
        
                                 Immanuel Kant
    Versuch den Begriff der negativen Grössen in die Weltweisheit einzuführen
                                     Vorrede
    Der Gebrauch, den man in der Weltweisheit von der Matematik machen kann,
bestehet entweder in der Nachahmung ihrer Metode, oder in der wirklichen
Anwendung ihrer Sätze auf die Gegenstände der Philosophie. Man sieht nicht, dass
der erstere bisdaher von einigem Nutzen gewesen sei, so grossen Vorteil man sich
auch anfänglich davon versprach; und es sind auch allmählich die vielbedeutende
Ehrennamen weggefallen, mit denen man die philosophische Sätze aus Eifersucht
gegen die Geometrie ausschmückte, weil man bescheidentlich einsah: dass es nicht
wohl stehe, in mittelmässigen Umständen trotzig zu tun, und das beschwerliche non
liquet allem diesem Gepränge keinesweges weichen wollte.
    Der zweite Gebrauch ist dagegen vor die Teile der Weltweisheit, die er
betroffen hat, desto vorteilhafter geworden, welche dadurch, dass sie die Lehren
der Matematik in ihren Nutzen verwandten, sich zu einer Höhe geschwungen haben,
darauf sie sonsten keinen Anspruch hätten machen können. Es sind dieses aber
auch nur die zur Naturlehre gehörige Einsichten, man müsste denn etwa die Logik
der Erwartungen in Glücksfällen auch zur Weltweisheit zählen wollen. Was die
Metaphysik anlangt, so hat diese Wissenschaft, anstatt sich einige von den
Begriffen oder Lehren der Matematik zu Nutze zu machen, vielmehr sich öfters
wider sie bewaffnet, und, wo sie vielleicht sichere Grundlagen hätte entlehnen
können, um ihre Betrachtungen darauf zu gründen, sieht man sie bemüht, aus den
Begriffen des Matematikers nichts als feine Erdichtungen zu machen, die ausser
seinem Felde wenig Wahres an sich haben. Man kann leicht erraten, auf welcher
Seite der Vorteil sein werde, in dem Streite zweier Wissenschaften, deren die
eine alle insgesamt an Gewissheit und Deutlichkeit übertrifft, die andern aber
sich allererst bestrebt, dazu zu gelangen.
    Die Metaphysik sucht z. E. die Natur des Raumes und den obersten Grund zu
finden, daraus sich dessen Möglichkeit verstehen lässt. Nun kann wohl hiezu
nichts behülflicher sein, als wenn man zuverlässig erwiesene Data irgend woher
entlehnen kann, um sie in seiner Betrachtung zum Gründe zu legen. Die Geometrie
liefert deren einige, welche die allgemeinsten Eigenschaften des Raumes
betreffen, z. E. dass der Raum gar nicht aus einfachen Teilen bestehe; allein man
geht sie vorbei und setzet sein Zutrauen lediglich auf das zweideutige
Bewusstsein dieses Begriffs, indem man ihn auf eine ganz abstrakte Art denket.
Wenn denn die Spekulation nach diesem Verfahren mit den Sätzen der Matematik
nicht übereinstimmen will, so sucht man seinen erkünstelten Begriff durch den
Vorwurf zu retten, den man dieser Wissenschaft macht, als wenn die Begriffe, die
sie zum Grunde leget, nicht von der wahren Natur des Raumes abgezogen, sondern
willkürlich ersonnen worden. Die matematische Betrachtung der Bewegung,
verbunden mit der Erkenntnis des Raumes, geben gleicher Gestalt viel Data an die
Hand, um die metaphysische Betrachtung von der Zeit in dem Gleise der Wahrheit
zu erhalten. Der berühmte Herr Euler hat hiezu unter andern einige Veranlassung
gegeben,1 allein es scheint bequemer, sich in finstern und schwer zu prüfenden
Abstraktionen aufzuhalten, als mit einer Wissenschaft in Verbindung zu treten,
welche nur an verständlichen und augenscheinlichen Einsichten Teil nimmt.
    Der Begriff des unendlich Kleinen, darauf die Matematik so öftern hinaus
kommt, wird mit einer angemassten Dreistigkeit so gerade zu als erdichtet
verworfen, anstatt dass man eher vermuten sollte, dass man noch nicht genug davon
verstände, um ein Urteil darüber zu fällen. Die Natur selbst scheint gleichwohl
nicht undeutliche Beweistümer an die Hand zu geben, dass dieser Begriff sehr wahr
sei. Denn wenn es Kräfte gibt, welche eine Zeit hindurch kontinuierlich wirken,
um Bewegungen hervorzubringen, wie allem Ansehen nach die Schwere ist, so muss
die Kraft, die sie im Anfangsaugenblicke oder in Ruhe ausübt, gegen die, welche
sie in einer Zeit mitteilt, unendlich klein sein. Es ist schwer, ich gestehe es,
in die Natur dieser Begriffe hineinzudringen: aber diese Schwierigkeit kann
allenfalls nur die Behutsamkeit unsicherer Vermutungen, aber nicht entscheidende
Aussprüche der Unmöglichkeit rechtfertigen.
    Ich habe vorjetzo die Absicht, einen Begriff, der in der Matematik bekannt
genug, allein der Weltweisheit nach sehr fremde ist, in Beziehung auf diese zu
betrachten. Es sind diese Betrachtungen nur kleine Anfänge, wie es zu geschehen
pflegt, wenn man neue Aussichten eröffnen will, allein sie können vielleicht zu
wichtigen Folgen Anlass geben. Aus der Verabsäumung des Begriffs der negativen
Grössen sind eine Menge von Fehlern oder auch Missdeutungen der Meinungen anderer
in der Weltweisheit entsprungen. Wenn es z. E. dem berühmten Herren D. Crusius
beliebt hätte, sich den Sinn der Matematiker bei diesem Begriffe bekannt zu
machen, so würde er die Vergleichung des Newton nicht bis zur Bewunderung falsch
gefunden haben.2 da die anziehende Kraft, welche in vermehrter Weite, doch nahe
bei den Körpern nach und nach in eine zurückstossende ausartet, mit den Reihen
vergleicht, in denen da, wo die positive Grössen aufhören, die negative anfangen.
Denn es sind die negative Grössen nicht Negationen von Grössen, wie die
Ähnlichkeit des Ausdrucks ihn hat vermuten lassen, sondern etwas an sich selbst
wahrhaftig Positives, nur was dem andern entgegengesetzt ist. Und so ist die
negative Anziehung nicht die Ruhe, wie er davor hält, sondern die wahre
Zurückstossung.
    Doch ich schreite zur Abhandlung selbst, um zu zeigen, welche Anwendung
dieser Begriff überhaupt in der Weltweisheit haben könne.
    
    Der Begriff der negativen Grössen ist in der Matematik lange im Gebrauch
gewesen und daselbst auch von der äussersten Erheblichkeit. Indessen ist die
Vorstellung, die sich die mehreste davon machten, und die Erläuterung, die sie
gaben, wunderlich und widersprechend; obgleich daraus auf die Anwendung keine
Unrichtigkeit abfloss, denn die besondere Regeln vertraten die Stelle der
Definition und versicherten den Gebrauch; was aber in dem Urteil über die Natur
dieses abstrakten Begriffs geirret sein mochte, blieb müssig und hatte keine
Folgen. Niemand hat vielleicht deutlicher und bestimmter gewiesen, was man sich
unter den negativen Grössen vorzustellen habe, als der berühmte Herr Professor
Kästner,3 unter dessen Händen alles genau, fasslich und angenehm wird. Der Tadel,
den er bei dieser Gelegenheit auf die Einteilungssucht eines grundabstrakten
Philosophen wirft, ist viel allgemeiner, als er daselbst ausgedrückt wird, und
kann als eine Auffoderung angesehen werden, die Kräfte der angemassten
Scharfsinnigkeit mancher Denker an einem wahren und brauchbaren Begriffe zu
prüfen, um seine Beschaffenheit philosophisch festzusetzen, dessen Richtigkeit
durch die Matematik schon gesichert ist, welches ein Fall ist, dem die falsche
Metaphysik gerne ausweicht; weil hier gelehrter Unsinn nicht so leicht wie
sonsten das Blendwerk von Gründlichkeit zu machen vermag. Indem ich es
unternehme, der Weltweisheit den Gewinn von einem annoch ungebrauchten, obzwar
höchstnötigen, Begriffe zu verschaffen, so wünsche ich auch keine andere Richter
zu haben, als von der Art, wie derjenige Mann von allgemeiner Einsicht ist,
dessen Schriften mir hiezu die Veranlassung geben. Denn was die metaphysische
Intelligenzen von vollendeter Einsicht anlangt, so müsste man sehr unerfahren
sein, wenn man sich einbildete, dass zu ihrer Weisheit noch etwas könnte
hinzugetan, oder von ihrem Wahne etwas könnte hinweg genommen werden.
 
                               Erster Abschnitt.
          Erläuterung des Begriffes von den negativen Grössen überhaupt
    Einander entgegengesetzt ist: wovon eines dasjenige aufhebt, was durch das
andre gesetzt ist. Diese Entgegensetzung ist zwiefach; entweder logisch durch
den Widerspruch, oder real, d.i. ohne Widerspruch.
    Die erste Opposition, nämlich die logische, ist diejenige, worauf man bis
daher einzig und allein sein Augenmerk gerichtet hat. Sie bestehet darin: dass
von eben demselben Dinge etwas zugleich bejahet und verneinet wird. Die Folge
dieser logischen Verknüpfung ist gar nichts (nihil negativum,
irrepraesentabile), wie der Satz des Widerspruchs es aussagt. Ein Körper in
Bewegung ist etwas, ein Körper, der nicht in Bewegung ist, ist auch etwas
(cogitabile); allein ein Körper, der in Bewegung und in eben demselben Verstande
zugleich nicht in Bewegung wäre, ist gar nichts.
    Die zweite Opposition, nämlich die reale, ist diejenige: da zwei Prädikate
eines Dinges entgegengesetzt sein, aber nicht durch den Satz des Widerspruchs.
Es hebt hier auch eins dasjenige auf, was durch das andere gesetzt ist; allein
die Folge ist etwas (cogitabile). Bewegkraft eines Körpers nach einer Gegend und
eine gleiche Bestrebung eben desselben in entgegengesetzter Richtung
widersprechen einander nicht, und sind als Prädikate in einem Körper zugleich
möglich. Die Folge davon ist die Ruhe, welche etwas (repraesentabile) ist. Es
ist dieses gleichwohl eine wahre Entgegensetzung. Denn was durch die eine
Tendenz, wenn sie allein wäre, gesetzt wird, wird durch die andere aufgehoben,
und beide Tendenzen sind wahrhafte Prädikate eines und eben desselben Dinges,
die ihm zugleich zukommen. Die Folge davon ist auch nichts, aber in einem andern
Verstande wie beim Widerspruch (nihil privativum, repraesentabile). Wir wollen
dieses Nichts künftighin Zero = 0 nennen, und es ist dessen Bedeutung mit der
von einer Verneinung (negatio), Mangel, Abwesenheit, die sonsten bei Weltweisen
im Gebrauch sind, einerlei, nur mit einer näheren Bestimmung, die weiter unten
vorkommen wird.
    Bei der logischen Repugnanz wird nur auf diejenige Beziehung gesehen,
dadurch die Prädikate eines Dinges einander und ihre Folgen durch den
Widerspruch aufheben. Welches von beiden wahrhaftig bejahend (realitas) und
welches wahrhaftig verneinend (negatio) sei, darauf hat man hiebei gar nicht
acht. Z. E. Finster und nicht finster in einerlei Verstande zugleich sein ist in
eben demselben Subjekte ein Widerspruch. Das erstere Prädikat ist logisch
bejahend, das andere logisch verneinend, obgleich jenes im metaphysischen
Verstande eine Negation ist. Die Realrepugnanz beruht auch auf einer Beziehung
zweier Prädikate eben desselben Dinges gegen einander; aber diese ist von ganz
anderer Art. Durch eines derselben ist dasjenige nicht verneinet, was durch das
andre bejaht ist, denn dieses ist unmöglich, sondern beide Prädikate A und B
sind bejahend; nur da von jeden besonders die Folgen a und b sein würden, so ist
durch beide zusammen in einem Subjekt nicht eins, auch nicht das andre, also ist
die Folge Zero. Setzet, jemand habe die Aktivschuld A = 100 Rtlr. gegen einen
andern, so ist dieses ein Grund einer eben so grossen Einnahme. Es habe aber eben
derselbe auch eine Passivschuld B = 100 Rtlr., so ist dieses ein Grund, so viel
wegzugeben. Beide Schulden zusammen sind ein Grund vom Zero, d.i. weder Geld zu
geben noch zu bekommen. Man sieht leicht ein: dass dieses Zero ein
verhältnismässiges Nichts sei, indem nämlich nur eine gewisse Folge nicht ist,
wie in diesem Falle ein gewisses Kapital und in dem oben angeführten eine
gewisse Bewegung nicht ist; dagegen ist bei der Aufhebung durch den Widerspruch
schlechtin nichts. Demnach kann das nihil negativum nicht durch Zero = 0
ausgedrückt werden, denn dieses entält keinen Widerspruch. Es lässt sich denken,
dass eine gewisse Bewegung nicht sei, dass sie aber zugleich sei und nicht sei,
lässt sich gar nicht denken.
