
        
                             
                                 Immanuel Kant
       Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik
                           velut aegri somnia, vanae
                               Finguntur species.
                                                                            Hor.
 
          Ein Vorbericht der sehr wenig vor die Ausführung verspricht
    Das Schattenreich ist das Paradies der Phantasten. Hier finden sie ein
unbegrenztes Land, wo sie sich nach Belieben anbauen können. Hypochondrische
Dünste, Ammenmärchen und Klosterwunder lassen es ihnen an Bauzeug nicht
ermangeln. Die Philosophen zeichnen den Grundriss und andern ihn wiederum, oder
verwerfen ihn, wie ihre Gewohnheit ist. Nur das heilige Rom hat daselbst
einträgliche Provinzen; die zwei Kronen des unsichtbaren Reichs stützen die
dritte, als das hinfällige Diadem seiner irdischen Hoheit, und die Schlüssel,
welche die beide Pforten der andern Welt auftun, öffnen zugleich sympatetisch
die Kasten der gegenwärtigen. Dergleichen Rechtsame des Geisterreichs, in so
fern es durch die Gründe der Staatsklugheit bewiesen ist, erheben sich weit über
alle ohnmächtige Einwürfe der Schulweisen, und ihr Gebrauch oder Missbrauch ist
schon zu ehrwürdig, als dass er sich einer so verworfenen Prüfung auszusetzen
nötig hätte. Allein die gemeine Erzählungen, die so viel Glauben finden und
wenigstens so schlecht bestritten sind, weswegen laufen die so ungenützt oder
ungeahndet umher, und schleichen sich selbst in die Lehrverfassungen ein, ob sie
gleich den Beweis vom Vorteil hergenommen (argumentum ab utili) nicht vor sich
haben, welcher der überzeugendste unter allen ist? Welcher Philosoph hat nicht
einmal, zwischen den Beteuerungen eines vernünftigen und festüberredeten
Augenzeugen und der inneren Gegenwehr eines unüberwindlichen Zweifels, die
einfältigste Figur gemacht, die man sich vorstellen kann? Soll er die
Richtigkeit aller solcher Geistererscheinungen gänzlich ableugnen? Was kann er
vor Gründe anführen, sie zu widerlegen?
    Soll er auch nur eine einzige dieser Erzählungen als wahrscheinlich
einräumen? wie wichtig wäre ein solches Geständnis, und in welche erstaunliche
Folgen sieht man hinaus, wenn auch nur eine solche Begebenheit als bewiesen
vorausgesetzet werden könnte? Es ist wohl noch ein dritter Fall übrig, nämlich
sich mit dergleichen vorwitzigen oder müssigen Fragen gar nicht zu bemengen und
sich an das Nützliche zu halten. Weil dieser Anschlag aber vernünftig ist, so
ist er jederzeit von gründlichen Gelehrten durch die Mehrheit der Stimmen
verworfen worden.
    Da es eben so wohl ein dummes Vorurteil ist, von vielem, das mit einigem
Schein der Wahrheit erzählt wird, ohne Grund nichts zu glauben, als von dem, was
das gemeine Gerüchte sagt, ohne Prüfung alles zu glauben, so liess sich der
Verfasser dieser Schrift, um dem ersten Vorurteile auszuweichen, zum Teil von
dem letzteren fortschleppen. Er bekennet mit einer gewissen Demütigung, dass er
so treuherzig war, der Wahrheit einiger Erzählungen von der erwähnten Art
nachzuspüren. Er fand - - - wie gemeiniglich, wo man nichts zu suchen hat - - -
er fand nichts. Nun ist dieses wohl an sich selbst schon eine hinlängliche
Ursache, ein Buch zu schreiben; allein es kam noch dasjenige hinzu, was
bescheidenen Verfassern schon mehrmalen Bücher abgedrungen hat, das ungestüme
Anhalten bekannter und unbekannter Freunde. Überdem war ein grosses Werk gekauft,
und, welches noch schlimmer ist, gelesen worden, und diese Mühe sollte nicht
verloren sein. Daraus entstand nun die gegenwärtige Abhandlung, welche, wie man
sich schmeichelt, den Leser nach der Beschaffenheit der Sache völlig befriedigen
soll, indem er das Vornehmste nicht verstehen, das andere nicht glauben, das
übrige aller belachen wird.
 
                     Der erste Teil welcher dogmatisch ist
                               Erstes Hauptstück.
  Ein verwickelter metaphysischer Knoten, den man nach Belieben auflösen oder
                                  abhauen kann
    Wenn alles dasjenige, was von Geistern der Schulknabe herbetet, der grosse
Haufe erzählt, und der Philosoph demonstriert, zusammen genommen wird, so
scheinet es keinen kleinen Teil von unserm Wissen auszumachen. Nichts
destoweniger getraue ich mich zu behaupten, dass, wenn es jemand einfiele, sich
bei der Frage etwas zu verweilen: was denn das eigentlich vor ein Ding sei,
wovon man unter dem Namen eines Geistes so viel zu verstehen glaubt, er alle
diese Vielwisser in die beschwerlichste Verlegenheit versetzen würde. Das
metodische Geschwätz der hohen Schulen ist oftmals nur ein Einverständnis,
durch veränderliche Wortbedeutungen einer schwer zu lösenden Frage auszuweichen,
weil das bequeme und mehrenteils vernünftige: Ich weiss nicht, auf Akademien
nicht leichtlich gehöret wird. Gewisse neuere Weltweisen, wie sie sich gerne
nennen lassen, kommen sehr leicht über diese Frage hinweg. Ein Geist, heisst es,
ist ein Wesen, welches Vernunft hat. So ist es denn also keine Wundergabe,
Geister zu sehen; denn wer Menschen sieht, der sieht Wesen, die Vernunft haben.
Allein, fährt man fort, dieses Wesen, was im Menschen Vernunft hat, ist nur ein
Teil vom Menschen, und dieser Teil, der ihn belebt, ist ein Geist. Wohlan denn:
ehe ihr also beweiset, dass nur ein geistiges Wesen Vernunft haben könne, so
sorget doch, dass ich zuvörderst verstehe, was ich mir unter einem geistigen
Wesen vor einen Begriff zu machen habe. Diese Selbsttäuschung, ob sie gleich
grob genug ist, um mit halb offenen Augen bemerkt zu werden, ist doch von sehr
begreiflichem Ursprunge. Denn wovon man frühzeitig als ein Kind sehr viel weiss,
davon ist man sicher, später hin und im Alter nichts zu wissen, und der Mann der
Gründlichkeit wird zuletzt höchstens der Sophiste seines Jugendwahnes.
    Ich weiss also nicht, ob es Geister gebe, ja, was noch mehr ist, ich weiss
nicht einmal, was das Wort Geist bedeute. Da ich es indessen oft selbst
gebraucht oder andere habe brauchen hören, so muss doch etwas darunter verstanden
werden, es mag nun dieses Etwas ein Hirngespinst oder was Wirkliches sein. Um
diese versteckte Bedeutung auszuwickeln, so halte ich meinen schlecht
verstandenen Begriff an allerlei Fälle der Anwendung, und dadurch, dass ich
bemerke, auf welchen er trifft und welchem er zuwider ist, verhoffe ich, dessen
verborgenen Sinn zu entfalten.1
    Nehmet etwa einen Raum von einem Kubikfuss und setzet, es sei etwas, das
diesen Raum erfüllt, d.i. dem Eindringen jedes andern Dinges widerstehet, so
wird niemand das Wesen, was auf solche Weise im Raum ist, geistig nennen. Es
würde offenbar materiell heissen, weil es ausgedehnt, undurchdringlich und, wie
alles Körperliche, der Teilbarkeit und den Gesetzen des Stosses unterworfen ist.
Bis dahin sind wir noch auf dem gebähnten Gleise anderer Philosophen. Allein
denket euch ein einfaches Wesen, und gebet ihm zugleich Vernunft; wird dies
alsdenn die Bedeutung des Wortes Geist gerade ausfüllen? Damit ich dieses
entdecke, so will ich die Vernunft dem besagten einfachen Wesen als eine innere
Eigenschaft lassen, vorjetzo es aber nur in äusseren Verhältnissen betrachten.
Und nunmehro frage ich: wenn ich diese einfache Substanz in jenen Raum vom
Kubikfuss, der voll Materie ist, setzen will, wird alsdenn ein einfaches Element
derselben den Platz räumen müssen, damit ihn dieser Geist erfülle? meint ihr,
ja? wohlan, so wird der gedachte Raum, um einen zweiten Geist einzunehmen, ein
zweites Elementarteilchen verlieren müssen und so wird endlich, wenn man
fortfährt, ein Kubikfuss Raum von Geistern erfüllet sein, deren Klumpe eben so
wohl durch Undurchdringlichkeit widerstehet, als wenn er voll Materie wäre, und,
eben so wie diese, der Gesetze des Stosses fähig sein muss. Nun würden aber
dergleichen Substanzen, ob sie gleich in sich Vernunftkraft haben mögen, doch
äusserlich von den Elementen der Materie gar nicht unterschieden sein, bei denen
man auch nur die Kräfte ihrer äusseren Gegenwart kennet und, was zu ihren inneren
Eigenschaften gehören mag, gar nicht weiss. Es ist also ausser Zweifel, dass eine
solche Art einfacher Substanzen nicht geistige Wesen heissen würden, davon
Klumpen zusammengeballet werden könnten. Ihr werdet also den Begriff eines
Geistes nur beibehalten können, wenn ihr euch Wesen gedenkt, die so gar in einem
von Materie erfüllten Raume gegenwärtig sein können;2 Wesen also, welche die
Eigenschaft der Undurchdringlichkeit nicht an sich haben, und deren so viele,
als man auch will, vereinigt niemals ein solides Ganze ausmachen. Einfache Wesen
von dieser Art werden immaterielle Wesen und, wenn sie Vernunft haben, Geister
genannt werden. Einfache Substanzen aber, deren Zusammensetzung ein
undurchdringliches und ausgedehntes Ganze gibt, werden materielle Einheiten, ihr
Ganzes aber Materie heissen. Entweder der Name eines Geistes ist ein Wort ohne
allen Sinn, oder seine Bedeutung ist die angezeigte.
    Von der Erklärung, was der Begriff eines Geistes entalte, ist der Schritt
noch ungemein weit zu dem Satze, dass solche Naturen wirklich, ja auch nur
möglich sein. Man findet in den Schriften der Philosophen recht gute Beweise,
darauf man sich verlassen kann: dass alles, was da denkt, einfach sein müsse, dass
eine jede vernünftigdenkende Substanz eine Einheit der Natur sei, und das
unteilbare Ich nicht könne in einem Ganzen von viel verbundenen Dingen verteilt
sein. Meine Seele wird also eine einfache Substanz sein. Aber es bleibt durch
diesen Beweis noch immer unausgemacht, ob sie von der Art derjenigen sei, die in
dem Raume vereinigt ein ausgedehntes und undurchdringliches Ganze geben und also
materiell, oder ob sie immateriell und folglich ein Geist sei, ja so gar, ob
eine solche Art Wesen als diejenige, so man geistige nennet, nur möglich sei.
    Und hiebei kann ich nicht umhin, vor übereilte Entscheidungen zu warnen,
welche in den tiefsten und dunkelsten Fragen sich am leichtesten eindringen. Was
nämlich zu den gemeinen Erfahrungsbegriffen gehört, das pflegt man gemeiniglich
so anzusehen, als ob man auch seine Möglichkeit einsehe. Dagegen was von ihnen
abweicht und durch keine Erfahrung auch nicht einmal der Analogie nach
verständlich gemacht werden kann, davon kann man sich freilich keinen Begriff
machen, und darum pflegt man es gerne als unmöglich sofort zu verwerfen. Alle
Materie widerstehet in dem Raume ihrer Gegenwart und heisst darum
undurchdringlich. Dass dieses geschehe, lehrt die Erfahrung, und die Abstraktion
von dieser Erfahrung bringt in uns auch den allgemeinen Begriff der Materie
hervor. Dieser Widerstand aber, den etwas in dem Raume seiner Gegenwart leistet,
ist auf solche Weise wohl erkannt, allein darum nicht begriffen. Denn es ist
derselbe, so wie alles, was einer Tätigkeit entgegenwirkt, eine wahre Kraft,
und, da ihre Richtung derjenigen entgegen steht, wornach die fortgezogne Linien
der Annäherung zielen, so ist sie eine Kraft der Zurückstossung, welche der
Materie und folglich auch ihren Elementen muss beigeleget werden. Nun wird sich
ein jeder Vernünftiger bald bescheiden, dass hier die menschliche Einsicht zu
Ende sei. Denn nur durch die Erfahrung kann man inne werden, dass Dinge der Welt,
welche wir materiell nennen, eine solche Kraft haben, niemals aber die
Möglichkeit derselben begreifen. Wenn ich nun Substanzen anderer Art setze, die
mit andern Kräften im Raume gegenwärtig sein als mit jener treibenden Kraft,
deren Folge die Undurchdringlichkeit ist, so kann ich freilich eine Tätigkeit
derselben, welche keine Analogie mit meinen Erfahrungsvorstellungen hat, gar
nicht in concreto denken, und indem ich ihnen die Eigenschaft nehme, den Raum,
in dem sie wirken, zu erfüllen, so stehet mir ein Begriff ab, wodurch mir
sonsten die Dinge denklich sein, welche in meine Sinne fallen, und es muss daraus
notwendig eine Art von Undenklichkeit entspringen. Allein diese kann darum nicht
als eine erkannte Unmöglichkeit angesehen werden, eben darum, weil das Gegenteil
seiner Möglichkeit nach gleichfalls uneingesehen bleiben wird, ob zwar dessen
Wirklichkeit in die Sinne fällt.
    Man kann demnach die Möglichkeit immaterieller Wesen annehmen ohne Besorgnis
widerlegt zu werden, wiewohl auch ohne Hoffnung, diese Möglichkeit durch
Vernunftgründe beweisen zu können. Solche geistige Naturen würden im Raume
gegenwärtig sein, so dass derselbe dem ungeachtet vor körperliche Wesen immer
durchdringlich bliebe, weil ihre Gegenwart wohl eine Wirksamkeit im Raume, aber
nicht dessen Erfüllung, d.i. einen Widerstand als den Grund der Solidität
entielte. Nimmt man nun eine solche einfache geistige Substanz an, so würde man
unbeschadet ihrer Unteilbarkeit sagen können: dass der Ort ihrer unmittelbaren
Gegenwart nicht ein Punkt, sondern selbst ein Raum sei. Denn um die Analogie zu
Hülfe zu rufen, so müssen notwendig selbst die einfachen Elemente der Körper ein
jegliches ein Räumchen in dem Körper erfüllen, der ein proportionierter Teil
seiner ganzen Ausdehnung ist, weil Punkte gar nicht Teile sondern Grenzen des
Raumes sind. Da diese Erfüllung des Raumes vermittelst einer wirksamen Kraft
(der Zurückstossung) geschieht und also nur einen Umfang der grösseren Tätigkeit,
nicht aber eine Vielheit der Bestandteile des wirksamen Subjekts anzeigt, so
widerstreitet sie gar nicht der einfachen Natur derselben, obgleich freilich die
Möglichkeit hievon nicht weiter kann deutlich gemacht werden, welches niemals
bei den ersten Verhältnissen der Ursachen und Wirkungen angeht. Eben so wird mir
zum wenigsten keine erweisliche Unmöglichkeit entgegen stehen, obschon die Sache
selbst unbegreiflich bleibt, wenn ich behaupte: dass eine geistige Substanz, ob
sie gleich einfach ist, dennoch einen Raum einnehme (d.i. in ihm unmittelbar
tätig sein könne), ohne ihn zu erfüllen (d.i. materiellen Substanzen darin
Widerstand zu leisten). Auch würde eine solche immaterielle Substanz nicht
ausgedehnt genannt werden müssen, so wenig wie es die Einheiten der Materie
sind; denn nur dasjenige, was abgesondert von allem und vor sich allein
existierend einen Raum einnimmt, ist ausgedehnt; die Substanzen aber, welche
Elemente der Materie sind, nehmen einen Raum nur durch die äussere Wirkung in
andere ein, vor sich besonders aber, wo keine andre Dinge in Verknüpfung mit
ihnen gedacht werden, und da in ihnen selbst auch nichts aussereinander
Befindliches anzutreffen ist, entalten sie keinen Raum. Dieses gilt von
Körperelementen. Dieses würde auch von geistigen Naturen gelten. Die Grenzen der
Ausdehnung bestimmen die Figur. An ihnen würde also keine Figur gedacht werden
können. Dieses sind schwer einzusehende Gründe der vermuteten Möglichkeit
immaterieller Wesen in dem Weltganzen. Wer im Besitze leichterer Mittel ist, die
zu dieser Einsicht führen können, der versage seinen Unterricht einem
Lehrbegierigen nicht, vor dessen Augen im Fortschritt der Untersuchung sich
öfters Alpen erheben, wo andere einen ebenen und gemächlichen Fusssteig vor sich
sehen, den sie fortwandern oder zu wandern glauben.
    Gesetzt nun, man hätte bewiesen, die Seele des Menschen sei ein Geist
(wiewohl aus dem vorigen zu sehen ist, dass ein solcher Beweis noch niemals
geführet worden), so würde die nächste Frage die man tun könnte etwa diese sein:
Wo ist der Ort dieser menschlichen Seele in der Körperwelt? Ich würde antworten:
derjenige Körper, dessen Veränderungen meine Veränderungen sein, dieser Körper
ist mein Körper, und der Ort desselben ist zugleich mein Ort. Setzet man die
Frage weiter fort, wo ist denn dein Ort (der Seele) in diesem Körper? so würde
ich etwas Verfängliches in dieser Frage vermuten. Denn man bemerkt leicht, dass
darin etwas schon vorausgesetzet werde, was nicht durch Erfahrung bekannt ist,
sondern vielleicht auf eingebildeten Schlüssen beruhet: nämlich dass mein
denkendes Ich in einem Orte sei, der von den Örtern anderer Teile desjenigen
Körpers, der zu meinem Selbst gehöret, unterschieden wäre. Niemand aber ist sich
eines besondern Orts in seinem Körper unmittelbar bewusst, sondern desjenigen,
den er als Mensch in Ansehung der Welt umher einnimmt. Ich würde mich also an
der gemeinen Erfahrung halten und vorläufig sagen: wo ich empfinde, da bin ich.
Ich bin eben so unmittelbar in der Fingerspitze wie in dem Kopfe. Ich bin es
selbst, der in der Ferse leidet und welchem das Herz im Affekte klopft. Ich
fühle den schmerzhaften Eindruck nicht an einer Gehirnnerve, wenn mich mein
Leichdorn peinigt, sondern am Ende meiner Zehen. Keine Erfahrung lehrt mich,
einige Teile meiner Empfindung von mir vor entfernt zu halten, mein unteilbares
Ich in ein mikroskopisch kleines Plätzchen des Gehirnes zu versperren, um von da
aus den Hebezeug meiner Körpermaschine in Bewegung zu setzen, oder dadurch
selbst getroffen zu werden. Daher würde ich einen strengen Beweis verlangen, um
dasjenige ungereimt zu finden, was die Schullehrer sagten: meine Seele ist ganz
im ganzen Körper und ganz in jedem seiner Teile. Der gesunde Verstand bemerkt
oft die Wahrheit eher, als er die Gründe einsiehet, dadurch er sie beweisen oder
erläutern kann. Der Einwurf würde mich auch nicht gänzlich irre machen, wenn man
sagte, dass ich auf solche Art die Seele ausgedehnt und durch den ganzen Körper
verbreitet gedächte, so ohngefähr wie sie den Kindern in der gemalten Welt
abgebildet wird. Denn ich würde diese Hindernis dadurch wegräumen, dass ich
bemerkte: die unmittelbare Gegenwart in einem ganzen Raume beweise nur eine
Sphäre der äusseren Wirksamkeit, aber nicht eine Vielheit innerer Teile, mitin
auch keine Ausdehnung oder Figur, als welche nur statt finden, wenn in einem
Wesen vor sich allein gesetzt ein Raum ist, d.i. Teile anzutreffen sind, die
sich ausserhalb einander befinden. Endlich würde ich entweder dieses wenige von
der geistigen Eigenschaft meiner Seele wissen, oder, wenn man es nicht
einwilligte, auch zufrieden sein, davon gar nichts zu wissen.
