
        
                              
                                 Immanuel Kant
   Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes
                                     Vorrede
 Ne mea dona tibi studio disposta fideli,
 Intellecta prius quam sint, contemta relinquas.
                                                                      Lucretius.
    Ich habe keine so hohe Meinung von dem Nutzen einer Bemühung wie die
gegenwärtige ist, als wenn die wichtigste aller unserer Erkenntnisse: Es ist ein
Gott, ohne Beihülfe tiefer metaphysischer Untersuchungen wanke und in Gefahr
sei. Die Vorsehung hat nicht gewollt, dass unsre zur Glückseligkeit höchstnötige
Einsichten auf der Spitzfindigkeit feiner Schlüsse beruhen sollten, sondern sie
dem natürlichen gemeinen Verstande unmittelbar überliefert, der, wenn man ihn
nicht durch falsche Kunst verwirrt, nicht ermangelt, uns gerade zum Wahren und
Nützlichen zu führen, in so ferne wir desselben äusserst bedürftig sein. Daher
derjenige Gebrauch der gesunden Vernunft, der selbst noch innerhalb den
Schranken gemeiner Einsichten ist, genugsam überführende Beweistümer von dem
Dasein und den Eigenschaften dieses Wesens an die Hand gibt, obgleich der
subtile Forscher allerwärts die Demonstration und die Abgemessenheit genau
bestimmter Begriffe oder regelmässig verknüpfter Vernunftschlüsse vermisst.
Gleichwohl kann man sich nicht entbrechen, diese Demonstration zu suchen, ob sie
sich nicht irgendwo darböte. Denn ohne der billigen Begierde zu erwähnen, deren
ein der Nachforschung gewohnter Verstand sich nicht entschlagen kann, in einer
so wichtigen Erkenntnis etwas Vollständiges und deutlich Begriffenes zu
erreichen, so ist noch zu hoffen, dass eine dergleichen Einsicht, wenn man ihrer
mächtig geworden, viel mehreres in diesem Gegenstande aufklären könnte. Zu
diesem Zwecke aber zu gelangen muss man sich auf den bodenlosen Abgrund der
Metaphysik wagen. Ein finsterer Ozean ohne Ufer und ohne Leuchttürme, wo man es
wie der Seefahrer auf einem unbeschifften Meere anfangen muss, welcher, so bald
er irgendwo Land betritt, seine Fahrt prüft und untersucht, ob nicht etwa
unbemerkte Seeströme seinen Lauf verwirrt haben, aller Behutsamkeit ungeachtet,
die die Kunst zu schiffen nur immer gebieten mag.
    Diese Demonstration ist indessen noch niemals erfunden worden, welches schon
von andern angemerket ist. Was ich hier liefere, ist auch nur der Beweisgrund zu
einer Demonstration, ein mühsam gesammeltes Baugeräte, welches der Prüfung des
Kenners vor Augen gelegt ist, um aus dessen brauchbaren Stücken nach den Regeln
der Dauerhaftigkeit und der Wohlgereimteit das Gebäude zu vollführen. Eben so
wenig wie ich dasjenige was ich liefere vor die Demonstration selber will
gehalten wissen, so wenig sind die Auflösungen der Begriffe deren ich mich
bediene schon Definitionen. Sie sind wie mich dünkt richtige Merkmale der Sachen
wovon ich handele, tüchtig, um daraus zu abgemessenen Erklärungen zu gelangen,
an sich selbst um der Wahrheit und Deutlichkeit willen brauchbar, aber sie
erwarten noch die letzte Hand des Künstlers, um den Definitionen beigezählt zu
werden. Es gibt eine Zeit, wo man in einer solchen Wissenschaft, wie die
Metaphysik ist, sich getraut, alles zu erklären und alles zu demonstrieren, und
wiederum eine andere, wo man sich nur mit Furcht und Misstrauen an dergleichen
Unternehmungen wagt.
    Die Betrachtungen die ich darlege sind die Folge eines langen Nachdenkens,
aber die Art des Vortrages hat das Merkmal einer unvollendeten Ausarbeitung an
sich, in so ferne verschiedene Beschäftigungen die dazu erfoderliche Zeit nicht
übrig gelassen haben. Es ist indessen eine sehr vergebliche Einschmeichlung, den
Leser um Verzeihung zu bitten, dass man ihn, um welcher Ursache willen es auch
sei, nur mit etwas Schlechtem habe aufwarten können. Er wird es niemals
vergeben, man mag sich entschuldigen wie man will. In meinem Falle ist die nicht
völlig ausgebildete Gestalt des Werks nicht so wohl einer Vernachlässigung als
einer Unterlassung aus Absichten beizumessen. Ich wollte nur die erste Züge
eines Hauptrisses entwerfen, nach welchen wie ich glaube ein Gebäude von nicht
geringer Vortrefflichkeit könnte aufgeführt werden, wenn unter geübtem Händen
die Zeichnung in den Teilen mehr Richtigkeit und im Ganzen eine vollendete
Regelmässigkeit erhielte. In dieser Absicht wäre es unnötig gewesen, gar zu viel
ängstliche Sorgfalt zu verwenden, um in einzelnen Stücken alle Züge genau
auszumalen, da der Entwurf im Ganzen allererst das strenge Urteil der Meister in
der Kunst abzuwarten hat. Ich habe daher öfters nur Beweistümer angeführt, ohne
mich anzumassen, dass ich ihre Verknüpfung mit der Folgerung vorjetzt deutlich
zeigen könnte. Ich habe bisweilen gemeine Verstandesurteile angeführt, ohne
ihnen durch logische Kunst die Gestalt der Festigkeit zu geben, die ein Baustück
in einem System haben muss, entweder weil ich es schwer fand, oder weil die
Weitläuftigkeit der nötigen Vorbereitung der Grösse, die das Werk haben sollte,
nicht gemäss war, oder auch weil ich mich berechtigt zu sein glaubte, da ich
keine Demonstration ankündige, der Foderung, die man mit Recht an systematische
Verfasser tut, entschlagen zu sein. Ein kleiner Teil derer, die sich das Urteil
über Werke des Geistes anmassen, wirft kühne Blicke auf das Ganze eines Versuchs,
und betrachtet vornehmlich die Beziehung, die die Hauptstücke desselben zu einem
tüchtigen Bau haben könnten, wenn man gewisse Mängel ergänzte oder Fehler
verbesserte. Diese Art Leser ist es, deren Urteil dem menschlichen Erkenntnis
vornehmlich nutzbar ist. Was die übrige anlangt, welche, unvermögend, eine
Verknüpfung im Grossen zu übersehen, an einem oder andern kleinen Teile
grüblerisch geheftet sein, unbekümmert, ob der Tadel, den es etwa verdiente,
auch den Wert des Ganzen anfechte, und ob nicht Verbesserungen in einzelnen
Stücken den Hauptplan, der nur in Teilen fehlerhaft ist, erhalten können, diese,
die nur immer bestrebt sein, einen jeden angefangenen Bau in Trümmer zu
verwandeln, können zwar um ihrer Menge willen zu fürchten sein, allein ihr
Urteil ist, was die Entscheidung des wahren Wertes anlangt, bei Vernünftigen von
wenig Bedeutung.
    Ich habe mich an einigen Orten vielleicht nicht umständlich genug erklärt,
um denen, die nur eine scheinbare Veranlassung wünschen, auf eine Schrift den
bitteren Vorwurf des Irrglaubens zu werfen, alle Gelegenheit dazu zu benehmen,
allein welche Behutsamkeit hätte dieses auch wohl verhindern können; ich glaube
indessen, vor diejenige deutlich genug geredet zu haben, die nichts anders in
einer Schrift finden wollen, als was des Verfassers Absicht gewesen ist hinein
zu legen. Ich habe mich so wenig wie möglich mit Widerlegungen eingelassen, so
sehr auch meine Sätze von anderer ihrer abweichen. Diese Entgegenstellung ist
etwas, das ich dem Nachdenken des Lesers, der beide eingesehen hat, überlasse.
Wenn man die Urteile der unverstellten Vernunft in verschiedenen denkenden
Personen mit der Aufrichtigkeit eines unbestochenen Sachwalters prüfete, der von
zwei strittigen Teilen die Gründe so abwiegt, dass er sich in Gedanken in die
Stelle derer die sie vorbringen selbst versetzt, um sie so stark zu finden, als
sie nur immer werden können, und dann allererst auszumachen, welchem Teile er
sich widmen wolle, so würde viel weniger Uneinigkeit in den Meinungen der
Philosophen sein, und eine ungeheuchelte Billigkeit, sich selbst der Sache des
Gegenteils in dem Grade anzunehmen als es möglich ist, würde bald die forschende
Köpfe auf einem Wege vereinigen.
    In einer schweren Betrachtung, wie die gegenwärtige ist, kann ich mich wohl
zum voraus darauf gefasst machen, dass mancher Satz unrichtig, manche Erläuterung
unzulänglich, und manche Ausführung gebrechlich und mangelhaft sein werde. Ich
mache keine solche Forderung auf eine unbeschränkte Unterzeichnung des Lesers,
die ich selber schwerlich einem Verfasser bewilligen würde. Es wird mir daher
nicht fremd sein, von andern in manchen Stücken eines Bessern belehrt zu werden,
auch wird man mich gelehrig finden, solchen Unterricht anzunehmen. Es ist
schwer, dem Anspruche auf Richtigkeit zu entsagen, den man im Anfange
zuversichtlich äusserte, als man Gründe vortrug, allein es ist nicht eben so
schwer, wenn dieser Anspruch gelinde, unsicher und bescheiden war. Selbst die
feinste Eitelkeit, wenn sie sich wohl versteht, wird bemerken, dass nicht weniger
Verdienst dazu gehört, sich überzeugen zu lassen als selbst zu überzeugen, und
dass jene Handlung vielleicht mehr wahre Ehre macht, in so ferne mehr Entsagung
und Selbstprüfung dazu als zu der andern erfordert wird. Es könnte scheinen,
eine Verletzung der Einheit, die man bei der Betrachtung seines Gegenstandes vor
Augen haben muss, zu sein, dass ihn und wieder ziemlich ausführliche physische
Erläuterungen vorkommen; allein da meine Absicht in diesen Fällen vornehmlich
auf die Metode, vermittelst der Naturwissenschaft zur Erkenntnis Gottes
hinaufzusteigen, gerichtet ist, so habe ich diesen Zweck ohne dergleichen
Beispiele nicht wohl erreichen können. Die siebente Betrachtung der zweiten
Abteilung bedarf desfalls etwas mehr Nachsicht, vornehmlich da ihr Inhalt aus
einem Buche, welches ich ehedem ohne Nennung meines Namens herausgab,1 gezogen
worden, wo hievon ausführlicher, ob zwar in Verknüpfung mit verschiedenen etwas
gewagten Hypotesen gehandelt ward. Die Verwandtschaft indessen, die zum
mindesten die erlaubte Freiheit, sich an solche Erklärungen zu wagen, mit meiner
Hauptabsicht hat, imgleichen der Wunsch, einiges an dieser Hypotese von Kennern
beurteilt zu sehen, haben veranlasst, diese Betrachtung einzumischen, die
vielleicht zu kurz ist, um alle Gründe derselben zu verstehen, oder auch zu
weitläuftig vor diejenige, die hier nichts wie Metaphysik anzutreffen vermuten,
und von denen sie füglich kann überschlagen werden. Es wird vielleicht nötig
sein, einige Druckfehler, die den Sinn des Vortrages verändern könnten, und die
man am Ende des Werks sieht, vorhero zu verbessern, ehe man diese Schrift liest.
    Das Werk selber besteht aus drei Abteilungen; davon die erste den
Beweisgrund selber, die zweite den weitläuftigen Nutzen desselben, die dritte
aber Gründe vorlegt, um darzutun, dass kein anderer zu einer Demonstration vom
Dasein Gottes möglich sei.
 
  Erste Abteilung, worin der Beweisgrund zur Demonstration des Daseins Gottes
                                 geliefert wird
                               Erste Betrachtung.
                              Vom Dasein überhaupt
    Die Regel der Gründlichkeit erfodert es nicht allemal, dass selbst im
tiefsinnigsten Vortrage ein jeder vorkommender Begriff entwickelt oder erkläret
werde; wenn man nämlich versichert ist, dass der bloss klare gemeine Begriff in
dem Falle, da er gebraucht wird, keinen Missverstand veranlassen könne; so wieder
Messkünstler die geheimsten Eigenschaften und Verhältnisse des Ausgedehnten mit
der grössten Gewissheit aufdeckt, ob er sich gleich hiebei lediglich des gemeinen
Begriffs vom Raum bedienet, und wie selbst in der allertiefsinnigsten
Wissenschaft das Wort Vorstellung genau genug verstanden und mit Zuversicht
gebraucht wird, wiewohl seine Bedeutung niemals durch eine Erklärung kann
aufgelöset werden.
    Ich würde mich daher in diesen Betrachtungen nicht bis zur Auflösung des
sehr einfachen und wohlverstandnen Begriffs des Daseins versteigen, wenn nicht
hier gerade der Fall wäre, wo diese Verabsäumung Verwirrung und wichtige
Irrtümer veranlassen kann. Es ist sicher, dass er in der übrigen ganzen
Weltweisheit so unentwickelt, wie er im gemeinen Gebrauch vorkommt, ohne
Bedenken könne angebracht werden, die einzige Frage vom absolut notwendigen und
zufälligen Dasein ausgenommen, denn hier hat eine subtilere Nachforschung aus
einem unglücklich gekünstelten sonst sehr reinen Begriff irrige Schlüsse
gezogen, die sich über einen der erhabensten Teile der Weltweisheit verbreitet
haben.
    Man erwarte nicht, dass ich mit einer förmlichen Erklärung des Daseins den
Anfang machen werde. Es wäre zu wünschen, dass man dieses niemals täte, wo es so
unsicher ist, richtig erklärt zu haben, und dieses ist es öfter, als man wohl
denkt. Ich werde so verfahren als einer, der die Definition sucht, und sich
zuvor von demjenigen versichert, was man mit Gewissheit bejahend oder verneinend
von dem Gegenstande der Erklärung sagen kann, ob er gleich noch nicht ausmacht,
worin der ausführlich bestimmte Begriff desselben bestehe. Lange vorher, ehe man
eine Erklärung von seinem Gegenstande wagt, und selbst denn, wenn man sich gar
nicht getraut, sie zu geben, kann man viel von derselben Sache mit grössester
Gewissheit sagen. Ich zweifle, dass einer jemals richtig erklärt habe, was der
Raum sei. Allein, ohne mich damit einzulassen, bin ich gewiss, dass, wo er ist,
äussere Beziehungen sein müssen, dass er nicht mehr als drei Abmessungen haben
könne, u.s.w. Eine Begierde mag sein was sie will, so gründet sie sich auf
irgend eine Vorstellung, sie setzt eine Lust an dem Begehrten voraus u.s.f. Oft
kann aus diesem, was man vor aller Definition von der Sache gewiss weiss, das, was
zur Absicht unserer Untersuchung gehört, ganz sicher hergeleitet werden, und man
wagt sich alsdenn in unnötige Schwierigkeiten, wenn man sich bis dahin
versteigt. Die Metodensucht, die Nachahmung des Matematikers, der auf einer
wohlgebähnten Strasse sicher fortschreitet, auf dem schlüpfrigen Boden der
Metaphysik hat eine Menge solcher Fehltritte veranlasst, die man beständig vor
Augen sieht, und doch ist wenig Hoffnung, dass man dadurch gewarnet, und
behutsamer zu sein lernen werde. Diese Metode ist es allein, kraft welcher ich
einige Aufklärungen hoffe, die ich vergeblich bei andern gesucht habe; denn was
die schmeichelhafte Vorstellung anlangt, die man sich macht, dass man durch
grössere Scharfsinnigkeit es besser als andre treffen werde, so versteht man
wohl, dass jederzeit alle so geredet haben, die uns aus einem fremden Irrtum in
den ihrigen haben ziehen wollen.
 1. Das Dasein ist gar kein Prädikat oder Determination von irgend einem Dinge
    Dieser Satz scheint seltsam und widersinnig, allein er ist ungezweifelt
gewiss. Nehmet ein Subjekt, welches ihr wollt, z. E. den Julius Cäsar. Fasset
alle seine erdenkliche Prädikate, selbst die der Zeit und des Orts nicht
ausgenommen, in ihm zusammen, so werdet ihr bald begreifen, dass er mit allen
diesen Bestimmungen existieren, oder auch nicht existieren kann. Das Wesen,
welches dieser Welt und diesem Helden in derselben das Dasein gab, konnte alle
diese Prädikate, nicht ein einiges ausgenommen, erkennen, und ihn doch als ein
bloss möglich Ding ansehen, das, seinen Ratschluss ausgenommen, nicht existiert.
Wer kann in Abrede ziehen, dass Millionen von Dingen, die wirklich nicht dasein,
nach allen Prädikaten, die sie entalten würden wenn sie existierten, bloss
möglich sein; dass in der Vorstellung, die das höchste Wesen von ihnen hat, nicht
eine einzige ermangele, obgleich das Dasein nicht mit darunter ist, denn es
erkennet sie nur als mögliche Dinge. Es kann also nicht statt finden, dass, wenn
sie existieren, sie ein Prädikat mehr entielten, denn bei der Möglichkeit eines
Dinges nach seiner durchgängigen Bestimmung kann gar kein Prädikat fehlen. Und
wenn es Gott gefallen hätte, eine andere Reihe der Dinge, eine andere Welt zu
schaffen, so würde sie mit allen den Bestimmungen und keinen mehr existiert
haben, die er an ihr doch erkennet, ob sie gleich bloss möglich ist.
    Gleichwohl bedienet man sich des Ausdrucks vom Dasein als eines Prädikats
und man kann dieses auch sicher und ohne besorgliche Irrtümer tun, so lange man
es nicht darauf aussetzt, das Dasein aus bloss möglichen Begriffen herleiten zu
wollen, wie man zu tun pflegt, wenn man die absolut notwendige Existenz beweisen
will. Denn alsdenn sucht man umsonst unter den Prädikaten eines solchen
möglichen Wesens, das Dasein findet sich gewiss nicht darunter. Es ist aber das
Dasein in denen Fällen, da es im gemeinen Redegebrauch als ein Prädikat
vorkömmt, nicht so wohl ein Prädikat von dem Dinge selbst, als vielmehr von dem
Gedanken, den man davon hat. Z. E. dem Seeeinhorn kommt die Existenz zu, dem
Landeinhorn nicht. Es will dieses nichts anders sagen, als die Vorstellung des
Seeeinhorns ist ein Erfahrungsbegriff, das ist, die Vorstellung eines
existierenden Dinges. Daher man auch, um die Richtigkeit dieses Satzes von dem
Dasein einer solchen Sache darzutun, nicht in dem Begriffe des Subjekts sucht,
denn da findet man nur Prädikate der Möglichkeit, sondern in dem Ursprunge der
Erkenntnis, die ich davon habe. Ich habe, sagt man, es gesehen, oder von denen
vernommen, die es gesehen haben. Es ist daher kein völlig richtiger Ausdruck zu
sagen: Ein Seeeinhorn ist ein existierend Tier, sondern umgekehrt, einem
gewissen existierenden Seetiere kommen die Prädikate zu, die ich an einem
Einhorn zusammen gedenke. Nicht: regelmässige Sechsecke existieren in der Natur,
sondern: gewisse Dinge in der Natur, wie denen Bienenzellen oder dem
Bergkristall kommen die Prädikate zu, die in einem Sechsecke beisammen gedacht
werden. Eine jede menschliche Sprache hat, von den Zufälligkeiten ihres
Ursprungs, einige nicht zu ändernde Unrichtigkeiten, und es würde grüblerisch
und unnütze sein, wo in dem gewöhnlichen Gebrauche gar keine Missdeutungen daraus
erfolgen können, an ihr zu künsteln und einzuschränken, genug dass in den
seltnern Fällen einer höher gesteigerten Betrachtung, wo es nötig ist, diese
Unterscheidungen beigefügt werden. Man wird von dem hier Angeführten nur
allererst zureichend urteilen können, wenn man das Folgende wird gelesen haben.
  2. Das Dasein ist die absolute Position eines Dinges und unterscheidet sich
  dadurch auch von jeglichem Prädikate, welches als ein solches jederzeit bloss
                beziehungsweise auf ein ander Ding gesetzt wird
    Der Begriff der Position oder Setzung ist völlig einfach, und mit dem vom
Sein überhaupt einerlei. Nun kann etwas als bloss beziehungsweise gesetzt, oder
besser bloss die Beziehung (respectus logicus) von etwas als einem Merkmal zu
einem Dinge gedacht werden, und denn ist das Sein, das ist die Position dieser
Beziehung nichts als der Verbindungsbegriff in einem Urteile. Wird nicht bloss
diese Beziehung, sondern die Sache an und vor sich selbst gesetzt betrachtet, so
ist dieses Sein so viel als Dasein.
    So einfach ist dieser Begriff, dass man nichts zu seiner Auswickelung sagen
kann, als nur die Behutsamkeit anzumerken, dass er nicht mit den Verhältnissen,
die die Dinge zu ihren Merkmale haben, verwechselt werde.
    Wenn man einsieht, dass unsere gesamte Erkenntnis sich doch zuletzt in
unauflöslichen Begriffen endige, so begreift man auch, dass es einige geben
werde, die beinahe unauflöslich sein, das ist, wo die Merkmale nur sehr wenig
klärer und einfacher sein, als die Sache selbst. Dieses ist der Fall bei unserer
Erklärung von der Existenz. Ich gestehe gerne, dass durch dieselbe der Begriff
des Erklärten nur in einem sehr kleinen Grade deutlich werde. Allein die Natur
des Gegenstandes in Beziehung auf die Vermögen unseres Verstandes verstattet
auch keinen höhern Grad.
    Wenn ich sage, Gott ist allmächtig, so wird nur diese logische Beziehung
zwischen Gott und der Allmacht gedacht, da das letztere ein Merkmal des erstern
ist. Weiter wird hier nichts gesetzt. Ob Gott sei, das ist, absolute gesetzt sei
oder existiere, das ist darin gar nicht entalten. Daher auch dieses Sein ganz
richtig selbst bei denen Beziehungen gebraucht wird, die Undinge gegen einander
haben. Z. E. Der Gott des Spinoza ist unaufhörlichen Veränderungen unterworfen.
    Wenn ich mir vorstelle, Gott spreche über eine mögliche Welt sein
allmächtiges Werde, so erteilet er dem in seinem Verstande vorgestellten Ganzen
keine neue Bestimmungen, er setzet nicht ein neues Prädikat hinzu, sondern er
setzet diese Reihe der Dinge, in welcher alles sonst nur beziehungsweise auf
dieses Ganze gesetzt war, mit allen Prädikaten absolute oder schlechtin. Die
Beziehungen aller Prädikate zu ihren Subjekten bezeichnen niemals etwas
Existierendes, das Subjekt müsste denn schon als existierend voraus gesetzt
werden. Gott ist allmächtig, muss ein wahrer Satz auch in dem Urteil desjenigen
bleiben, der dessen Dasein nicht erkennet, wenn er mich nur wohl versteht, wie
ich den Begriff Gottes nehme. Allein sein Dasein muss unmittelbar zu der Art
gehören, wie sein Begriff gesetzt wird, denn in den Prädikaten selber wird es
nicht gefunden. Und wenn nicht schon das Subjekt als existierend voraus gesetzt
ist, so bleibt es bei jeglichen Prädikate unbestimmt, ob es zu einem
existierenden oder bloss möglichen Subjekte gehöre. Das Dasein kann daher selber
kein Prädikat sein. Sage ich, Gott ist ein existierend Ding, so scheint es, als
wenn ich die Beziehung eines Prädikats zum Subjekte ausdrückte. Allein es liegt
auch eine Unrichtigkeit in diesem Ausdruck. Genau gesagt sollte es heissen: Etwas
Existierendes ist Gott, das ist, einem existierenden Dinge kommen diejenigen
Prädikate zu, die wir zusammen genommen durch den Ausdruck, Gott, bezeichnen.
Diese Prädikate sind beziehungsweise auf dieses Subjekt gesetzt, allein das Ding
selber samt allen Prädikaten ist schlechtin gesetzt.
    Ich besorge durch zu weitläuftige Erläuterung einer so einfachen Idee
unvernehmlich zu werden. Ich könnte auch noch befürchten, die Zärtlichkeit
derer, die vornehmlich über Trockenheit klagen, zu beleidigen. Allein ohne
diesen Tadel vor etwas Geringes zu halten, muss ich mir diesmal hiezu Erlaubnis
ausbitten. Denn ob ich schon an der überfeinen Weisheit dererjenigen, welche
sichere und brauchbare Begriffe in ihrer logischen Schmelzküche so lange
übertreiben, abziehen und verfeinern, bis sie in Dämpfen und flüchtigen Salzen
verrauchen, so wenig Geschmack als jemand anders finde, so ist der Gegenstand
der Betrachtung, den ich vor mir habe, doch von der Art, dass man entweder
gänzlich es aufgeben muss, eine demonstrativische Gewissheit davon jemals zu
erlangen, oder es sich muss gefallen lassen, seine Begriffe bis in diese Atomen
aufzulösen.
 3. Kann ich wohl sagen, dass im Dasein mehr als in der blossen Möglichkeit sei?
    Diese Frage zu beantworten merke ich nur zuvor an, dass man unterscheiden
müsse, was da gesetzt sei, und wie es gesetzt sei. Was das erstere anlanget, so
ist in einem wirklichen Dinge nicht mehr gesetzt als in einem bloss möglichen,
denn alle Bestimmungen und Prädikate des wirklichen können auch bei der blossen
Möglichkeit desselben angetroffen werden, aber das letztere betreffend, so ist
allerdings durch die Wirklichkeit mehr gesetzt. Denn frage ich, wie ist alles
dieses bei der blossen Möglichkeit gesetzt, so werde ich inne, es geschehe nur
beziehungsweise auf das Ding selber, d.i. wenn ein Triangel ist, so sind drei
Seiten, ein beschlossener Raum, drei Winkel u.s.w. oder besser die Beziehungen
dieser Bestimmungen zu einem solchen Etwas, wie ein Triangel ist, ist bloss
gesetzt, aber existiert er, so ist alles dieses absolute, d.i. die Sache selbst
zusamt diesen Beziehungen, mitin mehr gesetzt. Um daher in einer so subtilen
Vorstellung alles zusammen zu fassen, was die Verwirrung verhüten kann, so sage,
in einem Existierenden wird nichts mehr gesetzt als in einem bloss Möglichen
(denn alsdenn ist die Rede von den Prädikaten desselben), allein durch etwas
Existierendes wird mehr gesetzt als durch ein bloss Mögliches, denn dieses geht
auch auf absolute Position der Sache selbst. So gar ist, in der blossen
Möglichkeit, nicht die Sache selbst, sondern es sind blosse Beziehungen von etwas
zu etwas nach dem Satze des Widerspruchs gesetzt, und es bleibt fest, dass das
Dasein eigentlich gar kein Prädikat von irgend einem Dinge sei. Obgleich meine
Absicht hier gar nicht ist, mit Widerlegungen mich einzulassen, und meiner
Meinung nach, wenn ein Verfasser mit vorurteilfreier Denkungsart anderer
Gedanken gelesen, und durch damit verknüpftes Nachdenken sie sich eigen gemacht
hat, das Urteil über seine neue und abweichende Lehrsätze ziemlich sicher dem
Leger überlassen kann, so will ich doch nur mit wenig Worten darauf führen.
    Die Wolffische Erklärung des Daseins, dass es eine Ergänzung der Möglichkeit
sei, ist offenbar sehr unbestimmt. Wenn man nicht schön vorher weiss, was über
die Möglichkeit in einem Dinge kann gedacht werden, so wird man es durch diese
Erklärung nicht lernen. Baumgarten führt die durchgängige innere Bestimmung, in
so fern sie dasjenige ergänzet, was durch die im Wesen liegende oder daraus
fliessende Prädikate unbestimmt gelassen ist, als dasjenige an, was im Dasein
mehr als in der blossen Möglichkeit ist; allein wir haben schon gesehen, dass in
der Verbindung eines Dinges mit allen erdenklichen Prädikaten niemals ein
Unterschied desselben von einem bloss Möglichen liege. Überdem kann der Satz: dass
ein möglich Ding als ein solches betrachtet in Ansehung vieler Prädikate
unbestimmt sei, wenn er so nach dem Buchstaben genommen wird, eine grosse
Unrichtigkeit veranlassen. Denn die Regel der Ausschliessung eines Mittlern
zwischen zwei widersprechend entgegen Gesetzten verbietet dieses, und es ist
daher z. E. ein Mensch, der nicht eine gewisse Statur, Zeit, Alter, Ort u.d.g.
hätte, unmöglich. Man muss ihn vielmehr in diesem Sinne nehmen: durch die an
einem Dinge zusammengedachte Prädikate sind viele andere ganz und gar nicht
bestimmt, so wie durch dasjenige, was in dem Begriff eines Menschen als eines
solchen zusammengenommen ist, in Ansehung der besondern Merkmale des Alters,
Orts u.s.w. nichts ausgemacht wird. Aber diese Art der Unbestimmteit ist
alsdenn eben so wohl bei einem existierenden als bei einem bloss möglichen Dinge
anzutreffen, weswegen dieselbe zu keinem Unterschiede beider kann gebraucht
werden. Der berühmte Crusius rechnet das Irgendwo und Irgendwenn zu den
untrieglichen Bestimmungen des Daseins. Allein ohne uns in die Prüfung des
Satzes selber: dass alles, was da ist, irgendwo oder irgendwenn sein müsse,
einzulassen, so gehören diese Prädikate noch immer auch zu bloss möglichen
Dingen. Denn so könnte, an manchen bestimmten Orten, mancher Mensch zu einer
gewissen Zeit existieren, dessen alle Bestimmungen der Allwissende, so wie sie
ihm beiwohnen würden, wenn existierte, wohl kennet, und der gleichwohl wirklich
nicht da ist; und der ewige Jude Ahasverus nach allen Ländern, die er
durchwandern, oder allen Zeiten, die er durchleben soll, ist ohne Zweifel ein
möglicher Mensch. Man wird doch hoffentlich nicht fodern, dass das Irgendwo und
Irgendwenn nur denn ein zureichend Merkmal des Daseins sei, wenn das Ding
wirklich da oder alsdenn ist, denn da würde man fodern, dass dasjenige schon
eingeräumet werde, was man sich anheischig macht durch ein taugliches Merkmal
von selber kenntlich zu machen.
 
