
        
                             
                                 Immanuel Kant
          Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren
           § 1. Allgemeiner Begriff von der Natur der Vernunftschlüsse
    Etwas als ein Merkmal mit einem Dinge vergleichen heisst urteilen. Das Ding
selber ist das Subjekt, das Merkmal das Prädikat. Die Vergleichung wird durch
das Verbindungszeichen ist oder sein ausgedrückt, welches, wenn es schlechtin
gebraucht wird, das Prädikat als ein Merkmal des Subjekts bezeichnet, ist es
aber mit dem Zeichen der Verneinung behaftet, das Prädikat als ein dem Subjekt
entgegen gesetztes Merkmal zu erkennen gibt. In dem erstern Fall ist das Urteil
bejahend, im andern verneinend. Man verstehet leicht, dass, wenn man das Prädikat
ein Merkmal nennet, dadurch nicht gesagt werde, dass ein Merkmal des Subjekts
sei; denn dieses ist nur in bejahenden Urteilen also; sondern dass es als ein
Merkmal von irgend einem Dinge angesehen werde, ob es gleich in einem
verneinende Urteile dem Subjekte desselben widerspricht. So ist ein Geist das
Ding das ich gedenke; zusammengesetzt ein Merkmal von irgend etwas; das Urteil,
ein Geist ist nicht zusammengesetzt, stellt dieses Merkmal als widerstreitend
dem Dinge selber vor.
    Was ein Merkmal von dem Merkmale eines Dinges ist, das nennet man ein
mittelbares Merkmal desselben. So ist notwendig ein unmittelbares Merkmal
Gottes, unveränderlich aber ein Merkmal des Notwendigen und ein mittelbares
Merkmal Gottes. Man sieht leicht: dass das unmittelbare Merkmal zwischen dem
entfernten und der Sache selbst die Stelle eines Zwischenmerkmals (nota
intermedia) vertrete, weil nur durch dasselbe das entfernete Merkmal mit der
Sache selbst verglichen wird. Man kann aber auch ein Merkmal mit einer Sache
durch ein Zwischenmerkmal verneinend vergleichen, dadurch dass man erkennet, dass
etwas dem unmittelbaren Merkmal einer Sache widerstreite. Zufällig widerstreitet
als ein Merkmal dem Notwendigen; notwendig aber ist ein Merkmal von Gott, und
man erkennet also vermittelst eines Zwischenmerkmals, dass notwendig sein Gott
widerspreche.
    Nunmehro errichte ich meine Realerklärung von einem Vernunftschlusse. Ein
jedes Urteil durch ein mittelbares Merkmal ist ein Vernunftschluss, oder mit
andern Worten: er ist die Vergleichung eines Merkmals mit einer Sache
vermittelst eines Zwischenmerkmals. Dieses Zwischenmerkmal (nota intermedia) in
einem Vernunftschluss heisst auch sonsten der mittlere Hauptbegriff (terminus
medius); welches die andere Hauptbegriffe sein, ist genugsam bekannt.
    Um die Beziehung des Merkmals zu der Sache in dem Urteile, die menschliche
Seele ist ein Geist, deutlich zu erkennen, bediene ich mich des Zwischenmerkmals
vernünftig, so dass ich vermittelst desselben ein Geist zu sein als ein
mittelbares Merkmal der menschlichen Seele ansehe. Es müssen notwendig hier drei
Urteile vorkommen, nämlich:
    1. ein Geist sein ist ein Merkmal des Vernünftigen
    2. vernünftig ist ein Merkmal der menschlichen Seele
    3. ein Geist sein ist ein Merkmal der menschlichen Seele, denn die
Vergleichung eines entferneten Merkmals mit der Sache selbst ist nicht anders
wie durch diese drei Handlungen möglich.
    In der Form der Urteile würden sie so lauten: Alles Vernünftige ist ein
Geist, die Seele des Menschen ist vernünftig, folglich ist die Seele des
Menschen ein Geist. Dieses ist nun ein bejahender Vernunftschluss. Was die
verneinenden anlangt, so fällt es eben so leicht in die Augen, dass, weil ich den
Widerstreit eines Prädikats und Subjekts nicht jederzeit klar genug erkenne, ich
mich, wenn ich kann, des Hülfsmittels bedienen müsse, meine Einsicht durch ein
Zwischenmerkmal zu erleichtern. Setzet, man lege mir das verneinende Urteil vor:
Die Dauer Gottes ist durch keine Zeit zu messen, und ich finde nicht, dass mir
dieses Prädikat, so unmittelbar mit dem Subjekte verglichen, eine genugsam klare
Idee des Widerstreits gebe, so bediene mich eines Merkmals, das ich mir
unmittelbar in diesem Subjekte vorstellen kann, und vergleiche das Prädikat
damit, und vermittelst desselben mit der Sache selbst. Durch die Zeit messbar
sein widerstreitet allem Unveränderlichen, unveränderlich aber ist ein Merkmal
Gottes, also u.s.w. Dieses förmlich ausgedruckt würde so lauten: Nichts
Unveränderliches ist messbar durch die Zeit, die Dauer Gottes ist unveränderlich,
folglich u.s.w.