    Die Matematiker bedienen sich nun der Begriffe dieser realen
Entgegensetzung bei ihren Grössen, und, um solche anzuzeigen, bezeichnen sie
dieselbe mit + und -. Da eine jede solche Entgegensetzung gegenseitig ist, so
sieht man leicht, dass eine die andere entweder ganz oder zum Teil aufhebe, ohne
dass desfalls diejenigen vor denen + stehet von denen vor die - steht
unterschieden sein. Ein Schiff reise von Portugal aus nach Brasilien. Man
bezeichne alle die Strecken, die es mit dem Morgenwinde tut, mit + und die, so
es durch den Abendwind zurücklegt, mit -. Die Zahlen selbst sollen Meilen
bedeuten. So ist die Fahrt in sieben Tagen + 12 + 7 - 3 - 5 + 8 = 19 Meilen, die
es nach Westen gekommen ist. Diejenige Grössen vor denen - steht haben dieses nur
als ein Zeichen der Entgegensetzung, in so ferne sie mit denen, die + vor sich
haben, zusammen genommen werden sollen; stehen sie aber mit denen, vor welchen
auch - ist, in Verbindung, so findet hier keine Entgegensetzung mehr statt, weil
diese ein Gegenverhältnis ist, welches nur zwischen + und - angetroffen wird.
Und da die Subtraktion ein Aufheben ist, welches geschieht, wenn
entgegengesetzte Grössen zusammen genommen werden, so ist klar: dass das -
eigentlich nicht ein Zeichen der Subtraktion sein könne, wie es gemeiniglich
vorgestellt wird, sondern dass + und - zusammen nur allererst eine Abziehung
bezeichnen. Daher - 4 - 5 = -9 gar keine Subtraktion war, sondern eine wirkliche
Vermehrung und Zusammentuung von Grössen einerlei Art. Aber + 9 - 5 = 4 bedeutet
eine Abziehung, indem die Zeichen der Entgegensetzung andeuten, dass die eine in
der andern, so viel ihr gleich ist, aufhebe. Eben so bedeutet das Zeichen + vor
sich allein eigentlich keine Addition, sondern nur in so ferne die Grösse, davor
es steht, mit einer andern, davor auch + steht, oder gedacht wird, soll
verbunden werden. Soll sie aber mit einer davor - steht zusammen genommen
werden, so kann dieses nicht anders als vermittelst der Entgegensetzung
geschehen, und da bedeutet das Zeichen + so wohl als das - eine Subtraktion,
nämlich dass eine Grösse in der andern, so viel ihr gleich ist, aufhebe, wie - 9 +
4 = - 5. Um deswillen bedeutet das Zeichen - , in dem Falle - 9 - 4 = - 13,
keine Subtraktion, sondern eben sowohl eine Addition, wie das Zeichen + im
Exempel + 9 + 4 = + 13. Denn überhaupt, so ferne die Zeichen einerlei sein, so
müssen die bezeichnete Sachen schlechtin summiert werden, in so ferne sie aber
verschieden sein, können sie nur durch eine Entgegensetzung, d.i. vermittelst
der Subtraktion zusammen genommen werden. Demnach dienen diese zwei Zeichen in
der Grössenwissenschaft nur, um diejenige zu unterscheiden, die einander
entgegengesetzt sind, das ist, die einander in der Zusammennehmung ganz oder zum
Teil aufheben; damit man erstlich dieses Gegenverhältnis daraus erkenne, und
zweitens, nachdem man eine von der andern abgezogen hat, von der sie sich hat
abziehen lassen, man wissen könne, zu welcher beiderlei Grössen das Fazit gehöre.
So würde man in dem vorher erwähnten Falle einerlei herausbekommen, wenn der
Gang mit dem Ostwinde durch - , und die Fahrt mit dem Westwinde durch + wäre
bezeichnet worden, nur dass das Fazit alsdenn - zum Zeichen gehabt hätte.
    Hieraus entspringet der matematische Begriff der negativen Grössen. Eine
Grösse ist in Ansehung einer andern negativ, in so ferne sie mit ihr nicht anders
als durch die Entgegensetzung kann zusammen genommen werden, nämlich so, dass
eine in der andern, so viel ihr gleich ist, aufhebt. Dieses ist nun freilich
wohl ein Gegenverhältnis, und Grössen, die einander so entgegen gesetzt sein,
heben gegenseitig von einander ein Gleiches auf, so dass man also eigentlich
keine Grösse schlechtin negativ nennen kann, sondern sagen muss, dass + a und - a
eines die negative Grösse der andern sei: allein, da dieses immer im Sinne kann
hinzugedacht werden, so haben die Matematiker einmal den Gebrauch angenommen,
die Grössen vor die das - steht negative Grössen zu nennen, wobei man gleichwohl
nicht aus der Acht lassen muss, dass diese Benennung nicht eine besondere Art
Dinge ihrer inneren Beschaffenheit nach, sondern dieses Gegenverhältnis anzeige,
mit gewissen andern Dingen, die durch + bezeichnet werden, in einer
Entgegensetzung zusammen genommen zu werden.
    Damit wir aus diesem Begriffe dasjenige, was eigentlich der Gegenstand vor
die Philosophie ist, herausnehmen, ohne besonders auf die Grösse zu sehen, so
bemerken wir zuerst, dass in ihm die Entgegensetzung entalten sei, welche wir
oben die reale genannt haben. Es sein + 8 Kapitalien, - 8 Passivschulden, so
widerspricht es sich nicht, dass beide einer Person zukommen. Indessen hebt die
eine ein Gleiches auf, das durch die andre gesetzt war, und die Folge ist Zero.
Ich werde demnach die Schulden negative Kapitalien nennen. Hierunter aber werde
ich nicht verstehen, dass sie Negationen oder blosse Verneinungen von Kapitalien
wären; denn alsdenn hätten sie selber zum Zeichen das Zero, und dieses Kapital
und Schulden zusammen würden den Wert des Besitzes geben 8 + 0 = 8, welches
falsch ist; sondern dass die Schulden positive Gründe der Verminderung der
Kapitalien sein. Da nun diese ganze Benennung jederzeit nur das Verhältnis
gewisser Dinge gegen einander anzeigt, ohne welches dieser Begriff sogleich
aufhört, so würde es ungereimt sein, darum eine besondere Art von Dingen sich zu
gedenken, und sie negative Dinge zu nennen, denn selbst der Ausdruck der
Matematiker der negativen Grössen ist nicht genau genug. Denn negative Dinge
würden überhaupt Verneinungen (negationes) bedeuten, welches aber gar nicht der
Begriff ist, den wir festsetzen wollen. Es ist vielmehr genug, dass wir die
Gegenverhältnisse schon erklärt haben, die diesen ganzen Begriff ausmachen und
die in der Realopposition bestehen. Um indessen sogleich in den Ausdrücken zu
erkennen zu geben, dass das eine der Entgegengesetzten nicht das
kontradiktorische Gegenteil des andern, und, wenn dieses etwas Positives ist,
dass jenes nicht eine blosse Verneinung desselben sei, sondern, wie wir bald sehen
werden, als etwas Bejahendes ihm entgegengesetzt sei: so werden wir, nach der
Metode der Matematiker, das Untergehen ein negatives Aufgehen, Fallen ein
negatives Steigen, Zurückgehen ein negatives Fortkommen nennen, damit zugleich
aus dem Ausdrucke erhelle, dass z. E. Fallen nicht bloss vom Steigen so
unterschieden sei wie non a und a, sondern eben so positiv sei als das Steigen,
nur mit ihm in Verbindung allererst den Grund von einer Verneinung entalte. Es
ist nun freilich klar: dass ich, da es alles hier auf das Gegenverhältnis
ankommt, eben so wohl das Untergehen ein negatives Aufgehen, wie das Aufgehen
ein negatives Untergehen nennen kann, imgleichen sind Kapitalien eben so wohl
negative Schulden, wie diese negative Kapitalien sein. Allein es ist etwas
wohlgereimter, demjenigen, worauf in jeden Falle die Absicht vorzüglich
gerichtet ist, den Namen des Negativen beizufügen, wenn man sein reales
Gegenteil bezeichnen will. Z. E. So ist es etwas schicklicher, Schulden negative
Kapitalien, als sie umgekehrt zu nennen, ob zwar in dem Gegenverhältnis selbst
kein Unterschied liegt, sondern in der Beziehung, die das Resultat dieses
Gegenverhältnisses auf die übrige Absicht hat. Ich erinnere nur noch, dass ich
bisweilen mich des Ausdrucks bedienen werde, dass ein Ding die Negative (Sache)
von dem andern sei. Z. E. Die Negative des Aufgehens ist das Untergehen, wodurch
ich nicht eine Negation des andern, sondern etwas, was in einer
Realentgegensetzung mit dem andern steht, will verstanden wissen.
    Bei dieser Realentgegensetzung ist folgender Satz als eine Grundregel zu
bemerken. Die Realrepugnanz findet nur statt, in so ferne zwei Dinge als
positive Gründe eins die Folge des andere aufhebt. Es sei Bewegkraft ein
positiver Grund: so kann ein realer Widerstreit nur statt finden, in so ferne
eine andere Bewegkraft mit ihr in Verknüpfung sich gegenseitig die Folge
aufheben. Zum allgemeinen Beweise dient Folgendes. Die einander widerstreitende
Bestimmungen müssen erstlich in eben demselben Subjekte angetroffen werden. Denn
gesetzt, es sei eine Bestimmung in einem Dinge und eine andre, welche man will,
in einem andern, so entspringet daraus keine wirkliche Entgegensetzung.4
Zweitens, es kann eins der opponierten Bestimmungen bei einer
Realentgegensetzung nicht das kontradiktorische Gegenteil der andern sein; denn
alsdenn wäre der Widerstreit logisch und wie oben gewiesen worden unmöglich.
Drittens, es kann eine Bestimmung nicht etwas anders verneinen, als was durch
die andre gesetzt ist; denn darin liegt gar keine Entgegensetzung. Viertens, sie
können, in so ferne sie einander widerstreiten, nicht alle beide verneinend sei,
denn alsdenn wird durch keine etwas gesetzt, was durch die andre aufgehoben
würde. Demnach müssen in jeder Realentgegensetzung die Prädikate alle beide
positiv sein, doch so, dass in der Verknüpfung sich die Folgen in demselben
Subjekte gegenseitig aufheben. Auf solche Weise sind Dinge, deren eins als die
Negative des andern betrachtet wird, beide vor sich betrachtet positiv, allein,
in einem Subjekte verbunden, ist die Folge davon das Zero. Die Fahrt gegen Abend
ist eben so wohl eine positive Bewegung, als die gegen Morgen, nur in eben
demselben Schiffe heben sich die dadurch zurückgelegte Wege einander ganz oder
zum Teil auf.
    Hiedurch will ich nun nicht gemeint haben, als ob diese einander
realentgegengesetzte Dinge nicht übrigens viel Verneinungen in sich schlössen.
Ein Schiff, das nach Westen bewegt wird, bewegt sich alsdenn nicht nach Osten
oder Süden, etc. etc., es ist auch nicht in allen Orten zugleich. Viele
Negationen, die seiner Bewegung ankleben. Allein dasjenige, was in der östlichen
so wohl als westlichen Bewegung bei allen diesen Verneinungen noch Positives
ist, dieses ist das einzige, was einander real widerstreiten kann und wovon die
Folge Zero ist.
