminare difficillimum est: propterea, quod partes spatii
illius immobilis, in quo corpora vere moventur, non incurrunt in sensus. Causa
tamen non est prorsus desparata. Hierauf lasst er zwei durch einen Faden
verknüpfte Kugeln sich um ihren gemeinschaftlichen Schwerpunkt im leeren Raume
drehen, und zeigt, wie die Wirklichkeit ihrer Bewegung samt der Richtung
derselben dennoch durch Erfahrung könne gefunden werden. Ich habe dieses auch an
der um ihre Achse bewegten Erde unter etwas veränderten Umständen zu zeigen
gesucht.
 
    