                              Zweite Betrachtung.
       Von der innern Möglichkeit in so fern sie ein Dasein voraussetzet
           1. Nötige Unterscheidung bei dem Begriffe der Möglichkeit
    Alles, was in sich selbst widersprechend ist, ist innerlich unmöglich.
Dieses ist ein wahrer Satz, wenn man es gleich dahin gestellt sein lässet, dass
es eine wahre Erklärung sei. Bei diesem Widerspruche aber ist klar, dass etwas
mit etwas im logischen Widerstreit stehen müsse, das ist, dasjenige verneinen
müsse, was in eben demselben zugleich bejahet ist. Selbst nach dem Herren
Crusius, der diesen Streit nicht bloss in einem innern Widerspruche setzet,
sondern behauptet, dass er überhaupt durch den Verstand nach einem ihm
natürlichen Gesetze wahrgenommen werde, ist im Unmöglichen allemal eine
Verknüpfung mit etwas, was gesetzt, und etwas, wodurch es zugleich aufgehoben
wird. Diese Repugnanz nenne ich das Formale der Undenklichkeit oder
Unmöglichkeit; das Materiale, was hiebei gegeben ist, und welches in solchem
Streite stehet, ist an sich selber etwas und kann gedacht werden. Ein Triangel,
der viereckicht wäre, ist schlechterdings unmöglich. Indessen ist gleichwohl ein
Triangel, imgleichen etwas Viereckichtes an sich selber etwas. Diese
Unmöglichkeit beruhet lediglich auf logischen Beziehungen von einem Denklichen
zum andern, da eins nur nicht ein Merkmal des andern sein kann. Eben so muss in
jeder Möglichkeit das Etwas, was gedacht wird, und denn die Übereinstimmung
desjenigen, was in ihm zugleich gedacht wird, mit dem Satze des Widerspruchs,
unterschieden werden. Ein Triangel, der einen rechten Winkel hat, ist an sich
selber möglich. Der Triangel so wohl, als die rechten Winkel sind die Data oder
das Materiale in diesem Möglichen, die Übereinstimmung aber des einen mit dem
andern nach dem Satze des Widerspruchs sind das Formale der Möglichkeit. Ich
werde dieses letztere auch das Logische in der Möglichkeit nennen, weil die
Vergleichung der Prädikate mit ihren Subjekten nach der Regel der Wahrheit
nichts anders als eine logische Beziehung ist, das Etwas, oder was in dieser
Übereinstimmung steht, wird bisweilen das Reale der Möglichkeit heissen. Übrigens
bemerke ich, dass hier jederzeit von keiner andern Möglichkeit oder
Unmöglichkeit, als der innern oder schlechterdings und absolute so genannten die
Rede sein wird.
      2. Die innere Möglichkeit aller Dinge setzt irgend ein Dasein voraus
    Es ist aus dem anjetzt Angeführten deutlich zu ersehen, dass die Möglichkeit
wegfalle, nicht allein wenn ein innerer Widerspruch als das Logische der
Unmöglichkeit anzutreffen, sondern auch wenn kein Materiale, kein Datum zu
denken da ist. Denn alsdenn ist nichts Denkliches gegeben, alles Mögliche aber
ist etwas was gedacht werden kann, und dem die logische Beziehung, gemäss dem
Satze des Widerspruchs zukommt.
    Wenn nun alles Dasein aufgehoben wird, so ist nichts schlechtin gesetzt, es
ist überhaupt gar nichts gegeben, kein Materiale zu irgend etwas Denklichen, und
alle Möglichkeit fällt gänzlich weg. Es ist zwar kein innerer Widerspruch in der
Verneinung aller Existenz. Denn da hiezu erfodert würde, dass etwas gesetzt und
zugleich aufgehoben werden müsste, hier aber überall nichts gesetzt ist, so kann
man freilich nicht sagen, dass diese Aufhebung einen innern Widerspruch entalte.
Allein, dass irgend eine Möglichkeit sei und doch gar nichts Wirkliches, das
widerspricht sich, weil, wenn nichts existiert, auch nichts gegeben ist, das da
denklich wäre, und man sich selbst widerstreitet, wenn man gleichwohl will, dass
etwas möglich sei. Wir haben in der Zergliederung des Begriffs vom Dasein
verstanden, dass das Sein oder schlechtin gesetzt sein, wenn man diese Worte
dazu nicht braucht, logische Beziehungen der Prädikate zu Subjekten
auszudrücken, ganz genau einerlei mit dem Dasein bedeute. Demnach zu sagen: es
existiert nichts, heisst eben so viel, als: es ist ganz und gar nichts; und es
widerspricht sich offenbar, dessen ungeachtet hinzuzufügen, es sei etwas
möglich.
         3. Es ist schlechterdings unmöglich, dass gar nichts existiere
    Wodurch alle Möglichkeit überhaupt aufgehoben wird, das ist schlechterdings
unmöglich. Denn dieses sind gleichbedeutende Ausdrücke. Nun wird erstlich durch
das, was sich selbst widerspricht, das Formale aller Möglichkeit, nämlich die
Übereinstimmung mit dem Satze des Widerspruchs aufgehoben, daher ist, was in
sich selbst widersprechend ist, schlechterdings unmöglich. Dieses ist aber nicht
der Fall, in dem wir die gänzliche Beraubung alles Daseins zu betrachten haben.
Denn darin liegt, wie erwiesen ist, kein innerer Widerspruch. Allein wodurch das
Materiale und die Data zu allem Möglichen aufgehoben werden, dadurch wird auch
alle Möglichkeit verneinet. Nun geschieht dieses durch die Aufhebung alles
Daseins, also wenn alles Dasein verneinet wird, so wird auch alle Möglichkeit
aufgehoben. Mitin ist schlechterdings unmöglich, dass gar nichts existiere.
    4. Alle Möglichkeit ist in irgend etwas Wirklichen gegeben, entweder in
       demselben als eine Bestimmung, oder durch dasselbe als eine Folge
    Es ist von aller Möglichkeit insgesamt und von jeder insonderheit darzutun,
dass sie etwas Wirkliches, es sei nun ein Ding oder mehrere, voraussetze. Diese
Beziehung aller Möglichkeit auf irgend ein Dasein kann nun zwiefach sein.
Entweder das Mögliche ist nur denklich, in so fern es selber wirklich ist, und
denn ist die Möglichkeit in dem Wirklichen, als eine Bestimmung gegeben; oder es
ist möglich darum, weil etwas anders wirklich ist, d.i. seine innere Möglichkeit
ist als eine Folge durch ein ander Dasein gegeben. Die erläuternde Beispiele
können noch nicht füglich hier herbei geschafft werden. Die Natur desjenigen
Subjekts, welches das einzige ist, das zu einem Beispiele in dieser Betrachtung
dienen kann, soll allererst erwogen werden. Indessen bemerke ich nur noch, dass
ich dasjenige Wirkliche, durch welches als einen Grund die innere Möglichkeit
anderer gegeben ist, den ersten Real-Grund dieser absoluten Möglichkeit nennen
werde, so wie der Satz des Widerspruchs der erste logische Grund derselben ist,
weil in der Übereinstimmung mit ihm das Formale der Möglichkeit liegt, so wie
jenes die Data und das Materiale im Denklichen liefert.
    Ich begreife wohl, dass Sätze von derjenigen Art, als in dieser Betrachtung
vorgetragen werden, noch mancher Erläuterung bedürftig sein, um dasjenige Licht
zu bekommen, das zur Augenscheinlichkeit erfodert wird. Indessen legt die so
sehr abgezogene Natur des Gegenstandes selbst aller Bemühung der grösseren
Aufklärung Hindernisse, so wie die mikroskopischen Kunstgriffe des Sehens zwar
das Bild des Gegenstandes bis zur Unterscheidung sehr kleiner Teile erweitern,
aber auch in demselben Masse die Helligkeit und Lebhaftigkeit des Eindrucks
vermindern. Gleichwohl will ich so viel als ich vermag den Gedanken von dem
selbst bei der innren Möglichkeit jederzeit zum Grunde liegenden Dasein in eine
etwas grössere Naheit zu den gemeinern Begriffen eines gesunden Verstandes zu
bringen suchen.
    Ihr erkennet, dass ein feuriger Körper, ein listiger Mensch oder dergleichen
etwas möglich sein, und wenn ich nichts mehr als die innere Möglichkeit
verlange, so werdet ihr gar nicht nötig finden, dass ein Körper oder Feuer u.s.w.
als die Data hiezu existieren müssen, denn sie sind einmal denklich, und das ist
genug. Die Zustimmung aber des Prädikats feurig mit dem Subjekte Körper nach dem
Grunde des Widerspruchs liegt in diesen Begriffen selber, sie mögen wirkliche
oder bloss mögliche Dinge sein. Ich räume auch ein, dass weder Körper noch Feuer
wirkliche Dinge sein dörfen, und gleichwohl ein feuriger Körper innerlich
möglich sei. Allein ich fahre fort zu fragen, ist denn ein Körper selber an sich
möglich? Ihr werdet mir, weil ihr hier euch nicht auf Erfahrung berufen müsst,
die Data zu seiner Möglichkeit, nämlich Ausdehnung, Undurchdringlichkeit, Kraft
und wer weiss was mehr herzählen und dazu setzen, dass darin kein innerer
Widerstreit sei. Ich räume noch alles ein, allein ihr müsst mir Rechenschaft
geben, weswegen ihr den Begriff der Ausdehnung als ein Datum so gerade
anzunehmen Recht habt, denn gesetzt, er bedeute nichts, so ist eure davor
ausgegebene Möglichkeit des Körpers ein Blendwerk. Es wäre auch sehr unrichtig,
sich auf die Erfahrung wegen dieses Dati zu berufen, denn es ist jetzt eben die
Frage, ob eine innere Möglichkeit des feurigen Körpers statt findet, wenn gleich
gar nichts existiert. Gesetzt dass ihr anjetzt nicht mehr den Begriff der
Ausdehnung in einfachere Data zerfällen könnt, um anzuzeigen, dass in ihm nichts
Widerstreitendes sei, wie ihr denn notwendig zuletzt auf etwas, dessen
Möglichkeit nicht zergliedert werden kann, kommen müsst, so ist alsdenn hier die
Frage, ob Raum oder Ausdehnung leere Wörter sind, oder ob sie etwas bezeichnen.
Der Mangel des Widerspruchs macht es hier nicht aus; ein leeres Wort bezeichnet
niemals etwas Widersprechendes. Wenn nicht der Raum existiert, oder wenigstens
durch etwas Existierendem gegeben ist als eine Folge, so bedeutet das Wort Raum
gar nichts. So lange ihr noch die Möglichkeiten durch den Satz des Widerspruchs
bewähret, so fusset ihr euch auf dasjenige, was euch in dem Dinge Denkliches
gegeben ist, und betrachtet nur die Verknüpfung nach dieser logischen Regel,
aber am Ende, wenn ihr bedenket, wie euch denn dieses gegeben sei, könnt ihr
euch nimmer worauf anders, als auf ein Dasein berufen.
    Allein wir wollen den Fortgang dieser Betrachtungen abwarten. Die Anwendung
selber wird einen Begriff fasslicher machen, den, ohne sich selbst zu
übersteigen, man kaum vor sich allein deutlich machen kann, weil er von dem
ersten, was beim Denklichen zum Grunde liegt, selber handelt.
 
                              Dritte Betrachtung.
                   Von dem schlechterdings notwendigen Dasein
             1. Begriff der absolut notwendigen Existenz überhaupt
    Schlechterdings notwendig ist, dessen Gegenteil an sich selbst unmöglich
ist. Dieses ist eine ungezweifelt richtige Nominal-Erklärung. Wenn ich aber
frage: worauf kommt es denn an, damit das Nichtsein eines Dinges schlechterdings
unmöglich sei? so ist das, was ich suche, die Realerklärung, die uns allein zu
unserm Zwecke etwas nutzen kann. Alle unsere Begriffe von der inneren
Notwendigkeit, in den Eigenschaften möglicher Dinge, von welcher Art sie auch
sein mögen, laufen darauf hinaus, dass das Gegenteil sich selber widerspricht.
Allein wenn es auf eine schlechterdings notwendige Existenz ankommt, so würde
man mit schlechtem Erfolg, durch das nämliche Merkmal, bei ihr etwas zu
verstehen suchen. Das Dasein ist gar kein Prädikat, und die Aufhebung des
Daseins keine Verneinung eines Prädikats, wodurch etwas in einem Dinge sollte
aufgehoben werden, und ein innerer Widerspruch entstehen können. Die Aufhebung
eines existierenden Dinges ist eine völlige Verneinung alle desjenigen, was
schlechtin oder absolute durch sein Dasein gesetzt würde. Die logische
Beziehungen zwischen dem Dinge als einem Möglichen und seinen Prädikaten bleiben
gleichwohl. Allein diese sind ganz was anders, als die Position des Dinges
zusamt seinen Prädikaten schlechtin, als worin das Dasein besteht. Demnach wird
nicht eben dasselbe, was in dem Dinge gesetzt wird, sondern was anders durch das
Nichtsein aufgehoben, und ist demnach hierin niemals ein Widerspruch. In der
letztern Betrachtung dieses Werks wird alles dieses in dem Falle, da man die
absolutnotwendige Existenz wirklich vermeint hat durch den Satz des
Widerspruchs zu begreifen, durch eine klare Entwickelung dieser Untauglichkeit
überzeugender gemacht werden. Man kann indessen die Notwendigkeit, in den
Prädikaten bloss möglicher Begriffe, die logische Notwendigkeit nennen. Allein
diejenige, deren Hauptgrund ich aufsuche, nämlich die des Daseins, ist die
absolute Realnotwendigkeit. Ich finde zuerst: dass, was ich schlechterdings als
nichts und unmöglich ansehen soll, das müsse alles Denkliche vertilgen. Denn
bliebe dabei noch etwas zu denken übrig, so wäre es nicht gänzlich undenklich,
und schlechtin unmöglich.
    Wenn ich nun einen Augenblick nachdenke, weswegen dasjenige, was sich
widerspricht, schlechterdings nichts und unmöglich sei, so bemerke ich: dass,
weil dadurch der Satz des Widerspruchs, der letzte logische Grund alles
Denklichen, aufgehoben wird, alle Möglichkeit verschwinde, und nichts dabei mehr
zu denken sei. Ich nehme daraus alsbald ab, dass, wenn ich alles Dasein überhaupt
aufhebe, und hiedurch der letzte Realgrund alles Denklichen wegfällt,
gleichfalls alle Möglichkeit verschwindet, und nichts mehr zu denken bleibt.
Demnach kann etwas schlechterdings notwendig sein, entweder wenn durch sein
Gegenteil das Formale alles Denklichen aufgehoben wird, das ist, wenn es sich
selbst widerspricht, oder auch, wenn sein Nichtsein das Materiale zu allem
Denklichen, und alle Data dazu aufhebt. Das erste findet, wie gesagt, niemals
beim Dasein statt, und weil kein Drittes möglich ist, so ist entweder der
Begriff von der schlechterdings notwendigen Existenz gar ein täuschender und
falscher Begriff, oder er muss darin beruhen, dass das Nichtsein eines Dinges
zugleich die Verneinung von den Datis zu allen Denklichen sei. Dass aber dieser
Begriff nicht erdichtet, sondern etwas Wahrhaftes sei, erhellet auf folgende
Art.
             2. Es existiert ein schlechterdings notwendiges Wesen
    Alle Möglichkeit setzet etwas Wirkliches voraus, worin und wodurch alles
Denkliche gegeben ist. Demnach ist eine gewisse Wirklichkeit, deren Aufhebung
selbst alle innere Möglichkeit überhaupt aufheben würde. Dasjenige aber, dessen
Aufhebung oder Verneinung alle Möglichkeit vertilgt, ist schlechterdings
notwendig. Demnach existiert etwas absolut notwendiger Weise. Bis dahin
erhellet, dass ein Dasein eines oder mehrerer Dinge selbst aller Möglichkeit zum
Grunde liege, und dass dieses Dasein an sich selbst notwendig sei. Man kann
hieraus auch leichtlich den Begriff der Zufälligkeit abnehmen. Zufällig ist nach
der Worterklärung, dessen Gegenteil möglich ist. Um aber die Sacherklärung davon
zu finden, so muss man auf folgende Art unterscheiden. Im logischen Verstande ist
dasjenige, als ein Prädikat, an einem Subjekte zufällig, dessen Gegenteil
demselben nicht widerspricht. Z. E. Einem Triangel überhaupt ist es zufällig,
dass er rechtwinklicht sei. Diese Zufälligkeit findet lediglich bei der Beziehung
der Prädikate zu ihren Subjekten statt, und leidet, weil das Dasein kein
Prädikat ist, auch gar keine Anwendung auf die Existenz. Dagegen ist im
Realverstande zufällig dasjenige, dessen Nichtsein zu denken ist, das ist,
dessen Aufhebung nicht alles Denkliche aufhebt. Wenn demnach die innere
Möglichkeit der Dinge ein gewisses Dasein nicht voraussetzt, so ist dieses
zufällig, weil sein Gegenteil die Möglichkeit nicht aufhebt. Oder: Dasjenige
Dasein, wodurch nicht das Materiale zu allem Denklichen gegeben ist, ohne
welches also noch etwas zu denken, das ist, möglich ist, dessen Gegenteil ist im
Realverstande möglich, und das ist in eben demselben Verstande auch zufällig.
                       3. Das notwendige Wesen ist einig
    Weil das notwendige Wesen den letzten Realgrund aller andern Möglichkeit
entält, so wird ein jedes andere Ding nur möglich sein, in so fern es durch ihn
als einen Grund gegeben ist. Demnach kann ein jedes andere Ding nur als eine
Folge von ihm statt finden, und ist also aller andern Dinge Möglichkeit und
Dasein von ihm abhängend. Etwas aber, was selbst abhängend ist, entält nicht
den letzten Realgrund aller Möglichkeit, und ist demnach nicht schlechterdings
notwendig. Mitin können nicht mehrere Dinge absolut notwendig sein.
    Setzet, A sei ein notwendiges Wesen, und B ein anderes. So ist, vermöge der
Erklärung, B nur in so fern möglich, als es durch einen andern Grund A, als die
Folge desselben gegeben ist. Weil aber vermöge der Voraussetzung B selber
notwendig ist, so ist seine Möglichkeit in ihm als ein Prädikat, und nicht als
eine Folge aus einem andern, und doch nur als eine Folge laut dem vorigen
gegeben, welches sich widerspricht.
                      4. Das notwendige Wesen ist einfach
    Dass kein Zusammengesetztes aus viel Substanzen ein schlechterdings
notwendiges Wesen sein könne, erhellet auf folgende Art. Setzet, es sei nur eins
seiner Teile schlechterdings notwendig, so sind die andern nur insgesamt als
Folgen durch ihn möglich, und gehören nicht zu ihm als Nebenteile. Gedenket
euch, es wären mehrere oder alle notwendig, so widerspricht dieses der vorigen
Nummer. Es bleibt demnach nichts übrig, als sie müssen ein jedes besonders
zufällig, alle aber zusammen schlechterdings notwendig existieren. Nun ist
dieses aber unmöglich, weil ein Aggregat von Substanzen nicht mehr Notwendigkeit
im Dasein haben kann, als denen Teilen zukommt, und da diesen gar keine zukommt,
sondern ihre Existenz zufällig ist, so würde auch die des Ganzen zufällig sein.
Wenn man gedächte, sich auf die Erklärung des notwendigen Wesens berufen zu
können, so dass man sagte, in jeglichem derer Teile wären die letzten Data
einiger innern Möglichkeit, in allen zusammen alles Mögliche gegeben, so würde
man etwas ganz Ungereimtes, nur auf eine verborgene Art vorgestellt haben. Denn
wenn man sich alsdenn die innere Möglichkeit so gedenket, dass einige können
aufgehoben werden, doch so, dass übrigens, was durch die andere Teile noch
Denkliches gegeben worden, bliebe, so müsste man sich vorstellen, es sei an sich
möglich, dass die innere Möglichkeit verneinet oder aufgehoben werde. Es ist aber
gänzlich undenklich und widersprechend, dass etwas nichts sei, und dieses will so
viel sagen: eine innere Möglichkeit aufheben ist alles Denkliche vertilgen,
woraus erhellet, dass die Data zu jedem Denklichen in demjenigen Dinge müssen
gegeben sein, dessen Aufhebung auch das Gegenteil aller Möglichkeit ist, dass
also, was den letzten Grund von einer innern Möglichkeit entält, ihn auch von
aller überhaupt entalte, mitin dieser Grund nicht in verschiedenen Substanzen
verteilt sein könne.
              5. Das notwendige Wesen ist unveränderlich und ewig
    Weil selbst seine eigene Möglichkeit, und jede andere dieses Dasein
voraussetzt, so ist keine andere Art der Existenz desselben möglich, das heisst,
es kann das notwendige Wesen nicht auf vielerlei Art existieren. Nämlich alles,
was da ist, ist durchgängig bestimmt, da dieses Wesen nun lediglich darum
möglich ist, weil es existiert, so findet keine Möglichkeit desselben statt,
ausser in so fern es in der Tat da ist; es ist also auf keine andere Art möglich,
als wie es wirklich ist. Demnach kann es nicht auf andere Art bestimmt oder
verändert werden. Sein Nichtsein ist schlechterdings unmöglich, mitin auch sein
Ursprung und Untergang, demnach ist es ewig.
              6. Das notwendige Wesen entält die höchste Realität
    Da die Data zu aller Möglichkeit in ihm anzutreffen sein müssen, entweder
als Bestimmungen desselben, oder als Folgen, die durch ihn als den ersten
Realgrund gegeben sein, so sieht man, dass alle Realität auf eine oder andere Art
durch ihn begriffen sei. Allein eben dieselbe Bestimmungen, durch die dieses
Wesen der höchste Grund ist von anderer möglichen Realität, setzen in ihm selber
den grössesten Grad realer Eigenschaften, der nur immer einem Dinge beiwohnen
kann. Weil ein solches Wesen also das realste unter allen möglichen ist, indem
so gar alle andere nur durch dasselbe möglich sein, so ist dieses nicht so zu
verstehen, dass alle mögliche Realität zu seinen Bestimmungen gehöre. Dieses ist
eine Vermengung der Begriffe, die bis dahin ungemein geherrscht hat. Man erteilt
alle Realitäten Gott, oder dem notwendigen Wesen ohne Unterschied als Prädikate,
ohne wahrzunehmen, dass sie nimmermehr in einem einzigen Subjekt als Bestimmungen
neben einander können statt finden. Die Undurchdringlichkeit der Körper, die
Ausdehnung u.d.g. können nicht Eigenschaften von demjenigen sein, der da
Verstand und Willen hat. Es ist auch umsonst, eine Ausflucht darin zu suchen,
dass man die gedachte Beschaffenheiten nicht vor wahre Realität halte. Es ist
ohne allen Zweifel der Stoss eines Körpers oder die Kraft des Zusammenhanges
etwas wahrhaftig Positives. Eben so ist der Schmerz in den Empfindungen eines
Geistes nimmermehr eine blosse Beraubung. Ein irriger Gedanke hat eine solche
Vorstellung dem Scheine nach gerechtfertigt. Es heisst, Realität und Realität
widersprechen einander niemals, weil beides wahre Bejahungen sein; demnach
widerstreiten sie auch einander nicht in einem Subjekte. Ob ich nun gleich
einräume, dass hier kein logischer Widerstreit sei, so ist dadurch doch nicht die
Realrepugnanz gehoben. Diese findet jederzeit statt, wenn etwas als ein Grund
die Folge von etwas andern durch eine reale Entgegensetzung vernichtigt. Die
Bewegungskraft eines Körpers nach einer Direktion, und die Tendenz mit gleichem
Grade in entgegengesetzter stehen nicht im Widerspruche. Sie sind auch wirklich
zugleich in einem Körper möglich. Aber eine vernichtigt die Realfolge aus der
andern, und da sonst von jeder insbesondere die Folge eine wirkliche Bewegung
sein würde, so ist sie jetzt von beiden zusammen in einem Subjekte 0, das ist,
die Folge von diesen entgegen gesetzten Bewegungskräften ist die Ruhe. Die Ruhe
aber ist ohne Zweifel möglich, woraus man denn auch sieht, dass die Realrepugnanz
ganz was anders sei als die logische, oder der Widerspruch; denn das, was daraus
folgt, ist schlechterdings unmöglich. Nun kann aber in dem allerrealsten Wesen
keine Realrepugnanz oder positiver Widerstreit seiner eigenen Bestimmungen sein,
weil die Folge davon eine Beraubung oder Mangel sein würde, welches seiner
höchsten Realität widerspricht, und da, wenn alle Realitäten in demselben als
Bestimmungen lägen, ein solcher Widerstreit entstehen müsste, so können sie nicht
insgesamt als Prädikate in ihm sein, mitin weil sie doch alle durch ihn gegeben
sein, so werden sie entweder zu seinen Bestimmungen oder Folgen gehören.
    Es könnte auch beim ersten Anblick scheinen zu folgen: dass, weil das
notwendige Wesen den letzten Realgrund aller andern Möglichkeit entält, in ihm
auch der Grund der Mängel und Verneinungen derer Wesen der Dinge liegen müsse,
welches, wenn es zugelassen würde, auch den Schluss veranlassen dürfte, dass es
selbst Negationen unter seinen Prädikaten haben müsse, und nimmermehr nichts als
Realität. Allein man richte nur seine Augen auf den einmal festgesetzten Begriff
desselben. In seinem Dasein ist seine eigene Möglichkeit ursprünglich gegeben.
Dadurch, dass es nun andere Möglichkeiten sein, wovon es den Realgrund entält,
folgt nach dem Satze des Widerspruchs, dass es nicht die Möglichkeit des realsten
Wesens selber, und daher solche Möglichkeiten, welche Verneinungen und Mängel
entalten, sein müssen.
    Demnach beruhet die Möglichkeit aller andern Dinge, in Ansehung dessen, was
in ihnen real ist, auf dem notwendigen Wesen, als einem Realgrunde, die Mängel
aber darauf, weil es andere Dinge und nicht das Urwesen selber sind, als einem
logischen Grunde. Die Möglichkeit des Körpers, in so fern er Ausdehnung, Kräfte
u. d. g. hat, ist in dem obersten alle Wesen gegründet; in so ferne ihm die
Kraft zu denken gebricht, so liegt diese Verneinung in ihm selbst, nach dem Satz
des Widerspruchs.
    In der Tat sind Verneinungen an sich selbst nicht etwas, oder denklich,
welches man sich leichtlich auf folgende Art fasslich machen kann. Setzet nichts
als Negationen, so ist gar nichts gegeben, und kein Etwas, das zu denken wäre.
Verneinungen sind also nur durch die entgegengesetzte Positionen denklich, oder
vielmehr, es sind Positionen möglich, die nicht die grösste sein. Und hierin
liegen schon, nach dem Satze der Identität die Verneinungen selber. Es fällt
auch leicht in die Augen, dass alle den Möglichkeiten anderer Dinge beiwohnende
Vereinigungen keinen Realgrund (weil sie nichts Positives sind), mitin
lediglich einen logischen Grund voraussetzen.
 
   Vierte Betrachtung. Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes
                     1. Das notwendige Wesen ist ein Geist
    Es ist oben bewiesen, dass das notwendige Wesen eine einfache Substanz sei,
imgleichen, dass nicht allein alle andere Realität durch dasselbe, als einen
Grund gegeben sei, sondern auch die grössest mögliche, die in einem Wesen als
Bestimmung kann entalten sein, ihm beiwohne. Nun können verschiedene Beweise
geführt werden, dass hiezu auch die Eigenschaften des Verstandes und Willens
gehören. Denn erstlich, beides ist wahre Realität und beides kann mit der
grössest möglichen in einem Dinge beisammen bestehn, welches letztere man durch
ein unmittelbares Urteil des Verstandes einzuräumen sich gedrungen sieht, ob es
zwar nicht füglich zu derjenigen Deutlichkeit gebracht werden kann, welche
logisch vollkommene Beweise erfodern.
    Zweitens sind die Eigenschaften eines Geistes, Verstand und Willen, von der
Art, dass wir uns keine Realität denken können, die, in Ermangelung derselben,
einem Wesen eine Ersetzung tun könnte, welche dem Abgang derselben gleich wäre.
Und da diese Eigenschaften also diejenige sind, welche der höchsten Grade der
Realität fähig sein, gleichwohl aber unter die möglichen gehören, so müsste durch
das notwendige Wesen, als einen Grund, Verstand und Wille, und alle Realität der
geistigen Natur an andern möglich sein, die gleichwohl in ihm selbst nicht als
eine Bestimmung angetroffen würde. Es würde demnach die Folge grösser sein als
selbst der Grund. Denn es ist gewiss, dass, wenn das höchste Wesen nicht selbst
Verstand und Willen hat, ein jedes andere, welches durch ihn mit diesen
Eigenschaften gesetzt werde, ohnerachtet es abhängend wäre, und mancherlei
andere Mängel der Macht u.s.w. hätte, gleichwohl in Ansehung dieser
Eigenschaften von der höchsten Art jenem in Realität vorgehen müsste. Weil nun
die Folge den Grund nicht übertreffen kann, so müssen Verstand und Wille der
notwendigen einfachen Substanz als Eigenschaften beiwohnen, das ist, sie ist ein
Geist.
    Drittens, Ordnung, Schönheit, Vollkommenheit in allem, was möglich ist,
setzen ein Wesen voraus, in dessen Eigenschaften entweder diese Beziehungen
gegründet sein, oder doch wenigstens durch welches Wesen die Dinge, diesen
Beziehungen gemäss, als aus einem Hauptgrunde möglich sein. Nun ist das
notwendige Wesen der hinlängliche Realgrund alles andern, was ausser ihm möglich
ist, folglich wird in ihm auch diejenige Eigenschaft, durch welche, diesen
Beziehungen gemäss, alles ausser ihm wirklich werden kann, anzutreffen sein. Es
scheinet aber, dass der Grund der äussern Möglichkeit, der Ordnung, Schönheit und
Vollkommenheit nicht zureichend ist, wofern nicht ein dem Verstande gemässer
Wille voraus gesetzt ist. Also werden diese Eigenschaften dem obersten Wesen
müssen beigemessen werden.
    Jedermann erkennet, dass, ungeachtet aller Gründe der Hervorbringung von
Pflanzen und Bäumen, dennoch regelmässige Blumenstücke, Alleen u. d. g. nur durch
einen Verstand, der sie entwirft, und durch einen Willen, der sie ausführt,
möglich sein. Alle Macht oder Hervorbringungskraft, imgleichen alle andere Data
zur Möglichkeit ohne einen Verstand, sind unzulänglich, die Möglichkeit solcher
Ordnung vollständig zu machen.
    Aus einem dieser hier angeführten Gründe, oder aus ihnen insgesamt, wird der
Beweis, dass das notwendige Wesen Willen und Verstand haben, mitin ein Geist
sein müsse, hergeleitet werden können. Ich begnüge mich bloss, den Beweisgrund
vollständig zu machen. Meine Absicht ist nicht, eine förmliche Demonstration
darzulegen.
                               2. Es ist ein Gott
    Es existiert etwas schlechterdings notwendig. Dieses ist einig in seinem
Wesen, einfach in seiner Substanz, ein Geist nach seiner Natur, ewig in seiner
Dauer, unveränderlich in seiner Beschaffenheit, allgenugsam in Ansehung alles
Möglichen und Wirklichen. Es ist ein Gott. Ich gebe hier keine bestimmte
Erklärung von dem Begriffe von Gott. Ich müsste dieses tun, wenn ich meinen
Gegenstand systematisch betrachten wollte. Was ich hier darlege, soll die
Analyse sein, dadurch man sich zur förmlichen Lehrverfassung tüchtig machen
kann. Die Erklärung des Begriffs der Gotteit mag indessen angeordnet werden,
wie man es vor gut findet, so bin ich doch gewiss, dass dasjenige Wesen, dessen
Dasein wir nur eben bewiesen haben, eben dasjenige göttliche Wesen sei, dessen
Unterscheidungszeichen man auf eine oder die andere Art in die kürzeste
Benennung bringen wird.
                                  3. Anmerkung
    Weil aus der dritten Betrachtung nichts mehr erhellet, als dass alle Realität
entweder in dem notwendigen Wesen als eine Bestimmung oder durch dasselbe als
einen Grund müsse gegeben sein, so würde bis dahin unentschieden bleiben, ob die
Eigenschaften des Verstandes und Willens in dem obersten Wesen als ihm
beiwohnende Bestimmungen anzutreffen sein, oder bloss durch dasselbe an anderen
Dingen als Folgen anzusehen wären. Wäre das letztere, so würde ohnerachtet aller
Vorzüge, die von diesem Urwesen aus der Zulänglichkeit, Einheit und
Unabhängigkeit seines Daseins als eines grossen Grundes in die Augen leuchten,
doch seine Natur derjenigen weit nachstehen, die man sich denken muss, wenn man
einen Gott denkt. Denn selber ohne Erkenntnis und Entschliessung würde es ein
blindlings notwendiger Grund anderer Dinge, und so gar anderer Geister sein, und
sich von dem ewigen Schicksale einiger Alten im nichts unterscheiden, als dass es
begreiflicher beschrieben wäre. Dies ist die Ursach, weswegen in jeglicher
Lehrverfassung auf diesen Umstand besonders gesehen werden muss, und warum wir
ihn nicht haben aus den Augen setzen können.
    Ich habe, in dem ganzen Zusammenhange aller bisher vorgetragener zu meinem
Beweise gehöriger Gründe, nirgend des Ausdrucks von Vollkommenheit gedacht.
Nicht als wenn ich davor hielte, alle Realität sei schon so viel wie alle
Vollkommenheit, oder auch die grösste Zusammenstimmung zu Einem mache sie aus.
Ich habe wichtige Ursachen, von diesem Urteile vieler andern sehr abzugehen.
Nachdem ich lange Zeit über den Begriff der Vollkommenheit insgemein oder
insbesondere sorgfältige Untersuchungen angestellt habe, so bin ich belehrt
worden, dass in einer genauem Kenntnis derselben überaus viel verborgen liege,
was die Natur eines Geistes, unser eigen Gefühl, und selbst die ersten Begriffe
der praktischen Weltweisheit aufklären kann.
    Ich bin inne geworden, dass der Ausdruck der Vollkommenheit zwar in einigen
Fällen, nach der Unsicherheit jeder Sprache Ausartungen von dem eigentümlichen
Sinne leide, die ziemlich weit abweichen, dass er aber in der Bedeutung, darauf
hauptsächlich jedermann selbst bei jenen Abirrungen acht hat, allemal eine
Beziehung auf ein Wesen, welches Erkenntnis und Begierde hat, voraussetze. Da es
nun viel zu weitläuftig geworden sein würde, den Beweisgrund von Gott, und der
ihm beiwohnenden Realität bis zu dieser Beziehung hindurch zu führen, ob es zwar
vermöge dessen, was zum Grunde liegt, gar wohl tunlich gewesen wäre, so habe ich
es der Absicht dieser Blätter nicht gemäss befunden, durch die Herbeiziehung
dieses Begriffs, Anlass zu einer allzugrossen Weitläuftigkeit zu geben.
                                  4. Beschluss
    Ein jeder wird sehr leicht nach dem wie gedacht geführten Beweise so
offenbare Folgerungen hinzufügen können, als da sind: Ich, der ich denke, bin
kein so schlechterdings notwendiges Wesen, denn ich bin nicht der Grund aller
Realität, ich bin veränderlich: Kein ander Wesen dessen Nichtsein möglich ist,
das ist, dessen Aufhebung nicht zugleich alle Möglichkeit aufhebt, kein
veränderliches Ding oder in welchem Schranken sind, mitin auch nicht die Welt
ist von einer solchen Natur: Die Welt ist nicht ein Akzidens der Gotteit, weil
in ihr Widerstreit, Mängel, Veränderlichkeit, alles Gegenteile der Bestimmungen
einer Gotteit angetroffen werden: Gott ist nicht die einige Substanz, die da
existiert, und alle andre sind nur abhängend von ihm da u.s.w.
    Ich bemerke hier nur noch folgendes. Der Beweisgrund von dem Dasein Gottes,
den wir geben, ist lediglich darauf erbauet, weil etwas möglich ist. Demnach ist
er ein Beweis, der vollkommen a priori geführt werden kann. Es wird weder meine
Existenz noch die von andern Geistern, noch die von der körperlichen Welt
vorausgesetzt. Er ist in der Tat von dem innern Kennzeichen der absoluten
Notwendigkeit hergenommen. Man erkennet auf diese Weise das Dasein dieses Wesens
aus demjenigen, was wirklich die absolute Notwendigkeit desselben ausmacht, also
recht genetisch.
    Alle Beweise, die sonsten von den Wirkungen dieses Wesens auf sein, als
einer Ursach Dasein geführt werden möchten, gesetzt dass sie auch so strenge
beweisen möchten, als sie es nicht tun, können doch niemals die Natur dieser
Notwendigkeit begreiflich machen. Bloss daraus, dass etwas schlechterdings
notwendig existiert, ist es möglich, dass etwas eine erste Ursach von andern sei,
aber daraus, dass etwas eine erste, das ist, unabhängige Ursach ist, folgt nur,
dass, wenn die Wirkungen da sind, sie auch existieren müsse, nicht aber, dass sie
schlechterdings notwendiger Weise da sei.
    Weil nun ferner aus dem angepriesnen Beweisgrunde erhellet, dass alle Wesen
anderer Dinge und das Reale aller Möglichkeit in diesem einigen Wesen gegründet
sei, in welchem die grösste Grade des Verstandes und eines Willens, der der
grössest mögliche Grund ist, anzutreffen, und weil in einem solchen alles in der
äusserst möglichen Übereinstimmung sein muss, so wird daraus schon zum voraus
abzunehmen sein, dass, da ein Wille jederzeit die innere Möglichkeit der Sache
selbst voraussetzt, der Grund der Möglichkeit, das ist, das Wesen Gottes mit
seinen Willen in der grössesten Zusammenstimmung sein werde, nicht als wenn Gott
durch seinen Willen der Grund der inneren Möglichkeit wäre, sondern weil eben
dieselbe unendliche Natur, die die Beziehung eines Grundes auf alle Wesen der
Dinge hat, zugleich die Beziehung der höchsten Begierde auf die dadurch gegebene
grösseste Folgen hat, und die letztere nur durch die Voraussetzung der erstern
fruchtbar sein kann. Demnach werden die Möglichkeiten der Dinge selbst, die
durch die göttliche Natur gegeben sind, mit seiner grossen Begierde
zusammenstimmen. In dieser Zusammenstimmung aber besteht das Gute und die
Vollkommenheit. Und weil sie mit einem übereinstimmen, so wird selbst in den
Möglichkeiten der Dinge Einheit, Harmonie und Ordnung anzutreffen sein.
    Wenn wir aber auch durch eine reife Beurteilung der wesentlichen
Eigenschaften der Dinge, die uns durch Erfahrung bekannt werden, selbst in den
notwendigen Bestimmungen ihrer innern Möglichkeit eine Einheit im
Mannigfaltigen, und Wohlgereimteit in dem Getrennten wahrzunehmen, so werden
wir durch den Erkenntnisweg a posteriori auf ein einiges Principium aller
Möglichkeit zurückschliessen können, und uns zuletzt bei demselben Grundbegriffe
des schlechterdings notwendigen Daseins befinden, von dem wir durch den Weg a
priori anfänglich ausgegangen waren. Nunmehro soll unsere Absicht darauf
gerichtet sein, zu sehen, ob, selbst in der innern Möglichkeit der Dinge, eine
notwendige Beziehung auf Ordnung und Harmonie, und in diesem unermesslichen
Mannigfaltigen Einheit anzutreffen sei, damit wir daraus urteilen können, ob die
Wesen der Dinge selbst einen obersten gemeinschaftlichen Grund erkennen.
 