    Man kann eben dieses durch allgemeine Zeichen auf folgende Art erläutern.
Alle wahrhafte Verneinungen, die mitin möglich sein (denn die Verneinung eben
desselben, was in dem Subjekt zugleich gesetzt ist, ist unmöglich), können durch
das Zero = 0 ausgedruckt werden und die Bejahung durch ein jegliches positives
Zeichen; die Verknüpfung aber in demselben Subjekte durch + oder -. Hier
erkennet man, dass A + 0 = A, A - 0 =A, 0 + 0 = 0, 0 - 0 = 05 insgesamt keine
Entgegensetzungen sind und dass in keinem etwas, was gesetzt war, aufgehoben
wird. Imgleichen ist A + A keine Aufhebung und es bleibt kein Fall übrig als
dieser, A - A = 0, d.i. dass von Dingen, deren eines die Negative des andern ist,
beide A und also wahrhaftig positiv sein, doch so, dass eines dasjenige aufhebt,
was durchs andre gesetzt ist, welches hier durch Zeichen - angedeutet wird.
    Die zweite Regel, welche eigentlich die umgekehrte der ersten ist, lautet
also: Allentalben, wo ein positiver Grund ist und die Folge ist gleichwohl
Zero, da ist eine Realentgegensetzung, d.i. dieser Grund ist mit einem andern
positiven Grunde in Verknüpfung, welcher die Negative des ersteren ist. Wenn ein
Schiff im freien Meer wirklich durch Morgenwind getrieben wird, und es kommt
nicht von der Stelle, wenigstens nicht so viel, als der Wind dazu Grund entält,
so muss ein Seestrom ihm entgegenstreichen. Dieses will im allgemeinen Verstande
so viel sagen: dass die Aufhebung der Folge eines positiven Grundes jederzeit
auch einen positiven Grund erheische. Es sei ein beliebiger Grund zu einer Folge
b, so kann niemals die Folge 0 sein, als in so ferne ein Grund zu - b, d.i. zu
etwas wahrhaftig Positivem da ist, welches dem ersten entgegengesetzt ist; b - b
= 0. Wenn jemands Verlassenschaft 10000 Rtl. Kapital entält, so kann die ganze
Erbschaft nicht bloss 6000 Rtl. ausmachen, ausser in so ferne 10000 - 4000 = 6000
ist, das ist, in so ferne vier tausend Taler Schulden oder anderer Aufwand damit
verbunden ist. Das Folgende wird zur Erläuterung dieser Gesetze viel beitragen.
    Ich mache zu dieser Abteilung noch folgende Anmerkung als zum Beschlusse.
Die Verneinung, in so ferne sie die Folge einer realen Entgegensetzung ist, will
ich Beraubung (privatio) nennen; eine jede Verneinung aber, in so ferne sie
nicht aus dieser Art von Repugnanz entspringt, soll hier ein Mangel (defectus,
absentia) heissen. Die letztere erfodert keinen positiven Grund, sondern nur den
Mangel desselben; die erstere aber hat einen wahren Grund der Position und einen
eben so grossen entgegengesetzten. Ruhe ist in einen Körper entweder bloss ein
Mangel, d.i. eine Verneinung der Bewegung, in so ferne keine Bewegkraft da ist;
oder eine Beraubung, in so ferne wohl Bewegkraft anzutreffen, aber die Folge,
nämlich die Bewegung, durch eine entgegengesetzte Kraft aufgehoben wird.
 
 Zweiter Abschnitt, in welchem Beispiele aus der Weltweisheit angeführt werden,
                darin der Begriff der negativen Grössen vorkommt
    1. Ein jeder Körper widersteht durch Undurchdringlichkeit der Bewegkraft
eines andern, in den Raum einzudringen, den er einnimmt. Da er bei der Kraft des
andern zur Bewegung gleichwohl ein Grund seiner Ruhe ist, so folgt aus dem
vorigen: dass die Undurchdringlichkeit eben so wohl eine wahre Kraft in den
Teilen des Körpers voraussetze, vermittelst deren sie zusammen einen Raum
einnehmen, als diejenige immer sein mag, womit ein anderer in diesen Raum sich
zu bewegen bestrebt ist.
    Stellet euch zur Erläuterung zwei Federn vor, die gegen einander streben.
Ohne Zweifel halten sie sich durch gleiche Kräfte in Ruhe. Setzet zwischen beide
eine Feder von gleicher Spannkraft: so wird diese durch ihre Bestrebung die
nämliche Wirkung leisten und beide Federn nach der Regel der Gleichheit der
Wirkung und Gegenwirkung in Ruhe erhalten. An die Stelle dieser Feder bringt
dagegen einen jeden festen Körper dazwischen, so wird durch ihn eben dasselbe
geschehen und die vorher gedachte Federn werden durch seine Undurchdringlichkeit
in Ruhe erhalten werden. Die Ursache der Undurchdringlichkeit ist demnach eine
wahre Kraft, denn sie tut dasselbe, was eine wahre Kraft tut. Wenn ihr nun
Anziehung eine Ursache, welche es auch sein mag, nennet, vermöge deren ein
Körper andere nötigt, gegen den Raum den er einnimmt zu drücken, oder sich zu
bewegen (es ist aber hier genug, sich diese Anziehung nur zu gedenken), so ist
die Undurchdringlichkeit eine negative Anziehung. Dadurch wird alsdenn
angezeigt: dass sie ein eben so positiver Grund sei als eine jede andere
Bewegkraft in der Natur, und da die negative Anziehung eigentlich eine wahre
Zurückstossung ist, so wird in den Kräften der Elemente, vermöge deren sie einen
Raum einnehmen, doch aber so dass sie diesem selbst Schranken setzen, durch den
Conflictus zweier Kräfte, die einander entgegengesetzt sein, Anlass zu vielen
Erläuterungen gegeben, worin ich glaube zu einer deutlichen und zuverlässigen
Erkenntnis gekommen zu sein, die ich in einer andern Abhandlung bekannt machen
werde.
    2. Wir wollen ein Beispiel aus der Seelenlehre nehmen. Es ist die Frage: Ob
Unlust lediglich ein Mangel der Lust, oder ein Grund der Beraubung derselben,
der an sich selbst zwar was Positives, und nicht lediglich das kontradiktorische
Gegenteil von Lust, ihr aber im Realverstande entgegengesetzt sei, und also ob
die Unlust eine negative Lust könne genannt werden. Nun lehret gleich anfangs
die innere Empfindung: dass die Unlust mehr als eine blosse Verneinung sei. Denn
was man auch nur vor Lust haben mag, so fehlt hiebei doch immer einige mögliche
Lust, so lange wir eingeschränkte Wesen sind. Derjenige, welcher ein Medikament,
das wie das reine Wasser schmeckt, einnimmt, hat vielleicht eine Lust über die
erwartete Gesundheit; in dem Geschmacke hingegen fühlet er eben keine Lust:
dieser Mangel ist aber noch nicht Unlust. Gebet ihm ein Arzneimittel von Wermut.
Diese Empfindung ist sehr positiv. Hier ist nicht ein blosser Mangel von Lust,
sondern etwas, was ein wahrer Grund des Gefühls ist, welches man Unlust nennet.
    Allein man kann aus der angeführten Erläuterung allenfalls nur erkennen: dass
die Unlust nicht lediglich ein Mangel sondern eine positive Empfindung sei; dass
sie aber so wohl etwas Positives, als auch der Lust real entgegen gesetzt sei,
erhellet am deutlichsten auf folgende Art. Man bringt einer spartanischen Mutter
die Nachricht, dass ihr Sohn im Treffen vor das Vaterland heldenmütig gefochten
habe. Das angenehme Gefühl der Lust bemächtigt sich ihrer Seele. Es wird
hinzugefügt, er habe hiebei einen rühmlichen Tod erlitten. Dieses vermindert gar
sehr jene Lust und setzt sie auf einen geringem Grad. Nennet die Grade der Lust
aus dem ersten Grunde allein 4 a und die Unlust sei bloss eine Verneinung = 0, so
ist nachdem beides zusammen genommen worden der Wert des Vergnügens 4 a + 0 = 4
a und also wäre die Lust durch die Nachricht des Todes nicht vermindert worden,
welches falsch ist. Es sei demnach die Lust aus seiner bewiesenen Tapferkeit = 4
a und was da übrig bleibt, nachdem aus der andern Ursache die Unlust mitgewirkt
hat, = 3 a, so ist die Unlust = a und sie ist die Negative der Lust, nämlich - a
und daher 4 a - a = 3 a.
    Die Schätzung des ganzen Werts der gesamten Lust in einem vermischten
Zustande würde auch sehr ungereimt sein, wenn Unlust eine blosse Verneinung und
dem Zero gleich wäre. Jemand hat ein Landgut gekauft, dessen Ertrag jährlich
2000 Rtlr. ist. Man drucke den Grad der Lust über diese Einnahme in so ferne
sie rein ist mit 2000 aus. Alles, was er aber von dieser Einnahme abgeben muss,
ohne es zu geniessen, ist ein Grund der Unlust: Grundzins 200 Rtl., Gesindelohn
100 Rtl., Reparatur 150 Rtlr. jährlich. Ist die Unlust eine blosse Verneinung =
0, so ist alles in einander gerechnet die Lust, die er an seinem Kauf hat, 2000
+ 0 + 0 + 0 = 2000, d.i. eben so gross, als wenn er den Ertrag ohne Abgaben
geniessen könnte. Nun ist aber offenbar, dass er sich nicht mehr über diese
Einkünfte zu erfreuen hat, als in so ferne ihm nach Abzug der Abgaben was übrig
bleibt, und es ist der Grad des Wohlgefallens 2000 - 200 - 100 - 150 = 1550. Es
ist demnach die Unlust nicht bloss ein Mangel der Lust, sondern ein positiver
Grund, diejenige Lust, die aus einem andern Grunde statt findet, ganz oder zum
Teil aufzuheben, und ich nenne sie daher eine negative Lust. Der Mangel der Lust
so wohl als der Unlust, in so ferne er aus dem Mangel der Gründe hiezu
herzuleiten ist, heisst Gleichgültigkeit (indifferentia). Der Mangel der Lust so
wohl als Unlust, in so fern er eine Folge aus der Realopposition gleicher Gründe
abhängt, heisst das Gleichgewicht (aequilibrium); beides ist Zero, das erstere
aber einer Verneinung schlechtin, das zweite eine Beraubung. Der Zustand des
Gemüts, in welchem, bei ungleicher entgegengesetzter Lust und Unlust, von einer
dieser beiden Empfindungen etwas übrig bleibt, ist das Übergewicht der Lust oder
Unlust (suprapondium voluptatis vel taedii). Nach dergleichen Begriffen suchte
der Herr v. Maupertuis in seinem Versuche der moralischen Weltweisheit die Summe
der Glückseligkeit des menschlichen Lebens zu schätzen, und sie kann auch nicht
anders geschätzt werden, nur dass diese Aufgabe vor Menschen unauflöslich ist,
weil nur gleichartige Empfindungen können in Summen gezogen werden, das Gefühl
aber in dem sehr verwickelten Zustande des Lebens nach der Mannigfaltigkeit der
Rührungen sehr verschieden scheint. Der Kalkül gab diesem gelehrten Manne ein
negatives Fazit, worin ich ihm gleichwohl nicht beistimme.
    Aus diesen Gründen kann man die Verabscheuung eine negative Begierde, den
Hass eine negative Liebe, die Hässlichkeit eine negative Schönheit, den Tadel
einen negativen Ruhm etc. nennen. Man könnte hiebei vielleicht denken: dass
dieses alles nur eine Krämerei mit Worten sei. Allein nur diejenige werden so
urteilen, die nicht wissen, welcher Vorteil darin steckt, wenn die Ausdrücke
zugleich die Verhältnis zu schon bekannten Begriffen anzeigen, wovon die
mindeste Erfahrenheit in der Matematik jedermann leicht belehren kann. Der
Fehler, darin um dieser Vernachlässigung willen viele Philosophen verfallen
sind, liegt am Tage. Man findet, dass sie mehrenteils die Übel wie blosse
Verneinungen behandeln, ob es gleich nach unsern Erläuterungen offenbar ist: dass
es Übel des Mangels (mala defectus) und Übel der Beraubung (mala privationis)
gibt. Die erstern sind Verneinungen, zu deren entgegengesetzter Position kein
Grund ist, die letztern setzen positive Gründe voraus, dasjenige Gute
aufzuheben, wozu wirklich ein anderer Grund ist, und sind ein negatives Gute.