    Wollte man diesen Gedanken die Unbegreiflichkeit, oder, welches bei den
meisten vor einerlei gilt, ihre Unmöglichkeit vorrücken, so könnte ich es auch
geschehen lassen. Alsdenn würde ich mich zu den Füssen dieser Weisen
niederlassen, um sie also reden zu hören. Die Seele des Menschen hat ihren Sitz
im Gehirne, und ein unbeschreiblich kleiner Platz in demselben ist ihr
Aufentalt.3 Daselbst empfindet sie wie die Spinne im Mittelpunkte ihres
Gewebes. Die Nerven des Gehirnes stossen oder erschüttern sie, dadurch
verursachen sie aber, dass nicht dieser unmittelbare Eindruck, sondern der, so
auf ganz entlegene Teile des Körpers geschieht, jedoch als ein ausserhalb dem
Gehirne gegenwärtiges Objekt vorgestellt wird. Aus diesem Sitze bewegt sie auch
die Seile und Hebel der ganzen Maschine, und verursacht willkürliche Bewegungen
nach ihrem Belieben. Dergleichen Sätze lassen sich nur sehr seichte, oder gar
nicht beweisen, und, weil die Natur der Seele im Grunde nicht bekannt gnug ist,
auch nur eben so schwach widerlegen. Ich würde also mich in keine Schulgezänke
einlassen, wo gemeiniglich beide Teile alsdenn am meisten zu sagen haben, wenn
sie von ihrem Gegenstande gar nichts verstehen; sondern ich würde lediglich den
Folgerungen nachgehen, auf die mich eine Lehre von dieser Art leiten kann. Weil
also nach denen mir angepriesenen Sätzen meine Seele, in der Art wie sie im
Raume gegenwärtig ist, von jedem Element der Materie nicht unterschieden wäre,
und die Verstandeskraft eine innere Eigenschaft ist, welche ich in diesen
Elementen doch nicht wahrnehmen könnte, wenn gleich selbige in ihnen allen
angetroffen würde, so könnte kein tauglicher Grund angeführet werden, weswegen
nicht meine Seele eine von den Substanzen sei, welche die Materie ausmachen, und
warum nicht ihre besondere Erscheinungen lediglich von dem Orte herrühren
sollten, den sie in einer künstlichen Maschine, wie der tierische Körper ist,
einnimmt, wo die Nervenvereinigung der inneren Fähigkeit des Denkens und der
Willkür zu statten kommt. Alsdenn aber würde man kein eigentümliches Merkmal der
Seele mehr mit Sicherheit erkennen, welches sie von dem rohen Grundstoffe der
körperlichen Naturen unterschiede, und Leibnizens scherzhafter Einfall, nach
welchem wir vielleicht im Kaffee Atomen verschluckten, woraus Menschenseelen
werden sollen, wäre nicht mehr ein Gedanke zum Lachen. Würde aber auf solchen
Fall dieses denkende Ich nicht dem gemeinen Schicksale materieller Naturen
unterworfen sein, und, wie es durch den Zufall aus dem Chaos aller Elemente
gezogen worden, um eine tierische Maschine zu beleben, warum sollte es, nachdem
diese zufällige Vereinigung aufgehöret hat, nicht auch künftig dahin wiederum
zurückkehren? Es ist bisweilen nötig, den Denker, der auf unrechtem Wege ist,
durch die Folgen zu erschrecken, damit er aufmerksamer auf die Grundsätze werde,
durch welche er sich gleichsam träumend hat fortführen lassen.
    Ich gestehe, dass ich sehr geneigt sei, das Dasein immaterieller Naturen in
der Welt zu behaupten, und meine Seele selbst in die Klasse dieser Wesen zu
versetzen.4 Alsdenn aber: wie geheimnisvoll wird nicht die Gemeinschaft zwischen
einem Geiste und einem Körper? aber wie natürlich ist nicht zugleich diese
Unbegreiflichkeit, da unsere Begriffe äusserer Handlungen von denen der Materie
abgezogen worden und jederzeit mit den Bedingungen des Druckes oder Stosses
verbunden sein, die hier nicht statt finden? Denn wie sollte wohl eine
immaterielle Substanz der Materie im Wege liegen, damit diese in ihrer Bewegung
auf einen Geist stosse, und wie können körperliche Dinge Wirkungen auf ein
fremdes Wesen ausüben, das ihnen nicht Undurchdringlichkeit entgegen stellet,
oder welches sie auf keine Weise hindert, sich in demselben Raume, darin es
gegenwärtig ist, zugleich zu befinden? Es scheinet, ein geistiges Wesen sei der
Materie innigst gegenwärtig, mit der es verbunden ist, und würke nicht auf
diejenige Kräfte der Elemente, womit diese untereinander in Verhältnissen sein.
sondern auf das innere Principium ihres Zustandes. Denn eine jede Substanz,
selbst ein einfaches Element der Materie muss doch irgend eine innere Tätigkeit
als den Grund der äusserlichen Wirksamkeit haben, wenn ich gleich nicht anzugeben
weiss, worin solche bestehe.5 Anderer Seits würde bei solchen Grundsätzen die
Seele auch in diesen inneren Bestimmungen als Wirkungen den Zustand des
Universum anschauend erkennen, der die Ursache derselben ist. Welche
Notwendigkeit aber verursache, dass ein Geist und ein Körper zusammen Eines
ausmache, und welche Gründe bei gewissen Zerstörungen diese Einheit wiederum
aufheben, diese Fragen übersteigen nebst verschiedenen andern sehr weit meine
Einsicht, und wie wenig ich auch sonst dreiste bin, meine Verstandesfähigkeit an
den Geheimnissen der Natur zu messen, so bin ich gleichwohl zuversichtlich gnug,
keinen noch so fürchterlich ausgerüsteten Gegner zu scheuen (wenn ich sonsten
einige Neigung zum Streiten hätte), um in diesem Falle mit ihm den Versuch der
Gegengründe im Widerlegen zu machen, der bei den Gelehrten eigentlich die
Geschicklichkeit ist, einander das Nichtwissen zu demonstrieren.
 
                              Zweites Hauptstück.
 Ein Fragment der geheimen Philosophie, die Gemeinschaft mit der Geisterwelt zu
                                    eröffnen
    Der Initiat hat schon den groben und an den äusserlichen Sinnen klebenden
Verstand zu höhern und abgezogenen Begriffen gewöhnt, und nun kann er geistige
und von körperlichen Zeuge entüllete Gestalten in derjenigen Dämmerung sehen,
womit das schwache Licht der Metaphysik das Reich der Schatten sichtbar macht.
Wir wollen daher, nach der beschwerlichen Vorbereitung welche überstanden ist,
uns auf den gefährlichen Weg wagen.
 Ibant obscuri sola sub nocte per umbras,
 Perque domos Ditis vacuas et inania regna.
                                                                      Virgilius.
    Die tote Materie, welche den Weltraum erfüllet, ist ihrer eigentümlichen
Natur nach im Stande der Trägheit und der Beharrlichkeit in einerlei Zustande,
sie hat Solidität, Ausdehnung und Figur, und ihre Erscheinungen, die auf allen
diesen Gründen beruhen, lassen eine physische Erklärung zu, die zugleich
matematisch ist und zusammen mechanisch genannt wird. Wenn man anderer Seits
seine Achtsamkeit auf diejenige Art Wesen richtet, welche den Grund des Lebens
in dem Weltganzen entalten, die um deswillen nicht von der Art sein, dass sie
als Bestandteile den Klumpen und die Ausdehnung der leblosen Materie vermehren,
noch von ihr nach den Gesetzen der Berührung und des Stosses leiden, sondern
vielmehr durch innere Tätigkeit sich selbst und überdem den toten Stoff der
Natur rege machen, so wird man, wo nicht mit der Deutlichkeit einer
Demonstration, doch wenigstens mit der Vorempfindung eines nicht ungeübten
Verstandes, sich von dem Dasein immaterieller Wesen überredet finden, deren
besondere Wirkungsgesetze pneumatisch, und, so ferne die körperliche Wesen
Mittelursachen ihrer Wirkungen in der materiellen Welt sein, organisch genannt
werden. Da diese immaterielle Wesen selbsttätige Prinzipien sind, mitin
Substanzen und vor sich bestehende Naturen, so ist diejenige Folge, auf die man
zunächst gerät, diese: dass sie untereinander unmittelbar vereinigt vielleicht
ein grosses Ganze ausmachen mögen, welches man die immateriale Welt (mundus
intelligibilis) nennen kann. Denn mit welchem Grunde der Wahrscheinlichkeit
wollte man wohl behaupten, dass dergleichen Wesen von einander ähnlicher Natur
nur vermittelst anderer (körperlichen Dinge) von fremder Beschaffenheit in
Gemeinschaft stehen könnten, indem dieses letztere noch viel rätselhafter als
das erste ist?
    Diese immaterielle Welt kann also als ein vor sich bestehendes Ganze
angesehen werden, deren Teile untereinander in wechselseitiger Verknüpfung und
Gemeinschaft stehen, auch ohne Vermittelung körperlicher Dinge, so dass dieses
letztere Verhältnis zufällig ist und nur einigen zukommen darf, ja, wo sie auch
angetroffen wird, nicht hindert, dass nicht eben die immaterielle Wesen, welche
durch die Vermittelung der Materie ineinander wirken, ausser diesem noch in einer
besondern und durchgängigen Verbindung stehen, und jederzeit untereinander als
immaterielle Wesen wechselseitige Einflüsse ausüben, so dass das Verhältnis
derselben vermittelst der Materie nur zufällig und auf einer besonderen
göttlichen Anstalt beruhet, jene hingegen natürlich und unauflöslich ist.
    Indem man denn auf solche Weise alle Prinzipien des Lebens in der ganzen
Natur, als so viel unkörperliche Substanzen untereinander in Gemeinschaft, aber
auch zum Teil mit der Materie vereinigt, zusammennimmt, so gedenkt man sich ein
grosses Ganze der immateriellen Welt; eine unermessliche aber unbekannte
Stufenfolge von Wesen und tätigen Naturen, durch welche der tote Stoff der
Körperwelt allein belebt wird. Bis auf welche Glieder aber der Natur Leben
ausgebreitet sei, und welche diejenigen Grade desselben sein, die zunächst an
die völlige Leblosigkeit grenzen, ist vielleicht unmöglich jemals mit Sicherheit
auszumachen. Der Hylozoismus belebt alles, der Materialismus dagegen, wenn er
genau erwogen wird, tötet alles. Maupertuis mass den organischen Nahrungsteilchen
aller Tiere den niedrigsten Grad Leben bei; andere Philosophen sehen an ihnen
nichts als tote Klumpen, welche nur dienen, den Hebezeug der tierischen
Maschinen zu vergrössern. Das ungezweifelte Merkmal des Lebens an dem, was in
unsere äussere Sinne fällt, ist wohl die freie Bewegung, die da blicken lässt, dass
sie aus Willkür entsprungen sei; allein der Schluss ist nicht sicher, dass, wo
dieses Merkmal nicht angetroffen wird, auch kein Grad des Lebens befindlich sei.
Boerhaave sagt an einem Orte: Das Tier ist eine Pflanze, die ihre Wurzel im
Magen (inwendig) hat. Vielleicht könnte ein anderer eben so ungetadelt mit
diesen Begriffen spielen und sagen: Die Pflanze ist ein Tier, das seinen Magen
in der Wurzel (äusserlich) hat. Daher auch den letzteren die Organen der
willkürlichen Bewegung und mit ihnen die äusserliche Merkmale des Lebens fehlen
können, die doch den ersteren notwendig sind, weil ein Wesen, welches die
Werkzeuge seiner Ernährung in sich hat, sich selbst seiner Bedürfnis gemäss muss
bewegen können, dasjenige aber, an welchem dieselbe ausserhalb und in dem
Elemente seiner Unterhaltung eingesenkt sind, schon gnugsam durch äussere Kräfte
erhalten wird, und, wenn es gleich ein Principium des inneren Lebens in der
Vegetation entält, doch keine organische Einrichtung zur äusserlichen
willkürlichen Tätigkeit bedarf. Ich verlange nichts von allem diesen auf
Beweisegründen, denn ausserdem, dass ich sehr wenig zum Vorteil von dergleichen
Mutmassungen würde zu sagen haben, so haben sie noch als bestäubte veraltete
Grillen den Spott der Mode wider sich. Die Alten glaubten nämlich dreierlei Art
vom Leben annehmen zu können, das pflanzenartige, das tierische und das
vernünftige. Wenn sie die drei immaterielle Prinzipien derselben in dem Menschen
vereinigten, so möchten sie wohl Unrecht haben, wenn sie aber solche unter die
dreierlei Gattungen der wachsenden und ihres Gleichen erzeugenden Geschöpfe
verteileten, so sagten sie freilich wohl etwas Unerweisliches, aber darum noch
nicht Ungereimtes, vornehmlich in dem Urteile desjenigen, der das besondere
Leben der von einigen Tieren abgetrenneten Teile, die Irritabilität, diese so
wohl erwiesene, aber auch zugleich so unerklärliche Eigenschaft der Fasern eines
tierischen Körpers und einiger Gewächse, und endlich die nahe Verwandtschaft der
Polypen und anderer Zoophyten mit den Gewächsen in Betracht ziehen wollte.
Übrigens ist die Berufung auf immaterielle Prinzipien eine Zuflucht der faulen
Philosophie, und darum auch die Erklärungsart in diesem Geschmacke nach aller
Möglichkeit zu vermeiden, damit diejenigen Gründe der Welterscheinungen, welche
auf den Bewegungsgesetzen der blossen Materie beruhen, und welche auch einzig und
allein der Begreiflichkeit fähig sein, in ihrem ganzen Umfange erkannt werden.
Gleichwohl bin ich überzeugt, dass Stahl, welcher die tierische Veränderungen
gerne organisch erklärt, oftmals der Wahrheit näher sei, als Hofmann, Boerhaave
u.a.m., welche die immaterielle Kräfte aus dem Zusammenhange lassen, sich an die
mechanische Gründe halten, und hierin einer mehr philosophischen Metode folgen,
die wohl bisweilen fehlt, aber mehrmalen zutrifft, und die auch allein in der
Wissenschaft von nützlicher Anwendung ist, wenn anderseits von dem Einflusse der
Wesen von unkörperlicher Natur höchstens nur erkannt werden kann, dass er da sei,
niemals aber, wie er zugehe und wie weit sich seine Wirksamkeit erstrecke.
    So würde denn also die immaterielle Welt zuerst alle erschaffene
Intelligenzen, deren einige mit der Materie zu einer Person verbunden sein
andere aber nicht, in sich befassen, überdem die empfindende Subjekte in allen
Tierarten, und endlich alle Prinzipien des Lebens, welche sonst noch in der
Natur wo sein mögen, ob dieses sich gleich durch keine äusserliche Kennzeichen
der willkürlichen Bewegung offenbarete. Alle diese immaterielle Naturen, sage
ich, sie mögen nun ihre Einflüsse in der Körperwelt ausüben oder nicht, alle
vernünftige Wesen, deren zufälliger Zustand tierisch ist, es sei hier auf der
Erde oder in andern Himmelskörpern, sie mögen den rohen Zeug der Materie jetzt
oder künftig beleben, oder ehedem belebt haben, würden nach diesen Begriffen in
einer ihrer Natur gemässen Gemeinschaft stehen, die nicht auf den Bedingungen
beruht, wodurch die Verhältnis der Körper eingeschränkt ist, und wo die
Entfernung der Örter oder der Zeitalter, welche in der sichtbaren Welt die grosse
Kluft ausmacht, die alle Gemeinschaft aufhebt, verschwindet. Die menschliche
Seele würde daher schon in dem gegenwärtigen Leben als verknüpft mit zweien
Welten zugleich müssen angesehen werden, von welchen sie, so ferne sie zu
persönlicher Einheit mit einem Körper verbunden ist, die materielle allein klar
empfindet, dagegen als ein Glied der Geisterwelt die reine Einflüsse
immaterieller Naturen empfängt und erteilet, so dass, so bald jene Verbindung
aufgehört hat, die Gemeinschaft, darin sie jederzeit mit geistigen Naturen
stehet, allein übrig bleibt, und sich ihrem Bewusstsein zum klaren Anschauen
eröffnen müsste.6
    Es wird mir nach gerade beschwerlich, immer die behutsame Sprache der
Vernunft zu führen. Warum sollte es mir nicht auch erlaubt sein, im akademischen
Tone zu reden, der entscheidender ist, und so wohl den Verfasser als den Leser
des Nachdenkens überhebt, welches über lang oder kurz beide nur zu einer
verdriesslichen Unentschlossenheit führen muss. Es ist demnach so gut als
demonstriert, oder, es könnte leichtlich bewiesen werden, wenn man weitläuftig
sein wollte, oder noch besser, es wird künftig, ich weiss nicht wo oder wenn,
noch bewiesen werden: dass die menschliche Seele auch in diesem Leben in einer
unauflöslich verknüpften Gemeinschaft mit allen immateriellen Naturen der
Geisterwelt stehe, dass sie wechselweise in diese wirke und von ihnen Eindrücke
empfange, deren sie sich aber als Mensch nicht bewusst ist, so lange alles wohl
steht. Andererseits ist es auch wahrscheinlich, dass die geistige Naturen
unmittelbar keine sinnliche Empfindung von der Körperwelt mit Bewusstsein haben
können, weil sie mit keinem Teil der Materie zu einer Person verbunden sein, um
sich vermittelst desselben ihres Orts in dem materiellen Weltganzen, und durch
künstliche Organen der Verhältnis der ausgedehnten Wesen, gegen sich und gegen
einander bewusst zu werden, dass sie aber wohl in die Seelen der Menschen als
Wesen von einerlei Natur einfliessen können, und auch wirklich jederzeit mit ihr
in wechselseitiger Gemeinschaft stehen, doch so, dass in der Mitteilung der
Vorstellungen diejenige, welche die Seele als ein von der Körperwelt abhängendes
Wesen in sich entält, nicht in andern geistigen Wesen, und die Begriffe der
letzteren, als anschauende Vorstellungen von immateriellen Dingen, nicht in das
klare Bewusstsein des Menschen übergehen können, wenigstens nicht in ihrer
eigentlichen Beschaffenheit, weil die Materialien zu beiderlei Ideen von
verschiedener Art sind.
    Es würde schön sein, wenn eine dergleichen systematische Verfassung der
Geisterwelt, als wir sie vorstellen, nicht lediglich aus dem Begriffe von der
geistigen Natur überhaupt, der gar zu sehr hypotetisch ist, sondern aus irgend
einer wirklichen und allgemein zugestandenen Beobachtung könnte geschlossen,
oder auch nur wahrscheinlich vermutet werden. Daher wage ich es, auf die
Nachsicht des Lesers einen Versuch von dieser Art hier einzuschalten, der zwar
etwas ausser meinem Wege liegt, und auch von der Evidenz weit gnug entfernet ist,
gleichwohl aber zu nicht unangenehmen Vermutungen Anlass zu geben scheinet.
                                     * * *
    Unter den Kräften, die das menschliche Herz bewegen, scheinen einige der
mächtigsten ausserhalb demselben zu liegen, die also nicht etwa als blosse Mittel
sich auf die Eigennützigkeit und Privatbedürfnis, als auf ein Ziel, das
innerhalb dem Menschen selbst liegt, beziehen, sondern welche machen, dass die
Tendenzen unserer Regungen den Brennpunkt ihrer Vereinigung ausser uns in andere
vernünftige Wesen versetzen; woraus ein Streit zweier Kräfte entspringt, nämlich
der Eigenheit, die alles auf sich beziehet, und der Gemeinnützigkeit, dadurch
das Gemüt gegen andere ausser sich getrieben oder gezogen wird. Ich halte mich
bei dem Triebe nicht auf, vermöge dessen wir so stark und so allgemein am
Urteile anderer hängen, und fremde Billigung oder Beifall zur Vollendung des
unsrigen von uns selbst so nötig zu sein erachten, woraus, wenn gleich bisweilen
ein übelverstandener Ehrenwahn entspringt, dennoch selbst in der
uneigennützigsten und wahrhaftesten Gemütsart ein geheimer Zug verspürt wird,
dasjenige, was man vor sich selbst als gut oder wahr erkennt, mit dem Urteil
anderer zu vergleichen, um beide einstimmig zu machen, imgleichen eine jede
menschliche Seele auf dem Erkenntniswege gleichsam anzuhalten, wenn sie einen
andern Fusssteig zu gehen scheint, als den wir eingeschlagen haben, welches alles
vielleicht eine empfundene Abhängigkeit unserer eigenen Urteile vom allgemeinen
menschlichen Verstande ist, und ein Mittel wird, dem Ganzen denkender Wesen eine
Art von Vernunfteinheit zu verschaffen.