                               Zweite Abteilung.
     Von dem weitläuftigen Nutzen der dieser Beweisart besonders eigen ist
 Erste Betrachtung. Worin aus der wahrgenommenen Einheit in den Wesen der Dinge
              auf das Dasein Gottes a posteriori geschlossen wird
   1. Die Einheit in dem mannigfaltigen der Wesen der Dinge, gewiesen an den
                            Eigenschaften des Raums
    Die notwendige Bestimmungen des Raums verschaffen dem Messkünstler ein nicht
gemeines Vergnügen, durch die Augenscheinlichkeit in der Überzeugung und durch
die Genauigkeit in der Ausführung, imgleichen durch den weiten Umfang der
Anwendung, wogegen das gesamte menschliche Erkenntnis nichts aufzuzeigen hat,
das ihm beikäme, viel weniger es überträfe. Ich betrachte aber anjetzt den
nämlichen Gegenstand in einem ganz andern Gesichtspunkte. Ich sehe ihn mit einem
philosophischen Auge an, und werde gewahr: dass bei so notwendigen Bestimmungen
Ordnung und Harmonie, und, in einem ungeheuren Mannigfaltigen, Zusammenpassung
und Einheit herrsche. Ich will z. E., dass ein Raum durch die Bewegung einer
geraden Linie um einen festen Punkt umgrenzt werde. Ich begreife gar leicht, dass
ich dadurch einen Kreis habe, der in allen seinen Punkten von dem gedachten
festen Punkt gleiche Entfernungen hat. Allein ich finde gar keine Veranlassung
unter einer so einfältigen Konstruktion, sehr viel Mannigfaltiges zu vermuten,
das eben dadurch grossen Regeln der Ordnung unterworfen sei. Indessen entdecke
ich, dass alle gerade Linien, die einander aus einem beliebigen Punkt innerhalb
dem Zirkel durchkreuzen, indem sie an den Umkreis stossen, jederzeit in
geometrischer Proportion geschnitten sein; imgleichen, dass alle diejenige, die
von einem Punkt ausserhalb dem Kreise diesen durchschneiden, jederzeit in solche
Stücke zerlegt werden, die sich umgekehrt verhalten wie ihre Ganzen. Wenn man
bedenkt, wie unendlich viel verschiedene Lagen diese Linien annehmen können,
indem sie den Zirkel, wie gedacht, durchschneiden, und wahrnimmt, wie sie
gleichwohl beständig unter dem nämlichen Gesetze stehen, von dem sie nicht
abweichen können, so ist es unerachtet dessen, dass die Wahrheit davon leicht
begriffen wird, dennoch etwas Unerwartetes, dass so wenig Anstalt in der
Beschreibung dieser Figur, und gleichwohl so viel Ordnung, und in dem
Mannigfaltigen eine so vollkommne Einheit daraus erfolget.
    Wenn aufgegeben wäre: dass schiefe Flächen in verschiedenen Neigungen gegen
den Horizont, doch von solcher Länge angeordnet würden, damit frei herabrollende
Körper darauf gerade in gleicher Zeit herab kämen, so wird ein jeder, der die
mechanische Gesetze versteht, einsehen, dass hiezu mancherlei Veranstaltung
gehöre. Nun findet sich aber diese Einrichtung im Zirkel von selber mit
unendlich viel Abwechselung der Stellungen, und doch in jedem Falle mit der
grössesten Richtigkeit. Denn alle Sehnen, die an den Vertikaldurchmesser stossen,
sie mögen von dessen obersten oder untersten Punkte ausgehen, nach welchen
Neigungen man auch will, haben insgesamt das gemein: dass der freie Fall durch
dieselbe in gleichen Zeiten geschieht. Ich erinnere mich, dass ein verständiger
Lehrling, als ihm dieser Satz mit seinem Beweise von mir vorgetragen wurde,
nachdem er alles wohl verstand, dadurch nicht weniger, wie durch ein Naturwunder
gerührt wurde. Und in der Tat wird man, durch eine so sonderbare Vereinigung vom
Mannigfaltigen nach so fruchtbaren Regeln in einer so schlecht und einfältig
scheinenden Sache, als ein Zirkelkreis ist, überrascht, und mit Recht in
Bewunderung gesetzt. Es ist auch kein Wunder der Natur, welches durch die
Schönheit oder Ordnung, die darin herrscht, mehr Ursache zum Erstaunen gäbe, es
müsste denn sein, dass es deswegen geschähe, weil die Ursache derselben da nicht
so deutlich einzusehen ist, und die Bewunderung eine Tochter der Unwissenheit
ist.
    Das Feld, darauf ich Denkwürdigkeiten sammle, ist davon so voll, dass, ohne
einen Fuss weiter setzen zu dürfen, sich auf derselben Stelle, da wir uns
befinden, noch unzählige Schönheiten darbieten. Es gibt Auflösungen der
Geometrie, wo dasjenige, was nur durch weitläuftige Veranstaltung scheinet
möglich zu sein, sich gleichsam ohne alle Kunst in der Sache selbst darlegt.
Diese werden von jedermann als artig empfunden, und dieses um desto mehr, je
weniger man selbst dabei zu tun hat, und je verwickelter gleichwohl die
Auflösung zu sein scheint. Der Zirkelring zwischen zwei Kreisen, die einen
gemeinschaftlichen Mittelpunkt haben, hat eine von einer Zirkelfläche sehr
verschiedene Gestalt, und es kommt jedermann anfänglich als mühsam und künstlich
vor, ihn in diese Figur zu verwandeln. Allein so bald ich einsehe: dass die den
inwendigen Zirkel berührende Linie, so weit gezogen, bis sie zu beiden Seiten
dem Umkreis des grössern schneidet, der Durchmesser dieses Zirkels sei, dessen
Fläche dem Inhalt des Zirkelringes gerade gleich ist, so kann ich nicht umhin,
einige Befremdung über die einfältige Art zu äussern, wie das Gesuchte in der
Natur der Sache selbst sich so leicht offenbaret, und meiner Bemühung hiebei
fast nichts beizumessen ist.
    Wir haben, um, in den notwendigen Eigenschaften des Raums, Einheit bei der
grössesten Mannigfaltigkeit und Zusammenhang in dem, was eine von dem andern ganz
abgesonderte Notwendigkeit zu haben scheint, zu bemerken, nur bloss unsere Augen
auf die Zirkelfigur gerichtet, welche deren noch unendliche hat, davon ein
kleiner Teil bekannt ist. Hieraus lässt sich abnehmen, welche Unermesslichkeit
solcher harmonischen Beziehungen sonsten in den Eigenschaften des Raums liege,
deren viele die höhere Geometrie in den Verwandtschaften der verschiedenen
Geschlechter der krummen Linien darlegt, und alle, ausser der Übung des
Verstandes durch die denkliche Einsicht derselben, das Gefühl auf eine ähnliche
oder erhabnere Art wie die zufällige Schönheiten der Natur rühren.
    Wenn man bei dergleichen Anordnungen der Natur berechtigt ist, nach einem
Grunde einer so weit erstreckten Übereinstimmung des Mannigfaltigen zu fragen,
soll man es denn weniger sein bei Wahrnehmung des Ebenmasses, und der Einheit in
den unendlich vielfältigen Bestimmungen des Raums? Ist diese Harmonie darum
weniger befremdlich weil sie notwendig ist? Ich halte davor, sie sei es darum
nur desto mehr. Und weil dasjenige Viele, davon jedes seine besondere und
unabhängige Notwendigkeit hätte, nimmermehr Ordnung, Wohlgereimteit und Einheit
in den gegenseitigen Beziehungen haben könnte, wird man dadurch nicht eben so
wohl, wie durch die Harmonie in den zufälligen Anstalten der Natur, auf die
Vermutung eines obersten Grundes selbst derer Wesen der Dinge geführet, da die
Einheit des Grundes auch Einheit in dem Umfange aller Folgen veranlasst?
 2. Die Einheit im mannigfaltigen der Wesen der Dinge, gewiesen an demjenigen,
                   was in den Bewegungsgesetzen notwendig ist
    Wenn man in der Natur eine Anordnung entdeckt, die um eines besondern Zwecks
willen scheinet getroffen zu sein, indem sie sich nicht bloss nach den
allgemeinen Eigenschaften der Materie würde dargeboten haben, so sehen wir diese
Anstalt als zufällig, und als die Folge einer Wahl an. Zeigen sich nun neue
Übereinstimmung, Ordnung und Nutzen und besonders dazu abgerichtete
Mittelursachen, so beurteilen wir dieselbe auf die ähnliche Art; dieser
Zusammenhang ist der Natur der Sachen ganz fremd, und bloss weil es jemand
beliebt hat, sie so zu verknüpfen, stehen sie in dieser Harmonie. Man kann keine
allgemeine Ursache angeben, weswegen die Klauen der Katze, des Löwen u.a.m. so
gebauet sein, dass sie Sporen, das ist, sich zurücklegen können, als weil irgend
ein Urheber sie zu dem Zwecke, um vor das Abschleifen gesichert zu sein, so
angeordnet hat, indem diese Tiere geschickte Werkzeuge haben müssen, ihren Raub
zu ergreifen und zu halten. Allein wenn gewisse allgemeinere Beschaffenheiten,
die der Materie beiwohnen, ausser einem Vorteile den sie schaffen, und um dessen
willen man sich vorstellen kann, dass sie so geordnet worden, ohne die mindeste
neue Vorkehrung, gleichwohl eine besondere Tauglichkeit zu noch mehr
Übereinstimmung zeigen, wenn ein einfältiges Gesetz, das jedermann um eines
gewissen Guten willen allein schon nötig finden würde, gleichwohl eine
ausgebreitete Fruchtbarkeit an noch viel mehrerem zeigt, wenn die übrigen
Nutzen und Wohlgereimteiten daraus ohne Kunst, sondern vielmehr notwendiger
weise fliessen, wenn endlich dieses sich durch die ganze materiale Natur so
befindet, so liegen offenbar selbst in den Wesen der Dinge durchgängige
Beziehungen zur Einheit und zum Zusammenhange, und eine allgemeine Harmonie
breitet sich über das Reich der Möglichkeit selber aus. Dieses veranlasst eine
Bewunderung über so viel Schicklichkeit und natürliche Zusammenpassung, die,
indem sie die peinliche und erzwungene Kunst entbehrlich macht, gleichwohl
selber nimmermehr dem Ohngefähr beigemessen werden kann, sondern eine in den
Möglichkeiten selbst liegende Einheit und die gemeinschaftliche Abhängigkeit
selbst der Wesen aller Dinge von einem einigen grossen Grunde anzeigt. Ich werde
diese sehr grosse Merkwürdigkeit durch einige leichte Beispiele deutlich zu
machen suchen, indem ich die Metode sorgfältig befolge, aus dem, was durch
Beobachtung unmittelbar gewiss ist, zu dem allgemeinern Urteile langsam hinauf zu
steigen.
    Man kann einen Nutzen unter tausend wählen, weswegen man es als nötig
ansehen kann, dass ein Luftkreis sei, wenn man durchaus einen Zweck zum Grunde zu
haben verlangt, wodurch eine Anstalt in der Natur zuerst veranlasst worden. Ich
räume also dieses ein, und nenne etwa das Atmen der Menschen und Tiere als die
Endabsicht dieser Veranstaltung. Nun gibt diese Luft, durch die nämliche
Eigenschaften und keine mehr, die sie zum Atemholen allein bedürfte, zugleich
Anlass zu einer Unendlichkeit von schönen Folgen, die damit notwendiger Weise
begleitet sind, und nicht dürfen durch besondere Anlagen befördert werden.
Ebendieselbe elastische Kraft und Gewichte der Luft macht das Saugen möglich,
ohne welches junge Tiere der Nahrung entbehren müssten, und die Möglichkeit der
Pumpwerke ist davon eine notwendige Folge. Durch sie geschieht es, dass
Feuchtigkeit in Dünsten hinaufgezogen wird, welche sich oben in Wolken
verdicken, die den Tag verschönern, öfters die übermässige Hitze der Sonne
mildern, vornehmlich aber dazu dienen, die trockene Gegenden der Erdfläche durch
den Raub von den Wasserbetten der niedrigen milde zu befeuchten. Die Dämmerung,
die den Tag verlängert und dem Auge, durch allmähliche Zwischengrade den
Überschritt von der Nacht zum Tage diesen Wechsel unschädlich macht, und
vornehmlich die Winde sind ganz natürliche und ungezwungene Folgen derselben.
    Stellet euch vor, ein Mensch mache sich einen Entwurf, wie die Küsten der
Länder des heissen Weltstrichs, die sonsten heisser sein müssten als die tiefer im
Lande liegende Gegenden, eine etwas erträglichere Wärme sollten geniessen können,
so wird er am natürlichsten auf einen Seewind verfallen, der zu dieser Absicht
in den heissesten Tagesstunden wehen müsste. Weil aber, da es zur Nachtzeit über
der See viel geschwinder kalt wird als über dem Lande, nicht zuträglich sein
dürfte, dass derselbe Wind immer wehete, so würde er wünschen, dass es der
Vorsehung gefallen hätte, es so zu veranstalten, damit, in den mittlern Stunden
der Nacht, der Wind vom Lande wieder zurück kehrete, welches auch viel andern
Nutzen mit befördern könnte. Nun würde nur die Frage sein, durch welche Mechanik
und künstliche Anordnung dieser Windeswechsel zu erhalten wäre, und hiebei würde
man noch grosse Ursach haben zu besorgen: dass, da der Mensch nicht verlangen
kann, dass alle Naturgesetze sich zu seiner Bequemlichkeit anschicken sollen,
dieses Mittel zwar möglich, aber mit dem übrigen nötigen Anstalten so übel
zusammenpassend sein dürfte, dass die oberste Weisheit es darum nicht zu
verordnen gut fände. Alles dieses Bedenken ist indessen unnötig. Was eine nach
überlegter Wahl getroffene Anordnung tun würde, verrichtet hier die Luft nach
den allgemeinen Bewegungsgesetzen, und eben dasselbe einfache Principium ihrer
anderweitigen Nutzbarkeit bringt auch diese ohne neue und besondere Anstalten
hervor. Die von der Tageshitze verdünnete Luft über dem brennenden Boden eines
solchen Landes weicht notwendiger Weise der dichteren und schwereren über dem
kühlen Meere, und verursacht den Seewind, der um deswillen von den heissesten
Tagesstunden an bis spät in den Abend weht, und die Seeluft, die aus den
nämlichen Ursachen am Tage so stark nicht erhitzt worden war, als die über dem
Lande, verkühlet des Nachts geschwinder, ziehet sich zusammen, und veranlasst den
Rückzug der Landluft zur Nachtzeit. Jedermann weiss: dass alle Küsten des heissen
Weltteils diesen Wechselwind geniessen.
    Ich habe, um die Beziehungen, welche einfache und sehr allgemeine
Bewegungsgesetze durch die Notwendigkeit ihres Wesens auf Ordnung und
Wohlgereimteit haben, zu zeigen, nur meinen Blick auf einen kleinen Teil der
Natur, nämlich auf die Wirkungen der Luft geworfen. Man wird leicht gewahr
werden, dass die ganze unermessliche Strecke der grossen Naturordnung in eben
demselben Betracht vor mir offen liege. Ich behalte mir vor, noch etwas in dem
Folgenden zu Erweiterung dieser schönen Aussicht beizufügen. Anjetzt würde ich
etwas Wesentliches aus der Acht lassen, wenn ich nicht der wichtigen Entdeckung
des Herrn v. Maupertuis gedächte, die er in Ansehung der Wohlgereimteit der
notwendigen und allgemeinsten Bewegungsgesetze gemacht hat.
    Das, was wir zum Beweise angeführt haben, betrifft zwar weit ausgebreitete
und notwendige Gesetze, allein nur von einer besondern Art der Materien der
Welt. Der Herr v. Maupertuis bewies dagegen: dass selbst die allgemeinsten
Gesetze, wornach die Materie überhaupt wirkt, so wohl im Gleichgewichte als beim
Stosse, so wohl der elastischen als unelastischen Körper, bei dem Anziehen des
Lichts in der Brechung eben so gut, als beim Zurückstossen desselben in der
Abprallung, einer herrschenden Regel unterworfen sein, nach welcher die grösste
Sparsamkeit in der Handlung jederzeit beobachtet ist. Durch diese Entdeckung
sind die Wirkungen der Materie, ungeachtet der grossen Verschiedenheiten die sie
an sich haben mögen, unter eine allgemeine Formel gebracht, die eine Beziehung
auf Anständigkeit, Schönheit und Wohlgereimteit ausdrückt. Gleichwohl sind die
Gesetze der Bewegung selber so bewandt, dass sich nimmermehr eine Materie ohne
sie denken lässt, und sie sind so notwendig, dass sie auch ohne die mindeste
Versuche aus der allgemeinen und wesentlichen Beschaffenheit aller Materie mit
grössester Deutlichkeit können hergeleitet werden. Der gedachte scharfsinnige
Gelehrte empfand alsbald, dass, indem dadurch in dem unendlichen Mannigfaltigen
des Universum Einheit, und in dem blindlings Notwendigen Ordnung verursacht
wird, irgend ein oberstes Principium sein müsse, wovon alles dieses seine
Harmonie und Anständigkeit her haben kann. Er glaubte mit Recht, dass ein so
allgemeiner Zusammenhang, in den einfachsten Naturen der Dinge, einen weit
tauglichem Grund an die Hand gebe, irgend in einem vollkommenen Urwesen die
letzte Ursach von allem in der Welt mit Gewissheit anzutreffen, als alle
Wahrnehmung verschiedener zufälligen und veränderlichen Anordnung nach besondern
Gesetzen. Nunmehro kam es darauf an, welchen Gebrauch die höhere Weltweisheit
von dieser wichtigen neuen Einsicht würde machen können, und ich glaube in der
Mutmassung nicht zu fehlen, wenn ich davor halte, dass die königliche Akademie der
Wissenschaften in Berlin dieses zur Absicht der Preisfrage gehabt habe: ob die
Bewegungsgesetze notwendig oder zufällig sein, und welche niemand der Erwartung
gemäss beantwortet hat.
    Wenn die Zufälligkeit im Realverstande genommen wird, dass sie in der
Abhängigkeit des Materialen der Möglichkeit von einem andern besteht, so ist
augenscheinlich, dass die Bewegungsgesetze und die allgemeine Eigenschaften der
Materie, die ihnen gehorchen, irgend von einem grossen gemeinschaftlichen Urwesen
dem Grunde der Ordnung und Wohlgereimteit abhängen müssen. Denn wer wollte
davor halten: dass in einem weitläuftigen Mannigfaltigen, worin jedes einzelne
seine eigene völlig unabhängige Natur hätte, gleichwohl durch ein befremdlich
Ohngefähr sich alles sollte gerade so schicken, dass es wohl mit einander reimete
und im Ganzen Einheit sich hervorfände. Allein, dass dieses gemeinschaftliche
Principium nicht bloss auf das Dasein dieser Materie und der ihr erteilten
Eigenschaften gehen müsse, sondern selbst auf die Möglichkeit einer Materie
überhaupt und auf das Wesen selbst, leuchtet dadurch deutlich in die Augen, weil
das, was einen Raum erfüllen soll, was der Bewegung des Stosses und Druckes soll
fähig sein, gar nicht unter andere Bedingungen kann gedacht werden, als
diejenige sind, woraus die genannten Gesetze notwendiger Weise herfliessen. Auf
diesen Fuss sieht man ein: dass diese Bewegungsgesetze der Materie
schlechterdings notwendig sein, das ist, Wenn die Möglichkeit der Materie voraus
gesetzt wird, es ihr widerspreche, nach andern Gesetzen zu wirken, welches eine
logische Notwendigkeit von der obersten Art ist; dass gleichwohl die innere
Möglichkeit der Materie selbst, nämlich die Data und das Reale, was diesem
Denklichen zum Grunde liegt, nicht unabhängig oder vor sich selbst gegeben sei,
sondern durch irgend ein Principium, in welchem das Mannigfaltige Einheit, und
das Verschiedene Verknüpfung bekommt, gesetzt sei, welches die Zufälligkeit der
Bewegungsgesetze im Realverstande beweiset.
 
                              Zweite Betrachtung.
   Unterscheidung der Abhängigkeit aller Dinge von Gott in die moralische und
                                  unmoralische
    Ich nenne diejenige Abhängigkeit eines Dinges von Gott, da er ein Grund
desselben durch seinen Willen ist, moralisch, alle übrige aber ist unmoralisch.
Wenn ich demnach behaupte: Gott entalte den letzten Grund selbst der innern
Möglichkeit der Dinge, so wird ein jeder leicht verstehen, dass diese
Abhängigkeit nur unmoralisch sein kann; denn der Wille macht nichts möglich,
sondern beschliesst nur, was als möglich schon voraus gesetzt ist. In so ferne
Gott den Grund von dem Dasein der Dinge entält, so gestehe ich, dass diese
Abhängigkeit jederzeit moralisch sei, das ist, dass sie darum existieren, weil er
gewollt hat dass sie sein sollten.
    Es bietet nämlich die innere Möglichkeit der Dinge demjenigen, der ihr
Dasein beschloss, Materialien dar, die eine ungemeine Tauglichkeit zur
Übereinstimmung, und eine in ihrem Wesen liegende Zusammenpassung zu einem auf
vielfältige Art ordentlichen und schönen Ganzen entalten. Dass ein Luftkreis
existiert, kann, um der daraus zu erreichenden Zwecke willen, Gott als einem
moralischen Grunde beigemessen werden. Allein, dass eine so grosse Fruchtbarkeit
in dem Wesen eines einzigen so einfachen Grundes liegt, so viel schon in seiner
Möglichkeit liegende Schicklichkeit und Harmonie, welche nicht neuer
Vorkehrungen bedarf, um mit andern möglichen Dingen einer Welt mannigfaltigen
Regeln der Ordnung gemäss sich zusammen zu schicken, das kann gewiss nicht
wiederum einer freien Wahl beigemessen werden; weil aller Entschluss eines
Willens die Erkenntnis der Möglichkeit des zu Beschliessenden voraus setzt.
    Alles dasjenige, dessen Grund in einer freien Wahl gesucht werden soll, muss
in so fern auch zufällig sein. Nun ist die Vereinigung vieler und mannigfaltigen
Folgen unter einander, die notwendig aus einem einzigen Grunde fliessen, nicht
eine zufällige Vereinigung; mitin kann diese nicht einer freiwilligen
Bestimmung zugeschrieben werden. So haben wir oben gesehn, dass die Möglichkeit
der Pumpwerke, des Atmens, die Erhebung der flüssigen Materien wenn welche da
sind in Dünste, die Winde etc. von einander unzertrennlich sein, weil sie alle
aus einem einzigen Grunde, nämlich der Elastizität und Schwere der Luft
abhangen, und diese Übereinstimmung des Mannigfaltigen in Einem ist daher
keinesweges zufällig, und also nicht einem moralischen Grunde beizumessen.
    Ich gehe hier nur immer auf die Beziehung, die das Wesen der Luft, oder
eines jeden andern Dinges zu der möglichen Hervorbringung so vieler schönen
Folgen hat, das ist, ich betrachte nur die Tauglichkeit ihrer Natur zu so viel
Zwecken, und da ist die Einheit, wegen der Übereinstimmung eines einigen Grundes
zu so viel möglichen Folgen, gewiss notwendig, und diese mögliche Folgen sind in
so ferne von einander und von dem Dinge selbst unzertrennlich. Was die wirkliche
Hervorbringung dieser Nutzen anlangt, so ist sie in so ferne zufällig, als eins
von den Dingen, darauf sich das Ding bezieht, fehlen, oder eine fremde Kraft die
Wirkung hindern kann.
    In den Eigenschaften des Raums liegen schöne Verhältnisse, und in dem
unermesslich Mannigfaltigen seiner Bestimmungen eine bewundernswürdige Einheit.
Das Dasein aller dieser Wohlgereimteit, in so ferne Materie den Raum erfüllen
sollte, ist mit allen ihren Folgen der Willkür der ersten Ursache beizumessen;
allein was die Vereinbarung so vieler Folgen, die alle mit den Dingen in der
Welt in so grosser Harmonie stehen, unter einander anlangt, so würde es ungereimt
Sein: sie wiederum in einem Willen zu suchen. Unter andern notwendigen Folgen
aus der Natur der Luft ist auch diejenige zu zählen, da durch sie denen darin
bewegten Materien Widerstand geleistet wird. Die Regentropfen, indem sie von
ungemeiner Höhe herabfallen, werden durch sie aufgehalten, und kommen mit
mässiger Schnelligkeit herab, da sie ohne diese Verzögerung eine sehr
verderbliche Gewalt im Herabstürzen von solcher Höhe würden erworben haben.
Dieses ist ein Vorteil, der, weil ohne ihn die Luft nicht möglich ist, nicht
durch einen besondern Ratschluss mit den übrigen Eigenschaften derselben
verbunden worden. Der Zusammenhang der Teile der Materie mag nun z. E. bei dem
Wasser eine notwendige Folge von der Möglichkeit der Materie überhaupt, oder
eine besonders veranstaltete Anordnung sein, so ist die unmittelbare Wirkung
davon die runde Figur kleiner Teile derselben, als der Regentropfen. Dadurch
aber wird der schöne farbichte Bogen nach sehr allgemeinen Bewegungsgesetzen
möglich, der mit einer rührenden Pracht und Regelmässigkeit über dem
Gesichtskreise steht, wenn die unverdeckte Sonne in die gegen über herabfallende
Regentropfen strahlet. Dass flüssige Materien und schwere Körper da sind, kann
nur dem Begehren dieses mächtigen Urhebers beigemessen werden, dass aber ein
Weltkörper in seinem flüssigen Zustande ganz notwendiger Weise so allgemeinen
Gesetzen zu Folge eine Kugelgestalt anzunehmen bestrebt ist, welche nachher
besser, wie irgend eine andere mögliche mit den übrigen Zwecken des Universum
zusammenstimmt, indem z. E. eine solche Oberfläche der gleichförmigsten
Verteilung des Lichts fähig ist, das liegt in dem Wesen der Sache selbst.
    Der Zusammenhang der Materie, und der Widerstand, den die Teile mit ihrer
Trennbarkeit verbinden, machet die Reibung notwendig, welche von so grossem
Nutzen ist, und so wohl mit der Ordnung in allen mannigfaltigen
Naturveränderungen zusammenstimmt, als irgend etwas, was nicht aus so
allgemeinen Gründen geflossen wäre, sondern durch eine besondere Anstalt wäre
hinzu gekommen. Wenn Reibung die Bewegungen nicht verzögerte, so würde die
Aufbehaltung der einmal hervorgebrachten Kräfte, durch die Mitteilung an andere,
die Zurückschlagung und immer fortgesetzte Anstösse und Erschütterungen, alles
zuletzt in Verwirrung bringen. Die Flächen, worauf Körper liegen, müssten
jederzeit vollkommen waagerecht sein (welches sie nur selten sein können),
sonsten würden diese jederzeit glitschen. Alle gedrehte Stricke halten nur durch
Reibung. Denn die Fäden, welche nicht die ganze Länge des Stricks haben, würden
mit der mindesten Kraft auseinander gezogen werden, wenn nicht die der Kraft,
womit sie durch das Winden an einander gepresst sein, gemässe Reibung sie zurück
hielte.
    Ich führe hier darum so wenig geachtete und gemeine Folgen aus den
einfältigsten und allgemeinsten Naturgesetzen an, damit man daraus so wohl die
grosse und unendlich weit ausgebreitete Zusammenstimmung, die die Wesen der Dinge
überhaupt untereinander haben, und die grosse Folgen, die derselben beizumessen
sind, auch in den Fällen abnehmen, wo man nicht geschickt genug ist, manche
Naturordnung bis auf solche einfältige und allgemeine Gründe zurück zu führen,
als auch damit man das Widersinnige empfinde, was darin liegt, wenn man bei
dergleichen Übereinstimmungen die Weisheit Gottes als den besondern Grund
derselben nennet. Dass Dinge da sind, die so viel schöne Beziehung haben, ist der
weisen Wahl desjenigen, der sie um dieser Harmonie willen hervorbrachte,
beizumessen, dass aber ein jedes derselben eine so ausgebreitete Schicklichkeit
zu vielfältiger Übereinstimmung durch einfache Gründe entielte, und dadurch
eine bewundernswürdige Einheit im Ganzen konnte erhalten werden, liegt selbst in
der Möglichkeit der Dinge, und da hie das Zufällige, was bei jeder Wahl voraus
gesetzt werden muss, verschwindet, so kann der Grund dieser Einheit zwar in einem
weisen Wesen, aber nicht vermittelst seiner Weisheit gesucht werden.
 