Dieses letztere ist ein viel grösseres Übel als das erstere. Nicht geben ist in
Verhältnis auf den der bedürftig ist ein Übel, aber Nehmen, Erpressen, Stehlen
ist in Absicht auf ihn ein viel grösseres, und Nehmen ist ein negatives Geben.
Man könnte ein Ähnliches bei logischen Verhältnissen zeigen. Irrtümer sind
negative Wahrheiten (man vermenge dieses nicht mit der Wahrheit negativer
Sätze), eine Widerlegung ist ein negativer Beweis; allein ich besorge, mich
hiebei zu lange aufzuhalten. Es ist meine Absicht nur, diese Begriffe in den
Gang zu bringen, der Nutze wird sich durch den Gebrauch finden und ich werde
davon im dritten Abschnitt einige Aussichten geben.
    3. Die Begriffe der realen Entgegensetzung haben auch ihre nützliche
Anwendung in der praktischen Weltweisheit. Untugend (demeritum)ist nicht
lediglich eine Verneinung; sondern eine negative Tugend (meritum negativum).
Denn Untugend kann nur Statt finden, in so ferne als in einem Wesen ein inneres
Gesetz ist (entweder bloss das Gewissen oder auch das Bewusstsein eines positiven
Gesetzes), welchem entgegengehandelt wird. Dieses innere Gesetz ist ein
positiver Grund einer guten Handlung, und die Folge kann bloss darum Zero sein,
weil diejenige, welche aus dem Bewusstsein des Gesetzes allein fliessen würde,
aufgehoben wird. Es ist also hier eine Beraubung, eine reale Entgegensetzung und
nicht bloss ein Mangel. Man bilde sich nicht ein, dass dieses lediglich auf die
Beziehungsfehler (demerita commissionis) und nicht zugleich auf die
Unterlassungsfehler (demerita omissionis) gehe. Ein unvernünftig Tier verübt
keine Tugend. Es ist diese Unterlassung aber nicht Untugend (demeritum). Denn es
ist keinem inneren Gesetze entgegen gehandelt worden. Es ward nicht durch
inneres moralisches Gefühl zu einer guten Handlung getrieben, und dadurch, dass
es ihm widerstanden, oder vermittelst eines Gegengewichts wurde das Zero, oder
die Unterlassung als eine Folge nicht bestimmt. Sie ist hier eine Verneinung
schlechtin, aus Mangel eines positiven Grundes, und keine Beraubung. Setzet
dagegen einen Menschen, der denjenigen, dessen Not er sieht und dem er leicht
helfen kann, nicht hilft. Hier ist, wie in dem Herzen eines jeden Menschen, so
auch bei ihm ein positives Gesetz der Nächstenliebe. Dieses muss überwogen
werden. Es gehört hiezu eine wirkliche innere Handlung aus Bewegungsursachen,
damit die Unterlassung möglich sei. Dieses Zero ist die Folge einer realen
Entgegensetzung. Es kostet auch wirklich einigen Menschen im Anfange merkliche
Mühe, einiges Gute zu unterlassen, wozu sie die positive Antriebe in sich
bemerken; die Gewohnheit erleichtert alles und diese Handlung wird zuletzt wenig
mehr wahrgenommen. Es sind demnach die Begehungssünden von den
Unterlassungssünden moralisch nicht der Art, sondern der Grösse nach nur
unterschieden. Physisch, nämlich den äussern Folgen nach, sind sie auch wohl der
Art nach verschieden. Derjenige, der nichts bekommt, leidet ein Übel des
Mangels, und, dem genommen wird, ein Übel der Beraubung. Allein, was den
moralischen Zustand desjenigen, dem die Unterlassungssünde zukommt, anlanget, so
wird zur Begehungssünde nur ein grösserer Grad der Handlung erfodert. So wie das
Gegengewichte am Hebel eine wahrhafte Kraft anwendet, um die Last bloss in Ruhe
zu erhalten, und nur einiger Vermehrung bedarf, um es auf die andere Seite
wirklich zu bewegen. Eben also, wer nicht bezahlt was er schuldig ist, der wird
in gewissen Umständen betrügen, um zu gewinnen, und wer nicht hilft wenn er
kann, der wird, so bald sich die Bewegursachen vergrössern, den andern verderben.
Liebe und nicht Liebe sind eins das kontradiktorische Gegenteil vom andern.
Nicht Liebe ist eine wahrhafte Verneinung, aber in Ansehung dessen, wozu man
sich einer Verbindlichkeit zu lieben bewusst ist, ist diese Verneinung nur durch
reale Entgegensetzung und mitin nur als eine Beraubung möglich. Und in einem
solchen Falle ist nicht zu lieben und zu hassen nur eine Verschiedenheit in
Graden. Alle Unterlassungen, die zwar Mängel einer grösseren moralischen
Vollkommenheit sind, aber nicht Unterlassungssünden, sind dagegen nichts als
Verneinungen schlechtin einer gewissen Tugend und nicht Beraubungen oder
Untugend. Von dieser Art sind die Mängel der Heiligen und die Fehler edler
Seelen. Es fehlt ein gewisser grösserer Grund der Vollkommenheit und der Mangel
äussert sich nicht um der Entgegenwirkung willen.
    Man könnte die Anwendung der angeführten Begriffe auf die Gegenstände der
praktischen Weltweisheit noch sehr erweitern. Verbote sind negative Gebote,
Strafen negative Belohnungen u.s.w. Allein meine Absicht ist vorjetzt erreicht,
wenn nur der Gebrauch dieses Gedankens überhaupt verstanden wird. Ich bemerke
wohl: dass Lesern von aufgeklärter Einsicht die bisherige Erläuterung
weitläuftiger vorkommen werde als nötig ist. Allein man wird mich entschuldigen,
so bald man bedenkt, dass es sonsten noch ein sehr ungelehriges Geschlecht von
Beurteilern gebe, welche, indem sie ihr Leben nur mit einem einzigen Buche
zubringen, nichts verstehen, als was darin entalten ist, und in Ansehung deren
die äusserste Weitläuftigkeit nicht überflüssig ist.
    4. Wir wollen noch ein Beispiel aus der Naturwissenschaft entlehnen. In der
Natur gibt es viel Beraubungen aus dem Conflictus zweier wirkenden Ursachen,
deren eine die Folge der andern durch reale Entgegensetzung aufhebt. Es ist aber
oftmals ungewiss, ob es nicht vielleicht bloss die Verneinung des Mangels sei,
weil eine positive Ursache fehlt, oder ob es die Folge der Opposition wahrhafter
Kräfte sei, so wie die Ruhe entweder der fehlenden Bewegursache, oder dem Streit
zweier einander aufhaltenden Bewegkräfte beizumessen ist. Es ist z. E. eine
berühmte Frage, ob die Kälte eine positive Ursache erheische, oder ob sie, als
ein Mangel schlechtin, der Abwesenheit der Ursache der Wärme beizumessen sei.
Ich halte mich, so weit es zu meinem Zwecke dient, hiebei ein wenig auf. Ohne
Zweifel ist die Kälte selber nur eine Verneinung der Wärme, und es ist leicht
einzusehen, dass sie an sich selbst auch ohne positiven Grund möglich sei. Eben
so leicht ist es aber zu verstehen: dass sie auch von einer positiven Ursache
herrühren können und wirklich bisweilen daraus entspringe, was man auch vor eine
Meinung vom Ursprunge der Wärme annehmen mag. Man kennet keine absolute Kälte in
der Natur, und wenn man von ihr redet, so versteht man sie nur
vergleichungsweise. Nun stimmen Erfahrung und Vernunftgründe zusammen, den
Gedanken des berühmten von Musschenbroek zu bestätigen: dass die Erwärmung nicht
in der innern Erschütterung sondern in dem wirklichen Übergange des
Elementarfeuers aus einer Materie in die andere bestehe, obgleich dieser
Übergang vermutlich mit einer innern Erschütterung begleitet sein mag,
imgleichen diese erregte Erschütterung den Austritt des Elementarfeuers aus den
Körpern befördert. Auf diesen Fuss, wenn das Feuerelement unter den Körpern in
einem gewissen Raum im Gleichgewichte ist, so sind sie verhältnisweise gegen
einander weder kalt noch warm. Ist dieses Gleichgewicht gehoben, so ist
diejenige Materie, in die das Elementarfeuer übergeht, verhältnisweise gegen
den, der dadurch desselben beraubt wird, kalt, dieser dagegen heisst, in so ferne
er in jenen diese Materie der Wärme überlässt, in Ansehung desselben, warm. Der
Zustand in dieser Veränderung heisst bei jenem Erwärmung, bei diesem Erkältung,
bis alles wiederum im Gleichgewichte ist.
    Nun ist wohl nichts natürlicher zu gedenken, als dass die Anziehungskräfte
der Materie dieses subtile und elastische Flüssige so lange in Bewegung setzen
und die Masse der Körper damit anfüllen, bis es allerwärts im Gleichgewichte
ist, wenn nämlich die Räume in der Verhältnis der Anziehungen, die daselbst
wirken, damit angefüllet sein. Und hier fällt es deutlich in die Augen: dass eine
Materie, die eine andere in der Berührung erkältet, durch wahrhafte Kraft (der
Anziehung) das Elementarfeuer raube, womit die Masse des andern erfüllet war,
und dass die Kälte jenes Körpers eine negative Wärme genannt werden könne, weil
die Verneinung, die in den wärmeren Körper daraus folgt, eine Beraubung ist.
Allein hier würde die Einführung dieser Benennung ohne Nutzen und nicht viel
besser als ein Wortspiel sein. Meine Absicht ist hiebei nur auf dasjenige was
folgt gerichtet.
    Es ist lange bekannt, dass die magnetische Körper zwei einander
entgegenstehende Enden haben, die man Pole nennt und deren der eine den
gleichnamigen Punkt an dem andern zurückstösst und den andern anzieht. Allein der
berühmte Prof. Aepinus zeigte in einer Abhandlung, von der Ähnlichkeit der
elektrischen Kraft mit der magnetischen: dass elektrisierte Körper bei einer
gewissen Behandlung eben so wohl zwei Pole an sich zeigen, deren einen er den
positiven, den andern den negativen Pol nennt, und wovon der eine dasjenige
anzieht, was der andre zurückstösst. Diese Erscheinung wird am deutlichsten
wahrgenommen, wenn eine Röhre einem elektrischen Körper nahe genug gebracht
wird, doch so, dass sie keinen Funken aus ihm zieht. Ich behaupte nun: dass bei
den Erwärmungen oder Erkältungen, d.i. bei allen Veränderungen der Wärme oder
Kälte, vornehmlich den schnellen, die in einem zusammenhangenden Mittelraum oder
in die Länge ausgebreiteten Körper an einem Ende geschehen, jederzeit gleichsam
zwei Pole der Wärme anzutreffen sind, wovon der eine positiv, d.i. über den
vorigen Grad des gedachten Körpers, der andere negativ, nämlich unter diesen
Grad warm, d.i. kalt wird. Man weiss, dass verschiedene Erdgrüfte inwendig desto
stärkeren Frost zeigen, je mehr draussen die Sonne Luft und Erde erwärmt, und
Mattias Bel, der die im karpatischen Gebürge beschreibt, fügt hinzu, dass es
eine Gewohnheit der Bauern in Siebenbürgen sei, ihr Getränke kalt zu machen,
wenn sie es in die Erde verscharren und ein schnell brennendes Feuer drüber
machen. Es scheint, dass die Erdschichte in dieser Zeit auf der oberen Fläche
nicht positiv warm werden könne, ohne in etwas grösserer Tiefe die Negative davon
zu sein. Boerhave führt sonst an, dass das Feuer der Schmiedeherde in einem
gewissen Abstande Kälte verursacht habe. In der freien Luft über der Erdfläche
scheint eben so wohl diese Entgegensetzung vornehmlich bei den schnellen
Veränderungen zu herrschen. Herr Jacobi führt irgendwo in dem Hamb. Magazin an:
dass bei der strengen Kälte, die oftermals weit gestreckte Länder angreift, doch
gemeiniglich in einem langen Striche ansehnliche Plätze zwischen inne liegen, wo
es temperiert und gelinde ist. Eben so fand Herr Aepinus bei der Röhre deren ich
gedachte: dass, von dem positiven Pol des einen Endes, bis zum negativen des
andern, in gewissen Weiten die positiv- und negativ-elektrische Stellen
abwechselten. Es scheinet, es könne in irgend einer Region der Luft die
Erwärmung nicht anheben, ohne in einer andern gleichsam die Wirkung eines
negativen Pols, d.i. Kälte eben dadurch zu veranlassen, und auf diesen Fuss wird
umgekehrt die an einem Orte behende zunehmende Kälte die Wärme in einer andern
Gegend zu vermehren dienen, gleichwie, wenn ein an einem Ende erhitzter
metallner Stab plötzlich im Wasser abgekühlt wird, die Wärme des andern Endes
zunimmt.6 Demnach hört der Unterschied der Wärmpole alsbald auf, wenn die
Mitteilung oder Beraubung Zeit genug gehabt hat, sich durch die ganze Materie
gleichförmig zu verbreiten, gleichwie die Röhre des Herren Professor Aepinus nur
einerlei Elektrizität zeigt, so bald sie den Funken gezogen hat. Vielleicht dass
auch die grosse Kälte der obern Luftgegend nicht lediglich dem Mangel der
Erwärmungsmittel, sondern einer positiven Ursache beizumessen ist, nämlich dass
sie in Ansehung der Wärme nachdem Masse negativ wird, als die untere Luft und
Boden es positiv sein. Überhaupt scheinen die magnetische Kraft, die
Elektrizität und die Wärme durch einerlei Mittelmaterie zu geschehen. Alle
ingesamt können durch Reiben erregt werden, und ich vermute, dass die
Verschiedenheit der Pole und die Entgegensetzung der positiven und negativen
Wirksamkeit durch eine geschickte Behandlung eben so wohl bei den Erscheinungen
der Wärme dürften bemerkt werden. Die schiefe Fläche des Galilei, der
Perpendikel des Huygens, die Quecksilberröhre des Torricelli, die Luftpumpe des
Otto Guericke, und das gläserne Prisma des Newton haben uns den Schlüssel zu
grossen Naturgeheimnissen gegeben. Die negative und positive Wirksamkeit der
Materien, vornehmlich bei der Elektrizität, verbergen allem Ansehen nach
wichtige Einsichten und eine glücklichere Nachkommenschaft, in deren schöne Tage
wir hinaussehen, wird hoffentlich davon allgemeine Gesetze erkennen, was uns
vorjetzt in einer noch zweideutigen Zusammenstimmung erscheint.