    Ich übergehe aber diese sonst nicht unerhebliche Betrachtung, und halte mich
vor jetzt an eine andere, welche einleuchtender und beträchtlicher ist, so viel
es unsere Absicht betrifft. Wenn wir äussere Dinge auf unsere Bedürfnis beziehen,
so können wir dieses nicht tun, ohne uns zugleich durch eine gewisse Empfindung
gebunden und eingeschränkt zu fühlen, die uns merken lässt, dass in uns gleichsam
ein fremder Wille wirksam sei, und unser eigen Belieben die Bedingung von
äusserer Beistimmung nötig habe. Eine geheime Macht nötiget uns, unsere Absicht
zugleich auf anderer Wohl oder nach fremder Willkür zu richten, ob dieses gleich
öfters ungern geschieht, und der eigennützigen Neigung stark widerstreitet, und
der Punkt, wohin die Richtungslinien unserer Triebe zusammenlaufen, ist also
nicht bloss in uns, sondern es sind noch Kräfte, die uns bewegen, in dem Wollen
anderer ausser uns. Daher entspringen die sittlichen Antriebe, die uns oft wider
den Dank des Eigennutzes fortreissen, das starke Gesetz der Schuldigkeit und das
schwächere der Gütigkeit, deren jede uns manche Aufopferung abdringt, und ob
gleich beide dann und wann durch eigennützige Neigungen überwogen werden, doch
nirgend in der menschlichen Natur ermangeln, ihre Wirklichkeit zu äussern.
Dadurch sehen wir uns in den geheimsten Beweggründen abhängig von der Regel des
allgemeinen Willens, und es entspringt daraus in der Welt aller denkenden
Naturen eine moralische Einheit und systematische Verfassung nach bloss geistigen
Gesetzen. Will man diese in uns empfundene Nötigung unseres Willens zur
Einstimmung mit dem allgemeinen Willen das sittliche Gefühl nennen, so redet man
davon nur als von einer Erscheinung dessen, was in uns wirklich vorgeht, ohne
die Ursachen derselben auszumachen. So nannte Newton das sichere Gesetz der
Bestrebungen aller Materie, sich einander zu nähern, die Gravitation derselben,
indem er seine matematische Demonstrationen nicht in eine verdriessliche
Teilnehmung an philosophischen Streitigkeiten verflechten wollte, die sich über
die Ursache derselben eräugnen könnten. Gleichwohl trug er kein Bedenken, diese
Gravitation als eine wahre Wirkung einer allgemeinen Tätigkeit der Materie
ineinander zu behandeln, und gab ihr daher auch den Namen der Anziehung. Sollte
es nicht möglich sein, die Erscheinung der sittlichen Antriebe in den denkenden
Naturen, wie solche sich auf einander wechselsweise beziehen, gleichfalls als
die Folge einer wahrhaftig tätigen Kraft, dadurch geistige Naturen ineinander
einfliessen, vorzustellen, so dass das sittliche Gefühl diese empfundene
Abhängigkeit des Privatwillens vom allgemeinen Willen wäre, und eine Folge der
natürlichen und allgemeinen Wechselwirkung, dadurch die immaterielle Welt ihre
sittliche Einheit erlangt, indem sie sich nach den Gesetzen dieses ihr eigenen
Zusammenhanges zu einem System von geistiger Vollkommenheit bildet? Wenn man
diesen Gedanken so viel Scheinbarkeit zugesteht als erforderlich ist, um die
Mühe zu verdienen, sie an ihren Folgen zu messen, so wird man vielleicht durch
den Reiz derselben unvermerkt in einige Parteilichkeit gegen sie verflochten
werden. Denn es scheinen in diesem Falle die Unregelmässigkeiten mehrenteils zu
verschwinden, die sonsten bei dem Widerspruch der moralischen und physischen
Verhältnisse der Menschen hier auf der Erde so befremdlich in die Augen fallen.
Alle Moralität der Handlungen kann nach der Ordnung der Natur niemals ihre
vollständige Wirkung in dem leiblichen Leben des Menschen haben, wohl aber in
der Geisterwelt nach pneumatischen Gesetzen. Die wahre Absichten, die geheime
Beweggründe vieler aus Ohnmacht fruchtlosen Bestrebungen, der Sieg über sich
selbst, oder auch bisweilen die verborgene Tücke bei scheinbarlich guten
Handlungen, sind mehrenteils vor den physischen Erfolg in dem körperlichen
Zustande verloren, sie würden aber auf solche Weise in der immateriellen Welt
als fruchtbare Gründe angesehen werden müssen, und in Ansehung ihrer nach
pneumatischen Gesetzen zu Folge der Verknüpfung des Privatwillens und des
allgemeinen Willens, d.i. der Einheit und des Ganzen der Geisterwelt, eine der
sittlichen Beschaffenheit der freien Willkür angemessene Wirkung ausüben oder
auch gegenseitig empfangen. Denn weil das Sittliche der Tat den inneren Zustand
des Geistes betrifft, so kann es auch natürlicher Weise nur in der unmittelbaren
Gemeinschaft der Geister die der ganzen Moralität adäquate Wirkung nach sich
ziehen. Dadurch würde es nun geschehen, dass die Seele des Menschen schon in
diesem Leben, dem sittlichen Zustande zufolge, ihre Stelle unter den geistigen
Substanzen des Universum einnehmen müsste, so wie nach den Gesetzen der Bewegung
die Materie des Weltraums sich in solche Ordnung gegeneinander setzen, die ihren
Körperkräften gemäss ist.7 Wenn denn endlich durch den Tod die Gemeinschaft der
Seele mit der Körperwelt aufgehoben worden, so würde das Leben in der andern
Welt nur eine natürliche Fortsetzung derjenigen Verknüpfung sein, darin sie mit
ihr schon in diesem Leben gestanden war, und die gesamte Folgen der hier
ausgeübten Sittlichkeit würden sich dort in denen Wirkungen wieder finden, die
ein mit der ganzen Geisterwelt in unauflöslicher Gemeinschaft stehendes Wesen
schon vorher daselbst nach pneumatischen Gesetzen ausgeübt hat. Die Gegenwart
und die Zukunft würden also gleichsam aus einem Stücke sein, und ein stetiges
Ganze ausmachen, selbst nach der Ordnung der Natur. Dieser letztere Umstand ist
von besonderer Erheblichkeit. Denn in einer Vermutung nach blossen Gründen der
Vernunft ist es eine grosse Schwierigkeit, wenn man, um den Übelstand zu heben,
der aus der unvollendeten Harmonie zwischen der Moralität und ihren Folgen in
dieser Welt entspringt, zu einem ausserordentlichen göttlichen Willen seine
Zuflucht nehmen muss; weil, so wahrscheinlich auch das Urteil über denselben nach
unseren Begriffen von der göttlichen Weisheit sein mag, immer ein starker
Verdacht übrig bleibt, dass die schwache Begriffe unseres Verstandes vielleicht
auf den Höchsten sehr verkehrt übertragen worden, da des Menschen Obliegenheit
nur ist, von dem göttlichen Willen zu urteilen aus der Wohlgereimteit, die er
wirklich in der Welt wahrnimmt, oder welche er nach der Regel der Analogie,
gemäss der Naturordnung, darin vermuten kann, nicht aber nach dem Entwurfe seiner
eigenen Weisheit, den er zugleich dem göttlichen Willen zur Vorschrift macht,
befugt ist, neue und willkürliche Anordnungen in der gegenwärtigen oder
künftigen Welt zu ersinnen.
                                     * * *
    Wir lenken nunmehr unsere Betrachtung wiederum in den vorigen Weg ein, und
nähern uns dem Ziele, welches wir uns vorgesetzt hatten. Wenn es sich mit der
Geisterwelt und dem Anteile, den unsere Seele an ihr hat, so verhält, wie der
Abriss, den wir erteilten, ihn vorstellt: so scheinet fast nichts befremdlicher
zu sein, als dass die Geistergemeinschaft nicht eine ganz allgemeine und
gewöhnliche Sache ist, und das Ausserordentliche betrifft fast mehr die
Seltenheit der Erscheinungen, als die Möglichkeit derselben. Diese Schwierigkeit
lässt sich indessen ziemlich gut heben, und ist zum Teil auch schon gehoben
worden. Denn die Vorstellung, die die Seele des Menschen von sich selbst als
einem Geiste durch ein immaterielles Anschauen hat, indem sie sich in Verhältnis
gegen Wesen von ähnlicher Natur betrachtet, ist von derjenigen ganz verschieden,
da ihr Bewusstsein sich selbst als einen Menschen vorstellt, durch ein Bild, das
seinen Ursprung aus dem Eindrucke körperlicher Organen hat, und welches in
Verhältnis gegen keine andere als materielle Dinge vorgestellt wird. Es ist
demnach zwar einerlei Subjekt, was der sichtbaren und unsichtbaren Welt zugleich
als ein Glied angehört, aber nicht eben dieselbe Person, weil die Vorstellungen
der einen, ihrer verschiedenen Beschaffenheit wegen, keine begleitende Ideen von
denen der andern Welt sind, und daher, was ich als Geist denke, von mir als
Mensch nicht erinnert wird, und, umgekehrt, mein Zustand als eines Menschen in
die Vorstellung meiner selbst als eines Geistes gar nicht hinein kommt. Übrigens
mögen die Vorstellungen von der Geisterwelt so klar und anschauend sein wie man
will,8 so ist dieses doch nicht hinlänglich, um mich deren als Mensch bewusst zu
werden; wie denn so gar die Vorstellung seiner selbst (d.i. der Seele) als eines
Geistes wohl durch Schlüsse erworben wird, bei keinem Menschen aber ein
anschauender und Erfahrungsbegriff ist.
    Diese Ungleichartigkeit der geistigen Vorstellungen und derer, die zum
leiblichen Leben des Menschen gehören, darf indessen nicht als eine so grosse
Hindernis angesehen werden, dass sie alle Möglichkeit aufhebe, sich bisweilen der
Einflüsse von Seiten der Geisterwelt so gar in diesem Leben bewusst zu werden.
Denn sie können in das persönliche Bewusstsein des Menschen zwar nicht
unmittelbar, aber doch so übergehen, dass sie nach dem Gesetz der
vergesellschafteten Begriffe diejenige Bilder rege machen, die mit ihnen
verwandt sein, und analogische Vorstellungen unserer Sinne erwecken, die wohl
nicht der geistige Begriff selber, aber doch deren Symbolen sind. Denn es ist
doch immer eben dieselbe Substanz, die zu dieser Welt so wohl als zu der andern
wie ein Glied gehöret, und beiderlei Art von Vorstellungen gehören zu demselben
Subjekte und sind mit einander verknüpft. Die Möglichkeit hievon können wir
einiger massen dadurch fasslich machen, wenn wir betrachten, wie unsere höhere
Vernunftbegriffe, welche sich den geistigen ziemlich nähern, gewöhnlicher massen
gleichsam ein körperlich Kleid annehmen, um sich in Klarheit zu setzen. Daher
die moralische Eigenschaften der Gotteit unter den Vorstellungen des Zorns, der
Eifersucht, der Barmherzigkeit, der Rache, u. d. g. vorgestellt werden; daher
personifizieren Dichter die Tugenden, Laster oder andere Eigenschaften der
Natur, doch so, dass die wahre Idee des Verstandes hindurchscheinet; so stellt
der Geometra die Zeit durch eine Linie vor, obgleich Raum und Zeit nur eine
Übereinkunft in Verhältnissen haben und also wohl der Analogie nach, niemals
aber der Qualität nach mit einander übereintreffen; daher nimmt die Vorstellung
der göttlichen Ewigkeit selbst bei Philosophen den Schein einer unendlichen Zeit
an, so sehr wie man sich auch hütet, beide zu vermengen; und eine grosse Ursache;
weswegen die Matematiker gemeiniglich abgeneigt sein, die Leibnizische Monaden
einzuräumen, ist wohl diese, dass sie nicht umhin können, sich an ihnen kleine
Klümpchen vorzustellen. Daher ist es nicht unwahrscheinlich, dass geistige
Empfindungen in das Bewusstsein übergehen könnten, wenn sie Phantaseien erregen,
die mit ihnen verwandt sein. Auf diese Art würden Ideen, die durch einen
geistigen Einfluss mitgeteilt sind, sich in die Zeichen derjenigen Sprache
einkleiden, die der Mensch sonsten im Gebrauch hat, die empfundene Gegenwart
eines Geistes in das Bild einer menschlichen Figur, Ordnung und Schönheit der
immateriellen Welt in Phantasien, die unsere Sinne sonst im Leben vergnügen,
u.s.w.
    Diese Art der Erscheinungen kann gleichwohl nicht etwas Gemeines und
Gewöhnliches sein, sondern sich nur bei Personen eräugnen, deren Organen9 eine
ungewöhnlich grosse Reizbarkeit haben, die Bilder der Phantasie dem innern
Zustande der Seele gemäss durch harmonische Bewegung mehr zu verstärken, als
gewöhnlicher Weise bei gesunden Menschen geschieht und auch geschehen soll.
Solche seltsame Personen würden in gewissen Augenblicken mit der Apparenz
mancher Gegenstände als ausser ihnen angefochten sein, welche sie vor eine
Gegenwart von geistigen Naturen halten würden, die auf ihre körperliche Sinne
fiele, ob gleich hiebei nur ein Blendwerk der Einbildung vorgeht, doch so, dass
die Ursache davon ein wahrhafter geistiger Einfluss ist, der nicht unmittelbar
empfunden werden kann, sondern sich nur durch verwandte Bilder der Phantasie,
welche den Schein der Empfindungen annehmen, zum Bewusstsein offenbaret.
    Die Erziehungsbegriffe, oder auch mancherlei sonst eingeschlichene Wahn,
würden hiebei ihre Rolle spielen, wo Verblendung mit Wahrheit untermengt wird,
und eine wirkliche geistige Empfindung zwar zum Grunde liegt, die doch in
Schattenbilder der sinnlichen Dinge umgeschaffen worden. Man wird aber auch
zugeben, dass die Eigenschaft, auf solche Weise die Eindrücke der Geisterwelt in
diesem Leben zum klaren Anschauen auszuwickeln, schwerlich wozu nützen könne;
weil dabei die geistige Empfindung notwendig so genau in das Hirngespenst der
Einbildung verwebt wird, dass es unmöglich sein muss, in derselben das Wahre von
den groben Blendwerken, die es umgeben, zu unterscheiden. Imgleichen würde ein
solcher Zustand, da er ein verändertes Gleichgewicht in den Nerven voraussetzt,
welche so gar durch die Wirksamkeit der bloss geistig empfindenden Seele in
unnatürliche Bewegung versetzet werden, eine wirkliche Krankheit anzeigen.
Endlich würde es gar nicht befremdlich sein, an einem Geisterseher zugleich
einen Phantasten anzutreffen, zum wenigsten in Ansehung der begleitenden Bilder
von diesen seinen Erscheinungen, weil Vorstellungen, die ihrer Natur nach fremd,
und mit denen im leiblichen Zustande des Menschen unvereinbar sind, sich
hervordrängen, und übelgepaarte Bilder in die äussere Empfindung hereinziehen,
wodurch wilde Chimären und wunderliche Fratzen ausgeheckt werden, die in langem
Geschleppe den betrogenen Sinnen vorgaukeln, ob sie gleich einen wahren
geistigen Einfluss zum Grunde haben mögen.
    Nunmehro kann man nicht verlegen sein, von denen Gespenstererzählungen, die
den Philosophen so oft in den Weg kommen, imgleichen allerlei Geistereinflüssen,
von denen hie oder da die Rede geht, scheinbare Vernunftgründe anzugeben.
Abgeschiedene Seelen und reine Geister können zwar niemals unsern äusseren Sinnen
gegenwärtig sein, noch sonst mit der Materie in Gemeinschaft stehen, aber wohl
auf den Geist des Menschen, der mit ihnen zu einer grossen Republik gehört,
wirken, so, dass die Vorstellungen, welche sie in ihm erwecken, sich nach dem
Gesetze seiner Phantasei in verwandte Bilder einkleiden, und die Apparenz der
ihnen gemässen Gegenstände als ausser ihm erregen. Diese Täuschung kann einen
jeden Sinn betreffen, und so sehr dieselbe auch mit ungereimten Hirngespinsten
untermengt wäre, so dürfte man sich dieses nicht abhalten lassen, hierunter
geistige Einflüsse zu vermuten. Ich würde der Scharfsichtigkeit des Lesers zu
nahe treten, wenn ich mich bei der Anwendung dieser Erklärungsart noch aufhalten
wollte. Denn metaphysische Hypotesen haben eine so ungemeine Biegsamkeit an
sich, dass man sehr ungeschickt sein müsste, wenn man die gegenwärtige nicht einer
jeden Erzählung bequemen könnte, so gar ehe man ihre Wahrhaftigkeit untersucht
hat, welches in vielen Fällen unmöglich und in noch mehreren sehr unhöflich ist.
    Wenn indessen die Vorteile und Nachteile in einander gerechnet werden, die
demjenigen erwachsen können, der nicht allein vor die sichtbare Welt, sondern
auch vor die unsichtbare in gewissem Grade organisiert ist (wofern es jemals
einen solchen gegeben hat), so scheint ein Geschenk von dieser Art demjenigen
gleich zu sein, womit Juno den Tiresias beehrte, die ihn zuvor blind machte,
damit sie ihm die Gabe zu weissagen erteilen könnte. Denn, nach den obigen
Sätzen zu urteilen, kann die anschauende Kenntnis der andern Welt allhier nur
erlangt werden, indem man etwas von demjenigen Verstande einbüsst, welchen man
vor die gegenwärtige nötig hat. Ich weiss auch nicht, ob selbst gewisse
Philosophen gänzlich von dieser harten Bedingung frei sein sollten, welche so
fleissig und vertieft ihre metaphysische Gläser nach jenen entlegenen Gegenden
hinrichten und Wunderdinge von daher zu erzählen wissen, zum wenigsten missgönne
ich ihnen keine von ihren Entdeckungen; nur besorge ich: dass ihnen irgend ein
Mann von gutem Verstande und wenig Feinigkeit eben dasselbe dürfte zu verstehen
geben, was dem Tycho de Brahe sein Kutscher antwortete, als jener meinte, zur
Nachtzeit nach den Sternen den kürzesten Weg fahren zu können: Guter Herr, auf
den Himmel mögt ihr euch wohl verstehen, hier aber auf der Erde seid ihr ein
Narr.
 
                              Drittes Hauptstück.
  Antikabbala. Ein Fragment der gemeinen Philosophie, die Gemeinschaft mit der
                             Geisterwelt aufzuheben
    Aristoteles sagt irgendwo: Wenn wir wachen, so haben wir eine
gemeinschaftliche Welt, träumen wir aber, so hat ein jeder seine eigne. Mich
dünkt, man sollte wohl den letzteren Satz umkehren und sagen können: wenn von
verschiedenen Menschen ein jeglicher seine eigene Welt hat, so ist zu vermuten,
dass sie träumen. Auf diesen Fuss, wenn wir die Luftbaumeister der mancherlei
Gedankenwelten betrachten, deren jeglicher die seinige mit Ausschliessung anderer
ruhig bewohnt, denjenigen etwa, welcher die Ordnung der Dinge, so wie sie von
Wolffen aus wenig Bauzeug der Erfahrung aber mehr erschlichenen Begriffen
gezimmert, oder die, so von Crusius durch die magische Kraft einiger Sprüche vom
Denklichen und Undenklichen aus nichts hervorgebracht worden, bewohnen, so
werden wir uns bei dem Widerspruche ihrer Visionen gedulden, bis diese Herren
ausgeträumet haben. Denn wenn sie einmal, so Gott will, völlig wachen, d.i. zu
einem Blicke, der die Einstimmung mit anderem Menschenverstande nicht
ausschliesst, die Augen auftun werden, so wird niemand von ihnen etwas sehen, was
nicht jedem andern gleichfalls bei dem Lichte ihrer Beweistümer augenscheinlich
und gewiss erscheinen sollte, und die Philosophen werden zu derselbigen Zeit eine
gemeinschaftliche Welt bewohnen, dergleichen die Grössenlehrer schon längst inne
gehabt haben, welche wichtige Begebenheit nicht lange mehr anstehen kann,
woferne gewissen Zeichen und Vorbedeutungen zu trauen ist, die seit einiger Zeit
über dem Horizonte der Wissenschaften erschienen sind.