                              Dritte Betrachtung.
  Von der Abhängigkeit der Dinge der Welt von Gott vermittelst der Ordnung der
                           Natur, oder ohne dieselbe
1. Einteilung der Weltbegebenheiten, in so ferne sie unter der Ordnung der Natur
                               stehen oder nicht
    Es stehet etwas unter der Ordnung der Natur, in so fern sein Dasein oder
seine Veränderung in den Kräften der Natur zureichend gegründet ist. Hiezu wird
erfodert, erstlich: dass die Kraft der Natur davon die wirkende Ursach sei;
zweitens, dass die Art, wie sie auf die Hervorbringung dieser Wirkung gerichtet
ist, selbst in einer Regel der natürlichen Wirkungsgesetze hinreichend gegründet
sei. Dergleichen Begebenheiten heissen auch schlechtin natürliche
Weltbegebenheiten. Dagegen wo dieses nicht ist, so ist der Fall, der unter
solchem Grunde nicht steht, etwas Übernatürliches, und dieses findet statt,
entweder in so ferne die nächste wirkende Ursach ausser der Natur ist, das ist,
in so ferne die göttliche Kraft sie unmittelbar hervorbringt, oder zweitens,
wenn auch nur die Art, wie die Kräfte der Natur auf diesen Fall gerichtet
worden, nicht unter einer Regel der Natur entalten ist. Im erstern Fall nenne
ich die Begebenheit materialiter, im andern formaliter übernatürlich. Da bloss
der letztere Fall einige Erläuterung zu bedürfen scheint, indem das übrige vor
sich klar ist, so will ich davon Beispiele anführen. Es sind viel Kräfte in der
Natur, die das Vermögen haben, einzelne Menschen, oder Staaten, oder das ganze
menschliche Geschlecht zu verderben. Erdbeben, Sturmwinde, Meersbewegungen,
Kometen etc. Es ist auch nach einem allgemeinen Gesetze genugsam in der
Verfassung der Natur gegründet, dass einiges von diesen bisweilen geschieht.
Allein unter den Gesetzen, wornach es geschieht, sind die Laster und das
moralische Verderben der Menschengeschlechter gar keine natürliche Gründe, die
damit in Verbindung stünden. Die Missetaten einer Stadt haben keinen Einfluss auf
das verborgene Feuer der Erde, und die Üppigkeiten der ersten Welt gehörten
nicht zu denen wirkenden Ursachen, welche die Kometen in ihren Bahnen zu sich
herab ziehen konnten. Und wenn sich ein solcher Fall ereignet, man misst ihn aber
einem natürlichen Gesetze bei, so will man damit sagen, dass es ein Unglück,
nicht aber, dass eine Strafe sei, indem das moralische Verhalten der Menschen
kein Grund der Erdbeben nach einem natürlichen Gesetze sein kann, weil hier
keine Verknüpfung von Ursachen und Wirkungen statt findet. Z. E. Wenn das
Erdbeben die Stadt Port Royal in Jamaika umkehret,2 so wird derjenige, der
dieses eine natürliche Begebenheit nennet, darunter verstehen: dass, ob zwar die
Lastertaten der Einwohner, nach dem Zeugnis ihres Predigers, eine solche
Verwüstung wohl als ein Strafgerichte verdienet hätten, dennoch dieser Fall als
einer von vielen anzusehen sei, der sich bisweilen nach einem allgemeinern
Gesetze der Natur zuträgt, da Gegenden der Erde, und unter diesen bisweilen
Städte, und unter diesen dann und wann auch sehr lasterhafte Städte erschüttert
werden. Soll es dagegen als eine Strafe betrachtet werden, so müssen diese
Kräfte der Natur, da sie nach einem natürlichen Gesetze den Zusammenhang mit der
Führung der Menschen nicht haben können, auf jeden solchen einzelnen Fall, durch
das höchste Wesen besonders gerichtet sein; alsdenn aber ist die Begebenheit im
formalen Verstande übernatürlich, obgleich die Mittelursache eine Kraft der
Natur war. Und wenn auch durch eine lange Reihe von Vorbereitungen, die dazu
besonders in die wirksamen Kräfte der Welt angelegt waren, diese Begebenheit
endlich als ein Strafgericht zu Stande kam, wenn man gleich annehmen wollte, dass
schon bei der Schöpfung Gott alle Anstalten dazu gemacht hätte, dass sie nachher
durch die darauf in der Natur gerichteten Kräfte zur rechten Zeit geschehen
sollte (wie man dieses in Whistons Teorie von der Sündflut, in so fern sie vom
Kometen herrühren soll, sich so gedenken kann), so ist das Übernatürliche
dadurch gar nicht verringert, sondern nur weit bis in die Schöpfung hinaus
verschoben, und dadurch unbeschreiblich vermehrt worden. Denn diese ganze
Reihenfolge, in so fern die Art ihrer Anordnung sich auf den Ausgang bezog,
indem sie in Ansehung desselben gar nicht als eine Folge aus allgemeinern
Naturgesetzen anzusehen war, bezeichnet eine unmittelbare noch grössere göttliche
Sorgfalt, die auf eine so lange Kette von Folgen gerichtet war, um auch den
Hindernissen auszuweichen, die die genaue Erreichung der gesuchten Wirkung
konnten verfehlen machen.
    Hingegen gibt es Strafen und Belohnungen nach der Ordnung der Natur, darum,
weil das moralische Verhalten der Menschen mit ihnen nach den Gesetzen der
Ursachen und Wirkungen in Verknüpfung stehet. Wilde Wollust und Unmässigkeit
endigen sich in einem siechen und martervollen Leben. Ränke und Arglist
scheitern zuletzt, und Ehrlichkeit ist doch am Ende die beste Politik. In allen
diesem geschieht die Verknüpfung der Folgen nach den Gesetzen der Natur. So viel
aber auch immer derjenigen Strafen oder Belohnungen oder jeder anderer
Begebenheiten in der Welt sein mögen, davon die Richtung der Naturkräfte
jederzeit ausserordentlich auf jeden einzelnen Fall hat geschehen müssen, wenn
gleich eine gewisse Einförmigkeit unter vielen derselben herrschet, so sind sie
zwar einem unmittelbaren göttlichen Gesetze, nämlich demjenigen seiner Weisheit,
aber keinem Naturgesetze untergeordnet.
     2. Einteilung der natürlichen Begebenheiten, in so fern sie unter der
              notwendigen oder zufälligen Ordnung der Natur stehen
    Alle Dinge der Natur sind zufällig in ihrem Dasein. Die Verknüpfung
verschiedener Arten von Dingen, z. E. der Luft, der Erde, des Wassers, ist
gleichfalls ohne Zweifel zufällig, und in so ferne bloss der Willkür des obersten
Urhebers beizumessen. Allein obgleich die Naturgesetze in so ferne keine
Notwendigkeit zu haben scheinen, als die Dinge selbst davon sie es sind,
imgleichen die Verknüpfungen darinnen sie ausgeübt werden können, zufällig sein,
so bleibt gleichwohl eine Art der Notwendigkeit übrig, die sehr merkwürdig ist.
Es gibt nämlich viele Naturgesetze, deren Einheit notwendig ist, das ist, wo
eben derselbe Grund der Übereinstimmung zu einem Gesetze auch andere Gesetze
notwendig macht. Z. E. Eben dieselbe elastische Kraft und Schwere der Luft, die
ein Grund ist der Gesetze des Atemholens, ist notwendiger Weise zugleich ein
Grund von der Möglichkeit der Pumpwerke, von der Möglichkeit der zu erzeugenden
Wolken, der Unterhaltung des Feuers, der Winde etc. Es ist notwendig, dass zu den
übrigen der Grund anzutreffen sei, so bald auch nur zu einem einzigen derselben
Grund da ist. Dagegen wenn der Grund einer gewissen Art ähnlicher Wirkungen nach
einem Gesetze nicht zugleich der Grund einer andern Art Wirkungen nach einem
andern Gesetze in demselben Wesen ist, so ist die Vereinbarung dieser Gesetze
zufällig, oder es herrscht in diesen Gesetzen zufällige Einheit, und was sich
darnach in dem Dinge zuträgt, geschieht nach einer zufälligen Naturordnung. Der
Mensch sieht, hört, riecht, schmeckt u.s.w., aber nicht eben dieselbe
Eigenschaften, die die Gründe des Sehens sind, sind auch die des Schmeckens. Er
muss andere Organen zum Hören wie zum Schmecken haben. Die Vereinbarung so
verschiedener Vermögen ist zufällig, und, da sie zur Vollkommenheit abzielt,
künstlich. Bei jedem Organe ist wiederum künstliche Einheit. In dem Auge ist der
Teil, der Licht einfallen lässt, ein anderer, als der, so es bricht, noch ein
anderer, so das Bild auffängt. Dagegen sind es nicht andere Ursachen, die der
Erde die Kugelrundung verschaffen, noch andere, die wider den Drehungsschwung
die Körper der Erde zurück halten, noch eine andere, die den Mond im Kreise
erhält, sondern die einzige Schwere ist eine Ursach, die notwendiger Weise zu
allen diesem zureicht. Nun ist es ohne Zweifel eine Vollkommenheit, dass, zu
allen diesen Wirkungen, Gründe in der Natur angetroffen werden, und wenn der
nämliche Grund, der die eine bestimmt, auch zu den andern hinreichend ist, um
desto mehr Einheit wächst dadurch dem Ganzen zu. Diese Einheit aber und mit ihr
die Vollkommenheit ist in dem hier angeführten Falle notwendig und klebet dem
Wesen der Sache an, und alle Wohlgereimteit, Fruchtbarkeit und Schönheit, die
ihr in so ferne zu verdanken ist, hänget von Gott vermittelst der wesentlichen
Ordnung der Natur ab, oder vermittelst desjenigen, was in der Ordnung der Natur
notwendig ist. Man wird mich hoffentlich schon verstehen, dass ich diese
Notwendigkeit nicht auf das Dasein dieser Dinge selber sondern lediglich auf die
in ihrer Möglichkeit liegende Übereinstimmung und Einheit, als einen notwendigen
Grund einer so überaus grossen Tauglichkeit und Fruchtbarkeit erstreckt wissen
will. Die Geschöpfe des Pflanzen- und Tierreichs bieten durchgängig die
bewundernswürdigste Beispiele einer zufälligen, aber mit grosser Weisheit
übereinstimmender Einheit dar. Gefässe, die Saft saugen, Gefässe, die Luft saugen,
diejenige, so den Saft ausarbeiten, und die, so ihn ausdünsten etc., ein grosses
Mannigfaltige, davon jedes einzeln keine Tauglichkeit zu den Wirkungen des
andern hat, und wo die Vereinbarung derselben zur gesamten Vollkommenheit
künstlich ist, so dass die Pflanze selbst mit ihren Beziehungen auf so
verschiedene Zwecke ein zufälliges und willkürliches Eine ausmachet.
    Dagegen liefert vornehmlich die unorganische Natur unaussprechlich viel
Beweistümer einer notwendigen Einheit, in der Beziehung eines einfachen Grundes
auf viele anständige Folgen, dermassen, dass man auch bewogen wird zu vermuten,
dass vielleicht da, wo selbst in der organischen Natur manche Vollkommenheit
scheinen kann ihre besondere Anstalt zum Grunde zu haben, sie wohl eine
notwendige Folge aus eben demselben Grunde sein mag, welcher sie mit vielen
andern schönen Wirkungen schon in seiner wesentlichen Fruchtbarkeit verknüpfet,
so dass auch so gar in diesen Naturreichen mehr notwendige Einheit sein mag, als
man wohl denkt. Weil nun die Kräfte der Natur und ihre Wirkungsgesetze den Grund
einer Ordnung der Natur entalten, welche, in so ferne sie mannigfaltige
Harmonie in einer notwendigen Einheit zusammenfasset, veranlasst, dass die
Verknüpfung vieler Vollkommenheit in einem Grunde zum Gesetze wird, so hat man
verschiedene Naturwirkungen in Ansehung ihrer Schönheit und Nützlichkeit unter
der wesentlichen Naturordnung und vermittelst derselben unter Gott zu
betrachten. Dagegen da auch manche Vollkommenheiten in einem Ganzen nicht durch
die Fruchtbarkeit eines einzigen Grundes möglich sein, sondern verschiedene
willkürlich zu dieser Absicht vereinbarte Gründe erheischen, so wird wiederum
manche künstliche Anordnung die Ursache eines Gesetzes sein, und die Wirkungen,
die darnach geschehen, stehen unter der zufälligen und künstlichen Ordnung der
Natur, vermittelst ihrer aber unter Gott.
 
                              Vierte Betrachtung.
Gebrauch unseres Beweisgrundes in Beurteilung der Vollkommenheit einer Welt nach
                              dem Laufe der Natur
    1. Was aus unserm Beweisgrunde zum Vorzuge der Ordnung der Natur vor dem
                    übernatürlichen kann geschlossen werden
    Es ist eine bekannte Regel der Weltweisen oder vielmehr der gesunden
Vernunft überhaupt: dass man ohne die erheblichste Ursache nichts vor ein Wunder,
oder eine übernatürliche Begebenheit halten solle. Diese Regel entält erstlich,
dass Wunder selten sein, zweitens, dass die gesamte Vollkommenheit des Universum
auch ohne viele übernatürliche Einflüsse dem göttlichen Willen gemäss nach den
Gesetzen der Natur erreichet werde; denn jedermann erkennet: dass, wenn ohne
häufige Wunder die Welt des Zwecks ihres Daseins verfehlte, übernatürliche
Begebenheiten etwas Gewöhnliches sein müssten. Einige stehen in der Meinung, dass
das Formale der natürlichen Verknüpfung der Folgen mit ihren Gründen an sich
selbst eine Vollkommenheit wäre, welcher allenfalls ein besserer Erfolg, wenn er
nicht anders als übernatürlicher Weise zu erhalten stünde, hintangesetzt werden
müsste. Sie setzen in dem Natürlichen als einem solchen unmittelbar einen Vorzug,
weil ihnen alles Übernatürliche als eine Unterbrechung einer Ordnung an sich
selber scheint einen Übelstand zu erregen. Allein diese Schwierigkeit ist nur
eingebildet. Das Gute steckt nur in Erreichung des Zweckes, und wird den Mitteln
nur um seinet willen zugeeignet. Die natürliche Ordnung, wenn nach ihr nicht
vollkommene Folgen entspringen, hat unmittelbar keinen Grund eines Vorzugs in
sich, weil sie nur nach der Art eines Mittels kann betrachtet werden, welches
keine eigene, sondern nur eine, von der Grösse des dadurch erreichten Zwecks
entlehnte Schätzung verstattet. Die Vorstellung der Mühsamkeit, welche die
Menschen bei ihren unmittelbaren Ausübungen empfinden, menget sich hier ingeheim
mit unter, und gibt demjenigen, was man fremden Kräften anvertrauen kann, einen
Vorzug, selbst da wo in dem Erfolg etwas von dem abgezweckten Nutzen vermisst
würde. Indessen wenn ohne grössere Beschwerde der, so das Holz an einer
Schneidemühle anlegt, es eben so wohl unmittelbar in Bretter verwandeln könnte,
so wäre alle Kunst dieser Maschine nur ein Spielwerk, weil der ganze Wert
derselben nur an ihr als einem Mittel zu diesem Zwecke statt finden kann.
Demnach ist etwas nicht darum gut, weil es nach dem Laufe der Natur geschieht,
sondern der Lauf der Natur ist gut, in so fern das, was daraus fliesst, gut ist.
Und da Gott eine Welt in seinem Ratschlüsse begriff, in der alles mehrenteils
durch einen natürlichen Zusammenhang die Regel des Besten erfüllete: so würdigte
er sie seiner Wahl, nicht weil darin, dass es natürlich zusammenhing, das Gute
bestand, sondern weil durch diesen natürlichen Zusammenhang ohne viele Wunder
die vollkommenen Zwecke am richtigsten erreicht wurden.
    Und nun entsteht die Frage: wie mag es zugehen, dass die allgemeine Gesetze
der Natur dem Willen des Höchsten, in dem Verlauf der Begebenheiten der Welt die
nach ihnen geschehen, so schön entsprechen, und welchen Grund hat man, ihnen
diese Schicklichkeit zuzutrauen, dass man nicht öfterer als man wahrnimmt geheime
übernatürliche Vorkehrungen zugeben müsste, die ihren Gebrechen unaufhörlich zu
Hülfe kämen?3 Hier leistet uns unser Begriff von der Abhängigkeit selbst der
Wesen aller Dinge von Gott einen noch ausgebreitetem Nutzen, als der ist, den
man in dieser Frage erwartet. Die Dinge der Natur tragen so gar in den
notwendigsten Bestimmungen ihrer innern Möglichkeit das Merkmal der Abhängigkeit
von demjenigen Wesen an sich, in welchem alles mit den Eigenschaften der
Weisheit und Güte zusammenstimmt. Man kann von ihnen Übereinstimmung und schöne
Verknüpfung erwarten und eine notwendige Einheit in den mancherlei vorteilhaften
Beziehungen, die ein einziger Grund zu viel anständigen Gesetzen hat. Es wird
nicht nötig sein, dass daselbst, wo die Natur nach notwendigen Gesetzen wirket,
unmittelbare göttliche Ausbesserungen dazwischen kommen, weil, in so ferne die
Folgen nach der Ordnung der Natur notwendig sein, nimmermehr selbst nach den
allgemeinsten Gesetzen sich was Gott Missfälliges eräugnen kann. Denn wie sollten
doch die Folgen der Dinge, deren zufällige Verknüpfung von dem Willen Gottes
abhängt, ihre wesentliche Beziehungen aber als die Gründe des Notwendigen in der
Naturordnung von demjenigen in Gott herrühren, was mit seinen Eigenschaften
überhaupt in der grössten Harmonie steht, wie können diese, sage ich, seinem
Willen entgegen sein? Und so müssen alle die Veränderungen der Welt, die
mechanisch, mitin aus den Bewegungsgesetzen notwendig sein, jederzeit darum gut
sein, weil sie natürlicher weise notwendig sind, und es ist zu erwarten, dass die
Folge unverbesserlich sein werde, so bald sie nach der Ordnung der Natur
unausbleiblich ist.4 Ich bemerke aber, damit aller Missverstand verhütet werde:
dass die Veränderungen in der Welt entweder aus der ersten Anordnung des
Universum und den allgemeinen und besondern Gesetzen der Natur notwendig sein,
dergleichen alles dasjenige ist, was in der körperlichen Welt mechanisch
vorgeht, oder dass sie gleichwohl bei allem diesem eine nicht genugsam begriffene
Zufälligkeit haben, wie die Handlungen aus der Freiheit, deren Natur nicht
gehörig einsehen wird. Die letztere Art der Weltveränderungen, in so ferne sie
scheinen eine Ungebundenheit in Ansehung bestimmender Gründe und notwendiger
Gesetze an sich zu haben, entalten in so weit eine Möglichkeit in sich, von der
allgemeinen Abzielung der Naturdinge zur Vollkommenheit abzuweichen. Und um
deswillen kann man erwarten, dass übernatürliche Ergänzungen nötig sein dürften,
weil es möglich ist, dass in diesem Betracht der Lauf der Natur mit dem Willen
Gottes bisweilen widerstreitend sein könne. Indessen, da selbst die Kräfte frei
handlender Wesen in der Verknüpfung mit dem übrigen des Universum nicht ganz
allen Gesetzen entzogen sind, sondern immer, wenn gleich nicht nötigenden
Gründen, dennoch solchen, die nach den Regeln der Willkür die Ausübung auf eine
andere Art gewiss machen, unterworfen sein, so ist die allgemeine Abhängigkeit
der Wesen der Dinge von Gott auch hier noch jederzeit ein grosser Grund, die
Folgen, die selbst unter dieser Art von Dingen nach dem Laufe der Natur sich
zutragen, (ohne dass die scheinbare Abweichung in einzelnen Fällen uns irre
machen darf) im Ganzen vor anständig und der Regel des Besten gemäss einzusehen;
so dass nur selten die Ordnung der Natur einer unmittelbaren übernatürlichen
Verbesserung oder Ergänzung benötigt ist, wie denn auch die Offenbarung
derselben nur in Ansehung gewisser Zeiten und gewisser Völker Erwähnung tut. Die
Erfahrung stimmt auch mit dieser Abhängigkeit so gar der freiesten Handlungen
von einer grossen natürlichen Regel überein. Denn so zufällig wie auch immer die
Entschliessung zum Heiraten sein mag, so findet man doch in eben demselben Lande,
dass die Verhältnis der Ehen zu der Zahl der Lebenden ziemlich beständig sei,
wenn man grosse Zahlen nimmt, und dass z. E. unter 110 Menschen beiderlei
Geschlechts sich ein Ehepaar findet. Jedermann weiss, wie viel die Freiheit der
Menschen zur Verlängerung oder Verkürzung des Lebens beitrage. Gleichwohl müssen
selbst diese freie Handlungen einer grossen Ordnung unterworfen sein; weil im
Durchschnitte, wenn man grosse Mengen nimmt, die Zahl derer Sterbenden gegen die
Lebenden sehr genau immer in eben demselben Verhältnis stehet. Ich begnüge mich
mit diesen wenigen Beweistümern, um es einigermassen verständlich zu machen, dass
selbst die Gesetze der Freiheit keine solche Ungebundenheit in Ansehung der
Regeln einer allgemeinen Naturordnung mit sich führen, dass nicht eben derselbe
Grund, der in der übrigen Natur schon in den Wesen der Dinge selbst eine
unausbleibliche Beziehung auf Vollkommenheit und Wohlgereimteit befestigt, auch
in dem natürlichen Laufe des freien Verhaltens wenigstens eine grössere Lenkung
auf ein Wohlgefallen des höchsten Wesens ohne vielfältige Wunder verursachen
sollte. Mein Augenmerk ist aber mehr auf den Verlauf der Naturveränderungen
gerichtet, in so ferne sie durch eingepflanzte Gesetze notwendig sein. Wunder
werden in einer solchen Ordnung entweder gar nicht oder nur selten nötig sein,
weil es nicht füglich sein kann, dass sich solche Unvollkommenheiten natürlicher
Weise hervorfänden, die ihrer bedürftig wären.
    Wenn ich mir den Begriff von den Dingen der Natur machte, den man
gemeiniglich von ihnen hat: dass ihre innere Möglichkeit vor sich unabhängig und
ohne einen fremden Grund sei, so würde ich es gar nicht unerwartet finden, wenn
man sagete, eine Welt von einiger Vollkommenheit sei ohne viele übernatürliche
Wirkungen unmöglich. Ich würde es vielmehr seltsam und unbegreiflich finden, wie
ohne eine beständige Reihe von Wundern etwas Taugliches durch einen natürlichen
grossen Zusammenhang in ihr sollte geleistet werden können. Denn es müsste ein
befremdliches Ohngefähr sein: dass die Wesen der Dinge, die jegliches vor sich
seine abgesonderte Notwendigkeit hätten, sich so sollten zusammenschicken, dass
selbst die höchste Weisheit aus ihnen ein grosses Ganze vereinbaren könnte, in
welchem, bei so vielfältiger Abhängigkeit, dennoch nach allgemeinen Gesetzen
unverbesserliche Harmonie und Schönheit hervorleuchtete. Dagegen, da ich belehrt
bin, dass, darum nur weil ein Gott ist, etwas anders möglich sei, so erwarte ich
selbst von den Möglichkeiten der Dinge eine Zusammenstimmung, die ihrem grossen
Principium gemäss ist, und eine Schicklichkeit, durch allgemeine Anordnungen zu
einem Ganzen zusammen zu passen, dass mit der Weisheit eben desselben Wesens
richtig harmoniert, von dem sie ihren Grund entlehnen, und ich finde es so gar
wunderbar: dass, so ferne etwas nach dem Laufe der Natur, gemäss allgemeinen
Gesetzen geschieht, oder geschehen würde, es Gott missfällig und eines Wunders
zur Ausbesserung bedürftig sein sollte, und wenn es geschieht, so gehört selbst
die Veranlassung dazu zu denen Dingen, die sich bisweilen zutragen, von uns aber
nimmermehr können begriffen werden.
    Man wird es auch ohne Schwierigkeit verstehen, dass, wenn man den
wesentlichen Grund einsieht, weswegen Wunder zur Vollkommenheit der Welt selten
nötig sein können, dieses auch von denenjenigen gelte, die wir in der vorigen
Betrachtung übernatürliche Begebenheiten im formalen Verstande genannt haben,
und die man in gemeinen Urteilen darum sehr häufig einräumt, weil man durch
einen verkehrten Begriff darin etwas Natürliches zu finden glaubt.
   2. Was aus unserm Beweisgrunde zum Vorzuge einer oder anderer Naturordnung
                            geschlossen werden kann
    In dem Verfahren der gereinigten Weltweisheit herrschet eine Regel, die,
wenn sie gleich nicht förmlich gesagt, dennoch in der Ausübung jederzeit
beobachtet wird: dass in aller Nachforschung der Ursachen zu gewissen Wirkungen
man eine grosse Aufmerksamkeit bezeigen müsse, die Einheit der Natur so sehr wie
möglich zu erhalten, das ist, vielerlei Wirkungen aus einem einzigen schon
bekannten Grunde herzuleiten, und nicht zu verschieden Wirkungen wegen einiger
scheinbaren grösseren Unähnlichkeit sogleich neue und verschiedene wirkende
Ursachen anzunehmen. Man präsumiert demnach, dass in der Natur grosse Einheit sei
in Ansehung der Zulänglichkeit eines einigen Grundes zu mancherlei Art Folgen,
und glaubt Ursache zu haben, die Vereinigung einer Art Erscheinungen mit denen
von anderer Art mehrenteils als etwas Notwendiges und nicht als eine Wirkung
einer künstlichen und zufälligen Ordnung anzusehen. Wie vielerlei Wirkungen
werden nicht aus der einigen Kraft der Schwere hergeleitet, dazu man ehedem
verschiedene Ursachen glaubte nötig zu finden; das Steigen einiger Körper und
das Fallen anderer. Die Wirbel, um die Himmelskörper in Kreisen zu erhalten,
sind abgestellt, so bald man die Ursache derselben in jener einfachen Naturkraft
gefunden hat. Man präsumiert mit grossem Grunde: dass die Ausdehnung der Körper
durch die Wärme, das Licht, die elektrische Kraft, die Gewitter, vielleicht auch
die magnetische Kraft vielerlei Erscheinungen einer und eben derselben wirksamen
Materie, die in allen Räumen ausgebreitet ist, nämlich des Äters sei, und man
ist überhaupt unzufrieden, wenn man sich genötigt sieht, ein neues Principium zu
einer Art Wirkungen anzunehmen. Selbst da, wo ein sehr genaues Ebenmass eine
besondere künstliche Anordnung zu erheischen scheint, ist man geneigt, sie dem
notwendigen Erfolg aus allgemeinern Gesetzen beizumessen und noch immer die
Regel der Einheit zu beobachten, ehe man eine künstliche Verfügung zum Grunde
setze. Die Schneefiguren sind so regelmässig, und so weit über alles Plumpe, das
der blinde Zufall zuwege bringen kann, zierlich, dass man fast ein Misstrauen in
die Aufrichtigkeit derer setzen sollte, die uns Abzeichnungen davon gegeben
haben, wenn nicht ein jeder Winter unzählige Gelegenheit gäbe, einen jeden durch
eigene Erfahrung davon zu versichern. Man wird wenig Blumen antreffen, welche,
so viel man äusserlich wahrnehmen kann, mehr Nettigkeit und Proportion zeigeten,
und man sieht gar nichts, was die Kunst hervorbringen kann, das da mehr
Richtigkeit entielte, als diese Erzeugungen, die die Natur mit so viel
Verschwendung über die Erdfläche ausstreuet. Und gleichwohl hat sich niemand in
den Sinn kommen lassen, sie von einem besondern Schneesamen herzuleiten, und
eine künstliche Ordnung der Natur zu ersinnen, sondern man misst sie als eine
Nebenfolge allgemeineren Gesetzen bei, welche die Bildung dieses Produkts mit
notwendiger Einheit zugleich unter sich befassen.5
    Gleichwohl ist die Natur reich an einer gewissen andern Art von
Hervorbringungen, wo alle Weltweisheit, die über ihre Enstehungsart nachsinnt,
sich genötigt sieht, diesen Weg zu verlassen. Grosse Kunst, und eine zufällige
Vereinbarung durch freie Wahl gewissen Absichten gemäss, ist daselbst
augenscheinlich, und wird zugleich der Grund eines besondern Naturgesetzes,
welches zur künstlichen Naturordnung gehöret. Der Bau der Pflanzen und Tiere
zeigt eine solche Anstalt, wozu die allgemeine und notwendige Naturgesetze
unzulänglich sein. Da es nun ungereimt sein würde, die erste Erzeugung einer
Pflanze oder Tiers als eine mechanische Nebenfolge aus allgemeinen Naturgesetzen
zu betrachten, so bleibt gleichwohl noch eine doppelte Frage übrig, die aus dem
angeführten Grunde unentschieden ist: ob nämlich ein jedes Individuum derselben
unmittelbar von Gott gebauet, und also übernatürlichen Ursprungs sei, und nur
die Fortpflanzung, das ist, der Übergang von Zeit zu Zeit zur Auswickelung einem
natürlichen Gesetze anvertrauet sei, oder ob einige Individuen des Pflanzen- und
Tierreichs zwar unmittelbar göttlichen Ursprungs sein, jedoch mit einem uns
nicht begreiflichem Vermögen, nach einem ordentlichen Naturgesetze ihres
gleichen zu erzeugen und nicht bloss auszuwickeln. Von beiden Seiten zeigen sich
Schwierigkeiten. Es ist vielleicht unmöglich auszumachen, welche die grösseste
sei; allein was uns hier angeht, ist nur, das Übergewicht der Gründe in so ferne
sie metaphysisch sind zu bemerken. Wie z. E. ein Baum durch eine innere
mechanische Verfassung soll vermögend sein, den Nahrungssaft so zu formen und zu
modeln, dass in dem Auge der Blätter oder seinem Samen etwas entstünde, das einen
ähnlichen Baum im Kleinen, oder woraus doch ein solcher werden könnte,
entielte, ist nach allen unsern Kenntnissen auf keine Weise einzusehen. Die
innerliche Formen des Herrn von Buffon, und die Elemente organischer Materie,
die sich zu Folge ihrer Erinnerungen, den Gesetzen der Begierden und des
Abscheues gemäss, nach der Meinung des Herren von Maupertuis zusammenfügen, sind
entweder eben so unverständlich als die Sache selbst, oder ganz willkürlich
erdacht. Allein ohne sich an dergleichen Teorien zu kehren, muss man denn darum
selbst eine andere davor aufwerfen, die eben so willkürlich ist, nämlich, dass
alle diese Individuen übernatürlichen Ursprungs sein, weil man ihre natürliche
Entstehungsart gar nicht begreift? Hat wohl jemals einer das Vermögen des
Hefens, seines gleichen zu erzeugen, mechanisch begreiflich gemacht, und
gleichwohl bezieht man sich desfalls nicht auf einen übernatürlichen Grund.
    Da in diesem Falle der Ursprung aller solcher organischen Produkte als
völlig übernatürlich angesehen wird, so glaubt man dennoch etwas vor den
Naturphilosophen übrig zu lassen, wenn man ihn mit der Art der allmählichen
Fortpflanzung spielen lässt. Allein man bedenke wohl: dass man dadurch das
Übernatürliche nicht vermindert, denn es mag diese übernatürliche Erzeugung zur
Zeit der Schöpfung oder nach und nach in verschiedenen Zeitpunkten geschehen, so
ist in dem letzteren Falle nicht mehr Übernatürliches als im ersten, denn der
ganze Unterschied läuft nicht auf den Grad der unmittelbaren göttlichen
Handlung, sondern lediglich auf das Wenn hinaus. Was aber jene natürliche
Ordnung der Auswickelung anlangt, so ist sie nicht eine Regel der Fruchtbarkeit
der Natur, sondern eine Metode eines unnützen Umschweifs. Denn es wird dadurch
nicht der mindeste Grad einer unmittelbaren göttlichen Handlung besparet.
Demnach scheinet es unvermeidlich: entweder bei jeder Begattung die Bildung der
Frucht unmittelbar einer göttlichen Handlung beizumessen, oder der ersten
göttlichen Anordnung der Pflanzen und Tiere eine Tauglichkeit zuzulassen, ihres
Gleichen in der Folge nach einem natürlichen Gesetze nicht bloss zu entwickeln,
sondern wahrhaftig zu erzeugen.
    Meine gegenwärtige Absicht ist nur, hiedurch zu zeigen, dass man den
Naturdingen eine grössere Möglichkeit nach allgemeinen Gesetzen ihre Folgen
hervorzubringen einräumen müsse, als man es gemeiniglich tut.
 