 
              § 2. Von den obersten Regeln aller Vernunftschlüsse
    Aus dem Angeführten erkennet man, dass die erste und allgemeine Regel aller
bejahenden Vernunftschlüsse sei: Ein Merkmal vom Merkmal ist ein Merkmal der
Sache selbst (nota notae est etiam nota rei ipsius); von allen verneinenden: Was
dem Merkmal eines Dinges widerspricht, widerspricht dem Dinge selbst (repugnans
notae repugnat rei ipsi). Keine dieser Regeln ist ferner eines Beweises fähig.
Denn ein Beweis ist nur durch einen oder mehr Vernunftschlüsse möglich, die
oberste Formel aller Vernunftschlüsse demnach beweisen wollen würde heissen im
Zirkel schliessen. Allein dass diese Regeln den allgemeinen und letzten Grund
aller vernünftigen Schlussart entalten, erhellet daraus, weil diejenige, die
sonst bis daher von allen Logikern vor die erste Regel aller Vernunftschlüsse
gehalten worden, den einzigen Grund ihrer Wahrheit aus den unsrigen entlehnen
müssen. Das dictum de omni, der oberste Grund aller bejahenden Vernunftschlüsse
lautet also: Was von einem Begriff allgemein bejahet wird, wird auch von einen
jeden bejahet, der unter ihm entalten ist. Der Beweisgrund hievon ist klar.
Derjenige Begriff, unter welchem andere entalten sein, ist allemal als ein
Merkmal von diesen abgesondert worden; was nun diesem Begriff zukommt, das ist
ein Merkmal eines Merkmals, mitin auch ein Merkmal der Sachen selbst, von denen
er ist abgesondert worden, d.i. er kommt denen niedrigen zu, die unter ihm
entalten sind. Ein jeder, der nur einigermassen in logischen Kenntnissen
unterwiesen ist, sieht leicht ein: dass dieses Dictum lediglich um dieses
Grundes willen wahr sei und dass es also unter unserer ersten Regel stehe. Das
dictum de nullo steht in eben solcher Verhältnis gegen unsere zweite Regel. Was
von einem Begriffe allgemein verneinet wird, das wird auch von allen demjenigen
verneinet, was unter demselben entalten ist. Denn derjenige Begriff, unter
welchem diese andere entalten sind, ist nur ein von ihnen abgesondertes
Merkmal. Was aber diesem Merkmal widerspricht, das widerspricht auch den Sachen
selbst; folglich was den höhern Begriffen widerspricht, muss auch den niedrigen
widerstreiten, die unter ihm stehen.
 
               § 3. Von reinen und vermischten Vernunftschlüssen
    Es ist jedermann bekannt, dass es unmittelbare Schlüsse gebe, da aus einem
Urteil die Wahrheit eines andern ohne einen Mittelbegriff unmittelbar erkannt
wird. Um deswillen sind dergleichen Schlüsse auch keine Vernunftschlüsse; z. E.
aus dem Satze: Eine jede Materie ist veränderlich, folgt gerade zu: was nicht
veränderlich ist, ist nicht Materie. Die Logiker zählen verschiedene Arten
solcher unmittelbaren Schlussfolgen, worunter ohne Zweifel die durch die logische
Umkehrung, imgleichen durch die Kontraposition die vornehmsten sein.
    Wenn nun ein Vernunftschluss nur durch drei Sätze geschieht, nach den Regeln
die von jedem Vernunftschlusse nur eben vorgetragen worden, so nenne ich ihn
einen reinen Vernunftschluss (ratiocinium purum); ist er aber nur möglich, indem
mehr wie drei Urteile mit einander verbunden sind, so ist er ein vermengter
Vernunftschluss (ratiocinium hybridum). Setzet nämlich, dass zwischen die drei
Hauptsätze noch ein aus ihnen gefolgerter unmittelbarer Schluss müsse geschoben
werden und also ein Satz mehr dazu komme, als ein reiner Vernunftschluss erlaubt,
so ist es ratiocinium hybridum, z. E. gedenket euch, es schlösse jemand also:
    Nichts, was verweslich ist, ist einfach
Mitin kein Einfaches ist verweslich
Die Seele des Menschen ist einfach
Also die Seele des Menschen ist nicht verweslich,
so würde er zwar keinen eigentlich zusammengesetzten Vernunftschluss haben, weil
dieser aus mehreren Vernunftschlüssen bestehen soll, dieser aber entält ausser
dem, was zu einem Vernunftschluss erfodert wird, nach einen unmittelbaren Schluss
durch die Kontraposition und entält vier Sätze.