    In gewisser Verwandtschaft mit den Träumern der Vernunft stehen die Träumer
der Empfindung, und unter dieselbe werden gemeiniglich diejenige, so bisweilen
mit Geistern zu tun haben, gezählt, und zwar aus dem nämlichen Grunde, wie die
vorigen, weil sie etwas sehen, was kein anderer gesunder Mensch sieht, und ihre
eigene Gemeinschaft mit Wesen haben, die sich niemanden sonst offenbaren, so
gute Sinne er auch haben mag. Es ist auch die Benennung der Träumereien, wenn
man voraussetzt, dass die gedachte Erscheinungen auf blosse Hirngespenster
auslaufen, in so ferne passend, als die eine so gut wie die andere selbst
ausgeheckte Bilder sind, die gleichwohl als wahre Gegenstände die Sinne
betrügen; allein wenn man sich einbildet, dass beide Täuschungen übrigens in
ihrer Entstehungsart sich ähnlich gnug wären, um die Quelle der einen auch zur
Erklärung der andern zureichend zu finden, so betrügt man sich sehr. Derjenige,
der im Wachen sich in Erdichtungen und Chimären, welche seine stets fruchtbare
Einbildung ausheckt, dermassen vertieft, dass er auf die Empfindung der Sinne
wenig Acht hat, die ihm jetzt am meisten angelegen sein, wird mit Recht ein
wachender Träumer genannt. Denn es dürfen nur die Empfindungen der Sinne noch
etwas mehr in ihrer Starke nachlassen, so wird er schlafen und die vorige
Chimären werden wahre Träume sein. Die Ursache, weswegen sie es nicht schon im
Wachen sind, ist diese, weil er sie zu der Zeit als in sich, andere Gegenstände
aber die er empfindet als ausser sich vorstellt, folglich jene zu Wirkungen
seiner eignen Tätigkeit, diese aber zu demjenigen zählet, was er von aussen
empfängt und erleidet. Denn hiebei kommt es alles auf das Verhältnis an, darin
die Gegenstände auf ihn selbst als einen Menschen, folglich auch auf seinen
Körper gedacht werden. Daher können die nämliche Bilder ihn im Wachen wohl sehr
beschäftigen, aber nicht betrügen, so klar sie auch sein mögen. Denn ob er
gleich alsdenn eine Vorstellung von sich selbst und seinem Körper auch im
Gehirne, hat, gegen die er seine phantastische Bilder in Verhältnis setzt, so
macht doch die wirkliche Empfindung seines Körpers durch äussere Sinne gegen jene
Chimären einen Kontrast oder Abstechung, um jene als von sich ausgeheckt, diese
aber als empfunden anzusehen. Schlummert er hiebei ein, so erlischt die
empfundene Vorstellung seines Körpers, und es bleibt bloss die selbstgedichtete
übrig, gegen welche die andre Chimären als in äusserer Verhältnis gedacht werden,
und auch so lange man schläft den Träumenden betrügen müssen, weil keine
Empfindung da ist, die in Vergleichung mit jener das Urbild vom Schattenbilde,
nämlich das Äussere vom Innern unterscheiden liesse.
    Von wachenden Träumern sind demnach die Geisterseher nicht bloss dem Grade,
sondern der Art nach gänzlich unterschieden. Denn diese referieren im Wachen und
oft bei der grössten Lebhaftigkeit anderer Empfindungen gewisse Gegenstände unter
die äusserliche Stellen der andern Dinge, die sie wirklich um sich wahrnehmen,
und die Frage ist hie nur, wie es zugehe, dass sie das Blendwerk ihrer Einbildung
ausser sich versetzen, und zwar in Verhältnis auf ihren Körper, den sie auch
durch äussere Sinne empfinden. Die grosse Klarheit ihres Hirngespinstes kann
hievon nicht die Ursache sein, denn es kommt hier auf den Ort an, wohin es als
ein Gegenstand versetzt ist, und daher verlange ich, dass man zeige, wie die
Seele ein solches Bild, was sie doch, als in sich entalten, vorstellen sollte,
in ein ganz ander Verhältnis, nämlich in einen Ort äusserlich und unter die
Gegenstände versetze, die sich ihrer wirklichen Empfindung darbieten. Auch werde
ich mich durch die Anführung anderer Fälle, die einige Ähnlichkeit mit solcher
Täuschung haben und etwa im fieberhaften Zustande vorfallen, nicht abfertigen
lassen; denn gesund oder krank, wie der Zustand des Betrogenen auch sein mag, so
will man nicht wissen, ob dergleichen auch sonsten geschehe, sondern wie dieser
Betrug möglich sei.
    Wir finden aber bei dem Gebrauch der äusseren Sinne, dass über die Klarheit,
darin die Gegenstände vorgestellt werden, man in der Empfindung auch ihren Ort
mit begreife, vielleicht bisweilen nicht allemal mit gleicher Richtigkeit,
dennoch als eine notwendige Bedingung der Empfindung, ohne welche es unmöglich
wäre, die Dinge als ausser uns vorzustellen. Hiebei wird es sehr wahrscheinlich:
dass unsere Seele das empfundene Objekt dahin in ihrer Vorstellung versetze, wo
die verschiedene Richtungslinien des Eindrucks, die dasselbe gemacht hat, wenn
sie fortgezogen werden, zusammenstossen. Daher sieht man einen strahlenden Punkt
an demjenigen Orte, wo die von dem Auge in der Richtung des Einfalls der
Lichtstrahlen zurückgezogene Linien sich schneiden. Dieser Punkt, welchen man
den Sehepunkt nennt, ist zwar in der Wirkung der Zerstreuungspunkt, aber in der
Vorstellung der Sammlungspunkt der Direktionslinien, nach welchen die Empfindung
eingedrückt wird (focus imaginarius). So bestimmt man selbst durch ein einziges
Auge einem sichtbaren Objekte den Ort, wie unter andern geschieht, wenn das
Spektrum eines Körpers vermittelst eines Hohlspiegels in der Luft gesehen wird,
gerade da, wo die Strahlen, welche aus einem Punkte des Objekts ausfliessen, sich
schneiden, ehe sie ins Auge fallen.10
    Vielleicht kann man eben so bei den Eindrücken des Schalles, weil dessen
Stösse auch nach geraden Linien geschehen, annehmen: dass die Empfindung desselben
zugleich mit der Vorstellung eines foci imaginarii begleitet sei, der dahin
gesetzt wird, wo die gerade Linien des in Bebung gesetzten Nervengebäudes im
Gehirne äusserlich fortgezogen zusammenstossen. Denn man bemerkt die Gegend und
Weite eines schallenden Objekts einigermassen, wenn der Schall gleich leise ist
und hinter uns geschieht, ob schon die gerade Linien, die von da gezogen werden
können, eben nicht die Eröffnung des Ohrs treffen, sondern auf andere Stellen
des Haupts fallen, so dass man glauben muss, die Richtungslinien der Erschütterung
werden in der Vorstellung der Seele äusserlich fortgezogen, und das schallende
Objekt in den Punkt ihres Zusammenstosses versetzt. Eben dasselbe kann, wie mich
dünkt, auch von den übrigen drei Sinnen gesagt werden, welche sich darin von dem
Gesichte und dem Gehör unterscheiden, dass der Gegenstand der Empfindung mit den
Organen in unmittelbarer Berührung stehet, und die Richtungslinien des
sinnlichen Reizes daher in diesen Organen selbst ihren Punkt der Vereinigung
haben.
    Um dieses auf die Bilder der Einbildung anzuwenden, so erlaube man mir,
dasjenige, was Cartesius annahm und die mehresten Philosophen nach ihm
billigten, zum Grunde zu legen: nämlich, dass alle Vorstellungen der
Einbildungskraft zugleich mit gewissen Bewegungen in dem Nervengewebe oder
Nervengeiste des Gehirnes begleitet sind, welche man ideas materiales nennt,
d.i. vielleicht mit der Erschütterung oder Bebung des feinen Elements, welches
von ihnen abgesondert wird, und die derjenigen Bewegung ähnlich ist, welche der
sinnliche Eindruck machen könnte, wovon er die Kopie ist. Nun verlange ich aber,
mir einzuräumen: dass der vornehmste Unterscheid der Nervenbewegung in den
Phantasien von der in der Empfindung darin bestehe, dass die Richtungslinien der
Bewegung bei jenem sich innerhalb dem Gehirne, bei diesem aber ausserhalb
schneiden; daher, weil der focus imaginarius, darin das Objekt vorgestellt wird,
bei den klaren Empfindungen des Wachens ausser mir, der von den Phantasien aber,
die ich zu der Zeit etwa habe, in mir gesetzt wird, ich, so lange ich wache,
nicht fehlen kann, die Einbildungen als meine eigene Hirngespinste von dem
Eindruck der Sinne zu unterscheiden.
    Wenn man dieses einräumt, so dünkt mich, dass ich über diejenige Art von
Störung des Gemüts, die man den Wahnsinn und im höhern Grade die Verrückung
nennt, etwas Begreifliches zur Ursache anführen könne. Das Eigentümliche dieser
Krankheit bestehet darin: dass der verworrene Mensch blosse Gegenstände seiner
Einbildung ausser sich versetzt, und als wirklich vor ihm gegenwärtige Dinge
ansieht. Nun habe ich gesagt: dass nach der gewöhnlichen Ordnung die
Direktionslinien der Bewegung, die in dem Gehirne als materielle Hülfsmittel die
Phantasie begleiten, sich innerhalb demselben durchschneiden müssen, und mitin
der Ort, darin er sich seines Bildes bewusst ist, zur Zeit des Wachens in ihm
selbst gedacht werde. Wenn ich also setze: dass, durch irgend einen Zufall oder
Krankheit, gewisse Organen des Gehirnes so verzogen und aus ihrem gehörigem
Gleichgewicht gebracht sein, dass die Bewegung der Nerven, die mit einigen
Phantasien harmonisch beben, nach solchen Richtungslinien geschieht, welche
fortgezogen sich ausserhalb dem Gehirne durchkreuzen würden, so ist der focus
imaginarius ausserhalb dem denkendes Subjekt gesetzt,11 und das Bild, welches ein
Werk der blossen Einbildung ist, wird als ein Gegenstand vorgestellt, der den
äusseren Sinnen gegenwärtig wäre. Die Bestürzung über die vermeinte Erscheinung
einer Sache, die nach der natürlichen Ordnung nicht zugegen sein sollte, wird,
obschon auch anfangs ein solches Schattenbild der Phantasie nur schwach wäre,
bald die Aufmerksamkeit rege machen, und der Scheinempfindung eine so grosse
Lebhaftigkeit geben, die den betrogenen Menschen an der Wahrhaftigkeit nicht
zweifeln lässt. Dieser Betrug kann einen jeden äusseren Sinn betreffen, denn von
jeglichem haben wir kopierte Bilder in der Einbildung, und die Verrückung des
Nervengewebes kann die Ursache werden, den focum imaginarium dahin zu versetzen,
von wo der sinnliche Eindruck eines wirklich vorhandenen körperlichen
Gegenstandes kommen würde. Es ist alsdenn kein Wunder, wenn der Phantast manches
sehr deutlich zu sehen oder zu hören glaubt, was niemand ausser ihm wahrnimmt,
imgleichen wenn diese Hirngespenster ihm erscheinen und plötzlich verschwinden,
oder, indem sie etwa einem Sinne, z. E. dem Gesichte vorgaukeln, durch keinen
andern, wie z. E. das Gefühl können empfunden werden, und daher durchdringlich
scheinen. Die gemeine Geistererzählungen laufen so sehr auf dergleichen
Bestimmungen hinaus, dass sie den Verdacht ungemein rechtfertigen, sie könnten
wohl aus einer solchen Quelle entsprungen sein. Und so ist auch der gangbare
Begriff von geistigen Wesen, den wir oben aus dem gemeinen Redegebrauche
herauswickelten, dieser Täuschung sehr gemäss, und verleugnet seinen Ursprung
nicht; weil die Eigenschaft einer durchdringlichen Gegenwart im Raume das
wesentliche Merkmal dieses Begriffes ausmachen soll.
    Es ist auch sehr wahrscheinlich, dass die Erziehungsbegriffe von
Geistergestalten dem kranken Kopfe die Materialien zu den täuschenden
Einbildungen geben, und dass ein von allen solchen Vorurteilen leeres Gehirne,
wenn ihm gleich eine Verkehrteit anwandelte, wohl nicht so leicht Bilder von
solcher Art aushecken würde. Ferner sieht man daraus auch, dass, da die
Krankheit des Phantasten nicht eigentlich den Verstand, sondern die Täuschung
der Sinne betrifft, der Unglückliche seine Blendwerke durch kein Vernünfteln
heben könne; weil die wahre oder scheinbare Empfindung der Sinne selbst vor
allem Urteil des Verstandes vorhergeht, und eine unmittelbare Evidenz hat, die
alle andre Überredung weit übertrifft.
    Die Folge, die sich aus diesen Betrachtungen ergibt, hat dieses Ungelegene
an sich, dass sie die tiefe Vermutungen des vorigen Hauptstücks ganz entbehrlich
macht, und dass der Leser, so bereitwillig er auch sein mochte, denen idealischen
Einwürfen desselben einigen Beifall einzuräumen, dennoch den Begriff vorziehen
wird, welcher mehr Gemächlichkeit und Kürze im Entscheiden bei sich führet, und
sich einen allgemeineren Beifall versprechen kann. Denn ausser dem, dass es einer
vernünftigen Denkungsart gemässer zu sein scheint, die Gründe der Erklärung aus
dem Stoffe herzunehmen, den die Erfahrung uns darbietet, als sich in
schwindlichten Begriffen einer halb dichtenden halb schliessenden Vernunft zu
verlieren, so äussert sich noch dazu auf dieser Seite einiger Anlass zum Gespötte,
welches, es mag nun gegründet sein oder nicht, ein kräftigeres Mittel ist als
irgend ein anderes, eitele Nachforschungen zurückzuhalten. Denn auf eine
ernstafte Art über die Hirngespenster der Phantasten Auslegungen machen zu
wollen, gibt schon eine schlimme Vermutung, und die Philosophie setzt sich in
Verdacht, welche sich in so schlechter Gesellschaft betreffen lässt. Zwar habe
ich oben den Wahnsinn in dergleichen Erscheinung nicht bestritten, vielmehr ihn,
zwar nicht als die Ursache einer eingebildeten Geistergemeinschaft, doch als
eine natürliche Folge derselben damit verknüpfet; allein was vor eine Torheit
gibt es doch, die nicht mit einer bodenlosen Weltweisheit könnte in Einstimmung
gebracht werden? Daher verdenke ich es dem Leser keinesweges, wenn er, anstatt
die Geisterseher vor Halbbürger der andern Welt anzusehen, sie kurz und gut als
Kandidaten des Hospitals abfertigt, und sich dadurch alles weiteren
Nachforschens überhebt. Wenn nun aber alles auf solchen Fuss genommen wird, so
muss auch die Art, dergleichen Adepten des Geisterreichs zu behandeln, von
derjenigen nach den obigen Begriffen sehr verschieden sein, und da man es sonst
nötig fand, bisweilen einige derselben zu brennen, so wird es jetzt gnug sein,
sie nur zu purgieren. Auch wäre es bei dieser Lage der Sachen eben nicht nötig
gewesen, so weit auszuholen und in dem fieberhaften Gehirne betrogener Schwärmer
durch Hülfe der Metaphysik Geheimnisse aufzusuchen. Der scharfsichtige Hudibras
hätte uns allein das Rätsel auflösen können, denn nach seiner Meinung: wenn ein
hypochondrischer Wind in den Eingeweiden tobet, so kommt es darauf an, welche
Richtung er nimmt, geht er abwärts, so wird daraus ein F-, steigt er aber
aufwärts, so ist es eine Erscheinung oder eine heilige Eingebung.
 
                              Viertes Hauptstück.
      Teoretischer Schluss aus den gesamten Betrachtungen des ersten Teils
    Die Trüglichkeit einer Waage, die nach bürgerlichen Gesetzen ein Mass der
Handlung sein soll, wird entdeckt, wenn man Ware und Gewichte ihre Schalen
vertauschen lässt, und die Parteilichkeit der Verstandeswaage offenbaret sich
durch eben denselben Kunstgriff, ohne welchen man auch in philosophischen
Urteilen nimmermehr ein einstimmiges Fazit aus den verglichenen Abwiegungen
herausbekommen kann. Ich habe meine Seele von Vorurteilen gereinigt, ich habe
eine jede blinde Ergebenheit vertilgt, welche sich jemals einschlich, um manchem
eingebildeten Wissen in mir Eingang zu verschaffen. Jetzo ist mir nichts
angelegen, nichts ehrwürdig, als was durch den Weg der Aufrichtigkeit in einem
ruhigen und vor alle Gründe zugänglichem Gemüte Platz nimmt; es mag mein voriges
Urteil bestätigen oder aufheben, mich bestimmen oder unentschieden lassen. Wo
ich etwas antreffe, das mich belehrt, da eigne ich es mir zu. Das Urteil
desjenigen, der meine Gründe widerlegt, ist mein Urteil, nachdem ich es vorerst
gegen die Schale der Selbstliebe und nachher in derselben gegen meine
vermeintliche Gründe abgewogen und in ihm einen grösseren Gehalt gefunden habe.
Sonst betrachtete ich den allgemeinen menschlichen Verstand bloss aus dem
Standpunkte des meinigen: jetzt setze ich mich in die Stelle einer fremden und
äusseren Vernunft, und beobachte meine Urteile samt ihren geheimsten Anlässen aus
dem Gesichtspunkte anderer. Die Vergleichung beider Beobachtungen gibt zwar
starke Parallaxen, aber sie ist auch das einzige Mittel, den optischen Betrug zu
verhüten, und die Begriffe an die wahre Stellen zu setzen, darin sie in Ansehung
der Erkenntnisvermögen der menschlichen Natur stehen. Man wird sagen, dass dieses
eine sehr ernstafte Sprache sei, vor eine so gleichgültige Aufgabe, als wir
abhandeln, die mehr ein Spielwerk als eine ernstliche Beschäftigung genannt zu
werden verdient, und man hat nicht Unrecht, so zu urteilen. Allein, ob man zwar
über eine Kleinigkeit keine grosse Zurüstung machen darf, so kann man sie doch
gar wohl bei Gelegenheit derselben machen, und die entbehrliche Behutsamkeit
beim Entscheiden in Kleinigkeiten kann zum Beispiele in wichtigen Fällen dienen.
Ich finde nicht, dass irgend eine Anhänglichkeit, oder sonst eine vor der Prüfung
eingeschlichene Neigung meinem Gemüte die Lenksamkeit nach allerlei Gründen vor
oder dawider benehme, eine einzige ausgenommen. Die Verstandeswaage ist doch
nicht ganz unparteiisch, und eine Arm derselben, der die Aufschrift führet:
Hoffnung der Zukunft , hat einen mechanischen Vorteil, welcher macht, dass auch
leichte Gründe, welche in die ihm angehörige Schale fallen, die Spekulationen
von an sich grösseren Gewichte auf der andern Seite in die Höhe ziehen. Dieses
ist die einzige Unrichtigkeit, die ich nicht wohl heben kann, und die ich in der
Tat auch niemals heben will. Nun gestehe ich, dass alle Erzählungen vom
Erscheinen abgeschiedener Seelen oder von Geistereinflüssen, und alle Teorien
von der mutmasslichen Natur geistiger Wesen und ihrer Verknüpfung mit uns, nur in
der Schale der Hoffnung merklich wiegen; dagegen in der der Spekulation aus
lauter Luft zu bestehen scheinen. Wenn die Ausmittelung der aufgegebenen Frage
nicht mit einer vorher schon entschiedenen Neigung in Sympatie stände, welcher
Vernünftige würde wohl unschlüssig sein, ob er mehr Möglichkeit darin finden
sollte, eine Art Wesen anzunehmen, die mit allem, was ihm die Sinne lehren, gar
nichts Ähnliches haben, als einige angebliche Erfahrungen dem Selbstbetruge und
der Erdichtung beizumessen, die in mehreren Fällen nicht ungewöhnlich sind?