 
                               Dritter Abschnitt.
Entält einige Betrachtungen, welche zu der Anwendung des gedachten Begriffs auf
              die Gegenstände der Weltweisheit vorbereiten können
    Was ich bisdaher vorgetragen habe, sind nur die erste Blicke, die ich auf
einen Gegenstand von Wichtigkeit, aber nicht minderer Schwierigkeit werfe. Wenn
man von den angeführten Beispielen, die begreiflich genug sind, zu allgemeinen
Sätzen hinaufsteigt, so hat man Ursache, äusserst besorgt zu sein, dass sich auf
einer unbetretenen Bahn Fehltritte zutragen können, die vielleicht nur im
Fortgange bekannt werden. Ich gebe demnach dasjenige, was ich noch hierüber zu
sagen habe, nur vor einen Versuch aus, der sehr unvollkommen ist, ob ich mir
gleich von der Aufmerksamkeit, die man darauf etwa verwenden möchte,
mannigfaltigen Nutzen verspreche. Ich weiss wohl: dass ein dergleichen Geständnis
eine sehr schlechte Empfehlung zum Beifalle ist, vor diejenige, die einen
dreisten dogmatischen Ton verlangen, um sich in eine jede Richtung bringen zu
lassen, darin man sie haben will. Aber, ohne das mindeste Bedauern über den
Verlust des Beifalls von dieser Art zu empfinden, sehe ich es einer so
schlüpfrigen Erkenntnis, wie die metaphysische ist, vor viel gemässer an, seine
Gedanken zuvörderst der öffentlichen Prüfung darzulegen in der Gestalt
unsicherer Versuche, als sie sogleich mit allem Ausputz von angemasster
Gründlichkeit und vollständiger Überzeugung anzukündigen, weil alsdenn
gemeiniglich alle Besserung von der Hand gewiesen und ein jedes Übel, das darin
anzutreffen ist, unheilbar wird.
    1. Jedermann versteht leicht warum etwas nicht ist, in so ferne nämlich der
positive Grund dazu mangelt, aber wie dasjenige, was da ist, aufhöre zu sein,
dieses ist so leicht nicht verstanden. Es existiert z. E. anjetzo in meiner
Seele die Vorstellung der Sonne durch die Kraft meiner Einbildung. Den folgenden
Augenblick höre ich auf, diesen Gegenstand zu gedenken. Diese Vorstellung,
welche war, hört in mir auf zu sein, und der nächste Zustand ist das Zero vom
vorigen. Wollte ich zum Grunde hievon angeben: dass darum der Gedanke aufgehört
wäre, weil ich im folgenden Augenblicke unterlassen hätte, ihn zu bewirken, so
wäre die Antwort von der Frage gar nicht unterschieden; denn es ist eben hievon
die Rede, wie eine Handlung, die wirklich geschieht, könne unterlassen werden,
d.i. aufhören könne zu sein.
    Ich sage demnach: ein jedes Vergehen ist ein negatives Entstehen, d.i. es
wird, um etwas Positives was da ist aufzuheben, eben so wohl ein wahrer
Realgrund erfordert, als um es hervorzubringen wenn es nicht ist. Der Grund
hievon ist in dem vorigen entalten. Es sei a gesetzt; so ist nur a - a = 0,
d.i. nur in so ferne ein gleicher aber entgegengesetzter Realgrund mit dem
Grunde von a verbunden ist, kann a aufgehoben werden. Die körperliche Natur
bietet allerwärts Beispiele davon dar. Eine Bewegung hört niemals gänzlich oder
zum Teil auf, ohne dass eine Bewegkraft, welche derjenigen gleich ist, die die
verlorene Bewegung hätte hervorbringen können, damit in der Entgegensetzung
verbunden wird. Allein auch die innere Erfahrung über die Aufhebung der durch
die Tätigkeit der Seele wirklich gewordenen Vorstellungen und Begierden stimmet
damit sehr wohl zusammen. Man empfindet es in sich selbst sehr deutlich: dass, um
einen Gedanken voll Gram bei sich vergehen zu lassen und aufzuheben, wahrhafte
und gemeiniglich grosse Tätigkeit erfodert wird. Es kostet wirkliche Anstrengung,
eine zum Lachen reizende lustige Vorstellung zu vertilgen, wenn man sein Gemüt
zur Ernstaftigkeit bringen will. Eine jede Abstraktion ist nichts anders, als
eine Aufhebung gewisser klaren Vorstellungen, welche man gemeiniglich darum
anstellt, damit dasjenige, was übrig ist, desto klarer vorgestellt werde.
Jedermann weiss aber, wie viel Tätigkeit hiezu erfodert wird, und so kann man die
Abstraktion eine negative Aufmerksamkeit nennen, das ist, ein wahrhaftes Tun und
Handlen, welches derjenigen Handlung, wodurch die Vorstellung klar wird,
entgegengesetzt ist, und durch die Verknüpfung mit ihr das Zero, oder den Mangel
der klaren Vorstellung zuwege bringt. Denn sonst, wenn sie eine Verneinung und
Mangel schlechtin wäre, so würde dazu eben so wenig Anstrengung einer Kraft
erfodert werden, als dazu, dass ich etwas nicht weiss, weil niemals ein Grund dazu
war, Kraft nötig ist.
    Eben dieselbe Notwendigkeit eines positiven Grundes zu Aufhebung eines
inneren Akzidens der Seele zeigt sich in der Überwindung der Begierden, wobei
man sich der oben angeführten Beispiele bedienen kann. Überhaupt aber, auch
ausser den Fällen da man sich dieser entgegengesetzten Tätigkeit so gar bewusst
ist und die wir angeführt haben, hat man keinen genugsamen Grund, sie alsdenn in
Abrede zu ziehen, wenn wir sie nicht in uns klar bemerken. Ich gedenke z. E.
anjetzt an den Tiger. Dieser Gedanke verliert sich und es fällt mir dagegen der
Schakal ein. Man kann freilich bei dem Wechsel der Vorstellungen eben keine
besondere Bestrebung der Seele in sich wahrnehmen, die da wirkte, um eine von
den gedachten Vorstellungen aufzuheben. Allein welche bewundernswürdige
Geschäftigkeit ist nicht in den Tiefen unsres Geistes verborgen, die wir mitten
in der Ausübung nicht bemerken, darum weil der Handlungen sehr viel sind, jede
einzelne aber nur sehr dunkel vorgestellt wird. Die Beweistümer davon sind
jedermann bekannt; man mag unter diesen nur die Handlungen in Erwägung ziehen,
die unbemerkt in uns vorgehen, wenn wir lesen, so muss man darüber erstaunen. Man
kann unter andern hierüber die Logik des Reimarus nachsehen, welcher hierüber
Betrachtung anstellt. Und so ist zu urteilen, dass das Spiel der Vorstellungen
und überhaupt aller Tätigkeiten unserer Seele, in so ferne ihre Folgen, nachdem
sie wirklich waren, wieder aufhören, entgegengesetzte Handlungen voraussetzen,
davon eine die Negative der andern ist, zu Folge den gewissen Gründen die wir
angeführt haben, ob uns gleich nicht immer die innere Erfahrung davon belehren
kann.
    Wenn man die Gründe in Erwägung zieht, auf welchen die hier angeführte Regel
beruht, so wird man alsbald inne: dass, was die Aufhebung eines existierenden
Etwas anlangt, unter den Akzidenzien der geistigen Naturen desfalls kein
Unterschied sein könne von denen Folgen wirksamer Kräfte in der körperlichen
Welt, nämlich dass sie niemals anders aufgehoben werden als durch eine wahre
entgegengesetzte Bewegkraft eines andern, und ein inneres Akzidens, ein Gedanke
der Seele, kann nicht aufhören zu sein, ohne eine wahrhaftig tätige Kraft eben
desselben denkenden Subjekts. Der Unterschied betrifft hier nur die verschiedene
Gesetze, welchen diese zweierlei Arten von Wesen untergeordnet sein; indem der
Zustand der Materie niemals anders als durch äussere Ursache, der eines Geistes
aber auch durch eine innere Ursache verändert werden kann; die Notwendigkeit der
Realentgegensetzung bleibt indessen bei diesem Unterschiede immer dieselbe.
    Ich bemerke nochmals, dass es ein betrügerischer Begriff sei, wenn man die
Aufhebung der positiven Folgen der Tätigkeit unserer Seele glaubt verstanden zu
haben, wenn man sie Unterlassungen nennt. Es ist überaus merkwürdig: dass je mehr
man seine gemeinste und zuversichtlichste Urteile durchforscht, desto mehr man
solche Blendwerke entdeckt, da wir mit Worten zufrieden sein, ohne etwas von den
Sachen zu verstehen. Dass ich jetzo einen gewissen Gedanken nicht habe, ist, wenn
er vorher auch nicht gewesen ist, daraus freilich verständlich genug, wenn ich
sage, ich unterlasse dieses zu denken; denn dieses Wort bedeutet alsdenn den
Mangel des Grundes, woraus der Mangel der Folge begriffen wird. Heisst es aber:
woher ist ein Gedanke in mir nicht mehr, der kurz vorher war? so ist die vorige
Antwort ganz nichtig. Denn dieses Nichtsein ist nunmehro eine Beraubung und das
Unterlassen hat anjetzt einen ganz andern Sinn7, nämlich die Aufhebung einer
Tätigkeit, die kurz vorher war. Dieses ist aber die Frage, die ich tue und bei
der ich mich durch ein Wort nicht so leicht abspeisen lasse. Bei der Anwendung
der gedachten Regel auf allerlei Fälle der Natur hat man viel Behutsamkeit
nötig, damit man nicht fälschlich etwas Verneinendes vor positiv halte, welches
leicht geschieht. Denn der Sinn des Satzes, den ich hier angeführt habe, geht
auf das Entstehen und Vergehen von etwas, das da positiv ist. Z. E. Das Vergehen
einer Flamme, weil die Nahrung erschöpft ist, ist kein negatives Entstehen, d.i.
es gründet sich nicht auf eine wahrhafte Bewegkraft, die derjenigen wodurch sie
entsteht entgegengesetzt ist. Denn die Fortdauer einer Flamme ist nicht die
Dauer einer Bewegung, die schon da ist, sondern die beständige Erzeugung neuer
Bewegungen anderer brennbarer Dunstteilchen8. Demnach ist das Aufhören der
Flamme nicht das Aufheben einer wirklichen Bewegung, sondern der Mangel neuer
Bewegungen und mehrerer Trennungen, darum weil die Ursache dazu fehlt, nämlich
die fernere Nahrung des Feuers, welches alsdenn nicht als ein Aufheben einer
existierenden Sache, sondern als der Mangel des Grundes zu einer möglichen
Position (der weiteren Absonderung) muss angesehen werden. Doch genug hievon. Ich
schreibe dieses, um den Versuchten in dergleichen Art von Erkenntnis Anlass zu
weiterer Betrachtung zu geben; die Unerfahrenen würden freilich mehr Erläuterung
zu fodern berechtigt sein.