                              Fünfte Betrachtung.
    Worin die Unzulänglichkeit der gewöhnlichen Metode der Physikoteologie
                                 gewiesen wird
                     1. Von der Physikoteologie überhaupt
    Alle Arten, das Dasein Gottes aus den Wirkungen desselben zu erkennen,
lassen sich auf die drei folgende bringen. Entweder man gelanget zu dieser
Erkenntnis durch die Wahrnehmung desjenigen, was die Ordnung der Natur
unterbricht und diejenige Macht unmittelbar bezeichnet, welcher die Natur
unterworfen ist, diese Überzeugung wird durch Wunder veranlasst; oder die
zufällige Ordnung der Natur, von der man deutlich einsieht, dass sie auf
vielerlei andere Art möglich war, in der gleichwohl grosse Kunst, Macht und Güte
hervorleuchtet, führet auf den göttlichen Urheber; oder drittens die notwendige
Einheit, die in der Natur wahrgenommen wird, und die wesentliche Ordnung der
Dinge, welche grossen Regeln der Vollkommenheit gemäss ist, kurz das, was in der
Regelmässigkeit der Natur Notwendiges ist, leitet auf ein oberstes Principium
nicht allein dieses Daseins sondern selbst aller Möglichkeit.
    Wenn Menschen völlig verwildert sein, oder eine halsstarrige Bosheit ihre
Augen verschliesst, alsdenn scheinet das erstere Mittel einzig und allein einige
Gewalt an sich zu haben, sie vom Dasein des höchsten Wesens zu überführen.
Dagegen findet die richtige Betrachtung einer wohlgearteten Seele an so viel
zufälliger Schönheit und zweckmässiger Verbindung, wie die Ordnung der Natur
darbietet, Beweistümer genug, einen mit grosser Weisheit und Macht begleiteten
Willen daraus abzunehmen, und es sind zu dieser Überzeugung, so ferne sie zum
tugendhaften Verhalten hinlänglich, das ist, moralisch gewiss sein soll, die
gemeine Begriffe des Verstandes hinreichend. Zu der dritten Art zu schliessen
wird notwendiger Weise Weltweisheit erfodert und es ist auch einzig und allein
ein höherer Grad derselben fähig, mit einer Klarheit und Überzeugung, die der
Grösse der Wahrheit gemäss ist, zu dem nämlichen Gegenstande zu gelangen.
    Die beide letztere Arten kann man physikoteologische Metoden nennen; denn
sie zeigen beide den Weg, aus den Betrachtungen über die Natur zur Erkenntnis
Gottes hinauf zu steigen.
     2. Die Vorteile und auch die Fehler der gewöhnlichen Physikoteologie
    Das Hauptmerkmal der bis dahin gebräuchlichen physischteologischen Metode
bestehet darin: dass die Vollkommenheit und Regelmässigkeit erstlich ihrer
Zufälligkeit nach gehörig begriffen, und alsdenn die künstliche Ordnung nach
allen zweckmässigen Beziehungen darinnen gewiesen wird, um daraus auf einen
weisen und gütigen Willen zu schliessen, nachher aber zugleich, durch die
hinzugefügte Betrachtung der Grösse des Werks, der Begriff der unermesslichen
Macht des Urhebers damit vereinigt wird.
    Diese Metode ist vortrefflich: erstlich, weil die Überzeugung überaus
sinnlich und daher sehr lebhaft und einnehmend, und dennoch auch dem gemeinsten
Verstande leicht und fasslich ist; zweitens, weil sie natürlicher ist als irgend
eine andere, indem ohne Zweifel ein jeder von ihr zuerst anfängt; drittens, weil
sie einen sehr anschauenden Begriff von der hohen Weisheit, Vorsorge oder auch
der Macht des anbetungswürdigen Wesens verschaffet, welcher die Seele füllet,
und die grösseste Gewalt hat, auf Erstaunen, Demut und Ehrfurcht zu wirken.6
Diese Beweisart ist viel praktischer als irgend eine andere selbst in Ansehung
des Philosophen. Denn ob er gleich vor seinen forschenden oder grüblenden
Verstand hier nicht die bestimmte abgezogene Idee der Gotteit antrifft und die
Gewissheit selbst nicht matematisch sondern moralisch ist, so bemächtigen sich
doch so viel Beweistümer, jeder von so grossem Eindruck, seiner Seele, und die
Spekulation folgt ruhig mit einem gewissen Zutrauen einer Überzeugung, die schon
Platz genommen hat. Schwerlich würde wohl jemand seine ganze Glückseligkeit auf
die angemasste Richtigkeit eines metaphysischen Beweises wagen, vornehmlich wenn
ihm lebhafte sinnliche Überredungen entgegen stünden. Allein die Gewalt der
Überzeugung, die hieraus erwächst, darum eben weil sie so sinnlich ist, ist auch
so gesetzt und unerschütterlich, dass sie keine Gefahr von Schlussreden und
Unterscheidungen besorget, und sich weit über die Macht spitzfündiger Einwürfe
wegsetzt. Gleichwohl hat diese Metode ihre Fehler, die beträchtlich genug sind,
ob sie zwar eigentlich nur dem Verfahren derjenigen zuzurechnen sind, die sich
ihrer bedient haben.
    1. Sie betrachtet alle Vollkommenheit, Harmonie und Schönheit der Natur als
zufällig, und als eine Anordnung durch Weisheit, da doch viele derselben mit
notwendiger Einheit aus den wesentlichsten Regeln der Natur abfliessen. Das, was
der Absicht der Physikoteologie hiebei am schädlichsten ist, besteht darin, dass
sie diese Zufälligkeit der Naturvollkommenheit als höchstnötig zum Beweise eines
weisen Urhebers ansieht, daher alle notwendige Wohlgereimteiten der Dinge der
Welt bei dieser Voraussetzung gefährliche Einwürfe werden.
    Um sich von diesem Fehler zu überzeugen, merke man auf nachstehendes. Man
sieht, wie die Verfasser nach dieser Metode geflissen sein, die an unzähligen
Endabsichten reiche Produkte des Pflanzen- und Tierreichs nicht allein der Macht
des Ohngefährs, sondern auch der mechanischen Notwendigkeit nach allgemeinen
Gesetzen der materialen Natur zu entreissen. Und hierin kann es ihnen auch nicht
im mindesten schwer werden. Das Übergewicht der Gründe auf ihrer Seite ist gar
zu sehr entschieden. Allein wenn sie sich von der organischen Natur zur
unorganischen wenden, so beharren sie noch immer auf eben derselben Metode,
allein sie finden sich daselbst fast jederzeit durch die veränderte Natur der
Sachen in Schwierigkeiten befangen, denen sie nicht ausweichen können. Sie reden
noch immer von der durch grosse Weisheit getroffenen Vereinbarung so vieler
nützlichen Eigenschaften des Luftkreises, denen Wolken, dem Regen, den Winden,
der Dämmerung etc. etc., als wenn die Eigenschaft, wodurch die Luft zu Erzeugung
der Winde auferlegt ist, mit derjenigen, wodurch sie Dünste aufzieht, oder
wodurch sie in grossen Hohen dünner wird, eben so vermittelst einer weisen Wahl
wäre vereinigt worden, wie etwa bei einer Spinne die verschiedene Augen, womit
sie ihrem Raube auflauert, mit den Warzen, woraus die Spinnenseide als durch
Ziehlöcher gezogen wird, mit den feinen Klauen oder auch den Ballen ihrer Füsse,
dadurch sie sie zusammenklebt oder sich daran erhält, in einem Tiere verknüpft
sind. In diesem letzteren Fall ist die Einheit bei allen verbundenen
Nutzbarkeiten (als in welcher die Vollkommenheit besteht) offenbar zufällig, und
einer weisen Willkür beizumessen, da sie im Gegenteil im ersteren Fall notwendig
ist; und wenn nur eine Tauglichkeit von denen erwähnten der Luft beigemessen
wird, die andere unmöglich davon zu trennen ist. Eben dadurch dass man keine
andere Art, die Vollkommenheit der Natur zu beurteilen einräumt, als durch die
Anstalt der Weisheit, so wird eine jede ausgebreitete Einheit, in so ferne sie
offenbar als notwendig erkannt wird, einen gefährlichen Einwurf ausmachen. Wir
werden bald sehen, dass nach unserer Metode aus einer solchen Einheit gleichwohl
auch auf die göttliche Weisheit geschlossen wird, aber nicht so, dass sie von der
weisen Wahl als ihrer Ursache, sondern von einem solchen Grunde in einem
obersten Wesen hergeleitet wird, welcher zugleich ein Grund einer grossen
Weisheit in ihm sein muss, mitin wohl von einem weisen Wesen, aber nicht durch
seine Weisheit.
    2. Diese Metode ist nicht genugsam philosophisch und hat auch öfters die
Ausbreitung der philosophischen Erkenntnis sehr gehindert. So bald eine
Naturanstalt nützlich ist, so wird sie gemeiniglich unmittelbar aus der Absicht
des göttlichen Willens, oder doch durch eine besonders durch Kunst veranstaltete
Ordnung der Natur erklärt; entweder weil man einmal sich in den Kopf gesetzt
hat: die Wirkungen der Natur, gemäss ihren allgemeinsten Gesetzen, könnten auf
solche Wohlgereimteit nicht auslaufen, oder wenn man einräumete, sie hätten
auch solche Folgen, so würde dieses heissen: die Vollkommenheit der Welt einem
blinden Ohngefähr zuzutrauen, wodurch der göttliche Urheber sehr würde verkannt
werden. Daher werden in einem solchen Falle der Naturforschung Grenzen gesetzt.
Die erniedrigte Vernunft stehet gerne von einer weiteren Untersuchung ab, weil
sie solche hier als Vorwitz ansieht, und das Vorurteil ist desto gefährlicher,
weil es den Faulen einen Vorzug vor dem unermüdeten Forscher gibt durch den
Vorwand der Andacht und der billigen Unterwerfung unter den grossen Urheber, in
dessen Erkenntnis sich alle Weisheit vereinbaren muss. Man erzählt z. E. die
Nutzen der Gebirge, deren es unzählige gibt, und so bald man deren recht viel,
und unter diesen solche die das menschliche Geschlecht nicht entbehren kann,
zusammen gebracht hat, so glaubt man Ursache zu haben, sie als eine unmittelbare
göttliche Anstalt anzusehen. Denn sie als eine Folge aus allgemeinen
Bewegungsgesetzen zu betrachten, (weil man von diesen gar nicht vermutet, dass
sie auf schöne und nützliche Folgen sollten eine Beziehung haben, es müsste denn
etwa von ohngefähr sein) das würde ihrer Meinung nach heissen, einem wesentlichen
Vorteil des Menschengeschlechts auf den blinden Zufall ankommen lassen. Eben so
ist es mit der Betrachtung der Flüsse der Erde bewandt. Wenn man die
physischteologischen Verfasser hört, so wird man dahin gebracht, sich
vorzustellen, ihre Laufrinnen wären alle von Gott ausgehöhlt. Es heisst auch
nicht philosophieren: wenn man, indem man einen jeden einzelnen Berg, oder jeden
einzelnen Strom als eine besondere Absicht Gottes betrachtet, die nach
allgemeinen Gesetzen nicht würde erreicht worden sein, wenn man, sage ich,
alsdenn sich diejenige Mittel ersinnet, deren besonderen Vorkehrung sich etwa
Gott möchte bedient haben, um diese Individual-Wirkungen heraus zu bringen. Denn
nach demjenigen, was in der dritten Betrachtung dieser Abteilung gezeigt worden,
ist dergleichen Produkt dennoch in so ferne immer übernatürlich, ja, weil es
nicht nach einer Ordnung der Natur (indem es nur als eine einzelne Begebenheit
durch eigene Anstalten entstand) erklärt werden kann, so gründet sich ein
solches Verfahren zu urteilen auf eine verkehrte Vorstellung vom Vorzuge der
Natur an sich selber, wenn sie auch durch Zwang auf einen einzelnen Fall sollte
gelenkt werden müssen, welches nach aller unserer Einsicht als ein Mittel des
Umschweifs und nicht als ein Verfahren der Weisheit kann angesehen werden.7 Als
Newton durch untriegliche Beweise sich überzeugt hatte: dass der Erdkörper
diejenige Figur habe, auf der alle durch den Drehungsschwung veränderte
Richtungen der Schwere senkrecht stünden, so schloss er: die Erde sei im Anfange
flüssig gewesen, und habe nach den Gesetzen der Statik vermittelst der Umdrehung
gerade diese Gestalt angenommen. Er kannte so gut wie sonst jemand die Vorteile,
die in der Kugelrundung eines Weltkörpers liegen und auch die höchst nötige
Abplattung, um den nachteiligen Folgen der Achsendrehung vorzubeugen. Dieses
sind insgesamt Anordnungen, die eines weisen Urhebers würdig sein. Gleichwohl
trug er kein Bedenken, sie den notwendigsten mechanischen Gesetzen als eine
Wirkung beizumessen, und besorgte nicht, dabei den grossen Regierer aller Dinge
aus den Augen zu verlieren.
    Es ist also auch sicher zu vermuten: dass er nimmermehr in Ansehung des Baues
der Planeten, ihrer Umläufe und der Stellung ihrer Kreise, unmittelbar zu einer
göttlichen Anstalt seine Zuflucht würde genommen haben, wenn er nicht geurteilt
hätte: dass hier ein mechanischer Ursprung unmöglich sei, nicht wegen der
Unzulänglichkeit derselben zur Regelmässigkeit und Ordnung überhaupt (denn warum
besorgte er nicht diese Untauglichkeit in dem vorher erwähnten Falle?), sondern
weil die Himmelsräume leer sind, und keine Gemeinschaft der Wirkungen der
Planeten ineinander, ihre Kreise zu stellen, in diesem Zustande möglich ist.
Wenn es ihm indessen beigefallen wäre zu fragen: ob sie denn auch jederzeit leer
gewesen, und ob nicht wenigstens im allerersten Zustande, da diese Räume
vielleicht im Zusammenhange erfüllet waren, diejenige Wirkung möglich gewesen,
deren Folgen sich seitdem erhalten haben, wenn er von dieser allerältesten
Beschaffenheit eine gegründete Vermutung gehabt hätte, so kann man versichert
sein, dass er auf eine der Philosophie geziemende Art in den allgemeinen
mechanischen Gesetzen die Gründe von der Beschaffenheit des Weltbaues gesucht
haben würde, ohne desfalls in Sorgen zu sein, dass diese Erklärung den Ursprung
der Welt aus den Händen des Schöpfers der Macht des Ohngefährs überlieferte. Das
berühmte Beispiel des Newton darf demnach nicht dem faulen Vertrauen zum
Vorwande dienen, eine übereilte Berufung auf eine unmittelbare göttliche Anstalt
vor eine Erklärung in philosophischem Geschmacke auszugeben.
    Überhaupt haben freilich unzählbare Anordnungen der Natur, da sie nach den
allgemeinsten Gesetzen immer noch zufällig sind, keinen andern Grund als die
weise Absicht desjenigen der gewollt hat, dass sie so und nicht anders verknüpft
werden sollten. Aber man kann nicht umgekehrt schliessen: wo eine natürliche
Verknüpfung mit demjenigen übereinstimmt, was einer weisen Wahl gemäss ist, da
ist sie auch nach den allgemeinen Wirkungsgesetzen der Natur zufällig, und durch
künstliche Fügung ausserordentlich fest gesetzt worden. Es kann bei dieser Art zu
denken sich öfters zutragen, dass die Zwecke der Gesetze, die man sich einbildet,
unrichtig sind, und denn hat man ausser diesem Irrtume noch den Schaden, dass man
die wirkende Ursachen vorbeigegangen ist und unmittelbar an eine Absicht, die
nur erdichtet ist, gehalten hat. Süssmilch hatte ehedem vermeint, den Grund,
warum mehr Knäbchen als Mägdchen geboren werden, in dieser Absicht der Vorsehung
zu finden, damit durch die grössere Zahl derer vom Mannsgeschlechte der Verlust
ergänzt werde, den dieses Geschlecht durch Krieg und gefährlichere Arten des
Gewerbes vor dem andern erleidet. Allein durch spätere Beobachtungen wurde eben
dieser sorgfältige und vernünftige Mann belehrt: dass dieser Überschuss der
Knäbchen in den Jahren der Kindheit durch den Tod so weggenommen werde, dass noch
eine geringere Zahl männlichen als die des weiblichen in die Jahre gelangen, wo
die vorher erwähnte Ursachen allererst Gründe des Verlusts entalten können. Man
hat Ursache zu glauben, dass diese Merkwürdigkeit ein Fall sei, der unter einer
viel allgemeinern Regel stehen mag, nämlich, dass der Stärkere Teil der
Menschenarten auch einen grösseren Anteil an der Zeugungstätigkeit habe, um in
den beiderseitigen Produkten seine eigene Art überwiegend zu machen, dass aber
dagegen, weil mehr dazu gehört, dass etwas, welches die Grundlage zu grösserer
Vollkommenheit hat, auch in der Ausbildung alle zu Erreichung derselben gehörige
Umstände antreffe, eine grössere Zahl derer von minder vollkommenen Art den Grad
der Vollständigkeit erreichen werde, als derjenigen, zu deren Vollständigkeit
mehr Zusammentreffung von Gründen erfodert wird. Es mag aber mit dieser Regel
eine Beschaffenheit haben welche es wolle, so kann man hiebei wenigstens die
Anmerkung machen: dass es die Erweiterung der philosophischen Einsicht hindere,
sich an die moralische Gründe, das ist, an die Erläuterung aus Zwecken zu
wenden, da wo; es noch zu vermuten ist, dass physische Gründe durch eine
Verknüpfung mit notwendigen allgemeineren Gesetzen die Folge bestimmen.
    3. Diese Metode kann nur dazu dienen, einen Urheber der Verknüpfungen und
künstlichen Zusammenfügungen der Welt, aber nicht der Materie selbst und den
Ursprung der Bestandteile des Universum zu beweisen. Dieser beträchtliche Fehler
muss alle diejenige, die sich ihrer allein bedienen, in Gefahr desjenigen Irrtums
lassen, den man den feineren Ateismus nennt, und nach welchem Gott im
eigentlichen Verstande als ein Werkmeister und nicht als ein Schöpfer der Welt,
der zwar die Materie geordnet und geformet, nicht aber hervorgebracht und
erschaffen hat, angesehen werde. Da ich diese Unzulänglichkeit in der nächsten
Betrachtung erwägen werde, so begnüge ich mich, sie hier nur angemerkt zu haben.
    Übrigens bleibt die gedachte Metode jederzeit eine derjenigen, die so wohl
der Würde als auch der Schwäche des menschlichen Verstandes am meisten gemäss
sind. Es sind in der Tat unzählbare Anordnungen in der Natur, deren nächster
Grund eine Endabsicht ihres Urhebers sein muss, und es ist der leichtste Weg, der
auf ihn führt, wenn man diejenige Anstalten erwägt, die seiner Weisheit
unmittelbar untergeordnet sein. Daher ist es billig, seine Bemühungen vielmehr
darauf zu wenden, sie zu ergänzen als anzufechten, ihre Fehler zu verbessern als
sie um deswillen geringschätzig zu halten. Die folgende Betrachtung soll sich
mit dieser Absicht beschäftigen.
 