    Ja dieses scheint auch überhaupt von der Beglaubigung der
Geistererzählungen, welche so allgemeinen Eingang finden, die vornehmste Ursache
zu sein, und selbst die ersten Täuschungen von vermeinten Erscheinungen
abgeschiedener Menschen sind vermutlich aus der schmeichelhaften Hoffnung
entsprungen, dass man noch auf irgend eine Art nach dem Tode übrig sei, da denn
bei nächtlichen Schatten oftmals der Wahn die Sinne betrog, und aus zweideutigen
Gestalten Blendwerke schuf, die der vorhergehenden Meinung gemäss waren, woraus
denn endlich die Philosophen Anlass nahmen, die Vernunftidee von Geistern
auszudenken und sie in Lehrverfassung zu bringen. Man sieht es auch wohl meinem
anmasslichen Lehrbegriff von der Geistergemeinschaft an, dass er eben dieselbe
Richtung nehme, in den die gemeine Neigung einschlägt. Denn die Sätze
vereinbaren sich sehr merklich nur dahin, um einen Begriff zu geben, wie der
Geäst des Menschen aus dieser Welt herausgehe,12 d.i. vom Zustande nach dem
Tode; wie er aber hineinkomme, d.i. von der Zeugung und Fortpflanzung, davon
erwähne ich nichts; ja so gar nicht einmal, wie er in dieser Welt gegenwärtig
sei, d.i. wie eine immaterielle Natur in einem Körper und durch denselben
wirksam sein könne; alles um einer sehr gültigen Ursache willen, welche diese
ist, dass ich hievon insgesamt nichts verstehe, und folglich mich wohl hätte
bescheiden können, eben so unwissend in Ansehung des künftigen Zustandes zu
sein, wofern nicht die Parteilichkeit einer Lieblingsmeinung denen Gründen die
sich darboten, so schwach sie auch sein mochten, zur Empfehlung gedienet hätte.
    Eben dieselbe Unwissenheit macht auch, dass ich mich nicht unterstehe, so
gänzlich alle Wahrheit an den mancherlei Geistererzählungen abzuleugnen, doch
mit dem gewöhnlichen obgleich wunderlichen Vorbehalt, eine jede einzelne
derselben in Zweifel zu ziehen, allen zusammen genommen aber einigen Glauben
beizumessen. Dem Leser bleibt das Urteil frei; was mich aber anlangt, so ist zum
wenigsten der Ausschlag auf die Seite der Gründe des zweiten Hauptstücks bei mir
gross gnug, mich bei Anhörung der mancherlei befremdlichen Erzählungen dieser Art
ernstaft und unentschieden zu erhalten. Indessen da es niemals an Gründen der
Rechtfertigung fehlt, wenn das Gemüt vorher eingenommen ist, so will ich dem
Leser mit keiner weiteren Verteidigung dieser Denkungsart beschwerlich fallen.
    Da ich mich jetzt beim Schlüsse der Teorie von Geistern befinde, so
unterstehe ich mir noch zu sagen: dass diese Betrachtung, wenn sie von dem Leser
gehörig genutzt wird, alle philosophische Einsicht von dergleichen Wesen
vollende, und dass man davon vielleicht künftighin noch allerlei meinen, niemals
aber mehr wissen könne. Dieses Vorgeben klingt ziemlich ruhmrätig. Denn es ist
gewiss kein den Sinnen bekannter Gegenstand der Natur, von dem man sagen könnte,
man habe ihn durch Beobachtung oder Vernunft jemals erschöpft, wenn es auch ein
Wassertropfen, ein Sandkorn, oder etwas noch Einfacheres wäre; so unermesslich
ist die Mannigfaltigkeit desjenigen, was die Natur in ihren geringsten Teilen
einem so eingeschränkten Verstande, wie der menschliche ist, zur Auflösung
darbietet. Allein mit dem philosophischen Lehrbegriff von geistigen Wesen ist es
ganz anders bewandt. Er kann vollendet sein, aber im negativem Verstande, indem
er nämlich die Grenzen unserer Einsicht mit Sicherheit festsetzt, und uns
überzeugt: dass die verschiedene Erscheinungen des Lebens in der Natur und deren
Gesetze alles sein, was uns zu erkennen vergönnet ist, das Principium dieses
Lebens aber, d.i. die geistige Natur, welche man nicht kennet, sondern vermutet,
niemals positiv könne gedacht werden, weil keine Data hiezu in unseren gesamten
Empfindungen anzutreffen sein, und dass man sich mit Verneinungen behelfen müsse,
um etwas von allem Sinnlichen so sehr Unterschiedenes zu denken, dass aber selbst
die Möglichkeit solcher Verneinungen weder auf Erfahrung, noch auf Schlüssen,
sondern auf einer Erdichtung beruhe, zu denen eine von allen Hülfsmitteln
entblösste Vernunft ihre Zuflucht nimmt. Auf diesen Fuss kann die Pneumatologie
der Menschen ein Lehrbegriff ihrer notwendigen Unwissenheit, in Absicht auf eine
vermutete Art Wesen genannt werden, und als ein solcher der Aufgabe leichtlich
adäquat sein.
    Nunmehro lege ich die ganze Materie von Geistern, ein weitläuftig Stück der
Metaphysik, als abgemacht und vollendet bei Seite. Sie geht mich künftig nichts
mehr an. Indem ich den Plan meiner Nachforschung auf diese Art besser
zusammenziehe, und mich einiger gänzlich vergeblichen Untersuchungen entschlage,
so hoffe ich meine geringe Verstandesfähigkeit auf die übrige Gegenstände
vorteilhafter anlegen zu können. Es ist mehrenteils umsonst, das kleine Mass
seiner Kraft auf alle windichte Entwürfe ausdehnen zu wollen. Daher gebeut die
Klugheit, sowohl in diesem als in andern Fällen, den Zuschnitt der Entwürfe den
Kräften angemessen zu machen, und, wenn man das Grosse nicht füglich erreichen
kann, sich auf das Mittelmässige einzuschränken.
 
                     Der zweite Teil welcher historisch ist
                               Erstes Hauptstück.
 Eine Erzählung, deren Wahrheit der beliebigen Erkundigung des Lesers empfohlen
                                      wird
                                          Sit mihi fas audita loqui. - - - Virg.
    Die Philosophie, deren Eigendünkel macht, dass sie sich selbst allen eiteln
Fragen bloss stellet, sieht sich oft bei dem Anlasse gewisser Erzählungen in
schlimmer Verlegenheit, wenn sie entweder an einigem in demselben ungestraft
nicht zweifeln oder manches davon unausgelacht nicht glauben darf. Beide
Beschwerlichkeiten finden sich in gewisser Masse bei den herumgehenden
Geistergeschichten zusammen, die erste bei Anhörung desjenigen, der sie beteurt,
und die zweite in Betracht derer, auf die man sie weiter bringt. In der Tat ist
auch kein Vorwurf dem Philosophen bitterer, als der der Leichtgläubigkeit und
der Ergebenheit in den gemeinen Wahn, und da diejenigen, welche sich darauf
verstehen, gutes Kaufs klug zu scheinen, ihr spöttisches Gelächter auf alles
werfen, was die Unwissenden und die Weisen gewisser massen gleich macht, indem es
beiden unbegreiflich ist: so ist kein Wunder, dass die so häufig vorgegebene
Erscheinungen grossen Eingang finden, öffentlich aber entweder abgeleugnet oder
doch verhehlet werden. Man kann sich daher darauf verlassen: dass niemals eine
Akademie der Wissenschaften diese Materie zur Preisfrage machen werde; nicht als
wenn die Glieder derselben gänzlich von aller Ergebenheit in die gedachte
Meinung frei wären, sondern weil die Regel der Klugheit denen Fragen, welche der
Vorwitz und die eitle Wissbegierde ohne Unterscheid aufwirft, mit Recht Schranken
setzet. Und so werden die Erzählungen von dieser Art wohl jederzeit nur
heimliche Gläubige haben, öffentlich aber durch die herrschende Mode des
Unglaubens verworfen werden.
    Da mir indessen diese ganze Frage weder wichtig noch vorbereitet gnug
scheint, um über dieselbe etwas zu entscheiden, so trage ich kein Bedenken, hier
eine Nachricht der erwähnten Art anzuführen, und sie mit völliger
Gleichgültigkeit dem geneigten oder ungeneigten Urteile der Leser preis zu
geben.
    Es lebt zu Stockholm ein gewisser Herr Schwedenberg, ohne Amt oder
Bedienung, von seinem ziemlich ansehnlichen Vermögen. Seine ganze Beschäftigung
besteht darin, dass er, wie er selbst sagt, schon seit mehr als zwanzig Jahren
mit Geistern und abgeschiedenen Seelen im genauesten Umgange stehet, von ihnen
Nachrichten aus der andern Welt einholet und ihnen dagegen welche aus der
gegenwärtigen erteilt, grosse Bände über seine Entdeckungen abfasst und bisweilen
nach London reiset, um die Ausgabe derselben zu besorgen. Er ist eben nicht
zurückhaltend mit seinen Geheimnissen, spricht mit jedermann frei davon, scheint
vollkommen von dem, was er vorgibt, überredet zu sein, ohne einigen Anschein
eines angelegten Betruges oder Scharlatanerei. So wie er, wenn man ihm selbst
glauben darf, der Erzgeisterseher unter allen Geistersehern ist, so ist er auch
sicherlich der Erzphantast unter allen Phantasten, man mag ihn nun aus der
Beschreibung derer, welche ihn kennen, oder aus seinen Schriften beurteilen.
Doch kann dieser Umstand diejenige, welche den Geistereinflüssen sonst günstig
sein, nicht abhalten, hinter solcher Phantasterei noch etwas Wahres zu vermuten.
Weil indessen das Kreditiv aller Bevollmächtigten aus der andern Welt in den
Beweistümern besteht, die sie durch gewisse Proben in der gegenwärtigen von
ihrem ausserordentlichen Beruf ablegen, so muss ich von demjenigen, was zur
Beglaubigung der ausserordentlichen Eigenschaft des gedachten Mannes
herumgetragen wird, wenigstens dasjenige anführen, was noch bei den meisten
einigen Glauben findet.
    Gegen das Ende des Jahres 1761 wurde Herr Schwedenberg zu einer Fürstin
gerufen, deren grosser Verstand und Einsicht es beinahe unmöglich machen sollte,
in dergleichen Fällen hintergangen zu werden. Die Veranlassung dazu gab das
allgemeine Gerüchte von denen vorgegebenen Visionen dieses Mannes. Nach einigen
Fragen, die mehr darauf abzielten, sich mit seinen Einbildungen zu belustigen,
als wirkliche Nachrichten aus der andern Welt zu vernehmen, verabscheidete ihn
die Fürstin, indem sie ihm vorher einen geheimen Auftrag tat, der in seine
Geistergemeinschaft einschlug. Nach einigen Tagen erschien Herr Schwedenberg mit
der Antwort, welche von der Art war, dass solche die Fürstin, ihrem eigenen
Geständnisse nach, in das grösseste Erstaunen versetzte, indem sie solche wahr
befand, und ihm gleichwohl solche von keinem lebendigen Menschen konnte erteilt
sein. Diese Erzählung ist aus dem Berichte eines Gesandten an dem dortigen Hofe,
der damals zugegen war, an einen andern fremden Gesandten in Kopenhagen gezogen
worden, stimmt auch genau mit dem, was die besondere Nachfrage darüber hat
erkundigen können, zusammen.
    Folgende Erzählungen haben keine andere Gewährleistung als die gemeine Sage,
deren Beweis sehr misslich ist. Madame Marteville, die Witwe eines holländischen
Envoyé an dem schwedischen Hofe, wurde von den Angehörigen eines Goldschmiedes
um die Bezahlung des Rückstandes vor ein verfertigtes Silberservice gemahnet.
Die Dame, welche die regelmässige Wirtschaft ihres verstorbenen Gemahls kannte,
war überzeugt, dass diese Schuld schon bei seinem Leben abgemacht sein müsste;
allein sie fand in seinen hinterlassenen Papieren gar keinen Beweis. Das
Frauenzimmer ist vorzüglich geneigt, den Erzählungen der Wahrsagerei, der
Traumdeutung und allerlei anderer wunderbarer Dinge Glauben beizumessen. Sie
entdeckte daher ihr Anliegen dem Herren Schwedenberg mit dem Ersuchen, wenn es
wahr wäre, was man von ihm sagte, dass er mit abgeschiedenen Seelen im Umgange
stehe, ihr aus der andern Welt von ihrem verstorbenen Gemahl Nachricht zu
verschaffen, wie es mit der gedachten Anforderung bewandt sei. Herr Schwedenberg
versprach, solches zu tun, und stellte der Dame nach wenig Tagen in ihrem Hause
den Bericht ab, dass er die verlangte Kundschaft eingezogen habe, dass in einem
Schrank, den er anzeigte und der ihrer Meinung nach völlig ausgeräumt war, sich
noch ein verborgenes Fach befinde, welches die erforderliche Quittungen
entielte. Man suchte sofort seiner Beschreibung zufolge und fand nebst der
geheimen holländischen Correspondence die Quittungen, wodurch alle gemachte
Ansprüche völlig getilgt wurden.
    Die dritte Geschichte ist von der Art, dass sich sehr leicht ein
vollständiger Beweis ihrer Richtigkeit oder Unrichtigkeit muss geben lassen. Es
war, wo ich recht berichtet bin, gegen das Ende des 1759ten Jahres, als Herr
Schwedenberg, aus England kommend, an einem Nachmittage zu Gotenburg ans Land
trat. Er wurde denselben Abend zu einer Gesellschaft bei einem dortigen Kaufmann
gezogen, und gab ihr nach einigem Aufentalt mit allen Zeichen der Bestürzung
die Nachricht, dass eben jetzt in Stockholm im Südermalm eine erschreckliche
Feuersbrunst wüte. Nach Verlauf einiger Stunden, binnen welchen er sich dann und
wann entfernte, berichtete er der Gesellschaft, dass das Feuer gehemmet sei,
imgleichen wie weit es um sich gegriffen habe. Eben denselben Abend verbreitete
sich schon diese wunderliche Nachricht, und war den andern Morgen in der ganzen
Stadt herumgetragen; allein nach zwei Tagen allererst kam der Bericht davon aus
Stockholm in Gotenburg an, völlig einstimmig, wie man sagt, mit Schwedenbergs
Visionen.
    Man wird vermutlich fragen, was mich doch immer habe bewegen können, ein so
verachtetes Geschäfte zu übernehmen, als dieses ist, Märchen weiter zu bringen,
die ein Vernünftiger Bedenken trägt mit Geduld anzuhören, ja solche gar zum Text
philosophischer Untersuchungen zu machen. Allein da die Philosophie, welche wir
voranschickten, eben so wohl ein Märchen war aus dem Schlaraffenlande der
Metaphysik, so sehe ich nichts Unschickliches darin, beide in Verbindung
auftreten zu lassen; und warum sollte es auch eben rühmlicher sein, sich durch
das blinde Vertrauen in die Scheingründe der Vernunft, als durch unbehutsamen
Glauben an betrügliche Erzählungen, hintergehen zu lassen?
    Torheit und Verstand haben so unkenntlich bezeichnete Grenzen, dass man
schwerlich in dem einen Gebiete lange fortgeht, ohne bisweilen einen kleinen
Streif in das andre zu tun; aber was die Treuherzigkeit anlangt, die sich
bereden lässt, vielen festen Beteuerungen selbst wider die Gegenwehr des
Verstandes bisweilen etwas einzuräumen, so scheint sie ein Rest der alten
Stammehrlichkeit zu sein, die freilich auf den jetzigen Zustand nicht recht
passt, und daher oft zur Torheit wird, aber darum doch eben nicht als ein
natürliches Erbstück der Dummheit angesehen werden muss. Daher überlasse ich es
dem Belieben des Lesers, bei der wunderlichen Erzählung, mit welcher ich mich
bemenge, jene zweideutige Mischung von Vernunft und Leichtgläubigkeit in ihre
Elemente aufzulösen, und die Proportion beider Ingredienzien vor meine
Denkungsart auszurechnen. Denn da es bei einer solchen Kritik doch nur um die
Anständigkeit zu tun ist, so halte ich mich gnugsam vor den Spott gesichert,
dadurch, dass ich mit dieser Torheit, wenn man sie so nennen will, mich
gleichwohl in recht guter und zahlreicher Gesellschaft befinde, welches schon
gnug ist, wie Fontenelle glaubt, um wenigstens nicht vor unklug gehalten zu
werden. Denn es ist zu allen Zeiten so gewesen und wird auch wohl künftighin so
bleiben, dass gewisse widersinnige Dinge, selbst bei Vernünftigen Eingang finden,
bloss darum, weil allgemein davon gesprochen wird. Dahin gehören die Sympatie,
die Wünschelrute, die Ahndungen, die Wirkung der Einbildungskraft schwangerer
Frauen, die Einflüsse der Mondwechsel auf Tiere und Pflanzen u. d. g. Ja hat
nicht vor kurzem das gemeine Landvolk denen Gelehrten die Spötterei gut
vergolten, welche sie gemeiniglich auf dasselbe der Leichtgläubigkeit wegen zu
werfen pflegen? Denn durch vieles Hörensagen brachten Kinder und Weiber endlich
einen grossen Teil kluger Männer dahin, dass sie einen gemeinen Wolf vor eine
Hyäne hielten, obgleich itzo ein jeder Vernünftiger leicht einsieht, dass in den
Wäldern von Frankreich wohl kein afrikanisches Raubtier herumlaufen werde. Die
Schwäche des menschlichen Verstandes in Verbindung mit seiner Wissbegierde macht,
dass man anfänglich Wahrheit und Betrug ohne Unterschied aufraffet. Aber nach und
nach läutern sich die Begriffe, ein kleiner Teil bleibt, das übrige wird als
Auskehricht weggeworfen.
    Wem also jene Geistererzählungen eine Sache von Wichtigkeit zu sein
scheinen, der kann immerhin, in Fall er Geld gnug und nichts Besseres zu tun
hat, eine Reise auf eine nähere Erkundigung derselben wagen, so wie Artemidor
zum Besten der Traumdeutung in Kleinasien herumzog. Es wird ihm auch die
Nachkommenschaft von ähnlicher Denkungsart davor höchlich verbunden sein, dass er
verhütete, damit nicht dereinst ein anderer Philostrat aufstände, der nach
Verlauf vieler Jahre aus unserm Schwedenberg einen neuen Apollonius von Tyane
machete, wenn das Hörensagen zu einem förmlichen Beweise wird gereifet sein, und
das ungelegene obzwar höchstnötige Verhör der Augenzeugen dereinst unmöglich
geworden sein wird.
 
                              Zweites Hauptstück.
            Ekstatische Reise eines Schwärmers durch die Geisterwelt
 Somnia, terrores magicos, miracula, sagas,
 Nocturnos lemures, portentaque Tessala.
                                                                       Horatius.