    Wenn aber auch wirklich nur drei Urteile ausgedrückt würden, allein die
Folge des Schlusssatzes aus diesen Urteilen wäre nur möglich kraft einer
erlaubten logischen Umkehrung, Kontraposition oder einer andern logischen
Veränderung eines dieser Vorderurteile, so wäre gleichwohl der Vernunftschluss
ein ratiocinium hybridum; denn es kommt hier gar nicht darauf an, was man sagt,
sondern was man unumgänglich nötig hat, dabei zu denken, wenn eine richtige
Schlussfolge soll vorhanden sein. Nehmet einmal an, in dem Vernunftschlusse
    Nichts Verwesliches ist einfach
    die Seele des Menschen ist einfach
also die Seele des Menschen ist nicht verweslich
sei nur in so ferne eine richtige Folge, als ich durch eine ganz richtige
Umkehrung des Obersatzes sagen kann: nichts Verwesliches ist einfach, folglich
nichts Einfaches ist verweslich, so bleibt der Vernunftschluss immer ein
vermischter Schluss, weil seine Schlusskraft auf der geheimen Dazufügung dieser
unmittelbaren Folgerung beruhet, die man wenigstens in Gedanken haben muss.
 
       § 4. In der so genannten ersten Figur sind einzig und allein reine
       Vernunftschlüsse möglich, in den drei übrigen lediglich vermischte
    Wenn ein Vernunftschluss unmittelbar nach einer von unsern zwei oben
angeführten obersten Regeln geführt wird, so ist er jederzeit in der ersten
Figur. Die erste Regel heisst also: ein Merkmal B von einem Merkmal C einer Sache
A ist ein Merkmal der Sache A selbst. Hieraus entspringen drei Sätze:
C hat zum Merkmal B
                                        Was vernünftig ist (C) ist ein Geist (B)
A hat zum Merkmal C
                                       Die menschl. Seele (A) ist vernünftig (C)
Also A hat z. Merkm. B
                                  Also ist die menschl. Seele (A) ein Geist. (B)
    Es ist sehr leicht, mehr ähnliche und unter andern auch auf die Regel der
verneinenden Schlüsse anzuwenden, um sich zu überzeugen, dass, wenn sie diesen
gemäss sind, sie jederzeit in der ersten Figur stehen, dass ich hier mit Recht
eine ekelhafte Weitläuftigkeit zu verhüten suche. Man wird auch leichtlich
gewahr, dass diese Regeln der Vernunftschlüsse nicht erfodern, dass ausser diesen
Urteilen irgend dazwischen eine unmittelbare Schlussfolge aus einem oder andern
derselben müsse geschoben werden, wofern das Argument soll bündig sein, daher
ist der Vernunftschluss in der ersten Figur von reiner Art.
 In der zweiten Figur sind keine andre als vermischte Vernunftschlüsse möglich
    Die Regel der zweiten Figur ist diese: Wem ein Merkmal eines Dinges
widerspricht, das widerspricht dem Dinge selber. Dieser Satz ist nur darum wahr,
weil dasjenige, dem ein Merkmal widerspricht, das widerspricht auch diesem
Merkmal, was aber einem Merkmal widerspricht, widerstreitet der Sache selbst,
also dasjenige, dem ein Merkmal einer Sache widerspricht, das widerstreitet der
Sache selber. Hier ist nun offenbar, dass bloss deswegen, weil ich den Obersatz
als einen verneinenden Satz schlechtin umkehren kann, eine Schlussfolge
vermittelst des Untersatzes auf die Konklusion möglich ist. Demnach muss diese
Umkehrung dabei geheim gedacht werden, sonst schliessen meine Sätze nicht. Der
durch die Umkehrung heraus gebrachte Satz aber ist eine eingeschobene
unmittelbare Folge aus dem ersteren, und der Vernunftschluss hat vier Urteile,
und ist ein ratiocinium hybridum, z. E. wenn ich sage,
    Kein Geist ist teilbar
    alle Materie ist teilbar
    folglich ist keine Materie ein Geist:
so schliesse ich recht, nur die Schlusskraft steckt darin, weil aus dem ersten
Satz, kein Geist ist teilbar, durch eine unmittelbare Folgerung fliesst, folglich
nichts Teilbares ist ein Geist, und nach diesem alles nach der allgemeinen Regel
aller Vernunftschlüsse richtig folget. Aber da nur kraft dieser daraus zu
ziehenden unmittelbaren Folgerung eine Schlussfälligkeit in dem Argumente ist, so
gehört dieselbe mit dazu und er hat vier Urteile,
    Kein Geist ist teilbar
Und daher nichts Teilbares ist ein Geist
Alle Materie ist teilbar
Mitin keine Materie ist ein Geist.