                              Sechste Betrachtung.
                    Verbesserte Metode der Physikoteologie
 1. Ordnung und Anständigkeit, wenn sie gleich notwendig ist, bezeichnet einen
                              verständigen Urheber
    Es kann nichts dem Gedanken von einem göttlichen Urheber des Universum
nachteiliger und zugleich unvernünftiger sein, als wenn man bereit ist, eine
grosse und fruchtbare Regel der Anständigkeit, Nutzbarkeit und Übereinstimmung
dem ungefähren Zufall beizumessen; dergleichen das Clinamen der Atomen in dem
Lehrgebäude des Democritus und Epikurs war. Ohne dass ich mich bei der
Ungereimteit und vorsetzlichen Verblendung dieser Art zu urteilen verweile, da
sie genugsam von andern ist augenscheinlich gemacht worden, so bemerke ich
dagegen: Dass die wahrgenommene Notwendigkeit in Beziehung der Dinge auf
regelmässige Verknüpfungen, und der Zusammenhang nützlicher Gesetze mit einer
notwendigen Einheit, eben so wohl als die zufälligste und willkürlichste Anstalt
einen Beweistum von einem weisen Urheber abgebe; obgleich die Abhängigkeit von
ihm in diesem Gesichtspunkte auf andere Art muss vorgestellt werden. Um dieses
gehörig einzusehen, so merke ich an: dass die Ordnung und vielfältige
vorteilhafte Zusammenstimmung überhaupt einen verständigen Urheber bezeichnet,
noch ehe man daran denkt, ob diese Beziehung denen Dingen notwendig oder
zufällig sei. Nach den Urteilen der gemeinen gesunden Vernunft hat die Abfolge
der Weltveränderungen, oder diejenige Verknüpfung, an deren Stelle eine andere
möglich war, ob sie gleich einen klaren Beweisgrund der Zufälligkeit an die Hand
gibt, wenig Wirkung, dem Verstande die Vermutung eines Urhebers zu veranlassen.
Es wird dazu Philosophie erfodert und selbst deren Gelbrauch ist in diesem Falle
verwickelt und schlüpferig. Dagegen macht grosse Regelmässigkeit und
Wohlgereimteit in einem vielstimmichten Harmonischen stutzig, und die gemeine
Vernunft selbst kann sie ohne einem verständigen Urheber nimmer möglich finden.
Die eine Regel der Anständigkeit mag in der andern schon wesentlich liegen, oder
willkürlich damit verbunden sein, so findet man es gerade zu unmöglich, dass
Ordnung und Regelmässigkeit entweder von Ohngefähr, oder auch unter viel Dingen,
die ihr verschiedenes Dasein haben, so von selbst sollte statt finden, denn
nimmermehr ist ausgebreitete Harmonie ohne einen verständigen Grund ihrer
Möglichkeit nach zureichend gegeben. Und hier äussert sich alsbald ein grosser
Unterschied zwischen der Art, wie man die Vollkommenheit ihrem Ursprunge nach zu
beurteilen habe.
2. Notwendige Ordnung der Natur bezeichnet selbst einen Urheber der Materie, die
                                so geordnet ist
    Die Ordnung in der Natur, in so ferne sie als zufällig und aus der Willkür
eines verständigen Wesens entspringend angesehen wird, ist gar kein Beweis
davon, dass auch die Dinge der Natur, die in solcher Ordnung nach Weisheit
verknüpft sein, selbst von diesem Urheber ihr Dasein haben. Denn lediglich diese
Verbindung ist so bewandt, dass sie einen verständigen Plan voraussetzt; daher
auch Aristoteles und viele andere Philosophen des Altertums nicht die Materie
oder den Stoff der Natur, sondern nur die Form von der Gotteit herleiteten.
Vielleicht nur seit der Zeit, als uns die Offenbarung eine vollkommene
Abhängigkeit der Welt von Gott gelehret hat, hat auch allererst die Weltweisheit
die gehörige Bemühung daran gewandt, den Ursprung der Dinge selbst, die den
rohen Zeug der Natur ausmachen, als so etwas zu betrachten, was ohne einen
Urheber nicht möglich sei. Ich zweifle, dass es jemanden hiemit gelungen sei, und
ich werde in der letzten Abteilung Gründe meines Urteils anführen. Zum mindesten
kann die zufällige Ordnung der Teile der Welt, in so ferne sie einen Ursprung
aus Willkür anzeigt, gar nichts zum Beweise davon beitragen. Z. E. An dem Bau
eines Tiers sind Gliedmassen der sinnlichen Empfindung mit denen der
willkürlichen Bewegung und der Lebensteile so künstlich verbunden, dass man
boshaft sein muss (denn so unvernünftig kann ein Mensch nicht sein), so bald man
darauf geführt wird, einen weisen Urheber zu verkennen, der die Materie, daraus
ein tierischer Körper zusammen gesetzt ist, in so vortreffliche Ordnung gebracht
hat. Mehr folgt hieraus gar nicht. Ob diese Materie vor sich ewig und
unabhängig, oder auch von eben demselben Urheber hervorgebracht sei, das ist
darin gar nicht entschieden. Ganz anders aber fällt das Urteil aus, wenn man
wahrnimmt, dass nicht alle Naturvollkommenheit künstlich, sondern Regeln von
grosser Nutzbarkeit auch mit notwendiger Einheit verbunden sind, und diese
Vereinbarung in den Möglichkeiten der Dinge selbst liegt. Was soll man bei
dieser Wahrnehmung urteilen? Ist diese Einheit, diese fruchtbare Wohlgereimteit
ohne Abhängigkeit von einem weisen Urheber möglich? Das Formale so grosser und
vielfältiger Regelmässigkeit verbietet dieses. Weil indessen diese Einheit
gleichwohl selbst in den Möglichkeiten der Dinge gegründet ist, so muss ein
weises Wesen sein, ohne welches alle diese Naturdinge selbst nicht möglich sind,
und in welchem als einem grossen Grunde sich die Wesen so mancher Naturdinge zu
so regelmässigen Beziehungen vereinbaren. Alsdenn aber ist klar, dass nicht allein
die Art der Verbindung, sondern die Dinge selbst nur durch dieses Wesen möglich
sein, das ist, nur als Wirkungen von ihm existieren können, welches die völlige
Abhängigkeit der Natur von Gott allererst hinreichend zu erkennen gibt. Fragt
man nun, wie hängen diese Naturen von solchem Wesen ab, damit ich daraus die
Übereinstimmung mit den Regeln der Weisheit verstehen könne? Ich antworte: sie
hängen von demjenigen in diesem Wesen ab, was, indem es den Grund der
Möglichkeit der Dinge entält, auch der Grund seiner eigenen Weisheit ist; denn
diese setzet überhaupt jene voraus.8 Bei dieser Einheit aber des Grundes, so
wohl des Wesens aller Dinge, als der Weisheit, Güte und Macht, ist es notwendig:
dass alle Möglichkeit mit diesen Eigenschaften harmoniere.
            3. Regeln der verbesserten Metode der Physikoteologie
    Ich fasse sie in folgendem kurz zusammen: Durch das Zutrauen auf die
Fruchtbarkeit der allgemeinen Naturgesetze, wegen ihrer Abhängigkeit vom
göttlichen Wesen, geleitet, suche man
    1. Die Ursache, selbst der vorteilhaftesten Verfassungen, in solchen
allgemeinen Gesetzen, die mit einer notwendigen Einheit, ausser andern
anständigen Folgen, auch auf die Hervorbringung dieser Wirkungen in Beziehung
stehen.
    2. Man bemerke das Notwendige in dieser Verknüpfung verschiedener
Tauglichkeiten in einem Grunde, weil so wohl die Art, um daraus auf die
Abhängigkeit von Gott zu schliessen, von derjenigen verschieden ist, welche
eigentlich die künstliche und gewählte Einheit zum Augenmerk hat, als auch um
den Erfolg nach beständigen und notwendigen Gesetzen vom ungefähren Zufall zu
unterscheiden.
    3. Man vermute nicht allein in der unorganischen, sondern auch der
organisierten Natur eine grössere notwendige Einheit, als so gerade zu in die
Augen fällt. Denn selbst im Baue eines Tieres ist zu vermuten: dass eine einzige
Anlage eine fruchtbare Tauglichkeit zu viel vorteilhaften Folgen haben werde,
wozu wir anfänglich vielerlei besondere Anstalten nötig finden möchten. Diese
Aufmerksamkeit ist so wohl der Philosophie sehr gemäss, als auch der
physischteologischen Folgerung vorteilhaft.
    4. Man bediene sich der offenbar künstlichen Ordnung, um daraus auf die
Weisheit eines Urhebers als einen Grund, der wesentlichen und notwendigen
Einheit aber in den Naturgesetzen, um daraus auf ein weises Wesen als einen
Grund, aber nicht vermittelst seiner Weisheit, sondern vermöge desjenigen in
ihm, was mit dieser harmonieren muss, zu schliessen.
    5. Man schliesse aus den zufälligen Verbindungen der Welt auf den Urheber der
Art wie das Universum zusammengefügt ist, von der notwendigen Einheit aber auf
eben dasselbe Wesen als einen Urheber so gar der Materie und des Grundstoffes
aller Naturdinge.
    6. Man erweitere diese Metode durch allgemeine Regeln, welche die Gründe
der Wohlgereimteit desjenigen, was mechanisch oder auch geometrisch notwendig
ist, mit dem Besten des Ganzen können verständlich machen, und verabsäume nicht,
selbst die Eigenschaften des Raumes in diesem Gesichtspunkte zu erwägen und aus
der Einheit in dem grossen Mannigfaltigen desselben den nämlichen Hauptbegriff zu
erläutern.
                          4. Erläuterung dieser Regeln
    Ich will einige Beispiele anführen, um die gedachte Metode verständlicher
zu machen. Die Gebirge der Erde sind eine der nützlichsten Verfassungen auf
derselben, und Burnet, der sie vor nichts Bessers, als eine wilde Verwüstung zur
Strafe unserer Sünde ansieht, hat ohne Zweifel Unrecht. Nach der gewöhnlichen
Metode der Physikoteologie werden die ausgebreitete Vorteile dieser
Bergstrecken erzählt, und darauf werden sie als eine göttliche Anstalt durch
grosse Weisheit um so vielfältig abgezielter Nutzen willen angesehen. Nach einer
solchen Art zu urteilen wird man auf die Gedanken gebracht: dass allgemeine
Gesetze, ohne eine eigene künstliche Anordnung auf diesen Fall, eine solche
Gestalt der Erdfläche nicht zuwege gebracht hätten, und die Berufung auf den
allmächtigen Willen gebietet der forschenden Vernunft ein ehrerbietiges
Schweigen. Dagegen ist, nach einer besser unterwiesenen Denkungsart, der Nutze
und die Schönheit dieser Naturanstalt gar kein Grund, die allgemeine und
einfältige Wirkungsgesetze der Materie vorbei zu gehen, um diese Verfassung
nicht als eine Nebenfolge derselben anzusehen. Es möchte vielleicht schwer
auszumachen sein: ob die Kugelfigur der Erde überhaupt nicht von noch
beträchtlicherem Vorteile und wichtigern Folgen sei, als diejenigen
Unebenheiten, die ihre Oberfläche von dieser abgemessenen Rundung etwas
abweichen machen. Gleichwohl findet kein Philosoph einiges Bedenken, sie als
eine Wirkung der allgemeinsten statischen Gesetze in der allerältesten Epoche
der Welt anzusehen. Warum sollten die Ungleichheiten und Hervorragungen nicht
auch zu solchen natürlichen und ungekünstelten Wirkungen gehören? Es scheinet:
dass bei einem jeden grossen Weltkörper der Zustand, da er aus der Flüssigkeit in
die Festigkeit allmählich übergeht, sehr notwendig mit der Erzeugung
weitläuftiger Höhlen verbunden sei, die sich unter seiner schon gehärteten Rinde
finden müssen, wenn die leichtesten Materien seines inwendigen noch flüssigen
Klumpens, darunter auch die Luft ist, mit allmählicher Absonderung unter diese
empor steigen, und dass, da die Weitläuftigkeit dieser Höhlen ein Verhältnis zu
der Grösse des Weltkörpers haben muss, die Einsinkungen der festen Gewölbe eben so
weit ausgebreitet sein werden. Selbst eine Art von Regelmässigkeit, wenigstens
die Kettenreihe dieser Unebenheiten, darf bei einer solchen Erzeugungsart nicht
fremd und unerwartet scheinen. Denn man weiss, dass das Aufsteigen der leichten
Arten in einem grossen Gemische an einem Orte einen Einfluss auf die nämliche
Bewegung in dem benachbarten Teile des Gemengsels habe. Ich halte mich bei
dieser Erklärungsart nicht lange auf; wie ich denn allhier keine Absicht habe,
einige Ergebenheit in Ansehung derselben zu bezeigen, sondern nur eine kleine
Erläuterung der Metode zu urteilen durch dieselbe darzulegen.
    Das ganze feste Land der Erde ist mit den Laufrinnen der Ströme als mit
Furchen auf eine sehr vorteilhafte Art durchzogen. Es sind aber auch so viel
Unebenheiten, Täler und flache Gegenden auf allem festen Lande: dass es beim
ersten Anblick scheint notwendig zu sein, dass die Kanäle, darin die Wasser
derselben rinnen, besonders gebauet und geordnet sein müssen, widrigenfalls,
nach der Unregelmässigkeit alles übrigen Bodens, die von den Höhen laufende
Wasser weit und breit ausschweifen, viele Flächen überschwemmen, in Tälern Seen
machen, und das Land eher wild und unbrauchbar als schön und wohlgeordnet machen
müssten. Wer wird nicht hier einen grossen Anschein zu einer nötigen
ausserordentlichen Veranstaltung gewahr? Indessen würde aller Naturforschung über
die Ursache der Ströme durch einer angenommenen übernatürlichen Anordnung ein
Ende gemacht werden. Weil ich mich hingegen diese Art der Regelmässigkeit nicht
irre machen lasse, und nicht so gleich ihre Ursache ausser dem Bezirk allgemeiner
mechanischer Gesetze erwarte, so folge ich der Beobachtung, um daraus etwas auf
die Erzeugungsart dieser Ströme abzunehmen. Ich werde gewahr: dass viele
Flutbetten der Ströme sich noch bis jetzo ausbilden, und dass sie ihre eigene
Ufer erhöhen, bis sie das umliegende Land nicht mehr so sehr wie ehedem
überschwemmen. Ich werde gewiss, dass alle Strome vor alters wirklich so
ausgeschweift haben, als wir besorgten, dass sie es ohne eine ausserordentliche
Anstalt tun müssten, und ich nehme daraus ab, dass keine solche ausserordentliche
Einrichtung jemals vorgegangen sei. Der Amazonenstrom zeigt in einer Strecke
von einigen hundert Meilen deutliche Spuren, dass er ehedem kein eingeschränktes
Flutbette gehabt, sondern weit und breit das Land überschwemmt haben müsse; denn
das Erdreich zu beiden Seiten ist bis in grosse Weiten flach wie ein See, und
bestehet aus Flussschlamm, wo ein Kiesel eben so selten ist wie ein Demant. Eben
dasselbe findet man beim Mississippi. Und überhaupt zeigen der Nil und andere
Ströme, dass diese Kanäle mit der Zeit viel weiter verlängert worden, und da, wo
der Strom seinen Ausfluss zu haben schien, weil er sich nahe zur See über den
flachen Boden ausbreitete, bauet er allmählich seine Laufrinne aus und fliesst
weiter in einem verlängerten Flutbette. Alsdenn aber, nachdem ich durch
Erfahrungen auf die Spur gebracht worden, glaube ich die ganze Mechanik von der
Bildung der Flutrinnen aller Ströme auf folgende einfältige Gründe bringen zu
können. Das von den Höhen laufende Quell- oder Regenwasser ergoss sich anfänglich
nach dem Abhang des Bodens unregelmässig, füllete manche Täler an und breitete
sich über manche flache Gegenden aus. Allein in demjenigen Striche, wo irgend
der Zug des Wassers am schnellesten war, konnte es der Geschwindigkeit wegen
seinen Schlamm nicht so wohl absetzen, den es hergegen zu beiden Seiten viel
häufiger fallen liess. Dadurch wurden die Ufer erhöhet, indessen dass der stärkste
Zug des Wassers seine Rinne erhielte. Mit der Zeit, als der Zufluss des Wassers
selber geringer wurde (welches in der Folge der Zeit endlich geschehen musste,
aus Ursachen, die den Kennern der Geschichte der Erde bekannt sein), so
überschritt der Strom diejenige Ufer nicht mehr, die er sich selbst aufgeführt
hatte, und aus der wilden Unordnung entsprang Regelmässigkeit und Ordnung. Man
sieht offenbar, dass dieses noch bis auf diese Zeit, vornehmlich bei den
Mündungen der Ströme, die ihre jüngsten Teile sind, vorgeht, und gleichwie nach
diesem Plane das Absetzen des Schlammes nahe bei den Stellen, wo der Strom
anfangs seine neue Ufer überschritt, häufiger als weiter davon geschehen musste,
so wird man auch noch gewahr, dass wirklich an viel Orten, wo ein Strom durch
flache Gegenden läuft, sein Rinnsal höher liegt als die umliegende Ebenen.
    Es gibt gewisse allgemeine Regeln, nach denen die Wirkungen der Natur
geschehen, und die einiges Licht in der Beziehung der mechanischen Gesetze auf
Ordnung und Wohlgereimteit geben können, deren eine ist: die Kräfte der
Bewegung und des Widerstandes wirken so lange auf einander, bis sie sich die
mindeste Hindernis leisten. Die Gründe dieses Gesetzes lassen sich sehr leicht
einsehen; allein die Beziehung, die dessen Folge auf Regelmässigkeit und Vorteil
hat, ist bis zur Bewunderung weitläuftig und gross. Die Epizykloide, eine
algebraische Krümmung, ist von dieser Natur: dass Zähne und Getriebe nach ihr
abgerundet die mindest mögliche Reibung an einander erleiden. Der berühmte Herr
Prof. Kästner erwähnet an einem Orte: dass ihm von einem erfahrnen
Bergwerksverständigen an den Maschinen, die lange im Gebrauche gewesen, gezeiget
worden, dass sich wirklich diese Figur endlich durch lange Bewegung abschleife;
eine Figur, die eine ziemlich verwickelte Konstruktion zum Grunde hat, und die
mit aller ihrer Regelmässigkeit eine Folge von einem gemeinen Gesetze der Natur
ist.
    Um etwas aus den schlechten Naturwirkungen anzuführen, was, indem es unter
dem eben erwähnten Gesetze steht, um deswillen einen Ausschlag auf
Regelmässigkeit an sich zeigt, führe ich eine von den Wirkungen der Flüsse an.
Es ist wegen der grossen Verschiedenheiten des Abschusses aller Gegenden des
festen Landes sehr zu erwarten, dass die Ströme, die auf diesem Abhange laufen,
hin und wieder steile Stürze und Wasserfälle haben würden, deren auch wirklich
einige ob zwar selten vorkommen, und eine grosse Unregelmässigkeit und
Unbequemlichkeit entalten. Allein es fällt leicht in die Augen: dass, wenn
gleich (wie zu vermuten) in dem ersten verwilderten Zustande dergleichen
Wasserfälle häufig waren, dennoch die Gewalt des Absturzes das lockere Erdreich,
ja selbst einige noch nicht genugsam gehärtete Felsarten werde eingegraben und
weggewaschen haben, bis der Strom seinen Rinnsal zu einem ziemlich
gleichförmichten Abhang gesenkt hatte, daher, wo auch noch Wasserfalle sind, der
Boden felsicht ist und in sehr viel Gegenden der Strom zwischen zwei steil
abgeschnittenen Ufern läuft, wozwischen er sein tief liegendes Bette vermutlich
selbst eingeschnitten hat. Man findet es sehr nützlich, dass fast alle Ströme in
dem grössesten Teile ihres Laufes einen gewissen Grad Geschwindigkeit nicht
überschreiten, der ziemlich mässig ist und wodurch sie schiffbar sind. Obgleich
nun dieses im Anfange von der so sehr verschiedenen Abschiessigkeit des Bodens
worüber sie laufen kaum allein ohne besondere Kunst zu erwarten stünde, so lässt
sich doch leichtlich erachten, dass mit der Zeit ein gewisser Grad der
Schnelligkeit sich von selbst habe finden müssen, den sie nicht leichtlich
übertreffen können, der Boden des Landes mag abschiessig sein wie er will, wenn
er nur locker ist. Denn sie werden ihn so lange abspülen, sich hineinarbeiten
und ihr Bette an einigen Orten senken an andern erhöhen, bis dasjenige, was sie
vom Grunde fortreissen wenn sie angeschwollen sein, demjenigen, was sie in den
Zeiten der trägeren Bewegung fallen lassen, ziemlich gleich ist. Die Gewalt
wirkt hier so lange, bis sie sich selbst zum gemässigtem Grade gebracht hat, und
bis die Wechselwirkung des Anstosses und des Widerstandes zur Gleichheit
ausgeschlagen ist.
    Die Natur bietet unzählige Beispiele von einer ausgebreiteten Nutzbarkeit
einer und eben derselben Sache zu einem vielfältigen Gebrauche dar. Es ist sehr
verkehrt, diese Vorteile so gleich als Zwecke, und als diejenigen Erfolge
anzusehen, welche die Bewegungsgründe entielten, weswegen die Ursachen
derselben durch göttliche Willkür in der Welt angeordnet würden. Der Mond
schaffet unter andern Vorteilen auch diesen, dass Ebbe und Flut Schiffe auch
wider oder ohne Winde vermittelst der Ströme in den Strassen und nahe beim festen
Lande in Bewegung setzen. Vermittelst seiner und der Jupiters-Trabanten findet
man die Länge des Meers. Die Produkte aus allen Naturreichen haben ein jedes
eine grosse Nutzbarkeit, wovon man einige auch zum Gebrauche macht. Es ist eine
widersinnige Art zu urteilen, wenn man, wie es gemeiniglich geschieht, diese
alle zu den Bewegungsgründen der göttlichen Wahl zählt und sich wegen des
Vorteils der Jupitersmonde auf die weise Anstalt des Urhebers beruft, die den
Menschen dadurch ein Mittel, die Länge der Örter zu bestimmen, hat an die Hand
geben wollen. Man hüte sich, dass man die Spötterei eines Voltaire nicht mit
Recht auf sich ziehe, der in einem ähnlichen Tone sagt: sehet da warum wir Nasen
haben; ohne Zweifel damit wir Brillen, darauf stecken könnten. Durch die
göttliche Willkür wird noch nicht genugsamer Grund angegeben, weswegen eben
dieselbe Mittel, die einen Zweck zu erreichen, allein nötig wären, noch in so
viel anderer Beziehung vorteilhaft sein. Diejenige bewundernswürdige
Gemeinschaft, die unter dem Wesen alles Erschaffenen herrscht, dass ihre Naturen
einander nicht fremd sind, sondern in vielfacher Harmonie verknüpft sich zu ein
ander von selbst schicken, und eine ausgebreitete notwendige Vereinbarung zur
gesamten Vollkommenheit in ihren Wesen entalten, das ist der Grund so
mannigfaltiger Nutzbarkeiten, die man nach unserer Metode als Beweistümer eines
höchst weisen Urhebers, aber nicht in allen Fällen als Anstalten, die durch
besondere Weisheit mit den übrigen um der besondern Nebenvorteile willen
verbunden worden, ansehen kann. Ohne Zweifel sind die Bewegungsgründe, weswegen
Jupiter Monde haben sollte, vollständig, wenn gleich niemals durch die Erfindung
der Sehrohre dieselbe zu Messung der Länge genutzt würden. Diese Nutzen, die als
Nebenfolgen anzusehen sind, kommen gleichwohl mit in Anschlag, um die
unermessliche Grösse des Urhebers aller Dinge daraus abzunehmen. Denn sie sind
nebst Millionen anderen ähnlicher Art, Beweistümer von der grossen Kette, die
selbst in den Möglichkeiten der Dinge die Teile der Schöpfung vereinbart, die
einander nichts anzugehen scheinen; denn sonst kann man auch nicht allemal die
Nutzen, die der Erfolg einer freiwilligen Anstalt nach sich zieht und die der
Urheber kennt und in seinem Ratschlusse mit befasst, um deswillen zu den
Bewegungsgründen solcher Wahl zählen, wenn diese nämlich auch unangesehen
solcher Nebenfolgen schon vollständig waren. Ohne Zweifel hat das Wasser darum
nicht die Natur, sich waagrecht zu stellen, damit man sich darin spiegeln könne.
Dergleichen beobachtete Nutzbarkeiten können, wenn man mit Vernunft urteilen
will, nach der eingeschränkten physischteologischen Metode die im Gebrauche
ist gar nicht zu der Absicht, die man hier vor Augen hat, genutzt werden. Nur
einzig und allein der Zusatz, den wir ihr zu geben gesucht haben, kann solche
gesammelte Beobachtungen zu Gründen der wichtigen Folgerung auf die allgemeine
Unterordnung aller Dinge unter ein höchst weises Wesen tüchtig machen. Erweitert
eure Absichten so viel ihr könnt über die unermessliche Nutzen, die ein Geschöpf
in tausendfacher Beziehung wenigstens der Möglichkeit nach darbietet (der
einzige Kokosbaum schaffet dem Indianer unzählige), verknüpfet in dergleichen
Beziehungen die entlegensten Glieder der Schöpfung mit einander. Wenn ihr die
Produkte der unmittelbar künstlichen Anstalten geziemend bewundert habt, so
unterlasset nicht, auch in dem ergötzenden Anblick der fruchtbaren Beziehung,
die die Möglichkeiten der erschaffenen Dinge auf durchgängige Harmonie haben,
und der ungekünstelten Abfolge so mannigfaltiger Schönheit, die sich von selbst
darbietet, diejenige Macht zu bewundern und anzubeten, in deren ewigen
Grundquelle die Wesen der Dinge zu einem vortrefflichen Plane gleichsam bereit
darliegen.
    Ich merke im Vorübergehen an, dass die grosse Gegenverhältnis, die unter den
Dingen der Welt in Ansehung des häufigen Anlasses, den sie zu Ähnlichkeiten,
Analogien, Parallelen, und wie man sie sonst nennen will, geben, nicht so ganz
flüchtig verdient übersehen zu werden. Ohne mich bei dem Gebrauch, den dieses
auf Spiele des Witzes hat und der mehrenteils nur eingebildet ist, aufgehalten,
liegt hierin noch vor den Philosophen ein wie mir dünkt wichtiger Gegenstand des
Nachdenkens verborgen, wie solche Übereinkunft sehr verschiedener Dinge in einem
gewissen gemeinschaftlichen Grunde der Gleichförmigkeit so gross und weitläuftig
und doch zugleich so genau sei könne. Diese Analogien sind auch sehr nötige
Hülfsmittel unserer Erkenntnis, die Matematik selber liefert deren einige. Ich
entalte mich, Beispiele anzuführen, denn es ist zu besorgen, dass, nach der
verschiedenen Art wie dergleichen Ähnlichkeiten empfunden werden, sie nicht
dieselbe Wirkung über jeden andern Verstand haben möchten, und der Gedanke, den
ich hier einstreue, ist ohnedem unvollendet und noch nicht genugsam
verständlich.
    Wenn man fragen sollte, welches denn der Gebrauch sei, den man von der
grossen Einheit in den mancherlei Verhältnissen des Raumes, welche der
Messkünstler erforschet, machen könnte, so vermute ich, dass allgemeine Begriffe
von der Einheit der matematischen Objekte auch die Gründe der Einheit und
Vollkommenheit in der Natur könnten zu erkennen geben. Z. E. Es ist unter allen
Figuren die Zirkelfigur diejenige, darin eben der Umkreis den grössest möglichen
Raum beschliesst, den ein solcher Umfang nur befassen kann, darum nämlich, weil
eine genaue Gleichheit in dem Abstande dieser Umgrenzung von einem Mittelpunkte
darin durchgängig herrscht. Wenn eine Figur durch gerade Linien soll
eingeschlossen werden, so kann die grössest mögliche Gleichheit in Ansehung des
Abstandes derselben vom Mittelpunkte nur statt finden, wenn nicht allein die
Entfernungen der Winkelpunkte von diesem Mittelpunkte untereinander, sondern
auch die Perpendikel aus diesem auf die Seiten einander völlig gleich sein.
Daraus wird nun ein regelmässiges Polygon und es zeigt sich durch die Geometrie,
dass mit eben demselben Umkreise ein anderes Polygon von eben der Zahl Seiten
jederzeit einen kleinem Raum einschliessen würde als das reguläre. Noch ist eine
und zwar die einfachste Art der Gleichheit in dem Abstande von einem
Mittelpunkte möglich, nämlich wenn bloss die Entfernung der Winkelpunkte des
Vielecks von demselben Mittelpunkte durchgängig gleich ist, und da zeigt sich,
dass ein jedes irreguläre Polygon, welches im Zirkel stehen kann, den grössesten
Raum einschliesst, unter allen, der von eben denselben Seiten nur immer kann
beschlossen werden. Ausser diesem ist zuletzt dasjenige Polygon, in welchem noch
über dem die Grosse der Seite dem Abstande des Winkelpunkts vom Mittelpunkte
gleich ist, das ist, das regelmässige Sechseck unter allen Figuren überhaupt
diejenige, die mit dem kleinsten Umfange den grössesten Raum so einschliesset, dass
sie zugleich, äusserlich mit andern gleichen Figuren zusammengesetzt, keine
Zwischenräume übrig lässt. Es bietet sich hier sehr bald diese Bemerkung dar, dass
die Gegenverhältnis des Grössesten und Kleinsten im Raume auf die Gleichheit
ankomme. Und da die Natur sonsten viel Fälle einer notwendigen Gleichheit an die
Hand gibt, so können die Regeln, die man aus den gedachten Fällen der Geometrie
in Ansehung des allgemeinen Grundes solcher Gegenverhältnis des Grössesten und
Kleinsten zieht, auch auf die notwendige Beobachtung des Gesetzes der
Sparsamkeit in der Natur angewandt werden. In den Gesetzen des Stosses ist in so
ferne jederzeit eine gewisse Gleichheit notwendig; dass nach dem Stosse, wenn sie
unelastisch sein, beider Körper Geschwindigkeit jederzeit gleich sei, dass, wenn
sie elastisch sind, beide durch die Federkraft immer gleich gestossen werden und
zwar mit einer Kraft womit der Stoss geschahe, dass der Mittelpunkt der Schwere
beider Körper durch den Stoss in seiner Ruhe oder Bewegung gar nicht verändert
wird etc. etc. Die Verhältnisse des Raums sind so unendlich mannigfaltig, und
verstatten gleichwohl eine so gewisse Erkenntnis und klare Anschauung, dass,
gleichwie sie schon öfters zu Symbolen der Erkenntnisse von ganz anderer Art
vortrefflich gedient haben (z. E. die Erwartungen in den Glücksfällen
auszudrücken), also auch Mittel an die Hand geben können, die Regeln der
Vollkommenheit in natürlich notwendigen Wirkungsgesetzen, in so ferne sie auf
Verhältnisse ankommen, aus den einfachsten und allgemeinsten Gründen zu
erkennen.
    Ehe ich diese Betrachtung beschliesse, will ich alle verschiedene Grade der
philosophischen Erklärungsart der in der Welt vorkommenden Erscheinungen der
Vollkommenheit, in so ferne man sie insgesamt unter Gott betrachtet, anführen,
indem ich von derjenigen Art zu urteilen anfange, wo die Philosophie sich noch
verbirgt, und bei derjenigen endige, wo sie ihre grösste Bestrebung zeigt. Ich
rede von der Ordnung, Schönheit und Anständigkeit, in so ferne sie der Grund
ist, die Dinge der Welt auf eine der Weltweisheit anständige Art einem
göttlichen Urheber unter zu ordnen.
    Erstlich, man kann eine einzelne Begebenheit in dem Verlaufe der Natur als
etwas unmittelbar von einer göttlichen Handlung Herrührendes ansehen, und die
Philosophie hat hier kein ander Geschäfte, als nur einen Beweisgrund dieser
ausserordentlichen Abhängigkeit anzuzeigen.
    Zweitens, man betrachtet eine Begebenheit der Welt als eine, worauf als auf
einen einzelnen Fall die Mechanik der Welt von der Schöpfung her besonders
abgerichtet war, wie z. E. die Sündflut nach dem Lehrgebäude verschiedener
Neuern. Alsdenn ist aber die Begebenheit nicht weniger übernatürlich. Die
Naturwissenschaft, wovon die gedachte Weltweise hiebei Gebrauch machen, dienet
nur dazu, ihre eigene Geschicklichkeit zu zeigen, und etwas zu ersinnen, was
sich etwa nach allgemeinen Naturgesetzen eräugnen könnte, und dessen Erfolg auf
die vorgegebene ausserordentliche Begebenheit hinausliefe. Denn sonst ist ein
solches Verfahren der göttlichen Weisheit nicht gemäss, die niemalen darauf
abzielt, mit unnützer Kunst zu prahlen, welche man selbst an einem Menschen
tadeln würde, der, wenn ihn z. E. nichts abhielte, eine Kanone unmittelbar
abzufeuren, ein Feuerschloss mit einem Uhrwerk anbringen wollte, wodurch sie in
dem gesetzten Augenblick durch mechanische sinnreiche Mittel losbrennen sollte.
    Drittens, wenn gewisse Stücke der Natur als eine von der Schöpfung her
dauernde Anstalt, die unmittelbar von der Hand des grossen Werkmeisters
herrühret, angesehen werden; und zwar wie eine Anstalt, die als ein einzelnes
Ding, und nicht wie eine Anordnung nach einem beständigen Gesetze eingeführt
worden. Z. E. Wenn man behauptet, Gott habe die Gebirge, die Flüsse, die
Planeten und ihre Bewegung mit dem Anfange aller Dinge zugleich unmittelbar
geordnet. Da ohne Zweifel ein Zustand der Natur der erste sein muss, in welchen
die Form der Dinge eben so wohl wie die Materie unmittelbar von Gott abhänget,
so hat diese Art zu urteilen in so ferne einen philosophischen Grund. Indessen
weil es übereilt ist, ehe und bevor man die Tauglichkeit, die den Naturdingen
nach allgemeinen Gesetzen eigen ist, geprüft hat, eine Anstalt unmittelbar der
Schöpfungshandlung beizumessen, darum, weil sie vorteilhaft und ordentlich ist,
so ist sie in so weit nur in sehr kleinem Grade philosophisch.
    Viertens, wenn man einer künstlichen Ordnung der Natur etwas beimisst, bevor
die Unzulänglichkeit, die sie hiezu nach gemeinen Gesetzen hat, gehörig erkannt
worden, z. E wenn man etwas aus der Ordnung des Pflanzen- und Tierreichs
erklärt, was vielleicht in gemeinen mechanischen Kräften liegt, bloss deswegen,
weil Ordnung und Schönheit darin gross sind. Das Philosophische dieser Art zu
urteilen ist alsdenn noch geringer, wenn ein jedes einzelne Tier oder Pflanze
unmittelbar der Schöpfung untergeordnet wird, als wenn ausser einigem unmittelbar
Erschaffenen die andere Produkte demselben nach einem Gesetze der
Zeugungsfähigkeit (nicht bloss des Auswickelungsvermögens) untergeordnet werden,
weil im letztem Fall mehr nach der Ordnung der Natur erklärt wird; es müsste denn
sein, dass dieser ihre Unzulänglichkeit in Ansehung dessen klar erwiesen werden
könnte. Es gehöret aber auch zu diesem Grade der philosophischen Erklärungsart
eine jede Ableitung einer Anstalt in der Welt aus künstlichen und um einer
Absicht willen errichteten Gesetzen überhaupt, und nicht bloss im Tier-und
Pflanzenreiche.9 Z. E. Wenn man vom Schnee und den Nordscheinen so redet, als ob
die Ordnung der Natur, die beide hervorbringt, um des Nutzens des Grönländers
oder Lappen willen (damit er in den langen Nächten nicht ganz im Finstern sei)
eingeführt wäre, obgleich es noch immer zu vermuten ist, dass dieses eine
wohlpassende Nebenfolge mit notwendiger Einheit aus andern Gesetzen sei. Man ist
fast jederzeit in Gefahr dieses Fehlers, wenn man einige Nutzen der Menschen zum
Grunde einer besondern göttlichen Veranstaltung angibt, z. E. dass Wald und Feld
mehrenteils mit grüner Farbe bedeckt ist, weil diese unter allen Farben die
mittlere Stärke hat, um das Auge in mässiger Übung zu erhalten. Hiegegen kann man
einwenden, dass der Bewohner der Davisstrasse vom Schnee fast blind wird und seine
Zuflucht zu den Schneebrillen nehmen muss. Es ist nicht tadelhaft, dass man die
nützliche Folgen aufsucht und sie einem gütigen Urheber beimisst, sondern dass die
Ordnung der Natur darnach sie geschehen als künstlich und willkürlich mit andern
verbunden vorgestellt wird, da sie doch vielleicht mit andern in notwendiger
Einheit stehet.
    Fünftens. Am mehresten entält die Metode, über die vollkommene Anstalten
der Natur zu urteilen, den Geist wahrer Weltweisheit, wenn sie, jederzeit
bereit, auch übernatürliche Begebenheiten zuzulassen, imgleichen die wahrhaftig
künstliche Anordnungen der Natur nicht zu verkennen, hauptsächlich die Abzielung
auf Vorteile und alle Wohlgereimteit sich nicht hindern lässt, die Gründe davon
in notwendigen allgemeinen Gesetzen aufzusuchen, mit grosser Achtsamkeit auf die
Erhaltung der Einheit und mit einer vernünftigen Abneigung, die Zahl der
Naturursachen um derentwillen zu vervielfältigen. Wenn hiezu noch die
Aufmerksamkeit auf die allgemeine Regeln gefügt wird, welche den Grund der
notwendigen Verbindung desjenigen, was natürlicher Weise ohne besondere Anstalt
vorgeht, mit den Regeln des Vorteils oder der Annehmlichkeit vernünftiger Wesen
können begreiflich machen, und man alsdenn zu dem göttlichen Urheber hinauf
steigt, so erfüllet diese physischteologische Art zu urteilen ihre Pflichten
gehörig.10
 