    2. Die Sätze, die ich in dieser Nummer vorzutragen gedenke, scheinen mir von
der äussersten Wichtigkeit zu sein. Vorher aber muss ich noch zu dem allgemeinen
Begriffe der negativen Grössen eine Bestimmung hinzutun, welche ich mit Bedacht
oben bei Seite gesetzt habe, um die Gegenstände einer angestrengten
Aufmerksamkeit nicht zu sehr zu häufen. Ich habe bisher die Gründe der realen
Entgegensetzung nur erwogen, in so ferne sie Bestimmungen, deren eine die
Negative der andern ist, wirklich in einem und eben demselben Dinge setzen, z.
E. Bewegkräfte eben desselben Körpers nach einander gerade entgegengesetzten
Richtungen, und da heben die Gründe ihre beiderseitige Folgen, nämlich die
Bewegungen wirklich auf. Daher will ich vorjetzt diese Entgegensetzung die
wirkliche nennen (oppositio actualis). Dagegen nennet man mit Recht solche
Prädikate, die zwar verschiedenen Dingen zukommen, und eins die Folge des andern
unmittelbar nicht aufheben, dennoch eins die Negative des andern, in so ferne
ein jedes so beschaffen ist, dass es doch entweder die Folge des andern, oder
wenigstens etwas, was eben so bestimmt ist wie diese Folge und ihr gleich ist,
aufheben könnte. Diese Entgegensetzung kann die mögliche heissen (oppositio
potentialis). Beide sind real, d.i. von der logischen Opposition unterschieden,
beide sind in der Matematik beständig im Gebrauche und beide verdienen es auch
in der Philosophie zu sein. An zwei Körpern, die gegen einander in eben
derselben geraden Linie mit gleichen Kräften bewegt sein, können diese Kräfte,
da sie sich im Stosse beiden Körpern mitteilen, eine der andern Negative genannt
werden, und zwar im erstern Verstande durch die wirkliche Entgegensetzung. Bei
zwei Körpern, die auf derselben geraden Linie in entgegenstehender Richtung sich
mit gleichen Kräften von einander entfernen, ist eine der andern Negative;
allein, da sie ihre Kräfte sich in diesem Falle nicht mitteilen, so stehen sie
nur in potentialer Entgegensetzung, weil ein jeder eben so viel Kraft, als in
dem andern Körper ist, wenn er auf einen solchen, der in derselben Richtung wie
jener bewegt wäre, stiesse, in ihm aufheben würde. So werde ich es auch in dem
Nächstfolgenden von allen Gründen der realen Entgegensetzung in der Welt, und
nicht bloss von denen, die den Bewegkräften zukommen, verstehen. Um aber auch von
den übrigen ein Beispiel zu geben, so würde man sagen können, dass die Lust die
ein Mensch hat und eine Unlust die ein ander hat in potentialer Entgegensetzung
stehen, wie sie denn auch würklich gelegentlich eine die Folge der andern
aufheben, indem bei diesem realen Widerstreit oftmals einer dasjenige
vernichtigt, was der andere seiner Lust gemäss schaffet. Indem ich nun die
Gründe, welche einander in beiderlei Verstande real entgegen gesetzt sein, ganz
allgemein nehme, so verlange man von mir nicht, dass ich durch Beispiele in
concreto diese Begriffe jederzeit augenscheinlich mache. Denn eben so klar und
fasslich wie alles, was zu den Bewegungen gehört, der Anschauung kann gemacht
werden, so schwer und undeutlich sind bei uns die Realgründe, die nicht
mechanisch sein, um die Verhältnisse derselben zu ihren Folgen in der
Entgegensetzung oder Zusammenstimmung begreiflich zu machen. Ich begnüge mich
demnach, folgende Sätze in ihrem allgemeinen Sinne darzutun.
    Der erste Satz ist dieser. In allen natürlichen Veränderungen der Welt wird
die Summe des Positiven, in so ferne sie dadurch geschätzt wird, dass einstimmige
(nicht entgegengesetzte) Positionen addiert und real entgegengesetzte von
einander abgezogen werden, weder vermehrt noch vermindert.
    Alle Veränderung besteht darin: dass entweder etwas Positives was nicht war
gesetzt, oder dasjenige was da war aufgehoben wird. Natürlich aber ist die
Veränderung, in so ferne der Grund derselben eben so wohl wie die Folge zur Welt
gehört. In dem ersten Falle demnach, da eine Position die nicht war gesetzt
wird, ist die Veränderung ein Entstehen. Der Zustand der Welt vor dieser
Veränderung ist in Ansehung dieser Position dem Zero = 0 gleich und durch dies
Entstehen ist die reale Folge = A. Ich sage aber: dass, wenn A entspringt, in
einer natürlichen Weltveränderung auch - A entspringen müsse, d.i. dass kein
natürlicher Grund einer realen Folge sein könne, ohne zugleich ein Grund einer
andern Folge zu sein, die die Negative von ihr ist.9 Denn dieweil die Folge
nichts = 0 ist, ausser in so ferne der Grund gesetzt ist, so entält die Summe
der Position in der Folge nicht mehr, als in dem Zustande der Welt entalten
war, in so ferne sie den Grund dazu entielte. Es entielt aber dieser Zustand
von derjenigen Position, die in der Folge ist, das Zero, das heisst, in dem
vorigen Zustande war die Position nicht, die in der Folge anzutreffen ist,
folglich kann die Veränderung, die daraus fliesst, im Ganzen der Welt, nach ihren
würklichen oder potentialen Folgen, auch nicht anders als dem Zero gleich sein.
Da nun einerseits die Folge positiv und = A ist, gleichwohl aber der ganze
Zustand des Universum wie vorher in Ansehung der Veränderung A soll Zero = 0
sein, dieses aber unmöglich ist, ausser in so fern A - A zusammenzunehmen ist, so
fliesst: dass niemals eine positive Veränderung natürlicher Weise in der Welt
geschehe, deren Folge nicht im Ganzen in einer würklichen oder potentialen
Entgegensetzung die sich aufhebt bestehe. Diese Summe gibt aber Zero = 0 und vor
der Veränderung war sie ebenfalls = 0, so dass sie dadurch weder vermehrt noch
vermindert worden.
    In dem zweiten Fall, da die Veränderung in dem Aufbeben von etwas Positivem
besteht, ist die Folge = 0. Es war aber der Zustand des gesamten Grundes nach
der vorigen Nummer nicht bloss = A sondern A - A = 0. Also ist nach der Art zu
schätzen, die ich hier voraus setze, die Position in der Welt weder vermehrt
noch vermindert worden.
    Ich will diesen Satz, der mir wichtig zu sein scheinet, zu erläutern suchen.
In den Veränderungen der Körperwelt steht er als eine schon längst bewiesene
mechanische Regel fest. Sie wird so ausgedrückt: Quantitas motus, summando vires
corporum in easdem partes et subtrahendo eas quae vergunt in contrarias, per
mutuam illorum actionem (conflictum, pressionem, attractionem) non mutatur.
Aber, ob man diese Regel gleich nicht in der reinen Mechanik unmittelbar aus dem
metaphysischen Grunde herleitet, woraus wir den allgemeinen Satz abgeleitet
haben, so beruhet seine Richtigkeit doch in der Tat auf diesem Grunde. Denn das
Gesetz der Trägheit, welches in dem gewöhnlichen Beweise die Grundlage ausmacht,
entlehnt seine Wahrheit bloss von dem angeführten Beweisgrunde, wie ich leicht
zeigen könnte, wenn ich weitläuftig sein dörfte.
    Die Erläuterung der Regel, mit der wir uns beschäftigen, in denen Fällen der
Veränderungen, die nicht mechanisch sind, z. E. derer in unserer Seele, oder die
von ihr überhaupt abhängen, ist ihrer Natur nach schwer, wie überhaupt diese
Würkungen so wohl als ihre Gründe bei weitem so fasslich und anschauend deutlich
nicht können dargestellt werden, als die in der Körperwelt. Gleichwohl will ich,
so viel es mir möglich zu sein scheint, hierin Licht zu verschaffen suchen.
    Die Verabscheuung ist eben so wohl was Positives als die Begierde. Die erste
ist eine Folge einer positiven Unlust, wie diese die Folge einer Lust ist. Nun
in so ferne wir an eben demselben Gegenstande Lust und Unlust zugleich
empfinden, so sind die Begierden und Verabscheuungen desselben in einer
würklichen Entgegensetzung. Allein in so ferne eben derselbe Grund, der an einem
Objekte Lust veranlasst, zugleich der Grund einer wahren Unlust an andern wird,
so sind die Gründe der Begierden zugleich Gründe der Verabscheuungen, und es ist
der Grund einer Begierde zugleich der Grund von etwas, das in einer realen
Opposition damit steht, ob diese gleich nur potential ist. So wie die Bewegungen
der Körper, die in derselben geraden Linie in entgegengesetzter Richtung sich
von einander entfernen, ob sie gleich einer des andern Bewegung selber
aufzuheben nicht bestrebt sein, dennoch eine als die Negative des andern
angesehen wird, weil sie potential einander entgegen gesetzt sind. Diesemnach,
ein so grosser Grad der Begierde in jemand zum Ruhme entspringt, ein eben so
grosser Grad des Abscheues entsteht zugleich in Beziehung auf das Gegenteil, und
dieser Abscheu ist zwar nur potential, so lange noch die Umstände nicht in der
wirklichen Entgegensetzung in Ansehung der Ruhmbegierde stellen, gleichwohl ist
durch eben dieselbe Ursache der Ruhmbegierde ein positiver Grund eines gleichen
Grades der Unlust in der Seele festgesetzt, in so ferne sich die Umstände der
Welt denen entgegengesetzt zutragen möchten, die die erstere begünstigen.10 Wir
werden bald sehen, dass es in dem vollkommensten Wesen nicht so bewandt sei, und
dass der Grund seiner höchsten Lust so gar alle Möglichkeit der Unlust
ausschliesse.
    Bei den Handlungen des Verstandes finden wir so gar, dass, in je höherem
Grade eine gewisse Idee klar oder deutlich gemacht wird, desto mehr werden die
übrige verdunkelt und ihre Klarheit verringert, so dass das Positive, was bei
einer solchen Veränderung würklich wird, mit einer realen und wirklichen
Entgegensetzung verbunden ist, die, wenn man alles nach der erwähnten Art zu
schätzen zusammen nimmt, den Grad des Positiven durch die Veränderung weder
vermehrt noch vermindert.
    Der zweite Satz ist folgender: Alle Realgründe des Universum, wenn man
diejenige summiert welche einstimmig sein und die von einander abzieht die
einander entgegengesetzt sein, geben ein Fazit, das dem Zero gleich ist. Das
Ganze der Welt ist an sich selbst nichts, ausser in so ferne es durch den Willen
eines andern etwas ist. Es ist demnach die Summe aller existierenden Realität,
in so ferne sie in der Welt gegründet ist, vor sich selbst betrachtet dem Zero =
0 gleich. Ob nun gleich alle mögliche Realität in Verhältnis auf den göttlichen
Willen ein Fazit gibt das positiv ist, so wird gleichwohl dadurch das Wesen
einer Welt nicht aufgehoben. Aus diesem Wesen aber fliesst notwendiger Weise, dass
die Existenz desjenigen, was in ihr gegründet ist, an und vor sich allein dem
Zero gleich sei. Also ist die Summe des Existierenden in der Welt in Verhältnis
auf denjenigen Grund der ausser ihr ist positiv, aber in Verhältnis der inneren
Realgründe gegen einander dem Zero gleich. Da nun in dem ersten Verhältnisse
niemals eine Entgegensetzung der Realgründe der Welt gegen den göttlichen Willen
statt finden kann, so ist in dieser Absicht keine Aufhebung und die Summe ist
positiv. Weil aber in dem zweiten Verhältnisse das Fazit Zero ist, so folgt, dass
die positiven Gründe in einer Entgegensetzung stehen müssen, in welcher sie
betrachtet und summiert Zero geben.