 In der dritten Figur sind keine andere als vermischte Vernunftschlüsse möglich
    Die Regel der dritten Figur ist folgende: Was einer Sache zukommt oder
widerspricht, das kommt auch zu oder widerspricht einigen, die unter einem
andern Merkmale dieser Sache entalten sind. Dieser Satz selber ist nur darum
wahr, weil ich das Urteil, in welchem gesagt wird, dass ein anderes Merkmal
dieser Sache zukommt (per conversionem logicam) umkehren kann, wodurch es der
Regel aller Vernunftschlüsse gemäss wird. Es heisst z. E.
    Alle Menschen sind Sünder
    Alle Menschen sind vernünftig
also einige Vernünftige sind Sünder.
Dieses schliesst nur, weil ich durch eine Umkehrung per accidens aus dem
Untersatz also schliessen kann: folglich sind einige vernünftige Wesen Menschen,
und alsdenn werden die Begriffe nach der Regel aller Vernunftschlüsse
verglichen, aber nur vermittelst eines eingeschobnen unmittelbaren Schlusses,
und man hat ein ratiocinium hybridum:
Alle Menschen sind Sünder
Alle Menschen sind vernünftig
mitin einige Vernünftige sind Menschen
also einige Vernünftige sind Sünder.
Eben dasselbe kann man sehr leicht in der verneinenden Art dieser Figur zeigen,
welches ich um der Kürze willen weglasse.
 In der vierten Figur sind keine andere wie vermischte Vernunftschlüsse möglich
    Die Schlussart in dieser Figur ist so unnatürlich, und gründet sich auf so
viel mögliche Zwischenschlüsse, die als eingeschoben gedacht werden müssen, dass
die Regel, die ich davon allgemein vortragen könnte, sehr dunkel und
unverständlich sein würde. Um deswillen will ich nur sagen, um welcher
Bedingungen willen eine Schlusskraft darin liegt. In den verneinenden Arten
dieser Vernunftschlüsse ist darum, weil ich entweder durch logische Umkehrung
oder Kontraposition die Stellen der Hauptbegriffe verändern und also nach jedem
Vordersatze seine unmittelbare Schlussfolge gedenken kann, so dass diese
Schlussfolgen die Beziehung bekommen, die sie in einem Vernunftschlusse nach der
allgemeinen Regel überhaupt haben müssen, eine richtige Folgerung möglich. Von
den bejahenden aber werde ich zeigen, dass sie in der vierten Figur gar nicht
möglich sein. Der verneinende Vernunftschluss nach dieser Figur wird, wie er
eigentlich gedacht werden muss, sich auf folgende Art darstellen:
    Kein Dummer ist gelehrt
folgl. Kein Gelehrter ist dumm.
Einige Gelehrte sind fromm
folgl. Einige Fromme sind gelehrt
also einige Fromme sind nicht dumm.
Es sei ein Syllogismus von der zweiten Art,
    Ein jeder Geist ist einfach
    alles Einfache ist unverweslich
also einiges Unverwesliche ist ein Geist.
Hier leuchtet deutlich in die Augen, dass das Schlussurteil, so wie es da steht,
aus den Vordersätzen gar nicht fliessen könne. Man vernimmt dieses gleich, so
bald man den mittlern Hauptbegriff damit vergleicht. Ich kann nämlich nicht
sagen, einiges Unverwesliche ist ein Geist, weil es einfach ist, denn darum,
weil etwas einfach ist, ist es nicht sofort ein Geist. Ferner so können durch
alle mögliche logische Veränderungen die Vordersätze nicht so eingerichtet
werden, dass der Schlusssatz oder auch nur ein anderer Satz, aus welchem derselbe
als eine unmittelbare Folge fliesset, könnte hergeleitet werden, wenn nämlich
nach der in allen Figuren einmal festgesetzten Regel die Hauptbegriffe ihre
Stellen so haben sollen, dass der grössere Hauptbegriff im Obersatz, der kleinere
im Untersatze vorkomme.1 Und obgleich, wenn ich die Stellen der Hauptbegriffe
gänzlich verändere, so, dass derjenige der kleinere wird, der vorher der grössere
war und umgekehrt, ein Schlusssatz, aus dem die gegebene Konklusion fliesst, kann
gefolgert werden, so ist doch alsdenn auch eine gänzliche Versetzung der
Vordersätze nötig und der nach der vierte Figur entaltene so genannte
Vernunftschluss entält wohl die Materialien, aber nicht die Form, wornach
geschlossen werden soll, und ist gar kein Vernunftschluss nach der logischen
Ordnung, in der allein die Einteilung der vier Figuren möglich ist, welches bei
der verneinenden Schlussart in derselben Figur sich ganz anders befindet. Es wird
nämlich so heissen müssen:
Ein jeder Geist ist einfach
alles Einfache ist unverweslich
also ein jeder Geist ist unverweslich
mitin einiges Unverwesliche ist ein Geist.