                             Siebente Betrachtung.
    Kosmogonie. Eine Hypotese mechanischer Erklärungsart des Ursprungs der
  Weltkörper und der Ursachen ihrer Bewegungen, gemäss denen vorher erwiesenen
                                     Regeln
    Die Figur der Himmelskörper, die Mechanik, nach der sie sich bewegen und ein
Weltsystem ausmachen, imgleichen die mancherlei Veränderungen, denen die
Stellung ihrer Kreise in der Folge der Zeit unterworfen ist, alles dieses ist
ein Teil der Naturwissenschaft geworden, der mit so grosser Deutlichkeit und
Gewissheit begriffen wird, dass man auch nicht eine einzige andere Einsicht sollte
aufzeigen können, welche einen natürlichen Gegenstand (der nur einigermassen
dieses seiner Mannigfaltigkeit beikäme) auf eine so ungezweifelt richtige Art
und mit solcher Augenscheinlichkeit erklärete. Wenn man dieses in Erwägung
zieht, sollte man da nicht auch auf die Vermutung geraten, dass der Zustand der
Natur, in welchem dieser Bau seinen Anfang nahm, und ihm die Bewegungen, die
jetzt nach so einfältigen und begreiflichen Gesetzen fortdauern, zuerst
eingedruckt worden, ebenfalls leichter einzusehen und fasslicher sein werden, als
vielleicht das mehreste, wovon wir sonst in der Natur den Ursprung suchen. Die
Gründe, die dieser Vermutung günstig sein, liegen am Tage. Alle diese
Himmelskörper sind runde Massen, so viel man weiss ohne Organisation und geheime
Kunstzubereitung. Die Kraft dadurch sie gezogen werden ist allem Ansehen nach
eine der Materie eigene Grundkraft, darf also und kann nicht erklärt werden. Die
Wurfsbewegung, mit welcher sie ihren Flug verrichten, und die Richtung, nach der
dieser Schwung ihnen erteilt worden, ist zusamt der Bildung ihrer Massen das
Hauptsächlichste, ja fast das einzige, wovon man die erste natürliche Ursachen
zu suchen hat. Einfältige und bei weitem nicht so verwickelte Wirkungen, wie die
meisten andere der Natur sein, bei welchen gemeiniglich die Gesetze gar nicht
mit matematischer Richtigkeit bekannt sind nach denen sie geschehen, da sie im
Gegenteil hier indem begreiflichsten Plane vor Augen liegen. Es ist auch bei
einem so grossen Anschein eines glücklichen Erfolgs sonsten nichts im Wege, als
der Eindruck von der rührenden Grösse eines solchen Naturstücks als ein
Sonnensystem ist, wo die natürlichen Ursachen alle verdächtig sind, weil ihre
Zulänglichkeit viel zu wichtig und dem Schöpfungsrechte des obersten Urhebers
entgegen zu sein scheint. Allein könnte man eben dieses nicht auch von der
Mechanik sagen, wodurch ein grosser Weltbau, nachdem er einmal da ist, seine
Bewegungen fortin erhält? Die ganze Erhaltung derselben kommt auf eben dasselbe
Gesetze an, wornach ein Stein, der in der Luft geworfen ist, seine Bahn
beschreibt; ein einfältiges Gesetze, fruchtbar an den regelmässigsten Folgen, und
würdig, dass ihm die Aufrechterhaltung eines ganzen Weltbaues anvertraut werde.
    Von der andern Seite, wird man sagen, ist man nicht vermögend, die
Naturursachen deutlich zu machen, wodurch das verächtlichste Kraut nach völlig
begreiflichen mechanischen Gesetzen erzeuget werde, und man waget sich an die
Erklärung von dem Ursprunge eines Weltsystems im Grossen. Allein ist jemals ein
Philosoph auch im Stande gewesen, nur die Gesetze, wornach der Wachstum oder die
innere Bewegung in einer schon vorhandenen Pflanze geschieht, dermassen deutlich
und matematisch sicher zu machen, wie diejenige gemacht sind, welcher alle
Bewegungen der Weltkörper gemäss sind? Die Natur der Gegenstände ist hier ganz
verändert. Das Grosse, das Erstaunliche ist hier unendlich begreiflicher als das
Kleine und Bewundernswürdige, und die Erzeugung eines Planeten, zusamt der
Ursache der Wurfsbewegung wodurch er geschleudert wird, um im Kreise zu laufen,
wird allen Anscheine nach leichter und deutlicher einzusehen sein, als die
Erzeugung einer einzigen Schneeflocke, in der die abgemessene Richtigkeit eines
sechseckichten Sternes dem Ansehen nach genauer ist als die Rundung der Kreise
worin Planeten laufen, und an welcher die Strahlen viel richtiger sich auf eine
Fläche beziehen, als die Bahnen dieser Himmelskörper es gegen den
gemeinschaftlichen Plan ihrer Kreisbewegungen tun.
    Ich werde den Versuch einer Erklärung von dem Ursprunge des Weltbaues nach
allgemeinen mechanischen Gesetzen darlegen, nicht von der gesamten Naturordnung,
sondern nur von den grossen Massen und ihren Kreisen, welche die roheste
Grundlage der Natur ausmachen. Ich hoffe einiges zu sagen, was andern zu
wichtigen Betrachtungen Anlass geben kann, obgleich mein Entwurf grob und
unausgearbeitet ist. Einiges davon hat in meiner Meinung einen Grad der
Wahrscheinlichkeit, der bei einem kleinem Gegenstande wenig Zweifel übrig lassen
würde, und der nur das Vorurteil einer grössern erforderlichen Kunst, als man den
allgemeinen Naturgesetzen zutraut, entgegen stehen kann. Es geschieht oft: dass
man dasjenige zwar nicht findet, was man eigentlich sucht, aber doch auf diesem
Wege andere Vorteile, die man nicht vermutet, antrifft. Auch ein solcher Nutze
würde ein genugsamer Gewinn sein, wenn er sich dem Nachdenken anderer darböte,
gesetzt auch dass die Hauptzwecke der Hypotese dabei verschwinden sollten. Ich
werde die allgemeine Gravitation der Materie nach dem Newton oder seinen
Nachfolgern hiebei voraussetzen. Diejenige, welche etwa durch eine Definition
der Metaphysik nach ihrem Geschmacke glauben die Folgerung scharfsinniger Männer
aus Beobachtung und matematischer Schlussart zu vernichten, werden die folgende
Sätze als etwas, das überdem mit der Hauptabsicht dieser Schrift nur eine
entfernte Verwandtschaft hat, überschlagen könne.
             1. Erweiterte Aussicht in den Inbegriff des Universum
    Die sechs Planeten mit ihren Begleitern bewegen sich in Kreisen, die nicht
weit von einem gemeinschaftlichen Plane, nämlich der verlängerten Äquatorsfläche
der Sonne abweichen. Die Kometen dagegen laufen in Bahnen, die sehr weit davon
abstehen, und schweifen nach allen Seiten weit von dieser Beziehungsfläche aus.
Wenn nun, anstatt so weniger Planeten oder Kometen, einige tausend derselben zu
unserer Sonnenwelt gehörten, so würde der Tierkreis als eine von unzähligen
Sternen erleuchtete Zone, oder wie ein Streif, der sich in einem blassen
Schimmer verliert, erscheinen, in welchem einige nähere Planeten in ziemlichem
Glänze, die entferneten aber durch ihre Menge und Mattigkeit des Lichts nur eine
neblichte Erscheinung darstellen würden. Denn es würden bei der Kreisbewegung,
darin alle diese insgesamt um die Sonne stünden, jederzeit in allen Teilen
dieses Tierkreises einige sein, wenn gleich andre ihren Platz verändert hätten.
Dagegen würden die Kometen die Gegenden zu beiden Seiten dieser lichten Zone in
aller möglichen Zerstreuung bedecken. Wenn wir, durch diese Erdichtung
vorbereitet (in welcher wir nichts weiter als die Menge der Körper unserer
Planetenwelt in Gedanken vermehrt haben), unsere Augen auf den weiteren Umfang
des Universum richten, so sehen wir wirklich eine lichte Zone, in welcher
Sterne, ob sie zwar allem Ansehen nach sehr ungleiche Weiten von uns haben,
dennoch zu einer und eben derselben Fläche dichter wie anderwärts gehäuft sein,
dagegen die Himmelsgegenden zu beiden Seiten mit Sternen nach aller Art der
Zerstreuung bedeckt sind. Die Milchstrasse die ich meine hat sehr genau die
Richtung eines grössesten Zirkels, eine Bestimmung, die aller Aufmerksamkeit wert
ist, und daraus sich verstehen lässt, dass unsere Sonne und wir mit ihr uns in
demjenigen Heere der Sterne mit befinden, welches sich zu einer gewissen
gemeinschaftlichen Beziehungsfläche am meisten dränget, und die Analogie ist
hier ein sehr grosser Grund zu vermuten: dass diese Sonnen, zu deren Zahl auch die
unsrige gehört, ein Weltsystem ausmachen, das im Grossen nach ähnlichen Gesetzen
geordnet ist, als unsre Planetenwelt im Kleinen; dass alle diese Sonnen samt
ihren Begleitern Irgend einen Mittelpunkt ihrer gemeinschaftlichen Kreise haben
mögen, und dass sie nur, um der unermesslichen Entfernung willen und wegen der
langen Zeit ihrer Kreisläufe, ihre Örter gar nicht zu verändern scheinen, ob
zwar dennoch bei etlichen wirklich einige Verrückung ihrer Stellen ist
beobachtet worden; dass die Bahnen dieser grossen Weltkörper sich eben so auf eine
gemeinschaftliche Fläche beziehen, von der sie nicht weit abweichen, und dass
diejenige, welche mit weit geringerer Häufung die übrige Gegenden des Himmels
einnehmen, den Kometen unserer Planetenwelt darin ähnlich sind.
    Aus diesem Begriffe, der wie mich dünkt die grösseste Wahrscheinlichkeit hat,
lässt sich vermuten, dass, wenn es mehr solche höhere Weltordnungen gibt, als
diejenige dazu unsre Sonne gehört, und die dem, der in ihr seinen Stand hat, die
Erscheinung der Milchstrasse verschaffet, in der Tiefe des Weltraums einige
derselben wie blasse schimmernde Plätze werden zu sehen sein, und, wenn der
Beziehungsplan einer solchen andern Zusammenordnung der Fixsterne schief gegen
uns gestellt ist, wie elliptische Figuren erscheinen werden, die in einem
kleinen Raum aus grosser Weite ein Sonnensystem, wie das von unsrer Milchstrasse
ist, darstellen. Und dergleichen Plätzchen hat wirklich die Astronomie schon
vorlängst entdeckt, obgleich die Meinung, die man sich davon gemacht hat, sehr
verschieden ist, wie man in des Herrn von Maupertuis Buche von der Figur der
Sterne sehen kann.
    Ich wünsche, dass diese Betrachtung mit einiger Aufmerksamkeit möchte erwogen
werden. Nicht allein, weil der Begriff, der dadurch von der Schöpfung erwächst,
erstaunlich viel rührender ist, als er sonst sein kann (indem ein unzählbares
Heer Sonnen wie die unsrige ein System ausmacht, dessen Glieder durch
Kreisbewegungen verbunden sind, diese Systeme selbst aber, deren vermutlich
wieder unzählige sein, wovon wir einige wahrnehmen können, selbst Glieder einer
noch höhern Ordnung sein mögen), sondern auch, weil selbst die Beobachtung der
uns nahen Fixsterne oder vielmehr langsam wandelnden Sonnen, durch einen solchen
Begriff geleitet, vielleicht manches entdecken kann, was der Aufmerksamkeit
entwischt, in so ferne nicht ein gewisser Plan zu untersuchen ist.
    2. Gründe vor einen mechanischen Ursprung unserer Planetenwelt überhaupt
    Die Planeten bewegen sich um unsere Sonne insgesamt nach einerlei Richtung
und nur mit geringer Abweichung von einem gemeinschaftlichen Beziehungsplane,
welcher die Ekliptik ist, gerade so, als Körper, die durch eine Materie
fortgerissen werden, die, indem sie den ganzen Raum anfüllt, ihre Bewegung
wirbelnd um eine Achse verrichtet. Die Planeten sind insgesamt schwer zur Sonne
hin, und die Grösse des Seitenschwungs müsste eine genau abgemessene Richtigkeit
haben, wenn sie dadurch in Zirkelkreisen zu laufen sollen gebracht werden, und
wie bei dergleichen mechanischer Wirkung eine geometrische Genauigkeit nicht zu
erwarten steht, so weichen auch alle Kreise, ob zwar nicht viel, von der
Zirkelrundung ab. Sie bestehen aus Materien, die nach Newtons Berechnungen, je
entfernter sie von der Sonne sind, von desto minderer Dichtigkeit sein, so wie
auch ein jeder es natürlich finden würde, wenn sie sich in dem Raume darin sie
schweben von einem daselbst zerstreuten Weltstoff gebildet hätten. Denn bei der
Bestrebung, womit alles zur Sonne sinkt, müssen die Materien dichterer Art sich
mehr zur Sonne drängen und sich in der Naheit zu ihr mehr häufen, als die von
leichterer Art, deren Fall wegen ihrer mindern Dichtigkeit mehr verzögert wird.
Die Materie der Sonne aber ist nach des v. Buffon Bemerkung an Dichtigkeit
derjenigen, die die summierte Masse aller Planeten zusammen haben würde,
ziemlich gleich, welches auch mit einer mechanischen Bildung wohl zusammen
stimmt, nach welcher in verschiedenen Höhen, aus verschiedenen Gattungen der
Elemente die Planeten sich gebildet haben mögen, sonst alle übrige aber, die
diesen Raum erfülleten, vermengt auf ihren gemeinschaftlichen Mittelpunkt die
Sonne mögen niedergestürzt sein.
    Derjenige, welcher diesem ungeachtet dergleichen Bau unmittelbar in die Hand
Gottes will übergeben wissen, ohne desfalls den mechanischen Gesetzen etwas
zuzutrauen, ist genötigt, etwas anzuführen, weswegen er hier dasjenige notwendig
findet, was er sonst in der Naturlehre nicht leichtlich zulässt. Er kann gar
keine Zwecke nennen, warum es besser wäre, dass die Planeten vielmehr nach einer
Richtung als nach verschiedenen, nahe zu einem Beziehungsplane, als nach
allerlei Gegenden in Kreisen liefen. Der Himmelsraum ist anjetzt leer und bei
aller dieser Bewegung würden sie einander keine Hindernisse leisten. Ich
bescheide mich gerne, dass es verborgene Zwecke geben könne, die nach der
gemeinen Mechanik nicht wären erreicht worden und die kein Mensch einsieht;
allein es ist keinem erlaubt, sie voraus zu setzen, wenn er eine Meinung darauf
gründen will, ohne dass er sie anzuzeigen vermag. Wenn denn endlich Gott
unmittelbar den Planeten die Wurfskraft erteilet und ihre Kreise gestellet
hätte, so ist zu vermuten, dass sie nicht das Merkmal der Unvollkommenheit und
Abweichung, welches bei jedem Produkt der Natur anzutreffen, an sich zeigen
würden. War es gut, dass sie sich auf eine Fläche beziehen sollten, so ist zu
vermuten, er würde ihre Kreise genau darauf gestellt haben; war es gut, dass sie
der Zirkelbewegung nahe kämen, so kann man glauben, ihre Bahn würde genau ein
Zirkelkreis geworden sein, und es ist nicht abzusehen, weswegen Ausnahmen von
der genauesten Richtigkeit selbst bei demjenigen, was eine unmittelbare
göttliche Kunstandlung sein sollte, übrig bleiben mussten.
    Die Glieder der Sonnenwelt aus den entferntesten Gegenden, die Kometen,
laufen sehr exzentrisch. Sie könnten, wenn es auf eine unmittelbare göttliche
Handlung ankäme, eben so wohl in Zirkelkreisen bewegt sein, wenn gleich ihre
Bahnen von der Ekliptik noch so sehr abweichen. Die Nutzen der so grossen
Exzentrizität werden in diesem Fall mit grosser Kühnheit ersonnen, denn es ist
eher begreiflich, dass ein Weltkörper, in einer Himmelsregion, welche es auch
sei, in gleichem Abstande immer bewegt, die dieser Weite gemässe Einrichtung
habe, als dass er auf die grosse Verschiedenheit der Weiten gleich vorteilhaft
eingerichtet sei; und was die Vorteile, die Newton anführt, anlanget, so ist
sichtbar, dass sie sonst nicht die mindeste Wahrscheinlichkeit haben, ausser dass
bei der einmal voraus gesetzten unmittelbaren göttlichen Anordnung sie doch zum
mindesten zu einigen Vorwande eines Zweckes dienen können.
    Am deutlichsten fällt dieser Fehler, den Bau der Planetenwelt göttlichen
Absichten unmittelbar unter zu ordnen, in die Augen, da wo man von der mit der
Zunahme der Entfernungen umgekehrt abnehmenden Dichtigkeit der Planeten
Bewegungsgründe erdichten will. Der Sonnen Wirkung, heisst es, nimmt in diesem
Masse ab, und es war anständig, dass die Dichtigkeit der Körper, die durch sie
sollten erwärmt werden, auch dieser proportionierlich eingerichtet würde. Nun
ist bekannt, dass die Sonne nur eine geringe Tiefe unter die Oberfläche eines
Weltkörpers wirkt, und aus ihrem Einflusse, denselben zu erwärmen, kann also
nicht auf die Dichtigkeit des ganzen Klumpens geschlossen werden. Hier ist die
Folgerung aus dem Zwecke viel zu gross. Das Mittel, nämlich die verminderte
Dichtigkeit des ganzen Klumpens begreift eine Weitläuftigkeit der Anstalt,
welche vor die Grösse des Zwecks überflüssig und unnötig ist.
    In allen natürlichen Hervorbringungen, in so ferne sie auf Wohlgereimteit,
Ordnung und Nutzen hinaus laufen, zeigen sich zwar Übereinstimmungen mit
göttlichen Absichten, aber auch Merkmale des Ursprungs aus allgemeinen Gesetzen,
deren Folgen sich noch viel weiter als auf solchen einzelnen Fall erstrecken,
und demnach in jeder einzelnen Wirkung Spuren von einer Vermengung solcher
Gesetze an sich zeigen, die nicht lediglich auf dieses einzige Produkt gerichtet
waren. Um deswillen finden auch Abweichungen von der grösst möglichen Genauigkeit
in Ansehung eines besondern Zwecks statt. Dagegen wird eine unmittelbar
übernatürliche Anstalt, darum weil ihre Ausführung gar nicht die Folgen aus
allgemeinern Wirkungsgesetzen der Materie voraus setzt, auch nicht durch
besondere sich einmengende Nebenfolgen derselben entstellet werden, sondern den
Plan der äusserst möglichen Richtigkeit genau zu Stande bringen. In den näheren
Teilen der Planetenwelt zum gemeinschaftlichen Mittelpunkte ist eine grössere
Annäherung zur völligen Ordnung und abgemessenen Genauigkeit, die nach den
Grenzen des Systems hinaus, oder weit von dem Beziehungsplane zu den Seiten, in
Regellosigkeit und Abweichungen ausartet, gerade so wie es von einer Verfassung
zu erwarten ist, die mechanischen Ursprungs ist. Bei einer unmittelbar
göttlichen Anordnung können niemals unvollständig erreichte Zwecke angetroffen
werden, sondern allentalben zeigt sich die grösseste Richtigkeit und
Abgemessenheit, wie man unter andern am Bau der Tiere gewahr wird.
3. Kurzer Abriss der wahrscheinlichsten Art wie ein Planetensystem mechanisch hat
                             gebildet werden können
    Die eben jetzo angeführte Beweisgründe vor einen mechanischen Ursprung sind
so wichtig, dass selbst nur einige derselben vorlängst alle Naturforscher bewogen
haben, die Ursache der Planetenkreise in natürlichen Bewegkräften zu suchen,
vornehmlich weil die Planeten in eben derselben Richtung, worin die Sonne sich
um ihre Achse schwingt, um sie in Kreisen laufen, und ihre Bahnen so sehr nahe
mit dieser ihrer Äquatorsfläche zusammen treffen. Newton war der grosse Zerstörer
aller dieser Wirbel, an denen man gleichwohl noch lange nach seinen
Demonstrationen hing, wie an dem Beispiel des berühmten Herrn von Mairan zu
sehen ist. Die sichere und überzeugende Beweistümer der Newtonischen
Weltweisheit zeigeten augenscheinlich, dass so etwas, wie die Wirbel sein
sollten, welche die Planeten herum führeten, gar nicht am Himmel angetroffen
werde und dass so ganz und gar kein Strom solcher Flüssigkeit in diesen Räumen
sei, dass selbst die Kometenschweife quer durch alle diese Kreise ihre
unverrückte Bewegung fortsetzen. Es war sicher hieraus zu schliessen: dass, so wie
der Himmelsraum jetzt leer oder unendlich dünne ist, keine mechanische Ursachen
statt finden könne, die den Planeten ihre Kreisbewegung eindruckte. Allein so
fort alle mechanische Gesetze vorbei gehen, und durch eine kühne Hypotese Gott
unmittelbar die Planeten werfen zu lassen, damit sie in Verbindung mit ihrer
Schwere sich in Kreisen bewegen sollten, war ein zu weiter Schritt, als dass er
innerhalb dem Bezirke der Weltweisheit hätte bleiben können. Es fällt alsbald in
die Augen, dass noch ein Fall übrig bleibe, wo mechanische Ursachen dieser
Verfassung möglich sein: Wenn nämlich der Raum des Planetenbaues, der anjetzt
leer ist, vorher erfüllet war, um eine Gemeinschaft der Bewegkräfte durch alle
Gegenden dieses Bezirks, worin die Anziehung unserer Sonne herrscht, zu
veranlassen.
    Und hier kann ich diejenige Beschaffenheit anzeigen, welche die einzige
mögliche ist, unter der eine mechanische Ursache der Himmelsbewegungen statt
findet, welches zur Rechtfertigung einer Hypotese ein beträchtlicher Umstand
ist, dessen man sich nur selten wird rühmen können. Da die Räume anjetzt leer
sind, so müssen sie ehedem erfüllet gewesen sein, sonst hat niemals eine
ausgebreitete Wirkung der in Kreisen treibenden Bewegkräfte statt finden können.
Und es muss demnach diese verbreitete Materie sich hernach auf die Himmelskörper
versammelt haben; das ist, wenn ich es näher betrachte, diese Himmelskörper
selbst werden sich aus dem verbreiteten Grundstoffe in den Räumen des
Sonnenbaues gebildet haben, und die Bewegung, die die Teilchen ihres
Zusammensatzes im Zustande der Zerstreuung hatten, ist bei ihnen nach der
Vereinbarung in abgesonderte Massen übrig geblieben. Seitdem sind diese Räume
leer. Sie entalten keine Materie, die unter diesen Körpern zur Mitteilung des
Kreisschwunges dienen könnte. Aber sie sind es nicht immer gewesen, und wir
werden Bewegungen gewahr, wovon jetzo keine natürliche Ursachen statt finden
können, die aber Überbleibsel des allerältesten rohen Zustandes der Natur sind.
    Von dieser Bemerkung will ich nur noch einen Schritt tun, um mich einem
wahrscheinlichen Begriff von der Entstehungsart dieser grossen Massen und der
Ursache ihrer Bewegungen zu nähern, indem ich die gründlichere Vollführung eines
geringen Schattenrisses dem forschenden Leser selbst überlasse. Wenn demnach der
Stoff zu Bildung der Sonne und aller Himmelskörper, die ihrer mächtigen
Anziehung zu Gebote stehen, durch den ganzen Raum der Planetenwelt zerstreuet
war, und es war irgend in dem Orte, den jetzt der Klumpe der Sonne einnimmt,
Materie von stärkeren Anziehungskräften, so entstand eine allgemeine Senkung
hiezu, und die Anziehung des Sonnenkörpers wuchs mit ihrer Masse. Es ist leicht
zu vermuten, dass in dem allgemeinen Fall der Partikeln selbst von den
entlegensten Gegenden des Weltbaues die Materien dichterer Art in den tiefern
Gegenden, wo sich alles zum gemeinschaftlichen Mittelpunkte hindrängte, nach dem
Masse werde gehäuft haben, als sie dem Mittelpunkte näher waren, ob zwar in allen
Regionen Materien von allerlei Art der Dichtigkeit waren. Denn nur die Teilchen
von der schwersten Gattung konnten das grösste Vermögen haben, in diesem Chaos
durch das Gemenge der leichteren zu dringen, um in grössere Naheit zum
Gravitationspunkte zu gelangen. In den Bewegungen, die von verschiedentlich
hohem Fall in der Sphäre umher entsprangen, konnte niemals der Widerstand der
einander hindernden Partikeln so vollkommen gleich sein, dass nicht nach irgend
einer Seite die erworbene Geschwindigkeiten in eine Abbeugung ausschlagen
sollten. Und in diesem Umstande zeigt sich eine sehr gemeine Regel der
Gegenwirkung der Materien, dass sie einander so lange treiben oder lenken und
einschränken, bis sie sich die mindeste Hindernis leisten; welchem gemäss die
Seitenbewegungen sich endlich in eine gemeinschaftliche Umdrehung nach einer und
eben derselben Gegend vereinigen mussten. Die Partikeln demnach, woraus die Sonne
gebildet wurde, kamen auf ihr schon mit dieser Seitenbewegung an, und die Sonne,
aus diesem Stoffe gebildet, musste eine Umdrehung in eben derselben Richtung
haben.
    Es ist aber aus den Gesetzen der Gravitation klar: dass in diesem
herumgeschwungenen Weltstoffe alle Teile müssen bestrebt gewesen sein, den Plan,
der in der Richtung ihres gemeinschaftlichen Umschwunges durch den Mittelpunkt
der Sonne geht, und der nach unseren Schlüssen mit der Äquatorsfläche dieses
Himmelskörpers zusammentrifft, zu durchschneiden, wofern sie nicht schon sich in
demselben befinden. Demnach werden alle diese Teile vornehmlich nahe zur Sonne
ihre grösseste Häufung in dem Raume haben, der der verlängerten Äquatorsfläche
derselben nahe ist. Endlich ist es auch sehr natürlich, dass, da die Partikeln
einander so lange hindern oder beschleunigen, mit einem Worte, einander stossen
oder treiben müssen, bis eines des andern Bewegung gar nicht mehr stören kann,
zuletzt alles auf den Zustand ausschlage, dass nur diejenige Teilchen schweben
bleiben, die gerade den Grad des Seitenschwunges haben, der erfodert wird in dem
Abstande, darin sie von der Sonne sind, der Gravitation das Gleichgewicht zu
leisten, damit ein jegliches sich in freier Bewegung in konzentrischen Zirkeln
herumschwinge. Diese Schnelligkeit ist eine Wirkung des Falles, und die Bewegung
zur Seiten eine Folge des so lange dauernden Gegenstosses, bis alles in die
Verfassung der mindesten Hindernisse sich von selbst geschicket hat. Die übrigen
Teilchen, die eine solche abgemessene Genauigkeit nicht erreichen konnten,
müssen bei allmählich abnehmender Bewegung zum Mittelpunkte der allgemeinen
Gravitation gesunken sein, um den Klumpen der Sonne zu vermehren, der demnach
eine Dichtigkeit haben wird, welche der, von den übrigen Materien in dem um ihr
befindlichen Raume im Durchschnitte genommen, ziemlich gleich ist; so doch, dass
nach den angeführten Umständen ihre Masse notwendig die Menge der Materie, die
in dem Bezirke um sie schweben geblieben, weit übertreffen wird.
    In diesem Zustande, der mir natürlich zu sein scheint, da ein verbreiteter
Stoff zu Bildung verschiedener Himmelskörper, in einem engen Raum zunächst der
verlängerten Fläche des Sonnenäquators, von desto mehrer Dichtigkeit je näher
dem Mittelpunkte, und allentalben mit einem Schwunge, der in diesem Abstande
zur freien Zirkelbewegung hinlänglich war, nach den Zentralgesetzen bis in grosse
Weiten um die Sonne sich herumschwung, wenn man da setzt, dass sich aus diesen
Teilchen Planeten bildeten, so kann es nicht fehlen, dass sie nicht
Schwungskräfte haben sollten, dadurch sie in Kreisen, die den Zirkeln sehr nahe
kommen, sich bewegen sollten, ob sie gleich etwas davon abweichen, weil sie sich
aus Teilchen von unterschiedlicher Höhe sammleten. Es ist eben so wohl sehr
natürlich, dass diejenige Planeten, die sich in grossen Höhen bilden (wo der Raum
um sie viel grösser ist, der da veranlasst, dass der Unterschied der
Geschwindigkeit der Partikeln die Kraft, womit sie zum Mittelpunkte des Planeten
gezogen werden, übertreffe), daselbst auch grössere Klumpen als nahe zur Sonne
gewinnen. Die Übereinstimmung mit vielen andern Merkwürdigkeiten der
Planetenwelt übergehe ich, weil sie sich von selbst darbietet.11 In den
entlegensten Teilen des Systems und vornehmlich in grossen Weiten vom
Beziehungsplane werden die sich bildende Körper, die Kometen, diese
Regelmässigkeit nicht haben können. Und so wird der Raum der Planetenwelt leer
werden, nach dem sich alles in abgesonderte Massen vereinbart hat. Doch können
noch in späterer Epoche Partikeln aus den äussersten Grenzen dieser
Anziehungssphäre herabgesunken sein, die fortin jederzeit frei im Himmelsraume
in Kreisen sich um die Sonne bewegen mögen. Materien von der äussersten
Dünnigkeit und vielleicht der Stoff woraus das Zodiakallicht besteht.
                                  4. Anmerkung
    Die Absicht dieser Betrachtung ist vornehmlich, um ein Beispiel von dem
Verfahren zu geben, zu welchem uns unsere vorige Beweise berechtigt haben, da
man nämlich die ungegründete Besorgnis wegschaffet, als wenn eine jede Erklärung
einer grossen Anstalt der Welt aus allgemeinen Naturgesetzen dem boshaften
Feinden der Religion eine Lücke öffne, in ihre Bollwerke zu dringen. Meiner
Meinung nach hat die angeführte Hypotese zum mindesten Gründe genug vor sich,
um Männer von ausgebreiteter Einsicht zu einer nähern Prüfung des darin
vorgestellten Plans, der nur ein grober Umriss ist, einzuladen. Mein Zweck, in so
ferne er diese Schrift betrifft, ist erfüllt, wenn man, durch das Zutrauen zu
der Regelmässigkeit und Ordnung, die aus allgemeinen Naturgesetzen fliessen kann,
vorbereitet, nur der natürlichen Weltweisheit ein freiers Feld öffnet und eine
Erklärungsart, wie diese oder eine andere, als möglich und mit der Erkenntnis
eines weisen Gottes wohl zusammenstimmend anzusehen kann bewogen werden.
    Es wäre übrigens der philosophischen Bestrebung wohl würdig, nachdem die
Wirbel, das beliebte Werkzeug so vieler Systeme, ausserhalb der Sphäre der Natur
auf des Miltons Limbus der Eitelkeit verwiesen worden, dass man gleichwohl
gehörig forschete, oh nicht die Natur ohne Erdichtung besonderer Kräfte selber
etwas darböte, was die durchgehends nach einerlei Gegend gerichtete
Schwungsbewegung der Planeten erklären könnte, da die andere von den
Zentralkräften in der Gravitation als einem dauerhaften Verbande der Natur
gegeben ist. Zum wenigsten entfernet sich der von uns entworfene Plan nicht von
der Regel der Einheit, denn selbst diese Schwungskraft wird als eine Folge aus
der Gravitation abgeleitet, wie es zufälligen Bewegungen anständig ist, denn
diese sollen als Erfolge aus denen der Materie auch in Ruhe beiwohnenden Kräften
hergeleitet werden.
    Über dies merke ich an, dass das atomistische System des Democritus und
Epikurs, ohnerachtet des ersten Anscheins von Ähnlichkeit, doch eine ganz
verschiedene Beziehung zu der Folgerung auf einen Urheber der Welt habe, als der
Entwurf des unsrigen. In jenem war die Bewegung ewig und ohne Urheber und der
Zusammenstoss, der reiche Quell so vieler Ordnung, ein Ohngefähr und ein Zufall,
wozu sich nirgend ein Grund fand. Hier führet ein erkanntes und wahres Gesetz
der Natur, nach einer sehr begreiflichen Voraussetzung, mit Notwendigkeit auf
Ordnung, und da hier ein bestimmender Grund eines Ausschlags auf Regelmässigkeit
angetroffen wird, und etwas was die Natur im Gleise der Wohlgereimteit und
Schönheit erhält, so wird man auf die Vermutung eines Grundes geführt, aus dem
die Notwendigkeit der Beziehung zur Vollkommenheit kann verstanden werden.
    Um indessen noch durch ein ander Beispiel begreiflich zu machen: wie die
Wirkung der Gravitation in der Verbindung zerstreuter Elemente Regelmässigkeit
und Schönheit hervor zu bringen notwendiger Weise bestimmt sei, so will ich eine
Erklärung von der mechanischen Erzeugungsart des Saturnusringes beifügen, die
wie mir dünkt so viel Wahrscheinlichkeit hat, als man es von einer Hypotese nur
erwarten kann. Man räume mir nur ein: dass Saturn in dem ersten Weltalter mit
einer Atmosphäre umgeben gewesen, dergleichen man an verschiednen Kometen
gesehen, die sich der Sonne nicht sehr nähern, und ohne Schweife erscheinen, dass
die Teilchen des Dunstkreises von diesen Planeten (dem wir eine Achsendrehung
zugestehen wollen) aufgestiegen sind, und dass in der Folge diese Dünste, es sei
darum, weil der Planet verkühlete, oder aus andern Ursachen, anfingen, sich
wieder zu ihm nieder zu senken, so erfolgt das übrige mit mechanischer
Richtigkeit. Denn da alle Teilchen von dem Punkte der Oberfläche da sie
aufgestiegen eine diesem Orte gleiche Geschwindigkeit haben müssen, um die Achse
des Planeten sich zu bewegen, so müssen alle vermittelst dieses Seitenschwungs
bestrebt gewesen sein, nach den Regeln der Zentralkräfte freie Kreise um den
Saturn zu beschreiben.12 Es müssen aber alle diejenige Teilchen, deren
Geschwindigkeit nicht gerade den Grad hat, die der Attraktion der Höhe wo sie
schweben durch Zentrifugalkraft genau das Gleichgewicht leistet, einander
notwendig stossen und verzögern, bis nur diejenige, die in freier Zirkelbewegung
nach Zentralgesetzen umlaufen können, um den Saturn in Kreisen bewegt übrig
bleiben, die übrige aber nach und nach auf dessen Oberfläche zurück fallen. Nun
müssen notwendig alle diese Zirkelbewegungen die verlängerte Fläche des
Saturnusäquators durchschneiden, welches einem jeden, der die Zentralgesetze
weiss, bekannt ist; also werden sich endlich um den Saturn die übrige Teilchen
seiner vormaligen Atmosphäre zu einer zirkelrunden Ebene drängen, die den
verlängerten Äquator dieses Planeten einnimmt, und deren äusserster Rand durch
eben dieselbe Ursache, die bei den Kometen die Grenze der Atmosphäre bestimmt,
auch hier abgeschnitten ist. Dieser Limbus von frei bewegtem Weltstoffe muss
notwendig ein Ring werden, oder vielmehr es können gedachte Bewegungen auf keine
andre Figur als die eines Ringes ausschlagen. Denn da sie alle ihre
Geschwindigkeit zur Zirkelbewegung nur von den Punkten der Oberfläche des
Saturns haben können von da sie aufgestiegen sind, so müssen diejenige, die von
dessen Äquator sich erhoben haben, die grösseste Schnelligkeit besitzen. Da nun
unter allen Weiten von dessen Mittelpunkte nur eine ist, wo diese
Geschwindigkeit gerade zur Zirkelbewegung taugt, und in jeder kleinem Entfernung
zu schwach ist, so wird ein Zirkelkreis in diesem Limbus aus dem Mittelpunkt des
Saturns gezogen werden können, innerhalb welchen alle Partikeln zur Oberfläche
dieses Planeten niederfallen müssen, alle übrige aber zwischen diesem gedachten
Zirkel und dem seines äussersten Randes (folglich die in einem ringförmichten
Raum entaltene) werden fortin frei schwebend in Zirkelkreisen um ihn in
Bewegung bleiben.
    Nach einer solchen Auflösung gelangt man auf Folgen, durch die die Zeit der
Achsendrehung des Saturns gegeben ist, und zwar mit so viel Wahrscheinlichkeit,
als man diesen Gründen einräumt, wodurch sie zugleich bestimmt wird. Denn weil
die Partikeln des inneren Randes eben dieselbe Geschwindigkeit haben wie
diejenige, die ein Punkt des Saturnusäquators hat, und überdem diese
Geschwindigkeit nach den Gesetzen der Gravitation den zur Zirkelbewegung
gehörigen Grad hat, so kann man aus dem Verhältnisse des Abstandes eines derer
Saturnus-Trabanten zu dem Abstande des innern Randes des Ringes vom Mittelpunkte
des Planeten, imgleichen aus der gegebenen Zeit des Umlaufs des Trabanten, die
Zeit des Umschwungs der Teilchen in dem inwendigen Rande finden, aus dieser
aber, und der Verhältnis des kleinsten Durchmessers vom Ringe zu dem des
Planeten, dieses seine Achsendrehung. Und so findet sich durch Rechnung: dass
Saturn sich in 5 Stunden und ungefähr 40 Minuten um seine Achse drehen müsse,
welches, wenn man die Analogie mit den übrigen Planeten hiebei zu Rate zieht,
mit der Zeit der Umwendung derselben wohl zu harmonieren scheint.
    Und so mag denn die Voraussetzung der kometischen Atmosphäre, die der Saturn
im Anfange möchte gehabt haben, zugestanden werden oder nicht, so bleibt
diejenige Folgerung, die ich zur Erläuterung meines Hauptsatzes daraus ziehe,
wie mich dünkt, ziemlich sicher: dass, wenn ein solcher Dunstkreis um ihn
gewesen, die mechanische Erzeugung eines schwebenden Ringes eine notwendige
Folge daraus hat sein müssen, und dass daher der Ausschlag, der allgemeinen
Gesetzen überlassenen Natur, selbst aus dem Chaos auf Regelmässigkeit abziele.
 