    Ich kann es dem behutsamen Leser auf keinerlei Weise übel nehmen, wenn sich
im Fortgange dieser Schrift einiges Bedenken bei ihm gereget hätte über das
Verfahren, das der Verfasser vor gut gefunden hat darin zu beobachten. Denn da
ich den dogmatischen Teil vor dem historischen, und also die Vernunftgründe vor
der Erfahrung voranschickte, so gab ich Ursache zu dem Argwohn, als wenn ich mit
Hinterlist umginge, und, da ich die Geschichte schon vielleicht zum voraus im
Kopfe gehabt haben mochte, mich nur so angestellet hätte, als wüsste ich von
nichts, als von reinen abgesonderten Betrachtungen, damit ich den Leser, der
sich nichts dergleichen besorgt, am Ende mit einer erfreulichen Bestätigung aus
der Erfahrung überraschen könnte. Und in der Tat ist dieses auch ein Kunstgriff,
dessen die Philosophen sich mehrmalen sehr glücklich bedient haben. Denn man muss
wissen, dass alle Erkenntnis zwei Enden habe, bei denen man sie fassen kann, das
eine a priori das andere a posteriori. Zwar haben verschiedene Naturlehrer
neuerer Zeiten vorgegeben, man müsse es bei dem letzteren anfangen, und glauben
den Aal der Wissenschaft beim Schwanze zu erwischen, indem sie sich gnugsamer
Erfahrungskenntnisse versichern, und denn so allmählich zu allgemeinen und
höheren Begriffen hinaufrücken. Allein ob dieses zwar nicht unklug gehandelt
sein möchte: so ist es doch bei weitem nicht gelehrt und philosophisch gnug,
denn man ist auf diese Art bald bei einem Warum, worauf keine Antwort gegeben
werden kann, welches einem Philosophen gerade so viel Ehre macht als einem
Kaufmann, der bei einer Wechselzahlung freundlich bittet, ein andermal wieder
anzusprechen. Daher haben scharfsinnige Männer, um diese Unbequemlichkeit zu
vermeiden, von der entgegengesetzten äussersten Grenze, nämlich dem obersten
Punkte der Metaphysik angefangen. Es findet sich aber hiebei eine neue
Beschwerlichkeit, nämlich dass man anfängt, ich weiss nicht wo, und kömmt, ich
weiss nicht wohin, und dass der Fortgang der Gründe nicht auf die Erfahrung
treffen will, ja dass es scheinet, die Atomen des Epikurs dürften eher, nachdem
sie von Ewigkeit her immer gefallen, einmal von ungefähr zusammenstossen, um eine
Welt zu bilden, als die allgemeinsten und abstraktesten Begriffe, um sie zu
erklären. Da also der Philosoph wohl sah, dass seine Vernunftgründe einer Seits,
und die wirkliche Erfahrung oder Erzählung anderer Seits, wie ein paar
Parallellinien wohl ins Undenkliche neben einander fortlaufen würden, ohne
jemals zusammenzutreffen, so ist er mit den übrigen, gleich als wenn sie darüber
Abrede genommen hätten, übereingekommen, ein jeder nach seiner Art den
Anfangspunkt zu nehmen und darauf, nicht in der geraden Linie der Schlussfolge,
sondern mit einem unmerklichen Clinamen der Beweisgründe, dadurch dass sie nach
dem Ziele gewisser Erfahrungen oder Zeugnisse verstohlen hinschieleten, die
Vernunft so zu lenken, dass sie gerade dahin treffen musste, wo der treuherzige
Schüler sie nicht vermutet hatte, nämlich dasjenige zu beweisen, wovon man schon
vorher wusste, dass es sollte bewiesen werden. Diesen Weg nannten sie alsdenn noch
den Weg a priori, ob er wohl unvermerkt durch ausgesteckte Stäbe nach dem Punkte
a posteriori gezogen war, wobei aber billiger massen der, so die Kunst versteht,
den Meister nicht verraten muss. Nach dieser sinnreichen Lehrart haben
verschiedene verdienstvolle Männer auf dem blossen Wege der Vernunft so gar
Geheimnisse der Religion ertappt, so wie Romanschreiber die Heldin der
Geschichte in entfernete Länder fliehen lassen, damit sie ihrem Anbeter durch
ein glückliches Abenteuer von ungefähr aufstosse: et fugit ad salices et se cupit
ante videri. Virg. Ich würde mich also bei so gepriesenen Vorgängern in der Tat
nicht zu schämen Ursache haben, wenn ich gleich wirklich eben dasselbe
Kunststück gebraucht hätte, um meine Schrift zu einem erwünschten Ausgange zu
verhelfen. Allein ich bitte den Leser gar sehr, dergleichen nicht von mir zu
glauben. Was würde es mir auch itzo helfen, da ich keinen mehr hintergehen kann,
nachdem ich das Geheimnis schon ausgeplaudert habe? Zudem habe ich das Unglück,
dass das Zeugnis, worauf ich stosse und was meiner philosophischen Hirngeburt so
ungemein ähnlich ist, verzweifelt missgeschaffen und albern aussieht, so dass ich
viel eher vermuten muss, der Leser werde, um der Verwandtschaft mit solchen
Beistimmungen willen, meine Vernunftgründe vor ungereimt, als jene um dieser
willen vor vernünftig halten. Ich sage demnach ohne Umschweif, dass, was solche
anzügliche Vergleichungen anlangt, ich keinen Spass verstehe, und erkläre kurz
und gut, dass man entweder in Schwedenbergs Schriften mehr Klugheit und Wahrheit
vermuten müsse, als der erste Anschein blicken lässt, oder dass es nur so von
ohngefähr komme, wenn er mit meinem System zusammentrifft, wie Dichter
bisweilen, wenn sie rasen, weissagen, wie man glaubt, oder wenigstens wie sie
selbst sagen, wenn sie dann und wann mit dem Erfolge zusammentreffen.
    Ich komme zu meinem Zwecke, nämlich zu den Schriften meines Helden. Wenn
manche jetzt vergessene, oder dereinst doch namenlose Schriftsteller kein
geringes Verdienst haben, dass sie in der Ausarbeitung grosser Werke den Aufwand
ihres Verstandes nicht achteten, so gebühret dem Herren Schwedenberg ohne
Zweifel die grösseste Ehre unter allen. Denn gewiss, seine Flasche in der
Mondenwelt ist ganz voll, und weicht keiner einzigen unter denen, die Ariosto
dort mit der hier verlornen Vernunft angefüllet gesehen hat, und die ihre
Besitzer dereinst werden wiedersuchen müssen, so völlig entleert ist das grosse
Werk von einem jeden Tropfen desselben. Nichts destoweniger herrscht darinnen
eine so wundersame Übereinkunft mit demjenigen, was die feineste Ergrübelung der
Vernunft über den ähnlichen Gegenstand herausbringen kann, dass der Leser mir es
verzeihen wird, wenn ich hier diejenige Seltenheit in den Spielen der Einbildung
finde, die so viel andere Sammler in denen Spielen der Natur angetroffen haben,
als wenn sie etwa im fleckichten Marmor die heilige Familie, oder, in Bildungen
von Tropfstein, Mönche, Taufstein und Orgeln, oder sogar wie der Spötter Liscow
auf einer gefrorenen Fensterscheibe die Zahl des Tieres und die dreifache Krone
entdecken; lauter Dinge, die niemand sonsten sieht, als dessen Kopf schon vorher
damit angefüllet ist.
    Das grosse Werk dieses Schriftstellers entält acht Quartbände voll Unsinn,
welche er unter dem Titel: Arcana caelestia, der Welt als eine neue Offenbarung
vorlegt, und wo seine Erscheinungen mehrenteils auf die Entdeckung des geheimen
Sinnes in den zwei ersten Büchern Mosis und eine ähnliche Erklärungsart der
ganzen H. Schrift angewendet werden. Alle diese schwärmende Auslegungen gehen
mich hier nichts an; man kann aber, wenn man will, einige Nachrichten von
denenselben in des Herrn Doktor Ernesti Teol. Bibliotek im ersten Bande
aufsuchen. Nur die audita et visa, d.i. was seine eigne Augen sollen gesehen und
eigene Ohren gehört haben, sind alles, was wir vornehmlich aus denen Beilagen zu
seinen Kapiteln ziehen wollen, weil sie allen übrigen Träumereien zum Grunde
liegen, und auch ziemlich in das Abenteuer einschlagen, das wir oben auf dem
Luftschiffe der Metaphysik gewagt haben. Der Stil des Verfassers ist platt.
Seine Erzählungen und ihre Zusammenordnung scheinen in der Tat aus fanatischem
Anschauen entsprungen zu sein, und geben gar wenig Verdacht, dass spekulative
Hirngespinste einer verkehrtgrüblenden Vernunft ihn bezogen haben sollten,
dieselbe zu erdichten und zum Betruge anzulegen. In so ferne haben sie also
einige Wichtigkeit, und verdienen wirklich, in einem kleinen Auszuge
vorgestellt zu werden, vielleicht mehr, als so manche Spielwerke hirnloser
Vernünftler, welche unsere Journale anschwellen, weil eine zusammenhängende
Täuschung der Sinne überhaupt ein viel merkwürdiger Phaenomenon ist, als der
Betrug der Vernunft, dessen Gründe bekannt genug sind, und der auch grossen Teils
durch willkürliche Richtung der Gemütskräfte und etwas mehr Bändigung eines
leeren Vorwitzes könnte verhütet werden, da hingegen jene das erste Fundament
aller Urteile betrifft, dawider, wenn es unrichtig ist, die Regeln der Logik
wenig vermögen! Ich sondere also bei unserm Verfasser den Wahnsinn vom Wahnwitze
ab, und übergehe dasjenige, was er auf eine verkehrte Weise klügelt, indem er
nicht bei seinen Visionen stehen bleibt, eben so wie man sonst vielfältig bei
einem Philosophen dasjenige, was er beobachtet, von dem absondern muss, was er
vernünftelt und so gar Scheinerfahrungen mehrenteils lehrreicher sind, als die
Scheingründe aus der Vernunft. Indem ich also dem Leser einige von denen
Augenblicken raube, die er sonst vielleicht mit nicht viel grösserem Nutzen auf
die Lesung gründlicher Schriften von eben der Materie würde verwandt haben, so
sorge ich zugleich vor die Zärtlichkeit seines Geschmacks, da ich, mit
Weglassung vieler wilden Chimären, die Quintessenz des Buchs auf wenig Tropfen
bringe, wovor ich mir von ihm eben so viel Dank verspreche, als ein gewisser
Patient glaubte den Ärzten schuldig zu sein, dass sie ihn nur die Rinde von der
Quinquina verzehren liessen, da sie ihn leichtlich hätten nötigen können, den
ganzen Baum aufzuessen.
    Herr Schwedenberg teilt seine Erscheinungen in drei Arten ein, davon die
erste ist, vom Körper befreit zu werden; ein mittlerer Zustand zwischen
Schlafen und Wachen, worin er Geister gesehen, gehört, ja gefühlt hat.
Dergleichen ist ihm nur drei- oder viermal begegnet. Die zweite ist, vom Geiste
weggeführt zu werden, da er etwa auf der Strasse geht, ohne sich zu verwirren,
indessen dass er im Geiste in ganz anderen Gegenden ist, und anderwärts Häuser,
Menschen, Wälder u.d.g. deutlich sieht, und dieses wohl einige Stunden lang, bis
er sich plötzlich wiederum an seinem rechten Orte gewahr wird. Dieses ist ihm
zwei- bis dreimal zugestossen. Die dritte Art der Erscheinungen ist die
gewöhnliche, welche er täglich im völligen Wachen hat, und davon auch
hauptsächlich diese seine Erzählungen hergenommen sind.
    Alle Menschen stehen seiner Aussage nach in gleich inniglicher Verbindung
mit der Geisterwelt; nur sie empfinden es nicht, und der Unterscheid zwischen
ihm und den andern besteht nur darin, dass sein Innerstes aufgetan ist, von
welchem Geschenke er jederzeit mit Ehrerbietigkeit redet (datum mihi est ex
divina Domini misericordia). Man sieht aus dem Zusammenhange, dass diese Gabe
darin bestehen soll, sich derer dunkelen Vorstellungen bewusst zu werden, welche
die Seele durch ihre beständige Verknüpfung mit der Geisterwelt empfängt. Er
unterscheidet daher an dem Menschen das äussere und innere Gedächtnis. Jenes hat
er als eine Person, die zu der sichtbaren Welt gehört, dieses aber kraft seines
Zusammenhanges mit der Geisterwelt. Darauf gründet sich auch der Unterschied des
äusseren und inneren Menschen, und sein eigener Vorzug besteht darin, dass er
schon in diesem Leben als eine Person sich in der Gesellschaft der Geister
sieht, und von ihnen auch als eine solche erkannt wird. In diesem innern
Gedächtnis wird auch alles aufbehalten, was aus dem äusseren verschwunden war,
und es geht nichts von allen Vorstellungen eines Menschen jemals verloren. Nach
dem Tode ist die Erinnerung alles desjenigen, was jemals in seine Seele kam und
was ihm selbst ehedem verborgen blieb, das vollständige Buch seines Lebens.
    Die Gegenwart der Geister trifft zwar nur seinen innern Sinn. Dieses erregt
ihm aber die Apparenz derselben als ausser ihm, und zwar unter einer menschlichen
Figur. Die Geistersprache ist eine unmittelbare Mitteilung der Ideen, sie ist
aber jederzeit mit der Apparenz derjenigen Sprache verbunden, die er sonst
spricht, und wird vorgestellt als ausser ihm. Ein Geist liest in eines andern
Geistes Gedächtnis die Vorstellungen, die dieser darin mit Klarheit entält. So
sehen die Geister in Schwedenbergen seine Vorstellungen, die er von dieser Welt
hat, mit so klarem Anschauen, dass sie sich dabei selbst hintergehen und sich
öfters einbilden, sie sehen unmittelbar die Sachen, welches doch unmöglich ist,
denn kein reiner Geist hat die mindeste Empfindung von der körperlichen Welt;
allein durch die Gemeinschaft mit andern Seelen lebender Menschen können sie
auch keine Vorstellung davon haben, weil ihr Innerstes nicht aufgetan ist, d.i.
ihr innerer Sinn gänzlich dunkele Vorstellungen entält. Daher ist Schwedenberg
das rechte Orakel der Geister, welche eben so neugierig sein, in ihm den
gegenwärtigen Zustand der Welt zu beschauen, als er es ist, in ihrem Gedächtnis
wie in einem Spiegel die Wunder der Geisterwelt zu betrachten. Obgleich diese
Geister mit allen andern Seelen lebender Menschen gleichfalls in der genauesten
Verbindung stehen, und in dieselbe wirken oder von ihnen leiden, so wissen sie
doch dieses eben so wenig, als es die Menschen wissen, weil dieser ihr innerer
Sinn, welcher zu ihrer geistigen Persönlichkeit gehört, ganz dunkel ist. Es
meinen also die Geister: dass dasjenige, was aus dem Einflusse der Menschenseelen
in ihnen gewirkt worden, von ihnen allein gedacht sei, so wie auch die Menschen
in diesem Leben nicht anders glauben, als dass alle ihre Gedanken und
Willensregungen aus ihnen selbst entspringen, ob sie gleich in der Tat oftmals
aus der unsichtbaren Welt in sie übergehen. Indessen hat eine jede menschliche
Seele schon in diesem Leben ihre Stelle in der Geisterwelt, und gehört zu einer
gewissen Sozietät, die jederzeit ihrem innern Zustande des Wahren und Guten,
d.i. des Verstandes und Willens gemäss ist. Es haben aber die Stellen der Geister
untereinander nichts mit dem Raume der körperlichen Welt gemein; daher die Seele
eines Menschen in Indien mit der eines andern in Europa, was die geistige Lagen
betrifft, oft die nächste Nachbaren sein, und dagegen die, so dem Körper nach in
einem Hause wohnen, nach jenen Verhältnissen weit gnug voneinander entfernet
sein können. Stirbt der Mensch, so verändert die Seele nicht ihre Stelle,
sondern empfindet sich nur in derselben, darin sie in Ansehung anderer Geister
schon in diesem Leben war. Übrigens, obgleich die Verhältnis der Geister
untereinander kein wahrer Raum ist, so hat dieselbe doch bei ihnen die Apparenz
desselben, und ihre Verknüpfungen werden unter der begleitenden Bedingung der
Naheiten, ihre Verschiedenheiten aber als Weiten vorgestellt, so wie die Geister
selber wirklich nicht ausgedehnt sein, einander aber doch die Apparenz einer
menschlichen Figur geben. In diesem eingebildetem Raume ist eine durchgängige
Gemeinschaft der geistigen Naturen. Schwedenberg spricht mit abgeschiedenen
Seelen, wenn es ihm beliebt, und liest in ihrem Gedächtnis (Vorstellungskraft)
denjenigen Zustand, darin sie sich selbst beschauen, und sieht diesen eben so
klar als mit leiblichen Augen. Auch ist die ungeheure Entfernung der
vernünftigen Bewohner der Welt, in Absicht auf das geistige Weltganze, vor
nichts zu halten, und mit einem Bewohner des Saturns zu reden, ist ihm eben so
leicht, als eine abgeschiedene Menschenseele zu sprechen. Alles kommt auf das
Verhältnis des innern Zustandes und auf die Verknüpfung an, die sie
untereinander nach ihrer Übereinstimmung im Wahren und im Guten haben; die
entferntere Geister aber können leichtlich durch Vermittelung anderer in
Gemeinschaft kommen. Daher braucht der Mensch auch nicht in den übrigen
Weltkörpern wirklich gewohnt zu haben, um dieselbe dereinst mit allen ihren
Wundern zu kennen. Seine Seele lieset in dem Gedächtnisse anderer abgeschiedenen
Weltbürger ihre Vorstellungen, die diese von ihrem Leben und Wohnplatze haben,
und sieht darin die Gegenstände so gut wie durch ein unmittelbares Anschauen.
    Ein Hauptbegriff in Schwedenbergs Phantasterei ist dieser: Die körperliche
Wesen haben keine eigene Subsistenz, sondern bestehen lediglich durch die
Geisterwelt; wiewohl ein jeder Körper nicht durch einen Geist allein, sondern
durch alle zusammengenommen. Daher hat die Erkenntnis der materiellen Dinge
zweierlei Bedeutung, einen äusserlichen Sinn, in Verhältnis der Materie
aufeinander, und einen innern, in so ferne sie als Wirkungen die Kräfte der
Geisterwelt bezeichnen, die ihre Ursachen sind. So hat der Körper des Menschen
eine Verhältnis der Teile untereinander nach materiellen Gesetzen; aber, in so
ferne er durch den Geist, der in ihm lebt, erhalten wird, haben seine
verschiedene Gliedmassen und ihre Funktionen einen bezeichnenden Wert vor
diejenige Seelenkräfte, durch deren Wirkung sie ihre Gestalt, Tätigkeit und
Beharrlichkeit haben. Dieser innere Sinn ist den Menschen unbekannt, und den hat
Schwedenberg, dessen Innerstes aufgetan ist, den Menschen bekanntmachen wollen.
Mit allen andern Dingen der sichtbaren Welt ist es eben so bewandt, sie haben,
wie gesagt, eine Bedeutung als Sachen, welches wenig ist, und eine andere als
Zeichen, welches mehr ist. Dieses ist auch der Ursprung der neuen Auslegungen,
die er von der Schritt hat machen wollen. Denn der innere Sinn, nämlich die
symbolische Beziehung aller darin erzählten Dinge auf die Geisterwelt, ist, wie
er schwärmet, der Kern ihres Werts, das übrige ist nur die Schale. Was aber
wiederum in dieser symbolischen Verknüpfung körperlicher Dinge als Bilder mit
dem innern geistigen Zustande wichtig ist, besteht darin: Alle Geister stellen
sich einander jederzeit unter dem Anschein ausgedehnter Gestalten vor, und die
Einflüsse aller dieser geistigen Wesen untereinander erregt ihnen zugleich die
Apparenz von noch andern ausgedehnten Wesen, und gleichsam von einer materialen
Welt, deren Bilder doch nur Symbolen ihres inneren Zustandes sein, aber
gleichwohl eine so klare und dauerhafte Täuschung des Sinnes verursachen, dass
solche der wirklichen Empfindung solcher Gegenstände gleich ist. (Ein künftiger
Ausleger wird daraus schliessen: dass Schwedenborg ein Idealist sei; weil er der
Materie dieser Welt auch die eigne Subsistenz abspricht, und sie daher
vielleicht nur vor eine zusammenhängende Erscheinung halten mag, welche aus der
Verknüpfung der Geisterwelt entspringt.) Er redet also von Gärten, weitläuftigen
Gegenden, Wohnplätzen, Galerien und Arkaden der Geister, die er mit eigenen
Augen in dem kläresten Lichte sähe, und versichert: dass, da er mit allen seinen
Freunden nach ihrem Tode vielfältig gesprochen, er an denen, die nur kürzlich
gestorben, fast jederzeit gefunden hätte, dass sie sich kaum hätten überreden
können gestorben zu sein, weil sie eine ähnliche Welt um sich sähen; imgleichen,
dass Geistergesellschaften von einerlei innerem Zustande einerlei Apparenz der
Gegend und anderer daselbst befindlichen Dinge hätten, die Veränderung ihres
Zustandes aber sei mit dem Schein der Veränderung des Orts verbunden. Weil nun
jederzeit, wenn die Geister den Menschenseelen ihre Gedanken mitteilen, diese
mit der Apparenz materieller Dinge verbunden sind, welche im Grunde nur kraft
einer Beziehung auf den geistigen Sinn, doch mit allem Schein der Wirklichkeit
sich demjenigen vormalen, der solche empfängt, so ist daraus der Vorrat der
wilden und unausprechlich albernen Gestalten herzuleiten, welche unser Schwärmer
bei seinem täglichen Geisterumgange in aller Klarheit zu sehen glaubt.