Dieses schliesst ganz richtig, allein ein dergleichen Vernunftschluss ist von dem
in der ersten Figur nicht durch eine andere Stelle des mittlern Hauptbegriffs
unterschieden, sondern nur darin, dass die Stellen der Vordersätze verändert
worden2 und in dem Schlusssatze die Stellen der Hauptbegriffe. Darin besteht aber
gar nicht die Veränderung der Figur. Einen Fehler von dieser Art findet man an
dem angeführten Orte der Crusischen Logik, wo man durch diese Freiheit, die
Stelle der Vordersätze zu verändern, geglaubt hat, in der vierten Figur und zwar
natürlicher zu schliessen. Es ist schade um die Mühe, die sich ein grosser Geist
gibt, an einer unnützen Sache bessern zu wollen. Man kann nur was Nützliches
tun, wenn man sie vernichtigt.
 
 § 5. Die logische Einteilung der vier syllogistischen Figuren ist eine falsche
                                Spitzfindigkeit
    Man kann nicht in Abrede sein, dass in allen diesen vier Figuren richtig
geschlossen werden könne. Nun ist aber unstreitig, dass sie alle, die erste
ausgenommen, nur durch einen Umschweif und eingemengte Zwischenschlüsse die
Folge bestimmen, und dass eben derselbe Schlusssatz aus dem nämlichen
Mittelbegriffe in der ersten Figur rein und unvermengt abfolgen würde. Hier
könnte man nun denken, dass darum die drei andere Figuren höchstens unnütze,
nicht aber falsch wären. Allein wenn man die Absicht erwägt, in der sie erfunden
worden, und noch immer vorgetragen werden, so wird man anders urteilen. Wenn es
darauf ankäme, eine Menge von Schlüssen, die unter die Haupturteile gemengt
wären, mit diesen so zu verwickeln, dass, indem einige ausgedruckt, andere
verschwiegen würden, es viele Kunst kostete, ihre Übereinstimmung mit den Regeln
zu schliessen zu beurteilen, so würde man wohl eben nicht mehr Figuren, aber doch
mehr rätselhafte Schlüsse, die Kopfbrechens genug machen könnten, noch dazu
ersinnen können. Es ist aber der Zweck der Logik, nicht zu verwickeln, sondern
aufzulösen, nicht verdeckt, sondern augenscheinlich etwas vorzutragen. Daher
sollen diese vier Schlussarten einfach, unvermengt, und ohne verdeckte
Nebenschlüsse sein, sonst ist ihnen die Freiheit nicht zugestanden, in einem
logischen Vortrage als Formeln der deutlichsten Vorstellung eines
Vernunftschlusses zu erscheinen. Es ist auch gewiss, dass bis daher alle Logiker
sie vor einfache Vernunftschlüsse ohne notwendige Dazwischensetzung von andern
Urteilen angesehen haben, sonst würde ihnen niemals dieses Bürgerrecht sein
erteilt worden. Es sind also die übrige drei Schlussarten als Regeln der
Vernunftschlüsse überhaupt richtig, als solche aber, die einen einfachen und
reinen Schluss entielten, falsch. Diese Unrichtigkeit, welche es zu einem Rechte
macht, Einsichten verwickeln zu dürfen, anstatt dass die Logik zu ihren
eigentümlichen Zwecke hat, alles auf die einfachste Erkenntnisart zu bringen,
ist um desto grösser, je mehr besondere Regeln (deren eine jede Figur etliche
eigene hat) nötig sein, um bei diesen Seitensprüngen sich nicht selbst ein Bein
unterzuschlagen. In der Tat wo jemals auf eine gänzlich unnütze Sache viel
Scharfsinnigkeit verwandt, und viel scheinbare Gelehrsamkeit verschwendet worden
ist, so ist diese. Die so genannte Modi, die in jeder Figur möglich sind, durch
seltsame Wörter angedeutet, die zugleich mit viel geheimer Kunst Buchstaben
entalten, welche die Verwandlung in die erste erleichtern, werden künftighin
eine schätzbare Seltenheit von der Denkungsart des menschlichen Verstandes
entalten, wenn dereinst der ehrwürdige Rost des Altertums einer besser
unterwiesnen Nachkommenschaft die emsige und vergebliche Bemühungen ihrer
Vorfahren an diesen Überbleibseln wird bewundern und bedauern lehren.