                               Achte Betrachtung.
                       Von der göttlichen Allgenugsamkeit
    Die Summe aller dieser Betrachtungen führet uns auf einen Begriff von dem
höchsten Wesen, der alles in sich fasst, was man nur zu gedenken vermag, wenn
Menschen aus Staube gemacht es wagen, ausspähende Blicke hinter den Vorhang zu
werfen, der die Geheimnisse des Unerforschlichen vor erschaffene Augen verbirgt.
Gott ist allgenugsam. Was da ist, es sei möglich oder wirklich, das ist nur
etwas, in so ferne es durch ihn gegeben ist. Eine menschliche Sprache kann den
Unendlichen so zu sich selbst reden lassen: Ich bin von Ewigkeit zu Ewigkeit,
ausser mir ist nichts, ohne in so ferne es durch mich etwas ist. Dieser Gedanke,
der erhabenste unter allen, ist noch sehr vernachlässigt, oder mehrenteils gar
nicht berührt worden. Das, was sich in den Möglichkeiten der Dinge zu
Vollkommenheit und Schönheit in vortrefflichen Planen darbietet, ist als ein vor
sich notwendiger Gegenstand der göttlichen Weisheit, aber nicht selbst als eine
Folge von diesem unbegreiflichen Wesen angesehen worden. Man hat die
Abhängigkeit anderer Dinge bloss auf ihr Dasein eingeschränkt, wodurch ein grosser
Anteil an dem Grunde von so viel Vollkommenheit jener obersten Natur entzogen,
und ich weiss nicht welchem ewigen Undinge beigemessen wird.
    Fruchtbarkeit eines einzigen Grundes an viel Folgen, Zusammenstimmung und
Schicklichkeit der Naturen, nach allgemeinen Gesetzen ohne öftern Widerstreit in
einem regelmässigen Plane zusammen zu passen, müssen zuvörderst in den
Möglichkeiten der Dinge angetroffen werden, und nur alsdenn kann Weisheit tätig
sein, sie zu wählen. Welche Schranken, die dem Unabhängigen aus einem fremden
Grunde gesetzt sein würden, wenn selbst diese Möglichkeiten nicht in ihm
gegründet wären? Und was vor ein unverständliches Ohngefähr, dass sich in diesem
Felde der Möglichkeit, ohne Voraussetzung irgend eines Existierenden, Einheit
und fruchtbare Zusammenpassung findet, dadurch das Wesen von den höchsten Graden
der Macht und Weisheit, wenn jene äussere Verhältnisse mit seinen innern Vermögen
verglichen werden, sich im Stande sieht, grosse Vollkommenheit zuwege zu bringen?
Gewiss eine solche Vorstellung überliefert nimmermehr den Ursprung des Guten ohne
allen Abbruch in die Hand eines einzigen Wesens. Als Huygens die Pendeluhr
erfand, so konnte er, wenn er daran dachte, sich diese Gleichförmigkeit, welche
ihre Vollkommenheit ausmacht, nimmer gänzlich beimessen; die Natur der Zykloide,
die es möglich macht, dass kleine und grosse Bogen durch freien Fall in derselben
in gleicher Zeit beschrieben werden, konnte diese Ausführung lediglich in seine
Gewalt setzen. Dass aus dem einfachen Grunde der Schwere so ein grosser Umfang von
schönen Folgen auch nur möglich ist, würde, wenn es nicht von dem, der durch
wirkliche Ausübung allen diesen Zusammenhang hervor gebracht hat, selbst
abhinge, seinen Anteil an der reizenden Einheit und dem grossen Umfange so vieler
auf einem einzigen Grunde berührender Ordnung offenbar schmälern und teilen.
    Die Bewunderung über die Abfolge einer Wirkung aus einer Ursache hört auf,
so bald ich die Zulänglichkeit der Ursache zu ihr deutlich und leicht einsehe.
Auf diesen Fuss kann keine Bewunderung mehr statt finden, wenn ich den
mechanischen Bau des menschlichen Körpers, oder welcher künstlichen Anordnung
ich auch will, als ein Werk des Allmächtigen betrachte, und bloss auf die
Wirklichkeit sehe; denn es ist leicht und deutlich zu verstehen: dass der, so
alles kann, auch eine solche Maschine, wenn sie möglich ist, hervorbringen
könne. Allein es bleibt gleichwohl Bewunderung übrig, man mag gleich dieses zur
leichteren Begreifung angeführt haben wie man will. Denn es ist erstaunlich, dass
auch nur so etwas wie ein tierischer Körper möglich war. Und wenn ich gleich
alle Federn und Röhren, alle Nervengefässe, Hebel und mechanische Einrichtung
desselben völlig einsehen könnte, so bliebe doch immer Bewunderung übrig: wie es
möglich sei, dass so vielfältige Verrichtungen in einem Bau vereiniget worden,
wie sich die Geschäfte zu einem Zwecke mit denen wodurch ein anderer erreicht
wird sowohl paaren lassen, wie eben dieselbe Zusammenfügung ausserdem noch dazu
dient, die Maschine zu erhalten, und die Folgen aus zufälligen Verletzungen
wieder zu verbessern, und wie es möglich war, dass ein Mensch konnte ein so
feines Gewebe sein, und ohnerachtet so vieler Gründe des Verderbens noch so
lange dauern. Nachdem ich auch endlich mich belehrt habe, dass so viel Einheit
und Harmonie darum möglich sei, weil ein Wesen da ist, welches nebst den Gründen
der Wirklichkeit auch die von aller Möglichkeit entält, so hebt dieses noch
nicht den Grund der Bewunderung auf. Denn man kann sich zwar durch die Analogie
dessen was Menschen ausüben einigen Begriff davon machen, wie ein Wesen die
Ursache von etwas Wirklichen sein könne, nimmermehr aber, wie es den Grund der
innern Möglichkeit von andern Dingen entalte, und es scheint, als wenn dieser
Gedanke viel zu hoch steigt, als dass ihn ein erschaffenes Wesen erreichen
könnte.
    Dieser hohe Begriff der göttlichen Natur, wenn wir sie nach ihrer
Allgenugsamkeit gedenken, kann selbst in dem Urteil über die Beschaffenheit
möglicher Dinge, wo uns unmittelbar Gründe der Entscheidung fehlen, zu einem
Hülfsmittel dienen, aus ihr als einem Grunde auf fremde Möglichkeit als eine
Folge zu schliessen. Es ist die Frage: ob nicht unter allen möglichen Welten eine
Steigerung ohne Ende in den Graden der Vollkommenheit anzutreffen sei, da gar
keine natürliche Ordnung möglich ist, über die nicht noch eine vortrefflichere
könne gedacht werden; ferner, wenn ich auch hierin eine höchste Stufe zugäbe, ob
nicht wenigstens selbst verschiedene Welten, die von keiner übertroffen werden,
einander an Vollkommenheit gänzlich gleich wären. Bei dergleichen Fragen ist es
schwer und vielleicht unmöglich, aus der Betrachtung möglicher Dinge allein
etwas zu entscheiden. Allein wenn ich beide Aufgaben in Verknüpfung mit dem
göttlichen Wesen erwäge, und erkenne, dass der Vorzug der Wahl, der einer Welt
vor der andern zu Teil wird, ohne den Vorzug in dem Urteile eben desselben
Wesens welches wählt, oder gar wider dieses Urteil ein Mangel in der
Übereinstimmung seiner verschiedenen tätigen Kräfte und eine verschiedene
Beziehung seiner Wirksamkeit, ohne eine proportionierte Verschiedenheit in den
Gründen, mitin einen Übelstand in dem vollkommensten Wesen abnehmen lasse, so
schliesse ich mit grosser Überzeugung: dass die vorgelegten Fälle erdichtet und
unmöglich sein müssen. Denn ich begreife nach den gesamten Vorbereitungen die
man gesehen hat: dass man viel weniger Grund habe, aus vorausgesetzten
Möglichkeiten, die man gleichwohl nicht genug bewähren kann, auf ein notwendiges
Betragen des vollkommensten Wesens zu schliessen (welches so beschaffen ist, dass
es den Begriff der grössten Harmonie in ihm zu schmälern scheinet), als aus der
erkannten Harmonie, die die Möglichkeiten der Dinge mit der göttlichen Natur
haben müssen, von demjenigen, was diesem Wesen am anständigsten zu sein erkannt
wird, auf die Möglichkeit zu schliessen. Ich werde also vermuten, dass in den
Möglichkeiten aller Welten keine solche Verhältnisse sein können, die einen
Grund der Verlegenheit in der vernünftigen Wahl des höchsten Wesens entalten
müssten; denn eben dieses oberste Wesen entält den letzten Grund aller dieser
Möglichkeit, in welcher also niemalen etwas anders, als was mit ihrem Ursprunge
harmoniert, kann anzutreffen sein.
    Es ist auch dieser über alles Mögliche und Wirkliche erweiterte Begriff der
göttlichen Allgenugsamkeit ein viel richtigerer Ausdruck, die grösste
Vollkommenheit dieses Wesens zu bezeichnen, als der des Unendlichen, dessen man
sich gemeiniglich bedient. Denn ob man diesen letztern zwar auslegen kann wie
man will, so ist er seiner eigentlichen Bedeutung nach doch offenbar
matematisch. Er bezeichnet das Verhältnis einer Grösse zu einer andern als dem
Masse, welche Verhältnis grösser ist als alle Zahl. Daher in dem eigentlichen
Wortverstande die göttliche Erkenntnis unendlich heissen würde, in so ferne sie,
vergleichungsweise gegen irgend eine angebliche andere Erkenntnis, ein
Verhältnis hat, welches alle mögliche Zahl übersteigt. Da nun eine solche
Vergleichung göttliche Bestimmungen mit denen der erschaffenen Dinge in eine
Gleichartigkeit, die man nicht wohl behaupten kann, versetzet, und überdem das,
was man dadurch will, nämlich den unverringerten Besitz von aller
Vollkommenheit, nicht gerade zu verstehen gibt, so findet sich dagegen alles,
was man hiebei zu denken vermag, in dem Ausdrucke der Allgenugsamkeit beisammen.
Die Benennung der Unendlichkeit ist gleichwohl schön und eigentlich ästetisch.
Die Erweiterung über alle Zahlbegriffe rührt, und setzet die Seele durch eine
gewisse Verlegenheit in Erstaunen. Dagegen ist der Ausdruck den wir empfehlen
der logischen Richtigkeit mehr angemessen.
 
                               Dritte Abteilung.
  Worin dargetan wird: dass ausser dem ausgeführten Beweisgrunde kein anderer zu
               einer Demonstration vom Dasein Gottes möglich sei
          1. Einteilung aller möglichen Beweisgründe vom Dasein Gottes
    Die Überzeugung von der grossen Wahrheit, es ist ein Gott, wenn sie den
höchsten Grad matematischer Gewissheit haben soll, hat dieses Eigne: dass sie nur
durch einen einzigen Weg kann erlangt werden, und gibt dieser Betrachtung den
Vorzug, dass die philosophische Bemühungen sich bei einem einzigen Beweisgrunde
vereinigen müssen, um die Fehler, die in der Ausführung desselben möchten
eingelaufen sein, vielmehr zu verbessern als ihn zu verwerfen, so bald man
überzeugt ist, dass keine Wahl unter mehr dergleichen möglich sei.
    Um dieses darzutun, so erinnere ich, dass man die Foderung nicht aus den
Augen verlieren müsse, welche eigentlich zu erfüllen ist: nämlich nicht das
Dasein einer sehr grossen und sehr vollkommenen ersten Ursache, sondern des
allerhöchsten Wesens, nicht die Existenz von einem oder mehreren derselben,
sondern von einem einzigen, und dieses nicht durch grosse Gründe der
Wahrscheinlichkeit, sondern mit matematischer Evidenz zu beweisen.
    Alle Beweisgründe vor das Dasein Gottes können nur entweder aus den
Verstandsbegriffen des bloss Möglichen, oder aus dem Erfahrungsbegriffe des
Existierenden, hergenommen werden. In dem ersteren Falle wird entweder von dem
Möglichen als einem Grunde auf das Dasein Gottes als eine Folge, oder aus dem
Möglichen als einer Folge auf die göttliche Existenz als einen Grund
geschlossen. Im zweiten Falle wird wiederum entweder aus demjenigen dessen
Dasein wir erfahren bloss auf die Existenz einer ersten und unabhängigen Ursache,
vermittelst der Zergliederung dieses Begriffs aber auf die göttliche
Eigenschaften derselben geschlossen, oder es werden aus dem was die Erfahrung
lehrt so wohl das Dasein als auch die Eigenschaften desselben unmittelbar
gefolgert.
 
                   2. Prüfung der Beweisgründe der ersten Art
    Wenn aus dem Begriffe des bloss Möglichen als einem Grunde das Dasein als
eine Folgerung soll geschlossen werden, so muss durch die Zergliederung dieses
Begriffes die gedachte Existenz darin können angetroffen werden; denn es gibt
keine andere Ableitung einer Folge aus einem Begriffe des Möglichen als durch
die logische Auflösung. Alsdenn musste aber das Dasein wie ein Prädikat in dem
Möglichen entalten sein. Da dieses nun nach der ersten Betrachtung der ersten
Abteilung nimmermehr statt findet, so erhellet: dass ein Beweis der Wahrheit von
der wir reden auf die erwähnte Art unmöglich sei.
    Indessen haben wir einen berühmten Beweis, der auf diesen Grund erbauet ist,
nämlich den so genannten Kartesianischen. Man erdenket sich zuvörderst einen
Begriff von einem möglichen Dinge, in welchem man alle wahre Vollkommenheit sich
vereinbart vorstellt. Nun nimmt man an, das Dasein sei auch eine Vollkommenheit
der Dinge; also schliesst man aus der Möglichkeit eines vollkommensten Wesens auf
seine Existenz. Eben so könnte man aus dem Begriffe einer jeden Sache, welche
auch nur als die vollkommenste ihrer Art vorgestellt wird, z. E. daraus allein
schon dass eine vollkommenste Welt zu gedenken ist, auf ihr Dasein schliessen.
Allein ohne mich in eine umständliche Widerlegung dieses Beweises einzulassen,
welche man schon bei andern antrifft, so beziehe ich mich nur auf dasjenige, was
im Anfange dieses Werks ist erklärt worden, dass nämlich das Dasein gar kein
Prädikat, mitin auch kein Prädikat der Vollkommenheit sei, und daher aus einer
Erklärung, welche eine willkürliche Vereinbarung verschiedener Prädikate
entält, um den Begriff von irgend einem möglichen Dinge aus zu machen,
nimmermehr auf das Dasein dieses Dinges und folglich auch nicht auf das Dasein
Gottes könne geschlossen werden.
    Dagegen ist der Schluss von den Möglichkeiten der Dinge als Folgen auf das
Dasein Gottes als einen Grund von ganz andrer Art. Hier wird untersucht, ob
nicht dazu, dass etwas möglich sei, irgend etwas Existierendes vorausgesetzt sein
müsse, und ob dasjenige Dasein, ohne welches selbst keine innere Möglichkeit
statt findet, nicht solche Eigenschaften entalte, als wir zusammen in dem
Begriffe der Gotteit verbinden. In diesem Falle ist zuvorderst klar, dass ich
nicht aus der bedingten Möglichkeit auf ein Dasein schliessen könne, wenn ich
nicht die Existenz dessen, was nur unter gewissen Bedingungen möglich ist,
voraussetze, denn die bedingte Möglichkeit gibt lediglich zu verstehen, dass
etwas nur in gewissen Verknüpfungen existieren könne, und das Dasein der Ursache
wird nur in so ferne dargetan als die Folge existiert, hier aber soll sie nicht
aus dem Dasein derselben geschlossen werden, daher ein solcher Beweis nur aus
der innern Möglichkeit geführt werden kann, wofern er gar statt findet. Ferner
wird man gewahr, dass er aus der absoluten Möglichkeit aller Dinge überhaupt
entspringen müsse. Denn es ist nur die innere Möglichkeit selbst von der erkannt
werden soll, dass sie irgend ein Dasein voraus setze, und nicht die besondere
Prädikate, dadurch sich ein Mögliches von dem andern unterscheidet; denn der
Unterschied der Prädikate findet auch beim bloss Möglichen statt, und bezeichnet
niemals etwas Existierendes. Demnach würde auf die erwähnte Art aus der innern
Möglichkeit alles Denklichen ein göttliches Dasein müssen gefolgert werden. Dass
dieses geschehen könne, ist in der ganzen ersten Abteilung dieses Werks gewiesen
worden.
 
                  3. Prüfung der Beweisgründe der zweiten Art
    Der Beweis, da man aus den Erfahrungsbegriffen von dem was da ist auf die
Existenz einer ersten und unabhängigen Ursache nach den Regeln der
Kausalschlüsse, aus dieser aber durch logische Zergliederung des Begriffes auf
die Eigenschaften derselben, welche eine Gotteit bezeichnen, kommen will, ist
berühmt und vornehmlich durch die Schule der Wolffischen Philosophen sehr in
Ansehen gebracht worden, allein er ist gleichwohl ganz unmöglich. Ich räume ein,
dass bis zu dem Satze: wenn etwas da ist, so existiert auch etwas, was von keinem
andern Dinge abhängt, alles regelmässig gefolgert sei, ich gebe also zu, dass das
Dasein irgend einer oder mehrer Dinge, die weiter keine Wirkungen von einem
andern sein, wohl erwiesen darliege. Nun ist der zweite Schritt zu dem Satze:
dass dieses unabhängige Ding schlechterdings notwendig sei, schon viel weniger
zuverlässig, da er vermittelst des Satzes vom zureichenden Grunde, der noch
immer angefochten wird, geführt werden muss; allein ich trage kein Bedenken, auch
bis so weit alles zu unterschreiben. Es existieret demnach etwas schlechterdings
notwendiger Weise. Aus diesem Begriffe des absolut notwendigen Wesens sollen nun
seine Eigenschaften der höchsten Vollkommenheit und Einheit hergeleitet werden.
Der Begriff der absoluten Notwendigkeit aber, der hier zum Grunde liegt, kann
auf zwiefache Art genommen werden, wie in der ersten Abteilung gezeigt ist. In
der ersten Art, da sie die logische Notwendigkeit von uns genannt worden, müsste
gezeigt werden: dass das Gegenteil desjenigen Dinges sich selbst widerspreche, in
welchem alle Vollkommenheit oder Realität anzutreffen, und also dasjenige Wesen
einzig und allein schlechterdings notwendig im Dasein sei, dessen Prädikate alle
wahrhaftig bejahend sind. Und da aus eben derselben durchgängigen Vereinbarung
aller Realität in einem Wesen soll geschlossen werden dass es ein einziges sei,
so ist klar, dass die Zergliederung der Begriffe des Notwendigen auf solchen
Gründen beruhen werde, nach denen ich auch umgekehrt müsse schliessen können:
worin alle Realität ist, das existiert notwendiger Weise. Nun ist nicht allein
diese Schlussart nach der vorigen Nummer unmöglich, sondern es ist insonderheit
merkwürdig, dass auf diese Art der Beweis gar nicht auf den Erfahrungsbegriff,
der ganz, ohne ihn zu brauchen, voraus gesetzt ist, erbauet wird, sondern eben
so wie der Kartesianische lediglich aus Begriffen, in welchen man in der
Identität oder dem Widerstreit der Prädikate das Dasein eines Wesens zu finden
vermeint.13
    Es ist meine Absicht nicht, die Beweise selber zu zergliedern, die man
dieser Metode gemäss bei verschiedenen antrifft. Es ist leicht, ihre
Fehlschlüsse aufzudecken, und dieses ist auch schon zum Teil von andern
geschehen. Indessen da man gleichwohl noch immer hoffen könnte, dass ihrem Fehler
durch einige Verbesserungen abzuhelfen sei, so ersieht man aus unserer
Betrachtung, dass, es mag auch aus ihnen werden was da wolle, sie doch niemals
etwas anders als Schlüsse aus Begriffen möglicher Dinge, nicht aber aus
Erfahrung werden können, und also allenfalls den Beweisen der ersten Art
beizuzählen sein.
    Was nun den zweiten Beweis von derjenigen Art anlanget, da aus
Erfahrungsbegriffen von existierenden Dingen auf das Dasein Gottes, und zugleich
seine Eigenschaften geschlossen wird, so verhält es sich hiemit ganz anders.
Dieser Beweis ist nicht allein möglich, sondern auch auf alle Weise würdig,
durch vereinigte Bemühungen zur gehörigen Vollkommenheit gebracht zu werden. Die
Dinge der Welt, welche sich unsern Sinnen offenbaren, zeigen so wohl deutliche
Merkmale ihrer Zufälligkeit, als auch durch die Grösse, die Ordnung und
zweckmässige Anstalten, die man allentalben gewahr wird, Beweistümer eines
vernünftigen Urhebers von grosser Weisheit, Macht und Güte. Die grosse Einheit in
einem so weitläuftigen Ganzen lässt abnehmen, dass nur ein einziger Urheber aller
dieser Dinge sei, und wenn gleich in allen diesen Schlüssen keine geometrische
Strenge hervorblickt, so entalten sie doch unstrittig so viel Nachdruck, dass
sie einen jeden Vernünftigen nach Regeln, die der natürliche gesunde Verstand
befolgt, keinen Augenblick hierüber im Zweifel lassen.
 
        4. Es sind überhaupt nur zwei Beweise vom Dasein Gottes möglich
    Aus allen diesen Beurteilungen ist zu ersehen: dass, wenn man aus Begriffen
möglicher Dinge schliessen will, kein ander Argument vor das Dasein Gottes
möglich sei, als dasjenige, wo selbst die innere Möglichkeit aller Dinge als
etwas angesehen wird, was irgend ein Dasein voraussetzt, wie es von uns in der
ersten Abteilung dieses Werks geschehen ist. Imgleichen erhellet: dass, wenn von
dem, was uns Erfahrung von existierenden Dingen lehrt, der Schluss zu eben
derselben Wahrheit soll hinauf steigen, der Beweis nur durch die in den Dingen
der Welt wahrgenommene Eigenschaften und die zufällige Anordnung des Weltganzen
auf das Dasein so wohl als auch die Beschaffenheit der obersten Ursache kann
geführt werden. Man erlaube mir, dass ich den ersten Beweis den ontologischen den
zweiten aber den kosmologischen nenne.
    Dieser kosmologische Beweis ist, wie mich dünkt, so alt wie die menschliche
Vernunft. Er ist so natürlich, so einnehmend und erweitert sein Nachdenken auch
so sehr mit dem Fortgang unserer Einsichten, dass er so lange dauern muss, als es
irgend ein vernünftig Geschöpf geben wird, welches an der edlen Betrachtung Teil
zu nehmen wünscht, Gott aus seinen Werken zu erkennen. Derhams, Nieuwentyts und
vieler anderer Bemühungen haben der menschlichen Vernunft in dieser Absicht Ehre
gemacht, obgleich bisweilen viel Eitelkeit mit untergelaufen ist, allerlei
physischen Einsichten oder auch Hirngespinsten durch die Losung des
Religionseifers ein ehrwürdig Ansehen zu geben. Bei aller dieser
Vortrefflichkeit ist diese Beweisart doch immer der matematischen Gewissheit und
Genauigkeit unfähig. Man wird jederzeit nur auf irgend einen unbegreiflich
grossen Urheber desjenigen Ganzen, was sich unsern Sinnen darbietet, schliessen
können, nicht aber auf das Dasein des vollkommensten unter allen möglichen
Wesen. Es wird die grösste Wahrscheinlichkeit von der Welt sein: dass nur ein
einiger erster Urheber sei, allein dieser Überzeugung wird viel an der
Ausführlichkeit, die der frechsten Zweifelsucht trotzt, ermangeln. Das macht:
wir können nicht auf mehr oder grössere Eigenschaften in der Ursache schliessen,
als wir gerade nötig finden, um den Grad und Beschaffenheit der Wirkungen daraus
zu verstehen; wenn wir nämlich von dem Dasein dieser Ursache keinen andern Anlass
zu urteilen haben, als den, so uns die Wirkungen geben. Nun erkennen wir viel
Vollkommenheit, Grösse und Ordnung in der Welt, und können daraus nichts mehr mit
logischer Schärfe schliessen, als dass die Ursache derselben viel Verstand, Macht
und Güte besitzen müsse, keinesweges aber, dass sie alles wisse, vermöge etc.
etc. Es ist ein unermessliches Ganze, in welchem wir Einheit und durchgängige
Verknüpfung wahrnehmen, und wir können mit grossem Grunde daraus ermessen, dass
ein einiger Urheber desselben sei. Allein wir müssen uns bescheiden, dass wir
nicht alles Erschaffene kennen, und daher urteilen, dass, was uns bekannt ist,
nur einen Urheber blicken lasse, woraus wir vermuten, was uns auch nicht bekannt
ist, werde eben so bewandt sein; welches zwar sehr vernünftig gedacht ist, aber
nicht strenge schliesst.
    Dagegen, wofern wir uns nicht zu sehr schmeicheln, so scheinet unser
entworfene ontologische Beweis derjenigen Schärfe fähig zu sein, die man in
einer Demonstration fodert. Indessen wenn die Frage wäre, welcher denn überhaupt
unter beiden der beste sei, so würde man antworten: so bald es auf logische
Genauigkeit und Vollständigkeit ankommt, so ist es der ontologische, verlangt
man aber Fasslichkeit vor den gemeinen richtigen Begriff, Lebhaftigkeit des
Eindrucks, Schönheit und Bewegkraft auf die moralische Triebfedern der
menschlichen Natur, so ist dem kosmologischen Beweise der Vorzug zuzugestehen.
Und da es ohne Zweifel von mehr Erheblichkeit ist, den Menschen mit hohen
Empfindungen, die fruchtbar an edler Tätigkeit sein, zu beleben, indem man
zugleich den gesunden Verstand überzeugt, als mit sorgfältig abgewogenen
Vernunftschlüssen zu unterweisen, dadurch, dass der feinern Spekulation ein Gnüge
getan wird, so ist, wenn man aufrichtig verfahren will, dem bekannten
kosmologischen Beweise der Vorzug der allgemeinern Nutzbarkeit nicht
abzusprechen.
    Es ist demnach kein schmeichlerischer Kunstgriff, der um fremden Beifall
buhlet, sondern Aufrichtigkeit, wenn ich einer solchen Ausführung der wichtigen
Erkenntnis von Gott und seinen Eigenschaften, als Reimarus in seinem Buche von
der natürlichen Religion liefert, den Vorzug der Nutzbarkeit gerne einräume,
über einen jeden andern Beweis, in welchem mehr auf logische Schärfe gesehen
worden, und über den meinigen. Denn ohne den Wert dieser und anderer Schriften
dieses Mannes in Erwägung zu ziehen, der hauptsächlich in einem ungekünstelten
Gebrauche einer gesunden und schönen Vernunft besteht, so haben dergleichen
Gründe wirklich eine grosse Beweiskraft und erregen mehr Anschauung als die
logisch abgezogene Begriffe, obgleich die letztere den Gegenstand genauer zu
verstehen geben.
    Gleichwohl da ein forschender Verstand, wenn er einmal auf die Spur der
Untersuchung geraten ist, nicht eher befriedigt wird, als bis alles um ihn licht
ist und bis sich, wenn ich mich so ausdrücken darf, der Zirkel, der seine Frage
umgrenzt, völlig schliesst, so wird niemand eine Bemühung, die wie die
gegenwärtige auf die logische Genauigkeit in einem so sehr wichtigen
Erkenntnisse verwandt ist, vor unnütz und überflüssig halten, vornehmlich weil
es viele Fälle gibt, da ohne solche Sorgfalt die Anwendung seiner Begriffe
unsicher und zweifelhaft bleiben würde.
 
 5. Es ist nicht mehr als eine einzige Demonstration vom Dasein Gottes möglich,
                   wovon der Beweisgrund oben gegeben worden
    Aus dem Bisherigen erhellet: dass unter den vier erdenklichen Beweisgründen,
die wir auf zwei Hauptarten gebracht haben, der Kartesianische so wohl, als der,
so aus dem Erfahrungsbegriffe vom Dasein vermittelst der Auflösung des Begriffes
von einem unabhängigen Dinge geführt worden, falsch und gänzlich unmöglich sein,
das ist, dass sie nicht etwa mit keiner gehörigen Schärfe, sondern gar nicht
beweisen. Es ist ferner gezeigt worden, dass der Beweis, aus den Eigenschaften
der Dinge der Welt auf das Dasein und die Eigenschaften der Gotteit zu
schliessen, einen tüchtigen und sehr schönen Beweisgrund entalte, nur dass er
nimmermehr der Schärfe einer Demonstration fähig ist. Nun bleibt nichts übrig,
als dass entweder gar kein strenger Beweis hievon möglich sei, oder dass er auf
demjenigen Beweisgrunde beruhen müsse, den wir oben angezeigt haben. Da von der
Möglichkeit eines Beweises schlechtin die Rede ist, so wird niemand das erstere
behaupten, und die Folge fällt demjenigen gemäss aus, was wir angezeigt haben. Es
ist nur ein Gott und nur ein Beweisgrund, durch welchen es möglich ist, sein
Dasein mit der Wahrnehmung derjenigen Notwendigkeit einzusehen, die
schlechterdings alles Gegenteil vernichtigt. Ein Urteil, darauf selbst die
Beschaffenheit des Gegenstandes unmittelbar führen könnte. Alle andere Dinge,
welche irgend da sein, könnten auch nicht sein. Die Erfahrung von zufälligen
Dingen kann demnach keinen tüchtigen Beweisgrund abgeben, das Dasein desjenigen
daraus zu erkennen, von dem es unmöglich ist dass er nicht sei. Nur lediglich
darin, dass die Verneinung der göttlichen Existenz völlig nichts ist, liegt der
Unterschied seines Daseins von anderer Dinge ihrem. Die innere Möglichkeit, die
Wesen der Dinge sind nun dasjenige, dessen Aufhebung alles Denkliche vertilgt.
Hierin wird also das eigene Merkmal von dem Dasein des Wesens aller Wesen
bestehen. Hierin sucht den Beweistum, und wenn ihr ihn nicht daselbst
anzutreffen vermeint, so schlaget euch von diesem ungebähnten Fusssteige auf die
grosse Heeresstrasse der menschlichen Vernunft. Es ist durchaus nötig, dass man
sich vom Dasein Gottes überzeuge; es ist aber nicht eben so nötig, dass man es
demonstriere.
                                      ENDE
 
                                    Fussnoten
1 Der Titel desselben ist: Allgemeine Naturgeschichte und Teorie des Himmels.
Königsberg und Leipzig 1755. Diese Schrift, die wenig bekannt geworden, muss
unter andern auch nicht zur Kenntnis des berühmten Herrn J. H. Lambert gelanget
sein, der sechs Jahre hernach in seinen Kosmologischen Briefen 1761 eben
dieselbe Teorie, von der systematischen Verfassung des Weltbaues im Grossen, der
Milchstrasse, den Nebelsternen u.s.f. vorgetragen hat, die man in meiner
gedachten Teorie des Himmels im ersten Teile, imgleichen in der Vorrede
daselbst antrifft, und wovon etwas in einem kurzen Abrisse Seite 154-158 des
gegenwärtigen Werks angezeigt wird. Die Übereinstimmung der Gedanken dieses
sinnreichen Mannes mit denen, die ich damals vortrug, welche fast bis auf die
kleineren Züge untereinander übereinkommen, vergrössert meine Vermutung: dass
dieser Entwurf in der Folge mehrere Bestätigung erhalten werde.
2 Siehe Raj von der Welt Anfang, Veränd. und Untergang.
3 Diese Frage ist dadurch noch lange nicht genugsam beantwortet, wenn man sich
auf die weise Wahl Gottes beruft, die den Lauf der Natur einmal schon so wohl
eingerichtet hätte, dass öftere Ausbesserungen unnötig wären. Denn die grösseste
Schwierigkeit bestehet darin, wie es auch nur hat möglich sein können, in einer
Verbindung der Weltbegebenheiten nach allgemeinen Gesetzen so grosse
Vollkommenheit zu vereinbaren, vornehmlich wenn man die Menge der Naturdinge und
die unermesslich lange Reihe ihrer Veränderungen betrachtet, wie da nach
allgemeinen Regeln ihrer gegenseitigen Wirksamkeit eine Harmonie hat entspringen
können, die keiner öftern übernatürlichen Einflüsse bedürfe.
4 Wenn es ein notwendiger Ausgang der Natur ist, wie Newton vermeint, dass ein
Weltsystem, wie dasjenige von unserer Sonne, endlich zum völligen Stillstand und
allgemeiner Ruhe gelange, so würde ich nicht mit ihm hinzusetzen: dass es nötig
sei, dass Gott es durch ein Wunder wieder herstelle. Denn weil es ein Erfolg ist,
darauf die Natur nach ihren wesentlichsten Gesetzen notwendiger weise bestimmt
ist, so vermute ich hieraus, dass er auch gut sei. Es darf uns dieses nicht als
ein bedauernswürdiger Verlust vorkommen, denn wir wissen nicht, welche
Unermesslichkeit die sich immerfort in andern Himmels-Gegenden bildende Natur
habe, um durch grosse Fruchtbarkeit diesen Abgang des Universum anderwärts
reichlich zu ersetzen.
5 Die den Gewächsen ähnliche Figur des Schimmels hatte viele bewogen, denselben
unter die Produkte des Pflanzenreichs zu zählen. Indessen ist es nach andern
Beobachtungen viel wahrscheinlicher, dass die anscheinende Regelmässigkeit
desselben nicht hindern könne, ihn so wie den Baum der Diane als eine Folge aus
den gemeinen Gesetzen der Sublimierung anzusehen.
6 Wenn ich unter andern die mikroskopische Beobachtungen des Doktor Hill, die
man im Hamb. Magaz. antrifft, erwäge, und seht zahlreiche Tiergeschlechter in
einem einzigen Wassertropfen, räuberische Arten, mit Werkzeugen des Verderbens
ausgerüstet, die von noch mächtigern Tyrannen dieser Wasserwelt zerstört werden,
indem sie geflissen sein, andre zu verfolgen; wenn ich die Ränke, die Gewalt und
die Szene des Aufruhrs in einem Tropfen Materie ansehe, und erhebe von da meine
Augen in die Höhe, um den unermesslichen Kaum von Welten wie von Stäubchen
wimmeln zu sehen, so kann keine menschliche Sprache das Gefühl ausdrücken, was
ein solcher Gedanke erregt, und alle subtile metaphysische Zergliederung weichet
sehr weit der Erhabenheit und Würde; die einer solchen Anschauung eigen ist.
7 Es wäre zu wünschen, dass in dergleichen Fällen, wo die Offenbarung Nachricht
gibt, dass eine Weltbegebenheit ein ausserordentliches göttliches Verhängnis sei,
der Vorwitz der Philosophen möchte gemässiget werden, ihre physische Einsichten
auszukramen; denn sie tun der Religion gar keinen Dienst, und machen es nur
zweifelhaft, ob die Begebenheit nicht gar ein natürlicher Zufall sei; wie in
demjenigen Fall, da man die Vertilgung des Heeres unter Sanherib dem Winde
Samyel beimisst. Die Philosophie kommt hiebei gemeiniglich ins Gedränge, wie in
der Whistonschen Teorie, die astronomische Kometenkenntnis zur Bibelerklärung
zu gebrauchen.
8 Die Weisheit setzt voraus; dass Übereinstimmung und Einheit in den Beziehungen
möglich sei. Dasjenige Wesen, welches von völlig unabhängiger Natur ist, kann
nur weise sein, in so ferne in ihm Gründe, selbst solcher möglichen Harmonie und
Vollkommenheiten, die seiner Ausführung sich darbieten, entalten sind. Wäre in
den Möglichkeiten der Dinge keine solche Beziehung auf Ordnung und
Vollkommenheit befindlich, so wäre Weisheit eine Chimäre. Wäre aber diese
Möglichkeit in dem weisen Wesen nicht selbst gegründet, so konnte diese Weisheit
nimmermehr in aller Absicht unabhängig sein.
9 Ich habe in der zweiten Nummer der dritten Betrachtung dieses Abschnittes
unter den Beispielen der künstlichen Naturordnung bloss die aus dem Pflanzen-und
Tierreiche angeführt. Es ist aber zu merken, dass eine jede Anordnung eines
Gesetzes um eines besondern Nutzens willen, darum weil sie hiedurch von der
notwendigen Einheit mit andern Naturgesetzen ausgenommen wird, künstlich sei,
wie aus einigen hier erwähnten Beispielen zu ersehen.
10 Ich will hiemit nur sagen, dass dieses der Weg vor die menschliche Vernunft
sein müsse. Denn wer wird es gleichwohl jemals verhüten können, hiebei
vielfältig zu irren, nach dem Pope:
Geh, schreibe Gottes weiser Ordnung des Regimentes Regeln vor,
Denn kehre wieder in dir selber zuletzt zurück und sei ein Tor.
11 Die Bildung eines kleineren Systems, das als ein Teil zu der Planetenwelt
gehört, wie des Jupiters und Saturns, imgleichen die Achsendrehungen dieser
Himmelskörper werden wegen der Analogie unter dieser Erklärung mit begriffen.
12 Saturn bewegt sich um seine Achse, nach der Voraussetzung. Ein jedes
Teilchen, das von ihm aufsteigt, muss daher eben dieselbe Seitenbewegung haben
und sie, zu welcher Höhe es auch gelangt, daselbst fortsetzen.
13 Dieses ist das Vornehmste, worauf ich hier ausgehe. Wenn ich die
Notwendigkeit eines Begriffes darin setze, dass sich das Gegenteil widerspricht,
und alsdenn behaupte, das Unendliche sei so beschaffen, so war es ganz unnötig,
die Existenz des notwendigen Wesens voraus zu setzen, indem sie schon aus dem
Begriffe des Unendlichen folgt. Ja jene vorangeschickte Existenz ist in dem
Beweise selbst völlig müssig. Denn da in dem Fortgang desselben der Begriff der
Notwendigkeit und Unendlichkeit als Wechselbegriffe angesehen werden, so wird
wirklich darum aus der Existenz des Notwendigen auf die Unendlichkeit
geschlossen, weil das Unendliche (und zwar allein) notwendig existiert.
 
    