                          Anmerkung zur zweiten Nummer
    Ich habe diese zwei Sätze in der Absicht vorgetragen, um den Leser zum
Nachdenken über diesen Gegenstand einzuladen. Ich gestehe auch, dass sie vor mich
selbst nicht licht genug, noch mit genugsamer Augenscheinlichkeit aus ihren
Gründen einzusehen sind. Indessen bin ich gar sehr überführt, dass unvollendete
Versuche, im abstrakten Erkenntnisse problematisch vorgetragen, dem Wachstum der
höhern Weltweisheit sehr zuträglich sein können; weil ein anderer sehr oft den
Aufschluss in einer tief verborgenen Frage leichter antrifft, als derjenige, der
ihm dazu Anlass gibt und dessen Bestrebungen vielleicht nur die Hälfte der
Schwierigkeiten haben überwinden können. Der Inhalt dieser Sätze scheint mir
eine gewisse Würde an sich zu haben, welche wohl zu einer genauen Prüfung
derselben aufmuntern kann, wofern man nur ihren Sinn wohl begreift, welches in
dergleichen Art von Erkenntnis nicht so leicht ist.
    Ich will indessen noch einigen Missdeutungen vorzukommen suchen. Man würde
mich ganz und gar nicht verstehen, wenn man sich einbildete, ich hätte durch den
ersten Satz sagen wollen: dass überhaupt die Summe der Realität durch die
Weltveränderungen gar nicht vermehrt noch vermindert werde. Dieses ist so ganz
und gar nicht mein Sinn, dass auch die zum Beispiel angeführte mechanische Regel
gerade das Gegenteil verstattet. Denn durch den Stoss der Körper wird die Summe
der Bewegungen bald vermehrt bald vermindert, wenn man sie vor sich betrachtet,
allein das Fazit, nach der zugleich beigefügten Art geschätzet, ist dasjenige,
was einerlei bleibt. Denn die Entgegensetzungen sind in vielen Fällen nur
potential, wo die Bewegkräfte einander würklich nicht aufheben und wo also eine
Vermehrung statt findet. Allein nach der einmal zur Richtschnur angenommenen
Schätzung müssen doch auch diese von einander abgezogen werden.
    Eben so muss man bei der Anwendung dieses Satzes auf unmechanische
Veränderungen urteilen. Ein gleicher Missverstand würde es sein, wenn man sich
einfallen liesse, dass nach eben demselben Satze die Vollkommenheit der Welt gar
nicht wachsen könnte. Denn es wird ja durch diesen Satz gar nicht geleugnet, dass
die Summe der Realität überhaupt nicht natürlicher Weise sollte vermehrt werden
können. Überdem besteht in diesem Conflictus der entgegengesetzten Realgründe
gar sehr die Vollkommenheit der Welt überhaupt, gleichwie der materiale Teil
derselben ganz offenbar bloss durch den Streit der Kräfte in einem regelmässigen
Laufe erhalten wird. Und es ist immer ein grosser Missverstand, wenn man die Summe
der Realität mit der Grösse der Vollkommenheit als einerlei ansieht. Wir haben
oben gesehen, dass Unlust eben so wohl positiv sei wie Lust, wer würde sie aber
eine Vollkommenheit nennen?
    3. Wir haben schon angemerkt, dass es oftmals schwer sei auszumachen, ob
gewisse Verneinungen der Natur blosse Mängel um eines fehlenden Grundes willen,
oder Beraubungen sein aus der Realentgegensetzung zweier positiven Gründe. In
der materialen Welt sind die Beispiele hievon häufig. Die zusammenhängende Teile
eines jeden Körpers drucken gegen einander mit wahren Kräften (der Anziehung),
und die Folge dieser Bestrebungen würde die Verringerung des Raumesinhalts sein,
wenn nicht eben so wahrhafte Tätigkeiten ihnen im gleichen Grade
entgegenwürkten, durch die Zurückstossung der Elemente, deren Würkung der Grand
der Undurchdringlichkeit ist. Hier ist Ruhe, nicht weil Bewegkräfte fehlen,
sondern weil sie einander entgegen würken. Eben so ruhen die Gewichte an beiden
Waagearmen, wenn sie nach den Gesetzen des Gleichgewichts am Hebel angebracht
sind. Man kann diesen Begriff weit über die Grenzen der materialen Welt
ausdehnen. Es ist eben nicht nötig, dass, wann wir glauben in einer gänzlichen
Untätigkeit des Geistes zu sein, die Summe der Realgründe des Denkens und
Begehrens kleiner sei als in dem Zustande, da sich einige Grade dieser
Würksamkeit dem Bewusstsein offenbaren. Saget dem gelehrtesten Manne in den
Augenblicken, da er müssig und ruhig ist, dass er etwas erzählen und von seiner
Einsicht soll hören lassen. Er weiss nichts, und ihr findet ihn in diesem
Zustande leer, ohne bestimmte Erwägungen oder Beurteilungen. Gebt ihm nur Anlass
durch eine Frage, oder durch eure eigene Urteile. Seine Wissenschaft offenbart
sich in einer Reihe von Tätigkeiten, die eine solche Richtung haben, dass sie ihm
und euch das Bewusstsein dieser seiner Einsicht möglich machen. Ohne Zweifel
waren die Realgründe dazu lange in ihm anzutreffen, aber da die Folge in
Ansehung des Bewusstseins Zero war, so mussten sie einander in so ferne entgegen
gesetzt gewesen sein. So liegt derjenige Donner, den die Kunst zum Verderben
erfand, in dem Zeughause eines Fürsten aufbehalten zu einem künftigen Kriege, in
drohender Stille, bis, wenn ein verräterischer Zunder ihn berührt, er im Blitze
auffährt und um sich her alles verwüstet. Die Spannfedern, die unaufhörlich
bereit waren aufzuspringen, lagen in ihm durch mächtige Anziehung gebunden, und
erwarteten den Reiz eines Feuerfunkens, um sich zu befreien. Es steckt etwas
Grosses, und, wie mich dünkt, sehr Richtiges in dem Gedanken des Herrn von
Leibniz: Die Seele befasset das ganze Universum mit ihrer Vorstellungskraft,
obgleich nur ein unendlich kleiner Teil dieser Vorstellungen klar ist. In der
Tat müssen alle Arten von Begriffen nur auf der innern Tätigkeit unsers Geistes,
als auf ihrem Grunde, beruhen. Äussere Dinge können wohl die Bedingung entalten,
unter welcher sie sich auf eine oder andere Art hervortun, aber nicht die Kraft,
sie würklich hervorzubringen. Die Denkungskraft der Seele muss Realgründe zu
ihnen allen entalten, so viel ihrer natürlicher Weise in ihr entspringen
sollen, und die Erscheinungen der entstehenden und vergehenden Kenntnisse sind
allem Ansehen nach nur der Einstimmung oder Entgegensetzung aller dieser
Tätigkeit beizumessen. Man kann diese Urteile als Erläuterungen des ersten
Satzes der vorigen Nummer ansehen.
    In moralischen Dingen ist das Zero gleichfalls nicht immer als eine
Verneinung des Mangels zu betrachten, und eine positive Folge von mehr Grösse
nicht jederzeit ein Beweis von einer grösseren Tätigkeit, die in der Richtung auf
diese Folge angewandt worden. Gebet einem Menschen zehn Grade Leidenschaft, die
in einem gewissen Falle den Regeln der Pflicht widerstreitet, z. E. Geldgeiz.
Lasset ihn zwölf Grade Bestrebung nach Grundsätzen der Nächstenliebe anwenden;
die Folge ist von zwei Graden, so viel als er wohltätig und hülfreich sein wird.
Gedenket euch einen andern von drei Graden Geldbegierde, und von sieben Graden
Vermögen, nach Grundsätzen der Verbindlichkeit zu handeln. Die Handlung wird
vier Grade gross sein, als so viel nach dem Streite seiner Begierde er einem
andern Menschen nützlich sein wird. Es ist aber unstreitig: dass, in so ferne die
gedachte Leidenschaft als natürlich und unwillkürlich kann angesehen werden, der
moralische Wert der Handlung des ersteren grösser sei als des zweiten, obzwar,
wenn man sie durch die lebendige Kraft schätzen wollte, die Folge in dem
letzteren Fall jene übertrifft. Um des willen ist es Menschen unmöglich, den
Grad der tugendhaften Gesinnung anderen aus ihren Handlungen sicher zu
schliessen, und es hat auch derjenige das Richten sich allein vorbehalten, der in
das Innerste der Herzen sieht.
    4. Wenn man es wagen will, diese Begriffe auf das so gebrechliche Erkenntnis
anzuwenden, welches Menschen von der unendlichen Gotteit haben können, welche
Schwierigkeiten umgeben alsdenn nicht unsere äusserste Bestrebungen? Da wir die
Grundlage zu diesen Begriffen nur von uns selbst hernehmen können, so ist es in
den mehresten Fällen dunkel, ob wir diese Idee eigentlich oder nur vermittelst
einiger Analogie auf diesen unbegreiflichen Gegenstand übertragen sollen.
Simonides ist noch immer ein Weiser, der nach vielfältiger Zögerung und Aufschub
seinem Fürsten die Antwort gab: je mehr ich über Gott nachsinne, desto weniger
vermag ich ihn einzusehen. So lautet nicht die Sprache des gelehrten Pöbels. Er
weiss nichts, er versteht nichts, aber er redet von allem, und was er redet,
darauf pochet er. In dem höchsten Wesen können keine Gründe der Beraubung, oder
einer Realentgegensetzung statt finden. Denn weil in ihm und durch ihn alles
gegeben ist, so ist durch den Allbesitz der Bestimmungen in seinem eigenen
Dasein keine innere Aufhebung möglich. Um deswillen ist das Gefühl der Unlust
kein Prädikat, welches der Gotteit geziemend ist. Der Mensch hat niemals eine
Begierde zu einem Gegenstande, ohne das Gegenteil positiv zu verabscheuen, d.i.
nicht allein so, dass die Beziehung seines Willens das kontradiktorische
Gegenteil der Begierde, sondern ihr Realentgegengesetztes (Abscheu), nämlich
eine Folge aus positiver Unlust ist. Bei jeder Begierde, die ein treuer Führer
hat, seinen Schüler wohl zu ziehen, ist ein jeder Erfolg, der seinem Begehren
nicht gemäss ist, ihm positiv entgegen und ein Grund der Unlust. Die Verhältnisse
der Gegenstände auf den göttlichen Willen sind von ganz anderer Art. Eigentlich
ist kein äusseres Ding ein Grund weder der Lust noch Unlust in demselben; denn er
hängt nicht im mindesten von etwas andern ab, und es wohnet dem durch sich
selbst Seligen nicht diese reine Lust bei, weil das Gute ausser ihm existiert,
sondern es existiert dieses Gute darum, weil die ewige Vorstellung seiner
Möglichkeit und die damit verbundene Lust ein Grund der vollzogenen Begierde
ist. Wenn man die konkrete Vorstellung von der Natur des Begehrens alles
Erschaffenen hiemit vergleicht, so wird man gewahr, dass der Wille des
Unerschaffenen wenig Ähnliches damit haben könne; welches denn auch in Ansehung
der übrigen Bestimmungen demjenigen nicht unerwartet sein wird, welcher dieses
wohl fasst, dass der Unterschied in der Qualität unermesslich sein müsse, wenn man
Dinge vergleicht, deren die einen vor sich selbst nichts sein, das andre aber,
durch welches allein alles ist.