    Es ist auch leicht, die erste Veranlassung zu dieser Spitzfindigkeit zu
entdecken. Derjenige so zuerst einen Syllogismus in drei Reihen übereinander
schrieb, ihn wie ein Schachbrett ansah, und versuchte, was aus der Versetzung
der Stellen des Mittelbegriffs herauskommen möchte, der war eben so betroffen,
da er gewahr ward, dass ein vernünftiger Sinn herauskam, als einer, der ein
Anagramm im Namen findet. Es war eben so kindisch, sich über das eine wie über
das andre zu erfreuen, vornehmlich da man darüber vergass, dass man nichts Neues
in Ansehung der Deutlichkeit, sondern nur eine Vermehrung der Undeutlichkeit
aufbrächte. Allein es ist einmal das Los des menschlichen Verstandes so bewandt;
entweder er ist grüblerisch und gerät auf Fratzen, oder er haschet verwegen nach
zu grossen Gegenständen, und bauet Luftschlösser. Von dem grossen Haufen der
Denker wählt der eine die Zahl 666, der andere den Ursprung der Tiere und
Pflanzen, oder die Geheimnisse der Vorsehung. Der Irrtum, darin beide geraten,
ist von sehr verschiedenem Geschmack, so wie die Köpfe verschieden sein.
    Die wissenswürdige Dinge häufen sich zu unsern Zeiten. Bald wird unsere
Fähigkeit zu schwach, und unsere Lebenszeit zu kurz sein, nur den nützlichsten
Teil daraus zu fassen. Es bieten sich Reichtümer im Überflusse dar, welche
einzunehmen wir manchen unnützen Plunder wieder wegwerfen müssen. Es wäre besser
gewesen, sich niemals damit zu belästigen.
    Ich würde mir zu sehr schmeicheln, wenn ich glaubte, dass die Arbeit von
einigen Stunden vermögend sein werde, den Kolossen umzustürzen, der sein Haupt
in die Wolken des Altertums verbirgt, und dessen Füsse von Ton sind. Meine
Absicht ist nur, Rechenschaft zu geben, weswegen ich in dem logischen Vortrage,
in welchem ich nicht alles meiner Einsicht gemäss einrichten kann, sondern
manches dem herrschenden Geschmack zu Gefallen tun muss, in diesen Materien nur
kurz sein werde, um die Zeit, die ich dabei gewinne, zur wirklichen Erweiterung
nützlicher Einsichten zu verwenden.
    Es gibt noch eine gewisse andere Brauchbarkeit der Syllogistik, nämlich
vermittelst ihrer in einem gelehrten Wortwechsel dem Unbehutsamen den Rang
abzulaufen. Da dieses aber zur Atletik der Gelehrten gehört, einer Kunst, die
sonsten wohl sehr nützlich sein mag, nur dass sie nicht viel zum Vorteil der
Wahrheit beiträgt, so übergehe ich sie hier mit Stillschweigen.
 
                             § 6. Schlussbetrachtung
    Wir sind demnach belehrt, dass die oberste Regeln aller Vernunftschlüsse
unmittelbar auf diejenige Ordnung der Begriffe führe, die man die erste Figur
nennet; dass alle andre Versetzungen des Mittelbegriffs nur eine richtige
Schlussfolge geben, indem sie durch leichte unmittelbare Folgerungen auf solche
Sätze führen, die in der einfältigen Ordnung der ersten Figur verknüpft sein;
dass es unmöglich sei, in mehr wie in einer Figur einfach und unvermengt zu
schliessen, weil doch immer nur die erste Figur, die durch versteckte Folgerungen
in einem Vernunftschlusse verborgen liegt, die Schlusskraft entält und die
veränderte Stellung der Begriffe nur einen kleinen oder grossem Umschweif
verursacht, den man zu durchlaufen hat, um die Folge einzusehen; und dass die
Einteilung der Figuren überhaupt, in so fern sie reine und mit keinen
Zwischenurteilen vermischte Schlüsse entalten sollen, falsch und unmöglich sei.
Wie unsere allgemeine Grundregeln aller Vernunftschlüsse zugleich die besondern
Regeln der so genannten ersten Figur entalten, imgleichen wie man aus dem
gegebenen Schlusssatze und dem mittlern Hauptbegriffe sogleich einen jeden
Vernunftschluss aus einer der übrigen Figuren ohne die unnütze Weitläuftigkeit
der Reduktionsformeln in die erste und einfache Schlussart verändern könne, so
dass entweder die Konklusion selber oder ein Satz, daraus diese durch
unmittelbare Folgerung fliesst) geschlossen wird, ist aus unserer Erläuterung so
leicht abzunehmen, dass ich mich dabei nicht aufhalte.