    Ich habe schon angeführt, dass, nach unserm Verfasser, die mancherlei Kräfte
und Eigenschaften der Seele mit denen ihrer Regierung untergeordneten Organen
des Körpers in Sympatie stehen. Der ganze äussere Mensch korrespondiert also dem
ganzen innern Menschen, und wenn daher ein merklicher geistiger Einfluss aus der
unsichtbaren Welt eine oder andere dieser seiner Seelenkräfte vorzüglich trifft,
so empfindet er auch harmonisch die apparente Gegenwart desselben an denen
Gliedmassen seines äusseren Menschen, die diesen korrespondieren. Dahin bezieht er
nun eine grosse Mannigfaltigkeit von Empfindungen an seinem Körper, die jederzeit
mit der geistigen Beschauung verbunden sein, deren Ungereimteit aber zu gross
ist, als dass ich es wagen dürfte, nur eine einzige derselben anzuführen.
    Hieraus kann man sich nun, wofern man es der Mühe wert hält, einen Begriff
von der abenteurlichsten und seltsamsten Einbildung machen, in welche sich alle
seine Träumereien vereinbaren. So wie nämlich verschiedene Kräfte und
Fähigkeiten diejenige Einheit ausmachen, welche die Seele oder der innere Mensch
ist, so machen auch verschiedene Geister (deren Hauptcharaktere sich ebenso
aufeinander beziehen, wie die mancherlei Fähigkeiten eines Geistes
untereinander) eine Sozietät aus, welche die Apparenz eines grossen Menschen an
sich zeigt, und in welchem Schattenbilde ein jeder Geist sich an demjenigen Orte
und in den scheinbaren Gliedmassen sieht, die seiner eigentümlichen Verrichtung
in einem solchen geistigen Körper gemäss ist. Alle Geistersozietäten aber
zusammen, und die ganze Welt aller dieser unsichtbaren Wesen, erscheinet zuletzt
selbst wiederum in der Apparenz des grössesten Menschen. Eine ungeheure und
riesenmässige Phantasie, zu welcher sich vielleicht eine alte kindische
Vorstellung ausgedehnt hat, wenn etwa in Schulen, um dem Gedächtnis zu Hülfe zu
kommen, ein ganzer Weltteil unter dem Bilde einer sitzenden Jungfrau u.d.g. den
Lehrlingen vorgemalt wird. In diesem unermesslichen Menschen ist eine
durchgängige innigste Gemeinschaft eines Geistes mit allem und aller mit einem,
und, wie auch immer die Lage der lebenden Wesen gegeneinander in dieser Welt,
oder deren Veränderung beschaffen sein mag, so haben sie doch eine ganz andere
Stelle im grössesten Menschen, welche sie niemals verändern und welche nur dem
Scheine nach ein Ort in einem unermesslichen Raume, in der Tat aber eine
bestimmte Art ihrer Verhältnisse und Einflüsse ist.
    Ich bin es müde, die wilden Hirngespinste des ärgsten Schwärmers unter allen
zu kopieren, oder solche bis zu seinen Beschreibungen vom Zustande nach dem Tode
fortzusetzen. Ich habe auch noch andere Bedenklichkeiten. Denn ob gleich ein
Natursammler unter den präparierten Stücken tierischer Zeugungen nicht nur
solche, die in natürlicher Form gebildet sein, sondern auch Missgeburten in
seinem Schranke aufstellt, so muss er doch behutsam sein, sie nicht jedermann und
nicht gar zu deutlich sehen zu lassen. Denn es könnten unter den Vorwitzigen
leichtlich schwangere Personen sein, bei denen es einen schlimmen Eindruck
machen dürfte. Und da unter meinen Lesern einige in Ansehung der idealen
Empfängnis eben sowohl in andern Umständen sein mögen, so würde mir es leid tun,
wenn sie sich hier etwa woran sollten versehen haben. Indessen, weil ich sie
doch gleich anfangs gewarnet habe, so stehe ich vor nichts, und hoffe, man werde
mir die Mondkälber nicht aufbürden, die bei dieser Veranlassung von ihrer
fruchtbaren Einbildung möchten geboren werden.
    Übrigens habe ich den Träumereien unseres Verfassers keine eigene
unterschoben, sondern solche durch einen getreuen Auszug dem bequemen und
wirtschaftlichen Leser (der einem kleinen Vorwitze nicht so leicht 7 Pfund
Sterlinge aufopfern möchte) dargeboten. Zwar sind die unmittelbare Anschauungen
mehrenteils von mir weggelassen worden, weil dergleichen wilde Hirngespinste nur
den Nachtschlaf des Lesers stören würden; auch ist der verworrene Sinn seiner
Eröffnungen hin und wieder in eine etwas gangbare Sprache eingekleidet worden;
allein die Hauptzüge des Abrisses haben dadurch in ihrer Richtigkeit nicht
gelitten. Gleichwohl ist es nur umsonst, es verhehlen zu wollen, weil es
jedermann doch so in die Augen fällt, dass alle diese Arbeit am Ende auf nichts
herauslaufe. Denn da die vorgegebene Privaterscheinungen des Buchs sich selbst
nicht beweisen können, so konnte der Bewegungsgrund, sich mit ihnen abzugeben,
nur in der Vermutung liegen, dass der Verfasser zur Beglaubigung derselben sich
vielleicht auf Vorfälle von der oben erwähnten Art, die durch lebende Zeugen
bestätigt werden könnten, berufen würde. Dergleichen aber findet man nirgend.
Und so ziehen wir uns mit einiger Beschämung von einem törichten Versuche
zurück, mit der vernünftigen obgleich etwas späten Anmerkung: dass das Klugdenken
mehrenteils eine leichte Sache sei, aber leider, nur nachdem man sich eine
Zeitlang hat hintergehen lassen.
                                     * * *
    Ich habe einen undankbaren Stoff bearbeitet, den mir die Nachfrage und
Zudringlichkeit vorwitziger und müssiger Freunde unterlegte. Indem ich diesem
Leichtsinn meine Bemühung unterwarf, so habe ich zugleich dessen Erwartung
betrogen, und, weder dem Neugierigen durch Nachrichten, noch dem Forschenden
durch Vernunftgründe, etwas zur Befriedigung ausgerichtet. Wenn keine andre
Absicht diese Arbeit beseelte, so habe ich meine Zeit verloren; ich habe das
Zutrauen des Lesers verloren, dessen Erkundigung und Wissbegierde ich durch einen
langweiligen Umweg zu demselben Punkte der Unwissenheit geführet habe, aus
welchem er herausgegangen war. Allein ich hatte in der Tat einen Zweck vor
Augen, der mir wichtiger scheint, als der, welchen ich vorgab, und diesen meine
ich erreicht zu haben. Die Metaphysik, in welche ich das Schicksal habe verliebt
zu sein, ob ich mich gleich von ihr nur selten einiger Gunstbezeugungen rühmen
kann, leistet zweierlei Vorteile. Der erste ist, denen Aufgaben ein Gnüge zu
tun, die das forschende Gemüt aufwirft, wenn es verborgenem Eigenschaften der
Dinge durch Vernunft nachspähet. Aber hier täuscht der Ausgang nur gar zu oft
die Hoffnung, und ist diesmal auch unsern begierigen Händen entgangen.
 Ter, frustra comprensa manus, effugit imago,
 Par levibus ventis volucrique simillima somno.
                                                                           Virg.
Der andre Vorteil ist der Natur des menschlichen Verstandes mehr angemessen und
besteht darin: einzusehen, ob die Aufgabe aus demjenigen, was man wissen kann,
auch bestimmt sei und welches Verhältnis die Frage zu denen Erfahrungsbegriffen
habe, darauf sich alle unsre Urteile jederzeit stützen müssen. In so ferne ist
die Metaphysik eine Wissenschaft von den Grenzen der menschlichen Vernunft, und
da ein kleines Land jederzeit viel Grenze hat, überhaupt auch mehr daran liegt,
seine Besitzungen wohl zu kennen und zu behaupten, als blindlings auf
Eroberungen auszugehen, so ist dieser Nutze der erwähnten Wissenschaft der
unbekannteste und zugleich der wichtigste, wie er denn auch nur ziemlich spät
und nach langer Erfahrung erreichet wird. Ich habe diese Grenze hier zwar nicht
genau bestimmt, aber doch in so weit angezeigt, dass der Leser bei weiterem
Nachdenken finden wird, er könne sich aller vergeblichen Nachforschung
überheben, in Ansehung einer Frage, wozu die Data in einer andern Welt, als in
welcher er empfindet, anzutreffen sind. Ich habe also meine Zeit verloren, damit
ich sie gewönne. Ich habe meinen Leser hintergangen, damit ich ihm nützete, und
wenn ich ihm gleich keine neue Einsicht darbot, so vertilgte ich doch den Wahn
und das eitele Wissen, welches den Verstand aufblähet und in seinem engen Raume
den Platz ausfüllt, den die Lehren der Weisheit und der nützlichen Unterweisung
einnehmen könnten.
    Wen die bisherigen Betrachtungen ermüdet haben, ohne ihn zu belehren, dessen
Ungeduld kann sich nunmehro damit aufrichten, was Diogenes, wie man sagt, seinen
gähnenden Zuhörern zusprach, als er das letzte Blatt einiges langweiligen Buchs
sah: Courage, meine Herren, ich sehe Land. Vorher wandelten wir wie Demokrit im
leeren Raume, wohin uns die Schmetterlingsflügel der Metaphysik gehoben hatten,
und unterhielten uns daselbst mit geistigen Gestalten. Itzt, da die stiptische
Kraft der Selbsterkenntnis die seidene Schwingen zusammenzogen hat, sehen wir
uns wieder auf dem niedrigen Boden der Erfahrung und des gemeinen Verstandes;
glücklich! wenn wir denselben als unseren angewiesenen Platz betrachten, aus
welchem wir niemals ungestraft hinausgehen, und der auch alles entält, was uns
befriedigen kann, so lange wir uns am Nützlichen halten.
 
                              Drittes Hauptstück.
                  Praktischer Schluss aus der ganzen Abhandlung
    Einem jeden Vorwitze nachzuhängen, und der Erkenntnissucht keine andre
Grenzen zu verstatten, als das Unvermögen, ist ein Eifer, welcher der
Gelehrsamkeit nicht übel ansteht. Allein unter unzähligen Aufgaben, die sich
selbst darbieten, diejenige auswählen, deren Auflösung dem Menschen angelegen
ist, ist das Verdienst der Weisheit. Wenn die Wissenschaft ihren Kreis
durchlaufen hat, so gelanget sie natürlicher Weise zu dem Punkte eines
bescheidenen Misstrauens, und sagt, unwillig über sich selbst, wie viel Dinge
gibt es doch, die ich nicht einsehe. Aber die durch Erfahrung gereifte Vernunft,
welche zur Weisheit wird, spricht in dem Munde des Sokrates, mitten unter den
Waren eines Jahrmarkts, mit heiterer Seele: Wie viel Dinge gibt es doch, die ich
alle nicht brauche. Auf solche Art fliessen endlich zwei Bestrebungen von so
unähnlicher Natur in eine zusammen, ob sie gleich anfangs nach sehr
verschiedenen Richtungen ausgingen, indem die erste eitel und unzufrieden, die
zweite aber gesetzt und gnügsam ist. Denn um vernünftig zu wählen, muss man
vorher selbst das Entbehrliche, ja das Unmögliche kennen; aber endlich gelangt
die Wissenschaft zu der Bestimmung der ihr durch die Natur der menschlichen
Vernunft gesetzten Grenzen; alle bodenlose Entwürfe aber, die vielleicht an sich
selbst nicht unwürdig sein mögen, nur dass sie ausser der Sphäre des Menschen
liegen, fliehen auf den Limbus der Eitelkeit. Alsdenn wird selbst die Metaphysik
dasjenige, wovon sie itzo noch ziemlich weit entfernet ist, und was man von ihr
am wenigsten vermuten sollte, die Begleiterin der Weisheit. Denn so lange die
Meinung einer Möglichkeit, zu so entfernten Einsichten zu gelangen, übrig
bleibt, so ruft die weise Einfalt vergeblich, dass solche grosse Bestrebungen
entbehrlich sein. Die Annehmlichkeit, welche die Erweiterung des Wissens
begleitet, wird sehr leicht den Schein der Pflichtmässigkeit annehmen, und aus
jener vorsetzlichen und überlegten Gnügsamkeit eine dumme Einfalt machen, die
sich der Veredelung unserer Natur entgegensetzen will. Die Fragen von der
geistigen Natur, von der Freiheit und Vorherbestimmung, dem künftigen Zustande
u.d.g. bringen anfänglich alle Kräfte des Verstandes in Bewegung, und ziehen den
Menschen durch ihre Vortrefflichkeit in den Wetteifer der Spekulation, welche
ohne Unterschied klügelt und entscheidet, lehret oder widerlegt, wie es die
Scheineinsicht jedesmal mit sich bringt. Wenn diese Nachforschung aber in
Philosophie ausschlägt, die über ihr eigen Verfahren urteilt, und die nicht die
Gegenstände allein, sondern deren Verhältnis zu dem Verstande des Menschen
kennt, so ziehen sich die Grenzen enger zusammen, und die Marksteine werden
gelegt, welche die Nachforschung aus eigentümlichen Bezirke niemals mehr
ausschweifen lassen. Wir haben einige Philosophie nötig gehabt, um die
Schwierigkeit zu kennen, welche einen Begriff umgeben, den man gemeiniglich als
sehr bequem und alltägig behandelt. Etwas mehr Philosophie entfernet dieses
Schattenbild der Einsicht noch mehr, und überzeugt uns, dass es gänzlich ausser
dem Gesichtskreise der Menschen liege. Denn in den Verhältnissen der Ursache und
Wirkung, der Substanz und der Handlung dient anfänglich die Philosophie dazu,
die verwickelte Erscheinungen aufzulösen und solche auf einfachere Vorstellungen
zu bringen. Ist man aber endlich zu den Grundverhältnissen gelangt, so hat das
Geschäfte der Philosophie ein Ende, und: wie etwas könne eine Ursache sein oder
eine Kraft haben, ist unmöglich jemals durch Vernunft einzusehen, sondern diese
Verhältnisse müssen lediglich aus der Erfahrung genommen werden. Denn unsere
Vernunftregel geht nur auf die Vergleichung nach der Identität und dem
Widerspruche. So ferne aber etwas eine Ursache ist, so wird durch etwas etwas
anders gesetzt, und es ist also kein Zusammenhang vermöge der Einstimmung
anzutreffen; wie denn auch, wenn ich eben dasselbe nicht als eine Ursache
ansehen will, niemals ein Widerspruch entspringt, weil es sich nicht
kontradizieret: wenn etwas gesetzt ist, etwas anderes aufzuheben. Daher die
Grundbegriffe der Dinge als Ursachen, die der Kräfte und Handlungen, wenn sie
nicht aus der Erfahrung hergenommen sind, gänzlich willkürlich sein und weder
bewiesen noch widerlegt werden können. Ich weiss wohl: dass das Denken und Wollen
meinen Körper bewege, aber ich kann diese Erscheinung, als eine einfache
Erfahrung, niemals durch Zergliederung auf eine andere bringen und sie daher
wohl erkennen, aber nicht einsehen. Dass mein Wille meinen Arm bewegt, ist mir
nicht verständlicher, als wenn jemand sagte, dass derselbe auch den Mond in
seinem Kreise zurückhalten könnte; der Unterschied ist nur dieser: dass ich jenes
erfahre, dieses aber niemals in meine Sinne gekommen ist. Ich erkenne in mir
Veränderungen als in einem Subjekte was lebt, nämlich Gedanken, Willkür etc.
etc. und, weil diese Bestimmungen von anderer Art sein, als alles, was
zusammengenommen meinen Begriff vom Körper macht, so denke ich mir billiger
massen ein unkörperliches und beharrliches Wesen. Ob dieses auch ohne Verbindung
mit dem Körper denken werde, kann vermittelst dieser aus Erfahrung erkannten
Natur niemals geschlossen werden. Ich bin mit meiner Art Wesen durch
Vermittelung körperlicher Gesetze in Verknüpfung, ob ich aber auch sonst nach
andern Gesetzen welche ich pneumatisch nennen will, ohne die Vermittelung der
Materie in Verbindung stehe, oder jemals stehen werde, kann ich auf keinerlei
Weise aus demjenigen schliessen, was mir gegeben ist. Alle solche Urteile, wie
diejenige von der Art, wie meine Seele den Körper bewegt, oder mit andern Wesen
ihrer Art jetzt oder künftig in Verhältnis steht, können niemals etwas mehr als
Erdichtungen sein, und zwar bei weitem nicht einmal von demjenigen Werte, als
die in der Naturwissenschaft, welche man Hypotesen nennt, bei welchen man keine
Grundkräfte ersinnt, sondern diejenige, welche man durch Erfahrung schon kennt,
nur auf eine den Erscheinungen angemessene Art verbindet, und deren Möglichkeit
sich also jederzeit muss können beweisen lassen; dagegen im ersten Falle selbst
neue Fundamentalverhältnisse von Ursache und Wirkung angenommen werden, in
welchen man niemals den mindesten Begriff ihrer Möglichkeit haben kann, und also
nur schöpferisch oder chimärisch, wie man es nennen will, dichtet. Die
Begreiflichkeit verschiedener wahren, oder angeblichen Erscheinungen, aus
dergleichen angenommenen Grundideen, dienet diesen zu gar keinem Vorteile. Denn
man kann leicht von allem Grund angeben, wenn man berechtigt ist, Tätigkeiten
und Wirkungsgesetze zu ersinnen, wie man will. Wir müssen also warten, bis wir
vielleicht in der künftigen Welt durch neue Erfahrungen neue Begriffe von denen
uns noch verborgenen Kräften in unserm denkenden Selbst werden belehrt werden.
So haben uns die Beobachtungen späterer Zeiten, nachdem sie durch Matematik
aufgelöset worden, die Kraft der Anziehung an der Materie offenbaret, von deren
Möglichkeit (weil sie eine Grundkraft zu sein scheint) man sich niemals einigen
ferneren Begriff wird machen können. Diejenige, welche, ohne den Beweis aus der
Erfahrung in Händen zu haben, vorher sich eine solche Eigenschaft hätten
ersinnen wollen, würden als Toren mit Recht verdienet haben ausgelacht zu
werden. Da nun die Vernunftgründe in dergleichen Fällen weder zur Erfindung noch
zur Bestätigung der Möglichkeit oder Unmöglichkeit von der mindesten
Erheblichkeit sein: so kann man nur den Erfahrungen das Recht der Entscheidung
einräumen, so wie ich es auch der Zeit, welche Erfahrung bringt, überlasse,
etwas über die gepriesene Heilkräfte des Magnets in Zahnkrankheiten auszumachen,
wenn sie eben so viel Beobachtungen wird vorzeigen können, dass magnetische Stäbe
auf Fleisch und Knochen wirken, als wir schon vor uns haben, dass es auf Eisen
und Stahl geschehe. Wenn aber gewisse angebliche Erfahrungen sich in kein unter
den meisten Menschen einstimmiges Gesetz der Empfindung bringen lassen, und also
nur eine Regellosigkeit in den Zeugnissen der Sinne beweisen würden (wie es in
der Tat mit den herumgehenden Geistererzählungen bewandt ist), so ist ratsam,
sie nur abzubrechen; weil der Mangel der Einstimmung und Gleichförmigkeit
alsdenn der historischen Erkenntnis alle Beweiskraft nimmt, und sie untauglich
macht, ein Fundament zu irgend einem Gesetze der Erfahrung zu dienen, worüber
der Verstand urteilen könnte.