 
                              Allgemeine Anmerkung
    Da der gründlichen Philosophen, wie sie sich selbst nennen, täglich mehr
werden, die, indem sie so tief in alle Sachen einschauen, dass ihnen auch nichts
verborgen bleibt, was sie nicht erklären und begreifen könnten, so sehe ich
schon voraus, dass der Begriff der Realentgegensetzung, welcher im Anfange dieser
Abhandlung von mir zum Grunde gelegt worden, ihnen sehr seicht, und der Begriff
der negativen Grössen, der darauf gebauet worden, nicht gründlich genug vorkommen
werde. Ich, der ich aus der Schwäche meiner Einsicht kein Geheimnis mache, nach
welcher ich gemeiniglich dasjenige am wenigsten begreife, was alle Menschen
leicht zu verstehen glauben, schmeichle mir, durch mein Unvermögen ein Recht zu
dem Beistande dieser grossen Geister zu haben, dass ihre hohe Weisheit die Lücke
ausfüllen möge, die meine mangelhafte Einsicht hat übriglassen müssen.
    Ich verstehe sehr wohl, wie eine Folge durch einen Grund nach der Regel der
Identität gesetzt werde, darum weil sie durch die Zergliederung der Begriffe in
ihm entalten befunden wird. So ist die Notwendigkeit ein Grund der
Unveränderlichkeit, die Zusammensetzung ein Grund der Teilbarkeit, die
Unendlichkeit ein Grund der Allwissenheit etc. etc. und diese Verknüpfung des
Grundes mit der Folge kann ich deutlich eingehen, weil die Folge wirklich
einerlei ist mit einem Teilbegriffe des Grundes, und, indem sie schon in ihm
befasst wird, durch denselben nach der Regel der Einstimmung gesetzt wird. Wie
aber etwas aus etwas andern, aber nicht nach der Regel der Identität, fliesse,
das ist etwas, welches ich mir gerne möchte deutlich machen lassen. Ich nenne
die erstere Art eines Grundes den logischen Grund, weil seine Beziehung auf die
Folge logisch, nämlich deutlich nach der Regel der Identität kann eingesehen
werden, den Grund aber der zweiten Art nenne ich den Realgrund, weil diese
Beziehung wohl zu meinen wahren Begriffen gehört, aber die Art derselben auf
keinerlei Weise kann beurteilt werden.
    Was nun diesen Realgrund und dessen Beziehung auf die Folge anlangt, so
stellet sich meine Frage in dieser einfachen Gestalt dar: wie soll ich es
verstehen, dass, weil etwas ist, etwas anders sei? Eine logische Folge wird
eigentlich nur darum gesetzt, weil sie einerlei ist mit dem Grunde. Der Mensch
kann fehlen; der Grund dieser Fehlbarkeit liegt in der Endlichkeit seiner Natur,
denn, wenn ich den Begriff eines endlichen Geistes auflöse, so sehe ich, dass die
Fehlbarkeit in demselben liege, das ist, einerlei sei mit demjenigen, was in dem
Begriffe eines Geistes entalten ist. Allein der Wille Gottes entält den
Realgrund vom Dasein der Welt. Der göttliche Wille ist etwas. Die existierende
Welt ist etwas ganz anderes. Indessen durch das eine wird das andre gesetzt. Der
Zustand, in welchem ich den Namen Stagirit höre, ist etwas, dadurch wird etwas
anders, nämlich mein Gedanke von einem Philosoph gesetzt. Ein Körper A ist in
Bewegung, ein anderer B in der geraden Linie derselben in Ruhe. Die Bewegung von
A ist etwas, die von B ist etwas anders, und doch wird durch die eine die andre
gesetzt. Ihr möget nun den Begriff vom göttlichen Wollen zergliedern so viel
euch beliebt, so werdet ihr niemals eine existierende Welt darin antreffen, als
wenn sie darin entalten und um der Identität willen dadurch gesetzt sei, und so
in den übrigen Fällen. Ich lasse mich auch durch die Wörter Ursache und Wirkung,
Kraft und Handlung nicht abspeisen. Denn, wenn ich etwas schon als eine Ursache
wovon ansehe, oder ihr den Begriff einer Kraft beilege, so habe ich in ihr schon
die Beziehung des Realgrundes zu der Folge gedacht, und denn ist es leicht, die
Position der Folge nach der Regel der Identität einzusehen. Z. E. Durch den
allmächtigen Willen Gottes kann man ganz deutlich das Dasein der Weltverstehen.
Allein hier bedeutet die Macht dasjenige Etwas in Gott, wodurch andre Dinge
gesetzt werden. Dieses Wort aber bezeichnet schon die Beziehung eines
Realgrundes auf die Folge, die ich mir gerne möchte erklären lassen.
Gelegentlich merke ich nur an, dass die Einteilung des Herrn Crusius in den
Ideal- und Realgrund von der meinigen gänzlich unterschieden sei. Denn sein
Idealgrund ist einerlei mit dem Erkenntnisgrunde, und da ist leicht einzusehen,
dass, wenn ich etwas schon als einen Grund ansehe, ich daraus die Folge schliessen
kann. Daher nach seinen Sätzen der Abendwind ein Realgrund von Regenwolken ist,
und zugleich ein Idealgrund, weil ich sie daraus erkennen und voraus vermuten
kann. Nach unsern Begriffen aber ist der Realgrund niemals ein logischer Grund,
und durch den Wind wird der Regen nicht zu folge der Regel der Identität
gesetzt. Die von uns oben vorgetragene Unterscheidung der logischen und realen
Entgegensetzung ist der jetzt gedachten vom logischen und Realgrunde parallel.
    Die erstere sehe ich deutlich ein vermittelst des Satzes vom Widerspruche,
und ich begreife, wie, wenn ich die Unendlichkeit Gottes setze, dadurch das
Prädikat der Sterblichkeit aufgehoben wird, weil es nämlich jener widerspricht.
Allein wie durch die Bewegung eines Körpers die Bewegung eines andern aufgehoben
werde, da diese mit jener doch nicht im Widerspruche stehet, das ist eine andere
Frage. Wenn ich die Undurchdringlichkeit voraussetze, welche mit einer jeden
Kraft, die in den Raum, den ein Körper einnimmt, einzudringen trachtet, in
realer Entgegensetzung stehet, so kann ich die Aufhebung der Bewegungen schon
verstehen; alsdenn habe ich aber eine Realentgegensetzung auf eine andere
gebracht. Man versuche nun, ob man die Realentgegensetzung überhaupt erklären
und deutlich könne zu erkennen geben, wie darum weil etwas ist etwas anders
aufgehoben werde, und ob man etwas mehr sagen könne, als was ich davon sagte,
nämlich, lediglich dass es nicht durch den Satz des Widerspruchs geschehe. Ich
habe über die Natur unseres Erkenntnisses in Ansehung unserer Urteile von
Gründen und Folgen nachgedacht, und ich werde das Resultat dieser Betrachtungen
dereinst ausführlich darlegen. Aus demselben findet sich, dass die Beziehung
eines Realgrundes auf etwas, das dadurch gesetzt oder aufgehoben wird, gar nicht
durch ein Urteil sondern bloss durch einen Begriff könne ausgedrückt werden, den
man wohl durch Auflösung zu einfacheren Begriffen von Realgründen bringen kann,
so doch, dass zuletzt alle unsre Erkenntnisse von dieser Beziehung sich in
einfachen und unauflöslichen Begriffen der Realgründe endiget, deren Verhältnis
zur Folge gar nicht kann deutlich gemacht werden. Bis dahin werden diejenige,
deren angemasste Einsicht keine Schranken kennt, die Metoden ihrer Philosophie
versuchen, bis wie weit sie in dergleichen Frage gelangen können.
 
                                    Fussnoten
1 Histoire de l'Acad. Royale des sc. et belles lettr. l'ann. 1748.
2 Crusius, Naturl. 1. T. § 295.
3 Anfangsgr. d. Aritm. S. 59-62.
4 Wir werden in der Folge noch von einer potentialen Entgegensetzung handeln.
5 Man könnte hier auf die Gedanken kommen: dass 0 - A noch ein Fall sei, der hier
ausgelassen worden. Allein dieser ist im philosophischen Verstande unmöglich;
denn von nichts kann was Positives nimmermehr weggenommen werden. Wenn in der
Matematik dieser Ausdruck in der Anwendung richtig ist, so kommt es daher, weil
das Zero weder die Vermehrung noch Verminderung durch andre Grössen im geringsten
etwas ändert. A + 0 - A ist noch immer A - A, und daher das Zero ganz müssig ist.
Der Gedanke, welcher davon entlehnt worden, als wenn negative Grössen wendiger
wie nichts wären, ist daher nichtig und ungereimt.
6 Die Versuche, um sich der entgegengesetzten Pole der Wärme gewiss zu machen,
würden wie mich dünkt leicht anzustellen sein. In einer blechernen horizontalen
Röhre von der Länge eines Fusses, welche an beiden Enden ein paar Zoll senkrecht
in die Höhe gebogen wäre, wenn sie mit Weingeist angefüllet und auf der einen
Seite derselbe angesteckt würde, indem in dem andern Ende das Termometer
stände, würde sich meinem Vermuten nach diese negative Entgegensetzung bald
zeigen; wie man denn, um durch einseitige Erkältung die Wirkung auf der andern
Seite wahrzunehmen, sich des Salzwassers bedienen könnte, in welches auf der
einen Seite gestossen Eis geworfen werden könnte. Bei dieser Gelegenheit will ich
nur noch bemerken, von welcher Beobachtung, die ich wünsche angestellt zu sehen,
aller Wahrscheinlichkeit nach die Erklärung der künstlichen Kälte und Wärme bei
den Auflösungen gewisser vermengten Materien viel Licht bekommen würde. Ich
überrede mich nämlich: dass der Unterschied dieser Erscheinungen vornehmlich
darauf beruhen werde, ob die vermengte Flüssigkeiten nach der völligen
Vereinbarung mehr oder weniger Volumen einnehmen, als ihr Raumesinhalt zusammen
genommen vor der Vermischung austrug. Im ersteren Falle, behaupte ich, werden
sie Wärme, im zweiten Kälte am Termometer zeigen. Denn in dem Falle, da sie
nach der Vermengung ein dichteres Medium geben, ist nicht allein mehr
attraktivische Materie, welche das Element des benachbarten Feuers in sich
zieht, als vorher in einem gleichen Raum, sondern es ist auch zu vermuten: dass
das Anziehungsvermögen grosser werde, als nach Proportion der zunehmenden
Dichtigkeit, indessen dass vielleicht die Ausspannungskraft des verdichteten
Äters nur so wie bei der Luft in Verhältnis der Dichtigkeit zunimmt, weil nach
dem Newton die Anziehungen in grosser Naheit in viel grösserer Proportion stehen
als der umgekehrten der Entfernungen. Auf solche Weise wird die Mischung, wenn
sie mehr Dichtigkeit hat, als beider mengbarer Sachen Dichtigkeit vor der
Vermengung zusammen genommen, in Ansehung der benachbarten Körper das
Übergewicht der Anziehung gegen das Elementarfeuer zeigen, und, indem sie das
Termometer desselben beraubt, Kälte blicken lassen. Alles aber wird umgekehrt
vor sich gehen, wenn die Mischung ein dünneres Medium gibt. Denn indem sie eine
Menge Elementarfeuers fahren lässt, so ziehen es benachbarte Materien an und
zeigen das Phaenomenon der Wärme. Der Ausgang der Versuche entspricht nicht
immer den Vermutungen. Wenn aber die Versuche nicht lediglich eine Sache des
Ohngefährs sein sollen, so müssen sie durch Vermutung veranlasst werden.
7 Dieser Sinn selbst kommt dem Worte nicht einmal eigentlich zu.
8 Ein jeder Körper, dessen Teile sich plötzlich in Dunst verwandeln und also die
Zurückstossung ausüben, die dem Zusammenhange entgegengesetzt ist, sprüht Feuer
von sich und brennt, weil das Elementarfeuer, das vorher im Stande der
Zusammendrückung war, behende frei wird und sich ausbreitet.
9 So wie z. E. im Stosse eines Körpers auf einen andern die Hervorbringung einer
neuen Bewegung mit der Aufhebung einer gleichen die vorher war zugleich
geschieht, und wie niemand aus einem Kahne einen andern schwimmenden Körper nach
einer Gegend stossen kann, ohne selbst nach der entgegengesetzten Richtung
getrieben zu werden.
10 Um des willen musste der stoische Weise alle dergleichen Triebe, die ein
Gefühl grosser sinnlicher Lust entalten, ausrotten, weil man mit ihnen zugleich
Gründe grosser Unzufriedenheit und Missvergnügens pflanzet, die nach dem
abwechselnden Spiel des Weltlaufs den ganzen Wert der erstern aufheben können.
 
    