    Ich will diese Betrachtung nicht endigen, ohne einige Anmerkungen beigefügt
zu haben, die auch anderweitig von erheblichen Nutzen sein könnten.
    Ich sage demnach erstlich, dass ein deutlicher Begriff nur durch ein Urteil,
ein vollständiger aber nicht anders als durch einen Vernunftschluss möglich sei.
Es wird nämlich zu einem deutlichen Begriff erfodert, dass ich etwas als ein
Merkmal eines Dinges klar erkenne, dieses aber ist ein Urteil. Um einen
deutlichen Begriff vom Körper zu haben, stelle ich mir die Undurchdringlichkeit
als ein Merkmal desselben klar vor. Diese Vorstellung aber ist nichts anders als
der Gedanke, ein Körper ist undurchdringlich. Hiebei ist nur zu merken, dass
dieses Urteil nicht der deutliche Begriff selber, sondern die Handlung sei,
wodurch er wirklich wird; denn die Vorstellung, die nach dieser Handlung von der
Sache selbst entspringt, ist deutlich. Es ist leicht zu zeigen, dass ein
vollständiger Begriff nur durch einen Vernunftschluss möglich sei, man darf nur
den ersten Parag. dieser Abhandlung nachsehen. Um deswillen könnte man einen
deutlichen Begriff auch einen solchen nennen, der durch ein Urteil klar ist,
einen vollständigen aber, der durch einen Vernunftschluss deutlich ist. Ist die
Vollständigkeit vom ersten Grade, so ist der Vernunftschluss ein einfacher, ist
sie vom zweiten oder dritten, so ist sie nur durch eine Reihe von
Kettenschlüssen, die der Verstand nach der Art eines Sorites verkürzt, möglich.
Hieraus erhellet auch ein wesentlicher Fehler der Logik, so wie sie gemeiniglich
abgehandelt wird, dass von den deutlichen und vollständigen Begriffen eher
gehandelt wird, wie von Urteilen und Vernunftschlüssen, obgleich jene nur durch
diese möglich sein.
    Zweitens eben so augenscheinlich wie es ist, dass zum vollständigen Begriffe
keine andere Grundkraft der Seele erfodert werde, wie zum deutlichen (indem eben
dieselbe Fähigkeit, die etwas unmittelbar als ein Merkmal in einem Dinge
erkennet, auch in diesem Merkmale wieder ein anderes Merkmal vorzustellen, und
also die Sache durch ein entferntes Merkmal zu denken gebraucht wird): eben so
leicht fällt es auch in die Augen, dass Verstand und Vernunft, d.i. das Vermögen,
deutlich zu erkennen, und dasjenige, Vernunftschlüsse zu machen, keine
verschiedene Grundfähigkeiten sein. Beide bestehen im Vermögen zu urteilen; wenn
man aber mittelbar urteilt, so schliesst man.
    Drittens ist hieraus auch abzunehmen, dass die obere Erkenntniskraft
schlechterdings nur auf dem Vermögen zu urteilen beruhe. Demnach wenn ein Wesen
urteilen kann, so hat es die obere Erkenntnisfähigkeit. Findet man Ursache, ihm
diese letztere abzusprechen, so vermag es auch nicht zu urteilen. Die
Verabsäumung solcher Betrachtungen hat einen berühmten Gelehrten veranlasst, den
Tieren deutliche Begriffe zuzustehn. Ein Ochs, heisst es, hat in seiner
Vorstellung vom Stalle doch auch eine klare Vorstellung von seinem Merkmale der
Türe, also einen deutlichen Begriff vom Stalle. Es ist leicht, hier die
Verwirrung zu verhüten. Nicht darin besteht die Deutlichkeit eines Begriffs, dass
dasjenige, was ein Merkmal vom Dinge ist, klar vorgestellt werde, sondern dass es
als ein Merkmal des Dinges erkannt werde. Die Türe ist zwar etwas zum Stalle
Gehöriges, und kann zum Merkmal desselben dienen, aber nur derjenige, der das
Urteil abfasst: diese Türe gehört zu diesem Stalle, hat einen deutlichen Begriff
von dem Gebäude, und dieses ist sicherlich über das Vermögen des Viehes.
    Ich gehe noch weiter und sage: es ist ganz was anders, Dinge von einander
unterscheiden, und den Unterschied der Dinge erkennen. Das letztere ist nur
durch Urteilen möglich, und kann von keinem unvernünftigen Tiere geschehen.