    So wie man einer Seits durch etwas tiefere Nachforschung eingehen lernet:
dass die überzeugende und philosophische Einsicht in dem Falle, wovon wir reden,
unmöglich sei, so wird man auch anderer Seits bei einem ruhigen und
vorurteilfreien Gemüte gestehen müssen, dass sie entbehrlich und unnötig sei. Die
Eitelkeit der Wissenschaft entschuldigt gerne ihre Beschäftigung mit dem
Vorwande der Wichtigkeit, und so gibt man auch hier gemeiniglich vor, dass die
Vernunfteinsicht von der geistigen Natur der Seele zu der Überzeugung von dem
Dasein nach dem Tode, diese aber zum Bewegungsgrunde eines tugendhaften Lebens
sehr nötig sei; die müssige Neubegierde aber setzt hinzu, dass die Wahrhaftigkeit
der Erscheinungen abgeschiedener Seelen von allem diesen so gar einen Beweis aus
der Erfahrung abgeben könne. Allein die wahre Weisheit ist die Begleiterin der
Einfalt, und, da bei ihr das Herz dem Verstande die Vorschrift gibt, so macht
sie gemeiniglich die grosse Zurüstungen der Gelehrsamkeit entbehrlich, und ihre
Zwecke bedürfen nicht solcher Mittel, die nimmermehr in aller Menschen Gewalt
sein können. Wie? ist es denn nur darum gut tugendhaft zu sein, weil es eine
andre Welt gibt, oder werden die Handlungen nicht vielmehr dereinst belohnt
werden, weil sie an sich selbst gut und tugendhaft waren? Entält das Herz des
Menschen nicht unmittelbare sittliche Vorschriften, und muss man, um ihn allhier
seiner Bestimmung gemäss zu bewegen, durchaus die Maschinen an eine andere Welt
ansetzen? Kann derjenige wohl redlich, kann er wohl tugendhaft heissen, welcher
sich gern seinen Lieblingslastern ergeben würde, wenn ihm nur keine künftige
Strafe schreckte, und wird man nicht vielmehr sagen müssen, dass er zwar die
Ausübung der Bosheit scheue, die lasterhafte Gesinnung aber in seiner Seele
nähre, dass er den Vorteil der tugendähnlichen Handlungen liebe, die Tugend
selbst aber hasse? Und in der Tat lehret die Erfahrung auch: dass so viele,
welche von der künftigen Welt belehrt und überzeugt sind, gleichwohl dem Laster
und der Niederträchtigkeit ergeben, nur auf Mittel sinnen, den drohenden Folgen
der Zukunft arglistig auszuweichen; aber es hat wohl niemals eine rechtschaffene
Seele gelebt, welche den Gedanken hätte ertragen können, dass mit dem Tode alles
zu Ende sei, und deren edle Gesinnung sich nicht zur Hoffnung der Zukunft
erhoben hätte. Daher scheint es der menschlichen Natur und der Reinigkeit der
Sitten gemässer zu sein: die Erwartung der künftigen Welt auf die Empfindungen
einer wohlgearteten Seele, als umgekehrt ihr Wohlverhalten auf die Hoffnung der
andern Welt zu gründen. So ist auch der moralische Glaube bewandt, dessen
Einfalt mancher Spitzfindigkeit des Vernünftelns überhoben sein kann, und
welcher einzig und allein dem Menschen in jeglichem Zustande angemessen ist,
indem er ihn ohne Umschweif zu seinen wahren Zwecken führet. Lasst uns demnach
alle lärmende Lehrverfassungen von so entfernten Gegenständen der Spekulation
und der Sorge müssiger Köpfe überlassen. Sie sind uns in der Tat gleichgültig,
und der augenblickliche Schein der Gründe vor oder dawider mag vielleicht über
den Beifall der Schulen, schwerlich aber etwas über das künftige Schicksal der
Redlichen entscheiden. Es war auch die menschliche Vernunft nicht gnugsam dazu
beflügelt, dass sie so hohe Wolken teilen sollte, die uns die Geheimnisse der
andern Welt aus den Augen ziehen, und denen Wissbegierigen, die sich nach
derselben so angelegentlich erkundigen, kann man den einfältigen aber sehr
natürlichen Bescheid geben: dass es wohl am ratsamsten sei, wenn sie sich zu
gedulden beliebten, bis sie werden dahin kommen. Da aber unser Schicksal in der
künftigen Welt vermutlich sehr darauf ankommen mag, wie wir unsern Posten in der
gegenwärtigen verwaltet haben, so schliesse ich mit demjenigen, was Voltaire
seinen ehrlichen Candide, nach so viel unnützen Schulstreitigkeiten, zum
Beschlusse sagen lässt: Lasst uns unser Glück besorgen, in den Garten gehen, und
arbeiten.
 
                                    Fussnoten
1 Wenn der Begriff eines Geistes von unsern eignen Erfahrungsbegriffen
abgesondert wäre, so würde das Verfahren, ihn deutlich zu machen, leicht sein,
indem man nur diejenigen Merkmale anzuzeigen hätte, welche uns die Sinne an
dieser Art Wesen offenbareten, und wodurch wir sie von materiellen Dingen
unterscheiden. Nun aber wird von Geistern geredet, selbst alsdenn, wenn man
zweifelt, ob es gar dergleichen Wesen gebe. Also kann der Begriff von der
geistigen Natur nicht als ein von der Erfahrung abstrahierter behandelt werden.
Fragt ihr aber: wie ist man denn zu diesem Begriff überhaupt gekommen, wenn es
nicht durch Abstraktion geschehen ist? Ich antworte: viele Begriffe entspringen
durch geheime und dunkele Schlüsse bei Gelegenheit der Erfahrungen, und pflanzen
sich nachher auf andere fort ohne Bewusstsein der Erfahrung selbst oder des
Schlusses, welcher den Begriff über dieselbe errichtet hat. Solche Begriffe kann
man erschlichene nennen. Dergleichen sind viele, die zum Teil nichts als ein
Wahn der Einbildung, zum Teil auch wahr sein, indem auch dunkele Schlüsse nicht
immer irren. Der Redegebrauch und die Verbindung eines Ausdrucks mit
verschiedenen Erzählungen, in denen jederzeit einerlei Hauptmerkmal anzutreffen
ist, geben ihm eine bestimmte Bedeutung, welche folglich nur dadurch kann
entfalten werden, dass man diesen versteckten Sinn durch eine Vergleichung mit
allerlei Fällen der Anwendung, die mit ihm einstimmig sein oder ihm
widerstreiten, aus seiner Dunkelheit hervorzieht.
2 Man wird hier leichtlich gewahr: dass ich nur von Geistern, die als Teile zum
Weltganzen gehören, und nicht von dem unendlichen Geiste rede, der der Urheber
und Erhalter desselben ist. Denn der Begriff von der geistigen Natur des
letzteren ist leicht, weil er lediglich negativ ist, und darin besteht, dass man
die Eigenschaften der Materie an ihm verneinet, die einer unendlichen und
schlechterdings notwendigen Substanz widerstreiten. Dagegen bei einer geistigen
Substanz, die mit der Materie in Vereinigung sein soll, wie z. E. der
menschlichen Seele, äussert sich die Schwierigkeit: dass ich eine wechselseitige
Verknüpfung derselben mit körperlichen Wesen zu einem Ganzen denken, und dennoch
die einzige bekannte Art der Verbindung, welche unter materiellen Wesen statt
findet, aufheben soll.
3 Man hat Beispiele von Verletzungen, dadurch ein guter Teil des Gehirns
verloren worden, ohne dass es dem Menschen das Leben oder die Gedanken gekostet
hat. Nach der gemeinen Vorstellung, die ich hier anführe, würde ein Atomus
desselben haben dürfen entführt, oder aus der Stelle gerückt werden, um in einem
Augenblick den Menschen zu entseelen. Die herrschende Meinung: der Seele einen
Platz im Gehirne anzuweisen, scheinet hauptsächlich ihren Ursprung darin zu
haben, dass man bei starkem Nachsinnen deutlich fühlt, dass die Gehirnnerven
angestrengt werden. Allein wenn dieser Schluss richtig wäre, so würde er auch
noch andere Örter der Seele beweisen. In der Bangigkeit oder der Freude scheint
die Empfindung ihren Sitz im Herzen zu haben. Viele Affekten, ja die mehresten,
äussern ihre Hauptstärke im Zwerchfell. Das Mitleiden bewegt die Eingeweide und
andre Instinkte äussern ihren Ursprung und Empfindsamkeit in andern Organen. Die
Ursache, die da macht, dass man die nachdenkende Seele vornehmlich im Gehirne zu
empfinden glaubt, ist vielleicht diese. Alles Nachsinnen erfordert die
Vermittelung der Zeichen vor die zu erweckende Ideen, um in deren Begleitung und
Unterstützung dessen den erforderlichen Grad Klarheit zu geben. Die Zeichen
unserer Vorstellungen aber sind vornehmlich solche, die entweder durchs Gehör
oder das Gesicht empfangen sind, welche beide Sinne durch die Eindrücke im
Gehirne bewegt werden, indem ihre Organen auch diesem Teile am nächsten liegen.
Wenn nun die Erweckung dieser Zeichen, welche Cartesius ideas materiales nennt,
eigentlich eine Reizung der Nerven zu einer ähnlichen Bewegung mit derjenigen
ist, welche die Empfindung ehedem hervorbrachte, so wird das Gewebe des Gehirns
im Nachdenken vornehmlich genötiget werden, mit vormaligen Eindrücken harmonisch
zu beben, und dadurch ermüdet werden. Denn wenn das Denken zugleich affektvoll
ist, so empfindet man nicht allein Anstrengungen des Gehirnes, sondern zugleich
Angriffe der reizbaren Teile, welche sonst mit den Vorstellungen der in
Leidenschaft versetzten Seele in Sympatie stehen.
4 Der Grund hievon, der mir selbst sehr dunkel ist und wahrscheinlicher Weise
auch wohl so bleiben wird, trifft zugleich auf das empfindende Wesen in den
Tieren. Was in der Welt ein Principium des Lebens entält, scheint immaterieller
Natur zu sein. Denn alles Leben beruhet auf dem inneren Vermögen, sich selbst
nach Willkür zu bestimmen. Da hingegen das wesentliche Merkmal der Materie in
der Erfüllung des Raumes durch eine notwendige Kraft bestehet, die durch äussere
Gegenwirkung beschränkt ist; daher der Zustand alles dessen, was materiell ist,
äusserlich abhangend und gezwungen ist, diejenige Naturen aber, die selbst tätig
und aus ihrer innern Kraft wirksam den Grund des Lebens entalten sollen, kurz
diejenige, deren eigene Willkür sich von selber zu bestimmen und zu verändern
vermögend ist, schwerlich materieller Natur sein können. Man kann vernünftiger
Weise nicht verlangen, dass eine so unbekannte Art Wesen, die man mehrenteils nur
hypotetisch erkennt, in den Abteilungen ihrer verschiedenen Gattungen sollte
begriffen werden; zum wenigsten sind diejenige immaterielle Wesen, die den Grund
des tierischen Lebens entalten, von denenjenigen unterschieden, die in ihrer
Selbsttätigkeit Vernunft begreifen und Geister genannt werden.
5 Leibniz sagte, dieser innere Grund aller seiner äusseren Verhältnisse und ihrer
Veränderungen sei eine Vorstellungskraft, und spätere Philosophen empfingen
diesen unausgeführten Gedanken mit Gelächter. Sie hätten aber nicht übel getan,
wenn sie vorhero bei sich überlegt hätten, ob denn eine Substanz, wie ein
einfacher Teil der Materie ist, ohne allem inneren Zustande möglich sei, und
wenn sie denn diesen etwa nicht ausschliessen wollten, so würde ihnen obgelegen
haben, irgend einen andern möglichen innern Zustand zu ersinnen, als den der
Vorstellungen und der Tätigkeiten, die von ihnen abhängend sein. Jedermann sieht
von selber, dass, wenn man auch den einfachen Elementarteilen der Materie ein
Vermögen dunkler Vorstellungen zugesteht, daraus noch keine Vorstellungskraft
der Materie selbst erfolge, weil viel Substanzen von solcher Art, in einem
Ganzen verbunden, doch niemals eine denkende Einheit ausmachen können.
6 Wenn man von dem Himmel als dem Sitze der Seligen redet, so setzt die gemeine
Vorstellung ihn gerne über sich, hoch in dem unermesslichen Weltraume. Man
bedenket aber nicht, dass unsre Erde, aus diesen Gegenden gesehen, auch als einer
von den Sternen des Himmels erscheine, und dass die Bewohner anderer Welten mit
eben so gutem Grunde nach uns hin zeigen könnten, und sagen: sehet da den
Wohnplatz ewiger Freuden und einen himmlischen Aufentalt, welcher zubereitet
ist, uns dereinst zu empfangen. Ein wunderlicher Wahn nämlich macht, dass der
hohe Flug, den die Hoffnung nimmt, immer mit dem Begriffe des Steigens verbunden
ist, ohne zu bedenken, dass, so hoch man auch gestiegen ist, man doch wieder
sinken müsse, um allenfalls in einer andern Welt festen Fuss zu fassen. Nach den
angeführten Begriffen aber würde der Himmel eigentlich die Geisterwelt sein,
oder, wenn man will, der selige Teil derselben, und diese würde man weder über
sich noch unter sich zu suchen haben, weil ein solches immaterielle Ganze nicht
nach den Entfernungen oder Naheiten gegen körperliche Dinge, sondern in
geistigen Verknüpfungen seiner Teile untereinander vorgestellt werden muss,
wenigstens die Glieder derselben sich nur nach solchen Verhältnissen ihrer
selbst bewusst sein.
7 Die aus dem Grunde der Moralität entspringende Wechselwirkungen des Menschen
und der Geisterwelt, nach den Gesetzen des pneumatischen Einflusses, könnte man
darin setzen, dass daraus natürlicher Weise eine nähere Gemeinschaft einer guten
oder bösen Seele mit guten und bösen Geistern entspringe, und jene dadurch sich
selbst dem Teile der geistigen Republik zugeselleten, der ihrer sittlichen
Beschaffenheit gemäss ist, mit der Teilnehmung an allen Folgen, die daraus nach
der Ordnung der Natur entstehen mögen.
8 Man kann dieses durch eine gewisse Art von zwiefacher Persönlichkeit, die der
Seele selbst in Ansehung dieses Lebens zukommt, erläutern. Gewisse Philosophen
glauben, sich ohne den mindesten besorglichen Einspruch auf den Zustand des
festen Schlafes berufen zu können, wenn sie die Wirklichkeit dunkeler
Vorstellungen beweisen wollen, da sich doch nichts weiter hievon mit Sicherheit
sagen lässt, als dass wir uns im Wachen keiner von denenjenigen erinnern, die wir
im festen Schlafe etwa mochten gehabt haben, und daraus nur so viel folgt, dass
sie beim Erwachen nicht klar vorgestellt worden, nicht aber, dass sie auch damals
als wir schliefen dunkel waren. Ich vermute vielmehr, dass dieselbe klärer und
ausgebreiteter sein mögen, als selbst die kläresten im Wachen; weil dieses bei
der völligen Ruhe äusserer Sinne von einem so tätigen Wesen als die Seele ist, zu
erwarten ist, wiewohl, da der Körper des Menschen zu der Zeit nicht mit
empfunden ist, beim Erwachen die begleitende Idee desselben ermangelt, welche
den vorigen Zustand der Gedanken, als zu eben derselben Person gehörig, zum
Bewusstsein verhelfen könnte. Die Handlungen einiger Schlafwanderer, welche
bisweilen in solchem Zustande mehr Verstand als sonsten zeigen, ob sie gleich
nichts davon beim Erwachen erinnern, bestätigt die Möglichkeit dessen, was ich
vom festen Schlafe vermute. Die Träume dagegen, das ist, die Vorstellungen des
Schlafenden, deren er sich beim Erwachen erinnert, gehören nicht hieher. Denn
alsdenn schläft der Mensch nicht völlig; er empfindet in einem gewissen Grade
klar und webt seine Geisteshandlungen in die Eindrücke der äusseren Sinne. Daher
er sich ihrer zum Teil nachhero erinnert, aber auch an ihnen lauter wilde und
abgeschmackte Chimären antrifft, wie sie es denn notwendig sein müssen, da in
ihnen Ideen der Phantasie und die der äusseren Empfindung untereinander geworfen
wird.
9 Ich verstehe hierunter nicht die Organen der äusseren Empfindung, sondern das
Sensorium der Seele, wie man es nennt, d.i. denjenigen Teil des Gehirnes, dessen
Bewegung die mancherlei Bilder und Vorstellungen der denkenden Seele zu
begleiten pflegt, wie die Philosophen davor halten.
10 So wird das Urteil, welches wir von dem scheinbaren Orte naher Gegenstände
fällen, in der Sehekunst gemeiniglich vorgestellt, und es stimmt auch sehr gut
mit der Erfahrung. Indessen treffen eben dieselbe Lichtstrahlen, die aus einem
Punkte auslaufen, vermöge der Brechung in den Augenfeuchtigkeiten nicht
divergierend auf den Sehenerven, sondern vereinigen sich daselbst in einem
Punkte. Daher, wenn die Empfindung lediglich in diesem Nerven vorgeht, der focus
imaginarius nicht ausser dem Körper sondern im Boden des Auges gesetzt weiden
müsste, welches eine Schwierigkeit macht, die ich jetzt nicht auflösen kann, und
die mit den obigen Sätzen so wohl als mit der Erfahrung unvereinbar scheint.
11 Man könnte, als eine entfernte Ähnlichkeit mit dem angeführten Zufalle, die
Beschaffenheit der Trunkenen anführen, die in diesem Zustande mit beiden Augen
doppelt sehen; darum, weil durch die Anschwellung der Blutgefässe eine Hindernis
entspringt, die Augenachsen so zu richten, dass ihre verlängerte Linien sich im
Punkte, worin das Objekt ist, schneiden. Eben so mag die Verziehung der
Hirngefässe, die vielleicht nur vorübergehend ist, und so lange sie dauert nur
einige Nerven betrifft, dazu dienen, dass gewisse Bilder der Phantasie selbst im
Wachen als ausser uns erscheinen. Eine sehr gemeine Erfahrung kann mit dieser
Täuschung verglichen werden. Wenn man nach vollbrachten Schlafe mit einer
Gemächlichkeit, die einem Schlummer nahe kommt, und gleichsam mit gebrochnen
Augen die mancherlei Fäden der Bettvorhänge oder des Bezuges oder die kleinen
Flecken einer nahen Wand ansieht, so macht man sich daraus leichtlich Figuren
von Menschengesichtern und dergleichen. Das Blendwerk hört auf, so bald man will
und die Aufmerksamkeit anstrengt. Hier ist die Versetzung des foci imaginarii
der Phantasien der Willkür einigermassen unterworfen, da sie bei der Verrückung
durch keine Willkür kann gehindert werden.
12 Das Sinnbild der alten Ägypter vor die Seele war ein Papillon, und die
griechische Benennung bedeutete eben dasselbe. Man sieht leicht, dass die
Hoffnung, welche aus dem Tode nur eine Verwandlung macht, eine solche Idee samt
ihren Zeichen veranlasst habe. Indessen hebt dieses keinesweges das Zutrauen zu
der Richtigkeit der hieraus entsprungenen Begriffe. Unsere innere Empfindung und
die darauf gegründete Urteile des Vernunftähnlichen führen, so lange sie
unverderbt sind, eben dahin, wo die Vernunft hin leiten würde, wenn sie
erleuchteter und ausgebreiteter wäre.
 
    