Folgende Einteilung kann von grossem Nutzen sein. Logisch unterscheiden heisst
erkennen, dass ein Ding A nicht B sei, und ist jederzeit ein verneinendes Urteil,
physisch unterscheiden heisst durch verschiedene Vorstellungen zu verschiedenen
Handlungen getrieben werden. Der Hund unterscheidet den Braten vom Brote, weil
er anders vom Braten, als vom Brote gerührt wird (denn verschiedene Dinge
verursachen verschiedne Empfindungen), und die Empfindungen vom erstem ist ein
Grund einer andern Begierde in ihm als die vom letztem,3 nach der natürlichen
Verknüpfung seiner Triebe mit seinen Vorstellungen. Man kann hieraus die
Veranlassung ziehen, dem wesentlicher Unterschiede der vernünftigen und
vernunftlosen Tiere besser nachzudenken. Wenn man einzusehen vermag, was denn
dasjenige für eine geheime Kraft sei, wodurch das Urteilen möglich wird, so wird
man den Knoten auflösen. Meine jetzige Meinung geht dahin, dass diese Kraft oder
Fähigkeit nichts anders sei als das Vermögen des innern Sinnes, d.i. seine
eigene Vorstellungen zum Objekte seiner Gedanken zu machen. Dieses Vermögen ist
nicht aus einem andern abzuleiten, es ist ein Grundvermögen im eigentlichen
Verstande und kann, wie ich davor halte, bloss vernünftigen Wesen eigen sein. Auf
demselben aber beruhet die ganze obere Erkenntniskraft. Ich schliesse mit einer
Vorstellung, die denenjenigen angenehm sein muss, welche das Vergnügen über die
Einheit in dem menschlichen Erkenntnissen empfinden können. Alle bejahende
Urteile stehen unter einer gemeinschaftlichen Formel, dem Satze der Einstimmung:
Cuilibet subiecto competit praedicatum ipsi identicum, alle verneinende unter
dem Satze des Widerspruchs: Nulli subiecto competit praedicatum ipsi oppositum.
Alle bejahende Vernunftschlüsse sind unter der Regel entalten: Nota notae est
nota rei ipsius, alle verneinende unter dieser: Oppositum notae opponitur rei
ipsi. Alle Urteile, die unmittelbar unter den Sätzen der Einstimmung oder des
Widerspruchs stehen, das ist, bei denen weder die Identität noch der Widerstreit
durch ein Zwischenmerkmal (mitin nicht vermittelst der Zergliederung der
Begriffe), sondern unmittelbar eingesehen wird, sind unerweisliche Urteile,
diejenige, wo sie mittelbar erkannt werden kann, sind erweislich. Die
menschliche Erkenntnis ist voll solcher unerweislicher Urteile. Vor jeglicher
Definition kommen deren etliche vor, so bald man, um zu ihr zu gelangen,
dasjenige, was man zunächst und unmittelbar an einem Dinge erkennet, sich als
ein Merkmal desselben vorstellt. Diejenige Weltweise irren, die so verfahren,
als wenn es gar keine unverwesliche Grundwahrheiten ausser einem gebe. Diejenigen
irren eben so sehr, die ohne genugsame Gewährleistung zu freigebig sind,
verschiedene ihrer Sätze dieses Vorzugs zu würdigen.
 
                                    Fussnoten
1 Diese Regel gründet sich auf die syntetische Ordnung, nach welcher zuerst das
entfernete und dann das nähere Merkmal mit dem Subjekte verglichen wird.
Indessen wenn dieselbe gleich als bloss willkürlich angesehen würde, so wird sie
doch unumgänglich nötig, so bald man vier Figuren haben will. Denn so bald es
einerlei ist, ob ich das Prädikat der Konklusion in den Obersatz oder Untersatz
bringe, so ist die erste Figur von der vierten gar nicht unterschieden. Einen
dergleichen Fehler findet man in Crusii Logik Seite 600 die Anmerk.
2 Denn wenn derjenige Satz der Obersatz ist, in dem das Prädikat der Konklusion
vorkommt, so ist von der eigentlichen Konklusion, die hier aus den Vordersätzen
unmittelbar fliesst, der zweite Satz der Obersatz und der erste der Untersatz.
Alsdenn ist aber alles nach der ersten Figur geschlossen, nur so, dass der
aufgegebene Schlusssatz aus dem, welcher zunächst aus gedachten Urteilen folgt,
durch eine logische Umkehrung gezogen wird.
3 Es ist in der Tat von der äussersten Erheblichkeit, bei der Untersuchung der
tierischen Natur hierauf acht zu haben. Wir werden an ihnen lediglich äussere
Handlungen gewahr, deren Verschiedenheit unterschiedliche Bestimmungen ihrer
Begierde anzeigt. Ob in ihrem Innein diejenige Handlung der Erkenntniskraft
vorgeht, da sie sich der Übereinstimmung oder des Widerstreits desjenigen, was
in einer Empfindung ist, mit dem, was in einer andern befindlich ist, bewusst
sein und also urteilen, das folgt gar nicht daraus.
 
    